26.02.2014 Aufrufe

WIRTSCHAFT+MARKT Vor dem Ostdeutschen Energieforum (Vorschau)

Erfolgreiche ePaper selbst erstellen

Machen Sie aus Ihren PDF Publikationen ein blätterbares Flipbook mit unserer einzigartigen Google optimierten e-Paper Software.

24. Jahrgang | Heft 1 | März/ April 2013 | € 3,50 | ZKZ 84618 |

WIRTSCHAFT+

MARKT

DAS OSTDEUTSCHE UNTERNEHMERMAGAZIN

Vor dem Ostdeutschen

Energieforum Leipzig

W+M-Umfrage unter Protagonisten

der Energiewende: Welche Schritte

sind jetzt unbedingt zu gehen?

landschaft+

leute

Lausitzer Seen –

die Zeit nach

der Braunkohle

marken+

macher

Plauen: Stille

Profis auf dem

Weg zur Spitze


Weil eine Bank erst dann kompetent ist,

wenn sie überall gleich tickt.

Können Sie weltweit auf die einheitlichen Standards der Commerzbank zählen.

Mittelstandsbank

Erfolgreiches Auslandsgeschäft startet ganz in Ihrer Nähe: bei Ihrem Commerzbank-Firmenkundenbetreuer.

Ohne Umwege steuert er unsere weltweiten Teams in über 50 Ländern nach Ihren Vorgaben und unseren

grenzüberschreitend einheitlichen Qualitätsstandards. Ebenfalls in Ihrer Region: Auslandsspezialisten, die

Sie bei Ihren Exportfinanzierungen unterstützen, und dezentrale Dokumentenbearbeitungs-Center.

Weil Ihre ausländischen Geschäftspartner als Hausbank meist heimische Institute vor Ort nutzen, haben wir

zudem ein weltumspannendes Netz von rund 5.000 Korrespondenzbanken geknüpft. Dadurch können wir

Akkreditive schnell und kostengünstig bearbeiten. Kein Wunder also, dass wir Marktführer im deutschen

Außenhandel sind: Die Commerzbank wickelte 2012 mehr im Ausland zugunsten deutscher Exporteure

eröffnete Akkreditive ab als jede andere Bank.

Damit Sie bei all dem kein Währungsrisiko zu tragen haben, bieten wir Ihnen natürlich auch dafür individuelle

Lösungen. Jetzt fragen wir Sie: Kann Ihre Bank das alles auch? www.commerzbank.de/international


was+warum 3

WIRTSCHAFT+

MARKT

DAS OSTDEUTSCHE

UNTERNEHMERMAGAZIN

Nur wer sich ändert, vermag sich

treu zu bleiben

Liebe Leserin, lieber Leser

vor Ihnen liegt das neue Unternehmermagazin WIRTSCHAFT+MARKT.

Sollte es, was Titel, Inhalt und Autoren angeht, seltsam vertraut anmuten,

so haben Sie sich nicht getäuscht. Das Journal hat sich mit der

jüngsten Ausgabe stark verändert, bleibt sich aber treu. W+M, die einzige

Wirtschaftszeitschrift aller neuen Bundesländer und Berlins geht

in ihr 24. Erscheinungsjahr; allerdings im neuen Gewande und herausgegeben

vom Berliner Verleger Frank Nehring.

W+M bleibt das Magazin der Unternehmerverbände Ostdeutschlands

und der Hauptstadt. Gerade deshalb will sich das Journal, wie der Untertitel

verspricht, vom Wirtschafts- zum Unternehmermagazin profilieren.

Unternehmer rücken mit ihren Problemen, Anliegen und Erfolgen

stärker in den Fokus. Ostdeutsch ist da so wenig wie süddeutsch oder

norddeutsch ein politisches Programm oder eine strenge geografische

Beschränkung, sondern eine selbstbewusste Quellenangabe.

Es hat schon etwas Symbolisches, dass der Neustart von WIRTSCHAFT+

MARKT in die Vorbereitung des „2. Ostdeutschen Energieforums – Zukunft

der Energie“ fällt. Die Redaktion widmet der sich etablierenden

Leipziger Denkwerkstatt einen Gutteil des Unternehmermagazins (Seiten

10 bis 19). Noch sieht die Mehrheit der deutschen Unternehmen die

Energiewende skeptisch, verbindet sie mit höheren Kosten und niedrigerer

Wettbewerbsfähigkeit, abnehmender Versorgungssicherheit

und zunehmender Kleinstaaterei. Es kristallisieren sich indes, wie die

W+M-Exklusivumfrage zeigt, Chancen heraus, von dieser Wende zu

profitieren. Mit neuen Erzeugnissen und Technologien. In der Messestadt

soll nun Ende April Klartext geredet und der Druck auf die Politik

verstärkt werden.

Klartext ist genau das, was die Redaktion Ihnen, liebe Leserin, lieber

Leser, auch weiterhin anbieten will. Da bleiben wir uns treu. Und wir

werden Sie künftig noch stärker in das Spannungsfeld von Pro und Contra

führen. Da ändern wir uns. Versprochen.

Herzlich

Helfried

Liebsch

Chefredakteur

fi t+ fi r m

IM

24.

JAHRGANG

www.wundm.info


4 inhalt+form

was+warum

Nur wer sich ändert, vermag sich treu zu bleiben .......... Seite 3

Impressum .................................................................................................... Seite 66

ross+reiter

Nachrichten und Personalien ....................................................... Seite 6

pro+contra

Niedriglohn behindert Innovation ................................................ Seite 8

Jetzt alle Ministerien vom Rhein an die Spree? ................. Seite 9

fragen+antworten

„Wir erhöhen den Druck“ – Gespräch mit

Unternehmerverbands-Chef Hartmut Bunsen

und DIHK-Vize Klaus Olbricht ........................................................ Seite 10

W+M-Umfrage: Energiewende – wie wird sie

sauber, sicher und bezahlbar? ...................................................... Seite 12

landschaft+leute

Klar zum Anlegen – Lausitzer Revier wird

immer mehr zum Seenland ............................................................. Seite 20

einblicke+aussichten

Feigenblatt Bürgerbeteiligung –

Infrastrukturprojekten fehlt Akzeptanz .................................. Seite 24

marken+macher

WEMA VOGTLAND Technology: Aus alt

mach neu – und hochproduktiv ..................................................... Seite26

Hidden Champions – Weltmarktführer

aus Ostdeutschland ............................................................................... Seite 29

klipp+klar

Eberhard Walter, Präsident des Brandenburger

Unternehmerverbandes fragt: Alternativlos? .................... Seite 30

Klaus von Dohnanyi plädiert für einen Blick

nach draußen ............................................................................................. Seite 66

Lausitzer Seenland

Fachleute für

lebende Räume

20

62

1/2013 | WIRTSCHAFT+MARKT


inhalt+form 5

W+M-Umfrage

zur Energiewende12

innovation+tradition

Maritimer Denkwandel – Veränderungsdruck

an der Ostseeküste ................................................................................ Seite 32

Plasma-Pfl aster für chronische Wunden ............................. Seite 36

Kapitaler Kraftakt – Berlin wird kreativer

und Gründerstadt ................................................................................... Seite 38

Kapitaler

Kraftakt –

Berlin wird

kreativer

38

ideen+impulse

Der Marathonläufer – ein Chemnitzer Chef,

der nie aufgibt ........................................................................................... Seite 42

Forschungsförderung mit ostdeutschen Wurzeln ........ Seite 56

Videokonferenzen für alle – Cottbuser Firma

überschreitet Grenzen ........................................................................ Seite 58

frauen+führung

Engagierter Pfl ege-Fall: Rostocker Unternehmerin

mit sozialem Konzept ........................................................................... Seite 44

rat+tat

Multimedia – Mehr Attacken aus dem Internet ............... Seite 48

Steuern – Zur privaten Nutzung des Dienstautos ......... Seite 50

Recht – Verkehrssünden werden härter geahndet ...... Seite 52

Immobilien – Trend zur Reurbanisierung ............................ Seite 54

Zahlungsverkehr – Mittelstand zögert bei SEPA ........... Seite 55

wirtschaft+kultur

Machtspiele. W+M-Autor Thomas Schwandt

hat einen Thriller geschrieben ..................................................... Seite 60

Fußball-Peer. Porträt eines Abseits-Spezialisten ........... Seite 61

unternehmen+verband

Fachleute für lebende Räume – neues Mitglied

im Unternehmerverband Sachsen ............................................. Seite 62

Am Puls der Medizin von morgen – innovativer

Technologietag Teltow ......................................................................... Seite 64

Unternehmer gegen Mindestlohn – Schweriner

kritisieren Landesregierung .......................................................... Seite 65

www.wundm.info WIRTSCHAFT+MARKT | 1/2013


6 ross+reiter

Fehlende Motivation kostet

GALLUP: EIN VIERTEL HAT INNERLICH GEKÜNDIGT

Wer als Unternehmer seine Leute schlecht behandelt,

der vergiftet nicht nur das Betriebsklima, sondern

schadet sich selbst. Denn am Ende sinkt die Produktivität

der Firma. Das ist das Fazit einer Studie des US-Beratungsunternehmens

Gallup zur emotionalen Bindung

von Mitarbeitern an ihren Brötchengeber. Seit 2001 erstellt

Gallup für Deutschland jährlich einen „Engagement

Index“. Dieser weist für 2012 aus, dass der Anteil der

hochmotivierten Angestellten über die Jahre mit 15 Prozent

nahezu unverändert geblieben ist. Um neun Punkte

auf 24 Prozent gestiegen ist dagegen der Anteil derjenigen,

die innerlich bereits gekündigt haben. Das wären

immerhin 8,4 Millionen Menschen. Der Zuwachs ergibt

sich offensichtlich aus einer Verschlechterung der Situation

innerhalb der Gruppe von Mitarbeitern, die bereits

zuvor „Dienst nach Vorschrift“ machten: Ihr Anteil

stieg um acht Punkte auf 61Prozent. Allein die Fehltage,

die auf Unlust zurückzuführen seien, kosteten die Betriebe

rund 18 Milliarden Euro.

Berlin als Stadt des Films

NEUE PRODUKTIONS- UND VERTRIEBSFIRMA

Internationales Flair auf der Berlinale

Andreas Rothbauer und Alec Schulmann haben zum

Jahresbeginn die Picture Tree International GmbH,

ein international aufgestelltes, integriertes Weltvertriebs-

und Produktionsunternehmen mit Sitz in Berlin,

gegründet. Die Finanzierung haben der VC Fonds Kreativwirtschaft

der Investitionsbank Berlin (IBB) und private

Investoren übernommen. Kerngeschäft sollen der

weltweite Filmlizenzhandel und die Koproduktion von

internationalen Filmen werden. Geplant ist, Produktionspartner

aus Skandinavien, Kanada und Südafrika als

strategische Gesellschafter zu gewinnen.

Bauwirtschaft leidet unter Flughafendesaster

HOFFNUNGEN RICHTEN SICH AUF DEN WOHNUNGSBAU

Die Probleme beim Bau des Großflughafens

Berlin-Brandenburg

BER belasten die Bauwirtschaft in

der Region. Wie der Bauindustrieverband

Berlin-Brandenburg mitteilt,

sank der Umsatz im vergangenen

Jahr um 1,9 Prozent. Wegen der

mehrfach verschobenen Eröffnung

seien Aufträge ausgeblieben. Vor allem

Brandenburg spürt die Auswirkungen,

hier sank der Umsatz der

Sächsische Firmen im Ural

Baubetriebe um 4,8 Prozent. Einen

Einbruch von 22,5 Prozent musste

der öffentliche Hochbau verkraften.

Berlin konnte ein leichtes Umsatzplus

verbuchen. Allerdings brach der

Straßenbau dort mit einem Umsatzrückgang

von 16,5 Prozent gegenüber

2011 ein. Auch für das laufende

Jahr ist die Branche insgesamt pessimistisch.

Positive Impulse werden

nur vom Wohnungsbau erwartet.

KOOPERATION MIT REGION SWERDLOWSK WIRD INTENSIVIERT

Die Verbundinitiative Maschinenbau

Sachsen VEMAS will den

Aufbau eines Kompetenzzentrums

für innovative Produktionstechnik

in Jekaterinburg unterstützen

und dazu eng mit dem Maschinenbauverband

des russischen Gebietes

Swerdlowsk zusammenarbeiten.

Dies wurde im Februar beim Unternehmer-Forum

der Wirtschaftsförderung

Sachsen und der VEMAS mit

Delegationen aus Swerdlowsk und

St. Petersburg vereinbart. Die Uralregion

ist wie Sachsen stark durch

den Maschinenbau und die Metallindustrie

geprägt. Viele sächsische

Unternehmen des Maschinenbaus

liefern Produktionsausrüstungen

und Anlagen. Zur Maschinenbaumesse

„Metalloobrabotka“ vom 27.

bis 31. Mai 2013 in Moskau organisiert

die Wirtschaftsförderung Sachsen

mit der VEMAS einen Gemeinschaftsstand.


1/2013 | WIRTSCHAFT+MARKT


oss+reiter 7

PERSONALIEN

NACHRICHTEN

David

Wortmann

Berlin-

Bran denburg

Energy Network

Lobbyist für den Erfolg

der Energiewende

David Wortmann (36) ist ein Wanderer

zwischen den Welten. Seit Januar

2013 leitet er als Geschäftsführer das Berlin-Brandenburg

Energy Network, das mitgliederstärkste

Unternehmensnetzwerk in

der Hauptstadtregion für die Energiewende.

Zuvor war er als Direktor für strategische

Planung und zuletzt als Vice President

Public Affairs EU für First Solar tätig.

Vor seinem Wechsel in die Industrie arbeitete

David Wortmann in der Politik als wissenschaftlicher

Mitarbeiter im Deutschen

Bundestag. Er unterstützte den Aufbau des

Weltrats für Erneuerbare Energien (WCRE),

bei dem er als Direktor für International Policy

Affairs tätig war. Er verantwortete die

Asien-Aktivitäten des Industrial Investment

Council in Tokio und arbeitete später für

Germany Trade and Invest (GTAI) als Leiter

der Energie- und Umwelttechnologie-Abteilung.

Zur Diskussion über die Energiepolitik

sagt der 36-Jährige: „Es ist richtig,

dass die Kostenseite der Energiewende im

Blick gehalten werden muss. Aber die aktuellen

Vorschläge des Bundesumweltministers

und des Bundeswirtschaftsministers

zur kurzfristigen Anpassung des EEGs,

um Strompreisanstiege zu begrenzen, sind

nicht zielgerichtet genug und können den

Fortschritt der Energiewende gefährden.

Vielmehr sollten die vielen volkswirtschaftlichen

Vorteile der Energiewende beachtet

werden, um die heutigen Kosten auch

als Investition in die Zukunft zu werten.“

Michaela Merz

Hermetos

Datendienste

Eisenach

Internet-Pionierin berät

den Wirtschaftsminister

Michaela Merz (53) züchtet mit ihrem

Mann Rinder in Texas. Viel Zeit bleibt

ihr dafür nicht, denn die Unternehmerin

führt die Geschäfte des Eisenacher Softwareunternehmens

Hermetos Datendienste

GmbH und einer weiteren Firma in den

USA. Dort hat sie zehn Jahre gelebt, die

Anfänge des Internetbooms sind mit ihrem

Namen verbunden. Sie hat VoIP, eines

der ersten Programme für Internettelefonie,

entwickelt und den Onlinedienst germany.net

erfunden. Hermetos ist auf Datensicherheit

in Firmen spezialisiert. Jetzt

wurde die Thüringerin von Bundeswirtschaftsminister

Philipp Rösler in den „Beirat

digitaler Unternehmen in Deutschland“

berufen. Mitglieder des 24-köpfigen Teams

sind Chefs von Branchenführern im digitalen

Bereich, von Investmentgesellschaften

sowie von jungen Unternehmen der Branche.

„Gerade mal ein paar Tage nach dem

sehr umstrittenen Leistungsschutzrecht-

Gesetz wurde die CeBIT unter dem Motto

„Shareconomy“ eröffnet“, sagt Michaela

Merz. „Das Internet ist eine Chance, aber

man muss es in seiner Struktur begreifen,

und das haben die Politiker noch nicht.“ Im

Beirat will sich die bekennende Liberale

für bessere Start- und Marktchancen junger

IT-Unternehmen einsetzen, denn diese

würden für die wirtschaftliche Dynamik

Deutschlands immer wichtiger. Dabei geht

es ihr auch darum, den Abstand gegenüber

den Amerikanern zu verkürzen.

Mehr Thüringer Bier

KÖSTRITZER IN 50 LÄNDERN

Während der deutsche Bierkonsum

sinkt, konnten die Thüringer Brauereien

ihren Absatz 2012 um 2,6 Prozent

gegenüber dem Vorjahr steigern. Rund 3,7

Millionen Hektoliter wurden verkauft. Beim

Export erzielten die Brauer mit 480.000

Hektoliter Bier einen Rekord. Die Köstritzer

Schwarzbierbrauerei ist in 13 Bundesländern

Marktführerin bei Schwarzbier. Ihr Anteil

wuchs 2012 bis auf 31,6 Prozent. „Rund

die Hälfte des Absatzes schreiben wir dabei

dem Verkauf in Westdeutschland zu“,

so Geschäftsführer Andreas Reimer. Köstritzer

Schwarzbier wird in rund 50 Länder

exportiert.

Die Köstritzer Schwarzbierbrauerei

Energiesparen

GEFÖRDERTE RKW-BERATUNG

Das Kompetenzzentrum des Rationalisierungs-und

Innovationszentrum der

Deutschen Wirtschaft (RKW) führt deutschlandweit

Impulsgespräche zur Energieeffizienz

industrieller kleiner und mittlerer Unternehmen

sowie im Handwerk durch. Diese

werden durch das Bundeswirtschaftsministerium

gefördert. Im vergangenen Jahr nutzten

dies in Berlin und Brandenburg 356 Unternehmen,

in Sachsen 309, in Thüringen

210 und in Sachsen-Anhalt 181. Die regionalen

RKW planen in diesen Ländern für 2013

rund 1.300 Impulsgespräche.

www.wundm.info WIRTSCHAFT+MARKT | 1/2013


8 pro+contra

Niedriglohn

behindert

Innovation

Von Dr. Herbert Berteit

Den neuesten Daten des

Statistischen Bundesamtes

zufolge ist die Zahl der

Niedriglöhner in der Wirtschaft

Ostdeutschlands in den letzten

Jahren sprunghaft angestiegen.

Sie erreichte im letzten Jahr einen

Anteil, der doppelt so hoch ist

wie im Westen. Die meisten werden

dabei für Ostdeutschland bei

den Vollzeitbeschäftigten der Realwirtschaft

ausgewiesen.

Heute ist dort mindestens jeder

Fünfte als Niedriglöhner tätig.

Beispielsweise sind es in Brandenburg

21 und in Thüringen 24

Prozent. In den alten Bundesländern

beträgt der Anteil der Niedriglöhner

in Wirtschaftsunternehmen

nicht einmal zehn Prozent.

Die Situation in Ostdeutschland

verschärfte sich vor allem durch

Abwanderung junger qualifizierter

Fachkräfte und durch den demografischen

Wandel. Die wachsende

Zahl der Niedriglöhner

beeinflusst die ostdeutsche Konjunktur

negativ und hemmt die eigene

Innovationsfähigkeit. Damit

verbunden ergeben sich negative

Auswirkungen auf den privaten

Verbrauch, auf das kommunale

Steueraufkommen und auf die

verfügbaren öffentlichen Investitionsmittel.

Durch Förderung von Forschung

und Entwicklung (FuE) und Innovationen

haben Bund und Länder

dazu beigetragen, dass sich Unternehmen

mit innovativen Produkten

am Markt behaupten konnten

und in einigen Regionen erfolgreiche

innovative industrielle Netze

entstanden sind. Oft wird nun

aber der weitere Aufbau solcher

Unternehmen und Netze und ihre

Entwicklung durch zunehmende

natürliche Überalterung der innovativen

Potenziale und die Abwanderung

junger, qualifizierter

Fachkräfte erschwert. Hinzu

kommt, dass viele Unternehmen

über Defizite in der Bildung und

bei der sozialen Kompetenz von

Bewerbern für eine Ausbildung

klagen. Viele Jugendliche verfügen

nicht über ausreichende Fähigkeiten

im Lesen, Schreiben

und Rechnen, wodurch die Ausbildung

geeigneter Fachkräfte in Unternehmen

erschwert und der Anteil

der Niedriglöhner erhöht wird.

Zwei Baustellen sollten daher von

der Politik weiter in den Vordergrund

gerückt werden: Erstens


die Ausbildung der jungen Menschen

und zweitens die bessere

Bezahlung der Fachkräfte. Eine

Erkenntnis der Innovationsforschung

besteht darin, dass sich

hohe Produktivität und moderne

Industriestrukturen nur in

Verbindung mit höheren Löhnen

entwickeln. Hier bietet sich

heute unter anderem an, den Zuzug

qualifizierter Fachkräfte aus

anderen EU-Ländern- beispielsweise

durch eine schnellere Anerkennung

von Abschlüssen- zu

unterstützen und ihre Bezahlung

unter Berücksichtigung der Erfahrungen,

die mit Programmen

der FuE-Personalförderung in

Deutschland gesammelt wurden,

zu verbessern. Auch die Ausweitung

der technologieoffenen FuE-

Förderung auf Unternehmen mit

bis zu 500 Beschäftigten sollten

geprüft werden.

Die wachsende

Zahl der Niedriglöhner

beeinflusst

die ostdeutsche

Konjunktur.

© leno2010 - Fotolia.com

1/2013 | WIRTSCHAFT+MARKT


pro+contra 9

Reiner Holznagel

Präsident des Bundes der

Steuerzahler

Ulrich Kelber

stellv. Vorsitzender der

SPD-Bundestagsfraktion

PRO

Seit Jahren fordert der Bund der Steuerzahler einen Komplettumzug

der Bundesregierung nach Berlin. Der Unterhalt der

Doppelstrukturen in Bonn und Berlin ist teuer und ineffizient.

Daher ist die Zeit reif, über zwei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung

endgültig alle Köpfe und Koffer nach Berlin zu holen.

Kritiker eines Komplett-Umzugs führen ins Feld, dass fünf Milliarden

Euro hierfür nötig wären. Bestätigt haben dies bisher weder

Bundesregierung noch Bundesrechnungshof. Das ist auch

das Manko in der Debatte. Es liegen

keine aussagekräftigen amtlichen Berechnungen

vor. Die regelmäßig veröffentlichten

Teilungskostenberichte

des Bundes schaffen leider keine solide

Basis, denn sie befassen sich nur

mit den jährlich anfallenden Kosten

aufgrund des Status quo. Zugleich haben

die Berichte offensichtliche Defizite,

denn die Trennungskosten werden

nur selektiv und nicht systematisch

gesammelt. Dienstreisen mit Bahn

und Auto etwa werden gar nicht statistisch

erfasst. Auch Flächenmehrbedarf oder Arbeitszeitverluste

durch Pendler bleiben unberücksichtigt. Diese Ausgaben

gehören bei einer umfänglichen Kostenbetrachtung dazu. Zudem

sind die erfassten Daten uneinheitlich.

Während das Entwicklungsministerium neun durch die Teilung

belastete Haushaltstitel anführt, meldet das Verteidigungsressort

nur einen. Plausibel ist das nicht. Damit weist die Regierung

teilungsbedingte Kosten lediglich in Höhe von neun Millionen

Euro für dieses Jahr aus. Es liegt auf der Hand, dass diese Angaben

weit unterzeichnet sein dürften. Der Bund der Steuerzahler

schätzt, dass bei einer umfänglichen Betrachtung die Steuerzahler

jährlich mit bis zu 23 Millionen Euro belastet werden.

Das zeigt, dass sich der überfällige Komplett-Umzug nach Berlin

für die Steuerzahler auszahlt. Anlass genug, die Zweiteilung

endlich zu beenden.

CONTRA

Jetzt alle

Ministerien

vom Rhein an

die Spree?

Leuten, die den Umzug aller Ministeriums-Arbeitsplätze nach

Berlin fordern, ist der Zahn, dass damit Geld gespart werden

könnte, schnell gezogen. Der von den Berlin-Fans erfundene Teilungskostenbericht,

den die Bundesregierung jährlich vorlegt,

stellt fest, dass die Ausgaben für die Arbeitsteilung bei deutlich

unter zehn Millionen Euro pro Jahr liegen, Einsparungen

wie die niedrigeren Reisekosten nach Brüssel gar nicht gegengerechnet.

Ein Umzug dagegen würde mindestens fünf Milliarden

Euro kosten.

Eine andere Frage ist, ob die Arbeitsteilung

zwischen Berlin und Bonn arbeitstechnisch

sinnvoll ist. Ich verweise

dann nur darauf, dass die Bundesregierung

für den Teilungskostenbericht

auch die teilungsbedingten Dienstreisen

erfasst: 2011 waren das 20.178, das

bedeutet 1,11 Reisen pro Ministeriumsbeschäftigten

und Jahr. Ein Wanderzirkus,

von dem die Umzugsbefürworter

oft sprechen, sieht anders aus.

Welche Funktionen eines Ministeriums

sind denn wirklich so politiknah, dass sie unbedingt in

Berlin angesiedelt sein müssen? Sind die „Länderreferate“ des

Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit nicht

besser in Bonn aufgehoben, wo 1.000 UN-Mitarbeiter, rund 30

internationale Organisationen, 150 internationale Nichtregierungsorganisationen

und fast alle relevanten deutschen Entwicklungsorganisationen

ihren Sitz haben? Bonn erbringt als

deutscher UN-Standort, als Stadt der internationalen Zusammenarbeit

vor allem in den Bereichen Nachhaltigkeit, Gesundheit,

Bildung und Sicherheit eine wichtige Dienstleistung für die

ganze Bundesrepublik. Themen, für die es hier Aufmerksamkeit

gibt, die das innenpolitisch dominierte Berliner Regierungsviertel

nicht vorweisen kann. Und es gibt die entscheidende Nähe

zum Nabel Europas, zu Brüssel. Diese trägt nur, wenn Bonn zweites

bundespolitisches Zentrum bleibt.

www.wundm.info WIRTSCHAFT+MARKT | 1/2013


10 fragen+antworten

„Wir erhöhen den Druck“

Zum „2. Ostdeutschen Energieforum – Zukunft für die

Energie“ haben Unternehmerverbände-Sprecher Hartmut

Bunsen (l.) und DIHK-Vizepräsident Klaus Olbricht für

den 29. und 30. April dieses Jahres nach Leipzig eingeladen.

W+M hat beide Veranstalter in Magdeburg getroffen.

W+M: Herr Bunsen, Herr Olbricht,

Sie haben sich vor dem Heiligen

Georg - einem Drachentöter - in

der Industrie- und Handelskammer

(IHK) Magdeburg ablichten

lassen. Wollen Sie auf dem Energieforum

Ende April zur Attacke

übergehen?

Klaus Olbricht: Attacke auf wen?

Nein, wir schaffen die Energiewende

in Deutschland gemeinsam

oder wir scheitern gemeinsam.

Das Leipziger Treffen soll

Lösungsansätze aufzeigen. Vor

dem Hintergrund der immensen

Kostensteigerungen müssen

wir einen Weg finden, auf dem

die Energie für Bürger und Wirtschaft

bezahlbar und sicher bleibt.

Ich freue mich, dass wir wie schon

im vergangenen Jahr hochkarätige

Referenten für das Forum gewinnen

konnten.

Hartmut Bunsen: Wir wollen

selbstverständlich den Druck

auf die Politik noch erhöhen, endlich

ein taugliches Gesamtkonzept

vorzulegen. Deshalb haben

wir auch die zuständigen Bundesminister

Peter Altmaier und

Philipp Rösler eingeladen. Und

sie haben ihr Kommen zugesagt.

Jedes Unternehmen braucht verlässliche

Rahmenbedingungen.

Und dafür sind nun mal Regierungen

zuständig. Wenn ich mich

heute um einen Auftrag bewerbe,

muss ich Zahlen in das Angebot

schreiben, politische Ankündigungen

reichen da nicht. Und

zwar konkurrenzfähige, belastbare

Zahlen. In Deutschland gehen

die Energiekosten durch die

Decke, die Nachbarländer profitieren

von sinkenden Energiepreisen

an der europäischen Strombörse.

Ganz zu schweigen von den niedrigen

Stromkosten in den USA oder

China.

W+M: Ihre Sorgen teilen laut dem

„Energiewende-Barometer“ des

Deutschen Industrie- und Handelskammertages

(DIHK) besonders

mittelständische Firmen

und Unternehmen im Osten. Wo

drückt der Schuh am stärksten?

Klaus Olbricht: Der Energiepreis

und die konfuse Energiepolitik

sind unsere größten Sorgenkinder.

Die EEG-Umlage ist in den vergangenen

zehn Jahren um 1.200

Prozent gestiegen. Eine Folge der

Preisexplosion ist zum Beispiel,

dass eine in Mitteldeutschland

geplante energieintensive Anlage

zur Erdölverarbeitung nun in Saudi-Arabien

gebaut wird. Die Investitionen

hier hätten sich auf rund

500 Millionen Euro belaufen. In einigen

Fällen sprechen wir also inzwischen

nicht mehr nur von Investitionszurückhaltung,

sondern

von Produktionsverlagerung! Das

ist ein deutliches Alarmsignal an

die Politik, endlich verlässliche

Rahmenbedingungen zu schaf-

Fotos: Torsten George

1/2013 | WIRTSCHAFT+MARKT


fragen+antworten 11

fen. Die Energiewende darf nicht

zum politischen Spielball werden.

Hartmut Bunsen: Für Ostdeutschland

kommt noch hinzu, dass die

Unternehmen die höchsten Netznutzungsentgelte

zahlen. Das ist

wie ein 100-Meter-Lauf mit Riesenrucksack.

Niemandem hier ist zu

erklären, warum der Norden und

Osten immer tiefer in die Tasche

greifen sollen für die Durchleitung

von Windstrom, der im Süden Turbinen

und Maschinen antreibt.

W+M: Sie haben eingangs Sicherheit

als ein Erfolgskriterium für

Energiewende genannt. Wächst

die Gefahr von Blackouts?

Klaus Olbricht: Aus meiner Sicht

ja. Wir haben ja über das DIHK-Barometer

die Anzahl der Stromausfälle

erfragt, auch die unter drei

Minuten, die statistisch nicht erfasst

werden. Im vergangenen Jahr

Der Energiepreis

und die konfuse

Energiepolitik sind

unsere größten

Sorgenkinder.

Klaus Olbricht,

Präsident der IHK Magdeburg,

ist Geschäftsführer der EMB Elektromotoren

und Gerätebau GmbH

Barleben, die fast nur für den

Export produziert.

waren davon 15 Prozent der Unternehmen

in der Bundesrepublik

betroffen. Die „Netzwischer“ können

zu Ausfällen führen und immense

Kosten verursachen. Für

mich steht nicht die Frage, ob es

zu einem Blackout kommt, sondern

wann.

Hartmut Bunsen: Ich war dieser

Tage in Berlin beim Übertragungsnetzbetreiber

50Hertz Transmission.

Wir freuen uns, dass Boris

Schucht im Rahmen eines Impulsreferates

diese Problematik sicher

aufgreifen wird. In dem Gespräch

wurde wieder einmal deutlich,

dass der Netzausbau immer mehr

dem Ausbau der Erneuerbaren

Energien hinterherhinkt. Wenn

die Entwicklung so weiter läuft,

sind Blackouts programmiert.

W+M: In der Bundesregierung sind

mehrere Ressorts für die Energiewende

zuständig, es gibt darüber

hinaus 16 Landesregierungen, die

eigene Pläne schmieden. Liegt da

der Hase im Pfeffer?

Hartmut Bunsen: Ja, ganz sicher.

Es braucht unbedingt eine länderübergreifende

Koordination, eine

zentrale Stelle, an der die Fäden

zusammenlaufen.

W+M: Ein Energieministerium?

Klaus Olbricht: Meinetwegen

ein Energieministerium. Aber es

kommt nicht darauf an, wie das

Kind heißt, sondern darauf, dass

wir diese zentrale Koordinierungsstelle

haben.

