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Cicero Winfried Kretschman - "Ich kann alles außer Schweißen" (Vorschau)

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<strong>Winfried</strong> <strong>Kretschman</strong>n<br />

„<strong>Ich</strong> <strong>kann</strong><br />

<strong>alles</strong> <strong>außer</strong><br />

Schweißen“<br />

Deutschlands mächtigster<br />

Grüner – und was seine<br />

Partei von ihm lernen <strong>kann</strong><br />

Benedikts<br />

Rückzug<br />

Was der neue Papst<br />

können muss<br />

Diesen Monat<br />

mit dem Magazin<br />

Das Beste aus der Welt<br />

der Bücher<br />

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SPANNUNG<br />

ist ein Grundsatz unseres Designs: Wie Haut sich über Muskeln spannt, so spannen sich die<br />

Karosseriefl ächen über Räder, Hauben und Sicken. Spannung ist eines der stärksten Gefühle,<br />

die der Betrachter beim Anblick eines BMW empfi nden soll.<br />

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ER 1951 DEN RICHTIGEN<br />

GESCHMACK BEWIESEN HAT.<br />

NICHTS FÜR UNENTSCHLOSSENE. SEIT 1842.


C i c e r o | A t t i c u s<br />

Von: <strong>Cicero</strong><br />

An: Atticus<br />

Datum: 21. Februar 2013<br />

Thema: <strong>Kretschman</strong>n, Koidl, Höhler<br />

Grün entscheidet<br />

Titelbild: WieslaW Smetek; Illustration: Christoph Abbrederis<br />

D<br />

as SchönSTe am Journalistenberuf besteht darin, immer wieder neue Leute<br />

kennenzulernen und ihnen hemmungslos alle möglichen Fragen stellen zu dürfen.<br />

Selbst Chefredakteure kommen manchmal noch in diesen Genuss, wenn sie nicht<br />

gerade Verlagssitzungen chaotisieren oder sich in Redaktionskonferenzen verzetteln. Mit etwas<br />

Glück gelingt die Flucht in den praktischen Journalismus sogar zweimal kurz hintereinander.<br />

<strong>Winfried</strong> <strong>Kretschman</strong>n, erster grüner Regierungschef in Deutschland und als<br />

Ministerpräsident Baden-Württembergs derzeit Präsident des Bundesrats, ist eine der<br />

interessantesten Figuren im politischen Betrieb dieses Landes. In einem <strong>Cicero</strong>-Gespräch (Ab<br />

Seite 14) lässt er sich auf die Frage ein, wie man dem Freiheitsbegiff einer Hannah Arendt<br />

anhängen und zugleich die Bürger ökologisch zwangsbeglücken <strong>kann</strong>. <strong>Kretschman</strong>n redet<br />

über sein Leiden an Jutta Ditfurths Tugendterror, seine Liebe für die Heimwerkerei und seine<br />

Leidenschaft für Baumärkte. Er spricht auffallend gut von Angela Merkels CDU.<br />

Das ist bemerkenswert, denn die Grünen könnten leicht die Kanzlermacher sein<br />

nach der Bundestagswahl am 22. September. Mit hoher Wahrscheinlichkeit entscheiden<br />

sie, wie die nächste Regierungskoalition aussieht. Dazu passt eine Umfrage des<br />

Meinungsforschungsinstituts Forsa, das im Auftrag von <strong>Cicero</strong> erstaunliche Ergebnisse<br />

über schwarz-grüne Vorlieben unter Grünen-Anhängern zu Tage fördert. 74 Prozent von ihnen<br />

fänden dieses Bündnis im Bund gut. Und die große Mehrheit der Deutschen hält die Grünen<br />

nicht mehr für eine linke oder radikale, sondern eine bürgerliche Partei (Seite 18).<br />

Meine zweite interessante Be<strong>kann</strong>tschaft der vergangenen Tage heißt Roman Maria Koidl.<br />

Koidl hatte sich zum Ziel gesetzt, eine weitere Amtsperiode Merkels zu verhindern und Peer<br />

Steinbrück zum Kanzler zu machen. Der umtriebige Unternehmer sollte den Wahlkampf des<br />

SPD-Kandidaten digital revolutionieren, wurde in die Parteizentrale implantiert und alsbald<br />

vom Gesamtkörper SPD abgestoßen. Ein Blender, den sich Steinbrück in einer Weinlaune habe<br />

aufschwatzen lassen – große Klappe, nichts dahinter: So lautete die süffige Standarderklärung<br />

für Koidls kurzes Gastspiel im Willy-Brandt-Haus. Seine eigene Version hört sich anders an<br />

(ab Seite 32). In <strong>Cicero</strong> spricht er zum ersten Mal über die ganze Dimension seines Engagements<br />

für den SPD-Kanzlerkandidaten.<br />

Gertrud Höhler ist im Unterschied zu <strong>Kretschman</strong>n und Koidl fast schon eine alte Be<strong>kann</strong>te<br />

bei <strong>Cicero</strong>. Sie hatte zuletzt im Dezember-Heft über die Schattenseiten von Merkels „Stiller<br />

Macht“ geschrieben. Dieses Mal mischt sie sich in die Gender-Debatte ein und erklärt das<br />

Handicap der Männer: Verglichen mit dem Wesen Frau denken sie unterkomplex und wagen<br />

deshalb mehr, aber oft zu viel.<br />

Keine bequeme Lektüre für Männer. Für Frauen mit Machtanspruch auch nicht.<br />

In den „Epistulae ad Atticum“ hat<br />

der römische Politiker und Jurist<br />

Marcus Tullius <strong>Cicero</strong> seinem<br />

Freund Titus Pomponius Atticus<br />

das Herz ausgeschüttet<br />

Mit besten Grüßen<br />

Christoph Schwennicke, Chefredakteur<br />

03.2013 <strong>Cicero</strong> 5


C i c e r o | I n h a l t<br />

Titelthema<br />

14<br />

„<strong>Ich</strong> bin schon auch mutig“<br />

Ministerpräsident <strong>Kretschman</strong>n erklärt im Interview,<br />

wie Macht einen verändert und wer die Grünen sind<br />

Interview Georg löwisch und christoph schwennicke<br />

22<br />

Begrenzt mich!<br />

Grüne wählen? Vielleicht schon, denn wer soll sonst<br />

das Ökoschwein in mir bändigen<br />

von Christoph Schwennicke<br />

24<br />

Die schöne und der Biest<br />

Potenziale und Probleme des Spitzenduos<br />

Trittin & Göring-Eckardt. Eine Stilkritik<br />

von Peter Unfried<br />

18<br />

Keine Angst vor Schwarz-Grün<br />

74 Prozent der Grünen-Anhänger<br />

finden Bündnisse mit der CDU gut<br />

Eine forsa-Befragung<br />

23<br />

Kommt nicht in die Tüte!<br />

Grüne wählen? Doch keine Partei, die mir ein<br />

Umerziehungsprogramm aufdrücken will<br />

von Alexander Marguier<br />

26<br />

„Jürgen wurde Revoluzzer“<br />

Der frühere Sportlehrer Wilhelm H. Brand<br />

berichtet über Trittins Entwicklung<br />

von Constantin Magnis<br />

Illustration: Wieslaw Smetek<br />

6 <strong>Cicero</strong> 03.2013


I n h a l t | C i c e r o<br />

30 Chefin der LInkspartei<br />

88<br />

Geldanlage Mode<br />

56<br />

Benedikts Rückzug<br />

BERLINER REPUBLIK WELTBÜHNE kapital<br />

28 | Ihr Revier<br />

Michelle Müntefering will aus dem<br />

Schatten ihres Mannes treten<br />

Von Friederike Ott<br />

48 | Der letzte europäer<br />

Wie hält es der britische Staatsminister<br />

David Lidington mit dem Kontinent?<br />

Von Sebastian Borger<br />

76 | Der Rote Ingenieur<br />

Wie der Niederländer Jeroen Dijsselbloem<br />

eher zufällig Eurogruppenchef wurde<br />

Von Rob Savelberg<br />

30 | Tschüss, herrenClub<br />

Katja Kipping setzt Leichtigkeit gegen<br />

das Querelengeflecht der Linkspartei<br />

Von Constantin Magnis<br />

50 | Die Spalterin<br />

Argentinien verzweifelt an seiner<br />

Präsidentin Cristina Kirchner<br />

Von Karen Naundorf<br />

78 | Glückskekse aus Bayern<br />

Naomi Campbell machte Ralph<br />

Schäfer endgültig zum Bäcker<br />

Von Til KNipper<br />

32 | Pimp my Peer<br />

Für den SPD-Kandidaten war Roman<br />

Maria Koidl mehr als ein Intermezzo<br />

Von Christoph Schwennicke<br />

52 | der schützenkönig<br />

Wie der Lobbyist David Keene sich für<br />

die Verbreitung von Waffen einsetzt<br />

Von Jacob Heilbrunn<br />

80 | Zar Ohne Allüren<br />

Zara-Gründer Amancio Ortega<br />

ist der reichste Mann Europas<br />

Von Anne Grüttner<br />

Fotos: Alfred Steffen, Franco Rubartelli © Vogue Paris; Illustrationen: Wieslaw Smetek, Christoph Abbrederis<br />

36 | Fang den Wähler<br />

Die Macht der Meinungsforscher wächst,<br />

aber die Probleme nehmen auch zu<br />

Von Klaus Raab<br />

40 | Mein Wunschkabinett<br />

In der <strong>Cicero</strong>-Wahlserie besetzen<br />

Persönlichkeiten die Regierungsposten<br />

Von Erwin Pelzig<br />

41 | frau fried fragt sich …<br />

… wo eigentlich die neuen<br />

Väter geblieben sind<br />

Von Amelie Fried<br />

42 | Eva Knackt das System Adam<br />

Was Brüderle, BER und S 21 über<br />

den Mann sagen. Und wie er tickt<br />

Von Gertrud Höhler<br />

46 | Das schweigen der Lämmer<br />

In der verschwatzten Republik bestrafen<br />

die Medien ausgerechnet das offene Wort<br />

Von Frank A. Meyer<br />

56 | Ein seltsamer Heiliger<br />

Was wird bleiben von<br />

Papst Benedikt XVI.?<br />

Von Alexander Kissler<br />

62 | „<strong>Ich</strong> bin beeindruckt“<br />

Ex-Bischof Wolfgang Huber analysiert im<br />

Interview Benedikts Pontifikat<br />

Von Alexander Kissler<br />

64 | Notwendige Konflikte<br />

Der nächste Papst braucht Mut,<br />

Machtbewusstsein und Weltläufigkeit<br />

Von Otto Kallscheuer<br />

66 | Solidarität gibt’s<br />

nicht ohne Risiko<br />

Warum die Bundeswehr sich stärker im<br />

Ausland engagieren muss<br />

Von Volker Rühe<br />

72 | Die Revolution ist<br />

abgesagt – vorerst<br />

Welche Bedeutung hat der Islamgelehrte<br />

Muhammad Tahir ul Qadri für Pakistan?<br />

Von Britta Petersen<br />

82 | Dreidimensionale<br />

Druckerkolonnen<br />

Tassen oder Legosteine <strong>kann</strong> er schon.<br />

Wird der 3-D-Drucker massentauglich?<br />

Von Stefan Tillmann<br />

88 | Die Bluse, die sich rechnete<br />

Ein altes Oberteil bringt 8000 Euro:<br />

Vintage-Mode wird zum Investment<br />

Von Lena Bergmann<br />

03.2013 <strong>Cicero</strong> 7


C i c e r o | I n h a l t<br />

98 Kiss of the King<br />

cicero online<br />

Aktuell:<br />

Der Papst tritt ab<br />

Benedikt XVI. will am<br />

28. Februar 2013 seinen<br />

Dienst quittieren. Wer<br />

wird der neue starke<br />

Mann im Vatikan? Mehr<br />

Informationen, Hintergründe<br />

und Neuigkeiten rund um<br />

den Rücktritt des Papstes<br />

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Salon<br />

92 | <strong>alles</strong> Fliesst<br />

Der Schriftsteller Christian Haller<br />

ist ein Virtuose der Erinnerung<br />

Von alexander Kissler<br />

94 | die neue Gottschalk<br />

Ilka Bessin alias Cindy aus Marzahn<br />

als nationale Therapeutin<br />

Von daniel HaAS<br />

96 | etwas in uns beiden<br />

Das Klavierduo Tal & Groethuysen<br />

mischt das Repertoire auf<br />

Von MICHAEL sTALLKNECHT<br />

98 | Elvis who?<br />

Elvis Presley und der Hüftschwung des<br />

Jahrhunderts auf neu entdeckten Fotos<br />

Von Lena Bergmann<br />

109 | benotet<br />

In der Sphärenmusik sind Mathematik<br />

und Kunst auf das Schönste verschwistert<br />

Von daniel Hope<br />

110 | man sieht nur, was man sucht<br />

Pablo Picasso verscherzte es sich 1951 mit<br />

den Kommunisten und mit den USA<br />

Von beat Wyss<br />

112 | Wahr sind nur die Absichten<br />

Der Fotokünstler Wolfgang Tillmans hat<br />

die Welt bereist und sucht die Realität<br />

Von ralf Hanselle<br />

118 | republik unter Feuer<br />

Mit dem Reichstagsbrand endete<br />

im Februar 1933 die Demokratie<br />

Von philipp blom<br />

120 | bibliotheksporträt<br />

Judith und Axel Milberg leben<br />

zwischen Abertausend Büchern<br />

Von eva Gesine baur<br />

124 | das schwarze sind<br />

die buchstaben<br />

Der Bücherfrühling bringt Lebensmut aus<br />

der Maschine und Demokratie in Dosen<br />

Von robin detje<br />

127 | küchenkabinett<br />

Die Deutschen lieben den<br />

Brunch. Warum eigentlich?<br />

Von julius Grützke und Thomas Platt<br />

128 | die letzten 24 Stunden<br />

Zum Sterben nach Zürich oder<br />

doch lieber auf den Ölberg?<br />

Von thilo Sarrazin<br />

Standards<br />

Atticus —<br />

Von Christoph Schwennicke — seite 5<br />

Stadtgespräch — seite 10<br />

Forum — seite 12<br />

Impressum — seite 84<br />

Postscriptum —<br />

Von Alexander Marguier — seite 130<br />

Die nächste <strong>Cicero</strong>-Ausgabe<br />

erscheint am 21. März 2013<br />

Meinungsstark:<br />

Kolumne: Leicht gesagt<br />

<strong>Cicero</strong>-Online-Kolumnist<br />

Wulf Schmiese schreibt<br />

jeden zweiten Mittwoch<br />

über politische Wünsche<br />

und Warnungen, die<br />

schwer umzusetzen sind.<br />

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Hintergründig:<br />

Thema der Woche<br />

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<strong>Cicero</strong> Online ist<br />

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Foto: 2013 Alfred Wertheimer/Courtesy Taschen, Privat<br />

8 <strong>Cicero</strong> 03.2013


C i c e r o | S t a d t g e s p r ä c h<br />

Der Stasi-Beauftragte Roland Jahn will die Rolling Stones zum Konzert<br />

einladen, Bushido bietet seinen Bambi feil, Rösler siegt mit Merkels Hilfe, Niebel<br />

kämpft um seinen Sitz im Präsidium, und Baselitz-Bilder im Spital helfen heilen<br />

Rolling-Stones-Konzert:<br />

auf Mielkes Dach<br />

R<br />

oland Jahn hat einen kühnen<br />

Plan: Im November 2014 will der<br />

Beauftragte für die Stasi-Unterlagen<br />

die Rolling Stones nach Berlin holen.<br />

Auf dem Flachdach der ehemaligen Stasi-<br />

Zentrale an der Ostberliner Normannenstraße,<br />

wo einst Erich Mielke seine Spitzel<br />

und Spione kommandierte, sollen die legendären<br />

Rockmusiker ein Vierteljahrhundert<br />

nach dem Fall der Mauer ein fetziges<br />

Jubiläumskonzert („25 Jahre Freiheit“)<br />

veranstalten und damit endlich das Event<br />

nachholen, von dem Jahns Altersgenossen<br />

und er selbst schon im Oktober 1969 vergeblich<br />

geträumt hatten.<br />

Damals nämlich war vom Westberliner<br />

Sender Rias das Gerücht verbreitet worden,<br />

die Rolling Stones würden am 7. Oktober,<br />

dem 20. Jahrestag der DDR-Gründung,<br />

auf dem Dach des Springer-Hochhauses<br />

an der Kochstraße, also in unmittelbarer<br />

Nähe der damaligen DDR-Grenze,<br />

ein Konzert geben. Und obwohl niemand<br />

wusste, wer das Gerücht in die Welt gesetzt<br />

hatte, versammelten sich einige Hundert<br />

Rockfans am Abend auf dem Alexanderplatz<br />

und setzten sich – die Namen von<br />

Mick Jagger und anderer Bandmitglieder<br />

rufend – in Richtung Springer-Hochhaus<br />

in Bewegung. Polizei und Stasi ließen die<br />

Jugendlichen zunächst gewähren. Als dann<br />

aber in der Leipziger Straße die ersten „Die<br />

Mauer muss weg“-Rufe erschallten, griffen<br />

sie zu. Die Fans wurden eingekesselt<br />

und festgenommen – die meisten nur für<br />

24 Stunden, in denen sie intensivst verhört<br />

wurden, einige aber auch für Wochen, zwei<br />

sogar für mehrere Monate.<br />

Roland Jahn, einst als Bürgerrechtler<br />

selbst vom DDR-Geheimdienst drangsaliert<br />

und in den Westen abgeschoben,<br />

heute der Hüter ihrer Akten und Archive,<br />

möchte mit dem Rockkonzert auf dem<br />

Dach der Stasi-Zentrale sich und seiner<br />

Generation einen Traum erfüllen. Ob es<br />

ihm gelingt, die Rockgruppe im Rahmen<br />

der Feiern zum 25-jährigen Jubiläum des<br />

Mauerfalls zu verpflichten, ist noch nicht<br />

klar. Der gelernte Journalist hat schon<br />

erste Kontakte geknüpft und hält derzeit<br />

nach Sponsoren Ausschau, die das Spektakel<br />

möglich machen sollen. Aber er ist optimistisch:<br />

„Wir haben damals geträumt,<br />

dass die Mauer fällt, und alle haben uns<br />

für verrückt erklärt. Warum soll nicht eines<br />

Tages auch der Traum in Erfüllung gehen,<br />

dass die Stones in Berlin ein Dachkonzert<br />

geben?“ hp<br />

preisträger Bushido:<br />

„bambi zu verkaufen“<br />

S<br />

chon bei der Preisverleihung waren<br />

Zweifel berechtigt: Warum<br />

wird dem Rapper Bushido, einem<br />

ausgewiesenen homophoben Sexisten, der<br />

sein reaktionäres Weltbild in Sprechgesang<br />

transportiert, vom Verlagshaus Burda ein<br />

Bambi in der Kategorie „Integration“ überreicht?<br />

Spätestens seit der Rüpelrapper sein<br />

Twitterprofil mit einer von Israel befreiten<br />

Palästinenserkarte schmückte, ist klar, dass<br />

ein Integrationspreis diesen Musiker augenscheinlich<br />

überfordert. Bushido, mittlerweile<br />

genervt von der Kritik, die sich im<br />

Netz infolge seiner Infragestellung der israelischen<br />

Existenz breitmachte, zwitscherte<br />

trotzig: „Bambi zu verkaufen.“ Jenseits der<br />

Frage, ob sich ein Preis, der dem Wortsinne<br />

nach „verliehen“ wird, tatsächlich im Besitz<br />

des zu Beleihenden befindet und somit<br />

verkaufen lässt, bleibt festzuhalten: Integration<br />

geht anders. ts<br />

illustrationen: Cornelia von Seidlein<br />

10 <strong>Cicero</strong> 03.2013


illustrationen: Cornelia von Seidlein<br />

FDP-Machtkampf I:<br />

Röslers Coup<br />

S<br />

pätestens seit der Stern Rainer<br />

Brüderles Bar- und Busen-Sprüche<br />

publizierte, gehört der FDP-<br />

Fraktionsvorsitzende zu den be<strong>kann</strong>testen<br />

Politikern im Lande. Im Getöse der „Sexismus-Debatte“,<br />

die seitdem mit großer Leidenschaft<br />

geführt wird, geriet allerdings die<br />

eigentlich interessante Frage in den Hintergrund,<br />

wie der junge und angeblich so<br />

unerfahrene Philipp Rösler es schaffte, den<br />

alten Fuchs aus der Pfalz so auszutricksen,<br />

dass der sich jetzt zwar „Spitzenkandidat“<br />

der FDP nennen darf, aber trotzdem dramatisch<br />

an Einfluss und Macht verlor.<br />

Das Drehbuch für den Coup lieferte –<br />

gewollt oder ungewollt – Angela Merkel.<br />

Vor ein paar Wochen schickte oder übergab<br />

die Bundeskanzlerin dem damals von<br />

allen Seiten kritisierten und angefeindeten<br />

Bundeswirtschaftsminister eine Mappe mit<br />

Zeitungsausschnitten, in der er nachlesen<br />

konnte, wie es ihr in den ersten Jahren als<br />

CDU-Parteivorsitzende ergangen war, welche<br />

Fehler man ihr ankreidete und wie ihre<br />

vorwiegend männlichen Rivalen sie zur<br />

Strecke bringen wollten.<br />

Besonders interessant für Rösler dürften<br />

die Zeitungsausschnitte aus dem Januar<br />

2002 gewesen sein. Da machte Merkel<br />

nämlich den Altvorderen in der CDU/<br />

CSU vor, wie man es schafft, oben zu bleiben:<br />

nicht durch stures Beharren, sondern<br />

durch klug inszenierten Verzicht. Während<br />

sich ihre innerparteilichen Gegner in der<br />

Absicht trafen, den CSU-Vorsitzenden Edmund<br />

Stoiber zum Kanzlerkandidaten auszurufen,<br />

fuhr sie heimlich nach Wolfratshausen<br />

und bot dem völlig überraschten<br />

bayerischen Ministerpräsidenten selbst die<br />

Spitzenkandidatur an. Siegte Stoiber, so ihr<br />

Kalkül, hätte sie Zugriff auf den Fraktionsvorsitz.<br />

Verlöre er, wäre sie auch Fraktionschefin<br />

und beim nächsten Mal Kanzlerkandidatin.<br />

Die Frau aus dem Osten, lange als<br />

„Kohls Mädchen“ unterschätzt, agierte wie<br />

ein Torero: Sie trat im richtigen Moment<br />

zur Seite und ließ ihre Gegner ins Leere<br />

laufen.<br />

Genauso machte es jetzt Rösler. Er sicherte<br />

sich den Vorsitz der Partei nicht<br />

durch stures Beharren, sondern indem er<br />

am Tag nach dem triumphalen Erfolg seiner<br />

Partei in Niedersachsen beiseitetrat und<br />

dem völlig verdutzten Brüderle den Vorsitz<br />

anbot. Der fühlte sich überrumpelt – und<br />

kniff. Ergebnis: Brüderle ist jetzt „Spitzenkandidat“,<br />

aber die Fäden behält Rösler in<br />

der Hand. Angela Merkel, so hört man aus<br />

Röslers Umgebung, habe die Performance<br />

des FDP-Vorsitzenden „ziemlich cool“ gefunden.<br />

hp<br />

FDP-Machtkampf II:<br />

Niebels Desaster<br />

E<br />

ntwicklungshilfe-Minister<br />

Dirk Niebel gibt sich derzeit in<br />

der FDP ganz handsam und pflegeleicht.<br />

Kein Wort mehr darüber, dass er<br />

vor kurzem noch energisch die Ablösung<br />

von FDP-Chef Philipp Rösler gefordert hat.<br />

Dafür droht ihm auf dem Anfang März<br />

bevorstehenden vorgezogenen FDP-Bundesparteitag<br />

in Berlin eine innerparteiliche<br />

Abstrafung: die Abwahl aus dem FDP-Präsidium,<br />

wo er bisher als stimmberechtigter<br />

Beisitzer amtierte. Bei der Neuwahl der<br />

obersten Führungsriege der Liberalen steht<br />

ein heftiges Postengedrängel bevor, weil voraussichtlich<br />

auch Christian Lindner und<br />

Wolfgang Kubicki hineinwollen. Rausfliegen<br />

könnte dann vor allem Niebel. Im Umfeld<br />

von FDP-Generalsekretär Patrick Döring<br />

ist man immer noch sauer, dass Niebel<br />

am heftigsten gegen Parteichef Rösler gestänkert<br />

hat: „Der hat ja <strong>alles</strong> dafür getan,<br />

dass Rösler ihn nicht wieder im Präsidium<br />

sehen will.“ Als Bundesminister hätte Niebel<br />

zwar einen garantierten Sitz im Präsidium,<br />

aber kein Stimmrecht mehr wie jetzt<br />

als Beisitzer. Das wäre natürlich blamabel<br />

für ihn, zumal er bei der Bundestagswahl<br />

als baden-württembergischer Spitzenkandidat<br />

antritt. tz<br />

Kunst im Krankenhaus:<br />

Baselitz hilft heilen<br />

K<br />

unstwerke im Krankenaus beflügeln<br />

nicht nur Krankenschwestern,<br />

Pfleger und Ärzte, sondern<br />

erhöhen auch den Therapieerfolg der Patienten“,<br />

sagt der Berliner Medizinprofessor<br />

Ernst Kraas. Jedes Hospital sollte deshalb<br />

per Gesetz verpflichtet werden, jährlich<br />

0,1 Prozent seines Budgets für Kunstwerke<br />

zur Verfügung zu stellen. Kraas, Spezialist<br />

für Minimalinvasive Chirurgie, spricht aus<br />

Erfahrung. Seit Jahren stellt das DRK-Klinikum<br />

Westend moderne Kunstwerke aus,<br />

von denen nachweislich auch die Kranken<br />

profitieren. Jetzt lädt der bis 2011<br />

von Kraas geleitete Förderverein „Kunst<br />

im Westend“ dorthin zu einer Werkschau<br />

der besonderen Art ein: Zum 75. Geburtstag<br />

von Georg Baselitz, dessen Spezialität<br />

der Kopfstand seiner Motive ist, gibt es seit<br />

dem 20. Februar eine große Ausstellung seiner<br />

Werke – und das ist kein Zufall.<br />

Den Maler und das Klinikum verbindet<br />

nämlich eine lange und spannende<br />

Geschichte, die zeitweise die Züge eines<br />

echten Kunstraub-Krimis hatte. 1970,<br />

als Baselitz noch jung und unbe<strong>kann</strong>t<br />

war, hatte der Künstler für ein neues Gebäude<br />

auf dem Westend-Campus ein Triptychon<br />

gemalt, für das er 7000 D-Mark<br />

bekam. Nach dem Umzug der im Westend<br />

untergebrachten Universitätsklinik der<br />

Freien Universität 1991 ins Virchow-Klinikum<br />

war das knapp neun mal drei Meter<br />

große Werk verschwunden. Als Kraas,<br />

der 1971 als Assistenzarzt im Westend angefangen<br />

hatte, 30 Jahre später dort Chef<br />

wurde, stellte er Nachforschungen an und<br />

fand heraus, dass das Bild im Virchow-Klinikum<br />

hing – und zwar im Vorzimmer des<br />

Dekans. Erst nach einem jahrelangen juristischen<br />

Tauziehen kam es auf Beschluss des<br />

Berliner Senats 2006 wieder an seinen Ursprungsort.<br />

Der 75. Geburtstag des Künstlers,<br />

meinte Kraas nun, sei Anlass genug,<br />

die Rückkehr des Bildes und seinen Schöpfer<br />

zu feiern. hp<br />

03.2013 <strong>Cicero</strong> 11


C i c e r o | L e s e r b r i e f e<br />

Forum<br />

Über Lügen, Nazi-Anwälte, Irrtümer, Intellektuelle und Studenten<br />

Zum titelthema Energiewende<br />

„Lügen, dass es kracht“ von<br />

Claudia Kemfert / Februar 2013<br />

NUR ZU wahr<br />

Die Überschrift trifft leider den Nagel auf den Kopf. Denn schon alleine die Diskrepanz<br />

der Strompreisentwicklung an den Börsen und Terminmärkten gegenüber<br />

dem Endkundengeschäft spricht eindeutig dafür, dass einige nicht unbedeutende<br />

Anbieter mit gezinkten Karten spielen, was die Energiewende betrifft. Wobei<br />

das eigentlich Traurige darin liegt, dass etliche Politiker nicht nur innerhalb der<br />

schwarz-gelben Koalition gerne nahezu eins zu eins die Position der bisherigen<br />

Platzhirsche übernehmen. Weswegen sich einmal mehr auch zeigt, wie dringend<br />

Deutschland endlich ein offizielles Lobbyistenregister sowie die Umsetzung der<br />

Antikorruptionsrichtlinie der Vereinten Nationen benötigt, um das Primat des<br />

politischen Handelns nicht vollends an die Wirtschaft zu verlieren!<br />

Rasmus Ph. Helt, Hamburg<br />

überfällig<br />

Herzlichen Dank für diesen lange<br />

überfälligen Artikel, er war mir aus der<br />

Seele gesprochen! Es ist nicht zu fassen,<br />

mit welcher Ignoranz und Stereotypie<br />

die meisten anderen Medien – insbesondere<br />

die von uns allen zwangsbezahlten<br />

öffentlich-rechtlichen – die immer<br />

gleichen Lügen der Bundesregierung<br />

und der Stromoligarchen ungestraft<br />

und ungeprüft wiederholen! Wenn<br />

die Medien aus ihrem intellektuellen<br />

Winterschlaf endlich aufwachten und<br />

nur diese Punkte mit derselben Beharrlichkeit<br />

und Selbstverständlichkeit der<br />

Öffentlichkeit vorlegten, mit der sie<br />

bisher die Lügen verbreiten, wäre der<br />

Energiewende entscheidend geholfen.<br />

Walter Weiss, Kassel<br />

Veritable Patenthalse<br />

Im deutschsprachigen Journalismus hat<br />

wirklich eine Wende stattgefunden. Der<br />

Grundsatz des verstorbenen Journalisten<br />

Hanns Joachim Friedrichs: „Einen guten<br />

Journalisten erkennt man daran, dass er<br />

sich nicht gemein macht mit einer Sache,<br />

auch nicht mit einer guten“ gilt schon<br />

lange nicht mehr. Die reißerische Aufmachung<br />

der <strong>Cicero</strong>-Nummer mit der<br />

dräuenden „Verdunklungsgefahr und<br />

der Wahrheit über die Energiewende“<br />

erinnert mehr an die Broschüren von<br />

Verschwörungstheoretikern. Da erstaunt<br />

es wenig, dass die Expertin für ganz<br />

spezielle „Wahrheiten“, Frau Kemfert,<br />

den Hauptteil des Themas besetzt. Die<br />

Wahrheit ist: Frau Kemfert ist höchst<br />

umstritten mit ihrer Art wissenschaft-<br />

licher Forschungsergebnisse. Vor allem<br />

ihre Zahlen und Statistiken sind mehr<br />

irritierend als erhellend. Die Wahrheit<br />

ist auch, dass es in Deutschland<br />

die sogenannte Klimaforschung nach<br />

40 Jahren Alarmismus nicht einmal zu<br />

einer Universitätsdisziplin brachte. Jetzt<br />

gibt es einen einzigen Master-Lehrgang –<br />

wohl in Hamburg, ohne Bachelor vorher.<br />

Die Forschergilde, die ausschließlich<br />

von ihr zusammengestellte Zahlen in<br />

Computer eingibt und Bauklötze staunt<br />

über die apokalyptischen Ergebnisse,<br />

setzt sich deshalb auch vorwiegend aus<br />

Biologen, Physikern oder Meteorologen<br />

zusammen. Die ungleich größere Schar<br />

von „Klimaexperten“, die das Ganze<br />

propagandistisch begleiten, setzt sich<br />

zusammen aus glaubensstarken Mainstreamjournalisten,<br />

Soziologen, Lehrern,<br />

Pastoren und Landschaftsgärtnern. In<br />

der Gruppe sind Physiker und Segler<br />

selten anzutreffen, sonst wäre dem einen<br />

oder anderen schon aufgegangen, dass<br />

man verbrauchte Energien nicht wieder<br />

erneuern <strong>kann</strong>, und einem Segler müsste<br />

klar sein, dass die ganze Klimalobby<br />

der Apokalypse bei der Sache nicht eine<br />

Wende gemacht hat, sondern eine veritable<br />

Patenthalse.<br />

Hendrik Tongers, Langeoog<br />

zum Beitrag „Advocatus<br />

diaboli“ von Constantin Magnis /<br />

Februar 2013<br />

unvorstellbar<br />

<strong>Ich</strong> frage mich, wie Anklage und Richter<br />

während der vielen Prozesstage glauben<br />

konnten, dass es diesem Anwalt wirklich<br />

nur darum ging, darauf zu achten, dass<br />

die Rechte seiner Mandanten gewahrt<br />

werden? Schwer vorstellbar, dass man<br />

als Normalbürger mehr als wenige<br />

Tage braucht, um zu erkennen, was in<br />

diesem feinen Herrn tatsächlich vorging<br />

illustration: cornelia von seidlein<br />

12 <strong>Cicero</strong> 03.2013


illustrationen: cornelia von seidlein<br />

beziehungsweise vorgeht. Nicht vorstellbar<br />

auch, wie sich die Zeugen angesichts<br />

dieses Verteidigers vorkommen mussten.<br />

In welcher Welt müssen denn wir Menschen<br />

leben?<br />

Richard Steinheimer, Neu-Bamberg<br />

zum Beitrag „Das<br />

enthemmte Volk“ von Keno<br />

Verseck / Februar 2013<br />

Unbegründet<br />

Als Leser, der sich bisher wenig mit<br />

Ungarn beschäftigt, entnehme ich dem<br />

Artikel (mit einer im Text nicht begründeten,<br />

unhöflichen Überschrift), dass<br />

es in Ungarn eine rechtsextreme Partei<br />

namens „Jobbik“ gibt, die es leider auf<br />

17 Prozent der Wählerstimmen bringt.<br />

Weiter gibt es die Regierungspartei<br />

„Fidesz“, die bei den verwandten Parteien<br />

auf EU‐Ebene aner<strong>kann</strong>t ist. Der<br />

Thumbs up!<br />

Der Optimismus von<br />

<strong>Cicero</strong> macht Schule<br />

Wer die Nase im Wind hat, muss den<br />

Daumen nach oben recken: Darum<br />

haben wir auf dem Titelbild der<br />

letztjährigen Januarausgabe eine<br />

patriotisch eingefärbte Faust in der<br />

Vertikalen präsentiert. Dass nun auch<br />

die lieben Handelsblatt-Kollegen für ihre<br />

Ausgabe vom 8. Februar 2013 auf diese<br />

Idee verfielen, zeigt wieder einmal sehr<br />

schön, dass der Geist der Zeiten weht,<br />

wohin er will. Selbst in Deutschland<br />

<strong>kann</strong> Optimismus ansteckend sein.<br />

Artikel kritisiert Letztere und Letzteres,<br />

ohne dass eine nachhaltige Begründung<br />

geliefert wird. <strong>Ich</strong> würde mir wünschen,<br />

dass zum Ausdruck gebrachte Meinungen<br />

auch stichhaltig begründet werden.<br />

Wolfgang Heislitz, Frankfurt am Main<br />

zum Beitrag „die 500 wichtigsten<br />

Intellektuellen“ / Januar 2013<br />

Komplett absurd<br />

<strong>Ich</strong> finde Ihr Ranking zu den „Intellektuellen“<br />

komplett absurd. Wie in Ihrer<br />

Methodenbeschreibung zu lesen ist,<br />

misst die Liste „keine inhaltliche Qualität“<br />

– das ist eben der Fehler. Ohne<br />

Qualität keine Intellektualität, wie ein<br />

großer Teil der Namen überdeutlich<br />

macht. Natürlich ist über die Qualität<br />

kein Ranking möglich. Aber dann sollte<br />

man es halt besser bleiben lassen – oder<br />

die Liste nicht unter dem Titel „Wer ist<br />

der bedeutendste Intellektuelle?“, sondern<br />

unter „Wer ist am häufigsten in den<br />

Medien präsent?“ laufen lassen.<br />

Gabriele Fischer, Augsburg<br />

Papier ist geduldig<br />

Die Liste der Marktschreier – je lauter,<br />

desto intellektueller? Groteske Abstürze.<br />

Super Aufstiege. Wäre Klaus Bednarz<br />

nicht „abgestürzt“, stünde er immer<br />

noch hinter den „Feuchtgebieten“! Suum<br />

cuique! „Epistula“ enim non erubescit! *,<br />

meint Marcus T. <strong>Cicero</strong> dazu.<br />

Dr. med. Christa E. Wittkämper-Hüppchen,<br />

Bensheim<br />

Plappermäulchen<br />

Wenn Sie schon Selbstdarsteller Intellektuelle<br />

nennen, dann sollten Sie eigentlich<br />

konsequent sein. Wo bleiben die<br />

Plappermäulchen Dieter Bohlen, Heidi<br />

Klum und Verona Pooth?<br />

Michael Müller, Berlin<br />

zum Beitrag „die sieben Irrtümer“<br />

von Judith Hart / Januar 2013<br />

mit mauer kein frieden<br />

Viele tun sich leicht und meinen, mit<br />

einer Teilung Palästinas in zwei Staaten<br />

wäre der Friede gesichert. Das ist blauäugig.<br />

Wem gehört dann Jerusalem? Soll<br />

das auch aufgeteilt werden?<br />

<strong>Ich</strong> sehe nur eine Zukunft in der<br />

Gleichberechtigung der Araber als Bürger<br />

des Staates. <strong>Ich</strong> war 1968 dort. Da<br />

wäre es vielleicht noch möglich gewesen.<br />

Die Chance wurde im Siegesrausch vertan.<br />

Teddy Kollek hat es versucht. Eine<br />

andere Möglichkeit, als sich zu vertragen<br />

in einem gemeinsamen Staatswesen,<br />

sehe ich nicht. Auch den Juden wird<br />

es zu viel, <strong>alles</strong> dauernd bewachen zu<br />

müssen und auf der Hut zu sein.<br />

Alois Fuchs, Rosenheim<br />

zum beitrag „Der<br />

Bologna-FEHLER“ VON<br />

KONRAD ADAM / JANUAR 2013<br />

Fataler Verzicht<br />

Die deutsche Umsetzung des Bologna-<br />

Prozesses erweist sich als eine fatale<br />

Fehlentwicklung. Erstens muss das Ziel<br />

der europäischen Mobilität als gescheitert<br />

bezeichnet werden; Studierende<br />

absolvieren inzwischen deutlich seltener<br />

Auslandssemester als zuvor. Zweitens<br />

<strong>kann</strong> eine „echte“ Modularisierung nur<br />

mit normierten Curricula gelingen, die<br />

voraussetzen, dass Studieninhalte als<br />

aufeinander aufbauend konzipiert sind.<br />

Drittens ist die Tatsache, dass Hochschulen<br />

ihre Studiengänge nun gegenüber<br />

privatwirtschaftlichen „Lizensierungsunternehmen“<br />

rechtfertigen und<br />

von ihnen genehmigen lassen müssen,<br />

nichts anderes als der Verzicht auf staatliche<br />

Hoheit in der Hochschulpolitik!<br />

Felix M. Prokoph, Marburg<br />

*) Frei übersetzt: Jedem das Seine! Papier ist geduldig! (Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe zu kürzen.)<br />

03.2013 <strong>Cicero</strong> 13


T i t e l<br />

<strong>Winfried</strong> <strong>Kretschman</strong>n, für<br />

<strong>Cicero</strong> fotografiert von<br />

Laurence Chaperon. Er<br />

regiert seit 2011 Baden-<br />

Württemberg in der ersten<br />

grün-roten Koalition. Zurzeit<br />

Bundesratspräsident und<br />

somit einer der höchsten<br />

Repräsentanten der<br />

Bundesrepublik. 2016 wird<br />

im zweitbevölkerungsreichsten<br />

Bundesland wieder gewählt<br />

und <strong>Kretschman</strong>n, heute<br />

64, will wieder antreten<br />

14 <strong>Cicero</strong> 03.2013


„<strong>Ich</strong> bin<br />

schon auch<br />

Mutig“<br />

<strong>Winfried</strong> <strong>Kretschman</strong>n ist Ministerpräsident von<br />

Baden-Württemberg und der einflussreichste Politiker<br />

der Grünen. Georg Löwisch und Christoph Schwennicke<br />

sprachen mit ihm über Mut und Rücksichten, seine Zeit<br />

als Maoist und sein Glück im Baumarkt, über Träume und<br />

Spießertum. Und darüber, wer die Grünen sind<br />

03.2013 <strong>Cicero</strong> 15


T i t e l<br />

Freitag früh im ersten Stock der Villa Reitzenstein,<br />

Sitz des Ministerpräsidenten<br />

von Baden‐Württemberg. Eine Kellnerin<br />

trägt ein Tablett mit Getränken durch<br />

den Flur, der blaue Teppichboden dämpft<br />

ihren Schritt, die Atmosphäre erinnert<br />

ein bisschen an ein Schlosshotel. <strong>Winfried</strong><br />

<strong>Kretschman</strong>n erscheint, hinter ihm<br />

sein Regierungssprecher Arne Braun. Der<br />

Politiker ist 1,93 Meter groß, sein Kopf<br />

rechteckig wie ein Kastenweißbrot. Grauer<br />

Anzug, weißes Hemd, kein Schlips, vor<br />

sich eine Tasse mit Milchkaffee. Er strahlt<br />

eine Seelenruhe aus.<br />

H<br />

err <strong>Kretschman</strong>n, um uns auf das<br />

Gespräch mit Ihnen vorzubereiten,<br />

waren wir das erste Mal auf<br />

Redaktionskosten im Kino.<br />

In „Hannah Arendt“.<br />

„Im Baumarkt könnte<br />

ich mein halbes Leben<br />

verbringen. Allein die ganzen<br />

Schlagbohrmaschinen in die<br />

Hand zu nehmen!“<br />

Genau. Der Film über Ihr großes Vorbild.<br />

Vorbild wäre nicht präzise. Hannah<br />

Arendt ist ein entscheidendes Fundament<br />

für meine Gedanken, ein Leitstern.<br />

In dem Film geht es um Mut, und zwar den<br />

Mut, eigenständig zu denken und seine<br />

eigene Sicht auch auszusprechen. Können<br />

Sie das noch als Ministerpräsident?<br />

Ja, das <strong>kann</strong> ich noch. Und das tue ich<br />

auch. Aber natürlich nicht so radikal wie<br />

Hannah Arendt. In solch einem Amt<br />

geht das wirklich nicht. Zur Natur des<br />

Amtes gehören Rücksichten. <strong>Ich</strong> führe<br />

zum Beispiel eine Koalition, aber selbst<br />

wenn ich mit absoluter Mehrheit regieren<br />

würde, müsste ich auf viele Menschen<br />

Rücksicht nehmen.<br />

Hannah Arendt hat das nicht getan. Sie<br />

hat Anfang der sechziger Jahre über den<br />

Prozess gegen den Nazi-Verbrecher Adolf<br />

Eichmann das Buch „Die Banalität des<br />

Bösen“ geschrieben und keine Rücksicht<br />

darauf genommen, dass sie sich mit ihrer<br />

Sicht als Jüdin in der eigenen Gemeinschaft<br />

isolieren würde.<br />

In so einer Situation, wo es um so fundamentale<br />

Fragen ging wie den Zivilisationsbruch<br />

durch die Nazis und den Mord<br />

an den Juden, solch eine Unabhängigkeit<br />

in Denken und Urteil zu wahren – das ist<br />

tief beeindruckend.<br />

Warum <strong>kann</strong> ein Politiker wie Sie nicht so<br />

mutig sein?<br />

Baden-Württembergs Ministerpräsident <strong>Winfried</strong> <strong>Kretschman</strong>n in einem Porträt<br />

der Berliner Künstlerin Tania Jacobi, das sie eigens für <strong>Cicero</strong> angefertigt hat<br />

Foto: Laurence Chaperon für <strong>Cicero</strong> (Seiten 14 bis 15); Gemälde: Tania Jacobi<br />

16 <strong>Cicero</strong> 03.2013


Hannah Arendt hatte kein Amt, sie war<br />

eben eine politische Denkerin, eine politische<br />

Philosophin. Das unterscheidet<br />

sie von einem Politiker. <strong>Ich</strong> nehme Rücksichten,<br />

sonst verliere ich meine Macht.<br />

Und da landen wir wieder bei Hannah<br />

Arendt. Macht entsteht, indem sich Menschen<br />

gemeinsam hinter einer Idee versammeln<br />

und handeln. Nur solange das<br />

der Fall ist, hat man überhaupt Macht.<br />

Das entwickelt sie sehr schön in ihrem<br />

Buch „Macht und Gewalt“.<br />

Sie trennt zwischen den beiden Begriffen.<br />

Die meisten verstehen ja unter Macht,<br />

dass man Amtsgewalt hat. Aber wirkliche<br />

politische Macht entsteht nach Hannah<br />

Arendt vor allem in Gründungs- und<br />

Anfangssituationen, wenn sich Menschen<br />

wuchtig und handlungsorientiert hinter<br />

einer Idee versammeln. Will man diese<br />

Macht erhalten, muss man die Menschen<br />

zusammenhalten, die sich hinter einer<br />

Idee versammelt haben. Denn es greift<br />

ja eine weitere Aussage Hannah Arendts:<br />

Die Grundlage von Politik ist die Pluralität<br />

des Menschen, die Verschiedenheit.<br />

Auch wenn sich Menschen hinter einer<br />

Idee versammeln, so bleiben sie doch<br />

unterschiedlich, und man merkt, wie<br />

schnell da zentrifugale Kräfte entstehen,<br />

die das wieder auseinandertreiben.<br />

Je älter Demokratie wird, desto stärker ist<br />

sie vom Motiv des Machterhalts geprägt?<br />

Hannah Arendt hatte jedenfalls ein pessimistisches<br />

Bild von der repräsentativen<br />

Demokratie. Zugespitzt: Wahre, reine<br />

Demokratie gibt es in Gründungssituationen.<br />

Dann verläppert sich das.<br />

So wie die Entwicklung nach der friedlichen<br />

Revolution von 1989.<br />

Oder bei den Grünen. <strong>Ich</strong> bekomme ja<br />

oft gesagt: Ihr seid heute Spießer. Aber<br />

eine Partei <strong>kann</strong> so wenig ewig jung bleiben<br />

wie ein Mensch. Die Grünen sind erwachsen<br />

geworden.<br />

Das Bild der Pulloverpartei, ganz spontan<br />

und total wild, passt nicht mehr zu den<br />

Grünen?<br />

Alles hat seine Zeit. Wir wundern uns ja<br />

auch, wenn sich Erwachsene verhalten<br />

wie Jugendliche, und wir wundern uns<br />

über altkluge Kinder. Als in den Siebzigern<br />

der Protest gegen das AKW in Wyhl<br />

lief, habe ich gespürt: Hier entsteht was<br />

Neues. Und jetzt haben wir einen Atomausstieg,<br />

an dem ich mitgewirkt habe.<br />

Wir haben natürlich deftige Kompromisse<br />

gemacht. Aber so ist das mit der<br />

Macht. Ihr emphatisches Leuchten hat<br />

sie am Beginn. Und zum Schluss ist sie<br />

eher eine Straßenlaterne als eine aufgehende<br />

Sonne.<br />

Leiden Sie darunter, dass Sie jetzt so ein<br />

Leben haben, in dem Sie dauernd Rücksichten<br />

nehmen müssen?<br />

Ja. Es zieht sich durch mein Leben, dass<br />

ich immer disziplinierter werden musste,<br />

je älter ich wurde.<br />

Sie haben sich doch sehr früh stark untergeordnet.<br />

Als Student gehörten Sie dem<br />

Kommunistischen Bund Westdeutschlands<br />

an.<br />

An dem Irrtum knapse ich mein Leben<br />

lang.<br />

Wie kamen Sie zum KBW?<br />

Diese autoritären Sekten waren eine Verirrung<br />

der späten Phase von 1968. Es gab<br />

das Neue Rote Forum, das war eine maoistische<br />

Gruppe aus Heidelberg, darüber<br />

kam ich da rein. Ursprünglich war das<br />

Libertäre an der Achtundsechzigerbewegung<br />

das Anziehende für mich, der ich<br />

aus so einem autoritären katholischen Internat<br />

in Oberschwaben kam.<br />

Die Freiheit.<br />

Ja.<br />

Aber der KBW war eine streng geregelte<br />

Kaderorganisation.<br />

Wenn ich heute aus dem Hauptbahnhof<br />

komme und die Zeugen Jehovas mit<br />

dem Wachturm stehen sehe, dann denke<br />

ich: Genauso standest du damals mit der<br />

Kommunistischen Volkszeitung vor irgendeinem<br />

Betrieb im Regen. Alle revolutionären<br />

Bewegungen drohen irgendwann<br />

ins Totalitäre und Autoritäre abzusinken.<br />

Und die Bücher von Hannah Arendt haben<br />

mir ja geholfen, rauszukommen aus<br />

diesem linksradikalen, totalitären Denken<br />

und der ganzen Gewaltmystik.<br />

1984, Sie waren inzwischen Landtagsabgeordneter<br />

der Grünen, gerieten Sie mit<br />

Ihrer Partei in Konflikt. Stand damals Ihre<br />

eigene Freiheit gegen die Parteidisziplin?<br />

Anzeige<br />

Für alle, die es wissen wollen.<br />

Wie lebt<br />

man Demokratie?<br />

Auf Krisen folgen heute neue Krisen<br />

– und offenbaren die Ohnmacht<br />

der Regierungen der Welt. Michael<br />

Hardt und Antonio Negri entwerfen<br />

in ihrer Streitschrift das Projekt<br />

einer Demokratie von unten: Ein<br />

radikales politisches Programm für<br />

eine neue und bessere Verfassung,<br />

gegen die Ursachen der Finanzkrisen,<br />

den Raubbau an der Umwelt,<br />

wachsende soziale Ungleichheit. Ein<br />

leidenschaftliches Plädoyer für das<br />

Prinzip des Gemeinschaftlichen – für<br />

eine Weltgesellschaft, in der Wasser,<br />

Banken und Bildung Gemeingüter –<br />

»commons« – sind.<br />

2013. 127 Seiten, gebunden, € 12,90<br />

03.2013 <strong>Cicero</strong> 17


T i t e l<br />

kEine angst vor schwarz-grün<br />

Laut einer Forsa-Umfrage für <strong>Cicero</strong> fänden 74 Prozent der Grünen-Anhänger eine Koalition<br />

mit der Union gut – jeder zweite Unionswähler befürwortet ein Bündnis mit den Grünen<br />

Fänden Sie eine Koalition aus CDU/CSU<br />

und Grünen <strong>alles</strong> in allem gut?<br />

Angaben in %<br />

Insgesamt<br />

West<br />

41<br />

45<br />

14<br />

Ost<br />

Wenn die Grünen mitregieren würden,<br />

hätte das für das persönliche Leben<br />

spürbare Auswirkungen?<br />

Angaben in %<br />

25 % ja<br />

69 % nein<br />

52 % ja<br />

40 % nein<br />

8 % weiß nicht<br />

Insgesamt<br />

6 %<br />

weiß nicht<br />

West<br />

50 % ja<br />

41 % nein<br />

9 % weiß nicht<br />

26 % ja<br />

68 % nein<br />

6 % weiß nicht<br />

31<br />

62<br />

7<br />

Ost<br />

Anhänger der<br />

CDU/CSU<br />

51 % ja 44 % nein 5 % weiß nicht<br />

FDP<br />

43 57<br />

SPD<br />

54 42 4<br />

Grünen<br />

74 25 1<br />

Linke<br />

31 61 8<br />

Anhänger der<br />

CDU/CSU<br />

28 % ja 68 % nein 4 % weiß nicht<br />

FDP<br />

45 55<br />

SPD<br />

24 70 6<br />

Grünen<br />

29 65 6<br />

Linke<br />

31 69<br />

Verstehen die Grünen etwas von<br />

Finanz- und Steuerpolitik?<br />

Angaben in %<br />

Insgesamt<br />

29 % viel<br />

58 % wenig<br />

13 %<br />

weiß nicht<br />

West<br />

Anhänger der<br />

CDU/CSU<br />

FDP<br />

SPD<br />

Grünen<br />

Linke<br />

27<br />

64<br />

9<br />

Ost<br />

17 % viel 76 % wenig 7 % weiß nicht<br />

10 80<br />

30 % viel<br />

59 % wenig<br />

11 % weiß nicht<br />

43 49 8<br />

66 25 9<br />

35 63<br />

10<br />

2<br />

Eigenschaftsprofil der Grünen<br />

Angaben in %*<br />

Insgesamt<br />

58 %* bürgerlich<br />

36 % liberal<br />

27 % links<br />

20 % konservativ<br />

10 % radikal<br />

West<br />

57 %* bürgerlich<br />

35 % liberal<br />

27 % links<br />

21 % konservativ<br />

11 % radikal<br />

Ost<br />

Quelle: Forsa | Datenbasis: 1004 Befragte | Erhebungszeitraum: 1. und 4. Februar 2013<br />

