Cicero Christdemokratische Einheitspartei Deutschlands (Vorschau)
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<strong>Christdemokratische</strong><br />
<strong>Einheitspartei</strong><br />
<strong>Deutschlands</strong><br />
Was von der CDU noch übrig ist<br />
Obamas Stasi<br />
Der NSA-Skandal und die Folgen<br />
Klamme Kaderschmieden<br />
Den Privatuniversitäten geht das Geld aus<br />
Schrankwand adieu!<br />
Das deutsche Wohnzimmer wird erkundet<br />
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TITELBILD: JENS BONNKE; FOTOS: JONAS MARON, EASTBLOCKWORLD. COM, BILDAGENTUR ZOONAR; ILLUSTRATION: BIRGIT SCHÖSSOW<br />
Der Zeichner<br />
Der Berliner Illustrator<br />
Jens Bonnke arbeitet<br />
sehr klar, jedoch nie<br />
grob, sondern mit<br />
feinem Witz. Es<br />
passt zu seinem Stil,<br />
dass er auch Kinderund<br />
Jugendbücher macht. „Schräger<br />
Vogel, krummer Hund“ heißt eines. Für<br />
Zeitschriften illustriert er politische<br />
und gesellschaftliche Phänomene, zu<br />
den Kunden zählen New York Times<br />
oder Le Monde diplomatique. Für <strong>Cicero</strong><br />
gestaltete er dieses Jahr schon den Juni-<br />
Titel zur demografischen Entwicklung:<br />
den unversehens wachsenden deutschen<br />
Gartenzwerg. Oder die dreifache Kanzlerin<br />
für dieses Heft. Merkel, Merkel, Merkel –<br />
um die Entwicklung ihrer Partei zur<br />
Uniformität zu zeigen, ließ Bonnke sich<br />
von dem Banner inspirieren, das einst die<br />
Einheits denke im Sozialismus symbolisierte.<br />
Marx, Engels, Lenin. Im Sozialismus wurden derartige<br />
Banner der Dreieinigkeit bejubelt<br />
Auch die Zeichnerin<br />
Birgit Schössow griff<br />
ein sozialistisches<br />
Symbol auf. Den<br />
Report zur CDU in<br />
diesem Heft illustriert<br />
sie mit einer Variation<br />
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LUMAS.DE
C i c e r o | A t t i c u s<br />
Von: <strong>Cicero</strong><br />
An: Atticus<br />
Datum: 25. Juli 2013<br />
Thema: CDU, Merkel, NSA, das deutsche Wohnzimmer<br />
Vertrocknete Volkspartei<br />
Illustration: Christoph Abbrederis<br />
A<br />
n gela Merkels Art, Politik zu machen, ist dem Land in den vergangenen acht<br />
Jahren in mancherlei Hinsicht gut bekommen. Sie hat sich als Krisenkanzlerin durch<br />
Besonnenheit ausgezeichnet und hiesige Interessen bei gleichzeitigem Gespür fürs<br />
europäische Ganze vertreten. Deutschland steht gut da in einer Zeit, in der viele Länder schlecht<br />
aussehen.<br />
Angela Merkels Art, Politik zu machen, hat dem Land aber auch einen Schaden zugefügt. Die<br />
Kanzlerin hat die Konturen der Gegenspieler in dieser Republik abgeschliffen, jedem wichtigen<br />
Streit den Saft entzogen, sie hat so das Land politisch dehydriert. Eine Demokratie aber lebt<br />
von der Auseinandersetzung. Wo der Streit fehlt, verkümmert die Demokratie. Merkel hilft die<br />
Eintönigkeit, ihre Methode der Demobilisierung ist gut für sie, aber schlecht fürs Land.<br />
Und schlecht für die CDU? Auch eine Partei lebt vom Streit, von der Abgrenzung vom<br />
politischen Kontrahenten. Was war es einem Helmut Kohl für eine Freude, auf die „Sozzn“<br />
einzudreschen, und wie stark mobilisierte diese politische Rauflust innerparteiliche Kräfte! Im<br />
Zuge von Merkels Modernisierung sind der CDU aber der Gegner und der eigene Wesenskern<br />
abhandengekommen. Gegen das Matriarchat der Merkel nimmt sich Kohls Patriarchat in der<br />
CDU aus wie eine Villa Kunterbunt. Alexander Marguier hat sich der Frage zugewandt, was<br />
Merkel aus der guten alten CDU gemacht hat und was von ihr übrig bleiben wird, wenn die<br />
Partei ihren verbliebenen Daseinszweck, die dritte Amtszeit der Angela Merkel, erfüllt hat<br />
(ab Seite 18). Renate Köcher, Chefin des Allensbacher Instituts für Demoskopie, analysiert im<br />
Interview Wohl und Wehe der CDU zu Zeiten Merkels und kommt ebenfalls zu dem Schluss,<br />
dass zu den Zeiten Helmut Kohls mehr los war in der CDU (ab Seite 28).<br />
Der dritten Amtszeit als Kanzlerin entgegenzugehen, ist eine Leistung, für die es Vertraute<br />
braucht, die sich im Laufe der Jahre mit der Mächtigen synchronisiert haben. Eine der beiden<br />
Alter Egos von Merkel, Eva Christiansen, stellt der langjährige Parlamentskorrespondent Thomas<br />
Kröter aus Anlass der nahenden Bundestagswahl vor (ab Seite 30).<br />
Die Abhöraffäre der amerikanischen NSA bringt die Kanzlerin derzeit mehr unter Druck als<br />
die Opposition, weshalb sich an mehreren Stellen im Heft Autoren der Thematik annehmen.<br />
Frank A. Meyer sieht die Mentalität der US-Geheimdienstler in der Tradition von Erich Mielke<br />
(ab Seite 48), der Beauftragte für die Stasiakten, Roland Jahn, warnt vor solchen Vergleichen<br />
(ab Seite 68). Der Amerikaspezialist Marcus Pindur untersucht die Auswirkungen aufs<br />
transatlantische Verhältnis (ab Seite 64), der Schriftsteller und Regisseur Thomas Palzer reflektiert<br />
den Datenskandal als Schattenseite unserer digitalen Wissensgesellschaft (ab Seite 128).<br />
Nehmen Sie das Heft und machen Sie es sich auf Ihrem Sofa bequem. Bei der Gelegenheit<br />
können Sie Ihr eigenes Wohnzimmer mit dem deutschen Durchschnittswohnzimmer vergleichen,<br />
das wir ab Seite 98 einer Stilkritik unterziehen.<br />
Mit besten Grüßen<br />
In den „Epistulae ad Atticum“ hat<br />
der römische Politiker und Jurist<br />
Marcus Tullius <strong>Cicero</strong> seinem<br />
Freund Titus Pomponius Atticus<br />
das Herz ausgeschüttet<br />
Christoph Schwennicke, Chefredakteur<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 5
C i c e r o | I n h a l t<br />
Titelthema<br />
18<br />
Angies Union<br />
Bloß nicht anecken: Wie Angela Merkel sich die CDU<br />
zur uniformen Lifestyle-Partei geformt hat<br />
von Alexander Marguier<br />
28<br />
„Gefühl grosser Distanz“<br />
Die Allensbach-Chefin über schwarz-grüne Träume<br />
und die Versäumnisse der SPD<br />
Interview mit renate Köcher<br />
Illustration: Birgit Schössow<br />
6 <strong>Cicero</strong> 8.2013
I n h a l t | C i c e r o<br />
30<br />
Kanzleramt<br />
56<br />
Land im Umbruch<br />
92<br />
Selbstzufriedener Westen<br />
BERLINER REPUBLIK WELTBÜHNE kapital<br />
30 | die blonde eminenz<br />
Eva Christiansen berät die Kanzlerin<br />
nicht nur, sie interpretiert sie auch<br />
Von thomas kröter<br />
50 | SChreck der Mächtigen<br />
Brasiliens oberster Richter ist ein Mann,<br />
dem das Volk vertraut<br />
Von Constantin WiSSmann<br />
80 | Clooney der Geldpolitik<br />
Mark Carney ist der erste Ausländer an<br />
der Spitze der Bank of England<br />
Von Olaf Storbeck<br />
32 | zwischen den fronten<br />
Mouhanad Khorchide gerät als liberale<br />
Stimme des Islam in einen Konflikt<br />
Von Jan Kuhlmann<br />
52 | „Ich traue Cameron nicht“<br />
Nigel Farage, britischer Populisten-Chef,<br />
will sofort raus aus der EU<br />
Von Ellen Alpsten<br />
82 | Bis 17 Uhr auf dem Gipfel<br />
Antje von Dewitz macht aus Vaude<br />
Europas grünsten Outdoor-Ausrüster<br />
Von Christophe Braun<br />
34 | Lausitzer KronPrinz<br />
Dietmar Woidke könnte Matthias<br />
Platzeck in Potsdam beerben<br />
Von Ulrich thiessen<br />
56 | Machtpoker am Nil<br />
Mursi ist gestürzt, das Militär an der<br />
Macht. Wie geht es weiter in Ägypten?<br />
Von Hamed Abdel-Samad<br />
84 | Erwartet hat ihn keiner<br />
Der Maschinenbauer Markus Dohle ist<br />
der mächtigste Mann der Buchbranche<br />
Von Thomas Schuler<br />
Fotos: Laurence Chaperon, Xinhua/Li Muzi/imago, Polaris/Laif; Illustration: Christoph Abbrederis<br />
36 | herr aiwanger und<br />
seine knechte<br />
Als ein bayerischer Schweinezüchter die<br />
Freien Wähler groß machen wollte. Ein<br />
Lehrstück über Macht und Menschen<br />
Von constantin magnis<br />
43 | frau fried fragt sich …<br />
… was aus ihren jungen<br />
Facebook‐Freunden wurde<br />
Von amelie fried<br />
44 | mein wunschkabinett<br />
<strong>Cicero</strong>-Wahlserie: Prinz Charles neben<br />
Rosa Luxemburg auf der Regierungsbank<br />
Von christiane paul<br />
46 | meine schülerin<br />
Katrin Göring-Eckardt war früher nicht<br />
politisch, aber sprachlich stark<br />
Von constantin magnis<br />
48 | Dieser „Verrat“ ist Bürgerpflicht<br />
Edward Snowden wurde zum Staatsfeind,<br />
weil er die Internet-Stasi entlarvte<br />
Von Frank A. Meyer<br />
62 | zuRück, Marsch, Marsch!<br />
Der Abzug aus Afghanistan ist eine<br />
logistische Herausforderung<br />
Von Heidi rEisinger<br />
64 | puppenstube Deutschland<br />
Angesichts der NSA-Abhöraffäre täte<br />
mehr Realpolitik gut<br />
Von Marcus Pindur<br />
68 | „Nicht akzeptabel“<br />
Der Hüter der Stasi-Akten Roland Jahn<br />
im Interview über NSA, Prism und Stasi<br />
Von Alexander Kissler<br />
Und Hartmut Palmer<br />
70 | Mandelas Traum<br />
20 Jahre demokratisches Südafrika<br />
in einer Fotoreportage<br />
Von Per-Anders Pettersson<br />
und Claudia Bröll<br />
78 | Putins neue DDR<br />
Die EU darf nicht länger<br />
Nachsicht mit Russland üben<br />
Von Werner Schulz<br />
88 | Klamme Kaderschmieden<br />
Statt die Elite auszubilden, kämpfen<br />
deutsche Privatunis gegen die Pleite<br />
Von Benno STieber<br />
92 | „Thatcher statt Merkel“<br />
Der Historiker Niall Ferguson warnt den<br />
Westen vor zu viel Selbstzufriedenheit<br />
Von Brigitte Neumann<br />
94 | Vorwärts immer,<br />
rückwärts nimmer<br />
Sozialdemokratische Vordenker zweifeln<br />
am Euro – ein nostalgischer Irrweg<br />
Von Henrik Enderlein<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 7
C i c e r o | I n h a l t<br />
120<br />
Das deutsche Kabarett<br />
98<br />
Das deutsche Wohnzimmer<br />
Stil<br />
Salon<br />
96 | DIE NEO-neurotische<br />
Greta Gerwig präsentiert ein neues<br />
Frauenbild auf der Leinwand<br />
Von THOMAS ABELTSHAUSER<br />
110 | hin zur Natur<br />
Der Philosoph Wolfgang Welsch fordert<br />
eine Revolution des Denkens<br />
Von michael Stallknecht<br />
130 | Man sieht nur, was man sucht<br />
Joachim Patinirs Ansicht von Marseille<br />
zeigt die Taufe der Kulturhauptstadt<br />
Von beat wyss<br />
98 | IRGENDWIE TYPISCH<br />
Ein Besuch im durchschnittlichen<br />
deutschen Wohnzimmer<br />
Von Ulrich Clewig<br />
112 | mit scharfem Skalpell<br />
Die Sopranistin Anna Prohaska schöpft<br />
Schönheit aus der Verwirrung<br />
Von eva gesine Baur<br />
132 | Bibliotheksporträt<br />
Gabriela von Habsburg hat in Büchern<br />
die Geschichte ihrer Familie gerettet<br />
Von ingo langner<br />
101 | warum ich trage, was ich trage<br />
„Von mir entworfene Kleidung<br />
würde ich nie anziehen“<br />
Von VLADIMIR KARALEEV<br />
114 | glück ist gefährlich<br />
Nobelpreis-Verkünder Horace Engdahl<br />
hat sich zum Schriftsteller verpuppt<br />
Von Ulrich Schacht<br />
136 | die letzten 24 Stunden<br />
Beim Sterben sind Goethes Gedichte<br />
und die Alpen unverzichtbar<br />
Von sahra Wagenknecht<br />
102 | Oh, diese süsse Leere<br />
Der italienische Sommerfilm „La Grande<br />
Bellezza“ ist allein schon wegen der<br />
Mode des Hauptdarstellers ein Genuss<br />
Von ANNE WAAK<br />
108 | Küchenkabinett<br />
Neue Eissorten für große Kinder<br />
Von Julius grützke und Thomas Platt<br />
117 | benotet<br />
Die sommerlichen Musikfestivals<br />
betören nirgends so wie in der Schweiz<br />
Von daniel Hope<br />
118 | das Netz ist nicht genug<br />
Museen müssen das Internet endlich als<br />
kuratorischen Raum begreifen<br />
Von poul erik TØjner<br />
120 | „Der Zug ist abgefahren“<br />
Die Kabarettisten Kinseher, Pigor und<br />
Rating über Humor in Wahlkampfzeiten<br />
Von alexander Kissler<br />
126 | ins Herz der Masse<br />
Der Volksempfänger war ein technischer<br />
und propagandistischer Meilenstein<br />
Von philipp Blom<br />
128 | Die hörrohre sind wieder da<br />
In der Wissensgesellschaft hat sich ein<br />
absolutistischer Schnüffelstaat etabliert<br />
Von thomas palzer<br />
Standards<br />
Atticus —<br />
Von Christoph Schwennicke — seite 5<br />
Stadtgespräch — seite 10<br />
Forum — seite 14<br />
Impressum — seite 16<br />
Postscriptum —<br />
Von Alexander Marguier — seite 138<br />
Die nächste <strong>Cicero</strong>-Ausgabe<br />
erscheint am 22. August 2013<br />
Fotos: Anna Mutter für <strong>Cicero</strong>, Thomas Meyer/Ostkreuz für <strong>Cicero</strong>; Illustration: Christoph Abbrederis<br />
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C i c e r o | S t a d t g e s p r ä c h<br />
Im Parlament tobt ein seltsamer Streit: Dürfen Hunde in den Reichstag?<br />
Zugleich grassiert unter den Mitarbeitern der Abgeordneten die Angst um den<br />
Arbeitsplatz. Sahra Wagenknechts Ex will ein Mandat – und sie hilft ihm dabei<br />
Political Animals:<br />
hunde in den reichstag?<br />
T<br />
iere sind im Parlament normalerweise<br />
nicht zugelassen. Als der<br />
Sozialdemokrat Hans „Lumpi“<br />
Lemp aus Vechta in den siebziger Jahren<br />
in Bonn in seinem Abgeordnetenbüro<br />
ein leibhaftiges Huhn hielt, um auf diese<br />
Weise gegen die seiner Meinung nach unverschämten<br />
Eierpreise zu protestieren,<br />
machte er bundesweit Schlagzeilen. Jetzt<br />
tobt im Parlament wieder ein ähnlicher<br />
Streit: Dürfen Hunde in den Reichstag,<br />
oder müssen sie weiterhin draußen bleiben?<br />
Sogar im Geschäftsordnungsausschuss des<br />
Bundestags wurde darüber debattiert. Dessen<br />
Vorsitzender, Thomas Strobl (CDU),<br />
hätte nichts dagegen: „Mich täten Hunde<br />
nicht stören.“ Allerdings will er sie nur in<br />
die Abgeordnetenbüros lassen, nicht in den<br />
Plenarsaal.<br />
Das sieht der FDP-Abgeordnete Pascal<br />
Kober genauso, denn: „Im Plenarsaal<br />
wird schon reichlich oft gebellt.“ Außerdem<br />
würde sich die Gefahr erhöhen, „dass<br />
manche Abgeordneten der Opposition<br />
für ihre Reden gebissen werden.“ Hunde<br />
im Plenum – das geht gar nicht, meinen<br />
Freunde Angela Merkels, die deren Hundephobie<br />
kennen. Wie sähe das denn aus,<br />
wenn die Kanzlerin vor lauter Angst, gebissen<br />
zu werden, nur noch mit hochgezogenen<br />
Beinen auf der Regierungsbank säße?<br />
Nicht sehr souverän.<br />
Gegen die Hundelobby, die jetzt in<br />
einer 15-köpfigen rot-grünen Koalition<br />
die Zulassung ihrer Lieblinge beantragt<br />
hat, machen Hundegegner wie der CDU-<br />
Mann Franz-Josef Holzenkamp massiv mobil:<br />
„Den Anfang machen die Hunde. Irgendwann<br />
stehen dann Hamsterkäfige im<br />
Plenarsaal oder streunen Katzen durch den<br />
Bundestag.“ Auch Freidemokrat Hans-<br />
Michael Goldmann ist dagegen, weil „wir<br />
aus dem Bundestag keinen Zoo machen<br />
können“.<br />
Die SPD-Abgeordnete Silvia Schmidt<br />
aber meint: „Mein Hund ist mein Freund.<br />
Er braucht meine Nähe und ich brauche<br />
seine!“ Und der Anführer der Hunde-<br />
Lobby, der SPD-Mann Heinz Paula, ist<br />
davon überzeugt: „Ein Hund als Kollege –<br />
das funktioniert in anderen Arbeitsbereichen<br />
doch auch gut.“ Wissenschaftliche<br />
Unterstützung lieferte der Deutsche Tierschutzbund<br />
in der letzten Juni-Woche zum<br />
Aktionstag „Kollege Hund“: Ein Hund im<br />
Büro wirke stressabbauend, ihn zu streicheln,<br />
senke den Blutdruck und beuge sogar<br />
Depressionen vor. tz<br />
arbeitsplätze gefährdet:<br />
angst um die pfründe<br />
B<br />
ald werden die Pfründe wieder<br />
neu verteilt im Politikbetrieb der<br />
Hauptstadt. Wer kommt? Wer<br />
muss gehen? Viel Hoffnung ist im Spiel,<br />
aber auch viel Angst – und die kann man<br />
manchmal fast riechen, zum Beispiel in der<br />
S-Bahn: Die FDP liege gerade bei 4 Prozent,<br />
raunt da eine gelblich kostümierte<br />
Dame ihrer Beisitzerin zwischen Alexanderplatz<br />
und Friedrichstraße zu. Wenn sich<br />
in den kommenden Wochen nichts ändere,<br />
sitze in ihrem Abgeordnetenbüro bald ein<br />
anderer. „Und ich bin arbeitslos.“<br />
Kein Wunder also, dass sich angesichts<br />
solcher Existenzängste zurzeit alle Parteien<br />
– mit Ausnahme der Linken – dafür<br />
starkmachen, wenigstens bei der EU-<br />
Wahl im Jahr 2014 das Quorum zu senken<br />
und eine Drei-Prozent-Klausel einzuführen.<br />
Kleine Parteien würden sonst ausgesiebt,<br />
nur die großen dürften einziehen. Ob<br />
das verfassungskonform ist? Wer sich sorgt,<br />
der fragt nicht. Er hofft. Genauso wie die<br />
Frau in Gelb und ihre Partei. amr<br />
illustrationen: Cornelia von Seidlein<br />
10 <strong>Cicero</strong> 8.2013
ein minister schwärmt:<br />
kämpfen wie borussia<br />
F<br />
ür den FuSSballverein Borussia<br />
Dortmund und dessen Trainer<br />
Jürgen Klopp schwärmte Thomas<br />
de Maizière schon, als die Borussen noch<br />
siegten und es auch ihm politisch noch gut<br />
ging. Jetzt aber erst recht: Seit die Borussen<br />
das Endspiel in der Champions-League gegen<br />
die Bayern verloren haben und er selbst<br />
wegen der Drohnenaffäre den Ruf des stillen<br />
Ersatzkanzlers los ist, redet der Bundesminister<br />
der Verteidigung im kleinen<br />
Kreis besonders oft und bewundernd über<br />
die Tugenden der Fußballer im schwarzgelben<br />
Trikot. Er lobt ihren Kampfesmut,<br />
ihren Spielwitz und ihre Art, souverän mit<br />
Niederlagen fertig zu werden – als müsse<br />
er sich selbst anfeuern.<br />
Besonders der Trainer hat es ihm angetan.<br />
„Kloppo“ habe seinen Jungs eingetrichtert,<br />
dass ein verlorener Ball keine Niederlage<br />
ist, „sondern die Chance, sich den<br />
Ball wiederzuerobern“. Verlierst du den<br />
Ball, so die ständige Mahnung des Trainers,<br />
ist es in den ersten fünf Sekunden<br />
danach am wahrscheinlichsten, ihn wieder<br />
zurückzugewinnen. Das gelte, sagt de Mazière,<br />
auch für die Politik. Hier zähle ebenfalls<br />
das Primat des Ballbesitzes und das<br />
Prinzip des sofortigen „Gegenpressings“ bei<br />
Ballverlust. In der Politik gelte im Übrigen<br />
auch, was in Dortmund von den Trainern<br />
schon in der Pampers-Liga-Mannschaft gepredigt<br />
werde: „Nicht ihr schießt das Tor,<br />
sondern die Mannschaft.“<br />
Allerdings läuft es derzeit für de Maizière<br />
überhaupt nicht nach den Dortmunder<br />
Regeln. Selbst in der CDU lastet man<br />
dem Minister das Drohnen-Desaster an.<br />
In der Sommerpause muss er sich vor einem<br />
Untersuchungsausschuss rechtfertigen.<br />
Keine guten Zeiten also für den fußballbegeisterten<br />
CDU-Mann.<br />
Als er am Kabinettstisch von Angela<br />
Merkel Platz nahm, sagte er einmal: „Wir<br />
haben einen erfrischenden Zugang zu den<br />
Problemen. Denn wenn ein Zugang scheitert,<br />
suchen wir uns einen neuen.“ In der<br />
Drohnen-Affäre funktioniert das nicht.<br />
Vermutlich, weil eine weitere Doktrin seiner<br />
fußballpolitischen Philosophie auch<br />
nicht beachtet wird: De Maizière steht in<br />
der Politik nicht auf der fußballerischen<br />
Position des „Sechsers“, die er für die entscheidende<br />
beim Kicken hält. Den „Sechser“<br />
nannte man früher „Libero“, Franz<br />
Beckenbauer hat ihn einst gespielt. De<br />
Maizière: „Ein guter Sechser steht dort, wo<br />
der Ball hinkommt, als hätte er schon fünf<br />
Minuten früher gewusst, dass der Ball genau<br />
da vorbeirollt.“ Bei ihm selbst hat das<br />
ganz offensichtlich nicht geklappt. tz<br />
Sahra wagenknecht:<br />
wahlhilfe für den Ex<br />
R<br />
alph Thomas Niemeyer, geboren<br />
1969 als Sohn eines Bonner Ministerialbeamten,<br />
freischaffender<br />
Journalist und Filmemacher, ist und war<br />
immer schon eine schillernde Figur: gewandt<br />
und gewitzt, den Genüssen und den<br />
Frauen zugetan – ein Lebenskünstler vom<br />
Schlag des literarischen Hochstaplers Felix<br />
Krull. Seine spektakulärste Eroberung war<br />
zweifellos die schöne Kommunistin Sahra<br />
Wagenknecht. Obwohl die beiden privat<br />
längst wieder getrennte Wege gehen, will<br />
er (auch mit ihrer Hilfe) jetzt in den Deutschen<br />
Bundestag einziehen.<br />
Politik interessiert ihn schon, als er<br />
noch zur Schule geht und das Godesberger<br />
„Pädagogium“ in Bonn besucht. Da<br />
interviewt er bereits die Kanzler Helmut<br />
Schmidt und Helmut Kohl. Nebenbei arbeitet<br />
er für einen amerikanischen TV-Sender.<br />
Zum Unterricht geht er nach eigenem<br />
Bekunden eigentlich nur, „wenn im Bundestag<br />
oder sonst nichts weiter“ anliegt.<br />
Hausaufgaben macht er seit der 10. Klasse<br />
selten oder nie – keine Zeit.<br />
Einmal legt er seinem Lateinlehrer einen<br />
von Bundespräsident Richard von<br />
Weizsäcker unterschriebenen Entschuldigungszettel<br />
vor und erklärt sein Fernbleiben<br />
vom Unterricht lapidar mit dem Satz:<br />
„Ich musste zum Staatsbesuch.“ Er hat das<br />
Schreiben vorher aufgesetzt und den Präsidenten<br />
– mit der Bitte um ein Autogramm<br />
– unterschreiben lassen.<br />
Mit der Justiz kommt er 1996 als angeblicher<br />
Finanzberater wegen unlauterer<br />
Kapitalgeschäfte in Konflikt: fünf Jahre Berufsverbot.<br />
Dabei habe er, sagt er heute –<br />
wie Günter Wallraff – nur zum Schein<br />
und undercover als Finanzberater gearbeitet,<br />
um die Machenschaften der Branche<br />
aufzudecken. Sechs Jahre später ist er in<br />
dubiose Kunstgeschäfte in Millionenhöhe<br />
verwickelt: Durchsuchungen, Schuldeingeständnis,<br />
Kaution, das Verfahren wird<br />
eingestellt.<br />
Bundesweite Berühmtheit erlangt der<br />
Umtriebige allerdings erst durch Sahra Wagenknecht,<br />
die er in den neunziger Jahren<br />
bei einem Interviewtermin kennenlernt.<br />
„Ich habe Sahra interviewt“, sagte Niemeyer<br />
kürzlich einer taz-Reporterin, „und das Interview<br />
hat bis heute kein Ende genommen.“<br />
Sie werden ein Liebes- und dann ein<br />
Ehepaar. 15 Jahre ist er mit der prominenten<br />
Linken verheiratet, die meiste Zeit jedoch<br />
nur auf dem Papier. Vor Jahren schon<br />
hat er sich in Irland ein Cottage gekauft,<br />
die meiste Zeit wohnt er dort, reist durch<br />
Europa und Südamerika, produziert Filme,<br />
schreibt Artikel und zeugt drei Kinder –<br />
mit drei verschiedenen Frauen. Eine von<br />
ihnen, Susanne R., hat ihn jetzt wegen angeblich<br />
nicht geleisteter Unterhaltszahlungen<br />
vor einem Schweizer Gericht verklagt –<br />
in der ersten Instanz allerdings erfolglos.<br />
Ob Sahra Wagenknecht von den außerehelichen<br />
Affären wusste, ist nicht bekannt.<br />
Die taz zitierte Niemeyer mit den Worten,<br />
in seiner Ehe sei es immer ehrlich zugegangen.<br />
Jedenfalls scheint Wagenknecht – inzwischen<br />
die Lebensgefährtin von Oskar<br />
Lafontaine – ihm seine Abenteuer nicht<br />
übel genommen zu haben.<br />
Nachdem die Ehe im März dieses Jahres<br />
geschieden worden war – „in aller Freundschaft“,<br />
wie es hieß –, sah man bald darauf<br />
die beiden Ex-Eheleute wieder einträchtig<br />
beisammen auf einer Berliner Podiumsdiskussion<br />
der Linkspartei. Er fungierte als<br />
journalistischer Stichwortgeber und Moderator,<br />
sie antwortete. „Ein Freundschaftsdienst“<br />
sei dies, sagte er.<br />
Tatsächlich aber war es wohl auch<br />
Wahlhilfe für ihn: Ralph Thomas Niemeyer<br />
will nämlich selbst in den Bundestag. Er<br />
kandidiert in Wilhelmshaven-Wittmund<br />
für die Linkspartei. hp<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 11
Eine Marke der Daimler AG<br />
Kraftstoffverbrauch innerorts/außerorts/kombiniert: 13,3–6,6/7,5–4,8/9,6–5,6 l/100 km; CO₂-Emissionen kombiniert: 225–147<br />
Die Angaben beziehen sich nicht auf ein einzelnes Fahrzeug und sind nicht Bestandteil des Angebots, sondern dienen allein Vergleichszwecken zwischen verschiedenen<br />
Anbieter: Daimler AG, Mercedesstraße 137, 70327 Stuttgart
Schicken Sie Ihre<br />
Gedanken auf Reisen.<br />
First Class.<br />
Vision erfüllt. Die neue S-Klasse.<br />
g/km; Effizienzklasse: D–A.<br />
Fahrzeugtypen. Das abgebildete Fahrzeug enthält Sonderausstattungen.
C i c e r o | L e s e r b r i e f e<br />
Forum<br />
Es geht um Zukunft, Umwelt, Gymnasien und Rundfunkgebühren<br />
Zu den BeitrÄgen „Diktatur der Zukunft“ von<br />
Hans-Dieter Radecke und Lorenz Teufel und<br />
„Der Freiheit falsche Freunde“ von Christoph<br />
Schwennicke/Juli 2013<br />
gleiche masche<br />
Prinzipiell klagen Radecke und Teufel zu Recht die Bevormundung/Selbstherrlichkeit<br />
der Klima-Apokalyptiker<br />
an. Dem ist bedingungslos zuzustimmen. Andererseits<br />
verfallen die Autoren im vorletzten Absatz auf dieselbe,<br />
von ihnen kritisierte Masche der Apokalyptiker, indem sie<br />
mit Zukunftsfantasien über Transmutationstechnologie<br />
im Bereich der Radiochemie und der Gewinnung von<br />
Materialien aus Asteroiden Hoffnungen setzen, für die es<br />
bisher keine Ergebnisse gibt.<br />
Dr. Volkmar von Bruchhausen, Wiesbaden<br />
symptomatisch<br />
Der wichtigste Artikel im letzten <strong>Cicero</strong><br />
dürfte „Die Diktatur der Zukunft“ sein,<br />
die wohl schon angefangen hat. Andere<br />
Meinungen als Panikmache und Weltuntergang<br />
bekommen in den Medien<br />
keinen Platz. Dass dann auf dem<br />
Umschlag die neuen „Statussymbole“<br />
erscheinen, ist irgendwie symptomatisch.<br />
Michael Novosad, Langenzenn<br />
profit statt fortschritt<br />
„Studierte“ Physiker sollten nicht so<br />
vollmundig vom seligen „Fortschritt“<br />
schwärmen. Zu offensichtlich bleibt<br />
doch, dass unsere Urenkel mittels CO 2<br />
-<br />
Verzicht heutiger Tage (als Symbol)<br />
eine größere Chance bekommen, ihre<br />
„Kreativität und Entfaltung“ zu erleben,<br />
wenn sie dann noch über saubere Luft,<br />
sauberes Wasser und einige Ressourcen<br />
verfügen werden, mit denen heute so<br />
hemmungslos herumgequast wird. Wir<br />
haben die Chance, mit der heutigen<br />
Technik die Entwicklung dieser Erde<br />
schonender und zukunftsträchtiger<br />
zu gestalten, als das unsere Vorfahren<br />
konnten – leider steht jedoch oft<br />
kurzsichtiger Profit echtem Fortschritt<br />
im Wege.<br />
Hans-Heinrich Hille, Lübeck<br />
bedrohung für uns alle<br />
Der Beitrag der „studierten Physiker“<br />
D. Radecke und L. Teufel hätte auch<br />
von einem studierten Musikwissenschaftler<br />
oder einem Friseur ohne Studium,<br />
aber mit polemischer Begabung<br />
verfasst werden können … Die Autoren<br />
schwadronieren über zukünftige Freiheitsbedrohungen,<br />
angeblich geplant<br />
von diabolischen Klimaforschern, statt<br />
die bereits realen Freiheitseinschränkungen<br />
aufgrund des Klimawandels<br />
zu thematisieren: So sind die Rechte<br />
auf „Freizügigkeit“ und „Bewegungsfreiheit“<br />
und andere Freiheitsrechte für<br />
Menschen in Bangladesch längst eingeschränkt,<br />
wenn sie vor Überschwemmungen<br />
in immer kürzeren Zeitabständen<br />
fliehen und der staatlichen<br />
illustrationen: cornelia von seidlein<br />
14 <strong>Cicero</strong> 8.2013
Auflage folgen müssen, Neubauten auf<br />
2,80 Meter hohen Stützen zu errichten.<br />
Die möglichen beziehungsweise wahrscheinlichen<br />
Folgen der Klimakrise<br />
werden solche Beispiele millionenfach<br />
erzeugen und nach einer Übergangsfrist<br />
auch die Hauptverursacher in den<br />
reichen Nationen treffen und Freiheitsrechte,<br />
Wohlstand, Gesundheit und<br />
menschliches Wohlergehen – so die von<br />
den Autoren am häufigsten genannten<br />
Begriffe – aller Menschen bedrohen,<br />
auch derjenigen, die objektiv den Weg<br />
von der Klimakrise zur Klimakatastrophe<br />
ebnen helfen.<br />
Norbert Pfaff, Kelkheim<br />
rot-grüner zeitgeist<br />
Wenn es noch eines Nachweises für<br />
die zunehmend festzustellende Wandlung<br />
Ihres von mir – immer noch –<br />
geschätzten Magazins von einem<br />
liberal-konservativen Blatt hin zu einer<br />
dem rot-grünen Zeitgeist verhafteten<br />
Zeitschrift mit viel „Stil“ und „Salon“<br />
bedurft hätte, der Artikel „Der Freiheit<br />
falsche Freunde“ Ihres Chefredakteurs<br />
liefert den Beweis: Da wird ohne jede<br />
inhaltliche Differenzierung ein Loblied<br />
auf eine – angeblich notwendige –<br />
grenzenlose staatliche Reglementierung<br />
gesungen und alle diejenigen, die wie<br />
Alexander Kissler die ständige Ausweitung<br />
der staatlichen Bevormundung<br />
als – zumindest – problematisch<br />
ansehen, als „Ichlinge“ und selbstsüchtige<br />
Gegner des Solidarsystems<br />
gebrandmarkt.<br />
Kein Wort dagegen zur immer<br />
weiter zunehmenden Regelungswut der<br />
Gesetz- und Normgeber aller Stufen,<br />
wie dies fast überall, insbesondere<br />
aber im Umweltrecht ganz deutlich<br />
wird. Als konkrete Beispiele hierfür<br />
dienen ausgerechnet das Tempolimit<br />
auf Autobahnen und die private<br />
Krankenversicherung (die rot-grünen<br />
Wahlprogramme lassen grüßen!). Der<br />
ausgezeichnete Artikel von Radecke<br />
und Teufel „Die Diktatur der Zukunft“<br />
im gleichen Heft ist dafür ein guter<br />
Beleg. Vielleicht sollte sich der Chefredakteur<br />
im nächsten Heft auch davon<br />
distanzieren?<br />
Dr. Karl-Wilhelm Porger,<br />
Waldfischbach-Burgalben<br />
zum beitrag: „Deutsche<br />
Unternehmer sind zu verklemmt“<br />
von Til knipper/Juli 2013<br />
im kampf vereint<br />
Beim Lesen des interessanten Interviews<br />
mit Herrn Roßmann habe ich mit<br />
Erstaunen und Befriedigung festgestellt,<br />
dass ich, eine alleinstehende Kleinrentnerin,<br />
eine Gemeinsamkeit mit dem<br />
Milliardär Dirk Roßmann habe. Wir<br />
sind beide nicht bereit, die Ungerechtigkeit<br />
der neuen Rundfunkgebühren<br />
zu akzeptieren. Herr Roßmann will die<br />
Rundfunkgebühren für seine Filialen<br />
nicht bezahlen, weil dort weder Radio<br />
noch Fernsehen noch Internet benutzt<br />
werden. Auch ich weigere mich, sie zu<br />
bezahlen, weil ich keine Leistung der<br />
Rundfunkanstalten in Anspruch nehme.<br />
Ich kann es mir nicht leisten, 216 Euro<br />
im Jahr für etwas auszugeben, das ich<br />
weder brauche noch verbrauche.<br />
Christa Schmid, Lichtenwald<br />
zur kolumne „Frau fried fragt<br />
sich, warum Schule folter sein<br />
muss“/Juli 2013<br />
juveniler burnout<br />
Mit Bestürzung habe ich zur Kenntnis<br />
nehmen müssen, dass Gymnasien die<br />
Folterkammern der Nation sind und<br />
unsere armen Kinder durch Überhäufung<br />
mit einer „Überfülle zusammenhangloser<br />
Fakten fragwürdiger Relevanz“ in den<br />
kollektiven juvenilen Burnout treiben.<br />
Das mag in Einzelfällen und einzelnen<br />
Nebenfächern zutreffen, jedoch meine<br />
ich, dass ein Gymnasium nach wie vor<br />
den Anspruch einer allgemeinbildenden<br />
Schule behaupten muss. Und eben nicht<br />
fokussiert vermitteln sollte, was (vermutlich)<br />
später im Leben gebraucht wird …<br />
Insofern plädiere ich für ein Gymnasium,<br />
das dem selbst gesetzten Anspruch,<br />
allgemein und breit zu bilden (und nicht<br />
auszubilden), noch gerecht wird.<br />
Eltern von Gymnasiasten, die mit<br />
„Ringen unter den Augen unterwegs<br />
sind und Panik schieben“ und damit die<br />
Prüfungsängste ihrer Sprösslinge noch<br />
potenzieren, sind meiner Ansicht nach<br />
sogar ein wesentlicher Teil des Problems<br />
(neben der zugegebenermaßen „verkorksten“<br />
G-8-Reform).<br />
Jürgen Zerbes, München<br />
unverständnis<br />
Der Beitrag von Frau Fried zur G-8-Reform<br />
beziehungsweise zur Abiturprüfung<br />
stößt bei mir auf Unverständnis. Weder<br />
ist klar, warum es schädlich ist, dass<br />
Jugendliche ein Lebensjahr gewinnen, in<br />
welchem sie früher unabhängig werden<br />
können, noch was gegen einen allgemeingebildeten<br />
Menschen spricht. Ich habe<br />
1997 das Abitur in Thüringen, was seit<br />
der Wende am Abitur mit der 12. Klasse<br />
festhält, absolviert. Thüringen hat es bis<br />
heute geschafft, den Lehrplan hierfür<br />
mit Zeiten à sechs Unterrichtsstunden<br />
an drei Tagen, acht Stunden an einem<br />
Tag und nochmals acht bis zehn Stunden<br />
am fünften Wochentag unterzubringen.<br />
Warum dem Ende der Schullaufbahn mit<br />
dem 20./21. Lebensjahr nachgetrauert<br />
wird, kann ich nicht verstehen.<br />
Alexander Grüßenbeck, Lüdenscheid<br />
bitte keine fachidioten<br />
Muss ein künftiger Informatiker auf<br />
dem Gymnasium auch Gediegenes<br />
über Lyrik erfahren und verstanden<br />
haben oder die Tochter einer literarisch<br />
versierten Moderatorin über höhere<br />
Mathematik? Im ersten Jura-Semester,<br />
ein halbes Jahr nach dem Abitur knallte<br />
ich Zweifel genau daran meinem honorigen<br />
Mathematiklehrer um die Ohren –<br />
und schäme mich heute, mehr als ein<br />
halbes Jahrhundert später, wegen dieses<br />
pubertären Ausfalls. Mittlerweile habe<br />
ich längst eingesehen: Gymnasien sollen<br />
Allgemeinbildung vermitteln und nicht<br />
Fachidioten züchten.<br />
Bernhard Mihm, Paderborn<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 15
I m p r e s s u m<br />
verleger Michael Ringier<br />
chefredakteur Christoph Schwennicke<br />
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politischer Chefkorrespondent Hartmut Palmer<br />
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<strong>Cicero</strong> erscheint in der<br />
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V.i.S.d.P.: Christoph Schwennicke<br />
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eine publikation der ringier gruppe<br />
freude – nicht spaSS<br />
Der schlimmste Irrtum ist, dass Lernen<br />
„Spaß“ machen soll. Spaß ist eine unreflektierte,<br />
voraussetzungs- und folgenlos<br />
bleibende subjektive Empfindung. Wer<br />
Spaß haben will, ist bei einem Allinclusive-Club-Urlaub<br />
auf Malle besser<br />
aufgehoben als auf der Schule. In der<br />
Schule geht es um „Freude“, das ist<br />
nämlich das nachhaltige reflektierte<br />
Vergnügen, etwas Neues zu lernen, es<br />
geistig zu durchdringen und selbstständig<br />
anzuwenden. Leider hat sich da<br />
heute ein gewisser Sprachschlendrian<br />
eingestellt, dem auch Bestsellerautorinnen<br />
von Zeit zu Zeit erliegen.<br />
Martin Thunich, Wathlingen<br />
zum Magazin <strong>Cicero</strong> Allgemein:<br />
ETWAS kopflastig<br />
Als Spiegel-Leser fühle ich meinen Wissensdurst<br />
in angenehmer Weise durch<br />
Ihr Magazin ausgefüllt. Besonders die<br />
Fotos sind von ausgezeichneter Qualität,<br />
und überhaupt gefällt mir die gesamte<br />
Aufmachung sehr gut. Lediglich das<br />
Ressort Salon halte ich für etwas kopflastig<br />
und würde mir breiteren Raum<br />
für die anderen Themen wünschen.<br />
Axel Fullmann, Leimen<br />
Service<br />
Liebe Leserin, lieber leser,<br />
haben Sie Fragen zum Abo oder Anregungen und Kritik zu einer<br />
<strong>Cicero</strong>-Ausgabe? Ihr <strong>Cicero</strong>-Leserservice hilft Ihnen gerne weiter.<br />
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Anregungen und Leserbriefe<br />
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<strong>Cicero</strong> erhalten Sie im gut sortierten<br />
Presseeinzelhandel sowie in Pressegeschäften<br />
an Bahnhöfen und Flughäfen.<br />
Falls Sie <strong>Cicero</strong> bei Ihrem Pressehändler<br />
nicht erhalten sollten, bitten Sie ihn, <strong>Cicero</strong> bei<br />
seinem Großhändler nachzubestellen. <strong>Cicero</strong> ist<br />
dann in der Regel am Folgetag erhältlich.<br />
In eigener Sache<br />
Nachtrag: Den Text „Opiate sind keine<br />
Lösung“ von Papst Franziskus in Heft<br />
05/2013 haben Silke Kleemann und<br />
Matthias Strobel ins Deutsche übersetzt.<br />
Mit der vorliegenden Ausgabe müssen<br />
wir – erstmals seit drei Jahren – den<br />
Preis von <strong>Cicero</strong> auf nun 8,50 Euro im<br />
Einzelverkauf beziehungsweise 7,75 Euro<br />
im Abonnement anheben. Wir bitten um<br />
Ihr Verständnis<br />
Größter Zuwachs: 2013 hat <strong>Cicero</strong><br />
122 000, der Internet-Auftritt des<br />
Magazins 131 000 Top-Entscheider<br />
erreicht – ein Plus von jeweils 30 Prozent.<br />
Das heißt: Gold in Print und Online<br />
beim prozentualen Wachstum.<br />
Quelle: Leseranalyse Entscheidungsträger<br />
(LAE)<br />
(Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe zu kürzen.)<br />
16 <strong>Cicero</strong> 8.2013
I n e i g e n e r S a c h e | C i c e r o<br />
Specialitäten<br />
Das Sonderheft zur Bundestagswahl stößt auf großes Interesse, leider sind uns bei<br />
299 Wahlkreisen und etwa 1000 Namen neun Fehler unterlaufen, hier die Korrekturen<br />
Die Sonderausgabe<br />
„<strong>Cicero</strong> spezial“ zur<br />
Bundestagswahl erschien<br />
im Juni, 100 Tage vor<br />
der Wahl, und ist nach<br />
wie vor im Handel für<br />
6,90 Euro zu haben<br />
Wahlkreis 024:<br />
Hier bewirbt sich Johann Saathoff,<br />
SPD, der auch Favorit ist, um das<br />
Direktmandat. Seine Genossin Gabriele<br />
Groneberg, die wir versehentlich<br />
diesem Wahlkreis zugeordnet<br />
hatten, kämpft in der norddeutschen<br />
CDU-Hochburg Cloppenburg-<br />
Vechta. Außerdem ist Garrelt Duin<br />
(SPD) Wirtschaftsminister nicht in<br />
Niedersachsen geworden, sondern in<br />
Nordrhein-Westfalen.<br />
Wahlkreis 062:<br />
Tina Fischer, SPD, hat zwar ihr<br />
Landtagsmandat in Brandenburg<br />
bereits zwei Mal souverän gewonnen,<br />
jetzt kandidiert sie aber zum ersten<br />
Mal für den Bundestag. Anders als<br />
im <strong>Cicero</strong> geschrieben, „verteidigt“ sie<br />
somit kein Bundestagsdirektmandat.<br />
Wahlkreis 076:<br />
Wolfgang Thierse hat hier nicht<br />
nur 2009 gegen Stefan Liebich von<br />
der Linkspartei verloren, sondern<br />
auch 1994 und 1998 gegen andere<br />
Kandidaten der damaligen PDS.<br />
Wahlkreis 082:<br />
Hier gewann das Direktmandat<br />
2009 für die CDU nicht die jetzige<br />
Kandidatin Christina Schwarzer,<br />
sondern Stefanie Vogelsang.<br />
Wahlkreis 118:<br />
Nicht Ulrike Flach (FDP) und Anton<br />
Schaaf (SPD) kandidieren hier, sondern<br />
Susanne Rittershaus (FDP) und Arno<br />
Klare (SPD).<br />
Versehentlich war der Wahlkreis 64 Cottbus – Spree-Neiße gleich zweimal im<br />
Sonderheft vertreten – allerdings einmal unter falscher Flagge. Und zwar als Nummer<br />
65 Elbe-Elster – Oberspreewald-Lausitz II. Dieser Wahlkreis ist durch den<br />
Fehler leider gar nicht beschrieben worden, was wir selbstverständlich nachholen:<br />
065<br />
Elbe-Elster – Oberspreewald-Lausitz II<br />
Wenn sich ein Fußballfan im brandenburgischen Wahlkreis 65 zwischen Hertha<br />
BSC Berlin und Dynamo Dresden entscheiden müsste, ginge die Sache<br />
klar für die Sachsen aus. Mit dieser Nähe zu Sachsen – schon seit Biedenkopf<br />
CDU-dominiert – hat es wohl auch zu tun, dass die Christdemokraten hier<br />
besser abschneiden als anderswo in Brandenburg. Gut für Michael Stübgen.<br />
Der Europapolitiker ist als Spitzenkandidat auf der Landesliste abgesichert, hat<br />
aber durchaus gute Chancen, den Wahlkreis wieder zu gewinnen. Ein erneuter<br />
Stübgen-Sieg täte den von Misserfolgen geplagten märkischen Christdemokraten<br />
wohl. Wenn es einer von ihnen schafft, dann er, dann hier. Das glauben<br />
und hoffen die Konservativen und schauen bange auf die Kandidaten von Linken,<br />
Matthias Mnich, und SPD, Kerstin Weide. Denn kämpfen werden die –<br />
und zaubern kann auch Stübgen nicht.<br />
amr<br />
Erststimmen 2009: CDU 28,9; Linke 28,3; SPD 26,9; FDP 7; Grüne 3,2<br />
Wahlkreis 143:<br />
Für die SPD tritt hier nicht mehr Ulla<br />
Burchardt an, sondern – mit besten<br />
Aussichten – Sabine Poschmann.<br />
Wahlkreis 169:<br />
Helmut Heiderich, der für die CDU<br />
in diesem Wahlkreis kandidierte,<br />
wurde 2002 über die CDU-Landesliste<br />
Hessen in den Bundestag gewählt.<br />
Somit ist er in jener Legislaturperiode<br />
nicht als Nachrücker ins Parlament<br />
eingezogen. Nachgerückt war<br />
Heiderich in den Jahren 1996, 2000<br />
und 2011. Das Direktmandat hat er<br />
bisher nicht gewonnen.<br />
Wahlkreis 205:<br />
Es mag am Westerwald gelegen haben,<br />
dass aus Joachim Hörster, dem einstigen<br />
Parlamentarischen Geschäftsführer<br />
der CDU/CSU-Fraktion, Joachim<br />
Förster wurde. Sorry!<br />
<strong>Cicero</strong>-Wahlkampfindex<br />
Im Wahlkampf wollen die Parteien<br />
die Wähler erreichen und überzeugen.<br />
Diese müssen neugierig und dürfen<br />
noch nicht entschieden sein. Angebot<br />
muss auf Nachfrage treffen. Der <strong>Cicero</strong>-<br />
Wahlkampfindex, den wir mit Professor<br />
Thorsten Faas von der Universität Mainz<br />
und dem Meinungsforschungsinstitut<br />
YouGov entwickelt haben, soll genau das<br />
zeigen. Den Index erheben wir kontinuierlich<br />
bis zum Wahltag. Er basiert auf<br />
repräsentativen Online-Panel-Befragungen<br />
und setzt sich aus dem Dynamikund<br />
dem Volatilitätsindex zusammen.<br />
Beide können zwischen 0 und 100<br />
schwanken – der <strong>Cicero</strong> -Wahlkampfindex<br />
ist der Mittelwert. Aktuell beträgt dieser<br />
38. Der Dynamikindex liegt bei gerade<br />
einmal 42. Der Volatilitätsindex bei 33.<br />
Entschieden ist die Wahl also noch<br />
nicht. Alle Zahlen unter<br />
www.cicero.de/wahlkampfindex<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 17
T i t e l<br />
18 <strong>Cicero</strong> 8.2013
Angies Union<br />
Seit 13 Jahren steht Angela Merkel an der Spitze der CDU.<br />
Aus der rheinisch-konservativen Partei hat die ostdeutsche<br />
Pfarrerstochter eine schlagkräftige Organisation mit<br />
unklarem Wertekanon geformt. Die Kritiker aus den eigenen<br />
Reihen sind verstummt oder wurden aussortiert. Ein<br />
Sommerausflug ins Machtzentrum und an die Ränder der<br />
neuen Christdemokratie<br />
Von Alexander Marguier<br />
Mystery-Merkel<br />
Angela Merkel steht vor ihrer dritten Amtszeit<br />
als Bundeskanzlerin. Die Frau, die in<br />
der Nacht, als die Mauer fällt, mit dem<br />
Saunabeutel unterm Arm an der Bornholmer<br />
Brücke in den Westen spaziert, den<br />
Trabis hinterher. Und am nächsten Morgen,<br />
pünktlich um 7.15 Uhr, ihren Dienst am<br />
Zentralinstitut für Physikalische Chemie in<br />
Berlin-Adlershof wieder antritt. Seit 1990,<br />
als sie stellvertretende Pressesprecherin der<br />
ersten und letzten frei gewählten DDR-Regierung<br />
wurde, steht sie im Licht der Öffentlichkeit.<br />
Trotzdem umgibt sie immer<br />
noch eine seltsame Aura des Geheimnisvollen.<br />
Geschichten aus ihrem Privatleben<br />
werden allenfalls in Wahlkämpfen sehr fein<br />
dosiert unters Volk gebracht. Merkel-Interviews<br />
zeichnen sich fast immer durch eine<br />
gediegene Langeweile aus; agenturtaugliche<br />
Sätze für die Abendnachrichten finden<br />
sich in solchen Gesprächen praktisch nie.<br />
„Mystery-Merkel“ hat der Economist sie einmal<br />
genannt.<br />
Am 7. November 1998, kurz nach der<br />
verlorenen Bundestagswahl, wird sie Generalsekretärin<br />
der CDU. Die Partei, jetzt<br />
ohne Helmut Kohl, ist orientierungslos.<br />
Rot-Grün steht für Erneuerung, die Union<br />
dagegen für „Reformstau“ – das „Wort des<br />
Jahres“ 1997. Dabei hat sie mit der Spendenaffäre<br />
das Schlimmste erst noch vor sich.<br />
Mit Merkels Wahl zur Parteivorsitzenden<br />
beginnt im April des Jahres 2000 der langsame<br />
Wiederaufstieg der CDU zur inzwischen<br />
mächtigsten politischen Organisation<br />
in Europa. Die Frau an der Spitze ist<br />
unangefochten; anders als bei Helmut Kohl<br />
hat nie jemand den Aufstand gegen sie gewagt,<br />
zumindest nicht öffentlich. Und im<br />
Gegensatz zur Kanzlerschaft Kohls, dem<br />
1990 die Wiedervereinigung das Amt rettete,<br />
herrscht auch in ihrem neunten Regierungsjahr<br />
keine Merkel-Müdigkeit im<br />
Land. Angela Merkel nutzt sich nicht ab.<br />
Merkels legendärer Machtinstinkt auch<br />
nicht. Vielleicht ist „Instinkt“ aber das falsche<br />
Wort. Denn bei ihr zählt nicht das<br />
Bauchgefühl, sondern die Analyse. Die innerparteilichen<br />
Herrschaftsmechanismen<br />
konnte Merkel nach der Wende als systemfremde<br />
Quereinsteigerin wahrscheinlich<br />
intellektuell besser durchdringen als<br />
jeder westdeutsche CDU-Aufsteiger, der<br />
seine Parteikarriere in der Jungen Union<br />
begann. Leidenschaftsloser.<br />
Merkels ostentative Leidenschaftslosigkeit<br />
ist ihr eigentliches Machtinstrument:<br />
Herrschaft durch Selbstbeherrschung.<br />
Keine polternde Gemütlichkeit wie bei<br />
Kohl, kein brünstiger Machismo wie bei<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 19
T i t e l<br />
„In der CDU<br />
macht sich auf<br />
Bundesebene<br />
eine Neigung<br />
zum<br />
Dirigismus<br />
breit; die<br />
Politik greift<br />
zunehmend<br />
steuernd in die<br />
Prozesse ein“<br />
Josef Schlarmann, CDU-Mittelstandsvereinigung<br />
Gerhard Schröder. Kumpanei ist ihr fremd.<br />
Wer die Machtmaschine CDU aufhalten<br />
oder gar deren oberste Maschinistin infrage<br />
stellen könnte, wird aussortiert. Der eine<br />
wurde auf diese Weise sogar Bundespräsident,<br />
andere verdienen heute gutes Geld in<br />
der Wirtschaft. Aber allesamt scheiterten<br />
sie letztlich vor allem an sich selbst.<br />
Die CDU sei unter Merkel weltoffener<br />
geworden – das sagen sogar einige ihrer<br />
Kritiker, die sich mit dem konsequenten<br />
Entideologisierungskurs schwertun. Weltoffener<br />
und gleichzeitig formierter. Ludwig<br />
Erhards Vorstellung einer von einem<br />
starken Staat geführten „formierten Gesellschaft“,<br />
in der sich Partikularinteressen<br />
dem Gemeinwohl unterordnen müssen,<br />
findet ihre Entsprechung heute in der<br />
Christdemokratie: Die CDU ist eine formierte<br />
Partei. Die Christlich Demokratische<br />
<strong>Einheitspartei</strong> <strong>Deutschlands</strong>.<br />
Die Einheitsfront<br />
Kein ödes Kongresszentrum, kein seelenloses<br />
Tagungshotel, keine langweilige<br />
Stadthalle. Der „gemeinsame Kongress<br />
von CDU und CSU“ zum neuen Wahlprogramm<br />
findet statt in den ehemaligen<br />
Berliner Opernwerkstätten im Bezirk<br />
Mitte. „Ein kreativer Schmelztiegel, der<br />
auch seine Nachnutzer inspiriert“, wie es<br />
im Internet heißt. Das sechsstöckige Gebäude<br />
an der Zinnowitzer Straße wirkt<br />
mit seiner graubraunen Fassade und dem<br />
brüchigen, verwinkelten Innenleben wie<br />
eine dieser szenigen Hauptstadt-Locations,<br />
in denen Künstler für wenig Geld<br />
Atelierräume mieten können. Soll noch<br />
einer behaupten, die Union sei spießig<br />
und provinziell! Nur die schweren, dunklen<br />
Limousinen im Hof passen nicht so<br />
recht zum Genius Loci. Es ist der Morgen<br />
des 24. Juni, am Vorabend haben die Vorstände<br />
von CDU und CSU ohne Gegenstimme<br />
ein 127 Seiten dickes Manifest beschlossen,<br />
dem sie in gar nicht so kühner<br />
Vorwegnahme des Wahlausgangs den Titel<br />
„Regierungsprogramm 2013 – 2017“ gegeben<br />
haben. Die Kanzlerin und der bayerische<br />
Ministerpräsident werden jeden Moment<br />
erwartet, viele andere Parteigranden<br />
sind schon da.<br />
„Kongress“ ist eine irreführende Bezeichnung,<br />
denn zu diskutieren gibt es<br />
hier nichts mehr. Wahlkampfauftakt<br />
trifft es besser. Die beiden Generalsekretäre<br />
treten gemeinsam als Einheizer auf,<br />
Hermann Gröhe von der CDU beschwört<br />
die Erfolge des Landes und seiner Partei.<br />
CSU-Kollege Alexander Dobrindt versucht<br />
es mit dem Dreiklang aus „Stabilität,<br />
Solidität, Sicherheit“. Eine Moderatorin<br />
fragt etwas kokett nach, was die<br />
beiden Schwesterparteien denn eigentlich<br />
von der politischen Konkurrenz unterscheide.<br />
„Freiheitschancen statt Bevormundung“,<br />
antwortet Gröhe. Dobrindt<br />
erntet saftigen Beifall, als er pflichtschuldig<br />
gegen die geplanten Steuererhöhungen<br />
von SPD und Grünen wettert.<br />
Noch größer fällt der Applaus allerdings<br />
aus, als der CSU-General verkündet,<br />
wo immer er hinkomme, hätten „die Leute<br />
Vertrauen zu Angela Merkel“. Das ist die<br />
eigentliche Kernbotschaft an diesem Vormittag:<br />
CDU und CSU stehen geschlossen<br />
zusammen. Horst Seehofer wird später<br />
sogar behaupten, wenn er während einer<br />
Bierzelt-Rede keinen so rechten Draht zum<br />
Publikum finde, müsse er nur den Namen<br />
der Kanzlerin erwähnen – und sofort steige<br />
die Stimmung.<br />
Als Top Act des Tages beendet Angela<br />
Merkel den Kongress, „Volksparteien sind<br />
nicht Volksparteien, weil morgens alle aufstehen<br />
und einer Meinung sind“, ruft sie<br />
an einer Stelle aus. Fragt sich nur, ob die<br />
Union bei so viel demonstrativer Eintracht<br />
dann überhaupt noch eine Volkspartei sein<br />
will. Eine Journalistin hat schon lange vor<br />
dem Ende von Merkels Ansprache die<br />
Überschrift für ihren Artikel ins Laptop<br />
gehackt. Sie lautet „Jubel, Jubel, Einigkeit“.<br />
Der Quartalsnörgler<br />
In den letzten Wochen vor der Bundestagswahl<br />
präsentiert sich die Union wieder<br />
einmal als gut geölte „Kanzlermaschine“<br />
(so lautet auch der Titel eines unlängst erschienenen<br />
Buches über das Innenleben der<br />
CDU). Strittige Fragen sind bis auf Weiteres<br />
in die Wiedervorlagemappe verschoben<br />
worden, von jetzt an gilt nur noch ein<br />
Ziel: Angela Merkel muss Kanzlerin bleiben.<br />
Und es gibt kaum jemanden in der<br />
organisierten Christdemokratie, der sich<br />
dem nicht unterordnen würde. Sogar die<br />
konservativen Parteirebellen vom „Berliner<br />
Kreis“ erweisen sich immer deutlicher<br />
als handzahme Haustiere denn als<br />
20 <strong>Cicero</strong> 8.2013
Illustrationen: Birgit Schössow (Seiten 18 bis 21)<br />
furchteinflößende Wildkatzen; für Zoff<br />
auf offener Bühne ist in Deutschland eben<br />
traditionell die SPD zuständig. Man muss<br />
also schon ein bisschen suchen, um Unzufriedene<br />
zu finden, die ihre Kritik offen<br />
aussprechen. Josef Schlarmann, zum<br />
Beispiel.<br />
Der 73-jährige Jurist ist eigens in die<br />
Redaktion gekommen, um darüber zu reden,<br />
was ihm an seiner Partei nicht mehr<br />
gefällt. Im Gegensatz zum jungen, gut gelaunten<br />
Pressereferenten, der neben ihm<br />
auf dem Sofa sitzt, wirkt er ausgesprochen<br />
müde und resigniert. Den Bundesvorsitz<br />
der einst mächtigen CDU-Mittelstands-<br />
und Wirtschaftsvereinigung wird<br />
Schlarmann im Oktober abgeben, in der<br />
CDU-Führung ist er wegen seiner wiederkehrenden<br />
Kritik an der Kanzlerin unten<br />
durch. „Quartalsnörgler“ ist noch eine der<br />
freundlicheren Bezeichnungen, die man<br />
dort für ihn bereithält.<br />
Josef Schlarmann hat Anfang der siebziger<br />
Jahre über „Die Zusammenarbeit zwischen<br />
Staat und Wirtschaft“ promoviert, es<br />
ist so etwas wie sein Lebensthema. Und in<br />
der Union kann er es nicht mehr finden.<br />
Die Kanzlerin, sagt Schlarmann, habe sich<br />
während ihrer Regierungszeit immer weiter<br />
von wirtschaftlichem Denken entfernt. Inzwischen<br />
sei das Regierungshandeln nicht<br />
mehr durch die Definition von Rahmenbedingungen<br />
geprägt, sondern durch das<br />
Primat der Politik. Zwei der eklatantesten<br />
Beispiele für diese These: die Energiewende<br />
und die beabsichtigte Einführung<br />
von Mindestlöhnen. „In der CDU macht<br />
sich auf Bundesebene eine Neigung zum<br />
Dirigismus breit; die Politik greift zunehmend<br />
steuernd und nicht mehr nur regulierend<br />
in die Prozesse ein“, sagt Schlarmann.<br />
Als entsprechende Legitimationsbasis dienten<br />
heute vor allem Umfragen.<br />
Um seine Kritik herzuleiten, erzählt<br />
der Mitbegründer einer großen Hamburger<br />
Rechtsanwaltskanzlei von seiner Jugend<br />
im Nachkriegsdeutschland und davon,<br />
wie die junge Demokratie und der<br />
Föderalismus seine Generation geprägt<br />
hätten. Schlarmann will nicht einfach nur<br />
der Merkel-Miesmacher sein, sondern einer,<br />
der sich um das große Ganze sorgt.<br />
Um die Substanz. „Die CDU ist auf kommunaler<br />
Ebene durchaus eine Volkspartei,<br />
auf Bundesebene gibt es allerdings auch<br />
in der Union zentralistische Tendenzen.“<br />
Ein Hinweis darauf sei die Tatsache, dass<br />
zur Verabschiedung des Wahlprogramms<br />
eben kein Parteitag einberufen worden sei,<br />
sondern nur unverbindliche Bürgerforen.<br />
„Da wurde etwas veranstaltet, das wie Demokratie<br />
aussieht, aber keine Demokratie<br />
ist.“ Angela Merkels Diktum von wegen<br />
der „Alternativlosigkeit“, sagt Schlarmann,<br />
sei ein weiterer Beleg für die Abgehobenheit<br />
der Regierungspolitik. Nicht zuletzt<br />
die Finanzkrise habe zu einer Verschiebung<br />
der Macht vom Bundestag in die Exekutive<br />
geführt. „Das sind Entwicklungen, die<br />
ich für bedenklich halte und die auch die<br />
Gründungsväter der Bundesrepublik nicht<br />
gewollt hätten – ob Erhard, Röpke oder<br />
Adenauer.“<br />
Zehn Tage nach Schlarmanns Redaktionsbesuch<br />
werden die Vorstände von<br />
CDU und CSU ihr gemeinsames Wahlprogramm<br />
beschließen – einstimmig, wie<br />
gesagt. Als Chef der Mittelstandsvereinigung<br />
ist auch Josef Schlarmann bei dieser<br />
Sitzung dabei. Und in der selben Woche<br />
feiert der Parlamentskreis Mittelstand der<br />