W+M: In Ihrer Einladung nennen

Sie das Energieforum eine „Denkfabrik“

von Wirtschaft, Wissenschaft

und Politik. Auf der vorjährigen

Veranstaltung (W+M

berichtete) überwogen die Klagen

und Warnungen – Fortsetzung

folgt?

Klaus Olbricht: Da habe ich eine

ganz andere Wahrnehmung. Im

vergangenen Jahr wurde nicht gejammert

und geklagt, sondern es

wurden Vorschläge unterbreitet

Die Energiewende

braucht eine

länderübergreifende

Koordination.

Hartmut Bunsen,

Präsident des Unternehmerverbandes

Sachsen, ist Geschäftsführer

der mp Messeprojekt

Leipzig GmbH, des größten Messebauers

Ostdeutschlands.

und konkrete Forderungen erhoben.

Offenbar nicht ganz folgenlos.

Wir haben jetzt eine intensivere

Diskussion zur Begrenzung der

Ausbaukosten erneuerbarer Energien.

Der Bundesumweltminister

Altmaier erkennt nun an, dass das

Erneuerbare-Energien-Gesetz als

Förderinstrument ausgedient hat.

Ob diese Debatte zu einer nachhaltigeren

Energiepolitik führt, wird

die Zukunft zeigen.

Hartmut Bunsen: Sowohl die Interessengemeinschaft

der ostdeutschen

Unternehmerverbände und

Berlins als auch die entsprechenden

Landesarbeitsgemeinschaften

der Industrie- und Handelskammern

(IHK) plädieren dafür,

das Forum als jährliche Veranstaltung

zu etablieren. Schließlich ist

die Energiewende eine Aufgabe

für Jahrzehnte.

Fragen: Helfried Liebsch

www.wundm.info WIRTSCHAFT+MARKT | 1/2013


12 fragen+antworten

Energiewende – sauber,

sicher und bezahlbar?

Wenn Ende April in Leipzig an die 600 Firmenlenker, Wissenschaftler

und Spitzenpolitiker zum „Ostdeutschen Energieforum

2013“ zusammenkommen, dann nicht von ungefähr. Die

Mehrheit der Unternehmer sieht die Energiewende skeptisch.

Im Vorfeld der Denkfabrik hat W+M unter namhaften Wende-

Akteuren eine Umfrage gestartet. Hier die – redaktionell

gekürzten – Antworten auf unsere Fragen.

1. Wie sind Konstruktionsfehler der Energiewende zu beheben?

2. Vor welchen nächsten Schritten sehen Sie die neuen Länder?

3. Was steht für mittelständische Firmen jetzt auf der Agenda?

3. Mittelständische Firmen kommen

größtenteils nicht in den Genuss des Privilegs

der Befreiung von der EEG-Umlage.

Die Herausforderungen an die Gleichseitigkeit

des Energie-Zieldreiecks: Umweltund

Klimaschutz, Versorgungssicherheit

und Wettbewerbsfähigkeit sind hier besonders

groß. Am 1. März 2013 hat die

Bundesregierung mit dem Start von Regionaldialogen

der „Mittelstandsinitiative

Energiewende“ das Thema Energieeffizienz

in mittelständischen Unternehmen

in den Fokus gerückt. Dabei kündigte

Bundesumweltminister Altmaier an,

Unternehmen bei der Findung von Einsparpotenzialen

und Energieeffizienzmaßnahmen

zu unterstützen. Für mittelständische

Firmen werden in Zukunft

verstärkt Information, Beratung und Qualifizierung

zu Fragen der Energieeinsparung

und Energieeffizienz im Unternehmen

auf der Agenda stehen.

Erfolg nur gemeinsam

Dr. Reiner

Haseloff

Ministerpräsident

des Landes

Sachsen-Anhalt

1. Grundsätzlich ist zu sagen, dass die

Energiewende als solche keine Konstruktion

aus gegebenen Bauteilen ist,

vielmehr stellt sie ein Gefüge aus dynamischen

Prozessen und Entwicklungen

dar. Diese Prozesse begannen mit

der Liberalisierung der Energiemärkte

und gewannen durch Entwicklungen

auf EU- und Bundesebene an Fahrt.

Die Energiewende ist ein gewaltiges Infrastrukturprojekt,

in deren Gestaltung

und Umsetzung Politik, Wirtschaft und

Gesellschaft eingebunden sind und das

erhebliche Investitionen in erneuerbare

Energien, Netzausbau, Speicher, Reserven,

Forschung und Entwicklung erfordert.

Den Herausforderungen der Energiewende

kann begegnet werden, indem

z. B. die Förderung der erneuerbaren

Energien effektiver gestaltet wird und

Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sich

weiter gemeinsam für die Entwicklung eines

effizienten Gesamtsystems aus Erzeugungs-,

Übertragungs- und Verbrauchskapazitäten

einsetzen, das dem Zieldreieck

einer sicheren, sauberen und bezahlbaren

Energieversorgung gerecht wird.

2. In den neuen Ländern bündeln sich die

Herausforderungen an den Netzausbau,

an die Systemintegration der erneuerbaren

Energien und Klimaschutzvorgaben

bei gleichzeitiger Sicherstellung des Erhalts

der Wettbewerbsfähigkeit der zum

großen Teil energieintensiven Wirtschaft.

Die neuen Länder werden sich auch weiterhin

auf Bundesebene für verlässliche

Rahmenbedingungen für Investoren in

allen Bereichen der Energiewirtschaft

und regionalen Wirtschaft einsetzen, um

die Wirtschaftskraft und Versorgungssicherheit

in den Ländern zu sichern. Aber

natürlich haben wir nicht nur die Unternehmen

im Blick. Die Energiekosten dürfen

auch für die Bürgerinnen und Bürger

nicht über Gebühr steigen.

Chancen fest im Blick

Jürgen Trittin

Vorsitzender der Fraktion

Bündnis 90/Die

Grünen im Deutschen

Bundestag

1. Die Energiewende funktioniert im Wesentlichen

gut. Inzwischen werden über

20 Prozent des Stromverbrauchs von erneuerbaren

Energien gedeckt. Obwohl

acht Atomkraftwerke still gelegt wurden,

exportierten wir im letzten Jahr mehr

Strom ins Ausland als jemals zuvor. Die

Kosten der Energiewende wurden aber

immer ungleichmäßiger verteilt. Während

2006 lediglich etwa 260 Unternehmen

von der EEG-Umlage befreit waren,

werden es dieses Jahr fast 2.000 sein. Daneben

führt der sinkende Börsenstrompreis

zu einem Ansteigen der EEG-Umlage.

Die sinkenden Einkaufspreise werden

aber nicht an die Endkunden weitergegeben.

Versäumt wurde in den letzten Jahren

auch, sich über die Zukunft unseres

1/2013 | WIRTSCHAFT+MARKT


fragen+antworten 13

© zentilia - Fotolia.com

Strommarktes Gedanken zu machen.

Zu Fragen wie Kapazitätsmärkten oder

Strommarktdesign schweigt die Bundesregierung.

Hier muss dringend geklärt

werden, wie man einen Markt schafft,

auf dem die erneuerbaren Energien reelle

Wettbewerbsmöglichkeiten haben. Einen

enormen Nachholbedarf gibt es aber

bei der Energieeffizienz und dem Energiesparen.

Gerade in der energetischen

Gebäudesanierung liegt viel Potential für

Handwerk und Mittelstand. Leider hat die

Bundesregierung nicht die notwendigen

Fördermittel zur Verfügung gestellt.

2. Die neuen Länder können kaum von

der fossilen und atomaren Energieerzeugung

profitieren. Ein Großteil dieser Kapazitäten

steht in Westdeutschland. Die

neuen Länder können aber diesen Nachteil

in einen Vorteil verwandeln, in dem

sie die Energiewende als Chance nutzen,

Marktsegmente für sich zu erobern. Bisher

hat Ostdeutschland überproportional

von der Energiewende profitieren können.

Diese Stellung gilt es auszubauen.

3. Mittelständische Unternehmen haben

bisher überproportional von der Energiewende

profitiert. Ein Großteil der Anlagen

und Anlagenteile werden hier hergestellt.

Ihren Marktvorteil, was Flexibilität und

Innovation angeht, haben mittelständische

Unternehmen in der Vergangenheit

nutzen können. Die erneuerbaren Energien

führen zu einer größeren Dezentralität

und vermeiden die Konzentration auf wenige

Großanlagen. Hier haben mittelständische

Unternehmen gegenüber Großkonzernen

einen klaren Marktvorteil.

Der Osten geht voran

Carl-Ernst

Giesting

Vorstandsvorsitzender

envia Mitteldeutsche

Energie AG

1. Bei der Energiewende wurde aber vernachlässigt,

dass der ungebremste Zubau

der Erneuerbaren die Netze und den

Strommarkt grundsätzlich vor immense

Herausforderungen stellt. Ganz oben auf

der Agenda steht daher die Reform des

Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG)

mit dem Ziel der Marktintegration. Der

eingespeiste Strom sollte nur dann vergütet

werden, wenn er gebraucht wird.

Die Förderung muss zudem deutlich effizienter

werden. Eine Harmonisierung

auf EU-Ebene ist ebenso notwendig. Ein

damit einhergehendes neues Marktdesign

muss aber auch Investitionen in

konventionelle Kraftwerke ermöglichen.

Denn nur ein ausgewogener Energiemix

schafft Versorgungssicherheit. Schlussendlich

benötigen wir eine Energiewende

aus einem Guss. Die Energiekonzepte

von Bund und Ländern sind nicht aufeinander

abgestimmt.

2. In Ostdeutschland werden Entwicklungen

vorweg genommen, die sich erst in

zehn bis 20 Jahren für ganz Deutschland

zeigen werden. Zum einen übertreffen

wir schon heute das deutsche Ökostromziel

von 50 Prozent für 2030. Zum anderen

ist der ländliche Raum in Ostdeutschland

kein Lastschwerpunkt. Die Netze

müssen hier überdurchschnittlich ausgebaut

werden, vor allen in den Verteilnetzen.

Unsere daraus resultierenden hohen

Netzentgelte werden zunehmend zu

einem Standort- und Wettbewerbsnachteil.

Für die ostdeutschen Bundesländer

ist es daher wichtig, dass sie bei der Energiewende

mit einer Stimme sprechen und

abgestimmt vorgehen. Wir brauchen vor

allem eine Synchronisierung des Netzausbaus

mit dem Zubau von EEG-Anlagen.

Und wir müssen gemeinsame Anstrengungen

unternehmen, dass die Entsolidarisierung

und ungleiche Lastenverteilung

bei den Netzentgelten aufgehalten wird.

3. Angesichts steigender Energiepreise

besteht für kleine und mittlere Unternehmen

keine Alternative zu mehr Energieeffizienz.

Hier sind bei weitem noch nicht

alle Potentiale ausgeschöpft. Ein sparsamer

Umgang mit Energie verbessert die

Kosten- und damit die Wettbewerbssituation.

Gefragt sind dezentrale, effiziente

und intelligente Energiekonzepte für den

Mittelstand. Wir stehen hier gern als Partner

bereit.

Wärme und Mobilität

Dr. Karsten

Heuchert

Vorstandsvorsitzender

der VNG –

Verbundnetz Gas AG

1. Das Jahr 2012 hat gezeigt, dass zwar

die Weichen für die Energiewende gestellt

wurden, aber die Gleise dafür längst noch

nicht verlegt sind. Die Integration erneuerbarer

Energien in das deutsche und europäische

Energiesystem wird weiterhin

eine große Herausforderung sowohl für

die Politik als auch für die Energiewirtschaft

bleiben. Wir sind uns sicher, dass

Erdgas in diesem Energiesystem in den

kommenden Jahren und Jahrzehnten eine

www.wundm.info WIRTSCHAFT+MARKT | 1/2013


14 fragen+antworten

wesentliche Rolle spielen wird. Voraussetzung

dafür ist ein Ordnungsrahmen,

der ausreichend Luft für den Wettbewerb

zwischen den Energieträgern und ihren

Anwendungstechnologien gestattet. Das

heißt auch, dass die Erneuerbaren irgendwann

soweit sein müssen, um sich selbst

am Markt zu behaupten. Energie ist nicht

nur Strom, sondern auch Wärme und Mobilität.

Erdgas spielt dabei eine zentrale

Rolle und macht die Energiewende sozialverträglich,

da Effizienz und Wirtschaftlichkeit

bei Erdgas Hand in Hand gehen.

2. Auch die Bundesländer können zum

Gelingen der Energiewende beitragen,

indem sie länderübergreifende Energiestrategien

entwickeln und umsetzen. Derzeit

hat beinahe jedes Bundesland ein eigenes

Energiekonzept mit individuellen

Prämissen. Energienetze kennen aber

keine Ländergrenzen, ein abgestimmtes

Vorgehen ist deshalb eine Grundvoraussetzung

für die Gestaltung des künftigen

Energiemixes.

3. Kleine und mittelständische Unternehmen

(KMU) können zu einer tragenden

Säule der Energiewende werden.

Viele Unternehmen investieren bereits

in energieeffiziente Techniken. Hier ist

die Kraft-Wärme-Kopplung auf Erdgasbasis

im Kommen. Mit eigenen KWK-Anlagen

können sich Industrie- und Gewerbeunternehmen

kostengünstig selbst mit

Strom und Wärme versorgen und dabei

CO2 einsparen. VNG arbeitet daran, der

KWK-Technik zu noch größerer Akzeptanz

zu verhelfen, berät Unternehmen

und unterstützt zusätzlich die Entwicklung

von Kleinstanlagen für den heimischen

Keller.

Ein weiterer Bereich ist die Mobilität. Hier

gibt es mit Erdgas und Bioerdgas schon

heute leistungsstarke Optionen zur CO2-

Reduktion. Dies ist anscheinend auch der

EU-Kommission aufgefallen: Mit ihrem

neuesten Maßnahmenpaket bekennt sie

sich erfreulicherweise zu Erdgas als Kraftstoff.

Die Angebotspalette im Bereich der

Erdgas-Nutzfahrzeuge ist schon heute attraktiv.

Erdgasfahrzeuge emittieren rund

25 Prozent weniger Kohlendioxid als Benziner.

Bioerdgas schneidet noch besser ab

und verursacht sogar bis zu 97 Prozent

weniger CO2.

Neues Marktdesign

Dr. Frank

Büchner

Leiter Region Ost

der Siemens AG

1. Die Energiewende sieht den Umbau

des deutschen Energiesystems in einem

bisher beispiellosen Umfang und einer

noch nie dagewesenen Geschwindigkeit

vor. Damit die Energiewende ein Erfolg

wird, bedarf es grundlegender Korrekturen

am derzeitigen energiewirtschaftlichen

System. Der aktuelle regulatorische

Rahmen stellt kein Wettbewerbsumfeld

dar, auf dem sich unter den wichtigen Aspekten

Versorgungssicherheit und Innovationsförderung

die kostengünstigste

Lösung mit fairer Lastenverteilung etablieren

könnte. Eine Neuordnung des deutschen

Strommarkts kann jedoch die richtigen

Investitionssignale an den Markt

und seine Akteure senden. Ein zukunftsfähiges

Strommarktdesign muss auf dem

Grundsatz aufgebaut sein, dass die Ziele

der Energiewende so marktbasiert und

kosteneffizient wie möglich erreicht werden

sollen.

2. Die neuen Bundesländer starten unter

guten Voraussetzungen, weil das dortige

Energiesystem nach der Wiedervereinigung

bereits modernisiert worden

ist. Die größten Herausforderungen liegen

auch hier im notwendigen Netzausbau

zum Transport der Erneuerbaren. Die

großflächigen Wind- und Solarparks müssen

besser mit den Lastzentren in ganz

Deutschland vernetzt werden. Netzausbau-Projekte

wie die „Thüringer Brücke“

müssen zügig umgesetzt werden. Zudem

steht die heimische Solarindustrie derzeit

stark unter Zugzwang, die Kosten schnell

zu reduzieren und Innovationen in den

Markt einzuführen. Neben dem weiteren

Ausbau der Stromerzeugung aus erneuerbarer

Energie in fast allen ostdeutschen

Ländern darf auch die Bedeutung

der Stromerzeugung aus Braunkohle als

Brückentechnologie in der Systembetrachtung

nicht vernachlässigt werden.

In den Werften in Warnemünde und Wismar

werden dagegen derzeit die ersten

Offshore-Netzanbindungsplattformen für

die Windparks in der Nordsee gefertigt.

3. Für eine erfolgreiche Energiewende

braucht es aber auch eine effizientere

Nutzung von Energie. Dies ist auch für

die mittelständischen Industrieunternehmen

ein Thema. Denn die größten Einsparpotenziale

liegen bei der Industrie,

© Visions-AD - Fotolia.com

1/2013 | WIRTSCHAFT+MARKT


fragen+antworten 15

die für 30 Prozent des deutschen Energieverbrauchs

steht. Gefordert sind Lösungen

und Services, um Energieressourcen

effizient zu managen sowie wirtschaftliche

Effizienz und Produktivität mit einer

ökologisch verantwortungsvollen industriellen

Produktion in Einklang zu bringen.

Energieeffizienz ist neben den ökologischen

Aspekten auch ein zentraler

Hebel, um die Wettbewerbsfähigkeit eines

Industrieunternehmens zu steigern.

Die deutsche Industrie wird durch die

energieeffiziente Modernisierung Knowhow

und Technologien aufbauen, die sich

vermarkten lassen.

EEG läuft aus dem Ruder

Wolfgang Topf

Präsident der

Industrie- und

Handelskammer

zu Leipzig

1. Die Politik hat das gesamtgesellschaftliche

Projekt Energiewende von Beginn

an unterschätzt. Angesichts der ambitionierten

Ausbauziele hinsichtlich der erneuerbaren

Energien (EE) wurde der zweite

Schritt vor dem ersten gemacht: Ohne

die notwendige Netz- und Speicherinfrastrukturkapazitäten

sind die förderungsbedingt

rasant gewachsenen EE-Mengen

in dieser Größenordnung nicht einspeisungsfähig.

Zudem ist das EEG den neuen

Rahmenbedingungen nicht gewachsen.

Diese Punkte führten im Wesentlichen

dazu, dass das System aus dem Ruder gelaufen

ist und das EEG-Modell des absoluten

Vorrangs erneuerbarer Energien an

die Grenzen seiner Finanzierbarkeit geraten

ist. Um den neuen Anforderungen gerecht

zu werden, wurde am EEG bislang

nur notoperiert. Diese Eingriffe konnten

nicht verhindern, dass der Strompreis –

insbesondere getrieben durch die EEG-

Umlage – in den letzten beiden Jahren

explodiert ist. Auch die aktuell unter der

Überschrift „Strompreisbremse“ vorgeschlagenen

Maßnahmen stellen keine

grundsätzliche Novellierung des EEG

dar. Die Konstruktionsfehler sind nur zu

beheben, wenn alles auf den Prüfstand

kommt und ein echter Neustart unternommen

wird. Das System muss auf mittlere

Sicht ohne Förderung laufen. Um den

Übergang dorthin verträglich zu gestalten,

könnte z. B. von Preis- auf Mengensteuerung

umgestellt werden. Alternativ

könnte die Einspeisevergütung für Produzenten

zugunsten eines zeitlich begrenzten

Preisnachlasses für Konsumenten erneuerbarer

Energien ersetzt werden. Eine

Senkung der Stromsteuer sollte noch in

der laufenden Legislaturperiode auf den

Weg gebracht werden.

2. Die neuen Länder stehen vor der Aufgabe

– wie die übrigen Bundesländer

auch – die Umsetzung der Energiewende

mit dem Bund, untereinander und im

eigenen Land selbst zu koordinieren. Planungsrechtliche

Vorgaben und Ausbauziele

sollten möglichst harmonisiert werden.

Nur so kann das Projekt im ganzen

Land erfolgsversprechend umgesetzt werden,

ohne dass es zu Verzögerungen bei

bundesländerübergreifenden Projekten

(Netzausbau) kommt. So bilden z. B. im

Freistaat Sachsen das Energie- und Klimaprogramm

sowie der noch zu beschließende

Landesentwicklungsplan 2012 den

Rahmen.

3. In erster Linie sollte in jedem KMU ein

Energiemanagement fest verankert sein,

sie sollten zumindest über einen Energiebeauftragten

verfügen. Nur etwa ein Drittel

der KMU ergreift regelmäßig Energieeffizienzmaßnahmen

– es gibt es noch

viel ungenutztes Potenzial. Angefangen

von der Beleuchtung über Druckluft bis

hin zu Lastmanagement, effizienteren

Produktionsverfahren oder Selbstversorgung

durch Eigenerzeugung. Aber

auch bei der Energiebezugsoptimierung

besteht Handlungsbedarf. Die IHK berät

die Unternehmen dabei.

Strombörse klug nutzen

Dr. Dr. Tobias

Paulun

Börsengeschäftsführer

der European

Energy Exchange und

Mitglied des Vorstands

der europäischen

Strombörse

1. Wir als EEX sind der Auffassung, dass

der Energiemarkt in zweifacher Hinsicht

eines ganzheitlichen Marktdesigns bedarf:

Zum einen brauchen wir eine noch

weitergehende Europäisierung des Energiehandels,

anstatt vieler Alleingänge.

Nationales Autarkiedenken behindert einen

funktionierenden Markt. Die jeweiligen

Marktgebiete haben oftmals sehr

unterschiedliche Eigenschaften, sowohl

hinsichtlich der Erzeugungskapazitäten

als auch der Zeitpunkte des Auftretens

maximaler Nachfrage. Hierin besteht ein

enormes Potenzial für einen effizienten,

gesamteuropäischen Markt. Der zweite

Aspekt eines ganzheitlichen Marktdesigns

besteht in der gleichwertigen Integration

der unterschiedlichen Erzeugungsarten.

Auch für erneuerbare Energien

sollten die Preissignale des Spotmarkts

wirksam sein, da diese am besten Angebot

und Nachfrage im europäischen

Strommarkt koordinieren können.

2. Die neuen Länder müssen sich derzeit

in besonderem Maße dem Ausbau der Versorgungsnetze

stellen. Als Verbindung

zwischen Windstromproduktion im Norden

und den energieintensiven Produktionszentren

im Süden der Republik trägt

insbesondere Mitteldeutschland eine besondere

Verantwortung. Die Schwierigkeiten

beim Ausbau der Thüringer Strombrücke

zeigen, dass die Anstrengungen

im Netzausbau noch weiter intensiviert

werden müssen.

3. Das Thema Speichermedien ist auch für

innovationsstarke Mittelständler ein ansprechendes

Geschäftsfeld. Ein weiteres

www.wundm.info WIRTSCHAFT+MARKT | 1/2013


16 fragen+antworten

Potenzial sehen wir, gerade bei Produktionsbetrieben,

auch in der Flexibilisierung

des Stromverbrauchs: dem sogenannten

Demand-Side-Management. Hier bestehen

viele Möglichkeiten, die schwankenden

Strompreise auszunutzen, etwa

indem geprüft wird, ob besonders energieintensive

Arbeitsvorgänge nicht in erzeugungsstarken

Zeitspannen mit niedrigen

Strompreisen durchgeführt werden

können.

Hin und her belastet

Antje

Hermenau

Vorsitzende der

Fraktion Bündnis 90/

Die Grünen im sächsischen

Landtag

1. Wir brauchen ein neues Marktdesign,

das auf Dauer ohne direkte und indirekte

Subventionen auskommt. Umweltschäden

und andere versteckte externe Kosten

müssen endlich verursachergerecht eingepreist

und der europäische Emissionshandel

überarbeitet werden. Die unnötig

verschenkten Zertifikate aus den Anfangsjahren

müssen vom Markt. Die Verantwortung

für die Versorgungssicherheit sollte

von den Netzbetreibern auf die Vertragsbeziehung

zwischen Energieverkäufer und

Kunde übertragen werden. Dann werden

auch Anreize gesetzt für gasbetriebene Regelkraftwerke,

Lastmanagement und Speicher,

die flexibel zu- und abschaltbar sind,

um Schwankungen bei der Erzeugung

von erneuerbaren Energien auszugleichen.

Stadtwerke werden in diesem neuen

Markt eine wichtigere Rolle spielen als

derzeit. Kurzfristig können die Strompreise

um ein bis zwei Cent je Kilowattstunde

gesenkt werden durch das Zurückfahren

der Privilegien für energieintensive Industrien,

die Rücknahme der Haftungsumlage

für Offshore-Windparks, die Weitergabe

der gesunkenen Börsenstrompreise an

alle Endkunden und die Befreiung des EEG

von kostentreibenden Faktoren.

2. Der schrittweise Ausstieg aus der

Braunkohle muss in den betroffenen Regionen

sozial verträglich gestaltet werden.

Vattenfall stellt schon jetzt Kraftwerke

zum Verkauf. Arbeitskräfte werden frei

und Zulieferer brauchen eine neue Perspektive.

Ich plädiere für den Ausbau der

erneuerbaren Energien auf kommunaler

Ebene zur Selbstversorgung und als

Einnahmequelle. Außerdem sind das Arbeitsplätze

und Wertschöpfung in der Region.

Die ostdeutschen Kohlekraftwerke

werden bald nicht mehr gebraucht. Je

mehr Strom aus unterschiedlichen regenerativen

Quellen in das System eingespeist

werden, desto weniger unflexible

Grundlastkraftwerke können noch sinnvoll

betrieben werden. Die Stabilität des

Stromnetzes hängt nicht am Grundlaststrom

und wird in dezentralen Energiesystemen

durch intelligente Technik und

flexible Kapazitäten bereitgestellt.

3. Die Energiewende bietet große Chancen

von Energietechnologiefirmen und

der Chemieindustrie bis zum Handwerk.

Voraussetzung für den Erfolg ist neben

der zuverlässigen Energieversorgung,

dass die Kosten für die Unternehmen

und für jeden Einzelnen kalkulierbar und

vertretbar bleiben. Dafür braucht es verlässliche

Rahmenbedingungen. Debatten

über rückwirkende Änderungen von Vergütungsregeln,

ständig wechselnde Förderprogramme

sowie das Hin und Her im

Steuerrecht erzeugen Unsicherheit und

erschweren belastbare Planungen.

Milliarden investiert

Thomas Prauße

Vorsitzender der

Geschäftsführung der

Stadtwerke Leipzig

1. Die Entwicklung der erneuerbaren

Energien geschieht in einem sehr dynamischen

Umfeld, an das sich die Gesetzgebung

kontinuierlich und ebenso

dynamisch anpassen muss. Damit die

energiepolitischen Ziele Deutschlands erreicht

werden können, wurden Weichenstellungen

vorgenommen. Die entscheidende

Rolle der Kraft-Wärme-Kopplung

als Effizienztechnologie hat der Gesetzgeber

anerkannt. Dennoch zeichnet sich am

Markt derzeit ein anderes Bild ab. Durch

den Merit Order Effekt werden umweltfreundliche

Gaskraftwerke vom Markt

gedrängt. Das kann nicht der Sinn der

Energiewende sein. Der Zubau der erneuerbaren

Energien sollte daher kontrollier-

Foto: © BerlinStock - Fotolia.com / VNG/ Michæl Fahrig

1/2013 | WIRTSCHAFT+MARKT


fragen+antworten 17

ter erfolgen, als es der Fall ist. Eine weitere

Möglichkeit ist es, die Verursacher

des Klimawandels stärker an der Finanzierung

zu beteiligen. Eine dauerhafte Stabilisierung

der CO2-Preise würde zudem

zu einer Verschiebung der Merit Order

zugunsten von effizienten Gaskraftwerken

und KWK-Anlagen führen. Ein integriertes

Energiemarktdesign sollte deshalb

folgende Schwerpunkte enthalten:

den Ausbau der flexiblen und dezentralen

Erzeugung, einen bedarfsgerechten Netzausbau,

die großtechnische Nutzung von

Speichertechnologien und anderen Flexibilisierungsoptionen

sowie die Marktintegration

der erneuerbaren Energien.

2. Bund und Länder haben bisher noch

keine konkreten Lösungen für Netzausbau

und Versorgungssicherheit gefunden.

Die neuen Bundesländer haben aber eine

gute Ausgangslage, da hier in den vergangenen

beiden Jahrzehnten Milliarden in

neue, umweltfreundliche Erzeugungsanlagen

und in die Netze investiert wurde.

Die hohen Investitionskosten spiegeln

sich jedoch in den Netzentgelten wider.

Hinzu kommt, dass Haushalts- und Gewerbekunden

in den neuen Ländern weniger

Energie verbrauchen als in vergleichbaren

westdeutschen Regionen.

Dadurch sind die spezifischen Kosten je

übertragener Kilowattstunde und letztlich

die Netzentgelte höher als in vielen

anderen Regionen Deutschlands. Die geringere

Bevölkerungsdichte und der notwendige

Netzausbau verstärken diese

Wirkung.

3. Um den steigenden Energiekosten zu begegnen,

prüfen KMU verstärkt, welche ökonomischen

Vorteile sich durch Energieeffizienzmaßnahmen

ergeben. Mit Hilfe von

Energiedienstleistungen wie der Effizienzanalyse

und dem Entwickeln von Energiekonzepten

lassen sich hohe Kosteneinsparungen

erzielen. Mögliche Maßnahmen

reichen vom Energieaudit über Lichtcontracting

bis hin zur dezentralen Erzeugung.

Der Einsatz von Eigenerzeugungsanlagen

wie zum Beispiel Blockheizkraftwerken erfordert

eine kompetente Unterstützung.

Der Riese schläft noch

Matthias

Machnig

Minister für Wirtschaft,

Arbeit und Technologie

des Freistaats

Thüringen

1. Deutschland braucht ein koordiniertes

Vorgehen um Versorgungssicherheit,

neue Erzeugungskapazitäten bei den erneuerbaren

Energien, den Ausbau von

Speichertechnologien und den Netzausbau

voranzubringen. Voraussetzung dafür

ist ein Energieministerium, das alle

Fäden rund um die Energiewende zusammenhält

und einen Masterplan aufstellt,

der Stück für Stück abgearbeitet wird.

Eine Aufsplittung unter sechs Ministerien,

wie wir sie zurzeit erleben, bedeutet,

dass sich sechs Häuser mit widerstreitenden

Interessen gegenseitig blockieren.

Die Energiewende ist ein Jahrhundertprojekt,

das auf höchstem Niveau organisiert

und für das in Politik, Wirtschaft

und Gesellschaft geworben werden muss.

Sie eröffnet ganz neue Spielräume, ermöglicht

zum Beispiel Gemeinden, eine eigene

Stromversorgung aufzubauen und

von der Wertschöpfung zu profitieren.

Deutschland kann bei der Energiewende

Vorreiter für andere Länder sein.

2. Energie- und Umwelttechnologien sowie

GreenTech sind die Wachstumsbranchen

der Zukunft. Unser Thüringer Trendatlas

2020 zählt diese beiden Branchen

zu den elf Wachstumsbranchen mit überdurchschnittlichen

Wachstums- und Beschäftigungspotenzialen.

Ein Wachstum

von bis zu 1,4 Milliarden Euro wäre auf

diesen beiden Feldern bis 2020 möglich.

Hier liegen große Chancen für die neuen

Länder, ein eigenes Profil zu entwickeln:

Sie sollten in den kommenden Jahren versuchen,

ihre Schwerpunkte auf diese Gebiete

zu legen.

Die Voraussetzungen sind ja gut: Ostdeutschland

hat eine moderne Solarbranche,

die als solche ausgebaut und gestärkt

werden muss. In Thüringen habe

ich den Solarunternehmen zum Beispiel

mit einem 1000-Dächer-Programm Rückenwind

gegeben. Dieses Programm ist

ein Renner. Auch unterstützen wir die

Verzahnung von Forschung und Wirtschaft.

Dazu zählt der Aufbau eines

GreenTech-Campus in Hermsdorf für die

wirtschaftsnahe Forschung durch das

Fraunhofer-Institut. Ziel des Institutes

ist, Forschungsergebnisse schnell in Anwendungen

und Produkte zu überführen

und damit ein bundesweit bedeutsames

Zentrum der Energie- und Umwelttechnik

zu schaffen. Am selben Standort ist ein

Brennstoffzellentechnikum in Planung.

