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Cicero Christdemokratische Einheitspartei Deutschlands (Vorschau)

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<strong>Christdemokratische</strong><br />

<strong>Einheitspartei</strong><br />

<strong>Deutschlands</strong><br />

Was von der CDU noch übrig ist<br />

Obamas Stasi<br />

Der NSA-Skandal und die Folgen<br />

Klamme Kaderschmieden<br />

Den Privatuniversitäten geht das Geld aus<br />

Schrankwand adieu!<br />

Das deutsche Wohnzimmer wird erkundet<br />

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TITELBILD: JENS BONNKE; FOTOS: JONAS MARON, EASTBLOCKWORLD. COM, BILDAGENTUR ZOONAR; ILLUSTRATION: BIRGIT SCHÖSSOW<br />

Der Zeichner<br />

Der Berliner Illustrator<br />

Jens Bonnke arbeitet<br />

sehr klar, jedoch nie<br />

grob, sondern mit<br />

feinem Witz. Es<br />

passt zu seinem Stil,<br />

dass er auch Kinderund<br />

Jugendbücher macht. „Schräger<br />

Vogel, krummer Hund“ heißt eines. Für<br />

Zeitschriften illustriert er politische<br />

und gesellschaftliche Phänomene, zu<br />

den Kunden zählen New York Times<br />

oder Le Monde diplomatique. Für <strong>Cicero</strong><br />

gestaltete er dieses Jahr schon den Juni-<br />

Titel zur demografischen Entwicklung:<br />

den unversehens wachsenden deutschen<br />

Gartenzwerg. Oder die dreifache Kanzlerin<br />

für dieses Heft. Merkel, Merkel, Merkel –<br />

um die Entwicklung ihrer Partei zur<br />

Uniformität zu zeigen, ließ Bonnke sich<br />

von dem Banner inspirieren, das einst die<br />

Einheits denke im Sozialismus symbolisierte.<br />

Marx, Engels, Lenin. Im Sozialismus wurden derartige<br />

Banner der Dreieinigkeit bejubelt<br />

Auch die Zeichnerin<br />

Birgit Schössow griff<br />

ein sozialistisches<br />

Symbol auf. Den<br />

Report zur CDU in<br />

diesem Heft illustriert<br />

sie mit einer Variation<br />

auf das SED-Logo


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C i c e r o | A t t i c u s<br />

Von: <strong>Cicero</strong><br />

An: Atticus<br />

Datum: 25. Juli 2013<br />

Thema: CDU, Merkel, NSA, das deutsche Wohnzimmer<br />

Vertrocknete Volkspartei<br />

Illustration: Christoph Abbrederis<br />

A<br />

n gela Merkels Art, Politik zu machen, ist dem Land in den vergangenen acht<br />

Jahren in mancherlei Hinsicht gut bekommen. Sie hat sich als Krisenkanzlerin durch<br />

Besonnenheit ausgezeichnet und hiesige Interessen bei gleichzeitigem Gespür fürs<br />

europäische Ganze vertreten. Deutschland steht gut da in einer Zeit, in der viele Länder schlecht<br />

aussehen.<br />

Angela Merkels Art, Politik zu machen, hat dem Land aber auch einen Schaden zugefügt. Die<br />

Kanzlerin hat die Konturen der Gegenspieler in dieser Republik abgeschliffen, jedem wichtigen<br />

Streit den Saft entzogen, sie hat so das Land politisch dehydriert. Eine Demokratie aber lebt<br />

von der Auseinandersetzung. Wo der Streit fehlt, verkümmert die Demokratie. Merkel hilft die<br />

Eintönigkeit, ihre Methode der Demobilisierung ist gut für sie, aber schlecht fürs Land.<br />

Und schlecht für die CDU? Auch eine Partei lebt vom Streit, von der Abgrenzung vom<br />

politischen Kontrahenten. Was war es einem Helmut Kohl für eine Freude, auf die „Sozzn“<br />

einzudreschen, und wie stark mobilisierte diese politische Rauflust innerparteiliche Kräfte! Im<br />

Zuge von Merkels Modernisierung sind der CDU aber der Gegner und der eigene Wesenskern<br />

abhandengekommen. Gegen das Matriarchat der Merkel nimmt sich Kohls Patriarchat in der<br />

CDU aus wie eine Villa Kunterbunt. Alexander Marguier hat sich der Frage zugewandt, was<br />

Merkel aus der guten alten CDU gemacht hat und was von ihr übrig bleiben wird, wenn die<br />

Partei ihren verbliebenen Daseinszweck, die dritte Amtszeit der Angela Merkel, erfüllt hat<br />

(ab Seite 18). Renate Köcher, Chefin des Allensbacher Instituts für Demoskopie, analysiert im<br />

Interview Wohl und Wehe der CDU zu Zeiten Merkels und kommt ebenfalls zu dem Schluss,<br />

dass zu den Zeiten Helmut Kohls mehr los war in der CDU (ab Seite 28).<br />

Der dritten Amtszeit als Kanzlerin entgegenzugehen, ist eine Leistung, für die es Vertraute<br />

braucht, die sich im Laufe der Jahre mit der Mächtigen synchronisiert haben. Eine der beiden<br />

Alter Egos von Merkel, Eva Christiansen, stellt der langjährige Parlamentskorrespondent Thomas<br />

Kröter aus Anlass der nahenden Bundestagswahl vor (ab Seite 30).<br />

Die Abhöraffäre der amerikanischen NSA bringt die Kanzlerin derzeit mehr unter Druck als<br />

die Opposition, weshalb sich an mehreren Stellen im Heft Autoren der Thematik annehmen.<br />

Frank A. Meyer sieht die Mentalität der US-Geheimdienstler in der Tradition von Erich Mielke<br />

(ab Seite 48), der Beauftragte für die Stasiakten, Roland Jahn, warnt vor solchen Vergleichen<br />

(ab Seite 68). Der Amerikaspezialist Marcus Pindur untersucht die Auswirkungen aufs<br />

transatlantische Verhältnis (ab Seite 64), der Schriftsteller und Regisseur Thomas Palzer reflektiert<br />

den Datenskandal als Schattenseite unserer digitalen Wissensgesellschaft (ab Seite 128).<br />

Nehmen Sie das Heft und machen Sie es sich auf Ihrem Sofa bequem. Bei der Gelegenheit<br />

können Sie Ihr eigenes Wohnzimmer mit dem deutschen Durchschnittswohnzimmer vergleichen,<br />

das wir ab Seite 98 einer Stilkritik unterziehen.<br />

Mit besten Grüßen<br />

In den „Epistulae ad Atticum“ hat<br />

der römische Politiker und Jurist<br />

Marcus Tullius <strong>Cicero</strong> seinem<br />

Freund Titus Pomponius Atticus<br />

das Herz ausgeschüttet<br />

Christoph Schwennicke, Chefredakteur<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 5


C i c e r o | I n h a l t<br />

Titelthema<br />

18<br />

Angies Union<br />

Bloß nicht anecken: Wie Angela Merkel sich die CDU<br />

zur uniformen Lifestyle-Partei geformt hat<br />

von Alexander Marguier<br />

28<br />

„Gefühl grosser Distanz“<br />

Die Allensbach-Chefin über schwarz-grüne Träume<br />

und die Versäumnisse der SPD<br />

Interview mit renate Köcher<br />

Illustration: Birgit Schössow<br />

6 <strong>Cicero</strong> 8.2013


I n h a l t | C i c e r o<br />

30<br />

Kanzleramt<br />

56<br />

Land im Umbruch<br />

92<br />

Selbstzufriedener Westen<br />

BERLINER REPUBLIK WELTBÜHNE kapital<br />

30 | die blonde eminenz<br />

Eva Christiansen berät die Kanzlerin<br />

nicht nur, sie interpretiert sie auch<br />

Von thomas kröter<br />

50 | SChreck der Mächtigen<br />

Brasiliens oberster Richter ist ein Mann,<br />

dem das Volk vertraut<br />

Von Constantin WiSSmann<br />

80 | Clooney der Geldpolitik<br />

Mark Carney ist der erste Ausländer an<br />

der Spitze der Bank of England<br />

Von Olaf Storbeck<br />

32 | zwischen den fronten<br />

Mouhanad Khorchide gerät als liberale<br />

Stimme des Islam in einen Konflikt<br />

Von Jan Kuhlmann<br />

52 | „Ich traue Cameron nicht“<br />

Nigel Farage, britischer Populisten-Chef,<br />

will sofort raus aus der EU<br />

Von Ellen Alpsten<br />

82 | Bis 17 Uhr auf dem Gipfel<br />

Antje von Dewitz macht aus Vaude<br />

Europas grünsten Outdoor-Ausrüster<br />

Von Christophe Braun<br />

34 | Lausitzer KronPrinz<br />

Dietmar Woidke könnte Matthias<br />

Platzeck in Potsdam beerben<br />

Von Ulrich thiessen<br />

56 | Machtpoker am Nil<br />

Mursi ist gestürzt, das Militär an der<br />

Macht. Wie geht es weiter in Ägypten?<br />

Von Hamed Abdel-Samad<br />

84 | Erwartet hat ihn keiner<br />

Der Maschinenbauer Markus Dohle ist<br />

der mächtigste Mann der Buchbranche<br />

Von Thomas Schuler<br />

Fotos: Laurence Chaperon, Xinhua/Li Muzi/imago, Polaris/Laif; Illustration: Christoph Abbrederis<br />

36 | herr aiwanger und<br />

seine knechte<br />

Als ein bayerischer Schweinezüchter die<br />

Freien Wähler groß machen wollte. Ein<br />

Lehrstück über Macht und Menschen<br />

Von constantin magnis<br />

43 | frau fried fragt sich …<br />

… was aus ihren jungen<br />

Facebook‐Freunden wurde<br />

Von amelie fried<br />

44 | mein wunschkabinett<br />

<strong>Cicero</strong>-Wahlserie: Prinz Charles neben<br />

Rosa Luxemburg auf der Regierungsbank<br />

Von christiane paul<br />

46 | meine schülerin<br />

Katrin Göring-Eckardt war früher nicht<br />

politisch, aber sprachlich stark<br />

Von constantin magnis<br />

48 | Dieser „Verrat“ ist Bürgerpflicht<br />

Edward Snowden wurde zum Staatsfeind,<br />

weil er die Internet-Stasi entlarvte<br />

Von Frank A. Meyer<br />

62 | zuRück, Marsch, Marsch!<br />

Der Abzug aus Afghanistan ist eine<br />

logistische Herausforderung<br />

Von Heidi rEisinger<br />

64 | puppenstube Deutschland<br />

Angesichts der NSA-Abhöraffäre täte<br />

mehr Realpolitik gut<br />

Von Marcus Pindur<br />

68 | „Nicht akzeptabel“<br />

Der Hüter der Stasi-Akten Roland Jahn<br />

im Interview über NSA, Prism und Stasi<br />

Von Alexander Kissler<br />

Und Hartmut Palmer<br />

70 | Mandelas Traum<br />

20 Jahre demokratisches Südafrika<br />

in einer Fotoreportage<br />

Von Per-Anders Pettersson<br />

und Claudia Bröll<br />

78 | Putins neue DDR<br />

Die EU darf nicht länger<br />

Nachsicht mit Russland üben<br />

Von Werner Schulz<br />

88 | Klamme Kaderschmieden<br />

Statt die Elite auszubilden, kämpfen<br />

deutsche Privatunis gegen die Pleite<br />

Von Benno STieber<br />

92 | „Thatcher statt Merkel“<br />

Der Historiker Niall Ferguson warnt den<br />

Westen vor zu viel Selbstzufriedenheit<br />

Von Brigitte Neumann<br />

94 | Vorwärts immer,<br />

rückwärts nimmer<br />

Sozialdemokratische Vordenker zweifeln<br />

am Euro – ein nostalgischer Irrweg<br />

Von Henrik Enderlein<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 7


C i c e r o | I n h a l t<br />

120<br />

Das deutsche Kabarett<br />

98<br />

Das deutsche Wohnzimmer<br />

Stil<br />

Salon<br />

96 | DIE NEO-neurotische<br />

Greta Gerwig präsentiert ein neues<br />

Frauenbild auf der Leinwand<br />

Von THOMAS ABELTSHAUSER<br />

110 | hin zur Natur<br />

Der Philosoph Wolfgang Welsch fordert<br />

eine Revolution des Denkens<br />

Von michael Stallknecht<br />

130 | Man sieht nur, was man sucht<br />

Joachim Patinirs Ansicht von Marseille<br />

zeigt die Taufe der Kulturhauptstadt<br />

Von beat wyss<br />

98 | IRGENDWIE TYPISCH<br />

Ein Besuch im durchschnittlichen<br />

deutschen Wohnzimmer<br />

Von Ulrich Clewig<br />

112 | mit scharfem Skalpell<br />

Die Sopranistin Anna Prohaska schöpft<br />

Schönheit aus der Verwirrung<br />

Von eva gesine Baur<br />

132 | Bibliotheksporträt<br />

Gabriela von Habsburg hat in Büchern<br />

die Geschichte ihrer Familie gerettet<br />

Von ingo langner<br />

101 | warum ich trage, was ich trage<br />

„Von mir entworfene Kleidung<br />

würde ich nie anziehen“<br />

Von VLADIMIR KARALEEV<br />

114 | glück ist gefährlich<br />

Nobelpreis-Verkünder Horace Engdahl<br />

hat sich zum Schriftsteller verpuppt<br />

Von Ulrich Schacht<br />

136 | die letzten 24 Stunden<br />

Beim Sterben sind Goethes Gedichte<br />

und die Alpen unverzichtbar<br />

Von sahra Wagenknecht<br />

102 | Oh, diese süsse Leere<br />

Der italienische Sommerfilm „La Grande<br />

Bellezza“ ist allein schon wegen der<br />

Mode des Hauptdarstellers ein Genuss<br />

Von ANNE WAAK<br />

108 | Küchenkabinett<br />

Neue Eissorten für große Kinder<br />

Von Julius grützke und Thomas Platt<br />

117 | benotet<br />

Die sommerlichen Musikfestivals<br />

betören nirgends so wie in der Schweiz<br />

Von daniel Hope<br />

118 | das Netz ist nicht genug<br />

Museen müssen das Internet endlich als<br />

kuratorischen Raum begreifen<br />

Von poul erik TØjner<br />

120 | „Der Zug ist abgefahren“<br />

Die Kabarettisten Kinseher, Pigor und<br />

Rating über Humor in Wahlkampfzeiten<br />

Von alexander Kissler<br />

126 | ins Herz der Masse<br />

Der Volksempfänger war ein technischer<br />

und propagandistischer Meilenstein<br />

Von philipp Blom<br />

128 | Die hörrohre sind wieder da<br />

In der Wissensgesellschaft hat sich ein<br />

absolutistischer Schnüffelstaat etabliert<br />

Von thomas palzer<br />

Standards<br />

Atticus —<br />

Von Christoph Schwennicke — seite 5<br />

Stadtgespräch — seite 10<br />

Forum — seite 14<br />

Impressum — seite 16<br />

Postscriptum —<br />

Von Alexander Marguier — seite 138<br />

Die nächste <strong>Cicero</strong>-Ausgabe<br />

erscheint am 22. August 2013<br />

Fotos: Anna Mutter für <strong>Cicero</strong>, Thomas Meyer/Ostkreuz für <strong>Cicero</strong>; Illustration: Christoph Abbrederis<br />

8 <strong>Cicero</strong> 8.2013


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C i c e r o | S t a d t g e s p r ä c h<br />

Im Parlament tobt ein seltsamer Streit: Dürfen Hunde in den Reichstag?<br />

Zugleich grassiert unter den Mitarbeitern der Abgeordneten die Angst um den<br />

Arbeitsplatz. Sahra Wagenknechts Ex will ein Mandat – und sie hilft ihm dabei<br />

Political Animals:<br />

hunde in den reichstag?<br />

T<br />

iere sind im Parlament normalerweise<br />

nicht zugelassen. Als der<br />

Sozialdemokrat Hans „Lumpi“<br />

Lemp aus Vechta in den siebziger Jahren<br />

in Bonn in seinem Abgeordnetenbüro<br />

ein leibhaftiges Huhn hielt, um auf diese<br />

Weise gegen die seiner Meinung nach unverschämten<br />

Eierpreise zu protestieren,<br />

machte er bundesweit Schlagzeilen. Jetzt<br />

tobt im Parlament wieder ein ähnlicher<br />

Streit: Dürfen Hunde in den Reichstag,<br />

oder müssen sie weiterhin draußen bleiben?<br />

Sogar im Geschäftsordnungsausschuss des<br />

Bundestags wurde darüber debattiert. Dessen<br />

Vorsitzender, Thomas Strobl (CDU),<br />

hätte nichts dagegen: „Mich täten Hunde<br />

nicht stören.“ Allerdings will er sie nur in<br />

die Abgeordnetenbüros lassen, nicht in den<br />

Plenarsaal.<br />

Das sieht der FDP-Abgeordnete Pascal<br />

Kober genauso, denn: „Im Plenarsaal<br />

wird schon reichlich oft gebellt.“ Außerdem<br />

würde sich die Gefahr erhöhen, „dass<br />

manche Abgeordneten der Opposition<br />

für ihre Reden gebissen werden.“ Hunde<br />

im Plenum – das geht gar nicht, meinen<br />

Freunde Angela Merkels, die deren Hundephobie<br />

kennen. Wie sähe das denn aus,<br />

wenn die Kanzlerin vor lauter Angst, gebissen<br />

zu werden, nur noch mit hochgezogenen<br />

Beinen auf der Regierungsbank säße?<br />

Nicht sehr souverän.<br />

Gegen die Hundelobby, die jetzt in<br />

einer 15-köpfigen rot-grünen Koalition<br />

die Zulassung ihrer Lieblinge beantragt<br />

hat, machen Hundegegner wie der CDU-<br />

Mann Franz-Josef Holzenkamp massiv mobil:<br />

„Den Anfang machen die Hunde. Irgendwann<br />

stehen dann Hamsterkäfige im<br />

Plenarsaal oder streunen Katzen durch den<br />

Bundestag.“ Auch Freidemokrat Hans-<br />

Michael Goldmann ist dagegen, weil „wir<br />

aus dem Bundestag keinen Zoo machen<br />

können“.<br />

Die SPD-Abgeordnete Silvia Schmidt<br />

aber meint: „Mein Hund ist mein Freund.<br />

Er braucht meine Nähe und ich brauche<br />

seine!“ Und der Anführer der Hunde-<br />

Lobby, der SPD-Mann Heinz Paula, ist<br />

davon überzeugt: „Ein Hund als Kollege –<br />

das funktioniert in anderen Arbeitsbereichen<br />

doch auch gut.“ Wissenschaftliche<br />

Unterstützung lieferte der Deutsche Tierschutzbund<br />

in der letzten Juni-Woche zum<br />

Aktionstag „Kollege Hund“: Ein Hund im<br />

Büro wirke stressabbauend, ihn zu streicheln,<br />

senke den Blutdruck und beuge sogar<br />

Depressionen vor. tz<br />

arbeitsplätze gefährdet:<br />

angst um die pfründe<br />

B<br />

ald werden die Pfründe wieder<br />

neu verteilt im Politikbetrieb der<br />

Hauptstadt. Wer kommt? Wer<br />

muss gehen? Viel Hoffnung ist im Spiel,<br />

aber auch viel Angst – und die kann man<br />

manchmal fast riechen, zum Beispiel in der<br />

S-Bahn: Die FDP liege gerade bei 4 Prozent,<br />

raunt da eine gelblich kostümierte<br />

Dame ihrer Beisitzerin zwischen Alexanderplatz<br />

und Friedrichstraße zu. Wenn sich<br />

in den kommenden Wochen nichts ändere,<br />

sitze in ihrem Abgeordnetenbüro bald ein<br />

anderer. „Und ich bin arbeitslos.“<br />

Kein Wunder also, dass sich angesichts<br />

solcher Existenzängste zurzeit alle Parteien<br />

– mit Ausnahme der Linken – dafür<br />

starkmachen, wenigstens bei der EU-<br />

Wahl im Jahr 2014 das Quorum zu senken<br />

und eine Drei-Prozent-Klausel einzuführen.<br />

Kleine Parteien würden sonst ausgesiebt,<br />

nur die großen dürften einziehen. Ob<br />

das verfassungskonform ist? Wer sich sorgt,<br />

der fragt nicht. Er hofft. Genauso wie die<br />

Frau in Gelb und ihre Partei. amr<br />

illustrationen: Cornelia von Seidlein<br />

10 <strong>Cicero</strong> 8.2013


ein minister schwärmt:<br />

kämpfen wie borussia<br />

F<br />

ür den FuSSballverein Borussia<br />

Dortmund und dessen Trainer<br />

Jürgen Klopp schwärmte Thomas<br />

de Maizière schon, als die Borussen noch<br />

siegten und es auch ihm politisch noch gut<br />

ging. Jetzt aber erst recht: Seit die Borussen<br />

das Endspiel in der Champions-League gegen<br />

die Bayern verloren haben und er selbst<br />

wegen der Drohnenaffäre den Ruf des stillen<br />

Ersatzkanzlers los ist, redet der Bundesminister<br />

der Verteidigung im kleinen<br />

Kreis besonders oft und bewundernd über<br />

die Tugenden der Fußballer im schwarzgelben<br />

Trikot. Er lobt ihren Kampfesmut,<br />

ihren Spielwitz und ihre Art, souverän mit<br />

Niederlagen fertig zu werden – als müsse<br />

er sich selbst anfeuern.<br />

Besonders der Trainer hat es ihm angetan.<br />

„Kloppo“ habe seinen Jungs eingetrichtert,<br />

dass ein verlorener Ball keine Niederlage<br />

ist, „sondern die Chance, sich den<br />

Ball wiederzuerobern“. Verlierst du den<br />

Ball, so die ständige Mahnung des Trainers,<br />

ist es in den ersten fünf Sekunden<br />

danach am wahrscheinlichsten, ihn wieder<br />

zurückzugewinnen. Das gelte, sagt de Mazière,<br />

auch für die Politik. Hier zähle ebenfalls<br />

das Primat des Ballbesitzes und das<br />

Prinzip des sofortigen „Gegenpressings“ bei<br />

Ballverlust. In der Politik gelte im Übrigen<br />

auch, was in Dortmund von den Trainern<br />

schon in der Pampers-Liga-Mannschaft gepredigt<br />

werde: „Nicht ihr schießt das Tor,<br />

sondern die Mannschaft.“<br />

Allerdings läuft es derzeit für de Maizière<br />

überhaupt nicht nach den Dortmunder<br />

Regeln. Selbst in der CDU lastet man<br />

dem Minister das Drohnen-Desaster an.<br />

In der Sommerpause muss er sich vor einem<br />

Untersuchungsausschuss rechtfertigen.<br />

Keine guten Zeiten also für den fußballbegeisterten<br />

CDU-Mann.<br />

Als er am Kabinettstisch von Angela<br />

Merkel Platz nahm, sagte er einmal: „Wir<br />

haben einen erfrischenden Zugang zu den<br />

Problemen. Denn wenn ein Zugang scheitert,<br />

suchen wir uns einen neuen.“ In der<br />

Drohnen-Affäre funktioniert das nicht.<br />

Vermutlich, weil eine weitere Doktrin seiner<br />

fußballpolitischen Philosophie auch<br />

nicht beachtet wird: De Maizière steht in<br />

der Politik nicht auf der fußballerischen<br />

Position des „Sechsers“, die er für die entscheidende<br />

beim Kicken hält. Den „Sechser“<br />

nannte man früher „Libero“, Franz<br />

Beckenbauer hat ihn einst gespielt. De<br />

Maizière: „Ein guter Sechser steht dort, wo<br />

der Ball hinkommt, als hätte er schon fünf<br />

Minuten früher gewusst, dass der Ball genau<br />

da vorbeirollt.“ Bei ihm selbst hat das<br />

ganz offensichtlich nicht geklappt. tz<br />

Sahra wagenknecht:<br />

wahlhilfe für den Ex<br />

R<br />

alph Thomas Niemeyer, geboren<br />

1969 als Sohn eines Bonner Ministerialbeamten,<br />

freischaffender<br />

Journalist und Filmemacher, ist und war<br />

immer schon eine schillernde Figur: gewandt<br />

und gewitzt, den Genüssen und den<br />

Frauen zugetan – ein Lebenskünstler vom<br />

Schlag des literarischen Hochstaplers Felix<br />

Krull. Seine spektakulärste Eroberung war<br />

zweifellos die schöne Kommunistin Sahra<br />

Wagenknecht. Obwohl die beiden privat<br />

längst wieder getrennte Wege gehen, will<br />

er (auch mit ihrer Hilfe) jetzt in den Deutschen<br />

Bundestag einziehen.<br />

Politik interessiert ihn schon, als er<br />

noch zur Schule geht und das Godesberger<br />

„Pädagogium“ in Bonn besucht. Da<br />

interviewt er bereits die Kanzler Helmut<br />

Schmidt und Helmut Kohl. Nebenbei arbeitet<br />

er für einen amerikanischen TV-Sender.<br />

Zum Unterricht geht er nach eigenem<br />

Bekunden eigentlich nur, „wenn im Bundestag<br />

oder sonst nichts weiter“ anliegt.<br />

Hausaufgaben macht er seit der 10. Klasse<br />

selten oder nie – keine Zeit.<br />

Einmal legt er seinem Lateinlehrer einen<br />

von Bundespräsident Richard von<br />

Weizsäcker unterschriebenen Entschuldigungszettel<br />

vor und erklärt sein Fernbleiben<br />

vom Unterricht lapidar mit dem Satz:<br />

„Ich musste zum Staatsbesuch.“ Er hat das<br />

Schreiben vorher aufgesetzt und den Präsidenten<br />

– mit der Bitte um ein Autogramm<br />

– unterschreiben lassen.<br />

Mit der Justiz kommt er 1996 als angeblicher<br />

Finanzberater wegen unlauterer<br />

Kapitalgeschäfte in Konflikt: fünf Jahre Berufsverbot.<br />

Dabei habe er, sagt er heute –<br />

wie Günter Wallraff – nur zum Schein<br />

und undercover als Finanzberater gearbeitet,<br />

um die Machenschaften der Branche<br />

aufzudecken. Sechs Jahre später ist er in<br />

dubiose Kunstgeschäfte in Millionenhöhe<br />

verwickelt: Durchsuchungen, Schuldeingeständnis,<br />

Kaution, das Verfahren wird<br />

eingestellt.<br />

Bundesweite Berühmtheit erlangt der<br />

Umtriebige allerdings erst durch Sahra Wagenknecht,<br />

die er in den neunziger Jahren<br />

bei einem Interviewtermin kennenlernt.<br />

„Ich habe Sahra interviewt“, sagte Niemeyer<br />

kürzlich einer taz-Reporterin, „und das Interview<br />

hat bis heute kein Ende genommen.“<br />

Sie werden ein Liebes- und dann ein<br />

Ehepaar. 15 Jahre ist er mit der prominenten<br />

Linken verheiratet, die meiste Zeit jedoch<br />

nur auf dem Papier. Vor Jahren schon<br />

hat er sich in Irland ein Cottage gekauft,<br />

die meiste Zeit wohnt er dort, reist durch<br />

Europa und Südamerika, produziert Filme,<br />

schreibt Artikel und zeugt drei Kinder –<br />

mit drei verschiedenen Frauen. Eine von<br />

ihnen, Susanne R., hat ihn jetzt wegen angeblich<br />

nicht geleisteter Unterhaltszahlungen<br />

vor einem Schweizer Gericht verklagt –<br />

in der ersten Instanz allerdings erfolglos.<br />

Ob Sahra Wagenknecht von den außerehelichen<br />

Affären wusste, ist nicht bekannt.<br />

Die taz zitierte Niemeyer mit den Worten,<br />

in seiner Ehe sei es immer ehrlich zugegangen.<br />

Jedenfalls scheint Wagenknecht – inzwischen<br />

die Lebensgefährtin von Oskar<br />

Lafontaine – ihm seine Abenteuer nicht<br />

übel genommen zu haben.<br />

Nachdem die Ehe im März dieses Jahres<br />

geschieden worden war – „in aller Freundschaft“,<br />

wie es hieß –, sah man bald darauf<br />

die beiden Ex-Eheleute wieder einträchtig<br />

beisammen auf einer Berliner Podiumsdiskussion<br />

der Linkspartei. Er fungierte als<br />

journalistischer Stichwortgeber und Moderator,<br />

sie antwortete. „Ein Freundschaftsdienst“<br />

sei dies, sagte er.<br />

Tatsächlich aber war es wohl auch<br />

Wahlhilfe für ihn: Ralph Thomas Niemeyer<br />

will nämlich selbst in den Bundestag. Er<br />

kandidiert in Wilhelmshaven-Wittmund<br />

für die Linkspartei. hp<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 11


Eine Marke der Daimler AG<br />

Kraftstoffverbrauch innerorts/außerorts/kombiniert: 13,3–6,6/7,5–4,8/9,6–5,6 l/100 km; CO₂-Emissionen kombiniert: 225–147<br />

Die Angaben beziehen sich nicht auf ein einzelnes Fahrzeug und sind nicht Bestandteil des Angebots, sondern dienen allein Vergleichszwecken zwischen verschiedenen<br />

Anbieter: Daimler AG, Mercedesstraße 137, 70327 Stuttgart


Schicken Sie Ihre<br />

Gedanken auf Reisen.<br />

First Class.<br />

Vision erfüllt. Die neue S-Klasse.<br />

g/km; Effizienzklasse: D–A.<br />

Fahrzeugtypen. Das abgebildete Fahrzeug enthält Sonderausstattungen.


C i c e r o | L e s e r b r i e f e<br />

Forum<br />

Es geht um Zukunft, Umwelt, Gymnasien und Rundfunkgebühren<br />

Zu den BeitrÄgen „Diktatur der Zukunft“ von<br />

Hans-Dieter Radecke und Lorenz Teufel und<br />

„Der Freiheit falsche Freunde“ von Christoph<br />

Schwennicke/Juli 2013<br />

gleiche masche<br />

Prinzipiell klagen Radecke und Teufel zu Recht die Bevormundung/Selbstherrlichkeit<br />

der Klima-Apokalyptiker<br />

an. Dem ist bedingungslos zuzustimmen. Andererseits<br />

verfallen die Autoren im vorletzten Absatz auf dieselbe,<br />

von ihnen kritisierte Masche der Apokalyptiker, indem sie<br />

mit Zukunftsfantasien über Transmutationstechnologie<br />

im Bereich der Radiochemie und der Gewinnung von<br />

Materialien aus Asteroiden Hoffnungen setzen, für die es<br />

bisher keine Ergebnisse gibt.<br />

Dr. Volkmar von Bruchhausen, Wiesbaden<br />

symptomatisch<br />

Der wichtigste Artikel im letzten <strong>Cicero</strong><br />

dürfte „Die Diktatur der Zukunft“ sein,<br />

die wohl schon angefangen hat. Andere<br />

Meinungen als Panikmache und Weltuntergang<br />

bekommen in den Medien<br />

keinen Platz. Dass dann auf dem<br />

Umschlag die neuen „Statussymbole“<br />

erscheinen, ist irgendwie symptomatisch.<br />

Michael Novosad, Langenzenn<br />

profit statt fortschritt<br />

„Studierte“ Physiker sollten nicht so<br />

vollmundig vom seligen „Fortschritt“<br />

schwärmen. Zu offensichtlich bleibt<br />

doch, dass unsere Urenkel mittels CO 2<br />

-<br />

Verzicht heutiger Tage (als Symbol)<br />

eine größere Chance bekommen, ihre<br />

„Kreativität und Entfaltung“ zu erleben,<br />

wenn sie dann noch über saubere Luft,<br />

sauberes Wasser und einige Ressourcen<br />

verfügen werden, mit denen heute so<br />

hemmungslos herumgequast wird. Wir<br />

haben die Chance, mit der heutigen<br />

Technik die Entwicklung dieser Erde<br />

schonender und zukunftsträchtiger<br />

zu gestalten, als das unsere Vorfahren<br />

konnten – leider steht jedoch oft<br />

kurzsichtiger Profit echtem Fortschritt<br />

im Wege.<br />

Hans-Heinrich Hille, Lübeck<br />

bedrohung für uns alle<br />

Der Beitrag der „studierten Physiker“<br />

D. Radecke und L. Teufel hätte auch<br />

von einem studierten Musikwissenschaftler<br />

oder einem Friseur ohne Studium,<br />

aber mit polemischer Begabung<br />

verfasst werden können … Die Autoren<br />

schwadronieren über zukünftige Freiheitsbedrohungen,<br />

angeblich geplant<br />

von diabolischen Klimaforschern, statt<br />

die bereits realen Freiheitseinschränkungen<br />

aufgrund des Klimawandels<br />

zu thematisieren: So sind die Rechte<br />

auf „Freizügigkeit“ und „Bewegungsfreiheit“<br />

und andere Freiheitsrechte für<br />

Menschen in Bangladesch längst eingeschränkt,<br />

wenn sie vor Überschwemmungen<br />

in immer kürzeren Zeitabständen<br />

fliehen und der staatlichen<br />

illustrationen: cornelia von seidlein<br />

14 <strong>Cicero</strong> 8.2013


Auflage folgen müssen, Neubauten auf<br />

2,80 Meter hohen Stützen zu errichten.<br />

Die möglichen beziehungsweise wahrscheinlichen<br />

Folgen der Klimakrise<br />

werden solche Beispiele millionenfach<br />

erzeugen und nach einer Übergangsfrist<br />

auch die Hauptverursacher in den<br />

reichen Nationen treffen und Freiheitsrechte,<br />

Wohlstand, Gesundheit und<br />

menschliches Wohlergehen – so die von<br />

den Autoren am häufigsten genannten<br />

Begriffe – aller Menschen bedrohen,<br />

auch derjenigen, die objektiv den Weg<br />

von der Klimakrise zur Klimakatastrophe<br />

ebnen helfen.<br />

Norbert Pfaff, Kelkheim<br />

rot-grüner zeitgeist<br />

Wenn es noch eines Nachweises für<br />

die zunehmend festzustellende Wandlung<br />

Ihres von mir – immer noch –<br />

geschätzten Magazins von einem<br />

liberal-konservativen Blatt hin zu einer<br />

dem rot-grünen Zeitgeist verhafteten<br />

Zeitschrift mit viel „Stil“ und „Salon“<br />

bedurft hätte, der Artikel „Der Freiheit<br />

falsche Freunde“ Ihres Chefredakteurs<br />

liefert den Beweis: Da wird ohne jede<br />

inhaltliche Differenzierung ein Loblied<br />

auf eine – angeblich notwendige –<br />

grenzenlose staatliche Reglementierung<br />

gesungen und alle diejenigen, die wie<br />

Alexander Kissler die ständige Ausweitung<br />

der staatlichen Bevormundung<br />

als – zumindest – problematisch<br />

ansehen, als „Ichlinge“ und selbstsüchtige<br />

Gegner des Solidarsystems<br />

gebrandmarkt.<br />

Kein Wort dagegen zur immer<br />

weiter zunehmenden Regelungswut der<br />

Gesetz- und Normgeber aller Stufen,<br />

wie dies fast überall, insbesondere<br />

aber im Umweltrecht ganz deutlich<br />

wird. Als konkrete Beispiele hierfür<br />

dienen ausgerechnet das Tempolimit<br />

auf Autobahnen und die private<br />

Krankenversicherung (die rot-grünen<br />

Wahlprogramme lassen grüßen!). Der<br />

ausgezeichnete Artikel von Radecke<br />

und Teufel „Die Diktatur der Zukunft“<br />

im gleichen Heft ist dafür ein guter<br />

Beleg. Vielleicht sollte sich der Chefredakteur<br />

im nächsten Heft auch davon<br />

distanzieren?<br />

Dr. Karl-Wilhelm Porger,<br />

Waldfischbach-Burgalben<br />

zum beitrag: „Deutsche<br />

Unternehmer sind zu verklemmt“<br />

von Til knipper/Juli 2013<br />

im kampf vereint<br />

Beim Lesen des interessanten Interviews<br />

mit Herrn Roßmann habe ich mit<br />

Erstaunen und Befriedigung festgestellt,<br />

dass ich, eine alleinstehende Kleinrentnerin,<br />

eine Gemeinsamkeit mit dem<br />

Milliardär Dirk Roßmann habe. Wir<br />

sind beide nicht bereit, die Ungerechtigkeit<br />

der neuen Rundfunkgebühren<br />

zu akzeptieren. Herr Roßmann will die<br />

Rundfunkgebühren für seine Filialen<br />

nicht bezahlen, weil dort weder Radio<br />

noch Fernsehen noch Internet benutzt<br />

werden. Auch ich weigere mich, sie zu<br />

bezahlen, weil ich keine Leistung der<br />

Rundfunkanstalten in Anspruch nehme.<br />

Ich kann es mir nicht leisten, 216 Euro<br />

im Jahr für etwas auszugeben, das ich<br />

weder brauche noch verbrauche.<br />

Christa Schmid, Lichtenwald<br />

zur kolumne „Frau fried fragt<br />

sich, warum Schule folter sein<br />

muss“/Juli 2013<br />

juveniler burnout<br />

Mit Bestürzung habe ich zur Kenntnis<br />

nehmen müssen, dass Gymnasien die<br />

Folterkammern der Nation sind und<br />

unsere armen Kinder durch Überhäufung<br />

mit einer „Überfülle zusammenhangloser<br />

Fakten fragwürdiger Relevanz“ in den<br />

kollektiven juvenilen Burnout treiben.<br />

Das mag in Einzelfällen und einzelnen<br />

Nebenfächern zutreffen, jedoch meine<br />

ich, dass ein Gymnasium nach wie vor<br />

den Anspruch einer allgemeinbildenden<br />

Schule behaupten muss. Und eben nicht<br />

fokussiert vermitteln sollte, was (vermutlich)<br />

später im Leben gebraucht wird …<br />

Insofern plädiere ich für ein Gymnasium,<br />

das dem selbst gesetzten Anspruch,<br />

allgemein und breit zu bilden (und nicht<br />

auszubilden), noch gerecht wird.<br />

Eltern von Gymnasiasten, die mit<br />

„Ringen unter den Augen unterwegs<br />

sind und Panik schieben“ und damit die<br />

Prüfungsängste ihrer Sprösslinge noch<br />

potenzieren, sind meiner Ansicht nach<br />

sogar ein wesentlicher Teil des Problems<br />

(neben der zugegebenermaßen „verkorksten“<br />

G-8-Reform).<br />

Jürgen Zerbes, München<br />

unverständnis<br />

Der Beitrag von Frau Fried zur G-8-Reform<br />

beziehungsweise zur Abiturprüfung<br />

stößt bei mir auf Unverständnis. Weder<br />

ist klar, warum es schädlich ist, dass<br />

Jugendliche ein Lebensjahr gewinnen, in<br />

welchem sie früher unabhängig werden<br />

können, noch was gegen einen allgemeingebildeten<br />

Menschen spricht. Ich habe<br />

1997 das Abitur in Thüringen, was seit<br />

der Wende am Abitur mit der 12. Klasse<br />

festhält, absolviert. Thüringen hat es bis<br />

heute geschafft, den Lehrplan hierfür<br />

mit Zeiten à sechs Unterrichtsstunden<br />

an drei Tagen, acht Stunden an einem<br />

Tag und nochmals acht bis zehn Stunden<br />

am fünften Wochentag unterzubringen.<br />

Warum dem Ende der Schullaufbahn mit<br />

dem 20./21. Lebensjahr nachgetrauert<br />

wird, kann ich nicht verstehen.<br />

Alexander Grüßenbeck, Lüdenscheid<br />

bitte keine fachidioten<br />

Muss ein künftiger Informatiker auf<br />

dem Gymnasium auch Gediegenes<br />

über Lyrik erfahren und verstanden<br />

haben oder die Tochter einer literarisch<br />

versierten Moderatorin über höhere<br />

Mathematik? Im ersten Jura-Semester,<br />

ein halbes Jahr nach dem Abitur knallte<br />

ich Zweifel genau daran meinem honorigen<br />

Mathematiklehrer um die Ohren –<br />

und schäme mich heute, mehr als ein<br />

halbes Jahrhundert später, wegen dieses<br />

pubertären Ausfalls. Mittlerweile habe<br />

ich längst eingesehen: Gymnasien sollen<br />

Allgemeinbildung vermitteln und nicht<br />

Fachidioten züchten.<br />

Bernhard Mihm, Paderborn<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 15


I m p r e s s u m<br />

verleger Michael Ringier<br />

chefredakteur Christoph Schwennicke<br />

Stellvertreter des chefredakteurs<br />

Alexander Marguier<br />

Redaktion<br />

Textchef Georg Löwisch<br />

Ressortleiter Lena Bergmann (Stil), Judith Hart<br />

(Weltbühne), Dr. Alexander Kissler (Salon), Til Knipper (Kapital)<br />

Constantin Magnis (Reportagen), Christoph Seils (<strong>Cicero</strong> Online)<br />

politischer Chefkorrespondent Hartmut Palmer<br />

Assistentin des Chefredakteurs Monika de Roche<br />

Redaktionsassistentin Sonja Vinco<br />

Publizistischer Beirat Heiko Gebhardt,<br />

Klaus Harpprecht, Frank A. Meyer, Jacques Pilet,<br />

Prof. Dr. Christoph Stölzl<br />

Art director Kerstin Schröer<br />

Bildredaktion Antje Berghäuser, Tanja Raeck<br />

Produktion Utz Zimmermann<br />

Verlag<br />

geschäftsführung<br />

Rudolf Spindler<br />

Vertrieb und unternehmensentwicklung<br />

Thorsten Thierhoff<br />

Redaktionsmarketing Janne Schumacher<br />

Abomarketing Mark Siegmann<br />

nationalvertrieb/leserservice<br />

DPV Deutscher Pressevertrieb GmbH<br />

Düsternstraße 1–3, 20355 Hamburg<br />

Anzeigen-Disposition Erwin Böck<br />

herstellung Lutz Fricke<br />

grafik Franziska Daxer, Dominik Herrmann<br />

druck/litho Neef+Stumme, premium printing<br />

GmbH & Co.KG, Schillerstraße 2, 29378 Wittingen<br />

Holger Mahnke, Tel.: +49 (0)5831 23-161<br />

cicero@neef-stumme.de<br />

anzeigenleitung (verantw. für den Inhalt der Anzeigen)<br />

Tina Krantz, Anne Sasse<br />

Anzeigenverkauf Jörn Schmieding-Dieck<br />

anzeigenverkauf online Kerstin Börner<br />

anzeigenmarketing Inga Müller<br />

anzeigenverkauf buchmarkt<br />

Thomas Laschinski, PremiumContentMedia<br />

Dieffenbachstraße 15 (Remise), 10967 Berlin<br />

Tel.: +49 (0)30 609 859-30, Fax: -33<br />

verkaufte auflage 83 051 (IVW Q2/2013)<br />

LAE 2013 122 000 Entscheider<br />

reichweite 330 000 Leser (AWA 2013)<br />

<strong>Cicero</strong> erscheint in der<br />

ringier Publishing gmbh<br />

Friedrichstraße 140, 10117 Berlin<br />

info@cicero.de, www.cicero.de<br />

redaktion Tel.: +49 (0)30 981 941-200, Fax: -299<br />

verlag Tel.: +49 (0)30 981 941-100, Fax: -199<br />

Anzeigen Tel.: +49 (0)30 981 941-121, Fax: -199<br />

gründungsherausgeber Dr. Wolfram Weimer<br />

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, Aufnahme in<br />

Onlinedienste und Internet und die Vervielfältigung auf<br />

Datenträgern wie CD-ROM, DVD-ROM etc. nur nach<br />

vorheriger schriftlicher Zustimmung des Verlags.<br />

Für unverlangt eingesandte Manuskripte und Bilder<br />

übernimmt der Verlag keine Haftung.<br />

Copyright © 2013, Ringier Publishing GmbH<br />

V.i.S.d.P.: Christoph Schwennicke<br />

Printed in Germany<br />

eine publikation der ringier gruppe<br />

freude – nicht spaSS<br />

Der schlimmste Irrtum ist, dass Lernen<br />

„Spaß“ machen soll. Spaß ist eine unreflektierte,<br />

voraussetzungs- und folgenlos<br />

bleibende subjektive Empfindung. Wer<br />

Spaß haben will, ist bei einem Allinclusive-Club-Urlaub<br />

auf Malle besser<br />

aufgehoben als auf der Schule. In der<br />

Schule geht es um „Freude“, das ist<br />

nämlich das nachhaltige reflektierte<br />

Vergnügen, etwas Neues zu lernen, es<br />

geistig zu durchdringen und selbstständig<br />

anzuwenden. Leider hat sich da<br />

heute ein gewisser Sprachschlendrian<br />

eingestellt, dem auch Bestsellerautorinnen<br />

von Zeit zu Zeit erliegen.<br />

Martin Thunich, Wathlingen<br />

zum Magazin <strong>Cicero</strong> Allgemein:<br />

ETWAS kopflastig<br />

Als Spiegel-Leser fühle ich meinen Wissensdurst<br />

in angenehmer Weise durch<br />

Ihr Magazin ausgefüllt. Besonders die<br />

Fotos sind von ausgezeichneter Qualität,<br />

und überhaupt gefällt mir die gesamte<br />

Aufmachung sehr gut. Lediglich das<br />

Ressort Salon halte ich für etwas kopflastig<br />

und würde mir breiteren Raum<br />

für die anderen Themen wünschen.<br />

Axel Fullmann, Leimen<br />

Service<br />

Liebe Leserin, lieber leser,<br />

haben Sie Fragen zum Abo oder Anregungen und Kritik zu einer<br />

<strong>Cicero</strong>-Ausgabe? Ihr <strong>Cicero</strong>-Leserservice hilft Ihnen gerne weiter.<br />

Sie erreichen uns werktags von 8:00 Uhr bis 20:00 Uhr und<br />

samstags von 9:00 Uhr bis 14:00 Uhr.<br />

abonnement und nachbestellungen<br />

<strong>Cicero</strong>-Leserservice<br />

20080 Hamburg<br />

Telefon: 030 3 46 46 56 56<br />

Telefax: 030 3 46 46 56 65<br />

E-Mail: abo@cicero.de<br />

Online: www.cicero.de/abo<br />

Anregungen und Leserbriefe<br />

<strong>Cicero</strong>-Leserbriefe<br />

Friedrichstraße 140<br />

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Einsender von Manuskripten, Briefen o. Ä. erklären sich mit der redaktionellen<br />

Bearbeitung einverstanden. *Preise inkl. gesetzlicher MwSt. und Versand im<br />

Inland, Auslandspreise auf Anfrage. Der Export und Vertrieb von <strong>Cicero</strong> im Ausland<br />

sowie das Führen von <strong>Cicero</strong> in Lesezirkeln ist nur mit Genehmigung des<br />

Verlags statthaft.<br />

einzelpreis<br />

D: 8,50 €, CH: 13,– CHF, A: 8,50 €<br />

jahresabonnement (zwölf ausgaben)<br />

D: 93,– €, CH: 144,– CHF, A: 96,– €*<br />

Schüler, Studierende, Wehr- und Zivildienstleistende<br />

gegen Vorlage einer entsprechenden<br />

Bescheinigung in D: 60,– €, CH: 108,– CHF, A: 72,– €*<br />

<strong>Cicero</strong> erhalten Sie im gut sortierten<br />

Presseeinzelhandel sowie in Pressegeschäften<br />

an Bahnhöfen und Flughäfen.<br />

Falls Sie <strong>Cicero</strong> bei Ihrem Pressehändler<br />

nicht erhalten sollten, bitten Sie ihn, <strong>Cicero</strong> bei<br />

seinem Großhändler nachzubestellen. <strong>Cicero</strong> ist<br />

dann in der Regel am Folgetag erhältlich.<br />

In eigener Sache<br />

Nachtrag: Den Text „Opiate sind keine<br />

Lösung“ von Papst Franziskus in Heft<br />

05/2013 haben Silke Kleemann und<br />

Matthias Strobel ins Deutsche übersetzt.<br />

Mit der vorliegenden Ausgabe müssen<br />

wir – erstmals seit drei Jahren – den<br />

Preis von <strong>Cicero</strong> auf nun 8,50 Euro im<br />

Einzelverkauf beziehungsweise 7,75 Euro<br />

im Abonnement anheben. Wir bitten um<br />

Ihr Verständnis<br />

Größter Zuwachs: 2013 hat <strong>Cicero</strong><br />

122 000, der Internet-Auftritt des<br />

Magazins 131 000 Top-Entscheider<br />

erreicht – ein Plus von jeweils 30 Prozent.<br />

Das heißt: Gold in Print und Online<br />

beim prozentualen Wachstum.<br />

Quelle: Leseranalyse Entscheidungsträger<br />

(LAE)<br />

(Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe zu kürzen.)<br />

16 <strong>Cicero</strong> 8.2013


I n e i g e n e r S a c h e | C i c e r o<br />

Specialitäten<br />

Das Sonderheft zur Bundestagswahl stößt auf großes Interesse, leider sind uns bei<br />

299 Wahlkreisen und etwa 1000 Namen neun Fehler unterlaufen, hier die Korrekturen<br />

Die Sonderausgabe<br />

„<strong>Cicero</strong> spezial“ zur<br />

Bundestagswahl erschien<br />

im Juni, 100 Tage vor<br />

der Wahl, und ist nach<br />

wie vor im Handel für<br />

6,90 Euro zu haben<br />

Wahlkreis 024:<br />

Hier bewirbt sich Johann Saathoff,<br />

SPD, der auch Favorit ist, um das<br />

Direktmandat. Seine Genossin Gabriele<br />

Groneberg, die wir versehentlich<br />

diesem Wahlkreis zugeordnet<br />

hatten, kämpft in der norddeutschen<br />

CDU-Hochburg Cloppenburg-<br />

Vechta. Außerdem ist Garrelt Duin<br />

(SPD) Wirtschaftsminister nicht in<br />

Niedersachsen geworden, sondern in<br />

Nordrhein-Westfalen.<br />

Wahlkreis 062:<br />

Tina Fischer, SPD, hat zwar ihr<br />

Landtagsmandat in Brandenburg<br />

bereits zwei Mal souverän gewonnen,<br />

jetzt kandidiert sie aber zum ersten<br />

Mal für den Bundestag. Anders als<br />

im <strong>Cicero</strong> geschrieben, „verteidigt“ sie<br />

somit kein Bundestagsdirektmandat.<br />

Wahlkreis 076:<br />

Wolfgang Thierse hat hier nicht<br />

nur 2009 gegen Stefan Liebich von<br />

der Linkspartei verloren, sondern<br />

auch 1994 und 1998 gegen andere<br />

Kandidaten der damaligen PDS.<br />

Wahlkreis 082:<br />

Hier gewann das Direktmandat<br />

2009 für die CDU nicht die jetzige<br />

Kandidatin Christina Schwarzer,<br />

sondern Stefanie Vogelsang.<br />

Wahlkreis 118:<br />

Nicht Ulrike Flach (FDP) und Anton<br />

Schaaf (SPD) kandidieren hier, sondern<br />

Susanne Rittershaus (FDP) und Arno<br />

Klare (SPD).<br />

Versehentlich war der Wahlkreis 64 Cottbus – Spree-Neiße gleich zweimal im<br />

Sonderheft vertreten – allerdings einmal unter falscher Flagge. Und zwar als Nummer<br />

65 Elbe-Elster – Oberspreewald-Lausitz II. Dieser Wahlkreis ist durch den<br />

Fehler leider gar nicht beschrieben worden, was wir selbstverständlich nachholen:<br />

065<br />

Elbe-Elster – Oberspreewald-Lausitz II<br />

Wenn sich ein Fußballfan im brandenburgischen Wahlkreis 65 zwischen Hertha<br />

BSC Berlin und Dynamo Dresden entscheiden müsste, ginge die Sache<br />

klar für die Sachsen aus. Mit dieser Nähe zu Sachsen – schon seit Biedenkopf<br />

CDU-dominiert – hat es wohl auch zu tun, dass die Christdemokraten hier<br />

besser abschneiden als anderswo in Brandenburg. Gut für Michael Stübgen.<br />

Der Europapolitiker ist als Spitzenkandidat auf der Landesliste abgesichert, hat<br />

aber durchaus gute Chancen, den Wahlkreis wieder zu gewinnen. Ein erneuter<br />

Stübgen-Sieg täte den von Misserfolgen geplagten märkischen Christdemokraten<br />

wohl. Wenn es einer von ihnen schafft, dann er, dann hier. Das glauben<br />

und hoffen die Konservativen und schauen bange auf die Kandidaten von Linken,<br />

Matthias Mnich, und SPD, Kerstin Weide. Denn kämpfen werden die –<br />

und zaubern kann auch Stübgen nicht.<br />

amr<br />

Erststimmen 2009: CDU 28,9; Linke 28,3; SPD 26,9; FDP 7; Grüne 3,2<br />

Wahlkreis 143:<br />

Für die SPD tritt hier nicht mehr Ulla<br />

Burchardt an, sondern – mit besten<br />

Aussichten – Sabine Poschmann.<br />

Wahlkreis 169:<br />

Helmut Heiderich, der für die CDU<br />

in diesem Wahlkreis kandidierte,<br />

wurde 2002 über die CDU-Landesliste<br />

Hessen in den Bundestag gewählt.<br />

Somit ist er in jener Legislaturperiode<br />

nicht als Nachrücker ins Parlament<br />

eingezogen. Nachgerückt war<br />

Heiderich in den Jahren 1996, 2000<br />

und 2011. Das Direktmandat hat er<br />

bisher nicht gewonnen.<br />

Wahlkreis 205:<br />

Es mag am Westerwald gelegen haben,<br />

dass aus Joachim Hörster, dem einstigen<br />

Parlamentarischen Geschäftsführer<br />

der CDU/CSU-Fraktion, Joachim<br />

Förster wurde. Sorry!<br />

<strong>Cicero</strong>-Wahlkampfindex<br />

Im Wahlkampf wollen die Parteien<br />

die Wähler erreichen und überzeugen.<br />

Diese müssen neugierig und dürfen<br />

noch nicht entschieden sein. Angebot<br />

muss auf Nachfrage treffen. Der <strong>Cicero</strong>-<br />

Wahlkampfindex, den wir mit Professor<br />

Thorsten Faas von der Universität Mainz<br />

und dem Meinungsforschungsinstitut<br />

YouGov entwickelt haben, soll genau das<br />

zeigen. Den Index erheben wir kontinuierlich<br />

bis zum Wahltag. Er basiert auf<br />

repräsentativen Online-Panel-Befragungen<br />

und setzt sich aus dem Dynamikund<br />

dem Volatilitätsindex zusammen.<br />

Beide können zwischen 0 und 100<br />

schwanken – der <strong>Cicero</strong> -Wahlkampfindex<br />

ist der Mittelwert. Aktuell beträgt dieser<br />

38. Der Dynamikindex liegt bei gerade<br />

einmal 42. Der Volatilitätsindex bei 33.<br />

Entschieden ist die Wahl also noch<br />

nicht. Alle Zahlen unter<br />

www.cicero.de/wahlkampfindex<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 17


T i t e l<br />

18 <strong>Cicero</strong> 8.2013


Angies Union<br />

Seit 13 Jahren steht Angela Merkel an der Spitze der CDU.<br />

Aus der rheinisch-konservativen Partei hat die ostdeutsche<br />

Pfarrerstochter eine schlagkräftige Organisation mit<br />

unklarem Wertekanon geformt. Die Kritiker aus den eigenen<br />

Reihen sind verstummt oder wurden aussortiert. Ein<br />

Sommerausflug ins Machtzentrum und an die Ränder der<br />

neuen Christdemokratie<br />

Von Alexander Marguier<br />

Mystery-Merkel<br />

Angela Merkel steht vor ihrer dritten Amtszeit<br />

als Bundeskanzlerin. Die Frau, die in<br />

der Nacht, als die Mauer fällt, mit dem<br />

Saunabeutel unterm Arm an der Bornholmer<br />

Brücke in den Westen spaziert, den<br />

Trabis hinterher. Und am nächsten Morgen,<br />

pünktlich um 7.15 Uhr, ihren Dienst am<br />

Zentralinstitut für Physikalische Chemie in<br />

Berlin-Adlershof wieder antritt. Seit 1990,<br />

als sie stellvertretende Pressesprecherin der<br />

ersten und letzten frei gewählten DDR-Regierung<br />

wurde, steht sie im Licht der Öffentlichkeit.<br />

Trotzdem umgibt sie immer<br />

noch eine seltsame Aura des Geheimnisvollen.<br />

Geschichten aus ihrem Privatleben<br />

werden allenfalls in Wahlkämpfen sehr fein<br />

dosiert unters Volk gebracht. Merkel-Interviews<br />

zeichnen sich fast immer durch eine<br />

gediegene Langeweile aus; agenturtaugliche<br />

Sätze für die Abendnachrichten finden<br />

sich in solchen Gesprächen praktisch nie.<br />

„Mystery-Merkel“ hat der Economist sie einmal<br />

genannt.<br />

Am 7. November 1998, kurz nach der<br />

verlorenen Bundestagswahl, wird sie Generalsekretärin<br />

der CDU. Die Partei, jetzt<br />

ohne Helmut Kohl, ist orientierungslos.<br />

Rot-Grün steht für Erneuerung, die Union<br />

dagegen für „Reformstau“ – das „Wort des<br />

Jahres“ 1997. Dabei hat sie mit der Spendenaffäre<br />

das Schlimmste erst noch vor sich.<br />

Mit Merkels Wahl zur Parteivorsitzenden<br />

beginnt im April des Jahres 2000 der langsame<br />

Wiederaufstieg der CDU zur inzwischen<br />

mächtigsten politischen Organisation<br />

in Europa. Die Frau an der Spitze ist<br />

unangefochten; anders als bei Helmut Kohl<br />

hat nie jemand den Aufstand gegen sie gewagt,<br />

zumindest nicht öffentlich. Und im<br />

Gegensatz zur Kanzlerschaft Kohls, dem<br />

1990 die Wiedervereinigung das Amt rettete,<br />

herrscht auch in ihrem neunten Regierungsjahr<br />

keine Merkel-Müdigkeit im<br />

Land. Angela Merkel nutzt sich nicht ab.<br />

Merkels legendärer Machtinstinkt auch<br />

nicht. Vielleicht ist „Instinkt“ aber das falsche<br />

Wort. Denn bei ihr zählt nicht das<br />

Bauchgefühl, sondern die Analyse. Die innerparteilichen<br />

Herrschaftsmechanismen<br />

konnte Merkel nach der Wende als systemfremde<br />

Quereinsteigerin wahrscheinlich<br />

intellektuell besser durchdringen als<br />

jeder westdeutsche CDU-Aufsteiger, der<br />

seine Parteikarriere in der Jungen Union<br />

begann. Leidenschaftsloser.<br />

Merkels ostentative Leidenschaftslosigkeit<br />

ist ihr eigentliches Machtinstrument:<br />

Herrschaft durch Selbstbeherrschung.<br />

Keine polternde Gemütlichkeit wie bei<br />

Kohl, kein brünstiger Machismo wie bei<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 19


T i t e l<br />

„In der CDU<br />

macht sich auf<br />

Bundesebene<br />

eine Neigung<br />

zum<br />

Dirigismus<br />

breit; die<br />

Politik greift<br />

zunehmend<br />

steuernd in die<br />

Prozesse ein“<br />

Josef Schlarmann, CDU-Mittelstandsvereinigung<br />

Gerhard Schröder. Kumpanei ist ihr fremd.<br />

Wer die Machtmaschine CDU aufhalten<br />

oder gar deren oberste Maschinistin infrage<br />

stellen könnte, wird aussortiert. Der eine<br />

wurde auf diese Weise sogar Bundespräsident,<br />

andere verdienen heute gutes Geld in<br />

der Wirtschaft. Aber allesamt scheiterten<br />

sie letztlich vor allem an sich selbst.<br />

Die CDU sei unter Merkel weltoffener<br />

geworden – das sagen sogar einige ihrer<br />

Kritiker, die sich mit dem konsequenten<br />

Entideologisierungskurs schwertun. Weltoffener<br />

und gleichzeitig formierter. Ludwig<br />

Erhards Vorstellung einer von einem<br />

starken Staat geführten „formierten Gesellschaft“,<br />

in der sich Partikularinteressen<br />

dem Gemeinwohl unterordnen müssen,<br />

findet ihre Entsprechung heute in der<br />

Christdemokratie: Die CDU ist eine formierte<br />

Partei. Die Christlich Demokratische<br />

<strong>Einheitspartei</strong> <strong>Deutschlands</strong>.<br />

Die Einheitsfront<br />

Kein ödes Kongresszentrum, kein seelenloses<br />

Tagungshotel, keine langweilige<br />

Stadthalle. Der „gemeinsame Kongress<br />

von CDU und CSU“ zum neuen Wahlprogramm<br />

findet statt in den ehemaligen<br />

Berliner Opernwerkstätten im Bezirk<br />

Mitte. „Ein kreativer Schmelztiegel, der<br />

auch seine Nachnutzer inspiriert“, wie es<br />

im Internet heißt. Das sechsstöckige Gebäude<br />

an der Zinnowitzer Straße wirkt<br />

mit seiner graubraunen Fassade und dem<br />

brüchigen, verwinkelten Innenleben wie<br />

eine dieser szenigen Hauptstadt-Locations,<br />

in denen Künstler für wenig Geld<br />

Atelierräume mieten können. Soll noch<br />

einer behaupten, die Union sei spießig<br />

und provinziell! Nur die schweren, dunklen<br />

Limousinen im Hof passen nicht so<br />

recht zum Genius Loci. Es ist der Morgen<br />

des 24. Juni, am Vorabend haben die Vorstände<br />

von CDU und CSU ohne Gegenstimme<br />

ein 127 Seiten dickes Manifest beschlossen,<br />

dem sie in gar nicht so kühner<br />

Vorwegnahme des Wahlausgangs den Titel<br />

„Regierungsprogramm 2013 – 2017“ gegeben<br />

haben. Die Kanzlerin und der bayerische<br />

Ministerpräsident werden jeden Moment<br />

erwartet, viele andere Parteigranden<br />

sind schon da.<br />

„Kongress“ ist eine irreführende Bezeichnung,<br />

denn zu diskutieren gibt es<br />

hier nichts mehr. Wahlkampfauftakt<br />

trifft es besser. Die beiden Generalsekretäre<br />

treten gemeinsam als Einheizer auf,<br />

Hermann Gröhe von der CDU beschwört<br />

die Erfolge des Landes und seiner Partei.<br />

CSU-Kollege Alexander Dobrindt versucht<br />

es mit dem Dreiklang aus „Stabilität,<br />

Solidität, Sicherheit“. Eine Moderatorin<br />

fragt etwas kokett nach, was die<br />

beiden Schwesterparteien denn eigentlich<br />

von der politischen Konkurrenz unterscheide.<br />

„Freiheitschancen statt Bevormundung“,<br />

antwortet Gröhe. Dobrindt<br />

erntet saftigen Beifall, als er pflichtschuldig<br />

gegen die geplanten Steuererhöhungen<br />

von SPD und Grünen wettert.<br />

Noch größer fällt der Applaus allerdings<br />

aus, als der CSU-General verkündet,<br />

wo immer er hinkomme, hätten „die Leute<br />

Vertrauen zu Angela Merkel“. Das ist die<br />

eigentliche Kernbotschaft an diesem Vormittag:<br />

CDU und CSU stehen geschlossen<br />

zusammen. Horst Seehofer wird später<br />

sogar behaupten, wenn er während einer<br />

Bierzelt-Rede keinen so rechten Draht zum<br />

Publikum finde, müsse er nur den Namen<br />

der Kanzlerin erwähnen – und sofort steige<br />

die Stimmung.<br />

Als Top Act des Tages beendet Angela<br />

Merkel den Kongress, „Volksparteien sind<br />

nicht Volksparteien, weil morgens alle aufstehen<br />

und einer Meinung sind“, ruft sie<br />

an einer Stelle aus. Fragt sich nur, ob die<br />

Union bei so viel demonstrativer Eintracht<br />

dann überhaupt noch eine Volkspartei sein<br />

will. Eine Journalistin hat schon lange vor<br />

dem Ende von Merkels Ansprache die<br />

Überschrift für ihren Artikel ins Laptop<br />

gehackt. Sie lautet „Jubel, Jubel, Einigkeit“.<br />

Der Quartalsnörgler<br />

In den letzten Wochen vor der Bundestagswahl<br />

präsentiert sich die Union wieder<br />

einmal als gut geölte „Kanzlermaschine“<br />

(so lautet auch der Titel eines unlängst erschienenen<br />

Buches über das Innenleben der<br />

CDU). Strittige Fragen sind bis auf Weiteres<br />

in die Wiedervorlagemappe verschoben<br />

worden, von jetzt an gilt nur noch ein<br />

Ziel: Angela Merkel muss Kanzlerin bleiben.<br />

Und es gibt kaum jemanden in der<br />

organisierten Christdemokratie, der sich<br />

dem nicht unterordnen würde. Sogar die<br />

konservativen Parteirebellen vom „Berliner<br />

Kreis“ erweisen sich immer deutlicher<br />

als handzahme Haustiere denn als<br />

20 <strong>Cicero</strong> 8.2013


Illustrationen: Birgit Schössow (Seiten 18 bis 21)<br />

furchteinflößende Wildkatzen; für Zoff<br />

auf offener Bühne ist in Deutschland eben<br />

traditionell die SPD zuständig. Man muss<br />

also schon ein bisschen suchen, um Unzufriedene<br />

zu finden, die ihre Kritik offen<br />

aussprechen. Josef Schlarmann, zum<br />

Beispiel.<br />

Der 73-jährige Jurist ist eigens in die<br />

Redaktion gekommen, um darüber zu reden,<br />

was ihm an seiner Partei nicht mehr<br />

gefällt. Im Gegensatz zum jungen, gut gelaunten<br />

Pressereferenten, der neben ihm<br />

auf dem Sofa sitzt, wirkt er ausgesprochen<br />

müde und resigniert. Den Bundesvorsitz<br />

der einst mächtigen CDU-Mittelstands-<br />

und Wirtschaftsvereinigung wird<br />

Schlarmann im Oktober abgeben, in der<br />

CDU-Führung ist er wegen seiner wiederkehrenden<br />

Kritik an der Kanzlerin unten<br />

durch. „Quartalsnörgler“ ist noch eine der<br />

freundlicheren Bezeichnungen, die man<br />

dort für ihn bereithält.<br />

Josef Schlarmann hat Anfang der siebziger<br />

Jahre über „Die Zusammenarbeit zwischen<br />

Staat und Wirtschaft“ promoviert, es<br />

ist so etwas wie sein Lebensthema. Und in<br />

der Union kann er es nicht mehr finden.<br />

Die Kanzlerin, sagt Schlarmann, habe sich<br />

während ihrer Regierungszeit immer weiter<br />

von wirtschaftlichem Denken entfernt. Inzwischen<br />

sei das Regierungshandeln nicht<br />

mehr durch die Definition von Rahmenbedingungen<br />

geprägt, sondern durch das<br />

Primat der Politik. Zwei der eklatantesten<br />

Beispiele für diese These: die Energiewende<br />

und die beabsichtigte Einführung<br />

von Mindestlöhnen. „In der CDU macht<br />

sich auf Bundesebene eine Neigung zum<br />

Dirigismus breit; die Politik greift zunehmend<br />

steuernd und nicht mehr nur regulierend<br />

in die Prozesse ein“, sagt Schlarmann.<br />

Als entsprechende Legitimationsbasis dienten<br />

heute vor allem Umfragen.<br />

Um seine Kritik herzuleiten, erzählt<br />

der Mitbegründer einer großen Hamburger<br />

Rechtsanwaltskanzlei von seiner Jugend<br />

im Nachkriegsdeutschland und davon,<br />

wie die junge Demokratie und der<br />

Föderalismus seine Generation geprägt<br />

hätten. Schlarmann will nicht einfach nur<br />

der Merkel-Miesmacher sein, sondern einer,<br />

der sich um das große Ganze sorgt.<br />

Um die Substanz. „Die CDU ist auf kommunaler<br />

Ebene durchaus eine Volkspartei,<br />

auf Bundesebene gibt es allerdings auch<br />

in der Union zentralistische Tendenzen.“<br />

Ein Hinweis darauf sei die Tatsache, dass<br />

zur Verabschiedung des Wahlprogramms<br />

eben kein Parteitag einberufen worden sei,<br />

sondern nur unverbindliche Bürgerforen.<br />

„Da wurde etwas veranstaltet, das wie Demokratie<br />

aussieht, aber keine Demokratie<br />

ist.“ Angela Merkels Diktum von wegen<br />

der „Alternativlosigkeit“, sagt Schlarmann,<br />

sei ein weiterer Beleg für die Abgehobenheit<br />

der Regierungspolitik. Nicht zuletzt<br />

die Finanzkrise habe zu einer Verschiebung<br />

der Macht vom Bundestag in die Exekutive<br />

geführt. „Das sind Entwicklungen, die<br />

ich für bedenklich halte und die auch die<br />

Gründungsväter der Bundesrepublik nicht<br />

gewollt hätten – ob Erhard, Röpke oder<br />

Adenauer.“<br />

Zehn Tage nach Schlarmanns Redaktionsbesuch<br />

werden die Vorstände von<br />

CDU und CSU ihr gemeinsames Wahlprogramm<br />

beschließen – einstimmig, wie<br />

gesagt. Als Chef der Mittelstandsvereinigung<br />

ist auch Josef Schlarmann bei dieser<br />

Sitzung dabei. Und in der selben Woche<br />

feiert der Parlamentskreis Mittelstand der<br />

CDU/CSU-Bundestagsfraktion ein großes<br />

Sommerfest. Es regnet in Strömen,<br />

die Stimmung an den Essensständen im<br />

Garten des Kronprinzenpalais Unter den<br />

Linden ist trotzdem gut. Als die Kanzlerin<br />

höchstpersönlich vorbeischaut, applaudieren<br />

ihr die Gäste – darunter etliche aus<br />

dem ganzen Land angereiste Unternehmer,<br />

die schnell noch versuchen, Angela<br />

Merkel mit ihren Handys aus der Nähe<br />

zu fotografieren. Schlarmanns Kritik ist<br />

hier nicht mehrheitsfähig, im Gegenteil:<br />

Zwischen Currywurstbude und Dönerspieß<br />

herrschen Stolz und Bewunderung.<br />

Gut, dass Josef Schlarmann bald weg sei,<br />

sagt ein CDU-Mittelständler aus Nordrhein-Westfalen.<br />

Am Vormittag hätten<br />

sich Schlarmanns Nachfolgekandidaten<br />

präsentiert, darunter auch der Ex-Grüne<br />

Oswald Metzger. Doch Metzger ist chancenlos,<br />

derzeit läuft alles auf Carsten Linnemann<br />

hinaus. Linnemann stammt aus<br />

Paderborn, sitzt seit 2009 für die CDU im<br />

Bundestag und ist mit seinen 35 Jahren<br />

nicht einmal halb so alt wie Schlarmann.<br />

Dessen Fundamentalkritik dürfte er sich<br />

kaum zu eigen machen. Die Kanzlermaschine<br />

läuft dann noch ein bisschen runder.<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 21


