Wirtschaftswoche Ausgabe vom 2014-01-27 (Vorschau)

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5

27.1.2014|Deutschland €5,00

0 5

4 1 98065 805008

Weltmarktführer

Die Erfolgsrezepte des

deutschen Mittelstands

Aktienduell

Twitter gegen

Facebook –

wer bietet mehr?

Janet Yellen

Die wirklich mächtigste

Frau der Welt

Was die neue Chefin der US-Notenbank

mit unserem Geld vorhat

Schweiz CHF 8,20 | Österreich €5,30 | Benelux€5,30 | Griechenland€6,00 | GroßbritannienGBP 5,40 | Italien€6,00 | Polen PLN27,50 | Portugal€6,10 | Slowakei €6,10 | Spanien€6,00 | TschechischeRep.CZK 200,- | Ungarn FT 2000,-

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Einblick

Europa? Für US-Präsident Barack Obama ist das

gestrig. Er will der erste pazifische Präsident sein,

nicht der letzte Transatlantiker. Von Roland Tichy

Verlorener Freund

FOTO: HEIKE ROST FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Inder NSA-Affäre geht es um mehr als

ein abgehörtes Kanzlerinnen-Handy.

In seinen jüngsten Reden zeichnet Barack

Obama eine neue globale Landkarte

der Macht, und auf der liegt Europa

nicht mehr in der Mitte der Welt und seines

Interesses, sondern am Rand. Obama zeigt

sich als knallharter Machtpolitiker, der

auch angesichts der europäischen Betroffenheit

in der NSA-Affäre keinen Millimeter

zurückweicht. Das erschreckt viele europäische

Politiker, insbesondere der

Linken und Grünen, die häufig global-gutmenschelnden

Fetischen nachlaufen –

dem Weltklima, der Zivilgesellschaft oder

einer belehrenden Entwicklungspolitik für

die Zurückgebliebenen. Obama nimmt

uneingeschränkt das Recht der Überwachung

für die USA in Anspruch. Davon

rückt er an keiner Stelle ab. Mehr noch:

Weil die Attentate vom 11. September 2001

ja ausgerechnet in Hamburg geplant wurden,

sei diese Überwachung ja auch im

Interesse der Bündnispartner. Einfacher

ausgedrückt: Wenn die deutsche und insbesondere

die Hamburger Polizei schon so

himmelschreiend unfähig oder unwillig

ist, dem islamischen Terror schlagkräftig

zu begegnen, dann bleibt ja den USA gar

nichts anderes übrig, als im Wege einer

ungefragten, digitalen Abhörhilfe den verpennten

Deutschen auf die Sprünge zu

helfen. Das ist schon eine bemerkenswerte

Vorstellung von Souveränität und Partnerschaft,

und Obama setzt verächtlich noch

eines obendrauf: Die entsprechenden Fähigkeiten

der USA seien eben „signifikant

größer“, wie auch der Militärhaushalt und

die daraus resultierenden Möglichkeiten.

Deshalb seien ja auch viele Länder in Europa

„sehr glücklich, dass die USA über diese

militärischen und nachrichtendienstlichen

Fähigkeiten verfügen“. So sorgten die

USA auch für einen großen Teil von deren

„Sicherheit und Verteidigungsbedürfnissen“.

Diese Sätze und den Kontext darf man

schon genießerisch inhalieren. Denn die

Essenz zeigt ja eine brutale Weltsicht:

Während die europäischen Staaten mit der

Friedensdividende nach dem Kalten Krieg

ihren Sozialstaat ausgepolstert haben und

sich durch deren Umfang kulturell den

Amerikanern so sehr überlegen fühlten,

investierten die USA weiter in die Instrumente

klassischer Machtpolitik. Das Ergebnis

ist ein Europa, das auf den Schutz

des großen Bruders angewiesen ist, und

diesen Schutz gibt es eben nur zu dessen

Bedingungen.

OBAMA ZEIGT DEN COLT

Um ein No-Spy-Abkommen mögen die

Deutschen gerne betteln, aber nicht verhandeln.

Denn Verhandlungen setzen ein

Geben und Nehmen voraus, bei dem die

Deutschen dummerweise nichts anzubieten

haben. Viele Deutsche sahen ja in

George W. Bush die Figur eines ungehobelten

Cowboys. Der zunächst so europäischmild

auftretende Obama zeigt jetzt den rauchenden

Colt – die Machtinstrumente der

einzigen verbliebenen Weltmacht, die immer

erst definiert, was ihr selbst guttut und

dient. Russland mag ja geografisch groß

sein, aber mächtig ist es nicht mehr. Daher

müssen die USA Europa auch nicht mehr

verteidigen, wie in Zeiten des Kalten Kriegs.

Fern-Überwachung reicht schon, damit es

nicht zur Aktionsbasis für gegen die USA

operierende Terrorzellen wird. Auch am

Nahen Ostens schwindet das Interesse in

dem Maße, indem die USA über Fracking

und Biofuel von Ölimporten unabhängig

werden. Klimaschutz? Zweitrangig. Die Verhandlungen

mit dem Iran bestätigen das;

nur an Israel hat der Präsident wegen der

starken Lobby noch ein gemäßigtes Interesse.

Die Zukunft liegt für Obama am Pazifik,

sowohl was die wirtschaftlichen Perspektiven,

aber auch, was die wachsende Machtkonkurrenz

mit China betrifft. Und während

Europa um seine prekären Südstaaten

ringt, erleben die USA eine industrielle Renaissance

– und schon schlüpfen deutsche

Konzerne unter.

Damit steht Europa ziemlich alt und allein

da. Es muss sich selbst schützen, verteidigen,

am Südrand des Mittelmeers zerfallende

Anrainerstaaten befrieden und im tiefsten

Afrika intervenieren. Das kommt davon,

wenn der große Bruder plötzlich andere

Freunde hat, mit denen er lieber spielt. n

WirtschaftsWoche 27.1.2014 Nr. 5 3

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Überblick

Menschen der Wirtschaft

6 Seitenblick Was die Rentenreform der

GroKo den einzelnen Bürger kostet

8 OECD: Neue Milliardenlöcher bei Banken

9 Interview: EU-Kommissar Michel Barnier

erklärt seine Pläne für die Reform des europäischen

Bankensystems

10 Viagra: Hexal vor Pfizer | Handel:

Lidl-Gruppe schlägt Metro

11 Yelp: Annahme verweigert | MyTaxi:

Lieferdienst für Media Markt | Klartext:

Naiv im Netz

12 Deutsche Bahn: Verlust mit Güterzügen |

Valensina: Teilverkauf geplant |

Wohlfahrtsmarken: Einnahmen sinken

14 Chefsessel | Startup Sonormed

16 Chefbüro Clemens Tönnies, Gesellschafter

des Fleischkonzerns Tönnies

Politik&Weltwirtschaft

18 Föderalismus Bund und Länder streiten um

die Neuverteilung der Steuergelder | Interview:

NRW-Finanzminister Norbert Walter-

Borjans sieht höhere Steuern kommen

24 Tarifpolitik Der Staat mischt sich immer

stärker in die Lohnfindung ein | Interview:

Der Wirtschaftsweise Christoph Schmidt

fordert Ausnahmen beim Mindestlohn

30 Rente Der Ruhestand mit 63 reißt Löcher

in die Belegschaft vieler Unternehmen

33 Berlin intern

Der Volkswirt

34 USA Mit Janet Yellen steht erstmals in

ihrer Geschichte eine Frau an der Spitze

der US-Notenbank. Was hat sie vor?

40 Denkfabrik DIW-Präsident Marcel

Fratzscher zum Streit um die Deutung

des deutschen Kapitalexports

Unternehmen&Märkte

42 Weltmarktführer Sie gehören in ihren

Branchen zu den globalen Champions. Was

sich von Nischenspezialisten im Mittelstand

lernen lässt | Das Gipfeltreffen der Weltmarktführer

in Schwäbisch Hall

52 Deutsche Telekom Beim Verkauf der US-

Tochter verhandeln die Bonner mit einem

japanischen Tycoon der besonderen Art

54 Nahaufnahme: Siemens Die Brandherde

beim Münchner Technologiekonzern

56 ADAC Die Verflechtungen des Vereins mit

Industrie, Versicherungs- und Finanzbranche

60 Interview: David Marcus Der Chef des

Bezahldienstes PayPal über das Verhältnis

zu Ebay und Forderungen nach Abspaltung

62 Sotschi Oligarchen mussten die teuersten

Olympischen Spiele aller Zeiten finanzieren

66 Philips Der Umbau von Europas letztem

Elektronikriesen zeigt Wirkung | Interview:

Wie Philips-Chef Frans van Houten den

Konzern auf Sanierungskurs hält

USA Die neue Chefin der Fed

Glasklare

Gelegenheit

Ferngesteuerte Fabriken,

kommunizierende

Maschinen und Roboter,

die per Datenbrille gelenkt

werden: Warum Gründer

wie Reza Etemadian

(links) und Christopher

Bouveret vom Startup

Itizzimo beim Vormarsch

des Internets in der

Industrie profitieren.

Seite 82

Antiwestlich

Die Griechen seien ein Volk

ohne europäische Identität,

sagt der griechische Schriftsteller

Nikos Dimou. Die

Feindseligkeit gegenüber

dem Westen eint linke

wie rechte Kräfte.

Seite 108

Zum ersten Mal in der Geschichte der

US-Notenbank Fed übernimmt mit

Janet Yellen eine Frau die Führung der

wichtigsten Zentralbank der Welt. Yellen

muss die Politik der Geldvermehrung

beenden – ohne die Welt in eine neue

Krise zu stürzen. Seite 34

Föderaler Sozialtourismus

Eine Reform der Finanzbeziehungen zwischen Bund, Ländern

und Kommunen soll das komplizierte System vereinfachen. Am

Ende dürfte das den Bund viel Geld kosten. Seite 18

TITELFOTO: CAMERON DAVIDSON

4 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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Nr. 5, 27.1.2014

Technik&Wissen

72 Sicherheit Immer mehr Menschen in den

USA haben Angst vor dem Weltuntergang

und legen sich High-Tech-Bunker zu

78 Android Die Handysoftware erobert jetzt

Fernseher, Autos und Kameras. Doch dafür

zahlt Google einen hohen Preis

81 Valley Talk

Management&Erfolg

82 Gründer Wie Startups mit pfiffigen

Geschäftsideen von der Digitalisierung der

Industrie profitieren | Gründertagebuch

FOTOS: KLAUS WEDDIG FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, GETTY IMAGES, FRANK BEER FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE; ILLUSTRATION: THOMAS FUCHS

Twitter und Facebook im Duell

Die beiden sozialen Netzwerke bringen es auf 185 Milliarden

Dollar Börsenwert. Wir schicken sie ins Aktienduell: Wer bietet

Anlegern bessere Chancen? Droht ein Kurssturz? Seite 88

Klein und clever

Auch in der Nische und fern den

großen Städten kann man Weltmarktführer

werden so wie der

Mikrofonüberzughersteller

Archibald Schulze-Cleven

aus Brakel (Foto).

Sechs Unternehmer

berichten über

ihre Erfolgsstrategien.

Seite 42

Geld&Börse

88 Twitter gegen Facebook Geschäftsmodelle

und Börsenbewertung der beiden sozialen

Netzwerke auf dem Prüfstand

96 Aktionäre Warum Kunststoffbauer Balda

seine Anteile am Apple-Zulieferer TPK zu

spät verkaufte – zum Schaden der Anleger

100 Steuern und Recht Genussrechte |

Erbschaft | Lohnsteuer | Lebensversicherung

| Kindergeld

102 Geldwoche Kommentar: Wall Street auf

Drogen | Trend der Woche: Gold | Dax-Aktien:

Siemens | Hitliste: Schwellenländer-Währungen

| Aktien: Salzgitter, Franco-Nevada | Zertifikate:

Deutsche Bank | Anleihe: Fresenius |

Investmentfonds: Fidelity Germany | Forum:

Lehren aus der Prokon-Pleite

Perspektiven&Debatte

108 Interview: Nikos Dimou Der griechische

Schriftsteller über das Feindbild Deutschland

und antiwestliche Ressentiments

111 Kost-Bar

Rubriken

3 Einblick, 112 Leserforum,

113 Firmenindex | Impressum, 114 Ausblick

n Lesen Sie Ihre WirtschaftsWoche

weltweit auf iPad oder iPhone:

Diese Woche mit Videos über

einen Panzersitzhersteller und die

neue Strategie des Unterhaltungsriesen

Philips.

Zudem gibt es eine große

Fotostrecke über den

Boom beim Bunkerbau.

wiwo.de/apps

n Harvard Exklusiv für wiwo.de

analysiert Harvard-Ökonom Martin

Feldstein, warum es 2014 in Amerikas

Wirtschaft endlich besser laufen

könnte. wiwo.de/post-aus-harvard

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wirtschaftswoche

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+wirtschaftswoche

WirtschaftsWoche 27.1.2014 Nr. 5 5

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Seitenblick

RENTENREFORM

Mehr Beiträge,

weniger Rente

Die Pläne der Bundesregierung gefährden die

gesetzliche Rente, die ohnehin unter Druck steht.

Noch im Lot

Finanzsituation der Rentenversicherung 2013

Einnahmen

Ausgaben

165Milliarden Euro wird die Rentenreform

von Andrea Nahles (SPD) bis 2030 kosten. So

steht es im Gesetzentwurf der neuen Bundessozialministerin.

32 Milliarden davon fallen alleine bis 2017

an. Die Bundesregierung arbeitet nach dem Prinzip

Hoffnung: Nur wenn Konjunktur und Arbeitsmarkt

nicht abschmieren, könnte die Rentenreserve gerade

reichen, um den vorzeitigen Ruhestand mit 63, aber

vor allem die exorbitant teure Mütterrente bis zur

nächsten Wahl zu finanzieren. Spätestens 2018 gilt:

Beitragssätze hoch. Und noch mehr Steuerzuschüsse.

Bundeszuschüsse

59,8

Beiträge

193,0

Übrige

Einnahmen

1,2

Rentenzahlungen

219,1

Krankenvers.

Teilhabe-

Verwaltunleistungen

15,5

3,7

5,7

Knappschaft

8,7

254 Mrd. € 252,9 Mrd. €

Überschuss

1,1 Mrd.

Weniger Schultern

So viele Beitragszahler kommen für einen Rentner auf

6Milliarden Euro pro Jahr hätte die große

Koalition Anfang 2014 als Beitragsentlastung an

Arbeitnehmer und Arbeitgeber weiterreichen müssen.

Die eigentlich fällige Senkung der Abgabe von 18,9

auf 18,3 Prozent des Lohns wurde aber kassiert. Weil

der Steuerzuschuss an die Rentenversicherung in

den kommenden Jahren nur sehr moderat angehoben

wird, zahlen vor allem Angestellte und ihre Arbeitgeber

den Löwenanteil der neuen Rentenwohltaten.

2000

4,1

2010

3,3

2020

2,9

2030

2,2

64Jahre betrug das durchschnittliche

Renteneintrittsalter 2012. In den letzten Jahren gab es

einen konstanten Trend: Sowohl Männer als auch

Frauen gingen später in den Ruhestand. Im Jahr 2000

kam der Abschied üblicherweise noch mit 62,3 Jahren.

Durch die geplante Rente mit 63 könnte der Trend

kippen (siehe Seite 30).

max.haerder@wiwo.de | Berlin

Personal wird knapp

Mangel an Fachkräften bis 2030 (in Millionen)

2011

2015

2020

2025

2030

0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 3,0 3,5

6 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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Wasdie Rentenreform jedenBürgerkostet

Durchschnittliche Rentenbeiträge und Rentenauszahlungen*, in Euro, inflationsbereinigt

Jährl. Rentenbeitrag

ohne Reform

6349 €

mit Reform

6557 €

2014

Jährl. Rentenbeitrag

ohne Reform

7155 €

mit Reform

7378 €

Jährl. Rentenbeitrag

ohne Reform

8589 €

2020 mit Reform 2027

8837 €

Erhöhung um

+208 €

Erhöhung um

+223 €

Erhöhung um

+248 €

Durchschnittsgehalt

pro Jahr, brutto

34700 €

Durchschnittsgehalt

pro Jahr, brutto

40746 €

Durchschnittsgehalt

pro Jahr, brutto

50113 €

Jahresrente

ohne Reform

15196 €

mit Reform

15196 €

Minderung um

0 €

Jahresrente

ohne Reform

16514 €

mit Reform

16357 €

Minderung um

–157 €

Jahresrente

ohne Reform

17327

mit Reform

17108 €

Minderung um

–219 €

*für Durchschnittsrentnermit 45 Entgeltpunkten;Quelle:Reinhold Schnabel (Universität Duisburg),Gesetzesentwurf Bundesarbeitsministerium,Rentenversicherungsbericht2013(mittlereVariante)

Teure Wahlgeschenke

Kosten des Rentenpakets (in Milliarden Euro)

Mütterrente Erwerbsminderungsrente Rente mit 63 Reha-Budget Summe

2014 3,3 0,1

0,9

0,1

2015

6,7 0,2

1,9

0,2

2016

6,7 0,3

2,2

0,2

2017

6,6 0,4

2,0

0,2

2018

6,6 0,5

1,9

0,2

2019

6,6 0,7

1,8

0,2

2020

6,6 0,8

1,8

0,2

2025

6,5 1,4

2,1

0,0

2030

6,1

2,1

3,1 –0,3

4,4

9,0

9,3

9,3

9,3

9,3

9,4

10,0

11,0

ILLUSTRATION: KRISTINA DÜLLMANN

WirtschaftsWoche 27.1.2014 Nr. 5 7

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Menschen der Wirtschaft

Prüfung angekündigt

EZB-Präsident Draghi

EUROPÄISCHE ZENTRALBANK

Milliardenlöcher bei Banken

Eine alarmierende Studie der OECD

deutet auf klare Unterkapitalisierung

europäischer Finanzhäuser hin – Signal

für den Stresstest durch die EZB.

Mitte Februar legt die OECD, die Organisation für

wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung,

ihren 34 Mitgliedstaaten eine brisante Studie vor.

Erstellt wurde sie von Dirk Schoenmaker, Dekan

an der Duisenberg School of Finance in Amsterdam

und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des

Europäischen Ausschusses für Systemrisiken (ESRB),

Co-Autor ist Toon Peek. Die beiden Ökonomen

stellen darin eine Unterkapitalisierung von 84 Milliarden

Euro bei Europas 60 größten Banken fest.

Alleine bei der französischen Bank Crédit Agricole

errechneten die beiden ein Loch von 31,5 Milliarden

Euro. An zweiter Stelle liegt die Deutsche Bank

mit einer Unterkapitalisierung von 19,0 Milliarden

Euro.

Noch versucht EU-Binnenmarkt-Kommissar

Michel Barnier zu beruhigen. „Grundsätzlich glaube

ich, dass die großen europäischen Banken heute

genauso gut kapitalisiert sind wie die amerikanischen“,

sagt er der WirtschaftsWoche (siehe Seite 9).

Doch noch in diesem Jahr prüft die Europäische

Zentralbank (EZB) die Bilanzen der europäischen

Großbanken und unterzieht sie einem Stresstest,

um endlich zu erfahren, wie es wirklich um die

Geldhäuser steht. Wenn die EZB dabei lax vorgeht,

droht ihr und ihrem Chef Mario Draghi ein Gesichtsverlust.

Schoenmaker geht davon aus, dass

die EZB eine Unterkapitalisierung analog zu seinen

Zahlen feststellen dürfte. „Weil die EZB eine andere

Methodologie benützt, wird sie nicht auf identische

Zahlen kommen“, sagt Schoenmaker. „Ich halte es

jedoch für wahrscheinlich, dass sie eine Unterkapitalisierung

in ähnlicher Größenordnung ermitteln

wird.“

Schoenmaker empfiehlt, dass Europas Banken

sich ähnlich wie die US-Banken 2009 in einer konzertierten

Aktion am Markt frisches Geld besorgen.

„Wenn das zu einem bestimmten Datum passieren

würde, würde das sehr viel besser funktionieren, als

wenn jede Bank einzeln an den Markt geht.“

Einen Anreiz, den Bankensektor so schnell wie

möglich aufzuräumen, hätten Europas Politiker allemal.

Die OECD-Studie zeigt nämlich, dass nur

das oberste Drittel der Banken mit einer hohen Kapitaldecke

noch neue Kredite vergibt. Das mittlere

und das untere Drittel der Banken versuchen dagegen,

die Kapitalausstattung zu verbessern, indem

sie sich aus dem Kreditgeschäft zurückziehen. Dies

schadet der Realwirtschaft, weil Unternehmen keinen

Kreditgeber mehr finden. Schoenmaker befürchtet,

dass sich der Effekt im Vorfeld der EZB-

Prüfung noch verstärken könnte, wenn die Banken

ihre Bilanzen aufhübschen wollen.

silke.wettach@wiwo.de | Brüssel

Schwaches Bild

Unterkapitalisierung

in Milliarden Euro

1 Credit Agricole (F)

2 Deutsche Bank (D)

3 Commerzbank (D)

4 Dexia (B)

5 Société Générale (F)

6 Natixis (F)

7

8 Barclays (GB)

9 Banco Populare (I)

10

4,5

3,9

Banco Monte dei Paschi di Siena

Espirito Santo (CH)

1,5

3,9

2,4

1,7

Quelle:OECD

7,7

7,3

19,0

31,5

(I)

8 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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FOTOS: ACTION PRESS/HENNING SCHACHT, DPA PICTURE-ALLIANCE

INTERVIEW Michel Barnier

»Eigenhandel einschränken«

Der EU-Binnenmarkt-Kommissar erklärt

seinen neuen Plan zur Bankenregulierung.

Herr Kommissar, am Mittwoch

legen Sie Ihre Pläne zur Einschränkung

des Eigenhandels

der Banken vor. Ursprünglich

war das für das vergangene

Jahr vorgesehen. Ist der Druck

der Finanzlobby an der Verspätung

schuld?

Druck beeindruckt mich nicht.

Von meinen Beamten arbeiten

200 Mitarbeiter an der Regulierung

des Bankensektors, und

die waren in den vergangenen

Monaten extrem eingespannt.

Warum schlagen Sie kein

Trennbankensystem vor?

Niemand hat vorgeschlagen,

die Banken zu zerschlagen,

auch nicht der Bericht der

Expertengruppe um den finnischen

Notenbankgouverneur

Erkki Liikanen.

Der hatte eine Trennung von

Privatkundengeschäft und

Investmentbanking in einer

Holdingstruktur vorgeschlagen.

Sie bleiben dahinter zurück...

...vielleicht in manchen Punkten.

In einigen Punkten werden

wir weiter gehen als der Liikanen-Bericht.

Wir werden rigoros

den Eigenhandel einschränken,

den ich sehr riskant

finde.

Sie wollen den größten europäischen

Banken den Eigen-

handel verbieten. Wie viele Institute

werden betroffen sein?

Ungefähr 30. Mehr Details

möchte ich nicht nennen, solange

meine Kommissionskollegen

und ich den Vorschlag

nicht verabschiedet haben.

US-Finanzminister Jack Lew

kritisiert, dass der europäische

Abwicklungsmechanismus zu

klein sei und zu spät komme.

Ich höre den amerikanischen

Ermunterungen immer sehr

aufmerksam zu. Wir werden in

diesem Jahr allerdings sehen,

wo Europa und Amerika bei der

Umsetzung der Vorgaben der

G20 stehen. Und dann wird sich

ja herausstellen, wer vorne liegt.

Ich habe in meiner Amtszeit 28

Gesetzesvorschläge zur Finanzmarktregulierung

vorgelegt. Wir

sind hier nicht untätig.

Die Europäische Zentralbank

(EZB) prüft dieses Jahr die

Bilanzen der Banken und unterzieht

sie einem Stresstest.

Was erwarten Sie?

Ich bin mir sicher, dass die EZB

eine sehr sorgfältige und präzise

Analyse vorlegen wird. Es ist

wahrscheinlich, dass bei der

einen oder anderen Bank

Schwachpunkte auftauchen

werden. Das ist der Sinn der

Übung. Die betroffenen Institu-

te werden umstrukturieren und

Kapital zuführen müssen.

Noch ist unklar, wer einspringt,

wenn die Banken neues Kapital

brauchen.

Die Staaten haben vereinbart,

dass es Backstops geben wird,

also öffentliche Absicherungsmechanismen.

Aber es ist ja gar

nicht sicher, ob dies notwendig

wird. In den vergangenen drei

Jahren haben die größten Banken

400 Milliarden Euro an

Kapital an den Märkten generieren

können. Grundsätzlich

glaube ich, dass die großen

europäischen Banken heute

genauso gut kapitalisiert sind

wie die amerikanischen.

Also muss nicht wieder der

Steuerzahler einspringen?

AMBITIONIERTER FRANZOSE

Barnier, 63, ist seit 2010 EU-

Kommissar für den Binnenmarkt.

Der Franzose will Nachfolger

von Kommissionspräsident José

Manuel Barroso werden.

Es kann nie ausgeschlossen

werden, dass es zu staatlichen

Beihilfen kommt. Dafür haben

wir ja aber klare Regeln.

Sie haben signalisiert, dass

Sie als Spitzenkandidat für

die Europäische Volkspartei

(EVP) bei den Europawahlen

kandidieren wollen. Gehen Sie

davon aus, dass Sie bei einem

Sieg Kommissionspräsident

werden?

Die EVP hat gemeinsam entschieden,

dass der Spitzenkandidat

automatisch Kandidat für

das Amt des Kommissionspräsidenten

wird. Wie Bundeskanzlerin

Angela Merkel unlängst

gesagt hat, hat sie am

Anfang bezüglich dieser Frage

gewisse Vorbehalte geäußert.

Seit der Entscheidung aus dem

Dezember dürfte es allerdings

für alle Verantwortlichen der

EVP klar sein, dass der Spitzenkandidat

sich um das höchste

Amt der Kommission bewirbt.

silke.wettach@wiwo.de | Brüssel

Nivea

Die beliebtesten Marken

DieTop Tender Deutschen

57 54 54 52 50 47 46 46 46 45

dm Samsung Wikipedia Google Ritter Sport Firefox Audi Volkswagen

Lufthansa

Die Sieger ausgewählter Branchen

Textilhandel

C&A 38

E-Commerce

Amazon 37

Fast Food

Nordsee

Bier

Krombacher

34

31

Telekommunikation

Aldi Talk 19

Punkteskala reicht von –100 bis +100;Quelle: Markenmonitor YouGov BrandIndex Top-Performer 2013

WirtschaftsWoche 27.1.2014 Nr. 5 9

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Menschen der Wirtschaft

FLOSKELCHECK

Klimakiller

Eingedeutschtes

politisch-multilinguales

Kompositum

aus den Worten Klima

(griechisch: Wandlung)

und Killer (englisch:

Totschläger), zu

Deutsch also etwa:

Abweichungsmörder.

Die Täter trachteten

ursprünglich exklusiv

der Kälte nach dem

Leben („global warming“),

verbreiterten

dann jedoch ihre

Opferbasis („climate

change“). Wetterpolitisch

stabilitätsorientierte

Klimadesigner

dürfen daher

als meteorologische

Änderungsschneider

gelten, die Kleiderwechsel

vermeiden

helfen.

DER FLOSKELCHECKER

Carlos A. Gebauer, 49,

arbeitet als Rechtsanwalt in

Düsseldorf, wurde auch als

Fernsehanwalt von RTL und

SAT.1 bekannt.

VIAGRA

Hexal vor Pfizer

Aufgeschnappt

Gefährliche Übung Beim 16 Millionen

Euro teuren Neubau des

Finanzamts hatte Solingen auf

die Einrichtung einer gesonderten

Brandmeldeanlage verzichtet.

Der Alarm erfolgt

über die Telefonanlage

und über ausgewählte

Beamte. Sie

sollen ihre Kollegen

im Notfall mit einer

Tröte warnen. Bei

der Evakuierungs-

Der Andrang war groß, als am

22. Juni 2013 in Deutschland

der Patentschutz für Viagra auslief.

Gut zwei Dutzend Hersteller

von Nachahmerpräparaten,

den Generika, begannen, günstigere

Kopien der Potenzpille

anzubieten – mit Preisnachlässen

von bis zu 90 Prozent.

Am erfolgreichsten ist der

bayrische Generikahersteller

Hexal, der zum Schweizer

Novartis-Konzern gehört. Hexal

hat sich den Spitzenplatz im

sogenannten Sildenafil-Markt

gesichert. Sildenafil ist der Wirkstoff,

der sowohl im Original-

Viagra als auch in dessen

Kopien enthalten ist. Nach Umsatz

gerechnet, kam Hexal im

deutschen Sildenafil-Markt

Ende vergangenen Jahres auf einen

Marktanteil von 17 Prozent.

Dies geht aus Daten des Marktforschers

IMS hervor. „Der

Erfolg beruht auf unserer kreativen

Kampagne und unserer

Vertriebspower“, so Hexal-Vorstandssprecher

Helmut Fabry.

Rang zwei belegt Pfizer –

nicht mit dem Original, sondern

einem eigenen Generika.

Es schafft 14 Prozent Marktanteil.

Das Original-Viagra erreicht

13 Prozent;gefolgt von

Kopien von Ratiopharm (13

Prozent) und Stada (5 Prozent).

Während die Generika pro

Tablette jeweils um die 2,50

Euro kosten, beträgt der Preis

für das Original etwa zehn Euro.

Insgesamt machen die Sildenafil-Präparate

60 Prozent des

Marktes für Potenzpillen in

Deutschland aus. Den Rest teilen

sich Bayer mit Levitra und

Eli Lilly mit Cialis, deren Patentschutz

noch läuft. Bedingt

durch den Viagra-Patentablauf

stieg der Absatz von Potenzpillen

in Deutschland von 1,4 Millionen

Tabletten (Mai 2013) auf

2,3 Millionen (Dezember 2013).

Potenter Pillenvertrieb

Hexal-Chef Fabry

juergen.salz@wiwo.de

übung vor einer Woche bliesen

die Feuermelder in ihre Tröten –

und verletzten eine Beamtin. Sie

erlitt ein schweres Ohr-Trauma.

Ein-Cent-Münze billiger

Die US-Münzanstalt will die Produktionskosten

des Ein-

Cent-Stücks und anderer

Münzen senken. 2013

erlitt sie ein Minus von

104,5 Millionen

Dollar. Durchmesser

und

Dicke

HANDELSPRIMUS

Lidl-Gruppe

schlägt Metro

Der Düsseldorfer Metro-

Konzern mit Töchtern wie

Media Markt, Kaufhof und Real

ist nicht mehr Deutschlands

größter Handelsriese. Die

Neckarsulmer Schwarz-Gruppe,

zu der der Discounter Lidl

und die Kaufland-Märkte

gehören, erzielte binnen zwölf

Monaten rund 2,6 Milliarden

Euro mehr Umsatz und löst

damit den bisherigen Handelsprimus

ab.

Metro hatte zuletzt die

Zahlen für September bis

Dezember 2013 veröffentlicht.

Zusammen mit dem Rumpfgeschäftsjahr

kommen die

Düsseldorfer demnach auf

einen Jahresumsatz von 65

Milliarden Euro. Die Schwarz-

Gruppe erzielte im Geschäftsjahr

2012/13 nach eigenen Angaben

67,6 Milliarden Euro

Umsatz. Allein Lidl spielte 48,9

Milliarden Euro ein, Kaufland

18,7 Milliarden. Der Wachwechsel

ist zum einen Folge der

starken Expansion der

Schwarz-Gruppe, die von 2015

an auch in den USA starten

könnte. Zum anderen verkaufte

Metro-Chef Olaf Koch Unternehmensteile

wie das Osteuropa-Geschäft

von Real.

henryk.hielscher@wiwo.de

der Münzen sollen bleiben, aber

die Materialien sich ändern. Derzeit

kostet die Herstellung eines

Ein-Cent-Stücks genau 1,8 Cent.

Bargeld gehortet Fast alles können

die Japaner mit Kreditkarte

bezahlen – sogar das Ticket für

die U-Bahn. Trotzdem horten sie

Bargeld. Es macht 19 Prozent

der Geldmenge aus, Mitte der

Neunzigerjahre waren es nicht

mal zehn Prozent. Wegen der seit

Jahren fallenden Preise geben

die Japaner wenig aus.

10 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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ILLUSTRATION: TORSTEN WOLBER; FOTOS: ULLSTEIN BILD/AXENTIS.DE, AVENUE IMAGES, BLOOMBERG NEWS/DAVID PAUL MORRIS, PR

YELP

Annahme

verweigert

Seit das US-Bewertungsportal

Yelp den deutschen Konkurrenten

Qype geschluckt hat, sind

viele Nutzer empört. Zahlreiche

Nutzerkommentare wurden

ausgefiltert, Restaurants, Boutiquen

oder Arztpraxen werden

nun schlechter bewertet. Viele

Kleinunternehmen zogen inzwischen

sogar vor Gericht. Mit

Erfolg: Allein das Landgericht

Hamburg hat mindestens elf

Versteht

Klagen nicht

Yelp-Gründer

Stoppelman

einstweilige Verfügungen

erlassen, in denen Yelp das Ausfiltern

von Bewertungen untersagt

wird.

Yelp-Chef Jeremy Stoppelman

sagt jedoch: „Von uns wurde

nicht verlangt, etwas zu ändern.“

Der Hamburger Kläger-

Rechtsanwalt Hendrik Sievers

erklärt:„Yelp hat die Annahme

der einstweiligen Verfügung

verweigert. Obwohl eine deutsche

Seite betrieben wird,

behauptet Yelp, die deutsche

Sprache nicht zu verstehen.“

Da das Unternehmen keine

deutsche Niederlassung betreibt,

müssen die Schriftsätze

MYTAXI

Lieferdienst für Media Markt

Das Startup Intelligent Apps,

bekannt durch seine Taxiruf-

App MyTaxi, vermittelt künftig

auch Lieferdienste. „Wir haben

die Pilotphase mit Media Markt

in Hamburg abgeschlossen und

werden im Februar MyTaxi Delivery

deutschlandweit starten“,

sagt Geschäftsführer Sven

Külper. „Neben Media Markt ist

auch Saturn dabei.“ Auch in

Österreich wurde das Angebot

schon getestet, noch dieses Jahr

soll es international ausgerollt

werden. Die Händler selbst

werden die Kosten für den Service

festlegen, sie sollen aber

mit Expressdiensten wie UPS

und DHL vergleichbar sein. „Al-

lerdings sind wir schneller, die

Lieferung kommt innerhalb einer

Stunde“, verspricht Külper.

Taxifahrer sollen so ein Zusatzgeschäft

machen.

Zuletzt hatte MyTaxi mit

einem neuen Tarifmodell

viele Taxifahrer verärgert.

Statt fixer 79 Cent für jede

vermittelte Tour müssen

sie ab Februar

zwischen 3 und 15

Prozent Provision

zahlen. Ursprünglich

hatte MyTaxi

gar 30 Prozent als

Fahrer verärgert

MyTaxi-Chef Külper

nun auf Englisch übersetzt und

in die Europazentrale nach

Dublin geschickt werden.

Yelp begründet das Filtern

mit dem Schutz vor Manipulation.

„Etwa 25 Prozent der Bewertungen

sind gefälscht oder

verdächtig“, behauptet Stoppelman.

Bei Qype sei der Wert

noch etwas höher gewesen.

Diese Einträge werden durch

eine Software ausgesiebt und

nur versteckt als „momentan

nicht empfehlenswert“ angezeigt.

Die Hamburger Richter

befanden jedoch, es sei nicht

erkennbar, dass Yelp die Beiträge

filtern durfte. Stoppelman

lässt sich nicht beirren, hat

schon neue Ideen. In den USA

bietet er die Möglichkeit, via

Yelp direkt bei Händlern und

Restaurants zu bestellen. „Wir

planen das auch international,

insbesondere in Deutschland

und Großbritannien“, sagt er. Es

gebe schon Kontakte zu möglichen

Partnern, aber noch keinen

Zeitplan. „Bei Amazon

findet man alles, was man im

Internet bestellen kann. Das

Gleiche wollen wir im lokalen

Bereich werden.“

oliver.voss@wiwo.de

Maximalwert geplant. Die Fahrer

können den Prozentsatz

selbst wählen. „Viele denken,

sie bekommen nur Fahrten,

wenn sie 15 Prozent einstellen.

Das ist aber ein Trugschluss“,

verteidigt Külper das Modell.

„Auch wer einen niedrigen

Wert einstellt, bekommt weiter

Touren vermittelt.“ Der

Prozentwert spiele nur eine

untergeordnete Rolle,

wichtiger sei die Entfernung.

Die Provision

soll so flexibel an

die Nachfrage angepasst

werden.

„Das ist ein faires

Modell“, sagt Külper.

„Wir wurden

nur völlig falsch

verstanden.“

oliver.voss@wiwo.de

KLARTEXT | Die

Cyberabwehr in

Deutschland erinnert

an die Teletubbies.

Naiv

im Netz

Datendiebe haben 16

Millionen E-Mail-Konten

samt Passwörtern

geknackt – und das für die

Cyberabwehr zuständige

Bundesamt für Sicherheit in

der Informationstechnik

(BSI) schreckt mit einem

Selbsttest die gesamte

Republik auf. Knapp eine

Million Internet-Nutzer wissen

nun, dass ihre Zugangsdaten

ausgespäht wurden,

und müssen ihre Passwörter

ändern.

Der Fall zeigt, wie anfällig

die mit dem Internet verknüpften

IT-Systeme für

Angriffe sind. Ob gut organisierte

Kriminelle, die Online-

Konten plündern, oder ausländische

Geheimdienste, die

das Internet als weltweite

Wanze einsetzen – die Angreifer

rüsten permanent auf

und dringen meist unerkannt

in die Privatsphäre ein. Die

Abwehrschlacht organisieren

wir wie Teletubbies bei ihren

ersten Gehversuchen.

Auch das BSI hat sich

dabei nicht mit Ruhm bekleckert.

Der Selbsttest war

stundenlang kaum erreichbar.

Dass sich die oberste

Cyberabwehr trotz langer

Vorlaufzeit so selbst lahmlegt,

ist schlicht naiv.

Für eine geplante Aufklärungsoffensive

wird das Budget

des BSI nun aufgestockt.

Wenn beim nächsten Ernstfall

wieder Millionen Bürger

um Informationen betteln,

sollten zumindest die Server

nicht unter der Last zusammenbrechen.

juergen.berke@wiwo.de

WirtschaftsWoche 27.1.2014 Nr. 5 11

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Menschen der Wirtschaft

DEUTSCHE BAHN

Verlust mit

Güterzügen

Vor einem halben Jahr musste

Alexander Hedderich herbe

Kritik vom Aufsichtsrat der

Deutschen Bahn einstecken.

Gerade mal eine Million Euro

Gewinn nach Abzug von Zinsen

und vor Steuern hatte der Chef

der Schienengüterverkehrssparte

2012 geschafft, angekündigt

hatte er zuvor 58 Millionen

Euro. Abweichung vom Plan:

98 Prozent. 2013 lief für ihn

noch schlechter.

Prognosen zufolge, die Bahn-

Chef Rüdiger Grube dem Aufsichtsrat

Mitte Dezember vorlegte,

fuhren die Güterzüge der

Bahn im zurückgelegten Jahr

einen Verlust von 31 Millionen

Euro nach Zinsen und vor

Steuern ein. Geplant hatte

Hedderich ein Plus von 76 Millionen.

Abweichung diesmal:

140 Prozent.

Meister der Ankündigung

Bahn-Manager Hedderich

TOP-TERMINE VOM 27.01. BIS 02.02.

27.01. BayernLB Vor dem Landgericht München beginnt

am Montag der Prozess gegen den früheren

BayernLB-Chef Werner Schmidt und weitere

Ex-Vorstände. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen

vor, sie hätten beim Kauf der österreichischen

Hypo Group Alpe Adria ihre Pflichten verletzt.

Konjunktur Das ifo Institut präsentiert den Index

für das Geschäftsklima. Im Dezember war er

erneut gestiegen. Ein Trend, der seit April 2013

anhielt. Den Konsumklimaindex veröffentlicht die

GfK am Mittwoch. Am Donnerstag folgt die

Bundesagentur für Arbeit mit neuen Zahlen.

28.01. Siemens Auf der Hauptversammlung

des Konzerns

am Dienstag steht vor allem

Aufsichtsratschef Gerhard

Cromme im Kreuzfeuer.

Großaktionäre drängen

ihn zum vorzeitigen Amtsverzicht. Gewählt ist der

70-Jährige bis 2018.

Opel Das Landgericht Darmstadt verhandelt über

die Klage des Bochumer Betriebsratschefs Rainer

Einenkel. Er beschuldigt den Aufsichtsrat, das

Gremium habe nicht rechtzeitig über die Schließung

des Bochumer Opel-Werks informiert.

29.01. Bankenreform EU-Binnenmarktkommissar Michel

Barnier stellt am Mittwoch den Plan der EU-

Kommission zur Reform des Bankensystems vor.

30.01. Daimler Der Autokonzern präsentiert am

Donnerstag die V-Klasse. Die Großraumlimousine

beerbt den Viano, ist aber luxuriöser ausgestattet.

31.01. Sicherheitspolitik Zur Münchner Sicherheitskonferenz,

die am Freitag beginnt, kommen 20

Staats- und Regierungschefs sowie 50 Minister.

VALENSINA

Teilverkauf

geplant

Valensina-Gesellschafter

Wilfried Mocken verhandelt

„mit mehreren reichen Familiengesellschaften“

über den Teilverkauf

des Saftherstellers. „Ich

will mit Valensina weiter wachsen,

vor allem in Benelux, Österreich

und der Schweiz. Doch

dieses Wachstum werden wir

allein nicht stemmen können“,

sagt Mocken. Derzeit diskutiere

er mit Interessenten die Strategie.

„Bis Mitte Februar soll der

Plan stehen“, sagt Mocken.

Er hält 85 Prozent am Unternehmen,

den Rest besitzt Sohn Tino.

Mocken ist auch Generalbevollmächtigter

von Underberg.

Berichte über den möglichen

Ausstieg der Familie hatten

Gläubiger der 65 Millionen Euro

schweren Anleihe in Angst

versetzt; der Kurs fiel vor einer

Woche zeitweise um mehr als

25 Prozentpunkte. „Wir wollen

möglichst die Mehrheit an

Valensina behalten“, bekräftigt

Mocken. Zunächst prüfe man,

wie viel Geld für die neuen Ziele

nötig sei. Davon hänge ab, wie

viele Anteile verkauft würden.

„Falls wir dennoch die Mehrheit

von Valensina verkaufen,

steht den Anleihegläubigern

das Recht auf Kündigung zu.“

annina.reimann@wiwo.de | Frankfurt

Offenbar hatte er die Konjunktur

vor allem im europäischen

Ausland falsch eingeschätzt

und dadurch allein bis

Oktober fast 400 Millionen Euro

weniger eingenommen als

erhofft, knapp 60 Prozent im

Ausland.

Für 2014 revidierte Hedderich

den erwarteten Gewinn

nach Zinsen und vor Steuern

nun auf fünf Millionen Euro.

Vor gut einem Jahr hatte er 224

Millionen Euro in Aussicht

gestellt.

reinhold.boehmer@wiwo.de

WOHLFAHRT

Plus-Marken

im Minus

Für diesen Mittwoch, 11 Uhr,

steht im Kalender von Wolfgang

Schäuble ein angenehmer

Termin. Dann überreicht

der Bundesfinanzminister die

neuen Wohlfahrtsmarken mit

dem Motiv „Hänsel und Gretel“

an Bundespräsident Joachim

Gauck. Entworfen wurden die

Marken von den Grafikern

Astrid Grahl und Lutz Menze.

Der Zuschlag geht an die Wohlfahrtsverbände,

bei der

60-Cent-Marke sind es 30 Cent.

Allerdings geht das Aufkommen

aus den Zuschlagsmarken

im E-Mail-Zeitalter zurück.

2012 erbrachten sie nur noch

11,2 Millionen Euro

– gegenüber 2004

ein Rückgang um

40 Prozent.

Immer seltener

gefragt Neue

Sondermarke

Den Großteil der Marken vertreiben

die Wohlfahrtsverbände

selbst und nicht die Post. Von

den zuletzt 24 Millionen Exemplaren

wurden knapp 20 Millionen

Stück über die Verbände

verkauft. 1949 wurden die ersten

Wohlfahrtsmarken herausgegeben.

Insgesamt wurden

mehr als vier Milliarden

Stück verkauft,

650 Millionen

Euro erbrachte der

Zuschlag.

christian.ramthun@wiwo.de |

Berlin

FOTOS: PR (2), DAPD/JOERG KOCH

12 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft

CHEFSESSEL

STARTUP

PIMCO/ALLIANZ

Andrew Balls, 40, ist der

neue Star bei der Allianz-

Fondstochter Pimco, die zuletzt

30 Prozent zum Gewinn

des Versicherungskonzerns

beitrug. Balls wurde zum

stellvertretenden Chief

Investment Officer (CIO) ernannt.

Als einer der mächtigsten

Fondsmanager der

Welt wird er für die Anlage

der zwei Billionen Dollar

mitverantwortlich sein, die

Pimco weltweit verwaltet.

Lange stand er im Schatten

seines älteren Bruders Ed

Balls, eines prominenten

Politikers der britischen

Labour-Partei.

Andrew Balls ist Kronprinz

von Pimco-Gründer Bill

Gross, der nach dem Rücktritt

von Mohamed El-Erian

erneut CIO wird. 2013 flossen

aus dem Pimco Total Return-Fonds

41,1 Milliarden

Dollar ab. Das von Balls verantwortete

Europageschäft

hatte Milliardenzuflüsse. Bevor

er 2006 als Volkswirt bei

MUSIKMARKT

Pimco einstieg, war er acht Jahre

bei der „Financial Times“

(FT). Auch sein Bruder arbeitete

viele Jahre für die Zeitung,

bevor er 1994 Berater des späteren

Labour-Finanzministers

Gordon Brown wurde.

Beide Brüder besuchten eine

Privatschule, studierten in Oxford

und gingen an die US-Eliteuni

Harvard. Ed unterrichtete

später dort, Andrew in Oxford.

Ex-FT-Chefredakteur Andrew

Gowers sagt: „Sie sind superclever.

Andrew ist bescheidener,

intellektueller, stärker an

den Märkten interessiert und

hat weniger spitze Ellbogen;

Ed ist politischer.“

Andrew ist Multimillionär:

2012 hatte er mit sechs Pimco-

Managern an einem Gehaltsund

Bonustopf von 57 Millionen

Pfund partizipiert. Ed

könnte Finanzminister werden,

sollte die Labour-Partei 2015

die Unterhauswahlen gewinnen.

Dann wird es schwierig:

Bereits 2010 hatte es geknirscht,

als Pimco britische Staatsanleihen

verkaufte und der Wirtschaftspolitik

der Labour-

Regierung schlechte Noten gab.

Gemeinsam ist den Brüdern

die Skepsis gegenüber der Euro-

Zone: Der Politiker hatte verhindert,

dass sich Großbritannien

dem Euro anschloss, der Fondsmanager

äußerte sich wiederholt

kritisch über Maßnahmen

der Europäischen Zentralbank.

yvonne.esterhazy@wiwo.de | London

75 Prozent

ihres Umsatzes erzielte die deutsche Musikbranche 2013 mit

dem Verkauf von CDs und Vinylplatten, nur 25 Prozent stammten

aus Einnahmen von Downloads und Musikstreaming. Insgesamt

setzte der deutsche Musikmarkt rund 1,45 Milliarden Euro um,

ein Prozent mehr als 2012 – der erste Zuwachs seit 15 Jahren.

SONORMED

Lieblingsmusik gegen Tinnitus

Im März wollen Adrian Nötzel, Matthias Lanz und Jörg Land

(von links) ihr Startup Sonormed auf der Kreativmesse SXSW im

texanischen Austin präsentieren. Die Hamburger Gründer haben

eine Software für Menschen entwickelt, die an der Krankheit Tinnitus

leiden und störende Ohrengeräusche hören. Die Idee: Die

Patienten sollen über Monate ihrer Lieblingsmusik lauschen. „Die

setzt positive Emotionen frei“, sagt Land. Mit Tinnitracks haben

Ingenieur Nötzel, Informatiker Lanz und Betriebswirt Land ein

Verfahren entwickelt, um zunächst die individuelle Tinnitus-Frequenz

jedes Patienten zu bestimmen und dann aus der Musik

herauszufiltern. Die Überaktivität der Tinnitus-Zellen wird so heruntergefahren,

das Gehirn gewöhnt sich um, der störende Ton

wird leiser. Einige 100 Kunden konnte Sonormed bereits

gewinnen, in diesem Jahr sollen es 1000 werden. 539 Euro kostet

die Jahreslizenz; Krankenkassen erstatten die Kosten eher nicht.

Die wissenschaftlichen Grundlagen wurden an der Universität

Münster entwickelt, eine größere Studie ist in Arbeit. Die Deutsche

Tinnitus-Liga, eine Selbsthilfeorganisation, gibt sich daher

noch zurückhaltend. In

Fakten zum Unternehmen

Gründung 2012

Kundenpotenzial Zahl der Tinnitus-Patienten

in Deutschland:

10 Millionen, davon mit hohem

Leidensdruck 1 bis 1,5 Millionen

Nutzer derzeit weniger als 1000

der Industrie stößt das

Konzept aber auf Interesse.

So kooperiert Sonormed

mit Sennheiser; das

Unternehmen bietet

Kopfhörer an, die mit der

Tinnitracks-Musik genau

abgestimmt sind.

juergen.salz@wiwo.de

FOTOS: PR (2), MAURITIUS IMAGES/ALAMY

14 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft | Chefbüro

Clemens Tönnies

Gesellschafter des Fleischkonzerns Tönnies

In der Branche nennen sie ihn

„Kotelett-Kaiser“ oder „Fleischbaron“,

die meisten Bundesbürger

kennen ihn jedoch aus der

Fußballbundesliga: Clemens

Tönnies, 57, leitet den Aufsichtsrat

von Schalke 04. Sein Geld

verdient er allerdings als Geschäftsführender

Gesellschafter

der Tönnies-Gruppe, des größten

deutschen Fleischkonzerns.

Jedes Jahr werden dort 16 Millionen

Schweine filetiert. Allein das

Stammwerk im nordrhein-westfälischen

Rheda-Wiedenbrück

kann wöchentlich 140000

Schweine verarbeiten. Auf dem

Monitor in seinem Büro kann

der gelernte Metzger und Kaufmann

die Produktion live verfolgen.

200 Artikel – von der

Schweinehälfte bis zum fertigen

Cordon bleu – liefert Tönnies

derzeit in 82 Länder.

Fünf Milliarden Euro

Umsatz erwirtschaftete

der Konzern 2012,

rund 8000 Beschäftigte

arbeiten für ihn.

Vom Büro in der

dritten Etage der

Konzernzentrale in

360 Grad

In unserer iPad-

Ausgabe finden

Sie an dieser

Stelle ein interaktives

360°-Bild

Rheda-Wiedenbrück blickt

Tönnies auf das Restaurant mit

Werksverkauf und das ebenfalls

firmeneigene Sportstadion, die

Tönnies Arena, die Fußballikone

Franz Beckenbauer im September

2002 höchstselbst einweihte.

Gegründet wurde das Familienunternehmen

1971 von Bernd

Tönnies, dem 1994 verstorbenen

Bruder von Clemens Tönnies.

Das Büro ist „funktionell und

sachlich“ eingerichtet,

wie er selbst sagt. Auf

seinem Schreibtisch

stehen ein Schalke-

Wimpel, die Fotografien

seiner Frau und

der beiden Kinder

Maximilian und Julia

sowie ein kleiner

Ständer mit der Fahne Russlands.

Dort hat sich Tönnies

jüngst besonders engagiert. Die

Wände des Arbeitszimmers

schmücken Karikaturen des

Freiburger Comic-Zeichners

Christoph Härringer und Stimmungsbilder

unbekannter

Künstler, die den russischen

Winter und ein Seeufer darstellen.

Es sind Geschenke vom Betriebsrat

und von Geschäftsfreunden.

Dazu zählt auch das

Samurai-Schwert, das auf dem

Sideboard neben der kleinen

Skulptur eines Kaffernbüffels

liegt. Die Skulptur ist ein

Urlaubsmitbringsel, sie verrät

Tönnies’ zweite Leidenschaft

neben dem Fußball – das Jagen.

ulrich.groothuis@wiwo.de

FOTO: DOMINIK PIETSCH FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

16 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

Sozialtourismus aus

deutschen Landen

STAATSFINANZEN | Die Reform der föderalen Finanzbeziehungen droht für Bundesfinanzminister

Wolfgang Schäuble teuer zu werden. Vor allem die Kommunen fordern

zusätzliches Geld. Aber auch die Länder wollen sich auf Kosten des Bundes sanieren.

Die Armen aus dem Ruhrgebiet

kamen in Mannschaftsstärke.

Zwei Dutzend Landräte, Bürgermeister

und Verbandsvertreter

waren am 13. Januar

nach Berlin gepilgert, um den SPD-Ministern

ihr Bettellied zu singen. Am Mittag

sprachen sie mit dem Bundeswirtschaftsminister

und SPD-Vorsitzenden Sigmar

Gabriel, den sie ehrerbietig „Vizekanzler“

nannten. Am Abend war Bundesarbeitsministerin

Andrea Nahles dran, am Morgen

danach Bundesumweltministerin Barbara

Hendricks. Sie erzählten von „erdrückenden

Schuldenlasten“, vom Wasser, das

ihnen bis zum Hals stünde, und wollten

nur eines: Geld. Für Zuwanderer, für

Infrastruktur, für Eingliederungshilfen

von Behinderten und natürlich auch für

Bildung. Viel Geld soll es sein. „Wir wollen

die Taube in der Hand“, machte das Dortmunder

Stadtoberhaupt Ullrich Sierau

(SPD) klar.

