Wirtschaftswoche Ausgabe vom 2013-12-09 (Vorschau)

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Spurwechsel Als Frau in der Autowelt

Mobilfunk Das beste Businessnetz

50

9.12.2013|Deutschland €5,00

5 0

4 1 98065 805008

Angriff auf

Ihr Geld

Was bleibt nach

Minuszins, Steuern,

Vermögensabgabe

Schweiz CHF 8,20 | Österreich €5,30 | Benelux€5,30 | Griechenland€6,00 | GroßbritannienGBP 5,40 | Italien€6,00 | Polen PLN27,50 | Portugal€6,10 | Slowakei €6,10 | Spanien€6,00 | TschechischeRep.CZK 200,- | Ungarn FT 2000,-

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Einblick

Wohl dem, der eine Autofabrik hat – sie ist der Wohlstandsmotor:

das Städteranking der Wirtschafts-

Woche mit verblüffenden Befunden. Von Roland Tichy

Wohlstand im Autoland

FOTO: HEIKE ROST FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Dass die Automobilindustrie für

den Wohlstand in Deutschland

wichtig, vielleicht sogar schon

übermächtig ist, zeigen volkswirtschaftliche

Daten, aber mehr noch

das Alltagsleben in den Autostädten: Ein

halbes Dutzend Museen, Arbeitskräftemangel

und üppige Sozialleistungen in

Ingolstadt (Audi), moderne Spitzenarchitektur

anstelle der Notbauten in Wolfsburg

(VW), Immobilienboom in Regensburg

(BMW) und eine Aufholjagd mit

neuen Arbeitsplätzen und messbar mit

allen Wohlstandsindikatoren in Leipzig

(Porsche und BMW) – die dynamischsten

Städte Deutschlands sind die Autostandorte

mit ihrem dichten Geflecht der Zulieferindustrie.

Auch wenn die Autobauer

in der Politik oft ausgebremst werden:

Der führende Sektor baut seine wirtschaftliche

Vormachtstellung immer weiter

aus und ersetzt, was in der Chemie,

Pharmazie und IT wegfällt. Und es sind

längst nicht mehr nur die Autoklassiker

München und Stuttgart. Es sind die mittelgroßen

Städte, die profitieren. Zudem

ist der Automobilbau längst nicht mehr

geprägt von Männern mit ölverschmierten

Händen, sondern von Ingenieuren

und Akademikern, die wiederum Kunst,

Kultur und Bildung gleichermaßen einfordern

und leben – und von Seiteneinsteigerinnen

auch am großen Steuerrad

(siehe Seite 96).

Überhaupt die mittelgroßen Städte: Sie

prosperieren mit der höchsten wirtschaftlichen

Dynamik und Lebensqualität. Sie

bilden kreative Netzwerke entlang neuer

Wachstumsachsen wie etwa die Rhein-

Main-Metropolregion der vier Städte

Frankfurt, Darmstadt, Mainz und Wiesbaden,

die ausstrahlt und in kreativer

Wechselbeziehung steht mit der Wissenschaftsstadt

Heidelberg und der Technologieregion

Karlsruhe.

Das ist nicht nur im Westen so: In

Thüringen hat Jena Anschluss an die

Spitze gefunden; Dresden, Potsdam, sogar

das lange abgeschlagene Rostock haben

sich als Zentren ihrer Region und mit klar

umrissenen Schwerpunkten an den

Wachstumszug gehängt. Aber das vom

Datenmaterial umfangreichste Städteranking

offenbart gnadenlos auch lokales

Versagen.

Im Osten spaltet sich das Land entlang

neuer Brüche. Chemnitz, Cottbus und

Halle bestätigen noch immer das Klischee

der verfallenden sozialistischen Stadt mit

ihren Industrieruinen und sich entleerenden

Plattenbauten. Und gleichgültig, ob es

um das erreichte Niveau an wirtschaftlicher

und sozialer Leistungsfähigkeit geht

oder um die Veränderungsdynamik: Am

unteren Ende der Tabellen knubbeln sich

nicht mehr ostdeutsche Städte. Die neuen

Elendsquartiere sind fast ausschließlich

Ruhrgebietsstädte.

RUINEN DER ENERGIEWENDE

Zwar zeigen sich punktuelle Erfolge wie in

Duisburg, das sich als Logistikzentrum neu

erfunden hat. Aber die wahren Verlierer

der Energiewende sind Städte wie Wuppertal,

das früher so wohlhabende Krefeld

oder Oberhausen, das einstmals so erfindungsreiche

Remscheid wie die früher

kraftstrotzenden Städte Bottrop, Herne

und Gelsenkirchen: Sie trifft der staatlich

verordnete Niedergang der großen bundesweiten

oder regionalen Energieerzeuger,

die Auswirkung auf die Zulieferindustrien

und zunehmend der sich

beschleunigende Zusammenbruch der

Grundstoffindustrien. Seit die administrierten

Strompreise explodieren, kollabieren

die Edelstahlwerke, und es beschleunigt

sich die Deindustrialisierung, weil

Chemiefabriken und Weiterverarbeiter still

und leise „Tschüss!“ zur früheren Herzkammer

der Industrie sagen.

Es ist schwer für eine Stadt, vorwärts zu

kommen, wenn die Schlüsselindustrien

sterben, weil ihnen der Saft abgedreht wird.

Und es ist ein Lehrstück über eine verächtliche

Politik, die glaubt, dass Wirtschaft

schon immer irgendwie und unbegrenzt

weitergeht. Irgendwann geht sie weg. Eine

Reise durch Deutschlands Städte zeigt

Regionen der Tristesse – und Städte mit ungebrochenem

Lebenswillen. Schauen Sie

genau hin, auf den Seiten 18 bis 26. n

WirtschaftsWoche 9.12.2013 Nr. 50 3

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Überblick

Menschen der Wirtschaft

6 Seitenblick Die Brennpunkte der Welt

8 Deutsche Telekom: Abhören erschwert

9 Zalando: Vorbereitung für Börsengang |

Große Koalition: Wirtschaftsrat warnt

10 Interview: Commerzbank-Vorstand Martin

Zielke greift Direktbanken im Netz an

12 Burger King: Gerichtsvollzieher kommt |

Zigarettenschmuggel: Konzerne wollen

Vorschriften aufweichen | Elon Musk: Revolutionäres

Konzept zur Solarfinanzierung

14 Chefsessel | Startup Gute-Laune-Abo

16 Chefbüro Jean-Frédéric Dufour, Chef des

Luxusuhrenherstellers Zenith

Politik&Weltwirtschaft

18 Städteranking Wo gibt es in Deutschland

die meisten Jobs, den größten Wohlstand

und die besten Standortbedingungen? |

Die Methodik | Immobilien: Große Unterschiede

quer durch Deutschland

28 SPD Parteichef Sigmar Gabriel setzt mit dem

Mitgliederentscheid alles auf eine Karte.

Gewinnt er, steht ihm jedes Amt offen

31 Berlin intern

Titel Im Angriffsmodus

Negativzins, Vermögensabgabe,

neue Steuern und Steuererhöhungen,

Zwangsmaßnahmen – immer neue

Enteignungsinstrumente werden von

Politik und Notenbank geprüft. Müssen

Anleger jetzt wegen der Schuldenkrise

um ihr Erspartes fürchten? Seite 32

Deutschlands Städte im Test

Das Städteranking zeigt die überragende Bedeutung der Automobilindustrie

für Deutschland. Wo Autos produziert werden, geht es

den Kommunen blendend. So wie Wolfsburg. Seite 18

Der Volkswirt

32 Spareinlagen Eine Lösung der Schuldenkrise

ist nicht in Sicht, also sollen Anleger

bluten. Welche Zwangsmaßnahmen

können auf die Sparer zukommen?

42 Weltwirtschaft An ihrem 100. Geburtstag

steht die US-Notenbank in der Kritik |

Interview: Der Chef des Cato Institute, John

Allison, fordert die Abschaffung der Fed

47 Denkfabrik Hans-Werner Sinn widerspricht

der Kritik an den deutschen Exportüberschüssen

Unternehmen&Märkte

50 Managerhaftung Immer mehr Konzernlenker

lassen ihre Vorgänger für Fehler bezahlen

– auch der Immobilienkonzern IVG

56 Deutsche Bank Trotz der Rekordstrafe für

die Manipulation von Referenzzinsen sitzt

Co-Chef Anshu Jain fest im Sattel – noch

58 PSA Der neue Herr über Peugeot und

Citroën, Carlos Tavares, muss mehr umbauen,

als der Eigentümerfamilie lieb sein kann

62 Tobit Software Ein IT-Haus verwandelt

Facebook-Fanseiten kostenlos in Apps

66 Interview: Jan-Dirk Auris Der Henkel-

Klebstoffvorstand plant Übernahmen

68 Computerspiele Die Branche wandelt sich

rasant durch Smartphones und Tablets

72 Spezial Mittelstand Innovation: Fehlende

Fachkräfte und Konkurrenz aus Asien sorgen

für Druck | Maschinenbau: Mit Tüftlergeist

zum Weltmarktführer | Outsourcing:

Mittelständler lagern Forschungsprojekte

aus | Dekra-Award : Auszeichnungen für

Konzepte zu Umwelt und Personal

Erste Wahl

Vieltelefonierer, Datenjunkie,

Sparfuchs – die

Telefonprofile von

Geschäftsleuten sind

so verschieden wie

ihre Jobs. Wir verraten,

welcher Nutzertyp in

welchem Netz am

besten telefoniert.

Seite 88

TITELILLUSTRATION: EDEL RODRIGUEZ

4 Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche

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Nr. 50, 9.12.2013

Spurwechsel

Die ehemalige Henkel-Managerin Tina Müller ist seit August

Marketingvorstand von Opel. Wie findet sie sich in der fremden

Welt zurecht? Auftakt einer mehrteiligen Serie. Seite 96

Technik&Wissen

88 Mobilfunk Klang, Tempo, Preis – deutsche

Handynetze im Business-Check von

WirtschaftsWoche und „Connect“ | Wo gestresste

Vieltelefonierer abschalten können

95 Valley Talk

Management&Erfolg

96 Serie Spurwechsel (I) So lebt sich Ex-

Henkel-Managerin Tina Müller bei Opel ein

99 Produktion Wie Unternehmen mit dem

Baukastenprinzip Zeit und Geld sparen

FOTOS: STEFAN KRÜGER, DOMINIK PIETSCH (2), MARKUS SCHWALENBERG, ALLE FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Teure Abrechnung

Konzerne fordern immer öfter von früheren Top-Managern Millionensummen

an Schadensersatz für Fehlverhalten. Wer betroffen ist,

wie Vorstände und Aufsichtsräte sich schützen können. Seite 50

Augenschmaus

Gutes Papier, feiner Druck,

reiche Bebilderung: Die

Verlage setzen auf das schöne

Buch, das auch visuelles und

haptisches Vergnügen bietet

– Empfehlungen für den

Gabentisch. Seite 122

Geld&Börse

102 Serie Mut zum Risiko (III) Wie die deutsche

Voxeljet an der US-Börse Furore machte |

Börsenkandidaten, die Anleger im Blick

behalten sollten | bmp-Chef Oliver Borrmann

über Lehren aus dem Neuen Markt

112 Gold Das antiquierte Preis-Fixing erleichtert

Manipulationen

114 Steuern und Recht Höheres Netto durch

richtige Steuerklassen | Blinken verhindert

Unfälle | Nebenkosten beim Immobilienkauf

| Mehr Geld bei Dienstreisen

116 Geldwoche Kommentar: Gefahren riskanter

US-Kreditgeschäfte | Trend der Woche:

Dax | Dax-Aktie: ThyssenKrupp |

Hitliste: Performance der Weltbörsen |

Aktien: PetSmart, Villeroy & Boch |

Chartsignal: Dow Jones | Anleihe: Aton |

Investmentfonds: Semper Real Estate

Perspektiven&Debatte

122 Bücher Immer mehr Verlage bringen aufwendig

illustrierte Bücher auf den Markt

125 Kost-Bar

Rubriken

3 Einblick, 126 Leserforum,

128 Firmenindex | Impressum, 130 Ausblick

n Lesen Sie Ihre WirtschaftsWoche

weltweit auf iPad oder iPhone:

In dieser Ausgabe empfiehlt

Christopher Schwarz Bücher und

beschreibt die Schönheit

von Eselsohren. Außerdem:

Welche skurrilen

Produkte Fans von Computerspielen

kaufen.

wiwo.de/apps

n Griechenland Das Euro-Krisenland

ist von einem ausgeglichenen

Haushalt noch weit entfernt, schreibt

Harvard-Ökonom Martin Feldstein.

wiwo.de/schuldenkrise

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WirtschaftsWoche 9.12.2013 Nr. 50 5

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Seitenblick

KONFLIKTE

Brandherde der Welt

Ukraine, Thailand, China – fast im Wochentakt brechen in

vielen Regionen der Welt Unruhen aus. Welche Gefahren

davon für andere Länder ausgehen.

Iran

URSACHE Die islamische Republik steht im Verdacht,

eine Atombombe zu bauen.

GEFAHR Schwere Sanktionen schwächen die

Wirtschaft. Derzeit zeichnet sich eine leichte

Besserung ab, da Teheran zugestimmt hat, ausländische

Experten zur Inspektion des Kernkraftprogramms

ins Land zu lassen. Allerdings

könnte der Atomkompromiss noch

scheitern, falls Iran den Westen nur hinhalten

will. Dann droht eine Eskalation,

da der Westen dem Bau einer Atombombe

nicht tatenlos zuschauen wird.

Syrien

URSACHE Ein Großteil der Syrer

demonstrierte für den Rücktritt von

Diktator Baschar al-Assad – der

wehrt sich mit militärischer Gewalt

gegen sein eigenes Volk. Im Land

tobt ein Bürgerkrieg, die Wirtschaft

liegt darnieder, ein Ende des Blutvergießens

zeichnet sich nicht ab.

Allerdings ist die Opposition zersplittert.

Einzelne Gruppen, darunter

westlich orientierte Demokraten und

radikale Islamisten, kämpfen nicht nur

gegen Assad, sondern bekriegen sich

auch gegenseitig. Mit der Vernichtung seiner

Chemiewaffen kam Assad einem amerikanischen

Militärschlag zuvor.

GEFAHR Die Konflikte können auf den gesamten

Nahen Osten übergreifen. Zudem leiden die

Nachbarländer unter den Flüchtlingsströmen.

Ägypten

URSACHE Als der gewählte Präsident Mohammed Mursi sein

Land zunehmend islamisierte, putschte das Militär. Die Gesellschaft

ist gespalten in Anhänger und Gegner der Muslim-Bruderschaft um

Mursi. Dem gestürzten Präsidenten wird der Prozess gemacht, seine Anhänger

wollen ihn mit Verweis auf die demokratischen Wahlen wieder im Amt sehen.

GEFAHR Der Staat ist instabil. Der Tourismus, die wichtigste Einnahmequelle, liegt

darnieder. Auch andere Branchen stehen vor dem Ruin. Die Unruhe unter der darbenden Bevölkerung

kann die gesamte Region erfassen.

6 Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche

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Thailand

URSACHE Eine wachsende Mittelschicht ärgert sich über Korruption des Regierungsclans. Demonstranten

stürmten Regierungsgebäude und fordern den Rücktritt des Kabinetts.

GEFAHR Thailand empfiehlt sich als günstige Werkbank der Weltwirtschaft – auch für

deutsche Unternehmen. Längere Proteste könnten Lieferausfälle verursachen.

China/Japan

URSACHE Beide Länder erheben Anspruch auf unbewohnte

Inseln im Ostchinesischen Meer, in deren Umgebung viel

Fisch und Öl vermutet werden. Peking hat darüber eine

Flugverbotszone eingerichtet, die die japanische Luftwaffe

ignoriert. Aus dem Territorialkonflikt ist ein

Kräftemessen um die Vorherrschaft im Pazifikraum

geworden.

GEFAHR An einer Eskalation ist keiner interessiert,

aber eine Lösung ist nicht in Sicht.

Ukraine

URSACHE Auf Drängen Russlands

hat Präsident Viktor Janukowitsch die

versprochene Annäherung an die

EU gestoppt. Hunderttausende

Menschen fordern seinen Rücktritt.

GEFAHR Die Konflikte schwächen

ein Land, das am Rande des Bankrotts

steht. Ein Sturz Janukowitschs

ist weniger wahrscheinlich als die

Zahlungsunfähigkeit.

Türkei

Brasilien

URSACHE Die jungen Brasilianer

sind Korruption und Vetternwirtschaft

leid. Die Preiserhöhung im Nahverkehr

war im Sommer der Auslöser für die

größten Proteste seit den Achtzigerjahren.

Präsidentin Dilma Rousseff lenkte

ein: Sie versprach eine sozialere Politik

und mehr Geld für Bildung.

GEFAHR Mit Beginn der Fußballweltmeisterschaft

im Juni könnten die Proteste wieder

aufflammen – die teuren wie protzigen Stadien

betrachten viele Brasilianer als Symbole der

Verschwendung.

URSACHE Die Istanbuler protestierten gegen die Umgestaltung des

Gezi-Parks – und fanden landesweit Unterstützung von Türken, die sich

an Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan stören. Er übt seit den Revolten

Druck auf Oppositionelle und sogar Unternehmen aus.

GEFAHR Die gesellschaftliche Spaltung vertieft sich, da Erdogan eine Islamisierung der

Türkei forciert. Konflikte können spätestens zur Kommunalwahl im März ausbrechen.

FOTOS: LAIF (2), INTERTOPICS, REUTERS (3), CORBIS, GETTY IMAGES

WirtschaftsWoche 9.12.2013 Nr. 50 Redaktion: florian.willershausen@wiwo.de 7

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Menschen der Wirtschaft

Vorreiter in Deutschland

Telekom-Vorstand Kremer

CYBERSPIONAGE

Lauschangriffe erschwert

Die Deutsche Telekom setzt eine neue

Verschlüsselungstechnik ein. Gespräche

über das Handy können künftig nicht

mehr so leicht abgehört werden.

Nicht nur für Geheimdienstler ist es ein Leichtes,

Mobiltelefone abzuhören und herauszufinden, wo

sich der Nutzer aufhält. Die Sicherheitsspezialisten

und Ex-Hacker Karsten Nohl und Luca Melette

demonstrierten schon vor mehr als einem Jahr in

der WirtschaftsWoche, dass jeder Hobbybastler

für rund 100 Euro eine Lauschstation bauen kann

(wiwo.de/handyspionage). Zwar haben die Betreiber

der Mobilfunknetze diese mit einem Verschlüsselungssystem

ausgerüstet, dem A5/1, aber

das ist veraltet, wurde bereits mehrfach geknackt

und bietet deshalb keinen Schutz mehr.

Jetzt will die Deutsche Telekom die Sicherheitslücke

schließen, als erster Mobilfunkbetreiber in

Deutschland. Telekom-Vorstand Thomas

Kremer, verantwortlich für den Datenschutz, gab

inzwischen grünes Licht für den flächendeckenden

Einsatz der verbesserten Verschlüsselungssoftware

A5/3. Bis Jahresende will die Telekom sie bundesweit

in all ihren Mobilfunk-Basisstationen einsetzen.

„Wir können unseren Kunden durch diese

Verschlüsselung jetzt mehr Abhörsicherheit

im Mobilfunknetz bieten“, verspricht Telekom-Vorstand

Kremer.

Der Konzern kommt damit den drei Wettbewerbern

Vodafone, E-Plus und O2 zuvor. Sie wollen

die neue Verschlüsselungstechnik erst in den

kommenden Jahren einführen. Ursprünglich hatte

Vodafone geplant, den verbesserten Sicherheitsstandard

bis März dieses Jahres in Deutschland zu

implementieren. Wegen technischer Probleme

verschob der Mobilfunkbetreiber das Projekt aber

um zwei Jahre auf 2015. Nur eine einzige Funkstation,

nämlich die besonders schützenswerte rund

um den Reichstag und das Kanzleramt im Berliner

Regierungsviertel, rüstete Vodafone bisher um.

Die kleineren Konkurrenten O2 und E-Plus, die

im nächsten Jahr fusionieren wollen, können

noch nicht genau sagen, wann sie die neue Technik

einsetzen. „Es gibt Pläne, aber noch ist nichts

entschieden“, heißt es gleichlautend aus beiden

Firmenzentralen.

Auch die Deutsche Telekom wollte den verbesserten

Standard schon früher nutzen, unterschätzte

aber die Probleme. Zwei Handys älterer Bauart

reagierten so allergisch auf das neue System, dass

bei ihnen massive Störungen auftraten. Telekom-

Techniker mussten eine Spezialsoftware entwickeln,

die dann ausgiebig getestet wurde. „Wir

mussten eine gewisse Zeit abwarten“, erklärt die

Telekom, „falls sich vielleicht doch noch Kunden

mit Schwierigkeiten melden, die auf die Softwareeinführung

zurückzuführen sind.“

juergen.berke@wiwo.de

Ausspioniert

Wie viele deutsche

Unternehmen wie oft

Ziel von Cyberangriffen

sind (in Prozent)*

Täglich

Mehrmals pro Woche

11

Etwa 1Mal pro Woche

10

2bis 3Mal pro Monat

9

Etwa 1Mal pro Monat

11

Seltener

Nie

4

22

33

*Umfrage unter Führungskräften in

Unternehmenmit mehr als 1000

Mitarbeitern; Quelle:IfD-Allensbach

8 Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche

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FOTOS: PICTURE-ALLIANCE/DPA (2), OSTKREUZ/ANNETTE HAUSCHILD, PR, ACTION PRESS (2), AP/TOPHAM

ZALANDO

Börsengang vorbereitet

Der Online-Modehändler

Zalando treibt seine Vorbereitungen

für einen möglichen

Börsengang voran. Bei einem

Treffen am 29. Oktober in Berlin

verständigten sich die Vertreter

der Zalando-Gesellschafter

über die Details sogenannter

Optionsrechte für eine Beteiligung

des Managements am Unternehmen.

Demnach könnten

Führungskräfte und Mitarbeiter

in den kommenden Jahren mit

Geschäftsanteilen im Wert von

derzeit rund 88 Millionen Euro

belohnt werden. In Unterlagen

zu der Versammlung werden

Ausübungsfristen vor und nach

„einem Listing“ der Gesellschaft

– also einem Börsengang

Quelle:Muso

187687

THE

BEATLES

(IPO) – erwähnt. „Mittelfristig

könnte ein IPO sehr attraktiv für

uns sein“, hatte Geschäftsführer

Rubin Ritter kürzlich erklärt.

Die Optionsregelungen

sehen vor, dass bis zu 1693

Zalando-Geschäftsanteile und

damit rund 1,4 Prozent am gesamten

Unternehmen für die

Geschäftsführung reserviert

werden. Neben Ritter zählen

dazu auch David Schneider und

Robert Gentz, die als Unternehmensgründer

ohnehin zum

Gesellschafterkreis gehören.

Weitere 1184 Geschäftsanteile,

knapp ein Prozent am Unternehmen,

sind für Führungskräfte

und Mitarbeiter aus der Zalando-Gruppe

vorgesehen.

Nach Angaben des schwedischen

Zalando-Großaktionärs

Kinnevik wurde das Unternehmen

zuletzt mit rund 3,7 Milliarden

Euro bewertet. Demnach

dürften die für das Top-Management

reservierten Anteile

derzeit 51,8 Millionen Euro,

die weiteren Optionsanteile

36,3 Millionen Euro wert sein.

Zalando ist rasant gewachsen

und könnte 2013 zwei Milliarden

Euro Umsatz erzielen.

henryk.hielscher@wiwo.de

Zalando-Gründer Schneider,

Ritter und Gentz (von links)

Aufgeschnappt

Geldschwemme Wer schon immer

in Geld baden wollte, kann

das jetzt tun. Auf der Online-

Plattform JamesEdition wird ein

Geldspeicher angeboten, gefüllt

mit acht Millionen Fünf-Rappen-

Münzen (Wert: 325 000 Euro).

Die Initiatoren für ein bedingungsloses

Grundeinkommen in

der Schweiz hatten sie zuvor vor

das Parlament in Bern geschüttet.

Badewillige müssen aber

nicht in die Schweiz reisen, der

Tresor kann laut Anbieter „an

jeden Ort der Welt“ geliefert

werden.

Dollar-Mangel Argentinier haben

kaum eine Chance, legal an

Dollar zu kommen. Der Schwarzmarktkurs

steht sogar in den

Zeitungen. Einziger Ausweg sind

Auslandsreisen, auf denen die

Bürger mit Kreditkarte zum

offiziellen, viel zu niedrigen

Wechselkurs einkaufen können.

Doch nun verlangt der neue

Wirtschaftsminister dafür einen

Aufschlag von 35 Prozent.

Alles nur geklaut

Top10der auf illegalen Online-Plattformen angebotenen Musik-Downloads

FLEETWOOD

MAC

72984

60024

BOB

MARLEY

LED

ZEPPELIN

59011

44093

56576 45496

CLIFF

RICHARD

JIMI

HENDRIX

STEVIE

WONDER

KOALITION

Wirtschaftsrat

empört

Der Präsident des CDU-Wirtschaftsrates

Kurt Lauk warnt

seine Partei davor, dem Koalitionsvertrag

zuzustimmen. „Aus

wirtschaftlicher Sicht sind da

viel zu viele Punkte drin, die

die Schaffung von Wohlstand

erschweren, wenn nicht gar verhindern.

Und die Arbeitslosigkeit

erhöhen. Das kann nicht

das Ziel einer Politik der CDU

sein.“ Wenn der Bundesausschuss

an diesem Montag darüber

berät, fürchtet Lauk, auf taube

Ohren zu stoßen. „Man will

nicht mehr hören, dass wesentliche

Elemente und Positionen

der sozialen Marktwirtschaft

von der CDU geräumt worden

sind“, sagt Lauk.

Der Wirtschaftsrat kritisiere

vor allem die Mütterrente, für

die es sicher gute Gründe gebe,

erklärt dessen Präsident.

„Gleichzeitig gibt es aber auch

die moralische Verpflichtung zu

Zukunftsinvestitionen.“ Den

Hinweis der SPD, auch der

soziale Zusammenhalt stärke

Deutschland, lässt Lauk nicht

gelten. „Es kann doch nicht Ziel

einer modernen Industrienation

sein, dass wir gemeinsam in

sozialer Harmonie ins Altersheim

gehen.“

henning.krumrey@wiwo.de | Berlin

ELVIS

40794

35193

ABBA

34444

THE

ROLLING

STONES

WirtschaftsWoche 9.12.2013 Nr. 50 9

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Menschen der Wirtschaft

FLOSKELCHECK

Populismus

Antidemokratisches

Phänomen, dem auf

medialem Gebiet entschieden

entgegengewirkt

werden muss.

Namentlich öffentlichrechtliche

Rundfunkanstalten

sind demgemäß

gehalten, die politische

Willensbildung des

Volkes vor jedem allzu

weitreichenden Konsens

in der Bevölkerung

zu schützen. Bevorzugtes

Mittel der Wahl sind

hierzu tunlichst höchstmögliche

Einschaltquoten,

die jedoch nicht

mit übermäßigen

Profitinteressen verknüpft

sein dürfen, was

mit einer klugen,

flächendeckenden

Haushaltsabgabe

erreicht wird.

DER FLOSKELCHECKER

Carlos A. Gebauer, 49,

arbeitet als Rechtsanwalt in

Düsseldorf, wurde auch als

Fernsehanwalt von RTL und

SAT.1 bekannt.

INTERVIEW Martin Zielke

»Da ist noch viel Luft

für weiteres Wachstum«

Der Privatkundenvorstand der Commerzbank

will die Trennung zwischen dem Filialgeschäft

und dem Online-Banking aufheben.

Herr Zielke, 270 Steuerfahnder

haben am Dienstag 40 Standorte

der Commerzbank durchsucht.

Wie reagieren Sie?

Die Commerzbank ist nicht Gegenstand

der aktuellen Untersuchung.

Die Ermittlungen

richten sich gegen Mitarbeiter

eines fremden Finanzdienstleisters.

Aber wir sind uns völlig

bewusst, dass uns die Schlagzeilen

nicht geholfen haben.

Die Commerzbank will bis

2016 eine Million neue

Privatkunden gewinnen und

mit ihnen mehr als 500 Millionen

Euro verdienen. Wie weit

sind Sie?

Wir kommen schneller voran

als erwartet. Von Januar bis

September haben wir netto

rund 180 000 neue Kunden gewonnen

und im Privatkundensegment

165 Millionen Euro

Gewinn gemacht. Unser Neugeschäftsvolumen

bei der Baufinanzierung

betrug per Oktober

rund 6,8 Milliarden Euro.

Das ist ein Plus von 27 Prozent

im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

Die Europäische Zentralbank

(EZB) erwägt eine Strafgebühr

für Banken, die bei ihr Geld

bunkern. Was würde das für

Sparer und Banken bedeuten?

Negative Zinsen halte ich heute

nicht für sehr wahrscheinlich.

Falls es dazu aber kommen sollte,

könnten Banken ganz gut

damit umgehen. Unser Ziel ist

ja nicht, Gelder bei der EZB anzulegen,

sondern diese als Kredite

zu vergeben. Die Kunden

sind auf unterschiedliche Weise

von der Zinsentwicklung betroffen:

Sparer verlieren bei

niedrigen Zinsen, Kreditnehmer

profitieren durch bessere

Konditionen.

Bauherrn, die ihre Kredite noch

zu hohen Zinsen abgeschlossen

haben, fluchen jetzt.

Kommen Sie Ihnen entgegen?

Erst wenn die Altverträge

ausgelaufen sind und die Verzinsung

der Restschuld neu

verhandelt wird, kann zu neuen

DER MODERNISIERER

Zielke, 50, ist seit 2010

Vorstand der Commerzbank,

Deutschlands

zweitgrößtem Kreditinstitut.

Dort ist der Nordhesse

für das Privatkundengeschäft

zuständig.

Konditionen abgeschlossen

werden.

Wie gleichen Sie die Einbußen

durch die niedrigen Zinsen aus?

Tatsächlich kosten die niedrigen

Zinsen uns im Privatkundenkundengeschäft

einen dreistelligen

Millionenbetrag im

Jahr. Ein Grund ist, dass die

Marge zwischen den Kosten für

die von Sparern eingeworbenen

Einlagen und den Zinseinnahmen

aus den vergebenen

Krediten geschrumpft ist. Kompensieren

lässt sich das nur

bedingt. Aber wir steuern ganz

gut gegen. So erfreuen sich

Baufinanzierungen steigender

Beliebtheit. Die Commerzbank

vergibt derzeit jede Woche

private Baukredite im Volumen

von 140 bis 175 Millionen Euro.

Sie wollen das Privatkundengeschäft

der Commerzbank

modernisieren. Wie?

Kern der neuen Strategie ist,

die zunehmend künstliche

Trennung zwischen Filialgeschäft

und digitalem Banking

aufzuheben. In wenigen Jahren

werden Kunden rund die Hälfte

ihrer Bankgeschäfte online

abwickeln. Die meisten wollen

trotzdem nicht auf eine Filiale

verzichten. Deshalb investieren

wir gleichzeitig in das Filialnetz

und in unser Online-Angebot.

In unser Filialnetz fließen bis

2016 rund 120 Millionen Euro.

Und wir testen gerade ein völlig

überarbeitetes Online-Portal,

das Ende Januar 2014 an den

Start gehen soll. Ende 2014 bieten

wir ein Online-Angebot,

das dem einer Direktbank entsprechen

wird.

Nehmen Sie mit der Online-

Offensive nicht Ihrer Direktbanktochter

comdirect Kunden

weg?

Es gibt keine Kannibalisierung.

Beide Unternehmen wachsen

unter zwei verschiedenen Marken.

Das funktioniert hervorragend.

Commerzbank und comdirect

haben zusammen einen

Marktanteil von rund acht Prozent.

Da ist also noch viel Luft

für weiteres Wachstum.

mark.fehr@wiwo.de | Frankfurt

FOTO: BILDFOLIO/BERT BOSTELMANN; ILLUSTRATION: TORSTEN WOLBER

10 Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft

TESLA-GRÜNDER

Finanzmodell

für Solardach

Gerade hat Elon Musk mit seiner

Firma SpaceX als erster privater

Unternehmer einen Satelliten

ins All befördert. Nebenbei

hat der visionäre Gründer des

Elektroautoherstellers Tesla

ein neues Finanzierungsinstrument

für die Solarindustrie

erfunden. SolarCity, die dritte

Firma des Milliardärs, bietet

institutionellen Investoren Anleihen

in einem Umfang von

54 Millionen Dollar an. Das Besondere:

Es handelt sich um

verbriefte Forderungen gegen

SolarCity-Kunden.

Geschäfte mit solchen Papieren

hatten die Finanzkrise ausgelöst.

Damals entpuppten sich

Forderungen gegen Immobilienbesitzer

als überbewertet.

Die mit 4,8 Prozent verzinsten

Solar-ABS-Papiere – ein Novum

am Finanzmarkt – scheinen weniger

toxisch. Sie basieren auf

den Verpflichtungen von Solar-

City-Kunden, denen das kalifornische

Unternehmen kostenfrei

Solaranlagen aufs Dach montiert.

Die Kunden zahlen die

Investition später über den

Strompreis zurück. Analysten

erwarten, dass andere Solarfirmen

mit ähnlichen Anleihen

nachziehen.

martin.seiwert@wiwo.de | New York

ZIGARETTENSCHMUGGEL

Kontrollen

eindämmen

Gegen Ende der Verhandlungen

zur EU-Tabakrichtlinie

versuchen Zigarettenhersteller,

die geplanten Vorschriften zur

verschärften Überwachung aufzuweichen.

EU-Kommission

und Europäisches Parlament

fordern, dass Zigarettenpäckchen

künftig einheitlich gekennzeichnet

werden, um den

09.12. CDU Der Bundesausschuss der Partei berät am

Montag den Koalitionsvertrag mit der CSU und

der SPD. Die SPD-Mitglieder können bis zum

12. Dezember schriftlich entscheiden, ob ihre

Partei eine Koalition eingehen soll.

10.12. Leiharbeit Das Bundesarbeitsgericht verkündet

am Dienstag ein Grundsatzurteil über die Einsatzdauer

von Leiharbeitern.

11.12. Microsoft Das EU-Gericht entscheidet am

Mittwoch, ob Microsoft das Internet-Unternehmen

Skype übernehmen durfte. Microsoft hatte

den Kauf im Mai 2011 bekannt gegeben, wenig

später genehmigte ihn die EU-Kommission. Dagegen

hat Cisco Systems geklagt.

Bahn Die vier französischen Bahngewerkschaften

bestreiken die staatliche Bahngesellschaft SNCF.

Der Arbeitskampf beginnt am Mittwoch um 19.00

Uhr und soll am Freitag früh um 8.00 Uhr enden.

Der Protest richtet sich gegen die geplante Liberalisierung

des Schienenverkehrs.

14.12. SPD Die Parteizentrale zählt am Samstag die

Stimmen des Mitgliederentscheids über den

Koalitionsvertrag aus. Haben sich mindestens

20 Prozent der Mitglieder an der Abstimmung

beteiligt, ist das Ergebnis verbindlich.

Raumfahrt Chinas unbemanntes Fahrzeug Yutu

(Jadehase) soll auf dem Mond landen, drei Monate

lang die Oberfläche erkunden und nach Rohstoffen

suchen. Es ist Chinas erste Mondlandung.

TOP-TERMINE VOM 09.12. BIS 15.12.

Schmuggel einzudämmen. EU-

Kommissar Tonio Borg hat

vorgeschlagen, ein unabhängiger

Dienstleister soll den Weg

jeder Schachtel von der Fabrik

bis zum Einzelhändler nachverfolgen.

Doch die Hersteller pochen

darauf, dass nur der Weg

zwischen Fabrik und Großhandel

überwacht wird, wie das die

Weltgesundheitsorganisation

(WHO) in ihrem Anti-Schmuggel-Abkommen

festlegt.

Die Branche beklagt, dass sie

die Kosten für die Überwachung

tragen soll. Bei dem neuen Kontrollsystem

sollen unabhängige

Dienstleister die Handelswege

der Zigarettenschachteln anhand

der Daten überprüfen, die

die Hersteller eingeben. Doch

wer kontrolliert, ob die Daten

korrekt sind? Zumal viele Tabakkonzerne

in Osteuropa, dem

Herkunftsland vieler Schmuggelzigaretten,

und im Westen

aktiv sind. Unterhändler der EU-

Kommission, des Europäischen

Parlaments und der EU-Staaten

beraten am Mittwoch über die

Richtlinie.

silke.wettach@wiwo.de | Brüssel

BURGER KING

Vollstrecker

kommt

Im Streit mit der Gewerkschaft

NGG erlitt Burger King erneut

eine Niederlage. In Augsburg

zahlt der Hamburger-Bräter einem

Betriebsrat seit Juli keinen

Lohn und hat ihn bei der Krankenkasse

AOK abgemeldet.

Ein „eklatanter Rechtsverstoß“,

Nur noch Berater Burger-King-

Deutschland-Chef Bork

befand das Gericht und verdonnerte

die Burger King GmbH per

einstweiliger Verfügung zur

Zahlung von 1050 Euro. Da das

Unternehmen trotzdem nicht

zahlte, hat die NGG die Zwangsvollstreckung

eingeleitet. „Wir

schicken Franchisenehmer

Ergün Yildiz jetzt den Gerichtsvollzieher“,

sagt der Augsburger

NGG-Geschäftsführer Tim

Lubecki. Deutschland-Chef

Andreas Bork weist jede Verantwortung

von sich. Man könne

den selbstständigen Franchisenehmern

bei Personalfragen

nur beratend zur Seite stehen.

SPD-Chef Sigmar Gabriel

schimpfte auf einer NGG-Veranstaltung

über Burger King:

„Das sind Radikale, die haben

nichts auf dem Privatsektor

verloren.“ Grund ist das massive

Vorgehen gegen mehrere Betriebsräte,

seit Franchisenehmer

Yildiz 91 Burger-King-

Filialen übernommen hat.

oliver.voss@wiwo.de

FOTOS: DDP IMAGES/NEWSCOM, PR

12 Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft

CHEFSESSEL

STARTUP

ERGO

Silke Lautenschläger, 45,

rückt am 1. Januar in den

Vorstand des Versicherungskonzerns

Ergo auf und verantwortet

dort das neue

Ressort Kunden- und Vertriebsservice.

Bekannt wurde

die Juristin vor allem als

Ministerin. Von August 2001

bis August 2010 gehörte die

Christdemokratin dem Kabinett

des damaligen hessischen

Ministerpräsidenten

Roland Koch an. Seit Januar

2011 sitzt sie im Vorstand der

Deutschen Krankenversicherung

DKV, einer Tochter

von Ergo.

EU-RECHNUNGSHOF

Klaus-Heiner Lehne, 56,

seit 19 Jahren für die CDU im

Europäischen Parlament,

soll nach dem Willen der

Bundesregierung als deutsches

Mitglied an den EU-

Rechnungshof wechseln.

Dort würde er auf den SPD-

Politiker Harald Noack folgen,

der nach sechsjähriger

FUSSBALL

Amtszeit turnusgemäß ausscheidet.

Die Zustimmung der

anderen EU-Staaten gilt als

Formsache. Auch das Europäische

Parlament dürfte Lehnes

Ernennung bestätigen. Seit

2009 saß der Düsseldorfer Jurist

dem Rechtsausschuss vor. Aus

der Kanzlei Taylor Wessing

scheidet er nun aus, weil das

Amt am EU-Rechnungshof alle

Nebentätigkeiten verbietet.

BAYERNLB

Johannes-Jörg Riegler, 49,

wechselt zum 1. April 2014 auf

den Chefsessel der BayernLB.

Der gebürtige Franke kommt

von der Nord/LB, wo er zuletzt

stellvertretender Vorstandsvorsitzender

war. Bei der BayernLB

tritt Riegler die Nachfolge von

Gerd Häusler, 62, an, der Aufsichtsratschef

des Münchner

Geldhauses werden soll.

COCA-COLA

Torsten Hoppe, 46, steigt am

1. Januar in den Vorstand des

Berliner Abfüll- und Vertriebsunternehmens

Coca-Cola Erfrischungsgetränke

auf und verantwortet

dann die Finanzen.

Er löst Derek Cunningham, 60,

ab, der den Posten seit Januar

2007 innehat. Seit 2000 arbeitet

Hoppe schon für Coca-Cola,

zuletzt führte er in Shanghai ein

neues IT-System ein.

518 Millionen Euro

beträgt der Marktwert der spanischen Fußballnationalmannschaft.

Laut den Infodiensten Statista und Transfermarkt ist sie

die wertvollste der Welt, gefolgt von Brasilien mit 437 Millionen

und Italien mit 429 Millionen. Deutschland liegt weltweit auf Platz

vier. Das Team erreicht einen Marktwert von 417 Millionen Euro.

GUTE-LAUNE-ABO

Briefe statt E-Mails

Für sieben Euro gute Laune? Geht das? „Das geht“, meint Jutta

Vogel. Gute Laune zu verbreiten ist ihr Geschäft. Klar, dass sie

auch ihr neues Unternehmen in Bonn so genannt hat: Gute-Laune-Abo.

Die ersten Kunden hat sie schon beglückt – mit Briefen.

Täglich, mitunter minütlich treffen bei vielen Bürgern E-Mails ein,

Werbung, kurze Botschaften, Grüße, Glückwünsche. Aber wie oft

klingelt der Postbote und bringt einen privaten Brief, mit Marke in

buntem Umschlag? „Alle wünschen sich, Briefe zu bekommen,

aber niemand will schreiben“, sagt Vogel. Wer Briefe verschicken,

aber nicht verfassen will, ist bei der ehemaligen Lehrerin an der

richtigen Adresse. Im Auftrag von Kunden formuliert und versendet

Vogel Briefe, etwa zu Geburtstag oder Hochzeitstag.

Im Schnitt ist ein Brief zwei Seiten lang. „Je nach Anlass und

Einfällen sind es mal mehr oder weniger“, sagt Vogel. „Dafür brauche

ich zehn Minuten bis zu einer Stunde, je nach Recherche.“

Allerdings greift sie nicht zum Füller, sondern setzt sich an ihren

Computer. „Damit jeder den Text entziffern kann.“ Dann steckt sie

die Bögen in einen bunten Umschlag. „Ich nehme gelbe oder rote,

damit man sie von den

Fakten zum Start

Gründerin Ex-Lehrerin und

Biografin Jutta Vogel, 62

Preise je Brief 7 Euro, ab zehn

Briefen je 6,50 Euro, ein

Jahresabonnement mit 52 Briefen

kostet 260 Euro

Strom- oder Telefonrechnungen

unterscheiden

kann.“ Auch die Briefmarke

wählt sie aus –

passend zum Anlass. Ihre

Aufträge erhält Vogel allerdings

ganz zeitgemäß

per E-Mail.

hermann.olbermann@wiwo.de

FOTOS: DDP/THOMAS LOHNES, ROBERT POORTEN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, GETTY IMAGES/AFP/ALAIN GROSCLAUDE

14 Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft | Chefbüro

Jean-Frédéric Dufour

Chef des Luxusuhrenherstellers Zenith

Der Tisch war da. Der Bürostuhl

war da. Die Schreibtischlampe

war da. Auch das Bücherregal,

die Besucherstühle und die

steinerne Statue im Fenstereck

waren schon da. Nur einen

Gegenstand hat Jean-Frédéric

Dufour, 46, einbauen lassen,

als er das Büro in Le Locle im

Schweizer Juragebirge bezog:

den Tresor. „Dort bewahre ich

Unternehmensunterlagen und

Prototypen auf“, sagt Dufour,

der seit Juni 2009 den Luxusuhrenhersteller

Zenith leitet. Zuvor

hatte er schon für die Swatch

Group und für Chopard gearbeitet.

„Meine erste Sorge war

sicher nicht, das Büro umzubauen“,

sagt Dufour.

„Die Prototypen sind

nicht im Safe, weil sie

besonders wertvoll

sind, sondern weil es

Unikate zum Prüfen

sind.“ Leicht war der

Start in dem Traditionsunternehmen

360 Grad

In unserer iPad-

Ausgabe finden

Sie an dieser

Stelle ein interaktives

360°-Bild

nicht, das 1865 gegründet wurde

und seit 1999 zur französischen

Luxusholding LVMH

gehört. Denn Zenith hatte 1969

zwar das Uhrwerk El Primero

mit besonders präzisen Werten

konstruiert, Dufour hat für die

Erfolge der vergangenen Jahre

jedoch das Modellprogramm

deutlich verändert. Der Schreibtisch,

aus einem Holz,

„das ich sehr altmodisch

finde“, beherbergt

wenige private

Dinge, so Dufour: eine

Puppe des Weltallspringers

Felix Baumgartner

und eine

chinesische Holzfigur

– das Geschenk einer scheidenden

Mitarbeiterin. „Mach’s

wie die Chinesen“ – ruhig und

standfest bleiben, wollte sie

dem Chef mit auf den Weg geben.

Aus dem recht schmucklosen

Unternehmensgebäude

schaut Dufour auf historische

Bauten. „Wir haben sehr starke

Wurzeln in diesem Ort, denn

Zenith ist nie woanders gewesen“,

sagt Dufour. So wird sein

Büro trotz seiner mäßigen Begeisterung

für das vorhandene

Mobiliar sicher noch eine Weile

Bestand haben. Immerhin

schaut er auf zwei Kunstwerke.

„Die habe ich mir ausgesucht.“

thorsten.firlus@wiwo.de

FOTO: ANDREAS CHUDOWSKI FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

16 Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

Motoren des Aufschwungs

STÄDTERANKING | Wo gibt es die meisten Jobs, die beste Wirtschaftsstruktur, wo brummt

der Immobilienmarkt? Der große Städtetest der WirtschaftsWoche, in Kooperation

mit Immobilienscout24 und IW Consult, untersucht die Stärken und Schwächen aller

kreisfreien Städte ab 100 000 Einwohner. Die Ergebnisse sind vielfach überraschend –

und zeigen die überragende Bedeutung der Automobilindustrie für Deutschland.

Wer zum ersten Mal nach

Wolfsburg kommt, sollte

am Bahnhof den Hinterausgang

nehmen. Dann

steht er am Mittellandkanal

und blickt unvermittelt auf das Wahrzeichen

und Herz der Stadt. Er sieht keine Kirche,

keine Altstadt, kein historisches Gemäuer

– sondern ein riesiges Logo der

Volkswagen AG und die vier unter Denkmalschutz

stehenden Schornsteine des alten

VW-Kraftwerks. Gleich daneben erstreckt

sich auf 6,5 Quadratkilometern, einer

Fläche so groß wie Gibraltar, das Werk

des größten Autobauers Europas.

Wer den Bahnhof vorne verlässt, landet

in der Fußgängerzone. Die heißt zwar Porschestraße,

verströmt aber den Charme einer

ostdeutschen Einkaufszone vor der

Wende. Es ist eine grau-braune Betonwüste,

ein baulicher Albtraum. Überhaupt ist

Wolfsburg eigentlich keine Stadt, sondern

eine Ansammlung von Gebäuden. Gründungsvater

war Adolf Hitler, der 1938 in der

niedersächsischen Pampa bei Fallersleben

ein Werk für den KdF-Wagen, den späteren

Käfer, hochziehen ließ. Die um die Fabrik

entstehenden Häuserzeilen waren eher

Beiwerk, und das merkt man bis heute.

Also schnell weg hier? „Das Vorurteil,

Wolfsburg sei eine graue und langweilige

Industriestadt, hält sich nur so lange, bis

man herkommt“, sagt Oberbürgermeister

Klaus Mohrs, 61. Und in der Tat: Wer zum

ersten Mal nach Wolfsburg kommt, ist sehr

schnell sehr erstaunt. Neben dem Bahnhof

steht wie ein futuristisches Raumschiff das

von Stararchitektin Zaha Hadid entworfene

Technikmuseum Phaeno, für den britischen

„Guardian“ eines „der zwölf bedeutendsten

modernen Bauwerke der Welt“.

Von hier erreichen Besucher über eine

Brücke die von VW mit 435 Millionen Euro

errichtete Autostadt, einen automobilen

Erlebnispark mit dem besucherstärksten

Automuseum der Welt. In Wolfsburg gibt

es das erste in Deutschland errichtete Ritz-

Carlton-Hotel, das mit drei Michelin-Sternen

ausgezeichnete

Restaurant Aqua und das erste

innerstädtische Outletcenter,

das in dieser Woche den dritten

Erweiterungsbau eröffnet.

Auch die Wolfsburger Binnensoziologie

ist anders als gemeinhin

erwartet. Eine Arbeiterstadt?

Rund jeder zehnte Arbeitnehmer

ist mittlerweile Ingenieur.

Die Zahl der Akademiker ist in

den vergangenen zehn Jahre um

150 Prozent gestiegen. Die Arbeitsplatzversorgung

ist nirgendwo

in der Republik besser.

Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf liegt

bundesweit an der Spitze – und ist fast viermal

höher als in der Hauptstadt Berlin.

Unter dem Strich verlief in keiner anderen

deutschen Stadt die ökonomische Entwicklung

in den vergangenen Jahren so dynamisch

wie in der ehemaligen Zonenrandmetropole

Wolfsburg. Zu diesem

Ergebnis kommt der große Städtetest von

WirtschaftsWoche, Immobilienscout24

und IW Consult. Anhand von 89 Einzelindikatoren

wurden in diesem Test alle kreisfreien

Städte ab 100 000 Einwohner untersucht:

Wo wächst die Wirtschaft – und wo

nicht? Wo lässt es sich gut arbeiten und investieren,

wo gibt es die meisten Jobs und

den höchsten Wohlstand?