T i t e l<br />

Hilfe, wir modernisieren!<br />

Horst Seehofer gehört zu denen, die sich<br />

ihre Begeisterung für Angela Merkel erst<br />

mühsam antrainieren mussten. Und wie<br />

schnell seine Liebe auch wieder erlöschen<br />

könnte, zeigt ein Blick zurück in den Sommer<br />

des Jahres 2010. Damals erreichte die<br />

Koalition aus CDU/CSU und FDP in den<br />

Umfragen Zustimmungswerte von gerade<br />

einmal 36 Prozent, Rot-Grün hingegen<br />

kam mit 48 Prozent auf eine potenzielle<br />

Regierungsmehrheit. Prompt tönte der<br />

Ministerpräsident aus Bayern, schuld daran<br />

sei der Modernisierungskurs von Angela<br />

Merkel. Der besondere Unmut Seehofers<br />

entzündete sich an Peter Altmaier,<br />

damals noch nicht Umweltminister, sondern<br />

Parlamentarischer Geschäftsführer der<br />

CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Altmaier<br />

hatte in einem Interview seine Partei, die<br />

CDU, davor gewarnt, „an überholten Positionen<br />

festzuhalten“. Die Christdemokraten<br />

müssten auch jene bürgerlichen Wähler<br />

ansprechen, die sich um die Umwelt und<br />

den Klimawandel sorgten und die deshalb<br />

mit den Grünen sympathisierten.<br />

Kritik an Merkels Modernisierungskurs<br />

– von der Kinderbetreuung bis zur<br />

Frauenquote – ist auch heute noch eine<br />

Art Wiedererkennungsmelodie im Lager<br />

der Parteitraditionalisten. Gepfiffen wird<br />

sie jetzt aber lieber im kleinen Kreis als<br />

vor großem Publikum. Die Umfragewerte<br />

sind für die Union seit einiger Zeit eben<br />

ganz anders als vor drei Jahren. Nämlich<br />

blendend.<br />

„Es will scheinen, als ob weite Teile der<br />

CDU mit der Struktur- und Bewusstseinsveränderung,<br />

der Wandlung der Lebensverhältnisse<br />

und Lebensformen, die mit der<br />

äußeren Entwicklung unseres Landes einhergegangen<br />

sind, nicht recht froh werden<br />

wollen, sondern dem verlorenen Gestern<br />

nachtrauern.“ Dieser Satz stammt nicht<br />

von Peter Altmaier, sondern von Dietrich<br />

Rollmann, einst Landesvorsitzender der<br />

Hamburger CDU. Rollmanns Worte lassen<br />

sich nachlesen in dem von ihm herausgegebenen<br />

Buch „Die Zukunft der CDU“ –<br />

erschienen im Jahr 1968. Ganz so neu ist<br />

die Modernisierungsdebatte also nicht.<br />

Als Angela Merkel im April des Jahres<br />

2000 auf dem Parteitag in Essen zur<br />

CDU-Vorsitzenden gewählt wurde, trat sie<br />

als Modernisiererin an. Nach dem Machtverlust<br />

von 1998 und vor allem nach der<br />

existenzbedrohenden Spendenaffäre sehnte<br />

sich die Partei nach einem Neuanfang. In<br />

Berlin regierte damals die rot-grüne Koalition<br />

unter Gerhard Schröder, der auch mit<br />

dem Versprechen gesellschaftlicher Erneuerung<br />

die Bundestagswahl gewonnen hatte.<br />

Um ihrer eigentlichen Raison d’Être als Regierungspartei<br />

gerecht zu werden, schien<br />

die Union ihre Anschlussfähigkeit verloren<br />

zu haben. Merkel aber wies den Weg nach<br />

vorne mit einer Dialektik, die die Beharrungskräfte<br />

der westdeutschen CDU ins<br />

Positive wenden sollte: „Die Wirklichkeit<br />

annehmen, fähig zur Erneuerung sein und<br />

zugleich Wertvolles bewahren – genau das<br />

ist konservativ.“<br />

Eckart von Klaeden ist 47 und schon<br />

seit 19 Jahren ununterbrochen Mitglied<br />

des Deutschen Bundestags. 2009 ernannte<br />

ihn Angela Merkel zum Staatsminister der<br />

Bundeskanzlerin, demnächst wechselt<br />

er von der Politik in die Wirtschaft, zur<br />

Daimler AG. Er wolle sich in der Mitte<br />

seines Berufslebens noch einmal neu orientieren,<br />

sagt von Klaeden, der als enger Vertrauter<br />

Merkels gilt und köstliche Bonmots<br />

über die architektonische Gestalt des Kanzleramts<br />

zum Besten geben kann. Wenn die<br />

Betonfassade des monumentalen Neubaus<br />

bei Regen feucht werde, sehe es aus, als<br />

hätte irgendein riesiges urzeitliches Tier<br />

sich daran erleichtert.<br />

Mit dem neuen Kurs seiner Partei ist<br />

es dem Niedersachsen dagegen sehr ernst.<br />

Viele von denen, die der CDU Beliebigkeit<br />

oder einen Werteverlust vorwerfen, seien<br />

eben noch geprägt von der Zeit des Kalten<br />

Krieges mit den damaligen großen gesellschaftlichen<br />

Konflikten, sagt von Klaeden.<br />

Diese Zeit der scharfen Auseinandersetzungen<br />

sei aber vorbei. Und die Politik sollte<br />

solche Konflikte heute auch nicht provozieren.<br />

„Für eine Partei wie die CDU besteht<br />

die Aufgabe darin, einerseits zu ihren<br />

Prinzipien zu stehen, sie andererseits aber<br />

zeitgemäß zu interpretieren. Die Alternative<br />

dazu, nämlich an einer unzeitgemäßen<br />

Interpretation der Prinzipien festzuhalten,<br />

führt geradewegs in die Irrelevanz.“ Und<br />

irrelevant ist so ziemlich das Letzte, was<br />

die CDU sein möchte – zumindest darin<br />

sind sich alle einig.<br />

Illustration: Birgit Schössow<br />

22 <strong>Cicero</strong> 8.2013


CDU – jetzt auch<br />

ohne Atom<br />

Die Energiewende war mit Sicherheit das<br />

riskanteste Manöver während Angela Merkels<br />

bisheriger Regierungszeit. Nicht nur,<br />

dass die CDU praktisch über Nacht auf einen<br />

ganz neuen Kurs eingeschworen werden<br />

musste. Die wirklich brisante Frage ist,<br />

ob Deutschland sich die Abschaltung aller<br />

Kernkraftwerke bis zum Jahr 2022 überhaupt<br />

leisten kann. Das Standardargument<br />

der Parteispitze geht ungefähr so: Wenn<br />

eine Gesellschaft ganz offensichtlich nicht<br />

bereit ist, die mit Kernkraft verbundenen<br />

Risiken zu übernehmen, dann hat in einer<br />

Demokratie diese Form der Energiegewinnung<br />

keine Zukunft. Manche Abgeordnete,<br />

besonders solche vom Wirtschaftsflügel der<br />

Union, sehen das zwar ein bisschen anders.<br />

Die meisten von ihnen halten sich mit ihrer<br />

Kritik jedoch zurück – besonders vor der<br />

Bundestagswahl gilt die Devise „Beschlossen<br />

ist beschlossen, also Augen zu und durch“.<br />

Michael Fuchs aber lässt nicht locker.<br />

Der Koblenzer CDU-Bundestagsabgeordnete,<br />

wegen seiner Pro-AKW-Haltung<br />

auch „Atom-Fuchs“ genannt, freut sich<br />

an einem Mittwochmorgen im Juni über<br />

gute Nachrichten aus Kambodscha. Dort<br />

hat die Unesco soeben beschlossen, dass die<br />

Koblenzer Seilbahn, die zur Gartenschau<br />

2011 installiert worden war, bis zum Jahr<br />

2026 in Betrieb bleiben kann. Wegen der<br />

Gondeln drohte der Welterbestatus für das<br />

Obere Mittelrheintal aberkannt zu werden,<br />

doch das ist jetzt abgewendet – auch dank<br />

der Intervention von Michael Fuchs. Die<br />

Geschichte mit der Seilbahn war großes<br />

Thema in seinem Wahlkreis.<br />

Als der 64 Jahre alte Ex-Unternehmer<br />

auch nach der Reaktorkatastrophe von<br />

Fukushima öffentlich dafür eintrat, in<br />

Deutschland weiterhin auf Kernenergie zu<br />

setzen, kam es zu wochenlangen Demonstrationen<br />

vor seinem Privathaus. Aber er<br />

bleibt dabei: „Ich habe eine Energiewende<br />

immer für falsch gehalten, die die Wettbewerbsfähigkeit<br />

<strong>Deutschlands</strong> gefährdet.“<br />

Punkt. Und nach allem, was er so aus seinem<br />

Umfeld zu hören bekomme, „würde<br />

ich auch sagen, dass die Energiewende der<br />

CDU eher geschadet als genützt hat“. Allerdings,<br />

das fügt Fuchs schon hinzu, sei<br />

sein Umfeld vor allem durch Leute aus<br />

der Wirtschaft geprägt. „Ich bin ja nicht<br />

aus Prinzip für Atomkraft. Aber die Frage<br />

ist doch, wie wir in einem Industrieland<br />

wie Deutschland die Energiekosten in den<br />

Griff bekommen.“<br />

Und wie sehen das seine Parlamentarierkollegen?<br />

„Ich habe den Eindruck, dass<br />

die Skepsis gegenüber der Energiewende<br />

innerhalb der Fraktion eher gewachsen ist.“<br />

Nicht einmal im Wahlkampf würde sich<br />

die Wandlung der CDU zur Anti-Atomkraft-Partei<br />

auszahlen: „Die CDU stünde<br />

auch ohne Energiewende heute in den Umfragen<br />

genauso gut da“, glaubt der Atom-<br />

Fuchs. Aber so sei das eben in einer Demokratie,<br />

„da muss man auch akzeptieren,<br />

dass es Mehrheiten gegen einen gibt“.<br />

Die neue Quoten-Partei<br />

Was hält eigentlich die Kanzlerin von der<br />

Frauenquote? Elisabeth Winkelmeier-Becker<br />

zögert einen Moment und lächelt, als<br />

wolle sie sagen: „Das wüsste ich auch gern.“<br />

Dann aber antwortet sie ganz diplomatisch:<br />

„Angela Merkel steht da sicherlich nicht auf<br />

der Bremse.“ Die übliche Merkel-Strategie<br />

also: Bei schwierigen Themen werden andere<br />

vorgeschickt, um das Terrain zu sondieren.<br />

Frauen wie Winkelmeier-Becker:<br />

50 Jahre alt, Mutter von drei erwachsenen<br />

Kindern und direkt gewählte CDU-Abgeordnete<br />

aus dem Rhein-Sieg-Kreis in der<br />

Nähe von Bonn. Die Juristin ist eine der<br />

bekanntesten Quoten-Verfechterinnen in<br />

ihrer Partei; mit trickreicher (manche sagen<br />

auch skrupelloser) Hilfe Ursula von der<br />

Leyens haben sie und ihre Mitstreiterinnen<br />

es geschafft, dass die Quote jetzt auch offiziell<br />

ein Unionsziel ist.<br />

Im CDU/CSU-Wahlprogramm steht<br />

auf Seite 63 schwarz auf weiß: „Zugleich<br />

werden wir gesetzlich regeln, dass ab dem<br />

Jahr 2020 eine feste Quote von 30 Prozent<br />

für Frauen in Aufsichtsratsmandaten<br />

von voll mitbestimmungspflichtigen und<br />

börsennotierten Unternehmen gilt.“ Das<br />

klingt etwas verschwurbelt-bürokratisch,<br />

ist aber ein Kulturbruch. Denn die starre<br />

Frauenquote, das ist nun wirklich ein Klassiker<br />

aus dem linksalternativen Lila-Latzhosen-Milieu.<br />

Zumindest in den Augen der<br />

CDU-Traditionswählerschaft.<br />

Elisabeth Winkelmeier-Becker verbreitet<br />

trotz ihres Doppelnamens keinerlei feministischen<br />

Furor. Die dezent gekleidete,<br />

angenehm nachdenkliche Frau sitzt im<br />

„Nach allem,<br />

was ich aus<br />

meinem<br />

Umfeld so höre,<br />

würde ich<br />

sagen, dass die<br />

Energiewende<br />

der CDU eher<br />

geschadet als<br />

genützt hat“<br />

Michael Fuchs, Bundestagsabgeordneter der CDU<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 23


T i t e l<br />

„Wenn anstatt<br />

der Union<br />

Rot-Grün an<br />

der Macht<br />

wäre, hätten<br />

die CDU-<br />

Konservativen<br />

erst recht<br />

nichts<br />

gewonnen“<br />

Elisabeth Winkelmeier-Becker,<br />

Bundestagsabgeordnete der CDU<br />

Abgeordnetencafé des Reichstags vor einer<br />

Tasse grünen Tees und erzählt, dass sie<br />

früher mit der Quote nicht viel am Hut<br />

hatte. Aber je mehr man sich mit dieser<br />

Materie beschäftige, desto deutlicher werde<br />

der Handlungsbedarf. Dass Frauen in Unternehmensvorständen<br />

und Aufsichtsräten<br />

immer noch extrem unterrepräsentiert<br />

seien, hält sie für „eklatant ungerecht,<br />

und es ist klar, dass sich da von allein nie<br />

etwas bewegen wird. Diese Erkenntnis hat<br />

mich schon geärgert.“<br />

Also hat sie den Kampf aufgenommen.<br />

Nicht gegen die männerdominierten Führungsetagen<br />

in der Wirtschaft, sondern gegen<br />

die habituellen Quoten-Gegner in der<br />

eigenen Partei – fast alles Herren übrigens.<br />

„Ich habe öfter die Erfahrung gemacht,<br />

dass es da zwar eine Schwelle der emotionalen<br />

Ablehnung gibt. Doch wenn man<br />

sie einmal überwindet und den Kollegen<br />

die entsprechenden Zahlen nennt, gewinnt<br />

man durchaus Verständnis. Aber welcher<br />

Mann hat Anlass, sich auf dieses Thema<br />

überhaupt einzulassen? Keiner.“ Bei vielen<br />

CDU-Parlamentariern in der Fraktion<br />

gebe es „so eine undefinierte Unlust, sich<br />

mit diesem Thema auseinanderzusetzen“.<br />

Daheim im Wahlkreis ist Winkelmeier-<br />

Beckers Pro-Quoten-Einsatz sogar wesentlich<br />

milder aufgenommen worden, als man<br />

vermuten könnte. „In den heißen Wochen<br />

wurde ich viel darauf angesprochen, teilweise<br />

mit Unverständnis, aber nicht aggressiv.“<br />

Natürlich ist ihr klar, dass die Quote<br />

für viele ihrer Wähler eine ziemlich fette<br />

Kröte ist. Mit der Modernisierung, das<br />

sagt sie selbst, sollte man es nicht überspannen<br />

– „in der Summe aller Themen<br />

haben wir unseren Mitgliedern einiges abverlangt“.<br />

Aber als Volkspartei müsse die<br />

CDU eben auch die ganze Breite der gesellschaftlichen<br />

Anliegen abbilden, so unterschiedlich<br />

sie auch sein mögen. „Das wäre<br />

kaum möglich, wenn wir nur auf die Konservativen<br />

in der Partei schauen würden.<br />

Denn dann würden wir den politischen<br />

Vorstellungen von vielleicht 10 Prozent<br />

der Gesellschaft entsprechen. Und wenn<br />

anstatt der Union Rot-Grün an der Macht<br />

wäre, hätten die CDU-Konservativen erst<br />

recht nichts gewonnen. Mit diesem Argument<br />

muss man sie überzeugen, und das<br />

bedeutet nicht, ihre Lebensleistung infrage<br />

zu stellen.“<br />

Auf eine seltsam verquere Weise ist Elisabeth<br />

Winkelmeier-Beckers Mitgliedschaft<br />

in der CDU sogar die beste Voraussetzung,<br />

um so etwas wie die Frauenquote gesellschaftsfähig<br />

zu machen. Denn die Union<br />

wirkt in ländlich-konservative Milieus hinein,<br />

die für andere Parteien erst gar nicht<br />

erreichbar sind: „Die CDU hat jedenfalls<br />

das Potenzial, neue Notwendigkeiten aufzugreifen<br />

und in der Gesellschaft auch Akzeptanz<br />

dafür herzustellen.“<br />

Die Schwulen und<br />

die Coolen<br />

Das Potenzial, neue Notwendigkeiten in<br />

der CDU aufzugreifen: Jens Spahn hat es<br />

mit Sicherheit. Der 33-jährige Gesundheitsexperte<br />

sitzt bereits seit 2002 im<br />

Bundestag, viele in der Partei prophezeien<br />

ihm noch eine große politische Karriere.<br />

Am letzten Tag vor der parlamentarischen<br />

Sommerpause nimmt er sich zwischen zwei<br />

Debatten eine Stunde Zeit, um über die<br />

Zukunft der Union zu sprechen. Spahn bekennt<br />

sich seit einem Jahr öffentlich zu seiner<br />

Homosexualität, in Berlin sieht man<br />

ihn bei Veranstaltungen auch schon mal<br />

zusammen mit seinem Freund. Das Thema<br />

Schwulenehe und deren rechtliche Gleichstellung<br />

ist ihm deshalb auch ein persönliches<br />

Anliegen.<br />

Große Teile der CDU tun sich aber immer<br />

noch schwer damit; der Vorgabe des<br />

Bundesverfassungsgerichts sind viele Abgeordnete<br />

bei der entsprechenden Abstimmung<br />

im Bundestag nur unwillig gefolgt –<br />

einige sogar überhaupt nicht. Spahn, der<br />

aus dem westlichen Münsterland stammt,<br />

empfindet diese verdruckste Haltung als<br />

vertane Chance: „Selbst in meinem ländlich<br />

geprägten Wahlkreis erlebe ich doch,<br />

wie in einer CDU-Versammlung ein<br />

60-Jähriger zum anderen sagt, der Sohn<br />

vom Nachbarn sei auch schwul – und trotzdem<br />

okay. Da ist eine Normalität entstanden<br />

– und wir haben es versäumt, daraus<br />

eine proaktive Wertedebatte zu machen.“<br />

Für Spahn ist das „ein lebensweltliches<br />

Problem“, wie er es nennt: „Wir bauen in<br />

unserer Rhetorik – etwa in der Gleichstellungsdebatte<br />

– manchmal einen Popanz<br />

auf, den auch die Abgeordneten unserer<br />

Bundestagsfraktion gar nicht leben. Die<br />

wissen ja auch aus eigener Erfahrung, dass<br />

das Leben nicht immer so ist, wie man es<br />

sich wünscht, und dass man auch schon<br />

24 <strong>Cicero</strong> 8.2013


Illustration: Birgit Schössow<br />

mal an den eigenen Ansprüchen scheitern<br />

kann.“ Ein klassisches Beispiel dafür<br />

sei Edmund Stoiber, der sich zum Wahlkampf<br />

2002 von Gerhard Schröder abgrenzen<br />

wollte, indem er in jeder Rede betonte,<br />

dass er seit Jahrzehnten mit der selben Frau<br />

verheiratet sei. „Das ist ja auch okay, aber<br />

so, wie er es formuliert hat, musste das jedem<br />

seiner Zuhörer auf den Marktplätzen,<br />

denen das selbst nicht geglückt ist, wie ein<br />

Vorwurf erscheinen.“<br />

Die CDU und ihr Altjungfern-Image:<br />

Jüngeren Parteimitgliedern macht das<br />

ernsthaft zu schaffen, besonders in den<br />

Städten. Eine Mitarbeiterin der Bundestagsfraktion<br />

etwa – Anfang 30, top ausgebildet,<br />

humorvoll, intelligent – erzählt,<br />

dass sie auf Partys in Berlin Gespräche<br />

über den Beruf lieber meidet. Viele Leute<br />

würden sie nämlich entgeistert angucken,<br />

wenn sich herausstellt, dass ihr Arbeitgeber<br />

die CDU ist. Das nervt auf Dauer. Und<br />

macht es schwer für die Partei, bei jungen<br />

Wählern zu punkten.<br />

Bei der zurückliegenden Bundestagswahl<br />

haben nur 20,9 Prozent der 18- bis<br />

25-Jährigen ihre Stimme der CDU gegeben;<br />

die Grünen hingegen erzielen in dieser<br />

Altersgruppe ihre besten Ergebnisse.<br />

„Das Problem ist, dass wir bei vielen jungen<br />

Wählern überhaupt nicht als Option<br />

am Horizont erscheinen“, sagt Jens Spahn.<br />

„Dabei ist es meine Erfahrung aus Diskussionen,<br />

dass es junge Leute durchaus zu<br />

schätzen wissen, wenn man seine Position<br />

pointiert vertritt, ohne liebedienerisch zu<br />

sein. Aber wir erreichen sie oft einfach<br />

nicht.“ Die Art, wie in der CDU über die<br />

Gleichstellung von Homo-Ehen debattiert<br />

wurde, hat insbesondere auf Teenager abschreckend<br />

gewirkt: „Sogar in Schulklassen<br />

mit hohem Migrantenanteil merke ich<br />

da oft eine ganz andere Diskussionsbereitschaft<br />

als in unserer eigenen Partei.“<br />

Wenn Jens Spahn von den „lebensweltlichen<br />

Problemen“ der CDU spricht,<br />

meint er auch deren mangelnde Akzeptanz<br />

in den Metropolen. Seit September<br />

2009 haben die Christdemokraten in den<br />

Großstädten keine einzige der 27 Kommunalwahlen<br />

gewonnen; zuletzt gingen unter<br />

anderem Hamburg, Wolfsburg, Frankfurt,<br />

Wiesbaden, Duisburg und Karlsruhe verloren.<br />

Spahn hält den mangelnden Zuspruch<br />

in der urbanen Wählerschaft zwar grundsätzlich<br />

für lösbar – aber dafür müsse die<br />

CDU in den Großstädten auch Leute aufstellen,<br />

die das Lebensgefühl der Bewohner<br />

träfen – so wie Ole von Beust in Hamburg.<br />

„Es sollte nicht immer nur der Kandidat<br />

ausgewählt werden, der den Parteimitgliedern<br />

am besten gefällt, sondern der, der bei<br />

den Wählern in den urbanen Milieus am<br />

besten ankommt.“<br />

Terra incognita<br />

Vor ein paar Jahren sei der CDU-Wahlstand<br />

auf dem Kollwitzmarkt noch bespuckt<br />

und mit Gemüse beworfen worden,<br />

erzählt Torsten Kühne. Das ist durchaus<br />

wörtlich gemeint: bespuckt und mit Gemüse<br />

beworfen. Der Kollwitzmarkt, soviel<br />

muss man wissen, ist der Wochenmarkt<br />

rund um den Berliner Kollwitzplatz und<br />

jeden Samstag Treffpunkt der neobourgeoisen<br />

Besserverdiener vom Prenzlauer Berg.<br />

Von der Einkommensstruktur her müsste<br />

die Gegend, in der jetzt auch Thomas Gottschalk<br />

wohnt, leicht zu eroberndes Terrain<br />

für die Christdemokraten sein. Ist es aber<br />

nicht, denn hier haben vor allem die Grünen<br />

das Sagen. Und Torsten Kühne fällt<br />

als Vorsitzendem des CDU-Ortsverbands<br />

„Prenzlauer Allee“ die Rolle des politischen<br />

Underdogs zu.<br />

2006, im Jahr, als das Gemüse flog,<br />

kam seine Partei bei der Wahl zum Berliner<br />

Abgeordnetenhaus im Prenzlauer<br />

Berg auf ungefähr 6 Prozent der abgegebenen<br />

Stimmen; inzwischen erreicht sie<br />

im Durchschnitt rund vier Punkte mehr.<br />

Trotzdem bleibt Prenzlauer Berg ein Synonym<br />

für die mangelnde Anschlussfähigkeit<br />

der Union an das urbane Bionade-Milieu.<br />

Warum ist das so?<br />

Torsten Kühne empfängt in seinem<br />

großzügig dimensionierten Büro im Bezirksamt<br />

Pankow, an diesem Freitagnachmittag<br />

Ende Juni sind die Flure der Behörde<br />

bereits gespenstisch leer. Kühne ist<br />

37 Jahre alt, freundlich und äußerst eloquent.<br />

Er trägt eine violette Krawatte zum<br />

violett gestreiften Hemd und behält trotz<br />

sommerlicher Temperaturen das Sakko an.<br />

Als Pankower Stadtrat für Verbraucherschutz,<br />

Kultur und Umwelt würde er die<br />

Krawatte auch bei 36 Grad im Schatten<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 25


T i t e l<br />

inzwischen kommen sogar auf dem Kollwitzmarkt<br />

die Leute freundlich auf uns zu.“<br />

Manche von ihnen würden am CDU-Stand<br />

spontan einen Mitgliedsantrag unterschreiben.<br />

„Wir stehen jetzt auch nicht mehr verschämt<br />

in einer Ecke des Marktes, sondern<br />

mittendrin.“ Es seien vor allem Zuzügler, die<br />

ihm Hoffnung machten, dass das Schattendasein<br />

der CDU am Prenzlauer Berg bald<br />

vorbei sein könnte, „da kommt ja vor allem<br />

eine bürgerliche Klientel“. Wie hoch denn<br />

das Potenzial für die Union hier sei? Kühne<br />

überlegt nicht lange: „Ohne zu übertreiben,<br />

halte ich 30 Prozent für angemessen.“<br />

Illustration: Birgit Schössow; Foto: Andrej Dallmann<br />

nicht ablegen, sagt er. Gewisse Formalien<br />

seien ihm wichtig. An der Wand hängt ein<br />

Schild mit der Aufschrift „Lagern von Laub,<br />

Garten- und anderen Abfällen jeglicher Art<br />

ist verboten“, davor baumelt eine schwarzrot-goldene<br />

Papiergirlande.<br />

Kühne stammt aus dem Ostteil der<br />

Stadt, den Fall der Mauer hat er in der achten<br />

Klasse miterlebt. In die CDU sei er<br />

auch aus Dankbarkeit gegenüber Helmut<br />

Kohl eingetreten, den Mitgliedsantrag habe<br />

er am Tag der Vereidigung Angela Merkels<br />

zur Kanzlerin unterschrieben. 2005<br />

war das. Als promovierter Physiker fühle<br />

er sich Merkels rationaler Art besonders<br />

verbunden, sagt er. Und dass er ein Freund<br />

klarer Verantwortlichkeiten sei.<br />

Kühne ist ein erfahrener Straßenwahlkämpfer<br />

und kennt die Befindlichkeiten der<br />

Menschen in seinem Kiez ziemlich genau.<br />

Die klassischen gut situierten Grünen-Wähler<br />

vom Prenzlauer Berg seien beispielsweise<br />

alles andere als Freunde des Gemeinschaftsschulkonzepts<br />

– zumindest, was ihre eigenen<br />

Kinder angeht. „Wenn ich inhaltlich<br />

argumentiere, erlebe ich diese Leute eigentlich<br />

ganz aufgeschlossen“, sagt er. „Aber<br />

dann bekomme ich trotzdem fast immer zu<br />

hören, dass die CDU für sie nicht infrage<br />

kommt.“ Schuld daran sei das alte Image der<br />

Union: verrauchte Hinterzimmer, Stammtische,<br />

untersetzte Männer im fortgeschrittenen<br />

Alter. Dabei liegt das Durchschnittsalter<br />

im Ortsverband „Prenzlauer Allee“ bei gerade<br />

einmal 39 Jahren, viele Mitglieder sind<br />

zwischen 20 und 30. „Der Anteil dickbäuchiger<br />

alter Männer ist bei uns sehr gering.“<br />

Dennoch halten sich bestimmte Klischees<br />

hartnäckig. „Als ich Ortsverbandsvorsitzender<br />

wurde, habe ich als Erstes die<br />

Hinterzimmertreffen abgeschafft“, erzählt<br />

Torsten Kühne, „unser monatlicher Jour<br />

fixe findet seither ganz öffentlich in einem<br />

Café statt.“ Wer vorbeikomme, könne sich<br />

dazusetzen – auch ohne Mitglied der CDU<br />

zu sein. Transparenz ist ihm wichtig, man<br />

habe nichts zu verbergen.<br />

Seine Basisarbeit trägt inzwischen<br />

Früchte, wenn auch zaghaft. „Aber angespuckt<br />

werden wir schon lange nicht mehr,<br />

Nach Merkel<br />

Gibt es für die CDU eine Zeit nach Merkel?<br />

Noch ist es nicht so weit, aber irgendwann<br />

wird sie kommen. Bis der Moment<br />

für einen Wechsel an der Spitze da ist,<br />

dürften noch so einige Kronprinzen und<br />

‐prinzessinnen auftauchen und wieder verschwinden.<br />

Politische Karrieren sind in<br />

einer Demokratie eben nur sehr begrenzt<br />

planbar. Um das zu wissen, muss man kein<br />

Historiker sein. Die Merkel-Nachfolge ist<br />

im Moment kein großes Thema – weder im<br />

CDU-Vorstand noch in der Bundestagsfraktion<br />

oder in den vielen Gliederungen<br />

der Partei. Und auch nicht bei den einfachen<br />

Mitgliedern.<br />

Die meisten Unionsparlamentarier<br />

wollen am liebsten gar nichts dazu sagen.<br />

Das könnte nämlich so wirken, als würde<br />

man mit einer Kanzlerin auf Abruf in die<br />

Wahl gehen. Michael Fuchs, der Mann<br />

mit dem Faible für die Atomkraft, wagt<br />

sich also schon ziemlich weit heraus, wenn<br />

er sich trotzdem darauf einlässt. Es klingt<br />

dann so: „Das ist im Moment keine Diskussion,<br />

die die Partei umtreibt. Ich bin<br />

mir auch sicher, dass Angela Merkel den<br />

Startschuss für die Nachfolgediskussion zu<br />

gegebener Zeit selbst setzen wird.“<br />

Die Chefin, glaubt Fuchs, neige eben<br />

nicht zum Ewigkeitsdenken eines Helmut<br />

Kohl. „Sie ist ja keine Egomanin und hat<br />

ein gutes Gespür für den richtigen Zeitpunkt.“<br />

Der CDU kann das nur nutzen.<br />

Alexander Marguier<br />

ist stellvertretender<br />

Chefredakteur von <strong>Cicero</strong><br />

26 <strong>Cicero</strong> 8.2013


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T i t e l<br />

„Gefühl groSSer Distanz“<br />

Die Chefin des Instituts für Demoskopie Allensbach, Renate Köcher, über die Chancen<br />

für Schwarz-Grün, das Image der CDU – und die mangelnde Regenerationskraft der SPD<br />

F<br />

rau Köcher, wie sehen Sie die<br />

Chancen, dass die schwarz-gelbe<br />

Koalition nach der Bundestagswahl<br />

weiterregiert?<br />

Im Moment würde ich sagen fifty-fifty,<br />

mit Vorteil für Schwarz-Gelb. Zusammengerechnet<br />

liegt Schwarz-Gelb in den<br />

Umfragen derzeit noch unterhalb des Ergebnisses<br />

der zurückliegenden Bundestagswahl.<br />

Die Ausgangssituation für eine<br />

Wiederwahl hat sich jedoch im Vergleich<br />

zur gesamten Legislaturperiode deutlich<br />

verbessert.<br />

Ist der NSA-Abhörskandal ein Thema, das<br />

der Koalition unter Merkel noch gefährlich<br />

werden könnte?<br />

Nein. Das ist ein Thema, das an der großen<br />

Mehrheit der Bevölkerung ziemlich<br />

vorbeigeht. Die meisten Leute sehen<br />

diese Maßnahmen zwar sehr kritisch,<br />

sind aber gleichzeitig keineswegs überrascht.<br />

Viele haben ja Filme wie „Staatsfeind<br />

Nummer 1“ gesehen – die Abhöraffäre<br />

ist deshalb nichts, was sie für<br />

unmöglich gehalten hätten.<br />

Halten Sie Schwarz-Grün für plausibel,<br />

wenn es mit der FDP nicht reichen sollte<br />

und die SPD keine Große Koalition mehr<br />

eingehen will?<br />

Ich kann mir nicht vorstellen, dass die<br />

SPD sich einer Großen Koalition verweigert,<br />

wenn es denn wirklich darauf<br />

ankommt. Es geht für eine bestimmte<br />

Politikergeneration doch auch schlicht<br />

um die Frage, ob sie aktiv mitgestalten<br />

oder in der Opposition nur kommentieren<br />

will. Um auf Ihre eigentliche Frage<br />

zu kommen: Ich bin mir sicher, dass<br />

die Führung der Grünen bereit wäre, in<br />

eine Koalition mit der Union einzusteigen.<br />

Aber für die Anhänger beider Parteien<br />

wäre Schwarz-Grün doch eine sehr<br />

fremde Vorstellung. Da besteht auf beiden<br />

Seiten noch das Gefühl einer großen<br />

Distanz.<br />

Wenn Sie die CDU von heute vergleichen<br />

mit der CDU zu dem Zeitpunkt, als Angela<br />

Merkel Parteichefin wurde, worin bestehen<br />

die größten Unterschiede?<br />

Aus Sicht der Bürger hat sich die CDU<br />

gar nicht so gravierend gewandelt, wie<br />

man denken könnte. Politikwechsel wurden<br />

in den vergangenen Jahren oft als<br />

notwendige Anpassungen an veränderte<br />

Bedingungen empfunden, beispielsweise<br />

die Abschaffung der Wehrpflicht. Im Wesentlichen<br />

wird die CDU von den Bürgern<br />

auch heute noch mit Werten und<br />

Sehen Sie Rot-Rot-Grün als eine realistische<br />

Option? Die Union malt dieses<br />

Szenario ja derzeit deutlich an die Wand.<br />

Das halte ich für unwahrscheinlich, weil<br />

es zwischen Rot-Grün und der Linkspartei<br />

nach wie vor einen tiefen Graben gibt.<br />

Ich kann mir nicht vorstellen, dass die<br />

SPD eine solche Koalition wagen würde.<br />

Vor allem, weil in Umfragen zu erkennen<br />

ist, dass viele Anhänger der Linken<br />

von ihren Überzeugungen her noch nicht<br />

den Weg in die EU und in das transatlantische<br />

Bündnis gefunden haben. Sie<br />

haben auch noch viele Vorbehalte gegenüber<br />

dem marktwirtschaftlichen System<br />

und der politischen Grundordnung der<br />

Bundesrepublik.<br />

Schätzt die Wahrscheinlichkeit für eine Verlängerung der schwarz-gelben<br />

Koalition nach der Bundestagswahl auf fifty-fifty: Renate Köcher<br />

Foto: Christian Grund/13 Photo<br />

28 <strong>Cicero</strong> 8.2013


Zielen verbunden, die ihr schon vor Jahrzehnten<br />

zugeschrieben wurden; sie gilt als<br />

wirtschaftsaffin, gleichzeitig auch heute<br />

noch als Partei, der christliche Grundüberzeugungen<br />

zugeschrieben werden.<br />

Auch wird die CDU unverändert sowohl<br />

als Deutschland- wie als Europapartei<br />

gesehen – was interessant ist, weil<br />

dieser Spagat keiner anderen Partei gelingt.<br />

Umgekehrt wird die CDU von den<br />

Menschen nur wenig mit Verteilungsoder<br />

sozialen Themen in Verbindung<br />

gebracht. Das Einzige, was sich in der<br />

Wahrnehmung der CDU deutlich verändert<br />

hat, ist das Frauenleitbild der Partei;<br />

heute dominiert, anders als noch in den<br />

neunziger Jahren, die Vorstellung, dass<br />

die Union auch für berufstätige Mütter<br />

eintritt.<br />

Die Energiewende hat viele CDU-Wähler<br />

irritiert. Glauben Sie, die CDU stünde<br />

ohne die Abkehr von der Atomkraft heute<br />

genauso gut da?<br />

Das ist wahrscheinlich. Die Energiewende<br />

hat in der gesamten Bevölkerung<br />

und auch unter Anhängern der CDU<br />

breiten Rückhalt. Nach wie vor bezweifelt<br />

die Mehrheit jedoch – wie auch nach<br />

dem Ausstiegsbeschluss von Rot-Grün –<br />

dass der Ausstieg aus der Kernenergie wie<br />

geplant erfolgen wird. Ein wahlentscheidendes<br />

Thema ist es jedoch schon deswegen<br />

nicht, weil es keinen nennenswerten<br />

Dissens zwischen den Parteien in dieser<br />

Frage gibt.<br />

Die Frauenquote steht jetzt im CDU-<br />

Parteiprogramm, eigentlich eine urgrüne<br />

Forderung. Verschreckt man damit nicht<br />

eher die Kernklientel als dass man neue<br />

Wähler hinzugewinnt?<br />

Der Großteil der Bevölkerung interessiert<br />

sich dafür überhaupt nicht, weil es<br />

kaum jemanden betrifft. Denn die geplante<br />

Quote bezieht sich ja nur auf die<br />

Aufsichtsräte von Dax-Unternehmen.<br />

Das Ganze ist ein Symbolthema. Was<br />

die Leute wirklich interessiert, und zwar<br />

auch die CDU-Anhänger, ist die Vereinbarkeit<br />

von Familie und Beruf.<br />

Bei der Gleichstellung der Homo-Ehe hat<br />

die Union erst eine Entscheidung des<br />

Bundesverfassungsgerichts abgewartet,<br />

anstatt sich vorher klar zu positionieren.<br />

Und trotz des Urteils stimmten einige<br />

CDU-Abgeordnete gegen das entsprechende<br />

Gesetz. Warum tun sich die<br />

Christdemokraten bei diesem Thema so<br />

schwer?<br />

Ich kann durchaus verstehen, wenn einige<br />

Abgeordnete den im Grundgesetz<br />

verankerten Familienbegriff so interpretieren,<br />

dass der besondere Schutz der Ehe<br />

zwischen Mann und Frau und ihren Kindern<br />

gilt, nicht jeder Form von Lebensgemeinschaft.<br />

Das war ja auch in den<br />

vergangenen Jahrzehnten durchaus die<br />

gültige Interpretation. Von den Anhängern<br />

der CDU befürworten 35 Prozent<br />

eine völlige Gleichstellung, 40 Prozent<br />

eine selektive, während rund 20 Prozent<br />

auch das ablehnen.<br />

„Ich habe<br />

Schwierigkeiten<br />

mit der Vorstellung,<br />

dass eine<br />

Partei vor allem<br />

modern sein<br />

muss“<br />

Würden Sie sagen, die CDU ist heute eine<br />

moderne Partei? Oder gibt es noch programmatischen<br />

Modernisierungsbedarf?<br />

Ich habe Schwierigkeiten mit der Vorstellung,<br />

dass eine Partei vor allem modern<br />

sein muss. Denn auch eine Partei muss<br />

manchmal den Mut haben, gegen sogenannte<br />

moderne Vorstellungen in einer<br />

Gesellschaft zu stehen.<br />

Vor drei Jahren kam die schwarz-gelbe<br />

Koalition in Umfragen auf gerade einmal<br />

36 Prozent, Rot-Grün dagegen auf<br />

48 Prozent. Warum hat sich die Stimmung<br />

seither doch so deutlich geändert?<br />

Die CDU selbst hat ihr Bundestagswahlergebnis<br />

von 2009 während der gesamten<br />

Legislaturperiode nie unterboten; der<br />

in Umfragen ermittelte niedrigere Rückhalt<br />

für Schwarz-Gelb ist auf die Schwäche<br />

der FDP zurückzuführen. Allerdings<br />

sind eben auch erstaunlich wenige der<br />

ehemaligen FDP-Wähler sofort ins Lager<br />

der Union gewechselt. Dann gab es natürlich<br />

Sonderereignisse wie die Reaktorkatastrophe<br />

von Fukushima, nach der die<br />

Grünen in Umfragen auf über 20 Prozent<br />

kamen. Danach stand die Legislaturperiode<br />

ganz im Zeichen der Eurokrise und<br />

der Bemühungen, diese Probleme in den<br />

Griff zu bekommen. Dass die Eurokrise<br />

für die Deutschen bisher kaum spürbare<br />

Auswirkungen zeigt, hat zu einer steigenden<br />

Anerkennung für die Regierungskoalition<br />

geführt.<br />

Wie groß ist der Anteil der SPD am Wiedererstarken<br />

von Schwarz-Gelb?<br />

Ich war am Anfang der Legislaturperiode<br />

überzeugt, dass die Zeit in der Opposition<br />

der SPD einen sehr starken Schub<br />

bringen würde. Immerhin hatte sie unter<br />

der Kanzlerschaft Gerhard Schröders<br />

durch die Agenda-Reformen große Teile<br />

ihrer Klientel verschreckt; danach hatte<br />

sie in der Großen Koalition als kleiner<br />

Koalitionspartner eine undankbare Rolle.<br />

Es ist wirklich bemerkenswert, dass sich<br />

die SPD in den zurückliegenden vier Jahren<br />

von alledem nicht erholen konnte.<br />

Ich glaube, sie hat die Diskussion darüber<br />

versäumt, wie eine fortschrittliche sozialdemokratische<br />

Partei eigentlich aussieht<br />

und an wen sie sich wendet. Im Gegensatz<br />

zur SPD ist es ja beispielsweise den<br />

Gewerkschaften durchaus gelungen, verlorenen<br />

Rückhalt in der Bevölkerung zurückzugewinnen.<br />

Ich habe manchmal<br />

den Eindruck, dass die Sozialdemokraten<br />

ein bisschen den Kontakt zu ihrer eigenen<br />

Wählerschicht verloren haben. Der<br />

Rückhalt für viele originär sozialdemokratische<br />

Positionen ist in der Bevölkerung<br />

weitaus größer als der Rückhalt für<br />

die Partei.<br />

Wer hätte aus heutiger Sicht die besten<br />

Chancen auf den Parteivorsitz in der Zeit<br />

nach Merkel?<br />

Keine Ahnung. Darüber wird ja auch innerparteilich<br />

kaum diskutiert. Das war<br />

zu Zeiten von Helmut Kohl noch anders,<br />

als immer mal wieder eine kleine Revolte<br />

ausbrach und Leute den Kopf rausstreckten,<br />

die überzeugt waren, es besser zu<br />

können. So etwas sieht man im Moment<br />

bei der CDU kaum.<br />

Das Gespräch führte Alexander Marguier<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 29


| B e r l i n e r R e p u b l i k<br />

Die blonde eminenz<br />

Eva Christiansen gehört zu den einflussreichsten Berliner Frauen – sie ist ganz nah an der Kanzlerin<br />

von Thomas Kröter<br />

W<br />

enn Angela Merkel schlanke,<br />

attraktive Männer mittleren Alters,<br />

blond oder etwas dunkleren<br />

Haares, für sich sprechen lässt, hat<br />

das womöglich mit einer schlanken, blonden,<br />

attraktiven Frau zu tun. Eva Christiansen<br />

berät die Kanzlerin. In Medienfragen.<br />

Und überhaupt. Dass sie ihr geraten<br />

hat, die teilweise triste Regierungspolitik<br />

von telegenen Herren verkaufen zu lassen,<br />

können wir nur vermuten. Wir wissen es<br />

nicht. Wir wissen überhaupt recht wenig<br />

über Eva Christiansen. Anders als Steffen<br />

Seibert und vor ihm Ulrich Wilhelm bleibt<br />

die 43-Jährige im Hintergrund.<br />

Solche zentralen Nebenfiguren gibt es<br />

immer in den Zentren der Macht. Im Bonner<br />

Kanzleramt spielte Eduard Ackermann,<br />

der fast blinde getreue Ekkehard des Kanzlers<br />

Helmut Kohl, jahrelang diese Rolle. Er<br />

war wirklich des Kanzlers „graue Eminenz“.<br />

Doch der düstere Begriff passt nicht recht<br />

auf die (fast) immer freundliche Volkswirtin<br />

mit dem erfrischenden Lachen.<br />

Seit annähernd eineinhalb Jahrzehnten<br />

arbeitet Christiansen für Merkel, zunächst<br />

als Sprecherin der CDU, dann der CDU/<br />

CSU-Bundestagsfraktion. In den wilden<br />

Zeiten um die Jahrtausendwende wuchsen<br />

die beiden zum Team, mehr noch: zur<br />

Kampfgemeinschaft. Die Spendenaffäre ihres<br />

langjährigen Vorsitzenden Helmut Kohl<br />

erschütterte die CDU bis in die Grundfesten.<br />

Merkel nutzte die Krise als Chance<br />

für ihren Aufstieg von der graumäusigen<br />

Ostquotin zur beherrschenden Politikerin<br />

unserer Tage. Eva Christiansen stieg mit.<br />

Die Mutter einer Tochter ist die einzige<br />

leitende Mitarbeiterin des Bundeskanzleramts,<br />

deren Name gleich zwei Mal<br />

im Organigramm des Hauses auftaucht –<br />

als Medienberaterin und seit einiger Zeit<br />

auch als Leiterin des Stabes Politische Planung,<br />

Grundsatzfragen, Sonderaufgaben.<br />

Nur Büroleiterin Beate Baumann ist von<br />

ähnlicher Bedeutung für ihre Chefin. Über<br />

Baumann wissen wir noch weniger. Wer<br />

sich Merkels Vertrauen erarbeiten will,<br />

muss loyal sein. Und verschwiegen. Und<br />

verdammt hell im Kopf. Und wer es behalten<br />

will, muss erst recht schweigen können.<br />

Wer das Schweigegelübde verletzt und<br />

quatscht, oder sich in den Vordergrund<br />

spielt und wichtigtut, gehört nicht mehr<br />

dazu. Das haben beide verinnerlicht.<br />

Gemeinsam stimmen sie den „Sound“<br />

der amtlichen Redenschreiber auf Merkel-<br />

Ton. Schlicht, verständlich und wo immer<br />

es geht, nicht zu konkret, aber mit einer<br />

wachsenden Prise „Mutti“: eine Kanzlerin,<br />

die sich kümmert. Ob Christiansen<br />

auch in Modefragen tätig wird und Merkel<br />

etwa zu jenem imposanten Dekolleté<br />

geraten hat, das vor Jahren anlässlich einer<br />

Operneröffnung die Nation tagelang beschäftigt<br />

hat, wie viel von den gefühligen<br />

„DDR mit Kirsch-Wodka“-Erinnerungen<br />

der CDU-Vorsitzenden im aktuellen Frühwahlkampf<br />

auf ihr Konto gehen oder gar:<br />

welche Auseinandersetzungen es womöglich<br />

zwischen den beiden um derlei Fragen<br />

gibt – darüber können wir nur spekulieren.<br />

Nachfragen? Zwecklos. Siehe oben!<br />

Eva Christiansen verändert die Regierungschefin<br />

nicht nur, sie interpretiert<br />

sie auch. Wer im politischen Berlin etwas<br />

von und über Angela Merkel wissen<br />

will, kommt an ihr nicht vorbei. Direkte<br />

Begegnungen der Hauptstadtkorrespondenten<br />

mit der vielbeschäftigten Kanzlerin<br />

sind rar und erschöpfen sich im Offizial-Sprech<br />

der Haupt- und Staatsaktionen.<br />

Also telefoniert sich Merkels kommunikatives<br />

Alter Ego Ohren und Mund wund.<br />

Immer wieder ist sie mit ihren Gesprächspartnern<br />

auch beim preisgünstigen<br />

Businesslunch in einem der Lokale<br />

zu sehen, die vom Kanzleramt aus minutenschnell<br />

zu Fuß zu erreichen sind. Solche<br />

Unterredungen unter Ausschluss der<br />

Öffentlichkeit sind kein geringerer Balanceakt<br />

als die offiziellen Einlassungen des<br />

Regierungssprechers, der aus internationaler<br />

Rücksichtnahme von gestanzten<br />

Sprachregelungen auch dann nicht lassen<br />

darf, wenn sie die heimische „Meute“<br />

frustrieren.<br />

Christiansen hat das Kunststück zu<br />

vollbringen, ihre Gesprächspartner zufriedenzustellen,<br />

ohne das Diskretionsgebot<br />

der Kanzlerin zu verletzen. Da Letzteres<br />

ihr oberstes Gebot ist, kann Ersteres nicht<br />

immer gelingen. Eines aber hat der auch<br />

Kritischste unter ihnen noch nicht beklagt:<br />

dass Christiansen ihn belogen habe.<br />

Ihr größtes Publikum erreicht die Interpretin<br />

am Rande von Parteitagen oder<br />

Bundestagssitzungen. Kaum schlendert sie<br />

durch die Gänge des Reichstags oder einer<br />

beliebigen Messehalle, verschwindet<br />

der blonde Haarschopf in einer Traube<br />

von Journalisten. Die wollen wissen, was<br />

der strategische (Hinter-)Sinn dieser oder<br />

jener mehr oder weniger (un)bedeutenden<br />

Rede der Kanzlerin ist. Und Christiansen<br />

will wissen, wie ihr Produkt aus Merkels<br />

Mund bei den professionellen Beobachtern<br />

angekommen ist. Da wird die Interpretin<br />

zur Kundschafterin.<br />

Diese Rolle führte sie im Frühjahr<br />

auch zu einem Workshop, zu dem der<br />

Handelskonzern Metro eingeladen hatte.<br />

Eine hochkarätig besetzte Expertenrunde<br />

diskutierte „Strategien von Strategen“ für<br />

das Wahljahr 2013. Das Protokoll verzeichnet<br />

eine einzige Wortmeldung der Merkel-<br />

Vertrauten, keine halbe Seite lang, ansonsten<br />

hörte sie zu – besonders genau einem<br />

Mann, den sie zuvor noch nie „live“ erlebt<br />

hatte: Roland Fäßler. Einer Aussage<br />

des Vertrauten von SPD-Kanzlerkandidat<br />

Peer Steinbrück stimmte Eva Christiansen<br />

sogar zu: „Alles ist offen.“<br />

Ach ja, höflich ist sie auch.<br />

Thomas Kröter<br />

ist Korrespondent in Berlin,<br />

kennt Eva Christiansen aber<br />

noch aus alten Bonner Zeiten<br />

Fotos: Laurence Chaperon, Privat (Autor)<br />

30 <strong>Cicero</strong> 8.2013


Wer im politischen Berlin etwas<br />

von und über Angela Merkel<br />

wissen will, kommt an Eva<br />

Christiansen nicht vorbei<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 31


| B e r l i n e r R e p u b l i k<br />

Zwischen den Fronten<br />

Der Theologe Mouhanad Khorchide gerät als liberale Stimme des Islam mitten in einen politischen Konflikt<br />

von Jan Kuhlmann<br />

H<br />

ier sitzt er und liest und denkt<br />

und schreibt, auch jene Sätze, die<br />

bei anderen Muslimen Aggressionen<br />

auslösen: ein Raum mit niedriger Decke,<br />

die Wände voller Regale, die Regale<br />

bis in den letzten Winkel voller Bücher.<br />

Auch auf dem Schreibtisch seines Büros<br />

stapelt sich Band auf Band, nur ein wenig<br />

Platz für den Computerbildschirm bleibt<br />

frei. Mouhanad Khorchide, Leiter des Zentrums<br />

für Islamische Theologie in Münster,<br />

ist ein produktiver Gelehrter. Er arbeitet<br />

oft bis spät abends. Nichts zu tun, still<br />

zu sitzen, fällt ihm schwer.<br />

Gerade schreibt er an seinem neuen<br />

Buch: „Scharia – Der missverstandene<br />

Gott“. Er will an seinen letzten Band mit<br />

dem Titel „Islam ist Barmherzigkeit“ anknüpfen.<br />

Darin bricht Khorchide mit vielem,<br />

was die traditionelle islamische Gelehrsamkeit<br />

hervorgebracht hat: Sein Gott<br />

ist nicht strafend, „kein Diktator“, sondern<br />

barmherzig und liebend. Beten und Fasten<br />

reichen für ihn nicht aus, um ein guter<br />

Muslim zu sein, auch das Herz muss<br />

aufrichtig sein. Und die Scharia, das islamische<br />

Recht, hält er für ein „menschliches<br />

Konstrukt“. In den deutschen Medien<br />

hat er dafür viel Applaus bekommen. Das<br />

Bundesbildungsministerium wirbt mit ihm<br />

bundesweit auf einem Plakat für mehr Integration.<br />

Mouhanad Khorchide – 41, verheiratet,<br />

ein Sohn – hat sich als liberale<br />

Stimme des Islam einen Namen gemacht.<br />

Genau hier beginnen für ihn die Probleme.<br />

Im Internet hetzen radikale Muslime<br />

gegen ihn. Aber auch gemäßigte Stimmen<br />

lehnen viele seiner Thesen ab. Als christlich<br />

inspirierte „Barmherzigkeitstheologie“<br />

werden sie verspottet. „Seine randständigen<br />

„Ich suche nicht nach Macht.<br />

Ich suche nur nach Gott“<br />

Mouhanad Khorchide<br />

Positionen als den unverfälschten Islam im<br />

wahrsten Sinne des Wortes zu verkaufen“,<br />

übertreffe „jede Form von Dreistigkeit“,<br />

wetterte Avni Altiner, Vorsitzender des<br />

Schura-Verbands der Muslime Niedersachsen,<br />

in der Islamischen Zeitung. Ein islamischer<br />

Theologe aus Hamburg rief Khorchide<br />

sogar dazu auf, „Reue“ zu zeigen<br />

„und sich wie ein Muslim zu verhalten“.<br />

Khorchide ist ein Symbol dafür, wie<br />

schwierig es ist, als Muslim zu beiden Seiten<br />

zu kommunizieren: zur deutschen<br />

„Mehrheitsgesellschaft“ einerseits und zu<br />

der traditionell-konservativen muslimischen<br />

Gemeinde hierzulande andererseits.<br />

Der Professor, Sohn einer palästinensischen<br />

Flüchtlingsfamilie, ist geprägt<br />

von seiner Großmutter, die ihn lehrte:<br />

Gott schaut nicht auf die Fassade – Gott<br />

schaut, ob auch das Herz rein ist. Khorchide<br />

wächst im extrem konservativen<br />

Saudi-Arabien auf. „In den Moscheen haben<br />

die Imame die Gleichheit aller Muslime<br />

gepredigt“, erzählt Khorchide. „Doch<br />

im täglichen Leben sind wir als Palästinenser<br />

diskriminiert worden.“ Nicht einmal<br />

eine Krankenversicherung besaß seine Familie.<br />

„Ich habe mich als Kind geschämt,<br />

wenn ich krank war, und es verschwiegen,<br />

weil ich meine Eltern finanziell nicht belasten<br />

wollte.“<br />

1989 geht er zum Studium nach Österreich,<br />

weil Wien damals auch staatenlose<br />

Palästinenser wie Khorchide einreisen lässt.<br />

Das Erste, was er bei der Immatrikulation<br />

bekommt, ist eine Krankenversicherung für<br />

3,50 Euro im Monat. Die angeblich Ungläubigen<br />

behandelten ihn viel gerechter<br />

als die Glaubensbrüder in Saudi-Arabien.<br />

„Diese Erfahrung war ausschlaggebend“,<br />

sagt Khorchide. Sie prägte auch sein Buch<br />

„Islam ist Barmherzigkeit“.<br />

Doch im Streit um den Band geht es<br />

nicht nur um Theologie – sondern um<br />

Politik. Seit Monaten schwelt ein Konflikt<br />

um den letzten freien Posten im Beirat<br />

des Zentrums für Islamische Theologie,<br />

einem der fünf neu geschaffenen Standorte<br />

in Deutschland, an denen die Imame und<br />

Islam-Lehrer von morgen ausgebildet werden<br />

sollen. Der Islamrat, einer der großen<br />

muslimischen Verbände in Deutschland,<br />

hatte Burhan Kesici für den Beirat vorgeschlagen<br />

– einen Vertreter der Islamischen<br />

Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG). Doch<br />

weil der Verfassungsschutz die IGMG beobachtet,<br />

legte das Bundesinnenministerium<br />

beim zuständigen Bildungsministerium<br />

sein Veto gegen Kesici ein – dieses<br />

drohte dem Zentrum in Münster, zugesagte<br />

Gelder zu stoppen, sollte Kesici berufen<br />

werden. Der Streit zwischen Milli<br />

Görüs und Innenministerium – er wird<br />

auf dem Rücken der Islamischen Theologie<br />

ausgetragen.<br />

Dabei taucht eine ganz zentrale Frage<br />

auf: Darf sich der Staat überhaupt derart in<br />

die Islamische Theologie einmischen? „Der<br />

Staat verstößt massiv gegen sein Neutralitätsgebot“,<br />

sagt Engin Karahan, stellvertretender<br />

IGMG-Generalsekretär. „Das ist<br />

verfassungsrechtlich nicht haltbar.“<br />

Khorchide hält in der Debatte um sein<br />

Buch an seinen Thesen fest. Mit den Anfeindungen<br />

kommt er auch deswegen zurecht,<br />

weil er von seiner Sache überzeugt<br />

ist. Er kann dickköpfig sein. Und er versucht<br />

den Eindruck zu vermitteln, die Politik<br />

sei ihm egal. „Ich gehe den Weg, den<br />

ich für richtig halte“, sagt Khorchide. „Ich<br />

suche nicht nach Wählern und Macht. Ich<br />

suche nur nach Gott.“<br />

Jan Kuhlmann<br />

schreibt für Zeitungen und<br />

Hörfunk vor allem über die<br />

Themen Islam, Integration und<br />

arabisch-islamische Welt<br />

Fotos: Holde Schneider/Visum, Privat (Autor)<br />

32 <strong>Cicero</strong> 8.2013


Seine Großmutter lehrte ihn:<br />

Gott schaut nicht auf die<br />

Fassade, sondern ins Herz<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 33


| B e r l i n e r R e p u b l i k<br />

Lausitzer kronprinz<br />

Auf Innenminister Dietmar Woidke läuft die Nachfolge von Ministerpräsident Matthias Platzeck zu<br />