50<br />

32<br />

26<br />

24<br />

13<br />

Anhänger der<br />

* Prozentsumme größer als 100 %, da Mehrfachnennungen möglich<br />

CDU/CSU<br />

52 %* bürgerlich 35 % liberal 33 % links 19 % konservativ 13 % radikal<br />

FDP<br />

46 33 41 27 11<br />

SPD<br />

68 40 23 19 9<br />

Grünen<br />

78 44 33 14 6<br />

Linke<br />

62 41 21 22 8<br />

Grafiken. esther Gonstalla<br />

18 <strong>Cicero</strong> 03.2013


Da ging es nicht um meine persönliche<br />

Aufmüpfigkeit, überhaupt nicht. Die<br />

Grünen hatten die Umkehr der Beweislast<br />

bei Vergewaltigung beschlossen. Der<br />

Beschuldigte sollte seine Unschuld beweisen.<br />

Jetzt muss man sich mal vorstellen,<br />

was das bedeutet. Es würde den<br />

Grundsatz „Im Zweifel für den Angeklagten“<br />

wegfegen, eine der größten<br />

Errungenschaften in der Geschichte<br />

des Rechts. Und gegen diesen gigantischen<br />

Mainstream, der da herrschte,<br />

bin ich auf einem Parteitag in Konstanz<br />

aufgestanden.<br />

Sie fassten Mut?<br />

Das war tatsächlich ein mutiger Akt, gegen<br />

so eine aufgeladene Stimmung aufzutreten.<br />

Schon am Morgen hatte ich den<br />

Kultusminister Gerhard Mayer-Vorfelder<br />

von der CDU verteidigt. Er war damals<br />

das Lieblingsfeindbild der Grünen,<br />

und ich hab ihn in Schutz genommen gegen<br />

den Vorwurf, er betreibe psychologische<br />

Kriegsvorbereitung an den Schulen.<br />

Da sprang der halbe Parteitag vor Empörung<br />

auf.<br />

Was haben Sie denen gesagt?<br />

Eine Partei, die sich pazifistisch gibt,<br />

<strong>kann</strong> ja nun wirklich nicht so mit dem<br />

politischen Gegner umgehen. Es war<br />

die Zeit des Fundamentalismus bei den<br />

Grünen. Aber meine Antennen, was<br />

Fundamentalismus und Totalitäres betrifft,<br />

waren aus der Zeit bei den Maoisten<br />

sensibel für solche Töne und Bewegungen.<br />

Deshalb hab ich den Kampf<br />

durchgestanden. Was ich mir da anhören<br />

musste. Die nannten mich Halbfaschist<br />

und Reaktionär. Rainer Trampert,<br />

immerhin Bundesvorstandssprecher, hat<br />

mir vorgeworfen, was ich mir erlaubt<br />

hätte, hätte nicht mal die Bild zu sagen<br />

gewagt. Das <strong>alles</strong> klingt jetzt, in der<br />

Rückschau, etwas heiterer. Aber es war<br />

nicht heiter.<br />

Haben Sie die Grünen gehasst, die Sie da<br />

attackiert haben?<br />

Nein.<br />

Was haben Sie empfunden?<br />

Hass überhaupt nicht, sondern es war<br />

die reine Wut. Auch Enttäuschung, denn<br />

ich konnte dann zur Landtagswahl nicht<br />

mehr antreten. Die Grünen hatten mich<br />

demontiert. Aber mir war schon klar: <strong>Ich</strong><br />

gebe nicht auf.<br />

Ist es unter Linken stärker verbreitet, sich<br />

nicht nur hinter einer Idee zu versammeln,<br />

sondern Politiker auf Parteibeschlüsse zu<br />

verpflichten und notfalls einzunorden?<br />

Auf die Fundis trifft das vielleicht zu.<br />

Und bei Jutta Ditfurth war das wirklich<br />

Gesinnungsdiktatur und Tugendterror.<br />

Aber mit solchen Fundis darf man<br />

die Linken nicht in einen Topf schmeißen.<br />

Dem linken Flügel geht es um soziale<br />

Fragen. Die Grünen sind eine durch<br />

und durch sozial temperierte Partei. Sie<br />

gehören zum sozial denkenden Teil des<br />

Bürgertums.<br />

Was heißt das für die Politik der Grünen?<br />

Die wichtigste sozialpolitische Maßnahme<br />

sind meiner Meinung nach<br />

Ganztagsschulen. Das ist hundertmal<br />

wichtiger als <strong>alles</strong> andere, um das Auseinanderdriften<br />

der Gesellschaft zu verhindern.<br />

Die Grünen sollten einen freiheitlichen<br />

Begriff des Sozialen haben, der<br />

die Leute fordert, selbst zu denken und<br />

ihr Leben selbst zu bewältigen. Den Bildungserfolg<br />

von der Herkunft zu entkoppeln,<br />

ist entscheidend für das soziale<br />

Gesicht der Gesellschaft. Auf rein paternalistische<br />

Sozialprogramme sollten wir<br />

verzichten. Wir müssen das fördern, worum<br />

es in unserem Gespräch bisher gegangen<br />

ist: selbst zu denken, selbst zu<br />

handeln.<br />

Sind die Grünen überhaupt eine Partei der<br />

Freiheit?<br />

Wir haben uns schon immer als eine Partei<br />

für Bürgerrechte und individuelle<br />

Freiheit verstanden. Auch Menschenrechtsfragen<br />

haben ja immer eine riesige<br />

Rolle gespielt. Aber der Freiheitsbegriff ist<br />

konservativ eingehegt. Die Grünen haben<br />

ihre starke ökologische Seite. Schon<br />

deshalb sind sie gegen Marktradikalismus<br />

hochgradig empfindlich und setzen auf<br />

einen klaren Ordnungsrahmen.<br />

Gerade werden in Baden-Württemberg<br />

Alkoholverbote auf öffentlichen Plätzen<br />

diskutiert. Das berührt doch die Freiheit.<br />

Freiheit meint spätestens seit Kant etwas<br />

anderes als Willkürfreiheit, dass jeder<br />

tun <strong>kann</strong>, was er will. <strong>Ich</strong> habe ja<br />

neben der Hannah Arendt ein zweites<br />

philosophisches Leitgestirn an meinem<br />

Philosophen-Himmel: Jeanne Hersch.<br />

Und die hat den schönen Begriff geprägt:<br />

Es gibt keine Freiheit ohne Verantwortung.<br />

Was wollen wir mit einer Freiheit<br />

anfangen, in der man nicht für das Verantwortung<br />

übernimmt, was man tut?<br />

Die bedeutet dann nichts mehr.<br />

Es gibt doch schon ein Polizeigesetz.<br />

Es geht ja auch gar nicht darum, dass wir<br />

jetzt den Leuten verbieten wollen, öffentlich<br />

Alkohol zu trinken oder dass sie sich<br />

mal besaufen, das hab ich früher auch<br />

gemacht. Es geht um Extreme, öffentliche<br />

Räume dürfen nicht zu Angsträumen<br />

für Menschen werden, wo sie sich<br />

nicht mehr hintrauen. Es ist ein großer<br />

kultureller Fortschritt, überall hingehen<br />

zu können. Das darf nicht durch eine falsche<br />

Baupolitik eingeschränkt werden,<br />

durch die zum Schluss nur noch Banken<br />

und Geschäfte da sind, nicht durch<br />

krakeelende Jugendliche und auch nicht<br />

durch kollektive Saufgelage. Den öffentlichen<br />

Raum zu schützen, ist ein Akt der<br />

Freiheit.<br />

Aus der eigenen Partei wird Ihnen Freiheitsfeindlichkeit<br />

vorgeworfen.<br />

Die grüne Jugend hat ja zu diesen Regeln<br />

gegen Alkoholmissbrauch gesagt,<br />

wir würden da Freiheit und Toleranz einschränken.<br />

Da schüttelt es mich einfach,<br />

bei so einem Freiheitsbegriff. Als ginge es<br />

um das Recht, sich kollektiv auf öffentlichen<br />

Plätzen zu besaufen! Zu pöbeln,<br />

zu urinieren, Lärm zu veranstalten und<br />

Schlimmeres, ja, bis hin zu Aggression<br />

gegen Polizisten. Mit so einem Freiheitsbegriff<br />

habe ich nix am Hut.<br />

Warum legen Sie nicht öfter so los wie<br />

jetzt gerade, sondern treten als gütiger<br />

Ministerpräsident auf?<br />

Unpolemisches, an der Sache orientiertes<br />

Auftreten passt in die Zeit. Sie müssen<br />

sich nur anschauen, wer zurzeit Ministerpräsident<br />

ist und wird. Olaf Scholz,<br />

Annegret Kramp-Karrenbauer, jetzt die<br />

Malu Dreyer, Stanislaw Tillich, Platzeck,<br />

Albig, das ist schon sehr, sehr auffällig.<br />

Keine Roland Kochs.<br />

Keine Roland Kochs.<br />

Keine Mappusse.<br />

03.2013 <strong>Cicero</strong> 19


T i t e l<br />

Keine Mappusse mehr.<br />

Warum ist das so?<br />

Die Leute haben harte Krisenwahrnehmungen.<br />

Wem es gut geht, der guckt<br />

gern politische Boxkämpfe und will wissen,<br />

wer da der Sieger ist. Aber in krisenhaften<br />

Situationen wollen die Leute<br />

Weitblick und Besonnenheit. Sie wollen<br />

weg von den ständigen Aufgeregtheiten.<br />

Aber Sie hätten doch schon mal Lust, ein<br />

wenig zu raufen mit den politischen Kontrahenten,<br />

oder?<br />

Ja. Das stimmt. Aber da sind dann auch<br />

wieder die Rücksichten. Nehmen Sie<br />

mal den Halbsatz von mir, der kurz nach<br />

meinem Amtsantritt ziemlich Furore gemacht<br />

hat: Weniger Autos sind besser<br />

als mehr. Da ist man schon froh, dass<br />

man für solche Sätze nicht Abbitte leisten<br />

muss.<br />

Mit der Automobilindustrie schmusen<br />

Sie jetzt, wenn Sie sich zum Beispiel in<br />

einem Porsche fotografieren lassen. Wäre<br />

es nicht mutiger zu sagen: Leute, Eure<br />

Benzinfresser gehen gar nicht mehr.<br />

Ja, ich bin ja auch nur in einem Elektro-Porsche<br />

gehockt. Und dann merkt<br />

man, da geht das, was niemand erwartet<br />

hat. Die Rolle von diesen Premium-<br />

Autos ist heute eine ganz andere. Sie<br />

können mit denen den technologischen<br />

Fortschritt pushen, denn der Käufer<br />

von so einem Wagen achtet nicht auf<br />

1000 Euro mehr oder weniger. Und <strong>außer</strong>dem<br />

ist man als Ministerpräsident<br />

auch nicht dazu da, unentwegt seine<br />

eigenen politischen Gefühle auf den<br />

Markt zu tragen.<br />

Sie dürfen nicht sagen, was Sie denken?<br />

In der zweiten Reihe hab ich mich durchaus<br />

wohlgefühlt, da <strong>kann</strong> man schön gegen<br />

den Strom schwimmen. Jetzt hab ich<br />

schon manchmal Angst, dass gestanzte<br />

Phrasen aus dem <strong>Kretschman</strong>n kommen.<br />

Das Amt biegt einen da.<br />

Immerhin sind Sie doch Chef der<br />

Regierung.<br />

Das bin ich nach der Verfassung, ja, aber<br />

die Verfassungswirklichkeit sieht längst<br />

nicht mehr so aus. <strong>Ich</strong> bin an den Koalitionsvertrag<br />

gebunden, und der ist<br />

ein Kompromisspaket, das ich vertreten<br />

muss. So funktioniert ein Führungsamt<br />

eben. Nur wenn es Formen annimmt,<br />

unter denen ich wirklich leide, <strong>kann</strong> ich<br />

so eine Koalition nicht machen.<br />

Mit wem können Sie denn überhaupt<br />

Koalitionen machen?<br />

Da muss man ein weites Herz haben.<br />

Man verkennt ja auch bei den Grünen<br />

gern, dass sich die demokratischen Parteien<br />

über die wichtigsten Fragen einig<br />

sind.<br />

Was passt in Ihr weites Herz? Die CDU?<br />

Die FDP?<br />

Die FDP ist zurzeit nicht zu gebrauchen,<br />

schon gar nicht hier im Land. Allein deren<br />

Sprache entspricht der einer linken<br />

Kampftruppe. Früher waren in der FDP<br />

auch gewiefte Marktpolitiker, aber deren<br />

Sprache war liberal, die war filigran, sie<br />

hat ausgestrahlt: Wir sind nicht die Einzigen,<br />

die recht haben, wir sind dialogfähig.<br />

Wenn ich an die Größen denke. Ralf<br />

Dahrendorf, Theodor Heuss, Reinhold<br />

Maier mit seinem Witz, das war eine<br />

witzige Polemik, mal die Katholiken als<br />

schwarzes Ottern- und Natterngezücht<br />

zu bezeichnen, das ist ja schon was. Oder<br />

der Heuss: „Die Jagd ist eine Nebenform<br />

der menschlichen Geisteskrankheit.“ Das<br />

waren allerdings die Zeiten vor der Political<br />

Correctness, das würde ja heute zum<br />

Rücktritt führen, wenn ich so was loslassen<br />

würde.<br />

Die FDP schreiben Sie also ab?<br />

Der Einzige, der mir da irgendwie gefällt,<br />

ist der Christian Lindner. Aber sonst ist<br />

das nur dieses Getöse, immer auf dem<br />

höchsten Grad der Polemik, die dumpfeste<br />

Kanone, das ist nicht liberal. Und<br />

deshalb passt die FDP auch nicht in<br />

Bündnisse mit den Grünen.<br />

Und die CDU?<br />

Gut, die CDU in Baden-Württemberg<br />

ist derzeit derangiert. Das muss man verstehen,<br />

wenn eine Partei nach 58 Jahren<br />

aus der Regierung fliegt. Mit Angela<br />

Merkel habe ich keine wirklichen Probleme.<br />

Ein Defizit ist, dass sie ein bisschen<br />

in der Tradition vom Helmut Schmidt<br />

steht: Wer Visionen hat, muss zum Arzt.<br />

Da unterscheide ich mich grundlegend,<br />

weil ich glaube, dass man auch immer<br />

eine Vorstellung von Gesellschaft haben<br />

muss. Sonst machen wir uns zu Technikern<br />

der Macht.<br />

Wer beweist denn heute in der Politik<br />

noch Mut?<br />

<strong>Ich</strong> bin schon auch noch mutig. Dass ich<br />

die Suche nach einem Atomendlager wieder<br />

geöffnet habe, das war mutig. Das<br />

konnte ich nämlich nur, weil in meinem<br />

Land potenzielle Standorte liegen, einige<br />

haben mich deshalb für verrückt erklärt.<br />

Aber ich bin ein Provinzpolitiker. Richtig<br />

mutig waren die Menschen, die in Ägypten<br />

auf die Straße gegangen sind. Auch<br />

die Stuttgart-21-Gegner, die sind gegen<br />

einen mächtigen Strom geschwommen.<br />

Obwohl sie in der Sache verloren haben,<br />

haben sie doch viel bewirkt für die Republik.<br />

Man weiß jetzt, dass diese Art,<br />

Großprojekte durchzuziehen, beendet ist.<br />

Sie nennen sich selbst einen Kleinbürger.<br />

Und Herr Braun, Ihr Vizeregierungssprecher,<br />

ist 2010 mit dem Satz zitiert<br />

worden: „Wir Grünen sind jetzt die neuen<br />

Spießer.“<br />

Braun: <strong>Ich</strong> geh lieber raus.<br />

<strong>Kretschman</strong>n: Spießer, das hat ja was Kokettes.<br />

Gut, damals machte der Satz halt<br />

gleich Karriere. Typisch. Die Verbindung<br />

von Politik und Medien ist eine unglaubliche<br />

Klischeemaschine, hier Anwesende<br />

natürlich ausgenommen.<br />

Wie funktioniert die Klischeemaschine?<br />

Öffentliche Rede und Kommunikation<br />

sind ein knappes Gut, man muss <strong>alles</strong> irgendwie<br />

in wenige Sätze packen, sagen<br />

wir beim Fernsehinterview etwa 20 Sekunden<br />

in der Regel. Um zu gewissen<br />

Zuspitzungen zu gelangen, wird sortiert<br />

und in Schubladen gesteckt. Das erzeugt<br />

Klischees. <strong>Ich</strong> bin katholisch, und die<br />

Klischeemaschine verformt mich sofort<br />

zu einem tiefgläubigen Katholiken, ohne<br />

dass mich jemals ein Journalist danach<br />

gefragt hat.<br />

Sind Sie gar nicht?<br />

Bin ich gar nicht. <strong>Ich</strong> gehöre zur Gruppe<br />

der gläubigen Skeptiker oder der skeptischen<br />

Gläubigen. Es ist ja auch nicht verwunderlich<br />

für einen gelernten Biologen,<br />

der Anhänger der Evolutionstheorie ist.<br />

<strong>Kretschman</strong>n, Ex-Kommunismus plus<br />

Kruzifix – diese quarkigen Klischees nerven<br />

mich zuweilen.<br />

20 <strong>Cicero</strong> 03.2013


Der Papst-Rücktritt berührt Sie nicht?<br />

Der Rücktritt eines Papstes bedeutet<br />

zweifelsohne eine historische Zäsur für<br />

die katholische Kirche. <strong>Ich</strong> habe hohen<br />

Respekt für seine Entscheidung. Und es<br />

gibt natürlich eine Beziehung. In den<br />

intensiven Gesprächen bei meinem Besuch<br />

in Rom vor einigen Jahren und<br />

beim Besuch seiner Heiligkeit in Baden-<br />

Württemberg im Jahr 2011 habe ich ihn<br />

als herzlichen und offenen Gesprächspartner<br />

erlebt. Er hat für die Theologie<br />

wichtige Akzente gesetzt, zum Beispiel<br />

in den Enzykliken zu Liebe und Hoffnung.<br />

Trotzdem hätte ich mir als Katholik<br />

an verschiedenen Stellen Reformen<br />

gewünscht.<br />

Zurück zu den Spießern. Wie ist es mit<br />

denen?<br />

In der Klischeemaschine spielen Begriffe<br />

wie bürgerlich oder links oder rechts eine<br />

überragende Rolle. Sonst verwirrt es offensichtlich<br />

alle. Aber jeder hat Spießer-<br />

Ecken, jeder hat Fundi-Ecken.<br />

Es gibt einen alten Werbespot der Bausparkasse<br />

LBS. Ein Mädchen erzählt<br />

ihrem Vater, einem Punk, was für ein<br />

tolles Einfamilienhaus der Papa ihrer<br />

Freundin hat. Der Punk sagt: Sind doch<br />

Spießer. Das Mädchen sagt: Wenn ich<br />

groß bin, will ich auch Spießer werden.<br />

Sind die Grünen jetzt so weit?<br />

Also, ich bringe ja selber das beste<br />

Beispiel. <strong>Ich</strong> bin begeisterter Heimwerker,<br />

wie Millionen andere Männer<br />

in Deutschland auch. Baumärkte<br />

sind die einzigen Geschäfte, in denen<br />

ich mich wirklich gern aufhalte, stundenlang.<br />

Das amüsiert dann meine<br />

Frau. Zwischen den Regalen könnte<br />

ich mein halbes Leben verbringen, allein<br />

die ganzen Schlagbohrmaschinen<br />

miteinander vergleichen und in die<br />

Hand nehmen … Wenn das spießig<br />

ist, habe ich da kein schlechtes Gefühl<br />

dabei.<br />

Was basteln Sie denn?<br />

Außer Schweißen <strong>kann</strong> ich <strong>alles</strong>.<br />

Was kommt da raus für Ihren Haushalt<br />

oder für Ihren Garten?<br />

Na, ich habe das ganze Haus praktisch<br />

selber renoviert und dann Reparaturen<br />

gemacht, Anbauten, Balkone, Terrassen,<br />

aber auch im Haus, Böden legen, Zwischenwände<br />

einziehen, das Bad fliesen.<br />

Und das fehlt mir.<br />

Sie haben keine Zeit mehr.<br />

Es fehlt mir absolut. Zur Entspannung.<br />

Man muss sich nur konzentrieren auf<br />

seine Arbeit. Nach 20 Minuten Tüfteln<br />

hat man den Kopf vollkommen frei und<br />

hat was gemacht. Das, was wir in der Politik<br />

machen, zerfließt ja oft.<br />

Was war Ihr letztes Werkstück?<br />

Ein Briefkasten. Aber der darf auch nicht<br />

draußen vorm Haus hängen wegen der<br />

neuen Sicherheitsstandards.<br />

Da hat das Amt wieder ein bisschen am<br />

<strong>Kretschman</strong>n gebogen?<br />

Ja.<br />

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T i t e l<br />

Begrenzt mich!<br />

Warum ich darüber nachdenke, die Grünen zu wählen, obwohl das nicht unbedingt gut für mich ist<br />

von Christoph Schwennicke<br />

J<br />

a, ich könnte mir vorstellen, die<br />

Grünen zu wählen. Die Frage<br />

ist: Weiß ich wirklich, was ich da<br />

tun würde? Ist das gut für mich?<br />

Oder wähle ich mein Unglück,<br />

das Ende meines lustvollen Lebens, meinen<br />

finanziellen Ruin?<br />

Tatsache ist, dass es sich bei den Grünen<br />

um die Partei handelt, bei der ich ein<br />

größtmögliches Maß an Entmündigung<br />

wähle. Keine andere Partei ist so bevormundend<br />

wie die Grünen. Sie sind für das<br />

Gute, und zum Guten gibt es<br />

keine Alternative. Die einstmals<br />

Alternativen empfinden<br />

ihre Lehre als alternativlos.<br />

Allein darin liegt ein atemberaubender<br />

Widerspruch.<br />

Das ist schon mal ein<br />

wichtiges Argument gegen<br />

die Wahl der Grünen. <strong>Ich</strong><br />

mag keinen Absolutheitsanspruch,<br />

egal aus welcher politischen Ecke<br />

oder Gesinnung er kommt.<br />

Dazu kommen lebenspraktische Erwägungen.<br />

Mein Ausflug übers Wochenende<br />

nach Dublin, <strong>alles</strong> nur, um mit einem<br />

guten Freund oberhalb der irischen<br />

Landeshauptstadt den großartigen Christy<br />

Moore bei einem Heimspiel zu hören,<br />

mit Aer Lingus hingeflogen, mit dem<br />

Leihwagen die raue Küste hinauf: Herrlich<br />

war das. Aber dieser Ausflug hat natürlich<br />

überhaupt keinen Bestand vor einem grünen<br />

Gesinnungsgericht. Eine furchtbare<br />

CO 2<br />

-Bilanz für anderthalb Stunden Christy<br />

Moore in Drogheda.<br />

Der alte 500er in der Tiefgarage, die<br />

schöne alte S-Klasse aus der Zeit von Helmut<br />

Kohl: ein Traum von Auto, aber bei<br />

15 Litern auf 100 Kilometer ein No-Go<br />

für Menschen mit einem grünen Gewissen.<br />

Natürlich weiß ich auch, dass das Brathähnchen<br />

beim Döner-Türken um die<br />

Ecke nicht glücklich und artgerecht aufgewachsen<br />

sein <strong>kann</strong>, wenn es als Hälfte für<br />

3,50 Euro zu haben ist. Aber ich gestehe:<br />

Man sucht<br />

sich mit der<br />

Wahl der<br />

Grünen eine<br />

Art Urmutter<br />

Ab und zu gönne ich mir diese Sünde, und<br />

für 15 oder 20 Euro würde ich es nicht tun.<br />

Und dann all diese politischen Irrwege,<br />

die die Grünen konsequent und unbelehrbar<br />

beschritten haben. Das Dosenpfand<br />

des Jürgen Trittin, mit einiger Sicherheit<br />

ein grober Unfug; und wenn ich die Joghurtbecher<br />

vom Biomarkt aus der Papierhülle<br />

schäle und den Plastikbecher für die<br />

gelbe Tonne auswasche, beschleicht mich<br />

mehr als nur Zweifel, ob das <strong>alles</strong> zu Ende<br />

gedacht ist, was ich da tue.<br />

Der Emissionshandel,<br />

der Wahnsinn des EEG, dessen<br />

skurrile Auswüchse von<br />

Fehlsteuerung durch Subventionen,<br />

selbst beim sehr deutschen<br />

Atomausstieg bin ich<br />

mir nicht sicher, ob wir wirklich<br />

wissen, was wir da tun.<br />

Es ist nicht <strong>alles</strong> schon<br />

deshalb falsch, was den Grünen<br />

zur Last gelegt wird, nur weil es von deren<br />

politischen Gegnern vorgetragen wird.<br />

Der Autor Andreas Möller hat das<br />

nachdenkliche Buch „Das grüne Gewissen“<br />

über die Grünen und ihre Gesinnung<br />

geschrieben, das dieser Tage erscheint. Es<br />

ist wohltuend, weil es aus einer grundsätzlichen<br />

Empathie heraus viele berechtigte<br />

Fragezeichen anbringt an dem, was manche<br />

die Ökodiktatur nennen. Die Unterstützung<br />

des Biosprits einerseits und die<br />

totale Abneigung der grünen Gentechnik<br />

andererseits. Oder einfach nur eine Regalschau<br />

einer Biomarkt-Kette in Berlin, die<br />

alle ihre Produkte über Hunderte von Kilometern<br />

aus Bayern ankarren lässt und nicht<br />

aus dem Brandenburger Umland.<br />

Möller findet den Ursprung des kollektiv<br />

Ökologischen im Deutschen an sich, in<br />

der Romantik, also der Epoche, ebenso wie<br />

im Romantischen, also der Verklärung einer<br />

Natur, die so denaturiert ist wie laktosefreie<br />

Milch.<br />

Friedrich Schlegel sprach von „rückwärts<br />

gekehrter Prophetie“. Möller ergänzt,<br />

es gehe den modernen Ökologen um einen<br />

Naturzustand, in dem <strong>alles</strong> Unbehagliche<br />

getilgt ist, um eine Natur, die nur<br />

noch Projektionsfläche von Sehnsüchten<br />

sei. „Während die Sorge um den Zustand<br />

der Umwelt früher ganz selbstverständlich<br />

christlich oder pazifistisch motiviert<br />

war und keiner Vorzeigepolitiker wie Katrin<br />

Göring-Eckardt oder <strong>Winfried</strong> <strong>Kretschman</strong>n<br />

bedurfte, ist das grüne Lebensgefühl<br />

unserer Tage von einem Bedürfnis nach sozialer<br />

und kultureller Verteidigung im Kleinen<br />

getrieben.“<br />

Befriedigen die Grünen also nur meinen<br />

urbanen Eskapismus, sind sie die<br />

Landlust unter den Parteien?<br />

Kann gut sein. Aber wahrscheinlicher<br />

ist, dass ich bei allen Verirrungen der Grünen<br />

weiß, dass die Richtung stimmt, dass<br />

es kein Zufall ist, dass Kinder ihre Eltern<br />

immer wieder besonders hart rannehmen,<br />

wenn sie den Eindruck haben, dass die Erwachsenen<br />

kein hinreichendes Bewusstsein<br />

für den Schutz der Natur und der Kreatur<br />

haben.<br />

Womöglich ist das Elternbild auch gar<br />

nicht schlecht. Man sucht sich mit der<br />

Wahl der Grünen eine Art grüne Urmutter,<br />

die einem vorschreibt, was zu tun und<br />

zu lassen ist. Man delegiert seinen inneren<br />

Schweinehund, weil man weiß, dass<br />

man selbst zu schwach ist, ihn zu beherrschen.<br />

Man wählt die partielle Entmündigung,<br />

weil man weiß, dass es besser ist so.<br />

<strong>Ich</strong> muss begrenzt werden. Als CO 2<br />

-<br />

Schleuder, als Brathähnchenesser, als Autonarr.<br />

Begrenzt mich, ihr grünen Besserwisser.<br />

Denn alleine schaffe ich es nicht.<br />

Das ist es. Das ist die Erklärung für die<br />

paradoxe Wahl des eigenen Unglücks als<br />

Möglichkeit.<br />

Christoph Schwennicke<br />

ist Chefredakteur von <strong>Cicero</strong><br />

Fotos: Andrej Dallmann<br />

22 <strong>Cicero</strong> 03.2013


Kommt nicht in die tüte!<br />

Für die Grünen bedeutet Politik vor allem Umerziehung. Und dafür soll ich sie auch noch wählen?<br />

von Alexander Marguier<br />

S<br />

eit anderthalb Jahren gehört<br />

auch die Abschaffung der Plastiktüte<br />

offiziell zu den politischen<br />

Zielen der Grünen. Auf<br />

ihrem Kieler Parteitag im November<br />

2011 beschlossen die Delegierten,<br />

„Tüten auf Basis von fossilen Rohstoffen“<br />

müssten „in Deutschland und europaweit<br />

aus dem Verkehr gezogen werden“. Welch<br />

ein Fanal! Endlich wieder Hoffnung für<br />

unsere geschundene Mutter Erde! Weil<br />

aber selbst die Naivsten unter den Grünen<br />

kaum daran glauben dürften, mit diesem<br />

Vorstoß irgendetwas auch nur halbwegs<br />

Sinnvolles für den Umweltschutz erreicht<br />

zu haben, sollte man ihn tunlichst dort verorten,<br />

wo er hingehört. Und zwar in der<br />

Kategorie „Symbolpolitik“.<br />

Im demokratischen Wettbewerb jedoch<br />

sind politische Symbole, und mögen sie<br />

noch so weltfremd sein, keineswegs läppische<br />

Schaufensterauslagen,<br />

die zum Ergötzen der Laufkundschaft<br />

hinter Glas platziert<br />

werden und dort nach<br />

ein paar Wochen in Ruhe<br />

Staub ansetzen dürfen. Sie<br />

stehen vielmehr für die Wesensmerkmale<br />

einer Partei<br />

wie Sakramente in der Kirche.<br />

Womit wir auch schon<br />

bei einer Eigenschaft wären,<br />

die den Charakter der Grünen<br />

seit ihrer Entstehung Ende der siebziger<br />

Jahre prägt wie keine andere: der quasi<br />

religiöse Absolutheitsanspruch, das Selbstverständnis<br />

einer manichäischen Bewegung<br />

zum Ziele der Verbesserung des Menschen<br />

an sich. Die Plastiktüte ist ein schönes Beispiel<br />

dafür, denn natürlich handelt das propagierte<br />

Aus-dem-Verkehr-Ziehen nicht<br />

von ihr, sondern von jenen verlorenen Seelen,<br />

die solche Tüten benutzen. Und zwar<br />

wohlgemerkt in ganz Europa, nicht etwa<br />

nur in Deutschland.<br />

Plastiktüten mögen eine ökologisch<br />

unschöne Hervorbringung der<br />

Die Grünen<br />

sagen<br />

„Plastiktüte“<br />

und meinen<br />

in Wahrheit<br />

„Unterschicht“<br />

Wegwerfgesellschaft sein, aber das sind andere<br />

Dinge, die ebenfalls „auf Basis von fossilen<br />

Rohstoffen“ produziert werden, auch:<br />

Weinflaschen beispielsweise, Fruchtjoghurtoder<br />

Bio-Kefir-Becher. Von entsprechenden<br />

Verbotsanträgen ist mir bisher allerdings<br />

nichts be<strong>kann</strong>t. Nein, die Plastiktüte<br />

soll es treffen, besser gesagt: die Plastiktütenträger.<br />

Diese Spezies ist gewöhnlich<br />

nicht auf den Wochenmärkten in den bürgerlichen<br />

Stadtvierteln anzutreffen oder<br />

im Manufactum-Shop. Sondern bei Aldi,<br />

Penny und Lidl. Überall dort also, wo<br />

Leute einkaufen, die nicht unbedingt zu<br />

den Privilegierten in diesem Land gehören.<br />

Die Grünen sagen „Plastiktüte“ (oder<br />

auch „Einwegdose“) und meinen in Wahrheit:<br />

Unterschicht. Es geht ihnen im Kern<br />

nämlich nicht um die Umwelt, sondern<br />

um kulturelle Hegemonie. So manifestiert<br />

sich der grüne Ekel vor den bildungsfernen<br />

Discount-Deutschen<br />

auch in einer ästhetischen<br />

Rigorosität gegenüber Tüten.<br />

Diese Haltung steht<br />

nur in scheinbarem Widerspruch<br />

zum linken Selbstverständnis<br />

der Grünen.<br />

Denn die „kleinen Leute“<br />

spielen im Weltbild des saturierten<br />

Öko-Bürgertums<br />

weniger eine Rolle als ernst<br />

zu nehmende Individuen,<br />

sondern vielmehr als willfährige Empfänger<br />

öffentlicher Subsidien. Mit dem großzügigen<br />

Verteilen von Staatsknete lässt sich<br />

das eigene soziale Gewissen eben immer<br />

noch am einfachsten beruhigen. In einer<br />

ähnlichen Mischung aus Selbstgefälligkeit<br />

und Ignoranz jagen die Grünen übrigens<br />

unbeirrt von allen Problemen weiterhin ihren<br />

Multikulti-Träumen hinterher. Aber<br />

während im Justemilieu einer urbanen<br />

Bio-Boheme die Vorzüge ethnischer Vielfalt<br />

besungen werden, dürfen die Bewohner<br />

der weniger bevorzugten Stadtteile die<br />

Folgen gescheiterter Integration aushalten.<br />

Und wem das nicht passt (oder wer es auch<br />

nur wagt, am herrlichen Migrationsmythos<br />

zu zweifeln), der bekommt schnell<br />

die härteste Waffe der Grünen zu spüren:<br />

ihre stets überlegene Moral in Form der<br />

Rassismus-Keule.<br />

Politik, das ist für die Grünen vor allem<br />

ein groß angelegtes Umerziehungsprogramm<br />

(was auch kein Wunder ist für<br />

eine Partei, deren Klientel überwiegend<br />

aus Lehrern und höheren Beamten besteht).<br />

Da ermahnt etwa der nordrheinwestfälische<br />

Umweltminister Johannes<br />

Remmel sein gefräßiges Volk, nur einmal<br />

pro Woche Fleisch zu essen, während seine<br />

grüne Ministerkollegin Barbara Steffens ein<br />

landesweites Verbot von Raucher-Clubs<br />

durchsetzt. Und stets droht die grüne Tugendhaftigkeit,<br />

ins Persönlich-Diffamierende<br />

zu kippen: Als etwa der CDU-Bundestagsabgeordnete<br />

Michael Fuchs im<br />

Zuge der Energiewende nicht von seinem<br />

Pro-Atom-Kurs lassen wollte, marschierten<br />

regelmäßig grüne Demonstranten bei ihm<br />

auf – vor seinem Privathaus, wohlgemerkt.<br />

So viel zur frommen Legende, die Grünen<br />

seien eine liberale Partei.<br />

Sind wirklich alle Grünen so schlimm?<br />

Selbstverständlich nicht. Wie in jeder anderen<br />

Partei finden sich auch bei ihnen<br />

kluge, tolerante, nachdenkliche, sympathische<br />

und verantwortungsbewusste Männer<br />

und Frauen. Was mich an ihnen stört, sind<br />

weder Claudia Roth noch Hans-Christian<br />

Ströbele oder der vor Arroganz erstarrte Jürgen<br />

Trittin. Sondern die aggressive Dünkelhaftigkeit,<br />

mit der sich die Grünen über<br />

Andersdenkende erheben. Kann ich mir<br />

trotzdem vorstellen, sie zu wählen? Na klar,<br />

so weit reicht meine Fantasie schon. Werde<br />

ich es auch tun? Ganz sicher nicht.<br />

Alexander Marguier<br />

ist stellvertretender Chefredakteur<br />

von <strong>Cicero</strong><br />

03.2013 <strong>Cicero</strong> 23


T i t e l<br />

die schöne und der Biest<br />

Katrin Göring-Eckardt und Jürgen Trittin sollen im Wahljahr als grünes Spitzenduo die<br />

Mitte abräumen und obendrein schön links wildern. Klappt das? Eine politische Stilkritik<br />

von Peter Unfried<br />

I<br />

m Winter holt Katrin Göring-Eckardt<br />

ihr Strickzeug heraus. Brot backt sie<br />

zu jeder Jahreszeit am liebsten selbst.<br />

Eines Tages will sie Schlagzeug spielen<br />

lernen. Und wenn die erwachsenen<br />

Söhne ihre Kleidung mit den Worten<br />

„Mama, bist du peinlich“ kommentieren,<br />

dann zieht sie sich geschwind um. Das ist<br />

das Bild, das die Spitzenkandidatin der<br />

Grünen von sich entwirft. Es verströmt<br />

ein wenig von dem Landlust-Flair, das auch<br />

der Grünen-Ministerpräsident <strong>Winfried</strong><br />

<strong>Kretschman</strong>n ausstrahlt. Kritiker setzen<br />

da gern und schnell den alten Kampfbegriff<br />

„spießig“ ein. Doch diese Sicht verkennt,<br />

dass dahinter ein gesellschaftlicher<br />

Trend steht: Sehnsucht nach Halt, Erdung<br />

und einer überschaubaren Heimat angesichts<br />

der globalen Komplexität.<br />

Göring-Eckardt, 46, hatte bei der Urwahl<br />

der zwei Grünen-Spitzenkandidaten<br />

für die Bundestagswahl überraschend die<br />

Fraktionsvorsitzende Renate Künast und<br />

die Parteivorsitzende Claudia Roth abgehängt<br />

und bildet seither mit Jürgen Trittin<br />

das Duo für den Wahlkampf. Das zeige,<br />

wie „weise“ die Basis doch sei, jubelte man<br />

in der Partei. Deren Politiker und Funktionäre<br />

wähnten sich fürs Jahr 2013 perfekt<br />

ausgestattet. Trittin, für viele Stammkunden<br />

immer noch ein klassischer Linker,<br />

transformiert sich zudem in der Öffentlichkeit<br />

vom Ex-Kommunisten und Dosenpfandler<br />

zum souveränen Globalökonomen.<br />

Wählbar für alle, die um ihr Geld<br />

fürchten. Göring-Eckardt wiederum gibt<br />

den Grünen, wie Parteichef Cem Özdemir<br />

es formuliert, „bei werteorientierten Wählern<br />

einen kräftigen Schub“. Also bei bisher<br />

eher der Union zugeneigten Wählern,<br />

die angesichts der dortigen Gebräuche<br />

(Guttenberg, Wulff, Mappus) um einen<br />

Katrin Göring-Eckardt steht für die<br />

Verfeinerung der traditionellen grünen Werte<br />

Jürgen Trittin würden seine Parteifreunde<br />

gern das Restgrinsen vollends abgewöhnen<br />

Verfall der Sitten fürchten. Der links verortete<br />

Staatsmann und die schöne Bürgerliche<br />

– das klingt nach einer gar nicht so<br />

schlechten Kombination. Das Erstaunliche<br />

ist nur: Bisher klappt es noch nicht<br />

so richtig. Die Grünen sind obenauf, speziell<br />

seit sie in Niedersachsen die sechste<br />

Regierungsbeteiligung seit Frühjahr 2011<br />

geschafft haben. Doch das liegt nicht am<br />

Spitzenduo.<br />

Das Potenzial: An sich ist die stilistische<br />

Strategie nicht schlecht erdacht. Was Göring-Eckardt<br />

in noch stärkerem Maße als<br />

<strong>Kretschman</strong>n ausstrahlt, ist eine Verfeinerung<br />

der traditionellen grünen Werte<br />

in den gelebten bürgerlichen Alltag hinein.<br />

Kinder, Küche, Kirche – aber irgendwie<br />

modern. Und dann hat sie sich für die<br />

zwischen Grünen, SPD und Linkspartei<br />

wandernde Kundschaft auch noch als<br />

linke Sozialpolitikerin neu erfunden, die<br />

für Kindergrundsicherung und gegen Altersarmut<br />

kämpft. „Anwältin der Ärmsten“<br />

nennt die Parteifreundin Steffi Lemke sie<br />

neuerdings. Dieses Label <strong>kann</strong> in der großen<br />

Welt als Lob verstanden werden; in der<br />

kleinen Grünen-Welt aber als angemessener<br />

Hohn. Den goutieren Gegner Göring-<br />

Eckardts; sie tun gern so, als hätte sie in ihrer<br />

Zeit als Fraktionschefin die verhassten<br />

Arbeitsmarktreformen der rot-grünen Regierung<br />

(„Hartz IV“) ganz allein durchgepeitscht.<br />

Aber diese parteiinterne Porträtierung<br />

ist für den Wahlerfolg egal. Und<br />

man mag ja gar nicht glauben, dass es so<br />

was je gab, wenn sie heute auftritt: Die Reden<br />

und Slogans sind zwar von der Gerechtigkeitsstange,<br />

aber sie wirkt fraulicher als<br />

die meisten Spitzenpolitikerinnen und verströmt<br />

Empathie. Sie ist besser angezogen<br />

als Grünen-Frauen der Generation über ihr.<br />

Illustrationen: Wieslaw Smetek<br />

24 <strong>Cicero</strong> 03.2013


Foto: Anja Weber<br />

Das liegt nicht an den Marken, sondern<br />

an ihrer Stilsicherheit und der Vermeidung<br />

maximaler Kontrastfarben. Den schrillen<br />

Weltverbesserungsanspruch der von ihr abgelösten<br />

Moralsirene Roth ersetzt sie durch<br />

eine leise Achtsamkeit gegenüber ihrer direkten<br />

Umwelt. „Zuhören“ – das wird ja<br />

jetzt verstärkt nachgefragt, und damit wirbt<br />

sie für sich.<br />

Die Umsetzung: Die Frage ist, wie weit man<br />

damit in den Wahl-Casting-Shows von<br />

Jauch, Illner oder Will kommt. Da <strong>kann</strong><br />

man ihr jetzt ab und zu beim Zuhören zusehen.<br />

Das große Wort führt sie nie, pseudoempörte<br />

Interventionen werden ebenfalls<br />

vermieden. Dafür wägt sie gern den<br />

Kopf nachdenklich hin. Und her.<br />

Das ist zwar vorteilhaft, weil viele<br />

Leute das Krakeelen und Nölen gründlich<br />

satthaben. Doch andererseits bleibt<br />

immer die Frage offen, was sie eigentlich<br />

zum Thema sagt. Was ist der Unterschied<br />

zwischen ihr und den anderen Politikern<br />

in der Arena?<br />

Dieses Problem wird parteiintern indes<br />

nicht so kritisch beäugt wie die Inszenierungsirrungen<br />

ihres Ko-Spitzenkandidaten<br />

Jürgen Trittin, 58. Hundertmal hat man<br />

ihm erklärt, dass er im Fernsehen nicht so<br />

im Sessel lümmeln soll. Sonst hilft auch der<br />

gut sitzende Anzug nichts. Das Restgrinsen<br />

würde man ihm gern auch noch vollends<br />

abgewöhnen, da es der Wähler angeblich<br />

als überheblich oder gelangweilt<br />

wahrnimmt. Von der Wählerin gar nicht<br />

zu sprechen. Aber dann sitzt er nach dem<br />

Niedersachsensieg im Fernsehstudio und<br />

tauscht seine neue Rolle des kompetenten<br />

Weltenlenkers doch wieder gegen die berüchtigte<br />

Trittin-Action ein. Einen „Rückfall“<br />

nennen andere Grüne es und „unmöglich“,<br />

wenn er wieder genauso losledert,<br />

Einen „Rückfall“<br />

nennen andere<br />

Grüne Trittins<br />

Fernsehauftritt<br />

nach dem Sieg in<br />

Niedersachsen<br />

wie man das früher halt gemacht hat in<br />

den rot-grünen Jahren, als er den Angreiferpart<br />

besetzte. Die stumme Bürgerliche<br />

und der Biest – so haben sich die Grünen<br />

ihr Traumpaar nicht vorgestellt.<br />

Die Aussichten: Trotz der bisherigen Probleme<br />

in der Ausgestaltung bleibt die Grundkonstellation<br />

günstig. Zwei Geschlechter,<br />

zwei Politiker-Entwürfe und zwei Hauptthemen<br />

des Wahlkampfs (Gerechtigkeit<br />

und Finanzkrise) sind abgedeckt, und zusammen<br />

können Göring-Eckardt und Trittin<br />

das darstellen, was Letzterer begrifflich<br />

als „grüne Mitte“ besetzen will, den neuen<br />

bürgerlichen Mainstream, für den Energiewende,<br />

Mindestlohn und Homoehe<br />

genauso zum Werteportfolio gehören wie<br />

Pünktlichkeit, Anstand und Tischmanieren.<br />

Kann man so nicht die Linkspartei<br />

marginalisieren, bei der Union wildern<br />

und dann mit dem gewünschten Koalitionspartner<br />

SPD regieren?<br />

Göring-Eckardts Lieblingsslogan lautet<br />

„Grün oder Merkel“. Der Haken daran<br />

ist: Deutschland sieht das nicht so. Die<br />

Mehrheit will Merkel derzeit ja gar nicht<br />

loswerden, nur die FDP. Und gerade auch<br />

linke Teile der Grünen sind <strong>alles</strong> andere<br />

als begeistert vom SPD-Kanzlerkandidaten<br />

Peer Steinbrück. So geht es hauptstadtstrategisch<br />

weniger darum zu regieren – und<br />

mehr darum, „glaubwürdig“ zu bleiben,<br />

wie das intern genannt wird.<br />

Trotzdem, man weiß ja nie: Wenn Trittin<br />

sich verlässlich zusammenreißt statt<br />

siegesgewiss herumzuflegeln und Göring-<br />

Eckardt neben dem Zuhören auch noch<br />

„inhaltsstärker argumentiert“, wie ein Insider<br />

sagt, dann … Neuerdings darf auch<br />

die Spitzenkandidatin bei den montäglichen<br />

Presseterminen in der Berliner Grünen-Zentrale<br />

auftreten. Unlängst blickten<br />

Reporter der Nachrichtenagenturen<br />

nach einem solchen Termin mit Göring-<br />

Eckardt ganz verzweifelt auf ihren Block.<br />

Am Ende ging folgende Nachricht um die<br />

Welt: „Grüne optimistisch“.<br />

Peter Unfried<br />

ist Chefreporter der taz in Berlin<br />

The summit of<br />

classical music.<br />

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T i t e l<br />

„Jürgen wurde Revoluzzer“<br />

Eier auf den Senator und die Bundesjugendspiele sabotieren: An Jürgen Trittins<br />

Gymnasium ging es wild zu. Aber sein Sportlehrer Wilhelm H. Brand, 75, mochte ihn<br />

„Jürgen war ein aggressiver und sehr widersprüchlicher<br />

Schüler. <strong>Ich</strong> hatte ihn bis zur Mittelstufe bei<br />

mir im Sportunterricht am Gerhard-Rohlfs-Gymnasium<br />

in Bremen-Vegesack. Dort ist er einigen Leuten<br />

sehr unangenehm aufgefallen. Viele Kollegen<br />

mochten ihn überhaupt nicht, weil er so aufmüpfig<br />

war und ihnen ständig widersprochen hat. Einer<br />

sagt bis heute, der Jürgen sei ein richtiges Brechmittel<br />

gewesen. Aber das lag auch an der verqueren Art dieses Lehrers.<br />

<strong>Ich</strong> fand Jürgen immer sehr intelligent und sportlich zumindest<br />

interessiert, auch wenn er nicht zu den Besten gehörte.<br />

Die Eltern von Jürgen <strong>kann</strong>te ich persönlich. Sein Vater hat<br />

über die Zeit des Faschismus geschwiegen und nie etwas dazu gesagt.<br />

Das hat diesen hochintelligenten Jungen auf die Barrikaden<br />

getrieben. Jürgens jüngerer Bruder Uwe war als Schüler ganz verspielt<br />

und politisch naiv. Aber Jürgen wurde nach 1968 ein richtiger<br />

Revoluzzer. Damals war er erst 14, er war also eher einer der<br />

Wasserträger der AchtundsechzigeHerrenclubr. Die anderen waren<br />

ja viel älter, zum Beispiel der spätere Apo-Chef Hermann Rademann,<br />

mit dem Jürgen auf der Schule sehr eng war, und noch<br />

ein paar andere. Jürgen hatte damals sehr lange Haare, das war<br />

in diesem Kreis halt üblich. <strong>Ich</strong> erinnere mich noch: Während<br />

einer Demonstration ging eine Freundin von Jürgen auf einen<br />

stark vom Nazisystem kontaminierten Lehrer zu und hat dem<br />

Wahljahr 2013<br />

Der Countdown<br />

eine geknallt! Und bei einer Abiturfeier haben sie<br />

den damaligen Bremer Bildungssenator mit Eiern<br />

beschmissen. Als wir 1968 Bundesjugendspiele veranstaltet<br />

haben, haben Schüler am Abend vorher die<br />

Laufbahn mit Schaufeln aufgegraben, um die Veranstaltung<br />

zu sabotieren. <strong>Ich</strong> war fest davon überzeugt,<br />

dass Jürgen dabei gewesen ist. Das hat er zwar<br />

verneint, aber so wie er das gesagt hatte, denke ich:<br />

Er wusste Bescheid.<br />

Eigentlich hatte Jürgen mit mir nie Probleme. Das lag sicher<br />

auch an meiner Offenheit den Schülern gegenüber. Obwohl Trittins<br />

Truppe mir auch böse war, wenn wieder mal eine Schülerdemonstration<br />

stattfand, und ich dabeistand und nicht mit ihnen<br />

auf die Barrikaden steigen wollte. Dann musste ich immer wieder<br />

sagen: Ihr lieben Leute, ich <strong>kann</strong> auch gefeuert werden! Versteht<br />

doch, ich bin jetzt kein Schüler mehr, sondern Lehrer, ich hab zu<br />

Hause Familie, für die ich sorgen muss, das müsst ihr tolerieren.<br />

Das konnte ich ihnen erklären.<br />

Trittins Mutter hat sich damals bestimmt viele Sorgen gemacht<br />

um ihren wilden Jürgen. Und wenn er heute nach Bremen-Nord<br />

kommt, ist er bei ihr zu Hause und lässt sich betischen.“<br />

In einer <strong>Cicero</strong>-Serie zur Bundestagswahl spürt<br />

Constantin Magnis Lehrer unserer Spitzenpolitiker auf<br />

Trittins Schule,<br />

die heutige<br />

Gerhard-Rohlfs-<br />

Oberschule in<br />

Bremen-Vegesack.<br />

Wilhelm H. Brand,<br />

war damals<br />

Sportlehrer<br />

Foto: Gerhard-Rohlfs-Oberschule; Grafik: <strong>Cicero</strong><br />

26 <strong>Cicero</strong> 03.2013


| B e r l i n e r R e p u b l i k<br />

Ihr Revier<br />

Michelle Müntefering macht ihre eigene Karriere. Sie kandidiert für den Bundestag, Chancen: gut<br />

von Friederike Ott<br />

V<br />

orn steht ein alter Mann und<br />

spricht über den Tod. Er redet<br />

von Hospizen, von Sterbebegleitung,<br />

das sind Themen, die viele Menschen<br />

lieber meiden. Aber das Kulturzentrum<br />

von Herne ist voll. Der Mann ist Franz<br />

Müntefering, ein Name, der zieht.<br />

In der ersten Zuschauerreihe sitzt eine<br />

junge Frau. Sie macht sich Notizen und<br />

unterhält sich leise mit dem Oberbürgermeister<br />

von Herne. Die Frau ist Michelle<br />

Müntefering. Ihr Name zieht, weil es der<br />

ihres Mannes ist.<br />

Am Ende des Abends wird sie sagen,<br />

dass sie nicht zusammen mit ihrem Mann<br />

hier sei. Die Veranstalter vom Lukas-Hospiz<br />

Herne hätten sie getrennt von ihm eingeladen.<br />

Sie möchte ihren eigenen Erfolg.<br />

Dieses Jahr will sie Karriere machen, indem<br />

sie in den Bundestag einzieht. Als SPD-<br />

Kandidatin für den Wahlkreis Bochum/<br />

Herne II hat sie gute Chancen. Schon die<br />

Kandidatur hat sie sich gegen zwei Mitbewerber<br />

erkämpft. Ein Dreh von Leuten, die<br />

sie verhindern wollten, war: Das ist ja nur<br />

die Frau vom Franz. Wie stark sie als Frau<br />

Müntefering wahrgenommen wird und wie<br />

stark als die Frau vom Müntefering, das ist<br />

die Frage. Vielleicht geht beides. Aber die<br />

Balance ist nicht einfach zu halten, denn<br />

man wird leicht zum Anhängsel gemacht.<br />

Michelle Müntefering, 32, tritt offen<br />

und forsch auf, aber nicht unbedarft. Die<br />

Politik ist ihr dritter Beruf, sie hat erst Kinderpflegerin<br />

gelernt, dann das Abitur gemacht<br />

und eine Journalistenausbildung absolviert.<br />

2008 wurde sie Mitarbeiterin des<br />

Bundestags.<br />

Wie anstrengend es ist, als eigenständige<br />

Politikerin an der Seite einer Berühmtheit<br />

wahrgenommen zu werden und den<br />

Namen zu nutzen, ohne sich zu schaden,<br />

das konnte man zuletzt an Doris Schröder-Köpf<br />

sehen, der Ehefrau von Ex-Kanzler<br />

Gerhard Schröder. In Niedersachsen hat<br />

sie nun den Sprung in die Politik geschafft.<br />

Nervt es Michelle Müntefering, wenn sie<br />

nach Schröder-Köpf gefragt wird? „Nein“,<br />

sagt sie. „Sie ist ja eine kluge Frau.“<br />

Bevor sie 2009 Franz Müntefering<br />

heiratete, hieß sie Michelle Schumann.<br />

Als ihre Beziehung zu dem Politiker publik<br />

und sie zur Geschichte wurde, weil sie<br />

40 Jahre jünger als ihr Ehemann ist, strich<br />

der Boulevard erst mal ihren Nachnamen.<br />

Sie wurde zur „schönen Michelle“.<br />

Dabei hatte sie unter dem Namen<br />

Schumann einiges erreicht. Mit 22 war sie<br />

Vize-Chefin der Herner SPD, zwei Jahre<br />

später zog sie in den Stadtrat ein und in<br />

den SPD-Landesvorstand dazu. Es ist gut<br />

vorstellbar, dass sie heute auch ohne ihren<br />

Mann Bundestagskandidatin wäre. Aber<br />

weil sie mit dem ehemaligen SPD-Chef<br />

verheiratet ist, bieten sich ihr mehr Möglichkeiten<br />

als einer Lokalpolitikerin.<br />

Damit lebt sie in einem Konflikt. Einerseits<br />

ist das öffentliche Interesse an ihr eine<br />

Chance, Aufmerksamkeit auf sich zu lenken,<br />

ihren Wahlkreis, ihre Politik. Andererseits<br />

fragt kaum jemand ernsthaft nach<br />

dem, was sie eigentlich will. Nach den Inhalten,<br />

die ihr wichtig sind, dem Verbraucherschutz<br />

oder den Bürgerrechten.<br />

Bekommt sie Anfragen von Zeitungen<br />

oder Talkshows, wägt sie ab: Geht es um<br />

mich als Politikerin? Oder sollen die Zuschauer<br />

nur sagen: Aha, so sieht also die<br />

Frau vom Münte aus.<br />

Natürlich ist ihre Ehe auch ein Kapital,<br />

und das setzt sie ein, wenn es passt. Sie<br />

erzählt dann Anekdoten über „den Franz“,<br />

wie sie zu sagen pflegt. Dass sie, zum Beispiel,<br />

ungern fliegt, erklärt sie damit, dass<br />

der Franz einmal fast abgestürzt wäre.<br />

Als sie einen Termin beim Deutschen<br />

Steinkohleverband hat, um mit dem Vorstand<br />

über die Zukunft der Branche zu reden,<br />

sagt sie zur Begrüßung: „Glück auf!“<br />

Das klingt nach Münte. Aber der Ausdruck<br />

gehört eigentlich mehr zu ihr. Sie ist im<br />

Revier mit der Steinkohle aufgewachsen,<br />

und nicht er. Nur wenige Meter vom Gelände<br />

des Steinkohleverbands entfernt steht<br />

ihr Elternhaus. Ihre Großväter waren im<br />

Bergbau. Der eine über, der andere unter<br />

Tage. Insofern steht ihr auch die Kleine-<br />

Leute-Perspektive, in der sie Politik formuliert,<br />

mit Wörtern wie Maloche oder Bohei.<br />

Den Wahlkreis haben seit 1961 Sozialdemokraten<br />

gewonnen. Die SPD ist hier Familie,<br />

und da schadet es nichts, dass sie<br />

bei Grünkohl und Mettwurst ganz nebenbei<br />

eine Anekdote vom Franz fallen lässt.<br />

Anders beim nächsten Termin. Heinz-<br />

Westphal-Haus, Sitz des Tanzvereins „Pottporus“,<br />

der Breakdance-Kurse für Jugendliche<br />

anbietet. Glück auf? Nein. „Hi, ich<br />

bin die Michelle.“ Im Flur bleibt sie vor<br />

einem Foto stehen, auf dem Peter Maffay<br />

mit ein paar Mitgliedern von „Pottporus“<br />

zu sehen ist. Den habe sie mal nach Herne<br />

geholt für eine Veranstaltung des Kinderund<br />

Jugendparlaments. Eine Franz-Anekdote<br />

hilft ihr hier nicht weiter.<br />

Ist es eher Segen oder Fluch, den berühmten<br />

Mann zu haben? Sie wirkt jetzt<br />

vorsichtig angesichts der Frage, und man<br />

bekommt das Gefühl, dass sie ihre Lockerheit<br />

erst wieder neu aufrufen muss. „<strong>Ich</strong><br />

sach dazu nur, das Glas ist halb voll.“<br />

Am Ende des Abends im Kulturzentrum<br />

Herne steigt Franz Müntefering vom<br />

Podium herab, wenig später ist er verschwunden.<br />

Er überlässt ihr das Feld. Sie<br />

bleibt und hält Smalltalk. Das ist jetzt ihre<br />

Gelegenheit in ihrem Wahlkampf um ihren<br />

künftigen Bundestagswahlkreis. Dann geht<br />

sie zur Garderobe. „Erst kommt der Gatte,<br />

jetzt kommt die Gattin“, sagt die Frau, die<br />

die Mäntel bewacht.<br />

Friederike Ott<br />

ist freie Journalistin in Hamburg.<br />

Aufgewachsen ist sie im Ruhrpott<br />

Fotos: Thomas Kierok für <strong>Cicero</strong>, Privat (Autorin)<br />

28 <strong>Cicero</strong> 03.2013


Nur die Frau<br />

vom Franz?<br />

Das geht<br />

nicht. Aber<br />

sie nutzt das<br />

Kapital auch<br />

03.2013 <strong>Cicero</strong> 29


| B e r l i n e r R e p u b l i k<br />

Tschüss, Herrenclub<br />

Katja Kipping muss die Linkspartei retten. Ihr Trick: Die alten Chefs sind nur so wichtig, wie man sie nimmt<br />