3. Kosten sparen und gleichzeitig einen

Beitrag leisten zur Energiewende - Unternehmen

können zum Beispiel in die eigene

Energieeffizienz investieren. Hier

habe ich in Thüringen eine Energieeffizienzoffensive

gestartet, die mittelständische

Unternehmen bei der Überprüfung

ihres Energieverbrauchs, bei Beratung

und technologischer Umrüstung finanziell

unterstützt. Die Energieeffizienz ist

der schlafende Riese der Energiewende,

der jetzt geweckt werden muss.

Akzeptanz als Problem

Boris Schucht

Vorsitzender der

Geschäftsführung

50Hertz

Transmission GmbH

1. Die Umsetzung der Energiewende

wird nur erfolgreich sein, wenn die Akzeptanz

in der Bevölkerung für dieses große

industriegeschichtliche Reformprojekt

weiterhin gegeben ist. Diese grundlegende

Akzeptanz kann nur aufrechterhalten

werden, wenn die Stromversorgung auch

künftig durch ein hohes Maß an Versor-

www.wundm.info WIRTSCHAFT+MARKT | 1/2013


18 fragen+antworten

gungssicherheit bei bezahlbaren Preisen

gekennzeichnet ist. Hierzu ist eine ganze

Reihe von Maßnahmen nötig, die von einer

grundlegenden Reform des EEG und

der Systemintegration der Erneuerbaren

über ein neues Marktdesign und gegebenenfalls

eine neue Netzentgeltsystematik

bis hin zu konkreten Fortschritten bei

Netzausbau und Speicherung reichen. Bei

all dem muss die Zivilgesellschaft mitgenommen

werden durch frühzeitige Information

und Einbindung. Etwas mehr Zeit,

mehr Abstimmung und mehr Synchronisation

zwischen EEG- und Infrastrukturausbau

wären elementar wichtig, um die

Stromversorgung sicher und bezahlbar

zu halten und damit die gesellschaftliche

Akzeptanz aufrechtzuerhalten.

2. Die neuen Länder sind der Motor bei

der Umsetzung der Energiewende. Beispiel:

Von den rund 98 Terawattstunden

Stromverbrauch in unserem Netzgebiet,

also den neuen Ländern sowie Berlin und

Hamburg, sind bereits rund 35 Prozent

aus erneuerbaren Quellen gewonnen.

Damit ist das Klimaziel der Bundesrepublik,

bis 2020 den EEG-Anteil am Stromverbrauch

bundesweit auf 35 Prozent zu

bringen, zwischen Kap Arkona und Erzgebirge

bereits in 2012 erreicht worden.

Eine Erfolgsstory! Nun gilt es, den Infrastrukturausbau

rasch voranzutreiben, um

diese, nach wie vor wachsenden erneuerbaren

Energien auch weiterhin zu nutzen.

Hier gibt es an mancher Stelle Beschleunigungsbedarf,

gesetzlich ist aber eine ganze

Menge Positives auf den Weg gebracht

worden. Und auch 50Hertz hat 2012 beim

Netzaus- und -umbau große Fortschritte

gemacht, wie die Inbetriebnahme der

Nordleitung zwischen Schwerin und

Hamburg gezeigt hat. Wichtig für die Zukunft

wird sein, dass die Bundesländer

insgesamt in ihren Ausbauzielen bei den

regenerativen Energien – gemeinsam mit

dem Bund – koordiniert vorgehen. Angesichts

der in den neuen Ländern höheren

Netzentgelte gilt es, für eine faire

deutschlandweite Verteilung der Kosten

zu sorgen. Es kann nicht sein, dass die Regionen,

in denen die Energiewende am erfolgreichsten

umgesetzt wird, durch höhere

Netzentgelte noch belastet werden.

3. Wichtig für einen möglichst reibungslosen

Wirtschaftsablauf – nicht nur im

Mittelstand – ist es energiewirtschaftlich,

das hohe Gut der Versorgungssicherheit

auch weiterhin zu gewährleisten.

Deutschland war hier in der Vergangenheit

spitze und soll es auch bleiben. Zweitens

müssen die Strompreise und – als

Teil dessen – auch die Netzentgelte im

Rahmen bleiben. 50Hertz wird hierfür

eintreten, und ich bin mir sicher, dass

andere mittelständischen Unternehmen

dies ebenfalls sehr wirkungsvoll und

nachhaltig tun werden.

Dr. Philipp

Rösler

Bundesminister

für Wirtschaft und

Technologie

Die Energiewende ist ein Jahrhundertprojekt,

denn es geht um den Aufbau eines

komplett neuen Energiesystems bis

2050. Nach fast zwei Jahren lautet die Zwischenbilanz:

Die Energiewende ist auf gutem

Kurs, die Bundesregierung ist in den

zentralen Handlungsfeldern entscheidend

vorangekommen. Wir haben die Rahmenbedingungen

für den Netzausbau verbessert,

um die Netzinfrastruktur für den

wachsenden Anteil erneuerbarer Energien

zu rüsten. Wir sorgen für eine zuverlässige

Energieversorgung und haben dazu

Maßnahmen zur Versorgungssicherheit im

Winter ergriffen. Wir setzen auf Energieeffi

zienz, Innovation und Forschungsförderung,

gerade im Hinblick auf die technologischen

Chancen der Energiewende. Vor

allem haben wir alle relevanten Akteure an

einen Tisch geholt, um die entscheidenden

Fragen gemeinsam anzugehen, insbesondere

in der Netzplattform, im Kraftwerksforum

und in der Plattform Erneuerbare

Energien.

Vor allem auch ostdeutsche Unternehmen

haben sich den großen infrastrukturellen

Herausforderungen der Energiewende

gestellt und bereits viel für eine erfolgreiche

Energiewende getan. Im Bereich

der Energieeffi zienz eröff net die energetische

Sanierung von Gebäuden auch neue

Geschäftsmöglichkeiten gerade für KMU

in Branchen wie dem Bauhandwerk oder

dem Gebäudemanagement. Die Bundesregierung

unterstützt Investoren mit zahlreichen

Maßnahmen, etwa mit dem CO2-

Gebäudesanierungsprogramm und dem

KfW-Energieeffi zienzprogramm. Darüber

hinaus fördert die Bundesregierung Energieberatung

für KMU und hat mit dem neuen

Zuschussprogramm für hocheffi ziente

Querschnittstechnologien zusätzliche finanzielle

Anreize für KMU geschaffen, in

energiesparende Technologien zu investieren.

Ein gutes Stück Arbeit liegt noch vor uns.

So brauchen wir eine grundlegende Reform

des derzeit planwirtschaftlichen Erneuerbare-Energien-Gesetzes,

um weitere

Belastungen für Unternehmen und Haushalte

am Industriestandort Deutschland zu

vermeiden. Wenn Politik, Unternehmen und

Verbraucher weiter gemeinsam an einem

Strang ziehen, werden wir die Herausforderungen

der Energiewende erfolgreich

meistern.

1/2013 | WIRTSCHAFT+MARKT


UV

Interessengemeinschaft der

Unternehmerverbände

Ostdeutschlands und Berlin

Programm zur Veranstaltung OSTDEUTSCHES ENERGIEFORUM 2013

29. April 2013, 1. Tag

13:00 Uhr Eröffnung durch die Veranstalter

13:15 -15:45 Uhr Einzelvorträge zu den Schwerpunkthemen

Energiewende aus Sicht der Bundespolitik,

der Energiewirtschaft und des Mittelstandes

sowie die Akzeptanz der

notwendigen Maßnahmen

Referenten unter anderem

Dr. Philipp Rösler, Bundesminister für

Wirtschaft und Technologie

Peer Steinbrück, SPD-Kanzlerkandidat zur

Bundestageswahl 2013 (angefragt)

Günther Oettinger, EU-Kommissar für

Energie (angefragt)

Carl-Ernst Giesting, Vorstandsvorsitzender

der envia Mitteldeutsche Energie AG (

enviaM)

15:45 Uhr Kaffeepause

16:30 - 18:00 Uhr Zwei Foren zu den Themen

EEG: Energiepreise im Spannungsfeld

zwischen Markt und Staat

Netze - Speicherung - grenzüberschreitender

Energieaustausch

Teilnehmer unter anderem

Bernd Dubberstein, Vorstandsvorsitzender

der E.ON edis AG

Matthias Machnig, Minister für Wirtschaft,

Arbeit und Technologie des Freistaates

Thüringen

Carlo Schmidt, Geschäftsführer der

WIND-projekt Ingenieur- und Projektentwicklungsgesellschaft

mbH

Boris Schucht, Vorsitzender der Geschäftsführung

der 50Hertz Transmission GmbH

Arnold Vaatz, Mitglied des Deutschen

Bundestages und Stellvertretender Fraktionsvorsitzender

der CDU/CSU-Bundestagsfraktion

Prof. Dr. Joachim Weimann, Inhaber des

Lehrstuhls für Wirtschaftspolitik an der

Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg

19:30 Uhr Abendveranstaltung „Wege für morgen“

im Da Capo Leipzig

Änderungen im Programm für beide Tage vorbehalten

30. April 2013, 2. Tag

9:00 Uhr Eröffnung des zweiten Veranstaltungstages

9:05 -11:00 Uhr Einzelvorträge zu den Schwerpunktthemen

Wettbewerbsfähigkeit des deutschen

Mittelstandes vor dem Hintergrund

steigender Energiepreise

Wie weiter mit dem EEG?

Lohnen sich noch Investitionen in konventionelle

Kraftwerke?

Referenten unter anderem

Peter Altmaier, Bundesminister für Umwelt,

Naturschutz und Reaktorsicherheit

Tuomo J. Hatakka, Vorsitzender der

Geschäftsführung der Vattenfall GmbH

11:00 Uhr Kaffeepause

11:30 - 13:00 Uhr Zwei Foren zu den Themen

Rohstoffe für eine sichere und wettbewerbsfähige

Energieversorgung - Wirtschaftlichkeit

der Kraftwerke

Energiewirtschaftliches Bauen: Ökologischer

Anspruch ohne Realitätsbezug?

Teilnehmer unter anderem

Dr. Frank Büchner, Leiter Region Ost

Siemens AG

Dr. Karsten Heuchert, Vorstandsvorsitzender

der VNG - Verbundnetz Gas AG

Jan Mücke, MdB, Parlamentarischer Staatssekretär

beim Bundesminister für Verkehr,

Bau und Stadtentwicklung

Wolfgang Tiefensee, MdB, Bundesminister

a. D.

13:00 - 14:30 Uhr Abschlussdiskussion - Liegt die Zukunft in

der dezentralenEnergieversorgung?

Teilnehmer unter anderem

Rainer Brüderle, MdB, Vorsitzender der FDP

im Deutschen Bundestag

Christian Carius, Minister für Bau, Landesentwicklung

und Verkehr des Freistaates

Thüringen

Carl-Ernst Giesting, Vorstandsvorsitzender

der envia Mitteldeutsche,

Energie AG (enviaM)

Thomas Prauße, Vorsitzender der Geschäftsführung

der Stadtwerke Leipzig GmbH

14:30 - 15:00 Uhr Zusammenfassung und Ausblick durch

die Veranstalter

www.ostdeutsches-energieforum.de

ENERGIE FÜR DIE ZUKUNFT


20 landschaft+leute

Klar zum Anlegen

Das Lausitzer Seenland wandelt sich vom staubigen

Braunkohlerevier zur attraktiven, wasserreichen

Ferienregion. Beim Werben um Investoren und Touristen

machen Brandenburger und Sachsen gemeinsame

Sache.

Von Constanze Treuber

Die Straße zur Südsee führt

durch Kiefernwald ans Ufer

eines Gewässers, das bei

schönem Wetter von einem paradiesischen

Blau ist – wenngleich

das Panorama eher an finnische

Landschaften erinnert. Hier, am

südöstlichen Ufer des Senftenberger

Sees, residiert inmitten eines

Familienparks mit breitem Sandstrand,

komfortablen Ferienhäusern,

Wassersportzentrum und

Campingplätzen eine Institution,

die den nüchternen Namen Zweckverband

Lausitzer Seenland Brandenburg

trägt.

Michael Vetter ist der Verbandsvorsteher.

Der gebürtige Senftenberger

badet seit eh und je am

liebsten im Senftenberger See,

obwohl es hier auch andere verlockende

Möglichkeiten gibt. „Die

Wasserqualität ist ausgezeichnet“,

sagt er, „schon zum 13. Mal in Folge

wurde sie mit der Blauen Flagge

gewürdigt.“

Mitten im Revier

Das Seenland liegt im Lausitzer

Braunkohlerevier, das sich über

den Südosten Brandenburgs und

den Nordosten Sachsens erstreckt.

Noch heute tragen Gasthöfe Na-

men wie „Zur Grubenlampe“. Wo

sich nun Seen ausbreiten, gruben

sich früher Tagebaue bis zu 60 Meter

tief in die Erde. Seit Mitte des

19. Jahrhunderts wurden zwischen

Senftenberg, Hoyerswerda und Spremberg

mehr als zwei Milliarden

Tonnen Braunkohle aus dem Boden

geholt. Und in riesigen Tagebauen

wie Welzow-Süd ist die

Förderung auch noch im Gange.

Den Senftenberger See in seiner

heutigen, natürlich anmutenden

Form gibt es seit 1973. Knappensee

und Silbersee sind noch älter.

Im Gegensatz zu ihren Nachbarn

dem Geierswalder, dem Partwitzer,

dem Großräschener, dem Neuwieser,

dem Altdöberner, dem Sabrodter

und einer ganzen Reihe

weiterer Seen – sind sie bereits

aus der Bergaufsicht entlassen. Bis

die anderen ehemaligen Tagebaue

ohne Gefahren zu nutzen sind, hat

die Lausitzer und Mitteldeutsche

Bergbau- und Verwaltungsgesellschaft

mbH (LMBV) jedoch noch

auf viele Jahre hinaus zu tun. Sie ist

vom Bund und den beiden beteilig-

1/2013 | WIRTSCHAFT+MARKT


landschaft+leute 21

Google earth | © 2013 GeoBasis-DE/BKG

ten Ländern mit der milliardenteuren

Sanierung und Rekultivierung

der Bergbauhinterlassenschaften

der DDR beauftragt. Für die Sanierung

der Tagebaue, in denen

heute noch Braunkohle gefördert

wird, sind später die Betreiber zuständig.

Der Welzower Tagebau

wird eines Tages wohl der mit

2.000 Hektar größte künstliche See

in Europa sein.

Seen im Verbund

Das Lausitzer Seenland erstreckt

sich über 1.100 Quadratkilometer

und hat etwa 128.000 Einwohner,

viele von ihnen gehören der sorbischen

Minderheit an. Vom Bärwalder

See im Osten bis zum Grünewalder

Lauch im Westen sind es 66

Kilometer, die Nord-Süd-Ausdehnung

beträgt 44 Kilometer. „Wir

sprechen von 25 großen und kleinen

Seen mit einer Wasserfläche

von 14.000 Hektar“, sagt Michael

Vetter. „Zehn von ihnen, insgesamt

über 7.000 Hektar groß, werden

einmal schiffbar miteinander

verbunden sein.“

Die größte von Menschenhand geschaffene

Wasserlandschaft Europas

ist noch im Werden. Der

Flutungszustand der einstigen

Tagebaue – gespeist aus Grundwasser,

Oberflächenwasser und

aus Flüssen wie der Schwarzen

Elster – ist ganz unterschiedlich.

Während sich der Wasserstand

des Senftenberger Sees allenfalls

im Rhythmus der Jahreszeiten

verändert und dem Geierswalder

See nur noch wenige Meter fehlen,

kann man am Großräschener

See, der voraussichtlich 2016

endgeflutet sein wird, noch deutlich

den Braunkohletagebau erkennen.

„Vom SeeHotel Großräschen

sind es nur ein paar Schritte bis

zur Abbruchkante in ihrer ganzen

Schroffheit“, sagt Michael Vetter.

Wer sich für die industrielle Vergangenheit

und Gegenwart des

Lausitzer Seenlandes interessiert,

kann ihr vielerorts begegnen.

Das Besucherbergwerk F60

beeindruckt mit seiner Förderbrücke,

einer der größten beweglichen

Arbeitsmaschinen der Welt,

die mit ihren 502 Metern bedeutend

länger ist als der Eiffelturm

hoch. In der Energiefabrik Knappenrode,

die Lausitzer Bergbaugeschichte

erzählt, ist dreimal

täglich „Schichtbeginn“. Von der

Aussichtskanzel des modernen

Größte künstliche Wasserlandschaft Europas im Entstehen.

Michael Vetter: „Die

Wasserqualität ist

ausgezeichnet.“

Braunkohlekraftwerks Schwarze

Pumpe hat man einen weiten Blick

ins Land.

Wandel überall

„Willkommen in der Zwischenzeit“

heißt es an den IBA-Terrassen, dem

Besucherzentrum der 2010 beendeten

Internationalen Bauausstellung,

das einen Überblick über die

Entwicklung zwischen Vergangenheit

und Zukunft gibt. Denn die

Landschaft ist im atemberaubenden

Wandel. Dass einige der Seen

heute eher noch wüste Gruben sind,

heißt nicht, dass man die Hände in

den Schoß legt, bis überall das Wasser

an den Uferrand plätschert.

„Die Sanierung der Tagebaue geht

Hand in Hand mit der wirtschaftlichen

und touristischen Erschließung

der Gebiete“, sagt Michael

Vetter. „Wir von den beiden Zweckverbänden,

zu denen alle beteiligten

Kommunen und Kreise in Brandenburg

und Sachsen gehören,

sorgen für die Infrastruktur und zugleich

für die Bewirtschaftung dieser

Infrastruktur. Wenn wir also in

Lieske einen Badestrand mit Parkplätzen

und Sanitärgebäuden anlegen,

suchen wir auch nach Betreibern

für die Gastronomie.“

Am Sedlitzer See, dem noch zehn

Meter bis zum angestrebten Wasserstand

fehlen, entsteht jetzt

www.wundm.info WIRTSCHAFT+MARKT | 1/2013


22 landschaft+leute

Katja Wersch:

„Hauptthema ist die

aktive Erholung.“

schon ein kleines Gewerbegebiet

für Bootsbauer und ähnliche Firmen,

die die Nähe des Wassers suchen.

Und wer in Senftenberg in verarbeitendes

Gewerbe, Forschung

und Entwicklung, Industrie oder

Handwerk investiert und dabei

mindestens zehn neue Arbeitsplätze

schafft, darf bald auch in der ersten

Reihe am Wasser wohnen: Am

Ufer des Sees entsteht ein Lagunendorf.

Womöglich tragen solche

Sahnehäubchen dazu bei, dass neue

Arbeitsplätze entstehen und sich

der Trend des Bevölkerungsrückgangs

– allein Hoyerswerda hat einen

Schwund von einst 70.000 auf

38.000 Einwohner zu verzeichnen

– eines Tages umkehrt.

Daniel Just jedenfalls ist zurückgekehrt.

Er wuchs in der Lausitz auf,

badete als Junge jeden Sommer im

Knappensee, ging dann zum Studium

nach Dresden und blieb 13 Jahre

dort. „Ich habe Dresden nicht verlassen,

weil es mir dort nicht mehr gefallen

hat, sondern weil es hier jetzt

eine Perspektive für mich gibt“, sagt

er. „Ich kann in meiner Heimat etwas

mitgestalten.“ Daniel Just ist

seit Januar 2012 Geschäftsführer

des in Hoyerswerda angesiedelten

Zweckverbands Lausitzer Seenland

Sachsen.

Mitten durch das Lausitzer Seenland

zieht sich die Grenze zwischen

Sachsen und Brandenburg, sie teilt

sogar zwei der großen Seen. Die Zusammenarbeit

zwischen den beiden

Verbänden, versichern ihre Chefs,

ist gut .„Jede Seite für sich allein hätte

keine Chance“, sagt Daniel Just.

„Wir sind aufeinander angewiesen.“

Gemeinsame Sache zu machen ist

auch wichtig, wenn es um Investoren

geht.

Handtuch ausgelegt

„Wasser marsch!“ signalisiert die

länderübergreifende Kampagne

und: „Klar zum Anlegen“. Sie zeigt,

was im Lausitzer Seenland für Investoren

in den kommenden Jahren

alles möglich ist. Am Geierswalder

See entsteht ein Hotel in Form eines

Leuchtturms. Nebenan hat sich bereits

der 1. Wassersportverein Lausitzer

Seenland angesiedelt; die Marina,

im Besitz des Zweckverbands,

hält natürlich auch Liegeplätze für

Gäste frei. Ganz in der Nähe präsentieren

sich die ersten schwimmenden

Ferienhäuser, luxuriöse

Unterkünfte mit zwei Etagen, Dachterrasse

und eigenem Bootssteg, für

jene, die um die 250 Euro pro Nacht

ausgeben können. Sie sind immer

gut gebucht.

Neue Ideen im alten Revier:

Wohnen auf dem Wasser.

„Die Entwicklung soll alle Zielgruppen

und jeden Geschmack

berücksichtigen. Deshalb sind

auch die Möglichkeiten für Investoren

so vielfältig“, sagt Daniel

Just. Den einzelnen Seen sind in

einem regionalen Entwicklungskonzept

unterschiedliche Funktionen

zugewiesen. Der Partwitzer

See soll als Drehscheibe für den

Seenverbund dienen. Der schmale

Sabrodter See wäre ideal für Ruderregatten.

Auf dem Geierswalder

See sollen Segelboote kreuzen,

und Platz für Wasserwanderer im

Paddelboot ist überall. Zum ruhigen

Erikasee kommen Naturfreunde,

um die Vogelzüge zu beobachten.

„Der Naturschutz“, sagt Daniel

Just, „gehört zu unseren Schlüsselprojekten.“

Einstige Förderbrücken – länger als der Eiffelturm hoch.

1/2013 | WIRTSCHAFT+MARKT


landschaft+leute 23

„Am Sabrodter See war eine Großinvestition

geplant“, erzählt Just.

„Auf 800 Hektar sollte ein Sportund

Golfresort entstehen. Doch

dann kam dort die Erde ins Rutschen

und die LMBV musste das

Gebiet auf unbestimmte Zeit sperren.

Nun liegt das Projekt auf Eis.“

So ist das in einer ehemaligen

Bergbauregion, wo der Boden immer

wieder auch unliebsame Überraschungen

bereithält. Zur Nutzung

werden natürlich nur sichere

Flächen freigegeben.

„Uns sind Investoren, die 160 Millionen

Euro in ein Projekt stecken

wollen, ebenso willkommen wie

der künftige Hotelbetreiber mit

3,5 Millionen oder jemand, der sich

die Verwirklichung einer guten Geschäftsidee

300.000 Euro kosten

lassen kann“, sagt der Geschäftsführer

des Zweckverbands. „Eine

Voraussetzung müssen aber alle

mitbringen – den langen Atem.“

Denn das Lausitzer Seenland ist

kein Gewerbegebiet, in dem man

heute eine Parzelle pachtet und

morgen sein Geschäft eröffnet. Die

Entwicklung vollzieht sich Schritt

für Schritt und unterliegt außerdem

einer diffizilen Verquickung

von Wasser-, Berg- und Baurecht.

„Unser Manko ist, dass wir nur wenige

Flächen sofort anbieten können“,

sagt Just. „Darin liegt aber

zugleich ein unschätzbarer Vorteil:

Die Investoren können Wünsche

äußern und die Gegebenheiten

langfristig mitgestalten.“ Wer

sich sein Stück vom Kuchen sichern

will, sollte deshalb die Aufforderung

„Legen Sie Ihr Handtuch

aus“ rechtzeitig beherzigen.

Im Frühjahr 2012 haben beide

Zweckverbände einen gemeinsamen

Tourismusverband gegründet.

Katja Wersch ist dort Mitarbeiterin

für Öffentlichkeitsarbeit

und Marketing. „Unser Hauptthema

ist die aktive Erholung am und

rund ums Wasser“, erklärt sie. „Am

Senftenberger See gibt es ja schon

das volle Programm. Im Mai dieses

Jahres soll ein Schlüsselprojekt,

der Senftenberger Stadthafen, fertig

sein. Und auch der Koschener

Kanal – die schiffbare Verbindung

zwischen dem Senftenberger und

dem Geierswalder See – ist ab Juni

nutzbar. Damit können bereits drei

der später zehn verbundenen Seen

mit Booten befahren werden.“

Millionen-Ziele

Auf dem Sedlitzer See werden

Floßfahrten angeboten. Am Bärwalder

See kann man Segel- und

Motorboote chartern, er ist auch

bei Kitesurfern sehr beliebt. Der

Dreiweiberner See ist ein schönes

Gewässer zum Baden und Angeln.

In anderen Gebieten finden die Ferienaktivitäten

aber vorläufig noch

mehr an Land statt.“ Bis alle Seen

den angestrebten Zustand erreicht

haben, spielen Radfahren und Skaten

die größte Rolle. „Wir haben tolle

Radwege und thematische Radrouten.

Die Seenland-Route führt

an 16 Gewässern vorbei. Ein Faltblatt

informiert über die Streckenführung

mitsamt Badestellen, radlerfreundlichen

Unterkünften und

allem anderen, was Radler interessiert.“

Daniel Just:

„Die Möglichkeiten

für Investoren sind

vielfältig.“

Etwa 400.000 Übernachtungen

pro Jahr verzeichnet das Lausitzer

Seenland derzeit, 240.000 davon

entfallen auf den Senftenberger

See und seine Umgebung. 65

Prozent der dortigen Gäste kommen

aus Sachsen, 20 Prozent, mit

steigender Tendenz, aus den alten

Bundesländern, und auch bei

tschechischen Urlaubern wird

die Region immer beliebter. In

den nächsten zehn Jahren soll die

Reise in Richtung 1,5 Millionen

Übernachtungen pro Jahr im Lausitzer

Seenland gehen. „Von den

nötigen Kapazitäten sind wir heute

noch weit entfernt“, sagt Katja

Wersch. Daniel Just findet das Ziel

optimistisch, aber nicht unrealistisch:

„Und wenn wir nur auf eine

Million kommen, wäre das auch

ein großer Erfolg. Man muss eine

Vision haben.“

Paradies für

Radler, Wanderer

und Wassersportler.

www.wundm.info WIRTSCHAFT+MARKT | 1/2013


24 einblicke+aussichten

Feigenblatt Bürgerbeteiligung

Infrastrukturprojekte treffen auf immer weniger Akzeptanz

bei den Bürgern. Eine aktuelle Studie aus Leipzig

zeichnet ein entmutigendes Bild von Bürgerferne in

Entscheidungsprozessen von Unternehmen, Politik und

öffentlichen Verwaltungen. Von Harald Lachmann

Wer heutzutage infrastrukturelle

oder wirtschaftliche

Projekte von öffentlicher

Bedeutsamkeit auf den Weg

bringen will, erlebt vor allem eines:

Akzeptanznöte. Ob große

Verkehrsprojekte wie Stuttgart

21, geplante Kraftwerke, Privatisierungen

von Kommunalbetrieben,

der Ausbau von Straßen

und Flughäfen sowie Hochspannungsleitungen

– überall meldet

sich lautstark der mündige Bürger

zu Wort. Er will mitreden, mitentscheiden.

War das bei Stuttgart 21 noch ein

gefühltes Phänomen, lässt sich

das nun demoskopisch belegen.

Demnach bewertet nicht einmal

mehr jeder dritte befragte Bürger

das Agieren von Bundes- und

Landespolitik als „glaubwürdig“,

sofern dies im Kontext mit strittigen

Projekten vor der „Haustür“

steht. Auch den eigenen Kommunalpolitikern

vertrauen dann nur

38 Prozent.

Dies ergab eine Studie, die jetzt

die Leipziger Unternehmensberatung

Hitschfeld vorlegte. Gemeinsam

mit einem Feldinstitut

befragte sie bundesweit Bürger.

Dabei zeigte sich, dass es für die

meisten auch keine Rolle spielt, ob

ein Infrastrukturvorhaben durch

parlamentarische Gremien bereits

rechtskonform geworden ist.

Stattdessen werten 80 Prozent der

Befragten die Kommunikation

sowie frühe informelle Einbeziehung

von unmittelbar Betroffenen

als ebenso wichtig wie die bekannten

formalen Anhörungs- und Beteiligungsverfahren.

Das Gros der

Bürger scheint überzeugt, dass die

Protagonisten der Projekte hierbei

„nur so viele Informationen wie

unbedingt nötig herausgeben“

(69 Prozent), und dies eher „als

Feigenblatt“ dient (51 Prozent). In

Summe sehen sich zwei Drittel als

„Opfer von Politik“. Aber auch die

Medien kommen in der Umfrage

schlecht weg. Nur 40 Prozent halten

sie noch für neutral, wenn sie

über strittige Großprojekte berichten.

Als glaubwürdig gelten dagegen

die Konfliktbetroffenen (79

Prozent). Auch Bürgerinitiativen

© Gabriele Rohde - Fotolia.com

1/2013 | WIRTSCHAFT+MARKT


einblicke+aussichten 25

Foto: Harald Lachmann

Die Leute

merken schnell,

wenn sie für

dumm verkauft

werden sollen.

(76 Prozent) und Umweltverbände

(66 Prozent).

Für Geschäftsführer Uwe Hitschfeld

herrscht somit „in Deutschland

ein akutes Glaubwürdigkeitsproblem

der Bürger gegenüber

Politik, Verwaltung und Unternehmen“.

Der Unternehmensberater

agiert mit seinem Team seit

über 15 Jahren an der Schnittstelle

von Politik, Wirtschaft und öffentlicher

Verwaltung. Ihm begegnen

fortwährend Fragen rund um die

Problematik des Erlangens und

Wahrens von Akzeptanz. Die Ergebnisse

der Studie überraschten

ihn „in ihrer Klarheit“. Denn seine

Erfahrungen zeigen, dass bei

nahezu jedem Projekt von öffentlichem

Belang eine Frage dominiere:

„Wer ist für wen glaubwürdig?“

Hitschfeld betrachtet das Thema

als unverzichtbaren „strategischen

Erfolgsfaktor“. Wer dies

vernachlässige und die betroffenen

Bürger eines Vorhabens nicht

beizeiten transparent in seine Pläne

einbeziehe, riskiere das Scheitern

des Projektes, bevor es begonnen

werden konnte.

Dem stimmt Kommunikationswissenschaftler

Prof. Günter Bentele

zu, der an Universität Leipzig den

Lehrstuhl Öffentlichkeitsarbeit/

PR leitet. Kommunalpolitikern sowie

Unternehmen und Umweltverbänden,

die Windkraft- oder

Biogasanlagen planen, rät er, vorab

„genug Ressourcen für kommunikative

Prozesse vorzuhalten“:

Die Akzeptanz-

Debatte offenbart

kein Legalitätsproblem,

wohl aber ein

Legitimitätsproblem.

Uwe Hitschfeld:

„Zwei Drittel der

Befragten fühlen

sich als Opfer der

Politik.“

Management, Know-how, Geld sowie

fähige, glaubwürdige Leute.

Es sei blauäugig, sich als Planer

einzig auf Politik und Behörden

zu verlassen, warnt Hitschfeld. Zugleich

sage der quantitative Aufwand

noch nichts über die Größe

des Erfolgs. Die Leute merkten

schnell, wenn sie für dumm verkauft

werden sollen. Darum führten

Lösungsansätze „von der Stange“

oft in die Sackgasse. Dennoch

ist der Leipziger sicher: Großkrisen

wie Stuttgart 21 wären vermeid-

oder wenigstens beherrschbar

gewesen.

Der Unternehmensberater Gerhard

Jochum, Aufsichtsratsvorsitzender

der GASAG Berliner

Gaswerke AG, mahnt einen „kulturellen

Wertewandel“ in den Unternehmen

ein. Nach seiner Überzeugung

brauche die Republik

eine intensive und relevante Diskussion

darüber, „was Verantwortlichkeiten

gegenüber gesellschaftlichen

Entwicklungen betrifft“.

Für Jochum offenbart die aktuelle

Akzeptanz-Debatte kein Legalitätsproblem,

wohl aber ein Legitimitätsproblem.