von Ulrich thiessen<br />

V<br />

on seinem Schreibtisch in Potsdam<br />

blickt Dietmar Woidke jeden<br />

Tag auf ein wildes Naturschauspiel:<br />

Ein Motorboot stampft durch<br />

bewegte See, der Bug ragt steil aus dem<br />

Wasser hinaus, die Wellen sind riesig, und<br />

es sieht ganz so aus, als ginge das kleine<br />

Boot im nächsten Moment unter.<br />

Es ist zwar nur ein Bild an der Wand.<br />

Aber irgendwie passt es zu dem 51 Jahre<br />

alten Innenminister des Landes Brandenburg.<br />

Er hat es vor drei Jahren einem brandenburgischen<br />

Künstler abgekauft – aus einer<br />

Laune heraus. Vielleicht aber auch, weil<br />

ihn darin der symbolische Bezug zu seinem<br />

eigenen Leben berührte: 2010, als er das<br />

Kunstwerk erstand, hatte er gerade einen<br />

politischen Absturz hinter sich. Er war –<br />

bis dahin Umwelt- und Agrarminister –<br />

nach der Wahl im Herbst 2009 aus dem<br />

Kabinett des Ministerpräsidenten Matthias<br />

Platzeck geflogen und auf einer Hinterbank<br />

im brandenburgischen Parlament gelandet.<br />

Heute ist der Sozialdemokrat wieder<br />

obenauf. Und seit zu lesen war, dass<br />

Platzeck einen leichten Schlaganfall erlitten<br />

hat, ist er sogar als Kronprinz im Gespräch:<br />

Sollte sich bewahrheiten, dass der<br />

Ministerpräsident in absehbarer Zeit aufhören<br />

wird, liefe die Nachfolge auf Dietmar<br />

Woidke hinaus.<br />

Nicht etwa weil der als Politiker brillant,<br />

als Wahlkämpfer unentbehrlich oder<br />

als Chef einer Koalition mit besonderem<br />

Fingerspitzengefühl gesegnet wäre. Sondern<br />

weil die personelle Decke der brandenburgischen<br />

SPD – wie sich jetzt zeigt – derartig<br />

ausgedünnt ist, dass außer ihm kaum einer<br />

mehr infrage kommt. Alle früheren Hoffnungsträger<br />

wurden entweder als Minister<br />

abserviert, weggelobt oder mussten nach<br />

Skandalen zurücktreten. Zurück blieb eine<br />

eher blasse Mannschaft, aus der nur noch<br />

Woidke herausragt. Man traut ihm zu, in<br />

Platzecks Fußstapfen treten zu können.<br />

Der Mann aus Forst an der polnischen<br />

Grenze, im Jahr des Mauerbaus geboren<br />

und in der DDR aufgewachsen, hatte in<br />

den achtziger Jahren an der Berliner Humboldt-Universität<br />

Tierproduktion und Ernährungspsychologie<br />

studiert.<br />

Nach der Wende arbeitete er eine Zeit<br />

lang bei einem Futtermittelhersteller in<br />

Bayern. 1993 kehrte er in seine Heimat zurück,<br />

wurde Amtsleiter für Landwirtschaft<br />

in Forst und trat der SPD bei. Bereits ein<br />

Jahr später wurde er in den Landtag gewählt<br />

und zehn Jahre später zur allgemeinen<br />

Überraschung von Platzeck zum Minister<br />

für ländliche Entwicklung, Umwelt<br />

und Verbraucherschutz ernannt. 43 Jahre<br />

war er damals alt.<br />

Leutselig, offen und fast immer gut gelaunt<br />

bewegte er sich zwischen seiner bunten<br />

Klientel aus Förstern, Fischern, Bauern,<br />

Jägern und Naturschützern – immer<br />

einen lockeren Spruch auf den Lippen,<br />

gern in seinem Lausitzer Dialekt, einem<br />

zernuschelten Berlinerisch mit besonders<br />

breitem „O“. Weil er glaubte, das passe zu<br />

einem Landwirtschaftsminister, schaffte<br />

er sich sogar einen Jagdhund an und versuchte<br />

auch, die Jägerprüfung zu bestehen.<br />

Das ging allerdings schief. Als Woidke bei<br />

der Schießprüfung die vorbeiflitzenden<br />

Eber-Attrappen aus Pappe (Fachjargon:<br />

„Laufender Keiler“) treffen sollte, schoss er<br />

daneben, was aber seiner guten Laune keinen<br />

Abbruch tat. „Verdammt schnell, das<br />

Ding“, stellte er hinterher nur fest.<br />

Die launige Amtsführung vermieste<br />

ihm der Platzeck-Vertraute und damalige<br />

Finanzminister Rainer Speer. Der verlangte<br />

eine Forstreform, bei der mehr als<br />

ein Drittel der Stellen abzubauen waren.<br />

Lautstarke Demonstrationen vor dem<br />

Landtag waren die Folge. Woidke gelang<br />

es nicht, die Reform auf den Weg zu bringen.<br />

Ob dies den Ausschlag gab oder ob<br />

Regierungschef Platzeck 2009 beim Wechsel<br />

von Rot-Schwarz zu Rot-Rot die Ressorts<br />

Landwirtschaft und Verkehr, die viele<br />

Fördergelder aus Brüssel bekommen, neu<br />

ordnen und in SPD-Hand behalten wollte,<br />

ist schwer zu sagen. Jedenfalls wurde das<br />

Landwirtschafts- und Umweltressort zerschlagen,<br />

und für Woidke war im System<br />

Platzeck kein Platz mehr.<br />

Bald darauf allerdings war er – auch das<br />

gehört zu den wundersamen Fügungen seines<br />

politischen Lebens – Fraktionschef der<br />

SPD im Landtag und wieder ein Jahr später,<br />

nachdem sein Widersacher Speer wegen<br />

einer Affäre um nicht gezahlten Unterhalt<br />

zurücktreten musste, Innenminister<br />

in Potsdam. Sofort eckte er bei dem linken<br />

Koalitionspartner an, weil er tat, was keiner<br />

seiner Vorgänger je gewagt hatte: Er versuchte<br />

den immer wieder auftauchenden<br />

Stasi-Vorwürfen in den Reihen der Polizei<br />

auf den Grund zu gehen.<br />

Und er sammelte Punkte, als er einigermaßen<br />

geräuschlos die von seinem Vorgänger<br />

begonnene Polizeireform über die<br />

Bühne brachte. 1900 von 8900 Beamtenstellen<br />

sollten bis 2020 abgebaut werden.<br />

Der neue Minister bereiste die Polizeiwachen,<br />

stellte sich besorgten Bürgermeistern<br />

und brachte Kompromisse zustande,<br />

die zuvor unmöglich schienen. Ergebnis:<br />

Die Polizeistandorte werden erhalten, auch<br />

wenn die Wachen nicht mehr rund um die<br />

Uhr besetzt sein werden. Der angestrebte<br />

Personalabbau wurde etwas abgemildert<br />

und soll, abhängig von der Kriminalitätsentwicklung,<br />

später noch einmal hinterfragt<br />

werden. Es wurde sein Gesellenstück.<br />

Er wirkt heute nachdenklicher und<br />

überlegter als früher. Bei Bedarf verfällt er<br />

immer noch in seinen Dialekt, zum Beispiel,<br />

wenn er im Wahlkampf auf Leute<br />

zugeht. Über die Zeit nach Platzeck redet<br />

er nicht. Er ist loyal. Er hat Zeit. Und er<br />

weiß, dass nichts gefährlicher wäre, als jetzt<br />

ungeduldig zu werden.<br />

Ulrich Thiessen<br />

kennt als Korrespondent in<br />

Brandenburg den SPD-Politiker<br />

Woidke seit vielen Jahren<br />

Fotos: Patrick Pleul/Picture Alliance/DPA [M], privat (Autor)<br />

34 <strong>Cicero</strong> 8.2013


Über die Zeit nach Platzeck<br />

redet er nicht. Er ist loyal. Und<br />

er hat Zeit. Brandenburgs<br />

Innenminister Dietmar Woidke<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 35


| B e r l i n e r R e p u b l i k | F r e i e W ä h l e r<br />

Herr Aiwanger<br />

und seine Knechte<br />

Ein ehrgeiziger Parteichef treibt die Freien Wähler Richtung Bundestag. Ein Niedersachse<br />

und ein Adenauer-Enkel sollen den Weg bereiten. Doch gewonnen hat nach einem Jahr<br />

nur einer, zwei fühlen sich verschaukelt. Eine Chronik enttäuschter Hoffnungen<br />

von Constantin Magnis<br />

36 <strong>Cicero</strong> 8.2013


Machtfaktor in Bayern:<br />

Hubert Aiwanger im Herbst<br />

2012 im fränkischen Roth<br />

Torsten Jung sagt: „Gurkentruppe“.<br />

Als hätte er nicht dazugehört. Als<br />

wäre Jung, 50, nicht Spitzenkandidat<br />

der Freien Wähler in Niedersachsen gewesen.<br />

Er redet über die Partei, die er im<br />

April 2013 verlassen hat. Die können ihm<br />

alle gestohlen bleiben. Genau wie der Hubert,<br />

der Parteichef, dem offenbar alles, was<br />

hier läuft, scheißegal ist. Und Leute wie er,<br />

Jung, haben sich dafür verheizen lassen. Er<br />

sitzt in seinem Garten bei Hannover, es ist<br />

wieder Sommer. So wie vergangenes Jahr,<br />

als alles anfing. Als er noch vom Landtag<br />

träumte, sogar vom Bundestag. Pah, Bundestag!<br />

Das können die ohne den Werhahn<br />

eh vergessen.<br />

Stephan Werhahn, 60, ist abgetaucht,<br />

nach neun Monaten als Spitzenkandidat<br />

der Bundespartei einfach von der Bildfläche<br />

verschwunden. Wir finden ihn in der<br />

Lobby eines großen Hotels. Er zückt sein<br />

Notizbuch. Minutiös hat er dort die Ereignisse<br />

festgehalten, eine Chronik enttäuschter<br />

Hoffnungen, er hält sie hoch, wie zur<br />

Verteidigung. Er ist erschöpft davon, sich<br />

rechtfertigen zu müssen. Die Monate als<br />

Kronprinz der Partei haben ihn nicht nur<br />

Nerven gekostet. Flüge, Hotels, Mitarbeiter,<br />

alles aus eigener Kasse, er schätzt die<br />

Kosten auf rund 30 000 Euro. Addiert er,<br />

was er in der Zeit hätte verdienen können,<br />

kommt er auf eine Viertelmillion. War es<br />

das wert? So wie die Dinge zuletzt gelaufen<br />

sind? Er grinst grimmig.<br />

Nur Hubert Aiwanger, 42, ist, das muss<br />

er sagen, zufrieden mit der Gesamtsituation.<br />

Der Parteivorsitzende, ein Landwirt<br />

aus Niederbayern, spitzt beschwichtigend<br />

die Lippen. Er hält Hof im Café Einstein<br />

in Berlin. Gerade verlässt der Herr von der<br />

FAZ seinen Tisch, der Kollege vom Tagesspiegel<br />

wartet schon. Alle fragen dasselbe:<br />

Wie bitte soll es jetzt weitergehen, mit der<br />

Partei? „Wir befinden uns“, sagt Aiwanger,<br />

„nicht in einer Krise, sondern in einem<br />

Wachstumsprozess. Dass da Leute kommen<br />

und gehen“, erklärt er, „ist so normal wie<br />

das Amen in der Kirche.“<br />

Dabei ist wenig normal an der Geschichte,<br />

die sich mit und zwischen diesen<br />

drei Männern abgespielt hat.<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 37


| B e r l i n e r R e p u b l i k | F r e i e W ä h l e r<br />

Entsandt von Hubert Aiwanger, dem<br />

Feldherrn aus Bayern, sollten Jung, der<br />

Truppenführer in Niedersachsen, und<br />

Werhahn, der Fahnenträger im Bund, den<br />

Weg bereiten für den Aufstieg der regional<br />

zumindest in Bayern erfolgreichen Freien<br />

Wähler in den Bundestag. 2012 sah es für<br />

einen Moment so aus, als könnten die FW<br />

mit ihrem neuen Image als Euro-Rettungskritiker<br />

zu der bürgerlichen Protestpartei<br />

werden, auf die Konservative so lange gehofft<br />

hatten.<br />

Ein Jahr später lässt sich zumindest sagen,<br />

dass Aiwanger seine Macht in Bayern<br />

gefestigt hat. Mit Umfragewerten von<br />

10 Prozent hat er beste Chancen, bei der<br />

bevorstehenden Landtagswahl wieder drittstärkste<br />

Kraft und Horst Seehofers CSU<br />

gefährlich zu werden. Der Aufstieg in die<br />

Bundesliga dagegen ist bisher spektakulär<br />

missglückt – und gipfelte in der unfreiwilligen<br />

Geburtshilfe für die „Alternative für<br />

Deutschland“, der AfD.<br />

War das Stück der drei Herren auf dem<br />

Spielplan der Republik nun ein Drama?<br />

Eine Tragödie? Eine Posse? Jung, Werhahn<br />

und Aiwanger. Wer diese drei Akteure<br />

über viele Monate begleitet und beobachtet,<br />

kann Erstaunliches lernen über<br />

die Schwierigkeit, eine politische Kraft zu<br />

etablieren – aber auch über Männerbündnisse<br />

und ihre Vergänglichkeit.<br />

Rahstorf, Niederbayern,<br />

Sommer 2012<br />

Ein BMW saust durch die Provinz,<br />

auf dem Beifahrersitz Hubert Aiwanger,<br />

auf dem Weg zu seinem Bauernhof. Maisfelder,<br />

ein Bächlein: Jetzt, sagt er, befahren<br />

wir sein Land. 24 Hektar, alles in seiner<br />

Hand. Da, er zeigt aus dem Fenster:<br />

Die Weidenbäume hat er als Bub gepflanzt,<br />

und dort, am Feld, das ist sein Jagdhochsitz.<br />

Die Gebäude sind schmucklos und funktional,<br />

die Hofflächen asphaltiert. Aiwanger<br />

hat hier alles selbst gemacht: die Ställe gebaut,<br />

betoniert, gefliest. Der einzige Fachmann,<br />

den er von außen auf den Hof holte,<br />

war ein Elektriker. Den brauchte er, um die<br />

Maschinen anzuschließen.<br />

Das Futter für das Vieh produziert das<br />

Land, Aiwanger ist autark. Die Kälber brüllen,<br />

als er den Stall betritt, die Schweine<br />

furzen. Er schreitet mit prüfendem Blick<br />

die Gitter ab. Zum Füttern braucht er keinen<br />

Knecht, das macht ein Automat. Und<br />

für die Befruchtung der Sauen braucht er<br />

In Niedersachsen<br />

läuft es<br />

nicht optimal,<br />

sagt Torsten<br />

Jung. Er kriegt<br />

keine Presse,<br />

keine Aufmerksamkeit,<br />

keine<br />

Spenden. Dafür<br />

aber am Tag 100<br />

unkoordinierte<br />

Mails von<br />

Parteifreunden,<br />

die irgendwas<br />

wollen<br />

keinen Eber, das macht er mit der großen<br />

Plastiktube mit dem verdünnten Ebersperma<br />

selber. „Der Hauptvorteil am Bauersein<br />

ist, mein eigener Herr zu sein“, sagt<br />

Aiwanger. Er setzt sich und lehnt sich zurück.<br />

Bauernhof: Passt alles. Partei: Passt<br />

auch alles. Besonders jetzt, wo der Werhahn<br />

im Boot ist. „Ich hab schnell erkannt,<br />

dass der uns viel bringen kann“, sagt Aiwanger.<br />

„Er hat diese vornehme Zurückhaltung,<br />

und auf Kritik reagiert er sofort, insofern<br />

find i des ganz angenehm mit ihm.“<br />

München,<br />

Sommer 2012<br />

Stephan Werhahn lässt vor Aufregung<br />

seinen Rinderbraten kalt werden.<br />

Er hat ein neues Kapitel in seinem Leben<br />

aufgeschlagen. Er, Enkel Konrad Adenauers,<br />

seit drei Jahrzehnten in der freien Wirtschaft,<br />

ist nach 40 Jahren aus der CDU<br />

ausgetreten, um bei den Freien Wählern<br />

neu anzufangen. Aus Protest gegen Merkels<br />

Europolitik, vor allem aber: um Politiker<br />

zu werden. Wie sein Großvater, der<br />

seinen riesigen Schatten immer schon vorauswirft.<br />

Der elegant gekleidete Werhahn<br />

verkörpert alles, was Aiwanger nicht<br />

ist. Ihn umweht ein Hauch von Elite. Sein<br />

Studium in Washington und eine internationale<br />

Karriere als Banker, Manager und<br />

Berater haben den Juristen zum Kosmopoliten<br />

und Finanzexperten gemacht. Das legitimiert<br />

seine Eurokritik und damit den<br />

Kurs der Partei. Werhahn ist das prominente<br />

Gesicht, mit dem die Bayern sich in<br />

Berlin sehen lassen können. Die FW sind<br />

Werhahns Chance, neben Adenauers Fußstapfen<br />

endlich die eigenen zu setzen.<br />

Hannover,<br />

Sommer 2012<br />

Torsten Jung hupt zur Begrüßung.<br />

Ins Fenster seines roten Minis hat er ein<br />

Blatt mit dem Aufdruck „Freie Wähler –<br />

Landtagswahl 2013 – Wir sind dabei!“ befestigt.<br />

Igelfrisur, Lederkette, Händedruck<br />

wie eine Stahlpresse: Der Ex-Soldat betreibt<br />

einen Internetshop, ist 2009 aus der<br />

CDU aus- und bei den FW eingetreten, er<br />

ist Regionsabgeordneter und soll Spitzenkandidat<br />

für die Wahlen im Januar werden,<br />

das „Frontschwein für Niedersachsen“, wie<br />

er sagt. Er führt auf die Terrasse seines Reihenhauses.<br />

„Wenn wir hier nicht mindestens<br />

über 3 Prozent kommen, kriegen wir<br />

nie den Hype, den wir im Bund brauchen“,<br />

38 <strong>Cicero</strong> 8.2013


sagt Jung. „Und ich habe den absoluten<br />

Anspruch, die zu kriegen.“ Er schüttelt die<br />

Faust mit energischem Pathos. „Noch besser<br />

natürlich 5 Prozent!“<br />

Fotos: Daniel Karmann/Picture Alliance/DPA (Seiten 36 bis 37), Silke Kirchhoff für <strong>Cicero</strong>, Daniel Peter/DDP Images/DAPD<br />

Stephan Werhahn, Hubert Aiwanger und Torsten Jung am Wahlabend in Niedersachsen.<br />

„Wenn wir immer noch bei 2 Prozent wären, das wäre eine Katastrophe“<br />

Freie-Wähler-Versammlung im Sommer 2012. Damals hofften die Konservativen,<br />

dass hier eine neue Protestpartei für den Bund entsteht<br />

Ronnenberg, Niedersachsen,<br />

September 2012<br />

Auf der heutigen Landesmitgliederversammlung<br />

soll Jung zum Spitzenkandidaten<br />

gekürt werden. Er trägt seinen guten<br />

Anzug und die feierlich-nervöse Miene eines<br />

Kommunionskindes. Aufgekratzt geht<br />

Jung auf und ab. „Nee, bisschen fickerig<br />

bin ich schon“, sagt er. Ein Kollege klopft<br />

ihm auf die Schulter: „Wird schon, Torsten,<br />

wird schon.“ Neben 140 Freien Wählern<br />

aus Niedersachsen wird auch der Parteichef<br />

erwartet. „Sei mir gegrüßt“, sagt Aiwanger,<br />

als er kommt. Nach einer Grundsatzrede<br />

adressiert er seinen Hoffnungsträger:<br />

„Ich will Torsten Jung nicht über Gebühr<br />

herausheben, es gibt sicher viele hier, die<br />

Ähnliches aufzuweisen haben. Ich will nur<br />

sagen, ich könnte gut mit ihm zusammenarbeiten,<br />

könnte das natürlich auch mit jedem<br />

anderen, aber Sie entscheiden.“ Ob<br />

das eine Empfehlung war, weiß niemand so<br />

recht. Trotzdem wird Jung von 91 Mitgliedern<br />

gewählt. Auf Listenplatz drei landet<br />

ein schmächtiger Professor namens Bernd<br />

Lucke. „Hat doch alles super geklappt“,<br />

sagt Jung mit betonter Lässigkeit.<br />

Abensberg, Niederbayern,<br />

September 2012<br />

Vor dem Riesenrad steht Werhahn<br />

mit seiner Sprecherin Sabina Metternich.<br />

Er trägt eine Trachtenweste, sie eine Lederhose,<br />

beide wirken etwas verkleidet.<br />

Hier findet heute der traditionelle politische<br />

Frühschoppen vom Volksfest Gillamoos<br />

statt, Werhahn soll eine Rede halten.<br />

Immer wieder checkt er seinen Notizzettel.<br />

Metternich zupft ihn am Wams, hier,<br />

der Knopf muss zu, und da guckt noch<br />

ein Faden raus, er erträgt es widerwillig.<br />

„Sei mir gegrüßt“, sagt Aiwanger, als<br />

er kommt. Die Freien Wähler marschieren,<br />

angeführt von einer Blaskapelle, ins<br />

Feststadel ein, Aiwanger und Werhahn an<br />

der Spitze. Bums, Bums, Humptata, der<br />

Rheinländer hebt zum Takt die Knie. Auf<br />

der Stadelbühne stehen die beiden nebeneinander,<br />

die Kapelle spielt weiter. Aiwanger<br />

winkt den Arm im Rhythmus und strahlt,<br />

Werhahn lässt ihn lieber locker schwingen,<br />

schnippst mit dem Finger und dreht dafür<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 39


| B e r l i n e r R e p u b l i k | F r e i e W ä h l e r<br />

lächelnd den Kopf hin und her. Und wie<br />

sie sich da so anblicken, Werhahn schwingend,<br />

Aiwanger winkend, wirkt es für einen<br />

kurzen, grotesken Moment so, als würden<br />

sie verliebt miteinander tanzen, der Finanzexperte<br />

von Welt und der Bauer aus Bayern.<br />

Werhahn schlägt in seiner Rede einen<br />

komplexen, sachlichen Bogen von Adenauer<br />

über den Aufbau der EU hin zu<br />

Triple-A-Ratings und spanischen Immobilien.<br />

Die Gamsbarthutträger klatschen höflich.<br />

Dann folgt Aiwanger. Er beginnt seine<br />

Sätze auf normaler Lautstärke und steigert<br />

sie, bis er praktisch brüllt. Mit hochgekrempelten<br />

Ärmeln und rotem Kopf hält<br />

er eine Wutrede gegen die Regierungspolitik,<br />

nennt Merkel ein „altes Schlachtross“<br />

und verpasst der CSU einen „Tritt in den<br />

Hintern“, das Stadel kreischt vor Vergnügen.<br />

Im Rausch seiner Rede gießt Aiwanger<br />

dem Trompeter das Wasserglas übers<br />

Notenblatt, er redet sich 53 Minuten lang<br />

in Rage, eine Rampensau in heiligem Zorn.<br />

Als er fertig ist, trällern seine Anhänger wie<br />

ein Indianerstamm, er steigt von der Bühne<br />

zu ihnen herunter wie ein Boxer nach dem<br />

Kampf. Sie werfen sich ihm an die Brust,<br />

er greift ihnen in die Specknacken, sie umschlingen<br />

sein durchgeschwitztes Hemd.<br />

Werhahn sitzt am Biertisch und nippt an<br />

seinem Radler.<br />

Hannover,<br />

Oktober 2012<br />

In Niedersachsen läuft es nicht optimal,<br />

sagt Torsten Jung. Er kriegt keine<br />

Presse, keine Aufmerksamkeit, keine<br />

Spenden. Dafür aber am Tag 100 unkoordinierte<br />

Mails von Parteifreunden, die<br />

irgendwas wollen. Weil ihm weder Landesvorstand<br />

noch Bundespartei so richtig<br />

helfen, muss er sich um alles selber kümmern,<br />

Plakate, Veranstaltungen, Werbeclip.<br />

Außerdem sucht er noch ein gutes Wahlkampfthema.<br />

Bernd Lucke sagt immer, sie<br />

sollen nur den ESM nehmen. Dafür hat<br />

Lucke sogar selbst einen Flyer gebastelt.<br />

„Der hat total viel Text“, sagt Jung. „Wer<br />

will denn so was lesen?“<br />

Wolfsburg,<br />

Oktober 2012<br />

Die Autostadt wimmelt von<br />

Freien Wählern. Die heutige Bundesmitgliederversammlung<br />

soll Grundsatzprogramm<br />

und Spitzenkandidat absegnen.<br />

Bis in die Nacht hat Aiwanger gestern die<br />

Hubert Aiwanger auf seinem Hof in Rahstorf in Niederbayern. „Der<br />

Hauptvorteil am Bauersein ist, mein eigener Herr zu sein“<br />

Foto: Imago<br />

40 <strong>Cicero</strong> 8.2013


Mehrheiten für den Mann seiner Wahl gesichert.<br />

Der Rheinländer sitzt hinten im<br />

Saal und presst angespannt die Fingerspitzen<br />

aneinander. Auf der Bühne steht ein<br />

Stuhl ohne Namensschild: der Vizethron<br />

der Partei. Als Werhahn aufgerufen wird,<br />

schreitet er würdevoll nach vorne, hält<br />

mit kaum merklich zitternder Hand eine<br />

nüchterne Bewerbungsrede, schreitet würdevoll<br />

zurück. „Das ist eine Person, die wir<br />

getrost ins Rennen um ihre Gunst schicken<br />

können“, lobt Aiwanger. Werhahn<br />

wird mit einer Gegenstimme gewählt. Der<br />

Landesvorstand hängt ein Schild mit seinem<br />

Namen an den leeren Stuhl. Werhahn<br />

nimmt darauf Platz und schaut sehr staatstragend.<br />

Unter ihm bilden die Mitglieder<br />

eine Schlange, um dem neuen Kronprinzen<br />

die Hand zu schütteln. Und für ein gemeinsames<br />

Foto natürlich.<br />

Berlin,<br />

November 2012<br />

Flughafen Tegel, erster Schnee,<br />

Werhahn kommt mit Spitzhut aus der<br />

Schiebetüre. Er ist beim mexikanischen<br />

Botschafter eingeladen, und auch sonst ist<br />

sein Kalender voll: Besuche bei Ortsverbänden,<br />

Pressetermine, Fundraisingtreffen,<br />

und dann arbeitet er mit einer Ghostwriterin<br />

noch an einem Buch über sein Leben,<br />

für alle Fälle. Das Taxi hält am Tiergarten,<br />

es ist stockfinster. Die Botschaft liegt auf<br />

der anderen Parkseite, dafür muss er den<br />

Rollkoffer nur ein bisschen durch den Kies<br />

ziehen. Sein wahres Ziel, der Bundestag,<br />

eines Tages vielleicht sogar das Finanzministerium,<br />

liegt nicht viel weiter. Wie er<br />

da hinkommen soll, weiß er noch nicht.<br />

Langsam muss sich der Schlauch für diese<br />

unorganisierte Partei mal lohnen, sagt er.<br />

Aber noch immer werden die FW in keiner<br />

Umfrage aufgeführt. „Das ist für mich<br />

der größte Frust“, sagt er. „Wenn wir immer<br />

noch bei 2 Prozent wären, das wäre<br />

eine Katastrophe. Wir müssen bei 3 oder<br />

4 sein. Aber: I don’t have the proof.“ Von<br />

den Bäumen tropft es kalt.<br />

Hannover,<br />

Dezember 2012<br />

Torsten Jung geht auf dem Zahnfleisch.<br />

Die Presse schweigt ihn tot, wegen<br />

des Euro-Themas, glaubt er, das ist<br />

denen zu heikel. In der Partei herrscht<br />

das Chaos, der Wahlkampf, sagt er, überfordere<br />

sie total. Und noch immer keine<br />

Bernd Lucke<br />

zieht eine<br />

Bilanz des<br />

Wahlkampfs:<br />

Katastrophal,<br />

in fast allen<br />

Bereichen hätten<br />

die Freien<br />

Wähler versagt,<br />

Aiwanger hätte<br />

es gleichgültig<br />

plätschern<br />

lassen. Die<br />

Konsequenz:<br />

Lucke und seine<br />

Truppen<br />

machen nun<br />

ihr eigenes<br />

Ding<br />

Umfrageergebnisse: „Zwischen 2 und<br />

6 Prozent ist alles drin“, glaubt er. Was es<br />

jetzt gibt, immerhin, ist ein Video: Eine<br />

Windmaschine bläst der Kandidatin Jessica<br />

sinnlich durchs Haar, und Bernd Lucke<br />

sagt empörte Dinge zur Euro-Rettung.<br />

Aber Jung schläft nicht mehr richtig. Er<br />

wird nachts wach, weil ihm einfällt, was<br />

noch organisiert werden muss, und kriegt<br />

bis morgens kein Auge mehr zu. Vor einem<br />

geplanten Treffen textet er: „Sorry, war alles<br />

ein bisschen viel! Liege platt im Bett und<br />

muss leider für heute absagen!“<br />

Hannover,<br />

Januar 2013<br />

Aiwanger kommt mit dem ICE<br />

aus München: Wahlkampfinspektion. „Sei<br />

mir gegrüßt“, sagt er und zwängt sich in<br />

Jungs Mini. Sie kurven durch die Stadt,<br />

Hannover ist komplett schwarz, rot, grün<br />

und gelb plakatiert. „Der Rösler hängt hier<br />

überall“, bemängelt Aiwanger. „Aber hier“,<br />

weist Jung ihn auf ein winziges, orangenes<br />

Plakat hin, „hängt unsere Kandidatin<br />

Jessica! Und da hängt unser Professor“,<br />

er zeigt auf ein Bernd-Lucke-Plakat.<br />

„Das wird noch“, verspricht Jung. „Morgen<br />

montiere ich noch mal 200 Plakate. Dann<br />

habe ich als Spitzenkandidat 1050 Plakate<br />

aufgehängt. Und zwar alleine!“ Aiwanger<br />

nickt abwesend. „Das wird hier alles<br />

orange“, sagt Jung. „Das ballert voll rein!“<br />

An strategischen Punkten werden Flyer verteilt:<br />

Am Edeka in Ronnenberg oder beim<br />

Rossmann in Barsinghausen. Die frierenden<br />

Wahlhelfer vor dem Supermarkt in<br />

Empelde wirken etwas unmotiviert, Aiwanger<br />

verteilt deshalb selbst Flyer an die<br />

Einkäufer. „Hier hams an Flyer von den<br />

Freien Wählern“, ruft er einer Rentnerin<br />

zu. Sie schaut verängstigt. „Wir sind gegen<br />

diese Rettungsschirme“, erklärt Aiwanger.<br />

„Ah!“, sagt sie und greift zu. Dann klemmt<br />

er den parkenden Autos routiniert Flugblätter<br />

unter die Scheibenwischer, gibt<br />

den Männern Wahlkampftipps und verbeugt<br />

sich zum Abschied mit ausgebreiteten<br />

Armen, wie ein Zauberer nach seiner<br />

Vorstellung.<br />

Hannover am Wahltag,<br />

Januar 2013<br />

„Privatparty“ steht an der Tür zum<br />

Irish Pub vor dem Landtag, aber die Stimmung<br />

bei den Freien Wählern drinnen ist<br />

so mittel. Heute Abend wird das kollektive<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 41


| B e r l i n e r R e p u b l i k | F r e i e W ä h l e r<br />

Urteil über sie alle fallen. Niemand ahnt,<br />

wo sie stehen. Werhahn und Jung blicken<br />

auf die Leinwand wie auf ein Schafott.<br />

„Wir brauchen diese scheiß 3 Prozent“, sagt<br />

Jung. „Die brauchen wir einfach.“ Hinter<br />

ihm brummt es: „Ich grüße dich.“ Der<br />

Parteichef ist da. Erste ARD-Hochrechnung,<br />

schwarze, rote, grüne, nirgendwo<br />

ein Hinweis auf die Existenz der FW. Die<br />

sind unter „Andere“ aufgeführt. Und die<br />

haben zusammen, erscheint nun: 2,5 Prozent.<br />

Aus Jungs Gesicht entweicht alles Leben.<br />

„Wir machen auf jeden Fall weiter“,<br />

sagt ein Kollege. „Auf jeden Fall“, sagt Jung,<br />

und verschwindet um die Ecke. Kurz darauf<br />

kommt er strahlend zurück: „Leute, im<br />

ZDF drüben haben die ,Anderen‘ 4 Prozent!“<br />

Alles versammelt sich um den tröstlichen<br />

zweiten Bildschirm.<br />

Aiwanger bestellt sich gemütlich eine<br />

Pizza. Aber Jung und Werhahn wollen es<br />

genau wissen. Sie marschieren ins Landtagsgebäude<br />

gegenüber. Es wimmelt vor<br />

Kameras und Mikros, an jeder Ecke werden<br />

O-Töne von Politikern aller Parteien eingeholt,<br />

nur die Freien Wähler fragt niemand<br />

etwas. Unerkannt schleichen sie durch die<br />

Gänge. Der SPD-Kandidat Stephan Weil<br />

kommt ihnen mit einem Pulk von Journalisten<br />

entgegen, Werhahn und Jung werden<br />

unsanft zur Seite gedrückt. Schließlich finden<br />

sie den Infostand. „Haben Sie schon<br />

Zahlen für die Freien Wähler? Irgendwas?“,<br />

fragt Werhahn die Dame. „Für wen?“ Er<br />

beugt sich vor: „Die Freien Wähler!“ Sie<br />

sucht. Nichts. Entnervt gehen sie zurück<br />

ins Pub. Dort klingelt Aiwangers Telefon.<br />

Er geht ran, schweigt, nickt. Wahlergebnis<br />

Freie Wähler: 1,1 Prozent. „Also“, sagt Aiwanger<br />

zufrieden, „da muss ich sagen, des<br />

posst! Darauf kann man aufbauen, das hat<br />

ganz klar Potenzial!“ Werhahn wirkt durchsichtig<br />

und sagt gar nichts mehr. Torsten<br />

Jung geht allein eine rauchen. Es schneit.<br />

Berlin,<br />

März 2013<br />

Auf einer Pressekonferenz sonnt sich<br />

der schmächtige Professor Lucke von Listenplatz<br />

drei triumphierend im Blitzlicht<br />

der Kameras. Er hat eine neue Partei gegründet,<br />

die „Alternative für Deutschland“.<br />

Das befürchten Werhahn und Jung schon<br />

seit dem Wahltag. Lucke hatte beide noch<br />

vor Stimmauszählung einberufen, um eine<br />

Bilanz des Wahlkampfs zu ziehen: Katastrophal,<br />

in fast allen Bereichen hätten die<br />

Aiwanger ist<br />

trotz der Austrittslawine<br />

vergnügt. „Da<br />

trennt sich<br />

eben die Spreu<br />

vom Weizen“,<br />

sagt er. „Die<br />

waren sowieso<br />

nie mit dem<br />

Herzen bei uns“<br />

FW versagt, Aiwanger hätte es gleichgültig<br />

plätschern lassen. Die Konsequenz: Lucke<br />

und seine Truppen machen nun ihr eigenes<br />

Ding.<br />

Für Werhahn platzt mit dem Zersplittern<br />

der Eurokritiker der Traum vom Bundestag.<br />

Er versucht erfolglos, Aiwanger zur<br />

Kooperation mit der AfD zu bewegen. Der<br />

hat keine Lust. Und Werhahn dämmert ein<br />

Verdacht: Die FW sind im Bund nicht<br />

nur völlig kampagnenunfähig, der Bundestag<br />

ist Aiwanger egal. Niedersachsen,<br />

der Bundestagswahlkampf: alles nur Feuerwerk,<br />

Wichtigmache, pompöse Kulisse<br />

für den Krieg des Parteichefs um die Macht<br />

in Bayern. Und Werhahn: für Aiwanger lediglich<br />

der Elektriker an dessen Hof. Der<br />

nötige Handwerker, um die Bauernschläue<br />

an die großen Themen der Finanzwelt anzuschließen.<br />

Ende März weiß Werhahn,<br />

dass er gehen wird. Nicht zur AfD, die<br />

ist ihm zu konspirativ. Stattdessen besinnt<br />

er sich seiner CDU-Kontakte. Die Politikerkarriere<br />

will er schließlich immer noch.<br />

Am 26. März trifft er deshalb in Stuttgart<br />

den Landeschef Thomas Strobl und den<br />

Abgeordneten Christian von Stetten und<br />

unterschreibt vor ihren Augen einen Mitgliedsantrag.<br />

Erst am nächsten Tag schickt<br />

er eine Mail an Aiwanger und die Parteiführung.<br />

Betreff: „Rücktritt und Austritt“.<br />

Ronnenberg, Niedersachsen,<br />

April 2013<br />

Und das ist erst der Anfang. Auch<br />

Torsten Jung schickt Aiwanger und dem<br />

Vorstand eine Mail. Betreff: „Auf Wiedersehen“.<br />

Er wirft der Parteispitze vor,<br />

es nicht auf langfristige, politische Ziele,<br />

sondern nur das Geld der Wahlkampfkostenrückerstattung<br />

abgesehen zu haben. Er<br />

und 19 seiner FW-Freunde verlassen die<br />

Bundespartei. Und nicht nur die. Auch der<br />

Vorstand im Saarland tritt aus. Aiwanger sei<br />

„diktatorisch“ und kümmere sich nur um<br />

Bayern. In Berlin läuft der dortige Vorsitzende<br />

mit einem Großteil des Landesverbands<br />

zur AfD über. Die Vorsitzenden in<br />

Hamburg und Baden-Württemberg tun es<br />

ihm gleich. Anfang Mai folgt die gesamte<br />

Frankfurter Stadtratsfraktion. Bundesweite<br />

Umfragen sehen die Freien Wähler<br />

bei 2 Prozent. Die Partei liegt in Scherben.<br />

Berlin,<br />

Mai 2013<br />

Aiwanger spaziert durchs Regierungsviertel,<br />

mit dem neuen Berliner Landesvorstand<br />

Christian Christiansen. Der<br />

ist gleichzeitig auch Presseoffizier und war<br />

vorher Werhahns Sprecher, aber immerhin<br />

sitzt in Berlin überhaupt noch einer.<br />

Aiwanger ist trotz der Austrittslawine vergnügt.<br />

„Da trennt sich eben die Spreu vom<br />

Weizen“, sagt er. „Die waren sowieso nie<br />

mit dem Herzen bei uns.“ Das alles mache<br />

die Partei nur stärker, erklärt er.<br />

Und Werhahn? Tja, wer kennt schon<br />

die wahren Gründe für dessen Fahnenflucht?<br />

Manche glauben ja, der sei von der<br />

CDU als Spion zu den FW geschickt worden,<br />

sagt Aiwanger. Er selbst glaubt eher,<br />

Werhahn habe Torschlusspanik bekommen.<br />

Na ja, jedenfalls gut, dass er weg ist. Zurück<br />

zum Tagesgeschäft: die Hauptstadtrepräsentanz<br />

und Wahlkampfzentrale der<br />

FW in Berlin. Die sieht Aiwanger heute<br />

zum ersten Mal. Eine kleine Altbauwohnung,<br />

an der Wand ein Poster der New Yorker<br />

Skyline. Am Computer sitzt ein langhaariger<br />

Praktikant. Aiwanger blickt aus<br />

dem Fenster in den Innenhof. „So“, sagt<br />

er, „passt doch alles!“<br />

42 <strong>Cicero</strong> 8.2013


F r a u F r i e d f r a g t s i c h …<br />

Illustration: Jan Rieckhoff; Foto: privat<br />

Hannover,<br />

Juni 2013<br />

Jungs Schritte hallen durch die<br />

Flure des Regionsgebäudes. Er ist dort<br />

noch immer Abgeordneter. Als parteiloser<br />

Freier Wähler hat er sich der CDU-Fraktion<br />

angeschlossen. Nur so hat er überhaupt<br />

ein Stimmrecht. Die CDU-Leute<br />

haben höhnisch gejohlt, als er nach der<br />

Wahl wieder im Büro auftauchte. Jung<br />

hat jetzt einen FW-Dachverband außerhalb<br />

der Bundespartei gegründet. Er hofft,<br />

in drei Jahren eine eigene Fraktion zusammenzuhaben.<br />

Die Bundespartei hat ihm<br />

die Zugänge zu allen Websites gesperrt.<br />

Die orangene Sonne der FW darf er nicht<br />

mehr verwenden. Dabei, findet Jung, sollten<br />

die froh sein, wenn er ihr Scheißlogo<br />

benutzt. Er guckt in den Besprechungsraum.<br />

„Moin, Moin!“, ruft er den CDU-<br />

Kollegen zu. Dann checkt er sein Postfach.<br />

Eines von 27.<br />

Berlin,<br />

Juni 2013<br />

Werhahn steht am Brandenburger<br />

Tor und blickt auf die Uhr. Er wartet<br />

auf den CDU-Abgeordneten Stefan<br />

Kaufmann. Werhahn hatte sich das mit<br />

der CDU anders vorgestellt. Er hatte gehofft,<br />

als Bundestagskandidat aufgestellt<br />

zu werden, von einem Listenplatz in Baden-Württemberg<br />

war die Rede. Aber daraus<br />

wurde irgendwie nichts. Er wurde bei<br />

Generalsekretär Hermann Gröhe vorstellig.<br />

Der hat ihm zwar das Adenauer-Bild über<br />

seinem Schreibtisch gezeigt, aber danach<br />

hat Werhahn nichts mehr von ihm gehört.<br />

Mit Annette Schavan hat er sich getroffen.<br />

Die hat sich dann auch nicht mehr<br />

so richtig gemeldet. Dabei hat er doch eigentlich<br />

eine gewisse Profilierung, findet<br />

er. Die CDU muss doch irgendwas daraus<br />

machen können, ihm irgendetwas bieten:<br />

eine Position, eine hervorgehobene Rolle.<br />

Eine Heimat! Da kommt endlich der Abgeordnete.<br />

Ob man sich nicht setzen wolle,<br />

fragt Werhahn.<br />

„Okay“, sagt Kaufmann, „aber ich hab<br />

nicht viel Zeit!“<br />

Constantin Magnis<br />

hat die Freien Wähler fast<br />

ein Jahr lang bei ihrem<br />

Aufstiegsversuch in die<br />

Bundespolitik begleitet<br />

… was aus ihren jungen<br />

Facebook-Freunden wurde<br />

A<br />

m Anfang war Facebook Balsam<br />

fürs Selbstbewusstsein: Täglich bekam<br />

ich Anfragen von Freunden<br />

meiner Kinder, die sich mit mir befreunden<br />

wollten. Hey, dachte ich, diese jungen Menschen<br />

finden dich so cool, dass sie mit dir vernetzt<br />

sein wollen, wie geil ist das denn? Ich<br />

gebe zu, ich war sehr stolz. Ich verfolgte ihre<br />

kryptischen Mitteilungen, die nicht selten<br />

unter dem Einfluss interessanter Substanzen<br />

entstanden zu sein schienen.<br />

Ich verteilte hie und da ein „Gefällt<br />

mir“ oder schrieb einen launigen<br />

Kommentar unter ein Party-Bild.<br />

Ich war berauscht von der generationenübergreifenden<br />

Solidarität<br />

mit Opfern von Massentierhaltung<br />

und Naturkatastrophen und der einhelligen<br />

Ablehnung von Karl-Theodor zu Guttenberg.<br />

Diese jungen Menschen und ich, wir waren uns wirklich nahe.<br />

Inzwischen hat meine Tochter mich entfreundet. Sie findet es peinlich, wie viel<br />

ich poste, was ich poste, ja: dass ich überhaupt poste. Sie (und mit ihr viele Gleichaltrige)<br />

ist endgenervt davon, dass wir Oldies ihr junges Facebook gekapert haben<br />

und nun mit unseren gesellschaftspolitischen Debatten und intellektuellen Spitzfindigkeiten<br />

zumüllen. Wie der Schriftsteller Peter Glaser, der ein Filmfestival mit<br />

„Wer Cannes, der Cannes“ kommentiert oder Drogen gendert: „Heute: Omium“.<br />

Dass der SPD-Kandidat Christian Nürnberger seinen Bundestagswahlkampf auf<br />

FB betreibt (und zur Aufmunterung gelegentlich ein Tierbild von mir erhält). Und<br />

dass der vegan lebende Antiquar und Kleinverleger Tobias W. Fotos seiner Frau, seiner<br />

Tattoos, seiner Katzen und seiner Abendmahlzeiten nebst Weinauswahl postet –<br />

gern mit dem Zusatz „100% bio#organic, wie immer“.<br />

„Ihr habt wohl alle kein Leben!“, lautet die jugendliche Standardantwort auf<br />

Fragen, was denn an solchen Mitteilungen schlechter sein solle als an ihren. Facebook,<br />

so wird man belehrt, sei nicht mehr das Medium, über das man Befindlichkeiten<br />

mitteile oder sich ernsthaft austausche. Jedenfalls nicht, wenn man cool sei.<br />

Man benutze FB höchstens noch als Mail-Programm, um Veranstaltungen zu organisieren<br />

oder um sich für Events zu verabreden. Wer heute noch Petitionsaufrufe<br />

für die Rettung der Wale oder die Abschaffung von Kinderarbeit poste oder<br />

sich mit ironischen Sprüchen profiliere, könne nur ein armer Nerd sein, der keine<br />

Freunde habe.<br />

Diese Diagnose schmerzt. Neben Tierbildern poste ich nämlich leidenschaftlich<br />

gern Petitionsaufrufe. Das gibt mir das angenehme Gefühl, politisch aktiv zu<br />

sein, ohne mich anstrengen zu müssen. Meine Ironiefähigkeit hat sich in den Jahren<br />

meiner Facebook-Aktivität bestimmt auch verbessert. Aber mein Coolness-Faktor<br />

ist definitiv im Eimer.<br />

Amelie Fried ist Fernsehmoderatorin und Bestsellerautorin. Für <strong>Cicero</strong> schreibt sie über<br />

Männer, Frauen und was das Leben sonst noch an Fragen aufwirft<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 43


| B e r l i n e r R e p u b l i k<br />

1<br />

2<br />

3<br />

4<br />

5 6 7<br />

8 9<br />

10 11 12<br />

Wahljahr 2013<br />

Der Countdown<br />

13 14 15 16<br />

Wen hätten Sie gern an der Macht? Bis zur Bundestagswahl lädt <strong>Cicero</strong><br />

Persönlichkeiten ein, sich eine Regierung zu wünschen. Diesmal ist die Schauspielerin<br />

Christiane Paul der Souverän. In ihrem Wunschkabinett gibt Rosa Luxemburg die<br />

Richtlinien der Politik vor. Pauls Lieblingsautorin Maxie Wander wäre Frauenministerin,<br />

Jürgen Trittin Finanzminister. Und ein neues Ressort wird auch noch eingerichtet<br />

Illustration: Jan Rieckhoff; Grafik: <strong>Cicero</strong>; Fotos: Picture Alliance/DPA (16), K. Karkow<br />

44 <strong>Cicero</strong> 8.2013


(1) Bundeskanzlerin<br />

Rosa Luxemburg. Diese Frau kämpfte<br />

für ihre Überzeugung und stand<br />

mit ihrem Leben für sie ein.<br />

(2) Chef des Bundeskanzleramts<br />

Frank-Walter Steinmeier. Das kann er. Er<br />

ist klar, strukturiert, sachlich, kompetent.<br />

(3) Auswärtiges<br />

Senta Berger. Wird mit Charme und ihrer<br />

Lebenserfahrung Deutschland würdig vertreten.<br />

(4) Innen<br />

Petra Müller, Geschäftsführerin der Filmund<br />

Medienstiftung NRW. Eine tolle Frau,<br />

die die Probleme mit Klugheit, Wärme,<br />

ihrem Politiksachverstand und ihrer<br />

Diplomatiefähigkeit zum Nutzen aller löst.<br />

(5) FINANZEN<br />

Jürgen Trittin. Ich bewundere seinen Mut,<br />

sich vor der Wahl mit Vorschlägen zum<br />

Klimaschutz und deren Kosten unbeliebt<br />

zu machen. Und ich würde gern sehen,<br />

wie er sie in den Haushaltsplan einbaut.<br />

(6) Arbeit und Soziales<br />

Gregor Gysi. Hier kann der so scharfsinnige<br />

Politiker endlich abstellen, was er<br />

seit Jahren nicht unberechtigterweise<br />

anprangert. Wenn er denn nicht<br />

gleich wieder aus dem Amt springt.<br />

(7) Verkehr, Bau, Stadtentwicklung<br />

Boris Palmer. Baut Tübingen um, soll<br />

Deutschland nachhaltig umbauen.<br />

(8) Verteidigung<br />

Heiner Geißler. Er schlichtet die<br />

schlimmsten Konflikte, bevor sie eskalieren.<br />

(9) Gesundheit<br />

Ignaz Philipp Semmelweis (1818‐1865).<br />

Der Gynäkologe führte – unter<br />

großen Anfeindungen – die ärztliche<br />

Desinfektion im Krankenhaus ein und<br />

senkte so die Sterblichkeitsrate bei an<br />

Kindbettfieber erkrankten Müttern<br />

immens. Eine kleine Sache als Hebel<br />

für große Veränderung entdecken und<br />

durchsetzen – solche Politiker brauchen wir.<br />

(10) Familie, Senioren, Frauen, Jugend<br />

Maxie Wander (1933-1977). Meine<br />

Lieblingsschriftstellerin. Hat mit<br />

„Guten Morgen, du Schöne“ tiefen<br />

Einblick und das Verständnis für die<br />

Nöte, Sorgen und Träume einer ganzen<br />

Generation von Frauen bewiesen.<br />

(11) Kultur und Medien<br />

Kirsten Harms, Regisseurin und<br />

ehemalige Intendantin der Deutschen<br />

Oper. War mutig genug, immer<br />

wieder Unpopuläres zu wagen.<br />

(12) Wirtschaft und Technologie<br />

Michael Braungart. Zeigt als Chemiker<br />

und Verfahrenstechniker mit Cradleto-Cradle<br />

neue Ansätze zum Umbau<br />

für eine nachhaltige Wirtschaft Hand<br />

in Hand mit modernen Technologien.<br />

(13) Landwirtschaft<br />

Prince Charles, setzt sich seit Jahrzehnten<br />

für Natur- und Klimaschutz, Regenwald<br />

und Artenvielfalt ein. Predigt nicht nur die<br />

ökologische Landwirtschaft, er wendet sie<br />

auf seinem Landsitz in Cornwall selbst an.<br />

(14) Umwelt<br />

Anders Levermann, junger, eloquenter<br />

Klimaforscher aus Potsdam, hat<br />

all die alarmierenden Fakten zur<br />

Klimaveränderung im Kopf und wird<br />

zur Vermeidung dieser das Ministerium<br />

mit den richtigen Zielvorgaben lenken.<br />

(15) Bildung und Forschung<br />

Lise Meitner (1878-1968), eine<br />

der ersten Frauen in der einst<br />

männerdominierten Physik, setzte sich<br />

über Konventionen und Bildungshoheiten<br />

hinweg. So eine Persönlichkeit täte<br />

dem angeschlagenen Ressort gut.<br />

(16) NACHHALTIGE ENTWICKLUNG<br />

UND NEUES DENKEN<br />

Harald Welzer. Liefert in diesem<br />

neu zu schaffenden Ressort Modelle<br />

für die notwendige Umgestaltung<br />

unserer Gesellschaft und lässt uns mit<br />

seinen Fragen und Denkanstößen<br />

einfach nicht zur Ruhe kommen.<br />

Christiane Paul, 39,<br />

geboren in Berlin-<br />

Pankow, wurde erst<br />

Ärztin und dann<br />

Schauspielerin. Jüngste<br />

Rollen in „Unsere<br />

Mütter, unsere Väter“ und „Das Adlon“. Buch:<br />

„Das Leben ist eine Öko-Baustelle“<br />

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© Foto Peter Sloterdijk: Axel Heiter; Martin Walser: Philippe MATSAS/Opale<br />

Mehr als schön<br />

ist nichts<br />

Zwei Meinungen über den<br />

Zustand der Welt.<br />

Das <strong>Cicero</strong>-Foyergespräch<br />

<strong>Cicero</strong>-Kolumnist Frank A. Meyer<br />

im Gespräch mit Peter Sloterdijk und<br />

Martin Walser.<br />

Sonntag, 29. September 2013, 11 Uhr<br />

Berliner Ensemble<br />

Bertolt-Brecht-Platz 1, 10117 Berlin<br />

Tickets: Telefon 030 28408155<br />

www.berliner-ensemble.de<br />

BERLINER<br />

ENSEMBLE<br />

29. 9. 2013:<br />

Peter Sloterdijk<br />

& Martin Walser<br />

im Gespräch mit<br />

Frank A. Meyer<br />

In Kooperation<br />

mit dem Berliner Ensemble<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 45


| B e r l i n e r R e p u b l i k | M e i n e S c h ü l e r i n<br />

„Sie war nicht politisch“<br />

Katrin Göring-Eckardts Deutschlehrerin Marion Merrbach, 63,<br />

war von der sprachlichen Begabung ihrer Schülerin beeindruckt<br />

Katrin habe ich als aufgeschlossenes, fröhliches<br />

Mädchen mit einem spitzbübischen Lachen in Erinnerung.<br />

Auf Schulveranstaltungen hat sie manchmal<br />

was vorgetanzt, ihr Vater hatte ja eine Tanzschule.<br />

Ich war in der elften und zwölften Klasse<br />

ihre Deutschlehrerin an der damaligen erweiterten<br />

Oberschule in Gotha. Katrin war in der sogenannten<br />

R-Klasse, die schon früh erweiterten Russisch-<br />

Unterricht bekam, das waren meistens sehr leistungsstarke Schüler.<br />

Sie war sehr kommunikativ, freundlich, aufgeschlossen, auch<br />

aktiv. Und sie hat auch manche Dinge kritisch hinterfragt, aber<br />

immer sachlich, und nicht so, dass man sagen müsste, sie wäre<br />

aufsässig. In Deutsch war sie sehr gut. Sie konnte formulieren und<br />

schrieb hervorragende Aufsätze. Die deutsche Sprache lag ihr eben,<br />

das merkt man ja heute noch, wenn sie Reden hält.<br />

Manchmal habe ich mit meinen Schülern auch über Politik gesprochen,<br />

das hat mir die eine oder andere Rüge vom Direktor eingebracht.<br />

Und in der FDJ war ich vor allem, weil man so als Lehrer<br />

auch kulturell etwas bewegen konnte. Aber die Mitgliedschaft war<br />

Wahljahr 2013<br />

Der Countdown<br />

wie ein Kostüm. Das zog man für die FDJ-Treffen<br />

an, und danach zog man es wieder aus. Dass Katrin<br />

in der FDJ war, sagt deshalb nichts über ihre politischen<br />

Überzeugungen aus. Man ging in die FDJ,<br />

weil man es musste, wenn man Abitur machen und<br />

studieren wollte. Das hieß aber noch lange nicht,<br />

dass man deshalb staatskonform war, und in dieser<br />

Hinsicht war Katrin nicht politisch oder ideologisch.<br />

Wenn ich in der Zeitung lese, wie zum Beispiel Angela<br />

Merkels DDR-Vergangenheit aufgebauscht wird, zeigt mir das<br />

nur, dass die meisten Journalisten sich nicht vorstellen können,<br />

wie die Verhältnisse bei uns früher waren. Vieles von damals hat<br />

Katrin bis heute beibehalten, zum Beispiel ihr besonders sicheres<br />

Auftreten, auch wenn sie als junges Mädchen natürlich ein bisschen<br />

unbekümmerter und offener war als heute. Als Politiker ist<br />

man wohl auch darauf bedacht, keine Angriffspunkte zu bieten.<br />

In der <strong>Cicero</strong>-Serie „Mein Schüler“ zur Bundestagswahl spürt<br />

Constantin Magnis Lehrer unserer Spitzenpolitiker auf<br />

„Aufgeschlossen, fröhlich und spitzbübisch“ – Katrin Göring-Eckardt (Kreis) in der EOS Gotha<br />

Foto: Privat; Grafik: <strong>Cicero</strong><br />

46 <strong>Cicero</strong> 8.2013


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und am 22. September die richtige Entscheidung<br />

treffen.<br />

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| B e r l i n e r R e p u b l i k | K o m m e n t a r<br />

Dieser „Verrat“ ist Bürgerpflicht<br />

Edward Snowden ist kein Held. Er hat nur die Internet-Stasi der<br />

USA entlarvt. Deshalb wurde er zum Staatsfeind Nummer eins<br />

Von Frank A. Meyer<br />

D<br />

as Dümmste zum US-Überwachungswahn ist nun gesagt.<br />

In der Bild-Zeitung. Formuliert von Julian Reichelt.<br />

„Snowden ist dafür verantwortlich, dass jeder<br />

Terrorist der Welt in den letzten Tagen sein Handy weggeworfen,<br />

seine E-Mail-Adresse abgeschaltet hat.“<br />

Der Bild-Reporter weiß sogar noch mehr: Snowden, der die<br />

globalisierte Ausforschung des Internets durch die Programme<br />

„Prism“ und „Tempora“ öffentlich gemacht hat, „ist ein Held für<br />

alle jene, die in Berlin, Madrid, London Busse in die Luft sprengen<br />

wollen“.<br />

Also ist Edward Snowden der weltweit effizienteste Sympathisant<br />

von Fundamentalisten und Terroristen. Wo immer künftig<br />

ein Anschlag gelingt, ist auch der amerikanische Ex-Geheimdienstler<br />

am Werk. Denn er hat die Täter gewarnt, er hat sie<br />

befreit von Überwachung und Ausforschung durch den amerikanischen<br />

Geheimdienst.<br />

Die USA haben ihn wieder, ihren Staatsfeind Nummer eins.<br />

Edward Snowden ist der Bin Laden des Internets.<br />

Ist der Ex-Geheimdienstler umgekehrt ein Held all der Bürger,<br />

die befreit sein wollen von Schnüffelei und Denunziation<br />

Illustration: Jan Rieckhoff<br />

48 <strong>Cicero</strong> 8.2013


Foto: Privat<br />

durch Laptop-Schlapphüte? Nein. Denn in einem demokratischen<br />

Rechtsstaat bedarf es keines Heldenmuts.<br />

Verstöße gegen den demokratischen Rechtsstaat aufzudecken,<br />

ist keine Heldentat.<br />

Edward Snowden ist kein Held.<br />

Er hat lediglich die als Terroristenabwehr getarnten Attacken<br />

der US-Geheimdienste auf den Rechtsstaat „verraten“<br />

und damit das getan, was eigentlich Bürgerpflicht sein müsste.<br />

Dazu gehört Zivilcourage, auch im so bewunderten Rechtsstaat<br />

USA.<br />

Doch wie selbstverständlich ist dieser demokratische Rechtsstaat<br />

noch? Die USA jagen ihren Bürger Snowden um die Welt.<br />

Sie erwogen sogar, Kampfjets aufsteigen zu lassen, um ein Flugzeug<br />

mit ihm an Bord abzufangen. Sie zwangen den bolivianischen<br />

Präsidenten zur Landung in Wien, weil sie Snowden in<br />

dessen Staatsmaschine vermuteten. Sie ließen ein Handelsabkommen<br />

mit Ecuador platzen, weil sich die kleine südamerikanische<br />

Nation dem unbotmäßigen US-Bürger gewogen zeigte.<br />

Sie setzen ihre europäischen Verbündeten unter Druck, um jedes<br />

Snowden-Asyl im EU-Raum zu verhindern.<br />

Edward Snowden soll zertreten werden – wo immer er auch<br />

ist. Oder er soll mundtot gemacht werden – in einer amerikanischen<br />

Gefängniszelle.<br />

All dies ist eines demokratischen Rechtsstaats unwürdig. Es<br />

ist ganz besonders unwürdig des mächtigsten aller demokratischen<br />

Rechtsstaaten.<br />

Denn darin besteht doch die rechtsstaatliche Reifeprüfung:<br />

dass Skandale möglich sind, weil sie aufgedeckt werden können.<br />

Und weil sie aufgedeckt werden. Zum Schrecken der Betroffenen,<br />

im vorliegenden Fall also zum Schrecken des Staates. Denn<br />

der Schrecken ist nötig, soll der Skandal durch Buße und Bewältigung<br />

zu Besserung führen.<br />

Skandale gehören zum Wesen von Demokratie und Rechtsstaat.<br />

Sie machen beides auf drastische, auf unangenehme Weise<br />

sichtbar. Sie stellen beides auf die Probe.<br />

Nur der demokratische Rechtsstaat kennt die Kultur und die<br />

Tradition der Skandale. In der Diktatur ist der einzige Skandal<br />

die Diktatur selbst.<br />

Dem Schrecken der US-Regierung über die befreiende Tat<br />

des Bürgers Snowden müsste ein Erschrecken über sich selbst innewohnen.<br />

Es müsste schlagartig bewusst machen, dass sich ganz<br />

Washington in Geiselhaft eines Überwachungsapparats befindet,<br />

dessen Marketing sich des pathetischen Begriffs „Homeland Security“<br />

bedient – Heimatschutz.<br />

Es ist der US-Stasi-Apparat, der inzwischen wie ein Krake<br />

über den gesamten Globus greift. Es sind die US-Mielkes, die<br />

ihn betreiben.<br />

Vertrauen in sie? Null!<br />

Aber darf man Mielkes Spitzelsystem mit einem westlichen<br />

Geheimdienst vergleichen? Verharmlost man damit nicht das<br />

DDR-Unrechtsregime? Man darf. Denn die handelnden Personen<br />

und Organisationen, die im Staatsauftrag mit denunziatorischer<br />

Absicht hinter Bürgerinnen und Bürgern herschnüffeln,<br />

ähneln sich in ihrer Mentalität und in ihren Methoden. Ob<br />

einst im Sowjet-beherrschten Osten oder heute in Putins Russland.<br />

Ob in den USA oder in der Schweiz oder in Deutschland.<br />

Ob im Einzelfall zu Recht oder im Massenfall zu Unrecht.<br />

Es bedarf solcher Männer und Frauen mit solchen Mielke-<br />

Eigenschaften für solches Stasi-Tun. Moralfrei und empathiefrei.<br />

In jedem System einsetzbar.<br />

All die Spitzel dieser Erde mit ihrem seltsam guten Gewissen<br />

können die Worte im Schlaf wiederholen, wie sie der einst<br />

allmächtige und dann bloßgestellte Stasi-Chef Erich Mielke am<br />

13. November 1989 in der DDR-Volkskammer ausrief: „Ich<br />

liebe – ich liebe doch alle – alle Menschen.“<br />

Heimatschutz ist Liebe! Militante Heimatliebe! Edward<br />

Snowden hat den liebenden amerikanischen Heimatschutz verraten.<br />

Was gibt es Schlimmeres als Liebesverrat?<br />

Die westlich zivilisierte Welt zappelt in einer teuflischen<br />

Falle: Sie will geschützt sein vor terroristischer Unbill. Ebenso<br />

will sie geschützt sein in ihrer westlichen Zivilisiertheit – als<br />

Welt des freien Bürgers, des Citoyens, der sich gegenüber dem<br />

Staat als Souverän betrachtet.<br />

Die Wahrheit ist: Die bewunderte Vormacht der zivilisierten<br />

westlichen Welt hat den totalen Verdacht über diese Welt verhängt.<br />

Einen Verdacht auf Vorrat, der sich speist aus der Interpretation<br />

von Daten und daraus ablesbaren Verhaltensmustern.<br />

Im Stern bringt es der Karikaturist Til Mette auf den Punkt:<br />

Zwei Polizisten erklären einer Frau unter deren Wohnungstür:<br />

„Wir haben einen Hinweis vom amerikanischen Department of<br />

Science Fiction. Sie werden in zwei Jahren zu einem Sicherheitsrisiko.<br />

Bitte kommen Sie mit.“<br />

Die USA und ihre Spießgesellen in den Hauptstädten der<br />

westlichen Welt haben den Bürgern das Vertrauen entzogen. Es<br />

ist die Umkehrung all dessen, was die Welt der Aufklärung und<br />

der Emanzipation, der Gewaltenteilung und der Demokratie,<br />

der Bürgerfreiheit und des Rechtsstaats ausmacht. Bertolt<br />

Brecht hat aus dem Aufstand der DDR-Bürger am 17. Juni 1953<br />

die inzwischen klassische Schlussfolgerung als Frage formuliert:<br />

Das Volk hat das Vertrauen der Regierung verscherzt, wäre es da<br />

nicht geboten, „die Regierung löste das Volk auf und wählte ein<br />

anderes?“<br />

Ja, vor dieser Wahl stehen die Bürger, die Citoyens der demokratischen<br />

Welt: Wollen sie einen Staat, in dem sich das Volk<br />

unter dem allwissenden und allarchivierenden Netz des Heimatschutzes<br />

furchtsam und demütig zusammendrängt? Oder wollen<br />

sie einen demokratischen Rechtsstaat, dessen Volk sich die Kontrolle<br />

über seine Stasi und seine Mielkes zurückerobert?<br />

Edward Snowden hat seine Pflicht als Citoyen getan.<br />

Wer tut es ihm nach?<br />

Frank A. Meyer<br />

ist Journalist und Gastgeber der politischen<br />

Sendung „Vis-à-vis“ in 3sat<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 49


| W e l t b ü h n e<br />

Schreck der Mächtigen<br />

Millionen Brasilianer fordern Chancengleichheit und ein Ende der Korruption. Joaquim Barbosa ist ihre Hoffnung<br />

von Constantin Wissmann<br />

A<br />

uf einem Richterstuhl sitzt Joaquim<br />

Barbosa fast nie. Das kann<br />

der 58-Jährige nur unter Schmerzen.<br />

Der oberste Richter Brasiliens leidet<br />

an Sakroiliitis, einer Entzündung der unteren<br />

Wirbelsäule. Doch ausgerechnet er<br />

hat aus Sicht vieler Brasilianer das Rückgrat,<br />

um das komplexe System des Staates<br />

zu entflechten und die Macht der Politiker,<br />

die diese oft missbrauchten, einzudämmen.<br />

Gerade die Menschen, die jüngst zu<br />

Millionen auf die Straßen gingen für ein<br />

anderes, ein besseres Land, setzen ihre<br />

Hoffnungen in ihn. So wie auch Dilma<br />

Rousseff. Die Präsidentin hat tiefe Verfassungsreformen<br />

angekündigt. Um Brasilien<br />

demokratischer zu machen, sagt sie. Und<br />

wohl auch, um ihre abgestürzten Umfragewerte<br />

zu retten. Dafür braucht sie den im<br />

Volk ungemein beliebten Präsidenten des<br />

Verfassungsgerichts.<br />

So ist Joaquim Barbosa, der als eines<br />

von acht Kindern eines Maurers und einer<br />

Putzfrau aufwuchs und dessen erster Job<br />

an einem Gericht es war, den Saal zu putzen,<br />

zu einer der einflussreichsten Figuren<br />

Brasiliens geworden.<br />

Dabei haben ihn die meisten Brasilianer<br />

erst im vergangenen Herbst kennengelernt.<br />

Kurz vor seiner Ernennung zum<br />

Präsidenten des Verfassungsgerichts führte<br />

er die Verhandlung im sogenannten Mensalão-Prozess<br />

– für viele der wichtigste in<br />

der Geschichte Brasiliens. Mensalão (zweites<br />

Monatsgehalt) beschreibt ein mit Millionenbeträgen<br />

ausgestattetes Bestechungsschema<br />

der Arbeiterpartei PT. Der Partei<br />

des ehemaligen Präsidenten Lula und dessen<br />

Nachfolgerin, der amtierenden Präsidentin<br />

Dilma Rousseff. Die PT, die sich<br />

das Wohl der kleinen Leute auf die Fahnen<br />

schreibt, hatte Gelder zweckentfremdet,<br />

die für die Verbesserung des Bildungssystems<br />

oder den Ausbau der Infrastruktur<br />

bestimmt waren. Mit diesem System hatte<br />

sich, so die Anklage, die PT über Jahre die<br />

Unterstützung kleiner Parteien im Parlament<br />

erkauft. 37 Personen waren angeklagt.<br />

Systematische Bestechung in der Politik<br />

ist nichts Neues in Brasilien. Die Versuchung<br />

ist groß, weil Korruptionsskandale<br />

meistens nicht mit einer Haftstrafe enden,<br />

sondern, nach einer Redensart, „in Pizza“.<br />

Wie bei einem Arbeitsessen machen Ankläger<br />

und Angeklagte in der Regel untereinander<br />

aus, wie die lästigen Vorwürfe aus<br />

„Ich bin kein Politiker, ich bin<br />

sehr ungeeignet dafür“<br />

Joaquim Barbosa<br />

der Welt geschafft werden können, sodass<br />

beide Seiten dabei gut wegkommen.<br />

Eigentlich war auch Barbosa für so einen<br />

Deal prädestiniert. Präsident Lula hatte<br />

ihn, der in Brasilia und in Paris Jura studiert<br />

hatte, 2003 ins Verfassungsgericht geholt –<br />

auch weil Barbosa der erste Brasilianer mit<br />

schwarzen Eltern in diesem Amt sein würde.<br />

Doch Barbosa, zur Anklageerhebung 2005<br />

wie üblich per Los unter den Verfassungsrichtern<br />

zum Vorsitzenden gewählt, war für<br />

solche Mauscheleien nicht zu haben. Unnachgiebig<br />

entwirrte er Stück für Stück das<br />

komplexe Bestechungssystem. Sogar mit seinen<br />

Richterkollegen legte er sich an, die ihm<br />

zu weich waren. Als er einem unterstellte,<br />

„das Vertrauen in die Justiz des Landes zu<br />

zerstören“, verließ dieser den Saal.<br />

Die Brasilianer sahen Barbosa dabei im<br />

Fernsehen zu. Und sie verliebten sich geradezu<br />

in ihn. Hier war einer von ihnen,<br />

der sich gegen die Raffgier der Etablierten<br />

stellte und diese mit Argumentationskunst<br />

und eiserner Disziplin bezwang. Für<br />

Barbosa selbst war die breite Öffentlichkeit<br />

des Prozesses eine wichtige Motivation.<br />

„Dies ist das erste Mal, dass so eine Reihe<br />

von wichtigen Menschen vor den Augen<br />

der Gesellschaft angeklagt ist. Und die Gesellschaft<br />

hat den Fall jeden Tag beobachtet.<br />

Die Menschen beschäftigen sich auf einmal<br />

mit dem Rechtssystem“, sagt er.<br />

Tatsächlich müssen 25 der Angeklagten<br />

nun Gefängniskost statt Pizza essen. Die<br />

höchste Strafe von mehr als 40 Jahren Gefängnis<br />

erhielt der Unternehmer Marcos<br />

Valério. Zu fast elf Jahren Gefängnis wurde<br />

José Dirceu verurteilt. Er war Lulas Stabschef<br />

und galt als dessen potenzieller Nachfolger.<br />

Ironie der Geschichte: Neun Jahre<br />

zuvor noch hatte Dirceu Barbosas Ernennungsurkunde<br />

unterschrieben. Lula selbst<br />

konnte bisher keine Beteiligung am Mensalão<br />

nachgewiesen werden. Doch Barbosa<br />

hat angekündigt, das Verfassungsgericht<br />

werde Vorwürfen gegen Lula nachgehen.<br />

Joaquim Barbosa wurde durch den<br />

Prozess zum Volkshelden. Das Time Magazine<br />

zählt ihn zu den „100 einflussreichsten<br />

Menschen“ der Welt. Was aber vielleicht<br />

die größere Ehre für den Juristen ist:<br />

Im Karneval von Rio war sein Gesicht die<br />

beliebteste Maske.<br />

Viele in Brasilien wollen den unerschrockenen<br />

Juristen noch weiter oben sehen,<br />

als Präsidenten des Landes. Unter den Demonstranten<br />

hätte er nach jüngsten Umfragen<br />

schon eine Mehrheit. Er selbst hat derlei<br />

Ambitionen stets von sich gewiesen. „Ich<br />

bin kein Politiker, und ich glaube, ich bin<br />

sehr ungeeignet dafür wegen meiner Offenheit.<br />

Ich habe auch keinerlei Verbindungen<br />

zu politischen Parteien.“ Vielleicht ist das<br />

sein Schutz gegen den Korruptionsbazillus,<br />

für den Brasilianer umso anfälliger zu sein<br />

scheinen, je mächtiger sie werden.<br />

Constantin WiSSmann<br />

lebt in Berlin und Rio de Janeiro.<br />

In Brasilien erlebte er mit, wie<br />

ein Volk erwacht<br />

Fotos: Ueslei Marcelino/REUTERS, Privat (Autor)<br />

50 <strong>Cicero</strong> 8.2013


Joaquim Barbosa bringt auch<br />

die höchsten Würdenträger<br />

des Staates hinter Gitter<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 51


| W e l t b ü h n e<br />

„Ich traue<br />

Cameron Nicht“<br />

Nigel Farage will sofort raus aus der EU. Der Populist findet in Großbritannien immer mehr Anhänger<br />