von Constantin Magnis<br />

P<br />

aff, das saSS. Katja Kipping hat<br />

voll eins auf die Nase gekriegt.<br />

Ausgerechnet vom Chefredakteur<br />

des sozialistischen Neuen Deutschland,<br />

Tom Strohschneider, der zu heftig<br />

gestikuliert hatte. Bis ihm die Vorsitzende<br />

der Linkspartei von hinten in die Faust<br />

lief. „Autsch“, sagt Kipping. „Uups“, ruft<br />

Strohschneider erschreckt. Kipping blickt<br />

pikiert drein, dann streicht sie das rot gefärbte<br />

Haar wieder hinters Ohr und lächelt<br />

vergebend. So schnell geht ein guter<br />

Abend nicht kaputt.<br />

Die Linke hat zum Gedenken an<br />

die Machtergreifung der Nazis ins Berliner<br />

Kino Babylon geladen, es geht weniger<br />

um damals, mehr um den antifaschistischen<br />

Widerstand an sich, einen linken<br />

Gründungsmythos. Kipping bahnt sich<br />

den Weg durch die Genossen im Foyer.<br />

Von überall bewegen sich jetzt Gesichter<br />

und Hände auf die 35 Jahre alte Frau<br />

zu, strahlen, zupfen, wollen Aufmerksamkeit.<br />

„Hey“, grüßt Kipping. Alte Männer<br />

mit fleckigen Glatzen und heiseren Stimmen<br />

machen den Diener, bitten um ein<br />

Autogramm, sie sagen: „Hallo, Frau Vorsitzende“,<br />

oder: „Dürfte ich mal eben, ein<br />

Foto mit meiner Frau und mir?“ Kipping<br />

lächelt und nickt, nicht gequält, sondern<br />

nett, als mache ihr das Spaß. Dann marschiert<br />

Gregor Gysi auf sie zu. „Darf ich<br />

ergebenst meine Chefin grüßen?“, sagt er<br />

und verneigt sich bis auf Kippings Bauchhöhe.<br />

Sie lacht milde amüsiert.<br />

Nicht alle Parteikollegen nehmen ihr<br />

diese kindliche Leichtigkeit im Umgang<br />

mit ihrem Altherrenverein ab. Und die<br />

Herren sind ja auch anstrengend. Jeder<br />

hat mit jedem eine Menge Querelen hinter<br />

sich, eine Eifersüchtelei oder eine Verletzung.<br />

Gysi mit Lafontaine, Lafontaine<br />

mit Bartsch, Bartsch mit Gysi. Noch vor<br />

kurzem drohte die Linke unter dem ganzen<br />

Balast zusammenzubrechen. Seit vergangenem<br />

Sommer regiert nun Kipping zusammen<br />

mit Bernd Riexinger die Partei, und<br />

man muss feststellen, dass es überraschend<br />

friedlich geworden ist.<br />

Die Linkspartei hat sich in bundesweiten<br />

Umfragen zwischen 6 und 7 Prozent<br />

eingependelt, immerhin. Doch gemessen<br />

an den fast 12 Prozent der zurückliegenden<br />

Bundestagswahl ist das dramatisch, besonders<br />

im Westen brechen die Wähler weg.<br />

Von Kipping hängt maßgeblich ab, ob die<br />

Partei wieder hochkommt oder als Regionalpartei<br />

auf den Osten zurückfällt. Schwer<br />

zu glauben, dass sie sich davon nicht unter<br />

Druck setzen ließe.<br />

„Och“, sagt sie. „Vielleicht ist ja das,<br />

was auf den ersten Blick als Doppelbelastung<br />

gilt, auch ganz hilfreich: dass mein<br />

Leben nicht 24 Stunden um die Politik<br />

kreist.“ Kipping hat 2011 eine Tochter bekommen,<br />

ab 16 Uhr nimmt sie deshalb<br />

nur noch ausnahmsweise Termine wahr,<br />

so wie heute.<br />

Zu der Veranstaltung im Kino Babylon<br />

ist sie auf ihrem Damenrad mit Einkaufskorb<br />

gefahren. Die Vorsitzende einer<br />

Bundestagspartei radelt durch den Schneematsch<br />

von Berlin – diese Leichtigkeit ist<br />

schon erstaunlich. Die alten Männer mit<br />

ihren bedeutsamen Anlässen, mit all ihren<br />

Verwicklungen aus der Vergangenheit sind<br />

eben nur so wichtig, wie man sie nimmt.<br />

Nach 16 Uhr müssen sich die Herren also<br />

in der Regel mit sich selbst beschäftigen.<br />

Das heißt nicht, dass Kipping keine<br />

Ahnung von Macht hätte. Sie ist auch<br />

keine Einzelkämpferin. „<strong>Ich</strong> habe in der<br />

Partei viele Leute, mit denen ich mich<br />

sehr offen beraten <strong>kann</strong>, mit denen man<br />

nicht nur pseudomäßig vor der Kamera<br />

steht, sondern echte Freunde. <strong>Ich</strong> hatte<br />

seit meinem Eintritt noch nie das Gefühl,<br />

alleine zu sein.“ Ihre gefährlichste Waffe ist<br />

ihr Netzwerk. „Sie hat ein taktisches System<br />

von jungen Politikern, die für sie sprechen,<br />

Anhänger mobilisieren und im Hintergrund<br />

Stimmung machen, notfalls auch<br />

gegen jemanden“, sagt ein Genosse.<br />

Katja und ihre Stammeskrieger. Ein<br />

bisschen wie in der Kindheit des 1978<br />

in Dresden geborenen Mädchens: Indianerfilme<br />

im Zeltkino, Plastikindianer auf<br />

dem Boden der Hochhauswohnung, Winnetou-Poster<br />

im Zimmer. Die Kindheit in<br />

der DDR hat sie als glücklich und unbeschwert<br />

erlebt. Das nimmt ihr – frustriert<br />

von der Ineffizienz studentischer Graswurzelpolitik<br />

– die Hemmung, mit 20 Jahren<br />

der Linkspartei-Vorgängerin PDS beizutreten.<br />

„Damals konnte ich das noch nicht so<br />

artikulieren, aber Engagement gehört für<br />

mich zu einem guten Leben dazu“, sagt sie.<br />

Ein Jahr später, 1999, sitzt sie als jüngste<br />

Abgeordnete im sächsischen Landtag, 2005<br />

zieht sie in den Bundestag ein. Ziehväter<br />

hat sie nicht, die alten Herren dulden sie<br />

aber.<br />

Sie hat wenig Radikales an sich, sie<br />

wirkt auch nicht desillusioniert. Die Politik<br />

stifte Sinn in ihrem Leben, sagt sie. Ein<br />

bedingungsloses Grundeinkommen gehört<br />

zu ihren politischen Zielen.<br />

Noch ist sie eine Parteichefin auf Bewährung.<br />

Als Kipping am Abend der Niedersachsenwahl<br />

in die Kameras starrte,<br />

hatte sie Härte im Gesicht. 3,1 Prozent.<br />

Von Leichtigkeit war nichts mehr zu spüren.<br />

„Das hat nicht nur meine Hoffnungen,<br />

sondern auch meine Erwartungen enttäuscht“,<br />

sagt sie heute.<br />

Wenn Kipping Stress abbauen will,<br />

treibt sie Sport – am liebsten in einem<br />

Dresdner Tanzverein. Für ihre jüngste Aufführung<br />

hat sie Michael Jacksons „Thriller“<br />

getanzt, als Untote verkleidet, „mit Maske,<br />

damit uns niemand erkennt“.<br />

Eine Bühne voller Zombies. Kipping<br />

muss jetzt dafür sorgen, dass die Linke so<br />

ein Stück nicht spielt.<br />

Constantin Magnis<br />

ist Reporter bei <strong>Cicero</strong><br />

Fotos: Alfred Steffen, Privat (Autor)<br />

30 <strong>Cicero</strong> 03.2013


„Vielleicht<br />

hilft es, dass<br />

mein Leben<br />

nicht aus<br />

24 Stunden<br />

Politik<br />

besteht“<br />

Katja Kipping<br />

03.2013 <strong>Cicero</strong> 31


| B e r l i n e r R e p u b l i k<br />

Pimp my Peer<br />

Der Einsatz des Wahlkampfberaters Roman Maria Koidl für Peer Steinbrück war mehr als ein Intermezzo<br />

von Christoph Schwennicke<br />

M<br />

anchmal spricht der andere immer<br />

noch aus ihm. Zum Beispiel,<br />

wenn Peer Steinbrück dieser<br />

Tage in geselliger Runde zu einem Stegreifvortrag<br />

über seinen ganz neuartigen<br />

„Wahlkampf von unten“ anhebt. Wenn der<br />

Kanzlerkandidat sich in Schwung redet darüber,<br />

dass in Deutschland alle die legendäre<br />

Kampagne von Barack Obama 2008<br />

viel zu oberflächlich wahrgenommen hätten,<br />

dass die Digitalstrategie des heutigen<br />

US-Präsidenten kein Selbstzweck gewesen<br />

sei, sondern das Instrument, um Unterstützer<br />

und Leute zu gewinnen, die sich<br />

vor Ort die Hacken abgelaufen haben für<br />

den Kandidaten. Wenn er von der Idee<br />

der Hausbesuche schwärmt, bei denen<br />

der Kandidat ohne Reporter und Kameraleute<br />

im Wohnzimmer auftaucht, weil die<br />

Menschen sich sonst nur als Staffage, als<br />

Komparsen für einen Fernsehauftritt missbraucht<br />

fühlten. Und wenn Steinbrück<br />

diesen Exkurs beendet mit den Worten:<br />

„Der Wahlkampf von unten ist richtig, und<br />

ich habe Ihnen diesen Wahlkampf von unten<br />

gerade dargestellt.“<br />

All das ist Roman Maria Koidl. Das<br />

weiß man aber nur, wenn man ihn trifft,<br />

sich mit ihm unterhält und ihm zuhört.<br />

Dann echot Steinbrück aus ihm, oder besser<br />

umgekehrt: Aus Peer Steinbrück echot<br />

Roman Maria Koidl.<br />

Die Kurzfassung der Geschichte des<br />

SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück<br />

und des Unternehmers Roman Maria<br />

Koidl, eine, die immer wieder nacherzählt<br />

„Das ist kein dünnes Brett, das<br />

wir da gebohrt haben“<br />

Roman Maria Koidl über sein Konzept für die SPD<br />

wurde, geht so: Steinbrück, Quartals-<br />

Sponti, der er ist, trifft den gleichermaßen<br />

größenwahnsinnigen wie spinnerten<br />

Multi-Geschäftsmann und Hansdampf<br />

Roman Maria Koidl, eine Art Lars Windhorst<br />

des 21. Jahrhunderts, bei der einen<br />

oder anderen weinseligen Veranstaltung<br />

des gemeinsamen Verlags. Der SPD-Politiker<br />

lässt sich dazu hinreißen, diesen Österreicher<br />

zum Mastermind seines Wahlkampfs<br />

gegen Angela Merkel machen zu<br />

wollen. Ganze zwei Tage ist die Sache kurz<br />

darauf publik, und eine Exklusivmeldung,<br />

ein Bild-Interview von Koidl später, ist<br />

der Steinbrück-Spuk vorbei. Koidl zieht<br />

zurück, schneller noch als Jost Stollmann<br />

seinerzeit, der Jungunternehmer, den Gerhard<br />

Schröder zu seinem Wirtschaftsminister<br />

machen wollte.<br />

Koidl bekommt einen Zug um seine<br />

weichen Lippen, der irgendwo zwischen<br />

Spott und Schicksalsergebenheit oszilliert.<br />

Er kennt diese Geschichte: Er spielt darin<br />

eine kurze Verirrung Steinbrücks, einen<br />

Quickie. Er konnte das immer wieder<br />

lesen. Es stimmt nur nicht überein<br />

mit dem, was er erlebt hat. „Das ist kein<br />

dünnes Brett, das wir da gebohrt haben“,<br />

sagt Koidl, „und das war auch keine verrückte<br />

Idee am Rande eines Empfangs, mal<br />

eben ein Konzept für einen in Deutschland<br />

komplett neuen Wahlkampf zu entwerfen.“<br />

Was nach außen wirkt wie eine Steinbrückiade,<br />

war in Wahrheit von längerer<br />

Hand geplant und scheiterte am Ende an<br />

den Beharrungskräften des Systems im<br />

Willy-Brandt-Haus, der Parteizentrale der<br />

SPD in Berlin.<br />

Steinbrück und Koidl lernten sich<br />

kennen, als der Sozialdemokrat noch Finanzminister<br />

in der Großen Koalition<br />

war. Es gab professionelle Berührungspunkte.<br />

Koidl, ebenfalls im Finanzwesen<br />

unterwegs, wollte dem Minister ein Konzept<br />

für die Kreditförderung des Mittelstands<br />

nahebringen, aus der Sache wurde<br />

nichts, der Kontakt aber blieb. Schließlich<br />

kamen Koidl und Steinbrück auf der<br />

Frankfurter Buchmesse im Herbst 2011<br />

wieder ins Gespräch. Koidl hatte gerade<br />

einen Bestseller namens „Scheißkerle“ auf<br />

den Markt gebracht, Steinbrück seine Autobiografie<br />

„Unterm Strich“. Und irgendwie<br />

gelang es Koidl, Steinbrück davon zu<br />

überzeugen, dass dieser bunte Hund recht<br />

haben könnte mit seiner Rede von der unterschätzten<br />

Bedeutung des Internets für<br />

den modernen Wahlkampf.<br />

Von da an dauerte es noch ein Jahr, bis<br />

Roman Koidl Ende Oktober 2012 das<br />

Zimmer 4.29 im Willy-Brandt-Haus als<br />

Büro bezog und drei Wochen unbemerkt<br />

von jeder Öffentlichkeit begann, seine Vorstellungen<br />

von einem Wahlkampf von unten<br />

in die Tat umzusetzen. Drei Wochen<br />

arbeitete er von diesem Büro aus. Oben,<br />

eine Etage darüber, im fünften Stock der<br />

Parteizentrale, hatte sein Kanzlerkandidat<br />

Quartier bezogen.<br />

Dass der ganzen Unternehmung mehr zugrunde<br />

lag als ein Glas Pinot Grigio räumen<br />

auch diejenigen im Willy-Brandt-Haus ein,<br />

die das etwa zeigefingerdicke Manual gesehen<br />

haben, das Koidl ausgearbeitet hatte.<br />

4.29 stand auf dem Deckblatt, eine Referenz<br />

an seinen Sitz im vierten Stock der<br />

Parteizentrale. Daneben in großen Buchstaben:<br />

„Community Peer-Group.org“ –<br />

ein Wortspiel aus Steinbrücks Vornamen<br />

und dem englischen Begriff peer group, der<br />

so viel heißt wie Bezugsgruppe.<br />

Foto: Christoph Michaelis<br />

32 <strong>Cicero</strong> 03.2013


Roman Maria<br />

Koidl inspiriert<br />

Steinbrück<br />

bis heute<br />

03.2013 <strong>Cicero</strong> 33


| B e r l i n e r R e p u b l i k<br />

Dieses „Lastenheft“, wie es Koidl in seinen<br />

internen SPD-Gesprächen nannte, war<br />

das detaillierte Drehbuch eines neuartigen<br />

Wahlkampfs, dissertationsähnlich strukturiert<br />

von 1.1. bis 5.4.3. Für seine Präsentationen<br />

vor den zuständigen Abteilungsleitern<br />

des Willy-Brandt-Hauses malte er<br />

zudem quadratmeterweise Schaubilder auf<br />

braunes Paketpapier.<br />

Man <strong>kann</strong> von Koidls Plänen halten,<br />

was man will. Aber das steht fest: Eine<br />

Schnapsidee sieht anders aus als das, was<br />

er sich vorgenommen hatte. Im Kern ging<br />

es darum, das Internet nicht als Plattform,<br />

sondern als Zugang zu potenziellen Unterstützern<br />

zu nutzen, dessen virale Kraft für<br />

sich arbeiten zu lassen, Leute jenseits der<br />

Parteistrukturen für sich zu begeistern, so<br />

zu begeistern, dass die sich für Steinbrück<br />

auch offline ins Getümmel stürzen – und<br />

einen Feed-Back-Kanal zu haben, der den<br />

Kandidaten wissen lässt, was beim Wahlvolk<br />

los ist.<br />

Seine zweite Präsentation, die ganz<br />

große, hatte Koidl am 19. November, einem<br />

Dienstag. Einen Tag später stand<br />

zum ersten Mal etwas über das Tun des<br />

Beraters in der Zeitung, bald vermengt<br />

mit dem Hinweis, dass zu den Unternehmungen<br />

des Roman Maria Koidl auch<br />

einmal die Beratung von Hedgefonds wie<br />

Cerberus in New York gehörte, ein Gewerbe,<br />

das nach einem geflügelten Wort<br />

des Franz Müntefering in der SPD mit<br />

den biblischen Heuschreckenplagen in<br />

Verbindung gebracht wird. Seine „Kunsthalle<br />

Koidl“, eine private Kunstsammlung<br />

in Berlin, machte seinen SPD-Stallgeruch<br />

auch nicht stärker, ebenso wenig wie der<br />

Wohnsitz Zürich.<br />

Zwei Tage später war der Spuk vorüber.<br />

Koidls bunte Vita bot zu viel süffigen<br />

Stoff, als dass er den Sturm hätte überstehen<br />

können. Nicht nur sein Frauenversteher-Buch<br />

„Scheißkerle“, auch der andere<br />

Bestseller „Blender – Warum immer die<br />

Falschen Karriere machen“ bot neben dem<br />

Titel zu viele Stichworte, die sich nun gegen<br />

Koidl verwenden ließen. Von „Flitzpiepen“<br />

hatte er darin geschrieben, von „Luftpumpen“<br />

und „Schlipswichsern“.<br />

Möglicherweise trägt der 45 Jahre alte<br />

Koidl selbst Züge derjenigen, über die er da<br />

in seinem Buch so kraftstrotzend schreibt.<br />

Vielleicht nimmt er den Mund manchmal<br />

voller als andere Menschen. Aber Klappern<br />

gehört in dieser Branche dazu, und<br />

die Erfolge sind ihm nicht abzusprechen.<br />

Wer seine auf den ersten Blick kunterbunten<br />

Unternehmungen von einer Confiserie-Kette<br />

über eine PR-Firma bis in den<br />

Finanzbereich betrachtet, erkennt auf den<br />

zweiten Blick ein Muster im scheinbar<br />

wahllosen Gemischtwarenladen des Serial<br />

Entrepreneurs, wie man das vornehmer<br />

nennt. 1996 gründete er die erste Coffee-<br />

Koidl ist kein Leisetreter.<br />

Aber er ist einer, der eine Marke<br />

aufpolieren <strong>kann</strong><br />

Shop-Kette auf dem europäischen Festland,<br />

die er einige Jahre später an einen Kaffeeröster<br />

in Hannover verkaufte. Im Jahr<br />

2000 hatte er ein traditionsreiches, aber in<br />

die Krise geratenes Schokoladenhaus mit<br />

800 Mitarbeitern und 142 Ladenlokalen<br />

aus der Insolvenz übernommen. In seinem<br />

Lebenslauf schreibt Koidl über Koidl, dieser<br />

sei „spezialisiert auf den Relaunch deutscher<br />

Traditionsmarken, die er aus Problemsituationen<br />

erwirbt“.<br />

Der Mann hat einen Blick für Potenziale,<br />

die sich heben lassen, und er traut sich<br />

was. Im Prinzip ist er wie ein Autoconnaisseur,<br />

der die Scheunen und Garagen des<br />

Landes abklappert nach scheinbar verrotteten<br />

und verstaubten Rostlauben, in denen<br />

der Kenner aber die Substanz sieht, mit der<br />

richtigen Auffrischung und etwas Mut ein<br />

Vermögen zu machen. Einen „Marken-Macher“<br />

hat eine Zeitung ihn deshalb einmal<br />

genannt. Man könnte auch sagen: Er ist ein<br />

Marken-Tuner, einer, der das Potenzial einer<br />

zu Unrecht abgewirtschafteten Marke<br />

erkennt und sie aufpoliert.<br />

So etwas hätte die SPD auch gebrauchen<br />

können. Er habe der Partei ein<br />

Konzept als Vorschlag gemacht, sagt Koidl,<br />

ein Marketingkonzept, kein politisches<br />

Konzept. Es sei um eine „kommunikationstechnische<br />

Lösung“ gegangen: „Die ist per<br />

se neutral. Die hätte ich genauso gut für<br />

jede andere Partei machen können.“<br />

„<strong>Ich</strong> baue Systeme“, sagt er.<br />

Systeme baut man systematisch. Das System,<br />

das er sich für den SPD-Wahlkampf<br />

ausgedacht hatte, fußte im Kern darauf,<br />

soziale Netzwerke ganz anders wahrzunehmen<br />

und zu nutzen, etwa die Facebook-<br />

Freunde der SPD nicht einfach mit Informationen<br />

zu versorgen und sich an ihnen<br />

zu erfreuen, sondern sie zu mobilisieren<br />

und für den Wahlkampf und den politischen<br />

Diskurs zu gewinnen.<br />

Seit Sommer vergangenen Jahres hat<br />

er sich damit intensiv beschäftigt. Diesen<br />

Mai wäre seine Kampagne der „Peer-<br />

Group“ an den Start gegangen. Inzwischen,<br />

so ist aus dem Willy-Brandt-Haus zu hören,<br />

arbeitet eine Plattform namens D64,<br />

angesiedelt im parteieigenen Vorwärts-<br />

Verlag, an einem ähnlichen Konzept wie<br />

jenem Koidls.<br />

Der verbietet sich derweil jedes<br />

Nachtreten. Er hat sich verordnet, die Mechanismen<br />

des politisch-publizistischen<br />

Betriebs interessiert zur Kenntnis zu nehmen,<br />

ebenso wie den Umstand, dass Peer<br />

Steinbrück bis heute nichts auf ihn und<br />

seine Ideen kommen lässt. Sogar das Willy-<br />

Brandt-Haus kommt gut weg bei ihm. Fähige<br />

Leute habe er da erlebt, und bei vielen<br />

eine große Offenheit für sich und seine<br />

Ideen. Dass er aus der SPD heraus wie eine<br />

Tontaube zum Abschuss freigegeben wurde,<br />

das beschäftigt Koidl jedoch weiter. Wenn<br />

die Politik sich Leute wie ihn, nicht stromlinienförmige<br />

Figuren, so gezielt zerschießen<br />

lasse, „dann hat sie ein echtes Problem,<br />

nicht ich.“<br />

Die vornehme Distanz zum Berliner<br />

Betrieb, der ihn so schnell abgestoßen hat,<br />

steht ihm. Es wäre ja auch unklug, so zu<br />

formulieren, wie er es in seinen Büchern<br />

tut. Dann würde er wohl sagen: Scheißkerle.<br />

Christoph Schwennicke<br />

ist Chefredakteur von <strong>Cicero</strong><br />

Foto: Andrej Dallmann<br />

34 <strong>Cicero</strong> 03.2013


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Fang den Wähler<br />

CDU stark, SPD mickrig, Grüne boomen, FDP tot – Umfragedaten bestimmen die<br />

Diskussion im Wahljahr. Dabei wird das Geschäft der Demoskopen immer schwieriger<br />

von Klaus Raab<br />

36 <strong>Cicero</strong> 03.2013


W a h l f o r s c h e r | B e r l i n e r R e p u b l i k |<br />

Illustration: Jens Bonnke<br />

B<br />

ei seiner Ausrufung stieß SPD-<br />

Kanzlerkandidat Peer Steinbrück<br />

gegenüber allen Meinungsforschungsinstituten<br />

eine kleine,<br />

versteckte Drohung aus. Er wolle,<br />

sagte er Ende September, einen Wahlkampf<br />

führen wie Gerhard Schröder.<br />

Wahlkämpfen wie Schröder – das bedeutet,<br />

ganz zum Schluss noch aufzuholen:<br />

Die Union mit Kanzlerkandidat Edmund<br />

Stoiber doch noch zu übertrumpfen,<br />

wie 2002, als der noch in der ersten ARD-<br />

Hochrechnung am Wahlabend führte. Die<br />

CDU mit Angela Merkel, die zwischenzeitlich<br />

17 Prozent vorne gelegen hatte, um ein<br />

Haar noch abzufangen, wie 2005.<br />

Wahlkämpfen wie Schröder – das ist<br />

ein Politikerspruch, keine Wissenschaft.<br />

Was soll Steinbrück sonst sagen: „<strong>Ich</strong> gebe<br />

hiermit auf, Merkel ist eh cooler“? Und<br />

dennoch, der Satz wirft Fragen neu auf,<br />

die sich Demoskopen gefallen lassen müssen,<br />

akut wieder nach der Landtagswahl in<br />

Niedersachsen, als die FDP deutlich besser<br />

abschnitt, als noch zwei Wochen vorher<br />

ermittelt: Wofür Umfragen, wenn es<br />

am Ende anders kommt? Ist Meinungsforschung<br />

doch nur Daten-Voodoo?<br />

Also, schon Angst vor dem Debakel bei<br />

der Bundestagswahl, Herr Jung?<br />

Matthias Jung ist der Geschäftsführer<br />

der Forschungsgruppe Wahlen, die für<br />

das ZDF seine „Politbarometer“-Daten<br />

und Wahlprognosen ermittelt. Das Institut<br />

sitzt in Mannheim, einer guten Stadt für<br />

eine Statistikfirma, denn sie ist in durchnummerierte<br />

Planquadrate unterteilt, die<br />

auf Straßenschildern angegeben werden.<br />

Die Forschungsgruppe befindet sich in<br />

der N7, 13‐15. Jung wirkt wie ein freundlicher<br />

Mathematiklehrer, der seine Worte<br />

mit Bedacht wählt. Es gebe „mit Sicherheit“<br />

keine Krise der Demoskopie, sagt er,<br />

im Gegenteil: Sie werde immer besser. Also:<br />

keine Angst. Auch der Politologe Thorsten<br />

Faas von der Universität Mainz bescheinigt<br />

den Demoskopen, gut zu arbeiten. Aber<br />

er sagt auch: „Das Umfeld ist für sie sehr<br />

schwierig geworden.“<br />

Das Parteiensystem, zum Beispiel: Im<br />

Bundestagswahljahr 2013 wird es schwierig<br />

wie nie sein zu ermitteln, was die Wähler<br />

wollen könnten. Nicht nur weil viele<br />

von ihnen das selbst noch nicht wissen.<br />

Sondern auch weil die Parteienlandschaft<br />

2013 unübersichtlich ist. Die Piratenpartei<br />

ist noch nicht verschwunden, damit haben<br />

die Wähler mehr Optionen, was wiederum<br />

ihre Entscheidungsfreude hemmt.<br />

Je mehr Parteien im Rennen sind, umso<br />

Das ZDF<br />

überlegt,<br />

erstmals am<br />

Freitag vor<br />

der Wahl eine<br />

Umfrage zu<br />

bringen<br />

größer ist die Gefahr für die Demoskopen,<br />

bei der Ermittlung von Stimmenanteilen<br />

danebenzuliegen.<br />

Die „Hauptherausforderung“, wie es<br />

Matthias Jung nennt, ist die stetig wachsende<br />

Volatilität der Wähler. So heißt es im<br />

Fachjargon, wenn die Leute ihre Zustimmung<br />

für diese oder jene Partei nach der<br />

Nachrichtenlage wechseln. Fang den Wähler:<br />

Die Bürger mit ihren Stimmungen und<br />

Meinungen schlagen Haken, die Demoskopen<br />

jagen hinterher.<br />

Das wird schwieriger. 2009, zum Beispiel,<br />

entschieden sich knapp 40 Prozent<br />

der Wähler erst kurz vor dem Wahltag. Der<br />

Weg von einer Partei zur anderen sei heute<br />

viel kürzer als etwa 1970, sagt Jung, „und<br />

das hat damit zu tun, dass wir seit 1990<br />

eine Entideologisierung der politischen<br />

Landschaft erlebt haben“. Die Antwort der<br />

Demoskopen darauf sind häufigere Befragungen.<br />

Spätestens sechs Wochen vor dem<br />

Wahlsonntag wird Jung in den wöchentlichen<br />

Messturnus wechseln, um Veränderungen<br />

aufzuspüren.<br />

Allerdings schützen viele Umfragen<br />

nicht zwangsläufig vor Fehlern. In den<br />

sieben Wochen vor der Bundestagswahl<br />

2005 veröffentlichten, wie Politikwissenschaftler<br />

Thorsten Faas einmal zählte, die<br />

fünf be<strong>kann</strong>testen Institute 42 Umfragen.<br />

Das Ergebnis ist be<strong>kann</strong>t: Die FDP wurde<br />

unterschätzt, die Union überschätzt. Jung<br />

gibt zu: 2005, „daran knabbern wir heute<br />

immer noch“.<br />

Zum anderen veröffentlichen zwar einige<br />

Medien noch kurz vor einer Wahl<br />

die neuesten Umfragen, etwa jene des Allensbach-<br />

oder des Forsa-Instituts; auch<br />

in den USA gibt es unmittelbar vor der<br />

Präsidentschaftswahl neue Erhebungen.<br />

ARD und ZDF aber, die mit „Deutschlandtrend“<br />

und „Politbarometer“ die prominentesten<br />

Wahlforschungsformate haben,<br />

bringen ausgerechnet in der Woche<br />

vor einer Wahl keine Umfragedaten mehr,<br />

um Wähler nicht zu beeinflussen. Das aber<br />

führt letztlich dazu, dass zwei Wochen alte<br />

Zahlen mit dem Wahlergebnis verglichen<br />

werden. Je mehr Wähler sich erst spät festlegen,<br />

desto größer <strong>kann</strong> der Unterschied<br />

zwischen Umfrage- und Wahlergebnis sein.<br />

Die Piraten etwa sahen die Institute,<br />

zwei Wochen bevor sie in Berlin 2011 in<br />

ihren ersten Landtag einzogen, bei 4 bis<br />

6,5 Prozent. Sie bekamen 8,9 Prozent.<br />

Matthias Jungs Konkurrent Richard Hilmer<br />

vom Institut Infratest Dimap, das der<br />

ARD Daten liefert, sagt: „Wir haben schon<br />

gesehen, dass die Piraten in Berlin Richtung<br />

8 oder 9 spazieren, das haben wir unserem<br />

Kunden auch mitgeteilt.“ Die ARD<br />

aber nicht den Wählern.<br />

Oder die taktischen Wähler von Niedersachsen:<br />

Viele, die eine schwarz-gelbe<br />

Koalition befürworteten, wählten statt der<br />

CDU die FDP, weil die in Umfragen stark<br />

03.2013 <strong>Cicero</strong> 37


| B e r l i n e r R e p u b l i k | W a h l f o r s c h e r<br />

gefährdet wirkte. Hätten sie gewusst, dass<br />

die Partei kurz vor der Wahl die Fünf-Prozent-Hürde<br />

längst überschritten hatte, hätten<br />

sie ihr Kreuz womöglich anders gesetzt.<br />

Jung sagt: „Eine wissentlich falsche Information<br />

stehen zu lassen, sodass sich eine<br />

Minderheit auf der Basis von Fehlinformationen<br />

entscheidet, führt natürlich zu einem<br />

viel größeren manipulativen Effekt.“<br />

Die Sender sind in der Frage, wie sie auf<br />

die wachsende Zahl der Spätentscheider reagieren<br />

sollen, uneins. Jörg Schönenborn,<br />

Moderator des ARD-„Deutschlandtrends“,<br />

sagt: „Weitere veröffentlichte Umfragen<br />

unmittelbar vor dem Wahltag könnten einen<br />

Kreislauf zwischen taktischer Wahlentscheidung<br />

und neuer Entscheidungsgrundlage<br />

durch Umfragen in Gang setzen, der<br />

aus meiner Sicht dem demokratischen Prozess<br />

nicht förderlich ist.“ Theo Koll, der<br />

Moderator des ZDF-„Politbarometers“ dagegen<br />

sagt: „Wir überlegen, ob wir am Freitag<br />

vor der Wahl mit einem ‚Politbarometer‘<br />

herauskommen.“ Die Erfahrung mit<br />

Niedersachsen habe „überdeutlich“ gezeigt,<br />

dass es problematisch sei, die Daten<br />

nicht zu bringen. „Bei einem Politbarometer<br />

unmittelbar vor der Wahl muss allerdings<br />

sorgfältig abgewogen werden, ob und<br />

inwieweit der Wähler dadurch beeinflusst<br />

werden könnte – und wenn ja, ob dies einer<br />

möglichen Beeinflussung durch ‚alte‘<br />

Daten nicht vorzuziehen ist.“<br />

Fragt man Schönenborn und Koll, ob<br />

sich ARD und ZDF in ihrer Entscheidung<br />

aneinander gebunden fühlten, wie bisher,<br />

sagt Schönenborn, die Abstimmung<br />

sei „guter Brauch“ gewesen, aber „ohne<br />

vertragliche Bindung erfolgt“; Koll sagt es<br />

deutlicher: „Wir denken eigenständig.“<br />

In Matthias Jungs Büro in Mannheim<br />

hängt ein Bertolt-Brecht-Bild, das den Eindruck<br />

vermittelt, dass auch er so etwas wie<br />

Meinungen haben könnte. Im Gespräch<br />

aber trägt er die politische Neutralität,<br />

von der sein Meinungsforschungsinstitut<br />

lebt, wie eine Monstranz vor<br />

sich her.<br />

Anders als Demoskopen können<br />

sich Korrespondenten und Kommentatoren<br />

in den Medien leichter mal vorwagen.<br />

Es gehört zu ihrem Job, heute<br />

Jamaika, morgen Schwarz-Grün, übermorgen<br />

einen Farbkasten in den Bereich<br />

des Denkbaren hineinzumeinen.<br />

Meinungsforscher dagegen, die Meinungen<br />

erforschen und nicht haben<br />

dürfen, leben von der Exaktheit ihrer<br />

Zahlen, die absolute Objektivität vermitteln.<br />

Die ist zwar ein Trugschluss,<br />

in jedem Lehrbuch steht im ersten<br />

Kapitel, dass eine Umfrage keine Gewissheit<br />

bietet. Wie auch? Dann könnte<br />

man auch gleich Wahlen durch demografische<br />

Analysen ersetzen. Unterscheiden sich<br />

Umfragedaten jedoch zu häufig krass<br />

vom Wahlergebnis, leidet der Ruf der<br />

Demoskopen.<br />

Es gibt ein starkes Argument, mit<br />

dem sich seriöse Meinungsforscher<br />

seit Jahren rechtfertigen: Man messe<br />

Stimmungen, nicht die Zukunft. Richard<br />

Hilmer vom Institut Infratest Dimap:<br />

„Wir sagen immer dazu, das ist<br />

keine Prognose, sondern das aktuelle<br />

Stimmungsbild, genauer: die Wahlabsicht,<br />

die Bürger zum Befragungszeitraum<br />

uns mitteilen.“ Meist seien diese<br />

Stimmungen „relativ stabil“ und gäben,<br />

glaubt er, das Wahlergebnis gut wieder.<br />

„Manchmal aber, wenn die Mehrheit<br />

der Bürger zum Schluss zum Beispiel<br />

zweifelt, ob sie wirklich den großen<br />

Wechsel will, <strong>kann</strong> sich die Stimmung auch<br />

noch kurz vor der Wahl drehen.“<br />

Das Blöde ist, dass Umfragedaten bisweilen<br />

nicht wie Stimmungsbilder, sondern<br />

wie vorgezogene Wahlergebnisse behandelt<br />

werden. Dieses Vermittlungsproblem<br />

rührt auch daher, dass nicht alle Institute so<br />

transparent zwischen Rohdaten der Umfragen<br />

und ihren Interpretationen unterscheiden<br />

wie die Forschungsgruppe Wahlen.<br />

Ein Beispiel: In einer repräsentativen<br />

Umfrage, in deren Rahmen 1000 Menschen<br />

befragt werden, welche Partei<br />

sie wählen würden, geben nur 700 bis<br />

800 eine Antwort. 5 Prozent davon sind 30<br />

bis 40 Menschen; von denen wird auf die<br />

Gesamtwähler hochgerechnet. Anschließend<br />

werden die Antworten gewichtet.<br />

Das ist notwendig, um systematische Fehler<br />

auszugleichen, die zum Beispiel dadurch<br />

entstehen, dass ein guter Teil der Wähler<br />

extremistischer Parteien bei der Befragung<br />

lügt. Jedes Institut hat eine eigene Gewichtungsformel.<br />

Das eine geht davon aus, dass<br />

die Wahlentscheidungen der Wähler eher<br />

stabil bleiben, ein anderes davon, dass sie<br />

sich eher ändern. Welche Gedanken sonst<br />

noch mitspielen, bleibt Betriebsgeheimnis<br />

– was äußerst problematisch und der<br />

eigentliche Knackpunkt ist: Wissenschaft,<br />

die nicht zeigt, wie sie zu ihren Ergebnissen<br />

kommt, ist Pseudowissenschaft. Dass<br />

Meinungsforschung immer und überall<br />

losgelöst von Gefühl und vielleicht sogar<br />

Gesinnung zustande kommt, bezweifeln<br />

sogar Demoskopen – natürlich nur, wenn<br />

sie über die Konkurrenz sprechen.<br />

Dennoch werden Umfragen wie Wahrheiten<br />

behandelt. Von Politikern, die immer<br />

jene Umfragen als Argumente einsetzen,<br />

die ihnen gerade passen. Von manchen<br />

Wählern, die auf Umfragebasis ihre Wahlentscheidung<br />

treffen. Von Journalisten, die<br />

Wahlkampf zunehmend als Wettlauf interpretieren.<br />

Umfragen sind Teil von Politik.<br />

Was nicht heißen soll, dass sie abgeschafft<br />

gehörten. In einer repräsentativen<br />

Demokratie ist die Meinungsforschung<br />

„ein wichtiger Feedbackmechanismus“, wie<br />

Illustrationen: Jens Bonnke<br />

38 <strong>Cicero</strong> 03.2013


Anzeige<br />

Foto: Privat<br />

es Politikwissenschaftler Thorsten Faas formuliert.<br />

„Umso wichtiger“ sei, „dass ihre<br />

Zahlen belastbar sind“.<br />

Hier aber kommt zum Vermittlungsproblem<br />

ein methodisches. Man begegnet<br />

ihm, sobald man ein Telefonstudio der Infratel<br />

GmbH betritt. Hier laufen die Umfragen<br />

für Infratest Dimap. 17 Menschen,<br />

vornehmlich Studenten, sitzen an Bildschirmen<br />

und rufen Leute an, deren Nummern<br />

der Computer auf Zufallsbasis wählt.<br />

Hier, in diesem Raum in einem Hinterhof-Erdgeschoss<br />

in Berlin-Treptow, steht<br />

die Lösung für das zentrale Problem der<br />

Meinungsforschungsbranche groß an der<br />

Wand: „Die Nutzung von Mobiltelefonen<br />

ist untersagt.“<br />

Das Handyverbot richtet sich eigentlich<br />

an die Telefonstudio-Mitarbeiter, die<br />

am Nachmittag mit Deutschland telefonieren.<br />

Sie stellen diese großen Fragen: „Welche<br />

Partei würden Sie wählen, wenn am<br />

Sonntag Bundestagswahl wäre?“, „Verdienen<br />

die normalen Griechen“ – wer auch<br />

immer damit gemeint sein mag – „unsere<br />

Unterstützung?“ Und kein Handygeklingel<br />

eines Call-Center-Mitarbeiters soll die Gespräche<br />

stören. Aber wenn man Deutschlands<br />

führende Meinungsforscher nach ihren<br />

aufrichtigen Wünschen fragen würde,<br />

dann würden sie das Handyverbot womöglich<br />

aufs ganze Land ausweiten. Denn die<br />

Demoskopen stehen, des Mobiltelefons<br />

wegen, vor der Frage: Wie erreicht man<br />

die Wähler heute eigentlich?<br />

Die politische Meinungsforschung erstellt<br />

repräsentative Umfragen. Repräsentativ<br />

ist eine Umfrage, wenn durch eine zufällige<br />

Auswahl der Stichprobe alle Merkmale<br />

einer Bevölkerung abgebildet werden können:<br />

Wahlberechtigte aus allen Regionen,<br />

in allen Berufen, jeden Alters, jeden Einkommens<br />

und so weiter. Bedingung: Alle<br />

müssen theoretisch in der Stichprobe vorkommen<br />

können. Doch seit es Leute gibt,<br />

die ausschließlich Handys nutzen, lässt sich<br />

die Bedingung mit reinen Festnetzumfragen<br />

nicht mehr erfüllen. „Wenn nun aber<br />

Leute, die womöglich die Piraten wählen<br />

würden, nur Handys haben, wird man<br />

über die nichts erfahren, wenn die Stichprobe<br />

nur Festnetzanschlüsse umfasst“, sagt<br />

Thorsten Faas.<br />

Nehmen wir die Piraten. Wie die Linke<br />

und die FDP bewegen sie sich im Bund<br />

im Umkreis der Fünf-Prozent-Hürde, genau<br />

wie kürzlich in den Umfragen vor der<br />

Wahl in Niedersachsen. Unter solchen Bedingungen<br />

können Umfragen besonders<br />

große Auswirkungen haben. Steht eine Partei<br />

vor dem Wahltag knapp unter 5 Prozent,<br />

wählen manche lieber eine andere, um ihre<br />

Stimme nicht zu verschenken. Andere wählen<br />

sie erst recht, um ihr über die Hürde zu<br />

helfen. Welcher der beiden Effekte überwiegt,<br />

lässt sich nicht genau messen. Aber<br />

es gibt sie. Wenn man manche Piraten-<br />

Wähler gar nicht erreicht, weil man nur<br />

Festnetznummern anruft, <strong>kann</strong> das zu einer<br />

Abweichung mit unberechenbaren Folgen<br />

führen.<br />

Richard Hilmer von Infratest Dimap<br />

und Matthias Jung von der Forschungsgruppe<br />

Wahlen geben sich unabhängig<br />

voneinander überzeugt, die beste Lösung<br />

des Handyproblems gefunden zu haben.<br />

Ihre Lösungen unterscheiden sich jedoch<br />

grundsätzlich. Infratest Dimap wird 2013<br />

im Bund erstmals mit einem sogenannten<br />

Dual-Frame-Ansatz arbeiten: Man<br />

wird Handy- und Festnetzanschlussbesitzer<br />

gleichermaßen befragen. „Wir springen<br />

jetzt und ändern den Stichprobenmodus<br />

vor der Bundestagswahl 2013“, sagt Hilmer.<br />

Matthias Jung von der Forschungsgruppe<br />

Wahlen dagegen sagt: „Wir haben<br />

Dual-Frame-Ansätze getestet und definitiv<br />

verworfen, weil wir darin Qualitätseinbußen<br />

sehen.“ Sein Institut verzichte mittelfristig<br />

lieber auf alle Wahlberechtigten, die<br />

nur über Handy zu erreichen sind.<br />

Tatsächlich ist keine Lösung perfekt.<br />

Handy- und Festnetzstichproben zu mischen,<br />

führt dazu, Festnetzverweigerer zu<br />

erreichen. Andererseits ist es denkbar, dass<br />

man ein und dieselbe Person zweimal erreicht.<br />

Die Leute nach wie vor nur über<br />

Festnetz anzurufen, führt zum Beispiel<br />

dazu, dass man besser kontrollieren <strong>kann</strong>,<br />

ob man in einer Umfrage alle Regionen abgedeckt<br />

hat, dafür verzichtet man auf junge<br />

Leute in Ostdeutschland, unter denen besonders<br />

viele „Mobile-onlys“ sind.<br />

Journalistische Prognose: Womöglich<br />

wird der Detailvergleich der Umfragedaten<br />

der beiden Institute in diesem Jahr besonders<br />

interessant.<br />

Klaus Raab<br />

ist Journalist in Berlin. Sein<br />

Spezialgebiet sind Medien und<br />

deren Wechselwirkungen mit<br />

Alltag und Politik<br />

03.2013 <strong>Cicero</strong> 39<br />

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diplomierter Physiker, promovierter<br />

Biologe, habilitierter<br />

Wissenschaftshistoriker apl.<br />

Professor für Wissenschaftsgeschichte<br />

an der Universität in<br />

Konstanz.<br />

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| B e r l i n e r R e p u b l i k<br />

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5 6<br />

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Wahljahr 2013<br />

Der Countdown<br />

12<br />

13 14 15<br />

Wen hätten Sie gern an der Macht? Bis zur Bundestagswahl lädt <strong>Cicero</strong><br />

Persönlichkeiten ein, schon mal das aus ihrer Sicht perfekte Kabinett<br />

zusammenzustellen. Nach Roger Willemsen ist diesmal der Kabarettist Frank-Markus<br />

Barwasser alias Erwin Pelzig dran. Im nächsten <strong>Cicero</strong> besetzt die Schriftstellerin<br />

Thea Dorn das Kanzleramt und die Ministerposten<br />

Illustrationen: Jan Rieckhoff; Fotos: PICTURE ALLIANCE/ DPA (15), PRIVAT; GRAFIK: CICERO<br />

40 <strong>Cicero</strong> 03.2013


F r a u F r i e d f r a g t s i c h…<br />

Frank-Markus<br />

Barwasser, 53, pflegt<br />

als „Erwin Pelzig“<br />

das politische<br />

Kabarett im ZDF.<br />

In „Pelzig hält<br />

sich“ empfängt er<br />

Spitzenpolitiker<br />

… wo eigentlich die neuen<br />

Väter geblieben sind<br />

(1) Bundeskanzlerin: Malu Dreyer (sorry<br />

Kurt Beck, dass ich sie Ihnen gleich wieder<br />

wegnehme); (2) Auswärtiges: (Vizekanzler)<br />

Daniel Cohn-Bendit (gelernter Europäer<br />

mit ansprechenden Lebensbrüchen);<br />

(3) Innen: Christine Hohmann-Dennhardt<br />

(Ex-Verfassungsrichterin und zurzeit noch<br />

bei Daimler im Vorstand, zuständig für<br />

„Integrität und Recht“; hat Bürgerrechte<br />

im Blick); (4) Justiz: Andreas Voßkuhle,<br />

Präsident des Bundesverfassungsgerichts (aber<br />

wehe, die Gesetze landen dann auch vor dem<br />

Bundesverfassungsgericht!); (5) Finanzen:<br />

Peter Bofinger („Wirtschaftsweiser“); ihm<br />

werden Wirtschaft und Technologie zugeordnet;<br />

(6) Arbeit und Soziales: Ulrich Schneider<br />

(Hauptgeschäftsführer des Deutschen<br />

Paritätischen Wohlfahrtsverbands); wird<br />

mit Familie, Senioren, Frauen und Jugend<br />

zum Superministerium vereint, denn bei<br />

näherer Betrachtung gehört das für mich<br />

<strong>alles</strong> zusammen; (7) Landwirtschaft<br />

und Verbraucherschutz: Thilo Bode<br />

(Foodwatch); (8) Gesundheit: Peter<br />

Sawicki (hatte sich schon als Leiter des<br />

Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit<br />

im Gesundheitswesen IQWIG erfolgreich<br />

mit der Pharmaindustrie angelegt, wurde<br />

folglich geschasst); (9) Verkehr, Bau,<br />

Stadtentwicklung: wird mit dem<br />

Umwelt- und dem neu zu schaffenden<br />

Energieministerium in einem zweiten<br />

Superministerium vereint und geleitet von<br />

Prof. Claudia Kemfert, Energiefrau des DIW;<br />

(10) Verteidigung: Mir fällt niemand<br />

ein. Müsste ich einstweilen selber machen.<br />

(11) Bildung und Forschung: Prof. Harald<br />

Lesch (nicht wegen nationaler TV-Prominenz,<br />

sondern wegen universellen Verständnisses vom<br />

Begriff „Bildung“); (12) Entwicklung: Monika<br />

Hauser (leitet „Medica Mondiale“, Trägerin<br />

des alternativen Nobelpreises); (13) Chefin<br />

des Bundeskanzleramts: Susanne Schmidt<br />

(Wirtschaftsjournalistin, Kanzlertochter);<br />

(14) Integrationsbeauftragte<br />

(Staatsministerin): Sawsan Chebli<br />

(Referentin für interkulturelle Angelegenheiten<br />

im Berliner Senat; hatte ich mal als Gast<br />

in meiner Sendung und traue ihr viel zu);<br />

(15) Staatsminister für Kultur und Medien:<br />

Gerhard Polt (muss man nichts erklären)<br />

I<br />

ch bin gerade Oma geworden,<br />

gewissermaßen. Unser Pflegesohn<br />

(der uns so lieb ist wie ein eigener)<br />

hat eine Tochter bekommen. Und nun tut<br />

er, was junge Väter eigentlich tun sollten:<br />

<strong>alles</strong>, bis aufs Stillen. Er wickelt, trägt herum,<br />

kauft ein, kocht, kümmert sich.<br />

Außerdem arbeitet er, und nicht wenig.<br />

Sobald seine Partnerin in ihren<br />

Job zurückkehrt, wollen die<br />

beiden sich die Kinderbetreuung<br />

teilen. Ach, dachte ich gerührt, so<br />

sind sie also, diese neuen Väter.<br />

Wie wunderbar. Da hat sich doch<br />

eine Menge verändert.<br />

Dann fiel mir eine Studie der<br />

Bertelsmann-Stiftung zum Thema<br />

„Wege in die Vaterschaft“ in die Hände –<br />

und schon war ich geheilt von meinem Irrtum. Rund 95 Prozent der Befragten<br />

nannten darin nämlich als ihre Aufgabe, der „Familie ein Heim zu bieten“ und<br />

den „Lebensunterhalt zu verdienen“. In weiteren Umfragen behaupten fast alle<br />

Männer, sie wollten sich Zeit für ihre Kinder nehmen, aber kaum die Hälfte ist<br />

bereit, nach der Geburt beruflich zurückzustecken – im Gegenteil. Jüngere Väter<br />

arbeiten zwei, ältere sogar bis zu fünf Stunden mehr in der Woche als kinderlose<br />

Männer. Nur jeder vierte Vater geht in Elternzeit – und die meisten auch bloß<br />

zwei Monate. Dafür sind die Buchhandlungen voll mit Erfahrungsberichten von<br />

Männern, die sich mit ihren Heldentaten an der Wickelfront brüsten. Auch unter<br />

nicht publizierenden Vätern finden sich jede Menge Show-Wickler – super engagiert<br />

umsorgen sie ihr Kind, solange Publikum zugegen ist. Die neuen Väter sind<br />

vor allem in einem wunderbar: in der Selbstdarstellung. Im Kopf sind viele von ihnen<br />

kein Stück weiter als ihre Väter oder Großväter.<br />

Wer ist schuld? Auch die Frauen. Aus ihrer Kernkompetenz Kinderkriegen entwickeln<br />

viele die fixe Idee, für den Nachwuchs hauptverantwortlich zu sein. Sie<br />

halten sich für unersetzlich und sorgen gern dafür, dass sie es auch werden.<br />

