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Matrix3000 Der Weg zum Ritter (Spezialheft) (Vorschau)

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M<br />

ATRIX3000<br />

History<br />

MATRIX<br />

NEU 84 Seiten<br />

History Special<br />

Ein<br />

Romanow<br />

im Kreml?<br />

3000<br />

History<br />

ISSN 14394154 / ISBN 978-3-89539-874-2<br />

N r . 1 / 6 , 5 0 E U R<br />

Österreich<br />

Schweiz<br />

Luxemburg<br />

7,20 EUR<br />

12,80 SFR<br />

7,60 EUR<br />

Spezial<br />

Autoren in diesem Heft:<br />

Franz Bludorf<br />

Grazyna Fosar<br />

Gernot L. Geise<br />

Ulrich Heerd<br />

Ralf Lehnert<br />

Johannes Paul<br />

Thomas <strong>Ritter</strong><br />

Roland Roth<br />

Roland Rottenfußer<br />

Annette Wallbruch<br />

Protestsong und Minnelied<br />

Das<br />

Geheimnis<br />

der<br />

Templer<br />

Die<br />

Wahrheit<br />

über die<br />

Hexen<br />

Uraltes<br />

Evangelium<br />

aus<br />

Äthiopien<br />

<strong>Der</strong> <strong>Weg</strong><br />

<strong>zum</strong> <strong>Ritter</strong><br />

Geschichte des Geldes<br />

Die Magie der Menhire - Megalithkultur in Deutschland


David Hatcher Childress<br />

Technologie der<br />

Götter<br />

€ 26,90 (D) € 27,70 (A)<br />

ISBN: 978-3-89539-234-4<br />

<strong>Der</strong> Autor führt uns in die erstaunliche<br />

Welt der antiken Technologie,<br />

er untersucht die gewaltigen Bauten<br />

aus riesigen Steinblöcken und viele<br />

erstaunliche Fundstücke aus aller<br />

Welt, von Kristalllinsen sog. "Ewigen<br />

Feuern" und elektrischer Beleuchtung<br />

Dieses Buch liefert eindeutige Beweise,<br />

dass auch schon längst<br />

untergegangene Zivilisationen eine<br />

fortschrittliche Technologie besessen<br />

haben, welche der heutigen teilweise<br />

sogar weit überlegen war. Es gibt<br />

unwiderlegbare Beweise, dass die<br />

Menschen der Antike technische Leistungen<br />

vollbracht haben, welche wir<br />

nicht einmal mit der heutigen Technik<br />

nachahmen können.<br />

Grazyna Fosar / Franz Bludorf<br />

Zeitfalle<br />

€ 24,80 (D) € 25,50 (A)<br />

ISBN: 978-3895393860<br />

In diesem Buch erfahren Sie, wie der Code<br />

der Weltgeschichte funktioniert:<br />

"Projekt Fatima" - ein Programm für die<br />

Weltpolitik bis ins 21. Jahrhundert.<br />

Welche Rolle spielt Papst Johannes Paul II.?<br />

Ein keltisches Ritual verfolgt den Kennedy-Clan.<br />

Lady Diana gab es zwei Mal, und beide waren<br />

dem Prince of Wales versprochen!<br />

"Schatten über dem Weißen Haus"<br />

- alle 20 Jahre starb ein Präsident im Amt.<br />

Fraktale Zeit - gebrochen, sprunghaft<br />

und verzerrt.<br />

Kosmische Einfl üsse auf die Lichtwelle<br />

unserer DNA.<br />

Kulturen mit Verfallsdatum.<br />

Geheimlogen, Rituale, rekursive und<br />

progressive Zeitvariablen u.v.m.<br />

<strong>Der</strong> beste <strong>Weg</strong>, die Zukunft zu erkennen,<br />

ist, sie zu gestalten!<br />

Gernot L. Geise<br />

Superflut über Ägypten -<br />

Die Pyramiden standen<br />

unter Wasser!<br />

ca. 272 Seiten<br />

€ 25,90 (D) € 26,60 (A) CHF 43,90<br />

ISBN: 978-3-89539-626-7<br />

Warum verschweigen uns die Ägyptologen,<br />

dass Ägypten von einer katastrophischenSuperfl<br />

ut überrollt wurde? Und<br />

zwar nicht etwa vor 10.000 Jahren, wie<br />

es einige dem Sphinx andichten, sondern<br />

in jüngerer Zeit. Die Gizeh-Pyramiden<br />

sollen lt. Ägyptologie vor rund 4500<br />

Jahren gebaut worden sein. Die große<br />

Superfl ut-Katastrophe kam jedoch danach,<br />

und zwar vor rund 1300 Jahren, als<br />

die Pyramiden und Tempelanlagen schon<br />

standen! Die Flut-Auswirkungen sind so<br />

offensichtlich, dass man sich wundern<br />

muss, dass darüber bisher geschwiegen<br />

wird! Das alles wird mit Bildmaterial belegt.<br />

Erich Neumann<br />

Formenenergie -<br />

Inspiration der<br />

Vorzeit<br />

€ 20,90 (D) € 21,50 (A) CHF 36,50<br />

ISBN: 978-3-89539-618-2<br />

Wir befi nden uns auf dem <strong>Weg</strong><br />

zu einer behinderten Gesellschaft.<br />

Zerbrechende Familien, steigende<br />

Gewaltbereitschaft und eine<br />

auffällige Zunahme von psychischen<br />

Störungen bei Kindern,<br />

Jugendlichen und Erwachsenen<br />

kennzeichnen die Situation unserer<br />

Gesellschaft. Möglicherweise<br />

unterscheiden sich wir uns alle nur<br />

durch den Grad des Handicaps.<br />

Childress / Shaver<br />

Versunkene<br />

Kontinente<br />

€ 23,90 (D) € 24,60 (A)<br />

ISBN: 978-3-89539-253-5<br />

Ein Buch <strong>zum</strong> Thema Hohle Erde,<br />

Hohlwelt, Innere Erde, Atlantis.<br />

Das Standartwerk von Richard S.<br />

Shaver von 1948 über das alte<br />

Lemuria und Beiträge von David<br />

Hatcher Childress über das Shaver-<br />

Geheimnis, auf der Suche nach der<br />

hohlen Erde, UFOs und Antartika, Die<br />

Tunnelsysteme im Untergrund von<br />

Südamerika und über die unterirdische<br />

Welt von Zentralasien.<br />

Gernot L. Geise<br />

Das keltische<br />

Nachrichtensystem<br />

€ 21,90 (D) € 22,50 (A)<br />

ISBN 978-3-89539-606-9<br />

Das geheime Nachrichtensystem der Kelten,<br />

Keltenschanzen, Hügelgräber, Externsteine,<br />

Ludrenplätze... Warum hat beispielsweise<br />

Karl der Große vierzig Jahre lang vergeblich<br />

versucht, die Sachsen zu überfallen? Wann<br />

und woher er auch anrückte, immer waren<br />

sie rechtzeitig vorgewarnt, so dass sie seine<br />

Angriffe zurückschlagen konnten. Das war<br />

nur durch ein überregionales Nachrichtensystem<br />

möglich. Die europäische Gesellschaft<br />

für Frühgeschichtliche Technologie und<br />

Randgebiete der Wissenschaft EFODON<br />

e.V. hat in ihren Forschungen das ehemalige<br />

keltische Nachrichtensystem entdeckt und<br />

rekonstruiert, von dem die Schulwissenschaft<br />

noch nicht einmal weiß, dass es ein<br />

solches gab!<br />

Geise / Prahl<br />

Auf der Suche<br />

nach der Mutterkultur<br />

€ 24,90 (D) € 25,60 (A) CHF 42,90<br />

ISBN: 978-3-89539-620-5<br />

Gab es vor tausenden von Jahren -<br />

noch bevor von den großen Kulturen<br />

am Indus, Nil und Euphrat & Tigris die<br />

Rede war - eine Mutterkultur, von der<br />

die Grundidee der Hochkultur ausging?<br />

Und wenn ja: Woher kam sie und hat sie<br />

ihre Spuren auf der Erde hinterlassen?<br />

Und was haben all die Fragen mit der<br />

(inzwischen wohl unhaltbaren) These<br />

einer Besiedelung Amerikas über die<br />

Beringstraße zu tun? Das Buch gibt<br />

verblüffende Antworten. Basierend auf<br />

den neuesten archäologischen Erkenntnissen<br />

kommen die Autoren zu aufsehenerregenden<br />

Schußfolgerungen.<br />

Armin Naudiet<br />

Eiszeit und Sintflut<br />

€ 24,90 (D) € 25,60 (A) CHF 42,90<br />

ISBN: 978-3-89539-624-3<br />

Armin Naudiet vertritt die Auffassung,<br />

dass es in der Vor- und Frühgeschichte<br />

zu erdumspannenden Katastrophen<br />

kam, die sich in den Mythen der Völker<br />

wieder fi nden lassen. Dadurch, dass die<br />

Erdachse einen anderen Neigungswinkel<br />

als heute hatte, unterschied sich auch die<br />

damalige Zeitrechnung von der heutigen.<br />

Deshalb ist der Autor der Ansicht, dass<br />

die wissenschaftlichen Datierungshilfen<br />

nicht auf die Vor- und Frühgeschichte<br />

anwendbar sind. Dennoch wurden aber<br />

historische Angaben in das heutige Schema<br />

gepresst, wodurch Geschichtsepochen<br />

künstlich verlängert, Geisterreiche<br />

erdacht und dunkle Zeitalter erfunden<br />

wurden.<br />

Bestelltelefon: 08861 - 5 90 18, E-mail: Info@michaelsverlag.de<br />

MICHAELS VERLAG & VERTRIEB GMBH, Ammergauer Strasse 80, D-86971 Peiting, Fax: 08861 - 6 70 91


Editorial<br />

Franz Bludorf, Chefredakteur<br />

„Memories are made of this.“ Wozu sollten wir eigentlich<br />

unsere Geschichte kennen? Ist es heutzutage nicht genug,<br />

wenn man einen Computer und eine PIN-Nummer besitzt?<br />

Nein. Unsere Geschichte hat von ihrer Faszination nichts<br />

verloren, und das bezieht sich nicht nur auf eine bestimmte<br />

Epoche. Wir sind ein Produkt dieser Geschichte, und das<br />

bedeutet, daß wir diese „Memories“ in uns tragen.<br />

Geschichte ist keine exakte Naturwissenschaft, und sie<br />

ist auch kein Ausdruck der „Wahrheit“. Nehmen wir z. B.<br />

das Mittelalter. Für manche war es eine finstere Zeit voller<br />

Kriege, Elend, gesellschaftlicher Ungerechtigkeit und religiösem<br />

Fanatismus. Für andere war es eine romantische<br />

Epoche voller edler <strong>Ritter</strong>, schöner Frauen und spannender<br />

Abenteuer, eine Zeit, in der Ehre, Treue und Anstand noch<br />

etwas zählten. <strong>Ritter</strong>festspiele und mittelalterliche Jahrmärkte<br />

schießen land auf, landab wie Pilze aus dem Boden.<br />

Sie sollen mittelalterliches Lebensgefühl, traditionelle<br />

Handwerkskunst, Darbietungen von Musikanten und Gauklern<br />

vor unseren Augen wieder lebendig er stehen lassen.<br />

Geschichte wird von Menschen gemacht, die ihre eigenen<br />

Ziele und Wertvorstellungen im Auge haben. Sie ist nicht<br />

statisch. Im Zuge der Veränderungen unserer heutigen<br />

Gesellschaft verändert sich auch unsere Geschichte. Das<br />

ist keine Science Fiction. Man kann unsere Vergangenheit<br />

korrigieren, und das geschieht sogar ständig. Ein Historiker<br />

würde sagen, man muß die Geschichte hinterfragen<br />

und eventuell neu bewerten.<br />

Gönnen wir uns den Spaß, ein paar Episoden aus unserer<br />

Geschichte herauszupicken und sie genauer zu betrachten.<br />

Stellen wir uns vor, daß wir uns wie Zeitreisende in beliebige<br />

historische Epochen begeben können. Wir haben so<br />

viele Fragen, daß sie nicht alle auf einmal beantwortbar<br />

sind. Waren die Templer etwa Hüter eines gefährlichen Geheimwissens<br />

und mußten deswegen unschädlich gemacht<br />

werden? Oder waren sie als erste „Global Players“ der Geschichte<br />

zu mächtig geworden? Hätten Sie gewußt, daß es<br />

im Mittelalter eine wirtschaftliche Blütezeit gab, die einer<br />

weitgehend zinsfreien Finanzwirtschaft zu verdanken war?<br />

Oder daß Galilei und der Papst eigentlich Freunde waren?<br />

Worin bestand dann das „kleine Mißverständnis“, das den<br />

großen Wissenschaftler vor das Tribunal der Inquisition<br />

brachte? Starb die letzte Zarenfamilie tatsächlich 1918 in<br />

einer einzigen Nacht? Wenn nicht, wer hatte dann ein Interesse<br />

daran, sie – <strong>zum</strong>indest im Bewußtsein der Öffentlichkeit<br />

– zu begraben? Leben Nachkommen des Zaren bis<br />

heute? Eine spektakuläre Hypothese, für die es aber verblüffende<br />

Indizien gibt.<br />

Unser History-Special liefert Ihnen den Stoff, aus dem Geschichte<br />

wirklich gemacht wird. Er besteht nicht so sehr<br />

aus nüchternen Daten von Schlachten oder Fürstenhochzeiten<br />

als vielmehr gerade aus den kleinen und großen<br />

Begebenheiten aus dem Alltag früherer Menschen, die uns<br />

bis heute noch prägen. Wir brauchen unsere Vergangenheit,<br />

unsere Wurzeln, denn ohne sie können wir den <strong>Weg</strong> in<br />

die Zukunft nicht beschreiten. Jeden Tag treffen wir neue<br />

Entscheidungen und schreiben damit die Fortsetzung unserer<br />

Geschichte.<br />

History MATRIX 3000 3


Inhalt<br />

28<br />

Mittelalterliche Barden<br />

und ihre Zeit<br />

Entertainer, Höfling, gesellschaftskritischer Satiriker, Guru und Liebender – die<br />