Nigel Farage ist einer der bekanntesten und<br />

kontroversesten Politiker Großbritanniens.<br />

Der Kettenraucher will das Rauchverbot<br />

in Pubs aufheben, die Einwanderung<br />

stoppen und den Austritt des Königreichs<br />

aus der Europäischen Union. Der Chef der<br />

populistischen United Kingdom Independence<br />

Party (Ukip) sieht sich im Aufwind,<br />

seit seine Partei bei den Kommunalwahlen<br />

im Mai überraschende 25 Prozent der Stimmen<br />

erhielt – obwohl Premier David Cameron<br />

Ukip öffentlich als „Spinner“ bezeichnet<br />

hatte. Diese Einschätzung könnte sich für<br />

Cameron als fataler Irrtum erweisen – nach<br />

jüngsten Umfragen findet Ukip noch immer<br />

satte 18 Prozent Zustimmung unter den<br />

britischen Wählern, insbesondere in den bisherigen<br />

Hochburgen der Konservativen.<br />

H<br />

err Farage, Ihre Partei wurde<br />

lange als politisch irrelevant<br />

verhöhnt, die Times bezeichnete<br />

Sie als „peinliche Figur, die nicht für Großbritannien<br />

spricht“. Die Wähler haben ein<br />

anderes Votum abgegeben. Wie erklären<br />

Sie den Erfolg Ihrer Partei? Ist er allein mit<br />

der Desillusion über Europa zu erklären?<br />

Desillusion mit der EU, nicht mit Europa.<br />

Desillusion mit einem hehren<br />

Traum, auf dessen Altar wir alle geopfert<br />

werden, ob wir wollen oder nicht. Nehmen<br />

wir doch als Beispiel die schrankenlose<br />

Zuwanderungspolitik der EU. In<br />

einem typischen Städtchen im Nordosten<br />

Großbritanniens beträgt die<br />

„Nicht Ukip wird den Euro zu Fall<br />

bringen, sondern Gewalt auf den<br />

Straßen Europas“<br />

durchschnittliche Wartezeit in der Notaufnahme<br />

eines Krankenhauses acht bis<br />

neun Stunden. Stellen Sie sich vor, Ihr<br />

Kind hat Gehirnerschütterung! Dasselbe<br />

Kind übrigens, das keinen Platz in der<br />

nächstgelegenen Volksschule bekommen<br />

hat, sondern das mit seinen vier Jahren<br />

jeden Morgen den Bus nehmen muss –<br />

weil alle anderen Schulen schon mit Kindern<br />

voll sind, die kaum Englisch sprechen.<br />

Nun haben die Briten in puncto<br />

Zuwanderung eine sehr tolerante Vergangenheit.<br />

Immigration ist ein Erbe des<br />

Empire, und wir hatten pro Jahr 30 000<br />

bis 50 000 Einwanderer aus dem ehemaligen<br />

Commonwealth. Heute aber<br />

strömen Hunderttausende Osteuropäer<br />

ins Land! Gemeinschaften zerbrechen,<br />

Feindseligkeiten und Ghettos entstehen.<br />

Damit wir uns nicht missverstehen: Ukip<br />

hat nichts gegen Osteuropäer. Wir haben<br />

aber etwas gegen die verantwortungslose,<br />

von der EU induzierte Immigrationspolitik<br />

der britischen Politiker.<br />

Großbritannien den Briten, ist das die<br />

mehr oder weniger versteckte Nachricht<br />

von „Better Off Out“, dem Slogan einer<br />

Ihrer ersten, erfolglosen Kampagnen?<br />

Mitnichten. Ich wehre mich dagegen,<br />

Ukip als rechtsradikale Partei abstempeln<br />

zu lassen. Ich wünsche mir lediglich ein<br />

Zuwanderungsverfahren australischer Art:<br />

bestimmte Berufe sind erwünscht, andere<br />

nicht. Man muss diesem Land etwas<br />

bieten, um Einlass zu erhalten und von<br />

unseren Errungenschaften zu profitieren.<br />

Und man muss Brite werden wollen, mit<br />

Haut und Haar.<br />

Im Licht der Ereignisse von Woolwich, wo<br />

ein junger Soldat auf offener Straße von<br />

zwei Muslimen abgeschlachtet wurde,<br />

bekommen Ihre Aussagen einen ganz<br />

unangenehmen Beigeschmack.<br />

Ich sage, was ich denke. Mehr noch: Ich<br />

sage, was mehr und mehr Briten denken.<br />

Sollen Polygamie und die Ausübung der<br />

Scharia hier die Norm werden? Nein!<br />

Sie möchten zwar nicht, dass Ukip als<br />

rechtsradikal bezeichnet wird und nennen<br />

Ihre Mitglieder freie Denker. Bei einem<br />

Besuch in Schottland aber wurden Sie<br />

jüngst als „Nazi“ beschimpft, und einer<br />

Ihrer Kandidaten forderte die Abtreibung<br />

aller Föten mit Down-Syndrom. Ist das<br />

Ihre Auffassung vom freien Denken?<br />

Niemand, der zuvor Mitglied der British<br />

National Party (BNP) war, ist in unseren<br />

Reihen willkommen. Daran wird<br />

sich nichts ändern. In Schottland habe<br />

ich das hässliche Gesicht der schottischen<br />

Unabhängigkeitsbewegung gesehen. Sie<br />

schimpften mich einen Nazi und schrien<br />

im selben Atemzug: Hau ab nach England!<br />

Wie passt das zusammen? Überhaupt<br />

nicht. Der Kommentar zu den Abtreibungen<br />

war schockierend. Ich leite<br />

meine Partei zwar, stehe aber natürlich<br />

nicht für ihr Mikromanagement ein.<br />

Sie distanzieren sich verbal von der als<br />

faschistisch eingestuften BNP, die bis<br />

2010 ihre Mitgliedschaft nur Weißen<br />

vorbehalten hatte. Wie aber hält es Ukip<br />

mit anderen rechts der Mitte stehenden<br />

Parteien in Europa, wie etwa dem Front<br />

National in Frankreich?<br />

Foto: David Levene/eyevine/Picture Press<br />

52 <strong>Cicero</strong> 8.2013


Nigel Farage provoziert gerne.<br />

Politische Verantwortung aber<br />

will er nicht übernehmen<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 53


| W e l t b ü h n e<br />

Als Marine Le Pen in die Führung des<br />

Front National gewählt wurde, sagte sie:<br />

„Ich wünschte, unsere Partei wäre mehr<br />

wie Ukip.“ Trotzdem kommt für mich<br />

eine Kooperation mit ihnen nicht infrage,<br />

weil Mitglieder wie Bruno Gollnisch den<br />

Holocaust leugnen. Antisemitismus und<br />

ekelhafter Rassismus sind Teil des Front<br />

National. Damit mag ich mich nicht<br />

assoziieren.<br />

Und in Deutschland, gibt es dort eine<br />

Partei, die Ihnen nahe wäre?<br />

Derzeit haben wir niemanden in<br />

Deutschland, mit dem wir arbeiten<br />

könnten. Ich beobachte jedoch die Alternative<br />

für Deutschland mit großem Interesse,<br />

denn sie scheint eine gute intellektuelle<br />

Basis zu haben. Jetzt müssen sie<br />

nur ihre Ideen in eine Sprache fassen, die<br />

der Mann auf der Straße verstehen kann.<br />

Das war Margaret Thatchers wahres Talent:<br />

Sie konnte die größten Ideen so ausdrücken,<br />

dass jeder sie verstand.<br />

Was macht Sie zu einem so überzeugten<br />

Gegner der Europäischen Union?<br />

Als ich 1999 europäischer Abgeordneter<br />

wurde, dachte ich, wir könnten<br />

eine Beziehung mit der EU haben. Obwohl<br />

wir aus vielerlei Gründen nicht<br />

in den Laden passen – wir spielen Kricket<br />

und fahren auf der anderen Straßenseite.<br />

Spaß beiseite: Der Nationalismus<br />

und der Fanatismus in Brüssel<br />

haben mich erschüttert – allen voran<br />

Martin Schulz. Die EU führt ganze Generationen<br />

von Europäern wie ein Rattenfänger<br />

von Hameln in vollkommene<br />

Hoffnungslosigkeit.<br />

Als Europaabgeordneter in Brüssel hätten<br />

Sie es doch in der Hand, an Veränderungen<br />

mitzuwirken. Sie ziehen es aber<br />

vor, weder Mitglied eines Ausschusses<br />

noch einer Delegation zu sein und machen<br />

keine Anstalten, Ihren Ideen auch Kraft zu<br />

verleihen.<br />

Das muss ich gar nicht. Die EU macht<br />

die schmutzige Arbeit für mich. Angela<br />

Merkel ist meiner Ansicht nach die fähigste<br />

Person auf der europäischen politischen<br />

Bühne (Farage nennt die Kanzlerin<br />

nicht „politician“, sondern verwendet das<br />

respektvollere „statesman“). Dennoch sagte<br />

sie zu mir: „Griechenland darf den Euro<br />

nicht verlassen. Wenn die Griechen gehen,<br />

dann gehen auch andere – und das<br />

wäre das Ende des europäischen Traumes.“<br />

Nicht Ukip wird den Euro zu Fall<br />

bringen, sondern Gewalt auf den Straßen<br />

Europas wird das tun. Eine Ironie<br />

des Schicksals: Genau das, was die Gründung<br />

der Europäischen Union verhindern<br />

sollte, wird ihr Ende sein. Aber das<br />

„Wenn die Eurozone implodiert,<br />

muss Deutschland für Trillionen<br />

geradestehen“<br />

passiert der EU ja nicht zum ersten Mal,<br />

wenn wir nur an das deutsche Problem<br />

denken.<br />

Welches „deutsche Problem“?<br />

Der Gründung der EU lag ja auch der<br />

Gedanke zugrunde, ein ähnliches Szenario<br />

wie das, das zum Zweiten Weltkrieg<br />

geführt hat, in Europa zu verhindern.<br />

Aber durch die Krise in der Eurozone ist<br />

Deutschland – vielleicht wider Willen –<br />

wieder die einflussreichste Nation der EU<br />

geworden. Politisch ist das eine mächtige<br />

Position, mit der Merkel sehr vorsichtig<br />

umgeht. Aber es ist eine Macht, nach<br />

der die Deutschen nicht verlangt haben.<br />

Weshalb nicht, ist klar: Die Kosten werden<br />

untragbar sein. Wenn die Eurozone<br />

implodiert, muss Deutschland für Billionen<br />

geradestehen.<br />

Angenommen, Großbritannien entscheidet<br />

sich in dem von Ihnen geforderten Referendum<br />

gegen die EU und Sie gewännen<br />

eine der nächsten Wahlen, würde dann<br />

Nigel Farage Premierminister oder Teil<br />

einer Koalition?<br />

Ich bin eher aus Versehen Politiker geworden<br />

und habe keine Ambitionen auf<br />

die Führung des Landes. Was eine mögliche<br />

Koalition angeht: Labour? Solange<br />

Ed Miliband die Briten für zu dumm<br />

hält, sich in einem Referendum zu entscheiden:<br />

Nein. Die Tories? Solange sie<br />

von David Cameron geführt werden:<br />

Nein. Ich glaube ihm nicht, ich traue<br />

ihm nicht, ich will nichts mit ihm und<br />

seinen halb ausgegorenen Ideen und<br />

Maßnahmen zu tun haben. Die Libdems?<br />

Dass ich nicht lache. Nein!<br />

Gibt es das? Jemand, der sich auf das<br />

Ränkespiel der Politik einlässt, ohne es<br />

gewinnen zu wollen? Selbst wenn Ukip<br />

jenseits der antieuropäischen Idee ein<br />

Regierungsprogramm aufzuweisen hätte,<br />

was sie ja nicht hat.<br />

Ich will eine Partei von frei denkenden<br />

Mitgliedern leiten und stehe lieber ehrlichen<br />

Exzentrikern als einer Bande grauer,<br />

verlogener Leute vor. Im Vergleich zu Cameron<br />

und Clegg, die im Herzen Sozialdemokraten<br />

sind, sage ich die Wahrheit.<br />

Die EU zu verlassen, mag nicht alle unsere<br />

Probleme lösen. Aber es erlaubt uns,<br />

autonom nach einer Lösung für diese<br />

Probleme zu suchen. Wollen wir wie Irland<br />

oder Island sein? Irland hat am Gängelband<br />

der EU wahnsinnige Boomjahre<br />

erlebt, die ihnen jetzt um die Ohren fliegen.<br />

Dieser importierte Wohlstand war<br />

nur eine Illusion, und der Katzenjammer<br />

in Dublin ist schrecklich. Sehen Sie<br />

sich dagegen Island an. Vor ein paar Jahren<br />

stand das Land wirtschaftlich und<br />

politisch am Rande des Abgrunds. Das<br />

hat sich grundlegend gewandelt. Reykjavik<br />

hat gerade ein Handelsabkommen<br />

mit China abgeschlossen – etwas, was der<br />

EU einfach nicht gelingt. Das 19. Jahrhundert<br />

war britisch, das 20. amerikanisch<br />

und das 21. ist chinesisch – davon<br />

schließt sich die EU selber aus. Soll<br />

Großbritannien darunter leiden?<br />

Wie sähe denn das neue Europa aus, das<br />

das Erbe der EU antritt?<br />

Wir müssen uns auf die Tage des Europarats<br />

besinnen. Keine wirtschaftliche<br />

Union, aber eben eine wirtschaftliche<br />

Zusammenarbeit. Die Idee einer politischen<br />

Union muss gebannt werden, denn<br />

die macht aus den europäischen Nationen<br />

ein neues Jugoslawien, komplett mit<br />

Flagge und Hymne.<br />

Das Gespräch führte Ellen Alpsten<br />

54 <strong>Cicero</strong> 8.2013


Fluthilfe 2013<br />

„Help hilft Hochwasseropfern in<br />

Deutschland – Helfen Sie mit!“<br />

Eva Brenner, Dipl.-Ing. für Innenarchitektur,<br />

TV-Moderatorin von „Zuhause im Glück“<br />

© Kape Schmidt<br />

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| W e l t b ü h n e | Ä g y p t e n<br />

Machtpoker am Nil<br />

56 <strong>Cicero</strong> 8.2013


War der Sturz Mohammed Mursis gerechtfertigt oder ein Putsch? Aber womöglich<br />

wurde lediglich das eine Übel, die Islamisten, mit dem anderen Übel, dem Militär,<br />

ausgetrieben. Dennoch hat Ägyptens Demokratisierung jetzt eine neue Chance<br />

von Hamed Abdel-Samad<br />

Innerhalb von<br />

30 Monaten haben die<br />

Ägypter zum zweiten<br />

Mal ihren Präsidenten<br />

aus dem Amt gejagt.<br />

Die Menschen<br />

feierten das mit einer<br />

Laserprojektion auf<br />

dem Tahrir-Platz<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 57


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Das Militär hat den Präsidenten gestürzt. Seither scheinen die Gräben unüberwindbar zwischen Anhängern von Mohammed Mursi und …<br />

Ich hatte nie die Befürchtung, dass die<br />

Muslimbrüder Ägypten in einen zweiten<br />

Iran verwandeln. Was die große<br />

Mehrheit junger Ägypterinnen und<br />

Ägypter wollen, sind Freiheit und<br />

Wohlstand. Was sie nicht wollen, ist Bevormundung<br />

– weder im Namen der Sicherheit<br />

noch im Namen der Religion.<br />

Einer großen Masse ist es gelungen, innerhalb<br />

von 30 Monaten zwei Präsidenten zu<br />

stürzen, die diktatorisch regierten. Beide<br />

Male musste sich die Armee dem Willen<br />

der Massen beugen und erst den langjährigen<br />

Diktator Husni Mubarak und dann<br />

den frei gewählten Präsidenten Mohammed<br />

Mursi nach nur einem Jahr im Amt<br />

absetzen.<br />

Ich fürchte aber, dass die Spaltung der<br />

ägyptischen Gesellschaft, die sich seit dem<br />

Sturz der Muslimbrüder noch vertieft hat,<br />

keine Einigung zwischen den beiden Lagern<br />

zulässt, dass aber auch keine Seite das<br />

Land allein regieren kann. Es gibt fünf heimische<br />

und fünf ausländische Kräfte, die<br />

unterschiedliche – und womöglich unvereinbare<br />

– Interessen und Vorstellungen für<br />

die Zukunft Ägyptens hegen: Muslimbrüder,<br />

Salafisten, Armee, liberale Kräfte und<br />

die alten Anhänger Mubaraks versuchen,<br />

das Schiff in verschiedene Richtungen zu<br />

bewegen, und verursachen damit womöglich<br />

nichts weiter als Stillstand. Die USA,<br />

Israel, Europa, Saudi-Arabien und die Türkei<br />

sind besorgt und versuchen, aus einer<br />

längst versalzenen Suppe noch etwas Genießbares<br />

herzustellen. Selbst im Fastenmonat<br />

Ramadan kommt das Land nicht<br />

zur Ruhe. Die Institutionen des Landes<br />

sind blockiert, Straßenproteste bestimmen<br />

die Politik, das Land droht, im Chaos zu<br />

versinken. Ob es Ägypten gelingt, im zweiten<br />

Anlauf eine stabile Demokratie aufzubauen<br />

oder ob ein Bürgerkrieg wie in Syrien<br />

droht, kann niemand vorhersagen.<br />

Ein Putsch kommt selten allein<br />

Immer noch scheiden sich die Geister, ob<br />

es sich bei der Absetzung Mursis um einen<br />

unrechtmäßigen Putsch gegen einen demokratisch<br />

gewählten Präsidenten handelte<br />

oder um eine notwendige Intervention<br />

der Armee, die das wirtschaftliche Ausbluten<br />

des Landes und einen Bürgerkrieg<br />

verhindern sollte. Mursi, dieser uneinsichtige<br />

Islamist, hätte die Konfrontation mit<br />

den Demonstranten und schließlich seine<br />

Absetzung verhindern können, hätte er<br />

den Weg für Neuwahlen geebnet. Aber er<br />

lehnte jeden Kompromissvorschlag strikt<br />

ab, wusste er doch, dass er kaum mehr Popularität<br />

genoss. Dass die Graswurzelbewegung<br />

Tamarod rund 22 Millionen Unterschriften<br />

gegen ihn gesammelt hatte,<br />

schien ihn nicht zu beeindrucken. Auch<br />

als es nicht mehr um Unterschriften ging,<br />

sondern als die Menschen in 24 Provinzen<br />

Ägyptens gegen ihn und die Herrschaft der<br />

Muslimbrüder demonstrierten, blieb Mursi<br />

stur. Keinen Zentimeter bewegte er sich auf<br />

die Opposition zu – im Gegenteil: In seiner<br />

letzten Rede als Präsident überzog er<br />

sie mit Häme.<br />

Fotos: Xinhua/Li Muzi/imago (Seiten 56 bis 57), action press<br />

58 <strong>Cicero</strong> 8.2013


… seinen Gegnern, die auf die Straße gegangen waren, um den Staatschef zum Rücktritt zu zwingen<br />

Foto: ddp images/camera press/ria novosti<br />

Legalität und Legitimität<br />

Vor einem Jahr war Mohammed Mursi mit<br />

51,7 Prozent der Stimmen gewählt worden.<br />

Unter seinen Wählern waren viele Liberale,<br />

die seinem Versprechen glaubten, das gespaltene<br />

Land zu heilen und Präsident aller<br />

Ägypter zu werden. Dieser Glaube wurde<br />

zerstört. Nur wenige Monate nach seiner<br />

Mursi ist<br />

zwar legal<br />

an die Macht<br />

gekommen,<br />

doch er war<br />

nicht mehr<br />

legitim im Amt<br />

Amtseinführung erließ Mursi Dekrete, die<br />

dem Präsidenten absolute Macht verliehen.<br />

Die neue Verfassung des Landes ließ er in<br />

einer Nacht-und-Nebel-Aktion gegen den<br />

Protest der liberalen Kräfte verabschieden.<br />

Als die Richter des Oberen Verfassungsgerichts<br />

sich versammeln wollten, um ein<br />

Urteil zur Verfassungsmäßigkeit des neuen,<br />

von Islamisten verabschiedeten Entwurfs<br />

zu fällen, ließ Mursi das Gericht durch<br />

die Milizen der Muslimbrüder belagern.<br />

Ein Urteil wurde damit verhindert. Teile<br />

dieser Milizen griffen die friedlichen Demonstranten<br />

an, die im Dezember 2012<br />

vor dem Präsidentenpalast gegen die Verfassung<br />

protestierten. Es gab mehrere Todesopfer<br />

und Verletzte auf beiden Seiten.<br />

Viele Ägypter betrachten die Aktionen<br />

des Präsidenten und seiner Anhänger als<br />

den wirklichen Putsch gegen die neu geborene<br />

Demokratie. Mursi ist zwar legal<br />

an die Macht gekommen, doch nach dem<br />

gewaltsamen Vorgehen gegen die Demonstranten<br />

und nachdem er die Justiz aus dem<br />

verfassungsgebenden Prozess ausgeschaltet<br />

hatte, war er nicht mehr legitim im Amt.<br />

An diesem Punkt hätte es eines Amtsenthebungsverfahrens<br />

bedurft – doch das<br />

Parlament, das es hätte einleiten müssen,<br />

war aufgelöst. So wurde es zur Aufgabe<br />

der Bürger, ein Misstrauensvotum nicht<br />

durch den Repräsentanten des Volkes, das<br />

Parlament, sondern durch das Volk selbst<br />

auf den Weg zu bringen. Die Intervention<br />

der Armee sehen viele deshalb eher als eine<br />

Geiselbefreiungsaktion.<br />

Es gibt durchaus eine Erklärung für<br />

Mursis Politik. Husni Mubarak hatte ihm<br />

ein schweres Erbe hinterlassen: ein stark<br />

gespaltenes und verschuldetes Land mit<br />

korrupten und überalterten Institutionen.<br />

Hinzu kam: Die Profiteure des alten Regimes,<br />

seien es Medienleute, Unternehmer<br />

oder staatliche Funktionäre, lehnten die<br />

Präsidentschaft eines Muslimbruders ab.<br />

Um die Anhänger des alten Regimes<br />

in Schach zu halten, hätte er sich mit den<br />

demokratischen Kräften verbünden und<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 59


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die staatlichen Institutionen demokratisieren<br />

müssen. Doch Mursi wandte sich<br />

von der demokratischen Opposition ab,<br />

bezeichnete sie als „Verräter“ und ließ<br />

sie durch seine Anhänger als Ungläubige<br />

diffamieren.<br />

Wie schon Mubarak versuchte auch<br />

Mursi die Justiz, die Gewerkschaften, das<br />

Bildungswesen, die staatlichen Medien<br />

und die traditionsreiche ägyptische Diplomatie<br />

in rasantem Tempo zu unterwandern.<br />

Überall trafen die Islamisierungsbemühungen<br />

auf Widerstand. Sogar mit<br />

seinen früheren Verbündeten, den Salafisten,<br />

hatte Mursi sich angelegt, indem<br />

er sie aus allen wichtigen Positionen entfernt<br />

hatte. Allen war klar: Sein Ziel war<br />

nicht, Ägypten zu reformieren, sondern<br />

die Muslimbruderschaft fest an der Macht<br />

zu verankern.<br />

Mursis Tanz mit den Terroristen<br />

So hat Mursi in kürzester Zeit fast alle<br />

Kräfte des Landes gegen sich aufgebracht.<br />

Sogar aus der Armee und der Polizei wurden<br />

die kritischen Stimmen immer lauter.<br />

Ihm blieben am Ende nur die Ex-Terroristen<br />

der Al Dschama’a Al Islamiyya als Verbündete.<br />

Sie galten als seine letzte Rettung,<br />

sollte es zum befürchteten Kräftemessen<br />

zwischen den Islamisten und der Protestbewegung<br />

auf der Straße kommen.<br />

Einer der Anführer dieser militanten<br />

Gruppe war es, der nach meinem islamkritischen<br />

Vortrag in Kairo vor wenigen Wochen<br />

eine Morddrohung gegen mich im<br />

Fernsehen aussprach. Statt ein Verfahren<br />

gegen den Hassprediger einzuleiten, wurde<br />

er zu einer Veranstaltung des Präsidenten<br />

eingeladen und von ihm öffentlich umarmt.<br />

Ein weiterer „Loyalist“ – ausgerechnet<br />

ein Mitglied der Terrorgruppe, die 1997<br />

über 60 Touristen in Luxor getötet hatte –<br />

wurde für die Treue der Gotteskrieger zum<br />

Präsidenten mit dem Amt des Gouverneurs<br />

von Luxor belohnt. Spätestens nach dieser<br />

Entscheidung war den meisten Beobachtern<br />

klar, dass Mursi sowohl für die Politik<br />

als auch für die Wirtschaft des Landes zu<br />

einer Last geworden war.<br />

Die Brüder und das Militär, ein<br />

gefährlicher Machtkampf<br />

Die Armee war entsetzt von der Ernennung<br />

eines Terroristen zum Gouverneur. Hat sie<br />

doch auch wirtschaftliche Interessen, nicht<br />

zuletzt auch im vom Tourismus geprägten<br />

Die Haupteinnahmequelle Ägyptens, der Tourismus, droht vollkommen auszutrocknen.<br />

In den Hotels wird alles auf Hochglanz poliert, doch die Gäste bleiben weg<br />

Luxor. Damit nicht genug, ist die radikale<br />

Al Dschama’a Al Islamiyya auch für die Ermordung<br />

von Präsident Anwar al Sadat im<br />

Oktober 1981 verantwortlich, der in der<br />

Armee bis heute ein hohes Ansehen genießt.<br />

Auch die Allianz der Bruderschaft<br />

mit der Hamas in Gaza lehnten die Generäle<br />

ab. Im Sommer vergangenen Jahres<br />

wurden 16 ägyptische Soldaten durch Hamas-Kämpfer<br />

getötet. Mursi aber hielt die<br />

Armee davon ab, seine islamistischen Verbündeten<br />

im Sinai zu bekämpfen.<br />

Als ob das nicht schon genug wäre,<br />

provozierte Mursi das Militär auch noch<br />

mit seiner abenteuerlichen Syrien-Politik.<br />

Während das Militär sich aus der syrischen<br />

Gemengelage heraushalten wollte,<br />

stellte sich der Präsident Mitte Juni bei einer<br />

Kundgebung in Kairo deutlich auf die<br />

Seite der islamistischen Anti-Assad-Rebellen,<br />

die wiederum die Ägypter zum Dschihad<br />

in Syrien aufriefen.<br />

Dazu kommt die amateurhafte Wirtschaftspolitik<br />

Mursis, die das Land langsam<br />

in den Ruin trieb. Die Arbeitslosigkeit<br />

stieg rasant, das ägyptische Pfund verlor<br />

binnen eines Jahres über 30 Prozent an<br />

Wert. Auch die Parallelwirtschaft des Militärs<br />

litt stark unter dem Rückgang des<br />

Konsums der Ägypter. Die Armee musste<br />

die Notbremse ziehen, um das wirtschaftliche<br />

und sicherheitspolitische Ausbluten des<br />

Landes zu stoppen. Ihr kamen die Massenproteste<br />

gerade recht.<br />

Muslimbrüder und Demokratie<br />

Eines der größten Defizite der Muslimbrüder<br />

ist deren mangelhaftes Verständnis<br />

von Demokratie. Sie glauben, Demokratie<br />

sei das Recht der Mehrheit, alles tun<br />

zu können, was man will, ohne zur Rechenschaft<br />

gezogen zu werden. Einer der<br />

Begriffe, die sie bei den Wahlen verwendeten,<br />

verrät am deutlichsten, was sie unter<br />

Demokratie verstehen. Ihren Sieg über<br />

die liberalen Kräfte bei den Parlamentswahlen<br />

im November 2012 bezeichneten<br />

sie als „ghazwat al sanadiq“ (Feldzug der<br />

Wahlurnen). Das Wort „ghazwa“ spielt auf<br />

Raubzüge an, die der Prophet Mohammed<br />

gegen die Handelskarawanen der ungläubigen<br />

arabischen Stämme im 7. Jahrhundert<br />

geführt hatte. So gingen auch die Islamisten<br />

mit ihren politischen Gegnern um.<br />

Sie bezeichneten sie als Ungläubige und<br />

schlossen sie von der Verhandlung über<br />

die neue Verfassung aus.<br />

Nun haben sich Anti-Mursi-Demonstranten,<br />

Anhänger Mubaraks und die Armee<br />

verbündet. Die Muslimbrüder hingegen<br />

können keine großen Kräfte mehr<br />

mobilisieren, um Mursi wieder ins Amt<br />

zurückzubringen. Deshalb setzen sie auf<br />

Gewalt. Deshalb schicken sie ihre Milizen<br />

auf die Barrikaden, blockieren Straßen und<br />

Brücken und suchen den direkten Machtkampf<br />

mit dem Militär. Sie glauben, durch<br />

Chaos und Gewalt die Uhr zurückdrehen<br />

zu können.<br />

Foto: Shawn Baldwin/Bloomberg via Getty images<br />

60 <strong>Cicero</strong> 8.2013


Foto: Antje Berghäuser<br />

Auch in Syrien ist das die Taktik der<br />

Islamisten. Der Anführer der Muslimbrüder<br />

in Syrien, Mahmoud Taifur, sagte einmal:<br />

„Wir setzten auf die Brutalität des Assad-Regimes.“<br />

Dass Aufständige Zivilisten<br />

im eigenen Lager umgebracht haben, um<br />

Assads Truppen vor der eigenen Bevölkerung<br />

und vor der Weltöffentlichkeit als<br />

Unmenschen vorzuführen, ist inzwischen<br />

Gewissheit.<br />

Jetzt scheinen auch die Muslimbrüder<br />

in Ägypten auf diese Taktik zu setzen.<br />

Am 8. Juli kam es vor dem Quartier<br />

der Republikanischen Garde in Kairo, wo<br />

Mursi-Anhänger ihren gestürzten Präsidenten<br />

vermuteten, zu einem Blutbad.<br />

Bei der Schießerei vor der Kaserne wurden<br />

50 Menschen getötet und Hunderte<br />

verletzt. Die meisten Opfer waren Muslimbrüder.<br />

Bereits am Abend zuvor hatten<br />

zwei Anführer der Muslimbrüder, Mohamed<br />

Al Biltagy und Safwat Hegazi, angekündigt,<br />

in jener Nacht werde es zu einer<br />

Eskalation kommen. Man wolle den Ort<br />

stürmen, um den Präsidenten zu befreien.<br />

Es kam zu der gefürchteten Konfrontation.<br />

Die Armeeoffiziere fühlten sich provoziert<br />

und reagierten unverhältnismäßig mit aller<br />

Härte. Ganz offensichtlich wollten die<br />

Muslimbrüder den Ägyptern und der Weltöffentlichkeit<br />

demonstrieren, dass sie die<br />

wahren Opfer sind und dass die Armee keinerlei<br />

Legitimität besitzt. Die Armee wiederum<br />

nahm die hohe Zahl der Opfer –<br />

und die mediale Inszenierung durch die<br />

Brüder – in Kauf, um zu demonstrieren,<br />

dass sie keine Aktionen gegen Militäreinrichtungen<br />

dulden wird.<br />

Ägyptens Zukunft<br />

Das Blutbad vom 8. Juli hat den Riss in<br />

der Gesellschaft noch weiter vertieft. Eine<br />

Versöhnung scheint ausgeschlossen. Die<br />

Muslimbrüder lehnen es ab, sich an einer<br />

neuen Regierung zu beteiligen, und schlüpfen<br />

wieder in die Rolle des verfolgten Opfers<br />

wie schon unter Mubarak. Doch diese<br />

Zeiten sind vorbei. Eine Gruppe aus dem<br />

jungen Kader der Brüder hat sich abgespalten,<br />

bezeichnet sich als „freie Muslimbrüder“<br />

und will am politischen Prozess teilnehmen.<br />

Die Anführer der Muslimbrüder<br />

und die Basis hingegen wollen die Konfrontation<br />

mit dem Militär eskalieren lassen.<br />

Ob das nur eine Taktik ist, um am<br />

Ende einen Deal mit den Generälen eingehen<br />

zu können, wird sich zeigen. Doch<br />

Junge Araber<br />

sehnen<br />

sich nach<br />

Veränderung,<br />

auch wenn<br />

das zunächst<br />

Chaos bedeutet<br />

deutlich ist jetzt schon, dass sich die Gewalt<br />

der Muslimbrüder verselbstständigt<br />

hat. In mehreren Provinzen kam es zu Angriffen<br />

von Islamisten auf Kopten und Liberale,<br />

die mehrere Todesopfer forderten.<br />

Am gefährlichsten ist es auf der Halbinsel<br />

Sinai, wo der Al Qaida nahestehende<br />

Kämpfer mehrere Anschläge auf Polizeiposten<br />

und die Gas-Pipeline zwischen Ägypten,<br />

Israel und Jordanien verübten.<br />

Wann immer die Islamisten in der islamischen<br />

Welt nach der Macht griffen,<br />

gab es zwei Szenarien: Gelang ihnen die<br />

Machtergreifung, regierten sie mit eiserner<br />

Hand und verwandelten ihre Gesellschaften<br />

in Freiluftgefängnisse wie Iran, Afghanistan,<br />

Somalia oder Sudan. Wurden sie<br />

von der Macht verdrängt wie in Algerien,<br />

Mali oder Libyen, verwandelten sie sich<br />

in terroristische Organisationen und überzogen<br />

ihre Länder mit Gewalt. Das erste<br />

Szenario wurde in Ägypten gerade abgewendet.<br />

Ob uns das zweite Szenario erspart<br />

bleibt, ist ungewiss, denn innerhalb<br />

der Muslimbruderschaft existieren zwei<br />

gegensätzliche Neigungen: zum Pragmatismus<br />

und zur Selbstzerstörung. Gleich,<br />

ob die Islamisten sich am politischen Prozess<br />

beteiligen oder in den Untergrund zurückziehen,<br />

Teile ihrer Jugend werden sich<br />

radikalisieren, denn ihre Hoffnungen wurden<br />

enttäuscht. Weder gelang unter Mursis<br />

Präsidentschaft die Einführung der Scharia<br />

noch gibt es irgendeine Perspektive für<br />

einen sozialen Aufstieg, den sie sich durch<br />

ihre Mitgliedschaft bei der Bruderschaft<br />

erhofft hatten. Sollten die Muslimbrüder<br />

den Weg der Gewalt wählen, dann wird<br />

es noch länger dauern, bis sich in Ägypten<br />

eine stabile Demokratie etablieren kann.<br />

Denn die Gewalt der Muslimbrüder war<br />

seit den Tagen Nassers eine willkommene<br />

Ausrede, um im Namen der Sicherheit die<br />

Freiheit der Ägypter einzuschränken und<br />

den Polizeistaat zu errichten, den man mit<br />

den Demonstrationen von 2011 loswerden<br />

wollte.<br />

Ich halte es nicht für wahrscheinlich,<br />

dass die Armee wieder eine Militärdiktatur<br />

einführt. Die Generäle haben aus den<br />

Fehlern der Übergangszeit nach Mubaraks<br />

Sturz und nach der Schießerei mit den<br />

Muslimbrüdern gelernt; sie wollen nicht<br />

mehr alle Zügel der Macht an sich reißen.<br />

Eine direkte Konfrontation mit der unzufriedenen<br />

Bevölkerung will die Armee in<br />

Zukunft vermeiden. Viel lieber möchte<br />

sie die Strippen hinter den Kulissen ziehen,<br />

ohne jedoch die Etablierung einer Demokratie<br />

zu bremsen. Solange das Militär<br />

die gleichen Privilegien und Immunität behält,<br />

kann es den demokratischen Prozess<br />

begleiten und als Hüter der Verfassung fungieren.<br />

Die Besetzung der Übergangsregierung<br />

mit dem liberalen Politiker Al Baradei<br />

und weiteren fähigen Experten – darunter<br />

drei Frauen – lassen auf ein Umdenken in<br />

der Armee schließen. Ganz offensichtlich<br />

zieht man es auf Dauer vor, mit berechenbaren<br />

Demokraten Geschäfte zu machen<br />

als mit erpressbaren ideologieverblendeten<br />

Nichtdemokraten.<br />

Ein solches Umdenken wird hoffentlich<br />

auch in den USA und der EU stattfinden,<br />

die mit Mursi und den Muslimbrüdern genauso<br />

umgingen wie mit Mubarak – indem<br />

sie im Namen der Stabilität den diktatorischen<br />

Machtstil und die Menschenrechtsverletzungen<br />

duldeten. Demokraten im<br />

Westen – wie Außenminister Guido Westerwelle,<br />

der Mursis Absetzung durch das<br />

Militär als Rückschlag für die Demokratie<br />

bezeichnete – setzen eben auf Stabilität,<br />

was nur eine andere Bezeichnung für<br />

Stagnation und Unfreiheit ist. Die jungen<br />

Araber hingegen sehnen sich nach Veränderung,<br />

auch wenn das zunächst Chaos und<br />

Orientierungslosigkeit bedeutet.<br />

Hamed Abdel-Samad<br />

stammt aus Ägypten und war<br />

während des Aufstands 2011 in<br />

Kairo. Im Juni hat ein Hassprediger<br />

seine Ermordung verlangt<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 61


| W e l t b ü h n e | A f g h a n i s t a n - a b z u g<br />

Zurück, marsch,<br />

marsch!<br />

Der Rückzug aus Afghanistan ist längst im Gange. Bis<br />

Ende 2014 soll er für die Bundeswehr abgeschlossen<br />

sein. Alle reden über die Bilanz des Einsatzes,<br />

niemand über die logistischen Tücken des Abzugs<br />

von Heidi Reisinger<br />

M<br />

an stelle sich folgende Situation<br />

vor: Aus einem Mietshaus<br />

ziehen alle 50 Mietparteien<br />

gleichzeitig aus. Manche<br />

jedoch nicht vollständig. Es<br />

soll noch Hausrat zurückbleiben, um einzelnen<br />

Mietern einen noch nicht näher definierten<br />

Aufenthalt zu ermöglichen. Das<br />

Mietshaus ist in einem problematischen<br />

Zustand und liegt in einer gefährlichen<br />

Nachbarschaft, dazu noch weit entfernt<br />

vom neuen „Wohnort“. Die scheidenden<br />

Mieter haben unterschiedliches Umzugsgut,<br />

unterschiedliche Zeitpläne und damit<br />

auch völlig unterschiedliche Bedürfnisse.<br />

Sie konkurrieren um Umzugsunternehmen<br />

und günstige Konditionen.<br />

Ungefähr so verhält es sich mit dem Abzug<br />

der Nato-Kampftruppen aus Afghanistan.<br />

50 truppenstellende Nationen haben<br />

begonnen, ihre Truppen und Gerätschaften<br />

abzuziehen oder „umzugruppieren“ wie<br />

es auf Nato-Deutsch heißt. Dieses „Redeployment“<br />

hat seine Tücken.<br />

1. Für einen Abzug in dieser Größenordnung<br />

gibt es in der Geschichte der<br />

Nato kein Beispiel. Nach Schätzungen<br />

der Allianz sollen 125 000 Container und<br />

80 000 Fahrzeuge aus Afghanistan abgezogen<br />

werden. Aneinandergereiht ergäbe<br />

das eine Strecke von Berlin nach Paris. Für<br />

diesen Abzug existieren keine Blaupausen.<br />

Lediglich die USA können auf umfangreiche<br />

Erfahrungen von ihrem Abzug aus dem<br />

Irak zurückgreifen. Der Einsatz des Bündnisses<br />

in Afghanistan wird damit nicht nur<br />

zum Katalysator für die Fähigkeit zur Zusammenarbeit,<br />

sondern auch zu einer gemeinsamen<br />

Koordinierungsaufgabe.<br />

2. Genau genommen zieht nicht „die<br />

Nato“ ab, sondern – wie das Mietshaus-<br />

Beispiel zeigt – die 50 truppenstellenden<br />

Nationen. Jeder kocht dabei sein eigenes<br />

Süppchen. Das heißt, jede Nation ist verantwortlich<br />

für ihre Personal- und Materialrückverlegung<br />

in die Heimat und trägt<br />

dafür auch individuell die Kosten. Das ist<br />

nichts Neues und auch kein Zufall, denn<br />

militärische Logistik ist eine zutiefst nationale<br />

Angelegenheit: Jede Nation hat ihre<br />

spezielle Geräteausstattung, die sie in einer<br />

bestimmten Weise behandelt haben<br />

will. Um auf den Vergleich mit den Mietern<br />

zurückzukommen: Jede Mietpartei hat<br />

im übertragenen Sinne das kostbare Kristallglas,<br />

die Sammlung antiker Uhren, ganz<br />

zu schweigen von Papas Videosammlung,<br />

die diskret behandelt werden soll. Auch die<br />

Erfassung all dieser Gegenstände ist ähnlich<br />

wie bei den handelsüblichen Paketverfolgungssystemen<br />

organisiert in nationalen,<br />

militärischen Computersystemen,<br />

die auch aus Sicherheitsgründen untereinander<br />

kaum oder überhaupt nicht kompatibel<br />

sind.<br />

3. Der Abzug der Kampftruppen ist weit<br />

mehr als eine logistische Angelegenheit, die<br />

nebenherlaufen könnte. Es ist – wenn man<br />

genau hinsieht – eine eigenständige Operation.<br />

Es geht nicht nur um den Transport<br />

einer schier unglaublichen Materialmenge,<br />

sondern auch um Fragen wie den<br />

Schutz der Einsatzkräfte, strategische Kommunikation,<br />

Standards bei der Schließung<br />

und dem Umbau von militärischen Stützpunkten,<br />

Demilitarisierung, Demontage<br />

und Entsorgung sowie um die Standardisierung<br />

von Abläufen allgemein.<br />

4. Die logistische Mammutaufgabe ist<br />

auch abhängig vom Erfolg politischer<br />

Schritte. Wenn eine Nation beispielsweise<br />

für den Betrieb eines Flughafens oder eines<br />

militärischen Stützpunkts zuständig ist,<br />

kann sie sich erst verabschieden, wenn die<br />

Verantwortung an die Afghanen erfolgreich<br />

übergeben wurde, sofern die Einrichtung<br />

nicht komplett geschlossen und abgebaut<br />

wird und zum Schluss wieder die grüne<br />

Wiese übrig bleiben soll.<br />

5. Es ist eine Vielzahl von Akteuren<br />

beteiligt. (1) die 50 truppenstellenden<br />

Fotos: Shahzaib Akber/Picture Alliance/DPA, Privat (Autorin)<br />

62 <strong>Cicero</strong> 8.2013


Eine der Nato-Abzugsrouten führt von Afghanistan nach Pakistan.<br />

Von Karatschi aus werden die militärischen Geräte der US-Streitkräfte dann verschifft<br />

Nationen, bestehend aus 28 Nato-Staaten<br />

und weiteren 22 Nicht-Nato-Staaten,<br />

die an Isaf beteiligt sind; (2) die Nato als<br />

Organisation; (3) die Afghanen (stark vereinfacht,<br />

da es auch hier eine Vielzahl an<br />

Akteuren gibt); (4) die Transitnationen<br />

(einfache Kooperationspartner wie Usbekistan,<br />

Kirgistan, Tadschikistan und Russland)<br />

und last but not least (5) die privaten<br />

Transportunternehmen.<br />

6. Der Abzug ist nicht nur ein militärischer<br />

und politischer Kraftakt, sondern<br />

auch ein enormer Kostenfaktor. Oder aus<br />

Sicht der Transportunternehmer ein riesiges<br />

Geschäft. Weder die Nationen noch die<br />

Nato unterhalten eigene Lastwagen oder<br />

Züge et cetera zum Landtransit. Die Umsetzung<br />

des Abzugs erfolgt immer durch private<br />

Unternehmen. Auch im kostspieligen<br />

Lufttransit kommen größtenteils gecharterte<br />

Transportmaschinen zum Einsatz.<br />

7. Die Transitnationen wittern ebenfalls<br />

hohe Einnahmen. Seit zehn Jahren verdienen<br />

sie an der Versorgung der Isaf-Truppen<br />

in Afghanistan. In den Binnenstaat Afghanistan<br />

führen mittlerweile viele erschlossene<br />

Wege, und bald geht es hauptsächlich<br />

in die andere Richtung – nach Deutschland,<br />

Frankreich oder zurück in die jeweilige<br />

Heimat der truppenstellenden Nation.<br />

Aber all diese Abzugsrouten, in der Nato<br />

„Lines of Communication“ genannt, gelten<br />

als problematisch. Auch wenn mit den<br />

Transitnationen auf höchster politischer<br />

Ebene Vereinbarungen ausgehandelt wurden,<br />

heißt das noch lange nicht, dass die<br />

einfachen Beamten an den vielen Grenzen<br />

immer Bescheid wissen und willens sind,<br />

die Vereinbarungen zu erfüllen.<br />

8. Als ob die Sache nicht schon kompliziert<br />

genug wäre – es handelt sich um<br />

sogenannten multimodalen Transit, das<br />

heißt, es werden verschiedene Verkehrsmittel<br />

kombiniert. Container werden beispielsweise<br />

vom afghanischen Mazar e Sharif<br />

per Lufttransport ins türkische Trabzon<br />

gebracht, dort wird das vorsortierte Material<br />

gesichtet, für die Instandsetzung und<br />

den Schiffstransport nach Deutschland<br />

vorbereitet und via Landtransport zum<br />

Seehafen geschafft. Wem das kompliziert<br />

vorkommt, der sollte sich die Alternative<br />

dazu anschauen.<br />

Die Container werden von Mazar e<br />

Sharif per Lastwagen ins usbekische Hairaton<br />

gebracht, dann auf die Schiene verladen<br />

und über Kasachstan sowie Russland<br />

bis ins lettische Riga gefahren, um von<br />

dort aus per Schiff nach Rostock zu gelangen.<br />

Von dort aus kann es dann wieder per<br />

Lastwagen oder Eisenbahn weitergehen.<br />

Wenn also Lastwagen oder Züge in<br />

Usbekistan oder sonst wo auf der über<br />

5000 Kilometer langen Strecke stecken<br />

bleiben, muss von einem weit entfernten<br />

Schreibtisch aus geklärt werden, ob die<br />

Ursache dafür technischer, bürokratischer<br />

oder politischer Natur ist. Und vor allem<br />

müssen sofort Alternativrouten bereitstehen,<br />

damit die Fracht möglichst schnell<br />

umgesteuert werden kann.<br />

Bei aller nationalen Verantwortung für<br />

diesen Abzug versucht die Nato die truppenstellenden<br />

Nationen zu unterstützen.<br />

Sie hat zentrale Ansprechstellen geschaffen,<br />

bei denen Informationen gesammelt<br />

werden und versucht wird, die Nationen<br />

zu gruppieren und Aktivitäten zu bündeln.<br />

Die Nato hat auch aktiv an Routen<br />

gearbeitet und versucht, den Nationen<br />

möglichst viele belastbare Transitwege verfügbar<br />

zu machen. Zu diesem Zweck wurden<br />

auch Vereinbarungen mit den Transitstaaten<br />

geschlossen, die Nationen nutzen<br />

können.<br />

Die Nationen sind immer noch mit<br />

dem Ausmisten beschäftigt, der im Nato-<br />

Jargon „aggressive housekeeping“ heißt.<br />

Logistische Umschlagplätze wie das türkische<br />

Trabzon und das russische Uljanowsk,<br />

das sich allerdings als sehr kostspielige Option<br />

erweist, sind mit Erfolg ausprobiert<br />

worden, und die ersten Rücktransporte<br />

aus Afghanistan sind längst auf dem Weg.<br />

Für alle Beteiligten steht viel auf<br />

dem Spiel. Die truppenstellenden Nationen<br />

wollen diesem schwierigen Terrain<br />

so schnell wie möglich mit Anstand Lebwohl<br />

sagen. Die Nato ist bemüht, Informationen<br />

und Optionen gemeinsam<br />

zu erschließen und zu nutzen und diese<br />

nationale Aufgabe gemeinschaftlich zu<br />

stemmen. Aber auch die Transitstaaten<br />

müssen sich als echte Partner bewähren.<br />

Natürlich können sie den Isaf-Truppenstellern<br />

endlose bürokratische Hürden in<br />

den Weg stellen, auch um sie wie Weihnachtsgänse<br />

auszunehmen. Das aber wäre<br />

eine schlechte Investition in ihre Zukunft,<br />

denn eine Transitregion wie Zentralasien<br />

lebt von der langfristigen Zusammenarbeit<br />

mit Partnern.<br />

Heidi Reisinger<br />

ist Expertin für Sicherheitspolitik<br />

am Nato Defense College in<br />

Rom. Sie gibt ihre persönliche<br />

Meinung wieder<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 63


| W e l t b ü h n e | A b h ö r S k a n d a l<br />

puppenstube<br />

Deutschland<br />

64 <strong>Cicero</strong> 8.2013


Amerikanische Lauschangriffe sorgen in<br />

Deutschland für Empörung. Die Politik gibt sich<br />

ahnungslos, die Medien sehen unsere Freiheit in<br />

Gefahr. Welche Bedeutung aber hat der Skandal für<br />

die Zukunft der transatlantischen Beziehungen?<br />

von Marcus Pindur<br />

Illustration: Thomas Kuhlenbeck/Jutta Fricke Illustrators<br />

E<br />

s war ein Statement, das zunächst<br />

auch eingefleischte Transatlantiker<br />

frösteln ließ. Er könne nicht<br />

viel bestätigen, sagte der ehemalige<br />

NSA-Direktor Michael Hayden<br />

kurz nach Bekanntwerden der Abhörund<br />

Datensammlungsvorwürfe in der<br />

Sendung „Face the Nation“. Aber er wolle<br />

drei Fakten in den Raum stellen. „Erstens:<br />

Die USA betreiben Spionage. Zweitens:<br />

Unser vierter Verfassungszusatz, der<br />

die Privatsphäre der Amerikaner schützt,<br />

ist kein internationaler Vertrag. Und drittens:<br />

Diejenigen Europäer, die internationale<br />

Spionage lebhaft beklagen, sollten erst<br />

mal nachfragen, was ihre eigenen Regierungen<br />

eigentlich tun.“<br />

Telling it like it is, sagt man dazu im<br />

angelsächsischen Sprachraum. Ohne Rücksicht<br />

auf diplomatische Feinheiten hatte der<br />

ehemalige Geheimdienstmann eine Mahnung<br />

zu mehr Realitätssinn und Selbsterforschung<br />

in den Raum gestellt, die sich in<br />

den darauffolgenden Wochen immer mehr<br />

als wirklichkeitsnah entpuppen sollte.<br />

Es gibt mehrere Gründe, warum die<br />

Europäer nicht mit Steinen auf die USA<br />

werfen sollten. Mittlerweile ist es an der<br />

Zeit, sich über die zur Schau gestellte Empörung<br />

in Berlin und Paris (und Brüssel)<br />

zu empören. Fangen wir beim Thema<br />

Doppelmoral in Paris an. Keine zwei Wochen<br />

nach der vollmundigen Erklärung des<br />

französischen Staatspräsidenten François<br />

Hollande, das Abfischen der Daten durch<br />

die USA sei völlig inakzeptabel, kam heraus:<br />

Frankreich betreibt ein ähnliches Programm.<br />

Es ist, anders als die amerikanischen<br />

Programme, nicht vom Parlament<br />

eingerichtet und wird nicht von der Justiz<br />

kontrolliert.<br />

Den Deutschen ist die Doppelmoral<br />

nicht so einfach nachzuweisen, aber das<br />

Bild verdichtet sich. Der Historiker Josef<br />

Foschepoth hat ein ganzes Netz an Verträgen<br />

und Absprachen ans Licht gebracht,<br />

die belegen, wie ausnahmslos alle Bundesregierungen<br />

mit den USA kooperiert haben,<br />

wenn es um die Kontrolle von Kommunikationswegen<br />

ging – vorbei am Grundgesetz,<br />

das solche Eingriffe nur auf gesetzlicher<br />

Grundlage zulässt. Diese gesetzliche<br />

Grundlage hätte aber erfordert, dass sich<br />

die Politiker der alten und neuen Bundesrepublik<br />

vor dem Wähler ehrlich – und angreifbar<br />

– gemacht hätten. So konnten sie<br />

nach außen den Deutschen vormachen, es<br />

sei möglich, in einem Datenschutzparadies<br />

zu leben, und gleichzeitig die Ergebnisse<br />

amerikanischer Überwachungspraktiken<br />

zu verwenden, um die sicherheitspolitische<br />

Dividende einzuheimsen.<br />

In Washington herrscht in der außenpolitischen<br />

Debatte ein anderer Ton als in<br />

Deutschland. Die Anerkennung einfacher<br />

Realitäten – wie etwa: Geheimdienste sind<br />

notwendig und legitim; die Verfolgung nationaler<br />

Interessen mit geheimdienstlichen<br />

Mitteln ist es zunächst einmal auch; der<br />

Zweck heiligt nicht die Mittel, aber nicht<br />

alle Mittel sind geschmackvoll – wird in<br />

Amerika vorausgesetzt.<br />

Spricht man in Washington mit Außenpolitikexperten,<br />

gleich ob es Deutsche<br />

oder Amerikaner sind, gleich ob rechts<br />

oder links, so glaubt kein einziger, dass<br />

die deutschen Sicherheitsbehörden nicht<br />

in groben Zügen gewusst hätten, was außerhalb<br />

– und innerhalb – der angeblichen<br />

Datenschutz-Puppenstube Deutschland<br />

geschah. Finanzminister Wolfgang<br />

Schäuble hat jüngst bestätigt, dass es<br />

amerikanische Hinweise waren, die die<br />

sogenannte Sauerland-Gruppe auffliegen<br />

ließen. Nach Angaben von NSA-Chef<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 65


| W e l t b ü h n e | A b h ö r S k a n d a l<br />

Keith Alexander wurde Anfang 2011 eine<br />

Reihe von Bombenattentaten in Europa<br />

verhindert.<br />

Heißt das, man solle keine Grenzen<br />

der amerikanischen Spionage einfordern?<br />

Doch, das soll man sehr wohl. Die Verwanzung<br />

von deutschen und EU-Botschaften<br />

ist nicht hinnehmbar. Auch als Verbündeter<br />

zweiter Klasse – nach Großbritannien,<br />

Kanada, Neuseeland und Australien – hat<br />

man ein Anrecht darauf, dass privilegierte<br />

Kommunikation in Botschaften möglich<br />

ist. Das wird man jedoch nicht als offizielle<br />

diplomatische Note bekommen, schon gar<br />

nicht als vertragliche Verpflichtung. Denn<br />

keiner weiß, was in der Zukunft liegt, und<br />

Staaten behalten deshalb gerne ihre Flexibilität<br />

und Handlungsfähigkeit.<br />

Wer fordert, die Verhandlungen über<br />

die Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft<br />

(TTIP) zwischen Europa<br />

und der USA an die Erfüllung deutscher<br />

Datensicherheitsstandards durch die<br />

Auch als<br />

Verbündeter<br />

zweiter Klasse<br />

hat man ein<br />

Anrecht darauf,<br />

dass privilegierte<br />

Kommunikation<br />

in Botschaften<br />

möglich ist<br />

NSA zu ketten, hat nicht viel von internationalen<br />

Beziehungen verstanden. Staaten,<br />

schon gar nicht Großmächte, lassen sich<br />

nicht die Bedingungen ihres Handelns diktieren,<br />

besonders nicht öffentlich. Das wäre<br />

im Übrigen auch vergeblich, denn es ist<br />

eine weitere einfache Realität, dass die USA<br />

das Internet weiterhin ausforschen werden,<br />

und die Deutschen können sie daran nicht<br />

hindern. Betrachtet man die sicherheitspolitische<br />

Dividende der Deutschen ohne eigenen<br />

Kapitaleinsatz, dann wollen sie das<br />

vielleicht auch gar nicht.<br />

Ein rascher Abschluss des TTIP-Vertrags<br />

ist besonders im Interesse der Exportnation<br />

Deutschland. Im Rahmen dieses<br />

Abkommens wird es auch um die Standards<br />

bei der kommerziellen Datenverwertung<br />

gehen. TTIP ist das umfassendste<br />

Handelsabkommen, das jemals in Angriff<br />

genommen wurde – nur die in Jahrzehnten<br />

gewachsenen EU-Strukturen sind komplexer<br />

und umfassender. In einer späteren<br />

Verhandlungsphase wird die digitale Ökonomie<br />

zum Thema werden und damit die<br />

Frage: Was passiert mit den Daten, wenn<br />

die Bürger und Kunden Transaktionen im<br />

Internet vollziehen? Wie müssen amerikanische<br />

Firmen die Daten europäischer<br />

Kunden behandeln – und umgekehrt? Anders<br />

als die französische Filmindustrie kann<br />

dieser Teil der Ökonomie nicht ausgeklammert<br />

werden, dazu ist er zu wichtig. Dort<br />

sollten die Deutschen mit echtem Mannesund<br />

Frauenmut deutsche Interessen verteidigen,<br />

sowohl wirtschaftliche als auch<br />

datenschutzrechtliche.<br />

Der Schlüssel zum zukunftsfesten deutschen<br />

Umgang mit den USA liegt nicht<br />

in einer Verweigerungspolitik, sondern im<br />

konstruktiven, fairen, interessengeleiteten<br />

Dialog. Das Bild des bedauernswerten Opfers<br />

amerikanischer imperialistischer Zügellosigkeit,<br />

das manche zeichnen, könnte<br />

falscher nicht sein.<br />

Die Geschichte der Bundesrepublik<br />

gibt das nicht her. Die alte Bundesrepublik<br />

war in der Tat eine Schöpfung der<br />

Westalliierten, aber sie hatte jede Möglichkeit,<br />

sich politisch zu entwickeln. Einige<br />

der wichtigsten Entscheidungen des<br />

westlichen Bündnisses wurden auf Drängen<br />

<strong>Deutschlands</strong> gefasst und durchgesetzt.<br />

Die Entspannungspolitik der siebziger<br />

Jahre wurde von der damaligen Bundesregierung<br />

unter Willy Brandt maßgeblich<br />

vorangetrieben. Die Entscheidung für den<br />

Nato-Doppelbeschluss kam auf Drängen<br />

des deutschen Kanzlers Helmut Schmidt<br />

zustande. Der damalige Präsident Jimmy<br />

Carter wollte dies zunächst überhaupt<br />

nicht – er scheute den Konflikt mit der Sowjetunion.<br />

Die Nachrüstung wurde unter<br />

Schmidts Nachfolger Helmut Kohl durchgesetzt<br />

und hatte im November 1987 den<br />

ersten tatsächlichen Abrüstungsvertrag der<br />

Weltgeschichte zur Folge. Alle Rüstungsverträge<br />

davor legten lediglich Obergrenzen<br />

für Waffensysteme fest. Die deutsche<br />

Wiedervereinigung, der größte Aktivposten<br />

der deutschen Politik im 20. Jahrhundert,<br />

wäre ohne die vorbehaltlose Unterstützung<br />

George H. W. Bushs nicht, nicht<br />

so und nicht so reibungslos gekommen.<br />

Die Alliierten in Großbritannien und<br />

Frankreich waren bekanntlich wenig begeistert<br />

von Helmut Kohls Zehn-Punkte-<br />

Plan und versuchten ihn zu unterlaufen.<br />

Die Nato-Osterweiterung nach dem Zerfall<br />

des Warschauer Paktes wurde im Wesentlichen<br />

von zwei deutschen Politikern<br />

beworben und betrieben: Volker Rühe und<br />

Karsten Voigt.<br />

Nicht nur auf dem Feld der Sicherheitspolitik<br />

gelang es immer wieder den Deutschen,<br />

ihre Interessen durchzusetzen. Den<br />

transatlantischen Streit um das Erdgas-<br />

Röhrenembargo von 1980 bis 1982 entschieden<br />

die Deutschen im Verbund mit<br />

den anderen Europäern gegen die USA<br />

für sich – ein damals viel beachtetes Signal<br />

neuen europäischen und deutschen<br />

Selbstbewusstseins. Ganz davon abgesehen,<br />

dass die Entfaltung der europäischen<br />

Integration stets von den USA gefördert<br />

wurde, ungeachtet immer wiederkehrender<br />

Konflikte um Währungs- oder Landwirtschaftsfragen.<br />

Die USA sind außerhalb der<br />

Europäischen Union der größte Handelspartner<br />

<strong>Deutschlands</strong>. Umgekehrt sichern<br />

deutsche Firmen mit ihren Investitionen in<br />

den USA 570 000 Arbeitsplätze.<br />

Eine nüchterne Analyse der deutschen Interessen<br />

kann nur zu dem Schluss kommen,<br />

dass das transatlantische Verhältnis<br />

nicht mit der Brechstange betrieben werden<br />

sollte. Das schließt gelegentliche Konflikte<br />

nicht aus. Doch die Deutschen haben<br />

es sich in der nach 1945 von den USA<br />

etablierten Weltordnung sehr komfortabel<br />

eingerichtet. Sie sollten sich deshalb<br />

auch mehr und ehrlicher an den Kosten<br />

Illustration: Thomas Kuhlenbeck/Jutta Fricke Illustrators; Foto: Privat<br />

66 <strong>Cicero</strong> 8.2013


der Aufrechterhaltung dieser freiheitlichen<br />

Weltordnung beteiligen.<br />

Ob Klimawandel, Proliferation von<br />

Nuklearwaffen, Freiheit des Welthandels,<br />

internationale Sicherheit: Keines der großen<br />

internationalen Probleme kann ohne<br />

die USA gelöst werden. Und eines sollte<br />

man sich auch vor Augen halten: Es ist<br />

das Bündnis mit den USA, das Deutschland<br />

und Europa in einem fundamentalen<br />

Sinn vor Begehrlichkeiten und Pressionen<br />

Russlands schützt. Die Sicherheit in Europa<br />

wird von Deutschen oft als so selbstverständlich<br />

angesehen, dass ihr Wert nicht<br />

mehr erkannt wird.<br />

Es ist zu erwarten, dass die derzeitige<br />

Krise bald wieder vergessen sein wird. Zu<br />

wichtig ist das größte transatlantische Projekt<br />

seit der Osterweiterung der Nato: die<br />

Transatlantic Trade and Investment Partnership.<br />

Sie wird in den nächsten schätzungsweise<br />

zwei Jahren alle Aufmerksamkeit<br />

absorbieren und die Aufregung über<br />

den Abhörskandal auf ein nüchternes Maß<br />

zurückschrauben.<br />

Um keinen falschen Eindruck entstehen<br />

zu lassen: Selbstverständlich sollten die<br />

USA sich langsam aus dem Nine-Eleven-<br />

Modus herausbewegen und eine andere Balance<br />

zwischen Sicherheit und Freiheitsrechten<br />

anstreben. Es gibt im Kongress<br />

erste Anzeichen dafür. Die Debatte hat in<br />

den USA gerade erst begonnen.<br />

An die Deutschen gerichtet gilt: Die<br />

amerikanische Stärke in Sicherheitsfragen –<br />

und die Cybersicherheit gehört dazu – ist<br />

immer auch eine Funktion der europäischen<br />

Schwäche. Wem es nicht passt, dass<br />

er durch das Internet ausgeforscht wird, der<br />

muss seine eigene elektronische Infrastruktur<br />

stärker machen. Der muss der Wirtschaft<br />

Abwehrmethoden gegen Cyberspionage<br />

an die Hand geben. Die deutschen<br />

Politiker sollten ihren Wählern endlich reinen<br />

Wein einschenken, wie man Sicherheit<br />

in einer Welt des globalisierten Dschihad<br />

gewährleisten kann – nämlich nur in Kooperation<br />

mit den USA. Europa muss nicht<br />

jammern, sondern sein Schicksal in die eigenen<br />

Hände nehmen. Niemand würde das<br />

mehr respektieren als die Amerikaner.<br />

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Marcus Pindur<br />

ist USA-Korrespondent des<br />

Deutschlandradios und war 1997<br />

bis 1998 politischer Referent des<br />

US-Repräsentantenhauses<br />

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| W e l t b ü h n e | A b h ö r s k a n d a l<br />