CDU/CSU-Bundestagsfraktion ein großes<br />
Sommerfest. Es regnet in Strömen,<br />
die Stimmung an den Essensständen im<br />
Garten des Kronprinzenpalais Unter den<br />
Linden ist trotzdem gut. Als die Kanzlerin<br />
höchstpersönlich vorbeischaut, applaudieren<br />
ihr die Gäste – darunter etliche aus<br />
dem ganzen Land angereiste Unternehmer,<br />
die schnell noch versuchen, Angela<br />
Merkel mit ihren Handys aus der Nähe<br />
zu fotografieren. Schlarmanns Kritik ist<br />
hier nicht mehrheitsfähig, im Gegenteil:<br />
Zwischen Currywurstbude und Dönerspieß<br />
herrschen Stolz und Bewunderung.<br />
Gut, dass Josef Schlarmann bald weg sei,<br />
sagt ein CDU-Mittelständler aus Nordrhein-Westfalen.<br />
Am Vormittag hätten<br />
sich Schlarmanns Nachfolgekandidaten<br />
präsentiert, darunter auch der Ex-Grüne<br />
Oswald Metzger. Doch Metzger ist chancenlos,<br />
derzeit läuft alles auf Carsten Linnemann<br />
hinaus. Linnemann stammt aus<br />
Paderborn, sitzt seit 2009 für die CDU im<br />
Bundestag und ist mit seinen 35 Jahren<br />
nicht einmal halb so alt wie Schlarmann.<br />
Dessen Fundamentalkritik dürfte er sich<br />
kaum zu eigen machen. Die Kanzlermaschine<br />
läuft dann noch ein bisschen runder.<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 21
T i t e l<br />
Hilfe, wir modernisieren!<br />
Horst Seehofer gehört zu denen, die sich<br />
ihre Begeisterung für Angela Merkel erst<br />
mühsam antrainieren mussten. Und wie<br />
schnell seine Liebe auch wieder erlöschen<br />
könnte, zeigt ein Blick zurück in den Sommer<br />
des Jahres 2010. Damals erreichte die<br />
Koalition aus CDU/CSU und FDP in den<br />
Umfragen Zustimmungswerte von gerade<br />
einmal 36 Prozent, Rot-Grün hingegen<br />
kam mit 48 Prozent auf eine potenzielle<br />
Regierungsmehrheit. Prompt tönte der<br />
Ministerpräsident aus Bayern, schuld daran<br />
sei der Modernisierungskurs von Angela<br />
Merkel. Der besondere Unmut Seehofers<br />
entzündete sich an Peter Altmaier,<br />
damals noch nicht Umweltminister, sondern<br />
Parlamentarischer Geschäftsführer der<br />
CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Altmaier<br />
hatte in einem Interview seine Partei, die<br />
CDU, davor gewarnt, „an überholten Positionen<br />
festzuhalten“. Die Christdemokraten<br />
müssten auch jene bürgerlichen Wähler<br />
ansprechen, die sich um die Umwelt und<br />
den Klimawandel sorgten und die deshalb<br />
mit den Grünen sympathisierten.<br />
Kritik an Merkels Modernisierungskurs<br />
– von der Kinderbetreuung bis zur<br />
Frauenquote – ist auch heute noch eine<br />
Art Wiedererkennungsmelodie im Lager<br />
der Parteitraditionalisten. Gepfiffen wird<br />
sie jetzt aber lieber im kleinen Kreis als<br />
vor großem Publikum. Die Umfragewerte<br />
sind für die Union seit einiger Zeit eben<br />
ganz anders als vor drei Jahren. Nämlich<br />
blendend.<br />
„Es will scheinen, als ob weite Teile der<br />
CDU mit der Struktur- und Bewusstseinsveränderung,<br />
der Wandlung der Lebensverhältnisse<br />
und Lebensformen, die mit der<br />
äußeren Entwicklung unseres Landes einhergegangen<br />
sind, nicht recht froh werden<br />
wollen, sondern dem verlorenen Gestern<br />
nachtrauern.“ Dieser Satz stammt nicht<br />
von Peter Altmaier, sondern von Dietrich<br />
Rollmann, einst Landesvorsitzender der<br />
Hamburger CDU. Rollmanns Worte lassen<br />
sich nachlesen in dem von ihm herausgegebenen<br />
Buch „Die Zukunft der CDU“ –<br />
erschienen im Jahr 1968. Ganz so neu ist<br />
die Modernisierungsdebatte also nicht.<br />
Als Angela Merkel im April des Jahres<br />
2000 auf dem Parteitag in Essen zur<br />
CDU-Vorsitzenden gewählt wurde, trat sie<br />
als Modernisiererin an. Nach dem Machtverlust<br />
von 1998 und vor allem nach der<br />
existenzbedrohenden Spendenaffäre sehnte<br />
sich die Partei nach einem Neuanfang. In<br />
Berlin regierte damals die rot-grüne Koalition<br />
unter Gerhard Schröder, der auch mit<br />
dem Versprechen gesellschaftlicher Erneuerung<br />
die Bundestagswahl gewonnen hatte.<br />
Um ihrer eigentlichen Raison d’Être als Regierungspartei<br />
gerecht zu werden, schien<br />
die Union ihre Anschlussfähigkeit verloren<br />
zu haben. Merkel aber wies den Weg nach<br />
vorne mit einer Dialektik, die die Beharrungskräfte<br />
der westdeutschen CDU ins<br />
Positive wenden sollte: „Die Wirklichkeit<br />
annehmen, fähig zur Erneuerung sein und<br />
zugleich Wertvolles bewahren – genau das<br />
ist konservativ.“<br />
Eckart von Klaeden ist 47 und schon<br />
seit 19 Jahren ununterbrochen Mitglied<br />
des Deutschen Bundestags. 2009 ernannte<br />
ihn Angela Merkel zum Staatsminister der<br />
Bundeskanzlerin, demnächst wechselt<br />
er von der Politik in die Wirtschaft, zur<br />
Daimler AG. Er wolle sich in der Mitte<br />
seines Berufslebens noch einmal neu orientieren,<br />
sagt von Klaeden, der als enger Vertrauter<br />
Merkels gilt und köstliche Bonmots<br />
über die architektonische Gestalt des Kanzleramts<br />
zum Besten geben kann. Wenn die<br />
Betonfassade des monumentalen Neubaus<br />
bei Regen feucht werde, sehe es aus, als<br />
hätte irgendein riesiges urzeitliches Tier<br />
sich daran erleichtert.<br />
Mit dem neuen Kurs seiner Partei ist<br />
es dem Niedersachsen dagegen sehr ernst.<br />
Viele von denen, die der CDU Beliebigkeit<br />
oder einen Werteverlust vorwerfen, seien<br />
eben noch geprägt von der Zeit des Kalten<br />
Krieges mit den damaligen großen gesellschaftlichen<br />
Konflikten, sagt von Klaeden.<br />
Diese Zeit der scharfen Auseinandersetzungen<br />
sei aber vorbei. Und die Politik sollte<br />
solche Konflikte heute auch nicht provozieren.<br />
„Für eine Partei wie die CDU besteht<br />
die Aufgabe darin, einerseits zu ihren<br />
Prinzipien zu stehen, sie andererseits aber<br />
zeitgemäß zu interpretieren. Die Alternative<br />
dazu, nämlich an einer unzeitgemäßen<br />
Interpretation der Prinzipien festzuhalten,<br />
führt geradewegs in die Irrelevanz.“ Und<br />
irrelevant ist so ziemlich das Letzte, was<br />
die CDU sein möchte – zumindest darin<br />
sind sich alle einig.<br />
Illustration: Birgit Schössow<br />
22 <strong>Cicero</strong> 8.2013
CDU – jetzt auch<br />
ohne Atom<br />
Die Energiewende war mit Sicherheit das<br />
riskanteste Manöver während Angela Merkels<br />
bisheriger Regierungszeit. Nicht nur,<br />
dass die CDU praktisch über Nacht auf einen<br />
ganz neuen Kurs eingeschworen werden<br />
musste. Die wirklich brisante Frage ist,<br />
ob Deutschland sich die Abschaltung aller<br />
Kernkraftwerke bis zum Jahr 2022 überhaupt<br />
leisten kann. Das Standardargument<br />
der Parteispitze geht ungefähr so: Wenn<br />
eine Gesellschaft ganz offensichtlich nicht<br />
bereit ist, die mit Kernkraft verbundenen<br />
Risiken zu übernehmen, dann hat in einer<br />
Demokratie diese Form der Energiegewinnung<br />
keine Zukunft. Manche Abgeordnete,<br />
besonders solche vom Wirtschaftsflügel der<br />
Union, sehen das zwar ein bisschen anders.<br />
Die meisten von ihnen halten sich mit ihrer<br />
Kritik jedoch zurück – besonders vor der<br />
Bundestagswahl gilt die Devise „Beschlossen<br />
ist beschlossen, also Augen zu und durch“.<br />
Michael Fuchs aber lässt nicht locker.<br />
Der Koblenzer CDU-Bundestagsabgeordnete,<br />
wegen seiner Pro-AKW-Haltung<br />
auch „Atom-Fuchs“ genannt, freut sich<br />
an einem Mittwochmorgen im Juni über<br />
gute Nachrichten aus Kambodscha. Dort<br />
hat die Unesco soeben beschlossen, dass die<br />
Koblenzer Seilbahn, die zur Gartenschau<br />
2011 installiert worden war, bis zum Jahr<br />
2026 in Betrieb bleiben kann. Wegen der<br />
Gondeln drohte der Welterbestatus für das<br />
Obere Mittelrheintal aberkannt zu werden,<br />
doch das ist jetzt abgewendet – auch dank<br />
der Intervention von Michael Fuchs. Die<br />
Geschichte mit der Seilbahn war großes<br />
Thema in seinem Wahlkreis.<br />
Als der 64 Jahre alte Ex-Unternehmer<br />
auch nach der Reaktorkatastrophe von<br />
Fukushima öffentlich dafür eintrat, in<br />
Deutschland weiterhin auf Kernenergie zu<br />
setzen, kam es zu wochenlangen Demonstrationen<br />
vor seinem Privathaus. Aber er<br />
bleibt dabei: „Ich habe eine Energiewende<br />
immer für falsch gehalten, die die Wettbewerbsfähigkeit<br />
<strong>Deutschlands</strong> gefährdet.“<br />
Punkt. Und nach allem, was er so aus seinem<br />
Umfeld zu hören bekomme, „würde<br />
ich auch sagen, dass die Energiewende der<br />
CDU eher geschadet als genützt hat“. Allerdings,<br />
das fügt Fuchs schon hinzu, sei<br />
sein Umfeld vor allem durch Leute aus<br />
der Wirtschaft geprägt. „Ich bin ja nicht<br />
aus Prinzip für Atomkraft. Aber die Frage<br />
ist doch, wie wir in einem Industrieland<br />
wie Deutschland die Energiekosten in den<br />
Griff bekommen.“<br />
Und wie sehen das seine Parlamentarierkollegen?<br />
„Ich habe den Eindruck, dass<br />
die Skepsis gegenüber der Energiewende<br />
innerhalb der Fraktion eher gewachsen ist.“<br />
Nicht einmal im Wahlkampf würde sich<br />
die Wandlung der CDU zur Anti-Atomkraft-Partei<br />
auszahlen: „Die CDU stünde<br />
auch ohne Energiewende heute in den Umfragen<br />
genauso gut da“, glaubt der Atom-<br />
Fuchs. Aber so sei das eben in einer Demokratie,<br />
„da muss man auch akzeptieren,<br />
dass es Mehrheiten gegen einen gibt“.<br />
Die neue Quoten-Partei<br />
Was hält eigentlich die Kanzlerin von der<br />
Frauenquote? Elisabeth Winkelmeier-Becker<br />
zögert einen Moment und lächelt, als<br />
wolle sie sagen: „Das wüsste ich auch gern.“<br />
Dann aber antwortet sie ganz diplomatisch:<br />
„Angela Merkel steht da sicherlich nicht auf<br />
der Bremse.“ Die übliche Merkel-Strategie<br />
also: Bei schwierigen Themen werden andere<br />
vorgeschickt, um das Terrain zu sondieren.<br />
Frauen wie Winkelmeier-Becker:<br />
50 Jahre alt, Mutter von drei erwachsenen<br />
Kindern und direkt gewählte CDU-Abgeordnete<br />
aus dem Rhein-Sieg-Kreis in der<br />
Nähe von Bonn. Die Juristin ist eine der<br />
bekanntesten Quoten-Verfechterinnen in<br />
ihrer Partei; mit trickreicher (manche sagen<br />
auch skrupelloser) Hilfe Ursula von der<br />
Leyens haben sie und ihre Mitstreiterinnen<br />
es geschafft, dass die Quote jetzt auch offiziell<br />
ein Unionsziel ist.<br />
Im CDU/CSU-Wahlprogramm steht<br />
auf Seite 63 schwarz auf weiß: „Zugleich<br />
werden wir gesetzlich regeln, dass ab dem<br />
Jahr 2020 eine feste Quote von 30 Prozent<br />
für Frauen in Aufsichtsratsmandaten<br />
von voll mitbestimmungspflichtigen und<br />
börsennotierten Unternehmen gilt.“ Das<br />
klingt etwas verschwurbelt-bürokratisch,<br />
ist aber ein Kulturbruch. Denn die starre<br />
Frauenquote, das ist nun wirklich ein Klassiker<br />
aus dem linksalternativen Lila-Latzhosen-Milieu.<br />
Zumindest in den Augen der<br />
CDU-Traditionswählerschaft.<br />
Elisabeth Winkelmeier-Becker verbreitet<br />
trotz ihres Doppelnamens keinerlei feministischen<br />
Furor. Die dezent gekleidete,<br />
angenehm nachdenkliche Frau sitzt im<br />
„Nach allem,<br />
was ich aus<br />
meinem<br />
Umfeld so höre,<br />
würde ich<br />
sagen, dass die<br />
Energiewende<br />
der CDU eher<br />
geschadet als<br />
genützt hat“<br />
Michael Fuchs, Bundestagsabgeordneter der CDU<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 23
T i t e l<br />
„Wenn anstatt<br />
der Union<br />
Rot-Grün an<br />
der Macht<br />
wäre, hätten<br />
die CDU-<br />
Konservativen<br />
erst recht<br />
nichts<br />
gewonnen“<br />
Elisabeth Winkelmeier-Becker,<br />
Bundestagsabgeordnete der CDU<br />
Abgeordnetencafé des Reichstags vor einer<br />
Tasse grünen Tees und erzählt, dass sie<br />
früher mit der Quote nicht viel am Hut<br />
hatte. Aber je mehr man sich mit dieser<br />
Materie beschäftige, desto deutlicher werde<br />
der Handlungsbedarf. Dass Frauen in Unternehmensvorständen<br />
und Aufsichtsräten<br />
immer noch extrem unterrepräsentiert<br />
seien, hält sie für „eklatant ungerecht,<br />
und es ist klar, dass sich da von allein nie<br />
etwas bewegen wird. Diese Erkenntnis hat<br />
mich schon geärgert.“<br />
Also hat sie den Kampf aufgenommen.<br />
Nicht gegen die männerdominierten Führungsetagen<br />
in der Wirtschaft, sondern gegen<br />
die habituellen Quoten-Gegner in der<br />
eigenen Partei – fast alles Herren übrigens.<br />
„Ich habe öfter die Erfahrung gemacht,<br />
dass es da zwar eine Schwelle der emotionalen<br />
Ablehnung gibt. Doch wenn man<br />
sie einmal überwindet und den Kollegen<br />
die entsprechenden Zahlen nennt, gewinnt<br />
man durchaus Verständnis. Aber welcher<br />
Mann hat Anlass, sich auf dieses Thema<br />
überhaupt einzulassen? Keiner.“ Bei vielen<br />
CDU-Parlamentariern in der Fraktion<br />
gebe es „so eine undefinierte Unlust, sich<br />
mit diesem Thema auseinanderzusetzen“.<br />
Daheim im Wahlkreis ist Winkelmeier-<br />
Beckers Pro-Quoten-Einsatz sogar wesentlich<br />
milder aufgenommen worden, als man<br />
vermuten könnte. „In den heißen Wochen<br />
wurde ich viel darauf angesprochen, teilweise<br />
mit Unverständnis, aber nicht aggressiv.“<br />
Natürlich ist ihr klar, dass die Quote<br />
für viele ihrer Wähler eine ziemlich fette<br />
Kröte ist. Mit der Modernisierung, das<br />
sagt sie selbst, sollte man es nicht überspannen<br />
– „in der Summe aller Themen<br />
haben wir unseren Mitgliedern einiges abverlangt“.<br />
Aber als Volkspartei müsse die<br />
CDU eben auch die ganze Breite der gesellschaftlichen<br />
Anliegen abbilden, so unterschiedlich<br />
sie auch sein mögen. „Das wäre<br />
kaum möglich, wenn wir nur auf die Konservativen<br />
in der Partei schauen würden.<br />
Denn dann würden wir den politischen<br />
Vorstellungen von vielleicht 10 Prozent<br />
der Gesellschaft entsprechen. Und wenn<br />
anstatt der Union Rot-Grün an der Macht<br />
wäre, hätten die CDU-Konservativen erst<br />
recht nichts gewonnen. Mit diesem Argument<br />
muss man sie überzeugen, und das<br />
bedeutet nicht, ihre Lebensleistung infrage<br />
zu stellen.“<br />
Auf eine seltsam verquere Weise ist Elisabeth<br />
Winkelmeier-Beckers Mitgliedschaft<br />
in der CDU sogar die beste Voraussetzung,<br />
um so etwas wie die Frauenquote gesellschaftsfähig<br />
zu machen. Denn die Union<br />
wirkt in ländlich-konservative Milieus hinein,<br />
die für andere Parteien erst gar nicht<br />
erreichbar sind: „Die CDU hat jedenfalls<br />
das Potenzial, neue Notwendigkeiten aufzugreifen<br />
und in der Gesellschaft auch Akzeptanz<br />
dafür herzustellen.“<br />
Die Schwulen und<br />
die Coolen<br />
Das Potenzial, neue Notwendigkeiten in<br />
der CDU aufzugreifen: Jens Spahn hat es<br />
mit Sicherheit. Der 33-jährige Gesundheitsexperte<br />
sitzt bereits seit 2002 im<br />
Bundestag, viele in der Partei prophezeien<br />
ihm noch eine große politische Karriere.<br />
Am letzten Tag vor der parlamentarischen<br />
Sommerpause nimmt er sich zwischen zwei<br />
Debatten eine Stunde Zeit, um über die<br />
Zukunft der Union zu sprechen. Spahn bekennt<br />
sich seit einem Jahr öffentlich zu seiner<br />
Homosexualität, in Berlin sieht man<br />
ihn bei Veranstaltungen auch schon mal<br />
zusammen mit seinem Freund. Das Thema<br />
Schwulenehe und deren rechtliche Gleichstellung<br />
ist ihm deshalb auch ein persönliches<br />
Anliegen.<br />
Große Teile der CDU tun sich aber immer<br />
noch schwer damit; der Vorgabe des<br />
Bundesverfassungsgerichts sind viele Abgeordnete<br />
bei der entsprechenden Abstimmung<br />
im Bundestag nur unwillig gefolgt –<br />
einige sogar überhaupt nicht. Spahn, der<br />
aus dem westlichen Münsterland stammt,<br />
empfindet diese verdruckste Haltung als<br />
vertane Chance: „Selbst in meinem ländlich<br />
geprägten Wahlkreis erlebe ich doch,<br />
wie in einer CDU-Versammlung ein<br />
60-Jähriger zum anderen sagt, der Sohn<br />
vom Nachbarn sei auch schwul – und trotzdem<br />
okay. Da ist eine Normalität entstanden<br />
– und wir haben es versäumt, daraus<br />
eine proaktive Wertedebatte zu machen.“<br />
Für Spahn ist das „ein lebensweltliches<br />
Problem“, wie er es nennt: „Wir bauen in<br />
unserer Rhetorik – etwa in der Gleichstellungsdebatte<br />
– manchmal einen Popanz<br />
auf, den auch die Abgeordneten unserer<br />
Bundestagsfraktion gar nicht leben. Die<br />
wissen ja auch aus eigener Erfahrung, dass<br />
das Leben nicht immer so ist, wie man es<br />
sich wünscht, und dass man auch schon<br />
24 <strong>Cicero</strong> 8.2013
Illustration: Birgit Schössow<br />
mal an den eigenen Ansprüchen scheitern<br />
kann.“ Ein klassisches Beispiel dafür<br />
sei Edmund Stoiber, der sich zum Wahlkampf<br />
2002 von Gerhard Schröder abgrenzen<br />
wollte, indem er in jeder Rede betonte,<br />
dass er seit Jahrzehnten mit der selben Frau<br />
verheiratet sei. „Das ist ja auch okay, aber<br />
so, wie er es formuliert hat, musste das jedem<br />
seiner Zuhörer auf den Marktplätzen,<br />
denen das selbst nicht geglückt ist, wie ein<br />
Vorwurf erscheinen.“<br />
Die CDU und ihr Altjungfern-Image:<br />
Jüngeren Parteimitgliedern macht das<br />
ernsthaft zu schaffen, besonders in den<br />
Städten. Eine Mitarbeiterin der Bundestagsfraktion<br />
etwa – Anfang 30, top ausgebildet,<br />
humorvoll, intelligent – erzählt,<br />
dass sie auf Partys in Berlin Gespräche<br />
über den Beruf lieber meidet. Viele Leute<br />
würden sie nämlich entgeistert angucken,<br />
wenn sich herausstellt, dass ihr Arbeitgeber<br />
die CDU ist. Das nervt auf Dauer. Und<br />
macht es schwer für die Partei, bei jungen<br />
Wählern zu punkten.<br />
Bei der zurückliegenden Bundestagswahl<br />
haben nur 20,9 Prozent der 18- bis<br />
25-Jährigen ihre Stimme der CDU gegeben;<br />
die Grünen hingegen erzielen in dieser<br />
Altersgruppe ihre besten Ergebnisse.<br />
„Das Problem ist, dass wir bei vielen jungen<br />
Wählern überhaupt nicht als Option<br />
am Horizont erscheinen“, sagt Jens Spahn.<br />
„Dabei ist es meine Erfahrung aus Diskussionen,<br />
dass es junge Leute durchaus zu<br />
schätzen wissen, wenn man seine Position<br />
pointiert vertritt, ohne liebedienerisch zu<br />
sein. Aber wir erreichen sie oft einfach<br />
nicht.“ Die Art, wie in der CDU über die<br />
Gleichstellung von Homo-Ehen debattiert<br />
wurde, hat insbesondere auf Teenager abschreckend<br />
gewirkt: „Sogar in Schulklassen<br />
mit hohem Migrantenanteil merke ich<br />
da oft eine ganz andere Diskussionsbereitschaft<br />
als in unserer eigenen Partei.“<br />
Wenn Jens Spahn von den „lebensweltlichen<br />
Problemen“ der CDU spricht,<br />
meint er auch deren mangelnde Akzeptanz<br />
in den Metropolen. Seit September<br />
2009 haben die Christdemokraten in den<br />
Großstädten keine einzige der 27 Kommunalwahlen<br />
gewonnen; zuletzt gingen unter<br />
anderem Hamburg, Wolfsburg, Frankfurt,<br />
Wiesbaden, Duisburg und Karlsruhe verloren.<br />
Spahn hält den mangelnden Zuspruch<br />
in der urbanen Wählerschaft zwar grundsätzlich<br />
für lösbar – aber dafür müsse die<br />
CDU in den Großstädten auch Leute aufstellen,<br />
die das Lebensgefühl der Bewohner<br />
träfen – so wie Ole von Beust in Hamburg.<br />
„Es sollte nicht immer nur der Kandidat<br />
ausgewählt werden, der den Parteimitgliedern<br />
am besten gefällt, sondern der, der bei<br />
den Wählern in den urbanen Milieus am<br />
besten ankommt.“<br />
Terra incognita<br />
Vor ein paar Jahren sei der CDU-Wahlstand<br />
auf dem Kollwitzmarkt noch bespuckt<br />
und mit Gemüse beworfen worden,<br />
erzählt Torsten Kühne. Das ist durchaus<br />
wörtlich gemeint: bespuckt und mit Gemüse<br />
beworfen. Der Kollwitzmarkt, soviel<br />
muss man wissen, ist der Wochenmarkt<br />
rund um den Berliner Kollwitzplatz und<br />
jeden Samstag Treffpunkt der neobourgeoisen<br />
Besserverdiener vom Prenzlauer Berg.<br />
Von der Einkommensstruktur her müsste<br />
die Gegend, in der jetzt auch Thomas Gottschalk<br />
wohnt, leicht zu eroberndes Terrain<br />
für die Christdemokraten sein. Ist es aber<br />
nicht, denn hier haben vor allem die Grünen<br />
das Sagen. Und Torsten Kühne fällt<br />
als Vorsitzendem des CDU-Ortsverbands<br />
„Prenzlauer Allee“ die Rolle des politischen<br />
Underdogs zu.<br />
2006, im Jahr, als das Gemüse flog,<br />
kam seine Partei bei der Wahl zum Berliner<br />
Abgeordnetenhaus im Prenzlauer<br />
Berg auf ungefähr 6 Prozent der abgegebenen<br />
Stimmen; inzwischen erreicht sie<br />
im Durchschnitt rund vier Punkte mehr.<br />
Trotzdem bleibt Prenzlauer Berg ein Synonym<br />
für die mangelnde Anschlussfähigkeit<br />
der Union an das urbane Bionade-Milieu.<br />
Warum ist das so?<br />
Torsten Kühne empfängt in seinem<br />
großzügig dimensionierten Büro im Bezirksamt<br />
Pankow, an diesem Freitagnachmittag<br />
Ende Juni sind die Flure der Behörde<br />
bereits gespenstisch leer. Kühne ist<br />
37 Jahre alt, freundlich und äußerst eloquent.<br />
Er trägt eine violette Krawatte zum<br />
violett gestreiften Hemd und behält trotz<br />
sommerlicher Temperaturen das Sakko an.<br />
Als Pankower Stadtrat für Verbraucherschutz,<br />
Kultur und Umwelt würde er die<br />
Krawatte auch bei 36 Grad im Schatten<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 25
T i t e l<br />
inzwischen kommen sogar auf dem Kollwitzmarkt<br />
die Leute freundlich auf uns zu.“<br />
Manche von ihnen würden am CDU-Stand<br />
spontan einen Mitgliedsantrag unterschreiben.<br />
„Wir stehen jetzt auch nicht mehr verschämt<br />
in einer Ecke des Marktes, sondern<br />
mittendrin.“ Es seien vor allem Zuzügler, die<br />
ihm Hoffnung machten, dass das Schattendasein<br />
der CDU am Prenzlauer Berg bald<br />
vorbei sein könnte, „da kommt ja vor allem<br />
eine bürgerliche Klientel“. Wie hoch denn<br />
das Potenzial für die Union hier sei? Kühne<br />
überlegt nicht lange: „Ohne zu übertreiben,<br />
halte ich 30 Prozent für angemessen.“<br />
Illustration: Birgit Schössow; Foto: Andrej Dallmann<br />
nicht ablegen, sagt er. Gewisse Formalien<br />
seien ihm wichtig. An der Wand hängt ein<br />
Schild mit der Aufschrift „Lagern von Laub,<br />
Garten- und anderen Abfällen jeglicher Art<br />
ist verboten“, davor baumelt eine schwarzrot-goldene<br />
Papiergirlande.<br />
Kühne stammt aus dem Ostteil der<br />
Stadt, den Fall der Mauer hat er in der achten<br />
Klasse miterlebt. In die CDU sei er<br />
auch aus Dankbarkeit gegenüber Helmut<br />
Kohl eingetreten, den Mitgliedsantrag habe<br />
er am Tag der Vereidigung Angela Merkels<br />
zur Kanzlerin unterschrieben. 2005<br />
war das. Als promovierter Physiker fühle<br />
er sich Merkels rationaler Art besonders<br />
verbunden, sagt er. Und dass er ein Freund<br />
klarer Verantwortlichkeiten sei.<br />
Kühne ist ein erfahrener Straßenwahlkämpfer<br />
und kennt die Befindlichkeiten der<br />
Menschen in seinem Kiez ziemlich genau.<br />
Die klassischen gut situierten Grünen-Wähler<br />
vom Prenzlauer Berg seien beispielsweise<br />
alles andere als Freunde des Gemeinschaftsschulkonzepts<br />
– zumindest, was ihre eigenen<br />
Kinder angeht. „Wenn ich inhaltlich<br />
argumentiere, erlebe ich diese Leute eigentlich<br />
ganz aufgeschlossen“, sagt er. „Aber<br />
dann bekomme ich trotzdem fast immer zu<br />
hören, dass die CDU für sie nicht infrage<br />
kommt.“ Schuld daran sei das alte Image der<br />
Union: verrauchte Hinterzimmer, Stammtische,<br />
untersetzte Männer im fortgeschrittenen<br />
Alter. Dabei liegt das Durchschnittsalter<br />
im Ortsverband „Prenzlauer Allee“ bei gerade<br />
einmal 39 Jahren, viele Mitglieder sind<br />
zwischen 20 und 30. „Der Anteil dickbäuchiger<br />
alter Männer ist bei uns sehr gering.“<br />
Dennoch halten sich bestimmte Klischees<br />
hartnäckig. „Als ich Ortsverbandsvorsitzender<br />
wurde, habe ich als Erstes die<br />
Hinterzimmertreffen abgeschafft“, erzählt<br />
Torsten Kühne, „unser monatlicher Jour<br />
fixe findet seither ganz öffentlich in einem<br />
Café statt.“ Wer vorbeikomme, könne sich<br />
dazusetzen – auch ohne Mitglied der CDU<br />
zu sein. Transparenz ist ihm wichtig, man<br />
habe nichts zu verbergen.<br />
Seine Basisarbeit trägt inzwischen<br />
Früchte, wenn auch zaghaft. „Aber angespuckt<br />
werden wir schon lange nicht mehr,<br />
Nach Merkel<br />
Gibt es für die CDU eine Zeit nach Merkel?<br />
Noch ist es nicht so weit, aber irgendwann<br />
wird sie kommen. Bis der Moment<br />
für einen Wechsel an der Spitze da ist,<br />
dürften noch so einige Kronprinzen und<br />
‐prinzessinnen auftauchen und wieder verschwinden.<br />
Politische Karrieren sind in<br />
einer Demokratie eben nur sehr begrenzt<br />
planbar. Um das zu wissen, muss man kein<br />
Historiker sein. Die Merkel-Nachfolge ist<br />
im Moment kein großes Thema – weder im<br />
CDU-Vorstand noch in der Bundestagsfraktion<br />
oder in den vielen Gliederungen<br />
der Partei. Und auch nicht bei den einfachen<br />
Mitgliedern.<br />
Die meisten Unionsparlamentarier<br />
wollen am liebsten gar nichts dazu sagen.<br />
Das könnte nämlich so wirken, als würde<br />
man mit einer Kanzlerin auf Abruf in die<br />
Wahl gehen. Michael Fuchs, der Mann<br />
mit dem Faible für die Atomkraft, wagt<br />
sich also schon ziemlich weit heraus, wenn<br />
er sich trotzdem darauf einlässt. Es klingt<br />
dann so: „Das ist im Moment keine Diskussion,<br />
die die Partei umtreibt. Ich bin<br />
mir auch sicher, dass Angela Merkel den<br />
Startschuss für die Nachfolgediskussion zu<br />
gegebener Zeit selbst setzen wird.“<br />
Die Chefin, glaubt Fuchs, neige eben<br />
nicht zum Ewigkeitsdenken eines Helmut<br />
Kohl. „Sie ist ja keine Egomanin und hat<br />
ein gutes Gespür für den richtigen Zeitpunkt.“<br />
Der CDU kann das nur nutzen.<br />
Alexander Marguier<br />
ist stellvertretender<br />
Chefredakteur von <strong>Cicero</strong><br />
26 <strong>Cicero</strong> 8.2013
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T i t e l<br />
„Gefühl groSSer Distanz“<br />
Die Chefin des Instituts für Demoskopie Allensbach, Renate Köcher, über die Chancen<br />
für Schwarz-Grün, das Image der CDU – und die mangelnde Regenerationskraft der SPD<br />
F<br />
rau Köcher, wie sehen Sie die<br />
Chancen, dass die schwarz-gelbe<br />
Koalition nach der Bundestagswahl<br />
weiterregiert?<br />
Im Moment würde ich sagen fifty-fifty,<br />
mit Vorteil für Schwarz-Gelb. Zusammengerechnet<br />
liegt Schwarz-Gelb in den<br />
Umfragen derzeit noch unterhalb des Ergebnisses<br />
der zurückliegenden Bundestagswahl.<br />
Die Ausgangssituation für eine<br />
Wiederwahl hat sich jedoch im Vergleich<br />
zur gesamten Legislaturperiode deutlich<br />
verbessert.<br />
Ist der NSA-Abhörskandal ein Thema, das<br />
der Koalition unter Merkel noch gefährlich<br />
werden könnte?<br />
Nein. Das ist ein Thema, das an der großen<br />
Mehrheit der Bevölkerung ziemlich<br />
vorbeigeht. Die meisten Leute sehen<br />
diese Maßnahmen zwar sehr kritisch,<br />
sind aber gleichzeitig keineswegs überrascht.<br />
Viele haben ja Filme wie „Staatsfeind<br />
Nummer 1“ gesehen – die Abhöraffäre<br />
ist deshalb nichts, was sie für<br />
unmöglich gehalten hätten.<br />
Halten Sie Schwarz-Grün für plausibel,<br />
wenn es mit der FDP nicht reichen sollte<br />
und die SPD keine Große Koalition mehr<br />
eingehen will?<br />
Ich kann mir nicht vorstellen, dass die<br />
SPD sich einer Großen Koalition verweigert,<br />
wenn es denn wirklich darauf<br />
ankommt. Es geht für eine bestimmte<br />
Politikergeneration doch auch schlicht<br />
um die Frage, ob sie aktiv mitgestalten<br />
oder in der Opposition nur kommentieren<br />
will. Um auf Ihre eigentliche Frage<br />
zu kommen: Ich bin mir sicher, dass<br />
die Führung der Grünen bereit wäre, in<br />
eine Koalition mit der Union einzusteigen.<br />
Aber für die Anhänger beider Parteien<br />
wäre Schwarz-Grün doch eine sehr<br />
fremde Vorstellung. Da besteht auf beiden<br />
Seiten noch das Gefühl einer großen<br />
Distanz.<br />
Wenn Sie die CDU von heute vergleichen<br />
mit der CDU zu dem Zeitpunkt, als Angela<br />
Merkel Parteichefin wurde, worin bestehen<br />
die größten Unterschiede?<br />
Aus Sicht der Bürger hat sich die CDU<br />
gar nicht so gravierend gewandelt, wie<br />
man denken könnte. Politikwechsel wurden<br />
in den vergangenen Jahren oft als<br />
notwendige Anpassungen an veränderte<br />
Bedingungen empfunden, beispielsweise<br />
die Abschaffung der Wehrpflicht. Im Wesentlichen<br />
wird die CDU von den Bürgern<br />
auch heute noch mit Werten und<br />
Sehen Sie Rot-Rot-Grün als eine realistische<br />
Option? Die Union malt dieses<br />
Szenario ja derzeit deutlich an die Wand.<br />
Das halte ich für unwahrscheinlich, weil<br />
es zwischen Rot-Grün und der Linkspartei<br />
nach wie vor einen tiefen Graben gibt.<br />
Ich kann mir nicht vorstellen, dass die<br />
SPD eine solche Koalition wagen würde.<br />
Vor allem, weil in Umfragen zu erkennen<br />
ist, dass viele Anhänger der Linken<br />
von ihren Überzeugungen her noch nicht<br />
den Weg in die EU und in das transatlantische<br />
Bündnis gefunden haben. Sie<br />
haben auch noch viele Vorbehalte gegenüber<br />
dem marktwirtschaftlichen System<br />
und der politischen Grundordnung der<br />
Bundesrepublik.<br />
Schätzt die Wahrscheinlichkeit für eine Verlängerung der schwarz-gelben<br />
Koalition nach der Bundestagswahl auf fifty-fifty: Renate Köcher<br />
Foto: Christian Grund/13 Photo<br />
28 <strong>Cicero</strong> 8.2013
Zielen verbunden, die ihr schon vor Jahrzehnten<br />
zugeschrieben wurden; sie gilt als<br />
wirtschaftsaffin, gleichzeitig auch heute<br />
noch als Partei, der christliche Grundüberzeugungen<br />
zugeschrieben werden.<br />
Auch wird die CDU unverändert sowohl<br />
als Deutschland- wie als Europapartei<br />
gesehen – was interessant ist, weil<br />
dieser Spagat keiner anderen Partei gelingt.<br />
Umgekehrt wird die CDU von den<br />
Menschen nur wenig mit Verteilungsoder<br />
sozialen Themen in Verbindung<br />
gebracht. Das Einzige, was sich in der<br />
Wahrnehmung der CDU deutlich verändert<br />
hat, ist das Frauenleitbild der Partei;<br />
heute dominiert, anders als noch in den<br />
neunziger Jahren, die Vorstellung, dass<br />
die Union auch für berufstätige Mütter<br />
eintritt.<br />
Die Energiewende hat viele CDU-Wähler<br />
irritiert. Glauben Sie, die CDU stünde<br />
ohne die Abkehr von der Atomkraft heute<br />
genauso gut da?<br />
Das ist wahrscheinlich. Die Energiewende<br />
hat in der gesamten Bevölkerung<br />
und auch unter Anhängern der CDU<br />
breiten Rückhalt. Nach wie vor bezweifelt<br />
die Mehrheit jedoch – wie auch nach<br />
dem Ausstiegsbeschluss von Rot-Grün –<br />
dass der Ausstieg aus der Kernenergie wie<br />
geplant erfolgen wird. Ein wahlentscheidendes<br />
Thema ist es jedoch schon deswegen<br />
nicht, weil es keinen nennenswerten<br />
Dissens zwischen den Parteien in dieser<br />
Frage gibt.<br />
Die Frauenquote steht jetzt im CDU-<br />
Parteiprogramm, eigentlich eine urgrüne<br />
Forderung. Verschreckt man damit nicht<br />
eher die Kernklientel als dass man neue<br />
Wähler hinzugewinnt?<br />
Der Großteil der Bevölkerung interessiert<br />
sich dafür überhaupt nicht, weil es<br />
kaum jemanden betrifft. Denn die geplante<br />
Quote bezieht sich ja nur auf die<br />
Aufsichtsräte von Dax-Unternehmen.<br />
Das Ganze ist ein Symbolthema. Was<br />
die Leute wirklich interessiert, und zwar<br />
auch die CDU-Anhänger, ist die Vereinbarkeit<br />
von Familie und Beruf.<br />
Bei der Gleichstellung der Homo-Ehe hat<br />
die Union erst eine Entscheidung des<br />
Bundesverfassungsgerichts abgewartet,<br />
anstatt sich vorher klar zu positionieren.<br />
Und trotz des Urteils stimmten einige<br />
CDU-Abgeordnete gegen das entsprechende<br />
Gesetz. Warum tun sich die<br />
Christdemokraten bei diesem Thema so<br />
schwer?<br />
Ich kann durchaus verstehen, wenn einige<br />
Abgeordnete den im Grundgesetz<br />
verankerten Familienbegriff so interpretieren,<br />
dass der besondere Schutz der Ehe<br />
zwischen Mann und Frau und ihren Kindern<br />
gilt, nicht jeder Form von Lebensgemeinschaft.<br />
Das war ja auch in den<br />
vergangenen Jahrzehnten durchaus die<br />
gültige Interpretation. Von den Anhängern<br />
der CDU befürworten 35 Prozent<br />
eine völlige Gleichstellung, 40 Prozent<br />
eine selektive, während rund 20 Prozent<br />
auch das ablehnen.<br />
„Ich habe<br />
Schwierigkeiten<br />
mit der Vorstellung,<br />
dass eine<br />
Partei vor allem<br />
modern sein<br />
muss“<br />
Würden Sie sagen, die CDU ist heute eine<br />
moderne Partei? Oder gibt es noch programmatischen<br />
Modernisierungsbedarf?<br />
Ich habe Schwierigkeiten mit der Vorstellung,<br />
dass eine Partei vor allem modern<br />
sein muss. Denn auch eine Partei muss<br />
manchmal den Mut haben, gegen sogenannte<br />
moderne Vorstellungen in einer<br />
Gesellschaft zu stehen.<br />
Vor drei Jahren kam die schwarz-gelbe<br />
Koalition in Umfragen auf gerade einmal<br />
36 Prozent, Rot-Grün dagegen auf<br />
48 Prozent. Warum hat sich die Stimmung<br />
seither doch so deutlich geändert?<br />
Die CDU selbst hat ihr Bundestagswahlergebnis<br />
von 2009 während der gesamten<br />
Legislaturperiode nie unterboten; der<br />
in Umfragen ermittelte niedrigere Rückhalt<br />
für Schwarz-Gelb ist auf die Schwäche<br />
der FDP zurückzuführen. Allerdings<br />
sind eben auch erstaunlich wenige der<br />
ehemaligen FDP-Wähler sofort ins Lager<br />
der Union gewechselt. Dann gab es natürlich<br />
Sonderereignisse wie die Reaktorkatastrophe<br />
von Fukushima, nach der die<br />
Grünen in Umfragen auf über 20 Prozent<br />
kamen. Danach stand die Legislaturperiode<br />
ganz im Zeichen der Eurokrise und<br />
der Bemühungen, diese Probleme in den<br />
Griff zu bekommen. Dass die Eurokrise<br />
für die Deutschen bisher kaum spürbare<br />
Auswirkungen zeigt, hat zu einer steigenden<br />
Anerkennung für die Regierungskoalition<br />
geführt.<br />
Wie groß ist der Anteil der SPD am Wiedererstarken<br />
von Schwarz-Gelb?<br />
Ich war am Anfang der Legislaturperiode<br />
überzeugt, dass die Zeit in der Opposition<br />
der SPD einen sehr starken Schub<br />
bringen würde. Immerhin hatte sie unter<br />
der Kanzlerschaft Gerhard Schröders<br />
durch die Agenda-Reformen große Teile<br />
ihrer Klientel verschreckt; danach hatte<br />
sie in der Großen Koalition als kleiner<br />
Koalitionspartner eine undankbare Rolle.<br />
Es ist wirklich bemerkenswert, dass sich<br />
die SPD in den zurückliegenden vier Jahren<br />
von alledem nicht erholen konnte.<br />
Ich glaube, sie hat die Diskussion darüber<br />
versäumt, wie eine fortschrittliche sozialdemokratische<br />
Partei eigentlich aussieht<br />
und an wen sie sich wendet. Im Gegensatz<br />
zur SPD ist es ja beispielsweise den<br />
Gewerkschaften durchaus gelungen, verlorenen<br />
Rückhalt in der Bevölkerung zurückzugewinnen.<br />
Ich habe manchmal<br />
den Eindruck, dass die Sozialdemokraten<br />
ein bisschen den Kontakt zu ihrer eigenen<br />
Wählerschicht verloren haben. Der<br />
Rückhalt für viele originär sozialdemokratische<br />
Positionen ist in der Bevölkerung<br />
weitaus größer als der Rückhalt für<br />
die Partei.<br />
Wer hätte aus heutiger Sicht die besten<br />
Chancen auf den Parteivorsitz in der Zeit<br />
nach Merkel?<br />
Keine Ahnung. Darüber wird ja auch innerparteilich<br />
kaum diskutiert. Das war<br />
zu Zeiten von Helmut Kohl noch anders,<br />
als immer mal wieder eine kleine Revolte<br />
ausbrach und Leute den Kopf rausstreckten,<br />
die überzeugt waren, es besser zu<br />
können. So etwas sieht man im Moment<br />
bei der CDU kaum.<br />
Das Gespräch führte Alexander Marguier<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 29
| B e r l i n e r R e p u b l i k<br />
Die blonde eminenz<br />
Eva Christiansen gehört zu den einflussreichsten Berliner Frauen – sie ist ganz nah an der Kanzlerin<br />
von Thomas Kröter<br />
W<br />
enn Angela Merkel schlanke,<br />
attraktive Männer mittleren Alters,<br />
blond oder etwas dunkleren<br />
Haares, für sich sprechen lässt, hat<br />
das womöglich mit einer schlanken, blonden,<br />
attraktiven Frau zu tun. Eva Christiansen<br />
berät die Kanzlerin. In Medienfragen.<br />
Und überhaupt. Dass sie ihr geraten<br />
hat, die teilweise triste Regierungspolitik<br />
von telegenen Herren verkaufen zu lassen,<br />
können wir nur vermuten. Wir wissen es<br />
nicht. Wir wissen überhaupt recht wenig<br />
über Eva Christiansen. Anders als Steffen<br />
Seibert und vor ihm Ulrich Wilhelm bleibt<br />
die 43-Jährige im Hintergrund.<br />
Solche zentralen Nebenfiguren gibt es<br />
immer in den Zentren der Macht. Im Bonner<br />
Kanzleramt spielte Eduard Ackermann,<br />
der fast blinde getreue Ekkehard des Kanzlers<br />
Helmut Kohl, jahrelang diese Rolle. Er<br />
war wirklich des Kanzlers „graue Eminenz“.<br />
Doch der düstere Begriff passt nicht recht<br />
auf die (fast) immer freundliche Volkswirtin<br />
mit dem erfrischenden Lachen.<br />
Seit annähernd eineinhalb Jahrzehnten<br />
arbeitet Christiansen für Merkel, zunächst<br />
als Sprecherin der CDU, dann der CDU/<br />
CSU-Bundestagsfraktion. In den wilden<br />
Zeiten um die Jahrtausendwende wuchsen<br />
die beiden zum Team, mehr noch: zur<br />
Kampfgemeinschaft. Die Spendenaffäre ihres<br />
langjährigen Vorsitzenden Helmut Kohl<br />
erschütterte die CDU bis in die Grundfesten.<br />
Merkel nutzte die Krise als Chance<br />
für ihren Aufstieg von der graumäusigen<br />
Ostquotin zur beherrschenden Politikerin<br />
unserer Tage. Eva Christiansen stieg mit.<br />
Die Mutter einer Tochter ist die einzige<br />
leitende Mitarbeiterin des Bundeskanzleramts,<br />
deren Name gleich zwei Mal<br />
im Organigramm des Hauses auftaucht –<br />
als Medienberaterin und seit einiger Zeit<br />
auch als Leiterin des Stabes Politische Planung,<br />
Grundsatzfragen, Sonderaufgaben.<br />
Nur Büroleiterin Beate Baumann ist von<br />
ähnlicher Bedeutung für ihre Chefin. Über<br />
Baumann wissen wir noch weniger. Wer<br />
sich Merkels Vertrauen erarbeiten will,<br />
muss loyal sein. Und verschwiegen. Und<br />
verdammt hell im Kopf. Und wer es behalten<br />
will, muss erst recht schweigen können.<br />
Wer das Schweigegelübde verletzt und<br />
quatscht, oder sich in den Vordergrund<br />
spielt und wichtigtut, gehört nicht mehr<br />
dazu. Das haben beide verinnerlicht.<br />
Gemeinsam stimmen sie den „Sound“<br />
der amtlichen Redenschreiber auf Merkel-<br />
Ton. Schlicht, verständlich und wo immer<br />
es geht, nicht zu konkret, aber mit einer<br />
wachsenden Prise „Mutti“: eine Kanzlerin,<br />
die sich kümmert. Ob Christiansen<br />
auch in Modefragen tätig wird und Merkel<br />
etwa zu jenem imposanten Dekolleté<br />
geraten hat, das vor Jahren anlässlich einer<br />
Operneröffnung die Nation tagelang beschäftigt<br />
hat, wie viel von den gefühligen<br />
„DDR mit Kirsch-Wodka“-Erinnerungen<br />
der CDU-Vorsitzenden im aktuellen Frühwahlkampf<br />
auf ihr Konto gehen oder gar:<br />
welche Auseinandersetzungen es womöglich<br />
zwischen den beiden um derlei Fragen<br />
gibt – darüber können wir nur spekulieren.<br />
Nachfragen? Zwecklos. Siehe oben!<br />
Eva Christiansen verändert die Regierungschefin<br />
nicht nur, sie interpretiert<br />
sie auch. Wer im politischen Berlin etwas<br />
von und über Angela Merkel wissen<br />
will, kommt an ihr nicht vorbei. Direkte<br />
Begegnungen der Hauptstadtkorrespondenten<br />
mit der vielbeschäftigten Kanzlerin<br />
sind rar und erschöpfen sich im Offizial-Sprech<br />
der Haupt- und Staatsaktionen.<br />
Also telefoniert sich Merkels kommunikatives<br />
Alter Ego Ohren und Mund wund.<br />
Immer wieder ist sie mit ihren Gesprächspartnern<br />
auch beim preisgünstigen<br />
Businesslunch in einem der Lokale<br />
zu sehen, die vom Kanzleramt aus minutenschnell<br />
zu Fuß zu erreichen sind. Solche<br />
Unterredungen unter Ausschluss der<br />
Öffentlichkeit sind kein geringerer Balanceakt<br />
als die offiziellen Einlassungen des<br />
Regierungssprechers, der aus internationaler<br />
Rücksichtnahme von gestanzten<br />
Sprachregelungen auch dann nicht lassen<br />
darf, wenn sie die heimische „Meute“<br />
frustrieren.<br />
Christiansen hat das Kunststück zu<br />
vollbringen, ihre Gesprächspartner zufriedenzustellen,<br />
ohne das Diskretionsgebot<br />
der Kanzlerin zu verletzen. Da Letzteres<br />
ihr oberstes Gebot ist, kann Ersteres nicht<br />
immer gelingen. Eines aber hat der auch<br />
Kritischste unter ihnen noch nicht beklagt:<br />
dass Christiansen ihn belogen habe.<br />
Ihr größtes Publikum erreicht die Interpretin<br />
am Rande von Parteitagen oder<br />
Bundestagssitzungen. Kaum schlendert sie<br />
durch die Gänge des Reichstags oder einer<br />
beliebigen Messehalle, verschwindet<br />
der blonde Haarschopf in einer Traube<br />
von Journalisten. Die wollen wissen, was<br />
der strategische (Hinter-)Sinn dieser oder<br />
jener mehr oder weniger (un)bedeutenden<br />
Rede der Kanzlerin ist. Und Christiansen<br />
will wissen, wie ihr Produkt aus Merkels<br />
Mund bei den professionellen Beobachtern<br />
angekommen ist. Da wird die Interpretin<br />
zur Kundschafterin.<br />
Diese Rolle führte sie im Frühjahr<br />
auch zu einem Workshop, zu dem der<br />
Handelskonzern Metro eingeladen hatte.<br />
Eine hochkarätig besetzte Expertenrunde<br />
diskutierte „Strategien von Strategen“ für<br />
das Wahljahr 2013. Das Protokoll verzeichnet<br />
eine einzige Wortmeldung der Merkel-<br />
Vertrauten, keine halbe Seite lang, ansonsten<br />
hörte sie zu – besonders genau einem<br />
Mann, den sie zuvor noch nie „live“ erlebt<br />
hatte: Roland Fäßler. Einer Aussage<br />
des Vertrauten von SPD-Kanzlerkandidat<br />
Peer Steinbrück stimmte Eva Christiansen<br />
sogar zu: „Alles ist offen.“<br />
Ach ja, höflich ist sie auch.<br />
Thomas Kröter<br />
ist Korrespondent in Berlin,<br />
kennt Eva Christiansen aber<br />
noch aus alten Bonner Zeiten<br />
Fotos: Laurence Chaperon, Privat (Autor)<br />
30 <strong>Cicero</strong> 8.2013
Wer im politischen Berlin etwas<br />
von und über Angela Merkel<br />
wissen will, kommt an Eva<br />
Christiansen nicht vorbei<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 31
| B e r l i n e r R e p u b l i k<br />
Zwischen den Fronten<br />
Der Theologe Mouhanad Khorchide gerät als liberale Stimme des Islam mitten in einen politischen Konflikt<br />
von Jan Kuhlmann<br />
H<br />
ier sitzt er und liest und denkt<br />
und schreibt, auch jene Sätze, die<br />
bei anderen Muslimen Aggressionen<br />
auslösen: ein Raum mit niedriger Decke,<br />
die Wände voller Regale, die Regale<br />
bis in den letzten Winkel voller Bücher.<br />
Auch auf dem Schreibtisch seines Büros<br />
stapelt sich Band auf Band, nur ein wenig<br />
Platz für den Computerbildschirm bleibt<br />
frei. Mouhanad Khorchide, Leiter des Zentrums<br />
für Islamische Theologie in Münster,<br />
ist ein produktiver Gelehrter. Er arbeitet<br />
oft bis spät abends. Nichts zu tun, still<br />
zu sitzen, fällt ihm schwer.<br />
Gerade schreibt er an seinem neuen<br />
Buch: „Scharia – Der missverstandene<br />
Gott“. Er will an seinen letzten Band mit<br />
dem Titel „Islam ist Barmherzigkeit“ anknüpfen.<br />
Darin bricht Khorchide mit vielem,<br />
was die traditionelle islamische Gelehrsamkeit<br />
hervorgebracht hat: Sein Gott<br />
ist nicht strafend, „kein Diktator“, sondern<br />
barmherzig und liebend. Beten und Fasten<br />
reichen für ihn nicht aus, um ein guter<br />
Muslim zu sein, auch das Herz muss<br />
aufrichtig sein. Und die Scharia, das islamische<br />
Recht, hält er für ein „menschliches<br />
Konstrukt“. In den deutschen Medien<br />
hat er dafür viel Applaus bekommen. Das<br />
Bundesbildungsministerium wirbt mit ihm<br />
bundesweit auf einem Plakat für mehr Integration.<br />
Mouhanad Khorchide – 41, verheiratet,<br />
ein Sohn – hat sich als liberale<br />
Stimme des Islam einen Namen gemacht.<br />
Genau hier beginnen für ihn die Probleme.<br />
Im Internet hetzen radikale Muslime<br />
gegen ihn. Aber auch gemäßigte Stimmen<br />
lehnen viele seiner Thesen ab. Als christlich<br />
inspirierte „Barmherzigkeitstheologie“<br />
werden sie verspottet. „Seine randständigen<br />
„Ich suche nicht nach Macht.<br />
Ich suche nur nach Gott“<br />
Mouhanad Khorchide<br />
Positionen als den unverfälschten Islam im<br />
wahrsten Sinne des Wortes zu verkaufen“,<br />
übertreffe „jede Form von Dreistigkeit“,<br />
wetterte Avni Altiner, Vorsitzender des<br />
Schura-Verbands der Muslime Niedersachsen,<br />
in der Islamischen Zeitung. Ein islamischer<br />
Theologe aus Hamburg rief Khorchide<br />
sogar dazu auf, „Reue“ zu zeigen<br />
„und sich wie ein Muslim zu verhalten“.<br />
Khorchide ist ein Symbol dafür, wie<br />
schwierig es ist, als Muslim zu beiden Seiten<br />
zu kommunizieren: zur deutschen<br />
„Mehrheitsgesellschaft“ einerseits und zu<br />
der traditionell-konservativen muslimischen<br />
Gemeinde hierzulande andererseits.<br />
Der Professor, Sohn einer palästinensischen<br />
Flüchtlingsfamilie, ist geprägt<br />
von seiner Großmutter, die ihn lehrte:<br />
Gott schaut nicht auf die Fassade – Gott<br />
schaut, ob auch das Herz rein ist. Khorchide<br />
wächst im extrem konservativen<br />
Saudi-Arabien auf. „In den Moscheen haben<br />
die Imame die Gleichheit aller Muslime<br />
gepredigt“, erzählt Khorchide. „Doch<br />
im täglichen Leben sind wir als Palästinenser<br />
diskriminiert worden.“ Nicht einmal<br />
eine Krankenversicherung besaß seine Familie.<br />
„Ich habe mich als Kind geschämt,<br />
wenn ich krank war, und es verschwiegen,<br />
weil ich meine Eltern finanziell nicht belasten<br />
wollte.“<br />
1989 geht er zum Studium nach Österreich,<br />
weil Wien damals auch staatenlose<br />
Palästinenser wie Khorchide einreisen lässt.<br />
Das Erste, was er bei der Immatrikulation<br />
bekommt, ist eine Krankenversicherung für<br />
3,50 Euro im Monat. Die angeblich Ungläubigen<br />
behandelten ihn viel gerechter<br />
als die Glaubensbrüder in Saudi-Arabien.<br />
„Diese Erfahrung war ausschlaggebend“,<br />
sagt Khorchide. Sie prägte auch sein Buch<br />
„Islam ist Barmherzigkeit“.<br />
Doch im Streit um den Band geht es<br />
nicht nur um Theologie – sondern um<br />
Politik. Seit Monaten schwelt ein Konflikt<br />
um den letzten freien Posten im Beirat<br />
des Zentrums für Islamische Theologie,<br />
einem der fünf neu geschaffenen Standorte<br />
in Deutschland, an denen die Imame und<br />
Islam-Lehrer von morgen ausgebildet werden<br />
sollen. Der Islamrat, einer der großen<br />
muslimischen Verbände in Deutschland,<br />
hatte Burhan Kesici für den Beirat vorgeschlagen<br />
– einen Vertreter der Islamischen<br />
Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG). Doch<br />
weil der Verfassungsschutz die IGMG beobachtet,<br />
legte das Bundesinnenministerium<br />
beim zuständigen Bildungsministerium<br />
sein Veto gegen Kesici ein – dieses<br />
drohte dem Zentrum in Münster, zugesagte<br />
Gelder zu stoppen, sollte Kesici berufen<br />
werden. Der Streit zwischen Milli<br />
Görüs und Innenministerium – er wird<br />
auf dem Rücken der Islamischen Theologie<br />
ausgetragen.<br />
Dabei taucht eine ganz zentrale Frage<br />
auf: Darf sich der Staat überhaupt derart in<br />
die Islamische Theologie einmischen? „Der<br />
Staat verstößt massiv gegen sein Neutralitätsgebot“,<br />
sagt Engin Karahan, stellvertretender<br />
IGMG-Generalsekretär. „Das ist<br />
verfassungsrechtlich nicht haltbar.“<br />
Khorchide hält in der Debatte um sein<br />
Buch an seinen Thesen fest. Mit den Anfeindungen<br />
kommt er auch deswegen zurecht,<br />
weil er von seiner Sache überzeugt<br />
ist. Er kann dickköpfig sein. Und er versucht<br />
den Eindruck zu vermitteln, die Politik<br />
sei ihm egal. „Ich gehe den Weg, den<br />
ich für richtig halte“, sagt Khorchide. „Ich<br />
suche nicht nach Wählern und Macht. Ich<br />
suche nur nach Gott.“<br />
Jan Kuhlmann<br />
schreibt für Zeitungen und<br />
Hörfunk vor allem über die<br />
Themen Islam, Integration und<br />
arabisch-islamische Welt<br />
Fotos: Holde Schneider/Visum, Privat (Autor)<br />
32 <strong>Cicero</strong> 8.2013
Seine Großmutter lehrte ihn:<br />
Gott schaut nicht auf die<br />
Fassade, sondern ins Herz<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 33
| B e r l i n e r R e p u b l i k<br />
Lausitzer kronprinz<br />
Auf Innenminister Dietmar Woidke läuft die Nachfolge von Ministerpräsident Matthias Platzeck zu<br />
von Ulrich thiessen<br />
V<br />
on seinem Schreibtisch in Potsdam<br />
blickt Dietmar Woidke jeden<br />
Tag auf ein wildes Naturschauspiel:<br />
Ein Motorboot stampft durch<br />
bewegte See, der Bug ragt steil aus dem<br />
Wasser hinaus, die Wellen sind riesig, und<br />
es sieht ganz so aus, als ginge das kleine<br />
Boot im nächsten Moment unter.<br />
Es ist zwar nur ein Bild an der Wand.<br />
Aber irgendwie passt es zu dem 51 Jahre<br />
alten Innenminister des Landes Brandenburg.<br />
Er hat es vor drei Jahren einem brandenburgischen<br />
Künstler abgekauft – aus einer<br />
Laune heraus. Vielleicht aber auch, weil<br />
ihn darin der symbolische Bezug zu seinem<br />
eigenen Leben berührte: 2010, als er das<br />
Kunstwerk erstand, hatte er gerade einen<br />
politischen Absturz hinter sich. Er war –<br />
bis dahin Umwelt- und Agrarminister –<br />
nach der Wahl im Herbst 2009 aus dem<br />
Kabinett des Ministerpräsidenten Matthias<br />
Platzeck geflogen und auf einer Hinterbank<br />
im brandenburgischen Parlament gelandet.<br />
Heute ist der Sozialdemokrat wieder<br />
obenauf. Und seit zu lesen war, dass<br />
Platzeck einen leichten Schlaganfall erlitten<br />
hat, ist er sogar als Kronprinz im Gespräch:<br />
Sollte sich bewahrheiten, dass der<br />
Ministerpräsident in absehbarer Zeit aufhören<br />
wird, liefe die Nachfolge auf Dietmar<br />
Woidke hinaus.<br />
Nicht etwa weil der als Politiker brillant,<br />
als Wahlkämpfer unentbehrlich oder<br />
als Chef einer Koalition mit besonderem<br />
Fingerspitzengefühl gesegnet wäre. Sondern<br />
weil die personelle Decke der brandenburgischen<br />
SPD – wie sich jetzt zeigt – derartig<br />
ausgedünnt ist, dass außer ihm kaum einer<br />
mehr infrage kommt. Alle früheren Hoffnungsträger<br />
wurden entweder als Minister<br />
abserviert, weggelobt oder mussten nach<br />
Skandalen zurücktreten. Zurück blieb eine<br />
eher blasse Mannschaft, aus der nur noch<br />
Woidke herausragt. Man traut ihm zu, in<br />
Platzecks Fußstapfen treten zu können.<br />
Der Mann aus Forst an der polnischen<br />
Grenze, im Jahr des Mauerbaus geboren<br />
und in der DDR aufgewachsen, hatte in<br />
den achtziger Jahren an der Berliner Humboldt-Universität<br />
Tierproduktion und Ernährungspsychologie<br />
studiert.<br />
Nach der Wende arbeitete er eine Zeit<br />
lang bei einem Futtermittelhersteller in<br />
Bayern. 1993 kehrte er in seine Heimat zurück,<br />
wurde Amtsleiter für Landwirtschaft<br />
in Forst und trat der SPD bei. Bereits ein<br />
Jahr später wurde er in den Landtag gewählt<br />
und zehn Jahre später zur allgemeinen<br />
Überraschung von Platzeck zum Minister<br />
für ländliche Entwicklung, Umwelt<br />
und Verbraucherschutz ernannt. 43 Jahre<br />
war er damals alt.<br />
Leutselig, offen und fast immer gut gelaunt<br />
bewegte er sich zwischen seiner bunten<br />
Klientel aus Förstern, Fischern, Bauern,<br />
Jägern und Naturschützern – immer<br />
einen lockeren Spruch auf den Lippen,<br />
gern in seinem Lausitzer Dialekt, einem<br />
zernuschelten Berlinerisch mit besonders<br />
breitem „O“. Weil er glaubte, das passe zu<br />
einem Landwirtschaftsminister, schaffte<br />
er sich sogar einen Jagdhund an und versuchte<br />
auch, die Jägerprüfung zu bestehen.<br />
Das ging allerdings schief. Als Woidke bei<br />
der Schießprüfung die vorbeiflitzenden<br />
Eber-Attrappen aus Pappe (Fachjargon:<br />
„Laufender Keiler“) treffen sollte, schoss er<br />
daneben, was aber seiner guten Laune keinen<br />
Abbruch tat. „Verdammt schnell, das<br />
Ding“, stellte er hinterher nur fest.<br />
Die launige Amtsführung vermieste<br />
ihm der Platzeck-Vertraute und damalige<br />
Finanzminister Rainer Speer. Der verlangte<br />
eine Forstreform, bei der mehr als<br />
ein Drittel der Stellen abzubauen waren.<br />
Lautstarke Demonstrationen vor dem<br />
Landtag waren die Folge. Woidke gelang<br />
es nicht, die Reform auf den Weg zu bringen.<br />
Ob dies den Ausschlag gab oder ob<br />
Regierungschef Platzeck 2009 beim Wechsel<br />
von Rot-Schwarz zu Rot-Rot die Ressorts<br />
Landwirtschaft und Verkehr, die viele<br />
Fördergelder aus Brüssel bekommen, neu<br />
ordnen und in SPD-Hand behalten wollte,<br />