Städte

Serie

Im nächsten Heft

Interview mit

Benjamin Barber –

der US-Wissenschaftler

fordert

mehr politische

Macht für die Städte

Der Städtetest gliedert sich in zwei Teile.

Erstens das Niveauranking, das den Ist-Zustand

beschreibt (siehe Seite 22). Hier siegt

wie in den Vorjahren München, gefolgt von

Ingolstadt und Erlangen (siehe Tabelle Seite

22). Ganz unten im Ranking: Herne und

Gelsenkirchen. Das Dynamikranking untersucht

hingegen die Veränderung

ausgewählter Indikatoren

seit 2007. Hier liegt Wolfsburg

vorn, gefolgt von Ingolstadt, Erlangen

und Regensburg. Die rote

Laterne geht an Oberhausen

und Remscheid.

AUTOSTÄDTE VORN

Die Ergebnisse zeigen, dass Mittelstädte

im Wettbewerb mit

den Ballungszentren in vieler

Hinsicht mithalten können. Vor

allem aber demonstrieren sie

die überragende Bedeutung der

Automobilindustrie für den

Standort Deutschland. Niveausieger München

ist Heimat von BMW. Unter den Top

Five des Dynamikrankings befinden sich

mit Wolfsburg (VW), Ingolstadt (Audi), Regensburg

(BMW) und Leipzig (Porsche,

BMW) gleich vier Autostädte.

Die Branche beschäftigt in Deutschland

über 1,8 Millionen Menschen und setzt im

Jahr gut 350 Milliarden Euro um, ein Anteil

von mehr als 20 Prozent am Gesamtumsatz

des verarbeitenden Gewerbes. „In keinem

anderen Land der Welt hat die Autoindustrie

einen so großen Anteil an der Wertschöpfung“,

sagt Antje Blöcker von der

Ruhr-Universität Bochum. Die Ökonomin

ist auf die Erforschung von Clustern spezialisiert,

also auf die Vernetzung von

»

FOTO: STEFAN KRÖGER FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE; ILLUSTRATION: KRISTINA DÜLLMANN

18 Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche

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Golfsburg

OB Klaus Mohrs und

seine Stadt profitieren

vom VW-Erfolg

360 Prozent beträgt in

Wolfsburg der Gewerbesteuerhebesatz.

So günstig

ist es für Betriebe sonst

nur noch in Ulm

108 165 Euro

im Jahr erwirtschaftet

im Schnitt jeder

Wolfsburger –

bundesweiter Rekord

57 000 Menschen

beschäftigt VW in

Wolfsburg –

statistisch fast jeden

zweiten Einwohner

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Politik&Weltwirtschaft

»

Branchen. Gerade im Automobilbau

siedeln sich rund um die Hersteller viele

Zulieferer und Dienstleister an. Alles in allem

erwirtschaftet die Branche in Deutschland

7,7 Prozent der Wirtschaftsleistung –

ein im weltweiten Vergleich einsamer Spitzenwert.

Das sind die nackten Zahlen. Was

dies jedoch für den Mikrokosmos Stadt

Stuttgart ist die Stadt mit

den meisten Patentanmeldungen

(1376 je 100 000

Erwerbstätige). Schlusslicht

Herne schafft nur 14

und die Produktionsstandorte bedeutet,

lässt sich wie unter einem Brennglas in

Wolfsburg und Ingolstadt beobachten.

TAUSENDE JOBS

Natürlich ist der Erfolg von Wolfsburg der

Erfolg von VW. In keiner anderen Stadt ist

die Symbiose von Kommune und Konzern

so vollkommen. „Es gibt in Wolfsburg eine

gefühlte Schicksalsgemeinschaft zwischen

Bevölkerung, Politik und VW. Hier hat fast

jede Familie irgendwas mit VW zu tun“,

sagt OB Mohrs. Im Werk arbeiten 57 000

Menschen, das ist statistisch gesehen fast

jeder zweite Einwohner. Hinzu kommen

Tausende Jobs bei Zulieferern.

Wachstum durch Technik

Ingolstadts OB Lehmann

mit Audi-Dienstwagen

Was die Dynamiksieger so stark macht

Steigende Produktivität...

Veränderung des Bruttoinlandsprodukts

je Erwerbstätigen (2007 zu 2011,

in Prozent)

Rang

1

2

3

4

5

6

7

.

69

70

71

Stadt

Ingolstadt

Wolfsburg

Essen

Salzgitter

Rostock

Bochum

Bonn

Krefeld

Dresden

Fürth

Mittelwert

Veränderung in jeweiligen Preisen;

Quelle: VGR der Länder. Alle Daten:

wiwo.de/produktivitaet2013

Wert

19,2

18,1

13,1

12,9

12,2

10,8

10,4

–5,5

–5,8

–6,3

3,3

...jede Menge Jobs...

Arbeitsplatzversorgung (in Prozent)

Rang

1

2

3

4

5

6

7

.

69

70

71

Stadt

Wolfsburg

Ingolstadt

Fürth

Erlangen

Remscheid

Augsburg

Leverkusen

Berlin

Trier

Heidelberg

Mittelwert

Wert

68,4

68,3

67,2

67,0

65,4

64,2

63,9

51,2

51,0

48,4

59,4

Anteil der sozialversicherungspfl. Beschäftigten/geringf.

Beschäftigten an den erwerbsfähigen

Einwohnern; Quelle: BA, 2012. Alle

Daten: wiwo.de/arbeitsplaetze2013

...glückliche Kämmerer...

Veränderung der kommunalen Steuerkraft

je Einwohner (2007 zu 2011, in Euro)

Rang

1

2

3

4

5

6

7

.

69

70

71

Stadt

Wolfsburg

Ingolstadt

Bonn

Jena

Braunschweig

Heidelberg

Regensburg

Darmstadt

Salzgitter

Frankfurt/Main

Mittelwert

Wert

1121

425

364

123

122

104

97

–203

–246

–306

35,9

Grundsteuer, Gewerbesteuer, Gemeindeanteil

an Einkommen- und Umsatzsteuer, abzügl.

Gewerbesteuerumlage; Quelle: Destatis.

Alle Daten: wiwo.de/steuerkraft2013

...und mehr Frauenpower

Veränderung des Anteils der weiblichen

Beschäftigten an den erwerbsfähigen

Einwohnerinnen (in Prozentpunkten)*

Rang

1

2

3

4

5

6

7

.

69

70

71

Stadt

Wolfsburg

Leipzig

Ingolstadt

Dresden

Regensburg

Würzburg

Braunschweig

Heidelberg

Münster

Offenbach

Mittelwert

Wert

8,3

7,2

7,1

6,3

6,1

6,0

6,0

2,6

2,5

2,1

4,4

* Veränderung am Wohnort 2007 zu 2012;

Quelle: BA, Destatis, IW Consult.

Alle Daten: wiwo.de/frauen2013

FOTO: ROBERT BREMBECK FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

20 Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche

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Ohne VW könnte Wolfsburg nicht existieren,

und das wissen beide Seiten. Probleme

werden nicht selten auf kurzem

Dienstweg in der Loge des Fußball-Bundesligisten

VfL Wolfsburg gelöst. „Die Stadt

muss dafür sorgen, dass VW optimale

Standortbedingungen vorfindet. Dass der

Konzern hier seine Zentrale hat und behält,

das ist ja nicht gottgegeben“, sagt SPD-

Mann Mohrs. Bis 2016 will Wolfsburg gegen

den Widerstand der Landesregierung

mit dem Landkreis Helmstedt fusionieren

– auch um neue potenzielle Gewerbeflächen

für VW und Zulieferer zu bekommen.

Bis 2018 will der Konzern rund 4,6 Milliarden

Euro am Standort investieren.

Die Kehrseite des Booms: „Immobilienmärkte

sind Abbild der wirtschaftlichen

Stärke und positiv empfundener Lebensqualität

vor Ort“, sagt Marc Stilke, CEO von

Immobilienscout24. Der Nachfrageüberhang

auf dem Wohnungsmarkt ist daher

gewaltig (siehe Seite 26). Die Immobilientochter

von VW baut deswegen für gut 100

Millionen Euro neue Mietwohnungen.

Volkswagen fördert Kunst und Kultur, hat

ein Freibad spendiert und mit dem Autostadt-Gelände

„die Ankerattraktion der

Stadt und einen Katalysator für die Entwicklung

Wolfsburgs“ geschaffen,

schwärmt Autostadt-Geschäftsführer Otto

Wachs. Die Wolfsburg AG, ein Gemeinschaftsunternehmen

von Stadt und VW,

kümmert sich nicht nur um Startups und

die Ansiedlung neuer Zulieferer, sondern

mit einer rollenden Arztpraxis auch um

die medizinische Versorgung im ländlichen

Umland. „Stadt und Konzern sind

darauf angewiesen, dass neue Fachkräfte

in die Region ziehen. Dafür muss man den

Leuten etwas bieten“, sagt Geschäftsführer

Julius von Ingelheim.

Die höchste Aufklärungsquote

bei Straftaten hat

Augsburg (70,9 Prozent).

Letzter: Münster

(42,6 Prozent)

Die industrielle Monokultur birgt indes

Risiken. Wolfsburg bestreitet rund 57 Prozent

seiner Ausgaben aus der volatilen Gewerbesteuer.

Lässt die Autokonjunktur

nach, merkt das der Kämmerer schnell. Auf

die Frage nach Wachstumsbranchen jenseits

des Automobils spricht OB Mohrs nebulös

von „Dienstleistungen“; so richtig

Sorgen macht er sich angesichts der globalen

Präsenz von VW nicht. Für schlechte

Zeiten habe die Stadt „finanzielle Puffer“.

Und das ist noch vorsichtig formuliert.

Derzeit wissen die Stadtoberen nicht, wohin

mit all dem Geld, das auf sie niederregnet.

2012 kassierte die Stadt über 442 Millionen

Euro an Gewerbesteuer – ein Zuwachs

von 273 Prozent gegenüber 2008.

Wolfsburg ist seit 2012 schuldenfrei und

kann in den kommenden Jahren mal eben

200 Millionen Euro in die Modernisierung

seiner Schulen investieren, speziell in die

naturwissenschaftliche Ausstattung. Auch

in Kindergärten, Ganztagsbetreuung und

Sportstätten fließen Millionensummen.

„Unser Problem ist nicht das Geld, sondern

die Planung und Umsetzung unserer Projekte.

Wir können ja nicht mehr beschließen,

als sich in vertretbarer Zeit realisieren

lässt“, sagt Mohrs. Solche Probleme hätten

andere Stadtobere gern.

ORT IM GLÜCK

Das Spiegelbild zu Wolfsburg liegt 526 Kilometer

südlich. An der Außenwand des Ingolstädter

Stadttheaters formt eine gebogene

Neonröhre das Wort „Glück“. Es geht

um das Programm des Hauses, aber die

Ansage lässt sich auf die gesamte Stadt anwenden.

Ein Ort im Glück, gesegnet mit

dem zentralen Standort eines der am

stärksten prosperierenden Unternehmen

Deutschlands: Audi.

Die jüngere Stadtgeschichte von Ingolstadt

liest sich wie eine Aneinanderreihung

glücklicher Umstände. Audi kommt eigentlich

aus dem sächsischen Zwickau. Nach

dem Zweiten Weltkrieg zeichnet sich aber

schnell ab, dass es im sozialistischen Osten

mit der freien Wirtschaft nicht lange weitergeht.

Der Konzern sucht ein neues

»

Niveausieger München punktet mit...

...dem besten Lehrstellenangebot...

Angebot an betrieblichen Ausbildungsplätzen

je 100 Nachfrager

...einer regen Gründerszene...

Saldo aus Gewerbean- und -abmeldungen

je 1000 Einwohner

...vielen Besuchern...

Gästeübernachtungen je Einwohner

...und klugen Arbeitnehmern

Anteil der hoch Qualifizierten

(in Prozent)

Rang

Stadt

Wert

Rang

Stadt

Wert

Rang

Stadt

Wert

Rang

Stadt

Wert

1

München

107,0

1

Offenbach

5,1

1

Frankfurt/Main

9,2

1

Erlangen

29,3

2

Frankfurt/Main

105,6

2

München

3,5

2

München

8,5

2

Jena

29,2

3

Heidelberg

105,5

3

Berlin

3,3

3

Rostock

7,4

3

München

25,2

4

Regensburg

105,1

4

Fürth

3,2

4

Heidelberg

7,2

4

Darmstadt

24,5

5

Stuttgart

103,9

5

Koblenz

2,9

5

Trier

7,2

5

Stuttgart

24,5

6

Jena

103,7

6

Hamburg

2,5

6

Dresden

7,2

6

Dresden

24,0

7

.

69

Duisburg

Berlin

103,5

95,0

7

.

69

Leipzig

Rostock

2,4

–1,2

7

.

69

Regensburg

Solingen

6,7

0,7

7

.

69

Heidelberg

Solingen

22,9

8,2

70

Mülheim/Ruhr

93,8

70

Bottrop

–1,5

70

Bottrop

0,7

70

Hamm

8,1

71

Oberhausen

93,8

71

Düsseldorf

–1,6

71

Herne

0,5

71

Bottrop

6,4

Mittelwert

100,9

Mittelwert

0,7

Mittelwert

3,3

Mittelwert

15,4

Quelle: BBSR, 2010.

Alle Daten: wiwo.de/ausbildungsplaetze2013

Quelle: Destatis, 2012.

Alle Daten: wiwo.de/gewerbe2013

Zahlen gerundet; Quelle: Destatis, 2011.

Alle Daten: wiwo.de/gaeste2013

Akademikeranteil an den Beschäftigten;

Zahlen gerundet; Quelle: BA, 2013. Alle

Daten: wiwo.de/hochqualifizierte2013

WirtschaftsWoche 9.12.2013 Nr. 50 21

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Politik&Weltwirtschaft

»

Die höchste Betreuungsquote

für unter Dreijährige

erreichen Jena und

Rostock (57 Prozent)

Verteilzentrum im Süden und wird in Ingolstadt

fündig. Der Stadtkern der alten

bayrische Festungsstadt besteht zum großen

Teil aus Kasernen, die nun leer stehen.

Zugleich ist die Stadt wegen ihrer damals

strategischen Bedeutung hervorragend an

das Verkehrsnetz angebunden. Die Kombination

ist für Audi ideal. 1958 fällt die Entscheidung,

hier das neue Zentralwerk zu

bauen.

50 Jahre später arbeiten 36 000 Menschen

allein im Audi-Werk, das Gelände ist

doppelt so groß wie die historische Altstadt.

Und auch der Stadt geht es prächtig:

2012 landeten 241 Millionen Euro Gewerbesteuern

in der Stadtkasse. In vergleichbar

großen Städten wie Offenbach oder Paderborn

waren es deutlich unter 100 Millionen

Euro. Die Arbeitslosenquote liegt

bei 2,1 Prozent, das ist die niedrigste Quote

aller deutschen Großstädte.

Das Problem ist hier eher, überhaupt

noch Fachkräfte zu finden. Schon Mitte der

Neunzigerjahre hob der heutige Oberbürgermeister

Alfred Lehmann (CSU) als Referent

für Wirtschaft die städtische Tochter

„In-Arbeit GmbH“ aus der Taufe, die sich

um die Unterstützung von Arbeitslosen

kümmert. Lange bevor der Ein-Euro-Job

erfunden war, gab es in Ingolstadt schon

Drei-Mark-Jobber, die sich gemeinnützig

Die größten kreisfreien Städte im Test

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* Das Niveauranking basiert auf absoluten Werten. Die Zahlen sind gerundet, was zu gleicher Punktzahl bei unterschiedlichen Rängen führen kann. Aufgenommen wurden

alle kreisfreien Städte ab 100 000 Einwohner (Einwohnerzahl vor Zensuskorrektur); ** Region/Stadtregion/Regionalverband

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22 Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche

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im Auftrag der Stadt verdingten. Die gesamte

Arbeitsvermittlung übernimmt die

Stadt als Optionskommune selbst, so können

Stellen vor Ort gezielt mit Arbeitskräften

aus Ingolstadt besetzt werden. Das Rezept

scheint aufzugehen: An dem kleinen

Außenposten, den die Bundesagentur für

Arbeit noch in Ingolstadt unterhält, baumelt

ein Werbeplakat mit der Frage: „Sie

suchen qualifizierte Arbeitskräfte?“ Ob es

Arbeitsplätze gibt, muss hier keiner fragen.

Auch die Zusammenarbeit zwischen

Stadt und Werk klappt ausgezeichnet. Vor

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Die größten kreisfreien Städte im Test

Dynamikranking*

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* Das Dynamikranking basiert auf den Veränderungsraten der ausgewählten Indikatoren. Die Zahlen sind gerundet, was zu gleicher Punktzahl bei unterschiedlichen Rängen

führen kann. Aufgenommen wurden alle kreisfreien Städte ab 100 000 Einwohner (Einwohnerzahl vor Zensuskorrektur); ** Region/Stadtregion/Regionalverband

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ber, ein eigener Telefonanbieter kümmert

sich um den Ausbau der Glasfasernetze.

Die großen städtischen Kliniken sichern eine

Versorgung mit Fachärzten, wie sie sich

sonst nur Universitätsstädte leisten können.

Ein Blick in den Haushalt zeigt aber

auch, welche Probleme in dieser glücklichen

Ausgangslage angelegt sind. Die Stadt

ist auf Wachstum angewiesen. Seit Jahren

steigt die Zahl der Mitarbeiter. Während in

der gesamten Republik Schwimmbäder

schließen, eröffnet in Ingolstadt bald ein

neues. Eine Aufzählung aller Bauprojekeinigen

Jahren hat die Verwaltung in eigener

Regie ein Güterverkehrszentrum in direkter

Nachbarschaft zum Audi-Standort

hochgezogen. Heute ist die Fläche komplett

von Zulieferbetrieben besetzt. Für das Weiterbildungszentrum

„Audi Akademie“ gibt

die Stadt einige ihrer letzten Grundstücke

in bester Innenstadtlage an den Konzern

weiter. Über eine Reihe von städtischen

Töchtern kümmert sich die Verwaltung zudem

um so ziemlich alles, was Bürger und

Wirtschaft sich wünschen könnten. Insgesamt

sechs Museen betreibt die Stadt sel-

Gesamtrang

Arbeitsmarkt

Wirtschaftsstruktur

Immobilienmarkt

Lebensqualität

Gesamtrang

Arbeitsmarkt

Wirtschaftsstruktur

Immobilienmarkt

Lebensqualität

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WirtschaftsWoche 9.12.2013 Nr. 50 23

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METHODIK

Wie das Ranking

zustande kommt

Die Macher:

Der Städtetest ist ein gemeinsames

Projekt von WirtschaftsWoche, Immobilienscout24

sowie IW Consult in Köln.

Das Ranking ist der umfassendste kommunale

Leistungs-Check in Deutschland.

Das Konzept:

Die Methodik und Auswahl der Indikatoren

wurden gegenüber den Vorjahren

überarbeitet. Der aktuelle Test untersucht

nun die ökonomische und soziale Entwicklung

aller kreisfreien Städte mit mehr als

100 000 Einwohnern in Deutschland (Einwohnerzahl

vor Zensuskorrektur). Die Untersuchung

besteht aus zwei Teilen: Das

sogenannte Niveauranking vergleicht Ist-

Werte ausgewählter Kennziffern, also

etwa das Bruttoinlandsprodukt (BIP) je

Erwerbstätigen. Basis sind die jeweils

aktuellsten verfügbaren Daten. Das

Dynamikranking hingegen betrachtet die

Veränderungsraten in fünf zurückliegenden

Jahren, also wie sich zum Beispiel das

BIP in dieser Zeit entwickelt hat. So lässt

sich herausfiltern, welche Stadt ihre Situation

am meisten verbessern konnte –

unabhängig vom bislang erreichten Stand.

Das Dynamikranking zeigt umgekehrt,

welche Stadt sich womöglich auf ihren

Lorbeeren ausruht.

Die Indikatoren:

Die insgesamt 71 Städte traten in 89 Disziplinen

gegeneinander an

(Niveau: 50, Dynamik: 39);

Um die Übersichtlichkeit zu

erhöhen, wurden die Einzelindikatoren

in vier unterschiedlich

gewichteten Kategorien

zusammengefasst. Die Rangfolge

ergibt sich aus einem

Punktesystem, das auch relative

Unterschiede berücksichtigt:

Wer etwa in einigen Bereichen

mit geringem Abstand

vorne liegt, in anderen Einzelwertungen

jedoch mit großem

Abstand hinten, der findet

sich insgesamt eher auf hinteren

Rängen wieder – und

umgekehrt.

wiwo.de

Noch mehr Daten,

Infografiken sowie

detaillierte Stärken-

Schwächen-Profile

aller 71 Städte gibt es

unter wiwo.de/

staedteranking. Das

komplette Ranking mit

allen Auswertungen

ist im Internet als

PDF zum Preis von

29,95 Euro unter

wiwo.de/staedte2013

abrufbar.

Die Gewichtung erklärt sich wie folgt:

Als übergeordnete Zielvariablen definierten

die Wissenschaftler von IW Consult

hohe Beschäftigung und hohen Wohlstand.

Die Gewichtung ergibt sich aus

dem Einfluss der einzelnen Indikatoren

auf diese beiden Zielvariablen.

ARBEITSMARKT

Gewichtung: 40 Prozent.

Indikatoren unter anderem: Beschäftigung,

Jugendarbeitslosigkeit, Ausbildungsplätze,

Anteil der Schulabgänger

ohne Abschluss, Pendlerdichte, Beschäftigungsquote

von Frauen, Beschäftigtenanteil

von Ingenieuren, Anteil der hoch

Qualifizierten, Arbeitslosen- und Beschäftigungsquote

älterer Arbeitnehmer, Zahl

der Hartz-IV-Empfänger.

WIRTSCHAFTSSTRUKTUR

Gewichtung: 30 Prozent.

Indikatoren unter anderem: Produktivität,

Bruttoinlandsprodukt je Einwohner, Saldo

von Gewerbean- und -abmeldungen, Insolvenzquote,

Arbeitskosten, kommunale

Steuerkraft, Gewerbesteuerhebesätze,

Patentanmeldungen, Beschäftigte in wissensintensiven

Dienstleistungen, Arbeitsplatzversorgung.

IMMOBILIENMARKT

Gewichtung: 20 Prozent.

Indikatoren: Zahl und Entwicklung der

Baugenehmigungen, Mieten, fertiggestellte

Wohnungen, lokale Nachfrage

nach Miet- und Eigentumswohnungen,

Verhältnis von Miet- und Immobilienpreisentwicklung.

LEBENSQUALITÄT

Gewichtung: 10 Prozent.

Hier geht es nicht um subjektive

Aspekte wie die Atmosphäre

und Schönheit einer Stadt

oder das kulturelle Leben,

sondern um messbare Fakten,

die das Leben beeinflussen.

Dies sind unter anderem: Ärztedichte,

Krankenhausbetten,

Betreuungsplätze für unter

Dreijährige und über Dreijährige,

Häufigkeit und Aufklärungsquote

von Straftaten, Lebenserwartung,

Geburtenrate,

Anteil der naturnahen Fläche,

Fahrtzeit zur nächsten BAB.

bert.losse@wiwo.de

»

te der Stadt führt schnell zu Ermüdungserscheinungen:

Kongresszentrum, Museum,

Landesgartenschau, Kulturzentrum,

Regionalbahnhof, Klinikum.

Zweifellos, die Stadt kann sich das im

Moment leisten. „Wir müssen schließlich

schauen, dass wir für qualifizierte Arbeitnehmer

attraktiv sind“, sagt Oberbürgermeister

Lehmann. „Sonst bleiben die in

München oder Nürnberg und pendeln.“

Doch mit den Investitionen ist es nicht getan.

Bei vielen Projekten tritt die Stadt als

Betreiber auf oder verpflichtet sich auf Betriebskostenzuschüsse.

Diese Posten wird

sie zahlen müssen, auch wenn die Zeiten

weniger rosig werden. Schon heute

schreibt das städtische Klinikum hohe Verluste,

das Kongresszentrum wird einen

sechsstelligen jährlichen Zuschuss kosten.

Die Mitarbeiterzahl in der Kernverwaltung

nähert sich der Marke 2000 – im ähnlich

Die höchste Ärztedichte

(je 100 000 Einwohner)

schaffen Heidelberg

(393) und Freiburg (376)

großen, aber überschuldeten Offenbach

sind es nur etwas mehr als 1000.

Zwar sitzt in der Stadt neben Audi auch

der Elektronikhändler Media-Saturn, und

in der Nähe gibt es einen EADS-Standort.

Im Vergleich fallen diese Arbeitgeber aber

kaum ins Gewicht.

So gut die Lage in Deutschlands Autostädten

auch ist: Ihr Geschäftsmodell ist eine

Wette auf konstantes Wachstum. Bleibt

die Autobranche auf Kurs, werden auch die

Standorte weiter florieren. Wenn nicht,

kann sich der Erfolg schnell ins Gegenteil

verkehren. Der Städtetest zeigt zudem, wie

groß auch im allgemeinen Aufschwung die

regionalen Unterschiede ausfallen. Auffällig

gut schneidet etwa die Rhein-Main-Region

ab. Mit Frankfurt, Mainz, Heidelberg, Darmstadt,

Karlsruhe und Wiesbaden landen im

Niveauranking gleich sechs Städte unter

den ersten 20. Gemeinsam ist ihnen der attraktive

Immobilienmarkt, auch die Wirtschaftsstruktur

ist überdurchschnittlich gut.

Den Wachstumskern der Region bildet der

Finanzplatz Frankfurt – die Stadt belegt den

sechsten Platz im Niveauranking. Allerdings

schwächelt hier der Arbeitsmarkt: Mit sieben

Langzeitarbeitslosen je 100 Einwohner

landet die Stadt nur im Mittelfeld. Zu

denken geben sollte den Verantwortlichen

24 Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche

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Helfende Hände Münchens OB Christian Ude mit BMW-Mitarbeitern

zudem die nachlassende Dynamik: So ist in

Frankfurt das Bruttoinlandsprodukt pro

Kopf in den vergangenen Jahren um 0,4 Prozent

gesunken, während es im Schnitt aller

Städte um sechs Prozent zunahm.

Auch in anderen Großstädten halten sich

Licht und Schatten die Waage. Berlin erfreut

sich einer regen Gründerszene; beim Saldo

der Gewerbean- und -abmeldungen schafft

die Hauptstadt Rang drei. Sie hat aber, bezogen

auf die Einwohnerzahl, nach Bremerhaven

und Gelsenkirchen die meisten

Hartz-IV-Empfänger. In Köln gibt es mehr

Jobs und mehr Einwohner, aber eine miserable

Aufklärungsquote bei Straftaten (44,3

Prozent, Rang 68). Düsseldorf punktet traditionell

mit hoher Produktivität (Rang

sechs) und Steuerkraft (Rang vier), doch in

beiden Bereichen haben sich die Werte verschlechtert.

Auch leidet die NRW-Landeshauptstadt

unter überproportional steigenden

Arbeitskosten und hoher Kriminalität.

Stuttgart darf sich über Platz fünf im Niveauranking,

die höchsten Patentzahlen

und den fünfthöchsten Anteil hoch Qualifizierter

freuen. Viele Strukturdaten haben

sich aber verschlechtert, sodass es im Dynamikranking

nur zu Platz 42 reicht.

In Ostdeutschland zeichnet sich derweil

eine Art Marktbereinigung unter den Städten

ab. Während die Bevölkerung insgesamt

schrumpft, profitieren einige Städte

von internen Wanderungen. So sind Jena

und Potsdam inzwischen sogar im Niveauranking

im oberen Drittel zu finden, Dresden

folgt wenig später. Die Städte in der Peripherie

hingegen fallen zurück. So leidet

Chemnitz – bei Niveau und Dynamik im

hinteren Bereich – unter der Sogwirkung

von Dresden, Leipzig und Jena. In keiner

anderen Großstadt hat die ältere Bevölkerung

inzwischen so ein Übergewicht; der

Saldo der Zu- und Fortzüge ist unterdurchschnittlich

(Platz 46). Ähnlich prekär ist die

Lage für Halle, die Stadt kann sich gegen

Leipzig nur schwer behaupten.

„Im Osten boomen die Städte, die sich

als eindeutige Zentren ihrer Region und für

bestimmte Branchen positionieren konnten“,

sagt IW-Consult-Experte Michael

Bahrke, wissenschaftlicher Leiter der Studie.

So ist Rostock eine der Wachstumsgeschichten

im Osten und punktet mit einem

dynamischen Arbeitsmarkt (Platz 15). „Die

Stadt hat sich konsequent entlang der maritimen

Wertschöpfungskette aufgestellt“,

so Bahrke. Heute wird im Hafen mehr

Fracht umgeschlagen als zu DDR-Zeiten.

Auch die Lebensqualität ist hoch: Bei den

Angeboten zur Kinderbetreuung etwa liegt

die Stadt bundesweit an der Spitze.

Ähnlich stark: Leipzig und Dresden. Nirgendwo

stieg die Zahl der Beschäftigten

schneller als in Leipzig (plus 20 Prozent seit

2007), nirgends sank die Jugendarbeitslosigkeit

schneller als in Dresden (minus 5,7

Prozentpunkte). Hier sorgt wie in Rostock

zudem der Tourismus für Dynamik, bei

den Gästeübernachtungen liegen die Städte

auf den Plätzen drei und sechs.

Wegen ihrer hübschen Altstädte müssen

sich die Oststädte zudem um eines keine

Sorgen machen: dass Besucher lieber den

Hinterausgang nehmen.

n

bert.losse@wiwo.de, konrad.fischer@wiwo.de

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Ganz sicher: Fürth

Straftaten (je 100000 Einwohner)

Münster zieht an

Entwicklung der Einwohnerzahl

(in Prozent, 2007 zu 2011)

Wer lebt am längsten?

Durchschnittliche Lebenserwartung

Neugeborener (in Jahren)

Wo neue Stellen entstehen

Veränderung der Beschäftigtenzahl am

Wohnort (in Prozent, 2007 zu 2012)

Rang

Stadt

Wert

Rang

Stadt

Wert

Rang

Stadt

Wert

Rang

Stadt

Wert

1

Fürth

5390

1

Münster

6,9

1

Bonn

82,3

1

Leipzig

20,0

2

Erlangen

6644

2

Potsdam

5,4

2

Stuttgart

82,3

2

Kassel

16,6

3

Salzgitter

6822

3

München

5,1

3

Freiburg

82,2

3

Braunschweig

16,5

4

Jena

6841

4

Frankfurt/Main

4,9

4

München

81,9

4

Regensburg

16,4

5

Ingolstadt

7087

5

Darmstadt

4,8

5

Heidelberg

81,8

5

Ingolstadt

15,7

6

München

7153

6

Freiburg

4,4

6

Dresden

81,7

6

Oldenburg

15,5

FOTO: DDP IMAGES/SEBASTIAN WIDMANN

7

.

69

70

71

Wolfsburg

Köln

Düsseldorf

Frankfurt/Main

Mittelwert

Quelle: Bundeskriminalamt, 2012.

Alle Daten: wiwo.de/straftaten2013

7190

14590

14966

16310

9 894

7

.

69

70

71

Dresden

Hagen

Salzgitter

Remscheid

Mittelwert

4,4

–3,3

–3,4

–3,8

0,9

Zahlen gerundet; Quelle: Destatis.

Alle Daten: wiwo.de/einwohner2013

7

.

69

70

71

Frankfurt/Main

Oberhausen

Bremerhaven

Gelsenkirchen

Mittelwert

81,7

78,3

77,6

77,4

80,1

Zahlen gerundet; Quelle: Destatis, BBSR

2010. wiwo.de/lebenserwartung2013

7

.

69

70

71

Münster

Wuppertal

Herne

Remscheid

Mittelwert

Quelle: Bundesagentur für Arbeit.

Alle Daten: wiwo.de/beschaeftigung2013

15,4

2,8

1,6

1,3

9,8

WirtschaftsWoche 9.12.2013 Nr. 50 25

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Politik&Weltwirtschaft

IMMOBILIEN

Hotspot in der Ödnis

Der Wohnungsmarkt ist ein Spiegelbild der wirtschaftlichen Dynamik.

Wenn’s mit der Wohnung partout nicht

klappen will, dann nimmt man halt das

Auto. Die Entscheidung erleichtert, handelt

es sich um einen nagelneuen Volkswagen

– zum Mitarbeiterrabatt womöglich.

Keine Stadt in Deutschland hat so

viele Pendler wie Wolfsburg: Auf zwei Beschäftigte,

die hier wohnen, kommt ein

Dritter, der täglich zur Arbeit anreist. Und

wohl die meisten machen dies nicht freiwillig,

wie ein Blick in die einschlägigen

Statistiken von Immobilienscout24 verrät,

Deutschlands größtem Internet-Makler.

In keiner anderen deutschen Stadt ist

der Wohnungsmarkt so angespannt wie

ausgerechnet hier – inmitten der großen

Ödnis zwischen Hannover und Berlin.

Nach einer Analyse von Immobilienscout24

kommen auf eine angebotene

Mietwohnung mehr als zehn Wohnungsgesuche

(siehe Tabelle). Und schon nach

durchschnittlich sechs Tagen im Angebot

sind die Wohnungen weg – beides sind

Spitzenwerte unter deutschen Großstädten.

In München, der vermeintlichen

Wohnungsnot-Hauptstadt mit Herz, kommen

auf ein Wohnungsangebot gut acht

Gesuche, angebotene Wohnungen sind

im Schnitt acht Tage auf dem Markt.

Knappheit lässt die Preise steigen – und

diese generalisierende Annahme der Ökonomen

bestätigen die Statistiken recht eindrucksvoll.

Um 37,7 Prozent sind die Mieten

in Wolfsburg zwischen dem 3. Quartal

2008 und dem Vergleichszeitraum in diesem

Jahr gestiegen. Das ist Platz 1 auf der

Hitliste der Mietsteigerungen vor Ingolstadt

(plus 31,5 Prozent) und Berlin (plus 28,9

Prozent). Allerdings fällt dabei eines auf:

Die Preise für Eigentumswohnungen haben

sich in Wolfsburg im gleichen Zeitraum mit

plus 34,5 Prozent zwar fast parallel zu den

Mietpreisen entwickelt. Doch im Süden der

Republik war die Dynamik auf diesem

Marktsegment eine ganz andere: In Regensburg

legten die Preise für Eigentumswohnungen

um 63,5 Prozent zu, in Ingolstadt

um 56,9 Prozent, in Fürth und

München um 54,9 beziehungsweise 48,8

Prozent.

TEUERSTES PFLASTER

Doch die Preissteigerung ist das eine, das

Preisniveau das andere. Mit großem Abstand

registriert das Online-Portal München

als teuerstes Pflaster für Eigentumswohnungen.

Der Quadratmeter kostet dort im

Durchschnitt 4155 Euro – deutlich mehr

als im zweitplatzierten Freiburg, wo

Käufer 2974 Euro für den Quadratmeter

hinlegen müssen. Auf dem dritten Platz

findet sich Regensburg mit 2766 Euro pro

Quadratmeter.

KEINE BESSERUNG

Hat etwa die Deutsche Bundesbank an

diese Städte gedacht, als sie kürzlich vor

Preisblasen auf dem Immobilienmarkt

gewarnt hat? Immobilienscout24 jedenfalls

vermutet in exakt diesen Städten das

größte Blasenrisiko – die prozentuale

Preissteigerung bei Eigentumswohnungen

überstieg die von Mietwohnungen

zwischen 2008 und 2013 in Regensburg

um 49,4 Prozentpunkte, in München lag

der Überhang bei 33,7 Prozentpunkten

und in Freiburg bei 33,1 Prozentpunkten.

In Regensburg zumindest scheint sich

die Lage künftig zu entspannen. Bei den

2011 fertiggestellten Wohnungen liegt

die Stadt an der Donau mit 17,3 fertiggestellten

Wohnungen je 1000 Wohnungen

des Bestands an der Spitze, bei

den Baugenehmigungen mit 15,5 je

1000 Wohnungen des Bestands hinter

Ingolstadt auf Platz zwei. In Wolfsburg

dagegen ist für die vielen Pendler und

Wohnungssuchenden noch keine Besserung

in Sicht: Bei den fertiggestellten

Wohnungen liegt die Autostadt mit 5,3 je

1000 Bestandswohnungen auf Platz 20,

bei den Baugenehmigungen mit sieben

auf Platz 17.

n

konrad.handschuch@wiwo.de

Hier entsteht Wohnraum

Fertiggestellte Wohnungen* je 1000

Wohnungen des Bestandes

Gespaltener Markt

Preisentwicklung von Eigentums–

wohnungen (in Prozent)

Bauboom in Heidelberg

Entwicklung der Baugenehmigungen für

Wohnungen (je 1000 Bestandsobjekte)

Wohin Mieter drängen

Anzahl der Gesuche pro Mietwohnung

(Durchschnitt)

Rang

Stadt

Wert

Rang

Stadt

Wert

Rang

Stadt

Wert

Rang

Stadt

Wert

1

Regensburg

17,3

1

Regensburg

63,5

1

Heidelberg

9,6

1

Wolfsburg

10,2

2

Ingolstadt

15,5

2

Ingolstadt

56,9

2

Oldenburg

8,5

2

München

8,1

3

Erlangen

12,2

3

Fürth

54,9

3

Ulm

7,7

3

Hamburg

7,7

4

Darmstadt

11,5

4

München

48,8

4

Darmstadt

7,2

4

Braunschweig

7,2

5

Oldenburg

10,6

5

Nürnberg

48,2

5

Augsburg

6,7

5

Hannover*

6,1

6

Münster

10,1

6

Freiburg

47,7

6

Ingolstadt

5,7

6

Köln

6,0

7

...

Augsburg

9,5

7

...

Hamburg

47,4

7

...

Regensburg

5,1

7

...

Berlin

5,4

69

Bremerhaven

0,9

69

Remscheid

–1,4

69

Remscheid

–1,7

69

Leipzig

0,7

70

Halle/Saale

0,8

70

Bottrop

–2,3

70

Bochum

–1,8

70

Bremerhaven

0,7

71

Herne

0,5

71

Gelsenkirchen

–3,1

71

Hamm

–2,6

71

Chemnitz

0,5

Mittelwert

4,4

* einschließlich Umbauten; Quelle: Destatis,

2011. Alle Daten:

wiwo.de/fertige-wohnungen2013

Mittelwert

24,3

Preis/m 2 , 3. Quartal 2008 zu 3. Quartal

2013; Basis: Bestand Immobilienscout24.

wiwo.de/eigentumswohnungen2013

Mittelwert

1,4

2007 zu 2011; ohne Maßnahmen an bestehenden

Gebäuden; Quelle: Destatis.

wiwo.de/baugenehmigungen2013

Mittelwert

3,3

Zahlen gerundet; 1.–3. Quartal 2013; * Region;

Quelle: Immobilienscout24.

Alle Daten: wiwo.de/miete2013

26 Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

Hier stehe ich...

und will nicht anders:

SPD-Chef Gabriel

Basis-Effekte

SPD | Je näher der Mitgliederentscheid über die große Koalition

rückt, desto klarer wird: Parteichef Sigmar Gabriel dürfte daraus als

einzige Führungsfigur hervorgehen.

Der Widerstand ist zartblau und

schnell zu übersehen. „Wer hat uns

erneut verraten? Spezialdemokraten!“,

hat jemand mit blasser Kreide auf das

Pflaster vor dem Hamburger Curio-Haus

gekritzelt. „Mindestlohn für alle Ja-Sager

ab sofort!“ steht ein paar Schritte weiter

und „Verstand statt GroKo“. Fünf Minuten

anständiges Schmuddelwetter hätten

schon gereicht, um diesen Protest einfach

hinwegzuspülen.

Die zwei angesprochenen Spezialdemokraten,

SPD-Chef Sigmar Gabriel und

Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz,

dürften die Malereien ohnehin nicht gesehen

haben, als sie in ihren Limousinen anrauschten.

Im Saal wurden sie vergangenen

Dienstagabend von 900 Genossen mit

wohlwollendem Applaus empfangen. Nur

auf die Idee von Standing Ovations, die Gabriel

zuletzt in der Bundestagsfraktion entgegenbrandeten,

kommt in Hamburg

dann doch keiner.

Berlin, das schwarz-rote Geschacher

und nächtliche Ringen um den letzten

Spiegelstrich, all das ist hier erst einmal

weit weg und erklärungsbedürftig. Genauso

erklärungsbedürftig wie in Bremen, Alfeld,

Kamen, Nürnberg, Greifswald und allen

anderen Städten, in die Spitzengenossen

ausgeschwärmt sind, um möglichst

vielen ihrer 473 000 Mitglieder den tiefroten

Koalitionsvertrag aus der Hauptstadt

nahezubringen. Die Basis hat bis Mitte Dezember

das allerletzte Wort, ob die große

Koalition wirklich kommt.

In Hamburg stimmt der mit absoluter

Mehrheit regierende Scholz die Mitglieder

gewohnt nüchtern auf den Vorsitzenden

ein. „Wir sind nicht gewählt worden, um

nichts zu tun“, das ist schon sein leidenschaftlichster

Satz. Die ganze SPD hätte

gern mehr Stimmen für ihr gutes Programm

bekommen, beendet Scholz wenig

später seine Begrüßung. „Ham wir aber

nich.“ Man kann nicht sagen, dass der Saal

danach glüht vor Begeisterung.

PATHOS UND POLEMIK

Sigmar Gabriel dürfte das nur recht sein.

Sein Redetalent ist bekannt, aber nach diesem

Vorspiel kann er wirklich glänzen.

Mindestlohn, Rente, Tarifverträge, Frauenquote

– Wirtschaftsverbände und Ökonomen

wenden sich mit Grausen ab, die

SPDler in Hamburg hingegen klatschen

sich bei seiner langen Aufzählung der Erfolge

langsam warm. Der Vorsitzende gibt

den verständnisvollen Parteipsychologen,

den Polemiker, die Pathosmaschine oder

den Kämpfer, je nach Bedarf. Herbert Wehner

sei seinerzeit tätlich angegriffen worden,

als er 1966 die erste große Koalition

einging, erzählt Gabriel, aber sie habe

schließlich in der Kanzlerschaft des verehrten

Willy Brandt gemündet. Er erwähnt

das, um mit der beliebten Katastrophen-

Lesart der Jahre 2005 bis 2009 aufzuräumen,

die besagt, dass eine Liaison mit der

Union nur im Wahldebakel enden könne.

Von wegen: „Es steht eins zu eins“, ruft Gabriel.

Der SPD-Chef hinterlässt keinen

28 Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche

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FOTO: ACTION PRESS/ANDRE MISCHKE

Zweifel, dass er wild entschlossen ist, seine

Mannschaft in Führung zu schießen.

Am liebsten 2017. Gabriel hat eine spürbare

Lust entwickelt, den vielen skeptischen

SPD-Mitgliedern den Gedanken

auszutreiben, in der Opposition könne

man es sich mit hübschen Programmen

wolkenkuckucksheimelig einrichten – und

dann auch noch bessere Wahlergebnisse

erzielen. Der Fortschritt sei vielleicht eine

Schnecke, „aber messen kann man ihn

doch“. Die SPD mache es sich „seit 150 Jahren

schwer, um es anderen leichter zu machen“.

Das gelte jetzt erst recht. Wenn der

Vorsitzende so richtig in Form ist, dann

klingt es, als habe ganz allein die SPD die

soziale Marktwirtschaft erfunden.

Es sind bedeutende Tage für Gabriel. Alles

hat er auf eine Karte gesetzt. Entscheidet

er das Mitgliedervotum am Ende für

sich, wäre das vor allem sein Sieg. Dann ist

der Weg frei für jeden Posten in der neuen

Regierung, auch für den Fraktionsvorsitz

und selbst für seine eigene Kanzlerkandidatur

– und das trotz der Bundestagswahl,

die er mit zu verantworten hat. Mit Olaf

Scholz könnte man nur einen zweiten

Steinbrück-Wahlkampf führen, also besser

keinen. Und Hannelore Kraft, die NRW-

Ministerpräsidentin, die mächtige Frau in

der roten Herzkammer? Die schließt derzeit

lieber die Türen vor der Öffentlichkeit,

wenn sie ihren Genossen im Westen die

große Koalition schmackhaft machen soll.

So wie in Leverkusen, am vergangenen

Montag: Dass es rustikal werden würde,

war klar. Die NRW-Sozialdemokraten gelten

als besonders kritisch. Kurz nach der

Bundestagswahl war Kraft hier mit ihrer

deutlich vorgetragenen Ablehnung einer

großen Koalition zur Hoffnungsträgerin aller

GroKo- und Gabriel-Feinde avanciert.

Hatte sich weit vorgewagt, zu weit. Und

jetzt? Jetzt steht genau diese Hannelore

Kraft auf der Bühne und soll ihren Leuten

einen Vertrag schmackhaft machen, den

fast alle nicht wollten. Kein Wunder, dass

sie die Öffentlichkeit lieber draußen lässt.

Drinnen folgt zunächst eine schonungslose

Abrechnung mit der eigenen Vergangenheit.

Dass die Wahl 2009 zum Fiasko für

die SPD wurde, habe nicht an Angela Merkel

gelegen, „sondern daran, dass wir viel

Scheiß gebaut haben“, flucht Kraft.

„Scheiß“ ist ein Kraft-Ausdruck, den sie oft

benutzt an diesem Abend. Der wichtigste

Grund, den Koalitionsvertrag anzunehmen?

„Wir haben jetzt die Chance, einen

Teil von dem Scheiß rückgängig zu machen.“

Der Mikrofonständer vor ihrer Nase,

der den Blick versperrt? „Kann einer den

Scheiß hier mal wegmachen?“ Die Absetzung

des ehemaligen Parteichefs Kurt Beck

am Potsdamer Schwielowsee? „War das

Beschissenste, was ich in meiner gesamten

politischen Laufbahn erlebt habe.“

Kraft will brachialsprachlich deutlich

machen: Jetzt wird Tacheles gesprochen,

von mir hört ihr keine Floskeln. Ein Satz,

der mit „Scheiß“ beginnt, kann nicht mit

„alternativlos“ enden. Als sie die einzelnen

Punkte des Koalitionsvertrags verteidigt,

tut sie das in einer entsprechend einfachen

Logik: Gewonnen oder verloren? Natürlich

zählt sie mehr Siege als Niederlagen.

»Wir machen es

uns seit 150 Jahren

schwer, um es

anderen leichter

zu machen«

Sigmar Gabriel

Im Saal braucht das Konzept ein bisschen,

bis es seine Wirkung entfaltet. Die

Begrüßung ist noch recht verhalten, auch

bei den Wortmeldungen halten sich Zustimmung

und Ablehnung ungefähr die

Waage. Aber irgendwann kippt die Stimmung,

vielleicht auch, weil Kraft neben der

Macht der Argumente nun auf unverhohlenen

Druck setzt. Sie beginnt, über den Wert

von Vertrauen zu dozieren. „So wie ihr mir

vertraut, dass ich eure Ziele umsetze, so

muss ich mir jetzt auch sicher sein, dass ich

euch vertrauen kann“, sagt Kraft. Und fragt

dann ins Publikum: „Wer von euch hier ist

denn ganz ohne Amt in der Partei oder

Mandat? Also egal, auf welcher Ebene, bei

welcher Gruppierung?“ Wenige Dutzend

Mitglieder heben die Hand. „Ihr könnt hier

ganz frei abstimmen, für die anderen aber

gilt das nicht!“

Ist das eine Drohung? Zumindest klingt

es nach einer. Als Eva Lux, Kreisvorsitzende

der SPD und Koalitionsskeptikerin, ans

Rednerpult geht, wird die Ministerpräsidentin

persönlich: „Beim Konvent haben

insgesamt vier Genossen gegen Verhandlungen

gestimmt, ich weiß, dass du eine

davon warst.“ Da klingt die Landesmutter

endgültig mehr nach Patin als nach Parteifreundin.

Ein versprengter Haufen Jusos versäumt

zwar nicht, jeden ablehnenden Wortbeitrag

euphorisch zu beklatschen, doch deren

Mitstreiter werden immer weniger. Das

liegt auch daran, dass Kraft neben der

kaum verhohlenen Drohung auf Versprechungen

setzt, die sich nicht direkt im Koalitionsvertrag

finden. Beim Kompromiss

in der Gesundheitspolitik baut ihre Verteidigung

einzig auf einer Nebenabrede auf.

In der haben die Parteien vereinbart, dass

die Arbeitgeber „langfristig“ durchaus an

Beitragserhöhungen bei der Krankenversicherung

beteiligt werden sollen. Als man

ihr vorhält, dass die Partei keine Steuererhöhungen

umsetzen konnte, verweist sie

auf die Zukunft. Die Konjunktur könnte abschmieren,

dann würde wohl gar nichts

anderes übrig bleiben. „Ich habe schon

Äußerungen von Angela Merkel vernommen,

die einen solchen Richtungswechsel

möglich machen“, sagt Kraft.

Am Ende hinterlässt auch diese Veranstaltung

den Eindruck, dass die meisten

Parteimitglieder sich trotz Bauchschmerzen

eher zu einer Zustimmung durchringen

dürften. Teils wurden sie überzeugt,

teils gefügig gemacht. 60 zu 40, 70 zu 30,

das sind so sie Schätzungen, die unter prominenteren

Genossen zirkulieren. Es läuft

offenbar – vor allem auch für Gabriel.

KRAFT-LOS IN BERLIN

Der ist am selben Montagabend im Kasseler

Vorort Baunatal, aber man wird ihm zugetragen

haben, was Kraft in Leverkusen

sonst noch sagt. Zum Beispiel: „Ich weiß,

wo meine Stärken liegen. Und das ist der

direkte Kontakt zu den Menschen. Das ist

auch der Grund, warum ich nicht nach

Berlin gehen werde, weil ich das da nicht

einsetzen kann.“ Keine Kanzlerkandidatin

Kraft 2017? Dabei wäre es genau das, was

sich manche Linke in der Partei wünschen.