Stuttgart 21 zeige

das sehr deutlich. Dass es 15 Jahre

dauerte, ehe nach den Prüfungsund

Genehmigungsverfahren sowie

den öffentlichen Anhörungen

der neue Bahnhof endlich Realität

werden sollte, habe zur Entwertung

der Legitimationsprozesse

geführt, sagt er. Nötig sei eine flexiblere,

schnellere und konkretere

Umsetzung dessen, was geplant,

genehmigt und in öffentlichen

Anhörungen ins Schaufenster gestellt

wurde.

Mit Blick auf das Thema Akzeptanz

gibt der GASAG-Aufsichtsratschef

zu bedenken: „Wer einen

Bahnhof, ein Kraftwerk oder

eine Hochspannungsleitung bauen

wolle, muss sich bestimmten

Fragen stellen: Wer ist davon betroffen?

Wie ist er davon betroffen?

Welche Informationen, welche

Rücksichtnahmen erwartet er

von mir? Unter welchen Umständen

kann ich seine Zustimmung

bekommen?“ Das Durchdringen

des eigenen Vorgehens sowie der

eigenen Planungen führe zum

Schaffen von Legitimitätsprozessen.

Hier sieht Jochum ein Grundverständnis

von Akzeptanz : Es

dürfe nicht darum gehen, „in einer

Art technischem Prozess ein

Höchstmaß an Populismus zu produzieren“.

Sondern Ziel müsse es

für ein Unternehmen sein, die eigenen

Interessen mit den Bedürfnissen

potenziell Betroffener so

in Relation zu bringen, dass daraus

ein Höchstmaß an Akzeptanz

erwächst. Letztlich werde es wirtschaftlich

von Vorteil sein, sich

mit Wertefragen zu beschäftigen,

eine dezidierte Position dazu zu

entwickeln und diese konsequent

umzusetzen.

www.wundm.info WIRTSCHAFT+MARKT | 1/2013


26 marken+macher

Aus alt mach neu – und

hochproduktiv

Langgediente Werkzeugmaschinen werden durch die

WEMA VOGTLAND Technology GmbH auf den neuesten

Stand gebracht. Das Unternehmen ist weltweit führend bei

der Aufrüstung von Fertigungstechnik. Von Ulrich Conrad

Standort mit

Tradition: der

Firmensitz

der WEMA

VOGTLAND

Technology

GmbH in

Plauen.

Andreas Quak ist kein Freund

der Wegwerfmentalität.

„Alle klagen über knappe

Ressourcen, trotzdem sind wir

auf ständigen Neukauf programmiert“,

sagt er. „Es gibt nichts ressourcenschonenderes

als vorhandene

Maschinen umzubauen,

anstatt mit viel Energie und Aufwand

neue Maschinen herzustellen.

Wenn es technisch möglich

und zugleich wirtschaftlich sinnvoll

ist, bieten sich Umbau und

Überholung als vernünftige Alternative

an.“ Ein Argument, das

auch bei der Geschäftsidee des

Unternehmers Pate stand. Andreas

Quak ist Geschäftsführer der

WEMA VOGTLAND Technology

GmbH in Plauen. Er hat dafür gesorgt,

dass sich das Werkzeugmaschinenunternehmen

seit 2009

konsequent auf Umbau und Überholung

von Werkzeugmaschinen

spezialisiert hat. Sein Konzept

setzte eine Erfolgsgeschichte in

Gang, die nach der Insolvenz der

traditionsreichen Vorgängerin

WEMA Vogtland viele nicht für

möglich gehalten hätten.

Großprojekte aus

einer Hand

Heute ist WEMA VOGTLAND

Technology weltweit führend auf

ihrem Gebiet, dem Remanufacturing.

Aus alt mach neu – das klingt

nach Improvisation und Kompromissen.

Doch wenn eine überholte

Werkzeugmaschine, eine

komplette Taktstraße oder ein automatisiertes

Bearbeitungszentrum

von den Plauener Fachleuten

an ihre Kunden übergeben wird,

dann erhalten diese modernste

Technik. Laien würden beim Anblick

der Anlagen gar nicht auf die

Idee kommen, dass Traggerüste

oder Transportelemente, Beschickungseinrichtungen

oder andere

Komponenten bereits ein Vor-

1/2013 | WIRTSCHAFT+MARKT


marken+macher 27

leben hinter sich haben. Dass sie

nun eine zweite Chance bekommen,

bei der Produktion von Autoteilen

für ein neues Modell zum

Beispiel, spricht für die Qualität

der ursprünglichen Technik.

Noch mehr aber ist dies ein Beleg

für das Know-how der Plauener

Ingenieure und Werkzeugmaschinenbauer

sowie ihrer Partner

in der Global Retool Group, zu der

die WEMA VOGTLAND Technology

seit 2009 gehört. Andreas

Quak hat die Unternehmensgruppe

aufgebaut. In ihr sind auch die

vom saarländischen Lebach aus

agierende SVQ GmbH als Spezialist

für Spannvorrichtungen mit

Standorten in der Slowakei und

in China sowie die SATEG GmbH,

Hersteller von Steuerungs- und

Automatisierungstechnik, tätig.

Die Zusammenarbeit ermöglicht

eine große Fertigungstiefe und sichert

die enge Abstimmung untereinander.

Großprojekte können so

aus einer Hand bewältigt werden.

Der Bedarf dafür ist vorhanden.

Seit dem Siegeszug flexibler Fertigungssysteme

in den 1980er

Jahren werden in der metallverarbeitenden

Industrie massenhaft

computergesteuerte

Bearbeitungszentren und Transferstraßen

eingesetzt. Die Autoindustrie

war der Vorreiter,

inzwischen fertigen auch mittelständische

Zulieferer ihre Produkte

mithilfe der effizienten

Technologien, vom Motorblock

bis zu Fahrwerkkomponenten

und Karosserieteilen. Und längst

nutzen auch andere Branchen

die Vorzüge dieser Fertigungstechnik.

Die Investitionen sind

hoch, doch es rechnet sich, weil

verschiedene Teile mit unterschiedlichen

Verfahren bearbeitet

werden können. Sie lassen sich

auch an veränderte Anforderungen

anpassen: Neue Vorrichtungen

werden integriert, Sensoren

oder Steuerungen durch den neuesten

Stand der Technik ersetzt.

Das aber hat seine Grenzen: Modellwechsel

in der Autoindustrie

bedeuten in der Regel auch neue

Fertigungslinien. „Dann stellt sich

die Frage, ob ein kompletter Neukauf

erforderlich ist oder mit einem

Umbau der gleiche Effekt

erreicht werden kann“, erklärt Andreas

Quak. Der gleiche Effekt, darauf

kommt es an. Beim Remanufacturing

lassen sich schon mal 50

Prozent der Neukosten sparen –

doch die Qualität muss natürlich

stimmen. Ein Blick auf die Referenzliste

der Plauener sagt mehr

als vollmundige Versprechungen:

Die großen deutschen Autohersteller

und ihre First-Tier-Zulieferer

vertrauen auf die Leistungen

der WEMA VOGTLAND Technology,

ebenso namhafte Luftfahrtunternehmen

und darüber

hinaus zahlreiche Kunden in aller

Welt. Durch die Firmentochter

WEMA VOGTLAND America

LLC wird der amerikanische

Markt bedient, auch hier finden

sich die namhaften Automarken

auf der Kundenliste. Ein klassisches

Feld sind Produktionsverlagerungen:

Autokonzerne nutzen

Dipl.-Ing.

Andreas Quak

Geschäftsführender

Gesellschafter der

WEMA VOGTLAND

Technology GmbH

zur Produktion neuer Modelle bei

ihren preisgünstigeren Töchtern

mitunter Anlagen, auf denen zuvor

bereits Fahrzeuge der hochwertigen

Stammmarke gelaufen

sind. WEMA VOGTLAND Technology

übernimmt das Umsetzen

und bereitet den neuen Einsatz

vor. Wenn Transferstraßen

zum Beispiel nach Brasilien oder

in andere Schwellenländer gehen

sollen, sind die Plauener gefragt.

„Wir besetzen eine Nische“, bestätigt

Andreas Quak. „Aber diese Nische

besitzt ein solches Potenzial,

dass wir inzwischen aus dem

Status des kleinen Mittelständlers

herauswachsen.“ Rund 100

Mitarbeiter sind in Plauen tätig,

die Gruppe beschäftigt weltweit

rund 350. Überwiegend erfolgen

Transferstraßen

für LKW-

Zylinderköpfe

und -Zylinderblöcke

werden

im Werk modernisiert.

www.wundm.info WIRTSCHAFT+MARKT | 1/2013


28 marken+macher

In der

Fertigung.

die Arbeiten bei den Kunden vor

Ort. Die vorhandenen Anlagen

werden analysiert, die Kundenforderungen

aufgenommen und

das Projekt für den Umbau konzipiert.

Die Konstruktion und Fertigung

der neuen Teile, Vorrichtungen,

Transportmodule usw., die

Abstimmung, Steuerungskomponenten

und das Einpassen in die

technologischen Gesamtabläufe

– all dies sind Ingenieurleistungen,

die denen bei einem Neubau

nicht nachstehen. Ein wichtiger

Unterschied: WEMA VOGT-

LAND Technology arbeitet herstellerunabhängig,

Maschinen

unterschiedlicher Produzenten

werden fit gemacht. Dieses Knowhow

schätzen auch Werkzeugmaschinenhersteller

und vergeben

Spezialaufträge an die Plauener

Spezialisten. „Unser Team aus erfahrenen

Werkzeugmaschinenexperten

und einer international

agierenden Firmengruppe bringt

sowohl das nötige Know-how mit

als auch die regionale Präsenz,

die namhafte Kunden von einem

Generalunternehmer und Turn-

Key-Partner erwarten“, sagt Andreas

Quak. „Bei Bedarf liefern wir

auch komplette Werkzeugmaschi-

nen, insbesondere für Sonderlösungen.“

Mit Leib und Seele

So lukrativ diese Geschäfte auch

sind, immer ist der Zeitrahmen

eng, immer muss auch mit unvorhersehbaren

technischen Schwierigkeiten

gerechnet werden. Dann

ist in der Tat auch Improvisationstalent

notwendig, durch jahrzehntelange

Erfahrung mit großer Treffsicherheit

erworben. Immer dann,

wenn andere ihren Sommerurlaub

genießen oder die Weihnachtszeit

mit der Familie unterm Tannenbaum

verbringen, herrscht für die

Vogtländer Hochbetrieb. Werksferien

sind genau die Zeit, in der

Anlagen gewartet, überholt und

umgebaut werden, um anschließend

ohne Verzug wieder zu laufen.

„Für einen richtigen Werkzeugmaschinenbauer

mit Leib und

Seele ist das Ehrensache“, so Geschäftsführer

Andreas Quak. Und

schließlich geht es um den Unternehmenserfolg.

Mit rund 75 Millionen

Euro Umsatz hatte die Global

Retool Group 2011 ihr bisher

stärkstes Jahr, und auch 2012 läuft

erfreulich gut. Auch damit liegt sie

weltweit vorn. Allerdings hat der

Unternehmer trotz aller positiver

Entwicklungen auch ein enormes

Problem: Fachkräfte werden zunehmend

zum Engpass. Ein Blick

auf die Karriereseite im Internet

zeigt, dass gleich in mehreren Bereichen

Stellen zu besetzen sind:

Anwendungsspezialisten Werkzeugtechnik

werden gesucht, Ingenieure

für Maschinenbau und

Elektrotechnik, Inbetriebnehmer.

Für das weitere Wachstum könnte

das bald zum ernsten Hemmnis

werden. Mit eigener Ausbildung

steuert das Unternehmen

entgegen, gerade haben fünf junge

Leute ihre Ausbildung zum Elektroniker

der Fachrichtung Automatisierungstechnik,

Industriemechaniker,

Industriekaufmann

und Technischen Produktdesigner

aufgenommen. Damit die Erfolgsgeschichte

des Weltmarktführers

aus dem Vogtland auch in Zukunft

weitergehen kann.

1/2013 | WIRTSCHAFT+MARKT


marken+macher 29

Hidden Champions

Rund 1.200 deutsche Mittelständler sind Weltmarktführer

in ihren Branchen. Der Anteil ostdeutscher

Unternehmen wächst rasch. Von Ulrich Conrad

Sie gelten als „Hidden Champions“,

Sieger im Verborgenen: kaum bekannt

in der Öffentlichkeit, in

Nischen erfolgreich, mit überschaubarer

Mitarbeiterzahl. Auf ihnen beruht

ein Großteil des deutschen Wirtschaftserfolges.

Die WeissmanGruppe

in Nürnberg, spezialisiert auf die Beratung

mittelständischer Familienunternehmen,

erarbeitet kontinuierlich

aktuelle Übersichten dieser Leistungsträger.

Marcel Megerle, Mitglied der

Geschäftsleitung bei Weissman, hat

gemeinsam mit dem Leibniz-Institut

Ostdeutsche Weltmarktführer

für Länderkunde Leipzig diese Datensammlung

ausgewertet. Die meisten

– wenig überraschend – sind in Baden-Württemberg,

Bayern und Nordrhein-Westfalen

zu Hause. Doch der

Osten ist auf dem Vormarsch.

Optik und Drehkrane

In Dresden sind Marktführer besonders

zahlreich vertreten. So zum Beispiel

die XENON Automatisierungstechnik

GmbH, ein Spezialist der

Fertigungstechnik für Photovoltaik.

Berlin Heart GmbH Berlin www.berlinheart.de

CyBio AG Jena www.cybio-ag.com

Docter Optics GmbH Neustadt an der Orla www.docteroptics.com

DOPPSTADT CALBE GmbH Calbe www.doppstadt.com

Eisengießerei Torgelow GmbH Torgelow www.eisengiesserei-torgelow.de

ELBAU Elektronik Bauelemente GmbH Berlin www.elbau-gmbh.de

FEP Fahrzeugelektrik Pirna GmbH Pirna www.fepz.de

GERB Schwingungsisolierungen GmbH & Co KG Berlin www.gerb.com

GERMAN PELLETS GmbH Wismar www.german-pellets.de

GlaxoSmithKline Biologicals GmbH Dresden www.glaxosmithkline.de

GÖPEL electronic GmbH Jena www.goepel.com

Herlitz PBS AG Berlin www.herlitz.de

JENOPTIK AG Jena www.jenoptik.com

KAHLA/Thüringen Porzellan GmbH Kahla www.kahlaporzellan.com

Kjellberg Finsterwalde Plasma und Maschinen GmbH Finsterwalde www.kjellberg.de

KOBRA Formen GmbH Lengenfeld www.kobragroup.com

Mecklenburger Metallguss GmbH Waren (Müritz) www.mmgprop.de

NILES - SIMMONS Industrieanlagen GmbH Chemnitz www.niles-simmons.de

Novaled AG Dresden www.novaled.com

Profi roll Technologies GmbH Bad Düben www.profiroll.de

SAXONIA EuroCoin GmbH Halsbrücke www.saxonia-eurocoin.de

Schuberth Holding GmbH Magdeburg www.schuberth.com

Staatliche Porzellan-Manufaktur Meissen GmbH Meißen www.meissen.com

THEEGARTEN-PACTEC GmbH & Co. KG Dresden www.theegarten-pactec.com

TRUMPF Sachsen GmbH Neukirch www.de.trumpf.com

VERBIO Vereinigte BioEnergie AG Leipzig www.verbio.de

WEMA VOGTLAND Technology GmbH Plauen www.wema-vogtland.de

Wie dynamisch der Markt ist, hat sich

bei den jüngsten Turbulenzen der Solarbranche

gezeigt. Ostdeutsche haben

gelernt, sich durchzubeißen. Das

gilt auch für die Dresdner Ardenne

Anlagentechnik GmbH. Elektronenstrahl-Anlagen

von Ardenne waren

bereits vor 1989 von Japan bis in die

USA gefragt. Trotzdem erforderte der

Neustart in der Marktwirtschaft enorme

Anstrengungen.

Wer dies im Hinterkopf hat, weiß Erfolge

zu schätzen: Die weltgrößten

Schiffspropeller kommen noch immer

aus der Mecklenburger Metallguss

GmbH in Waren an der Müritz. Die Kirow

AG, Leipzig, ist Marktführer mit

Doppellenker-Wippdrehkranen, Eisenbahnkranen

und Schlackentransportern

für Hochöfen. Auf der Liste finden

sich Pumpen aus Halle, Kommunikationssysteme

aus Kölleda, Optik und

Sensoren aus Jena, Hallenkrananlagen

aus Köthen. Marcel Megerle: „Die

hohe Dynamik in den neuen Bundesländern

ist ungebrochen“. 29 der heutigen

Weltmarktführer aus dem Osten

wurden nach 1989 gegründet. Im gesamten

Bundesgebiet waren das 120.

Auf 1000 Einwohner kommen im Osten

1,8 Weltmarktführer, im Westen sind

es nur ca. 1,4. Das zeigt deutlich, wohin

die Reise geht.

Wichtige Botschaften

Etwas anders sieht es bei der Wirtschaftsleistung

aus, die bei etablierten

Firmen in den Altbundesländern noch

immer erheblich größer ist. 1.450 Weltmarktführer

enthält die Weissman-

Datenbank. 856 davon sind Familienunternehmen

mit etwa 6,5 Millionen

Beschäftigten und insgesamt mehr als

zwei Billionen Euro Umsatz pro Jahr.

Hidden Champions: Hinter den Namen

stecken spannende Geschichten, die

für die Zukunft des Wirtschaftsstandortes

wichtige Botschaften vermitteln.

Besonders für Ostdeutschland.

www.wundm.info WIRTSCHAFT+MARKT | 1/2013


30 klipp+klar

Alternativlos?

Eberhard Walter

Präsident des

Unternehmerverbandes

Brandenburg

Die meisten Mittelständler

sind es nicht gewohnt, sich

im Mainstream zu tummeln.

Wir halten es lieber mit einer

alten chinesischen Weisheit –

„Nur tote Fische schwimmen mit

dem Strom“ – und sind quicklebendig.

Stichwort Fachkräftemangel. Was

da von der Politik in jüngster Zeit

verlautbart wurde, macht misstrauisch.

Mehr noch, immer wenn

von „alternativlos“ die Rede ist,

sollte das prompt ein Aufruf zur

eigenen Meinungsbildung sein.

Der aufkommende Fachkräftemangel

entspringe eben der demografischen

Entwicklung, heißt

es schulterzuckend, da könne

man schwer etwas machen. Niedrige

Geburtenraten werden zudem

den Unternehmen angelastet, die

Arbeitswelt sei schuld an der Misere.

Basta. Allen Ernstes werden

Unternehmerinnen und Unternehmer

ermahnt, mehr Familienfreundlichkeit

an den Tag zu legen.

Was ist das denn für eine verdrehte

Erklärung, für eine Verklärung?

Leben denn Politikerinnen und

Politiker in Parallelwelten? Wissen

sie nichts von den vielen Familienbetrieben

und deren wertebewusster–

und vielerorts sehr

erfolgreicher – Übernahme von

Verantwortung in ihrer Region?

Die demografische Entwicklung

entspringt doch gerade einer jahrelang

verfehlten Familienpolitik!

Die allenthalben gepriesene Ich-

Bezogenheit führt zur Entsolidarisierung,

zu fehlender Nestwärme

und zu eben jener demografischen

Schieflage, der man im Lande so

scheinbar ohnmächtig gegenüber

steht. Alternativlos?

Vernünftige Rahmenbedingungen

zu schaffen, das bleibt zuvorderst

Aufgabe des Staates. Eingebettet

in die Wertevermittlung muss die

Achtung der Gesellschaft vor den

Demografische

Schieflage

entspringt

einer verfehlten

Familienpolitik

Leistungen der Familien wieder ihren

Stellenwert erhalten.

Wenn heute die Unternehmen die

„Ausbildungsfähigkeit“ von Lehrlingen

mit Hilfe von Förderprojekten

selbst organisieren und tragen,

dann ist das aller Ehren wert, muss

aber zugleich stutzig machen. Die

Rahmenbedingungen unseres Bildungssystems

verschlechtern sich

seit Jahren und die Folgen tragen

die Unternehmen. Einheitsschule,

Erziehungs- und Bildungsauftrag,

Berufsorientierung – das alles seien

keine diskussionswürdigen Begriffe,

meint man in den zuständigen

Ministerien. Pisa quittiert´s.

Wie im Kleinen so auch im Großen.

Die Europäische Zentralbank

beginnt mit einer Lockerung der

Geldpolitik, ungleichgewichtige

Entwicklungen der Länder in Europa

können keinen Widerhall in

der Landeswährung finden, weil

der Euro nun mal da ist. Bei den

Notenbanken häuft sich das Geld,

Inflationspotenzial entsteht. Da

helfen die flotten Sprüche von der

„Beruhigung der Märkte“ nicht.

Und sogar Zypern wird als „systemrelevant“

eingestuft. Loriots

„Wo laufen sie denn, wo laufen sie

denn hin, mein Gott“ bekommt

eine völlig neue Bedeutung.

Deutliche Verunsicherungen im

Lande rühren von diesen viel zitierten

„Märkten“ her. Diese anonymen

Schreckgespenster jeder

Währung immer und gleich

zu bedienen, so verkündet man,

sei alternativlos. Wirklich? Jedes

Unternehmen muss Marktentwicklungen

parieren, sucht

aber immer nach Alternativen

und begreift den Markt als Menschen

mit Bedürfnissen, Sichtweisen,

auch mit Fehlern, denen man

energisch Grenzen setzen muss.

Klare Ansagen sind rar geworden,

es gibt zu viele, die mit dem Strom

schwimmen.

Und das Schwert der Opportunisten,

unbequeme Antworten auf

Fragen der Zeit abzuschmettern,

ist die neue Art von „political correctness“,

die gern als Weichspüler

und Tarnkappe verwendet wird.

Die ostdeutschen Unternehmerverbände

möchten sich da nicht

eingliedern. Sie wollen quicklebendig

bleiben. Unbequem zu sein

heißt meist auch, neue Ziele zu formulieren

und so manchem Politiker,

auch mancher Politikerin, auf

die Füße zu treten. Denn sie sind

für uns da, nicht umgekehrt! Im

Großen wie im Kleinen. Stellen

wir uns ruhig öfter mal die Frage,

wenn wieder von Alternativlosigkeit

die Rede ist: Wohin geht es?

Wem nützt es? Ich wünsche uns

viel Erfolg beim Gegen den Strom

Schwimmen und eine glückliche

Hand.

1/2013 | WIRTSCHAFT+MARKT


www.rkw-energieeffizienz.de

Nutzen Sie unser Know-how und entdecken Sie

Ihr betriebsindividuelles Energiesparkonzept!

Finden Sie online Ihren Ansprechpartner in Ihrer Nähe und vereinbaren Sie ein

kostenfreies Gespräch mit unseren Experten!


32 innovation+tradition

Maritimer Denkwandel

Veränderungsdruck ist am größten, wenn er existenziell

wird. Das haben die Beschäftigten der maritimen

Industrie in Mecklenburg-Vorpommern schon mehrfach

erfahren müssen. Nach den jüngsten Werftpleiten steht

die Branche vor einem gravierenden Wandel.

Baudock in

Wismar: Voll

ausgelastet.

Der Flaggenwechsel Ende Februar

dieses Jahres auf dem

nagelneuen Küstenwachschiff

KBV 033 für die schwedische

Coast Guard fühlte sich an

wie immer. Eine normale Ablieferung

eines Schiffneubaus auf

Von Thomas Schwandt

der Wolgaster Peene-Werft. Doch

die Übergabe war keine von den

so vielen davor an dem traditionsreichen

Werftstandort. KBV 033

geht in die 65-jährige Geschichte

der Peene-Werft ein als der erste

Auftrag, der nach der Insolvenz

der P+S-Werften neu gewonnen

und abgeschlossen wurde.

Ende August 2012 hatte der Werftenverbund

P+S sich zahlungsunfähig

gemeldet. Trotz eines

Auftragsvolumens von gut einer

Milliarde Euro in den Büchern. Erkauft

mit zum Teil äußerst niedrigen

Preisangeboten konnte der

Auftragsberg die Spätfolgen der

tiefen Schiffbaukrise vom Herbst

2008 nicht kaschieren. Zumal es

ein „weiter so“ auch nach der Fusion

der Stralsunder Volkswerft

und des Schiffbaubetriebes an

der Peene zum P+S-Werftenverbund

Mitte 2010 nicht geben

konnte. Zwar war erkannt worden,

dass für die maritime Industrie

in Mecklenburg-Vorpommern

(MV) nur noch Spezialschiffbau

und der Offshore-Bereich eine Zu-

Fotos: Thomas Schwandt

1/2013 | WIRTSCHAFT+MARKT


innovation+tradition 33

Gegenwärtig

wird die

Volkswerft in

Stralsund

„warm gehalten“.

kunftschance boten. Dem Werftmanagement

war es jedoch nicht

gelungen, die betrieblichen Strukturen

den neuen Erfordernissen

schnell und umfassend anzupassen.

Gegenwärtig wird die Volkswerft

in Stralsund „warm gehalten“,

wie Axel Schulz, Bevollmächtigter

des Insolvenzverwalters,

es nennt. Die eigens gegründete

Schiffbaugesellschaft Stralsund

baut am Standort für die dänische

Reederei DFDS zwei RoRo-

Spezialfrachter zu Ende. Die Suche

nach einem Investor für die

Volkswerft läuft derweil weiter

auf Hochtouren. Schulz sieht die

größten Chancen für den Fortbestand

des Schiffbaubetriebes am

Sund „im Offshore-Sektor der Ölund

Gas-Industrie“. Hier gebe es

weltweit einen wachsenden Bedarf

nach Service- und Spezialschiffen.

Es sei nach seiner Ansicht

der einzige maritime Markt,

der „noch gut in Form ist“. Bis dato

lägen aber noch keine konkreten

Kaufangebote für die Volkswerft

vor.

In Wolgast herrscht indes „Zuversicht“,

versichert der Vorsitzende

des Betriebsrates Carsten

Frick. Die Bremer Lürssen Werft

übernimmt zum 1. Mai dieses Jahres

die Peene-Werft mit zunächst

rund 285 Mitarbeitern plus 61

Auszubildenden. Vor der Insolvenz

waren dort 520 Schiffbauer

beschäftigt. Durch die langjährige

Zugehörigkeit zur Hegemann-

Gruppe kennen die Wolgaster

Schiffbauer „die Bremer Mentalität“.

Wie Lürssen ist die Peene-

Werft fokussiert auf Marine- und

Behördenboote sowie Spezialschiffe.

Frick bringt es auf den

Punkt: „Der Schiffbau bei uns

wird sich auf das beschränken,

was in Asien nicht geht.“

Für die maritime Industrie in

MV bedeutet ein schrumpfender

Schiffbau nicht adäquat das Aus.

Auch wenn die Zahlen einen herben

Einbruch des Industriepotenzials

belegen. 2005 erwirtschafteten

die Werften und die

Axel Schulz

Bevollmächtigter des

Insolvenzverwalters

P+S-Werften

Carsten Frick

Betriebsratschef

der Peene-Werft

maritimen Zulieferer im Land einen

Jahresumsatz von zwei Milliarden

Euro. Dieses Volumen hat

sich bis dato halbiert. „Die Zeiten,

in denen sich auf den Werften alles

um möglichst viel Stahldurchsatz

drehte, sind endgültig passé“,

beschreibt Manager Schulz den

Denkwandel. Es seien keine Stan-

Ende Februar

nach Schweden

geliefert,

das Küstenwachschiff

KBV 033.

www.wundm.info WIRTSCHAFT+MARKT | 1/2013


34 innovation+tradition

Die Volkswerft

hat

Erfahrung mit

dem Bau

v o nO ff s h o r e -

Spezialschiffen

wie diesem

Ankerziehschlepper.

dardlösungen mehr gefragt. Für

die Unternehmen wird das entscheidende

Kriterium zum Überleben

ihre Innovationskraft sein.

Eine Ansicht, die Reinhart Kny,

Geschäftsführer der Rostocker

IMG-Group, teilt. Sein Untenehmen

mit 240 Mitarbeitern ist spezialisiert

auf eigene Systemlösungen

für die maritime und Maschinenbauindustrie.

„Jedes künftig in

Mecklenburg-Vorpommern projektierte

und gebaute Schiff wird

ein Unikat sein.“ Darauf hätten

sich auch die mehr als 300 maritimen

Zuliefer-, Ausrüstungs- und

Servicefirmen zwischen Wolgast

und Wismar einzustellen. „Im Offshore-Bereich

etwa sind hohe Qualitäts-

und Sicherheitsstandards zu

erfüllen. Entsprechend müssen in

den Betrieben die Fertigungstechnologien

flexibilisiert und qualifiziert

werden“, zeigt Kny den alternativlosen

Weg aus der Krise auf.

Dieser wird bereits auf den Werften

von Nord Yards in Wismar

und Warnemünde konsequent beschritten.

Gleich drei riesige Offshore-Konverterplattformen

werden

dort zurzeit gebaut. Nach dem

abrupten Aus für den Containerschiffbau

hat sich Nordic Yards auf

Offshore-Projekte fokussiert und

sich binnen kurzer Zeit ein neues

lukratives Geschäftsfeld in der

maritimen Wirtschaft erschlossen.

Die Konverter werden künftig

in Offshore-Windparks in der

Nordsee zum Einsatz kommen,

wo sie den auf hoher See erzeugten

Windstrom von Wechsel- in

Gleichstrom wandeln, damit dieser

verlustarm zur Küste übertragen

werden kann. Kürzlich hatte

Nordic Yards einen weiteren Auftrag

zum Bau eines solchen speziellen

Umspannwerks für den

französischen Alstom-Konzern

erhalten. Das Konstrukt wird die

Höhe eines elfstöckigen Hauses

haben und 85 Mal schwerer sein

als ein Airbus A380.

Von aktuell nur sieben weltweit

im Bau befindlichen Offshore-

Konverterplattformen entstehen

allein vier bei Nordic Yards. Damit

ist die Werft in Mecklenburg-Vorpommern

zum Weltmarktführer

aufgestiegen.

1/2013 | WIRTSCHAFT+MARKT


OHNE UNS WÄRE WINDKRAFT

NUR EINE LUFTNUMMER.

DIE enviaM-GRUPPE INVESTIERT 1 MILLIARDE EURO

IN NEUE NETZE FÜR ERNEUERBARE ENERGIEN.

Mehr Informationen unter www.enviaM.de


36 innovation+tradition

Plasma-Pflaster für

chronische Wunden

Wissenschaftler des INP Greifswald und Mediziner des

Klinikums Karlsburg entwickeln gemeinsam innovative

Medizintechnik. Mit einem neuartigen Plasma-Verfahren

wollen sie die schwierige Heilung von großflächigen

Wunden beschleunigen.

Von Anette Pröber

Wunden sind eine schmerzhafte

Erfahrung. Ein verunglückter

Schnitt mit

dem Küchenmesser etwa kann

schnell eine kleine blutende Wunde

verursachen. Zur Versorgung

reicht meist ein Pflaster. Doch

was, wenn Wunden großflächig

sind und nicht heilen? Auch über

mehrere Wochen hinweg nicht.

Ursachen für solche chronischen

Wunden, wissen Mediziner, können

sehr komplex sein. Betroffen

sind vor allem ältere und bettlägerige

Menschen sowie Zuckerkranke.

In Deutschland wird von

ca. vier Millionen Menschen ausgegangen.

Jährlich werden 30.000

Amputationen notwendig, was

sechs Milliarden Euro Behandlungskosten

verursacht, schätzen

Wundexperten.

Die Wissenschaftler des Greifswalder

Leibniz-Institutes für Plasmaforschung

und Technologie

e. V. (INP) fühlen sich durch diese

Fakten in ihrer jüngsten Arbeit

bestätigt. Seit 2004 erproben sie

die Wirkungen von kaltem Plasma

bei der Wundheilung. Sie sind

hoffnungsvoll, dass sie das „Plasma-Pflaster“

gefunden haben, das

Bakterien, Keime und Pilze in

Wunden bekämpft und die Heilung

um ein Vielfaches beschleunigt.