ist schwer zu sagen. Jedenfalls wurde das<br />
Landwirtschafts- und Umweltressort zerschlagen,<br />
und für Woidke war im System<br />
Platzeck kein Platz mehr.<br />
Bald darauf allerdings war er – auch das<br />
gehört zu den wundersamen Fügungen seines<br />
politischen Lebens – Fraktionschef der<br />
SPD im Landtag und wieder ein Jahr später,<br />
nachdem sein Widersacher Speer wegen<br />
einer Affäre um nicht gezahlten Unterhalt<br />
zurücktreten musste, Innenminister<br />
in Potsdam. Sofort eckte er bei dem linken<br />
Koalitionspartner an, weil er tat, was keiner<br />
seiner Vorgänger je gewagt hatte: Er versuchte<br />
den immer wieder auftauchenden<br />
Stasi-Vorwürfen in den Reihen der Polizei<br />
auf den Grund zu gehen.<br />
Und er sammelte Punkte, als er einigermaßen<br />
geräuschlos die von seinem Vorgänger<br />
begonnene Polizeireform über die<br />
Bühne brachte. 1900 von 8900 Beamtenstellen<br />
sollten bis 2020 abgebaut werden.<br />
Der neue Minister bereiste die Polizeiwachen,<br />
stellte sich besorgten Bürgermeistern<br />
und brachte Kompromisse zustande,<br />
die zuvor unmöglich schienen. Ergebnis:<br />
Die Polizeistandorte werden erhalten, auch<br />
wenn die Wachen nicht mehr rund um die<br />
Uhr besetzt sein werden. Der angestrebte<br />
Personalabbau wurde etwas abgemildert<br />
und soll, abhängig von der Kriminalitätsentwicklung,<br />
später noch einmal hinterfragt<br />
werden. Es wurde sein Gesellenstück.<br />
Er wirkt heute nachdenklicher und<br />
überlegter als früher. Bei Bedarf verfällt er<br />
immer noch in seinen Dialekt, zum Beispiel,<br />
wenn er im Wahlkampf auf Leute<br />
zugeht. Über die Zeit nach Platzeck redet<br />
er nicht. Er ist loyal. Er hat Zeit. Und er<br />
weiß, dass nichts gefährlicher wäre, als jetzt<br />
ungeduldig zu werden.<br />
Ulrich Thiessen<br />
kennt als Korrespondent in<br />
Brandenburg den SPD-Politiker<br />
Woidke seit vielen Jahren<br />
Fotos: Patrick Pleul/Picture Alliance/DPA [M], privat (Autor)<br />
34 <strong>Cicero</strong> 8.2013
Über die Zeit nach Platzeck<br />
redet er nicht. Er ist loyal. Und<br />
er hat Zeit. Brandenburgs<br />
Innenminister Dietmar Woidke<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 35
| B e r l i n e r R e p u b l i k | F r e i e W ä h l e r<br />
Herr Aiwanger<br />
und seine Knechte<br />
Ein ehrgeiziger Parteichef treibt die Freien Wähler Richtung Bundestag. Ein Niedersachse<br />
und ein Adenauer-Enkel sollen den Weg bereiten. Doch gewonnen hat nach einem Jahr<br />
nur einer, zwei fühlen sich verschaukelt. Eine Chronik enttäuschter Hoffnungen<br />
von Constantin Magnis<br />
36 <strong>Cicero</strong> 8.2013
Machtfaktor in Bayern:<br />
Hubert Aiwanger im Herbst<br />
2012 im fränkischen Roth<br />
Torsten Jung sagt: „Gurkentruppe“.<br />
Als hätte er nicht dazugehört. Als<br />
wäre Jung, 50, nicht Spitzenkandidat<br />
der Freien Wähler in Niedersachsen gewesen.<br />
Er redet über die Partei, die er im<br />
April 2013 verlassen hat. Die können ihm<br />
alle gestohlen bleiben. Genau wie der Hubert,<br />
der Parteichef, dem offenbar alles, was<br />
hier läuft, scheißegal ist. Und Leute wie er,<br />
Jung, haben sich dafür verheizen lassen. Er<br />
sitzt in seinem Garten bei Hannover, es ist<br />
wieder Sommer. So wie vergangenes Jahr,<br />
als alles anfing. Als er noch vom Landtag<br />
träumte, sogar vom Bundestag. Pah, Bundestag!<br />
Das können die ohne den Werhahn<br />
eh vergessen.<br />
Stephan Werhahn, 60, ist abgetaucht,<br />
nach neun Monaten als Spitzenkandidat<br />
der Bundespartei einfach von der Bildfläche<br />
verschwunden. Wir finden ihn in der<br />
Lobby eines großen Hotels. Er zückt sein<br />
Notizbuch. Minutiös hat er dort die Ereignisse<br />
festgehalten, eine Chronik enttäuschter<br />
Hoffnungen, er hält sie hoch, wie zur<br />
Verteidigung. Er ist erschöpft davon, sich<br />
rechtfertigen zu müssen. Die Monate als<br />
Kronprinz der Partei haben ihn nicht nur<br />
Nerven gekostet. Flüge, Hotels, Mitarbeiter,<br />
alles aus eigener Kasse, er schätzt die<br />
Kosten auf rund 30 000 Euro. Addiert er,<br />
was er in der Zeit hätte verdienen können,<br />
kommt er auf eine Viertelmillion. War es<br />
das wert? So wie die Dinge zuletzt gelaufen<br />
sind? Er grinst grimmig.<br />
Nur Hubert Aiwanger, 42, ist, das muss<br />
er sagen, zufrieden mit der Gesamtsituation.<br />
Der Parteivorsitzende, ein Landwirt<br />
aus Niederbayern, spitzt beschwichtigend<br />
die Lippen. Er hält Hof im Café Einstein<br />
in Berlin. Gerade verlässt der Herr von der<br />
FAZ seinen Tisch, der Kollege vom Tagesspiegel<br />
wartet schon. Alle fragen dasselbe:<br />
Wie bitte soll es jetzt weitergehen, mit der<br />
Partei? „Wir befinden uns“, sagt Aiwanger,<br />
„nicht in einer Krise, sondern in einem<br />
Wachstumsprozess. Dass da Leute kommen<br />
und gehen“, erklärt er, „ist so normal wie<br />
das Amen in der Kirche.“<br />
Dabei ist wenig normal an der Geschichte,<br />
die sich mit und zwischen diesen<br />
drei Männern abgespielt hat.<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 37
| B e r l i n e r R e p u b l i k | F r e i e W ä h l e r<br />
Entsandt von Hubert Aiwanger, dem<br />
Feldherrn aus Bayern, sollten Jung, der<br />
Truppenführer in Niedersachsen, und<br />
Werhahn, der Fahnenträger im Bund, den<br />
Weg bereiten für den Aufstieg der regional<br />
zumindest in Bayern erfolgreichen Freien<br />
Wähler in den Bundestag. 2012 sah es für<br />
einen Moment so aus, als könnten die FW<br />
mit ihrem neuen Image als Euro-Rettungskritiker<br />
zu der bürgerlichen Protestpartei<br />
werden, auf die Konservative so lange gehofft<br />
hatten.<br />
Ein Jahr später lässt sich zumindest sagen,<br />
dass Aiwanger seine Macht in Bayern<br />
gefestigt hat. Mit Umfragewerten von<br />
10 Prozent hat er beste Chancen, bei der<br />
bevorstehenden Landtagswahl wieder drittstärkste<br />
Kraft und Horst Seehofers CSU<br />
gefährlich zu werden. Der Aufstieg in die<br />
Bundesliga dagegen ist bisher spektakulär<br />
missglückt – und gipfelte in der unfreiwilligen<br />
Geburtshilfe für die „Alternative für<br />
Deutschland“, der AfD.<br />
War das Stück der drei Herren auf dem<br />
Spielplan der Republik nun ein Drama?<br />
Eine Tragödie? Eine Posse? Jung, Werhahn<br />
und Aiwanger. Wer diese drei Akteure<br />
über viele Monate begleitet und beobachtet,<br />
kann Erstaunliches lernen über<br />
die Schwierigkeit, eine politische Kraft zu<br />
etablieren – aber auch über Männerbündnisse<br />
und ihre Vergänglichkeit.<br />
Rahstorf, Niederbayern,<br />
Sommer 2012<br />
Ein BMW saust durch die Provinz,<br />
auf dem Beifahrersitz Hubert Aiwanger,<br />
auf dem Weg zu seinem Bauernhof. Maisfelder,<br />
ein Bächlein: Jetzt, sagt er, befahren<br />
wir sein Land. 24 Hektar, alles in seiner<br />
Hand. Da, er zeigt aus dem Fenster:<br />
Die Weidenbäume hat er als Bub gepflanzt,<br />
und dort, am Feld, das ist sein Jagdhochsitz.<br />
Die Gebäude sind schmucklos und funktional,<br />
die Hofflächen asphaltiert. Aiwanger<br />
hat hier alles selbst gemacht: die Ställe gebaut,<br />
betoniert, gefliest. Der einzige Fachmann,<br />
den er von außen auf den Hof holte,<br />
war ein Elektriker. Den brauchte er, um die<br />
Maschinen anzuschließen.<br />
Das Futter für das Vieh produziert das<br />
Land, Aiwanger ist autark. Die Kälber brüllen,<br />
als er den Stall betritt, die Schweine<br />
furzen. Er schreitet mit prüfendem Blick<br />
die Gitter ab. Zum Füttern braucht er keinen<br />
Knecht, das macht ein Automat. Und<br />
für die Befruchtung der Sauen braucht er<br />
In Niedersachsen<br />
läuft es<br />
nicht optimal,<br />
sagt Torsten<br />
Jung. Er kriegt<br />
keine Presse,<br />
keine Aufmerksamkeit,<br />
keine<br />
Spenden. Dafür<br />
aber am Tag 100<br />
unkoordinierte<br />
Mails von<br />
Parteifreunden,<br />
die irgendwas<br />
wollen<br />
keinen Eber, das macht er mit der großen<br />
Plastiktube mit dem verdünnten Ebersperma<br />
selber. „Der Hauptvorteil am Bauersein<br />
ist, mein eigener Herr zu sein“, sagt<br />
Aiwanger. Er setzt sich und lehnt sich zurück.<br />
Bauernhof: Passt alles. Partei: Passt<br />
auch alles. Besonders jetzt, wo der Werhahn<br />
im Boot ist. „Ich hab schnell erkannt,<br />
dass der uns viel bringen kann“, sagt Aiwanger.<br />
„Er hat diese vornehme Zurückhaltung,<br />
und auf Kritik reagiert er sofort, insofern<br />
find i des ganz angenehm mit ihm.“<br />
München,<br />
Sommer 2012<br />
Stephan Werhahn lässt vor Aufregung<br />
seinen Rinderbraten kalt werden.<br />
Er hat ein neues Kapitel in seinem Leben<br />
aufgeschlagen. Er, Enkel Konrad Adenauers,<br />
seit drei Jahrzehnten in der freien Wirtschaft,<br />
ist nach 40 Jahren aus der CDU<br />
ausgetreten, um bei den Freien Wählern<br />
neu anzufangen. Aus Protest gegen Merkels<br />
Europolitik, vor allem aber: um Politiker<br />
zu werden. Wie sein Großvater, der<br />
seinen riesigen Schatten immer schon vorauswirft.<br />
Der elegant gekleidete Werhahn<br />
verkörpert alles, was Aiwanger nicht<br />
ist. Ihn umweht ein Hauch von Elite. Sein<br />
Studium in Washington und eine internationale<br />
Karriere als Banker, Manager und<br />
Berater haben den Juristen zum Kosmopoliten<br />
und Finanzexperten gemacht. Das legitimiert<br />
seine Eurokritik und damit den<br />
Kurs der Partei. Werhahn ist das prominente<br />
Gesicht, mit dem die Bayern sich in<br />
Berlin sehen lassen können. Die FW sind<br />
Werhahns Chance, neben Adenauers Fußstapfen<br />
endlich die eigenen zu setzen.<br />
Hannover,<br />
Sommer 2012<br />
Torsten Jung hupt zur Begrüßung.<br />
Ins Fenster seines roten Minis hat er ein<br />
Blatt mit dem Aufdruck „Freie Wähler –<br />
Landtagswahl 2013 – Wir sind dabei!“ befestigt.<br />
Igelfrisur, Lederkette, Händedruck<br />
wie eine Stahlpresse: Der Ex-Soldat betreibt<br />
einen Internetshop, ist 2009 aus der<br />
CDU aus- und bei den FW eingetreten, er<br />
ist Regionsabgeordneter und soll Spitzenkandidat<br />
für die Wahlen im Januar werden,<br />
das „Frontschwein für Niedersachsen“, wie<br />
er sagt. Er führt auf die Terrasse seines Reihenhauses.<br />
„Wenn wir hier nicht mindestens<br />
über 3 Prozent kommen, kriegen wir<br />
nie den Hype, den wir im Bund brauchen“,<br />
38 <strong>Cicero</strong> 8.2013
sagt Jung. „Und ich habe den absoluten<br />
Anspruch, die zu kriegen.“ Er schüttelt die<br />
Faust mit energischem Pathos. „Noch besser<br />
natürlich 5 Prozent!“<br />
Fotos: Daniel Karmann/Picture Alliance/DPA (Seiten 36 bis 37), Silke Kirchhoff für <strong>Cicero</strong>, Daniel Peter/DDP Images/DAPD<br />
Stephan Werhahn, Hubert Aiwanger und Torsten Jung am Wahlabend in Niedersachsen.<br />
„Wenn wir immer noch bei 2 Prozent wären, das wäre eine Katastrophe“<br />
Freie-Wähler-Versammlung im Sommer 2012. Damals hofften die Konservativen,<br />
dass hier eine neue Protestpartei für den Bund entsteht<br />
Ronnenberg, Niedersachsen,<br />
September 2012<br />
Auf der heutigen Landesmitgliederversammlung<br />
soll Jung zum Spitzenkandidaten<br />
gekürt werden. Er trägt seinen guten<br />
Anzug und die feierlich-nervöse Miene eines<br />
Kommunionskindes. Aufgekratzt geht<br />
Jung auf und ab. „Nee, bisschen fickerig<br />
bin ich schon“, sagt er. Ein Kollege klopft<br />
ihm auf die Schulter: „Wird schon, Torsten,<br />
wird schon.“ Neben 140 Freien Wählern<br />
aus Niedersachsen wird auch der Parteichef<br />
erwartet. „Sei mir gegrüßt“, sagt Aiwanger,<br />
als er kommt. Nach einer Grundsatzrede<br />
adressiert er seinen Hoffnungsträger:<br />
„Ich will Torsten Jung nicht über Gebühr<br />
herausheben, es gibt sicher viele hier, die<br />
Ähnliches aufzuweisen haben. Ich will nur<br />
sagen, ich könnte gut mit ihm zusammenarbeiten,<br />
könnte das natürlich auch mit jedem<br />
anderen, aber Sie entscheiden.“ Ob<br />
das eine Empfehlung war, weiß niemand so<br />
recht. Trotzdem wird Jung von 91 Mitgliedern<br />
gewählt. Auf Listenplatz drei landet<br />
ein schmächtiger Professor namens Bernd<br />
Lucke. „Hat doch alles super geklappt“,<br />
sagt Jung mit betonter Lässigkeit.<br />
Abensberg, Niederbayern,<br />
September 2012<br />
Vor dem Riesenrad steht Werhahn<br />
mit seiner Sprecherin Sabina Metternich.<br />
Er trägt eine Trachtenweste, sie eine Lederhose,<br />
beide wirken etwas verkleidet.<br />
Hier findet heute der traditionelle politische<br />
Frühschoppen vom Volksfest Gillamoos<br />
statt, Werhahn soll eine Rede halten.<br />
Immer wieder checkt er seinen Notizzettel.<br />
Metternich zupft ihn am Wams, hier,<br />
der Knopf muss zu, und da guckt noch<br />
ein Faden raus, er erträgt es widerwillig.<br />
„Sei mir gegrüßt“, sagt Aiwanger, als<br />
er kommt. Die Freien Wähler marschieren,<br />
angeführt von einer Blaskapelle, ins<br />
Feststadel ein, Aiwanger und Werhahn an<br />
der Spitze. Bums, Bums, Humptata, der<br />
Rheinländer hebt zum Takt die Knie. Auf<br />
der Stadelbühne stehen die beiden nebeneinander,<br />
die Kapelle spielt weiter. Aiwanger<br />
winkt den Arm im Rhythmus und strahlt,<br />
Werhahn lässt ihn lieber locker schwingen,<br />
schnippst mit dem Finger und dreht dafür<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 39
| B e r l i n e r R e p u b l i k | F r e i e W ä h l e r<br />
lächelnd den Kopf hin und her. Und wie<br />
sie sich da so anblicken, Werhahn schwingend,<br />
Aiwanger winkend, wirkt es für einen<br />
kurzen, grotesken Moment so, als würden<br />
sie verliebt miteinander tanzen, der Finanzexperte<br />
von Welt und der Bauer aus Bayern.<br />
Werhahn schlägt in seiner Rede einen<br />
komplexen, sachlichen Bogen von Adenauer<br />
über den Aufbau der EU hin zu<br />
Triple-A-Ratings und spanischen Immobilien.<br />
Die Gamsbarthutträger klatschen höflich.<br />
Dann folgt Aiwanger. Er beginnt seine<br />
Sätze auf normaler Lautstärke und steigert<br />
sie, bis er praktisch brüllt. Mit hochgekrempelten<br />
Ärmeln und rotem Kopf hält<br />
er eine Wutrede gegen die Regierungspolitik,<br />
nennt Merkel ein „altes Schlachtross“<br />
und verpasst der CSU einen „Tritt in den<br />
Hintern“, das Stadel kreischt vor Vergnügen.<br />
Im Rausch seiner Rede gießt Aiwanger<br />
dem Trompeter das Wasserglas übers<br />
Notenblatt, er redet sich 53 Minuten lang<br />
in Rage, eine Rampensau in heiligem Zorn.<br />
Als er fertig ist, trällern seine Anhänger wie<br />
ein Indianerstamm, er steigt von der Bühne<br />
zu ihnen herunter wie ein Boxer nach dem<br />
Kampf. Sie werfen sich ihm an die Brust,<br />
er greift ihnen in die Specknacken, sie umschlingen<br />
sein durchgeschwitztes Hemd.<br />
Werhahn sitzt am Biertisch und nippt an<br />
seinem Radler.<br />
Hannover,<br />
Oktober 2012<br />
In Niedersachsen läuft es nicht optimal,<br />
sagt Torsten Jung. Er kriegt keine<br />
Presse, keine Aufmerksamkeit, keine<br />
Spenden. Dafür aber am Tag 100 unkoordinierte<br />
Mails von Parteifreunden, die<br />
irgendwas wollen. Weil ihm weder Landesvorstand<br />
noch Bundespartei so richtig<br />
helfen, muss er sich um alles selber kümmern,<br />
Plakate, Veranstaltungen, Werbeclip.<br />
Außerdem sucht er noch ein gutes Wahlkampfthema.<br />
Bernd Lucke sagt immer, sie<br />
sollen nur den ESM nehmen. Dafür hat<br />
Lucke sogar selbst einen Flyer gebastelt.<br />
„Der hat total viel Text“, sagt Jung. „Wer<br />
will denn so was lesen?“<br />
Wolfsburg,<br />
Oktober 2012<br />
Die Autostadt wimmelt von<br />
Freien Wählern. Die heutige Bundesmitgliederversammlung<br />
soll Grundsatzprogramm<br />
und Spitzenkandidat absegnen.<br />
Bis in die Nacht hat Aiwanger gestern die<br />
Hubert Aiwanger auf seinem Hof in Rahstorf in Niederbayern. „Der<br />
Hauptvorteil am Bauersein ist, mein eigener Herr zu sein“<br />
Foto: Imago<br />
40 <strong>Cicero</strong> 8.2013
Mehrheiten für den Mann seiner Wahl gesichert.<br />
Der Rheinländer sitzt hinten im<br />
Saal und presst angespannt die Fingerspitzen<br />
aneinander. Auf der Bühne steht ein<br />
Stuhl ohne Namensschild: der Vizethron<br />
der Partei. Als Werhahn aufgerufen wird,<br />
schreitet er würdevoll nach vorne, hält<br />
mit kaum merklich zitternder Hand eine<br />
nüchterne Bewerbungsrede, schreitet würdevoll<br />
zurück. „Das ist eine Person, die wir<br />
getrost ins Rennen um ihre Gunst schicken<br />
können“, lobt Aiwanger. Werhahn<br />
wird mit einer Gegenstimme gewählt. Der<br />
Landesvorstand hängt ein Schild mit seinem<br />
Namen an den leeren Stuhl. Werhahn<br />
nimmt darauf Platz und schaut sehr staatstragend.<br />
Unter ihm bilden die Mitglieder<br />
eine Schlange, um dem neuen Kronprinzen<br />
die Hand zu schütteln. Und für ein gemeinsames<br />
Foto natürlich.<br />
Berlin,<br />
November 2012<br />
Flughafen Tegel, erster Schnee,<br />
Werhahn kommt mit Spitzhut aus der<br />
Schiebetüre. Er ist beim mexikanischen<br />
Botschafter eingeladen, und auch sonst ist<br />
sein Kalender voll: Besuche bei Ortsverbänden,<br />
Pressetermine, Fundraisingtreffen,<br />
und dann arbeitet er mit einer Ghostwriterin<br />
noch an einem Buch über sein Leben,<br />
für alle Fälle. Das Taxi hält am Tiergarten,<br />
es ist stockfinster. Die Botschaft liegt auf<br />
der anderen Parkseite, dafür muss er den<br />
Rollkoffer nur ein bisschen durch den Kies<br />
ziehen. Sein wahres Ziel, der Bundestag,<br />
eines Tages vielleicht sogar das Finanzministerium,<br />
liegt nicht viel weiter. Wie er<br />
da hinkommen soll, weiß er noch nicht.<br />
Langsam muss sich der Schlauch für diese<br />
unorganisierte Partei mal lohnen, sagt er.<br />
Aber noch immer werden die FW in keiner<br />
Umfrage aufgeführt. „Das ist für mich<br />
der größte Frust“, sagt er. „Wenn wir immer<br />
noch bei 2 Prozent wären, das wäre<br />
eine Katastrophe. Wir müssen bei 3 oder<br />
4 sein. Aber: I don’t have the proof.“ Von<br />
den Bäumen tropft es kalt.<br />
Hannover,<br />
Dezember 2012<br />
Torsten Jung geht auf dem Zahnfleisch.<br />
Die Presse schweigt ihn tot, wegen<br />
des Euro-Themas, glaubt er, das ist<br />
denen zu heikel. In der Partei herrscht<br />
das Chaos, der Wahlkampf, sagt er, überfordere<br />
sie total. Und noch immer keine<br />
Bernd Lucke<br />
zieht eine<br />
Bilanz des<br />
Wahlkampfs:<br />
Katastrophal,<br />
in fast allen<br />
Bereichen hätten<br />
die Freien<br />
Wähler versagt,<br />
Aiwanger hätte<br />
es gleichgültig<br />
plätschern<br />
lassen. Die<br />
Konsequenz:<br />
Lucke und seine<br />
Truppen<br />
machen nun<br />
ihr eigenes<br />
Ding<br />
Umfrageergebnisse: „Zwischen 2 und<br />
6 Prozent ist alles drin“, glaubt er. Was es<br />
jetzt gibt, immerhin, ist ein Video: Eine<br />
Windmaschine bläst der Kandidatin Jessica<br />
sinnlich durchs Haar, und Bernd Lucke<br />
sagt empörte Dinge zur Euro-Rettung.<br />
Aber Jung schläft nicht mehr richtig. Er<br />
wird nachts wach, weil ihm einfällt, was<br />
noch organisiert werden muss, und kriegt<br />
bis morgens kein Auge mehr zu. Vor einem<br />
geplanten Treffen textet er: „Sorry, war alles<br />
ein bisschen viel! Liege platt im Bett und<br />
muss leider für heute absagen!“<br />
Hannover,<br />
Januar 2013<br />
Aiwanger kommt mit dem ICE<br />
aus München: Wahlkampfinspektion. „Sei<br />
mir gegrüßt“, sagt er und zwängt sich in<br />
Jungs Mini. Sie kurven durch die Stadt,<br />
Hannover ist komplett schwarz, rot, grün<br />
und gelb plakatiert. „Der Rösler hängt hier<br />
überall“, bemängelt Aiwanger. „Aber hier“,<br />
weist Jung ihn auf ein winziges, orangenes<br />
Plakat hin, „hängt unsere Kandidatin<br />
Jessica! Und da hängt unser Professor“,<br />
er zeigt auf ein Bernd-Lucke-Plakat.<br />
„Das wird noch“, verspricht Jung. „Morgen<br />
montiere ich noch mal 200 Plakate. Dann<br />
habe ich als Spitzenkandidat 1050 Plakate<br />
aufgehängt. Und zwar alleine!“ Aiwanger<br />
nickt abwesend. „Das wird hier alles<br />
orange“, sagt Jung. „Das ballert voll rein!“<br />
An strategischen Punkten werden Flyer verteilt:<br />
Am Edeka in Ronnenberg oder beim<br />
Rossmann in Barsinghausen. Die frierenden<br />
Wahlhelfer vor dem Supermarkt in<br />
Empelde wirken etwas unmotiviert, Aiwanger<br />
verteilt deshalb selbst Flyer an die<br />
Einkäufer. „Hier hams an Flyer von den<br />
Freien Wählern“, ruft er einer Rentnerin<br />
zu. Sie schaut verängstigt. „Wir sind gegen<br />
diese Rettungsschirme“, erklärt Aiwanger.<br />
„Ah!“, sagt sie und greift zu. Dann klemmt<br />
er den parkenden Autos routiniert Flugblätter<br />
unter die Scheibenwischer, gibt<br />
den Männern Wahlkampftipps und verbeugt<br />
sich zum Abschied mit ausgebreiteten<br />
Armen, wie ein Zauberer nach seiner<br />
Vorstellung.<br />
Hannover am Wahltag,<br />
Januar 2013<br />
„Privatparty“ steht an der Tür zum<br />
Irish Pub vor dem Landtag, aber die Stimmung<br />
bei den Freien Wählern drinnen ist<br />
so mittel. Heute Abend wird das kollektive<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 41
| B e r l i n e r R e p u b l i k | F r e i e W ä h l e r<br />
Urteil über sie alle fallen. Niemand ahnt,<br />
wo sie stehen. Werhahn und Jung blicken<br />
auf die Leinwand wie auf ein Schafott.<br />
„Wir brauchen diese scheiß 3 Prozent“, sagt<br />
Jung. „Die brauchen wir einfach.“ Hinter<br />
ihm brummt es: „Ich grüße dich.“ Der<br />
Parteichef ist da. Erste ARD-Hochrechnung,<br />
schwarze, rote, grüne, nirgendwo<br />
ein Hinweis auf die Existenz der FW. Die<br />
sind unter „Andere“ aufgeführt. Und die<br />
haben zusammen, erscheint nun: 2,5 Prozent.<br />
Aus Jungs Gesicht entweicht alles Leben.<br />
„Wir machen auf jeden Fall weiter“,<br />
sagt ein Kollege. „Auf jeden Fall“, sagt Jung,<br />
und verschwindet um die Ecke. Kurz darauf<br />
kommt er strahlend zurück: „Leute, im<br />
ZDF drüben haben die ,Anderen‘ 4 Prozent!“<br />
Alles versammelt sich um den tröstlichen<br />
zweiten Bildschirm.<br />
Aiwanger bestellt sich gemütlich eine<br />
Pizza. Aber Jung und Werhahn wollen es<br />
genau wissen. Sie marschieren ins Landtagsgebäude<br />
gegenüber. Es wimmelt vor<br />
Kameras und Mikros, an jeder Ecke werden<br />
O-Töne von Politikern aller Parteien eingeholt,<br />
nur die Freien Wähler fragt niemand<br />
etwas. Unerkannt schleichen sie durch die<br />
Gänge. Der SPD-Kandidat Stephan Weil<br />
kommt ihnen mit einem Pulk von Journalisten<br />
entgegen, Werhahn und Jung werden<br />
unsanft zur Seite gedrückt. Schließlich finden<br />
sie den Infostand. „Haben Sie schon<br />
Zahlen für die Freien Wähler? Irgendwas?“,<br />
fragt Werhahn die Dame. „Für wen?“ Er<br />
beugt sich vor: „Die Freien Wähler!“ Sie<br />
sucht. Nichts. Entnervt gehen sie zurück<br />
ins Pub. Dort klingelt Aiwangers Telefon.<br />
Er geht ran, schweigt, nickt. Wahlergebnis<br />
Freie Wähler: 1,1 Prozent. „Also“, sagt Aiwanger<br />
zufrieden, „da muss ich sagen, des<br />
posst! Darauf kann man aufbauen, das hat<br />
ganz klar Potenzial!“ Werhahn wirkt durchsichtig<br />
und sagt gar nichts mehr. Torsten<br />
Jung geht allein eine rauchen. Es schneit.<br />
Berlin,<br />
März 2013<br />
Auf einer Pressekonferenz sonnt sich<br />
der schmächtige Professor Lucke von Listenplatz<br />
drei triumphierend im Blitzlicht<br />
der Kameras. Er hat eine neue Partei gegründet,<br />
die „Alternative für Deutschland“.<br />
Das befürchten Werhahn und Jung schon<br />
seit dem Wahltag. Lucke hatte beide noch<br />
vor Stimmauszählung einberufen, um eine<br />
Bilanz des Wahlkampfs zu ziehen: Katastrophal,<br />
in fast allen Bereichen hätten die<br />
Aiwanger ist<br />
trotz der Austrittslawine<br />
vergnügt. „Da<br />
trennt sich<br />
eben die Spreu<br />
vom Weizen“,<br />
sagt er. „Die<br />
waren sowieso<br />
nie mit dem<br />
Herzen bei uns“<br />
FW versagt, Aiwanger hätte es gleichgültig<br />
plätschern lassen. Die Konsequenz: Lucke<br />
und seine Truppen machen nun ihr eigenes<br />
Ding.<br />
Für Werhahn platzt mit dem Zersplittern<br />
der Eurokritiker der Traum vom Bundestag.<br />
Er versucht erfolglos, Aiwanger zur<br />
Kooperation mit der AfD zu bewegen. Der<br />
hat keine Lust. Und Werhahn dämmert ein<br />
Verdacht: Die FW sind im Bund nicht<br />
nur völlig kampagnenunfähig, der Bundestag<br />
ist Aiwanger egal. Niedersachsen,<br />
der Bundestagswahlkampf: alles nur Feuerwerk,<br />
Wichtigmache, pompöse Kulisse<br />
für den Krieg des Parteichefs um die Macht<br />
in Bayern. Und Werhahn: für Aiwanger lediglich<br />
der Elektriker an dessen Hof. Der<br />
nötige Handwerker, um die Bauernschläue<br />
an die großen Themen der Finanzwelt anzuschließen.<br />
Ende März weiß Werhahn,<br />
dass er gehen wird. Nicht zur AfD, die<br />
ist ihm zu konspirativ. Stattdessen besinnt<br />
er sich seiner CDU-Kontakte. Die Politikerkarriere<br />
will er schließlich immer noch.<br />
Am 26. März trifft er deshalb in Stuttgart<br />
den Landeschef Thomas Strobl und den<br />
Abgeordneten Christian von Stetten und<br />
unterschreibt vor ihren Augen einen Mitgliedsantrag.<br />
Erst am nächsten Tag schickt<br />
er eine Mail an Aiwanger und die Parteiführung.<br />
Betreff: „Rücktritt und Austritt“.<br />
Ronnenberg, Niedersachsen,<br />
April 2013<br />
Und das ist erst der Anfang. Auch<br />
Torsten Jung schickt Aiwanger und dem<br />
Vorstand eine Mail. Betreff: „Auf Wiedersehen“.<br />
Er wirft der Parteispitze vor,<br />
es nicht auf langfristige, politische Ziele,<br />
sondern nur das Geld der Wahlkampfkostenrückerstattung<br />
abgesehen zu haben. Er<br />
und 19 seiner FW-Freunde verlassen die<br />
Bundespartei. Und nicht nur die. Auch der<br />
Vorstand im Saarland tritt aus. Aiwanger sei<br />
„diktatorisch“ und kümmere sich nur um<br />
Bayern. In Berlin läuft der dortige Vorsitzende<br />
mit einem Großteil des Landesverbands<br />
zur AfD über. Die Vorsitzenden in<br />
Hamburg und Baden-Württemberg tun es<br />
ihm gleich. Anfang Mai folgt die gesamte<br />
Frankfurter Stadtratsfraktion. Bundesweite<br />
Umfragen sehen die Freien Wähler<br />
bei 2 Prozent. Die Partei liegt in Scherben.<br />
Berlin,<br />
Mai 2013<br />
Aiwanger spaziert durchs Regierungsviertel,<br />
mit dem neuen Berliner Landesvorstand<br />
Christian Christiansen. Der<br />
ist gleichzeitig auch Presseoffizier und war<br />
vorher Werhahns Sprecher, aber immerhin<br />
sitzt in Berlin überhaupt noch einer.<br />
Aiwanger ist trotz der Austrittslawine vergnügt.<br />
„Da trennt sich eben die Spreu vom<br />
Weizen“, sagt er. „Die waren sowieso nie<br />
mit dem Herzen bei uns.“ Das alles mache<br />
die Partei nur stärker, erklärt er.<br />
Und Werhahn? Tja, wer kennt schon<br />
die wahren Gründe für dessen Fahnenflucht?<br />
Manche glauben ja, der sei von der<br />
CDU als Spion zu den FW geschickt worden,<br />
sagt Aiwanger. Er selbst glaubt eher,<br />
Werhahn habe Torschlusspanik bekommen.<br />
Na ja, jedenfalls gut, dass er weg ist. Zurück<br />
zum Tagesgeschäft: die Hauptstadtrepräsentanz<br />
und Wahlkampfzentrale der<br />
FW in Berlin. Die sieht Aiwanger heute<br />
zum ersten Mal. Eine kleine Altbauwohnung,<br />
an der Wand ein Poster der New Yorker<br />
Skyline. Am Computer sitzt ein langhaariger<br />
Praktikant. Aiwanger blickt aus<br />
dem Fenster in den Innenhof. „So“, sagt<br />
er, „passt doch alles!“<br />
42 <strong>Cicero</strong> 8.2013
F r a u F r i e d f r a g t s i c h …<br />
Illustration: Jan Rieckhoff; Foto: privat<br />
Hannover,<br />
Juni 2013<br />
Jungs Schritte hallen durch die<br />
Flure des Regionsgebäudes. Er ist dort<br />
noch immer Abgeordneter. Als parteiloser<br />
Freier Wähler hat er sich der CDU-Fraktion<br />
angeschlossen. Nur so hat er überhaupt<br />
ein Stimmrecht. Die CDU-Leute<br />
haben höhnisch gejohlt, als er nach der<br />
Wahl wieder im Büro auftauchte. Jung<br />
hat jetzt einen FW-Dachverband außerhalb<br />
der Bundespartei gegründet. Er hofft,<br />
in drei Jahren eine eigene Fraktion zusammenzuhaben.<br />
Die Bundespartei hat ihm<br />
die Zugänge zu allen Websites gesperrt.<br />
Die orangene Sonne der FW darf er nicht<br />
mehr verwenden. Dabei, findet Jung, sollten<br />
die froh sein, wenn er ihr Scheißlogo<br />
benutzt. Er guckt in den Besprechungsraum.<br />
„Moin, Moin!“, ruft er den CDU-<br />
Kollegen zu. Dann checkt er sein Postfach.<br />
Eines von 27.<br />
Berlin,<br />
Juni 2013<br />
Werhahn steht am Brandenburger<br />
Tor und blickt auf die Uhr. Er wartet<br />
auf den CDU-Abgeordneten Stefan<br />
Kaufmann. Werhahn hatte sich das mit<br />
der CDU anders vorgestellt. Er hatte gehofft,<br />
als Bundestagskandidat aufgestellt<br />
zu werden, von einem Listenplatz in Baden-Württemberg<br />
war die Rede. Aber daraus<br />
wurde irgendwie nichts. Er wurde bei<br />
Generalsekretär Hermann Gröhe vorstellig.<br />
Der hat ihm zwar das Adenauer-Bild über<br />
seinem Schreibtisch gezeigt, aber danach<br />
hat Werhahn nichts mehr von ihm gehört.<br />
Mit Annette Schavan hat er sich getroffen.<br />
Die hat sich dann auch nicht mehr<br />
so richtig gemeldet. Dabei hat er doch eigentlich<br />
eine gewisse Profilierung, findet<br />
er. Die CDU muss doch irgendwas daraus<br />
machen können, ihm irgendetwas bieten:<br />
eine Position, eine hervorgehobene Rolle.<br />
Eine Heimat! Da kommt endlich der Abgeordnete.<br />
Ob man sich nicht setzen wolle,<br />
fragt Werhahn.<br />
„Okay“, sagt Kaufmann, „aber ich hab<br />
nicht viel Zeit!“<br />
Constantin Magnis<br />
hat die Freien Wähler fast<br />
ein Jahr lang bei ihrem<br />
Aufstiegsversuch in die<br />
Bundespolitik begleitet<br />
… was aus ihren jungen<br />
Facebook-Freunden wurde<br />
A<br />
m Anfang war Facebook Balsam<br />
fürs Selbstbewusstsein: Täglich bekam<br />
ich Anfragen von Freunden<br />
meiner Kinder, die sich mit mir befreunden<br />
wollten. Hey, dachte ich, diese jungen Menschen<br />
finden dich so cool, dass sie mit dir vernetzt<br />
sein wollen, wie geil ist das denn? Ich<br />
gebe zu, ich war sehr stolz. Ich verfolgte ihre<br />
kryptischen Mitteilungen, die nicht selten<br />
unter dem Einfluss interessanter Substanzen<br />
entstanden zu sein schienen.<br />
Ich verteilte hie und da ein „Gefällt<br />
mir“ oder schrieb einen launigen<br />
Kommentar unter ein Party-Bild.<br />
Ich war berauscht von der generationenübergreifenden<br />
Solidarität<br />
mit Opfern von Massentierhaltung<br />
und Naturkatastrophen und der einhelligen<br />
Ablehnung von Karl-Theodor zu Guttenberg.<br />
Diese jungen Menschen und ich, wir waren uns wirklich nahe.<br />
Inzwischen hat meine Tochter mich entfreundet. Sie findet es peinlich, wie viel<br />
ich poste, was ich poste, ja: dass ich überhaupt poste. Sie (und mit ihr viele Gleichaltrige)<br />
ist endgenervt davon, dass wir Oldies ihr junges Facebook gekapert haben<br />
und nun mit unseren gesellschaftspolitischen Debatten und intellektuellen Spitzfindigkeiten<br />
zumüllen. Wie der Schriftsteller Peter Glaser, der ein Filmfestival mit<br />
„Wer Cannes, der Cannes“ kommentiert oder Drogen gendert: „Heute: Omium“.<br />
Dass der SPD-Kandidat Christian Nürnberger seinen Bundestagswahlkampf auf<br />
FB betreibt (und zur Aufmunterung gelegentlich ein Tierbild von mir erhält). Und<br />
dass der vegan lebende Antiquar und Kleinverleger Tobias W. Fotos seiner Frau, seiner<br />
Tattoos, seiner Katzen und seiner Abendmahlzeiten nebst Weinauswahl postet –<br />
gern mit dem Zusatz „100% bio#organic, wie immer“.<br />
„Ihr habt wohl alle kein Leben!“, lautet die jugendliche Standardantwort auf<br />
Fragen, was denn an solchen Mitteilungen schlechter sein solle als an ihren. Facebook,<br />
so wird man belehrt, sei nicht mehr das Medium, über das man Befindlichkeiten<br />
mitteile oder sich ernsthaft austausche. Jedenfalls nicht, wenn man cool sei.<br />
Man benutze FB höchstens noch als Mail-Programm, um Veranstaltungen zu organisieren<br />
oder um sich für Events zu verabreden. Wer heute noch Petitionsaufrufe<br />
für die Rettung der Wale oder die Abschaffung von Kinderarbeit poste oder<br />
sich mit ironischen Sprüchen profiliere, könne nur ein armer Nerd sein, der keine<br />
Freunde habe.<br />
Diese Diagnose schmerzt. Neben Tierbildern poste ich nämlich leidenschaftlich<br />
gern Petitionsaufrufe. Das gibt mir das angenehme Gefühl, politisch aktiv zu<br />
sein, ohne mich anstrengen zu müssen. Meine Ironiefähigkeit hat sich in den Jahren<br />
meiner Facebook-Aktivität bestimmt auch verbessert. Aber mein Coolness-Faktor<br />
ist definitiv im Eimer.<br />
Amelie Fried ist Fernsehmoderatorin und Bestsellerautorin. Für <strong>Cicero</strong> schreibt sie über<br />
Männer, Frauen und was das Leben sonst noch an Fragen aufwirft<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 43
| B e r l i n e r R e p u b l i k<br />
1<br />
2<br />
3<br />
4<br />
5 6 7<br />
8 9<br />
10 11 12<br />
Wahljahr 2013<br />
Der Countdown<br />
13 14 15 16<br />
Wen hätten Sie gern an der Macht? Bis zur Bundestagswahl lädt <strong>Cicero</strong><br />
Persönlichkeiten ein, sich eine Regierung zu wünschen. Diesmal ist die Schauspielerin<br />
Christiane Paul der Souverän. In ihrem Wunschkabinett gibt Rosa Luxemburg die<br />
Richtlinien der Politik vor. Pauls Lieblingsautorin Maxie Wander wäre Frauenministerin,<br />
Jürgen Trittin Finanzminister. Und ein neues Ressort wird auch noch eingerichtet<br />
Illustration: Jan Rieckhoff; Grafik: <strong>Cicero</strong>; Fotos: Picture Alliance/DPA (16), K. Karkow<br />
44 <strong>Cicero</strong> 8.2013
(1) Bundeskanzlerin<br />
Rosa Luxemburg. Diese Frau kämpfte<br />
für ihre Überzeugung und stand<br />
mit ihrem Leben für sie ein.<br />
(2) Chef des Bundeskanzleramts<br />
Frank-Walter Steinmeier. Das kann er. Er<br />
ist klar, strukturiert, sachlich, kompetent.<br />
(3) Auswärtiges<br />
Senta Berger. Wird mit Charme und ihrer<br />
Lebenserfahrung Deutschland würdig vertreten.<br />
(4) Innen<br />
Petra Müller, Geschäftsführerin der Filmund<br />
Medienstiftung NRW. Eine tolle Frau,<br />
die die Probleme mit Klugheit, Wärme,<br />
ihrem Politiksachverstand und ihrer<br />
Diplomatiefähigkeit zum Nutzen aller löst.<br />
(5) FINANZEN<br />
Jürgen Trittin. Ich bewundere seinen Mut,<br />
sich vor der Wahl mit Vorschlägen zum<br />
Klimaschutz und deren Kosten unbeliebt<br />
zu machen. Und ich würde gern sehen,<br />
wie er sie in den Haushaltsplan einbaut.<br />
(6) Arbeit und Soziales<br />
Gregor Gysi. Hier kann der so scharfsinnige<br />
Politiker endlich abstellen, was er<br />
seit Jahren nicht unberechtigterweise<br />
anprangert. Wenn er denn nicht<br />
gleich wieder aus dem Amt springt.<br />
(7) Verkehr, Bau, Stadtentwicklung<br />
Boris Palmer. Baut Tübingen um, soll<br />
Deutschland nachhaltig umbauen.<br />
(8) Verteidigung<br />
Heiner Geißler. Er schlichtet die<br />
schlimmsten Konflikte, bevor sie eskalieren.<br />
(9) Gesundheit<br />
Ignaz Philipp Semmelweis (1818‐1865).<br />
Der Gynäkologe führte – unter<br />
großen Anfeindungen – die ärztliche<br />
Desinfektion im Krankenhaus ein und<br />
senkte so die Sterblichkeitsrate bei an<br />
Kindbettfieber erkrankten Müttern<br />
immens. Eine kleine Sache als Hebel<br />
für große Veränderung entdecken und<br />
durchsetzen – solche Politiker brauchen wir.<br />
(10) Familie, Senioren, Frauen, Jugend<br />
Maxie Wander (1933-1977). Meine<br />
Lieblingsschriftstellerin. Hat mit<br />
„Guten Morgen, du Schöne“ tiefen<br />
Einblick und das Verständnis für die<br />
Nöte, Sorgen und Träume einer ganzen<br />
Generation von Frauen bewiesen.<br />
(11) Kultur und Medien<br />
Kirsten Harms, Regisseurin und<br />
ehemalige Intendantin der Deutschen<br />
Oper. War mutig genug, immer<br />
wieder Unpopuläres zu wagen.<br />
(12) Wirtschaft und Technologie<br />
Michael Braungart. Zeigt als Chemiker<br />
und Verfahrenstechniker mit Cradleto-Cradle<br />
neue Ansätze zum Umbau<br />
für eine nachhaltige Wirtschaft Hand<br />
in Hand mit modernen Technologien.<br />
(13) Landwirtschaft<br />
Prince Charles, setzt sich seit Jahrzehnten<br />
für Natur- und Klimaschutz, Regenwald<br />
und Artenvielfalt ein. Predigt nicht nur die<br />
ökologische Landwirtschaft, er wendet sie<br />
auf seinem Landsitz in Cornwall selbst an.<br />
(14) Umwelt<br />
Anders Levermann, junger, eloquenter<br />
Klimaforscher aus Potsdam, hat<br />
all die alarmierenden Fakten zur<br />
Klimaveränderung im Kopf und wird<br />
zur Vermeidung dieser das Ministerium<br />
mit den richtigen Zielvorgaben lenken.<br />
(15) Bildung und Forschung<br />
Lise Meitner (1878-1968), eine<br />
der ersten Frauen in der einst<br />
männerdominierten Physik, setzte sich<br />
über Konventionen und Bildungshoheiten<br />
hinweg. So eine Persönlichkeit täte<br />
dem angeschlagenen Ressort gut.<br />
(16) NACHHALTIGE ENTWICKLUNG<br />
UND NEUES DENKEN<br />
Harald Welzer. Liefert in diesem<br />
neu zu schaffenden Ressort Modelle<br />
für die notwendige Umgestaltung<br />
unserer Gesellschaft und lässt uns mit<br />
seinen Fragen und Denkanstößen<br />
einfach nicht zur Ruhe kommen.<br />
Christiane Paul, 39,<br />
geboren in Berlin-<br />
Pankow, wurde erst<br />
Ärztin und dann<br />
Schauspielerin. Jüngste<br />
Rollen in „Unsere<br />
Mütter, unsere Väter“ und „Das Adlon“. Buch:<br />
„Das Leben ist eine Öko-Baustelle“<br />
Anzeige<br />
© Foto Peter Sloterdijk: Axel Heiter; Martin Walser: Philippe MATSAS/Opale<br />
Mehr als schön<br />
ist nichts<br />
Zwei Meinungen über den<br />
Zustand der Welt.<br />
Das <strong>Cicero</strong>-Foyergespräch<br />
<strong>Cicero</strong>-Kolumnist Frank A. Meyer<br />
im Gespräch mit Peter Sloterdijk und<br />
Martin Walser.<br />
Sonntag, 29. September 2013, 11 Uhr<br />
Berliner Ensemble<br />
Bertolt-Brecht-Platz 1, 10117 Berlin<br />
Tickets: Telefon 030 28408155<br />
www.berliner-ensemble.de<br />
BERLINER<br />
ENSEMBLE<br />
29. 9. 2013:<br />
Peter Sloterdijk<br />
& Martin Walser<br />
im Gespräch mit<br />
Frank A. Meyer<br />
In Kooperation<br />
mit dem Berliner Ensemble<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 45
| B e r l i n e r R e p u b l i k | M e i n e S c h ü l e r i n<br />
„Sie war nicht politisch“<br />
Katrin Göring-Eckardts Deutschlehrerin Marion Merrbach, 63,<br />
war von der sprachlichen Begabung ihrer Schülerin beeindruckt<br />
Katrin habe ich als aufgeschlossenes, fröhliches<br />
Mädchen mit einem spitzbübischen Lachen in Erinnerung.<br />
Auf Schulveranstaltungen hat sie manchmal<br />
was vorgetanzt, ihr Vater hatte ja eine Tanzschule.<br />
Ich war in der elften und zwölften Klasse<br />
ihre Deutschlehrerin an der damaligen erweiterten<br />
Oberschule in Gotha. Katrin war in der sogenannten<br />
R-Klasse, die schon früh erweiterten Russisch-<br />
Unterricht bekam, das waren meistens sehr leistungsstarke Schüler.<br />
Sie war sehr kommunikativ, freundlich, aufgeschlossen, auch<br />
aktiv. Und sie hat auch manche Dinge kritisch hinterfragt, aber<br />
immer sachlich, und nicht so, dass man sagen müsste, sie wäre<br />
aufsässig. In Deutsch war sie sehr gut. Sie konnte formulieren und<br />
schrieb hervorragende Aufsätze. Die deutsche Sprache lag ihr eben,<br />
das merkt man ja heute noch, wenn sie Reden hält.<br />
Manchmal habe ich mit meinen Schülern auch über Politik gesprochen,<br />
das hat mir die eine oder andere Rüge vom Direktor eingebracht.<br />
Und in der FDJ war ich vor allem, weil man so als Lehrer<br />
auch kulturell etwas bewegen konnte. Aber die Mitgliedschaft war<br />
Wahljahr 2013<br />
Der Countdown<br />
wie ein Kostüm. Das zog man für die FDJ-Treffen<br />
an, und danach zog man es wieder aus. Dass Katrin<br />
in der FDJ war, sagt deshalb nichts über ihre politischen<br />
Überzeugungen aus. Man ging in die FDJ,<br />
weil man es musste, wenn man Abitur machen und<br />
studieren wollte. Das hieß aber noch lange nicht,<br />
dass man deshalb staatskonform war, und in dieser<br />
Hinsicht war Katrin nicht politisch oder ideologisch.<br />
Wenn ich in der Zeitung lese, wie zum Beispiel Angela<br />
Merkels DDR-Vergangenheit aufgebauscht wird, zeigt mir das<br />
nur, dass die meisten Journalisten sich nicht vorstellen können,<br />
wie die Verhältnisse bei uns früher waren. Vieles von damals hat<br />
Katrin bis heute beibehalten, zum Beispiel ihr besonders sicheres<br />
Auftreten, auch wenn sie als junges Mädchen natürlich ein bisschen<br />
unbekümmerter und offener war als heute. Als Politiker ist<br />
man wohl auch darauf bedacht, keine Angriffspunkte zu bieten.<br />
In der <strong>Cicero</strong>-Serie „Mein Schüler“ zur Bundestagswahl spürt<br />
Constantin Magnis Lehrer unserer Spitzenpolitiker auf<br />
„Aufgeschlossen, fröhlich und spitzbübisch“ – Katrin Göring-Eckardt (Kreis) in der EOS Gotha<br />
Foto: Privat; Grafik: <strong>Cicero</strong><br />
46 <strong>Cicero</strong> 8.2013
Mit <strong>Cicero</strong> durch das<br />
Wahljahr 2013<br />
Ihre Abovorteile:<br />
Vorzugspreis<br />
Mit einem Abo sparen<br />
Sie gegenüber dem Einzelkauf.<br />
Mehr Inhalt<br />
Sie erhalten zusätzlich<br />
4 x im Jahr das Magazin<br />
Literaturen.<br />
Fit für die Wahl<br />
<strong>Cicero</strong> begleitet in einer<br />
Serie die Protagonisten des<br />
Wahlkampfs.<br />
Wahljahr 2013<br />
Der Countdown<br />
Unser Geschenk für Sie: <strong>Cicero</strong>-Spezial Wahl<br />
Wie führen Merkel und Steinbrück ihre<br />
Kampagnen? Welche Strategien, welche<br />
Kniffe wirken? <strong>Cicero</strong> präsentiert in einer<br />
Spezialausgabe zur Bundestagswahl 2013 die<br />
Akteure vor und hinter der Bühne, analysiert<br />
die Duelle in allen 299 Wahlkreisen und<br />
erklärt, vor welchen Maßnahmen sich keine<br />
Regierung in Zukunft drücken kann. Damit<br />
Sie im Wahlkampfsommer mitreden können<br />
und am 22. September die richtige Entscheidung<br />
treffen.<br />
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Dieser „Verrat“ ist Bürgerpflicht<br />
Edward Snowden ist kein Held. Er hat nur die Internet-Stasi der<br />
USA entlarvt. Deshalb wurde er zum Staatsfeind Nummer eins<br />
Von Frank A. Meyer<br />
D<br />
as Dümmste zum US-Überwachungswahn ist nun gesagt.<br />
In der Bild-Zeitung. Formuliert von Julian Reichelt.<br />
„Snowden ist dafür verantwortlich, dass jeder<br />
Terrorist der Welt in den letzten Tagen sein Handy weggeworfen,<br />
seine E-Mail-Adresse abgeschaltet hat.“<br />
Der Bild-Reporter weiß sogar noch mehr: Snowden, der die<br />
globalisierte Ausforschung des Internets durch die Programme<br />
„Prism“ und „Tempora“ öffentlich gemacht hat, „ist ein Held für<br />
alle jene, die in Berlin, Madrid, London Busse in die Luft sprengen<br />
wollen“.<br />
Also ist Edward Snowden der weltweit effizienteste Sympathisant<br />
von Fundamentalisten und Terroristen. Wo immer künftig<br />
ein Anschlag gelingt, ist auch der amerikanische Ex-Geheimdienstler<br />
am Werk. Denn er hat die Täter gewarnt, er hat sie<br />
befreit von Überwachung und Ausforschung durch den amerikanischen<br />
Geheimdienst.<br />
Die USA haben ihn wieder, ihren Staatsfeind Nummer eins.<br />
Edward Snowden ist der Bin Laden des Internets.<br />
Ist der Ex-Geheimdienstler umgekehrt ein Held all der Bürger,<br />
die befreit sein wollen von Schnüffelei und Denunziation<br />
Illustration: Jan Rieckhoff<br />
48 <strong>Cicero</strong> 8.2013
Foto: Privat<br />
durch Laptop-Schlapphüte? Nein. Denn in einem demokratischen<br />
Rechtsstaat bedarf es keines Heldenmuts.<br />
Verstöße gegen den demokratischen Rechtsstaat aufzudecken,<br />
ist keine Heldentat.<br />
Edward Snowden ist kein Held.<br />
Er hat lediglich die als Terroristenabwehr getarnten Attacken<br />
der US-Geheimdienste auf den Rechtsstaat „verraten“<br />
und damit das getan, was eigentlich Bürgerpflicht sein müsste.<br />
Dazu gehört Zivilcourage, auch im so bewunderten Rechtsstaat<br />
USA.<br />
Doch wie selbstverständlich ist dieser demokratische Rechtsstaat<br />
noch? Die USA jagen ihren Bürger Snowden um die Welt.<br />
Sie erwogen sogar, Kampfjets aufsteigen zu lassen, um ein Flugzeug<br />
mit ihm an Bord abzufangen. Sie zwangen den bolivianischen<br />
Präsidenten zur Landung in Wien, weil sie Snowden in<br />
dessen Staatsmaschine vermuteten. Sie ließen ein Handelsabkommen<br />
mit Ecuador platzen, weil sich die kleine südamerikanische<br />
Nation dem unbotmäßigen US-Bürger gewogen zeigte.<br />
Sie setzen ihre europäischen Verbündeten unter Druck, um jedes<br />
Snowden-Asyl im EU-Raum zu verhindern.<br />
Edward Snowden soll zertreten werden – wo immer er auch<br />
ist. Oder er soll mundtot gemacht werden – in einer amerikanischen<br />
Gefängniszelle.<br />
All dies ist eines demokratischen Rechtsstaats unwürdig. Es<br />
ist ganz besonders unwürdig des mächtigsten aller demokratischen<br />
Rechtsstaaten.<br />
Denn darin besteht doch die rechtsstaatliche Reifeprüfung:<br />
dass Skandale möglich sind, weil sie aufgedeckt werden können.<br />
Und weil sie aufgedeckt werden. Zum Schrecken der Betroffenen,<br />
im vorliegenden Fall also zum Schrecken des Staates. Denn<br />
der Schrecken ist nötig, soll der Skandal durch Buße und Bewältigung<br />
zu Besserung führen.<br />
Skandale gehören zum Wesen von Demokratie und Rechtsstaat.<br />
Sie machen beides auf drastische, auf unangenehme Weise<br />
sichtbar. Sie stellen beides auf die Probe.<br />
Nur der demokratische Rechtsstaat kennt die Kultur und die<br />
Tradition der Skandale. In der Diktatur ist der einzige Skandal<br />
die Diktatur selbst.<br />
Dem Schrecken der US-Regierung über die befreiende Tat<br />
des Bürgers Snowden müsste ein Erschrecken über sich selbst innewohnen.<br />
Es müsste schlagartig bewusst machen, dass sich ganz<br />
Washington in Geiselhaft eines Überwachungsapparats befindet,<br />
dessen Marketing sich des pathetischen Begriffs „Homeland Security“<br />
bedient – Heimatschutz.<br />
Es ist der US-Stasi-Apparat, der inzwischen wie ein Krake<br />
über den gesamten Globus greift. Es sind die US-Mielkes, die<br />
ihn betreiben.<br />
Vertrauen in sie? Null!<br />
Aber darf man Mielkes Spitzelsystem mit einem westlichen<br />
Geheimdienst vergleichen? Verharmlost man damit nicht das<br />
DDR-Unrechtsregime? Man darf. Denn die handelnden Personen<br />
und Organisationen, die im Staatsauftrag mit denunziatorischer<br />
Absicht hinter Bürgerinnen und Bürgern herschnüffeln,<br />
ähneln sich in ihrer Mentalität und in ihren Methoden. Ob<br />
einst im Sowjet-beherrschten Osten oder heute in Putins Russland.<br />
Ob in den USA oder in der Schweiz oder in Deutschland.<br />
Ob im Einzelfall zu Recht oder im Massenfall zu Unrecht.<br />
Es bedarf solcher Männer und Frauen mit solchen Mielke-<br />
Eigenschaften für solches Stasi-Tun. Moralfrei und empathiefrei.<br />
In jedem System einsetzbar.<br />
All die Spitzel dieser Erde mit ihrem seltsam guten Gewissen<br />
können die Worte im Schlaf wiederholen, wie sie der einst<br />
allmächtige und dann bloßgestellte Stasi-Chef Erich Mielke am<br />
13. November 1989 in der DDR-Volkskammer ausrief: „Ich<br />
liebe – ich liebe doch alle – alle Menschen.“<br />
Heimatschutz ist Liebe! Militante Heimatliebe! Edward<br />
Snowden hat den liebenden amerikanischen Heimatschutz verraten.<br />
Was gibt es Schlimmeres als Liebesverrat?<br />
Die westlich zivilisierte Welt zappelt in einer teuflischen<br />
Falle: Sie will geschützt sein vor terroristischer Unbill. Ebenso<br />
will sie geschützt sein in ihrer westlichen Zivilisiertheit – als<br />
Welt des freien Bürgers, des Citoyens, der sich gegenüber dem<br />
Staat als Souverän betrachtet.<br />
Die Wahrheit ist: Die bewunderte Vormacht der zivilisierten<br />
westlichen Welt hat den totalen Verdacht über diese Welt verhängt.<br />
Einen Verdacht auf Vorrat, der sich speist aus der Interpretation<br />
von Daten und daraus ablesbaren Verhaltensmustern.<br />
Im Stern bringt es der Karikaturist Til Mette auf den Punkt:<br />
Zwei Polizisten erklären einer Frau unter deren Wohnungstür:<br />
„Wir haben einen Hinweis vom amerikanischen Department of<br />
Science Fiction. Sie werden in zwei Jahren zu einem Sicherheitsrisiko.<br />
Bitte kommen Sie mit.“<br />
Die USA und ihre Spießgesellen in den Hauptstädten der<br />
westlichen Welt haben den Bürgern das Vertrauen entzogen. Es<br />
ist die Umkehrung all dessen, was die Welt der Aufklärung und<br />
der Emanzipation, der Gewaltenteilung und der Demokratie,<br />
der Bürgerfreiheit und des Rechtsstaats ausmacht. Bertolt<br />
Brecht hat aus dem Aufstand der DDR-Bürger am 17. Juni 1953<br />
die inzwischen klassische Schlussfolgerung als Frage formuliert:<br />
Das Volk hat das Vertrauen der Regierung verscherzt, wäre es da<br />
nicht geboten, „die Regierung löste das Volk auf und wählte ein<br />
anderes?“<br />
Ja, vor dieser Wahl stehen die Bürger, die Citoyens der demokratischen<br />
Welt: Wollen sie einen Staat, in dem sich das Volk<br />
unter dem allwissenden und allarchivierenden Netz des Heimatschutzes<br />
furchtsam und demütig zusammendrängt? Oder wollen<br />
sie einen demokratischen Rechtsstaat, dessen Volk sich die Kontrolle<br />
über seine Stasi und seine Mielkes zurückerobert?<br />
Edward Snowden hat seine Pflicht als Citoyen getan.<br />
Wer tut es ihm nach?<br />
Frank A. Meyer<br />
ist Journalist und Gastgeber der politischen<br />
Sendung „Vis-à-vis“ in 3sat<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 49
| W e l t b ü h n e<br />
Schreck der Mächtigen<br />
Millionen Brasilianer fordern Chancengleichheit und ein Ende der Korruption. Joaquim Barbosa ist ihre Hoffnung<br />
von Constantin Wissmann<br />
A<br />
uf einem Richterstuhl sitzt Joaquim<br />
Barbosa fast nie. Das kann<br />
der 58-Jährige nur unter Schmerzen.<br />
Der oberste Richter Brasiliens leidet<br />
an Sakroiliitis, einer Entzündung der unteren<br />
Wirbelsäule. Doch ausgerechnet er<br />
hat aus Sicht vieler Brasilianer das Rückgrat,<br />
um das komplexe System des Staates<br />
zu entflechten und die Macht der Politiker,<br />
die diese oft missbrauchten, einzudämmen.<br />
Gerade die Menschen, die jüngst zu<br />
Millionen auf die Straßen gingen für ein<br />
anderes, ein besseres Land, setzen ihre<br />
Hoffnungen in ihn. So wie auch Dilma<br />
Rousseff. Die Präsidentin hat tiefe Verfassungsreformen<br />
angekündigt. Um Brasilien<br />
demokratischer zu machen, sagt sie. Und<br />
wohl auch, um ihre abgestürzten Umfragewerte<br />
zu retten. Dafür braucht sie den im<br />
Volk ungemein beliebten Präsidenten des<br />
Verfassungsgerichts.<br />
So ist Joaquim Barbosa, der als eines<br />
von acht Kindern eines Maurers und einer<br />
Putzfrau aufwuchs und dessen erster Job<br />
an einem Gericht es war, den Saal zu putzen,<br />
zu einer der einflussreichsten Figuren<br />
Brasiliens geworden.<br />
Dabei haben ihn die meisten Brasilianer<br />
erst im vergangenen Herbst kennengelernt.<br />
Kurz vor seiner Ernennung zum<br />
Präsidenten des Verfassungsgerichts führte<br />
er die Verhandlung im sogenannten Mensalão-Prozess<br />
– für viele der wichtigste in<br />
der Geschichte Brasiliens. Mensalão (zweites<br />
Monatsgehalt) beschreibt ein mit Millionenbeträgen<br />
ausgestattetes Bestechungsschema<br />
der Arbeiterpartei PT. Der Partei<br />
des ehemaligen Präsidenten Lula und dessen<br />
Nachfolgerin, der amtierenden Präsidentin<br />
Dilma Rousseff. Die PT, die sich<br />
das Wohl der kleinen Leute auf die Fahnen<br />
schreibt, hatte Gelder zweckentfremdet,<br />
die für die Verbesserung des Bildungssystems<br />
oder den Ausbau der Infrastruktur<br />
bestimmt waren. Mit diesem System hatte<br />
sich, so die Anklage, die PT über Jahre die<br />
Unterstützung kleiner Parteien im Parlament<br />
erkauft. 37 Personen waren angeklagt.<br />
Systematische Bestechung in der Politik<br />
ist nichts Neues in Brasilien. Die Versuchung<br />
ist groß, weil Korruptionsskandale<br />
meistens nicht mit einer Haftstrafe enden,<br />
sondern, nach einer Redensart, „in Pizza“.<br />
Wie bei einem Arbeitsessen machen Ankläger<br />
und Angeklagte in der Regel untereinander<br />
aus, wie die lästigen Vorwürfe aus<br />
„Ich bin kein Politiker, ich bin<br />
sehr ungeeignet dafür“<br />
Joaquim Barbosa<br />
der Welt geschafft werden können, sodass<br />
beide Seiten dabei gut wegkommen.<br />
Eigentlich war auch Barbosa für so einen<br />
Deal prädestiniert. Präsident Lula hatte<br />
ihn, der in Brasilia und in Paris Jura studiert<br />
hatte, 2003 ins Verfassungsgericht geholt –<br />
auch weil Barbosa der erste Brasilianer mit<br />
schwarzen Eltern in diesem Amt sein würde.<br />
Doch Barbosa, zur Anklageerhebung 2005<br />
wie üblich per Los unter den Verfassungsrichtern<br />
zum Vorsitzenden gewählt, war für<br />
solche Mauscheleien nicht zu haben. Unnachgiebig<br />
entwirrte er Stück für Stück das<br />
komplexe Bestechungssystem. Sogar mit seinen<br />
Richterkollegen legte er sich an, die ihm<br />
zu weich waren. Als er einem unterstellte,<br />
„das Vertrauen in die Justiz des Landes zu<br />