Einflussreiche Sozialdemokraten wie der

Chef der NRW-Landesgruppe in der Bundestagsfraktion,

Axel Schäfer, werben nun

für Gabriel als herausgehobene Führungsfigur

– jetzt und für die Zukunft: „Der Parteichef

kann alles werden, was er will. Er

hat diese Partei zusammengehalten.“ Der

Wind habe sich gedreht. „Die Genossen erkennen,

was wir rausgeholt haben.“ Und

auch Carsten Schneider, Sprecher des konservativen

Seeheimer Kreises, ist voll des

Lobes: „Sigmar Gabriel hat die Verhandlungen

exzellent gemanagt. Damit hat er

sich für jedes Amt qualifiziert.“

Eine gute Basis nennt man das wohl. n

max.haerder@wiwo.de I Berlin, konrad fischer

WirtschaftsWoche 9.12.2013 Nr. 50 29

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Politik&Weltwirtschaft

BERLIN INTERN | Nicht dass die SPD-Mitglieder

abstimmen dürfen, ist das Problem, sondern

worüber. Denn sie können bewerten, was die Wähler

nie zu Gesicht bekamen. Von Henning Krumrey

Verhältnis-Wahl

FOTOS: WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, GETTY IMAGES/SEAN GALLUP

Was war das nur für eine Inszenierung,

neulich im „heute

journal“? Die Schöne und das

Biest? Oder: Der Dicke und

das Biest? So ganz ließ sich nicht klären,

wer letztlich angefangen hatte mit dem

pampigen Gestänkere. Hatte Moderatorin

Marietta Slomka zu penetrant den Eindruck

erweckt, dass anstelle eines gleich

die ganze Phalanx deutscher Verfassungsrechtler

die SPD-Mitgliederbefragung zur

Koalitionsvereinbarung für bedenklich

Drittstimme Wer Koalitionsverträge

wählen darf, kauft nicht die Katze im Sack

hielte? Oder hatte der SPD-Vorsitzende

Sigmar Gabriel zu dünnhäutig reagiert,

weil die schwankende Stimmung der eigenen

Parteibasis ihm so auf die Nerven

geht wie den Genossen das Verhandlungsergebnis

mit der Union?

Richtig ist Gabriels Argument, dass es

sicherlich nicht demokratischer ist, wenn

anstelle von 470 000 SPD-Mitgliedern 181

Delegierte des CDU-Parteiausschusses oder

die 55 Mitglieder des CSU-Parteivorstandes

über den Koalitionsvertrag entscheiden.

Beides begründet auch kein imperatives

Mandat; die Bundestagsabgeordneten sind

bei dem einen oder anderen Verfahren so

frei oder fühlen sich gebunden, wie es ihr

Gewissen (und natürlich auch der Fraktionszwang)

eben zulässt.

Zwar wirken die Parteien bei der „Willensbildung

des Volkes mit“, wie es Artikel

21 des Grundgesetzes vorsieht. Aber auch

in einer repräsentativen Demokratie ist

damit nicht vorgeschrieben, dass nur Delegierte

entscheiden dürften, nicht die Basis.

Andersherum: Während die CDU-Parteitagssitzer

in den einzelnen Landesverbänden

bereits vor x Monaten gewählt wurden,

als von einer Elefantenhochzeit wenig und

von diesem Koalitionsvertrag gar keine Rede

war, die Übertragung der Stimmgewalt

auf die Delegierten also höchst abstrakt

erfolgte, entscheiden die Basisgenossen

wenigstens im Lichte der vorliegenden

Macht- und Sachfragen.

Das führt zu einem Gedankenspiel, wie

derlei Legitimationsprobleme vermieden

werden könnten. Nicht dass die SPD-Mitglieder

abstimmen dürfen, ist das Problem,

sondern worüber. Denn sie können bewerten,

was die Wähler nie zu Gesicht bekamen.

Also wäre es doch viel ehrlicher und vor

allem für den weiteren Fortgang der politischen

Geschäfte viel besser, die Wähler

stimmten nicht über mehr oder minder

abstrakte Versprechen aus dem Wahlkampf-Wolkenkuckucksheim

ab, sondern

über die ganz konkreten Verhandlungsergebnisse.

Da man nicht nach jeder Bundestagswahl

einen quasi zweiten Wahlgang mit

den Ergebnissen machen könnte (zumal

dann vielleicht herauskäme, dass die Bürger

diese konkrete Vereinbarung auf Vorhaben

für die nächsten vier Jahre dann gar

nicht mehr möchten), bliebe nur ein verrückt

klingender Vorschlag:

Zur Abstimmung stehen bei der Bundestagswahl

nicht Parteien, sondern Koalitionsverträge.

Dann müsste der Bürger nicht

mehr die Katze im Sack kaufen, sondern

könnte sich für ein ganz konkretes Programm

entscheiden. Beim jüngsten Urnengang

hätte es dann ein schwarz-gelbes, ein

schwarz-rotes und vielleicht gar ein

schwarz-grünes Programm gegeben. Außerdem

natürlich ein rot-grünes Angebot,

eventuell auch ein rot-rot-grünes. Die Variante

mit der höchsten Zustimmung wird

dann Regierungspolitik.

Zugegeben, nur ein Gedankenspiel. Aber

für sich allein werben könnte trotzdem jede

Partei, denn für alle Parteien und alle verhandelten

Konstellationen darf und sollte

das selbstbewusste, machtpolitische Einmaleins

gelten: Jede Regierung mit uns ist

besser als jede Regierung ohne uns.

WirtschaftsWoche 9.12.2013 Nr. 50 31

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Der Volkswirt

Frontalangriff auf

Ihr Geld

FINANZIELLE REPRESSION | Negativzins, einmalige Vermögensabgabe, neue Steuern und

Steuererhöhungen, Zwangsmaßnahmen – immer neue Enteignungsinstrumente

werden von Politik und Notenbank geprüft. Müssen Anleger jetzt der Staatsschuldenkrise

wegen um ihr Erspartes fürchten?

Routiniert wie ein „Tagesschau“-Sprecher

verliest Mario

Draghi seine Einschätzung,

souverän, kühl und emotionslos

verpasst er Sparern einen

Schlag mitten ins Gesicht. Die wichtigsten

Leitzinssätze, sagt der Präsident der Europäischen

Zentralbank (EZB) am Donnerstag

in Frankfurt, dürften „für einen längeren

Zeitraum auf dem aktuellen oder

einem noch niedrigeren Niveau bleiben“.

Mickrige 0,25 Prozent Zinsen gibt die

EZB derzeit vor – und für den Zentralbankpräsidenten

ist das Ende der Entwicklung

nach unten noch nicht erreicht? Für Sparer

wird der Leitzins so zum Leidzins.

Schlimmer noch: Der Niedrigzins ist nur

ein Teil eines großen, düsteren Bildes. Sparer

sind zum Lieblingsziel der Zentralbanker

und Politiker geworden. Ob Bargeld,

Wertpapiere, Aktien oder Edelmetalle, auf

längere Sicht ist das Geld nirgendwo mehr

sicher. Denn Sparer werden die Zeche zahlen

für eine exzessive Schuldenpolitik. Je

Historisches Vorbild

MitZinsenunterhalbder

Inflationsrate*...

5

0

–5

–10

FinanzielleRepression

Realzins für

Spareinlagen

1945–1980: –1,94%

1981–2009: 1,35%

aberwitziger die Verpflichtungen werden,

die Staaten bedienen müssen, desto dreister

werden die Ideen, mit denen die Politik

Zugriff auf unser Geld bekommen will.

Viele Instrumente aus deren Folterkammer

werden noch nicht angerührt. Doch

es gibt Anhaltspunkte dafür, dass sich das

ändern könnte: in der öffentlichen Debatte,

bei politischen Vorstößen, mit Blick auf

historische Beispiele – und zum Teil sogar

im Koalitionsvertrag, wenn man ihn genau

liest. Die WirtschaftsWoche skizziert die

markantesten Bedrohungen, denen Sparer

ausgesetzt sind.

Bedrohung 1:

Vom Niedrig- zum Negativzins

Auf dem Tisch der Frankfurter Notenbanker

liegen weitere Vorschläge, die die Wirtschaft

mit Geld fluten und die Zinsen drücken

sollen, von Geldleihgeschäften für

die Banken bis hin zur Absenkung des

Einlagenzinses der EZB unter null. Der

...schmolzendie Industrieländer ihre

Schuldennachdem Zweiten Weltkriegab**

FinanzielleRepression

–15

20

1945 1960 1970 1980 1990 2000 11 1945 1960 1970 1980 1990 2000 11

*Realzins fürSpareinlagen, gleitender Dreijahresdurchschnitt in Prozent; **Schulden der Zentralregierungen in

Prozentzum Bruttoinlandsprodukt; Quelle:CarmenReinhart, Belen Sbrancia: TheLiquidation of GovernmentDebt

100

80

60

40

Staatsschulden

Einlagenzins ist der Zins, zu dem Banken

nicht benötigtes Zentralbankgeld bei der

EZB parken können. Früher erhielten sie

dafür Zinsen, jetzt nicht mehr. Dennoch

haben die Banken dort derzeit rund 50

Milliarden Euro deponiert. Senkte die EZB

den Zins auf –0,1 Prozent, wie manche Beobachter

erwarten, müssten die Banken

56 Millionen Euro Strafzinsen pro Jahr

zahlen.

Negativzinsen, so die offizielle Begründung,

sollen die Banken dazu bewegen,

Kredite an Unternehmen in den Krisenländern

zu vergeben. Ob das Kalkül aufgeht,

ist fraglich. Zu hoch sind die Schulden,

unter denen Unternehmer und Bürger

dort ächzen. Daher liegt der Verdacht

nahe, dass Negativzinsen für EZB-Einlagen

einem anderen Ziel dienen: „Die Banken

sollen mit dem Geld verstärkt in

marktfähige Assets der Krisenländer, vor

allem in Staatsanleihen, investieren“, sagt

Johannes Mayr, Volkswirt der BayernLB.

MINUSZINS: STRAFE FÜR SPARER?

Dass die EZB die Zinsen tatsächlich bald

auf unter null senkt, wird unter Frankfurter

Bankern ernsthaft diskutiert. „Negative

Zinsen halte ich heute nicht für sehr wahrscheinlich.

Falls es aber dazu kommen

sollte, könnten Banken ganz gut damit

umgehen“, sagt Commerzbank-Vorstand

Martin Zielke (siehe Interview Seite 10).

Technisch wäre die Umstellung problemlos.

Das haben die Banker bereits intern

geprüft. Allerdings halten sie es für

unwahrscheinlich, dass die Institute den

Negativzins weitergeben, indem sie von

ihren Kunden tatsächlich Gebühren für

die Geldverwahrung verlangen. „Das ist

»

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32 Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche

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Löcher ins Vermögen

Geld Niedrigzinsen fressen am Ersparten,

Notenbanker denken über Minuszinsen nach,

und die Merkel-Garantie gilt auch nicht mehr

Immobilien Forderung nach härterer Mietpreisbremse,

Grund- und Grunderwerbsteuern

steigen, historisch oft Zwangsabgaben

Gold In Krisenphasen oft verboten,

Mehrwertsteuerpflicht und Abschaffung der

Spekulationsfrist drohen

Aktien Finanztransaktionsteuer drückt, Forderung

nach Abgeltungsteuer von 25 auf 32

Prozent, Vermögensabgabe wird diskutiert

WirtschaftsWoche 9.12.2013 Nr. 50 33

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Der Volkswirt

Darf’s ein bisschen

weniger sein?

EZB-Präsident Draghi

will die Zinsen niedrig

und Sparer auf

Nulldiät halten

schmilzt das Vermögen. Die Nachkriegszeit

dient den Regierungen nun als Modell

für die finanzielle Repression, die aktuell

auf die Sparer zurollt.

Bedrohung 2:

Einmalige Vermögensabgabe

»

nicht machbar“, sagt ein Bankvorstand.

Sparer würden in Massen zu ausländischen

Banken flüchten. Das Geld würde

im Zweifel sogar in Banknotenbündeln in

der eigenen Wohnung landen. Der Sparkassenverband

DSGV spricht bereits von

einem Lockprogramm für Wohnungseinbrecher.

EINE WELT VOLLER SCHULDEN

Staaten allerdings brauchen niedrige Zinsen,

denn die Welt lebt auf Pump: 2007 waren

die USA, Europa und Japan im Schnitt

mit 73 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung

(BIP) verschuldet, heute sind es 110 Prozent.

Spätestens die Finanzkrise mit ihren

Konjunktur- und Bankenrettungsprogrammen

hat die Schulden der Industrieländer

anschwellen lassen, wie es sonst

nur Kriege vermögen.

Ein Ende ist nicht in Sicht. Der Schuldenberg

wächst immer weiter, allein in

Europa um 100 Millionen Euro – pro Stunde.

Das Wirtschaftswachstum ist nicht

stark genug für höhere Einnahmen, mit

denen sich die Schulden abzahlen ließen.

Für niedrigere Ausgaben wiederum, einen

harten Sparkurs, fürchtet die Politik, von

den Wählern abgestraft zu werden. So

bleiben nur zwei Wege, um die Schulden

abzutragen: niedrige Zinsen und mehr Inflation.

Das Rezept funktionierte bereits nach

dem Zweiten Weltkrieg. Damals waren die

Industrieländer, etwa die USA und Großbritannien,

durch den Krieg überschuldet.

Regierungen und Zentralbanken gelang es

aber, die Zinsen über Jahre hinweg unter

die Inflationsrate zu drücken. Schon in der

ersten Nachkriegsdekade schrumpfte etwa

der Schuldenberg Amerikas von 116

auf 66 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung.

„Negative Realzinsen haben die

Staatsschulden abgeschmolzen“, heißt es

in einer viel beachteten Untersuchung der

US-Ökonominnen Carmen Reinhart und

Belen Sbrancia.

Inflation und negative Realzinsen (Zinsen

unterhalb der Inflationsrate) entfernen

die Schulden zwar nicht nominell,

aber real. Grob: Wenn in zehn Jahren alles

fünf Mal so teuer ist, aber auch alle fünf

Mal so viel verdienen, tun die heutigen

Schulden nicht mehr weh. Für Sparer bedeutet

dies finanzielle Repression: Die

Zinsen reichen nicht, um die Inflation auszugleichen,

gemessen an der Kaufkraft,

Mit der Höhe

der Schulden

werden die

Ideen der Politik

dreister

Eine Lösung mit der Brechstange wäre, von

Vermögenden eine einmalige Abgabe zu

erheben und damit Schulden zu tilgen. Das

hat es schon gegeben: den Lastenausgleich,

der Flüchtlinge und Vertriebene

entschädigen sollte. Dazu wurde zum 21.

Juni 1948 (einen Tag nach der Währungsreform)

das Vermögen festgestellt. Betroffen

waren Konten, Wertpapiere und Immobilien

über 5000 Mark Freibetrag.

Insgesamt musste die Hälfte abgegeben

werden. Die Belastung wurde auf 30 Jahre

gestreckt, pro Jahr ergab das 1,67 Prozent

Abgabe. In der Regel konnten diese Raten

aus laufenden Erträgen bezahlt werden,

deren reale Belastung durch die Geldentwertung

der folgenden Jahre noch verringert

wurde. Insgesamt kamen 135 Milliarden

Mark zusammen. 1960 entsprach das

etwa der Hälfte der Wirtschaftsleistung der

Bundesrepublik. Verfassungsrechtlich wäre

eine solche Abgabe heute nur in einer

schweren Krise drin – in der befindet sich

Deutschland nicht.

BLAUPAUSE ZYPERN

Viele haben die Stimme der Kanzlerin

noch im Ohr: „Wir sagen den Sparerinnen

und Sparern, dass ihre Einlagen sicher

sind“, sagte Angela Merkel im Oktober 2008

und verhinderte einen Bank-Run. Damals

ging es um die gesamten Spareinlagen. Der

Koalitionsvertrag kippt, weitgehend unbemerkt,

die Merkel-Garantie. Jetzt gilt bloß:

„Sparer mit einer Einlage bis zu 100 000 Euro

werden geschützt.“ Die Summe ist kein

Zufall, sondern EU-weit geregelt.

Modell stand dabei ausgerechnet ein

Land, das partout keines sein sollte: Zypern.

Als die größten Banken im Sommer

2012 kurz vor der Pleite standen, bat Zypern

die EU um Hilfe. Doch die zierte sich.

Insgesamt 17 Milliarden Euro benötigte

die Insel. Zypern war jedoch als Schwarzgeldparadies

für reiche Russen verpönt,

Oligarchen mit Steuergeldern rauszuboxen:

undenkbar. Die Europäer setzten als

Bedingung für Hilfskredite durch, dass die

Sparer beteiligt wurden. Nach zähem

Kampf um die Höhe des Freibetrags stand

fest, dass alle Guthaben ab 100 000 Euro

dran waren – rund die Hälfte wurde in

»

FOTO: LAIF/TIM WEGNER; ILLUSTRATION: DMITRI BROIDO

34 Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche

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Der Volkswirt

FOTO: GETTY IMAGES/AFP

»

Aktien der Bank umgewandelt, ein weiterer

Teil eingefroren.

Der niederländische Finanzminister

und Euro-Gruppen-Chef Jeroen Dijsselblom

bezeichnete die Lösung in Interviews

als „Blaupause“ und warnte andere Länder,

„seid euch im Klaren darüber, wenn

Banken in Probleme geraten, kommen wir

nicht automatisch, um sie zu lösen.“ Empört

wiesen Politiker quer durch Europa

diese Einschätzung zurück. In jedem Fall

zeigt Zypern modellhaft, wie Politiker agieren:

vorpreschen, austesten, den verbalen

Rückzug antreten, als Einzelfall darstellen.

Der US-Ökonom Barry Eichengreen

hatte bereits in einer Studie von 1989

(„Vermögensabgabe in Theorie und Praxis“)

anhand historischer Beispiele von

der Tschechoslowakei 1920 bis Japan 1946

herausgearbeitet, wie eine erfolgreiche

Zwangsmaßnahme ablaufen muss: Überraschend,

schnell, ohne politische Debatten

und lange Gesetzesinitiativen – sonst

flieht das Kapital über die Grenzen oder in

andere Anlageformen, und der Schnitt

wird von Lobbygruppen verwässert: „Die

wenigen erfolgreichen Vermögensabgaben

ereigneten sich unter Umständen wie

im Nachkriegs-Japan, wo wichtige Elemente

des demokratischen Prozesses unterbunden

wurden“, so Eichengreen. Die

US-Besatzungsmacht hatte damals, anders

als gewählte Regierungen, keinen

Vertrauensverlust zu befürchten.

Auf dem falschen Fuß erwischt Der Zypern-

Schuldenschnitt hat Garantien aufgeweicht

ZEHN PROZENT AUF ALLES?

Trotz derartiger Einsichten hat die Debatte

um eine Vermögensabgabe an Fahrt gewonnen.

Der Internationale Währungsfonds

(IWF) widmete im Oktober nur eine

halbe Seite einer knapp 100 Seiten umfassenden

Steuerstudie der Idee einer einmaligen

Abgabe auf sämtliche Vermögen.

Doch der Abschnitt hat es in sich.

Die Vorteile der Abgabe beschreiben die

Autoren knapp: Wenn sie so schnell durchgezogen

wird, dass sich niemand entziehen

kann, und wenn klar ist, dass es sich

um eine einmalige Abgabe handelt, dann

würde sie das Konsumverhalten der Menschen

und damit das Wachstum kaum

bremsen. Und: Die Abgabe dürfte von vielen

als gerecht empfunden werden.

Doch so neutral die kurze Beschreibung

auch gehalten ist: Am Ende lassen sich die

Autoren auf ein Gedankenspiel ein. Sie berechnen,

wie hoch die Abgabe in den 15 Euro-Ländern

ausfallen müsste, um

die Staatsschuldenquoten auf das

Vorkrisenniveau von 2007 zu drücken.

Ergebnis: Jeder Euro-Land-

Einwohner wäre mit zehn Prozent

seines Vermögens dabei.

Eine ganz ähnliche Größenordnung

hatte das Deutsche Institut

für Wirtschaftsforschung

(DIW) schon vor gut einem Jahr angepeilt.

Das Institut spielte durch, wie die Kosten

der Krise verteilt werden könnten. Bei

250 000 Euro Freibetrag pro Bürger könnten

mit einer zehnprozentigen Vermögensabgabe

230 Milliarden Euro eingetrieben

werden. Ein Sprecher von Finanzminister

Wolfgang Schäuble bezeichnete den Vorschlag

als „interessant“ für manche südeuropäische

Staaten. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident

Reiner Haseloff (CDU) sah darin

jedoch auch für Deutschland „eine Option,

um zum Abbau der Verschuldung beizutragen“.

Obwohl das DIW selbst sich mittlerweile

von der Idee verabschiedet hat, findet sie

immer mehr Beifall. Verdi-Chef Frank

Bsirske etwa, der eine gestaffelte Abgabe

vorschlug. Und Grünen-Fraktionschefin

Katrin Göring-Eckhardt sagte, sie wolle

„vermögende Privatpersonen beteiligen,

mit 1,5 Prozent ihres Vermögens über zehn

Jahre“.

TEURER SCHULDENFONDS

Wie kommen Zahlen wie diese zustande?

Daniel Stelter, Ex-Berater der Boston Consulting

Group, der den Thinktank Beyond

Video

Chefvolkswirt

Malte Fischer

erklärt, welche

Folgen das

„Geld aus dem

Nichts“ hat

the Obvious gegründet hat, hat

nachgerechnet: Als gerade noch

vertretbar haben Stelter und Kollegen

eine Gesamtschuldenlast

(Staaten, Kommunen, Firmen

und Privatleute zusammen) von

180 Prozent des BIPs ermittelt.

Derzeit liegt sie in den Industrieländern

im Schnitt bei mehr als

340 Prozent des BIPs. Absolut liegt der

Schuldenüberhang in den USA, Europa, Japan

bei über 25 000 Milliarden Dollar. „Das

einmalige Streichen des Schuldenüberhangs

wäre die beste und sauberste Lösung“,

meint Stelter, „sie ist aber politisch

schwer durchsetzbar.“

Machbar wäre es durchaus. Schulden

sind zugleich Geldguthaben der Gläubiger.

In Europa und den USA stehen dem Schuldenberg,

immerhin, zwischen 75 000 und

80 000 Milliarden Dollar an Finanzguthaben

gegenüber. Etwa ein Drittel dieser

Geldguthaben und damit der Schulden

müsste man streichen, um auf einen tragbaren

Schuldenstand zu kommen.

Stelter plädiert aber nicht für einen einmaligen

Schnitt, sondern für einen Fonds:

Alle Schulden jenseits der langfristig tragbaren

Gesamtschuldenlast von 180 Prozent

des BIPs würden darin gebündelt.

„Die Bank müsste allen Schuldnern, auch

dem spanischen Häuslebauer, sofort 30

Prozent seiner Schulden streichen und

diese in der eigenen Bilanz abschreiben;

gegenfinanziert würde dies der Bank aus

dem Fonds“, erklärt Stelter. Refinanzieren

würde sich der Fonds über von Staaten

»

WirtschaftsWoche 9.12.2013 Nr. 50 35

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Der Volkswirt

»

gemeinschaftlich begebene Bonds.

„Deren Zins läge unter dem, den Staaten

und Private im Schnitt bezahlen müssten,

wenn sich jeder für sich weiter am Kapitalmarkt

verschuldete.“ Über 20 Jahre würde

der Fonds getilgt, etwa über eine Vermögensteuer.

Stelter hat errechnet, dass

diese Steuer weniger als ein Prozent des

Gesamtvermögens jedes EU-Bürgers pro

Jahr ausmachen würde.

Bedrohung 3:

Mehr Steuern zahlen

„Mit uns wird es keine Steuererhöhungen

geben“, hatten die Spitzen von CDU und

CSU im Chor während des Wahlkampfs intoniert.

Und in der Tat finden sich in der

Koalitionsvereinbarung keine solchen Pläne.

Unterhändler Christian von Stetten hatte

die Sozialdemokraten gleich zu Beginn

gewarnt, der Gruppe mit derlei Vorschlägen

die Zeit zu stehlen – das komme für die

Union nicht infrage.

TRÜGERISCHE RUHE

Allerdings steht das laut vorgetragene Versprechen

„keine Steuererhöhung“ nicht

im Vertragstext. Dafür etliche milliardenschwere

Ausgaben, die sich – wenn überhaupt

– nur finanzieren lassen, solange

die Konjunktur stabil und die Steuereinnahmen

hoch bleiben. Sonst steht die Koalition

sofort wieder vor der Frage: Abgaben

erhöhen oder Wohltaten streichen?

Die Union beharrt erst mal auf ihrer Zusage,

dass dann die Ausgaben angepasst

werden müssten. Für die Mütterrente gilt

das freilich nicht, so der Fraktionsvorsitzende

Volker Kauder. Ebenso wird auch die

SPD zwingende Lieblingsprojekte haben.

Dann stehen wieder Steuererhöhungen

auf der Tagesordnung. So liegt eine rotgrüne

Bundesratsinitiative zur Wiedereinführung

der Vermögensteuer einstweilen

auf Eis. Rund zehn Milliarden Euro Einnahmen

hatte die SPD dafür kalkuliert.

Die Abgeltungsteuer, mit der die Erträge

von Geldanlagen aller Art erfasst werden,

würde sie gern von 25 auf 32 Prozent erhöhen.

Sollte das Geld nicht reichen, würde

sie Zinsen und Dividenden wieder dem

individuellen Steuersatz unterwerfen – für

einkommenstarke Anleger noch teurer.

Noch eine Ausnahme ist den Genossen

ein Dorn im Auge: Bei vermieteten Immobilien

sind Wertsteigerungen – anders als

beispielsweise bei Aktien – steuerfrei, sofern

Wohnung oder Haus länger als zehn

Jahre dem Eigentümer gehörten.

Böses Erwachen Währungsschnitte wie ’48

in Deutschland treffen Sparer über Nacht

Für alle Regelungen gilt: Wiedervorlage

in der nächsten Krise.

NUR GEGEN BÖSE SPEKULANTEN?

Schon geeinigt haben sich die Großkoalitionäre

auf eine Finanztransaktionsteuer.

„Weit weg vom Bürger, trifft nur die bösen

Spekulanten“, so die Denke. Im Koalitionsvertrag

ist von einer „breiten Bemessungsgrundlage“

die Rede. Klingt harmlos, bedeutet

aber: Auch Altersvorsorgeanbieter

wie Fonds und Lebensversicherungen

müssen beim Wertpapierhandel zahlen.

Laut EU-Kommission soll von jedem

Kauf und Verkauf von Aktien und Anleihen

jeweils 0,1 Prozent des gehandelten Wertes

an den Fiskus gehen. Bei Aktien für 5000

Euro sind das bei An- und Verkauf immerhin

zehn Euro. Die Steuer zu umgehen

Europas

Schulden steigen

um 100

Millionen Euro

pro Stunde

wird schwierig. Wer seinen Wohnsitz in einem

EU-Land hat, das die Steuer verlangt,

muss sie auch zahlen. Der superschnelle

Hochfrequenzhändler, dem sie das Geschäft

vermiest, sitzt ohnehin in London

oder der Schweiz, notfalls wird er umziehen.

Ein Riester-Sparer wird das nicht tun.

Und er zahlt nicht nur bei eigenen Aktiengeschäften.

Altersvorsorgesparer werden sich später

nur wundern, dass ihr Guthaben noch

mickriger ausfällt. Die Fondsgesellschaft

Union Investment berechnete für einen

herkömmlichen Riester-Vertrag mit

monatlich 100 Euro Beitrag nach 30

Jahren ein Minus von 4100 Euro für den

Anleger, allein wegen der Finanztransaktionsteuer.

Bedrohung 4:

Eingriff in die Vertragsfreiheit

Ein Goldbesitzverbot wie in den USA zwischen

1933 und 1974 hält Stefan Homburg

auch in Europa für möglich. „So was hat es

gegeben, und so etwas könnte auch wieder

gemacht werden“, so der Professor am Institut

für Öffentliche Finanzen an der Leibniz

Universität Hannover. Die Bilanzen der

Notenbanken sind geschwächt. Der Anteil

der im Vergleich zu ausfallsicheren Goldbeständen

nur mit schwachen oder fragwürdigen

Sicherheiten unterlegten Vermögenspositionen

in ihren Bilanzen hat in

den Krisenjahren stark zugenommen.

Theoretisch ließen sich die Bilanzen verbessern,

wenn privater Goldbesitz in

Staatsbesitz gelangte. Die Frage wäre dann

nur: Würde für privates Gold ein fairer

Marktpreis bezahlt – und passierte der

Übergang freiwillig?

GOLD VERBOTEN

Das Beispiel USA zeigt, dass ein Besitzverbot

für Gold eine knifflige Sache ist. Um

den Dollar zu stützen und faktisch Spekulation

mit Gold gegen ihn zu unterbinden,

erließ US-Präsident Franklin D. Roosevelt

1933 eine Verordnung, die das Horten von

Gold unter Strafe stellte. Ausgenommen

waren Goldmünzen und -zertifikate, deren

Wert pro Person 100 Dollar nicht überstieg,

sowie Sammlerstücke. US-Bürger

hatten ihr Gold zum Festpreis von 20,67

Dollar pro Unze bei der Notenbank abzugeben,

anschließend wurde die Parität auf

35 Dollar pro Unze fixiert. Für Anleger war

der erzwungene Umtausch ein gewaltiges

Verlustgeschäft. Das Verbot wurde erst am

31. Dezember 1974, nach dem Zusam-

»

FOTO: AKG IMAGES/HILBICH; ILLUSTRATION: DMITRI BROIDO

36 Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche

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Der Volkswirt

»

menbruch des Gold-Dollar-Standards

von Bretton Woods, aufgehoben.

Die Freigrenze von 100 Dollar, was etwa

fünf Unzen Feingold (heute: 6000 Dollar)

entsprach, war ein geschickter Schachzug,

weil die Mehrheit der Bevölkerung nicht

betroffen war. Entsprechend regte sich

kaum Widerstand. Wer unter der Freigrenze

lag, konnte an der späteren Aufwertung

von Gold gar verdienen.

Durchzusetzen ist das Verbot nur

schwer. In den USA lag die Abgabequote

während des dortigen Verbots geschätzt

bei nur 30 Prozent. Im Moment gibt es

hierzulande auch keine Debatte über ein

Verbot. Mit ein paar Fallstricken sollten

Goldbesitzer aber schon rechnen. Denkbar

wäre eine von Brüssel aus betriebene

Wiedereinführung einer europaweiten

Mehrwertsteuer. Auch könnten Zugewinne

mit Barren und Münzen, die nach

über einem Jahr Haltefrist steuerfrei bleiben,

künftig mit Abgeltungsteuer belegt

werden.

Die Koalition

kippt die

Merkel-

Garantie

weitgehend

Lage, Lage und

Nachfrage

Anleger flüchten

in Immobilien,

Mieten ziehen an.

Dumm nur: Hier

kann der Staat

leicht zugreifen

IN STAATSANLEIHEN GETRIEBEN

Auch eine Art von Zwangsmaßnahme: Versicherer

und Banken und damit deren

Kunden werden in Staatsanleihen getrieben.

Europäische Versicherer sind eine fette

Beute für die Politik – sie legen gigantische

8,4 Billionen Euro an. Kapital, was Politiker

gerne auf ihre Seite holen. Das geht

einfach: Politiker drängen die größten Investoren

– Banken und Versicherer – über

Vorschriften zur Regulierung indirekt in

Staatsanleihen. So wird es unter der geplanten

Regulierung Solvency II für europäische

Versicherer ab 2016 nötig, einen

Risikopuffer (Eigenmittel) für neue Investments

vorzuhalten.

Die Idee dahinter ist auf den ersten Blick

edel: Im Interesse der Kunden sollen Versicherer

Mittel für mögliche Ausfälle vorhalten.

Allerdings wird das für alle Investments

außer Staatsanleihen so teuer, dass

kaum ein Versicherer sie sich noch leisten

wird. Aktien zu kaufen kostet etwa 39 Prozent

extra. Wer eine Immobilie erwirbt,

muss 25 Prozent extra für Wertverluste einplanen.

Paradox: Bis heute ist kein Puffer

für griechische Staatsanleihen vorgesehen

– obwohl Investoren hier bereits einen Teil

ihres Einsatzes abschreiben mussten.

„Dass Staatsanleihen nicht besichert werden

müssen, spiegelt nicht das Risiko wider,

was Investoren angesichts hoch verschuldeter

Staaten eingehen“, sagt der

selbstständige Versicherungsanalyst Carsten

Zielke. Der Zwang zu Staatsanleihen

durch die Hintertür ist für Versicherte

misslich. Kauft ihr Versicherer heute eine

deutsche Staatsanleihe, die in zehn Jahren

fällig wird, bekommt er nur 1,7 Prozent

Rendite. Hohe Überschüsse können Sparer

sich so abschminken.

KEIN ENTKOMMEN

Legale Wege, der finanziellen Repression

und Zwangsmaßnahmen des Staates auszuweichen,

gibt es für Normalbürger, die

ihren Sitz nicht auf die Caymans verlegen

können, nicht: Am Ende fangen Politik und

Notenbanken alle Anleger ein. Besonders

leicht zu greifen, weil – siehe Zypern –

schnell und einfach erreichbar, sind Giro-,

Tagesgeld- und Festgeldkonten. Staatsanleihen,

auf deren permanenten Verkauf die

verschuldeten Staaten angewiesen sind,

könnten einen gewissen Schutz bieten. Die

hochverzinslichen aber sind pleitegefährdet,

und die sicheren bieten keinen Realzins.

Das Gleiche gilt für Unternehmensanleihen.

Bleiben neben Gold, das von den

genannten Verboten bedroht sein könnte,

noch Immobilien – und die von den Deutschen

ungeliebten Aktien.

WEICHES BETONGOLD

Wer sein Erspartes wegen Angst vor Inflation

und Repression in Immobilien anlegt,

sollte sich nicht zu sicher fühlen. Denn

der Staat ist erfinderisch, wenn es darum

geht, Hausbesitzer zur Kasse zu bitten.

Nach dem Ersten Weltkrieg und der anschließenden

Hyperinflation führte

Deutschland 1924 eine Hauszinssteuer

ein, mit der Immobilienbesitzer an der

Geldentwertung beteiligt werden sollten.

Der Gedanke: Hypothekenschulden hatten

teilweise komplett an Wert verloren,

die damit finanzierten Grundstücke und

Wohnungen jedoch nicht. Deren Besitzer

wurden zum Ausgleich zur Kasse gebeten.

Betongold schützt also nicht immer vor

Inflation.

Heute flüchten vor allem wohlhabende

deutsche Anleger aus Angst vor kalter Enteignung

in Immobilien. „Wir sehen mit

zunehmendem Volumen tendenziell

auch sehr hohe Immobilienanteile an den

Gesamtvermögen“, sagt Tom Weber von

der Capitell Vermögensverwaltung. In guten

Lagen werden 25, in Ausnahmen bis

zu 35 Nettojahreskaltmieten für Zinshäuser

bezahlt. „So lässt sich nach Abzug aller

Kosten und Steuern kaum noch eine Nettorendite

von mehr als einem kümmerlichen

Prozent erwirtschaften“, so Weber.

»

FOTO: VISUM/JÖRG AXEL FISCHER; ILLUSTRATION: DMITRI BROIDO

38 Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche

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Der Volkswirt

Die Einschläge kommen näher

Mit welchen Maßnahmen Regier

ihre Einführung ist, wie schmerz

Niedrigzins

Ben Bernanke, noch Chef der

Fed, kauft US-Staatsanleihen

und drückt die Zinsen weltweit

Inflation zulassen

Die USA enteigneten Gläubiger nach 1945

schleichend; die Inflation lief, anders als in

Deutschland 1923, nicht aus dem Ruder

Negativzins

Die EZB lässt den Leitzins

vorerst bei 0,25 Prozent und

diskutiert über –0,1 Prozent

Vermögensabgabe

Eine gab’s schon, den

Lastenausgleich 1952

unter Ludwig Erhard

Instrument

Niedrigzins

Inflation

zulassen

Negativzins

Vermögensabgabe

(einmalig)

Zwangsanleihe

Neue Steuern

Ausgestaltung

Notenbank kauft

direkt oder indirekt

(über Banken,

die günstig Geld

bekommen)

Staatsanleihen;

Notenbank hält

Leitzinsen unten

Notenbanken

schöpfen weiter

Geld; Bürger

verlieren Vertrauen;

Umlaufgeschwindigkeit

des Geldes steigt

Notenbank setzt

negativen Leitzins

fest; Banken legen

negative Zinsen

auf die Guthaben

von Sparern um

oder verteuern

Gebühren/Kredite

Staat schneidet

sich von allen

Vermögenswerten

einmalig

ein Stück ab

Staat zwingt

Bürger, einen Teil

ihres Vermögens

in Staatsanleihen

zu packen; wird

(teilweise) zurückgezahlt

Vermögensteuer,

zum Beispiel

ein Prozent auf

steuerpflichtiges

Vermögen

(nach Abzug von

Freibeträgen)

Transaktionsteuer

von 0,1 Prozent

auf Aktien und

Anleihen und 0,01

Prozent auf

Derivate; fällig für

jedes Geschäft

negativ

betroffen

wären/sind

Konten, Anleihen,

Lebensversicherung,

Betriebsrenten,

Versorgungswerke

Bargeld, Konten,

Anleihen, Lebensversicherung

Konten

Konten, Aktien, Anleihen, Immobilien

Vermögen generell

Aktien, Anleihen,

Derivate; indirekt

auch Fonds und

Lebensversicherungen

Eintrittswahrscheinlichkeit

läuft bereits

aktuell gering;

langfristig wahrscheinlich

ist bereits in der

Diskussion

wird diskutiert, aber starker

Widerstand zu erwarten

politische

Forderung

politisch herrscht

Konsens

wie

gefährlich

für das

Vermögen?

Inflation frisst

Zinsen; Sparen

lohnt sich kaum

Hohe Inflation

kann sämtliche

Geldvermögen

entwerten

Erspartes leidet

nominal durch

Negativzinsen

und real durch

Inflation

je reicher, desto

härter

hängt von

Rückzahlung ab

für Vermögende

drückt auch

Rendite von

Fonds und

Versicherungen

Vorteil für

Staaten

niedrige Zinslast

auf eigene

Schulden

Schulden werden

nicht auf dem

Papier, aber real

drastisch

verringert

höheres

Wachstum durch

ausgeweitete

Kreditvergabe

erhofft

kann Schulden

sofort drastisch

senken

verschafft

Spielraum bis

zum Rückzahlungsdatum

weitere

Einnahmen

weitere

Einnahmen

historische

Vorbilder

USA nach 1945

Deutschland

1923; Frankreich

18. Jahrhundert;

Zimbabwe 2009

Schweiz 1964,

1970er;

Schweden;

Dänemark

Deutschland

1918/19, 1952

Deutschland

1914, 1922/23

Deutschland,

wurde 1997

abgeschafft

Deutschland

1881–1991;

Schweden

1985–1992

= unwahrscheinlich, = so gut wie sicher; = sehr niedrige Einbußen; = sehr hohe Einbußen

40 Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche

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ungen und Notenbanken Sparer attackieren könnten, wie wahrscheinlich

haft sie wären und wie die hoch verschuldeten Staaten davon profitieren.

Neue Steuern

Transaktionsteuer

trifft Sparer, nicht nur

Spekulanten

Abgeltungsteuer

wird angehoben

oder Spekulationsgewinne

werden

künftig nach individuellem

Steuersatz

versteuert

Aktien, Anleihen,

Derivate, Fonds

SPD-Forderung;

nicht im

Koalitionsvertrag

je nach Steuersatz;

gerade Aktionäre

wären getroffen

Einnahmesteigerung;

nur Minderheit

der Wähler ist

betroffen

Steuererhöhung

Grund- und Grunderwerbsteuer

werden sukzessive

angehoben

Immobilien

läuft

Steuererhöhung

SPD hat Forderung nach mehr Abgeltungsteuer

nicht kassiert, auch wenn

nichts dazu im Koalitionsvertrag steht

Eigenheimnutzer schmerzt nur die

Grundsteuer

Einnahmesteigerung

Spekulationsfrist

wird gekippt

Ausweitung Spekulationsfrist 1999

Gold-Besitzverbot

oberhalb einer

festgelegten

Höchstmenge

Gold

noch nicht

diskutiert; Steuerverschlechterung

ist möglich

Enteignung gegen

bescheidene

Entschädigung

Einnahmesteigerung;

Basis für

neues Währungssystem

USA 1933–1974;

China 1949–1983

Verbote

1933 stellte US-Präsident

Franklin D. Roosevelt den

Goldbesitz unter Strafe

Verbote

Verschärfung des

Verbots von Mieterhöhungen;

zum

Beispiel in gefragten

Gegenden

bei bereits hoher

Miete

Immobilien

(nur vermietete)

im Koalitionsvertrag

überraschend

entschärft

für Vermieter

Zustimmung

von der Mehrheit

der Wähler

in Deutschland

seit 1974

»

Auffällig: Die beim Haus- oder Wohnungskauf

anfallende Grunderwerbsteuer

von 3,5 Prozent auf den Kaufpreis wird aktuell

deutlich hochgeschraubt. So will die

Schuldenmetropole Berlin ab Januar 2014

sechs Prozent kassieren, in Bremen sollen

fünf und in Schleswig-Holstein sogar 6,5

Prozent fällig werden.

Immobilienbesitzer sind leichte Beute,

sie können nicht mit ihrem Vermögen ins

Ausland flüchten. An die selbst genutzte

Immobilie wird sich die Politik nicht so

schnell heranwagen, meint Weber.

Zwangsmaßnahmen gegen Vermieter aber

treffen nur wenige. Der Widerstand dagegen

dürfte eher schwach sein.

AKTIEN IM VISIER

Dass nur wenige getroffen werden, gilt

auch für Maßnahmen gegen Aktionäre.

Eine Besitzsteuer oder Abgabe eigens für

Aktien gab es zwar noch nie, sagt Carsten

Burhop. Doch der Professor für Wirtschafts-

und Sozialgeschichte an der Universität

Wien rät trotzdem davon ab, die

Aktie als Bastion gegen den Staatszugriff

zu sehen: „Aktienbesitz wurde bereits bei

der Preußischen Vermögensteuer von

1893 herangezogen“, sagt Burhop. Für den

Staat ist es leicht, bei Aktien zuzuschlagen:

Wo bei Immobilien oder Unternehmensbeteiligungen

aufwendige Berechnungen

nötig sind, um das Vermögen zu ermitteln,

kann bei gehandelten Wertpapieren

einfach der Kurs als Grundlage genommen

werden.

Bei der Währungsreform 1948 allerdings

behielten Aktionäre ihre Papiere,

verzeichneten zwar massive Kurseinbußen,

im Wirtschaftswunder aber massive

Gewinne. Dafür war vor allem Otto Ohlendorf

verantwortlich, Vize-Staatssekretär

im Reichswirtschaftsministerium. Eine

„tief greifende Veränderung der Besitzund

Eigentumsverhältnisse“ wollte er verhindern,

schreibt das „Handelsblatt“. Mit

Deutsche-Bank-Vorstand Herrmann Josef

Abs, dem späteren Bundesbank-Präsidenten

Karl Blessing und dem späteren Wirtschaftsminister

Ludwig Erhard erarbeitete

er ein Schuldenabbauprogramm, das Aktionäre

schonte und im Zuge der Währungsreform

1948 realisiert wurde.

Auf eine Wiederholung der Geschichte

sollten Anleger hier aber nicht setzen –

ausnahmsweise.

n

frank doll, mark fehr, malte fischer, stefan hajek,

henning krumrey, niklas hoyer, annina reimann,

hauke reimer, anton riedl, heike schwerdtfeger,

cornelius welp, florian zerfaß | geld @wiwo.de

FOTOS: BLOOMBERG NEWS, GETTY IMAGES (2), INTERFOTO, KEYSTONE, DDP IMAGES, ACTION PRESS

WirtschaftsWoche 9.12.2013 Nr. 50 41

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Der Volkswirt

Todeswünsche

zum Geburtstag

USA | Vor 100 Jahren gründeten die USA eine Notenbank und

monopolisierten die Geldversorgung. Kritiker sagen, heute

gefährde sie das globale Finanzsystem, und fordern ihre Abschaffung.

Welchen Kurs schlägt die neue Präsidentin Janet Yellen ein?

Die Federal Reserve (Fed) in New

York gleicht einer Festung. Schwer

bewaffnete Polizisten des eigenen

Sicherheitsapparates der amerikanischen

Notenbank postieren vor 33 Liberty Street

in Manhattan, gleich um die Ecke von Wall

Street. Die Fenster des Gebäudes sind bis

zum dritten Stock mit schwarzen Eisengittern

verbarrikadiert. An den Ecken sind

Überwachungskameras installiert. Besucher

müssen ihre Taschen durchleuchten

lassen, Ausweise zeigen, die Hosenbeine

hochkrempeln.

Wer glaubt, die Sicherheitsvorkehrungen

sind deshalb so hoch, weil hier das viele

Geld gedruckt wird, mit dem die Fed die

US-Wirtschaft in Schwung bringen will, der

liegt falsch. Die Druckerpressen stehen außerhalb

von New York. Im Keller der Bank

lagert viel Wertvolleres – die weltweit größten

Goldreserven. Derzeit sind es 530 000

Barren, die 60 Nationen gehören. Auch ein

Teil des deutschen Goldschatzes befindet

sich hier. Sicher verwahrt als eiserne Reserve,

sollte irgendwann wieder eine globale

Wirtschafts- und Finanzkatastrophe die

Welt heimsuchen. „Wir haben hier eine

ganz besondere Verantwortung“, sagt New

York-Fed-Präsident William Dudley. Die

New York Fed ist die mächtigste von allen

zwölf regionalen Notenbanken im Federal-

Reserve-System der USA. Sie wickelt das

Wertpapiergeschäft der US-Notenbank ab

und wacht auch über die Wall Street. Und

sie gilt als Keimzelle des zentralisierten Notenbanksystems.

Ihr erster Gouverneur

Benjamin Strong nutzte erstmals die Instrumente

der Geldpolitik, um die Konjunktur

zu steuern.

TAKTGEBER DER BÖRSE

Ausgerechnet die Institution, der die Welt

ihr Gold anvertraut, befeuert nach Ansicht

ihrer Kritiker die nächste Krise. Noch nie

seit der Gründung des Notenbanksystems

am 23. Dezember vor 100 Jahren hat die

Fed mit einer derart expansiven Geldpolitik

in den Finanz- und Wirtschaftskreislauf

eingegriffen wie seit der jüngsten Krise vor

gut fünf Jahren. Den kurzfristigen Leitzins

hält sie praktisch bei null. Um auch die

langfristigen Zinsen niedrig zu halten, damit

die Konjunktur endlich anspringt,

pumpt sie monatlich 85 Milliarden Dollar

für Staatsanleihen und Hypothekenpapiere

in den Markt. Quantitative Lockerung

nennt die Fed den Eingriff. Ihre Bilanz ist

Gut bewacht Im Keller der New York Fed

lagern die weltweit größten Goldschätze

FOTOS: GETTY IMAGES/ANDREW BURTON, BLOOMBERG NEWS/ANDREW HARRER

42 Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche

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von 890 Milliarden Dollar Ende 2007 auf

3,9 Billionen Dollar gestiegen.

„Die Fed ist zur mächtigsten politischen

Institution in den USA aufgestiegen. Sie

diktiert die globalen Finanzmärkte – das ist

beängstigend und gefährlich“, warnt der

US-Ökonom John Allison (siehe Seite 46).

Er stand 19 Jahre an der Spitze des US-Finanzinstituts

BB&T und leitet seit 2012 den

liberalen Thinktank Cato Institute in Washington.

Tatsächlich hat die Geldschwemme

die Konjunktur bislang nicht beleben

können. Unternehmen zögern zu investieren.

Zu unsicher ist ihnen die geldpolitische

und fiskalische Lage. Was passiert,

wenn die Fed die Luft rauslässt?

Seit 2009 liegt das Wachstum in den USA

im Durchschnitt bei mageren 1,2 Prozent.

Zu wenig, um von einer nachhaltigen Erholung

zu sprechen, zu wenig, als dass die

USA als größte Volkswirtschaft der Welt Lokomotive

für die globale Wirtschaft spielen

könnte. Stattdessen bläst ihre expansive

Geldpolitik eine Börsenblase auf. Seit Oktober

2008 legte der Dow-Jones-Index von

9955 Punkten um fast 50 Prozent zu. Dorthin

strömt das Kapital, weil andere profitable

Anlagemöglichkeiten fehlen.

Die niedrigen Zinsen helfen dagegen der

Regierung, ihr Defizit zu finanzieren. Für

das Geld, das sich Amerika leiht, um seine

Schulden von derzeit 16 Billionen Dollar

bedienen zu können, zahlt es kaum Zinsen.

Dank der Fed kann sich der Staat so

viel leihen, wie er will, bis die Schuldengrenze

erreicht ist, die der Kongress, wenn

auch wie im Oktober erst in letzter Minute,

immer wieder erhöht.

Würde die Fed den Geldhahn zudrehen,

käme dies nicht nur den Staat teuer zu stehen.

Auch die Märkte könnten panisch reagieren.