Und die Wirtschaft ist schuld. Solange Männer 20 Prozent mehr verdienen<br />

als Frauen, ist klar, wer nach der Geburt zu Hause bleibt. Und solange viele Gehälter<br />

fürs Wärmen des Bürostuhls bezahlt werden, ist klar, wer spät nach Hause<br />

kommt. Natürlich ist auch die Politik schuld. Solange Kinderbetreuung ein Luxus<br />

ist und berufstätige Mütter gefragt werden: „Und wer passt auf Ihr Kind auf, solange<br />

Sie hier sind?“, bleibt eben in vielen Familien der Mann der Haupternährer.<br />

Viele junge Väter hätten das inzwischen bestimmt gerne anders. Aber viele andere<br />

sonnen sich im tollen Neue-Väter-Image und flüchten dann so schnell wie möglich<br />

zurück ins Büro. Seien wir ehrlich: Dort ist es ja auch weniger anstrengend als<br />

zu Hause. Dort nervt einen doch nur das „Kinderwuselzeug“, wie der Schauspieler<br />

Matthias Schweighöfer nölte. Deshalb ist er jetzt auch getrennt.<br />

Amelie Fried ist Fernsehmoderatorin und Bestsellerautorin. Für <strong>Cicero</strong> schreibt sie über<br />

Männer, Frauen und was das Leben sonst noch an Fragen aufwirft<br />

03.2013 <strong>Cicero</strong> 41


42 <strong>Cicero</strong> 03.2013


G e s c h l e c h t e r | B e r l i n e r R E p u b l i k |<br />

Eva knackt das<br />

System Adam<br />

Brüderle, BER, Stuttgart 21: Wie funktioniert der Mann? Er hat ein Handicap.<br />

Er sieht weniger, darum wagt er mehr. Die Frau sollte ihn verstehen lernen<br />

von Gertrud Höhler<br />

Illustration: Lisa Rock/Jutta Fricke Illustrators<br />

F<br />

rauen wollen sexy sein. Aber<br />

wehe, es spricht sie einer darauf<br />

an, ein Mann. Auch Männer wollen<br />

sexy sein; klar darf die Frau<br />

sie darauf ansprechen!<br />

Frauen dürfen schon lange mehr als Männer.<br />

Sie haben einen guten Lauf, würde<br />

man im Business-Jargon sagen. Die<br />

Frauen-Boni gelten weiter. Auch die Sonderkonditionen<br />

für operative Wirtschaftsposten<br />

und Aufsichtsräte. Die Macht wird<br />

weiblich. In Zeiten der politischen Quotendrohung<br />

verteilen Topmanager Gratistickets<br />

für Mogeljobs an Töchter und<br />

Gattinnen, die nun als „Managerinnen“<br />

gezeigt werden, obwohl sie die Bilanz ihrer<br />

Firma nicht lesen können. Hauptsache,<br />

das männliche Management <strong>kann</strong> weiter<br />

ungestört arbeiten.<br />

Frauen bringen Glamour in die Chefetagen.<br />

Wer Frauen zeigt, hat einen charmegesättigten<br />

Auftritt in den Medien. Assoziationen<br />

werden geweckt, die Sympathie<br />

im Markt bringen: das Mädchen mit den<br />

Sterntalern, die ins geschürzte Hemdchen<br />

rieseln; die Stroh-zu-Gold-Spinnerin bei<br />

Rumpelstilzchen. Diese Geschichten zeigen:<br />

Wunder sind weiblich, Männer müssen<br />

sich anstrengen.<br />

Frauen stellen Männer auf die Probe,<br />

ob sie die Lektion gelernt haben: Sag niemals,<br />

was du siehst. Zensiere spontan, was<br />

du denkst. Nur vor Gericht wirken ein oder<br />

zwei Promille strafmildernd; bei Frauen<br />

gibt es kein Pardon. Die Anstandsberater<br />

schreiben schon an der neuesten Lektion:<br />

„Die gläserne Frau. Schusssicher wie die gläserne<br />

Decke.“<br />

Immer mehr Topjobs für Frauen.<br />

Lammfromme Männer machen überall<br />

dort Platz, wo Abbrucharbeiten zu erledigen<br />

sind – wie bei Gruner und Jahr, wo mit<br />

Adam war der<br />

angepasste<br />

Angestellte,<br />

Eva stellt die<br />

Regeln infrage<br />

der Financial Times Deutschland eine ganze<br />

Zeitung zu zerlegen war.<br />

Und nun der Schwächeanfall der weiblichen<br />

Alpha-Community, ein Rückfall auf<br />

längst erledigte Positionen.<br />

Was Eva und ihre Schwestern da inszenieren,<br />

ist Frauenpower, virtuos verfremdet:<br />

Nicht der Alphatrip, sondern die<br />

angestaubte Opferpower feiert hier Triumphe.<br />

Nicht der Schuss in die gläserne Decke,<br />

nein, die Betroffenenkompetenz greift<br />

nach den Megafonen der empörungsgeilen<br />

Gesellschaft. Die coole Frau Himmelreich<br />

vom Stern hat den Schmelzpunkt ihrer auf<br />

Eis gelegten Brüderle-Story strategisch kalkuliert.<br />

Multitask, wie Frauen sind, hat sie<br />

auf Multifunktion gesetzt: Den Charmeur<br />

zum Salonlöwen zu dämonisieren, war nur<br />

der Eye-Catcher: den Spitzenkandidaten<br />

der Liberalen in den Abwärtssog zu schicken,<br />

das politische Ziel.<br />

„Es geht immer um Macht“, sagen die<br />

Frauen. Also nicht um Sex. Sie meinen<br />

die Macht von Männern. Die Kommunikationsmacht,<br />

die Frauen an sich reißen,<br />

um die Kampagne gegen Männermacht<br />

zu steuern, wird nicht zum Thema. Aber<br />

hieß das Kampagnen-Motto nicht „Sexismus“?<br />

Sexismus ist, was Männermacht<br />

mit Frauen macht, könnte der Slogan heißen.<br />

Was macht er denn aus Frauen, der<br />

Mann mit Macht? „Objekte, Objekte von<br />

Macht.“ Das würde heißen, Männer mit<br />

Macht können mit Frauen umgehen, wie<br />

Frauen es nicht wollen. Gilt also nicht, was<br />

Frauen wollen?<br />

Versteht Mann nicht, was Frauen wollen?<br />

Es gibt sogar Männer, die glauben,<br />

ein silikongewölbter Busen sei als Augenschmaus<br />

für sie gemacht. Offen bleibt auch<br />

die Frage, ob Frauen die gemischte Aufmerksamkeit<br />

von Kollegen und Chefs billigend<br />

in Kauf nehmen, wenn sie verhüllte<br />

mit enthüllter Weiblichkeit mischen. In jedem<br />

Fall sind es Männer, die in diesen Szenarien<br />

gefährlich leben, nicht die Frauen.<br />

03.2013 <strong>Cicero</strong> 43


| B e r l i n e r R e p u b l i k | G e s c h l e c h t e r<br />

Warum schreiben Frauen ihre Machtgeschichte<br />

als Ohnmachtslegende? Vielerorts<br />

steht die Welt in Flammen, und den<br />

Frauen in Deutschland fällt nichts Besseres<br />

ein, als ihre Privilegien in eine Tragödie<br />

umzuschreiben. Sexismus, weiblich,<br />

sieht so aus: Männer diskriminieren, weil<br />

sie ein Umerziehungskonzept der Frauen<br />

nicht verstehen.<br />

Die Frauen wissen, wie mächtig sie<br />

sind. Ihr Spielfeld: immer mehr Freizügigkeit<br />

bei immer schärferer Sittenzensur<br />

gegen Männer. Wer den hohen<br />

Testosteronspiegel der Aufsteiger,<br />

den die Wissenschaft nachweist, auch<br />

nur als Joke zitieren möchte, riskiert<br />

die nächste Kampagne. Wer fragen<br />

möchte, warum Frauen nicht zu ihrer<br />

Macht stehen, beginnt zu begreifen:<br />

Sie wollen <strong>alles</strong>. Opfermythen ausbeuten,<br />

informelle Macht erweitern und<br />

das Männerghetto zum Hochsicherheitstrakt<br />

ausbauen.<br />

Warum erzählt die erfolgshungrige<br />

Frau unserer Tage nie ihre wahre<br />

Geschichte? Wie sie den Garten Eden<br />

gesprengt hat, während Adam, der<br />

angepasste Chefangestellte, gehorsam<br />

die Chefansagen erfüllte – in der<br />

Hoffnung, hier selbst einmal Chef zu<br />

werden.<br />

Evas Vorsprung: Sie stellte den Befehl<br />

des Chefs infrage. Vielleicht, so<br />

lautet ihre These, gelten seine Verbote<br />

nur seinem eignen Vorteil. Ihr Geheimnis:<br />

Sie hat eine Beraterin, weiblich,<br />

die Schlange – während Adam<br />

durch systemkonforme Leistung auf sich<br />

aufmerksam machen möchte, wie die meisten<br />

Männer heute.<br />

Eva ist die Regelbrecherin. Auch das<br />

ist noch heute ihre Stärke. Männliche Systemsklaven<br />

werden immer häufiger konfrontiert<br />

mit „Spielverderbern“ weiblichen<br />

Geschlechts. Anarcho-Eva, wie die abendländische<br />

Tradition sie schildert, ist eine<br />

Ausbrecherin. Sie nimmt die Zähmungsversuche<br />

des Machthabers nicht hin. Der<br />

unentschlossene Mann muss ihr folgen.<br />

Und ihre Geschichte geht als Machtstory<br />

weiter: Die neue Eva, Maria, traut sich<br />

den männlichen Erlöser zu. Josef, wie Adam,<br />

darf mitlaufen. Nach dem Erzeuger fragen<br />

darf er nicht. Auch diesen Anspruch haben<br />

die Frauen beibehalten: Noch heute wollen<br />

sie die Welt retten. Fragt sich nur, warum<br />

sie so viel Wert auf das Loser-Image legen.<br />

Wer diese Geschichten, die in alle Religionen<br />

der Welt eingesickert sind, verstanden<br />

hat, der staunt nicht mehr über die<br />

Entschlossenheit der Männer, die Weltbewegerin<br />

an die Kette zu legen, ehe sie die<br />

Männer-Handicaps aufdeckt.<br />

Seine Dominanz <strong>kann</strong> der Mann zunächst<br />

sichern, weil seine Neugier offensiv<br />

und sein Risiko-Appetit unstillbar ist. Sein<br />

Antriebsniveau ist hoch, und der Comment<br />

unserer Gesellschaft duldet es nur ungern,<br />

dass Hormonforscher auf die Trivialität<br />

hinweisen, dass Androgene sich von Östrogenen<br />

unterscheiden. Rivalität mit seinesgleichen,<br />

„Unbestimmtheitssuche“, wie<br />

die Evolutionsforscher es nennen, irgendwohin<br />

vorzudringen, wo noch niemand<br />

war, das sind Träume, die den Mann fesseln.<br />

Rivalität mit Frauen <strong>kann</strong> er nicht.<br />

Dass er immer wieder heimkehren<br />

möchte wie Odysseus, finden moderne<br />

Frauen eine Zumutung; schließlich haben<br />

auch sie kein Zuhause mehr. Und beide<br />

verkennen, dass sie dasselbe suchen: Geborgenheit.<br />

Einen Ort, wo wir geliebt werden,<br />

weil wir sind, wie wir sind.<br />

Warum erzählen die Frauen ihm nicht<br />

ihre großartige Geschichte? Es ist die Geschichte<br />

vom anarchistischen Potenzial der<br />

Frau, das immer wieder die „herrschenden<br />

Verhältnisse“ aufsprengt und als Verhältnisse<br />

der Herrschenden zeigt.<br />

Die Anarchistin aus dem Garten Eden<br />

übertrifft den Mann durch Komplexitätstoleranz<br />

und Chaosmanagement. Solange<br />

sie das nicht weiß, wird der Mann<br />

es niemandem verraten.<br />

Wer die Hormonforscher zur testosterongesättigten<br />

Wehrlosigkeit der Männer<br />

nicht hören will, der sollte wenigstens<br />

den Hirnforschern zuhören. Das<br />

Siegerpaar der Evolution, homo und<br />

femina sapiens, lässt die behauptete<br />

Überlegenheit des Mannes in neuem<br />

Licht erscheinen. Sie hat mehr Optionen,<br />

berichten die Forscher. Sie<br />

ist der „ursprüngliche Entwurf“, ein<br />

Multitask-Modell. Ihm bringen vorgeburtliche<br />

Hormonduschen mit der<br />

Männlichkeit den Verlust der Bandbreite,<br />

mit der die weibliche Variante<br />

an den Start geht.<br />

Die Frau ist mit breit gestreuter<br />

Wahrnehmung unterwegs, emotional<br />

sensibel und prosozial bewertend. Ihr<br />

männliches Pendant kommt mit weniger<br />

Optionen in die Welt, spezialisiert<br />

und handlungsstark, zur Bändigung<br />

der eigenen Emotionen entschlossen:<br />

Niemals Opfer werden! Gefühle sind<br />

der Feind.<br />

Der Mann tritt seinen Siegeszug<br />

als kreativer Zerstörer an, ohne zu wissen:<br />

Es ist ein Handicap, das ihn tatendurstig<br />

macht. Ihm fehlt der Multiview<br />

der Weiblichkeit. Er hat weniger<br />

Optionen, also <strong>kann</strong> er schneller entscheiden.<br />

Er sieht die Alternativen nicht, die sie<br />

ihm zeigen will. Er will nur eines: als Sieger<br />

vom Platz gehen.<br />

Der Mann ist der erfolgsorientierte<br />

Vereinfacher, hirnpsychologisch ist er eine<br />

Sparausgabe nach dem Motto: Weniger sehen,<br />

schneller entscheiden. Immerhin ein<br />

Welterfolg per Handicap. Der Mann ist als<br />

Nutzer ältester Gehirnregionen unterwegs.<br />

Sein Neocortex, Sitz der Ratio und<br />

jüngste Errungenschaft der Evolution,<br />

schließt sich immer wieder kurz mit den<br />

ältesten Kammern des Steinzeitspeichers<br />

für Überlebensprogramme. Hier lagern die<br />

Impulse für Kampf und Flucht, für Freude<br />

und Zorn, für Siegerglück und Verliererschmach,<br />

die Kernemotionen. Hier im<br />

Stammhirn werden die Entscheidungen<br />

gefällt: kämpfe oder flieh; hier wird die<br />

Illustration: Lisa Rock/Jutta Fricke Illustrators<br />

44 <strong>Cicero</strong> 03.2013


Foto: Picture Alliance/DPA<br />

Handlungshemmung abgeschaltet. Amokläufe<br />

sind männlich. Da packt der Held<br />

seine Aktentasche mit Waffen, wie im Film<br />

„Falling down“, um die Wut eines halben<br />

Lebens wegzuschießen.<br />

Frauen sollten wissen: Der Mann sieht<br />

weniger und wagt deshalb mehr. Er lebt<br />

mit diesem Handicap gefährlicher als wir.<br />

Er sucht Gefahren, die wir meiden.<br />

Die Frau nutzt ihr Reptilhirn, wie die<br />

Steinzeitkammer auch heißt, nur in Ausnahmefällen:<br />

wenn ihre Geliebten, Männer<br />

wie Kinder, im Feuer stehen. Sie schließt<br />

nicht kurz wie er, von der jüngsten in die<br />

uralte Hirnregion – sie macht immer einen<br />

Stopp in der Mitte, im limbischen System,<br />

wo die Gefühle lagern, auch die Mitgefühle,<br />

die wir Empathie nennen: mit den Augen<br />

des anderen sehen. Daher rührt auch die<br />

Betroffenenkompetenz der Frauen.<br />

Wenn Frauen verstehen, dass der Charmeur<br />

an der Bar, der Angeber im Chefgespräch<br />

dauernd damit beschäftigt ist,<br />

sein Handicap zu verbergen, dann würden<br />

viele weibliche Reaktionen auf männliche<br />

Grenzüberschreitungen humorvoller,<br />

überlegener und so souverän ausfallen, wie<br />

es unserer eigenen Position entspricht.<br />

Wie <strong>kann</strong> es sein, dass die Frau nie begriffen<br />

hat: Er macht aus seinem Handicap<br />

den großen Erfolg. Weil er weniger<br />

Optionen hat, stürmt er unabgelenkt zur<br />

Macht. Sie wirft sein Tunnelkonzept um,<br />

weil sie das Licht am Ende nicht sieht. Er<br />

auch nicht, aber das ist ihm nicht wichtig.<br />

Ideen zählen. Hauptstadtflughafen BER,<br />

Stuttgart 21.<br />

Sicher ist, dass Männer nicht unbedingt<br />

mehr über Frauen wissen wollen. Sicher<br />

ist auch, dass es kein Wettbewerbsvorteil<br />

für Frauen wäre, wenn Männer mehr<br />

von Frauen verstünden – zum Beispiel, warum<br />

Frauen an Türen rütteln, durch die sie<br />

dann doch nicht gehen wollen.<br />

Bleibt das Konstrukt der gläsernen<br />

Decke. Da oben sieht man die Männerfüße<br />

stehen und gehen; aber keine von<br />

den Frauen, die zur gläsernen Decke aufschauen,<br />

jahrelang, zieht den Colt. Was ist<br />

aus Anarcho-Eva geworden? Durchs Treppenhaus<br />

nach oben, wie die Männer, will<br />

sie nicht. Keine redet vom Schuss in die<br />

gläserne Decke. Alle sind zufrieden, dass<br />

sie hält.<br />

Männer und Frauen sind die erfolgreichsten<br />

Lebewesen der Evolution. Die<br />

Weigerung beider, sich in den jeweils anderen<br />

zu versetzen, um wenigstens einen<br />

Teil der Welt mit anderen Augen zu sehen,<br />

schadet beiden.<br />

Immer wieder packt Frauen die Lust,<br />

den Mann als Tölpel darzustellen – während<br />

er im Netz von Sprech- und Blickverboten<br />

zappelt, die sie, die Frauen, erwirkt<br />

haben. Wir sollten immer wieder der Versuchung<br />

widerstehen, ihn zu dämonisieren.<br />

Und wir werden es noch einmal versuchen,<br />

ihm zu erklären, dass wir es waren, die ihm<br />

beides gezeigt haben:<br />

Das Abenteuer jenseits von Eden und<br />

die tollkühne Hoffnung, dorthin zurückzukehren<br />

– vertrauensvoll und frei.<br />

Gertrud Höhler<br />

ist Beraterin und Publizistin.<br />

2012 erschien von ihr: „Die<br />

Patin – Wie Angela Merkel<br />

Deutschland umbaut“<br />

Anzeige<br />

© Foto Martin Walser: Philippe MATSAS/Opale; Meyer, Marguier: Antje Berghäuser;<br />

Kissler: Andrej Dallmann; Eva Menasse: Ekko von Schwichow; Dieter Graumann: Kösel-Verlag;<br />

Ulrich Woelk: Bettina Keller<br />

<strong>Cicero</strong> auf der Leipziger Buchmesse:<br />

Schon verabredet?<br />

Frank A. Meyer Martin Walser Alexander Marguier<br />

Das Ende der Rechthaberei?<br />

<strong>Cicero</strong>-Kolumnist Frank A. Meyer und Alexander Marguier, stellvertretender<br />

<strong>Cicero</strong>-Chefredakteur, im Gespräch mit Martin Walser.<br />

Sonntag, 17. März 2013, 11 Uhr<br />

Centraltheater Leipzig, Bosestraße 1, 04109 Leipzig<br />

Tickets: www.centraltheater-leipzig.de<br />

Veranstalter: Centraltheater Leipzig und<br />

<strong>Cicero</strong> – Magazin für politische Kultur<br />

Alexander Kissler<br />

Eva Menasse<br />

Dieter Graumann<br />

Jüdische Lebenswelten<br />

Alexander Kissler, <strong>Cicero</strong>-Ressortleiter Salon, im Gespräch mit Eva<br />

Menasse, Dieter Graumann und Ulrich Woelk zu ihren neuen Büchern.<br />

Donnerstag, 14. März, und Freitag, 15. März, ab 16 Uhr<br />

Ariowitsch-Haus, Hinrichsenstr. 14, 04105 Leipzig<br />

Eintritt frei<br />

Veranstalter: Der Club Bertelsmann, Stanford University und<br />

<strong>Cicero</strong> – Magazin für politische Kultur<br />

Ulrich Woelk<br />

Besuchen Sie <strong>Cicero</strong> in Halle 4, Stand B 101<br />

oder in Halle 3, Stand D 104a!<br />

Veranstaltungen in Kooperation mit:


| B e r l i n e r R e p u b l i k | K o m m e n t a r<br />

Das Schweigen der Lämmer<br />

Wer unverbindlich bleibt, gewinnt. In der verschwatzten Republik<br />

bestrafen Journalisten ausgerechnet das ehrliche Wort<br />

Von Frank A. Meyer<br />

J<br />

a, wer in Deutschland professionell Politik machen<br />

will, muss wissen, wie das Spiel läuft. Zumal dann,<br />

wenn er in der Berliner Arena zum Kanzlerkampf<br />

antritt.<br />

Ja, wer in diesen Zeiten einen Kanzlerkandidaten berät,<br />

muss die Minen vorausahnen, sie rechtzeitig aufspüren und<br />

entschärfen. Spätestens dann, wenn er Presseinterviews glättet,<br />

schönt und abzeichnet.<br />

Ja, wer in den Medien als Kanzlerkandidat auf das Talent der<br />

taffen Formulierung setzt, muss aufpassen wie ein Schießhund.<br />

Zumindest dann, wenn die Gefahr besteht, dass er selbstverliebt<br />

der eigenen Brillanz anheimfällt.<br />

Es gibt viele Spielregeln in der Szene zwischen Borchardt,<br />

Einstein Unter den Linden, Adnan und Paris Bar. Peer Steinbrück<br />

hätte sie kennen können, sollen, müssen. Doch er redete<br />

gleich zu Beginn seiner Kandidaten-Karriere drauflos wie – ja,<br />

wie eigentlich?<br />

Wie ein Mensch, der sagt, was er denkt.<br />

Aber geht das denn? In Berlin geht das so: Die Journalisten<br />

Christiane Hoffmann, Eckart Lohse und Markus Wehner interviewen<br />

für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung den Kanzlerkandidaten<br />

der SPD. Sie thematisieren die geringen Gehälter<br />

der Politiker im Gegensatz zu den bonusfetten Bezügen in der<br />

Wirtschaft. Die Frage an Peer Steinbrück lautet: „Verdient die<br />

Kanzlerin zu wenig?“<br />

Eine schlichte, eine klare, eine direkte Frage – sollte man<br />

meinen. Die Aufforderung zu einer schlichten, einer klaren, einer<br />

direkten Antwort – sollte man meinen.<br />

Peer Steinbrück ging auch genau so darauf ein – schlicht,<br />

klar, direkt: „Eine Bundeskanzlerin oder ein Bundeskanzler verdient<br />

in Deutschland zu wenig – gemessen an der Leistung, die<br />

sie oder er erbringen muss, und im Verhältnis zu anderen Tätigkeiten<br />

mit weit weniger Verantwortung und viel größerem<br />

Gehalt.“<br />

Peer Steinbrück sagte, was er denkt. Zur Zufriedenheit der<br />

drei Journalisten – sollte man meinen.<br />

Weit gefehlt! In derselben Ausgabe der FAS wird dem Interviewpartner<br />

die eingeforderte Aussage sogleich mit voller Wucht<br />

um die Ohren gehauen: „Kanzler-Bezüge: Steinbrück und das<br />

liebe Geld“, lautet der vorwurfsvolle Titel auf Seite eins. Und<br />

der Autor des Aufmachers, Majid Sattar, gibt sich verzweifelt:<br />

„Warum will ihm nichts gelingen?“<br />

Ja, warum wohl ist Peer Steinbrück auch dieses Interview<br />

misslungen? Oder, andersherum gefragt: Wie hätte es ihm<br />

Illustration: Jan Rieckhoff<br />

46 <strong>Cicero</strong> 03.2013


Foto: privat<br />

denn gelingen können? Ganz einfach: durch Nichtbeantworten,<br />

respektive Falschbeantworten der FAS-Frage. Beispielsweise so:<br />

„Reden wir doch lieber über die Löhne von Krankenschwestern.“<br />

Oder auch: „<strong>Ich</strong> habe andere Sorgen, als mir über das Gehalt<br />

von Angela Merkel Gedanken zu machen.“<br />

Richtig, so hätte Peer Steinbrück antworten können – und<br />

damit verhindern, dass das Blatt, das ihn eingeladen hatte, Rede<br />

und Antwort zu stehen, den Kandidaten hinterher mit deutschlandweiter<br />

Wirkung zur Schnecke macht. Denn der Berliner<br />

Journalistenschwarm verbreitete die miefige Meldung vom geldgeilen<br />

Sozialdemokraten mit zunehmender Zuspitzung im ganzen<br />

Land: „Peer will mehr“, lautete die schäbigste Schlagzeile.<br />

Auch als Steinbrück während eines launig gehaltenen Salongesprächs<br />

im Berliner Ensemble lachend zur Kenntnis gab, keinen<br />

Pinot Grigio unter fünf Euro die Flasche zu trinken, war<br />

das eine amüsante Aussage, die er – unehrlicherweise – besser<br />

unterlassen hätte, wurde sie ihm doch anderntags von<br />

der schurigelnden Journaille im Mund herumgedreht. Aus<br />

dem schlagfertig-fröhlichen Causeur machte sie den arroganten<br />

Luxus-Sozi – Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das<br />

Mondgesicht!<br />

Ja, so läuft das Berliner Spiel: Fallenstellen wird zum medialen<br />

Sport, ehrliche Sätze werden zum publizistischen Straftatbestand.<br />

Interviewte Politiker müssten von den Journalisten vor<br />

der Einvernahme die Belehrung empfangen: „Alles, was Sie jetzt<br />

sagen, <strong>kann</strong> gegen Sie verwendet werden.“<br />

Rainer Brüderle durchleidet den Schauprozess der Schreibtisch-Savonarolas,<br />

weil er, altväterlicher Herrenwitzler, eine Journalistin<br />

im Bar-Halbdunkel auf ihre Oberweite ansprach. Ein<br />

allgemeiner Aufschrei in der Medienszene war die Folge: Sexismus<br />

– endlich wieder eine neue Sau, die durchs Dorf getrieben<br />

werden durfte!<br />

Christian Wulff stürzte über einen Anruf bei Bild-Chefredakteur<br />

Kai Diekmann, mit dem er sich beim vermeintlichen<br />

Freund über die Berichterstattung in dessen Blatt beschwerte.<br />

Die Publikation der emotional-zornigen Mitteilung machte aus<br />

dem Bundespräsidenten einen Dorftrottel – aus dem stillos-illoyalen<br />

Wulff-Spezi Diekmann hingegen einen Helden.<br />

Doch, doch, der Berliner Journalistenschwarm ist kraft Amtes<br />

angewiesen auf Politiker, die reden. Und das Lamento ist<br />

groß, weil die Politiker immer weniger sagen, immer mehr um<br />

den heißen Brei herumreden, sich immer häufiger ins Ungefähre<br />

hinwegschwadronieren.<br />

Dieselben Journalisten aber amüsieren sich köstlich über Politiker,<br />

die sich ihnen gegenüber „ungeschickt“ verhalten, „es<br />

einfach nicht können“, was so viel bedeutet wie: das Nichtssagen<br />

nicht beherrschen.<br />

Darum ist Angela Merkel Kult: Sie sagt nichts. Und wenn<br />

sie trotzdem etwas sagt, sagt sie erst recht nichts. Das ist die politische<br />

Kunst, die bei der Medienmeute höchsten Respekt genießt:<br />

mediale Staatskunst.<br />

Angela Merkel hat diese Kunst des Schweigens und des<br />

nichtssagenden Redens zweimal in ihrem Leben gelernt. Zuerst<br />

in der DDR, allwo freimütiges Reden die Existenz bedrohte.<br />

Und dann in der BRD, allwo freimütiges Reden die politische<br />

Karriere kosten <strong>kann</strong>.<br />

03.2013 <strong>Cicero</strong> 47<br />

Schweigen ist der Goldstandard im Mitteilungsmilieu der<br />

Metropole.<br />

Dabei ist die Republik verschwatzt wie kaum eine andere<br />

Demokratie. Eine Talkrunde jagt die nächste. Doch wird da geredet<br />

im Sinne von: redlich Relevantes gesagt? Wehe dem, der<br />

so etwas wagen würde! Die Quizmaster der politischen Schwatzbuden,<br />

von Jauch bis Plasberg, wären augenblicklich derangiert,<br />

weil intellektuell überfordert, deshalb auch ungehalten. Derlei<br />

Frevel <strong>kann</strong> sich ein Politiker nur bei Strafe erlauben, denn<br />

das Personal der medialen Demokratie hat sich gefälligst an die<br />

Spielregeln zu halten: unverbindlich sein, geschickt sein, taktisch<br />

sein, schlau sein – nicht man selbst sein.<br />

Letzeres vor allem: Nicht man selbst sein! Steinbrück nicht<br />

Peer Steinbrück, Merkel nicht Angela Merkel, Brüderle nicht<br />

Rainer Brüderle, Wulff nicht Christian Wulff et cetera.<br />

Wie wär’s, wenn sich die politische Prominenz für ein Jahr<br />

der erniedrigenden Zurschaustellung unter der Zuchtrute der<br />

Journalisten verweigern würde? Durch Schweigen, wo immer<br />

ein Journalist die Fragen stellt?<br />

Es wäre: das Schweigen der Lämmer!<br />

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Frank A. Meyer<br />

ist Journalist und Gastgeber der politischen<br />

Projekt1_Layout 1 08.02.13 13:19 Seite 1<br />

Sendung „Vis-à-vis“ in 3sat<br />

Wissenschaft<br />

Macht<br />

Moral<br />

Ein Gutsverwalter in Bayern, der durch<br />

einen skrupellosen Mord aus seiner<br />

beschaulichen Idylle gerissen wird.<br />

Ein junger Kernphysiker, der sich im Intrigenspiel<br />

des Kalten Krieges verfängt.<br />

Eine Formel, die möglicherweise<br />

die gesamte Menschheit gefährdet.<br />

Drei ehemalige Agenten der<br />

Supermächte, die sich auf eine<br />

letzte Mission begeben.<br />

Max Bronski<br />

der tod bin ich<br />

Thriller<br />

400 Seiten, Euro 16,95<br />

ISBN 978-3-88897-778-7<br />

verlag antje<br />

kunstmann


| W e l t b ü h n e<br />

der letzte Europäer<br />

Der britische Staatsminister David Lidington gilt als mäßigender Einfluss auf Premier David Cameron<br />

von Sebastian Borger<br />

D<br />

ie fragen gefallen ihm nicht. Unruhig<br />

rutscht David Lidington<br />

auf seinem Stuhl hin und her,<br />

beugt sich vor und zurück, versucht, dem<br />

Interviewer ins Wort zu fallen. Diesmal ist<br />

es der knallharte EU-Feind Andrew Neil,<br />

dem sich Großbritanniens Staatsminister<br />

für Europafragen zum BBC-Kreuzverhör<br />

gestellt hat. Aber die Szene wiederholt sich<br />

derzeit in London immer wieder, ob der<br />

56-Jährige mit EU-Botschaftern spricht,<br />

ausländischen Korrespondenten die Politik<br />

seiner Regierung erklärt oder diese im<br />

Fernsehen verteidigt. Stets gibt sich Lidington<br />

irritiert, fast beleidigt, wenn die Fragesteller<br />

immer und immer wieder die zukünftige<br />

Zugehörigkeit seines Landes zum<br />

Brüsseler Club infrage stellen. „Wir wollen<br />

ein führendes, positives Mitglied sein“, sagt<br />

Lidington dann und fungiert als Echo seines<br />

Premierministers. „David Cameron hat<br />

keinen Geheimplan, mit dem er Großbritannien<br />

aus der EU bugsieren will.“<br />

Nein, geheim sei der Plan keineswegs,<br />

erwidern die Spötter in London: 40 Jahre<br />

nach dem Beitritt zur EWG am 1. 1. 1973<br />

steuere die Insel beinahe schlafwandlerisch<br />

auf den Ausgang zu. Der konservative Parteichef<br />

Cameron will über Kompetenzverlagerungen<br />

von Brüssel in die nationalen<br />

Hauptstädte zunächst verhandeln und<br />

spätestens 2017 das Volk abstimmen lassen.<br />

Das setzt nicht nur die Wahl der Tories<br />

mit absoluter Mehrheit beim nächsten<br />

Urnengang im Frühjahr 2015 voraus, was<br />

angesichts der Umfragen so wahrscheinlich<br />

erscheint wie die baldige Abdankung<br />

Elizabeths II. Notwendig ist auch das Entgegenkommen<br />

der 26 Verbündeten. Die<br />

müssen verhandeln wollen und Zugeständnisse<br />

gewähren, andernfalls macht die erste<br />

Volksabstimmung seit 1975 wenig Sinn.<br />

Auch damals ging es um Europa. Der<br />

heutige Premierminister (Jahrgang 1966)<br />

war noch nicht stimmberechtigt, der 1956<br />

geborene Lidington hingegen schon. Wie<br />

die Parteiführung unter der damals frisch<br />

gewählten Margaret Thatcher gab der Jung-<br />

Tory der EWG sein Ja-Wort, anders als<br />

Thatcher hat Lidington an seiner grundsätzlich<br />

positiven Haltung gegenüber Europa<br />

festgehalten. Er sammelte Erfahrung<br />

bei global operierenden Firmen wie dem<br />

Ölkonzern BP und der Bergbaugesellschaft<br />

Rio Tinto, orientierte sich innerparteilich<br />

am liberalen Flügel und heuerte mit 30 als<br />

Sonderberater bei Douglas Hurd an. Der<br />

Chef, ab 1989 Außenminister, stellte die<br />

Inkarnation der alten Tory-Party dar: patrizierhaft,<br />

pragmatisch, problemorientiert –<br />

und zutiefst davon überzeugt, man müsse<br />

mit dem Kontinent zusammenarbeiten.<br />

An diesen Prinzipien orientiert sich Lidington<br />

bis heute, gehört damit nach 20 Jahren<br />

Unterhaus-Zugehörigkeit für den Wahlkreis<br />

Aylesbury (Grafschaft Buckinghamshire)<br />

aber einer kleinen Minderheit an. Im<br />

Koalitionskabinett sitzt auf konservativer<br />

Seite gerade noch ein einziger Pro-Europäer,<br />

der 72-jährige Ken Clarke als „Minister<br />

ohne Geschäftsbereich“. Jüngere Weggefährten<br />

Lidingtons wie Damian Green<br />

oder David Willetts stecken wie er selbst<br />

auf der Ebene der politischen Staatssekretäre<br />

fest. Effizient verrichten diese Liberalkonservativen<br />

ihre Arbeit und üben ihren<br />

europafreundlichen Einfluss hinter den<br />

Kulissen aus – schon allein, um das überwiegend<br />

EU-feindliche Parteivolk im Ortsverband<br />

nicht zu vergrätzen.<br />

Nach der Parlamentswahl 2010 hatte<br />

der neue Premier Cameron ursprünglich<br />

einen strammen EU-Skeptiker als Staatsminister<br />

für Europa in die Brüsseler Konferenzsäle<br />

schicken wollen. Dass Lidington<br />

den Posten erhielt, war dem liberaldemokratischen<br />

Koalitionspartner geschuldet.<br />

Seither hat der promovierte Renaissance-<br />

Historiker die Gesprächspartner vom Kontinent<br />

ebenso wie seine Vorgesetzten Cameron<br />

und Außenminister William Hague<br />

durch Detailkenntnis und Verhandlungsgeschick<br />

beeindruckt, durfte deshalb bei<br />

der umfassenden Regierungsumbildung<br />

im Herbst auch seinen Job behalten. Nun<br />

muss er unentwegt die Gratwanderung seines<br />

Parteichefs und die britischen Forderungen<br />

verteidigen: Die EU brauche schon<br />

deshalb neue Reformen, weil die wirtschaftlichen<br />

Nöte der Eurozone deren engere Kooperation<br />

notwendig machen, gleichzeitig<br />

sich aber eine Reihe von EU-Mitgliedern<br />

dauerhaft nicht an der Gemeinschaftswährung<br />

beteiligen will. Außerdem müssten<br />

alle Europäer ihre Wettbewerbsfähigkeit<br />

verbessern, damit sie der Dynamik aufstrebender<br />

Giganten wie China, Indien oder<br />

Brasilien standhalten können. Wie diese logisch<br />

klingenden Argumente auf dem Kontinent<br />

ankämen, wird der Vater von vier<br />

Söhnen gern gefragt. Tapfer antwortet Lidington:<br />

„Aus meinen Gesprächen höre ich<br />

durchaus ein Bedürfnis nach einer demokratischen<br />

Debatte heraus.“<br />

Wenn er sich da mal nicht täuscht. Genüsslich<br />

kolportieren die Zeitungen wegwerfende<br />

Bemerkungen deutscher Diplomaten,<br />

ihre Termine mit den britischen<br />

Kollegen kämen derzeit „Therapiesitzungen“<br />

gleich. Die Regierung der Niederlande,<br />

wo David Cameron ursprünglich<br />

seine Rede halten wollte, hat sich öffentlich<br />

von jeglicher Verweigerungshaltung distanziert.<br />

Auch Camerons politischer Busenfreund<br />

Fredrik Reinfeldt (Schweden)<br />

unterscheidet strikt zwischen legitimer Interessenwahrung,<br />

etwa im Streit um den<br />

zukünftigen EU-Haushalt, und den dauernden<br />

Störgeräuschen aus London.<br />

Kein Zweifel: David Lidington hat einen<br />

der schwersten Jobs der konservativliberalen<br />

Koalition. Immerhin weiß der<br />

Mann, wovon er redet – auch wenn er dabei<br />

nervös herumrutscht.<br />

sebastian Borger<br />

schreibt als freier Korrespondent<br />

aus London<br />

Fotos: Rex Features, Privat (Autor)<br />

48 <strong>Cicero</strong> 03.2013


„David Cameron<br />

hat keinen<br />

Geheimplan,<br />

mit dem er<br />

Großbritannien<br />

aus der EU<br />

bugsieren will“<br />

David Lidington<br />

03.2013 <strong>Cicero</strong> 49


| W e l t b ü h n e<br />

Die Spalterin<br />

Viele Argentinier halten ihre Präsidentin für eitel und selbstgefällig – und ihre Regierung für korrupt<br />

von Karen naundorf<br />

C<br />

ristina Fernández de Kirchner<br />

winkte keck in die Kameras, als<br />

seien die Fotografen nur wegen<br />

ihr gekommen. Und nicht für das Gruppenfoto<br />

der Staatschefs, die sich Ende Januar<br />

zum Europa-Lateinamerika-Gipfel in<br />

Chile trafen. Angela Merkel (Hosenanzug,<br />

flache Schuhe) und Brasiliens Präsidentin<br />

Dilma Rousseff (Hosenanzug, ein wenig<br />

Absatz) beobachteten amüsiert, wie ihre<br />

argentinische Kollegin (Rock, hohe Absätze,<br />

perfekt geschminkt) mit den Kameras<br />

flirtete.<br />

Diese Momentaufnahme zeigt: Argentiniens<br />

Präsidentin ist anders als andere<br />

mächtige Frauen. Sie versucht nicht, ihre<br />

Weiblichkeit durch eine Art Berufskleidung<br />

zu neutralisieren. Sie gibt sich bewusst feminin<br />

– auch wenn sie immer noch Trauer<br />

trägt. Vor mehr als zwei Jahren starb ihr<br />

Mann und Amtsvorgänger Néstor Kirchner.<br />

Was das Foto nicht zeigt: Eine positive<br />

Bildsprache in den Medien ist für<br />

Cristina Kirchner so wichtig wie selten<br />

zuvor. Wurde die Präsidentin im Oktober<br />

2011 noch mit 54 Prozent der Stimmen<br />

im ersten Wahlgang wiedergewählt,<br />

liegt heute ihr Zustimmungswert bei nur<br />

noch 30 Prozent. Das Land fragt sich: Ist<br />

die Präsidentin eine selbstgerechte Erscheinung,<br />

immun gegen jede Art von Kritik,<br />

die dem Land Schaden zufügt? Oder ist<br />

sie die Heilsbringerin, auf die Argentinien<br />

gewartet hat, seit Evita starb?<br />

Kirchner selbst unternimmt nichts gegen<br />

die Polarisierung. Im Gegenteil. Die<br />

60-Jährige macht klar: Wer nicht für mich<br />

ist, ist gegen mich. Sagt Sätze wie: „Man<br />

muss nur vor Gott Angst haben und vor<br />

mir ein bisschen.“ Eine Präsidentin, die ein<br />

Volk einen will, spricht anders.<br />

Bis zum Tod ihres Mannes waren die<br />

Kirchners ein Team. Zuerst war er 2003<br />

ins Amt gewählt worden, danach kam seine<br />

Frau. Die Juristin hatte eine eigene politische<br />

Karriere hinter sich, war Abgeordnete<br />

und Senatorin. Besonders am Anfang trafen<br />

die Kirchners Entscheidungen, die die Anerkennung<br />

vieler fanden: Entschuldungsmaßnahmen,<br />

Legalisierung gleichgeschlechtlicher<br />

Ehen, die Verstaatlichung desaströser<br />

privater Rentenfonds. Als Néstor starb, trauerten<br />

die Argentinier mit der Witwe.<br />

„<strong>Ich</strong> bin mit 90 Prozent ihrer<br />

Maßnahmen einverstanden, aber<br />

ich würde sie nicht wählen“<br />

Jorge Giacobbe, argentinischer Meinungsforscher<br />

Längst ist der Mitfühlbonus verflogen:<br />

Zu hoch ist die Inflation, Statistiken sind geschönt.<br />

Export- und Importbestimmungen<br />

werden willkürlich geändert. Ständig gibt es<br />

neue Korruptionsvorwürfe. Als im vergangenen<br />

Jahr auch noch die Devisenkontrollen<br />

verschärft wurden – nur wer keine Steuerschulden<br />

hat und eine Reise plant, darf<br />

in limitierter Menge Pesos in Dollar tauschen<br />

–, gingen im November 2012 Hunderttausende<br />

auf die Straßen. Sie protestierten<br />

gegen vieles, vor allem aber gegen die<br />

Präsidentin. Müssten die Argentinier Kirchner<br />

mit einem Wort beschreiben, fiele die<br />

Wahl auf „autoritär“, hat der Meinungsforscher<br />

Jorge Giacobbe herausgefunden.<br />

Ihm selbst geht es nicht anders. „<strong>Ich</strong> bin<br />

mit 90 Prozent ihrer politischen Maßnahmen<br />

einverstanden, aber ich würde sie nicht<br />

wählen“, fügt er hinzu.<br />

Die Präsidentin spaltet – selbst jene,<br />

die eigentlich auf ihrer Seite stehen sollten.<br />

Etwa die Linke, die mit einer Regierung, die<br />

ein Kindergeld eingeführt hat, die Renten<br />

anhob, eine Erdölgesellschaft und eine Fluggesellschaft<br />

verstaatlichte, zufrieden sein<br />

könnte. Viele sind es auch. Andere aber<br />

beklagen, es gehe am Ende nur ums Geschäft.<br />

Dass Unternehmen wie der GentechnikRüheeeeedghkxhkiese<br />

Monsanto oder<br />

die Bergbaufirma Barrick Gold schalten<br />

und walten können, wie sie wollen. „Die<br />

Präsidentin hat sogar das Gesetz zum Schutz<br />

der Gletscher blockiert“, sagt der ehemalige<br />

Kirchner-Verbündete Miguel Bonasso. In<br />

seinem Buch „El Mal“ („Das Böse“) erhebt<br />

er schwere Korruptionsvorwürfe gegen die<br />

Regierung. Die schweigt dazu.<br />

Und auch Argentiniens Frauen sind gespalten.<br />

„Jedes Mädchen <strong>kann</strong> heute davon<br />

träumen, einmal Präsidentin zu werden“,<br />

sagt die Genderforscherin Diana Maffia<br />

von der Universität Buenos Aires. Gleichzeitig<br />

kritisiert die Wissenschaftlerin die<br />

Staatschefin: „Sie reproduziert weibliche<br />

Klischees. Vertraut auf Personen, nicht auf<br />

Strukturen, was eine pyramidale Machtstruktur<br />

verstärkt. Ihre Frauenförderprogramme<br />

sorgen nicht für Chancengleichheit,<br />

sie schaffen finanzielle Abhängigkeit.“<br />

Je tiefer die Gräben werden, desto beleidigender<br />

und respektloser wird die Kritik.<br />

Verrückt sei die Präsidentin, bipolar.<br />

Schwarze Witwe. Kompulsive Handtaschenshopperin.<br />

Doña Botox wurde sie<br />

genannt. Und jeder in Argentinien weiß,<br />

wer mit „die Stute“ gemeint ist.<br />

Dennoch werden die Proteste wohl keine<br />

destabilisierenden Ausmaße annehmen. Die<br />

gleichen Umfragen, die zeigen, wie unbeliebt<br />

Kirchner ist, sagen auch: Die Opposition<br />

steht nicht besser da. Kirchners Anhänger<br />

fühlen sich durch die Beleidigungen<br />

sogar bestärkt. Längst sieht man Frauen, auf<br />

deren T-Shirts steht: „Wir sind alle Stuten!“<br />

Karen Naundorf<br />

ist Korrespondentin des<br />

Weltreporter-Netzwerks.<br />

Sie lebt in Buenos Aires<br />

Fotos: Leo La Valle/Picture Alliance/DPA, Privat (Autorin)<br />

50 <strong>Cicero</strong> 03.2013


Argentiniens Präsidentin<br />

Cristina Fernández de<br />

Kirchner ist bei ihrem Volk<br />

in Ungnade gefallen<br />

03.2013 <strong>Cicero</strong> 51


| W e l t b ü h n e<br />

Der Schützenkönig<br />

Wie der Chef der einflussreichen amerikanischen Waffenlobby, David Keene, sich die Welt vorstellt<br />

von Jacob Heilbrunn<br />

E<br />

s ist schwieriger geworden in den<br />

USA Schusswaffen zu kaufen. Vor<br />

allem seit Adam Lanza im Dezember<br />

seine Mutter erschoss, bevor er 20 Kinder<br />

und sechs Erwachsene an der Sandy-<br />

Hook-Grundschule – mit einem für den<br />

Kampfeinsatz von Streitkräften vorgesehenen<br />

Sturmgewehr – tötete. Nur liegt das<br />

weder an staatlichen Regulierungen noch<br />

daran, dass Waffenhändler genauer überprüfen,<br />

wem sie Schusswaffen verkaufen.<br />

Der Grund ist sehr viel simpler: Es wollen<br />

so viele Menschen eine Waffe haben, dass<br />

es lange Wartelisten gibt, auch für Sturmgewehre.<br />

Wer sich bis an die Zähne bewaffnen<br />

will, muss sich hinten anstellen.<br />

Für diesen Hype sind in erster Linie<br />

die National Rifle Association (NRA) und<br />

David Keene verantwortlich. Der Präsident<br />

der mächtigen Waffenlobby lässt keine Gelegenheit<br />

aus, um die Ängste der Bevölkerung<br />

vor waffenlosen Zuständen zu schüren.<br />

Davon überzeugt, dass US-Präsident<br />

Barack Obama Handfeuerwaffen nicht nur<br />

verbieten, sondern auch konfiszieren wird,<br />

kauft manch ein Amerikaner Waffen wie<br />

im Rausch. Dass laut einem FBI-Bericht<br />

die Kriminalitätsrate auf den tiefsten Stand<br />

seit den frühen siebziger Jahren gesunken<br />

ist, überzeugen Keene und seine Jünger<br />

nicht. Sie halten an ihrem unerschütterlichen<br />

Glauben fest, dass sie sich nur auf sich<br />

selbst verlassen können, wenn sie Schutz<br />

brauchen.<br />

Keine Organisation hat mehr dafür getan,<br />

diese Stimmung anzuheizen, als die<br />

NRA. David Keene und sein Verband, der<br />

sich rühmt, vier Millionen Mitglieder zu<br />

Die einzige Möglichkeit, an<br />

seiner Freiheit festzuhalten, legt<br />

Keene nahe, bestehe darin, eine<br />

Waffe zu besitzen<br />

haben, stehen gut da. Seinem politischen<br />

Einfluss ist es zu verdanken, dass bislang<br />

jeglicher Versuch gescheitert ist, den Verkauf<br />

von Handfeuerwaffen zu regulieren.<br />

Dem Lobbyisten ist es gelungen, Abgeordnete<br />

der Demokraten so sehr einzuschüchtern,<br />

dass sie schweigen, wenn das Thema<br />

Waffengewalt zur Sprache kommt.<br />

Konservative Werte sind der Leitfaden<br />

in Keenes Leben. Bevor er NRA-Präsident<br />

wurde, war er bereits ein äußerst erfolgreicher<br />

Vorsitzender der ältesten konservativen<br />

Lobbyorganisation der USA, der American<br />

Conservative Union. Als er antrat,<br />

hatte die Organisation 4000 Mitglieder<br />

und eine Million Dollar Schulden. Als er<br />

2011 zur Waffenlobby wechselte, hatte die<br />

Union nach eigenen Angaben eine Million<br />

Mitglieder und war schuldenfrei. Keene<br />

symbolisiert eine geradezu geniale Liason<br />

von konservativem Liberalismus und Waffenlobby.<br />

Unter seiner Präsidentschaft stellt<br />

sich die NRA nicht als Unterstützerin von<br />

Gewalt dar, sondern als Verteidigerin der<br />

Freiheit und der Bürgerrechte. Keene suggeriert,<br />

dass jene, die keine Waffen besitzen,<br />

potenziell immer der Willkür von Kriminellen<br />

oder sogar einer despotischen Regierung<br />

ausgesetzt seien. Immer wieder betont<br />

er, die Vereinigten Staaten seien gegründet<br />

worden, weil Bürgermilizen die britischen<br />

Rotröcke bekämpften. Den Amerikanern<br />

das Recht auf Waffenbesitz abzusprechen,<br />

sei daher der erste Schritt zur Auflösung<br />

der amerikanischen Demokratie.<br />

Es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln,<br />

dass Keene aufrichtig an dieses Credo<br />

glaubt. Er selbst ist seit langem ein strammer<br />

Verfechter der Freiheit des Individuums.<br />

So war es nur konsequent, dass der<br />

67-Jährige nach den Terrorattacken vom<br />

11. September 2001 Präsident Bushs Forderungen<br />

nach mehr Überwachung heftig<br />

kritisierte. „Das Problem ist“, sagte<br />

Keene damals, „dass wir nicht mehr im<br />

gleichen Land leben werden wie vor dem<br />

11. September, sollten all diese Forderungen<br />

umgesetzt werden.“ Keenes Freiheitsdrang<br />

geht so weit, dass er mit der Bürgerrechtsorganisation<br />

American Civil<br />

Liberties Union zusammengearbeitet hat,<br />

um die Rechte von Gefängnisinsassen zu<br />

stärken. Dies mag nicht zuletzt einem sehr<br />

persönlichen Hintergrund geschuldet sein.<br />

Musste doch Keenes Sohn Michael eine<br />

zehnjährige Haftstrafe verbüßen. Er hatte<br />

2002 bei einem Streit im Straßenverkehr<br />

mit seiner Waffe auf ein anderes Fahrzeug<br />

geschossen – und dabei den Fahrer nur<br />

knapp verfehlt.<br />

Keene mag sich selbst als altmodischen<br />

Patrioten verstehen, der die amerikanischen<br />

Freiheiten verteidigt. Aber er ist<br />

sein Leben lang auch stets ein geschickter,<br />

Foto: Patrick Smith/Getty Images<br />

52 <strong>Cicero</strong> 03.2013


David Keene mag onkelhaft<br />

wirken. Als Präsident der<br />

Waffenlobby NRA vertritt er<br />

kompromisslos deren Interessen<br />

03.2013 <strong>Cicero</strong> 53


| W e l t b ü h n e<br />

etwas onkelhafter politischer Strippenzieher<br />

gewesen. Schon während seiner Zeit<br />

am College der University of Wisconsin<br />

gründete er einen Ortsverband der Young<br />

Americans for Freedom, einer erzkonservativen<br />

Gruppierung, die moderate Republikaner<br />

als Verräter des wahren Glaubens<br />

ins Visier nahm. Nachdem er 1964<br />

ehrenamtlich für Barry Goldwaters erfolglose<br />

Präsidentschaftskampagne gearbeitet<br />

hatte – jene Kampagne, die als Sprungbrett<br />

für die Bewegung diente, die in Amerika<br />

später als New Right be<strong>kann</strong>t wurde –,<br />

war er als Berater für Richard Nixons Vizepräsidenten<br />

Spiro Agnew tätig. Danach<br />

hat Keene in zahlreichen republikanischen<br />

Präsidentschaftskampagnen eine tragende<br />

Rolle gespielt.<br />

Bis heute hat er davon profitiert, dass er<br />

sich als Verteidiger des Rechtes für Durchschnittsamerikaner<br />

stilisiert, eine Waffe zu<br />

besitzen – eines Rechtes, so glaubt Keene,<br />

das die linksliberale Elite auszuhebeln versucht.<br />

Seine Haltung beruht auf einer kompromisslosen<br />

Interpretation des zweiten<br />

Verfassungszusatzes, wonach jeder Amerikaner<br />

das uneingeschränkte Recht hat,<br />

Waffen jeder Art zu erwerben. Aber wo<br />

soll das enden? Bei Bazookas? Bei Panzerfahrzeugen?<br />

Die NRA hat darauf keine<br />

Antwort.<br />

Unter Keene, den Freunden „konservativer<br />

Forrest Gump“ nennen, flüchtet sich<br />

die Organisation in zunehmend abstruse<br />

Argumente, um die weitere Verbreitung<br />

von Waffen zu verteidigen. Die Waffengesetze,<br />

sagt Keene, seien „historisch betrachtet<br />

schon immer rassistisch“ gewesen. Ihr<br />

Zweck sei es gewesen zu verhindern, dass<br />

Sklaven in den Besitz von Waffen gelangen.<br />

Das mag vielleicht sogar richtig sein. Aber<br />

die vergleichsweise maßvollen Beschränkungen,<br />

um die es heute geht – wie die<br />

Überprüfung des Käufers oder das Verbot<br />

Das Interesse der Waffenhersteller<br />

unterscheidet sich nicht von<br />

dem einer Hamburger‐Kette<br />

wie McDonald’s<br />

von Sturmgewehren –, sind wohl kaum der<br />

Versuch, irgendeine ethnische Gruppe erneut<br />

zu versklaven. Ein anderes abenteuerliches<br />

Argument der Waffenlobbyisten lautet:<br />

Es wäre nie zum Holocaust gekommen,<br />

wenn die deutschen Juden ordentlich bewaffnet<br />

gewesen wären. So haarsträubend<br />

diese Argumente sein mögen, sie sind nicht<br />

der Kern des Problems. Was wirklich hinter<br />

der pervertierten Debatte um Waffen<br />

steckt, ist vielmehr Geld. Die Republikaner<br />

haben zig Millionen Dollar an Spenden<br />

von der NRA erhalten.<br />

So unerschütterlich sich die NRA auch<br />

gibt, nun könnte sie erstmals ihre Karten<br />

überreizt haben. Es ist noch unklar, ob<br />

Keene und seine Chefideologen diesmal<br />

die Stimmung in der breiten Öffentlichkeit<br />

richtig eingeschätzt haben. Die Menschen<br />

scheinen für minimale Regulierungen<br />

des Waffenbesitzes empfänglich zu<br />

werden. Umfragen zufolge stimmen inzwischen<br />

91 Prozent der Amerikaner dem<br />

Vorschlag zu, potenzielle Waffenkäufer<br />

auf eine mögliche kriminelle Vergangenheit<br />

zu überprüfen. Keene & Co aber beharren<br />

weiterhin darauf, dass der Vorschlag<br />

ein nicht tolerierbarer Eingriff in die persönliche<br />

Freiheit sei.<br />

Durch die jüngsten Amokläufe ist nun<br />

auch die NRA ins Kreuzfeuer geraten.<br />

Denn bislang ist es ihr nicht gelungen, angemessen<br />

auf die Vorfälle zu reagieren. Statt<br />

etwas einzulenken, äußern sich die Waffenlobbyisten<br />

immer radikaler. Keene hat erklärt,<br />

dass es sich beim Sturmgewehr AR-<br />

15 – das Adam Lanza bei seinem Amoklauf<br />

benutzte und das 700 Schüsse pro Minute<br />

abfeuern <strong>kann</strong> – um das Äquivalent zu der<br />

Muskete der revolutionären Amerikaner im<br />

18. Jahrhundert handele. Unterdessen verkündete<br />

NRA-Geschäftsführer Wayne La-<br />

Pierre, dass das Problem amerikanischer<br />

Schulen nicht darin liege, dass es in ihnen<br />

zu viele Waffen gäbe, sondern zu wenige.<br />

Lehrer, sagte er, müssten sich bewaffnen,<br />

um Angriffe abwehren zu können.<br />

Dahinter stehen offensichtliche Motive.<br />

Die NRA repräsentiert nicht mehr die Waffenbesitzer,<br />

sondern vielmehr die Waffenhersteller,<br />

von denen eine Reihe im Aufsichtsrat<br />

der Lobbyorganisation sitzt und<br />

diese finanziert. Die NRA ist eine Dienerin<br />

der Waffenindustrie geworden. „Im ganzen<br />

Land hat die NRA den Markt für Schusswaffenhändler<br />

ausgeweitet, indem sie auf<br />

Bundesstaaten ebene für Gesetze eintrat,<br />

die den Bürgern das Recht garantierten, in<br />

der Öffentlichkeit verdeckt Waffen zu tragen,<br />

und denen, die vorgeblich in Notwehr<br />

töten, erlauben, ungestraft davonzukommen“,<br />

schrieb der Rolling Stone zutreffend.<br />

Das Interesse der Waffenhersteller unterscheidet<br />

sich nicht von dem einer Hamburger-Kette<br />

wie McDonald’s oder einem<br />

Textilunternehmen wie H & M. Sie sind<br />

an Wachstum interessiert. Jeder Amerikaner,<br />

der noch keine Schusswaffe besitzt, ist<br />

ein potenzieller Kunde für sie. Ein Käufer<br />

muss nicht überzeugt werden, diese Waffen<br />

auch zu benutzen; er wird es wahrscheinlich<br />

auch nie tun, allenfalls um einen Einbrecher<br />

aufzuhalten. Aber weil die NRA<br />

suggeriert, dass man Waffen genauso brauche<br />

wie ein Auto oder einen Geschirrspüler,<br />

können sie wie Alltagsgegenstände wahrgenommen<br />

werden.<br />

Neue Märkte locken also – oder können<br />

erschlossen werden. Die NRA und die<br />

Waffenhersteller säen Angst und hoffen dabei<br />

auf ein Amerika, in dem jeder Bürger<br />

dem anderen bewaffnet gegenübersteht.<br />

Das wäre die ultimative Form der Abschreckung,<br />

zumindest nach der Vorstellung von<br />

David Keene und seinen Mitstreitern.<br />

Wäre dieses Ziel eines Tages tasächlich<br />

erreicht, könnte Keene, wie er schon bei<br />

seinem Amtsantritt erklärte, sich wieder<br />

dem zuwenden, was er am liebsten macht:<br />

jagen, fischen und einen guten Whiskey<br />

genießen.<br />

Übersetzung: Daniel Schreiber<br />

Jacob Heilbrunn<br />

ist Senior Editor bei der<br />

amerikanischen Zeitschrift<br />

National Interest<br />

Foto: privat<br />

54 <strong>Cicero</strong> 03.2013


Verwaltungsvorurteile:<br />

Ärmelschoner, Stechuhr<br />

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| W e l t b ü h n e | D e r P a p s t t r i t t z u r ü c k<br />