„Nicht akzeptabel“<br />

Der Hüter der Stasi-Akten Roland Jahn verurteilt die Schnüffeleien der westlichen<br />

Geheimdienste, warnt aber davor, NSA, FBI und CIA mit der Stasi gleichzusetzen<br />

E<br />

in prominenter US-Amerikaner<br />

nannte kürzlich die US-Geheimdienste<br />

„die vereinigte Stasi von<br />

Amerika“. NSA, FBI und CIA hätten „mit<br />

der neuen digitalen Technologie die Möglichkeit,<br />

unsere Bürger in einem Ausmaß<br />

zu überwachen, von dem die Stasi nicht<br />

einmal träumen konnte“. Was empfindet<br />

der Hüter der Stasi-Akten, wenn er so<br />

etwas hört oder liest?<br />

Das Zitat ist angesichts der Nachrichten,<br />

die uns erreichen, auf jeden Fall gut<br />

nachzuvollziehen …<br />

„… es stammt übrigens von Daniel Ellsberg,<br />

der 1971 mit der Veröffentlichung von<br />

streng geheimen Dokumenten nachwies,<br />

dass alle Präsidenten der USA, von Lyndon<br />

B. Johnson angefangen, die Öffentlichkeit<br />

über ihre langjährige systematische<br />

Vorbereitung des Vietnamkriegs belogen<br />

hatten …<br />

… was damals zweifellos verdienstvoll war.<br />

Dennoch birgt das Ellsberg-Zitat, das Sie<br />

mir gerade vorgelesen haben, eine Gefahr.<br />

Es könnte dazu verleiten, Stasi und US-<br />

Geheimdienste gleichzusetzen. Und das<br />

wäre falsch.<br />

Wieso eigentlich?<br />

Die Stasi war eine Geheimpolizei mit<br />

dem Ziel, die Macht einer Partei zu sichern.<br />

Zu diesem Zweck hat sie ganz<br />

bewusst und zielgerichtet alle Menschen<br />

verfolgt, die auf ihre Menschenrechte<br />

pochten. Sie hat das Machtmonopol<br />

auf Informationen für sich genutzt.<br />

Die westlichen Geheimdienste hingegen<br />

haben den Anspruch oder geben<br />

ihn zumindest vor, ihre Bürger vor Einschränkungen<br />

der Freiheit, etwa durch<br />

„Die Stasi war eine Geheimpolizei mit dem Ziel, die Macht einer Partei zu sichern. Die<br />

westlichen Geheimdienste hingegen wollen ihre Bürger vor Einschränkungen der Freiheit<br />

etwa durch denTerrorismus schützen. Eine Gleichsetzung vernebelt diesen Unterschied“<br />

Terrorismus, zu schützen. Eine Gleichsetzung<br />

vernebelt diesen Unterschied<br />

fundamental.<br />

Waren Sie als ehemaliger DDR-Bürger<br />

eher wenig verwundert über das Ausmaß<br />

der Datenschnüffelei der Briten und<br />

Amerikaner?<br />

Ich war schon überrascht. Zunächst<br />

müssen aber die Fakten aufgeklärt werden,<br />

ehe ich den ganzen Vorgang bewerten<br />

kann. Wenn sich herausstellen sollte,<br />

dass Geheimdienste im Namen des Staates<br />

Grundrechte der Bürger aushöhlen,<br />

ist die Demokratie in Gefahr. Geheimdienste<br />

müssen sich auf dem Boden<br />

des Rechtsstaats bewegen. Sie sind dem<br />

Schutz der Bürger verpflichtet und dürfen<br />

keine Methoden anwenden, die ihr<br />

demokratisches Mandat übersteigen.<br />

Könnte es sein, dass die Geheimdienste<br />

aufgrund ihrer schieren Größe, ihrer technischen<br />

Möglichkeiten und ihrer enormen<br />

finanziellen Ausstattung unkontrollierbar<br />

geworden sind? Dass sie sich aus systemischen<br />

Gründen außerhalb der Demokratie<br />

bewegen?<br />

Foto: Imago<br />

68 <strong>Cicero</strong> 8.2013


Diese Gefahr besteht im Spannungsfeld<br />

zwischen Demokratie und Geheimdiensten<br />

immer. Die technische Entwicklung<br />

macht es nur noch extremer. Umso wichtiger<br />

sind klare internationale Regeln, damit<br />

die Grundrechte der Bürger geachtet<br />

werden. Auch in der Vergangenheit gab<br />

es ja Missbrauch durch Geheimdienste.<br />

Aber der vorgegebene Rahmen heißt Demokratie.<br />

Wenn die Dienste die Regeln<br />

systematisch missachten, müssen Staaten<br />

sich die Fragen gefallen lassen, wie sie<br />

es verantworten können, zum Schutz der<br />

Freiheit die Freiheit mit Füßen zu treten.<br />

Benjamin Franklin soll gesagt haben: „Wer<br />

die Freiheit aufgibt für Sicherheit, der wird<br />

am Ende beides verlieren.“ Teilen Sie diese<br />

Auffassung?<br />

Ja, so ist es. Was nützt uns die Freiheit,<br />

wenn wir die Sicherheit nicht haben, und<br />

was nützt uns die Sicherheit, wenn wir<br />

die Freiheit nicht haben?<br />

Aber ist es nicht naiv, Transparenz von<br />

einem Gewerbe zu verlangen, das die<br />

Geheimhaltung braucht, um überhaupt zu<br />

funktionieren?<br />

Es geht um demokratische Kontrolle. Eines<br />

muss klar sein: Auch Geheimdienste<br />

dürfen nur im rechtsstaatlichen Rahmen<br />

agieren. Wir können nicht mit Unrechtsmethoden<br />

den Rechtsstaat zu schützen<br />

vorgeben. Die Diskussion darüber muss<br />

jetzt sehr offen, geradezu tabulos geführt<br />

werden.<br />

Was hätte denn wohl die Stasi mit<br />

den neuen technischen Möglichkeiten<br />

gemacht?<br />

Die Stasi hätte diese technischen Möglichkeiten<br />

nie so entwickeln können. Die<br />

Wirtschaft der DDR hinkte immer hinterher.<br />

Bis zuletzt hat die Stasi vor allem<br />

mit Karteikarte und Bleistift die Bevölkerung<br />

überwacht. Und die neuen technischen<br />

Möglichkeiten hätte sich natürlich<br />

auch die Opposition zunutze machen<br />

können. Wir haben es doch gesehen, in<br />

den arabischen Ländern, dass gerade die<br />

neue Technik ein Transportmittel für den<br />

Gedanken der Freiheit ist.<br />

Ist es nicht absurd zu behaupten, man<br />

schütze US-Bürger, indem man Einrichtungen<br />

der EU, das Kanzleramt und die<br />

Botschaften verwanzt?<br />

Das ist in der Tat eine absurde Begründung<br />

und in keiner Weise akzeptabel.<br />

Freunde abhören – das geht gar nicht, hat<br />

die Kanzlerin ausrichten lassen …<br />

… nicht nur Freunde abhören geht nicht.<br />

Das Abhören muss generell in einer Form<br />

rechtsstaatlich geregelt sein, dass die Freiheit<br />

der Bürger geschützt und nicht verletzt<br />

wird. Diese Grenze darf in einer Demokratie<br />

nicht überschritten werden.<br />

Und wenn sich ein Geheimdienst andauernd<br />

und vorsätzlich darüber hinwegsetzt,<br />

ist das in keiner Weise akzeptabel.<br />

Wie soll es denn die von Ihnen angemahnten<br />

internationalen Regelungen geben,<br />

wenn Geheimdienste ein Instrument<br />

nationaler Interessenpolitik sind?<br />

„Was nützt uns<br />

die Sicherheit,<br />

wenn wir<br />

keine Freiheit<br />

haben“<br />

Der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen<br />

der ehemaligen DDR, Roland Jahn<br />

Das Grundrecht auf informationelle<br />

Selbstbestimmung muss universal gelten.<br />

Und in Grundrechte darf nur in<br />

sehr engen Grenzen eingegriffen werden,<br />

auf präziser gesetzlicher Basis. Der Staat<br />

muss dann gewissermaßen im Auftrag<br />

der Demokratie Verfahren entwickeln,<br />

um ein noch höheres Gut zu schützen. In<br />

freien Gesellschaften werden miteinander<br />

divergierende Grundrechte gegeneinander<br />

abgewogen. Nicht zuletzt der Blick<br />

auf die DDR lehrt uns: Wenn wir den<br />

Rechtsstaat außer Kraft setzen, um den<br />

Rechtsstaat zu schützen, befinden wir<br />

uns auf dem Irrweg. Der totale Überwachungsstaat<br />

schützt uns vielleicht vor Terrorismus,<br />

nimmt uns aber die Freiheit.<br />

Wie soll Deutschland sich da verhalten?<br />

Wir dürfen es uns nicht zu einfach machen.<br />

Unsere Standards müssen wir weltweit<br />

einfordern. Die Wirtschaft steht ja<br />

auch vor dieser Herausforderung und<br />

darf keineswegs laxe Bedingungen andernorts<br />

ausnutzen, um dort unter Verstoß<br />

gegen die Menschenrechte oder<br />

gegen Umweltauflagen billig zu produzieren<br />

oder unter Umgehung von Patientenrechten<br />

Pharmaka zu testen. Genau das<br />

müssen wir auch von den Geheimdiensten<br />

verlangen.<br />

Was bedeutet das im schwierigen Umgang<br />

mit den USA oder Großbritannien?<br />

Es reicht nicht, wie zum Beispiel beim<br />

Besuch von Obama, freundlich zu lächeln.<br />

Aber ich gehe davon aus, dass die<br />

Bundesregierung klar benennt, welche<br />

Vorgänge sie nicht akzeptieren kann. Die<br />

Fakten müssen auf den Tisch.<br />

Erntet der moderne Mensch vielleicht<br />

jetzt, was er selbst gesät hat? Sind die<br />

Datenskandale nur Kollateralschäden der<br />

schönen bunten Online-Welt?<br />

Nein. Der Bürger im Rechtsstaat hat ein<br />

Anrecht auf Freiheit, und er muss zugleich<br />

geschützt werden vor dem Missbrauch<br />

der Freiheit.<br />

Ist Edward Snowden für Sie nun ein Held<br />

oder ein Verräter?<br />

Ich wehre mich dagegen, Menschen in<br />

Schubladen zu stecken. Eine solche Bewertung<br />

ist immer auch ein gesellschaftlicher<br />

Prozess. Die Ansichten über Snowden<br />

werden sich wahrscheinlich noch<br />

wandeln, auch bei mir.<br />

Genau wie die über Daniel Ellsberg. Der<br />

wurde 1971 als „Verräter“ geschmäht,<br />

heute gilt er als Held der Aufklärung.<br />

Verrat kann man übrigens auch wie Bertolt<br />

Brecht buchstabieren. Der legte Wert<br />

auf die Feststellung, die Nazis hätten ihn<br />

verjagt, weil sie in ihm einen „Verräter ihrer<br />

Anschläge“ sahen – so sah er sich auch.<br />

Brecht war eben schon ein Dialektiker.<br />

Also: Verräter oder Held?<br />

Ich glaube, ich würde eher bei Brecht<br />

bleiben. Aber mir fehlen die Fakten.<br />

Das Gespräch führten Alexander Kissler<br />

und Hartmut Palmer<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 69


| W e l t b ü h n e | S ü d a f r i k a<br />

Mandelas<br />

Traum<br />

Seit den ersten demokratischen Wahlen dokumentiert<br />

Per-Anders Pettersson die Entwicklung<br />

Südafrikas. Damals, vor fast 20 Jahren, fand er ein Land<br />

voller Euphorie und Hoffnung vor. Heute bangen die<br />

Menschen um ihren Nationalhelden Nelson Mandela<br />

70 <strong>Cicero</strong> 8.2013


Tristesse: In Khayelitsha scheint<br />

sich seit dem Ende der Apartheid<br />

wenig verändert zu haben. In dem<br />

drittgrößten Township Südafrikas<br />

herrscht eine hohe Arbeitslosenrate,<br />

die Zahl der an Aids Erkrankten<br />

steigt, und Gewalttaten gehören<br />

zum Alltag der Menschen<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 71


| W e l t b ü h n e | S ü d a f r i k a<br />

Perspektive: Zum Ballettunterricht fährt Sikhumbuzo Hlahleni jeden Samstag vom Township<br />

Khayelitsha nach Kapstadt. Der 15-Jährige gehört zu den Tänzern des Cape Town City Ballet<br />

72 <strong>Cicero</strong> 8.2013


Religiosität: Frauen der Eastern Baptist Zionist Church feiern im Township Soweto im<br />

Südwesten der Industriemetropole Johannesburg das Osterfest unter freiem Himmel<br />

Die größte afrikanische<br />

Volkswirtschaft ist immer noch<br />

eine gespaltene Nation<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 73


| W e l t b ü h n e | S ü d a f r i k a<br />

Hilfsbedürftig: In einem armen, weißen Stadtteil von Krugersdorp erhalten<br />

zahlreiche Familien regelmäßig Lebensmittel von der Heilsarmee<br />

„Mit unseren täglichen Taten als<br />

normale Südafrikaner müssen<br />

wir eine südafrikanische Realität<br />

schaffen, die den Glauben der<br />

Menschheit an Gerechtigkeit stärkt“<br />

Nelson Mandela<br />

74 <strong>Cicero</strong> 8.2013


Abgeschottet: In Orania dürfen sich seit 1990 nur Buren niederlassen. 2012 lebten<br />

etwa 560 Familien auf dem Privatland, das als Aktiengesellschaft verwaltet wird<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 75


| W e l t b ü h n e | S ü d a f r i k a<br />

Wohlstand: Im „Rand Club“ von Johannesburg, wo einst nur weiße Männer<br />

zugelassen waren, feiern heute Schwarze und Weiße, Frauen und Männer<br />

A<br />

N dieseN Tag erinnern sich die<br />

meisten Südafrikaner: Am<br />

27. April 1994 wurde Nelson<br />

Mandela zum ersten schwarzen<br />

Staatspräsidenten des Landes<br />

gewählt. Unvergessen sind die Bilder<br />

langer Warteschlangen vor den Wahllokalen,<br />

die ergriffenen Gesichter von Schwarzen,<br />

die zum ersten Mal in ihrem Leben<br />

ihre Stimme abgeben durften. Mitjubelnde<br />

Weiße dazwischen. Einige von ihnen hatten<br />

sich allerdings vorsorglich ein Visum<br />

für Australien besorgt.<br />

Jeder spürte damals: Diese Wahl markiert<br />

den Beginn einer neuen Ära. Aus<br />

einem menschenverachtenden Regime,<br />

das sich der Rassentrennung verschrieben<br />

hatte, sollte eine neue Nation entstehen,<br />

in der Schwarze und Weiße friedlich<br />

zusammenlebten. Die endlich wieder international<br />

geachtet werden wollte.<br />

Fast 20 Jahre später bangt die „Regenbogennation“<br />

um ihren 95 Jahre alten<br />

Nationalhelden, der seit Wochen in „kritischem<br />

Zustand“ in einem Krankenhaus in<br />

Pretoria behandelt wird. Es ist aber nicht<br />

nur die Sorge um die Gesundheit eines tief<br />

verehrten ehemaligen Staatsmannes, weshalb<br />

die Menschen Blumen niederlegen.<br />

Es ist auch die Angst, sich mit „Madiba“<br />

(Mandelas Clanname) endgültig von dem<br />

großen Traum eines besseren Lebens verabschieden<br />

zu müssen.<br />

„Mit unseren täglichen Taten als normale<br />

Südafrikaner müssen wir eine südafrikanische<br />

Realität schaffen, die den<br />

Glauben der Menschheit an Gerechtigkeit<br />

stärkt (…) und unsere Hoffnungen auf ein<br />

glorreiches Leben für alle aufrechterhält“,<br />

sagte Mandela damals. Heute sind alle<br />

Südafrikaner nach der Verfassung gleichberechtigt.<br />

Die schlimmsten Befürchtungen<br />

vor einem Bürgerkrieg haben sich<br />

nicht bewahrheitet. Stattdessen hat sich<br />

Südafrika das Ansehen der Welt gesichert,<br />

ob als Gastgeber der Fußballweltmeisterschaft<br />

oder als jüngstes Mitglied des illustren<br />

Brics-Club der führenden Schwellenländer.<br />

Doch die größte afrikanische<br />

Volkswirtschaft ist immer noch eine gespaltene<br />

Nation: weniger in Schwarz und<br />

Weiß als zunehmend in Arm und Reich.<br />

In den eleganten Villenvierteln residieren<br />

heute Schwarze und Weiße nebeneinander.<br />

Millionen schwarzer Südafrikaner<br />

aber leben immer noch in notdürftig<br />

zusammengenagelten Wellblechhütten.<br />

76 <strong>Cicero</strong> 8.2013


Heldendämmerung: Während Nelson Mandela mit dem Tod ringt,<br />

sorgen sich die Menschen um die Zukunft ihres Landes<br />

Fotos: Per-Anders Pettersson/Laif (Seiten 70 bis 77)<br />

Besonders gravierend sind die Unterschiede<br />

im Bildungswesen. Weiße Südafrikaner<br />

und die neue schwarze Elite schicken<br />

ihre Kinder auf teure Privatschulen.<br />

Alle anderen müssen sich mit maroden<br />

staatlichen Schulen begnügen. „Einst gingen<br />

die Jugendlichen auf die Straße, um<br />

für ein faires Bildungssystem zu kämpfen.<br />

Heute gehen sie auf die Straße, um Jobs<br />

zu suchen“, schrieb die Zeitung City Press.<br />

In einer Studie des Weltwirtschaftsforums<br />

über die Qualität der Ausbildung landete<br />

Südafrika jüngst nur auf Rang 140 – vor<br />

Haiti, Libyen, Burundi und Jemen. Fast<br />

jeder zweite Jugendliche hat nach offiziellen<br />

Statistiken keine Arbeit.<br />

Die Wut darüber ist überall spürbar.<br />

Fast täglich kommt es in den Armenvierteln<br />

zu Protesten, weil der Staat nicht die<br />

versprochenen Leistungen liefert. In den<br />

Bergbauregionen ist der Ärger besonders<br />

groß, im vergangenen Jahr eskalierte ein<br />

Arbeitskampf auf dem Gelände einer Platinmine:<br />

Streikende Minenarbeiter wurden<br />

von schwarzen Polizisten erschossen.<br />

Im Andenken an Mandela zeigt das südafrikanische<br />

Fernsehen derzeit historische<br />

Filmaufnahmen von den Aufständen gegen<br />

das Apartheid-Regime. Was im Augenblick<br />

geschieht, sieht oft bedrückend<br />

ähnlich aus.<br />

2014 wird in Südafrika wieder gewählt.<br />

Und wieder gilt ein Sieg des ANC<br />

als sicher. Heute aber wählen viele die Partei<br />

Mandelas, ohne mehr zu wissen warum.<br />

Einer Umfrage nach will ein Viertel<br />

der Jüngeren überhaupt nicht mehr ihre<br />

Stimme abgeben. Claudia Bröll<br />

Die Fotos von Per-Anders<br />

Pettersson erscheinen im<br />

Oktober in dem Bildband<br />

„Rainbow Transit: My longtime<br />

work on South Africa“,<br />

Dewi Lewis Publishing<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 77


| W e l t b ü h n e | K o m m e n t a r<br />

Putins neue DDR<br />

Ohne gemeinsame Ziele und Werte kann es keine „strategische<br />

Partnerschaft“ geben. Daher ist es an der Zeit, mit der<br />

Schönfärberei in den EU-Russland-Beziehungen aufzuhören<br />

von Werner Schulz<br />

D<br />

ie lang gehegte Hoffnung auf demokratische Fortschritte<br />

in Russland hat sich als falsch erwiesen. Anstatt<br />

die Zügel der „gelenkten Demokratie“ zu lockern,<br />

hat sich Putin III. offenbar vorgenommen, die Opposition an<br />

und in Ketten zu legen. Die ohnehin schwache Zivilgesellschaft<br />

wird drangsaliert, eingeschüchtert und zerschlagen. Reaktionäre,<br />

nationalistische und erzkonservative Bestrebungen sind auf dem<br />

Vormarsch. Auch durch die von Putin betriebene Volksfront<br />

und die Aufwertung der Kirche als Stütze des Staates. Die Unterdrückung<br />

Homosexueller oder die gnadenlose Bestrafung der<br />

Punkband Pussy Riot sind dafür Beispiele.<br />

Das politische System gleicht immer mehr der DDR, mit<br />

der Putin gut vertraut war: ein unumschränkter Bestimmer an<br />

der Spitze, gestützt auf ein Scheinparlament, einen alles beherrschenden<br />

Geheimdienst, einer Nationalen Front mit Marionettenparteien<br />

und einer vom Staat dirigierten und monopolisierten<br />

Volkswirtschaft. Hinzu kommen sowjetische Versatzstücke<br />

und eine systemische Korruption.<br />

Putins rigoroses und paranoid anmutendes Vorgehen gegen<br />

die Opposition hat auch persönliche Gründe. Glasnost und Perestroika<br />

hat Putin nur aus der Ferne erlebt. Der Zusammenbruch<br />

des Sowjetsystems war für ihn „die größte geopolitische<br />

Illustration: jan Rieckhoff<br />

78 <strong>Cicero</strong> 8.2013


Foto: Privat<br />

Katastrophe des 20. Jahrhunderts“. Den Fall der Mauer, dem<br />

Massenproteste gegen Wahlfälschung, Mangelwirtschaft und<br />

Unterdrückung vorausgingen, hat er als KGB-Agent in Dresden<br />

dagegen hautnah mitbekommen. Insbesondere den Sturm auf<br />

die Stasi-Zentrale. Eine Besetzung der KGB-Niederlassung hat<br />

er mit gezogener Waffe verhindert. Vermutlich hat dieses „Erfolgserlebnis“<br />

ihn darin bestärkt, entschlossen und mit Härte auf<br />

alles zu reagieren, was ihm bedrohlich erscheint. Die „Orangene<br />

Revolution“ in der Ukraine hat ihm das abermals vor Augen geführt<br />

und seine Allergie gegen jedwede Opposition verstärkt.<br />

Und Alexander Lukaschenko hat ihm in Weißrussland bestätigt,<br />

wie der Protest durch brutales Vorgehen im Keim erstickt werden<br />

kann.<br />

So hat die durch Wahlfälschung entstandene Duma im<br />

Schnelldurchlauf eine Reihe von Gesetzen gegen die Zivilgesellschaft<br />

beschlossen. Darunter eines, das Nichtregierungsorganisationen<br />

(NGOs), die vom Ausland finanziell unterstützt<br />

werden, zwingt, sich als „ausländische Agenten“ registrieren zu<br />

lassen. Putin selbst hat vor dem Inlandsgeheimdienst darauf bestanden,<br />

dass es rigoros umgesetzt wird. Es folgten Razzien und<br />

Geldstrafen, die Liste der Verdächtigten wird immer länger, bis<br />

hin zum renommierten Lewada-Institut, dessen Umfragen dem<br />

autokratischen Präsidenten nicht gefallen. Zwar ist es Putin gelungen,<br />

dem unbedarften WDR-Chefredakteur vorzugaukeln,<br />

das sei völlig normal und würde einem Gesetz der USA entsprechen.<br />

Aber während das 1938 in Amerika der Abwehr faschistischer<br />

Propaganda diente, erinnert das russische NGO-Gesetz<br />

fatal an die Zeit, als die meist durch Folter erzwungene Selbstbezichtigung<br />

als „ausländischer Agent“ das Todesurteil der stalinistischen<br />

Tribunale begründete.<br />

Erneut wird das Feindbild „Westen“ aufpoliert. In nostalgischer<br />

Verklärung taucht der Traum einer omnipotenten<br />

Großmacht wieder auf, die den USA Paroli bieten kann. Auch<br />

das europäisch-russische Verhältnis ist in einer schweren Krise.<br />

Vom Wandel durch Handel ist bestenfalls der Handel übrig geblieben.<br />

Ein Begriff wie „Modernisierungspartnerschaft“ verschleiert<br />

die Realität, da er den Sachverhalt nur imitiert. Zudem<br />

vermittelt er ein schräges Bild, denn die Europäische Union<br />

muss sich im Verhältnis zu Russland nicht modernisieren, während<br />

der Kreml diesen Anspruch nicht erfüllt.<br />

Eine „strategische Partnerschaft“ ohne gemeinsame Ziele<br />

und Werte kann es jedoch nicht geben. Schon gar nicht, wenn<br />

Europa immer stärker in Putins Fadenkreuz gerät. Der Friedensnobelpreisträger<br />

EU darf nicht zulassen, dass seine Partner, die<br />

Projektgelder einwerben, als Agenten diffamiert werden und die<br />

EU damit im Verdacht steht, ein Spionage- und Subversionsnetz<br />

zu unterhalten. Gerade jetzt gilt es, liberale Parteien und Initiativen<br />

zu unterstützen, die sich einer Rückkehr der Diktatur widersetzen.<br />

In vielen Fragen ist Europa ihr Vorbild, das die russischen<br />

Bürger durch visafreien Reiseverkehr jederzeit erreichen<br />

sollten. Allerdings dürfen wir Beamten, die an Repressionen beteiligt<br />

sind, kein Privileg einräumen. Ihnen muss die Einreise<br />

verwehrt werden.<br />

Allein durch den anhaltenden Protest im Land wird ein von<br />

Massenunruhen infizierter Putin seine Linie des harten Durchgreifens<br />

nicht ändern. Es sei denn, die EU macht ihm deutlich,<br />

dass seine Politik weder Stabilität noch Modernisierung, sondern<br />

eine Selbstisolation Russlands bewirkt.<br />

Werner Schulz<br />

ist grüner Europaabgeordneter und Vizevorsitzender des<br />

Parlamentarischen Kooperationsausschusses EU-Russland<br />

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IM SOMMER versammeln<br />

wir die Weltstars der Klassik<br />

16. August – 15. September 2013<br />

Anne-Sophie Mutter | Berliner Philharmoniker |<br />

Christian Thielemann | Claudio Abbado | Daniel Barenboim |<br />

Lucerne Festival Orchestra | Martin Grubinger |<br />

Mariss Jansons | Mitsuko Uchida | Pierre Boulez |<br />

Royal Concertgebouw Orchestra | Simon Rattle |<br />

Thomas Hampson | West-Eastern Divan Orchestra |<br />

Wiener Philharmoniker und viele mehr<br />

Karten und Informationen: +41 (0)41 226 44 80 | www.lucernefestival.ch


| K a p i t a l<br />

Clooney der Geldpolitik<br />

Mark Carney ist der erste Ausländer an der Spitze der Bank of England – die Erwartungen an ihn sind riesig<br />

von Olaf Storbeck<br />

M<br />

ark Carney, der neue Gouverneur<br />

der Bank of England, ist ein<br />

Mann der Superlative. „Der herausragendste<br />

Zentralbanker seiner Generation“,<br />

schwärmt der britische Finanzminister<br />

George Osborne. Der erste Ausländer<br />

an der Spitze der 319 Jahre alten Institution,<br />

der am besten bezahlte öffentliche<br />

Angestellte des Vereinigten Königreichs,<br />

der am besten aussehende Notenbanker –<br />

als „George Clooney der Geldpolitik“ bezeichnete<br />

ihn die Huffington Post gar.<br />

Sein erster Arbeitstag begann gleich mit<br />

einer Sensation: Carney kam mit der Tube<br />

ins Büro, nicht mit Limousine und Fahrer.<br />

Seinem Vorgänger, dem für seine Arroganz<br />

berühmten Hochschullehrer Mervyn King,<br />

wäre das im Traum nicht eingefallen.<br />

Carneys U-Bahn-Fahrt zeigt, wie der<br />

neue Notenbank-Chef denkt: gnadenlos<br />

zielorientiert. Natürlich hat auch er Anspruch<br />

auf Dienstwagen und Chauffeur.<br />

Aber im Londoner Verkehrschaos ist die<br />

U‐Bahn schlicht schneller. Genauso pragmatisch<br />

ist Carneys Geldpolitik. Der in<br />

Harvard und Oxford ausgebildete Volkswirt<br />

ist der Archetyp des unorthodoxen Ökonomen.<br />

Ihn leiten Daten, nicht Dogmen.<br />

Er plädiert seit Jahren für mehr Flexibilität<br />

in der Geldpolitik. In der Vergangenheit<br />

habe die strikte Regelbindung durchaus<br />

ihre Berechtigung gehabt – als die<br />

Zentralbanken noch Glaubwürdigkeit bei<br />

der Inflationsbekämpfung aufbauen mussten.<br />

Jetzt aber sei diese Reputation vorhanden,<br />

weswegen die Notenbanken ihren größeren<br />

Spielraum auch nutzen sollten.<br />

Der 48-Jährige, der 13 Jahre für die<br />

US-Investmentbank Goldman Sachs gearbeitet<br />

hat, gilt als ein Vordenker moderner<br />

Geldpolitik. Er war der Pionier einer neuen<br />

geldpolitischen Kommunikationsstrategie,<br />

die heute als richtungsweisend gilt: der sogenannten<br />

„forward guidance“. Mit diesem<br />

„Blick in die Zukunft“ legen sich moderne<br />

Notenbanker schon heute darauf fest, was<br />

sie morgen tun werden.<br />

„In normalen wirtschaftlichen Zeiten<br />

sollte man damit vorsichtig sein“, betont<br />

Carney. Wenn die Wirtschaft in einer tiefen<br />

Krise steckt und die Leitzinsen bereits<br />

bei null angekommen sind, kann das<br />

Versprechen, die Zinsen lange niedrig zu<br />

halten, die Lage aber stabilisieren. Dass<br />

das in der Praxis funktioniert, hat Carney<br />

als Chef der kanadischen Notenbank seit<br />

2007 bewiesen. Die amerikanische Federal<br />

Reserve und neuerdings auch die EZB<br />

haben seine Strategie übernommen – und<br />

mit seinem Amtsantritt jetzt auch die Bank<br />

of England.<br />

Auch vor noch radikaleren Reformideen<br />

hat Carney keine Scheu. Möglicherweise<br />

sei es sinnvoll, das Inflationsziel als<br />

Maßstab der Geldpolitik neu zu definieren<br />

und die Maßnahmen der Notenbank<br />

am Niveau der nominalen Wirtschaftsleistung<br />

auszurichten, das durch Wachstumsrate<br />

und Inflation bestimmt wird. Die<br />

Aufgaben, die Carney in London erwarten,<br />

sind gewaltig. Das Land hat sich noch<br />

immer nicht von der Finanzkrise erholt:<br />

Das Wirtschaftswachstum ist chronisch<br />

schwach; die Inflation liegt deutlich über<br />

der Zielmarke von 2 Prozent, der Staatshaushalt<br />

ist tief in den roten Zahlen. Die<br />

Banken halten sich mit der Kreditvergabe<br />

zurück, die Exporte schwächeln, der private<br />

Verbrauch lahmt – und das, obwohl<br />

die Notenbank die Leitzinsen auf nahezu<br />

null gesenkt und zudem Staatsanleihen im<br />

Wert von 375 Milliarden Pfund gekauft<br />

hat. „Die Bank of England sucht einen<br />

neuen Gouverneur – Bewerbungen bitte<br />

nur von Übermenschen“, spottete der Labour-Politiker<br />

Ed Balls bereits im vergangenen<br />

Jahr.<br />

Wenn es einen perfekten Kandidaten<br />

gibt, dann ist es wohl tatsächlich Mark<br />

Carney. Kanada hat die tiefste Finanzkrise<br />

seit der Großen Depression ohne einen einzigen<br />

Banken-Zusammenbruch überstanden.<br />

Die Inflation ist im Griff, das Wirtschaftswachstum<br />

robust.<br />

In monatelangen Geheimverhandlungen<br />

bearbeitete der britische Finanzminister<br />

den zunächst unwilligen Carney.<br />

Osborne verdreifachte das Gehalt und<br />

kam Carney mit Blick auf die Amtszeit<br />

entgegen. Selbst die Opposition spendete<br />

Beifall, als Osborne die Personalie<br />

verkündete.<br />

Aber es gibt auch skeptische Stimmen,<br />

die davor warnen, Carney zu überschätzen.<br />

Für die Stabilität des kanadischen Bankensystems<br />

ist nicht allein die aktuelle Notenbankpolitik<br />

verantwortlich, zeigt eine Studie<br />

des US-Wirtschaftshistorikers Michael<br />

Bordo, sondern vor allem die Struktur des<br />

Finanzsystems, die auf jahrzehntealte Weichenstellungen<br />

zurückgehe.<br />

Zudem mehren sich Zweifel, ob die kanadische<br />

Wirtschaft tatsächlich in so guter<br />

Verfassung ist. Zu Jahresbeginn stufte die<br />

Ratingagentur Moody’s sechs der wichtigsten<br />

Banken des Landes herab wegen der Risiken<br />

auf dem Immobilienmarkt und stark<br />

gestiegener Konsumentenverschuldung.<br />

„Es sieht zunehmend danach aus, als wäre<br />

es Carney nur gelungen, die Kreditblase in<br />

Kanada länger am Laufen zu halten“, kommentierte<br />

das Finanzportal Market Watch.<br />

Offen ist zudem, inwieweit die Probleme<br />

der britischen Wirtschaft überhaupt<br />

durch unkonventionelle Geldpolitik zu lösen<br />

sind. Mehr als 30 Prozent aller britischen<br />

Staatsanleihen befinden sich schon<br />

jetzt in ihrem Bestand – die Zins- und<br />

Kursgewinne daraus schüttet die Notenbank<br />

an die Regierung aus. Damit ist die<br />

Bank of England deutlich näher an der Finanzierung<br />

des Staatshaushalts über die<br />

Notenpresse als die EZB. Carney ist dennoch<br />

überzeugt: „Wir haben unser Pulver<br />

noch lange nicht verschossen.“<br />

Olaf Storbeck<br />

ist Kolumnist bei Reuters<br />

Breakingviews in London<br />

Fotos: ANDRE FORGET/QMI AGENCY, Privat (Autor)<br />

80 <strong>Cicero</strong> 8.2013


„Die Zentralbanken haben<br />

ihr Pulver noch lange<br />

nicht verschossen“<br />

Mark Carney, neuer Gouverneur der Bank of England<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 81


| K a p i t a l<br />

Bis 17 Uhr auf dem Gipfel<br />

Antje von Dewitz will Vaude zum nachhaltigsten Outdoor-Ausstatter machen, ohne zu lange im Büro zu sein<br />

von Christophe Braun<br />

A<br />

ntje von Dewitz hat schon eine<br />

ganze Weile gesprochen, als sie<br />

plötzlich innehält. „Natürlich<br />

sind wir ein Industrieunternehmen“, sagt<br />

sie. „Und jedes Industrieunternehmen ist<br />

auch immer Teil des Problems.“<br />

Als Geschäftsführerin des Outdoor-<br />

Ausstatters Vaude verkauft von Dewitz<br />

das Erlebnis Natur. Da stört es natürlich,<br />

dass viele Outdoor-Artikel auf Erdölbasis<br />

hergestellt und mit hochgiftigen Chemikalien<br />

behandelt werden. Was tun? Teil des<br />

Problems zu sein, kommt für die drahtige<br />

40-Jährige nicht infrage. Deshalb hat sie<br />

sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Bis 2015<br />

soll Vaude der nachhaltigste Outdoor-Ausstatter<br />

Europas werden.<br />

Mit weniger gibt sich von Dewitz nicht<br />

zufrieden. Die vierfache Mutter, promovierte<br />

Ökonomin und passionierte Bergsteigerin<br />

denkt gerne in Gipfeln. Ist einer<br />

erreicht, hat sie bereits den nächsten im Visier.<br />

Ihre Ansprüche an Qualität und Umweltverträglichkeit<br />

sind hoch. Seit sie vor<br />

vier Jahren ihren Vater als Geschäftsführerin<br />

abgelöst hat, modernisiert sie das Unternehmen.<br />

Sie hat das Sortiment reduziert<br />

und eine Kooperation mit dem World<br />

Wide Fund For Nature (WWF) eingeleitet.<br />

„Wir müssen unsere Marke leben“,<br />

sagt von Dewitz. Um zu verstehen, was<br />

das bedeutet, muss man nach Tettnang<br />

am Bodensee fahren. Rund um den Unternehmenssitz<br />

sieht es aus wie im Märklin-<br />

Katalog: Fachwerkhäuser, Hopfenfelder,<br />

Bauernhöfe, Apfelbäume, ein Kirchturm<br />

und ein paar treu-doof guckende Kühe.<br />

„Wir sind hier im Dorf ein großer Faktor –<br />

nicht nur im Guten“, sagt von Dewitz und<br />

verweist auf den von Vaude verursachten<br />

Lieferverkehr. „Deshalb stehen wir hier<br />

auch in der Verantwortung.“ Als das örtliche<br />

Freibad von der Schließung bedroht<br />

war, sprang Vaude kurzerhand als Pächter<br />

ein. Kletterreisen für Mitarbeiter werden<br />

organisiert, für den Nachhaltigkeitsbericht<br />

die zurückgelegten Fahrradkilometer auf<br />

dem Weg zur Arbeit gezählt und Fahrgemeinschaften<br />

gefördert.<br />

Wenn von Dewitz Verantwortung sagt,<br />

folgen fast immer zwei Begriffe: sozial und<br />

ökologisch. Vaude hat den Anspruch, auch<br />

in diesen Bereichen voranzugehen. 2001 eröffnete<br />

das unternehmenseigene<br />

Kinderhaus: Angesichts<br />

eines Frauenanteils<br />

von über 60 Prozent und einem<br />

Durchschnittsalter von<br />

35 sei das eine naheliegende<br />

Maßnahme gewesen, erklärt<br />

die Chefin. Die Unternehmenskita<br />

und ein flexibles<br />

Arbeitszeitmodell ließen die<br />

Geburtenzahlen unter den<br />

Mitarbeitern in die Höhe<br />

schießen. Im laufenden Jahr<br />

erwartet Vaude 16 Mitarbeiter-Babys;<br />

40 Mitarbeiter<br />

nehmen Elternzeit in<br />

Anspruch.<br />

Damit auch das Thema<br />

ökologische Herstellung<br />

kein Lippenbekenntnis<br />

bleibt, produziert Vaude<br />

schon seit 2001 nach den<br />

strengen Standards des Öko-<br />

Zertifikats bluedesign – als<br />

erster Outdoor-Ausstatter überhaupt. Die<br />

Kosten sind durch die umweltverträgliche<br />

Produktionsweise um 15 Prozent gestiegen.<br />

Trotzdem wächst das Unternehmen,<br />

gerade weil es sich erfolgreich im Ökosegment<br />

positioniert hat. 1600 Mitarbeiter erwirtschafteten<br />

für Vaude im vergangenen<br />

Jahr einen Umsatz von knapp 100 Millionen<br />

Euro.<br />

Ihr Vater Albrecht kam Anfang der<br />

Siebziger nach Tettnang. Mit einer Handvoll<br />

Mitarbeiter gründete er Vaude – der<br />

Name des Unternehmens steht für die Initialien<br />

des Familiennamens von Dewitz.<br />

Anfangs war das Unternehmen ein reiner<br />

MYTHOS<br />

MITTELSTAND<br />

„Was hat Deutschland,<br />

was andere nicht<br />

haben? Den<br />

Mittelstand!“, sagt jetzt<br />

auch der Deutsche-<br />

Bank-Chef Anshu<br />

Jain. <strong>Cicero</strong> weiß das<br />

schon länger und stellt<br />

den Mittelstand in<br />

einer Serie vor. Die<br />

bisherigen Porträts aus<br />

der Serie unter:<br />

www.cicero.de/mittelstand<br />

Bergsportausrüster. Im Laufe der Jahre<br />

kamen Radfahrerbedarf, Kinderbekleidung<br />

und Taschen dazu. Heute umfasst<br />

das Angebot zahlreiche Artikel – von Regenjacken<br />

über Schlafsäcke bis zu Solarladegeräten<br />

fürs Handy. 50 Prozent des Umsatzes<br />

macht Vaude mit Funktionskleidung,<br />

30 Prozent mit Rucksäcken<br />

und Taschen.<br />

Dass Antje von Dewitz<br />

einmal ihren Vater ablösen<br />

würde, war lange Zeit nicht<br />

absehbar. In Passau studierte<br />

sie Kulturwirtschaft.<br />

Sie absolvierte Praktika,<br />

unter anderem bei der Süddeutschen<br />

Zeitung und beim<br />

west-ostdeutschen Frauennetzwerk.<br />

„Danach habe<br />

ich immer gedacht: Das war<br />

toll – aber was kommt jetzt?“<br />

Erst, als sie ins Familienunternehmen<br />

hineinschnupperte,<br />

habe sie Feuer gefangen.<br />

Damals betraute der<br />

Marketingleiter sie mit der<br />

Entwicklung des neuen Taschen-Geschäfts:<br />

„Ich habe<br />

gespürt: Das ist es.“<br />

Mit dem Wechsel an der<br />

Spitze 2009 veränderte sich<br />

die Unternehmensstruktur. Ihr Vater, sagt<br />

von Dewitz, sei eher ein einsamer Entscheider<br />

gewesen; sie sieht sich als Teamplayer.<br />

Außerdem legt sie Wert auf ihren Feierabend:<br />

Weil sie trotz hohen Arbeitspensums<br />

genug Zeit für ihre Familie haben möchte,<br />

ist ihr Arbeitstag eng getaktet. Sooft es geht,<br />

verlässt sie ihr Büro um 17 Uhr. Nach Hause<br />

geht es dann natürlich per Rennrad.<br />

Christophe Braun<br />

steigt als gebürtiger Mainzer am<br />

liebsten auf Weinberge, gerne<br />

auch in Funktionskleidung<br />

Fotos: Vaude, Privat (Autor)<br />

82 <strong>Cicero</strong> 8.2013


Vaude-Chefin<br />

Antje von Dewitz<br />

testet beim<br />

Klettern gerne<br />

Produkte aus dem<br />

eigenen Haus<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 83


| K a p i t a l<br />

Erwartet hat ihn keiner<br />

Der Maschinenbauer Markus Dohle ist spätestens seit Juli der mächtigste Mann der Buchbranche weltweit<br />

von Thomas Schuler<br />

D<br />

ie ersten sechs Monate waren<br />

für ihn „ein Kampf aufs Messer“.<br />

Dass er einmal den weltgrößten<br />

Buchverlag führen sollte, ahnte er nicht, als<br />

Bertelsmann ihn von Gütersloh nach New<br />

York schickte. Dass ihm der Vorstandsvorsitzende<br />

einmal ins Gesicht gesagt hatte,<br />

er könne nicht führen? Schwamm drüber.<br />

1992 kam Peter Olson an die Spitze<br />

von Bantam Doubleday – dem US-Verlag<br />

von Bertelsmann. 80 Prozent der Mitarbeiter<br />

seien gegen ihn gewesen, erzählte<br />

er später. Viele von ihnen hat er entlassen.<br />

Als Bertelsmann 1998 den Konkurrenten<br />

Random House kaufte und der weltgrößte<br />

Buchkonzern entstand, galt Olson<br />

über Nacht als mächtigster Mann im globalen<br />

Buchgeschäft.<br />

Geschichte scheint sich doch zu wiederholen:<br />

Wieder gibt es eine Fusion. Die<br />

Medienkonzerne Bertelsmann und Pearson<br />

haben durch den Zusammenschluss<br />

ihres Buchgeschäfts den Giganten Penguin<br />

Random House geschaffen mit einem geschätzten<br />

Jahresumsatz von drei Milliarden<br />

Euro. Der Protagonist dieser Fusion<br />

heißt diesmal Markus Dohle. Ähnlich wie<br />

der ehemalige Banker Olson, der 15 Prozent<br />

Rendite von den Verlagen verlangte,<br />

wurde Dohle in der Buchbranche zunächst<br />

als Outsider wahrgenommen. Als Bertelsmann<br />

ihn 2008 nach New York schickte,<br />

galt Dohle als branchenfremd. Zuvor hatte<br />

Durch die Fusion von Penguin<br />

und Random House ist ein<br />

Verlagsriese entstanden –<br />

Jahresumsatz: 3 Milliarden Euro<br />

er die Druckerei Mohn Media geleitet. Der<br />

damalige Bertelsmann-Chef Hartmut Ostrowski<br />

begründete seine Entscheidung mit<br />

den Worten, Dohle habe ein Verkäufer-<br />

Gen und könne neue Wege finden, Bücher<br />

im Zeitalter des Internets zu verkaufen. Die<br />

New York Times fand es eher ungewöhnlich,<br />

„den bisherigen Chefmechaniker zum Chef<br />

einer Airline“ zu machen.<br />

Wieder ein Outsider, ausgerechnet bei<br />

Random House, einem der traditionsreichsten<br />

Verlage der USA: Bennett Cerf<br />

und sein Freund Donald Klopfer starteten<br />

Random House 1927, um Bücher aus Lust<br />

und Laune zu verlegen, „at random“ – aufs<br />

Geratewohl. Cerf reizte es, Autoren zu entdecken.<br />

Ein größerer Gegensatz zum heutigen<br />

Geschäft der kühl kalkulierenden Megaverlage<br />

ist kaum vorstellbar.<br />

Dohle hat nie ein Buch lektoriert, ein Manuskript<br />

oder einen Autor entdeckt, geschweige<br />

denn einen Bestseller lanciert. In<br />

New York kannte ihn niemand, und alle<br />

waren alarmiert und besorgt. „Er sieht aus<br />

wie ein 27-Jähriger“, sagten sie über den<br />

40-Jährigen. Dohle sagte bei seinem Amtsantritt,<br />

er habe sein „ganzes Berufsleben in<br />

der Wertschöpfungskette des Buchverlagswesens<br />

gearbeitet“. Er meinte damit, dass<br />

er sich bei Druck und Vertrieb auskennt.<br />

Er spürte, dass er die Mitarbeiter in New<br />

York damit nicht überzeugte und gestand<br />

einem Kollegen später: „Die haben nicht<br />

auf mich gewartet.“<br />

Sein Vorgänger Olson hatte vergeblich<br />

versucht, die Sympathie der Mitarbeiter<br />

zu gewinnen, indem er erzählte, dass er<br />

80 bis 100 Bücher jährlich lese. Dass er<br />

deren Herzen nie eroberte und viele Mitarbeiter<br />

Random House verließen oder<br />

gefeuert wurden, schien ihn nicht zu kümmern.<br />

Als ihn 2003 eine Journalistin auf<br />

der Buchmesse in Los Angeles begleitete<br />

und er ehemalige Kollegen traf, sagte er<br />

außer Hörweite immer wieder: „Ich habe<br />

ihn gefeuert.“ Das wiederholte sich so oft,<br />

dass Olson schließlich erklärte: „Es sind<br />

so viele hier, die ich gefeuert habe, dass<br />

wir eine Wiedersehensparty feiern könnten.“<br />

Olson war amüsiert. 2008 musste<br />

auch er gehen, weil seine Zahlen immer<br />

schlechter wurden.<br />

Sein Nachfolger Dohle hat sein Managementhandwerk<br />

im Druckgeschäft gelernt,<br />

der Keimzelle des Medienkonzerns<br />

Bertelsmann. In der Eingangshalle der<br />

Druck- und Dienstleistungssparte Arvato<br />

in der Carl-Bertelsmann-Straße in Gütersloh<br />

erinnern eine alte Steindruckpresse<br />

und Reinhard Mohns Schreibtisch an diese<br />

Tradition. Auf dem Weg in sein Büro in<br />

den sechsten Stock ging Dohle jahrelang<br />

daran vorbei. Über Jahrzehnte kamen fast<br />

alle Vorstandschefs aus dem Druck-Bereich,<br />

ob Mark Wössner, Thomas Middelhoff,<br />

Gunter Thielen oder Hartmut Ostrowski.<br />

Finanz- und Steuerexperten wie Manfred<br />

Köhnlechner oder der jetzige Vorstandschef<br />

Thomas Rabe sind eher die Ausnahme von<br />

der Regel. Markus Dohle ist das einzige<br />

Mitglied im Vorstand, das aus der Zeit<br />

von Rabes Vorgänger überlebt hat. Fünf<br />

Jahre nach seinem Antritt konnte er im<br />

März einen Rekordgewinn von 325 Millionen<br />

Euro vermelden. Der Umsatz der<br />

Buchsparte ist unter seiner Führung um<br />

ein Viertel gestiegen.<br />

Foto: Henrik Martinschledde<br />

84 <strong>Cicero</strong> 8.2013


Markus Dohle, Herr<br />

über 10 000 Mitarbeiter,<br />

die in 250 Verlagen in<br />

23 Ländern jährlich<br />

15 000 Titel verlegen<br />

und 750 Millionen<br />

Bücher verkaufen<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 85


| K a p i t a l<br />

Bücher, vor allem Literatur, waren nie<br />

seine Leidenschaft. Bei Bertelsmann hält<br />

sich hartnäckig das Gerücht, Dohle habe<br />

sich seine Bücherwand zu Hause vom<br />

konzerneigenen Buchclub einrichten lassen.<br />

Der Wirtschaftsingenieur sei „durch<br />

und durch Maschinenbauer“, sagt ein ehemaliger<br />

Arvato-Kollege. Dohle wird 1998<br />

Leiter der Vereinigten Verlagsauslieferung<br />

VVA, und 2002 Chef der Drucksparte<br />

Mohn Media. Die VVA verdoppelt unter<br />

seiner Leitung in vier Jahren den Umsatz.<br />

Dohle sei dort häufig in der Produktion<br />

herumgelaufen und habe jeden mit<br />

Handschlag und Namen begrüßt, erzählen<br />

seine ehemaligen Mitarbeiter. Als er in<br />

den Vorstand von Mohn Media aufrückt,<br />

habe er seine erste Woche im Blaumann<br />

an der Druckmaschine gestanden – auch<br />

in der Nachtschicht. Seine offene Art und<br />

sein breites Lachen wirken ansteckend. Er<br />

erwirbt sich den Ruf, die Umsätze in gesättigten<br />

Märkten steigern zu können. „Der<br />

Markt ist nie das Problem, sondern die Lösung“,<br />

lautet sein Credo.<br />

Nach seiner Ernennung zum Chef<br />

von Random House 2008 traf Dohle sich<br />

sechs Monate lang mit Mitarbeitern, Autoren<br />

und Kunden, um den Buchmarkt<br />

zu verstehen. In seinen beiden ersten Jahren<br />

baute er das Unternehmen um. Größe<br />

sei nicht immer ein Vorteil, sagte er, um<br />

„schlankere Strukturen“ zu rechtfertigen. Er<br />

habe dem Verlag „neue Energie zugefügt“,<br />

registrierte das Fachblatt Publishers Weekly<br />

anerkennend.<br />

Anders als Olson, der gerne Vieraugengespräche<br />

führte, versammelt Dohle gerne<br />

30 Mitarbeiter am Besprechungstisch. Wer<br />

an einer Entscheidung beteiligt sei, der vertrete<br />

sie, sagt er. Er bringt Verleger und<br />

Lektoren, die über erfolgversprechende<br />

Manuskripte entscheiden, enger mit den<br />

Vertriebsleuten zusammen, die das fertige<br />

Buch an den Buchhandel verkaufen.<br />

War sein Vorgänger Olson wegen seiner<br />

Unberechenbarkeit gefürchtet, bewundern<br />

die Mitarbeiter Dohle für seinen Optimismus,<br />

den sie von einem Deutschen<br />

als Letztes erwartet hätten. Dohle fördert<br />

den Teamgeist. An Weihnachten wurde<br />

jeder der 2000 Mitarbeiter in den USA<br />

am Rekordergebnis mit einer Prämie von<br />

5000 Dollar beteiligt. Die Meldung lief<br />

überall.<br />

Nachdem die Fusion von Random<br />

House und Penguin am 1. Juli endgültig<br />

abgesegnet war, reiste Dohle drei Wochen<br />

lang von London bis Sydney und Neu-<br />

Delhi um die Welt, um sein Reich zu erkunden.<br />

Überall versicherte er den Mitarbeitern,<br />

dass Gewinn kein Selbstzweck sei,<br />

und sie Werte schaffen sollten. Um Synergien<br />

wird er sich später kümmern. Dohle<br />

sagt, für die Mitarbeiter werde sich kaum<br />

etwas ändern, man wolle aber den Autoren<br />

noch mehr dienen. Ihnen will Dohle klarmachen,<br />

dass kein anderer Verlagskonzern<br />

Die Mitarbeiter bewundern<br />

Markus Dohles Optimismus, den<br />

sie von einem Deutschen als<br />

Letztes erwartet hätten<br />

ihnen ein besseres Paket für den weltweiten<br />

Absatz ihrer Bücher bieten kann.<br />

Der Schritt ist überfällig: Der neue Verlagsriese<br />

Penguin Random House entsteht<br />

aus Notwehr, weil der klassischen Verlagsbranche<br />

im Internet mächtige Konkurrenz<br />

erwachsen ist. Vor allem Amazon,<br />

aber auch Apple und Google wildern in<br />

deren Terrain. Am weitesten ist dabei Amazon<br />

fortgeschritten: Nachdem der Internet-<br />

Versandhändler im ersten Schritt die Leser<br />

überzeugt hat, dass sie keine Buchhandlungen<br />

mehr brauchen, versucht Amazon seit<br />

2011, Autoren direkt unter Vertrag zu nehmen,<br />

um auch das Geschäft der klassischen<br />

Verlagsbranche zu übernehmen. Den Eroberungsfeldzug<br />

nennt Amazon „Crossing“<br />

und setzt dabei vor allem auf hohe Preisnachlässe.<br />

Die neu gegründeten Verlage in<br />

den USA tragen andere Namen, um nicht<br />

sofort als Teil des Amazon-Imperiums erkennbar<br />

zu sein.<br />

Vor zwei Jahren stellte Amazon Laurence<br />

Kirshbaum an, damit der frühere<br />

Agent und Mitarbeiter der Verlage Random<br />

House, Warner und Little & Brown<br />

Autoren anwirbt. Er und seine 25 Mitarbeiter<br />

verlegen bislang in fünf Verlagen<br />

in Seattle und zwei in New York monatlich<br />

drei, vier Bücher. Sie verpflichten vor<br />

allem Autoren, deren Bücher bei Amazon-Kunden<br />

beliebt sind. Datenbankauswertung<br />

statt „At random“-Verlegertum.<br />

Kirshbaum verlegt keine etablierten Star-<br />

Autoren, denen er hohe Vorschüsse zahlen<br />

müsste. Statt beim Wettbieten um die<br />

Stars mitzumachen, nimmt er lieber weniger<br />

bekannte Autoren unter Vertrag und<br />

steckt das Geld ins Marketing von deren<br />

Büchern. Auf dieselbe Art will Amazon<br />

jetzt in Europa angreifen. Amazon setzt<br />

dabei vor allem auf E-Books: An Aktionstagen<br />

drückt Kirshbaum seine Bücher für<br />

99 Cent in den Markt, um seine Autoren<br />

bekannt zu machen.<br />

Dohle will von Notwehr nichts hören:<br />

Die Fusion sei ein „proaktiver Schritt und<br />

keinesfalls defensiv“. Feindbild Amazon? Er<br />

schätzt den Internethändler als Partner, weil<br />

der in China Versandlogistik aufbaue und<br />

damit den Verlagen ermögliche, ihre Bücher<br />

zu verkaufen. „Alles, was den Vertrieb unserer<br />

Bücher ermöglicht und stärkt, ist gut für<br />

Penguin Random House“, sagt ein Mitarbeiter,<br />

der nicht namentlich genannt werden<br />

will. Ist Amazon ein Konkurrent? „Ja, aber<br />

nur in Teilbereichen. Wichtiger ist Amazon<br />

als Partner, der unser Interesse an einem starken<br />

Vertrieb teilt.“<br />

Beim Verkauf von E-Books, einem der<br />

Wachstumstreiber für Dohle, bleibt Amazon<br />

als Vertriebspartner ohnehin unverzichtbar.<br />

Außerdem will Dohle die Marktanteile<br />

in China, Indien und Brasilien<br />

vergrößern. Bislang hat Random House<br />

70 Prozent des Umsatzes in Nordamerika<br />

und Großbritannien gemacht. Den größten<br />

Teil davon noch immer mit gedruckten<br />

Büchern – bis zu 80 Prozent.<br />

Der Megaverlag Penguin Random<br />

House wird in Zukunft ein Viertel des globalen<br />

Buchmarkts kontrollieren. Bertelsmann<br />

hält 53 Prozent; Pearson 47. Mehr<br />

als 10 000 Mitarbeiter in 250 Verlagen in<br />

23 Ländern verlegen jährlich 15 000 Titel<br />

und verkaufen 750 Millionen Bücher.<br />

Zu den Autoren zählen mehr als 70 Literaturnobelpreisträger,<br />

darunter Toni Morrison,<br />

Orhan Pamuk und Mo Yan, aber<br />

86 <strong>Cicero</strong> 8.2013


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Foto: privat<br />

auch E. L. James mit ihrem Erotik-Bestseller<br />

„Shades of Grey“ genauso wie Arthur<br />

Miller, Barack Obama, Dan Brown,<br />

Danielle Steel und John Grisham. Qualität<br />

und Masse – alles im Angebot. Von<br />

Penguin kamen Tom Clancy, Zadie Smith,<br />

Salman Rushdie und Starkoch Jamie Oliver<br />

zur Autorenliste dazu.<br />

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Als die Fusion an einem Oktobertag im<br />

vergangen Jahr angekündigt wurde, wütete<br />

in New York ein Hurrikan. PR-Chef<br />

Stuart Applebaum übernachtete im Büro,<br />

um pünktlich zum Börsenbeginn in London<br />

die Nachricht des Zusammenschlusses<br />

rauszugeben. In letzter Minute hatte<br />

Rupert Murdoch Penguin ein Konkurrenzangebot<br />

unterbreitet – und damit die Verhandlungen<br />

ungewollt beschleunigt, weil<br />

der Großteil der Mitarbeiter in London auf<br />

keinen Fall für Murdoch arbeiten wollte.<br />

Seither verlaufe alles nach Plan, sagt Applebaum.<br />

Alle Kartellbehörden genehmigten<br />

die Fusion ohne Auflagen.<br />

Branchenexperten vermuten, dass dies<br />

nicht das Ende, sondern der Beginn einer<br />

neuen Fusionswelle ist. Der Wirtschaftskommentator<br />

Adam Davidson schreibt in<br />

der New York Times, der Zusammenschluss<br />

zweier Giganten auf einem schrumpfenden<br />

Markt wirke immer wie ein kriselndes Ehepaar,<br />

das ein Baby bekommt, um die Beziehung<br />

zu retten. Größe als Antwort auf<br />

die Herausforderungen der Digitalisierung<br />

sei eine veraltete Strategie.<br />

Eine frühere Führungskraft von Bertelsmann,<br />

die 1998 an der Übernahme von<br />

Random House beteiligt war, sieht es ähnlich:<br />

„Von der Fusion halte ich nichts.“ Das<br />

Management sei nun vor allem mit der Integration<br />

befasst. Dohle veranschlagt für<br />

das Zusammenwachsen der Verlage zwei<br />

Jahre. Dabei gehe wertvolle Zeit im Wettbewerb<br />

gegen Amazon, Google und Apple<br />

verloren. Zudem habe Pearson relativ gesehen<br />

einen zu großen Anteil erhalten. Deshalb<br />

sei es für die Engländer ein Einstieg<br />

in den renditeträchtigen Ausstieg, der nicht<br />

lange auf sich warten lassen werde. Am<br />

Ende könnte Bertelsmann alleine auf einem<br />

schwachen Geschäft sitzen bleiben.<br />

Thomas Schuler<br />

beschäftigt sich seit Jahren mit<br />

dem Gütersloher Medienkonzern.<br />

Sein Buch „Bertelsmannrepublik<br />

Deutschland“ erschien 2010<br />

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eine Publikation der Ringier Publishing GmbH, Friedrichstraße 140, 10117 Berlin, Geschäftsführer Rudolf Spindler. *Angebot und Preise<br />

gelten im Inland, Auslandspreise auf Anfrage.<br />

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20080 Hamburg, jederzeit widerrufen werden.<br />

Unterschrift<br />

Wahljahr 2013<br />

Der Countdown<br />

Bundestagswahl 2013<br />

<strong>Cicero</strong> begleitet in einer<br />

Serie die Protagonisten des<br />

Wahlkampfs.


| K a p i t a l | D e u t s c h l a n d s P r i v a t u n i v e r s i t ä t e n<br />

Angetreten, um die<br />

Elite des Landes<br />

auszubilden,<br />

kämpfen die<br />

großen deutschen<br />

Privathochschulen<br />

mit den eigenen<br />

Finanzen und rufen<br />

nach Vater Staat<br />

Klamme<br />

Kaderschmieden<br />

von Benno Stieber<br />

B<br />

aby, bitte mach Dir nie<br />

mehr Sorgen um Geld“, steht<br />

auf der bunten Postkarte, auf<br />

die Georg Garlichs immer blickt,<br />

wenn er die miesen Bilanzen der<br />

„EBS Universität für Wirtschaft und Recht“<br />

liest. Der Kanzler der privaten Hochschule<br />

in Wiesbaden hat die Karte in seinem Büro<br />

gegenüber von seinem Schreibtisch hängen.<br />

Die Zeile stammt aus dem Sommerhit<br />

„Einmal um die Welt“ des Hip-Hoppers<br />

Cro, dem Mann mit der seltsamen Pandamaske.<br />

Dessen Song können wohl auch die<br />

meisten Studenten der European Business<br />

School (EBS) mitsingen.<br />

Die Zeile scheint auf den ersten Blick<br />

gut zur EBS zu passen, der selbst ernannten<br />

Kaderschmiede für eine selbst ernannte<br />

zukünftige Wirtschaftselite. In der Realität<br />

ist die Hochschule aber weit davon entfernt,<br />

sich keine Sorgen um ihre Finanzen<br />

machen zu müssen. In der verspätet<br />

veröffentlichten Bilanz von 2011 fehlten<br />

7,2 Millionen Euro.<br />

Seit nunmehr zweieinhalb Jahren steckt<br />

die EBS in der Krise. Ihr vorletzter Präsident,<br />

Christopher Jahns, die prägende Figur<br />

der Hochschule, hat während seiner<br />

Amtszeit offenbar nach dem Cro-Song gehandelt<br />

und sich und der Hochschule –<br />

„Baby, ich kauf dir morgen die Welt“ –<br />

einiges an Luxus gegönnt: Die Feier zur<br />

Ernennung der Hochschule zur Universität<br />

Illustration: Robert Zimmermann<br />

88 <strong>Cicero</strong> 8.2013


hat eine Dreiviertelmillion Euro gekostet,<br />

Strategie-Meetings in Vier-Sterne-Hotels<br />

haben ebenfalls unverhältnismäßig hohe<br />

Kosten verursacht. Jahns nutzte zu Amtszeiten<br />

eine Dienstlimousine mit Fahrer.<br />

Ob er sich damit auch privat fahren ließ,<br />

klärt das gleiche Gericht, das auch darüber<br />

befinden muss, ob die Hochschule<br />

180 000 Euro ohne Gegenleistungen an<br />

eine Beratungsgesellschaft überwiesen hat,<br />

deren Inhaber Christopher Jahns selbst war.<br />

Die EBS hatte hochfliegende Pläne.<br />

Eine zweite Fakultät für Juristen musste<br />

her, um die einstige Business School zur<br />

Universität zu veredeln. Der hessischen<br />

Landesregierung unter dem damaligen<br />

Ministerpräsidenten Roland Koch war die<br />

Aufwertung der Landeshauptstadt zum<br />

Universitätsstandort immerhin 23 Millionen<br />

Euro wert. Auch bei der Verwendung<br />

dieser Gelder soll es in der Ära Jahns<br />

zu Unregelmäßigkeiten gekommen sein,<br />

steht im Bericht des Landesrechnungshofs.<br />

Das klärt derzeit ein parlamentarischer<br />

Untersuchungsausschuss.<br />

Die EBS steht nicht alleine da, viele<br />

private Hochschulen hängen in Deutschland<br />

am Tropf des Steuerzahlers. Mehr als<br />

100 Millionen hat der chronisch überschuldete<br />

Stadtstaat Bremen bisher in die private<br />

Jacobs University gesteckt. Die Universität<br />

Witten-Herdecke, in den achtziger<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 89


| K a p i t a l | D e u t s c h l a n d s P r i v a t u n i v e r s i t ä t e n<br />