Figur des Barden ist schillernd und wird durch allerlei Klischees überlagert. Barden,<br />

Troubadoure und Minnesänger hatten eine klar umrissene gesellschaftliche Funktion.<br />

Immer wieder erhoben sich aus ihren Reihen jedoch Genies, die die Moralvorstellungen<br />

ihres Zeitalters herausforderten, deren Leidenschaft und Scharfsinn die Jahrhunderte<br />

überdauerten.<br />

48<br />

Money<br />

makes the world go round…<br />

Jede komplexe und arbeitsteilige Gesellschaft braucht ein universelles<br />

und allgemein anerkanntes Tauschmittel. In früherer<br />

Zeit erfüllten diese Funktion Muscheln, Perlen, Edelsteine, Tontafeln,<br />

Getreide, Gewürze, Tierzähne, Schildkrötenschalen, Felle,<br />

Tücher und Waffen. Im 7. Jahrhundert vor Christus haben die<br />

Lydier, die an der heute zur Türkei gehörenden Mittelmeerküste<br />

- gegenüber den griechischen Inseln Lesbos, Chios und Samos -<br />

lebten, als erstes Volk Münzen aus Silber und Gold geschlagen.<br />

Ihr damaliger König hieß Krösus - daher die bekannte Redewendung.<br />

Es war der Beginn einer nicht immer positiven Erfolgsgeschichte<br />

des Geldes.<br />

<strong>Der</strong> <strong>Weg</strong><br />

<strong>zum</strong> <strong>Ritter</strong><br />

Um <strong>Ritter</strong> zu werden, bedurfte<br />

es einer langjährigen Vorbereitung.<br />

Es ging nicht nur um<br />

Kampfkunst, sondern um Ehre,<br />

Anstand, Gott und die Werte<br />

der christlichen Religion. Sich<br />

galant zu verhalten, Höflichkeit<br />

und höfische Sitten lernten die<br />

Knaben bei den Edelfrauen, denen<br />

sie bis <strong>zum</strong> 14. Lebensjahr<br />

zugeordnet waren. Ihre Lehrmeister<br />

waren meist Privatgelehrte,<br />

Geistliche oder altgediente<br />

Knappen. Eine wirkliche<br />

Bildung im heutigen Sinne war<br />

das nicht, sie wurden vor allem<br />

in biblischer Geschichte und<br />

über die Sagen- und Mythenwelt<br />

unterrichtet.<br />

22<br />

History<br />

Special<br />

Inhalt<br />

Franz Bludorf<br />

Ein Romanow im Kreml?<br />

Neue Spuren über das Schicksal<br />

der Zarenfamilie 6<br />

Grazyna Fosar<br />

Geheimcode der Geschichte<br />

oder: Geschichte der Geheimcodes…<br />

oder: Eine Zeitreise von Caesar<br />

<strong>zum</strong> Quantencomputer 14<br />

Roland Roth<br />

Die Magie der Menhire<br />

Zeugen der Megalithkultur in Deutschland 18<br />

Ulrich Heerd<br />

<strong>Der</strong> <strong>Weg</strong> <strong>zum</strong> <strong>Ritter</strong><br />

Ein <strong>Weg</strong> der Einweihung und der Abenteuer 22<br />

Roland Rottenfußer<br />

Protestsong und Minnelied<br />

Mittelalterliche Barden und ihre Zeit 28<br />

Thomas <strong>Ritter</strong><br />

Das Geheimnis der Templer 34<br />

Annette Wallbruch<br />

Leben im Mittelalter<br />

Feudalherren, Bischöfe und Leibeigene 42<br />

Johannes Paul / Ralf Lehnert<br />

Money makes the world<br />

go round…<br />

Von der wechselvollen Geschichte<br />

des schnöden Mammons 48<br />

Gernot L. Geise<br />

Hexen<br />

Die Wahrheit über die weisen Frauen 54<br />

Grazyna Fosar / Franz Bludorf<br />

Galileo, der Papst und die Bienen 60<br />

4<br />

MATRIX 3000 History


34<br />

66<br />

Das Geheimnis<br />

der Templer<br />

Um die Existenz des Templerordens<br />

ranken sich zahlreiche Mythen und<br />

Legenden. Kein anderer der geistlichen<br />

<strong>Ritter</strong>orden ist mit einem<br />

solchen Nimbus des Geheimnisvollen<br />

und Übernatürlichen umgeben.<br />

Zweihundert Jahre lang - vom 12. bis<br />

<strong>zum</strong> Beginn des 14. Jahrhunderts<br />

- prägten die Templer das abendländische<br />

Geistes- und Kulturleben<br />

entscheidend mit. Als Wirtschaftsund<br />

Finanzmacht waren sie zu ihrer<br />

Zeit unübertroffen. Es heißt, daß der<br />

Orden zu seiner Zeit die Errichtung<br />

der riesigen Kathedralen finanzierte,<br />

deren Architektur ein ganzes<br />

Zeitalter kennzeichnete. Militärische<br />

Schlagkraft, Effizienz und ein<br />

ausgeprägter Korpsgeist ließen die<br />

Templer zu einer Elite werden, die<br />

ihresgleichen im Abendland suchte.<br />

Inhalt<br />

Kostbare Schriften<br />

In Äthiopien wurden zwei uralte Bücher mit den vier Evangelien entdeckt. Ihre<br />

prachtvoll ausgestatteten Einbände sind die ältesten erhaltenen Buchcover<br />

der Welt. <strong>Der</strong> Legende nach soll der Mönch Abba Garima die Bücher an einem<br />

einzigen Tag niedergeschrieben haben. Es heißt, Gott habe ihm dabei geholfen,<br />

indem er die Sonne anhielt und damit den Tag so lange verlängerte, bis<br />

Abba Garima seine Arbeit beendet hatte.<br />

Ein Romanow<br />

im Kreml?<br />

Nach dem Untergang der Sowjetunion gab es Pläne, wieder einen<br />

Zaren als Identifi kationsfi gur für das vom Zerfall bedrohte<br />

Riesenreich einzusetzen. Doch das Vorhaben scheiterte. Heute<br />

residiert im Kreml Präsident Dmitrij Medwedew, doch es gibt<br />

Anhaltspunkte, daß dadurch auch die Romanows an ihre alte<br />

Wirkungsstätte zurückgekehrt sein könnten. Die Behauptung<br />

klingt abenteuerlich, aber einige Indizien sind verblüffend.<br />

Könnte Medwedew tatsächlich ein Urenkel des letzten Zaren<br />

sein? Nach offizieller Geschichtsschreibung wurde die Zarenfamilie<br />

nach der Oktoberrevolution von den Bolschewisten<br />

erschossen. Demzufolge dürfte es von ihnen also heute auch<br />

keine direkten Nachkommen geben.<br />

6<br />

Grazyna Fosar<br />

Kostbare Schriften<br />

Ältestes Evangelium der Welt<br />

in Äthiopien entdeckt 66<br />

Das Wessobrunner Gebet<br />

Das älteste erhaltene Gedicht<br />

in deutscher Sprache 72<br />

Die Tabula Smaragdina<br />

Die Smaragdene Tafel des Hermes Trismegistos<br />

Das überlieferte Wissen der Alten Welt 74<br />

Rubriken<br />

Editorial 3<br />

Buchempfehlungen 13<br />

Abo 40<br />

<strong>Vorschau</strong> 82<br />

Impressum 82<br />

Roland Rottenfußer<br />

Kostümierte Gegenwart<br />

Eine kurze Geschichte<br />

des Geschichtsfilms 76<br />

History MATRIX 3000 5


Präsident Medwedew<br />

Ein Romanow im Kreml?<br />

Zar Nikolaus )).<br />

Dmitrij Medwedew<br />

Neue Spuren über das Schicksal der Zarenfamilie<br />

Franz Bludorf<br />

Nach dem Untergang der Sowjetunion strebten mehrere russische Parteien<br />

eine konstitutionelle Monarchie an und planten, einen Zaren als<br />

Identifikationsfigur für das vom Zerfall bedrohte Riesenreich wieder<br />

einzusetzen. Doch das Vorhaben scheiterte, nicht zuletzt daran, daß der damalige<br />

Thronfolger, Großfürst Wladimir Kirillowitsch Romanow, Sohn eines<br />

Cousins des letzten Zaren, ganz plötzlich und unerwartet starb.<br />

Heute residiert im Kreml Präsident Dmitrij Medwedew, doch in jüngster<br />

Zeit ergaben sich Anhaltspunkte, daß dadurch auch die Romanows an ihre alte<br />

Wirkungsstätte zurückgekehrt sein könnten. Sozusagen durch die Hintertür.<br />

Die Behauptung klingt abenteuerlich, aber einige Indizien sind verblüffend.<br />

Könnte Dmitrij Medwedew tatsächlich ein Urenkel des letzten Zaren sein?<br />

Wenn das stimmen sollte, dann wäre er – <strong>zum</strong>indest nach offizieller Geschichtsschreibung<br />

– ein Mann, der niemals geboren wurde. Wie wir alle im<br />

Geschichtsunterricht gelernt haben, wurde die Familie des letzten Zaren nach<br />

der Oktoberrevolution von bolschewistischen Soldaten erschossen. Demzufolge<br />