Föderaler Sozialtourismus hat in Berlin

derzeit Konjunktur. Denn die große Koalition

hat sich vorgenommen, die Finanzbeziehungen

in Deutschland neu zu gestalten.

„Bund, Länder, Kommunen und Sozialkassen

müssen finanziell so ausgestattet

sein, dass sie die ihnen übertragenen Aufgaben

erfüllen“, heißt es im Koalitionsvertrag.

In den kommenden Wochen sollen

die Verhandlungen beginnen. Schon jetzt

strecken viele ihre Finger aus. Bis 2017 haben

sich die Koalitionäre Zeit gegeben, die

große Umverteilung zu vollenden, spätestens

zwei Jahre danach wird sich dann um

den Solidaritätszuschlag gekloppt.

Es geht um viel Geld. Allein die Steuereinnahmen

dürften sich 2014 auf 640 Milliarden

Euro summieren. Bund, Länder und

Gemeinden teilen sich das Aufkommen

nach festen Quoten sowie nach horizontalen

und vertikalen Ausgleichsformeln. Das

klingt nicht nur kompliziert, das ist es auch.

Seit 1950 gibt es den Länderfinanzausgleich,

aus damals umgerechnet 130 Millionen

umverteilten Euro sind inzwischen

deutlich über acht Milliarden geworden.

Hinzu kommen mehr als sieben Milliarden

Die Bettelbrüder

aus dem Ruhrgebiet

wollen einen

neuen Ausgleich

an Umsatzsteuerausgleich. Nach jedem

Urteil des Bundesverfassungsgerichts wurde

der Mechanismus ein bisschen verändert.

Gerechter ist er nicht geworden, nur

immer ein bisschen unverständlicher. Seit

nach der Einheit auch noch die Aufbauhilfen

für die ostdeutschen Bundesländer

hinzukamen, kann kaum noch einer erklären,

warum das System so sein soll, wie es

ist. Wenn heute die Finanzminister von

Bund und Ländern verhandeln, reist stets

ein Tross von Mathematikern mit.

Allein das größte Geberland Bayern

muss mehr als sechs Milliarden Euro seiner

Steuerkraft abtreten, die Hauptstadt

Berlin erhält dagegen mehr als drei Milliarden.

Die beiden unionsgeführten Geberländer

Bayern und Hessen haben deshalb

Klage beim Bundesverfassungsgericht eingereicht,

wieder einmal. Die Aussichten

auf Erfolg sind mäßig. Doch so bleibt zumindest

der Reformdruck erhalten.

Die Bettelbrüder aus dem Ruhrgebiet

machen sich derweil für einen neuen Ausgleichsmechanismus

stark: einen bundesweiten

Kommunal-Soli. Mittels Bundesmitteln

und „einer Kommunalumlage –

reiche Städte helfen armen“, erklärte Duisburgs

Oberbürgermeister Sören Link, sollte

„das im Grundgesetz verankerte Gebot

gleicher Lebensverhältnisse und Chancen

in ganz Deutschland“ erreicht werden.

AUCH LÄNDERFÜRSTEN BEFALLEN

Jeder gegen jeden und alle gegen den

Bund, so lautet das neue Milliardenspiel,

das die Finanzminister und Kämmerer,

Ministerpräsidenten und Bürgermeister

zwischen Nordsee und Alpen in den

nächsten Jahren aufführen werden. Vielleicht

auch deshalb zog es Bundesfinanzminister

Wolfgang Schäuble (CDU) Mitte

Januar vor, sich lieber nicht mit den Oberbürgermeistern

und Landräten aus dem

Ruhrgebiet zu treffen. Viele Unterstützer

hat Schäuble nicht. Im Bundestag warnt

etwa der stellvertretende CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende

Ralph Brinkhaus: „Es

darf keine Unwucht zuungunsten des

Bundes geben.“

Der Haste-mal-’ne-Milliarde-Reflex hat

aber nicht nur Bürgermeister, sondern

auch Länderfürsten ergriffen. Der nordrhein-westfälische

Finanzminister Norbert

Walter-Borjans, der in diesem Jahr auch

die Konferenz der Länderfinanzminister

anführt, fordert im Interview mit der WirtschaftsWoche

„eine stärkere Beteiligung

»

18 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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Geldfluss nach Norden

Wie viel jeder Bürger im Länderfinanzausgleich

bezahlt oder erhält

(nach Bundesländern, in Euro)*

Hohe Belastung

Niedrige Belastung

Kaum Veränderung

Niedrige Entlastung

Hohe Entlastung

Steuerkraft je Einwohner (in Euro)

vor und nach dem Ausgleich

Saldo

Rheinland-Pfalz

1548/1555

+7

Saarland

1243/1554

+311

Bremen**

1442/1536

+94

Nordrhein-Westfalen

1578/1559

-19

Hamburg**

2384/1563

-821

Hessen

1845/1634

-211

Baden-Württemberg

1916/1640

-276

Schleswig-Holstein

1434/1557

+123

Niedersachsen

1397/1559

+162

Thüringen

816/1546

+730

Mecklenburg-Vorpommern

817/1544

+727

Sachsen-Anhalt

825/1546

+721

Bayern

1970/1653

-317

Berlin**

1358/1529

+171

Sachsen

803/1546

+743

Brandenburg

986/1548

+562

* Angaben für 2012.

Ohne Sonder-Bundesergänzungszuweisungen;

Quelle: Bundesfinanzministerium,

eigene Berechnungen

** die Zahlen für die Stadtstaaten

Berlin, Hamburg und Bremen sind

noch nicht um die Einwohnerveredelung

korrigiert. Danach

stehen sie deutlich

besser da

KraftloseKommunen

Verteilung der gemeinsamen Steuern (in Prozent), Aufkommen (in Milliarden Euro*)

Bund

Länder

Kommunen

Körperschaftsteuer Lohnsteuer Umsatzsteuer Abgeltungsteuer

50

20,7

Mrd.

50

42,5

166,1

Mrd.

42,5

53,2

204,5

Mrd.

44,8

44

8,7

Mrd.

44

* Schätzung 2014; Quelle: Bundesfinanzministerium, Arbeitskreis Steuerschätzung

15

2

12

WirtschaftsWoche 27.1.2014 Nr. 5 19

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Politik&Weltwirtschaft

»

des Bundes“. Begründung: Der Bund sei

„Verursacher von Lasten, die die Länder

und Kommunen tragen müssen“ (siehe Interview

Seite 22).

So verweisen die Landespolitiker darauf,

dass die (alte schwarz-gelbe) Bundesregierung

für den europäischen Fiskalpakt mitverantwortlich

sei. Dieser beinhalte eine

Schuldenbremse, die die öffentliche Hand

in allen EU-Staaten zu einem weitgehenden

Verzicht auf neue Defizite zwinge, also

auch die Bundesländer. Doch anstatt das

Schuldenverbot durch striktes Sparen einzuhalten,

wollen die Länder den Bund anzapfen.

Schon im vorigen Jahr pressten sie

Bundesfinanzminister Schäuble für ihre

Zustimmung zum Fiskalpakt rund 13 Milliarden

Euro ab – für den kommunalen Straßenbau,

Hochschulen und Kindertagesstätten.

Alles originäre Länderaufgaben.

Die neue Legislaturperiode hat nicht anders

begonnen. Im Koalitionsvertrag stehen

bereits Leistungen im Umfang von

mehr als 13 Milliarden Euro, die der Bund

künftig für Länder und Gemeinden zahlen

will. Und zwar „prioritär“, also auf jeden

Fall und nicht nach Schäubles Kassenlage.

Einen ersten Aufschlag machte Bundesumweltministerin

Barbara Hendricks

(SPD), die in der neuen Bundesregierung

auch für den Wohnungsbau zuständig ist.

Sie verkündete Anfang Januar eine Aufstockung

der Mittel für die Städtebauförderung

von 455 auf 700 Millionen Euro, um

Stadtteil- oder Familienzentren zu bezahlen.

Für Montag dieser Woche lud Hendricks

Vertreter von Ländern und Kommunen

ein, um zugunsten einer besseren Integration

von Ausländern „herauszufinden,

welche konkreten Unterstützungsmöglichkeiten

seitens des Bundesbauministeriums

sinnvoll und erforderlich sind“.

NEUE TEILUNG

Noch mehr brennen den Kommunen die

Eingliederungshilfen für Behinderte unter

den Nägeln. Allein der Kreis Unna müsse

für diesen Posten 93 Millionen Euro aufbringen

– bei einem Gesamtetat von 380

Millionen, sagt der dortige Landrat Michael

Makiolla. Zu der „am stärksten wachsende

Sozialleistung“, die sich bundesweit auf

14 Milliarden Euro summiert, will die Bundesregierung

bald fünf Milliarden Euro

beisteuern.

Hinzu kommt die vielfach marode Infrastruktur.

„Wir haben viele Brücken, die gar

nicht mehr für den Schwerlastverkehr geeignet

sind“, klagt der Hagener Oberbürgermeister

Jörg Dehm. Auch dafür hat die

Milliarden fürdie Gleichheit

Zahlungsströme im föderalen Finanzausgleich (in Milliarden Euro)*

Bayern

Baden-Württemberg

Hessen

Nordrhein-Westfalen

Hamburg

Rheinland-Pfalz

Schleswig-Holstein

Saarland

Niedersachsen

Bremen

Mecklenburg-Vorp.

Brandenburg

Thüringen

Sachsen-Anhalt

Sachsen

Berlin

Finanzausgleich

im engeren Sinne

-4,32

-2,43

-1,71

0,69

0,09

0,24

0,17

0,14

0,11

0,59

0,46

0,52

0,55

0,56

1,00

3,34

Umsatzsteuerausgleich

-1,79

-1,51

-0,86

-2,37

-0,25

-0,33

-0,15

0,17

0,32

0,03

0,92

0,96

1,27

1,30

2,35

-0,07

Bundesergänzungszuweisungen

0

0

0

0,34

0,04

0,13

0,09

0,07

0

0,19

0,18

0,22

0,22

0,23

0,41

1,06

* ohne Sonder-Bundesergänzungszuweisungen (Soli); gerundet; Quelle: Finanzministerium NRW

Sozialtouristen

Ruhr-Bürgermeister

bei Vizekanzler Gabriel

0,04

0,11

0,38

0,43

0,81

1,56

1,70

2,04

2,09

3,76

4,33

Saldo

-6,11

-3,94

-2,57

-1,34

-0,12

große Koalition Geld vorgesehen. Fünf Milliarden

Euro will sie zusätzlich in dieser Legislaturperiode

„für die dringend notwendigen

Investitionen mobilisieren“.

Eine Finanzspritze hier, eine andere dort

– das grundsätzliche Dilemma ist damit

noch lange nicht gelöst. Denn bei näherem

Hinsehen zeigt sich, dass die Finanzkraft

von Ländern wie von Kommungen höchst

unterschiedlich verteilt ist. Arm und Reich

liegen oft nah beieinander – und die Problemregionen

längst nicht mehr nur im

Osten. Die föderale Neuordnung von Aufgaben

und Ausgaben ist überfällig, und

zwar „unabhängig von der Himmelsrichtung“,

wie auch Gabriel gern betont. Es

kommt hinzu: Die segensreiche Wirkung

des Länderfinanzausgleichs und des Solidaritätszuschlages,

der selbst 23 Jahre nach

der Deutschen Einheit nicht totzukriegen

ist, ist seit Langem hoch umstritten. Stellenweise

scheinen sich die gut gemeinten

Umverteilungseffekte in ihr Gegenteil umzukehren

und führen zu einer neuen Teilung

Deutschlands.

Diesen Eindruck kann man im Werratal

bekommen. Hier grenzen mit Hessen und

Thüringen zwei Länder aneinander, die auf

unterschiedlichen Seiten der Umverteilungsmaschine

sitzen. Während Hessen eines

von nur noch drei Ländern ist, das im

engeren Länderfinanzausgleich zu den

Gebern gehört, erhielt Thüringen allein im

vergangenen Jahr rund 770 Millionen Euro

aus dem Umverteilungstopf.

Direkt an der Grenze liegen die Orte Sooden-Allendorf

(Hessen) und Heiligenstadt

(Thüringen). Beides Kurorte, jede der beiden

städtischen Thermen kostet die Orte

im Jahr gut 400 000 Euro. Doch damit enden

auch schon die Gemeinsamkeiten.

Denn während die Verwaltung in der

20 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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FOTO: RVR/HANS CHRISTIAN PLAMBECK

8000-Einwohner-Stadt Bad Sooden-Allendorf

allein im vergangenen Jahr gut drei

Millionen Euro Schulden machen musste,

ist der Haushalt im doppelt so großen Heiligenstadt

ausgeglichen. Insgesamt hat das

Städtchen auf der hessischen Seite mehr

als 40 Millionen Euro Schulden angehäuft.

Diesen Unterschied spüren die Bürger,

vor allem auf der hessischen Seite. Da die

Stadt völlig überschuldet ist, beantragte sie

im vergangenen Jahr die Aufnahme in den

Rettungsfonds des Landes, den „Kommunalen

Schutzschirm“. Seitdem bekommt

die Stadt zusätzliche Landesmittel, muss

im Gegenzug aber Sparauflagen erfüllen.

Die Personalausgaben sollen bis 2018 um

eine Million Euro pro Jahr sinken, nachts

gehen die Lichter der Straßenbeleuchtung

aus. Die Kita-Gebühren steigen auf 190 Euro

pro Monat, das bringt der Stadt 250 000

Euro im Jahr. Als erste Gemeinde in

Deutschland führte der Ort eine Pferdesteuer

ein. In Heiligenstadt hingegen wurde

gerade erst eine Kita-Gebühr eingeführt,

mit 115 Euro ist sie um 40 Prozent

günstiger als im Nachbarort. Das Beispiel

zeigt, wie verworren die Lage inzwischen

ist – und auch wie berechtigt der Ruf nach

einer Neuordnung der föderalen und kommunalen

Finanzbeziehungen ist.

Das Land Hessen ist längst nicht allein

mit der Strategie, seine Kommunen finanziell

zu stützen. In Nordrhein-Westfalen,

wo die meisten Schuldenhochburgen stehen,

nennt sich das Modell „Stärkungspakt

Stadtfinanzen“ und funktioniert nach einem

ähnlichen Muster. Besonders verschuldete

Städte können vom Land zusätzliches

Geld erhalten, wenn sie sich auf einen

strikten Sparkurs verpflichten. Das Eifelstädtchen

Nideggen wurde im vergangenen

Jahr sogar von einem Vertreter der Bezirksregierung

zwangsverwaltet, da sich

der Stadtrat weigerte, die Sparvorgaben

des Landes umzusetzen.

GEMEINDEN IM PLUS

Doch selbst so drastische Maßnahmen wie

diese reichen oft nicht aus, die Schieflagen

der Städte in den Griff zu bekommen. Deshalb

erfand NRW-Innenminister Ralf Jäger

(SPD) im vergangenen Jahr ein neues

Zwangsinstrument: den Kommunal-Soli.

Seit Anfang dieses Jahres müssen prosperierende

Städte ebenso wie das Land in einen

kommunalen „Stärkungspakt“ einzahlen.

Insgesamt 91 Millionen Euro werden so in

Nordrhein-Westfalen von wohlhabenderen

zu verschuldeten Städten umgeleitet. Dagegen

laufen die zahlenden Städte Sturm.

„Ungerecht, undurchdacht und unverantwortlich“

lautet das Verdikt von André

Kuper, der im Düsseldorfer Landtag kommunalpolitischer

Sprecher der CDU-Fraktion

ist. Sein Heimatkreis Gütersloh muss

mit rund elf Millionen Euro für die armen

Brüder und Schwestern an Ruhr und Wupper

blechen. Die 59 Kommunen, die den

NRW-Soli stemmten, hätten zumeist selber

unausgeglichene Haushalte und stünden

mit 2,3 Milliarden Euro in der Kreide, kritisiert

Kuper: „Diese Städte werden mit dem

Soli auch noch unter Wasser gezogen.“ Der

CDU-Politiker sieht den Bund, aber zusätzlich

auch die Landesregierung in Düsseldorf

in der Pflicht. Das Land NRW habe

den Gemeinden viel mehr Aufgaben über-

Teure Altlasten

Geschätzte Ausgaben für Zinsen und

Beamtenversorgung im Jahr 2020

(Anteil am Gesamthaushalt in Prozent)

Sachsen 7,1

Mecklenburg-Vorp. 11,9

Brandenburg 12,6

Thüringen 13,3

Bayern 14,5

Sachsen-Anhalt 15,7

Baden-Württemberg 17,6

Hamburg 18,9

Niedersachsen 19,8

Berlin 19,9

Nordrhein-Westfalen 21,6

Hessen 21,7

Schleswig-Holstein 22,2

Rheinland-Pfalz 23,1

Bremen 29,7

Saarland 31,9

Quelle: Finanzministerium Rheinland-Pfalz

tragen als beispielsweise Bayern, so Kuper,

während es bei den Zuweisungen von Landesmitteln

genau umgekehrt sei. Entsprechend

wären die Kommunen in NRW mit

1299 Euro je Einwohner an Kassenkrediten

verschuldet, so Kuper, in Bayern dagegen

nur mit 31 Euro.

„Der Deutsche Städtetag beobachtet mit

Sorge eine sich immer weiter öffnende

Schere zwischen Städten in großer finanzieller

Not und wohlhabenden Städten“,

warnt dessen Hauptgeschäftsführer Stephan

Articus: „Wenn wir das Prinzip der

Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in

Deutschland ernst nehmen, ist das nicht

hinzunehmen.“

Ein bundesweiter Kommunal-Soli läge

da auf der Hand, zumal es den Gemeinden

insgesamt gar nicht so schlecht geht. Im

Gegenteil, zusammengenommen erzielten

sie 2013 nach Angaben des Städtetages einen

Überschuss von vier Milliarden Euro.

Der Bund dagegen musste sich mit 22 Milliarden

Euro neu verschulden. Was spräche

also dagegen, zwischen schwachen

und starken Kommunen umzuverteilen?

Wohl die Macht der starken Städte. Der

Städtetag jedenfalls möchte dieses heiße

Eisen nicht anpacken. Stattdessen sollen

die Länder und vor allem der Bund einspringen

– „nach dem Konnexitätsprinzip

– wer bestellt, bezahlt“, so Articus.

Das Konnexitätsprinzip ließe sich auf

viele Bereiche übertragen. Die Armutszuwanderung

beispielsweise „ist nicht von

den Kommunen zu verantworten“, sagt der

Hagener Oberbürgermeister Dehm und

fordert „schnelle und pragmatische Hilfe

vom Bund“. Oder der demografische Wandel

mit entsprechenden Kosten für eine altersgerechte

Teilhabe der Bürger. Oder die

Zunahme von Behinderten. „Das sind gesamtgesellschaftliche

Aufgaben“, sagt

Landrat Makiolla aus Unna.

Der für Kommunales zuständigen FDP-

Vize-Bundesvorsitzenden Marie-Agnes

Strack-Zimmermann schwebt ein „Grundeinkommen“

für Städte vor. Diese sollten

zweckgebunden so viel Geld bekommen,

dass sie Schulen und Nahverkehr finanzieren

können. „Das sind aus meiner Sicht

kommunale Grundrechte.“ Sie stellt sich

zugleich gegen mehr Umverteilung. „Viele

Kommunen sind selbst schuld an ihrer

schlechten Lage“, so Strack-Zimmermann.

„Die dürfen wir nicht aus der Pflicht entlassen,

selbst zu sparen.“

Für jede Position und Forderung scheinen

sich gute Argumente zu finden. Das

macht die Mission zur Neuordnung der

Finanzbeziehungen so schwierig. „Das

Gewirr zu entflechten und neu zu sortieren

ist hoch kompliziert“, weiß der Dortmunder

Taube-in-der-Hand-Bürgermeister

Sierau und fügt hinzu: „Davor haben

viele Angst.“

Vielleicht auch Sierau selbst. Die Entflechtung

könnte zeigen, wer wirklich

arm ist – und wer sich nur arm rechnet.

Denn über eines sprach der Betteltrupp

in Berlin nur ungern: Die Ruhrgebietskommunen

sind von RWE bis Steag noch

an diversen Unternehmen beteiligt. Die

werfen längst keine tollen Renditen mehr

ab, könnten aber bei einem Verkauf der

Schuldentilgung und der Vermeidung

millionenschwerer Schuldzinszahlungen

dienen.

n

christian.ramthun@wiwo.de | Berlin, konrad fischer

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WirtschaftsWoche 27.1.2014 Nr. 5 21

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Politik&Weltwirtschaft

INTERVIEW Norbert Walter-Borjans

»Bitte nicht Karlsruhe«

Der NRW-Finanzminister hält Steuererhöhungen für unvermeidbar,

fordert Hilfen fürs Ruhrgebiet und eine Reform des Finanzausgleichs.

Herr Minister, wie würden Sie Ihr

Verhältnis zu Bundesfinanzminister

Wolfgang Schäuble beschreiben?

Sehr kollegial, in gegenseitigem Respekt,

auch da, wo wir unterschiedlicher Meinung

sind.

Obwohl Sie ihm das Steuerabkommen

mit der Schweiz und den Abbau bei der

kalten Progression zerschossen haben?

Wir wollen ja nicht gemeinsam die Ferien

verbringen. Sondern wir ringen gemeinsam

um etwas, was für alle gut sein

soll. Im Übrigen ist unsere Zusammenarbeit

belastbar, seit wir gemeinsam die

WestLB-Krise bewältigt haben.

Wissen Sie schon, wie Sie Schäuble in

den nächsten Jahren quälen können?

Es geht mir nicht ums Quälen, sondern

darum, mit offenem Visier die Interessen

von Ländern und Kommunen zu vertreten.

Es gibt ein paar Dinge, da ist der

Bund Verursacher von Lasten, die die

Länder und Kommunen tragen müssen.

Da stelle ich mir eine stärkere Beteiligung

des Bundes vor. Ich denke an Kosten der

sozialen Fürsorge, vor allem an die Eingliederungshilfen

für Behinderte...

...wo der Bund ab 2017 fünf Milliarden

Euro jährlich übernehmen will...

...dazu brauchen wir bis dahin ein Bundesgesetz.

Das muss dann aber auch die

DER GELDEINTREIBER

Walter-Borjans, 61, ist

seit 2010 Finanzminister

in NRW. Der Volkswirt leitet

2014 die Konferenz

der Landesfinanzminister.

Dynamik der zukünftigen Entwicklung

berücksichtigen.

Kommen Bund, Länder und Kommunen

in den nächsten Jahren ohne Steuererhöhungen

aus?

Grundlage des Koalitionsvertrags in Berlin

war die Aussage des Bundesfinanzministers,

dass er die Dinge, die wir fest verabredet

haben, für ausreichend finanziert hält.

Zweifeln Sie etwa daran?

Schon unter den günstigen Bedingungen

einer Normalkonjunktur halte ich das für

schwierig. Wenn es zu einem wirtschaftlichen

Abschwung käme, wird es noch

schwieriger. Das haben wir aber immer gesagt.

Anders als CDU und CSU. Die haben

sich in diesem Punkt durchgesetzt und

sind in der Bringschuld. Wenn wir als Wirtschaftsnation

in der Champions League

weiter vorne mitspielen und mehr für die

Bürger hierzulande tun wollen, dann ist

die Finanzdecke für Bund, Länder und Gemeinden

dafür nach meiner Überzeugung

zu klein. Da bringt es auch nichts, wenn

wir Länder die Decke mehr zu uns rüberziehen.

Die fehlt dann anderswo. Die

Schuldenbremse gilt am Ende aber nicht

für einzelne Länder, sondern für den Bund

und alle Länder.

Wie wollen Sie die Decke denn

vergrößern?

Auch unter dem Aspekt einer gerechten

Lastenverteilung hielte ich es nach wie vor

für richtig, die Spitzenverdiener stärker heranzuziehen.

Die Frage stellt sich jetzt aber

nicht. Die stellt sich, wenn klar wird, was

man alles nicht vom Staat erwarten darf,

wenn es dafür keine Finanzierung gibt.

Schäuble sagt, dass der Bund beim

Haushaltsdefizit in der schwächsten

Position sei. Müssen die Länder

zugunsten des Bundes Verzicht üben?

Mal sind wir die Sündenböcke, dann wieder

die, denen es so blendend geht, dass

wir noch mehr abgeben sollen. Für die

Länderhaushalte gibt es keinen Spielraum,

die vom Bund beschlossenen Lasten

zu finanzieren. Das gilt besonders mit

Blick auf die Kommunen. Und da sieht es

gerade im Ruhrgebiet alarmierend

schlecht aus. Deshalb brauchen wir dringend

eine nationale Anstrengung zur

Bewältigung des notwendigen Strukturwandels

in allen Regionen mit entsprechendem

Bedarf. Das darf keine Frage der

Himmelsrichtung sein.

Wollen Sie einen Ruhrpott-Soli?

Fakt ist, dass der Soli zu großen Teilen gar

nicht mehr in den Aufbau Ost fließt, sondern

zu zwei Dritteln der Sanierung des

Bundeshaushaltes dient. Für den Umbau

des Ruhrgebietes, aber auch anderer Regionen

im Westen gab es keinen Soli. Deshalb

drückt dort auch ein besonders hoher

Altschuldenstand. Deshalb finde ich die

Idee des Hamburger Bürgermeisters Olaf

Scholz richtig, die frei werdenden Mittel

aus der solidarischen Aufgabe für den Umbau

der neuen Länder für die Abmilderung

der Altlasten im Westen einzusetzen.

In NRW haben Sie auch einen Kommunalsoli

eingeführt. Sehen Sie das als Blaupause

für ganz Deutschland?

Das lässt sich jetzt konkret noch nicht sagen.

Was ich aber abschätzen kann, ist:

Wenn die großen Städte im Ruhrgebiet mit

ihren Strukturproblemen rund die Hälfte

der Kassenkredite bundesweit haben, es

insgesamt aber ein Plus bei den Gemeinden

gibt, dann gibt es eine ziemlich große

Divergenz bei der Finanzausstattung. Das

spricht schon für einen flächendeckenden

Ausgleichsmechanismus zwischen reichen

und armen Kommunen. Das Thema

gehört mit in die Diskussion über die künftigen

Finanzbeziehungen zwischen Bund,

Ländern und Gemeinden.

Können die schwachen Kommunen nicht

selbst den Strukturwandel beschleuni-

FOTO: LAIF/RUDOLF WICHERT

22 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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gen, indem sie etwa die Hebesätze

bei der Gewerbesteuer senken und so

Unternehmen anziehen?

Das würde überhaupt nicht gut gehen.

Schon jetzt sehe ich einen ruinösen

Wettbewerb. Nehmen Sie mal die Stadt

Monheim in Nordrhein-Westfalen, die

ihren Hebesatz dramatisch gesenkt hat

und quasi eine Steueroase ist. Wenn wir

alle so wären wie Monheim, wären wir

pleite und Monheim auch. Das ist vergleichbar

mit der Schweiz. Wenn alle

Länder so handeln würden wie die

Schweiz, wären wir pleite und die

Schweiz auch.

Beim Länderfinanzausgleich klagen

Bayern und Hessen vor dem Bundesver-

»Der Soli dient

zu zwei Dritteln

der Sanierung des

Bundeshaushalts«

fassungsgericht. Sperren Sie sich gegen

eine Reform?

Ich halte den Länderfinanzausgleich

auch für korrekturbedürftig, aber doch

bitte nicht über Karlsruhe!

Sondern?

Es muss Schluss sein mit dem Splitten in

einen Umsatzsteuerausgleich mit einem

Volumen von 7,5 Milliarden Euro, den

Nordrhein-Westfalen zu einem Drittel finanziert,

und einen Finanzausgleich, der

sich daran anschließt, mit 8,5 Milliarden

Euro. Wenn man die beiden Stufen zusammen

nimmt, werden 16 Milliarden

Euro umverteilt. Das sind rund fünf Prozent

der Steuereinnahmen von Ländern

und Gemeinden. Daran ist NRW Jahr für

Jahr mit 1,7 bis 2,0 Milliarden Euro beteiligt

– als Geber! Trotzdem müssen wir

uns immer wieder vorwerfen lassen, anderen

auf der Tasche zu liegen, nur weil

eine Hälfte des Ausgleichsmechanismus

ausgeblendet wird. Ohne diese Abflüsse

stünde NRW blendend da, und wir könnten

die kommunalen Struktur- und Sozialprobleme

aus eigener Kraft bewältigen.

Die gegenwärtige Regelung läuft aber so

oder so 2019 aus. Da heißt es: Die Zeit

nutzen und verhandeln, statt Fronten

aufbauen und auf Urteile zu warten. n

christian.ramthun@wiwo.de | Berlin, konrad fischer

WirtschaftsWoche 27.1.2014 Nr. 5 23

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Politik&Weltwirtschaft

Riskanter Kurs

TARIFPOLITIK | Mithilfe des gesetzlichen Mindestlohns wollen die

Gewerkschaften bislang tariffreie Zonen für sich erschließen. Doch

der Preis ist hoch: Der Staat wird zu einem immer mächtigeren

Akteur in der Tarifpolitik.

Keine Frage: Ein Tempo wie Andrea

Nahles legt derzeit kein anderes Kabinettsmitglied

der großen Koalition

an den Tag. Nachdem die Bundesarbeitsministerin

in Rekordzeit ihren Gesetzentwurf

für die Rente mit 63 vorgelegt hat (siehe

Seite 6), will die SPD-Politikerin bis zur

Sommerpause auch das zweite Prestigeprojekt

ihrer Partei in Gesetzesform gießen:

den gesetzlichen Mindestlohn von

8,50 Euro. Wie bei den Rentenplänen warnen

Experten zwar auch hier vor massiven

Kollateralschäden. Dafür aber gibt es lauten

Beifall von einer wichtigen Klientel –

den Gewerkschaften.

„Der Mindestlohn schützt vor einer Unterhöhlung

der Tarifstruktur und stabilisiert

das gesamte Tarifsystem in Deutschland“,

lobt etwa der Verdi-Vorsitzende Frank

Bsirske. Michael Sommer, Chef des Deutschen

Gewerkschaftsbundes (DGB), konstatiert:

„Der Mindestlohn ist der erste

Schritt zu einer neuen und gerechteren

Ordnung der Arbeit.“ Die Arbeitnehmerver-

Hier bin ich!

Angela Merkel auf dem

Gewerkschaftskongress

der IG Metall

treter hoffen, mithilfe des Mindestlohns

den Niedriglohnsektor auszutrocknen und

in gewerkschaftsfernen Bereichen mit niedriger

Tarifbindung einen Fuß in die Tür zu

bekommen, etwa im Dienstleistungssektor.

Doch nicht wenige Ökonomen und Arbeitsrechtler

halten diese Strategie für riskant.

Die Tarifautonomie in Deutschland

gilt alles in allem als Erfolgsmodell. Dass

sich die Politik bei der Lohnfindung heraushält

und diese den Betroffenen in den

einzelnen Branchen überlässt, galt in den

vergangenen Jahrzehnten als Pluspunkt

der deutschen Wirtschaftsordnung.

„Der gesetzliche Mindestlohn dürfte für

die Gewerkschaften zu einem organisationspolitischen

Eigentor werden“, sagt Thomas

Lobinger, Professor für Arbeitsrecht an

der Universität Heidelberg. „Im Lohnbereich

um die 8,50 Euro gibt es für die Beschäftigten

dann erst recht keinen Anreiz

mehr, in die Gewerkschaft einzutreten. Es

wird sich bei Geringverdienern das Bewusstsein

durchsetzen: Der Staat kümmert

sich um uns.“ Nicht von ungefähr sind in

Industriestaaten mit besonders hohen

Mindestlöhnen die Gewerkschaften häufig

besonders mitgliederschwach. In Frankreich

etwa mit seinem Garantielohn von

9,53 Euro sind nur rund zehn Prozent der

Arbeitnehmer in einer Gewerkschaft.

Untere Grenze

Bisherige Branchenmindestlöhne in Deutschland*

(in Euro)

Sicherheitsdienstleistungen

Leiharbeiter

Gebäudereinigung

Pflegebranche

Abfallwirtschaft

Elektrohandwerk

Maler- und Lackierer

Baugewerbe

Dachdecker

Aus- und Weiterbildung

Bruttostundenlöhne

niedrigster

höchster

7,50 8,90

7,86 8,50

7,96 12,33

8,00 9,00

8,68

9,10 10,00

9,90 12,15

10,50 13,95

11,55

11,65 13,00

* Auswahl; Abweichungen nach Region und Qualifikation; Quelle: Bundesarbeitsministerium, WSI

Zahl der Beschäftigten

in dieser Branche

170000

908000

920000

800000

175000

296000

120000

560000

71 900

30 000

SORGE UM DIE TARIFAUTONOMIE

Gewerkschafter der alten Garde wie Jörg

Barczynski sind denn auch fassungslos. Der

heute 73-Jährige war 25 Jahre Sprecher der

IG Metall, er diente unter vier Vorsitzenden

und galt als einer, der den Gewerkschaftsbossen

schon mal sagte, wo es langgeht.

Mittlerweile aber versteht er seine Gewerkschaft

nicht mehr: „Ich weiß nicht, was die

derzeitige IG-Metall-Führung umtreibt.

Dass die Gewerkschaften den gesetzlichen

Mindestlohn unterstützen, halte ich für organisationspolitischen

Wahnsinn.“

Aber auch viele Unternehmer machen

sich wegen des lohnpolitischen Vormarsches

der Politik Sorgen: 72 Prozent der Arbeitgeber

glauben, ein gesetzlicher Mindestlohn

beschädige die Tarifautonomie in

Deutschland. Das hat eine Umfrage der

Wirtschaftsverbände Die Familienunternehmer-ASU

und Die Jungen Unternehmer-BJU

exklusiv für die WirtschaftsWoche

ergeben (siehe Grafik Seite 25). „Die Folgen

von künstlichen Lohnuntergrenzen,

die in keiner Weise marktgerecht sind, können

für einzelne Unternehmer verheerend

sein“, warnt Lutz Goebel, Präsident der Familienunternehmer.

24 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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FOTO: LAIF/REA/ERIC TSCHAEN

Zwar soll die Höhe des Mindestlohns

künftig von einer Kommission festgelegt

werden, in der je drei Vertreter von Gewerkschaften

und Arbeitgebern sitzen.

„Doch das ist eine Mogelpackung“, warnt

Arbeitsrechtler Thomas Lobinger. Es werde

vordergründig so getan, als setzten die Tarifparteien

den Mindestlohn fest. In Wahrheit

sei die Kommission „eine parastaatliche

Veranstaltung“. Lobinger: „Wenn

sich Gewerkschaften und Arbeitgeber

nicht einigen, muss der Staat eine Zwangsschlichtung

anordnen. Und dann schlägt

wieder die Stunde der Geißlers und Biedenkopfs.“

Ohnehin kann die Kommission

keine Beschlüsse mit Gesetzeskraft fassen.

Jede Erhöhung des Mindestlohns wird daher

künftig per Rechtsverordnung durchgesetzt.

Mithin durch einen politischen Akt

der Bundesregierung – und wahrscheinlich

besonders gern in Wahlkampfzeiten.

Hinzu kommt: Ist der Mindestlohn einmal

eingeführt, besteht die Gefahr, dass er

für viele Tarifbereiche zur Referenzgröße

wird. „Dann steht in Tarifverträgen plötzlich

zum Beispiel der Satz: Die Arbeitnehmer

erhalten 103, 107 oder 185 Prozent des

geltenden gesetzlichen Mindestlohns“,

prophezeit Metaller Barczynski. „Auf diese

Weise erhält der Staat eine lohnpolitische

Schlüsselposition, die ihm in einem Land

mit Tarifautonomie nicht zusteht.“

RUFE NACH DEM STAAT

Dass die Tarifautonomie zu zerbröseln

droht, liegt indes nicht nur am Mindestlohn.

Wenn es Probleme gibt, rufen die Tarifparteien

immer häufiger nach dem Staat,

und der lässt sich nicht lange bitten. „Die

aktuelle Politik trägt dazu bei, die Rolle des

Staates in der Arbeitsmarkt- und Tarifpolitik

über Gebühr auszubauen und die Tarifautonomie

schleichend zu unterhöhlen“,

warnt Christoph Schmidt, der Vorsitzende

Die Warnung der Unternehmer

GlaubenSie, dass eingesetzlicher

Mindestlohndie Tarifautonomie in

Deutschlandbeschädigt?

Nein

...die Zahl der

28

Ausbildungsplätze

konstant halten 30

Ja

Wiewürden Sieauf einenMindestlohnfür

Auszubildende reagieren?Von den Familienunternehmern,

dieausbilden, würden...

% %

72

Quelle:ASU/BJU-Umfrage beirund520 Mitgliedsbetrieben, Januar2014

der Wirtschaftsweisen und Präsident des

Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung

(siehe Interview Seite 26).

n Um renitente Klein- und Spartengewerkschaften

auszubremsen, soll die große Koalition

auf Drängen des DGB und der Bundesvereinigung

der Deutschen Arbeitgeberverbände

(BDA) die sogenannte Tarifeinheit

im Betrieb wieder herstellen. Das

Prinzip, wonach in einem Betrieb nur eine

Gewerkschaft Tarifverträge abschließen

darf, hatte das Bundesarbeitsgericht 2010

gekippt. Die Richter erkannten darin einen

Verstoß gegen die Koalitionsfreiheit des

Grundgesetzes. Nun aber sieht der Koalitionsvertrag

von Union und SPD die Wiedereinführung

der Tarifeinheit vor – um „den

Koalitions- und Tarifpluralismus in geordnete

Bahnen zu lenken.“

n Von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet,

bereitet die große Koalition zudem

eine drastische Ausweitung der sogenannten

Allgemeinverbindlichkeitserklärung

(AVE) von Tarifverträgen vor. Dabei

schreibt das Bundesarbeitsministerium einen

Tarifvertrag auch all jenen Unternehmen

vor, die nicht Mitglied im Arbeitgeberverband

sind. 2013 war dies bei 239 Verträgen

der Fall. Bislang war die AVE allerdings

nur erlaubt, wenn mindestens 50 Prozent

der jeweiligen Branchenbeschäftigten bei

einem tarifgebundenen Unternehmen arbeiten.

Diese Grenze wollen Union und

SPD abschaffen, ausreichend ist künftig

„das Vorliegen eines besonderen öffentlichen

Interesses“. Das finden auch Arbeitgeberverbände

wie der Hauptverband der

Deutschen Bauindustrie gut. „Die Tragweite

dieser Reform wird noch völlig unterschätzt.

Der Staat erhält dadurch noch

mehr lohnpolitische Kompetenzen“, warnt

Ökonom Schmidt.

n Immer mehr Landesregierungen beschließen

auf Wunsch der Gewerkschaften

70

...weniger

ausbilden

auch sogenannte Tariftreue-Regeln. Danach

dürfen nur noch solche Betriebe

Staatsaufträge erhalten, die bestimmte Tarifstandards

einhalten. Die große Koalition

prüft ein solches Tariftreuegesetz nun auch

auf Bundesebene. „Die Tarifbindung erodiert

seit Jahren, das müssen Gewerkschaften

und Politik gemeinsam ändern“, sagt

Verdi-Boss Bsirske.

ANWALT DER BENACHTEILIGTEN

Die Interessenlage bei den Gewerkschaften

ist allerdings speziell beim Mindestlohn

nicht so einheitlich, wie es die offiziellen

Statements vermuten lassen. Die treibenden

Kräfte sind die von Niedriglöhnen

am meisten betroffenen Gewerkschaften

Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) und

Verdi. NGG-Chefin Michaela Rosenberger

gibt freimütig zu, dass der Mindestlohn im

Niedriglohnbereich Jobs kosten könnte:

„Das müssen wir in Kauf nehmen. Ich bin

nicht dazu da, den Arbeitgebern ihr Geschäftsmodell

zu entwerfen“, sagte sie der

„Welt am Sonntag“. Unterstützung kommt

vom DGB, der mit dem Mindestlohn endlich

das lang ersehnte gewerkschaftsübergreifende

Thema gefunden hat, mit dem er

sein Profil schärfen kann.

Doch schon bei der IG Metall wird die

Lage diffiziler: Die größte deutsche Gewerkschaft

präsentiert sich in der Mindestlohndebatte

als Anwalt der Benachteiligten,

ohne selbst auch nur ansatzweise betroffen

sein. Selbst in der untersten Lohngruppe

verdienen die Beschäftigten der

Metall- und Elektroindustrie mehr als 13

Euro die Stunde. Für die IG Bergbau, Chemie,

Energie (IG BCE) schließlich, die frühere

Mindestlohnvorstöße im DGB stets

ausgebremst hatte, ist die Zustimmung

eher ein Akt innergewerkschaftlicher Solidarität.

„Der gesetzliche Mindestlohn ist sicher

nicht das tollste Projekt der deutschen

Sozialgeschichte“, gesteht ein Spitzenfunktionär.

Man habe den Widerstand aber aufgegeben,

weil „wir einsehen mussten, dass

die Gewerkschaften in einigen Bereichen

schlicht nicht handlungsfähig sind“.

Aber liegt das am Ende vielleicht an den

Gewerkschaften selbst? Claus Weselsky,

der um Provokationen nie verlegene Chef

der Lokführergewerkschaft GDL, hat für

die Strategie der DGB-Kollegen nur Hohn

und Spott übrig: „Ein gesetzlicher Mindestlohn

wäre ein Offenbarungseid für die Gewerkschaften.“

n

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WirtschaftsWoche 27.1.2014 Nr. 5 25

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Politik&Weltwirtschaft

GEGEN DEN ZEITGEIST

Schmidt, 51, ist Vorsitzender

des Sachverständigenrats

zur Begutachtung

der gesamtwirtschaftlichen

Entwicklung und

Präsident des Rheinisch-

Westfälischen Instituts für

Wirtschaftsforschung

(RWI) in Essen.

INTERVIEW Christoph Schmidt

»Das Gute nicht dekretieren«

Der Chef der fünf Wirtschaftsweisen fordert weitreichende Ausnahmen vom gesetzlichen Mindestlohn –

und warnt vor staatlicher Einmischung in die Tarifpolitik.

Professor Schmidt, sind Sie ein herzloser

Mensch?

Nein, wieso?

Weil Sie gegen den gesetzlichen Mindestlohn

sind. Nach Lesart der

Mindestlohnbefürworter wollen Sie

nicht, dass Menschen von ihrer Arbeit

leben können.

In der öffentlichen Meinung gilt der Mindestlohn

mittlerweile per se als gut und

sozial. Dass ich das anders sehe und dagegen

argumentiere, hat mir in der Tat

viele böse Briefe und Mails eingebracht.

Gleichwohl bleibe ich bei meiner Einschätzung:

Ein allgemeiner gesetzlicher

Mindestlohn wird gerade den Schwachen

voraussichtlich mehr schaden als nutzen.

Wer versucht, das Gute politisch zu dekretieren,

kann viel Schaden anrichten.

Es gibt in Deutschland mittlerweile

13 Branchenmindestlöhne. Größere

Jobverluste hat es dort bislang nicht

gegeben.

Eine Reihe von Evaluierungen, die das

Bundesarbeitsministerium in Auftrag

gegeben hat, kam tatsächlich zu diesem

Ergebnis. Allerdings ist die untersuchte

Zeitspanne recht kurz. Die beteiligten Institute

sollten auch nicht danach fragen,

welche Folgen sich für die Kunden, die womöglich

höhere Preise zahlen mussten,

und für die aus dem jeweiligen Markt ferngehaltenen

ausländischen Arbeitnehmer

ergeben haben. Somit wurde eben nicht

die Wirkung des undifferenzierten flächendeckenden

Mindestlohns für alle untersucht.

Sondern lediglich die Wirkung in

speziellen Branchen wie dem Bau- oder

dem Sicherheitsgewerbe.

Bei einem einheitlichen Mindestlohn befürchten

Sie also doch Jobverluste?

Ja. Es dürften auf lange Sicht einige 100 000

Stellen im Niedriglohnbereich wegfallen

oder in die Schattenwirtschaft abwandern,

wenn es rasch und ohne Differenzierung

zu Mindestlöhnen von 8,50 Euro pro Stunde

kommt. Ökonomisch betrachtet ist ein

Mindestlohn der Versuch, bei bestehender

Beschäftigung eine Einkommenshöhe

durchzusetzen, die am Markt nicht zustande

kommt. Davon profitieren jene, die ihren

Job behalten, weil sie bei Unternehmen

mit hoher Marktmacht und

hinreichend preisunelastischer Nachfrage

arbeiten. Die Zeche zahlen jene, die ihren

Job verlieren – oder keinen bekommen.

Konkret: Welche Stellen sind in Gefahr?

Gerade in strukturschwachen Regionen

können Dienstleistungsbetriebe mit geringer

Gewinnmarge die höheren Löhne

nicht auf die Preise überwälzen. Dann

bleibt nur der Personalabbau. Wenn es die

Betriebe auf ihren Absatzmärkten mit

höheren Preisen versuchen, wird die

Kundschaft schnell reagieren. Dann heißt

es beim Haareschneiden der Kinder wieder

do it yourself, und die Blumen für die

Oma holt man nicht mehr beim Floristen,

sondern am Wegesrand. Ich bin gespannt,

wie Bevölkerungsumfragen zum Mindestlohn

ausfallen, wenn die Leute merken,

dass sie als Kunden einen Teil des höheren

Lohns mitbezahlen müssen. Dieser

Aspekt wird von den Befürwortern gern

unterschlagen.

FOTO: WERNER SCHUERING

26 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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Michaela Rosenberger, die neue Chefin

der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-

Gaststätten, findet, Jobverluste müsse

man in Kauf nehmen.

Eine bemerkenswerte Aussage! So klar hat

man selten etwas über die Prioritäten eines

Teils der Gewerkschaften gehört. Die

Entscheidung, auf Arbeitsplätze bewusst

verzichten zu wollen, damit die verbleibenden

Beschäftigten mehr verdienen,

würde in gewisser Weise einen sozialpolitischen

Paradigmenwechsel markieren. Es

ist erschreckend, wenn ein gering bezahlter

Job, der durch den Staat aufgestockt

wird, offenbar weniger wert sein soll als

das Erreichen politischer Ziele. Ich kann

das nicht nachvollziehen. Das passt auch

nicht zum Anspruch der Gewerkschaften,

Arbeitnehmer schützen zu wollen.

Die große Koalition streitet derzeit darüber,

für wen es Ausnahmen vom Mindestlohn

von 8,50 Euro geben soll. Öffnet

sich hier ein sinnvolles Hintertürchen?

Die Politik könnte die negativen Folgen

mit einem differenzierten Mindestlohn

entschärfen. Nötig ist die Unterscheidung

nach Ost und West – in Ostdeutschland ist

gut ein Viertel der Arbeitnehmer betroffen

– und zum anderen nach Alter und Qualifikation.

Ansonsten schaden wir Jugendlichen,

Berufseinsteigern und Langzeitarbeitslosen,

also jenen, die einen Einstieg

brauchen, um wieder oder erstmals auf

dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Ein undifferenzierter

Mindestlohn reduziert

nicht die Ungleichheit, sondern er erhöht

sie sogar. Die Gruppe, die vom Markt ferngehalten

wird, sind nicht mehr die osteuropäischen

Bauarbeiter, sondern die

Schwächsten der Schwachen im Vermittlungspool

der Bundesagentur für Arbeit.

Der Wissenschaftliche Dienst des

Bundestags hat gewarnt, Ausnahmen vom

Mindestlohn könnten den Gleichheitsgrundsatz

des Grundgesetzes verletzen.

Scheitert eine sinnvolle Differenzierung

am Ende an juristischen Hürden?

Bei der grundgesetzlichen Bewertung halte

ich mich zurück. Es wäre der Politik aber

ein wichtiges Instrument genommen, um

die Wirkungen des Mindestlohns abzufedern.

Ein Grund mehr, das Vorgehen insgesamt

noch einmal zu überdenken!

Glauben Sie, dass man von Stundenlöhnen

von vier oder fünf Euro leben kann?

Nein.

Wie lässt sich dieses Problem ohne

Mindestlohn lösen?

Notfalls über das Transfersystem, also höhere

Aufstockungen des Staates bei Geringverdienern.

Das bringt zwar Probleme

mit dem Lohnabstandsgebot mit sich, wäre

aber transparenter und beherrschbarer

als das Einziehen einer Lohnschranke.

Wenn schon mehr Umverteilung, dann

bitte offen. Im Übrigen gibt es schon heute

einen impliziten Mindestlohn: Ein alleinstehender

Vollzeitbeschäftigter muss mindestens

sechs Euro pro Stunde verdienen,

damit er durch Arbeit mehr Geld als über

das Transfersystem in der Tasche hat.

Die Höhe des Mindestlohns soll künftig

eine Kommission aus je drei Vertretern

»Die Pläne der

neuen Regierung

führen zu weniger

Beschäftigung«

von Arbeitgebern und Gewerkschaften

aushandeln. Eine gute Idee?

Nein. Anders als in Großbritannien sollen

Wissenschaftler außen vor bleiben. Sie

dürfen beraten, haben aber kein Stimmrecht.

Das ist keine gute Konstruktion. Ich

hoffe, dass die Regierung dies noch ändert.

Werden die Arbeitgeberverbände nicht

ständig steigende Mindestlöhne zu

verhindern wissen?

Nicht unbedingt. Das Tarifkartell ist ein

wunderbares Instrument, um neue Wettbewerber

aus dem Markt herauszuhalten.

Bestes Beispiel dafür ist der Post-Mindestlohn.

Wer als Newcomer auf diesen Markt

will, hat gegen die geballte Macht der Post

nur bei deutlich geringeren Arbeitskosten

eine Chance. Ein gesetzlicher Mindestlohn,

der sich – wie geschehen – am Lohngefüge

des Platzhirsches orientiert, ist für

neue Wettbewerber oft das Todesurteil.

Daher ist das Arbeitgeberlager gespalten.

Wo der Mindestlohn dem Lohngefüge der

Mitglieder entspricht, wird er als Konkurrenzschutz

gern genommen.

Die Koalition will parallel zum Mindestlohn

mehr Tarifverträge für allgemeinverbindlich

erklären. Was ist die Folge?

Die Tragweite dieser Reform wird noch

völlig unterschätzt. Der Staat erhält dadurch

noch mehr lohnpolitische Kompetenzen.

Dies erscheint mir widersinnig.

Wie überhaupt die aktuelle Politik dazu

beiträgt, die Rolle des Staates in der Arbeitsmarkt-

und Tarifpolitik über Gebühr

auszubauen und die Tarifautonomie

schleichend zu unterhöhlen.

Die Gewerkschaften behaupten das

Gegenteil: Nach ihrer Lesart stärkt der

Mindestlohn die Tarifautonomie sogar.

Das ist ein zweischneidiges Schwert. Man

könnte natürlich in der Terminologie der

Spieltheorie sagen: Mit einem Mindestlohn

verschafft der Staat den Gewerkschaften

einen komfortableren Drohpunkt.

Sie erhalten eine Untergrenze, auf

die sie ihre Tarifforderungen draufsatteln

können. Bei den Gewerkschaften gibt es

offenbar die Hoffnung, dass dadurch die

seit Jahren nachlassende Tarifbindung in

Deutschland steigt und die Schere zwischen

dem unteren und mittleren Lohnsegment

geringer wird. Allerdings kann

auch das Gegenteil passieren.

Was meinen Sie damit?

Es wäre durchaus plausibel, dass Arbeitnehmer

im Niedriglohnbereich erst recht

keinen Sinn in einer Gewerkschaftsmitgliedschaft

sehen, wenn am Ende der

Staat per Rechtsverordnung den Mindestlohn

festlegt. Und der eine oder andere

Arbeitgeber, der derzeit mehr als 8,50 Euro

zahlt, könnte es verlockend finden, die

Entgelte auf Mindestlohnniveau abzusenken

– denn die 8,50 Euro wären dann ja

politisch und gesellschaftlich akzeptiert.

Der Sachverständigenrat, dem Sie

vorsitzen, hat die arbeits- und sozialpolitischen

Pläne der großen Koalition

scharf kritisiert. Werden Ihre Argumente

in Berlin überhaupt ernst genommen?

Wir haben zumindest eine Diskussion

über die Risiken der geplanten Reformen

entfacht. Davon wollte vorher ja

kaum einer etwas wissen. Vielleicht

kommt die Lebenswirklichkeit nun in

der Debatte etwas stärker zum Tragen.

Der Arbeitsmarkt ist nach wie vor in guter

Verfassung. Überspitzt gefragt: Kann

er nach der Wirtschaftskrise nicht auch

noch die große Koalition verkraften?

Es hat mehrere Jahre gebraucht, bis sich

die positiven Wirkungen der Agenda

2010 zeigten. Genauso wird es einige Zeit

dauern, bis sich die negativen Folgen der

Regierungspläne wie Mindestlohn oder

Rente mit 63 offenbaren. Das ist ein

schleichender Prozess. Aber eines halte

ich für sicher: Am Ende haben wir weniger

Beschäftigung in Deutschland n

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WirtschaftsWoche 27.1.2014 Nr. 5 27

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Politik&Weltwirtschaft

Unruhestand

RENTE | Andrea Nahles’ Reformpläne gefährden die Erfolge am

Arbeitsmarkt, weil sie Frühverrentung wieder attraktiver machen.