Jahren von dem Mediziner Konrad Schily<br />

gegründet, ist nach der letzten großen<br />

Krise vor fünf Jahren auf Zuschüsse des<br />

Landes angewiesen. Wohl dauerhaft. Für<br />

30 Prozent der jährlichen Kosten für die<br />

Ausbildung von Medizinern, Zahnärzten<br />

und Managern garantiert seitdem das Land<br />

Nordrhein-Westfalen.<br />

Bei diesen Zahlen könnte man auf die<br />

Idee kommen, die privaten Universitäten<br />

folgen einem Muster, das aus der Bankenkrise<br />

sattsam bekannt ist: Gewinne werden<br />

privatisiert, Verluste sozialisiert. Es<br />

drängt sich die Frage auf: Warum können<br />

ausgerechnet diese Hochschulen, die in ihren<br />

Hochglanzbroschüren versprechen, die<br />

herausragenden Köpfe des Landes kämen<br />

zu ihnen, die zukünftigen Wirtschaftsbosse<br />

erhielten hier ihre Ausbildung, selbst nicht<br />

mit Geld umgehen?<br />

EBS-Kanzler Garlichs stöhnt leise auf,<br />

wenn er diese Frage hört. Eine typische Journalistenfrage,<br />

findet er. Studenten hätten sie<br />

noch nie gestellt. Neben ihm sitzt Richard<br />

Raatzsch, frisch gewählter Dekan und Professor<br />

für praktische Philosophie. Ein Wittgenstein-Experte,<br />

der auch über die „Ehrbarkeit<br />

des ehrbaren Kaufmanns“ publiziert hat.<br />

Ja, auch ohne die neue Fakultät habe<br />

die EBS ein strukturelles Defizit, sagen die<br />

beiden Herren. Und ja, man habe wohl den<br />

Bedarf für Juristen anfänglich etwas zu optimistisch<br />

eingeschätzt. Aber die EBS habe<br />

aus ihren Fehlern gelernt, beteuern beide.<br />

An der Universität werde jetzt eifrig gespart.<br />

Ein professionelles Fundraising-Büro habe<br />

man eingerichtet, um mehr Spenden aus der<br />

Wirtschaft und von den Ehemaligen einzusammeln.<br />

Internationale Kooperationen mit<br />

Hochschulen in China oder Indien müssten<br />

etabliert werden. Das sei attraktiv für die<br />

Studenten und eine gute Einnahmequelle.<br />

All das müsse man – nun, da die Affäre Jahns<br />

für die Uni einigermaßen ausgestanden sei –<br />

mit Hochdruck vorantreiben.<br />

In der Tat. Denn was kann eine Hochschule<br />

schon vorweisen als ihren guten Ruf,<br />

mit dem sie um Sponsoren und Studenten<br />

gleichermaßen wirbt. Noch gibt es die<br />

Wempe-Lounge im Schloss von Oestrich-<br />

Winkel, wo die Wirtschaftskapitäne von<br />

morgen zwischen Reben und Rhein bei<br />

schöner Aussicht büffeln. Aber potenzielle<br />

Geldgeber werden zögerlich, wenn eine private<br />

Hochschule schon einmal so sorglos<br />

mit ihren Mitteln umgegangen ist.<br />

Der Ruf privater Hochschulen hat seit<br />

einer Boomphase nach der Jahrtausendwende<br />

arg gelitten. Sowohl Theoretiker als<br />

auch Praktiker scheitern in Deutschland<br />

regelmäßig auf dem schwierigen Bildungsmarkt.<br />

Beim „Stuttgart Institute of Management<br />

and Technology“ konnte man<br />

vom Jahr 2000 an beobachten, wie nacheinander<br />

drei BWL-Professoren als Geschäftsführer<br />

an der ökonomischen Wirklichkeit<br />

ihrer Hochschule scheiterten. Nach<br />

neun Jahren und geschätzten Investitionen<br />

von 20 Millionen wurde das „schwäbische<br />

Heißluft-Harvardle“, wie es der Spiegel<br />

nannte, für einen Euro an die Steinbeis-<br />

Hochschule in Berlin verramscht.<br />

2009 schloss auch die Hanseuniversität<br />

Rostock bereits nach einem Semester wieder<br />

ihre Pforten. Es hatten sich nur drei<br />

Studenten angemeldet. Immerhin konnten<br />

die ihr Studium im nordbadischen<br />

Städtchen Bruchsal fortsetzen. Dort finanzierte<br />

derselbe Investor damals eine englischsprachige<br />

Hochschule mit dem bombastisch<br />

klingenden Namen „International<br />

University Germany“. Aber auch hier war<br />

nur wenige Monate später Schluss. 18 Millionen<br />

Euro Steuergelder, die Bund und<br />

Länder investiert hatten, waren verloren.<br />

Heute studieren nach Angaben der<br />

Hochschulrektorenkonferenz etwa 5 Prozent<br />

aller Studenten an einer der 95 privaten<br />

Hochschulen. Wer aber ganz sichergehen<br />

will, sein Studium an derselben<br />

Hochschule zu beenden, an der er sich immatrikuliert<br />

hat, ist wohl bei einer staatlichen<br />

Alma Mater besser aufgehoben. Dabei<br />

sind private Universitäten einst angetreten,<br />

dem muffigen deutschen Hochschulsystem<br />

zu zeigen, wie man mit modernen Lehrmethoden,<br />

neuen Ideen und häufig attraktiven<br />

Standorten das Beste in den Studierenden<br />

zum Vorschein bringt. Obendrein<br />

wollten sie beweisen, dass Studiengebühren<br />

sozialverträglich sein können.<br />

„Private Hochschulen waren immer<br />

die Innovationstreiber im Bildungswesen“,<br />

sagt Klaus Landfried. Witten-Herdecke<br />

etwa habe mit seinem fallorientierten<br />

Lernen das Medizinstudium verändert.<br />

Klaus Landfried kennt sich in beiden Welten<br />

aus, er war Präsident der Hochschule<br />

Kaiserslautern und Chef der Hochschulrektorenkonferenz.<br />

Heute zieht er oft als<br />

Berater im Hintergrund die Strippen und<br />

hilft privaten Hochschulen bei der Erlangung<br />

der staatlichen Anerkennung.<br />

Über der Misere einzelner Privatuniversitäten<br />

vergesse man schnell, sagt Landfried,<br />

dass es Dutzende von privaten Fachhochschulen<br />

und berufsbegleitenden Angeboten<br />

gebe, die gut finanziert seien und sogar Gewinne<br />

erwirtschaften. Er nennt Erfolgskriterien:<br />

Entscheidend sei eine auskömmliche<br />

Finanzierung. Von teuren Fächern mit<br />

Labors und Apparaten, wie Biologie und<br />

Physik, lasse man besser die Finger. Investoren<br />

oder Mäzene dürften keine schnelle<br />

Rendite erwarten. Als Beispiel führt er die<br />

amerikanischen Eliteuniversitäten an. „Der<br />

milliardenschwere Kapitalstock von Harvard<br />

hat sich ja auch nicht in ein paar Jahren<br />

angesammelt“, sagt Landfried.<br />

Dass ein großzügiger Mäzen allein nicht<br />

vor Defiziten schützt, kann man derzeit in<br />

Bremen besichtigen. 20 Millionen fehlten<br />

der größten deutschen Privatuniversität,<br />

Illustration: Robert Zimmermann<br />

90 <strong>Cicero</strong> 8.2013


Foto: privat<br />

der Jacobs University, schon 2010, und<br />

wenn das Land die Hochschule künftig<br />

nicht mit jährlich mindestens drei Millionen<br />

unterstützt, sind auch dort die Träume<br />

von einem deutschen Harvard an der Förde<br />

ausgeträumt.<br />

Man hatte es sich von Anfang an nicht<br />

leicht gemacht in Bremen. Teure Naturwissenschaften<br />

gehören zum Fächerangebot<br />

genauso wie ein hoher universitärer<br />

Forschungsanspruch. Und auch der Elitebegriff<br />

wurde von den Gründern um den<br />

Mathematiker Heinz-Otto Peitgen von Anfang<br />

an ernst genommen. Studenten aus aller<br />

Welt wurden anders als an manch anderer<br />

Business School tatsächlich nach ihrer<br />

Qualifikation und nicht nach der Finanzkraft<br />

der Eltern ausgewählt. Die hohe Zahl<br />

der Stipendiaten belastete die Bilanz.<br />

Als der Kaffee-Unternehmer Klaus Jacobs<br />

mit 200 Millionen aushalf, der größten<br />

Einzelspende für eine Hochschule in<br />

Europa, und die Uni ihm zu Ehren sogar<br />

den Namen änderte, schienen dort goldene<br />

Zeiten anzubrechen. Klaus Jacobs verlangte,<br />

dass sich auch die Stadt Bremen über fünf<br />

Jahre mit insgesamt 25 Millionen Euro<br />

beteiligte.<br />

Wer klamm ist, wirft<br />

leichter Ideale über Bord:<br />

Die Jacobs University in<br />

Bremen will in Zukunft<br />

Studienplätze an Firmen<br />

verkaufen. Dafür liefert<br />

sie bedarfsgerecht<br />

ausgebildete Absolventen<br />

Es hat alles nichts genutzt, die Jacobs<br />

University ist wohl künftig dauerhaft auf<br />

Landeshilfen angewiesen. Und weil jemand,<br />

der klamm ist, auch leichter seine Ideale<br />

über Bord wirft, geht die Jacobs University<br />

neue Wege, um Sponsoren zu werben.<br />

Studienplätze sollen an Unternehmen verkauft<br />

werden, kündigte der Präsident kürzlich<br />

an. Damit die dann bedarfsgerecht bestimmen<br />

können, welche Ausbildung die<br />

Studenten erhalten sollen. Mit dem humboldtschen<br />

Bildungsideal hat das wenig zu<br />

tun, auch nicht mit dem eigenen Anspruch.<br />

Eher schon mit blanker Not.<br />

Eine Finanzierungsform, die man<br />

sich an der Zeppelin-Universität nicht vorstellen<br />

könnte. Wer sehen will, dass es doch<br />

möglich ist, das Universitätsideal mit privaten<br />

Geldern zu verwirklichen, der muss<br />

an den Bodensee fahren.<br />

Wie hingeworfene Bauklötze liegt<br />

die Uni gleich hinter einem Wohngebiet<br />

und Apfelbäumen in Friedrichshafen. Der<br />

Hauptcampus der Zeppelin-Universität<br />

logiert derzeit in Containern, bis das alte<br />

Gebäude nach Umbau und Erweiterung<br />

bezugsfertig ist. Die Gestaltung des Container-Campus<br />

hat ein Hamburger Künstlerpaar<br />

zusammen mit den Studenten übernommen.<br />

Deshalb gibt es auf dem Dach<br />

nun einen nostalgischen Wohnwagen und<br />

gegenüber die Nachbildung von Bernard<br />

Shaws Gartenlaube sowie ein Open Test<br />

House, zu dem nur Studenten Zugang haben.<br />

Alles ist in Blau getaucht. Die jungen<br />

Menschen hier studieren nach einem Auswahlverfahren<br />

Kulturmanagement, Verwaltungswissenschaft<br />

oder Wirtschaft, für<br />

insgesamt 16 000 Euro, die die örtliche<br />

Sparkasse auf Wunsch vorfinanziert.<br />

Der Gründungspräsident Stephan<br />

A. Jansen empfängt im Dachcontainer. Das<br />

Büro hat er mit seinen Privatmöbeln eingerichtet,<br />

alles wirkt irgendwie improvisiert.<br />

Jansen ist gerade mal 42, ein jugendlicher<br />

Mann mit modischer Brille, in Anzug und<br />

Manschetten. Nur die Füße stecken ohne<br />

Socken in den schwarzen Lederschuhen.<br />

Als er 2003 sein Amt antrat, war er der<br />

jüngste Universitätspräsident und legte nebenbei<br />

noch als DJ Platten auf. Er ist immer<br />

noch ein Provokateur im Bildungsbetrieb,<br />

der Marx für Studiengebühren und<br />

Humboldt als Anwalt gegen staatliche Universitäten<br />

ins Feld führt.<br />

Jansen hat das Glück, eine Hochschule<br />

zu führen, deren Bestehen gesichert ist,<br />

letztlich durch das Vermögen des Grafen<br />

Zeppelin und seiner Erben. Seit 2007 gehört<br />

sich die Uni durch eine Stiftung quasi<br />

selbst. Neben der Grundfinanzierung durch<br />

die „drei Z“, also die Unternehmen Zeppelin<br />

Baumaschinen GmbH, ZF Friedrichshafen<br />

und die Zeppelinstiftung, kommt<br />

jeweils ein weiteres Drittel aus Studiengebühren<br />

sowie Forschungsdrittmitteln,<br />

Spenden und Sponsoring. Spenden von<br />

Angehörigen der Studenten werden nicht<br />

angenommen, um Interessenkonflikte zu<br />

vermeiden.<br />

Eine saubere und solide Finanzierung<br />

sei existenziell für den Betrieb einer privaten<br />

Hochschule, sagt Jansen. Denn er weiß<br />

sehr genau, wie man sich als Student einer<br />

Universität fühlt, die kurz vor der Pleite<br />

steht. Er hat selbst in Witten-Herdecke studiert,<br />

als dort 1995 die große Finanzkrise<br />

ausbrach. Damals entwarfen die Studenten<br />

selbst ein Modell für Studiengebühren. Sie<br />

hätten sogar in der Kantine gekocht, erinnert<br />

sich Jansen, und auch mal aufgewischt.<br />

Jansen fand das als Bafög-Empfänger ziemlich<br />

belastend.<br />

Deshalb lehnte er das Angebot der Zeppelin<br />

Baumaschinen GmbH, in Friedrichshafen<br />

eine private Hochschule zu gründen,<br />

2001 zunächst ab – nicht ohne gleichzeitig<br />

ein paar grundlegende Bedingungen<br />

zu stellen. Er verlangte von den „drei Z“<br />

eine Vorfinanzierung auf mindestens vier<br />

Jahre, damit jeder Student sicher sein kann,<br />

sein Studium dort auch zu beenden. Dafür<br />

hält die Stiftung eine Garantiesumme bereit,<br />

die den Betrieb selbst bei einem Ausstieg<br />

der Geldgeber und einer Schließung<br />

der Hochschule noch bis zum Abschluss<br />

des letzten Jahrgangs aufrecht erhielte.<br />

Staatliche Hilfe lehnt man in Friedrichshafen<br />

ganz ab. Die Erfahrung zeige,<br />

sagt Jansen, dass sich Sponsoren und Förderer<br />

erst dann dauerhaft und verbindlich<br />

verpflichten, wenn nicht der Staat im Hintergrund<br />

mit den Millionen winkt.<br />

Seitdem ist die Zeppelin-Universität<br />

langsam, aber stetig gewachsen. In allen<br />

drei Fächern genießen Forschung und<br />

Lehre hohe Anerkennung. Seine Hochschule<br />

sei nun auf acht Jahre im Voraus<br />

durchfinanziert, sagt Jansen stolz. Das<br />

muss reichen. Genauere Haushaltszahlen<br />

gibt der Präsident nie heraus. Er kennt<br />

die eiserne Grundregel des privaten Hochschulwesens:<br />

„Rede nie über deine Finanzierung.<br />

Mache glaubhaft, dass sie stabil<br />

ist.“ Mit dem richtigen Beat des ehemaligen<br />

DJ unterlegt, vielleicht ebenfalls eine<br />

Hiphop-kompatible Zeile.<br />

Benno Stieber<br />

litt während des Studiums unter<br />

dem verstaubten Unibetrieb, genoss<br />

danach die solide finanzierte<br />

Journalistenschule umso mehr<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 91


| K a p i t a l | p r o p h e t d e s U n t e r g a n g s<br />

„Thatcher statt Merkel“<br />

Der Wirtschaftshistoriker NiAll Ferguson warnt vor der Selbstzufriedenheit der Deutschen,<br />

empfiehlt uns, mehr Angst zu haben, und plädiert für eine Deregulierung der Banken<br />

H<br />

err Ferguson, in Ihrem aktuellen<br />

Buch „Der Niedergang des<br />

Westens“ setzen Sie sich mit<br />

der Theorie des Ökonomen Mancur Olson<br />

auseinander, wonach alle politischen<br />

Systeme irgendwann einer Art Sklerose<br />

zum Opfer fallen. Der Grund: Organisierte<br />

Interessengruppen wissen zu gut, wie sie<br />

ihre Besitzstände wahren können. Sind wir<br />

an diesem Punkt angekommen?<br />

Es gibt keinen Zweifel, dass das in den<br />

Vereinigten Staaten ein ernstes Problem<br />

ist. In Deutschland noch nicht so<br />

sehr, aber in Südeuropa grassiert die Korruption:<br />

in Ländern wie Italien oder<br />

Griechenland, wo die politische und<br />

wirtschaftliche Elite meint, über dem<br />

Recht zu stehen. Und das sollte uns allen<br />

Sorgen bereiten, weil ehemals nützliche<br />

Institutionen von den Eliten ausgehöhlt<br />

werden.<br />

Welches Rezept gibt es gegen diese Art<br />

der Sklerose?<br />

Olsons Beispiele von Nachkriegs-Westdeutschland<br />

und Nachkriegs-Japan sind<br />

nicht sehr ermutigend, weil es in beiden<br />

Fällen einer externen Intervention bedurfte,<br />

um die Dinge wieder ins Lot zu<br />

bringen. Aber es gibt auch andere Wege,<br />

um dysfunktionale Institutionen wieder<br />

in den Griff zu bekommen.<br />

Können Sie ein Beispiel nennen?<br />

Großbritannien litt in den siebziger<br />

Jahren unter vielen Problemen, über die<br />

wir auch heute reden: Die Lobbys, die<br />

zu mächtig geworden waren, das waren<br />

damals die Gewerkschaften; die Wirtschaft<br />

lag am Boden; Margaret Thatcher<br />

entschied sich für einen radikalen<br />

Wechsel in der Wirtschaftspolitik. Es<br />

ist schwierig, heute Politiker zu finden,<br />

die dieses Risiko auf sich nehmen und<br />

eine „Blut, Schweiß und Tränen“-Reform<br />

durchziehen. Aber es ist genau das,<br />

was wir jetzt brauchen: mehr Thatcher<br />

als Merkel.<br />

Sie schreiben, jeder Politiker, der versucht<br />

zu sparen, um die Staatsfinanzen<br />

zu konsolidieren, wird abgewählt. Ist die<br />

Demokratie für eine derartige Krise also<br />

das falsche System?<br />

Nein, ich lebe auf jeden Fall lieber in einem<br />

demokratisch regierten Land als in<br />

einem Ein-Parteien-Staat. Wir sollten daher<br />

diskutieren: Wie bringen wir es fertig,<br />

dass unsere Demokratien besser funktionieren?<br />

Statt uns zu fragen: Sollten wir<br />

die Demokratie abschaffen? Es stimmt<br />

auch nicht, dass Ein-Parteien-Staaten wie<br />

China unseren Mehrparteien-Demokratien<br />

überlegen sind. Das denken nicht<br />

einmal die Chinesen. Wenn Sie in Peking<br />

einer Diskussion über Regierungsformen<br />

beiwohnen, sind die Chinesen die Ersten,<br />

die Reformen wollen, damit China zu einem<br />

Rechtsstaat wird.<br />

Niall Ferguson ist Professor für Neuere Geschichte an der Harvard<br />

University mit dem Schwerpunkt Finanz- und Wirtschaftsgeschichte. Sein<br />

Buch „Der Niedergang des Westens“ erschien kürzlich bei Propyläen<br />

Aber wenn Sie jetzt den Niedergang des<br />

Westens prophezeien, denken gerade in<br />

Deutschland viele: „Ach, so schlimm wird<br />

es schon nicht kommen.“<br />

Deutschland hat zurzeit ein ungewöhnliches<br />

Problem: Es sieht so aus, als wäre<br />

alles in Ordnung. Wer durch Berlin,<br />

München oder Hamburg fährt, hat den<br />

Eindruck, es herrsche Wohlstand und<br />

Foto: Polaris/Laif<br />

92 <strong>Cicero</strong> 8.2013


Stabilität. Das ist aber eine Illusion, weil<br />

es der EU schlecht geht. Griechenland,<br />

Portugal, Spanien, zunehmend auch Italien<br />

befinden sich in einer andauernden<br />

Rezession. Wenn die deutsche Öffentlichkeit<br />

sich der Probleme der Peripheriestaaten<br />

nicht richtig bewusst ist, halte ich<br />

das für sehr gefährlich.<br />

Was ist daran so gefährlich?<br />

Der größte Feind der westlichen Zivilisationen<br />

ist ihre Selbstzufriedenheit. Die<br />

Amerikaner sind das beste Beispiel dafür.<br />

Sie denken, ihr politisches System sei das<br />

beste der Welt, ihr Rechtssystem sei das<br />

beste in der Welt, ihre Wirtschaft sei die<br />

beste der Welt. Dabei stimmt es gar nicht<br />

mehr. Ich glaube, in Deutschland gibt es<br />

eine ähnlich stark ausgeprägte Selbstzufriedenheit.<br />

Ich empfehle als Medizin dagegen<br />

ein wenig mehr Angst.<br />

Sie empfehlen ausgerechnet den Deutschen,<br />

mehr Angst zu haben?<br />

Ja, sie sollten sich weitaus mehr vor der<br />

Instabilität des europäischen Südens<br />

fürchten. Im Moment herrscht hier ein<br />

fauler Friede, die Ruhe vor der nächsten<br />

Krise. Europa hat kaum eine Wahl: Es<br />

wird entweder zur „Bundesrepublik Europa“,<br />

wobei die Deutschen dann immense<br />

Transferzahlungen zu leisten hätten,<br />

oder der Laden fliegt auseinander<br />

und die nationalen Währungen kommen<br />

zurück.<br />

Wie viel Zeit geben Sie uns noch?<br />

Man sieht sehr deutlich, dass die Regierung<br />

in Berlin jedwede gewichtige Entscheidung,<br />

sei es über die Bankenunion<br />

oder die Vergemeinschaftung von Schulden,<br />

auf die Zeit nach den Wahlen im<br />

September verschieben möchte. Die Gefahr<br />

aber ist, dass eine neue Krise in den<br />

Peripheriestaaten die Bundesregierung<br />

zwingen wird, vorher Entscheidungen<br />

zu treffen. Ich mache mir Sorgen um die<br />

spanischen Banken, die immer noch der<br />

größte Schwachpunkt im europäischen<br />

Finanzsystem sind. Ich mache mir auch<br />

Sorgen um Frankreich, dessen Wirtschaft<br />

weitaus schwächer ist, als die meisten<br />

Menschen wahrhaben wollen. Angela<br />

Merkels größter Albtraum ist, dass<br />

sich vor der Bundestagswahl am 22. September<br />

irgendwo im Süden Europas die<br />

Krise verschlimmert.<br />

Was könnten wir als Bürger denn anstellen,<br />

um den Niedergang aufzuhalten?<br />

Als ich in den achtziger Jahren in<br />

Deutschland lebte, war ich beeindruckt<br />

von der Vitalität der Zivilgesellschaft.<br />

Was die damalige Umweltbewegung so<br />

dynamisch machte, war die Tatsache,<br />

dass die Initiative von den Bürgern ausging.<br />

Solche Initiativen illustrieren genau<br />

das, was ich meine. Wenn Umweltprobleme<br />

auftauchen, sind lokale Initiativen<br />

von Bürgern die beste Reaktion. Unsere<br />

Haltung sollte grundsätzlich sein: Das ist<br />

ein Problem. Lasst uns versuchen, damit<br />

selbst zurande zu kommen.<br />

Lassen sich wirklich alle Probleme besser<br />

auf lokaler Ebene lösen?<br />

Nein, nicht alle. Aber ich habe die Erfahrung<br />

in Südwales gemacht, als ich dort<br />

ein Haus kaufte und feststellen musste,<br />

dass die Strände voller Plastikmüll waren,<br />

der vom Meer angeschwemmt wurde.<br />

Wir schafften es, den Müll ohne Hilfe<br />

der regionalen Verwaltung zu beseitigen<br />

– nur durch die Arbeit von Freiwilligen.<br />

Schon Alexis de Tocqueville hat<br />

gesagt, dass die Demokratie dann am<br />

besten funktioniert, wenn die Zivilgesellschaft<br />

aktiv ist. Deshalb sollten wir in<br />

Europa und in Nordamerika mehr dafür<br />

tun, diese zivilgesellschaftliche Kultur<br />

wiederzubeleben.<br />

Ist der Niedergang des Westens nicht einfach<br />

die Kehrseite zum Aufstieg Asiens?<br />

Nein, es ist gut, dass Länder wie China,<br />

Indien oder Brasilien ihre Produktion<br />

von Gütern verbessern, dass sie funktionsfähigere<br />

Institutionen schaffen und<br />

die kreative Energie ihrer Bürger freisetzen,<br />

sodass Hunderte von Millionen<br />

Menschen der Armut entkommen können.<br />

Die Globalisierung ist kein Spiel,<br />

wo der eine verliert, weil der andere gewinnt.<br />

Vom Wachstum in Asien und in<br />

Südamerika hat der Westen profitiert.<br />

Wenn China während der Krise nicht<br />

weitergewachsen wäre, wäre es uns allen<br />

schlechter ergangen, speziell Deutschland,<br />

das enorme Mengen an Gütern in<br />

die dynamische asiatische Wirtschaft exportiert<br />

hat.<br />

Die größten Sorgen machen Sie sich aber<br />

um das Weltfinanzsystem. Warum sind<br />

unsere Politiker eigentlich nicht in der<br />

Lage, die richtigen Gesetze und Kontrollen<br />

dafür zu etablieren?<br />

Es wurde eine Menge neuer Regeln eingeführt.<br />

Wir haben Basel 3, das die Banken<br />

zu höheren Eigenkapitalquoten<br />

verpflichtet. Wir haben den Dodd-Frank-<br />

Act in den USA, der den Eigenhandel der<br />

Banken einschränkt und entsprechende<br />

Gesetze in vielen anderen Ländern des<br />

Westens. Dadurch wird aber das System<br />

nicht stabiler. Die Theorie, die Krise sei<br />

eine Folge der Deregulierung der Banken,<br />

ist schlicht falsch. Dafür gibt es keinerlei<br />

empirische Beweise. Die Banken wurden<br />

vielleicht nicht gut kontrolliert, aber es<br />

gab schon immer eine Menge Vorschriften.<br />

Die neuen Gesetze werden das System<br />

noch fragiler machen, indem sie eine<br />

weitere Ebene an Komplexität hinzufügen.<br />

Die Schlussfolgerung ist: Wir müssen<br />

die Regeln vereinfachen.<br />

Vielleicht wohnt dem Kapitalismus aber<br />

doch eine Art Selbstzerstörungsmechanismus<br />

inne. Große Konzerne zahlen<br />

fast keine Steuern mehr, weil sie jedes<br />

Schlupfloch gnadenlos ausnutzen, die<br />

Bürger bringen Banken, Sozialversicherungssystemen<br />

und dem Staat kaum noch<br />

Vertrauen entgegen: Können wir das immer<br />

noch unter kreativer Zerstörung nach<br />

Joseph Schumpeter subsumieren?<br />

Die Vorstellung systemimmanenter Krisen<br />

des Kapitalismus, die irgendwann zu<br />

seinem endgültigen Untergang führen,<br />

ist offenbar sehr verführerisch. Besonders<br />

hier in Deutschland, wo der Einfluss der<br />

Lehren von Marx an den Hochschulen<br />

weiterbesteht. Auch Schumpeter sagte,<br />

dass jeder Zerstörung etwas Kreatives anhaftet.<br />

Das sind falsche Denkmodelle.<br />

Wie erklären Sie die sich häufenden Krisen?<br />

Wir sollten uns die Wirtschaft viel mehr<br />

als ein evolutionäres System vorstellen.<br />

Es gibt Mutationen, es gibt die natürliche<br />

Auslese, zu gewissen Zeiten sterben Arten<br />

aus. Der Unterschied zur Biologie ist:<br />

Die Politik greift wie eine göttliche Oberbehörde<br />

von Zeit zu Zeit korrigierend<br />

ein. Und das muss nicht schlecht sein:<br />

Ohne die Eingriffe der Regierungen hätten<br />

wir in den vergangenen Jahren einen<br />

noch gewaltigeren wirtschaftlichen Einbruch<br />

erlebt.<br />

Das Gespräch führte Brigitte Neumann<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 93


| K a p i t a l | K o m m e n t a r<br />

Vorwärts immer,<br />

rückwärts nimmer<br />

Sozialdemokratische Vordenker zweifeln am Euro, statt ihn<br />

politisch neu zu gestalten – ein nostalgisch-konservativer Irrweg<br />

Von Henrik Enderlein<br />

E<br />

s ziehen in Europa Konflikte heran, die mehr denn je<br />

nach politischen Lösungen rufen. Sobald das abklingende<br />

Gewitter um Staatsfinanzen, Anleiheankäufe und<br />

Nothilfen den Blick wieder freigibt, wird ein veränderter Kontinent<br />

zutage treten.<br />

Dann werden wir feststellen, dass diese Krise vor allem politischer<br />

Natur ist und Fragen stellt nach der Spannweite und<br />

Tragfähigkeit eines paneuropäischen politischen Gemeinwesens.<br />

Fragen, die wir inhaltlich beantworten müssen, anstatt wie üblich<br />

Schattengefechte um Abstimmungsmodalitäten oder Protokollklauseln<br />

auszutragen. Denn technokratische Lösungen am<br />

Reißbrett, wie wir sie in der Krise zu häufig gesehen haben, verlieren<br />

schon heute ihre Legitimation.<br />

Eine lauter werdende Debatte in der deutschen Linken zeigt,<br />

dass der Streit über eine Politisierung Europas das gesamte Parteienspektrum<br />

stark verändern könnte. Die Euro-Skepsis gewinnt<br />

nämlich nicht nur am rechtsintellektuellen Rand an Befürwortern.<br />

Auch immer mehr anerkannte sozialdemokratische<br />

Vordenker wie Fritz W. Scharpf oder Wolfgang Streeck, beide<br />

vom Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln,<br />

stellen die Gemeinschaftswährung offen infrage. Streeck sieht in<br />

seinem aktuellen Buch „Gekaufte Zeit“ gar das Ende des demokratischen<br />

Kapitalismus nahen.<br />

Noch sollte niemand in eine solche Kritik hineinlesen, die<br />

äußeren Ränder des linken und rechten politischen Spektrums<br />

näherten sich einander an. Die linken Kritiker lehnen den Euro<br />

nicht wie ihre nationalkonservativen Counterparts aus Inflationsangst<br />

oder merkantilistischer D-Mark-Nostalgie ab. Sie sehen<br />

sich aber spätestens jetzt in ihren Zweifeln bestätigt, dass<br />

aus dem heutigen Euro-Projekt niemals ein sozial gerechtes und<br />

inhärent demokratisch verfasstes Europa erwachsen wird.<br />

Dennoch müssen wir diese Kritik ernst nehmen, weil es sich<br />

bei den linken Kritikern um überzeugte Europäer handelt. Sie<br />

macht deutlich, dass der Ruf nach „mehr Europa“ nur dann<br />

überzeugend ist, wenn er mit politischem Inhalt gefüllt wird.<br />

Wenn Scharpf fordert: „Rettet Europa vor dem Euro!“, dann<br />

spricht aus dieser Formel die Angst, dass die für die Vollendung<br />

des Euro-Projekts notwendigen Integrationsschritte die europäischen<br />

Demokratien überfordern könnten. Die Skepsis gilt auch<br />

dem oft verbreiteten Ruf nach den „Vereinigten Staaten von Europa“.<br />

Diese Formel provoziert die Sorge, der europäische Einigungsprozess<br />

könnte sich in einem weitgehend politikfreien<br />

Illustration: Jan Rieckhoff<br />

94 <strong>Cicero</strong> 8.2013


Foto: Privat<br />

Raum immer weiter beschleunigen und am Ende von den vergessenen<br />

demokratischen Fliehkräften zerrissen werden.<br />

Schlüssig ist die linke Kritik am Euro dennoch nicht. Dass<br />

der Euro in seiner jetzigen Struktur mit mangelnder Legitimationsgrundlage<br />

und dysfunktionaler Wirtschaftsregierung nicht<br />

wirklich funktioniert, erklärt noch lange nicht, warum mit den<br />

alten nationalen Währungen plötzlich alles wieder besser wäre.<br />

Der Euro wurde als logische Fortsetzung des wirtschaftlichen Integrationsprojekts<br />

Europa eingeführt. Wer freie Handels- und<br />

Kapitalflüsse zwischen Ländern befürwortet, muss eine Antwort<br />

darauf geben, was wichtiger ist: feste Wechselkurse oder eine<br />

auf die Binnenkonjunktur jedes einzelnen Landes ausgerichtete<br />

Geldpolitik? Beides zusammen geht nicht. Der brutale Abwertungswettlauf<br />

zwischen den europäischen Nationen in den<br />

Achtzigern oder auch der Zusammenbruch des europäischen<br />

Wechselkurssystems von 1992 sind die besten Beispiele der<br />

Schwächen eines Systems nationaler Währungen. Wer die freien<br />

Handels- und Kapitalflüsse grundsätzlich infrage stellt, wünscht<br />

sich eine Rückkehr zu Protektionismus und Nationalökonomien.<br />

Also ein „Bretton Woods für Europa“, wie Streeck es fordert.<br />

Dann wäre die Wiedereinführung nationaler Währungen<br />

aber nur der Anfang eines breiteren Renationalisierungsprozesses,<br />

der uns ins Zeitalter der Nachkriegsjahrzehnte zurückkatapultierte.<br />

Ist das eine echte Option für die Linke?<br />

Schon der Anfang des Weges birgt mehr Gefahren als Chancen.<br />

Noch jeder bisherige Vorschlag zur Auflösung des Euro<br />

endet früher oder später bei Grenzpatrouillen, wochenlangen<br />

Schließungen von Bankensystemen oder Kapitalkontrollen. Solche<br />

Rezepte aus den Siebzigern lassen sich vielleicht in einem<br />

Zwergstaat wie Zypern umsetzen, aber sicherlich nicht in einem<br />

grenzenlosen europäischen Wirtschaftsraum mit 330 Millionen<br />

Menschen und einem vollständig vernetzten Bankensystem.<br />

Die Risiken durch einen Systembruch sind für die europäischen<br />

Volkswirtschaften immens – und die Kosten im Vorfeld nicht<br />

abschätzbar. Gezielt wurde die Währungsunion so angelegt, dass<br />

eine Trennung mit exorbitanten Kosten verbunden ist.<br />

Es ist zudem unmöglich, dass nationale Währungen in einer<br />

Nacht-und-Nebel-Aktion per Dekret wieder eingeführt werden.<br />

Niemand ist in einer Demokratie legitimiert, ein solches Dekret<br />

zu erlassen, das Millionen Menschen enteignen würde. Ein solcher<br />

Schritt schwächte das Vertrauen in die Gerechtigkeit unseres<br />

politischen Systems massiv.<br />

Anstatt einer absurden Tabula rasa das Wort zu reden, sollten<br />

deshalb gerade sozialdemokratische Gesellschaftsmodelle<br />

die Frage aufwerfen, wie eine transnationale, wirtschaftspolitische<br />

Integration demokratisch legitimiert, regiert und kontrolliert<br />

werden könnte. Der US-Politikwissenschaftler Robert Dahl<br />

hat die historische Entwicklung von Demokratien einmal in drei<br />

Phasen beschrieben: vom Stadtstaaten-Modell über das Nationalstaaten-Modell<br />

hin zur „globalen Interdependenz“. Europa ist<br />

der innovativste Versuch, diese wechselseitige Abhängigkeit demokratisch<br />

regierbar zu machen, ohne dafür das nationalstaatliche<br />

Modell auf höherer Ebene einfach zu reproduzieren. Dazu<br />

gehört auch das Wagnis, eine Währung ohne Staat zu schaffen.<br />

Und nach einem europäischen Superstaat ruft nicht einmal Jürgen<br />

Habermas, der stattdessen von einem „supranationalen, demokratisch<br />

verfassten Gemeinwesen“ spricht. Das ist zwar kein<br />

griffiges Konzept, dafür aber eine kluge theoretische Blaupause,<br />

die es politisch anzureichern gilt.<br />

Notwendig sind dafür weder umfassende Eurobond-Konstrukte<br />

noch weitreichende Machtverschiebungen nach Brüssel<br />

oder langfristige monetäre Transfers in nur eine Richtung.<br />

Denkbar wäre auch ein „Ausnahmeföderalismus“: In normalen<br />

Zeiten regiert der Nationalstaat, in Krisenzeiten nähert sich<br />

das System über Solidaritätsmechanismen in der Bankenunion<br />

und einer Fiskalunion einem föderalen Solidaritätssystem an –<br />

im Gegenzug für Souveränitätsabtretung. Wir brauchen dafür<br />

allerdings dringend ein stimmiges Legitimationskonzept. Fritz<br />

Scharpf hat zu Recht immer wieder darauf verwiesen, dass Europa<br />

sich vor allem über Politikergebnisse legitimiert (Output-<br />

Legitimation), aber dann an seine Grenzen stößt, wenn sich<br />

Entscheidungen durch ihren Entstehungsprozess legitimieren<br />

müssten (Input-Legitimation). Und genau das ist der Fehler des<br />

Euro-Projekts. Doch er lässt sich beheben.<br />

Deshalb muss heute gerade die politische Linke eine europäische<br />

Wirtschaftsregierung einfordern und dabei vor allem auf<br />

mehr demokratische Rechenschaftspflicht pochen: Technokratische<br />

Gebilde wie der Europäische Stabilitätsmechanismus, die<br />

Euro-Gruppe oder auch die Troika verfügen heute über viel zu<br />

viel Macht, ohne dafür auch nur ansatzweise demokratisch legitimiert<br />

zu sein. Es muss auf europäischer Ebene institutionalisierten<br />

politischen Streit geben können. Dafür lohnt es zu streiten.<br />

Und die Wahlen zum Europäischen Parlament 2014 bieten<br />

eine ausgezeichnete Gelegenheit.<br />

Denn die Debatte um Europa und den Euro ist für die Zukunft<br />

der gesamten Sozialdemokratie von Bedeutung. Die Linke<br />

hat oft mit Skepsis auf globale oder regionale wirtschaftliche Integrationsprozesse<br />

geblickt. Doch den Euro heute für gescheitert<br />

zu erklären, kommt einer politischen Kapitulation vor der<br />

Globalisierung gleich. Denn bei allen Unterschieden zwischen<br />

nationalkonservativen und linken Euro-Kritikern: Sie teilen die<br />

Überzeugung, dass der Nationalstaat die bessere Instanz im Umgang<br />

mit der Globalisierung ist. Kurzfristig und in Krisenzeiten<br />

mag das stimmen. Aber in einem längeren Zeitrahmen sind die<br />

Herausforderungen unserer Zeit nicht durch Isolationismus zu<br />

lösen – gerade in Europa nicht und gerade nicht in Zeiten des<br />

wirtschaftlichen und politischen Aufschwungs in Asien, Lateinamerika<br />

und hoffentlich bald auch Afrika.<br />

Und so könnte sich an der Diskussion um den Euro in der<br />

Linken entscheiden, ob das sozialdemokratische Gesellschaftsmodell<br />

bei aller berechtigten Kritik an der Art, wie die Globalisierung<br />

sich heute vollzieht, noch an die Kraft der Politik glaubt.<br />

Der Wunsch nach einer Rückkehr in die Welt der Nachkriegsjahrzehnte,<br />

mit Zöllen, geschlossenen Grenzen und Kapitalkontrollen,<br />

führt die Linken jedenfalls in eine nostalgisch-konservative<br />

Sackgasse. Sozialdemokratische Gesellschaftspolitik muss<br />

stattdessen versuchen, eine Welt der gegenseitigen Abhängigkeiten<br />

politisch zu gestalten.<br />

Henrik Enderlein<br />

ist Professor für politische Ökonomie an der Hertie<br />

School of Governance in Berlin. Derzeit lehrt er als<br />

Gastprofessor der Kennedy School in Harvard<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 95


| S t i L<br />

DIE NEO-neurotiscHE<br />

Greta Gerwig verkörpert in der Tragikomödie „Frances Ha“ einen neuen Frauentyp mit alten Macken<br />

von THOMAS abeltshauser<br />

W<br />

ENN SIE WOLLTE, könnte sie der<br />

nächste große Hollywoodstar werden.<br />

Doch Greta Gerwig bewegt<br />

sich bewusst abseits der großen Studioproduktionen:<br />

„Ich bin wählerisch und mache<br />

nur Dinge, von denen ich vollständig überzeugt<br />

bin. Ich empfinde es als schöne Situation,<br />

nicht der große Star zu sein, sondern<br />

das vielversprechende Talent. Ich<br />

fliege gern ein bisschen unter dem Radar.“<br />

Spätestens seit ihrer Rolle in Woody Allens<br />

„To Rome with Love“ kann sie sich das leisten,<br />

nachdem sie bereits 2010 mit „Greenberg“<br />

von Noah Baumbach zum Liebling<br />

des amerikanischen Independentkinos aufgestiegen<br />

war. Mit „Frances Ha“, der diesen<br />

Monat in die Kinos kommt, hat sie<br />

sich nun selbst eine Titelfigur auf den Leib<br />

geschrieben.<br />

In der Tragikomödie in digitalem<br />

Schwarz-Weiß spielt sie eine linkische<br />

Tanzschülerin in New York, die mit 27<br />

noch immer vergeblich von der Bühnenkarriere<br />

träumt. Mit ihrer besten Freundin<br />

Sophie teilt sie WG und Alltag. Mit wenig<br />

Geld leben sie in den Tag hinein und stellen<br />

sich eine gemeinsame Zukunft vor, in<br />

der sie tolle Jobs und überhaupt ein tolles<br />

Leben haben. Bis Sophie tatsächlich eine<br />

gut dotierte Stelle bekommt und sich in einen<br />

Mann verliebt, dessen Nähe sie plötzlich<br />

der ihrer Freundin vorzieht. Mit dem<br />

Trennungsschmerz muss sich die Titelfigur<br />

dann notgedrungen allein durchschlagen.<br />

„Frances Ha“ ist ein komischer und<br />

schmerzhaft ehrlicher Liebesfilm, nur erzählt<br />

er nicht von einer romantischen Beziehung<br />

zwischen Mann und Frau, sondern<br />

von der platonischen Liebe zweier Freundinnen<br />

füreinander, die intensiver und<br />

komplizierter ist als jede Beziehung mit<br />

einem Liebhaber.<br />

Gerwig trifft mit ihrer Titelfigur das Lebensgefühl<br />

einer urbanen Generation von<br />

überqualifizierten Endzwanzigern, die in<br />

prekären Situationen leben, ihren Freundeskreis<br />

als Ersatzfamilie betrachten und<br />

eigentlich langsam erwachsen werden<br />

müssten – aber nirgendwo richtig angekommen<br />

sind, weder beruflich noch privat.<br />

„Ich bin noch keine richtige Person“, sagt<br />

Frances an einer Stelle. Nicht zufällig erinnert<br />

sie an die von Diane Keaton gespielte<br />

Annie Hall in Woody Allens „Der Stadtneurotiker“<br />

von 1977, jene smarte, allerdings<br />

stark neurotische Frau, in die sich Allen<br />

in seinem New-York-Klassiker verliebt.<br />

Ist Frances eine Art Wiedergeburt, eine<br />

Annie Hall des krisengebeutelten 21. Jahrhunderts?<br />

Ja und nein. Denn während die<br />

sich ewig selbst reflektierende Annie Hall<br />

die „Me“-Dekade symbolisierte, eine Hinwendung<br />

zum Individualismus nach dem<br />

Gemeinschaftsethos der sechziger Jahre,<br />

entspringt die Reflexion von Frances Ha<br />

der für ihre Generation typischen Übersättigung<br />

durch zu viele Möglichkeiten.<br />

Hinzu kommt eine Bewegung hin zum Realismus<br />

als Reaktion auf die dauertrainierende,<br />

glatt retuschierte Leinwandheldin<br />

mit begehbarem Schuhschrank und ohne<br />

viel Hirn, die romantische Komödien der<br />

Nullerjahre dominierte.<br />

Wie die New Yorker Mädchenclique in<br />

„Girls“, der Erfolgsserie von Gerwigs guter<br />

Freundin und Amerikas neuer Vorzeige-<br />

Intellektuellen Lena Dunham, ist Frances<br />

damit Vorreiterin dieses neuen Typs<br />

von lebensnahen Frauenfiguren, die mit<br />

den platten Projektionsflächen etwa von<br />

„Sex and the City“ nichts mehr zu tun haben.<br />

Es sind komplexe und widersprüchliche<br />

Figuren, für Zuschauer, die von Kino<br />

und Fernsehen mehr erwarten als außerirdische<br />

Roboter und hysterischen Stöckelschuherwerb.<br />

Ein typisches Happy End mit<br />

Mr. Perfect wollte Gerwig demnach auf keinen<br />

Fall. „Mir war wichtig, dass kein romantisches<br />

Interesse die Geschichte vorantreibt,<br />

dass dessen Fehlen aber auch kein<br />

Mangel ist. Es ist einfach kein Thema.<br />

Mr. Perfect ist nicht die Lösung aller Probleme.<br />

Und vielleicht ist Frances auch jemand,<br />

die besser alleine klarkommt.“<br />

Viele Frauen hätten ihr gesagt: „Genau<br />

so sieht mein Leben aus!“, freut sich<br />

Gerwig beim Treffen in Berlin. Dabei<br />

wollte sie gar keine universelle Geschichte<br />

erzählen. „Wenn man das versucht, landet<br />

man schnell auf Gemeinplätzen. Wir<br />

wollten den Film so spezifisch und authentisch<br />

wie möglich machen. Wenn alle<br />

Details stimmen, können sich Leute auch<br />

identifizieren, ohne das genaue Milieu zu<br />

kennen.“<br />

Das liegt nicht zuletzt an Gerwigs<br />

Schauspiel, die Frances mit einer derart natürlichen<br />

Präsenz verkörpert, dass man sich<br />

unwillkürlich fragt: Ist das ihre Geschichte?<br />

„Es ist fiktiv und autobiografisch“, gibt sie<br />

zu. „Frances’ Gefühl, noch nicht richtig<br />

im Leben angekommen zu sein, kenne ich<br />

auch. Aber ich bin nicht ganz so verrückt<br />

wie sie, und ich teile auch nicht ihre ungeschickte<br />

Art in Gesellschaft von anderen.“<br />

Der Film spielt ganz bewusst mit diesen<br />

Parallelen, etwa wenn Francis nach Hause<br />

fährt und ihre Eltern von Gerwigs eigenen<br />

gespielt werden.<br />

Aufgewachsen ist Gerwig im kalifornischen<br />

Sacramento, sie studierte Philosophie<br />

am New Yorker Barnard College,<br />

wo sie eine Improvisationstheatergruppe<br />

gründete und Stücke schrieb. In „Frances<br />

Ha“ sei allerdings nichts improvisiert, jede<br />

Szene stehe wie gespielt im Drehbuch, erklärt<br />

sie. Ein Jahr lang hat sie am Script<br />

geschrieben, zusammen mit Noah Baumbach,<br />

dem Regisseur des Filmes und nun<br />

auch Gerwigs Lebenspartner.<br />

Es ist kein Zufall, wenn in Kino und<br />

Fernsehen immer mehr Autorenschauspielerinnen<br />

wie Tina Fey oder Lena Dunham<br />

ihre eigenen Rollen kreieren, glaubt Gerwig.<br />

„Es wurde höchste Zeit! Jetzt hat die<br />

Gruppe der Frauen, die ihr eigenes Material<br />

schreiben, eine kritische Masse erreicht,<br />

sodass sie auch wahrgenommen wird.“<br />

ThomAS ABELTSHAUSER<br />

träumte früher auch davon,<br />

in New York in den Tag<br />

hineinzuleben. Heute schreibt er<br />

über Filme und lebt in Berlin<br />

Fotos: Henny Garfunkel/Redux/Laif, Privat (Autor)<br />

96 <strong>Cicero</strong> 8.2013


Schauspielerin Greta Gerwig<br />

macht in „Frances Ha“ die<br />

Neurose wieder zum Zeitgeist<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 97


| S t i l | D A S D E U T S C H E W O H N Z I M M E R<br />

IRGENDWIE TYPISCH<br />

Ein Besuch im deutschen Wohnzimmer, das die Hamburger Agentur Jung von Matt<br />

vor knapp zehn Jahren eingerichtet und seitdem permanent aktualisiert hat<br />

von ULRICH CLEWING<br />

98 <strong>Cicero</strong> 8.2013


Fotos: Anna Mutter für <strong>Cicero</strong><br />

C<br />

LAUDIA MÜLLER ist 47 Jahre alt<br />

und hat offenbar eine Vorliebe<br />

für Pastellfarben. Die Couch in<br />

ihrem Wohnzimmer ist safrangelb,<br />

der Teppichboden hellblau.<br />

Auf dem Glastisch vor dem Sofa liegt eine<br />

weiße Blümchendecke mit Spitzenrand.<br />

Gegenüber steht der Wandschrank: helle<br />

Eiche, halb Biedermeier, halb gemäßigter<br />

Barock. Man könnte ihn fast für ein Stück<br />

Architektur halten, mit seiner imposanten<br />

Schaufassade: Der bauchig gewölbte Unterbau<br />

nimmt in zwei kühnen Schwüngen<br />

Anlauf für die Postamente der Doppelvitrinen,<br />

die rechts und links bis knapp unter<br />

die Zimmerdecke emporragen. Dazwischen<br />

hat er eine große Aussparung für den<br />

Fernseher. In den Regalen reihen sich Rücken<br />

an Rücken Bestseller der vergangenen<br />

Jahre: Dan Browns „Sakrileg“, Stieg Larssons<br />

„Millennium“-Trilogie und „Deutschland<br />

schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin.<br />

Seit Claudia Müller mit Freundinnen<br />

gerne mal einen Latte Macchiato trinkt,<br />

hat sie vier Latte-Macchiato-Gläser im<br />

Schrank, auf denen „Latte Macchiato“<br />

steht. Der Formel-1-Ferrari im Maßstab<br />

1:18 und die repräsentative Flasche Champagner<br />

gehen dagegen auf das Konto ihres<br />

Mannes, Thomas. Er ist auch für die Unterhaltungselektronik<br />

zuständig: PC, Flatscreen,<br />

DVD-Player, da hat Claudia nicht<br />

viel zu melden. Thomas wirft Dinge nur<br />

ungern weg: Das erkennt man an den alten<br />

Netzsteckern, Ladegeräten und Fernbedienungen,<br />

die er in einer der unteren<br />

Schrankschubladen aufbewahrt.<br />

Dass einem das Wohnzimmer von<br />

Thomas und Claudia Müller irgendwie<br />

typisch deutsch vorkommt, ist kein Zufall:<br />

Es ist typisch deutsch. Der absolute<br />

Durchschnitt, empirisch ermittelt, analytisch<br />

fundiert und präzisiert durch Dutzende<br />

von persönlichen Interviews. Thomas<br />

und Claudia Müller? Sind die reine<br />

Fiktion, erfundene Personen, genauso wie<br />

ihr Sohn Jan, 18. Thomas, Claudia und<br />

Jan Müller sind Versuchskaninchen in einem<br />

Experiment, das in dieser Form in<br />

Deutschland einmalig ist. Eine soziologische<br />

Versuchsreihe in 3D, erdacht von keinem<br />

Forschungsinstitut und keinem Museum,<br />

sondern von der Werbeagentur Jung<br />

von Matt (JVM) in Hamburg.<br />

JVM gehört zu den Großen der Branche.<br />

Als Remy von Matt vor zehn Jahren<br />

die Idee entwickelte, das Müller’sche<br />

Wohnzimmer in das Fabrikgebäude einzubauen,<br />

in dem die Agentur ihren Stammsitz<br />

hat, wollte er es anders machen als<br />

die Konkurrenz. Seine Mitarbeiter sollten<br />

nicht im luftleeren Raum agieren, wenn<br />

von „dem Kunden“ die Rede war. Er wollte,<br />

dass sie sich besser in denjenigen hineinversetzen,<br />

der das Geld bringt: in den Konsumenten.<br />

In den Käufer, der durch seine<br />

Unwissenheit und Orientierungslosigkeit<br />

Werbeagenturen überhaupt erst notwendig<br />

macht. In die anonyme Masse, über die so<br />

viele Daten und Analysen kursieren, und<br />

die doch keiner kennt. In der Fachsprache<br />

nennt man es Raumwirkungstheorie: wenn<br />

die Umgebung das Denken lenkt. Eine Art<br />

Method Acting für Werber.<br />

Peter John Mahrenholz ist Leiter der<br />

Strategischen Planung bei JVM. Er sitzt<br />

auf dem safrangelben Sofa und erklärt:<br />

„Wir wollten möglichst viel über die Motivation<br />

erfahren, warum sich Menschen<br />

so verhalten, wie sie sich verhalten.“ Deswegen<br />

haben sie das Wohnzimmer der Familie<br />

Müller nachgestellt, ausgestattet mit<br />

den Gegenständen, die in Deutschland statistisch<br />

gesehen am meisten verkauft werden.<br />

Mahrenholz: „Wir haben uns an den<br />

Durchschnittswerten orientiert. Und wo<br />

das nicht ging, haben wir das genommen,<br />

das am meisten vorkommt.“ Der geburtenstärkste<br />

Jahrgang der Babyboomer-Generation<br />

war 1964, der häufigste Jungsname<br />

damals Thomas, der häufigste Nachname<br />

Müller. Also ist Thomas Müller heute<br />

49 Jahre alt, seine Frau Claudia zwei Jahre<br />

jünger. Die beiden haben 1,3 Kinder, im<br />

konkreten Fall bedeutet das: einen Sohn,<br />

den bereits erwähnten Jan. Die Müllers<br />

wohnen in der größten Stadt des bevölkerungsreichsten<br />

deutschen Bundeslands:<br />

in Köln in Nordrhein-Westfalen. Claudia<br />

verdient ihr Geld als kaufmännische Angestellte<br />

und arbeitet halbtags, Thomas ist<br />

Techniker, Vollzeit. Verfügbares Haushaltseinkommen:<br />

2700 Euro netto pro Monat.<br />

Jan geht noch aufs Gymnasium und macht<br />

bald Abitur. Er kommt hier praktisch nicht<br />

vor, obwohl er sich mit seinen Eltern gut<br />

versteht (bei Thomas und dessen Vater war<br />

das noch anders). Der Grund für Jans Abwesenheit:<br />

Das Wohnzimmer ist der Raum,<br />

in dem Erwachsene den größten Teil ihrer<br />

Freizeit verbringen – und Jan gilt noch<br />

nicht als Erwachsener (sein Zimmer, das<br />

„Jugendzimmer“, befindet sich in der Stuttgarter<br />

Niederlassung der Agentur).<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 99


| S t i l | D A S D E U T S C H E W O H N Z I M M E R<br />

Das Haus, in dem Familie Müller lebt,<br />

stammt aus den frühen sechziger Jahren.<br />

Um den Eindruck so authentisch wie möglich<br />

zu gestalten, haben sie in dem alten Fabrikgebäude,<br />

in dem JVM sitzt, extra kleinere<br />

Fenster eingebaut. Auch die Decke<br />

wurde abgehängt: In einem durchschnittlichen<br />

deutschen Wohnzimmer beträgt die<br />

Raumhöhe 2,30 Meter. Es ist 24 Quadratmeter<br />

groß.<br />

„Die Gestaltung der Wohnung obliegt<br />

in Deutschland üblicherweise der Frau des<br />

Hauses“, sagt Peter John Mahrenholz, „deshalb<br />

hat die meisten Dinge Claudia Müller<br />

ausgesucht.“ Dass Claudia hier präsenter<br />

ist als ihr Mann, ist ganz offensichtlich.<br />

Das Kaffeeservice und das runde Dutzend<br />

Porzellankätzchen kommen von ihr. Sie<br />

war es, die das New-York-Foto aufgehängt<br />

hat, auf dem man Arbeiter eines Hochhauses<br />

auf einem Stahlträger frühstücken sieht.<br />

Sie hat die Karten für das Musical aufgehoben,<br />

in das sie Thomas an ihrem zehnten<br />

Hochzeitstag eingeladen hatte. Nicht<br />

ausgeschlossen, sagt Peter John Mahrenholz,<br />

dass in der Küche eine Espressomaschine<br />

ihren Dienst tut: „Filterkaffee ist<br />

ziemlich out.“<br />

Die JVM-Leute haben ganze Arbeit geleistet:<br />

Die Illusion, es mit echten Menschen<br />

zu tun zu haben, ist perfekt bis ins Detail.<br />

Die Küchenrolle neben dem Flatscreen,<br />

die Pinwand aus Kork für Notizen – alles<br />

durch Umfragen gesichert und mit Statistiken<br />

belegt. Ebenso die Summe, die Thomas<br />

und Claudia für ihre Wohnzimmereinrichtung<br />

ausgegeben haben: rund 8000 Euro.<br />

Dabei war jeder Gegenstand, jedes Möbel<br />

einmal neu. Die häufigste deutsche Familie<br />

geht nicht auf den Flohmarkt, interessiert<br />

sich nicht für Antiquitäten, baut keinen<br />

Tisch selber.<br />

Auf den ersten Blick wirkt das alles ein<br />

bisschen billig, ungebildet und wenig inspiriert.<br />

Die Menschen in Deutschland<br />

leben im Land der Effizienz, der Kehrwochen<br />

und umfassend ausgestatteten,<br />

großen Autos. Chic, verfeinerter Stil oder<br />

ein ausgeprägter Sinn für Ästhetik zählen<br />

hingegen nicht zu ihren vordringlichsten<br />

Eigenschaften. Das mag man bedauern,<br />

doch Peter John Mahrenholz geht es nicht<br />

um Geschmacksfragen. Von Berufs wegen<br />

beschäftigt er sich mehr mit dem Verbindenden<br />

als mit dem Trennenden. Für ihn<br />

ist das Müller’sche Wohnzimmer zugleich<br />

Konkretion und Abstraktion. Es bildet ein<br />

durchschnittliches Umfeld hyperrealistisch<br />

ab, doch er sieht darin auch die universelle<br />

Struktur. „Das Wohnzimmer“, sagt Mahrenholz,<br />

„war für unsere Zwecke deswegen<br />

besonders geeignet, weil es nicht nur am<br />

meisten frequentiert wird. Es ist auch der<br />

Raum, den man dazu nutzt, um sich anderen<br />

mitzuteilen.“<br />

Hipster, Stilaristokraten und Distinktionsgewinnler<br />

werden das nur ungern hören,<br />

aber aus Peter John Mahrenholz’ Sicht ist<br />

die Differenz zwischen ihnen und den Müllers<br />

geringer, als sie es sich je hätten träumen<br />

lassen. „Generell lässt sich feststellen“,<br />

Hier kommt<br />

man als Familie<br />

zusammen und<br />

empfängt seine<br />

Gäste<br />

sagt Mahrenholz, „dass ein Wohnzimmer<br />

der emotional am stärksten aufgeladene Ort<br />

einer Wohnung ist.“ Hier kommt man als<br />

Familie zusammen und empfängt seine<br />

Gäste. Hier bewahrt man Sachen auf, die<br />

für einen persönlich bedeutsam sind, Fotos<br />

der Liebsten, Zeugnisse der eigenen Sammelleidenschaft,<br />

Erinnerungen an schöne<br />

Ferien und Reisen in fremde Länder. Mahrenholz:<br />

„Das sind Gesetzmäßigkeiten, die<br />

überall gelten, unabhängig davon, aus welchem<br />

sozialen Umfeld man stammt und<br />

welchen Beruf man ausübt.“<br />

Sicher, es ist ein Unterschied, ob sich<br />

die Müllers vor ihrem All-inclusive-Ferienclub<br />

ablichten lassen oder ob man zu den<br />

Fotos der weitverzweigten Familie noch<br />

dasjenige steckt, das die Tochter oder der<br />

Sohn kürzlich vom Campus in Harvard<br />

geschickt hat. Aber es ist nur ein Unterschied<br />

der Form – der Gehalt ähnelt sich<br />

bis zur Deckungsgleichheit. Natürlich ist<br />

ein Schrank, der seit 200 Jahren in der Familie<br />

weitervererbt wird, wertvoller als das<br />

banale Möbel der Müllers. Doch es bleibt<br />

immer noch ein Schrank, auch wenn in<br />

dem einen ein 200-Euro-Service steht und<br />

in dem anderen ein handbemaltes von<br />

Nymphenburg. Die Funktion ist dieselbe:<br />

eine Mischung aus Benutzen, Herzeigen<br />

und Wegschließen.<br />

Es fällt vielleicht nicht jedem leicht,<br />

dies zu akzeptieren, aber die Bandbreite der<br />

menschlichen Rituale ist nicht so groß, als<br />

dass es dabei nicht zu Überschneidungen<br />

käme. Betrachtet man die Wohnung als<br />

Theater und das Wohnzimmer als Bühne,<br />

dann mögen Eingang und Foyer, Zuschauerraum<br />

und Bühnenbild unterschiedlich<br />

sein. Das Stück aber, das dort gegeben wird,<br />

ist immer dasselbe.<br />

Auch was die Form betrifft, gebietet sich<br />

Vorsicht vor voreiligen Schlussfolgerungen.<br />

Denn Claudia Müller ist mal wieder kurz<br />

davor, die ganze Einrichtung einem Revirement<br />

zu unterziehen – wobei es sicher einige<br />

Überraschungen geben wird, gerade<br />

für ihre Kritiker. Verschwinden wird der<br />

dominante, überdimensionierte PC. Stattdessen<br />

kommt ein Laptop ins Haus, schon<br />

im nächsten Jahr der in Deutschland am<br />

häufigsten verkaufte Computer, was dann<br />

auch den Schreibtisch, auf dem der PC jetzt<br />

noch steht, überflüssig macht. Ausgewechselt<br />

wird auch die spießige Schrankwand.<br />

In der Vergangenheit war sie deshalb nötig,<br />

weil darin der alte Fernseher Platz finden<br />

musste. Nachdem Thomas Müller vor<br />

zwei Jahren in einen Flatscreen investierte,<br />

brauchen sie das massive Möbel nicht mehr.<br />

Bald wird es ersetzt durch Regale und ein<br />

Sideboard, das man bis vor kurzem nur<br />

in angesagten Design-Galerien in Berlin-<br />

Mitte stehen sah. „In Müllers Wohnzimmer“,<br />

sagt Mahrenholz, „wird es künftig offener,<br />

modularer, aus unserem Blickwinkel<br />

vielleicht auch eleganter zugehen.“<br />

Das zeigt: Der Durchschnitt ist ein<br />

schillerndes Gebilde. Dazugehören möchten<br />

die wenigsten, doch birgt der Wunsch,<br />

sich davon abzugrenzen, eine Gefahr: Er ist<br />

so verbreitet, dass er eigentlich recht durchschnittlich<br />

ist.<br />

Mahrenholz jedenfalls, Sohn des Politikers<br />

und Verfassungsrichters Ernst Gottfried<br />

Mahrenholz, hat im Wohnzimmer<br />

von Thomas und Claudia Müller aus Köln<br />

„Demut gelernt“. Er weiß: „Mit der eigenen<br />

Individualität ist es nicht so weit her, wie<br />

man das selber gerne hätte.“<br />

ULRICH CLEWING<br />

besuchte als Autor schon viele<br />

Wohnzimmer. Er schreibt unter<br />

anderem für AD Architectural<br />

Digest und lebt in Berlin<br />

Foto: Guido Ohlenbostel<br />

100 <strong>Cicero</strong> 8.2013


K l e i d e r o r d n u n g | S t i l |<br />

Warum ich trage, was ich trage<br />

VLADIMIR KARALEEV, Modedesigner<br />

Foto: Thomas Kierok für <strong>Cicero</strong><br />

H<br />

OSE, sCHUHE, T-SHIRT. Mein Outfit<br />

ist meine Uniform. Ich trage<br />

sie täglich. Was ich trage, muss<br />

bei meiner Arbeit im Studio genauso wie<br />

bei repräsentativen Anlässen funktionieren,<br />

wie eine Art Panacea: die Antwort auf<br />

alle Fragen. Jeden Morgen entscheiden<br />

zu müssen, was ich anziehen soll, stresst<br />

mich zu sehr. Von mir entworfene Kleidung<br />

würde ich nie anziehen. Es wäre ein<br />

komisches Statement: Der Designer ist so<br />

überzeugt von seinen eigenen Entwürfen,<br />

dass er sich selbst nur darin kleidet. Ich<br />

designe nicht für meine eigenen Bedürfnisse<br />

und bin auch nicht meine Zielgruppe.<br />

Überhaupt habe ich keinen konkreten Trägertyp<br />

meiner Mode im Kopf. Zuerst ist<br />

ein Kleidungsstück ein Objekt, und wenn<br />

sich später eine Person damit identifizieren<br />

kann, ist das super.<br />

Ich mag die aktuelle Herrenmode,<br />

weil sie sehr zugänglich und verständlich<br />

ist. Anders als früher, wo Paris und Mailand<br />

den Ton angegeben haben und sich<br />

jeder danach richten musste, kommt die<br />

Mode heute von der Straße. Sie wird von<br />

den Designern nur auf ein qualitativ höheres<br />

Niveau transportiert und dort neu interpretiert.<br />

Aber ich finde die aktuelle Entwicklung,<br />

die sehr demokratisch ist, toll:<br />

Jeder kann anziehen, was er will. Ich bin<br />

in Bulgarien aufgewachsen, und dort sahen<br />

die Leute alle gleich aus, Mode existierte<br />

nicht. Das sozialistische Regime legte keinen<br />

Wert auf die individuelle Entfaltung<br />

des Einzelnen.<br />

Erst Mitte der achtziger Jahre kamen<br />

über Schmuggelwege erste Mode-Magazine<br />

ins Land, und unterm Ladentisch<br />

wurde auch mit spezielleren Stoffen gehandelt.<br />

Meine Tante hatte eine Freundin<br />

in einem Textilgeschäft und nähte, für<br />

die damaligen Verhältnisse, ziemlich verrückte<br />

Sachen. Sie hat mir einmal eine<br />

Bermuda-Shorts und ein Hawaii-Hemd<br />

aus einem mit Palmen bedruckten Stoff<br />

genäht: Ich wurde auf dem Schulhof ausgelacht,<br />

und meine Klassenlehrerin sagte<br />

mir, dass so etwas nicht gehen würde. Die<br />

Provokation gefiel mir, gerade weil es so<br />

einfach war.<br />

Aufgezeichnet von Tim Berge<br />

Stets gefeiert auf der Berliner Fashionweek:<br />

Vladimir Karaleev wurde 1981 in Sofia<br />

geboren und zog im Jahr 2000 nach Berlin,<br />

wo er Mode studierte. 2006 gründete er sein<br />

eigenes Label und entwickelte sich seitdem<br />

vom Geheimtipp zu einem der erfolgreichsten<br />

Nachwuchsdesigner in Deutschland<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 101