zerstören“, verließ dieser den Saal.<br />
Die Brasilianer sahen Barbosa dabei im<br />
Fernsehen zu. Und sie verliebten sich geradezu<br />
in ihn. Hier war einer von ihnen,<br />
der sich gegen die Raffgier der Etablierten<br />
stellte und diese mit Argumentationskunst<br />
und eiserner Disziplin bezwang. Für<br />
Barbosa selbst war die breite Öffentlichkeit<br />
des Prozesses eine wichtige Motivation.<br />
„Dies ist das erste Mal, dass so eine Reihe<br />
von wichtigen Menschen vor den Augen<br />
der Gesellschaft angeklagt ist. Und die Gesellschaft<br />
hat den Fall jeden Tag beobachtet.<br />
Die Menschen beschäftigen sich auf einmal<br />
mit dem Rechtssystem“, sagt er.<br />
Tatsächlich müssen 25 der Angeklagten<br />
nun Gefängniskost statt Pizza essen. Die<br />
höchste Strafe von mehr als 40 Jahren Gefängnis<br />
erhielt der Unternehmer Marcos<br />
Valério. Zu fast elf Jahren Gefängnis wurde<br />
José Dirceu verurteilt. Er war Lulas Stabschef<br />
und galt als dessen potenzieller Nachfolger.<br />
Ironie der Geschichte: Neun Jahre<br />
zuvor noch hatte Dirceu Barbosas Ernennungsurkunde<br />
unterschrieben. Lula selbst<br />
konnte bisher keine Beteiligung am Mensalão<br />
nachgewiesen werden. Doch Barbosa<br />
hat angekündigt, das Verfassungsgericht<br />
werde Vorwürfen gegen Lula nachgehen.<br />
Joaquim Barbosa wurde durch den<br />
Prozess zum Volkshelden. Das Time Magazine<br />
zählt ihn zu den „100 einflussreichsten<br />
Menschen“ der Welt. Was aber vielleicht<br />
die größere Ehre für den Juristen ist:<br />
Im Karneval von Rio war sein Gesicht die<br />
beliebteste Maske.<br />
Viele in Brasilien wollen den unerschrockenen<br />
Juristen noch weiter oben sehen,<br />
als Präsidenten des Landes. Unter den Demonstranten<br />
hätte er nach jüngsten Umfragen<br />
schon eine Mehrheit. Er selbst hat derlei<br />
Ambitionen stets von sich gewiesen. „Ich<br />
bin kein Politiker, und ich glaube, ich bin<br />
sehr ungeeignet dafür wegen meiner Offenheit.<br />
Ich habe auch keinerlei Verbindungen<br />
zu politischen Parteien.“ Vielleicht ist das<br />
sein Schutz gegen den Korruptionsbazillus,<br />
für den Brasilianer umso anfälliger zu sein<br />
scheinen, je mächtiger sie werden.<br />
Constantin WiSSmann<br />
lebt in Berlin und Rio de Janeiro.<br />
In Brasilien erlebte er mit, wie<br />
ein Volk erwacht<br />
Fotos: Ueslei Marcelino/REUTERS, Privat (Autor)<br />
50 <strong>Cicero</strong> 8.2013
Joaquim Barbosa bringt auch<br />
die höchsten Würdenträger<br />
des Staates hinter Gitter<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 51
| W e l t b ü h n e<br />
„Ich traue<br />
Cameron Nicht“<br />
Nigel Farage will sofort raus aus der EU. Der Populist findet in Großbritannien immer mehr Anhänger<br />
Nigel Farage ist einer der bekanntesten und<br />
kontroversesten Politiker Großbritanniens.<br />
Der Kettenraucher will das Rauchverbot<br />
in Pubs aufheben, die Einwanderung<br />
stoppen und den Austritt des Königreichs<br />
aus der Europäischen Union. Der Chef der<br />
populistischen United Kingdom Independence<br />
Party (Ukip) sieht sich im Aufwind,<br />
seit seine Partei bei den Kommunalwahlen<br />
im Mai überraschende 25 Prozent der Stimmen<br />
erhielt – obwohl Premier David Cameron<br />
Ukip öffentlich als „Spinner“ bezeichnet<br />
hatte. Diese Einschätzung könnte sich für<br />
Cameron als fataler Irrtum erweisen – nach<br />
jüngsten Umfragen findet Ukip noch immer<br />
satte 18 Prozent Zustimmung unter den<br />
britischen Wählern, insbesondere in den bisherigen<br />
Hochburgen der Konservativen.<br />
H<br />
err Farage, Ihre Partei wurde<br />
lange als politisch irrelevant<br />
verhöhnt, die Times bezeichnete<br />
Sie als „peinliche Figur, die nicht für Großbritannien<br />
spricht“. Die Wähler haben ein<br />
anderes Votum abgegeben. Wie erklären<br />
Sie den Erfolg Ihrer Partei? Ist er allein mit<br />
der Desillusion über Europa zu erklären?<br />
Desillusion mit der EU, nicht mit Europa.<br />
Desillusion mit einem hehren<br />
Traum, auf dessen Altar wir alle geopfert<br />
werden, ob wir wollen oder nicht. Nehmen<br />
wir doch als Beispiel die schrankenlose<br />
Zuwanderungspolitik der EU. In<br />
einem typischen Städtchen im Nordosten<br />
Großbritanniens beträgt die<br />
„Nicht Ukip wird den Euro zu Fall<br />
bringen, sondern Gewalt auf den<br />
Straßen Europas“<br />
durchschnittliche Wartezeit in der Notaufnahme<br />
eines Krankenhauses acht bis<br />
neun Stunden. Stellen Sie sich vor, Ihr<br />
Kind hat Gehirnerschütterung! Dasselbe<br />
Kind übrigens, das keinen Platz in der<br />
nächstgelegenen Volksschule bekommen<br />
hat, sondern das mit seinen vier Jahren<br />
jeden Morgen den Bus nehmen muss –<br />
weil alle anderen Schulen schon mit Kindern<br />
voll sind, die kaum Englisch sprechen.<br />
Nun haben die Briten in puncto<br />
Zuwanderung eine sehr tolerante Vergangenheit.<br />
Immigration ist ein Erbe des<br />
Empire, und wir hatten pro Jahr 30 000<br />
bis 50 000 Einwanderer aus dem ehemaligen<br />
Commonwealth. Heute aber<br />
strömen Hunderttausende Osteuropäer<br />
ins Land! Gemeinschaften zerbrechen,<br />
Feindseligkeiten und Ghettos entstehen.<br />
Damit wir uns nicht missverstehen: Ukip<br />
hat nichts gegen Osteuropäer. Wir haben<br />
aber etwas gegen die verantwortungslose,<br />
von der EU induzierte Immigrationspolitik<br />
der britischen Politiker.<br />
Großbritannien den Briten, ist das die<br />
mehr oder weniger versteckte Nachricht<br />
von „Better Off Out“, dem Slogan einer<br />
Ihrer ersten, erfolglosen Kampagnen?<br />
Mitnichten. Ich wehre mich dagegen,<br />
Ukip als rechtsradikale Partei abstempeln<br />
zu lassen. Ich wünsche mir lediglich ein<br />
Zuwanderungsverfahren australischer Art:<br />
bestimmte Berufe sind erwünscht, andere<br />
nicht. Man muss diesem Land etwas<br />
bieten, um Einlass zu erhalten und von<br />
unseren Errungenschaften zu profitieren.<br />
Und man muss Brite werden wollen, mit<br />
Haut und Haar.<br />
Im Licht der Ereignisse von Woolwich, wo<br />
ein junger Soldat auf offener Straße von<br />
zwei Muslimen abgeschlachtet wurde,<br />
bekommen Ihre Aussagen einen ganz<br />
unangenehmen Beigeschmack.<br />
Ich sage, was ich denke. Mehr noch: Ich<br />
sage, was mehr und mehr Briten denken.<br />
Sollen Polygamie und die Ausübung der<br />
Scharia hier die Norm werden? Nein!<br />
Sie möchten zwar nicht, dass Ukip als<br />
rechtsradikal bezeichnet wird und nennen<br />
Ihre Mitglieder freie Denker. Bei einem<br />
Besuch in Schottland aber wurden Sie<br />
jüngst als „Nazi“ beschimpft, und einer<br />
Ihrer Kandidaten forderte die Abtreibung<br />
aller Föten mit Down-Syndrom. Ist das<br />
Ihre Auffassung vom freien Denken?<br />
Niemand, der zuvor Mitglied der British<br />
National Party (BNP) war, ist in unseren<br />
Reihen willkommen. Daran wird<br />
sich nichts ändern. In Schottland habe<br />
ich das hässliche Gesicht der schottischen<br />
Unabhängigkeitsbewegung gesehen. Sie<br />
schimpften mich einen Nazi und schrien<br />
im selben Atemzug: Hau ab nach England!<br />
Wie passt das zusammen? Überhaupt<br />
nicht. Der Kommentar zu den Abtreibungen<br />
war schockierend. Ich leite<br />
meine Partei zwar, stehe aber natürlich<br />
nicht für ihr Mikromanagement ein.<br />
Sie distanzieren sich verbal von der als<br />
faschistisch eingestuften BNP, die bis<br />
2010 ihre Mitgliedschaft nur Weißen<br />
vorbehalten hatte. Wie aber hält es Ukip<br />
mit anderen rechts der Mitte stehenden<br />
Parteien in Europa, wie etwa dem Front<br />
National in Frankreich?<br />
Foto: David Levene/eyevine/Picture Press<br />
52 <strong>Cicero</strong> 8.2013
Nigel Farage provoziert gerne.<br />
Politische Verantwortung aber<br />
will er nicht übernehmen<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 53
| W e l t b ü h n e<br />
Als Marine Le Pen in die Führung des<br />
Front National gewählt wurde, sagte sie:<br />
„Ich wünschte, unsere Partei wäre mehr<br />
wie Ukip.“ Trotzdem kommt für mich<br />
eine Kooperation mit ihnen nicht infrage,<br />
weil Mitglieder wie Bruno Gollnisch den<br />
Holocaust leugnen. Antisemitismus und<br />
ekelhafter Rassismus sind Teil des Front<br />
National. Damit mag ich mich nicht<br />
assoziieren.<br />
Und in Deutschland, gibt es dort eine<br />
Partei, die Ihnen nahe wäre?<br />
Derzeit haben wir niemanden in<br />
Deutschland, mit dem wir arbeiten<br />
könnten. Ich beobachte jedoch die Alternative<br />
für Deutschland mit großem Interesse,<br />
denn sie scheint eine gute intellektuelle<br />
Basis zu haben. Jetzt müssen sie<br />
nur ihre Ideen in eine Sprache fassen, die<br />
der Mann auf der Straße verstehen kann.<br />
Das war Margaret Thatchers wahres Talent:<br />
Sie konnte die größten Ideen so ausdrücken,<br />
dass jeder sie verstand.<br />
Was macht Sie zu einem so überzeugten<br />
Gegner der Europäischen Union?<br />
Als ich 1999 europäischer Abgeordneter<br />
wurde, dachte ich, wir könnten<br />
eine Beziehung mit der EU haben. Obwohl<br />
wir aus vielerlei Gründen nicht<br />
in den Laden passen – wir spielen Kricket<br />
und fahren auf der anderen Straßenseite.<br />
Spaß beiseite: Der Nationalismus<br />
und der Fanatismus in Brüssel<br />
haben mich erschüttert – allen voran<br />
Martin Schulz. Die EU führt ganze Generationen<br />
von Europäern wie ein Rattenfänger<br />
von Hameln in vollkommene<br />
Hoffnungslosigkeit.<br />
Als Europaabgeordneter in Brüssel hätten<br />
Sie es doch in der Hand, an Veränderungen<br />
mitzuwirken. Sie ziehen es aber<br />
vor, weder Mitglied eines Ausschusses<br />
noch einer Delegation zu sein und machen<br />
keine Anstalten, Ihren Ideen auch Kraft zu<br />
verleihen.<br />
Das muss ich gar nicht. Die EU macht<br />
die schmutzige Arbeit für mich. Angela<br />
Merkel ist meiner Ansicht nach die fähigste<br />
Person auf der europäischen politischen<br />
Bühne (Farage nennt die Kanzlerin<br />
nicht „politician“, sondern verwendet das<br />
respektvollere „statesman“). Dennoch sagte<br />
sie zu mir: „Griechenland darf den Euro<br />
nicht verlassen. Wenn die Griechen gehen,<br />
dann gehen auch andere – und das<br />
wäre das Ende des europäischen Traumes.“<br />
Nicht Ukip wird den Euro zu Fall<br />
bringen, sondern Gewalt auf den Straßen<br />
Europas wird das tun. Eine Ironie<br />
des Schicksals: Genau das, was die Gründung<br />
der Europäischen Union verhindern<br />
sollte, wird ihr Ende sein. Aber das<br />
„Wenn die Eurozone implodiert,<br />
muss Deutschland für Trillionen<br />
geradestehen“<br />
passiert der EU ja nicht zum ersten Mal,<br />
wenn wir nur an das deutsche Problem<br />
denken.<br />
Welches „deutsche Problem“?<br />
Der Gründung der EU lag ja auch der<br />
Gedanke zugrunde, ein ähnliches Szenario<br />
wie das, das zum Zweiten Weltkrieg<br />
geführt hat, in Europa zu verhindern.<br />
Aber durch die Krise in der Eurozone ist<br />
Deutschland – vielleicht wider Willen –<br />
wieder die einflussreichste Nation der EU<br />
geworden. Politisch ist das eine mächtige<br />
Position, mit der Merkel sehr vorsichtig<br />
umgeht. Aber es ist eine Macht, nach<br />
der die Deutschen nicht verlangt haben.<br />
Weshalb nicht, ist klar: Die Kosten werden<br />
untragbar sein. Wenn die Eurozone<br />
implodiert, muss Deutschland für Billionen<br />
geradestehen.<br />
Angenommen, Großbritannien entscheidet<br />
sich in dem von Ihnen geforderten Referendum<br />
gegen die EU und Sie gewännen<br />
eine der nächsten Wahlen, würde dann<br />
Nigel Farage Premierminister oder Teil<br />
einer Koalition?<br />
Ich bin eher aus Versehen Politiker geworden<br />
und habe keine Ambitionen auf<br />
die Führung des Landes. Was eine mögliche<br />
Koalition angeht: Labour? Solange<br />
Ed Miliband die Briten für zu dumm<br />
hält, sich in einem Referendum zu entscheiden:<br />
Nein. Die Tories? Solange sie<br />
von David Cameron geführt werden:<br />
Nein. Ich glaube ihm nicht, ich traue<br />
ihm nicht, ich will nichts mit ihm und<br />
seinen halb ausgegorenen Ideen und<br />
Maßnahmen zu tun haben. Die Libdems?<br />
Dass ich nicht lache. Nein!<br />
Gibt es das? Jemand, der sich auf das<br />
Ränkespiel der Politik einlässt, ohne es<br />
gewinnen zu wollen? Selbst wenn Ukip<br />
jenseits der antieuropäischen Idee ein<br />
Regierungsprogramm aufzuweisen hätte,<br />
was sie ja nicht hat.<br />
Ich will eine Partei von frei denkenden<br />
Mitgliedern leiten und stehe lieber ehrlichen<br />
Exzentrikern als einer Bande grauer,<br />
verlogener Leute vor. Im Vergleich zu Cameron<br />
und Clegg, die im Herzen Sozialdemokraten<br />
sind, sage ich die Wahrheit.<br />
Die EU zu verlassen, mag nicht alle unsere<br />
Probleme lösen. Aber es erlaubt uns,<br />
autonom nach einer Lösung für diese<br />
Probleme zu suchen. Wollen wir wie Irland<br />
oder Island sein? Irland hat am Gängelband<br />
der EU wahnsinnige Boomjahre<br />
erlebt, die ihnen jetzt um die Ohren fliegen.<br />
Dieser importierte Wohlstand war<br />
nur eine Illusion, und der Katzenjammer<br />
in Dublin ist schrecklich. Sehen Sie<br />
sich dagegen Island an. Vor ein paar Jahren<br />
stand das Land wirtschaftlich und<br />
politisch am Rande des Abgrunds. Das<br />
hat sich grundlegend gewandelt. Reykjavik<br />
hat gerade ein Handelsabkommen<br />
mit China abgeschlossen – etwas, was der<br />
EU einfach nicht gelingt. Das 19. Jahrhundert<br />
war britisch, das 20. amerikanisch<br />
und das 21. ist chinesisch – davon<br />
schließt sich die EU selber aus. Soll<br />
Großbritannien darunter leiden?<br />
Wie sähe denn das neue Europa aus, das<br />
das Erbe der EU antritt?<br />
Wir müssen uns auf die Tage des Europarats<br />
besinnen. Keine wirtschaftliche<br />
Union, aber eben eine wirtschaftliche<br />
Zusammenarbeit. Die Idee einer politischen<br />
Union muss gebannt werden, denn<br />
die macht aus den europäischen Nationen<br />
ein neues Jugoslawien, komplett mit<br />
Flagge und Hymne.<br />
Das Gespräch führte Ellen Alpsten<br />
54 <strong>Cicero</strong> 8.2013
Fluthilfe 2013<br />
„Help hilft Hochwasseropfern in<br />
Deutschland – Helfen Sie mit!“<br />
Eva Brenner, Dipl.-Ing. für Innenarchitektur,<br />
TV-Moderatorin von „Zuhause im Glück“<br />
© Kape Schmidt<br />
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Machtpoker am Nil<br />
56 <strong>Cicero</strong> 8.2013
War der Sturz Mohammed Mursis gerechtfertigt oder ein Putsch? Aber womöglich<br />
wurde lediglich das eine Übel, die Islamisten, mit dem anderen Übel, dem Militär,<br />
ausgetrieben. Dennoch hat Ägyptens Demokratisierung jetzt eine neue Chance<br />
von Hamed Abdel-Samad<br />
Innerhalb von<br />
30 Monaten haben die<br />
Ägypter zum zweiten<br />
Mal ihren Präsidenten<br />
aus dem Amt gejagt.<br />
Die Menschen<br />
feierten das mit einer<br />
Laserprojektion auf<br />
dem Tahrir-Platz<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 57
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Das Militär hat den Präsidenten gestürzt. Seither scheinen die Gräben unüberwindbar zwischen Anhängern von Mohammed Mursi und …<br />
Ich hatte nie die Befürchtung, dass die<br />
Muslimbrüder Ägypten in einen zweiten<br />
Iran verwandeln. Was die große<br />
Mehrheit junger Ägypterinnen und<br />
Ägypter wollen, sind Freiheit und<br />
Wohlstand. Was sie nicht wollen, ist Bevormundung<br />
– weder im Namen der Sicherheit<br />
noch im Namen der Religion.<br />
Einer großen Masse ist es gelungen, innerhalb<br />
von 30 Monaten zwei Präsidenten zu<br />
stürzen, die diktatorisch regierten. Beide<br />
Male musste sich die Armee dem Willen<br />
der Massen beugen und erst den langjährigen<br />
Diktator Husni Mubarak und dann<br />
den frei gewählten Präsidenten Mohammed<br />
Mursi nach nur einem Jahr im Amt<br />
absetzen.<br />
Ich fürchte aber, dass die Spaltung der<br />
ägyptischen Gesellschaft, die sich seit dem<br />
Sturz der Muslimbrüder noch vertieft hat,<br />
keine Einigung zwischen den beiden Lagern<br />
zulässt, dass aber auch keine Seite das<br />
Land allein regieren kann. Es gibt fünf heimische<br />
und fünf ausländische Kräfte, die<br />
unterschiedliche – und womöglich unvereinbare<br />
– Interessen und Vorstellungen für<br />
die Zukunft Ägyptens hegen: Muslimbrüder,<br />
Salafisten, Armee, liberale Kräfte und<br />
die alten Anhänger Mubaraks versuchen,<br />
das Schiff in verschiedene Richtungen zu<br />
bewegen, und verursachen damit womöglich<br />
nichts weiter als Stillstand. Die USA,<br />
Israel, Europa, Saudi-Arabien und die Türkei<br />
sind besorgt und versuchen, aus einer<br />
längst versalzenen Suppe noch etwas Genießbares<br />
herzustellen. Selbst im Fastenmonat<br />
Ramadan kommt das Land nicht<br />
zur Ruhe. Die Institutionen des Landes<br />
sind blockiert, Straßenproteste bestimmen<br />
die Politik, das Land droht, im Chaos zu<br />
versinken. Ob es Ägypten gelingt, im zweiten<br />
Anlauf eine stabile Demokratie aufzubauen<br />
oder ob ein Bürgerkrieg wie in Syrien<br />
droht, kann niemand vorhersagen.<br />
Ein Putsch kommt selten allein<br />
Immer noch scheiden sich die Geister, ob<br />
es sich bei der Absetzung Mursis um einen<br />
unrechtmäßigen Putsch gegen einen demokratisch<br />
gewählten Präsidenten handelte<br />
oder um eine notwendige Intervention<br />
der Armee, die das wirtschaftliche Ausbluten<br />
des Landes und einen Bürgerkrieg<br />
verhindern sollte. Mursi, dieser uneinsichtige<br />
Islamist, hätte die Konfrontation mit<br />
den Demonstranten und schließlich seine<br />
Absetzung verhindern können, hätte er<br />
den Weg für Neuwahlen geebnet. Aber er<br />
lehnte jeden Kompromissvorschlag strikt<br />
ab, wusste er doch, dass er kaum mehr Popularität<br />
genoss. Dass die Graswurzelbewegung<br />
Tamarod rund 22 Millionen Unterschriften<br />
gegen ihn gesammelt hatte,<br />
schien ihn nicht zu beeindrucken. Auch<br />
als es nicht mehr um Unterschriften ging,<br />
sondern als die Menschen in 24 Provinzen<br />
Ägyptens gegen ihn und die Herrschaft der<br />
Muslimbrüder demonstrierten, blieb Mursi<br />
stur. Keinen Zentimeter bewegte er sich auf<br />
die Opposition zu – im Gegenteil: In seiner<br />
letzten Rede als Präsident überzog er<br />
sie mit Häme.<br />
Fotos: Xinhua/Li Muzi/imago (Seiten 56 bis 57), action press<br />
58 <strong>Cicero</strong> 8.2013
… seinen Gegnern, die auf die Straße gegangen waren, um den Staatschef zum Rücktritt zu zwingen<br />
Foto: ddp images/camera press/ria novosti<br />
Legalität und Legitimität<br />
Vor einem Jahr war Mohammed Mursi mit<br />
51,7 Prozent der Stimmen gewählt worden.<br />
Unter seinen Wählern waren viele Liberale,<br />
die seinem Versprechen glaubten, das gespaltene<br />
Land zu heilen und Präsident aller<br />
Ägypter zu werden. Dieser Glaube wurde<br />
zerstört. Nur wenige Monate nach seiner<br />
Mursi ist<br />
zwar legal<br />
an die Macht<br />
gekommen,<br />
doch er war<br />
nicht mehr<br />
legitim im Amt<br />
Amtseinführung erließ Mursi Dekrete, die<br />
dem Präsidenten absolute Macht verliehen.<br />
Die neue Verfassung des Landes ließ er in<br />
einer Nacht-und-Nebel-Aktion gegen den<br />
Protest der liberalen Kräfte verabschieden.<br />
Als die Richter des Oberen Verfassungsgerichts<br />
sich versammeln wollten, um ein<br />
Urteil zur Verfassungsmäßigkeit des neuen,<br />
von Islamisten verabschiedeten Entwurfs<br />
zu fällen, ließ Mursi das Gericht durch<br />
die Milizen der Muslimbrüder belagern.<br />
Ein Urteil wurde damit verhindert. Teile<br />
dieser Milizen griffen die friedlichen Demonstranten<br />
an, die im Dezember 2012<br />
vor dem Präsidentenpalast gegen die Verfassung<br />
protestierten. Es gab mehrere Todesopfer<br />
und Verletzte auf beiden Seiten.<br />
Viele Ägypter betrachten die Aktionen<br />
des Präsidenten und seiner Anhänger als<br />
den wirklichen Putsch gegen die neu geborene<br />
Demokratie. Mursi ist zwar legal<br />
an die Macht gekommen, doch nach dem<br />
gewaltsamen Vorgehen gegen die Demonstranten<br />
und nachdem er die Justiz aus dem<br />
verfassungsgebenden Prozess ausgeschaltet<br />
hatte, war er nicht mehr legitim im Amt.<br />
An diesem Punkt hätte es eines Amtsenthebungsverfahrens<br />
bedurft – doch das<br />
Parlament, das es hätte einleiten müssen,<br />
war aufgelöst. So wurde es zur Aufgabe<br />
der Bürger, ein Misstrauensvotum nicht<br />
durch den Repräsentanten des Volkes, das<br />
Parlament, sondern durch das Volk selbst<br />
auf den Weg zu bringen. Die Intervention<br />
der Armee sehen viele deshalb eher als eine<br />
Geiselbefreiungsaktion.<br />
Es gibt durchaus eine Erklärung für<br />
Mursis Politik. Husni Mubarak hatte ihm<br />
ein schweres Erbe hinterlassen: ein stark<br />
gespaltenes und verschuldetes Land mit<br />
korrupten und überalterten Institutionen.<br />
Hinzu kam: Die Profiteure des alten Regimes,<br />
seien es Medienleute, Unternehmer<br />
oder staatliche Funktionäre, lehnten die<br />
Präsidentschaft eines Muslimbruders ab.<br />
Um die Anhänger des alten Regimes<br />
in Schach zu halten, hätte er sich mit den<br />
demokratischen Kräften verbünden und<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 59
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die staatlichen Institutionen demokratisieren<br />
müssen. Doch Mursi wandte sich<br />
von der demokratischen Opposition ab,<br />
bezeichnete sie als „Verräter“ und ließ<br />
sie durch seine Anhänger als Ungläubige<br />
diffamieren.<br />
Wie schon Mubarak versuchte auch<br />
Mursi die Justiz, die Gewerkschaften, das<br />
Bildungswesen, die staatlichen Medien<br />
und die traditionsreiche ägyptische Diplomatie<br />
in rasantem Tempo zu unterwandern.<br />
Überall trafen die Islamisierungsbemühungen<br />
auf Widerstand. Sogar mit<br />
seinen früheren Verbündeten, den Salafisten,<br />
hatte Mursi sich angelegt, indem<br />
er sie aus allen wichtigen Positionen entfernt<br />
hatte. Allen war klar: Sein Ziel war<br />
nicht, Ägypten zu reformieren, sondern<br />
die Muslimbruderschaft fest an der Macht<br />
zu verankern.<br />
Mursis Tanz mit den Terroristen<br />
So hat Mursi in kürzester Zeit fast alle<br />
Kräfte des Landes gegen sich aufgebracht.<br />
Sogar aus der Armee und der Polizei wurden<br />
die kritischen Stimmen immer lauter.<br />
Ihm blieben am Ende nur die Ex-Terroristen<br />
der Al Dschama’a Al Islamiyya als Verbündete.<br />
Sie galten als seine letzte Rettung,<br />
sollte es zum befürchteten Kräftemessen<br />
zwischen den Islamisten und der Protestbewegung<br />
auf der Straße kommen.<br />
Einer der Anführer dieser militanten<br />
Gruppe war es, der nach meinem islamkritischen<br />
Vortrag in Kairo vor wenigen Wochen<br />
eine Morddrohung gegen mich im<br />
Fernsehen aussprach. Statt ein Verfahren<br />
gegen den Hassprediger einzuleiten, wurde<br />
er zu einer Veranstaltung des Präsidenten<br />
eingeladen und von ihm öffentlich umarmt.<br />
Ein weiterer „Loyalist“ – ausgerechnet<br />
ein Mitglied der Terrorgruppe, die 1997<br />
über 60 Touristen in Luxor getötet hatte –<br />
wurde für die Treue der Gotteskrieger zum<br />
Präsidenten mit dem Amt des Gouverneurs<br />
von Luxor belohnt. Spätestens nach dieser<br />
Entscheidung war den meisten Beobachtern<br />
klar, dass Mursi sowohl für die Politik<br />
als auch für die Wirtschaft des Landes zu<br />
einer Last geworden war.<br />
Die Brüder und das Militär, ein<br />
gefährlicher Machtkampf<br />
Die Armee war entsetzt von der Ernennung<br />
eines Terroristen zum Gouverneur. Hat sie<br />
doch auch wirtschaftliche Interessen, nicht<br />
zuletzt auch im vom Tourismus geprägten<br />
Die Haupteinnahmequelle Ägyptens, der Tourismus, droht vollkommen auszutrocknen.<br />
In den Hotels wird alles auf Hochglanz poliert, doch die Gäste bleiben weg<br />
Luxor. Damit nicht genug, ist die radikale<br />
Al Dschama’a Al Islamiyya auch für die Ermordung<br />
von Präsident Anwar al Sadat im<br />
Oktober 1981 verantwortlich, der in der<br />
Armee bis heute ein hohes Ansehen genießt.<br />
Auch die Allianz der Bruderschaft<br />
mit der Hamas in Gaza lehnten die Generäle<br />
ab. Im Sommer vergangenen Jahres<br />
wurden 16 ägyptische Soldaten durch Hamas-Kämpfer<br />
getötet. Mursi aber hielt die<br />
Armee davon ab, seine islamistischen Verbündeten<br />
im Sinai zu bekämpfen.<br />
Als ob das nicht schon genug wäre,<br />
provozierte Mursi das Militär auch noch<br />
mit seiner abenteuerlichen Syrien-Politik.<br />
Während das Militär sich aus der syrischen<br />
Gemengelage heraushalten wollte,<br />
stellte sich der Präsident Mitte Juni bei einer<br />
Kundgebung in Kairo deutlich auf die<br />
Seite der islamistischen Anti-Assad-Rebellen,<br />
die wiederum die Ägypter zum Dschihad<br />
in Syrien aufriefen.<br />
Dazu kommt die amateurhafte Wirtschaftspolitik<br />
Mursis, die das Land langsam<br />
in den Ruin trieb. Die Arbeitslosigkeit<br />
stieg rasant, das ägyptische Pfund verlor<br />
binnen eines Jahres über 30 Prozent an<br />
Wert. Auch die Parallelwirtschaft des Militärs<br />
litt stark unter dem Rückgang des<br />
Konsums der Ägypter. Die Armee musste<br />
die Notbremse ziehen, um das wirtschaftliche<br />
und sicherheitspolitische Ausbluten des<br />
Landes zu stoppen. Ihr kamen die Massenproteste<br />
gerade recht.<br />
Muslimbrüder und Demokratie<br />
Eines der größten Defizite der Muslimbrüder<br />
ist deren mangelhaftes Verständnis<br />
von Demokratie. Sie glauben, Demokratie<br />
sei das Recht der Mehrheit, alles tun<br />
zu können, was man will, ohne zur Rechenschaft<br />
gezogen zu werden. Einer der<br />
Begriffe, die sie bei den Wahlen verwendeten,<br />
verrät am deutlichsten, was sie unter<br />
Demokratie verstehen. Ihren Sieg über<br />
die liberalen Kräfte bei den Parlamentswahlen<br />
im November 2012 bezeichneten<br />
sie als „ghazwat al sanadiq“ (Feldzug der<br />
Wahlurnen). Das Wort „ghazwa“ spielt auf<br />
Raubzüge an, die der Prophet Mohammed<br />
gegen die Handelskarawanen der ungläubigen<br />
arabischen Stämme im 7. Jahrhundert<br />
geführt hatte. So gingen auch die Islamisten<br />
mit ihren politischen Gegnern um.<br />
Sie bezeichneten sie als Ungläubige und<br />
schlossen sie von der Verhandlung über<br />
die neue Verfassung aus.<br />
Nun haben sich Anti-Mursi-Demonstranten,<br />
Anhänger Mubaraks und die Armee<br />
verbündet. Die Muslimbrüder hingegen<br />
können keine großen Kräfte mehr<br />
mobilisieren, um Mursi wieder ins Amt<br />
zurückzubringen. Deshalb setzen sie auf<br />
Gewalt. Deshalb schicken sie ihre Milizen<br />
auf die Barrikaden, blockieren Straßen und<br />
Brücken und suchen den direkten Machtkampf<br />
mit dem Militär. Sie glauben, durch<br />
Chaos und Gewalt die Uhr zurückdrehen<br />
zu können.<br />
Foto: Shawn Baldwin/Bloomberg via Getty images<br />
60 <strong>Cicero</strong> 8.2013
Foto: Antje Berghäuser<br />
Auch in Syrien ist das die Taktik der<br />
Islamisten. Der Anführer der Muslimbrüder<br />
in Syrien, Mahmoud Taifur, sagte einmal:<br />
„Wir setzten auf die Brutalität des Assad-Regimes.“<br />
Dass Aufständige Zivilisten<br />
im eigenen Lager umgebracht haben, um<br />
Assads Truppen vor der eigenen Bevölkerung<br />
und vor der Weltöffentlichkeit als<br />
Unmenschen vorzuführen, ist inzwischen<br />
Gewissheit.<br />
Jetzt scheinen auch die Muslimbrüder<br />
in Ägypten auf diese Taktik zu setzen.<br />
Am 8. Juli kam es vor dem Quartier<br />
der Republikanischen Garde in Kairo, wo<br />
Mursi-Anhänger ihren gestürzten Präsidenten<br />
vermuteten, zu einem Blutbad.<br />
Bei der Schießerei vor der Kaserne wurden<br />
50 Menschen getötet und Hunderte<br />
verletzt. Die meisten Opfer waren Muslimbrüder.<br />
Bereits am Abend zuvor hatten<br />
zwei Anführer der Muslimbrüder, Mohamed<br />
Al Biltagy und Safwat Hegazi, angekündigt,<br />
in jener Nacht werde es zu einer<br />
Eskalation kommen. Man wolle den Ort<br />
stürmen, um den Präsidenten zu befreien.<br />
Es kam zu der gefürchteten Konfrontation.<br />
Die Armeeoffiziere fühlten sich provoziert<br />
und reagierten unverhältnismäßig mit aller<br />
Härte. Ganz offensichtlich wollten die<br />
Muslimbrüder den Ägyptern und der Weltöffentlichkeit<br />
demonstrieren, dass sie die<br />
wahren Opfer sind und dass die Armee keinerlei<br />
Legitimität besitzt. Die Armee wiederum<br />
nahm die hohe Zahl der Opfer –<br />
und die mediale Inszenierung durch die<br />
Brüder – in Kauf, um zu demonstrieren,<br />
dass sie keine Aktionen gegen Militäreinrichtungen<br />
dulden wird.<br />
Ägyptens Zukunft<br />
Das Blutbad vom 8. Juli hat den Riss in<br />
der Gesellschaft noch weiter vertieft. Eine<br />
Versöhnung scheint ausgeschlossen. Die<br />
Muslimbrüder lehnen es ab, sich an einer<br />
neuen Regierung zu beteiligen, und schlüpfen<br />
wieder in die Rolle des verfolgten Opfers<br />
wie schon unter Mubarak. Doch diese<br />
Zeiten sind vorbei. Eine Gruppe aus dem<br />
jungen Kader der Brüder hat sich abgespalten,<br />
bezeichnet sich als „freie Muslimbrüder“<br />
und will am politischen Prozess teilnehmen.<br />
Die Anführer der Muslimbrüder<br />
und die Basis hingegen wollen die Konfrontation<br />
mit dem Militär eskalieren lassen.<br />
Ob das nur eine Taktik ist, um am<br />
Ende einen Deal mit den Generälen eingehen<br />
zu können, wird sich zeigen. Doch<br />
Junge Araber<br />
sehnen<br />
sich nach<br />
Veränderung,<br />
auch wenn<br />
das zunächst<br />
Chaos bedeutet<br />
deutlich ist jetzt schon, dass sich die Gewalt<br />
der Muslimbrüder verselbstständigt<br />
hat. In mehreren Provinzen kam es zu Angriffen<br />
von Islamisten auf Kopten und Liberale,<br />
die mehrere Todesopfer forderten.<br />
Am gefährlichsten ist es auf der Halbinsel<br />
Sinai, wo der Al Qaida nahestehende<br />
Kämpfer mehrere Anschläge auf Polizeiposten<br />
und die Gas-Pipeline zwischen Ägypten,<br />
Israel und Jordanien verübten.<br />
Wann immer die Islamisten in der islamischen<br />
Welt nach der Macht griffen,<br />
gab es zwei Szenarien: Gelang ihnen die<br />
Machtergreifung, regierten sie mit eiserner<br />
Hand und verwandelten ihre Gesellschaften<br />
in Freiluftgefängnisse wie Iran, Afghanistan,<br />
Somalia oder Sudan. Wurden sie<br />
von der Macht verdrängt wie in Algerien,<br />
Mali oder Libyen, verwandelten sie sich<br />
in terroristische Organisationen und überzogen<br />
ihre Länder mit Gewalt. Das erste<br />
Szenario wurde in Ägypten gerade abgewendet.<br />
Ob uns das zweite Szenario erspart<br />
bleibt, ist ungewiss, denn innerhalb<br />
der Muslimbruderschaft existieren zwei<br />
gegensätzliche Neigungen: zum Pragmatismus<br />
und zur Selbstzerstörung. Gleich,<br />
ob die Islamisten sich am politischen Prozess<br />
beteiligen oder in den Untergrund zurückziehen,<br />
Teile ihrer Jugend werden sich<br />
radikalisieren, denn ihre Hoffnungen wurden<br />
enttäuscht. Weder gelang unter Mursis<br />
Präsidentschaft die Einführung der Scharia<br />
noch gibt es irgendeine Perspektive für<br />
einen sozialen Aufstieg, den sie sich durch<br />
ihre Mitgliedschaft bei der Bruderschaft<br />
erhofft hatten. Sollten die Muslimbrüder<br />
den Weg der Gewalt wählen, dann wird<br />
es noch länger dauern, bis sich in Ägypten<br />
eine stabile Demokratie etablieren kann.<br />
Denn die Gewalt der Muslimbrüder war<br />
seit den Tagen Nassers eine willkommene<br />
Ausrede, um im Namen der Sicherheit die<br />
Freiheit der Ägypter einzuschränken und<br />
den Polizeistaat zu errichten, den man mit<br />
den Demonstrationen von 2011 loswerden<br />
wollte.<br />
Ich halte es nicht für wahrscheinlich,<br />
dass die Armee wieder eine Militärdiktatur<br />
einführt. Die Generäle haben aus den<br />
Fehlern der Übergangszeit nach Mubaraks<br />
Sturz und nach der Schießerei mit den<br />
Muslimbrüdern gelernt; sie wollen nicht<br />
mehr alle Zügel der Macht an sich reißen.<br />
Eine direkte Konfrontation mit der unzufriedenen<br />
Bevölkerung will die Armee in<br />
Zukunft vermeiden. Viel lieber möchte<br />
sie die Strippen hinter den Kulissen ziehen,<br />
ohne jedoch die Etablierung einer Demokratie<br />
zu bremsen. Solange das Militär<br />
die gleichen Privilegien und Immunität behält,<br />
kann es den demokratischen Prozess<br />
begleiten und als Hüter der Verfassung fungieren.<br />
Die Besetzung der Übergangsregierung<br />
mit dem liberalen Politiker Al Baradei<br />
und weiteren fähigen Experten – darunter<br />
drei Frauen – lassen auf ein Umdenken in<br />
der Armee schließen. Ganz offensichtlich<br />
zieht man es auf Dauer vor, mit berechenbaren<br />
Demokraten Geschäfte zu machen<br />
als mit erpressbaren ideologieverblendeten<br />
Nichtdemokraten.<br />
Ein solches Umdenken wird hoffentlich<br />
auch in den USA und der EU stattfinden,<br />
die mit Mursi und den Muslimbrüdern genauso<br />
umgingen wie mit Mubarak – indem<br />
sie im Namen der Stabilität den diktatorischen<br />
Machtstil und die Menschenrechtsverletzungen<br />
duldeten. Demokraten im<br />
Westen – wie Außenminister Guido Westerwelle,<br />
der Mursis Absetzung durch das<br />
Militär als Rückschlag für die Demokratie<br />
bezeichnete – setzen eben auf Stabilität,<br />
was nur eine andere Bezeichnung für<br />
Stagnation und Unfreiheit ist. Die jungen<br />
Araber hingegen sehnen sich nach Veränderung,<br />
auch wenn das zunächst Chaos und<br />
Orientierungslosigkeit bedeutet.<br />
Hamed Abdel-Samad<br />
stammt aus Ägypten und war<br />
während des Aufstands 2011 in<br />
Kairo. Im Juni hat ein Hassprediger<br />
seine Ermordung verlangt<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 61
| W e l t b ü h n e | A f g h a n i s t a n - a b z u g<br />
Zurück, marsch,<br />
marsch!<br />
Der Rückzug aus Afghanistan ist längst im Gange. Bis<br />
Ende 2014 soll er für die Bundeswehr abgeschlossen<br />
sein. Alle reden über die Bilanz des Einsatzes,<br />
niemand über die logistischen Tücken des Abzugs<br />
von Heidi Reisinger<br />
M<br />
an stelle sich folgende Situation<br />
vor: Aus einem Mietshaus<br />
ziehen alle 50 Mietparteien<br />
gleichzeitig aus. Manche<br />
jedoch nicht vollständig. Es<br />
soll noch Hausrat zurückbleiben, um einzelnen<br />
Mietern einen noch nicht näher definierten<br />
Aufenthalt zu ermöglichen. Das<br />
Mietshaus ist in einem problematischen<br />
Zustand und liegt in einer gefährlichen<br />
Nachbarschaft, dazu noch weit entfernt<br />
vom neuen „Wohnort“. Die scheidenden<br />
Mieter haben unterschiedliches Umzugsgut,<br />
unterschiedliche Zeitpläne und damit<br />
auch völlig unterschiedliche Bedürfnisse.<br />
Sie konkurrieren um Umzugsunternehmen<br />
und günstige Konditionen.<br />
Ungefähr so verhält es sich mit dem Abzug<br />
der Nato-Kampftruppen aus Afghanistan.<br />
50 truppenstellende Nationen haben<br />
begonnen, ihre Truppen und Gerätschaften<br />
abzuziehen oder „umzugruppieren“ wie<br />
es auf Nato-Deutsch heißt. Dieses „Redeployment“<br />
hat seine Tücken.<br />
1. Für einen Abzug in dieser Größenordnung<br />
gibt es in der Geschichte der<br />
Nato kein Beispiel. Nach Schätzungen<br />
der Allianz sollen 125 000 Container und<br />
80 000 Fahrzeuge aus Afghanistan abgezogen<br />
werden. Aneinandergereiht ergäbe<br />
das eine Strecke von Berlin nach Paris. Für<br />
diesen Abzug existieren keine Blaupausen.<br />
Lediglich die USA können auf umfangreiche<br />
Erfahrungen von ihrem Abzug aus dem<br />
Irak zurückgreifen. Der Einsatz des Bündnisses<br />
in Afghanistan wird damit nicht nur<br />
zum Katalysator für die Fähigkeit zur Zusammenarbeit,<br />
sondern auch zu einer gemeinsamen<br />
Koordinierungsaufgabe.<br />
2. Genau genommen zieht nicht „die<br />
Nato“ ab, sondern – wie das Mietshaus-<br />
Beispiel zeigt – die 50 truppenstellenden<br />
Nationen. Jeder kocht dabei sein eigenes<br />
Süppchen. Das heißt, jede Nation ist verantwortlich<br />
für ihre Personal- und Materialrückverlegung<br />
in die Heimat und trägt<br />
dafür auch individuell die Kosten. Das ist<br />
nichts Neues und auch kein Zufall, denn<br />
militärische Logistik ist eine zutiefst nationale<br />
Angelegenheit: Jede Nation hat ihre<br />
spezielle Geräteausstattung, die sie in einer<br />
bestimmten Weise behandelt haben<br />
will. Um auf den Vergleich mit den Mietern<br />
zurückzukommen: Jede Mietpartei hat<br />
im übertragenen Sinne das kostbare Kristallglas,<br />
die Sammlung antiker Uhren, ganz<br />
zu schweigen von Papas Videosammlung,<br />
die diskret behandelt werden soll. Auch die<br />
Erfassung all dieser Gegenstände ist ähnlich<br />
wie bei den handelsüblichen Paketverfolgungssystemen<br />
organisiert in nationalen,<br />
militärischen Computersystemen,<br />
die auch aus Sicherheitsgründen untereinander<br />
kaum oder überhaupt nicht kompatibel<br />
sind.<br />
3. Der Abzug der Kampftruppen ist weit<br />
mehr als eine logistische Angelegenheit, die<br />
nebenherlaufen könnte. Es ist – wenn man<br />
genau hinsieht – eine eigenständige Operation.<br />
Es geht nicht nur um den Transport<br />
einer schier unglaublichen Materialmenge,<br />
sondern auch um Fragen wie den<br />
Schutz der Einsatzkräfte, strategische Kommunikation,<br />
Standards bei der Schließung<br />
und dem Umbau von militärischen Stützpunkten,<br />
Demilitarisierung, Demontage<br />
und Entsorgung sowie um die Standardisierung<br />
von Abläufen allgemein.<br />
4. Die logistische Mammutaufgabe ist<br />
auch abhängig vom Erfolg politischer<br />
Schritte. Wenn eine Nation beispielsweise<br />
für den Betrieb eines Flughafens oder eines<br />
militärischen Stützpunkts zuständig ist,<br />
kann sie sich erst verabschieden, wenn die<br />
Verantwortung an die Afghanen erfolgreich<br />
übergeben wurde, sofern die Einrichtung<br />
nicht komplett geschlossen und abgebaut<br />
wird und zum Schluss wieder die grüne<br />
Wiese übrig bleiben soll.<br />
5. Es ist eine Vielzahl von Akteuren<br />
beteiligt. (1) die 50 truppenstellenden<br />
Fotos: Shahzaib Akber/Picture Alliance/DPA, Privat (Autorin)<br />
62 <strong>Cicero</strong> 8.2013
Eine der Nato-Abzugsrouten führt von Afghanistan nach Pakistan.<br />
Von Karatschi aus werden die militärischen Geräte der US-Streitkräfte dann verschifft<br />
Nationen, bestehend aus 28 Nato-Staaten<br />
und weiteren 22 Nicht-Nato-Staaten,<br />
die an Isaf beteiligt sind; (2) die Nato als<br />
Organisation; (3) die Afghanen (stark vereinfacht,<br />
da es auch hier eine Vielzahl an<br />
Akteuren gibt); (4) die Transitnationen<br />
(einfache Kooperationspartner wie Usbekistan,<br />
Kirgistan, Tadschikistan und Russland)<br />
und last but not least (5) die privaten<br />
Transportunternehmen.<br />
6. Der Abzug ist nicht nur ein militärischer<br />
und politischer Kraftakt, sondern<br />
auch ein enormer Kostenfaktor. Oder aus<br />
Sicht der Transportunternehmer ein riesiges<br />
Geschäft. Weder die Nationen noch die<br />
Nato unterhalten eigene Lastwagen oder<br />
Züge et cetera zum Landtransit. Die Umsetzung<br />
des Abzugs erfolgt immer durch private<br />
Unternehmen. Auch im kostspieligen<br />
Lufttransit kommen größtenteils gecharterte<br />
Transportmaschinen zum Einsatz.<br />
7. Die Transitnationen wittern ebenfalls<br />
hohe Einnahmen. Seit zehn Jahren verdienen<br />
sie an der Versorgung der Isaf-Truppen<br />
in Afghanistan. In den Binnenstaat Afghanistan<br />
führen mittlerweile viele erschlossene<br />
Wege, und bald geht es hauptsächlich<br />
in die andere Richtung – nach Deutschland,<br />
Frankreich oder zurück in die jeweilige<br />
Heimat der truppenstellenden Nation.<br />
Aber all diese Abzugsrouten, in der Nato<br />
„Lines of Communication“ genannt, gelten<br />
als problematisch. Auch wenn mit den<br />
Transitnationen auf höchster politischer<br />
Ebene Vereinbarungen ausgehandelt wurden,<br />
heißt das noch lange nicht, dass die<br />
einfachen Beamten an den vielen Grenzen<br />
immer Bescheid wissen und willens sind,<br />
die Vereinbarungen zu erfüllen.<br />
8. Als ob die Sache nicht schon kompliziert<br />
genug wäre – es handelt sich um<br />
sogenannten multimodalen Transit, das<br />
heißt, es werden verschiedene Verkehrsmittel<br />
kombiniert. Container werden beispielsweise<br />
vom afghanischen Mazar e Sharif<br />
per Lufttransport ins türkische Trabzon<br />
gebracht, dort wird das vorsortierte Material<br />
gesichtet, für die Instandsetzung und<br />
den Schiffstransport nach Deutschland<br />
vorbereitet und via Landtransport zum<br />
Seehafen geschafft. Wem das kompliziert<br />
vorkommt, der sollte sich die Alternative<br />
dazu anschauen.<br />
Die Container werden von Mazar e<br />
Sharif per Lastwagen ins usbekische Hairaton<br />
gebracht, dann auf die Schiene verladen<br />
und über Kasachstan sowie Russland<br />
bis ins lettische Riga gefahren, um von<br />
dort aus per Schiff nach Rostock zu gelangen.<br />
Von dort aus kann es dann wieder per<br />
Lastwagen oder Eisenbahn weitergehen.<br />
Wenn also Lastwagen oder Züge in<br />
Usbekistan oder sonst wo auf der über<br />
5000 Kilometer langen Strecke stecken<br />
bleiben, muss von einem weit entfernten<br />
Schreibtisch aus geklärt werden, ob die<br />
Ursache dafür technischer, bürokratischer<br />
oder politischer Natur ist. Und vor allem<br />
müssen sofort Alternativrouten bereitstehen,<br />
damit die Fracht möglichst schnell<br />
umgesteuert werden kann.<br />
Bei aller nationalen Verantwortung für<br />
diesen Abzug versucht die Nato die truppenstellenden<br />
Nationen zu unterstützen.<br />
Sie hat zentrale Ansprechstellen geschaffen,<br />
bei denen Informationen gesammelt<br />
werden und versucht wird, die Nationen<br />
zu gruppieren und Aktivitäten zu bündeln.<br />
Die Nato hat auch aktiv an Routen<br />
gearbeitet und versucht, den Nationen<br />
möglichst viele belastbare Transitwege verfügbar<br />
zu machen. Zu diesem Zweck wurden<br />
auch Vereinbarungen mit den Transitstaaten<br />
geschlossen, die Nationen nutzen<br />
können.<br />
Die Nationen sind immer noch mit<br />
dem Ausmisten beschäftigt, der im Nato-<br />
Jargon „aggressive housekeeping“ heißt.<br />
Logistische Umschlagplätze wie das türkische<br />
Trabzon und das russische Uljanowsk,<br />
das sich allerdings als sehr kostspielige Option<br />
erweist, sind mit Erfolg ausprobiert<br />
worden, und die ersten Rücktransporte<br />
aus Afghanistan sind längst auf dem Weg.<br />
Für alle Beteiligten steht viel auf<br />
dem Spiel. Die truppenstellenden Nationen<br />
wollen diesem schwierigen Terrain<br />
so schnell wie möglich mit Anstand Lebwohl<br />
sagen. Die Nato ist bemüht, Informationen<br />
und Optionen gemeinsam<br />
zu erschließen und zu nutzen und diese<br />
nationale Aufgabe gemeinschaftlich zu<br />
stemmen. Aber auch die Transitstaaten<br />
müssen sich als echte Partner bewähren.<br />
Natürlich können sie den Isaf-Truppenstellern<br />
endlose bürokratische Hürden in<br />
den Weg stellen, auch um sie wie Weihnachtsgänse<br />
auszunehmen. Das aber wäre<br />
eine schlechte Investition in ihre Zukunft,<br />
denn eine Transitregion wie Zentralasien<br />
lebt von der langfristigen Zusammenarbeit<br />
mit Partnern.<br />
Heidi Reisinger<br />
ist Expertin für Sicherheitspolitik<br />
am Nato Defense College in<br />
Rom. Sie gibt ihre persönliche<br />
Meinung wieder<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 63
| W e l t b ü h n e | A b h ö r S k a n d a l<br />
puppenstube<br />
Deutschland<br />
64 <strong>Cicero</strong> 8.2013
Amerikanische Lauschangriffe sorgen in<br />
Deutschland für Empörung. Die Politik gibt sich<br />
ahnungslos, die Medien sehen unsere Freiheit in<br />
Gefahr. Welche Bedeutung aber hat der Skandal für<br />
die Zukunft der transatlantischen Beziehungen?<br />
von Marcus Pindur<br />
Illustration: Thomas Kuhlenbeck/Jutta Fricke Illustrators<br />
E<br />
s war ein Statement, das zunächst<br />
auch eingefleischte Transatlantiker<br />
frösteln ließ. Er könne nicht<br />
viel bestätigen, sagte der ehemalige<br />
NSA-Direktor Michael Hayden<br />
kurz nach Bekanntwerden der Abhörund<br />
Datensammlungsvorwürfe in der<br />
Sendung „Face the Nation“. Aber er wolle<br />
drei Fakten in den Raum stellen. „Erstens:<br />
Die USA betreiben Spionage. Zweitens:<br />
Unser vierter Verfassungszusatz, der<br />
die Privatsphäre der Amerikaner schützt,<br />
ist kein internationaler Vertrag. Und drittens:<br />
Diejenigen Europäer, die internationale<br />
Spionage lebhaft beklagen, sollten erst<br />
mal nachfragen, was ihre eigenen Regierungen<br />
eigentlich tun.“<br />
Telling it like it is, sagt man dazu im<br />
angelsächsischen Sprachraum. Ohne Rücksicht<br />
auf diplomatische Feinheiten hatte der<br />
ehemalige Geheimdienstmann eine Mahnung<br />
zu mehr Realitätssinn und Selbsterforschung<br />
in den Raum gestellt, die sich in<br />
den darauffolgenden Wochen immer mehr<br />
als wirklichkeitsnah entpuppen sollte.<br />
Es gibt mehrere Gründe, warum die<br />
Europäer nicht mit Steinen auf die USA<br />
werfen sollten. Mittlerweile ist es an der<br />
Zeit, sich über die zur Schau gestellte Empörung<br />
in Berlin und Paris (und Brüssel)<br />
zu empören. Fangen wir beim Thema<br />
Doppelmoral in Paris an. Keine zwei Wochen<br />
nach der vollmundigen Erklärung des<br />
französischen Staatspräsidenten François<br />
Hollande, das Abfischen der Daten durch<br />
die USA sei völlig inakzeptabel, kam heraus:<br />
Frankreich betreibt ein ähnliches Programm.<br />
Es ist, anders als die amerikanischen<br />
Programme, nicht vom Parlament<br />
eingerichtet und wird nicht von der Justiz<br />
kontrolliert.<br />
Den Deutschen ist die Doppelmoral<br />
nicht so einfach nachzuweisen, aber das<br />
Bild verdichtet sich. Der Historiker Josef<br />
Foschepoth hat ein ganzes Netz an Verträgen<br />
und Absprachen ans Licht gebracht,<br />
die belegen, wie ausnahmslos alle Bundesregierungen<br />
mit den USA kooperiert haben,<br />
wenn es um die Kontrolle von Kommunikationswegen<br />
ging – vorbei am Grundgesetz,<br />
das solche Eingriffe nur auf gesetzlicher<br />
Grundlage zulässt. Diese gesetzliche<br />
Grundlage hätte aber erfordert, dass sich<br />
die Politiker der alten und neuen Bundesrepublik<br />
vor dem Wähler ehrlich – und angreifbar<br />
– gemacht hätten. So konnten sie<br />
nach außen den Deutschen vormachen, es<br />
sei möglich, in einem Datenschutzparadies<br />
zu leben, und gleichzeitig die Ergebnisse<br />
amerikanischer Überwachungspraktiken<br />
zu verwenden, um die sicherheitspolitische<br />
Dividende einzuheimsen.<br />
In Washington herrscht in der außenpolitischen<br />
Debatte ein anderer Ton als in<br />
Deutschland. Die Anerkennung einfacher<br />
Realitäten – wie etwa: Geheimdienste sind<br />
notwendig und legitim; die Verfolgung nationaler<br />
Interessen mit geheimdienstlichen<br />
Mitteln ist es zunächst einmal auch; der<br />
Zweck heiligt nicht die Mittel, aber nicht<br />
alle Mittel sind geschmackvoll – wird in<br />
Amerika vorausgesetzt.<br />
Spricht man in Washington mit Außenpolitikexperten,<br />
gleich ob es Deutsche<br />
oder Amerikaner sind, gleich ob rechts<br />
oder links, so glaubt kein einziger, dass<br />
die deutschen Sicherheitsbehörden nicht<br />
in groben Zügen gewusst hätten, was außerhalb<br />
– und innerhalb – der angeblichen<br />
Datenschutz-Puppenstube Deutschland<br />
geschah. Finanzminister Wolfgang<br />
Schäuble hat jüngst bestätigt, dass es<br />
amerikanische Hinweise waren, die die<br />
sogenannte Sauerland-Gruppe auffliegen<br />
ließen. Nach Angaben von NSA-Chef<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 65
| W e l t b ü h n e | A b h ö r S k a n d a l<br />
Keith Alexander wurde Anfang 2011 eine<br />
Reihe von Bombenattentaten in Europa<br />
verhindert.<br />
Heißt das, man solle keine Grenzen<br />
der amerikanischen Spionage einfordern?<br />
Doch, das soll man sehr wohl. Die Verwanzung<br />
von deutschen und EU-Botschaften<br />
ist nicht hinnehmbar. Auch als Verbündeter<br />
zweiter Klasse – nach Großbritannien,<br />
Kanada, Neuseeland und Australien – hat<br />
man ein Anrecht darauf, dass privilegierte<br />
Kommunikation in Botschaften möglich<br />
ist. Das wird man jedoch nicht als offizielle<br />
diplomatische Note bekommen, schon gar<br />
nicht als vertragliche Verpflichtung. Denn<br />
keiner weiß, was in der Zukunft liegt, und<br />
Staaten behalten deshalb gerne ihre Flexibilität<br />
und Handlungsfähigkeit.<br />
Wer fordert, die Verhandlungen über<br />
die Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft<br />
(TTIP) zwischen Europa<br />
und der USA an die Erfüllung deutscher<br />
Datensicherheitsstandards durch die<br />
Auch als<br />
Verbündeter<br />
zweiter Klasse<br />
hat man ein<br />
Anrecht darauf,<br />
dass privilegierte<br />
Kommunikation<br />
in Botschaften<br />
möglich ist<br />
NSA zu ketten, hat nicht viel von internationalen<br />
Beziehungen verstanden. Staaten,<br />
schon gar nicht Großmächte, lassen sich<br />
nicht die Bedingungen ihres Handelns diktieren,<br />
besonders nicht öffentlich. Das wäre<br />
im Übrigen auch vergeblich, denn es ist<br />
eine weitere einfache Realität, dass die USA<br />
das Internet weiterhin ausforschen werden,<br />
und die Deutschen können sie daran nicht<br />
hindern. Betrachtet man die sicherheitspolitische<br />
Dividende der Deutschen ohne eigenen<br />
Kapitaleinsatz, dann wollen sie das<br />
vielleicht auch gar nicht.<br />
Ein rascher Abschluss des TTIP-Vertrags<br />
ist besonders im Interesse der Exportnation<br />
Deutschland. Im Rahmen dieses<br />
Abkommens wird es auch um die Standards<br />
bei der kommerziellen Datenverwertung<br />
gehen. TTIP ist das umfassendste<br />
Handelsabkommen, das jemals in Angriff<br />
genommen wurde – nur die in Jahrzehnten<br />
gewachsenen EU-Strukturen sind komplexer<br />
und umfassender. In einer späteren<br />
Verhandlungsphase wird die digitale Ökonomie<br />
zum Thema werden und damit die<br />
Frage: Was passiert mit den Daten, wenn<br />
die Bürger und Kunden Transaktionen im<br />
Internet vollziehen? Wie müssen amerikanische<br />
Firmen die Daten europäischer<br />
Kunden behandeln – und umgekehrt? Anders<br />
als die französische Filmindustrie kann<br />
dieser Teil der Ökonomie nicht ausgeklammert<br />
werden, dazu ist er zu wichtig. Dort<br />
sollten die Deutschen mit echtem Mannesund<br />
Frauenmut deutsche Interessen verteidigen,<br />
sowohl wirtschaftliche als auch<br />
datenschutzrechtliche.<br />
Der Schlüssel zum zukunftsfesten deutschen<br />
Umgang mit den USA liegt nicht<br />
in einer Verweigerungspolitik, sondern im<br />
konstruktiven, fairen, interessengeleiteten<br />
Dialog. Das Bild des bedauernswerten Opfers<br />
amerikanischer imperialistischer Zügellosigkeit,<br />
das manche zeichnen, könnte<br />
falscher nicht sein.<br />
Die Geschichte der Bundesrepublik<br />
gibt das nicht her. Die alte Bundesrepublik<br />
war in der Tat eine Schöpfung der<br />
Westalliierten, aber sie hatte jede Möglichkeit,<br />
sich politisch zu entwickeln. Einige<br />
der wichtigsten Entscheidungen des<br />
westlichen Bündnisses wurden auf Drängen<br />
<strong>Deutschlands</strong> gefasst und durchgesetzt.<br />
Die Entspannungspolitik der siebziger<br />
Jahre wurde von der damaligen Bundesregierung<br />
unter Willy Brandt maßgeblich<br />
vorangetrieben. Die Entscheidung für den<br />
Nato-Doppelbeschluss kam auf Drängen<br />
des deutschen Kanzlers Helmut Schmidt<br />
zustande. Der damalige Präsident Jimmy<br />
Carter wollte dies zunächst überhaupt<br />
nicht – er scheute den Konflikt mit der Sowjetunion.<br />
Die Nachrüstung wurde unter<br />
Schmidts Nachfolger Helmut Kohl durchgesetzt<br />
und hatte im November 1987 den<br />
ersten tatsächlichen Abrüstungsvertrag der<br />
Weltgeschichte zur Folge. Alle Rüstungsverträge<br />
davor legten lediglich Obergrenzen<br />
für Waffensysteme fest. Die deutsche<br />
Wiedervereinigung, der größte Aktivposten<br />
der deutschen Politik im 20. Jahrhundert,<br />
wäre ohne die vorbehaltlose Unterstützung<br />
George H. W. Bushs nicht, nicht<br />
so und nicht so reibungslos gekommen.<br />
Die Alliierten in Großbritannien und<br />
Frankreich waren bekanntlich wenig begeistert<br />
von Helmut Kohls Zehn-Punkte-<br />
Plan und versuchten ihn zu unterlaufen.<br />
Die Nato-Osterweiterung nach dem Zerfall<br />
des Warschauer Paktes wurde im Wesentlichen<br />
von zwei deutschen Politikern<br />
beworben und betrieben: Volker Rühe und<br />
Karsten Voigt.<br />
Nicht nur auf dem Feld der Sicherheitspolitik<br />
gelang es immer wieder den Deutschen,<br />
ihre Interessen durchzusetzen. Den<br />
transatlantischen Streit um das Erdgas-<br />
Röhrenembargo von 1980 bis 1982 entschieden<br />
die Deutschen im Verbund mit<br />
den anderen Europäern gegen die USA<br />
für sich – ein damals viel beachtetes Signal<br />