„Für Diabetiker wäre ein stimulierendes

Wundheilmittel ein enormer

Fortschritt“, sagt Prof. Wolf-

Fotos: INP Greifswald/ Anette Pröber

1/2013 | WIRTSCHAFT+MARKT


innovation+tradition 37

gang Kerner, Direktor der Klinik

für Stoffwechselerkrankungen

und Diabetes am Klinikum Karlsburg.

Häufig kommen Patienten

mit diabetischem Fußsyndrom

und schwersten Komplikationen

in die vorpommersche Klinik.

Leider würden Infektionen in

den Gliedmaßen von Patienten

und Hausärzten oft unterschätzt,

meint Prof. Kerner. Eine Amputation

lasse sich dann selten noch

verhindern.

Das diabetische Fußsyndrom ist

eine der häufigsten und schwersten

Folgeerkrankungen des Diabetes.

„25 Prozent aller Diabetiker

entwickeln im Verlauf ihrer Erkrankung

solche Fußläsionen, für die

Nervenschädigungen und Durchblutungsstörungen

die Hauptursachen

sind.“ Laut Prof. Kerner werden

in Karlsburg jährlich rund 200

Patienten mit ambulant nicht beherrschbaren

diabetischen Fußläsionen

betreut.

Eine neuartige Möglichkeit, Wunden

schneller zu heilen, verheißt

das Plasma. Es ist ein Stoff, der

primär nichts mit Medizin zu

Diabetiker sind häufig von

chronischen Wunden betroffen.

tun hat. Es ist der vierte Aggregatzustand,

den Materie neben

dem festen, flüssigen und gasförmigen

annehmen kann. Dazu ist

Energie nötig. Trifft diese in Form

elektromagnetischer Strahlung

auf Gas-Atome oder -Moleküle,

lösen sich bei hoher Temperatur

Elektronen aus dem Verbund. Die

Energiezufuhr lässt sich jedoch so

dosieren, dass „kaltes Plasma“ entsteht,

wie es schon in Leuchtstoffröhren

genutzt wird. Die Wirkungen

der Plasmaflamme, die nicht

wärmer als die Körpertemperatur

Das Plasma

verheißt eine

neuartige

Möglichkeit,

Wunden

schneller zu

heilen.

ist, sind erstaunlich. Bei entsprechender

Dosis, wiesen die Physiker

und Biologen nach, schädigt

sie Mikroorganismen wie Bakterien,

Keime und Pilze. Indes seien

die menschlichen Zellen nicht

gefährdet. Die Greifswalder Forscher

konnten in einer Laborstudie

mit lebenden Zellkulturen zudem

nachweisen, dass Plasma die

Bildung von neuem Gewebe in einer

Wunde anregen kann.

Ein revolutionäres Pflaster scheint

in greifbarer Nähe. INP-Direktor

Klaus-Dieter Weltmann ist zuversichtlich,

dass die ersten Plasmageräte

zur medizinischen Behandlung

bald anwendungsreif sind.

Aber bis dahin sind intensive klinische

Studien und Tests notwendig.

„Wir wollen die Wirkungen

des Plasmas ganz genau verstehen.“

Im Klinikum Karlsburg stehen

die Mediziner der Mitwirkung

auf dem jungen Arbeitsgebiet und

am Projekt aufgeschlossen gegenüber.

Prof. Wolfgang Motz, Ärztlicher

Direktor des Herz- und Diabeteszentrums

Karlsburg, hat

Ende 2012 den Neubau eines Diabetes-Innovationszentrums

auf

dem Campus angekündigt. „Wir

werden die Zusammenarbeit

mit wissenschaftlichen Einrichtungen

verstärken, um innovative

Technik zu erproben und wissenschaftlich

zu evaluieren. Die

Plasmamedizin bei der Wundheilung

ist eines der herausragenden

Themen.“ Wissenschaft und

Gesundheitsbranche werden eng

verzahnt, um neue Hightech-Produkte

zügig zur Marktreife zu führen.

Neben der Wundheilung verspricht

die Plasma-Therapie einen

vielfältigen Einsatz, etwa bei

der Dekontamination und Sterilisation

von Oberflächen, Materialen

und Produkten aus Kunststoff,

von OP-Bestecken und Implantaten.


Diabetiker

werden mit

moderner

Medizintechnik

behandelt.

www.wundm.info WIRTSCHAFT+MARKT | 1/2013


38 innovation+tradition

Kapitaler Kraftakt

Berlin boomt. Die Stadt wird

kreativer, hat die schillerndste

Gründerszene und rüstet digital

weiter auf. Nun entdecken Senat

und Wirtschaft auch die gute alte

Industrie neu und wollen sie mit

einem Masterplan wiederbeleben

– ein kapitaler Kraftakt.

Von Steffen Uhlmann

Forschen

für die

Zukunft im

Technologiepark

Berlin

Adlershof.

Hinter dem blauen Vorhang

röhrt es bedrohlich. Eine

Sirene erschallt, der Vorhang

fällt und gibt den Blick auf

den dröhnenden Laster frei, auf

dessen Ladefläche die erste Straßenbahn

steht, die der Schweizer

Bahntechnik-Hersteller Stadler

in seinem neuen Montagewerk

in Berlin-Hohenschönhausen zusammengebaut

hat. 300 weitere

Arbeitsplätze haben die Schweizer

mit ihrer jüngsten Investition

geschaffen. Sie kommen zu

den über 800 Stellen hinzu, die

Stadler in seinen drei alten Berliner

Werken bereits unterhält –

eine Erfolgsgeschichte für die industriearme

Hauptstadtregion,

die demnächst noch weitere Kapitel

erhalten könnte. Denn Berlin

und das benachbarte Brandenburg

entwickeln sich langsam zu

einem Zentrum für Schienenverkehrstechnik

und knüpfen damit

an alte Zeiten an. Bereits im 19.

Jahrhundert machten Industrielle

und Erfinder wie August Borsig

die Region zum Kreativort des Lokomotivbaus.

Hier wurde die erste

elektrische Bahn der Welt auf die

Schienen gestellt.

Doch mit dem zweiten Weltkrieg

schalteten die Signale auf Rot für

die Branche. Nach ihrem Einzug in

Berlin baute die Rote Armee ganze

Produktionsanlagen ab. Zugleich

verlegten Konzerne ihre Standorte

nach Westdeutschland. Jetzt aber

hat die Branche den traditionsreichen

Standort wiederentdeckt.

Bombardier Transportation, einer

der größten Bahntechnikhersteller

der Welt, hat schon vor Jahren

seine Zentrale in Berlin angesiedelt

und betreibt in Hennigsdorf

bei Berlin eines seiner leistungsstärksten

Werke. Auch Konkurrent

Siemens ist in Berlin mit seiner

Konzernsparte »Mobility«

vertreten. Und neben Stadler unterhalten

kleinere Bahntechnikspezialisten

Werke in der Hauptstadtregion.

Insgesamt zählt die

Bahnbranche in der Region 115

Unternehmen mit 20. 000 Arbeitsplätzen.

»Berlin hat noch andere gute Geschichten

zu erzählen«, sagt die

neue Wirtschaftssenatorin Cornelia

Yzer (CDU) und ist sich sicher:

1/2013 | WIRTSCHAFT+MARKT


innovation+tradition 39

1920 war jeder

zehnte deutsche

Industriearbeitsplatz

in Berlin

angesiedelt.

»Die Aufholjagd hat begonnen,

wenn auch auf niedrigem Niveau.«

Die Jagd ist trotzdem ein kapitaler

Kraftakt für die Hauptstädter, die

mit dem vom Senat aufgelegten

»Masterplan Industriestadt Berlin

2010–2020« ein Stück zu ihren

Wurzeln zurück wollen. Noch

vor 100 Jahren war Berlin mit etwa

600.000 Beschäftigten die größte

Industriestadt zwischen Paris und

Moskau. Dafür gesorgt hatten neben

Borsig solche Erfinder und

Unternehmer wie Werner von Siemens,

der im Alter von 31 Jahren

zusammen mit dem Universitätsmechaniker

Johann Georg Halske

vor fast genau 165 Jahren in Berlin

die »Telegraphen-Bauanstalt von

Siemens & Halske« gründete. Damit

legten sie den Grundstein für

Siemens fertigt in Berlin Gasturbinen.

ein Unternehmen, das aus einer

kleinen Hinterhofwerkstatt über

Jahrzehnte hinweg zu einem der

bekanntesten deutschen Weltkonzerne

aufstieg. Siemens ist

trotz vieler Konzentrationsprozesse

noch immer größter industrieller

Arbeitgeber in Berlin.

Noch 1920 war jeder zehnte deutsche

Industriearbeitsplatz in Berlin

angesiedelt. Spätestens nach

dem Zweiten Weltkrieg aber begann

der Abstieg der fortan zweigeteilten

Industriemetropole, der

sich nach der deutschen Einheit

massiv fortsetzte. Die bis dato

hochsubventionierten Werkbänke

West überlebten die Wende

genauso wenig wie die zumeist

maroden Industriekombinate im

Osten der Stadt. Schließlich hatte

die Bundesregierung in Erwartung

der vielfach prophezeiten

Wirtschaftsdynamik die Subventionen

drastisch gekürzt, die noch

bis zum Mauerfall die Industrie

auf der „Insel Westberlin“ künstlich

am Leben erhalten hatte. Unternehmen

bauten dramatisch

Arbeitsplätze ab, schlossen ihre

Berliner Werke ganz oder gingen

sogar in Konkurs. Den Ostteil traf

Berliner Trends

Gründer-Hauptstadt: Nirgendwo in Deutschland werden

so viele Gewerbe pro 10.000 Erwerbspersonen angemeldet

wie in Berlin. 2011 waren das 48.715. Zieht man die

Abmeldungen (2011: 33.797) ab, bleibt immer noch ein

kräftiger Überschuss.

Digitaler Boom: Der Megacluster »Informations- und

Kommunikationstechnologie, Medien, Kreativwirtschaft«

wächst in Berlin am stärksten. Allein in diesem Bereich

sind 2011 mit etwa 2.500 Stellen rund die Hälfte aller

neuen Arbeitsplätze entstanden, darunter 1.500 in der

digitalen Wirtschaft.

Pleiten-Geschehen: Berlins Wirtschaft wird robuster.

Im Krisenjahr 2012 ist die Zahl der Unternehmensinsolvenzen

gegenüber dem Jahr zuvor um mehr als sieben

Prozent gesunken. Mithin gab es 1.280 Firmenpleiten –

100 weniger als 2011.

es noch schlimmer. Hier haben

die schnelle Privatisierung und

der Verzicht auf eine sorgsame

Sanierung von Betrieben durch

die Treuhandanstalt vielen kleine

und große Unternehmen das

Leben gekostet. Übrig blieb eine

industrielle Diaspora mit zwischenzeitlich

nicht einmal mehr

100.000 Beschäftigten. 1991 waren

es in beiden Teilen der Stadt

immerhin noch 315.000 gewesen.

Jetzt aber hat Berlin Pläne – viele:

einen Masterplan für die weltberühmte

Museumsinsel, einen für

den Aufstieg zu Europas führender

Gesundheitsregion, den Plan

zum deutschen Wissenschaftsstandort

Nummer eins, inklusive

einer »Transfer-Allianz«, die Forschungseinrichtungen

mit Unternehmen

stärker zusammenspannen

will. Nun auch noch den

Masterplan für die Industrie. Und

der ist bemerkenswert für Berlins

emsige Planwirtschaftler. Schließ-

www.wundm.info WIRTSCHAFT+MARKT | 1/2013


40 innovation+tradition

Blick in die

Straßenbahnfertigung

von

Stadler in

Hohenschönhausen.

lich hieß die Parole des Senats lange

Zeit: Industrie war gestern, die

Zukunft heißt Dienstleistungsmetropole

Berlin. Jetzt aber hat sich

bei der Politik mehr und mehr die

Erkenntnis durchgesetzt, dass

Berlin nicht allein vom »Haare

schneiden« leben kann und die

Hauptstadt neben Tourismus, Medien-

oder Kreativwirtschaft auch

weiterhin Industrie braucht. Immerhin

hängen an jedem industriellen

Arbeitsplatz mindestens

zwei weitere Stellen im Dienstleistungsgewerbe.

»Das einstige Volumen an Industriearbeitsplätzen

kommt vermutlich

nie wieder«, glaubt Jan Eder,

Hauptgeschäftsführer der Berliner

Industrie- und Handelskammer

(IHK). Aber eine Verdopplung

der derzeit vorhandenen knapp

106.000 Industriejobs sei durchaus

drin. Gute Ansätze dafür gibt

es. Seit 2003 wächst die Bruttowertschöpfung

der Industrie wieder.

Und dass Berlin seit einigen

Jahren das höchste Wirtschaftswachstum

im Bundesvergleich

abliefert, ist auch der Industrie

zu verdanken. Berlin schlägt 2013

Berlin erwartet

2013 ein doppelt

so starkes

wirtschaftliches

Wachstum wie

für den Bund

prognostiziert.

genauso wie im Vorjahr den Rest

der Republik: Die Hauptstadt wird

aller Voraussicht nach in diesem

Jahr mit einem Plus von 1,5 Prozent

ein doppelt so starkes Wachstum

wie der Bund erreichen.

Ungeachtet dieser aktuellen Zahlen

sprechen zwei Gründe dafür,

dass es mit dem industriellen Wiederaufstieg

klappen könnte. Zum

einen hat sich Berlins Industrie

in gewissem Sinne neu erfunden,

zum anderen sind die Unternehmen,

bei allen noch vorhandenen

Rückständen, innovativer und damit

konkurrenzfähiger geworden.

Eine Studie der Unternehmensberatung

McKinsey prophezeit für

Berlin bis zum Jahr 2020 eine halbe

Million neue Arbeitsplätze –

vorausgesetzt, dass neben den

laufenden Jobmotoren Tourismus,

Dienstleistungen, IT und Medien

zusätzlich neue industrielle Wirtschaftskerne

entstünden.

Keine Frage, ein kapitaler Kraftakt

steht vor Berlin, der zumindest an

einigen Orten in der Stadt bereits

deutliche Ergebnisse zeitigt. So in

Berlin-Adlershof, wo mit Hilfe von

mindestens 1,3 Milliarden Euro

öffentlicher Gelder Deutschlands

leistungsstärkster Industrie- und

Wissenschaftspark entstand – mit

inzwischen fast 1. 000 Unternehmen,

Hochschul- und Forschungseinrichtungen,

die über 15.000

Mitarbeiter beschäftigen. Nach

dem Adlershofer Modell soll auch

das Gelände des Flughafens Tegel

entwickelt werden, wenn Tegel im

nächsten Jahr geschlossen wird.

Das aber steht in den Sternen, solange

der Starttermin für den neuen

Flughafen BER in Schönefeld

offen bleibt. Sicher ist bislang nur,

dass nichts sicher ist – weder Termin

noch Kosten für das Milliardenprojekt.

Berlin bleibt trotz industriellem

Aufschwung in den letzten Jahren

ein schwieriger Fall. Es geht

in der industriellen Szenerie auf

und ab: hier die Stadler-Investition,

dort Pläne des weltweit führenden

Verpackungsmittelherstellers

Tetra Pak, sein Berliner Werk mit

knapp 200 Beschäftigten zum Jahresende

zu schließen. Und auch

Siemens wird im Rahmen seines

weltweiten Kostensparprogramms

in der Stadt, wo alles für den Konzern

anfing, Stellen streichen.

1/2013 | WIRTSCHAFT+MARKT


Chefsache im 24. Jahrgang

Abo zu bestellen unter: www.wundm.info


42 ideen+impulse

Der Marathonläufer

Karl Gries privatisierte 1991 gegen den Willen der Treuhand

die Chemnitzer Strickmoden Bruno Barthel GmbH

und trieb seither mit langem Atem das selbst kreierte

Label MaxiMo zur europäischen Marktführerschaft bei

hochwertigen Kindermoden. Von Harald Lachmann

Strickt am

Erfolg: Textil-

unternehmer

Karl Gries.

Der Kopf ist, was die Abmessungen

betrifft, das komplizierteste

Körperteil“, beteuert

Karl Gries. Anders ausgedrückt:

Wer sich an Kopfbedeckung versucht,

wagt sich an die hohe Schule

der Bekleidungsbranche. Gries lächelt

selbstbewusst: „Unsere Mützen

passen!“ Das bekam er kürzlich

wieder in Florenz bestätigt

– auf der „Pitti Immagine Bimbo“,

der Weltleitmesse für Kindermode.

Dort waren nicht die italienischen

Edelmarken die größten

Aussteller, sondern die Sachsen

aus Chemnitz. „Wir sind im hochwertigen

Segment von Kopfbedeckungen

und Strickwaren für Kinder

die Nummer 1 in Deutschland

und in Europa.“

Gries hat in den zurückliegenden

zwei Jahrzehnten nichts dem

Zufall überlassen. Er sei „extrem

ehrgeizig“, sagt er über sich selbst.

Tagelang hat er zum Beispiel über

einem markigen Label gebrütet.

Es sollte auf das Metier verweisen,

auch für Kinder aussprechbar sein

und gut klingen. Die kreierte Marke

MaxiMo wird hin und wieder

gar für eine italienische gehalten.

Unter dem Logo existiert inzwischen

eine ganze Markenfamilie:

MaxiMo, MaxiTeens, MaxiSports,

MaxiMo Mini, MaxiMo for babies,

MXO…

Auf der Kundenliste der Chemnitzer

finden sich heute über 3.000

Fachhändler in 41 Ländern. Gut

45 Prozent der Produktion werde

im Ausland verkauft, so der studierte

Textilingenieur und Jurist.

Die Barthel GmbH ist ein Phänomen

in der deutschen Textillandschaft.

Von den 86 Unternehmen,

die einst in der DDR Kindermode

produzierten, überlebte nur eins,

die 1991 maßgeblich durch Gries

reprivatisierte Strickmoden Bruno

Barthel GmbH. Seither ging es

mit der geschäftlichen Entwicklung

stetig nach oben. Heute erlöst

Die Kundenliste

der Chemnitzer

umfasst heute

mehr als 3.000

Fachhändler

in 41 Ländern.

die Firma jährlich 17 Millionen

Euro–das 30-fache des Startjahres.

Die Zahl der Mitarbeiter stieg

von knapp siebzig auf derweil 140.

Aus der „exzellenten Mannschaft“

hebt er die Designabteilung hervor,

die jährlich 90Prozentdes 800

Artikel umfassenden Sortiments

erneuere. Das Team an den hoch-

Foto: Harald Lachmann

1/2013 | WIRTSCHAFT+MARKT


ideen+impulse 43

modernen Flachstrickautomaten

arbeite mit hoher „Effektivität, Arbeitsdisziplin

und Qualität“. Gries

betont die Servicekompetenz seiner

Leute. „Wir haben da unsere

eigene Art.“ Freundlichkeit, Zuverlässigkeit,

Charme, Kundenbezogenheit...

Karl Gries hat das Textilgeschäft

im Eichsfeld-Städtchen Leinefelde

von der Pike auf erlernt. Mit

seiner Frau ging es zum Studium

nach Karl-Marx-Stadt, dem heutigen

Chemnitz. Danach begann er

in der Handschuhfabrik in Rabenstein,

die seit 1897 Fingerwärmer

fertigte. Damals zählten sie im

Verbund der Betriebsteile 2.000

Mitarbeiter. Gries wurde im Rabensteiner

Werk später Direktor

für Produktion und Materialwirtschaft.

In der Wende setzte ihn die

Treuhand als Geschäftsführer ein.

Nach den Vorstellungen der Behörde

sollte dies ein kurzes Intermezzo

sein. Der Betrieb stand

zur Abwicklung. Doch da spielte

Gries, der Langstreckenläufer,

der schon den Rennsteig-Kanten

und den Marathon „unter drei

Stunden“ lief, nicht mit. „Ich habe

eben immer ein Ziel, eine Zahl, die

Prämissen:

Fertigung in

Deutschland und

hochwertig statt

billig.

ich erreichen will.“ Damals stand

es arg um die Firma. „Wir hatten

definitiv nichts von dem, was wir

jetzt brauchten“, erinnert er sich.

„Weder Kunden noch Aufträge,

keine Vertriebsstruktur, keine

Einkaufskanäle, null Kontakte

und auch keine zeitgemäße Technik.“

Nur „unendlich motiviert“

seien alle gewesen.

Für die ersten drei Monate auf eigene

Rechnung sagten die schwäbischen

Firmenerben die Gehälter

zu. Doch Risiko, Initiative und

sonstiges Geschick lasteten von

Beginn an auf Karl Gries. Im Gegenzug

kann er bis heute jeden erwirtschafteten

Euro im Unternehmen

belassen.

Die ersten vier modernen Flachstrickmaschinen

jedoch erwarb

Gries in Aachen praktisch ohne

Geld. Mit Charisma, Geschick

und Visionen überzeugte er seine

Gesprächspartner. Und dann

kam 1994 auch das notwendige

Glück dazu. Ein Wirtschaftsprüfer

hatte bereits empfohlen, den

Laden dicht zu machen, da landete

Gries in Essen den ersten dicken

Auftrag. Karstadt orderte für

100.000 D-Mark. Bedingung: Lieferung

binnen zwei Wochen. Die

Chemnitzer lieferten!

Der Deal brachte die nötige Liquidität

für neue Kollektionen,

neue Absatzfelder, neue Maschinen.

Die Barthel GmbH liefert heute

bis nach China und Russland.

Mit dem Erfolg wuchs der Betrieb.

Erst wurde in Rabenstein erweitert,

dann in Chemnitz komplett

neu gebaut. Vom ersten Tag hielt

sich Gries an zwei Prämissen: Nur

hochwertige Kollektionen statt

Billigschiene sowie Fertigung in

Deutschland.

Der 66-Jährige hat inzwischen seinen

Nachfolger Thomas Merk eingearbeitet.

Dieser stammt nicht

aus der Familie. Denn seine beiden

Söhne hatten kein Interesse.

Künftig will Gries viel reisen. Zusammen

mit seiner Frau, die sich

schon sehr darauf freut. „Ich bin

zwar schon durch die ganze Welt

geflogen, im Grunde habe ich aber

nie anderes als Messestände und

Verkaufsbüros gesehen“, blickt

der Marathonläufer auf seine Strecke

zurück.

Schick in Strick -

aus der Kollektion

der Chemnitzer.

www.wundm.info WIRTSCHAFT+MARKT | 1/2013


44 frauen+führung

Engagierter Pflege-Fall

Aus dem steigenden Bedarf in der Pflege älterer und

hilfsbedürftiger Menschen ist längst ein Geschäftsfeld

erwachsen. Die Rostocker Unternehmerin Iris Tschischke

hatte den Mut, sich mit privat geführten Pflegeheimen

eine eigene Existenz aufzubauen. Von Anette Pröber

Versuchen Sie es. Die Füße

tragen Sie.“ Pflegeheimleiterin

Iris Tschischke macht

einer 70-jährigen Bewohnerin

Mut. Diese hat nach einem Beinbruch

den Rollstuhl noch nicht

wieder verlassen und soll mit einer

Therapeutin das Aufstehen

üben. Als Tschischke bemerkt,

dass die ältere Dame sich zurücksacken

lassen will, noch ehe der

erste Fuß den Boden berührt hat,

greift sie ihr beherzt unter die

Arme. „Keine Angst, ich weiß, Sie

können das!“ Und tatsächlich gelingt

es. Die Frau steht, noch etwas

wacklig und sich am Bett festhaltend,

aber sie steht. Die Freude

über den Erfolg ist ihr anzusehen.

Ein schnelles Aufgeben, nein,

das akzeptiert die Rostockerin

Iris Tschischke nicht. Das hat sie

auch für sich nie gelten lassen.

Selbst in nahezu ausweglosen Situationen.

Andere hätten längst

alles hingeschmissen. Damals,

als sie mit Anfang 30 eine Bank

zur Baufinanzierung eines Pflegeheims

suchte und nur Absagen

erhielt. „Die meisten Bankhäuser

haben sich nicht einmal mein

Konzept angehört. Denen war ich

einfach zu jung“, erinnert sich die

heute 45-jährige Unternehmerin.

Natürlich sei sie auch ein wenig

blauäugig gewesen, gibt sie zu.

So ohne Garantien, ohne Versorgungsverträge

von Krankenkassen,

mit einem unausgereiften Architektenentwurf

in der Tasche.

Der Ehemann in der IT-Branche

in Wuppertal und sie, die Ostdeutsche,

die unbedingt in ihrer Heimatstadt

etwas aufbauen wollte.

Sie ließen sich trotz des Gegen-

Die gelernte

Altenpflegerin

wollte endlich

ihr eigenes

soziales Konzept

umsetzen.

Fotos: Anette Pröber

1/2013 | WIRTSCHAFT+MARKT


frauen+führung 45

windes nicht beirren, sie glaubten

fest an ihr Projekt: Die gelernte

Altenpflegerin wollte endlich

ihr eigenes soziales Konzept umsetzen.

Alten Menschen die letzten

Lebensjahre so angenehm wie

möglich zu gestalten.

Die kleine, schmale Frau lächelt

und blickt aus dem Beratungsraum

im „Südhus-Nord“ auf den

schön gestalteten Innenhof des

modernen Klinkerbaus. Es ist das

zweite stationäre Pflegeheim, das

sie inzwischen in Rostock als Unternehmerin

betreibt. 2002 eröffnete

die erste Einrichtung „Südhus“

mit 30 Betten in der Rostocker

Südstadt, 2010 folgte die

zweite mit 70 Betten am anderen

Ende der Stadt, in Toitenwinkel.

Dass ihre Träume wahr wurden,

verdankt die quirlige Frau allein

ihrer Zielstrebigkeit. Unerschrocken

bewarb sie sich bei der Hansestadt,

um in die kommunale

Bedarfsplanung und Förderung

zu gelangen. Pflegeheimplätze

waren Mitte der 90er Jahre nur

wenige vorhanden. Hoffnungen

machten Rathausmitarbeiter ihr

trotzdem nicht. Durch ein Los

der „Aktion Mensch“, das sie zufällig

in die Hand bekam, erfuhr

sie dann von der Bank für Sozialwirtschaft

in Berlin. Dort fand

sie die Aufmerksamkeit, die ihr

bislang versagt war. Und vor allem

Menschen, die an sie glaubten.

Sie halfen, ein ordentliches

Finanzierungs- und Unternehmenskonzept

aufzustellen und

die Baupläne zu überarbeiten.

Zwei Jahre Zeit investierten beide

Seiten in die Pläne. Doch dann

kam überraschend die Förderzusage

durch die Hansestadt Rostock

und das Land Mecklenburg-

Vorpommern, und es ging plötzlich

alles sehr schnell.

Das „Südhus“ entstand als das erste

private Pflegeheim in der Hansestadt

Rostock. Viel Zeit, um

Zum Konzept

gehört es,

niemanden

ständig im Bett

zu belassen.

den Erfolg zu feiern, blieb nicht.

Iris Tschischke arbeitete von Anfang

an mit, zeigte mit ihrem eigenen

Vorbild, wie sie sich Top-Pflege

vorstellt.

Die Plätze des stationären Pflegeheimes

waren sofort belegt. Der

hohe Standard und die gemütliche

Atmosphäre in attraktiver Umgebung

überzeugten. Neben der eigenen

Hausküche und dem gemeinsamen

Speisesaal fand sich

auch Platz für eine Bewohnerküche

mit Terrasse. „Wir verstehen

Pflege als Hilfestellung für ein

selbstbestimmtes Leben. Deshalb

beziehen wir die Bewohner aktiv

in die Gestaltung des Tagesablaufes

ein“, sagt Iris Tschischke. Wer

mag, schält Kartoffeln oder backt

den Sonntagskuchen. Zum Konzept

gehört es, niemanden ständig

im Bett zu belassen. Nach der Pflege

werden die Heimbewohner angezogen

und können im Rollstuhl

am Leben teilnehmen.

Derzeit betreuen 23 Mitarbeiter,

darunter 18 Vollzeitarbeitskräfte,

die 30 Pflegeheimbewohner. „Bewusst

suchen wir die hohe Qualität

der Pflege und Betreuung.

Doch unter dem Strich muss es

sich auch rechnen“, erklärt die Managerin

Tschischke. So entstand

recht bald der Gedanke, ein größeres

Heim zu bauen, in dem die

Abläufe in der Pflege noch besser

zu optimieren sind. Bundesweit

suchte die Rostockerin über eine

Unternehmensberatung nach einem

Investor. „Auch das gestaltete

sich nicht so einfach“, erklärt

die selbstbewusste Frau, die inzwischen

Mutter einer kleinen

Tochter geworden war. Einmal

wurde ihr sogar angeboten, die

fünf Millionen Euro für den Bau

im Koffer vorbeizubringen. Iris

Tschischke lacht: „Vermutlich

Schwarzgeld.“ Schließlich fand

sie den Investor durch eine Empfehlung

„gleich um die Ecke“. Ein

Bauunternehmen der Stadt konn-

Wohlfühl-

Atmosphäre

beim

gemeinsamen

Essen.

www.wundm.info WIRTSCHAFT+MARKT | 1/2013


46 frauen+führung

„Ich fühle mich

wie in einem

Hotel mit einer

zusätzlichen

medizinischen

u n dp fl e g e r i-

schen Betreuung.“

Mensch ärgere

Dich nicht!

Das Spiel

ist beliebter

Freizeitspaß.

te sich für das Projekt erwärmen.

„Es ist wichtig, dass beide Partner

die gleiche Wellenlänge finden

und sich das Vorhaben einander

zutrauen“, sagt Tschischke. Der

Erfolg spricht für sich, Qualität

und Zahlen stimmen. Beide Häuser

der Südhus GmbH wurden bereits

mit hohen Qualitätssiegeln

geehrt und gelangten auf die Focus-Liste

der Top-Pflegeheime.

Ohne ein

strenges

Zeitregime

funktioniert

auch in den

Südhus-

Pflegeheimen

die Arbeit nicht.

„Ich fühle mich wie in einem

Hotel mit einer zusätzlichen medizinischen

und pflegerischen Betreuung“,

sagt der gewählte Bewohner-Vertreter

Günter Rohloff.

Der 83-Jährige erzählt, dass die

Heimbewohner ihr Leben in allen

Dingen aktiv mitgestalten

können. Er habe den Schritt ins

Pflegeheim nicht bereut. Hier genieße

er soziale Kontakte und sei

auch wieder „mobilisiert“ worden.

Ist Pflege in einem privaten Pflegeheim

überhaupt bezahlbar?

„Wir machen um die Preise kein

Geheimnis, um Missverständnisse

auszuräumen. Sie sind von

jedem auf unserer Internetseite

einsehbar. Gegliedert nach Pflegestufen

und Pflegezuschüssen“,

erklärt Tschischke. Wer ca. 4o Jahre

gearbeitet habe und Pflegestufe

2 erhalte, könne die Kosten in der

Regel von der Rente gut bezahlen.

Natürlich werde jeder Interessent

individuell beraten.

Iris Tschischke, die dem Vorstand

des Verbandes der Unternehmerinnen

in Mecklenburg-Vorpommern

angehört, liebt klare Ansagen.

Der interessierte Jobsucher

erfährt bereits auf der Homepage

ihrer Südhus GmbH, wie und in

welchen Zeitabständen sich die

Karriere gestalten wird, wie die

Weiterbildung geplant ist und wie

jeder selbst zu einer höheren Entlohnung

beitragen kann.

Ohne ein strenges Zeitregime

funktioniert auch in den Südhus-

Pflegeheimen die Arbeit nicht.

„Aber alles ist ohne Probleme gut

zu schaffen“, sagt die Chefin. Und

jeder im Haus weiß, dass die kleine

Frau ihnen das vormachen

kann. Denn nicht selten streift

sie das blaue Polo-Shirt mit der

Aufschrift „Pflegefachkraft“ über.

Im Nu ist sie dann eine der fleißigen

Pflegekräfte im Haus, die alten

Menschen den Rücken wäscht

oder ihnen auf die Toilette hilft.