| S t i l | b e l l a F i g u r a i n R o m<br />

Oh, Diese SüSSe Leere<br />

Der neue Film von Paolo Sorrentino ist eine Hommage an Rom, feiert den<br />

Hedonismus und zeigt einen Mann, der auf sein Leben zurückblickt. Schön<br />

ist „La Grande Bellezza“ nicht zuletzt dank der Mode seines Hauptdarstellers<br />

von anne waak<br />

Kann denn kein Weib<br />

ihn mehr locken?<br />

Toni Servillo als<br />

Jep Gambardella<br />

102 <strong>Cicero</strong> 8.2013


8.2013 <strong>Cicero</strong> 103


| S t i l | b e l l a F i g u r a i n R o m<br />

Selbst in der<br />

Hängematte<br />

tadellos gekleidet:<br />

Jep Gambardella,<br />

ganz entspannt<br />

Das Leben ist ein<br />

Tanz, und „La<br />

Grande Bellezza“<br />

ist ein tänzerischer<br />

Sommerfilm<br />

Der alternde Mann<br />

und das Nichts:<br />

Hinter der auffälligen<br />

Erscheinung verbirgt<br />

sich Desillusion<br />

Fotos: DCM (Seiten 102 bis 105)<br />

104 <strong>Cicero</strong> 8.2013


Alles hier zeigt Sprezzatura –<br />

jene formvollendete Lässigkeit,<br />

die gekonnt und routiniert die<br />

Anstrengung verbirgt, mit der<br />

sie doch zustande kam<br />

Rom, schöne Stadt:<br />

Die Anzüge im<br />

Film stammen vom<br />

traditionsreichen<br />

Herrenschneider<br />

Cesare Attolini<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 105


| S t i l | b e l l a f i g u r a i n R o m<br />

Auch mit<br />

Heiner-Müller-<br />

Brille sind die<br />

Parallelen zu<br />

Federico Fellinis<br />

„La Dolce Vita“<br />

unübersehbar<br />

106 <strong>Cicero</strong> 8.2013


E<br />

s beginnt mit einem Tanz: eine Dachterrasse im sommerlichen<br />

Rom, Frauen und Männer, die zu den Klängen<br />

des Sommerhits „Far L’Amore“ Balzrituale vollführen.<br />

Mittendrin im Lärm, als Zentrum des Geschehens:<br />

Jep Gambardella. Den Blick irgendwo zwischen belustigt<br />

und abgeklärt, stets eine Zigarette in der Hand, der nachtblaue<br />

Anzug sitzt perfekt. Ein Bild von einem Mann.<br />

Es ist die Feier zu seinem 65. Geburtstag. Er ist ein erfolgreicher<br />

Journalist, entspannt bis zur Faulheit, souverän bis an die<br />

Grenze der Gemeinheit. Einmal sagt er: „Du sollst nichts ernst<br />

nehmen – außer der Speisekarte.“ Die Frauen lieben ihn, er gilt<br />

als unumschränkter König der mondänen Welt. Wenn da nicht<br />

auf einmal dieser Ennui wäre; die Ahnung, dass irgendetwas<br />

nicht stimmt mit diesem Leben.<br />

„Wir haben versucht, eine bestimmte Frivolität und Oberflächlichkeit<br />

darzustellen, wie sie typisch ist für Rom, wenn nicht<br />

für ganz Italien“, sagt Daniela Ciancio. Zusammen mit Toni Servillo,<br />

dem unwiderstehlichen Hauptdarsteller von „La Grande<br />

Bellezza“, entwarf sie das Kostümbild dieses schwelgerischen,<br />

durch und durch tänzerisch komponierten Filmes. Die kokainbefeuerte<br />

Feierwelt Gambardellas wird von der Heiligkeit der<br />

Ewigen Stadt kontrastiert. Die bescheidenen Habits der Nonnen<br />

heben sich scharf von Jeps Maßanzügen ab. Allein wegen<br />

ihnen wäre „La Grande Bellezza“ sehenswert.<br />

Sie stammen aus der 1930 gegründeten neapolitanischen<br />

Herrenschneiderei Cesare Attolini. In jeder Szene führt Jep ein<br />

anderes Outfit vor, die Farbpalette reicht von Leinenweiß über<br />

Sommerhimmelblau und Kanariengelb bis hin zu Rostrot und<br />

Kobaltblau. Dazu immer das passende Einstecktuch. Das Hemd<br />

trägt er meist bis zum Brustbein geöffnet, eine Krawatte nur<br />

in Situationen höchsten Ernstes, auf Hochzeiten, Geburtstagen,<br />

Trauerfeiern. Und Trauerfeiern wird es hier einige geben. So<br />

leer Jep sein eigenes Dasein auch erscheinen mag, sein Äußeres<br />

ist stets makellos. Tränen trocknet er mit einem schwarzen<br />

Stofftaschentuch.<br />

Das Italienische kennt den schwer übersetzbaren Begriff<br />

der Sprezzatura, geprägt hat ihn um 1500 der Diplomat und<br />

Schriftsteller Baldassare Castiglione. Dem formvollendeten Höfling<br />

empfahl er, stets „eine gewisse Art von Lässigkeit anzuwenden,<br />

die die Kunst verbirgt und bezeigt, dass das, was man tut<br />

oder sagt, anscheinend mühelos und fast ohne Nachdenken zustande<br />

gekommen ist“. Später wurde diese absichtsvolle Nachlässigkeit<br />

– und hier kommt unser trauriger Filmheld ins Spiel –<br />

auch als eine Art defensive Ironie beschrieben, die verschleiert,<br />

welche wahren Gefühle sich hinter der Maske aus Reserviertheit<br />

und Nonchalance verbergen. „Jep ist ein gewitzter und begehrter<br />

Mann“, so Daniela Ciancio. „Hinter der auffälligen Erscheinung<br />

verbirgt er seine Desillusion.“<br />

Jeps Sprezzatura zeigt sich auch darin, dass man ihn niemals<br />

beim Anziehen, vor dem Kleiderschrank oder im Atelier des<br />

Herrenschneiders sieht. Die Bemühungen um seine Erscheinung<br />

werden nur sichtbar, wenn er seine Anzugrüstung einmal ablegt.<br />

Und siehe: Der König trägt einen Bauch-weg-Gürtel. Das Bild<br />

von einem Mann hat Risse.<br />

Foto: DCM<br />

Anne Waak<br />

schreibt am liebsten über Mode und Pop und lebt in Berlin<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 107


| S t i l | K ü c h e n k a b i n e t t<br />

Eis für Oldies<br />

Kindliche Rituale halten jung:<br />

Neue Geschmackssorten wie<br />

Chilimango oder Grüntee-Kokos<br />

richten sich an ältere Konsumenten<br />

Von Julius Grützke und Thomas Platt<br />

D<br />

ER KLIMAWANDEL KENNT nicht nur Verlierer. Es ist eine<br />

Binsenweisheit, dass manch einer auch Vorteile aus einem<br />

Temperaturanstieg ziehen könnte. Zum Beispiel die<br />

Eishersteller profitieren durchaus von langen, heißen Sommern.<br />

Selbst wer den Ergebnissen der Klimaforschung und ihren Voraussagen<br />

mit Skepsis begegnet, wird konzedieren müssen, dass<br />

sich das Angebot an Verkaufsstellen und Eisdielen erheblich verbreitert<br />

hat – auch in traditionell sonnenarmen norddeutschen<br />

Gefilden. Das hat erfreuliche Konsequenzen. Die schärfere Konkurrenz<br />

unter den Gelatiers hat bereits die Zahl der angebotenen<br />

Geschmacksrichtungen beträchtlich erhöht. Wo früher der Grundakkord<br />

von Fürst Pückler aus Vanille, Schokolade und Erdbeere die<br />

Musik machte, spielt man heute auf einer Klaviatur von Aromen<br />

und Kombinationen. Täglich kommen neue Kreationen wie Salzkaramell,<br />

Chilimango oder Erdbeer-Balsamico dazu.<br />

Doch allein aus einem Umschwung des Wetters oder seiner<br />

Erwartung lässt sich die neue Vielfalt nicht erklären. Speiseeis ist<br />

nicht umsonst bislang zuvörderst eine Leckerei für Kinder gewesen,<br />

die sich an den überdeutlichen Aromen erfreuen und die Überwindung<br />

des thermischen Gefälles im eigenen Mund als spielerische<br />

Erfahrung erleben. Erwachsene hingegen sahen bislang eher<br />

die Nachteile dieser schnell schmelzenden und kleckernden Süßigkeit<br />

und versagten sich einen Genuss, den man sich höchstens<br />

als Kindheitserinnerung erlaubte. Aber das hat sich gründlich geändert.<br />

Die neue Variationsbreite des Angebots richtet sich deutlich<br />

an ältere Konsumenten. Dass ein Knirps seine Eltern um Geld<br />

für ein Grüntee-Kokos-Eis anbettelt, erscheint unwahrscheinlich.<br />

Tatsächlich ist es vielmehr die Generation der Väter und Mütter,<br />

wenn nicht sogar der Großeltern, die solche Innovationen begeistert<br />

aufnimmt. Das Alter scheint kein Hinderungsgrund mehr zu<br />

sein, Jugendliches zu genießen – diese Entwicklung ist ein Zeichen<br />

eines größeren gesellschaftlichen Trends. Während das deutsche<br />

Volk rapide altert und Sorgen um seine Zukunftsfähigkeit weckt,<br />

gerieren sich seine angejahrten Bürger immer jugendlicher und<br />

verwandeln den Herbst ihres Lebens in einen ständigen Sommer,<br />

in dem das Speiseeis nicht nur kulinarische Kühlung verspricht,<br />

sondern auch quasi als Jungbrunnen zum Schlecken der Vergreisung<br />

Einhalt gebieten soll.<br />

Auch die feine Küche folgt diesem Trend und entwickelt einen<br />

Hang zum Gefrorenen, das nicht mehr bloß zur Betäubung<br />

und Reinigung dient wie das saure Sorbet, das in der traditionellen<br />

Haute Cuisine vor dem Fleischgang gereicht wurde. Das Eis<br />

wird heutzutage vielmehr zum Bestandteil der Kompositionen<br />

auf dem Teller und ergänzt das Spiel der Texturen durch das der<br />

Temperatur. Ein gefrorenes Parfait von der Stopfleber kontrastiert<br />

dann etwa mit einer Crème Brûlée aus dem gleichen Stoff und einem<br />

„Espuma“, einer Schaumgeburt aus der Innerei. Natürlich<br />

verdankt sich dieser Variantenreichtum ganz maßgeblich den technischen<br />

Möglichkeiten des neuzeitlichen Küchenequipments, im<br />

Fall des Eises vor allem der Frostfräse Pacojet, mit der selbst aus<br />

den herzhaftesten Zutaten eine eisige Version zubereitet werden<br />

kann. So kommt es zu Kreationen wie Wasabisorbet, Wildkräutercassata<br />

oder halbgefrorener Sauce Hollandaise, die den Zahnschmelz<br />

auf die Probe stellen und den mit dem Dessert beschäftigten<br />

Patissiers Konkurrenz machen.<br />

Die Verbreitung des Gefrorenen in alle Essensbereiche emanzipiert<br />

es auch von der Sommerhitze. Das Eis wird als ein Aggregatzustand<br />

im kulinarischen Kanon wahrgenommen, für den die<br />

Außentemperaturen keine Rolle spielen. Damit ähnelt diese neue<br />

Eiszeit auf dem Teller dem Diskurs um die globale Erwärmung –<br />

auch dort verliert die Wetterlage an Aussagekraft: Selbst ein verhagelter<br />

Sommer vermag es nicht, die Klimaprognosen abzukühlen.<br />

Sie werden nur noch hitziger. Vielleicht wird auch deshalb<br />

mehr Eis gegessen.<br />

Julius Grützke und Thomas Platt<br />

sind Autoren und Gastronomiekritiker.<br />

Beide leben in Berlin<br />

illustration: Thomas Kuhlenbeck/Jutta Fricke Illustrators; Foto: Antje Berghäuser<br />

108 <strong>Cicero</strong> 8.2013


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| S a l o n<br />

Hin zur natur<br />

Der Philosoph Wolfgang Welsch fordert eine Revolution des westlichen Denkens<br />

von michael Stallknecht<br />

S<br />

eine Mitarbeiter und Studenten<br />

kannten es schon. „Ich bin dann<br />

mal in meinem anderen Büro“,<br />

pflegte Wolfgang Welsch zu sagen, wenn<br />

er zu einem Spaziergang am Pazifik aufbrach.<br />

Im Jahr 2000 war das, er lehrte als<br />

Gastprofessor an der legendären Stanford<br />

University. Und als er eines Tages einmal<br />

wieder am Strand spazieren ging, da hatte<br />

er, wie er sagt, „ein regelrecht mystisches<br />

Erlebnis“. In Zukunft wusste er, warum er<br />

recht hatte mit seiner Rebellion gegen die<br />

universitäre deutsche Philosophie.<br />

Welsch, der gebürtige Franke aus<br />

Kulmbach, galt lange Jahre als <strong>Deutschlands</strong><br />

einziger Vertreter der Postmoderne<br />

von Weltrang. Sein Standardwerk „Unsere<br />

postmoderne Moderne“ hat mittlerweile<br />

die siebte Auflage erreicht. Ob es<br />

„Homo mundanus – Jenseits der anthropischen<br />

Denkform der Moderne“ auch so<br />

weit bringen wird? Im vergangenen Jahr ist<br />

der heute 66-jährige Welsch von der Universität<br />

Jena emeritiert worden, das eintausend<br />

Seiten dicke Buch begreift er als Abschluss<br />

seines Lebenswerks. Und damit als<br />

Ausdeutung dessen, was er damals am pazifischen<br />

Strand erlebte: „Wir sind alle Verwandte:<br />

die Wolken, das Wasser, die Kieselsteine,<br />

die Robben, die Bäume.“<br />

Das mag banal klingen, wenn nicht gar<br />

esoterisch. Unter philosophischen Vorzeichen<br />

aber ist es nicht weniger als das exakte<br />

Gegenteil zum Selbstverständnis der<br />

gesamten Moderne, wonach der Mensch<br />

und immer nur der Mensch sich selbst<br />

seine Welt mache. Das „anthropische Prinzip“<br />

nennt es Welsch, „die Vorstellung, dass<br />

alles vom Menschen her zu verstehen, zu<br />

begreifen und einzurichten ist“.<br />

Folgt man ein wenig der großen Erzählung,<br />

die „Homo mundanus“ mit enzyklopädischem<br />

Atem anbietet, dann steht am<br />

Anfang der Moderne eine Verlusterfahrung.<br />

In der Renaissance lernt der abendländische<br />

Mensch, dass die Erde sich um die<br />

Sonne dreht – das heißt aber auch: dass die<br />

Welt nicht so ist, wie sie ihm naiverweise<br />

scheint. Von nun an kann sich der Mensch<br />

auf seine Sinne nicht mehr verlassen. Er<br />

kann die Welt nicht verstehen, ist fremd<br />

in ihr. Als die berühmte Subjekt-Objekt-<br />

Spaltung bleibt dieser Sprung prägend für<br />

die gesamte Neuzeit. Kant erklärte, warum<br />

wir vom „Ding an sich“ nichts wissen können<br />

und stürzte so Heinrich von Kleist in<br />

eine fundamentale Lebenskrise. Für Schopenhauer<br />

wiederum war die Welt programmatisch<br />

nur „Wille und Vorstellung“. Traurige<br />

Auskünfte.<br />

Der Mensch kompensiert diese Kränkung,<br />

indem er sich selbst aufwertet. Mit<br />

der Renaissance beginnt er zu glauben, dass<br />

er allein es sei, der die Welt schaffe, indem<br />

er sie denke. „Unsere ganze Würde besteht<br />

im Denken“, sagt Blaise Pascal. Nur der<br />

Mensch ist demnach Geist, die Welt aber<br />

Natur. So von allem losgelöst zu sein, begreift<br />

der Mensch als bedingungslose Freiheit,<br />

sich selbst zu entwerfen und seine Welt<br />

gleich dazu. Die wichtigsten Strömungen<br />

der Gegenwartsphilosophie sind sich heute<br />

einig, dass die Sprache nur Diskurse herstellt,<br />

statt die Welt zu beschreiben. „Unser<br />

Erfahrungs- und Erkenntnisgeschäft ist ein<br />

Spiel bei geschlossenen Türen“, sagt Welsch<br />

und wirft der universitären Philosophie<br />

Leerlauf und Selbstgerechtigkeit vor. Er<br />

ist überzeugt: Eine Philosophie, die nicht<br />

mehr nach Wahrheit oder auch nur nach<br />

Sachrichtigkeit fragt, ergeht sich in Scheingefechten.<br />

Sie dient nur der Vermehrung<br />

ihrer Forschungsanträge.<br />

Deshalb zieht es Welsch immer öfter<br />

weg. An die kalifornische Küste oder hin<br />

zu Musik und Bildender Kunst, mit denen<br />

er sich leidenschaftlich beschäftigt. Oder<br />

er lehrt in Japan, wo er viel gelesen wird.<br />

Den asiatischen Weisheitskulturen, erklärt<br />

Welsch, sei die westliche Opposition zwischen<br />

Mensch und Welt fremd. Wenn in<br />

Japan ein Haus gebaut werde, dann geht<br />

der Architekt von der Natur aus. In Europa<br />

dagegen schneide man die Natur auf die<br />

menschlichen Bedürfnisse zu und zerstöre<br />

sie damit. Man denke nur, fährt Welsch<br />

fort, an Le Corbusier, der ganz Paris niederreißen<br />

wollte, um es in geometrischen Formen<br />

neu aufzubauen. Überall schnappt die<br />

anthropische Falle zu. Die Finanzkrise etwa<br />

beschreibt Welsch als Resultat des Versuchs,<br />

sich eine Welt rein nach Zahlen zu konstruieren.<br />

„Die westliche Rationalität muss<br />

vernünftiger werden“, ist er überzeugt. In<br />

Japan fügt er dann immer hinzu, dass man<br />

gegen sie nur mit rationalen Argumenten<br />

ankomme.<br />

Eben so, wie er selbst sein Pazifikerlebnis<br />

rationalisiert hat. Denn wenn die<br />

Wolken, das Wasser, die Kieselsteine, die<br />

Robben, die Bäume so gut zusammenpassen,<br />

überlegte Welsch, müsste das mit ihrer<br />

gemeinsamen evolutionären Geschichte<br />

zu tun haben. Ein Vogel fliegt nicht gegen<br />

einen Baumstumpf, eine Biene findet ihre<br />

Blüte. Beide erkennen die Welt richtig. Warum<br />

sollte es beim Menschen anders sein?<br />

Aus den USA zurückgekehrt, begann<br />

Welsch stapelweise naturwissenschaftliche<br />

Forschungsliteratur zu lesen. Je mehr er las,<br />

desto mehr sah er sich bestätigt. Der Geist<br />

selbst ist Natur, ist nicht deren Gegenteil.<br />

Deshalb kann der Geist die Natur erkennen.<br />

Wenn er Wolken und Wasser schön<br />

findet, dann deshalb, weil er in ihnen das<br />

Prinzip wiedererkennt, nach dem auch er<br />

gebaut ist. Der eigenen Zunft bringt ein<br />

solches wildes Denken Welsch nicht näher:<br />

„Manche der heutigen Kollegen möchten<br />

einfach nicht zur Kenntnis nehmen, was<br />

man in den Naturwissenschaften weiß.“ Sie<br />

hätten Angst um ihr Deutungspotenzial.<br />

Vielleicht ist es 500 Jahre nach der Renaissance<br />

ja einfach einmal wieder Zeit für<br />

eine Revolution des Denkens.<br />

Michael Stallknecht<br />

ist Kulturwissenschaftler,<br />

Journalist und war noch nie in<br />

Japan<br />

Fotos: Anne Schönharting/Ostkreuz für <strong>Cicero</strong>, Privat (Autor)<br />

110 <strong>Cicero</strong> 8.2013


Wolfgang Welsch geht mit<br />

der Universitätsphilosophie<br />

hart ins Gericht<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 111


| S a l o n<br />

mit scharfem skalpell<br />

Anna Prohaska, die nun bei den Salzburger Festspielen singen wird, schöpft Schönheit aus der Verwirrung<br />

von eva gesine Baur<br />

M<br />

an muss bezaubern, wenn man<br />

etwas Wesentliches bekommen<br />

will: Das hat Franz Kafka gesagt,<br />

der die Sprache so lange beschwor, bis sie<br />

ihm ihr Innerstes preisgab. Jeder professionelle<br />

Magier weiß, dass Bezaubern ein<br />

mühsames Geschäft ist.<br />

Anna Prohaska weiß das auch, hat aber<br />

früh entdeckt, mit welchem Instrument es<br />

ihr gelingt. „Ich glaube, ich habe gesungen,<br />

bevor ich gesprochen habe“, sagt sie.<br />

Das lag in den Genen und in der Luft. Sie<br />

ist Tochter einer Opernsängerin und eines<br />

Opernregisseurs, Enkelin des Dirigenten<br />

Fritz Prohaska, Urenkelin des Komponisten<br />

Karl Prohaska und verbrachte fünf Wiener<br />

Kinderjahre in jenem Haus nahe dem<br />

Schönbrunner Schlosspark, in dem Johann<br />

Strauss „Die Fledermaus“ schrieb, Brahms<br />

gastierte, später Berg oder Webern.<br />

„Sirène“ hieß die erste Einspielung von<br />

Anna Prohaska vor zwei Jahren. Ihr sind<br />

die homerischen Kolleginnen durchaus<br />

vertraut, deren Gesang so unwiderstehlich<br />

war, dass Odysseus sich an den Schiffsmast<br />

fesseln ließ, um ihnen nicht zu verfallen.<br />

„Enchanted Forest“ ist das neue Album der<br />

30-jährigen Sopranistin betitelt, mit Arien<br />

von Vivaldi, Cavalli, Monteverdi. „Dass enchant<br />

oder französisch enchanter wörtlich<br />

besingen heißt, ist wunderbar.“ Es ist jedoch<br />

kein Wunder, es ist Knochenarbeit, die den<br />

vokalen Zauber dann wirksam macht.<br />

Als Teenager führte ihr Lehrer Eberhard<br />

Kloke sie bei Hauskonzerten den Kennern<br />

vor. In hellstem Licht, aus nächster Nähe<br />

wurde sie begutachtet. „Die haben mir in<br />

den Hals geblickt“, sagt sie und erschaudert<br />

lächelnd. Wer bezaubern will, darf eben<br />

nicht zimperlich sein, muss alle Mittel anwenden,<br />

erst recht, wenn es darum geht,<br />

die stärkste Macht zu bezwingen: den Tod.<br />

Als Innana, babylonische Urgöttin der<br />

Liebe und Fruchtbarkeit, trat Anna Prohaska<br />

im vergangenen Jahr bei der Uraufführung<br />

von Jörg Widmanns Oper „Babylon“<br />

in München auf. Sie musste ihren<br />

Geliebten Tammu aus der Unterwelt befreien.<br />

Der Komponist hörte auf das, was<br />

sein Star ihm sagte: „Ich kann nicht nur<br />

diese Koloraturen hoch droben im ewigen<br />

Eis. Ich kann auch ein ganz tiefes Lamento,<br />

kann pfeifen und jodeln.“ Widmann<br />

brachte das ein, wurde allerdings<br />

erst fünf Tage vor der Uraufführung mit<br />

der Szene fertig.<br />

Und der Gang, die endlos lange Treppe<br />

aus dem Totenreich hinauf ins Lebenslicht,<br />

den Innana-Anna mit dieser Arie beenden<br />

musste, war eine Zitterpartie, die sie nur<br />

einmal proben konnte. „Ich hatte Angst.<br />

Ich wurde an meine äußersten Grenzen geführt.<br />

Und das war gut so“, erklärt sie. Nur<br />

dann gelangt sie an das Wesentliche. Das<br />

Publikum will sie in solchen Momenten<br />

nicht allzu genau sehen. Deshalb lässt sie<br />

ihre Kontaktlinsen zu Hause.<br />

Die eigenen Krisen zerlegt sie mit<br />

scharfem Skalpell. Als ihr bei einem Konzertabend<br />

eine Kadenz nicht gelang wie gewollt,<br />

habe sie sich hinter der Bühne „zermartert“,<br />

gesteht sie. Am liebsten wäre<br />

sie nicht mehr hinausgegangen. Da sitzt<br />

sie, Glasperlenschmuck um die schmalen<br />

Handgelenke, Stiefeletten mit ziegelroten<br />

Aufschlägen an den Füßen, faltenlose Heiterkeit<br />

in dem blassen Gesicht mit der Kinderstirn,<br />

und berichtet gut gelaunt von ihrem<br />

Krisenmanagement: „Ich habe mich<br />

an den katholischen Katechismus meiner<br />

Mutter erinnert. Daran, dass die Verzweiflung<br />

nur die andere Seite der Eitelkeit ist.<br />

Und dass ich es der Musik und dem Publikum<br />

schulde, sie zu überwinden.“<br />

Anna Prohaska klappert, wo immer es<br />

sie hintreibt, Museen, Kirchen und Klöster<br />

ab, bricht im Dom von San Gimignano<br />

vor den mittelalterlichen Fresken in Tränen<br />

aus, aber für den Film zu „Enchanted Forest“<br />

drehte Regisseur Andreas Morell eine<br />

Szene mit ihr zu Monteverdis Klängen in<br />

einer Berliner Nervenheilanstalt und zu Vivaldi<br />

an einer Bahnstation am Berliner Alexanderplatz.<br />

Wie Anna es wünschte.<br />

Vielleicht sei sie das Produkt einer Kollision,<br />

meint sie. Vater aus Wiener Großbürgerfamilie,<br />

der mit Kultur aufgepäppelt<br />

wurde, Mutter aus nordenglisch-irischer<br />

Arbeiterfamilie, die ihre Karriere in Clubs<br />

begann und für John Lennon genauso<br />

schwärmte wie für Händel. Ein Zusammenstoß,<br />

der heute Funken schlägt: Anna<br />

Prohaska findet Pergolesis „Stabat Mater“<br />

„einfach geil“ und jeden, der Kirchenmusik<br />

unerotisch nennt, „völlig falsch indoktriniert“.<br />

Dem Dirigenten Nikolaus Harnoncourt<br />

pflichtet sie leidenschaftlich bei,<br />

wenn er ihr erklärt, sie müsse Bachs Koloraturen<br />

singen wie Frank Sinatra, „textdeutlich,<br />

aber lässig hingeschmissen“.<br />

Die Gothic-Aufmachung der Teenagerzeit,<br />

als sie mit Freunden auf Friedhöfen<br />

picknickte, hat sie längst abgelegt. Die Leidenschaft<br />

fürs Nächtliche, Abseitige, Jenseitige<br />

nicht. Ihr nächstes Programm wird<br />

darum kreisen, mit Franz Schuberts Liedern<br />

vom Totengräber im Zentrum. In einem<br />

besingt der sein Heimweh nach dem<br />

Tod und jubelt den Toten am Ende beseligt<br />

zu: Ich komme. Sie singt es vor, mit<br />

leuchtenden Augen.<br />

Gut, dass Anna Prohaska oft mit Dirigenten<br />

zu tun hat, die ihre Emphase teilen.<br />

Bei den Salzburger Festspielen wird sie<br />

nun in der Peterskirche die Sopransoli in<br />

Mozarts großer c-Moll-Messe singen unter<br />

Gustavo Dudamel, kaum älter als sie. „Der<br />

kann richtig abgehen bei einem einzigen<br />

Takt.“ Und er wird gewiss abgehen, wenn<br />

Annas Stimme mit dem Incarnatus erklingt.<br />

„Man kann auch ohne jede Spiritualität perfekt<br />

singen. Aber ich glaube, dann wird es<br />

sehr übersichtlich.“ Die Basis der Bezauberung<br />

ist nun einmal die Verwirrung.<br />

eva gesine baur<br />

ist Kulturhistorikerin und<br />

Autorin. Zuletzt erschien unter<br />

dem Namen Lea Singer ihr<br />

Roman „Verdis letzte Versuchung“<br />

Fotos: Patrick Walter/Deutsche Grammophon, Privat (Autorin)<br />

112 <strong>Cicero</strong> 8.2013


Die<br />

Sopranistin<br />

Anna Prohaska<br />

stammt aus<br />

denkbar<br />

musikalischem<br />

Haus<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 113


| S a l o n<br />

Glück ist Gefährlich<br />

Horace Engdahl, langjähriger Verkünder des Literaturnobelpreises, hat sich zum Schriftsteller verpuppt<br />

von ulrich schacht<br />

A<br />

m 25. Dezember 1797 berichtet<br />

der 25-jährige Friedrich von<br />

Hardenberg, genannt Novalis,<br />

seinem Freund August Wilhelm Schlegel<br />

in einem Brief von einer Begegnung mit<br />

dem Philosophen Schelling, deren intellektuelle<br />

Unterhaltsamkeit eindrucksvoll<br />

gewesen sein muss. Denn Novalis hebt<br />

nicht nur das freundschaftliche Moment<br />

der Stunde hervor, sondern steigert die<br />

spezielle Gesprächsatmosphäre mit einem<br />

Neologismus, einer Neuschöpfung Friedrich<br />

Schlegels, des Bruders des Adressaten,<br />

ins geradezu Genussvolle hinein: „Wir haben“,<br />

schreibt Novalis, „einige köstliche<br />

Stunden symphilosophiert.“<br />

Am 11. Juni 2013 fährt gegen Mittag<br />

ein schwarzes Taxi auf den von Sonnenlicht<br />

überfluteten und von Touristen<br />

überlaufenen „Stortorget“ – den „Großen<br />

Platz“ im Herzen der Altstadt von Stockholm,<br />

auf dem sich auch die Hauptfront<br />

der legendären, 1786 von Gustav III. unter<br />

dem Motto „Genie und Geschmack“ gegründeten<br />

Svenska Akademien erhebt, die<br />

sich bis heute nicht nur als „Wächter“ der<br />

schwedischen Sprache versteht, sondern<br />

seit 1901 auch in souveräner Intransigenz<br />

nichts Geringeres vergibt als die in aller<br />

Welt begehrten Nobelpreise. Der Mann,<br />

der aus dem Taxi steigt, hat die Tür des<br />

Wagens noch nicht ganz zugeschlagen, als<br />

ihm ein anderer Mann im gleichen Alter,<br />

aber von größerer Gestalt, aus einem Café<br />

am Rande des Platzes entgegeneilt, ihn lebhaft<br />

begrüßt, auf ihn einredet, um dann<br />

schnellen Schrittes mit ihm in einer der<br />

vielen Gassen, die in den Platz münden,<br />

zu verschwinden.<br />

Wer den beiden folgt, sieht sie bald darauf<br />

ein Café betreten, vor dem ein riesiger<br />

Laubbaum Schatten spendet. „Under<br />

Kastanjen“ heißt es, und dann dauert es<br />

„Von den Utopien bleiben nur<br />

die Tränen der Menschen“<br />

Horace Engdahl<br />

geschlagene vier Stunden, bis die beiden<br />

Männer es wieder verlassen und durch das<br />

barocke und klassizistische Gassenlabyrinth<br />

nahe der „Tyska Kyrkan“, der Deutschen<br />

Kirche, in Richtung „Skeppsbron“<br />

davongehen, einer breiten Uferstraße, von<br />

der aus man nach Osten blickt, wo sich<br />

ein paar Seemeilen weiter die bezaubernde<br />

Schärenwelt vor Stockholm ausbreitet.<br />

Was aber haben die beiden Männer, ein<br />

Schwede und ein Deutscher, im Café „Unter<br />

der Kastanie“ eigentlich so lange miteinander<br />

besprochen – mit Händen und<br />

Füßen, hätte ein Beobachter berichten<br />

können, auch herzhaftes Lachen sei zu hören<br />

gewesen, nur unterbrochen vom Nachholen<br />

frischen Kaffees? Nun, ich kann es<br />

verraten, denn ich war dabei: Horace Engdahl<br />

– als Ständiger Sekretär der Schwedischen<br />

Akademie zwischen 1999 und 2009<br />

ein weltbekanntes Gesicht, das jeweils Anfang<br />

Oktober den Namen des neuesten Literaturnobelpreisträgers<br />

verkündete – und<br />

ich, wir haben an diesem Tag, an dem wir<br />

uns erstmals begegneten, nichts anderes<br />

getan als „köstlich symphilosophiert“ miteinander<br />

– über Gott und die Welt, die<br />

Zeit und den Zeitgeist, über Novalis, Hegel,<br />

Marx, über die Schrecken der Utopien<br />

von einst, den totalen Kapitalismus<br />

von heute und den medialen Totalitarismus<br />

von morgen.<br />

Darüber, was an der Aufklärung dialektisch,<br />

also gefährlich ist, aber auch, was<br />

von ihr bleibt. Oder warum es sinnvoll<br />

sein kann, sich gelegentlich als „Reaktionär“<br />

zu bekennen – es also selber zu tun,<br />

bevor es anderen einfällt. Auch über Kleists<br />

verstörende Stücke sprachen wir und ihre<br />

mögliche Bedeutung für die harmoniesüchtige<br />

Gesellschaft im Königreich, würden<br />

sie denn hier aufgeführt. Über Berlin<br />

schließlich und Schweden als Rückzugsprovinzen,<br />

über den Wert von Distanzen<br />

zur jeweiligen Heimat und das, was vom<br />

Geist der Vorfahren zu bewahren, ja zu verteidigen<br />

wäre. Engdahl, promovierter Literaturwissenschaftler<br />

mit einer Professur im<br />

dänischen Aarhus und vor seiner Berufung<br />

in die Akademie als Kulturredakteur bei<br />

Dagens Nyheter tätig, wohnte nach 2009<br />

zwei Jahre wegen einer Gastprofessur seiner<br />

Frau Ebba in Berlin, wo sein jüngstes<br />

Buch, „Die Zigarette danach“, in zahllosen<br />

Caféhaus-Stunden entstand.<br />

Wir haben uns mithin vor allem über<br />

jene Bücher des Horace Engdahl unterhalten,<br />

die es auch auf Deutsch gibt: „Meteore“<br />

von 2007 und das neue „Die Zigarette danach“,<br />

erschienen im Verlag Kleinheinrichs,<br />

einem Spezialisten für gehobene skandinavische<br />

Literatur. Beide versammeln sie<br />

scharfe Reflexionen, melancholische Kommentare,<br />

ironische Seitenhiebe auf den<br />

Tod und die Sterne, auf Ruhm, Niederlagen,<br />

Feindschaft und Freundschaft, Politik,<br />

Philosophie, Erotik, Musik, Literatur und<br />

ihre Kritik. Und all dies flackernde, blitzende<br />

oder ruhige, verharrende Nach- und<br />

Foto: Pär Bäckstrand für <strong>Cicero</strong><br />

114 <strong>Cicero</strong> 8.2013


In Berlin schrieb Engdahl<br />

„Die Zigarette danach“. In<br />

Stockholm eckt er gerne an<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 115


| S a l o n<br />

„Das Wesen der Sprache<br />

ist Diskriminierung“<br />

Horace Engdahl<br />

Bedenken des Eigenen wie Fremden in<br />

auffallend natürlicher Korrespondenz mit<br />

Geistern von Platon über Goethe bis Bergson,<br />

Blanchot, Cioran, Ekelöf – einem illustren<br />

Gesprächskreis durch alle Zeitmauern<br />

hindurch.<br />

Persönliches aus Kindheit und Jugend,<br />

Selbstkritisches, Trotziges, ja, Elitäres, ohne<br />

je hochmütig zu werden, finden sich eher<br />

im neuen Band; „Meteore“ dagegen bietet<br />

oft geradezu kristallin Verdichtetes, hinter<br />

dem der Autor sich aufzulösen scheint. Es<br />

sind also weder geschwätzige Tagebücher<br />

à la Thomas Mann noch Varianten auf die<br />

egomanischen „Blaubücher“ Strindbergs.<br />

„Es sind“, sagt Engdahl – der polyglotte<br />

Literaturwissenschaftler und Spezialist für<br />

deutsche Romantik, der Kleist übersetzt<br />

hat, Novalis und Hegel, aber auch aus dem<br />

Russischen, das er in der Armeeausbildung<br />

zum Verhörspezialisten erlernte –, „es sind<br />

Fragmente.“ Natürlich weiß er, dass er damit<br />

nicht nur das Anti-Systemische daran<br />

unterstreicht, sondern sich einreiht in eine<br />

Text-Tradition, die mit Schlegels oder Novalis’<br />

Fragmenten Literatur der haltbareren<br />

Sorte hinterlassen hat.<br />

Was an diesen Büchern vor allem besticht,<br />

ist eine intellektuelle Risikobereitschaft,<br />

die in der auf Konsens getrimmten<br />

Gesellschaft Schwedens selten ist. Aber<br />

auch im restlichen Europa wird es sich ein<br />

Intellektueller inzwischen dreimal überlegen,<br />

„Reaktionäre Betrachtungen“ so offen<br />

auszubreiten, wie Engdahl es sich vor<br />

einigen Jahren in einer Serie der Tageszeitung<br />

Dagens Nyheter erlaubt hat, der man<br />

nun in „Die Zigarette danach“ wiederbegegnen<br />

kann. Darin greift er nicht nur die<br />

juvenile Blog-Pathologie des Internets an:<br />

„Mithilfe des hemmungslosen Sprachflusses<br />

kehrt man ins Herdenstadium zurück.“<br />

Auch den Gender-Ideologen attestiert er<br />

das Absurdum, dass sie als „Feinde der Heterosexualität<br />

die zweigeschlechtliche Paarung“<br />

nur deshalb als „Ausbund von Indoktrinierung“<br />

hinstellten, weil „der Mann“<br />

aus ihrer Perspektive „nicht mehr notwendig<br />

sein darf“.<br />

Solche Positionierung hat etwas mit<br />

der Überzeugung zu tun: „Eine gute Biografie<br />

benötigt den Geschmack einer polizeilichen<br />

Anzeige.“ Aber das sollte nicht<br />

verwechselt werden mit der profitlichen<br />

Selbststilisierung westlicher Chefideologen<br />

zu gesellschaftlichen Opfern, die sich<br />

ihre „Verfolgung“ schon mal ganz eigenmäulig<br />

bescheinigen. Für Engdahl besteht<br />

die „Rolle des Intellektuellen in der Geschichte“<br />

doch vor allem in ihrer schrecklichen<br />

Fähigkeit, „dem Bösen ein System<br />

zu geben, das es von Gewissenszweifeln befreit“.<br />

Denn: „Unmenschlichkeit lässt sich<br />

nicht ohne eine Theorie durchhalten.“<br />

Womit wir beim dezidierten Anti-Utopisten<br />

Engdahl wären: „Von den Utopien“,<br />

sagt Schwedens bekanntester Intellektueller,<br />

„bleiben nur die Tränen der Menschen.“<br />

Es klingt wie eine Variation auf Eric Voegelins<br />

Wort von der „spielerischen Grausamkeit<br />

der humanistischen Intellektuellen“.<br />

Horace Engdahl, 1948 in Karlskrona<br />

in Schwedens südöstlichster Provinz Blekinge<br />

geboren, in der sich in Jahrhunderten<br />

deutsche, dänische und schwedische<br />

Mentalitäten und Sprachschätze kulturgenetisch<br />

vermischt haben, setzt – geht es<br />

um die Kritik der neuesten fortschrittlichen<br />

Umformung des Individuums zum<br />

Modul einer weiteren egalitären Glücksdiktatur<br />

– auf geistige „Wachheit“ und „Offenheit“<br />

wie auf „das Recht, seiner Wege<br />

zu gehen“, das ihm ein „ständig verletztes<br />

Grundrecht“ ist. Aber „darüber schweigen<br />

die Utopien“.<br />

Warum tun sie es? Man „stelle sich nur<br />

vor, die Menschheit würde beim Anblick<br />

des neuen Glücksreichs auf dem Absatz<br />

kehrtmachen!“ Eine solche Reaktion wäre<br />

identisch mit dem Erinnern des Vergangenen,<br />

dem Begreifen des Sinnes von tradiertem<br />

Geist und Gesten: „Die Religion<br />

tut gut daran, den Neid zu bekämpfen (…)<br />

Der Glaube ist mit der Bewunderung<br />

verwandt. Eine Gesellschaft, in der viele<br />

beneiden und wenige bewundern, besitzt<br />

keine zusammenhaltende Kraft und kann<br />

nicht fortbestehen.“ Engdahls Sentenzen<br />

und Reflexionen, die, wie er betont, fast<br />

nie korrigierte spontane Einsichten sind,<br />

haben hier ihren entscheidenden Richtungswechsel:<br />

den schöpferischen Rückblick.<br />

Aber nicht ins Nostalgisch-Diffuse,<br />

sondern Konkrete: „Als ich Kind war, hatten<br />

alle Menschen Tiefe.“<br />

Um welche Tiefe es dabei geht, erzählt<br />

Engdahl im Café „Unter der Kastanie“<br />

am Beispiel seines Urgroßvaters<br />

Josef, der in Småland an der Grenze zu<br />

Blekinge einen kleinen „Landhandel“ besaß<br />

und eine große Familie. Zu ihr gehörten<br />

entfernte Verwandte ebenso wie enge<br />

Freunde. Zwischen ihnen und den üblichen<br />

Kunden machte er allerdings einen<br />

feinen, aber prinzipiellen Unterschied: Die<br />

einen waren die „Markierten“, die anderen<br />

die „Unmarkierten“.<br />

Die einen wurden trotzdem sehr höflich<br />

bedient, aber für die anderen wurde der Laden<br />

geschlossen und aufgetischt: Jede Begegnung<br />

eine Feier der Freundschaft, ein<br />

Fest der Mitteilungen, eine Verstärkung der<br />

Familienbande. Branntweinselig und ohne<br />

Zeitpeitsche. Differenz gegen Gleichmacherei;<br />

es gibt offenbar auch eine Ästhetik<br />

des Ungleichen: „Das Wesen der Sprache<br />

ist Diskriminierung. Die Wörter, die ständig<br />

damit beschäftigt sind, Unterscheidungen<br />

zu treffen (dies ist die Bedeutung von<br />

‚diskriminieren‘), geben der menschlichen<br />

Wahrnehmung Festigkeit. Zu fordern, die<br />

Sprache solle aufhören zu diskriminieren,<br />

heißt Schweigen zu fordern.“<br />

Der Mann, der mir jene Familiengeschichte<br />

mit jungenhaftem Glanz in den<br />

Augen erzählt, ist ein Mann, der tatsächlich<br />

an seinen Stern glaubt: nicht hochmütig,<br />

nicht sklavisch. Aber ihm auf anrührende<br />

Weise ergeben: „Du mein Stern – wie fahl<br />

du geworden bist! Bist du krank? Oder bist<br />

du es leid, für mich zu scheinen (…)? Wir<br />

können einander dennoch zuwinken, du<br />

und ich, in kalten Winternächten, wenn<br />

du über den Hausdächern stehst, ein wenig<br />

fahl womöglich, dennoch derselbe.“<br />

Ulrich Schacht<br />

ist Schriftsteller und lebt seit<br />

1998 in Schweden. Für sein<br />

Gesamtwerk erhielt er 2013 den<br />

Eichendorff-Preis<br />

Foto: Stefanie Schacht<br />

116 <strong>Cicero</strong> 8.2013


B e n o t e t | S a l o n |<br />

illustration: anja stiehler/jutta fricke illustrators<br />

Wo die Götter<br />

Whisky trinken<br />

Der Sommer ist ein Musikfestival. Nirgends<br />

aber bezaubert er so wie in der Schweiz<br />

Von Daniel Hope<br />

S<br />

ommerzeit ist Festivalzeit, zumindest für uns reisende<br />

Musiker. Obwohl ich bei den unterschiedlichsten Sommerfestivals<br />

spielen darf, bleibt ein Land für immer in<br />

meinem Herzen: die Schweiz. Dort habe ich die Musik zum ersten<br />

Mal überhaupt erlebt. Angefangen hat alles in Gstaad, als ich<br />

ein Baby war. Allein die Anfahrt mit der blauen Eisenbahn, die ab<br />

Montreux im Schneckentempo durch das Pays-d’Enhaut – „das<br />

Land da oben“ –, durch weite Täler fährt, an steilen felsigen Abhängen<br />

entlang, vorbei an Wasserfällen und Flüssen, ist überwältigend.<br />

Man steigt höher und höher, und die Straßen, die man vom<br />

Fenster aus sieht, werden immer kurviger, bis im Berner Oberland<br />

das Palace Hotel auftaucht. Es sieht aus wie ein Schloss aus<br />

einem alten Disneyfilm und ragt in anachronistischer Eleganz<br />

über Gstaad.<br />

In den späten fünfziger Jahren hatte sich Yehudi Menuhin in<br />

dem Schweizer Dorf ein Chalet bauen lassen. Der damalige Kurdirektor<br />

Paul Valentin hatte die Idee, Menuhin zu fragen, ob er nicht<br />

ein paar Konzerte spielen wolle, damit der Ort für die Sommergäste<br />

noch attraktiver werde. So begann 1957 das weltberühmte<br />

Menuhin-Festival mit einer einmaligen Besetzung: dem Komponisten<br />

Benjamin Britten am Klavier mit seinem Partner, dem Tenor<br />

Peter Pears, dem Cellisten Maurice Gendron und Menuhin<br />

selbst. Es gab keinen Konzertsaal, wohl aber die Mauritius-Kirche,<br />

1447 in spätgotischem Stil neu erbaut, mit wunderschönen<br />

Fresken an den Wänden und einer unglaublichen Akustik. Kammermusik<br />

mit Freunden und für Freunde, das sollte es sein.<br />

Meine Familie kam Anfang der siebziger Jahre zum ersten<br />

Mal dorthin, weil meine Mutter während des Sommers für Menuhin<br />

arbeitete. Für mich war es das Paradies. Ich war umgeben<br />

von Künstlern wie Menuhin, Ravi Shankar, Mstislaw Rostropowitsch<br />

oder Wilhelm Kempff. Von den unzähligen Konzerten in<br />

der kleinen Kirche bleiben mir einige Momente unvergesslich:<br />

so Stéphane Grappelli, der vor seinem Auftritt immer eine halbe<br />

Flasche Whisky leerte. Einmal kam ich in die Garderobe, als er<br />

das Glas ansetzte. Er zwinkerte mir zu, trank, nahm seine Geige,<br />

schritt in den Zuschauerraum und spielte wie ein Gott.<br />

Menuhins letzten Auftritt als Geiger habe ich in Gstaad erlebt.<br />

Er spielte Beethovens Violinkonzert. Ich saß in der „Menuhin-Reihe“,<br />

der siebten, wo Lord und Lady Menuhin immer saßen,<br />

und war überwältigt, wie jemand mit seinem Instrument so<br />

im Reinen sein, den eigenen Gefühlen und den Gedanken Beethovens<br />

solch einen Ausdruck verleihen konnte. Ich war auch deshalb<br />

so bewegt, weil ich Zeuge vom Ende einer einzigartigen Karriere<br />

war. Gstaad ist kein Einzelkind in der Festivalfamilie dieses<br />

wunderschönen Landes. Das Verbier Festival, durch den charismatischen<br />

Musikmanager Martin Engstroem zum Treffpunkt der<br />

Klassikstars geworden, feiert sein 20-jähriges Bestehen und kann<br />

stolz sein auf seine Nachwuchsakademie und das Jugendorchester.<br />

Aber die Grande Dame bleibt das Lucerne Festival, das 2013<br />

sein 75. Jubiläum begeht und das die spannendste Entstehungsgeschichte<br />

hat: Im Park vor Richard Wagners Villa in Tribschen griff<br />

Arturo Toscanini am 25. August 1938 zum Taktstock und leitete<br />

ein für ihn zusammengestelltes Orchester. Unter den Musikern<br />

fanden sich renommierte Solisten und Kammervirtuosen wie das<br />

Busch-Quartett an den ersten Streicherpulten. Die Schweizer sagen:<br />

„Ziit isch am wertvollschtä, wämmer si nüd hät“ (Zeit ist am<br />

wertvollsten, wenn man sie nicht hat). In der idyllischen Landschaft<br />

am Vierwaldstättersee die Meisterwerke der Musik spielen<br />

oder hören zu dürfen, erschien vielen wie ein Hoffnungsstrahl in<br />

dunkler Zeit. Deutschland und Österreich waren in den Fängen<br />

der Nazidiktatur; bei den Bayreuther oder Salzburger Festspielen<br />

aufzutreten, war für Künstler wie Toscanini oder seine Kollegen<br />

Bruno Walter und Fritz Busch aus moralischen Gründen nicht<br />

vertretbar. Die Schweiz war unabhängig – und sie nutzte die Zeit.<br />

Heute zählt Luzern zu den wichtigsten Musikfestivals der Welt,<br />

mit etwa 120 000 Besuchern jährlich.<br />

Bei meinem Luzerner Debüt 1993 saß Alfred Schnittke in der<br />

ersten Reihe, jener Komponist, der mir die Ohren für die zeitgenössische<br />

Musik öffnete. Im September 2008 spielte ich das Abschiedskonzert<br />

des Beaux Arts Trios, mit dem ich die letzten sechs<br />

Jahre in über 400 Konzerten auftreten durfte, zusammen mit dem<br />

damals 85-jährigen Pianisten Menahem Pressler. Und in diesem<br />

Sommer, am 21. August, wird meine Verbindung zu Luzern und<br />

dessen „Festival Strings“ noch weiter vertieft. Somit setzt sich jene<br />

Musikreise, die damals in Gstaad begann, fort. Ich bin gespannt,<br />

wohin sie mich noch führt.<br />

Daniel Hope ist Violinist von Weltrang. Sein Memoirenband<br />

„Familien stücke“ war ein Bestseller. Zuletzt erschienen sein Buch<br />

„Toi, toi, toi! – Pannen und Katastrophen in der Musik“ (Rowohlt)<br />

und die CD „Spheres“ (Deutsche Grammophon). Er lebt in Wien<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 117


| S a l o n | K u n s t i m I n t e r n e t<br />

Das Netz ist nicht genug<br />

Museen müssen das Internet endlich als kuratorischen Raum begreifen. Ein Zwischenruf<br />

von Poul Erik Tøjner<br />

M<br />

oderne Kunst, heißt es immer<br />

wieder, ist eine schwierige<br />

Materie. Elitär sei sie.<br />

Sperrig. Vorbehalten wenigen<br />

Eingeweihten statt den<br />

vielen. Derlei Vorurteile sind nicht neu.<br />

Dabei wird jedoch übersehen: Gute Kunst<br />

ist wichtiger als ästhetische Indifferenz und<br />

kleinbürgerlicher Kitsch. Und gute Kunst<br />

ist zu gut, um lediglich einer Elite vorbehalten<br />

zu sein.<br />

Auch ist die Kunst kein Reservat für<br />

sich allein. Sie kann, ja soll in Relation zu<br />

unserer Umgebung, zu unserem Leben, zu<br />

unseren Erfahrungen betrachtet werden.<br />

Moderne Kunst muss als etwas vermittelt<br />

werden, das mit dem Dasein und den Erfahrungen<br />

der Menschen zu tun hat.<br />

Kommunikation ist darum das Schlüsselwort<br />

für jedes Museum. Natürlich lässt<br />

sich Kunst nicht erklären. Aber ein Museum<br />

ist der Ort, an dem sie sich ergründen<br />

lässt. Kunst inspiriert zu ihren eigenen<br />

Bedingungen und mit eigenem Ausdruck.<br />

Sie soll zu Austausch und Diskussionen<br />

zwischen Menschen führen, zu Dialogen<br />

über künstlerische, existenzielle Themen<br />

und über gesellschaftliche Werte.<br />

Zudem ist Kunst oft sehr viel reicher<br />

als das, was über sie geäußert wird. Viele<br />

moderne Kunstwerke haben ein kompliziertes<br />

Verhältnis zur Gegenwart. Ihre Wirkung<br />

entfalten sie mit Verzögerung. Mitunter<br />

Jahre später fangen wir an, Teile jener<br />

Kunst zu verstehen, die heute erschaffen<br />

wird. Damit widersetzt sich die moderne<br />

Kunst allen gängigen Vorstellungen in<br />

Bezug auf Effektivität und unmittelbare<br />

Verwertbarkeit.<br />

Schriftsteller behandeln die Sprache<br />

und unsere Erfahrungen auf eine andere<br />

Weise, als wir es im Gespräch miteinander<br />

tun. Maler zeigen uns Bilder, die die Art<br />

und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen,<br />

nicht unmittelbar bestätigen. Komponisten<br />

verwandeln Laute in Musik, aber das<br />

wäre nicht viel wert, würden ihre Werke<br />

nicht von den Routinen unserer Sinne abweichen.<br />

Das bedeutet nicht, dass Kunst<br />

die Provokation und Zerstörung von Sinn<br />

zum Ziel haben muss. In der Regel aber<br />

wird sie sich am Rande der Normalität bewegen.<br />

Somit ist das Museum einer der wenigen<br />

Orte, an denen sich Kunst und Gesellschaft<br />

begegnen können.<br />

Wer diesem Grundgedanken folgt, wird<br />

die Bedeutung von Museen für unsere Demokratie<br />

leicht erkennen. Es sind freie,<br />

tabufreie öffentliche Räume, die grundlegende<br />

Prinzipien wie Meinungsfreiheit<br />

voraussetzen und eine kritische Auseinandersetzung<br />

über unsere Gegenwart<br />

befördern. Die Auseinandersetzung mit<br />

Kunst und Kultur schult die Urteilskraft,<br />

prägt individuelle Sensibilität und Toleranz,<br />

macht uns zu bewussten, informierten<br />

und mündigen Bürgern. Museen sind<br />

keine Anstalten für den guten Geschmack.<br />

Sie führen uns die Bedeutung ästhetischer<br />

Qualität für unsere Gesellschaft vor Augen.<br />

An diesem Auftrag hat sich zu Beginn<br />

des 21. Jahrhunderts nichts geändert. Angesichts<br />

von Internet, sozialen Medien und<br />

massenmedialer Selbstrealisierung laufen<br />

moderne Kunst und Kultur jedoch Gefahr,<br />

wieder als singulär, ja elitär betrachtet zu<br />

werden, vorbehalten den wenigen statt den<br />

vielen. Als wir kürzlich unser englischsprachiges<br />

Web-TV-Projekt Louisiana Channel<br />

lancierten, in dem wir Künstler und<br />

Kulturschaffende zu Wort kommen lassen,<br />

sprachen wir mehr oder weniger scherzhaft<br />

vom Museum 2.0. Im Grunde trifft<br />

dieser Ausdruck einen wahren Kern. Digitalisierung<br />

bedeutet nicht, bestehende<br />

Illustration: Rüdiger Trebels c/o Claudia Schönhals<br />

118 <strong>Cicero</strong> 8.2013


Foto: Søren Hartvig<br />

Ausstellungen ins Netz zu stellen. Museen<br />

produzieren Wissen, Erfahrungen, Erlebnisse,<br />

Reflexionen – im Auftrag der Öffentlichkeit<br />

und der festen Überzeugung, dass<br />

ihre Arbeit gesellschaftlich relevant ist. Museen<br />

sind Kommunikatoren und stecken<br />

ebenso viel Sorgfalt in die Vermittlung ihres<br />

Stoffes wie in dessen Produktion.<br />

Vor diesem Hintergrund ist das World<br />

Wide Web zweierlei. Es ist global, demokratisch,<br />

dynamisch und somit ein Abbild<br />

unserer heutigen Gesellschaft. Darüber hinaus<br />

ist es ein Kommunikationskanal mitten<br />

hinein in dieses grenzenlose Miteinander,<br />

das den Rahmen jedes noch so großen<br />

Ausstellungsraums weit überschreitet. Inhalte,<br />

die in Kopenhagen oder Berlin produziert<br />

werden, erreichen in Sekundenbruchteilen<br />

ein Publikum in São Paulo,<br />

Peking und New York.<br />

Gerade in diesem Gewimmel an Inhalten,<br />

die das Internet ausmachen, spielt der<br />

Absender eine entscheidende Rolle. Wo<br />

Schnelligkeit und Oberflächlichkeit dominieren,<br />

werden klassische Museumswerte<br />

wie Wesentlichkeit, kuratorische Sorgfalt<br />

sowie die reflektierte Vermittlung zum<br />

Prädikat. Zudem konkurriert unser Sektor<br />

nicht mit der scheinbaren Aktualität<br />

vieler Medien. Museen geht es um Nachhaltigkeit<br />

und Relevanz. Unsere Inhalte<br />

sollten Bestand haben über den Tag hinaus.<br />

An der raison d’être der Museen, Kunst<br />

und Kultur hineinzutragen in die Mitte der<br />

Gesellschaft, hat sich nichts geändert. Das<br />

digitale Zeitalter aber bringt zugleich eine<br />

neue Form von Offenheit und Transparenz<br />

mit sich. Das Internet wird zu einem kuratorischen<br />

Raum, der die Möglichkeiten<br />

des Museums und seiner Werte potenziert.<br />

Und an dem nicht zuletzt junge Generationen<br />

teilnehmen. Welch Ansporn, eine so<br />

wunderbar sperrige Materie wie moderne<br />

Kunst zu vermitteln.<br />

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Poul Erik Tøjner<br />

ist Literaturwissenschaftler,<br />

Philosoph und Direktor des Louisiana<br />

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| S a l o n | D a s G e s p r ä c h<br />