Ein Seltsamer<br />

Heiliger<br />

Er hat sie alle überrascht: Niemand rechnete damit,<br />

dass Benedikt XVI. seinen Rücktritt erklären würde.<br />

Abermals zeigt Joseph Ratzinger sich als Nonkonformist<br />

des Denkens und notorischer Querkopf. Was wird<br />

bleiben von einem Pontifikat der Widersprüche?<br />

von Alexander Kissler<br />

56 <strong>Cicero</strong> 03.2013


in einem Rundfunkbeitrag machte<br />

sich der Theologe Joseph Ratzinger an<br />

Weihnachten 1969 Gedanken über die<br />

katholische Kirche im Jahre 2000. Er<br />

prophezeite eine geschrumpfte Herde,<br />

ohne den Schein von Komfort und Konvention.<br />

Eine neue Urzeit des Christentums sah er<br />

voraus. Die Kirche von morgen werde weder<br />

ihre Bauten noch ihre Privilegien halten können.<br />

Es werde eine verinnerlichte Kirche sein.<br />

Wie ein Fremdling hatte sich in diese sehr klare<br />

Rede sein liebster theologischer Gewährsmann<br />

eingeschlichen, der heilige Augustinus. „Noch<br />

immer“, sprach Joseph Ratzinger zu den Hörern<br />

des Hessischen Rundfunks, „noch immer<br />

gilt das Wort Augustins, der Mensch sei ein<br />

Abgrund. Was daraus aufsteigt, vermag niemand<br />

im Voraus zu überblicken.“<br />

Es ist dieses Wort, auf das Benedikt XVI.<br />

gerne zurückkam und das er der eigenen<br />

Sprach- und Denkmelodie anverwandelte:<br />

„Der Mensch wird immer ein tiefes und unergründliches<br />

Rätsel bleiben.“ Nicht zuletzt<br />

für den Menschen Joseph Ratzinger gilt diese<br />

Conditio humana. Vertraute sprechen von einiger<br />

Delikatesse in der Kommunikation mit<br />

ihm, wo die indirekte der direkten Mitteilung<br />

vorgezogen wurde. Wer ein Anliegen umweglos<br />

ausspreche, der habe es mitunter schon verspielt.<br />

Als Georg Gänswein am 6. Januar in<br />

den Rang eines Erzbischofs erhoben wurde<br />

und tags darauf in der üblichen Kleidung des<br />

Monsignore erschien, ohne die Insignien des<br />

neuen Amtes, soll der Pontifex dazu geschwiegen<br />

haben. Erst am Abend übermittelten die<br />

Haushälterinnen dem neuen Bischof dezent<br />

einen Hinweis, die Kleiderordnung betreffend.<br />

So wird es kolportiert.<br />

03.2013 <strong>Cicero</strong> 57


| W e l t b ü h n e | D e r P a p s t t r i t t z u r ü c k<br />

Aus welchem Abgrund aber ist die letztlich<br />

so rätselhafte Ankündigung des päpstlichen<br />

Rücktritts zum 28. Februar 2013<br />

aufgestiegen? Warum will Joseph Ratzinger<br />

nicht mehr Stellvertreter sein? Sind es<br />

wirklich nur die schwindenden Körperund<br />

Lebenskräfte in stürmischer Zeit, die<br />

er selbst anführte, „vigor quidam corporis<br />

et animae“? <strong>Ich</strong> sah ihn zuletzt im Sommer<br />

vergangenen Jahres in Castelgandolfo.<br />

Das kleine Städtchen oberhalb des Albaner<br />

Sees hatte sein schönstes Kleid übergeworfen.<br />

Oleander lag in der Luft. Nach dem<br />

sonntäglichen Angelus begrüßte der Pontifex<br />

eine kleine Schar in der ersten Etage.<br />

<strong>Ich</strong> sah den Stock an der Wand lehnen, sah<br />

die Hand, die sich abstützte, als er sich mir<br />

zuwandte. Schmal war er geworden im Gesicht,<br />

doch frisch wirkte er, hörte zu, verstand,<br />

fragte nach. Damals muss sein Entschluss<br />

schon gekeimt haben.<br />

Schließlich war 2012 auch das Jahr gewesen<br />

von „Vatileaks“. Seit Jahresbeginn<br />

wurden der Presse Briefe lanciert, die direkt<br />

vom Schreibtisch des Papstes stammten.<br />

Der Inhalt war eher banal, das Faktum erschütternd.<br />

Selbst seriöse Zeitungen schrieben,<br />

um Benedikts Leben werde gefürchtet.<br />

Sein Kampf gegen „klerikale Vertuschung“<br />

habe sinistre Kräfte auf den Plan gerufen.<br />

Zieht man das übliche vatikanische Hexeneinmaleins<br />

ab, bleibt noch immer die verstörende<br />

Frage: Wie konnte es geschehen,<br />

dass alle einschließlich des Papstes blind<br />

waren für die Machenschaften des Kammerdieners<br />

Paolo Gabriele, der bald des<br />

Aktendiebstahls überführt und von Benedikt<br />

Ende 2012 begnadigt wurde?<br />

Auf dem Höhepunkt der „Vatileaks“-<br />

Krise, im Mai 2012, erinnerte Benedikt daran,<br />

dass „unser Leben und unser Weg oft<br />

von Schwierigkeiten, von Unverständnis,<br />

von Leiden geprägt sind.“ Unmittelbar danach<br />

nahm er zu „Vatileaks“ Stellung, seinem<br />

persönlichen Leiderlebnis dieser Tage.<br />

Ende August 2012, in Castelgandolfo dann,<br />

predigte er über das Urbild sämtlicher Verräter,<br />

über Judas. Der untreue Apostel sei<br />

von Falschheit getrieben gewesen, „die das<br />

Zeichen des Teufels ist“: Ein ebensolcher<br />

Akt teuflischer Falschheit hatte sich gerade<br />

vor den Augen Benedikts ereignet –<br />

ein endzeitliches Zeichen. Es muss ihn auf<br />

das Höchste beunruhigt haben.<br />

Das Denken Benedikts XVI. ruhte, wie<br />

bei jedem introvertierten Menschen, auf<br />

der Überzeugung, dass nur die Seele die<br />

„Wenn wir zulassen, dass die Liebe Christi<br />

unser Herz verwandelt, dann werden wir<br />

die Welt verwandeln können. Das ist das<br />

Geheimnis des echten Glücks. Der Jünger<br />

Jesu antwortet auf das Böse nicht mit<br />

Bösem, sondern ist immer ein Werkzeug<br />

des Guten, ein Bote der Vergebung, ein<br />

Überbringer der Fröhlichkeit“<br />

Benedikt XVI. am 24. März 2012 in Guanajuato, wo er sich besonders an die Kinder wandte<br />

Im März 2012 besuchte Benedikt Mexiko und be<strong>kann</strong>te:<br />

„Nie, nie bin ich mit so viel Enthusiasmus empfangen worden“<br />

Illustration: Wieslaw Smetek unter Verwendung eines Fotos von ELLERBROCK & SCHAFFT (Seiten 56 bis 57); Foto: Ulises Ruiz Basurto/Picture Alliance/dpa<br />

58 <strong>Cicero</strong> 03.2013


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<strong>Cicero</strong> Probe lesen<br />

Wahrheit über einen Menschen berge. Alles<br />

Sichtbare, wusste dieser Papst des Wortes,<br />

<strong>kann</strong> in die Irre führen, <strong>alles</strong> Geld, aller<br />

Erfolg, alle Technik, aller Applaus. „Von<br />

innen her“ war seine liebste Begriffsformel,<br />

„ohne Heilung der Seelen, ohne Heilung<br />

des Menschen von innen her <strong>kann</strong> es kein<br />

Heil für die Menschheit geben“. Ja, Benedikt<br />

war ein Mystiker auf dem Papstthron –<br />

Mystiker indes aus Einsicht, nicht aus Verzückung.<br />

Alles Charismatische blieb ihm<br />

suspekt. Der stete Blick nach innen aber<br />

war ihm Garant, dass der Mensch seine königliche<br />

Würde nicht verliert. Und nun hat<br />

auch der Mensch Joseph Ratzinger durch<br />

diesen Blick nach innen und nach oben<br />

die Erkenntnis gewonnen, dass es gut sei<br />

zu gehen: ein kühner, ein selbstbestimmter<br />

Akt. An keinem Tag war Joseph Ratzinger<br />

ein stärkerer Zeitgenosse der Moderne als<br />

an jenem 11. Februar 2013, da er seinen<br />

Rücktritt ankündigte.<br />

In der Seele lauern indes auch Versuchungen.<br />

Es gibt keine makellose Zone,<br />

nicht im Verstand und nicht im Herzen.<br />

Gäbe es sie, dann bräuchten wir nur an<br />

das Gute zu appellieren, und <strong>alles</strong> käme<br />

ins Lot. Dann, sprach Benedikt im Februar<br />

2009, „könnten wir gut vorankommen und<br />

die Menschheit reformieren. Aber dem ist<br />

nicht so: Der Verstand – auch unser Verstand<br />

– ist verdunkelt, das sehen wir jeden<br />

Tag. (…) Ohne das Licht des Glaubens, das<br />

in die Finsternis der Erbsünde eindringt,<br />

<strong>kann</strong> die Vernunft nicht vorankommen.“<br />

Wie aber kommt die Vernunft, so verstanden,<br />

voran? Ausschließlich durch das<br />

„Wachstum des inneren Menschen“, das<br />

Benedikt in der Enzyklika „Spe salvi“ konturierte<br />

und auch in der vorletzten Generalaudienz<br />

am 13. Februar 2013. Sonst<br />

<strong>kann</strong> aller technische Fortschritt, da er von<br />

Menschen gemacht ist, eine Bedrohung<br />

werden. Benedikt war eben auch ein grüner<br />

Papst, man lese nur die dritte Enzyklika,<br />

„Caritas in veritate“, oder die Neujahrspredigt<br />

2010: „Wenn der Mensch verkommt,<br />

verkommt die Umwelt, in der er lebt.“<br />

Oft kritisierte Benedikt den „missbräuchlichen<br />

Umgang mit den Gütern<br />

der Natur“. Dahinter sah er den Siegeszug<br />

der utilitaristischen Logik: Alles muss<br />

größtmöglichen Nutzen erbringen. Demgegenüber<br />

soll eine ganzheitliche Umweltpolitik<br />

den Menschen als Teil der Umwelt<br />

mit einbegreifen. Neben globaler Solidarität,<br />

Armutsbekämpfung, Drosselung<br />

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| W e l t b ü h n e | D e r P a p s t t r i t t z u r ü c k<br />

der Rüstungsausgaben, Konsumverzicht<br />

und einem schonenden Umgang mit allen<br />

Ressourcen, auch mit der Ressource<br />

Mensch, hat der klassische Umweltschutz<br />

an Dringlichkeit nicht eingebüßt. „Unsere<br />

Zukunft“, verkündete Benedikt, „steht<br />

heute mehr denn je auf dem Spiel, ja sogar<br />

das Schicksal unseres Planeten und seiner<br />

Bewohner.“ Es sei „notwendig, sich im<br />

Dialog mit den Christen der verschiedenen<br />

Konfessionen für die Bewahrung der<br />

Schöpfung einzusetzen und die natürlichen<br />

Ressourcen (…) solidarisch miteinander<br />

zu teilen“. Das Christentum schärft<br />

in dieser Sicht das Gewissen für einen verantwortungsvollen<br />

Umgang mit der Natur<br />

– auch mit der Natur des Menschen,<br />

weshalb die „Humanökologie“ Benedikts<br />

den Kampf gegen Armut und gegen Abtreibung<br />

zusammendenkt.<br />

Begonnen hatte das Pontifikat im Zeichen<br />

der Liebe. Die erste Enzyklika, unterzeichnet<br />

an Weihnachten 2005, trug den<br />

Titel „Deus Caritas est“, „Gott ist (die)<br />

Liebe“. Benedikt nannte die Identifikation<br />

von Gott und Liebe „eine Botschaft von<br />

hoher Aktualität und von ganz praktischer<br />

Bedeutung“. In der Tat gibt es Gotteskrieger,<br />

die ihrem Glauben meinen Genüge zu<br />

tun, wenn sie Andersgläubige mit dem Tod<br />

bedrohen. Benedikt entgegnete: „Die beste<br />

Verteidigung Gottes und des Menschen besteht<br />

eben in der Liebe.“ Sie, die Himmelsmacht,<br />

soll die grundlegende Verkehrsform<br />

unter Menschen werden.<br />

Die 24 Auslandsreisen boten reichlich<br />

Gelegenheit, die praktischen Konsequenzen<br />

einer solchen Liebesethik zu entfalten.<br />

Trotz oftmals schwieriger Ausgangsbedingungen<br />

war keine Reise vergeblich, viele gerieten<br />

zu Triumphzügen, etwa der Besuch<br />

Großbritanniens 2010. In den Wochen davor<br />

war der Eindruck entstanden, eine persona<br />

non grata mache sich auf den Weg,<br />

um die Macht zu usurpieren, ein Despot<br />

in roten Slippern. Kaum hatte der alte Herr<br />

das Flugzeug verlassen, schmolz das Eis des<br />

Missvergnügens. Massenhafte Spontanbekehrungen<br />

sind nicht überliefert, wohl aber<br />

zollte das Gastgeberland größten Respekt<br />

für die Lauterkeit der Botschaft.<br />

Bereits beim Landeanflug auf Edinburgh<br />

wurde jene „Perversion des Priesteramts“<br />

zum päpstlichen Thema, die in<br />

diesen Tagen das öffentliche Interesse bestimmte.<br />

Es sei, sagte Benedikt, „traurig,<br />

dass die Autorität der Kirche nicht<br />

„Jeder Staat hat die vorrangige Pflicht,<br />

die eigene Bevölkerung vor schweren<br />

und dauernden Verletzungen der<br />

Menschenrechte zu schützen wie auch<br />

vor den Folgen humanitärer Krisen, die<br />

sowohl von der Natur wie auch vom<br />

Menschen verursacht werden“<br />

Benedikt XVI. am 18. April 2008 vor den Vereinten Nationen in New York<br />

Die Menschenrechte zu fördern, so Benedikt, sei die wirkungsvollste Strategie,<br />

um Ungleichheiten zu beseitigen und die Sicherheit weltweit zu erhöhen<br />

Fotos: Justin Lane/Picture Alliance/dpa/epa, Andrej Dallmann (Autor)<br />

60 <strong>Cicero</strong> 03.2013


wachsam genug war und nicht schnell<br />

und entschieden genug notwendige Maßnahmen<br />

ergriffen hat“. Der sexuelle Missbrauch<br />

Minderjähriger durch Kirchenangehörige<br />

verfolgte wie eine schwarze,<br />

dämonische Wolke dieses Pontifikat. Benedikts<br />

Null-Toleranz-Politik stieß nicht<br />

überall auf Gegenliebe.<br />

Beim ökumenischen Abendgebet mit<br />

den Anglikanern forderte Benedikt einen<br />

Gehorsam gegenüber Gottes Wort, der<br />

„frei sein muss von intellektuellem Konformismus<br />

und bequemer Anpassung an den<br />

Zeitgeist“. Für Joseph Ratzinger war der<br />

Christ grundsätzlich Nonkonformist. Er<br />

verweigert sich den Moden der Zeit, kniet<br />

nur vor Gott. Deshalb konnte sich auch<br />

Benedikts Abgang nur auf maximal unkonventionelle<br />

Weise vollziehen – die Tradition<br />

musste hintanstehen, weil das Gewissen<br />

ihm diesen Schritt auferlegte. Abermals<br />

zeigte er sich so als einer, der sich in kein<br />

Schema zwängen lässt. Kern von Benedikts<br />

Überlegungen in Westminster Hall, wie er<br />

sie ähnlich ein Jahr später im Deutschen<br />

Bundestag formulierte, war die Warnung<br />

vor einem bloß prozeduralen Demokratiebegriff.<br />

„Wenn die den demokratischen<br />

Abläufen zugrunde liegenden moralischen<br />

Prinzipien ihrerseits auf nichts Soliderem<br />

als dem gesellschaftlichen Konsens beruhen,<br />

dann wird die Schwäche dieser Abläufe<br />

allzu offensichtlich; darin liegt die<br />

wahre Herausforderung der Demokratie.“<br />

Der Konsens <strong>kann</strong> eben heute diese, morgen<br />

jene Gestalt annehmen, ohne sich die<br />

Wahrheitsfrage und die Frage nach dem<br />

Guten je zu stellen. Aus diesem Grund<br />

brauche die bloße Vernunft die Korrekturfunktion<br />

der Religion und bedürfe die Religion<br />

„der reinigenden und strukturierenden<br />

Rolle der Vernunft“. Das eben ist eines<br />

der Hauptanliegen des Pontifikats gewesen:<br />

Vernunft und Religion so miteinander ins<br />

Gespräch zu bringen, dass die Wahrheitsfrage<br />

in der Gesellschaft virulent bleibt.<br />

Danach nannte die Sunday Times Benedikt<br />

den „heiligen Großvater“. Seinen „großen<br />

moralischen Mut“, die Missbrauchsfälle<br />

anzusprechen, lobte der Sunday<br />

Telegraph. Der Independent resümierte: „Die<br />

hochumstrittene Reise ist besser, ja viel besser<br />

verlaufen, als zu erwarten war.“<br />

Neben den Reisen in katholisch geprägte<br />

Länder wie Polen, Spanien, Österreich,<br />

Portugal galt sein Augenmerk der<br />

Diaspora und den Krisenregionen. Die<br />

Treibhaustemperaturen in Kamerun und<br />

Angola oder die schwierigen Umstände in<br />

Benin rangen ihm keinen Seufzer ab. Ein<br />

schöner Lebensabend sieht anders aus.<br />

Auch in Washington und New York<br />

gab der Missbrauchsskandal den traurigen<br />

Generalbass vor. „Es ist wichtiger, gute<br />

Priester zu haben als viele Priester“, sagte<br />

Benedikt. Mit dem Plädoyer für die sogenannte<br />

Schutzverantwortung setzte er einen<br />

weltweit beachteten Akzent vor den<br />

Vereinten Nationen. Die Botschaft der<br />

Rede am 18. April 2008 lautete: Wo die<br />

Menschenrechte dauerhaft missachtet werden,<br />

darf, ja muss die Staatengemeinschaft<br />

intervenieren.<br />

Der SPD-Außenpolitiker Gernot Erler<br />

traut der Rede eine gewaltige Langzeitwirkung<br />

zu. Der Papst habe „das Schutzverantwortungs-Konzept<br />

aus der Indifferenz<br />

als irgendein Projekt unter vielen herausgelöst,<br />

hat es ideengeschichtlich positiv verankert<br />

und quasi geadelt. Zweifellos eine (…)<br />

überraschend eindeutige Parteinahme. Eine,<br />

die ihre politische Wirkungsentfaltung noch<br />

vor sich hat. Alles andere wäre eine Überraschung.“<br />

Die New York Post kreierte nach<br />

der Reise die poptaugliche Zeile: „What a<br />

hit, what a trip, what a triumph!“<br />

Als Benedikt im Mai 2009 das Heilige<br />

Land besuchte, wollte er „die Orte,<br />

wo Jesus lebte und die er durch seine Gegenwart<br />

geheiligt hat, berühren, an ihnen<br />

Trost schöpfen und sie verehren“. Unpolitischer,<br />

innerlicher geht es kaum. Weil im<br />

Heiligen Land aber <strong>alles</strong> Politik wird, blieb<br />

die weltliche Dimension nicht ausgespart.<br />

Nach der Ankunft in Tel Aviv nannte er die<br />

„hässliche Fratze des Antisemitismus (…)<br />

völlig inakzeptabel“. In Yad Vashem rief<br />

er: „Mögen die Namen dieser Opfer niemals<br />

vergehen! Möge ihr Leid nie geleugnet,<br />

herabgesetzt oder vergessen werden!“ Wer<br />

den Holocaust relativiert, <strong>kann</strong> kein guter<br />

Christ sein. Benedikt vertrat die Theologie<br />

des einen Bundes, den Gott mit Juden und<br />

Christen gleichermaßen geschlossen habe.<br />

Darum ist es glaubhaft, wenn er nach dem<br />

„Fall Williamson“ erklärte, bei Kenntnis<br />

von dessen Holocaust-Leugnung hätte er<br />

die Exkommunikation nicht aufgehoben.<br />

Noch heute klingt den hiesigen Katholiken<br />

die Standpauke in den Ohren,<br />

die Benedikt ihnen 2011 in Freiburg erteilte:<br />

Entweltlicht euch, um weltoffen zu<br />

werden! Haltet die Kirche nicht für einen<br />

Sozialverein mit angeschlossener Immobilienverwaltung!<br />

Aus seiner Zeit als Münchner<br />

Erzbischof ist das Bonmot überliefert, das<br />

größte Problem der Kirche in Deutschland<br />

sei ihr vieles Geld. Auch deshalb fand er in<br />

Freiburg erstaunlich freundliche Worte für<br />

die Laizisten des 19. Jahrhunderts, die einer<br />

satten Kirche jene Macht aus der Hand<br />

schlugen, die selbst abzugeben sie zu feist<br />

geworden war. Ein Menetekel könne das<br />

sein für das 21. Jahrhundert, deutete Benedikt<br />

an: Kirche von Deutschland, werde<br />

bescheiden, gebe Macht und Besitz ab, entdecke<br />

die Armut Christi, ehe Kirchenfeinde<br />

dieses Geschäft übernehmen.<br />

Zu seinem 85. Geburtstag im vergangenen<br />

April be<strong>kann</strong>te Benedikt, er wisse nicht,<br />

„was mir verhängt sein wird“. Die Wortwahl<br />

befremdete. Sah der Papst ein Fatum<br />

über sich walten? Er stehe nun vor der letzten<br />

Wegstrecke seines Lebens, aber Gottes<br />

Güte sei „stärker als <strong>alles</strong> Böse dieser Welt.<br />

Und das lässt mich in Gewissheit weitergehen.“<br />

Ebendiesen Weg hat Joseph Ratzinger<br />

nun abgebrochen. Er wird die Tradition<br />

beiseitelegen, vom Papstthron herabsteigen,<br />

den Ring des Fischers vom Finger nehmen<br />

und sich ins Schweigen zurückziehen. Er<br />

macht die Person hinter dem Amt sichtbar<br />

wie kein Papst vor ihm, indem er sich als<br />

Person durchstreicht. Welche Lehren werden<br />

seine Nachfolger daraus ziehen? Hat<br />

Benedikt XVI. einen Präzedenzfall geschaffen,<br />

der die päpstlichen Spielräume einengt<br />

oder weitet? Vielleicht wird der angekündigte<br />

Rücktritt die Kirche stärker umgestalten<br />

als alle anderen Maßnahmen und<br />

Initiativen dieses Pontifikats.<br />

Vielleicht aber dachte Benedikt bei<br />

dieser einzigartigen Demission an „einen<br />

der seltsamsten Heiligen der Kirchengeschichte“,<br />

Benedikt Joseph Labre, den<br />

Heiligen seines Geburtstags, von dem er<br />

ebenfalls am 16. April 2012 sprach. Dieser<br />

Benedikt, ein Bettlerpilger des 18. Jahrhunderts,<br />

war „ein Heiliger der Unbedürftigkeit,<br />

der mit nichts stirbt und doch mit<br />

allem gesegnet ist“. So soll es nun wohl<br />

auch dem Mann der Moderne geschehen,<br />

der einmal Benedikt XVI. gewesen ist.<br />

Alexander Kissler leitet<br />

das Ressort Salon. Von ihm<br />

erscheint im März: „Gegen den<br />

Strom. Benedikt XVI. und seine<br />

Kirche 2005-2013“ (Pattloch)<br />

03.2013 <strong>Cicero</strong> 61


| W e l t b ü h n e | d e r p a p s t t r i t t z u r ü c k<br />

„ich bin beeindruckt“<br />

Der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber trennt die Größe von den Grenzen<br />

des deutschen Papstes. Sein Nachfolger sollte eine neue ökumenische Sicht entwickeln<br />

H<br />

err Huber, hätten Sie es je für<br />

möglich gehalten, dass ein Papst<br />

zurücktritt?<br />

<strong>Ich</strong> habe diese Frage zum ersten Mal angesichts<br />

des Gesundheitszustands von Johannes<br />

Paul II. durchdacht. Nachdem<br />

er sich damals entschieden hatte, als leidender<br />

Mensch gleichzeitig Papst zu<br />

sein – auf durchaus bewegende Weise –,<br />

habe ich nicht damit gerechnet, dass<br />

ein anderer Papst eine andere Entscheidung<br />

treffen würde. Desto mehr bin ich<br />

von der Entscheidung Benedikts XVI.<br />

beeindruckt.<br />

Sehen Sie im angekündigten Rücktritt<br />

eine Entmythologisierung des Papstamtes?<br />

Man könnte doch den Eindruck<br />

gewinnen, der Papst nehme sich nun das<br />

Recht auf einen Ruhestand heraus wie<br />

jede andere Führungspersönlichkeit auch.<br />

Nein, eine solche Entmythologisierung<br />

wird nicht passieren. In einer besonderen<br />

Situation wie jener Benedikts aber, der<br />

mit bereits 78 Jahren Papst geworden ist,<br />

ist eine solche Entscheidung absolut legitim.<br />

Sie zeigt auf überzeugende Weise,<br />

dass auch das Amt des Papstes ein Amt<br />

menschlicher Verantwortung ist. Die<br />

Grenzen, die jedem Menschen gesetzt<br />

sind, gelten auch einem Pontifex. Der<br />

Rücktritt ist für mich ein Ausdruck von<br />

Weisheit und Größe.<br />

In seiner Rücktrittserklärung sagt Benedikt,<br />

er habe wiederholt sein Gewissen vor<br />

Gott geprüft, und er bitte „um Verzeihung<br />

für alle meine Fehler“. Manche Beobachter<br />

er<strong>kann</strong>ten darin eine evangelische<br />

Argumentation.<br />

Wolfgang Huber war von 2003 bis 2009 Vorsitzender des Rates der Evangelischen<br />

Kirche in Deutschland. Er ist Mitglied im Deutschen Ethikrat und Autor zahlreicher<br />

Bücher, zuletzt „Von der Freiheit. Perspektiven für eine solidarische Welt“ (C. H. Beck)<br />

Es ist eine christliche Argumentation in<br />

einem sehr guten und auch von evangelischen<br />

Christen aus vollem Herzen zu bejahenden<br />

Sinne.<br />

Immer wieder war zu hören, Benedikt habe<br />

durch den starken Fokus auf die Christusbeziehung,<br />

vor allem in seinen drei Jesus-<br />

Büchern, ein Anliegen der Reformation<br />

aufgegriffen.<br />

Auf jeden Fall ist es eindrucksvoll,<br />

mit welcher Intensität er in seinem<br />

umfassenden Werk über „Jesus von Nazareth“<br />

den biblischen Bezug der christlichen<br />

Dogmatik ins Zentrum rückt.<br />

Er zeigt uns eine Christusfrömmigkeit,<br />

die in ihrer Durchführung auch geprägt<br />

ist von den besonderen Erfahrungen<br />

des Dialogs zwischen evangelischer<br />

und katholischer Theologie, wie er sie<br />

in Deutschland kennengelernt hat. Als<br />

ich ihn vor sechs Jahren zu einem Gespräch<br />

im Vatikan besuchte, landeten wir<br />

schnell bei den evangelischen Theologen<br />

Foto: Rolf Zöllner/epd bild<br />

62 <strong>Cicero</strong> 03.2013


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HARALD LESCH<br />

und seine Freunde<br />

Karl Holl und Paul Tillich. Das ist mir<br />

unvergesslich.<br />

War er ein guter Papst für die Ökumene?<br />

Er war zunächst einmal ein guter theologischer<br />

Gesprächspartner. Die katholisch-evangelische<br />

Ökumene hingegen<br />

hat er nicht vorangebracht. Das liegt<br />

auch daran, dass er vor allem das Jahrtausendschisma<br />

mit der Orthodoxie bearbeiten<br />

wollte. Zugleich war er der Überzeugung,<br />

dass es eigentlich keine Brücke<br />

gebe zwischen evangelischem und katholischem<br />

Kirchenverständnis. Diese<br />

dogmatische Ferne brachte er schon als<br />

Kardinal schroff zum Ausdruck in der<br />

Erklärung „Dominus Jesus“ von 2000.<br />

In dieser Hinsicht hielt er die Verständigung<br />

mit der Orthodoxie für leichter.<br />

Auch die Regensburger Rede hatte leider<br />

einen Abschnitt, der von einem überraschend<br />

großen Unverständnis für den<br />

Protestantismus zeugte. Die Reformation,<br />

die Theologie Adolf Harnacks und<br />

die Pfingstkirchen unserer Zeit wurden<br />

als die drei entscheidenden Schritte präsentiert,<br />

die das Bündnis zwischen biblischem<br />

Glauben und griechischem Vernunftdenken<br />

aufgekündigt hätten. Von<br />

einem inneren Verständnis des reformatorischen<br />

Denkens war er da sehr weit<br />

entfernt.<br />

Sie selbst haben einmal von einer „Ökumene<br />

der Profile“ gesprochen. Da müsste<br />

Ihnen dieser profiliert katholische Papst<br />

doch sehr entgegenkommen.<br />

Nach dem Zwei-Päpste-Jahr 2005 war<br />

es für mich offenkundig, dass die römisch-katholische<br />

Kirche sich markant<br />

als Papstkirche profilierte, ja inszenierte.<br />

Auch die orthodoxen Kirchen definierten<br />

sich nach dem Ende des Kalten Krieges<br />

neu in ihrer Eigengestalt, und die anglikanische<br />

Kirche rang um ihre Identität.<br />

Die reformatorischen Kirchen müssen<br />

ebenso ihr Profil in die ökumenische<br />

Gemeinschaft einbringen. Jede Strömung<br />

muss ihre eigenen Gaben und Stärken für<br />

das gemeinsame Zeugnis der Christenheit<br />

fruchtbar machen.<br />

Inwiefern hat sich Benedikt für den interreligiösen<br />

Dialog eingesetzt?<br />

Der wirkungsvollste Beitrag war gewiss<br />

die Regensburger Rede von 2006. Zwar<br />

lösten die schroffen Töne zunächst eine<br />

große Irritation aus. Dann aber setzte<br />

ein Klärungsprozess ein, der 2007 im gemeinsamen<br />

Brief von 138 islamischen<br />

Gelehrten an Benedikt gipfelte. Darin<br />

wagen sich die Unterzeichner im Blick<br />

auf das muslimische Gottesverständnis<br />

sehr weit vor. Sie lassen die biblische Aussage,<br />

wonach Gott Liebe ist, auch für den<br />

Islam gelten. Innerislamisch ist diese Position<br />

bis heute umstritten. Umso bemerkenswerter<br />

ist diese Akzentuierung.<br />

Könnte es sein, dass mit einem neuen<br />

Papst, der vielleicht aus Afrika oder<br />

Asien stammen wird, die gemeinsame,<br />

abendländisch geprägte Sprache von<br />

Protestanten und Katholiken erst einmal<br />

verloren geht? Dann könnten ganz andere<br />

Prioritäten die vatikanische Agenda<br />

bestimmen.<br />

<strong>Ich</strong> bin zurückhaltend darin, aus der<br />

Herkunft eines Papstes eine Typologie abzuleiten.<br />

Am Ende wird es darauf ankommen,<br />

welche Gestaltungskraft eine Persönlichkeit<br />

haben und inwieweit sie die<br />

Menschen erreichen wird. Es wäre naiv,<br />

bei einem Kandidaten aus der Dritten<br />

Welt sogleich auf Reformbereitschaft zu<br />

schließen. Diese Automatik gibt es nicht.<br />

Es kommt auf die Person an.<br />

Was wird wohl bleiben von diesem fast<br />

achtjährigen Pontifikat?<br />

Wir werden Benedikt als theologischen<br />

Denker in Erinnerung behalten. Vielleicht<br />

trägt er als Altpapst weiterhin dazu<br />

bei. Für die römisch-katholische Kirche<br />

wie für die Christenheit insgesamt stehen<br />

große Gestaltungsaufgaben an, die in den<br />

vergangenen Jahren nicht gelöst werden<br />

konnten.<br />

Was wäre denn aus Ihrer Sicht das dringendste<br />

ökumenische Erfordernis unter<br />

einem neuen Papst?<br />

Es ist nötig, eine ökumenische Sicht zu<br />

entwickeln, die die anderen christlichen<br />

Kirchen auch wirklich als Kirchen wahrnimmt.<br />

Nur so wird das gemeinsame<br />

Zeugnis des christlichen Glaubens erkennbar.<br />

Wir leben in einer geistlich sehr<br />

herausfordernden Weltsituation, in der<br />

dieses Zeugnis dringend nötig ist.<br />

Das Gespräch führte Alexander Kissler<br />

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Prof. Dr. Harald Lesch<br />

ist Prof. für Theoretische<br />

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Astronomie an der LMU und<br />

lehrt auch an der Hochschule<br />

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| W e l t b ü h n e | d e r p a p s t t r i t t z u r ü c k<br />

Notwendige Konflikte<br />

Machtbewusstsein, Weltläufigkeit und Mut: Diese drei Eigenschaften wird der nächste<br />

Papst brauchen, um die katholische Kirche mit Erfolg ins 21. Jahrhundert zu führen<br />

von otto kallscheuer<br />

1. Macht: Machtbewusst wird er sein<br />

müssen, der neue Papst. Denn er muss –<br />

verdammt noch mal! – endlich die Kurie in<br />

Ordnung bringen, den Apparat der römischen<br />

Zentrale. Will er nicht nobel scheitern<br />

wie der deutsche Professor. Noch einen<br />

weiteren Aufschub wird der Herrgott<br />

dem Regime des Bischofs von Rom wohl<br />

kaum gewähren, 2013 ff.: ein halbes Jahrhundert<br />

nach dem II. Vatikanischen Konzil,<br />

dessen Impulse für eine Öffnung der Kirche<br />

(in der Welt und hin zur Welt) auch<br />

an einer unveränderten Routine des Vatikans<br />

gescheitert sind. Im Zweifelsfall wurden<br />

neue Dikasterien und Räte geschaffen<br />

(zuletzt von Benedikt XVI. ein Rat zu<br />

Neu-Evangelisierung, also zur Wiederverchristlichung<br />

Europas), aber die anderen,<br />

alten Ämter bestanden weiter – und bekriegten<br />

einander in diesem Labyrinth von<br />

Behörden.<br />

Vom Umgang mit den reaktionären<br />

Traditionalisten Lefebvres bis zum Umgang<br />

mit wiederverheiratet geschiedenen<br />

katholischen Familien: Zu allen Fragen gab<br />

es hinter den Kulissen einen Kampf zweier<br />

Linien – ohne definitive Verantwortlichkeiten<br />

oder klare Kabinettsdisziplin.<br />

Johannes Paul II. war charismatisch,<br />

autoritär, menschenergreifend – aber draußen<br />

in der Welt, in den Medien, in den<br />

Stadien. Gegenüber den Vatikan-Behörden<br />

in Rom betrieb der Pole eine selektive<br />

Gleichgültigkeit: drei, vier, fünf Vertraute –<br />

die beiden wichtigsten, Kardinal Sodano<br />

für die Realpolitik und Kardinal Ratzinger<br />

für die rechte Lehre, überschatten bis<br />

heute die Szene.<br />

Der deutsche Professor Ratzinger hatte<br />

zwar ebenfalls personalpolitische Präferenzen<br />

(mit seiner „rechten Hand“, dem umfeindeten<br />

Bertone traf er freilich keine gute<br />

Wahl), schaffte es aber offenkundig nicht,<br />

dem vatikanischen Regieren seinen Stempel<br />

aufzudrücken. Über die politischen<br />

Laufbahnen „bei Hof“ in Rom entschieden<br />

weiter die einander blockierenden italienischen<br />

Netzwerke. Da schrieb der scheidende<br />

Papst lieber schöne Bücher – und<br />

hielt wunderschöne Predigten. Genützt hat<br />

das wenig.<br />

Der neue muss die römischen Intrigen<br />

kennen wie ein Italiener – aber er sollte<br />

sich nicht in ihnen verheddern wie der<br />

deutsche Römer Ratzinger. Eine Rationalisierung<br />

der wichtigsten Behörden ist<br />

angesagt. Klare Verantwortlichkeit ist Voraussetzung<br />

für präzise Delegation. Weniger<br />

ist mehr.<br />

2. Welt: „Entweltlichen“ müsse sich die<br />

Kirche, um in der Welt wieder Gehör zu<br />

finden, meinte Benedikt XVI. unlängst in<br />

Freiburg. Das war zwar richtig gemeint: als<br />

Bereitschaft dazu, klerikale Machtpositionen<br />

im Sozialstaat und kirchliche Privilegien<br />

im Verfassungsstaat aufzugeben. Aber<br />

die Botschaft klang dennoch falsch: als<br />

Aufruf zur elitären Minorisierung abendländischer<br />

Feingeister, mit oder ohne Talar.<br />

Doch gerade die brauchen das erlösende<br />

Wort Jesu (eines sterbenden Gottes<br />

Ratzinger hatte zwar personalpolitische<br />

Präferenzen, schaffte es aber nicht,<br />

dem vatikanischen Regieren seinen<br />

Stempel aufzudrücken. Über Laufbahnen<br />

entscheiden italienische Netzwerke<br />

aus Fleisch und Blut) weit weniger als jene,<br />

die in der patriarchalischen Bibel „Witwen<br />

und Waisen“ heißen. Heute sind das jene<br />

mobilen, von den Überschwemmungsoder<br />

Dürrezonen in die Mega-Slums des<br />

globalen Südens drängenden Menschen,<br />

unter denen in Afrika oder Asien die katholische<br />

Kirche wächst – ebenso wie in<br />

Lateinamerika die Pfingstkirchen und protestantischen<br />

Fundamentalisten. Das lateinische,<br />

weihrauchgeschwängerte Amtscharisma<br />

der katholischen Kirche (und ihres<br />

Chefs) dünnt aus.<br />

In der Welt sein heißt für Jünger Jesu<br />

natürlich nicht, sich einfach an diese anzupassen:<br />

Die Kirche muss sich nicht zwanghaft<br />

modernisieren, twittern oder demokratisieren.<br />

Sie muss sich ergreifen lassen<br />

vom Drama des Lebens und Überlebens<br />

in einer übervölkerten Welt. Doch hierbei<br />

wird die symbolische Kommunikation<br />

immer wichtiger und das verbale Lehramt<br />

immer relativer. Da geht es nicht einmal<br />

primär um die in den theologischen Fakultäten<br />

Europas so beliebten „linken“ oder<br />

„rechten“, prophetischen oder politischen<br />

Theologien. Die Kontrolle über die Richtigkeit<br />

dieser oder jener Glaubenssätze<br />

über die Jungfrauengeburt Mariens oder<br />

die gottmenschliche Natur des Heilands<br />

64 <strong>Cicero</strong> 03.2013


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Foto: Christian Thiel/Eichborn AG<br />

betrifft ohnehin eher das Archiv der Dogmengeschichte.<br />

Aber moralische Maximen<br />

zum Verhältnis von sozialer Befreiung<br />

und Errettung aus der Sünde können<br />

glaubwürdiger von Seelsorgern verkündet<br />

werden, die selbst die Lebenskrisen ihrer<br />

Gemeinden kennen: das Drama aus<br />

Kinderreichtum und Kindersterblichkeit<br />

in der ehedem Dritten Welt ebenso wie<br />

die Verfolgung oder Unterdrückung von<br />

Christen durch Diktaturen und die Entwürdigung<br />

der politischen Macht durch<br />

Korruption.<br />

Natürlich ist solche lebendige Weltläufigkeit<br />

keine Frage der Nationalität oder<br />

Hautfarbe – aber man wird sie mutigen<br />

Kirchenführern wie dem afrikanischen<br />

Kardinal Peter Turkson oder einem Aktivisten<br />

wider die Verschuldungskrise wie<br />

Oskar Maradiaga aus Honduras womöglich<br />

eher zutrauen.<br />

3. Mut: Mut wird der nächste Papst<br />

nicht nur für die notwendigen Konflikte<br />

innerhalb der Kirche brauchen, sondern in<br />

der religiösen Konkurrenz auf dem weltanschaulichen<br />

Weltmarkt. Natürlich hatte<br />

Joseph Ratzinger als Schüler des Heiligen<br />

Augustinus recht mit seinen Warnungen<br />

vor den falschen Heilsversprechungen einer<br />

sich an den technologischen Fortschritt<br />

überantwortenden Moderne. Und gewiss<br />

muss die katholische Kirche die Herausforderung<br />

durch den politischen Islam ebenso<br />

erwidern wie das Terrain des friedlichen<br />

missionarischen Wettstreits mit den verschiedenen<br />

„Spiritualitäten“ der Religionen<br />

Asiens betreten. Sie darf sich dabei nicht<br />

einfach an bestehende kulturelle Milieus<br />

anlehnen – nicht einmal die des christlichabendländischen<br />

Westens.<br />

Dass heute ein Papst <strong>alles</strong> andere ist als<br />

ein Kreuzzugsprediger, dies hatte die Weltöffentlichkeit<br />

vor allem aus den Kampagnen<br />

von Johannes Paul II. wider die westlichen<br />

Golfkriege gelernt. Sie darf es nicht<br />

vergessen – doch eine eigene, weniger rituelle<br />

oder diplomatische Sprache schien der<br />

Heilige Stuhl in den vergangenen acht Jahren<br />

verlernt zu haben.<br />

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otto kallscheuer<br />

ist Professor für politische Philosophie<br />

an der Universität Sassari<br />

und Autor zahlreicher Bücher


| W e l t b ü h n e | B u n d e s w e h r i m A u s l a n d<br />

Volker Rühe war<br />

von 1992 bis 1998<br />

Bundesverteidigungsminister.<br />

In seine Amtszeit fiel die<br />

strategische Neuausrichtung<br />

der Bundeswehr<br />

Solidarität gibt’s<br />

nicht ohne Risiko<br />

Deutschlands Verbündete schütteln den Kopf. Berlin hält sich bei militärischen Einsätzen,<br />

wie jüngst in Libyen und Mali, vornehm zurück. Ein fataler Fehler, sagt Ex-Verteidigungsminister<br />

Volker Rühe, der die ersten Auslandseinsätze der Bundeswehr verantwortete<br />

66 <strong>Cicero</strong> 03.2013


Foto: Ulrich Baumgarten/vario images<br />

M<br />

ein beitrag zur deutschen<br />

Sicherheitspolitik war seit Beginn<br />

der neunziger Jahre von<br />

Grundprinzipien geprägt, die<br />

noch heute gültig sind. Erstens:<br />

Deutschland besitzt eine Mitverantwortung<br />

für Frieden und Stabilität, die sich<br />

aus seinen nationalen Werten und Interessen,<br />

seiner politischen und wirtschaftlichen<br />

Bedeutung vor allem in und für Europa<br />

und aus den Lehren unserer Geschichte ergibt.<br />

Zweitens: Deutschland agiert nur im<br />

Rahmen des Völkerrechts und gemeinsam<br />

mit Partnern. Drittens: Für den Einsatz militärischer<br />

Gewalt benötigt die Regierung<br />

eine breite Rückendeckung in Parlament<br />

und Bevölkerung – die bei einem Land, das<br />

bis 1990 allein auf die Landes- und Bündnisverteidigung<br />

fixiert war, nur in behutsamen<br />

Schritten gewonnen werden konnte.<br />

Diese Prinzipien mögen selbstverständlich<br />

klingen. Schwieriger wird es, wie wir beim<br />

derzeitigen Einsatz in Mali wieder erleben,<br />

wenn es um die Konsequenzen geht, die<br />

aus ihrer Umsetzung gezogen werden.<br />

Das demokratische Deutschland verdankt<br />

seinen europäischen und nordamerikanischen<br />

Verbündeten in der Nato nichts<br />

weniger als seine Freiheit. Die eigene Leistung<br />

der Bundesrepublik war während der<br />

Jahrzehnte des Kalten Krieges nicht auf seinen<br />

Verteidigungsbeitrag beschränkt. Bemerkenswert<br />

ist vor allem das große Vertrauen,<br />

das unser Land als freiheitlicher<br />

demokratischer Staat in Europa und weltweit<br />

gewinnen konnte. Dass sich das Vertrauen<br />

in unser Land auch auf den Einsatz<br />

der Bundeswehr erstreckte, offenbarte sich<br />

zu Beginn der neunziger Jahre, als unsere<br />

westlichen Partner Deutschland zur militärischen<br />

Unterstützung von Operationen<br />

unter dem Mandat der Vereinten Nationen<br />

aufforderten. Auf dem Balkan ergab<br />

sich nach dem Friedensvertrag von Dayton<br />

die Frage, ob deutsche Soldaten als Teil der<br />

Nato-geführten internationalen Schutztruppe<br />

in einem Land stationiert werden<br />

konnten, in dem die deutsche Wehrmacht<br />

während des Zweiten Weltkriegs Kriegsverbrechen<br />

begangen hatte. Aber nicht allein<br />

der Einsatz militärischer Mittel muss<br />

moralisch begründet werden. Auch militärische<br />

Hilfe zu verweigern, bedarf einer<br />

Rechtfertigung, das haben die Massaker in<br />

Srebrenica und der Genozid in Ruanda der<br />

Welt schmerzhaft vor Augen geführt. In<br />

beiden Fällen hat die Staatengemeinschaft<br />

lebensbedrohten Menschen ihren militärischen<br />

Schutz verweigert und dadurch<br />

schwere Schuld auf sich geladen.<br />

Wenn wir künftig wieder einmal gefragt<br />

werden, ob wir in einer Region mit unseren<br />

Soldaten zu Frieden und Stabilität beitragen<br />

können, sollte deswegen nicht der<br />

erste Reflex ein Blick in unsere Geschichtsbücher<br />

sein, sondern eine Abwägung unserer<br />

Interessen und die Sondierung, ob es<br />

Zustimmung in der Region für ein deutsche<br />

Engagement gibt.<br />

In allen Bundeswehreinsätzen unter<br />

meiner politischen Führung ging es nicht<br />

zuletzt darum, unsere strategische Handlungsfähigkeit<br />

zu wahren und zu nutzen.<br />

Damals wie heute ist dafür entscheidend,<br />

dass Deutschland seine Sicherheitspolitik<br />

und mögliche Beteiligungen an militärischen<br />

Einsätzen prinzipiell in die Politik<br />

der atlantischen und europäischen Nationen<br />

einbettet. Deshalb war es schlichtweg<br />

falsch, dass sich Deutschland im März 2011<br />

im Weltsicherheitsrat bei der Verabschiedung<br />

der Libyen-VN-Resolution 1973 –<br />

wohlgemerkt bei Zustimmung Frankreichs,<br />

Großbritanniens und Portugals – enthalten<br />

hat. Es war ein Bruch mit den bewährten<br />

und wichtigsten Traditionslinien deutscher<br />

Außen- und Sicherheitspolitik.<br />

Richtig wäre gewesen, wenn Deutschland<br />

dieser Resolution, die das unmittelbare<br />

Ziel hatte, ein Massaker des Gaddafi-Regimes<br />

an den Aufständischen zu<br />

verhindern, zugestimmt hätte und sich anschließend<br />

als Teil der Nato-Awacs-Missionen<br />

und mit der Marine an den Überwachungsmaßnahmen<br />

der Nato beteiligt<br />

hätte. Mit der Verweigerung der Bündnissolidarität<br />

beim Awacs-Einsatz fällt es natürlich<br />

unserem Land schwer, andere Staaten<br />

für gemeinsame Projekte im Rahmen<br />

europäischer Lösungen zu begeistern. Welcher<br />

Staat wird seine Bürger überzeugen<br />

03.2013 <strong>Cicero</strong> 67


| W e l t b ü h n e | B u n d e s w e h r i m A u s l a n d<br />

können, sich politisch und mit gemeinsamen<br />

militärischen Fähigkeiten von uns abhängig<br />

zu machen, wenn Deutschland sich<br />

der Nutzung von gemeinsam finanzierten<br />

und betriebenen Systemen bei jenen Einsätzen<br />

verweigert, die es selbst mitentschieden<br />

hat?<br />

Nur wenn die Europäer ihre Kräfte<br />

bündeln, können sie in Zeiten schrumpfender<br />

Verteidigungsetats und teilweise<br />

drastischer Reduzierungen der Streitkräfteumfänge<br />

– nicht nur in Deutschland,<br />

sondern in vielen Staaten der Allianz<br />

– ein wirksames und glaubwürdiges<br />

Abschreckungs- und Interventionspotenzial<br />

erhalten. Dabei sind realistische Vorhaben<br />

und keine Träumereien gefragt. Die<br />

Vorstellung von einer europäischen Armee<br />

in einem europäischen Bundesstaat mit einer<br />

europäischen Regierung ist in einer EU<br />

mit 27 Mitgliedern völlig unrealistisch. Ein<br />

militärischer Verbund mit komplementären<br />

militärischen Strukturen liegt dagegen<br />

im Bereich des Möglichen. Pooling und<br />

Sharing, also die Nutzung gemeinsamer<br />

Fähigkeiten und eine Arbeits- und Aufgabenteilung<br />

bei der europäischen Verteidigung,<br />

sind dafür die seit langem be<strong>kann</strong>ten<br />

Rezepte. Voraussetzung dafür ist die<br />

Bereitschaft, gegenseitige Abhängigkeiten<br />

einzugehen, ohne dabei nationale Entscheidungsspielräume<br />

völlig aufzugeben.<br />

Deutschland hat oft bewiesen, wie gut es<br />

in der Lage ist, in der Nato und EU konsensfähige<br />

Positionen zu erarbeiten und im<br />

Verbund mit anderen zu führen. Es besitzt<br />

dafür die ökonomische Stärke, die richtige<br />

Größe und gewachsene politische Stellung;<br />

es ist ebenso erprobter Partner Nordamerikas<br />

wie Verfechter einer vertieften europäischen<br />

Integration, und Deutschland war<br />

stets ein glaubwürdiger Vermittler zwischen<br />

kleinen und großen sowie neuen<br />

und alten Mitgliedstaaten.<br />

Von uns Deutschen erfordert solch eine<br />

Politik die Bereitschaft, sich in allen militärischen<br />

Fragen den Standards anzunähern,<br />

die auch bei unseren Verbündeten gelten.<br />

Für mich waren dabei stets Frankreich und<br />

Großbritannien jene Länder, mit denen<br />

sich Deutschland vergleichen sollte. In der<br />

innenpolitischen Debatte mögen deutsche<br />

Vorbehalte gegen die Einsatzführung durch<br />

Verbündete als Mittel zum Ausdruck nationaler<br />

Souveränität gelten. Im Rahmen von<br />

völkerrechtlich abgesicherten, einstimmig<br />

beschlossenen und gemeinsam ausgeplanten<br />

Bündnisoperationen wirken diese Bedenken<br />

unsolidarisch und auch moralisch<br />

fragwürdig.<br />

Europas Sicherheit wird immer wieder<br />

infrage gestellt – wie auf dem Balkan<br />

in den neunziger Jahren, als Sarajewo<br />

eingekesselt und beschossen wurde. Die<br />

notleidende Bevölkerung wurde durch<br />

Hilfsflüge versorgt, die Lebensmittel und<br />

Unsere<br />

Verbündeten<br />

müssen an der<br />

mangelnden<br />

deutschen<br />

Bereitschaft<br />

verzweifeln,<br />

glaubwürdig<br />

Solidarität zu<br />

üben<br />

Medikamente abwarfen. Im Sommer 1993<br />

wurden bei der Führung der deutschen<br />

Luftwaffe Bedenken gegen den Einsatz<br />

laut, weil die Hilfsflugzeuge beschossen<br />

wurden. <strong>Ich</strong> bin diesen Bedenken nicht<br />

gefolgt, weil es geboten war, dass die deutschen<br />

Flugzeuge so lange Hilfsflüge durchführten<br />

wie auch ihre Kameraden aus der<br />

Nato – also Briten, Franzosen und Italiener.<br />

Das Motto der Nato konnte nur heißen:<br />

Entweder fliegen alle, oder es fliegt<br />

niemand.<br />

Trotz unserer historischen Belastungen<br />

war damals in den neunziger Jahren schon<br />

abzusehen: Wir müssen Schritt für Schritt<br />

dahin kommen, dass wir in spätestens 15<br />

bis 20 Jahren vergleichbare Anforderungen<br />

auch <strong>außer</strong>halb der Nato erfüllen können<br />

wie unsere engsten Verbündeten Frankreich<br />

und Großbritannien. Andernfalls<br />

wird Europa handlungsunfähig. Europas<br />

Handlungsfähigkeit wird aber dringend<br />

gebraucht, nicht zuletzt wegen der strategischen<br />

Neuorientierung der USA in<br />

Richtung Pazifik. Der Druck auf Europa<br />

wird größer werden, mehr für die gemeinsame<br />

Sicherheit zu tun – vor allem dort,<br />

wo diese Sicherheit bedroht ist: in Nordafrika,<br />

im Nahen und im Mittleren Osten.<br />

Wenn Europa diese Aufgabe nicht meistern<br />

<strong>kann</strong>, steht das Bündnis auf brüchigen<br />

Pfeilern.<br />

Ausgangspunkt jeder Sicherheitsoperation<br />

muss eine nüchterne Lagebeurteilung<br />

sein. Wenn diese Einschätzung zu dem Ergebnis<br />

kommt, dass beispielsweise in Mali<br />

europäische Sicherheitsinteressen auf dem<br />

Spiel stehen, muss Europa handeln. Es ist<br />

klar, dass dann der jeweilig am besten geeignete<br />

Staat als „Führungsmacht“ agieren<br />

sollte – schon wegen seiner über lange Zeit<br />

gewachsenen Erfahrungen in bestimmten<br />

Regionen. Zugleich muss ein deutliches<br />

Signal aus der Operation hervorgehen:<br />

Hier wird in der Verantwortung für Europa<br />

gehandelt.<br />

Geradezu unverantwortlich ist es hingegen,<br />

dass Deutschland die Herausforderung<br />

Europas in einer solchen Situation<br />

richtig beschreibt, um dann nichts Eiligeres<br />

im Kopf zu haben, als laut zu sagen, mit<br />

welchen deutschen Solidaritätsmaßnahmen<br />

auf gar keinen Fall gerechnet werden <strong>kann</strong>.<br />

Ein solches Verhalten, das jede strategische<br />

Einsicht vermissen lässt, ist moralisch verwerflich<br />

und schadet deutschen Interessen.<br />

Unsere Verbündeten müssen an der mangelnden<br />

deutschen Bereitschaft verzweifeln,<br />

glaubwürdig Solidarität zu üben, was<br />

der französische Generalstab schon mehrfach<br />

erkennen ließ. Wenn aber andererseits<br />

immer mehr gemeinsames Material<br />

und immer mehr gemeinsame Ausbildung<br />

zum Charakteristikum europäischer Streitkräfte<br />

gehören, zeigt sich darin auch, dass<br />

wesentliche Voraussetzungen für praktisch<br />

geübte Solidarität gegeben sind – es sei<br />

denn, Deutschland beschreitet wie in Libyen<br />

einen Sonderweg.<br />

Strategische Defizite in der Führung eines<br />

Landes wirken sich nicht von einem<br />

Tag auf den andern aus. Aber unser Volk<br />

und auch die Medien haben ein sicheres<br />

Gefühl für die peinlichen Gefahren, die<br />

sich Schritt für Schritt aus einer solchen<br />

Politik für den Ruf unseres Landes in Europa<br />

und der Welt ergeben.<br />

68 <strong>Cicero</strong> 03.2013


WeLT.De/DigiTaL<br />

Die Welt gehört denen,<br />

die lieber zu weit gehen<br />

als zurück.<br />

Die WeLT gehörT Denen, Die neu Denken.