dürfte es von ihnen also heute auch keine direkten Nachkommen geben.<br />

Die Schicksalsnacht der<br />

Romanows<br />

Jekaterinburg, Juli 1918. Bei strömendem<br />

Regen wälzt sich der kleine<br />

Treck über matschige Straßen in<br />

die nächtliche Stadt hinein. Auf Leiterwagen,<br />

schutzlos den Unbilden<br />

der Witterung ausgesetzt, sitzen<br />

der letzte Zar von Rußland, Nikolaus<br />

II., seine Frau Alexandra, sein<br />

Sohn, der Zarewitsch Alexej, die<br />

vier Töchter Olga, Tatjana, Maria<br />

und Anastasia sowie der verbliebene<br />

Rest der Dienstboten. Eskortiert<br />

werden die Wagen von bewaffneten<br />

Rotarmisten zu Pferde.<br />

An einer ehemals hochherrschaftlichen<br />

Stadtvilla macht der<br />

Treck halt. Das Haus, das ursprünglich<br />

dem Ingenieur Professor<br />

Ipatiew gehört hatte, war von<br />

revolutionären Garden konfisziert<br />

worden als „Haus zur besonderen<br />

Verwendung“. Jetzt war der Moment<br />

gekommen für so eine besondere<br />

Verwendung – nämlich die<br />

Zarenfamilie unter einigermaßen<br />

komfortablen Hausarrest zu stellen,<br />

weitab von den Zentren der politischen<br />

Macht in Moskau und St.<br />

Petersburg.<br />

Noch eineinhalb Jahre zuvor<br />

hatte der Zar im Winterpalais<br />

am Ufer der Newa<br />

mit seinem Hofstaat rauschende<br />

Ballnächte gefeiert. Doch das<br />

Treiben war schon nicht mehr so<br />

unbeschwert wie früher gewesen.<br />

Immer häufiger hatten sich vor<br />

den Toren des kaiserlichen Stadtschlosses<br />

unzufriedene und hungernde<br />

Menschenmassen zusammengerottet.<br />

Im Land herrschten<br />

katastrophale soziale Zustände, die<br />

durch die Kriegslasten noch verschlimmert<br />

wurden. Nikolaus II.,<br />

ohnehin mit der Bürde des obersten<br />

Kriegsherrn überfordert, bekam<br />

eine zweite Front in der Heimat. <strong>Der</strong><br />

Februar 1917 brachte die erste Revolution.<br />

Nikolaus mußte abdanken<br />

und wurde mit seiner Familie nach<br />

Sibirien deportiert, zunächst nach<br />

6<br />

MATRIX 3000 History


Winterpalais, St. Petersburg<br />

Rechts: Im Winterpalais zu St. Petersburg<br />

waren zur Zarenzeit prunkvolle<br />

Ballnächte an der Tagesordnung, während<br />

draußen das Volk hungerte. Hier<br />

eine Szene aus der Romanverfilmung<br />

„Krieg und Frieden“ nach Leo Tolstoi.<br />

Tobolsk. Als nach der Oktoberrevolution<br />

Lenins Bolschewiken an die<br />

Macht kamen, wollte man den Zaren<br />

nach Moskau bringen, um ihm<br />

den Prozeß zu machen. Doch auf<br />

dem <strong>Weg</strong> in die Hauptstadt drangen<br />

Meldungen durch, wonach zarentreue<br />

weißrussische Truppen auf<br />

dem <strong>Weg</strong> waren, um eine Konterrevolution<br />

einzuleiten und die Zarenfamilie<br />

zu befreien. So unterbrach<br />

man die Reise in Jekaterinburg und<br />

wartete dort wochenlang auf neue<br />

Befehle aus Moskau.<br />

Ipatiew-Haus, Jekaterinburg<br />

Schon war der Kanonendonner<br />

der zaristischen Truppen zu hören.<br />

Nikolaus II. und seine Familie<br />

schöpften neue Hoffnung, bald<br />

in Sicherheit zu sein oder <strong>zum</strong>indest<br />

ins Exil gehen zu können. Da holte<br />

Lagerkommandant Jakow Jurowski<br />

die Familie in der Nacht des 17. Juli<br />

aus den Betten mit der Anweisung,<br />

sich anzuziehen und nichts zu pakken.<br />

In einen leeren Raum geführt,<br />

wartete die Familie darauf, abgeholt<br />

und erneut auf Pferdewagen verfrachtet<br />

zu werden.<br />

Doch als die Soldaten zurückkamen,<br />

erkannten sie zu ihrem Entsetzen,<br />

daß sie in Wahrheit vor einem<br />

Erschießungskommando standen.<br />

In wenigen Minuten war alles vorbei.<br />

Die leblosen Körper der Zarenfamilie,<br />

des Leibarztes und anderer<br />

verbliebener Dienstboten wurden<br />

auf Wagen geladen und in den nahen<br />

Wald gefahren. Dort zerstükkelte<br />

man die Leichen, übergoß sie<br />

mit Säure und warf sie dann in den<br />

Schacht einer stillgelegten Mine, in<br />

History MATRIX 3000 7


Familien<br />

Nikolaus ((.<br />

Zarewitsch Alexej<br />

Es bestehen<br />

erstaunliche<br />

Ähnlichkeiten<br />

zwischen dem<br />

letzten Zaren<br />

und seinem<br />

Sohn...<br />

Die Zarenfamilie. Obere Reihe von links nach rechts: Zarin Alexandra,<br />

Zarewitsch Alexej, Zar Nikolaus II. Untere Reihe von links<br />

nach rechts: Die Zarentöchter Maria, Tatjana, Anastasia und Olga<br />

der Hoffnung, sie nunmehr für alle Zeiten<br />

spurlos verschwinden zu lassen.<br />

So weit die offiziell bekannten Fakten<br />

über das tragische Ende des letzten<br />

Zaren und seiner Angehörigen.<br />

Nichts und niemand<br />

verschwindet spurlos<br />

Doch nichts und niemand verschwindet<br />

spurlos. Bis in die heutige Zeit<br />

werden immer neue Spuren entdeckt.<br />

Nach wie vor ist es vollkommen<br />

unklar, wer eigentlich in der<br />

Nacht des 17.<br />

Juli 1918 getötet<br />

wurde und<br />

was das wahre<br />

Schicksal der<br />

Z a r e n f a m i l i e<br />

war.<br />

Als wenige Tage später die weißrussischen<br />

Truppen in die von den<br />

Rotarmisten aufgegebene Stadt Jekaterinburg<br />

einrückten, fanden sie<br />

überall in der Stadt Plakate, auf denen<br />

ein Kommuniqué vom 18. Juli<br />

zu lesen war, wonach der Befehl aus<br />

Moskau ausgeführt worden sei – den<br />

Zaren zu erschießen und seine Familie<br />

anderenorts in Sicherheit zu bringen.<br />

In der verlassenen Ipatiew-Villa<br />

fanden die Weißrussen den Schauplatz<br />

der nächtlichen Mordtat – die<br />

Zimmerwand mit Einschußlöchern<br />

übersät, Blutspuren auf dem Fußboden<br />

nur notdürftig entfernt. Was sich<br />

jedoch genau dort abgespielt hatte,<br />

konnte niemand mehr beurteilen.<br />

Die zarentreuen Konterrevolutionäre<br />

wußten allerdings, daß der Zar insbesondere<br />

bei<br />

Berichte über die Ermordung<br />

der gesamten Zarenfamilie<br />

waren eine Erfindung weißrussischer<br />

Konterrevolutionäre<br />

der einfachen<br />

Landbevölkerung<br />

noch immer<br />

fast wie<br />

ein Halbgott<br />

verehrt wurde.<br />

Also streuten sie das Gerücht aus,<br />

die Bolschewiken hätten die gesamte<br />

Zarenfamilie grausam liquidiert. Auf<br />

8<br />

MATRIX 3000 History


ähnlichkeit?<br />

... und<br />

Rußlands<br />

Präsident<br />

Dmitrij<br />

Medwedew<br />

Dmitrij Medwedew<br />

diese Weise hofften sie den Rückhalt<br />

der Rotarmisten im Volk zu schwächen.<br />

Aus Akten, die sie in Jekaterinburg<br />

gefunden hatten, ging klar hervor, daß<br />

die Geschichte so nicht stimmte. In den<br />

Dokumenten stand, daß bereits seit<br />

Wochen ein Sonderzug bereitgestanden<br />

hatte, um die Zarin und ihre Töchter<br />

aus Jekaterinburg fortzubringen.<br />

<strong>Der</strong> Zug soll in der Nacht des 17. Juli<br />

tatsächlich in Richtung der etwa 160<br />

Kilometer entfernten Stadt Perm im<br />

Ural abgefahren sein. Die Dokumente<br />

wurden von den Weißrussen unter<br />

Verschluß gehalten und später vom<br />

zarentreuen Sonderermittler Nikolai<br />

Sokolow bei seiner Flucht außer Landes<br />

geschafft. Sie befinden sich heute<br />

in der Bibliothek der Harvard-Universität<br />

in den USA.<br />

Diese Version der Geschichte<br />

ist im Grunde glaubwürdig.<br />

Schließlich hatten die Bolschewiken<br />

in der Zarenfamilie ein wertvolles<br />

Faustpfand in der Hand, das sie<br />

zu Verhandlungen mit ausländischen<br />

<strong>Der</strong> junge Dmitrij Medwedew mit seiner Mutter<br />

Julia Benjaminowna Schaposchnikowa<br />

Mächten, deren Herrscher meist mit<br />

den Romanows verwandt waren, noch<br />

gut gebrauchen konnten. Es wäre gar<br />

nicht in ihrem Sinne gewesen, die ganze<br />

Familie auf einmal zu liquidieren.<br />

<strong>Der</strong> Aufenthalt der Zarin und ihrer<br />

Töchter in Perm wurde später auch<br />

bestätigt durch<br />

einen Augenzeugen,<br />

den russischen<br />

Soldaten<br />

Fjodor Sitnikow,<br />

der im fünften<br />

Tomsk-Regiment in Sibirien diente. Er<br />

war im Herbst 1919 auf Heimaturlaub<br />

in Perm und behauptete dort gesehen<br />

zu haben, wie die Zarentochter Anastasia<br />

aus ihrem Hausarrest zu fliehen<br />

versuchte und dabei von Rotarmisten<br />

angeschossen wurde. In Perm verlor<br />

sich schließlich die Spur der Zarin<br />

und ihrer Töchter. Über ihr weiteres<br />

Schicksal ist ebenso wenig bekannt<br />

wie über das des einzigen Sohnes Alexej.<br />

Es gibt aber Indizien.<br />

Dmitrij Medwedew<br />

– Urenkel des Zaren?<br />

Ein anderer Soldat, der in Jekaterinburg<br />

an der Bewachung der Zarenfamilie<br />

in der Ipatiew-Villa beteiligt<br />

war, berichtete Jahrzehnte später, in<br />

den siebziger Jahren, über eine noch<br />

andere Version der Ereignisse. Danach<br />

wurde doch die ganze Familie<br />

in jener Nacht in Jekaterinburg liquidiert,<br />

allerdings seien der Zarewitsch<br />

Alexej sowie die jüngste Zarentochter<br />

Anastasia anschließend noch am Leben<br />

gewesen. Die Zarin, im sicheren<br />

Glauben, man würde die Familie nur<br />

in ein neues Gefängnis umsiedeln,<br />

hatte jeder ihrer Töchter einen Teil<br />

des Familienschmucks in die Kleidung<br />

eingenäht. In Anastasias Fall waren<br />

die tödlichen Kugeln an den Schmuckstücken<br />

abgeprallt und hatten sie nur<br />

schwer verletzt, aber noch lebend zurückgelassen.<br />

<strong>Der</strong> Soldat, der diese<br />

Einer der Wachsoldaten aus<br />

Jekaterinburg war Zeuge, daß<br />

der Zarewitsch überlebte. Sein<br />

Name - Pawel Medwedew!<br />

Aussage machte,<br />

hieß – Pawel<br />

Medwedew. Nur<br />

wenige Tage,<br />

nachdem er<br />

seine Erinnerungen<br />

bei einem Verhör des KGB zu<br />

Protokoll gegeben hatte, kam dieser<br />

Pawel Medwedew unter mysteriösen<br />

Umständen ums Leben. Wußte er noch<br />

mehr, und durfte dieses Wissen unter<br />

keinen Umständen an die Öffentlichkeit<br />

dringen?<br />

Hatte jener Pawel Medwedew womöglich<br />

in den Wirren jener Nacht den<br />

überlebenden Zarewitsch heimlich<br />

beiseite geschafft und später unter falschem<br />

Namen unerkannt in seiner Familie<br />

weiterleben lassen?<br />

Wem das zu weit hergeholt erscheint,<br />

der sollte einmal die Fotos<br />

des letzten Zaren mit denen des heutigen<br />

russischen Präsidenten Dmitrij<br />

Medwedew vergleichen. Hier von einer<br />

„gewissen Ähnlichkeit“ zu sprechen,<br />

ist wohl grob untertrieben. Die beiden<br />

Männer gleichen einander fast wie<br />

Zwillinge. Es ist nicht nur das allgemeine<br />

Erscheinungsbild des Gesichts,<br />

sondern auch die Augenpartie sowie die<br />

Form der Ohren, die auch heute noch,<br />

im Zeitalter der DNA-Analysen, ein<br />

wichtiges biometrisches Merkmal zur<br />

Klärung von Verwandtschaftsbeziehungen<br />

darstellt.<br />

History MATRIX 3000 9


Beide – Zar Nikolaus wie Medwedew,<br />

waren bzw. sind nur 1,65 m<br />

groß, also gleichermaßen kleinwüchsig.<br />

Sogar ihre Charaktere zeigen<br />

Parallelen. Genau wie der letzte Zar<br />

gilt auch Dmitrij Medwedew als ein<br />

eher stiller, introvertierter Charakter.<br />

Es dürfte selbst bei klaren, unstrittigen<br />

Verwandtschaftsbeziehungen<br />

nur wenige Menschen<br />

geben, die ihrem eigenen<br />

Urgroßvater derart ähnlich sehen<br />

wie Medwedew dem letzten Zaren.<br />

Denn wenn diese ungeheuerlichen<br />

Fakten stimmen sollten, dann<br />

müßte Medwedew aufgrund seines<br />

Alters Nikolaus‘ Urenkel sein, der<br />

Enkel von Alexej, dem Zarewitsch.<br />

Vorausgesetzt natürlich, daß dieser<br />

die Mordnacht überlebt hatte. Und<br />

dafür gibt es nur einen bekannten<br />

Augenzeugen – einen Herrn Pawel<br />

Medwedew!<br />

Vom Zarewitsch existieren naturgemäß<br />

nur Fotos aus Kindertagen,<br />

da er zur Zeit der Ereignisse von<br />

Jekaterinburg erst 14 Jahre alt war.<br />

Um also zu vergleichen, ob Präsident<br />

Medwedew auch ihm ähnlich sieht,<br />

mußte auch von Medwedew ein Kinderfoto<br />

aufgetrieben werden, was gar<br />

nicht so leicht war. Und doch können<br />

wir Ihnen eines präsentieren. Urteilen<br />

Sie bitte selbst, ob die seltsame<br />

Ähnlichkeit nicht auch zwischen dem<br />

Zarewitsch und dem jungen Dmitrij<br />

Medwedew besteht.<br />

Ein Blick in Medwedews<br />

Biographie<br />

Über die Vorfahren des heutigen<br />

russischen Präsidenten gibt es nicht<br />

allzu viele verfügbare Informationen.<br />

Sein 2004 verstorbener Vater,<br />

Anatoli Afanasjewitsch Medwedew,<br />

war Professor für Maschinenbau am<br />

Technologischen Institut Leningrad.<br />

Seine Mutter, geborene Julia Benjaminowna<br />

Schaposchnikowa, die mit<br />

ihm auf dem Kinderfoto zu sehen ist,<br />

war Lektorin für europäische Sprachen<br />

und später, nach ihrer Pensionierung,<br />

Museumsführerin. Diesen<br />

Job gab sie erst auf, als Medwedew<br />

seine Präsidentschaft antrat. Was<br />

seine ferneren Vorfahren betrifft,<br />

so gibt Dmitrij Medwedew auf seiner<br />

Homepage nur detailliertere<br />

Informationen über die mütterlichen<br />

Großeltern. Über den väterlichen<br />

Großvater sagt er nur kurz und<br />

knapp, er habe in einem Dorf (dessen<br />

Namen er nicht nennt) im Oblast<br />

Anastasia Romanowa, ca. 1917<br />

Anna Anderson, zwanziger Jahre<br />

Anastasia -<br />

war sie Anastasia?<br />

Am 17. Februar 1920 wurde eine junge Frau aus dem Berliner Landwehrkanal<br />

gefischt, die versucht hatte, sich durch einen Sprung von der<br />

Bendlerbrücke im Bezirk Tiergarten das Leben zu nehmen. Da sie Anzeichen<br />

einer Lungenentzündung und starker Unterernährung aufwies,<br />

wurde sie in ein Krankenhaus, später dann in die psychiatrische Klinik<br />

Berlin-Dalldorf eingewiesen. Bei der körperlichen Untersuchung stellte<br />

man mehrere Narben am Körper fest, die von Schußwunden stammten.<br />

Die Frau, die unter Amnesie litt, sprach fließend Deutsch, im Schlaf jedoch<br />