Allein die Andeutung des noch amtierenden

Fed-Präsidenten Ben Bernanke,

die Zentralbank könne ihre quantitative Lockerung

zurückfahren, falls die Wirtschaft

sich genügend erhole und die Arbeitslosenquote

von derzeit mehr als sieben Prozent

auf 6,5 Prozent falle, führte im Juni zu massiven

Verlusten an den globalen Börsen. Der

drohende Liquiditätsstopp löste Schockwellen

bis hin in aufstrebende Schwellenländer

wie Brasilien oder Indien aus. Investoren

zogen nach der Ankündigung der Fed,

weniger Geld auf den Markt werfen zu wollen,

eilig ihr Kapital aus diesen Ländern ab.

Was also tun? Bernanke muss sich darüber

nicht mehr den Kopf zerbrechen. Seine

derzeitige Vize-Chefin Janet Yellen übernimmt

am 1. Februar 2014 die Führung der

Notenbank. Die Top-Ökonomin ist dann

die mächtigste Frau der Welt. Wird sie weitermachen

wie bisher? Oder bringt sie die

Einsicht auf, dass sich Sinn und Zweck des

Federal Reserve Systems überholt haben,

dass für die Zukunft etwas anderes an die

Stelle der schier ungebremsten Geldschwemme

rücken muss?

Betrachtet man die Geschichte der Fed,

ist die Hoffnung auf einen Wandel nicht

groß. Seit ihrer Gründung war sie Reparaturbetrieb

einer immer wieder aus den Fugen

geratenden Finanzindustrie. Schon

Anfang des vorigen Jahrhunderts hatten

sich Banken zu hoch verschuldet, ein Institut

nach dem anderen ging pleite.

Um die Krise zu bändigen, hob damals

der US-Kongress das Fed-System aus der

Taufe. Im Krisenfall sollte die Fed die Banken

mit genügend Geld versorgen. Aber

Die Konjunktur

hat die Geldschwemme

der

Fed nicht belebt

schon bald missbrauchte die Fed ihre

Macht. Um den Ersten Weltkrieg zu finanzieren,

benötigte die US-Regierung dringend

Geld. Benjamin Strong, erster Gouverneur

der New York Fed, hob zeitweise die

Koppelung des Dollar an den Goldstandard

auf und brachte Kriegsanleihen unters Volk,

mit denen er die Inflation gefährlich anheizte.

In den Zwanzigerjahren dann alimentierte

die Fed einen hauptsächlich durch Kredite

finanzierten Konsumboom. An den Börsen

stieg die Spekulation, bis die Blase am

Schwarzen Freitag, dem 25. Oktober 1929,

platzte. Was folgte, war eine weltweite Rezession

ungeahnten Ausmaßes.

Nur einmal hatte die Fed tatsächlich Erfolg:

Anfang der Achtzigerjahre gelang es

Notenbanker Paul Volcker, die Inflationsrate,

die in den USA auf bis zu 13 Prozent im

Jahresdurchschnitt 1980 emporgeschnellt

war, zu stoppen. Ohne Rücksicht auf

Wachstum und Arbeitsmarkt trieb er die

Zinsen auf bis zu 17,5 Prozent in die Höhe.

Die Rosskur wirkte. Innerhalb von drei Jahren

fiel die Inflationsrate auf 3,5 Prozent,

die Konjunktur erholte sich.

TIEF EINGEFRESSEN

Die folgenden Jahrzehnte waren geldpolitisch

ein Desaster. Alan Greenspan, Volckers

Nachfolger an der Fed-Spitze, wurde

vom Platzen der Internet-Blase Anfang

2000 überrascht und reagierte zu spät mit

zu niedrigen Zinsen. An diesem Rezept

hielt er auch nach den Terroranschlägen

am 11. September 2001 und während des

Irakkriegs fest. Damit aber bereitete Greenspan

die nächste Krise vor – diesmal auf

dem Immobilienmarkt. Die niedrigen Zinsen

und eine politisch massiv erleichterte

Kreditvergabe auch an Hauskäufer mit

niedrigen Einkommen setzten einen Häuserboom

in Gang. Die Immobilienpreise in

den USA stiegen bis 2005 mit hohen zweistelligen

Raten. Auch hier hatte die Fed die

Gefahr zu spät erkannt. Noch 2006 rechnete

Greenspans Nachfolger Bernanke nur

mit einer moderaten Abschwächung des

Häusermarktes. Dabei hatte sich die Krise

zu dieser Zeit längst tief in das weltweite Finanzsystem

gefressen.

„Die Fed ist ein schwerfälliger, schlecht

strukturierter Apparat, der Krisen nicht nur

nicht rechtzeitig erkennt, sondern auch zu

spät auf sie reagiert“, bilanziert der Ökonom

George Selgin von der University of

Georgia. Und weiter: „Die Fed ist nicht nur

zu mächtig. Ihre Geldpolitik ist vor allem

nicht berechenbar, und sie agiert nicht unabhängig

von der Regierung, so wie sie es

eigentlich sollte.“

Nicht nur liberale Ökonomen, auch Politiker

wie der einflussreiche Republikaner

Ron Paul fordern die Abschaffung der monopolisierten

Geldversorgung durch die

Fed. Selbst Ökonomen, die davon überzeugt

sind, ohne eine Zentralbank funktioniere

keine moderne Wirtschaft, lassen

kein gutes Haar an der US-Notenbank.

„Das Problem der Fed ist, dass ihre Geldpolitik

nicht konsequent ist“, sagt Eugene

White, Ökonom und Wirtschaftshistoriker

der Rutgers University in New Jersey. Zum

einen habe die Fed Finanzinstitute wie

Bear Stearns in der Finanzkrise vor dem

»

WirtschaftsWoche 9.12.2013 Nr. 50 43

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Der Volkswirt

»

Untergang bewahrt. Die Investmentbank

Lehman Brothers habe sie dagegen

pleitegehen lassen, während sie den Versicherungskonzern

AIG vor der Pleite gerettet

habe, obwohl dieser nicht einmal ein

Bankhaus sei. „Diese Aktionen verunsichern

alle Marktteilnehmer. Was der Fed

fehlt, sind klare Regeln und Grenzen der

Geldpolitik“, sagt White.

Einer der schärfsten Kritiker der US-Notenbank,

der amerikanische Geldtheoretiker

Allan Meltzer, sieht das Versagen aber

auch in der Politik: „Washington ist nicht

handlungsfähig, der Kongress streitet sich

um alles. Da bleibt ja nur noch die Notenbank,

die im Auftrag der US-Regierung

Wirtschaftspolitik betreibt.“ Abschaffen ließe

sich die Fed nicht, aber reformieren.

Darüber ist sich Meltzer mit Ex-Zentralbanker

Volcker einig: Die Fed müsse ihr

duales Mandat aufgeben, um erfolgreicher

die Finanzmärkte steuern zu können, und

sich einzig und allein auf Preisstabilität

konzentrieren. Seit Mitte der Siebzigerjahre

verfolgt die Fed zwei Ziele mehr oder

weniger gleichberechtigt: ein stabiles

Preisniveau und einen hohen Beschäftigungsstand.

Dahinter steht die Erwartung,

die Fed müsse mit niedrigen Zinsen einspringen,

wo die Politik versagt, und mit

geldpolitischen Mitteln für steigende Beschäftigung

sorgen. „Wir haben unrealistische

und gefährliche Erwartungen an die

Notenbank“, sagt Volcker.

TAUBE OHREN

Wird die neue Notenbank-Chefin auf den

alten Zentralbankhasen Volcker hören? Es

sieht nicht danach aus. Yellen gilt als Taube,

was im Fed-Jargon bedeutet: Sie steht

für eine lockere Geldpolitik, die vor allem

auf die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt

Rücksicht nimmt. Bei ihrem ersten öffentlichen

Auftritt vor dem Senat im November

betonte sie, die Wirtschaft müsse sich

erst noch nachhaltig verbessern, bevor die

expansive Geldpolitik verringert werden

könne. Dazu müsse die Arbeitslosigkeit

von derzeit 7,3 Prozent auf 6,5 Prozent

sinken.

Immerhin scheint Yellen nicht nur auf

abstrakte ökonomische Modelle zu schauen.

Sie war eine der wenigen Zentralbanker,

die schon früh vor der jüngsten Immobilienblase

gewarnt haben. „Dass Yellen

nicht blind dem folgte, was die ökonomischen

Modelle nicht rechtzeitig anzeigten,

gibt zumindest Hoffnung für eine künftig

bessere Geldpolitik“, sagt Kathy Bostjancic,

Ökonomin beim Thinktank Conference

Board in New York. Yellens zentrale Aufgabe

sei, vor allem die Kommunikation mit

den Märkten zu verbessern.

Für New Yorks Fed-Präsident Dudley ist

jetzt schon klar: „Geldpolitik wird auch zukünftig

immer komplexer.“ Unkonventionelle

geldpolitische Maßnahmen seien

nun einmal notwendig, weil die bisherigen

Mittel zur Stimulierung der Wirtschaft

nicht ausreichten.

Längst ist die Fed auf der Suche nach

neuen Möglichkeiten, die Konjunktur anzukurbeln.

So überlegt sie, den Zinssatz für

Zentralbankgeld zu senken, das Banken

kurzfristig bei der Notenbank parken. Derzeit

erhalten die Institute dafür 0,25 Prozent.

Wenn sie diese Zinsen senkt, so hofft

die Fed, veranlasst dies die Banken dazu,

mehr Kredite an Unternehmen und Konsumenten

zu vergeben.

Die Finanzinstitute reagierten prompt:

Einlagen ihrer Kunden könnten sie dann

kaum mehr kostenlos verwalten. Sie müssten

ihrerseits Gebühren dafür erheben –

will sagen, den Sparer für Guthaben auf

dem Konto bestrafen. Neues Vertrauen in

die Wirtschaft bringt das nicht.

n

angela.hennersdorf@wiwo.de | New York

Lesen Sie weiter auf Seite 46 »

Generäle des Geldes

Was frühere Fed-Chefs ausgezeichnet hat – und der künftigen -Chefin bevorsteht.

1914 bis 1928

Benjamin Strong

Chef der New York Fed, kontrollierte

erstmals die Inflation mittels

Zinsen, steuerte die Geldmenge

durch Kauf und Verkauf

von Wertpapieren und sicherte

die Geldversorgung. Mit Kriegsanleihen,

„Liberty Bonds“, finanzierte

er den Ersten Weltkrieg.

1979 bis 1987

Paul Volcker

Gegen großen Protest trieb der

Zuchtmeister der Märkte 1980

die Zinsen auf bis zu 17,5 Prozent

hoch. So bekämpfte er die

auf bis zu 13 Prozent gestiegene

Inflationsrate. Drei Jahre später

stiegen die Preise nur noch um

3,5 Prozent.

1987 bis 2006

Alan Greenspan

Profilierte sich mit niedrigen

Zinsen als Schutzheiliger der

Märkte. Kurz nach seinem

Amtsantritt kam es zum Börsencrash

am 19. Oktober 1987 –

die superexpansive Geldpolitik

blieb und führte direkt in die Immobilien-

und Finanzkrise.

Ab Februar 2014

Janet Yellen

Die neue Fed-Chefin steht vor

der heiklen Aufgabe, die lockere

Geldpolitik ihres Vorgängers Ben

Bernanke zu beenden, ohne

Schocks an den Börsen auszulösen

und die Konjunktur abzuwürgen.

Eine harte Kehrtwende

ist von ihr nicht zu erwarten.

FOTOS: CORBIS/BETTMANN, LAIF/REDUX (3)

44 Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche

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Der Volkswirt

INTERVIEW John Allison

»Die Fed muss weg«

Der Chef des amerikanischen Cato Institute fordert die Abschaffung der

US-Notenbank zugunsten eines freien Bankensystems.

Mr. Allison, die Finanzmärkte fürchten

einen baldigen Ausstieg der Fed aus

dem Anleihekaufprogramm. Zu Recht?

Nein, die designierte neue Fed-Chefin

Janet Yellen wird noch einige Zeit genauso

weitermachen wie ihr Vorgänger, Ben

Bernanke.

Yellen sagt, sie wolle das Entstehen

neuer Preisblasen verhindern...

Indem sie weiter künstliches Geld

schafft? Die Fed kauft jeden Monat für 40

Milliarden Dollar Hypothekenanleihen

und schafft damit auf dem Immobilienmarkt

erneut eine Blase. Die Technologiebörse

Nasdaq hat vor knapp zwei Wochen

zum ersten Mal seit 13 Jahren mehr

als 4000 Punkte erreicht. Damals platzte

die Dotcom-Blase. Jetzt schafft die Fed

mit ihrer Geldpolitik neue Blasen, und

sie behindert Unternehmen, statt sie zu

unterstützen.

Wie zum Beispiel?

Sie hat für kleine und mittelständische

Unternehmen, die wie in Deutschland

auch in den USA die meisten neuen Jobs

schaffen, die Bedingungen für die Kreditvergabe

enorm verschärft. Damit verhindert

die Fed die Entstehung vieler

neuer kleiner Unternehmen und die

Schaffung neuer Jobs.

Hat die Fed ihren Zweck überlebt?

Die Fed ist zur mächtigsten politischen

Institution in den USA aufgestiegen. Sie

diktiert die globalen Finanzmärkte – das

ist beängstigend und gefährlich. Der

Dollar ist doch nur deshalb relativ stabil,

weil er eine internationale Reservewährung

ist. Nur aus diesem Grund kann die

Notenbank ungehindert Geld drucken

und einen Schuldenberg anhäufen, der

von keinem anderen Land akzeptiert

werden würde. Die US-Geldpolitik hilft

also vor allem dem amerikanischen

Staat. Dank der niedrigen Zinsen kann

sich Amerika, der größte weltweite

Schuldner, günstig Geld leihen. Wären

die Zinsen auf einem normalen Niveau

von drei bis vier Prozent, sähe die fiskalische

Lage der USA viel schlimmer aus.

DER KRITIKER

Allison, 65, ist seit 2012 Präsident und CEO

des renommierten amerikanischen Thinktanks

Cato Institute in Washington. Davor

war er 19 Jahre lang Chef eines der größten

US-Finanzinstitute, der BB&T Corporation.

Was wäre denn Ihre Alternative zum

Zentralbanksystem?

Vor 100 Jahren gab es kein Federal Reserve

System in den USA. Die Bundesstaaten haben

ihre Banken selbst reguliert. Das hat

gut funktioniert.

Bis zum großen Crash Anfang des

19. Jahrhunderts. Um ähnliche Krisen

zu verhindern, ist die Fed geschaffen

worden.

Sicherlich gab es damals Krisen, aber der

Markt hat sie kurz und kräftig korrigiert.

Diese Volatilität, die wir heute haben, gab

es damals nicht. Die Fed ist 1913 gegründet

worden, weil einige Wall-Street-Banken

nach der Rettung durch den Staat

riefen. Das war ein Fehler, weil die Banken

mit der Fed im Rücken in aller Seelenruhe

ihre hoch spekulativen Geschäfte betreiben

können. Ein freies Bankensystem

kann aber auch heute noch funktionieren.

Wie denn?

Finanzinstitute würden weniger risikoreiche

Geschäfte betreiben, wenn sie

nicht den Staat als Retter in der Hinterhand

hätten, es keine Einlagensicherung

gäbe und auch keine Bail-outs. Um das

Risiko zu minimieren, müssten die Eigenkapitalforderungen

erheblich höher

liegen als heute, zwischen 15 und 20 Prozent.

Dafür könnte man umfangreiche

Regulierungen wieder abschaffen.

Halten Sie das für realistisch?

Es wäre das Beste, wenn wir die Fed abschaffen

würden. Doch diese Institution

ist zu tief in unserem politischen System

verwurzelt. Bevor Alan Greenspan

Chairman der Fed wurde, war er dafür,

sie aufzulösen. Dann bekam er selbst

den obersten Posten in Washington.

Wie sollte die neue Fed-Chefin Yellen

das System verbessern?

Yellen muss der Fed eine neue Regel auferlegen,

die Taylor-Regel zum Beispiel.

Dies hätte den Vorteil, dass die Festlegung

des Leitzinses für die Märkte nachvollziehbar

wäre. Ich halte das duale

Mandat der Notenbank, also für stabile

Preise und für einen hohen Beschäftigungsgrad

zu sorgen, für falsch. Die Fed

sollte sich darauf konzentrieren, den Leitzins

festzulegen. Sie sollte nicht so tun,

als könne sie Finanz- oder Wirtschaftspolitik

betreiben und den Arbeitsmarkt positiv

beeinflussen. Die Notenbank muss

ihre gefährliche Geldpolitik etappenweise

beenden – so schnell wie möglich.

Ein Börsen-Crash wäre die Folge.

Die US-Zentralbank kann so viel Geld

drucken, wie sie will – die Unternehmen

haben kein Vertrauen, dass der Wert des

Dollar verlässlich ist. Deshalb investieren

sie nicht. Gelddrucken löst unsere

wirtschaftlichen Probleme nicht.

Inflation ist derzeit doch kein Problem.

Das ist nicht die größte Sorge. Eine Inflation

von zwei, drei Prozent würde Unternehmen

nicht davon abhalten, Investitionen

zu tätigen. Es sind die Folgen

dieser fehlgeleiteten Geldpolitik, vor der

sich Unternehmen fürchten. Zusätzlich

schaffen immer mehr Regulierung für

die Finanzindustrie und die Gesundheitsreform

ein unternehmensfeindliches

Klima in den USA. Viele Unternehmen

profitieren doch derzeit von

ihren steigenden Aktienkursen – warum

sollten sie das Risiko eingehen und investieren?

angela.hennersdorf@wiwo.de | New York

FOTO: KELLY CULPEPPER

46 Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche

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Der Volkswirt

DENKFABRIK | Die Kritik an den deutschen Exportüberschüssen wächst, aber sie ist

nicht gerechtfertigt. Diese Überschüsse sind das Spiegelbild der milliardenschweren

Rettungsmaßnahmen für Krisenländer, zu denen Deutschland gedrängt wurde.

Deutschland tilgt die Schulden Südeuropas mit seinen Autos. Von Hans-Werner Sinn

Die Gesetze der Logik

FOTOS: ROBERT BREMBECK FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, LAIF/MICHAEL LANGE

Deutschland gerät wegen

seiner Exportüberschüsse

immer

stärker unter Beschuss.

Die EU-Kommission,

die amerikanische Regierung

und sogar mein geschätzter

Kollege Paul Krugman kritisieren,

dass Deutschland seine

Konjunktur zu wenig ankurbelt

und deshalb zu wenig Güter aus

dem Ausland importiert. Auf die

Kritik reagiert man in Deutschland

verschnupft mit dem Argument,

die Überschüsse seien

das Ergebnis der Leistungsfähigkeit

der deutschen Industrie

und deswegen nicht verwerflich.

Andere Länder sollten lieber

von uns lernen, anstatt

ständig herumzunörgeln.

WINKELAKROBATIK

Beide Positionen sind oberflächlich.

Sie übersehen, dass die

Überschüsse der vergangenen

Jahre im Wesentlichen nur das

Spiegelbild der Rettungskredite

sind, zu denen Deutschland in

der Krise gedrängt wurde. Ein

Land kann dem Ausland per saldo

nur dann Kredit geben, wenn

es auch Güter liefert. Es ist finsterste

Winkelakrobatik, wenn

man Deutschland einerseits vorwirft,

es sei bei den Rettungsaktionen

zu knausrig, und ihm andererseits

seine großen

Exportüberschüsse anlastet.

Auch die zitierte deutsche Gegenposition

zeugt von einem tiefen

Unverständnis der Zusammenhänge.

Der Sachverhalt ist doch der:

Als der Euro den Anlegern neue

Sicherheit bei den Investitionen

in Südeuropa vorgaukelte, verließen

sie unser Land in Scharen.

Deutschland erlahmte, weil

es an inländischen Investitionen

mangelte. Die boomenden Länder

importierten mehr und exportierten

weniger, weil sie immer teurer

wurden. In Deutschland war es

umgekehrt. Die Leistungsbilanzüberschüsse,

die sich in Deutschlands

Flaute aufbauten, waren das

Ergebnis der Kapitalflucht.

Als 2007/08 die Krise kam, wollte

das Kapital reumütig zurück

nach Deutschland. Doch wurde es

großenteils durch die Rettungsaktionen

der Europäischen Zentralbank

und später der Staatengemeinschaft

wieder als öffentliches

oder öffentlich besichertes Kapital

aus Deutschland in die Krisenlän-

»Ein Land kann

dem Ausland per

saldo nur dann

Kredit geben,

wenn es auch

Güter liefert«

der verfrachtet. Das verzögerte die

Reduktion der Leistungsbilanzsalden

dieser Länder, verhinderte sie

aber nicht, denn die neuen Kredite

wurden nicht mehr nur dazu verwendet,

Importe zu finanzieren,

sondern auch dazu, ausländische

Kapitalanleger auszuzahlen und

ihnen die Flucht aus toxisch gewordenen

Anlagen zu ermöglichen.

Die Gläubiger Irlands, Italiens und

Spaniens wurden auf diese Weise

gerettet. Kein Wunder, dass die City

of London wieder boomt und die

US-Pensionsfonds ebenso wie die

französischen Banken aufatmen.

Dank deutscher Hilfe ist man noch

mal davongekommen.

men, der die Bodenhaftung verloren

hat, der möge sich die Zahlen

vor Augen führen. In den fünf ersten

Krisenjahren von 2008 bis

2012 betrug der deutsche Leistungsbilanzüberschuss

mit dem

Rest der Welt 798 Milliarden Euro.

Doch allein der Zuwachs an Krediten

der Deutschen Bundesbank an

andere Länder des Euro-Systems

(Target) betrug 585 Milliarden Euro,

also drei Viertel dieser Summe.

Ferner hat Deutschland in der Periode

anteilig für die fiskalischen

Rettungskredite der verschiedenen

Rettungsfonds (EFSF, ESM,

EFSM, IWF) in Höhe von 284 Milliarden

Euro gebürgt (was einem

Die Gelder, die den Krisenländern

als deutscher Kredit zuflossen,

kamen für den Kauf deutscher

Waren wieder zurück nach

Deutschland. Letztlich wurden die

Kredite, die Ausländer den Krisenländern

gegeben hatten, mit deutschen

Waren getilgt, wofür

Deutschland entsprechende Forderungstitel

öffentlicher Instanzen

erhielt. Das zeigt die ganze Absurdität

der Kritik an Deutschland. Wir

hauen die Krisenländer und ihre

Gläubiger mit unseren Waren heraus

und werden dann auch noch

dafür kritisiert.

Wer glaubt, dies seien theoretische

Hirngespinste eines Ökonodeutschen

Haftungsrisiko von 60

Milliarden Euro entspricht) sowie

für 15 Milliarden Euro selbst Kredite

nach Griechenland überwiesen.

In der Summe kommt man

ohne die Bundesbank auf etwa

75 Milliarden Euro, mit ihr auf

660 Milliarden Euro an deutschen

Rettungskrediten.

MEHR INVESTIEREN

Zu normalen Zeiten hätte

Deutschland dem Ausland den

vollen Leistungsbilanzüberschuss

von 798 Milliarden Euro

privat kreditiert und entsprechende

Vermögenstitel im Ausland

erworben. Tatsächlich aber

kreditierte es seinen Leistungsbilanzüberschuss

in den fünf Krisenjahren

zu 83 Prozent durch

öffentliche Institutionen – während

die privaten deutschen

Kapitalanleger und ihre Banken

entsprechende Wertpapiere öffentlicher

Stellen erwarben, ihre

von der Bundesbank bezogenen

Kredite tilgten oder der Bundesbank

selbst Geld liehen.

Wem die deutschen Leistungsbilanzüberschüsse

als zu

hoch vorkommen, der möge den

Vorschlag unterbreiten, dass

Deutschland die öffentlichen

und öffentlich garantierten

Kreditflüsse in die Krisenländer

zugunsten verstärkter Investitionen

in unsere Infrastruktur

verringert. Über diesen Weg zur

Verringerung der Leistungsbilanzüberschüsse

kann man

diskutieren. Nicht aber über den

Versuch, die Gesetze der Logik

zu durchbrechen.

Hans-Werner Sinn ist Präsident

des ifo Instituts und Ordinarius

an der Ludwig-Maximilians-

Universität in München.

WirtschaftsWoche 9.12.2013 Nr. 50 47

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Unternehmen&Märkte

Jeder gegen jeden

MANAGERHAFTUNG | Der insolvente Immobilienriese IVG

will vier frühere Vorstände in Regress nehmen. Die Höhe

der Forderungen könnte alle bisherigen Fälle von

Managerhaftung übertreffen. Immer mehr Konzernlenker

lassen ihre Vorgänger für Fehler zahlen – auch um sich

selbst vor Schadensersatzansprüchen zu schützen.

FOTOS: PICTURE-ALLIANCE/EMPICS, ACTION PRESS/HANS-GÜNTHER OED

Wolfhard Leichnitz wollte aus

dem etwas verpennten ehemaligen

Staatskonzern IVG

eine ganz große Nummer

im Immobiliengeschäft

machen. Mitte 2006 kam der Manager nach

erfolgreichen Stationen beim Baukonzern

Hochtief und beim Großvermieter Viterra

zu dem privatisierten Bundesunternehmen

nach Bonn. Der Neue investierte mit viel

Fremdkapital in Immobilienikonen wie

den Londoner Büroturm Gherkin, kaufte

der Allianz Gewerbeimmobilien für 1,3

Milliarden Euro ab und steckte immer

mehr Geld in das von seinem Vorgänger

initiierte Airrail-Center am Frankfurter

Flughafen, das heute Squaire heißt und

größter Klotz am Bein der IVG ist. Statt geplanter

650 Millionen Euro kostete Squaire

fast das Doppelte und ist trotz intensiver

Bemühungen noch nicht verkauft.

TEURES NACHSPIEL

Im Herbst 2008 erzwangen die damaligen

Großaktionäre, das Kölner Bankhaus Sal.

Oppenheim und die Schweizer Santo Holding,

Leichnitz’ Abschied. In gut zwei Jahren

hatte er die IVG-Schulden auf über 5

Milliarden Euro verdoppelt und den Aktienkurs

halbiert. In seine Amtszeit fällt der

vermutlich entscheidende Niedergang der

IVG, der im August dieses Jahres in den Insolvenzantrag

mündete. Sie hat nun für

Leichnitz und andere Ex-IVGler womöglich

ein extrem teures Nachspiel.

Denn nach Informationen der WirtschaftsWoche

will der IVG-Vorstand – auf

Anregung der Deutschen Schutzvereinigung

für Wertpapierbesitz – eine Sonderprüfung

aller IVG-Geschäfte von 2006 bis

2008 initiieren. Die Zustimmung von IVG-

Sachwalter Horst Piepenburg – er überwacht

die Insolvenz in Eigenverwaltung –

steht zwar noch aus. Angebote für die

Durchführung der Prüfung hat die IVG

nach WirtschaftsWoche-Informationen

aber schon eingeholt, unter anderem beim

Münchner Wirtschaftsprüfer Deloitte.

Die Kleinen hängt man, die Großen lässt

man laufen – das war einmal. Ein Tsunami

von Schadensersatzforderungen wogt

durch Deutschlands Chefetagen „Viele Manager

sehen sich zunehmend in der Haftungsfalle

und sind besorgt, was ihre eigene

Haftungssituation und den Zugriff auf

ihr Privatvermögen betrifft, den es früher

so nicht gab“, beobachtet Headhunterin Sabine

Hansen von der Personalberatung

Amrop Delta in Düsseldorf.

Vor den Gerichten sind derzeit rund

6000 Managerhaftungsverfahren anhängig,

schätzt Michael Hendricks, Geschäftsführer

der auf Organ- und Managerhaftpflichtversicherungen

(englisches Kürzel: D&O)

spezialisierten Beratung Hendricks & Co in

Düsseldorf. Hinzu kommen Fälle, die nicht

vor Gericht landen, aber als Schadensfälle

gemeldet sind. Bei durchschnittlich zwei

bis drei Beklagten pro Fall bedeutet das:

Rund 20000 Manager und Ex-Manager sind

derzeit mit Schadensersatzforderungen

konfrontiert, so Hendricks. Vier Fünftel der

Ansprüche kommen vom Ex-Arbeitgeber,

der Rest von außen, etwa von Gläubigern.

Bei der IVG hat der Vorstand im Herbst

zunächst durch die Kanzlei Hengeler

Mueller nur den Kauf des Gherkin Towers

prüfen lassen, den die IVG zusammen mit

der britischen Investmentbank Evans Randall

2007 für 950 Millionen Euro erwarb.

»

50 Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche

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Der Fall:

IVG

Von Ex-Vorstandschef Wolfhard Leichnitz

und drei weiteren Vorständen aus dessen

Ära fordert der insolvente Bonner Immobilienriese

jetzt je 8,5 Millionen Euro plus

Zinsen zurück. Die Manager sollen ohne

ausreichende Rückendeckung des Aufsichtsrats

beim Kauf des Londoner Büroturms

Gherkin 2007 ein Darlehen in

Höhe von 52 Millionen britische Pfund

vergeben haben. Eine Sonderprüfung

aller Geschäfte der Jahre 2006 bis 2008

unter Leichnitz wird erwogen. Die Manager

haben dazu gegenüber der WirtschaftsWoche

nicht Stellung genommen.

WirtschaftsWoche 9.12.2013 Nr. 50 51

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Unternehmen&Märkte

»

Aufgrund von Fehlern, die Hengeler

Mueller dabei feststellte, wurden Leichnitz

und seine damaligen Vorstandskollegen

Bernd Kottmann (Finanzen), Andreas

Barth (Projektentwicklungen) und Georg

Reul (Investment und Fonds) in diesen

Tagen von Piepenburg mit Schadensersatzforderungen

jeweils in Höhe von 8,5

Millionen Euro plus Zinsen konfrontiert.

Die Vorstände hätten dem Evans-Randall-Fonds

ein Darlehen von 52 Millionen

Pfund gewährt, das in dieser Höhe nicht

vom Aufsichtsrat genehmigt war, haben die

Hengeler-Mueller-Juristen herausgefunden.

Sie halten wegen dieser „Pflichtverletzung

der handelnden Vorstandsmitglieder“

eine Klage durch den IVG-Aufsichtsrat

„für aussichtsreich“ und „empfehlen

Klageerhebung“. Die Manager haben gegenüber

der WirtschaftsWoche zu den Vorwürfen

nicht Stellung genommen.

Es dürfte für die vier Herren aber noch

dicker kommen. Derzeit wird bei der IVG

diskutiert, ob das Gesamtverhalten des

IVG-Managements unter Leichnitz „so

schadensgeneigt“ war, dass man daraus eine

allgemeine Schadensersatzpflicht ableiten

könne. Bestätigt sich das, könnte die erwogene

Sonderprüfung zu einem der

größten Fälle von Managerhaftung in der

deutschen Wirtschaft eskalieren.

Korruptionsvorwürfe, Kartelldelikte,

Fehlspekulationen – immer massiver werden

Unternehmen für Compliance-Verstöße

zur Kasse gebeten. Und immer mehr

von den Bußen und Wiedergutmachungszahlungen

holen sie sich von verantwortlichen

Managern zurück.

VERFOLGTE WÜRDENTRÄGER

Versicherungsnehmer bei D&O-Policen ist

das Unternehmen. Es schließt sie zum

Schutz des Privatvermögens der Manager

ab – als Vertrag zugunsten Dritter. Dass die

Manager die Rechte aus der Police geltend

machen, wenn ihr Arbeitgeber von ihnen

Schadensersatz fordert, hilft aber auch der

Firma: Sie bekommt Geld nicht nur im

Rahmen des Privatvermögens ihrer Führungskräfte

zurück, sondern bis zur Deckungssumme

in oft zwei- oder dreistelliger

Millionenhöhe.

Genaue Zahlen gibt es nicht, denn

D&O-Fälle werden dem Versicherungsverband

nicht gemeldet. Unstrittig ist aber:

Das Geschäft boomt. Zahlten deutsche Unternehmen

laut Berater Hendricks von

2001 bis 2005 insgesamt eine Milliarde Euro

an D&O-Versicherungsprämien, erwartet

er für 2011 bis 2015 schon 3,5 Milliarden

Steigende Prämien

Geschätzte Entwicklungvon Organ- und

Managerhaftpflichtversicherungen

(D&O-Versicherungen) in Deutschland

1Mrd.€

5Mio.€ 200 Mio.€

1990–95 96–00 01–05 06–10 11–15

Quelle: Hendricks &Co

2Mrd.€

3,5 Mrd. €

Euro. Auszahlungen und Rückstellungen

der Versicherer haben sich im selben Zeitraum

auf vier Milliarden Euro verdoppelt.

Die Forderungen machen vor keinem

wirtschaftlichen Würdenträger mehr halt,

seit Siemens infolge seines Mega-Korruptionsskandals

Ex-Vorstandschef Heinrich

von Pierer in Haftung nahm. Der Doyen

der deutschen Wirtschaft einigte sich mit

dem Siemens-Aufsichtsrat vor vier Jahren

auf Zahlung von fünf Millionen Euro Schadensersatz

an Siemens, Nachfolger Klaus

Kleinfeld opferte zwei Millionen Euro.

Der Fall:

ARCANDOR

Der Insolvenzverwalter der früheren

Karstadt-Mutter Arcandor fordert von

Ex-Chef Thomas Middelhoff 175 Millionen

Euro, weil er mögliche Schäden

aus Immobiliengeschäften nicht

verhindert habe. Middelhoff wehrt

sich und klagt gegen den Verwalter.

Die geforderten Summen werden immer

höher. So verlangt der Stahlriese Thyssen-

Krupp von einem früheren Spartenvorstand

wegen illegaler Preisabsprachen im

Eisenbahngeschäft 103 Millionen Euro

Schadensersatz. Beim früheren MAN-Chef

Hakan Samuelsson geht es um 237 Millionen

Euro und beim Ex-Chef der früheren

Karstadt-Mutter Arcandor, Thomas Middelhoff,

um 175 Millionen. Die fordert der

Insolvenzverwalter von Middelhoff, weil

dessen Vorvorgänger Wolfgang Urban

einst beim Verkauf von Karstadt-Immobilien

ungünstige Verträge abgeschlossen

haben soll und Middelhoff nicht dagegen

vorging. Dafür wiederum sei er selbst haftbar,

was Middelhoff bestreitet.

Dass Manager grundsätzlich schadensersatzpflichtig

sein können, auch mit hohen

Summen, stellte der Bundesgerichtshof

schon 1997 im Arag-Fall klar. Bei dem

Rechtsschutzversicherer hatte der Finanzvorstand

mit unerlaubten Transaktionen

Millionenverluste eingefahren. Zwei zerstrittene

Familienstämme hinter der Arag

fochten die Frage, ob der Mann verklagt

werden sollte, bis in die letzte Instanz aus.

Ergebnis: Aufsichtsräte müssen Schaden

vom Unternehmen abwenden – auch

durch Schadensersatzprozesse gegen eigene

Manager. Der Arag-CFO wurde zu 55

Millionen Mark Schadensersatz und viereinhalb

Jahren Gefängnis verurteilt.

Das Arag-Urteil war nur der Auftakt.

Rechtsverschärfungen verbreiterten die

Basis für Compliance-Streitsachen. 1999

verbot das Strafrecht Bestechung, die bis

dahin steuerlich abzugsfähig war. Es folgte

der Corporate Governance Kodex, später

verschärfte der Gesetzgeber das Aktienrecht.

„Die erste größere Welle von Schadensfällen

folgte auf den Zusammenbruch

52 Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche

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des Neuen Markts und seiner Stars“, erinnert

sich D&O-Anwalt Oliver Sieg von der

Kanzlei Noerr in Düsseldorf.

Es folgte eine lange Reihe von aufgedeckten

Kartellen. „Immer mehr heimliche

Preisabsprachen kommen heraus, seit Unternehmen,

die als Whistleblower voranpreschen,

Rabatte bei den Millionenbußen

oder sogar Straffreiheit bekommen können“,

sagt Anwalt Oliver Maaß von der

Kanzlei Heisse Kursawe in München. Die

verhängten Bußgelder und die Schadensersatzzahlungen

an die Kartellopfer holen

sich die Unternehmen von den einst verantwortlichen

Führungskräften zurück.

Den nächsten großen Schwung von Managerhaftungsfällen

bescherte die Finanzkrise.

Der Gesetzgeber hat die Verjährungsfristen

zur Verfolgung der Finanzbosse

2011 auf zehn Jahre verdoppelt – dauern

diese Fälle im Schnitt doch acht bis zehn

Jahre. Die D&O-Anbieter HDI, VOV und

Axa versichern wegen des hohen Risikos

keine Finanzdienstleister mehr.

FOTOS: ACTION PRESS/HENNING SCHACHT (2)

JÄGER UND GEJAGTE

Auch Insolvenzverwalter haben D&O-Policen

für sich entdeckt: als Vermögenswert,

den sie realisieren können. Eine Sonderprüfung

bei der IVG wäre die erste im Rahmen

eines Insolvenzverfahrens. „Viele Manager,

die versuchen, Firmen zu sanieren,

werden hinterher vom Insolvenzverwalter

verfolgt“, klagte jüngst Ex-Arcandor-Grande

Middelhoff.

Gerne halten sich Insolvenzverwalter

auch an den Aufsichtsrat – „insbesondere,

wenn dort solvente Leute sitzen“, sagt der

Düsseldorfer Insolvenzverwalter Dirk

Andres. Er habe schon erlebt, „wie ein Aufsichtsrat

100000 Euro aus der Privatschatulle

zahlen musste“, weil er Zahlen des

Wirtschaftsprüfers nicht hinterfragt hatte.

Aufsichtsräte sind in Sachen Schadensersatz

Jäger und Gejagte. Die juristische

Schlachtordnung in vielen Unternehmen

heißt heute jeder gegen jeden: Aufsichtsräte

gegen Vorstand, Vorstand gegen Aufsichtsrat,

Aufsichtsräte gegeneinander.

So wie im Fall der Apobank in Düsseldorf.

Die fordert 66 Millionen Euro von Ex-

Vorständen: Mehrere Top-Manager hatten

Finanzgeschäfte zugelassen, die zu

Millionenschäden während der Subprime-

Krise geführt hatten. Die verklagten Manager

verweisen für den Fall, dass ihnen Fehler

nachgewiesen werden, auf den Aufsichtsrat:

Der habe alles gewusst. Kein

Wunder, dass es inzwischen auch

D&O-Policen für Aufsichtsräte gibt.

Der Fall:

HYPO REAL ESTATE

Der mit Steuergeldern gerettete Immobilienfinanzierer

HRE hat Ex-Chef

Georg Funke und zwei weitere frühere

Vorstände auf 220 Millionen Euro

Schadensersatz wegen umstrittener

Kreditvergaben verklagt. Die

Manager bestreiten die Vorwürfe.

„Auch immer mehr mittelständische

Unternehmen verklagen ihre Führungskräfte“,

beobachtet Versicherungsmakler

Hendricks. So sollten die ehemaligen Geschäftsführer

der deutschen Tochtergesellschaften

eines italienischen Möbelherstellers

jeweils 2,5 bis 15 Millionen Euro Schadensersatz

zahlen – bei früheren Jahresgehältern

von 100000 bis 200000 Euro.

Der Grund: Von ihrer Konzernmutter

hatten die Manager die Anweisung bekommen,

eilig hohe Beträge nach Italien zu

schicken, und das auch gemacht. Die

Überweisungen hätten aber angesichts der

Insolvenzgefahr zu dem Zeitpunkt wohl

nicht mehr erfolgen dürfen. Nach vier Jahren

Rechtsstreit einigte sich der Anwalt der

Ex-Geschäftsführer mit Insolvenzverwalter,

Banken und D&O-Versicherern. Die

Manager kamen bei dem Millionenvergleich

mit Selbstbeteiligungen zwischen

5000 und 20000 Euro davon.

Von den 300 bis 400 Millionen Euro, die

D&O-Versicherer in Deutschland pro Jahr

derzeit auszahlen, fließt ein großer Teil an

die am Verfahren beteiligten Dienstleister.

Experte Hendricks schätzt, „dass 50 bis 70

Prozent der Auszahlungen der D&O-Versicherer

in den vergangenen 15 Jahren nicht

auf die Regulierung der Schäden selbst entfallen,

sondern Abwehrkosten der Verteidigung

der Manager für Anwälte, Wirtschaftsprüfer,

Gutachter und Gerichte

sind“. Die Stundenhonorare bei Compliance-Anwälten

liegen für Partner zwischen

320 und 400 Euro – je nach Disziplin. Kartellrechtler

sind teurer als Arbeitsrechtler.

Renommierte Compliance-Experten kassieren

sogar 600 Euro pro Stunde.

Am Fall Siemens etwa verdiente die Wirtschaftsprüfung

Deloitte rund 235 Millionen

Euro und der US-Anwaltsriese Debevoise

& Plimpton mindestens 95 Millionen

Euro. Insgesamt soll die Aufklärung der

»

WirtschaftsWoche 9.12.2013 Nr. 50 53

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Unternehmen&Märkte

Der Fall:

MAN

237 Millionen Euro wollte der Lkw-

Bauer infolge des Schmiergeldskandals

von Ex-Chef Hakan Samuelsson.

Ein Kompromiss sieht nun vor, dass

der Schwede 1,25 Millionen Euro

zahlen soll und die D&O-Versicherungen

50 Millionen Euro übernehmen.

Der Fall:

BAYERNLB

Ex-Chef Werner Schmidt

und sieben weitere Manager

sollen der BayernLB

200 Millionen Euro wegen

des Desasters beim Kauf der Hypo

Group Alpe Adria zahlen. Sie weisen

Vorwürfe und Forderungen zurück.

Der Fall:

SACHSEN LB

Sachsen will für die irischen

Verlustgeschäfte der

Pleite-Bank von sechs Ex-

Managern Schadensersatz.

Der frühere Chef Herbert Süß soll

190 Millionen Euro zahlen. Die Manager

weisen die Forderungen zurück.

Der Fall:

ENBW

Wegen dubioser Russland-

Geschäfte fordert der

Versorger von Technikvorstand

Hans-Josef Zimmer

80 Millionen Euro plus Zinsen. Der ist

noch im Amt und will den Schadensersatzanspruch

vor Gericht abwenden.

Der Fall:

APOBANK

Ex-Chef Günter Preuß und

vier weitere Manager sollen

der Deutschen Apothekerund

Ärztebank 66 Millionen

Euro Verlust aus 2007 erfolgten

Wertpapierkäufen ersetzen. Die

Manager bestreiten Verfehlungen.

»

Korruptionsaffäre Siemens 474 Millionen

Euro gekostet haben plus 239 Millionen

Euro Strafen in Deutschland und 520

Millionen Euro Steuernachzahlungen. 100

Millionen erhielt Siemens von einem

D&O-Konsortium unter Allianz-Führung

als Schadensersatz zurück. Gefordert hatte

der Konzern 250 Millionen Euro. Prozessual

abgeschlossen ist die Affäre sieben Jahre

nach ihrem Beginn aber noch nicht. Der

frühere Finanzvorstand Heinz-Joachim

Neubürger bestreitet die gegen ihn erhobenen

Vorwürfe und prozessiert weiter mit

Siemens. Neubürger ist eine Ausnahme.

„90 Prozent der Managerhaftungsfälle enden

mit einem Vergleich“, schätzt Heisse-

Kursawe-Anwalt Maaß.

Denn Gegenwehr ist schwierig. Einer der

vier ehemaligen IVG-Manager, gegen den

das Unternehmen nun vier Jahre nach seinem

Abschied vorgeht, ist ratlos: „Ich habe

keine Akten und bin komplett von den alten

Informationen abgeschnitten.“ Auch

ein Ex-Siemensianer klagt, er habe „nicht

die Möglichkeit gehabt, sich zu verteidigen,

weil man nicht an die Beweise herankommt,

die einen entlasten“.

Ein D&O-Fall „ist wie ein Berufsverbot“,

sagt der Frankfurter Managerhaftungsanwalt

Rolf Cyrus. Nur selten geht die Karriere

auf hohem Niveau weiter: Ex-MAN-Lenker

Samuelsson führt jetzt die Geschäfte

von Volvo. Der frühere Siemens-Chef

Kleinfeld ist Chef des US-Aluminiumriesen

Alcoa. Den EnBW-Technikvorstand Hans-

Josef Zimmer hat der Aufsichtsrat sogar

trotz laufender 70-Millionen-Euro-Schadensersatzklage

des Energieversorgers gegen

ihn wieder ins Führungsgremium geholt.

Und der streitbare Ex-Siemens-Vorstand

Neubürger wurde im Mai 2012 in den

Aufsichtsrat der Deutschen Börse gewählt.

Manche Manager schließen neuerdings

zusätzlich eigene, persönliche D&O-Policen

ab. Kostenpunkt: 5000 bis 30 000 Euro

im Jahr. Die können gut investiert sein, etwa

wenn die Deckungssumme nicht ausreicht.

Schließlich steht die nur einmal im

FOTOS: FOCUS/DIETER MAYR, CORBIS, PICTURE-ALLIANCE/DPA (3)

54 Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche

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Jahr für sämtliche Manager eines Konzerns

zur Verfügung und nicht für jeden Fall neu.

Der Spielraum für die aktuell Verantwortlichen,

Forderungen gegen Ex-Kollegen

unter den Tisch fallen zu lassen, ist seit dem

Arag-Urteil klein. Die Folge beschreibt einer

der Beklagten in den Siemens-Verfahren:

„Wenn immer mehr Manager vor dem

Strafrichter landen, kann die Zusammenarbeit

zwischen Vorstand und Aufsichtsrat

nicht mehr vertrauensvoll sein.“

Da Beklagte mit anderen Mitgliedern des

Vorstands oder Aufsichtsrats gesamtschuldnerisch

haften, fordern die Unternehmen

meist von jedem Maximalsummen.

Beim Vergleich zahlen die D&O-Versicherungen

den Großteil des Schadensersatzes,

fordern aber von den Sündern Selbstbehalte

– umso mehr, je höher das Jahresgehalt

ist. So schreiben es die Versicherer den

Aktiengesellschaften in die Policen.

Um Deckungssummen von 500 Millionen

Euro und mehr zu garantieren, tun

sich oft 20 bis 30 D&O-Versicherer zwecks

Risikoteilung zusammen. Ausschlussklauseln

in den Policen etwa für Kartell- oder

Korruptionsvergehen sind nicht selten.

Dann haftet der Vorstand mit seinem Privatvermögen,

wenn im Unternehmen

Schmiergeldzahlungen auffliegen.

Für viele Top-Manager ist das Thema

D&O eine Blackbox. Allenfalls „jeder zehnte

kennt wenigstens den Namen des

D&O-Versicherers“, wundert sich Eckhard

Schmid, Chef-Arbeitsrechtler bei CMS Hasche

Sigle in München. „Nur wirklich Aufgeweckte

kennen den Inhalt der Policen

oder haben Kopien von der aktuellen Vertragsversion.“

Die Policen laufen nur ein

Jahr, dann ändern sich die Bedingungen,

oft kommen neue Ausschlüsse hinzu. Muss

ein Manager von einer Minute auf die andere

den Schreibtisch räumen, ist ihm der

Zugang zu den Policen versperrt. Manche

Unternehmen beginnen gar einen Rosenkrieg

mit ihrem Ex-Manager und lassen

sich auf Herausgabe des Versicherungsscheins

verklagen.

UNVERSICHERT BEI VORSATZ

Schutzlos steht im Regen, wer den Schaden

mit Absicht verursacht hat. Das wirft

das Oberlandesgericht München der Deutschen

Bank und ihrem Ex-Chef Rolf Breuer

vor. Mit seiner Äußerung zur Kreditfähigkeit

des Medienunternehmers Leo Kirch

vor elf Jahren habe er Kirch vorsätzlich geschädigt.

Die Höhe des Schadens – je nach

Interessenlage 120 Millionen bis 1,5 Milliarden

Euro – sollen nun Gutachter klären.

„Bei dieser Konstellation braucht kein

D&O-Versicherer einzuspringen“, sagt Experte

Hendricks. Müsse die Deutsche Bank

Regress an die Kirch-Erben leisten, könne

Breuer „persönlich im schlimmsten Fall bis

zur Pfändungsfreigrenze von 1030 Euro pro

Monat“ zur Rechenschaft gezogen werden.

Bei vielen der aktuellen Verfahren werden

die Versicherer aber zahlen müssen.

Sie bilden deshalb zurzeit Rückstellungen,

die zusammen mit den Auszahlungen die

jährlichen Prämieneinnahmen von rund

700 Millionen Euro um „das Doppelte

übersteigen“, schätzt Hendricks. Trotz

Wachstum sei deshalb das D&O-Geschäft

„in Deutschland für die Versicherer schon

seit Jahren nicht profitabel“ – immer neue

Wettbewerber drängten in den Markt und

verdürben die Preise. Angesichts der weiter

steigenden Schadenssummen erwartet

Hendricks dennoch: „Die Zeit der günstigen

D&O-Prämien ist bald vorbei.“ n

harald.schumacher@wiwo.de, claudia.tödtmann@wiwo.de,

henryk hielscher

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Unternehmen&Märkte

Katze statt Tiger

DEUTSCHE BANK | Trotz der Rekordstrafe für die Manipulation

von Referenzzinsen sitzt Co-Chef Anshu Jain fest im Sattel. Noch.

Millionenteure Forderungen

Bei der Deutschen Bank

steht vor allem der Beritt

von Co-Chef Jain unter

verschärfter Beobachtung

Esist ein Heimspiel. Trotzdem kommt

Anshu Jain, seines Zeichens Co-Chef

der Deutschen Bank, kaum aus der

Deckung. Bei der Tagung des Weltbankenverbandes

im Oktober in Washington sitzen

im Publikum vor allem Banker. Die haben

zu der Frage, wozu man noch Großbanken

brauche, eine klare, wenn auch

nicht ganz objektive Meinung. Jains Diskussionspartner

Jamie Dimon, Chef der

US-Bank JP Morgan, nutzt den Auftritt für

Werbung in eigener Sache: „Wir sind stolz

auf das, was wir für unsere Kunden und unser

Land tun.“ Von Jain dagegen sind besinnliche

Töne zu vernehmen: Es gebe keinen

Zweifel, dass das Vertrauen zwischen

Banken und Gesellschaft angeschlagen,

wenn nicht gar zerbrochen sei, sagt er. Und

dass es Jahre dauern werde, den verspielten

Kredit wieder zurückzugewinnen.