An dem pünktlichen Feierabend

hält Iris Tschischke allerdings

fest, um Tochter Antje-Susann

zu betreuen. Der Mann arbeitet

wochentags noch immer in Wuppertal.

„Die Wochenendehe ist in

Ordnung, wir genießen die freien

Tage zu dritt“, sagt sie. In der

Freizeit entspannt sie am Besten

beim Buchsbaumschneiden oder

beim Joggen. In der Regel zieht sie

dreimal die Woche die Laufschuhe

an. Ausdauer und Ehrgeiz gehören

bei Iris Tschischke einfach

dazu.

1/2013 | WIRTSCHAFT+MARKT


48 rat+tat

MULTIMEDIA MULTIMEDIA M

ZUR SACHE

Attacken aus dem Netz

Matthias Salm

Eine neue Idee aus Brüssel sorgt für Unmut

bei deutschen Unternehmen. Die EU-Kommission

will das weltweite Internet sicherer

machen und hat dafür einen Cybersicherheitsplan

sowie einen Kommissionsvorschlag für

eine Richtlinie zur Netz- und Informationssicherheit

entwickelt. Darin enthalten ist eine

Meldepfl icht für Cyber-Attacken

auf Unternehmen.

Betreiber kritischer Infrastrukturen

in bestimmten Bereichen,

genannt werden Finanzdienste,

Verkehr, Energie

und Gesundheitswesen, Betreiber

zentraler Dienste der

Informationsgesellschaft,

hier vor allem App-Stores,

eCommerce-Plattformen, Internet-Zahlungsdienste,

Cloud-Computing,

Suchmaschinen und soziale Netze, sowie öffentliche

Verwaltungen sollen demnach verpfl

ichtet werden, Risikomanagementmethoden

einzuführen. Hacker-Angriffe oder Computerviren

in ihren Kerndiensten sollen die genannten

Betriebe und Behörden dann künftig an

eine öffentliche Stelle melden müssen.

Hintergrund des EU-Vorstoßes ist das weltweite

Anwachsen der Cyber-Kriminalität: Nach EU-

Angaben sind etwa 150.000 Computerviren jeden

Tag im Umlauf. 148.000 Computer werden

täglich neu infi ziert. Laut Weltwirtschaftsforum

besteht zudem eine zehnprozentige Wahrscheinlichkeit,

dass es in absehbarer Zeit zu

einem großen Absturz kritischer Informationsinfrastrukturen

kommt. Die Wirtschaft kann

diese Gefahr von Attacken aus dem Netz nicht

Die Cyber-Kriminalität

ist weltweit

auf dem Vormarsch.

Das verunsichert

zunehmend die

Verbraucher.

kalt lassen. Denn jeder öffentlich bekannt gemachte

Vorfall lässt die Verbraucher vorsichtiger

handeln. Eine Eurobarometer-Umfrage

ergab 2012, dass 38 Prozent der Internetnutzer

in der EU aufgrund von Sicherheitsbedenken

ihr Verhalten geändert haben: 18 Prozent

sind zurückhaltender geworden, wenn es darum

geht, Waren online zu kaufen. Mehr Skepsis

legen 15% beim Online-Banking an den Tag.

Kein Wunder: Immerhin zwölf% waren bereits

das Ziel von Online-Betrügern.

Betroffen von der geplanten Meldepfl icht wären

Schätzungen zufolge mehr als 40.000 Unternehmen

in der EU. So sehr der ausufernden

Internet-Kriminalität Einhalt zu gebieten

ist, noch scheint das Vorhaben nicht wirklich

durchdacht: Eine Meldepfl icht schaff t vor allem

einen hohen Verwaltungsaufwand

für das betroffene Unternehmen,

fürchtet die Industrie.

Dabei kommt es vor

allem darauf an, was eigentlich

als relevanter Angriff zu

gelten hat. Liegt die Messlatte

zu niedrig, entsteht auf beiden

Seiten eine wenig hilfreiche

Datenfl ut. Aber auch der

Imageschaden, der mit einer

Meldung einhergehen könnte, treibt die Unternehmen

um. Welche Firma lässt sich schon

gern in die Karten schauen, wenn es um eigene

Sicherheitssysteme und deren Mängel geht?

Hier muss eine sinnvolle Lösung her, die die

Unternehmen nicht an den Pranger stellt. Der

Branchenverband BITKOM schlägt eine freiwillige

Meldung bei absoluter Vertraulichkeit vor,

um sowohl das Image des Unternehmens zu

wahren als auch nicht weitere Hacker auf den

Plan zu rufen. Schließlich sind laut einer BIT-

KOM-Umfrage fast drei Viertel aller deutschen

Unternehmen grundsätzlich dazu bereit, bei

IT-Sicherheitsvorfällen mit den Behörden zusammenzuarbeiten.

Doch da sind leider Zweifel

angebracht, denn mit der Wirksamkeit von

Selbstverpfl ichtungen ist es in der Wirtschaft

ja nicht immer weit gediehen.

PROVIDER

Streit um IP-Daten

Urheberrechte sind häufig ein

Streitfall vor den Gerichten.

Diesmal: Muss ein Provider IP-Adressen

offenlegen? Ja, sagt der Bundesgerichtshof

(BGH). Er hat entschieden,

dass ein Internet-Provider

dem Rechtsinhaber in aller Regel

den Namen und die Anschrift derjenigen

Nutzer einer IP-Adresse mitteilen

muss, die ein urheberrechtlich

geschütztes Musikstück unberechtigt

in eine Online-Tauschbörse eingestellt

haben. Geklagt hatte ein

Musikvertriebsunternehmen, dem

das ausschließliche Recht eingeräumt

wurde, das Musikalbum »Alles

kann besser werden« von Xavier

Naidoo über Online-Tauschbörsen

zu verwerten. Es wollte die Namen

der Nutzer von IP-Adressen wissen,

die einen Titel des Albums zum Herunterladen

angeboten hatten. Die

Vorinstanzen sahen in dem Angebot

eines einzelnen Titels keine Rechtsverletzung

in gewerblichem Ausmaß.

Dieser Einschränkung widersprach

der BGH. Sie diene nicht dem Ziel

des Urheberrechtgesetzes, Rechtsverletzungen

im Internet wirksam zu

bekämpfen (BGH, Az. I ZB 80/11).

FILESHARING

Eltern haften nicht

Ein 13-Jähriger betrieb unerlaubtes

Filesharing. Wer haftet?

Der Bundesgerichtshof entschied,

dass die Eltern nicht haften, wenn

sie das Kind über das Verbot einer

rechtswidrigen Teilnahme an

Internettauschbörsen belehrt haben

und keine Anhaltspunkte dafür

1/2013 | WIRTSCHAFT+MARKT


at+tat 49

ULTIMEDIA MULTIMEDIA MULTIMEDIA

hatten, dass ihr Kind diesem Verbot

zuwiderhandelt. Bei den Beklagten

handelt es sich um ein Ehepaar. Sie

hatten den Internetanschluss auch

ihrem damals 13 Jahre alten Sohn

zur Verfügung gestellt. Nach Ansicht

des BGH (Az. I ZR 74/12) genügen

Eltern ihrer Aufsichtspfl icht über

ein normal entwickeltes 13-Jähriges

Kind, das ihre grundlegenden Gebote

und Verbote befolgt, regelmäßig

bereits dadurch, dass sie das Kind

über das Verbot einer rechtswidrigen

Teilnahme an Internettauschbörsen

belehren.

SMARTPHONES

Beliebter als TV

Der Siegeszug der Smartphones

treibt die Märkte.

Für Smartphones wurde 2012 von

deutschen Konsumenten erstmals

mehr Geld als für TV-Geräte ausgegeben.

Dies hat die Gesellschaft für

Unterhaltungselektronik (gfu) ermittelt.

Der Umsatz mit internetfähigen

Mobiltelefonen kletterte demzufolge

auf 6,8 Milliarden Euro. Der Markt für

Tablet-PCs verdoppelte sich nahezu

auf 1,4 Milliarden Euro. Beide Märkte

trugen wesentlich zum Wachstum in

der Verbraucherelektronik. Dagegen

stagniert das Geschäft mit den klassischen

Fernsehern trotz zahlreicher

technischer Neuerungen. 2012

gaben die Deutschen dafür knapp

sechs Milliarden Euro aus.

ONLINEBANKING

Mehr Sicherheit

Die GFT Technologies AG setzt

auf das Smartphone.

Dazu hat das Unternehmen einen

neuen Sicherheitsstandard entwickelt.

Aktuelle Lösungen, bei denen

Transaktionsnummern per SMS

verschickt werden, bergen Sicherheitsrisiken,

da etwa Schadsoftware

Passwörter auslesen und anschließend

die SMS abfangen kann.

Gängige ChipTAN-Lösungen, bei denen

ein zusätzliches Gerät benötigt

wird, haben hingegen nur eine eingeschränkte

Nutzerfreundlichkeit.

Das Prinzip der neuen Lösung der

GFT Technologies AG: Dem Bankkunden

wird auf dem PC-Bildschirm

ein Code angezeigt, den er mit seinem

Smartphone einscannt. Hierfür

muss er lediglich eine App der

Bank starten.

Danach hält er seine Girokarte an

das Smartphone und ihm wird automatisch

die passende TAN zur Verfügung

gestellt, erläutert die GFT-

Gruppe das Verfahren, das mit der

Uni Tübingen entwickelt wurde.

TABLETS

Lösung für Hotels

Hotels sollen ihren Kunden einen

besseren Service anbieten.

Das Berliner Start-up SuitePad bietet

dazu eine Tablet-Lösung für

Serviceleistungen in Hotels an. Ob

Gast-Entertainment, digitaler Concierge

oder Check-out, das alles

soll das Tablet erledigen und damit

auch auf die individuellen Bedürfnisse

von Hotelbesuchern eingehen.

Die Hotels können ihre Kunden wiederum

jederzeit informieren, beispielsweise

über Änderungen im

Speiseplan, Tipps zu Ausfl ugszielen

oder freie Plätze im Wellnessbereich.

Die Tablets sollen die heutigen Gästemappen,

Telefone und Fernbedienungen

im Hotelzimmer in einem

Gerät bündeln und so bequemer

nutzbar machen. Für die Service-

Lösung wurde das Unternehmen

auf der diesjährigen CeBIT bereits

mit dem »Innovators´Pitch« ausgezeichnet.


MEDIA KOMPAKT

INTERNET

Ersatz für Netzausfall

Infolge eines Fehlers des Telekommunikationsunternehmens

konnte ein Kunde seinen DSL-Internetanschluss

in der Zeit vom 15. Dezember 2008 bis

zum 16. Februar 2009 nicht nutzen. Über diesen Anschluss

wickelte er auch seinen Telefon- und Telefaxverkehr

ab.

Neben Mehrkosten, die infolge des Wechsels zu einem

anderen Anbieter und für die Nutzung eines

Mobiltelefons anfielen, verlangte der Kläger Schadensersatz

für den Fortfall der Möglichkeit, seinen

DSL-Anschluss während des genannten Zeitraums

für die Festnetztelefonie sowie für den Telefax- und

Internetverkehr zu nutzen.

Den Schadensersatzanspruch für den Ausfall des

Telefaxes hat der Bundesgerichtshof verneint. Dieses

vermittelt lediglich die Möglichkeit, Texte oder

Abbildungen bequemer und schneller als auf dem

herkömmlichen Postweg zu versenden. Auch für

den Ausfall des Festnetztelefons gab es keinen

Schadenersatz, da bereits die Kosten für das Mobiltelefon

ersetzt wurden.

Demgegenüber hat der BGH dem Kläger Schadensersatz

für den Ausfall des Internetzugangs anerkannt.

Die Nutzbarkeit des Internets ist ein Wirtschaftsgut,

dessen ständige Verfügbarkeit seit

längerer Zeit auch im privaten Bereich für die eigenwirtschaftliche

Lebenshaltung typischerweise

von zentraler Bedeutung ist (BGH, Az. III ZR 98/12).

DATENSCHUTZ

Mehr Selbstverpflichtung

Der Hightech-Verband BITKOM und der Verein

Selbstregulierung Informationswirtschaft e. V.

(SRIW) haben eine Initiative zur Stärkung der unternehmerischen

Verantwortung beim Datenschutz

gestartet. Der aktuelle Entwurf der EU-Datenschutzgrundverordnung

sieht zwar eine Förderung von

solchen Selbstverpfl ichtungen vor. Es bleibt aber

unklar, wie diese anerkannt und kontrolliert werden

sollen, kritisiert der Branchenverband. BITKOM und

SRIW fordern deshalb ein gerichtlich überprüfbares

Anerkennungsverfahren für Selbstverpfl ichtungen.

Die mit dem Anerkennungsverfahren entstehende

Rechtssicherheit wäre ein wichtiger Anreiz für Unternehmen,

sich freiwillig im Bereich der Selbstregulierung

und Selbstkontrolle zu engagieren.

www.wundm.info WIRTSCHAFT+MARKT | 1/2013


50 rat+tat

STEUER STEUER STEUER STEUER S

DAS THEMA

Es zählt der Neupreis

Die private Nutzung des Dienstwagens

bleibt teuer. Das hat der Bundesfinanzhof

(BFH) bestätigt, indem er verfassungsrechtliche

Bedenken gegen die so genannte Ein-Prozent-Regelung

zurückwies.

Der Hintergrund: Zum Arbeitslohn gehören

auch die Vorteile aus der Überlassung eines

Dienstwagens, soweit ihn der Arbeitnehmer

privat nutzen kann. Doch dieser Vorteil

ist steuerrechtlich zu bewerten. Entweder mit

den durch die private Nutzung verursachten

Kosten des Fahrzeugs, die anhand eines Fahrtenbuchs

zu belegen sind oder, wenn ein Fahrtenbuch

nicht geführt wird, mit

Der BFH bestätigt:

Die Ein-Prozent-

Regel für Dienstwagen

hat weiter

Bestand.

einem Prozent des Bruttolistenneupreises.

Vor Gericht zog ein Arbeitnehmer,

der einen zur Verfügung

gestellten Dienstwagen auch

für private Fahrten nutzte. Es

handelte sich jedoch nicht um

einen Neuwagen. Der Arbeitgeber

hatte vielmehr ein Gebrauchtfahrzeug

mit einer Fahrleistung von

58.000 Kilometer für insgesamt drei Jahre geleast.

Die monatlichen Leasingraten betrugen

rund 720 Euro. Der Wert des Wagens zu Beginn

der Nutzungszeit wurde auf rund 32.000 Euro

taxiert. Der ursprüngliche Bruttolistenneupreis

lag weitaus höher –bei 81.400 Euro. Den setzte

das Finanzamt auch als Grundlage zur Berechnung

des geldwerten Vorteils an. Entsprechend

der Ein-Prozent-Regelung entsprach das

einem Betrag in Höhe von 814 Euro monatlich.

Der Kläger zog vor Gericht, um zu erreichen,

dass bei der Berechnung nicht der Listenneupreis,

sondern der Gebrauchtwagenwert herangezogen

werde. Er bezweifelte auch, dass

Neufahrzeuge heutzutage noch zum Bruttolistenpreis

veräußert werden, weshalb die Berechnungsmethode

wirklichkeitsfremd sei. Der

Gesetzgeber, so die Auff assung des Klägers,

müsse aus verfassungsrechtlichen Gründen

einen Abschlag vorsehen.

Mit dieser Sichtweise scheiterte er allerdings

vor dem Finanzgericht ebenso wie in der Revision.

Der BFH (Az. VI R 51/11) hielt an der Rechtsprechung

fest, dass die Ein-Prozent-Regel als

pauschalierende Bewertungsregelung die Besonderheiten

der Dienstwagennutzung

im Einzelfall unberücksichtigt

lassen müsse.

Der BFH hatte schon in früheren

Urteilen bekräftigt, dass

beispielsweise nachträgliche

Änderungen am Fahrzeug

nicht berücksichtigt

werden könnten, auch wenn

sie den Wert des Autos erhöht

oder vermindert hätten. Es bleibt grundsätzlich

beim Bruttolistenneupreis. Auch den geforderten

Abschlag vom Bruttolistenneupreis wiesen

die BFH-Richter zurück. Der zu versteuernde

Vorteil des Arbeitnehmers läge schließlich

nicht nur in der Fahrzeugüberlassung selbst,

sondern auch in der Übernahme sämtlicher

Kosten wie Steuern, Versicherungsprämien, Reparatur-

und Wartungs- sowie Treibstoff kosten.

Diese Aufwendungen seien ohnehin nicht im

Bruttolistenneupreis abgebildet.

Zwar gibt es durchaus Fälle, in denen die Finanzgerichte

die tatsächlichen Fahrzeugpreise

heranziehen, so bei der Besteuerung des

Vorteils durch Rabatte beim Neuwagenkauf.

In diesem Fall wird der Vorteil aber nicht nach

einer Pauschalregelung, sondern auf Grundlage

des tatsächlichen Sachverhalts ermittelt

und besteuert. Wer dies als Dienstwagennutzer

ebenfalls in Anspruch nehmen will, hat nur

eine Möglichkeit: Er muss sich für die Nutzung

der Fahrtenbuchmethode entscheiden, belehrten

die BFH-Richter den Kläger abschließend.

TAXIZENTRALE

Zugriff auf Daten

Auch die Zollverwaltung hat

weitreichende Rechte.

Die Geschäftsunterlagen einer Taxizentrale

dürfen von der Zollverwaltung

geprüft werden.

Dies hat der Bundesfinanzhof (Az.

2012 VII R 41/10) entschieden. Geklagt

hatte eine Genossenschaft, in

der sich örtliche Taxiunternehmen

zusammengeschlossen hatten. Sie

vermittelt über eine Telefonzentrale

Fahraufträge an Taxiunternehmer.

Jeder Fahrer der angeschlossenen

Taxiunternehmen musste sich dafür

bei der Arbeitsaufnahme mit einer

PIN-Nummer bei der Klägerin anmelden.

Für besondere Fahrdienste erstellte

die Taxizentrale auch Rechnungen

und schloss Verträge über

bargeldlose Fahrten ab. Der Bundesfinanzhof

urteilte, dass die Zollverwaltung

diejenigen Geschäftsunterlagen

der Taxizentrale prüfen darf,

aus denen sich der Umfang und die

Beschäftigungsdauer der Taxifahrer

ergäbe. Nach Ansicht der BFH-Richter

ist die Genossenschaft Auftraggeberin

im Sinne des Schwarzarbeitsbekämpfungsgesetzes.


AUSLAND

Anrufe in die Heimat

Private Telefonate können auch

Werbungskosten sein.

Kosten für Telefonate bei langen Auslandsaufenthalten

können als Werbungskosten

abziehbar sein.

Ein Marinesoldat hatte geklagt. Während

eines längeren Auslandseinsatzes

führte er 15 Telefongespräche

mit seiner Lebensgefährtin und

© Angelika Möthrath - Fotolia.com

1/2013 | WIRTSCHAFT+MARKT


at+tat 51

TEUER STEUER STEUER STEUER STE

Angehörigen. Die Kosten machte er

vergeblich in seiner Einkommensteuererklärung

als Werbungskosten

geltend. Doch die Richter des BFH

(Az. VI R 50/10) sahen dies anders.

Zwar sind Aufwendungen für private

Telefonate in der Regel steuerlich

nicht relevante Kosten der privaten

Lebensführung. Nach einer mindestens

einwöchigen Auswärtstätigkeit

lassen sich die notwendigen privaten

Dinge aber aus der Ferne nur

noch mit Mehrkosten regeln. Deshalb

können die Kosten abweichend

vom Regelfall als berufl ich veranlasster

Mehraufwand der Erwerbssphäre

zugeordnet werden.

HAUSHALT

Auch die Garage zählt

Am Arbeitsort kann eine Garage

notwendig werden.

Eine doppelte Haushaltsführung

liegt vor, wenn ein Arbeitnehmer außerhalb

des Ortes, in dem er einen

eigenen Hausstand unterhält, beschäftigt

ist und auch am Beschäftigungsort

wohnt. Daraus resultierende

Mehraufwendungen können

als Werbungskosten geltend gemacht

werden.

Doch welche Aufwendungen zählen

dazu? Bei einer doppelten Haushaltsführung

können beispielsweise

Kosten für einen separaten Pkw-

Stellplatz anfallen.

Laut BFH (Az. VI R 50/11) zählen deshalb

nicht nur Aufwendungen für

wöchentliche Familienheimfahrten,

Verpflegungsmehraufwendungen

und die Kosten der Unterkunft am

Arbeitsort.

Es können auch Kosten für einen

Stellplatz oder eine Garage anerkannt

werden, wenn die Anmietung

z. B. zum Schutz des Fahrzeugs oder

aufgrund der angespannten Parkplatzsituation

am Arbeitsort notwendig

ist.

HANDWERKER

Zu weit gegangen

Handwerker waren außerhalb

des Grundstücks im Einsatz.

Haushaltsnahe Handwerkerleistungen

sind steuerlich begünstigt. Doch

was ist noch haushaltsnah? Diese

Frage stellte sich den Richtern des

Finanzgericht (FG) Berlin-Brandenburg

(Az. 7 K 7310/10). Der Streitfall:

Die Kläger lebten in einem Einfamilienhaus,

das durch einen Brunnen

mit Trinkwasser versorgt und dessen

Abwasser über eine Grube entsorgt

wurde. Der zuständige Zweckverband

schloss das Grundstück an

zentrale Anlagen der Trinkwasserversorgung

und Abwasserentsorgung

an. Die Kosten dafür hatten

die Kläger zu tragen. Da die Arbeiten

teilweise auf öffentlichem Straßenland

erbracht wurden, verweigerte

der Fiskus die Steuerermäßigung.

Zu Unrecht: Die Anschlussarbeiten

seien eine nicht trennbare einheitliche

Leistung für das Grundstück der

Kläger, so die Richter. Nun muss der

BFH entscheiden.

KÜNSTLER

Hier spielt die Musik

Sind Auftritte von DJs steuerlich

zu begünstigen?

Nein, Clubveranstaltungen, bei denen

namhafte Discjockey von ihnen

bearbeitete Musikstücke präsentieren,

unterliegen dem vollen

Umsatzsteuersatz von 19%, urteilte

das FG Berlin/Brandenburg, (Az.

5 K 5226/10). Der Auftritt der DJs sei

nicht der eigentliche Zweck der Veranstaltung.

Dieser läge im gemeinsamen

Feiern und Tanzen. Die DJs

dienten lediglich als Anreiz für den

Besuch des Clubs. Der Fall liegt allerdings

nun beim Bundesfinanzhof.


STEUERN KOMPAKT

BETRIEBSFEST

Freigrenzen anpassen

Zuwendungen des Arbeitgebers sind nicht als Arbeitslohn

zu versteuern, wenn sie nicht der Entlohnung

des Arbeitnehmers dienen.

Dies kann z. B. bei Leistungen aus Anlass von Betriebsveranstaltungen

der Fall sein, wenn diese der

Förderung des Kontakts der Arbeitnehmer untereinander

dienen. Der Bundesfinanzhof hat in seiner

bisherigen Rechtsprechung eine Freigrenze

angenommen, bei deren Überschreitung die Zuwendungen

als steuerpfl ichtiger Arbeitslohn zu

qualifi zieren sind. Die Finanzverwaltung legt ab

2002 eine Freigrenze von 110 Euro je Veranstaltung

zugrunde.

Der BFH hat nun entschieden (Az. VI R 79/10), dass

eine ständige Anpassung der Freigrenze an die Infl

ation nicht Aufgabe des Gerichts sei. Nach seiner

Auff assung ist zumindest für das Jahr 2007

noch an der bisherigen Freigrenze festzuhalten.

Der BFH fordert jedoch die Finanzverwaltung auf,

den Höchstbetrag neu zu bemessen. Im Streitfall

hatten sich die Kosten einer im Jahr 2007 durchgeführten

Betriebsveranstaltung je Teilnehmer auf

175 Euro belaufen.

EHRENAMT

Erleichterungen für Vereine

Die steuerrechtlichen Regelungen für das Ehrenamt

in Vereinen sollen künftig vereinfacht werden.

Dazu wurde das Gemeinnützigkeitsentbürokratisierungsgesetz

verabschiedet. Hinter dem Wortungetüm

verbergen sich verschiedene Maßnahmen,

die den Vereinen und gemeinnützigen Organisationen

mehr Flexibilität einräumen sollen. So wird die

so genannte »Übungsleiterpauschale« von 2.100 auf

2.400 Euro angehoben und die so genannte »Ehrenamtspauschale«

von 500 auf 720 Euro. Ehrenamtlich

engagierte Bürgerinnen und Bürger sollen

damit zukünftig jährlich bis zu 2.400 Euro/720 Euro

erhalten können, ohne dass diese Einnahmen steuer-

oder sozialversicherungspfl ichtig sind.

Übungsleitertätigkeiten sind nebenberufl iche Tätigkeiten,

beispielsweise als Ausbildungsleiter,

Ausbilder, Erzieher oder Betreuer. Die Ehrenamtspauschale

kann für jede Art von Tätigkeit für gemeinnützige

Vereine, kirchliche oder öffentliche

Einrichtungen in Anspruch genommen werden.

www.wundm.info WIRTSCHAFT+MARKT | 1/2013


52 rat+tat

CHT RECHT RECHT RECHT RECHT R

DAS THEMA

Ramsauers Stückwerk

Der große Wurf bleibt vorerst aus. Die geplante

Reform der Flensburger Punktekartei

kommt nicht in Gang.

Eigentlich sollte sie noch in diesem Jahr umgesetzt

werden. Doch der Gegenwind für das

Vorzeigeprojekt des Bundesverkehrsministers

Peter Ramsauer (CSU) ebbt nicht ab. Schon zu

Beginn des Jahres hatten die Verkehrsexperten

auf dem Verkehrsgerichtstag in Goslar das

Reformwerk in zentralen abgelehnt.

Kernpunkt der Reform ist die Absenkung der

Punkte-Obergrenze von 18 Punkten auf acht

Punkte. Im Gegenzug sollten weniger gravierende

Verstöße künftig nicht mehr mit Punkten

geahndet werden.

Die Verkehrsexperten konnten sich auf ihrer

Tagung im Harz nur wenig mit

Ab dem 1. April

werden Verkehrssünden

von Autound

Radfahrern

härter geahndet.

diesen Plänen anfreunden,

eine Vereinfachung des Systems

sei aus ihrer Ansicht damit

nicht zu erreichen.

Ähnlich sah es der Bundesrat,

der dem Verkehrsminister

eine Überarbeitung des Entwurfs

auferlegte. Insbesondere

Raser werde es mit der

geplanten Reform zu einfach gemacht, z. B.

durch zu kurze Verfallsfristen für bisherige

Verstöße. Auf der anderen Seite sei die Maximalstrafe

von drei Punkten zu hoch, kritisierte

die Länderkammer. In den ersten Eckpunkten

zur Reform hatte Ramsauers Ministerium noch

selbst maximal zwei Punkte vorgeschlagen.

Während die Punktereform in weitere Verhandlungsrunden

geht, sind höhere Bußgelder

für rüpelhafte Radfahrer und notorische

Falschparker beschlossene Sache. Sie treten

zum 1. April 2013 in Kraft.

Gefährliches Verhalten von Radfahrern wird

demnach um fünf bis zehn Euro teurer. Das

Benutzen des Radwegs in falscher Richtung

kostet so künftig grundsätzlich 20 Euro, kann

aber bei einem Unfall auf 35 Euro angehoben

werden. Gleiches gilt für das Befahren der Einbahnstraße

in falscher Richtung. Das Handy

ohne Freisprecheinrichtung zu benutzen, wird

künftig mit 25 Euro bestraft. Zudem müssen

sich Radler jetzt an die Ampeln des Autoverkehrs

halten, sofern es keine speziellen

Lichtzeichen für sie gibt. Bislang war es den

Radlern möglich, den Lichtzeichen der Fußgängerampeln

zu folgen

Eine neue Verordnung tritt

auch bei der Geschwindigkeit

auf Fahrradstraßen, die

in immer mehr Großstädten

eingerichtet werden, in

Kraft: Hier ist ein Limit von

30 Stundenkilometern einzuhalten.

Wer betrunken Rad fährt,

begeht außerdem eine Straftat. Ab 1,6 Promille

oder bei Fahrfehlern kann der Radfahrer

vor Gericht gestellt werden. Wer mit Alkohol

im Blut auf dem Rad erwischt wird, kann zudem

zur medizinisch-psychologischen Untersuchung

geschickt werden. Je nach Ergebnis

ist dann sogar der Führerschein in Gefahr.

Im Autoverkehr werden die Parksünder verstärkt

zur Kasse gebeten. Wer keinen Parkschein

zieht, kam bisher mit fünf Euro günstig

davon. Künftig soll dies zehn Euro Strafe kosten.

Ebenfalls um fünf Euro angehoben werden

die Bußgelder für das Überziehen der Parkhöchstdauer

um 30 bis 60 Minuten (jetzt 15

Euro) und um bis zu zwei Stunden (jetzt zwanzig

Euro). Bei bis zu drei Stunden sind es entsprechend

25 Euro. Auch auf Sauberkeit sollten

Autobesitzer mehr Wert legen: Verdreckte

Scheinwerfer werden jetzt mit bis zu 35 Euro

geahndet.

WERBUNG

Mit harten Bandagen

Eine Behinderung des Wettbewerbers

ist nicht zulässig.

Trickreich versuchte der Verleger eines

regionalen Anzeigenblatts, die

Konkurrenz auszubooten. Dazu wurde

im eigenen Blatt eine Anzeige geschaltet,

in der kostenlos Aufkleber

für Kundenbriefkästen angeboten

wurden. Der Aufkleber enthielt den

Aufdruck »Bitte keine Werbung/keine

kostenlosen Zeitungen«, daneben

aber das Logo des werbenden Anzeigenblattes.

Ziel dieses Aufklebers

sollte es sein, dass nur das Anzeigenblatt

der Beklagten und kein weiteres

in die Briefkästen eingeworfen

wird. Die böse Absicht erkannte

auch das Oberlandesgericht Koblenz

(Az. 9 U 982/12) und untersagte

die Aktion. Im Wettbewerb zwischen

Konkurrenzprodukten ist es

nicht erlaubt, mit einer Werbeanzeige

die Mitbewerber gezielt zu behindern.

Wer durch eine solche Werbung

nicht die Chancen des eigenen

Produkts verbessern will, sondern

es nur auf die Verdrängung der Mitbewerber

abgesehen hat, dem kann

die entsprechende Werbung untersagt

werden.

SCHWARZARBEIT

Ohne Gewähr

Schwarzarbeit kann teure Folgen

haben.

Wer einen Handwerker schwarz beauftragt,

kann keine Gewährleistungsrechte

geltend machen. Das

Schleswig-Holsteinische Oberlandesgericht

(Az. 1 U 105/11) hat entschieden,

dass in solchen Fällen

der geschlossene Vertrag insge-

© benjaminnolte - Fotolia.com

1/2013 | WIRTSCHAFT+MARKT


at+tat 53

ECHT RECHT RECHT RECHT RECHT

samt nichtig sei, und hat die Klage

des Bestellers auf Ersatz von Kosten

für die Beseitigung von Mängeln zurückgewiesen.

Der Handwerker hatte eine Auffahrt

auf dem Grundstück der Klägerin

pfl astern sollen. Kurz nach

Durchführung der Pfl asterung traten

Unebenheiten auf. Nach Feststellungen

eines Sachverständigen

hatte der Handwerker die Sandschicht

unterhalb der Pfl astersteine

zu dick ausgeführt. Darauf hin

sollte er die Kosten für die Beseitigung

der Unebenheiten übernehmen.

Da die Preisabrede und damit

ein entscheidender Bestandteil

des gegenseitigen Vertrages nichtig

ist, sei der Vertrag insgesamt nichtig.

Damit entfallen die vertraglichen

Gewährleistungsansprüche.

FREIZEITPARK

Teurer Verlust

In einem Freizeitpark wurden

die Einkäufe gespeichert.