zuweilen auch akzentfreies Russisch. Bald glaubte sie sich zu erinnern,<br />

die überlebende Großfürstin Anastasia Romanowa zu sein. Sie<br />

sei seinerzeit schwerverletzt von einem der Wachsoldaten, Alexander<br />

Tschaikowski, gerettet und in seine Heimatstadt Bukarest gebracht<br />

worden, wo Tschaikowski in den Kriegswirren ums Leben kam. Unter<br />

Aufbietung letzter Kräfte habe sie sich daraufhin bis nach Berlin durchgeschlagen,<br />

in der Hoffnung, irgendwo jemand aus der weitverzweigten<br />

Verwandtschaft der Romanows zu finden, der ihr hätte weiterhelfen können.<br />

Später ließ sie sich in den USA nieder und heiratete den Historiker<br />

John Eacott Manahan.<br />

In jahrzehntelangen Prozessen gegen die weit verstreute Romanow-<br />

Verwandtschaft erreichte Anna Anderson, wie sie sich später nannte, bis<br />

zu ihrem Tod im Jahre 1984 nicht, daß ihre Identität als überlebende Zarentochter<br />

anerkannt wurde. Aber auch das Gegenteil konnte ihr nicht<br />

nachgewiesen werden, denn es gab keinen gerichtstauglichen Beweis<br />

für Anastasias Tod in jener Nacht in Jekaterinburg.<br />

Niemand wußte genau, wer diese Frau war, nur, daß es eine gewisse<br />

Ähnlichkeit zwischen ihr und Fotos der echten Anastasia gab und daß<br />

sie über Detailwissen über die Zarenfamilie verfügte, das eigentlich nur<br />

ein Familienmitglied haben konnte. Trotzdem wurde sie überall in der<br />

Öffentlichkeit als Hochstaplerin angefeindet. Bald behauptete man, sie<br />

sei in Wahrheit eine polnische Bauerntochter mit Namen Franciska Anna<br />

Czenstkowska, die in einer Berliner Wohnung zur Untermiete wohnte<br />

und polizeilich als vermißt gemeldet war. Bis heute hält sich diese Hypothese<br />

hartnäckig, obwohl sie nicht wahr sein kann. Franciska Czenstkowska<br />

wurde erst seit dem 6. März 1920 vermißt. An diesem Tag befand<br />

sich die angebliche Anastasia schon seit fast drei Wochen in stationärer<br />

Behandlung im Krankenhaus bzw. in Dalldorf in der Psychiatrie.<br />

10<br />

MATRIX 3000 History


In geheimer Mission<br />

Während es über die Glaubwürdigkeit der DNA-Analysen<br />

von Anastasia widersprüchliche Aussagen gibt, ist<br />

es heute klar, daß Anna Anderson alias Anastasia Romanowa<br />

über Wissen verfügte, das tatsächlich nur ein<br />

Mitglied der Zarenfamilie haben konnte. So erinnerte<br />

sie sich z. B. daran, im Sommer 1916 in der Sommerresidenz<br />

Zarskoje Selo ihren Onkel, den Großherzog von<br />

Hessen, gesehen zu haben. Da der erste Weltkrieg in<br />

vollem Gange war und der Herzog dem deutschen Generalstab<br />

angehörte, erschien eine solche Begebenheit<br />

für die meisten Menschen extrem unglaubwürdig.<br />

Später jedoch wurde die Geschichte von der deutschen<br />

Großherzog Ernst-Ludwig<br />

von Hessen<br />

Kronprinzessin Cecilie von<br />

Preußen<br />

Kronprinzessin Cecilie von Preußen bestätigt. Sie hatte bei ihrem Schwiegervater, dem im Exil lebenden<br />

Ex-Kaiser Wilhelm II., nachgefragt. Danach war Ernst-Ludwig von Hessen, ein Bruder der Zarin Alexandra,<br />

tatsächlich als unauffälliges Familienmitglied vom Kaiser zu Geheimverhandlungen nach Rußland geschickt<br />

worden, um die Möglichkeiten eines Separatfriedens zwischen dem Deutschen Reich und Rußland auszuloten.<br />