Dass die Welle anrollt, hatte Hans-

Jürgen Credé gewusst. Aber dass

diese Welle so heftig über sein

Unternehmen kommt, das konnte er nicht

ahnen. 500 Ruheständler in den nächsten

zehn Jahren, darauf war der Personalvorstand

der Dresdner Verkehrsbetriebe

durchaus eingestellt. Dann aber kam die

große Koalition. Deren Pläne für eine abschlagsfreie

Rente mit 63 sollen nun großzügiger

ausfallen. 700, vielleicht sogar 800

Mitarbeiter könnten nun allein bei Credé

in Dresden davon profitieren. „Die Rentenreform“,

sagt er, „führt dazu, dass sich

künftig unsere Personalsituation ändern

wird.“ Die Zahl 800 würde den Exodus

von nahezu der Hälfte der Belegschaft

bedeuten. „Das wird eine gewaltige Herausforderung.“

Mit ruhiger Hand

Mechaniker bei

den Dresdner

Verkehrsbetrieben

Diese Lage verdankt Credé der neuen

Bundessozialministerin Andrea Nahles

(SPD). Im Eiltempo hatten ihre Beamten

über Weihnachten und Neujahr den Gesetzentwurf

geschrieben. Die zentralen

Wahlkampfschlager – CDU-Mütterrente

auf der einen, SPD-Rente mit 63 auf der anderen

Seite – sollen schließlich schon Mitte

des Jahres in Kraft treten.

Nun wird deutlich: Das erste große

Reformvorhaben der großen Koalition hat

fatale Nebenwirkungen (siehe auch Seite

24). Die milliardenteure Aufstockung der

Mütterrenten verzehrt die Rücklagen der

Rentenkasse. Und die Rente mit 63 nach 45

Beitragsjahren droht einen äußerst mühsam

gefundenen Konsens der vergangenen

Jahre ohne Not einzureißen – den

nämlich, dass längere Lebenszeit längere

Arbeitszeit nach sich ziehen muss, wenn

die Alterung der Gesellschaft das Rentensystem

nicht vollends sprengen soll.

Die geplante Rente mit 63 (die langsam

zur Altersgrenze von 65 aufwächst) führt

sogar dazu, dass Arbeitgeber und Gewerkschaften

gerade sehr ähnliche Sorgen plagen:

Viele Unternehmer fürchten, dass ihre

erfahrenen, lang gedienten Facharbeiter

den Betrieben dann sofort den Rücken

kehren werden, statt noch weiter zu malochen.

Um sie zu halten, werden intensivere

Anstrengungen und mehr Geld nötig sein.

Der DGB wiederum warnt vor einem

Rückfall in überwunden geglaubte Zeiten.

Betriebe, die Personal abbauen müssen,

könnten ihren Beschäftigten jenseits der 60

zukünftig wieder goldene Brücken bauen:

Erst Kündigung, dann zwei Jahre Arbeitslosengeld

(Alg I), versüßt mit Firmenzuschlägen,

schon wäre die Rente mit 63

ohne Abschläge möglich.

Nahles’ Entwurf macht es möglich. Phasen

ohne Job, in denen Arbeitslosengeld I

ausgezahlt wurde, sollen nämlich als Beitragszeiten

angerechnet werden. Bliebe es

bei dieser Regelung, würde die Ministerin

gewaltige Erfolge der vergangenen Jahre

infrage stellen, mal eben so. Die schrittweise

Einführung der Rente mit 67 trägt sehr

viel dazu bei, dass Ältere länger im Berufsleben

bleiben – und damit als Einzahler die

Rentenkasse massiv entlasten. Heute arbeiten

mehr als doppelt so viele Menschen

zwischen 60 und 65 als noch vor zehn Jahren

(siehe Grafik Seite 32).

Anstatt diese Großtat weiter wirken zu

lassen, wird sie kurzfristig konterkariert.

„Wer mit 63 ohne die sonst üblichen Abschläge

in den Ruhestand gehen kann,

wird das überwiegend auch tun“, bilanziert

der Rentenexperte Alfred Boss vom Kieler

Institut für Weltwirtschaft. „Angesichts

unserer demografischen Aussichten ist das

eine Katastrophe.“

KEINE ILLUSIONEN

Die anfallenden Aufräumarbeiten werden

Manager wie Hans-Jürgen Credé bewältigen

müssen. Sein Unternehmen steht beispielhaft

für jene, die besonders herausgefordert

werden: mit Angestellten, die schon

Jahrzehnte im Unternehmen sind; mit

Facharbeitern, die als 15-, 16-Jährige ihre

Ausbildung als Schlosser oder Mechaniker

angefangen haben und die 45-Jahres-

Grenze mit Anfang 60 erreicht haben.

Credé macht sich keine Illusionen. „Die

meisten unserer erfahrenen Leute werden

die vorgezogene Rente in Anspruch

»

FOTO: ACTION PRESS/SEBASTIAN KAHNERT

30 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

»

nehmen.“ Warum auch nicht? Abschlagsfrei

heißt eben auch zuschlagsfrei.

Wer also noch nicht aufhört, bekommt

zwar weiter seinen normalen Lohn, nur für

die Rente zahlt es sich nicht mehr zusätzlich

aus, bis 65 oder 67 weiterzumachen.

Ohne jegliche Beschränkung bei der Arbeitslosigkeits-Anrechnung

könnte jeder

dritte Neurentner die 63er-Regel erfüllen,

heißt es in einer Stellungnahme aus Nahles’

Ressort für die Grünen. Und die Bundesvereinigung

der Deutschen Arbeitgeberverbände

beziffert den Kreis der Begünstigten

im engeren Sinne des Gesetzentwurfs

immerhin noch „auf etwa jeden

Vierten“.

Möglichkeiten, die Anreize zum Frühausstieg

zu verhindern, gäbe es durchaus.

So könnte sich die Koalition darauf verständigen,

zumindest den Alg-I-Bezug

direkt vor Eintritt in die Rente nicht mitzuzählen,

um die goldenen Brücken zu verhindern.

Denkbar wäre ebenfalls, statt

Arbeitslosengeld alle Zeiten der Arbeitslosigkeit

zu werten, dann aber die Anrechnung

bei fünf Jahren zu deckeln. Das sei

am Ende der Koalitionsverhandlungen eigentlich

Konsens der Parteichefs gewesen,

heißt es aus der Koalition. Außerdem wäre

es möglich, die Erstattungspflicht für

Arbeitslosengeld wieder einzuführen. Bis

2006 mussten Arbeitgeber der Arbeitsagentur

die Kosten für Entlassungen Älterer

ersetzen. Das hätte der DGB gerne.

Es sei „nicht unsere politische Absicht,

Leute vor dem 63. Lebensjahr über welche

Brücken auch immer“ ausscheiden zu lassen,

verspricht Nahles. Doch wenn sie an

ihren Plänen nichts ändert, wird die Rente

mit 63 Personalabbau mindestens da erleichtern,

wo er ohnehin geplant ist.

MÖGLICHE MITNAHME

Zu denkbaren Mitnahmeeffekten mag sich

zwar kein Unternehmen äußern. In der

Bau- und Baudienstleistungsbranche aber

streichen in diesem Jahr Hochtief und

Bilfinger jeweils rund 800 Arbeitsplätze, in

der Energiewirtschaft baut RWE allein in

Deutschland 4700 Stellen ab und E.On

ähnlich viele. Das würde viel leichter und

auch billiger, wenn einige 100 Betroffene

via Frühverrentung ausscheiden. Die Folge:

Die gesetzliche Rentenversicherung

entlastet die Strommultis.

Auch Dietmar Welslau, Geschäftsführer

Personal der Telekom Deutschland, sieht

Vorteile in einer Rente mit 63. Der Dienstleister

ist seit vielen Jahren dabei, Personalüberhänge

in Deutschland abzubauen.

Ich bin die Neue

Sozialministerin

Nahles

»Es ist nicht

unsere Absicht,

Leute vor 63

ausscheiden

zu lassen«

Von 130 000 Mitarbeitern im Jahr 2008

schrumpfte die Telekom auf heute 119 000.

Neben den üblichen Altersversorgungsinstrumenten

– gesetzliche Rentenversicherung,

betriebliche Altersvorsorge, Telekom-Pensionsfonds

zur Eigenvorsorge –

setzt der Bonner Konzern auch auf Arbeitszeitmodelle,

die einen individuellen Renteneintritt

unterstützen. „Alles, was dabei

Flexibilität schafft, hilft!“, sagt Welslau. Da

derzeit 44 Prozent der deutschen Telekom-

Beschäftigten zwischen 46 und 55 Jahre alt

sind, würde der zusätzliche Spielraum dabei

helfen, die „Babyboomer-Wanderdüne“

Richtung Ruhestand zu bewegen.

Joerg Dederichs, Personalchef der

Deutschland-Tochter des US-Technologiekonzerns

3M in Neuss, ist aus einem ganz

Ältere arbeiten weiter

Anteil derErwerbstätigen

ihrer Altersgruppe (in Prozent)

59,5

55 bis 59 Jahre

60 bis 65 Jahre

22,7

Quelle: Bundesagentur für Arbeit

74,6

2002 2012

46,4

anderen Grund entspannt: „Von unseren

6300 Mitarbeitern in Deutschland weist allenfalls

ein Dutzend der 63- bis 65-Jährigen

die nötigen 45 Rentenjahre auf.“

Das ist die eine Seite. Die andere wird

manchen Unternehmen noch mehr Engagement

abverlangen, um verdiente Mitarbeiter

doch länger im Betrieb zu halten.

Wie sich Unternehmen vor drohendem

Wissensverlust schützen können, macht

Bayer vor. Das „Bayer Senior Experts Network“,

kurz BaySEN, bietet leitenden Angestellten

seit Ende 2010 die Möglichkeit,

auch über die Pensionierung hinaus für

den Pharmakonzern zu arbeiten. Die erfahrenen

Senioren können sich mit ihrem

Profil in der BaySEN-Datenbank registrieren

lassen und werden dann je nach Bedarf

und Eignung als Berater zu einem Projekt

hinzugezogen.

KREATIVE MODELLE

So mancher Mittelständler reagiert ebenfalls

differenziert auf die Berliner Pläne.

„Faktisch ist es ohnehin schwierig, jemanden

bis 67 im Gleisbau zu beschäftigen“,

sagt Nicole Trettner vom Bauunternehmen

Hering aus Burbach im Siegerland. Bei den

Angestellten unterscheidet die Personalerin

des 480-Mann-Betriebs: „Es wird Fälle

von früherem Renteneinstieg geben, wo

beide Seiten nicht traurig sind, schneller

voneinander loszukommen, und andere

Fälle, wo uns das Know-how fehlen würde.

Aber auch für die wird uns eine Lösung

einfallen.“ Hering wurde mehrfach prämiert

für kreative Modelle, die älteren Mitarbeitern

das Arbeiten bis zum regulären

Renteneintritt erleichtern. Das Familienunternehmen

setzt bewusst im Gleisbau

und bei der Herstellung von Betonfertigteilen

Teams aus jüngeren und älteren Mitarbeitern

zusammen. „Die einen haben die

größere körperliche Leistungsfähigkeit, die

anderen die Erfahrung. Und beides ergänzt

sich perfekt.“

Auch Hans-Jürgen Credé in Dresden betreut

schon heute 120 Azubis im Unternehmen,

um wenigstens einen Teil des dringend

nötigen Nachwuchses im eigenen

Haus zu rekrutieren. Er will künftig auch

intensiver ins Ausland schauen, zum Beispiel

nach Tschechien. Kontakte zur Prager

Verkehrsschule hat er bereits aufgebaut, er

hofft dort in den nächsten Jahren auf einen

Qualifizierungsschub. „Wir müssen“, sagt

er, „kreativ bleiben und neue Arbeitsmodelle

entwickeln, um diese Herausforderung

zu bewältigen.“

n

max.haerder@wiwo.de I Berlin, harald.schumacher

FOTO: LAIF/HANS CHRISTIAN PLAMBECK

32 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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BERLIN INTERN | Nun haben auch der Sternchen-

Schleimfisch, der Prachtkopfsteher und das Frettchen

eine politische Lobby. Es wurde auch Zeit – denn wie

Katz und Hund dienen die Heimtiere angeblich

dem sozialen Zusammenhalt. Von Henning Krumrey

Kleine Fische, große Welle

FOTOS: WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, ZZF

Halb träge, halb entspannt liegt

die große schwarze Muräne

zwischen den Steinen. Nebenan

protzt der Zwergrotfeuerfisch

mit schnellen Bewegungen. Der Grüne

Messerfisch schwimmt zwar bloß am

Rande entlang, aber sein Name macht immer

noch Angst. Und der gelbe Phantomwels?

Er dümpelt nur reglos am Boden.

Ins Berliner Aquarium, zu Fischen aller

Parteifarben, hat der ZZF eingeladen, der

Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe.

Unter Haien Im Hintergrund schwimmen

Räuber, im Vordergrund geht es um Politik

Wenn Sie den nicht kennen, geht es Ihnen

wie den allermeisten Politikern. Denn der

„Berufs- und Interessenverband der deutschen

Heimtierbranche“ war bislang in der

Hauptstadt nicht präsent. Nun will er Witterung

aufnehmen, die originelle Einladung

zwischen Schwarzspitzen-Riffhai und Rotzunge

ist der Auftakt. „Tierisch politisch“

heißt das Motto des ersten parlamentarischen

Abends in der Geschichte des ZZF.

Präsenz ist notwendig. Die Branche steht

im Koalitionsvertrag – allerdings unfreiwillig.

„Importe von Wildfängen in die EU sollen

grundsätzlich verboten und gewerbliche

Tierbörsen für exotische Tiere untersagt

werden“, heißt es auf Seite 119. Die Grünen

hatten das Thema erfunden, eilig schnappten

die neuen Regierungsparteien zu.

Frettchen, Gift- und Riesenschlangen gehören

nicht in Privatwohnungen, sagt Verbandspräsident

Norbert Holthenrich. Aber

ein generelles Importverbot von exotischen

Tieren lehnt er ab. Aquarianer müssten

sonst auf hübsche Zierfische verzichten.

Die Nachzucht würde gefährdet; manche

Art sei in freier Wildbahn ausgestorben,

würde aber in privaten Becken bewahrt.

In jedem dritten Haushalt leben Tiere.

3,8 Milliarden Euro setzen die Händler um,

100 000 Beschäftigte verstehen sich als

„Vermittler von Tier-Mensch-Beziehungen“.

Auch „Heimtierpfleger im Salon“ gehören

dazu. Dies müsse endlich ein staatlich

anerkannter Ausbildungsberuf werden,

lautet eine weitere politische Forderung.

Je länger man Holthenrich lauscht, desto

mehr wächst die Bedeutung des Wirtschaftszweiges.

„Heimtiere stärken den

sozialen Zusammenhalt“, weiß er. „Das Zusammenleben

mit exotischen Tieren wie

Wüstenrennmäusen und Zierfischen wirkt

sich positiv auf das psychische Wohlbefinden

aus.“ Da bleibt die Forderung nach indirekten

Subventionen nicht aus. Damit auch

sozial Schwache ein Tier haben könnten,

müsse der Hartz-IV-Regelsatz steigen.

Verglichen mit elefantenhochzeitenden

Großkonzernen, sind die Zoogeschäfte natürlich

ganz kleine Fische. Umso wichtiger,

so viel Aufmerksamkeit zu erregen wie der

gelbe Kaschmir-Schnapper oder die Kardinalsgarnele.

Den beziehungsreichen Veranstaltungsort

ausgedacht hat sich Kajo Wasserhövel,

einst Staatssekretär und engster

Mitarbeiter von SPD-Urviech Franz Müntefering.

Der tierische Name seiner Berliner

Kommunikationsagentur „Elephantlogic“

macht die Verbindung geradezu zwingend.

Im Bundestag sind Tiere verboten. Dennoch

nannte einst – noch zu Bonner Zeiten

– die FDP-Abgeordnete Irmgard Schwaetzer

ihren Parteifeind Jürgen Möllemann ein

„intrigantes Schwein“ und der ebenfalls

liberale Daniel Bahr verlieh CSU-Kollegen

das Prädikat „Wildsau“. Im Juni jedenfalls

nahmen 16 Abgeordnete für die ZZF-Aktion

„Kollege Hund“ demonstrativ ihren vierbeinigen

Freund mit ins Büro. Eine Dauerlösung

möchte auch der Verband daraus

nicht machen, schon weil Waldi, Hasso und

Lumpi während der stundenlangen Sitzungen

langweilig würde. Und ihr Revier markieren

die Abgeordneten schon allein.

WirtschaftsWoche 27.1.2014 Nr. 5 33

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Der Volkswirt

Scheu, clever, mächtig

USA | Zum ersten Mal in der Geschichte der US-Notenbank Fed übernimmt mit

Janet Yellen eine Frau die Führung der wichtigsten Zentralbank der Welt. Sie hat mehr

Einfluss auf die Geschicke der globalen Wirtschaft als jeder Regierungschef. Doch

Yellen steht vor großen Herausforderungen. Sie muss die Politik der Geldvermehrung

beenden – ohne die Welt in eine neue Krise zu stürzen.

Einmal noch kann sich Janet Yellen

entspannt zurücklehnen und

durchatmen. Wenn die Währungshüter

der amerikanischen

Notenbank Fed sich Mitte dieser

Woche in ihrem Hauptquartier in Washington

treffen, um über die Geldpolitik

zu entscheiden, wird ihr Chef Ben Bernanke

zum letzten Mal die Sitzung leiten. Wenige

Tage später, am 1. Februar, reicht der

amtsmüde Bernanke den Führungsstab an

seine Vize Yellen weiter.

Das Leben der 67-Jährigen wird sich

dann schlagartig ändern. Analysten, Börsianer

und Journalisten werden fortan jedes

ihrer Worte auf die Goldwaage legen,

jede Äußerung auf mögliche Hinweise einer

geldpolitischen Zeitenwende abklopfen.

Ihre Worte und Taten werden die Weltbörsen

bewegen, sie gegebenenfalls sogar

beben lassen. Sie werden mit darüber entscheiden,

ob Investoren, Finanzminister,

Häuslebauer und Manager in Washington,

Berlin, Tokio und Peking rote oder schwarze

Zahlen schreiben. Keine Frau der Welt

wird so viel Macht über die globale Wirtschaft

besitzen wie Janet Yellen.

Doch wie wird sie diese Macht nutzen?

Kann die neue Herrin des Geldes den dringend

erforderlichen Ausstieg aus der ultralockeren

Geldpolitik, die sie als Bernankes

Stellvertreterin in den vergangenen Jahren

mit zu verantworten hat, so gestalten, dass

weder Finanzmärkte noch Konjunktur einbrechen?

Wie tickt diese Frau, die sich anschickt

die Weltwirtschaft zu regieren –

und ansonsten gerne kocht und wandert?

AUS KLEINEN VERHÄLTNISSEN

Scheu und etwas gemütlich kommt die

neue Chefin der US-Notenbank daher. Yellen

stammt aus kleinen Verhältnissen. Sie

wird als Tochter eines Arztes in Brooklyn

geboren und geht in dem Arbeiterviertel

Bay Ridge zur Schule. Hafenarbeiter waren

die Klientel ihres Vaters, und immer wieder

erzählt Yellen, wie sehr sie die Erfahrungen

ihrer Kindheit prägten. Oft seien die Patienten

nicht in der Lage gewesen, ihren

Vater zu bezahlen, weil sie keine Arbeit gehabt

hätten. Arbeitslose, sagte Yellen einmal,

seien für sie nicht nur Statistik. Sie

habe erlebt, was es bedeute, keinen Job zu

haben. Seit ihrem Studium hat sich Yellen,

die mit dem Wirtschaftsnobelpreisträger

George Akerlof verheiratet ist, intensiv mit

den Auswirkungen und den Gründen von

Arbeitslosigkeit beschäftigt.

Die junge Frau aus Brooklyn schafft es an

die Eliteuniversität Yale, schreibt ihre Doktorarbeit

in Ökonomie beim späteren Nobelpreisträger

James Tobin, auf den die gerade

wieder aktuelle Idee einer Finanztransaktionsteuer

zurückgeht. Tobin bescheinigt

ihr, sie verfüge über die Gabe, äußerst

komplizierte Dinge klar und verständlich

auszudrücken.

Yellen lehrt zunächst als Assistentin in

Harvard, arbeitet seit 1977 als Ökonomin

bei der Federal Reserve, wird Professorin

an der Universität in Berkeley in Kalifornien.

1997 wird sie Chefin des Wirt-

»

Wohin das frisch gedruckte Geld der Notenbank fließt

DieGeldvermehrung 1 durchdie Fed... ...pumpt dieVermögenspreiseauf... ...doch dieGüterpreise 4 steigenkaum

4000

200

2000 6

3000

2000

1000

0

Häuserpreise 3

100

0

2008 2009 2010 2011 2012 2013 14 2008 2009 2010 2011 2012 2013 14

180

160

140

120

Aktienkurse 2 1600

1200

800

400

4

2

0

–2

2008 2009 2010 2011 2012 2013

1

Bilanzsummeder Notenbank FedinMilliarden Dollar; 2 S&P-500-Index; 3 Case-Shiller-Hauspreisindexfür die20größten US-Städte; 4 Veränderungsrate der Verbraucherpreise

gegen Vorjahr in Prozent; Quelle:Thomson Reuters

FOTO: CAMERON DAVIDSON

34 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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HERRIN DES GELDES

Yellen, 67, übernimmt am

1. Februar die Führung der US-

Notenbank Fed. Die emeritierte

Professorin der Uni in Berkeley

begann ihre Karriere bei der

Notenbank, später war sie

Chefberaterin von US-Präsident

Bill Clinton. Yellen, die bei

Nobelpreisträger James Tobin

promoviert hat, steht für eine

lockere Geldpolitik. Ihr geht es in

erster Linie um mehr Jobs.

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Der Volkswirt

»

schaftsberaterteams von US-Präsident

Bill Clinton. Clinton beruft sie auch in den

Vorstand der Federal Reserve. Später

wechselt sie für sechs Jahre als Präsidentin

der regionalen Federal Reserve nach San

Francisco. Als Einzige der 19 Fed-Gouverneure

warnte sie vor dem Kollaps des US-

Immobilienmarktes und rief im Dezember

2007 zu Zinssenkungen auf.

Geldpolitisch gilt Yellen als Taube, was

im Jargon der Notenbanker für eine lockere

Geldpolitik steht. Offen bekennt sie sich als

moderne Keynesianerin: Sie glaube fest

daran, mit geldpolitischen Instrumenten

den Wirtschaftskreislauf ankurbeln zu können,

damit die Finanzmärkte ebenso wie

die Arbeiter davon profitierten. So verteidigte

sie vor dem Bankenausschuss des Senats

in Washington im November vergangenen

Jahres die Politik der Fed. Unter der

Führung von Bernanke habe sie geholfen,

das Finanzsystem zu stabilisieren und eine

Erholung herbeizuführen. „Die Vorteile“, so

Yellen, „überwiegen die Kosten der expansiven

Geldpolitik.“ Das Risiko von Blasen

habe zugenommen. Sie frühzeitig zu erkennen

habe sie sich daher fest vorgenommen.

Den Auftrag der Notenbank, gleichzeitig

für stabile Preise und einen hohen Beschäftigungsstand

zu sorgen, verteidigt sie

– auch wenn die Inflationsrate derzeit unter

dem Inflationsziel von zwei Prozent

liegt und die Arbeitslosenquote mit 6,7

Prozent im historischen Vergleich hoch

ausfällt. Für Yellen ist die Lage auf dem Arbeitsmarkt

derzeit die entscheidende Größe.

Sie will die Leitzinsen so lange nicht erhöhen,

bis die Arbeitslosenquote auf mindestens

6,5 Prozent gefallen ist.

Zentralbankgeld bleibt billig

Obwohldie Arbeitslosigkeit sinkt...

10

9

8

7

6

Schwellenwert 3

Arbeitslosenquote 1

70

68

Partizipationsrate 2 66

64

62

...bleiben dieLeitzinsenniedrig

5

60 0

2008 2009 2010 2011 2012 2013 2008 2009 2010 2011 2012 2013 14

1

in Prozent; 2 Erwerbstätige plus Arbeitslose in Prozentder Bevölkerungüber16Jahre; 3 Wert der Arbeitslosenquote,

beidessenUnterschreiten dieNotenbank Zinserhöhungen in Aussichtgestellt hat; 4 Zielsatzfür Tagesgeld;

Quelle:Thomson Reuters

IM TANDEM MIT STANLEY

Anders als ihr Vorvorgänger Alan Greenspan

lasse Yellen andere Meinungen gelten

und sei offen für Argumente, wenn sie der

Wahrheitsfindung dienten, heißt es in Finanzkreisen.

Diesen kollegialen Führungsstil

wird sie benötigen. Denn als neuen Vize

hat ihr US-Präsident Barack Obama den

erfahrenen Notenbanker Stanley Fischer

an die Seite gestellt. Der 70-Jährige gilt als

unabhängiger, intellektueller Kopf, der ein

großes Netzwerk an internationalen Kontakten

mitbringt. Als Professor am Massachusetts

Institute of Technology gehörten

Ben Bernanke und Mario Draghi, der Chef

der Europäischen Zentralbank (EZB), zu

seinen Studenten.

Später war Fischer Chefökonom der

Weltbank, die Nummer zwei beim Internationalen

Währungsfonds (IWF) und zuletzt

Chef der Zentralbank von Israel. Während

der Finanzkrise 2008 gelang es ihm, Israel

vor den schlimmsten Auswirkungen der

Krise zu bewahren, indem er frühzeitig den

Leitzins senkte, aber aus der lockeren

Geldpolitik auch schnell wieder ausstieg.

Geldpolitisch liegen Fischer und Yellen

auf einer Linie. Zwar hatte Fischer die expansive

Geldpolitik der Fed in den vergangenen

Monaten als sehr risikoreich, aber

eben doch als notwendig bezeichnet. „Ohne

die außergewöhnlichen Maßnahmen

der Fed wäre die Wirtschaft heute in einer

viel schlechteren Lage“, so Fischer.

Fischer als Aufpasser an die Seite von

Yellen zu setzen sei ein kluger Schachzug,

meint Fredrick Cannon, Global Director of

Research und Chief Equity Strategist beim

New Yorker Finanzinstitut Keefe, Bruyette

5

4

3

2

1

Leitzins 4

Wettlauf um neue Jobs

Der Arbeitsmarkt

gewinnt allmählich

an Schwung

& Woods: „Er hat eine Erfahrung, die Yellen

fehlt:Fischer weiß, wie die quantitative Lockerung

einer Zentralbank wieder zurückgefahren

werden kann.“

RUNTER VOM GAS

Genau darauf wird es in nächster Zeit ankommen.

Nach der Lehman-Pleite hat die

Fed die globalen Finanzmärkte mit Liquidität

überschwemmt, ihre Bilanzsumme

hat sich durch den Ankauf von Anleihen

auf über vier Billionen Dollar mehr als vervierfacht.

Nun muss sie die geldpolitische

Schieflage korrigieren. Denn die US-Konjunktur

hat den Krisenmodus überwunden.

Im dritten Quartal wuchs die Wirtschaft

mit einer auf das Jahr hochgerechneten

Rate von 4,1 Prozent gegenüber dem

Vorquartal. Ein großer Teil der Ungleichgewichte,

die in den vergangenen Jahren auf

36 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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FOTO: LAIF/REDUX/JARED SOARES

der Wirtschaft lasteten, ist abgebaut. Die

privaten Haushalte haben ihre Schulden

abgeschüttelt, im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt

(BIP) liegen sie nur noch bei

rund 80 Prozent, so niedrig wie zuletzt im

Jahr 2002.

Die Überkapazitäten am Immobilienmarkt

sind verschwunden, die Häuserpreise

steigen mit Raten von rund 13 Prozent.

Zudem gelang es der Regierung, durch einen

Mix aus Ausgabenkürzungen, Steuererhöhungen

und konjunkturbedingten

Mehreinnahmen das Defizit im Bundeshaushalt

in den vergangenen vier Jahren

um rund sechs Prozentpunkte zu senken.

In diesem Haushaltsjahr könnte das Defizit

nach Schätzung der Ökonomen der Commerzbank

auf drei Prozent vom BIP sinken.

Die Bürger konsumieren und die Unternehmen

investieren wieder. „Ich bin bei

diesem Aufschwung weniger skeptisch als

früher“, sagt Martin Feldstein, Professor an

der Harvard-Universität. Auch der IWF

zeigt sich zuversichtlich. Er hat seine

Wachstumsprognose für die USA auf 2,8

Prozent (2014) und 3,0 Prozent (2015) heraufgesetzt.

FRAGWÜRDIGE STRATEGIE

Angesichts der besseren Konjunktur hat

die Fed begonnen, die Liquiditätszufuhr zu

drosseln. Statt monatlich für 85 Milliarden

Dollar Staatsanleihen- und Hypothekenpapiere

zu kaufen, sind es jetzt nur noch 75

Milliarden Dollar. Ethan Harris, US-Chefökonom

der Bank of America Merrill

Lynch, geht davon aus, dass die Fed die

Käufe in den nächsten Monaten weiter zurückfährt.

„Die Fed dürfte bei jeder Sitzung

die Käufe um weitere zehn Milliarden Dollar

drosseln, sofern sich an der Entwicklung

fundamentaler Daten wie dem Arbeitsmarkt

nichts ändert“, sagt Harris. Spätestens

Ende des Jahres werde sie das Kaufprogramm

beenden.

Ein echter Kurswechsel in der Geldpolitik

ist das aber nicht. Denn die Notenbanker

wollen den Leitzins für längere Zeit auf

dem aktuellen Niveau von 0 bis 0,25 Prozent

belassen – auch wenn die Arbeitslosenquote

unter die Marke von 6,5 Prozent

sinkt (siehe Kasten). Ursprünglich hatten

die Währungshüter signalisiert, höhere

Leitzinsen zu erwägen, sobald die Quote

unter diese Marke rutscht.

Mit ihrem Niedrigzinsversprechen signalisieren

sie den Anlegern, dass es sich

nicht lohnt, auf steigende Zinsen für kurzlaufende

Papiere zu setzen. Das soll Investoren

zum Kauf von langlaufenden Staatsanleihen

veranlassen, um deren Kurse und

Renditen zu stabilisieren, wenn sich die

Fed aus dem Markt zurückzieht. Doch ob

die Strategie aufgeht, steht in den Sternen.

Sollte die US-Konjunktur rascher Fahrt

aufnehmen als erwartet – was angesichts

der geldpolitischen Stimuli der vergangenen

Jahre durchaus möglich ist –, muss Yellen

schnell handeln. „Legt die US-Wirtschaft

in diesem Jahr um mehr als 3,5 Prozent

zu, muss Frau Yellen die Leitzinsen erhöhen

und schneller aus dem Anleihenkaufprogramm

aussteigen“, sagt Harris.

Das hätte weitreichende Folgen für die gesamte

Weltwirtschaft.

FOLGEN FÜR EUROPA

Höhere Zinsen in Amerika zögen nicht nur

verstärkt Kapital aus den Schwellenländern

ab und beschleunigten so die Talfahrt

an den Finanzmärkten dort (Wirtschafts-

Woche 4/2013). Sie böten auch Anlegern

aus der Euro-Zone eine rentable Alternative.

In den vergangenen Monaten sind die

Renditen für Anleihen aus den Peripherieländern

im Euro-Raum deutlich gesunken.

Irische Bonds mit einer Laufzeit von zehn

Jahren rentieren derzeit nur noch mit rund

3,3 Prozent, gerade einmal 30 Basispunkte

mehr als US-Staatsanleihen. Italienische

und spanische Anleihen bieten Renditen

von lediglich rund 3,8 Prozent.

Klettern die Renditen für US-Anleihen

im Zuge einer strafferen Geldpolitik der

Fed in Richtung 3,5 Prozent, dürfte ein Exodus

von Anlegern aus der Euro-Zone einsetzen

und die Renditen hierzulande nach

oben treiben. Das gilt vor allem für Bundesanleihen,

deren Verzinsung mit knapp

1,8 Prozent nicht gerade üppig ausfällt. Die

Erfahrung zeigt, dass sich Bundesanleihen

den Vorgaben aus Amerika kaum entziehen

können (siehe Grafik Seite 38).

Der EZB und den europäischen Regierungschefs,

die die Euro-Krise überwunden

wähnen, käme das denkbar ungelegen.

Denn anders als in Amerika wäre ein

Zinsanstieg auf dem alten Kontinent nicht

durch höhere Wachstumsraten der Wirtschaft

gedeckt. Beispiel Spanien: Die Organisation

für wirtschaftliche Zusammenarbeit

und Entwicklung (OECD) rechnet für

das Mittelmeerland in diesem Jahr mit einem

nominalen Wirtschaftswachstum von

gerade einmal 1,0 Prozent.

Kletterten die Zinsen für spanische

Staatsanleihen von derzeit knapp 3,8 Prozent

auf die Durchschnittsrendite der Altanleihen

von 4,3 Prozent, ergäbe sich ein

Zins-Wachstums-Gefälle von 3,3 Pro-

»

US-ARBEITSMARKT

Sein und Schein

Was die amerikanische Arbeitslosenquote

tatsächlich aussagt.

Die jüngste Entwicklung auf dem

US-Arbeitsmarkt erscheint positiv: Im

Dezember sank die Erwerbslosenquote

auf 6,7 Prozent. Das ist der tiefste

Stand seit mehr als fünf Jahren.

Die Entwicklung bei der Beschäftigung

war aber nicht ganz so gut: Im Dezember

entstanden nur 74 000 neue

Stellen. Ökonomen hatten mit knapp

200 000 zusätzlichen Jobs gerechnet.

Die Daten stellen nicht nur die Nachhaltigkeit

der Erholung auf dem US-Arbeitsmarkt

infrage. Hinzu kommt: Die

Quote an sich ist kein solider Gradmesser

für die Lage auf dem Arbeitsmarkt.

TAUCHT NICHT AUF

Grundlage ist eine Befragung privater

Haushalte. Gezählt werden nur die Arbeitslosen,

die sich tatsächlich um eine

Stelle bemühen. Wer keinen Job hat,

aber auch nicht aktiv sucht, taucht in

der Statistik gar nicht erst nicht auf.

Wenn es also viele Amerikaner aufgeben,

nach langer Arbeitslosigkeit weiter

nach einer neuen Stelle zu suchen,

macht sich dies in einer sinkenden Arbeitslosenquote

bemerkbar.

Auch die Zahl der potenziell Erwerbstätigen

und der neu geschaffenen Jobs

wird durch Befragungen ermittelt. Im

Dezember waren danach 62,8 Prozent

der Amerikaner in Arbeit oder auf Jobsuche.

Gespannt erwarten Konjunkturexperten

nun die Daten für Januar. Fallen

diese erneut schlecht aus, wäre das

ein schwerer Dämpfer für die US-Konjunktur

und könnte womöglich die Fed

dazu veranlassen, die Drosselung der

Anleihenkäufe zu stoppen.

Auf die amtliche Arbeitslosenquote

für Januar kann sich die Fed bei der Beurteilung

des US-Arbeitsmarkts nicht

verlassen. Wird in Washington die verlängerte

Hilfe für Langzeitarbeitslose

gestrichen, werden viele Betroffene die

aktive Jobsuche aufgeben. Dann fallen

sie aus der Statistik heraus. Für rund eine

Million Langzeitarbeitsarbeitslose

könnte dies im Januar der Fall sein.

angela.hennersdorf@wiwo.de | New York

WirtschaftsWoche 27.1.2014 Nr. 5 37

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Politik&Weltwirtschaft

»

zentpunkten. Angesichts der Schuldenlast

des Staates von rund 99 Prozent des

BIPs würde die Schuldenquote trotz des erwarteten

Überschusses im Primärhaushalt

der Regierung (ohne Zinsausgaben) von

0,4 Prozent auf knapp 102 Prozent steigen.

Wächst der Schuldenberg der Krisenländer

munter weiter, sind neue Finanzierungsengpässe

kaum noch zu vermeiden.

Daher dürfte sich die EZB mit allen Mitteln

gegen einen aus Amerika importierten

Zinsanstieg stemmen. Analysten gehen davon

aus, dass die Euro-Hüter die geldpolitischen

Zügel ohnehin wegen der rückläufigen

Inflation demnächst weiter lockern.

„Die EZB wird den Leitzins im März von

0,25 auf 0,1 Prozent senken und den Satz

für Einlagen von Banken bei der Notenbank

auf minus 0,1 Prozent reduzieren“,

prognostiziert Jörg Krämer, Chefökonom

der Commerzbank.

Schwappt der Aufwärtstrend bei den

Zinsen aus Amerika nach Europa herüber,

Amerika gibt die Richtung vor

Renditefür 10-jährigeStaatsanleihen

(inProzent)

3

2

1

0

Quelle:Thomson Reuters

US-Staatsanleihe

Bundesanleihe

2012 2013 14

werde die EZB nicht davor zurückschrecken,

die Notenpresse anzuwerfen. „Die

EZB könnte in diesem Fall die Staatsanleihen

aller Euro-Länder in großem Stil kaufen,

um die Zinsen nach unten zu drücken,

zumal die Vertreter der Krisenländer ohnehin

dafür sind“, sagt Krämer.

Damit könnte ausgerechnet die Straffung

der Geldpolitik in Amerika hierzulande

die Notenpresse in Gang setzen. Die

beiden Kontinente drifteten geldpolitisch

weit auseinander, der Euro ginge gegenüber

dem Dollar auf Talfahrt. Bis Ende dieses

Jahres werde sich die Gemeinschaftswährung

auf 1,28 Dollar verbilligen, erwartet

Krämer. 2015 werde sich der Abwärtstrend

fortsetzen. Ein Urlaub im Land von

Janet Yellen wird dann für Deutsche wieder

spürbar teurer werden.

n

malte.fischer@wiwo.de, angela hennersdorf | New York

GELDANLAGE

Trendwende in

kleinen Schritten

Was Anleger von der neuen Notenbankpräsidentin

zu erwarten haben.

Fährt die neue Fed-Chefin Janet Yellen

die Anleihenkäufe der US-Notenbank wie

angekündigt zurück, hätte dies Auswirkungen

auf die globalen Kapitalmärkte:

1. Stärkerer Dollar. Derzeit fließt Geld,

das bislang vor allem in Schwellenländern

investiert war, in die USA zurück. Dieser

Trend würde sich verstärken, wenn Yellen

die expansive Geldpolitik stärker einschränkt

als die EZB – für dieses Szenario

spricht derzeit einiges.

2. Steigende US-Zinsen. Nicht so sehr

am kurzen Ende (bei Kreditlaufzeiten von

unter einem Jahr), wohl aber bei Laufzeiten

von zehn Jahren und mehr könnten

die Zinsen steigen. Diese Entwicklung

zeichnet sich schon ab.

3. Kursverluste. Anleger werden ihre

langlaufenden Anleihen verkaufen, weil

sie für neue Bonds gleicher Laufzeit und

Bonität mehr Zins bekommen als für die

bereits laufenden.

4. Schwächerer US-Export. Der steigende

Dollar erschwert Exporte aus den USA

und erleichtert Importe in die USA.

WAS IST ZU TUN?

Investmentidee 1: Optionsscheine

Nicht nur Geld, das aus Schwellenländern

in die USA fließt, stärkt den Dollar, auch

die Wirtschaft läuft in den USA besser als

in Europa. Anleger können mit Optionsscheinen

wie dem Euro-Dollar-Put der

Deutschen Bank (ISIN: DE000DT1WXC3)

mit einer Laufzeit bis Juni 2015 oder mit

Endloszertifikaten (DE000CZ60BR4) auf

einen steigenden Dollar setzen.

Investmentidee 2: US-Binnenwerte

Die US-Binnenkonjunktur dürfte sich als

stark erweisen. Kickstarter für die anderen

Branchen nach einer Rezession ist oft

der Bau. Dem Branchendienst Construction

Dodge zufolge wird der Neubau

2014 in den USA um neun Prozent zulegen,

auf ein Auftragsvolumen von 555,3

Milliarden Dollar. Der Dienst würde auch

„im Falle einer strafferen Geldpolitik“ an

seiner Prognose festhalten. Denn andere

Faktoren überlagern das eventuell knappere

Notenbankgeld. So steigt die Beschäftigung,

es gibt weniger Pleiten und

die Nachfrage der Amerikaner nach Krediten

nimmt zu. Aktien, mit denen sich

direkt profitieren lässt, wie die der Bauträger

Pulte Homes und Lennar, sind

schon gelaufen. Anleger sollten den Kreis

der Profiteure breiter ziehen und Baumaschinenhersteller

wie Deere und

Caterpillar kaufen, die noch günstig bewertet

sind. Caterpillar exportiert zwar

auch, was unter einem stärkeren Dollar

leiden könnte, doch der Baumaschinengigant

macht 35 Prozent seines globalen

Umsatzes in den USA.

Investmentidee 3: Euro-Exportwerte

Ein stärkerer Dollar würde Produkte aus

Europa in den USA billiger machen. Für

BMW ist Nordamerika mit einem Anteil

am Gesamtumsatz von 22 Prozent der

wichtigste Markt in Übersee; auch ohne

schwächeren Euro laufen die Modelle der

Münchner dort schon gut. Mit einem

Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 10,8

ist die BMW-Aktie nicht teuer. Beim Medizindienstleister

FMC kommen sogar

zwei Drittel des Umsatzes aus den USA.

Empfehlung 1: Finger weg von Anleihen

Setzt sich der Zinsanstieg in den USA

fort, drohen Anlegern mit US-Bonds längerer

Laufzeiten Kursverluste; europäische

Staatsanleihen und die von seriösen

Unternehmen bringen kaum noch Renditen.

„Die Bewertungen sind unattraktiv“,

sagt Chris Iggo, CIO Fixed Income bei Axa

Investment. „Hochriskante Bonds sollten

Anleger mit 6,5 Prozent jährlicher Rendite

oder mehr kompensieren, nicht mit 4,5

Prozent im Schnitt, wie zurzeit“, so Iggo.

Empfehlung 2: Gold halten

Ein steigender Dollar wäre schlecht für

Gold, da der Dollar und das Edelmetall in

Krisenzeiten um den Titel „bester Fluchthafen“

konkurrieren. Verlangsamt Yellen

das Gelddrucken, ist das ebenfalls

schlecht für Gold. Aber das Edelmetall ist

auch unten: Vor allem große Fonds haben

viel Gold verkauft. Auf der Käuferseite

stehen meist Privatleute. Der Goldpreis

könnte kurzfristig noch fallen. Gleichzeitig

aber ist die Nachfrage vor allem aus den

Schwellenländern nach wie vor hoch. Seit

2003 legte allein die Goldnachfrage aus

Indien und China pro Jahr um neun Prozent

zu. Wer Gold in überschaubaren

Mengen (bis 20 Prozent des Gesamtvermögens)

hat, sollte es behalten.

stefan.hajek@wiwo.de

38 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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Der Volkswirt

DENKFABRIK | Deutschland erwirtschaftet seine viel kritisierten Leistungsbilanzüberschüsse

vor allem mit Ländern außerhalb der Euro-Zone. Die EZB-Geldpolitik und die

Rettungskredite an die Euro-Krisenländer tragen dazu nicht bei. Höhere Investitionen in

Deutschland würden helfen, die Überschüsse abzubauen. Von Marcel Fratzscher

Die richtige Strategie

Die EU-Kommission,

der Internationale

Währungsfonds (IWF)

und die Regierung

der USA kritisieren Deutschland

für seine hohen Exportüberschüsse.

Deutschland

schade seinen Nachbarn, weil

die Wirtschaft zu wettbewerbsfähig

sei und dies Unternehmen

in anderen Ländern keine

Chance lässt, im internationalen

Wettbewerb mitzuhalten.

ifo-Präsident Hans-Werner

Sinn dagegen sieht Deutschland

als den Geschädigten. Er argumentiert,

dass die Geldpolitik der

Europäischen Zentralbank (EZB)

zu den hohen Exportüberschüssen

beiträgt. So haben die Liquidität

oder Rettungskredite der

EZB privates Kapital ersetzt und

es den Krisenländern zum einen

ermöglicht, weiterhin Importe

vor allem aus Deutschland zu

kaufen und über ihre Verhältnisse

zu leben. Zum anderen seien

diese Kredite von den Krisenländern

dafür genutzt worden, ihre

Schulden bei anderen Ländern

zurückzuzahlen, welche dann

wiederum für den Kauf deutscher

Exporte verwendet wurden.

Faktisch, so Sinn, bezahle

Deutschland mit

seinen exportierten

Autos die Schulden

der Krisenländer.

Die Wirklichkeit

ist jedoch eine andere.

Tatsache ist,

dass Deutschland

2013 einen

Leistungsbilanzüberschuss

von 7,3

Prozent des Bruttoinlandsproduktes

aufwies, diesen

Überschuss aber

hauptsächlich ge-

online

Die Reaktion von ifo-

Präsident Hans-Werner

Sinn auf diesen Beitrag

sowie alle bisherigen

Beiträge der Sinn/

Fratzscher-Kontroverse

über die Deutung der

deutschen Leistungsbilanzüberschüsse

lesen Sie unter

wiwo.de/exporte

genüber Ländern außerhalb der

Euro-Zone erwirtschaftet hat. Dagegen

haben die Krisenländer

Spanien, Italien und Portugal heute

alle eine ausgeglichene Leistungsbilanz

und importieren sehr viel

weniger Güter aus Deutschland als

noch zu Beginn der Krise. Gleichzeitig

sinkt seit dem Sommer 2012

die Inanspruchnahme der Kredite

der EZB, die Targetforderungen

der Deutschen Bundesbank gehen

deutlich zurück. Dies bedeutet,

dass netto wieder privates Kapital

» Das Vertrauen

und privates

Kapital kehren

in die Krisenländer

der Euro-

Zone zurück«

in die Krisenländer fließt. Die von

Sinn richtigerweise betonte Identität

von Kapitalverkehr und Leistungsbilanz

schließt also den

Zusammenhang zwischen den

Überschüssen Deutschlands und

den Leistungsbilanzen beziehungsweise

Kreditrückzahlungen

der Krisenländer

aus.

Diese Tatsachen

zeigen auch, dass die

Rettungspolitik der

EZB erfolgreich war:

die von der EZB bereitgestellte

Liquidität

hat den Unternehmen

und Menschen in den

Krisenländern während

der vergangenen

Jahre Zeit verschafft,

Reformen umzusetzen

und einen geordneten

Anpassungsprozess – auch

der Leistungsbilanzdefizite – zu ermöglichen.

Dieser Prozess ist auf

einem guten Weg, das Vertrauen

und private Investitionen aus

Deutschland und anderen Ländern

kehren wieder zurück. Dies verdeutlicht,

dass Deutschland nicht

der Geschädigte dieses Prozesses

ist: EZB-Kredite haben es bis 2012

deutschen Investoren ermöglicht,

ihre Gelder aus Krisenländern abzuziehen

und höhere Verluste zu

vermeiden.

Auch deshalb haben die Krisenländer

heute nichts mit den riesigen

Exportüberschüssen Deutschlands

zu tun. Die Krisenländer

zahlen netto keine Kredite an

Drittländer zurück, die dann mit

diesen Geldern deutsche Exporte

kaufen. Im Gegenteil: Drittländer

investieren netto wieder Kapital in

Europas Krisenländer. Diese nutzen

dieses Kapital primär um einheimische

Investitionen und Ausgaben

zu finanzieren, nicht um

deutsche Autos zu kaufen.

Der seit 2009 starke Anstieg

deutscher Exporte nach Asien und

Amerika liegt primär in der hohen

wirtschaftlichen Dynamik und der

stark gestiegenen Nachfrage nach

deutschen Maschinen und Investitionsgütern

in diesen Regionen

begründet. Die europäische Krise

macht die Schwellenländer für

deutsche Exporteure und Investoren

immer attraktiver. Auch

deshalb ist der starke Anstieg

des deutschen Handels mit diesen

Ländern eine logische Konsequenz

deren relativer wirtschaftlicher

Potenz.

KAUM GLAUBWÜRDIG

Wir sollten uns also fragen, was

denn die richtige Strategie für

die Bundesregierung ist, um sich

gegen die Vorwürfe von EU, IWF

und der USA zu verteidigen. Der

Versuch, die deutschen Exportüberschüsse

in einem Atemzug

mit der Krisenpolitik der EZB zu

nennen, wäre wohl kaum eine

glaubwürdige Verteidigungsstrategie.

Gleichzeitig sollte die Bundesregierung

entschieden den

Vorwurf entkräften, Deutschlands

Exportstärke und Wettbewerbsfähigkeit

schade seinen

Nachbarn.

Das Gegenteil trifft zu: Gerade

die deutschen Exporte nach

Asien und Amerika haben, bedingt

durch die Vorleistungsimporte,

dazu beigetragen, dass

die Krisenländer ihre Exporte

nach Deutschland behaupten

konnten. Der Hauptgrund für die

hohen Leistungsbilanzüberschüsse

ist die Investitionsschwäche

Deutschlands, die

sich in zu niedrigen Importen

niederschlägt. Höhere Investitionen

würden zu mehr Wachstum,

Beschäftigung und Wohlstand in

Deutschland führen. Das liegt in

Deutschlands Verantwortung,

nicht in der Europas. Und

Deutschland wird größter Nutznießer

dieser Anpassung sein.

Marcel Fratzscher, 42, ist seit

Februar 2013 Präsident des

Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung

in Berlin.

FOTOS: PR, LOOK-FOTO

40 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

Klein, clever,

König

WELTMARKTFÜHRER | Nicht nur die Vorzeigebranche

Maschinenbau bringt es zu globaler Meisterschaft. Übers

ganze Land verteilen sich kleine Unternehmen, die es

in den unterschiedlichsten Nischen an die Weltspitze

geschafft haben – und von denen man einiges lernen kann.

Deutschland ist ein glückliches

Land. So klein auf dem Globus

und trotzdem seit Jahrzehnten

einer der gefragtesten Exporteure

weltweit und bei den

Besten, wenn es um neue Patente geht.

Diesen jahrzehntelangen Erfolg verdanken

die Deutschen nicht nur börsennotierten

Dax-Riesen mit Milliardenumsätzen, sondern

auch den vielen mittelständischen

Gewerbetreibenden, von denen viele seit

Generationen in Familienhand sind.

3,7 Millionen Unternehmen sind das, die

2013 zusammen rund 2,1 Billionen Euro

Umsatz erwirtschafteten. Viele sitzen in

ländlichen Regionen, vermeintlich ab vom

Schuss, und bringen es dennoch zur Weltmarktführerschaft.

Das Schwabenland etwa

gilt Wirtschaftsförderern im ganzen

Land als Vorbild.

Wenig beachtet aber werden die ganz

kleinen unter den Weltmarktführern. Dabei

behaupten sich manche seit Jahrzehnten

mit großem Erfolg in Nischen, bei manchen

ist es gar die Nische in der Nische.

Die WirtschaftsWoche stellt Unternehmer

vor, von deren Strategien sich nicht

nicht nur Kleine noch etwas abschauen

können. Zum Beispiel, wie man mit Qualitätsarbeit

und schnellem Service weltweit

punkten kann: oder sich erfolgreich allen

neuen Branchentrends widersetzt, stur bei

seinem Leisten bleibt – das aber meisterlich.

Manchmal sind es auch nur minimale

Veränderungen, die den Durchbruch bringen

– man muss nur drauf kommen.

Eine andere kluge Strategie: auch fern

der eigenen Branche nach wissenschaftlichen

Erkenntnissen suchen, die sich auf

das Geschäft übertragen lassen, und zum

Alleinstellungsmerkmal gegenüber Wettbewerbern

werden. Oft zahlt sich auch der

Mut aus, das angestammte Technik-Knowhow

für die Entwicklung völlig anderer

Produkte zu nutzen.

n

andreas macho | unternehmen@wiwo.de

SCHULZE-BRAKEL

Der Plopp-Killer

Kaum hatte die russische Bevölkerung

Wladimir Putin als Präsident bestätigt,

ging es rund im ostwestfälischen Brakel.

In mehreren Schichten ließ Archibald

Schulze-Cleven arbeiten. Denn statt der

vielen Mikrofone an seinem Stehpult wollte

Putin nur eines haben und auf diesem

sollte Klartext stehen: „President Office“.

„Der Auftrag musste sofort erfüllt werden.

Aber die Farbe braucht schon 24 Stunden

zum Trocknen, von den anderen Arbeitsschritten

ganz zu schweigen“, erinnert

sich Unternehmer Schulze-Cleven. Die Zusatzschichten

sollten sich bezahlt machen.

Wann immer Putin heute im Fernsehen

spricht, schützt deutsche Maßarbeit sein

Mikrofon. Die Überzüge verschlucken den

Wind genauso wie die Plosivlaute „t“ und

„p“ – bei Rednern und Rundfunksprechern

als Ploppgeräusche gefürchtet.