Besuchern eines Freizeitparks in

Brandenburg kommt der Verlust eines

Chips, auf dem die Einkäufe gescannt

sind, teuer zu stehen. Nach

der Bezahlung des Eintrittsgeldes

erhalten die Besucher des Freizeitparks

nämlich zunächst ein Armband

mit einem Chip. Kaufen sie beispielsweise

Getränke oder Speisen,

müssen sie den Chip scannen lassen.

Auf dem Chip ist ein Kreditrahmen

von 150 Euro bei Erwachsenen eingestellt.

Die dort gespeicherten Beträge

bezahlt der Kunde am Ende

seines Besuchs. Nach den AGB

muss der Besucher bei Verlust des

Chips den eingeräumten Kredit entrichten.

Dagegen klagte ein Verbraucherschutzverein,

weil die Pauschale bei

Verlust des Chips den in der Regel

eingetretenen Schaden übersteige.

Der Freizeitparkbetreiber erklärte,

der volle Betrag sei nur bei Verdacht

unredlichen Verhaltens in Anspruch

genommen worden.

Dennoch gab das Brandenburgische

OLG dem Kläger Recht. Die Klausel

in den AGB sei u. a. auch deshalb

unwirksam, weil dem Besucher eine

Verpfl ichtung zum Schadensersatz

auferlegt werde, ohne dass ein Verschulden

vorliegen müsse. Das Urteil

ist aber noch nicht rechtskräftig,

da eine Revision zum BGH zugelassen

wurde (Oberlandesgericht Brandenburg,

Az. 7 U 6/12).

VERKEHRSSÜNDER

Schlechtes Bild

Blitzeraufnahmen müssen den

Fahrer klar erkennbar zeigen.

Eine Strafe für Verkehrssünder ist

nur möglich, wenn der Fahrer klar

auf dem Blitzerfoto zu erkennen ist.

Zeigt die Aufnahme keine charakteristischen

Merkmale des Fahrers,

kann dieser nicht ohne Weiteres belangt

werden. Das hat das Oberlandesgericht

Bamberg entschieden

(Az. 2 Ss OWi 143/12).

Im vorliegenden Fall ging es um eine

Abstandsmessung. Wegen zu geringem

Sicherheitsabstand war eine

Fahrerin von der Vorinstanz verurteilt

worden, eine Strafe von 160 Euro

zu begleichen. Außerdem wurde für

einen Monat der Führerschein entzogen.

Allerdings war ihr Gesicht auf dem

Beweisfoto durch eine Sonnenbrille

und durch das Lenkrad verdeckt.

Da die Fahrerin dadurch nicht mehr

eindeutig zu identifi zieren war, kassierten

die Richter des Oberlandesgerichts

Bamberg das Urteil wieder

ein.

RECHT KOMPAKT

ARBEITSZEIT

Streit um die Elternteilzeit

Arbeitnehmer können während der Elternzeit eine

Verringerung der Arbeitszeit beantragen. Über den

Antrag sollen sich die Arbeitsvertragsparteien innerhalb

von vier Wochen einigen. Während der Gesamtdauer

der Elternzeit kann der Arbeitnehmer

zweimal eine Verringerung der Arbeitszeit beanspruchen,

soweit eine einvernehmliche Regelung

nicht möglich ist.

In einem aktuellen Fall war die Klägerin seit 2006 in

Vollzeit beschäftigt. 2008 nahm sie für die Dauer von

zwei Jahren Elternzeit in Anspruch. Ende 2008 vereinbarten

die Parteien die Verringerung der Arbeitszeit

für den Zeitraum vom 1. Januar 2009 bis zum 31.

Mai 2009 auf wöchentlich 15 Stunden und für die

Zeit vom 1. Juni 2009 bis zum Ende der Elternzeit am

4. Juni 2010 auf wöchentlich 20 Stunden. Später

nahm die Klägerin ab dem 5. Juni 2010 bis zur Vollendung

des dritten Lebensjahres ihres Kindes erneut

Elternzeit und beantragte gleichzeitig, wie bisher 20

Stunden wöchentlich zu arbeiten. Der Arbeitgeber

lehnte dies ab. Vor dem Bundesarbeitsgericht hatte

die junge Mutter Erfolg. Dem Anspruch auf Verringerung

der Arbeitszeit steht die Ende 2008 getroffene

Vereinbarung der Parteien nicht entgegen. Einvernehmliche

Elternteilzeitregelungen sind nicht auf

den Anspruch auf zweimalige Verringerung der Arbeitszeit

anzurechnen (BAG, Az, - 9 AZR 461/11 -).

ARBEITSUNFALL

Rauchen ist ungesund

Die Mitarbeiterin eines Seniorenheims ging für eine

Zigarettenpause vor die Tür. Auf dem Rückweg stieß

sie mit dem Hausmeister zusammen. Dieser verlor

einen Eimer Wasser, die Klägerin rutschte aus und

brach sich den Arm. Für die Klägerin ein Arbeitsunfall.

Die beklagte Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst

und Wohlfahrtspfl ege sah das anders.

Das Sozialgericht Berlin wies die Klage ab (Az. S 68

U 577/12). Der Weg von und zur Raucherpause sei

nicht der unfallversicherungsrechtlich geschützten

Tätigkeit zuzurechnen. Wichtig ist den Richtern

vor allem die Abgrenzung zur Nahrungsaufnahme.

Essen und Trinken seien unter anderem notwendig,

um die Arbeitskraft aufrechtzuerhalten. Deshalb sei

der Weg zur Kantine versichert, nicht aber der Weg

zur Raucherpause.

www.wundm.info WIRTSCHAFT+MARKT | 1/2013


54 rat+tat

IMMOBILIEN IMMOBILIEN

DAS THEMA

Trend zur Reurbanisierung

Der Trend zur

Reurbanisierung

treibt die Mieten.

Ein schlüssiges

Konzept zur Entspannung

der

Situation fehlt.

Der Protest gegen steigende Mieten in

den Ballungszentren hat im letzten Jahr

deutlich zugenommen. Mit einem Abfl auen

ist nicht zu rechnen, glaubt man den Prognosen

einer Studie von Feri Eurorating

zum deutschen Immobilienmarkt. Die Ratingagentur

hat Prognosen über die Entwicklung

von Mieten und Kaufpreisen für 68

Standorte über die nächsten drei Jahre erstellt.

Ergebnis: Der Scheitelpunkt des Mietenanstiegs

ist noch nicht erreicht. Die Prognose

wurde auf der Basis verschiedener

Faktoren von der Entwicklung bei Bevölkerungszahl,

Beschäftigung und Einkommen

bis zur Zahl neu gebauter Wohnungen oder

dem Wohnfl ächenbestand betrachtet. Besonders

hohe Mietensteigerungen müssen

bis 2015 die Hamburger hinnehmen,

mit insgesamt rund

10,5 Prozent.

Ebenso gravierend sind die

Mietenexplosionen, die die

Ratingagentur für München

(9,5 Prozent), Frankfurt (9,3)

und Berlin (8,2) erwartet. In

ähnlichen Größenordnungen

bewegt sich Dresden

(8,3 Prozent). Leipzig liegt

mit 7,1 Prozent bis 2015 geringfügig

unter den Spitzenwerten.

Für Chemnitz wurde

ein Anstieg von 5,4 Prozent

vorhergesagt.

Bei einer Infl ationsrate von rund zwei Prozent

pro Jahr würde Wohnen damit deutlich

teurer, heißt es in der Studie, die jüngst das

»Handelsblatt« veröffentlichte.

Der Grund für die höhere Steigerungsrate

in Dresden gegenüber den Nachbarstädten:

Das Angebot an Wohnungen in der sächsischen

Landeshauptstadt wird zunehmend

knapp. Nur drei Prozent stehen leer. In Leipzig

sind hingegen mehr als zehn Prozent

der Wohnungen noch vom Leerstand betroffen.

Als Grund für die Verschärfung der

Mietenentwicklung nennen Experten vor allem

die Reurbanisierung. Neben dem Anstieg

der Beschäftigung durch die positive

Konjunkturlage sind es Landfl ucht und der

Zuzug in die Innenstädte sowie eine wachsende

Zahl von Haushalten, die die Mieten

in die Höhe treiben. Auch die Immobilienpreise

nehmen zu. Auch hier dürfte Hamburg

laut Feri-Studie an der Spitze liegen.

Die Vorschläge, die der zuständige Minister

Peter Ramsauer (CSU) im Bundesministerium

für Verkehr, Bau und Straßenentwicklung

(BMVBS) zur Lösung der sich

zuspitzenden Situation auf den Wohnungsmärkten

erarbeiten lassen hat, sind derweil

umstritten.

Zu diesen Vorschlägen zählt, dass der Neubau

von Wohnungen die Immobilien- und

Mietpreise stabilisieren

helfen soll. Mindestens

250.000 Wohnungen jährlich

stehen auf der Planliste

des Ministers, um

das vorhandene Defi zit

abzubauen. Das BMVBS

fordert in diesem Zusammenhang

auch stärkere

Anstrengungen der

Bundesländer im sozialen

Wohnungsbau.

Mit der Wiedereinführung

der Eigenheimzulage sowie

der Wiedereinführung

der degressiven Absetzung der Kosten über

die Steuer will der Bund zusätzliche finanzielle

Anreize zum Wohnungsbau schaffen.

Auch die KfW-Programme im Wohnungsbau

sollen erweitert sowie die Höchstgrenzen

beim Wohngeld angehoben werden.

Kritiker bemängeln, dass die Konzentration

auf den sozialen Wohnungsbau übersehe,

dass das Wohnungsproblem in den Städten

immer mehr auch mittlere Einkommen in finanzielle

Schwierigkeiten stürze. Dem Mieterbund

fehlen in den Plänen des Ministers

zudem Ideen, wie sich die steigenden Preise

bei Neuvermietungen begrenzen lassen.

MÜLLENTSORGUNG

Streit um 1,16 Euro

Wertstofftonnen sorgten für einen

Gerichtsstreit.

Ein Grundstückseigentümer und Mülltonnennutzer

forderte 1,16 Euro vom Abfallentsorger

zurück. Der Kläger hatte die Erhöhung

seines Normaltarifes in Höhe von

0,29 Euro pro Quartal beanstandet und

Rückzahlung der Erhöhungsdifferenz für

ein Jahr verlangt. Die Erhöhung sei unzulässig,

weil sie die Aufstellung der neuen

entgeltfreien Wertstoff tonnen quersubventioniere.

Die mit den Wertstoff tonnen bezweckten

Umweltschutzziele würden nicht

erreicht. Die Richter lehnten dies ab. Es

bestehe ein Spielraum, neben dem Ziel

der Kostendeckung in begrenztem Rahmen

eine Verhaltenssteuerung anzustreben

(AG Tempelhof-Kreuzberg, Az. - 24 C

215/11 -).

NEBENKOSTEN

Selbstständig gekürzt

Ein Mieter korrigierte seine

Nebenkostenabrechnung.

Mieter dürfen eine fehlerhafte Nebenkostenabrechnung

selbst korrigieren und den

Abschlag senken. Wenn sich Vermieter bei

der Nebenkostenabrechnung zu Ungunsten

der Mieter verrechnen, können die

Mieter dies selbst korrigieren und die Vorauszahlungen

entsprechend verringern.

Das entschied nach Angaben des Deutschen

Mieterbundes der Bundesgerichtshof

(BGH, Az. VIII ZR 184/12). Der Vermieter

hatte eine Nachforderung von 84 Euro

gestellt. Der Mieter rechnete nach und ermittelte

ein Guthaben von 376 Euro. Dieses

Geld behielt er von seiner nächsten

Monatsmiete ein.

© benjaminnolte - Fotolia.com

1/2013 | WIRTSCHAFT+MARKT


at+tat 55

© hainichfoto - Fotolia.com

Der Countdown

läuft

Ab dem 1. Februar 2014 gelten

für Überweisungen und Lastschriften

die SEPA-Vorschriften.

Viele kleinere Unternehmen

sind noch nicht ausreichend

vorbereitet.

Es ist nur noch weniger als

ein Jahr Zeit: Dann treten an

die Stelle der Bankleitzahlen

und Kontonummern endgültig

IBAN und BIC – und das auch

im nationalen Zahlungsverkehr!

Die europaweite Vereinheitlichung

des Zahlungsverkehrs trifft

bei vielen mittelständischen Unternehmen

auf wenig Gegenliebe

– vor allem wegen des mit der

SEPA-Umstellung verbundenen

bürokratischen Aufwands.

So mancher Firmenchef scheint

das Thema deshalb auf die lange

Bank zu schieben. Dies belegt

eine Umfrage, die die Commerzbank

bei Infratest in Auftrag gegeben

hat. Von den befragten 6.000

Firmen hatte sich gut ein Drittel

aus der Gruppe der Mittelständler

mit einem Jahresumsatz bis

12,5 Millionen Euro noch gar nicht

mit SEPA auseinandergesetzt. Bereits

auf SEPA umgestellt haben

der Umfrage zufolge weniger als

zehn Prozent. In den meisten Betrieben

hat sich die Geschäftsleitung

zwar schon intensiv mit der

Thematik beschäftigt, aber noch

keine Umsetzungsmaßnahmen in

Angriff genommen.

Diese Schritte sollten nun alle Mittelständler

zügig einleiten. »SEPA

ist ein Projekt, das abhängig von

den Unternehmensstrukturen

zwischen sechs Monaten und ein

bis zwei Jahren in Anspruch nehmen

kann«, warnt Klaus Windheuser,

Global Head Cash Management

& International Business bei

der Commerzbank AG.

Die Palette der erforderlichen Änderungen

ist vielfältig. Sie reicht

von der Umstellung der IT bis hin

zu vielen kleinen, aber in der Summe

zeitaufwändigen Maßnahmen

wie etwa der Neugestaltung von

Briefbögen und Lieferscheinen,

auf denen die Angabe der Bankverbindung

ausgetauscht werden

muss.

Die Experten der Commerzbank

raten Unternehmen deshalb, einen

SEPA-Beauftragten im Betrieb

zu benennen, der zunächst

alle betroffenen Bereiche ermittelt.

Oft versteckt sich der Umstellungsbedarf

im Detail – etwa

in Vertragstexten, die anzupassen

sind. Hard- und Software sind

ebenfalls zu aktualisieren, damit

das speicherintensive XML-

Datenformat verwendet werden

kann. Auch die hierfür entstehenden

Kosten muss das Unternehmen

rechtzeitig einplanen.

Ebenfalls ratsam ist es, frühzeitig

Kontakt zur Hausbank aufzunehmen.

Viele Banken bieten im Zuge

der SEPA-Umstellung umfangreiche

Services an, beispielsweise

die nötigen IBAN- und BIC-Daten

der Geschäftspartner zu eruieren.

Von Daten aus vermeintlich günstigen

Internetlösungen rät Klaus

Windheuser von der Commerzbank

dagegen ab: »Diese haben oft

eine schlechte Qualität.«

Umstellungen ergeben sich vor

allem beim Lastschrift-Verfahren

durch die neuen Prozess- und

Fristvorgaben. Bei der SEPA-Lastschrift

stehen zwei Varianten zur

Verfügung: Die SEPA-Basislastschrift,

die in Grundzügen der

Einzugsermächtigung ähnelt und

von Verbrauchern und Unternehmen

verwendet werden kann, sowie

die SEPA-Firmenlastschrift,

die das Äquivalent zum Abbuchungsauftrag

ist und die ausschließlich

dem Einzug von Forderungen

zwischen Unternehmen

dient.

Dabei gilt: Bestehende Einzugsermächtigungen

können vom Kreditor

in ein SEPA-Mandat umgewandelt

werden, ohne dass dazu ein

separates neues SEPA-Mandat eingeholt

werden muss. Dazu muss

dem Kreditor eine unterzeichnete

Einzugsermächtigung im Original

vorliegen. Das könnte allerdings

manch kleineres Unternehmen

vor ein Problem stellen, wenn diese

Einzugsermächtigungen nicht

mehr auffindbar sind. Bei der SE-

PA-Firmenlastschrift hingegen

muss zur Umstellung ein neues

Firmenlastschriftmandat gesondert

vereinbart werden.

www.wundm.info WIRTSCHAFT+MARKT | 1/2013


56 ideen+impulse

Forschungsförderung mit

ostdeutschen Wurzeln

Am 16. Mai ist es wieder so weit: Labor- und werkstattwarme

Hightech-Entwicklungen auf grüner Wiese. Der

20. Innovationstag Mittelstand des Bundeswirtschaftsministeriums

in Berlin spiegelt auch den Gestaltungsdrang

des eher kleineren ostdeutschen Mittelstands und seiner

Forschungspartner wider.

Von Ronny Eckers

Viel Politprominenz

wird

auch in diesem

Jahr auf

dem Gelände

der AiF Projekt

GmbH

erwartet.

Nur wenige Großgewächse

ragen aus den überschaubar

blühenden Inseln der

ostdeutschen Wirtschaftslandschaft

empor. Hoffnung und Arbeitsplätze

zwischen Stralsund,

Cottbus und Plauen basieren

viel mehr auf vielen kleinen und

kleinsten Unternehmen. Mit cleveren

Produkt- oder Verfahrensentwicklungen

haben sie sich in

den letzten zwei Jahrzehnten in

Nischenmärkten und als Zulieferer

u. a. für Automotive, Maschinenbau

oder Chemieindustrie

eine Existenzbasis geschaffen. Im

nationalen, erst recht im globalen

Wettbewerb wären aber die der geringen

Größe geschuldeten Nachteile

etwa bei Forschungs- und

Entwicklungskapazitäten aus eigener

Kraft kaum auszugleichen.

Hier setzt ein innovatives Förderinstrument

des Bundeswirtschaftsministeriums

an, das tatsächlich

Hilfe zur Selbsthilfe

bringt: Das Zentrale Innovationsprogramm

Mittelstand (ZIM) unterstützt

die Firmen mit Zuschüssen

dabei, Innovationen von der

Idee bis zur Marktreife voranzutreiben:

in einzelnen Unternehmen,

im Verbund mit anderen

Herstellern oder mit Hochschuleinrichtungen

oder in Form von

Firmennetzwerken entlang ganzer

Wertschöpfungsketten. Über

200 aktueller Neuentwicklungen

auf dieser Basis werden in Pankow

präsentiert.

Stück vom Kuchen

Das bundesweit gültige, bei den

Mittelständlern wegen seiner

starken Hebelwirkung und geringen

bürokratischen Hürden geschätzte,

Programm gilt in Ausstattung,

Technologieoffenheit

1/2013 | WIRTSCHAFT+MARKT


ideen+impulse 57

Foto: Rainbow Design

und Breitenwirkung als einzigartig

in Europa. Seit Start im Sommer

2008 wurden bis Ende Januar

diesen Jahres rund 20.500 Forschungs-

und Entwicklungsprojekte

mit insgesamt mehr als 2,6

Millarden Euro unterstützt. Die

Mittel erleichtern branchenübergreifend

Unternehmen mit bis zu

500 Mitarbeitern die Schaffung eigener

Produkte, Dienstleistungen

und Technologien mit Umsatzund

Arbeitsplatzwirkung. Innovationsunternehmen

in Deutschland

Ost (einschließlich Berlin)

haben bis Januar 2013 beachtliche

1,1 Millarden Euro

für 8.000 Projekte erhalten,

immerhin gut 42 Prozent

vom ZIM-„Kuchen“.

Mehrere Dutzend daraus

entstandene Neuentwicklungen

werden auf dem

Parkgelände der AiF Projekt

GmbH in Berlin-Pankow, die

als Projektträger die ZIM-

Hauptfördersäule „Kooperationsprojekte“

betreut, gewiss

das Interesse der erneut

zahlreich erwarteten Politikprominenz

wie technikinteressierten

Normalbesucher

finden. So zeigt etwa die Cobbelsdorfer

Naturstoff GmbH aus

Coswig Aufwuchskörper auf Basis

von Getreideextrudaten, die

als „Nisthilfen“ für Mikroorganismen

die biologische Abwasseraufbereitung

in Kläranlagen

optimieren. Die rainbow design

gmbh aus Fehrbellin (Brandenburg)

will Prototypen von Anzügen

mit Wechselflügelsystem für

Fallschirmspringer vorstellen.

Der in Berlin ansässige Bundesverband

BioEnergie e.V. wartet mit

Möglichkeiten für ein effizienteres

Heizen mit Holzhackschnitzeln

auf. Aus dem Sächsischen

Textilforschungsinstitut sind Fassadenelemente

in Leichtbauweise

mit schichtweiser Anordnung

von Textilbeton und glasfaserverstärktem

Kunststoff zu sehen.

Von Ost nach West

In das ZIM waren die Erfahrungen

einer ganzen Reihe von Vorgängerprogrammen

zur Mittelstands-Innovationsförderung

eingeflossen. Mehrheitlich nach

1990 speziell für ostdeutsche

Unternehmen und Forschungseinrichtungen

aufgelegt, sollten

sie die im Einigungsvertrag

schlichtweg vergessene Industrieforschung

zwischen Stendal,

Sömmerda und Suhl zumindest

in Teilen reaktivieren und so den

anfangs propagierten selbsttragenden

Aufschwung befördern.

Der kam zwar nur begrenzt in

Schwung, Programme wie Foko,

InnoWatt oder NEMO selbst bewährten

sich jedoch bestens. Und

wurden deshalb später auch auf

westdeutsche Unternehmen erst

bis 250 und seit dem Vorjahr bis

zu 500 Mitarbeitern ausgedehnt.

Nach diversen Haushaltssperren

und Programmunterbrechungen

der frühen Jahre zeichnete das

ZIM sich vom Start weg nicht nur

durch eine mit dem Segen aller

Bundestagsfraktionen wohl gefüllte

Kasse, sondern auch durch

Stetigkeit und Berechenbarkeit

aus. Gerade dafür hatte sich nicht

nur der Verband Innovativer Unternehmen

– zunächst als Interessenvertreter

des ostdeutschen

forschenden Mittelstandes, inzwischen

auch auf erste Bundesländer

West ausgedehnt -

zuvor lange vergeblich stark

gemacht.

Zukunft unklar

So sehr die Innovativen

in Ost wie West diese Forschungsförderung

begrüßen,

so unklar ist deren mittelfristige

Perspektive. Um das Programm

aus den Wahlkampf-

Wirren herauszuhalten war

seine Laufzeit unlängst von

Ende 2013 um ein Jahr verlängert

worden. Zumindest bis

Dezember 2014 können Förderanträge

also jederzeit gestellt werden

- beim Mittelstandstag in Pankow

wird zu den Modalitäten individuell

beraten. Was dann nach ZIM

kommt, steht noch in den Sternen.

Auf alle Fälle werden kleine

forschungsaffine Unternehmen

im Allgemeinen und die ostdeutschen

im Besonderen auch künftig

kaum ohne solche Instrumente

wie die Kooperations- und einzelbetriebliche

Forschung über die

Runden kommen.

www.zim-bmwi.de

Freiheit und

Abenteuer

pur. „Wingsuit“

heißt

die Innovation

der ZIMgeförderten

Fehrbelliner

Rainbow Design

GmbH.

www.wundm.info WIRTSCHAFT+MARKT | 1/2013


58 ideen+impulse

Videokonferenzen für alle

Videokonferenzsysteme auf Zentralservern sind teuer

und anfällig für Ausspähung. BRAVIS International aus

Cottbus will das ändern.

Von Hagen Holter

BRAVIS-Führungsteam

(von links): Maik Krüger (CRO),

André Röhrig (CEO), Torsten Sure

(CSO) und Andreas Engel (CQO).

Beim Anblick des schlichten

Bürogebäudes im Stadtzentrum

von Cottbus kommt

man nicht ohne Weiteres auf die

Idee, dass von hier aus die Weltmärkte

ins Visier genommen werden.

Mit ihrer Software für Videokonferenzen

tut dies die BRAVIS

International GmbH, deren Gesellschafter

alle selbst in dem jungen

Unternehmen tätig sind: Wirtschaftsingenieur

André Röhrig,

(45), Betriebswirt Torsten Sure,

(45) sowie die beiden Informatiker

Maik Krüger (33) und Andreas

Engel (35).

Die Firmengeschichte reicht zurück

in die 90er Jahre. Damals

steckte die Technologie von Videokonferenzen

noch in den Anfängen,

grundsätzlich wurden

die komplexen Datenströme über

hochleistungsfähige Zentralserver

abgewickelt.

Start an der BTU

„Damals galt als Standard“, so

Hartmut König, Professor und Inhaber

des Lehrstuhls Rechnernetze

am Institut für Informatik der

Brandenburgischen Technischen

Universität (BTU) Cottbus, „dass

überhaupt nur solche zentralisierten

Lösungen technologisch machbar

seien.“ Doch König suchte mit

seinem Team nach einer dezentralen

Alternative. Die wurde in

mehrjähriger Forschungsarbeit

tatsächlich gefunden: Das so genannte

Group Communication

Protocols (GCP)ist in der Lage, die

Aufgaben des Servers bei einer Videokonferenz

auf die Rechner der

Teilnehmer an der Konferenz auszulagern.

Auf diese Weise ist eine

direkte Kommunikation zwischen

deren Endgeräten möglich. Ohne

Fotos: Torsten George

1/2013 | WIRTSCHAFT+MARKT


ideen+impulse 59

Server. Der Fachmann spricht von

Peer-to-Peer-Kommunikation.

Server-Lösungen sind sehr komplex

und stellen hohe Anforderungen

an die Hardware, an Installation

und Wartung.

Neufirmierung 2012

Entsprechend hoch ist der Preis.

Das GCP dagegen funktioniert auf

handelsüblichen PCs. Es eröffnete

die Möglichkeit, Videokonferenzen

nahezu unbegrenzt, auch an

einzelnen Arbeitsplätzen verfügbar

zu machen.

Während seines Zweitstudiums

an der BTU wurde André Röhrig

und ein Kommilitone von Professor

König gefragt, ob sie einen

Businessplan zum Group Communication

Protocol schreiben

würden. Ein Konzept für eine

Unternehmensausgründung zur

Produktentwicklung und die anschließende

Vermarktung. Beide

sagten zu. Etwas ungelenk wurde

das Produkt „Brandenburger Videokonferenzsystem“

genannt,

heute einfach BRAVIS.

Nachdem es gelungen war, Wagniskapital

für die Produktentwicklung

zu akquirieren, erfolgte

2005 die Ausgründung der BRA-

VIS GmbH. Am Ende stand eine

anwendungsreife Videokonferenz-Software

mit einem beeindruckenden

Leistungsspektrum

für bis zu 16 Einzelteilnehmer.

„Was heutige komplexe Server-

Lösungen können“, so bringt es

Vertriebschef Sure auf den Punkt,

„kann BRAVIS auch – zu einem

Zehntel des Preises!“

Fast allerdings hätte die Innovation

ihren Markteintritt doch noch

verfehlt. 2010, am Ende der Entwicklungsphase,

war das Startkapital

aufgebraucht. Wegen der Finanz-

und Wirtschaftskrise gab

es keine Anschlussfinanzierung.

Mit der Neufirmierung als BRA-

VIS International GmbH wagte

das Gesellschafterquartett Anfang

2012 die Fortführung. Inzwischen

gibt es über 300 Kunden,

meist kleine und mittelständische

Firmen.

Vor Abhörung sicher

Auffällig hoch ist der Anteil aus

sicherheitssensiblen Bereichen

– Banken, Gesundheitseinrichtungen,

Polizeibehörden. Maik

Krüger sieht dafür technische

Gründe: „BRAVIS hat bei kommerziellen

Videokonferenzen

ein weltweites Alleinstellungsmerkmal.

Als Peer-to-Peer-Lösung

läuft die eigentliche Konferenzschaltung

eben nicht über

einen zentralen Server irgendwo

im Internet. Solche Server stehen

häufig in den USA, wo die elektronische

Überwachungsbehörde

NSA Zugriffsrecht auf allen Daten

hat. BRAVIS via Internet ist daher

per se weit abhörsicherer als jede

Server-Lösung. Für Nutzer, die

aus Sicherheitsgründen das öffentliche

Internet grundsätzlich

meiden, bieten wir außerdem die

Möglichkeit, BRAVIS in ihrem Intranet

einzusetzen.“

Viele Anwendungsgebiete gibt es.

Dazu Andreas Engel: „Telemedizin

ist ein Stichwort. Zusammen

mit der innomedis AG, Köln haben

wir eine Software für Video-Sprechstunden

von Ärzten

entwickelt. Und im Projekt ,Akrobatik@home‘

werden mittels

BRAVIS contergangeschädigte

Menschen in ihrem häuslichen

Bewegungstraining unterstützt.

Derzeit arbeiten wir in Kooperation

mit verschiedenen Fraunhofer

Instituten und anderen Partnern

an einer Spezialanwendung zur

ambulanten Physiotherapie von

Rekonvaleszenten. Ganz anders

,DirectServ‘, eine Anwendung, die

wir zusammen mit der benntec

Systemtechnik GmbH entwickelt

haben – zur Fernwartung und von

Maschinen und Anlagen.“

Neben Deutsch und Englisch arbeitet

BRAVIS auch auf Russisch,

Türkisch und Polnisch. Und eine

Dependance in Malaysia kümmert

sich inzwischen um den asiatischen

Markt.

Videokonferenzen

gehören

zunehmend

zum Alltag im

Unternehmen.

www.wundm.info WIRTSCHAFT+MARKT | 1/2013


60 wirtschaft+kultur

BÜCHERBORD

Machtspiele

Wie man eitle, selbstgerechte Minister

und vorteilssüchtige Bundespräsidenten

stürzt, ist allgemein

bekannt. Aber wie baut man einen

starken Mann auf? Der Thriller „Geheimloge

D“, entwickelt dazu eine Variante.

Die Zeit: Es ist die deutsche Gesellschaft

der Neunziger Jahre, als die

Wahl eines neuen Kanzlers ansteht.

Der soll der starke Mann werden, der

alles richtet. Im Sinne der Geheimloge

D, eines Kraken, der getarnt die Kontrolle

über eine aus dem Leim gehende

Gesellschaft gewinnen will. Die Story:

Ein Berliner Journalist dringt bei

seinen Recherchen vor bis ins höchste

Establishment Deutschlands. Und

muss dafür bitter bezahlen.

Der Autor Thomas Schwandt ist kundig

im Elitemilieu von Wirtschaftskonferenzen,

Polizeipräsidien und Parteitagen

ebenso wie im Redaktions- und

Barmilieu der Journalisten. Was kein

Wunder ist, denn er ist selbst einer: Rüganer

von Geburt, einst Maschinenassistent

in der Hochseefi scherei, nach

Stationen bei der „Jungen Welt“ und

der „Ostsee-Zeitung“ heute freiberuflicher

Wirtschaftsjournalist und nicht

zuletzt Autor bei „W+M“. Hier legt er

den ersten Band einer Thriller-Trilogie

vor. Der Start, so scheint es, ist ihm exzellent

gelungen Peter Jacobs

Thomas

Schwandt

Geheimloge D;

Südwestbuch

Verlag,

12,50 Euro

Einzigartig in Deutschland: Theater und Restaurant, Unterhaltung und Genuss

auf einem Schiff in Dresden zwischen Semperoper und Frauenkirche, unweit vom

Schloss.

THEATERKÄHNE

Thalia an Bord

Schiffswracks üben einen seltsamen

Reiz auf Theaterleute aus. Deren

Spleen schuf ein paar schwimmende

Attraktionen in Ostdeutschland.

Marion, so hieß der alte Lastkahn, liegt

seit fast 20 Jahren fest vertäut am

Dresdner Terrassenufer. Der Schauspieler

Friedrich Wilhelm Junge hatte ihn Anfang

der 90er Jahre entdeckt, auf der Suche nach

einer mietfreien Spielstätte für sein 1988

gegründetes Kabarett „Dresdner Brettl“.

Die Behörden gaben „Marion“ her für eine

ganze D-Mark. Junge wartete nicht auf Fördermittel,

sondern überzeugte Banken von

seiner kulturellen Start-up-Idee. Vier Millionen

DM Kredit gewährten sie ihm für die

Umrüstung zum Theaterschiff. Der inzwischen

75-Jährige, der 2005 die Leitung des

„Brettl“ abgab, hat aus dem Elbkahn ein geachtetes

Repertoiretheater gemacht. Mit Literaturprogrammen

von Loriot bis zu Erich

Kästner, mit Urauff ührungen und mit viel

Musik, das Dresdner Dixiefestival inbe-

griffen. Bis zu 300 Vorstellungen im Jahr,

dazu Tourneen des „Brettl“ bis nach Kanada,

Finnland und Isræl. Zur wassergestützten

Heimat-Spielstätte mit 216 Plätzen kommen

das Restaurant „Khanaletto“ und eine

Schiff sbar. Zu 90 Prozent finanziert sich die

Theaterkahn Stiftung selbst.