Kursk, etwa 500 Kilometer südlich<br />

von Moskau, gelebt und stamme aus<br />

einer dortigen Bauernfamilie. Auch<br />

sein Vater sei im Jahre 1926 dort noch<br />

geboren worden.<br />

Solch ein Bauernkaff im russischen<br />

Nirgendwo wäre natürlich ideal geeignet<br />

gewesen, um den Zarewitsch,<br />

sofern er tatsächlich gerettet worden<br />

war, vor dem Zugriff der Schergen des<br />

aufkommenden Stalinismus zu retten<br />

und unter falschem Namen weiterleben<br />

zu lassen. 1926, im Geburtsjahr<br />

von Anatoli Medwedew, wäre Alexej<br />

22 Jahre alt gewesen. Es wäre also<br />

nicht unmöglich, daß er tatsächlich<br />

Dmitrij Medwedews Großvater war,<br />

über den sich der Enkel heute so verdächtig<br />

sparsam äußert.<br />

Wer ist in der Kathedrale<br />

begraben?<br />

Aber wurden nicht Alexejs – und auch<br />

Anastasias – sterbliche Überreste<br />

inzwischen entdeckt und auf Anweisung<br />

von Präsident Jelzin im Jahre<br />

1998 feierlich in der Peter-und-Paul-<br />

Niemand scheint ein wirkliches<br />

Interesse an der Klärung des<br />

Schicksals der Zarenfamilie zu<br />

haben.<br />

Kathedrale zu St. Petersburg beigesetzt,<br />

zusammen mit dem Zaren und<br />

den übrigen Familienmitgliedern?<br />

Nun, die Geschichte der späten Knochenfunde<br />

ist mindestens ebenso<br />

rätselhaft und verworren wie die<br />

widersprüchlichen Fakten über die<br />

Mordnacht von Jekaterinburg. Seit<br />

jeher scheint es niemanden zu geben,<br />

der an der Klärung des Schicksals<br />

der Zarenfamilie wirklich ein Interesse<br />

hat. Dagegen schienen jahrzehntelang<br />

alle Seiten die wahren Ereignisse<br />

mit aller Macht vertuschen zu<br />

wollen: Die russischen Kommunisten,<br />

weil sie keine Märtyrer<br />

schaffen wollten, die<br />

Antikommunisten, weil<br />

sie die Kommunisten<br />

anschwärzen wollten,<br />

und die Familie Romanow,<br />

weil es ihnen vor<br />

allem um Macht ging<br />

und um die mögliche<br />

Thronfolge nach einer<br />

eventuellen Konterrevolution.<br />

Da konnte<br />

man keine überlebenden<br />

Konkurrenten gebrauchen.<br />

In den siebziger<br />

Jahren fanden der<br />

russische Geologe<br />

Alexander Awdonin<br />

und der Filmemacher<br />

Geli Rjabow<br />

in der Nähe<br />

von Jekaterinburg<br />

eine <strong>Weg</strong>befestigung<br />

aus<br />

Baumstämmen,<br />

wie sie seinerzeit Jakow<br />

Jurowski in seinem<br />

Bericht über die<br />

Beseitigung der Leichen<br />

beschrieben hatte.<br />

Sie fanden dort drei<br />

menschliche Schädel.<br />

Da zur Zeit der Sowjetherrschaft<br />

das Thema Romanow<br />

jedoch tabu war, ließen sie die<br />

Leichen erst 1991, nach dem Ende<br />

der Sowjetunion, vollständig exhumieren.<br />

Man fand die Überreste von<br />

neun Menschen und brachte sie nach<br />

Moskau.<br />

Peter- und Paul-Kathedrale,<br />

St. Petersburg<br />

History MATRIX 3000 11


Die Zarengruft in der Peter- und Paul-Kathedrale, St. Petersburg.<br />

Wer liegt hier wirklich begraben?<br />

<strong>Der</strong> Gerichtsmediziner Sergej<br />

Abramow verglich die Schädelformen<br />

im Computer mit historischen<br />

Fotos und identifizierte die<br />

Gebeine dadurch als die sterblichen<br />

Überreste von Zar Nikolaus, seiner Frau<br />

Alexandra, der Töchter Olga und Tatjana<br />

sowie des Leibarztes, der Zofe, des<br />

Kochs und eines Dieners. Bei der neunten<br />

Leiche war man sich zunächst nicht<br />

sicher, ob es sich um Maria oder Anastasia<br />

handelte. Da Anastasia jedoch zu<br />

klein war, als daß es ihre Knochen hätten<br />

sein können, ordnete man die Überreste<br />

schließlich der Zarentochter Maria<br />

zu. Die Leichen von Alexej und Anastasia<br />

blieben verschwunden.<br />

2004 führte ein<br />

russisch-amerikanisches<br />

Wissenschaftlerteam<br />

D N A - A n a l y s e n<br />

durch, indem sie<br />

Genproben der Überreste mit genetischem<br />

Material noch lebender Verwandter<br />

verglichen. Im Fall der Zarin<br />

dienten DNA-Proben von Prince Philip,<br />

dem Ehemann der britischen Königin<br />

Elizabeth II. als Vergleich. Die mutmaßlichen<br />

Gebeine des Zaren wurden verglichen<br />

mit genetischem Material seines<br />

Bruders Georgij, der bereits 1899 verstorben<br />

und daher in einem eindeutig<br />

identifizierbaren Grab beigesetzt war.<br />

Von den noch lebenden Verwandten des<br />

Zaren wurde die griechische Prinzessin<br />

Xenia herangezogen.<br />

Entgegen andersartigen Verlautbarungen<br />

kam das Team zu dem Schluß,<br />

„Wer tatsächlich in der Peterund<br />

Paul-Gruft liegt, weiß nur<br />

Gott allein.“<br />

Großfürst Nikolai Romanow<br />

daß es sich auf keinen Fall um den Zaren<br />

und seine Familie handeln konnte.<br />

Es mochten andere Opfer der Kriegswirren<br />

jener Tage gewesen sein. Großfürst<br />

Nikolai Romanow, der heute in Paris<br />

lebt, sagte: „Wer tatsächlich in der Peter-und-Paul-Gruft<br />

liegt, weiß nur Gott<br />

allein.“<br />

Kurz vor der Beisetzung veröffentlichte<br />

der Patriarch der Russisch-Orthodoxen<br />

Kirche ein Kommuniqué, worin die<br />

Kirche sich jeglicher Anerkennung oder<br />

Ablehnung der Untersuchungsergebnisse<br />

der Überreste enthielt. Weiß die<br />

russische Kirche womöglich mehr darüber,<br />

was wirklich aus der Zarenfamilie<br />

geworden ist? Und warum wurden die<br />

Überreste trotz<br />

der vielen Widersprüche<br />

und<br />

Unklarheiten in<br />

der Kathedrale<br />

beigesetzt?<br />

2007 dann wurden in der Nähe des<br />

Fundortes die Gebeine zweier weiterer<br />

Menschen entdeckt. Österreichische<br />

Gerichtsmediziner entschieden, es seien<br />

die Überreste von Alexej und Maria. Die<br />

Wissenschaftler ignorierten nicht nur<br />

die Tatsache, daß die Untersuchung von<br />

2004 ergeben hatte, daß der Fundort gar<br />

nicht die anonyme Grabstätte der Zarenfamilie<br />

war, sondern auch, daß auf diese<br />

Weise die Gebeine der Großfürstin Maria<br />

nunmehr schon <strong>zum</strong> zweiten Mal entdeckt<br />

worden waren! <strong>Der</strong> österreichische<br />

Gerichtsmediziner entschuldigte<br />

sich später damit, daß dem Labor zu wenig<br />

Genmaterial zur Verfügung gestanden<br />

habe und daß die Untersuchungen<br />

„unter enormem Zeitdruck“ gestanden<br />

hätten. Warum eigentlich, wo doch der<br />

Mord schon 90 Jahre zurücklag?<br />

Die gesamte Identifizierung der angeblichen<br />

Überreste der Zarenfamilie<br />

steht also bis heute auf schwachen Füßen.<br />

Das derzeitige Familienoberhaupt<br />

der Romanows, die in Spanien lebende<br />

Großfürstin Maria Wladimirowna Romanowa,<br />

Tochter des „Beinahe-Zaren“<br />

von 1991, äußerte sich dahingehend,<br />

daß sie ihr persönliches Urteil über die<br />

„Romanow-Akte“ von der Entscheidung<br />

der Russisch-Orthodoxen Kirche abhängig<br />

machen wolle. <strong>Der</strong> Familie war<br />

auch die symbolträchtige Grabstätte in<br />

der Petersburger Kathedrale weniger<br />

wichtig als ihr jahrzehntelanger Kampf,<br />

die Zarenfamilie als Opfer politischer<br />

Repressionen anzuerkennen. Dem trug<br />

der russische oberste Gerichtshof 2008<br />

Rechnung, indem er Zar Nikolaus II. in<br />

einer endgültigen Entscheidung zu einem<br />

Opfer der kommunistischen Ära<br />

erklärte. <strong>Der</strong> Zar und seine Familie seien<br />

„grundlos unterdrückt“ worden (eine<br />

Formulierung, über die man durchaus<br />

streiten kann) und müßten daher rehabilitiert<br />

werden. Die Generalstaatsanwaltschaft<br />

hatte noch formaljuristisch<br />

argumentiert, die Zarenfamilie könne gar<br />

nicht rehabilitiert werden, da sie nie eines<br />

Verbrechens angeklagt worden war.<br />

Geschichte ohne Ende<br />

Es ist kaum zu erwarten, daß das Schicksal<br />

der Zarenfamilie tatsächlich eines<br />

Tages abschließend geklärt wird. Auch<br />

eine DNA-Untersuchung, um eine mögliche<br />

Verwandtschaft Dmitrij Medwedews<br />

mit den Romanows zu überprüfen,<br />

erscheint undenkbar. Sollte es wirklich<br />

beweisbar sein, daß er ein Nachkomme<br />

von Zar Nikolaus II. ist, käme dies in Rußland<br />

einem politischen Erdbeben gleich,<br />

woran wohl niemand ein Interesse hat. ■<br />

Zu den neuen Entwicklungen, wie sie in diesem<br />

Artikel geschildert werden, gibt es bislang nur<br />

wenige frei zugängliche Quellen. Unter anderem<br />

zitierten wir Fakten aus:<br />

Antje Windgassen: Fall Anastasia - Überlebte<br />

sie den Mord der Zarenfamilie? PM History<br />

12/2009, S.56-65.<br />

Homepage von Präsident Dmitrij Medwedew,<br />

medvedev2008.ru (in russischer Sprache).<br />

Franz Bludorf ist Mathematiker, Physiker,<br />

Bestsellerautor und Chefredakteur<br />

der <strong>Matrix3000</strong>. Gemeinsam<br />

mit Grazyna Fosar verfaßte er<br />

bislang insgesamt 20 Bücher zu<br />

grenzwissenschaftlichen und<br />

spirituellen Themen. Er ist Peer<br />

Reviewer beim International<br />

Journal of Physical Sciences.<br />

12<br />

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Die aktuellen Sendetermine bei<br />

CROPfm Netradio<br />

Moderation: Tarek Al-Ubaidi<br />

6. 5. 2011: Spezial-Ausgabe mit Heike Habel. Frau Habel<br />

12. August 2011: hatte seit den 80er Jahren mehrere Entführungserlebnisse<br />

und hat sich Anfang 2011 aufgrund<br />

weiterer Erfahrungen dazu entschlossen,<br />

Achmed Khammas - Thema "Energie", erneuerbare Energien,<br />

alternative Energiegewinnung etc. Auch das Thema<br />

"freie Energie" wird natürlich zur Sprache kommen,<br />

über ihre Erlebnisse zu sprechen.<br />

wobei 20. 5. 2011: hier vor Live allem zu Gast: auch Grazyna eine Begriffsklärung Fosar und Franz nötig Bludorf. ist.<br />

Achmed Khammas Thema: UFO-Erfahrungen<br />

ist u.a. Betreiber des online Archivs<br />

"Buch der Synergie"<br />

4. 6. 2011: CROPfm “open end” <strong>zum</strong> Thema Remote<br />

>> www.buch-der-synergie.de<br />

Viewing. Ein Remote Viewer (Christian Rotz >><br />

c-rv.de) und “Wingman” (Stefan Franke) sind<br />

26. August 2011: live zu Gast und sprechen über ihre persönlichen<br />

Johannes von Buttlar<br />

Erfahrungen<br />

<strong>zum</strong> Thema<br />

mit der<br />

"RaumZeit".<br />

Technik des RV<br />

18. 6. 2011: CROPfm “open end” <strong>zum</strong> Pilotfilm der Serie<br />

“Pantherion”. Bernhard Reicher (Drehbuchautor)<br />

und Jörg Vogeltanz (Regisseur) erzählen<br />

über die Dreharbeiten, die Zielsetzungen etc.<br />

Siehe auch >> www.pantherion.at<br />

Sendebeginn jeweils 19:30 Uhr<br />

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Geschichte<br />

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oder: Eine Zeitreise von Caesar <strong>zum</strong> Quantencomputer<br />

Im Lauf unserer Geschichte<br />

gab es schon immer<br />

Geheimnisse, die auch geheim<br />

bleiben sollten. Das Wissen,<br />

das in Kreisen der Macht<br />

verfügbar war, wurde daher<br />

immer geschützt. Schon vor<br />

Urzeiten haben Menschen<br />

nach Mitteln und <strong>Weg</strong>en<br />

gesucht, wie man brisante<br />

Informationen so codieren<br />

konnte, damit Unbefugte sie<br />

nicht so einfach verstehen<br />

konnten. Und immer fanden<br />

Menschen auch <strong>Weg</strong>e, diese<br />

Codes dann zu knacken. Die<br />

ganze Vorgehensweise erinnert<br />

an ein Katz- und Maus-Spiel.<br />

An dieser Stelle möchten wir<br />

für Sie die Geschichte der<br />

Codierung decodieren.<br />

400 v. Chr.: Skytale<br />

Eine sehr interessante<br />

Pionierlösung<br />

<strong>zum</strong> Chiffrieren von<br />

Informationen benutzten die Spartaner.<br />

Man nennt es Skytale. Und so hat<br />

es funktioniert: Um ein Holzscheit wurden<br />

lange schmale Streifen Material gewickelt. Eine<br />

Wicklung neben der anderen. Danach wurden auf diese<br />

Wicklungen Informationen geschrieben. Am Ende der<br />

Prozedur wurden die Materialstreifen abgenommen und an den<br />

Adressaten geschickt. Wenn solch ein Streifen auseinanderwickelt wurde,<br />

sah man nur verstreute, chaotische Buchstaben. Wenn aber der Adressat den Streifen wieder<br />

um ein Holzscheit mit vorher verabredetem Umfang wickelte, konnte er den Text lesen.<br />

60 v. Chr.:<br />

Julius Caesar benutzte eine<br />

sehr einfache Methode der<br />

Nachrichtencodierung. Sie<br />

bestand darin, jeden Buchstaben<br />

im Text durch den<br />

zu ersetzen, der im Alphabet<br />

eine feste Anzahl von<br />

Positionen weiter rechts<br />

steht. Zum Beispiel ersetzte<br />

er A durch C, C durch E<br />

usw. Bis heute nennt man<br />

diese Art der Chiffrierung<br />

Caesar-Code.<br />

Büste des Julius Caesar<br />

(Altes Museum, Berlin)<br />

14<br />

MATRIX 3000 History


800 n. Chr.:<br />

<strong>Der</strong> arabische Philosoph Al-<br />

Kindi entwickelte eine Methode,<br />

die auf einfache Art den<br />

Caesar-Code dechiffrieren<br />

konnte. Sie basierte auf einer<br />

statistischen Analyse. In jeder<br />

Sprache treten bestimmte<br />

Zeichen mit konstanter Frequenz<br />

auf. Selbst wenn wir<br />

einen Buchstaben durch einen<br />

anderen ersetzen, wird<br />

der neue Buchstabe genau so<br />

häufig im Text stehen wie das<br />

ursprüngliche Zeichen, das er<br />

repräsentiert.<br />

Abū Yaʿqūb ibn Ishāq al-Kindī auf einer syrischen Briefmarke<br />

1460:<br />

Leon Battista Alberti konstruierte<br />

ein Gerät, das aus zwei Kreisen bestand.<br />

Einer bewegte sich im Innern<br />

des anderen. Auf beiden Kreisen waren<br />

die Buchstaben des Alphabets<br />

aufgeschrieben. Das Gerät erlaubte,<br />

einem Buchstaben einen anderen<br />

zuzuordnen, z. B. wurde dem ersten<br />

Buchstaben der dritte zugeordnet,<br />

dem zweiten der neunte, also ohne<br />

konstante Verschiebung. Auf diese<br />

Art und Weise wurde der sogenannte<br />

polyalphabetische Code geboren.<br />

Moderne Alberti-Scheibe<br />

Leon Battista Alberti (Uffizien, Florenz)<br />

History MATRIX 3000 15


1918:<br />

Oben:<br />

Konstruktionszeichnung aus Scherbius’<br />

US-Patentschrift von 1928.<br />

Links:<br />

Enigma<br />

Am Anfang des 20. Jahrhunderts fand die elektromechanische<br />

Technik Eingang in die Kryptographie. Zum Beispiel wurde das<br />

Gerät von Alberti durch ein System schnell beweglicher Rotoren<br />

ersetzt, die mit hoher Geschwindigkeit ein Zeichen in ein anderes<br />

umwandeln konnten. Die neuen Codiermaschinen erlaubten die Entwicklung sehr komplizierter Codes.<br />

Eine dieser Maschinen war die Enigma, patentiert 1928 für den deutschen Ingenieur Arthur Scherbius.<br />

1940:<br />

1932:<br />

Claude Shannon von den Bell Labs in New Jersey bewies,<br />

daß es möglich ist, einen Code zu definieren, der nicht zu<br />

knacken ist. <strong>Der</strong> Chiffrierschlüssel muß dafür folgende Bedingungen<br />