| W e l t b ü h n e | B u n d e s w e h r i m A u s l a n d<br />

Im Einsatz<br />

Immer häufiger versehen Bundeswehrsoldaten<br />

ihren Dienst fern der Heimat – in der Regel<br />

zwischen vier und sieben Monaten. Etwa<br />

alle zwei Jahre ist ein deutscher Soldat heute<br />

im Auslandseinsatz.<br />

So hatten es sich die Gründerväter der<br />

Bundeswehr 1955 nicht vorgestellt. Mitten<br />

im Ost-West-Konflikt sollten deutsche Soldaten<br />

vor allem einen Angriff der Sowjet union<br />

abwehren. Einsätze jenseits deutschen Staatsgebiets<br />

waren nicht vorgesehen.<br />

Mit der deutschen Wiedervereinigung hat<br />

sich das radikal geändert. Seit 1990 wird die<br />

Bundeswehr zu „friedenserhaltenden“ und<br />

„friedenssichernden“ Maßnahmen <strong>außer</strong>halb<br />

der Bundesrepublik eingesetzt. Von einer<br />

Armee zur Landesverteidigung hat sich die<br />

Bundeswehr zu einer Armee für internationale<br />

Einsätze gewandelt. Zu deren Aufgaben<br />

gehören: humanitäre Hilfe nach Naturkatastrophen,<br />

Stabilisierungsmaßnahmen in<br />

Krisengebieten und nicht zuletzt das militärische<br />

Gefecht. Zurzeit ist die Bundeswehr mit<br />

6022 Soldaten und Soldatinnen an Einsätzen<br />

im Ausland beteiligt.<br />

Die veränderte Ausrichtung der Bundeswehr<br />

hat einen hohen Preis. Sie kostet<br />

Menschenleben. Seit 1992 starben 100 Bundeswehrsoldaten<br />

im Auslandseinsatz. „36 Soldaten<br />

fielen durch Fremdeinwirkung, 64 kamen<br />

durch sonstige Umstände ums Leben“,<br />

schreibt das Verteidigungsministerium. Seit<br />

1998 nahmen sich 20 Soldaten das Leben. jh<br />

Mali<br />

Kosovo<br />

AFISMA<br />

65 Soldaten, 3 Transportflugzeuge<br />

Transall C-1600<br />

Unterstützung ausländischer<br />

Streitkräfte, Bestandsaufnahme<br />

deutschen Pioniergeräts<br />

Seit 2013<br />

KFOR<br />

816 Soldaten, davon 111 Soldatinnen<br />

Überwachung der Entwicklung<br />

demokratischer Strukturen<br />

Seit 1999<br />

Deutschland<br />

STRATAIRMEDEVAC*<br />

41 Soldaten<br />

Schutz, Erhalt und Wiederherstellung<br />

der Gesundheit der Soldaten im Auslandseinsatz<br />

Seit 2002<br />

Soldaten der Bundeswehr sind<br />

in Auslandseinsätzen (Stand: Februar 2013)<br />

Legende<br />

Soldaten<br />

Soldatinnen<br />

6022<br />

70 <strong>Cicero</strong> 03.2013<br />

* Die Soldaten werden in Deutschland<br />

zur Sicherstellung des Auftrags<br />

„strategischer Verwundetentransport“<br />

bereitgehalten und werden zu den<br />

unmittelbar an Auslandseinsätzen<br />

beteiligten Soldaten gezählt<br />

Sudan<br />

UNAMID<br />

13 Soldaten<br />

Friedenssicherung<br />

Seit 2012<br />

Südsudan<br />

UNMISS<br />

15 Soldaten<br />

Unterstützung beim Staats- und<br />

Institutionenaufbau<br />

Seit 2011<br />

Demokrat. Rep. Kongo<br />

EUSEC RD Congo<br />

3 Soldaten<br />

Unterstützung der<br />

inneren Sicherheit<br />

Seit 2006


Libanon<br />

UNIFIL<br />

159 Soldaten, davon 5 Soldatinnen<br />

Kontrolle des Seewegs vor der Küste,<br />

um Waffenschmuggel zu verhindern<br />

Seit 2006<br />

Türkei<br />

ACTIVE FENCE<br />

303 Soldaten, davon 16 Soldatinnen<br />

Unterstützung der Nato zum Schutz<br />

der türkischen Bevölkerung vor<br />

syrischen Raketenangriffen<br />

Seit 2012<br />

Afghanistan / Usbekistan<br />

ISAF<br />

4266 Soldaten, davon 224 Soldatinnen<br />

Aufrechterhaltung der Sicherheit<br />

Seit 2002<br />

Afghanistan<br />

UNAMA<br />

1 Soldat<br />

Aufbau rechtsstaatlicher Strukturen<br />

Seit 2004<br />

Infografik: Esther Gonstalla, Quelle: Bundeswehr<br />

Uganda<br />

EUTM SOM<br />

12 Soldaten<br />

Ausbildung somalischer<br />

Sicherheitskräfte<br />

Seit 2010<br />

Somalia<br />

EUCap Nestor<br />

1 Soldat<br />

Schutz der Küste und vor Piraten,<br />

Beratung in maritimrechtlichen Fragen<br />

Seit 2012<br />

Horn von Afrika<br />

ATALANTA<br />

327 Soldaten, davon 18 Soldatinnen<br />

Schutz der Schiffe des World Food Programme,<br />

der African Union Mission Somalia und der<br />

Handelsschiffe; Schutz vor Piraten<br />

Seit 2008<br />

03.2013 <strong>Cicero</strong> 71


| W e l t b ü h n e | P a k i s t a n<br />

die Revolution ist<br />

abgesagt – vorerst<br />

Wie aus dem Nichts stand er plötzlich auf der politischen Bühne.<br />

Mit seinem Marsch auf Islamabad begeisterte Muhammad Tahir ul Qadri Tausende<br />

Menschen. Wer ist der Mann, und was bedeutet sein Auftritt für Pakistan?<br />

von Britta Petersen<br />

72 <strong>Cicero</strong> 03.2013


Fotos: Anjum Naveed/Picture Alliance/DPA/AP Photo, Picture Alliance/DPA<br />

V<br />

ielleicht hätte Muhammad<br />

Tahir ul Qadri öfter Popmusik<br />

hören sollen. Was sich aber natürlich<br />

für einen Islamgelehrten<br />

nicht ziemt. Dann hätte er<br />

Tracy Chapmans Ballade „Talkin‘ Bout a<br />

Revolution“ ge<strong>kann</strong>t – wo es heißt, dass<br />

eine Revolution „mit einem Flüstern“ beginnt.<br />

Sollte das stimmen, dann musste<br />

der pakistanische Prediger, der Mitte Januar<br />

mit einem Donnerknall in Islamabad<br />

landete, ganze Stadtteile per Lautsprecher<br />

mit seinen Reden beschallte und eine<br />

„Revolution arabischen Stils“ verkündete,<br />

zwangsläufig scheitern.<br />

Wenn Flüstern Ausdruck einer Unzufriedenheit<br />

ist, die sich langsam, aber sicher<br />

in weiten Kreisen der Bevölkerung breitmacht<br />

und die irgendwann in politische<br />

Aktion umschlägt, dann ist Pakistan immer<br />

noch weit entfernt von einer Revolution.<br />

Nach wenigen Tagen auf den kalten<br />

Straßen Islamabads kehrten die Demonstranten<br />

brav nach Hause zurück. Kairos<br />

Tahrir-Platz sah anders aus.<br />

Dass Qadri, der nicht nur für Beobachter<br />

im Westen scheinbar aus dem<br />

Nichts Pakistans politische Bühne stürmte,<br />

mit seinem angekündigten Umsturz scheiterte,<br />

hat andere Gründe. Der 61-jährige<br />

Professor für islamisches Recht folgt dem<br />

Modell der für Pakistans Geschichte typischen<br />

Revolution von oben. Für die ist<br />

das „Flüstern“ im Volk aber stets nur ein<br />

Hintergrundgeräusch gewesen. Veränderungen<br />

haben sich eher durch ein obligatorisches<br />

Säbelrasseln angekündigt. Dann<br />

geht <strong>alles</strong> meist ganz schnell: Die Fernsehbildschirme<br />

werden schwarz, Stunden später<br />

hält ein General eine Rede, und das gewählte<br />

Staatsoberhaupt verabschiedet sich<br />

ins Exil.<br />

Dass Pakistans Armee nach dem unrühmlichen<br />

Abgang ihres letzten Diktators,<br />

General Pervez Musharraf, 2008 wenig Interesse<br />

daran zeigt, wieder direkt nach der<br />

Macht zu greifen, bedeutet nicht, dass das<br />

Militär seine politischen Ambitionen aufgegeben<br />

hätte. Zwar hält Musharrafs Nachfolger<br />

als Oberbefehlshaber der Streitkräfte,<br />

General Ashfaq Kayani, öffentlich Elogen<br />

auf die Demokratie. Doch auch er scheint<br />

der Auffassung zu sein, dass diese bei den<br />

demokratisch gewählten Parteien nicht in<br />

allzu guten Händen sei.<br />

Zweifellos hat die Regierung unter Präsident<br />

Asif Ali Zardari, dem Witwer der<br />

2007 ermordeten Hoffnungsträgerin Benazir<br />

Bhutto, das Land an den Rand des Abgrunds<br />

geführt. Das Wirtschaftswachstum<br />

von wenig mehr als 3 Prozent ist für ein<br />

Entwicklungsland mit Pakistans Bevölkerungswachstum<br />

quasi eine Rezession.<br />

Die Energiekrise, die weitgehend auf jahrzehntelanger<br />

Untätigkeit beruht, hat solche<br />

Ausmaße erreicht, dass Unternehmen<br />

aufgrund von Strommangel ihre Fabriken<br />

schließen müssen.<br />

Nicht zuletzt deshalb suchten bereits<br />

zwei Jahre vor dem fast schon geisterhaften<br />

Auftauchen Qadris Mitarbeiter des Militärgeheimdiensts<br />

ISI hinter den Kulissen<br />

Der islamische Gelehrte Tahir ul Qadri<br />

vermag die Massen in Islamabad (links) zu<br />

begeistern. Welche Ziele verfolgt er damit?<br />

Islamabads nach qualifizierten Kandidaten<br />

für eine sogenannte Technokratenregierung,<br />

die mithilfe des Obersten Gerichts<br />

die von der Pakistan People’s Party geführte<br />

Koalitionsregierung ablösen sollte.<br />

Es ist beinahe unmöglich, bei den Forderungen,<br />

die Qadri im Januar an die Regierung<br />

stellte, nicht an dieses Szenario zu<br />

denken: Eine sogenannte geschäftsführende<br />

Regierung löst das Parlament auf<br />

und führt das Land bis zu Neuwahlen;<br />

Zeitpunkt der Wahlen: unbe<strong>kann</strong>t. Insbesondere<br />

nachdem der politisch ambitionierte<br />

Oberste Richter Iftikhar Chaudhry<br />

just in dem Moment, als Qadri auf der politischen<br />

Bühne auftauchte, die Verhaftung<br />

des Premierministers Raja Pervez Ashraf<br />

anordnete. Natürlich wegen Korruption –<br />

die immer das berechtigte Motiv für einen<br />

Coup in Pakistan war.<br />

03.2013 <strong>Cicero</strong> 73


| W e l t b ü h n e | P a k i s t a n<br />

„Es ist Konsens in den pakistanischen<br />

Medien, dass Tahir ul Qadri der neueste<br />

Repräsentant des (Militär-)Establishments<br />

ist“, sagt der Ökonom S. Akbar<br />

Zaidi, der zurzeit an der Columbia University<br />

in New York lehrt. „Fast jeder, der<br />

Pakistan kennt und der um Macht, Einfluss,<br />

Ressourcen und die derzeitige Befindlichkeit<br />

des (Militär-)Establishments<br />

und seine Verzweiflung weiß, geht davon<br />

aus, dass die Gerüchte um Qadri wahr<br />

sind.“<br />

So konnten denn auch die 30 000 bis<br />

100 000 Menschen, die Qadri für seinen<br />

„langen Marsch“ mobilisierte, niemanden<br />

recht beeindrucken. Auch wenn tatsächlich<br />

viele von ihnen überzeugte Anhänger<br />

des Sufi-Predigers sind, weiß doch jeder, in<br />

Südasien, dass zwischen Karachi und Kalkutta<br />

gekaufte Aufmärsche Teil jedes Wahlkampfs<br />

sind. Eine warme Mahlzeit und ein<br />

Ausflug in die Hauptstadt sind für viele<br />

Dorfbewohner bereits Grund genug zum<br />

Kommen.<br />

Die Tatsache, dass so viele Menschen<br />

angereist und dass Qadri auf allen Fernsehsendern<br />

zur Primetime lange Werbespots<br />

schaltete, schien ein weiteres Zeichen<br />

dafür, dass hier Millionen von Rupien<br />

investiert worden waren, die man kaum<br />

mit frommen Reden verdienen <strong>kann</strong>. Allerdings<br />

war Qadri auch früher schon für<br />

sein ökonomisches Talent be<strong>kann</strong>t. Unter<br />

seinen wohlhabenden Anhängern in Kanada<br />

– wo er ab 2006 gelebt hatte –, die er<br />

bevorzugt um Spenden bittet, erzählt man<br />

sich, dass die Frauen in seinem Haushalt<br />

stets mit goldenen Armreifen bis zum Ellenbogen<br />

geschmückt seien.<br />

Auch politisch ist der Mann mit dem sorgfältig<br />

getrimmten grauen Bart kein unbeschriebenes<br />

Blatt. Bereits 1989 gründete er<br />

seine Partei „Pakistan Awami Tehreek“, die<br />

sich nach eigenem Bekunden für „Demokratie“,<br />

„Menschenrechte“ und ein Ende<br />

der Korruption einsetzt. Von 2002 bis<br />

2004 war Qadri Abgeordneter im pakistanischen<br />

Parlament. 2010 verkündete er<br />

eine viel beachtete Fatwa gegen den Terrorismus.<br />

In diesem 600 Seiten starken Dokument<br />

schreibt er: „Terrorismus ist Terrorismus,<br />

Gewalt ist Gewalt und hat keinen<br />

Platz in der islamischen Lehre. Es <strong>kann</strong><br />

keine Rechtfertigung dafür geben.“<br />

Mit seinen moderat-islamischen Ansichten<br />

wäre Qadri ein Traumkandidat<br />

Falls Tahir<br />

ul Qadri<br />

tatsächlich<br />

der in letzter<br />

Minute<br />

präsentierte<br />

Ersatzmann<br />

der Generäle<br />

ist, musste<br />

er mit einem<br />

Paukenschlag<br />

auf die<br />

politische<br />

Bühne<br />

katapultiert<br />

werden<br />

des Militärs für das Amt des Regierungschefs.<br />

Wenn man den Reden Ashfaq Kayanis<br />

glauben darf, so ist die Armee zum<br />

ersten Mal in ihrer Geschichte ernsthaft<br />

entschlossen, den Terrorismus im eigenen<br />

Land wirksam zu bekämpfen. Bisher war<br />

es ihre Strategie, islamische Extremisten<br />

als Guerillakämpfer nach Indien und Afghanistan<br />

vorzuschicken. Eine gefährliche<br />

Taktik, die sich längst gegen ihre Erfinder<br />

gewandt hat.<br />

Allen säkularen Anwandlungen zum<br />

Trotz – im Westen erinnert man sich<br />

noch gern an den freundlichen General<br />

Musharraf, der einem Glas Whisky nie<br />

abgeneigt war – besteht Pakistans Offizierscorps,<br />

wie die Militäranalystin Ayesha<br />

Siddiqa betont, längst nicht mehr nur aus<br />

Gentlemen, die ihre Ausbildung auf der<br />

britischen Militärakademie Sandhurst genossen<br />

haben. Gerade unter den jungen<br />

Offizieren stammen viele aus der Mittelklasse<br />

und legen Wert auf den (rechten)<br />

Glauben.<br />

Auch scheint der Islam – und hier<br />

liegt möglicherweise der inhaltliche Kern<br />

des Phänomens Qadri – aus Sicht vieler<br />

die einzig überzeugende und möglicherweise<br />

auch einzig verfügbare Antwort<br />

auf die Krankheit zu sein, die nach Ansicht<br />

vieler Pakistans politisches System<br />

an den Rand des Kollapses gebracht hat:<br />

die Korruption. Qadri verfügt – so mag<br />

man hoffen – über Anstand und Moral,<br />

was sich von vielen Politikern kaum behaupten<br />

lässt.<br />

Tatsächlich sind die demokratischen<br />

Parteien fast alle Teil eines Systems, das<br />

auf Patronage und Nepotismus beruht und<br />

das insofern – mit Michel Foucault gesprochen<br />

– kein „Außen“ kennt. Lange konnte<br />

sich das Militär in der Sicherheit wiegen,<br />

nicht Teil dieses Systems zu sein. Doch spätestens<br />

seit Musharraf, unter dem sich die<br />

Armee zu einem Wirtschaftsunternehmen<br />

sui generis entwickelte, das seinen Mitgliedern<br />

Privilegien in Form von Villen und<br />

Golfplätzen zur Verfügung stellt, hat das<br />

saubere Image mehr als nur ein paar Kratzer<br />

bekommen.<br />

Aber die Alternative Islam hat einen<br />

Haken. Islamische Parteien haben in Pakistan<br />

noch nie eine Wahl gewonnen. Das<br />

aber sagt womöglich recht wenig über<br />

den Wählerwillen aus, denn in dem zum<br />

Teil von Feudalstrukturen und Stammesgesetzen<br />

geprägten Land spielen Parteiprogramme<br />

für die Wählerentscheidung<br />

zumeist kaum eine Rolle, sondern Klientelismus<br />

und Clan-Zugehörigkeit.<br />

Umso schwerer ist es für eine neue Partei,<br />

Fuß zu fassen. Diese Erfahrung musste<br />

sogar der ehemalige Kricket-Star Imran<br />

Khan machen, der im vergangenen Jahr<br />

noch als Hoffnungsträger gefeiert wurde<br />

und als Favorit des Militärs für das Amt des<br />

Premierministers galt. Trotz Khans landesweiter<br />

Popularität und seines Charismas ist<br />

seine Partei „Tehreek-e-Insaf“ in den Umfragen<br />

wieder zurückgefallen. Was sicher<br />

nicht an der überzeugenden Performance<br />

der Regierung liegt.<br />

Falls Tahir ul Qadri tatsächlich der in<br />

letzter Minute präsentierte Ersatzmann der<br />

Generäle ist, musste er mit einem Paukenschlag<br />

auf die politische Bühne katapultiert<br />

74 <strong>Cicero</strong> 03.2013


Foto: Privat<br />

werden. So erklärt sich, dass Qadris Auftritt<br />

im Januar selbst erfahrene Analysten<br />

in Pakistan auf dem falschen Fuß erwischte.<br />

Bereits Mitte März läuft die Amtszeit der<br />

derzeitigen Regierung aus.<br />

Hier nun beginnt die wirkliche Überraschung.<br />

Denn während die Pessimisten<br />

schon während Qadris Marsch auf Islamabad<br />

das erneute Ende der Demokratie ausriefen,<br />

geschah hinter den Kulissen etwas<br />

Erstaunliches: Die im Parlament vertretenen<br />

Parteien – inklusive der Opposition –<br />

entschlossen sich, zusammenzuhalten und<br />

den Forderungen des durch keine Wahl legitimierten<br />

Predigers zu widerstehen. Damit<br />

war die Revolution abgesagt.<br />

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Das pakistanische Wahlsystem sieht vor,<br />

dass am Ende einer Legislaturperiode Regierung<br />

und Opposition gemeinsam eine<br />

geschäftsführende Regierung einsetzen, die<br />

dann innerhalb von 90 Tagen Neuwahlen<br />

ausrufen muss. Es ist daher auch ein Zeichen<br />

politischer Reife vor allem der größten<br />

Oppositionspartei, der PMLN unter<br />

Ex-Premierminister Nawaz Sharif, dass sie<br />

nicht versucht hat, aus Qadris Auftauchen<br />

Kapital zu schlagen, sondern mit der Regierung<br />

darauf beharrte, dass diese ihre Legislaturperiode<br />

beendet. Damit hat zum ersten<br />

Mal in der Geschichte des Landes eine<br />

Regierung ihre fünfjährige Amtszeit verfassungsgemäß<br />

vollendet.<br />

„Tahir ul Qadris plötzliches Auftauchen<br />

und seine Intervention wurde zu<br />

Recht als Versuch interpretiert, das demokratische<br />

System für Jahre auszusetzen“,<br />

sagt der Ökonom S. Akbar Zaidi.<br />

„Die Tatsache, dass dies gescheitert ist,<br />

zeigt, wie sehr sich Pakistans Demokratie<br />

in den vergangenen fünf Jahren weiterentwickelt<br />

hat und wie geschwächt das<br />

Militär-Establishment ist.“<br />

Nun liegt der Ball im Spielfeld von Zardari,<br />

Nawaz Sharif und Co. Sie müssen zeigen,<br />

dass sie dazu in der Lage sind, Pakistans<br />

Probleme und damit die von 200 Millionen<br />

Menschen zu lösen – und nicht nur ihre eigenen.<br />

Wenn dies nicht gelingt, sind sie sich<br />

selbst fortan der ärgste Feind.<br />

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| K a p i t a l<br />

Der rote Ingenieur<br />

Mehrere Zufälle katapultierten den Niederländer Jeroen Dijsselbloem ins Amt des Eurogruppenchefs<br />

von Rob Savelberg<br />

S<br />

eine erste Bewährungsprobe<br />

nach seiner Ernennung zum neuen<br />

Mr. Euro Ende Januar musste er<br />

nicht auf Zypern, in Griechenland, Portugal,<br />

Spanien oder Irland bestehen, sondern<br />

direkt vor der eigenen Haustür. Um<br />

ein Beben des weiterhin fragilen niederländischen<br />

Finanzsektors zu verhindern,<br />

entschied sich Jeroen Dijsselbloem in seiner<br />

Funktion als niederländischer Finanzminister,<br />

die SNS-Bank zu verstaatlichen.<br />

Fast vier Milliarden Euro an Steuergeldern<br />

musste er dafür in die Hand nehmen. Von<br />

den vier großen Geldhäusern in Holland<br />

sind damit drei ganz oder teilweise in Händen<br />

des Staates.<br />

Das Wiederaufflackern der Bankenkrise<br />

zu Hause könnte für Dijsselbloem auch in<br />

seinem Amt als neuer Vorsitzender des einflussreichen<br />

Ecofin-Rats, der Gruppe der<br />

Eurofinanzminister, zum Problem werden.<br />

Haftet dem gelernten Agrar ökonomen ohnehin<br />

schon der Ruf an, ein Verlegenheitskandidat<br />

zu sein, wird sich sein Stand bei<br />

den Kollegen nicht verbessern, sollten die<br />

Niederlande infolge der Bankenrettung<br />

und einer anhaltenden Rezession die Drei-<br />

Prozent-Hürde bei der Neuverschuldung<br />

reißen. Er wird seinen europäischen Kollegen<br />

nun mit noch viel mehr diplomatischem<br />

Geschick begegnen müssen. Dabei<br />

hat Dijsselbloem bisher kaum Erfahrungen<br />

im Umgang mit den Spitzenpolitikern in<br />

der EU gesammelt, wurde er doch erst vor<br />

drei Monaten als Finanzminister vereidigt.<br />

Der Sozialdemokrat aus der Partij van<br />

de Arbeid (PvdA) tritt in Brüssel in die<br />

großen Fußstapfen des amtsmüden Jean-<br />

Claude Juncker. Größer könnten die Unterschiede<br />

zum bisher einzigen Chef der<br />

Eurogruppe kaum sein. Gilt der luxemburgische<br />

Ministerpräsident, der gleichzeitig<br />

Finanzminister des Landes ist, als extrovertierter,<br />

charismatischer und äußerst erfahrener,<br />

gut vernetzter Fuchs im Brüsseler<br />

Gehege, ist Dijsselbloem eher ruhig, immer<br />

etwas ernst und ein absoluter Neuling<br />

auf dem europäischen Parkett. Ein großer<br />

Nachteil für Dijsselbloem besteht darin,<br />

dass er anders als Juncker nur auf Einladung<br />

an den Sitzungen des Europäischen<br />

Rates der Staats- und Regierungschefs teilnehmen<br />

<strong>kann</strong>, wo die wirklich relevanten<br />

Entscheidungen getroffen werden.<br />

Die Wahl Dijsselbloems ist ein Experiment.<br />

Seine Kompetenz wird der hoch gewachsene<br />

Holländer mit den gegelten Locken<br />

erst noch unter Beweis stellen müssen,<br />

will er nicht so wirken wie die eher farblosen<br />

hauptamtlichen Eurokraten José Manuel<br />

Barroso an der Spitze der Kommission,<br />

Ratspräsident Herman Van Rompuy und<br />

die Außenbeauftragte Catherine Ashton.<br />

Sie gelangten alle in ihre Ämter, weil man<br />

ihnen kein eigenständiges Profil zutraute.<br />

Seine Blitzkarriere in Den Haag verdankt<br />

Dijsselbloem, vorher bildungs- und<br />

jugendpolitischer Sprecher seiner Fraktion<br />

im niederländischen Parlament, seinem<br />

Parteifreund Diederik Samsom. Der<br />

PvdA-Spitzenkandidat wollte nach dem<br />

überraschenden Wahlerfolg im September<br />

nicht als Minister in der großen Koalition<br />

unter dem liberalkonservativen Premier<br />

Mark Rutte dienen und blieb stattdessen<br />

als Fraktionschef im Parlament. Samsom,<br />

der die Wahl nur knapp gegen Rutte verloren<br />

hatte, ließ Dijsselbloem die Koalitionsverhandlungen<br />

führen. Dieser brachte sie<br />

schnell zu einem erfolgreichen Ende und<br />

erhielt dafür den Ministerposten.<br />

Mit Samsom, einem ehemaligen<br />

Greenpeace-Aktivisten und Atomphysiker,<br />

verbindet Dijsselbloem nicht nur der<br />

gemeinsame technische Hintergrund und<br />

die linken Ideale, sondern auch die Mitgliedschaft<br />

bei den „roten Ingenieuren“,<br />

einem Kreis junger Akademiker, der sich<br />

vorgenommen hatte, die PvdA zu modernisieren.<br />

Dabei kommt er nach eigenen Angaben<br />

gar nicht aus einer „roten Familie“.<br />

„Bei uns wurde <strong>alles</strong> gewählt <strong>außer</strong> den Sozialdemokraten“,<br />

haben auch seine Eltern,<br />

beide Lehrer, in einem Interview zu Protokoll<br />

gegeben. Ihr jüngster Sohn wurde<br />

in Eindhoven geboren, einer Stadt, die vor<br />

allem als Standort des Elektronikkonzerns<br />

Philips be<strong>kann</strong>t geworden ist.<br />

Dijsselbloem ist eine gute Mischung<br />

zwischen Calvinist und Kaufmann und<br />

verkörpert so vorbildlich die zwei niederländischen<br />

Stereotypen. Es bleibt aber die<br />

Frage, ob es dem Hobby-Salsatänzer gelingt,<br />

zwischen dem verarmten Süden und<br />

dem reichen Norden Europas zu vermitteln.<br />

Die Spanier blieben bis zuletzt skeptisch<br />

gegenüber dem Kandidaten, die<br />

Franzosen forderten vorab Bekenntnisse<br />

zur Wachstumsförderung und Bekämpfung<br />

der hohen Arbeitslosigkeit. Die Deutschen<br />

dagegen sorgen sich, dass Dijsselbloem<br />

bei der Budgetdisziplin nicht streng<br />

genug sein wird. In der Heimat überwiegt<br />

dagegen der Stolz, dass nach Wim Duisenberg,<br />

dem ersten Chef der Europäischen<br />

Zentralbank, endlich wieder ein Niederländer<br />

eine wichtige Position in der EU<br />

bekleidet.<br />

Entscheidend wird Dijsselbloems Beziehung<br />

zu Berlin sein. Er spricht relativ<br />

gut Deutsch und war vor wenigen Wochen<br />

schon zu Besuch in der deutschen Hauptstadt<br />

– ohne Pressetermine. Er wollte partout<br />

keinen Fehler machen und gibt sich<br />

seit seiner Ernennung zum Eurogruppen-<br />

Chef ohnehin recht wortkarg. Diskretion<br />

ist wichtig in seinem neuen Amt. Daher<br />

hat der zweifache Vater auch seine Twitterund<br />

Facebook-Accounts deaktiviert. Über<br />

die notwendige Selbstironie verfügt er aber<br />

auch. Bei seiner Vorstellung in Brüssel lautete<br />

sein erster Satz: „Vielleicht ist es gut,<br />

wenn ich erst mal etwas sage. Sie haben<br />

mich ja noch nie reden hören.“<br />

Rob Savelberg<br />

ist Deutschlandkorrespondent für<br />

De Telegraaf, die auflagenstärkste<br />

Zeitung der Niederlande. Er lebt<br />

in Berlin<br />

Fotos: Evert-Jan Daniels/AFP/Getty Images, Privat (Autor)<br />

76 <strong>Cicero</strong> 03.2013


„<strong>Ich</strong> sollte mal<br />

was sagen. Sie<br />

haben mich<br />

ja noch nie<br />

reden hören“<br />

Jeroen Dijsselbloem bei seiner<br />

Vorstellung als Eurogruppenchef<br />

03.2013 <strong>Cicero</strong> 77


| K a p i t a l<br />

GlücksKekse aus Bayern<br />

Erst baute Ralph Schäfer Wohnungen für Saddam Hussein, dann machte ihn Naomi Campbell zum Bäcker<br />

von Til Knipper<br />

F<br />

ür den Verkauf seiner Glückskekse<br />

tut Ralph Schäfer fast <strong>alles</strong> – wenn<br />

es sein muss, auch in ihnen baden.<br />

Für das Fotoshooting in seinem Badezimmer<br />

hat der 56 Jahre alte Unternehmer die<br />

Hüllen fast komplett fallen lassen und legt<br />

sich nur mit schwarzer Unterhose bekleidet<br />

in die Wanne. Mehr als 300 Kekse, die<br />

er vorher einzeln von einigen seiner Mitarbeiterinnen<br />

hat auspacken lassen, ergießen<br />

sich über ihn. Kein Problem für Schäfer,<br />

Brille und Lächeln sitzen trotzdem,<br />

da ist er ganz Profi. Nachdem der Fotograf<br />

seine Aufnahmen gemacht hat, steigt<br />

Schäfer aus der Wanne, schüttelt kurz die<br />

Krümel ab und beteuert auf dem Weg zur<br />

Dusche sicherheitshalber noch einmal:<br />

„Diese Glückskekse gehen nicht mehr in<br />

den Verkauf.“<br />

Schäfers Unternehmen trägt den Namen<br />

Bavarian Lucky Keks und hat seinen<br />

Sitz in Bad Abbach in Niederbayern<br />

in der Nähe von Regensburg. In einer<br />

Halle im Gewerbegebiet steht die größte<br />

automatische Backanlage zur Herstellung<br />

von Glückskeksen in Europa. Schuld an<br />

deren Anschaffung ist Topmodell Naomi<br />

Campbell. Sie warb in den neunziger Jahren<br />

für BHs von Triumph mit dem Slogan<br />

„Be happy“. Der deutsche Wäschehersteller<br />

ließ begleitend zur Kampagne<br />

1,3 Millionen Glückskekse verteilen, ein<br />

Riesenauftrag für Schäfer, der damals noch<br />

nicht selbst produzierte, sondern mit seiner<br />

Firma nur für Verpackung und Vertrieb<br />

sorgte. Der Auftrag überzeugte ihn endgültig<br />

vom Werbe- und Marketingpotenzial<br />

der Glückskekse. „Aber ich wollte sie<br />

auch selbst herstellen, weil <strong>alles</strong>, was es auf<br />

dem Markt gab, nach Pappe schmeckte“,<br />

sagt Schäfer.<br />

Die sieben Meter lange und drei Meter<br />

breite Anlage importierte er aus den Vereinigten<br />

Staaten. 50 000 Kekse <strong>kann</strong> er<br />

damit täglich herstellen. Schäfer, der sich<br />

selbst einen Qualitätsfanatiker nennt, tüftelte<br />

mit einem befreundeten Konditor an<br />

der richtigen Teigmischung. Wenn Schäfer<br />

über den Geschmack seiner eigenen<br />

Glückskekse spricht, fühlt man sich eher<br />

wie bei einer Weinprobe: „Im Abgang müssen<br />

sie auf der Zunge vanillig-zitronig sein.“<br />

Außerdem seien sie „brown“ und „crispy“,<br />

fügt Schäfer hinzu und erwähnt<br />

beim Gang durchs<br />

Unternehmen mehrfach,<br />

dass es ein Privileg sei, „die<br />

Kunden mit seinen Glückskeksen<br />

glücklich zu machen“.<br />

Das Wort „Glück“ hört der<br />

Besuch an diesem Tag ohnehin<br />

sehr oft. Schäfer ist eben<br />

doch mehr Marketingmann<br />

als Konditor.<br />

Anderthalb Minuten dauert<br />

der Backvorgang bei<br />

145 Grad Celsius, über ein<br />

Schlauchsystem gelangt der<br />

Teig in handtellergroße Formen.<br />

Am Ende der Backstraße<br />

schiebt ein Arm der<br />

Maschine den noch weichen<br />

Minipfannkuchen über ein<br />

Loch. Per Luftdruck saugt<br />

eine weitere Stange das Papier<br />

mit der gedruckten<br />

Glücksbotschaft an und drückt es zusammen<br />

mit dem Keks von oben durch die<br />

Öffnung. Bei diesem Stanzvorgang erhält<br />

das Gebäck durch Falten und Biegen erst<br />

seine charakteristische Halbmondform.<br />

Wegen des hohen Zuckergehalts härtet der<br />

Keks anschließend schnell aus.<br />

Dahinter wartet die Verpackungsanlage.<br />

Die Folie <strong>kann</strong> der Kunde nach<br />

seinen eigenen Wünschen gestalten lassen.<br />

Das fertige Produkt wiegt dann exakt<br />

sieben Gramm. Kein Zufall, wie Schäfer<br />

erklärt, denn die Sieben (der Zuhörer<br />

ahnt schon, was kommt) sei ja be<strong>kann</strong>tlich<br />

eine Glückszahl. Dass sie in China<br />

als Unglückszahl gilt, ficht Schäfer nicht<br />

an. Im Gegenteil, gibt es ihm doch die<br />

MYTHOS<br />

MITTELSTAND<br />

„Was hat Deutschland,<br />

was andere nicht<br />

haben? Den<br />

Mittelstand!“, sagt jetzt<br />

auch der Deutsche-<br />

Bank-Chef Anshu<br />

Jain. <strong>Cicero</strong> weiß das<br />

schon länger und stellt<br />

den Mittelstand in<br />

einer Serie vor. Die<br />

bisherigen Porträts aus<br />

der Serie unter:<br />

www.cicero.de/mittelstand<br />

Gelegenheit, ein weitverbreitetes Vorurteil<br />

aus der Welt zu schaffen: „Der Glückskeks<br />

kommt nicht aus China. Man kennt ihn<br />

dort nicht einmal.“<br />

Wer ihn tatsächlich erfunden hat, ist<br />

umstritten. Mehrere asiatische Einwanderergruppen<br />

in Amerika<br />

reklamieren das Copyright<br />

für sich. Schäfer sagt dazu<br />

nur: „Die besten Glückskekse<br />

kommen aus Bad<br />

Abbach.“<br />

Mit seinen zehn Mitarbeitern<br />

erzielt er eine Million<br />

Euro Jahresumsatz.<br />

Seine Kunden kommen<br />

aus allen Branchen – Banken,<br />

Apotheken, Parteien,<br />

Schnellrestaurants. Sie alle<br />

nutzen die Kekse als kleines<br />

Werbegeschenk mit eingebackener<br />

Botschaft. Geliefert<br />

wird nach ganz Europa.<br />

Unternehmer wollte<br />

Ralph Schäfer schon immer<br />

werden. Nach dem<br />

Studium baute er aber zunächst<br />

als Projektleiter einer<br />

deutschen Baufirma in<br />

Bagdad für „eine Millarde<br />

D‐Mark Wohnungen für Saddam Husseins<br />

Baath-Partei“. Gewissensbisse plagen<br />

ihn deswegen nicht: „Bagdad war eine<br />

tolle Zeit, ich habe geweint, als es von den<br />

Amerikanern bombardiert wurde.“ Sieben<br />

Jahre blieb er im Nahen Osten. Der erste<br />

Schritt in die Selbstständigkeit, der Import<br />

von Wüstentrüffeln nach Deutschland,<br />

„scheiterte grandios“. Mit den Süßwaren<br />

klappte es. Oder wie Schäfer sagen<br />

würde: „Glück gehabt!“<br />

Til KNipper<br />

leitet das Ressort<br />

Kapital bei <strong>Cicero</strong><br />

Fotos: Florian Jaenicke für <strong>Cicero</strong>, Privat (Autor)<br />

78 <strong>Cicero</strong> 03.2013


Baden im Glück: Mit seinen<br />

Keksen erzielt Ralph Schäfer eine<br />

Million Euro Jahresumsatz<br />

03.2013 <strong>Cicero</strong> 79


| K a p i t a l<br />

Zar ohne Allüren<br />

Der reichste Europäer kommt aus Spanien, aber auch da ist Zara-Gründer Amancio Ortega kaum be<strong>kann</strong>t<br />

von Anne Grüttner<br />

W<br />

Enn Ihr meinen Lebensstil ändern<br />

wollt, gehen wir eben nicht<br />

an die Börse, und ich lebe weiter<br />

in Ruhe vor mich hin.“ Das war Amancio<br />

Ortegas Antwort, als ihm 2001 ein Investmentbanker<br />

vor dem Börsengang von Ortegas<br />

spanischem Modeimperium Inditex<br />

vorschlug, er solle auf eine Road-Show für<br />

Großinvestoren gehen. Ein durchaus üblicher<br />

Vorgang vor dem Schritt aufs Parkett –<br />

aber nicht mit Ortega. Seine Privatsphäre<br />

„verteidigt er auf Biegen und Brechen“,<br />

schreibt die spanische Journalistin Covadonga<br />

O’Shea in der aktuellen Biografie<br />

„So ist Amancio Ortega“. Auch aus seinem<br />

direkten Umfeld dringt wenig nach außen.<br />

Daran hat sich bis heute nichts geändert:<br />

Ortega gibt keine Interviews, macht<br />

keine Fototermine, gibt sich nicht für<br />

Home-Storys her und meidet jede Art von<br />

öffentlichen Auftritten. Selbst bei einem<br />

Besuch von Kronprinz Felipe in der Inditex-Zentrale<br />

in Arteixo bei La Coruña vor<br />

Jahren ließ er sich nicht blicken.<br />

Spätestens seit Ende des vergangenen<br />

Jahres dürfte Ortega seine Skepsis gegenüber<br />

dem Börsengang aber endgültig abgelegt<br />

haben. Der Wert seines Konzerns Inditex,<br />

in Deutschland vor allem durch die<br />

Modekette Zara be<strong>kann</strong>t, stieg allein 2012<br />

um mehr als 60 Prozent. Da dem Gründer<br />

noch 60 Prozent der Firmenanteile gehören,<br />

ist Ortega mit einem Vermögen von<br />

58 Milliarden Dollar laut der Nachrichtenagentur<br />

Bloomberg jetzt der reichste Mann<br />

Europas und der drittreichste der Welt.<br />

Einen Wechsel seines Lebensstils hat<br />

auch das nicht bewirkt. Die aus seiner<br />

Öffentlichkeitsscheu resultierende Anonymität<br />

erlaubt es Ortega in seiner galizischen<br />

Heimat oder bei seinen Reisen<br />

durch die Welt, sich weitestgehend frei zu<br />

bewegen. Die seltenen Fotos von ihm zeigen<br />

einen klein gewachsenen, rundlichen<br />

Mann, meist leger gekleidet, ohne Schlips,<br />

im Oberhemd oder Poloshirt. Sein Lieblingsessen<br />

sind Spiegeleier mit Pommes Frites<br />

und Chorizo-Wurst, er fuhr lange einen<br />

Golf und lebte für einen Milliardär recht<br />

bescheiden in einer Etagenwohnung in La<br />

Coruña, wo man ihn auch jetzt noch ab<br />

und zu im Kino treffen <strong>kann</strong>.<br />

Ortegas Zurückhaltung darf man nicht<br />

mit mangelndem Selbstbewusstsein verwechseln.<br />

Der Self-Made-Milliardär gilt<br />

als Kontrollfreak. Sein zentralistischer Führungsstil<br />

hat ihm den Spitznamen „Zar von<br />

Zara“ eingebracht. Sein Konzern Inditex,<br />

zu dem neben Zara auch noch Marken wie<br />

Massimo Dutti, Pull & Bear und Bershka<br />

gehören, ist mit seinen Filialen mittlerweile<br />

in 87 Ländern mit rund 5800 Läden vertreten.<br />

Mehr als 110 000 Mitarbeiter arbeiten<br />

für Ortega. Das Unternehmen vermeldete<br />

zuletzt einen Jahresumsatz von 13,8 Milliarden<br />

Euro. An der Börse ist der weltweit<br />

größte Bekleidungskonzern inzwischen<br />

63 Milliarden Euro wert.<br />

Ortegas Credo lautet: „Optimismus ist<br />

negativ, Selbstzufriedenheit gefährlich.“ Er<br />

verzichtet komplett auf Werbung. Das gesparte<br />

Geld, nach Expertenschätzungen bis<br />

zu 500 Millionen Euro im Jahr, investiert<br />

Inditex lieber in die besten Lagen an den<br />

be<strong>kann</strong>testen Einkaufsstraßen sowie in den<br />

rapide wachsenden Onlinehandel.<br />

Die wichtigste Komponente von Ortegas<br />

Erfolg aber ist Geschwindigkeit. Bei<br />

Zara gibt es von jeder Kollektion nur relativ<br />

kleine Stückzahlen, weil große Teile<br />

der Mode zweimal die Woche ausgewechselt<br />

werden. Täglich schicken alle Filialen<br />

ihre Zahlen in die Zentrale nach Arteixo.<br />

Was sich nicht verkauft, wird ausgemustert.<br />

Innerhalb weniger Wochen <strong>kann</strong> Zara<br />

ganze Kollektionen ändern, umfärben oder<br />

neu schaffen – so schnell wie kein anderes<br />

Unternehmen in der Modebranche. Fabriziert<br />

wird nah bei den wichtigsten Märkten,<br />

etwa je zur Hälfte in Asien und in Europa<br />

– hier vor allem in Spanien, Portugal<br />

und der Türkei.<br />

Spaniens Wirtschaftskrise perlt an Inditex<br />

ab. Trotz einer Arbeitslosigkeit von<br />

mehr als 26 Prozent und anhaltender<br />

Rezession gelang sogar dort zuletzt noch<br />

ein leichtes Umsatzplus. Insgesamt wird<br />

aber auf dem Heimatmarkt nur noch ein<br />

Viertel des Umsatzes erwirtschaftet.<br />

Ortega, der aus bescheidenen Verhältnissen<br />

stammt, begann seine Karriere<br />

schon mit zwölf Jahren. Entscheidend dafür<br />

war ein Gang zum Krämerladen mit<br />

seiner Mutter, weiß seine Biografin O’Shea.<br />

Dessen Inhaber habe ihnen erklärt, dass sie<br />

nicht mehr anschreiben könnten. „Das“,<br />

so schwor sich der kleine Amancio damals,<br />

„soll meiner Mutter nie wieder passieren.“<br />

Er verließ die Schule und heuerte<br />

als Laufbursche bei einem Herrenausstatter<br />

an. Später wechselte er zu einem größeren<br />

Modehaus, wo er zum Abteilungsleiter<br />

aufstieg und seine erste Frau Rosalia<br />

Mera kennenlernte.<br />

Mit einem Kredit über 2500 Peseten<br />

gründeten sie zusammen mit Ortegas Bruder<br />

Antonio Anfang der sechziger Jahre die<br />

Konfektionsfirma GOA. Sie nähten wattierte<br />

Kittel und Bademäntel für die Kundschaft<br />

vor Ort. Wenige Jahre später hatte<br />

GOA mehr als 500 Mitarbeiter und exportierte<br />

einen Teil der Produktion. 1975<br />

öffnete schließlich der erste Zara-Laden in<br />

La Coruña. Mitte der achtziger Jahre bündelte<br />

Ortega die inzwischen in ganz Spanien<br />

omnipräsente Zara-Kette sowie die<br />

Fabriken unter dem Dach der neuen Holding<br />

Inditex.<br />

Bei Inditex steht seit knapp zwei Jahren<br />

Pablo Isla an der Spitze. Ortegas Tochter<br />

Marta, aus seiner zweiten Ehe mit Flora Pérez,<br />

verwaltet das familiäre Vermögen. Aber<br />

auch der Gründer ist noch fast täglich in<br />

der Zentrale. Ein langjähriger Mitarbeiter<br />

ist sich sicher: „Ortega ist jemand, der mit<br />

angezogenen Schuhen stirbt – das Unternehmen<br />

ist sein Leben.“<br />

Anne Grüttner<br />

arbeitet als Spanienkorrespondentin<br />

für das Handelsblatt<br />

und lebt in Madrid<br />

Fotos: DDP Images, Privat (Autorin)<br />

80 <strong>Cicero</strong> 03.2013


„Optimismus<br />

ist negativ,<br />

Selbstzufriedenheit<br />

gefährlich“,<br />

lautet das Credo<br />

Amancio Ortegas,<br />

dem der größte<br />

Bekleidungskonzern<br />

der Welt gehört<br />

03.2013 <strong>Cicero</strong> 81


| K a p i t a l | Z u k u n f t s t e c h n i k<br />

dreidimensionale<br />

Druckerkolonne<br />

82 <strong>Cicero</strong> 03.2013


Mit 3‐D‐Druckern <strong>kann</strong> jeder <strong>alles</strong> produzieren:<br />

Tassen, Prothesen, Waffenteile oder Toastbrot. Aber bis<br />

zur Massentauglichkeit ist es noch ein weiter Weg<br />

von Stefan Tillmann<br />

Illustration: Jan Rieckhoff<br />

V<br />

ielleicht können wir in ein<br />

paar Jahren alle morgens eine<br />

halbe Stunde länger schlafen,<br />

weil keiner mehr das Frühstück<br />

vorbereiten muss. Einfach den<br />

Rechner hochfahren, auf dem Monitor<br />

„Spiegelei und Toast“ auswählen und auf<br />

„drucken“ klicken. Aus dem 3‐D‐Printer<br />

auf dem Frühstückstisch kommt dann wenig<br />

später das Essen. Wer vorher seine dritten<br />

Zähne verlegt hat, <strong>kann</strong> auch sein Gebiss<br />

auf diese Weise reproduzieren. Kein<br />

frisch gebügeltes Hemd zur Hand? Die Lesebrille<br />

zerbrochen? Kein Problem, der heimische<br />

3‐D‐Drucker schafft das.<br />

Derzeit läuft ein Hype um die „next<br />

trillion dollar industry“, der solche Szenarien<br />

erzeugt. Er wird vor allem aus Amerika<br />

befeuert. Der be<strong>kann</strong>te US-Ökonom Jeremy<br />

Rifkin erwartet von der 3‐D‐Drucktechnik<br />

nicht weniger als die nächste industrielle<br />

Revolution. Tatsächlich lassen<br />

sich heute schon Gegenstände wie Legosteine,<br />

Tassen oder Armbänder ausdrucken.<br />

Im Alltag sind 3-D-Drucker jedoch längst<br />

noch nicht angekommen.<br />

Raum 2014 der Rheinisch-Westfälischen<br />

Technischen Hochschule Aachen. Bevor<br />

die Revolution beginnen <strong>kann</strong>, müssen in<br />

der Gegenwart noch ein paar Sonderwünsche<br />

abgearbeitet werden. „René is the Fab<br />

Lab Master“ steht an der Tür, denn dahinter<br />

liegt das Reich des Informatikers René<br />

Bohne – etwa so groß wie eine Stehküche,<br />

aber vollgestellt mit modernen Apparaturen.<br />

„Fab Lab“ steht für Fabrication Laboratory,<br />

das Aachener war das erste seiner<br />

Art in Deutschland und wurde 2009<br />

von Bohnes Professor Jan Borchers eröffnet.<br />

Die Idee zu den „Fab Labs“ kommt aus den<br />

USA. Unter Aufsicht und mithilfe der Wissenschaftler<br />

soll jeder die Möglichkeit haben,<br />

neueste Technologien auszuprobieren.<br />

03.2013 <strong>Cicero</strong> 83


I m p r e s s u m<br />

verleger Michael Ringier<br />

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(Kapital), Dr. Alexander Kissler (Salon), Constantin Magnis<br />