Für Kunden aus 63 Ländern bedruckt

das Unternehmen Schulze-Brakel aus Brakel

bei Paderborn ihre Schaumstoffüberzüge

mit individuellen Logos: Neben »

42 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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Gegen den schnellen,

weltweiten Service und

die Qualität der Mikrofonüberzüge

von Archibald

Schulze-Cleven konnte

sich noch kein internationaler

Wettbewerber

durchsetzen

Schulze-Brakel, Brakel

FOTO: FRANK BEER FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

WirtschaftsWoche 27.1.2014 Nr. 5 43

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Unternehmen&Märkte

»

Rundfunkanstalten wie ARD, BBC oder

Al Jazeera beliefern die 37 Mitarbeiter auch

Parteien, Pressestellen – oder eben die Präsidenten

selbst. „Wenn ich im Fernsehen

Journalisten mit Mikrofonen sehe, stammen

80 Prozent von uns“, freut sich der

70-jährige Inhaber.

Wenn Schulze-Cleven im altmodischen

Cordsakko über den Aufstieg seines Unternehmens

spricht, erzählt er zugleich ein

Stück deutscher Nachkriegsgeschichte.

1949 gründete sein Vater einen Betrieb, um

Rucksäcke für Militär und Polizei zu nähen.

In den Sechzigerjahren erweiterte er auf

Ohrpolster für Kopfhörer und Windschutzbezüge.

Dann hatte

Schulze-Cleven als ältester

Sohn die simple, aber

Video

durchschlagende Idee:

Weitere Porträts

„Rundfunkanstalten hatten

ihre Logos immer

und ein Video zu

Autoflug-Panzersitzen

finden Sie nur am Sockel des Mikrofonständers.

Die sah

in unserer App

im Fernsehen kein

Mensch. Der Vorschlag,

sie direkt auf den Schaumstoffüberzug zu

drucken, überzeugte sie.“

Erster Abnehmer war die ARD. Dass deren

Journalisten mit ihren neuen Schaumstofflogos

auch im Bild blieben, wenn die

Kamera näher an den Interviewten heranzoomte,

machte neidisch und schaffte einen

Nachfrageschub in Brakel. Das war der

Trick: „Man braucht in jedem Land einen

sichtbaren und großen Vorreiter, dann

kommen die Aufträge von selbst“, sagt

Schulze-Cleven. Vor allem die weltweit 40

Vertreter kurbeln den Absatz an. In Europa,

Russland, Indien und langsam auch in den

USA ist die hohe Qualität seiner Überzüge

gefragt, mit der er die Mitbewerber auf Abstand

halten kann. Der Umsatz lag 2013 bei

rund zwei Millionen Euro.

Schulze-Cleven legt das Geschäft nun in

fremde Hände: Seine drei Söhne haben

ausgeschlagen, nun übernimmt ein Unternehmer

aus dem Umland den Betrieb.

Mehrere Kaufangebote von größeren Unternehmen

hat Schulze-Cleven abgelehnt.

„Natürlich könnte ich mir so schnell die Taschen

füllen, aber als Familienunternehmer

denkt man an Nachhaltigkeit.“

Den neuesten Trend bei Mikroüberzügen

hat er schon vor sich liegen: ein eckiges

Stück Schaumstoff mit dem Logo der BBC.

„Das sind Überzüge für iPhones. Die BBC

hat gerade 400 davon bestellt“, sagt Schulze-Cleven.

Und das ist wieder mal erst der weltweite

Anfang.

3B SCIENTIFIC

Knochenjob

Auf den ersten Blick erinnern die Modelle

von 3B Scientific an Gunther von Hagens’

Körperwelten-Ausstellung. Im roten Fleisch

der gehäuteten Körper zeichnen sich Gelenkbänder

und Muskeln ab. Daneben

hängt ein Gerippe, in dessen Totenschädel

man in leere Augenhöhlen blickt. Mit der

Lust am exhibitionistischen Grusel haben

die Skelette von 3B Scientific aber nichts zu

schaffen, im Gegenteil: Die anatomisch korrekten

Figuren dienen der Wissenschaft und

Weil Knochen nicht gleich

Knochen sind, berücksichtigt

Otto Gies für den

internationalen Verkauf

anthropologische Unterschiede.

Das macht die

Skelette teurer, aber

begehrter

3B Scientific, Hamburg

finden sich an so gut wie jeder medizinischen

Universität. Die Hamburger sind mit

ihren künstlichen Skeletten Weltmarktführer

für anatomische Lehrmittel.

Die Wurzeln des Erfolgs liegen im Jahr

1945, als der Kriegsheimkehrer Paul Binhold

nach einem Auskommen suchte. Ausgerechnet

in dem wohl sinnlosesten Überbleibsel

aus dem Krieg, den Pferdegasmasken,

fand Binhold den Stoff, um Neues zu

schaffen. Zunächst reparierte er mit dem

Kunststoff Regenschirmgriffe und Spielzeug.

Als er in einem Hamburger Museum

den Kopf eines Ausstellungsstücks reparierte,

hatte er schließlich die Geschäfts-

»

FOTO: ARNE WEYCHARDT FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

44 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

»

idee: Warum, fragte sich Binhold, kann

man nicht gleich ein komplettes Skelett aus

Kunststoff herstellen?

In den Fünfzigerjahren lieferte Binhold

die ersten anatomisch korrekten Plastik-

Skelette an deutsche Universitäten. Die bis

dahin übliche Praxis, menschliche Skelette

für den Unterricht zu verwenden, war nach

dem Zweiten Weltkrieg in Verruf geraten,

da niemand mit Sicherheit sagen konnte,

woher diese stammten. Mediziner unterstützten

Binhold bei der Präzisierung seiner

Kunststoffmodelle.

PRÄSENZ VOR ORT

Gut 20 Jahre später exportierte Binhold seine

Skelette zu Preisen von 250 bis 1000 Euro

auch nach Frankreich und in die USA. Mittlerweile

liefert das Unternehmen in 140 Länder,

hat weltweit 15 Niederlassungen und erwirtschaftet

rund 50 Millionen Euro Umsatz

jährlich. „Die Präsenz in den Märkten und

das Eingehen auf die Kulturen war entscheidend

für die erfolgreiche Internationalisierung“,

sagt Otto H. Gies, der heute neben

Binholds Tochter Marion Kurland und deren

Mann Gesellschafter bei 3B Scientific ist. So

fiel der Internationalisierung 1996 der alte

Firmenname Paul Binhold Lehrmittelfabrik

zum Opfer. „Er war in Ländern wie Japan

schwer zu vermitteln“, sagt Gies. Dafür kamen

neue Skelett-Varianten hinzu, etwa die

asiatische und afrikanische.

600 Mitarbeiter beschäftigt 3B Scientific

weltweit, knapp 400 davon in Deutschland.

Durch hausgemachte Fehler bei der Umstellung

auf ein neues EDV-System stagnierte

der Umsatz des Unternehmens in

den vergangenen zwei Jahren. Inzwischen

freut man sich wieder über den höchsten

Auftragsbestand seit zehn Jahren.

„Länder wie Russland oder Brasilien bestellen

oft zentral für all ihre Einrichtungen.

Da kann es schnell zu Lieferengpässen

kommen“, sagt Gies, der gerade genau dagegen

ankämpft und die Produktionsmitarbeiter

nun in zwei Schichten arbeiten

lässt. Auf 20 Prozent schätzt man bei 3B

Scientific den Anteil am Weltmarkt. Krankenhäuser,

Universitäten und Orthopädie-

Praxen in den USA, Japan und Russland

seien schon weitgehend abgedeckt.

Wachstumsmöglichkeiten sieht Gies vor

allem in Brasilien und Thailand.

Auch wenn das Kerngeschäft immer

noch Knochengerüste sind, sichert sich

das Unternehmen mit zusätzlichen Standbeinen

ab, die mit Skeletten nichts zu tun

haben: Neue 3B-Scientific-Geräte messen

zum Beispiel die Qualität von Wasser.

HARK ORCHIDEEN

Exotisches Faible

Wenn Anja Hark-Bormann ihr Geschäftsmodell

erklärt, holt sie weit aus. Im 17.

Jahrhundert beginnt ihre Geschichte über

Sammler, die erstmals Orchideen von England

nach Mitteleuropa brachten. Weil alle

Versuche, die schöne Blume künstlich zu

vermehren, fehlschlugen, haftete ihr ein

Ruf als Exotin zu unerschwinglichen Preisen

an. „Bis zu 1000 Mark hat man in den

Siebzigerjahren für Orchideen bezahlt“,

sagt Hark-Bormann, die vierte Generation

im Familienbetrieb Hark Orchideen.

Dass die Blüten heute für jedermann erschwinglich

sind, ist auch dem Unternehmen

aus Lippstadt bei Paderborn zu verdanken.

Hark ist einer der Pioniere bei der

Massenvermehrung von Orchideen und in

dieser Nische heute Weltmarktführer.

Grund dafür ist die Passion des Gärtners

Fritz Hark für exotische Pflanzen.

1949 hatte Hark die Familiengärtnerei

übernommen. Ein Vortrag über den sterilen

Umgang mit Pflanzen brachte die Idee:

Hark hielt seine Geräte für die Übertragung

Asiatische Konkurrenten

üben

seit Jahren, doch

keiner hat die botanische

Expertise

der Gründer-Urenkelin

Anja

Hark-Bormann

und ihrer Mitarbeiter

erreicht

Hark Orchideen,

Lippstadt

der Pflanzenteile auf ein Nährmedium fortan

absolut keimfrei. Was als unmöglich gegolten

hatte, glückte dadurch: Die idente

Vermehrung – sprich: das Klonen – von Orchideen.

Der Grundstein für den Erfolg war

gelegt. 1,75 Hektar misst das Labor in Lippstadt,

das weltweit größte für Orchideenzucht.

Zwar versuchen auch Asiaten, Orchideen

zu klonen. In diesem Maßstab ist

es ihnen aber nicht gelungen. „Pflanzen

sind eben keine Schrauben. Man braucht

viel Know-how“, sagt Hark-Bormann.

Heute kann Hark aus nur einer Pflanze

bis zu drei Millionen Klone reproduzieren.

Orchideenzüchter aus der ganzen Welt

zählen zum Kundenstamm für die fünf bis

zehn Zentimeter großen Setzlinge. 750 Mitarbeiter

zählt das Unternehmen heute,

2001 waren es erst 30. Der Jahresumsatz

liegt im zweistelligen Millionenbereich.

200 Millionen Orchideen werden in Europa

pro Jahr verkauft. Wachstumschancen

gibt es aber eher in Nordamerika, wo

Hark bereits 30 Prozent des Marktes erobert

hat. Das vor Kurzem eröffnete Labor

im US-Staat Michigan soll die Produktion

weiter steigern. Exotik bleibt ein Verkaufsschlager,

auch im 21. Jahrhundert.

FOTO: SCOTT STEWART FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

46 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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HEPRO MASCHINEN

Die Schälspezialisten

Die Chinesen machten es Siegfried Hennemeier

und Christoph Protte besonders

schwer. Gleich sechs Spargelschäler hatte

ein Unternehmen, das Spargel im Glas verkauft,

gegen ihre Schälmaschine in Stellung

gebracht, um die Effizienz der Technik zu

testen. Eine Stunde lang schälten die sechs

Chinesen Spargelstangen, zugleich jagte das

Hydrauliksystem Spargel durch die Rasiermesser

in der Maschine. Am Ende spuckte

die Schälmaschine der Deutschen 5000

Stück geschälten Spargels aus. Die Handschäler

hatten trotz maximaler Anstrengung

nicht mal die Hälfte geschafft.

20 Jahre hat es gedauert, bis sich die Westfalen

Hennemeier und Protte mit ihrer Spargelschälmaschine

am Weltmarkt durchsetzen

konnten. Hepro – ein Kürzel aus den

Anfangsbuchstaben ihrer Namen – heißt ihr

Unternehmen mit Sitz in Rheda-Wiedenbrück.

Bis zu 10000 Stück weißen Spargels

schält ihre neueste Erfindung pro Stunde.

Ohne die enorme Effizienz wäre die Maschine

etwa gegen peruanische und chinesische

Billiglöhner nicht konkurrenzfähig. Dass die

Deutschen es überhaupt auf Märkte wie diese

geschafft haben, verdanken sie maßgeblich

der permanenten Optimierung ihres

Produkts – und dem unbedingten Servicegedanken.

„Kein Peruaner kauft sich eine Spargelschälmaschine

aus Prestige. Dort geht es

ausschließlich um Zahlen. Wenn du nicht

deutlich mehr schaffst als die Spargelschäler,

ist das Produkt nicht von Interesse“, sagt

Protte. 25 Mitarbeiter beschäftigen die Inhaber.

Mehr als 100 Schälmaschinen verkauft

Hepro im Jahr. Die leistungsstärkste schlägt

mit 120000 Euro zu Buche. Der Umsatz liegt

bei rund acht Millionen Euro pro Jahr – bei

einer zweistelligen Rendite.

auf der Spargelmesse im niedersächsischen

Leese vorstellten, war die Resonanz groß:

Auf Anhieb verkauften die Freizeitbastler

fünf Maschinen.

Die Freude hielt nicht lange an. „Die Maschinen

hatten noch Kinderkrankheiten

und mussten ständig gewartet werden“, sagt

Hennemeier. Die Tüftler nahmen sich Urlaub,

um die Klingen in den verkauften Maschinen

zu ersetzen. Protte: „Der Servicegedanke

prägt uns bis heute.“

1995 starten die Tüftler Phase zwei: die

Selbstständigkeit. Der internationale Durchbruch

folgte im Jahr 2000 mit den Anfragen

aus China und Peru, den größten Märkten

für weißen Spargel. Den Servicegedanken

nahmen sie mit für den Weltmarkt: Damit

die Maschinen auch am anderen Ende der

Welt regelmäßig gewartet werden können,

bildet Hepro Mitarbeiter der Käufer-Firmen

in Rheda-Wiedenbrück aus und zahlt ihnen

Unterbringung und Ausbildung. Das rechne

sich, so Protte: „Wenn die Maschine nicht 24

Stunden läuft, verlierst du den Kunden.“

Auf die Anfragen aus China reagieren die

Ostwestfalen mittlerweile vorsichtig. Die

Angst, dass ihnen das Know-how geklaut

werden könnte, ist trotz Patent groß. Die Peruaner

bestellen unterdessen laufend neue

Maschinen. Die anstrengende Startphase

hat sich gelohnt, so Protte: „Man musste mit

denen unglaublich viel essen und trinken,

um ins Geschäft zu kommen.“

PROTOTYP AUS AUTOTEILEN

Entstanden ist die Geschäftsidee Anfang der

Neunzigerjahre mit der Frage eines befreundeten

Spargelbauers: „Er wollte wissen, ob

man Spargel theoretisch auch maschinell

schälen könnte“, erzählt Protte. Die Frage

nistete sich ein im Hinterkopf des Maschinenbautechnikers,

der bei einer Holzfirma

arbeitete. Als er im Lagerraum zu tun hatte,

wusste er die Antwort: „Ich sah den

Schaumgummi und dachte, mit dem könnte

man den Spargel optimal innerhalb einer

Maschine transportieren.“

Zusammen mit seinem Kollegen Hennemeier

setzte Protte die Idee um: Aus alten

Autoteilen bastelten sie parallel zum Job den

ersten Prototyp. Als sie die Maschine 1994 »

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Unternehmen&Märkte

HERPA MINIATURMODELLE

Trabant im

Taschenformat

Dietenhofen bei Nürnberg ist der wohl letzte

Ort der Bundesrepublik, an dem der Trabi

noch vom Band rollt. Gleich neben dem

Trabant parkt eine schwarze 5er-Limousine

von BMW, und wer will, kann beide für wenig

Geld gleich mitnehmen. Führerschein

braucht man dafür keinen: Die Autos passen

bequem in die Jackentasche. Im Maßstab

1:87 fertigt das Unternehmen Herpa

Miniaturmodelle von Pkws und Lkws, die

im Laden zwischen 4 und 60 Euro kosten.

„In absoluter Originaltreue und in Zusammenarbeit

mit den Herstellern“, wie Geschäftsführer

Walter Wehr betont.

Herpa setzt darauf, dass manche Hobbys

allen Moden trotzen. Deshalb hat es das

Unternehmen aus Dietenhofen mit der

Welt im Kleinen auch in der großen weit

gebracht. Rund sechs Millionen Modelle

werden jährlich gefertigt, ein Großteil davon

in Dietenhofen. „40 Prozent der Pkws

und 60 Prozent der Flugzeuge gehen in den

Export“, sagt Wehr. In den gängigen

Maßstäben 1:87 bei Autos und 1:500 bei

Flugzeugen ist Herpa damit Weltmarktführer:

Kein Unternehmen produziert in diesen

Maßen derart viele Modelle. 15 Millionen

Euro Jahresumsatz erzielt Herpa mit

seinen mehr als 200 Mitarbeitern. Warum

das Geschäft mit den Miniaturen so beständig

ist? „Wir vermitteln deutsche Wertarbeit“,

sagt Wehr.

Begonnen hat die Erfolgsgeschichte

1949 mit den Bürsten und Küchenutensilien

des Erfinders Wilhelm Hergenröther

aus Nürnberg. Er stutzte seine Bürsten zu

Bäumchen zurecht und verkaufte sie als

Landschaftsversatzstücke an Modelleisenbahnhändler.

Als Hergenröthers Betrieb in

den Sechzigerjahren von dem Unternehmer

Fritz Wagener übernommen wurde,

fiel das Küchengeschäft weg. Was blieb,

waren die Miniaturen.

Und um diese, speziell im Autobereich,

kümmerten sich die anderen Hersteller in

den Siebzigerjahren nur stiefmütterlich.

Die Modelle waren plump, die Fenster

Keiner schlägt Geschäftsführer

Walter Wehr bei der

Modellvielfalt und Detailtreue

seiner Miniaturautos

und -lastwagen

Herpa, Dietenhofen

blind, auch Innenleben hatten die Wagen

keines. Wagener, dessen Hobby die Modelleisenbahn

war, wollte mehr Details in die

Miniaturen rund um die kleine Eisenbahn

bringen. 1978 präsentiert Herpa die ersten

Modelle unter anderem von BMW, Opel

und Audi. Der Glanz der großen Marken

war damit im Taschenformat zu haben.

Statt die Modelle einfach nachzubauen,

ließ sich Wagener von den Autoherstellern

die echten Baupläne für die Chassis zeigen.

2009 übernahm Fürst Andreas zu Leiningen

das Unternehmen. Herpa gehört noch

heute zu den wenigen Herstellern, die die

Autokonzerne in ihre Pläne blicken lassen.

FOTO: CHRISTIAN GRUND FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

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AUTOFLUG

Sicher trotz Mine

Wenn ein Panzerfahrer auf eine Mine rollt

oder beschossen wird, trennt ihn nicht

mehr viel vom Tod – außer ein entkoppeltes

Sicherheitssitzsystem von Autoflug aus

Rellingen nördlich von Hamburg. Es ist der

letzte technische Hebel, um zu vermeiden,

dass der Panzerfahrer zu viel der Restenergie

einer Stoß- oder Druckwelle direkt auf

den Körper bekommt. Das Ganze muss

funktionieren, egal, ob der Einschlag von

unten, oben oder der Seite kommt – eine

technische Herausforderung.

Die Lösung sieht so aus: Die Sitze sind

nicht starr mit dem Kampf- oder Schützenpanzer

verbunden, sondern an der Außenwand

mit extrem reißfesten und sicher zu

justierenden Gurten eingehängt, denn die

übertragen anders als feste Verbindungen

keine Druckkräfte. Das Vertrauen in diese

Technik machte Autoflug mit 225 Mitarbeitern,

einem Jahresumsatz in achtstelliger

Höhe und Aufträgen aus Europa, Amerika

und Asien zum Weltmarktführer.

Bereits 2001 stieg Autoflug, schon 1919

von einem Flugpionier als „Ausstatter für

Autos und Flugzeugwesen“ gegründet, in

dieses Geschäft ein. Ihr Erfolgsrezept seitdem:

Sie schaffen anders als Konkurrenten

immer wieder den Know-how-Transfer

zwischen zwei unterschiedlichen Geschäftsbereichen,

beide profitieren vom

guten Ruf des anderen. „Wir wussten, dass

die Nutzer von Panzerfahrzeugen längst

mehr Minenschutz für die Soldaten benötigen“,

berichtet der geschäftsführende Gesellschafter

Andreas Sedlmayr. „Uns kam

zugute, dass wir als Hersteller von Fallschirmen

jahrelange Erfahrungen mit der

Sicherheitsrelevanz und Leistungsfähigkeit

technischer Textilien hatten. Wir konnten

dieses Wissen nutzen, weil sie die Energie

einer Sprengfalle gegen einen Panzer

ebenso absorbieren können wie die beim

Öffnungsstoß eines Fallschirms.“

Trotz sieben Branchenkonkurrenten in

Deutschland und rund 20 weltweit investierte

Autoflug in die Sitzsysteme – mit

durchschlagendem Erfolg. Der ist auf dem

schrumpfenden Markt für Panzertechnik

alles andere als selbstverständlich.

UNIKON

Chip am Bein

Für die Brieftauben war die Prozedur purer

Stress. Statt die Vögel nach ihren Wettflügen

zu belohnen, zerrten die Züchter sie

aus ihren Verschlägen, um an den kleinen

Zettel zu gelangen, der ihnen am Bein baumelte.

Nur mit ihm war der Nachweis zu erbringen,

dass die Taube vom Start bis ins

Ziel geflogen war. Die Konstatiermaschine,

die den Zettel überprüfte, entschied über

Sieg und Niederlage der Taube – und damit

über Erfolg oder Misserfolg ihrer Züchter.

Seit den Neunzigerjahren ist das anders:

„Unsere Systeme benutzen statt dem Zettel

am Fuß der Brieftaube einen elektronischen

Taubenring mit einem winzigen

Transponder“, sagt Martin Hartwigsen, Bereichsleiter

bei Unikon aus dem niedersächsischen

Barsinghausen. Ein Computer

identifiziert die Taube mittels eines RFID-

Chips an ihrem Fußgelenk, sobald das Tier

nach dem Wettflug in seinem Verschlag gelandet

ist. „Das System funktioniert wie ein

Fingerabdruck. Eine Plombe schließt jede

Manipulation aus“, sagt Hartwigsen.

Rund zwei Millionen Brieftauben gibt es

in Deutschland. Das ursprünglich belgische

Hobby ist heute weltweit verbreitet.

Unikon erkannte diesen Markt frühzeitig

und brachte es mit den nicht manipulierbaren

Taubenringen zum Weltmarktführer.

Denn was deutsche Taubenzüchter als

Sport betrachten, ist in den USA und China

ein florierender Zweig der Wettbranche.

Preisgelder von einer Million Euro sind keine

Seltenheit bei Taubenwettflügen. Die

Ermittlung des Gewinners ist bei solchen

Summen keine Lappalie – und liefert die

Basis für Unikons Geschäftsmodell.

Wie man darauf kommt, mit Brieftauben

den Weltmarkt zu erobern? Ganz einfach,

indem man mit Züchtern spricht. Als Spezialist

für berührungslose Identifikationssysteme

erkannte Anatoli Stobbe, Inhaber

von Deister Electronic und deren Tochter

Unikon, sofort das Geschäft. Er bastelte

Speicherboxen und RFID-Chips und setzte

sich damit dank der cleveren Umsetzung

rasch durch. Produziert wird in Asien.

Mehr als 40 Prozent Weltmarktanteil verbucht

Unikon heute dank der simplen Verarbeitung

des komplexen Systems. Der

Umsatz liegt im niedrigen Millionenbereich.

Gesteuert wird das Tauben-Geschäft

von nur 4 der 250 Deister-Mitarbeiter. n

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WirtschaftsWoche 27.1.2014 Nr. 5 49

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Unternehmen&Märkte

Gipfeltreffen der

Weltmarktführer

SCHWÄBISCH HALL | Lernen von den besten Unternehmern des deutschen Mittelstands –

und einem Bundesligisten.

KLAUS EISERT

Geschäftsführender Gesellschafter

Phoenix Contact

Das Familienunternehmen liegt tief in Ostwestfalen-Lippe.

Das Lipperland ist schön

– aber weit entfernt von den bekannten

Hochschulen oder Forschungszentren.

Trotzdem ist Phoenix Contact weltweit erfolgreich

mit elektrischer Verbindungsund

elektronischer Interfacetechnik sowie

industrieller Automatisierungstechnik.

Dank dieser Expertise und sehr guten Weiterbildungsmöglichkeiten

sowie weltweiter

Vernetzung schafft es Phoenix, seit

Blomberg 1966 Stammsitz wurde, sich

trotz der dezentralen Lage immer wieder

innovative Tüftler ins Haus zu holen. Der

Global Player gehört zudem zum Spitzencluster

„Intelligente technische Systeme“

des Bundesforschungsministeriums.

JOHN B. EMERSON

Botschafter

der USA

DETLEF

BORGHARDT

SAF-Holland

THOMAS ENDERS

CEO Airbus Group

Der Politikwissenschaftler und Luftlandesoldat

weiß, wie sich ein paneuropäischer

Konzern voller nationaler Eifersüchteleien

zu einem Team vereinen lässt:

durch offene Kommunikation und Mut

zu klaren Entscheidungen. Mehr noch

aber ist der Sohn eines Schäfers ein Vorbild

im Umgang mit den Regierungen in

seinem Aktionärskreis. Mal macht Enders

sich Freunde durch neu geschaffene Jobs,

mal agiert er an der Grenze zwischen

Erpressung und Druck auf die Eigentümer,

immer zum Nutzen des gerade von

EADS in Airbus umbenannten Weltmarktführers

für Zivilflugzeuge. Aber

nie, ohne dabei zugleich auch den Gewinn

für die Eigentümerstaaten sichtbar

zu machen.

KLAUS FISCHER

Unternehmensgruppe

fischer

BERTRAM

KANDZIORA

Stihl

ROLF HOLLANDER

Vorstandsvorsitzender Cewe Color

Kaum eine Branche hat der digitale Wandel

so hart getroffen wie die Anbieter für

Fotoabzüge. Innerhalb weniger Jahre verdrängte

die digitale Fotografie nicht nur bei

Profis, sondern auch bei Endverbrauchern

analoge Kameras. Kleine Filmdosen für

analoge Abzüge bringt seitdem kaum noch

jemand zum Entwickeln in den Fotoladen.

Aber nicht nur die Nachfrage nach Negativabzügen

sank. Zugleich tauchten Drucktechnikanbieter

als neue Konkurrenten

auf. Cewe Color bewältigte den schwierigen

Wandel binnen weniger Jahre. Heute

druckt das Unternehmen jährlich Milliarden

Fotos. Hinzu kommen Millionen Fotobücher

und -geschenkartikel – ein Markt,

den es vorher gar nicht gab –, und es gilt

beim Druck als Technologieführer.

ARNDT G.

KIRCHHOFF

Kirchhoff Gruppe

WOLFGANG KIRSCH

DZ Bank

FOTOS: PICTURE-ALLIANCE/DPA, LAIF (2), AGENTUR FOCUS, PR (10). ACTION PRESS (2), DDP IMAGES, IMAGO

50 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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Einmal im Jahr trifft sich im engen

Kochertal die Elite. Die fitten unter

den Unternehmern, Vorständen und

Geschäftsführern stiefeln dann am Morgen

zu Fuß den steilen Weg zur Bausparkasse

Schwäbisch Hall hinauf. Sie wissen, der

stramme Marsch lohnt sich, denn im Auditorium

des Häuslefinanzierers werden drei

Tage lang die besten deutschen Weltmarktführer

aus dem Nähkästchen plaudern.

Größen aus der Wirtschaftspolitik skizzieren

die Leitlinien der kommenden Jahre.

Wie machen es die anderen? Das wollen

Unternehmer wissen. Deshalb berichten

erfolgreiche Kollegen und Konkurrenten

von Dienstag bis Donnerstag dieser Woche

über Erfolgsstrategien für nachhaltiges

Wachstum, über Chancen und Risiken des

Internets, den Mittelstand und seine Banken

sowie die Herausforderungen am Industriestandort

Deutschland. Die WirtschaftsWoche

begleitet die Veranstaltung,

Chefredakteur Roland Tichy moderiert sie

und bringt die Referenten (siehe Fotos) ins

Gespräch. Zudem stehen Werksführungen

bei Weltmarktführern aus der Region wie

Recaro und Würth auf dem Programm, ein

Galadinner und die Verleihung des „Würth

Future Champion Award 2014“.

n

anke.henrich@wiwo.de

ANGELIQUE RENKHOFF-MÜCKE

Vorstandsvorsitzende Warema Renkhoff

In einem Pferdestall im unterfränkischen

Marktheidenfeld gründeten 1955 zwei

Kompagnons ein Unternehmen zur Fertigung

von Leichtmetalljalousien. Inzwischen

ist Warema Europas Marktführer für

technischen Sonnenschutz. Was Laien als

Markise oder Jalousie gilt, entwickelte Warema

weiter zu einem komplexen Steuerungssystem

für Tageslichttechnik mit für

den Kunden angepasster Raum- und

Zonenautomation. Der Aufpreis soll sich

durch höhere Energieeffizienz rechnen.

So wurde das Familienunternehmen vom

Verkäufer eines vermeintlich einfachen

Produkts zum Systemanbieter. Und regelte

zugleich die Unternehmensnachfolge:

Gründertochter Angelique Renkhoff-

Mücke führt heute erfolgreich die Geschäfte.

HERBERT SCHEIN

Vorsitzender der Geschäftsführung

Varta Microbattery

Die Unternehmensgruppe gilt als anerkannter

Technologieführer im Bereich Mikrobatterien,

ist Weltmarktführer bei Hörgerätebatterien.

Um bei Neuentwicklungen

für die Energiewende weltweit führend

zu sein, gründete der Autozulieferer

mit seinem Top-Kunden Volkswagen eine

gemeinsame Forschungsgesellschaft in

Form eines Joint Ventures. Ziel ist die

Entwicklung der nächsten Generation an

Lithium-Ionen-Zellen. Varta hält den Innovationsprozess

für den entscheidenden

Hebel langfristigen Erfolgs. Hinzu komme

aber laut Unternehmenschef Schein ein

anderer Faktor: „Unser sehr gut funktionierendes,

seismografisches System– und

das sind unsere Kunden.“

HANS-JOACHIM WATZKE

Vorsitzender der Geschäftsführung

Borussia Dortmund

Viel Zeit hatte Kaufmann Watzke nicht

mehr, als er 2005 die wirtschaftliche Verantwortung

für das westfälische Fußballunternehmen

übernahm: Es stand vor der

Insolvenz. Heute lässt sich von Watzke lernen,

wie man mit Sachverstand, Glück

und Leidenschaft ein marodes Traditionsunternehmen

wiederbeleben kann. Zugleich

erwies er sich als Könner der geschickten

Markenführung. Watzke, selbst

Unternehmer mit einem Hersteller von

Feuerwehrschutzkleidung, schaffte es,

dem BVB trotz Börsennotierung ein Markenprofil

als Underdog zu basteln. Heute

gilt der Verein seinen vielen Fans als

sympathischeres Gegenmodell zum dominanten

Marktführer Bayern München.

FRIEDRICH MERZ

Netzwerk Atlantik-

Brücke

GÜNTHER

OETTINGER

EU-Kommission

JENS ROTTMAIR

Kässbohrer

Geländefahrzeuge

NILS SCHMID

Wirtschaftsminister

Baden-Württemberg

MARTIN

SCHOMAKER

R. Stahl

ERIC SCHWEITZER

Industrie- und

Handelskammertag

WirtschaftsWoche 27.1.2014 Nr. 5 51

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Unternehmen&Märkte

Sieg in 300 Jahren

DEUTSCHE TELEKOM | Wer ist der japanische Tycoon, der T-Mobile in den USA kaufen und dem Bonner

Konzern einen Milliardensegen bereiten will: ein Genie oder ein Größenwahnsinniger?

Cholerisch, charismatisch, größenwahnsinnig,

verwegen – Masayoshi

Son vereinigt viele Attribute auf sich.

Dabei wirkt der klein gewachsene Mann

mit der Halbglatze, dem rundlichen Gesicht

und dem Bauchansatz nicht wie Japans

erfolgreichster Geschäftsmann. Häufig

verzichtet der 56-Jährige auf die Krawatte,

früher trat er oft im Sweatshirt auf. Doch

wenn er sein Lächeln anknipst und eloquent

Argumente formuliert, dann kann

sich ihm kaum jemand entziehen.

Sons Stimme mag sanft und die Körperhaltung

bescheiden wirken. Aber seine Erfolge

beruhen auf blitzschnellen Aktionen,

aggressivem Marketing und hoher Risikobereitschaft.

Die Freimütigkeit des Mittfünfzigers

und sein Temperament sind in

Japan so selten wie sein Unternehmergeist.

Son galt als japanischer „Mr. Internet“.

Während der Dotcom-Blase 1999 bis Mitte

2000, in der die Aktienkurse neuer Unternehmen

rund ums Web erst ex- und dann

implodierten, wurde er so reich wie Microsoft-Gründer

Bill Gates. Nach dem Absturz

erfand er sein Unternehmen Softbank als

Telekomgesellschaft neu. Mitte 2013 stieß

er in eine neue Dimension vor und expandierte

mit dem Kauf des Mobilfunkers

Sprint Nextel in die USA. Das hatte noch

keine japanische Telko-Firma gewagt.

Nun bekommt die Deutsche Telekom

den legendären Charme des Softbank-

Gründers zu spüren. Denn seine neue

Tochter Sprint will den US-Ableger T-Mobile

schlucken. Schon im Frühjahr könnten

die Verhandlungen abgeschlossen

sein. Durch die Fusion soll ein schlagkräftiger

Konkurrent zu den Platzhirschen AT&T

und Verizon entstehen.

Bei seinem offiziell unbestätigten Vorstoß

steht Son zwar vor hohen Hürden. Erstens

muss er die US-Kartellbehörde von

dem Deal überzeugen. Die hatte schon

einmal eine geplante Übernahme von

T-Mobile, 2011 durch den US-Riesen

AT&T, abgelehnt. Und zweitens braucht

Son extrem viel Geld für T-Mobile, bis zu 22

Milliarden Euro Cash. Da trifft es sich

schlecht, dass Softbank schon mit 63 Milliarden

Euro verschuldet ist und die Bonität

auf Ramschniveau herabgestuft wurde.

Wenn aber jemand solche Hürden nehmen

kann, dann ist es Son. Der eingebürgerte

Japaner mit koreanischen Wurzeln

denkt in XXXL-Dimensionen. Für sein Lebenswerk

Softbank, das ihm zu mehr als einem

Fünftel gehört, hat er einen 300-Jahres-Geschäftsplan

geschrieben. Posthum,

im Jahr 2300, so Sons Vision, soll Softbank

einen Börsenwert von 2000 Milliarden Dollar

haben und zu den zehn größten Weltfirmen

gehören. Die Übernahmen in den

USA sollen nur ein Vorspiel sein, Son will

den ersten Mobilfunkkonzern mit einer

Milliarde Kunden schmieden.

2000 Mrd.

Dollar Börsenwert erhofft

sich Großaktionär Son

irgendwann für Softbank

dent vor, jeden Tag eine Erfindung zu machen.

Ein Patent für ein Übersetzungsgerät

verkaufte er für eine Million Dollar an den

japanischen Elektronikkonzern Sharp. Zurück

in Japan baute Son einen Softwarehandel

auf und wurde zum Anlaufpunkt

für US-IT-Riesen wie Cisco und Microsoft,

die mit Nippon Geschäfte machen wollten.

Zu seinem Netzwerk gehörten Microsoft-

Übervater Gates und der inzwischen verstorbene

Apple-Gründer Steve Jobs.

Der eigentliche Durchbruch gelang Son

allerdings mit seinem frühen Investment in

VOM ABSTURZ ANGESTACHELT

Kein Wunder, dass Son für das Vorhaben

fast drei Jahrhunderte einplant. Denn zusammen

mit T-Mobile käme er erst auf

knapp 150 Millionen Kunden. Bei einem

Umsatz von 50 Milliarden Euro läge dann

allerdings nur noch China Mobile, der

Marktführer im Reich der Mitte, vor ihm.

„Meine Träume sind groß, okay?“, gesteht

Son. Mit 16 Jahren ging er in die USA,

um einen Schulabschluss zu erwerben,

und nahm sich danach als Wirtschaftsstudas

damalige Startup Yahoo, das später

zeitweilig die weltgrößte Web-Suchmaschine

war, damals aber erst 15 Mitarbeiter

besaß. Während der New-Economy-Zeit

Ende der Neunzigerjahre kaufte er ständig

neue Beteiligungen dazu und wurde immer

reicher. Als 2000 die Dotcom-Blase

platzte, verlor auch Son binnen eines Jahres

98 Prozent seines Vermögens. Der Wert

seiner Firmen von mehr als 52 Milliarden

Euro löste sich fast in nichts auf.

Doch der Absturz stachelte Sons Ehrgeiz

nur an. Da Japans Telekommarkt gerade liberalisiert

wurde, stieg er 2001 ins Geschäft

mit Breitbandanschlüssen ein. Dabei lockte

er massenweise Kunden mit einem kostenlosen

Modem, den höchsten Übertragungsraten

und halb so hohen Preisen wie

die Konkurrenz. Jedes neue Abo kostete

ihn erst einmal knapp 200 Euro. Aber mehrere

Jahre und einige Milliarden Euro Verluste

später ging seine Wette auf. Son hatte

den Hunger auf einen billigen Internet-Zugang

richtig eingeschätzt.

2006 verwandelte Son sein Aschenputtel

der Branche über Nacht in ein Schneewittchen,

indem er für 16 Milliarden Euro den

Japan-Ableger des britischen Mobilfunkers

Vodafone schluckte. „Viele Leute hielten

mich deshalb für verrückt, und ich akzeptiere

das“, räumte Son ein. Doch er besaß

einen Joker: die Freundschaft mit Jobs. Die

sicherte ihm von 2007 bis 2011 die exklusiven

Verkaufsrechte für iPhone und iPad in

Japan. Während dieser Zeit verdoppelte

Softbank die Zahl seiner Mobilfunkkunden

auf 31 Millionen. Inzwischen sind es 45

Millionen – und Stehaufmännchen Son ist

mit seinen Softbank-Aktien im Wert von 16

Milliarden Euro der zweitreichste Japaner.

Vieles spricht dafür, dass Son auch den

Kauf von T-Mobile durchsetzen kann. Eine

weitere Konsolidierung des US-Mobilfunkmarktes

sei unvermeidlich, sagt Braxton

Carter, Finanzchef von T-Mobile: „Das ist

keine Frage des Ob, sondern des Wann.“

Die Deutsche Telekom jedenfalls will ihre

US-Tochter nach langer Durststrecke

unbedingt verkaufen. Für die Bonner wäre

der Deal mit Softbank ein Befreiungsschlag.

Für den Wahnsinnsbetrag von 39,4

Milliarden Dollar hatte der damalige Vor-

FOTO: MAURITIUS IMAGES/ALAMY

52 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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Vorstoß in die

XXXL-Dimension

T-Mobile-Interessent

Son will zu

den zehn größten

Unternehmern der

Welt gehören

Steckbrief Softbank

Gegründet: 1981 von Masayoshi Son,

damals 24, als Softwarehandel

Umsatz: rund 42 Milliarden Euro

Gewinn: rund 10 Milliarden Euro vor

Zinsen und Steuern

Börsenwert: rund 72 Milliarden Euro

Mitarbeiter: weltweit 65 000

Firmenbeteiligungen: rund 1300,

darunter 37 Prozent an Chinas

Internet-Händler Alibaba

Großaktionär: Son (21 Prozent)

Neue Nummer drei

WaseineÜbernahmevon T-Mobile/USA

durchdie Softbank-Tochter Sprint fürden

US-Mobilfunkmarkt brächte

101,6

Mio.

Kunden

32,4 %

Quelle: Unternehmen

T-Mobile

(46,7 Mio.

Kunden) 14,9%

Sprint 17,5%

(54,9 Mio.

Kunden)

Marktanteil

34,9%

AT&T

(109,5 Mio.

Kunden)

32,7% Verizon

(102,8 Mio.

Kunden)

standschef Ron Sommer 2001 das Start-up

Voicestream gekauft und die T-Aktie damit

auf Talfahrt geschickt. Jetzt könnte der

neue Chef Timotheus Höttges die T-Aktionäre

beglücken und einen Teil des erwarteten

Verkaufserlöses von mehr 20 Milliarden

Euro in eine Sonderausschüttung oder

Erhöhung der Dividende stecken.

In Japan hat sich Son oft mit den Aufsichtsbehörden

angelegt und ihnen Ignoranz

vorgeworfen. Einmal drohte er bei

Verhandlungen sogar, sich in ihrem Büro

selbst anzuzünden. In den USA rechnet

Son mit weniger Widerstand. „Wichtige

Entscheidungen werden dort in aller Offenheit

getroffen“, meint er. Sicherheitshalber

hat er Lobbyisten in Washington angeheuert.

Das US-Kartellamt will Son mit

dem Argument überzeugen, dass die Übernahme

dem Wettbewerb diene. Zusammen

kämen Sprint und T-Mobile auf 102

Millionen Kunden. Nur ein Konkurrent mit

dieser Größe könne Verizon und AT&T mit

120 beziehungsweise 110 Millionen Kunden

Paroli bieten.

KREATIVER BUCHHALTER

Auch mit der Finanzierung hat Son Erfahrung.

Bei der Übernahme von Vodafone Japan

2006 musste Softbank 16 Milliarden

Euro bar bezahlen. Dadurch überstiegen

die Schulden die Einnahmen von Softbank

um den Faktor sechs. Doch Son überzeugte

Banken und Aktionäre mit dem kühnen

Schritt, dass er seine künftigen Einnahmen

verbriefte und einen Teil seiner Yahoo-Aktien

als Sicherheit hinterlegte. Innerhalb

weniger Jahre baute er die Schulden kräftig

ab. Daher rissen sich Japans Megabanken

2013 darum, Softbank für den Sprint-Kauf

einen Überbrückungskredit von 20 Milliarden

Dollar zu geben. Son zahlt dafür nur

einen Minizins von 1,4 Prozent. Beim Vodafone-Deal

musste er noch 3,8 Prozent

berappen. Vor der möglichen Übernahme

von T-Mobile hat Softbank bereits Offerten

mehrerer großer Geldhäuser erhalten.

Zudem gilt Son als kreativer Buchhalter.

Kein Analyst durchschaut seine 1300 Beteiligungen.

Zur Entlastung des japanischen

Mutterkonzerns würde vermutlich Sprint

den Kredit aufnehmen und über Hochzinsanleihen

refinanzieren. Das Geld käme

recht schnell wieder herein, da die Synergien

auf fünf Milliarden Dollar jährlich geschätzt

werden. Die operative Marge von

Sprint könnte sich dadurch auf 50 Prozent

verdoppeln. Und Sons Größenwahn würde

wieder einmal bestätigt.

n

martin fritz | Tokio, juergen.berke@wiwo.de

WirtschaftsWoche 27.1.2014 Nr. 5 53

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Unternehmen&Märkte

Vor dem großen Umbau

NAHAUFNAHME | Auf seiner ersten Hauptversammlung als Siemens-Chef muss Joe Kaeser mit einer

Fülle kritischer Fragen rechnen. Der Münchner Konzern hinkt bei Rendite und Innovationen den

Wettbewerbern hinterher. Wie er aufholen will, wird der einstige Finanzvorstand erst im Mai erklären.

Kurze Erholung

Umsatz

76,7 Mrd. € 76,0

2009

2010

73,3

2011

77,4 75,9

2012

2013

7,4

4,1

4,6

4,2

2,5 Mrd. €

Gewinn*

2009 2010 2011 2012 2013

* nach Steuern; Geschäftsjahresende 30. September; Quelle: Siemens

Club der Millionäre

Vergütungen der Vorstände (in Millionen Euro) 2013 und 2012

Schwachstelle Asien

Umsatz nach Regionen (in Prozent)

Joe Kaeser

Vorsitzender seit

1. August 2013

4,79 4,75

Brigitte

Ederer

Hermann

Requardt

Klaus

Helmrich

3,49 3,79 3,48 3,83

Geschäftsjahresende 30. September; Quelle: Siemens

Siegfried

Russwurm

3,95 3,86 3,87 3,80

Peter

Solmssen

3,45 3,80

Michael

Süß

3,60 3,82

Roland

Busch

3,57 3,75

Ralf Thomas

Vorstand seit

18. September 2013

0,32

Barbara

Kux

3,49

3,80

Peter Löscher

Vorsitzender bis

31. Juli 2013

6,86 8,75

Europa, GUS, Afrika,

Naher und

Mittlerer

Osten

54 %

8

darin Deutschland

19

14

Asien,

Australien

27

Quelle: Siemens

Amerika

darin USA

54 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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Am unteren Rand

Umsatz und Gewinn* nach Sektoren (in Milliarden Euro) 2012 und 2013

Energie Medizintechnik Industrie

Infrastruktur & Städte

Umsatz Umsatz Umsatz Umsatz

27,7

26,6

19,4 18,6 17,6 17,9

13,6 13,6

Gewinn Gewinn Gewinn Gewinn

1,9 2,0

1,8

2,0

2,4

1,5

1,1

0,3

Gewinnanteil vom Umsatz im

Branchenvergleich 2013

Gewinnanteil Gewinnanteil Gewinnanteil

Siemens

9,9%

19,8% 11,6% 3,7%

Margenkorridor 10 % 15%

15% 20%

11 % 17 %

8% 12%

* vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen; Geschäftsjahresende 30. September; Quelle: Siemens

Hinter der Konkurrenz

Wenig Licht, viel Schatten

Wertentwicklung in Prozent seit dem 1.1.2011 Die Verfassung des Konzerns Anfang 2014

Misslungene Projekte

160

General Electric

900 Millionen Euro Belastung durch Zukäufe, die sich später als Flop

erwiesen, Verzögerungen bei Windparks und verspätete Auslieferung

von ICE-Zügen im Geschäftsjahr 2013

100

ABB

Siemens

Zittern um Jobs

15000 Arbeitsplätze sollen in nächster Zeit im Zuge des

Sanierungsprogramms „Siemens 2014“ wegfallen

60

2011

2012

2013 14

Quelle: Thomson Reuters

Männerwirtschaft

Mit Barbara Kux und Brigitte Ederer sind 2013 die beiden einzigen

Frauen im Vorstand ausgeschieden

Geschäftsjahr 2013 (in Milliarden Euro)

Umsatz

Nettoergebnis

Umsatzrendite

General Electric Siemens* ABB**

110,0

10,6

75,9

4,3

30,6

2,1

9,6% 5,6% 6,9%

* Geschäftsjahresende 30. September; ** Geschäftsjahr 2012; Quelle: Bloomberg, Unternehmen

Rechtliche Probleme

In Brasilien muss Siemens sich gegen den Vorwurf wehren, bei der

Auftragsvergabe für den Bau einer U-Bahn ein Kartell mit Alstom aus

Frankreich und Bombardier aus Kanada gebildet zu haben

Hoffnungsschimmer USA

Für einen Meereswindpark im Heimatland des ewigen Rivalen General

Electric wird Siemens 101 Turbinen liefern sowie die Wartung

übernehmen, hinzu kommen 448 Anlagen an Land (Auftragsvolumen:

rund 2,5 Milliarden Euro)

ILLUSTRATION: KRISTINA DÜLLMANN

WirtschaftsWoche 27.1.2014 Nr. 5 55

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Unternehmen&Märkte

Da stimmt was nicht Der Pannendienst hat

für Mitglieder höchsten Stellenwert, ist für

den ADAC auch wichtige Einnahmequelle

Gefallene Engel

ADAC | Die Aufregung um frisierte Stimmenzahlen bei einem Auto-

Preis täuscht über ein viel größeres Problem hinweg: die extremen

Verflechtungen des ADAC mit Industrie und Finanzbranche.

Der Termin für den Besuch in der neuen

ADAC-Zentrale an der Hansastraße

in München war lange geplant.

Bei dem turnusmäßigen „Jahresgespräch“

wollte Robert Rademacher, Präsident

des Zentralverbandes Deutsches

Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK), am vergangenen

Donnerstag mit Präsident Peter

Meyer über die Entwicklung der Autobranche

insgesamt reden, über neue Herausforderungen

für das Kfz-Handwerk – und die

Pläne des ADAC, deutschlandweit ein Netz

von Autowerkstätten aufzuziehen. Doch

der Skandal um die Manipulation von Teilnehmerzahlen

bei der Leserwahl zum

ADAC-Auto-Preis „Gelber Engel“ drehte

das Gespräch schnell in eine andere Richtung:

Wie geht man künftig miteinander

um – der Club und die Kfz-Branche?

Mehr als 100 Jahre nach der Gründung

ist der mit 19 Millionen Mitgliedern zweitgrößte

Automobilclub der Welt heute nicht

nur die mächtigste Interessenvertretung

der Autofahrer, sondern auch ein Wirtschaftsimperium.

Der ADAC ist aber nicht

nur mit der Autoindustrie, sondern auch

mit Versicherungen, Banken und Tourismusanbietern

weit enger verbandelt, als

die meisten Mitglieder ahnen. Wie eng, das

zeigen die Treuebekundungen aus der

Wirtschaft trotz der „Gelber Engel“-Affäre.

Der Club vertreibt über seine 1981 gegründete

100-prozentige Tochter ADAC

Beteiligungs- und Wirtschaftsdienst (siehe

Grafik Seite 58) unter anderem Kfz-Versicherungen

von Zurich Deutschland und

vermittelt Mietwagen von Avis, Hertz und

Sixt. Mit Schwäbisch Hall bietet der Club

Bausparverträge an und über die Berliner

Bank Autokredite. Und mit der Deutschen

Post betreibt man neuerdings eine Fernbuslinie.

„Wir werden den ADAC Postbus

erfolgreich weiter betreiben“, versichert ein

Post-Sprecher nach dem Skandal.

Die Post ist auch ein wichtiger Dienstleister

für den ADAC: Ende 2009 unterzeichneten

die Partner einen Fünfjahresvertrag

über die Zustellung von monatlich

rund 13,5 Millionen Exemplaren des Clubmagazins

„Motorwelt“. Auftragsvolumen:

rund 250 Millionen Euro.

Auch in der Reisebranche ist der ADAC

präsent, als Namensgeber für die Veranstaltermarke

ADAC Reisen. Dahinter steht

AD Clubreisen, ein Joint Venture zwischen

ADAC (49 Prozent) und DER Touristik (51

Prozent). DER ist die Touristiksparte der

Handelskette Rewe und war 2013 mit

knapp 3,2 Milliarden Euro Umsatz der

drittgrößte Reiseanbieter in Deutschland

nach TUI und Thomas Cook. Für Leitung

und operatives Geschäft ist DER Touristik

zuständig, der Gewinn wird geteilt.

VERTRAG MIT ZURICH VERLÄNGERT

Finanziell verbandelt sind DER Touristik

und ADAC außerdem über die ADAC-Geschäftsstellen:

Als sogenannte Vollsortiment-Reisebüros

verkaufen die Clubfilialen

nicht nur ADAC-Reisen, sondern auch

andere Angebote aus dem DER-Sortiment

und kassieren dafür Reisebüroprovisionen.

Bei DER Touristik in Frankfurt ist

man damit sehr zufrieden: „An unserer erfolgreichen

Zusammenarbeit mit dem

ADAC halten wir fest“, sagt Geschäftsführer

Michael Frese. Die Vorkommnisse um den

„Gelben Engel“ hätten bislang auch keine

Auswirkungen auf die Buchungseingänge.

Rechtsschutzversicherungen und

Schutzbriefe vertreibt der ADAC auf eigene

Rechnung: Er hat eine Lizenz als Versicherer

und wird von der Finanzaufsicht überwacht.

Für das Geschäft mit Kfz-Versicherungen

haben die Münchner dagegen 2007

ein Joint Venture mit Zurich Deutschland

geschlossen und bis Ende 2012 insgesamt

625000 Versicherungsverträge an Mann

und Frau gebracht. Ausgerechnet am Tag

der Verleihung des „Gelben Engel“ verlängerte

die Zurich den Vertrag um fünf Jahre.

Die Aufregung um den ADAC teilt man

hier deshalb nicht. „Das ist nichts, was die

Grundlage unserer erfolgreichen Zu-

»

FOTO: ALEKSANDER PERKOVIC

56 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

Mitglieder:

18,42

Millionen

667,7

Milliarden Euro

*u.a.Schutzbriefe,Krankenschutz,Reiserücktritt;Quelle:ADAC

Gelbe Geldmaschine

DerADACund seineNebengeschäfte

e.V.

Millionen Euro

Beteiligungs- und Wirtschaftsdienst GmbH:

Gewinn nachSteuern: 84,9 Millionen Euro Umsatz: 982,8 Millionen Euro

Versicherungen*

Autovermietung

21,0

Gewinnnach

Steuern:

1,01 25,0

sammenarbeit infrage stellen könnte“, versichert

ein Zurich-Sprecher tapfer.

Die engsten Beziehungen aber pflegt der

ADAC mit Autoindustrie und Kfz-Handwerk.

Für viele Fahrzeughersteller, die sich

keine eigenen 24-Stunden-Notdienste leisten

können, stellt der ADAC die Mobilitätsgarantie

sicher: Wer als Fahrer eines Opel

oder Ford, Volvo, Honda, Nissan, Kia, Jaguar

oder Peugeot Startprobleme hat und die

Hotline des Autoherstellers anruft, wird

mit dem ADAC verbunden. Auch Mercedes-Besitzer

dürfen sich nicht wundern,

wenn bei Pannen zu später Stunde ein gelber

Engel zu Hilfe eilt. Der ADAC hat sich

in einem mehrjährigen Rahmenvertrag

verpflichtet, als „Überlaufventil“ zu fungieren,

wenn die Mercedes-Niederlassungen

und -Händler Feierabend haben.