erfüllen: Er darf nur dem Sender und Empfänger<br />

bekannt sein. Er darf nur einmal benutzt werden und muß<br />

genau so lang sein wie die gesendete Nachricht.<br />

Denkmal für Marian Rejewski in seiner Geburtsstadt<br />

Bydgoszcz (Bromberg). Neben ihm auf der Bank<br />

steht das Modell einer Enigma<br />

Dem 27jährigen polnischen Kryptoanalytiker Marian Rejewski<br />

gelang es, den Code der Enigma zu knacken. Ab dieser<br />

Zeit konnte Polen Tausende deutscher Depeschen abfangen.<br />

Im Jahre 1939 gab Polen die Informationen über die<br />

Konstruktion der Enigma an England und Frankreich weiter.<br />

Claude Edward Shannon (rechts im Bild)<br />

in seinem Arbeitszimmer bei den Bell<br />

Laboratories.<br />

16<br />

MATRIX 3000 History


1976:<br />

Links: Whitfield Diffie<br />

Rechts:Martin Hellmann<br />

Zwei amerikanische Wissenschaftler, Whitfield Diffie<br />

und Martin Hellmann, entdeckten eine Methode<br />

der sicheren Informationsübertragung. Man erzeugt<br />

nicht einen, sondern vier Schlüssel, zwei öffentliche<br />

und zwei private, die nur der Sender bzw. Empfänger<br />

kennen. Die Diffie-Hellmann-Methode ist allgemein im<br />

Einsatz und relativ sicher. Manche Varianten wurden<br />

jedoch von Berufskryptoanalytikern in den neunziger<br />

Jahren geknackt.<br />

20??:<br />

20??:<br />

Schematische Darstellung der DNA-Kryptographie<br />

Prof. Artur Ekert<br />

Dr. Ashish Gehani<br />

Alles spricht dafür, daß die sicherste Codierungsmethode im Rahmen<br />

unserer Möglichkeiten die DNA-Krypto graphie sein wird. Die<br />

Nukleotidstränge, die die DNA aufbauen, können 0 und 1 zugeordnet<br />

werden und so eine beliebige Botschaft verschlüsseln. Zur<br />

Zeit arbeiten mehrere Wissenschaftlergruppen in der Welt an der<br />

DNA-Kryptographie. Auf der DNA kann man sehr viel Informationen<br />

speichern. Ein Gramm DNA enthält 10 21 (1 mit 21 Nullen) Nukleotide.<br />

Das bedeutet, man kann auf einem Gramm DNA 100 Millionen<br />

Terabyte Daten codieren. Auf nur wenigen Gramm DNA kann man<br />

alle Daten ablegen, die in allen Computern der Welt gespeichert<br />

sind. Die DNA als Codiermaschine ist auch besonders sicher, weil<br />

sie Codierungen mit ungewöhnlich langen Schlüsseln erlaubt. Einen<br />

Code, der auf die DNA geschrieben wird, kann man in der Praxis<br />

nicht brechen, sagt Ashish Gehani von der Duke University, der sich<br />

mit der Theorie der DNA-Kryptographie beschäftigt. Es ist natürlich<br />

klar, daß früher oder später ein Genie kommen wird, das auch die<br />

DNA-Kryptographie knacken wird. Es reicht, daß man die wissenschaftlichen<br />

Erkenntnisse über die DNA in Frage stellt.<br />

Schematische Darstellung der<br />

Quantenkryptographie nach Prof. Barry<br />

Sanders, University of Calgary.<br />

Quantenkryptographie erlaubt es, einen Codierschlüssel mit<br />

Hilfe von Glasfaserkabeln über große Entfernungen zu schikken,<br />

so daß niemand Außenstehendes ihn sehen kann. Wenn<br />

jemand es probieren würde, würde die Verbindung sofort unterbrochen,<br />

und Sender und Empfänger würden es erfahren.<br />

Das Verfahren basiert auf der Quantenverschränkung von<br />

Photonen. Einer der Pioniere der Quantenkryptographie ist<br />

der polnische Wissenschaftler Artur Ekert. Quantenkryptographie<br />

wird schon bald im Internet-Banking benutzt werden.<br />

Die erste Banktransaktion mit dieser Methode wurde 2008<br />

testweise in Österreich durchgeführt.<br />

History MATRIX 3000 17


Roland Roth<br />

DIE MAGIE<br />

DER MENHIRE<br />

Zeugen der Megalithkultur in Deutschland<br />

18<br />

MATRIX 3000 History


Werkel<br />

Die Megalithkultur mit ihren großartigen<br />

Spuren monströser Baukunst<br />

sind überall in der Welt zu finden. Die<br />

steinernen Zeugen sind die Überreste<br />

eines uralten Wirkens, so beispielsweise<br />

bekanntermaßen in England<br />

oder Frankreich. Verwandte Bauarten<br />

der Megalithkunst finden sich auch in<br />

Südamerika, wie bei den gigantischen<br />

Mauern von Sacsayhuaman, wo megalithische<br />

Felsen paßgenau zu einer<br />

riesigen Festung aneinandergereiht<br />

wurden.<br />

Die uns noch immer so unbekannte<br />

Megalith-Kultur hatte<br />

ihre scheinbare „Hochburg“<br />

in der Bretagne mit den gewaltigen<br />

Steinreihen und -kreisen von Carnac<br />

und auch in England mit den Steinkreisen,<br />

allen voran Stonehenge als<br />

bekannteste Anlage. Die Menhire sind<br />

die stummen Zeugen aus einem dunklen,<br />

vergessenen Zeitalter. Mit dem<br />

Ende der Jungsteinzeit um 2000 v.Chr.<br />

begann ihre Verbreitung über weite<br />

Teile Mitteleuropas. Menhir leitet sich<br />

von dem bretonischen Wort keltischen<br />

Ursprungs ab, men = Stein , hir = lang,<br />

und bedeutet somit im allgemeinen<br />

Sprachgebrauch langer Stein.<br />

Menhire gibt es aber auch reihenweise<br />

in Deutschland. Es würde ganze<br />

Bücher füllen, wenn man alle Menhire<br />

im deutschsprachigen Raum aufzählen<br />

wollte, daher beschränke ich mich<br />

auf einige ausgewählte Beispiele.<br />

In der Region um Kassel scheinen<br />

sich die Megalithiker erst so richtig<br />

ausgetobt zu haben. Rund um den bekannten<br />

rätselbehafteten Odenberg<br />

kann man eine Reihe von imposanten<br />

Menhiren entdecken. Im Einzelnen<br />

sind das folgende Steinmale:<br />

Werkel<br />

Da ist <strong>zum</strong> Einen der sogenannte Hilgenstein<br />

von Werkel, der mit einer<br />

Höhe von 1,50 Meter noch nicht einmal<br />

mannshoch ist, aber an einer gut<br />

sichtbaren Stelle im Ort steht und einen<br />

idealen Aussichtspunkt darstellt.<br />

<strong>Der</strong> Stein wurde 1966 von Wilhelm<br />

Steinmetz gefunden und von der Urgeschichtlichen<br />

Arbeitsgemeinschaft<br />

Fritzlar ausgegraben und aufgestellt.<br />

Leider ist auch anzunehmen, daß der<br />

Fundort nicht mit dem ursprünglichen<br />

Standort identisch ist. Interessanterweise<br />

ist der Menhir von Werkel mit<br />

rätselhaften geraden, nach unten verlaufenden<br />

Rillen und kleinen, tiefen<br />

Löchern an den Seiten versehen, die<br />

einen regelmäßigen Abstand erkennen<br />

lassen.<br />

Wolfershausen<br />

<strong>Der</strong> Menhir von Wolfershausen dagegen<br />

ist mit einer Höhe von 4,80 Metern<br />

und einer Breite von 5,50 Metern ein<br />

recht beeindruckendes Exemplar seiner<br />

Spezies, so trägt er auch zurecht den<br />

Namen „Riesenstein“. Kultische Handlungen<br />

gehen nach archäologischen<br />

Ausgrabungen mindestens bis in das<br />

3. Jahrtausend v. Chr. zurück. Schriftliche<br />

Erwähnung fand er erstmals im<br />

Jahre 1615, damals als „Großer Stein“<br />

bekannt. Die gewaltige Größe macht ihn<br />

schon fast zu einem Verwandten der Megalithen<br />

von Stonehenge oder Carnac,<br />

ein einsamer Koloß im Feld.<br />

Maden<br />

Bei dem langen Stein von Maden handelt<br />

es sich dagegen wieder um eine kleine<br />

Ausführung, allerdings kann er immer<br />

noch mit einer Höhe von 2,10 Meter aufwarten.<br />

Bei ihm finden sich merkwürdige<br />

Löcher am Stein. <strong>Der</strong> Sage nach<br />

wollte der Teufel vom Gudensberger<br />

Lamsberg oder vom Maderstein aus die<br />

erste Kirche des Bonifatius in Fritzlar,<br />

die angeblich aus dem Holz der Donareiche<br />

errichtet worden war, mit dem<br />

Stein zerschmettern. <strong>Der</strong> Stein blieb ihm<br />

aber beim Werfen im Ärmel hängen und<br />

fiel auf das Feld zwischen den Ortschaften<br />

Maden und Obervorschütz. Die ominösen<br />

Eindrücke am Stein in Form einer<br />

Hand deutete man als „Teufelskrallen“.<br />

Guntershausen<br />

<strong>Der</strong> absolute Winzling unter den Menhiren<br />

aber ist der sogenannte „Riesenstein“<br />

in Guntershausen. Bei der<br />

Namensgebung müssen die Verantwortlichen<br />

einen soliden Humor besessen<br />

haben, denn der Stein geht einem<br />

normalen Menschen gerade einmal bis<br />

zu den Knien.<br />

Man kommt sich etwas verschaukelt<br />

vor, wenn man auf der Suche<br />

nach dem in der Literatur so<br />

genannten „Riesenstein“ dann diesem<br />

in Natura gegenüber steht. Allerdings<br />

handelt es sich definitv um einen dokumentierten<br />

Menhir, der mindestens<br />

seit dem 3. Jahrtausend v. Chr. zu kultischen<br />

Zwecken genutzt wurde. Er zeigt<br />

als besonderes Merkmal eine interessante<br />

tiefe Rinne, an der nachweislich<br />

bis in unser Jahrhundert hinein Fruchtbarkeitsriten<br />

vollzogen wurden, indem<br />

Jungfrauen mit ihrem blanken Hinterleib<br />

über den Stein gerutscht sein sollen.<br />

Dies zeigt abermals eine Urerinnerung<br />

an alte Kulte und Rituale, die heute<br />

wahrscheinlich kaum mehr nachvollziehbar<br />

sind.<br />

Guntershausen<br />

Wolfershausen<br />

Maden<br />

History MATRIX 3000 19


Großenritte<br />

Last but not least stellt der Hünstein<br />

im Baunataler Vorort Großenritte mit<br />

einer Höhe von 2,50 Metern einen markanten<br />

Menhir dar. Bis <strong>zum</strong> Jahre 1911<br />

stand der Stein auf einem freien Feld bei<br />

Großenritte, wurde dort wegen Ackerbauflächen<br />

von einem Landwirt versenkt<br />

und im Jahre 1932 wieder ausgegraben.<br />

Leider kann man heute kaum noch eine<br />

maßstabsgerechte Anordnung oder<br />

mögliche Muster nachweisen, da sich<br />

einige Steine nicht mehr an ihrem ursprünglichen<br />

Standort befinden. Wie sich<br />

der Hünstein bei Werkel nicht mehr an<br />

seinem ursprünglichen Platz befindet,<br />

so wurde auch der Hünstein in Großenritte<br />

ortsversetzt. Meist handelt es sich<br />

dabei nur um ein paar Meter, aber die<br />

ursprüngliche Lage läßt sich kaum noch<br />

verifizieren, wenn heute auf den ehemaligen<br />

Standorten nette Vorstadt-Einfamilienhäuser<br />

stehen.<br />

Trotz einiger Standortwechsel läßt<br />

sich <strong>zum</strong>indest erahnen, daß bei den Riesensteinen<br />

in Deutschland ebenso wie in<br />

den englischen Steinkreisanlagen von<br />

Stonehenge oder den Steinreihen von<br />

Carnac ein ursprünglicher, sinngemäßer<br />

Zweck hinter der Planung und Aufstellung<br />

gestanden haben muß.<br />

Gehen wir weiter südlich in die Nähe<br />

der französischen Grenze und nähern<br />

uns somit ein wenig dem französischen<br />

„Epizentrum“ der Megalithkultur.<br />

Blieskastel<br />

<strong>Der</strong> Gollenstein von Blieskastel im Saarland<br />

leitet seinen Namen von „colus“,<br />

ab, was Spinnrocken bedeutet. Er ist mit<br />

gut 7 Metern der größte Menhir in Mitteleuropa.<br />

Wie bei der überwiegenden<br />

Zahl der Megalithbauten sind Ursprung<br />

und Zweck des Steines weitgehend unbekannt.<br />

Allgemein wird angenommen, daß<br />

seine Entstehung in der Jungsteinzeit<br />

mit dem Sonnen- und dem Phalluskult<br />

in Verbindung steht. An der Spitze des<br />

Menhirs finden sich hierzu auch seltsame<br />

Einkerbungen, die man durchaus<br />

mit dem Phalluskult in Zusammenhang<br />

bringen könnte. An dem Stein finden sich<br />

auch Bearbeitungsspuren mittelalterlichen<br />

Datums, wie z.B. die eingemeißelte<br />

Heiligennische auf Augenhöhe.<br />

Im Zweiten Weltkrieg wurde versucht,<br />

den Stein flach zu legen, damit dieser<br />

nicht als Zielpunkt für die französische<br />

Artillerie dienen konnte. Bei dieser Aktion<br />

zerbrach der Gollenstein in drei<br />

Teile, und beim heute wieder aufgerichteten<br />

Stein läßt sich dadurch kaum noch<br />

eine menschliche Figur ausmachen, die<br />

rechts unterhalb der Nische schwach erkennbar<br />

ist. Unsicher ist die Behauptung,<br />

es handele sich bei dieser Darstellung<br />

um den keltischen Wettergott Taranis.<br />

Martinshöhe<br />

In Martinshöhe (Kreis Kaiserslautern)<br />

gibt ein mächtiger Menhir Kunde vom<br />

Wirken ferner Vorfahren auf der Sickinger<br />

Höhe. "Theisse Stein" nannten ihn<br />

die Alten, heute heißt er "Römerstein".<br />

<strong>Der</strong> Gigant besteht aus einem einzigen<br />

roten Sandsteinfelsen und ist von Menschenhand<br />

geformt.<br />

Ursprünglich reckte er sich fast<br />

sechs Meter hoch in den Himmel. Diese<br />