Da hat er zweifellos recht. Denn am vergangenen

Mittwoch hat das Vertrauen mal

wieder einen Rückschlag erlitten. Die

Deutsche Bank muss mit 725 Millionen Euro

die mit Abstand höchste Vergleichssumme

im Kartellverfahren der EU wegen Manipulationen

der Referenzzinsen Libor

und Euribor zahlen.

Damit gerät auch Jain wieder unter

Druck. Die Frage, ob er als früherer Chef

des Investmentbankings der Richtige ist,

um gemeinsam mit Jürgen Fitschen das

Großprojekt Kulturwandel voranzutreiben,

ist auch eineinhalb Jahre nach seinem

Amtsantritt nicht geklärt. Mit jeder Strafzahlung,

jeder Verurteilung, jedem Verdacht,

jeder Prüfung taucht sie wieder auf.

Denn fast alle anrüchigen Deals haben

ihren Ursprung in den Handelssälen der

Investmentbank, an deren Spitze Jain über

Jahre stand. Noch ist sein Rückhalt in der

Bank groß. Doch weitere Rückschläge

könnten ihn in ernste Bedrängnis bringen.

Auch deshalb hält sich Jain vor allem in der

deutschen Öffentlichkeit sehr zurück. Der

indische Tiger tritt als Kätzchen auf.

TEURE MELANGE

Gut vier Milliarden Euro hat die Bank für

Rechtsstreitigkeiten zurückgestellt – das

13-Fache des Jahresüberschusses 2012.

Dahinter verbirgt sich eine Melange aus

Schadensersatz- und Bußgeldforderungen

wegen möglicher Manipulationen von Referenzwerten,

Geschäften mit US-Ramschhypotheken

und der Mitschuld an der Pleite

des verstorbenen Medienunternehmers

Leo Kirch. Die Risiken belasten den Aktienkurs

ebenso wie die Bemühungen um einen

Neustart. Nach Bekanntwerden des

FOTO: LAIF/REA/ERIC TSCHAEN

56 Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche

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Vergleichs droschen Politiker aller Lager

einmal mehr auf das Institut ein. Finanzminister

Wolfgang Schäuble drohte, bei der

Regulierung eine Schippe nachzulegen.

Aufsichtsratschef Paul Achleitner überraschen

weder der Aufschrei noch die Zahlung:

„Das Problematische ist, dass es im

Prozess zur Vergangenheitsbewältigung

ständig Anlässe gibt, über ein und denselben

Vorgang erneut zu berichten. Dadurch

wird der Eindruck erweckt, Banker hätten

immer noch nichts gelernt – haben sie

aber“, sagte er der WirtschaftsWoche.

Achleitner sieht die Bank unter der Führung

des Duos Jain und Fitschen auf dem

richtigen Weg, weiß aber, dass der dornig

Teures Kartell

Strafzahlungender Banken im EU-

Verfahren (inMillionen Euro)

Deutsche Bank

Société Générale

RoyalBank of Scotland

JP Morgan

Citi

RP Martin

Quelle:EU-Kommission

0,2

80

70

446

391

725

walt Klaus Nieding. In den USA ist die

Rechtslage anders, hier gibt es bereits größere

Klagen. „Mein Telefon hat nach der

EU-Entscheidung den ganzen Nachmittag

geklingelt“, sagt auch Lianne Craig, Partnerin

bei der Kanzlei Hausfeld in London.

Klar ist seit Mittwoch, dass die Deutsche

Bank nicht am Rande, sondern neben UBS,

Barclays und Royal Bank of Scotland im

Zentrum des Skandals steht. Bei den Instituten

hatte es personelle Konsequenzen

auch im Vorstand gegeben. Die Führung in

Frankfurt ist stets bemüht, zu erklären, warum

die Sache bei ihr anders liegt.

Nachfolgediskussionen werden intern

bisher kaum geführt. Gerade Co-Chef Fit-

Lastenberg

Rückstellungender DeutschenBank für

Rechtsrisiken(in Milliarden Euro)*

0,8

2,4

III IV

2012

2,4

*GesamtbestandimQuartal;

Quelle:Unternehmensangaben

I

3,0

II

2013

4,1

und von Rückschlägen begleitet ist: „Wir

können die Vergangenheit nicht wegwünschen,

sondern müssen die Konsequenzen

tragen. Der Abbau von Altlasten kann genauso

wie der Aufbau einer neuen Kultur

nur Schritt für Schritt erfolgen.“

In der Tat ist schon das Thema Libor bei

Weitem nicht abgeschlossen. Aufsichtsbehörden

in den USA, Großbritannien und

Asien ermitteln weiter. Die britische Finanzaufsicht

FCA dürfte Anfang 2014 Ergebnisse

bekannt geben. Die dortigen Finanzwächter

können ebenso wie ihre US-

Kollegen hohe Strafzahlungen verhängen.

Die deutsche BaFin kann das nicht, durchforstet

die Deutsche Bank aber weiter nach

Fehlern. In einem Zwischenbericht hatte

sie organisatorische Mängel festgestellt.

Unkalkulierbar sind Forderungen aus Zivilklagen

wegen der möglichen Manipulation

von Referenzzinsen. In Deutschland

droht wohl keine Prozesswelle. „Für Klagen

gibt es viele Hindernisse, es wird schon

schwer, einen konkreten Schaden nachzuweisen“,

sagt der Frankfurter Aktionärsanschen,

gegen den wegen Falschaussage im

Kirch-Prozess und Beihilfe zur Steuerhinterziehung

ermittelt wird, gilt intern mehr

als unglückliches Opfer staatsanwaltschaftlichen

Geltungsdrangs denn als Täter.

„Einen weiteren Rückschlag würde Jain

nicht überstehen“, heißt es jedoch in der

Bank. So überprüfen Aufseher weltweit

jetzt die Ermittlung wichtiger Referenzwerte

auf mögliche Manipulationen, darunter

die Festlegung des Goldpreises (siehe Seite

112) und von Devisenkursen.

„Bei allen Verfahren hat ein kleiner Personenkreis

einen großen Einfluss auf einen

riesigen Markt“, sagt ein Investmentbanker.

„Und bei allen sind die Verfahren seit Jahrzehnten

unverändert und haben mit der

technischen Entwicklung nicht Schritt gehalten.“

Zudem seien die für die Kursfestlegung

verantwortlichen Händler oft über

Jahre auf ihrer Position, was Absprachen

erleichterte. „Es ist kaum vorstellbar, dass

niemand die sich bietende Gelegenheit

ausgenutzt hat“, sagt der frühere Kapitalmarktvorstand

einer Großbank.

III

Die BaFin und internationale Behörden

stellen jedenfalls alles auf den Prüfstand.

Einen konkreten Verdacht gibt es laut Ba-

Fin bisher nicht. So hat sie bisher keine

Sonderprüfung bei Banken eingeleitet,

sondern lediglich Auskünfte angefordert.

Die Deutsche Bank ermittelt auch intern,

befragt Mitarbeiter und überprüft E-Mails.

ZU LAXE KONTROLLEN

Um Tricksereien zu vermeiden, hat die Ba-

Fin Ende Oktober ein Rundschreiben verschickt.

Das listet Selbstverständlichkeiten

auf, die offenbar nicht gegeben waren. So

mahnt die Behörde zum Vier-Augen-Prinzip,

zur Definition klarer Zuständigkeiten

und zu geeigneten unabhängigen Kontrollprozessen.

Dass es daran bei der Deutschen

Bank fehlte, hat auch das Frankfurter

Arbeitsgericht festgestellt: Vor dem hatten

vier wegen der Libor-Affäre entlassene

Händler deshalb mit Erfolg geklagt. Die

Bank hat dagegen Berufung eingelegt.

Intern hat Jain die Milliardenfehler vor

allem als Folge zu laxer Kontrollen identifiziert.

Eine Milliarde Euro will die Bank nun

für die Verbesserung ihrer Systeme ausgeben.

Sie hat ihren Händlern die Nutzung

von Chats verboten. Mitarbeiter, die gegen

Richtlinien verstoßen, werden in einer Datenbank

gespeichert. Die Kontrollfunktionen

werden aufgewertet. Die interne Revision

etwa befand sich nach Angaben eines

Insiders in einem beklagenswerten Zustand.

Verstöße wurden oft nach einem

Jahr noch nicht korrigiert, heute müssen

sie nach drei Monaten abgestellt sein. „Da

ist viel mehr Zug dahinter“, so der Insider.

Mit aller Macht wollen Jain und Fitschen

ihr Projekt durchdrücken: Bis 2017 soll die

Bank sauber sein, sollen die Altlasten abgearbeitet

und Mitarbeiter sowie Mechanik

so weit adjustiert sein, dass es keine neuen

Missetaten mehr gibt. Die Bank zieht sich

zudem aus dem umstrittenen Handel mit

Agrarprodukten und Energie zurück.

Als Treiber des Prozesses gilt vor allem

Fitschen. Die verstärkte Hinwendung zu

Unternehmenskunden erscheint bei ihm

glaubwürdig. Jain dagegen gilt als Stratege,

der blitzschnell analysiert, wie sich veränderte

Marktbedingungen auf die Bank auswirken.

Und der darauf auch mit Totalumbauten

reagiert, etwa im Investmentbanking

und in der Vermögensverwaltung. Damit

hat er einige Skeptiker in Frankfurt von

sich überzeugt. Diese Aufgabenverteilung

ist eine Folge von Neigung und Talent –

und von Glaubwürdigkeit.

n

cornelius.welp@wiwo.de | Frankfurt

WirtschaftsWoche 9.12.2013 Nr. 50 57

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Unternehmen&Märkte

Kollateralschäden inbegriffen

AUTOINDUSTRIE | Der neue Herr über die französischen Traditionsmarken Peugeot und Citroën,

Carlos Tavares, muss im Konzern mehr umbauen, als es die Eigentümerfamilie bisher wollte.

Über Auszeichnungen reden Unternehmen

sonst gern und öffentlich.

Doch als ein verdienter Ex-Unternehmer

der Region vor wenigen Tagen im

Peugeot-Museum der ostfranzösischen

Stadt Sochaux für seine Verdienste um die

Autoindustrie zum Ritter der Ehrenlegion

ernannt wurde, war das anders. Zuerst wurden

die Medien ein- und dann wieder ausgeladen.

So entschied es der Hausherr und

Aufsichtsratsvorsitzende des französischen

Autokonzerns PSA Peugeot Citroën, Thierry

Peugeot. Dies sei eine private Feier, für

Außenstehende uninteressant.

Dabei hätte es für Außenstehende jede

Menge zu erzählen gegeben. Immerhin

hatte der höchste Vertreter der altehrwürdigen

Autodynastie gerade bekannt gegeben,

dass Carlos Tavares 2014 den bisherigen

PSA-Chef Philippe Varin ablösen wird

– obwohl dessen Vertrag erst im Frühjahr

um vier Jahre verlängert worden war.

Die Personalie und die Angst vor der

Öffentlichkeit lassen tief in den Abgrund

beim zweitgrößten europäischen Autobauer

blicken. Tavares, bis August 2012

zweiter Mann nach Carlos Ghosn beim

heimischen Konkurrenten Renault, soll

PSA aus seiner tiefsten Krise ziehen.

Kein Hersteller hat im zu Ende gehenden

Jahr 2013 so viel an Absatz verloren wie die

Arm abschneiden, um zu überleben

Verschärft SAP-Chef Tavares den Sparkurs?

älteste noch existierende Automarke der

Welt. Nach einem Verlust von fünf Milliarden

Euro 2012 wird der Konzern auch 2013

mit einem Minus beenden. Trotz drastischer

Sparmaßnahmen und dem Abbau

von mehr als 11 000 Arbeitsplätzen bis Mitte

2014 verbrennt PSA pro Monat noch immer

rund 100 Millionen Euro.

Während Wettbewerber auf die anziehende

Autokonjunktur in Europa hoffen,

scheinen sich die dunklen Wolken über

PSA festzusetzen. Die Allianz mit der amerikanischen

Opel-Mutter General Motors

(GM) vom Februar 2012 bleibt hinter den

Erwartungen zurück. Die geplante gemeinsame

Plattform für einen Kleinwagen

steht infrage. Dass der chinesische Autobauer

Dongfeng und womöglich der französische

Staat als Geldgeber einspringen,

ist eine der Ungewissheiten, die zusätzlich

Unruhe in den Konzern bringen.

Kann Tavares bei dieser Ausgangslage

PSA überhaupt noch retten? „Er wird die

strukturellen Kosten mit denen von Renault

vergleichen. Die sind niedriger“, sagt

Johnny Favre, Vorsitzender der Auto-Sektion

bei der gemäßigten Gewerkschaft

CFDT. „Wir fürchten um Arbeitsplätze.“

Die Sorgen scheinen begründet. „Tavares

müsste einen weiteren Restrukturierungsplan

präsentieren“, sagt Bertrand Rakoto,

Analyst beim US-Marktforschungsunternehmen

R.L. Polk. „Varin ging nicht weit genug,

um die Kosten zu senken und die Effizienz

zu stärken. Manchmal muss man sich

den Arm abschneiden, um zu überleben.

PSA ist genau in dieser Situation.“

»

PSA leidet am meisten

16,3

Pkw-Absatz2013inEuropa

Veränderung (zum Vorjahr in Prozent)

0,3 0,5

1,5

5,0

10,6

–10,3

PSA 1

–9,2

–8,1

Andere Fiat Volvo

–6,6 –6,1 –5,7 –5,5 –5,2 –2,8 –2,6 –1,9 –1,6 –0,9

Mitsubishi

Suzuki GM 2 Ford VW 3 Nissan Toyota Hyundai Honda

BMW,

Mini

Kia

Jaguar,

Renault 4 Daimler 5 Land

Rover

Mazda

Verkäufe (gerundet, in Tausend)

2588

1138

823 770

633

364

73

185

63 127

1

Peugeot, Citroën; 2 Opel, Vauxhall; 3 Audi, Seat, Skoda; 4 Renault, Dacia; 5 Mercedes,Smart;Quelle:ACEA

457

361

121

668

287

907

580

116 125

FOTO: CORBIS/REUTERS

58 Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

»

Entscheidend wird sein, welche Rolle

der chinesische Partner Dongfeng spielt –

und ob sich der gebürtige Portugiese Tavares

bei PSA durchsetzen kann. Denn ihm

gegenüber steht auf der einen Seite der

französische Staat, der auf einem sanfteren

Kurs bestehen könnte. Seit die sozialistische

Regierung vor einem Jahr eine Bürgschaft

in Höhe von sieben Milliarden Euro

für die PSA Bank übernommen hat, sitzen

ein Vertreter des Staates und ein Repräsentant

der Gewerkschaften im Aufsichtsrat.

AUF PARTNERSUCHE

Auf der anderen Seite wird Tavares den Widerstand

der Eigentümerfamilie Peugeot

überwinden müssen. Die hält derzeit 24,5

Prozent der Aktien und 38,1 Prozent der

Stimmrechte. Die Peugeots gelten als verbohrt

und mitverantwortlich für die Misere

des Unternehmens. Ihre Fehlentscheidungen

reichen zurück in die Siebzigerjahre,

als sie den Wettbewerber Citroën aus dem

Besitz des französischen Reifenherstellers

Michelin erwarben. Die Traditionsmarke

mit dem Doppelwinkel hätte nach Ansicht

von Experten das Potenzial gehabt, sich zu

einer Art Audi des Konzerns zu entwickeln.

Der Citroën DS aus den 60er Jahren gilt bis

heute als Kultauto. Aber die Peugeots wollten

nicht, dass der eigene Name hinter

dem des einstigen Rivalen Citroën zurücksteht.

Damit verabschiedeten sie sich praktisch

aus dem Premiumsegment, das heute

die deutschen Hersteller beherrschen.

Als ebenso großer Fehler erweist sich,

dass die Familie trotz der seit 20 Jahren bestehenden

Partnerschaft mit dem chinesischen

Autobauer Dongfeng nicht rechtzeitig

eine Strategie für das boomende Reich

der Mitte entwickelt hat. Nun hat PSA zu viel

Mittelklasse und ist auf Europa fokussiert.

Schön war die Zeit An die Erfolge der

„Deesse“ in den 60er Jahren will Citroën mit

der styligen DS-Linie anknüpfen

Auch der andere französische Autobauer,

Renault, steht nicht glänzend da,

aber dank der Allianz mit dem japanischen

Hersteller Nissan, der Billigmarke Dacia

und nun auch noch einem Joint Venture

mit Dongfeng deutlich besser. „Tavares

wird vermutlich versuchen, den Erfolg von

Dacia aufzuholen“, sagt Denis Gancel, Chef

der Agentur W&Cie. „PSA hat sich bisher

gescheut, von ‚low cost‘ zu sprechen. Das

war falsch.“ Außerdem müssten Autos mit

wenig Wertschöpfung an den günstigsten

Produktionsstandorten vom Band laufen,

auch außerhalb Frankreichs. Im Inland

sollten nach deutschem Vorbild nur margenstarke

Modelle produziert werden.

Auch das ein Novum für die Peugeots, die

made in France gern wörtlich nehmen.

»Die enge Partnerschaft

mit Dongfeng

wäre die vielversprechendste«

Mit seiner Modellpolitik war Varin bei

PSA durchaus auf gutem Weg. Die DS-Linie

soll Citroën zurück ins Premium bringen

und kommt beim Publikum gut an.

Der vor wenigen Wochen eingeführte neue

Kompaktwagen Peugeot 308 und der neue

2008, eine Mischung aus Klein- und Geländewagen,

verkaufen sich ebenfalls gut. Der

neue Citroën C4 Picasso hat gerade das

Goldene Lenkrad 2013 gewonnen.

Die Frage ist nun aber, wem sich PSA

künftig wie weit öffnet. Laut Christian Peugeot,

im Konzern Direktor für Außenbeziehungen,

wird die Suche nach neuen Partnern

nicht von Forderungen der Eignerfamilie

belastet. „Es geht nicht um die Kontrolle,

sondern um die Zukunft von PSA“,

sagte er der WirtschaftsWoche.

Da ist zum einen die Kooperation mit

Dongfeng, die nun durch das Joint Venture

zwischen den Chinesen und Renault in

Frage gestellt ist. Das Staatsunternehmen

hat zwar auch Joint Ventures mit Nissan,

Honda und KIA. Zudem wurde im Juli die

dritte gemeinsame Fabrik mit PSA eröffnet.

Die Produktion soll hier bis 2015 auf

750 000 Fahrzeuge hochfahren. Doch die

Allianz birgt jede Menge Zündstoff. „Immer

wieder gab es Streit, da PSA veraltete

Modelle in China herstellen ließ“, sagt Jochen

Siebert von der Unternehmensberatung

JSC in Shanghai.

BEDROHTE ARBEITSPLÄTZE

Gleichwohl wissen die Chinesen, dass sie

die Einzigen sind, die bei PSA Gewinn machen:

umgerechnet rund 200 Millionen

Euro in diesem Jahr. Autoexperte Siebert

hält es deshalb für plausibel, dass Dongfeng

mit zehn Prozent bei PSA einsteigt.

„Dank des wachsenden asiatischen Marktes

ist eine enge Partnerschaft mit Dongfeng

die vielversprechendste“, sagt auch

W&Cie-Chef Gancel.

Andererseits ist GM mit sieben Prozent

an PSA beteiligt. R.L.-Polk-Analyst Rakoto

glaubt, dass der geschasste PSA-Chef Varin

Gespräche mit Dongfeng nur führte, um

GM zu bewegen, seinen Anteil an PSA aufrecht

zu halten. Dank der Stärke von Opel

bei Benzinmotoren und der PSA-Vorherrschaft

bei Dieselmotoren würde eine engere

Partnerschaft Synergien ermöglichen.

Allerdings hätte ein stärkeres Engagement

von GM auch „Kollateralschäden“ zur

Folge, glaubt Rakoto, sowohl bei PSA als

auch bei der GM-Tochter Opel. „Mit Sicherheit

würden Arbeitsplätze abgebaut.“ n

karin.finkenzeller@wiwo.de | Paris,

philipp.mattheis@wiwo.de | Shanghai

FOTOS: JOKER/MARKUS GLOGLER, CORBIS/REUTERS

60 Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

Trojanischer Trick

TOBIT SOFTWARE | Ein IT-Haus im Münsterland verwandelt Facebook-Fanseiten

kostenlos in Apps für Smartphones. Eine neue Ära

für Kleinunternehmen und Selbstständige im mobilen Internet?

Tobias Groten ist der Typ Gründer,

dem es schnell langweilig wird. Eigentlich

verdient er sein Geld mit

Kommunikationssoftware für Unternehmen.

Das Geschäft läuft seit 27 Jahren, und

es läuft offenbar gut, bedeutet der Chef von

Tobit, einem IT-Haus mit 250 Beschäftigten

in Ahaus an der niederländischen Grenze.

Doch offenkundig reicht das dem

47-jährigen Münsterländer nicht. Erst baute

er auf dem Firmengelände am Ortseingang

von Ahaus den Prototypen eines vernetzten

Hauses, um dort die neuesten

High-Tech-Ideen auszuprobieren. Dann

ließ er einen Miniflughafentower samt

Hangar errichten, um darin einen Flugsimulator

zu installieren. Noch heute erinnert

daran der Hubschrauber auf dem

Dach des Gebäudes, in dem Groten inzwischen

eine Bar mit Beach Club für die

Landjugend betreibt.

Waren solche Projekte bisher eher Spielereien,

hat Groten nun viel Größeres vor,

das die Welt auch außerhalb der

40000-Einwohner-Gemeinde im Westmünsterland

verändern soll. Der Mittelständler

plant den Einstieg ins Geschäft

mit Apps und will nicht weniger als jedem

Otto-Normal-Smartphone-Besitzer zu einer

eigenen App verhelfen.

„Bisher kostet eine App den Auftraggeber

einen fünfstelligen Betrag“, sagt Groten.

Denn jede App ist eine eigens konzipierte

Software, die aufwendig von IT-Spezialisten

programmiert werden muss. Das können

sich viele kleine Unternehmen oder

Gewerbetreibende nicht leisten, weswegen

sich viele mit einer Seite auf Facebook zufriedengeben,

um Kontakt zu Kunden und

Geschäftspartnern zu halten.

Der Appetitmacher

Tobit-Chef Groten will

100 000 Apps in zwei

Jahren schaffen

SO WICHTIG WIE EINE HOMEPAGE

Um dies zu ändern, hat Groten eine Software

namens Chayns entwickelt, die allen

Finanzschwachen in der Social-Media-

Welt zunächst kostenlos zur eigenen App

verhelfen soll. „Im aufziehenden mobilen

Zeitalter ist eine App irgendwann genauso

wichtig wie heute eine Unternehmens-

Homepage“, wirbt Groten für seine Idee.

Die neue Software des Münsterländers

macht die individuelle App-Programmierung

überflüssig. Stattdessen verwandelt

Chayns mit wenigen Mausklicks eine Facebook-Fanseite

in eine Smartphone-App –

und zwar für alle vier großen Mobilplattformen

Apple, Android, Windows Phone sowie

Blackberry gleichzeitig. Dadurch erscheint

jedes Posting auf der Facebook-

Fanseite eines Unternehmens oder eines

Selbstständigen automatisch auch auf der

App – ob Fotos, Videos oder Web-Links.

Dank Chayns kann fortan jedermann

mit einer Fanseite – ob Friseur, Restaurantbesitzer,

Arzt oder Sportverein – seine eigene

App bauen. Er muss dazu nur Chayns

über die Tobit-Homepage aufrufen, ein Logo

sowie einen möglichst kurzen Namen

für die App auswählen – alles Weitere inklusive

der Anmeldung der Apps in den

vier Stores übernimmt die Software.

Der Vorteil für die neuen App-Besitzer

liegt im ersten Schritt darin, dass sie auf

diese Weise einen direkten Draht zu ihren

Kunden, Patienten, Mandanten oder Mitgliedern

aufbauen können, ohne dass

»

FOTO: DOMINIK ASBACH FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

62 Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

»

Cooles Design Cafeteria für 250 Tobit-Mitarbeiter im münsterländischen Ahaus

diese dazu über Facebook gehen müssen.

Die App direkt auf dem Display erspart

den Nutzern unnötiges Suchen, Antippen

und Scrollen – gemäß dem Motto: Wisch

und schon da. „Der Ansatz von Tobit, mittels

Facebook eine App zu bauen, klingt

vielversprechend“, sagt Nicole Dufft, Senior-

Analystin mit Fokus auf das Mobilgeschäft

beim Marktbeobachter PAC in Berlin.

Geld verdienen will Groten weniger mit

Chayns, sondern vielmehr mit Zusatzfunktionen

in der App, die Tobit in einem eigenen

Online-Store anbietet. So kann beispielsweise

ein Restaurantbetreiber seine

App mit wenigen Klicks um ein mobiles

Tisch-Reservierungs-Modul erweitern

oder ein Kino den Ticketverkauf per App

anbieten. Für solche Erweiterungen verlangt

Tobit bis zu 8,50 Euro im Monat.

Groten gibt sich kämpferisch. „Unser

Ziel ist, dass innerhalb von 24 Monaten

100 000 Firmen und Vereine mithilfe von

Chayns eine eigene App auf den Markt

bringen“, sagt Groten. Geht seine Rechnung

auf, würde Tobit so zum größten

App-Hersteller der Welt aufsteigen.

Groten schweigt zu seinen Geschäftszahlen.

Den Hauptumsatz macht Tobit mit

David, einem Softwarepaket für die integrierte

Telefon-, E-Mail-, Fax- und SMS-

Kommunikation in Unternehmen. Laut

Bundesanzeiger setzte Tobit 2011 knapp 16

Millionen Euro um und erzielte einen Nettogewinn

von fast zwei Millionen Euro.

Der Endvierziger scheint zu spüren, dass

Chayns sein größter Coup werden könnte.

Sein Büro im Tobit-Hauptgebäude direkt

gegenüber dem firmeneigenen Club ist

seine Steuerzentrale. Die äußere Glas- und

Aluminiumverkleidung gibt dem Unterfangen

die passende futuristische Fassade.

An der Wand in Grotens Büro hängt ein riesiger

Flachmonitor mit 2,5 Meter Diagonale.

Dort laufen auf einer Deutschland-Karte

die neuesten Zahlen für seine Apps auf.

Und es sind Superlativen. Ende November,

nur gut acht Wochen nach dem Start

Millionenmarkt Smartphone-Apps

Anzahl der verfügbaren Apps in den

vier größtenStores*

1000000 1000000

190000

120000

AppStore Google Play Windows

Phone Store Blackberry

World

*Stand:Oktober 2013,jeweilsletzteverfügbare

Zahl;Quelle:Statista, Unternehmensangaben

gantische Größenordnungen vorstoßen zu

können. Allein in Deutschland gibt es aktuell

rund 750000 Facebook-Fanseiten, rechnet

er vor. Die großen Marken wie VW oder

Adidas, die bereits eine eigene App haben,

seien jedoch in der Minderheit. Der ganz

große Rest stehe weiterhin ohne da.

Den großen Run auf Chayns verspricht

sich Groten von einer besonderen Fähigkeit

seiner Umwandlungssoftware. Bisherige,

individuell programmierte Smartphone-Anwendungen

leiden darunter,

dass sie bei jeder Änderung des mobilen

Betriebssystems angepasst werden müssen.

Für die Betreiber der Apps ist das ein

der Software Anfang Oktober, hat Tobit die

Marke von 10000 Apps überschritten, die

mit Chayns erzeugt und in den App Stores

von Apple, Google (Android), Microsoft

(Windows Phone) sowie Blackberry angemeldet

wurden. In der Spitze kommen inzwischen

250 Apps am Tag hinzu.

Zwar spüren Apple und Google mit jeweils

rund einer Million Apps in ihren

Stores Tobit noch nicht. Doch für Microsoft

und Blackberry, die jeder weniger als

200000 Apps im Angebot haben, ist die

Vermehrung der Miniprogramme durch

Groten durchaus bemerkenswert. Und der

ist zuversichtlich, mit seinen Apps in gienormer

Aufwand. Diese Anpassungen

würden bei Tobit entfallen, verspricht Groten.

Chayns sei eine Art Standardsoftware:

„Da wir die notwendigen Änderungen programmieren,

sind alle Apps automatisch

auf dem neuesten Stand.“

Einzige Voraussetzung, die der Betreiber

einer Facebook-Fanseite zu erfüllen hat,

um mithilfe von Chayns eine eigene App

generieren zu können: Er muss mindestens

100 „gefällt mir“-Klicks auf seiner Facebook-Seite

sowie jeweils drei veröffentlichte

Bilder und Statusmeldungen vorweisen.

Mit solchen Vorgaben will Groten eine Inflationierung

der Apps verhindern, „damit

nicht jeder eine Spaß-App baut“.

WERBEMITTEL FÜR HEINEKEN

Groten ist nicht darauf angewiesen, schnell

viel Geld mit seiner App-Maschine zu verdienen.

Als Hauptanteilseigner von Tobit –

er hält laut Handelsregisterauszug knapp

83 Prozent der Firmenanteile – hat er keine

Aktionäre im Nacken, die ständig nach

neuen Erlösen und mehr Einnahmen verlangen.

„Es begeistert mich, Dinge zu machen,

die noch nicht da waren“, sagt Groten

entspannt. So kann sich der Tobit-Chef

leisten, statt auf Einnahmen zunächst massiv

auf Reichweite zu setzen, also auf eine

möglichst hohe Zahl verschiedener Apps.

Um zum Erfolg zu kommen und Chayns

unter die Leute zu bringen, schaltet Groten

gezielt namhafte Unternehmen ein. So verkaufte

der Münsterländer unlängst für einen

fünfstelligen Betrag Chayns-Lizenzen

an den niederländischen Bierbrauer Heineken.

Diese Lizenzen gelten für eine spezielle

Version von Chayns, in die eine Art

trojanisches Pferd einprogrammiert ist.

Heineken verschenkt diese Chayns-Version,

verpackt in schicken Umschlägen, an

Clubs und DJs. Basteln die damit eine eigene

App, erscheint in dieser das Heineken-

Logo. Ebenso kann Heineken auf diesen

Apps zum Beispiel Werbebotschaften oder

Gewinnspiele schalten. Wenn in kurzer

Zeit 1500 Clubs und DJs eine eigene App

bauen und jede dieser Apps 50 Nutzer findet,

erreicht Heineken auf einen Schlag

75000 Leute. „Diese Apps sind für Heinken

eine Art digitales Werbemittel“, sagt Groten.

Ähnliche Partnerschaften ist er mit

L’Oréal und Schalke 04 eingegangen.

Auch die Internationalisierung hat der

Tobit-Chef bereits im Blick. Demnächst erscheinen

englische und niederländische

Versionen von Chayns. „Damit“, sagt Groten,

„ fahren wir das Tempo weiter hoch.“ n

michael.kroker@wiwo.de

FOTO: DOMINIK ASBACH FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

64 Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

»Kleben statt nähen«

INTERVIEW | Jan-Dirk Auris Der Henkel-Vorstand verantwortet die

wichtigste Sparte Klebstoff und will die Weltmarktführerschaft

durch Übernahmen und neue Technologien weiter ausbauen.

Herr Auris, die Klebstoffsparte hat im

dritten Quartal eine Umsatzrendite von

17,8 Prozent erzielt – die höchste, die je

bei Henkel abgeliefert wurde. Können Sie

das noch toppen?

Das ist unser Ziel. Der Weltmarkt für Klebstoffe

hat ein Umsatzvolumen von etwa 60

Milliarden Euro. Auf Henkel entfallen davon

rund 14 Prozent. Diese Größenordnung,

kombiniert mit unserer Strategie, auf

Märkte und Branchen mit überproportionalem

Wachstum zu setzen, lässt genügend

Luft nach oben, um weiter profitabel

zu wachsen.

Was verstehen Sie unter profitablem

Wachstum?

Die Wachstumsraten und Perspektiven

verschiedener Marktsegmente sind sehr

unterschiedlich. Es gibt zum Beispiel Klebstoffe

für Briefumschläge mit einem weltweiten

Marktvolumen von mehreren Hundert

Millionen Euro. Das sind relativ einfache

Produkte, die auf Kartoffel- oder Maisstärke

basieren: Das ist für uns heute ein

gutes und etabliertes Geschäft. Dieser

Markt wird aber nicht mehr wesentlich

wachsen. Dagegen wächst der etwa gleich

große Markt mit Klebstoffen für die Herstellung

von Smartphones und Tablets im

Durchschnitt um 25 bis 40 Prozent pro Jahr.

Hier entwickeln und vermarkten wir High-

Tech-Produkte, die die unterschiedlichsten

Materialien in fünf bis sieben Klebeschritten

verbinden. In jedem Smartphone

steckt je nach Modell Klebstoff im Wert von

bis zu 80 Cent. Gerade in diesem zukunftsorientierten

Technologiebereich investieren

wir deutlich mehr in Entwicklung, Mitarbeiter

und Kundenpflege.

Damit der Klebstoff-Weltmarktführer

Henkel auch in diesem Markt die

Nummer eins wird?

Ja, daran arbeiten wir intensiv. Die Poleposition

in diesem Segment haben historisch

bedingt die Japaner. Aber wir tun einiges

dafür, dass sich das langfristig ändert.

Zum Beispiel?

Anfang des Jahres haben wir das Henkel

Display Center in Shanghai eröffnet. Das ist

ein Forschungslabor, in dem wir gemeinsam

mit allen wichtigen Smartphone- und

DAS EIGENGEWÄCHS

Auris, 45, führt seit Januar 2011 den Bereich

Klebstoffe, die mit 8,2 Milliarden Euro

Jahresumsatz mit Abstand größte Sparte

des Henkel-Konzerns. Schon mit 16 Jahren

fing er als Auszubildender zum Industriekaufmann

in der Klebstoffsparte an – und

blieb dort kleben. Mehrere Jahre arbeitete

Auris für Henkel in den USA und in China,

bevor der Vater einer Tochter im Januar

2011 in den Vorstand nach Düsseldorf

berufen wurde.

Kleber liefern Kohle

OperativeRendite 1 (Ebit, in Prozent)

15,1

17,8

14,5 15,9 14,5 14,9

2012 2013 2 2012 2013 2 2012 2013 2

Klebstoffe Wasch- und Kosmetik/

Reinigungsmittel Körperpflege

1

bereinigtumeinmalige Aufwendungen und

Erträgesowie Restrukturierungsaufwendungen;

2

3. Quartal; Quelle:Henkel

Tablet-Herstellern an der Entwicklung von

Bildschirmen und Displays arbeiten. In

Kürze werden wir ein ähnliches Labor im

koreanischen Seoul eröffnen.

Die Gewinne der Klebstoffsparte sind

auf Rekordniveau, der Umsatz aber

sank im dritten Quartal um 2,7 Prozent.

Warum?

Wir haben unseren Umsatz, in lokalen

Währungen betrachtet, im dritten Quartel

um mehr als vier Prozent gesteigert – und

konnten uns im Jahresverlauf stetig verbessern.

In Euro betrachtet, ging der Umsatz

aber zurück. Neben kleineren Verkäufen

von Randaktivitäten geht der Rückgang fast

ausschließlich auf Währungseffekte zurück,

insbesondere durch die Schwäche

des US-Dollar. Aber auch einige Währungen

in den Wachstumsmärkten, in denen

wir etwa 50 Prozent der Klebstoffumsätze

erzielen, trugen dazu bei. In Indien zum

Beispiel ist die Rupie vor rund zwei Monaten

auf den tiefsten Stand seit Jahren gefallen.

Solche Turbulenzen erleben wir in dieser

Form zum ersten Mal.

Wenn dies die Umsätze so beeinträchtigt,

warum nicht auch die Gewinne aus diesen

Ländern?

Wir konnten unsere Kosten weiter senken

und sind in vielen Bereichen von Produktion

und Lieferkette effizienter geworden.

Zudem kamen uns leicht rückläufige Rohstoffpreise

zugute. Daher sind die Wechselkurseffekte

nicht auf das operative Ergebnis

durchgeschlagen.

Übernahmen sind ein wesentlicher Bestandteil

der Henkel-Strategie. Nun gab

es die letzten großen Zukäufe mit den US-

Unternehmen National Starch und Cytec

in Ihrem Beritt. Ist die Klebstoffsparte

überhaupt schon wieder an der Reihe?

(lacht) Man könnte aus der Historie den

Eindruck gewinnen, dass es bei Henkel immer

schön reihum geht. Das ist aber natürlich

nicht so. Übernahmen sind wesentlicher

Teil unserer Strategie. Wir haben eine

umfangreiche Liste mit potenziellen Kaufkandidaten.

Kann der Weltmarktdominator Henkel

denn so einfach zukaufen, ohne das Veto

einer Kartellbehörde zu fürchten?

Der weltweite Klebstoffmarkt unterteilt

sich in etwa 70 Segmente, und es gibt insgesamt

rund 1000 Wettbewerber. Da gibt es

nur relativ wenig nennenswerte Überschneidungen.

Kartellrechtlich dürfte es

daher nur in seltenen Fällen Einschränkungen

geben.

Einschränkungen haben Sie aber selbst

vorgenommen, um den Wust von bisher

FOTO: PR

66 Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche

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600 Marken in Ihrem Klebstoffgeschäft

einzudämmen. Wie weit sind Sie damit?

Das ist ein komplexes Thema. Da müssen

von Produktentwicklung über Produktion

und Marketing bis zur Logistik fast alle Bereiche

einbezogen werden. Aber wir kommen

gut voran und liegen derzeit nur noch

bei rund 170 Marken. Bis 2016 wollen wir

80 Prozent unseres Klebstoffumsatzes mit

neun Markenplattformen im Industrieund

Konsumentenbereich abdecken.

Bei den Industrieklebern spielte die

Marke aber doch ohnehin bisher keine

große Rolle?

Das stimmt – bis auf wenige international

bekannte, starke Produktmarken wie zum

Beispiel Loctite. Das liegt vor allem daran,

dass wir weltweit 130 000 Direktkunden

haben, die wir persönlich beraten und die

häufig ein auf sie zugeschnittenes, individuell

für sie hergestelltes Produkt bekommen.

Künftig wird im Industriegeschäft unserer

Herstellermarke Henkel eine viel stärkere

Bedeutung bekommen.

In welchen Branchen und Märkten steckt

denn außer bei Smartphones und Tablets

noch Wachstumsfantasie?

Zum Beispiel überall dort, wo Leichtbaukonstruktionen

an Bedeutung gewinnen.

So soll im Automobilbau das Gewicht der

Fahrzeuge sinken und damit der Kraftstoffverbrauch

und CO 2 -Ausstoß. Es wird

also immer mehr geklebt statt gelötet, genietet

oder geschweißt. Und bei den sogenannten

Composites, also bei Verbundwerkstoffen,

werden Carbon- oder Glasfasern

mit unseren Harzen kombiniert. So

entsteht etwa eine neue Blattfeder, die im

Vergleich zu üblichen Stahl-Blattfedern bis

zu 65 Prozent weniger wiegt – und das bei

gleicher Festigkeit und Widerstandsfähigkeit.

Die Blattfeder wird seit ein paar Monaten

bei Daimler im Fahrwerk an der Vorderachse

des Sprinter-Modells serienmäßig

eingesetzt.

Auf welche Trends setzen Sie in anderen

Geschäftsfeldern?

Kleben statt nähen zum Beispiel. Regina

Miracle, der größte chinesische Hersteller

von Büstenhaltern, der auch für viele in Europa

bekannte Anbieter produziert, nutzt

immer mehr Henkel-Klebstoffe und ist dadurch

ein großer Kunde für uns geworden.

Kleben verbessert den Tragekomfort, weil

es keine störenden Nähte mehr gibt. So ergeben

sich für uns immer neue Anwendungsfelder.

Und wenn das beim BH funktioniert,

dann sicherlich auch bei anderen

Textilien.

n

mario.brueck@wiwo.de

WirtschaftsWoche 9.12.2013 Nr. 50 67

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Unternehmen&Märkte

Schlacht der Bildschirme

COMPUTERSPIELE | Wie sich die Branche durch Smartphones und Tablets rasant wandelt

und der Filmindustrie immer ähnlicher wird.

Seit 14 Jahren macht Lars Gustavsson

im Prinzip das Gleiche. 1999 begann

der Schwede, als Designer an einem

Ballerspiel mitzuarbeiten. Inzwischen ist

„Battlefield“ einer der erfolgreichsten Titel

des kalifornischen Spieleriesen Electronic

Arts (EA). Soeben erschien die elfte Version

für die neuen Konsolen Playstation 4 und

Xbox One, vom Vorgänger wurden insgesamt

20 Millionen Exemplare verkauft.

Gustavsson ist als Kreativchef des zu EA

gehörenden Spielestudios Dice dafür verantwortlich,

sich immer wieder etwas Neues

für das simple Spielprinzip „Erschieße

so viele Feinde wie möglich“ auszudenken.

So können auf den neuen Konsolen 64 statt

bisher 24 Spieler gleichzeitig kämpfen.

Trotzdem wünscht sich der Schwede neue

Herausforderungen: „Ich würde mich

schneller weiterentwickeln, wenn ich öfter

mit anderen Spieletypen arbeiten könnte.“

Doch von den 14 Dice-Spielen seit 2004

tragen 11 den Titel „Battlefield“.

Das aus Hollywood bekannte Blockbuster-Prinzip

hat auch in der Spielebranche

Einzug gehalten. Die Anbieter setzen auf

immer neue Folgen populärer Titel, die –

wie Kinofilme – zwei- bis dreistellige Millionensummen

kosten. Das Konzept funktioniert:Das

Actionspiel „Grand Theft Auto V“

(GTA V) spielte binnen 24 Stunden weltweit

815 Millionen Dollar ein. Die Milliarde erreichte

das erfolgreichste Spiel aller Zeiten

nach drei Tagen. Der bisher finanziell beste

Film „Avatar“ benötigte dazu noch 17 Tage.

Doch das klassische Geschäftsmodell ist

bedroht, Online-Spiele und Apps auf

Smartphones und Tablets konkurrieren mit

den Computerspielen um die Daddelzeit.

2014 dürften sie mit 35 Milliarden Dollar

erstmals mehr einbringen als klassische PCund

Konsolenspiele, so die Beratung PricewaterhouseCoopers

(siehe Grafik Seite 70).

Allein die Spieler der „Candy Crush Saga“

geben pro Tag fast eine Million Dollar aus.

ZYNISCHE GESELLSCHAFTSKRITIK

Dabei sind die Smartphone-Spiele oft erst

einmal kostenlos. Die Hersteller agieren

wie Fernsehsender, die den Markt mit Castingshows

und anderen billig produzierten

Inhalten überschwemmen. Dort rufen die

Zuschauer an, voten und zahlen, damit die

Show weitergeht. Bei den anfangs kostenlosen

Spielen müssen sie zahlen, um weiterzukommen.

Eine weitere Parallele zur Filmbranche:

Hersteller wie Rovio verdienen mit Merchandising

so viel wie mit dem Verkauf der

„Angry Birds“-Spiele.

Millionen mit

Merchandising

Angry-Birds-Freizeitpark

in China

68 Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche

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FOTOS: IMAGINE CHINA/WENG LEI

815 Millionen Dollar

in 24 Stunden

Rekordspiel Grand

Theft Auto V

Autoknacker weit vorn

DiemeistverkauftenSpiele* fürPlaystation undXbox(Stückzahl in Millionen, gerundet)

GrandTheft Call of Duty:

Auto V Ghosts

25,55

9

Wochen

am

Markt

7,49

2

FIFA

Soccer 14

6,19

8

*2013erschienen; Quelle:VGChartz

TheLast

of Us

3,43

23

Ein Wechselspiel zwischen Film- und Spielebranche

gibt es seit Jahren: Das Spiel zum

Film ist so normal wie die Verfilmung von

Videospielen. 1996 erschien erstmals das

Spiel „Tomb Raider“, im Kino verkörperte

Angelina Jolie die Archäologin 2001. Die

Spielvorlage wurde 2013 neu aufgelegt und

schaffte es unter die zehn Top-Seller.

Die bislang stärkste Verschmelzung zwischen

Film und Games bot in diesem Jahr

das Spiel „Beyond: Two Souls“. Die Schauspieler

Willem Dafoe und Ellen Page verleihen

den Spielfiguren eine bislang kaum gekannte

Persönlichkeit.

Auch wenn sie mancher als Ballerorgien

abtut, sind Videospiele auf dem Weg, zum

kulturellen Leitmedium des 21. Jahrhunderts

aufzusteigen. So ist das brutale

„Grand Theft Auto“ um den Bankräuber

und Autoknacker Trevor Philips immer

auch eine zynische Gesellschaftskritik.

Neue Spiele werden von Fans heute so

sehnsüchtig erwartet wie sonst nur das

neueste iPhone. Wenige Produkte werden

häufiger unter dem Weihnachtsbaum

liegen als Playstation 4, Xbox One und die

dazugehörigen Spiele.

Doch viele Branchenkenner sind sich einig,

dass die Konsolen wohl die letzten ihrer

Art sein dürften. Spiele im Netz und auf

mobilen Geräten laufen ihnen den Rang

ab. „Es wird aber weiter das Bedürfnis nach

Spielen geben, mit denen man nicht nur einige

Minuten Wartezeit auf den Bus totschlägt,

sondern für mehrere Stunden eintaucht“,

sagt Spieledesigner Gustavsson.

Doch was tun, wenn der Bushaltestellen-

Spieler später auf der Couch doch ein oder

zwei Stunden weiter mit seinem Tablet

daddelt, statt die Konsole anzuwerfen?

Schon jetzt spüren die etablierten Hersteller

die Konkurrenz. Lange verkündeten

sie das Mantra, Handyspieler seien nur zusätzliche

Kunden. Eine Studie des US-

Marktforschers Eedar zeigt jedoch, dass

ausgerechnet diejenigen, die am meisten

für Mobile Games ausgeben, klassische

Konsolenspieler sind.

Und so versuchen deren Anbieter, ihre

Hardcore-Fans auch unterwegs zu fesseln.

„Die größte Herausforderung bei ,Battlefield

4‘ war die Frage, wie man das Spielerlebnis

auf mehrere Bildschirme erweitert“,

sagt Gustavsson. Die Mobilzusätze dürfen

nicht wie ein überflüssiges Gimmick wirken,

aber auch nicht so notwendig sein,

dass Spieler ohne Lust aufs Smartphone

ausgeschlossen werden. Gustavsson entwickelte

daher eine App, um die mit- und

gegeneinander kämpfenden Spielergruppen

zu koordinieren. „Es ist dabei nicht

sichtbar, ob der Commander auf dem Sofa

an der Konsole oder mit dem Tablet im

Café sitzt“, sagt Gustavsson stolz.

Wie erfolgreich die Mobilspiele inzwischen

sind, zeigt die „Candy Crush Saga“:

Jeden Tag versuchen 6,5 Millionen Menschen

bei dem optisch an „Tetris“ erinnernden

Puzzle-Spiel Reihen aus Süßigkeiten

zu bilden. Das Spiel startete mit 30 Levels,

doch der britische Anbieter King.com

gibt den Bonbonsüchtigen immer neue

Nahrung und hat die Zahl auf 544 hochgeschraubt.

ERINNERUNG AN FRÜHEREN HYPE

Um ein Level weiterzukommen, hat jeder

Spieler fünf Versuche. Schafft er es dabei

nicht, muss er für einen neuen Anlauf eine

halbe Stunde warten oder 89 Cent bezahlen.

Auch Zusatz-Züge und Zeit können

sich die Spieler erkaufen. Viele sind dazu

bereit: 875000 Dollar verdient King.com

nach Schätzungen des New Yorker Spieledienstleisters

Think Gaming so jeden Tag

mit dem eigentlich kostenlosen Spiel.

Dieses im Branchenjargon Free-to-Play

genannte Geschäftsmodell ist bei den

meisten Spiele-Apps und Online-Spielen

inzwischen Standard. Zwar haben mehr als

60 Prozent aller Spieler, die das letzte Level

Tomb

Raider

2,79

37

BioShock

Infinite

2,42

34

Battlefield

4

2,41

3

Minecraft

1,80

24

GodofWar:

Ascension

1,43

36

Wochen

erreicht haben, laut King.com keinen Cent

ausgegeben. Aber fast 40 Prozent haben

gezahlt. Normal war bisher ein einstelliger

Prozentsatz zahlender Nutzer.

Auch der Anbieter Supercell hat die Verführung

perfektioniert. Die Finnen haben

nur zwei Online-Spiele im Angebot, doch

mit dem Fantasy-Strategiespiel „Clash of

Clans“ und der Bauernhof-Simulation

„Hay Day“ nimmt das Unternehmen pro

Tag 2,5 Millionen Dollar ein.

Im Oktober bezahlte der japanische Telekomriese

Softbank 1,5 Milliarden Dollar

für einen 51-Prozent-Anteil an Supercell.

Das Unternehmen wird also mit etwa drei

Milliarden Dollar bewertet – fast so viel wie

die von Facebook, Yahoo und Google geschluckten

Super-Startups Instagram,

Tumblr und Waze zusammen.

Bei solchen Bewertungen fühlt sich manch

einer an den Hype um Facebook-Spiele erinnert,

der im Börsengang und schnellen

Abstieg von Zynga gipfelte. „Mobile Gaming

geht durch die gleiche Blase“, prophezeit

Khaled Helioui, Chef des Hamburger

Online-Spieleentwicklers Bigpoint.