Geschäftsfelder

(Umsätze in Millionen Euro)

124,0 59,8

Motorsport

5,9

Gesamtertrag:

Jahresergebnis:

Zeitschriften/

Buchgeschäft

Regionalclubs

505,8

57,0

Sonstiges

47,1

Millionen Euro

Milliionen Euro

Mitgliederbeiträge:

Flugrettung

Assistance-

Leistungen

55,4

Ob die defekten Autos in die Pannenstatistik

des ADAC einfließen, hängt angeblich

von den Rahmenverträgen zwischen

Autohersteller und Club ab. Ruft

der Kunde den Hersteller über eine

Hotline an und landet der Hilferuf beim

ADAC, sei dies kein Fall für die Statistik,

heißt es in der Branche. Nur der direkte

Anruf beim ADAC zählt. Zudem kriegt der

Autohersteller Infos über den festgestellten

Defekt.

„Das ist ein Kuhhandel sondergleichen“,

behauptet ein Ford-Manager. Detailangaben

bleibt er freilich schuldig – ebenso

wie Belege für die Behauptung, dass Ford

in der ADAC-Pannenstatistik besser wegkam,

nachdem der Autobauer dem Straßendienst

des Clubs 100 Großraumkombis

zu Sonderkonditionen überlassen habe.

100 Jahre nach Gründung als

Motorradfahrer-Vereinigung

ist der ADAC heute ein

Wirtschaftsimperium

Auch jetzt sehen zumindest die Importeure

keinen Grund, die Zusammenarbeit

zu beenden. „Ein eigener 24-Stunden-Pannendienst

wäre nicht zu bezahlen – und

der ADAC-Dienst arbeitet perfekt“, heißt es

etwa bei Volvo Deutschland.

Anders als die Wirtschaft nutzen Politiker,

Professoren und Verbandsfunktionäre

die Affäre, um es dem so einflussreichen

wie geschäftstüchtigen Verein heimzuzahlen.

Viele haben mit dem ADAC noch

Rechnungen offen:

n Der Verband der Autohöfe, der sich bei

Raststättentests des ADAC wiederholt zu

schlecht bewertet sah, sowie alternative

Pannendienste wie ACE oder AvD, die im

Wettlauf um lukrative Verträge der Autohersteller

allzu oft das Nachsehen hatten.

n Bundesverkehrsminister Alexander

Dobrindt (CSU) rät dem ADAC zu „mehr

Bescheidenheit“– der Club zählte zu den

erbittertsten Gegnern einer von der CSU

initiierten Pkw-Maut für Ausländer.

n Ferdinand Dudenhöffer, Leiter des Center

of Automotive Research an der Universität

Duisburg-Essen, fordert die Zerschlagung

des ADAC – ohne zu erwähnen, dass

er mit seinem Institut jahrelang Daten für

den AutoMarxX-Report erhoben hat. Mit

dem ermittelt der ADAC seit 2001 Ansehen

und Marktstärke von Autoherstellern. 2008

kündigte der ADAC den lukrativen Vertrag

mit der Begründung, der Professor missbrauche

seine durch den Club gewonnene

Popularität, um zweifelhafte Aussagen

über Autohersteller zu verbreiten.

n Kritik äußern auch freie Werkstattketten,

die sich bei Tests zu schlecht beurteilt meinten

– und sich nun durch die geplanten

ADAC-Autowerkstätten bedroht sehen. In

sechs Städten gibt es Pilotbetriebe, in denen

Clubmitglieder Sonderkonditionen erhalten.

Langfristig, heißt es nun, könnten 130

Werkstätten einen gelben Anstrich erhalten

– darunter viele, die schon Partner des ADAC

im Abschlepp- und Pannendienst sind.

ZDK-Präsident Rademacher war nach

dem mehrstündigen Gespräch mit der

ADAC-Spitze allerdings entspannt, zumal

Präsident Meyer für die Bundeshauptversammlung

Anfang Mai in Saarbrücken bereits

Vorschläge für eine Strukturreform

angekündigt hat, die „dauerhaft für mehr

Offenheit, höhere Transparenz und direktere

Mitgliedereinbindung sorgen sollen“.

Rademacher: „Der ADAC wird sich von der

Affäre rasch erholen und für uns auch weiterhin

ein sehr wichtiger Partner sein.“ n

franz.rother@wiwo.de, nele hansen,

matthias kamp | München, hans-jürgen klesse, florian zerfaß

FOTO: PR

58 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

»Bezahlen passiert

wie Magie«

INTERVIEW | David Marcus Der Chef des Bezahldienstes PayPal

über das Verhältnis zur Mutter Ebay, die NSA-Affäre und eine

Währung für den Weltraum.

DER UNTERNEHMERTYP

Marcus, 40, ist seit 2012 Chef des US-

Bezahldienstes PayPal, der zum Internet-

Auktionshaus Ebay gehört. Der Serienunternehmer

kam 2011 zu PayPal, als

Ebay für 240 Millionen Dollar das

von ihm gegründete Mobile-

Payment-Startup Zong

übernahm.

Mister Marcus, der aggressive Investor

Carl Icahn verlangt, dass Ebay seine

Bezahltochter PayPal abspaltet. Was

halten Sie als PayPal-Chef davon?

Wir haben großen Respekt vor Carl Icahn,

und wenn er mit uns reden will, hören wir

zu. Aber das gesamte Management ist der

Meinung, dass Konsumenten und Aktionären

am meisten gedient ist, wenn PayPal

und Ebay zusammenbleiben.

PayPal ist seit Jahren der am stärksten

wachsende Teil von Ebay und liefert

schon rund 40 Prozent der Umsätze. Wer

hat die Macht?

Das frage ich mich selbst (lacht). Die einzelnen

Zweige von Ebay ergänzen sich besser

denn je. Ebay gibt uns die Möglichkeit,

neue Technologien international zu verbreiten.

Und der Marktplatz ist mit einem

Umsatzanteil von etwa 30 Prozent weltweit

weiter ein wichtiger Teil unseres Geschäfts.

Allerdings wächst das Geschäft mit Händlern

außerhalb von Ebay jährlich um rund

30 Prozent und damit stärker.

Mit PayPal arbeiten Sie daran, das

Bargeld abzuschaffen. Haben Sie selbst

noch ein Portemonnaie?

Ja, aber nur ein sehr kleines.

Wann brauchen Sie es nicht mehr?

Langfristig wird das Portemonnaie komplett

verschwinden. Dann brauchen wir es

weder für Ausweise noch für Zahlungsmittel.

Wie lange das noch dauert, ist schwer

zu sagen. Westliche Großstädter werden

ihren Alltag aber schon in vier Jahren ohne

Bargeld und Bankkarten meistern können.

Wie werden wir dann in Zukunft zahlen?

Alles funktioniert mobil und digital. Die

mobilen Endgeräte werden immer kleiner,

bis sie in einer Uhr oder einem Ring verschwinden.

Bezahlen wird ein unsichtbarer

Vorgang. Die Ladenkasse verschwindet

– und mit ihr die Schlange davor.

Bargeld hat Tausende Jahre gut funktioniert.

Warum soll das jetzt vorbei sein?

Pferde haben auch Tausende Jahre gut

funktioniert, und dann kam das Auto. Wir

wollen Innovationen, die Probleme im Alltag

lösen. Ein Mensch verbringt insgesamt

mehrere Wochen seines Lebens damit, vor

einer Kasse zu warten. Wir wollen den

Menschen diese Zeit zurückgeben.

Die wollen das aber womöglich gar nicht.

Gerade die Deutschen nehmen neue

Technologien nur sehr zögerlich an, erst

recht, wenn es ums Bezahlen geht. Wie

wollen Sie das ändern?

Die Deutschen sind tatsächlich konservativer

und sorgen sich um ihre Privatsphäre

und die Sicherheit der Transaktionen. Des-

FOTO: ANDREAS CHUDOWSKI FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

60 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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halb finden auch noch 58 Prozent des Zahlungsverkehrs

in bar statt. Die Kreditkarte

ist nie wirklich angekommen. Ich bin aber

zuversichtlich, dass wir dieses Zwischenstadium

überspringen und direkt von baren

zu mobilen Zahlungen übergehen.

Denn Sicherheit und Datenschutz sind das

Kernversprechen unseres Angebots.

Das Vertrauen in dieses Versprechen ist

durch die NSA-Enthüllungen von Edward

Snowden schwer erschüttert.

Wir nehmen die Sorgen ernst, sollten sie

aber nicht übertreiben. Die NSA hat keinen

direkten Zugriff auf alle Daten jedes Internet-Unternehmens

in den USA. Keine Behörde

der Welt kann ohne Weiteres PayPals

Kundendaten einsehen. Wir tun alles dafür,

dass diese sicher sind.

Der Aufwand für den Zugriff ist aber

überschaubar. In den USA reicht dafür

der Antrag eines Strafverfolgers.

Die Schranke für den Zugriff ist niedriger

als in Deutschland, aber es gibt eine klare

Kontrolle. Der Schutz der Daten unserer

weltweit mehr als 140 Millionen Kunden ist

die Grundlage unseres Geschäfts. Wenn er

nicht unser höchstes Gut wäre, böten wir

keinen Mehrwert. Die Debatte wird dazu

führen, dass der Schutz dieser Daten im Internet

eine höhere Bedeutung erhält.

Da sind wir uns nicht so sicher. Wenn

etwa Kunden das Berliner Café betreten,

in dem wir dieses Gespräch führen und

in dem PayPal seit einigen Wochen seine

neue mobile Bezahltechnik testet,

erscheinen ihr Foto und ihr Name auf

dem Display der Kellnerin. Wie passt das

zum Datenschutz?

Wir teilen das Foto oder biometrische Daten

nicht mit den Verkäufern. Sie sehen

den Kunden, der unsere entsprechende

App nutzt, aber sie haben keinen Zugriff

auf das Foto, können es also nicht kopieren.

Niemand ist gezwungen, dieses Angebot

zu nutzen. Der Kunde behält die Kontrolle

über seine Daten.

Wie funktioniert die neue Bezahltechnik?

Unsere Check-in-App, wie Kunden sie hier

in Berlin nutzen können, ist der erste Schritt.

Den zweiten nennen wir Beacon. Das ist ein

winziges Bluetooth-Gerät, das sich mit der

PayPal-App des Kunden verbindet, wenn er

den Laden betritt. Er wird mit Namen begrüßt,

und wenn er fertig ist, geht er einfach

raus. Das Bezahlen passiert wie Magie, das

Geld wird automatisch abgebucht.

Manchen Kunden ist das unheimlich.

Wenn man es in der Theorie erklärt, haben

sie viele Fragen. Wenn sie es ausprobieren,

sind sie begeistert. Wer Kontrolle will, kann

sie haben. Der Nutzer kann entscheiden,

ob er komplett automatisch bezahlen oder

jedes Mal nach einer Bestätigung gefragt

werden will. In einem Coffeeshop, wo er jeden

Tag ist, wird er das nicht wollen. Er

geht in den Laden, sein Telefon vibriert in

einem bestimmten Muster, und er ist eingecheckt.

So kann er bezahlen, ohne ein

einziges Mal die Hände zu benutzen.

Bezahlen zahlt sich aus

Wiesichdie Umsätzevon Ebay

entwickelt haben(in Millionen Dollar)

5000

4000

3000

2000

1000

0

PayPal

III IV I II III

2012 2013

*Zuwachs 2013;Quelle:Unternehmen

Marktplatz

+19%

+12%

IV*

Wann wollen Sie auf breiter Front starten?

Wir haben Beacon Ende 2013 vorgestellt

und wollen es auch in Europa einführen.

Wir werden es 2014 testen. Wie viele deutsche

Standorte dabei sind, müssen wir sehen.

In der ersten Jahreshälfte werden wir

mit sehr großen Einzelhändlern und einigen

kleinen starten. Dann arbeiten wir an

den Details. Wir wissen etwa, dass in den

USA weniger Menschen den Kauf noch

einmal bestätigen wollen als in Deutschland.

Es soll aber überall Nutzer positiv

überraschen. Und wenn wir denken, dass

wir so weit sind, rollen wir es aus.

In einigen Ihrer Testshops in Berlin

funktioniert das Einchecken und Zahlen

per PayPal-App nicht, weil der Handyempfang

im Laden zu schlecht ist.

»Im Weltall gibt es keine Gesetze,

das befreit das Denken«

In Europa sind die Wände dicker als in den

USA. Das Telefonsignal durchdringt sie

nicht so, wie wir das gern hätten. Beacon

benötigt deshalb keine Mobilfunkverbindung.

Das Telefon kommuniziert via Bluetooth

mit Beacon. Und Beacon ist mit dem

WLAN-Netz des Ladens verbunden.

Läden und Restaurants hier nehmen

oft keine Kreditkarten, weil sie Gebühren

je Transaktion zahlen müssen. PayPal

verlangt ähnlich hohe Gebühren.

Wir helfen den Unternehmen zu wachsen.

Mobile Bezahlsysteme sind ein Wettbewerbsvorteil,

sie können dem Händler

mehr Kunden und damit mehr Umsatz verschaffen.

Menschen gehen gerne einkaufen,

aber sie stehen nicht gerne in der

Schlange vor der Kasse. Wo sie sich diesen

Aufwand sparen können, werden sie lieber

hingehen. Schaut man so auf die Dinge, ist

das ein ganz anderes Bild.

Trotzdem, besonders bei kleinen

Summen, sogenannten Micropayments,

fallen bei PayPal prozentual unverhältnismäßig

hohe Gebühren an.

Da müssen wir dran arbeiten. Unsere Gebührenstruktur

im stationären Handel ist

heute tatsächlich nicht für sehr kleine Beträge

geeignet.

Werden Sie demnächst auch die Internet-

Währung Bitcoin akzeptieren?

Bitcoins sind für mich im Moment keine

Währung im Sinne von gespeichertem

Wert. Ihr Wert schwankt zu stark. Wir müssen

sehen, wie die Regulierungsbehörden

rund um die Welt entscheiden, damit umzugehen.

Ist das geklärt, werden wir entscheiden,

ob wir mitmachen oder nicht.

Viele Leute zahlen heute mit Kreditkarte,

weil sie so Bonuspunkte sammeln. Warum

hat PayPal kein Bonussystem?

Die Kundenbindungsprogramme werden

sich verändern. Statt Punkte zu sammeln

und darüber nachzudenken, wie sie sie

nutzen, wollen Menschen sofort belohnt

werden, etwa in Form eines Rabatts.

Sie haben kürzlich die Abteilung PayPal

Galactic gegründet, die sich mit Bezahlmodellen

für den Weltraum beschäftigen

soll. Meinen Sie das wirklich ernst?

Wenn man diskutiert, was man dafür

bräuchte, kommt man auf interessante

Fragen: Was ist die Währung? Was ist die

Referenzwährung? Das Projekt lässt unser

Team auf Ideen kommen, auf die es innerhalb

der gewohnten Grenzen nicht gekommen

wäre. Im Weltall gibt es keine Infrastruktur,

keine Gesetze, das befreit das

Denken.

n

thomas.stoelzel@wiwo.de, cornelius.welp

WirtschaftsWoche 27.1.2014 Nr. 5 61

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Unternehmen&Märkte

Spiel mit den

Milliardären

RUSSLAND | In Sotschi haben Unternehmer die teuerste Olympiade

aller Zeiten finanziert. Hinter den Kulissen laufen sie Sturm,

da sie wohl auf den Folgekosten der Putin-Festspiele sitzen bleiben.

350 Millionen Dollar veranschlagt hatte,

wird am Ende mehr als zwei Milliarden

Dollar gelöhnt haben – in erster Linie, weil

aus einem einfachen Skigebiet ein Olympia-Austragungsort

wurde mit Zuwegen,

Schneekanonen, weiteren Hütten und Pisten,

die ohne die Spiele nicht nötig gewesen

wären. Nach den Spielen steht der

nächste Umbau an, denn die Olympia-Pisten

sind zu steil, als dass Anfänger dort Skilaufen

könnten.

Skifahren in Sotschi war bis vor wenigen

Jahren wahren Sportsleuten vorbehalten.

Die durften ihre Bretter

selbst den Hang hinaufschleppen, denn

Gondeln gab es keine. Ein Feldweg führte

entlang eines Bergflusses zu ein paar Holzhütten.

Das war der Ort Krasnaja Poljana,

bis Milliardär Wladimir Potanin beim Skilaufen

in Österreich eine Idee kam: In den

Bergen oberhalb des Schwarzmeer-Badeorts

Sotschi wollte er einen Skiort nach alpinem

Vorbild bauen. Gesagt, getan. Er

konnte ja nicht wissen, worauf er sich eingelassen

hatte.

13 Jahre später ist aus Potanins Traum

ein pittoresker Kurort mit Weltklasse-Skigebiet

geworden. Krasnaja Poljana, zu

Deutsch „schöne Lichtung“, trägt nun den

Kunstnamen Rosa Chutor, der nach Alpen

klingen soll. Vom 7. Februar an lädt Russland

die Welt dorthin zu den Olympischen

Winterspielen. Kremlchef Wladimir Putin

will das Sportfest benutzen, um Russlands

Image in der Welt aufzupolieren. Bedanken

kann er sich bei Potanin. Dass der konkrete

Pläne für den Bau des modernen Skisportzentrums

in der Tasche hatte, dürfte

beim Erfolg der Olympia-Bewerbung 2006

eine entscheidende Rolle gespielt haben.

Für Potanin allerdings ist der Traum von

einst zum Fass ohne Boden geworden. Ihn

und andere Oligarchen, darunter Oleg Deripaska

und Wiktor Wekselberg, hat die

Vorbereitung der Spiele viel mehr Geld gekostet

als geplant. Um gut Wetter bei Putin

zu machen, bauten sie Hotels, Skigebiete

und Infrastruktur – der Kremlboss erwartet

das als Akt des Patriotismus und zum Dank

für wirtschaftliche Freiheit, die er ihnen

lässt. Man kann das als Marketingmaßnahme

verstehen, und bisher hat sich das

stets gelohnt. Diesmal aber laufen die Kosten

so sehr aus dem Ruder, dass einigen Investoren

Millionenverluste drohen.

Allein Potanin, dessen Gesellschaft Interros

für den Bau von Rosa Chutor 300 bis

SCHMIERGELD FÜR PUTIN-AMIGOS

Hinzu kommt:Bauausführer und Lieferanten

verlangten Mondpreise für Gewerke in

Sotschi, wo angesichts des Zeitdrucks selten

Zeit für ordentliche Ausschreibungen

blieb. Zudem greift Korruption dort gern

um sich, wo viel Geld im Spiel ist: Die Gesamtkosten

der Spiele, die Moskau einst

mit zwölf Milliarden Dollar bezifferte, summieren

sich auf 51 Milliarden Dollar. Davon

sei ein Drittel als Schmiergelder in den

Taschen von Beamten oder Putin nahestehenden

Baulöwen gelandet, behauptet Gian

Franco Kasper, Schweizer IOC-Mitglied

und Präsident des Ski-Weltverbands FIS.

Im Selbstbedienungsladen Sotschi dürften

die Oligarchen selbst Opfer der Korruption

geworden sein. Zwar herrscht landläufig

die Meinung vor, die unter Russen verhassten

Oligarchen hätten sich das Budget

für Olympia unter den Nagel gerissen, um

sich eine goldene Nase zu verdienen – so

wie sie einst die Sowjetwirtschaft filetierten.

In Sotschi allerdings hat Putin die Su-

Iskander

Machmudow

Der Kupfer-König vom

Ural baute die Eissporthalle

Shaiba,

in der die olympischen

Eishockey-Kämpfe

ausgetragen werden.

Anschließend soll das

Gebäude dem Staat

übereignet werden.

Gesamtkosten:

88,4 Mio. Dollar

FOTOS: IMAGO/KOMMERSANT, PICTURE-ALLIANCE/DPA, GETTY IMAGES/CLIVE ROSE, CORBIS/REUTERS

62 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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perreichen verdonnert, als Investoren aufzutreten

und nicht als Bauträger. Sie verbauen

ihr Eigenkapital und teuer verzinste

Bankkredite. So müssen sie zusehen, dass

sich die Projekte rasch amortisieren.

Schon jetzt steht fest: Die Spiele werden

sich kaum rechnen. Wegen fehlender oder

naiv kalkulierter Nachnutzungskonzepte

bei überbordenden Kosten verschiebt sich

der Return on Investment auf den Sankt

Nimmerleinstag. „Es wird 30 Jahre dauern,

bis sich die Objekte rechnen“, sagt ein Beteiligter,

„wenn überhaupt.“

Als Russland 2006 den Zuschlag für die

Spiele bekam, war die Erinnerung an die

Demontage des einst reichsten Russen Michail

Chodorkowski noch frisch. Seit der

Ölmagnat wegen seines Widerspruchs gegen

Putin verhaftet, verurteilt und sein Yukos-Konzern

zerschlagen wurde, neigen

mächtige Konzernlenker zum Kuschen vor

dem Kremlboss. Roman Abramowitsch

entwickelt die abgelegene Region Tschukotka

im Fernen Osten mit Privatgeldern,

Wiktor Wekselberg baut eine Eliteuni vor

Moskaus Toren – und die Clique der Superreichen

muss gemeinsam in Sotschi ran:

n Oleg Deripaska, dessen Kerngeschäft die

Produktion von Aluminium und die Fertigung

von Kleinlastern ist, hat im Schwarzmeer-Städtchen

Adler den internationalen

Flughafen erneuert und muss ihn über ein

Tochterunternehmen trotz geringer Auslastung

auch betreiben. Außerdem baute

seine Holding Basic Element das Olympische

Dorf in Krasnaja Poljana und einen

Hafen in Sotschi, für den es keinen

kommerziellen Bedarf gibt.

n Wiktor Wekselberg, der über

seine Holding Renova Anteile an

Maschinenbau-, Energie- und

Rohstoffunternehmen besitzt,

pumpte 340 Millionen Euro in

den Bau eines Hotelkomplexes

unter der Marke Park Inn an der

Schwarzmeer-Küste. Dort stehen 3600 der

25000 Hotelbetten, die zur Olympiade neu

geschaffen wurden. Dabei sind Sotschis

Hotels ohne Olympia selten ausgelastet.

n Iskander Machmudow ist am Ural mit

der Förderung von Kupfer und Zink reich

geworden. In Sotschi hat sein Unternehmen

UGMK die Eissporthalle gebaut. Sie

sollte nach den Spielen abgebaut und in

Wladikawkas als Halle für einen Werksclub

wieder aufgebaut werden. Als Putin vorschlug,

dass der Staat den Sportpalast

übernehmen könnte, versprach ein Manager

von UMGK die Schenkung. So war er

immerhin die Folgekosten los.

n Wladimir Potanin, der mit Norilsk Nickel

den größten Nickelhersteller der Welt besitzt,

hatte bloß ein großes Skigebiet bauen

wollen, aber die Regierung nahm ihn für

den Bau von Straßen und Zuwegen in die

Pflicht. So summierte sich die Investition

auf mehr als zwei Milliarden Dollar.

Sie alle lassen sich vor den Karren spannen,

um die Geltungssucht von Putin zu

befriedigen. Er will der kritischen Weltöffentlichkeit

zeigen, zu welch schicken Spielen

sein Land in der Lage ist. Westliche

Einblicke

In unserer iPad-

Ausgabe finden

Sie weitere Fotos

aus der Olympia-

Stadt Sotschi

Gäste sollen den Hut ziehen vor

Putins Russland, das noch immer

der Phantomschmerz plagt wegen

des Niedergangs der einst

glorreichen Sowjetunion. Allein,

für die Oligarchen zählen derlei

politische Kategorien nicht, zumal

Putin mit seiner Anti-Homosexuellen-Politik

den möglichen

Imagegewinn für Russland zu verspielen

droht. Die Oligarchen wollen Geld verdienen

– und das wird schwierig.

FAULE MILLIARDENKREDITE

Potanin war der Erste, der sich beschwerte.

Er ließ verlauten, Rosa Chutor kein zweites

Mal bauen zu wollen, wenn er die Wahl

hätte. Sergej Bachin, Direktor des Resorts,

beklagte monatliche Verluste von 3,2 Millionen

Dollar allein, weil das Skigebiet für

Testfahrten des IOC ständig geschlossen

werden müsse. Die WirtschaftsWoche erfuhr

aus dem Umfeld des Unternehmens,

dass das Erreichen der Gewinnzone in 12

bis 15 Jahren möglich sei – sofern der Staat

an der Zinslast mittrage. Potanin hatte vorgeschlagen,

ganz Sotschi in eine Sonderwirtschaftszone

umzuwandeln, damit Rosa

Chutor über Steuervorteile schneller

profitabel werden kann. Putin sagte: „Njet.“

Was vor allem drückt, sind die Schulden.

Ebenso wie Potanin stehen Deripaska und

Wekselberg bei der staatlichen Bank VEB

für die Sotschi-Projekte in der Kreide.

Russlands Entwicklungsbank hatte zugesagt,

dass die Hypothekenkredite erst

»

Wladimir Potanin

Der Nickel-Papst ist

Investor des Skiresorts

Rosa Chutor, wo die

alpinen Wettbewerbe

stattfinden werden.

Zusätzliche Hütten,

Hotels, steilere Pisten

und Schneekanonen

ließen die Kosten aus

dem Ruder laufen.

Kosten:

> 2 Mrd. Dollar

WirtschaftsWoche 27.1.2014 Nr. 5 63

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Unternehmen&Märkte

Oleg Deripaska

Russlands Alu-Magnat

schuf das Olympische

Dorf (Foto), wo er nach

den Spielen Touristen

unterbringen will.

Außerdem baute er

den Flughafen und

schenkte Sotschi den

Hafen, der als Marina

genutzt werden soll.

Gesamtkosten:

1,3 Mrd. Dollar

»

nach Ende der Winterspiele abgetragen

werden müssen. Allerdings klagen die Unternehmen

über Zinsen von 9 bis 18 Prozent.

Insgesamt hat Russlands Entwicklungsbank

für Sotschi-Projekte Darlehen

über 5,2 Milliarden Euro bereitgestellt, wobei

bereits vor Beginn der Spiele vier Milliarden

Euro als notleidend geführt werden.

Die Objekte, darunter Skigebiete und Hotels,

werfen nicht genug Gewinn ab, damit

Gläubiger ihre Kredite bedienen können.

DRÜCKENDER SCHULDENDIENST

„Ich kenne kein Land auf der Welt, in dem

eine Entwicklungsbank für ein Bauprojekt

zum Wohle des Landes solche Wucherzinsen

verlangt“, schimpft ein Gläubiger.

Immerhin kam die Regierung den Investoren

vergangene Woche entgegen: Dmitri

Kosak, der als Vize-Regierungschef für

Olympia verantwortlich ist, kündigte die

Stundung der Darlehen bis 2015 an – ohne

allerdings an der Zinslast rütteln zu wollen.

Trotz des Etappensiegs rechnen Analysten

mit hohen Abschreibungen: Vermutlich

werden die Investoren mit Eigenkapital

einen Teil der Darlehen vorzeitig tilgen,

um sich des Schuldendienstes zu entledigen.

Olympische Verluste träfen die Investoren

zum ungünstigen Zeitpunkt: Wegen

niedriger Rohstoffpreise und der schlechten

Konjunktur in Russland leiden gerade

Metall-Magnaten wie Deripaska und Potanin

unter sinkenden Gewinnen.

Der Zoff in Sotschi zeigt, wie dick die Luft

ist zwischen den Oligarchen und Putins

Kreml-Riege. Dabei ist es keineswegs so,

dass man im Windschatten der Machthaber

keine Millionen verdienen kann.

Allein, die Profiteure sind heute andere als

die Hasardeure der Neunzigerjahre, die im

Volk trotz ihres Mäzenatentums so unpopulär

sind. Die neuen Superreichen verstecken

sich hinter den getönten Scheiben

ihrer Limousinen und fallen kaum auf.

So wie Arkadi Rotenberg. Der stille Unternehmer

hat sich schon von dem etwa

gleichaltrigen Putin beim Judo aufs Kreuz

legen lassen – und umgekehrt. Rotenbergs

Baukonzern Mostotrest, an dem er gut ein

Viertel der Anteile hält, hat einen Großteil

der Infrastruktur in Sotschi errichtet und

damit gutes Geld verdient. Kritiker unterstellen,

dass dabei Schmiergeld in Strömen

geflossen sei. Putin-Gegner Boris Nemzow

behauptet, für den Bau einer 20 Kilometer

langen Straße in Sotschi habe der an der

Börse beliebte Konzern rund acht Milliarden

Dollar berechnet. Das Moskauer

Magazin „Esquire“ rechnete vor, dass man

dafür den Zuweg, statt zu teeren, auch mit

einer ein Zentimeter dicken Schicht

schwarzen Kaviars hätte belegen können.

Die Regierung erklärte erst vor wenigen

Tagen, der Rechnungshof habe keine groben

Unregelmäßigkeiten bei der Sotschi-

Vorbereitung feststellen können. In Wahrheit

muss Sotschi so tief im Sumpf der Korruption

gesteckt haben, dass Putin selbst

auf den Tisch haute: Der Bau der Skisprung-Schanze

hatte sich von 30 auf 200

Millionen Euro fast versiebenfacht und

obendrein verzögert. Generalunternehmer

des aus Staatsgeldern finanzierten Bauprojekts

war Achmed Bilalow, zugleich Vizepräsident

des nationalen Organisationskomitees.

Nachdem Putin ihn deswegen

kritisiert hatte, floh Bilalow aus Russland.

Die staatliche Sberbank musste die verlustreiche

Skischanze übernehmen.

SPEZIALAUFTRÄGE FÜR DEUTSCHE

Es ist ein offenes Geheimnis, dass Korruption

die Kosten eskalierten ließ: „Meist waren

Kickbacks von 30 Prozent üblich“, sagt

ein deutscher Unternehmer. Wer als Bauträger

einen Auftrag in Sotschi erhalten

wollte, muss dem für die Auftragsvergabe

Verantwortlichen Provisionen zusichern.

So ist es kein Wunder, dass sich deutsche

Unternehmen nicht als Generalunternehmer

engagierten – sondern in den Nischen

am unteren Ende der Wertschöpfungskette.

Sie lieferten Messtechnik, bohrten

Tunnel, statteten die Eishallen mit Kühlsystemen

aus, übernahmen also jene Spezialaufträge,

die man zuweilen auch ohne

Bakschisch ergattert. „Insgesamt haben

deutsche Unternehmen in Sotschi einige

Hundert Millionen Euro umgesetzt“,

schätzt Michael Harms, der als Chef der

Auslandshandelskammer den Überblick hat.

Die erfolgsverwöhnten Oligarchen können

das nicht von sich behaupten. Die Putin-Festspiele,

die ihnen Potanin eingebrockt

hat, werden sie noch einige Jahre

lang abschreiben müssen.

n

florian.willershausen@wiwo.de

FOTOS: IMAGO/ITAR-TASS, BLOOMBERG/TOMOHIRO OHSUMI

64 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

Sprung von der

brennenden Plattform

PHILIPS | Europas letzter Elektronikriese versucht, durch einen Radikalumbau den Niedergang vergessen

zu machen. Mit innovativer Medizintechnik und skurrilen High-Tech-Geräten zielen die Niederländer

auf die weltweit wachsende Mittelschicht – und auf die Platzhirsche Siemens und Samsung.

Der Frans ist da, und alle sind an diesem

Morgen, einem der letzten des

vergangenen Jahres, ganz aufgeregt.

Denn Frans van Houten, der Chef von Philips,

kommt heute persönlich von der Zentrale

im niederländischen Amsterdam

nach Hamburg, in die Deutschland-Zentrale

im Stadtteil St. Georg. Deutschland-Statthalterin

Carla Kriwet, Abteilungsleiter und

Auszubildende begrüßen ihren obersten

Boss im klinisch gewienerten Foyer. Das im

Konzern neuerdings übliche Du kommt ihnen

nur zögerlich über die Lippen.

Umso selbstbewusster führt das Empfangskomitee

van Houten die neuen Erfindungen

an rund einem Dutzend Ständen

vor. Da ist die Blue-Touch-Auflage, eine Art

Heizkissen, das statt mit Wärme mit blauem

LED-Licht Rückenschmerzen lindern

soll. Eine Auszubildende erläutert leicht

nervös ihrem fröhlich deutsch radebrechenden

Konzernchef den Rapid Air, der

Kartoffeln fast fettfrei mit Heißluft frittiert.

RITT AUF DER WELLNESSWELLE

Die gute Laune des sonst eher spröden

53-Jährigen rührt an diesem Morgen nicht

nur aus den teilweise skurrilen Ideen seiner

Mitarbeiter. Mehr noch heben die absehbaren

Geschäftszahlen für 2013, die er kommenden

Dienstag präsentieren wird, die

Stimmung. Was van Houten in zwei Räumen

der Konzernzentrale, die nach den Firmengründern

Anton und Gerard Philips benannt

sind, verkünden wird, dürfte auch die

Aktionäre des vor 123 Jahren gegründeten

„königlichen“ Unternehmens erfreuen.

Die Bilanz 2013 wird wohl die beste seit

Langem. Analysten schätzen den Gewinn

vor Steuern und Zinsen auf 2,1 Milliarden

Euro oder neun Prozent vom Umsatz. Mehr

gab es zuletzt im Jahr 2000.

Das ist mehr als eine Trendwende. Der

letzte europäische Elektronikriese – und das

ist Philips, seit Siemens weitgehend aus

dem Konsumgeschäft ausstieg – steht den

Zahlen nach vor seiner Wiederauferstehung.

13 Jahre lang häufte der Traditionskonzern

Milliardenverluste an und

schrumpfte auf fast die Hälfte des Umsatzes

und der Mitarbeiter. Viele sahen in dem taumelnden

Riesen einen Kandidaten für eine

Zerlegung oder Übernahme.

Doch es kommt offenbar anders. „Die

Märkte unterschätzen Philips derzeit“, sagt

Analyst Ben Uglow von der US-Investmentbank

Morgan Stanley. Selbst skeptische Kollegen

wie Andreas Willi von JP Morgan prophezeien

einen langen Aufschwung und sehen

den Umsatz 2017 bei gut 30 Milliarden

Euro – ein Drittel höher als heute – und den

Vorsteuergewinn bei fast vier Milliarden.

Die Wende ist nicht zuletzt das Werk van

Houtens, der zwar unscheinbar auftritt, Philips

aber in bald drei Jahren gründlich verändert

hat. Sein Programm Accelerate! (zu

Deutsch: Beschleunige!) hat nicht nur die

Kosten bereits um gut eine der geplanten 1,5

Milliarden Euro gedrückt und 9000 Jobs getilgt.

Es steuert den Konzern gleichzeitig

auch in eine neue Richtung.

„Wir wollen das Leben von drei Milliarden

Menschen verbessern“, fabuliert der

Mann, der mit Vornamen eigentlich François

heißt und einen in den Niederlanden

häufigen lateinischen zweiten Vornamen

trägt, in seinem Fall Adrianus.

Der hochtrabende Anspruch zielt auf die

Eitelkeit der weltweit wachsenden Mittelschicht.

Van Houten bringt ungewöhnliche

und teilweise skurrile High-Tech-Geräte auf

den Markt, die das Wohlgefühl der Konsumenten

steigern, indem sie zum Beispiel die

Gesichtshaut auffrischen oder Zahnerkrankungen

vorbeugen. „Wir wollen das führende

Unternehmen für Gesundheit und Wohlbefinden

werden“, gibt der Manager der Belegschaft

vor: „Unsere wichtigste Frage ist,

wo gibt es Bedürfnisse, die sonst keiner erfüllt“

(siehe Interview Seite 69).

Um im prosperierenden Deutschland erfolgreich

die Wellnesswelle zu reiten, hat

van Houten eine neue Landeschefin installiert:die

Tochter von Heinz Kriwet, dem früheren

Aufsichtsratschef des Bochumer

Stahlkonzerns Thyssen, der 1999 mit dem

Essener Wettbewerber Krupp verschmolz.

Die 43-jährige Essenerin stieß nach ihrer

Zeit bei der Unternehmensberatung Boston

FOTOS: PR

Wie Philips entstanden ist...

Gründung durch

Frederik Philips

und Sohn Gerard

im niederländischen

Eindhoven. Erstes

Produkt: Glühlampen

Einstieg ins Medizingeschäft

durch Übernahme der für Röntgengeräte

(Foto) bekannten

Hamburger Firma C.H.F. Müller

Der erste elektrische

Rasierapparat Philishave

hatte ein rotierendes

Schersystem mit 48 Schlitzen.

Die Technik ist bis heute

die Grundlage aller

Philips-Rasierer

Der als Starenkasten

bekannte Schwarz-

Weiß-Fernseher

D1410U ist einer

der ersten Nachkriegsfernseher

in

Deutschland

1891 1927 1939

1951

66 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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Konsumelektronik

Verschiedenes

Halbleiter

8,6

13,6

6,1 6,9

Unterhaltungselektronik

Konzentration auf drei Standbeine

Umsatzanteil der Geschäftsfelder (inProzent)

Medizinische

19,2

14,9 Systeme

2001 2013

34,2

Quelle:Unternehmensangaben

15,7

Licht

Elektronikbauteile

Konsumelektronik

40,8

Medizinische

Systeme

36,9

Licht

3,1

Innovation,

Group&Services

Consulting über den Münchner Gasehersteller

Linde und den Lübecker Medizinund

Sicherheitstechniker Drägerwerk im

April 2013 zu Philips.

Kriwets Mission ist anspruchsvoll. Sie

soll Deutschland auf van Houtens Geheiß

zum „größten Anbieter von Systemen für

Beleuchtung und zum bevorzugten Technologielieferanten

der großen Kliniken“

machen. Das heißt, sie muss dem hiesigen

Platzhirsch in der Medizintechnik, dem

Siemens-Konzern, sowie finanzstarken Angreifern

wie dem US-Mischkonzern General

Electric (GE) oder dem koreanischen Elektronikriesen

Samsung Paroli bieten. Dazu

soll sie in den kommenden Jahren für sieben

Prozent Wachstum sorgen – gegenüber

geplanten rund fünf Prozent im gesamten

Philips-Konzern.

Van Houten hat seit seinem Amtsantritt

viel Boden gutgemacht bei den Aktionären.

„Wir haben keine Angst vor Wettbewerbern“,

sagt er im WirtschaftsWoche-Interview.

Als er im April 2011 den Job als Konzernchef

übernahm, war daran nicht zu

denken. „Wir waren eine brennende Plattform“,

beschrieb van Houten jüngst den damaligen

Zustand von Philips. Mit diesen

Worten hatte der Ex-Microsoft-Manager

Stephen Elop bei seinem Amtsantritt als Nokia-Chef

2010 den Zustand des schwer angeschlagenen

finnischen Handyherstellers

umschrieben.

AUS FÜR CHIPS UND VIBRATOREN

Van Houten übernahm Philips von Vorgänger

Gerard Kleisterlee, als der den Konzern

wieder mal einem Totalumbau unterzogen

hatte. Der Deutsch-Niederländer hatte rigoros

Stammgeschäft abgestoßen, ob Speicherchips,

Rüstungselektronik, Fernsehtechnik

für Flugzeuge oder heizbare Vibratoren,

die in der Werbung „Beziehungspflege“

genannt wurden. Gleichzeitig hatte

Kleisterlee Zehntausende Jobs gekeult sowie

milliardenschwere Sparprogramme

aufgelegt. Trotzdem konnte Philips nicht an

seine ruhmreiche Vergangenheit anknüpfen,

in der das Unternehmen rund 100 Jahre

den abendländischen Lebensstil mit Erfindungen

wie dem Trockenrasierer, der CD

und der Kaffee-Pad-Maschine prägte.

Vor diesem Hintergrund überraschte die

Ernennung van Houtens zum Konzernchef.

„Der war in den 20 Jahren, bis er mitsamt

der Chipsparte verkauft wurde, als Sparer

und farbloser Abwickler aufgefallen, aber

nicht als der dringend nötige Stratege“, erinnert

sich ein Insider. „Und als er zum Einstand

fast den ganzen Vorstand rauswarf

und eine Reihe von Gewinnwarnungen hinterherschickte,

wurde auch den letzten Optimisten

unwohl.“

Doch zur Überraschung vieler setzte der

vermeintliche Technokrat den Umbau

ebenso zielstrebig wie fantasievoll fort. Und

das mit viel Geld, denn trotz mickriger Margen

hatte Philips stets genug Geld auf der

hohen Kante. „Wir sind eine Geschichte der

Selbsthilfe“, so van Houten.

So trug Kleisterlees Nachfolger dazu bei,

dass Philips laut einer internen

Statistik seit 2001

drei Viertel der damaligen

Geschäftsfelder auf-

Video

gab und sich vor allem

aus der Konsumelektronik

verabschiedet hat.

Heute macht der Konzern

gut 70 Prozent des

Umsatzes mit Unternehmen,

2001 war es weniger als die Hälfte.

In unserer iPad-

Ausgabe finden

Sie hier ein Video

über den Wandel

von Philips

Dazu verpasste van Houten Philips das

neue Leitbild „Weltverbesserung“ und erdet

die Schwärmerei zugleich: „Wir setzen bei

den großen Problemen der Menschheit an.“

Dies sei „ein lukrativer Markt“. Philips wolle

Produkte für die Megatrends des 21. Jahrhunderts

bieten: Medizintechnik für die

wachsende Zahl von Kranken mit Krebs und

chronischen Leiden, Sparlampen und LED-

Lichter gegen den kaum zu stillenden Energiehunger

in den Zeiten der Klimaveränderungen

und schließlich anspruchsvolle

Konsumartikel wie Elektrozahnbürsten und

Kaffeemaschinen für das Bedürfnis immer

mehr zahlungskräftiger Menschen nach

besserem Aussehen und mehr Genuss.

»

Start der

Musikkassette

und des

ersten Rekorders für

Privatkunden

Start des mit Grundig

entwickelten ersten

Videorekorders

(VCR-System). Am

Ende siegt allerdings

das technisch

schlechtere VHS-System

des japanischen

Elektrokonzerns JVC

SL 18 ist die

erste Energiesparleuchte,

die mit

ihren 17 Zentimeter

Höhe und 500

Gramm Gewicht

noch etwas klobig

wirkt

1963

1970

1980

WirtschaftsWoche 27.1.2014 Nr. 5 67

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Unternehmen&Märkte

Umsatz und operatives Ergebnis

(in Milliarden Euro)

40

Umsatz

30

20

10

0

operatives Ergebnis*

geschätzt

2000 03 06 09 12 15

»

Wende statt Ende

4

3

2

1

0

–1

–2

Weltweite Umsatzverteilung 2013**

(in Prozent)

Westeuropa 18,5 5,6 24,1

Nordamerika 3,4 28,4 31,8

Schwellenländer

Andere

Industrieländer

22,7

* bis 2004: operating income, ab 2005 EBIT; ** 1. bis 3. Quartal; Quelle: Unternehmensangaben

Das schlägt sich sichtbar in der umgekrempelten

Produktpalette nieder. Anders

als früher verkauft Philips heute nicht nur

einzelne Geräte, sondern auch technische

Gesamtlösungen inklusive der Finanzierung

oder der dazu gehörenden Software.

Dazu zählt zum Beispiel Medizintechnik,

mit deren Hilfe Ärzte Sekunden nach der

Untersuchung Diagnoseblätter und Röntgenaufnahmen

auf jeden Rechner inklusive

Tablet-Computer holen oder an Kollegen

schicken können, um etwa eine zweite

Meinung einzuholen. Ordern notorisch

klamme Gemeinden bei Philips im großen

Stil neue LED-Straßenlaternen, finanziert

das Unternehmen den Auftrag vor. „Van

Houten holt Philips mit gut zehn Jahren

Verspätung ins 21. Jahrhundert“, resümiert

ein Insider.

Der IG-Metaller Hans-Peter Beckers, der

für die Arbeitnehmer im Philips-Aufsichtsrat

sitzt, zweifelt dennoch am Erfolg von van

Houtens Turn-around: „Wir würden ihn

gern beim Wort nehmen, doch schon jetzt

steht fest, dass allein in Aachen bis zum

Jahresende noch mal mindestens 120 Stellen

entfallen.“ Dort produziert Philips Autound

herkömmliche Energiesparlampen.

„Da gleichzeitig das wichtige Geschäft mit

den Autofrontscheinwerfern bisher nicht

2000

2013

1200

1300

1700

700

100

100

9,0

12,4

35,1

Fast halbiert

Philips-Mitarbeiter 210000

118000

6200 davon in Deutschland, u. a.:

Böblingen

Entwicklung und Produktion von

Monitoren für Patientenüberwachung

Hamburg Deutschland-Zentrale

Vertriebs- und Landesgesellschaft

Hamburg-Fuhlsbüttel

Forschung, Entwicklung, Produktion

von Röntgengeräten und Techniken

medizinischer Bildgebung

Aachen

Forschung und Produktion u. a. von

Autoleuchten und Steuerungssystemen

für Straßenbeleuchtung und

organischen Leuchtdioden (OLED)

Ulm

Produktion von Infrarot-Laserdioden

Herrsching

Vertrieb & Service für Respironics

von klassischen Halogen- und Xenon-Lampen

auf die Produktion von LED umgestellt

wird, machen wir uns Sorgen um die Zukunft

des Standorts“, sagt Beckers.

Auch Branchenkenner warnen vor Euphorie.

Um wirklich zur Weltmarke zu werden,

muss Philips in vielen Ländern den

Umsatz steigern. „Richtig vorne sind die

derzeit nur im Mittleren Osten“, sagt ein Insider.

„In Europa dagegen liegen sie je nach

Geschäftsbereich hinter Siemens und in

den USA hinter GE und Procter & Gamble.“

Für eine Spitzenposition braucht Philips

mehr Produkte, die auf einzelne Märkte zugeschnitten

sind. Zwar haben die Niederländer

die Küchengerätehersteller Preethi

in Indien oder Povos in China übernommen.

Doch unterm Strich setzt Philips zu

sehr auf Welteinheitsprodukte. „Viele führende

Markenartikler, darunter Coca-Cola,

Nestlé, Procter & Gamble oder Samsung,

passen ihre Produkte konsequent den jeweiligen

Märkten an“, sagt Imeyen Ebong,

Partner bei der Unternehmensberatung

Bain & Company in Frankfurt.

KONZERN MIT BESTANDSGARANTIE

Fragezeichen gibt es auch hinter der Licht -

sparte. Zwar prophezeit eine Studie der

Unternehmensberatung McKinsey, dass

sich das Geschäft mit LED-Lampen bis

2020 mehr als verfünffacht. Doch eine Entscheidung

von früher könnte erschweren,

dass Philips davon voll profitiert.

„LEDs sind im Grunde Halbleiter und

haben technologisch mit Energiesparleuchten

wenig zu tun“, warnt Berater

Ebong. Das eigene Halbleitergeschäftsfeld

musste Philips aber vor acht Jahren nach

hohen Verlusten aufgeben. Wegen der

niedrigen Einstiegsbarrieren kann jederzeit

ein anderer Wettbewerber in die Produktion

von LED-Leuchten einsteigen und

etwa wie bei Windkraftanlagen für ein

Überangebot mit fallenden Preisen sorgen.

Richtig in Gefahr sieht Philips deswegen

aber keiner mehr. „Das Risiko ist deutlich

gesunken“, meint Analyst Uglow. Wenn van

Houten Umbau und Verschlankung wie

geplant durchziehe und auf die versprochene

Eigenkapitalrendite von fast 20 Prozent

bis 2018 komme, habe Philips eine Art

Bestandsgarantie. „Auf höhere Renditen

kommt in dem Geschäft fast keiner.“ n

ruediger.kiani-kress@wiwo.de, harald schumacher

........und heute Konsumenten beglückt

CD100 hieß das erste Abspielgerät,

von Philips mit Sony entwickelt,

um CDs abzuspielen.

1986 folgt

CD10, das

erste tragbare

Gerät

Der Rasierer

CoolSkin entfernt

Bartstoppeln je nach

Bedarf trocken oder

nass. Kooperationspartner

ist der Nivea-

Konzern Beiersdorf

Erste Kaffee-

Pad-Maschine

Senseo, zu -

sammen mit

dem Kaffee -

hersteller

Douwe Egberts

Das Bügeleisen Perfect-

Care erspart die Regelung

der Temperatur und

Dampfstärke, weil es die

Stoffart,

ob Seide

oder

Synthetik,

erkennt

1982 1998

2001 2011

68 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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»Probleme, die sonst keiner löst«

INTERVIEW | Frans van Houten Der Chef des Philips-Konzerns will sich durch erneute Kartellermittlungen

und den geplatzten Verkauf der Audio-/Videosparte nicht vom Sanierungskurs abbringen lassen.

reichen Schulungen in der Frage, wie wir

mit Lieferanten und Abnehmern umgehen,

schon vor den aktuellen Fällen weiter

ausgebaut. Dazu muss jeder Mitarbeiter

Erklärungen unterschreiben, dass er sich

an die Gesetze hält. Sie dürfen aber auch

nicht vergessen: Die Fälle, die jetzt hochkommen,

sind alle schon ein paar Jahre alt.

Sie betreffen das Fernsehgeschäft, das wir

gerade komplett an TPV aus Hongkong

übergeben haben, und stammen aus der

Zeit, bevor ich bei Philips die Leitung übernommen

habe.

In Ihre Verantwortung fällt der Ende 2013

im letzten Augenblick geplatzte Verkauf

der Philips-Unterhaltungselektroniksparte

an den japanischen Elektronikkonzern

Funai. Was haben Sie da falsch gemacht?

Für das Geschäft etwa mit Stereoanlagen

und Videorekordern hatten wir seit Januar

2013 einen unterschriebenen Kaufvertrag

mit Funai. Aber den konnten wir am Ende

nicht umsetzen, weil wir in einen Rechtsstreit

gerieten, über den ich leider ebenfalls

nichts sagen kann. Aber das ändert nichts

daran, dass wir das Geschäft verkaufen

werden – nun halt an jemand anderen.

DER DUZ-CHEF

Van Houten, 53, ist seit April 2011 Philips-

Chef. Der Diplom-Ökonom begann 1986 bei

Philips und leitete unter anderem das

Deutschland-Geschäft, bis er als Chef der

2006 verkauften Halbleitersparte den Konzern

verließ. 2010 kehrte der Manager, den

im Konzern alle duzen, als Leiter des Tagesgeschäfts

zurück. Van Houten ist dreifacher

Vater und schätzt Laufen, Segeln und Kunst.

FOTOS: PR, ELJEE BERGWERFF FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Herr van Houten, im Dezember gab es

in Ihrem Unternehmen eine Razzia wegen

angeblicher Preisabsprachen mit Samsung

und Media-Saturn. Gerät Philips auf

die schiefe Bahn?

Natürlich nicht. Über die laufenden Ermittlungen

der EU-Kommission wegen Preisabsprachen

beim Verkauf von Fernsehgeräten,

auf die Sie anspielen, kann ich mich

leider nicht im Einzelnen äußern. Doch ich

möchte klarstellen: Ungesetzliches Verhalten

wäre ein eindeutiger Verstoß gegen all

unsere Geschäftsprinzipien. Da kennen

wir von jeher keine Toleranz.

Bereits 2012 verhängte aber die EU-

Kommission ein Rekordbußgeld von 509

Millionen Euro gegen Philips. Tun Sie

genug in Sachen Compliance?

Selbstverständlich hat Philips schon lange

vorher strenge Regeln für seine Geschäftstätigkeiten

aufgestellt. Unser erster „Code

of Conduct“ datiert auf das Jahr 1948. Sagen

Sie, was wir noch tun können, und wir

tun es! Wir haben unsere ohnehin umfang-

Wann rechnen Sie mit einem Abschluss?

Das wird sicher noch ein paar Monate dauern.

Doch weil es ein gutes und profitables

Geschäft ist, sind wir da nicht in Eile.

Trotz des geplanten Verkaufs der Unterhaltungselektroniksparte

gilt Philips weiterhin

als der letzte europäische Konzern

für Konsumelektronik...

...was wir nicht mehr sind.

Was sind denn Küchenmaschinen, elektrische

Zahnbürsten und via Smartphone

gesteuerte Hausbeleuchtungen? »

WirtschaftsWoche 27.1.2014 Nr. 5 69

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Unternehmen&Märkte

»

Die Produkte allein machen uns nicht

zum Konsumelektronikunternehmen. Wir

machen den Großteil unseres Umsatzes

mit industriellen Gütern wie Medizintechnik

und Straßenbeleuchtung. Nur gut 20

Prozent sind noch im weitesten Sinne Konsumprodukte.

Seit wir uns nicht mehr um

unser Fernseh- und Unterhaltungsgeschäft

kümmern müssen, können wir uns

auf immer profitableres Wachstum mit anderen

Produkten konzentrieren. Unsere

Schrumpfungsphase ist definitiv vorbei.

Dabei spielen neue Technologien eine besondere

Rolle. Gerade ein 123 Jahre altes

Unternehmen wie wir muss sich fragen:

Welches Existenzrecht haben wir in Zukunft?

Das ist in unserem Fall die Fähigkeit,

uns immer wieder neu zu erfinden. Und

heute entwickeln wir eben Produkte, die

nicht nur unterhalten, sondern das Leben

der Menschen verbessern oder zumindest

ihr Wohlbefinden steigern.