So fl ott sind andere kulturfreundlich umgebauten

Marineeinheiten nicht. In Potsdam

hat ein Trägerverein die Muse Thalia

an Bord des einstigen Binnenschiff s

„Sturmvogel“ geholt. Außer Theater, Kabarett

und Tanz gibt es Talkrunden mit Stadtprominenz.

Stadt und Land gewähren Fördermittel,

Spenden werden gebraucht.

Von den zwei Theaterschiffen Berlins hat

nur eines überlebt: Am Märkischen Ufer

bietet „Helene“ Krimis, Comedy und Kleinkunst.

Und in Magdeburg, auf der MS Marco

Polo, offerieren „Die Nachtschwärmer“ mit

der Schönebecker Reederei Süßenbach

„musikalisch-literarische Reisen“. Wirtschaftlich

funktioniert es.

Für die Dresdner wären solche Flusstouren

keine gute Idee. Denn darauf warten jene

nur, die den weltberühmten Canaletto-Blick

beschädigt sehen und das kleine kulturelle

Juwel immer noch dort weg haben wollen.

Peter Jacobs

1/2013 | WIRTSCHAFT+MARKT


wirtschaft+kultur 61

Fußball-Peer

Ernst Röhl porträtiert einen

Abseitsspezialisten

Für seine Wahl zum Kandidaten erwartete

Peer Steinbrück eine rätselhafte

Gegenleistung. Er bat das Parteifußvolk,

ihm ein wenig „Beinfreiheit“ zu gewähren.

Keiner wusste, was er damit meinte, doch

die Genossen gewährten sie ihm trotzdem.

Wohl, weil sie annahmen, er wolle sich um

den Altherrenfußball verdient machen. Zu

spät dämmerte ihnen, mit welcher Spezialkunst

er sich dabei hervortun würde: Mit

dem Schießen von Selbsttoren.

Einst sagten seine Freunde, er wäre ein

begnadeter Redner. Im Bundestag jedoch

galt er als auskömmlich bezahlter Schweiger.

Im Plenarsaal hatte er öfter durch Auszeit

geglänzt und war an solchen Tagen

lieber als Honorarprediger aufgetreten

bei Veranstaltern, die ihn mit fetten Aufwandsentschädigungen

verwöhnten. Für

eine einzige Schwurbelrede bei den Bochumer

Stadtwerken sackte er 25.000 Euro

ein. Das soll ihm ein Fußballprofi erst mal

nachmachen.

Inzwischen ist der Mann nicht bloß Nebenverdienstmillionär,

sondern auch Kanzlerkandidat.

Welch ein Selbsttor für die SPD!

Zunächst vergrämte er seine Wähler, indem

er ihnen an den Kopf knallte, dass sie von

Wein, Weib und Gesang keine Ahnung hätten,

am wenigsten vom Wein. Als dies geklärt

war, machte er sich bei Leiharbeitern

und Aufstockern beliebt und forderte höhere

Einkünfte, wenn auch nicht gerade für

Leiharbeiter und Aufstocker. „Ein Bundeskanzler

oder eine Bundeskanzlerin“, klagte

er, „verdient in Deutschland zu wenig.“ Damit

stand es schon Null zu Zwei. Gegen ihn.

Statt sich zu bedanken, ließ ihn die Kanzlerin

ins Abseits laufen und verlauten, sie

selbst empfinde ihre Bezüge als durchaus

angemessen. Daraufhin begannen die Gegenspieler

von der schwarzgelben Koalition

zu frohlocken. Nie hätten sie zu hoffen

gewagt, dass die Sportgeschichte ihnen

diesen Spaßvogel als Stürmerstar vorsetzen

würde. Auf der VIP-Tribüne, sagten sie,

mag er ein guter Witzereißer gewesen sein,

aber als Durchreißer auf dem Platz is’ er

’ne Pfl aume.

Zur Freude der Union machte Pannen-Peer

auch gleich noch mit übermütigen Fouls

zum Ausgang der italienischen Wahlen von

sich reden. Er sei entsetzt, höhnte er, dass in

Rom „zwei Clowns“ gewonnen hätten – der

Protestpolitiker Beppe Grillo und der testosterongesteuerte

Bunga-Bunga-Berlusconi.

Italiens Staatspräsident Napolitano zog

nach dieser Blutgrätsche die Rote Karte und

ließ ihn im Berliner Hotel Adlon gar nicht

erst aufl aufen, etwa um mit ihm über italienischen

Fußball zu plaudern. Der weltberühmte

Clown Bernhard Paul, Direktor des Circus

Roncalli, fühlte sich gar in seiner Berufsehre

gekränkt. Er verbat es sich, mit dem Pausenclown

Berlusconi verglichen zu werden.

Und unsere fußballkundige Kanzlerin? Zunächst

hatte sie über den deutschen Peerlusconi

noch herzlich geschmunzelt. Inzwischen

hält sie sich zurück. Womöglich hat

sie den Verdacht, dass der Mann mit der

Beinfreiheit beim Volk auf den Stadionrängen

sich doch noch das Image eines Fair

Players erwerben könnte, eines „Mannes,

der die Wahrheit spricht“. Wahlkampf-Pseudonym:

Klartext-Peer!

Vielleicht wartet sie aber nur das nächste

Selbsttor ab.

BESTSELLER

WIRTSCHAFT

1. Wehrle, Martin; Ich arbeite in einem

Irrenhaus; Econ, 14,99 €

2. Weick, Matthias / Friedrich, Marc; Der

größte Raubzug der Geschichte; Tectum,

19,90 €

3. Wehrle, Martin; Ich arbeite immer noch

in einem Irrenhaus; Econ, 14,99 €

4. Sinn, Hans-Werner; Die Target-Falle;

Hanser, 19,90 €

5. Sprenger, Reinhard K.; Radikal führen;

Campus, 24,99 €

6. Smiths, Greg; Die Unersättlichen; Rowohlt,

19,99 €

7. Maschmeyer, Carsten; Selfmade: erfolg

reich leben; Ariston, 18,99 €

8. Balodis, Holger / Kühne, Dagmar; Die

Vorsorgelüge; Econ, 18,00 €

9. Stiglitz, Joseph E.; Der Preis der Ungleichheit;

Siedler, 24,99 €

10. Graeger, David; Schulden; Klett-Cotta,

26,95 €

www.wundm.info WIRTSCHAFT+MARKT | 1/2013


62 unternehmen+verband

Möbel für

lebende Räume

Zu den jüngsten Mitgliedern im

Unternehmerverband Sachsen

gehört die Deutsche Werkstätten

Lebensräume GmbH in Lichtenstein.

W+M sprach mit Katharina

Kratzsch, Leiterin der Unternehmensentwicklung

in dem kreativen

Team.

Von Harald Lachmann

Die vortrefflichsten Dinge

verlieren durch unzweckmäßige

Planung ihren

Wert“, warnte schon der berühmte

Architekt, Stadtplaner und Möbeldesigner

Le Corbusier. „Die Atmosphäre

eines Raums ist so lebendig

wie die Möbel, die ihn mit

Leben erfüllen“, ergänzt Katharina

Kratzsch. Die 28-Jährige ist Leiterin

Unternehmensentwicklung

der Deutsche Werkstätten Lebensräume

GmbH im sächsischen

Lichtenstein. Das Unternehmen

im Vorerzgebirge ist die Handelstochter

des 1992 reprivatisierten

Möbelherstellers Hellerau. Eine

Traditionsmarke, die für individuelle

Innenarchitektur, Innenausbau

und Objektgestaltung steht.

In Dresden-Hellerau beschäftigt

das Stammhaus heute 200 Menschen

sowie 30 weitere in Niederlassungen

und Repräsentanzen

in Russland, England, Frankreich

und der Schweiz.

Mit der Lichtensteiner Tochter

sollte das Handelsgeschäft weiter

etabliert und intensiviert werden,

sagt die Betriebswirtin Kratzsch.

Es gebe viele Schnittstellen zwischen

beiden Unternehmen. Die

Lichtensteiner liefern beispielsweise

für das exklusive Raumambiente,

das in Hellerau kreiert

wird, hochwertiges serielles Mobiliar

sowie Innenausstattungen.

Doch die Lichtensteiner Firma,

die sich mit 17 Mitarbeitern derzeit

einen denkmalgerecht sanierten

Industriebau einrichtet, ist alles

andere als ein reiner Händler.

„Wir sehen uns als Raumausstatter,

betrachten den Raum stets

ganzheitlich“, betont Lebensräume-Geschäftsführer

Ronny

Kretschmer. Es gehe auch um

Wandgestaltung, Decken und Böden.

Die Kunden werden bei der

„Unsere Kunden

erhalten frühzeitig

eine klare

Idee, wie die

zu gestaltenden

Bereiche

später aussehen

werden.“

Auswahl von losem Mobiliar,

von Tischen und Stühlen, Leuchten

und Accessoires beraten. „Auf

Wunsch wird alles mit maßgeschneidertem

Innenausbau sowie

Möbeln aus der Hellerauer Fertigung

ergänzt.“

Einen Großteil der Aufträge erhält

die Lebensräume GmbH von

anderen Firmen oder Institutionen

– Bankfilialen, Bibliotheken,

Bildungsträgern, Museen und

Firmenzentralen. Einen Schwerpunkt

bilden Bürowelten. „Der

persönliche Arbeitsplatz ist vielen

Menschen heilig“, weiß Katharina

Kratzsch. Den Umzug in neue

Räume und das Akzeptieren neuer

Bürokonzepte empfänden vie-

Foto: Harald Lachmann

1/2013 | WIRTSCHAFT+MARKT


unternehmen+verband 63

le als „delikate Angelegenheit“.

Drum seien für jedes neue Projekt

zunächst eine intensive Ist-Stand-

Analyse sowie das Einbeziehen

der betroffenen Mitarbeiter unverzichtbar.

Kommunikationsräume

werden funktional sinnvoll

von Konzentrations- und Regenerationsräumen

abgegrenzt, erläutert

die junge Managerin.

Manche Kunden kommen bereits

mit konkreten Vorstellungen, andere

kennen maximal die Raummaße.

Für die Lebensraum-Planer

ist das jedoch kein Problem.

„Unsere Kunden erhalten frühzeitig

eine sehr genaue Idee, wie die

zu gestaltenden Bereiche später

aussehen werden“, verweist Katharina

Kratzsch auf 3D-Programme,

mit denen ganze Etagen virtuell

zum Leben erweckt werden

können. Möbel werden verschieden

bemustert, um den Kunden

exakte Vorstellungen über das

Zusammenspiel von Materialien,

Möbeln und Proportionen zu geben.

Für die Kunden werden auch komplette

Workshops organisiert. Das

erleichtert es, zielgenau deren Planungs-

und Ausstattungsbedarf

zu ermitteln. „Auf dieser Basis erstellen

wir dann ein Rahmenkonzept“,

so Katharina Kratzsch. Besonderer

Clou dabei: Erstklassige

Serienmöbel werden mit einzelnen

exklusiven Raumelementen

oder Accessoires aus der Hellerauer

Fertigung kombiniert, so dass

ein einzigartiges Ambiente entsteht.

Inzwischen kreieren auch renommierte

deutsche Architekten –

etwa Max Dudler und Professor

Hans Kolloff – Möbel für die Deutschen

Werkstätten, die nach ihren

Entwürfen in Hellerau gebaut werden.

Erhältlich sind diese Tische

und Stühle seit Ende 2012 übrigens

auch auf dem neuen Internetportal

der Lichtensteiner. Mit

dem exklusiven Möbelportal fokussieren

sich die Sachsen verstärkt

auf den anspruchsvollen

Privatkunden. Es geht um jene,

die Haus und (Heim)Büro aufwerten

wollen. Und das Geschäft

entwickelt sich offenbar hervorragend.

Der Umsatz der Lichtensteiner

steigt von Jahr zu Jahr

deutlich. Die 5,4 Millionen Euro,

die 2012 erlöst wurden, gelten als

Top-Ergebnis.

Das auch dank einer offensiven

Vertriebsstrategie. So eröffneten

die Sachsen im November vorigen

Jahres am Berliner Monbijouplatz

einen Showroom und sind

damit wieder in der Bundeshauptstadt

vertreten. Mit dieser Repräsentanz,

die von der Deutschen

Werkstätten Lebensräume GmbH

betreut wird, entstand ein wichtiger

Anlaufpunkt für design- und

qualitätsbewusste Möbelkäufer.

Geradlinig

schön:

Bibliothek

Dessau.

Einladend:

Repräsentanz

der Deutsche

Werkstätten

Lebensräume

GmbH in

Berlin.

www.wundm.info WIRTSCHAFT+MARKT | 1/2013


64 unternehmen+verband

UV BRANDENBURG

Am Puls der

Medizin von

morgen

Der zehnte Teltower Technologietag

war dem Innovationsmotor

Medizintechnik gewidmet.

Von Hans Pfeifer

Intensive

Gespräche

in Teltow

zwischen

Vertretern

von Mittelstand

und

Forschung.

Als der Präsident des Unternehmerverbandes

Brandenburg,

Eberhard Walter,

Mitte März den Teltower Technologietag

eröffnete, tat er das

schon zum zehnten Mal. Dem

Anspruch einer Leistungsschau

und eines Workshops des innovativen

Mittelstandes in der Region

Berlin-Brandenburg ist der Technologietag

immer besser gerecht

geworden, unterstrich Hermann

Kühnapfel, Landesvorsitzender

der Wirtschafts- und Mittelstandsvereinigung

der CDU, die

traditionell den Tag zusammen

Fachleute sehen

die Hauptstadtregion

in der

oberen Liga.

mit dem Unternehmerverband

Brandenburg veranstaltet.

Kaum etwas spiegelt dies besser

wider als das diesjährige Thema

Medizintechnologie. Der

Schirmherr des Technologietages,

der Brandenburgische Minister

für Wirtschaft und Europaangelegenheiten

Ralf Christoffers,

unterstrich die Bedeutung der

Gesundheitswirtschaft und Medizintechnologie

für Berlin und

Brandenburg. 274.000 Beschäftigte,

16 Milliarden Jahresumsatz

und mehr als 700 Unternehmen

sind eine wirtschaftliche Größe.

Bis zum Jahr 2020 soll die Branche

zu den führenden Innovationsregionen

in Europa gehören.

Christoffers machte kein Geheimnis

daraus, dass sich diese Entwicklung

vor dem Hintergrund

eines gravierenden Umbaus der

Innovationsförderung vollziehen

wird. Berlin-Brandenburg ist

in den EU-Augen keine strukturschwache

Region mehr. Dieser Erfolg

bedeutet vor allem: weniger

Geld aus Brüssel. Dennoch hat die

Brandenburger Landesregierung

erst unlängst die Schwerpunktförderung

für Forschung und Entwicklung,

Industrie und mittelständische

Unternehmen in der

Gesundheitswirtschafts- und Medizintechnologiebranche

gestärkt

und dazu Mittel umgeschichtet.

Fachleute sehen die Region Berlin-Brandenburg

in der Medizintechnologie

in der oberen Liga

angekommen. Das machte unter

anderem Andreas Lendlein, Professor

am Helmholtz-Zentrum

Geesthacht, deutlich. An dem Institut

geht es auch um die Entwicklung

neuer Materialien, um

die regenerative Medizin, neue

bildgebende Verfahren, um die

minimalinvasive Medizin, um

Telemedizin und die Nanotechnologie.

Auf letzteren beiden Gebieten

können Unternehmen des

Teltower Technolgieclusters bereits

hervorragende Ergebnisse

vorweisen, lobte Lendlein.

Die Perspektiven für die Medizintechnologiebranche

seien herausragend.

Das größte Potenzial liege

im Bereich der Entwicklung neuer

Biomaterialien, so Lendlein.

Ein Entwicklungshorizont von

ungefähr zehn Jahren und Kosten

von 30 bis 40 Millionen Euro

pro Innovation seien eine große

Herausforderung, die mittelständische

Unternehmen nicht

stemmen könnten. Deshalb konzentrierten

sich die Helmholtz-

Gesellschaften auf die Schaffung

von Technologieplattformen, auf

denen Kliniken, Forschungs- und

Entwicklungslabors sowie Unternehmen

eng zusammenwirken.

Foto: Hans Pfeifer

1/2013 | WIRTSCHAFT+MARKT


unternehmen+verband 65

TERMINE

UV BRANDENBURG

17. April und 6. Mai: Wirtschaft im Dialog –

die Parteien zur Bundestagswal 2013 (Anmeldung

erforderlich)

14. Mai: Landesarbeitskreis Innovative

Technologien: Innovative Lösungen für die

Automobilindustrie mit dem Schwerpunkt

Elektromobilität.

24. Mai: Holiday Inn Berlin-International

Airport, Schönefeld: Mitgliederversammlung.

UV ROSTOCK

18. April: Hotel Neptun, Warnemünde: Unternehmertag

„Nachhaltigkeit in der Wirtschaft“

19. April: Hotel Neptun, Warnemünde: Unternehmerball

„UV auf See“

UV VORPOMMERN

3. Mai: Aquamaris Strandresidenz Rügen/

Juliusruh: 3. Maritimer Frühlingsball und

Wirtschaftsgespräche

NACHRICHTEN

UV SCHWERIN

Gegen Mindestlohn

Der Unternehmerverband Norddeutschland

Mecklenburg-Schwerin kritisiert die Landesrichtlinie

zur Förderung der gewerblichen

Wirtschaft.

Der in der überarbeiteten Landesrichtlinie

enthaltenen Mindestlohn von 8,50 Euro als

Zugangsvoraussetzung für die Förderung ist

wirtschaftspolitisch bedenklich, heißt es in

einer Stellungnahme des Unternehmerverbandes.

Die rot-schwarze Regierung eröff ne

mit der Aufnahme zusätzlicher Bedingungen

einen zukünftigen Wettbewerb um politisch

motivierte und populistische Forderungen.

Es bedürfe nicht großer Phantasie, um

sich vorzustellen, wie in Zeiten wahlpolitischer

Auseinandersetzungen die Forderungen

nach immer höheren Löhnen losgelöst

von betriebswirtschaftlichen Gegebenheiten

Einzug in die aktuelle Politik des Landes

halten. Der über 60 Jahre bestehende

Grundsatz zum gemeinsamen Interessensausgleich

im Rahmen der Lohnfindung, wie

sie die Tarifautonomie als schützenswertes

Gut darstellt, werde kurzfristig politisch motiviertem

Klienteldenken geopfert. „Wir befürchten“,

so Hauptgeschäftsführer Wolfgang

Schröder, „dass mit der jetzt gesetzlich

verankerten Regelung durchaus förderwürdige

Unternehmen bzw. einzelne Branchen

vom Zugang notwendig benötigten Kapitals

ausgeschlossen bleiben.“

UV ROSTOCK

Unternehmer für Bildung

Der Unternehmerverband Rostock-Mittleres

Mecklenburg setzt sich im Rahmen

des Arbeitskreises „SCHULEWIRTSCHAFT“

für eine bessere Berufsfrühorientierung ein.

In Zusammenarbeit mit der Agentur für Arbeit,

der IHK zu Rostock und anderen Institutionen

wird jährlich ein umfangreicher

Jahresarbeitsplan für die Mitglieder des

Arbeitskreises erstellt. Der Arbeitskreis

setzt sich aus Lehrern und Vertretern der

Wirtschaft zusammen. Viele Mitgliedsunternehmen

engagieren sich bei der Berufsfrühorientierung

durch Teilnahme an

Schülermessen oder Berufskundetagen beziehungsweise

durch Angebote von Praktika

in Unternehmen.

Mit dem Schulamt wurde eine noch engere

Zusammenarbeit vereinbart. Die verantwortlichen

Lehrer für Berufsfrühorientierung

der Schulen erhalten über den

Verteiler des Schulamtes alle Informationen,

die in den Bereich Berufsorientierung

fallen. Das verhindert eine Überfl utung von

Angeboten und macht gezielte Teilnahmen

an Veranstaltungen beziehungsweise Fortbildungen

möglich. Des Weiteren ist geplant,

unter dem Motto: „Unternehmen in Schule“

bei Bedarf Unternehmerinnen und Unternehmer

in die Schulen einzuladen, um eine

Unterrichtsstunde zu den Themen Bewerbung,

Existenzgründung und Unternehmensphilosophie

allgemein zu gestalten. Das ermöglicht

einen direkten Kontakt zwischen

Lehrern, Schülern und Unternehmen, der in

vielfältiger Weise individuell ausgebaut werden

kann.

GESCHÄFTSSTELLEN

Unternehmerverband Berlin e.V.

Präsident: Armin Pempe

Hauptgeschäftsführer: Andreas Jonderko

Geschäftsstelle: Ingrid Wachter (Sekretariat)

Frankfurter Alllee 202, 10365 Berlin

Tel.: +49 30 981 85 00, 981 85 01

Fax: +49 30 982 72 39

E-Mail: mail@uv-berlin.de

Unternehmerverband Brandenburg e.V.

Präsident: Eberhard Walter

Hauptgeschäftsstelle Cottbus: Roland Kleint

Schillerstraße 71, 03046 Cottbus

Tel.: +49 03 55 226 58, Fax: 226 59

E-Mail: uv-brandenburg-cbs@t-online.de

Bezirksgeschäftsstelle Potsdam:

Bezirksgeschäftsführer: Norbert Gölitzer

Hegelallee 35, 14467 Potsdam

Tel.: +49 331 81 03 06, Fax: (03 31) 817 08 35

Geschäftsstelle Frankfurt (Oder):

Geschäftsführer: Detlef Rennspieß

Perleberger Str. 2, 15234 Frankfurt (O.)

Tel.: +49 335 400 74 56

Mobil: +49 173 633 34 67

Unternehmerverband Rostock-

Mittleres Mecklenburg e.V.

Präsident: Frank Haacker

Geschäftsführerin: Manuela Balan

Geschäftsstelle:

Wilhelm-Külz-Platz 4, 18055 Rostock

Tel.: +49 381 242 58 -0, 242 58-11, Fax: 242 58 18

Regionalbüro Güstrow:

Am Augraben 2, 18273 Güstrow

Tel.: +49 3843 23 61 12, Fax: 23 61 17

Unternehmerverband Norddeutschland

Mecklenburg-Schwerin e.V.

Präsident: Rolf Paukstat

Hauptgeschäftsführer: Wolfgang Schröder

Geschäftsstelle:

Brunnenstraße 32, 19053 Schwerin

Tel.: +49 385 56 93 33, Fax: 56 85 01

Unternehmerverband Thüringen e.V.

Präsident: Peter Baum

Geschäftsstelle: IHK Erfurt

Arnstädter Str. 34, 99099 Erfurt

Tel.: +49 3681 42 00 50, Fax: 42 00 60

Unternehmerverband Vorpommern e.V.

Präsident: Gerold Jürgens

Leiter d. Geschäftsst.: Wolfgang Kastirr

Geschäftsstelle:

Am Koppelberg 10, 17489 Greifswald

Tel.: +49 3834 83 58 23, Fax: 83 58 25

Unternehmerverband Sachsen e.V.

Präsident: Hartmut Bunsen

Vizepräs.: Dr. W. Zill, Dr. M. Reuschel, U. Hintzen

Geschäftsführer: Rüdiger Lorch

www.uv-sachsen.org

Geschäftsstelle Chemnitz:

Leiterin: Gabriele Hofmann-Hunger

Marianne-Brandt-Str. 4, 09112 Chemnitz

Tel.: +49 371 49 51 29 12, Fax: -16

E-Mail: chemnitz@uv-sachsen.org

Geschäftsstelle Dresden:

Repräsentant: Klaus-Dieter Lindeck

Antonstraße 37, 01097 Dresden

Tel.: +49 351 899 64 67, Fax 899 67 49

E-Mail: dresden@uv-sachsen.org

Geschäftsstelle Leipzig:

Leiterin: Silvia Müller

Riesær Straße 72 – 74, 04328 Leipzig

Tel.: +49 341 257 91-20, Fax: -80

E-Mail: leipzig@uv-sachsen.org

Unternehmerverband Sachsen-Anhalt e.V.

Präsident: Jürgen Sperlich

Geschäftsstelle Halle/Saale

Berliner Str. 130, 06258 Schkopau

Tel.: +49 345 78 23 09 24

Fax: +49 345 78 23 467

www.wundm.info WIRTSCHAFT+MARKT | 1/2013


66 klipp+klar

Blick nach draußen

Klaus von Dohnanyi

Die schwere Wirtschaftskrise

in der Welt führte zwangsläufig

zu politischen Krisen

in besonders hart betroffenen

Ländern. Politiker suchen

dort nach Schuldigen und meinen

diese in gierigen Banken, Hedgefonds

und skrupellosen Managern

gefunden zu haben. Oder im

Machtwillen Deutschlands; bei

Frau Merkel.

Doch am Kern der Probleme führt

das vorbei. Wer nur einen Moment

über die eigenen Grenzen hinausschaut,

der sieht, wie unterschiedlich

erfolgreich die Staaten der

Welt mit den Krisenfolgen umgehen.

Wie kann es sein, dass EU-

Mitglieder wie Schweden, Dänemark,

Finnland, Estland oder

Polen weiterhin ihre Staatsverschuldung

im Limit der Maastricht-Kriterien

halten, während

Italien, Frankreich oder auch

Großbritannien (kein Euro-Land!)

mit den Folgen der Krise vergeblich

kämpfen. Wenn im Sturm die

einen Schiffe sicher segeln, andere

aber kentern, liegt das dann am

Sturm oder an den Kapitänen?

Die Politik redet viel von notwendigen

Regulierungen der Finanzwirtschaft,

von Begrenzungen

der Managergehälter und Boni.

Das mag alles richtig sein – aber

so werden wir die Probleme nicht

lösen. Der Unterschied zwischen

Wettbewerb

funktioniert nur

als lernendes

System.

erfolgreichen und wenig erfolgreichen

Ländern liegt in ihrer Politik

und nicht bei den Banken.

Wir Deutschen sollten das besser

wissen als viele andere. Was war

der Grund für die so unterschiedlichen

Erfolge auf beiden Seiten

des geteilten Deutschland bis

1989? Im Ausgang, 1945, bestand

wirtschaftlich nahezu ein Gleichgewicht.

Es waren dann aber nicht

die Menschen in der DDR, die weniger

tüchtig gewesen wären als

wir im Westen: Es war die Politik,

die Ostdeutschland ruinierte.

So ist es auch heute in Italien. Die

Italiener sind ein fleißiges Volk;

ihm verdankt Europa kulturell

mehr als irgendeinem anderen

Land. Aber warum dann dieser

Niedergang der wirtschaftlichen

und sozialen Leistungsfähigkeit?

Wiederum: Es ist die Politik.

Ich denke wir müssen begreifen,

dass nicht nur Finanzwirtschaft,

Sozialsysteme und Bildungsorganisationen

einer stetigen Überprüfung

ihrer Leistungsfähigkeit

bedürfen, sondern auch - und heute

besonders - die demokratischpolitischen

Systeme. Auch sie

müssen immer wieder auf den

Prüfstand gestellt werden. Gerade

in Zeiten globalen Wettbewerbs.

Die Freiheit, in der wir leben, die

wir lieben und bewahren wollen,

hat unausweichlich verschärften

Wettbewerb zur Folge. Von der

Wirtschaft wissen wir das. Wenn

aber die Politik eine so entscheidende

Rolle für den wirtschaftlichen

und sozialen Erfolg spielt,

dann müssen wir auch den Wettbewerb

der politischen Systeme

und ihrer Organisation betrachten.

Wettbewerb funktioniert nur

als lernendes System. Scheuen

wir also nicht den Vergleich mit

anderen, erfolgreichen Ländern

der Welt – um zu lernen.

Impressum

WIRTSCHAFT+MARKT

Das ostdeutsche Unternehmermagazin

Magazin der Interessengemeinschaft der

Unternehmerverbände Ostdeutschlands und Berlin

Ausgabe 1/2013

Redaktionsschluss: 15.03.2013

Verlag:

Verlag Frank Nehring GmbH

Zimmerstraße 56, 10117 Berlin

Tel. +49 30 479071-0,

Fax +49 30 479071-20

www.NehringVerlag.de

Verlagsleiter: Dr. Robert Nehring

Herausgeber/Geschäftsführer: Frank Nehring

Tel. +49 30 479071-11, FN@NehringVerlag.de

(Alleiniger Inhaber und Gesellschafter, Wohnort Berlin)

Chefredakteur: Helfried Liebsch

Tel. +49 30 479071-24, HL@NehringVerlag.de

Redaktion:

Janine Pirk-Schenker

Tel +49 30 479071-21, JP@NehringVerlag.de

Constanze Treuber, Peter Jacobs, Matthias Salm,

Steffen Uhlmann (Berlin), Thomas Schwandt (Mecklenburg-

Vorpommern), Dr. Ulrich Conrad (Brandenburg),

Dana Micke (Sachsen-Anhalt), Harald Lachmann (Sachsen)

Abo- und Anzeigenverwaltung; Vertrieb:

Tina Stegath, Tel. +49 30 479071-28,

TS@Offi ceABC.de

Erscheinungsweise, Einzelverkaufs- und

Abonnementpreis:

Die Zeitschrift WIRTSCHAFT+MARKT erscheint zweimonatlich.

Als Magazin der Interessengemeinschaft der Unternehmerverbände

Ostdeutschlands und Berlin erhalten die Mitglieder

die Zeitschrift im Rahmen ihrer Mitgliedschaft.

Einzelpreis (Print): 3,50 €, Jahresabonnement (Print): 20 €

inkl. MwSt. und Versand.

Layout & Design: Benedikt K. Roller

crossmedia gmbh | www.crossmedia-berlin.de

Gesamtherstellung:

möller Druck und Verlag GmbH, ISSN 0863-5323.

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Kopien nur mit vorheriger

schriftlicher Genehmigung des Verlages. Namentlich

gekennzeichnete Beiträge müssen nicht mit der Meinung der

Redaktion übereinstimmen. Für unverlangt eingesandte

Manuskripte und Fotos übernehmen wir keine Haftung.

1/2013 | WIRTSCHAFT+MARKT


EASTERN

MADE IN

GERMANY

Unternehmensdelegationen 2013

Germany Trade & Invest unterstützt Unternehmen aus den Neuen Bundesländern

(inkl. Berlin) bei der Erschließung ausländischer Märkte. In diesem Jahr

werden folgende Delegationsreisen angeboten:

Malaysia 07.04.2013 – 11.04.2013

Brasilien 21.05.2013 – 24.05.2013

Russland 03.06.2013 – 07.06.2013

Für jedes teilnehmende Unternehmen wird ein individuelles Terminprogramm

mit potenziellen Geschäftspartnern und Kunden erstellt. Die Kosten des Programms

(exklusive Reisekosten) übernimmt Germany Trade & Invest. Die Teilnehmerzahl

ist begrenzt.

Kontakt T. 030-200 099 806

Gefördert durch den Beauftragten der Bundesregierung für die Neuen Bundesländer aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages.


Energie

für die Region.

Die E.ON edis AG investiert in die Zukunft Brandenburgs und Mecklenburg-

Vorpommerns. Mit unserem modernen Strom- und Gasnetz sorgen wir dafür,

dass Energie jederzeit sicher und zuverlässig genau dort ankommt,

wo sie gebraucht wird: Mitten im Leben der Menschen hier in unserer Region.

E.ON edis AG

Langewahler Straße 60

15517 Fürstenwalde/Spree

Service-Rufnummer 0 33 61 – 7 33 23 33

www.eon-edis.com

Hurra! Ihre Datei wurde hochgeladen und ist bereit für die Veröffentlichung.

Erfolgreich gespeichert!

Leider ist etwas schief gelaufen!