„Die Supercell-Story klingt eher nach

Google als nach Zynga“, widerspricht Klaas

Kersting. Der Karlsruher hatte 2003 mit

Gameforge einen Gratisspiel-Pionier gegründet

und ist heute Chef von Flare-

»

WirtschaftsWoche 9.12.2013 Nr. 50 69

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Unternehmen&Märkte

»

games. Kersting hat sich schon 2011

an einer Zwölf-Millionen-Dollar-Finanzierung

für Supercell beteiligt, als die Handyspiele

der Finnen noch in der Entwicklung

waren. Als Investor hat er also ein Eigeninteresse,

wenn er Supercell als „Kronjuwel

der Spielebranche“ bezeichnet. Doch der

Unternehmenskenner bietet eine gute Begründung:

Bei einem Jahresumsatz von

schätzungsweise 650 Millionen Dollar bleibe

gut die Hälfte als Gewinn hängen. Eine

Bewertung von drei Milliarden Dollar entspreche

also dem Zehnfachen des Gewinns

– das sei ein absolut vertretbarer Aufschlag.

Seit einiger Zeit wird „Candy Crush“-Macher

King.com schon als Kandidat für die

Börse gehandelt, im Sommer sollen bereits

Banken damit betraut worden sein. Doch

noch zögert das Unternehmen.

Ein Grund dürfte das Desaster um Zynga

sein. Vor zwei Jahren galt der Erfinder von

Facebook-Spielchen als Vorbild für die

Branche. Doch nach dem Börsengang brachen

Zyngas Umsatz und Aktienkurs ein.

Es folgten Massenentlassungen, am Ende

musste Chef und Gründer Marc Pincus

selbst gehen. Entscheidender Grund: Zynga

hat den Boom mobiler Spiele verpasst.

Überholmanöver

WeltweiteUmsätze mitKinofilmenund

Computerspielen* (inMilliarden Dollar)

50

40

30

20

Online- &Mobile Games

10 11 12 13 14 15 16 17

*ab2013Prognose; Quelle:PwC

Kino

Konsolen &PC-Spiele

King.com hat mit „Candy Crush“ ebenfalls

auf Facebook begonnen, doch die Briten

haben schneller auf den Smartphone-

Boom umgeschaltet. Auch Jens Begemann,

Chef des Berliner Zynga-Konkurrenten

Wooga, hatte Anfang 2012 eine

neue Strategie ausgegeben: „Wir entwickeln

alle Spiele zuerst für Smartphones

und Tablets.“ Erst dann wird entschieden,

ob sie auch auf Facebook kommen.

Auch wenn die PC- und Handyspiele

optisch gleich wirken, gibt es große Unterschiede.

„Es gibt starke Eingriffe in das

Spielkonzept“, sagt Begemann. Mit der

Maus kann man viel genauer zielen, dafür

machen andere Aktionen keinen Spaß:

Verstreut herumliegende Objekte einzusammeln

ist am Rechner mühsam. Auf

mobilen Geräten ist es per Fingerwisch

eine der häufigsten Spielfunktionen.

Inzwischen werden aber so viele Spiele

für die mobilen Geräte entwickelt, dass

selbst für gut gemachte Titel der Erfolg

schwieriger ist denn je. „Der Markt und die

Spielerakquise werden härter“, sagt Flaregames-Gründer

Kersting. 4000 neue Spiele

drängen jeden Monat auf den Markt. Um

genug Nutzer anzulocken, müssen die Anbieter

mit teurer Werbung nachhelfen.

„Wenn man zum Start nicht sechs- oder

siebenstellige Beträge investiert, wird es

schwierig“, sagt Wooga-Chef Begemann.

ZAHLEN, UM ZU GEWINNEN

Auch für die Spieler hat das Folgen. Bei den

vermeintlichen Gratisspielen, deren Nutzer

freiwillig die Bezahl-Buttons drücken,

ist die Balance entscheidend: Der Zusatznutzen

muss groß genug sein, damit Spieler

dafür löhnen wollen. Sie dürfen aber

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nicht so große Vorteile haben, dass die

Masse der Gratisspieler vergrault wird.

Doch immer öfter kippt die Balance. Die

Free-to-Play-Spiele verwandeln sich in

Pay-to-Win-Spiele, bei denen man zahlen

muss, um gewinnen zu können. Anfangs

leichte Spiele werden mit der Zeit so

schwierig, dass viele Spieler ohne kostenpflichtige

Zusatzgegenstände im Spiel

kaum weiterkommen. Nachdem die französische

Softwareschmiede Ubisoft umfangreiche

Bezahlfunktionen im Spiel

„Mighty Quest“ eingeführt hatte, gingen

die Fans auf die Barrikaden. „Uns ist klar

geworden, dass wir zu weit gegangen sind

und sich das Geschäftsmodell nicht mehr

fair anfühlt“, räumte Ubisoft kleinlaut ein.

Auch Electronic Arts zog sich mit dem

zweiten Teil des beliebten Spiels „Pflanzen

gegen Zombies“ Kritik zu. Hier muss man

sich mit Erbsenkanonen oder fleischfressenden

Pflanzen gegen Zombies zur Wehr

setzen. Doch neue Sorten des Kampfkrautes

gibt es oft nur noch gegen Geld. Auch in

weitere Level kommt man nur gegen Gebühr

– es sei denn, bestimmte Aufträge werden

immer wieder erledigt. „Das gesamte

Spiel ist darauf ausgelegt, an allen Ecken

und Enden zu bezahlen“, klagt ein Nutzer im

App Store. „Ich hoffe, dass euch eure Geldgier

im Hals stecken bleibt.“ Auch andere

Spieler schimpfen. Nicht wenige wünschen

sich die Zeiten zurück, als sie noch einen

Festpreis für das Spiel bezahlen mussten.

SPIELZEUG UND VOGELPARKS

Der bekannteste Anbieter von Handyspielen

hat einen anderen Weg gefunden,

um seine Einnahmen zu steigern. Mehr als

zwei Milliarden Mal wurden die verschiedenen

Titel der „Angry Birds“-Reihe heruntergeladen.

Doch der finnische Entwickler

Rovio hat eine noch viel bessere

Geldquelle aufgetan und sich dabei auch

von der Filmindustrie inspirieren lassen.

Merchandising lautet die Zauberformel.

Rovio hat den Umsatz im Vorjahr auf 152

Millionen Euro mehr als verdoppelt. Wichtiger

Treiber waren dabei Plüschtiere,

T-Shirts oder Tassen. 45 Prozent steuerte

die Sparte bereits bei, in diesem Jahr dürfte

sie der größte Umsatzbringer werden.

Rovio kooperiert mit 500 Unternehmen:

So stellen die Süßwarenkonzerne Pez und

Mondelez oder die Puma-Tochter Brandon

Produkte mit den wütenden Vögeln her. Im

Sommer haben die Finnen einen Deal mit

Hasbro geschlossen. Der US-Konzern entwickelt

eine Reihe neuer Spielzeuge und

liefert einen wichtigen Baustein zu dem in

dieser Woche erscheinenden Go-Kart-

Rennspiel „Angry Birds Go!“: die Telepods.

Die kleinen Plastikautos sind zum Spielen

und Sammeln. Wenn die Kamera von

Smartphone oder Tablet sie erkennt, werden

sie zudem in das Spiel „teleportiert“.

Sechs Angry-Bird-Freizeitparks gibt es

inzwischen, in denen die Besucher an Katapulten

mit Plüschvögeln auf Spielzeugschweine

schießen können. Der jüngste

wurde kürzlich auf Gran Canaria eröffnet,

weitere sollen folgen: „Wir sind interessiert

daran, den Bereich auszubauen“, sagt Rovio-Vizepräsidentin

Saara Bergström. „Wir

sehen uns nicht als mobile Spielefirma,

sondern als Unterhaltungskonzern.“

Rovio hat eine eigene Zeichentrickserie

im Programm, auch der Schritt auf die ganz

große Leinwand ist geplant: Am Angry-

Birds-Kinofilm wird intensiv gearbeitet.

Nur die Zeitspannen sind im Filmgeschäft

andere als in der schnelllebigen Spielebranche

– Starttermin ist der 1. Juli 2016. n

oliver.voss@wiwo.de

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Spezial | Mittelstand

Viel Sitzfleisch

Um einen Entwicklungsingenieur

zu

finden, braucht

Sedus-Stoll-Chef

Kallup mehr als

ein Jahr. Der Büromöbelhersteller

aus dem Schwarzwald

setzt auf

interne Fortbildung

Vier Megatrends für Mittelständler

PERSONALENGPASS

Der Nachwuchsmangel

erschwert es, Fachkräfte

für Forschung und Entwicklung

im Wettbewerb mit

Konzernen an attraktiven

Standorten zu finden.

FINANZIERUNG

Öffentliche Programme

sind vielfach mit komplizierten

Antragsverfahren

verbunden, die kleine und

mittelgroße Unternehmen

häufig überfordern.

FERNOST-KONKURRENZ

Noch haben Deutschlands

Mittelständler einen Vorsprung

bei Innovationen.

Doch die Finanzkraft Chinas

wird in den nächsten

Jahren zur Bedrohung.

INNOVATIONSDRUCK

Auch traditionelle Industrien

müssen ihre

Forschungsaktivitäten

ausweiten, weil sie nur

durch innovative Produkte

überleben können.

72 Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche

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Welkende Lorbeeren

FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG | Nachwuchsmangel, wachsender Konkurrenzdruck aus

Fernost und Engpässe bei der Finanzierung gefährden den Vorsprung, den sich

viele Mittelständler in den vergangenen Jahren gegenüber Wettbewerbern im Ausland

verschafft haben. Was Politik und Unternehmen dagegen tun können.

FOTO: TANJA DEMARMELS FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Wenn Bernhard Kallup sich

von seinem Schreibtisch

erhebt und zum Bürofenster

geht, genießt er reinste

Idylle. Der Vorstandschef

des Büromöbelherstellers Sedus Stoll

blickt auf Wälder und sattes Grün, bei guter

Fernsicht auf die Berge. Die Schweiz ist nur

wenige Hundert Meter entfernt; es gibt weniger

malerische Orte in Deutschland.

Der Firmensitz mit Kallups Büro liegt in

Waldshut-Tiengen, einem Städtchen mit

knapp 23 000 Einwohnern am südlichen

Rand des Schwarzwalds. Im Sommer laden

Berge, im Winter Langlaufloipen zu ausgiebigen

Bergtouren ein. Nach Zürich mit seinem

reichhaltigen Kulturangebot ist es

nicht weit.

Doch Kallup hat ein Problem, er braucht

qualifiziertes Personal. Und um das anzulocken,

reichen die hübschen Täler und

Höhen nicht aus. Das merkt er immer

mehr. „Einen Entwicklungsingenieur zu

finden kann leicht ein Jahr dauern“, klagt

Kallup.

Sedus Stoll fertigt im Schwarzwald sowie

am Bodensee und in Geseke in Ostwestfalen

und beschäftigt insgesamt 45 Entwickler

und Designer. Das Unternehmen mit

insgesamt 880 Mitarbeitern und einem

Umsatz von zuletzt rund 160 Millionen

Euro versteht sich als Premiumanbieter.

Derzeit arbeiten die Entwicklungsteams an

einer Mechanik für Bürostühle, die mindestens

600 000 „Lastenwechsel“ aushält,

wie die Experten sagen. Das heißt, eine Rückenlehne

könnte durch Anlehnen und

Vorbeugen dann 600 000 Mal vor und zurück

bewegt werden, ohne dass das Sitzmöbel

Schaden nimmt.

„Damit könnten wir einen Stuhl mit einer

lebenslangen Garantie anbieten“, sagt

Kallup. Womöglich ginge es noch schneller,

gäbe es die Engpässe bei den Fachkräften

nicht.

Fehlendes Personal ist nur eines der Probleme

mittelständischer Unternehmen bei

Forschung und Entwicklung (F&E). Bürokratische

Hürden, immer weiter steigende

Energiekosten, unübersichtliche Förderprogramme,

aber auch wachsender Druck

von Konkurrenten aus Fernost, vor allem

aus China, bremsten zuletzt die Dynamik

bei Innovationen. „Es besteht die Gefahr,

dass Deutschland sich jetzt auf den Lorbeeren

der Vergangenheit ausruht“, warnt

Klaus-Heiner Röhl vom Institut der Deutschen

Wirtschaft (IW) in Köln.

LEER GEFEGTE REGION STUTTGART

Bisher galt der Mittelstand hierzulande als

Motor für Innovationen. Insgesamt 60 000

kleine und mittlere Unternehmen in

Deutschland betreiben Forschung und

Entwicklung. Nach der

Krise Anfang des vergangenen

Jahrzehnts

haben die Mittelständler

ihre Aktivitäten kräftig

ausgeweitet, nicht

zuletzt mithilfe öffentlicher

Förderprogramme.

Gut 8,7 Milliarden Euro

haben mittelständische

Firmen im Jahr 2010 in

Forschung und Entwicklung

investiert (siehe

Grafik Seite 78). Gegenüber

2004 war das ein

Plus von 71 Prozent. Ihr

Spezial | Mittelstand

72 Innovation Fehlende Fachkräfte

und Konkurrenz aus

Asien sorgen für Druck

80 Maschinenbau Mit Tüftlergeist

zum Weltmarktführer

82 Outsourcing Immer mehr

Mittelständler lagern

Forschungsprojekte aus

86 Dekra-Award Auszeichnungen

für Konzepte zu

Umwelt und Personal

Forschungspersonal haben die Mittelständler

im selben Zeitraum um 52 Prozent

aufgestockt.

Die Aufwendungen haben sich gelohnt.

Zwischen 2007 und 2010 hat mehr als die

Hälfte aller kleinen und mittleren Unternehmen

mindestens eine Produkt- oder

Prozessinnovation auf den Markt gebracht.

Neuere Zahlen liegen nicht vor.

Doch zunehmende Klagen aus den Unternehmen

deuten darauf hin, dass die Dynamik

in jüngster Zeit nachgelassen hat.

Firmen in Bayern rechnen vor, dass sie

durch eine Verlagerung der Produktion ins

Ausland bei den Stromkosten bis zu 75

Prozent sparen könnten. Manche Unternehmen

wollen Teile der Entwicklung

gleich mit verlegen. Der im Koalitionsvertrag

festgeschriebene Mindestlohn werde

zudem dazu führen, dass an anderer Stelle

gespart werde, auch bei den Forschungsausgaben,

heißt es in manchen Firmen.

Zu schaffen macht den Unternehmen

aber vor allem der Mangel an Fachkräften.

Besonders in den Berufen

mit mathematischnatur-wissenschaftlich-

technischem Hintergrund

fehlen schon

heute Zigtausend Nachwuchskräfte.

Zwar sei

der Mangel bisher noch

auf bestimmte Regionen

und Branchen beschränkt,

konstatiert

IW-Experte Röhl. Wer

zum Beispiel in der Region

Stuttgart einen

Elektroingenieur sucht,

braucht viel Geduld.

»

WirtschaftsWoche 9.12.2013 Nr. 50 73

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Spezial | Mittelstand

Kann ja mal

vorkommen.

Doch kein Zufall?

»

Doch die Gefahr wächst, dass der Mangel

bald alle erfasst – und am schlimmsten

die Mittelständler, die mit Konzernen in attraktiven

Metropolen um Kräfte buhlen.

„In den nächsten Jahren kommt das Problem

mit Macht auf uns zu“, prognostiziert

IW-Experte Röhl.

Ursache dafür ist nicht nur der Nachwuchsmangel

durch zu wenig Junge und

zu viele Alte in der Gesellschaft. Verschärft

werden die Folgen des demografischen

Wandels auch dadurch, dass die Unternehmen

an immer ausgefeilteren und raffinierteren

Produkten arbeiten. Anders als

noch vor 20 Jahren haben etwa Lebensmittelhersteller

heute längst Kekssortimente

im Angebot, bei denen beispielsweise nur

ein Gebäckstück in der Packung nach

Orange schmeckt und der Rest nach anderen

Obstsorten. Damit das Zitrusaroma

nicht auf alle Kekse übergreift, benötigt der

Hersteller Biochemiker, die Orangenaroma-Moleküle

mikroverkapseln können.

FEHLENDE AUFSTIEGSCHANCEN

Vor allem für Mittelständler ist es ein Problem,

solche Fachkräfte zu finden und an

sich zu binden. „Bei Angebotsknappheit

am Fachkräftemarkt sind kleine und mittlere

Unternehmen meist nicht in der Lage,

ähnlich hohe finanzielle und nichtmaterielle

Arbeitsangebote zu machen wie

Großunternehmen“, resümiert eine aktuelle

Studie des Zentrums für Europäische

Wirtschaftsforschung (ZEW) und des Prognos-Instituts.

Dazu komme, dass karriereorientierte

Nachwuchskräfte kleine Unternehmen

oft mieden, weil die Aufstiegschancen

begrenzt seien.

Sedus-Stoll-Chef Kallup kennt das Problem.

Wenige Kilometer weiter, auf der anderen

Seite der Grenze, verdienen Ingenieure

und Wissenschaftler in großen

Schweizer Unternehmen wie Novartis bis

zu 30 Prozent mehr als in Waldshut-Tiengen.

Etwa 15 000 der 80 000 Erwerbstätigen

im Landkreis Waldshut pendeln darum jeden

Tag zur Arbeit in die Schweiz. In

Waldshut herrscht dadurch Vollbeschäftigung,

sprich: Der Arbeits- und Fachkräftemarkt

ist leer gefegt.

MANGEL AN FINANZIERUNGEN

Dabei sind die Arbeitsbedingungen in einem

kleinen Unternehmen nicht selten

viel attraktiver als in einem Großbetrieb.

„Ich war überrascht über die Möglichkeiten,

die ich hier habe“, sagt Judith Daur. Die

28-jährige Marburgerin hat in Darmstadt

Industriedesign studiert. Zunächst der Liebe

wegen wollte die junge Frau nach ihrem

Abschluss in den Süden der Republik und

hat unter anderem mit München geliebäugelt.

Jetzt arbeitet sie in einem kleinen Entwicklungsteam

bei Sedus Stoll. Das Unternehmen,

das jedes Jahr zwischen vier und

fünf Prozent des Umsatzes in die Forschung

und Entwicklung steckt, hat in den

vergangenen Jahren zahlreiche Design-

Auszeichnungen gewonnen.

In Waldshut-Tiengen arbeitet die Designerin

eng mit den Entwicklungsingenieuren

und Technikern des Unternehmens zusammen.

„Das Schöne hier ist, dass ich verfolgen

kann, wie aus meinem Entwurf ein

fertiges Produkt wird“, sagt Daur, „das ist

völlig anders, wenn man in einer Agentur

oder einem Konzern arbeitet.“ Bei Sedus

Stoll kann sie von dem kleinen Entwicklungszentrum

auch mal schnell in die Fabrik

rübergehen und sich die Fertigung ihres

Produktes ansehen und, wenn nötig,

auch noch Änderungen vornehmen.

Schwierig ist neben der Suche nach

Fachkräften für viele kleinere Unternehmen

auch die Finanzierung von Forschungs-

und Entwicklungsvorhaben.

Noch immer bedienen sich viele Mittel-»

Irgendetwas

scheinen wir richtig

zu machen.

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Spezial | Mittelstand

»

ständler dazu der laufenden Einnahmen

oder des Eigenkapitals. Zugang zu Bankfinanzierungen

für Forschungsvorhaben habe

nur ein „kleinerer Teil meist etablierter

mittelständischer Unternehmen“, so die

ZEW-Studie.

Auch der Zugang zu Beteiligungskapital,

um Innovationen zu finanzieren, ist in

Deutschland vielen Unternehmen versperrt.

Beim Anteil der Beteiligungs- und

Wagniskapitalinvestitionen am Bruttoinlandsprodukt

liegt Deutschland im europäischen

Vergleich nur im Mittelfeld. „Um

zur Spitzengruppe aufschließen zu können,

müssten die Beteiligungskapitalinvestitionen

mindestens verdoppelt werden“,

resümiert die gemeinsame Studie von ZEW

und Prognos.

HOFFEN AUF ELEKTROAUTOS

Zwar hat die Bundesregierung die öffentliche

Forschungsförderung kräftig ausgeweitet.

Vor allem das 2008 vom Bundeswirtschaftsministerium

aufgelegte Zentrale

Innovationsprogramm Mittelstand

(ZIM) erfreute sich großer Nachfrage.

Rund 10 000 kleine und mittlere Unternehmen

kamen bisher in den Genuss der Förderung,

auch weil die Behörden die Antragstellung

vereinfacht haben.

Unter Strom Andreas Lapp, Vorstandsvorsitzender

bei Lapp Kabel, hofft, von der

zunehmenden Verbreitung von Elektroautos

zu profitieren. Erste Erfolge sind da

Denn noch immer wirken auf viele Mittelständler

mit möglicherweise vielversprechenden

Forschungsprojekten die

zum Teil sehr detaillierten Vorschriften abschreckend,

nach denen sie ihre Vorhaben

in Förderungsanträgen präsentieren müssen.

Zudem gibt es ein enges Regelkorsett,

das den Unternehmen bisweilen eine Kofinanzierung

durch Wissenschaftseinrichtungen

vorschreibt.

Gegenwind kommt aber auch von den

aufstrebenden Volkswirtschaften in Fernost.

Vor allem aufgrund der westlichen

Bildungssysteme, die im Unterschied zu

Der Markt für

Wagniskapital

wächst nur unterdurchschnittlich

Asien stark auf Kreativität setzen, werden

deutsche Mittelständler ihren Vorsprung

zunächst noch halten können. Doch der

Druck wird zwangsläufig zunehmen.

Karl Knezar steht in einer Fabrikhalle am

Stadtrand von Stuttgart. Neben ihm hängen

an hohen Eisenständern frisch produzierte

graue, blaue und orangefarbene Kabel.

Zusammen mit zwei weiteren Ingenieuren

tüftelt der Maschinenbautechniker

zurzeit an neuartigen Ladekabeln für

Elektroautos. Knezar arbeitet für das Unternehmen

Lapp, einen Hersteller anspruchsvoller

Kabel, die bisher unter anderem

im Maschinen- und Anlagenbau verwendet

werden. Ende der Fünfzigerjahre

hatte Oskar Lapp mit einer Handvoll Mitarbeitern

das Unternehmen gegründet. Heute

lenkt Sohn Andreas die Geschicke der

Firma mit etwa 3100 Mitarbeitern und

einem Umsatz von fast 900 Millionen Euro.

Die Elektromobilität soll das große Thema

des Unternehmens aus Stuttgart-Vaihingen

werden, und Knezar und seine zwei

Kollegen spielen die Schlüsselrollen. Siebenstellige

Beträge investiert Lapp in die

Entwicklung hochmoderner Ladekabel.

Erste Erfolge können die Stuttgarter inzwischen

vorweisen. Knezar entwickelte einen

Mechanismus, der den Ladevorgang bei

»

FOTO: CHRISTOF MATTES FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

76 Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche

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Spezial | Mittelstand

Noch fließt das Geld...

Aufwendungen fürForschung und

Entwicklunginmittelständischen

Unternehmen (inMillionen Euro)

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2007

2008 2009 2010 2011

Quelle:Stifterverband fürdie Deutsche Wissenschaft

einem E-Auto automatisch unterbricht,

wenn der Stecker zu heiß wird.

Wichtig ist dies vor allem, wenn der Fahrer

sein E-Auto an herkömmlichen –

schlimmer noch: veralteten – Steckdosen

auflädt. Die lassen Kabel und Stecker oft zu

stark erhitzen oder fangen sogar Feuer.

Knezars Neuentwicklung kann unterscheiden

zwischen Hitze, die von außen wirkt

wie zum Beispiel Sonnenlicht, und gefährlicher

Wärme, die im Stecker entsteht. Die

Wunderkabel verkauft Lapp bereits an einen

großen deutschen Autohersteller, der

vor Kurzem mit viel Tamtam ein neues

Elektroauto auf den Markt gebracht hat.

Mit solchen Neuentwicklungen werde

Deutschland noch eine Zeit lang seinen

Vorsprung gegenüber Asien halten können,

glaubt Michael Collet, Geschäftsführer

bei Lapp und zuständig für Innovationen.

Die Stuttgarter beschäftigen am

Stammsitz rund 80 Entwickler. Dazu

kommt eine ausgegliederte Abteilung in

Zug in der Schweiz, wo Lapp Grundlagenforschung

betreibt. Zwischen drei und fünf

Prozent seines Umsatzes steckt das Unternehmen

in Forschung und Entwicklung.

Mittelfristig allerdings werde der Druck aus

Fernost massiv zunehmen, glaubt Collet

und verweist auf die rasch steigende Zahl

chinesischer Patente und die geballte Finanzkraft

Pekings.

SUCHE NACH ALTEN TUGENDEN

„Die Entwicklung verläuft dort ähnlich wie

vor drei Jahrzehnten in Südkorea“, sagt Collet.

Die Koreaner hätten auch zunächst

Technologien aus dem Ausland eingesetzt

und diese dann weiterentwickelt, oftmals

so, dass sie sie preisgünstiger anbieten

konnten. Mit Blick auf die Konkurrenz aus

...und die Zahl der Tüftler steigt

Personal fürForschung undEntwicklung

in mittelständischen Unternehmen

(Vollzeitstellen,inTausend)

73,5

2007

76,0

77,7

2008 2009 2010 2011

Quelle:Stifterverband fürdie Deutsche

Wissenschaft

79,9

88,4

Asien wünscht man sich bei Lapp eine

Rückbesinnung auf alte Tugenden bei der

Schulbildung. „Früher war das alles straffer

und disziplinierter“, sagt Collet.

Um die Engpässe beim Nachwuchs zu

überbrücken, helfen sich viele Mittelständler

inzwischen selbst und investieren mehr

in Aus- und Fortbildung. Der Kabelhersteller

Lapp etwa ködert Talente mit Traineeprogrammen,

die die jungen Leute zum

Teil in ausländischen Niederlassungen absolvieren.

Vielversprechenden Auszubildenden

finanzieren die Stuttgarter nach

Abschluss der Lehre ein Studium an einer

dualen Hochschule, die früher Berufsaka-

Deutschlands Vorsprung

gegenüber

Asien wird schnell

kleiner werden

demie hieß und die den Unternehmen die

Weiterbeschäftigung des Kandidaten während

der Uni-Zeit ermöglicht.

Für Mittelständler sind dies willkommene

Einrichtungen, um talentierte junge

Leute zu halten. Zwischen 65 und 70 Azubis

beschäftigt der Büromöbelhersteller

Sedus Stoll. Wer mit der Abschlussnote

über dem Durchschnitt liegt, dem macht

der Mittelständler aus dem Schwarzwald

ein Übernahmeangebot. Wer deutlich darüber

liegt, kann auf Kosten des Unternehmens

an der dualen Hochschule in Lörrach

studieren.

Doch genauso wichtig wie Hochschulabsolventen

seien gut ausgebildete Facharbeiter,

sagt Andreas Lapp, Vorstandsvorsitzender

des Unternehmens. „Ein deutscher

Meisterbrief ist oft genauso viel wert wie

ein Master in anderen Ländern.“

Experten fordern zur Überwindung des

Fachkräftemangels allerdings viel breiter

angelegte Maßnahmen. Der Essener Stifterverband

für die Deutsche Wissenschaft,

der eng mit der Wirtschaft zusammenarbeitet,

setzt etwa auf Zuwanderer aus dem

Ausland. Allerdings beklagt der Verband,

dass die Politik immer noch nicht klar definiert

hat, wie sie durch gezielte Zuwanderung

Engpässe überwinden will.

ABSCHRECKENDE FÖRDERUNG

Die Expertenkommission Forschung und

Innovation (Efi), die die Bundesregierung

berät, fordert, die Politik müsse Frauen den

Weg in mathematische, naturwissenschaftliche

und technische Berufe erleichtern.

In ihrem jüngsten Gutachten schlägt

die Kommission eine Frauenquote für

Führungspositionen in Wissenschaft und

Wirtschaft vor. Gleichzeitig müssten sich

die Schulen stärker darum bemühen, bei

den Schülerinnen das Interesse an technischen

und naturwissenschaftlichen Fächern

zu wecken.

Bei der Finanzierung fordern sowohl das

IW als auch der Stifterverband seit Langem

eine steuerliche Abzugsfähigkeit von Forschungsausgaben,

wie es sie in vielen europäischen

Ländern bereits gibt. Damit werde

vor allem den kleinen Unternehmen geholfen,

die vor der Antragsbürokratie bei

öffentlichen Fördertöpfen zurückschrecken.

Im schwarz-gelben Koalitionsvertrag

war die steuerliche Förderung festgeschrieben,

kam aber nie. Die Hoffnung der

Unternehmen richtet sich nun auf die

künftige Bundesregierung.

Darüber hinaus verlangen Fachleute, es

müssten endlich vernünftige rechtliche

und steuerliche Rahmenbedingungen geschaffen

werden, um Finanzierungen

durch Beteiligungskapital zu erleichtern.

Allerdings muss sich der Mittelstand

auch an die eigene Nase fassen, wenn er

mangelnde Finanzierungsmöglichkeiten

beklagt. Die Autoren des jüngsten ZEW-

Papiers zu Innovationshemmnissen bei

kleinen und mittleren Unternehmen etwa

sparen nicht mit Kritik. Die Unternehmen

müssten bestehende Informationsangebote

besser nutzen und auch „den Auftritt am

Kapitalmarkt professionalisieren“. n

matthias.kamp@wiwo.de | München

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Spezial | Mittelstand

Kleine Pillen, dicke Bretter

MASCHINENBAU | Wie der westfälische Tüftler Lorenz Bohle sein Unternehmen zu einem

Weltmarktführer in der Pharmatechnik gemacht hat.

Dröhnende Stimme, kräftiger Händedruck,

breite Schultern: Bei einem

Casting für die Rolle eines westfälischen

Firmenpatriarchen würde Lorenz

Bohle wahrscheinlich alle Mitbewerber

ausstechen. Der Hüne entspricht ganz

dem Bild eines konservativen Familienunternehmers

aus dem Münsterland. Doch

Bohle spielt keine Filmrolle, er ist mit

seinem Unternehmen L.B. Bohle einer der

erfolgreichsten Mittelständler Deutschlands.

Bohle hat es geschafft, seinen Ein-Mann-

Betrieb zu einem der weltweit führenden

Hersteller von Maschinen für die Tablettenproduktion

zu machen, der heute mit

230 Mitarbeitern jährlich 46 Millionen

Euro umsetzt. Das Erfolgsgeheimnis des

Unternehmers liegt in der Mischung aus

Tüftlergeist, Qualitätsbesessenheit und

Marktgespür.

ZU TEURE PATENTE

Dabei denkt der Bauernsohn während des

Studiums und zu Anfang seiner Laufbahn

als Ingenieur noch nicht ans Unternehmertum.

Doch früh schon kommt es zu

Spannungen mit seinen Arbeitgebern wegen

der Verwertung von Patenten für von

Bohle entwickelte Verfahren. Sein erster

Arbeitgeber, ein Akku-Hersteller, verweigert

nach sechsjähriger Entwicklung die

Anmeldung eines Patentes, weil er nach

Innovativer

Ingenieur

Unternehmer

Bohle startete

mit einem

eigenen Patent

»Wir sind ein

Familienunternehmen

und denken

nicht in Vierteljahreszyklen«

Lorenz Bohle

dem Arbeitnehmererfindergesetz viel Geld

hätte zahlen müssen.

Beim zweiten, einem mittelständischen

Lohnfertiger für die Pharmaindustrie, meldet

Bohle nach und nach mehrere Patente

an. Als er Ende Dezember 1981 mit einer

weiteren Neuentwicklung zu seinem Chef

kommt, stellt der ihm frei, das Patent – ein

Verfahren zur Kontrolle der Dicke von Tabletten

– selbst zu nutzen. Man sei ja Pharmazeut

und kein Maschinenbauer. Nach

dem Gespräch geht Bohle nach Hause und

sagt zu seiner Frau: „Mädchen, jetzt müssen

wir entweder den Kopf einziehen oder

etwas riskieren.“

Die beiden entscheiden sich für das Risiko.

Sein Chef kann nicht glauben, dass er

kündigen will. Über neun Jahre hatten die

beiden gemeinsam die anfangs völlig veraltete

Produktion auf Vordermann gebracht.

Jetzt sei es doch an der Zeit, die Früchte der

durchgearbeiteten Nächte zu genießen.

„Sie verwechseln da etwas“, antwortet Bohle,

„ich bin 41, nicht 61 Jahre alt.“

Damit ist die Entscheidung unumkehrbar.

Bohle mietet ein Konstruktionsbüro

und eine Versuchswerkstatt. Zunächst lässt

der frischgebackene Gründer seine Maschinen

für die Tablettenherstellung

fremdproduzieren. Die Hälfte der Zeit arbeitet

er am Zeichentisch und in der Testwerkstatt;

den Rest der Zeit ist er unterwegs,

um seine Anlagen zu verkaufen. Das

Geschäft läuft von Anfang an besser als erwartet.

Einer seiner frühen Kunden ist trotz

der Trennung sein ehemaliger Arbeitgeber.

Der Durchbruch kommt nach vier Jahren,

als es Bohle gelingt, als Zulieferer eine

Anlage zur Penicillinherstellung beim

Pharmariesen Bayer so zu modernisieren,

dass sie staubfrei wird. „Damit hatten wir

eine erstklassige Referenz“, sagt Bohle.

Er entschließt sich, die Fertigung selbst

in die Hand zu nehmen und eine Fabrik zu

bauen. Zwischen 1987 und 1994 steigt die

Zahl der Mitarbeiter von 20 auf 100. Jahre

mit einem Wachstum von 50 Prozent sind

nicht ungewöhnlich.

Einer der wichtigsten Umsatztreiber ist

der Bohle Film Coater. Diese Maschinen

beschichten Tabletten von außen mit einem

Wirkstoff, statt diesen wie sonst im Inneren

der Pille zu platzieren.

Ein amerikanischer Interessent kam vor

neun Jahren zu Bohle mit der Vorgabe der

dortigen Arzneimittel-Zulassungsbehörde

FDA, wonach die Streuung beim Gewicht

des Wirkstoffes von Pille zu Pille nur drei

Prozent betragen dürfe. Bohle blieb unter

dem Grenzwert und bekam den Auftrag.

Selbst der beste Wettbewerber konnte nur

Abweichungen von sechs Prozent garantieren.

Heute macht Bohle ein Drittel des Umsatzes

in den USA. „Ich wusste von anderen

Unternehmern, wie schwer der Markteintritt

dort ist“, sagt Bohle, „aber ich bohre

gern dicke Bretter.“ Nach der Gründung

1990 braucht seine amerikanische Niederlassung

drei Jahre, bis sie ihr erstes Geld

verdient. Für Bohle kein Problem: „Wir

FOTOS: PR (2)

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sind ein Familienunternehmen und denken

nicht in Vierteljahreszyklen.“

In den vergangenen drei Jahren hat Bohle

seinen Betrieb gleich mehrfach erweitert.

Während andere Maschinenbauer

nach dem Katastrophenjahr 2009 zwei

oder drei Jahre brauchen, bis die Umsätze

wieder auf Vorkrisenniveau sind, fährt

Bohle schon im Jahr nach der Krise wieder

am Limit. Im April 2011 beginnt Bohle mit

der drei Millionen Euro teuren Erweiterung

des Zweitstandortes in Sassenberg,

wenige Kilometer vom Stammwerk in Ennigerloh

entfernt. Sechs Monate später

sind Konstruktionsbüros und Fertigungsstätten

in Betrieb.

KAPAZITÄTEN VERDOPPELT

Wenige Wochen nach der Einweihung

kauft Bohle 20 000 Quadratmeter Bauland

in der Nähe des Stammsitzes, um die dortigen

Kapazitäten zu verdoppeln. Die Produktion

soll in Kürze anlaufen. Im Frühjahr

hat der Unternehmer zudem mit dem Bau

eines neuen Test- und Technologiezentrums

in Ennigerloh begonnen. Insgesamt

investiert Bohle in die drei Objekte mehr

als elf Millionen Euro.

High Tech von 1981 Bohle (links) und der von

ihm entwickelte Kontrollautomat für Tabletten

Ist der Patron größenwahnsinnig geworden?

Endet der Höhenflug mit einer

Bruchlandung? „Wir brauchen diese Erweiterungen

dringend“, antwortet Bohle

auf kritische Fragen zu seinem Investitionstempo.

„Wir platzten zuvor aus allen

Nähten.“ Bohle verweist auf das Auftragspolster,

das für zehn Monate reicht, und auf

die Eigenkapitalquote von über 50 Prozent.

In den kommenden vier Jahren erwartet

der gelernte Maschinenschlosser und

studierte Maschinenbau-Ingenieur ein

durchschnittliches jährliches Wachstum

von 20 Prozent. Rund 80 Prozent des Bohle-Geschäfts

kommen heute aus dem Ausland.

„Begriffe wie Zuverlässigkeit, Qualität

und Effizienz stehen nicht nur für die Maschinen,

sondern auch für die Dienstleistungen“,

fasst Hans-Georg Feldmeier, Geschäftsführer

des Pharmaherstellers Mibe

aus Brehna in Sachsen-Anhalt, seine Erfahrungen

mit Unternehmen und Gründer

Bohle zusammen.

Der inzwischen 74-Jährige bereitet seinen

Wechsel in den Beirat vor. Sohn Armin

ist 40 Jahre alt und seit zehn Jahren im Unternehmen,

derzeit als technischer Leiter.

2014 soll eine Lösung für die Nachfolge

und die künftige Geschäftsführung gefunden

werden. Den Beirat hat Bohle schon

2011 gegründet, damit die Mitglieder beim

Übergang eingearbeitet sind. Bohle, der als

Mittsechziger durchgehen würde, will sich

nicht mit einem Leben im Ohrensessel begnügen,

sondern seine Rolle im Beirat aktiv

gestalten: „Ich werde mit vollem Herzen

dabei sein, aber ich will nicht mehr die alleinige

Verantwortung tragen.“

n

lothar schnitzler | unternehmen@wiwo.de

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Spezial | Mittelstand

Flott unterwegs

Designer Boehm

sucht ständig nach

neuen Formen für

Zweiräder

Impulse von außen

OUTSOURCING | Um effizienter und flexibler arbeiten zu können,

lagern immer mehr Mittelständler Entwicklungsprojekte aus.

Jesko Boehm schaut auf seinen Bildschirm:

Dreidimensionale, sich drehende

Fahrradrahmen sind zu sehen.

„Wir müssen einen Rahmen entwickeln für

ein neues E-Bike“, sagt Boehm. „Es soll

nicht wuchtig wirken, eher sportlich.“

Der Produktdesigner des Hamburger

Fahrradherstellers Bergamont sucht nach

neuen Formen. Das Unternehmen, das vor

20 Jahren nur mit Fahrrädern handelte, ist

inzwischen auch ein florierender Produzent

mit 60 Mitarbeitern und 28 Millionen Euro

Umsatz. Zweiräder sind in urbanen Zentren

wie der Hansestadt beliebt. Städter greifen

dafür tief ins Portemonnaie. Seit ein paar

Jahren hat Bergamont auch Pedelecs im Angebot,

das sind Fahrräder mit Elektromotor.

„Die Nachfrage wächst seit etwa fünf Jahren

kontinuierlich“, sagt Boehm. Doch die Fans

elektrischer wie konventioneller Räder erwarten

Jahr für Jahr Innovationen. Bei Bergamont

kümmern sich zehn Mitarbeiter um

neue Entwicklungen. Zusätzlich holen sich

die Hanseaten Ideen vom Industriedesign-

Unternehmen Teams Design mit Hauptsitz

in Esslingen: „Wir brauchen Impulse von

außen“, konstatiert Boehm, „die technische

Umsetzung danach können wir selbst.“

HILFE VOM DIENSTLEISTER

Damit ist Bergamont in guter Gesellschaft.

Immer mehr Konzerne, aber auch Mittelständler

übertragen große Teile ihrer Entwicklungsbudgets

teilweise oder sogar

komplett an externe Dienstleister. Der

Markt für Technologieberatung und Ingenieurdienstleistungen

in Deutschland hat

heute ein Volumen von 8,5 Milliarden Euro,

so eine Studie des in Kaufbeuren ansässigen

Marktforschers Lünendonk (siehe Grafik

Seite 84). Lünendonk listet jedes Jahr die 25

größten Anbieter auf, darunter Bertrandt,

IAV, Ferchau, Altran und MBtech.

„Der hohe Innovationsdruck, komplexe

Technologien, verbunden mit kurzen Innovationszyklen,

sowie eine limitierte Zahl

an internen Ingenieuren verstärken die

Nachfrage nach externen Entwicklungsdienstleistungen“,

sagt Studienautor Hartmut

Lüerßen. Größter Auftraggeber ist die

Automobilindustrie, gefolgt von der Luftund

Raumfahrtbranche.

Der Hamburger Teams-Design-Geschäftsführer

Ulrich Schweig übernimmt

nicht nur Entwicklungsaufgaben für Bergamont.

Das international tätige Unternehmen,

das mit 30 Mitarbeitern 3,2 Millionen

Euro umsetzt, liefert Kreativ- und Strategieberatung

in unterschiedlichen Planungs-

und Umsetzungsstadien.

So werden die Industriedesigner auch

zu Rate gezogen, wenn die Technik be-

»

FOTO: PR

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Spezial | Mittelstand

»

reits da ist, ein ausgereiftes Produkt aber

noch fehlt. Bosch kam mit einem Fahrrad-

Elektromotor zu Teams Design, um ihn

marktreif zu entwickeln. Die Hanseaten erarbeiteten

mit Bosch ein Konzept, um das

Unternehmen zum Komponentenlieferanten

für E-Bike-Hersteller zu machen.

Heute ist Bosch mit 30 Prozent Marktanteil

ein führender Teilelieferant im E-Bike-

Geschäft.

Auch Bode Chemie holt sich Hilfe von

außen. Seit 90 Jahren stellen die Hamburger

Mittel zur Desinfektion, Hygiene und

zum Hautschutz her. Die rund 400 Produkte

des Mittelständlers mit einem Umsatz

von zuletzt rund 100 Millionen Euro sollen

Keime und Bakterien töten und Infektionen

verhindern. Das Unternehmen arbeitet

bei der Forschung mit dem ortsansässigen

öffentlichen Centrum für Angewandte

Nanotechnologie (CAN) zusammen.

Gemeinsam erforschen die Partner neue

Methoden, um unterschiedliche Oberflächen

wie Tischplatten oder PC-Bildschirme

einfacher zu desinfizieren. „Wir sehen

uns als verlängerte Forschungs- und Entwicklungsbank

der Wirtschaft“, sagt Frank

Schröder-Oeynhausen, Geschäftsführer

des Gemeinschaftsprojektes, das als öffentlich-private

Partnerschaft geführt wird.

Die Betriebe kämen meistens schon mit

relativ konkreten Produktideen auf das

CAN zu, sagt er. Gemeinsam definiere man

dann die notwendigen Forschungs- und

Entwicklungsschritte. Entsteht am Ende

ein marktfähiges Produkt, erhält das CAN

häufig eine Gewinnbeteiligung.

SCHNELLER AUF DEN MARKT

Bode-Chemie-Forschungsleiterin Barbara

Krug lobt das professionelle Projektmanagement

und den ausgeprägten Forschergeist

der externen Wissenschaftler: „Durch

die Ausgliederung einiger F&E-Aktivitäten

werden viele Prozesse beschleunigt, und

wir können schneller mit neuen Produkten

auf den Markt kommen.“

Neben der Geschwindigkeit gibt es noch

andere Gründe für den zunehmenden

Trend zum Outsourcing. Bei vielen Mittelständlern,

insbesondere technisch orientierten,

sind Fachkräfte knapp.

So braucht etwa Klaus Onderka, Prokurist

bei Salzbrenner Stagetec Mediagroup,

einem Unternehmen mit 260 Mitarbeitern

aus dem fränkischen Buttenheim, dringend

Ingenieure für neue Entwicklungsprojekte.

Doch der Arbeitsmarkt ist leer gefegt.

Salzbrenner Stagetec hat gerade das

Opernhaus in Sydney und das Bolschoi

Konstruieren, programmieren, projektieren

Ingenieurdienstleister Ferchau und seine

Mitarbeiter unterstützen Mittelständler

Hilfe für den Mittelstand

Umsatzentwicklungbei den 25 führenden

deutschenTechnologieberaternund

Ingenieurdienstleistern (inProzent, im

Vergleichzum Vorjahr)

10,8 10,1

–4,6

15,9

14,8

2008 2009 2010 2011 2012

Quelle:Lünendonk Marktforschung

Theater in Moskau mit professioneller

Ton- und Videotechnik sowie speziellen

Signalanlagen für Theater ausgestattet.

„Solche Großaufträge sind für uns ohne externe

Dienstleister nicht zu schaffen“, sagt

Onderka.

2012 hat sein Unternehmen 60 Millionen

Euro umgesetzt. Die Franken entwerfen für

Kunden rund um den Globus maßgeschneiderte

hochwertige Audio- und Video-Lösungen,

die hauptsächlich in

Opernhäusern, Sportstadien und Fernsehstationen

zum Einsatz kommen.

Seit zehn Jahren arbeitet Onderka regelmäßig

mit Ingenieuren des Gummersbacher

Dienstleisters Ferchau Engineering

zusammen. Für die Arbeiten in Australien

benötigte Onderka 16 externe Fachkräfte:

„Federführend bei den Projekten bleiben

aber immer unsere eigenen Mitarbeiter.“

Die Angst in mittelständischen Chefetagen,

Kernkompetenzen nach draußen zu

geben, kennt Frank Ferchau. Er führt mit

mehr als 5700 Mitarbeitern in über 60 Niederlassungen

einen der größten deutschen

Dienstleister für Engineering und Outsourcing.

2012 lag der Umsatz bei 430 Millionen

Euro. Seine Spezialisten arbeiten vor allem

für Mittelständler aus Autoindustrie, Maschinenbau

und Luftfahrt: „Wir entwickeln,

konstruieren, projektieren – kurz:

unterstützen den Kunden in allen Bereichen

des Engineerings“, sagt Ferchau.

Neben den Dienstleistungen wie bei

Salzbrenner Stagetec, bei dem die Fachkräfte

des Dienstleisters zum Kunden kommen

und ihn bei Projekten unterstützen,

bearbeitet das Unternehmen auch ganze

Auftragspakete in den eigenen Büros.

KOSTEN DRÜCKEN

Solche Kooperationen funktionieren aber

auch in umgekehrte Richtung. Das Karlsruher

Institut für Technologie (KIT) beispielsweise,

das zur Helmholtz-Gemeinschaft

gehört, holt sich Rat in der Wirtschaft.

Olaf Wollersheim, Projektleiter am

KIT, und seine Forscherkollegen wollen

mit ihrem Projekt Competence E die Kosten

für die Produktion von Lithium-Ionen-

Batterien drücken. Darum beauftragten sie

den Anlagenbauer M+W Group aus Stuttgart,

der zuletzt auf einen Jahresumsatz

von 2,5 Milliarden Euro kam, mit dem Bau

eines Trockenraums, in dem Lithium-

Ionen-Akkus gebaut werden können.

Seit ein paar Wochen ist der Raum fertig.

„Durch die Kooperation haben wir eine

enorme Qualität erreicht“, sagt Wollersheim.

„Unsere Messgeräte sind an der unteren

Grenze ihres Messbereichs angelangt,

es ist fast keine Luftfeuchtigkeit

mehr feststellbar.“ Das seien optimale Voraussetzungen

für die Herstellung von

Stromspeichern.

„Die Kooperation gibt uns die Möglichkeit,

unsere Entwicklungsergebnisse direkt

in neue Fabrikkonzepte für die Batterieherstellung

einfließen zu lassen und damit

weltweit zu vermarkten“, sagt Andreas

Gutsch, Koordinator des Projekts am KIT.

Und auch der Dienstleister profitiert: „Gemeinsam

werden wir schneller zu neuen

Möglichkeiten der Kostensenkung in der

Batterieproduktion unserer Kunden kommen“,

sagt Jürgen Wild, Vorsitzender der

Geschäftsführung bei M+W.

Es gibt aber auch Grenzen für Outsourcing.

So würde Bergamont-Fahrraddesigner

Boehm auf keinen Fall die Projektleitung

aus der Hand geben. „Das Briefing

muss immer unsere Aufgabe bleiben.

Wir müssen den Überblick behalten.“ n

anja steinbuch | unternehmen@wiwo.de

FOTO: PR

84 Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche

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Spezial | Mittelstand

Von Menschen und

Prozessen

DEKRA-AWARD | Die Auszeichnungen für wegweisende Konzepte

im Bereich Umwelt und nachhaltige Personalpolitik gehen an zwei

mittelständische Unternehmen.

„Es gibt bei uns nicht nur Friede, Freude,

Eierkuchen. Aber bei allem Zeit- und Leistungsdruck

versuchen wir ein Umfeld zu

schaffen, das es den Mitarbeitern erlaubt,

ihre maximale Leistung zu bringen, ohne

sich dabei zu verausgaben“, erklärt Orthaus

die Arbeitsphilosophie des Hauses.

Das Konzept trägt Früchte. Vanderlande

Industries, die deutsche Softwaretochter

des gleichnamigen niederländischen Maschinenbaukonzerns

mit einem Umsatz

von rund 750 Millionen Euro, ist nicht nur

wiederholt als beliebtester Ausbildungsbetrieb

im Ruhrgebiet ausgezeichnet worden.

Für seine nachhaltige Personalpolitik wurde

der Mittelständler aus Dortmund jetzt

auch mit dem Dekra-Award in der Kategorie

Gesundheit geehrt:„Die Firma“, heißt es

in der Laudatio der Jury, „hat ein ganzheitliches

Konzept eingeführt, welches die aktive

Suche nach Nachwuchskräften beinhaltet.