neuen europäischen und deutschen<br />
Selbstbewusstseins. Ganz davon abgesehen,<br />
dass die Entfaltung der europäischen<br />
Integration stets von den USA gefördert<br />
wurde, ungeachtet immer wiederkehrender<br />
Konflikte um Währungs- oder Landwirtschaftsfragen.<br />
Die USA sind außerhalb der<br />
Europäischen Union der größte Handelspartner<br />
<strong>Deutschlands</strong>. Umgekehrt sichern<br />
deutsche Firmen mit ihren Investitionen in<br />
den USA 570 000 Arbeitsplätze.<br />
Eine nüchterne Analyse der deutschen Interessen<br />
kann nur zu dem Schluss kommen,<br />
dass das transatlantische Verhältnis<br />
nicht mit der Brechstange betrieben werden<br />
sollte. Das schließt gelegentliche Konflikte<br />
nicht aus. Doch die Deutschen haben<br />
es sich in der nach 1945 von den USA<br />
etablierten Weltordnung sehr komfortabel<br />
eingerichtet. Sie sollten sich deshalb<br />
auch mehr und ehrlicher an den Kosten<br />
Illustration: Thomas Kuhlenbeck/Jutta Fricke Illustrators; Foto: Privat<br />
66 <strong>Cicero</strong> 8.2013
der Aufrechterhaltung dieser freiheitlichen<br />
Weltordnung beteiligen.<br />
Ob Klimawandel, Proliferation von<br />
Nuklearwaffen, Freiheit des Welthandels,<br />
internationale Sicherheit: Keines der großen<br />
internationalen Probleme kann ohne<br />
die USA gelöst werden. Und eines sollte<br />
man sich auch vor Augen halten: Es ist<br />
das Bündnis mit den USA, das Deutschland<br />
und Europa in einem fundamentalen<br />
Sinn vor Begehrlichkeiten und Pressionen<br />
Russlands schützt. Die Sicherheit in Europa<br />
wird von Deutschen oft als so selbstverständlich<br />
angesehen, dass ihr Wert nicht<br />
mehr erkannt wird.<br />
Es ist zu erwarten, dass die derzeitige<br />
Krise bald wieder vergessen sein wird. Zu<br />
wichtig ist das größte transatlantische Projekt<br />
seit der Osterweiterung der Nato: die<br />
Transatlantic Trade and Investment Partnership.<br />
Sie wird in den nächsten schätzungsweise<br />
zwei Jahren alle Aufmerksamkeit<br />
absorbieren und die Aufregung über<br />
den Abhörskandal auf ein nüchternes Maß<br />
zurückschrauben.<br />
Um keinen falschen Eindruck entstehen<br />
zu lassen: Selbstverständlich sollten die<br />
USA sich langsam aus dem Nine-Eleven-<br />
Modus herausbewegen und eine andere Balance<br />
zwischen Sicherheit und Freiheitsrechten<br />
anstreben. Es gibt im Kongress<br />
erste Anzeichen dafür. Die Debatte hat in<br />
den USA gerade erst begonnen.<br />
An die Deutschen gerichtet gilt: Die<br />
amerikanische Stärke in Sicherheitsfragen –<br />
und die Cybersicherheit gehört dazu – ist<br />
immer auch eine Funktion der europäischen<br />
Schwäche. Wem es nicht passt, dass<br />
er durch das Internet ausgeforscht wird, der<br />
muss seine eigene elektronische Infrastruktur<br />
stärker machen. Der muss der Wirtschaft<br />
Abwehrmethoden gegen Cyberspionage<br />
an die Hand geben. Die deutschen<br />
Politiker sollten ihren Wählern endlich reinen<br />
Wein einschenken, wie man Sicherheit<br />
in einer Welt des globalisierten Dschihad<br />
gewährleisten kann – nämlich nur in Kooperation<br />
mit den USA. Europa muss nicht<br />
jammern, sondern sein Schicksal in die eigenen<br />
Hände nehmen. Niemand würde das<br />
mehr respektieren als die Amerikaner.<br />
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Marcus Pindur<br />
ist USA-Korrespondent des<br />
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„Nicht akzeptabel“<br />
Der Hüter der Stasi-Akten Roland Jahn verurteilt die Schnüffeleien der westlichen<br />
Geheimdienste, warnt aber davor, NSA, FBI und CIA mit der Stasi gleichzusetzen<br />
E<br />
in prominenter US-Amerikaner<br />
nannte kürzlich die US-Geheimdienste<br />
„die vereinigte Stasi von<br />
Amerika“. NSA, FBI und CIA hätten „mit<br />
der neuen digitalen Technologie die Möglichkeit,<br />
unsere Bürger in einem Ausmaß<br />
zu überwachen, von dem die Stasi nicht<br />
einmal träumen konnte“. Was empfindet<br />
der Hüter der Stasi-Akten, wenn er so<br />
etwas hört oder liest?<br />
Das Zitat ist angesichts der Nachrichten,<br />
die uns erreichen, auf jeden Fall gut<br />
nachzuvollziehen …<br />
„… es stammt übrigens von Daniel Ellsberg,<br />
der 1971 mit der Veröffentlichung von<br />
streng geheimen Dokumenten nachwies,<br />
dass alle Präsidenten der USA, von Lyndon<br />
B. Johnson angefangen, die Öffentlichkeit<br />
über ihre langjährige systematische<br />
Vorbereitung des Vietnamkriegs belogen<br />
hatten …<br />
… was damals zweifellos verdienstvoll war.<br />
Dennoch birgt das Ellsberg-Zitat, das Sie<br />
mir gerade vorgelesen haben, eine Gefahr.<br />
Es könnte dazu verleiten, Stasi und US-<br />
Geheimdienste gleichzusetzen. Und das<br />
wäre falsch.<br />
Wieso eigentlich?<br />
Die Stasi war eine Geheimpolizei mit<br />
dem Ziel, die Macht einer Partei zu sichern.<br />
Zu diesem Zweck hat sie ganz<br />
bewusst und zielgerichtet alle Menschen<br />
verfolgt, die auf ihre Menschenrechte<br />
pochten. Sie hat das Machtmonopol<br />
auf Informationen für sich genutzt.<br />
Die westlichen Geheimdienste hingegen<br />
haben den Anspruch oder geben<br />
ihn zumindest vor, ihre Bürger vor Einschränkungen<br />
der Freiheit, etwa durch<br />
„Die Stasi war eine Geheimpolizei mit dem Ziel, die Macht einer Partei zu sichern. Die<br />
westlichen Geheimdienste hingegen wollen ihre Bürger vor Einschränkungen der Freiheit<br />
etwa durch denTerrorismus schützen. Eine Gleichsetzung vernebelt diesen Unterschied“<br />
Terrorismus, zu schützen. Eine Gleichsetzung<br />
vernebelt diesen Unterschied<br />
fundamental.<br />
Waren Sie als ehemaliger DDR-Bürger<br />
eher wenig verwundert über das Ausmaß<br />
der Datenschnüffelei der Briten und<br />
Amerikaner?<br />
Ich war schon überrascht. Zunächst<br />
müssen aber die Fakten aufgeklärt werden,<br />
ehe ich den ganzen Vorgang bewerten<br />
kann. Wenn sich herausstellen sollte,<br />
dass Geheimdienste im Namen des Staates<br />
Grundrechte der Bürger aushöhlen,<br />
ist die Demokratie in Gefahr. Geheimdienste<br />
müssen sich auf dem Boden<br />
des Rechtsstaats bewegen. Sie sind dem<br />
Schutz der Bürger verpflichtet und dürfen<br />
keine Methoden anwenden, die ihr<br />
demokratisches Mandat übersteigen.<br />
Könnte es sein, dass die Geheimdienste<br />
aufgrund ihrer schieren Größe, ihrer technischen<br />
Möglichkeiten und ihrer enormen<br />
finanziellen Ausstattung unkontrollierbar<br />
geworden sind? Dass sie sich aus systemischen<br />
Gründen außerhalb der Demokratie<br />
bewegen?<br />
Foto: Imago<br />
68 <strong>Cicero</strong> 8.2013
Diese Gefahr besteht im Spannungsfeld<br />
zwischen Demokratie und Geheimdiensten<br />
immer. Die technische Entwicklung<br />
macht es nur noch extremer. Umso wichtiger<br />
sind klare internationale Regeln, damit<br />
die Grundrechte der Bürger geachtet<br />
werden. Auch in der Vergangenheit gab<br />
es ja Missbrauch durch Geheimdienste.<br />
Aber der vorgegebene Rahmen heißt Demokratie.<br />
Wenn die Dienste die Regeln<br />
systematisch missachten, müssen Staaten<br />
sich die Fragen gefallen lassen, wie sie<br />
es verantworten können, zum Schutz der<br />
Freiheit die Freiheit mit Füßen zu treten.<br />
Benjamin Franklin soll gesagt haben: „Wer<br />
die Freiheit aufgibt für Sicherheit, der wird<br />
am Ende beides verlieren.“ Teilen Sie diese<br />
Auffassung?<br />
Ja, so ist es. Was nützt uns die Freiheit,<br />
wenn wir die Sicherheit nicht haben, und<br />
was nützt uns die Sicherheit, wenn wir<br />
die Freiheit nicht haben?<br />
Aber ist es nicht naiv, Transparenz von<br />
einem Gewerbe zu verlangen, das die<br />
Geheimhaltung braucht, um überhaupt zu<br />
funktionieren?<br />
Es geht um demokratische Kontrolle. Eines<br />
muss klar sein: Auch Geheimdienste<br />
dürfen nur im rechtsstaatlichen Rahmen<br />
agieren. Wir können nicht mit Unrechtsmethoden<br />
den Rechtsstaat zu schützen<br />
vorgeben. Die Diskussion darüber muss<br />
jetzt sehr offen, geradezu tabulos geführt<br />
werden.<br />
Was hätte denn wohl die Stasi mit<br />
den neuen technischen Möglichkeiten<br />
gemacht?<br />
Die Stasi hätte diese technischen Möglichkeiten<br />
nie so entwickeln können. Die<br />
Wirtschaft der DDR hinkte immer hinterher.<br />
Bis zuletzt hat die Stasi vor allem<br />
mit Karteikarte und Bleistift die Bevölkerung<br />
überwacht. Und die neuen technischen<br />
Möglichkeiten hätte sich natürlich<br />
auch die Opposition zunutze machen<br />
können. Wir haben es doch gesehen, in<br />
den arabischen Ländern, dass gerade die<br />
neue Technik ein Transportmittel für den<br />
Gedanken der Freiheit ist.<br />
Ist es nicht absurd zu behaupten, man<br />
schütze US-Bürger, indem man Einrichtungen<br />
der EU, das Kanzleramt und die<br />
Botschaften verwanzt?<br />
Das ist in der Tat eine absurde Begründung<br />
und in keiner Weise akzeptabel.<br />
Freunde abhören – das geht gar nicht, hat<br />
die Kanzlerin ausrichten lassen …<br />
… nicht nur Freunde abhören geht nicht.<br />
Das Abhören muss generell in einer Form<br />
rechtsstaatlich geregelt sein, dass die Freiheit<br />
der Bürger geschützt und nicht verletzt<br />
wird. Diese Grenze darf in einer Demokratie<br />
nicht überschritten werden.<br />
Und wenn sich ein Geheimdienst andauernd<br />
und vorsätzlich darüber hinwegsetzt,<br />
ist das in keiner Weise akzeptabel.<br />
Wie soll es denn die von Ihnen angemahnten<br />
internationalen Regelungen geben,<br />
wenn Geheimdienste ein Instrument<br />
nationaler Interessenpolitik sind?<br />
„Was nützt uns<br />
die Sicherheit,<br />
wenn wir<br />
keine Freiheit<br />
haben“<br />
Der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen<br />
der ehemaligen DDR, Roland Jahn<br />
Das Grundrecht auf informationelle<br />
Selbstbestimmung muss universal gelten.<br />
Und in Grundrechte darf nur in<br />
sehr engen Grenzen eingegriffen werden,<br />
auf präziser gesetzlicher Basis. Der Staat<br />
muss dann gewissermaßen im Auftrag<br />
der Demokratie Verfahren entwickeln,<br />
um ein noch höheres Gut zu schützen. In<br />
freien Gesellschaften werden miteinander<br />
divergierende Grundrechte gegeneinander<br />
abgewogen. Nicht zuletzt der Blick<br />
auf die DDR lehrt uns: Wenn wir den<br />
Rechtsstaat außer Kraft setzen, um den<br />
Rechtsstaat zu schützen, befinden wir<br />
uns auf dem Irrweg. Der totale Überwachungsstaat<br />
schützt uns vielleicht vor Terrorismus,<br />
nimmt uns aber die Freiheit.<br />
Wie soll Deutschland sich da verhalten?<br />
Wir dürfen es uns nicht zu einfach machen.<br />
Unsere Standards müssen wir weltweit<br />
einfordern. Die Wirtschaft steht ja<br />
auch vor dieser Herausforderung und<br />
darf keineswegs laxe Bedingungen andernorts<br />
ausnutzen, um dort unter Verstoß<br />
gegen die Menschenrechte oder<br />
gegen Umweltauflagen billig zu produzieren<br />
oder unter Umgehung von Patientenrechten<br />
Pharmaka zu testen. Genau das<br />
müssen wir auch von den Geheimdiensten<br />
verlangen.<br />
Was bedeutet das im schwierigen Umgang<br />
mit den USA oder Großbritannien?<br />
Es reicht nicht, wie zum Beispiel beim<br />
Besuch von Obama, freundlich zu lächeln.<br />
Aber ich gehe davon aus, dass die<br />
Bundesregierung klar benennt, welche<br />
Vorgänge sie nicht akzeptieren kann. Die<br />
Fakten müssen auf den Tisch.<br />
Erntet der moderne Mensch vielleicht<br />
jetzt, was er selbst gesät hat? Sind die<br />
Datenskandale nur Kollateralschäden der<br />
schönen bunten Online-Welt?<br />
Nein. Der Bürger im Rechtsstaat hat ein<br />
Anrecht auf Freiheit, und er muss zugleich<br />
geschützt werden vor dem Missbrauch<br />
der Freiheit.<br />
Ist Edward Snowden für Sie nun ein Held<br />
oder ein Verräter?<br />
Ich wehre mich dagegen, Menschen in<br />
Schubladen zu stecken. Eine solche Bewertung<br />
ist immer auch ein gesellschaftlicher<br />
Prozess. Die Ansichten über Snowden<br />
werden sich wahrscheinlich noch<br />
wandeln, auch bei mir.<br />
Genau wie die über Daniel Ellsberg. Der<br />
wurde 1971 als „Verräter“ geschmäht,<br />
heute gilt er als Held der Aufklärung.<br />
Verrat kann man übrigens auch wie Bertolt<br />
Brecht buchstabieren. Der legte Wert<br />
auf die Feststellung, die Nazis hätten ihn<br />
verjagt, weil sie in ihm einen „Verräter ihrer<br />
Anschläge“ sahen – so sah er sich auch.<br />
Brecht war eben schon ein Dialektiker.<br />
Also: Verräter oder Held?<br />
Ich glaube, ich würde eher bei Brecht<br />
bleiben. Aber mir fehlen die Fakten.<br />
Das Gespräch führten Alexander Kissler<br />
und Hartmut Palmer<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 69
| W e l t b ü h n e | S ü d a f r i k a<br />
Mandelas<br />
Traum<br />
Seit den ersten demokratischen Wahlen dokumentiert<br />
Per-Anders Pettersson die Entwicklung<br />
Südafrikas. Damals, vor fast 20 Jahren, fand er ein Land<br />
voller Euphorie und Hoffnung vor. Heute bangen die<br />
Menschen um ihren Nationalhelden Nelson Mandela<br />
70 <strong>Cicero</strong> 8.2013
Tristesse: In Khayelitsha scheint<br />
sich seit dem Ende der Apartheid<br />
wenig verändert zu haben. In dem<br />
drittgrößten Township Südafrikas<br />
herrscht eine hohe Arbeitslosenrate,<br />
die Zahl der an Aids Erkrankten<br />
steigt, und Gewalttaten gehören<br />
zum Alltag der Menschen<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 71
| W e l t b ü h n e | S ü d a f r i k a<br />
Perspektive: Zum Ballettunterricht fährt Sikhumbuzo Hlahleni jeden Samstag vom Township<br />
Khayelitsha nach Kapstadt. Der 15-Jährige gehört zu den Tänzern des Cape Town City Ballet<br />
72 <strong>Cicero</strong> 8.2013
Religiosität: Frauen der Eastern Baptist Zionist Church feiern im Township Soweto im<br />
Südwesten der Industriemetropole Johannesburg das Osterfest unter freiem Himmel<br />
Die größte afrikanische<br />
Volkswirtschaft ist immer noch<br />
eine gespaltene Nation<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 73
| W e l t b ü h n e | S ü d a f r i k a<br />
Hilfsbedürftig: In einem armen, weißen Stadtteil von Krugersdorp erhalten<br />
zahlreiche Familien regelmäßig Lebensmittel von der Heilsarmee<br />
„Mit unseren täglichen Taten als<br />
normale Südafrikaner müssen<br />
wir eine südafrikanische Realität<br />
schaffen, die den Glauben der<br />
Menschheit an Gerechtigkeit stärkt“<br />
Nelson Mandela<br />
74 <strong>Cicero</strong> 8.2013
Abgeschottet: In Orania dürfen sich seit 1990 nur Buren niederlassen. 2012 lebten<br />
etwa 560 Familien auf dem Privatland, das als Aktiengesellschaft verwaltet wird<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 75
| W e l t b ü h n e | S ü d a f r i k a<br />
Wohlstand: Im „Rand Club“ von Johannesburg, wo einst nur weiße Männer<br />
zugelassen waren, feiern heute Schwarze und Weiße, Frauen und Männer<br />
A<br />
N dieseN Tag erinnern sich die<br />
meisten Südafrikaner: Am<br />
27. April 1994 wurde Nelson<br />
Mandela zum ersten schwarzen<br />
Staatspräsidenten des Landes<br />
gewählt. Unvergessen sind die Bilder<br />
langer Warteschlangen vor den Wahllokalen,<br />
die ergriffenen Gesichter von Schwarzen,<br />
die zum ersten Mal in ihrem Leben<br />
ihre Stimme abgeben durften. Mitjubelnde<br />
Weiße dazwischen. Einige von ihnen hatten<br />
sich allerdings vorsorglich ein Visum<br />
für Australien besorgt.<br />
Jeder spürte damals: Diese Wahl markiert<br />
den Beginn einer neuen Ära. Aus<br />
einem menschenverachtenden Regime,<br />
das sich der Rassentrennung verschrieben<br />
hatte, sollte eine neue Nation entstehen,<br />
in der Schwarze und Weiße friedlich<br />
zusammenlebten. Die endlich wieder international<br />
geachtet werden wollte.<br />
Fast 20 Jahre später bangt die „Regenbogennation“<br />
um ihren 95 Jahre alten<br />
Nationalhelden, der seit Wochen in „kritischem<br />
Zustand“ in einem Krankenhaus in<br />
Pretoria behandelt wird. Es ist aber nicht<br />
nur die Sorge um die Gesundheit eines tief<br />
verehrten ehemaligen Staatsmannes, weshalb<br />
die Menschen Blumen niederlegen.<br />
Es ist auch die Angst, sich mit „Madiba“<br />
(Mandelas Clanname) endgültig von dem<br />
großen Traum eines besseren Lebens verabschieden<br />
zu müssen.<br />
„Mit unseren täglichen Taten als normale<br />
Südafrikaner müssen wir eine südafrikanische<br />
Realität schaffen, die den<br />
Glauben der Menschheit an Gerechtigkeit<br />
stärkt (…) und unsere Hoffnungen auf ein<br />
glorreiches Leben für alle aufrechterhält“,<br />
sagte Mandela damals. Heute sind alle<br />
Südafrikaner nach der Verfassung gleichberechtigt.<br />
Die schlimmsten Befürchtungen<br />
vor einem Bürgerkrieg haben sich<br />
nicht bewahrheitet. Stattdessen hat sich<br />
Südafrika das Ansehen der Welt gesichert,<br />
ob als Gastgeber der Fußballweltmeisterschaft<br />
oder als jüngstes Mitglied des illustren<br />
Brics-Club der führenden Schwellenländer.<br />
Doch die größte afrikanische<br />
Volkswirtschaft ist immer noch eine gespaltene<br />
Nation: weniger in Schwarz und<br />
Weiß als zunehmend in Arm und Reich.<br />
In den eleganten Villenvierteln residieren<br />
heute Schwarze und Weiße nebeneinander.<br />
Millionen schwarzer Südafrikaner<br />
aber leben immer noch in notdürftig<br />
zusammengenagelten Wellblechhütten.<br />
76 <strong>Cicero</strong> 8.2013
Heldendämmerung: Während Nelson Mandela mit dem Tod ringt,<br />
sorgen sich die Menschen um die Zukunft ihres Landes<br />
Fotos: Per-Anders Pettersson/Laif (Seiten 70 bis 77)<br />
Besonders gravierend sind die Unterschiede<br />
im Bildungswesen. Weiße Südafrikaner<br />
und die neue schwarze Elite schicken<br />
ihre Kinder auf teure Privatschulen.<br />
Alle anderen müssen sich mit maroden<br />
staatlichen Schulen begnügen. „Einst gingen<br />
die Jugendlichen auf die Straße, um<br />
für ein faires Bildungssystem zu kämpfen.<br />
Heute gehen sie auf die Straße, um Jobs<br />
zu suchen“, schrieb die Zeitung City Press.<br />
In einer Studie des Weltwirtschaftsforums<br />
über die Qualität der Ausbildung landete<br />
Südafrika jüngst nur auf Rang 140 – vor<br />
Haiti, Libyen, Burundi und Jemen. Fast<br />
jeder zweite Jugendliche hat nach offiziellen<br />
Statistiken keine Arbeit.<br />
Die Wut darüber ist überall spürbar.<br />
Fast täglich kommt es in den Armenvierteln<br />
zu Protesten, weil der Staat nicht die<br />
versprochenen Leistungen liefert. In den<br />
Bergbauregionen ist der Ärger besonders<br />
groß, im vergangenen Jahr eskalierte ein<br />
Arbeitskampf auf dem Gelände einer Platinmine:<br />
Streikende Minenarbeiter wurden<br />
von schwarzen Polizisten erschossen.<br />
Im Andenken an Mandela zeigt das südafrikanische<br />
Fernsehen derzeit historische<br />
Filmaufnahmen von den Aufständen gegen<br />
das Apartheid-Regime. Was im Augenblick<br />
geschieht, sieht oft bedrückend<br />
ähnlich aus.<br />
2014 wird in Südafrika wieder gewählt.<br />
Und wieder gilt ein Sieg des ANC<br />
als sicher. Heute aber wählen viele die Partei<br />
Mandelas, ohne mehr zu wissen warum.<br />
Einer Umfrage nach will ein Viertel<br />
der Jüngeren überhaupt nicht mehr ihre<br />
Stimme abgeben. Claudia Bröll<br />
Die Fotos von Per-Anders<br />
Pettersson erscheinen im<br />
Oktober in dem Bildband<br />
„Rainbow Transit: My longtime<br />
work on South Africa“,<br />
Dewi Lewis Publishing<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 77
| W e l t b ü h n e | K o m m e n t a r<br />
Putins neue DDR<br />
Ohne gemeinsame Ziele und Werte kann es keine „strategische<br />
Partnerschaft“ geben. Daher ist es an der Zeit, mit der<br />
Schönfärberei in den EU-Russland-Beziehungen aufzuhören<br />
von Werner Schulz<br />
D<br />
ie lang gehegte Hoffnung auf demokratische Fortschritte<br />
in Russland hat sich als falsch erwiesen. Anstatt<br />
die Zügel der „gelenkten Demokratie“ zu lockern,<br />
hat sich Putin III. offenbar vorgenommen, die Opposition an<br />
und in Ketten zu legen. Die ohnehin schwache Zivilgesellschaft<br />
wird drangsaliert, eingeschüchtert und zerschlagen. Reaktionäre,<br />
nationalistische und erzkonservative Bestrebungen sind auf dem<br />
Vormarsch. Auch durch die von Putin betriebene Volksfront<br />
und die Aufwertung der Kirche als Stütze des Staates. Die Unterdrückung<br />
Homosexueller oder die gnadenlose Bestrafung der<br />
Punkband Pussy Riot sind dafür Beispiele.<br />
Das politische System gleicht immer mehr der DDR, mit<br />
der Putin gut vertraut war: ein unumschränkter Bestimmer an<br />
der Spitze, gestützt auf ein Scheinparlament, einen alles beherrschenden<br />
Geheimdienst, einer Nationalen Front mit Marionettenparteien<br />
und einer vom Staat dirigierten und monopolisierten<br />
Volkswirtschaft. Hinzu kommen sowjetische Versatzstücke<br />
und eine systemische Korruption.<br />
Putins rigoroses und paranoid anmutendes Vorgehen gegen<br />
die Opposition hat auch persönliche Gründe. Glasnost und Perestroika<br />
hat Putin nur aus der Ferne erlebt. Der Zusammenbruch<br />
des Sowjetsystems war für ihn „die größte geopolitische<br />
Illustration: jan Rieckhoff<br />
78 <strong>Cicero</strong> 8.2013
Foto: Privat<br />
Katastrophe des 20. Jahrhunderts“. Den Fall der Mauer, dem<br />
Massenproteste gegen Wahlfälschung, Mangelwirtschaft und<br />
Unterdrückung vorausgingen, hat er als KGB-Agent in Dresden<br />
dagegen hautnah mitbekommen. Insbesondere den Sturm auf<br />
die Stasi-Zentrale. Eine Besetzung der KGB-Niederlassung hat<br />
er mit gezogener Waffe verhindert. Vermutlich hat dieses „Erfolgserlebnis“<br />
ihn darin bestärkt, entschlossen und mit Härte auf<br />
alles zu reagieren, was ihm bedrohlich erscheint. Die „Orangene<br />
Revolution“ in der Ukraine hat ihm das abermals vor Augen geführt<br />
und seine Allergie gegen jedwede Opposition verstärkt.<br />
Und Alexander Lukaschenko hat ihm in Weißrussland bestätigt,<br />
wie der Protest durch brutales Vorgehen im Keim erstickt werden<br />
kann.<br />
So hat die durch Wahlfälschung entstandene Duma im<br />
Schnelldurchlauf eine Reihe von Gesetzen gegen die Zivilgesellschaft<br />
beschlossen. Darunter eines, das Nichtregierungsorganisationen<br />
(NGOs), die vom Ausland finanziell unterstützt<br />
werden, zwingt, sich als „ausländische Agenten“ registrieren zu<br />
lassen. Putin selbst hat vor dem Inlandsgeheimdienst darauf bestanden,<br />
dass es rigoros umgesetzt wird. Es folgten Razzien und<br />
Geldstrafen, die Liste der Verdächtigten wird immer länger, bis<br />
hin zum renommierten Lewada-Institut, dessen Umfragen dem<br />
autokratischen Präsidenten nicht gefallen. Zwar ist es Putin gelungen,<br />
dem unbedarften WDR-Chefredakteur vorzugaukeln,<br />
das sei völlig normal und würde einem Gesetz der USA entsprechen.<br />
Aber während das 1938 in Amerika der Abwehr faschistischer<br />
Propaganda diente, erinnert das russische NGO-Gesetz<br />
fatal an die Zeit, als die meist durch Folter erzwungene Selbstbezichtigung<br />
als „ausländischer Agent“ das Todesurteil der stalinistischen<br />
Tribunale begründete.<br />
Erneut wird das Feindbild „Westen“ aufpoliert. In nostalgischer<br />
Verklärung taucht der Traum einer omnipotenten<br />
Großmacht wieder auf, die den USA Paroli bieten kann. Auch<br />
das europäisch-russische Verhältnis ist in einer schweren Krise.<br />
Vom Wandel durch Handel ist bestenfalls der Handel übrig geblieben.<br />
Ein Begriff wie „Modernisierungspartnerschaft“ verschleiert<br />
die Realität, da er den Sachverhalt nur imitiert. Zudem<br />
vermittelt er ein schräges Bild, denn die Europäische Union<br />
muss sich im Verhältnis zu Russland nicht modernisieren, während<br />
der Kreml diesen Anspruch nicht erfüllt.<br />
Eine „strategische Partnerschaft“ ohne gemeinsame Ziele<br />
und Werte kann es jedoch nicht geben. Schon gar nicht, wenn<br />
Europa immer stärker in Putins Fadenkreuz gerät. Der Friedensnobelpreisträger<br />
EU darf nicht zulassen, dass seine Partner, die<br />
Projektgelder einwerben, als Agenten diffamiert werden und die<br />
EU damit im Verdacht steht, ein Spionage- und Subversionsnetz<br />
zu unterhalten. Gerade jetzt gilt es, liberale Parteien und Initiativen<br />
zu unterstützen, die sich einer Rückkehr der Diktatur widersetzen.<br />
In vielen Fragen ist Europa ihr Vorbild, das die russischen<br />
Bürger durch visafreien Reiseverkehr jederzeit erreichen<br />
sollten. Allerdings dürfen wir Beamten, die an Repressionen beteiligt<br />
sind, kein Privileg einräumen. Ihnen muss die Einreise<br />
verwehrt werden.<br />
Allein durch den anhaltenden Protest im Land wird ein von<br />
Massenunruhen infizierter Putin seine Linie des harten Durchgreifens<br />
nicht ändern. Es sei denn, die EU macht ihm deutlich,<br />
dass seine Politik weder Stabilität noch Modernisierung, sondern<br />
eine Selbstisolation Russlands bewirkt.<br />
Werner Schulz<br />
ist grüner Europaabgeordneter und Vizevorsitzender des<br />
Parlamentarischen Kooperationsausschusses EU-Russland<br />
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wir die Weltstars der Klassik<br />
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| K a p i t a l<br />
Clooney der Geldpolitik<br />
Mark Carney ist der erste Ausländer an der Spitze der Bank of England – die Erwartungen an ihn sind riesig<br />
von Olaf Storbeck<br />
M<br />
ark Carney, der neue Gouverneur<br />
der Bank of England, ist ein<br />
Mann der Superlative. „Der herausragendste<br />
Zentralbanker seiner Generation“,<br />
schwärmt der britische Finanzminister<br />
George Osborne. Der erste Ausländer<br />
an der Spitze der 319 Jahre alten Institution,<br />
der am besten bezahlte öffentliche<br />
Angestellte des Vereinigten Königreichs,<br />
der am besten aussehende Notenbanker –<br />
als „George Clooney der Geldpolitik“ bezeichnete<br />
ihn die Huffington Post gar.<br />
Sein erster Arbeitstag begann gleich mit<br />
einer Sensation: Carney kam mit der Tube<br />
ins Büro, nicht mit Limousine und Fahrer.<br />
Seinem Vorgänger, dem für seine Arroganz<br />
berühmten Hochschullehrer Mervyn King,<br />
wäre das im Traum nicht eingefallen.<br />
Carneys U-Bahn-Fahrt zeigt, wie der<br />
neue Notenbank-Chef denkt: gnadenlos<br />
zielorientiert. Natürlich hat auch er Anspruch<br />
auf Dienstwagen und Chauffeur.<br />
Aber im Londoner Verkehrschaos ist die<br />
U‐Bahn schlicht schneller. Genauso pragmatisch<br />
ist Carneys Geldpolitik. Der in<br />
Harvard und Oxford ausgebildete Volkswirt<br />
ist der Archetyp des unorthodoxen Ökonomen.<br />
Ihn leiten Daten, nicht Dogmen.<br />
Er plädiert seit Jahren für mehr Flexibilität<br />
in der Geldpolitik. In der Vergangenheit<br />
habe die strikte Regelbindung durchaus<br />
ihre Berechtigung gehabt – als die<br />
Zentralbanken noch Glaubwürdigkeit bei<br />
der Inflationsbekämpfung aufbauen mussten.<br />
Jetzt aber sei diese Reputation vorhanden,<br />
weswegen die Notenbanken ihren größeren<br />
Spielraum auch nutzen sollten.<br />
Der 48-Jährige, der 13 Jahre für die<br />
US-Investmentbank Goldman Sachs gearbeitet<br />
hat, gilt als ein Vordenker moderner<br />
Geldpolitik. Er war der Pionier einer neuen<br />
geldpolitischen Kommunikationsstrategie,<br />
die heute als richtungsweisend gilt: der sogenannten<br />
„forward guidance“. Mit diesem<br />
„Blick in die Zukunft“ legen sich moderne<br />
Notenbanker schon heute darauf fest, was<br />
sie morgen tun werden.<br />
„In normalen wirtschaftlichen Zeiten<br />
sollte man damit vorsichtig sein“, betont<br />
Carney. Wenn die Wirtschaft in einer tiefen<br />
Krise steckt und die Leitzinsen bereits<br />
bei null angekommen sind, kann das<br />
Versprechen, die Zinsen lange niedrig zu<br />
halten, die Lage aber stabilisieren. Dass<br />
das in der Praxis funktioniert, hat Carney<br />
als Chef der kanadischen Notenbank seit<br />
2007 bewiesen. Die amerikanische Federal<br />
Reserve und neuerdings auch die EZB<br />
haben seine Strategie übernommen – und<br />
mit seinem Amtsantritt jetzt auch die Bank<br />
of England.<br />
Auch vor noch radikaleren Reformideen<br />
hat Carney keine Scheu. Möglicherweise<br />
sei es sinnvoll, das Inflationsziel als<br />
Maßstab der Geldpolitik neu zu definieren<br />
und die Maßnahmen der Notenbank<br />
am Niveau der nominalen Wirtschaftsleistung<br />
auszurichten, das durch Wachstumsrate<br />
und Inflation bestimmt wird. Die<br />
Aufgaben, die Carney in London erwarten,<br />
sind gewaltig. Das Land hat sich noch<br />
immer nicht von der Finanzkrise erholt:<br />
Das Wirtschaftswachstum ist chronisch<br />
schwach; die Inflation liegt deutlich über<br />
der Zielmarke von 2 Prozent, der Staatshaushalt<br />
ist tief in den roten Zahlen. Die<br />
Banken halten sich mit der Kreditvergabe<br />
zurück, die Exporte schwächeln, der private<br />
Verbrauch lahmt – und das, obwohl<br />
die Notenbank die Leitzinsen auf nahezu<br />
null gesenkt und zudem Staatsanleihen im<br />
Wert von 375 Milliarden Pfund gekauft<br />
hat. „Die Bank of England sucht einen<br />
neuen Gouverneur – Bewerbungen bitte<br />
nur von Übermenschen“, spottete der Labour-Politiker<br />
Ed Balls bereits im vergangenen<br />
Jahr.<br />
Wenn es einen perfekten Kandidaten<br />
gibt, dann ist es wohl tatsächlich Mark<br />
Carney. Kanada hat die tiefste Finanzkrise<br />
seit der Großen Depression ohne einen einzigen<br />
Banken-Zusammenbruch überstanden.<br />
Die Inflation ist im Griff, das Wirtschaftswachstum<br />
robust.<br />
In monatelangen Geheimverhandlungen<br />
bearbeitete der britische Finanzminister<br />
den zunächst unwilligen Carney.<br />
Osborne verdreifachte das Gehalt und<br />
kam Carney mit Blick auf die Amtszeit<br />
entgegen. Selbst die Opposition spendete<br />
Beifall, als Osborne die Personalie<br />
verkündete.<br />
Aber es gibt auch skeptische Stimmen,<br />
die davor warnen, Carney zu überschätzen.<br />
Für die Stabilität des kanadischen Bankensystems<br />
ist nicht allein die aktuelle Notenbankpolitik<br />
verantwortlich, zeigt eine Studie<br />
des US-Wirtschaftshistorikers Michael<br />
Bordo, sondern vor allem die Struktur des<br />
Finanzsystems, die auf jahrzehntealte Weichenstellungen<br />
zurückgehe.<br />
Zudem mehren sich Zweifel, ob die kanadische<br />
Wirtschaft tatsächlich in so guter<br />
Verfassung ist. Zu Jahresbeginn stufte die<br />
Ratingagentur Moody’s sechs der wichtigsten<br />
Banken des Landes herab wegen der Risiken<br />
auf dem Immobilienmarkt und stark<br />
gestiegener Konsumentenverschuldung.<br />
„Es sieht zunehmend danach aus, als wäre<br />
es Carney nur gelungen, die Kreditblase in<br />
Kanada länger am Laufen zu halten“, kommentierte<br />
das Finanzportal Market Watch.<br />
Offen ist zudem, inwieweit die Probleme<br />
der britischen Wirtschaft überhaupt<br />
durch unkonventionelle Geldpolitik zu lösen<br />
sind. Mehr als 30 Prozent aller britischen<br />
Staatsanleihen befinden sich schon<br />
jetzt in ihrem Bestand – die Zins- und<br />
Kursgewinne daraus schüttet die Notenbank<br />
an die Regierung aus. Damit ist die<br />
Bank of England deutlich näher an der Finanzierung<br />
des Staatshaushalts über die<br />
Notenpresse als die EZB. Carney ist dennoch<br />
überzeugt: „Wir haben unser Pulver<br />
noch lange nicht verschossen.“<br />
Olaf Storbeck<br />
ist Kolumnist bei Reuters<br />
Breakingviews in London<br />
Fotos: ANDRE FORGET/QMI AGENCY, Privat (Autor)<br />
80 <strong>Cicero</strong> 8.2013
„Die Zentralbanken haben<br />
ihr Pulver noch lange<br />
nicht verschossen“<br />
Mark Carney, neuer Gouverneur der Bank of England<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 81
| K a p i t a l<br />
Bis 17 Uhr auf dem Gipfel<br />
Antje von Dewitz will Vaude zum nachhaltigsten Outdoor-Ausstatter machen, ohne zu lange im Büro zu sein<br />
von Christophe Braun<br />
A<br />
ntje von Dewitz hat schon eine<br />
ganze Weile gesprochen, als sie<br />
plötzlich innehält. „Natürlich<br />
sind wir ein Industrieunternehmen“, sagt<br />
sie. „Und jedes Industrieunternehmen ist<br />
auch immer Teil des Problems.“<br />
Als Geschäftsführerin des Outdoor-<br />
Ausstatters Vaude verkauft von Dewitz<br />
das Erlebnis Natur. Da stört es natürlich,<br />
dass viele Outdoor-Artikel auf Erdölbasis<br />
hergestellt und mit hochgiftigen Chemikalien<br />
behandelt werden. Was tun? Teil des<br />
Problems zu sein, kommt für die drahtige<br />
40-Jährige nicht infrage. Deshalb hat sie<br />
sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Bis 2015<br />
soll Vaude der nachhaltigste Outdoor-Ausstatter<br />
Europas werden.<br />
Mit weniger gibt sich von Dewitz nicht<br />
zufrieden. Die vierfache Mutter, promovierte<br />
Ökonomin und passionierte Bergsteigerin<br />
denkt gerne in Gipfeln. Ist einer<br />
erreicht, hat sie bereits den nächsten im Visier.<br />
Ihre Ansprüche an Qualität und Umweltverträglichkeit<br />
sind hoch. Seit sie vor<br />
vier Jahren ihren Vater als Geschäftsführerin<br />
abgelöst hat, modernisiert sie das Unternehmen.<br />
Sie hat das Sortiment reduziert<br />
und eine Kooperation mit dem World<br />
Wide Fund For Nature (WWF) eingeleitet.<br />
„Wir müssen unsere Marke leben“,<br />
sagt von Dewitz. Um zu verstehen, was<br />
das bedeutet, muss man nach Tettnang<br />
am Bodensee fahren. Rund um den Unternehmenssitz<br />
sieht es aus wie im Märklin-<br />
Katalog: Fachwerkhäuser, Hopfenfelder,<br />
Bauernhöfe, Apfelbäume, ein Kirchturm<br />
und ein paar treu-doof guckende Kühe.<br />
„Wir sind hier im Dorf ein großer Faktor –<br />
nicht nur im Guten“, sagt von Dewitz und<br />
verweist auf den von Vaude verursachten<br />
Lieferverkehr. „Deshalb stehen wir hier<br />
auch in der Verantwortung.“ Als das örtliche<br />
Freibad von der Schließung bedroht<br />
war, sprang Vaude kurzerhand als Pächter<br />
ein. Kletterreisen für Mitarbeiter werden<br />
organisiert, für den Nachhaltigkeitsbericht<br />
die zurückgelegten Fahrradkilometer auf<br />
dem Weg zur Arbeit gezählt und Fahrgemeinschaften<br />
gefördert.<br />
Wenn von Dewitz Verantwortung sagt,<br />
folgen fast immer zwei Begriffe: sozial und<br />
ökologisch. Vaude hat den Anspruch, auch<br />
in diesen Bereichen voranzugehen. 2001 eröffnete<br />
das unternehmenseigene<br />
Kinderhaus: Angesichts<br />
eines Frauenanteils<br />
von über 60 Prozent und einem<br />
Durchschnittsalter von<br />
35 sei das eine naheliegende<br />
Maßnahme gewesen, erklärt<br />
die Chefin. Die Unternehmenskita<br />
und ein flexibles<br />
Arbeitszeitmodell ließen die<br />
Geburtenzahlen unter den<br />
Mitarbeitern in die Höhe<br />
schießen. Im laufenden Jahr<br />
erwartet Vaude 16 Mitarbeiter-Babys;<br />
40 Mitarbeiter<br />
nehmen Elternzeit in<br />
Anspruch.<br />
Damit auch das Thema<br />
ökologische Herstellung<br />
kein Lippenbekenntnis<br />
bleibt, produziert Vaude<br />
schon seit 2001 nach den<br />
strengen Standards des Öko-<br />
Zertifikats bluedesign – als<br />
erster Outdoor-Ausstatter überhaupt. Die<br />
Kosten sind durch die umweltverträgliche<br />
Produktionsweise um 15 Prozent gestiegen.<br />
Trotzdem wächst das Unternehmen,<br />
gerade weil es sich erfolgreich im Ökosegment<br />
positioniert hat. 1600 Mitarbeiter erwirtschafteten<br />
für Vaude im vergangenen<br />
Jahr einen Umsatz von knapp 100 Millionen<br />
Euro.<br />
Ihr Vater Albrecht kam Anfang der<br />
Siebziger nach Tettnang. Mit einer Handvoll<br />
Mitarbeiter gründete er Vaude – der<br />
Name des Unternehmens steht für die Initialien<br />
des Familiennamens von Dewitz.<br />
Anfangs war das Unternehmen ein reiner<br />
MYTHOS<br />
MITTELSTAND<br />
„Was hat Deutschland,<br />
was andere nicht<br />
haben? Den<br />
Mittelstand!“, sagt jetzt<br />
auch der Deutsche-<br />
Bank-Chef Anshu<br />
Jain. <strong>Cicero</strong> weiß das<br />
schon länger und stellt<br />
den Mittelstand in<br />
einer Serie vor. Die<br />
bisherigen Porträts aus<br />
der Serie unter:<br />
www.cicero.de/mittelstand<br />
Bergsportausrüster. Im Laufe der Jahre<br />
kamen Radfahrerbedarf, Kinderbekleidung<br />
und Taschen dazu. Heute umfasst<br />
das Angebot zahlreiche Artikel – von Regenjacken<br />
über Schlafsäcke bis zu Solarladegeräten<br />
fürs Handy. 50 Prozent des Umsatzes<br />
macht Vaude mit Funktionskleidung,<br />
30 Prozent mit Rucksäcken<br />
und Taschen.<br />
Dass Antje von Dewitz<br />
einmal ihren Vater ablösen<br />
würde, war lange Zeit nicht<br />
absehbar. In Passau studierte<br />
sie Kulturwirtschaft.<br />
Sie absolvierte Praktika,<br />
unter anderem bei der Süddeutschen<br />
Zeitung und beim<br />
west-ostdeutschen Frauennetzwerk.<br />
„Danach habe<br />
ich immer gedacht: Das war<br />
toll – aber was kommt jetzt?“<br />
Erst, als sie ins Familienunternehmen<br />
hineinschnupperte,<br />
habe sie Feuer gefangen.<br />
Damals betraute der<br />
Marketingleiter sie mit der<br />
Entwicklung des neuen Taschen-Geschäfts:<br />
„Ich habe<br />
gespürt: Das ist es.“<br />
Mit dem Wechsel an der<br />
Spitze 2009 veränderte sich<br />
die Unternehmensstruktur. Ihr Vater, sagt<br />
von Dewitz, sei eher ein einsamer Entscheider<br />
gewesen; sie sieht sich als Teamplayer.<br />
Außerdem legt sie Wert auf ihren Feierabend:<br />
Weil sie trotz hohen Arbeitspensums<br />
genug Zeit für ihre Familie haben möchte,<br />
ist ihr Arbeitstag eng getaktet. Sooft es geht,<br />
verlässt sie ihr Büro um 17 Uhr. Nach Hause<br />
geht es dann natürlich per Rennrad.<br />
Christophe Braun<br />
steigt als gebürtiger Mainzer am<br />
liebsten auf Weinberge, gerne<br />
auch in Funktionskleidung<br />
Fotos: Vaude, Privat (Autor)<br />
82 <strong>Cicero</strong> 8.2013
Vaude-Chefin<br />
Antje von Dewitz<br />
testet beim<br />
Klettern gerne<br />
Produkte aus dem<br />
eigenen Haus<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 83
| K a p i t a l<br />
Erwartet hat ihn keiner<br />
Der Maschinenbauer Markus Dohle ist spätestens seit Juli der mächtigste Mann der Buchbranche weltweit<br />
von Thomas Schuler<br />
D<br />
ie ersten sechs Monate waren<br />
für ihn „ein Kampf aufs Messer“.<br />
Dass er einmal den weltgrößten<br />
Buchverlag führen sollte, ahnte er nicht, als<br />
Bertelsmann ihn von Gütersloh nach New<br />
York schickte. Dass ihm der Vorstandsvorsitzende<br />
einmal ins Gesicht gesagt hatte,<br />
er könne nicht führen? Schwamm drüber.<br />
1992 kam Peter Olson an die Spitze<br />
von Bantam Doubleday – dem US-Verlag<br />
von Bertelsmann. 80 Prozent der Mitarbeiter<br />
seien gegen ihn gewesen, erzählte<br />
er später. Viele von ihnen hat er entlassen.<br />
Als Bertelsmann 1998 den Konkurrenten<br />
Random House kaufte und der weltgrößte<br />
Buchkonzern entstand, galt Olson<br />
über Nacht als mächtigster Mann im globalen<br />
Buchgeschäft.<br />
Geschichte scheint sich doch zu wiederholen:<br />
Wieder gibt es eine Fusion. Die<br />
Medienkonzerne Bertelsmann und Pearson<br />
haben durch den Zusammenschluss<br />
ihres Buchgeschäfts den Giganten Penguin<br />
Random House geschaffen mit einem geschätzten<br />
Jahresumsatz von drei Milliarden<br />
Euro. Der Protagonist dieser Fusion<br />
heißt diesmal Markus Dohle. Ähnlich wie<br />
der ehemalige Banker Olson, der 15 Prozent<br />
Rendite von den Verlagen verlangte,<br />
wurde Dohle in der Buchbranche zunächst<br />
als Outsider wahrgenommen. Als Bertelsmann<br />
ihn 2008 nach New York schickte,<br />
galt Dohle als branchenfremd. Zuvor hatte<br />
Durch die Fusion von Penguin<br />
und Random House ist ein<br />
Verlagsriese entstanden –<br />
Jahresumsatz: 3 Milliarden Euro<br />
er die Druckerei Mohn Media geleitet. Der<br />
damalige Bertelsmann-Chef Hartmut Ostrowski<br />
begründete seine Entscheidung mit<br />
den Worten, Dohle habe ein Verkäufer-<br />
Gen und könne neue Wege finden, Bücher<br />
im Zeitalter des Internets zu verkaufen. Die<br />
New York Times fand es eher ungewöhnlich,<br />
„den bisherigen Chefmechaniker zum Chef<br />
einer Airline“ zu machen.<br />
Wieder ein Outsider, ausgerechnet bei<br />
Random House, einem der traditionsreichsten<br />
Verlage der USA: Bennett Cerf<br />
und sein Freund Donald Klopfer starteten<br />
Random House 1927, um Bücher aus Lust<br />
und Laune zu verlegen, „at random“ – aufs<br />
Geratewohl. Cerf reizte es, Autoren zu entdecken.<br />
Ein größerer Gegensatz zum heutigen<br />
Geschäft der kühl kalkulierenden Megaverlage<br />
ist kaum vorstellbar.<br />
Dohle hat nie ein Buch lektoriert, ein Manuskript<br />
oder einen Autor entdeckt, geschweige<br />
denn einen Bestseller lanciert. In<br />
New York kannte ihn niemand, und alle<br />
waren alarmiert und besorgt. „Er sieht aus<br />
wie ein 27-Jähriger“, sagten sie über den<br />
40-Jährigen. Dohle sagte bei seinem Amtsantritt,<br />
er habe sein „ganzes Berufsleben in<br />
der Wertschöpfungskette des Buchverlagswesens<br />
gearbeitet“. Er meinte damit, dass<br />
er sich bei Druck und Vertrieb auskennt.<br />
Er spürte, dass er die Mitarbeiter in New<br />
York damit nicht überzeugte und gestand<br />
einem Kollegen später: „Die haben nicht<br />
auf mich gewartet.“<br />
Sein Vorgänger Olson hatte vergeblich<br />
versucht, die Sympathie der Mitarbeiter<br />
zu gewinnen, indem er erzählte, dass er<br />
80 bis 100 Bücher jährlich lese. Dass er<br />
deren Herzen nie eroberte und viele Mitarbeiter<br />
Random House verließen oder<br />
gefeuert wurden, schien ihn nicht zu kümmern.<br />
Als ihn 2003 eine Journalistin auf<br />
der Buchmesse in Los Angeles begleitete<br />
und er ehemalige Kollegen traf, sagte er<br />
außer Hörweite immer wieder: „Ich habe<br />
ihn gefeuert.“ Das wiederholte sich so oft,<br />
dass Olson schließlich erklärte: „Es sind<br />
so viele hier, die ich gefeuert habe, dass<br />
wir eine Wiedersehensparty feiern könnten.“<br />
Olson war amüsiert. 2008 musste<br />
auch er gehen, weil seine Zahlen immer<br />
schlechter wurden.<br />
Sein Nachfolger Dohle hat sein Managementhandwerk<br />
im Druckgeschäft gelernt,<br />
der Keimzelle des Medienkonzerns<br />
Bertelsmann. In der Eingangshalle der<br />
Druck- und Dienstleistungssparte Arvato<br />
in der Carl-Bertelsmann-Straße in Gütersloh<br />
erinnern eine alte Steindruckpresse<br />
und Reinhard Mohns Schreibtisch an diese<br />
Tradition. Auf dem Weg in sein Büro in<br />
den sechsten Stock ging Dohle jahrelang<br />
daran vorbei. Über Jahrzehnte kamen fast<br />
alle Vorstandschefs aus dem Druck-Bereich,<br />
ob Mark Wössner, Thomas Middelhoff,<br />
Gunter Thielen oder Hartmut Ostrowski.<br />
Finanz- und Steuerexperten wie Manfred<br />
Köhnlechner oder der jetzige Vorstandschef<br />
Thomas Rabe sind eher die Ausnahme von<br />
der Regel. Markus Dohle ist das einzige<br />
Mitglied im Vorstand, das aus der Zeit<br />
von Rabes Vorgänger überlebt hat. Fünf<br />
Jahre nach seinem Antritt konnte er im<br />
März einen Rekordgewinn von 325 Millionen<br />
Euro vermelden. Der Umsatz der<br />
Buchsparte ist unter seiner Führung um<br />
ein Viertel gestiegen.<br />
Foto: Henrik Martinschledde<br />
84 <strong>Cicero</strong> 8.2013
Markus Dohle, Herr<br />
über 10 000 Mitarbeiter,<br />
die in 250 Verlagen in<br />
23 Ländern jährlich<br />
15 000 Titel verlegen<br />
und 750 Millionen<br />
Bücher verkaufen<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 85
| K a p i t a l<br />
Bücher, vor allem Literatur, waren nie<br />
seine Leidenschaft. Bei Bertelsmann hält<br />
sich hartnäckig das Gerücht, Dohle habe<br />
sich seine Bücherwand zu Hause vom<br />
konzerneigenen Buchclub einrichten lassen.<br />
Der Wirtschaftsingenieur sei „durch<br />
und durch Maschinenbauer“, sagt ein ehemaliger<br />
Arvato-Kollege. Dohle wird 1998<br />
Leiter der Vereinigten Verlagsauslieferung<br />
VVA, und 2002 Chef der Drucksparte<br />
Mohn Media. Die VVA verdoppelt unter<br />
seiner Leitung in vier Jahren den Umsatz.<br />
Dohle sei dort häufig in der Produktion<br />
herumgelaufen und habe jeden mit<br />
Handschlag und Namen begrüßt, erzählen<br />
seine ehemaligen Mitarbeiter. Als er in<br />
den Vorstand von Mohn Media aufrückt,<br />
habe er seine erste Woche im Blaumann<br />
an der Druckmaschine gestanden – auch<br />
in der Nachtschicht. Seine offene Art und<br />
sein breites Lachen wirken ansteckend. Er<br />
erwirbt sich den Ruf, die Umsätze in gesättigten<br />
Märkten steigern zu können. „Der<br />
Markt ist nie das Problem, sondern die Lösung“,<br />
lautet sein Credo.<br />
Nach seiner Ernennung zum Chef<br />
von Random House 2008 traf Dohle sich<br />
sechs Monate lang mit Mitarbeitern, Autoren<br />
und Kunden, um den Buchmarkt<br />
zu verstehen. In seinen beiden ersten Jahren<br />
baute er das Unternehmen um. Größe<br />
sei nicht immer ein Vorteil, sagte er, um<br />
„schlankere Strukturen“ zu rechtfertigen. Er<br />
habe dem Verlag „neue Energie zugefügt“,<br />
registrierte das Fachblatt Publishers Weekly<br />
anerkennend.<br />
Anders als Olson, der gerne Vieraugengespräche<br />
führte, versammelt Dohle gerne<br />
30 Mitarbeiter am Besprechungstisch. Wer<br />
an einer Entscheidung beteiligt sei, der vertrete<br />
sie, sagt er. Er bringt Verleger und<br />
Lektoren, die über erfolgversprechende<br />
Manuskripte entscheiden, enger mit den<br />
Vertriebsleuten zusammen, die das fertige<br />
Buch an den Buchhandel verkaufen.<br />
War sein Vorgänger Olson wegen seiner<br />
Unberechenbarkeit gefürchtet, bewundern<br />
die Mitarbeiter Dohle für seinen Optimismus,<br />
den sie von einem Deutschen<br />
als Letztes erwartet hätten. Dohle fördert<br />
den Teamgeist. An Weihnachten wurde<br />
jeder der 2000 Mitarbeiter in den USA<br />
am Rekordergebnis mit einer Prämie von<br />
5000 Dollar beteiligt. Die Meldung lief<br />
überall.<br />
Nachdem die Fusion von Random<br />
House und Penguin am 1. Juli endgültig<br />
abgesegnet war, reiste Dohle drei Wochen<br />
lang von London bis Sydney und Neu-<br />
Delhi um die Welt, um sein Reich zu erkunden.<br />
Überall versicherte er den Mitarbeitern,<br />
dass Gewinn kein Selbstzweck sei,<br />
und sie Werte schaffen sollten. Um Synergien<br />
wird er sich später kümmern. Dohle<br />
sagt, für die Mitarbeiter werde sich kaum<br />
etwas ändern, man wolle aber den Autoren<br />
noch mehr dienen. Ihnen will Dohle klarmachen,<br />
dass kein anderer Verlagskonzern<br />
Die Mitarbeiter bewundern<br />
Markus Dohles Optimismus, den<br />
sie von einem Deutschen als<br />
Letztes erwartet hätten<br />
ihnen ein besseres Paket für den weltweiten<br />
Absatz ihrer Bücher bieten kann.<br />
Der Schritt ist überfällig: Der neue Verlagsriese<br />
Penguin Random House entsteht<br />
aus Notwehr, weil der klassischen Verlagsbranche<br />
im Internet mächtige Konkurrenz<br />
erwachsen ist. Vor allem Amazon,<br />
aber auch Apple und Google wildern in<br />
deren Terrain. Am weitesten ist dabei Amazon<br />
fortgeschritten: Nachdem der Internet-<br />
Versandhändler im ersten Schritt die Leser<br />
überzeugt hat, dass sie keine Buchhandlungen<br />
mehr brauchen, versucht Amazon seit<br />
2011, Autoren direkt unter Vertrag zu nehmen,<br />
um auch das Geschäft der klassischen<br />
Verlagsbranche zu übernehmen. Den Eroberungsfeldzug<br />
nennt Amazon „Crossing“<br />
und setzt dabei vor allem auf hohe Preisnachlässe.<br />
Die neu gegründeten Verlage in<br />
den USA tragen andere Namen, um nicht<br />
sofort als Teil des Amazon-Imperiums erkennbar<br />
zu sein.<br />
Vor zwei Jahren stellte Amazon Laurence<br />
Kirshbaum an, damit der frühere<br />
Agent und Mitarbeiter der Verlage Random<br />
House, Warner und Little & Brown<br />
Autoren anwirbt. Er und seine 25 Mitarbeiter<br />
verlegen bislang in fünf Verlagen<br />
in Seattle und zwei in New York monatlich<br />
drei, vier Bücher. Sie verpflichten vor<br />
allem Autoren, deren Bücher bei Amazon-Kunden<br />
beliebt sind. Datenbankauswertung<br />
statt „At random“-Verlegertum.<br />
Kirshbaum verlegt keine etablierten Star-<br />
Autoren, denen er hohe Vorschüsse zahlen<br />
müsste. Statt beim Wettbieten um die<br />
Stars mitzumachen, nimmt er lieber weniger<br />
bekannte Autoren unter Vertrag und<br />
steckt das Geld ins Marketing von deren<br />
Büchern. Auf dieselbe Art will Amazon<br />
jetzt in Europa angreifen. Amazon setzt<br />
dabei vor allem auf E-Books: An Aktionstagen<br />
drückt Kirshbaum seine Bücher für<br />
99 Cent in den Markt, um seine Autoren<br />
bekannt zu machen.<br />
Dohle will von Notwehr nichts hören:<br />
Die Fusion sei ein „proaktiver Schritt und<br />
keinesfalls defensiv“. Feindbild Amazon? Er<br />
schätzt den Internethändler als Partner, weil<br />
der in China Versandlogistik aufbaue und<br />
damit den Verlagen ermögliche, ihre Bücher<br />
zu verkaufen. „Alles, was den Vertrieb unserer<br />
Bücher ermöglicht und stärkt, ist gut für<br />
Penguin Random House“, sagt ein Mitarbeiter,<br />
der nicht namentlich genannt werden<br />
will. Ist Amazon ein Konkurrent? „Ja, aber<br />
nur in Teilbereichen. Wichtiger ist Amazon<br />
als Partner, der unser Interesse an einem starken<br />
Vertrieb teilt.“<br />
Beim Verkauf von E-Books, einem der<br />
Wachstumstreiber für Dohle, bleibt Amazon<br />
als Vertriebspartner ohnehin unverzichtbar.<br />
Außerdem will Dohle die Marktanteile<br />
in China, Indien und Brasilien<br />
vergrößern. Bislang hat Random House<br />
70 Prozent des Umsatzes in Nordamerika<br />
und Großbritannien gemacht. Den größten<br />
Teil davon noch immer mit gedruckten<br />
Büchern – bis zu 80 Prozent.<br />
Der Megaverlag Penguin Random<br />
House wird in Zukunft ein Viertel des globalen<br />
Buchmarkts kontrollieren. Bertelsmann<br />
hält 53 Prozent; Pearson 47. Mehr<br />
als 10 000 Mitarbeiter in 250 Verlagen in<br />
23 Ländern verlegen jährlich 15 000 Titel<br />
und verkaufen 750 Millionen Bücher.<br />
Zu den Autoren zählen mehr als 70 Literaturnobelpreisträger,<br />
darunter Toni Morrison,<br />
Orhan Pamuk und Mo Yan, aber<br />
86 <strong>Cicero</strong> 8.2013
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auch E. L. James mit ihrem Erotik-Bestseller<br />
„Shades of Grey“ genauso wie Arthur<br />
Miller, Barack Obama, Dan Brown,<br />
Danielle Steel und John Grisham. Qualität<br />
und Masse – alles im Angebot. Von<br />
Penguin kamen Tom Clancy, Zadie Smith,<br />
Salman Rushdie und Starkoch Jamie Oliver<br />
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Als die Fusion an einem Oktobertag im<br />
vergangen Jahr angekündigt wurde, wütete<br />
in New York ein Hurrikan. PR-Chef<br />
Stuart Applebaum übernachtete im Büro,<br />
um pünktlich zum Börsenbeginn in London<br />
die Nachricht des Zusammenschlusses<br />
rauszugeben. In letzter Minute hatte<br />
Rupert Murdoch Penguin ein Konkurrenzangebot<br />
unterbreitet – und damit die Verhandlungen<br />
ungewollt beschleunigt, weil<br />
der Großteil der Mitarbeiter in London auf<br />
keinen Fall für Murdoch arbeiten wollte.<br />
Seither verlaufe alles nach Plan, sagt Applebaum.<br />
Alle Kartellbehörden genehmigten<br />
die Fusion ohne Auflagen.<br />
Branchenexperten vermuten, dass dies<br />
nicht das Ende, sondern der Beginn einer<br />
neuen Fusionswelle ist. Der Wirtschaftskommentator<br />
Adam Davidson schreibt in<br />
der New York Times, der Zusammenschluss<br />
zweier Giganten auf einem schrumpfenden<br />
Markt wirke immer wie ein kriselndes Ehepaar,<br />
das ein Baby bekommt, um die Beziehung<br />
zu retten. Größe als Antwort auf<br />
die Herausforderungen der Digitalisierung<br />
sei eine veraltete Strategie.<br />
Eine frühere Führungskraft von Bertelsmann,<br />
die 1998 an der Übernahme von<br />
Random House beteiligt war, sieht es ähnlich:<br />
„Von der Fusion halte ich nichts.“ Das<br />
Management sei nun vor allem mit der Integration<br />
befasst. Dohle veranschlagt für<br />
das Zusammenwachsen der Verlage zwei<br />
Jahre. Dabei gehe wertvolle Zeit im Wettbewerb<br />
gegen Amazon, Google und Apple<br />
verloren. Zudem habe Pearson relativ gesehen<br />
einen zu großen Anteil erhalten. Deshalb<br />
sei es für die Engländer ein Einstieg<br />
in den renditeträchtigen Ausstieg, der nicht<br />
lange auf sich warten lassen werde. Am<br />
Ende könnte Bertelsmann alleine auf einem<br />
schwachen Geschäft sitzen bleiben.<br />
Thomas Schuler<br />
beschäftigt sich seit Jahren mit<br />
dem Gütersloher Medienkonzern.<br />
Sein Buch „Bertelsmannrepublik<br />
Deutschland“ erschien 2010<br />
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gelten im Inland, Auslandspreise auf Anfrage.<br />
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informieren. Vorstehende Einwilligung kann durch das Senden einer E-Mail an abo@cicero.de oder postalisch an den <strong>Cicero</strong>-Leserservice,<br />
20080 Hamburg, jederzeit widerrufen werden.<br />
Unterschrift<br />
Wahljahr 2013<br />
Der Countdown<br />
Bundestagswahl 2013<br />
<strong>Cicero</strong> begleitet in einer<br />
Serie die Protagonisten des<br />
Wahlkampfs.