majestätische Größe machte ihn über<br />

Jahrtausende hinweg <strong>zum</strong> Pendant des<br />

bekannten "Gollenstein-Menhirs" bei<br />

Blieskastel. Auf dem Rösberg bei der<br />

Ziegelhütte hielt der Menhir in voller<br />

Größe einst jahrhundertlang am von<br />

Landstuhl heraufziehenden Höhenweg<br />

seine Wache. Nach altem Brauch<br />

sicherte er dort als Dreimärker den<br />

Grenzfrieden der Gemeinden Martinshöhe,<br />

Langwieden und Landstuhl. Zweimal<br />

wurde der Koloß versetzt. Dabei<br />

wurde ein Sakrileg an den Zeugen der<br />

Vergangenheit verübt und das massige<br />

Unterteil zur Gewichtsreduzierung<br />

abgestoßen. So etwa auf die Hälfte der<br />

Gesamtlänge verkürzt, wurde das Oberteil<br />

des Hünensteines vor dem Haus der<br />

Familie Theiß aufgestellt. Heute hat er -<br />

noch imposante 2,70 Meter hoch - einen<br />

Ehrenplatz im Park.<br />

Rätsel um das Alter<br />

Niemand kennt das wahre Alter der<br />

Menhire. Die nicht wenigen Standortwechsel<br />

erschweren die heutigen<br />

Nachforschungen. Phallus-Form und<br />

Obelisken-Gestalt der hochragenden<br />

Langsteine erinnern entfernt an die<br />

ägyptischen Obelisken. Ob die langen<br />

Steine von unbekannten Baumeistern<br />

der jüngeren Steinzeit errichtet worden<br />

sind oder von weitaus älteren Epochen<br />

stammen, ist bis heute ungewiss.<br />

Auch Siedler der frühen Bronzezeit<br />

kommen als Schöpfer vieler Steinmale<br />

in Betracht und können ebenfalls die<br />

Erbauer der Steinmale gewesen sein.<br />

Träfe das zu, würde das bereits ein Alter<br />

von mindestens viertausend Jahren bedeuten.<br />

Für die Kelten der Eisenzeit, die<br />

die Höhenregion anschließend besiedelten,<br />

wären sie dann schon mehr als<br />

tausend Jahre alt gewesen. Daß die alle<br />

römischen Zeugnisse kurz- und kleinschlagenden<br />

nordischen Stämme der<br />

Germanen den Menhir verschonten, gibt<br />

zur Vermutung Anlaß, daß auch sie die<br />

uralte Himmelssäule kultisch adaptiert<br />

und seit dem 5. und 6. nachchristlichen<br />

Jahrhundert für ihre Zwecke genutzt haben<br />

könnten.<br />

Merkwürdige Spuren<br />

Rätsel geben die meist an den Menhiren<br />

zu findenden, breitseitig und in<br />

jeweils unterschiedlicher Zahl von der<br />

Großenritte<br />

Blieskastel<br />

20<br />

MATRIX 3000 History


„<br />

In der Megalith-Kultur<br />

war der Menhir<br />

Ausdruck des Ewigen,<br />

Göttlichen, der Träger<br />

überirdischer Kräfte.<br />

Kammlinie des Menhirs senkrecht nach<br />

unten verlaufenden Steinrillen auf. Witterungseinflüsse<br />

allein können sie nicht<br />

geschaffen haben. Ob es sich dabei um<br />

kultische Wetzrillen handelt, bedarf weiterer<br />

Klärung. Auch hier ist die Vermutung<br />

nahe, daß der Menhir im Zuge der<br />

fast weltumspannenden „Megalithis“<br />

entstand, was zu einer Zeit geschehen<br />

sein muß, die viele Forscher noch vor<br />

der Sintflut ansetzen. Die Verbindungen<br />

dieser Megalithkultur mit den Erbauern<br />

der Steinkreise im heutigen Großbritannien<br />

lassen sich wohl schwer leugnen.<br />

Auch die Christen des Mittelalters<br />

respektierten oft den magischen Charakter<br />

der Menhire und verteufelten ihn<br />

nicht. Selten wurden Kreuze oder Statuen-Nischen<br />

eingemeißelt, wie bei dem<br />

Menhir von Blieskastel. Eine christliche<br />

Umwidmung des altheidnischen Steinmales<br />

gab es nicht sehr häufig. Erst in<br />

jüngerer Zeit ist die überlieferte Scheu<br />

vor dem steinernen Zeitzeugen so weit<br />

gesunken, daß Halbieren und Versetzen<br />

der Steine möglich wurden.<br />

<strong>Weg</strong>weiser der Götter?<br />

<strong>Der</strong> eigentliche Zweck des Menhirs,<br />

ebenso wie die Bedeutung der gesamten<br />

Steine und Steinkreise in Europa, ist<br />

noch immer schwer nachvollziehbar. Mit<br />

Bestimmtheit kann man nur sagen, daß<br />

der Menhir in der Megalith-Kultur Ausdruck<br />

des Ewigen, Göttlichen, der Träger<br />

überirdischer Kräfte war.<br />

Sogar dem guten, alten Jahwe aus<br />

dem Alten Testament war die Steinanbetung<br />

ein Dorn im „göttlichen“<br />

Auge. Mitunter untersagte er sogar<br />

mit allem Nachdruck die Anbetung<br />

solcher Objekte.<br />

So kann man im 5. Buch Mose des<br />

Alten Testaments (Das Buch Deuteronomium)<br />

nachlesen:<br />

„Du sollst neben dem Altar des<br />

Herrn, deines Gottes, den du dir<br />

baust, keinen Kultpfahl, keinerlei<br />

Holz einpflanzen.“ (5. Buch Mose,<br />

Kap.16, Vers 21 )<br />

Und weiter :<br />

„Du sollst kein Steinmal von der<br />

Art errichten, die der Herr, dein Gott,<br />

haßt.“ (5. Buch Mose, Kap. 16, Vers 22)<br />

Und somit gab Jahwe den Befehl,<br />

die Kultsteine zu meiden, sie gar zu<br />

zerstören, was bis in das mittelalterliche<br />

Christentum fortgesetzt wurde.<br />

Doch wurde diese Vernichtung<br />

vorchristlicher Spuren nicht überaus<br />

sorgsam praktiziert. Das erkennt man<br />

an der Tatsache, daß noch heute viele<br />

der imposanten Steine in Richtung<br />

Himmel weisen. Darüber hinaus zeigt<br />

sich trotz der christlichen Ablehnung<br />

die Verehrung der Menhire, da noch<br />

in unserem Jahrhundert bei französischen<br />

und auch deutschen Menhiren<br />

Fruchtbarkeitsriten beobachtet wurden<br />

und diese nach eigenen Recherchen<br />

heute noch praktiziert werden.<br />

Epilog<br />

Die Relikte uralten Wirkens weit entwikkelter<br />

Zivilisationen in Deutschland sind<br />

zahlreicher, als man im ersten Augenblick<br />

glauben mag. Dieser Artikel hat in<br />

dieser Hinsicht einige Beispiele dieser<br />

Spuren weit fortgeschrittener Kulturen<br />

dargelegt, die möglicherweise lange vor<br />

den bisher bekannten Urkulturen wie<br />

Sumer, Ägypten, Griechenland usw. existiert<br />

haben.<br />

Die Spuren für ihr weltumspannendes<br />

Wirken sind aufgrund der langen<br />

Zeitspanne, die bislang verstrichen ist,<br />

kaum noch in einen beweiskräftigen<br />

Rahmen zu setzen. Hinzu kamen die verheerenden<br />

Kataklysmen im Verlauf der<br />

Erdgeschichte, die alles vernichteten,<br />

was diese Zivilisationen geschaffen hatten.<br />

Ein Übriges taten die fehlerhaften<br />

Datierungen und die Glaubensfanatiker<br />

verschiedener Epochen, die unzählige,<br />

unschätzbare Schriften und Relikte dem<br />

Feuer übergaben, weil sie nicht in das jeweilige<br />

Weltbild paßten. Und doch sind<br />

auch mit den zahlreichen Menhiren stumme<br />

Zeugen übriggeblieben, haben den Lauf<br />

der Zeit überdauert und weisen zaghaft in<br />

eine phantastische Vergangenheit. ■<br />

Roland Roth ist Buchautor, freier Schriftsteller<br />

und Journalist. Er befaßt<br />

sich seit seiner Jugend<br />

mit den Rätseln der Welt.<br />

Sein Interesse legt er<br />

dabei auf die Existenz und<br />

Ethik extraterrestrischer<br />

Zivilisationen und die<br />

Zukunft der Menschheit im<br />

Kosmos in Verbindung mit<br />

der Paläo-SETI-Hypothese. Er veröffentlichte<br />

zu diesem Themenkomplex zahlreiche Bücher<br />

und Beiträge in Anthologien und Zeitschriften<br />

aus dem In- und Ausland. Roth ist Herausgeber<br />

des interdisziplinären Special-Interest-Magazins<br />

>>Q`PHAZE – Realität anders!<br />

Kontakt:<br />

www.qphaze.alien.de, E-Mail roth-verlag@web.de<br />

Literatur:<br />

Kurt Benesch: Auf den Spuren großer Kulturen,<br />

Bertelsmann 1979<br />

Erich von Däniken: Die Steinzeit war ganz anders.<br />

Bertelsmann 1991<br />

Graham Hancock, Die Spur der Götter, Lübbe 1995<br />

Dr. Adolf Hanle: Meyers Naturführer Harz.<br />

Mannheim 1992<br />

Michael Hesemann: Kraftort Deutschland, in<br />

Magazin 2000, Aug./Sept. 1994<br />

Irene Kappel: Steinkammergräber und Menhire in<br />

Nordhessen. Schanze OHG Kassel, 1978<br />

Roland Roth: Vermächtnisse der Vorzeit, Ancient<br />

Mail Verlag 2006<br />

Roland Roth: Auf den Spuren der Alten, Freier<br />

Falke Verlag 2010<br />

History MATRIX 3000 21


Ein <strong>Weg</strong> der Einweihung<br />

und der Abenteuer<br />

Ulrich Heerd<br />

Ulrich von Liechtenstein<br />

(aus dem Codex<br />

Manesse, um 1300)<br />

22<br />

MATRIX 3000 History


Herzog Johann von<br />

Brabant (aus dem Codex<br />

Manesse, um 1300)<br />

Um <strong>Ritter</strong> zu werden, bedurfte es einer<br />

langjährigen Vorbereitung. In den ersten<br />

sieben Jahren war der Sohn eines<br />

<strong>Ritter</strong>s ganz in der Obhut seiner Mutter,<br />

die für die Erziehung zuständig war. Das<br />

Hinführen des Knaben zu Begriffen wie<br />

Ehre, Anstand, Gott und den Werten der<br />

christlichen Religion oblagen ihr.<br />

<strong>Der</strong> Edelknabe<br />

Dann wurde ein fremder Hof gesucht, an<br />

dem er im Kreis anderer Söhne in strenger<br />

Zucht das beigebracht bekam, was<br />

einen jungen Mann <strong>zum</strong> <strong>Ritter</strong> machte.<br />

Die Erfordernisse, sich galant zu verhalten,<br />

Höflichkeit und weitere höfische<br />

Sitten lernten die Knaben in unmittelbarer<br />

Nähe der jeweiligen Edelfrauen,<br />

denen sie bis zu ihrem 14. Lebensjahr<br />

als Edelknaben zugeordnet waren. Das<br />

war dann auch die Zeit, in denen sie<br />

unterrichtet wurden. Ihre Lehrmeister<br />

waren meist Privatgelehrte, Geistliche<br />

oder altgediente Knappen. Eine wirkliche<br />

Bildung im heutigen Sinne war das<br />

nicht, sie wurden vor allem in biblischer<br />

Geschichte und über die Sagen und Mythenwelt<br />

unterrichtet.<br />

Fahrende Sänger wurden oft und<br />

gerne für einige Zeit eingestellt, um<br />

die Knaben in Musik, Tanz, Gesang und<br />

dem Saitenspiel zu unterrichten – ein<br />

Wissen, das ein junger <strong>Ritter</strong> seinerzeit<br />

ebenfalls beherrschen mußte. In der<br />

Regel wurde auf das Unterrichten im<br />

Lesen und Schreiben ganz oder teilweise<br />

verzichtet. Wichtiger war es, seine<br />

körperlichen Kräfte und Fähigkeiten zu<br />

trainieren.<br />

So gehörten Wettkämpfe zur täglichen<br />

Ausbildung. Laufen, Schwimmen,<br />

Reiten, Springen, das Schießen mit<br />

Bogen und Armbrust, der Kampf mit<br />

Schwert, Lanze und Schild und das Werfen<br />

von Steinen waren Aufgaben, die immer<br />

und immer wieder geübt wurden.<br />

<strong>Der</strong> Knappe<br />

Das Leben wurde in feste Lebensjahrsiebte<br />

eingeteilt. Im 3. Jahrsiebt von 14-<br />

21 Jahren übernahm der Knabe dann<br />

wieder neue Aufgaben. Nicht mehr der<br />

Damenwelt zugeordnet, wechselte er<br />

mit 14 Jahren seinen Aufgabenschwerpunkt<br />

hin zur der Welt der Männer. Aus<br />

dem kindlich anmutenden Edelknaben<br />

wurde ein Knappe. Ab diesem Moment<br />

war er Träger eines Schwertes.<br />

Ab jetzt veränderte sich sein Tagesablauf,<br />

und er wurde in der Kunst des<br />

Jagens unterwiesen.<br />

Er lernte, Falken und Hunde abzurichten,<br />

das Jagen von Hirschen gehörte<br />

nun ebenfalls zu seinen Aufgaben. Das<br />

Jagen beinhaltete aber auch, nach dem<br />

Erlegen das Wild fachgerecht zu zerlegen.<br />

Das Blasen des Hifthorns, eines<br />

kleinen Signalhorns, das einen Wehklagelaut<br />

entstehen ließ, gehörte auch<br />

dazu. Das Hifthorn war aus Gold oder<br />

Elfenbein, in seiner einfachen Ausführung<br />

aus dem Horn eines Rindes gefertigt.<br />

Alle Fähigkeiten eines guten Jägers<br />

galt es zu erlernen. Seine edelste<br />

Aufgabe aber war es, der Waffenträger<br />

„seines“ <strong>Ritter</strong>s zu sein. Ihm gebührte<br />

die Aufgabe, daß die Rüstung und die<br />

Waffen glänzten, daß sie gereinigt und<br />

poliert waren. <strong>Der</strong> Knappe hatte die<br />

Oberaufsicht über die jeweilige Rüstkammer<br />

und war verantwortlich für die<br />

Pferde des <strong>Ritter</strong>s. Er war der ständige<br />

Begleiter seines Herrn bei Jagden, Turnieren<br />

und in Kriegszeiten. Höchsten<br />

Ruhm konnte ein Knappe erreichen,<br />

wenn er seinem <strong>Ritter</strong> in einer Schlacht<br />

das Leben rettete. Seine Aufgabe war<br />

es, immer in seiner unmittelbaren Nähe<br />

zu sein. <strong>Der</strong> <strong>Ritter</strong> war ihm Vater in allen<br />