Zudem misst das Unternehmen mit

innovativen Methoden regelmäßig die

Auslastung der Mitarbeiter, fördert sportliche

Aktivitäten und sorgt mit einem Gesundheitskonzept

dafür, dass die Mitarbeiter

eine gute Work-Life-Balance finden.“

Gesundes Arbeitsklima

Das Softwareunternehmen

Vanderlande sorgt

für stressfreie Meetings

Sechs Wochen ist noch Zeit, dann

muss das Programm für den Kunden

geschrieben und getestet sein. Eine

große Supermarktkette am anderen Ende

der Welt – der Kunde legt Wert auf Diskretion

– hat am Rande einer Millionenstadt ein

Kühlhaus gebaut, in dem Fleisch reifen

soll. Stücke von Rind, Schwein und Lamm

werden hier in koffergroße Transportbehälter

gepackt und von automatisch arbeitenden

Fördersystemen im Hochregallager

verstaut – um Stunden oder Tage später in

der benötigten Menge hervorgeholt und in

einer Fleischfabrik für den Verkauf portioniert,

filetiert oder verwurstet zu werden.

Vor Inbetriebnahme der Anlage sind im

fernen Dortmund noch etliche Fragen für

die Steuerungssoftware zu klären: Wie viel

Material kommt im Kühlhaus täglich an?

Und wie stapelt man die Ware so, dass sie

nicht nur wenig Platz beansprucht, sondern

auch nach Frischegrad sortiert ist?

Außerdem sollte die Software auch Lieferdaten

aus dem Schlachtbetrieb verarbeiten

können – Wunsch des Kunden ist eine

durchgängige Informationskette.

Stress ist bei der Teambesprechung der

Softwareentwickler von Vanderlande Industries

dennoch nicht zu spüren. Es wird

geflachst, es wird gelacht, Mandarinen

werden gepellt – um dann wieder konzentriert

am nächsten Detail des Kommissionierungssystems

zu feilen.

STÖRFAKTOREN GESUCHT

Zwischendurch findet einer der jungen

Mitarbeiter sogar noch Zeit für eine wöchentliche

Routine – das Feedback-Gespräch

mit seinem Vorgesetzten Frank Orthaus.

Dieser möchte von ihm hören, ob aktuell

möglicherweise irgendwelche Faktoren

eine effektive Arbeit stören oder verhindern.

Lange braucht das Gespräch

nicht: Schon nach einer Viertelstunde brütet

der Entwickler wieder über dem Kühlhaus-Projekt.

FRÜCHTEKÖRBE FÜR ALLE

Der Kopf hinter der preisgekrönten Initiative

ist Bodo Schlenker. Der Elektrotechnik-

Ingenieur leitet seit 2008 das operative Geschäft.

Software aus Dortmund steuert die

Abläufe in automatisierten Lagerhäusern

in aller Welt, aber auch Gepäckfördersysteme

an Großflughäfen wie Berlin.

Das Geschäft brummt: Der Internet-

Handel lässt überall neue Warenverteilzentren

emporwachsen – und sorgt dafür,

dass bei Vanderlande Industries die Arbeit

nicht ausgeht und wohl auch 2014 neue

Kräfte eingestellt werden müssen. Nur ist

das Unternehmen außerhalb der Branche

und des Dortmunder Technologieparks

kaum bekannt. Um neue Mitarbeiter zu gewinnen

und wertvolle Kräfte zu halten, hat

Schlenker ein Bündel von Maßnahmen

entwickelt, die für ein gutes Arbeitsklima

und einen außergewöhnlich niedrigen

Krankenstand von unter zwei Prozent sorgen.

Auf allen Fluren und in allen Konferenzräumen

stehen Obstkörbe für die 200 Mitarbeiter.

Es gibt Sportaktivitäten, Healthand-Safety-Schulungen

sowie eine regelmäßige

Überprüfung der Arbeitsplätze

durch die Berufsgenossenschaft. Wöchentliche

Feedback-Gespräche mit den Führungskräften

und Resilienzprogramme sollen

verhindern, dass im Projektgeschäft

FOTO: DOMINIK ASBACH FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, PR

86 Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche

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der Stress überhandnimmt. E-Mails an Urlauber

sind genauso verpönt wie Anrufe

bei Beschäftigten außerhalb der Arbeitszeiten

– Notfälle ausgenommen. Schlenker:„Wir

verstehen uns hier als Kollektiv, in

dem sich jeder um den anderen kümmert.“

Probleme erkennen, noch ehe sie entstehen,

und Lösungen unbürokratisch und in

Eigeninitiative entwickeln: Diese Geschäftsphilosophie

eint Vanderlande Industries

mit dem zweiten Preisträger des

Dekra-Awards, die Fritz-Gruppe aus Heilbronn.

Das familiengeführte mittelständische

Speditionsunternehmen – Jahresumsatz

2012: 69,3 Millionen Euro – überzeugte

die Jury in der Kategorie Umwelt mit einem

umfassenden Klimaschutz-Programm.

„Als zukunftsorientiertes Logistikunternehmen

und im Interesse künftiger Generationen

stehen wir vor der Herausforderung,

ökologische und ökonomische Notwendigkeiten

intelligent miteinander zu

verknüpfen“, erklärt Geschäftsführer Wolfram

Fritz seine Motivation, das 1938 gegründete

Transportunternehmen auf

„Green Logistics“ zu trimmen.

So senkte eine neue Lkw-Waschanlage

den jährlichen Wasserverbrauch um mehr

Mit Eco-Fahrtraining in die Zukunft

Spediteur Fritz setzt auf Umweltschutz

als 27 Prozent, ein aufwendiges Abfallmanagement

die im Betrieb anfallende Restmüllmenge

um fast 30 Prozent. Fotovoltaikmodule

über der Laderampe sollen in

diesem Jahr rund 120 000 Kilowattstunden

Strom erzeugen und damit den Energieverbrauch

bei Lagerhaltung und in der Verwaltung

deutlich senken. Der Sonnenstrom

wird unter anderem dazu genutzt,

um die elektrisch betriebenen Gabelstapler

auf dem Werksgelände zu laden.

Die größten Fortschritte, berichtet der

Umweltbeauftragte Andreas Nohe, seien

im Fuhrpark erzielt worden. Die Fritz-

Gruppe, die unter anderem Autoteile, Lebensmittel,

Chemikalien und Flüssigmetalle

transportiert, setzt im internationalen

Verkehr über 100 Lastzüge ein. Das

Gros der Trucks erfüllt die Schadstoffnorm

Euro 5, zwei nagelneue Zugmaschinen

von Scania sogar die nochmals strengere

Euro-6-Norm. Um die Flotte effektiv

nutzen zu können, hat Geschäftsführer

Fritz ein Telematiksystem installieren lassen.

Damit werden sämtliche Fahrten

haarklein dokumentiert.

Und Nohe hat alle Kraftfahrer zum Eco-

Intensiv-Training geschickt. Wie er andeutet,

hatten einige der altgedienten Trucker

anfangs Mühe, sich mit den „neumodischen“

Fahrtechniken anzufreunden. Inzwischen

lässt sich der Erfolg der Schulung

mit Tankquittungen belegen: Der

Spritverbrauch sank in drei Jahren um fast

ein Drittel auf unter 30 Liter pro 100 Kilometer.

Unter dem Strich stand eine

Ersparnis von fast 700 000 Liter Diesel.

Nohe: „Fragen nach dem Sinn der Schulungen

werden inzwischen nicht mehr

gestellt.“

n

franz.rother@wiwo.de

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Technik&Wissen

Erste Wahl

MOBILFUNK | Bester Klang, Datenturbo beim mobilen Online-Zugriff oder ein ausgewogener

Mix aus Sprache und Daten – Geschäftskunden haben ganz unterschiedliche

Anforderungen an ihr Handynetz. Der exklusive Business-Check der WirtschaftsWoche und

des Fachmagazins „Connect“ zeigt, welches Mobilfunknetz für wen am besten passt.

Top oder Flop? Wenn die Experten

vom Stuttgarter Mobilfunkmagazin

„Connect“ alljährlich

im Dezember ihren Netztest publizieren,

ist das für die Technikchefs

von Deutscher Telekom, Vodafone,

Telefónica O2 oder E-Plus immer ein wenig

wie der Besuch vom Nikolaus: Wo die Netze

schwächeln, setzt es verbale Haue – erst

von „Connect“, dann vom Vorstand.

Für die Sieger aber gibt es Süßes, Lob für

die Qualität, die sich erfolgreich bewerben

lässt: „Deutschlands bestes Netz“ – der renommeeträchtige

Titel, den die Deutsche

Telekom in diesem Jahr zum dritten Mal in

Folge erringt, zählt am Markt. Und doch ist

das Urteil über alle Technikdisziplinen,

von der Dauer beim Gesprächsaufbau von

Telefonaten bis zur Zahl der Ruckler beim

mobilen YouTube-Konsum, für viele Kunden

weniger wichtig, als es scheint. Das gilt

speziell für Geschäftsleute.

Deren Jobs sind heute ohne Handy zwar

kaum mehr denkbar. Doch ob Managerin

oder Monteur, Sozialarbeiterin oder Servicetechniker,

alle haben ganz unterschiedliche

Anforderungen ans Funknetz:

Bester Klang, höchstes Tempo bei Daten,

ein ausgewogener Mix oder ein optimales

Preis-Leistungs-Verhältnis – was für den einen

zählt, ist für den anderen Nebensache.

FOKUS AUF GESCHÄFTSKUNDEN

Auch in diesem Jahr hat die Wirtschafts-

Woche daher auf Basis der von „Connect“

zur Verfügung gestellten Daten eine exklusive

zweite Analyse erstellt und so die optimalen

Business-Netze ermittelt – jeweils

ausgerichtet an den Bedürfnissen von vier

typischen Geschäftskunden: Denn das im

Wähler-Votum

Stärken-und-Schwächen-Profil der

deutschen Netzbetreiber, gemessen in

Prozent der optimalen Versorgungsqualität

Telefonie

Ballungsraum

Telefonie Land/

Autobahn

Daten

Ballungsraum

Daten Land/

Autobahn

Gesamturteil

(gewichtet)

Telekom Vodafone

89

81

96

90

91

Quelle: Connect, P3 Communications,

eigene Berechnungen

Durchschnitt beste Netz ist nicht für jeden

Nutzertyp die beste Wahl. Für manchen

passt das Angebot der Konkurrenz besser.

Basis der Bewertung sind 16 000 Testanrufe,

100000 Web-Seiten-Abrufe und 40000

Dateiübertragungen via Handy oder Tablet.

Die Experten des „Connect“-Messpartners

P3 Communications haben die Daten auf

Tausenden Kilometern Testfahrten durch

die Republik erfasst – von Aachen bis Dresden

und von München bis Kiel.

Viele Gigabyte an Messwerten zur Stabilität

und Leistungsfähigkeit der Sprachund

Datenverbindungen fließen so in die

Stärke-und-Schwäche-Profile der vier

deutschen Mobilfunknetze ein. Sie bestimmen

die Empfehlungen auf den folgenden

Seiten. Und sie fallen für einzelne Business-Bedürfnisse

zum Teil ganz anders aus

als das in dieser Woche parallel veröffentlichte

Universalurteil aus Stuttgart.

60

56

88

81

77

O2

73

59

81

41

70

E-Plus

86

65

66

49

68

Dabei steckt die Branche mitten im radikalen

Wandel. Denn der anhaltende

Smartphone-Boom zwingt die Mobilfunker,

ihre Netze komplett umzustellen. Die

etablierte GSM- und UMTS-Technik stößt

angesichts der explosionsartig wachsenden

Datenmengen an ihre Grenzen. Telekom,

Vodafone und O2 rüsten ihre Sendestationen

daher schon mit der neuen ultraschnellen

LTE-Technik auf. E-Plus will im

kommenden Jahr nachziehen.

TÜCKEN BEIM TURBO

Doch der Umbau hat Tücken: LTE ist zwar

in der Lage, immense Datenmengen zu

übertragen; teils schneller als viele DSL-

Festnetzanschlüsse. Zugleich aber ist der

Übertragungsstandard Voice over LTE

(VoLTE) für Telefonate über die neue Netztechnik

weder etabliert, noch beherrschen

die aktuellen Smartphones die Technik.

Und so müssen die Telefone bei Anrufen

immer erst den Datenturbo kappen, um

dann Sprachverbindungen über die ältere

GSM- oder UMTS-Technik aufzubauen.

Unerwünschter Nebeneffekt: „Speziell bei

Vodafone und O2 geht der LTE-Tempogewinn

bei Daten zulasten von Geschwindigkeit

und Erfolgsquote beim Aufbau von

Sprachverbindungen“, erklärt „Connect“-

Cheftester Bernd Theiss die, verglichen mit

dem Vorjahr, teils merklich schlechteren

Ergebnisse einiger Anbieter.

Wie sich das in den vier Nutzerszenarien

bemerkbar macht, welches Netz sich für

welchen Mobilfunkbedarf am besten eignet

und auch, wie Handyasketen glücklich

werden, das lesen Sie auf den folgenden

Seiten.

thomas.kuhn@wiwo.de, thiemo bräutigam

FOTO: ANDREAS CHUDOWSKI FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

88 Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche

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Jede Silbe zählt

Investmentbanker Riedlbauer

managt Telefonkonferenzen via

Handy – auch aus dem Taxi

Manager

Wenn Julian Riedlbauer mal

den Anschluss verliert, könnte

das richtig teuer werden. Denn der

39-Jährige, Partner bei der Investmentbank

GP Bullhound, steckt als Experte für Unternehmenszukäufe

und -zusammenschlüsse

von Technologieunternehmen regelmäßig

Stunden in Telefonkonferenzen, um die

Gespräche potenzieller Geschäftspartner

zu moderieren.

t

Priorität Qualität

Viel reisend

Stets erreichbar

Höchste Sprachqualität

Vielfach vom Handy aus, weil Riedlbauer

pro Woche oft mehr Zeit unterwegs als

an seinem Berliner Schreibtisch verbringt.

„Erstklassige Sprachqualität und ein

schneller Verbindungsaufbau“ sind für den

M&A-Berater daher Top-Kriterien bei der

Wahl des Handynetzes. Für Mobilfunkkunden

wie ihn, bei denen das Smartphone

zum mobilen Büro mutiert, sind Wartezeiten

bei der Anwahl, Abbrüche, Störgeräusche

oder Silben, die im Funknetz

verloren gehen, schlicht inakzeptabel. „Bei

den Gesprächen kommt es auf jedes Wort

an“, sagt Riedlbauer, „da ist die zuverlässige

Handyverbindung ein absolutes Muss.“

Ein paar Euro mehr oder weniger für den

Mobilfunktarif zählen nicht, wenn es um

Millionendeals geht. Kunden wie er setzen

stattdessen auf modernste Übertragungstechnik

und beste Netzabdeckung, auch

abseits der Ballungsräume.

»

WirtschaftsWoche 9.12.2013 Nr. 50 89

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Technik&Wissen

»

Die Stabilität der Internet-Verbindungen

ist eher nachrangig. Klar, E-Mails und

Anhänge müssen zügig ankommen,

aber höchstes Tempo

bei Versand oder Download

der Nachrichten fällt – im Vergleich

mit Verlässlichkeit und

Verständlichkeit der Sprachverbindungen

– weniger ins

Gewicht.

Klarer Sieger dieses Business-Szenarios

ist die Deutsche

Telekom. Ihr Netz liefert

nicht nur in den besser ausgebauten

Ballungsräumen Bestwerte,

sondern auch auf den

Strecken dazwischen, die durch

ländliche Regionen führen. Mit

98 Prozent Erfolgsrate beim

Verbindungsaufbau, 99,6 Prozent

durchgehend akzeptablen

Verbindungen und nur 6,3 Sekunden

Wartezeit beim Rufaufbau

setzen die Bonner Standards. Umso

mehr, als die Telekom bereits in Teilen des

Netzes die hochwertige HD-Voice-Technik

einsetzt, was eine deutlich hörbar bessere

Klangqualität ermöglicht.

Auf HD-Voice müssen Kunden von

E-Plus zwar verzichten. Doch bei dem in

diesem Szenario Zweitplatzierten, der lange

unter Qualitätsproblemen litt, zahlen

sich nun die massiven Investitionen ins

Netz aus. Zwar hat E-Plus als einziger Anbieter

noch nicht mit dem LTE-Ausbau begonnen.

Doch wer primär telefoniert, und

das auch noch bevorzugt in städtischen

Gebieten, bekommt sehr gute Sprachverbindungen

auch in diesem Netz – und das

für weniger Geld.

Netz-Tipp: Deutsche Telekom

Bedarf: Zehn Stunden Sprachtelefonie

im Monat, Gesprächsverteilung Festnetz/

Mobil: 2/3 zu 1/3; zwei Gigabyte Datenvolumen,

mittlere Datengeschwindigkeit

Top-Anbieter: Kein Netz baut Telefonate

in Städten und Umland so schnell und so

verlässlich auf wie das der Telekom – und

das trotz des potenziell zeitaufwendigen

Wechsels von LTE zu GSM/UMTS. Auch

fern der Städte auf den Autobahnen ist die

Telekom nicht zu schlagen

Alternativen: Schnelle und verlässliche

Anwahl, stabile Verbindungen, das bietet

E-Plus in Stadt und Umland für weniger

Geld als die Telekom. Auf dem Land wird

der Abstand zum Gesamtsieger größer –

aber nicht markant

Priorität Preis

Selbstständige

Gute

Erreichbarkeit in

Ballungsräumen

Niedrige Kosten

t

Im Grunde genommen

könnte Emine Ortac ihr Bürotelefon

auch abmelden.

Schließlich sei sie „ohnehin

fast den ganzen Tag unterwegs“,

sagt die vom Gericht

bestellte gesetzliche Berufsbetreuerin,

die im

Düsseldorfer Umland für

seelisch Kranke tätig ist.

Nicht nur für ihre Klienten

ist die 50-Jährige fast

ausschließlich über ihr Mobiltelefon

erreichbar. Auch

die täglich hohe zweistellige

Zahl von Telefonaten

mit Behörden, Gerichten,

Krankenhäusern, Banken

oder Sozialarbeitern erledigt

die examinierte Krankenschwester

per Handy. „Wenn ich abends ins

Büro komme, ist es für Rückrufe eh zu spät“,

sagt sie, die am Schreibtisch stattdessen Papierkram

und E-Mail-Verkehr erledigt.

Gute Erreichbarkeit, aber zu vertretbaren

Preisen, das ist für kostenbewusste

Selbstständige wie

Emine Ortac das entscheidende

Kriterium. Wenn es dafür bei der

Anwahl des Gesprächspartners mal

etwas länger dauert, dann nehmen

sie das im Tausch gegen ein merklich

niedrigeres Mobilfunkbudget

gern in Kauf. Und auch beim mobilen

Zugriff aufs Internet oder dem Austausch

von E-Mails spielt Schnelligkeit zumeist

eine geringere Rolle. Erst recht, wenn

die Masse der Schreibarbeiten ohnehin am

Büro-PC anfällt.

Dass der „Connect“-Gesamtsieger Deutsche

Telekom beispielsweise Daten mehr

als fünf-, der Zweitplatzierte Vodafone immerhin

noch knapp dreimal schneller

durch den Äther schiebt als der – mangels

LTE-Infrastruktur – langsamste Netzbetreiber

E-Plus, fällt in diesem Nutzerszenario

folglich nicht ins Gewicht. Hier bieten die

Düsseldorfer Mobilfunker für Kunden wie

Betreuerin Ortac das passende Angebot.

Umso mehr, als E-Plus-Kunden umgekehrt

durch sehr kurze Rufaufbauzeiten

sogar davon profitieren, dass der potenziell

zeitraubende Wechsel der Funktechnik –

noch – wegfällt. Das könnte sich durch den

LTE-Ausbau ab nächstem Jahr ändern,

muss aber nicht. Denn die Netztechniker

der Telekom beweisen mit extrem schnellen

Verbindungen, dass sich die Umschalt-

Gedenksekunden dem Netz auch abtrainieren

lassen.

Netz-Tipp: E-Plus

Bedarf: Vier Stunden Sprachtelefonie,

Gesprächsverteilung Festnetz/Mobil:

1/3 zu 2/3; 500 Megabyte Datenvolumen,

niedrige Datengeschwindigkeit

Top-Anbieter: Lange der abgeschlagene

letzte unter den vier Netzbetreibern, hat

E-Plus deutlich aufgeholt und sich zum

attraktivsten Angebot für preissensible

Telefonkunden ohne große Ansprüche bei

mobilen Internet-Zugriffen gemausert

Alternativen: Ebenfalls preiswerter als die

beiden D-Netze und – dank der teils

schon installierten LTE-Infrastruktur – bei

Datenübertragungen leistungsstärker,

empfiehlt sich O2 für Preisbewusste mit

etwas höheren Ansprüchen an mobile

Datenübertragungen

Netzwerker

Prorität Leistung

Schnelle Datenübertragung

Gute Sprachqualität

Manchmal sagt ein Bild eben mehr als

alle Worte, um Kunden eine Idee zu vermitteln.

Dann ist Michael Herling gefragt,

die Vorstellungen zu visualisieren. „Da hilft

es, schnell ein Foto oder Video einer Location

zu machen und per Handy zu verschicken“,

sagt der Grafikdesigner und Videokünstler,

der in Brühl bei Köln mit seiner

Frau die Agentur für Design und Gestaltung

Digitale Frische betreibt.

Längst dient das Smartphone dabei für

den 45-Jährigen als kommunikatives

Allzweckwerkzeug. „Ich bin oft unterwegs,

bearbeite Mails und lade oder verschicke

Präsentationsvideos.“ VimeoPlus-Account

und Dropbox-App zum Austausch großer

Dateien fordern das Funknetz zusätzlich.

Kein Wunder, dass Herling kürzlich einen

Nachschlag aufs Telefon- und Datenvolumen

dazugebucht hat. Denn zuletzt

hielt das Inklusivvolumen mit dem wachsenden

Kommunikationsbedarf nicht

mehr mit.

t

FOTO: DOMINIK PIETSCH FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

90 Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche

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Priorität Daten

Ob Web-Zugriff oder Telefonkonferenz,

das erfordere eine gute Netzleistung – sowohl

bei der Gesprächsqualität als auch

beim Datenverkehr, sagt der Designer, der

auch beim Versand von E-Mails und Dateien

Wert auf möglichst hohe Geschwindigkeiten

legt. Für Kunden mit einem solchen

Nutzerprofil gibt es aktuell keine ernsthafte

Alternative zu den beiden großen Netzbetreibern.

Wer auf besonders schnelle

Uploads angewiesen ist, kommt bei Vodafone

etwas besser weg.

Netz-Tipp: Vodafone

Bedarf: Sechs Stunden Sprachtelefonie;

Gesprächsverteilung Festnetz/Mobil: 3/4

zu 1/4; drei Gigabyte Datenvolumen mit

hoher Geschwindigkeit auch beim Upload

Top-Anbieter: Wer Wert auf hohe Sprachqualität

legt und bereit ist, für schnellere

Uploads etwas weniger Tempo beim

Download (gemessen an den herausragend

hohen Geschwindigkeiten der Telekom) in

Kauf zu nehmen, der ist bei Vodafone gut

aufgehoben, das O2 und E-Plus beim

mobilen Internet klar hinter sich lässt

Alternativen: Deutlich mehr Tempo beim

Gesprächsaufbau und speziell beim Laden

großer Daten aus dem Netz bietet die Telekom.

Einen etwas verlässlicheren Verbindungsaufbau

als Vodafone bietet O2, das

preisgünstiger, aber bei Daten auch merklich

langsamer ist

Onliner

Wenn’s beim Mobilfunk

klemmt, bekommt Heinz Sattler

Probleme. Denn ohne leistungsstarken

Mobilzugang zum Internet kann der 55-

Jährige bei seinen Kunden oft wenig ausrichten.

Sattler verantwortet beim Druckund

Dokumentenmanagement-Spezialisten

Kyocera die technische Händler- und

Projektbetreuung.

„Updates mit neuen Funktionen oder

zur Anpassung von Druckern und Multifunktionsgeräten

an die IT der Kunden

sind unser Tagesgeschäft“, sagt der Büromaschinenexperte

aus Meerbusch. „Oft

genug sind die Updates viele Megabyte

groß.“ Der einfachste Weg aber, die Daten

über den Netzzugang der Kunden einzuspielen,

ist oft verbaut. „Vielfach kollidiert

das mit IT-Sicherheitsvorgaben“, erklärt

Sattler, zu dessen Kunden Banken, Sparkassen,

Versicherungen und Krankenhäuser

gehören. „Die erlauben es Externen

nicht, sich ans interne Netz anzudocken.“

Für Geschäftsleute wie Sattler und sein

elf Köpfe starkes Team ist der mobile Internet-Zugang

daher Pflicht. Und hohe Datengeschwindigkeit

ist ebenso wichtig wie Verfügbarkeit

in abgelegenen Regionen, wo

mancher Kunde seinen Sitz hat. Und während

der Techniker zum Telefonieren notfalls

noch vor die Tür treten kann, geht beim

t

Maximales Tempo und Verlässlichkeit

der Datenverbindung

Auch abseits von Städten

Update der großen Drucksysteme ohne

In-Haus-Funkversorgung gar nichts.

Für solche Nutzerszenarien bietet erneut

die Telekom dank des gut ausgebauten

LTE-Netzes das beste Angebot. Sie ist je

nach Übertragstyp bis zu zwei Mal schneller

als Konkurrent Vodafone – und bietet

bis zu fünf Mal mehr Tempo als E-Plus.

Netz-Tipp: Telekom

Bedarf: Sprachtelefonie ist hier irrelevant;

sechs Gigabyte Datenvolumen bei höchster

Übertragungsgeschwindigkeit

Top-Anbieter: So schnell wie die Telekom

funkt im Test kein Anbieter die Daten vom

Netz zum Endgerät. Und auch die Erfolgsrate

beim Datenabruf ist fast durchweg

besser als bei der Konkurrenz

Alternativen: Außerhalb der Ballungsräume

reicht Vodafone bei Download und

Verbindungsqualität fast an die Telekom

heran. Wer dort unterwegs ist, wird auch in

diesem Netz gut versorgt – umso mehr,

als Vodafone beim Upload fast durchweg

etwas bessere Werte liefert als die Telekom

Lesen Sie weiter auf Seite 92 »

Bilder sprechen lassen

Designer Herling schickt

seinen Kunden per

Smartphone Fotos und

Videos von Event-Locations

WirtschaftsWoche 9.12.2013 Nr. 50 91

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Technik&Wissen

KOMMUNIKATION

Urlaub im Funkloch

Wo gestresste Vieltelefonierer abschalten können.

Kennen Sie die Diagnose

„Servus Manicus Smartfonicum“,

auch bekannt

als „Sklaven-Phonitis“? So

beschreibt die Bestsellerautorin

Anitra Eggler in ihrem Buch

„Facebook macht blöd, blind und erfolglos“

augenzwinkernd ein verbreitetes

Phänomen der Handygesellschaft: „Vom

Smartphone versklavt. Ständig erreichbar,

niemals wirklich da.“ Als Therapie

verschreibt Eggler ihren Lesern eine

simple Radikalkur: einfach mal abschalten.

Wortwörtlich.

Urlaub im Funkloch, der Gedanke trifft

bei deutschen Urlaubern auf wachsendes

Interesse. So ermittelte etwa das Reisebuchungsportal

Lastminute.de in seiner

jährlichen Umfrage eine sinkende Bereitschaft

der Deutschen, sich auch im

Urlaub oder während der Freizeit zum Sklaven

von iPhone und Co. zu machen.

Nur vier von zehn Befragten fanden es

bei der jüngsten Erhebung noch akzeptabel,

außerhalb der Bürozeiten am Smartphone

zu arbeiten. „Das sind immer noch

viele, aber es werden weniger“, sagt Lastminute.de-Geschäftsführer

Jörg Burtscheidt.

Zwei Jahre zuvor bezeichneten

sich noch 53 Prozent als „Urlaubsarbeiter“.

Noch sind die radikalen Handyabstinenzler

eine Minderheit, doch die Nachfrage

steigt: Immer mehr Menschen wollen den

Urlaub auch kommunikativ abgenabelt genießen

und verzichten ganz bewusst auf die

Option der ständigen Erreichbarkeit durch

Smartphone oder mobiles Internet.

Darauf stellt sich die Tourismusbranche

nun ein. Lastminute.de etwa hat eine

eigene Rubrik an Urlaubszielen „Klingelfreier

Urlaub“ in sein Internet-Buchungsprogramm

integriert. Die Onliner folgen einem

Trend, wie er auch in den USA oder Großbritannien

schon von Reiseveranstaltern

aufgegriffen wurde. „Black Hole Hotels“,

also Hotels im Schwarzen Loch, oder „Digital

Detox“, die digitale Entgiftung, sollen all

jenen Erholung bieten, die das Handygebimmel

in der Freizeit nervt.

Denn Stress macht krank. Das sagt jedenfalls

Michael Kastner, Arzt und Betriebspsychologe.

„Wer im Urlaub ständig

seine Mails abruft, gefährdet langfristig

seine Gesundheit.“ Gäste im Inselstaat St.

Vincent und Grenadinen, die eine Detox-

Pauschale buchen, bekommen daher vom

Gastgeber gleich zu Beginn ein ausführliches

Handbuch mit der Aufforderung unter

Punkt 1: „Schalten Sie jetzt Ihr Handy aus.“

Das ist vermutlich sogar angebracht. Immerhin

ermittelte der High-Tech-Verband

Bitkom bereits vor zwei Jahren, dass gerade

einmal 18 Prozent der Bundesbürger ihr

Handy überhaupt noch deaktivieren. Vermutlich

ahnt ein Großteil der Deutschen inzwischen

nicht einmal mehr, wo sich der

Aus-Knopf überhaupt befindet.

FOTO: PR

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Zumindest wird, wer sich im Netz auf

eigene Faust auf die Suche nach „handyfreiem

Urlaub“ begibt, immer öfter fündig: Unter

den Zielen für Telefon-Averse findet sich

– natürlich – gedanklich Naheliegendes:

etwa Reisen durchs australische Outback,

wo Urlauber, selbst wenn sie wollten, nicht

erreichbar sind, oder Spaziergänge in den

Dünen der namibischen Wüsten. Und wer

wollte ernsthaft beim Trip durch die kanadische

Wildnis mit einem klingelnden Handy

den Unmut eines Bären auf sich ziehen?

OFFLINE AUF INSEL ODER ALM

Doch auch hierzulande stößt der Ruhesuchende

auf ein wachsendes Angebot.

Wie die Schwarzwälder Vier-Sterne-Hotels

Waldfrieden und Langenwaldsee aus

Todtnau und Freudenstadt wirbt auch das

Gästehaus Klasing auf Spiekeroog mit

Handyabstinenz. In Plön und in Glückstadt

wollen das Hotel-Restaurant Stolz sowie

das Hotel der Däne Unterkunft für die „persönliche

Sendepause bieten“. Und auch

das Hofgut Hafnerleiten im bayrischen Bad

Birnbach lockt mit „Ruhe von Handy, TV

und Radio“.

Weite Sicht, fernes Netz Im Schwarzwald

werben auch Sterne-Hotels um Handyasketen

Die Marketingkooperation Städte in

Schleswig-Holstein hat sich mit „unerreichbar-in-sh.de“

die passende Web-Adresse

gesichert, und in Österreich hat der Steirische

Tourismusverband eine Online-Übersicht

sogenannter „Offline-Betriebe“ aller

Sterne-Kategorien zusammengestellt.

Schweizer Handyasketen wiederum

führen in einem eigenen Web-Forum unter

Gigahertz.ch Listen besonders elektrosmogarmer

Hotels. Wie das Biohotel

Eggensberger aus Hopfen am See bei

Füssen, das nicht nur explizit damit wirbt,

„ausschließlich biologisch produzierte

Lebensmittel“ zu verwenden, sondern

seine Gäste auch in „Elektrosmog-reduzierten

Hotelzimmern“ unterbringt.

Nicht ganz so radikal hat Wolfgang

Mäule geplant, der mit seiner Frau Elke

das Hüttendorf Almness.at auf der 1900

Meter hoch gelegenen Karneralm betreibt.

Denn dort oben, in den Lungauer

Nockbergen im Dreiländereck von Salzburg,

Steiermark und Kärnten, bekommen

die Urlauber in den Ferienhäusern

auf Wunsch wenigstens Zugang zu Internet

und Web-Radio.

Das Handy aber bleibt auf der Alm

stumm. „Im Bereich des Bergdorfes gibt

es keinen Mobilfunkempfang“, warnt

Gastgeber Mäule. Und wer meint, doch

einmal rückfällig werden zu müssen, der

muss sich seinen Zugang zum Funknetz

körperlich erarbeiten: Oberhalb des

Dorfes, fünf Minuten Fußweg den Hang

hinauf, sei mobil telefonieren möglich,

sagt Mäule – „fast immer“ zumindest. n

thiemo bräutigam | technik@wiwo.de

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Technik&Wissen

VALLEY TALK | Die US-Arzneimittelbehörde FDA

hat den Gentest des Startups 23andme vorläufig

verboten – und das eigentliche Risiko übersehen.

Von Matthias Hohensee

Weltfremde Entscheidung

FOTO: JEFFREY BRAVERMAN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Es ist kein gutes Jahr für Ann

Wojcicki. Erst wurde im Sommer

die Affäre ihres Ehemanns Sergey

Brin, Mitgründer von Google, mit

einer Mitarbeiterin des Konzerns publik,

und Wojcicki musste ertragen, wie das

Verhältnis im Internet breitgetreten wurde.

Jetzt folgt dem privaten Tiefschlag einer

für ihre unternehmerischen Ambitionen:

Die US-Arzneimittelbehörde FDA verbietet

Wojcickis Startup 23andme vorläufig, weiter

seine Gentests zu verkaufen. Die Gesundheitswächter

sorgen sich, Frauen

könnten sich allein aufgrund der Gentestbefunde

aus Angst vor Krebs an der Brust

oder Gebärmutter operieren lassen. Für

solch eine Entscheidung seien die Tests

aber nicht aussagekräftig genug.

Die Lehre aus dem Konflikt: Bei Medizininnovationen

kann sich die Stärke des Silicon

Valley, Dinge einfach mal auszuprobieren

und sich mit den Konsequenzen erst

später zu beschäftigen, ins Gegenteil verkehren.

Lässt die FDA eine Neuerung nicht

zu oder nimmt sie vom Markt, steht das

Unternehmen womöglich vor dem Ruin.

Im Fall von 23andme ist die Gefahr allerdings

gering. Denn das Startup hat mit

Google, Facebook-Investor Yuri Milner und

dem Pharmakonzern Johnson & Johnson

Geldgeber, die über genügend Finanzkraft

verfügen, einen zeitweiligen Verkaufsstopp

zu überbrücken. Erst recht, da 23andme

bereits knapp eine halbe Million Kunden

hat. Einer davon bin ich. Im November

2011 schickte ich eine Speichelprobe ein.

Der Test kostete knapp 100 Dollar. Für eine

monatliche Gebühr von neun Dollar informiert

mich das Unternehmen seither regelmäßig

darüber, welche Rolle Gene laut neuestem

Forschungsstand bei der Entstehung

von Krankheiten spielen.

Wirklich überraschend waren die Testergebnisse

für mich damals nicht. Die meisten

Gefahrenquellen kannte ich aus unserer Familiengeschichte.

Interessanter war schon

die Suchfunktion, mit der sich bei 23andme

registrierte Nutzer mit ähnlichen Genen wie

den eigenen finden lassen. Darüber stieß

ich auf mir bis dahin unbekannte Verwandte

in den USA. Die Adressen werden nur freigegeben,

wenn beide Seiten zustimmen.

Am spannendsten finde ich den Ansatz

des Startups, anhand der Gentests herauszufinden,

warum eine Krankheit bei einigen

Menschen trotz genetischer Disposition

nicht ausbricht, und daraus neue

Behandlungsmethoden zu entwickeln.

Am meisten beruhigt hat mich, dass die

Wahrscheinlichkeit, an Alzheimer zu erkranken,

bei mir laut 23andme-Analyse

weit unter dem Durchschnitt in der US-Bevölkerung

liegt. Die Hinweise auf Krankheitsrisiken

verstehe ich als Chance, beim

Auftreten bestimmter Symptome frühzeitig

zu einer zuverlässigen Diagnose zu kommen.

Ich kann mir keinen Arzt vorstellen,

der nur anhand der Testergebnisse einen

drastischen Eingriff vornehmen würde.

GARANTIE AUF VERTRAULICHKEIT

Sicherlich muss die Zuverlässigkeit von

Gentests überprüft werden. Für noch wichtiger

halte ich aber zu garantieren, dass die

Ergebnisse vertraulich bleiben und Unternehmen

sie nicht ohne Einwilligung des

Kunden vermarkten. Das gilt auch für den

neuen Trend, die Entstehung von Krankheiten

durch eine individuelle Analyse der Proteine

im Körper zu entschlüsseln. Ärzte erhoffen

sich davon noch mehr und bessere

Informationen als von Gentests. Auf keinen

Fall darf passieren, dass diese Daten öffentlich

werden und Menschen dadurch berufliche

oder private Nachteile erleiden. Darauf

sollte die FDA vor allem achten.

Zweifellos gibt es sensible Menschen, die

sich von den Ergebnissen eines Gentests zu

sinnlosen Operationen verleiten lassen. Die

Test aber deshalb verbieten? Mit der gleichen

Begründung könnte man untersagen,

sich über Krankheiten im Internet zu informieren.

Auch das würde sicher die eine

oder andere unbegründete Panikattacke

vermeiden. Wäre aber ebenso weltfremd.

Der Autor ist WirtschaftsWoche-Korrespondent

im Silicon Valley und beobachtet

von dort seit Jahren die Entwicklung der

wichtigsten US-Technologieunternehmen.

WirtschaftsWoche 9.12.2013 Nr. 50 95

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Management&Erfolg

Von null auf hundert

SERIE SPURWECHSEL (I) | Aus der Kosmetikbranche in den Vorstand des Autobauers Opel:

Der Wechsel von Tina Müller ist eine der aufsehenerregendsten Personalien

dieses Jahres. Ob sich die Managerin in der fremden Welt zurechtfindet und wie sie

dabei vorgeht, lesen sie in einer mehrteiligen Serie.

Neugierig steckt Tina Müller ihren

schwarzen Lockenkopf in

den roten Opel Astra – beziehungsweise

in das, was davon

noch übrig ist. Keine Sitze,

kein Motor, kein Auspuff. Fünf Ingenieure

haben die Karosserie vor Opels neuer Top-

Managerin aufgebockt, die ausgebauten

Einzelteile liegen in der Werkstatt verteilt,

in der sonst die Fahrzeuge der Wettbewerber

auseinandergeschraubt werden. „Ich

bin schon immer gerne und vor allem gerne

schnell Auto gefahren“, sagt Müller,

„aber wie bei den meisten Frauen waren

das Äußere und die Innenausstattung das

Wichtigste.“

Weil das nicht die beste Voraussetzung

für den frisch gekürten Marketingvorstand

einer Automarke ist, wollte die 45-Jährige

das tunlichst ändern. Also bekam sie ein

paar Tage nach ihrem Start beim Rüsselsheimer

Autobauer einen Crashkurs: Wo

verläuft die Kupplung? Wie funktionieren

die Bremsen? Wie viele Schweißnähte

halten die Karosserie zusammen? Die

Frau, bisher eher mit Rezepturen für Haarspülungen

als mit öligen Motoren beschäftigt,

ist fasziniert. „Ich war überrascht,

aus wie vielen Einzelteilen ein Auto besteht.“

Überrascht – das waren auch Branchenexperten

und Bekannte von Müller, als ihr

Wechsel zu Opel bekannt wurde. Hatte

doch nach ihrem Abgang bei Henkel zunächst

alles so ausgesehen,

als ob die Marketingspezialistin

dem Geschäft

mit der Schönheit

treu bliebe. Beiersdorf

hatte ihr den Vorstandsposten

für Marke, Forschung und Entwicklung

angeboten, zu gerne hätte Müller angenommen.

Henkel-Chef Kasper Rorsted

aber pochte auf eine Wettbewerbsklausel in

ihrem Vertrag und verhinderte den Wechsel

zur Konkurrenz. Ein Neustart musste also

her – von null auf hundert.

„Radikaler hätte dieser Schritt kaum sein

können“, sagt Martin Stemmler, bei der Personalberatung

Korn Ferry für die europäische

Autoindustrie zuständig. „Für beide

Seiten.“

Natürlich, es hat zuletzt immer wieder

Frauen gegeben, die den Sprung in die

oberste Führungsebene von techniklastigen

Unternehmen geschafft haben. Befeuert

durch die seit Jahren anhaltende Diskussion

um die gesetzliche Frauenquote,

waren zahlreiche Unternehmen in die

Offensive gegangen: Siemens hatte bis vor

wenigen Wochen gleich zwei Managerinnen

im Vorstand, bei BMW hat es Milagros

Caiña-Andree ebenso in die Top-Etage der

Macht geschafft wie Christine Hohmann-

Dennhardt bei Daimler. Und Ines Kolmsee

sitzt seit neun Jahren an der Spitze des

mittelständischen Spezialchemieherstellers

SKW.

Doch bei näherem Hinsehen wird deutlich:

Wenn auch auf höchster Ebene, so

kümmert sich das Gros der Frauen in der

Regel um Themen, die von den männlichen

Kollegen gern als Gedöns abgetan

werden – also Personal, Unternehmenskultur,

Compliance und

SERIE

SPURWECHSEL (I)

Tina Müllers Start

in der Autobranche

Integrität.

Hinzu kommt: Während

die neue Bundesregierung

sich darauf

geeinigt hat, ab 2016

zumindest in Aufsichtsräten jeden dritten

Platz für eine Frau zu reservieren, sind viele

der anfangs mit großem Tamtam auf ihre

Position gehievten Frauen schon wieder

von ihren Vorstandsposten verschwunden.

Die Frauenquote im Dax liegt laut einer aktuellen

Studie des DIW bei nur 6,3 Prozent.

Und ist damit erstmals seit fünf Jahren

rückläufig.

KAUM QUEREINSTEIGER

Umso mehr sticht der jüngste Karriereschritt

Tina Müllers heraus: eine Frau, die

als Marketingvorstand mitten drin ist im

operativen Geschäft. Die aus der frauenaffinen

Kosmetikbranche in die deutsche

Automobilwirtschaft wechselt – also in eine

Branche, die Quereinsteigern bislang

kaum Chancen gab, in verantwortungsvollen

Positionen Fuß zu fassen – egal, ob

Mann oder Frau.

Auch bei Opel sind außer Müller alle Vorstandsmitglieder,

die in diesem Jahr des

Umbruchs ihren Dienst in Rüsselsheim antraten,

mit Pferdestärken, Keilriemen und

Lichtmaschinen vertraut. CEO Karl-Thomas

Neumann kam im Frühjahr von Volkswagen,

Vertriebsvorstand Peter Christian

Küspert arbeitete unter anderem 19 Jahre

für Daimler, der oberste Personaler Ulrich

Schumacher zuvor für Toyota, Kommunikationschef

Johan Willems ist seit mehr als

20 Jahren bei Opel und General Motors. Ob

Vorstand oder Händler, ob Konkurrenten

oder Kunden – alle blicken auf Auto-Novizin

Müller. Wie schlägt sie sich in der fremden

Branche? Welche Kompetenzen bringt

sie mit? Wie eignet sie sich neue an?

Gründe genug auch für die Wirtschafts-

Woche, Müllers Weg in den kommenden

FOTO: DOMINIK PIETSCH FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

96 Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche

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Auf der Kommandobrücke

angekommen Tina Müller in

der Opel-Zentrale in Rüsselsheim

TINA MÜLLER

Seit August 2013 Opel-Marketingvorstand

Stationen ihrer Karriere

Monaten zu beobachten: ihre Fortschritte

und Fehltritte, ihre Gespräche mit Werbeagenturen,

ihr Auftreten gegenüber Mitarbeitern,

Vorstandskollegen, Händlern.

Ein paar von ihnen haben Müller schon

kennengelernt, ohne es zu ahnen. Als Vorbereitung

auf ihre neue Stelle hat Müller

nämlich nicht nur alles gelesen, was ihr zu

Opel in die Finger kam – vom Fahrtest über

Bilanzen bis hin zu Fachartikeln. In Autohäusern

in Hamburg und Düsseldorf war

sie noch vor Vertragsabschluss inkognito

unterwegs. Hat sich den Mokka zeigen lassen,

ist dann den Adam Probe gefahren,

um sich anschließend über den Insignia zu

informieren. Bis der Verkäufer fragte, ob sie

denn überhaupt wisse, was sie wolle.

Sie wusste es: Opel-Marketingvorstand

werden und vorab möglichst viel über die

Modelle erfahren. Bis heute wechselt sie alle

paar Wochen das Auto. Im Moment fährt

sie einen anthrazitfarbenen Mokka mit

140 PS und Automatikgetriebe.

„Vor ein paar Monaten hätte Tina vielleicht

nicht auf Anhieb sagen können, welcher

Audi in ihrer Garage steht“, sagt

1993 Schrieb sie ihre Diplomarbeit bei

L’Oréal Deutschland

1993–1995 Zunächst Junior Produktmanagerin

und dann Produktmanagerin

bei Wella

1995–2012 Managerin in verschiedenen

Positionen bei Henkel. Zuletzt verantwortete

Müller dort die Marken Schwarzkopf,

Diadermine und Theramed »

WirtschaftsWoche 9.12.2013 Nr. 50 97

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Management&Erfolg

»

Hans-Willi Schroiff, der Müller aus der

gemeinsamen Zeit bei Henkel kennt und

der gerade mit ihr das Buch „Warum Produkte

floppen“ veröffentlicht hat. „Jetzt

überrascht sie mich mit Wissen über Branchenstruktur

und Motorisierungsklassen.“

Wissen, das sich Müller hart erarbeiten

musste und immer noch muss. „Die ersten

paar Wochen bei Opel waren Neuland für

mich“, erinnert sich Müller. „Aus den vielen

englischsprachigen Abkürzungen entsteht

eine eigene Sprache, das ist wie Vokabeln

lernen.“

Aber nicht nur der Kopf ist gefragt: Gemeinsam

mit ihren Vorstandskollegen

wechselte die Betriebs- und Volkswirtin

vor einigen Wochen zum ersten Mal in ihrem

Leben eigenhändig Reifen. Auch den

Führerschein für das Testgelände im hessischen

Dudenhofen hat sie schon in der Tasche.

Gibt aber auch offen zu, dass sie sich

mehr für Farben und Design als für technische

Details begeistert. Nicht zwangsläufig

ein Nachteil: „Schließlich muss das Marketing

als Stimme des Kunden darauf achten“,

sagt ein Händler zu Müllers Verpflichtung,

„dass unnötiger Technik-Schnickschnack

das Auto nicht zu teuer macht.“

Diesen Kundenblick hat sich Müller bewahrt:

Weist darauf hin, dass Frauen beim

Aussteigen aus einem Opel Cascada mit ihrem

Stiefelschaft am Sitz hängen bleiben.

Dass es mit Schuhgröße 38 beim selben

Auto schwierig ist, vom Gas auf die Bremse

zu wechseln, weil die Pedale unterschiedlich

hoch eingestellt sind.

Nach Susanna Webber, zuständig für

Einkauf und Logistik, ist Müller die zweite

Frau im Vorstand der Rüsselsheimer. „In

den oberen Etagen waren auch bei Henkel

Frauen die Ausnahme“, sagt Müllers Ex-

Kollege Schroiff. „Sie hat oft genug auf den

Tisch gehauen und den Männern gezeigt,

wo es langgeht.“ Diese Entscheidungsstärke

gefalle nicht allen. „Aber das ist ihr egal.“

Auch bei Opel gibt es den einen oder anderen,

der mit der dominanten Frau seine

Probleme hat. Sie lasse sich nicht belehren

und mische sich überall ein, heißt es. Reaktionen,

die programmiert sind, wenn jemand

mit vermeintlich weniger Expertise

Neues ausprobieren will.

Doch es gibt genügend Menschen, die

an Müller und ihre Konzepte glauben. „Sie

ist eine ausgewiesene Expertin auf ihrem

Gebiet“, sagt Personalberater Stemmler.

„Und in der Lage, ihr Wissen auf eine andere

Branche zu übertragen.“

Müllers primäres Ziel: der langweiligen,

angestaubten Marke ein aufregendes, unverwechselbares

Image verpassen. Genau

wie sie es einst mit Schwarzkopf machte.

Oder einen Coup landen wie mit Syoss, einer

von ihr neu etablierten Haarpflegeserie,

die Friseurqualität zu kleinen Preisen

»Als der Opel

Monza enthüllt

wurde, hatte

ich Gänsehaut«

Lernen an der Basis Müller beim Besuch

des Opel-Werks in Rüsselsheim

verspricht. „Letztlich geht es bei Opel um

den gleichen Kniff“, sagt Müller. „Die Fahrzeuge

müssen nach Premiumklasse aussehen

und trotzdem erschwinglich bleiben.“

DER BURGERBUDEN-TEST

Das kommt an, auch ganz oben: Im Oktober

hatte der Aufsichtsrat von Opel-Mutter General

Motors Müllers Marketingkonzept für

gut befunden. Und auch im Vorfeld der Vertragsunterzeichnung

haben die US-Kollegen

der Deutschen deutlich gemacht, dass

sie sie unbedingt haben wollen. Stephen

Girsky, GM-Strategiechef und einstiger

Opel-Interims-CEO, war bei Müllers erstem

Besuch in Detroit zweimal mit ihr essen –

am ersten Abend in einer Burgerbude.