| K a p i t a l | D e u t s c h l a n d s P r i v a t u n i v e r s i t ä t e n<br />
Angetreten, um die<br />
Elite des Landes<br />
auszubilden,<br />
kämpfen die<br />
großen deutschen<br />
Privathochschulen<br />
mit den eigenen<br />
Finanzen und rufen<br />
nach Vater Staat<br />
Klamme<br />
Kaderschmieden<br />
von Benno Stieber<br />
B<br />
aby, bitte mach Dir nie<br />
mehr Sorgen um Geld“, steht<br />
auf der bunten Postkarte, auf<br />
die Georg Garlichs immer blickt,<br />
wenn er die miesen Bilanzen der<br />
„EBS Universität für Wirtschaft und Recht“<br />
liest. Der Kanzler der privaten Hochschule<br />
in Wiesbaden hat die Karte in seinem Büro<br />
gegenüber von seinem Schreibtisch hängen.<br />
Die Zeile stammt aus dem Sommerhit<br />
„Einmal um die Welt“ des Hip-Hoppers<br />
Cro, dem Mann mit der seltsamen Pandamaske.<br />
Dessen Song können wohl auch die<br />
meisten Studenten der European Business<br />
School (EBS) mitsingen.<br />
Die Zeile scheint auf den ersten Blick<br />
gut zur EBS zu passen, der selbst ernannten<br />
Kaderschmiede für eine selbst ernannte<br />
zukünftige Wirtschaftselite. In der Realität<br />
ist die Hochschule aber weit davon entfernt,<br />
sich keine Sorgen um ihre Finanzen<br />
machen zu müssen. In der verspätet<br />
veröffentlichten Bilanz von 2011 fehlten<br />
7,2 Millionen Euro.<br />
Seit nunmehr zweieinhalb Jahren steckt<br />
die EBS in der Krise. Ihr vorletzter Präsident,<br />
Christopher Jahns, die prägende Figur<br />
der Hochschule, hat während seiner<br />
Amtszeit offenbar nach dem Cro-Song gehandelt<br />
und sich und der Hochschule –<br />
„Baby, ich kauf dir morgen die Welt“ –<br />
einiges an Luxus gegönnt: Die Feier zur<br />
Ernennung der Hochschule zur Universität<br />
Illustration: Robert Zimmermann<br />
88 <strong>Cicero</strong> 8.2013
hat eine Dreiviertelmillion Euro gekostet,<br />
Strategie-Meetings in Vier-Sterne-Hotels<br />
haben ebenfalls unverhältnismäßig hohe<br />
Kosten verursacht. Jahns nutzte zu Amtszeiten<br />
eine Dienstlimousine mit Fahrer.<br />
Ob er sich damit auch privat fahren ließ,<br />
klärt das gleiche Gericht, das auch darüber<br />
befinden muss, ob die Hochschule<br />
180 000 Euro ohne Gegenleistungen an<br />
eine Beratungsgesellschaft überwiesen hat,<br />
deren Inhaber Christopher Jahns selbst war.<br />
Die EBS hatte hochfliegende Pläne.<br />
Eine zweite Fakultät für Juristen musste<br />
her, um die einstige Business School zur<br />
Universität zu veredeln. Der hessischen<br />
Landesregierung unter dem damaligen<br />
Ministerpräsidenten Roland Koch war die<br />
Aufwertung der Landeshauptstadt zum<br />
Universitätsstandort immerhin 23 Millionen<br />
Euro wert. Auch bei der Verwendung<br />
dieser Gelder soll es in der Ära Jahns<br />
zu Unregelmäßigkeiten gekommen sein,<br />
steht im Bericht des Landesrechnungshofs.<br />
Das klärt derzeit ein parlamentarischer<br />
Untersuchungsausschuss.<br />
Die EBS steht nicht alleine da, viele<br />
private Hochschulen hängen in Deutschland<br />
am Tropf des Steuerzahlers. Mehr als<br />
100 Millionen hat der chronisch überschuldete<br />
Stadtstaat Bremen bisher in die private<br />
Jacobs University gesteckt. Die Universität<br />
Witten-Herdecke, in den achtziger<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 89
| K a p i t a l | D e u t s c h l a n d s P r i v a t u n i v e r s i t ä t e n<br />
Jahren von dem Mediziner Konrad Schily<br />
gegründet, ist nach der letzten großen<br />
Krise vor fünf Jahren auf Zuschüsse des<br />
Landes angewiesen. Wohl dauerhaft. Für<br />
30 Prozent der jährlichen Kosten für die<br />
Ausbildung von Medizinern, Zahnärzten<br />
und Managern garantiert seitdem das Land<br />
Nordrhein-Westfalen.<br />
Bei diesen Zahlen könnte man auf die<br />
Idee kommen, die privaten Universitäten<br />
folgen einem Muster, das aus der Bankenkrise<br />
sattsam bekannt ist: Gewinne werden<br />
privatisiert, Verluste sozialisiert. Es<br />
drängt sich die Frage auf: Warum können<br />
ausgerechnet diese Hochschulen, die in ihren<br />
Hochglanzbroschüren versprechen, die<br />
herausragenden Köpfe des Landes kämen<br />
zu ihnen, die zukünftigen Wirtschaftsbosse<br />
erhielten hier ihre Ausbildung, selbst nicht<br />
mit Geld umgehen?<br />
EBS-Kanzler Garlichs stöhnt leise auf,<br />
wenn er diese Frage hört. Eine typische Journalistenfrage,<br />
findet er. Studenten hätten sie<br />
noch nie gestellt. Neben ihm sitzt Richard<br />
Raatzsch, frisch gewählter Dekan und Professor<br />
für praktische Philosophie. Ein Wittgenstein-Experte,<br />
der auch über die „Ehrbarkeit<br />
des ehrbaren Kaufmanns“ publiziert hat.<br />
Ja, auch ohne die neue Fakultät habe<br />
die EBS ein strukturelles Defizit, sagen die<br />
beiden Herren. Und ja, man habe wohl den<br />
Bedarf für Juristen anfänglich etwas zu optimistisch<br />
eingeschätzt. Aber die EBS habe<br />
aus ihren Fehlern gelernt, beteuern beide.<br />
An der Universität werde jetzt eifrig gespart.<br />
Ein professionelles Fundraising-Büro habe<br />
man eingerichtet, um mehr Spenden aus der<br />
Wirtschaft und von den Ehemaligen einzusammeln.<br />
Internationale Kooperationen mit<br />
Hochschulen in China oder Indien müssten<br />
etabliert werden. Das sei attraktiv für die<br />
Studenten und eine gute Einnahmequelle.<br />
All das müsse man – nun, da die Affäre Jahns<br />
für die Uni einigermaßen ausgestanden sei –<br />
mit Hochdruck vorantreiben.<br />
In der Tat. Denn was kann eine Hochschule<br />
schon vorweisen als ihren guten Ruf,<br />
mit dem sie um Sponsoren und Studenten<br />
gleichermaßen wirbt. Noch gibt es die<br />
Wempe-Lounge im Schloss von Oestrich-<br />
Winkel, wo die Wirtschaftskapitäne von<br />
morgen zwischen Reben und Rhein bei<br />
schöner Aussicht büffeln. Aber potenzielle<br />
Geldgeber werden zögerlich, wenn eine private<br />
Hochschule schon einmal so sorglos<br />
mit ihren Mitteln umgegangen ist.<br />
Der Ruf privater Hochschulen hat seit<br />
einer Boomphase nach der Jahrtausendwende<br />
arg gelitten. Sowohl Theoretiker als<br />
auch Praktiker scheitern in Deutschland<br />
regelmäßig auf dem schwierigen Bildungsmarkt.<br />
Beim „Stuttgart Institute of Management<br />
and Technology“ konnte man<br />
vom Jahr 2000 an beobachten, wie nacheinander<br />
drei BWL-Professoren als Geschäftsführer<br />
an der ökonomischen Wirklichkeit<br />
ihrer Hochschule scheiterten. Nach<br />
neun Jahren und geschätzten Investitionen<br />
von 20 Millionen wurde das „schwäbische<br />
Heißluft-Harvardle“, wie es der Spiegel<br />
nannte, für einen Euro an die Steinbeis-<br />
Hochschule in Berlin verramscht.<br />
2009 schloss auch die Hanseuniversität<br />
Rostock bereits nach einem Semester wieder<br />
ihre Pforten. Es hatten sich nur drei<br />
Studenten angemeldet. Immerhin konnten<br />
die ihr Studium im nordbadischen<br />
Städtchen Bruchsal fortsetzen. Dort finanzierte<br />
derselbe Investor damals eine englischsprachige<br />
Hochschule mit dem bombastisch<br />
klingenden Namen „International<br />
University Germany“. Aber auch hier war<br />
nur wenige Monate später Schluss. 18 Millionen<br />
Euro Steuergelder, die Bund und<br />
Länder investiert hatten, waren verloren.<br />
Heute studieren nach Angaben der<br />
Hochschulrektorenkonferenz etwa 5 Prozent<br />
aller Studenten an einer der 95 privaten<br />
Hochschulen. Wer aber ganz sichergehen<br />
will, sein Studium an derselben<br />
Hochschule zu beenden, an der er sich immatrikuliert<br />
hat, ist wohl bei einer staatlichen<br />
Alma Mater besser aufgehoben. Dabei<br />
sind private Universitäten einst angetreten,<br />
dem muffigen deutschen Hochschulsystem<br />
zu zeigen, wie man mit modernen Lehrmethoden,<br />
neuen Ideen und häufig attraktiven<br />
Standorten das Beste in den Studierenden<br />
zum Vorschein bringt. Obendrein<br />
wollten sie beweisen, dass Studiengebühren<br />
sozialverträglich sein können.<br />
„Private Hochschulen waren immer<br />
die Innovationstreiber im Bildungswesen“,<br />
sagt Klaus Landfried. Witten-Herdecke<br />
etwa habe mit seinem fallorientierten<br />
Lernen das Medizinstudium verändert.<br />
Klaus Landfried kennt sich in beiden Welten<br />
aus, er war Präsident der Hochschule<br />
Kaiserslautern und Chef der Hochschulrektorenkonferenz.<br />
Heute zieht er oft als<br />
Berater im Hintergrund die Strippen und<br />
hilft privaten Hochschulen bei der Erlangung<br />
der staatlichen Anerkennung.<br />
Über der Misere einzelner Privatuniversitäten<br />
vergesse man schnell, sagt Landfried,<br />
dass es Dutzende von privaten Fachhochschulen<br />
und berufsbegleitenden Angeboten<br />
gebe, die gut finanziert seien und sogar Gewinne<br />
erwirtschaften. Er nennt Erfolgskriterien:<br />
Entscheidend sei eine auskömmliche<br />
Finanzierung. Von teuren Fächern mit<br />
Labors und Apparaten, wie Biologie und<br />
Physik, lasse man besser die Finger. Investoren<br />
oder Mäzene dürften keine schnelle<br />
Rendite erwarten. Als Beispiel führt er die<br />
amerikanischen Eliteuniversitäten an. „Der<br />
milliardenschwere Kapitalstock von Harvard<br />
hat sich ja auch nicht in ein paar Jahren<br />
angesammelt“, sagt Landfried.<br />
Dass ein großzügiger Mäzen allein nicht<br />
vor Defiziten schützt, kann man derzeit in<br />
Bremen besichtigen. 20 Millionen fehlten<br />
der größten deutschen Privatuniversität,<br />
Illustration: Robert Zimmermann<br />
90 <strong>Cicero</strong> 8.2013
Foto: privat<br />
der Jacobs University, schon 2010, und<br />
wenn das Land die Hochschule künftig<br />
nicht mit jährlich mindestens drei Millionen<br />
unterstützt, sind auch dort die Träume<br />
von einem deutschen Harvard an der Förde<br />
ausgeträumt.<br />
Man hatte es sich von Anfang an nicht<br />
leicht gemacht in Bremen. Teure Naturwissenschaften<br />
gehören zum Fächerangebot<br />
genauso wie ein hoher universitärer<br />
Forschungsanspruch. Und auch der Elitebegriff<br />
wurde von den Gründern um den<br />
Mathematiker Heinz-Otto Peitgen von Anfang<br />
an ernst genommen. Studenten aus aller<br />
Welt wurden anders als an manch anderer<br />
Business School tatsächlich nach ihrer<br />
Qualifikation und nicht nach der Finanzkraft<br />
der Eltern ausgewählt. Die hohe Zahl<br />
der Stipendiaten belastete die Bilanz.<br />
Als der Kaffee-Unternehmer Klaus Jacobs<br />
mit 200 Millionen aushalf, der größten<br />
Einzelspende für eine Hochschule in<br />
Europa, und die Uni ihm zu Ehren sogar<br />
den Namen änderte, schienen dort goldene<br />
Zeiten anzubrechen. Klaus Jacobs verlangte,<br />
dass sich auch die Stadt Bremen über fünf<br />
Jahre mit insgesamt 25 Millionen Euro<br />
beteiligte.<br />
Wer klamm ist, wirft<br />
leichter Ideale über Bord:<br />
Die Jacobs University in<br />
Bremen will in Zukunft<br />
Studienplätze an Firmen<br />
verkaufen. Dafür liefert<br />
sie bedarfsgerecht<br />
ausgebildete Absolventen<br />
Es hat alles nichts genutzt, die Jacobs<br />
University ist wohl künftig dauerhaft auf<br />
Landeshilfen angewiesen. Und weil jemand,<br />
der klamm ist, auch leichter seine Ideale<br />
über Bord wirft, geht die Jacobs University<br />
neue Wege, um Sponsoren zu werben.<br />
Studienplätze sollen an Unternehmen verkauft<br />
werden, kündigte der Präsident kürzlich<br />
an. Damit die dann bedarfsgerecht bestimmen<br />
können, welche Ausbildung die<br />
Studenten erhalten sollen. Mit dem humboldtschen<br />
Bildungsideal hat das wenig zu<br />
tun, auch nicht mit dem eigenen Anspruch.<br />
Eher schon mit blanker Not.<br />
Eine Finanzierungsform, die man<br />
sich an der Zeppelin-Universität nicht vorstellen<br />
könnte. Wer sehen will, dass es doch<br />
möglich ist, das Universitätsideal mit privaten<br />
Geldern zu verwirklichen, der muss<br />
an den Bodensee fahren.<br />
Wie hingeworfene Bauklötze liegt<br />
die Uni gleich hinter einem Wohngebiet<br />
und Apfelbäumen in Friedrichshafen. Der<br />
Hauptcampus der Zeppelin-Universität<br />
logiert derzeit in Containern, bis das alte<br />
Gebäude nach Umbau und Erweiterung<br />
bezugsfertig ist. Die Gestaltung des Container-Campus<br />
hat ein Hamburger Künstlerpaar<br />
zusammen mit den Studenten übernommen.<br />
Deshalb gibt es auf dem Dach<br />
nun einen nostalgischen Wohnwagen und<br />
gegenüber die Nachbildung von Bernard<br />
Shaws Gartenlaube sowie ein Open Test<br />
House, zu dem nur Studenten Zugang haben.<br />
Alles ist in Blau getaucht. Die jungen<br />
Menschen hier studieren nach einem Auswahlverfahren<br />
Kulturmanagement, Verwaltungswissenschaft<br />
oder Wirtschaft, für<br />
insgesamt 16 000 Euro, die die örtliche<br />
Sparkasse auf Wunsch vorfinanziert.<br />
Der Gründungspräsident Stephan<br />
A. Jansen empfängt im Dachcontainer. Das<br />
Büro hat er mit seinen Privatmöbeln eingerichtet,<br />
alles wirkt irgendwie improvisiert.<br />
Jansen ist gerade mal 42, ein jugendlicher<br />
Mann mit modischer Brille, in Anzug und<br />
Manschetten. Nur die Füße stecken ohne<br />
Socken in den schwarzen Lederschuhen.<br />
Als er 2003 sein Amt antrat, war er der<br />
jüngste Universitätspräsident und legte nebenbei<br />
noch als DJ Platten auf. Er ist immer<br />
noch ein Provokateur im Bildungsbetrieb,<br />
der Marx für Studiengebühren und<br />
Humboldt als Anwalt gegen staatliche Universitäten<br />
ins Feld führt.<br />
Jansen hat das Glück, eine Hochschule<br />
zu führen, deren Bestehen gesichert ist,<br />
letztlich durch das Vermögen des Grafen<br />
Zeppelin und seiner Erben. Seit 2007 gehört<br />
sich die Uni durch eine Stiftung quasi<br />
selbst. Neben der Grundfinanzierung durch<br />
die „drei Z“, also die Unternehmen Zeppelin<br />
Baumaschinen GmbH, ZF Friedrichshafen<br />
und die Zeppelinstiftung, kommt<br />
jeweils ein weiteres Drittel aus Studiengebühren<br />
sowie Forschungsdrittmitteln,<br />
Spenden und Sponsoring. Spenden von<br />
Angehörigen der Studenten werden nicht<br />
angenommen, um Interessenkonflikte zu<br />
vermeiden.<br />
Eine saubere und solide Finanzierung<br />
sei existenziell für den Betrieb einer privaten<br />
Hochschule, sagt Jansen. Denn er weiß<br />
sehr genau, wie man sich als Student einer<br />
Universität fühlt, die kurz vor der Pleite<br />
steht. Er hat selbst in Witten-Herdecke studiert,<br />
als dort 1995 die große Finanzkrise<br />
ausbrach. Damals entwarfen die Studenten<br />
selbst ein Modell für Studiengebühren. Sie<br />
hätten sogar in der Kantine gekocht, erinnert<br />
sich Jansen, und auch mal aufgewischt.<br />
Jansen fand das als Bafög-Empfänger ziemlich<br />
belastend.<br />
Deshalb lehnte er das Angebot der Zeppelin<br />
Baumaschinen GmbH, in Friedrichshafen<br />
eine private Hochschule zu gründen,<br />
2001 zunächst ab – nicht ohne gleichzeitig<br />
ein paar grundlegende Bedingungen<br />
zu stellen. Er verlangte von den „drei Z“<br />
eine Vorfinanzierung auf mindestens vier<br />
Jahre, damit jeder Student sicher sein kann,<br />
sein Studium dort auch zu beenden. Dafür<br />
hält die Stiftung eine Garantiesumme bereit,<br />
die den Betrieb selbst bei einem Ausstieg<br />
der Geldgeber und einer Schließung<br />
der Hochschule noch bis zum Abschluss<br />
des letzten Jahrgangs aufrecht erhielte.<br />
Staatliche Hilfe lehnt man in Friedrichshafen<br />
ganz ab. Die Erfahrung zeige,<br />
sagt Jansen, dass sich Sponsoren und Förderer<br />
erst dann dauerhaft und verbindlich<br />
verpflichten, wenn nicht der Staat im Hintergrund<br />
mit den Millionen winkt.<br />
Seitdem ist die Zeppelin-Universität<br />
langsam, aber stetig gewachsen. In allen<br />
drei Fächern genießen Forschung und<br />
Lehre hohe Anerkennung. Seine Hochschule<br />
sei nun auf acht Jahre im Voraus<br />
durchfinanziert, sagt Jansen stolz. Das<br />
muss reichen. Genauere Haushaltszahlen<br />
gibt der Präsident nie heraus. Er kennt<br />
die eiserne Grundregel des privaten Hochschulwesens:<br />
„Rede nie über deine Finanzierung.<br />
Mache glaubhaft, dass sie stabil<br />
ist.“ Mit dem richtigen Beat des ehemaligen<br />
DJ unterlegt, vielleicht ebenfalls eine<br />
Hiphop-kompatible Zeile.<br />
Benno Stieber<br />
litt während des Studiums unter<br />
dem verstaubten Unibetrieb, genoss<br />
danach die solide finanzierte<br />
Journalistenschule umso mehr<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 91
| K a p i t a l | p r o p h e t d e s U n t e r g a n g s<br />
„Thatcher statt Merkel“<br />
Der Wirtschaftshistoriker NiAll Ferguson warnt vor der Selbstzufriedenheit der Deutschen,<br />
empfiehlt uns, mehr Angst zu haben, und plädiert für eine Deregulierung der Banken<br />
H<br />
err Ferguson, in Ihrem aktuellen<br />
Buch „Der Niedergang des<br />
Westens“ setzen Sie sich mit<br />
der Theorie des Ökonomen Mancur Olson<br />
auseinander, wonach alle politischen<br />
Systeme irgendwann einer Art Sklerose<br />
zum Opfer fallen. Der Grund: Organisierte<br />
Interessengruppen wissen zu gut, wie sie<br />
ihre Besitzstände wahren können. Sind wir<br />
an diesem Punkt angekommen?<br />
Es gibt keinen Zweifel, dass das in den<br />
Vereinigten Staaten ein ernstes Problem<br />
ist. In Deutschland noch nicht so<br />
sehr, aber in Südeuropa grassiert die Korruption:<br />
in Ländern wie Italien oder<br />
Griechenland, wo die politische und<br />
wirtschaftliche Elite meint, über dem<br />
Recht zu stehen. Und das sollte uns allen<br />
Sorgen bereiten, weil ehemals nützliche<br />
Institutionen von den Eliten ausgehöhlt<br />
werden.<br />
Welches Rezept gibt es gegen diese Art<br />
der Sklerose?<br />
Olsons Beispiele von Nachkriegs-Westdeutschland<br />
und Nachkriegs-Japan sind<br />
nicht sehr ermutigend, weil es in beiden<br />
Fällen einer externen Intervention bedurfte,<br />
um die Dinge wieder ins Lot zu<br />
bringen. Aber es gibt auch andere Wege,<br />
um dysfunktionale Institutionen wieder<br />
in den Griff zu bekommen.<br />
Können Sie ein Beispiel nennen?<br />
Großbritannien litt in den siebziger<br />
Jahren unter vielen Problemen, über die<br />
wir auch heute reden: Die Lobbys, die<br />
zu mächtig geworden waren, das waren<br />
damals die Gewerkschaften; die Wirtschaft<br />
lag am Boden; Margaret Thatcher<br />
entschied sich für einen radikalen<br />
Wechsel in der Wirtschaftspolitik. Es<br />
ist schwierig, heute Politiker zu finden,<br />
die dieses Risiko auf sich nehmen und<br />
eine „Blut, Schweiß und Tränen“-Reform<br />
durchziehen. Aber es ist genau das,<br />
was wir jetzt brauchen: mehr Thatcher<br />
als Merkel.<br />
Sie schreiben, jeder Politiker, der versucht<br />
zu sparen, um die Staatsfinanzen<br />
zu konsolidieren, wird abgewählt. Ist die<br />
Demokratie für eine derartige Krise also<br />
das falsche System?<br />
Nein, ich lebe auf jeden Fall lieber in einem<br />
demokratisch regierten Land als in<br />
einem Ein-Parteien-Staat. Wir sollten daher<br />
diskutieren: Wie bringen wir es fertig,<br />
dass unsere Demokratien besser funktionieren?<br />
Statt uns zu fragen: Sollten wir<br />
die Demokratie abschaffen? Es stimmt<br />
auch nicht, dass Ein-Parteien-Staaten wie<br />
China unseren Mehrparteien-Demokratien<br />
überlegen sind. Das denken nicht<br />
einmal die Chinesen. Wenn Sie in Peking<br />
einer Diskussion über Regierungsformen<br />
beiwohnen, sind die Chinesen die Ersten,<br />
die Reformen wollen, damit China zu einem<br />
Rechtsstaat wird.<br />
Niall Ferguson ist Professor für Neuere Geschichte an der Harvard<br />
University mit dem Schwerpunkt Finanz- und Wirtschaftsgeschichte. Sein<br />
Buch „Der Niedergang des Westens“ erschien kürzlich bei Propyläen<br />
Aber wenn Sie jetzt den Niedergang des<br />
Westens prophezeien, denken gerade in<br />
Deutschland viele: „Ach, so schlimm wird<br />
es schon nicht kommen.“<br />
Deutschland hat zurzeit ein ungewöhnliches<br />
Problem: Es sieht so aus, als wäre<br />
alles in Ordnung. Wer durch Berlin,<br />
München oder Hamburg fährt, hat den<br />
Eindruck, es herrsche Wohlstand und<br />
Foto: Polaris/Laif<br />
92 <strong>Cicero</strong> 8.2013
Stabilität. Das ist aber eine Illusion, weil<br />
es der EU schlecht geht. Griechenland,<br />
Portugal, Spanien, zunehmend auch Italien<br />
befinden sich in einer andauernden<br />
Rezession. Wenn die deutsche Öffentlichkeit<br />
sich der Probleme der Peripheriestaaten<br />
nicht richtig bewusst ist, halte ich<br />
das für sehr gefährlich.<br />
Was ist daran so gefährlich?<br />
Der größte Feind der westlichen Zivilisationen<br />
ist ihre Selbstzufriedenheit. Die<br />
Amerikaner sind das beste Beispiel dafür.<br />
Sie denken, ihr politisches System sei das<br />
beste der Welt, ihr Rechtssystem sei das<br />
beste in der Welt, ihre Wirtschaft sei die<br />
beste der Welt. Dabei stimmt es gar nicht<br />
mehr. Ich glaube, in Deutschland gibt es<br />
eine ähnlich stark ausgeprägte Selbstzufriedenheit.<br />
Ich empfehle als Medizin dagegen<br />
ein wenig mehr Angst.<br />
Sie empfehlen ausgerechnet den Deutschen,<br />
mehr Angst zu haben?<br />
Ja, sie sollten sich weitaus mehr vor der<br />
Instabilität des europäischen Südens<br />
fürchten. Im Moment herrscht hier ein<br />
fauler Friede, die Ruhe vor der nächsten<br />
Krise. Europa hat kaum eine Wahl: Es<br />
wird entweder zur „Bundesrepublik Europa“,<br />
wobei die Deutschen dann immense<br />
Transferzahlungen zu leisten hätten,<br />
oder der Laden fliegt auseinander<br />
und die nationalen Währungen kommen<br />
zurück.<br />
Wie viel Zeit geben Sie uns noch?<br />
Man sieht sehr deutlich, dass die Regierung<br />
in Berlin jedwede gewichtige Entscheidung,<br />
sei es über die Bankenunion<br />
oder die Vergemeinschaftung von Schulden,<br />
auf die Zeit nach den Wahlen im<br />
September verschieben möchte. Die Gefahr<br />
aber ist, dass eine neue Krise in den<br />
Peripheriestaaten die Bundesregierung<br />
zwingen wird, vorher Entscheidungen<br />
zu treffen. Ich mache mir Sorgen um die<br />
spanischen Banken, die immer noch der<br />
größte Schwachpunkt im europäischen<br />
Finanzsystem sind. Ich mache mir auch<br />
Sorgen um Frankreich, dessen Wirtschaft<br />
weitaus schwächer ist, als die meisten<br />
Menschen wahrhaben wollen. Angela<br />
Merkels größter Albtraum ist, dass<br />
sich vor der Bundestagswahl am 22. September<br />
irgendwo im Süden Europas die<br />
Krise verschlimmert.<br />
Was könnten wir als Bürger denn anstellen,<br />
um den Niedergang aufzuhalten?<br />
Als ich in den achtziger Jahren in<br />
Deutschland lebte, war ich beeindruckt<br />
von der Vitalität der Zivilgesellschaft.<br />
Was die damalige Umweltbewegung so<br />
dynamisch machte, war die Tatsache,<br />
dass die Initiative von den Bürgern ausging.<br />
Solche Initiativen illustrieren genau<br />
das, was ich meine. Wenn Umweltprobleme<br />
auftauchen, sind lokale Initiativen<br />
von Bürgern die beste Reaktion. Unsere<br />
Haltung sollte grundsätzlich sein: Das ist<br />
ein Problem. Lasst uns versuchen, damit<br />
selbst zurande zu kommen.<br />
Lassen sich wirklich alle Probleme besser<br />
auf lokaler Ebene lösen?<br />
Nein, nicht alle. Aber ich habe die Erfahrung<br />
in Südwales gemacht, als ich dort<br />
ein Haus kaufte und feststellen musste,<br />
dass die Strände voller Plastikmüll waren,<br />
der vom Meer angeschwemmt wurde.<br />
Wir schafften es, den Müll ohne Hilfe<br />
der regionalen Verwaltung zu beseitigen<br />
– nur durch die Arbeit von Freiwilligen.<br />
Schon Alexis de Tocqueville hat<br />
gesagt, dass die Demokratie dann am<br />
besten funktioniert, wenn die Zivilgesellschaft<br />
aktiv ist. Deshalb sollten wir in<br />
Europa und in Nordamerika mehr dafür<br />
tun, diese zivilgesellschaftliche Kultur<br />
wiederzubeleben.<br />
Ist der Niedergang des Westens nicht einfach<br />
die Kehrseite zum Aufstieg Asiens?<br />
Nein, es ist gut, dass Länder wie China,<br />
Indien oder Brasilien ihre Produktion<br />
von Gütern verbessern, dass sie funktionsfähigere<br />
Institutionen schaffen und<br />
die kreative Energie ihrer Bürger freisetzen,<br />
sodass Hunderte von Millionen<br />
Menschen der Armut entkommen können.<br />
Die Globalisierung ist kein Spiel,<br />
wo der eine verliert, weil der andere gewinnt.<br />
Vom Wachstum in Asien und in<br />
Südamerika hat der Westen profitiert.<br />
Wenn China während der Krise nicht<br />
weitergewachsen wäre, wäre es uns allen<br />
schlechter ergangen, speziell Deutschland,<br />
das enorme Mengen an Gütern in<br />
die dynamische asiatische Wirtschaft exportiert<br />
hat.<br />
Die größten Sorgen machen Sie sich aber<br />
um das Weltfinanzsystem. Warum sind<br />
unsere Politiker eigentlich nicht in der<br />
Lage, die richtigen Gesetze und Kontrollen<br />
dafür zu etablieren?<br />
Es wurde eine Menge neuer Regeln eingeführt.<br />
Wir haben Basel 3, das die Banken<br />
zu höheren Eigenkapitalquoten<br />
verpflichtet. Wir haben den Dodd-Frank-<br />
Act in den USA, der den Eigenhandel der<br />
Banken einschränkt und entsprechende<br />
Gesetze in vielen anderen Ländern des<br />
Westens. Dadurch wird aber das System<br />
nicht stabiler. Die Theorie, die Krise sei<br />
eine Folge der Deregulierung der Banken,<br />
ist schlicht falsch. Dafür gibt es keinerlei<br />
empirische Beweise. Die Banken wurden<br />
vielleicht nicht gut kontrolliert, aber es<br />
gab schon immer eine Menge Vorschriften.<br />
Die neuen Gesetze werden das System<br />
noch fragiler machen, indem sie eine<br />
weitere Ebene an Komplexität hinzufügen.<br />
Die Schlussfolgerung ist: Wir müssen<br />
die Regeln vereinfachen.<br />
Vielleicht wohnt dem Kapitalismus aber<br />
doch eine Art Selbstzerstörungsmechanismus<br />
inne. Große Konzerne zahlen<br />
fast keine Steuern mehr, weil sie jedes<br />
Schlupfloch gnadenlos ausnutzen, die<br />
Bürger bringen Banken, Sozialversicherungssystemen<br />
und dem Staat kaum noch<br />
Vertrauen entgegen: Können wir das immer<br />
noch unter kreativer Zerstörung nach<br />
Joseph Schumpeter subsumieren?<br />
Die Vorstellung systemimmanenter Krisen<br />
des Kapitalismus, die irgendwann zu<br />
seinem endgültigen Untergang führen,<br />
ist offenbar sehr verführerisch. Besonders<br />
hier in Deutschland, wo der Einfluss der<br />
Lehren von Marx an den Hochschulen<br />
weiterbesteht. Auch Schumpeter sagte,<br />
dass jeder Zerstörung etwas Kreatives anhaftet.<br />
Das sind falsche Denkmodelle.<br />
Wie erklären Sie die sich häufenden Krisen?<br />
Wir sollten uns die Wirtschaft viel mehr<br />
als ein evolutionäres System vorstellen.<br />
Es gibt Mutationen, es gibt die natürliche<br />
Auslese, zu gewissen Zeiten sterben Arten<br />
aus. Der Unterschied zur Biologie ist:<br />
Die Politik greift wie eine göttliche Oberbehörde<br />
von Zeit zu Zeit korrigierend<br />
ein. Und das muss nicht schlecht sein:<br />
Ohne die Eingriffe der Regierungen hätten<br />
wir in den vergangenen Jahren einen<br />
noch gewaltigeren wirtschaftlichen Einbruch<br />
erlebt.<br />
Das Gespräch führte Brigitte Neumann<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 93
| K a p i t a l | K o m m e n t a r<br />
Vorwärts immer,<br />
rückwärts nimmer<br />
Sozialdemokratische Vordenker zweifeln am Euro, statt ihn<br />
politisch neu zu gestalten – ein nostalgisch-konservativer Irrweg<br />
Von Henrik Enderlein<br />
E<br />
s ziehen in Europa Konflikte heran, die mehr denn je<br />
nach politischen Lösungen rufen. Sobald das abklingende<br />
Gewitter um Staatsfinanzen, Anleiheankäufe und<br />
Nothilfen den Blick wieder freigibt, wird ein veränderter Kontinent<br />
zutage treten.<br />
Dann werden wir feststellen, dass diese Krise vor allem politischer<br />
Natur ist und Fragen stellt nach der Spannweite und<br />
Tragfähigkeit eines paneuropäischen politischen Gemeinwesens.<br />
Fragen, die wir inhaltlich beantworten müssen, anstatt wie üblich<br />
Schattengefechte um Abstimmungsmodalitäten oder Protokollklauseln<br />
auszutragen. Denn technokratische Lösungen am<br />
Reißbrett, wie wir sie in der Krise zu häufig gesehen haben, verlieren<br />
schon heute ihre Legitimation.<br />
Eine lauter werdende Debatte in der deutschen Linken zeigt,<br />
dass der Streit über eine Politisierung Europas das gesamte Parteienspektrum<br />
stark verändern könnte. Die Euro-Skepsis gewinnt<br />
nämlich nicht nur am rechtsintellektuellen Rand an Befürwortern.<br />
Auch immer mehr anerkannte sozialdemokratische<br />
Vordenker wie Fritz W. Scharpf oder Wolfgang Streeck, beide<br />
vom Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln,<br />
stellen die Gemeinschaftswährung offen infrage. Streeck sieht in<br />
seinem aktuellen Buch „Gekaufte Zeit“ gar das Ende des demokratischen<br />
Kapitalismus nahen.<br />
Noch sollte niemand in eine solche Kritik hineinlesen, die<br />
äußeren Ränder des linken und rechten politischen Spektrums<br />
näherten sich einander an. Die linken Kritiker lehnen den Euro<br />
nicht wie ihre nationalkonservativen Counterparts aus Inflationsangst<br />
oder merkantilistischer D-Mark-Nostalgie ab. Sie sehen<br />
sich aber spätestens jetzt in ihren Zweifeln bestätigt, dass<br />
aus dem heutigen Euro-Projekt niemals ein sozial gerechtes und<br />
inhärent demokratisch verfasstes Europa erwachsen wird.<br />
Dennoch müssen wir diese Kritik ernst nehmen, weil es sich<br />
bei den linken Kritikern um überzeugte Europäer handelt. Sie<br />
macht deutlich, dass der Ruf nach „mehr Europa“ nur dann<br />
überzeugend ist, wenn er mit politischem Inhalt gefüllt wird.<br />
Wenn Scharpf fordert: „Rettet Europa vor dem Euro!“, dann<br />
spricht aus dieser Formel die Angst, dass die für die Vollendung<br />
des Euro-Projekts notwendigen Integrationsschritte die europäischen<br />
Demokratien überfordern könnten. Die Skepsis gilt auch<br />
dem oft verbreiteten Ruf nach den „Vereinigten Staaten von Europa“.<br />
Diese Formel provoziert die Sorge, der europäische Einigungsprozess<br />
könnte sich in einem weitgehend politikfreien<br />
Illustration: Jan Rieckhoff<br />
94 <strong>Cicero</strong> 8.2013
Foto: Privat<br />
Raum immer weiter beschleunigen und am Ende von den vergessenen<br />
demokratischen Fliehkräften zerrissen werden.<br />
Schlüssig ist die linke Kritik am Euro dennoch nicht. Dass<br />
der Euro in seiner jetzigen Struktur mit mangelnder Legitimationsgrundlage<br />
und dysfunktionaler Wirtschaftsregierung nicht<br />
wirklich funktioniert, erklärt noch lange nicht, warum mit den<br />
alten nationalen Währungen plötzlich alles wieder besser wäre.<br />
Der Euro wurde als logische Fortsetzung des wirtschaftlichen Integrationsprojekts<br />
Europa eingeführt. Wer freie Handels- und<br />
Kapitalflüsse zwischen Ländern befürwortet, muss eine Antwort<br />
darauf geben, was wichtiger ist: feste Wechselkurse oder eine<br />
auf die Binnenkonjunktur jedes einzelnen Landes ausgerichtete<br />
Geldpolitik? Beides zusammen geht nicht. Der brutale Abwertungswettlauf<br />
zwischen den europäischen Nationen in den<br />
Achtzigern oder auch der Zusammenbruch des europäischen<br />
Wechselkurssystems von 1992 sind die besten Beispiele der<br />
Schwächen eines Systems nationaler Währungen. Wer die freien<br />
Handels- und Kapitalflüsse grundsätzlich infrage stellt, wünscht<br />
sich eine Rückkehr zu Protektionismus und Nationalökonomien.<br />
Also ein „Bretton Woods für Europa“, wie Streeck es fordert.<br />
Dann wäre die Wiedereinführung nationaler Währungen<br />
aber nur der Anfang eines breiteren Renationalisierungsprozesses,<br />
der uns ins Zeitalter der Nachkriegsjahrzehnte zurückkatapultierte.<br />
Ist das eine echte Option für die Linke?<br />
Schon der Anfang des Weges birgt mehr Gefahren als Chancen.<br />
Noch jeder bisherige Vorschlag zur Auflösung des Euro<br />
endet früher oder später bei Grenzpatrouillen, wochenlangen<br />
Schließungen von Bankensystemen oder Kapitalkontrollen. Solche<br />
Rezepte aus den Siebzigern lassen sich vielleicht in einem<br />
Zwergstaat wie Zypern umsetzen, aber sicherlich nicht in einem<br />
grenzenlosen europäischen Wirtschaftsraum mit 330 Millionen<br />
Menschen und einem vollständig vernetzten Bankensystem.<br />
Die Risiken durch einen Systembruch sind für die europäischen<br />
Volkswirtschaften immens – und die Kosten im Vorfeld nicht<br />
abschätzbar. Gezielt wurde die Währungsunion so angelegt, dass<br />
eine Trennung mit exorbitanten Kosten verbunden ist.<br />
Es ist zudem unmöglich, dass nationale Währungen in einer<br />
Nacht-und-Nebel-Aktion per Dekret wieder eingeführt werden.<br />
Niemand ist in einer Demokratie legitimiert, ein solches Dekret<br />
zu erlassen, das Millionen Menschen enteignen würde. Ein solcher<br />
Schritt schwächte das Vertrauen in die Gerechtigkeit unseres<br />
politischen Systems massiv.<br />
Anstatt einer absurden Tabula rasa das Wort zu reden, sollten<br />
deshalb gerade sozialdemokratische Gesellschaftsmodelle<br />
die Frage aufwerfen, wie eine transnationale, wirtschaftspolitische<br />
Integration demokratisch legitimiert, regiert und kontrolliert<br />
werden könnte. Der US-Politikwissenschaftler Robert Dahl<br />
hat die historische Entwicklung von Demokratien einmal in drei<br />
Phasen beschrieben: vom Stadtstaaten-Modell über das Nationalstaaten-Modell<br />
hin zur „globalen Interdependenz“. Europa ist<br />
der innovativste Versuch, diese wechselseitige Abhängigkeit demokratisch<br />
regierbar zu machen, ohne dafür das nationalstaatliche<br />
Modell auf höherer Ebene einfach zu reproduzieren. Dazu<br />
gehört auch das Wagnis, eine Währung ohne Staat zu schaffen.<br />
Und nach einem europäischen Superstaat ruft nicht einmal Jürgen<br />
Habermas, der stattdessen von einem „supranationalen, demokratisch<br />
verfassten Gemeinwesen“ spricht. Das ist zwar kein<br />
griffiges Konzept, dafür aber eine kluge theoretische Blaupause,<br />
die es politisch anzureichern gilt.<br />
Notwendig sind dafür weder umfassende Eurobond-Konstrukte<br />
noch weitreichende Machtverschiebungen nach Brüssel<br />
oder langfristige monetäre Transfers in nur eine Richtung.<br />
Denkbar wäre auch ein „Ausnahmeföderalismus“: In normalen<br />
Zeiten regiert der Nationalstaat, in Krisenzeiten nähert sich<br />
das System über Solidaritätsmechanismen in der Bankenunion<br />
und einer Fiskalunion einem föderalen Solidaritätssystem an –<br />
im Gegenzug für Souveränitätsabtretung. Wir brauchen dafür<br />
allerdings dringend ein stimmiges Legitimationskonzept. Fritz<br />
Scharpf hat zu Recht immer wieder darauf verwiesen, dass Europa<br />
sich vor allem über Politikergebnisse legitimiert (Output-<br />
Legitimation), aber dann an seine Grenzen stößt, wenn sich<br />
Entscheidungen durch ihren Entstehungsprozess legitimieren<br />
müssten (Input-Legitimation). Und genau das ist der Fehler des<br />
Euro-Projekts. Doch er lässt sich beheben.<br />
Deshalb muss heute gerade die politische Linke eine europäische<br />
Wirtschaftsregierung einfordern und dabei vor allem auf<br />
mehr demokratische Rechenschaftspflicht pochen: Technokratische<br />
Gebilde wie der Europäische Stabilitätsmechanismus, die<br />
Euro-Gruppe oder auch die Troika verfügen heute über viel zu<br />
viel Macht, ohne dafür auch nur ansatzweise demokratisch legitimiert<br />
zu sein. Es muss auf europäischer Ebene institutionalisierten<br />
politischen Streit geben können. Dafür lohnt es zu streiten.<br />
Und die Wahlen zum Europäischen Parlament 2014 bieten<br />
eine ausgezeichnete Gelegenheit.<br />
Denn die Debatte um Europa und den Euro ist für die Zukunft<br />
der gesamten Sozialdemokratie von Bedeutung. Die Linke<br />
hat oft mit Skepsis auf globale oder regionale wirtschaftliche Integrationsprozesse<br />
geblickt. Doch den Euro heute für gescheitert<br />
zu erklären, kommt einer politischen Kapitulation vor der<br />
Globalisierung gleich. Denn bei allen Unterschieden zwischen<br />
nationalkonservativen und linken Euro-Kritikern: Sie teilen die<br />
Überzeugung, dass der Nationalstaat die bessere Instanz im Umgang<br />
mit der Globalisierung ist. Kurzfristig und in Krisenzeiten<br />
mag das stimmen. Aber in einem längeren Zeitrahmen sind die<br />
Herausforderungen unserer Zeit nicht durch Isolationismus zu<br />
lösen – gerade in Europa nicht und gerade nicht in Zeiten des<br />
wirtschaftlichen und politischen Aufschwungs in Asien, Lateinamerika<br />
und hoffentlich bald auch Afrika.<br />
Und so könnte sich an der Diskussion um den Euro in der<br />
Linken entscheiden, ob das sozialdemokratische Gesellschaftsmodell<br />
bei aller berechtigten Kritik an der Art, wie die Globalisierung<br />
sich heute vollzieht, noch an die Kraft der Politik glaubt.<br />
Der Wunsch nach einer Rückkehr in die Welt der Nachkriegsjahrzehnte,<br />
mit Zöllen, geschlossenen Grenzen und Kapitalkontrollen,<br />
führt die Linken jedenfalls in eine nostalgisch-konservative<br />
Sackgasse. Sozialdemokratische Gesellschaftspolitik muss<br />
stattdessen versuchen, eine Welt der gegenseitigen Abhängigkeiten<br />
politisch zu gestalten.<br />
Henrik Enderlein<br />
ist Professor für politische Ökonomie an der Hertie<br />
School of Governance in Berlin. Derzeit lehrt er als<br />
Gastprofessor der Kennedy School in Harvard<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 95
| S t i L<br />
DIE NEO-neurotiscHE<br />
Greta Gerwig verkörpert in der Tragikomödie „Frances Ha“ einen neuen Frauentyp mit alten Macken<br />
von THOMAS abeltshauser<br />
W<br />
ENN SIE WOLLTE, könnte sie der<br />
nächste große Hollywoodstar werden.<br />
Doch Greta Gerwig bewegt<br />
sich bewusst abseits der großen Studioproduktionen:<br />
„Ich bin wählerisch und mache<br />
nur Dinge, von denen ich vollständig überzeugt<br />
bin. Ich empfinde es als schöne Situation,<br />
nicht der große Star zu sein, sondern<br />
das vielversprechende Talent. Ich<br />
fliege gern ein bisschen unter dem Radar.“<br />
Spätestens seit ihrer Rolle in Woody Allens<br />
„To Rome with Love“ kann sie sich das leisten,<br />
nachdem sie bereits 2010 mit „Greenberg“<br />
von Noah Baumbach zum Liebling<br />
des amerikanischen Independentkinos aufgestiegen<br />
war. Mit „Frances Ha“, der diesen<br />
Monat in die Kinos kommt, hat sie<br />
sich nun selbst eine Titelfigur auf den Leib<br />
geschrieben.<br />
In der Tragikomödie in digitalem<br />
Schwarz-Weiß spielt sie eine linkische<br />
Tanzschülerin in New York, die mit 27<br />
noch immer vergeblich von der Bühnenkarriere<br />
träumt. Mit ihrer besten Freundin<br />
Sophie teilt sie WG und Alltag. Mit wenig<br />
Geld leben sie in den Tag hinein und stellen<br />
sich eine gemeinsame Zukunft vor, in<br />
der sie tolle Jobs und überhaupt ein tolles<br />
Leben haben. Bis Sophie tatsächlich eine<br />
gut dotierte Stelle bekommt und sich in einen<br />
Mann verliebt, dessen Nähe sie plötzlich<br />
der ihrer Freundin vorzieht. Mit dem<br />
Trennungsschmerz muss sich die Titelfigur<br />
dann notgedrungen allein durchschlagen.<br />
„Frances Ha“ ist ein komischer und<br />
schmerzhaft ehrlicher Liebesfilm, nur erzählt<br />
er nicht von einer romantischen Beziehung<br />
zwischen Mann und Frau, sondern<br />
von der platonischen Liebe zweier Freundinnen<br />
füreinander, die intensiver und<br />
komplizierter ist als jede Beziehung mit<br />
einem Liebhaber.<br />
Gerwig trifft mit ihrer Titelfigur das Lebensgefühl<br />
einer urbanen Generation von<br />
überqualifizierten Endzwanzigern, die in<br />
prekären Situationen leben, ihren Freundeskreis<br />
als Ersatzfamilie betrachten und<br />
eigentlich langsam erwachsen werden<br />
müssten – aber nirgendwo richtig angekommen<br />
sind, weder beruflich noch privat.<br />
„Ich bin noch keine richtige Person“, sagt<br />
Frances an einer Stelle. Nicht zufällig erinnert<br />
sie an die von Diane Keaton gespielte<br />
Annie Hall in Woody Allens „Der Stadtneurotiker“<br />
von 1977, jene smarte, allerdings<br />
stark neurotische Frau, in die sich Allen<br />
in seinem New-York-Klassiker verliebt.<br />
Ist Frances eine Art Wiedergeburt, eine<br />
Annie Hall des krisengebeutelten 21. Jahrhunderts?<br />
Ja und nein. Denn während die<br />
sich ewig selbst reflektierende Annie Hall<br />
die „Me“-Dekade symbolisierte, eine Hinwendung<br />
zum Individualismus nach dem<br />
Gemeinschaftsethos der sechziger Jahre,<br />
entspringt die Reflexion von Frances Ha<br />
der für ihre Generation typischen Übersättigung<br />
durch zu viele Möglichkeiten.<br />
Hinzu kommt eine Bewegung hin zum Realismus<br />
als Reaktion auf die dauertrainierende,<br />
glatt retuschierte Leinwandheldin<br />
mit begehbarem Schuhschrank und ohne<br />
viel Hirn, die romantische Komödien der<br />
Nullerjahre dominierte.<br />
Wie die New Yorker Mädchenclique in<br />
„Girls“, der Erfolgsserie von Gerwigs guter<br />
Freundin und Amerikas neuer Vorzeige-<br />
Intellektuellen Lena Dunham, ist Frances<br />
damit Vorreiterin dieses neuen Typs<br />
von lebensnahen Frauenfiguren, die mit<br />
den platten Projektionsflächen etwa von<br />
„Sex and the City“ nichts mehr zu tun haben.<br />
Es sind komplexe und widersprüchliche<br />
Figuren, für Zuschauer, die von Kino<br />
und Fernsehen mehr erwarten als außerirdische<br />
Roboter und hysterischen Stöckelschuherwerb.<br />
Ein typisches Happy End mit<br />
Mr. Perfect wollte Gerwig demnach auf keinen<br />
Fall. „Mir war wichtig, dass kein romantisches<br />
Interesse die Geschichte vorantreibt,<br />
dass dessen Fehlen aber auch kein<br />
Mangel ist. Es ist einfach kein Thema.<br />
Mr. Perfect ist nicht die Lösung aller Probleme.<br />
Und vielleicht ist Frances auch jemand,<br />
die besser alleine klarkommt.“<br />
Viele Frauen hätten ihr gesagt: „Genau<br />
so sieht mein Leben aus!“, freut sich<br />
Gerwig beim Treffen in Berlin. Dabei<br />
wollte sie gar keine universelle Geschichte<br />
erzählen. „Wenn man das versucht, landet<br />
man schnell auf Gemeinplätzen. Wir<br />
wollten den Film so spezifisch und authentisch<br />
wie möglich machen. Wenn alle<br />
Details stimmen, können sich Leute auch<br />
identifizieren, ohne das genaue Milieu zu<br />
kennen.“<br />
Das liegt nicht zuletzt an Gerwigs<br />
Schauspiel, die Frances mit einer derart natürlichen<br />
Präsenz verkörpert, dass man sich<br />
unwillkürlich fragt: Ist das ihre Geschichte?<br />
„Es ist fiktiv und autobiografisch“, gibt sie<br />
zu. „Frances’ Gefühl, noch nicht richtig<br />
im Leben angekommen zu sein, kenne ich<br />
auch. Aber ich bin nicht ganz so verrückt<br />
wie sie, und ich teile auch nicht ihre ungeschickte<br />
Art in Gesellschaft von anderen.“<br />
Der Film spielt ganz bewusst mit diesen<br />
Parallelen, etwa wenn Francis nach Hause<br />
fährt und ihre Eltern von Gerwigs eigenen<br />
gespielt werden.<br />
Aufgewachsen ist Gerwig im kalifornischen<br />
Sacramento, sie studierte Philosophie<br />
am New Yorker Barnard College,<br />
wo sie eine Improvisationstheatergruppe<br />
gründete und Stücke schrieb. In „Frances<br />
Ha“ sei allerdings nichts improvisiert, jede<br />
Szene stehe wie gespielt im Drehbuch, erklärt<br />
sie. Ein Jahr lang hat sie am Script<br />
geschrieben, zusammen mit Noah Baumbach,<br />
dem Regisseur des Filmes und nun<br />
auch Gerwigs Lebenspartner.<br />
Es ist kein Zufall, wenn in Kino und<br />
Fernsehen immer mehr Autorenschauspielerinnen<br />
wie Tina Fey oder Lena Dunham<br />
ihre eigenen Rollen kreieren, glaubt Gerwig.<br />
„Es wurde höchste Zeit! Jetzt hat die<br />
Gruppe der Frauen, die ihr eigenes Material<br />
schreiben, eine kritische Masse erreicht,<br />
sodass sie auch wahrgenommen wird.“<br />
ThomAS ABELTSHAUSER<br />
träumte früher auch davon,<br />
in New York in den Tag<br />
hineinzuleben. Heute schreibt er<br />
über Filme und lebt in Berlin<br />
Fotos: Henny Garfunkel/Redux/Laif, Privat (Autor)<br />
96 <strong>Cicero</strong> 8.2013
Schauspielerin Greta Gerwig<br />
macht in „Frances Ha“ die<br />
Neurose wieder zum Zeitgeist<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 97
| S t i l | D A S D E U T S C H E W O H N Z I M M E R<br />
IRGENDWIE TYPISCH<br />
Ein Besuch im deutschen Wohnzimmer, das die Hamburger Agentur Jung von Matt<br />
vor knapp zehn Jahren eingerichtet und seitdem permanent aktualisiert hat<br />
von ULRICH CLEWING<br />
98 <strong>Cicero</strong> 8.2013
Fotos: Anna Mutter für <strong>Cicero</strong><br />
C<br />
LAUDIA MÜLLER ist 47 Jahre alt<br />
und hat offenbar eine Vorliebe<br />
für Pastellfarben. Die Couch in<br />
ihrem Wohnzimmer ist safrangelb,<br />
der Teppichboden hellblau.<br />
Auf dem Glastisch vor dem Sofa liegt eine<br />
weiße Blümchendecke mit Spitzenrand.<br />
Gegenüber steht der Wandschrank: helle<br />
Eiche, halb Biedermeier, halb gemäßigter<br />
Barock. Man könnte ihn fast für ein Stück<br />
Architektur halten, mit seiner imposanten<br />
Schaufassade: Der bauchig gewölbte Unterbau<br />
nimmt in zwei kühnen Schwüngen<br />
Anlauf für die Postamente der Doppelvitrinen,<br />
die rechts und links bis knapp unter<br />
die Zimmerdecke emporragen. Dazwischen<br />
hat er eine große Aussparung für den<br />
Fernseher. In den Regalen reihen sich Rücken<br />
an Rücken Bestseller der vergangenen<br />
Jahre: Dan Browns „Sakrileg“, Stieg Larssons<br />
„Millennium“-Trilogie und „Deutschland<br />
schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin.<br />
Seit Claudia Müller mit Freundinnen<br />
gerne mal einen Latte Macchiato trinkt,<br />
hat sie vier Latte-Macchiato-Gläser im<br />
Schrank, auf denen „Latte Macchiato“<br />
steht. Der Formel-1-Ferrari im Maßstab<br />
1:18 und die repräsentative Flasche Champagner<br />
gehen dagegen auf das Konto ihres<br />
Mannes, Thomas. Er ist auch für die Unterhaltungselektronik<br />
zuständig: PC, Flatscreen,<br />
DVD-Player, da hat Claudia nicht<br />
viel zu melden. Thomas wirft Dinge nur<br />
ungern weg: Das erkennt man an den alten<br />
Netzsteckern, Ladegeräten und Fernbedienungen,<br />
die er in einer der unteren<br />
Schrankschubladen aufbewahrt.<br />
Dass einem das Wohnzimmer von<br />
Thomas und Claudia Müller irgendwie<br />
typisch deutsch vorkommt, ist kein Zufall:<br />
Es ist typisch deutsch. Der absolute<br />
Durchschnitt, empirisch ermittelt, analytisch<br />
fundiert und präzisiert durch Dutzende<br />
von persönlichen Interviews. Thomas<br />
und Claudia Müller? Sind die reine<br />
Fiktion, erfundene Personen, genauso wie<br />
ihr Sohn Jan, 18. Thomas, Claudia und<br />
Jan Müller sind Versuchskaninchen in einem<br />
Experiment, das in dieser Form in<br />
Deutschland einmalig ist. Eine soziologische<br />
Versuchsreihe in 3D, erdacht von keinem<br />
Forschungsinstitut und keinem Museum,<br />
sondern von der Werbeagentur Jung<br />
von Matt (JVM) in Hamburg.<br />
JVM gehört zu den Großen der Branche.<br />
Als Remy von Matt vor zehn Jahren<br />
die Idee entwickelte, das Müller’sche<br />
Wohnzimmer in das Fabrikgebäude einzubauen,<br />
in dem die Agentur ihren Stammsitz<br />
hat, wollte er es anders machen als<br />
die Konkurrenz. Seine Mitarbeiter sollten<br />
nicht im luftleeren Raum agieren, wenn<br />
von „dem Kunden“ die Rede war. Er wollte,<br />
dass sie sich besser in denjenigen hineinversetzen,<br />
der das Geld bringt: in den Konsumenten.<br />
In den Käufer, der durch seine<br />
Unwissenheit und Orientierungslosigkeit<br />
Werbeagenturen überhaupt erst notwendig<br />
macht. In die anonyme Masse, über die so<br />
viele Daten und Analysen kursieren, und<br />
die doch keiner kennt. In der Fachsprache<br />
nennt man es Raumwirkungstheorie: wenn<br />
die Umgebung das Denken lenkt. Eine Art<br />
Method Acting für Werber.<br />
Peter John Mahrenholz ist Leiter der<br />
Strategischen Planung bei JVM. Er sitzt<br />
auf dem safrangelben Sofa und erklärt:<br />
„Wir wollten möglichst viel über die Motivation<br />
erfahren, warum sich Menschen<br />
so verhalten, wie sie sich verhalten.“ Deswegen<br />
haben sie das Wohnzimmer der Familie<br />
Müller nachgestellt, ausgestattet mit<br />
den Gegenständen, die in Deutschland statistisch<br />
gesehen am meisten verkauft werden.<br />
Mahrenholz: „Wir haben uns an den<br />
Durchschnittswerten orientiert. Und wo<br />
das nicht ging, haben wir das genommen,<br />
das am meisten vorkommt.“ Der geburtenstärkste<br />
Jahrgang der Babyboomer-Generation<br />
war 1964, der häufigste Jungsname<br />
damals Thomas, der häufigste Nachname<br />
Müller. Also ist Thomas Müller heute<br />
49 Jahre alt, seine Frau Claudia zwei Jahre<br />
jünger. Die beiden haben 1,3 Kinder, im<br />
konkreten Fall bedeutet das: einen Sohn,<br />
den bereits erwähnten Jan. Die Müllers<br />
wohnen in der größten Stadt des bevölkerungsreichsten<br />
deutschen Bundeslands:<br />
in Köln in Nordrhein-Westfalen. Claudia<br />
verdient ihr Geld als kaufmännische Angestellte<br />
und arbeitet halbtags, Thomas ist<br />
Techniker, Vollzeit. Verfügbares Haushaltseinkommen:<br />
2700 Euro netto pro Monat.<br />
Jan geht noch aufs Gymnasium und macht<br />
bald Abitur. Er kommt hier praktisch nicht<br />
vor, obwohl er sich mit seinen Eltern gut<br />
versteht (bei Thomas und dessen Vater war<br />
das noch anders). Der Grund für Jans Abwesenheit:<br />
Das Wohnzimmer ist der Raum,<br />
in dem Erwachsene den größten Teil ihrer<br />
Freizeit verbringen – und Jan gilt noch<br />
nicht als Erwachsener (sein Zimmer, das<br />
„Jugendzimmer“, befindet sich in der Stuttgarter<br />
Niederlassung der Agentur).<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 99
| S t i l | D A S D E U T S C H E W O H N Z I M M E R<br />
Das Haus, in dem Familie Müller lebt,<br />
stammt aus den frühen sechziger Jahren.<br />
Um den Eindruck so authentisch wie möglich<br />
zu gestalten, haben sie in dem alten Fabrikgebäude,<br />
in dem JVM sitzt, extra kleinere<br />
Fenster eingebaut. Auch die Decke<br />
wurde abgehängt: In einem durchschnittlichen<br />
deutschen Wohnzimmer beträgt die<br />
Raumhöhe 2,30 Meter. Es ist 24 Quadratmeter<br />
groß.<br />
„Die Gestaltung der Wohnung obliegt<br />
in Deutschland üblicherweise der Frau des<br />
Hauses“, sagt Peter John Mahrenholz, „deshalb<br />
hat die meisten Dinge Claudia Müller<br />
ausgesucht.“ Dass Claudia hier präsenter<br />
ist als ihr Mann, ist ganz offensichtlich.<br />
Das Kaffeeservice und das runde Dutzend<br />
Porzellankätzchen kommen von ihr. Sie<br />
war es, die das New-York-Foto aufgehängt<br />
hat, auf dem man Arbeiter eines Hochhauses<br />
auf einem Stahlträger frühstücken sieht.<br />
Sie hat die Karten für das Musical aufgehoben,<br />
in das sie Thomas an ihrem zehnten<br />
Hochzeitstag eingeladen hatte. Nicht<br />
ausgeschlossen, sagt Peter John Mahrenholz,<br />
dass in der Küche eine Espressomaschine<br />
ihren Dienst tut: „Filterkaffee ist<br />
ziemlich out.“<br />
Die JVM-Leute haben ganze Arbeit geleistet:<br />
Die Illusion, es mit echten Menschen<br />
zu tun zu haben, ist perfekt bis ins Detail.<br />
Die Küchenrolle neben dem Flatscreen,<br />
die Pinwand aus Kork für Notizen – alles<br />
durch Umfragen gesichert und mit Statistiken<br />
belegt. Ebenso die Summe, die Thomas<br />
und Claudia für ihre Wohnzimmereinrichtung<br />
ausgegeben haben: rund 8000 Euro.<br />
Dabei war jeder Gegenstand, jedes Möbel<br />
einmal neu. Die häufigste deutsche Familie<br />
geht nicht auf den Flohmarkt, interessiert<br />
sich nicht für Antiquitäten, baut keinen<br />
Tisch selber.<br />
Auf den ersten Blick wirkt das alles ein<br />
bisschen billig, ungebildet und wenig inspiriert.<br />
Die Menschen in Deutschland<br />
leben im Land der Effizienz, der Kehrwochen<br />
und umfassend ausgestatteten,<br />
großen Autos. Chic, verfeinerter Stil oder<br />
ein ausgeprägter Sinn für Ästhetik zählen<br />
hingegen nicht zu ihren vordringlichsten<br />
Eigenschaften. Das mag man bedauern,<br />
doch Peter John Mahrenholz geht es nicht<br />
um Geschmacksfragen. Von Berufs wegen<br />
beschäftigt er sich mehr mit dem Verbindenden<br />
als mit dem Trennenden. Für ihn<br />
ist das Müller’sche Wohnzimmer zugleich<br />
Konkretion und Abstraktion. Es bildet ein<br />
durchschnittliches Umfeld hyperrealistisch<br />
ab, doch er sieht darin auch die universelle<br />
Struktur. „Das Wohnzimmer“, sagt Mahrenholz,<br />
„war für unsere Zwecke deswegen<br />
besonders geeignet, weil es nicht nur am<br />
meisten frequentiert wird. Es ist auch der<br />
Raum, den man dazu nutzt, um sich anderen<br />
mitzuteilen.“<br />
Hipster, Stilaristokraten und Distinktionsgewinnler<br />
werden das nur ungern hören,<br />
aber aus Peter John Mahrenholz’ Sicht ist<br />
die Differenz zwischen ihnen und den Müllers<br />
geringer, als sie es sich je hätten träumen<br />
lassen. „Generell lässt sich feststellen“,<br />
Hier kommt<br />
man als Familie<br />
zusammen und<br />
empfängt seine<br />
Gäste<br />
sagt Mahrenholz, „dass ein Wohnzimmer<br />
der emotional am stärksten aufgeladene Ort<br />
einer Wohnung ist.“ Hier kommt man als<br />
Familie zusammen und empfängt seine<br />
Gäste. Hier bewahrt man Sachen auf, die<br />
für einen persönlich bedeutsam sind, Fotos<br />
der Liebsten, Zeugnisse der eigenen Sammelleidenschaft,<br />
Erinnerungen an schöne<br />
Ferien und Reisen in fremde Länder. Mahrenholz:<br />
„Das sind Gesetzmäßigkeiten, die<br />
überall gelten, unabhängig davon, aus welchem<br />
sozialen Umfeld man stammt und<br />
welchen Beruf man ausübt.“<br />
Sicher, es ist ein Unterschied, ob sich<br />
die Müllers vor ihrem All-inclusive-Ferienclub<br />
ablichten lassen oder ob man zu den<br />
Fotos der weitverzweigten Familie noch<br />
dasjenige steckt, das die Tochter oder der<br />
Sohn kürzlich vom Campus in Harvard<br />
geschickt hat. Aber es ist nur ein Unterschied<br />
der Form – der Gehalt ähnelt sich<br />
bis zur Deckungsgleichheit. Natürlich ist<br />
ein Schrank, der seit 200 Jahren in der Familie<br />
weitervererbt wird, wertvoller als das<br />
banale Möbel der Müllers. Doch es bleibt<br />
immer noch ein Schrank, auch wenn in<br />
dem einen ein 200-Euro-Service steht und<br />
in dem anderen ein handbemaltes von<br />
Nymphenburg. Die Funktion ist dieselbe:<br />
eine Mischung aus Benutzen, Herzeigen<br />
und Wegschließen.<br />
Es fällt vielleicht nicht jedem leicht,<br />
dies zu akzeptieren, aber die Bandbreite der<br />
menschlichen Rituale ist nicht so groß, als<br />
dass es dabei nicht zu Überschneidungen<br />
käme. Betrachtet man die Wohnung als<br />
Theater und das Wohnzimmer als Bühne,<br />
dann mögen Eingang und Foyer, Zuschauerraum<br />
und Bühnenbild unterschiedlich<br />
sein. Das Stück aber, das dort gegeben wird,<br />
ist immer dasselbe.<br />
Auch was die Form betrifft, gebietet sich<br />
Vorsicht vor voreiligen Schlussfolgerungen.<br />
Denn Claudia Müller ist mal wieder kurz<br />
davor, die ganze Einrichtung einem Revirement<br />
zu unterziehen – wobei es sicher einige<br />
Überraschungen geben wird, gerade<br />
für ihre Kritiker. Verschwinden wird der<br />
dominante, überdimensionierte PC. Stattdessen<br />
kommt ein Laptop ins Haus, schon<br />
im nächsten Jahr der in Deutschland am<br />
häufigsten verkaufte Computer, was dann<br />
auch den Schreibtisch, auf dem der PC jetzt<br />
noch steht, überflüssig macht. Ausgewechselt<br />
wird auch die spießige Schrankwand.<br />
In der Vergangenheit war sie deshalb nötig,<br />