Was wollen Sie etwa in der wettbewerbsintensiven

Medizin- oder der Lichttechnik

reißen, wo Philips gegen Konsumgiganten

wie Samsung kämpfen muss?

Wir haben keine Angst vor Wettbewerbern.

Wir als europäisches Unternehmen werden

kaum die billigsten Anbieter in der

Welt sein können. Weil die wachsende

Konkurrenz aus Fernost über den Preis angreift,

müssen wir einen echten Mehrwert

für unsere Kunden schaffen, der die Leistung

der Wettbewerber spürbar übertrifft.

Das sagt jedes Unternehmen.

Aber wir haben einen anderen Ansatz als

die Konkurrenten in Fernost. Unsere wichtigste

Frage ist: Wo gibt es Bedürfnisse, die

kein anderer erfüllt, oder Probleme, die

sonst keiner löst?

Philips sieht sich also als Beglücker der

Menschheit?

Anders als Konsumelektronikhersteller

setzen wir bei den vielen großen Problemen

der Menschheit an. Weil die Bevölkerung

altert, leiden immer mehr Menschen

unter chronischen Herz-Kreislauf-Problemen,

Lungenerkrankungen, Alzheimer

oder Diabetes. Gleichzeitig steigen die

Kosten, und nicht jeder hat Zugang zu

Behandlungen. Das ist nicht nur ein großes

Problem, sondern auch ein lukrativer

Markt, in dem Philips mit Innovation helfen

und an dem der Konzern partizipieren

kann. Noch sind 90 Prozent der Gesundheitsausgaben

Arbeitskosten und Medikamente,

Technologie spielt fast keine Rolle.

Dabei ist sie ist der einzige Weg, um ohne

weitere Kostensteigerungen das Leben all

der chronisch Kranken zu erleichtern.

Aktien-Info Philips

ISIN:NL0000009538

180

160

140

120

100

Index: 1.1.2012=100

Philips

80

2012 2013 14

Philips Samsung

Umsatz (Mrd. €)

24,8 142,5

Mitarbeiter

118 000 221726

Gewinn (Ebit, Mrd. €) 1,0 20,6

Umsatzrendite (%)

0,9 11,9

Operative Rendite (%)* 9,9 2,8

Eigenkapitalrendite (%) 2,1 19,6

Kurs (€)

27,76 459,24

KGV (2014)

15,74 6,45

Börsenwert (Mrd. €) 26,6 120,2

Chance

Risiko

Niedrig

Samsung

Hoch

DieAktie notiertzwarnochunter den vergangenen

Hochs. Dochnach den starkenKursgewinnender

vergangenenzweiJahredürfteder Aufwärtstrend

bald zu einemEndekommen. Erst wennimnächsten

Jahr die versprochenenErgebnisverbesserungen

kommen, istwieder Luft nachoben.

*Konsumelektronik undMedizintechnik,

1.–3.Quartal2013; Quelle:Unternehmensangabenfür

2012,Thomson Reuters

Und was hat Philips hier zu bieten?

Wir entwickeln zum Beispiel Technik, die

nach Mustern möglicher Erkrankungen

sucht oder mithilfe von Befunden anderer

Kranker gezielt Vorboten für Gefahren und

Notfälle entdeckt.

Müssten Sie statt mehr High Tech nicht

eher preiswerte und robuste Produkte für

arme Länder und Schwellenländer bauen?

Das ist sicher ein wichtiges Feld. Aber

High-Tech-Lösungen sind nötig, um etwa

in Afrika die hohe Kindersterblichkeit zu

senken. Das ist für uns ein gutes Geschäft.

Es bringt beispielsweise wenig, alte Ultraschallgeräte

in Afrika zu verteilen, wenn

die Daten am Ende nicht richtig ausgewertet

werden, weil gut ausgebildete Ärzte fehlen.

Unser Ansatz ist daher, stattdessen

günstige neue Geräte zu nutzen, die ihre

Daten über Telefon und Internet an Spezialisten

etwa in den Städten übermitteln. Die

Fachärzte dort stellen anschließend eine

deutlich fundiertere und für die Schwestern

vor Ort umsetzbare Diagnose und vergeuden

ihre Zeit nicht mit Reisen.

Wieso lösen Leuchten und Küchenmaschinen

die Probleme der Menschheit?

Unsere LED-Lampen mindern die Umweltbelastung

durch Stromerzeugung und die

Klimaveränderungen. Beleuchtung steht

für 19 Prozent des weltweiten Energieverbrauchs.

Dabei haben mehr als 600 Millionen

Menschen in Afrika noch keinen Zugang

zu künstlichem Licht, und in den Entwicklungs-

und Schwellenländern wächst

der Bedarf an Beleuchtung. Weil Strom

noch auf Jahre vorwiegend aus Öl und Gas

gewonnen wird, führt das zu kaum beherrschbaren

Umweltproblemen. Es sei

denn, wir schaffen den Sprung zu LED-

Lampen. Die verbrauchen nicht nur einen

Bruchteil der Energie. Sie erlauben auch eine

intelligente Steuerung etwa von Stadtbeleuchtung.

Die Lampen leuchten schwach,

wenn die Straßen leer sind, und werden heller,

wenn ein Bewegungsmelder erkennt,

dass ein Fußgänger oder ein Auto kommt.

Das spart bis zu 70 Prozent des Stroms und

damit rechnerisch 600 Kraftwerke weltweit.

Wie sollen die klammen Kommunen teure

Steuerungen für Beleuchtung bezahlen?

Wir bieten den Gemeinden ein neues Geschäftsmodell.

Wir stellen auf unsere Kosten

die Beleuchtung auf unsere neuen intelligenten

LED-Systeme um und recyceln

die alten Lampen. Anschließend zahlen

uns die Gemeinden Teile der Ersparnisse

auf der Stromrechnung und behalten sogar

noch Geld übrig. Wir können das als Partnerunternehmen

oder als Lichtlieferant

machen, der für jede Lichteinheit Lux bezahlt

wird. So gewinnen beide Seiten.

Und welches Menschheitsproblem lösen

Ihre Bügeleisen oder Fritteusen?

Ich gebe zu, nicht alle Produkte passen im

gleichen Umfang zu unserem Motto, aber

jedes hat seinen Platz. Unser Airfryer ist

keine simple Fritteuse, sondern ein Gerät,

das Menschen mit einem Kreislaufleiden

oder Übergewicht erlaubt, statt Schonkost

auch wieder Pommes frites zu essen, weil

die dann nicht mit ungesunden Fetten,

sondern mit heißer Luft zubereitet werden.

Welche Rolle spielt für Sie der deutsche

Markt?

Eine wichtige. Viele glauben, weil die Industrieländer

in Europa in einer Krise stecken,

sollten wir vor allem in den Schwellenländern

wachsen. Doch ich glaube, wir

müssen uns gerade um die angeblich reifen

Märkte in Europa kümmern. Dabei ist

Deutschland unser wichtigster Markt, gemeinsam

mit Österreich und der Schweiz

der drittgrößte Markt für Philips weltweit.

Hier haben wir zwar bereits eine sehr starke

Position, sind profitabel und wachsen.

Doch wir können noch deutlich stärker

zulegen.

n

ruediger.kiani-kress@wiwo.de, harald.schumacher@wiwo.de

70 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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Technik&Wissen

In die Röhre schauen

SICHERHEIT | Immer mehr Menschen haben Angst vor dem Weltuntergang – und

legen sich einen Bunker zu. In den USA gibt es für jeden Geschmack etwas: von der

Blechdose bis zum technisch hochgerüsteten Luxusapartment.

Ob Atomkrieg, Kometeneinschlag

oder die Ankunft der

Außerirdischen – die Apokalypse

lässt sich ziemlich komfortabel

überleben. Zumindest wer

Kunde von Larry Hall ist. Denn was der ehemalige

Softwareentwickler im Norden des

US-Bundesstaates Kansas in den ausgedienten

Abschussbunker einer Atlas-Interkontinentalrakete

eingebaut hat, ist eine der

sichersten Luxuswohnanlagen der Welt.

Geschützt durch knapp drei Meter speziell

gehärteten Beton und bis zu

53 Meter tief in der Erde verborgen,

hat Hall sein Luxury Survival

Condo gebaut, eine Luxusüberlebenswohnanlage.

Die soll,

wie der Bauherr verspricht,

selbst den direkten Einschlag einer

Atomrakete überstehen. Im

Fall der Fälle können dort, ein

wohlgefülltes Bankkonto vorausgesetzt,

bis zu 70 Bewohner in den jeweils

1,5 bis 3 Millionen Dollar teuren Apartments

Platz finden.

„Im Grunde“, sagt Hall, der seine sämtlichen

Ersparnisse in das außergewöhnliche

Wohnprojekt gesteckt hat, „haben wir den

Bunker eines Massenvernichtungsmittels

in sein Gegenteil verwandelt: eine erstklassige

Überlebensanlage.“ In deren 85 und

170 Quadratmeter großen Wohnungen

und den zugehörigen Freizeitanlagen sollen

die Angehörigen der Endzeit-WG dank

jeder Menge High Tech auf kaum eine Annehmlichkeit

verzichten, mal abgesehen

vom Spaziergang an der frischen Luft – ein

bombensicheres Investment.

Drei Quellen und eine mehrstufige

Wasseraufbereitung speisen sowohl die

Fotos

Weitere Bilder

von Bunkern

finden Sie in

unserer

iPad-Ausgabe

ausgedehnte Badelandschaft im Untergeschoss

als auch die Frischwasser-

Aquarien und Hydrokultur-Pflanzungen

(siehe rechts). Dort sollen im obersten

Stockwerk Fische und frisches Gemüse für

die Bewohner heranwachsen. Zusammen

mit den eingelagerten Lebensmitteln und

Haushaltswaren, versichert Projektentwickler

Hall, sei die abgelegene Anlage unter der

Einöde von Kansas bis zu fünf Jahre autark.

In den Apartments selbst soll eine

LED-Beleuchtung, deren Farbe sich

am Tageslichtverlauf orientiert,

ebenso den Bunker-Koller vermeiden

wie Megabildschirme,

die in den Wohnräumen die

Fenster simulieren. Die Monitore

erkennen die Bewegungen

des Betrachters vor ihnen und

passen ihren Bildinhalt entsprechend

dynamisch an den Standort

des Betrachters an. So öffnet

sich dann in hochauflösender Qualität der

Blick auf San Francisco, in fischreiche Korallenriffe

oder ins All. Die nötige Energie,

um auch das integrierte Kino, den Supermarkt,

die Auslaufzone für die Haustiere

der Bewohner und sogar die unterirdische

Schießbahn für Hobbyschützen zu betreiben,

liefert eine redundante Stromversorgung

aus Windrädern, Solarpanelen und

Dieselgeneratoren.

So selten Kometentreffer auch sein mögen,

so wenig der Ausbruch des Dritten

Weltkriegs bevorstehen mag und so unwahrscheinlich

auch in den USA das totale

Staatsversagen erscheint – über einen

Mangel an Mitstreitern kann Larry Hall

nicht klagen. Ganz im Gegenteil: „Alle

Apartments sind verkauft.“ Demnächst,

sagt er, will er mit dem Umbau der nächsten

Abschussbasis beginnen.

Halls Luxury Survival Condo ist sicher

das außergewöhnlichste Projekt seiner Art,

aber beileibe nicht das einzige. Im Gegenteil,

ein Vierteljahrhundert nach dem Ende

des Kalten Kriegs erlebt der Bunkerbau in

vielen Regionen der Welt so etwas wie eine

Renaissance: Nicht nur in den USA, auch

im Nahen Osten oder in Russland stecken

private Investoren fünf- bis siebenstellige

Summen in den Bau neuer Schutzbauten.

Das reicht vom unauffälligen Schnellbauset

für den heimischen Garten über High-

End-Bauten à la Hall bis hin zu riesigen

unterirdischen Campinganlagen in denen

sich Untergangsapologeten schon jetzt die

Stellplätze für ihre Wohnmobile gesichert

haben.

ÄNGSTLICHES AMERIKA

Besonders in den USA bereiten sich massenweise

Menschen auf Börsencrashs und

die totale Geldentwertung vor, auf einen

neuen Weltkrieg, auf Nuklearattacken, Superstürme

oder Chemieunfälle. „Doomsday

Prepper“ heißt die Bewegung, nach einer

gleichnamigen Reality-Show im National

Geographic Channel. Aus deutscher

Sicht wirken deren Anhänger ein bisschen

spinnert. Aber wie berechtigt oder unberechtigt

ihre Sorgen auch sein mögen,

spielt für das Geschäft keine Rolle. Paranoia

oder weise Voraussicht hin oder her –

mit den Preppern lassen sich Milliarden

verdienen – gute, harte Dollar.

Die Prepper-Branche bringt viele Produkte

hervor: Nahrungsmittel, die sich

ewig halten. Munition und Waffen. Geigerzähler.

Schutzkleidung gegen allerlei

»

FOTOS: PR

72 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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Ende gut

3

High-Tech-Bunker, wie dieser

in einer alten Abschussbasis

für Atomraketen, vereinen

Luxus mit modernster Überlebenstechnik.

4

2

1

Leben

Versorgung

Für die tägliche Versorgung mit Lebensmitteln

sorgt ein Shop (1) oben

im Gemeinschaftsgeschoss. Die Sanitätsstation

(2) ermöglicht die Gesundheitsversorgung

bis hin zu kleineren

Operationen und Zahnbehandlungen.

Ein Fahrstuhl verbindet alle Etagen.

Quellwasser und eine ausgefeilte

Wasseraufbereitung liefern das Trinkwasser

(3) und versorgen sowohl die

Aquarien für die Fischzucht als auch

die Hydrokulturen für den Gemüseanbau.

Die 85 und 170 Quadratmeter großen

Apartments besitzen mehrere Bäder,

eine voll ausgerüstete Küchenzeile sowie

einen simulierten Kamin. Sie bieten

Platz für maximal zehn Bewohner pro

Wohnung.

Gegen den Bunker-Koller sollen eine

LED-Beleuchtung helfen, die die Farben

des Tageslichts im Laufe des Tages

simuliert, sowie Großbildschirme, die die

Bewegungen des Betrachters erkennen

und als virtuelle Fenster mit frei wählbaren

Aussichten dienen.

Gefriergetrocknete Lebensmittel (4)

und eingelagerte Haushaltswaren

sollen die Anlage fünf Jahre lang

autark von der Außenwelt machen.

Wind- und Dieselgeneratoren (5)

sowie Solartechnik versorgen den

Luxusbunker mit Strom.

10

8

6

7

9

5

Unterhaltung

Ein Indoor-Swimmingpool (Abbildung

unten) gehört ebenso zum Freizeitangebot

in den unteren Ebenen der Weltuntergangs-WG

wie ein Fitnessclub (6) mit

Kletterwand, eine Bunkerbar (7) und

ein Kinosaal (8), eine Bibliothek (9) und

ein Internet-Café (10), aber auch der

Haustierauslauf und sogar eine Schießbahn

für Hobbyschützen.

Wohnen in Scheiben

Bis zu fünf Jahre

sollen die Insassen

in den Luxusapartments

überleben

können

Urlaub vom Bunker-Alltag

Im Swimming-Pool können die

Bewohner von der Südsee träumen

WirtschaftsWoche 27.1.2014 Nr. 5 73

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Technik&Wissen

Schutz im Hinterhof Ein Bunker auf

dem eigenen Grundstück kostet samt

Ausstattung rund 150 000 US-Dollar

»

Gefahren. Generatoren und kräftige

Batterien. Wasser- und Luftaufbereiter.

Kompasse, Campingkocher und tragbare

Toiletten. Kisten voller Pflanzensamen, damit

der Überlebende die wichtigsten Gewächse

nach dem Weltuntergang neu anbauen

kann. Medikamente gegen Strahlen

und Viren und Killerbakterien, zum Beispiel

ein Premiumarzneiset für 699 Dollar

der Firma Doom and Bloom, LLC. Die

Prepper-Web-Site survivalblog.com steuern

pro Woche mehr als 300 000 Menschen

an. Inzwischen haben die Prepper sogar

ihre eigene Messe, die „Life Changes, Be

Ready!“, die zuletzt im November in Florida

stattfand.

EINE ART VERSICHERUNG

Aber was für Leute interessieren sich für

Bunker? „Ach, das sind ganz normale Menschen“,

sagt Ron Hubbard, meist konservativ

und mit mittlerem Einkommen, häufig

Kleinunternehmer, die in die Kirche gehen

und ihre Familie lieben. Hubbard kennt

sich aus. Er ist Bunkerhändler, inzwischen

wohl Amerikas berühmtester. Er ist ständig

im Fernsehen, in den Tagen vor der Weltuntergangsprophezeiung

der Maya zum

Jahresende 2012 hat er jeden Tag Interviews

aus der Bunkerluke heraus gegeben.

Mit seinem Scientology-Namensvetter hat

er nichts zu tun. Seit 2009 ist er im Geschäft,

seine Firma Atlas Survival Shelters

sitzt in Los Angeles, hier lässt er die Bunker

für den amerikanischen Markt fertigen.

„Meine Kunden sind nicht verrückt, sie

haben nur ihre Bedenken.“ Im Moment, erzählt

er, hätten die Menschen die größte

Angst vor einem Bürgerkrieg in Amerika.

Derzeit verkauft

Atlas Survial

Shelters vier

Bunker pro Monat

Aber auch eine Bedrohung von außen ließe

sich nicht komplett ausschließen. Nordkorea,

China, Syrien, Israel, Iran – die Welt

sei eben unsicher. „Und die Russen hassen

uns doch auch“, sagt er.

In Amerika gibt es einen Spruch: better

safe than sorry. Auch ein Autounfall oder

ein Brand zu Hause sei doch eher unwahrscheinlich,

so Hubbard, trotzdem kauften

die Menschen Versicherungen dagegen.

„Ein Bunker ist auch eine Versicherung, eine

Versicherung für die Familie, die ist

schließlich das wichtigste Asset, das die

meisten Leute haben.“ Mit Verrücktheit

habe das alles überhaupt nichts zu tun,

findet er.

Hubbard bietet verschieden große Stahlröhren

in unterschiedlich luxuriöser Ausstattung

an. Das Geschäft brummt, täglich

rufen 10 bis 15 Interessenten an. Pro Monat

verkauft er zwei bis vier Bunker, im Moment

meist eher vier. Die Idee und die Patente

lizenziert er inzwischen an Geschäftspartner

auf der ganzen Welt. „Ich

bin inzwischen Marktführer bei privaten

Bunkern“, versichert Hubbard.

200 JAHRE HALTBAR

Auch Europa hat er im Visier, in Tschechien

hat er schon einen Lizenznehmer für

seine Röhrenbunker gefunden, der ganz

Osteuropa versorgen soll. In Deutschland

ist er gerade auf der Suche nach einem Geschäftspartner.

Ende 2014 will er in 20 Ländern

produzieren. Sein Team von vier Experten,

die die Anlagen für ihn gestaltet haben

und installieren, habe schon Bunker

im Wert von 6 Milliarden Dollar in 53 Ländern

gebaut – fast alle für Regierungen und

Militär. „Und jetzt machen wir Bunker erreichbar

für ganz normale Leute auf der

ganzen Welt.“

Hubbard hat die Technik für seine Stahlröhrenbunker

nicht selbst entwickeln lassen.

„Sie stammt von der Regierung aus

den Dreißigerjahren, sie hat Tausende davon

gebaut“, sagt er. Die verzinkten Röhren

seien enorm stabil, bei normalem amerikanischem

Klima hielten sie mindestens

200 Jahre, in der Wüste noch viel länger.

„Darüber können 40-Tonner fahren.“

Wenn Straßenbauer unter den Highways

Wasserkanäle bauen, verwendeten sie

schließlich die gleichen Röhren.

Der Bestseller von Atlas Survival Shelters

ist 15 Meter lang, die Röhre hat dann einen

Durchmesser von drei Metern. Mindestens

FOTOS: ACTION PRESS, BULLS PRESS/BARCROFT MEDIA, DDP IMAGES

74 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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drei, besser aber sechs Meter unter die Erde

sollte der Besitzer sie verscharren. Je

nachdem wie groß der Bunker und wie luxuriös

die Ausstattung ist, liegen die Kosten

zwischen 35 000 und mehreren Millionen

Dollar. Mit Eingraben, Mobiliar, Nahrung

und allem, was der vorsichtige Mensch

sonst so braucht nach dem Weltuntergang,

sollte er schon 150 000 Dollar einplanen.

„Das ist eine enorm langfristige Investition“,

erklärt Hubbard. „Ich werde meinen

Bunker an künftige Generationen weitergeben.“

IRGENDWIE COOL

Man kann sie treffen, die ganz normalen

Menschen, die Bunker kaufen wollen.

Heute kommen Interessenten in Hubbards

Vorzeigebunker in Texas vorbei. Brindy

Buchanan hat ihre ganze Familie mitgebracht,

ihre vier Kinder liegen in den Hochbetten

Probe, ihre Stimmen hallen durch

die Stahlröhre. „Ich hatte mir das hier drinnen

ganz anders vorgestellt, viel beengter“,

sagt die 34-jährige Texanerin. „Ich finde es

eigentlich ganz hübsch.“ Hubbard beantwortet

geduldig ihre Fragen zur Belüftung,

Toilette und Rostresistenz. Sie hätte auch

gern so einen Bunker für ihren Garten,

aber gerade fehlt das Geld. „Eine ganz konkrete

Angst habe ich nicht, aber man weiß

einfach nie, was passieren kann“, sagt sie.

„Und außerdem finde ich das Ganze auch

irgendwie cool.“

Der Bunker ist eine Stahlröhre, von innen

weiß lackiert. Ein normal großer

Mensch kann die Decke berühren, ohne

sich auf die Zehenspitzen zu stellen. Die

kugelsicheren Türen schließen mit quietschendem,

schwerem Schloss, eine ratternde

Maschine pumpt frische Luft von

außen herein. Es gibt eine Mikrowelle, ein

Ledersofa, vier Hochbetten und einen

braunen Linoleumfußboden in Parkettoptik.

Von der einen Seite der Röhre bis zur

anderen sind es knapp zehn Meter.

Die meisten seiner Kunden richten ihre

Schutzräume so ein, dass sie dort gut ein

Jahr mit ihrer Familie überleben könnten,

erzählt Hubbard. Es gibt Überwachungskameras.

Die Luft wird maschinell von nuklearen,

chemischen oder biologischen

Gefahren gereinigt, die Maschine dafür

kommt von der Andair AG aus der

Schweiz. Trinkwasser lagert in einem Tank

neben dem Bunker – je größer, desto länger

kann der Bewohner unterirdisch überleben.

Für den Strom empfiehlt Hubbard

Dieselgeneratoren, eine große Batterie und

am besten zusätzlich eine Solaranlage. Die

Campingplatz in der Höhle 5000 Menschen sollen hier samt Wohnmobil Schutz finden

Viele verstecken

die Bunker im

Garten aus Furcht

vor den Nachbarn

Toilette sei eine besondere Herausforderung,

schließlich darf sie nicht zu viel Wasser

verbrauchen und muss aufwärts, nicht

abwärts abspülen.

Manche der Bunker befinden sich auf

großen Grundstücken weit entfernt von

der Zivilisation, viele Käufer versenken sie

aber auch in ihre Gärten hinterm Haus.

Hubbard installiert sie meist mitten in der

Nacht. Wenn das Loch fertig gegraben ist,

dauert es nur eine Stunde, bis seine Leute

alles aufgebaut haben. Dann können die

Besitzer ihren Gartenbunker zuschaufeln,

bevor es hell wird und die Nachbarn aufmerksam

werden. „Ein Bunker bringt nur

etwas, wenn keiner davon weiß“, sagt Hubbard.

„Wenn es um Leben oder Tod geht,

will schließlich niemand gegen Leute

kämpfen müssen, die Zutritt zum Bunker

wollen. Jeder will seine eigene Familie retten.“

Den Eingang zum Bunker kann der Eigentümer

unter einem künstlichen Stein

verstecken.

In einer ganz anderen Liga spielt Robert

Vicino. Er hat Vivos Group gegründet – ein

ähnlich ehrgeiziges Projekt wie das von

Larry Hall mit seinen ausgedienten Abschussanlagen.

Vicino hat im US-Bundesstaat

Indiana ein Konstrukt aus Stahl und

Beton errichtet, es ist schon seit zwei Jahren

fertig und komplett ausverkauft. Hier

ist Platz für 80 Menschen. Neulich bei

einem Tornado hat sich eine Hand voll

Leute dort verschanzt, „alles funktioniert

und ist sicher“, sagt Vicino. „Das Fundament

ist das gleiche wie in einem Atomkraftwerk.“

ÜPPIGE MARGE

Gerade baut er eine weitere Anlage in einer

riesigen Höhle in einem Kalksteingebirge

in Kansas, es wird eine ganze Kleinstadt

unter Tage. 25 Millionen Dollar soll das

Projekt kosten, 35 Millionen Dollar will er

durch die Verkäufe einnehmen – eine üppige

Marge. „Aber das Risiko ist ja auch

groß für mich, die Kosten können sehr

leicht steigen“, rechtfertigt Vicino den Preis.

Das technische Equipment ist teuer, zum

Beispiel die Luftreiniger, die vor Verseuchung

fast jeder Art schützen. Allein die

Maschine zur Luftentfeuchtung koste zwei

Millionen Dollar, sagt Vicino. 5000 Menschen

sollen hier einmal Unterschlupf finden

auf rund 200 000 Quadratmetern. „Das

Projekt ist gigantisch, die Fläche ist genauso

groß wie im Empire State Building“, erzählt

Vicino, der es in den vergangenen 30

Jahren mit Immobilienfirmen zu einem

kleinen Vermögen gebracht hat.

Knapp 40 Meter unter der Oberfläche

liegt die Atchison Cave, die US-Regierung

hat sie seit dem Zweiten Weltkrieg als

Lagerstätte genutzt und 2013 privatisiert.

Vicino rüstet sie gerade aus, in gut einem

Jahr soll sie bezugsfertig sein. Sechsmal

stabiler als Beton sei das Fundament,

»

WirtschaftsWoche 27.1.2014 Nr. 5 75

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Technik&Wissen

ARCHITEKTUR

Loft statt

Luftschutz

Deutsche Bunker sind begehrt als

Wohnungen, Büros und Ateliers.

Als es Granaten über Düsseldorf regnete,

saß Manfred Jung hinter zweieinhalb

Meter dicken Wänden und fühlte sich

bombensicher. Der Steppke von fünf Jahren

war mit der Mutter anno 1943 in den

Bunker an der Pariser Straße im Stadtteil

Heerdt geflüchtet, schlief wie Hunderte

andere Schutzsuchende auf Stockbetten

und aß Suppe aus Kartoffeln, die er auf

den Feldern klaute. Die halbe Stadt

brannte, der Betonklotz blieb. „Wär das

Ding nicht gewesen“, sagt der 76-Jährige,

„dann wär auch ich nicht mehr.“

Bombensicheres Investment In Bochum

wurde ein Luftschutzbunker zum Büroturm

(oben). In Düsseldorf-Heerdt entsteht

aus altem Beton ein Luxusdomizil

Weil „das Ding“ Jungs Leben rettete,

will dessen Sohn nun den Bunker wiederbeleben.

Peter Jung, Inhaber einer

Werbeagentur, hat das Trumm gekauft

und macht es zum Luxusdomizil. Seit

Monaten sägen Arbeiter tonnenschwere

Klötze heraus, schaffen Platz für 24

Wohnungen samt Terrasse und Lift fürs

Auto. „Bunker bieten erstklassigen Wohnraum“,

sagt Bauleiter Gerd Schmitz, „es

wäre zu schade, sie abzureißen.“

Luxus im Luftschutzbunker, Stuck statt

Stockbetten: Architekten machen sich

landauf, landab daran, die Schutzräume

des Zweiten Weltkriegs in moderne Lofts,

Büros, Ateliers oder Kulturzentren zu

verwandeln. Ein wahrer Bunkerboom ist

im Gange, seit der Bund im Jahr 2007

die meisten Schutzräume zum Verkauf

freigab. Mehr als 190 Anlagen hat die zuständige

Bundesanstalt für Immobilienaufgaben

inzwischen veräußert. In den

kommenden Jahren stehen 200 weitere

Hochbunker zur Versteigerung an.

Erst seit wenigen Jahren ist die Technik

entwickelt, mit der sich die massiven Gebäude

renovieren lassen. Die Bauherren

rücken mit Diamantsägen und Schwerelastkränen

an – teures Spezialgerät. Doch

sie können hinterher oft zu Luxuspreisen

verkaufen und vermieten. Denn viele angebotene

Bunker liegen auf Filetgrundstücken

in der Innenstadt – etwa bei der

Sendlinger Straße in Münchens Altstadt

oder in Hamburgs Uni-Bezirk Eimsbüttel.

GEFECHTSTURM ALS KRAFTWERK

Trifft einen Bunker die Abrissbirne, blutet

vielen das Herz. Dutzende Beispiele zeigen,

wie sich die düsteren Kriegsdenkmäler

in lichte Gebilde verwandeln lassen.

Der Berliner Architekt Gerhard Spangenberg

etwa hat einen Bunker in Bochum

als Unterbau eines 15-stöckigen Bürohauses

genutzt. Mit seinen drei gegeneinander

verschobenen Blöcken gleicht es

einem fragilen Turm aus Spielklötzen.

An der Elbe wiederum hat der Versorger

Hamburg Energie einen Gefechtsturm

in ein Kraftwerk umgewandelt. Solarmodule

auf dem Dach erzeugen Strom,

im Innern liefern Biogas und Holz Wärme.

So dient der Betonklotz aus dem Dritten

Reich jetzt erneut als Bunker – nur diesmal

für die Wärme, die ein riesiger Wassertank,

groß wie 13 000 Badewannen,

für kalte Nächte zwischenspeichert.

andreas.menn@wiwo.de

»

versichert er. Die Kunden sollen hier mit

ihren eigenen Wohnmobilen hineinfahren,

sie zahlen pro Länge des Fahrzeugs, ein

Fuß (rund 30 Zentimeter) kostet 1000 Dollar.

Platz ist für mehr als 1000 Wohnmobile.

Wer kein eigenes hat, kann ein kleines

Apartment kaufen. Eine vierköpfige Familie

sollte etwa 20 000 Dollar investieren –

und weitere 1500 Dollar pro Person für

Nahrungsmittel, die Vivos bereitstellt.

EIN SALATKOPF FÜR JEDEN

Das Essen in der Riesenhöhle soll mindestens

ein Jahr reichen, es wird massenweise

Dosennahrung geben. In riesigen Gewächshäusern

mit künstlicher Sonne

wächst Gemüse. „Jeder Bewohner kann

täglich einen großen Salat haben, wenn er

will“, verspricht Vicino. Es soll mehrere

Bars, einen Weinkeller und sogar eine Bäckerei

geben, genug Mehl will er einlagern.

„Für jeden sind pro Tag 2500 Kalorien eingeplant.“

Die Tanks der Generatoren fassen

Ärzte, Polizisten

und Friseure

sollen einander

unter Tage helfen

mehr als eine Million Liter Diesel. Vicino

plant einen Golfplatz, eine Kirche, eine Bibliothek,

ein Fitnessstudio und ein Kino. In

einem Teil des Bunkers soll ein kleines

Krankenhaus mit Minioperationssaal entstehen.

„Wir stellen die Ausrüstung zur

Verfügung, den Betrieb müssen dann unsere

Kunden übernehmen“, sagt er. „Wir

haben Interessenten aus allen Berufsgruppen,

dort werden Chirurgen, Krankenschwestern,

Zahnärzte, Polizisten und Friseure

leben. Alle Dienstleistungen bieten

sie einander kostenlos an. Es wird eine

komplette Gesellschaft unter der Erde.“

Von Privatbunkern in Stahlröhren, wie Ron

Hubbard sie anbietet, hält er nicht viel:

„Die werden zum Grab.“

Seinen Wettbewerber Hubbard ficht das

nicht an: „Ich gehe davon aus, dass ich

mit meinen Bunkern ein reicher Mann

werde“, versichert er. Aber er sei keiner, der

Angst schüre, um das Geschäft anzukurbeln.

„Die Nachfrage ist da. Die Angst ist

schon da.“

n

kathrin werner | technik@wiwo.de, thomas kuhn

FOTOS: VISUM/EUROLUFTBILD.DE, MARTINA CHARDIN

76 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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Technik&Wissen

Nichts ist umsonst

ANDROID | Die Handysoftware erobert jetzt Fernseher, Autos und

Kameras. Doch dafür zahlt Google einen Preis.

Mal endet es mit lautstarkem Protest

der Nutzer, mal kommt der Tod

still und leise – immer aber gehört

das Scheitern bei Google zum Konzept.

Kaum ein Konzern hat das Prinzip Versuch

und Irrtum, derart zur Strategie erhoben

wie der US-Internet-Riese. Ob das soziale

Netzwerk Orkut, das Gesundheitsportal

Health oder die Plattform Google TV, die

Liste gescheiterter oder eingestellter Online-Dienste

ist lang.

In der Fernsehwelt – immerhin – gelingt

Google jetzt ein Comeback: Im zweiten

Quartal dieses Jahres will der chinesische

Hersteller TPV, der das TV-Geschäft des

niederländischen Elektronikkonzerns Philips

fortführt (siehe Seite 66), erste Fernseher

mit Google-Software auf den Markt

bringen. Das kündigte der Hersteller jüngst

zur Elektronikmesse CES in Las Vegas an.

Den Neustart ins Wohnzimmer dürfte

sich Google-Chef Larry Page aber anders

vorgestellt haben: Denn TPV nutzt für seine

künftigen Flachbildriesen mit Web-Zugang

– kurz SmartTV genannt – nicht etwa

Googles gescheiterte TV-Plattform. Stattdessen

ebnet ausgerechnet das ursprünglich

für Smartphones entwickelte Betriebssystem

Android den Fernsehern den Weg

ins Web. Und es erschließt den Zuschauern

zugleich den Zugriff auf Abertausende bisher

für Smartphone und Tablet-Computer

programmierte Apps.

Auf der Überholspur

2015 arbeitet Android in knappder

Hälftealler neuenPCs undMobilgeräte*

2000

1500

1000

Android Windows iOS/Mac OS Sonstige

500

0

2012

2013 2014** 2015**

*weltweit, Stückzahlen in Millionen;

** Prognose; PCs, Tablets, Mobiltelefone,

Ultramobiles; Quelle:Gartner/Statista

Was zunächst befremdlich klingt –

Handysoftware für artfremde Technik zu

nutzen –, wird immer beliebter. Philips’ TV-

Sparte ist längst nicht mehr das einzige Unternehmen,

das Googles in der Basisversion

frei verfügbare Software an die eigenen

Bedürfnisse anpasst. So folgte der chinesische

Elektronikkonzern Huawei gerade

erst dem Beispiel des Startups Ouya und

kündigte eine weitere Spielekonsole an, die

auf Android basiert.

Auch die Fotoriesen Nikon und Samsung

produzieren Kameras, die das Betriebssystem

nutzen. Samsung verkauft zudem

Kühlschränke mit integriertem

Touch-Computer, bei dem Android-Software

den Zugriff auf digitale Kochbücher

und Apps zum Verwalten der Einkäufe ermöglicht.

Auch der Navigationsgerätehersteller

Garmin hat mit dem Monterra einen

androidbasierten, digitalen Wanderführer

im Programm. Selbst Handelsriese Amazon

vertreibt mit seinem E-Book-Lesegerät

Kindle Fire eine Produktlinie, in der Google-Software

den Takt vorgibt.

ZWEIFELHAFTER ERFOLG

Damit schickt sich Google an, nicht mehr

nur die Computerwelt zu dominieren, sondern

auch ganz neue Techniksparten. Es ist

ein atemberaubender Durchmarsch: Voraussichtlich

schon 2015 wird Android

nach Hochrechnung des Marktforschers

Gartner in knapp jedem zweiten aller weltweit

rund 2,6 Milliarden verkauften PCs

und Mobilgeräte stecken. 2012 noch lag

Android bei nur 23 Prozent (Grafik links).

Doch diese auf den ersten Blick beeindruckende

Erfolgsgeschichte hat ein paar

Schönheitsfehler. Einer davon ist ausgerechnet

die Welle neuer Android-Geräte

fernab des Kerngeschäftes. Denn weil die

Hersteller die Basisversion des Betriebssystems

nach Gusto umstricken dürfen, können

sie auch entscheiden, welche von

Googles Diensten der Anwender dabei

nutzen kann – oder eben auch nicht.

Das ist für den Internet-Konzern brisant.

Denn natürlich hat Google sein Betriebssystem

nicht aus Altruismus freigegeben.

Vielmehr wollen die Kalifornier so möglichst

viele potenzielle Menschen erreichen:

Sie sollen die Such- und E-Mail-

Dienste nutzen und dem Web-Riesen so

»

DADDELN, WANDERN, FOTOGRAFIEREN – Android gibt nicht nur auf Smartphones...

1| Internet- und App-Zugriff werden auf dem Smart-

TV immer beliebter. Die neuen Philips-Top-Modelle

nutzen dafür künftig Android. Preis: noch offen

2| Zwar hält

Garmins Navigator

Monterra

beim Display

nicht mit Top-

Smartphones

mit, dafür ist

der robuste

Wanderführer

dank Apps

vielfältig erweiterbar.

Preis:

600 Euro

3| Die Gamekonsole Ouya bringt, ähnlich

wie leistungsstarke Handys, selbst 3-D-

Spiele auf den Bildschirm, aber nicht auf

dem Niveau von Playstation oder Xbox.

Das Kickstarter-Projekt erlöste 2012 rund

8,5 Millionen Dollar. Preis: 120 Euro

FOTOS: PR

78 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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Technik&Wissen

»

Informationen über ihre Interessen offenbaren,

sie sollen sich all jene Online-

Anzeigen ansehen, mit denen Google Jahr

für Jahr Milliarden Dollar umsetzt. Genau

das aber gelingt häufig nur eingeschränkt

oder auch gar nicht mehr, wenn externe

Entwickler Android nach eigenem Geschmack

modifizieren.

Besonders radikal gehen die Entwickler

des Kindle Fire zu Werke. Dort arbeitet Android

komplett im Verborgenen, denn

Amazon hat dem E-Book-Reader kurzerhand

eine eigene Bedienoberfläche verpasst.

Die sperrt nicht nur die meisten

Dienste von Google aus, sondern verhindert

auch den Zugriff auf dessen App-Laden,

den Play Store. Das schmerzt, denn

der Internet-Konzern verdient über die

Provisionen an allen Verkäufen kräftig mit.

Ähnlich, wenn auch nicht ganz so radikal,

gehen die Spieleentwickler von Ouya

und Huawei zu Werke. Die haben ihren

Daddel-Kisten ebenfalls eigene Benutzeroberflächen

verpasst. Aber immerhin können

die Besitzer auch auf die darunter liegende

Android-Plattform umschalten. Der

direkte Zugang zum Play Store ist dem Nutzer

aber auch bei der Ouya-Box verbaut.

STRIKTE TRENNUNG

Und auch im Falle der neuen Philips-Fernseher

begrenzt der Hersteller den allzu direkten

Zugriff von Google auf die vermarktbare

Datenquelle Fernsehzuschauer. Zwar

kann der TV-Besitzer Googles Suche nutzen

oder sich beim Play Store anmelden,

um neue Apps auf seinen Bildschirmriesen

zu laden. Doch die für Googles Anzeigengeschäft

so interessanten Sehgewohnheiten

der Zuschauer übermitteln die

SmartTVs nicht an den Internet-Konzern.

Google muss

mit dem Kontrollverlust

leben

„Es werden keine Informationen zum

Fernsehverhalten über die Android-App-

Plattform weitergegeben“, versichert Volker

Blume, der technische Produktmanager

Philips TV bei TP Vision. Es gebe eine

klare Trennung zwischen der Wiedergabe

des klassischen TV-Programms und Googles

App-Bereich.

„Der Kontrollverlust ist der Preis, den

Google dafür zahlen muss, dass es seine

Software möglichst schnell und auf möglichst

viele Geräte bringen will“, sagt Annette

Zimmermann, Analystin für Mobil- und

Unterhaltungselektronik bei Gartner.

Mehr Reichweite und mehr Kontrolle –

das verträgt sich nicht. So entscheiden sich

die Kalifornier im Zweifel für das Wachstum.

Wobei sich die Zahl von 48 Prozent

Marktanteil schon 2015 imposanter liest,

als die Realität vermutlich aussehen wird.

Denn schon jetzt ist die Android-Welt in

eine Vielzahl von Versionen fragmentiert.

Die erschweren es Programmierern zunehmend,

ihre Apps auf allen Geräten zum

Laufen zu bringen – sehr zum Verdruss vieler

Kunden, die schon jetzt auf älteren Geräten

viele beliebte Programme nicht mehr

nutzen können. „Und das Problem potenziert

sich noch, wenn Android nun auch

immer häufiger fern des Mobilfunks zum

Einsatz kommt“, sagt Gartner-Expertin

Zimmermann.

Das gilt auch für das jüngste Wachstumsfeld,

das die Informationstechnikbranche

gerade erschließen will: Autos. Zwar haben

Hersteller wie Daimler, BMW oder Audi

mittlerweile der ersten Liga ihrer Unterhaltungs-

und Navigationssysteme beigebracht,

Musik vom Smartphone des Fahrers

abzurufen oder eingehende SMS- und

E-Mails vorzulesen.

Kaum ein Autobauer aber ging so weit

wie Renault. Die Franzosen haben mit

R-Link ein Multimediasystem entwickelt,

das auf Android basiert. Doch auch dem

sieht der Nutzer nicht mehr die Google-

Verwandtschaft an. Zudem verhindert Renault

den Durchgriff auf die Google-Dienste

sowie den Play Store.

SCHLECHTES VORBILD

Die Antwort des Suchriesen heißt Open

Automotive Alliance (OAA) – ein Bündnis

unter anderem mit Audi, General Motors,

Honda und Hyundai, deren Start die Partner

ebenfalls auf der CES verkündet haben.

Das Ziel: eine gemeinsame Plattform zu

entwickeln, die Android und die zugehörigen

Apps in die Unterhaltungssysteme der

Fahrzeuge integrieren soll.

Wirklich neu ist die Idee nicht. Ausgerechnet

Googles Rivale Microsoft hatte

Gleiches vor Jahren mit seiner Windows for

Automotive-Plattform versucht und dafür

unter anderem Ford und Fiat als Partner

gewonnen. Zum Renner aber hat sich das

Auto-Windows nicht entwickelt.

Gut möglich – und bei Google wohl strategisch

längst einkalkuliert – ist, dass auch

die OAA über kurz oder lang das Schicksal

so vieler anderer Konzernprojekte ereilt:

versucht und gescheitert.

n

thomas.kuhn@wiwo.de

...sondern immer häufiger auch auf artfremder Technik den Takt an

4| Milch und

Käse odert

der Samsung-

Kühlschrank

noch immer

nicht. Doch er

lädt Rezepte

aus dem Netz

aufs Display

und verwaltet

Einkäufe per

App. Preis:

3500 Dollar

5| Navi, Radio, Service-

Notruf und Zusatz-Apps

aus dem Renault-Store

bietet das Multimedia-

System R-Link, Google-

Apps dagegen nicht.

Preis: 590 Euro

6| In der Smartwatch

AW-420.RX von Pearl

steckt ein komplettes

Handy samt Kamera.

Preis: 300 Euro

7| Systemkamera oder Smartphone?

Die Galaxy Camera NX von

Samsung verbindet Wechselobjektive,

Apps und LTE-Mobilfunk.

Preis: 1500 Euro

FOTOS: PR

80 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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VALLEY TALK | Rosige Zeiten für Gründer in den

USA: Das Wagniskapital strömt wieder in die

Startups – fast wie zu Zeiten der New Economy.

Von Matthias Hohensee

Die Party geht weiter

FOTO: JEFFREY BRAVERMAN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Das Silicon Valley boomt, mal

wieder. Die Zeichen sind unübersehbar:

Es gibt viele offene

Stellen für Programmierer, Top-

Talente kassieren hohe Abwerbeprämien,

die Partys sind opulenter denn je, die Immobilienpreise

in Palo Alto und San Francisco

brechen Rekorde; dafür machen

Staus den Berufsverkehr zur Qual, und die

Spannungen zwischen High-Tech-Elite

und Normalverdienern wachsen.

Ursache des Booms ist der Zustrom an

Wagniskapital, von dem derzeit besonders

Software-, Internet- und Biotech-Firmen

enorm profitieren. Das belegen aktuelle

Zahlen, die die Wirtschaftsprüfung PwC gemeinsam

mit dem US-Wagniskapitalverband

erhoben hat. Noch ist die Summe des

investierten Risikokapitals weit von der im

Blasenjahr 2000 entfernt, als Anleger rund

100 Milliarden Dollar in alles pumpten, was

sich Startup nannte. Doch 2013 flossen in

den USA immerhin knapp 30 Milliarden Dollar

an Wagniskapital in Unternehmen, rund

sieben Prozent mehr als im Jahr zuvor. Die

Hälfte davon ging nach Kalifornien, zwölf

Milliarden Dollar allein ins Silicon Valley.

Besonders interessant: Reine Internet-

Firmen erhielten knapp 25 Prozent der 30

Milliarden Dollar, die höchste Summe seit

2001. Heiß begehrt sind auch Softwareschmieden,

die 37 Prozent der Gelder einsackten

– mit elf Milliarden Dollar der

höchste Betrag seit 2000. Mit weitem Abstand

folgt die Biotechnik mit 4,5 Milliarden

Dollar. In der Gunst verloren hat die Umweltbranche.

Sie erhielt nur 1,5 Milliarden

Dollar, die Hälfte weniger als im Jahr zuvor.

Die höchsten Beträge sammeln weiter

Gründer im Silicon Valley ein. Den Rekord

2013 hält das soziale Netzwerk Pinterest

aus Palo Alto. Die durch Werbung finanzierte

Internet-Pinnwand erhielt 425 Millionen

Dollar. Auch weil die Investoren auf einen

Börsengang oder eine Übernahme durch

Google, Yahoo oder Facebook setzen.

Auf Rang zwei folgt mit 374 Millionen

Dollar die von Hedgefondmilliardär Peter

Thiel mitgegründete und unterstützte Softwarefirma

Palantir. Sie durchforstet und

analysiert die Datenbestände des Internets

für Regierung, Militär und Konzerne.

Die Investoren gehen inzwischen wieder

etwas größere Risiken ein. So haben sie

2013 etwa rund fünf Milliarden Dollar in die

Erstfinanzierung von Startups gesteckt, 14

Prozent mehr als im Jahr zuvor. Dabei handelte

es sich meist um Software- und Medienfirmen,

bei denen sich relativ schnell

zeigt, ob sie am Markt Fuß fassen. Ein Teil

des Geldes floss aber auch in riskantere

Branchen wie die Biotechnik. Die Anleger

versprechen sich langfristig wachsende

Umsätze durch die Gesundheitsreformen

von US-Präsident Barack Obama.

WAS MACHT FACEBOOK?

Der Boom erinnert an die späten Neunzigerjahre.

Befeuert wird er durch die vielen

erfolgreichen Börsengänge von High-Tech-

Unternehmen. Die haben so das nötige Kapital

– und die Attraktivität –, um Startups

zu übernehmen. Das gilt nicht nur für bekannte

Namen wie Twitter und Facebook,

sondern etwa auch für den Sicherheitsspezialisten

FireEye aus dem kalifornischen

Milpitas. Der übernahm gerade für eine Milliarde

Dollar Wettbewerber Mandiant.

Noch läuft alles gut. Das ist wichtig für

die Wagniskapitalverwalter. Denn nach

dem vermasselten Börsengang von Facebook

im Mai 2012 war es schwer, frisches

Kapital einzuwerben. Nun, da das soziale

Netzwerk die Gunst der Wall Street zurückerobert

hat, müssen die verlorenen Monate

wettgemacht werden. Ob das klappt, hängt

nicht nur von den Quartalszahlen von Facebook

ab, die das Unternehmen diesen Mittwoch

bekannt gibt. Sondern noch viel mehr

von den ersten Zahlen, die Twitter-Chef

Dick Costolo nach dem Börsengang des

Zwitscherdienstes am 5. Februar verkünden

wird (siehe Seite 88).

Der Autor ist WirtschaftsWoche-Korrespondent

im Silicon Valley und beobachtet

von dort seit Jahren die Entwicklung der

wichtigsten US-Technologieunternehmen.

WirtschaftsWoche 27.1.2014 Nr. 5 81

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Management&Erfolg

Geduld gefragt

GRÜNDER | Fabriken lassen sich aus der Ferne steuern, Roboter können via

Datenbrille gelenkt werden, Maschinen kommunizieren miteinander:

Das Internet verändert die deutsche Industrie radikal. Und bietet Startups

eine große Chance, mit Industriekonzernen und etablierten Mittelständlern

ins Geschäft zu kommen – wenn sie die nötige Ausdauer mitbringen.

Geduld ist eine Eigenschaft, die

Gründer gewöhnlich selten

auszeichnet. Aber Reza Etemadian

braucht gerade eine Menge

davon. Der Grund: Ein namhafter

Konzern aus Wolfsburg lässt sein

Startup Itizzimo zappeln. Um das lange

avisierte Pilotprojekt mit dem Konzern

starten zu können, muss dieser ihn als Lieferant

listen – und das kann Monate dauern,

wie der Einkauf des Unternehmens

signalisiert hat. Nicht auszuschließen, das

der Deal noch platzt – weil Itizzimo zu klein

oder jung ist. „Je größer ein potenzieller

Partner ist“, sagt Etemadian, „umso mehr

rote Ampeln gibt es für Startups.“

Dabei haben es Etemadian und sein Mitgründer

Christian Kleinschroth ziemlich

eilig: Sie entwickeln eine Technologie, die

die Arbeit in Fabriken radikal verändern

könnte – mithilfe intelligenter Brillen, die

wie kleine Computer funktionieren und

2013 von Google und Epson auf der Elektronikmesse

CES in Las Vegas im Januar

vorgestellt wurden.

Wer sie in einer Produktionshalle trägt,

kann dank Itizzimo Informationen zu den

Maschinen einblenden oder per Video-

Chat mit Experten sprechen, die bei der

Wartung helfen. Lageristen können Bestände

lokalisieren und über die Brille

nachbestellen, wenn Engpässe auftreten –

und haben dabei die Hände frei. „Die Brillen

werden das nächste große Ding“, ist

Reza Etemadian überzeugt, „und damit

Teil der vierten industriellen Revolution.“

Diese nächste Stufe der industriellen Revolution,

auch Industrie 4.0 genannt, ist die

große Hoffnung der deutschen Wirtschaft.

Denn sie ist Treiber grundlegender ökonomischer

Umwälzungen, ganz ähnlich denen,

die mechanische Produktionsanlagen

Ende des 18. Jahrhunderts auslösten,

Fließbänder und elektrischer Strom knapp

100 Jahre später und die ersten Computer

in den Sechzigerjahren.

Industrie 4.0 soll Produktionsanlagen in

intelligente Fabriken verwandeln und Straßen

und Häuser in intelligente Städte, in

denen Maschinen, Fahrzeuge und Geräte

1,74 Billionen

Umsatz erwirtschaftete

die deutsche Industrie im

Jahr 2012

45 Milliarden Euro

investieren Industrieunternehmen

derzeit

jährlich in Forschung und

Entwicklung

5,3 Millionen

Beschäftigte arbeiten in

der deutschen Industrie

miteinander und mit den Menschen kommunizieren.

Ein „Internet der Dinge“ soll

entstehen, in dem der Grundsatz gilt: Was

über elektronische Datennetze miteinander

verbunden werden kann, wird auch

verbunden, liefert Daten, lässt sich aus der

Ferne steuern oder reguliert sich und andere

Geräte in selbstlernenden Prozessen.

Eine Entwicklung, die unseren Alltag

grundlegend verändern wird: Während vor

30 Jahren mehrere Menschen um einen

Computerbildschirm saßen wie steinzeitliche

Jäger und Sammler ums Lagerfeuer,

wird künftig jeder Einzelne viele Computer

nutzen – so selbstverständlich wie wir heute

Steckdosen und Lampen einsetzen, statt

Feuer zu entfachen. Im Jahr 2020 sollen 50

Milliarden Geräte weltweit vernetzt sein,

prognostizieren die Telekommunikationsausrüster

Cisco und Ericsson. Die Heizung

lässt sich via Handy steuern, und der Kühlschrank

bestellt Lebensmittel, wenn die

Vorräte knapp werden.

„Das Potenzial von Industrie 4.0 ist immens“,

hat eine Forschergruppe um Henning

Kagermann festgestellt, den Präsidenten

von Acatech, der Deutschen Akademie

der Technikwissenschaften. Auch Dieter

Schweer vom Bundesverband der Deutschen

Industrie ist überzeugt, dass die „Digitalisierung

der Industrie die Art der Produktion

und der Produkte grundlegend

verändern wird“.

CHANCE FÜR DEUTSCHLAND

So sehr, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel

und Wirtschaftsverbände darin unisono

eine „Riesenchance für Deutschland“

erkennen. In einer Umfrage des Branchenverbands

Bitkom etwa erklärten 90 Prozent

FOTO: KLAUS WEDDIG FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

82 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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der High-Tech-Unternehmen, dass Industrie

4.0 wichtig für das produzierende Gewerbe

sei, um im internationalen Wettbewerb

zu bestehen. Denn weltweit sind laut

Cisco bis 2022 rund 14,4 Billionen Dollar

mit dem Internet der Dinge zu verdienen.