120 <strong>Cicero</strong> 8.2013


„Der Zug ist<br />

abgefahren“<br />

Worüber streiten drei Kabarettisten in Wahlkampfzeiten?<br />

Luise Kinseher, Thomas Pigor und Arnulf Rating über<br />

Demokratie und Lobbykratie, Hauptstadt und Provinz,<br />

den medialen Empörungszirkus und die Kraft des Witzes.<br />

Ein <strong>Cicero</strong>-Gespräch im Brandenburger Hof zu Berlin<br />

Menschen mit Mission:<br />

Pigor, Rating und<br />

Kinseher (von links)<br />

brechen eine Lanze für<br />

die Kleinkunst und<br />

kritisieren das Fernsehen.<br />

Es liefert nämlich oft<br />

Drei-Minuten-Terrinen<br />

Foto: Thomas Meyer/Ostkreuz für <strong>Cicero</strong><br />

K<br />

abarett, heißt es, sei Empörung.<br />

Worüber sind Sie gerade empört?<br />

Luise Kinseher: Über den Fall<br />

des vermutlich zu Unrecht in der Psychiatrie<br />

verwahrten Gustl Mollath kann ich<br />

mich herzlich empören.<br />

arnulf rating: Bei mir führt allein die<br />

tägliche Lektüre der Zeitungen zu einer<br />

Aufregung, die sich partout nicht legen<br />

will, auch nicht durch Tabletten. Dann<br />

bin ich heilfroh, wenn ich meine Empörung<br />

mitteilen kann. Die Leute zahlen<br />

sogar dafür.<br />

Kabarett ist demnach Therapie in eigener<br />

Sache. Sie wollen gar nicht die Welt<br />

verbessern?<br />

rating: Doch, als junger Mensch hatte<br />

ich den Anspruch. Ich merkte aber rasch,<br />

dass das mit den kleinen Schaufeln, die<br />

uns zur Verfügung stehen, nicht gelingen<br />

kann. Der Fall Mollath ist nur ein Teil eines<br />

grundlegenden Systemversagens. Wir<br />

haben keine wirklich unabhängige Justiz,<br />

das zeigt der Fall NSU, das zeigte auch<br />

der Fall Buback. Da wurden Leute verurteilt<br />

für eine Tat, die sie gar nicht begangen<br />

haben konnten, weil sie nicht am<br />

Tatort waren.<br />

Die Frage nach dem Systemversagen<br />

treibt Sie weniger um, Herr Pigor. Der<br />

SWR, für den Sie seit zwei Jahren<br />

regelmäßig das „Chanson des Monats“<br />

aufnehmen, bewirbt Sie als „Neuerer des<br />

deutschen Chansons“. Sind Sie ein unpolitischer<br />

Musikant?<br />

thomas Pigor: In unseren regulären Programmen<br />

machen harte politische Themen<br />

10 Prozent aus. Durch das „Chanson<br />

des Monats“ bin ich zum ersten Mal<br />

in derselben Situation wie ein Wortkabarettist.<br />

Ich muss mich regelmäßig empören,<br />

muss mich umsehen, worüber sich<br />

die anderen empören, worüber ich mich<br />

schon mal empört habe oder mich gerne<br />

noch mal empören würde. Unlängst habe<br />

ich mich nach Herzenslust über den Wiederaufbau<br />

des Berliner Stadtschlosses empört<br />

und in ein Megafon mit verzerrter<br />

Stimme gesungen: „Baut den Palast der<br />

Republik wieder auf. Kein Hohenzollernparadies<br />

für Senioren!“<br />

Ist Musik besonders geeignet, Empörung<br />

zu transportieren?<br />

pigor: Ich behandle jene Themen, denen<br />

ich eine Pointe oder eine schöne<br />

musikalische Form abgewinnen kann.<br />

Kabarett mit einer klaren Wirkungsabsicht<br />

war eine Sache der achtziger Jahre<br />

und des linken Milieus. Damals musste<br />

sich jemand, der morgens ausschlafen<br />

durfte, gegenüber dem früh aufstehenden<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 121


| S a l o n | d a s G e s p r ä c h<br />

„Kabarett ist generell Bestätigungskabarett,<br />

gerade das linke Kabarett“<br />

Luise Kinseher ist<br />

Bayerns bekannteste<br />

Kabarettistin, seit sie als<br />

Bavaria beim jährlichen<br />

Starkbieranstich auf dem<br />

Münchner Nockherberg<br />

den Politikern die Leviten<br />

liest. Im Soloprogramm<br />

„Einfach reich“ schlüpft sie<br />

in verschiedene Rollen auf<br />

der Suche nach dem, was<br />

Geld aus Menschen macht<br />

Das klingt nach Buße und Absolution.<br />

kinseher: Das „Derblecken“ hat einen<br />

sehr katholischen Ansatz. Wir können<br />

herumsauen, wie wir wollen, wir beichten<br />

und machen dann weiter. Es ist ein<br />

sehr sinnenfrohes Spektakel.<br />

Alle müssen Ihnen zuhören, müssen<br />

lachen – eine traumhafte Rolle.<br />

kinseher: Ich will die Rolle zeitgemäß<br />

gestalten, ohne die Tradition zu brechen.<br />

Im normalen Kabarett kann ich nie jemandem<br />

direkt ins Gesicht sagen, was<br />

ich von ihm halte. Auf dem Nockherberg<br />

schon. Auch deshalb bemühe ich mich,<br />

in volkstümlichem Sinne eine Instanz<br />

darzustellen, mit moralischer Tiefe, ohne<br />

mit dem Zeigefinger zu drohen.<br />

pigor: Besteht aber nicht die Gefahr,<br />

in der persönlichen Konfrontation auf<br />

Schärfe zu verzichten?<br />

kinseher: Von mir wird als Bavaria immer<br />

erwartet, böse und scharf zu sein. Ich<br />

bin eine Frau und bin vom Wesen her<br />

nicht aggressiv. Aber ich habe eine hohe<br />

Sensibilität für Unwahrheiten, für Lügen<br />

und Ungerechtigkeiten.<br />

Arbeiter rechtfertigen. Der Künstler<br />

sagte, er arbeite zwar abends, aber für die<br />

Weltrevolution.<br />

Haben Sie, Herr Rating, damals mit den<br />

legendären „Tornados“ für die Weltrevolution<br />

gearbeitet?<br />

rating: Ja, das haben wir. Aber die Welt<br />

hat es nicht ganz verstanden.<br />

Sie standen damals mit einem Bein im<br />

Gefängnis, es gab Auftrittsverbote für<br />

die „Tornados“ und Gerichtsprozesse.<br />

Bedauern Sie, dass Kabarett heute eine so<br />

kommode Sache geworden ist?<br />

rating: Nein, überhaupt nicht. Deutschland<br />

war immer ein Humor-Entwicklungsland<br />

gewesen. Und in den achtziger<br />

Jahren war es eben noch weniger entwickelt<br />

als heute.<br />

pigor: Aber findest du nicht, dass man<br />

sich früher viel stärker mit einem großen<br />

weltpolitischen „Um zu“ gerechtfertigt<br />

hat? Kabarett war doch eine reine<br />

Zweckveranstaltung.<br />

rating: Als wir bei den „Tornados“ anfingen,<br />

haben nur ganz wenige so wie<br />

wir das Maul aufgerissen und sich einen<br />

Spaß mit dem ganzen real existierenden<br />

Quatsch gemacht. Heute ist das Kabarett<br />

für viele Lehrer oder gelernte Dekorateure<br />

eine echte Berufsperspektive. Als<br />

Entwicklungshelfer im Humorstandort<br />

Deutschland begrüße ich diese Entwicklung<br />

ausdrücklich. Es bekommt einer<br />

Gesellschaft, wenn sie Humor entwickelt<br />

und satirefähig wird. Sonst geht es<br />

schnell undemokratisch zu.<br />

Einmal im Jahr findet in München auf dem<br />

Nockherberg zum Starkbieranstich das<br />

sogenannte Derblecken statt. Höhepunkt<br />

ist die Fastenpredigt, die traditionell von<br />

einem als Mönch verkleideten Kabarettisten<br />

oder Schauspieler gehalten wird.<br />

Sie, Frau Kinseher, haben diese Männerdomäne<br />

gebrochen und spielen nun die Bavaria.<br />

Dreimal bereits wurden die Politiker<br />

von Ihnen „derbleckt“, also ausgeschimpft.<br />

kinseher: „Derblecken“ kann man<br />

schwer übersetzen. Man spottet über<br />

den anderen, führt ihn vor, sagt ihm<br />

die Wahrheit ins Gesicht. Man sagt den<br />

Mächtigen, was man über sie denkt und<br />

ist dabei möglichst deftig und humorvoll.<br />

Dann kommt das Starkbier, alles<br />

wird runtergeschluckt, und es geht weiter<br />

wie zuvor.<br />

Moralische Tiefe ist also gefragt. Sind<br />

Kabarettisten immer Moralisten?<br />

kinseher: Es geht um eine gewisse Haltung,<br />

die ich einem Politikbetrieb entgegensetze,<br />

der augenscheinlich teilweise<br />

verlogen ist. Sauer oder moralistisch will<br />

ich da nicht werden.<br />

Herr Rating, gilt noch der alte Satz, ein<br />

Kabarettist müsse SPD-Mitglied sein?<br />

rating: Kabarett setzt sich ein für das,<br />

was in der Gesellschaft unterdrückt wird.<br />

Alles andere wäre Blödsinn – oder Bestätigungskabarett,<br />

wie im Kölner Karneval.<br />

Vieles, was in Bayern unter Kabarett firmiert,<br />

ist für mich nur Folklore.<br />

pigor: Es gibt neuerdings auch neoliberales<br />

Kabarett.<br />

Rating: Der „Satire-Gipfel“ in der ARD<br />

ist auch reines Bestätigungskabarett.<br />

Kinseher: Ich finde aber, Kabarett ist<br />

generell Bestätigungskabarett, gerade<br />

das linke Kabarett. Wenn ich bei Georg<br />

Schramm im Publikum sitze, treffe ich<br />

nur Leute, die ihm zustimmen. Keiner<br />

steht auf und schreit Buh.<br />

Rating: Es gibt Untersuchungen darüber,<br />

dass man sowieso nur die Meinung der<br />

Leute verstärken kann, die da sind.<br />

Fotos: Thomas Meyer/Ostkreuz für <strong>Cicero</strong><br />

122 <strong>Cicero</strong> 8.2013


kinseher: Bestätigungskabarett!<br />

Pigor: Einige Kollegen haben die Funktion<br />

des Predigers übernommen. Da<br />

wird fünf Minuten lang ohne jede Pointe<br />

tüchtig vom Leder gezogen, die Großpackung<br />

Moral inklusive.<br />

Auch da ließe sich an Schramm denken.<br />

pigor: Lieber ein feuriger Prediger als ein<br />

müder Witzeerzähler. Interessant dabei<br />

ist die Funktion, die das Kabarett übernimmt.<br />

Anscheinend braucht auch der<br />

kritische Bürger jemanden, der ihm am<br />

gefühlten Sonntag die eigenen Maßstäbe<br />

zurechtrückt. Allerdings ist es gerade Kollege<br />

Schramm, der zuweilen auf grandiose<br />

Art die Sonntagsruhe stört.<br />

Andererseits kann man den Eindruck<br />

gewinnen, der Raum des Sagbaren<br />

schwinde – im Namen der politischen Korrektheit.<br />

In einem „Chanson des Monats“<br />

haben Sie jüngst bekannt: „Ich sage lieber<br />

nix …“ Moslems seien gleich beleidigt,<br />

schnell gelte man als Antisemit, „auch<br />

Hamas und Abbas verstehen nicht wirklich<br />

Spaß.“ Die Schlusspointe lautet, „ich<br />

singe lieber übers Wetter, Regen, Schnee<br />

und Blitzeis“. Ist es so schlimm?<br />

„Ich beobachte mit großer Trauer den<br />

Niedergang des Kabarettisten Steinbrück“<br />

pigor: Mit bestimmten Themen handelt<br />

man sich schnell Ärger ein. Beim Islam<br />

kann man es eigentlich nur falsch machen.<br />

Die Figur, die ich in dem Chanson<br />

darstelle, ist ein solcher Übervorsichtiger.<br />

Kabarett unterliegt enormen Konjunkturen.<br />

Ist das Publikum heute lachbereiter als<br />

früher?<br />

rating: Die Leute wollen lachen, das ist<br />

in Ordnung. Mir ist es wichtig, Kabarett<br />

dennoch nicht als Salon-Veranstaltung zu<br />

begreifen und sich schon gar nicht vom<br />

Fernsehen die Themen und Formen vorschreiben<br />

zu lassen. Heute gibt es Kabarett<br />

in allen Medien. Auch die Talkshows<br />

haben teil an einem allgemeinen Empörungszirkus,<br />

der folgenlos bleibt.<br />

pigor: Trotz der gewaltigen medialen Präsenz<br />

wird immer unterschätzt, wie vielfältig<br />

und groß die Live-Szene im deutschsprachigen<br />

Raum ist. In jedem Kaff gibt<br />

es einen Verrückten, der einmal im Monat<br />

eine Veranstaltung auf die Beine stellt.<br />

Kabarett im Fernsehen ist eine schmale<br />

Auswahl bestimmter Genres. Wir als musikalische<br />

Kabarettisten leiden darunter.<br />

Alle theaternahen Formen mit abendfüllender<br />

Dramaturgie haben es schwer.<br />

Der Sänger, Texter und<br />

Komponist Thomas Pigor<br />

hat mit dem Pianisten<br />

Benedikt Eichhorn in<br />

bisher sieben Programmen<br />

die Grenzen des Sag- und<br />

Singbaren ausgelotet.<br />

Sie nennen es Salon-<br />

Hiphop und vertonten<br />

auch schon Heidegger.<br />

„Volumen 8“ wird im<br />

Oktober Premiere haben<br />

Also begünstigt das Fernsehen das reine<br />

Nummernkabarett.<br />

rating: Ja, die Drei-Minuten-Terrine.<br />

pigor: Das Wort und das bekannte Gesicht<br />

werden bevorzugt. Das liegt an<br />

der Konzeption dieser Sendungen, die<br />

man auch anders takten könnte. Deshalb<br />

finde ich es doppelt schade, dass die<br />

lebendige Szene abseits des Fernsehens<br />

kein Bewusstsein von sich hat.<br />

Unterstützt das Fernsehen bestimmte<br />

Moden?<br />

pigor: Klar. Momentan ist das Vorführen<br />

von Politikern schwer angesagt. Man zeigt<br />

Schnipsel mit Versprechern oder unvorteilhaften<br />

Szenen, und alle lachen. In den<br />

neunziger Jahren boomten die Politiker-<br />

Imitatoren, „Spitting Image“ und Co.<br />

Der Wahlkampf biegt auf seine Zielgerade<br />

ein. Kommt das dem Kabarett zugute?<br />

rating: Wahlzeiten sind Zeiten erhöhter<br />

politischer Sensibilität. Das haben wir<br />

uns früher mit dem „Reichspolterabend“<br />

zunutze gemacht, für den wir uns mit<br />

anderen Künstlern zusammentaten und<br />

durch die Lande zogen.<br />

Da war auch Matthias Beltz dabei, oder?<br />

Rating: Ja, stimmt. Wir haben so die<br />

ersten Wahlen nach der Wende begleitet.<br />

Heute, in einer derart eingefleischten<br />

Demokratie, werden die Wahlen immer<br />

unattraktiver, die Beteiligung sinkt.<br />

Das liegt auch daran, dass Politiker zwar<br />

alle Programme haben, diese aber im Gegensatz<br />

zum Kabarettprogramm meistens<br />

gar nicht aufführen. Die Parteien machen<br />

das Gegenteil von dem, was in ihrem<br />

Programm steht. Wer hätte gedacht, dass<br />

die CDU mal die Wehrpflicht abschafft<br />

und die SPD den Sozialstaat? So funktioniert<br />

Demokratie: Wer gerade am Ruder<br />

ist, muss die Schweinereien durchziehen.<br />

Deshalb ist es wichtiger, auf diese strukturellen<br />

Probleme hinzuweisen als auf die<br />

Wahlen.<br />

kinseher: So, du greifst also ein. Erzählst<br />

du deinem Publikum auch, wen sie wählen<br />

sollen?<br />

rating: Nein, könnte ich gar nicht. Das<br />

wäre Illusion, schließlich bleibt der Trog<br />

der gleiche, nur die Schweine wechseln.<br />

Steinbrück oder Merkel sind keine wirklichen<br />

Alternativen. Beide nehmen an der<br />

Bilderberg-Konferenz teil.<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 123


| S a l o n | d a s G e s p r ä c h<br />

„Bundeskanzler oder Bundeskanzleröse sind<br />

nicht Ausdruck der tatsächlichen Macht“<br />

kinseher: Es gibt kaum etwas, das mehr<br />

über einen Menschen erzählt als die Bedeutung,<br />

die er dem Geld beimisst. Die<br />

Deutschen sehen in Geld vor allem Sicherheit.<br />

Und Frau Merkel strahlt für<br />

viele Sicherheit aus. Sie wirkt stoisch, als<br />

habe sie sich buchstäblich nichts zuschulden<br />

kommen lassen. Sie erscheint als personifizierte<br />

Verlässlichkeit. Das beeindruckt<br />

viele Menschen eher als die Frage,<br />

welche Art von Politik sie betreibt.<br />

kinseher: Da sind wir schon wieder<br />

beim Bestätigungskabarett. Der Kabarettist<br />

bestätigt die allgemeine Meinung,<br />

dass sich durch Wahlen nichts ändert.<br />

rating: Deshalb brauchen wir eine strukturelle<br />

Änderung. Die Lobbykratie ist das<br />

Problem. Die Drehtür-Effekte in der Politik<br />

sind nun einmal gewaltig. Politiker<br />

machen die Kontakte, die sie während<br />

des Amtes knüpfen, nachher zu Geld.<br />

Gerhard Schröder etwa muss auf seine<br />

alten Tage noch als Gasableser arbeiten,<br />

auch Joschka Fischer profitiert von seinem<br />

politischen Netzwerk. Bitte, nur zu,<br />

doch dann will ich als Wähler daran auch<br />

mit 25 Prozent beteiligt werden. Her mit<br />

der Kohle!<br />

Sie lassen die Politiker beim Amtseid<br />

sagen, „Ich schwöre, am deutschen Volk<br />

zu verdienen, so bar mir Geld helfe.“<br />

rating: Ist es nicht so? Deshalb schlage<br />

ich vor, dass jeder Steuerzahler individuell<br />

– und ganz marktwirtschaftlich – entscheiden<br />

kann, wofür sein Geld verwendet<br />

wird. Drohnen, die nicht fliegen,<br />

müssen nicht alle finanzieren. Wer die<br />

Bundeswehr in dieser Form gut findet,<br />

sollte auch dafür zahlen.<br />

Arnulf Rating schrieb<br />

sowohl mit der 1977<br />

gegründeten, zum Teil<br />

mit Auftrittsverboten<br />

belegten Truppe „Die<br />

drei Tornados“ als<br />

auch 1990 mit dem<br />

„Reichspolterabend“<br />

Kabarettgeschichte. Sein<br />

neues Soloprogramm<br />

„Ganz im Glück“<br />

startet im September<br />

Sie, Herr Pigor, kommen vom Theater. Wie<br />

füllen Steinbrück und Merkel ihre jeweiligen<br />

Rollen aus?<br />

pigor: Ich beobachte mit großer Trauer<br />

den Niedergang des Kabarettisten Steinbrück.<br />

Er war einmal wirklich witzig und<br />

ließ sich nun ausbremsen. Ich sehe ihm<br />

die Pointen förmlich an, die er im Kopf<br />

hat und nicht rauslassen darf. Als Kabarettkonsument<br />

bin ich vom Wahlkampf<br />

enttäuscht. Generell haben die Deutschen<br />

ein Problem mit brillanten Rhetorikern.<br />

In Frankreich hat der gute Redner<br />

einen Bonus, bei uns einen Malus.<br />

In Ihrem Programm, Herr Rating, heißt es,<br />

Sie wählten aus ökonomischen Gründen<br />

Merkel, sie sei gut für das Kabarettgeschäft.<br />

Gingen Ihnen bei einem Kabinett<br />

Steinbrück, Trittin, Roth die Witze aus?<br />

rating: Wäre kein Problem. Bundeskanzler<br />

oder Bundeskanzleröse sind Strukturerscheinungen<br />

der Demokratie, aber<br />

nicht Ausdruck der tatsächlichen Macht.<br />

Und mich interessiert ja die tatsächliche<br />

Macht und deren Verteilung.<br />

Früher dachte man, die Macht sei da, wo<br />

das meiste Geld sitzt.<br />

Herr Pigor, auf dem letzten Album klingen<br />

Sie fatalistisch: „Denn dass rohe Kräfte<br />

sinnlos walten, ist für manche nur ganz<br />

schwer auszuhalten.“ Ruht auf dem Boden<br />

eines jeden guten Kabaretts ein hoffnungsloser<br />

Fatalismus?<br />

Pigor: Das weiß ich nicht.<br />

Ich hatte mir da Aufklärung erhofft.<br />

Rating: Zu Zeiten der 68er wurde mit<br />

Marcuses Begriff der Manipulation gearbeitet.<br />

Das wünsche ich mir: Dass wir<br />

uns der Manipulationen bewusst werden,<br />

die uns umgeben.<br />

pigor: Die destruktiven Kräfte unseres<br />

Wirtschaftens werden immer offensichtlicher,<br />

der Zug für die große Systemveränderung<br />

ist jedoch abgefahren. Also<br />

bleiben nur kleine Stellschrauben: unabhängige<br />

Justiz, freie Presse, Bundesrechnungshof<br />

und Kabarett.<br />

Die Comedy ist es wohl weniger.<br />

kinseher: Kleinkunst und Kabarett bilden<br />

ein wunderbares Feuchtbiotop für allerhand<br />

Künstlerseelen, die ihre Leidenschaften<br />

öffentlich machen. Da kommen<br />

immer neue Gewächse nach, auch Comedy.<br />

Heinz Erhardt war Comedy.<br />

Rating: Das ist tatsächlich Fortschritt,<br />

dass nicht alle Leute in Supermärkten<br />

Regale auffüllen müssen, sondern davon<br />

befreit sind und ihr Maul aufmachen<br />

können. Demnächst wird Opel in<br />

Bochum verschwinden. Das sind wieder<br />

10 000, die dann hoffentlich auf die<br />

Bühne gehen, ihre Meinung sagen und<br />

das Land in diesem Sinne weiter beleben.<br />

Jetzt haben wir noch nicht geklärt, ob<br />

Thomas Pigor Fatalist ist.<br />

Kinseher: Kannst es ruhig zugeben.<br />

Pigor: Also gut. Wenn du das sagst.<br />

Das Gespräch führte Alexander Kissler<br />

Foto: Thomas Meyer/Ostkreuz für <strong>Cicero</strong><br />

124 <strong>Cicero</strong> 8.2013


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| S a l o n | 1 9 3 3 – u n t e r w e g s i n d i e D i k t a t u r<br />

Ins Herz der Masse<br />

Der Volksempfänger machte das Radio erschwinglich – und erleichterte die<br />

Verbreitung nationalsozialistischer Propaganda. Siebte Folge einer Serie<br />

von Philipp Blom<br />

V<br />

E 301 hieSS die Wunderwaffe, die<br />

im August 1933 auf der zehnten<br />

großen Funkausstellung in Berlin<br />

vorgestellt wurde, der Volksempfänger.<br />

Die Typennummer<br />

verwies auf den 30. Januar, jenen Tag also,<br />

an dem Adolf Hitler Reichskanzler geworden<br />

war. Goebbels persönlich probierte auf<br />

der Ausstellung eines der Geräte aus und<br />

zeigte sich hochzufrieden.<br />

Noch nie waren Radios so erschwinglich<br />

gewesen. 76 Reichsmark kosteten die<br />

Apparate, die auf Anweisung der nationalsozialistischen<br />

Regierung von großen<br />

Radioherstellern wie Telefunken, Blaupunkt<br />

und Loewe nach demselben Modell<br />

produziert werden mussten. Dabei ging es<br />

natürlich nicht darum, jedem deutschen<br />

Haushalt die Welt des Rundfunks zu eröffnen.<br />

Vielmehr sollte die Stimme des Führers<br />

und seiner Stellvertreter direkt in jedes<br />

deutsche Wohnzimmer gebracht werden.<br />

Erst die gezielte und brillante Nutzung<br />

moderner Propagandamittel machte die<br />

Nationalsozialisten zu einer erfolgreichen<br />

Massenbewegung. Schon 1924 hatte Hitler<br />

in „Mein Kampf“ geschrieben, Propaganda<br />

solle, „die gefühlsmäßige Vorstellungswelt<br />

der großen Masse begreifend, in psychologisch<br />

richtiger Form den Weg zur Aufmerksamkeit<br />

und weiter zum Herzen der<br />

breiten Masse“ finden. Auch Reichspropagandaminister<br />

Goebbels hatte rasch begriffen,<br />

wie wichtig das Radio für das Regime<br />

sein konnte. In einer Rede verglich<br />

er den Rundfunk mit der Erfindung des<br />

Buchdrucks und schwärmte von der „wahrhaft<br />

revolutionären Bedeutung“ des neuen<br />

Mediums.<br />

Die Einführung des Volksempfängers<br />

war tatsächlich eine technologische Pioniertat.<br />

Noch zehn Jahre zuvor waren nicht<br />

Er war nur<br />

ein Kubus aus<br />

Bakelit mit zwei<br />

Drehknöpfen und<br />

doch auch Hitlers<br />

Stimme in den<br />

Wohnzimmern:<br />

der Volksempfänger<br />

VE 301<br />

126 <strong>Cicero</strong> 8.2013


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WARUM DIENEN?<br />

Fotos: Willy Römer/BPK Images/Kunstbibliothek/SMB/Photothek, Peter Rigaud (Autor); Grafik: <strong>Cicero</strong><br />

alle Haushalte mit Strom ausgestattet gewesen.<br />

In der schwierigen Wirtschaftslage<br />

der Nachkriegszeit war Deutschland zwar<br />

erfolgreich in der Entwicklung technologischer<br />

Geräte, viele Deutsche aber konnten<br />

sich technologische Errungenschaften wie<br />

Autos oder Haushaltsgeräte nicht leisten.<br />

Ein Radio kostete etwa den Monatslohn<br />

eines Arbeiters. Die Direktive der Reichsregierung<br />

hatte diesen Preis halbiert. Der<br />

Erfolg ließ nicht auf sich warten: Schon am<br />

Abend des ersten Tages der Funkausstellung<br />

waren 100 000 Volksempfänger verkauft<br />

worden, die gesamte Erstproduktion.<br />

Bis Mai 1934 waren es<br />

stolze 700 000.<br />

Entworfen von Walter<br />

Maria Kersting, der an den<br />

Kölner Werkschulen lehrte,<br />

wurde der Kubus aus Bakelit<br />

mit seinem runden Lautsprecher<br />

und seinen zwei Drehknöpfen<br />

– einer für die Lautstärke,<br />

der andere für die Sender – bald zum<br />

alltäglichen Anblick in deutschen Haushalten.<br />

„Goebbels-Schnauze“ nannte man<br />

die Kästen im Volksmund. 1932 hatten<br />

2,4 Millionen deutsche Haushalte ein Radio<br />

angemeldet; 1939 waren es bereits<br />

12,5 Millionen, die im Wohnzimmer darüber<br />

informiert werden konnten, dass es<br />

mit der Friedfertigkeit und der Geduld der<br />

Regierung nun am Ende sei und dass ab<br />

heute zurückgeschossen werde.<br />

Wie sehr der Volksempfänger als Propagandainstrument<br />

ein integraler Bestandteil<br />

der nationalsozialistischen Politik war,<br />

wird aus einem Gerichtsurteil von 1935<br />

ersichtlich, in dem das Gericht die Pfändung<br />

eines Radios verbot – mit der Begründung,<br />

der Rundfunk diene „nicht nur<br />

der Unterhaltung der Hörer, sondern auch<br />

zur staatsbürgerlichen Belehrung und Erziehung<br />

sowie zur Schaffung der Einheit<br />

des deutschen Volkes“. Sogar bei der Technologie<br />

wurde auf „Rassenreinheit“ geachtet.<br />

Das Wirtschaftsministerium ordnete<br />

an: „Jüdische Firmen dürfen den Volksempfänger<br />

(…) nicht herstellen, Einzelteile<br />

hierzu nicht liefern und weder als Großhändler,<br />

Einzelhändler oder Werksvertreter<br />

diese Geräte verkaufen.“<br />

Die völkische Einheit und damit die Effizienz<br />

der Propaganda wurde besonders im<br />

Krieg durch „Feindsender“ gefährdet. Der<br />

deutsche Service des BBC setzte den Propagandalügen<br />

der nationalsozialistischen<br />

1933<br />

Anno<br />

Als Deutschland die<br />

Demokratie verlor<br />

Regierung eine bemerkenswert neutrale,<br />

wenn auch selbstverständlich politisch<br />

motivierte Berichterstattung gegenüber.<br />

Volksempfänger wurden deswegen mit einem<br />

deutlich lesbaren Hinweis auf einem<br />

der Drehknöpfe verkauft: „Wer den Feind<br />

hört, wird mit Zuchthaus bestraft, und wer<br />

abgehörte Nachrichten weiterverbreitet,<br />

wird hingerichtet.“<br />

Diese Warnung war weit mehr als<br />

nur eine Drohgebärde: Zwischen 1939<br />

und 1942 wurden insgesamt 2704 Verurteilungen<br />

wegen „Rundfunkverbrechen“<br />

ausgesprochen. Auch Hinrichtungen<br />

wurden vollzogen, allerdings<br />

ist nicht mehr eindeutig<br />

festzustellen, wie viele es<br />

waren. Trotzdem hörten<br />

bis zu 20 Millionen Deutsche<br />

heimlich Nachrichten<br />

aus dem Ausland, vom im<br />

Reich verbotenen Jazz bis hin<br />

zu Ansprachen von Albert Einstein<br />

und Thomas Mann, der sich von<br />

1940 an regelmäßig an „Deutsche Hörer!“<br />

wandte. In scharfen Worten geißelte der<br />

in die USA emigrierte Nobelpreisträger<br />

den „Raub-, Mord- und Lügenstaat des<br />

Nationalsozialismus“.<br />

Für das Abhören ausländischer Sender<br />

war der Volksempfänger technisch aber<br />

nicht ausgerüstet – aus gutem Grund.<br />

Auch deswegen waren trotz der höheren<br />

Preise die sogenannten Großempfänger in<br />

Deutschland wesentlich beliebter. Die Zahl<br />

der verkauften Volksempfänger machte nie<br />

mehr als 40 Prozent der Gesamtzahl aus.<br />

Nur mit einem teureren, leistungsfähigeren<br />

Radio konnte man sich, am besten mit<br />

Kopfhörern und hinter verschlossenen Türen,<br />

wirklich informieren, wie ein legendärer<br />

Flüsterwitz deutlich macht: „Beim<br />

Volksempfänger hört man Deutschland<br />

über alles, beim Großempfänger hört man<br />

alles über Deutschland!“<br />

Wir werden den Weg in die Diktatur von<br />

1933 weiterhin nachzeichnen. In der nächsten<br />

Ausgabe wenden wir uns der Reichskulturkammer<br />

zu.<br />

Philipp Blom ist Historiker<br />

und Autor. Seine Bücher „Der<br />

taumelnde Kontinent“ und<br />

„Böse Philosophen“ wurden<br />

mehrfach ausgezeichnet<br />

Martin Böcker, Larsen Kempf,<br />

Felix Springer (Hg.)<br />

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8.2013 <strong>Cicero</strong> 127


| S a l o n | e s s a y<br />

Die Hörrohre sind wieder da<br />

Inmitten der Wissensgesellschaft macht sich ein<br />

absolutistischer Schnüffelstaat breit. Das ist nur folgerichtig<br />

Von thomas palzer<br />

E<br />

ine Gesellschaft, die sich selbst als Wissensgesellschaft<br />

apostrophiert, will alles wissen. Sie wird von einem<br />

grenzenlosen Datenhunger getrieben, der auch dann<br />

nicht gestillt ist, wenn alle Daten erhoben sind. Daten können<br />

nämlich veralten, sich als falsch erweisen oder gefälscht werden.<br />

Sie besitzen ein Verfallsdatum. Sie müssen ständig neu erhoben<br />

werden. Und sie sind unvollständig – grundsätzlich. Daten bilden<br />

eine Menge, die sich nicht selbst enthalten kann. Jeder Programmierer<br />

weiß, dass nur mehr Daten gute Daten sind. Dieser<br />

Prozess gelangt niemals an ein Ende.<br />

Die besten Daten, über die wir theoretisch verfügen könnten,<br />

sind bekanntlich in einem Datum gespeichert – dem Big<br />

Bang. Im Urknall müssen alle Informationen über unser Universum<br />

enthalten gewesen sein. Deshalb besitzt es seinen eigenen<br />

Charme, dass der Anfang trotz aller Bemühungen ein kosmisches<br />

Geheimnis bleibt, ein Staatsgeheimnis gewissermaßen.<br />

Wüssten wir das genaue Datum, wüssten wir prinzipiell alles<br />

von allem. Aber an den Urknall kommen wir nicht heran, wir<br />

können ihm uns nur auf die soundsovielte Stelle hinter dem<br />

Komma annähern, auch wenn wir „wissen“, dass er eine messbare<br />

Zeit in der Vergangenheit gewesen ist.<br />

Am 1. Juni 2013 empfing ein US-Amerikaner namens Edward<br />

Snowden in einem Hongkonger Hotelzimmer britische<br />

Journalisten. Bald darauf wurde die „freie Welt“ von einer<br />

Reihe von Enthüllungen erschüttert. Man erfuhr, was die „unfreie<br />

Welt“ immer wusste: dass Staaten über ihre Bürger Daten<br />

sammeln. Was nun aber Europa erfuhr, war, dass offenbar auch<br />

Freunde Freunde bespitzeln. Eine unerfreuliche Situation, die<br />

geradewegs in die Paranoia führt. Europa erfuhr, dass der amerikanische<br />

und britische Geheimdienst in einem Programm namens<br />

Tempora kooperierten. Man hörte von Prism. Man las,<br />

dass Glasfaserkabel angezapft und der Internet- und Telefonverkehr<br />

überwacht und dass Wanzen in EU-Vertretungen und Botschaften<br />

installiert worden waren. Nach und nach bekam eine<br />

erstaunte Öffentlichkeit vom ganzen Ausmaß der Observation<br />

und Spionage Wind.<br />

Illustration: Jan Rieckhoff<br />

128 <strong>Cicero</strong> 8.2013


Foto: Annette Hempfling<br />

Es war fast wie einst bei René Descartes, der an all seinen<br />

Sinnen zweifelte, um sich endlich auf seinen Verstand zurückzuziehen,<br />

cogito ergo sum: „Und wenngleich der ganze Geist mit<br />

dem ganzen Körper verbunden zu sein scheint, so erkenne ich<br />

doch, dass, wenn man den Fuß oder Arm oder irgendeinen anderen<br />

Körperteil abschneidet, darum nichts vom Geiste weggenommen<br />

ist.“<br />

Descartes’ Paranoia war damals vielleicht der Ahnung geschuldet,<br />

dass bald das berüchtigte cabinet noir, von Ludwig<br />

XIV. etabliert, den Postverkehr seiner Bürger flächendeckend<br />

überwachen würde. In den „Schwarzen Kabinetten“<br />

wurden Briefe im Auftrag der Staatsmacht systematisch geöffnet,<br />

abgeschrieben und wieder verschlossen. Seitdem steht jeder<br />

unter dem Verdacht, dass man womöglich selbst dann bespitzelt<br />

wird, wenn man miteinander befreundet ist. Um mit Rainald<br />

Goetz zu sprechen: Die Feinde meiner Feinde sind auch<br />

meine Feinde. Dass der deutsche Geheimdienst bei dem Ganzen<br />

irgendwie mitmischte, hat man schnell vermutet. Russische und<br />

chinesische Geheimdienste machen bekanntlich sowieso, was sie<br />

wollen. Nur mehr Daten sind gute Daten.<br />

Jetzt ist er also da, der kartesische Verdacht – allumfassend<br />

und unstillbar, wie der Hunger nach Daten. Seit Juni 2013 gehört<br />

es zum Allgemeinwissen, dass alle von allen Daten sammeln,<br />

um von allem und jedem alles, was die Form von Wissen<br />

hat, zu wissen. Vorratsdatenspeicherung wird zur vollumfänglichen<br />

Inventur dessen, was der Fall ist. Wenn schon nicht beim<br />

Urknall, dann zumindest auf der Erde.<br />

1625 hatte der englische Philosoph Francis Bacon einen Gedanken<br />

geäußert, der das nahende Zeitalter des Absolutismus<br />

klug vorwegnahm: Dass nichts den Menschen argwöhnischer<br />

mache als fehlendes Wissen. Tatsächlich war es der absolutistische<br />

Staat, der die Arkantradition begründete, weil er sich an<br />

nichts so stieß wie an fehlendem Wissen. Und Wissen fehlt immer.<br />

Seiner Natur nach ist Wissen genau das, was sich abhebt<br />

von dem, was beim Wissen nicht gewusst wird. Der Geheimdienst<br />

war geboren.<br />

Die größte Sorge des absolutistischen Monarchen bestand<br />

darin, nicht zu wissen, was die Untertanen dachten und wie aufrichtig<br />

sie wirklich waren. Die Sekretäre, die er beschäftigte und<br />

die bis heute beschäftigt werden, leiten sich nicht von ungefähr<br />

vom lateinischen secreta ab, von Geheimnis. Der Jesuit Athanasius<br />

Kircher schlug 1684 vor, das gesamte Mauerwerk des fürstlichen<br />

Palasts mit Hörrohren zu durchziehen, um die Gespräche<br />

der Besucher zu belauschen. So gesehen sind Daten nichts anderes<br />

als Hörrohre in die Wirklichkeit. In Daten wird seit dem<br />

17. Jahrhundert Wissen repräsentiert.<br />

Das Labor ist der moderne Wissensproduzent schlechthin.<br />

Im Labor wird eine hypothetische Natur befragt. So forderte es<br />

Francis Bacon, freilich mit dem Ziel, die „Ressourcen der Erde<br />

auszubeuten“, was nur mit einem Wissen gelingt, das instand<br />

setzt, Materie zu manipulieren. Das Labor gleicht einem Folterkeller.<br />

In ihm werden die Dinge gezwungen, ihre Geheimnisse<br />

preiszugeben. Martin Heidegger hätte davon gesprochen, dass<br />

das Labor die Dinge stellt – so wie der Staat den Whistleblower.<br />

Im Labor werden Daten auf inquisitorische Weise gesammelt.<br />

Die Inquisition, die unnachgiebige, insistierende Befragung, ist<br />

der eigentliche Skandal am Boden der Wissensgesellschaft. An<br />

der Inquisition klebt genau jenes Blut, das nach Nietzsche den<br />

Grund einer Kultur ausmacht.<br />

Bis auf den heutigen Tag legt der Staat Wert darauf, mehr<br />

zu wissen als seine Bürger. Zu den von ihm sorgfältig gehüteten<br />

Geheimnissen gehört, was er zum Staatsgeheimnis erklärt, zur<br />

Verschlusssache. Der Staat weiß, dass derjenige, der weiß, was<br />

geheim gehalten wird, auch weiß, wonach er suchen muss. Man<br />

sieht: Das Geheimnis steht quer zur Wissens- und Transparenzgesellschaft.<br />

Und zwar gerade deshalb, weil die heutige Transparenz-<br />

oder Wissensgesellschaft den absolutistischen Staat in dessen<br />

Drang, von allem Kenntnis zu bekommen, beerbt hat. Alles<br />

soll transparent sein, alles soll gewusst werden. Staatsgeheimnisse<br />

sind letztlich ebenso unmöglich wie Datenschutz.<br />

Man denke nur an das jüngste Beispiel absolutistischer Wissensvermehrung:<br />

Eine nationale Gesundheitsstudie für Deutschland<br />

wurde angekündigt, die 200 000 Menschen umfassen und<br />

20 Jahre dauern soll. Naturgemäß wird das Forschungsprojekt<br />

damit begründet, dass es einen Wissensschub auslösen soll – in<br />

diesem Fall im Hinblick auf Volkskrankheiten wie Krebs, Diabetes,<br />

Demenz. Aber das ist ein Vorwand. Man sieht das schön<br />

an einem anderen Beispiel: an Staaten wie der Bundesrepublik<br />

Deutschland, zu deren Praxis es mittlerweile gehört, illegalen<br />

Datenhandel partiell zu legitimieren. Es muss sich nur um<br />

„Steuersünder-CDs“ handeln. Auch hier wird – wie bei der Gesundheitsstudie<br />

– moralisch argumentiert. Wo das Recht zum<br />

Spielball einer Situation wird, ist es außer Kraft gesetzt. Im<br />

Grunde ein unglaublicher Vorgang, ausnahmsweise tatsächlich<br />

unmoralisch bis in die Haarspitzen hinein. Zugegeben ist damit<br />

in jedem Fall, dass Daten und Datenschutz ein Selbstwiderspruch<br />

sind. Erinnern wir uns: Auch die katholische Kirche<br />

hintertrieb den von ihr errichteten Schutz des Beichtgeheimnisses,<br />

wenn es darum ging, die Glaubenslehre zu verteidigen. Das<br />

Erbe der Inquisition ist ungeahnt vielfältig.<br />

Ausgerechnet die Wissensgesellschaft hat also den Absolutismus<br />

und dessen Arkantradition beerbt. Das ist, wenn man so<br />

will, auch ihr am besten gehütetes Geheimnis. Vielleicht setzt<br />

sich allmählich wieder die Erkenntnis durch, dass die Wirklichkeit<br />

da draußen nicht so umfassend überwacht und ausspioniert<br />

werden kann wie das Netz. Schließlich ist es nach dem „Tod<br />

Gottes“ allein das Netz, das über uns alle Buch führt. Und das<br />

vermag es besonders effizient, weil Daten die Sprache sind, die<br />

Maschinen lesen können.<br />

Der englische Philosoph Michael Oakeshott sagt es so:<br />

„Ohne die Telegrafie, die dem osmanischen Sultan Abdul Hamid<br />

ermöglichte, die Armenier mit unvergleichlicher Effizienz abzuschlachten,<br />

und ohne das Telefon hätte die Politik der Zuversicht<br />

längst die Hälfte ihrer Anziehungskraft eingebüßt.“ Deshalb<br />

ist es Zeit für eine Politik der Skepsis statt der Zuversicht.<br />

Daten werden missbraucht, das ist ihnen gewissermaßen intrinsisch;<br />

da helfen gute Worte wenig. Die Fürsten bauen immer<br />

und überall Hörrohre in die Wände.<br />

Thomas Palzer<br />

ist Schriftsteller und Regisseur und benutzt das Programm<br />

Tor, um zu surfen, ohne Spuren zu hinterlassen<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 129


| S a l o n | M a n s i e h t n u r , w a s m a n s u c h t<br />

Die List der Libelle<br />

Joachim Patinirs Ansicht von Marseille ist Ausdruck einer<br />

Sattelzeit und zeigt die Taufe der diesjährigen Kulturhauptstadt<br />

Von Beat Wyss<br />

130 <strong>Cicero</strong> 8.2013


Fotos: Landschaft mit der Erhebung der heiligen Maria<br />

Magdalena, um 1520, Tempera auf Eichenholz; 25,8 x 36 cm,<br />

© 2013 Kunsthaus Zürich, artiamo (Autor)<br />

Um die gleiche Zeit<br />

wie die Lutherbibel<br />

entstand Patinirs<br />

„Landschaft mit der<br />

Erhebung der heiligen<br />

Maria Magdalena“,<br />

heute im Kunsthaus<br />

Zürich, Legat Walter<br />

Boveri, zu besichtigen<br />

I<br />

n diesem Jahr ist Marseille, gemeinsam<br />

mit dem slowakischen<br />

Kosice, Kulturhauptstadt Europas.<br />

Eine frühe Idealvedute der Stadt findet<br />

sich in einem Tafelbild von Joachim<br />

Patinir. Die Rhône-Mündung muss sich<br />

seinem inneren Auge so eingeprägt haben<br />

– wenn es denn stimmt, dass der<br />

wallonische Maler eine Pilgerreise in die<br />

Provence unternommen hat. Im Hintergrund<br />

verblaut eine Erinnerung an die<br />

französische Riviera, bekränzt vom Saum<br />

der Meeralpen.<br />

Eingeladen zu Patinirs Hochzeitsfest<br />

in Antwerpen, prägte Albrecht Dürer ein<br />

epochemachendes Wort, als er seinem<br />

Tagebuch vom 5. Mai 1521 anvertraute,<br />

sein Freund sei ein „gut landschafft mahler“.<br />

Patinir gehört zu den Begründern<br />

einer neuen Bildgattung. Seine Weltlandschaften<br />

stehen in der Tradition von<br />

Miniaturen in der Buchmalerei des frühen<br />

15. Jahrhunderts, der Zeit der Gebrüder<br />

von Limburg und van Eyck. Patinir<br />

beerbt deren fabulierende Art, die Figuren<br />

des Heilsgeschehens in naturalistischer<br />

Umgebung auftreten zu lassen.<br />

Unser Gemälde schildert Begebenheiten,<br />

die Jacobus de Voragine in der „Legenda<br />

Aurea“ beschreibt. Maria Magdalena<br />

erreicht mit Lazarus, Maximin und<br />

anderen Jüngern, von den Juden vertrieben<br />

und ausgesetzt in einem steuerlosen<br />

Schiff, die südfranzösische Küste. In der<br />

Ferne ist Marseille zu sehen, dessen erster<br />

Bischof Lazarus wurde. Auf halbem Weg<br />

zum Vordergrund des Bildes zeigt der<br />

Maler Aix-en-Provence, wo Gründungsbischof<br />

Maximin eine Kapelle errichtete.<br />

Textgetreu ragt ein bizarres Gebirg<br />

heraus: das Massif de la Sainte-<br />

Baume inmitten wuchernder Wälder und<br />

fruchtbarer Wiesen. Gerade die Unwahrscheinlichkeit<br />

dieser Darstellung beweist,<br />

dass der Maler die Pilgerstätte gesehen<br />

haben muss. Denn tatsächlich liegt der<br />

Wallfahrtsort am Fuß eines senkrechten<br />

Felsabbruchs, zugänglich über eine bewaldete<br />

Anhöhe. Patinir verbindet das Gesehene<br />

mit einer Bildtradition, die sich auf<br />

byzantinische Ikonen zurückverfolgen<br />

lässt: Schroff aufsteigende Felsen bilden<br />

das kompakte Zeichen für Wildnis. Hier,<br />

in der Grotte von Sainte-Baume, soll Maria<br />

Magdalena 30 Jahre lang büßend gelebt<br />

haben. Alle sieben Stunden des Gebets<br />

erhoben Engelshände die keusche<br />

Asketin gen Himmel, bekleidet nur mit<br />

ihrem üppigen Haar, womit sie die Füße<br />

Jesu von ihren Tränen getrocknet hatte.<br />

Akkurat malt Patinir, was Jacobus schrieb:<br />

Über der Provence schwebt, klein wie<br />

eine Libelle, aber triumphal, die erste<br />

Missionarin Frankreichs, die als Augenzeugin<br />

am Ostermorgen das leere Grab<br />

Christi gesehen hatte.<br />

Patinir malte das Gemälde um jene<br />

Zeit, als der gleichaltrige Martin Luther<br />

auf der Wartburg die Heilige Schrift ins<br />

Deutsche übertrug. So wie die Lutherbibel<br />

die Heilstatsachen Menschen nahebringt,<br />

die kein Latein verstehen, versetzt<br />

Patinir die frommen Legenden in eine<br />

heimatliche Gegend. Die Weltlandschaft<br />

markiert eine Sattelzeit: Einerseits in der<br />

Tradition der illuminierten Handschrift<br />

stehend, ist sie zugleich angeregt von Portolanen<br />

und Seebüchern, modernen Navigationshilfen<br />

auf den Weltmeeren. Patinirs<br />

Arbeitsort Antwerpen gehörte zu den<br />

bedeutendsten Bank- und Handelszentren,<br />

war Umschlagplatz von Zucker aus<br />

portugiesischen und spanischen Kolonien.<br />

Das christianisierte Marseille, dem<br />

unser Blick jetzt entgegensegelt, als wären<br />

wir Schwalben auf dem Winterflug<br />

nach Nordafrika, wurde zum wichtigsten<br />

Hafen Frankreichs im Aufstieg zur Kolonialmacht.<br />

Nach dem verlorenen Algerienkrieg<br />

hatte die Stadt aber die sozialen<br />

Kosten jener Glanzzeit zu tragen. Die<br />

pieds noirs, die Kolonialfranzosen, und<br />

die harkis, die kooperationsbereiten Algerier,<br />

flüchteten in die Städte der Provence.<br />

Die Bevölkerung von Marseille ist<br />

etwa zu einem Drittel muslimisch. Zugleich<br />

beherbergt die Stadt die größte jüdische<br />

Gemeinde am Mittelmeer außerhalb<br />

von Jerusalem. Um dieser Wirklichkeit einen<br />

Ort zu stiften, hat die Kulturhauptstadt<br />

im Alten Hafen das MUCEM gebaut:<br />

das Museum der Zivilisationen<br />

Europas und des Mittelmeerraums. Architekt<br />

ist Rudy Ricciotti, geboren in Algier.<br />

Man erreicht den Bau auch direkt mit<br />

dem Schiff vom Meer her: so wie die Märtyrer,<br />

wie die Seeräuber und wie die boat<br />

people von der nordafrikanischen Küste.<br />

B e at W y s s<br />

ist einer der bekanntesten<br />

Kunsthistoriker des Landes.<br />

Er lehrt in Karlsruhe<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 131


| S a l o n | B i b l i o t h e k s p o r t r ä t<br />

und ewig lockt<br />

das goldene Vlies<br />

132 <strong>Cicero</strong> 8.2013


Bildhauerin, Botschafterin a. D. und Enkelin<br />

des letzten österreichischen Kaisers:<br />

Gabriela von Habsburg hat in Büchern auch<br />

die Geschichte ihrer Familie gerettet<br />

Von Ingo Langner<br />

In Starnberg<br />

wohnt Gabriela<br />

von Habsburg.<br />

An diesem Flügel<br />

spielte Großmutter<br />

Klara-Marie<br />

einst auf der Veste<br />

Heldburg den<br />

Rotarmisten vor<br />

Foto: Dirk Bruniecki für <strong>Cicero</strong><br />

M<br />

it dem Kernbestand ihrer Bibliothek ist es Gabriela<br />

von Habsburg ergangen wie mit jener anderen, weit<br />

größeren historischen Fatalität: Das Wichtigste kam<br />

ihr abhanden. Gleichwohl ist in ihrem – keineswegs<br />

residenzähnlichen – Haus am Starnberger See<br />

nicht nur die untergegangene österreich-ungarische Monarchie<br />

in Wort und Bild allgegenwärtig. Auch die 1945 von der Roten<br />

Armee als Beutegut aus dem thüringischen Residenzschloss Elisabethenburg<br />

nach Moskau verschleppte, aus rund 15 000 Büchern<br />

bestehende Bibliothek von Herzog Georg II. von Sachsen-Meiningen<br />

ist wieder heimgekehrt zu ihr – wenn auch nur<br />

in wenigen Einzelstücken.<br />

Allgegenwärtig ist hier das Haus Österreich, weil die Hausherrin<br />

die viertgeborene Tochter ihrer Eltern Otto und Regina<br />

von Habsburg ist. Ohne die Folgen des Ersten Weltkriegs ginge<br />

sie heute als eine Enkelin Kaiser Karls I. von Österreich wohl<br />

in der Wiener Hofburg ein und aus. Eine familiäre Heimkehr<br />

lässt sich die zumindest vorübergehende Präsenz der berühmten<br />

herzoglichen Büchersammlung deswegen nennen, weil Gabriela<br />

von Habsburgs Mutter außerdem eine Prinzessin von Sachsen-<br />

Meiningen war.<br />

Schon beim ersten Rundgang durchs Haus bekennt die Erzherzogin,<br />

dass ihre beiden Lieblingsahnen Kaiser Karl V. und Herzog<br />

Georg II. sind. „Bei dem spanischen Vorfahren imponiert mir<br />

vor allem seine fest gegründete Katholizität. Und der Herzog von<br />

Sachsen-Meiningen ist für mich natürlich deswegen so großartig,<br />

weil er ein echter Künstler war und mit seiner naturalistischen ‚Meiningerei‘<br />

Theaterweltgeschichte geschrieben hat.“<br />

Vom „Theaterherzog“ könnte sie ihre künstlerischen Gene geerbt<br />

haben. Obwohl Gabriela von Habsburg von März 2010 bis<br />

März 2013 vor allem durch ihr Amt als streitbare und vife Botschafterin<br />

Georgiens in Deutschland für mehr als eine Schlagzeile<br />

gut war – ihre unverbrämten Analysen der russischen Außenpolitik<br />

haben eine englische Zeitung zu der viel sagenden Headline<br />

„The Princess and the Bear“ inspiriert –, ist sie eigentlich professionelle<br />

Bildhauerin und keine Berufsdiplomatin.<br />

Nach vier Semestern Philosophie scheint Gabriela von Habsburg<br />

sich ihrer wahren Berufung sicher gewesen zu sein. Sie entschloss<br />

sich 1978, von der Universität München an die Akademie<br />

der Bildenden Künste zu wechseln, um bei dem Dänen Robert<br />

Jacobsen und dem italienischstämmigen Schotten Eduardo Paolozzi<br />

die Grundlagen des Bildhauerhandwerks zu studieren. Wer<br />

die von ihr meist aus Edelstahl geformten und oft genug enorm<br />

großen Denkmale, Skulpturen und Brunnen kennt, fragt sich, woher<br />

diese grazile Frau nur die Kraft nimmt, solche Riesenformate<br />

zu stemmen. Ihr auf subtile Art in alle vier Himmelsrichtungen<br />

weisendes „Denkmal zur Grenzöffnung“ im ungarischen Sopron<br />

ist immerhin neun Meter hoch. Wer sonst als die Tochter hätte<br />

es bildhauern sollen, nachdem der Vater Otto von Habsburg als<br />

Schirmherr des „Paneuropäischen Picknicks“ am 19. August 1989<br />

bei der symbolischen Durchtrennung der Stacheldrahtgrenze zwischen<br />

Ungarn und Österreich seinen historisch bedeutenden Anteil<br />

hatte?<br />

Aufträge für Denkmale waren es, die Gabriela von Habsburg<br />

in den Osten Europas führten. Auch den georgischen Botschafterinnenposten<br />

hat sie, so seltsam es klingen mag, ihrer ersten eigenen<br />

Professur an der Kunstakademie in Tiflis, aber natürlich vor<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 133


| S a l o n | B i b l i o t h e k s p o r t r ä t<br />

Schwarze Schafe, aufgepasst: Auch ein Stall mit Lämmern gehört zum Starnberger Anwesen. Im Esszimmer dominiert ein Tisch<br />

aus Stahl und Glas, den die Hausherrin selbst anfertigte, in der Bibliothek fand ein Teil der Bücher Georgs II. sichere Zuflucht<br />

allem ihrem Rosen-Denkmal im Mziuri-Park in der georgischen<br />

Metropole zu verdanken. Aus Wasser und Stein erschaffen, symbolisiert<br />

es die erfolgreich dem russischen Bären abgerungene Unabhängigkeit<br />

Georgiens.<br />

Von ihren georgischen Freunden erfuhr sie, dass die Kreml-<br />

Herren ab und an gewisse Teile ihrer Weltkriegsbeute auf die<br />

Hauptstädte der Sowjetrepubliken verteilt hatten. Für Tiflis sprangen<br />

dabei mehr als 100 000 Bücher heraus. Darunter auch rund<br />

15 000, die mit dem Exlibris-Stempel Georgs II. versehen waren.<br />

Das war eine gute Nachricht. Doch Auge in Auge mit den alten<br />

Schätzen musste Gabriela von Habsburg den weniger erfreulichen<br />

Umstand zur Kenntnis nehmen, dass sich die Bücher in einem<br />

prekären Zustand befinden und nur eine aufwendige Restaurierung<br />

die kostbare Sammlung noch retten kann.<br />

Wozu Gabriela von Habsburg, der eine in Tiflis ansässige Stiftungs-Bibliothek<br />

vorschwebt, durchaus bereit wäre, wenngleich<br />

ihr dafür derzeit die finanziellen Mittel fehlen. Auch entstanden<br />

in Georgien nach dem kürzlich erfolgten Regierungswechsel neue<br />

bürokratische Hürden. Dennoch lässt sich Siegeszuversicht aus<br />

jener Geste ablesen, mit der sie ihrem Starnberger Gast einen<br />

Band aus der einst zur „Georgs-Bibliothek“ gehörenden achtteiligen<br />

„Allgemeinen Welthistorie“ präsentiert, die, 1749 zu Halle<br />

übersetzt, „in England von einer Gesellschaft Gelehrter angefertigt“<br />

worden ist. Aus dem sie zielsicher einen Eintrag herauspickt,<br />

der Märchenhaft-Mythisches vom Königreich Kolchis zu berichten<br />

weiß, dem heutigen Georgien. Dazu zählt natürlich auch die<br />

Geschichte von Medea und Jason und dem Goldenen Vlies, dem<br />

legendären Widderfell. Wer sich daran erinnert, dass der 1430<br />

von Philipp dem Guten, Herzog von Burgund, gestiftete „Ritterorden<br />

vom Goldenen Vlies“ seit 1477 die höchste Auszeichnung<br />

des Hauses Habsburg ist, der muss ein Schelm sein, wenn<br />

er die Liebe Gabriela von Habsburgs zu Georgien für eine Laune<br />

des Schicksals hält.<br />

Im Starnberger Anbau befindet sich eine eigens dem Hause<br />

Sachsen-Meiningen gewidmete neue Bibliothek. Die aus Tiflis<br />

heimgekehrten Stücke stehen aber auch deswegen in der alten<br />

Bibliothek, weil sich dort die sogenannten zwölf Philosophenköpfe<br />

befinden. Herzog Georg II. hatte sie gesammelt. Sie konnten<br />

noch vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs dem Zugriff der<br />

Sowjetarmee entzogen werden.<br />

Gabriela von Habsburg kannte die Köpfe von Sokrates, Aristoteles,<br />

Platon, Caesar, Homer, Lessing, Voltaire, Humboldt, Galilei,<br />

Dante, Kant und Molière schon als junges Mädchen, allerdings<br />

nur von schwarz-weißen Fotografien. Als der Familienrat<br />

schließlich ihrem Wunsch nachkam, ihr „die Philosophen“ zu<br />

überlassen, ahnte sie nicht, dass die gipsernen Schädel nicht handlich,<br />

klein und zahm, sondern deutlich mehr als überlebensgroß<br />

in ihr Heim einrücken würden. Doch da sie nun einmal da waren,<br />

wurden die raumeinnehmenden gewichtigen Herren terrakottafarben<br />

aufgehübscht und in die Hausbibliothek verpflanzt.<br />

Dort stehen sie noch immer.<br />

Nicht nur im Interieur ist Sachsen-Meiningen unübersehbar.<br />

Auch das Domizil selbst gehört gewissermaßen zur mütterlichen<br />

Linie der Hausherrin. Nicht nur deshalb, weil es vor deren Heirat<br />

Lebensmittelpunkt ihrer Mutter Regina war. Sondern weil Grundstück<br />

und Haus aus den Verkaufserlösen eines Gobelins, eines<br />

Colliers und einer Perlenkette stammen. Diese drei Kostbarkeiten<br />

waren das Einzige, was Gabriela von Habsburgs Großmutter<br />

Klara-Marie von Sachsen-Meiningen bei ihrer nächtlichen Flucht<br />

vor der Roten Armee mit in den Westen retten konnte.<br />

Bei so viel Verlustanzeigen stellt sich die Frage, ob es ein Buch<br />

gibt, das Gabriela von Habsburg über alle Zeitläufte hinweg besonders<br />

am Herzen liegt. Sie denkt sehr lange nach. Doch schließlich<br />

kommt eine Antwort, die aus dem Munde einer Frau, deren<br />

Vorfahren die Krone des Heiligen Römischen Reiches Deutscher<br />

Nation getragen haben, etwas Selbstverständliches hat: „Am meisten<br />

geprägt hat mich ‚Der endlose Chor‘. Diese heute fast vergessenen<br />

Heiligenlegenden von Wilhelm Hünermann hat meine<br />

Mutter Regina uns Kindern allabendlich vor dem Einschlafen<br />

im Bett vorgelesen. Von diesen einfach und kindgerecht erzählten<br />

Geschichten habe ich gelernt, dass sich in den Heiligen der<br />

ganze Reichtum des Menschlichen und das Füllhorn der göttlichen<br />

Gnade widerspiegeln. Wer das schon als Kind lernt, hat Rüstzeug<br />

fürs Leben genug.“<br />

Ingo Langner<br />

ist Filmemacher, Publizist und drehte schon an der<br />

Wiege der deutschen Schauspielkunst, in Meiningen<br />

Fotos: Dirk Bruniecki für <strong>Cicero</strong>, Christoph Lerch (Autor)<br />

134 <strong>Cicero</strong> 8.2013


DIE ENTSCHEIDUNG DES JAHRES – BUNDESTAGSWAHL AM 22. SEPTEMBER<br />

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136 <strong>Cicero</strong> 8.2013


D i e l e t z t e n 2 4 S t u n d e n | S a l o n |<br />

Goethe muss mit<br />

Für Sahra Wagenknecht ist der Abschied eine alpine<br />

Angelegenheit. In Südtirol schmeckt die Natur nach Ewigkeit. Und<br />

dann schlägt einer allerletzten Hoffnung die große Stunde<br />

Foto: Maurice Weiss/Ostkreuz für <strong>Cicero</strong><br />

G<br />

inge es mir gesundheitlich gut<br />

an meinem letzten Tag, dann<br />

würde mich mein Weg in die<br />

italienischen Alpen führen, vielleicht<br />

nach Südtirol. Ich habe es immer geliebt<br />

zu wandern, ich habe den weiten Blick<br />

genossen, wenn man auf dem Gipfel<br />

steht. Dieses wunderbare Bergmassiv in<br />

seiner stolzen Schönheit hat etwas Befreiendes,<br />

auch das Wissen darum, dass diese<br />

Schönheit im Unterschied zu unserem<br />

Leben nicht vergänglich ist. Auch wenn<br />

der Mensch sie beschädigt und Gletscher<br />

zum Schmelzen bringt – die Alpen vermitteln<br />

ein Gefühl von Ewigkeit.<br />

Bestimmt würde ich meine letzten<br />

24 Stunden nicht im Bundestag verbringen<br />

wollen. Ohne Politik lässt sich eine<br />

Gesellschaft nicht verändern, aber Politik<br />

ist kleinteilig und oft kleinkariert, vieles<br />

hat keine Wirkung oder allenfalls eine<br />

kurzfristige. Für die wirklich großen Veränderungen<br />

braucht man einen langen<br />

Atem.<br />

An meinem letzten Tag würde ich deshalb<br />

lieber noch einmal einen Dreitausender<br />

bezwingen, um ein letztes Mal das<br />

traumhafte Naturgefühl zu genießen, die<br />

Geräusche, die Landschaft. Wenn man in<br />

den Alpen aufsteigt, sind unten die Wiesen,<br />

die Blumen, die Bäche und Vögel.<br />

Weiter oben wird es dann karger, dafür<br />

Wenn Sahra Wagenknecht spricht,<br />

hat der Kapitalismus schlechte<br />

Karten. Die Politikerin der Partei<br />

Die Linke mag keine Kompromisse.<br />

Ihr Lieblingsautor aber ist weniger<br />

ein Ökonom aus Trier, sondern<br />

ein Dichterfürst aus Weimar. Den<br />

„Faust“ lernte sie einst auswendig<br />

www.cicero.de/24stunden<br />

bekommt man einen fantastischen Blick.<br />

Sicher würde ich an diesem Tag nicht allein<br />

wandern, sondern zu zweit.<br />

Oft habe ich beim Wandern ein Buch<br />

im Gepäck. Ich liebe Goethes Liebesgedichte,<br />

und an meinem letzten Tag würde<br />

ich sie bestimmt noch einmal zur Hand<br />

nehmen. Sie sind eine Hommage an die<br />

Menschheit und leben von der Überzeugung,<br />

dass der armselige, rein materiell<br />

ausgerichtete Egoist, den die heutige<br />

Ökonomie kultiviert, nicht der wirkliche<br />

Mensch ist. Der Mensch ist ein soziales<br />

Wesen, das lieben und sich für andere<br />

Menschen begeistern kann. Die große<br />

Liebeslyrik ist das Kontrastprogramm zur<br />

traurigen Reduktion des Menschen auf<br />

einen berechnenden Prozessor, der allein<br />

seinen Nutzen maximiert. Sie formuliert<br />

damit auch den Anspruch auf eine Gesellschaft,<br />

in der der Mensch dem anderen<br />

Menschen nahe sein kann, weil er die<br />

Sicherheit hat, auch ohne Einsatz seiner<br />

Ellenbogen nicht abzustürzen, weil er sich<br />

Muße und Entspannung leisten kann,<br />

ohne die soziale Beziehungen nicht leben<br />

können. Die Verbindung aus Natur und<br />

Lyrik ist das Schönste, das es für mich im<br />

Leben gibt. Sich lesend zu verabschieden –<br />

der beste Rahmen, wenn man schon gehen<br />

muss.<br />

Ich hoffe, dass ich dann auf ein Leben<br />

zurückblicken kann, in dem ich etwas<br />

bewegt habe. Es wäre schön, mit<br />

der Zuversicht zu gehen, dass die Menschen<br />

einer Gesellschaft näher gekommen<br />

sind, die ihnen gerecht wird. Eine Gesellschaft,<br />

die die Menschen nicht mehr<br />

zu Konkurrenten herabwürdigt, die nicht<br />

ihre schlechtesten Eigenschaften – Habgier,<br />

Geiz, Selbstbezogenheit – kultiviert,<br />

sondern das, was den Menschen menschlich<br />

macht: Liebesfähigkeit, soziale Bindungen,<br />

ein Gefühl für die eigene Würde<br />

und die der anderen. Eine Gesellschaft, in<br />

der Menschen Sinn für das Schöne haben,<br />

für Literatur, für Kunst – und die<br />

Zeit dazu.<br />

Aufgezeichnet von Sarah-Maria Deckert<br />

8.2013 <strong>Cicero</strong> 137


C i c e r o | P o s t S c r i p t u m<br />

Armageddon<br />

Von Alexander Marguier<br />

W<br />

as waren das für schöne Zeiten, als die Zeugen Jehovas<br />

noch von Haustür zu Haustür gingen, einem<br />

den Wachtturm in die Hand drückten und auf Nachfrage<br />

irgendetwas über bevorstehende Endzeitkriege erzählten.<br />

Diese Leute, zumeist ältere Männer in eierschalfarbenen<br />

Windjacken, wirkten ungefähr so bedrohlich wie ein Seniorennachmittag,<br />

und wer ihnen ein bisschen zuhörte, kam zwangsläufig<br />

zu dem Schluss, dass ein Weltuntergang ja kein Beinbruch<br />

sein muss.<br />

Heute dagegen begegnet uns eine neue Generation von<br />

Endzeitpredigern – und zwar in Form des Eurokrisenorakels,<br />

kurz EKO. Das EKO legitimiert sich zunächst durch die Behauptung,<br />

es habe als einziges Medium die Eurokrise bereits zu<br />

einem Zeitpunkt vorhergesagt, als Griechenland einfach nur<br />

ein sympathisches Urlaubsgebiet mit Triple-A-Bonität war und<br />

Lehman Brothers eine sichere Bank. Um uns dann eine Zukunft<br />

auszumalen, gegen die die Höllenbilder eines Hieronymus<br />

Bosch eher noch harmloses Geplänkel sind.<br />

Eines der aufdringlichsten Eurokrisenorakel ist ein Mann<br />

namens Günter Hannich, der sich „Experte für Geldsicherheit“<br />

nennt und neuerdings ständig im Internet auftaucht (manchmal<br />

auch im Fernsehsender NTV). Der moderne Armageddon-<br />

Prophet vom Typ Günter Hannich trägt Krawatte und sieht<br />

auch sonst aus wie der Bankberater von der örtlichen Sparkassenniederlassung,<br />

verbindet dieses amtlich-seriös anmutende Erscheinungsbild<br />

jedoch mit der Verkündigung haarsträubendster<br />

Horrorszenarien.<br />

Auf der Hannich-Homepage klingt das beispielsweise so:<br />

„Eurozusammenbruch. Schuldenchaos. Wirtschaftskrise. Der<br />

totale Zusammenbruch kommt! Der Euro versinkt im Chaos!<br />

Ihr Geld ist in Gefahr. Alles, was Sie sich aufgebaut haben, ist<br />

in Gefahr. Es gibt nur noch einen Ausweg!“ Anders als bei endzeitlichen<br />

Sekten, die einem den Ausweg aus dem ganzen Schlamassel<br />

noch durch spirituelle Übungen weisen konnten, hilft<br />

in der Schreckenswelt der Günter Hannichs jedoch kein Gebet<br />

und erst recht kein Bausparvertrag. Sondern einzig und allein<br />

ein Abonnement des Newsletters „Hannich vertraulich“. Vertraulichkeit,<br />

die konspirative Schwester des Vertrauens, hat in<br />

der Krise Konjunktur. Denn wenn das Vertrauen abhandengekommen<br />

ist, besorgt man sich seine Informationen eben auf anderen,<br />

auf „vertraulichen“ Wegen. Das gilt nicht nur für Secret<br />

Services, sondern auch für Kleinanleger – das Geheimnis des<br />

Glaubens als Bestandteil der ökonomischen Liturgie.<br />

Die quasireligiöse Dimension der Finanzkrise sollte ein ergiebiger<br />

Forschungsgegenstand für Kulturanthropologen sein.<br />

Der Euro ist ja längst nicht mehr nur eine Gemeinschaftswährung,<br />

sondern eine vergöttlichte Wesenheit, von der angeblich<br />

die Existenz eines ganzen Kontinents abhängt. Wer dieser Doktrin<br />

nicht folgt, wird von den Hütern des heiligen Euro-Grals als<br />

Schismatiker gebrandmarkt – einige gründen dann sogar ihre<br />

eigene Anti-Euro-Sekte und bezeichnen das Ergebnis als politische<br />

Partei. In dieser Gemengelage erscheinen nüchterne Professoren<br />

der Ökonomie nicht mehr als Wissenschaftler, sondern<br />

vielmehr wie Wahrsager oder Hohepriester eines rätselhaften<br />

Kultes. Es geht keineswegs um gesicherte Erkenntnis, sondern<br />

um die Deutungshoheit von Wirtschafts-„Weisen“.<br />

Da ist es eigentlich auch nur konsequent, wenn sich die Eurokrisenorakel<br />

unserer Tage nicht wie Finanzberater inszenieren,<br />

sondern als Erlöserfiguren. „Das ist der Retter!“, heißt es völlig<br />

ironiefrei auf seiner Homepage unter einem Foto Günter Hannichs.<br />

Und wer sich dem Retter nicht anvertraulicht, so die Botschaft,<br />

ist für immer verloren: „Das Chaos kommt! Handeln Sie<br />

jetzt, bevor es zu spät ist!“<br />

Ich kann nicht genau sagen, warum. Aber als Weltuntergangsprediger<br />

waren mir die Zeugen Jehovas in ihren eierschalfarbenen<br />

Windjacken irgendwie lieber.<br />

Alexander Marguier<br />

ist stellvertretender Chefredakteur von <strong>Cicero</strong><br />

Illustration: Christoph Abbrederis; Foto: Andrej Dallmann<br />

138 <strong>Cicero</strong> 8.2013


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