weil darin der alte Fernseher Platz finden<br />
musste. Nachdem Thomas Müller vor<br />
zwei Jahren in einen Flatscreen investierte,<br />
brauchen sie das massive Möbel nicht mehr.<br />
Bald wird es ersetzt durch Regale und ein<br />
Sideboard, das man bis vor kurzem nur<br />
in angesagten Design-Galerien in Berlin-<br />
Mitte stehen sah. „In Müllers Wohnzimmer“,<br />
sagt Mahrenholz, „wird es künftig offener,<br />
modularer, aus unserem Blickwinkel<br />
vielleicht auch eleganter zugehen.“<br />
Das zeigt: Der Durchschnitt ist ein<br />
schillerndes Gebilde. Dazugehören möchten<br />
die wenigsten, doch birgt der Wunsch,<br />
sich davon abzugrenzen, eine Gefahr: Er ist<br />
so verbreitet, dass er eigentlich recht durchschnittlich<br />
ist.<br />
Mahrenholz jedenfalls, Sohn des Politikers<br />
und Verfassungsrichters Ernst Gottfried<br />
Mahrenholz, hat im Wohnzimmer<br />
von Thomas und Claudia Müller aus Köln<br />
„Demut gelernt“. Er weiß: „Mit der eigenen<br />
Individualität ist es nicht so weit her, wie<br />
man das selber gerne hätte.“<br />
ULRICH CLEWING<br />
besuchte als Autor schon viele<br />
Wohnzimmer. Er schreibt unter<br />
anderem für AD Architectural<br />
Digest und lebt in Berlin<br />
Foto: Guido Ohlenbostel<br />
100 <strong>Cicero</strong> 8.2013
K l e i d e r o r d n u n g | S t i l |<br />
Warum ich trage, was ich trage<br />
VLADIMIR KARALEEV, Modedesigner<br />
Foto: Thomas Kierok für <strong>Cicero</strong><br />
H<br />
OSE, sCHUHE, T-SHIRT. Mein Outfit<br />
ist meine Uniform. Ich trage<br />
sie täglich. Was ich trage, muss<br />
bei meiner Arbeit im Studio genauso wie<br />
bei repräsentativen Anlässen funktionieren,<br />
wie eine Art Panacea: die Antwort auf<br />
alle Fragen. Jeden Morgen entscheiden<br />
zu müssen, was ich anziehen soll, stresst<br />
mich zu sehr. Von mir entworfene Kleidung<br />
würde ich nie anziehen. Es wäre ein<br />
komisches Statement: Der Designer ist so<br />
überzeugt von seinen eigenen Entwürfen,<br />
dass er sich selbst nur darin kleidet. Ich<br />
designe nicht für meine eigenen Bedürfnisse<br />
und bin auch nicht meine Zielgruppe.<br />
Überhaupt habe ich keinen konkreten Trägertyp<br />
meiner Mode im Kopf. Zuerst ist<br />
ein Kleidungsstück ein Objekt, und wenn<br />
sich später eine Person damit identifizieren<br />
kann, ist das super.<br />
Ich mag die aktuelle Herrenmode,<br />
weil sie sehr zugänglich und verständlich<br />
ist. Anders als früher, wo Paris und Mailand<br />
den Ton angegeben haben und sich<br />
jeder danach richten musste, kommt die<br />
Mode heute von der Straße. Sie wird von<br />
den Designern nur auf ein qualitativ höheres<br />
Niveau transportiert und dort neu interpretiert.<br />
Aber ich finde die aktuelle Entwicklung,<br />
die sehr demokratisch ist, toll:<br />
Jeder kann anziehen, was er will. Ich bin<br />
in Bulgarien aufgewachsen, und dort sahen<br />
die Leute alle gleich aus, Mode existierte<br />
nicht. Das sozialistische Regime legte keinen<br />
Wert auf die individuelle Entfaltung<br />
des Einzelnen.<br />
Erst Mitte der achtziger Jahre kamen<br />
über Schmuggelwege erste Mode-Magazine<br />
ins Land, und unterm Ladentisch<br />
wurde auch mit spezielleren Stoffen gehandelt.<br />
Meine Tante hatte eine Freundin<br />
in einem Textilgeschäft und nähte, für<br />
die damaligen Verhältnisse, ziemlich verrückte<br />
Sachen. Sie hat mir einmal eine<br />
Bermuda-Shorts und ein Hawaii-Hemd<br />
aus einem mit Palmen bedruckten Stoff<br />
genäht: Ich wurde auf dem Schulhof ausgelacht,<br />
und meine Klassenlehrerin sagte<br />
mir, dass so etwas nicht gehen würde. Die<br />
Provokation gefiel mir, gerade weil es so<br />
einfach war.<br />
Aufgezeichnet von Tim Berge<br />
Stets gefeiert auf der Berliner Fashionweek:<br />
Vladimir Karaleev wurde 1981 in Sofia<br />
geboren und zog im Jahr 2000 nach Berlin,<br />
wo er Mode studierte. 2006 gründete er sein<br />
eigenes Label und entwickelte sich seitdem<br />
vom Geheimtipp zu einem der erfolgreichsten<br />
Nachwuchsdesigner in Deutschland<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 101
| S t i l | b e l l a F i g u r a i n R o m<br />
Oh, Diese SüSSe Leere<br />
Der neue Film von Paolo Sorrentino ist eine Hommage an Rom, feiert den<br />
Hedonismus und zeigt einen Mann, der auf sein Leben zurückblickt. Schön<br />
ist „La Grande Bellezza“ nicht zuletzt dank der Mode seines Hauptdarstellers<br />
von anne waak<br />
Kann denn kein Weib<br />
ihn mehr locken?<br />
Toni Servillo als<br />
Jep Gambardella<br />
102 <strong>Cicero</strong> 8.2013
8.2013 <strong>Cicero</strong> 103
| S t i l | b e l l a F i g u r a i n R o m<br />
Selbst in der<br />
Hängematte<br />
tadellos gekleidet:<br />
Jep Gambardella,<br />
ganz entspannt<br />
Das Leben ist ein<br />
Tanz, und „La<br />
Grande Bellezza“<br />
ist ein tänzerischer<br />
Sommerfilm<br />
Der alternde Mann<br />
und das Nichts:<br />
Hinter der auffälligen<br />
Erscheinung verbirgt<br />
sich Desillusion<br />
Fotos: DCM (Seiten 102 bis 105)<br />
104 <strong>Cicero</strong> 8.2013
Alles hier zeigt Sprezzatura –<br />
jene formvollendete Lässigkeit,<br />
die gekonnt und routiniert die<br />
Anstrengung verbirgt, mit der<br />
sie doch zustande kam<br />
Rom, schöne Stadt:<br />
Die Anzüge im<br />
Film stammen vom<br />
traditionsreichen<br />
Herrenschneider<br />
Cesare Attolini<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 105
| S t i l | b e l l a f i g u r a i n R o m<br />
Auch mit<br />
Heiner-Müller-<br />
Brille sind die<br />
Parallelen zu<br />
Federico Fellinis<br />
„La Dolce Vita“<br />
unübersehbar<br />
106 <strong>Cicero</strong> 8.2013
E<br />
s beginnt mit einem Tanz: eine Dachterrasse im sommerlichen<br />
Rom, Frauen und Männer, die zu den Klängen<br />
des Sommerhits „Far L’Amore“ Balzrituale vollführen.<br />
Mittendrin im Lärm, als Zentrum des Geschehens:<br />
Jep Gambardella. Den Blick irgendwo zwischen belustigt<br />
und abgeklärt, stets eine Zigarette in der Hand, der nachtblaue<br />
Anzug sitzt perfekt. Ein Bild von einem Mann.<br />
Es ist die Feier zu seinem 65. Geburtstag. Er ist ein erfolgreicher<br />
Journalist, entspannt bis zur Faulheit, souverän bis an die<br />
Grenze der Gemeinheit. Einmal sagt er: „Du sollst nichts ernst<br />
nehmen – außer der Speisekarte.“ Die Frauen lieben ihn, er gilt<br />
als unumschränkter König der mondänen Welt. Wenn da nicht<br />
auf einmal dieser Ennui wäre; die Ahnung, dass irgendetwas<br />
nicht stimmt mit diesem Leben.<br />
„Wir haben versucht, eine bestimmte Frivolität und Oberflächlichkeit<br />
darzustellen, wie sie typisch ist für Rom, wenn nicht<br />
für ganz Italien“, sagt Daniela Ciancio. Zusammen mit Toni Servillo,<br />
dem unwiderstehlichen Hauptdarsteller von „La Grande<br />
Bellezza“, entwarf sie das Kostümbild dieses schwelgerischen,<br />
durch und durch tänzerisch komponierten Filmes. Die kokainbefeuerte<br />
Feierwelt Gambardellas wird von der Heiligkeit der<br />
Ewigen Stadt kontrastiert. Die bescheidenen Habits der Nonnen<br />
heben sich scharf von Jeps Maßanzügen ab. Allein wegen<br />
ihnen wäre „La Grande Bellezza“ sehenswert.<br />
Sie stammen aus der 1930 gegründeten neapolitanischen<br />
Herrenschneiderei Cesare Attolini. In jeder Szene führt Jep ein<br />
anderes Outfit vor, die Farbpalette reicht von Leinenweiß über<br />
Sommerhimmelblau und Kanariengelb bis hin zu Rostrot und<br />
Kobaltblau. Dazu immer das passende Einstecktuch. Das Hemd<br />
trägt er meist bis zum Brustbein geöffnet, eine Krawatte nur<br />
in Situationen höchsten Ernstes, auf Hochzeiten, Geburtstagen,<br />
Trauerfeiern. Und Trauerfeiern wird es hier einige geben. So<br />
leer Jep sein eigenes Dasein auch erscheinen mag, sein Äußeres<br />
ist stets makellos. Tränen trocknet er mit einem schwarzen<br />
Stofftaschentuch.<br />
Das Italienische kennt den schwer übersetzbaren Begriff<br />
der Sprezzatura, geprägt hat ihn um 1500 der Diplomat und<br />
Schriftsteller Baldassare Castiglione. Dem formvollendeten Höfling<br />
empfahl er, stets „eine gewisse Art von Lässigkeit anzuwenden,<br />
die die Kunst verbirgt und bezeigt, dass das, was man tut<br />
oder sagt, anscheinend mühelos und fast ohne Nachdenken zustande<br />
gekommen ist“. Später wurde diese absichtsvolle Nachlässigkeit<br />
– und hier kommt unser trauriger Filmheld ins Spiel –<br />
auch als eine Art defensive Ironie beschrieben, die verschleiert,<br />
welche wahren Gefühle sich hinter der Maske aus Reserviertheit<br />
und Nonchalance verbergen. „Jep ist ein gewitzter und begehrter<br />
Mann“, so Daniela Ciancio. „Hinter der auffälligen Erscheinung<br />
verbirgt er seine Desillusion.“<br />
Jeps Sprezzatura zeigt sich auch darin, dass man ihn niemals<br />
beim Anziehen, vor dem Kleiderschrank oder im Atelier des<br />
Herrenschneiders sieht. Die Bemühungen um seine Erscheinung<br />
werden nur sichtbar, wenn er seine Anzugrüstung einmal ablegt.<br />
Und siehe: Der König trägt einen Bauch-weg-Gürtel. Das Bild<br />
von einem Mann hat Risse.<br />
Foto: DCM<br />
Anne Waak<br />
schreibt am liebsten über Mode und Pop und lebt in Berlin<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 107
| S t i l | K ü c h e n k a b i n e t t<br />
Eis für Oldies<br />
Kindliche Rituale halten jung:<br />
Neue Geschmackssorten wie<br />
Chilimango oder Grüntee-Kokos<br />
richten sich an ältere Konsumenten<br />
Von Julius Grützke und Thomas Platt<br />
D<br />
ER KLIMAWANDEL KENNT nicht nur Verlierer. Es ist eine<br />
Binsenweisheit, dass manch einer auch Vorteile aus einem<br />
Temperaturanstieg ziehen könnte. Zum Beispiel die<br />
Eishersteller profitieren durchaus von langen, heißen Sommern.<br />
Selbst wer den Ergebnissen der Klimaforschung und ihren Voraussagen<br />
mit Skepsis begegnet, wird konzedieren müssen, dass<br />
sich das Angebot an Verkaufsstellen und Eisdielen erheblich verbreitert<br />
hat – auch in traditionell sonnenarmen norddeutschen<br />
Gefilden. Das hat erfreuliche Konsequenzen. Die schärfere Konkurrenz<br />
unter den Gelatiers hat bereits die Zahl der angebotenen<br />
Geschmacksrichtungen beträchtlich erhöht. Wo früher der Grundakkord<br />
von Fürst Pückler aus Vanille, Schokolade und Erdbeere die<br />
Musik machte, spielt man heute auf einer Klaviatur von Aromen<br />
und Kombinationen. Täglich kommen neue Kreationen wie Salzkaramell,<br />
Chilimango oder Erdbeer-Balsamico dazu.<br />
Doch allein aus einem Umschwung des Wetters oder seiner<br />
Erwartung lässt sich die neue Vielfalt nicht erklären. Speiseeis ist<br />
nicht umsonst bislang zuvörderst eine Leckerei für Kinder gewesen,<br />
die sich an den überdeutlichen Aromen erfreuen und die Überwindung<br />
des thermischen Gefälles im eigenen Mund als spielerische<br />
Erfahrung erleben. Erwachsene hingegen sahen bislang eher<br />
die Nachteile dieser schnell schmelzenden und kleckernden Süßigkeit<br />
und versagten sich einen Genuss, den man sich höchstens<br />
als Kindheitserinnerung erlaubte. Aber das hat sich gründlich geändert.<br />
Die neue Variationsbreite des Angebots richtet sich deutlich<br />
an ältere Konsumenten. Dass ein Knirps seine Eltern um Geld<br />
für ein Grüntee-Kokos-Eis anbettelt, erscheint unwahrscheinlich.<br />
Tatsächlich ist es vielmehr die Generation der Väter und Mütter,<br />
wenn nicht sogar der Großeltern, die solche Innovationen begeistert<br />
aufnimmt. Das Alter scheint kein Hinderungsgrund mehr zu<br />
sein, Jugendliches zu genießen – diese Entwicklung ist ein Zeichen<br />
eines größeren gesellschaftlichen Trends. Während das deutsche<br />
Volk rapide altert und Sorgen um seine Zukunftsfähigkeit weckt,<br />
gerieren sich seine angejahrten Bürger immer jugendlicher und<br />
verwandeln den Herbst ihres Lebens in einen ständigen Sommer,<br />
in dem das Speiseeis nicht nur kulinarische Kühlung verspricht,<br />
sondern auch quasi als Jungbrunnen zum Schlecken der Vergreisung<br />
Einhalt gebieten soll.<br />
Auch die feine Küche folgt diesem Trend und entwickelt einen<br />
Hang zum Gefrorenen, das nicht mehr bloß zur Betäubung<br />
und Reinigung dient wie das saure Sorbet, das in der traditionellen<br />
Haute Cuisine vor dem Fleischgang gereicht wurde. Das Eis<br />
wird heutzutage vielmehr zum Bestandteil der Kompositionen<br />
auf dem Teller und ergänzt das Spiel der Texturen durch das der<br />
Temperatur. Ein gefrorenes Parfait von der Stopfleber kontrastiert<br />
dann etwa mit einer Crème Brûlée aus dem gleichen Stoff und einem<br />
„Espuma“, einer Schaumgeburt aus der Innerei. Natürlich<br />
verdankt sich dieser Variantenreichtum ganz maßgeblich den technischen<br />
Möglichkeiten des neuzeitlichen Küchenequipments, im<br />
Fall des Eises vor allem der Frostfräse Pacojet, mit der selbst aus<br />
den herzhaftesten Zutaten eine eisige Version zubereitet werden<br />
kann. So kommt es zu Kreationen wie Wasabisorbet, Wildkräutercassata<br />
oder halbgefrorener Sauce Hollandaise, die den Zahnschmelz<br />
auf die Probe stellen und den mit dem Dessert beschäftigten<br />
Patissiers Konkurrenz machen.<br />
Die Verbreitung des Gefrorenen in alle Essensbereiche emanzipiert<br />
es auch von der Sommerhitze. Das Eis wird als ein Aggregatzustand<br />
im kulinarischen Kanon wahrgenommen, für den die<br />
Außentemperaturen keine Rolle spielen. Damit ähnelt diese neue<br />
Eiszeit auf dem Teller dem Diskurs um die globale Erwärmung –<br />
auch dort verliert die Wetterlage an Aussagekraft: Selbst ein verhagelter<br />
Sommer vermag es nicht, die Klimaprognosen abzukühlen.<br />
Sie werden nur noch hitziger. Vielleicht wird auch deshalb<br />
mehr Eis gegessen.<br />
Julius Grützke und Thomas Platt<br />
sind Autoren und Gastronomiekritiker.<br />
Beide leben in Berlin<br />
illustration: Thomas Kuhlenbeck/Jutta Fricke Illustrators; Foto: Antje Berghäuser<br />
108 <strong>Cicero</strong> 8.2013
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Hin zur natur<br />
Der Philosoph Wolfgang Welsch fordert eine Revolution des westlichen Denkens<br />
von michael Stallknecht<br />
S<br />
eine Mitarbeiter und Studenten<br />
kannten es schon. „Ich bin dann<br />
mal in meinem anderen Büro“,<br />
pflegte Wolfgang Welsch zu sagen, wenn<br />
er zu einem Spaziergang am Pazifik aufbrach.<br />
Im Jahr 2000 war das, er lehrte als<br />
Gastprofessor an der legendären Stanford<br />
University. Und als er eines Tages einmal<br />
wieder am Strand spazieren ging, da hatte<br />
er, wie er sagt, „ein regelrecht mystisches<br />
Erlebnis“. In Zukunft wusste er, warum er<br />
recht hatte mit seiner Rebellion gegen die<br />
universitäre deutsche Philosophie.<br />
Welsch, der gebürtige Franke aus<br />
Kulmbach, galt lange Jahre als <strong>Deutschlands</strong><br />
einziger Vertreter der Postmoderne<br />
von Weltrang. Sein Standardwerk „Unsere<br />
postmoderne Moderne“ hat mittlerweile<br />
die siebte Auflage erreicht. Ob es<br />
„Homo mundanus – Jenseits der anthropischen<br />
Denkform der Moderne“ auch so<br />
weit bringen wird? Im vergangenen Jahr ist<br />
der heute 66-jährige Welsch von der Universität<br />
Jena emeritiert worden, das eintausend<br />
Seiten dicke Buch begreift er als Abschluss<br />
seines Lebenswerks. Und damit als<br />
Ausdeutung dessen, was er damals am pazifischen<br />
Strand erlebte: „Wir sind alle Verwandte:<br />
die Wolken, das Wasser, die Kieselsteine,<br />
die Robben, die Bäume.“<br />
Das mag banal klingen, wenn nicht gar<br />
esoterisch. Unter philosophischen Vorzeichen<br />
aber ist es nicht weniger als das exakte<br />
Gegenteil zum Selbstverständnis der<br />
gesamten Moderne, wonach der Mensch<br />
und immer nur der Mensch sich selbst<br />
seine Welt mache. Das „anthropische Prinzip“<br />
nennt es Welsch, „die Vorstellung, dass<br />
alles vom Menschen her zu verstehen, zu<br />
begreifen und einzurichten ist“.<br />
Folgt man ein wenig der großen Erzählung,<br />
die „Homo mundanus“ mit enzyklopädischem<br />
Atem anbietet, dann steht am<br />
Anfang der Moderne eine Verlusterfahrung.<br />
In der Renaissance lernt der abendländische<br />
Mensch, dass die Erde sich um die<br />
Sonne dreht – das heißt aber auch: dass die<br />
Welt nicht so ist, wie sie ihm naiverweise<br />
scheint. Von nun an kann sich der Mensch<br />
auf seine Sinne nicht mehr verlassen. Er<br />
kann die Welt nicht verstehen, ist fremd<br />
in ihr. Als die berühmte Subjekt-Objekt-<br />
Spaltung bleibt dieser Sprung prägend für<br />
die gesamte Neuzeit. Kant erklärte, warum<br />
wir vom „Ding an sich“ nichts wissen können<br />
und stürzte so Heinrich von Kleist in<br />
eine fundamentale Lebenskrise. Für Schopenhauer<br />
wiederum war die Welt programmatisch<br />
nur „Wille und Vorstellung“. Traurige<br />
Auskünfte.<br />
Der Mensch kompensiert diese Kränkung,<br />
indem er sich selbst aufwertet. Mit<br />
der Renaissance beginnt er zu glauben, dass<br />
er allein es sei, der die Welt schaffe, indem<br />
er sie denke. „Unsere ganze Würde besteht<br />
im Denken“, sagt Blaise Pascal. Nur der<br />
Mensch ist demnach Geist, die Welt aber<br />
Natur. So von allem losgelöst zu sein, begreift<br />
der Mensch als bedingungslose Freiheit,<br />
sich selbst zu entwerfen und seine Welt<br />
gleich dazu. Die wichtigsten Strömungen<br />
der Gegenwartsphilosophie sind sich heute<br />
einig, dass die Sprache nur Diskurse herstellt,<br />
statt die Welt zu beschreiben. „Unser<br />
Erfahrungs- und Erkenntnisgeschäft ist ein<br />
Spiel bei geschlossenen Türen“, sagt Welsch<br />
und wirft der universitären Philosophie<br />
Leerlauf und Selbstgerechtigkeit vor. Er<br />
ist überzeugt: Eine Philosophie, die nicht<br />
mehr nach Wahrheit oder auch nur nach<br />
Sachrichtigkeit fragt, ergeht sich in Scheingefechten.<br />
Sie dient nur der Vermehrung<br />
ihrer Forschungsanträge.<br />
Deshalb zieht es Welsch immer öfter<br />
weg. An die kalifornische Küste oder hin<br />
zu Musik und Bildender Kunst, mit denen<br />
er sich leidenschaftlich beschäftigt. Oder<br />
er lehrt in Japan, wo er viel gelesen wird.<br />
Den asiatischen Weisheitskulturen, erklärt<br />
Welsch, sei die westliche Opposition zwischen<br />
Mensch und Welt fremd. Wenn in<br />
Japan ein Haus gebaut werde, dann geht<br />
der Architekt von der Natur aus. In Europa<br />
dagegen schneide man die Natur auf die<br />
menschlichen Bedürfnisse zu und zerstöre<br />
sie damit. Man denke nur, fährt Welsch<br />
fort, an Le Corbusier, der ganz Paris niederreißen<br />
wollte, um es in geometrischen Formen<br />
neu aufzubauen. Überall schnappt die<br />
anthropische Falle zu. Die Finanzkrise etwa<br />
beschreibt Welsch als Resultat des Versuchs,<br />
sich eine Welt rein nach Zahlen zu konstruieren.<br />
„Die westliche Rationalität muss<br />
vernünftiger werden“, ist er überzeugt. In<br />
Japan fügt er dann immer hinzu, dass man<br />
gegen sie nur mit rationalen Argumenten<br />
ankomme.<br />
Eben so, wie er selbst sein Pazifikerlebnis<br />
rationalisiert hat. Denn wenn die<br />
Wolken, das Wasser, die Kieselsteine, die<br />
Robben, die Bäume so gut zusammenpassen,<br />
überlegte Welsch, müsste das mit ihrer<br />
gemeinsamen evolutionären Geschichte<br />
zu tun haben. Ein Vogel fliegt nicht gegen<br />
einen Baumstumpf, eine Biene findet ihre<br />
Blüte. Beide erkennen die Welt richtig. Warum<br />
sollte es beim Menschen anders sein?<br />
Aus den USA zurückgekehrt, begann<br />
Welsch stapelweise naturwissenschaftliche<br />
Forschungsliteratur zu lesen. Je mehr er las,<br />
desto mehr sah er sich bestätigt. Der Geist<br />
selbst ist Natur, ist nicht deren Gegenteil.<br />
Deshalb kann der Geist die Natur erkennen.<br />
Wenn er Wolken und Wasser schön<br />
findet, dann deshalb, weil er in ihnen das<br />
Prinzip wiedererkennt, nach dem auch er<br />
gebaut ist. Der eigenen Zunft bringt ein<br />
solches wildes Denken Welsch nicht näher:<br />
„Manche der heutigen Kollegen möchten<br />
einfach nicht zur Kenntnis nehmen, was<br />
man in den Naturwissenschaften weiß.“ Sie<br />
hätten Angst um ihr Deutungspotenzial.<br />
Vielleicht ist es 500 Jahre nach der Renaissance<br />
ja einfach einmal wieder Zeit für<br />
eine Revolution des Denkens.<br />
Michael Stallknecht<br />
ist Kulturwissenschaftler,<br />
Journalist und war noch nie in<br />
Japan<br />
Fotos: Anne Schönharting/Ostkreuz für <strong>Cicero</strong>, Privat (Autor)<br />
110 <strong>Cicero</strong> 8.2013
Wolfgang Welsch geht mit<br />
der Universitätsphilosophie<br />
hart ins Gericht<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 111
| S a l o n<br />
mit scharfem skalpell<br />
Anna Prohaska, die nun bei den Salzburger Festspielen singen wird, schöpft Schönheit aus der Verwirrung<br />
von eva gesine Baur<br />
M<br />
an muss bezaubern, wenn man<br />
etwas Wesentliches bekommen<br />
will: Das hat Franz Kafka gesagt,<br />
der die Sprache so lange beschwor, bis sie<br />
ihm ihr Innerstes preisgab. Jeder professionelle<br />
Magier weiß, dass Bezaubern ein<br />
mühsames Geschäft ist.<br />
Anna Prohaska weiß das auch, hat aber<br />
früh entdeckt, mit welchem Instrument es<br />
ihr gelingt. „Ich glaube, ich habe gesungen,<br />
bevor ich gesprochen habe“, sagt sie.<br />
Das lag in den Genen und in der Luft. Sie<br />
ist Tochter einer Opernsängerin und eines<br />
Opernregisseurs, Enkelin des Dirigenten<br />
Fritz Prohaska, Urenkelin des Komponisten<br />
Karl Prohaska und verbrachte fünf Wiener<br />
Kinderjahre in jenem Haus nahe dem<br />
Schönbrunner Schlosspark, in dem Johann<br />
Strauss „Die Fledermaus“ schrieb, Brahms<br />
gastierte, später Berg oder Webern.<br />
„Sirène“ hieß die erste Einspielung von<br />
Anna Prohaska vor zwei Jahren. Ihr sind<br />
die homerischen Kolleginnen durchaus<br />
vertraut, deren Gesang so unwiderstehlich<br />
war, dass Odysseus sich an den Schiffsmast<br />
fesseln ließ, um ihnen nicht zu verfallen.<br />
„Enchanted Forest“ ist das neue Album der<br />
30-jährigen Sopranistin betitelt, mit Arien<br />
von Vivaldi, Cavalli, Monteverdi. „Dass enchant<br />
oder französisch enchanter wörtlich<br />
besingen heißt, ist wunderbar.“ Es ist jedoch<br />
kein Wunder, es ist Knochenarbeit, die den<br />
vokalen Zauber dann wirksam macht.<br />
Als Teenager führte ihr Lehrer Eberhard<br />
Kloke sie bei Hauskonzerten den Kennern<br />
vor. In hellstem Licht, aus nächster Nähe<br />
wurde sie begutachtet. „Die haben mir in<br />
den Hals geblickt“, sagt sie und erschaudert<br />
lächelnd. Wer bezaubern will, darf eben<br />
nicht zimperlich sein, muss alle Mittel anwenden,<br />
erst recht, wenn es darum geht,<br />
die stärkste Macht zu bezwingen: den Tod.<br />
Als Innana, babylonische Urgöttin der<br />
Liebe und Fruchtbarkeit, trat Anna Prohaska<br />
im vergangenen Jahr bei der Uraufführung<br />
von Jörg Widmanns Oper „Babylon“<br />
in München auf. Sie musste ihren<br />
Geliebten Tammu aus der Unterwelt befreien.<br />
Der Komponist hörte auf das, was<br />
sein Star ihm sagte: „Ich kann nicht nur<br />
diese Koloraturen hoch droben im ewigen<br />
Eis. Ich kann auch ein ganz tiefes Lamento,<br />
kann pfeifen und jodeln.“ Widmann<br />
brachte das ein, wurde allerdings<br />
erst fünf Tage vor der Uraufführung mit<br />
der Szene fertig.<br />
Und der Gang, die endlos lange Treppe<br />
aus dem Totenreich hinauf ins Lebenslicht,<br />
den Innana-Anna mit dieser Arie beenden<br />
musste, war eine Zitterpartie, die sie nur<br />
einmal proben konnte. „Ich hatte Angst.<br />
Ich wurde an meine äußersten Grenzen geführt.<br />
Und das war gut so“, erklärt sie. Nur<br />
dann gelangt sie an das Wesentliche. Das<br />
Publikum will sie in solchen Momenten<br />
nicht allzu genau sehen. Deshalb lässt sie<br />
ihre Kontaktlinsen zu Hause.<br />
Die eigenen Krisen zerlegt sie mit<br />
scharfem Skalpell. Als ihr bei einem Konzertabend<br />
eine Kadenz nicht gelang wie gewollt,<br />
habe sie sich hinter der Bühne „zermartert“,<br />
gesteht sie. Am liebsten wäre<br />
sie nicht mehr hinausgegangen. Da sitzt<br />
sie, Glasperlenschmuck um die schmalen<br />
Handgelenke, Stiefeletten mit ziegelroten<br />
Aufschlägen an den Füßen, faltenlose Heiterkeit<br />
in dem blassen Gesicht mit der Kinderstirn,<br />
und berichtet gut gelaunt von ihrem<br />
Krisenmanagement: „Ich habe mich<br />
an den katholischen Katechismus meiner<br />
Mutter erinnert. Daran, dass die Verzweiflung<br />
nur die andere Seite der Eitelkeit ist.<br />
Und dass ich es der Musik und dem Publikum<br />
schulde, sie zu überwinden.“<br />
Anna Prohaska klappert, wo immer es<br />
sie hintreibt, Museen, Kirchen und Klöster<br />
ab, bricht im Dom von San Gimignano<br />
vor den mittelalterlichen Fresken in Tränen<br />
aus, aber für den Film zu „Enchanted Forest“<br />
drehte Regisseur Andreas Morell eine<br />
Szene mit ihr zu Monteverdis Klängen in<br />
einer Berliner Nervenheilanstalt und zu Vivaldi<br />
an einer Bahnstation am Berliner Alexanderplatz.<br />
Wie Anna es wünschte.<br />
Vielleicht sei sie das Produkt einer Kollision,<br />
meint sie. Vater aus Wiener Großbürgerfamilie,<br />
der mit Kultur aufgepäppelt<br />
wurde, Mutter aus nordenglisch-irischer<br />
Arbeiterfamilie, die ihre Karriere in Clubs<br />
begann und für John Lennon genauso<br />
schwärmte wie für Händel. Ein Zusammenstoß,<br />
der heute Funken schlägt: Anna<br />
Prohaska findet Pergolesis „Stabat Mater“<br />
„einfach geil“ und jeden, der Kirchenmusik<br />
unerotisch nennt, „völlig falsch indoktriniert“.<br />
Dem Dirigenten Nikolaus Harnoncourt<br />
pflichtet sie leidenschaftlich bei,<br />
wenn er ihr erklärt, sie müsse Bachs Koloraturen<br />
singen wie Frank Sinatra, „textdeutlich,<br />
aber lässig hingeschmissen“.<br />
Die Gothic-Aufmachung der Teenagerzeit,<br />
als sie mit Freunden auf Friedhöfen<br />
picknickte, hat sie längst abgelegt. Die Leidenschaft<br />
fürs Nächtliche, Abseitige, Jenseitige<br />
nicht. Ihr nächstes Programm wird<br />
darum kreisen, mit Franz Schuberts Liedern<br />
vom Totengräber im Zentrum. In einem<br />
besingt der sein Heimweh nach dem<br />
Tod und jubelt den Toten am Ende beseligt<br />
zu: Ich komme. Sie singt es vor, mit<br />
leuchtenden Augen.<br />
Gut, dass Anna Prohaska oft mit Dirigenten<br />
zu tun hat, die ihre Emphase teilen.<br />
Bei den Salzburger Festspielen wird sie<br />
nun in der Peterskirche die Sopransoli in<br />
Mozarts großer c-Moll-Messe singen unter<br />
Gustavo Dudamel, kaum älter als sie. „Der<br />
kann richtig abgehen bei einem einzigen<br />
Takt.“ Und er wird gewiss abgehen, wenn<br />
Annas Stimme mit dem Incarnatus erklingt.<br />
„Man kann auch ohne jede Spiritualität perfekt<br />
singen. Aber ich glaube, dann wird es<br />
sehr übersichtlich.“ Die Basis der Bezauberung<br />
ist nun einmal die Verwirrung.<br />
eva gesine baur<br />
ist Kulturhistorikerin und<br />
Autorin. Zuletzt erschien unter<br />
dem Namen Lea Singer ihr<br />
Roman „Verdis letzte Versuchung“<br />
Fotos: Patrick Walter/Deutsche Grammophon, Privat (Autorin)<br />
112 <strong>Cicero</strong> 8.2013
Die<br />
Sopranistin<br />
Anna Prohaska<br />
stammt aus<br />
denkbar<br />
musikalischem<br />
Haus<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 113
| S a l o n<br />
Glück ist Gefährlich<br />
Horace Engdahl, langjähriger Verkünder des Literaturnobelpreises, hat sich zum Schriftsteller verpuppt<br />
von ulrich schacht<br />
A<br />
m 25. Dezember 1797 berichtet<br />
der 25-jährige Friedrich von<br />
Hardenberg, genannt Novalis,<br />
seinem Freund August Wilhelm Schlegel<br />
in einem Brief von einer Begegnung mit<br />
dem Philosophen Schelling, deren intellektuelle<br />
Unterhaltsamkeit eindrucksvoll<br />
gewesen sein muss. Denn Novalis hebt<br />
nicht nur das freundschaftliche Moment<br />
der Stunde hervor, sondern steigert die<br />
spezielle Gesprächsatmosphäre mit einem<br />
Neologismus, einer Neuschöpfung Friedrich<br />
Schlegels, des Bruders des Adressaten,<br />
ins geradezu Genussvolle hinein: „Wir haben“,<br />
schreibt Novalis, „einige köstliche<br />
Stunden symphilosophiert.“<br />
Am 11. Juni 2013 fährt gegen Mittag<br />
ein schwarzes Taxi auf den von Sonnenlicht<br />
überfluteten und von Touristen<br />
überlaufenen „Stortorget“ – den „Großen<br />
Platz“ im Herzen der Altstadt von Stockholm,<br />
auf dem sich auch die Hauptfront<br />
der legendären, 1786 von Gustav III. unter<br />
dem Motto „Genie und Geschmack“ gegründeten<br />
Svenska Akademien erhebt, die<br />
sich bis heute nicht nur als „Wächter“ der<br />
schwedischen Sprache versteht, sondern<br />
seit 1901 auch in souveräner Intransigenz<br />
nichts Geringeres vergibt als die in aller<br />
Welt begehrten Nobelpreise. Der Mann,<br />
der aus dem Taxi steigt, hat die Tür des<br />
Wagens noch nicht ganz zugeschlagen, als<br />
ihm ein anderer Mann im gleichen Alter,<br />
aber von größerer Gestalt, aus einem Café<br />
am Rande des Platzes entgegeneilt, ihn lebhaft<br />
begrüßt, auf ihn einredet, um dann<br />
schnellen Schrittes mit ihm in einer der<br />
vielen Gassen, die in den Platz münden,<br />
zu verschwinden.<br />
Wer den beiden folgt, sieht sie bald darauf<br />
ein Café betreten, vor dem ein riesiger<br />
Laubbaum Schatten spendet. „Under<br />
Kastanjen“ heißt es, und dann dauert es<br />
„Von den Utopien bleiben nur<br />
die Tränen der Menschen“<br />
Horace Engdahl<br />
geschlagene vier Stunden, bis die beiden<br />
Männer es wieder verlassen und durch das<br />
barocke und klassizistische Gassenlabyrinth<br />
nahe der „Tyska Kyrkan“, der Deutschen<br />
Kirche, in Richtung „Skeppsbron“<br />
davongehen, einer breiten Uferstraße, von<br />
der aus man nach Osten blickt, wo sich<br />
ein paar Seemeilen weiter die bezaubernde<br />
Schärenwelt vor Stockholm ausbreitet.<br />
Was aber haben die beiden Männer, ein<br />
Schwede und ein Deutscher, im Café „Unter<br />
der Kastanie“ eigentlich so lange miteinander<br />
besprochen – mit Händen und<br />
Füßen, hätte ein Beobachter berichten<br />
können, auch herzhaftes Lachen sei zu hören<br />
gewesen, nur unterbrochen vom Nachholen<br />
frischen Kaffees? Nun, ich kann es<br />
verraten, denn ich war dabei: Horace Engdahl<br />
– als Ständiger Sekretär der Schwedischen<br />
Akademie zwischen 1999 und 2009<br />
ein weltbekanntes Gesicht, das jeweils Anfang<br />
Oktober den Namen des neuesten Literaturnobelpreisträgers<br />
verkündete – und<br />
ich, wir haben an diesem Tag, an dem wir<br />
uns erstmals begegneten, nichts anderes<br />
getan als „köstlich symphilosophiert“ miteinander<br />
– über Gott und die Welt, die<br />
Zeit und den Zeitgeist, über Novalis, Hegel,<br />
Marx, über die Schrecken der Utopien<br />
von einst, den totalen Kapitalismus<br />
von heute und den medialen Totalitarismus<br />
von morgen.<br />
Darüber, was an der Aufklärung dialektisch,<br />
also gefährlich ist, aber auch, was<br />
von ihr bleibt. Oder warum es sinnvoll<br />
sein kann, sich gelegentlich als „Reaktionär“<br />
zu bekennen – es also selber zu tun,<br />
bevor es anderen einfällt. Auch über Kleists<br />
verstörende Stücke sprachen wir und ihre<br />
mögliche Bedeutung für die harmoniesüchtige<br />
Gesellschaft im Königreich, würden<br />
sie denn hier aufgeführt. Über Berlin<br />
schließlich und Schweden als Rückzugsprovinzen,<br />
über den Wert von Distanzen<br />
zur jeweiligen Heimat und das, was vom<br />
Geist der Vorfahren zu bewahren, ja zu verteidigen<br />
wäre. Engdahl, promovierter Literaturwissenschaftler<br />
mit einer Professur im<br />
dänischen Aarhus und vor seiner Berufung<br />
in die Akademie als Kulturredakteur bei<br />
Dagens Nyheter tätig, wohnte nach 2009<br />
zwei Jahre wegen einer Gastprofessur seiner<br />
Frau Ebba in Berlin, wo sein jüngstes<br />
Buch, „Die Zigarette danach“, in zahllosen<br />
Caféhaus-Stunden entstand.<br />
Wir haben uns mithin vor allem über<br />
jene Bücher des Horace Engdahl unterhalten,<br />
die es auch auf Deutsch gibt: „Meteore“<br />
von 2007 und das neue „Die Zigarette danach“,<br />
erschienen im Verlag Kleinheinrichs,<br />
einem Spezialisten für gehobene skandinavische<br />
Literatur. Beide versammeln sie<br />
scharfe Reflexionen, melancholische Kommentare,<br />
ironische Seitenhiebe auf den<br />
Tod und die Sterne, auf Ruhm, Niederlagen,<br />
Feindschaft und Freundschaft, Politik,<br />
Philosophie, Erotik, Musik, Literatur und<br />
ihre Kritik. Und all dies flackernde, blitzende<br />
oder ruhige, verharrende Nach- und<br />
Foto: Pär Bäckstrand für <strong>Cicero</strong><br />
114 <strong>Cicero</strong> 8.2013
In Berlin schrieb Engdahl<br />
„Die Zigarette danach“. In<br />
Stockholm eckt er gerne an<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 115
| S a l o n<br />
„Das Wesen der Sprache<br />
ist Diskriminierung“<br />
Horace Engdahl<br />
Bedenken des Eigenen wie Fremden in<br />
auffallend natürlicher Korrespondenz mit<br />
Geistern von Platon über Goethe bis Bergson,<br />
Blanchot, Cioran, Ekelöf – einem illustren<br />
Gesprächskreis durch alle Zeitmauern<br />
hindurch.<br />
Persönliches aus Kindheit und Jugend,<br />
Selbstkritisches, Trotziges, ja, Elitäres, ohne<br />
je hochmütig zu werden, finden sich eher<br />
im neuen Band; „Meteore“ dagegen bietet<br />
oft geradezu kristallin Verdichtetes, hinter<br />
dem der Autor sich aufzulösen scheint. Es<br />
sind also weder geschwätzige Tagebücher<br />
à la Thomas Mann noch Varianten auf die<br />
egomanischen „Blaubücher“ Strindbergs.<br />
„Es sind“, sagt Engdahl – der polyglotte<br />
Literaturwissenschaftler und Spezialist für<br />
deutsche Romantik, der Kleist übersetzt<br />
hat, Novalis und Hegel, aber auch aus dem<br />
Russischen, das er in der Armeeausbildung<br />
zum Verhörspezialisten erlernte –, „es sind<br />
Fragmente.“ Natürlich weiß er, dass er damit<br />
nicht nur das Anti-Systemische daran<br />
unterstreicht, sondern sich einreiht in eine<br />
Text-Tradition, die mit Schlegels oder Novalis’<br />
Fragmenten Literatur der haltbareren<br />
Sorte hinterlassen hat.<br />
Was an diesen Büchern vor allem besticht,<br />
ist eine intellektuelle Risikobereitschaft,<br />
die in der auf Konsens getrimmten<br />
Gesellschaft Schwedens selten ist. Aber<br />
auch im restlichen Europa wird es sich ein<br />
Intellektueller inzwischen dreimal überlegen,<br />
„Reaktionäre Betrachtungen“ so offen<br />
auszubreiten, wie Engdahl es sich vor<br />
einigen Jahren in einer Serie der Tageszeitung<br />
Dagens Nyheter erlaubt hat, der man<br />
nun in „Die Zigarette danach“ wiederbegegnen<br />
kann. Darin greift er nicht nur die<br />
juvenile Blog-Pathologie des Internets an:<br />
„Mithilfe des hemmungslosen Sprachflusses<br />
kehrt man ins Herdenstadium zurück.“<br />
Auch den Gender-Ideologen attestiert er<br />
das Absurdum, dass sie als „Feinde der Heterosexualität<br />
die zweigeschlechtliche Paarung“<br />
nur deshalb als „Ausbund von Indoktrinierung“<br />
hinstellten, weil „der Mann“<br />
aus ihrer Perspektive „nicht mehr notwendig<br />
sein darf“.<br />
Solche Positionierung hat etwas mit<br />
der Überzeugung zu tun: „Eine gute Biografie<br />
benötigt den Geschmack einer polizeilichen<br />
Anzeige.“ Aber das sollte nicht<br />
verwechselt werden mit der profitlichen<br />
Selbststilisierung westlicher Chefideologen<br />
zu gesellschaftlichen Opfern, die sich<br />
ihre „Verfolgung“ schon mal ganz eigenmäulig<br />
bescheinigen. Für Engdahl besteht<br />
die „Rolle des Intellektuellen in der Geschichte“<br />
doch vor allem in ihrer schrecklichen<br />
Fähigkeit, „dem Bösen ein System<br />
zu geben, das es von Gewissenszweifeln befreit“.<br />
Denn: „Unmenschlichkeit lässt sich<br />
nicht ohne eine Theorie durchhalten.“<br />
Womit wir beim dezidierten Anti-Utopisten<br />
Engdahl wären: „Von den Utopien“,<br />
sagt Schwedens bekanntester Intellektueller,<br />
„bleiben nur die Tränen der Menschen.“<br />
Es klingt wie eine Variation auf Eric Voegelins<br />
Wort von der „spielerischen Grausamkeit<br />
der humanistischen Intellektuellen“.<br />
Horace Engdahl, 1948 in Karlskrona<br />
in Schwedens südöstlichster Provinz Blekinge<br />
geboren, in der sich in Jahrhunderten<br />
deutsche, dänische und schwedische<br />
Mentalitäten und Sprachschätze kulturgenetisch<br />
vermischt haben, setzt – geht es<br />
um die Kritik der neuesten fortschrittlichen<br />
Umformung des Individuums zum<br />
Modul einer weiteren egalitären Glücksdiktatur<br />
– auf geistige „Wachheit“ und „Offenheit“<br />
wie auf „das Recht, seiner Wege<br />
zu gehen“, das ihm ein „ständig verletztes<br />
Grundrecht“ ist. Aber „darüber schweigen<br />
die Utopien“.<br />
Warum tun sie es? Man „stelle sich nur<br />
vor, die Menschheit würde beim Anblick<br />
des neuen Glücksreichs auf dem Absatz<br />
kehrtmachen!“ Eine solche Reaktion wäre<br />
identisch mit dem Erinnern des Vergangenen,<br />
dem Begreifen des Sinnes von tradiertem<br />
Geist und Gesten: „Die Religion<br />
tut gut daran, den Neid zu bekämpfen (…)<br />
Der Glaube ist mit der Bewunderung<br />
verwandt. Eine Gesellschaft, in der viele<br />
beneiden und wenige bewundern, besitzt<br />
keine zusammenhaltende Kraft und kann<br />
nicht fortbestehen.“ Engdahls Sentenzen<br />
und Reflexionen, die, wie er betont, fast<br />
nie korrigierte spontane Einsichten sind,<br />
haben hier ihren entscheidenden Richtungswechsel:<br />
den schöpferischen Rückblick.<br />
Aber nicht ins Nostalgisch-Diffuse,<br />
sondern Konkrete: „Als ich Kind war, hatten<br />
alle Menschen Tiefe.“<br />
Um welche Tiefe es dabei geht, erzählt<br />
Engdahl im Café „Unter der Kastanie“<br />
am Beispiel seines Urgroßvaters<br />
Josef, der in Småland an der Grenze zu<br />
Blekinge einen kleinen „Landhandel“ besaß<br />
und eine große Familie. Zu ihr gehörten<br />
entfernte Verwandte ebenso wie enge<br />
Freunde. Zwischen ihnen und den üblichen<br />
Kunden machte er allerdings einen<br />
feinen, aber prinzipiellen Unterschied: Die<br />
einen waren die „Markierten“, die anderen<br />
die „Unmarkierten“.<br />
Die einen wurden trotzdem sehr höflich<br />
bedient, aber für die anderen wurde der Laden<br />
geschlossen und aufgetischt: Jede Begegnung<br />
eine Feier der Freundschaft, ein<br />
Fest der Mitteilungen, eine Verstärkung der<br />
Familienbande. Branntweinselig und ohne<br />
Zeitpeitsche. Differenz gegen Gleichmacherei;<br />
es gibt offenbar auch eine Ästhetik<br />
des Ungleichen: „Das Wesen der Sprache<br />
ist Diskriminierung. Die Wörter, die ständig<br />
damit beschäftigt sind, Unterscheidungen<br />
zu treffen (dies ist die Bedeutung von<br />
‚diskriminieren‘), geben der menschlichen<br />
Wahrnehmung Festigkeit. Zu fordern, die<br />
Sprache solle aufhören zu diskriminieren,<br />
heißt Schweigen zu fordern.“<br />
Der Mann, der mir jene Familiengeschichte<br />
mit jungenhaftem Glanz in den<br />
Augen erzählt, ist ein Mann, der tatsächlich<br />
an seinen Stern glaubt: nicht hochmütig,<br />
nicht sklavisch. Aber ihm auf anrührende<br />
Weise ergeben: „Du mein Stern – wie fahl<br />
du geworden bist! Bist du krank? Oder bist<br />
du es leid, für mich zu scheinen (…)? Wir<br />
können einander dennoch zuwinken, du<br />
und ich, in kalten Winternächten, wenn<br />
du über den Hausdächern stehst, ein wenig<br />
fahl womöglich, dennoch derselbe.“<br />
Ulrich Schacht<br />
ist Schriftsteller und lebt seit<br />
1998 in Schweden. Für sein<br />
Gesamtwerk erhielt er 2013 den<br />
Eichendorff-Preis<br />
Foto: Stefanie Schacht<br />
116 <strong>Cicero</strong> 8.2013
B e n o t e t | S a l o n |<br />
illustration: anja stiehler/jutta fricke illustrators<br />
Wo die Götter<br />
Whisky trinken<br />
Der Sommer ist ein Musikfestival. Nirgends<br />
aber bezaubert er so wie in der Schweiz<br />
Von Daniel Hope<br />
S<br />
ommerzeit ist Festivalzeit, zumindest für uns reisende<br />
Musiker. Obwohl ich bei den unterschiedlichsten Sommerfestivals<br />
spielen darf, bleibt ein Land für immer in<br />
meinem Herzen: die Schweiz. Dort habe ich die Musik zum ersten<br />
Mal überhaupt erlebt. Angefangen hat alles in Gstaad, als ich<br />
ein Baby war. Allein die Anfahrt mit der blauen Eisenbahn, die ab<br />
Montreux im Schneckentempo durch das Pays-d’Enhaut – „das<br />
Land da oben“ –, durch weite Täler fährt, an steilen felsigen Abhängen<br />
entlang, vorbei an Wasserfällen und Flüssen, ist überwältigend.<br />
Man steigt höher und höher, und die Straßen, die man vom<br />
Fenster aus sieht, werden immer kurviger, bis im Berner Oberland<br />
das Palace Hotel auftaucht. Es sieht aus wie ein Schloss aus<br />
einem alten Disneyfilm und ragt in anachronistischer Eleganz<br />
über Gstaad.<br />
In den späten fünfziger Jahren hatte sich Yehudi Menuhin in<br />
dem Schweizer Dorf ein Chalet bauen lassen. Der damalige Kurdirektor<br />
Paul Valentin hatte die Idee, Menuhin zu fragen, ob er nicht<br />
ein paar Konzerte spielen wolle, damit der Ort für die Sommergäste<br />
noch attraktiver werde. So begann 1957 das weltberühmte<br />
Menuhin-Festival mit einer einmaligen Besetzung: dem Komponisten<br />
Benjamin Britten am Klavier mit seinem Partner, dem Tenor<br />
Peter Pears, dem Cellisten Maurice Gendron und Menuhin<br />
selbst. Es gab keinen Konzertsaal, wohl aber die Mauritius-Kirche,<br />
1447 in spätgotischem Stil neu erbaut, mit wunderschönen<br />
Fresken an den Wänden und einer unglaublichen Akustik. Kammermusik<br />
mit Freunden und für Freunde, das sollte es sein.<br />
Meine Familie kam Anfang der siebziger Jahre zum ersten<br />
Mal dorthin, weil meine Mutter während des Sommers für Menuhin<br />
arbeitete. Für mich war es das Paradies. Ich war umgeben<br />
von Künstlern wie Menuhin, Ravi Shankar, Mstislaw Rostropowitsch<br />
oder Wilhelm Kempff. Von den unzähligen Konzerten in<br />
der kleinen Kirche bleiben mir einige Momente unvergesslich:<br />
so Stéphane Grappelli, der vor seinem Auftritt immer eine halbe<br />
Flasche Whisky leerte. Einmal kam ich in die Garderobe, als er<br />
das Glas ansetzte. Er zwinkerte mir zu, trank, nahm seine Geige,<br />
schritt in den Zuschauerraum und spielte wie ein Gott.<br />
Menuhins letzten Auftritt als Geiger habe ich in Gstaad erlebt.<br />
Er spielte Beethovens Violinkonzert. Ich saß in der „Menuhin-Reihe“,<br />
der siebten, wo Lord und Lady Menuhin immer saßen,<br />
und war überwältigt, wie jemand mit seinem Instrument so<br />
im Reinen sein, den eigenen Gefühlen und den Gedanken Beethovens<br />
solch einen Ausdruck verleihen konnte. Ich war auch deshalb<br />
so bewegt, weil ich Zeuge vom Ende einer einzigartigen Karriere<br />
war. Gstaad ist kein Einzelkind in der Festivalfamilie dieses<br />
wunderschönen Landes. Das Verbier Festival, durch den charismatischen<br />
Musikmanager Martin Engstroem zum Treffpunkt der<br />
Klassikstars geworden, feiert sein 20-jähriges Bestehen und kann<br />
stolz sein auf seine Nachwuchsakademie und das Jugendorchester.<br />
Aber die Grande Dame bleibt das Lucerne Festival, das 2013<br />
sein 75. Jubiläum begeht und das die spannendste Entstehungsgeschichte<br />
hat: Im Park vor Richard Wagners Villa in Tribschen griff<br />
Arturo Toscanini am 25. August 1938 zum Taktstock und leitete<br />
ein für ihn zusammengestelltes Orchester. Unter den Musikern<br />
fanden sich renommierte Solisten und Kammervirtuosen wie das<br />
Busch-Quartett an den ersten Streicherpulten. Die Schweizer sagen:<br />
„Ziit isch am wertvollschtä, wämmer si nüd hät“ (Zeit ist am<br />
wertvollsten, wenn man sie nicht hat). In der idyllischen Landschaft<br />
am Vierwaldstättersee die Meisterwerke der Musik spielen<br />
oder hören zu dürfen, erschien vielen wie ein Hoffnungsstrahl in<br />
dunkler Zeit. Deutschland und Österreich waren in den Fängen<br />
der Nazidiktatur; bei den Bayreuther oder Salzburger Festspielen<br />
aufzutreten, war für Künstler wie Toscanini oder seine Kollegen<br />
Bruno Walter und Fritz Busch aus moralischen Gründen nicht<br />
vertretbar. Die Schweiz war unabhängig – und sie nutzte die Zeit.<br />
Heute zählt Luzern zu den wichtigsten Musikfestivals der Welt,<br />
mit etwa 120 000 Besuchern jährlich.<br />
Bei meinem Luzerner Debüt 1993 saß Alfred Schnittke in der<br />
ersten Reihe, jener Komponist, der mir die Ohren für die zeitgenössische<br />
Musik öffnete. Im September 2008 spielte ich das Abschiedskonzert<br />
des Beaux Arts Trios, mit dem ich die letzten sechs<br />
Jahre in über 400 Konzerten auftreten durfte, zusammen mit dem<br />
damals 85-jährigen Pianisten Menahem Pressler. Und in diesem<br />
Sommer, am 21. August, wird meine Verbindung zu Luzern und<br />
dessen „Festival Strings“ noch weiter vertieft. Somit setzt sich jene<br />
Musikreise, die damals in Gstaad begann, fort. Ich bin gespannt,<br />
wohin sie mich noch führt.<br />
Daniel Hope ist Violinist von Weltrang. Sein Memoirenband<br />
„Familien stücke“ war ein Bestseller. Zuletzt erschienen sein Buch<br />
„Toi, toi, toi! – Pannen und Katastrophen in der Musik“ (Rowohlt)<br />
und die CD „Spheres“ (Deutsche Grammophon). Er lebt in Wien<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 117
| S a l o n | K u n s t i m I n t e r n e t<br />
Das Netz ist nicht genug<br />
Museen müssen das Internet endlich als kuratorischen Raum begreifen. Ein Zwischenruf<br />
von Poul Erik Tøjner<br />
M<br />
oderne Kunst, heißt es immer<br />
wieder, ist eine schwierige<br />
Materie. Elitär sei sie.<br />
Sperrig. Vorbehalten wenigen<br />
Eingeweihten statt den<br />
vielen. Derlei Vorurteile sind nicht neu.<br />
Dabei wird jedoch übersehen: Gute Kunst<br />
ist wichtiger als ästhetische Indifferenz und<br />
kleinbürgerlicher Kitsch. Und gute Kunst<br />
ist zu gut, um lediglich einer Elite vorbehalten<br />
zu sein.<br />
Auch ist die Kunst kein Reservat für<br />
sich allein. Sie kann, ja soll in Relation zu<br />
unserer Umgebung, zu unserem Leben, zu<br />
unseren Erfahrungen betrachtet werden.<br />
Moderne Kunst muss als etwas vermittelt<br />
werden, das mit dem Dasein und den Erfahrungen<br />
der Menschen zu tun hat.<br />
Kommunikation ist darum das Schlüsselwort<br />
für jedes Museum. Natürlich lässt<br />
sich Kunst nicht erklären. Aber ein Museum<br />
ist der Ort, an dem sie sich ergründen<br />
lässt. Kunst inspiriert zu ihren eigenen<br />
Bedingungen und mit eigenem Ausdruck.<br />
Sie soll zu Austausch und Diskussionen<br />
zwischen Menschen führen, zu Dialogen<br />
über künstlerische, existenzielle Themen<br />
und über gesellschaftliche Werte.<br />
Zudem ist Kunst oft sehr viel reicher<br />
als das, was über sie geäußert wird. Viele<br />
moderne Kunstwerke haben ein kompliziertes<br />
Verhältnis zur Gegenwart. Ihre Wirkung<br />
entfalten sie mit Verzögerung. Mitunter<br />
Jahre später fangen wir an, Teile jener<br />
Kunst zu verstehen, die heute erschaffen<br />
wird. Damit widersetzt sich die moderne<br />
Kunst allen gängigen Vorstellungen in<br />
Bezug auf Effektivität und unmittelbare<br />
Verwertbarkeit.<br />
Schriftsteller behandeln die Sprache<br />
und unsere Erfahrungen auf eine andere<br />
Weise, als wir es im Gespräch miteinander<br />
tun. Maler zeigen uns Bilder, die die Art<br />
und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen,<br />
nicht unmittelbar bestätigen. Komponisten<br />
verwandeln Laute in Musik, aber das<br />
wäre nicht viel wert, würden ihre Werke<br />
nicht von den Routinen unserer Sinne abweichen.<br />
Das bedeutet nicht, dass Kunst<br />
die Provokation und Zerstörung von Sinn<br />
zum Ziel haben muss. In der Regel aber<br />
wird sie sich am Rande der Normalität bewegen.<br />
Somit ist das Museum einer der wenigen<br />
Orte, an denen sich Kunst und Gesellschaft<br />
begegnen können.<br />
Wer diesem Grundgedanken folgt, wird<br />
die Bedeutung von Museen für unsere Demokratie<br />
leicht erkennen. Es sind freie,<br />
tabufreie öffentliche Räume, die grundlegende<br />
Prinzipien wie Meinungsfreiheit<br />
voraussetzen und eine kritische Auseinandersetzung<br />
über unsere Gegenwart<br />
befördern. Die Auseinandersetzung mit<br />
Kunst und Kultur schult die Urteilskraft,<br />
prägt individuelle Sensibilität und Toleranz,<br />
macht uns zu bewussten, informierten<br />
und mündigen Bürgern. Museen sind<br />
keine Anstalten für den guten Geschmack.<br />
Sie führen uns die Bedeutung ästhetischer<br />
Qualität für unsere Gesellschaft vor Augen.<br />
An diesem Auftrag hat sich zu Beginn<br />
des 21. Jahrhunderts nichts geändert. Angesichts<br />
von Internet, sozialen Medien und<br />
massenmedialer Selbstrealisierung laufen<br />
moderne Kunst und Kultur jedoch Gefahr,<br />
wieder als singulär, ja elitär betrachtet zu<br />
werden, vorbehalten den wenigen statt den<br />
vielen. Als wir kürzlich unser englischsprachiges<br />
Web-TV-Projekt Louisiana Channel<br />
lancierten, in dem wir Künstler und<br />
Kulturschaffende zu Wort kommen lassen,<br />
sprachen wir mehr oder weniger scherzhaft<br />
vom Museum 2.0. Im Grunde trifft<br />
dieser Ausdruck einen wahren Kern. Digitalisierung<br />
bedeutet nicht, bestehende<br />
Illustration: Rüdiger Trebels c/o Claudia Schönhals<br />
118 <strong>Cicero</strong> 8.2013
Foto: Søren Hartvig<br />
Ausstellungen ins Netz zu stellen. Museen<br />
produzieren Wissen, Erfahrungen, Erlebnisse,<br />
Reflexionen – im Auftrag der Öffentlichkeit<br />
und der festen Überzeugung, dass<br />
ihre Arbeit gesellschaftlich relevant ist. Museen<br />
sind Kommunikatoren und stecken<br />
ebenso viel Sorgfalt in die Vermittlung ihres<br />
Stoffes wie in dessen Produktion.<br />
Vor diesem Hintergrund ist das World<br />
Wide Web zweierlei. Es ist global, demokratisch,<br />
dynamisch und somit ein Abbild<br />
unserer heutigen Gesellschaft. Darüber hinaus<br />
ist es ein Kommunikationskanal mitten<br />
hinein in dieses grenzenlose Miteinander,<br />
das den Rahmen jedes noch so großen<br />
Ausstellungsraums weit überschreitet. Inhalte,<br />
die in Kopenhagen oder Berlin produziert<br />
werden, erreichen in Sekundenbruchteilen<br />
ein Publikum in São Paulo,<br />
Peking und New York.<br />
Gerade in diesem Gewimmel an Inhalten,<br />
die das Internet ausmachen, spielt der<br />
Absender eine entscheidende Rolle. Wo<br />
Schnelligkeit und Oberflächlichkeit dominieren,<br />
werden klassische Museumswerte<br />
wie Wesentlichkeit, kuratorische Sorgfalt<br />
sowie die reflektierte Vermittlung zum<br />
Prädikat. Zudem konkurriert unser Sektor<br />
nicht mit der scheinbaren Aktualität<br />
vieler Medien. Museen geht es um Nachhaltigkeit<br />
und Relevanz. Unsere Inhalte<br />
sollten Bestand haben über den Tag hinaus.<br />
An der raison d’être der Museen, Kunst<br />
und Kultur hineinzutragen in die Mitte der<br />
Gesellschaft, hat sich nichts geändert. Das<br />
digitale Zeitalter aber bringt zugleich eine<br />
neue Form von Offenheit und Transparenz<br />
mit sich. Das Internet wird zu einem kuratorischen<br />
Raum, der die Möglichkeiten<br />
des Museums und seiner Werte potenziert.<br />
Und an dem nicht zuletzt junge Generationen<br />
teilnehmen. Welch Ansporn, eine so<br />
wunderbar sperrige Materie wie moderne<br />
Kunst zu vermitteln.<br />
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Poul Erik Tøjner<br />
ist Literaturwissenschaftler,<br />
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| S a l o n | D a s G e s p r ä c h<br />
120 <strong>Cicero</strong> 8.2013
„Der Zug ist<br />
abgefahren“<br />
Worüber streiten drei Kabarettisten in Wahlkampfzeiten?<br />
Luise Kinseher, Thomas Pigor und Arnulf Rating über<br />
Demokratie und Lobbykratie, Hauptstadt und Provinz,<br />
den medialen Empörungszirkus und die Kraft des Witzes.<br />
Ein <strong>Cicero</strong>-Gespräch im Brandenburger Hof zu Berlin<br />
Menschen mit Mission:<br />
Pigor, Rating und<br />
Kinseher (von links)<br />
brechen eine Lanze für<br />
die Kleinkunst und<br />
kritisieren das Fernsehen.<br />
Es liefert nämlich oft<br />
Drei-Minuten-Terrinen<br />
Foto: Thomas Meyer/Ostkreuz für <strong>Cicero</strong><br />
K<br />
abarett, heißt es, sei Empörung.<br />
Worüber sind Sie gerade empört?<br />
Luise Kinseher: Über den Fall<br />
des vermutlich zu Unrecht in der Psychiatrie<br />
verwahrten Gustl Mollath kann ich<br />
mich herzlich empören.<br />
arnulf rating: Bei mir führt allein die<br />
tägliche Lektüre der Zeitungen zu einer<br />
Aufregung, die sich partout nicht legen<br />
will, auch nicht durch Tabletten. Dann<br />
bin ich heilfroh, wenn ich meine Empörung<br />
mitteilen kann. Die Leute zahlen<br />
sogar dafür.<br />
Kabarett ist demnach Therapie in eigener<br />
Sache. Sie wollen gar nicht die Welt<br />
verbessern?<br />
rating: Doch, als junger Mensch hatte<br />
ich den Anspruch. Ich merkte aber rasch,<br />
dass das mit den kleinen Schaufeln, die<br />
uns zur Verfügung stehen, nicht gelingen<br />
kann. Der Fall Mollath ist nur ein Teil eines<br />
grundlegenden Systemversagens. Wir<br />
haben keine wirklich unabhängige Justiz,<br />
das zeigt der Fall NSU, das zeigte auch<br />
der Fall Buback. Da wurden Leute verurteilt<br />
für eine Tat, die sie gar nicht begangen<br />
haben konnten, weil sie nicht am<br />
Tatort waren.<br />
Die Frage nach dem Systemversagen<br />
treibt Sie weniger um, Herr Pigor. Der<br />
SWR, für den Sie seit zwei Jahren<br />
regelmäßig das „Chanson des Monats“<br />
aufnehmen, bewirbt Sie als „Neuerer des<br />
deutschen Chansons“. Sind Sie ein unpolitischer<br />
Musikant?<br />
thomas Pigor: In unseren regulären Programmen<br />
machen harte politische Themen<br />
10 Prozent aus. Durch das „Chanson<br />
des Monats“ bin ich zum ersten Mal<br />
in derselben Situation wie ein Wortkabarettist.<br />
Ich muss mich regelmäßig empören,<br />
muss mich umsehen, worüber sich<br />
die anderen empören, worüber ich mich<br />
schon mal empört habe oder mich gerne<br />
noch mal empören würde. Unlängst habe<br />
ich mich nach Herzenslust über den Wiederaufbau<br />
des Berliner Stadtschlosses empört<br />
und in ein Megafon mit verzerrter<br />
Stimme gesungen: „Baut den Palast der<br />
Republik wieder auf. Kein Hohenzollernparadies<br />
für Senioren!“<br />
Ist Musik besonders geeignet, Empörung<br />
zu transportieren?<br />
pigor: Ich behandle jene Themen, denen<br />
ich eine Pointe oder eine schöne<br />
musikalische Form abgewinnen kann.<br />
Kabarett mit einer klaren Wirkungsabsicht<br />
war eine Sache der achtziger Jahre<br />
und des linken Milieus. Damals musste<br />
sich jemand, der morgens ausschlafen<br />
durfte, gegenüber dem früh aufstehenden<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 121
| S a l o n | d a s G e s p r ä c h<br />
„Kabarett ist generell Bestätigungskabarett,<br />
gerade das linke Kabarett“<br />
Luise Kinseher ist<br />
Bayerns bekannteste<br />
Kabarettistin, seit sie als<br />
Bavaria beim jährlichen<br />
Starkbieranstich auf dem<br />
Münchner Nockherberg<br />
den Politikern die Leviten<br />
liest. Im Soloprogramm<br />
„Einfach reich“ schlüpft sie<br />
in verschiedene Rollen auf<br />
der Suche nach dem, was<br />
Geld aus Menschen macht<br />
Das klingt nach Buße und Absolution.<br />
kinseher: Das „Derblecken“ hat einen<br />
sehr katholischen Ansatz. Wir können<br />
herumsauen, wie wir wollen, wir beichten<br />
und machen dann weiter. Es ist ein<br />
sehr sinnenfrohes Spektakel.<br />
Alle müssen Ihnen zuhören, müssen<br />