Die Bundesregierung hat Industrie 4.0

längst als Ziel ihrer High-Tech-Strategie

festgeschrieben und will dafür bis zu 200

Millionen Euro bereitstellen.

Eine Entwicklung, in der sich gerade für

Firmengründer zahlreiche neue Möglichkeiten

auftun. „Innovationen von Startups

Reza Etemadian (links),

Christopher Bouveret (rechts)

und Christian Kleinschroth

Unternehmen

Itizzimo, Würzburg

Konzernpartner

SAP, E.On

spielen beim Thema Industrie 4.0 eine entscheidende

Rolle“, heißt es etwa beim halbstaatlichen

High-Tech Gründerfonds, der

junge Technologieunternehmen finanziert.

Erst durch die Verbindung von innovativen,

wendigen Startups mit der etablierten Industrie

kann der Wirtschaftsstandort

Deutschland von der vierten Welle der Industrialisierung

profitieren, sind Experten

überzeugt. Darin liege der „Schlüssel für eine

kreative Weiterentwicklung und Umsetzung

von Industrie 4.0“, heißt es etwa beim

Wirtschaftsrat der CDU.

Geschäftsidee

Das Würzburger Startup entwickelt

Software für Datenbrillen, die sich in

der Industrie einsetzen lassen – etwa in

der Fertigung oder im Lager. »

WirtschaftsWoche 27.1.2014 Nr. 5 83

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Management&Erfolg

»

Bernd Groß hat eines dieser wendigen

Startups gegründet: Cumulocity. Das Unternehmen

hat sich im Düsseldorfer

K-LAN niedergelassen, einem Innovationsinkubator,

und entwickelt Software, die

die mobile Kommunikation zwischen Maschinen

ermöglicht.

Groß sitzt an einem Schreibtisch und betrachtet

bunte Balkendiagramme auf seinem

iPad. Die zeigen an, wie viel Kaffee ein

Getränkeautomat in der Darnall Service

Station heute ausgeschenkt hat, einer

Tankstelle irgendwo in Großbritannien.

Gerade eben hat sich jemand den 301. Caffè

Latte des Tages für 1,50 Pfund gezapft.

Groß sitzt Hunderte Kilometer entfernt,

aber er kann das Geld förmlich im Automaten

klimpern hören.

Groß kann aber nicht nur beobachten,

wie viel die Getränkeautomaten ausschenken

und wie viel sie einspielen – er sieht

auch, wann Tee und Kaffee nachgefüllt

werden müssen. Das erspare dem Automatenbetreiber

unnötige Anfahrten und

so bis zu 40 Prozent der Kosten, sagt Groß.

Außerdem verdiene er mehr, weil Kunden

ihren Automatenkaffee nun auch bargeldlos

zahlen können.

Möglich machen das ein kleiner Computer

im Automaten, der mit dem Internet

verbunden ist – und die Software von Cumulocity.

Damit lassen sich aber nicht nur

Getränkeautomaten in England überwachen,

sondern etwa auch Fuhrparks von

Unternehmen, die wissen wollen, wie sparsam

ihre Mitarbeiter mit den Fahrzeugen

umgehen. „Wir können alles mit unserer

Plattform verbinden, um Geschäftsprozesse

zu optimieren“, sagt Groß, „Automaten

und Autos, Bügeleisen und Spielzeug.“

Eine Technologie, die auch für die deutsche

Industrie interessant sein könnte. So

dachte jedenfalls Bernd Groß, als er und

seine drei Mitgründer vor gut zwei Jahren

auf die Idee zu Cumulocity kamen.

Damals arbeitete Groß beim Mobilfunkkonzern

Nokia im Silicon Valley. Statt im kalifornischen

Gründermekka gründeten

Groß und seine Mitstreiter aber lieber in ihrer

alten Heimat Deutschland – vor den Toren

des Ruhrgebiets. Doch während Groß

und sein Team in Großbritannien und Finnland

schnell Pilotkunden fanden, reagierten

deutsche Unternehmen verhalten. „Ihr seid

zu klein, zu jung und zu riskant, haben wir

bei vielen Firmen zu hören bekommen“, erzählt

Groß. Er ist inzwischen überzeugt:

„Der größte Standortnachteil der deutschen

Industrie ist, dass sie konservativ agiert.“

HOMÖOPATHISCHE HONORARE

Die Erfahrungen von Bernd Groß und Itizzimo-Gründer

Reza Etemadian sind offenbar

eher die Regel als die Ausnahme: „In

den meisten Fällen passt die DNA eines Industrieunternehmens

in punkto Flexibilität,

Schnelligkeit und Risikofreudigkeit

nicht mit der des Startups zusammen“, sagt

Tobias Kollmann, Professor für E-Business

und E-Entrepreneurship an der Universität

Duisburg-Essen und Vorsitzender des Beirats

Junge Digitale Wirtschaft beim Bundeswirtschaftsministerium.

„Da prallen

Welten aufeinander.“

Auch das Augsburger Startup Secomba,

das im November 2013 den Wirtschafts-

Woche-Gründerwettbewerb gewonnen

hat, muss gerade viel Geld für eine Zertifizierung

ausgeben, damit auch Behörden

und Konzerne die Verschlüsselungstechnologie

des jungen Unternehmens nutzen

können (siehe Gründertagebuch Seite 86).

„Viele Anforderungen von Industrieunternehmen

an neue Kooperationspartner

sind so hoch, dass ein Startup oftmals direkt

durchs Raster fällt“, sagt Kollmann.

„Das fängt mit Einkaufsrichtlinien an und

hört bei Sicherheiten und 90-tägigen Zahlungszielen

auf. Darauf kann ein Startup

meist nicht reagieren.“

Meiko Hecker versucht es zumindest.

Der Experte für Technologietransfer und

Dozent für Entrepreneurship an der TU

Darmstadt arbeitet mit dem Physiker Walter

Schäfer an einer Technologie, mit der

sich Sprühprozesse über eine Datenverbindung

von jedem beliebigen Punkt der

Erde messen und steuern lassen. Damit

soll es in Zukunft zum Beispiel möglich

sein, Lackiervorgänge in einem Autowerk

in China vom Firmensitz in Deutschland

zu überwachen und anzupassen. „Aktuell

verhandeln wir mit einem Konzern über

eine Kooperation und machen für die einen

Testdurchlauf nach dem anderen“, sagt

Hecker. „Aber das Honorar fließt in sehr

homöopathischen Dosen.“

Dass es überhaupt zu den Testdurchläufen

gekommen ist, verdanken Hecker und

Schäfer der Tatsache, dass sie ihr Unternehmen

aus der TU Darmstadt heraus

gründen. Wie wichtig solche Institutionen

als Referenz sind, wissen auch Ramin Lavae

Mokhtari und Gerd Ascheid. Mokhtari

hat für den Energiekonzern E.On gearbeitet

und das US-Geschäft von T-Ventures

geleitet, einer Beteiligungsfirma der Deutschen

Telekom; Ascheid leitet an der

RWTH Aachen das Institute for Communication

Technologies and Embedded Systems,

das Technologien für die vierte Welle

der Industrialisierung erforscht.

Und genau dort setzt ihr Unternehmen

an: ICE Gateway kombiniert effiziente

LED-Beleuchtung mit intelligenter Steue-

Christian Deilmann, Valentin

Sawadski, Leopold von Bismarck

und Johannes Schwarz (von links)

Unternehmen

Tado, München

Konzernpartner

Entega, HEAG Südhessische Energie AG

Geschäftsidee

Die Technologie von Tado ermöglicht es,

Heizungen automatisiert übers Smartphone

zu steuern und so Heizkosten zu sparen

84 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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FOTOS: PR, FRANK REINHOLD FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

rungselektronik und senkt so für seine

Kunden die Energiekosten. Die Mission

der Gründer: Deutschlands Straßenlaternen

ins Internet zu bringen. Dafür tauschen

sie in den Laternen die Betriebsgeräte

gegen Minicomputer aus, die sich übers

Mobilfunknetz mit dem Rest der Welt verbinden.

So lassen sich nicht nur die energieeffizienten

Leuchtmittel in der Laterne

aus der Ferne steuern und Kosten sparen.

Die Laternen könnten zukünftig auch Touristen

Informationen bereitstellen oder

den Straßenverkehr erfassen. Kunden wie

Städte, Konzerne und Flughäfen sollen die

Technologie quasi umsonst bekommen:

Die Kosten werden durch die Ersparnisse

ausgeglichen, die die hochgerüsteten Laternen

einspielen.

„Allerdings müssen wir eine ganze Reihe

von Entscheidern überzeugen“, sagt

Mokhtari, „und das geht nur, wenn Sie zeigen

können, wie viel Wissen hinter Ihrem

Produkt steht.“

Wer gut vernetzt ist, tut sich leichter: Reza

Etemadian von Itizzimo etwa hat von

seinen Industriekontakten aus seiner Zeit

bei SAP profitiert. Für Meiko Heckers Unternehmen

spielte ein Professor den Türöffner.

Und Bernd Groß von Cumulocity

gelang es, über seine Kontakte aus Nokia-

Zeiten die Deutsche Telekom als Kunden

zu gewinnen. Außerdem konnte er den

Stefan Vaillant, Andre Eickler,

Bernd Groß, Lars Stuke und

Oliver Stache (von links)

Unternehmen

Cumulocity, Düsseldorf

Konzernpartner

Nokia Siemens Networks, Dt. Telekom

Geschäftsidee

Über die Plattform von Cumulocity

lassen sich Geräte via Internet weltweit

kontrollieren und steuern

High-Tech Gründerfonds als Investor an

Bord holen. „Seitdem ist es für uns auf dem

deutschen Markt einfacher“, sagt Groß, der

bereits 20 Mitarbeiter beschäftigt und

demnächst eine weitere Finanzierungsrunde

abschließen will.

IGNORANZ ALS CHANCE

Wer solche Netzwerke nicht hat, muss Wege

finden, sie aufzubauen. Andreas Wilzeck

ist deswegen mit seinem Unternehmen

WiseSense, das Funksysteme zur störungsfreien

Kommunikation zwischen

Maschinen entwickelt, dem Zentralverband

Elektrotechnik- und Elektronikindustrie

beigetreten. Das koste zwar 2000 Euro

pro Jahr, sagt Wilzeck. Aber dafür kann der

Gründer im Arbeitskreis Wireless in der

Automation Kontakte zu Vertretern der Industrie

knüpfen. „Total wichtig“ sei das gewesen,

sagt Wilzeck.

Man kann die Ignoranz der Industrie aber

auch als Chance begreifen – so wie Christian

Deilmann und Valentin Sawadski es getan

haben. Als die beiden 2011 mit ihrem Unternehmen

Tado starteten, setzten auch sie

große Hoffnungen auf Kunden und Partner

aus der Industrie. Ihre Geschäftsidee: Heizungen

via Smartphone und Internet mit ihren

Benutzern vernetzen. Entfernen die sich

von ihrer Wohnung, regelt die Heizung die

Temperatur herunter. Nähern sie sich, sorgt

sie für angenehme Wärme. Wer seine Heizung

auf diese Weise sich selbst überlässt,

kann laut Deilmann Heizkosten sparen und

über sein Smartphone verfolgen, wie sich

der Energieverbrauch entwickelt.

„Mithilfe unserer Technologie könnten

die Versorger Erdgas und Wärmesteuerung

via App als Paket vertreiben“, sagt Deilmann.

„Dann würde aus dem anonymen

Rohstoff ein persönliches Produkt, das

Kunden bindet.“

Doch trotz positiver Testläufe reagierten

die Konzerne vorsichtig. „Unsere Idee hat

deren Kerngeschäft berührt“, sagt Deilmann

und zitiert das amerikanische

Sprichwort: „You won’t get fired for buying

IBM“ – „Du wirst nicht gefeuert, wenn du

IBM kaufst.“ Soll heißen: Geschäfte mit einem

Startup sind riskant. Zwar seien die

Gesprächspartner in den Unternehmen

von der Technologie begeistert gewesen.

„Aber als es darum ging, die übrigen Entscheidungsträger

zu überzeugen, dauerte

doch alles länger als gedacht.“

Tado hat die Zurückhaltung nicht geschadet:

Die Gründer beschlossen, ihre

Technologie direkt an die Heizungsbesitzer

zu verkaufen. Das ging auf: Inzwischen hat

Tado Tausende Kunden und beschäftigt 31

angestellte und 14 freie Mitarbeiter. „Es

geht extrem bergauf“, sagt der Pionier, „der

Herbst und der Winter waren fantastisch.“

Das lockt nun auch die großen Firmen.

Seit Mitte Januar bietet der Energieversorger

Entega die Heizungs-App von Tado an.

Regelmäßig melden sich Maschinenbauer

bei Deilmann, die wissen wollen, ob Tado

nicht auch ihre Geräte ans Netz bringen

kann – Rauchmelder etwa. Der Gründer

hat erst mal andere Pläne: Noch in diesem

Jahr will er eine App auf den Markt bringen,

die Klimaanlagen steuert. „Vielleicht“,

sagt er, „lassen sich ja auch die Konzerne

dieses Mal schneller überzeugen.“ n

jens.toennesmann@wiwo.de

Lesen Sie weiter auf Seite 86 »

WirtschaftsWoche 27.1.2014 Nr. 5 85

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Management&Erfolg

Harte

Prüfung

GRÜNDERTAGEBUCH | Im dritten

Teil erklärt Gründerin Andrea

Pfundmeier, wie sie Konzerne

als Kunden gewinnen will.

Kick-off Am

neuen Kickertisch

bespricht

das Team von

Secomba die

Pläne fürs neue

Jahr: Umsatz

verdoppeln, erstmals

Gewinne erzielen

und große

Unternehmen als

Kunden gewinnen

bewerbs (siehe Kasten Seite 87) das Gründerduo

zum Sieger. Seitdem berichtet

Pfundmeier regelmäßig, welche Herausforderungen

das Startup meistern muss.

14. DEZEMBER 2013

Ich bin in Sachen Unternehmertum unterwegs.

Dieses Mal geht es in die Schweiz,

zum Lilienberg Unternehmerforum. Dort

findet ein Planspielwettbewerb der Prime

Cup Academy statt. Ich gebe Feedback zu

Präsentationen und Finanzplänen. Auch

wenn es Zeit kostet, mache ich das gerne,

Andrea Pfundmeier und Robert Freudenreich

haben getan, was sich viele

Gründer nicht trauen: Sie haben Urlaub

gemacht – obwohl sie und ihr 14-köpfiges

Team gut zu tun haben. Ihr Augsburger

Startup Secomba hat 2013 den Umsatz

verdoppelt. Ihr Produkt namens Boxcryptor

wird weltweit von mehr als einer Million

Menschen genutzt. Mit der Software

lassen sich Daten verschlüsseln und via

Internet auf Festplatten von Anbietern

wie Dropbox in der sogenannten Cloud

speichern. Im November 2013 kürte die

Jury des WirtschaftsWoche-Gründerwettweil

Robert und mir selbst erst durch ein

solches Planspiel bewusst wurde, wie gerne

wir gründen würden.

16. DEZEMBER 2013

Ich stehe vor einem Telefonmarathon: Fast

50 Namen habe ich auf meiner Liste. Es

sind Unternehmen, die unsere Software

schon mal getestet, aber auf die passende

Version für den Mac gewartet haben. Die

haben wir Anfang Dezember endlich veröffentlicht.

Solche Vertriebsanrufe sind zwar

nicht gerade meine Lieblingstätigkeit, aber

FOTO: PR

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ungern mache ich sie auch nicht. Trotzdem

setze ich mich abends mit Robert zusammen,

und wir überlegen, ob wir weitere

Vertriebler einstellen.

19. DEZEMBER 2013

Der letzte Arbeitstag des Jahres! Wir laden

das Team auf den Augsburger Christkindlesmarkt

ein. Was für ein Jahr liegt hinter

uns: Auch wenn es am Ende aufgrund der

hohen Investitionen noch nicht für eine

schwarze Null gereicht hat, lief es wirtschaftlich

rund. Wir haben den Umsatz

mehr als verdoppelt, die Zahl der Downloads

unserer Software hat sich auf über eine

Million verdreifacht. Das wird gefeiert:

Nach dem Essen gehen wir tanzen.

7. JANUAR 2014

Nach zwei erholsamen Wochen Betriebsurlaub

schließen wir unser Büro wieder

auf. Eins ist klar: 2014 soll unser Jahr werden.

Wir wollen das Team erweitern, den

Umsatz erneut mehr als verdoppeln, die

Verlustzone verlassen und die Marke Boxcryptor

vor allem in den USA stärker etablieren.

In unserem ersten Investorentreffen

in diesem Jahr diskutieren wir über die Finanzplanung

und neue Produkte. Wir haben

einige Ideen in der Pipeline. Jetzt heißt

es „Ärmel hochkrempeln“ und los geht’s!

17. JANUAR 2014

Heute ist Robert unterwegs. Er nimmt an

einem Workshop bei einer vom Bundesamt

für Sicherheit in der Informationstechnik

(BSI) anerkannten Prüfstelle teil. Das

klingt erst mal technokratisch, ist aber

wichtig. Denn Großunternehmen und Behörden

kaufen grundsätzlich nur Software,

die das BSI zertifiziert hat – das merken wir

immer wieder, wenn wir mit Vertretern von

Konzernen sprechen. Der Workshop ist

nur der Auftakt zu einem monatelangen

Prüfprozess, der uns am Ende vermutlich

einen fünfstelligen Betrag kosten wird.

21. JANUAR 2014

Robert und ich stehen strahlend im Büro:

Unser Kickertisch wird geliefert. Jetzt sind

wir endlich ein richtiges Startup!

n

Redaktion: jens.toennesmann@wiwo.de

WETTBEWERB

Viel zu gewinnen

Der WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerb

wird jedes Jahr im Frühjahr ausgeschrieben.

Die Partner stiften Sachleistungen:

Die Anwaltskanzlei Osborne

Clarke berät in Rechtsfragen, die Agentur

Thjnk hilft beim Aufbau einer Markenstrategie,

b-to-v Partners unterstützt

die Suche nach Investoren, und die

Personalberatung Heidrick & Struggles

hilft beim Aufbau eines Beirats. Alle Finalisten

nehmen an einem Gründertraining

der Entrepreneurs’ Organization teil.

Weitere Informationen im Internet:

www.wiwo.de/gruenderwettbewerb

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Geld&Börse

Spatz in der Hand oder

Millionen auf dem Dach?

AKTIEN | In den Kursen der sozialen Netzwerke steckt viel Vertrauensvorschuss. Wir

haben Geschäftsmodell und Bewertung verglichen. Ergebnis: Im direkten Duell bietet

Facebook bessere Chancen. Bei Twitter können Anleger auf einen Kursverfall setzen.

Frederik Fischer ist der Mann, der

Twitter zähmen will. Mit Anfang

30 hat er „Tame“ (englisch für

„zähmen“) gegründet. Kernstück

ist eine von Fischer und Studienkollegen

entwickelte Suchmaschine. Die

bündelt die von Twitter-Nutzern geschriebenen

140-Zeichen-Kurznachrichten

(Tweets) nach Themen und sortiert sie

nach Relevanz. Die ARD, die britische BBC

oder die „New York Times“ nutzen den

Dienst, um aus täglich einer halben Milliarde

Tweets weltweit Trends zu filtern. Redaktionen

wollen wissen, welche Themen

und Nutzer die Diskussionen auf der Plattform

gerade dominieren. Tame-Gründer

Fischer sieht „Riesenpotenzial“ für Twitter,

„obwohl und gerade weil das Geschäftsmodell

noch nicht so klar ist“. Twitter biete Inhalte

für alle offen zugänglich. Facebook sei

dagegen schon in der Defensive, müsse um

seine Vormachtstellung kämpfen und versuchen,

die Masse der Nutzer zu halten.

185 MILLIARDEN BÖRSENWERT

1,2 Milliarden Menschen nutzen jeden

Monat Facebook, 232 Millionen lesen oder

schreiben auf Twitter. Die Nutzerzahlen

sprechen für sich: Beide Netzwerke erleichtern

den Austausch zwischen Menschen,

sie lösen in vielen Bereichen traditionelle

Kommunikationsmittel ab – oder

übernehmen neue Funktionen. Früher

hätte man die alte Schulbekanntschaft aus

den Augen verloren. Heute schaut man ihre

Urlaubsfotos auf Facebook an und kommentiert

direkt.

Doch aus Anlegersicht reichen die Allgemeinplätze

nicht, dass die Netzwerke „unseren

Umgang mit dem Internet revolutionieren“.

Investoren wollen keine Revolutionen,

sondern Zahlen. Facebook und Twitter

müssen ihren Erfolg in Umsatz und Gewinn

ummünzen. Marktführer Facebook

ist bereits profitabel. Twitter dürfte das erst

2016 schaffen – wenn alles gut geht. Anleger

glauben daran und haben die Kurse

beider Netzwerke kräftig getrieben. Facebook

kostet an der Börse fast 150 Milliarden

Dollar, Twitter 35 Milliarden. Selbst

Twitter halten Anleger für wertvoller als gut

verdienende Dax-Werte wie Fresenius und

Twitter kostet an

der Börse mehr

als viele profitable

Dax-Werte

nanzieren sich über Werbung. Die Unternehmen

sind damit sowohl von der Gunst

der Nutzer als auch vom Interesse der Werbekunden

abhängig. Wie die Unternehmen

hier dastehen, wie stark ausbaufähig

die Geschäftsmodelle und wie die Ertragschancen

von Twitter und Facebook sind,

hat die WirtschaftsWoche auf den folgenden

Seiten analysiert. Eine Kristallkugel,

die sagt, wann Aktien steigen oder fallen,

haben auch wir nicht. Aber wir können herausarbeiten,

welche Trends die Aktien

demnächst bewegen könnten und wie Anleger

daran verdienen – mit den Aktien

selbst oder mit alternativen Instrumenten,

die etwa von kurzfristig fallenden Kursen

profitieren.

1. Die Basis

WIE ARBEITEN DIE NETZWERKE?

Facebook ist 2004 als digitales Jahrbuch für

Studenten der Universität Harvard gestartet.

Heute nutzen weltweit 728 Millionen

Beiersdorf, die Wirtschaftskrisen und Weltkriege

überstanden haben.

Klar, an der Börse wird die Zukunft gehandelt.

Und die könnte Twitter und Facebook

Menschen das soziale Netzwerk täglich,

gut 60 Prozent der aktiven Nutzern. User

melden sich, anders als im Internet üblich,

meist mit ihrem richtigen Namen, Genieren

gehören. „Die Plattformen funktioburtsdatum

und E-Mail-Adresse an.

weltweit“, sagt der auf Technologiewerte

spezialisierte Fondsmanager Peter

Dreide von TBF Global Asset Management,

„beide hätten daher eigentlich alles, was es

braucht, um das nächste Amazon oder

Google zu werden, außer das Wichtigste:

ein Produkt, für das die Kunden auf jeden

Fall Geld bezahlen“, so Dreide.

Das muss zunächst kein Problem sein.

Wohnort, Angaben zu Hobbys, Markenund

Musikgeschmack kommen oft dazu.

So generiert Facebook wertvolle Daten für

alle, die etwas verkaufen möchten. Nutzer

erstellen ein persönliches Profil und können

sich mit anderen Personen vernetzen

und etwa Urlaubsfotos oder Videos teilen,

natürlich auch Nachrichten versenden.

Wichtig sind die „Likes“. Wem etwas gefällt,

der klickt auf „Daumen hoch“; da dies

Im Internet ist es eher die Regel, dass Nutzer

nicht direkt zahlen. Viele Angebote fi- auch bei Produkten passiert, sind Likes »

ILLUSTRATION: THOMAS FUCHS

88 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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Facebook wächst schneller...

Nutzerentwicklunginvergleichbaren Stadien(in Millionen)

1200

1000

800

600

400

200

0

2 6 10 14 18 22 26

Quartale nachErreichen der 30-Millionen-Nutzer-Schwelle

Lesehilfe: Entwicklungpro Quartal(aktive Nutzer proMonat) seit Überschreiten der 30-Millionen-

Nutzer-Schwelle (Facebook: 1. Quartal2007, Twitter:1.Quartal2010);Quelle:Unternehmen

300

250

200

150

100

80

...aber Twitter bringt mehr ein

Kursverlaufseit dem Börsengangvon Twitter

November Dezember Januar

2013 2014

Kurseindexiert(6. November 2013 Börsengang vonTwitter =100), beiTwitter

ausgehendvom Ausgabepreiszum Börsengang;Quelle:Bloomberg

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Geld&Börse

»

für die Werbung besonders interessant.

Auf Twitter, erst 2006 gegründet, melden

sich Nutzer – anders als bei Facebook –

meist an, ohne viele persönliche Daten

preiszugeben.

Im Kern geht es bei Twitter („Gezwitscher“)

darum, Inhalte möglichst schnell

an möglichst viele zu versenden. Daher die

maximale Länge von 140 Zeichen eines

Tweets. Kein Wunder, dass sich unter den

Usern vor allem die Mitteilungsbedürftigen

dieser Welt tummeln: Medienschaffende,

Künstler, Musiker, Politiker. Das

dürfte ein Grund dafür sein, warum Twitter

noch nicht so viele Mitglieder locken

konnte wie Facebook, das mehr auf gegenseitiger

Kommunikation im Bekanntenkreis

basiert.

FAZIT

Facebook und mit Abstrichen auch Twitter

sind im Alltag vieler Menschen verankert.

Da Facebook eher dem Austausch mit Bekannten

dient, Twitter auch zur Kommunikation

mit (noch) völlig Unbekannten genutzt

wird, kann Facebook seine Nutzer

besser binden. Sie würden beim Ausstieg

den Draht zu Freunden und Bekannten

kappen. Viele der Informationen auf Twitter

gibt es hingegen auch sonst im Netz –

nur nicht so schnell. Deshalb könnten Nutzer

schneller das Interesse verlieren.

2. Nutzer

WER IST WIE HÄUFIG ONLINE?

Twitter holt schon 70 Prozent seiner

Werbeerlöse über mobile Geräte rein

Die erste und wichtigste Hürde auf dem

Weg zum Weltkonzern haben beide Netzwerke

geschafft: eine global bekannte und

genutzte Plattform und Marke zu werden.

Besonders viel Aufmerksamkeit erfahren

sie bei politischen Großereignissen. Der

Arabische Frühling wäre ohne Twitter sicher

anders verlaufen. In Deutschland bewies

Twitter bei der Sexismus-Debatte um

den damaligen Wirtschaftsminister Rainer

Brüderle unter dem Schlagwort (Hashtag)

„#Aufschrei“ gesellschaftliche Durchschlagskraft.

Dennoch: Twitter muss noch mächtig

wachsen, um den weltweiten Durchbruch

zu schaffen. Für zahlende Werbekunden

sind nur die aktiven Nutzer interessant, die

sich wenigstens zum Lesen einloggen oder

selbst Kurznachrichten schreiben. Geschätzt

bis zu 75 Prozent aller angemeldeten

Twitter-Mitglieder aber sind inaktiv. Als

harte Währung in der Branche etabliert haben

sich die mindestens einmal im Monat

aktiven User. Analysten der Investmentbank

JP Morgan schätzen, dass Twitter erst

2018 eine halbe Milliarde mindestens einmal

monatlich aktive Nutzer erreichen

wird, etwa doppelt so viele wie derzeit. Der

Nutzerzuwachs schwächt sich aber bereits

ab: Hatte Twitter im ersten Quartal 2013

die Nutzerzahl gegenüber Vorjahresquartal

noch um 117 Prozent gesteigert, schaffte

es im dritten Quartal 2013 nur noch 53 Prozent

plus zum Vorjahresquartal.

Facebook dürfte 2013 etwa 16 Prozent

mehr monatlich aktive Nutzer erreicht haben

als 2012. Auch Facebook wächst damit

schon deutlich langsamer als früher: 2012

hatte das Wachstum noch bei 25 Prozent

gelegen, für 2014 und 2015 schätzt JP Morgan

nur noch 11 bis 13 Prozent mehr aktive

Nutzer pro Jahr.

FAZIT

Facebook punktet beim Nutzerzuwachs,

das Modell erscheint massenkompatibler.

Twitter wächst schneller, aber von einer

niedrigeren Ausgangsbasis aus. Außerdem

lässt Twitters Wachstum schon stark nach.

In vergleichbaren Entwicklungsstadien gewann

Facebook früher deutlich mehr Nutzer

als Twitter heute (siehe Grafik Seite 89).

3. Erlöse

WIE VERDIENEN SIE GELD?

Für Facebook und Twitter stehen entscheidende

Tage an: Am Mittwoch, 29. Januar,

wird Facebook-Gründer Mark Zuckerberg

die Ergebnisse des vierten Quartals 2013

präsentieren, eine Woche später will Twitter-Chef

Dick Costolo endlich die ersten

Quartalszahlen seit dem Börsengang im

November veröffentlichen. Anleger erhoffen

sich Antworten auf eine Menge Fragen.

Twitter veröffentlicht auf seiner Homepage

zwar, wie viele hart gekochte Eier und Liter

Kaffee seine Belegschaft pro Woche vertilgt.

Aus welchen Quellen der Umsatz

stammt, dazu schweigt Twitter weitgehend,

anders als Facebook.

Fest steht: Twitter muss bald mehr verdienen.

Denn das Modell ist zwar kostenfrei

für seine Nutzer, nicht aber für Twitter

selbst. Das Unternehmen muss ständig in

Server investieren, um der Nachrichtenflut

von 350 000 Tweets pro Minute Herr zu

werden. Twitter schreibt daher hohe Verluste:

2012 machte es einen operativen Verlust

von 32,7 Millionen Dollar, 2013 werden

es wohl an die 50 Millionen werden; für

ILLUSTRATION: THOMAS FUCHS

90 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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2014 schätzen die Twitter-freundlichen

Analysten von Goldman Sachs gar 63 bis 64

Millionen Dollar operatives Minus.

An Werbung kommen beide auf absehbare

Zeit nicht vorbei. Anzapfen wollen

sie vor allem die Budgets der großen

Konzerne. „Früher musste man teure TV-

Kampagnen vor ,Wetten, dass..?‘ fahren,

um eine möglichst breite Masse zu erreichen“,

sagt Jan Heidenreich, Europa-Manager

von TBG Digital, einer der weltweit führenden

Agenturen für Social-Media-Marketing.

„Heute kann ich meine Zielgruppe

über die beiden Netzwerke punktgenau

ansprechen. Das funktioniert zusammen

mit Google nirgendwo besser als bei

Facebook und Twitter.“ Auf beiden Netzwerken

können Werbekunden ihre Kampagnen

in Echtzeit verfolgen, Feedback

von Kunden bekommen und bei Bedarf

ständig anpassen.

93 CENT UMSATZ PRO KLICK

Vorteil für Facebook: Das Netzwerk sammelt

viel mehr Daten über seine Nutzer als

Twitter. „Wir können sogar werdende Mütter

als Zielgruppe eingrenzen“, sagt Thomas

Hutter von der auf Facebook-Werbung

spezialisierten Agentur Hutter Consult.

Facebook kennt nicht nur die Daten der

Nutzer, sondern auch die ihrer direkten Bekannten

und Freunde. Bisher scheint Twitter

vor allem bei Events wie dem Superbowl

in den USA seine Stärken auszuspielen

und gewinnt dann auch große Unternehmen

mit entsprechend hohem Budget

wie Coca-Cola temporär als Werbekunden.

Insgesamt ist Facebook als Werbemedium

deutlich relevanter. Nach Schätzungen

des US-Softwareherstellers Adobe bringen

Klicks den Werbung schaltenden Unternehmen

pro Besucher über Facebook etwa

0,93 Dollar, über Twitter nur 0,44 Dollar späteren

Umsatz. Bei mehreren 100 Millionen

Menschen, die die Netzwerke theoretisch

erreichen können, können so Millionenumsätze

generiert werden.

Im Silicon Valley geht man davon aus,

dass Facebook an einem erfolgsbasierten

Werbemodell arbeitet. Mit diesem könnte

das Netzwerk höhere Anzeigenpreise oder

sogar einen Anteil am Verkaufspreis bekommen

– wenn es nachweisen kann, dass

die Werbung zum Kauf geführt hat. Das

Modell könnte schnell in die Spur kommen,

wenn Facebook-Nutzer zum Beispiel

von Verkäufern Rabatt bekommen.

Wie stark Werbung auf Facebook und

Twitter wirkt, ist noch weitgehend unklar.

Nach einer aktuellen Studie der Unterneh-

mensberatung McKinsey ist Email-Werbung

zur Kundengewinnung immer noch

40 Mal so effektiv wie Werbung auf Facebook

und Twitter zusammen. Die erzielten

Umsätze pro Kunde seien 17 Prozent höher

als bei Werbung in den sozialen Netzwerken.

„Die reinen Klickraten liegen oft im

Promillebereich“, sagt Christian Zimmer,

Geschäftsführer der Mediaagentur Media

Team OMD, die zum US-Werbekonzern

Omnicom gehört. „In der Regel steht die

Interaktion der Nutzer im Vordergrund.“

Beide Unternehmen müssen deshalb

darauf achten, Nutzer nicht mit zu viel

Werbung zu vergraulen. Facebook-Finanzchef

David Ebersman räumte bereits ein,

dass man stärker auf die Balance zwischen

Werbeeinnahmen und Nutzerzufriedenheit

achten müsse. Die Balance ist nicht

leicht zu halten: Großer Hoffnungsträger

für die Facebook-Umsätze sind Werbevideos,

die starten, sobald ein Nutzer auf eine

Seite oder Nachricht klickt, in die die Videos

eingebettet wurden. 83 Prozent aller

Nutzer sagten allerdings, dass die Filmchen

sie stören. Facebook wird zunehmend

auf mobilen Geräten wie Smartphones

genutzt, die Übertragung großer

Datenmengen kostet die Nutzer Geld. Ihre

Werbeumsätze aber werden sowohl Twitter

als auch Facebook dennoch mit Zugriffen

per Smartphone oder Tablet erwirtschaften

müssen.

ÜBERGANG IN DIE MOBILE WELT

Denn das Internet wird mobil. Stationären

Geräten droht ein Nischendasein. Schon

heute werden jährlich 6,7 Mal so viele internetfähige

Handys und Tablet-Computer

verkauft wie PCs und Notebooks, so neueste

Daten des Marktforschers Gartner. Als

eines der größten Verdienste von Zuckerberg

gilt, dass er sein Unternehmen bereits

ins mobile Web geführt hat: 73 Prozent

der Facebook-Nutzer greifen über ihr

Smartphone auf den Dienst zu.

Facebook hat passende Werbeformen

gefunden: Das Unternehmen klinkt in dem

persönlich zugeschnittenen Nachrichtenstrom

kurze Werbebotschaften ein.

Punktsieg für Facebook

Die wichtigsten Kennzahlen der beiden sozialen Netzwerke und ihrer Aktien

gegründet

Mitarbeiter

Börsengang

Aktive Nutzer pro Tag (in Millionen)

Aktive Nutzer pro Monat (in Millionen)

Nutzerwachstum vergangene 2 Jahre 1

Marktanteil mobile Werbung in den USA 2013 1, 3

Marktanteil mobile Werbung global 2013 1, 3

Durchschnittlicher Umsatz pro Nutzer 4

Wachstum des Umsatzes pro Nutzer über 2 Jahre 1

Umsatz 2013 2, 3

Umsatz 2014 2, 3

Börsenwert 2

Kurs-Umsatz-Verhältnis 2013 3

Gewinn pro Aktie 2013 3, 4

Gewinn pro Aktie 2014 3, 4

Einnahmen aus dem Börsengang 2

Kassenbestand aktuell 2

2, 3, 5

freier Cash-Flow 2013

Ausgaben für Unternehmenskäufe 2, 3

Anteil bereits handelbarer Aktien 6

Facebook

Februar 2004

5300

Mai 2012

1 in Prozent; 2 in Millionen Dollar; 3 geschätzt; 4 in Dollar; 5 freie Mittel, zum Beispiel zur Dividendenzahlung,

negative Werte können durch hohe Investitionen entstehen; 6 in Prozent des Aktienkapitals, ohne Optionen;

Quelle: Unternehmensangaben, Bloomberg, eMarketer, Crunchbase

728

1189

49

16,0

16,9

1,7

39

7630

10383

146090

19

0,59

0,85

18420

7270

377

1523

98,1

Twitter

März 2006

1300

November 2013

100

232

130

3,2

2,4

0,7

177

639

1120

35407

55

–0,99

–0,54

2090

310

–79

641

14,5

»

WirtschaftsWoche 27.1.2014 Nr. 5 91

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Geld&Börse

Facebook versuchte bereits zweimal,

Twitter zu kaufen, scheiterte aber

»

Facebook schafft schon fast die Hälfte

seiner Werbeeinnahmen mit mobilen Anzeigen.

Twitter nutzen derzeit 76 Prozent

der User mobil, 70 Prozent der Werbeeinnahmen

werden hier generiert. Klingt

gut, doch Twitters Werbeeinnahmen

machen eben auch nur ein knappes Zwölftel

der Werbeerlöse von Facebook aus.

Twitter muss für Unternehmen noch

neue, nachweisbar wirksame Werbeformen

entwickeln.

Keine leichte Aufgabe: Um die Budgets

für mobil abgerufene Werbung buhlen

nicht nur Facebook und Twitter, sondern

auch Google, Yahoo, LinkedIn sowie demnächst

eventuell Newcomer wie WhatsApp

(Nachrichten-Austauschdienst per Handy,

der als SMS-Killer gilt), Pinterest (soziales

Netzwerk für Fotos) und Snapchat (Austauschdienst

für Fotos und Videos).

FAZIT

Facebook kann den Nutzen für Werbekunden

besser nachweisen und verdient folgerichtig

mehr. Twitter hat Nachholbedarf.

4. Neue Geschäfte

GIBT ES WEITERE ERLÖSQUELLEN?

Beide Anbieter vermarkten auch ihre Infrastruktur.

Twitter bietet Datendienstleistern

Zugriff auf seinen Nachrichtenstrom in

Echtzeit – jeden Tweet, jede Reaktion, jedes

Thema. Unternehmen wie IBM oder

Salesforce versuchen, diese dann schließlich

für ihre Kunden auszuwerten und aufzuarbeiten,

ähnlich wie es Gründer Fischer

mit Tame für seine Medienkunden macht.

Damit gibt Twitter – anders als Facebook

– seine Daten schon bei der Entstehung

aus der Hand. Noch bringt das Datengeschäft

nur elf Prozent der Twitter-Umsätze.

Doch der Bereich wächst schneller, weil

Twitter laufend neue Partner gewinnt und

die Preise dafür offenbar einfacher erhöhen

kann als für die Werbung.

Facebook macht auch mit Spielen Umsatz:

Nutzer können sich etwa für Candy

Crush oder FarmVille anmelden, die Drittanbieter

entwickeln. Millionen Spieler haben

sich mittlerweile einen virtuellen Bau-

ernhof aufgebaut oder bei Candy Crush

Süßigkeiten wie Bausteine verschoben.

Viele dieser Apps kosten Geld, das Nutzer

direkt auf Facebook zahlen – per Kreditkarte

oder PayPal. Facebook wiederum berechnet

den Spielanbietern dafür eine Gebühr.

Mit diesem Bereich Payments and

Fees erzielte Facebook 2012 immerhin 810

Millionen Dollar Umsatz, rund doppelt so

viel wie Twitter insgesamt. Kein Wunder,

dass auch Twitter nun plant, Zahlungen

über seine Kurznachrichten abzuwickeln,

etwa für Online-Shops. Bestätigungen und

Details zur Kooperation mit dem Zahlungsanbieter

Stripe gibt es noch nicht.

Dass sich Produkte über Twitter verkaufen

lassen, beweist aber ein Testlauf der

Kaffeehauskette Starbucks: Der Konzern

bietet seinen Kunden an, Gutscheine

per Tweet an andere Twitter-Nutzer zu verschicken.

FAZIT

Facebook dürfte noch auf Jahre hinaus wesentlich

mehr Geld abseits der Werbung

verdienen als Twitter.

5. Übernahmen

WER KAUFT WETTBEWERBER AUF?

Wie schnell die Fan-Karawane im Internet

weiterzieht und eben noch angesagte Anbieter

fallen lässt, zeigen zahlreiche einst

prominente soziale Netzwerke – von My-

Space (in der Spitze 2009 über 260 Millionen

Mitglieder) bis StudiVZ (2010 mit über

17 Millionen Mitgliedern noch Marktführer

in Deutschland). Die Gefahr, dass sie

aus der Mode geraten könnten, ist zwar

„weder bei Facebook noch Twitter sehr

akut, aber generell gegeben“, sagt Fondsmanager

Dreide. Erstmals in der Unternehmenshistorie

musste Facebook-Finanzchef

David Ebersman im November zugeben,

dass die Zahl der unter 20-Jährigen, die

Facebook mehr als einmal täglich nutzten,

gesunken war.

Teenies weltweit wenden sich bereits

neuen Anbietern wie WhatsApp zu, deren

Nutzerzahlen mit zweistelligen Raten pro

Monat wachsen. Anders als die Leichen auf

dem Friedhof der Social Media haben

Twitter und Facebook aber genug Geld, um

die Konkurrenz notfalls vom Markt zu kaufen.

Facebook nahm beim Börsengang

(IPO) 2012 18,4 Milliarden Dollar ein, Twitter

2013 rund 2,1 Milliarden.

Facebook versuchte selbst bereits zweimal,

Twitter zu kaufen, scheiterte aber

ebenso wie beim Versuch, Snapchat zu

ILLUSTRATION: THOMAS FUCHS

92 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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übernehmen; deren Gründer lehnten die

gebotenen drei Milliarden Dollar ab. Mehr

Erfolg hatte der Riese beim Kauf der virtuellen

Foto- und Video-Pinnwand Instagram,

die Facebook sich für mehr als eine

Milliarde einverleibte und die Gewinn abwirft.

Seit 2007 hat Facebook über 1,5 Milliarden

Dollar in Zukäufe gesteckt. Auch

Twitter kauft zu, im September 2013 den

Mobil-Anzeigenspezialisten MoPub für

350 Millionen Dollar in Twitter-Aktien.

FAZIT

Der Punkt Übernahmen geht trotzdem

an Facebook, schon deshalb, weil das Unternehmen

ein Vielfaches in der Kasse hat.

6. Bewertung

WELCHE AKTIE IST GÜNSTIGER?

Vergleicht man Zahlen und Börsenbewertung

der beiden etwa mit Apple oder

Google, ist das Ergebnis eindeutig: Facebook

ist teuer, Twitter hat jeden Halt verloren.

Analysten erwarten keinen Twitter-Gewinn

vor 2016. Der Börsenwert macht das

31-Fache des für 2014 erwarteten Umsatzes

aus – damit ist Twitter unter den 1000

größten börsennotierten US-Unternehmen

die siebtteuerste Aktie. Der US-

Durchschnitt liegt beim 4,4-fachen Umsatz,

Apple kostet den 2,7-fachen Umsatz.

Facebook trauen Analysten 2014 immerhin

85 Cent Gewinn pro Aktie zu. An der

Börse kostet Facebook damit rund das

70-Fache des erwarteten Gewinns. Nur 41

der 1000 größten börsennotierten US-Unternehmen

kommen auf einen höheren

Wert. Google kostet das 26-Fache des

2014er-Gewinns. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis

von Facebook auf Basis des Gewinns

von 2013 dürfte sogar bei knapp 100

liegen. Davon ausgehend müsste Facebook

auf dem aktuellen Kursniveau seinen

Gewinn zwei Jahre in Folge um je 50 Prozent

steigern, um eine marktübliche Gewinnbewertung

zu erreichen. Das ist ambitioniert:

Der Umsatz steigt schon seit

2009 von Jahr zu Jahr weniger kräftig. Für

2014 und 2015 werden nur noch Umsatzsteigerungen

von etwa 30 Prozent erwartet.

Ohne viel höhere Gewinnmargen wäre die

Ertragssteigerung nicht zu schaffen.

FAZIT

Anleger müssen an gigantisches Gewinnwachstum

glauben. Facebook lässt zumindest

erahnen, dass die Zahlen den Börsenwert

eines Tages rechtfertigen könnten.

7. Börsenzukunft

WAS TREIBT DIE KURSE?

Wetten auf den Absturz bieten bessere Chancen

Wie Anleger von der weiteren Entwicklung bei Twitter und Facebook profitieren

könnte dann plötzlich eine große Aktienanzahl

geordert werden, der Kurs würde

stark steigen. Ein zwischenzeitliches Kurshoch

am 27. Dezember, als der Kurs ohne

Nur gut 80 von 545 Millionen Twitter-Aktien

konnten beim IPO im November 2013 besondere Nachrichten auf über 70 Dollar

gezeichnet werden und sind jetzt an der schoss, könnte so zu erklären sein.

Börse handelbar. Die übrigen 465 Millionen

Aktien werden von Mitarbeitern und beendet, Sperrfristen laufen aus. Am 15.

Die künstliche Knappheit aber wird bald

Risikokapitalgebern gehalten, die noch Februar dürfen Mitarbeiter und Risikoinvestoren

knapp zehn Millionen Aktien ver-

nicht verkaufen dürfen. Damit ist das Aktienangebot

extrem begrenzt. Seit November

wurde jeden Tag durchschnittlich ein statt: Rund 455 Millionen Aktien werden

kaufen. Der Showdown findet am 6. Mai

Drittel der handelbaren Aktien tatsächlich frei, die Anzahl der handelbaren Aktien

gehandelt. Wollen viele Anleger kaufen versechsfacht sich. Natürlich wird nicht jeder,

der darf, auch verkaufen. Doch ange-

oder gleichzeitig abstoßen, schlägt dies

stark auf den Kurs durch. Nichts für schwache

Nerven: Seit IPO ist die Aktie am Tag Versuchung kommen. Schon in den Dokusichts

des hohen Kurses könnten einige in

durchschnittlich um vier Prozent gestiegen menten zum Börsenstart warnte Twitter,

oder gefallen. Bei knapp gehaltenen Aktien dass zum Ablauf der Sperrfristen die große

wie Twitter können Short-Spekulanten Anzahl handelbarer Aktien den Kurs drücken

könnte. Laut einer Studie der Univer-

stark auf den Kurs einwirken. Sie wetten

auf fallende Kurse, indem sie Aktien gegen sität von Pennsylvania verlieren Aktien

Gebühr leihen und dann verkaufen. Später beim Auslaufen von Sperrfristen stark,

wollen sie diese billig zurückkaufen. wenn es sich um Tech-Unternehmen handelt,

die von Risikokapitalgebern mitfinan-

Hohe Kurse haben Shorties angezogen.

Im Januar hatten sie knapp 40 Prozent der ziert worden sind und die seit IPO stark zugelegt

haben. Auf Twitter trifft all das zu.

handelbaren Twitter-Aktien für Verkäufe

ausgeliehen. Stark steigende Leihgebühren Ein steigendes Aktienangebot droht bei

signalisieren, dass Twitter-Aktien knapp Facebook nicht mehr. Alle Haltefristen sind

werden. Werden Short-Spekulanten auf abgelaufen. Liefen Sperrfristen 2012 aus,

dem falschen Fuß erwischt, etwa durch eine

Erfolgsmeldung des Unternehmens, fünf Prozent die Regel. Einzig zur letzten

waren Tagesverluste zwischen drei und

müssen sie schnell Aktien zurückkaufen, größeren Sperrfrist, Mitte November 2012,

um Verluste zu begrenzen. Bei Twitter als die handelbare Aktienanzahl auf ei-»

Wertpapier/-

Basiswert

Facebook

Rund 150 Prozent Kursplus seit Mitte 2013; hohe Erwartungen bergen großes Enttäuschungsrisiko

Facebook

Spekulation auf Kurssturz; Zertifikat der Commerzbank verstärkt tägliche Kursveränderung mit Faktor –4

Facebook

Wette auf Kursanstieg; Zertifikat der Commerzbank hebelt die tägliche Kursveränderung mit Faktor 4

Twitter

Aktie überteuert; extreme Kursschwankungen; Aktienanzahl steigt bald stark, könnte den Preis drücken

Twitter

Spekulation auf Kurssturz; Commerzbank-Zertifikat verstärkt tägliche Kursveränderung mit Faktor –3

Twitter

Art

Aktie

Short-Faktorzertifikat (4-facher Hebel) 1

Long-Faktorzertifikat (4-facher Hebel) 1

Aktie

Short-Faktorzertifikat (3-facher Hebel) 1

Long-Faktorzertifikat (3-facher Hebel) 1

Commerzbank-Zertifikat profitiert überproportional von Kursanstieg (Faktor 3 auf die Tagesveränderung)

1 Zertifikat zur kurz- bis mittelfristigen Spekulation, Verluste in Schaukelbörsen möglich; Quelle: Bloomberg

ISIN

US30303M1027

DE000CZ6VHX6

DE000CZ6VH57

US90184L1026

DE000CB1SML6

DE000CB0PUT0

Kurs/Stoppkurs

(in Euro)

41,24/33,90

0,05/0,03

102,21/81,90

45,29/36,30

1,31/1,03

14,88/11,90

Chance/

Risiko

7/8

10/9

9/10

8/9

10/9

9/10

WirtschaftsWoche 27.1.2014 Nr. 5 93

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Geld&Börse

»

nen Schlag um rund 60 Prozent stieg, fiel

Facebooks Kurs nicht, sondern legte überraschend

um fast 13 Prozent zu. Das war

der Auftakt zur Trendwende. In der Folge

brachte Facebook Anlegern bis heute gut

150 Prozent Gewinn. Anders als Twitter

notierte Facebook im November 2012 aber

weit unter seinem Ausgabepreis zum Börsenstart;

Investoren wollten auf diesem

Kursniveau nicht mehr verkaufen.

FAZIT

Kurzfristig macht das künstlich knappe

Twitter-Angebot den Kurs extrem sprunghaft.

Im Mai ist damit Schluss. Schon

vorher werden noch mehr Spekulanten auf

einen Absturz wetten. Auslaufende Sperrfristen

sind ein Risiko für Anleger. Bei

Facebook existiert dieses nicht mehr.

8. Finanzinstrumente

WIE PROFITIEREN ANLEGER?

Wer vom Erfolg der Unternehmen überzeugt

ist und sich an der hohen Bewertung

nicht stört, kann beide Papiere problemlos

an deutschen Börsen ordern. Es ist durchaus

noch drin, dass die Aktien in der allgemeinen

Euphorie um zweistellige Prozentsätze

nach oben gezogen werden. Bei Facebook

ist noch keine Kursschwäche absehbar;

der Kurs hat sich seit Mitte 2013 mehr

als verdoppelt. Anleger glauben, dass sich

mit mobiler Werbung Geld verdienen lässt,

und Facebook profitiert. Die Quartalszahlen

am Mittwoch werden ein erster Test.

Enttäuscht Facebook die hohen Erwartungen,

könnte der Kurs schnell nachgeben.

Die Skepsis, ob Twitter überhaupt in die

enorme Börsenbewertung hineinwachsen

kann, schlägt bereits auf den Kurs durch.

Mit Morgan Stanley sprach Anfang Januar

sogar eine Bank, die den Twitter-Börsengang

begleitet hatte, eine Verkaufsempfehlung

aus: Kursziel 33 Dollar (aktuell: 61

Dollar). Goldman Sachs hingegen hält an

seiner Kaufempfehlung fest und hob das

Kursziel auf 65 Dollar. Immerhin notiert

Twitter derzeit gut 15 Prozent unter seinem

bisherigen Hoch Ende Dezember. Die Zahlen

für das vierte Quartal am 5. Februar

dürften die Richtung vorgeben. Selbst

wenn sie positiv ausfallen, bleibt die Unsicherheit

durch das Auslaufen der Sperrfristen

Mitte Februar und vor allem Anfang

Mai. So lange sollten Langfristanleger Twitter

auf jeden Fall meiden.

Facebook und Twitter bleibt nicht viel

Zeit, um ihre Bewertung zu rechtfertigen.

Die Kurse dürften sich in den nächsten ein

94 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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is zwei Jahren stärker an den Geschäftszahlen

orientieren. Beispiel: Würde Facebook

in einem hypothetischen Szenario

langfristig nur den bereits 2013 erzielten

Gewinn schaffen und dann nur noch wie

die Wirtschaft insgesamt wachsen, könnte

der Kurs bis zur marktüblichen Gewinnbewertung

um über 50 Prozent sinken.

Spezielle Zertifikate bieten spekulativen

Naturen die Chance, von Kursentwicklungen

stark zu profitieren (siehe Tabelle Seite

93). Je nachdem, ob auf fallende oder steigende

Kurse spekuliert werden soll, verstärken

die Zertifikate die tägliche Kursveränderung

noch um einen vorgegebenen

Faktor. Sinkt der Twitter-Kurs an einem Tag

etwa um fünf Prozent, würde ein Short-

Faktorzertifikat mit Faktor 3 um 15 Prozent

zulegen.

Facebook ist teuer,

Twitter hat

jeden Halt verloren

Problem: Nicht nur, wenn sich der Kurs

in die falsche Richtung bewegt, sondern

auch in Schaukelbörsen – wenn der Kurs

zum Beispiel erst steigt und dann fällt –

sind Verluste möglich. Das liegt am Basiseffekt:

Ein Papier, das zunächst um 50 Prozent

gefallen ist, muss um 100 Prozent steigen,

damit Verluste ausbleiben.