„Vielleicht wollte er wissen, ob ich mir für so

ein Restaurant zu chic bin und gleich wieder

rausrenne.“

Ein offenbar überflüssiger Test. „Mit dem

Herzen war sie sofort bei Opel“, erinnert

sich eine Freundin – auch wenn Müller damals

noch über ein Angebot aus der Luxusindustrie

nachdachte. Doch sie entschied

sich für den Schnitt.

Von der Kosmetikbranche nabelte sie

sich während ihrer einjährigen Auszeit

weitgehend ab. Statt sich im Netz über

L’Oréal, Procter & Gamble oder Beiersdorf

zu informieren, gehören heute „Autobild“,

„ADAC Motorwelt“ und die „Automobilwoche“

zu ihrer Pflichtlektüre. Müller, die nach

17 Jahren bei Henkel eins geworden schien

mit dem Dax-Konzern, meint längst Opel,

wenn sie in Wir-Form von ihrem Arbeitgeber

spricht. Und twittert aus einem Parkhaus

ein Foto von einem alten Opel Rekord,

der ihr vor ein paar Monaten vermutlich

nicht mal aufgefallen wäre.

„Als der neue Monza vor der IAA im

Opel-Designcenter enthüllt wurde, hatte

ich Gänsehaut“, sagt Müller. „Das hätte ich

vor ein paar Monaten nicht für möglich gehalten.“

Vor Kurzem stieg die Managerin sogar

freiwillig in den Renn-Corsa von Opel-

Sportchef Volker Strycek. Mit bis zu 200 Kilometern

pro Stunde rast der ehemalige

Rennfahrer mit Müller auf dem Beifahrersitz

durch die 73 Kurven der Nürburgring-

Nordschleife – ein achtminütiger Höllenritt.

Aber Müller bleibt tapfer, bittet Strycek

weder langsamer zu fahren noch anzuhalten.

„Die Blöße wollte ich mir nicht geben“,

sagt Müller, die das Auto nach überstandener

Fahrt kreidebleich und auf wackeligen

Beinen verlässt. „Diese Aufnahmeprüfung

habe ich schon mal bestanden.“

n

kristin.schmidt@wiwo.de, franz rother

FOTOS: PR, ROBERT BREMBECK FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

98 Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche

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Lukrative Leuchte Osram-Vorstand Peter

Laier setzt auf modulare Produktion

Osram muss bei der Produktion seiner

Leuchtmittel unterschiedlichste Kriterien

erfüllen: Neben dem Geschmack der Kunden

machen unterschiedliche Netzspannungen,

Gesetze und Frequenzen die Herstellung

dieser Glühbirnen sehr komplex.

Die Lösung: ein Baukastensystem. Das

ermöglicht, die Glühbirnen mit dem immer

gleichen Set an Bauteilen zu produzieren.

Und durch immer neue Kombinationen

trotzdem variabel zu bleiben. Etwa wie

bei der LED-Birne Superstar, die Osram vor

wenigen Wochen in vier verschiedenen Varianten

vorstellte: Ob als 40- oder 60-Watt-

Version, mit klarem oder milchigem Glas –

der Aufbau ist stets derselbe, nur wenige

Bauteile müssen verändert werden.

„Für uns sind Plattformen wichtig, um

kostengünstig und möglichst schnell eine

Vielzahl von Produktvarianten anzubieten“,

sagt Osram-Vorstand Laier. „So können

wir flexibler auf Marktanforderungen

reagieren und eine einheitliche Designsprache

umsetzen.“

Einfach einleuchtend

MODULARISIERUNG | Unternehmen, die per Baukastenprinzip

immer gleiche Bauteile neu kombinieren, sparen Zeit und Geld.

Ein romantischer Sonnenuntergang,

azurblaues Wasser, goldener Strand:

Wer aus dem Urlaub zurückkommt,

schwelgt häufig in Erinnerungen. Erzählt

Peter Laier von der schönsten Zeit des Jahres,

klingt das schon mal so: „Im Urlaub

fragt man sich schon oft, was da eigentlich

für eine Röhre im Wohnbereich hängt.“

Laiers Interesse für Licht ist berufsbedingt:

Er ist Vorstand für Forschung & Entwicklung

des Lichtherstellers Osram. Das

Unternehmen verkauft seine Birnen und

Leuchten in mehr als 50 Ländern auf sechs

Kontinenten. Und ob Schweden, Mexiko

oder China – in jedem Land gibt es andere

Vorstellungen vom perfekten Licht: Hoch

im Norden und sehr tief im Süden mögen

die Menschen eher wärmere Lichtfarben.

Je näher man dem Äquator kommt, desto

stärker dominiert kälteres Licht.

»Produkte lassen

sich mit wenig Aufwand

1000-fach

variieren«

Prof. Horst Wildemann, TU München

WIE BAUEN MIT LEGO

Das gilt nicht nur für Osram. Deutsche Unternehmen

exportierten alleine im September

Waren im Wert von fast 95 Milliarden

Euro. Um im Ausland erfolgreich zu

sein, müssen sie ihre Produkte an die Bedürfnisse

vor Ort anpassen. Doch in jedem

Land eine neue Produktion eröffnen, das

wollen und können sich nur wenige Anbieter

leisten.

„Mit einem Baukastenprinzip geht das

leichter“, sagt Horst Wildemann, Professor

für Wirtschaftswissenschaft an der TU

München, Geschäftsführer der TCW Unternehmensberatung

und Organisator des

Münchner Management Kolloquiums, das

im kommenden März zum 21. Mal stattfindet.

„Die Unternehmen entwickeln das

Produkt einmal und können es dann mit

minimalem Aufwand 1000-fach verändern

und diese Varianten zu vertretbaren Kosten

produzieren.“

Produkte herstellen, so wie Kinder mit

Lego bauen – das funktioniert in fast allen

Branchen: Neben Osram stellen auch andere

Unternehmen ihre Produkte, Produktionsanlagen

und sogar Dienstleistungen

nach dem Baukastenprinzip her. Motorola

will so bald die ersten Smartphones produzieren,

Volkswagen stellt seine Autos schon

seit ein paar Jahren mithilfe eines Baukastensystems

her. Doch egal, ob Glühbirne,

Handy oder Auto – das Ziel ist immer

gleich: Die Unternehmen müssen im internationalen

Wettbewerb gegen ihre Konkurrenten

bestehen. Und das funktioniert oft

nur, indem sie schneller, flexibler und billiger

produzieren. Damit steigen die Margen

und somit auch der Unternehmenswert.

Horst Wildemann schätzt, dass Firmen

durch das Baukastenprinzip durch-

»

WirtschaftsWoche 9.12.2013 Nr. 50 99

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Management&Erfolg

»

schnittlich 25 bis 30 Prozent der Kosten

einsparen. „So viel Luft ist fast immer.“

Dass es nicht immer nur um Kosten geht,

zeigt das Beispiel Evonik. Um Spezialchemikalien

herzustellen –, also etwa Öl-Additive,

die den Kraftstoffverbrauch im Benzin

minimieren –, braucht der Essener Chemiekonzern

neben ein paar Grundsubstanzen

und vielen Geräten vor allem viel

Zeit, Geld und Platz:also mehrere Hundert

Quadratmeter für einen Prozessraum für

die chemische Reaktion, eine Leitzentrale,

von der aus ein Mitarbeiter die Herstellung

überwacht, eine Schleuse zur Unterbrechung

der Luftzirkulation, eine Kühlung

und einen Logistikraum für die Lagerung.

Normalerweise.

Christian Blaufelder verstaut das alles

auf der Fläche eines Frachtcontainers, mit

einer Grundfläche von 36 Quadratmetern.

Das erfordert Millimeterarbeit. Die Computertastatur

lässt sich ausziehen, der

Stuhl hochklappen, der Lagerraum ist nur

so groß wie ein Kleiderschrank.

Statt für viel Geld, Zeit und auf viel Platz

ein neues Großwerk in die Landschaft zu

setzen, setzt Evonik-Manager Blaufelder

den handlichen „Evotrainer“ einfach neben

eines der bestehenden Evonik-Werke,

schließt ihn an die Wasser- und Stromversorgung

an und startet die Produktion der

benötigten Stoffe.

Experten schätzen, dass Evonik mit dieser

Methode doppelt so schnell wie früher

mit der Herstellung eines Stoffes beginnen

und mehrere Hundert Tonnen pro Jahr

produzieren kann. Übersteigt die benötigte

Menge die Kapazität des Evotrainers, wird

ein zweiter danebengestellt. „Diese Modu-

Baukastenmodell

Vorbild Frankfurter Opernturm

MANAGEMENT KOLLOQUIUM

Plaudern mit

den Bossen

Am 18. und 19. März 2014 findet in

München das 21. Management Kolloquium

mit dem Titel „Vielfalt nutzen

und optimieren – Modularisierung 4.0“

statt. Die Liste der Referenten ist prominent

besetzt: Der Deutsche-Post-Chef

Frank Appel redet über die Steuerung

globaler Konzerne, Reinhard Ploss, Vorstandsvorsitzender

von Infineon, hält

einen Vortrag über den Weg eines Produktes

zum System, Audi-Chef Rupert

Stadler spricht über die Erfolgskriterien

für Premiumautomobile. Die Anmeldung

ist noch bis Anfang März möglich, die

Teilnahmegebühr beträgt 1950 Euro pro

Person. management-kolloquium.de

larisierung“, sagt Evonik-Manager Christian

Blaufelder, „macht uns sehr flexibel.“

Auf dieses Prinzip setzt auch Thomas Birtel.

Der Vorstandsvorsitzende des Bauunternehmens

Strabag bietet seinen Kunden

seit 15 Jahren Verträge nach dem Baukastenprinzip

an. Für den Bau des Frankfurter

Opernturms etwa wurde ein Pauschalvertrag

geschlossen, bei dem vorher ein fixer

Betrag festgelegt wurde. Bei der ADAC-Zentrale

in München dagegen wurde nach dem

ARGE-Modell gebaut: Bauherr und Strabag

tragen dabei alle Risiken gemeinsam. „Das

funktioniert wie bei einem Menü im Restaurant“,

sagt Birtel. „Da kann sich ja auch

jeder selbst aussuchen, was er gerne hätte.“

Hat der Kunde wenig Appetit oder will er

das Restaurant erst einmal testen, nimmt

er nur die Vorspeise. Für den Bau eines Gebäudes

bedeutet das: Strabag übernimmt

erst einmal nur die Planung, ermittelt Kosten,

sucht ein geeignetes Grundstück oder

erstellt eine Bedarfsanalyse. Schmeckt

dem Kunden eine der vorgeschlagenen

Zutaten so nicht, bestellt er sie einfach ab.

Zum Beispiel die Grundstücksrecherche:

Hat der Kunde das Bauland schon gekauft,

muss er schließlich keines mehr suchen.

„Wenn das Bauunternehmen von Anfang

an beteiligt ist, spart der Kunde Geld

und bekommt trotzdem maßgeschneidert,

was er braucht“, sagt Strabag-Chef Birtel.

Großprojekte wie die Hamburger Elbphilharmonie,

deren Kosten sich von der anfänglichen

Schätzung in Höhe von 71 Millionen

Euro bis heute mehr als verzehnfacht

haben, wären seiner Meinung nach

„nicht passiert, wenn das Bauunternehmen

früher mit am Tisch gesessen hätte“.

WIE EIN MENÜ À LA CARTE

Hat die Vorspeise geschmeckt, ist die Chance

groß, dass der Kunde auch das Hauptgericht

bestellt – also Strabag mit dem Bau beginnen

kann. Für diesen Abschnitt bietet

Strabag seinen Kunden sechs verschiedene

Vertragsmodelle – vom Pauschalvertrag,

der alle Kosten von vornherein exakt festlegt,

bis hin zur Frage, wie teuer es ist, einen

einzelnen Ziegelstein zu legen.

In Skandinavien und England bevorzugen

die Bauherren das Vertragsmodell

GMP – das Kürzel steht für Garantierter

Maximaler Preis. Die Kosten werden zu jeder

Zeit offengelegt – kostet der Bau mehr

als geplant, zahlt Strabag die Differenz.

Wer will, bekommt nach Fertigstellung

des Baus auch noch den Nachtisch: Zusätzlich

bietet Strabag einen Hausmeisterservice

und die Gebäudereinigung an.

Deutsche Bauherren finden Geschmack

an dem Menü à la carte. Schon jedes dritte

private Großbauprojekt wickelt Strabag

hierzulande mit den modularen Vertragsmodellen

ab. Birtel hofft, seine deutschen

Kunden künftig noch häufiger von der

Qual der Wahl zu überzeugen. Sein Ziel: Er

will mehr als die Hälfte der Aufträge anhand

modularer Verträge abschließen.

Osram geht noch einen Schritt weiter: In

fünf Jahren sollen so gut wie alle Produkte

des Lichtherstellers nach dem Baukastenprinzip

produziert werden.

n

lin.freitag@wiwo.de

FOTO: F1ONLINE

100 Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche

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Geld&Börse

Denken wie im

Silicon Valley

BÖRSENNEULINGE | Der bayrische 3-D-Drucker Voxeljet hat es schon aufs Parkett

geschafft – in den USA. In Deutschland ging in diesem Jahr kein junges

Wachstumsunternehmen an die Börse. Dabei gäbe es durchaus Kandidaten.

In der Luft liegt der Geruch von Klebstoff.

Am Rande der schmucklosen

Halle fährt ein meterlanger Druckerarm

über eine Platte. Auf hundertstel

Millimeter genau sprühen 30 000 Düsen

Leim auf. Begleitet von ohrenbetäubendem

Lärm, fährt ein anderer Druckerarm

aus und verteilt feinsten Sand passgenau

auf die Klebeflächen. Minute für Minute,

Schicht für Schicht nimmt die Einstein-Büste

Form an – filigran, lebensnah,

ganz so, wie es der Computer dem

3-D-Drucker anhand von dreidimensionalen

Daten aufgegeben hat.

Dort, in einem Industriegebiet in Friedberg

bei Augsburg, will der 3-D-Druck-

Spezialist Voxeljet die industrielle Fertigung

revolutionieren. Der dreidimensionale

Druck gilt an der Börse als Zukunftstechnologie.

Die Einstein-Büste ist nur

Spielerei, es geht um Teile von Prototypen

für die Automobil- oder Luftfahrtindustrie,

die weitaus billiger und schneller gebaut

werden können als mit klassischem Werkzeug.

Wer will, kann bei Voxeljet nicht nur

Teile drucken lassen, sondern gleich die

ganze Druckmaschine kaufen.

Voxeljet entwickelt sich, Gründer und

Chef Ingo Ederer will in fünf Jahren aus aktuell

11 mehr als 50 Millionen Euro Umsatz

machen. Seine Wachstumsgeschichte hat

Ederer jetzt Investoren verkauft – er ist im

Oktober mit Voxeljet an die Börse gegangen

(siehe Seite 104). Binnen vier Wochen

verfünffachte sich der Kurs der Papiere; in

der Spitze haben Anleger den jungen Mittelständler

aus der Provinz, dessen Unternehmen

gerade einmal in zwei Hallen auf

5800 Quadratmeter passt, mit gigantischen

1,1 Milliarden Dollar bewertet.

Allein: Deutsche Anleger haben

diese Rally verpasst. Denn

Voxeljet ist in den USA an die

Börse gegangen. Das Management

hatte sich zwar auch bei

einer Handvoll deutscher Investoren

vorgestellt. Doch die

hätten bloß gemäkelt: „Kleiner

Umsatz, kein Gewinn“, so lautete

deren Kritik. Ederer versteht

das einfach nicht: „Deutsche

Investoren haben eine typische

rückwärtsgerichtete Sichtweise“,

hat er festgestellt.

Er erinnert sich noch allzu

gut an seinen Börsengang, auf dem Parkett

der altehrwürdigen New York Stock Exchange.

Auf allen Anzeigetafeln leuchtete

der Name seines Unternehmens. „Der erste

Handelstag an der New York Stock Exchange

war für uns alle ein besonderes Erlebnis“,

schwärmt Ederer noch heute. Mit

seinen Bankern, Rechtsanwälten und Finanzchef

Rudolf Franz stand er am Computer-Bildschirm

des Aktienhändlers. Wer

Glück hatte an der US-Börse, hatte Voxeljet

»Investoren

in Deutschland

schauen typischerweise

zu

sehr zurück«

Ingo Ederer, CEO Voxeljet

Serie Teil 3

Mut zum Risiko

Welche jungen

Wachstumswerte

Investoren im Blick

behalten sollten

Im nächsten Heft:

Roundtable: Brauchen

Anleger und Gründer

eine neue Tech-Börse?

zu 13 Dollar bekommen. „Das

Orderbuch war mehrfach überzeichnet,

Investoren fragten elf

bis zwölf Mal so viel Papiere

nach, wie wir ausgegeben haben“,

sagt Finanzchef Franz.

Viele, die bei der Zeichnung leer

ausgegangen waren, rissen sich

nun um die Aktie: Gleich am

ersten Handelstag verdoppelte

sich der Kurs. „Das war erlösend,

da ist viel Druck abgefallen“,

sagt Ederer.

Dass deutsche Anleger bei

diesem urbayrischen Unternehmen

außen vor blieben, ist symptomatisch.

Keine zehn Prozent der Deutschen

haben Aktien. Neue, junge Wachstumsunternehmen

sind Fehlanzeige auf dem Kurszettel.

Wenn überhaupt, dann kommen

Großunternehmen aus Industrie und Wohnungswirtschaft

neu aufs Parkett: Osram,

Evonik, der Gabelstaplerbauer Kion, die Immobilienwerte

Deutsche Annington und

LEG schafften es 2013.

Gründer bekommen zwar Geld, wenn es

aber darum geht, ein Geschäftsmodell

schnell auszuweiten, mangelt es an Eigenkapital,

das anderswo von der Börse

kommt. So erreichen Unternehmen nicht

die kritische Größe, um ihren Markt wirklich

beherrschen zu können – wie Google,

Apple oder Amazon.

Die Deutsche Börse in Frankfurt arbeitet

seit dem vergangenen Frühjahr an einem

Projekt, das dazu führen soll, dass wieder

mehr junge Wachstumsunternehmen an

die Börse gehen. Seit Noch-Wirtschaftsminister

Philipp Rösler im Sommer anregte,

den Neuen Markt wieder auferstehen zu

»

FOTO: AP PHOTO/RICHARD DREW

102 Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche

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Stars in New York

Finanzchef Franz (links)

und Voxeljet-Chef Ederer

an der Börse

Ab in die dritte Dimension

Kursund Börsenwertdes deutschen 3-D-Druckunternehmens Voxeljet*

70

60

50

40

30

20

10

Oktober

November

Dez.

202,8 1092

Millionen Dollar

Börsenwert**

(am17. Oktober)

Millionen Dollar

Börsenwert

(am18. November)

* Kurs der American DepositaryShares (ADS) an der BörseinNew York,fünfADS repräsentiereneineAktie; ** zum Emissionskurs von13Dollar;Quelle: Bloomberg

WirtschaftsWoche 9.12.2013 Nr. 50 103

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Geld&Börse

VOXELJET

Schon reichlich

überhitzt

Anleger können langfristig vom

Hype um den 3-D-Druck profitieren.

James Bond dürfte mindestens so begeistert

gewesen sein wie Aktionäre der ersten

Stunde: Für den Film Skyfall fertigte

3-D-Druck-Spezialist Voxeljet kurzerhand

drei Modelle des Sportwagens Aston Martin

DB 5, die bei Action-Szenen das unbezahlbare

Fahrzeug aus den Sechzigern

doubelten. Das (noch) kleine Unternehmens

aus Friedberg bei Augsburg druckt

anhand von Computerdaten dreidimensionale

Gebilde, etwa aus Sand oder

Kunststoff. Kunden wie Daimler und Ford

lassen nach Vorlagen von den Druckern

eine Negativform fertigen, gießen Metall

hinein, lassen es aushärten – fertig ist das

neue Teil. Das ist billiger, als in der Testphase

Werkzeuge für Teile fertigen zu lassen,

die man nie wieder benötigt.

Die Bereiche System und Service steuern

jeweils etwa die Hälfte des Umsatzes

bei. In der Systemsparte montiert Voxeljet

3-D-Drucker und verkauft sie. Bislang hat

das Unternehmen 55 Drucker installiert.

Der günstigste kostet 125 000 Euro, der

teuerste 1,6 Millionen. Ein Deal kann da

schon ein Quartalsergebnis verändern.

Im Bereich Service druckt

Voxeljet für Kunden 3-D-Modelle

aus. Fünf Fotos reichen, um

aus ihnen etwa die Daten eines

Gesichts zu berechnen

und eine Büste zu fertigen.

Die Technologie hat Potenzial.

Gemessen an Geschäftszahlen

und herkömmlichen Bewertungskriterien,

sind die

Papiere aber reichlich teuer.

Voxeljet startete mit 203

Millionen Dollar Börsenwert,

doch 2013 plant Unternehmensgründer

und Chef Ingo

Ederer gerade mal elf Millionen

Euro Umsatz. Der Erfolg

gab Voxeljet zunächst

recht – in der Spitze lag der

Börsenwert bei über einer Milliarde. Mittlerweile

ist die Luft wieder etwas raus, der

Wert auf gut die Hälfte geschrumpft.

Doch auch damit hat der Markt immer

Aus Sand gebaut

3-D-Druckspezialist

Voxeljet druckte diese

Einstein-Büste aus

noch jahrelanges Wachstum vorweggenommen.

Wer jetzt kauft, wettet auf eine

neue Übertreibung, die durchaus kommen

könnte. Vorsichtige warten auf einen

Rückschlag. Schwankungen müssen Anleger

in jedem Fall aushalten können: So

stürzte der Kurs schon an einem Tag um

mehr als 30 Prozent ab.

Verkaufsdruck könnte im April aufkommen:

Das Management hält 30 Prozent

der Anteile und hat sich verpflichtet, im

halben Jahr nach dem Börsengang keine

Papiere zu verkaufen. Machen Ederer und

Franz dann mit einem Teil ihrer Pakete

Kasse, könnte der Kurs im April leiden.

ZERTIFIKATE STATT AKTIEN

Die Bayern sind in den USA an die Börse

gegangen, gehandelt werden American

Depositary Shares (ADS). Das sind Zertifikate

auf Aktien, fünf ADS repräsentieren

das Zugriffsrecht auf eine bei einer Bank

hinterlegte Aktie. Unwägbarkeiten gibt es:

Voxeljet muss als kleines Unternehmen

weniger Zahlen liefern als andere. „Unsere

Quartalsberichte sind zwar freiwillig, wir

wollen die Investoren aber weiterhin damit

versorgen, weil unsere Wettbewerber das

auch tun“, verspricht Finanzchef Rudolf

Franz. Noch sind die Zahlen nicht berauschend:

In den ersten neun Monaten

2013 steht unter dem Strich ein Verlust

von 167 000 Euro. Umso gigantischer sind

die Wachstumspläne: Voxeljet soll in den

nächsten vier bis fünf Jahren um 50

Prozent jährlich wachsen und in

fünf Jahren über 50 Millionen

Euro Umsatz erreichen. Aufträge

für sieben Druckmaschinen

sind da: Ende September standen

Bestellungen für 5,5 Millionen

Euro in den Büchern.

Voxeljet sind durch den Börsengang

50 Millionen Euro zugeflossen.

Ederer will für 40

Millionen Euro Servicecenter

mit Druckmaschinen in den

USA und Asien bauen. Dividende

gibt es keine: „Wir wollen

weiter wachsen und das Geld

dafür einsetzen“, sagt Ederer.

Die Vision könnte aufgehen:

Die Aktie von Wettbewerber

Stratasys etwa hat sich binnen

zwei Jahren in etwa vervierfacht. An der

Börse wird die Zukunft gehandelt. Mutige

könnten davon profitieren.

annina.reimann@wiwo.de | Frankfurt

»

lassen, kursieren zwischen Berlin und

Frankfurt diverse Namenslisten von Unternehmen,

die möglicherweise für ein solches

Börsensegment infrage kommen. Die

fünf im Folgenden vorgestellten Unternehmen

und 15 weitere (siehe Tabelle Seite

105), finden sich in fast jeder Aufstellung.

MISTER SPEX

Wann reagiert Fielmann?

Brillen online zu verkaufen galt lange als

unmöglich. Wer sich ein neues Gestell auf

die Nase setzt, will es vorher anprobieren

und im Spiegel betrachten. Das Berliner

Start-up Mister Spex beweist das Gegenteil:

Die Firma verkauft seit 2007 Brillen, Kontaktlinsen

und Sonnenbrillen im Internet.

In diesem Jahr wird der Online-Optiker mit

»Verfolgt

Fielmann die

Online-Strategie,

hat Mister Spex

keine Chance«

Mathias Gehrckens, Geschäftsführer dgroup

etwa 600 000 Kunden voraussichtlich 48

Millionen Euro Umsatz machen, 85 Prozent

mehr als 2012.

Trotz des Wachstums kommt Mister

Spex in dem Fünf-Milliarden-Markt nur

auf einen Anteil von etwa einem Prozent.

Damit hat die Firma Online-Wettbewerber

abgehängt, arbeitet aber unterhalb der

Wahrnehmungsschwelle der Riesen Fielmann

(Nettoumsatz 2012 in Deutschland:

831 Millionen Euro) und Apollo Optik (405

Millionen). Lange hat Günter Fielmann die

Konkurrenz aus dem Netz nicht ernst genommen,

bezeichnete deren Geschäftsmodell,

Brillen ohne Beratung zu verkaufen,

als „Rückfall ins Mittelalter“. Inzwischen

dementiert der Marktführer mit fast

600 Filialen nicht mehr, über eine Online-

Strategie nachzudenken. „Sollte Fielmann

so den Markt absichern, hätte Mister Spex

keine Chance“, sagt Mathias Gehrckens,

Geschäftsführer der Beratung dgroup.

Dirk Graber kontert, Fielmann verstehe

nichts von E-Commerce. Graber hat Mister

Spex gegründet. Vor allem in den Anfangsjahren

galt das Startup in der E-Commerce-

104 Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche

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FOTOS: PR, ARNE WEYCHARDT FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Branche als Vorreiter. „Die hatten eine kluge

Nische, eine eigene Shop-Software, arbeiteten

sehr analytisch und waren technologisch

vorn“, sagt ein ehemaliger Manager

des Modeversenders Zalando.

Im Gegensatz zu Zalando hat Graber

auch die Rücksendequoten einigermaßen

im Griff. In Großbritannien, Frankreich

und Spanien ist die Firma schon online,

zuletzt hat Graber zwei kleinere Wettbewerber

in Schweden übernommen. Das

Geld dafür hatte der 36-Jährige aus der

letzten Finanzierungsrunde über 16 Millionen

Euro, bei der der Investor Scottish

Equity Partners 25 Prozent der Anteile

übernommen hat und den Unternehmenswert

dabei auf etwa 70 Millionen Euro

kalkulierte. Zum Vergleich: Die Börse

bewertet Fielmann mit 3,5 Milliarden Euro.

Um nicht nur Zweitkäufer von Brillen für

Mister Spex zu erwärmen, hat Graber seit

Mitte 2011 ein Partnernetzwerk mit traditionellen

Optikern aufgebaut. Dort können

Kunden einen Sehtest machen, für den

Mister Spex an den Optiker eine Servicepauschale

und eine Umsatzprovision für

online gekaufte Brillen zahlt. „Wir suchen

nach Optikern in A-Minus- oder B-Plus-

Lagen, die nicht voll ausgelastet sind“, sagt

Graber. Bislang kooperiert er mit 350 Optikern.

2014 will er profitabel werden und

spätestens 2015 rund 100 Millionen Euro

Umsatz schaffen. Ein Börsengang sei kein

Selbstzweck, sagt Graber, der nur noch drei

Prozent an Mister Spex hält. Eigene Aktien

seien aber sinnvoll, als Übernahmewährung

– und zur Mitarbeitermotivation.

RESEARCHGATE

Facebook für Wissenschaftler

Mit Durchblick Mister-Spex-Chef Graber verkauft Brillen online

Christian Vollmann war der erste Investor,

der Ijad Madisch Geld gab, obwohl er ihn

nicht persönlich kannte. Das war Anfang

2008. „Researchgate soll ein Facebook für

Wissenschaftler werden“, versprach ihm

Madisch. 20 andere Investoren hatten zu

diesem Zeitpunkt schon abgelehnt. Vollmann

war der erste, der an die Vision

glaubte und nicht nach Gewinnen fragte.

Heute haben sich über drei Millionen

Forscher auf dem Portal registriert, das ist

fast die Hälfte aller Forscher weltweit. Eine

Million sind mindestens einmal im Monat

auf der Seite aktiv: Aal-Forscher aus

Schweden, Klimafolgenforscher aus Potsdam,

Physiker aus Russland, HIV-Spezialisten

aus Kalifornien. Sie haben über 60

Millionen Arbeiten auf Researchgate veröffentlicht,

diskutieren Probleme, vergleichen

Ergebnisse oder suchen nach neuen

Jobs. Jeden Tag kommen 10 000 neue Mitglieder

dazu, jede Woche werden auf der

Plattform über 5000 neue Rohdatensätze

hochgeladen, Daten etwa über fehlgeschlagene

Experimente, die sonst kaum

bekannt geworden wären.

„In den wissenschaftlichen Journalen

werden doch nur die Erfolgsmeldungen

publiziert“, sagt Madisch. „Wir hingegen

verbinden die richtigen Daten mit den

richtigen Menschen.“ Er meint Menschen

wie Orazio Romeo, einen jungen Biologen

aus Italien, der über Researchgate Emmanuel

Nnadi aus Nigeria fand; gemeinsam

Reif für die Börse?

15 Kandidaten und ihr Geschäftsmodell

Zalando

Jimdo

Plista

KaufDa-Bonial

Bigpoint

DaWanda

6Wunderkinder

GameGenetics

Lieferheld

Idealo

Runtastic

Get Your Guide

Parstream

Trivago

Auctionata

Quelle: eigene Recherche

Online-Händler für Kleidung

Homepage-Baukasten

Content- und Werbeplattform

Online-Prospektwerbung

Hersteller von Online-Spielen

Marktplatz für Selbstgemachtes

Hersteller der Teamwork-App

Wunderlist

Distributor von Online-Spielen

Online-Essen-Bestellservice

Preisvergleichsservice

Fitness-Apps

Buchungsplattform für Freizeitaktivitäten

und Tourismus

Big Data Management

Hotel-Preisvergleich

Online-Kunstauktionshaus

entdeckten sie einen neuen Infektionserreger.

Oder den philippinischen Studenten,

der ohne das Netzwerk wohl nicht mit einem

spanischen Professor eine neue Formel

für Biodiesel gefunden hätte.

Madisch will das Open-Source-Prinzip

(Software kann frei kopiert und weiterverbreitet

werden) in der Wissenschaft etablieren.

Seine schärfsten Wettbewerber sind

die renommierten Journale „Nature“ oder

„Science“, die erfolgreiche Forschungsergebnisse

als Erste publizieren. Forschungsgelder,

Drittmittel, Prestige hängen daran.

Diesen Mechanismus will Madisch brechen.

Schließlich sei das World Wide Web

1989 erfunden worden, damit Forscher ihre

Daten schneller austauschen könnten.

Investor Vollmann sagt über Madisch,

der sei der einzige der neuen Gründer in

Deutschland, der „von der Denke her an

das Silicon Valley herankommt“. Dafür

spricht zumindest, dass vor allem Amerikaner

in das deutsche Startup investiert haben.

So gewann Madisch Matt Cohler und

dessen Fonds Benchmark Capital als Investor.

Cohler war lange Zeit die Nummer zwei

bei Facebook und hat auch LinkedIn mit

gegründet. Peter Thiel, der erste Facebook-

Investor, ist dabei; zuletzt öffnete Bill Gates

Ende Mai sein Scheckbuch.

Über 35 Millionen Dollar hat Madisch

eingesammelt. „Eigentlich brauchen wir

nicht mehr“, sagt der 33-Jährige. „Mit dem

Venture Capital haben wir uns Zeit gekauft.“

Es sei schwieriger, die Verkrustung der Wissenschaft

aufzubrechen, als damit Geld zu

verdienen. Auch wenn der studierte Virologe

kein Wort über Umsatz und Gewinn verlieren

mag: Allein mit der Jobbörse kön-

»

WirtschaftsWoche 9.12.2013 Nr. 50 105

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Geld&Börse

Soundcloud hat den US-Wettbewerber

MySpace, das einst populärste Netzwerk

der Welt, bereits überholt. Der Markt ist

umkämpft: Auch über Dienste wie Spotify,

Simfy und Last.fm lässt sich Musik anhören

und teilen. Doch während bei Spotify die

Zuhörer per Flatrate zahlen, sind es bei

Soundcloud die Anbieter: Bis zu zwei Stunden

Musik lassen sich kostenlos hochladen;

wer unbegrenzt Songs einstellen will,

zahlt neun Euro pro Monat. Soundcloud

versteht sich mit diesem Geschäftsmodell

als Plattform für Künstler, die ihre Hörer

mit neuen Songs versorgen, Reichweite

aufbauen und populär werden wollen.

Seit sich renommierte Risikokapitalgeber

wie Doughty Hanson Technology und

Kleiner Perkins Caufield & Byers eingekauft

haben, gilt Soundcloud als Aushängeschild

der Berliner Startup-Szene. Auf

200 Millionen Dollar taxierte das Portal

Techcrunch den Wert von Soundcloud bereits

im Jahr 2012; seitdem hat sich die Nutzerzahl

etwa verzwanzigfacht, die Bewertung

dürfte heute deutlich höher liegen.

Das Thema Börsengang umschifft Wahlforss

lieber: „Wir konzentrieren uns erst

mal auf den Aufbau unserer Firma“, sagt er,

„und da haben wir noch ziemlich viel Arbeit

vor uns.“

Für Aal-Forscher Researchgate-Chef Madisch fängt 10 000 Wissenschaftler pro Tag

ne Researchgate bald profitabel arbeiten.

Will er verkaufen? „Nein, danke.“ Researchgate

sei Lebensaufgabe. Will er an die Börse?

Da habe er noch nicht genug drüber

nachgedacht, sagt Madisch. Seine 110 Mitarbeiter

würden profitieren, sagt er,

schließlich habe sogar die Putzfrau Anteile.

SOUNDCLOUD

Große Töne

250 Millionen Nutzer pro Monat: Das ist eine

der wenigen Zahlen, die Eric Wahlforss

über sein Unternehmen preisgeben will.

Und sie ist entscheidend, denn das Kapital

des Berliner Unternehmens Soundcloud

sind seine User. Musiker, DJs und Labels in

aller Welt, die in jeder Minute mehr als

zwölf Stunden Musik auf die Plattform

hochladen. Und jene Menschen, die sich

die Musik anhören, kommentieren und

online teilen. Sie machen Soundcloud zu

einer Plattform, die künftig womöglich

ähnlich erfolgreich sein könnte, wie You-

Tube und Twitter es heute sind – und damit

langfristig zu einem Börsenkandidaten.

2011 setzte Soundcloud erst 4,3 Millionen

Euro um – immerhin mehr als drei Mal

so viel wie noch 2010. Auch aktuell dürfte

das junge Unternehmen noch Verlust machen:

„Die Gewinnschwelle ist bisher nicht

unser Fokus“, sagt Eric Wahlforss, der

Soundcloud zusammen mit Alexander

Ljung 2007 gegründet hat. „Wir konzentrieren

uns aufs Wachstum und noch mehr

Reichweite.“

»Mit 35 Millionen

US-Dollar

Venture Capital

haben wir uns

Zeit gekauft«

Ijad Madisch, Gründer Researchgate

WOOGA

Alles auf Apps

In einer alten Backfabrik im Prenzlauer

Berg, zwischen urwaldartigen Pflanzen

und bunten Monstervisagen, programmieren

mehr als 250 Wooga-Mitarbeiter Online-Spiele.

Die Spiele sind kostenlos, Wooga

nimmt Geld ein, wenn Nutzer sich Vorteile

erkaufen, um im Spiel weiterzukommen.

Knapp vier Jahre nach dem Start gehört

die Spieleschmiede zu einem der erfolgreichsten

Startups Deutschlands und

ist einer der führenden Spielehersteller in

Europa. „Der Umsatz verdoppelt sich von

Jahr zu Jahr“, sagt Gründer Jens Begemann.

Und: „Wir sind profitabel.“

In der Online-Spielebranche herrscht

Goldgräberstimmung. Rund 1,5 Milliarden

Dollar legte kürzlich die japanische Softbank

für 51 Prozent des finnischen Spieleherstellers

Supercell auf den Tisch, der erst

2010 gestartet ist. King.com aus den USA

denkt gerade über einen Börsengang nach,

angeblich zu einer Milliardenbewertung.

Immer mehr Nutzer spielen Spiele auf

mobilen Endgeräten, laut Branchenverband

Bitkom allein mehr als elf Millionen

Deutsche. Damit sind mobile Endgeräte

ebenso populär wie Spielkonsolen. „Der

Markt explodiert gerade“, sagt ein Branchenkenner.

Das sorge allerdings auch dafür,

dass die Karten in der Branche neu gemischt

werden: So habe Zynga aus den

USA zwar lange den Ton angegeben, aber

den Transfer zu Mobilgeräten verschlafen.

Wooga soll das nicht passieren. Das Unternehmen,

das seine ersten Erfolge mit

Spielen für Facebook feierte, entwickelt seit

zweieinhalb Jahren Spiele für mobile Geräte.

Anfangs setzte Wooga auf die Programmiersprache

HTML 5. „Das war die falsche

Technologie“, sagt Begemann, „aber zum

Glück konnten wir rechtzeitig korrigieren

und auf Apps umsatteln.“ Inzwischen bringen

die mehr als die Hälfte des Umsatzes.

Spielehersteller müssen viel investieren,

um Mobile-Nutzer zu erreichen, deutlich

mehr als zehn Cent pro umgesetzten Euro

verschlingt das Marketing. Es gilt, schnell

Reichweite aufzubauen und die Nutzer

»

FOTO: LAIF/ANDREAS CHUDOWSKI

106 Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche

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Geld&Börse

Auf zum nächsten Level Mitarbeiter von Wooga in Berlin programmieren Online-Spiele

»

dazu zu bringen, die Spiele übers Internet

gemeinsam zu spielen. Bei JellySplash

gelingt Wooga dies: Gut 15 Millionen Menschen

haben das Spiel mit den mehr als

200 Levels in drei Monaten gespielt.

Wachstum finanziert Wooga längst aus

einem positiven Cash-Flow. Eine weitere

Finanzierungsrunde sei nicht geplant –

auch kein Börsengang, sagt Begemann.

KREDITECH

Schnüffler im Netz

Wenn Kreditech das Banking der Zukunft

sein soll, dann fragt man sich schon, ob

man diesem 26-Jährigen sein Geld anvertrauen

würde. Sebastian Diemer will so gar

nicht in das Bild des Krawatten tragenden

Dreiteilers passen. Am liebsten trägt er

knallorangene Poloshirts, die nicht verleugnen

sollen, dass er ab und an ein Fitnessstudio

aufsucht – wenn er nicht gerade

auf Wasserskiern unterwegs ist oder Motocross

fährt. Diemer hat aber noch nicht

ausprobiert, ob seine Firma auch ihn für

kreditwürdig hält. Kreditech vergibt in

Deutschland keine Kredite mehr. Sehr

wohl aber in Polen, Spanien, Tschechien,

Russland und Mexiko: Konsumentenkredite

bis 500 Euro und mit einer Laufzeit von

30 Tagen, in Polen 2500 Euro bis ein Jahr.

In diesen Ländern achtet Kreditechs Algorithmus

auf den Lebenswandel potenzieller

Schuldner. Er errechnet, wie wahrscheinlich

es ist, dass diese ihre Kredite zurückzahlen.

Anders als die deutsche Schufa sucht Kreditech

nicht primär nach Versäumnissen in der

Vergangenheit, die Firma schnüffelt im Netz

nach Charaktereigenschaften, um die Zu-

kunft vorherzusehen. Kreditech durchforstet

dafür Facebook, Twitter, Amazon, Ebay,

so ziemlich jede Spur, die ein Mensch im

Netz hinterlässt. Die Software setzt aus bis

zu 8000 Variablen ein Bild des potenziellen

Schuldners zusammen. „Einen Kreditantragsteller,

der bei Amazon gerade das Buch

,Raus aus den Schulden‘ bestellt hat und angibt,

3000 Euro im Monat bei einer Bank zu

verdienen, dessen Smartphone sich allerdings

nie dort aufhält, sondern der sich jeden

Morgen mit einem Trunkenbold in der

Eckkneipe eincheckt, den lehnen wir mit Sicherheit

ab“, sagt Diemer.

Im zweiten Jahr nach Gründung leihen

sich seine 40 000 Kunden im Schnitt 121

Euro, pro Woche kommt eine vierstellige

Zahl Neuabschlüsse hinzu. Zehn Millionen

Euro waren 2013 im Schnitt ausgeliehen,

2014 sollen es fast 30 Millionen sein.

Dann will Diemer 35 Millionen Euro umsetzen,

mehr als viermal so viel wie dieses

Jahr – und profitabel arbeiten. Im ersten

Halbjahr will Diemer Kredite auch in Argentinien,

Peru und Australien vergeben.

»Wir sind

profitabel, der

Umsatz verdoppelt

sich von

Jahr zu Jahr«

Jens Begemann, Gründer Wooga

Trotz des rasanten Wachstums betreibt

er ein riskantes Geschäft. Nicht nur weil

potenzielle Kunden nach der NSA-Affäre

genauer hinsehen, welche Daten sie Diemers

Algorithmus auslesen lassen, sondern

auch, weil das Ausfallrisiko bei Kreditech

deutlich höher ist als bei einer Bank

oder im vergleichbaren Geschäft einer Mikrokredit-Organisation.

In Polen, Tschechien

und Spanien liegt die Ausfallquote

zwischen 10 und 13 Prozent. In neuen

Märkten wie Russland sei mangels brauchbarer

Daten anfangs jeder zweite Schuldner

säumig gewesen, sagt Diemer. Das habe

Kreditech allerdings mit zwei Prozent

Zins pro Tag kompensieren können.

Im Schnitt verlangen die Hamburger

während der Laufzeit von 30 Tagen zwischen

15 und 35 Prozent. Schuldner sollten

das lieber nicht aufs Jahr hochrechnen.

Zinswucher, das damit verbundene Reputationsrisiko

und Datenschutz-Bedenken

sind die größten Risiken der jungen Firma.

Nicht umsonst hat Diemer sein Geschäft,

bei Gründung noch unter dem Namen

Kredito, wieder eingestellt, nachdem die

Finanzaufsicht BaFin eine Prüfung erwogen

hatte. Eine Vollbanklizenz braucht

Kreditech bisher in keinem seiner Märkte.

KONKURRENT STREBT ZUR BÖRSE

Der härteste Wettbewerber, die britische

Firma Wonga, wurde schon mehrfach als

Wucherer beschimpft. Die Briten wiesen

2012 75 Millionen Euro Gewinn aus und

streben an die Börse. Diemer ist sichtlich

bemüht, sich von der Konkurrenz abzuheben:

„Dort, wo wir arbeiten, bekommen

die meisten Menschen überhaupt keinen

Kredit. Bei uns haben sie immerhin eine

Chance“, sagt er. Und im Übrigen sei das

Kreditgeschäft nur eine Art Vorübung, um

an vernünftige Daten zu kommen. Denn

von 2014 an will er sein Scoring-Modell an

Händler und lokale Banken verkaufen.

Immerhin weiß er bekannte Investoren

hinter sich: Die Samwer-Brüder und andere

haben insgesamt 33 Millionen Dollar

überwiesen. Auf Basis einer Bewertung von

angeblich über 100 Millionen Dollar verhandelt

Diemer derzeit mit einem Investor

über zusätzliche 20 Millionen. „Das soll die

letzte Finanzierungsrunde mit Risikokapital

werden“, sagt er. Diemer macht keinen

Hehl draus, dass er an die Börse will – womöglich

schon 2014.

n

marcus pfeil, annina reimann,

jens tönnesmann | geld@wiwo.de

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FOTO: REUTERS/THOMAS PETER

108 Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche

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Geld&Börse

»Die Börse war verführerisch«

INTERVIEW | Oliver Borrmann Der Vorstand der Beteiligungsgesellschaft bmp über das Desaster am

Neuen Markt und Chancen eines neuen Börsensegments für innovative Unternehmen.

DAUERVISIONÄR

Borrmann, 46, der im New-Economy-Boom

um das Jahr 2000

bejubelte Shootingstar, studierte

Wirtschaftswissenschaften in

St. Gallen, ging danach zu Roland

Berger als Unternehmensberater

und gründete mit 25 Jahren seine

eigene Beratung, aus der 1997

die heutige bmp media investors

hervorging. Der heutige Vorstand

galt als Macher der New Economy

und deutscher Hoffnungsträger

im anbrechenden Internet-Zeitalter.

Früh erkannte er, dass sich Berlin

zu einem wichtigen Ort für

Internet-Startups entwickeln könnte.

Herr Borrmann, Sie waren im Jahr 2000

der deutsche Hoffnungsträger fürs Internet.

Das amerikanische „Time“-Magazin

machte Sie zum Vordenker Europas. Ihre

Beteiligungsgesellschaft bmp war an der

Börse 200 Millionen Euro wert, Sie galten

als Multimillionär. Wie geht es Ihnen

heute mit 15 Millionen Euro Börsenwert?

Eigentlich nicht anders. Ich hatte damals

nicht Kasse gemacht und mir Häuser oder

Yachten gekauft, sondern mein Leben so

wie vor dem Börsengang weitergelebt. Mir

ging es um die inhaltliche, äußerst spannende

Arbeit, nicht darum, möglichst

schnell reich zu werden.

Was zog Sie dann an die Börse?

Anfang 1999 kamen Banken auf uns zu und

sagten, ihr müsst an die Börse. Es gab technologieorientierte

Beteiligungsgesellschaften

die in Windeseile mit Milliarden bewertet

wurden, wie Softbank in Japan. Man

dachte, das ließe sich in

Deutschland wiederholen, und

suchte Unternehmen, die im

Portfolio den Neuen Markt verkörpern

und die dort notiert

werden können. Jeder hielt das

für eine Endlosschleife.

Sie haben sich aber auch

nicht gewehrt und die

Illusionen weiter genährt.

Serie Teil 3

Mut zum Risiko

Die Börse war verführerisch. Sie bot um

die Jahrtausendwende eine ideale Möglichkeit,

unsere Beteiligungen zu finanzieren

und zu versilbern. Wir waren opportunistisch

und haben geschaut, was am

Neuen Markt läuft, und haben junge Unternehmen

mit gefragten Geschäftsmodellen

gesucht.

War die damalige bmp nach Ihrer

heutigen Einschätzung börsenreif?

Nein, ehrlich gesagt nicht. Sie war ein Gemischtwarenladen

aus Beratungs- und Beteiligungsgeschäft.

Aber die Bewertung,

die die Banken vermuteten, war verrückt.

Wir hielten fünf Prozent an einem kleinen

Schweizer Telefonkonzern, der für sechs

Milliarden Dollar an die US-Technologiebörse

Nasdaq gehen sollte. Das hätte uns

300 Millionen gebracht. Dann wäre unsere

Börsenbewertung sogar günstig gewesen.

Damals war alles aus den Angeln gehoben.

Haben Sie die Probleme

verdrängt?

Wir haben nicht damit gerechnet,

dass es so stark nach unten

geht. Gleichwohl habe ich im

Herbst 2000 in einem Interview

gesagt, dass ich den Neuen-Markt-Index

Nemax, der

bei 8000 stand, in 2001 bei unter

1000 sehe, und das am Beispiel

der Internet-Agentur Pixelpark erklärt.

Investoren zahlten beim Kauf einer

Werbeagentur 0,5 bis zwei Mal den Umsatz.

Pixelpark notierte beim 100-fachen

Umsatz. Ich habe gesagt, wenn die Aktie

um 99,5 Prozent fällt, schauen wir uns die

an, dann sind sie bei 0,5 angekommen. Sie

sind 99,8 Prozent gefallen.

Sie brauchten die Einnahmen aus

Börsengängen Ihrer Beteiligungen, aber

da ging nach 2000 jahrelang nichts

mehr. Wie hielten Sie sich über Wasser?

Wir haben viele Mitarbeiter entlassen, Kosten

gesenkt und uns auf wesentliche Beteiligungen

konzentriert, um sie durchzubringen.

Wir wurden bildlich gesprochen

mit abgeschlagenen Armen und Beinen

vom Schlachtfeld getragen. Aber wir haben

überlebt und unser Geschäft so umgebaut,

dass uns das nicht mehr widerfährt.

Was hatte der Neue Markt, also das einstige

Börsensegment für junge Unternehmen,

zu bieten, was der Börse heute fehlt?

Er war wunderbar, um innovative Unternehmen

mit Wachstumskapital zu versorgen.

Leider sind auch echte Luftnummern

an die Böse gegangen. Es waren viel mehr

Privatanleger engagiert, die anfangs bei

Neuemissionen Geld verdient haben. Und

Investmentfonds haben auch stärker in

kleine Aktien investiert.

FOTO: WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

110 Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche

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Sie sind als einziges deutsches Unternehmen

an der Warschauer Börse notiert.

Was ist dort anders?

In dem Börsensegment New Connect

finden junge Unternehmen Zugang zum

Kapitalmarkt. Warschau ist neben London

die aufnahmefähigste Börse mit etwa 40

Börsengängen in diesem Jahr. Dort sind

auch viele Privatanleger aktiv.

Hat die Deutsche Börse den Neuen Markt

voreilig geschlossen?

Nein, er war ein Desaster. Aber man hätte

dem Entry Standard für kleine U