lachen – eine traumhafte Rolle.<br />
kinseher: Ich will die Rolle zeitgemäß<br />
gestalten, ohne die Tradition zu brechen.<br />
Im normalen Kabarett kann ich nie jemandem<br />
direkt ins Gesicht sagen, was<br />
ich von ihm halte. Auf dem Nockherberg<br />
schon. Auch deshalb bemühe ich mich,<br />
in volkstümlichem Sinne eine Instanz<br />
darzustellen, mit moralischer Tiefe, ohne<br />
mit dem Zeigefinger zu drohen.<br />
pigor: Besteht aber nicht die Gefahr,<br />
in der persönlichen Konfrontation auf<br />
Schärfe zu verzichten?<br />
kinseher: Von mir wird als Bavaria immer<br />
erwartet, böse und scharf zu sein. Ich<br />
bin eine Frau und bin vom Wesen her<br />
nicht aggressiv. Aber ich habe eine hohe<br />
Sensibilität für Unwahrheiten, für Lügen<br />
und Ungerechtigkeiten.<br />
Arbeiter rechtfertigen. Der Künstler<br />
sagte, er arbeite zwar abends, aber für die<br />
Weltrevolution.<br />
Haben Sie, Herr Rating, damals mit den<br />
legendären „Tornados“ für die Weltrevolution<br />
gearbeitet?<br />
rating: Ja, das haben wir. Aber die Welt<br />
hat es nicht ganz verstanden.<br />
Sie standen damals mit einem Bein im<br />
Gefängnis, es gab Auftrittsverbote für<br />
die „Tornados“ und Gerichtsprozesse.<br />
Bedauern Sie, dass Kabarett heute eine so<br />
kommode Sache geworden ist?<br />
rating: Nein, überhaupt nicht. Deutschland<br />
war immer ein Humor-Entwicklungsland<br />
gewesen. Und in den achtziger<br />
Jahren war es eben noch weniger entwickelt<br />
als heute.<br />
pigor: Aber findest du nicht, dass man<br />
sich früher viel stärker mit einem großen<br />
weltpolitischen „Um zu“ gerechtfertigt<br />
hat? Kabarett war doch eine reine<br />
Zweckveranstaltung.<br />
rating: Als wir bei den „Tornados“ anfingen,<br />
haben nur ganz wenige so wie<br />
wir das Maul aufgerissen und sich einen<br />
Spaß mit dem ganzen real existierenden<br />
Quatsch gemacht. Heute ist das Kabarett<br />
für viele Lehrer oder gelernte Dekorateure<br />
eine echte Berufsperspektive. Als<br />
Entwicklungshelfer im Humorstandort<br />
Deutschland begrüße ich diese Entwicklung<br />
ausdrücklich. Es bekommt einer<br />
Gesellschaft, wenn sie Humor entwickelt<br />
und satirefähig wird. Sonst geht es<br />
schnell undemokratisch zu.<br />
Einmal im Jahr findet in München auf dem<br />
Nockherberg zum Starkbieranstich das<br />
sogenannte Derblecken statt. Höhepunkt<br />
ist die Fastenpredigt, die traditionell von<br />
einem als Mönch verkleideten Kabarettisten<br />
oder Schauspieler gehalten wird.<br />
Sie, Frau Kinseher, haben diese Männerdomäne<br />
gebrochen und spielen nun die Bavaria.<br />
Dreimal bereits wurden die Politiker<br />
von Ihnen „derbleckt“, also ausgeschimpft.<br />
kinseher: „Derblecken“ kann man<br />
schwer übersetzen. Man spottet über<br />
den anderen, führt ihn vor, sagt ihm<br />
die Wahrheit ins Gesicht. Man sagt den<br />
Mächtigen, was man über sie denkt und<br />
ist dabei möglichst deftig und humorvoll.<br />
Dann kommt das Starkbier, alles<br />
wird runtergeschluckt, und es geht weiter<br />
wie zuvor.<br />
Moralische Tiefe ist also gefragt. Sind<br />
Kabarettisten immer Moralisten?<br />
kinseher: Es geht um eine gewisse Haltung,<br />
die ich einem Politikbetrieb entgegensetze,<br />
der augenscheinlich teilweise<br />
verlogen ist. Sauer oder moralistisch will<br />
ich da nicht werden.<br />
Herr Rating, gilt noch der alte Satz, ein<br />
Kabarettist müsse SPD-Mitglied sein?<br />
rating: Kabarett setzt sich ein für das,<br />
was in der Gesellschaft unterdrückt wird.<br />
Alles andere wäre Blödsinn – oder Bestätigungskabarett,<br />
wie im Kölner Karneval.<br />
Vieles, was in Bayern unter Kabarett firmiert,<br />
ist für mich nur Folklore.<br />
pigor: Es gibt neuerdings auch neoliberales<br />
Kabarett.<br />
Rating: Der „Satire-Gipfel“ in der ARD<br />
ist auch reines Bestätigungskabarett.<br />
Kinseher: Ich finde aber, Kabarett ist<br />
generell Bestätigungskabarett, gerade<br />
das linke Kabarett. Wenn ich bei Georg<br />
Schramm im Publikum sitze, treffe ich<br />
nur Leute, die ihm zustimmen. Keiner<br />
steht auf und schreit Buh.<br />
Rating: Es gibt Untersuchungen darüber,<br />
dass man sowieso nur die Meinung der<br />
Leute verstärken kann, die da sind.<br />
Fotos: Thomas Meyer/Ostkreuz für <strong>Cicero</strong><br />
122 <strong>Cicero</strong> 8.2013
kinseher: Bestätigungskabarett!<br />
Pigor: Einige Kollegen haben die Funktion<br />
des Predigers übernommen. Da<br />
wird fünf Minuten lang ohne jede Pointe<br />
tüchtig vom Leder gezogen, die Großpackung<br />
Moral inklusive.<br />
Auch da ließe sich an Schramm denken.<br />
pigor: Lieber ein feuriger Prediger als ein<br />
müder Witzeerzähler. Interessant dabei<br />
ist die Funktion, die das Kabarett übernimmt.<br />
Anscheinend braucht auch der<br />
kritische Bürger jemanden, der ihm am<br />
gefühlten Sonntag die eigenen Maßstäbe<br />
zurechtrückt. Allerdings ist es gerade Kollege<br />
Schramm, der zuweilen auf grandiose<br />
Art die Sonntagsruhe stört.<br />
Andererseits kann man den Eindruck<br />
gewinnen, der Raum des Sagbaren<br />
schwinde – im Namen der politischen Korrektheit.<br />
In einem „Chanson des Monats“<br />
haben Sie jüngst bekannt: „Ich sage lieber<br />
nix …“ Moslems seien gleich beleidigt,<br />
schnell gelte man als Antisemit, „auch<br />
Hamas und Abbas verstehen nicht wirklich<br />
Spaß.“ Die Schlusspointe lautet, „ich<br />
singe lieber übers Wetter, Regen, Schnee<br />
und Blitzeis“. Ist es so schlimm?<br />
„Ich beobachte mit großer Trauer den<br />
Niedergang des Kabarettisten Steinbrück“<br />
pigor: Mit bestimmten Themen handelt<br />
man sich schnell Ärger ein. Beim Islam<br />
kann man es eigentlich nur falsch machen.<br />
Die Figur, die ich in dem Chanson<br />
darstelle, ist ein solcher Übervorsichtiger.<br />
Kabarett unterliegt enormen Konjunkturen.<br />
Ist das Publikum heute lachbereiter als<br />
früher?<br />
rating: Die Leute wollen lachen, das ist<br />
in Ordnung. Mir ist es wichtig, Kabarett<br />
dennoch nicht als Salon-Veranstaltung zu<br />
begreifen und sich schon gar nicht vom<br />
Fernsehen die Themen und Formen vorschreiben<br />
zu lassen. Heute gibt es Kabarett<br />
in allen Medien. Auch die Talkshows<br />
haben teil an einem allgemeinen Empörungszirkus,<br />
der folgenlos bleibt.<br />
pigor: Trotz der gewaltigen medialen Präsenz<br />
wird immer unterschätzt, wie vielfältig<br />
und groß die Live-Szene im deutschsprachigen<br />
Raum ist. In jedem Kaff gibt<br />
es einen Verrückten, der einmal im Monat<br />
eine Veranstaltung auf die Beine stellt.<br />
Kabarett im Fernsehen ist eine schmale<br />
Auswahl bestimmter Genres. Wir als musikalische<br />
Kabarettisten leiden darunter.<br />
Alle theaternahen Formen mit abendfüllender<br />
Dramaturgie haben es schwer.<br />
Der Sänger, Texter und<br />
Komponist Thomas Pigor<br />
hat mit dem Pianisten<br />
Benedikt Eichhorn in<br />
bisher sieben Programmen<br />
die Grenzen des Sag- und<br />
Singbaren ausgelotet.<br />
Sie nennen es Salon-<br />
Hiphop und vertonten<br />
auch schon Heidegger.<br />
„Volumen 8“ wird im<br />
Oktober Premiere haben<br />
Also begünstigt das Fernsehen das reine<br />
Nummernkabarett.<br />
rating: Ja, die Drei-Minuten-Terrine.<br />
pigor: Das Wort und das bekannte Gesicht<br />
werden bevorzugt. Das liegt an<br />
der Konzeption dieser Sendungen, die<br />
man auch anders takten könnte. Deshalb<br />
finde ich es doppelt schade, dass die<br />
lebendige Szene abseits des Fernsehens<br />
kein Bewusstsein von sich hat.<br />
Unterstützt das Fernsehen bestimmte<br />
Moden?<br />
pigor: Klar. Momentan ist das Vorführen<br />
von Politikern schwer angesagt. Man zeigt<br />
Schnipsel mit Versprechern oder unvorteilhaften<br />
Szenen, und alle lachen. In den<br />
neunziger Jahren boomten die Politiker-<br />
Imitatoren, „Spitting Image“ und Co.<br />
Der Wahlkampf biegt auf seine Zielgerade<br />
ein. Kommt das dem Kabarett zugute?<br />
rating: Wahlzeiten sind Zeiten erhöhter<br />
politischer Sensibilität. Das haben wir<br />
uns früher mit dem „Reichspolterabend“<br />
zunutze gemacht, für den wir uns mit<br />
anderen Künstlern zusammentaten und<br />
durch die Lande zogen.<br />
Da war auch Matthias Beltz dabei, oder?<br />
Rating: Ja, stimmt. Wir haben so die<br />
ersten Wahlen nach der Wende begleitet.<br />
Heute, in einer derart eingefleischten<br />
Demokratie, werden die Wahlen immer<br />
unattraktiver, die Beteiligung sinkt.<br />
Das liegt auch daran, dass Politiker zwar<br />
alle Programme haben, diese aber im Gegensatz<br />
zum Kabarettprogramm meistens<br />
gar nicht aufführen. Die Parteien machen<br />
das Gegenteil von dem, was in ihrem<br />
Programm steht. Wer hätte gedacht, dass<br />
die CDU mal die Wehrpflicht abschafft<br />
und die SPD den Sozialstaat? So funktioniert<br />
Demokratie: Wer gerade am Ruder<br />
ist, muss die Schweinereien durchziehen.<br />
Deshalb ist es wichtiger, auf diese strukturellen<br />
Probleme hinzuweisen als auf die<br />
Wahlen.<br />
kinseher: So, du greifst also ein. Erzählst<br />
du deinem Publikum auch, wen sie wählen<br />
sollen?<br />
rating: Nein, könnte ich gar nicht. Das<br />
wäre Illusion, schließlich bleibt der Trog<br />
der gleiche, nur die Schweine wechseln.<br />
Steinbrück oder Merkel sind keine wirklichen<br />
Alternativen. Beide nehmen an der<br />
Bilderberg-Konferenz teil.<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 123
| S a l o n | d a s G e s p r ä c h<br />
„Bundeskanzler oder Bundeskanzleröse sind<br />
nicht Ausdruck der tatsächlichen Macht“<br />
kinseher: Es gibt kaum etwas, das mehr<br />
über einen Menschen erzählt als die Bedeutung,<br />
die er dem Geld beimisst. Die<br />
Deutschen sehen in Geld vor allem Sicherheit.<br />
Und Frau Merkel strahlt für<br />
viele Sicherheit aus. Sie wirkt stoisch, als<br />
habe sie sich buchstäblich nichts zuschulden<br />
kommen lassen. Sie erscheint als personifizierte<br />
Verlässlichkeit. Das beeindruckt<br />
viele Menschen eher als die Frage,<br />
welche Art von Politik sie betreibt.<br />
kinseher: Da sind wir schon wieder<br />
beim Bestätigungskabarett. Der Kabarettist<br />
bestätigt die allgemeine Meinung,<br />
dass sich durch Wahlen nichts ändert.<br />
rating: Deshalb brauchen wir eine strukturelle<br />
Änderung. Die Lobbykratie ist das<br />
Problem. Die Drehtür-Effekte in der Politik<br />
sind nun einmal gewaltig. Politiker<br />
machen die Kontakte, die sie während<br />
des Amtes knüpfen, nachher zu Geld.<br />
Gerhard Schröder etwa muss auf seine<br />
alten Tage noch als Gasableser arbeiten,<br />
auch Joschka Fischer profitiert von seinem<br />
politischen Netzwerk. Bitte, nur zu,<br />
doch dann will ich als Wähler daran auch<br />
mit 25 Prozent beteiligt werden. Her mit<br />
der Kohle!<br />
Sie lassen die Politiker beim Amtseid<br />
sagen, „Ich schwöre, am deutschen Volk<br />
zu verdienen, so bar mir Geld helfe.“<br />
rating: Ist es nicht so? Deshalb schlage<br />
ich vor, dass jeder Steuerzahler individuell<br />
– und ganz marktwirtschaftlich – entscheiden<br />
kann, wofür sein Geld verwendet<br />
wird. Drohnen, die nicht fliegen,<br />
müssen nicht alle finanzieren. Wer die<br />
Bundeswehr in dieser Form gut findet,<br />
sollte auch dafür zahlen.<br />
Arnulf Rating schrieb<br />
sowohl mit der 1977<br />
gegründeten, zum Teil<br />
mit Auftrittsverboten<br />
belegten Truppe „Die<br />
drei Tornados“ als<br />
auch 1990 mit dem<br />
„Reichspolterabend“<br />
Kabarettgeschichte. Sein<br />
neues Soloprogramm<br />
„Ganz im Glück“<br />
startet im September<br />
Sie, Herr Pigor, kommen vom Theater. Wie<br />
füllen Steinbrück und Merkel ihre jeweiligen<br />
Rollen aus?<br />
pigor: Ich beobachte mit großer Trauer<br />
den Niedergang des Kabarettisten Steinbrück.<br />
Er war einmal wirklich witzig und<br />
ließ sich nun ausbremsen. Ich sehe ihm<br />
die Pointen förmlich an, die er im Kopf<br />
hat und nicht rauslassen darf. Als Kabarettkonsument<br />
bin ich vom Wahlkampf<br />
enttäuscht. Generell haben die Deutschen<br />
ein Problem mit brillanten Rhetorikern.<br />
In Frankreich hat der gute Redner<br />
einen Bonus, bei uns einen Malus.<br />
In Ihrem Programm, Herr Rating, heißt es,<br />
Sie wählten aus ökonomischen Gründen<br />
Merkel, sie sei gut für das Kabarettgeschäft.<br />
Gingen Ihnen bei einem Kabinett<br />
Steinbrück, Trittin, Roth die Witze aus?<br />
rating: Wäre kein Problem. Bundeskanzler<br />
oder Bundeskanzleröse sind Strukturerscheinungen<br />
der Demokratie, aber<br />
nicht Ausdruck der tatsächlichen Macht.<br />
Und mich interessiert ja die tatsächliche<br />
Macht und deren Verteilung.<br />
Früher dachte man, die Macht sei da, wo<br />
das meiste Geld sitzt.<br />
Herr Pigor, auf dem letzten Album klingen<br />
Sie fatalistisch: „Denn dass rohe Kräfte<br />
sinnlos walten, ist für manche nur ganz<br />
schwer auszuhalten.“ Ruht auf dem Boden<br />
eines jeden guten Kabaretts ein hoffnungsloser<br />
Fatalismus?<br />
Pigor: Das weiß ich nicht.<br />
Ich hatte mir da Aufklärung erhofft.<br />
Rating: Zu Zeiten der 68er wurde mit<br />
Marcuses Begriff der Manipulation gearbeitet.<br />
Das wünsche ich mir: Dass wir<br />
uns der Manipulationen bewusst werden,<br />
die uns umgeben.<br />
pigor: Die destruktiven Kräfte unseres<br />
Wirtschaftens werden immer offensichtlicher,<br />
der Zug für die große Systemveränderung<br />
ist jedoch abgefahren. Also<br />
bleiben nur kleine Stellschrauben: unabhängige<br />
Justiz, freie Presse, Bundesrechnungshof<br />
und Kabarett.<br />
Die Comedy ist es wohl weniger.<br />
kinseher: Kleinkunst und Kabarett bilden<br />
ein wunderbares Feuchtbiotop für allerhand<br />
Künstlerseelen, die ihre Leidenschaften<br />
öffentlich machen. Da kommen<br />
immer neue Gewächse nach, auch Comedy.<br />
Heinz Erhardt war Comedy.<br />
Rating: Das ist tatsächlich Fortschritt,<br />
dass nicht alle Leute in Supermärkten<br />
Regale auffüllen müssen, sondern davon<br />
befreit sind und ihr Maul aufmachen<br />
können. Demnächst wird Opel in<br />
Bochum verschwinden. Das sind wieder<br />
10 000, die dann hoffentlich auf die<br />
Bühne gehen, ihre Meinung sagen und<br />
das Land in diesem Sinne weiter beleben.<br />
Jetzt haben wir noch nicht geklärt, ob<br />
Thomas Pigor Fatalist ist.<br />
Kinseher: Kannst es ruhig zugeben.<br />
Pigor: Also gut. Wenn du das sagst.<br />
Das Gespräch führte Alexander Kissler<br />
Foto: Thomas Meyer/Ostkreuz für <strong>Cicero</strong><br />
124 <strong>Cicero</strong> 8.2013
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| S a l o n | 1 9 3 3 – u n t e r w e g s i n d i e D i k t a t u r<br />
Ins Herz der Masse<br />
Der Volksempfänger machte das Radio erschwinglich – und erleichterte die<br />
Verbreitung nationalsozialistischer Propaganda. Siebte Folge einer Serie<br />
von Philipp Blom<br />
V<br />
E 301 hieSS die Wunderwaffe, die<br />
im August 1933 auf der zehnten<br />
großen Funkausstellung in Berlin<br />
vorgestellt wurde, der Volksempfänger.<br />
Die Typennummer<br />
verwies auf den 30. Januar, jenen Tag also,<br />
an dem Adolf Hitler Reichskanzler geworden<br />
war. Goebbels persönlich probierte auf<br />
der Ausstellung eines der Geräte aus und<br />
zeigte sich hochzufrieden.<br />
Noch nie waren Radios so erschwinglich<br />
gewesen. 76 Reichsmark kosteten die<br />
Apparate, die auf Anweisung der nationalsozialistischen<br />
Regierung von großen<br />
Radioherstellern wie Telefunken, Blaupunkt<br />
und Loewe nach demselben Modell<br />
produziert werden mussten. Dabei ging es<br />
natürlich nicht darum, jedem deutschen<br />
Haushalt die Welt des Rundfunks zu eröffnen.<br />
Vielmehr sollte die Stimme des Führers<br />
und seiner Stellvertreter direkt in jedes<br />
deutsche Wohnzimmer gebracht werden.<br />
Erst die gezielte und brillante Nutzung<br />
moderner Propagandamittel machte die<br />
Nationalsozialisten zu einer erfolgreichen<br />
Massenbewegung. Schon 1924 hatte Hitler<br />
in „Mein Kampf“ geschrieben, Propaganda<br />
solle, „die gefühlsmäßige Vorstellungswelt<br />
der großen Masse begreifend, in psychologisch<br />
richtiger Form den Weg zur Aufmerksamkeit<br />
und weiter zum Herzen der<br />
breiten Masse“ finden. Auch Reichspropagandaminister<br />
Goebbels hatte rasch begriffen,<br />
wie wichtig das Radio für das Regime<br />
sein konnte. In einer Rede verglich<br />
er den Rundfunk mit der Erfindung des<br />
Buchdrucks und schwärmte von der „wahrhaft<br />
revolutionären Bedeutung“ des neuen<br />
Mediums.<br />
Die Einführung des Volksempfängers<br />
war tatsächlich eine technologische Pioniertat.<br />
Noch zehn Jahre zuvor waren nicht<br />
Er war nur<br />
ein Kubus aus<br />
Bakelit mit zwei<br />
Drehknöpfen und<br />
doch auch Hitlers<br />
Stimme in den<br />
Wohnzimmern:<br />
der Volksempfänger<br />
VE 301<br />
126 <strong>Cicero</strong> 8.2013
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WARUM DIENEN?<br />
Fotos: Willy Römer/BPK Images/Kunstbibliothek/SMB/Photothek, Peter Rigaud (Autor); Grafik: <strong>Cicero</strong><br />
alle Haushalte mit Strom ausgestattet gewesen.<br />
In der schwierigen Wirtschaftslage<br />
der Nachkriegszeit war Deutschland zwar<br />
erfolgreich in der Entwicklung technologischer<br />
Geräte, viele Deutsche aber konnten<br />
sich technologische Errungenschaften wie<br />
Autos oder Haushaltsgeräte nicht leisten.<br />
Ein Radio kostete etwa den Monatslohn<br />
eines Arbeiters. Die Direktive der Reichsregierung<br />
hatte diesen Preis halbiert. Der<br />
Erfolg ließ nicht auf sich warten: Schon am<br />
Abend des ersten Tages der Funkausstellung<br />
waren 100 000 Volksempfänger verkauft<br />
worden, die gesamte Erstproduktion.<br />
Bis Mai 1934 waren es<br />
stolze 700 000.<br />
Entworfen von Walter<br />
Maria Kersting, der an den<br />
Kölner Werkschulen lehrte,<br />
wurde der Kubus aus Bakelit<br />
mit seinem runden Lautsprecher<br />
und seinen zwei Drehknöpfen<br />
– einer für die Lautstärke,<br />
der andere für die Sender – bald zum<br />
alltäglichen Anblick in deutschen Haushalten.<br />
„Goebbels-Schnauze“ nannte man<br />
die Kästen im Volksmund. 1932 hatten<br />
2,4 Millionen deutsche Haushalte ein Radio<br />
angemeldet; 1939 waren es bereits<br />
12,5 Millionen, die im Wohnzimmer darüber<br />
informiert werden konnten, dass es<br />
mit der Friedfertigkeit und der Geduld der<br />
Regierung nun am Ende sei und dass ab<br />
heute zurückgeschossen werde.<br />
Wie sehr der Volksempfänger als Propagandainstrument<br />
ein integraler Bestandteil<br />
der nationalsozialistischen Politik war,<br />
wird aus einem Gerichtsurteil von 1935<br />
ersichtlich, in dem das Gericht die Pfändung<br />
eines Radios verbot – mit der Begründung,<br />
der Rundfunk diene „nicht nur<br />
der Unterhaltung der Hörer, sondern auch<br />
zur staatsbürgerlichen Belehrung und Erziehung<br />
sowie zur Schaffung der Einheit<br />
des deutschen Volkes“. Sogar bei der Technologie<br />
wurde auf „Rassenreinheit“ geachtet.<br />
Das Wirtschaftsministerium ordnete<br />
an: „Jüdische Firmen dürfen den Volksempfänger<br />
(…) nicht herstellen, Einzelteile<br />
hierzu nicht liefern und weder als Großhändler,<br />
Einzelhändler oder Werksvertreter<br />
diese Geräte verkaufen.“<br />
Die völkische Einheit und damit die Effizienz<br />
der Propaganda wurde besonders im<br />
Krieg durch „Feindsender“ gefährdet. Der<br />
deutsche Service des BBC setzte den Propagandalügen<br />
der nationalsozialistischen<br />
1933<br />
Anno<br />
Als Deutschland die<br />
Demokratie verlor<br />
Regierung eine bemerkenswert neutrale,<br />
wenn auch selbstverständlich politisch<br />
motivierte Berichterstattung gegenüber.<br />
Volksempfänger wurden deswegen mit einem<br />
deutlich lesbaren Hinweis auf einem<br />
der Drehknöpfe verkauft: „Wer den Feind<br />
hört, wird mit Zuchthaus bestraft, und wer<br />
abgehörte Nachrichten weiterverbreitet,<br />
wird hingerichtet.“<br />
Diese Warnung war weit mehr als<br />
nur eine Drohgebärde: Zwischen 1939<br />
und 1942 wurden insgesamt 2704 Verurteilungen<br />
wegen „Rundfunkverbrechen“<br />
ausgesprochen. Auch Hinrichtungen<br />
wurden vollzogen, allerdings<br />
ist nicht mehr eindeutig<br />
festzustellen, wie viele es<br />
waren. Trotzdem hörten<br />
bis zu 20 Millionen Deutsche<br />
heimlich Nachrichten<br />
aus dem Ausland, vom im<br />
Reich verbotenen Jazz bis hin<br />
zu Ansprachen von Albert Einstein<br />
und Thomas Mann, der sich von<br />
1940 an regelmäßig an „Deutsche Hörer!“<br />
wandte. In scharfen Worten geißelte der<br />
in die USA emigrierte Nobelpreisträger<br />
den „Raub-, Mord- und Lügenstaat des<br />
Nationalsozialismus“.<br />
Für das Abhören ausländischer Sender<br />
war der Volksempfänger technisch aber<br />
nicht ausgerüstet – aus gutem Grund.<br />
Auch deswegen waren trotz der höheren<br />
Preise die sogenannten Großempfänger in<br />
Deutschland wesentlich beliebter. Die Zahl<br />
der verkauften Volksempfänger machte nie<br />
mehr als 40 Prozent der Gesamtzahl aus.<br />
Nur mit einem teureren, leistungsfähigeren<br />
Radio konnte man sich, am besten mit<br />
Kopfhörern und hinter verschlossenen Türen,<br />
wirklich informieren, wie ein legendärer<br />
Flüsterwitz deutlich macht: „Beim<br />
Volksempfänger hört man Deutschland<br />
über alles, beim Großempfänger hört man<br />
alles über Deutschland!“<br />
Wir werden den Weg in die Diktatur von<br />
1933 weiterhin nachzeichnen. In der nächsten<br />
Ausgabe wenden wir uns der Reichskulturkammer<br />
zu.<br />
Philipp Blom ist Historiker<br />
und Autor. Seine Bücher „Der<br />
taumelnde Kontinent“ und<br />
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8.2013 <strong>Cicero</strong> 127
| S a l o n | e s s a y<br />
Die Hörrohre sind wieder da<br />
Inmitten der Wissensgesellschaft macht sich ein<br />
absolutistischer Schnüffelstaat breit. Das ist nur folgerichtig<br />
Von thomas palzer<br />
E<br />
ine Gesellschaft, die sich selbst als Wissensgesellschaft<br />
apostrophiert, will alles wissen. Sie wird von einem<br />
grenzenlosen Datenhunger getrieben, der auch dann<br />
nicht gestillt ist, wenn alle Daten erhoben sind. Daten können<br />
nämlich veralten, sich als falsch erweisen oder gefälscht werden.<br />
Sie besitzen ein Verfallsdatum. Sie müssen ständig neu erhoben<br />
werden. Und sie sind unvollständig – grundsätzlich. Daten bilden<br />
eine Menge, die sich nicht selbst enthalten kann. Jeder Programmierer<br />
weiß, dass nur mehr Daten gute Daten sind. Dieser<br />
Prozess gelangt niemals an ein Ende.<br />
Die besten Daten, über die wir theoretisch verfügen könnten,<br />
sind bekanntlich in einem Datum gespeichert – dem Big<br />
Bang. Im Urknall müssen alle Informationen über unser Universum<br />
enthalten gewesen sein. Deshalb besitzt es seinen eigenen<br />
Charme, dass der Anfang trotz aller Bemühungen ein kosmisches<br />
Geheimnis bleibt, ein Staatsgeheimnis gewissermaßen.<br />
Wüssten wir das genaue Datum, wüssten wir prinzipiell alles<br />
von allem. Aber an den Urknall kommen wir nicht heran, wir<br />
können ihm uns nur auf die soundsovielte Stelle hinter dem<br />
Komma annähern, auch wenn wir „wissen“, dass er eine messbare<br />
Zeit in der Vergangenheit gewesen ist.<br />
Am 1. Juni 2013 empfing ein US-Amerikaner namens Edward<br />
Snowden in einem Hongkonger Hotelzimmer britische<br />
Journalisten. Bald darauf wurde die „freie Welt“ von einer<br />
Reihe von Enthüllungen erschüttert. Man erfuhr, was die „unfreie<br />
Welt“ immer wusste: dass Staaten über ihre Bürger Daten<br />
sammeln. Was nun aber Europa erfuhr, war, dass offenbar auch<br />
Freunde Freunde bespitzeln. Eine unerfreuliche Situation, die<br />
geradewegs in die Paranoia führt. Europa erfuhr, dass der amerikanische<br />
und britische Geheimdienst in einem Programm namens<br />
Tempora kooperierten. Man hörte von Prism. Man las,<br />
dass Glasfaserkabel angezapft und der Internet- und Telefonverkehr<br />
überwacht und dass Wanzen in EU-Vertretungen und Botschaften<br />
installiert worden waren. Nach und nach bekam eine<br />
erstaunte Öffentlichkeit vom ganzen Ausmaß der Observation<br />
und Spionage Wind.<br />
Illustration: Jan Rieckhoff<br />
128 <strong>Cicero</strong> 8.2013
Foto: Annette Hempfling<br />
Es war fast wie einst bei René Descartes, der an all seinen<br />
Sinnen zweifelte, um sich endlich auf seinen Verstand zurückzuziehen,<br />
cogito ergo sum: „Und wenngleich der ganze Geist mit<br />
dem ganzen Körper verbunden zu sein scheint, so erkenne ich<br />
doch, dass, wenn man den Fuß oder Arm oder irgendeinen anderen<br />
Körperteil abschneidet, darum nichts vom Geiste weggenommen<br />
ist.“<br />
Descartes’ Paranoia war damals vielleicht der Ahnung geschuldet,<br />
dass bald das berüchtigte cabinet noir, von Ludwig<br />
XIV. etabliert, den Postverkehr seiner Bürger flächendeckend<br />
überwachen würde. In den „Schwarzen Kabinetten“<br />
wurden Briefe im Auftrag der Staatsmacht systematisch geöffnet,<br />
abgeschrieben und wieder verschlossen. Seitdem steht jeder<br />
unter dem Verdacht, dass man womöglich selbst dann bespitzelt<br />
wird, wenn man miteinander befreundet ist. Um mit Rainald<br />
Goetz zu sprechen: Die Feinde meiner Feinde sind auch<br />
meine Feinde. Dass der deutsche Geheimdienst bei dem Ganzen<br />
irgendwie mitmischte, hat man schnell vermutet. Russische und<br />
chinesische Geheimdienste machen bekanntlich sowieso, was sie<br />
wollen. Nur mehr Daten sind gute Daten.<br />
Jetzt ist er also da, der kartesische Verdacht – allumfassend<br />
und unstillbar, wie der Hunger nach Daten. Seit Juni 2013 gehört<br />
es zum Allgemeinwissen, dass alle von allen Daten sammeln,<br />
um von allem und jedem alles, was die Form von Wissen<br />
hat, zu wissen. Vorratsdatenspeicherung wird zur vollumfänglichen<br />
Inventur dessen, was der Fall ist. Wenn schon nicht beim<br />
Urknall, dann zumindest auf der Erde.<br />
1625 hatte der englische Philosoph Francis Bacon einen Gedanken<br />
geäußert, der das nahende Zeitalter des Absolutismus<br />
klug vorwegnahm: Dass nichts den Menschen argwöhnischer<br />
mache als fehlendes Wissen. Tatsächlich war es der absolutistische<br />
Staat, der die Arkantradition begründete, weil er sich an<br />
nichts so stieß wie an fehlendem Wissen. Und Wissen fehlt immer.<br />
Seiner Natur nach ist Wissen genau das, was sich abhebt<br />
von dem, was beim Wissen nicht gewusst wird. Der Geheimdienst<br />
war geboren.<br />
Die größte Sorge des absolutistischen Monarchen bestand<br />
darin, nicht zu wissen, was die Untertanen dachten und wie aufrichtig<br />
sie wirklich waren. Die Sekretäre, die er beschäftigte und<br />
die bis heute beschäftigt werden, leiten sich nicht von ungefähr<br />
vom lateinischen secreta ab, von Geheimnis. Der Jesuit Athanasius<br />
Kircher schlug 1684 vor, das gesamte Mauerwerk des fürstlichen<br />
Palasts mit Hörrohren zu durchziehen, um die Gespräche<br />
der Besucher zu belauschen. So gesehen sind Daten nichts anderes<br />
als Hörrohre in die Wirklichkeit. In Daten wird seit dem<br />
17. Jahrhundert Wissen repräsentiert.<br />
Das Labor ist der moderne Wissensproduzent schlechthin.<br />
Im Labor wird eine hypothetische Natur befragt. So forderte es<br />
Francis Bacon, freilich mit dem Ziel, die „Ressourcen der Erde<br />
auszubeuten“, was nur mit einem Wissen gelingt, das instand<br />
setzt, Materie zu manipulieren. Das Labor gleicht einem Folterkeller.<br />
In ihm werden die Dinge gezwungen, ihre Geheimnisse<br />
preiszugeben. Martin Heidegger hätte davon gesprochen, dass<br />
das Labor die Dinge stellt – so wie der Staat den Whistleblower.<br />
Im Labor werden Daten auf inquisitorische Weise gesammelt.<br />
Die Inquisition, die unnachgiebige, insistierende Befragung, ist<br />
der eigentliche Skandal am Boden der Wissensgesellschaft. An<br />
der Inquisition klebt genau jenes Blut, das nach Nietzsche den<br />
Grund einer Kultur ausmacht.<br />
Bis auf den heutigen Tag legt der Staat Wert darauf, mehr<br />
zu wissen als seine Bürger. Zu den von ihm sorgfältig gehüteten<br />
Geheimnissen gehört, was er zum Staatsgeheimnis erklärt, zur<br />
Verschlusssache. Der Staat weiß, dass derjenige, der weiß, was<br />
geheim gehalten wird, auch weiß, wonach er suchen muss. Man<br />
sieht: Das Geheimnis steht quer zur Wissens- und Transparenzgesellschaft.<br />
Und zwar gerade deshalb, weil die heutige Transparenz-<br />
oder Wissensgesellschaft den absolutistischen Staat in dessen<br />
Drang, von allem Kenntnis zu bekommen, beerbt hat. Alles<br />
soll transparent sein, alles soll gewusst werden. Staatsgeheimnisse<br />
sind letztlich ebenso unmöglich wie Datenschutz.<br />
Man denke nur an das jüngste Beispiel absolutistischer Wissensvermehrung:<br />
Eine nationale Gesundheitsstudie für Deutschland<br />
wurde angekündigt, die 200 000 Menschen umfassen und<br />
20 Jahre dauern soll. Naturgemäß wird das Forschungsprojekt<br />
damit begründet, dass es einen Wissensschub auslösen soll – in<br />
diesem Fall im Hinblick auf Volkskrankheiten wie Krebs, Diabetes,<br />
Demenz. Aber das ist ein Vorwand. Man sieht das schön<br />
an einem anderen Beispiel: an Staaten wie der Bundesrepublik<br />
Deutschland, zu deren Praxis es mittlerweile gehört, illegalen<br />
Datenhandel partiell zu legitimieren. Es muss sich nur um<br />
„Steuersünder-CDs“ handeln. Auch hier wird – wie bei der Gesundheitsstudie<br />
– moralisch argumentiert. Wo das Recht zum<br />
Spielball einer Situation wird, ist es außer Kraft gesetzt. Im<br />
Grunde ein unglaublicher Vorgang, ausnahmsweise tatsächlich<br />
unmoralisch bis in die Haarspitzen hinein. Zugegeben ist damit<br />
in jedem Fall, dass Daten und Datenschutz ein Selbstwiderspruch<br />
sind. Erinnern wir uns: Auch die katholische Kirche<br />
hintertrieb den von ihr errichteten Schutz des Beichtgeheimnisses,<br />
wenn es darum ging, die Glaubenslehre zu verteidigen. Das<br />
Erbe der Inquisition ist ungeahnt vielfältig.<br />
Ausgerechnet die Wissensgesellschaft hat also den Absolutismus<br />
und dessen Arkantradition beerbt. Das ist, wenn man so<br />
will, auch ihr am besten gehütetes Geheimnis. Vielleicht setzt<br />
sich allmählich wieder die Erkenntnis durch, dass die Wirklichkeit<br />
da draußen nicht so umfassend überwacht und ausspioniert<br />
werden kann wie das Netz. Schließlich ist es nach dem „Tod<br />
Gottes“ allein das Netz, das über uns alle Buch führt. Und das<br />
vermag es besonders effizient, weil Daten die Sprache sind, die<br />
Maschinen lesen können.<br />
Der englische Philosoph Michael Oakeshott sagt es so:<br />
„Ohne die Telegrafie, die dem osmanischen Sultan Abdul Hamid<br />
ermöglichte, die Armenier mit unvergleichlicher Effizienz abzuschlachten,<br />
und ohne das Telefon hätte die Politik der Zuversicht<br />
längst die Hälfte ihrer Anziehungskraft eingebüßt.“ Deshalb<br />
ist es Zeit für eine Politik der Skepsis statt der Zuversicht.<br />
Daten werden missbraucht, das ist ihnen gewissermaßen intrinsisch;<br />
da helfen gute Worte wenig. Die Fürsten bauen immer<br />
und überall Hörrohre in die Wände.<br />
Thomas Palzer<br />
ist Schriftsteller und Regisseur und benutzt das Programm<br />
Tor, um zu surfen, ohne Spuren zu hinterlassen<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 129
| S a l o n | M a n s i e h t n u r , w a s m a n s u c h t<br />
Die List der Libelle<br />
Joachim Patinirs Ansicht von Marseille ist Ausdruck einer<br />
Sattelzeit und zeigt die Taufe der diesjährigen Kulturhauptstadt<br />
Von Beat Wyss<br />
130 <strong>Cicero</strong> 8.2013
Fotos: Landschaft mit der Erhebung der heiligen Maria<br />
Magdalena, um 1520, Tempera auf Eichenholz; 25,8 x 36 cm,<br />
© 2013 Kunsthaus Zürich, artiamo (Autor)<br />
Um die gleiche Zeit<br />
wie die Lutherbibel<br />
entstand Patinirs<br />
„Landschaft mit der<br />
Erhebung der heiligen<br />
Maria Magdalena“,<br />
heute im Kunsthaus<br />
Zürich, Legat Walter<br />
Boveri, zu besichtigen<br />
I<br />
n diesem Jahr ist Marseille, gemeinsam<br />
mit dem slowakischen<br />
Kosice, Kulturhauptstadt Europas.<br />
Eine frühe Idealvedute der Stadt findet<br />
sich in einem Tafelbild von Joachim<br />
Patinir. Die Rhône-Mündung muss sich<br />
seinem inneren Auge so eingeprägt haben<br />
– wenn es denn stimmt, dass der<br />
wallonische Maler eine Pilgerreise in die<br />
Provence unternommen hat. Im Hintergrund<br />
verblaut eine Erinnerung an die<br />
französische Riviera, bekränzt vom Saum<br />
der Meeralpen.<br />
Eingeladen zu Patinirs Hochzeitsfest<br />
in Antwerpen, prägte Albrecht Dürer ein<br />
epochemachendes Wort, als er seinem<br />
Tagebuch vom 5. Mai 1521 anvertraute,<br />
sein Freund sei ein „gut landschafft mahler“.<br />
Patinir gehört zu den Begründern<br />
einer neuen Bildgattung. Seine Weltlandschaften<br />
stehen in der Tradition von<br />
Miniaturen in der Buchmalerei des frühen<br />
15. Jahrhunderts, der Zeit der Gebrüder<br />
von Limburg und van Eyck. Patinir<br />
beerbt deren fabulierende Art, die Figuren<br />
des Heilsgeschehens in naturalistischer<br />
Umgebung auftreten zu lassen.<br />
Unser Gemälde schildert Begebenheiten,<br />
die Jacobus de Voragine in der „Legenda<br />
Aurea“ beschreibt. Maria Magdalena<br />
erreicht mit Lazarus, Maximin und<br />
anderen Jüngern, von den Juden vertrieben<br />
und ausgesetzt in einem steuerlosen<br />
Schiff, die südfranzösische Küste. In der<br />
Ferne ist Marseille zu sehen, dessen erster<br />
Bischof Lazarus wurde. Auf halbem Weg<br />
zum Vordergrund des Bildes zeigt der<br />
Maler Aix-en-Provence, wo Gründungsbischof<br />
Maximin eine Kapelle errichtete.<br />
Textgetreu ragt ein bizarres Gebirg<br />
heraus: das Massif de la Sainte-<br />
Baume inmitten wuchernder Wälder und<br />
fruchtbarer Wiesen. Gerade die Unwahrscheinlichkeit<br />
dieser Darstellung beweist,<br />
dass der Maler die Pilgerstätte gesehen<br />
haben muss. Denn tatsächlich liegt der<br />
Wallfahrtsort am Fuß eines senkrechten<br />
Felsabbruchs, zugänglich über eine bewaldete<br />
Anhöhe. Patinir verbindet das Gesehene<br />
mit einer Bildtradition, die sich auf<br />
byzantinische Ikonen zurückverfolgen<br />
lässt: Schroff aufsteigende Felsen bilden<br />
das kompakte Zeichen für Wildnis. Hier,<br />
in der Grotte von Sainte-Baume, soll Maria<br />
Magdalena 30 Jahre lang büßend gelebt<br />
haben. Alle sieben Stunden des Gebets<br />
erhoben Engelshände die keusche<br />
Asketin gen Himmel, bekleidet nur mit<br />
ihrem üppigen Haar, womit sie die Füße<br />
Jesu von ihren Tränen getrocknet hatte.<br />
Akkurat malt Patinir, was Jacobus schrieb:<br />
Über der Provence schwebt, klein wie<br />
eine Libelle, aber triumphal, die erste<br />
Missionarin Frankreichs, die als Augenzeugin<br />
am Ostermorgen das leere Grab<br />
Christi gesehen hatte.<br />
Patinir malte das Gemälde um jene<br />
Zeit, als der gleichaltrige Martin Luther<br />
auf der Wartburg die Heilige Schrift ins<br />
Deutsche übertrug. So wie die Lutherbibel<br />
die Heilstatsachen Menschen nahebringt,<br />
die kein Latein verstehen, versetzt<br />
Patinir die frommen Legenden in eine<br />
heimatliche Gegend. Die Weltlandschaft<br />
markiert eine Sattelzeit: Einerseits in der<br />
Tradition der illuminierten Handschrift<br />
stehend, ist sie zugleich angeregt von Portolanen<br />
und Seebüchern, modernen Navigationshilfen<br />
auf den Weltmeeren. Patinirs<br />
Arbeitsort Antwerpen gehörte zu den<br />
bedeutendsten Bank- und Handelszentren,<br />
war Umschlagplatz von Zucker aus<br />
portugiesischen und spanischen Kolonien.<br />
Das christianisierte Marseille, dem<br />
unser Blick jetzt entgegensegelt, als wären<br />
wir Schwalben auf dem Winterflug<br />
nach Nordafrika, wurde zum wichtigsten<br />
Hafen Frankreichs im Aufstieg zur Kolonialmacht.<br />
Nach dem verlorenen Algerienkrieg<br />
hatte die Stadt aber die sozialen<br />
Kosten jener Glanzzeit zu tragen. Die<br />
pieds noirs, die Kolonialfranzosen, und<br />
die harkis, die kooperationsbereiten Algerier,<br />
flüchteten in die Städte der Provence.<br />
Die Bevölkerung von Marseille ist<br />
etwa zu einem Drittel muslimisch. Zugleich<br />
beherbergt die Stadt die größte jüdische<br />
Gemeinde am Mittelmeer außerhalb<br />
von Jerusalem. Um dieser Wirklichkeit einen<br />
Ort zu stiften, hat die Kulturhauptstadt<br />
im Alten Hafen das MUCEM gebaut:<br />
das Museum der Zivilisationen<br />
Europas und des Mittelmeerraums. Architekt<br />
ist Rudy Ricciotti, geboren in Algier.<br />
Man erreicht den Bau auch direkt mit<br />
dem Schiff vom Meer her: so wie die Märtyrer,<br />
wie die Seeräuber und wie die boat<br />
people von der nordafrikanischen Küste.<br />
B e at W y s s<br />
ist einer der bekanntesten<br />
Kunsthistoriker des Landes.<br />
Er lehrt in Karlsruhe<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 131
| S a l o n | B i b l i o t h e k s p o r t r ä t<br />
und ewig lockt<br />
das goldene Vlies<br />
132 <strong>Cicero</strong> 8.2013
Bildhauerin, Botschafterin a. D. und Enkelin<br />
des letzten österreichischen Kaisers:<br />
Gabriela von Habsburg hat in Büchern auch<br />
die Geschichte ihrer Familie gerettet<br />
Von Ingo Langner<br />
In Starnberg<br />
wohnt Gabriela<br />
von Habsburg.<br />
An diesem Flügel<br />
spielte Großmutter<br />
Klara-Marie<br />
einst auf der Veste<br />
Heldburg den<br />
Rotarmisten vor<br />
Foto: Dirk Bruniecki für <strong>Cicero</strong><br />
M<br />
it dem Kernbestand ihrer Bibliothek ist es Gabriela<br />
von Habsburg ergangen wie mit jener anderen, weit<br />
größeren historischen Fatalität: Das Wichtigste kam<br />
ihr abhanden. Gleichwohl ist in ihrem – keineswegs<br />
residenzähnlichen – Haus am Starnberger See<br />
nicht nur die untergegangene österreich-ungarische Monarchie<br />
in Wort und Bild allgegenwärtig. Auch die 1945 von der Roten<br />
Armee als Beutegut aus dem thüringischen Residenzschloss Elisabethenburg<br />
nach Moskau verschleppte, aus rund 15 000 Büchern<br />
bestehende Bibliothek von Herzog Georg II. von Sachsen-Meiningen<br />
ist wieder heimgekehrt zu ihr – wenn auch nur<br />
in wenigen Einzelstücken.<br />
Allgegenwärtig ist hier das Haus Österreich, weil die Hausherrin<br />
die viertgeborene Tochter ihrer Eltern Otto und Regina<br />
von Habsburg ist. Ohne die Folgen des Ersten Weltkriegs ginge<br />
sie heute als eine Enkelin Kaiser Karls I. von Österreich wohl<br />
in der Wiener Hofburg ein und aus. Eine familiäre Heimkehr<br />
lässt sich die zumindest vorübergehende Präsenz der berühmten<br />
herzoglichen Büchersammlung deswegen nennen, weil Gabriela<br />
von Habsburgs Mutter außerdem eine Prinzessin von Sachsen-<br />
Meiningen war.<br />
Schon beim ersten Rundgang durchs Haus bekennt die Erzherzogin,<br />
dass ihre beiden Lieblingsahnen Kaiser Karl V. und Herzog<br />
Georg II. sind. „Bei dem spanischen Vorfahren imponiert mir<br />
vor allem seine fest gegründete Katholizität. Und der Herzog von<br />
Sachsen-Meiningen ist für mich natürlich deswegen so großartig,<br />
weil er ein echter Künstler war und mit seiner naturalistischen ‚Meiningerei‘<br />
Theaterweltgeschichte geschrieben hat.“<br />
Vom „Theaterherzog“ könnte sie ihre künstlerischen Gene geerbt<br />
haben. Obwohl Gabriela von Habsburg von März 2010 bis<br />
März 2013 vor allem durch ihr Amt als streitbare und vife Botschafterin<br />
Georgiens in Deutschland für mehr als eine Schlagzeile<br />
gut war – ihre unverbrämten Analysen der russischen Außenpolitik<br />
haben eine englische Zeitung zu der viel sagenden Headline<br />
„The Princess and the Bear“ inspiriert –, ist sie eigentlich professionelle<br />
Bildhauerin und keine Berufsdiplomatin.<br />
Nach vier Semestern Philosophie scheint Gabriela von Habsburg<br />
sich ihrer wahren Berufung sicher gewesen zu sein. Sie entschloss<br />
sich 1978, von der Universität München an die Akademie<br />
der Bildenden Künste zu wechseln, um bei dem Dänen Robert<br />
Jacobsen und dem italienischstämmigen Schotten Eduardo Paolozzi<br />
die Grundlagen des Bildhauerhandwerks zu studieren. Wer<br />
die von ihr meist aus Edelstahl geformten und oft genug enorm<br />
großen Denkmale, Skulpturen und Brunnen kennt, fragt sich, woher<br />
diese grazile Frau nur die Kraft nimmt, solche Riesenformate<br />
zu stemmen. Ihr auf subtile Art in alle vier Himmelsrichtungen<br />
weisendes „Denkmal zur Grenzöffnung“ im ungarischen Sopron<br />
ist immerhin neun Meter hoch. Wer sonst als die Tochter hätte<br />
es bildhauern sollen, nachdem der Vater Otto von Habsburg als<br />
Schirmherr des „Paneuropäischen Picknicks“ am 19. August 1989<br />
bei der symbolischen Durchtrennung der Stacheldrahtgrenze zwischen<br />
Ungarn und Österreich seinen historisch bedeutenden Anteil<br />
hatte?<br />
Aufträge für Denkmale waren es, die Gabriela von Habsburg<br />
in den Osten Europas führten. Auch den georgischen Botschafterinnenposten<br />
hat sie, so seltsam es klingen mag, ihrer ersten eigenen<br />
Professur an der Kunstakademie in Tiflis, aber natürlich vor<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 133
| S a l o n | B i b l i o t h e k s p o r t r ä t<br />
Schwarze Schafe, aufgepasst: Auch ein Stall mit Lämmern gehört zum Starnberger Anwesen. Im Esszimmer dominiert ein Tisch<br />
aus Stahl und Glas, den die Hausherrin selbst anfertigte, in der Bibliothek fand ein Teil der Bücher Georgs II. sichere Zuflucht<br />
allem ihrem Rosen-Denkmal im Mziuri-Park in der georgischen<br />
Metropole zu verdanken. Aus Wasser und Stein erschaffen, symbolisiert<br />
es die erfolgreich dem russischen Bären abgerungene Unabhängigkeit<br />
Georgiens.<br />
Von ihren georgischen Freunden erfuhr sie, dass die Kreml-<br />
Herren ab und an gewisse Teile ihrer Weltkriegsbeute auf die<br />
Hauptstädte der Sowjetrepubliken verteilt hatten. Für Tiflis sprangen<br />
dabei mehr als 100 000 Bücher heraus. Darunter auch rund<br />
15 000, die mit dem Exlibris-Stempel Georgs II. versehen waren.<br />
Das war eine gute Nachricht. Doch Auge in Auge mit den alten<br />
Schätzen musste Gabriela von Habsburg den weniger erfreulichen<br />
Umstand zur Kenntnis nehmen, dass sich die Bücher in einem<br />
prekären Zustand befinden und nur eine aufwendige Restaurierung<br />
die kostbare Sammlung noch retten kann.<br />
Wozu Gabriela von Habsburg, der eine in Tiflis ansässige Stiftungs-Bibliothek<br />
vorschwebt, durchaus bereit wäre, wenngleich<br />
ihr dafür derzeit die finanziellen Mittel fehlen. Auch entstanden<br />
in Georgien nach dem kürzlich erfolgten Regierungswechsel neue<br />
bürokratische Hürden. Dennoch lässt sich Siegeszuversicht aus<br />
jener Geste ablesen, mit der sie ihrem Starnberger Gast einen<br />
Band aus der einst zur „Georgs-Bibliothek“ gehörenden achtteiligen<br />
„Allgemeinen Welthistorie“ präsentiert, die, 1749 zu Halle<br />
übersetzt, „in England von einer Gesellschaft Gelehrter angefertigt“<br />
worden ist. Aus dem sie zielsicher einen Eintrag herauspickt,<br />
der Märchenhaft-Mythisches vom Königreich Kolchis zu berichten<br />
weiß, dem heutigen Georgien. Dazu zählt natürlich auch die<br />
Geschichte von Medea und Jason und dem Goldenen Vlies, dem<br />
legendären Widderfell. Wer sich daran erinnert, dass der 1430<br />
von Philipp dem Guten, Herzog von Burgund, gestiftete „Ritterorden<br />
vom Goldenen Vlies“ seit 1477 die höchste Auszeichnung<br />
des Hauses Habsburg ist, der muss ein Schelm sein, wenn<br />
er die Liebe Gabriela von Habsburgs zu Georgien für eine Laune<br />
des Schicksals hält.<br />
Im Starnberger Anbau befindet sich eine eigens dem Hause<br />
Sachsen-Meiningen gewidmete neue Bibliothek. Die aus Tiflis<br />
heimgekehrten Stücke stehen aber auch deswegen in der alten<br />
Bibliothek, weil sich dort die sogenannten zwölf Philosophenköpfe<br />
befinden. Herzog Georg II. hatte sie gesammelt. Sie konnten<br />
noch vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs dem Zugriff der<br />
Sowjetarmee entzogen werden.<br />
Gabriela von Habsburg kannte die Köpfe von Sokrates, Aristoteles,<br />
Platon, Caesar, Homer, Lessing, Voltaire, Humboldt, Galilei,<br />
Dante, Kant und Molière schon als junges Mädchen, allerdings<br />
nur von schwarz-weißen Fotografien. Als der Familienrat<br />
schließlich ihrem Wunsch nachkam, ihr „die Philosophen“ zu<br />
überlassen, ahnte sie nicht, dass die gipsernen Schädel nicht handlich,<br />
klein und zahm, sondern deutlich mehr als überlebensgroß<br />
in ihr Heim einrücken würden. Doch da sie nun einmal da waren,<br />
wurden die raumeinnehmenden gewichtigen Herren terrakottafarben<br />
aufgehübscht und in die Hausbibliothek verpflanzt.<br />
Dort stehen sie noch immer.<br />
Nicht nur im Interieur ist Sachsen-Meiningen unübersehbar.<br />
Auch das Domizil selbst gehört gewissermaßen zur mütterlichen<br />
Linie der Hausherrin. Nicht nur deshalb, weil es vor deren Heirat<br />
Lebensmittelpunkt ihrer Mutter Regina war. Sondern weil Grundstück<br />
und Haus aus den Verkaufserlösen eines Gobelins, eines<br />
Colliers und einer Perlenkette stammen. Diese drei Kostbarkeiten<br />
waren das Einzige, was Gabriela von Habsburgs Großmutter<br />
Klara-Marie von Sachsen-Meiningen bei ihrer nächtlichen Flucht<br />
vor der Roten Armee mit in den Westen retten konnte.<br />
Bei so viel Verlustanzeigen stellt sich die Frage, ob es ein Buch<br />
gibt, das Gabriela von Habsburg über alle Zeitläufte hinweg besonders<br />
am Herzen liegt. Sie denkt sehr lange nach. Doch schließlich<br />
kommt eine Antwort, die aus dem Munde einer Frau, deren<br />
Vorfahren die Krone des Heiligen Römischen Reiches Deutscher<br />
Nation getragen haben, etwas Selbstverständliches hat: „Am meisten<br />
geprägt hat mich ‚Der endlose Chor‘. Diese heute fast vergessenen<br />
Heiligenlegenden von Wilhelm Hünermann hat meine<br />
Mutter Regina uns Kindern allabendlich vor dem Einschlafen<br />
im Bett vorgelesen. Von diesen einfach und kindgerecht erzählten<br />
Geschichten habe ich gelernt, dass sich in den Heiligen der<br />
ganze Reichtum des Menschlichen und das Füllhorn der göttlichen<br />
Gnade widerspiegeln. Wer das schon als Kind lernt, hat Rüstzeug<br />
fürs Leben genug.“<br />
Ingo Langner<br />
ist Filmemacher, Publizist und drehte schon an der<br />
Wiege der deutschen Schauspielkunst, in Meiningen<br />
Fotos: Dirk Bruniecki für <strong>Cicero</strong>, Christoph Lerch (Autor)<br />
134 <strong>Cicero</strong> 8.2013
DIE ENTSCHEIDUNG DES JAHRES – BUNDESTAGSWAHL AM 22. SEPTEMBER<br />
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136 <strong>Cicero</strong> 8.2013
D i e l e t z t e n 2 4 S t u n d e n | S a l o n |<br />
Goethe muss mit<br />
Für Sahra Wagenknecht ist der Abschied eine alpine<br />
Angelegenheit. In Südtirol schmeckt die Natur nach Ewigkeit. Und<br />
dann schlägt einer allerletzten Hoffnung die große Stunde<br />
Foto: Maurice Weiss/Ostkreuz für <strong>Cicero</strong><br />
G<br />
inge es mir gesundheitlich gut<br />
an meinem letzten Tag, dann<br />
würde mich mein Weg in die<br />
italienischen Alpen führen, vielleicht<br />
nach Südtirol. Ich habe es immer geliebt<br />
zu wandern, ich habe den weiten Blick<br />
genossen, wenn man auf dem Gipfel<br />
steht. Dieses wunderbare Bergmassiv in<br />
seiner stolzen Schönheit hat etwas Befreiendes,<br />
auch das Wissen darum, dass diese<br />
Schönheit im Unterschied zu unserem<br />
Leben nicht vergänglich ist. Auch wenn<br />
der Mensch sie beschädigt und Gletscher<br />
zum Schmelzen bringt – die Alpen vermitteln<br />
ein Gefühl von Ewigkeit.<br />
Bestimmt würde ich meine letzten<br />
24 Stunden nicht im Bundestag verbringen<br />
wollen. Ohne Politik lässt sich eine<br />
Gesellschaft nicht verändern, aber Politik<br />
ist kleinteilig und oft kleinkariert, vieles<br />
hat keine Wirkung oder allenfalls eine<br />
kurzfristige. Für die wirklich großen Veränderungen<br />
braucht man einen langen<br />
Atem.<br />
An meinem letzten Tag würde ich deshalb<br />
lieber noch einmal einen Dreitausender<br />
bezwingen, um ein letztes Mal das<br />
traumhafte Naturgefühl zu genießen, die<br />
Geräusche, die Landschaft. Wenn man in<br />
den Alpen aufsteigt, sind unten die Wiesen,<br />
die Blumen, die Bäche und Vögel.<br />
Weiter oben wird es dann karger, dafür<br />
Wenn Sahra Wagenknecht spricht,<br />
hat der Kapitalismus schlechte<br />
Karten. Die Politikerin der Partei<br />
Die Linke mag keine Kompromisse.<br />
Ihr Lieblingsautor aber ist weniger<br />
ein Ökonom aus Trier, sondern<br />
ein Dichterfürst aus Weimar. Den<br />
„Faust“ lernte sie einst auswendig<br />
www.cicero.de/24stunden<br />
bekommt man einen fantastischen Blick.<br />
Sicher würde ich an diesem Tag nicht allein<br />
wandern, sondern zu zweit.<br />
Oft habe ich beim Wandern ein Buch<br />
im Gepäck. Ich liebe Goethes Liebesgedichte,<br />
und an meinem letzten Tag würde<br />
ich sie bestimmt noch einmal zur Hand<br />
nehmen. Sie sind eine Hommage an die<br />
Menschheit und leben von der Überzeugung,<br />
dass der armselige, rein materiell<br />
ausgerichtete Egoist, den die heutige<br />
Ökonomie kultiviert, nicht der wirkliche<br />
Mensch ist. Der Mensch ist ein soziales<br />
Wesen, das lieben und sich für andere<br />
Menschen begeistern kann. Die große<br />
Liebeslyrik ist das Kontrastprogramm zur<br />
traurigen Reduktion des Menschen auf<br />
einen berechnenden Prozessor, der allein<br />
seinen Nutzen maximiert. Sie formuliert<br />
damit auch den Anspruch auf eine Gesellschaft,<br />
in der der Mensch dem anderen<br />
Menschen nahe sein kann, weil er die<br />
Sicherheit hat, auch ohne Einsatz seiner<br />
Ellenbogen nicht abzustürzen, weil er sich<br />
Muße und Entspannung leisten kann,<br />
ohne die soziale Beziehungen nicht leben<br />
können. Die Verbindung aus Natur und<br />
Lyrik ist das Schönste, das es für mich im<br />
Leben gibt. Sich lesend zu verabschieden –<br />
der beste Rahmen, wenn man schon gehen<br />
muss.<br />
Ich hoffe, dass ich dann auf ein Leben<br />
zurückblicken kann, in dem ich etwas<br />
bewegt habe. Es wäre schön, mit<br />
der Zuversicht zu gehen, dass die Menschen<br />
einer Gesellschaft näher gekommen<br />
sind, die ihnen gerecht wird. Eine Gesellschaft,<br />
die die Menschen nicht mehr<br />
zu Konkurrenten herabwürdigt, die nicht<br />
ihre schlechtesten Eigenschaften – Habgier,<br />
Geiz, Selbstbezogenheit – kultiviert,<br />
sondern das, was den Menschen menschlich<br />
macht: Liebesfähigkeit, soziale Bindungen,<br />
ein Gefühl für die eigene Würde<br />
und die der anderen. Eine Gesellschaft, in<br />
der Menschen Sinn für das Schöne haben,<br />
für Literatur, für Kunst – und die<br />
Zeit dazu.<br />
Aufgezeichnet von Sarah-Maria Deckert<br />
8.2013 <strong>Cicero</strong> 137
C i c e r o | P o s t S c r i p t u m<br />
Armageddon<br />
Von Alexander Marguier<br />
W<br />
as waren das für schöne Zeiten, als die Zeugen Jehovas<br />
noch von Haustür zu Haustür gingen, einem<br />
den Wachtturm in die Hand drückten und auf Nachfrage<br />
irgendetwas über bevorstehende Endzeitkriege erzählten.<br />
Diese Leute, zumeist ältere Männer in eierschalfarbenen<br />
Windjacken, wirkten ungefähr so bedrohlich wie ein Seniorennachmittag,<br />
und wer ihnen ein bisschen zuhörte, kam zwangsläufig<br />
zu dem Schluss, dass ein Weltuntergang ja kein Beinbruch<br />
sein muss.<br />
Heute dagegen begegnet uns eine neue Generation von<br />
Endzeitpredigern – und zwar in Form des Eurokrisenorakels,<br />
kurz EKO. Das EKO legitimiert sich zunächst durch die Behauptung,<br />
es habe als einziges Medium die Eurokrise bereits zu<br />
einem Zeitpunkt vorhergesagt, als Griechenland einfach nur<br />
ein sympathisches Urlaubsgebiet mit Triple-A-Bonität war und<br />
Lehman Brothers eine sichere Bank. Um uns dann eine Zukunft<br />
auszumalen, gegen die die Höllenbilder eines Hieronymus<br />
Bosch eher noch harmloses Geplänkel sind.<br />
Eines der aufdringlichsten Eurokrisenorakel ist ein Mann<br />
namens Günter Hannich, der sich „Experte für Geldsicherheit“<br />
nennt und neuerdings ständig im Internet auftaucht (manchmal<br />
auch im Fernsehsender NTV). Der moderne Armageddon-<br />
Prophet vom Typ Günter Hannich trägt Krawatte und sieht<br />
auch sonst aus wie der Bankberater von der örtlichen Sparkassenniederlassung,<br />
verbindet dieses amtlich-seriös anmutende Erscheinungsbild<br />
jedoch mit der Verkündigung haarsträubendster<br />
Horrorszenarien.<br />
Auf der Hannich-Homepage klingt das beispielsweise so:<br />
„Eurozusammenbruch. Schuldenchaos. Wirtschaftskrise. Der<br />
totale Zusammenbruch kommt! Der Euro versinkt im Chaos!<br />
Ihr Geld ist in Gefahr. Alles, was Sie sich aufgebaut haben, ist<br />
in Gefahr. Es gibt nur noch einen Ausweg!“ Anders als bei endzeitlichen<br />
Sekten, die einem den Ausweg aus dem ganzen Schlamassel<br />
noch durch spirituelle Übungen weisen konnten, hilft<br />
in der Schreckenswelt der Günter Hannichs jedoch kein Gebet<br />
und erst recht kein Bausparvertrag. Sondern einzig und allein<br />
ein Abonnement des Newsletters „Hannich vertraulich“. Vertraulichkeit,<br />
die konspirative Schwester des Vertrauens, hat in<br />
der Krise Konjunktur. Denn wenn das Vertrauen abhandengekommen<br />
ist, besorgt man sich seine Informationen eben auf anderen,<br />
auf „vertraulichen“ Wegen. Das gilt nicht nur für Secret<br />
Services, sondern auch für Kleinanleger – das Geheimnis des<br />
Glaubens als Bestandteil der ökonomischen Liturgie.<br />
Die quasireligiöse Dimension der Finanzkrise sollte ein ergiebiger<br />
Forschungsgegenstand für Kulturanthropologen sein.<br />
Der Euro ist ja längst nicht mehr nur eine Gemeinschaftswährung,<br />
sondern eine vergöttlichte Wesenheit, von der angeblich<br />
die Existenz eines ganzen Kontinents abhängt. Wer dieser Doktrin<br />
nicht folgt, wird von den Hütern des heiligen Euro-Grals als<br />
Schismatiker gebrandmarkt – einige gründen dann sogar ihre<br />
eigene Anti-Euro-Sekte und bezeichnen das Ergebnis als politische<br />
Partei. In dieser Gemengelage erscheinen nüchterne Professoren<br />
der Ökonomie nicht mehr als Wissenschaftler, sondern<br />
vielmehr wie Wahrsager oder Hohepriester eines rätselhaften<br />
Kultes. Es geht keineswegs um gesicherte Erkenntnis, sondern<br />
um die Deutungshoheit von Wirtschafts-„Weisen“.<br />
Da ist es eigentlich auch nur konsequent, wenn sich die Eurokrisenorakel<br />
unserer Tage nicht wie Finanzberater inszenieren,<br />
sondern als Erlöserfiguren. „Das ist der Retter!“, heißt es völlig<br />
ironiefrei auf seiner Homepage unter einem Foto Günter Hannichs.<br />
Und wer sich dem Retter nicht anvertraulicht, so die Botschaft,<br />
ist für immer verloren: „Das Chaos kommt! Handeln Sie<br />
jetzt, bevor es zu spät ist!“<br />
Ich kann nicht genau sagen, warum. Aber als Weltuntergangsprediger<br />
waren mir die Zeugen Jehovas in ihren eierschalfarbenen<br />
Windjacken irgendwie lieber.<br />
Alexander Marguier<br />
ist stellvertretender Chefredakteur von <strong>Cicero</strong><br />
Illustration: Christoph Abbrederis; Foto: Andrej Dallmann<br />
138 <strong>Cicero</strong> 8.2013
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