Eine ausreichend deutliche Kursbewegung

in die erhoffte Richtung bringt aber

selbst bei zwischenzeitlicher Gegenbewegung

Gewinn. Vorteil der empfohlenen

Zertifikate ist, dass sie zeitlich unbegrenzt

laufen und nicht beim Reißen bestimmter

Kursschwellen verfallen. Anleger können

etwas Geld investieren und darauf warten,

dass das von ihnen erwartete Szenario,

zum Beispiel ein Kurssturz, eintritt.

Ein heißes Spiel aber bleibt das allemal.

Im viel beachteten US-Börsenblog „Seeking

Alpha“ etwa warnt Autor Alex Cho

davor, Twitter zu shorten. Eine Spekulation

auf fallende Kurse sei bei einer solch stark

steigenden Aktie so, wie vor eine U-Bahn in

New York zu springen und zu hoffen, dass

der Zug schon stehen bleiben wird.

Erste Bremsspuren sind bei Twitter zwar

sichtbar – noch aber macht der Zug gewaltig

Tempo.

n

stefan hajek, matthias hohensee | Silicon Valley,

niklas hoyer, sebastian kirsch | geld@wiwo.de

WirtschaftsWoche 27.1.2014 Nr. 5 95

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Geld&Börse

Böse Briefe aus

der Ferne

AKTIONÄRE | Warum Kunststoffbauer Balda

seine Anteile am Apple-Zulieferer TPK viel zu

spät verkaufte – zum Schaden der Anleger.

Balda-Aktionäre sind

Kummer gewohnt. Die

Aktie, von der Nord/LB

zu 24 Euro an den Neuen

Markt gebracht und an brave

ostwestfälische Sparkassen-

Kunden verkauft, fiel zeitweise

auf 21 Cent. Fünf Mal binnen

zwei Jahren wurden Aktionäre

zur Hauptversammlung

(HV) gebeten. Es gab das

volle Programm: Rücktrittsforderungen,

Beschuldigungen,

Geschrei – und einen Aktionär,

der sich von Bodyguards

beschützen ließ. Beim

letzten Treffen im Bielefelder

Ringlokschuppen hing an der

Garderobe ein Hinweis, dass

dort Ohrenstöpsel zu beziehen

seien. Der Service könnte

auch bei der Hauptversammlung

am kommenden Dienstag

nachgefragt werden.

Dass Baldas einstiges Kerngeschäft

– Plastikgehäuse für

Handys von Nokia & Co. –

mausetot ist; dass Balda, die

zu Glanzzeiten 400 Millionen

umsetzten, zuletzt nur noch

60 Millionen einnahmen,

wirft keinen Aktionär mehr

um. Balda verkauft heute Tablettenspender,

Pipetten und

Inhalatoren: wenig aufregend,

nicht der Rede wert.

Trotzdem aber kostet Balda an der Börse

stolze 318 Millionen Euro; und trotzdem

könnten Ohrenstöpsel auf der HV gut ankommen.

Etwa dann, wenn ein spektakulärer

Coup zur Sprache kommt, der Balda 480

Millionen Euro in die Kassen spülte. Im Februar

2012 hatte Balda begonnen, seinen

16-Prozent-Anteil am taiwanesischen Apple-Zulieferer

TPK zu verkaufen. Die TPK-

Aktie notierte damals um 486 Taiwan-Dollar

(TWD), rund 11,80 Euro. Doch Balda

hätte sehr viel mehr erlösen können, wenn

das Unternehmen – wie ursprünglich geplant

– bereits 2011 zu Spitzenkursen von

bis zu 876 TWD verkauft hätte.

Der von TPK nahe stehenden Vertretern

durchsetzte Balda-Aufsichtsrat aber hatte

einen Verkauf des TPK-Pakets 2011 mehrfach

blockiert (siehe Grafik Seite 97). Balda-Aktionär

Octavian witterte daraufhin

Verrat. „Dieser Aufsichtsrat hat die Aktionäre

350 Millionen Euro gekostet“, sagte

Octavian-Chef Richard Hurowitz. Die Mitglieder

des Aufsichtsrats wiesen die Vorwürfe

zurück.

Unterlagen, die der WirtschaftsWoche

jetzt vorliegen, legen aber nahe, dass der

Octavian-Chef recht haben könnte. Sie zeigen,

dass TPK-Chef Michael Chiang und

sein Finanzvorstand Freddie Liu Druck auf

Vorstand und Aufsichtsrat von Balda ausübten,

um einen schnellen Verkauf zum

damals hohen TPK-Kurs zu verhindern. Sie

zeigen auch, dass der Aufsichtsrat ein Angebot

ablehnte, das Balda die Möglichkeit

bot, TPK-Aktien noch im Frühherbst 2011

zu einem guten Preis zu verkaufen. Balda-

Vorstand Oliver Oechsle, seit Oktober im

Amt, will den Vorgang nun prüfen.

IPHONE STATT HANDYSCHALE

Rückblick: Im Sommer 2006 war Balda in

Not. In der Handybranche tobte ein Preiskampf,

Balda schrieb rote Zahlen. Mit Michael

Chiang aber hatten die Deutschen einen

brillanten Asienchef. Der hatte – seltsam

genug, dass ihm sein Job bei Balda die

Der Folgsame Baldas

Ex-Aufsichtsratschef Naschke

blockierte den Verkauf

der TPK-Aktien, Balda gingen

Millionen durch die Lappen. Im

September 2013 warf er hin

Zeit dafür ließ – quasi nebenbei

das familieneigene Unternehmen

TPK hochgezogen,

das berührungsempfindliche

Bildschirme (Touch-Screens)

entwickelte. Mit seinem

ersten Touch-Screen-iPhone

rollte Apple wenig später den

Handymarkt auf.

Balda beteiligte sich mit 50

Prozent an Chiangs TPK. Chiangs

Familie erhielt im Rahmen

weiterer Geschäfte rund

um TPK 15 Prozent an Balda,

stockte später auf und hielt

zuletzt rund 27 Prozent.

Kontrolliert wurden die Balda-Aktien

von einer Gesellschaft,

die laut Balda Chiangs

Gattin gehörte. Wer hier wem

etwas zu sagen hatte, blieb

unklar. Michael Naschke, Ex-

Aufsichtsratschef von Balda,

verneinte vor einigen Monaten

einen möglicherweise hohen

Einfluss von Chiang auf

Balda und wies darauf hin:

Nach taiwanesischem Eherecht

könne Chiang seiner

Gattin keine Weisungen erteilen.

2007 bekam TPK den Auftrag, die Bildschirme

für Apples iPhone zu produzieren.

Balda aber flog das Geschäft mit Handyschalen

um die Ohren. In der Not verkaufte

Balda TPK-Aktien.

Zum Beispiel an Chiang, der Balda 2008

zwölf Prozent abkaufte und hierfür inklusive

verrechneter Kredite zehn Millionen Euro

zahlte sowie Balda fünf Prozent an einer

Holding überließ, die bemessen am Eigenkapital,

knapp sechs Millionen Euro wert

waren.

Der Preis erscheint äußerst günstig. Im

Folgejahr verkaufte Balda weitere 17 Prozent

an TPK für stolze 92 Millionen Euro an

institutionelle Anleger. Das entspricht dem

Vierfachen dessen, was Chiang gezahlt hat.

Balda gab hierzu keine Stellungnahme ab.

Als TPK im Oktober 2010 an die Börse

ging, war Balda nur noch mit 16 Prozent an

dem Milliardenunternehmen beteiligt.

Und auch diese Aktien sollten weg. Balda

brauchte Geld.

FOTOS: DPA PICTURE ALLIANCE/SOEREN STACHE, BLOOMBERG NEWS/MAURICE TSAI

96 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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»Balda sollte alle

Gespräche mit

allen Banken

sofort stoppen«

TPK-Vorstand Freddie Liu

1. VERKAUFSVERSUCH (JULI 2011)

Auf der Hauptversammlung im Mai 2011

kündigte der damalige alleinige Balda-Vorstand

Rainer Mohr an, die TPK-Aktien

noch im selben Jahr zu veräußern.

Der Zeitpunkt schien optimal. Im Frühjahr

lag der Kurs zeitweise über 900 TWD,

und war damit mehr als viermal so hoch

wie beim Börsengang. Verglichen mit Konkurrenten,

war die Aktie mit einem Kurs-

Gewinn-Verhältnis von 19,5 laut einem Researchbericht

der Berenberg Bank vom

März schon recht teuer; ein weiterer Kurssprung

schien unwahrscheinlich.

Im Juli und Oktober 2011 liefen Haltefristen

für die Aktien aus. Dann konnte Balda

raus. Umso erstaunlicher ist es, dass

der Aufsichtsrat sieben Wochen nach der

HV den Verkauf der Aktien ablehnte. Die

Argumente, mit denen Aufsichtsratschef

Naschke später den raschen Stimmungswechsel

erklärte, klingen konstruiert und

sind teilweise widerlegbar.

Laut Protokoll der HV vom Februar 2012

begründete Naschke den Verzicht auf einen

Verkauf im Juli 2011 unter anderem so:

n Wenn Balda bereits neun Monate nach

dem Börsengang von TPK und unmittelbar

nach Ablauf der Haltefrist die frei gewordenen

Aktien vollständig verkauft hätte, sei

mit „erheblichen Verwürfnissen am

Markt“, zu rechnen gewesen – sprich: Der

TPK-Kurs hätte gelitten.

Doch wenn die Aufsichtsräte tatsächlich

derlei Sorgen geplagt hätten, hätten sie die

auch schon bei der HV im Mai haben müssen.

Stattdessen kündigte Balda auf der HV

an, TPK-Aktien zu verkaufen. Im Juli waren

die Verkaufspläne schon seit Wochen bekannt.

Analysten gingen schon im März

davon aus, dass Balda nach Ablauf der Haltefrist

verkauft. Investoren wären also nicht

überrascht worden.

Um Irritationen bei Investoren oder gar

„Verwürfnisse“ machten sich Anfang Juli ja

offenbar nicht einmal die Herren von TPK

Sorgen: Finanzvorstand Freddie Liu schlug

damals selbst vor, wie aus einem internen

Dokument hervorgeht, dass Balda noch im

Juli verkaufen solle. Die TPK-Manager hatten

bereits Vereinbarungen mit Banken

vorbereitet und einen Zeitplan erarbeitet.

TPK sagt hierzu heute, Balda habe um

technische Unterstützung beim Verkauf

gebeten, etwa bei der Auswahl der Broker

und regulatorischen Themen.

n Der TPK-Kurs, so Naschke auf der HV

2012 weiter, sei in den Tagen vor der Ablehnung

des Verkaufs stark gefallen. Es sei zu

befürchten gewesen, dass Marktgerüchte

über Baldas Verkaufspläne unmittelbar

nach Ablauf der Haltefrist kursierten.

Als Naschke das sagte, musste er längst

gewusst haben, dass das nicht stimmt.

TPK-Finanzvorstand Liu persönlich hatte

ihm im Juli die Gründe für den Kursverfall

genannt: neben dem Auslaufen der Haltefrist

von Balda auch Gerüchte darüber,

dass TPK Marktanteile an einen Wettbewerber

verlieren und die Margen unter

Druck geraten könnten. Das alles hätte einen

„perfekten Sturm“ verursacht, heißt es

in internen Unterlagen. TPK will hierzu

keine Stellungnahme abgeben, da die Korrespondenz

zwischen dem Finanzvorstand

und Balda geheim gewesen sei.

n Naschkes drittes Argument zieht ebenfalls

nicht. Laut Hauptversammlungsprotokoll

sagte er, es habe damals „an einer

vollständigen Ausarbeitung der vertraglichen

Dokumentation“ gefehlt und keinen

klaren Zeitplan gegeben.

Seltsamerweise findet sich im Protokoll

der Aufsichtsratssitzung vom 14. Juli 2011

kein einziger Hinweis darauf, dass die Verträge

für den Aktiendeal mangelhaft gewesen

seien. Im Gegenteil: Am selben Tag verwies

Naschke an anderer Stelle darauf,

dass die mit den Banken ausgehandelten

Verträge noch genutzt werden könnten.

Naschke äußert sich dazu nicht. Eine Aufarbeitung

habe bereits stattgefunden.

Wenn weitere Fragen bestünden, seien

„diese intern aufzuarbeiten“.

Wenn es weder die Angst vor Kursverlusten

der TPK-Aktie noch mangelhafte Dokumente

waren – wer oder was brachte den

Balda-Aufsichtsrat dann dazu, den TPK-

Verkauf zu verschieben – zulasten der eigenen

Aktionäre, die letztlich weit über 100

Millionen Euro weniger erlösten?

Wer dieser Frage nachgeht, landet bei

TPK-Chef Michael Chiang, dessen Ehefrau

zuletzt 27 Prozent von Balda kontrollierte.

Ein Insider sagt, Chiang sei sehr dominant

aufgetreten, auch gegenüber Vorständen.

Bei Balda brachte ihm dies den Spitznamen

„Napoleon“ ein. „Auf mich wirkte er,

als sei er der Boss“, sagt ein Insider.

Der Trickreiche TPK-Chef Chiang wollte

Balda-Manager im Sommer 2011 davon

abbringen, Aktien seiner Firma zu verkaufen

»

Wer hat da gemauert?

Weil sich derVerkauf immer weiter verzögerte, bekam Balda für das Paket am

Display-Bauer TPK deutlich schlechtere Preise (TPK-Kurs in Taiwan Dollar)*

1000

900

800

700

600

500

400

27. Mai 2011:

Balda kündigt an,

TPK-Aktien zu

platzieren

11. August 2011:

Aufsichtsrat lehnt TPK-

Verkauf erneut ab

28. September 2011:

Balda-Vorstand schlägt erneut

vor, TPK-Aktien zu verkaufen

300 14. Juli 2011:

24. Februar 2012: 1. Juli 2012:

200 Balda-Aufsichtsrat

Verkauf von 8,5- Verkauf von 6,8-

lehnt TPK-Verkauf ab

Prozent-Anteil an TPK Prozent-Anteil an TPK

100

2010 2011 2012 2013 14

*41Neue Taiwan Dollar =1Euro; Chartzeigt Tagesschlusskurse, nicht um ausgegebene Gratisaktien bereinigt;

Quelle: Bloomberg, eigene Recherchen

WirtschaftsWoche 27.1.2014 Nr. 5 97

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Geld&Börse

»

Bei der Balda-HV im Mai

2011 hatte Chiang den von sechs

auf drei Personen reduzierten

Aufsichtsrat faktisch gekapert.

Neben Naschke saßen dort fortan

Chun-Chen Chen, der für eine

Chiang-Firma arbeitete, und

Yu-Sheng Kai, ein Berater von

TPK. „Brisant“ nannte es Warburg-Analyst

Jochen Reichert,

dass „zwei der drei neuen Mitglieder

dem Umfeld von Michael

Chiang zuzurechnen sind.“

Das Balda-Management gehe

aber davon aus, „dass der neue Aufsichtsrat

den eingeleiteten Verkaufsprozess nicht

aufhalten wird“, so Reichert.

Ein frommer Wunsch. Denn der TPK-

Vorstand machte vehement Druck: „Ich

empfehle dringend“, schreibt Finanzvorstand

Liu Mitte Juli den Balda-Leuten, dass

der Aufsichtsrat sich so schnell wie möglich

trifft. Die Ostwestfalen sollten verkünden,

dass Balda kein Interesse daran habe,

TPK-Aktien zum aktuellen Preis zu verkaufen

und dass sie TPK als langfristiges Investment

ansähen. Letzteres wäre glatt gelogen

gewesen. Balda solle sagen, dass sie

nicht unter Verkaufsdruck seien. „Ihr WER-

DET NICHT darüber sprechen“ mit welchem

Preis ihr zufrieden wäret, so Liu. Damit

sollte Balda helfen, den TPK-Kurs zu

stabilisieren.

Infolge der massiven Spekulationen und

Marktgerüchte, heißt es von TPK heute, habe

das Unternehmen Balda vorgeschlagen

eine Klarstellung zu veröffentlichen. „Die

finale Entscheidung wurde aber stets vom

Balda-Management und dem Aufsichtsrat

getroffen.“ TPK hätte nicht in den Entscheidungsprozess

von Balda eingreifen können

und habe dies auch nicht gewollt.

Den Markt aufgerollt Baldas Beteiligung TPK stellt berührungsempfindliche

Bildschirme für Apple-Produkte her

2. VERSUCH (AUGUST 2011)

Balda-Vorstand Mohr beeindruckten die

harschen Worte aus Taiwan wenig, den

Aufsichtsrat offenbar schon. Im August

2011 wollte der Balda-Vorstand erneut

TPK-Aktien verkaufen, „auch im Hinblick

auf das nicht auszuschließende Risiko weiterer

negativer Entwicklungen der TPK-Aktie“.

Die Aktie fiel; der TPK-Gewinn schwächelte

im Sommer erstmals leicht, im vierten

Quartal 2011 brach er ein.

Der Aufsichtsrat lehnte den Vorschlag einen

Tag später ab. Naschke begründete

den Schritt später unter anderem damit,

dass es keine konkreten Käufer gegeben

habe. Man hätte der Börsenaufsicht mitteilen

müssen, dass man die Anteile„sozusagen

blind“ verkaufen wolle. Das hätte den

Preis der TPK-Anteile erheblich unter

Druck gesetzt und Balda geschadet.

Was Naschke nicht sagt: Balda arbeitete

mit einer Investmentbank zusammen, der

zufolge eine hohe Nachfrage von institutionellen

Anlegern nach TPK-Aktien bestehe.

Ob sie für die TPK-Aktien schon einen Käufer

hatte, ist nicht bekannt.

Die Begründung, warum der Aufsichtsrat

blockierte, scheint abermals vorgeschoben.

Tatsächlich scheint er vor dem Druck

der Chiang-Fraktion eingeknickt zu sein.

TPK plante nach Informationen der WirtschaftsWoche

damals schon eine Kapitalerhöhung.

Ende September 2011 wurde

diese auch offiziell angekündigt. TPK wollte

dies nicht kommentieren. Hätte Balda

zuvor Aktien verkauft, hätten Investoren

naturgemäß weniger TPK-Aktien aus der

Kapitalerhöhung nachgefragt.

In Taiwan lagen die Nerven offensichtlich

blank. „Sagt nicht immer, dass ihr für den

größtmöglichen Vorteil der Balda-Aktionäre

kämpft“, wetterte Chiang im September

2011 in einem Brief, der unter anderem an

Naschke ging, „ich kann euch sagen, das tut

ihr nicht. Im Gegenteil.“ Weiter heißt es:

„Ihr habt zu verstehen, dass das TPK-Team

den Preistrend und das Timing kennt, nicht

die deutsche Seite.“ TPK kann heute „derartige

Aussagen von Herrn Chiang nicht bestätigen,

da sie eindeutig nicht im Auftrag

von TPK getätigt wurden“, und weist darauf

hin, dass „niemand auf der Welt weiß, wie

sich der Aktienkurs entwickelt“.

»Schadet TPK

nicht noch einmal,

das schadet auch

Baldas Interessen«

TPK-Chef Michael Chiang

3. VERSUCH (SEPTEMBER)

Balda-Vorstand Mohr aber versuchte

weiter, die Aktien zu verkaufen.

Im September 2011 legte

er dem Aufsichtsrat einen Plan

vor, den dieser im Interesse der

Balda-Aktionäre nicht hätte ablehnen

können. Eigentlich.

Der Vorschlag klingt nach

Brandbrief: Da bisherige Verkaufsfenster

„nicht genutzt wurden,

hat sich der Ermessensspielraum“

derartig verengt,

„dass Balda zwecks Vermeidung

von etwaigen Organhaftungsvorwürfen

nun handeln muss“. Er wolle einen Teil der

Aktien noch vor der für Oktober geplanten

TPK-Kapitalerhöhung verkaufen. Was den

Vorschlag so verführerisch machte: Eine

deutsche Großbank hatte verbindlich erklärt,

Aktien zum aktuellen Kurs minus vier

Prozent Abschlag zu platzieren. Weitere Aktien

sollten dann mit TPK bei der Kapitalerhöhung

verkauft werden.

Der Aufsichtsrat lehnte trotzdem ab. Er

gab nur ein Okay zum Verkauf eines Pakets

im Rahmen der TPK-Kapitalerhöhung, davor

aber durfte der Vorstand keine Aktien

platzieren. Analysten rochen Lunte. Zhancheng

Li von Berenberg in London fragte in

einer Studie, ob TPK fürchte, dass es nicht

genug Nachfrage nach TPK-Aktien gebe,

wenn man erst nach dem Verkauf durch

Balda Kapital erhöhe. Er wunderte sich

auch, warum Balda so wenig Aktien abgebe:

„Gibt es einen Deal zwischen dem Management

von Balda und dem von TPK?“

Im Sinn der Balda-Aktionäre wäre der sicher

nicht gewesen. Schlussendlich wurde

Balda seine Stücke erst ab 2012 los, als der

Börsenkurs zeitweise mehr als 50 Prozent

unter dem Kurs von Mitte Juli 2011 lag. Die

Blockade des Aufsichtsrates dürfte die Balda-Aktionäre

allein beim Aktienpaket, dessen

Haltefrist im Juli auslief, rund 140 Millionen

Euro gekostet haben.

Der neue Balda-Vorstand Oechsle sagt,

er werde „den Sachverhalt prüfen lassen“.

Unter Umständen würden mit Einzelfragen

Sonderprüfer beauftragt. Die sollten

auch an anderer Stelle graben: So verkaufte

Balda einem Ex-Manager eine Tochter in

Malaysia für einen Euro. Die Firma der Familie

eines früheren Managers in China erhielt

einen Kredit, um eine Balda-Tochter

zu kaufen. Kurz darauf verzichtete Balda

schon auf einen Teilbetrag.

Für Krach auf der Hauptversammlung ist

damit erneut bestens gesorgt.

n

melanie.bergermann@wiwo.de, hauke reimer | Frankfurt

FOTO: VARIO IMAGES/IMAGEBROKER

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Geld&Börse | Steuern und Recht

ERBSCHAFTSTEUER

Zahlen nur

bei Zuwachs

ANLEGERSCHUTZ

Ganz hinten in der Schlange

Bei Insolvenzen gehen Anleger mit Genussrechten meist leer aus.

Nicht nur die beim insolventen Windkraftfinanzierer

Prokon investierten Anlegergelder sind bedroht.

„Seitdem geschlossene Fonds stärker reguliert

werden, weichen Anbieter des grauen

Kapitalmarkts gezielt auf Genussrechte aus“, sagt

Timo Gansel, Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht

in Berlin. Diese Papiere entziehen

sich sowohl der Finanzaufsicht als auch den neuen

Vorschriften für geschlossene Fonds. Aus

Anbietersicht haben sie den Vorteil, dass es für

Emittenten kaum gesetzliche Vorgaben gibt. Sie

können die Genussrechte nach ihrem Gusto zuschneiden.

Im Fall von Prokon war es eine kaufmännisch

fragwürdige Konstruktion: Windparks,

die erst nach Jahren Gewinn abwerfen, wurden

mit Genussrechten finanziert, die sich nach wenigen

Monaten kündigen lassen. Das konnte

nicht gutgehen. Jetzt stehen die Anleger in der

Gläubigerschlange ganz hinten. Banken und die

Sozialversicherungen der Mitarbeiter haben den

ersten Zugriff aufs Vermögen. Selbst wenn, anders

als bei Prokon, der Emittent noch nicht

pleite ist, die Anleger aber am Geschäftsmodell

zweifeln, kommen sie in der Regel nicht vor Laufzeitende

der Papiere aus denen heraus. Eine außerordentliche

Kündigung ist beispielsweise nur

möglich, wenn Anleger getäuscht wurden oder

der Emittent Mittel pflichtwidrig verwendet hat.

Der Anleger muss dem Emittenten der Genussrechte

jedoch erst nachweisen, dass ein Kündigungsgrund

vorliegt. Ohne Anwalt und Gerichtsverfahren

ist das kaum möglich.

Eine Frau schloss 2003 eine

Rentenversicherung gegen einen

Einmalbeitrag ab. Den Beitrag

in Höhe von 150 000 Euro

zahlte ihr Ehemann. Falls die

Frau sterben sollte, bevor die

Summe der bereits ausgezahlten

Renten so hoch war wie die

der eingezahlten Beiträge, sollte

die Versicherung dem Witwer

den Differenzbetrag erstatten.

Bereits 2006 verstarb die Frau.

Die Rentenversicherung zahlte

dem Ehemann nach Abzug der

gezahlten Renten 126 148 Euro.

Für diesen Betrag wollte das Finanzamt

Erbschaftsteuer kassieren.

Gegen den Bescheid des

Fiskus klagt der Witwer. Letztlich

bekam er beim Bundesfinanzhof

recht (II R 29/11). Entscheidend

für die Steuerpflicht

sei, dass das Vermögen des Erben

durch den Nachlass des

Verstorbenen vermehrt werde,

so die Richter. Da jedoch der

Witwer den Einmalbeitrag für

die Rentenversicherung gezahlt

habe, sei der von der Rentenversicherung

gezahlte Betrag nicht

erbschaftsteuerpflichtig. Statt

25 091 Euro einschließlich der

Leistung aus der Rentenversicherung,

muss der Witwer nach

Abzug des Freibetrags von

563 000 Euro jetzt nur noch

11 220 Euro an Steuern für das

übrige Erbe zahlen.

RECHT EINFACH | Restaurant

Essen gehen ist nicht immer ein

Genuss. Manchmal endet der

Ausflug im Krankenhaus. Richter

müssen dann einschreiten.

§

Zerbrochen. Ein Mann bestellte

sich in einem Balkan-

Restaurant einen Grillteller.

Beim Verzehr eines Hackfleischröllchens

brach ein Zahn

auseinander. Der Kunde behauptete,

im Essen sei ein Steinchen

gewesen. Beweisen konnte er dies

jedoch nicht. Seine Klage auf

Schadensersatz und Schmerzens-

geld wurde abgewiesen. Urteil der

Richter: Ein Missgeschick beim Essen

müsse nicht zwangsläufig am

Koch liegen. (Bundesgerichtshof,

VIII ZR 283/05).

Verbrüht. Ein Münchner fuhr mit

Freundin zum Drive-in-Schalter

eines Fast-Food-Restaurants und

bestellte zwei Kaffee. Als die Beifahrerin

den Becher zwischen

ihre Oberschenkel stellen wollte,

schwappte der Inhalt über den

Rand und verbrühte ihre Beine. Sie

verlangte von der Fast-Food-Kette

1500 Euro. Begründung: Der Deckel

habe nicht fest auf dem

Becher gesessen. „Klage abgewiesen“,

befanden die Richter. Bei

Heißgetränken müsse sich der Käufer

selbst vor Verbrennungen schützen

(Landgericht München, 30 S

3668/11; ebenso: Amtsgericht

Melsdorf, 80 C 1256/09).

Umgefallen. In einer Gastwirtschaft

in Rheinland-Pfalz saß die

örtliche Prominenz beim Bier.

Einer der angeheiterten Herren

lehnte sich weit nach hinten. Das

Holz der Stuhllehne brach, und

der Mann fiel hinten über. Für die

beim Sturz erlittenen Verletzungen

wollte er vom Wirt Schadensersatz

und klagte vor Gericht –

mit Erfolg. Die Richter entschieden,

dass Gastwirte ihr Mobiliar

regelmäßig überprüfen müssten

(Oberlandesgericht Koblenz, 2 U

1029/98).

FOTOS: LAIF/ZENIT/PAUL LANGROCK, LAIF/GORDON WELTERS, PR

100 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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LOHNSTEUER

Knöllchen übernehmen ist steuerpflichtig

Wenn ein Arbeitgeber für seine

Arbeitnehmer Kosten übernimmt,

dann kann es sich um

einen steuerpflichtigen Vorteil

handeln. Dies gilt dann, wenn

die Kostenübernahme nicht im

eigenbetrieblichen Interesse

des Arbeitgebers liegt. Unternehmen

und Finanzämter streiten

häufig darüber, was zum eigenbetrieblichen

Interesse

gehört und was nicht. In dem

vom Bundesfinanzhof entschiedenen

Fall ging es um eine Spedition,

die Bußgelder ihrer Fahrer

für das Überschreiten der

gesetzlich zulässigen Lenkzeiten

übernahm (VIR 36/12). Das

Finanzamt sah in den von der

Spedition gezahlten Bußgeldern

einen steuerpflichtigen

Vorteil und forderte daher

Lohnsteuer nach. Das Unternehmen

weigerte sich zu zahlen

und klagte. Der Bundesfinanzhof

jedoch wies die Klage

ab. Es sei für die Beurteilung

unerheblich, ob die Spedition

ihre Fahrer angewiesen hat,

länger zu fahren oder kürzere

Pausen einzulegen als gesetzlich

erlaubt. Grundsätzlich liege

es nicht im eigenbetrieblichen

Interesse eines Arbeitgebers,

dass seine Mitarbeiter gegen

geltende Vorschriften verstoßen.

Da die Bußgeldbescheide

an einzelne Fahrer zum Teil

LEBENSVERSICHERUNG

Teure Garantie verschwiegen

Ein Anleger investierte 2004

über den Finanzvertrieb

Hoesch & Partner 250 000 Euro

in eine fondsgebundene Lebensversicherung

des irischen

Anbieters inora Life. Die Erträge

der Police waren an die Entwicklung

eines Aktienkorbs

gekoppelt. Da sich die Police

unbefriedigend entwickelte,

wollte der Anleger vom Finanzvertrieb

Schadensersatz. Sein

Argument:Hoesch & Partner

habe ihn nicht darüber aufgeklärt,

dass die Police so gestrickt

SCHNELLGERICHT

sei, dass er nicht in jedem Fall

voll von der Entwicklung des

Aktienkorbs profitiere. Vielmehr

habe inora Life bei bestimmten

Entwicklungen des

Aktienkorbs eine Garantiegebühr

von 19,3 Prozent abgezogen.

Erst wenn die Referenzaktien

in diesen Fällen mehr als

19,3 Prozent zugelegt hätten,

wäre er mit seinem Ersparten

im Plus gewesen. Das Oberlandesgericht

folgte den Argumenten

des Klägers und sprach ihm

Schadensersatz zu.

mehrere 1000 Euro betrugen,

handele es sich zudem um gravierende

Verstöße, für die ein

Steuerbonus nicht zulässig sei.

Die von der Spedition gezahlten

Bußgelder seien daher steuerpflichtig.

Der Bundesfinanzhof

änderte damit seine Rechtsprechung.

In einem früheren Verfahren

hatten die Richter zugunsten

eines Arbeitgebers

entschieden, der die Bußgeldbescheide

seiner Arbeitnehmer

fürs Falschparken bezahlt hatte

(VI R 29/00). Den Betrag, den

das Unternehmen für die Knöllchen

zahlte, stuften die BFH-

Richter damals als nicht steuerpflichtig

ein.

KINDERGELD

Anspruch

trotz Heirat

Eltern volljähriger Kinder unter

25 Jahren haben Anspruch auf

Kindergeld, wenn Sohn oder

Tochter eine Ausbildung machen.

Dies gilt auch dann, wenn

die Kinder bereits verheiratet

sind (Bundesfinanzhof, III R

22/13). Nach einer Gesetzesänderung

aus 2012 kommt es

beim Kindergeldanspruch

nicht auf die Höhe des Einkommens

des Ehepartners von

Sohn oder Tochter an.

ERBPFLICHTTEIL

ANDREAS FRIESER

ist Partner

und Experte

für Erbrecht

bei Redeker

Sellner Dahs

in Bonn.

n Herr Frieser, kann ein verwitweter

Vater zwei Kindern

eine Immobilie schenken

und ein drittes von jeglichem

Erbe ausschließen?

Nein. Dieses Kind hätte Anspruch

auf den Pflichtteil. Regulär

würde der Nachlass zu

einem Drittel an jedes Kind gehen.

Der Pflichtteil entspricht

nur der Hälfte davon und

muss in Geld gezahlt werden.

Das dritte Kind bekäme also

ein Sechstel des Nachlasses.

Eine vorgezogene Schenkung

wird beim Pflichtteil berücksichtigt,

wenn sie beim Tod

des Vaters nicht länger als

zehn Jahre zurückliegt.

n Nach zehn Jahren zählt

die Schenkung nicht mehr

zum vererbten Vermögen?

Genau. Mit jedem Jahr sinkt

der für die Berechnung des

Pflichtteils maßgebliche Wert

der Schenkung. Nach neun

Jahren würden nur noch zehn

Prozent des Schenkungswertes

herangezogen. Behält sich

der Vater die Nutzung der

verschenkten Immobilien

durch einen Nießbrauch vor,

schmilzt der Wert der Schenkung

zwar nicht, der Nutzungsvorbehalt

reduziert aber

den Schenkungswert.

ÄLTERE BEWERBER DISKRIMINIERT

§

Wer als Arbeitgeber in einer Stellenanzeige um

neues Personal für eine Tätigkeit in einem

„jungen, motivierten Team“ wirbt, kann sich wegen

Diskriminierung älterer Bewerber schadensersatzpflichtig

machen (Landesarbeitsgericht Schleswig-

Holstein, 1 Sa 143/13).

LAND NRW HAFTET FÜR SCHLAGLOCH

§

Ein Autofahrer fuhr 2010 über die Autobahn 52

nahe Gelsenkirchen. In einer Baustelle, die den

Verkehr über den Standstreifen führte, geriet das

Auto in ein Schlagloch. Für den Fahrzeugschaden verklagte

er das Land Nordrhein-Westfalen – und bekam

recht (Oberlandesgericht Hamm, 11 U 52/12). Ein

Landesbetrieb habe einen Gullyschacht unsachgemäß

abgedeckt, wodurch das Loch entstanden sei.

VERBOT VON LEERVERKÄUFEN RECHTENS

§

Die EU-Wertpapieraufsicht ESMA darf in Europa

spekulative Geschäfte mit Wertpapieren, die der

Verkäufer zum Zeitpunkt des Deals nicht besitzt

(ungedeckte Leerverkäufe), verbieten, entschied der

Europäische Gerichtshof (C-270/12 ).

ARBEITNEHMER MUSS SICH SCHLAU MACHEN

§

Arbeitgeber müssen ihre Mitarbeiter nicht darauf

hinweisen, dass sie Anspruch darauf haben, einen

Teil des Gehalts in Beiträge zur Betriebsrente umzuwandeln

(Bundesarbeitsgericht, 3 AZR 807/11).

n Wie sichert der Pflichtteilerbe

nach dem Tod des

Vaters seine Ansprüche?

Er macht Auskunftsansprüche

gegen die Erben geltend, die

sich auch auf Schenkungen

beziehen. Die Verjährungsfrist

beträgt drei Jahre. Lässt er

sich ein notarielles Verzeichnis

anfertigen, muss der Notar

Vermögen und Schenkungen

aufführen. Verschweigen die

Erben etwas, ist das Betrug.

WirtschaftsWoche 27.1.2014 Nr. 5 Redaktion: martin.gerth@wiwo.de, heike schwerdtfeger | Frankfurt

101

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Geld&Börse | Geldwoche

KOMMENTAR | Immer mehr US-

Staaten legalisieren Marihuana.

Investoren wittern einen Milliardenmarkt.

Von Martin Seiwert

Unter Drogen

Popstar Justin Bieber

suchte sich am vergangenen

Donnerstag

den falschen US-Bundesstaat

aus, um bekifft von

der Polizei aufgegriffen zu werden:

In Florida gilt Marihuana

noch als illegale Droge. In 20

anderen Staaten der USA hätten

Biebers Anwälte versuchen

können, medizinische Gründe

für den Drogenkonsum vorzuschieben.

Denn für therapeutische

Zwecke ist Hasch dort

inzwischen zugelassen. In den

Staaten Colorado und Washington

darf das Hanfprodukt sogar

ganz offiziell das tun, was

es am besten kann: Menschen

berauschen, nur so zum Spaß.

Joints sind dort ebenso legal

wie Bier.

In immer mehr US-Bundesstaaten

wird aus der illegalen

Droge Marihuana ein schmerzlinderndes

Medizinprodukt

oder gar ein Genussmittel. So

verschieben sich Milliardenumsätze

aus der Unterwelt in die

legale Wirtschaft. Rund drei

Milliarden Dollar werden in den

USA heute schon legal mit

Marihuana verdient. Auf bis zu

45 Milliarden Dollar könnte das

Haschisch-Business in den

nächsten Jahren anwachsen,

schätzen Experten.

HEDGEFONDS AM START

Mutige Hedgefonds investieren

bereits Millionen in die aufstrebende

Branche. Aber auch

etablierte Wall-Street-Player beobachten

das Treiben mit Interesse:

Was, wenn aus Hasch ein

Mega-Business wird, so wie das

für Alkohol oder Zigaretten?

Deren Produzenten und damit

auch deren Aktien gelten als

weithin konjunkturunempfindlich

und solide. US-Präsident

Barack Obama heizte die Legalisierungsdebatte

vor wenigen

Tagen weiter an, als er von der

bisherigen marihuanakritischen

Linie der Regierung abrückte.

Hasch sei weniger gefährlich als

Alkohol, dozierte der Präsident

in einem Interview. Die großen

Spieler auf dem neuen Markt

hätten sich daraufhin ruhig ein

Pfeifchen gönnen können. Etwa

die Manager des Hedgefonds

Privateer Holdings, der Millionen

einsammeln konnte, um in

neue Geschäftsfelder rund ums

Hasch zu investieren. Als Compliance-Direktor,

der darauf

achtet, dass juristisch alles im

Rahmen bleibt, stellten die

Geldmanager unlängst einen erfahrenen

Special Agent der US-

Antidrogenbehörde DEA ein.

Investieren könnte Privateer etwa

in die Gartenbaufirma Terra

Tech, die in ihren Gewächshäusern

unweit von New York statt

Küchenkräutern künftig Marihuana

anbauen will. Der Kurs

des Pennystocks hat binnen vier

Wochen über 200 Prozent zugelegt.

Wall-Street-Geld würde

wohl auch das Startup Diego

Pellicer nehmen, das eine Art

Starbucks für Kiffer plant. US-

Banken dagegen haben noch

Berührungsängste. Sie verweigern

den neuen Haschisch-Unternehmern

nicht nur Kredite,

sondern auch Bankkonten und

Kreditkartenterminals. Deren

Umsätze fließen deshalb vorwiegend

in bar, was zu riskanten

Dollar-Transfers in prall gefüllten

Plastiktüten führt. Selbst dieses

Phänomen aber bietet Raum für

neue Geschäftsfelder: In Colorado

bewachen jetzt im Auftrag

des Startups Blue Line Protection

Group ehemalige Soldaten

der US Army den Fluss der

legalen Drogen-Dollar.

TREND DER WOCHE

Kampf um den Goldpreis

Bei gut 1200 Dollar wird sich entscheiden, ob die

Hausse zu Ende ist oder Gold wieder teurer wird.

Ein Drittel hat Gold seit Herbst

2012 verloren. Das war der

schärfste Rückschlag seit Beginn

der Edelmetall-Hausse

2001. Ist der Goldrausch vorbei,

oder ist das aktuelle Niveau eine

Nachkaufgelegenheit?

Seitdem die Finanzkrise abklingt,

schwinden die Ängste

vor einem Kollaps des Geldsystems;

Gold als Krisenwährung

ist weniger gefragt. In den Industrieländern

ist die Inflation

rückläufig, die Zinsen tendieren

nach oben. Und weil bei der

Rücknahme der großzügigen

Geldpolitik die US-Notenbank

führend ist, stärkt das den Dollar.

Das macht Gold außerhalb

der USA unattraktiver. Indische

Goldimporte sind rückläufig

und könnten noch zusätzlich

erschwert werden.

Da glänzen die Augen

Physische Nachfrage

ungebrochen

Allerdings, ein immer größerer

Teil dieser Bestände wandert

nach China. Allein die chinesische

Zentralbank hat ihre

Goldreserven seit 2009 auf gut

2700 Tonnen verdreifacht. Im

Land selbst steigt die Goldnachfrage,

weil andere Vehikel (teure

Immobilien, taumelnde Aktien)

kaum infrage kommen. Und natürlich

würde ein Absacken der

Schwellenländer, wie es sich in

Brasilien oder Indien abzeichnet,

auch in den Industrieländern

die Krise wieder verschärfen.

Derweil probt der Goldpreis

bei gut 1200 Dollar (etwa das

Niveau der durchschnittlichen

Produktionskosten) die Bodenbildung.

Ein nachhaltiger Anstieg

über 1260 ergäbe ein Kaufsignal

in Richtung 1400.

Trends der Woche

Entwicklung der wichtigsten Finanzmarkt-Indikatoren

Stand: 23.1.2014 / 18.03 Uhr aktuell seit einer Woche 1 seit einem Jahr 1

Dax 30 9631,04 –0,9 +25,0

MDax 16744,57 –1,2 +32,8

Euro Stoxx 50 3117,08 –1,1 +15,1

S&P 500 1827,91 –1,0 +22,3

Euro in Dollar 1,3639 +0,3 +2,3

Bund-Rendite (10 Jahre) 1 1,71 –0,07 2 +0,24 2

US-Rendite (10 Jahre) 1 2,82 –0,03 2 +1,00 2

Rohöl (Brent) 3 108,20 +1,1 –4,7

Gold 4 1263,00 +1,7 –25,3

Kupfer 5 7285,00 –0,8 –10,2

1

in Prozent; 2 in Prozentpunkten; 3 in Dollar pro Barrel; 4 in Dollar pro Feinunze,

umgerechnet 924,19 Euro; 5 in Dollar pro Tonne; Quelle: vwd group

FOTOS: SASCHA PFLAEGING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, DDP IMAGES, BILDAGENTUR HUBER/ANNA SERRANO

102 Nr. 5 27.1.2014 WirtschaftsWoche

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DAX-AKTIEN

Zwischenhalt bei 100

Nach sieben Monaten Rally könnte Siemens eine

Pause einlegen. Eine Gelegenheit zum Nachfassen.

HITLISTE

Dunkle Wolken

am Bosporus

Türkische Lira

unter Wasser

Der Schock für Alstom-Aktionäre

(Auftragsflaute bei Kraftwerken,

starker Euro drückt

Export, Margen sinken) ist

auch für Konkurrent Siemens

kein gutes Vorzeichen, wenn

sich am Dienstag (28. Januar)

die Aktionäre treffen und

Quartalszahlen auf den Tisch

kommen. Seit Amtsantritt von

Chef Joe Kaeser am 1. August

hat der Siemens-Kurs um ein

Fünftel zugelegt; nun, bei

rund 100 Euro, wird ein Zwischenhalt

immer wahrscheinlicher.

Selbst wenn Kaesers

Gewinnplan aufgeht und im

Geschäftsjahr 2014 (bis 30. September)

netto je Aktie 5,80 Euro

übrig bleiben, wäre Siemens

mittlerweile ziemlich teuer. Zudem

wird es bis Mai dauern, bis

Siemens Einzelheiten zu Kaesers

Langfriststrategie bekannt

gibt. Große Rückschlagsgefahr

besteht nicht. Wichtige Aufträge

aus den USA für Windkraftanlagen

und endlich Erfolge bei der

Abnahme von ICE-Zügen durch

den Großkunden Bahn sind ein

guter Start in die Saison 2014

(siehe auch Seite 54).

WÄHRUNGEN

Anpassungsbedarf

Schwellenländer- und Rohstoffwährungen werden in

den nächsten Monaten weiter unter Druck bleiben.

Dax

Kurs Kursent- Gewinn KGV Börsen- Dividen-

(€) wicklung pro Aktie (€) wert den-

1 Woche 1 Jahr 2013 2014 2014

(Mio. €) rendite

(%) 1

Dax 9631,04 –0,9 +25,0

Aktie

Stand: 23.1.2014 / 18.02 Uhr

Adidas 91,09 +1,4 +29,9 4,03 4,95 18 19057 1,48

Allianz 127,40 –4,6 +23,7 13,31 13,53 9 58088 3,53

BASF NA 79,74 +0,9 +9,4 5,44 5,95 13 73240 3,26

Bayer NA 102,70 +1,4 +40,9 5,73 6,48 16 84928 1,85

Beiersdorf 76,93 +0,4 +20,0 2,36 2,65 29 19386 0,91

BMW St 84,64 –1,0 +13,9 7,96 8,18 10 54270 2,95

Commerzbank 13,35 –1,1 +9,5 0,30 0,76 18 15193 -

Continental 162,15 –1,3 +91,9 11,20 12,57 13 32431 1,39

Daimler 65,26 –0,4 +51,2 5,57 5,70 11 69791 3,37

Deutsche Bank 37,44 –5,4 +5,7 3,11 3,97 9 38161 2,00

Deutsche Börse 58,91 –2,4 +23,2 3,39 3,95 15 11370 3,90

Deutsche Post 26,46 +0,5 +55,2 1,51 1,65 16 31991 2,65

Deutsche Telekom 12,82 +3,0 +45,5 0,66 0,70 18 57064 5,46

E.ON 13,85 +1,4 +2,7 1,19 1,01 14 27704 7,95

Fresenius Med.C. St 54,05 +2,2 +4,7 3,59 3,94 14 16623 1,39

Fresenius SE&Co 118,00 +1,3 +32,8 5,79 6,79 17 26630 0,81

Heidelberg Cement St 59,44 +3,2 +28,3 3,66 4,20 14 11145 0,79

Henkel Vz 84,16 +0,9 +34,9 4,05 4,42 19 34718 1,13

Infineon 7,60 –0,5 +12,9 0,26 0,39 19 8215 1,58

K+S NA 23,81 –7,9 –30,8 2,14 1,18 20 4556 5,88

Lanxess 45,11 –6,8 –28,8 1,47 3,38 13 3753 2,22

Linde 148,70 –0,2 +11,1 7,87 8,85 17 27606 1,82

Lufthansa 18,08 –1,8 +22,1 0,79 1,52 12 8314 -

Merck 134,90 +2,2 +32,6 8,82 9,21 15 8717 1,26

Münchener Rückv. 153,95 –2,1 +15,1 16,78 16,71 9 27610 4,55

RWE St 27,69 +0,5 –1,6 3,91 2,47 11 16869 7,22

SAP 58,00 –4,6 –2,0 3,29 3,51 17 71253 1,90

Siemens 97,99 –2,0 +20,9 4,80 6,69 15 86329 3,06

ThyssenKrupp 18,98 +1,5 +6,9 -0,55 0,60 32 9762 -

Volkswagen Vz. 198,25 –2,0 +8,5 20,56 23,49 8 90315 1,80

1

berechnet mit der zuletzt gezahlten Dividende

Nachdem 2005 die Währung

reformiert wurde, setzte ein

gewaltiger Kapitalstrom in die

Türkei ein. Dieser sorgte für

einen Wirtschaftsboom. Allerdings

wuchsen die Kredite in

den vergangenen Jahren

mehr als doppelt so schnell

wie die Wirtschaft selbst. 2011

erreichte das Kreditwachstum

fast die Hälfte der Wirtschaftsleistung.

Damit war das Ende

der Fahnenstange erreicht.

Inzwischen hat sich das Blatt

gewendet. Auslandskapital

fließt ab, die türkische Lira

steht unter massivem Abwertungsdruck.

Binnen sechs Monaten

stürzte sie gegenüber

dem Dollar um 15 Prozent ab.

Auf Stimmung und Währung

drücken zudem die innenpolitischen

Spannungen. Ähnliches

passiert derzeit in vielen

Schwellenländern. Hinzu

kommt die Wachstumsschwäche

in China. Zu spüren bekommen

den Abschwung auch die

wichtigen Rohstofflieferanten.

Abzulesen ist das etwa an der

Schwäche von Australdollar

und kanadischem Dollar.

Wie Rohstoff- und Schwellenländerwährungen in den vergangenen

Monaten gegenüber dem Dollar abgeschnitten haben

(Auf-/Abwertung in Prozent)

Währung

Indonesische Rupiah

Türkische Lira

Südafrikanischer Rand

Chilenischer Peso

Thailändischer Baht

Mexikanischer Peso

Kanadischer Dollar

Brasilianischer Real

Russischer Rubel

Malaysischer Ringgit

Australischer Dollar

Norwegische Krone

Indische Rupie

1 Monat

+0,4

–7,3

–4,5

–3,0

–0,6

–2,2

–3,3

+0,1

–3,7

–1,0

–0,7

–0,3

+0,2

Quelle: Bloomberg; Stand 22. Januar 2014

3 Monate

–7,0

–13,1

–10,1

–8,2

–5,7

–3,4

–6,2

–7,8

–6,5

–4,6

–8,6

–4,5

–0,3

6 Monate

–16,3

–15,5

–9,3

–7,4

–6,0

–5,9

–5,7

–5,2

–4,6

–4,3

–4,1

–3,9

–3,4

WirtschaftsWoche 27.1.2014 Nr. 5 103

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Geld&Börse | Geldwoche

AKTIE Salzgitter

Wette auf Russen-Gas

und Kohle in der Bilanz

Mach mal Pause

Robustes Geschäftsmodell

Hochofen lässt hoffen 10 Milliarden

Euro Umsatz möglich

Nachzügler wie Salzgitter

müssen nicht automatisch

steigen, nur weil sie bisher

mies gelaufen sind (2013: minus

21 Prozent). Noch sind

die Risiken unübersehbar:

Überkapazitäten im Stahlmarkt,

wahrscheinlich 400

Millionen Euro Verlust im

Geschäftsjahr 2013. Dazu

könnten 150 Millionen Euro

Rückzahlung anstehen, sollte

die Entlastung von der Ökostromumlage

durch Brüssel

gekippt werden (Wirtschafts-

Woche 51/2013).

Dennoch, selbst für den

Stahlkocher Salzgitter werden

die Aussichten langsam besser.

Wenn die internationale

Wirtschaft in diesem Jahr

etwa so anzieht, wie es die

Weltbank erwartet (plus 3,2

Prozent), dürfte das den konjunktursensiblen

Stahlmarkt

stabilisieren. Vor allem aus

den florierenden Branchen

Auto, Anlagen- und Maschinenbau

sowie der Bauwirtschaft

(wichtige Kunden der

Stahlkocher) sind mehr

Bestellungen absehbar. Das

internationale Geschäft bringt

Salzgitter 58 Prozent der

Umsätze.

Große Hoffnungen der

Niedersachsen ruhen auf der

neuen, 2400 Kilometer langen

Pipeline South Stream, durch

die bis 2015 russisches Gas

(durch das Schwarze Meer,

Bulgarien, Serbien, Griechenland)

nach Westeuropa fließen

soll. Der russische Energiekonzern

Gazprom, federführend

bei dem Projekt, wird insgesamt

Aufträge in Milliardenhöhe vergeben.

Schon beim Schwesterprojekt

Nord Stream hat Salzgitter

Röhren geliefert.

Bei einer merklichen Wirtschaftserholung

und mit einem

möglichen South-Stream-Auftrag

in dreistelliger Millionenhöhe

könnte Salzgitter seinen

Umsatz in diesem Jahr auf

knapp zehn Milliarden Euro erhöhen.

Die operativen Margen

dürften bei leicht erholten

Stahlpreisen und dank Abbau

von 1500 Stellen etwas höher

ausfallen. Die Wende in die Gewinnzone

ist 2014 möglich.

Bis es so weit ist, hat Salzgitter

genug finanzielle Reserven. Die

Eigenkapitalquote der Bilanz

beträgt 39 Prozent (kein Vergleich

zu den 7,1 Prozent von

ThyssenKrupp); dazu liegen

450 Millionen Euro Netto-Cash

auf dem Konto. Und dass sich

die Aktie des Kupferkonzerns

Aurubis (an dem die Niedersachsen

25 Prozent der Aktien

halten) zuletzt deutlich erholt

hat, kommt Salzgitter ebenfalls

zugute.

Salzgitter

ISIN: DE0006202005

180

140

100

60

20

Quelle:FactSet

50-Tage-Linie

200-Tage-Linie

07 08 09 10 11 12 13

Kurs/Stoppkurs(in Euro): 31,40/26,70

KGV 2013/2014: (Verlust)/81,8

Dividendenrendite(in Prozent):0,8

Chance

Risiko

Niedrig

Hoch

AKTIE Franco-Nevada

Lukrative Geschäfte im

Goldbergbau

Royaltygesellschaften kassieren

von Minen Lizenzabgaben,

sogenannte Royalties.

Diesen Anspruch sichern sich

Gesellschaften wie die auf

Edelmetalle fokussierte

kanadische Franco-Nevada

meist gegen Zahlung einer

Anschubfinanzierung. Royalties

sind teilweise vom Rohstoffpreis

abhängig, fließen

aber oft unabhängig von den

Produktions- und Erschließungskosten.

Deshalb fallen

die Margen von Royaltygesellschaften

üppiger aus und sind

besser kalkulierbar als die der

Produzenten. Wegen der geringeren

Hebelwirkung auf

den Rohstoffpreis steigen die

Aktienkurse von Royaltygesellschaften

in Phasen steigender

Notierungen weniger

spektakulär als jene der Minen.

Dafür geraten sie bei

Korrekturen auch nicht so

stark unter die Räder. Nach

drei Quartalen 2013 zog

Franco-Nevada aus Einnahmen

von 300,9 Millionen Dollar

einen Nettogewinn von

92,3 Millionen Dollar. Drei

Viertel der Erlöse kamen aus

dem Edelmetallbereich.

Franco-Nevada ist schuldenfrei,

sitzt auf gut 840 Millionen

Dollar Barreserven