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dann in der Regel am Folgetag erhältlich.<br />

In Aachen geht das jeden Dienstag. Gerade<br />

nutzt Andreas Gottswinter das Angebot,<br />

ein 26 Jahre alter Maschinenbaustudent<br />

mit dem Schwerpunkt Luftfahrt. Er<br />

möchte einen Fanartikel aus dem Science-<br />

Fiction-Film „Avatar“ nachbauen: ein<br />

schwarzes Gehäuse mit dem Durchmesser<br />

einer CD, das mithilfe von Elektromagneten<br />

eine Plastikplakette in der Luft schweben<br />

lässt. Die Elektronik sei fast fertig, das<br />

Aluminiumgehäuse lasse er sich von Freunden<br />

gießen, erzählt er, nur diese dreidimensionale<br />

schwarze Plakette fehle ihm noch.<br />

René Bohne hört zu und nickt. Diese<br />

Aufgabe stellt für seinen 3‐D‐Drucker kein<br />

Problem dar. „Er ist der Star hier“, sagt<br />

Bohne. Ihm gegenüber führen die hochpräzisen<br />

Laserschneider, die empfindlichen<br />

Geräte für Strommessungen oder eine<br />

Fräse, mit der man elektronische Leiterplatten<br />

herstellen <strong>kann</strong>, ein Schattendasein.<br />

Der Drucker steht hinten links, schwarz, so<br />

groß wie ein Kühlschrank. Er kostet rund<br />

40 000 Euro und wiegt 140 Kilogramm.<br />

Drinnen im Gehäuse befindet sich der<br />

Druckkopf, der sich auf drei Achsen frei<br />

bewegen <strong>kann</strong>: Breite, Länge und Höhe.<br />

Das Gehäuse selbst, in dem gedruckt wird,<br />

ist gerade mal 30 Zentimeter hoch und<br />

20 Zentimeter breit und lang. Über eine<br />

Spule zieht ein Motor dünnen Plastikdraht<br />

in den Druckkopf; der durch Wärme verflüssigte<br />

Kunststoff wird dann in Schichten<br />

auf eine Trägerplatte aufgetragen, langsam,<br />

Lage für Lage.<br />

Wenn der Druckkopf nach rechts und<br />

nach links fährt, surrt das Gerät wie ein<br />

Tintenstrahldrucker in den achtziger Jahren.<br />

Bei den besten Geräten sind die Lagen<br />

nur einen Zehntelmillimeter dick. Nur so<br />

<strong>kann</strong> der Kunststoff schnell genug aushärten<br />

und gleichzeitig die notwendige Präzision<br />

erzielt werden. Der Nachteil ist, dass<br />

selbst der Druck kleiner Gegenstände noch<br />

sehr viel Zeit in Anspruch nimmt.<br />

Vorher schauen sich Bohne und Gottswinter<br />

auf dem Rechner die 3‐D‐Grafik an,<br />

die der „Avatar“-Fan mitgebracht hat. Sie<br />

berechnen, wie viel Plastik sie brauchen werden:<br />

Am Ende wird Gottswinter 37 Euro<br />

für den 14 Stunden dauernden 3‐D‐Ausdruck<br />

seiner 76 Kubikzentimeter großen<br />

Plakette zahlen. Dass er noch Wochen auf<br />

sie warten muss, weil René Bohne zunächst<br />

noch andere Wünsche zu erfüllen hat, ist<br />

kein Problem. „Eilt überhaupt nicht“, sagt<br />

er. Hier hat die Revolution noch Zeit.<br />

84 <strong>Cicero</strong> 03.2013


Es gibt bereits<br />

3-D-Printer, die<br />

Herzklappen,<br />

komplette<br />

Kugellager oder<br />

Querflöten<br />

ausdrucken<br />

können<br />

Der Drucker im Aachener Fab Lab ist<br />

vom deutschen Wohnzimmer noch weit<br />

entfernt, aber Bohne erfüllt nicht nur jeden<br />

Dienstag Hobbytüftlern ihre Sonderwünsche.<br />

Mit anderen Maschinenbauern<br />

und Designern bastelt er an kleinen, günstigeren<br />

Geräten, die nicht größer sind als<br />

eine Mikrowelle: Sie arbeiten teilweise<br />

ohne Gehäuse, zusammengeschraubt nur<br />

aus Metallstangen, ein paar Metern Kabel<br />

und ein bisschen Elektronik – auf den<br />

ersten Blick ein selbst gebautes Spielzeug<br />

von Hobbytüftlern. Materialwert: ein paar<br />

Hundert Euro.<br />

Das Prinzip ist bei jedem 3‐D‐Drucker<br />

dasselbe: Die Geräte machen aus Bits<br />

Atome. Aus einer 3‐D‐Grafikdatei entstehen<br />

fertige Gegenstände – ein Becher, ein<br />

Gewinde oder ein Bauklötzchen. Es muss<br />

nicht immer Plastik sein, all das ist eine<br />

Frage des Geräts, der Größe und des Geldes.<br />

Es gibt bereits Drucker, die Herzklappen,<br />

komplette Kugellager, Waffenteile<br />

und Querflöten drucken können. Im Auftrag<br />

der US-Raumfahrtbehörde Nasa arbeiten<br />

Forscher an 3‐D‐Food-Printern, um<br />

den Speiseplan der Astronauten bei längeren<br />

Weltraummissionen abwechslungsreicher<br />

zu gestalten.<br />

Die Industrie nutzt bereits seit 25 Jahren<br />

3‐D‐Drucker für den Bau von Prototypen<br />

oder für individuelle Modelle in der Medizintechnik.<br />

Diese Drucker arbeiten mit<br />

der sogenannten Sintertechnik und fangen<br />

bei 250 000 Euro an. Bei dieser Technik<br />

schmelzen Laser das Material, Schieber tragen<br />

die dünnen Schichten gleichmäßig auf.<br />

Nach jeder Schicht senkt sich die Trägerplatte<br />

ab, damit die nächste Schicht aufgetragen<br />

werden <strong>kann</strong>. Der größte Vorteil<br />

der Sintertechnik besteht darin, dass neben<br />

Kunststoffen auch verschiedene Metalle,<br />

darunter Stahl, bearbeitet werden können.<br />

In Deutschland sitzt mit Eos der weltweit<br />

führende Hersteller solcher Anlagen.<br />

Für Massenproduktionen lohnen sich<br />

diese Drucker aber nicht, weil sie jedes<br />

Teil einzeln drucken und langsamer sind<br />

als das bei Großserien gängige industrielle<br />

Spritzgussverfahren.<br />

Während deutsche Firmen wie Eos,<br />

SLM oder FKM vor allem auf die Produktion<br />

und Weiterentwicklung von Industriedruckern<br />

mit Sintertechnik setzen, ist das<br />

Marktpotenzial von 3‐D‐Druckern für private<br />

Endverbraucher in Deutschland noch<br />

schwer einzuschätzen.<br />

Der Berliner Bernhard Voslamber hat<br />

sich allerdings bereits 2004 eine kommerzielle<br />

Nische gesucht. Er ist einer von<br />

vielen kleineren Anbietern, die für Privatkunden,<br />

Designer, Architekten oder<br />

mittelständische Betriebe 3‐D‐Druck als<br />

Dienstleistung anbieten. Zwischen 40 und<br />

8000 Euro verlangt er für einen Ausdruck:<br />

Von Ersatzteilen bis zu Kleinserien oder<br />

dem tischgroßen Architekturmodell eines<br />

ganzen Straßenzugs bietet er <strong>alles</strong> an.<br />

Voslamber, 44 Jahre alt, nennt sich selbst<br />

einen „Einzelkämpfer“. In seiner Firma<br />

Objectplot in Berlin-Charlottenburg stehen<br />

zwei Drucker, einen dritten hat er sich<br />

in den USA bestellt. Die 80 000 Euro hat<br />

er schon überwiesen. Doch die Lieferung<br />

verzögert sich um einen Monat. Langsam<br />

wird er nervös, „die Aufträge nehmen ständig<br />

zu“. Mit dem neuen Drucker wird er<br />

weitere Materialien drucken können, wie<br />

Gummidichtungen oder durchsichtige<br />

Designer- oder Shampoo-Flaschen. An<br />

die Massentauglichkeit des 3‐D‐Drucks<br />

oder gar eine Revolution glaubt Voslamber<br />

trotz gestiegener Nachfrage nicht: „Für<br />

die Industrie wird sich das nie lohnen. Die<br />

Nachfrage von ein paar Designern und<br />

Freiberuflern und die Produktion von<br />

Kleinserien können externe Dienstleister<br />

befriedigen.“<br />

Die Idee, die 3‐D‐Drucktechnik für<br />

Normalbürger zu öffnen, entstand in den<br />

USA. 2007 kam dort mit dem Reprap<br />

der erste 3‐D‐Drucker für Heimwerker<br />

auf den Markt. Es war ein Open-Source-<br />

Projekt, bei dem viele Tüftler online<br />

Anzeige<br />

© Foto Martin Walser: Philippe MATSAS/Opale; Meyer, Marguier: Antje Berghäuser<br />

Das Ende<br />

der Rechthaberei<br />

17. MÄRZ<br />

Martin Walser<br />

in Leipzig<br />

Das <strong>Cicero</strong>-Foyergespräch<br />

<strong>Cicero</strong>-Kolumnist Frank A. Meyer und<br />

Alexander Marguier, stellvertretender<br />

<strong>Cicero</strong>-Chefredakteur, im Gespräch mit<br />

dem Schriftsteller Martin Walser.<br />

Sonntag, 17. März 2013, 11 Uhr<br />

Centraltheater Leipzig, Bosestraße 1,<br />

04109 Leipzig<br />

Tickets: www.centraltheater-leipzig.de<br />

In Kooperation mit:<br />

03.2013 <strong>Cicero</strong> 85


| K a p i t a l | Z u k u n f t s t e c h n i k<br />

kämpft der Spielzeughersteller Lego gegen<br />

das illegale Nachdrucken seiner Steine, die<br />

aus ABS-Kunststoff sind, demselben Material,<br />

das auch zahlreiche 3‐D‐Drucker verwenden.<br />

Gleichzeitig versucht Lego vom<br />

3‐D‐Hype zu profitieren und bietet seinen<br />

Kunden online an, eigene, individuelle<br />

Steine zu entwerfen und diese dann<br />

bei Lego in Auftrag zu geben.<br />

Fotos: Action Press, Privat (Autor)<br />

Der Replicator 2 <strong>kann</strong> Gegenstände mit einem Durchmesser von bis zu 32 Zentimetern<br />

ausdrucken. Der Hersteller Makerbot ist Marktführer bei 3-D-Druckern für Heimanwender<br />

zusammenarbeiteten und ihre Baupläne<br />

offenlegten. Das Ziel war ein Drucker,<br />

der seine eigenen Bestandteile selbst reproduzieren<br />

<strong>kann</strong>. Das Gerät sollte möglichst<br />

günstig sein, damals kostete es rund<br />

1000 Euro. Heute können Bastler eine<br />

solche Kiste mit ein paar Metallstangen<br />

und etwas Technik in ein paar Stunden<br />

zusammenbauen.<br />

Aus dem Reprap entstand die Firma<br />

Makerbot. Ihr geht es weniger um den<br />

günstigsten Preis als um technische Zuverlässigkeit.<br />

Das neueste Modell, den Replicator<br />

2, gibt es ab 1800 Euro zu kaufen,<br />

Abnehmer sind bisher vor allem Architekten<br />

und Produktdesigner. Mit Thingiverse<br />

hat Makerbot einen eigenen Online-<br />

Marktplatz für 3‐D‐Vorlagen geschaffen.<br />

Viele Tüftler sind enttäuscht, dass aus dem<br />

Open-Source-Projekt ein Produkt wurde,<br />

und bauen weiterhin lieber ihre eigenen<br />

Drucker. Dem Wachstum schadet das<br />

nicht: Der Verkauf privater 3‐D‐Drucker<br />

in den USA stieg von 5000 Stück im Jahr<br />

2010 auf 23 000 ein Jahr später.<br />

Längst gibt es große Player auf dem Markt.<br />

Neben Makerbots oder dem Druckerhersteller<br />

Stratasys zählt dazu auch Shapeways,<br />

eine einst niederländische Firma, die ihren<br />

Hauptsitz nach New York verlegt hat. Bei<br />

Shapeways können Kunden ihre 3‐D‐Grafiken<br />

hochladen oder Drucke von Vorlagen<br />

bestellen, Lieferzeit: zehn Tage. Laut Shapeways<br />

existieren aktuell sechs Milliarden<br />

Muster an 3‐D‐Vorlagen.<br />

Autoren wie Chris Anderson, ehemaliger<br />

Chefredakteur des US-Technik-Magazins<br />

Wired, vergleichen den 3‐D‐Druck dagegen<br />

mit der Erfindung des Spinnrads im<br />

18. Jahrhundert oder dem Beginn der Massenproduktion<br />

im 19.Jahrhundert. Sein<br />

Buch „Makers“ ist gerade auf Deutsch erschienen.<br />

Während die Digitalisierung immer<br />

noch nur einen Teil der Warenwelt betreffe,<br />

würden nun aus Dateien physische<br />

Waren. Der Konsument bekomme die Hoheit:<br />

Er sei nicht mehr auf das vorhandene<br />

Warenangebot angewiesen. Kenntnisse in<br />

3‐D‐Grafikprogrammen wie Cad oder Vorlagen<br />

anderer Designer im Internet reichten.<br />

Auch Erfinder oder Produktdesigner<br />

könnten in Zukunft Ideen schneller realisieren,<br />

weil sie nicht länger nach Unternehmen<br />

suchen müssten, die ihre Entwürfe<br />

herstellen. Diese Produktion könnten in<br />

Zukunft Plattformen wie Thingiverse oder<br />

Shapeways übernehmen, mit denen sich<br />

ein Designer dann die Einnahmen teilt.<br />

Sollten in ein paar Jahren tatsächlich<br />

in fast jedem Haushalt zumindest kleinere<br />

3‐D‐Drucker stehen, könnte das die Herstellung<br />

von Alltagsprodukten radikal verändern.<br />

Die Auswirkungen können die betreffenden<br />

Branchen am Niedergang der<br />

klassischen Medienunternehmen und der<br />

Musikindustrie studieren, die seit Beginn<br />

der flächendeckenden Digitalisierung weiterhin<br />

auf der Suche nach neuen, funktionierenden<br />

Geschäftsmodellen sind.<br />

So wie sich die Musikindustrie gegen<br />

MP3-Raubkopien zu wehren versucht,<br />

Der Weg zum Massengeschäft scheint<br />

aber weit. Noch kostet eine Kartusche mit<br />

1000 Kubikzentimetern ABS-Kunststoff-<br />

Draht 500 Euro. Dabei ist der Materialwert<br />

maximal ein Zehntel. Die Spezialanbieter<br />

sind häufig Monopolisten. Doch<br />

immer mehr Unternehmen drängen in<br />

den 3‐D‐Markt, sodass die Preise für Geräte<br />

und Material fallen werden.<br />

Auf dem Campus der Freien Universität<br />

Berlin sitzt eine der jüngsten Firmen<br />

der Branche. Drei junge Wissenschaftler<br />

haben hier einen Raum bezogen und mithilfe<br />

der Universität Trinckle gegründet.<br />

Seit ein paar Tagen ist eine Testversion der<br />

Internetseite online. Sie wollen – ähnlich<br />

wie Shapeways – einen Druckservice und<br />

einen Marktplatz für 3‐D‐Vorlagen bieten.<br />

Als Firmensitz dient dem Diplom-<br />

Kaufmann Florian Reichle und den promovierten<br />

Physikern Marlene Vogel und<br />

Gunnar Schulze fürs Erste ein Zimmer<br />

im Gebäude L, im sechsten Stock, wo die<br />

Lampen nicht richtig gehen und nebenan<br />

die Universitätsverwaltung sitzt. Die drei<br />

haben viele Ideen, sprechen von einem<br />

„App-Store für 3‐D‐Druck“ und von „social<br />

manufacturing“. Den 60 000-Euro-Drucker,<br />

der auch farbig drucken <strong>kann</strong>, müssen<br />

sie sich aber immer noch vom Professor<br />

ausleihen.<br />

Potenzielle Investoren hätten beim<br />

Thema 3‐D‐Drucker anfangs abgewunken;<br />

das habe sich nun geändert. Doch sie<br />

wissen auch, dass ein Hype seine Tücken<br />

hat. Florian Reichle zeigt auf ein grünes<br />

Plastikarmband auf dem Tisch, das aus<br />

dem 1000-Euro-Drucker stammt. „Wenn<br />

man einem das jetzt als die industrielle Revolution<br />

verkauft – dann denkt der auch:<br />

na ja.“<br />

Stefan Tillmann<br />

ist freier Autor für<br />

Wirtschaftsthemen<br />

86 <strong>Cicero</strong> 03.2013


JAN JOSEF LIEFERS<br />

Fotografiert von Martin Schoeller<br />

exklusiv für HÖRZU<br />

Einer, der<br />

zu Hause hat


| K a p i t a l | S e c o n d - H a n d - S c h ä t z e<br />

1968 posiert<br />

Veruschka in<br />

der Safari-Bluse.<br />

Heute ist das<br />

Kleidungsstück<br />

eine Geldanlage<br />

88 <strong>Cicero</strong> 03.2013


Die Bluse, die<br />

sich rechnete<br />

Ein altes Oberteil bringt 8000 Euro: Vintage-Mode<br />

erlebt einen Boom. Sammler, Auktionshäuser, Museen<br />

und Modehäuser bieten für Haute-Couture-Klassiker von<br />

Yves Saint Laurent, Christian Dior oder Coco Chanel<br />

von Lena Bergmann<br />

Fotos: Franco Rubartelli © Vogue Paris, ullstein Bild/united Archives<br />

D<br />

er 1. Juni 2008 war ein dunkler<br />

Tag für die Modewelt. Yves<br />

Saint Laurent, einer ihrer größten<br />

Helden, verstarb im Alter<br />

von 71 Jahren. In den Folgetagen<br />

wurden die Schaufenster sämtlicher Filialen<br />

des Unternehmens leer geräumt und<br />

verdunkelt. Nur eine schlichte Tafel in den<br />

Auslagen erinnerte an das ebenso scheue<br />

wie exzessive Genie, über das sein Liebhaber<br />

und Geschäftspartner Pierre Bergé<br />

sagte: „Coco hat den Frauen Freiheit, Yves<br />

hat ihnen Macht geschenkt.“ 2002 hatte<br />

sich Saint Laurent, der den „Nude-Look“<br />

mit transparenten Blusen erfunden und<br />

Frauen wie selbstverständlich in sexy Smokings<br />

gesteckt hatte, in den Ruhestand verabschiedet,<br />

doch der Respekt für ihn war<br />

ungebrochen. Seine bedeutendsten Kollektionen<br />

– „Hommage à Mondrian“ (1965),<br />

„Safari“ (1968) oder „Opéras-Ballets russes“<br />

(1976) – sind heute die Warhol-Sieb drucke<br />

der Modewelt.<br />

Das leere Schaufenster der Filiale am<br />

Berliner Kurfürstendamm bemerkte auch<br />

eine 71 Jahre alte Berlinerin. Genau in<br />

dieser Boutique hatte sie 1968 unter anderem<br />

die beige Bluse gekauft, ein be<strong>kann</strong>tes<br />

Stück aus der Safari-Kollektion,<br />

Zur Eröffnung der Londoner Filiale<br />

1969 trug Yves Saint Laurent sein<br />

Safari-Hemd für den Mann<br />

03.2013 <strong>Cicero</strong> 89


| K a p i t a l | S e c o n d - H a n d - S c h ä t z e<br />

Vintage-Expertin<br />

Françoise<br />

Sternbach und<br />

einer ihrer<br />

Mitarbeiter am<br />

Schreibtisch<br />

des Pariser<br />

Büros. Seit 1993<br />

betreibt sie dort<br />

das „Cabinet<br />

d’Expertises“<br />

Eine Skizze<br />

von Yves Saint<br />

Laurent für die<br />

erste Safari-<br />

Kollektion, 1967<br />

das im selben Jahr das Modell Veruschka<br />

für die französische Vogue getragen hatte:<br />

Breiter Gürtel, Gewehr über der Schulter,<br />

Raubkatzenblick.<br />

Die Berlinerin liebt Mode. Sie selbst<br />

hatte einen Laden für Kinderkleidung geführt.<br />

Der Tod von Saint Laurent machte<br />

Johanna Kaufmann betroffen.<br />

Sie möchte nur mit verändertem Namen<br />

genannt werden, weil es nicht nur um<br />

Mode, sondern auch um Geld geht. Und<br />

über Geld spricht man eigentlich nicht.<br />

In Kaufmanns Wilmersdorfer Altbauwohnung<br />

reihen sich auf vielen Metern die<br />

Schöpfungen des Designers, sortiert nach<br />

Jahrgängen, auf zwei Stangen übereinander,<br />

die höhere nur mit einer Bibliotheksleiter<br />

erreichbar. Dicht an dicht hängen in<br />

ihrer Ankleide auch Stücke von Chanel,<br />

Thierry Mugler und Claude Montana auf<br />

gepolsterten Bügeln. Erstanden hat Kaufmann<br />

die Stücke während ihrer „modischen<br />

Hochphase“ – Ende der Sechziger<br />

bis kurz nach der Wende –, als der Westen<br />

Berlins noch schick war. Den meisten Platz<br />

nahmen bisher Stücke von Saint Laurent<br />

ein, darunter eine hoch geschlitzte Satinhose<br />

mit federbesetztem Oberteil aus Seidenchiffon.<br />

Oder die beige Bluse. Aber <strong>alles</strong><br />

von Yves hat sie nun verkauft.<br />

Heute trägt sie die Kleider aus ihrer<br />

Schatzkammer kaum noch, denn „man<br />

stylt sich ja in Berlin nicht mehr auf, sondern<br />

eher runter“, wie es Kaufmann sagt.<br />

Doch damals? „Alle wollten Yves. Mick<br />

und Bianca heirateten in Yves. Meine<br />

Freundinnen und ich fingen mit Catherine<br />

Deneuve an, Yves zu tragen. Als Yves<br />

seine marokkanische Phase hatte, liefen wir<br />

hier herum wie im Souk.“ Wenn sie das<br />

erzählt, könnte man fast glauben, dass das<br />

Ehepaar Jagger und die französische Schauspiel-Diva<br />

zu Kaufmanns engerem Be<strong>kann</strong>tenkreis<br />

gehörten.<br />

Im Laufe der Jahre hatte Kaufmann ihren<br />

Nichten ein paar Teile geschenkt und<br />

Kleider an junge Schauspielerinnen verliehen,<br />

die von ihrem Fundus und ihrer<br />

Großzügigkeit Wind bekommen hatten.<br />

Wenn sie in ihrer opulenten Wohnung<br />

mit Kleidern und deren Geschichten die<br />

Westberliner Glanzzeit wieder auferstehen<br />

ließ, lauschte die Generation H&M fasziniert.<br />

In den Wochen nach Saint Laurents<br />

Tod riss Kaufmann Nachrufe aus Magazinen,<br />

las noch einmal seine Biografie und<br />

Foto: Privat; Grafik: Fondation Pierre Bergé – Yves Saint Laurent<br />

90 <strong>Cicero</strong> 03.2013


Foto: Privat (Autorin)<br />

blätterte im Katalog der großen Ausstellung,<br />

die 1983 im New Yorker Metropolitan<br />

Museum stattfand – der ersten Retrospektive<br />

überhaupt, die dort einem<br />

lebenden Modedesigner gewidmet wurde.<br />

Nicht ein einziges Mal kam ihr dabei der<br />

Gedanke, dass der Wert ihres Kleiderschranks<br />

sich gerade vervielfachte.<br />

Andere kennen den Wertzuwachs von<br />

Mode. Dominique Chombert und Françoise<br />

Sternbach in Paris zum Beispiel. Die<br />

Spezialistinnen für Vintage-Kleidung, die<br />

mit ihrem „Cabinet d’Expertises“ Auktionen<br />

kuratieren und Auktionshäuser beraten,<br />

wissen aus Erfahrung, dass nach dem<br />

Tod eines Designers die Nachfrage nach<br />

dessen prägenden Entwürfen steigt. Generell<br />

ist Vintage in der Mode ein wachsendes<br />

Geschäft. Patricia Frost, zuständig für Vintage-Couture<br />

beim Auktionshaus Christie’s,<br />

sagt: „Auch in den Siebzigern gab es in den<br />

USA und England eine ausgeprägte Second-Hand-Kultur,<br />

doch seit Celebrities<br />

sich auf dem roten Teppich in den Schöpfungen<br />

vergangener Dekaden präsentieren<br />

und Museen über Modedesigner Blockbuster-Ausstellungen<br />

veranstalten, hat sich das<br />

Interesse extrem gesteigert.“<br />

Das Münchner Auktionshaus Neumeister<br />

ist 2002 in den Vintage-Handel eingestiegen.<br />

Constance Tittus, die dort den Bereich<br />

Moderne mitverantwortet, erklärt die<br />

strategische Entscheidung: „Mode hat inzwischen<br />

den gleichen Stellenwert wie Design,<br />

Fotografie oder Architektur.“ Mal werden<br />

Nachlässe versteigert, mal konzentriert<br />

sich eine Auktion auf eine Phase oder einen<br />

Designer. Die Begehrlichkeit und die Preise<br />

auf diesem Markt richten sich nach Seltenheit<br />

und stilistischer Prägnanz, aber auch<br />

nach Provenienz – für das schwarze Kleid<br />

von Givenchy beispielsweise, das Audrey<br />

Hepburn in „Frühstück bei Tiffany’s“ trug,<br />

fiel bei Christie’s erst bei einem Gebot von<br />

umgerechnet 446 000 Euro der Hammer.<br />

Für eine Robe von Christian<br />

Dior aus dem Jahr 1950 wurden<br />

bei einer Versteigerung in Paris<br />

kürzlich 30 000 Euro gezahlt<br />

Die Käufer sind modebegeisterte Privatpersonen,<br />

Stylisten, Museen, auch Modehäuser<br />

kaufen ihre eigenen Kollektionen inzwischen<br />

wieder zurück. Doch die Szene gibt<br />

sich verschwiegen. Im Auktions-Publikum<br />

sitzen oft nur Mittelsmänner. Andere geben<br />

ihr Gebot per Telefon durch oder ersteigern<br />

anonym im Internet.<br />

Chombert und Sternbach, inzwischen<br />

beide über 70, sind Veteraninnen des Vintage-Business.<br />

In ihren Räumen in der verwinkelten<br />

Rue de Provence im 9. Arrondissement<br />

von Paris stapeln sich Taschen,<br />

Hüte und Gürtel. Nicht <strong>alles</strong> ist Glamour.<br />

Es riecht wie im Second-Hand-Laden<br />

in jeder Kleinstadt. Dasselbe gilt für die<br />

Räume bei „Drouot“, einem Pariser Auktionshaus,<br />

mit dem die beiden Expertinnen<br />

zusammenarbeiten. Wenn dort eine Routine-Auktion<br />

stattfindet, bei der querbeet<br />

Pelze, Accessoires und Abendgarderobe unterschiedlichster<br />

Designer versteigert werden<br />

– keine Highlights, keine sogenannten<br />

signature pieces –, könnte man sich das Publikum<br />

auch in einem Kinosaal vorstellen –<br />

ein gesteigertes Maß an Stilsicherheit lässt<br />

es nicht erkennen. Die Stücke kommen für<br />

wenig mehr als die Schätzpreise in den Katalogen<br />

unter den Hammer.<br />

Doch Chombert und Sternbach verstehen<br />

sich auch auf die besonderen Auktionen:<br />

„Für eine Robe von Christian Dior<br />

aus dem Jahr 1950 beispielsweise, also aus<br />

einer seiner späten Kollektionen, erzielten<br />

wir kürzlich 30 000 Euro, für einen<br />

Elsa-Schiaparelli-Blazer von 1937 sogar<br />

175 000 Euro. Falls je eines der ikonischen<br />

Mondrian-Kleider von Yves auf den Markt<br />

käme, rechne ich mit bis zu 250 000 Euro.<br />

Aber noch ist keines aufgetaucht.“<br />

Für das Gewinnen einer vielversprechenden<br />

Klientin wie Johanna Kaufmann<br />

reist Sternbach auch bis nach Berlin. Yves’<br />

treue Berliner Kundin hat sich entschieden,<br />

nicht mehr nostalgisch zu sein und ihren<br />

Fundus zu verkaufen.<br />

Als Sternbach im Oktober 2012 zu Besuch<br />

ist, hat Kaufmann im Esszimmer Röcke,<br />

Blusen, Cocktailkleider, Capes und<br />

Jacketts drapiert. Sie hängen auf schlichten<br />

Stangen von Ikea. Die Farbkombinationen<br />

sind berauschend. Ein Stück vereint<br />

oft mehrere Materialien: Spitze, Samt, Leder.<br />

Taft, Baumwolle, Leinen, handwerklich<br />

meisterhaft verarbeitet, wie man es heute<br />

nicht mehr findet. Auf dem Esstisch funkelt<br />

ein Meer aus Ketten, Broschen und Ohrringen.<br />

Die Klipse mit den Toddeln, die beim<br />

Tragen sanft das Schlüsselbein streicheln,<br />

dienen eindeutig als Inspiration für den<br />

neuen Toddel-Trend bei Ohrringen. In der<br />

Berliner Wohnung duftet es nach „Opium“,<br />

dem Parfum-Klassiker von 1977, nach dem<br />

so manche frühe Yves-Konsumentin noch<br />

heute süchtig ist. Die beiden Damen unterhalten<br />

sich auf Französisch.<br />

Sternbach begeistert die Sammlung.<br />

Doch weiß sie, dass Saint Laurent sehr<br />

viel Prêt-à-Porter produziert hat und die<br />

meisten Stücke daher keine Raritäten<br />

sind. Die Lancierung der im Vergleich zur<br />

Haute Couture erschwinglichen Zweitlinie<br />

„Yves Saint Laurent Rive Gauche“ –<br />

benannt nach der Boheme-Kultur des linken<br />

Seine-Ufers – war 1966 ein Coup des<br />

Modehauses, den die gesamte Konkurrenz<br />

nachahmte.<br />

Zielsicher greift die Expertin aus Paris<br />

nach der beigen Bluse aus der Safari-Kollektion.<br />

Um die 1200 D-Mark hat die Berlinerin<br />

damals dafür ausgegeben, für den<br />

passenden Gürtel ungefähr noch einmal<br />

dasselbe. Kaufmann erinnert sich: „Man<br />

trug darunter keinen BH und kombinierte<br />

sie mit weißen Shorts.“ Kaufmann war damals<br />

27, ein Blickfang, hatte lange blonde<br />

Haare – ähnlich wie das damalige Topmodel<br />

Veruschka von Lehndorff.<br />

Schon ein paar Wochen später erreicht<br />

Kaufmann die Nachricht, dass die Safari-<br />

Bluse versteigert wurde – für 8000 Euro.<br />

Nun überlegt sie, was mit ihren Chanel-<br />

Stücken geschehen soll, der zweiten großen<br />

Sammlung in ihrer Ankleide. Ob sie warten<br />

soll, bis Lagerfeld das Zeitliche segnet?<br />

Eher nicht: „Karl ist zäh“, sagt Kaufmann.<br />

„Das <strong>kann</strong> noch 100 Jahre dauern.“<br />

Lena Bergmann<br />

ist Redakteurin von <strong>Cicero</strong><br />

03.2013 <strong>Cicero</strong> 91


| S a l o n<br />

Alles fliesst<br />

Auch in seinem neuen Roman ist Christian Haller ein Virtuose der Erinnerung. Eine Spurensuche am Rhein<br />

von alexander Kissler<br />

H<br />

ier also hat sie gesessen,<br />

ein Jahr vor ihrem Tod. Auf dieser<br />

Bank, zu deren Füßen der<br />

Rhein träge dahinfließt und den schweizerischen<br />

vom deutschen Teil des Städtchens<br />

Laufenburg trennt, saß die Mutter<br />

und lauschte den Worten des Sohnes. Hier,<br />

sagt Christian Haller und blickt über den<br />

Rhein ins Ungefähre, hier las er ihr aus seinem<br />

Roman „Die verschluckte Musik“ vor.<br />

Die Mutter lauschte und nickte, vielleicht<br />

weinte sie auch, und plötzlich sagte sie leise:<br />

„Jetzt sitzen wir an der Donau.“<br />

Die Mutter war, aus Deutschland stammend,<br />

bis 1926 im großbürgerlichen Bukarest<br />

aufgewachsen. Dem Paradies ihrer<br />

Kindheit hielt sie die Treue in der Schweiz,<br />

wo sie den größten und eben auch letzten<br />

Teil ihres Lebens verbrachte, überschattet<br />

von Demenz. Bukarest war ein Handlungsort<br />

der „Verschluckten Musik“, mit<br />

dem Christian Hallers Zeitpanorama „Trilogie<br />

des Erinnerns“ 2002 begann. Es sollten<br />

„Das schwarze Eisen“ und „Die besseren<br />

Zeiten“ und damit die Jahre bis zur<br />

Nachkriegszeit folgen. Hätte Christian<br />

Haller nur diese drei Bücher verfasst – er<br />

hätte sich allein damit in die erste Riege<br />

der deutschsprachigen Literatur geschrieben.<br />

Heute beobachtet kaum jemand genauer,<br />

formuliert präziser, denkt tiefer.<br />

Die in der Trilogie titelgebende Erinnerung<br />

ist das Lebensthema des studierten<br />

Biologen und langjährigen Theaterdramaturgen,<br />

der mit 18 Jahren beschloss,<br />

Schriftsteller zu werden. Gerne zitiert er<br />

Dante – „Erinnerung, die du schriebst, was<br />

ich geschaut“. Aus welchen Schichten ist<br />

sie gebaut, gewinnen wir je Halt? Erinnern,<br />

sagt Christian Haller, ist ein poetischer<br />

Vorgang. Immer neu aus je unterschiedlichen<br />

Bildern konstruiere der Mensch seine<br />

Erinnerung; nie sei sie zweimal gleich.<br />

Wir spazieren auf dem Rheinuferweg<br />

zurück in den deutschen Teil Laufenburgs.<br />

Napoleon teilte die Stadt, davor lag sie<br />

500 Jahre lang im Habsburgerreich. Das<br />

Eis birst unter unseren Füßen, Christian<br />

Haller spricht von Gips: „Gips hat keinen<br />

Widerstand“, es sei das schlimmste<br />

Material überhaupt. Gipskunst könne es<br />

nicht geben, Kunst entstehe nur am Widerstand,<br />

im Austausch. Die beiden Widerstände,<br />

denen Christian Haller seine<br />

Kunst abringt, sind die Sprache und die<br />

Gegenwart.<br />

Für ihn ist Dichtung, was sie auch für<br />

Thomas Mann war, heute indes kaum mehr<br />

ist: ein Sprachkunstwerk. In der 2006 abgeschlossenen<br />

Trilogie wurden der Untergang<br />

der alteuropäischen Zivilisation, das<br />

Aufkommen der Barbarei und der Sturz<br />

nach vorne in die Vernünftigkeit zu einem<br />

sprachlichen Solitär von weltliterarischer<br />

Geltung verdichtet. Wer irre zu werden<br />

droht am Deutsch und am Flachsinn dieser<br />

Tage, der lese die Trilogie und gesunde.<br />

Von der dementen Mutter heißt es, „ihre<br />

Stimme war dünnes Glas“. Der Schweizer<br />

Großvater, ein Unternehmer und ehemaliger<br />

Fremdenlegionär, trug im Gesicht „das<br />

Vergessen, das eine vom Wein aufgequollene<br />

Linie unter die Lider legte“.<br />

Die Gegenwart ist das andere Widerlager.<br />

Christan Haller sieht Technik und Ökonomie<br />

fast unumschränkt herrschen, „und<br />

das quält mich“. Beide werfen ihr verdummendes<br />

Netz über die Welt. Einmal brach<br />

Christian Haller, dieser freundliche Herr,<br />

der am 28. Februar seinen 70. Geburtstag<br />

feiert, eine Lesung deshalb ab. Die Abiturienten<br />

vor ihm verstanden seine Worte<br />

nicht. Da fragte er, ob jemand die drei Urväter<br />

des Alten Testaments kenne. In das<br />

Schweigen hinein erscholl auf Schwyzerdütsch<br />

der Ruf, „ich wusste gar nicht, dass<br />

es drei Urväter gibt“. Da verließ der Autor<br />

die Aula. Er geniert sich dafür und wusste<br />

doch keine andere Wahl.<br />

Am eigenen Leib lernte Christian Haller<br />

die Fallstricke der Erinnerung kennen,<br />

als er durch seinen persönlichen Nullpunkt<br />

ging. In den achtziger Jahren erlitt seine<br />

Lebensgefährtin einen Hirnschlag, wurde<br />

über Nacht zum Pflegefall. „<strong>Ich</strong> bin da<br />

wirklich an den Rand geraten. <strong>Ich</strong> war paralysiert.<br />

<strong>Ich</strong> konnte ein Jahr lang nicht<br />

schrei ben, hatte keinen Verdienst mehr,<br />

stand auf der Straße.“<br />

Über 20 Jahre später erst fand er eine<br />

Sprache für den Schicksalsschlag. Seine<br />

Selbstbefragung als Roman erschien 2008,<br />

„Im Park“. Die Hauptfigur, ein Paläontologe,<br />

sucht „nach dem Ursprungsort seiner<br />

Art“. Neues Leben wächst schließlich<br />

auf dem Morast des Vergangenen.<br />

Die neue Schicht in Christian Hallers<br />

erzählerischem Kosmos ist „mein umfangreichster<br />

Roman bisher“. Er heißt wie<br />

die letzte Erzählung Mark Twains, auf die<br />

er vielfach Bezug nimmt, „Der seltsame<br />

Fremde“. Zum 70. Geburtstag wird er nun<br />

erscheinen. Christian Haller schöpfte aus<br />

seinen vielen Fernreisen als Dramaturg,<br />

um in der Figur des Fotografen Clemens<br />

Lang, den es anlässlich einer Konferenz in<br />

eine asiatische Megalopolis verschlägt, die<br />

Fragen dieser Zeit zu stellen: Erleben wir<br />

gerade eine „Umstülpung aller Werte“? Ist<br />

Abfall <strong>alles</strong>, was von unserer industriellen<br />

Zivilisation bleiben wird? Und <strong>kann</strong><br />

man ein Leben verfehlen, wenn man an<br />

dessen entscheidenden Momenten falsch<br />

abbiegt?<br />

Außerdem ist „Der seltsame Fremde“<br />

eine amüsante Spuk- und Teufelsgeschichte,<br />

eine Hommage an Egon Friedell<br />

und ein flirrender Beitrag zum Streitfall<br />

namens Wirklichkeit. Dass diese ebenso<br />

wie die Vergangenheit ein schwankendes<br />

Boot ist, zeigt der Blick auf den gezähmten<br />

Rhein, der eine Stadt teilt und verbindet,<br />

ordnet und trennt. Der Dichter aber<br />

erzählt, was gewesen sein wird.<br />

Alexander Kissler<br />

leitet bei <strong>Cicero</strong> das Ressort Salon.<br />

Er ist Autor zahlreicher<br />

Sachbücher<br />

Fotos: Toni Suter und Tanja Dorendorf/T+T Fotografie, Andrej Dallmann (Autor)<br />

92 <strong>Cicero</strong> 03.2013


„Kunst entsteht<br />

nur am<br />

Widerstand“<br />

Christian Haller<br />

03.2013 <strong>Cicero</strong> 93


| S a l o n<br />

Die neue Gottschalk<br />

Ilka Bessin alias „Cindy aus Marzahn“ ist die fleischgewordene Einheit – und eine nationale Therapeutin<br />

von daniel Haas<br />

D<br />

ie Monstren der Unterhaltungsindustrie<br />

haben Kulleraugen, zumindest<br />

in der Hauptstadt. Da<br />

glotzt einen jetzt auf Plakaten eine Blondine<br />

an, mit eingefrorenem Lächeln und<br />

Haut aus Silikon. Barbie, das Plastikgeschöpf,<br />

zieht tatsächlich nach Berlin. Ende<br />

März soll ihre Villa bezugs- und besuchsfertig<br />

sein. Das kriegen sie nur an der Spree<br />

hin: Das rosa glitzernde Spielzeugdomizil<br />

einer Plastikpuppe wird in veritabler Lebensgröße<br />

nachgebaut.<br />

Wir haben zum Glück auch die Gegenfigur<br />

im Angebot, ebenfalls ein pink<br />

ausstaffiertes Prinzesschen, allerdings mit<br />

dem Körper von Hulk Hogan und der<br />

Mimik eines Bullterriers: Cindy aus Marzahn,<br />

bürgerlich Ilka Bessin, 42 Jahre alt,<br />

Deutschlands erfolgreichster Comedy-Star.<br />

Eine Zeit lang sah es aus, als sei sie nur<br />

ein weiterer Spleen der hiesigen Prollversessenheit,<br />

das weibliche Pendant zu Dieter<br />

Bohlen und Mario Barth. Das Derbe,<br />

Unverblümte schätzt man ja gerade in Zeiten<br />

komplexer Lebenszusammenhänge. Bei<br />

all den „Friends“ des virtuellen Online-Lebens<br />

ist es gut zu wissen, wen man verabscheuen<br />

<strong>kann</strong>.<br />

Bessin kommt nicht aus Marzahn, einer<br />

Plattenbausiedlung im Osten Berlins, entstammt<br />

aber genau jenem Milieu, das RTL<br />

gerne als Fundus nutzt für seine Depraviertheitsshows.<br />

Geboren in Luckenwalde<br />

(Arbeitslosenquote 11,6 Prozent), Tochter<br />

eines LKW-Fahrers und einer Näherin, stückelt<br />

sie sich keine Erwerbsbiografie zusammen,<br />

sondern einen Desintegrationshintergrund.<br />

Köchin gelernt, Kellnerin geworden,<br />

rausgeflogen, jahrelang arbeitslos, Hartz IV.<br />

2005 will man sie zu einer Stelle als Skilehrerin<br />

verdonnern, bei 30 Kilogramm<br />

Übergewicht.<br />

Wenn dich sogar das Transferleistungssystem<br />

zur Witzfigur erklärt, dann mach<br />

es doch lieber selbst: Bessin bewirbt sich<br />

beim „Quatsch Comedy Club“, der ersten<br />

Komikerbühne des Landes, der Rest ist<br />

moderne Folklore: Auftritte bei „TV total“,<br />

eigene Sendung bei RTL, Solotourneen,<br />

ausgefüllte Hallen. Da stapft sie dann<br />

über die Bühne, eine schnaufende Presswurst<br />

im Frotteekostüm. Das Stilprinzip<br />

heißt ordinärer Narzissmus, es geht um<br />

Sex- und Geldmangel, Sucht und Einsamkeit.<br />

„<strong>Ich</strong> habe Alzheimer-Bulimie“, sagt<br />

sie mit regloser Miene. „<strong>Ich</strong> fresse und vergesse<br />

hinterher zu kotzen.“ Da wiehern alle,<br />

unabhängig vom Body-Mass-Index. „Für<br />

Geld mach ich <strong>alles</strong>“, geht es weiter. „Auch<br />

Playboy, klar. Das Geld hat auch gestimmt.<br />

500 Euro hab ich denen bezahlt.“<br />

So eine wird also zu „Wetten, dass ...?“<br />

berufen, der letzten großen Renommiershow<br />

des öffentlich-rechtlichen Fernsehens.<br />

„Was kommt als Nächstes?“, fragte<br />

sich der verblüffte Kulturbürger. Ersetzt<br />

Bushido demnächst Günther Jauch? Folgt<br />

Daniela Katzenberger auf Maischberger? Ist<br />

das eine weitere Volte jener Medienpostmoderne,<br />

die uns Trash immer als Ironie<br />

verkauft und Kalkül als Kreativität?<br />

Sieht man genauer hin, stellt sich die Personalie<br />

als vollkommen stimmig heraus.<br />

Das ZDF hat, vermutlich aus Versehen, das<br />

genau Richtige getan und einen der wenigen<br />

Entertainer bestallt, der heute noch zur<br />

Konsensbildung fähig ist. Dass das ausgerechnet<br />

eine übergewichtige Exköchin aus<br />

dem deutschen Osten ist, <strong>kann</strong> man deprimierend<br />

finden oder, wie die New York<br />

Times, die Bessin ein Porträt widmete, einfach<br />

nur amüsant. In Amerika kommen sie<br />

mit solchen Karrieren besser zurecht. Dort<br />

weiß man, dass symbolischer und materieller<br />

Gewinn in Zeiten strauchelnder Volkswirtschaften<br />

für viele nur noch im Sport<br />

oder in der Unterhaltungsbranche zu finden<br />

ist.<br />

Cindys Kniff: Sie fungiert als nationale<br />

Therapeutin und mildert das lebensweltliche<br />

Leid gleich mehrerer Zielgruppen.<br />

Der Bürger <strong>kann</strong> sich gruseln und gleichzeitig<br />

sicher wähnen. Die Angst des Mittelstands,<br />

ins Subproletariat abzurutschen,<br />

wird nach dem Modell des magischen Denkens<br />

gebannt: Wenn ich es mir nur eklig<br />

genug ausmale, tritt es nicht ein.<br />

Die Prekarisierten hingegen haben eine<br />

Bestätigung, dass ihr Elend vielleicht nicht<br />

mehr subventionsfähig, dafür aber medial<br />

verwertbar ist. Das ist das Glücksversprechen,<br />

das auch Castingshows in Gang<br />

hält. Jeder <strong>kann</strong> es demnach schaffen, soziale<br />

und ethnische Handicaps bergen ein<br />

Karrierepotenzial. Und Frauen freuen sich<br />

über eine Wuchtbrumme, die Rucola für<br />

einen Mädchennamen hält. Das hilft über<br />

die Komplexe hinweg, die man sich beim<br />

Konsum von „Sex and the City“ eingefangen<br />

hat. Jetzt, da selbst Brigitte zu Size-<br />

Zero-Models zurückgekehrt ist, lässt man<br />

sich gern trösten im XXL-Format.<br />

Diese Qualität, einen Kulturausgleich<br />

unterschiedlicher Milieus herbeizuwitzeln,<br />

hatte auch Thomas Gottschalk. Mit seinen<br />

exzentrischen Anzügen und der Lockenmatte<br />

war er ein Dandy für Arme; sein Auftreten<br />

war exklusiv, und weil es zugleich<br />

billig wirkte, war es sympathisch. Gottschalks<br />

Weltläufigkeit, seine Duzfreundschaften<br />

mit Stars aus Hollywood, machten<br />

ihn satisfaktionsfähig für die gehobene<br />

Klientel. Das Grelle aber, das Kumpelhafte,<br />

das waren seine Gesten für jedermann.<br />

Wenn mal ein Scherz unter die Gürtellinie<br />

rutschte, umso besser. Cindy ersetzt deshalb<br />

nicht Michelle Hunziker, die ehemalige<br />

Assistentin, sondern Gottschalk. Das<br />

ist die bislang größte Pointe dieser rundweg<br />

erstaunlichen Karriere.<br />

Daniel Haas<br />

ist Journalist und Autor.<br />

Er lebt in Berlin<br />

Fotos: Boris Breuer, Privat (Autor)<br />

94 <strong>Cicero</strong> 03.2013


Prinzessin für<br />

alle: Cindy aus<br />

Marzahn stammt<br />

eigentlich aus<br />

Luckenwalde<br />

03.2013 <strong>Cicero</strong> 95


| S a l o n<br />

etwas in uns beiden<br />

Das Klavierduo Tal & Groethuysen spielt Wagner auf zwei Klavieren und mischt das Repertoire auf<br />

von michael Stallknecht<br />

I<br />

n hunderten kleinen Noten sprüht<br />

noch das vernichtende Feuer, bevor<br />

der Gesang von der erlösenden<br />

Liebe <strong>alles</strong> in gewaltigen Legatobögen<br />

überschwemmt: Unter den vielen Projekten<br />

zu Richard Wagners 200. Geburtstag<br />

in diesem Jahr ist die neue CD des Duos<br />

Yaara Tal und Andreas Groethuysen – kurz:<br />

Tal & Groethuysen – eines der ungewöhnlichsten:<br />

Ausschnitte aus den Musikdramen<br />

des Bayreuthers, darunter der monumentale<br />

Schluss der „Götterdämmerung“,<br />

dargeboten auf zwei Klavieren.<br />

„Ein derart emotionales oder sinnliches<br />

Repertoire haben wir noch nie eingespielt“,<br />

sagt Yaara Tal. Das will etwas<br />

heißen, schließlich brechen sie und ihr<br />

Duopartner Andreas Groethuysen den<br />

Klaviermarkt schon lange mit unermüdlichen<br />

Repertoireentdeckungen auf. Wer<br />

<strong>außer</strong> ihnen spielt Werke von William<br />

Sterndale Bennett oder Charles Koechlin?<br />

Sieben Mal brachte ihnen das den „Preis<br />

der Deutschen Schallplattenkritik“ und<br />

vier Mal den „Echo Klassik“ ein.<br />

Dass ihnen die Plattenfirma Sony Classical<br />

auch mit bisher völlig unbe<strong>kann</strong>ten<br />

Stücken von Anfang an freie Hand gelassen<br />

habe, sagt Andreas Groethuysen, sei ein<br />

„auf dem heutigen Markt kaum noch möglicher<br />

Glücksfall“. Er gibt zu, dass sie dabei<br />

zunächst aus der Not eine Tugend gemacht<br />

hätten. Das Standardrepertoire für<br />

das vierhändige Klavierspiel und das zu<br />

zwei Klavieren ist nicht riesig. Die zentralen<br />

Gesamtwerke von Mozart und Schubert<br />

oder Repertoirerenner wie Dvořáks<br />

„Slawische Tänze“ hat das Duo längst ebenfalls<br />

eingespielt.<br />

Aber daneben durchsuchte Groethuysen<br />

unentwegt die Bibliotheken nach immer<br />

neuen Raritäten. Inzwischen, sagt er,<br />

gebe es auch „Netzwerke von Freaks im<br />

Internet“, die Scans austauschten. Ungefähr<br />

40 000 mögliche Titel habe man inzwischen<br />

beisammen: „Ein Musikerleben<br />

reicht nicht aus, um das zu spielen.“ Für ihre<br />

Liveauftritte kombinieren Tal & Groethuysen<br />

Be<strong>kann</strong>tes und Unbe<strong>kann</strong>tes gern<br />

zu völlig überraschenden Zusammenstellungen,<br />

die sich beim Hören dennoch bis<br />

in kleinste musikalische und historische<br />

Details als durchdacht erweisen.<br />

Wie man auch die Ausschnitte aus der<br />

„Götterdämmerung“ als vielfältigen Reflex<br />

auf deutsche (Wagner-)Geschichte deuten<br />

<strong>kann</strong>. Die Arrangements des „Trauermarsches“<br />

und des Finales stammen von Alfred<br />

Pringsheim, dem Schwiegervater Thomas<br />

Manns. Dessen <strong>außer</strong>gewöhnliche pianistische<br />

und kompositorische Fähigkeiten<br />

waren kaum be<strong>kann</strong>t. Als renommierter<br />

Mathematiker pflegte Pringsheim in München<br />

eines der angesehensten Häuser, bis<br />

die Nationalsozialisten es niederrissen und<br />

unter derselben Adresse den „Führerbau“<br />

errichteten. Der heute wiederum die Musikhochschule<br />

beherbergt, an der Tal und<br />

Groethuysen als Professoren die nachkommende<br />

Klavierduogeneration ausbilden.<br />

Dass gerade auch jüdische Familien<br />

glühende Verehrer Wagners waren, bevor<br />

die Nazis diesen für sich pachteten, das<br />

zu zeigen, ist Yaara Tal auch ein persönliches<br />

Anliegen. Ihrer Familie widerfuhr<br />

während des Holocaust Schlimmstes. Sie<br />

selbst wuchs in Israel auf, verließ das Land<br />

aber mit 24 Jahren. Weil sie, wie sie heute<br />

sagt, „wegen Disziplinlosigkeit und mangelnder<br />

Anpassungsfähigkeit“ die Offiziersprüfung<br />

vergeigt hatte, war ihr während<br />

des auch für Frauen verpflichtenden Militärdiensts<br />

viel Zeit für das Klavierüben<br />

geblieben. In München lernte sie Andreas<br />

Groethuysen zunächst rein privat kennen<br />

und lieben. Musikalisch nämlich setzte der<br />

Architektensohn keineswegs aufs Duospiel.<br />

„Zähneknirschend“, sagt Tal, habe er<br />

nach fünf Jahren Beziehung für das erste<br />

gemeinsame Konzert Repertoire gesucht.<br />

Seine Agentin hatte es ihm aus marketingtechnischen<br />

Gründen geradezu verordnet.<br />

Besonders das vierhändige Klavierspiel<br />

unterlag seinerzeit in der Tat zwei Vorurteilen,<br />

die Yaara Tal so beschreibt: nur<br />

„Hausmusik“ zu sein – oder eben „Zirkus“.<br />

Tal & Groethuysen haben einen wesentlichen<br />

Anteil daran, dass dieses doppelte<br />

Zerrbild weitgehend verschwunden<br />

ist. Den „Zirkus“ nämlich veredelten sie<br />

zu einer Virtuosität und raffinierten Artistik,<br />

die binnen Sekunden den bösen alten<br />

Verdacht zerstäuben, zur Solokarriere<br />

habe es bei einem von beiden nicht gereicht.<br />

Zugleich aber bewahrten sie sich<br />

die schönsten Seiten der „Hausmusik“: einen<br />

geradlinigen Zugang zur Musik und<br />

eine unprätentiöse Eleganz. Die Melancholieexzesse<br />

zum Beispiel eines Schubert<br />

präsentieren Tal & Groethuysen mit vollendeter<br />

Lakonie auf der Kippe zwischen<br />

Ländlerseligkeit und Todesabgrund. Natürlich,<br />

sagt Tal, komme das Duospiel aus der<br />

bürgerlichen Musizierpraxis der Familien.<br />

„Aber wir wollen zeigen, dass es sich davon<br />

genauso emanzipieren <strong>kann</strong> wie beispielsweise<br />

das Streichquartett.“<br />

Bis heute sind fast alle erfolgreichen<br />

Klavierduos entweder Paare oder Geschwister.<br />

Die extreme Synchronisierung<br />

von Gefühlen und Vorstellungen, die zwei<br />

Klaviere am Ende wie eines klingen lassen<br />

sollen, sagt Andreas Groethuysen, funktioniere<br />

über winzige körperliche Signale.<br />

Er persönlich <strong>kann</strong> sich das bis heute nur<br />

mit einem Lebenspartner vorstellen. In den<br />

gelungenen Momenten, beschreibt Yaara<br />

Tal, fühle sie sich beim Spielen nicht mehr<br />

als Individuum. Wer von beiden welche<br />

Stimme spiele, könne sie dann eigentlich<br />

nicht mehr unterscheiden. „Dann spielt etwas<br />

in uns beiden.“<br />

Michael Stallknecht<br />

ist Kulturwissenschaftler,<br />

Musikkritiker und freier<br />

Publizist<br />

Fotos: Michael Leis, Privat (Autor)<br />

96 <strong>Cicero</strong> 03.2013


Liebespaar als Künstler-Duo:<br />

Wenn Yaara Tal und Andreas Groethuysen<br />

gemeinsam Klavier spielen, fühlen sie<br />

sich nicht mehr als Individuum<br />

03.2013 <strong>Cicero</strong> 97


| S a l o n | t h e k i n g<br />

1. Juli, New York City<br />

„Wir waren beide introvertiert. Elvis war 21 Jahre jung, ich 26. Er hat nie posiert, aber er ließ mich nah an sich heran.<br />

Er wusste, dass etwas mit ihm passierte, und fand es okay, dass jemand die Veränderung dokumentierte. Damals machte<br />

man kaum farbige Aufnahmen. Das Verfahren war einfach zu teuer. <strong>Ich</strong> wollte aber für die Zukunft gewappnet sein.<br />

Dieses Bild entstand mit natürlichem Licht, vor der ,Steve Allen Show‘, der ersten Late Night Show überhaupt“<br />

98 <strong>Cicero</strong> 03.2013


Elvis who?<br />

Bilder einer Himmelfahrt<br />

1956, das Jahr des Durchbruchs. Alles passierte zum<br />

ersten Mal: die Nummer eins, die nationale TV-Show, die<br />

ohnmächtigen Frauen. Diesen Monat erscheint im Taschen-<br />

Verlag ein intimer Bildband mit bisher unveröffentlichten<br />

Fotografien von Alfred Wertheimer. Er hat den jungen<br />

Elvis in diesem Schicksalsjahr wochenlang begleitet. Uns<br />

erzählte er schon mal die Geschichten zu den Bildern<br />

03.2013 <strong>Cicero</strong> 99


| S a l o n | t h e k i n g<br />

100 <strong>Cicero</strong> 03.2013


17. März,<br />

New York City<br />

„Alles war analog. Hier<br />

wird der unbe<strong>kann</strong>te<br />

Entertainer Elvis<br />

angekündigt, während<br />

der Proben am<br />

Nachmittag. Er hatte<br />

einen sechsminütigen<br />

Auftritt während der<br />

,Dorsey Brothers Stage<br />

Show‘ in den CBS-<br />

TV-Studios. Er sang<br />

,Blue Suede Shoes‘ und<br />

,Heartbreak Hotel‘“<br />

„Anne Fulicino war die PR-Dame des<br />

Plattenlabels RCA Victor, die mich<br />

beauftragt hatte, ein paar Aufnahmen von<br />

Elvis für Publicity-Zwecke zu machen. <strong>Ich</strong><br />

habe ihr viel zu verdanken, es war mein<br />

erstes Jahr als freiberuflicher Fotograf. Sie<br />

war zu uns beiden mütterlich. Hier redet<br />

sie Elvis gut zu. Der andere Mann ist ein<br />

Showbusiness-Agent. Backstage, während der<br />

Proben für die ,Dorsey Brothers Stage Show‘“<br />

03.2013 <strong>Cicero</strong> 101


| S a l o n | T h e K i n g<br />

30. Juni,<br />

Richmond,<br />

Virginia<br />

„Elvis reiste immer mit<br />

seinem Cousin, Junior<br />

Smith. Der war auch<br />

sein Bodyguard. Das<br />

erste Bild entstand im<br />

Restaurant des Jefferson<br />

Hotels, wo sie wohnten.<br />

Sie aßen Bacon & Eggs<br />

mit French Fries und<br />

dann noch irgendein<br />

Dessert. Natürlich hatte<br />

Elvis irgendwann den<br />

Arm um die Taille der<br />

Kellnerin gelegt“<br />

„Das Bild ‚The Kiss‘<br />

gehört zu meinen schon<br />

be<strong>kann</strong>ten Motiven.<br />

Elvis hatte das Mädchen<br />

während einer Radiosendung<br />

in Charleston,<br />

South Carolina, kennengelernt.<br />

Er hat sie<br />

von seinem Cousin mit<br />

dem Wagen zum Konzert<br />

nach Virginia bringen<br />

lassen. Nach seinem Tod,<br />

als das Bild veröffentlicht<br />

wurde, war sie lange das<br />

‚Mystery Girl‘, niemand<br />

wusste, wer sie war. Doch<br />

ein Reporter hat sie dann<br />

aufgespürt, sie heißt<br />

Barbara Gray und ist<br />

heute 77 Jahre alt. Was<br />

Elvis damals nicht ahnte:<br />

Sie hatte mit 14 Jahren<br />

geheiratet, war mit<br />

15 Jahren Mutter und<br />

mit 16 wieder geschieden<br />

worden“<br />

102 <strong>Cicero</strong> 03.2013


„Am Abend fand das Konzert im<br />

Mosque Theatre von Richmond<br />

statt. Auf dem Bild singt Elvis<br />

gerade seinen letzten Song. Was<br />

man nicht sieht, sind die vielen<br />

weinenden Mädchen im Publikum“<br />

03.2013 <strong>Cicero</strong> 103


| S a l o n | T h e K i n g<br />

104 <strong>Cicero</strong> 03.2013


4. Juli, Memphis,<br />

Tennessee<br />

„Elvis sitzt im<br />

Wohnzimmer seines<br />

Elternhauses und<br />

hört sich Aufnahmen<br />

seiner Songs ,Hound<br />

Dog‘ und ,Don’t be<br />

Cruel‘ an. Abends<br />

gab er ein Konzert in<br />

seiner Heimatstadt,<br />

zu dem er auch seine<br />

Freundin Barbara<br />

Hearn eingeladen hatte.<br />

Sie verbrachte den Tag<br />

mit der Familie. Weil<br />

er vorher Motorrad<br />

gefahren war und<br />

geschwitzt hat, trägt<br />

er hier kein T-Shirt“<br />

03.2013 <strong>Cicero</strong> 105


| S a l o n | T h e K i n g<br />

4. Juli, Memphis,<br />

Tennessee<br />

„<strong>Ich</strong> glaube, Elvis hatte<br />

diese Harley geschenkt<br />

bekommen. Wir hingen<br />

am Nachmittag vor<br />

dem Konzert im Garten<br />

seiner Eltern ab und<br />

fuhren damit um den<br />

Block. Irgendwann blieb<br />

das Ding stehen. Elvis<br />

versuchte herauszufinden,<br />

was kaputt war. Der<br />

Tank war leer“<br />

106 <strong>Cicero</strong> 03.2013


Anzeige<br />

Leipzig Liest 2013:<br />

Jüdische<br />

LebensweLten<br />

Im Ariowitsch-Haus, Hinrichsenstr. 14 / 04105 Leipzig<br />

Veranstalter: Der Club Bertelsmann, <strong>Cicero</strong> – Magazin für<br />

politische Kultur und Stanford University<br />

donnerstag, 14. März 2013<br />

16:00 Topsy Küppers: Lauter Liebe Leute.<br />

Edition Dodo<br />

17:00 Irina Liebmann: Drei Schritte<br />

nach Russland. Berlin Verlag<br />

18:00 Ulrich Woelk: Was Liebe ist. dtv<br />

Moderation: Alexander Kissler, <strong>Cicero</strong><br />

19:00 Ronaldo Wrobel, Tatiana Salem<br />

Levy: Jüdische Autoren aus<br />

Brasilien stellen ihre Bücher vor<br />

20:00 Amir Eshel: Zukünftigkeit.<br />

Jüdischer Verlag<br />

21:00 Dieter Graumann: Nachgeboren –<br />

vorbelastet? Kösel Verlag<br />

Mod.: Alexander Kissler, <strong>Cicero</strong><br />

Fotos: 2013 Alfred Wertheimer/Courtesy Taschen (Seiten 98 bis 106), Sonam Tsaring/Courtesy Taschen<br />

N<br />

achdem Alfred Wertheimer<br />

Elvis 1956 eine Zeit lang begleitet<br />

hatte, fotografierte er<br />

ihn nur noch ein weiteres Mal:<br />

im September 1958, als der inzwischen<br />

umschwärmte Star sich von New York<br />

zum Militärdienst nach Deutschland<br />

verabschiedete. Danach sah Wertheimer<br />

ihn nie wieder. Er konzentrierte sich auf<br />

andere Jobs und machte als Kameramann<br />

Karriere. Für seine Bilder des<br />

King of Rock ’n’ Roll interessierte sich<br />

19 Jahre lang niemand. Erst 1977, unmittelbar<br />

nach Elvis’ Tod, bekam er einen<br />

Anruf vom Time Magazine. Viele<br />

seiner Aufnahmen haben inzwischen<br />

Kultstatus. Wertheimer lebt heute in<br />

Manhattan. Sein Buch im Taschen-<br />

Verlag ist ein Fest für Fans, mehr als<br />

die Hälfte der Bilder ist zuvor noch nie<br />

veröffentlicht worden. Es handelt sich<br />

um eine auf 1706 Exemplare limitierte<br />

und signierte Auflage.<br />

„Alfred Wertheimer.<br />

Elvis and the Birth of<br />

Rock and Roll“<br />

418 Seiten, Hardcover<br />

in einer Schlagkassette,<br />

500 Euro<br />

Bildnachweise: Peter Josef Hofmann, Ata Awisat, Chanah Brenenson, Franco Vogt, Ekko von Schwichow, Gerald von Foris, Isabelle Grubert, Tomas Rangel, Isolde Ohlbaum<br />

Freitag, 15. März 2013<br />

16:00 Robert Schindel: Der Kalte.<br />

Suhrkamp Verlag<br />

17:00 Jürgen Seidel:<br />

Das Paradies der Täter. cbj<br />

18:00 Eva Weaver: Jakobs Mantel.<br />

Droemer Verlag<br />

19:00 Eva Menasse: Quasikristalle.<br />

Verlag Kiepenheuer & Witsch<br />

Moderation: Alexander Kissler, <strong>Cicero</strong><br />

20:00 Shalom Auslander: Hoffnung.<br />

Eine Tragödie. Berlin Verlag<br />

21:00 Julya Rabinowich: Die Erdfresserin.<br />

Deuticke Verlag<br />

saMstag, 16. März 2013<br />

15:00 Myriam Halberstam: Golda auf<br />

der Flucht (ab 4 Jahren) und<br />

Opa und der Hundeschlamassel<br />

(ab 8 Jahren) Ariella Verlag<br />

17:00 Hannes Stein. Der Komet.<br />

Galiani Verlag<br />

18:00 Otto Dov Kulka. Landschaften der<br />

Metropole des Todes. DVA<br />

19:00 Martin Schäuble. Zwischen den<br />

Grenzen. Hanser Verlag<br />

20:00 Göran Rosenberg. Ein kurzer<br />

Aufenthalt. Rowohlt Verlag<br />

03.2013 <strong>Cicero</strong> 107


Jetzt im Handel! Oder für 3,70 € zzgl. Versandkosten bequem per Telefon<br />

unter 01805/861 8000* bzw. online unter neon.de/heft bestellen.<br />

*14 Cent/Min. aus dem deutschen Festnetz, max. 42 Cent/Min. aus dem dt. Mobilfunknetz.


B e n o t e t | S a l o n |<br />

illustration: anja stiehler/jutta fricke illustrators<br />

Nicht von<br />

dieser Welt<br />

Wie klingt es, wenn Planeten sich begegnen?<br />

In der Sphärenmusik sind Mathematik und<br />

Kunst auf das Schönste verschwistert<br />

Von Daniel Hope<br />

I<br />

st da draussen Irgendetwas? Seit der Mensch den<br />

nächtlichen Sternenhimmel ehrfürchtig betrachtet und<br />

den Lauf der Planeten verfolgt, wird seine Fantasie durch<br />

diese Frage angefacht. Im Altertum sprachen die Menschen von<br />

geisterhaften Klängen, die entstünden, wenn Planeten einander<br />

begegnen. Die Musik, welche die Planeten erzeugten, sei ätherisch<br />

und – in ganz wörtlichem Sinn – nicht von dieser Welt.<br />

Als ich klein war, gab es nur eines, das mich so stark in den<br />

Bann ziehen konnte wie die Musik: der Nachthimmel. Im Alter<br />

von acht Jahren kaufte ich mir mein erstes Teleskop und betrachtete<br />

stundenlang den Mond und die Sterne. Und ich stellte mir<br />

vor, wie es wohl gewesen sein mag, als die Menschheit er<strong>kann</strong>te,<br />

wie winzig sie im Angesicht des großen Ganzen ist.<br />

In meiner Jugend stellte mir Yehudi Menuhin, der damals<br />

an seinem Projekt „The Music of Man“ arbeitete, den amerikanischen<br />

Astronomen Carl Sagan vor. Sagan amüsierte sich über<br />

den eifrigen und neugierigen Jungen, der ihn mit tausend Fragen<br />

gnadenlos löcherte. Meistens antwortete er mit Gegenfragen. Dadurch<br />

öffnete er mir die Augen für die unendlichen Weiten des<br />

Universums und erklärte mir eine Theorie, die meine beiden Leidenschaften<br />

vereinte: die Sphärenmusik.<br />

Die Vorstellung der Sphärenmusik fasziniert mich seither,<br />

ebenso wie die Philosophen, Mathematiker und Musiker, die die<br />

Idee einer musica universalis im Laufe der Jahrhunderte untersucht,<br />

infrage gestellt und entwickelt haben. Diesen Gedanken<br />

vertraten nicht irgendwelche Wahrsager, sondern brillante Wissenschaftler<br />

und Mathematiker. Wahrscheinlich war es Pythagoras,<br />

der als Erster der Theorie nachging. Die Harmonie des Universums<br />

glaubte er mathematisch erklären zu können, nachdem er<br />

zufällig entdeckt hatte, dass die Höhe eines Tons von der Länge der<br />

Saite und deren Schwingungen abhängt. Dieser Gedanke pflanzte<br />

sich fort bis zu herausragenden deutschen Denkern wie Johannes<br />

Kepler. Sie waren überzeugt, dass diese Musik oder besser gesagt,<br />

diese „Engelsklänge“ – für uns Sterbliche nicht hörbar – messbar<br />

sind und dass die Musik dementsprechend eine mathematische<br />

Grundlage hat, eine Art astronomische Harmonie. Doch <strong>kann</strong><br />

man ein so magisches, unerklärliches Phänomen wie die Musik<br />

rein durch Formeln erklären?<br />

Die Vorstellung einer Musik, die aus der Bewegung einander<br />

passierender Planeten entsteht, ist für einen Musiker wie mich, der<br />

ein Saiteninstrument spielt – also ein Instrument, bei dem durch<br />

die Reibung der Bogenhaare mit den Saiten Vibrationen und damit<br />

Töne erzeugt werden – besonders naheliegend. Man nimmt<br />

eine Menge peripherer Klänge wahr, und das ist meiner Meinung<br />

nach eine interessante Analogie, denn an diese peripheren Klänge<br />

glaubte Pythagoras auch.<br />

Wenn wir an den Weltraum oder die Planeten denken, hören<br />

wir dann einen bestimmten Klang, in Dur oder Moll, oder ist da<br />

endlose Stille? Goethe selbst spricht in seinem Prolog zum „Faust“<br />

von der tönenden Sonne, die „nach alter Weise in Brudersphären<br />

Wettgesang“ erklingt. Auch viele Komponisten haben sich mit der<br />

Möglichkeit eines solchen Phänomens beschäftigt. Noch heute bemühen<br />

sich Wissenschaftler, die Zahlensymbolik in Bachs Werken<br />

zu ergründen, vom klaren B-A-C-H-Motiv bis hin zu versteckteren<br />

Elementen, die sich um die Zahl Drei als musikalische Darstellung<br />

der Dreieinigkeit drehen.<br />

Wir wissen, dass Haydn, bevor er sein Oratorium „Die Schöpfung“<br />

vollendete, sich mit dem britischen Astronomen Wilhelm<br />

Herschel traf und beide gemeinsam den Himmel durch ein Teleskop<br />

betrachteten. Josef Strauss’ Walzer-Sphärenklänge brachten<br />

dann eine romantische Sicht des Himmels ins Spiel. Die kugelförmige<br />

Gestalt einer Sphäre lässt sich aber auch mit dem Einsatz<br />

des Stilmittels der Wiederholung in vielen Werken der Moderne<br />

oder des Minimalismus in Beziehung setzen. Der amerikanische<br />

Komponist Philip Glass, der mit dem Stück „Echorus“ eine sphärische<br />

Hommage an Yehudi Menuhin komponierte, beschäftigt sich<br />

schon seit langem mit Rätseln wie dem, ob Musik an der Schwelle<br />

eines Schwarzen Lochs wohl höher oder tiefer klingt.<br />

So gibt es eine große Anzahl Komponisten aus verschiedenen<br />

Jahrhunderten, die vielleicht nicht alle aus der gleichen „Galaxie“<br />

stammen, sich aber seit dem 17. Jahrhundert bis heute große Gedanken<br />

zu einer überirdischen Musik gemacht haben. Dabei muss<br />

ich feststellen, wie viel und gleichzeitig wie wenig sich im Laufe<br />

von 400 Jahren die Musik verändert hat.<br />

Und? Ist da draußen irgendetwas? <strong>Ich</strong> fände es schön.<br />

Daniel Hope ist Violinist von Weltrang. Sein Memoirenband<br />

„Familien stücke“ war ein Bestseller. Zuletzt erschienen sein Buch<br />

„Toi, toi, toi! – Pannen und Katastrophen in der Musik“ (Rowohlt)<br />

und die CD „Spheres“ (Deutsche Grammophon). Er lebt in Wien<br />

03.2013 <strong>Cicero</strong> 109


| S a l o n | M a n s i e h t n u r , w a s m a n s u c h t<br />

Zwischen den Fronten<br />

Kränkend, parteiisch, gekonnt: Mit seinem drastischen Bild zur<br />

UN-Mission im Koreakrieg verscherzte Picasso es sich 1951 mit<br />

den Kommunisten wie mit den USA gleichermaßen<br />

Von beat wyss<br />

110 <strong>Cicero</strong> 03.2013


Das „Massacre de Corée“ entstand bereits<br />

wenige Monate nach dem Einmarsch<br />

der UN-Truppen im Herbst 1950. Pablo<br />

Picasso hatte damit wieder einmal bewiesen,<br />

dass er nicht nur der beste, sondern auch<br />

der schnellste Maler seiner Zeit war<br />

Fotos: Jean-Gilles Berizzi/BPK/RMN Grand Palais, artiamo (Autor)<br />

À<br />

ta santé, Stalin!“: Picassos Grußadresse<br />

zum 70. Geburtstag des<br />

Diktators erschien am 9. März<br />

1950 in den Lettres Françaises, einer Literaturzeitschrift,<br />

gegründet von Kreisen<br />

der Résistance, seit Kriegsende finanziert<br />

von der Kommunistischen Partei Frankreichs.<br />

Die Antwort auf die Frage, ob<br />

den Jubilar die Grußadresse aus Paris gefreut<br />

hat, wird die Geschichte wohl schuldig<br />

bleiben. Doch Picassos Botschaft war<br />

nicht nur nach Moskau gerichtet, sondern<br />

ebenso nach Paris und New York,<br />

wo man die Geste sehr wohl zur Kenntnis<br />

nahm.<br />

Die Welt der Kunst befand sich, wie<br />

die Weltpolitik, auf dem Höhepunkt des<br />

Kalten Krieges. Der Begriff ist ein Euphemismus:<br />

Kalt war es nur im Kern der befriedeten<br />

Blöcke. Rundherum brannte<br />

es, seit dem 25. Juni 1950 besonders in<br />

Korea. Und Picasso bewies, dass er der<br />

schnellste Maler seiner Zeit war, technisch<br />

so gut wie politisch. Seine Antwort<br />

auf die Parteinahme der USA im Kampf<br />

um die Grenze am 38. Breitengrad war<br />

das Gemälde „Le Massacre de Corée“,<br />

ausgestellt 1951 im Pariser Salon de Mai.<br />

Picassos Verbrüderungsgeste mit der<br />

Sowjetunion spielte in den USA dem<br />

Kommunistenjäger McCarthy in die<br />

Hände, der in jedem Anflug von Nonkonformismus<br />

schon das Reich des Bösen<br />

witterte. Die urbanen Liberalen kämpften<br />

gegen die Betonköpfe der Südstaaten und<br />

gegen die bigotten Sektierer des Mittleren<br />

Westens für die Freiheit des Ausdrucks.<br />

Der verehrte Altmeister der Moderne<br />

schien jetzt aber exakt das Vorurteil derer<br />

zu bestätigen, die in abstrakter Kunst den<br />

Bolschewismus witterten. Picasso hatte in<br />

seinem „Massacre“ alle Register der politischen<br />

Ikonografie gezogen: von Goyas Erschießung<br />

der Aufständischen am 3. Mai<br />

bis zu Manets Erschießung Kaiser Maximilians<br />

von Mexiko. Mit den Grautönen<br />

zitierte Picasso sich selbst: das legendäre<br />

Wandbild „Guernica“ von 1937.<br />

Das Gemälde zeigt ein Erschießungskommando:<br />

eine Phalanx gesichtsloser<br />

Roboter, die schutzlose Frauen und<br />

wehrlose Kinder liquidieren. Die kränkende<br />

Parallele zwischen der Legion Condor<br />

in Spanien und den UN-Truppen in<br />

Korea war selbst für die linken Intellektuellen<br />

jenseits des Atlantiks zu viel: Ein<br />

„American committee for cultural freedom“<br />

sandte einen offenen Brief an Picasso,<br />

worin der Künstler gebeten wurde,<br />

seine Unterstützung des Sowjetregimes zu<br />

überdenken.<br />

Die Aktion belegt wiederum das amerikanische<br />

Unverständnis für die Bedeutung<br />

des Kommunismus besonders in<br />

Südwesteuropa, wo die Mitgliedschaft in<br />

der Partei auch nach dem Krieg noch ein<br />

Bekenntnis zum antifaschistischen Widerstand<br />

ausdrückte. Das galt besonders<br />

in Spanien, wo die Republikaner nach<br />

verlustreichem Kampf gegen Franco unterlegen<br />

waren. Der Generalissimo regierte<br />

das Land bis zu seinem Tod 1975,<br />

vier Jahre über den Tod Picassos hinaus.<br />

Den Kommunisten im Osten war das<br />

„Massacre de Corée“ propagandistisch<br />

nicht verwertbar. Der Künstler gab sich<br />

zwar als einer der Ihren, als er 1944, beim<br />

Einmarsch der Alliierten, in die Partei<br />

eintrat. Nach Kriegsende gab die Komintern<br />

jedoch eine Kulturpolitik des Sozialistischen<br />

Realismus vor. An Picasso<br />

interessierte nur der Name als der eines<br />

berühmten Westkommunisten. „Le Massacre“<br />

beweise einen Mangel an Volksverbundenheit,<br />

da es im dekadenten<br />

Kubismus gemalt war, der, wie die Kulturfunktionäre<br />

glaubten, von der Arbeiterklasse<br />

nicht verstanden werde.<br />

Bei der berühmten Taube, die Picasso<br />

1949 für den Weltfriedenskongress in Paris<br />

entwarf, achtete er darauf, das Federvieh<br />

ohne kubistische Mätzchen wiederzugeben.<br />

Erst in der Tauwetterperiode<br />

konnte Ilja Ehrenburg 1956 in Moskau<br />

eine Picasso-Retrospektive erwirken. Fünf<br />

Jahre später erhielt der Künstler den Internationalen<br />

Lenin-Friedenspreis.<br />

In Korea hat indes der Zweite Weltkrieg<br />

bis heute nicht aufgehört. Der<br />

38. Breitengrad bleibt auch nach 60-jährigem<br />

Waffenstillstand ein Zankapfel unter<br />

alten und neuen Großmächten.<br />

B e at W y s s<br />

ist einer der be<strong>kann</strong>testen<br />

Kunsthistoriker des Landes.<br />

Er lehrt in Karlsruhe<br />

03.2013 <strong>Cicero</strong> 111


| S a l o n | F o t o g r a f i e<br />

Der Tukan, 2010 fotografiert, weiß nichts<br />

von Theorie und ist <strong>alles</strong> andere als grau<br />

112 <strong>Cicero</strong> 03.2013


Wahr sind immer<br />

nur die Absichten<br />

Der Fotokünstler Wolfgang Tillmans hat drei Jahre lang die Welt bereist. Seinem<br />

Gesamtwerk ist nun in Düsseldorf eine Ausstellung gewidmet. Er ist einer Wirklichkeit<br />

auf der Spur, die sich der Kamera dann doch entzieht<br />

Fotos: Wolfgang Tillmans/Courtesy Galerie Buchholz Berlin/Köln, Karl Kolbitz<br />

Seinen jüngsten Fotoband hat Wolfgang Tillmans<br />

„Neue Welt“ genannt. Darin versammelt<br />

der 44 Jahre alte Künstler Fotografien,<br />

die er auf einer dreijährigen Weltreise aufgenommen<br />

hat. Diese führte ihn von London<br />

über Feuerland bis an die Ränder Afrikas.<br />

Nach seinen Ausflügen in fotografische<br />

Abstraktionen ist Wolfgang Tillmans somit<br />

zurückgekehrt zur ästhetischen Herausforderung<br />

seiner Anfangsjahre. Erneut hat er<br />

sich mit „Neue Welt“ auf die Suche gemacht<br />

nach den unverbrauchten Bildern unserer Gegenwart.<br />

Vom 2. März an zeigt die Kunstsammlung<br />

Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf<br />

eine große Retrospektive seines Schaffens.<br />

Vorab spricht der Turner-Preisträger des Jahres<br />

2000 über das Verhältnis der Fotografie<br />

zur Wirklichkeit, über die Kraft von Klischees<br />

sowie über eine Welt, die sich bei aller Fremdheit<br />

doch ähnlich zu sein scheint.<br />

H<br />

err Tillmans, seit Ihren frühen<br />

Aufnahmen von den Subkulturen<br />

der neunziger Jahre beschreiben<br />

Ihre Fotos ein Dilemma: Wo Sie Bilder<br />

machen, vermuten andere Wirklichkeit.<br />

Wie hält es Ihre Fotografie genau mit der<br />

Realität?<br />

Fotos sind natürlich nicht Wirklichkeit.<br />

Diese Grunderkenntnis hat bei mir<br />

Er war der erste<br />

nicht britische<br />

Künstler, der den<br />

renommierten<br />

Turner-Preis für<br />

herausragende<br />

zeitgenössische<br />

Kunst erhielt:<br />

Wolfgang Tillmans,<br />

geboren 1968 in<br />

Remscheid, lebt<br />

heute in Berlin<br />

und London<br />

03.2013 <strong>Cicero</strong> 113


| S a l o n | F o t o g r a f i e<br />

Der junge Mann<br />

in Dschidda<br />

kennt keine<br />

Cindy. Doch<br />

rosa schaut er<br />

in die Welt<br />

Schon 1995<br />

bannte Tillmans<br />

„Smokin’ Jo“.<br />

Aus ferner Zeit<br />

trifft uns ihr<br />

fester Blick<br />

überhaupt erst dazu geführt, dem fotografischen<br />

Medium als meinem Artefakt<br />

zu vertrauen. Als ich zum Beispiel<br />

im Jahr 1990 gelernt habe, Farbfotos<br />

zu vergrößern, wurde mir klar, dass ein<br />

Farbfoto eigentlich nur einen Farbraum<br />

beschreibt. Es handelt sich um die Umsetzung<br />

von Wirklichkeit in etwas völlig<br />

Anderes; in etwas, das zwar von Wirklichkeit<br />

zeugt und über sie sprechen will, das<br />

aber eben nicht die Wirklichkeit ist. Ein<br />

Foto ist zunächst nicht mehr als ein Bildobjekt<br />

– ein Rechteck in einem Raum.<br />

Dennoch hat die Kritik gerade bei Ihren<br />

frühen Bildern immer wieder die „Echtheit“<br />

und „Authentizität“ Ihrer Aufnahmen<br />

gepriesen. Warum fällt es uns so schwer<br />

zu akzeptieren, dass Fotografie etwas Gemachtes<br />

und nicht etwas Gefundenes ist?<br />

Darin liegt natürlich eine gewisse Spannung.<br />

Einerseits weiß ich natürlich, dass<br />

das Auge Fotografie als Wirklichkeit verstehen<br />

will. Auf der anderen Seite habe<br />

ich diesem Authentizitätsvertrauen oft<br />

genug widersprochen. <strong>Ich</strong> habe dem Publikum<br />

gesagt: „Das ist gar nicht die<br />

„Vermutlich<br />

verrät der<br />

Widerspruch<br />

zwischen dem,<br />

was ein Foto<br />

ist, und dem,<br />

was die Leute<br />

darin sehen<br />

wollen, eine<br />

Menge über die<br />

Widersprüche<br />

des Menschen<br />

an sich – über<br />

die Art und<br />

Weise, wie wir<br />

mit Realität<br />

umgehen“<br />

Dokumentation von Jugend in den neunziger<br />

Jahren; das sind sich kreuzende Linien<br />

von Inszenierung und Gefundenem.“<br />

Die Bilder sind authentisch; aber sie sind<br />

natürlich nur authentisch in Bezug auf<br />

meine Intentionen.<br />

Ein Maler müsste diesen Unterschied nie<br />

erklären. Nervt Sie als Fotokünstler nicht<br />

manchmal diese „Echtheitserwartung“?<br />

<strong>Ich</strong> denke, man muss das als ein Geschenk<br />

dieses Mediums sehen, das in der<br />

Lage ist, ein massenindustriell hergestelltes<br />

Blatt Papier in etwas völlig Anderes<br />

zu verwandeln – in ein Bild, das mit<br />

Bedeutung, Schönheit und Emotion aufgeladen<br />

ist. Dass das möglich ist, ist doch<br />

immer wieder ein kleines Wunder. Die<br />

vermeintliche Leichtigkeit der Fotografie<br />

hat eben auch etwas sehr Trügerisches.<br />

Es scheint immer so einfach zu sein, ein<br />

halbwegs kompetentes Foto zu machen –<br />

heute mehr denn je. Dabei ist Fotografie<br />

ein eher schwieriges Medium. Vermutlich<br />

verrät dieser Widerspruch zwischen<br />

dem, was ein Foto ist, und dem, was die<br />

Leute darin sehen wollen, eine Menge<br />

Fotos: Wolfgang Tillmans/Courtesy Galerie Buchholz Berlin/Köln<br />

114 <strong>Cicero</strong> 03.2013


über die Widersprüche des Menschen an<br />

sich – über die Art und Weise, wie wir<br />

gemeinhin eben mit Realität umgehen.<br />

Auch Ihr jüngstes Projekt, „Neue Welt“,<br />

spielt mit diesem Widerspruch. Es versammelt<br />

Bilder von einer gut dreijährigen<br />

Reise um den halben Globus, die Sie unter<br />

anderem nach Nordafrika, Feuerland und<br />

Saudi-Arabien geführt hat. Was hat Sie<br />

eigentlich zu dieser Reise veranlasst?<br />

Davor hatte ich mich lange Zeit mit einer<br />

eher nicht gegenständlichen Fotografie<br />

beschäftigt; mit Bildern, auf denen etwa<br />

nur Strukturen zu sehen waren oder<br />

Farbflächen. Nach dieser Phase wuchs<br />

dann irgendwann der Wunsch, gegen die<br />

eigene Bildsprache anzugehen. Die permanente<br />

Gleichzeitigkeit des Geschehens<br />

in einer globalisierten Welt erschien mir<br />

damals als riesige, neue Herausforderung.<br />

<strong>Ich</strong> wollte mir von dieser ein eigenes Bild<br />

machen – in dem vollen Bewusstsein,<br />

dass dieses natürlich nie wirklich möglich<br />

ist. Aber es reichte mir nicht mehr, das<br />

nur von zu Hause aus zu betrachten.<br />

Also musste ich mich ganz altmodisch<br />

zu den anderen Orten und Realitäten<br />

hinbewegen.<br />

Hatten Sie vor Reisebeginn konkrete<br />

Etappenziele?<br />

Die Reise war zunächst vollkommen ungerichtet.<br />

Es war ein Projekt ohne Plan<br />

und ohne gewünschtes Resultat. Es war<br />

zum Beispiel nicht meine Absicht, Globalisierung<br />

oder Ausbeutung zu zeigen.<br />

<strong>Ich</strong> bin keinen Motiven gefolgt. Natürlich:<br />

Es gab gewisse Orte, die ich unbedingt<br />

sehen wollte. Papua-Neuguinea<br />

zum Beispiel oder Feuerland. Aber hinter<br />

diesen Namen verbargen sich vor allem<br />

Kindheitsfantasien. <strong>Ich</strong> war nicht auf<br />

der Suche nach etwas gewesen. <strong>Ich</strong> wollte<br />

nichts Bestimmtes finden. Vielleicht ist<br />

das einer der wesentlichen Unterschiede<br />

zur journalistischen Fotografie: Wenn<br />

man etwas sucht, ist das, was man dann<br />

findet, immer stark von dem beeinflusst,<br />

was man gesucht hat.<br />

Dennoch: Wer reist, hat Bilder im Kopf –<br />

Bildklischees von einer Welt, die in<br />

gewisser Weise längst „zu Tode fotografiert“<br />

ist. War es schwer, sich von diesen<br />

Klischees zu lösen?<br />

<strong>Ich</strong> habe diese Klischees gar nicht bewusst<br />

vermieden. Wenn man bewusst etwas<br />

vermeiden will, hat man es ja schon<br />

wieder im Kopf. Das ist generell meine<br />

Einstellung zu Popularität: Bestimmte<br />

Dinge sind megapopulär, weil sie gut<br />

sind. Michael Jackson zum Beispiel hat<br />

Millionen von Platten verkauft, weil er<br />

ein herausragender Künstler gewesen<br />

ist. Und so verhält es sich auch mit Bildern.<br />

Nur weil die Leute die Pyramiden<br />

von Gizeh fotografieren oder die Iguazu-Wasserfälle,<br />

muss ich nicht sagen:<br />

„Das kommt nicht auf meine Reiseliste.“<br />

Wäre ich so an die Sache herangegangen,<br />

hätte ich mich selbst unfreier als nötig<br />

gemacht. <strong>Ich</strong> fand es geradezu interessant<br />

zu sehen, dass manche berühmten<br />

Dinge eben in der Tat faszinierend sind.<br />

Und manchmal gelingt einem dann sogar<br />

ein interessantes Bild, manchmal<br />

eben nicht.<br />

Sie haben auch Bilder auf der Arabischen<br />

Halbinsel gemacht – in Dubai<br />

oder in Saudi-Arabien. Wie erlebt man<br />

diese Länder jenseits der medialen<br />

Nachrichtenfilter?<br />

Dschidda in Saudi-Arabien war für mich<br />

eine Art Augenöffner. Würde ich dort<br />

leben, befände ich mich ja als schwuler<br />

Mann stets in Lebensgefahr. Deshalb<br />

fahre ich natürlich nicht ohne Vorurteile<br />

an einen solchen Ort. Doch dann bin ich<br />

hier auf Menschen gestoßen, die in erster<br />

Linie zunächst einmal ihr Leben leben<br />

und glücklich sein wollen. An Sonntagnachmittagen<br />

sitzen sie zu Tausenden<br />

am Strand herum und picknicken. Sichtbar<br />

wird hier vor allem das, was uns als<br />

Menschen eint; nicht das, was uns vielleicht<br />

trennen mag. <strong>Ich</strong> denke, das ist das<br />

grundsätzlich Faszinierende am Reisen:<br />

Es ist immer ein Switchen zwischen dem<br />

total Anderen und dem Ähnlichen.<br />

Zudem gilt Reisen auch als eine Bewegung<br />

zwischen Weltfindung und Selbstfindung.<br />

Würden Sie sagen, dass Sie in<br />

gewisser Weise als verändert von diesen<br />

Reisen zurückgekehrt sind?<br />

Natürlich hat es meine eigene Position<br />

relativiert. Die Idee war ja, sich etwas<br />

sehr bewusst anzuschauen, das man zuvor<br />

nicht ge<strong>kann</strong>t hat. Und mal zu sehen,<br />

was dabei mit einem passiert. Normalerweise<br />

sehen wir ja immer nur Fragmente<br />

des Ganzen. In Kontexten, die gar nicht<br />

so weit weg sind, ist die Welt schon wieder<br />

eine vollkommen andere.<br />

Könnte man sagen, dass die Fotografien<br />

aus „Neue Welt“ weniger etwas über die<br />

Welt dort draußen erzählen als vielmehr<br />

etwas von dem, wie Sie als Künstler auf<br />

die Welt reagiert haben?<br />

Auf jeden Fall. Sie erzählen immer von<br />

den Absichten, die mich in die jeweilige<br />

Situation gebracht haben. Diese Absichten<br />

kommen auch in den Fotos immer irgendwie<br />

zum Ausdruck. Eine dieser Absichten<br />

ist es sicherlich auch gewesen, die<br />

Dinge so stehen lassen zu können, wie sie<br />

sich mir gezeigt haben, und sie nicht einzuordnen.<br />

Das ist für mich keine Gleichgültigkeit,<br />

sondern eine Position der<br />

Stärke. In meinen Bildern aus den neunziger<br />

Jahren bin ich ja ganz ähnlich vorgegangen.<br />

Auch damals schon ging es mir<br />

darum,Widersprüche und Ambivalenzen<br />

aufzuzeigen und in gewisser Weise stehen<br />

zu lassen. <strong>Ich</strong> denke, mehr <strong>kann</strong> das Zeitgenössische<br />

in der Kunst nicht leisten.<br />

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03.2013 <strong>Cicero</strong> 115<br />

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| S a l o n | F o t o g r a f i e<br />

Foto: Wolfgang Tillmans/Courtesy Galerie Buchholz Berlin/Köln<br />

Ein Basar war es<br />

im Jahre 2012, den<br />

Wolfgang Tillmans<br />

entdeckte und<br />

erfuhr. Sein Bild<br />

zeigt Menschen<br />

im friedlichen<br />

Handel, Rast<br />

suchend und Halt<br />

In der deutschen Fotokunst-Tradition<br />

indes scheint es mir einen sehr starken<br />

Drang zu Objektivierung und Ordnung zu<br />

geben. Dieser reicht von der Neuen Sachlichkeit<br />

bis zur frühen Fotoschule Bernd<br />

und Hilla Bechers. Sehen Sie es als Vorteil,<br />

dass Sie Ihr Studium zunächst in Großbritannien<br />

absolviert haben und somit früh in<br />

andere Kontexte hineingekommen sind?<br />

Das war keine strategische Entscheidung.<br />

<strong>Ich</strong> denke, in mir existieren nach<br />

wie vor beide Pole: der deutsche und<br />

der britische. Auch Einflüsse der Neuen<br />

Sachlichkeit sind ja in meinen Arbeiten<br />

erkennbar. <strong>Ich</strong> bin sicherlich mehr beeinflusst<br />

von Albert Renger-Patzsch als<br />

von Bill Brandt. Auch habe ich nie eine<br />

Opposition zur Becher-Schule verspürt.<br />

<strong>Ich</strong> habe lediglich gedacht, dass ich das<br />

nicht mehr machen muss. Es ist vielleicht<br />

ein Vorteil, kein Teil einer Schule<br />

zu sein. Dann gibt es auch keine Väter,<br />

die man auf dem eigenen Weg überwinden<br />

müsste. Meine Vorbilder waren eher<br />

„New Order“, Laurie Anderson oder<br />

„Soft Cell“. Auch wenn das viele vielleicht<br />

gar nicht gesehen haben.<br />

Das heißt, Sie haben Ihre Inspiration<br />

zunächst eher in der Popmusik denn in der<br />

Bildenden Kunst gesehen?<br />

Die Plattencover von „New Order“ waren<br />

sicherlich bestimmende Inspirationsquellen<br />

für mich; ebenso das Underground-Leben,<br />

wie es etwa „Soft Cell“<br />

in ihrer Musik geschildert haben. Auch<br />

die Art, wie Laurie Anderson oder Jenny<br />

Holzer Medien zur Gefühls- und Bedeutungserzeugung<br />

nutzten, war wichtig für<br />

mich. Niemand von diesen Künstlern arbeitete<br />

natürlich explizit mit Fotografie.<br />

Aber das <strong>alles</strong> hatte Einfluss auf mich<br />

und auf die Art, wie ich über das Kunstmachen<br />

dachte.<br />

Sie schauen mittlerweile auf eine gut<br />

25‐jährige künstlerische Entwicklung<br />

zurück. Die Kunstsammlung Nordrhein-<br />

Westfalen hat das unter anderem zum<br />

Anlass genommen, Ihr Werk nun in einer<br />

Übersichtsschau zu würdigen. Verändert<br />

der zeitliche Abstand den Blick auf das<br />

eigene Schaffen?<br />

<strong>Ich</strong> habe meine Entwicklungen immer<br />

als Evolution und nicht als Revolution<br />

verstanden. Vieles – etwa mein Schritt<br />

hin zu den abstrakten Arbeiten – mag<br />

von außen her betrachtet vielleicht wie<br />

ein Bruch erscheinen. <strong>Ich</strong> glaube indes,<br />

dass die Anlage dazu auch schon in vorangegangenen<br />

Arbeiten zu sehen gewesen<br />

ist. Im Nachhinein habe ich auch<br />

nicht den Eindruck, dass ich irgendeine<br />

meiner „Phasen“ bereuen oder unterdrücken<br />

müsste. In der Düsseldorfer Ausstellung<br />

gibt es keine Phase, die ich bewusst<br />

aussparen müsste. Es ist ein großes Privileg,<br />

meine Arbeit in dieser Breite zeigen<br />

zu können, und das auch noch in Düsseldorf.<br />

<strong>Ich</strong> bin ja in Remscheid groß geworden<br />

– in einer Stadt, die nur 45 Autominuten<br />

von Düsseldorf entfernt ist. In<br />

Düsseldorf habe ich einst erste Schritte in<br />

die Kunst und ins Nachtleben unternommen.<br />

<strong>Ich</strong> erinnere mich noch sehr gut an<br />

einige Ausstellungen, die ich damals in<br />

der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen<br />

gesehen habe. Jetzt, gut 30 Jahre später,<br />

in derselben Institution ausstellen zu<br />

dürfen, ist schon etwas Besonderes.<br />

Das Gespräch führte Ralf Hanselle<br />

116 <strong>Cicero</strong> 03.2013


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| S a l o n | 1 9 3 3 – u n t e r w e g s i n d i e D i k t a t u r<br />

Republik unter Feuer<br />

Vor 80 Jahren brannte der Reichstag. Unmittelbar danach wurden die Bürgerrechte<br />

<strong>außer</strong> Kraft gesetzt. Die Demokratie war damit beendet. Zweite Folge einer Serie<br />

von Philipp Blom<br />

B<br />

is heute schwelt der Streit<br />

darüber, wer es war. Die Kandidaten<br />

sind: Marinus van der<br />

Lubbe, ein holländischer Hilfsarbeiter<br />

und serieller Brandstifter<br />

im Namen der Weltrevolution, der<br />

sich am Tatort widerstandslos festnehmen<br />

ließ; ein kommunistisches Kommando<br />

oder aber einige anonyme SA-Leute, die<br />

entweder im Auftrag der Partei oder sogar<br />

auf eigene Faust handelten. Wer hat in der<br />

Nacht vom 27. Februar 1933 wirklich den<br />

Reichstag angezündet?<br />

Van der Lubbe ist ein typischer Verlierer<br />

der Geschichte. 24 Jahre alt, früh verwaist,<br />

alleinstehend, arbeitslos, rastlos und<br />

sehr, sehr wütend. Bei einer Schlägerei auf<br />

einer Baustelle waren seine Augen mit ungelöschtem<br />

Kalk verätzt worden. Er sah<br />

deshalb schlecht. Dafür bekam er in seiner<br />

Heimatstadt Leiden eine Invalidenrente<br />

von sieben Gulden pro Woche. Als<br />

er im Januar 1933 nach Berlin reiste, kam<br />

er gerade aus einer Augenklinik. Seine politischen<br />

Überzeugungen waren kommunistisch<br />

oder anarchistisch, er war politisch<br />

engagiert, gehörte aber keiner Partei<br />

an. Heute wäre er der ideale Rekrut für<br />

eine Terrororganisation.<br />

Für seine Täterschaft spricht, dass er<br />

zweimal Berlin besucht (einmal hatte er<br />

den Weg zu Fuß zurückgelegt) und dort<br />

Kommunisten aufgefordert hatte, ein revolutionäres<br />

Fanal zu entfachen. Er gab auch<br />

zu, schon zwei Tage früher drei kleinere<br />

Feuer an öffentlichen Gebäuden gelegt zu<br />

haben. Im Verhör gestand er die Brandstiftung<br />

im Reichstag. Adolf Hitlers Stoßseufzer<br />

in der Brandnacht, „gebe Gott, dass<br />

dies das Werk der Kommunisten ist“, lässt<br />

eine nationalsozialistische Verschwörung<br />

ebenfalls als unwahrscheinlich erscheinen.<br />

Auch Joseph Goebbels zeigte sich in seinen<br />

Tagebüchern überrascht.<br />

willkür und Notstandsverordnung<br />

Gegen van der Lubbe aber spricht, dass<br />

der Brand im Reichstagsgebäude eben<br />

keine improvisierte Zündelei war, sondern<br />

fachmännisch durchgeführt wurde,<br />

wahrscheinlich mit mehreren Brandherden.<br />

Diente der Kommunist und gewaltbereite<br />

Brandstifter Marinus van der Lubbe<br />

als geradezu idealer Sündenbock? War er<br />

am Ende sogar von nationalsozialistischen<br />

Provokateuren angestiftet<br />

und unterstützt worden? Anno<br />

Auch der Prozess konnte<br />

die Frage nach der Täterschaft<br />

nicht eindeutig klären.<br />

Van der Lubbe verwickelte<br />

sich zwar in Widersprüche,<br />

hielt aber an seiner Alleintäterschaft<br />

fest. Wollte er vielleicht den<br />

Ruhm für sich allein? Am 23. November<br />

1933, in der 42. Sitzung, forderte er das<br />

Gericht auf, ihn allein zu verurteilen: „<strong>Ich</strong><br />

<strong>kann</strong> bloß zugeben, dass ich den Brand allein<br />

gelegt habe, aber mit der Entwicklung<br />

des Prozesses bin ich nicht einverstanden.<br />

<strong>Ich</strong> verlange jetzt von dem Senat, dass ich<br />

eine Strafe bekomme; was hier geschieht,<br />

ist ein Verrat an den Menschen, an der Polizei,<br />

an der kommunistischen und nationalsozialistischen<br />

Partei. <strong>Ich</strong> verlange hier,<br />

dass ich mit Gefängnis oder mit dem Tode<br />

bestraft werde.“<br />

Außer Zweifel stehen die Konsequenzen<br />

des Reichstagsbrands. Die neue, nationalsozialistische<br />

Regierung schien von dem<br />

1933<br />

Als Deutschland die<br />

Demokratie verlor<br />

Brand überrascht, ergriff aber ohne Zögern<br />

die Gelegenheit, die Weimarer Verfassung<br />

im Namen der öffentlichen Ordnung und<br />

des Kampfes gegen den Bolschewismus <strong>außer</strong><br />

Kraft zu setzen. Die „Verordnung des<br />

Reichspräsidenten zum Schutz von Volk<br />

und Staat“ vom 28. Februar 1933, dem<br />

Tag nach dem Brand, schaffte Bürgerrechte<br />

wie freie Meinungsäußerung, Pressefreiheit,<br />

Versammlungsfreiheit, Postgeheimnis, den<br />

juristischen Beistand für Staatsgefangene<br />

und den Föderalismus praktisch ab und<br />

ersetzte sie durch staatliche Willkür. Ab<br />

jetzt regierte Hitler per Notstandsverordnung.<br />

Das demokratische Experiment<br />

der Weimarer Republik<br />

war damit beendet.<br />

Hitler und andere Regierungsmitglieder<br />

gingen<br />

augenscheinlich von einem<br />

kommunistischen Aufstand<br />

vor den Reichstagswahlen am<br />

5. März aus und überschätzten<br />

wohl auch die militärische Gefahr<br />

einer bereits geplanten Revolution, die<br />

von der Kommunistischen Partei ausging.<br />

Noch in der Brandnacht entschlossen sie<br />

sich zum Präventivschlag. Hitler gab sogar<br />

den Befehl, alle kommunistischen Reichstagsabgeordneten<br />

aufzuhängen. Wie viele<br />

seiner impulsiven Anordnungen wurde<br />

auch diese nicht in die Tat umgesetzt.<br />

ein Kleines, gemeines Gesetz<br />

Trotzdem machten die Nationalsozialisten<br />

ernst. Am Tag nach dem Brand wurden<br />

rund 1500 kommunistische Funktionäre<br />

und andere Oppositionelle festgenommen<br />

und in Gefängnisse oder improvisierte<br />

Haftlager gebracht. Unter ihnen<br />

118 <strong>Cicero</strong> 03.2013


Rund drei Stunden loderten die Flammen und legten nicht nur ein Gebäude in Asche. In den Morgenstunden des<br />

28. Februar 1933 war die Weimarer Republik bereits Geschichte. Die Diktatur stieg aus dem Rauch empor<br />

Fotos: Interfoto, Peter Rigaud (Autor); Grafik: <strong>Cicero</strong><br />

waren Rudolf Bernstein, Egon Erwin<br />

Kisch, Erich Mühsam, Carl von Ossietzky<br />

und Walter Stoecker. Die Verhaftungswelle<br />

rollte weiter, in den nächsten Wochen wurden<br />

allein in Preußen noch weitere circa<br />

100 000 Kommunisten und Sympathisanten<br />

ohne konkrete Anklage verhaftet. Vor<br />

der Reichstagswahl wollte die nationalsozialistische<br />

Führung die Gefahr an der Urne<br />

neutralisieren. Auch oppositionelle Zeitungen<br />

und Wahlwerbung wurden verboten.<br />

Die NSDAP sollte die Wahl mit satten<br />

43,9 Prozent gewinnen. Der Wahltag<br />

war einer der blutigsten der deutschen Geschichte:<br />

69 Menschen starben bei Zusammenstößen<br />

zwischen SA und Kommunisten,<br />

Hunderte wurden verletzt.<br />

Und van der Lubbe? Für ihn erließ die<br />

Regierung am 29. März ein kleines, gemeines<br />

Gesetz. Das „Gesetz über Verhängung<br />

und Vollzug der Todesstrafe“ legte fest, dass<br />

die „Verordnung des Reichspräsidenten<br />

zum Schutz von Volk und Staat“ auch auf<br />

Taten zwischen dem 31. Januar und dem<br />

28. Februar anwendbar sei. Damit wurde<br />

es möglich, den Angeklagten zum Tode<br />

zu verurteilen. Brandstiftung war bis dahin<br />

kein Kapitalverbrechen gewesen.<br />

Der Prozess wurde unter den Augen der<br />

misstrauischen Weltöffentlichkeit breit aufgerollt.<br />

Eine umfassende kriminalistische<br />

Untersuchung war zu unklaren Ergebnissen<br />

zur Anzahl der Brandherde und der Täter<br />

gekommen. Van der Lubbe wurde ausführlich<br />

vernommen. Ein psychiatrisches<br />

Gutachten bescheinigte ihm volle Zurechnungsfähigkeit.<br />

Sein Gutachter hieß Karl<br />

Bonhoeffer und tat sich später als Verfechter<br />

der Zwangssterilisierung „erbkranker“<br />

Menschen hervor. Auch einen „Halbjuden“<br />

stufte er als erbkrank ein und empfahl<br />

dessen Sterilisierung. Sein Sohn, der<br />

Theologe Dietrich Bonhoeffer, wurde am<br />

9. April 1945 auf persönlichen Befehl Hitlers<br />

hingerichtet.<br />

Während der Verhandlung schien<br />

Marinus van der Lubbe meist apathisch<br />

und benommen, was Beobachter zu der<br />

Vermutung veranlasste, er sei sediert oder<br />

sogar vergiftet worden. Bei der Urteilsbegründung<br />

schlief er ein. Seine vier Mitangeklagten,<br />

der kommunistische Politiker Ernst<br />

Togler sowie drei bulgarische Kommunisten,<br />

wurden aus Mangel an Beweisen freigesprochen.<br />

Auch gegen van der Lubbe lagen neben<br />

seinen oft widersprüchlichen Aussagen<br />

und seiner Festnahme am Tatort keine konkreten<br />

Tatbeweise vor. Trotzdem wurde er<br />

zum Tode verurteilt. Am 10. Januar 1934,<br />

vier Tage vor seinem 25. Geburtstag, wurde<br />

er in Leipzig mit der Guillotine enthauptet.<br />