Tugenden, er war ihm Vorbild, ihm<br />

eiferte er nach, und hier erhielt er Herzensbildung<br />

und Bildung des Geistes.<br />

War der <strong>Ritter</strong> überzeugt, daß der Knap-<br />

History MATRIX 3000 23


24<br />

MATRIX 3000 History


Richard Löwenherz im<br />

Zweikampf mit Sultan Saladin<br />

(England, um 1340)<br />

Die Namen der <strong>Ritter</strong><br />

Ursprünglich waren Anreden mit dem<br />

Vornamen absolut üblich.<br />

Im Laufe der Geschichte trugen <strong>Ritter</strong><br />

zunehmend Namenszusätze<br />

Aus Rulf wurde z. B. Rudolf von der<br />

Habsburg.<br />

Dies entwickelte sich weiter zu Rudolf<br />

von Habsburg, und das „von“ wurde <strong>zum</strong><br />

Ausdruck des <strong>Ritter</strong>standes<br />

Die Herzöge von Bourbon und<br />

Bretagne im ritterlichen Zweikampf<br />

während eines Turniers.<br />

(Bild: Robert Prummel/Wikipedia)<br />

pe all die Tugendhaftigkeiten, die einen<br />

<strong>Ritter</strong> ausmachten verinnerlicht hatte,<br />

daß er die Fähigkeiten erlernt hatte,<br />

sich im Kampf und Spiel, bei der Jagd<br />

wie in der Schlacht zu bewähren, dann<br />

kam mit 21 der Zeitpunkt, wo er mit<br />

dem <strong>Ritter</strong>schlag <strong>zum</strong> <strong>Ritter</strong> ernannt<br />

wurde. Diese Ernennung erfolgte nach<br />

einer besonders tapferen Tat in einer<br />

Schlacht, oder – was häufiger der Fall<br />

war – bei einer großen festlichen Feier.<br />

<strong>Der</strong> <strong>Ritter</strong>schlag<br />

<strong>Der</strong> Knappe mußte sich aber dafür nicht<br />

einfach nur hinknien und den <strong>Ritter</strong>schlag<br />

erwarten, nein, auch für diese<br />

Zeremonie bedurfte es einer wirklichen<br />

Vorbereitung, Er mußte durch eine Phase<br />

des Fastens und Betens gehen, er<br />

mußte zur Beichte gehen und das heilige<br />

Abendmahl eingenommen haben.<br />

All das diente der Vorbereitung auf den<br />

großen Augenblick. In einem feierlichen<br />

Gottesdienst wurde sein Schwert geweiht,<br />

der zukünftige <strong>Ritter</strong> betrat die<br />

Kirche in weißen Gewändern – ein Symbol<br />

für die Reinheit des Herzens und<br />

der ritterlichen Tugenden. <strong>Der</strong> Knappe<br />

kniete sich nieder und senkte sein<br />

Haupt, eine Geste der Demut vor dem,<br />

der größer war als er.<br />

Einen Knappen <strong>zum</strong> <strong>Ritter</strong> schlagen<br />

durfte jeder <strong>Ritter</strong>. Eine besondere<br />

Ehre war es, wenn es sein Fürst,<br />

der Landesfürst oder gar der König<br />

tat. Bevor der Knappe den <strong>Ritter</strong>schlag<br />

erhielt, wurde er eingeweiht in<br />

die ritterlichen Tugenden:<br />

• Die Wahrheit zu sprechen<br />

• Das Recht zu schützen<br />

• Die Kirche zu schützen<br />

• Die Schwachen und Wehrlosen<br />

zu schützen<br />

• Die Witwen und Waisen zu schützen<br />

• Keine Schimpf und Schmach zu<br />

akzeptieren, die eine Edelfrau<br />

erdulden mußte<br />

• Die Ungläubigen zu bekämpfen<br />

• Seinem Kaiser und König Folge<br />

zu leisten<br />

• Demütig zu sein in Zeiten<br />

des Glücks<br />

• Standhaft zu bleiben in Zeiten<br />

des Leidens<br />

Erst wenn dem Knappen diese<br />

Tugenden erklärt worden waren<br />

und er mit seinem feierlichen<br />

Eide erklärte, daß er sich fortan<br />

an dieses Gelübde gebunden fühlte,<br />

erhielt er seinen dreifachen <strong>Ritter</strong>schlag<br />

mit folgenden Worten: „Im<br />

Namen Gottes und im Namen des heiligen<br />

Michael und im Namen des heiligen<br />

Georg schlage ich dich hiermit<br />

<strong>zum</strong> <strong>Ritter</strong>!“<br />

<strong>Der</strong> <strong>Ritter</strong>schlag war nicht einfach<br />

ein Schlag. Er erhielt drei Schläge<br />

über die Schulter und den Rücken als<br />

Zeichen der Erniedrigung. Die letzte<br />

Erniedrigung, die er annehmen mußte,<br />

bevor er sich als <strong>Ritter</strong> erhob.<br />

Dann wurde ihm seine Rüstung gereicht,<br />

und er wurde mit ihr bekleidet.<br />

Die Rüstung bestand aus Helm, Panzerhemd,<br />

Harnisch und Sporen.<br />

Oftmals folgte ein <strong>Ritter</strong>turnier, an<br />

dem er sich erstmalig als <strong>Ritter</strong> beteiligen<br />

durfte.<br />

Das Turnier<br />

Turniere waren ritterliche Waffenspiele,<br />

die dazu dienten, daß sich die <strong>Ritter</strong><br />

in Friedenszeiten im Waffenhandwerk<br />

übten. Sie waren ursprünglich in Frankreich<br />

entstanden, daher der Name, der<br />

sich vom französischen Wort tourner =<br />

drehen, wenden ableitet. Seit den Zeiten<br />

von Kaiser Friedrich Barbarossa (um<br />

1122-1190) wurden auch in Deutschland<br />

Turniere abgehalten.<br />

Häufig wurden Turniere<br />

bei festlichen<br />

History MATRIX 3000<br />

25


Gesellenstechen in Nürnberg.<br />

Gemälde von Jost Amman, 1561.<br />

Gelegenheiten, z. B. bei Vermählungen,<br />

Kaiserkrönungen oder anderen wichtigen<br />

Anlässen veranstaltet.<br />

Hierzu wurde im Burghof oder auch<br />

auf dem Marktplatz einer Stadt ein Feld<br />

abgesteckt. Ringsherum wurden Tribünen<br />

aus Holz für die Zuschauer errichtet.<br />

In Städten schauten viele Menschen<br />

auch ganz einfach aus den Fenstern ihrer<br />

Häuser zu.<br />

Bevor ein <strong>Ritter</strong> <strong>zum</strong> Turnier zugelassen<br />

wurde, mußte er sich beim Turniervogt<br />

der sogenannten Helmschau und<br />

der Ahnenprobe unterziehen, wodurch<br />

festgestellt wurde, ob er bis in die vierte<br />

Generation seiner Vorfahren standesgemäß<br />

war. Es wurde auch überprüft,<br />

ob seine Waffen und sein Pferd den<br />

Vorschriften des Turniers entsprachen.<br />

Anschließend mußte er den Turniereid<br />

leisten. <strong>Der</strong> <strong>Ritter</strong> verpflichtete sich, daß<br />

sein Pferd nicht bissig war oder ausschlug,<br />

und daß er keine anderen als die<br />

zugelassenen Waffen mit sich führte.<br />

Mit dem Schwert durfte nur geschlagen,<br />

nicht zugestochen werden.<br />

Eine Trompetenfanfare und ein<br />

Trommelwirbel eröffneten das Turnier.<br />

Die teilnehmenden <strong>Ritter</strong> zogen<br />

auf den Kampfplatz in ihren prachtvoll<br />

geschmückten Rüstungen auf ihren<br />

Pferden, die mit nicht minder kostbaren<br />

Decken geziert waren. Dann traten sie<br />

jeweils zu zweit gegeneinander an.<br />

Wenn das Startzeichen ertönte,<br />

galoppierten die beiden Kämpfer mit<br />

eingelegten stumpfen Lanzen aufeinander<br />

los. Im Zweikampf galt es, Stöße<br />

des Gegners abzuwehren und gleichzeitig<br />

zu versuchen, ihn mit der Lanze<br />

aus dem Sattel zu stoßen oder ihm den<br />

Helm vom Kopf zu reißen. Zersplitterte<br />

Lanzen wurden von den Knappen<br />

durch neue ersetzt. Wenn alle Lanzen<br />

verbraucht waren, ging der Zweikampf<br />

mit dem stumpfen Schwert weiter. <strong>Der</strong><br />

Sieger erhielt seinen Preis von einer<br />

anwesenden Edelfrau verliehen. Meist<br />

bestand der Preis aus einem kostbaren<br />

Schwert, einem<br />

speziellen Helm<br />

oder einem anderen<br />

Schmuckstück, das<br />

der <strong>Ritter</strong> fortan tragen<br />

konnte.<br />

Viele <strong>Ritter</strong> folgten<br />

auch in der realen<br />

Schlacht im<br />

Krieg dem ritterlichen<br />

Ehrenkodex<br />

der Turniere und<br />

waren darauf bedacht,<br />

den Gegner<br />

nicht zu töten, sondern<br />

nur gefangenzunehmen<br />

und<br />

später gegen ein Lösegeld wieder freizulassen.<br />

Trotz der strengen Turnierregeln<br />

kamen Unfälle und Verwundungen vor.<br />

Aus diesem Grund machte die Kirche<br />

mit der Zeit Front gegen die Turniere<br />

und verweigerte <strong>Ritter</strong>n, die beim Turnier<br />

tödlich verunglückt waren, sogar<br />

ein christliches Begräbnis.<br />

Das Ende des <strong>Ritter</strong>tums<br />

Mit der Zeit wandelten sich die Turniere<br />

von reinen Übungen der Kriegskunst<br />

immer mehr zu Unterhaltungsveranstaltungen,<br />

bei denen zunehmend auch<br />

Gaukler, Musikanten und Tierbändiger<br />

auftraten. <strong>Der</strong> Veranstalter hatte<br />

Gelegenheit, auf diese Weise seinen<br />

Reichtum zur Schau zu stellen. Die<br />

Zweikämpfe selbst wurden hingegen<br />

später, etwa Anfang des 16. Jahrhunderts,<br />

zunehmend formalisiert und<br />

ritualisiert und stellten keine echten<br />

Kriegsübungen mehr dar.<br />

Damit ging das Zeitalter<br />

der mittelalterlichen <strong>Ritter</strong>turniere<br />

langsam zu<br />

Ende.<br />

Auch das <strong>Ritter</strong>tum insgesamt<br />

ging nun, mit dem<br />

Aufkommen der ersten<br />

Feuerwaffen, seinem Ende<br />

entgegen. Es entstand die<br />

neue militärische Waffengattung<br />

der Kavallerie, deren<br />

Angehörige allerdings<br />

z. T. noch bis in die Zeit des<br />

Ersten Weltkrieges am ritterlichen<br />

Ehrenkodex festhielten.<br />

Dies galt auch für<br />

die ersten Kampfpiloten der Luftwaffe,<br />

die meist ehemalige Kavalleristen waren<br />

und deren Zweikämpfe in der Luft<br />

häufig von Fairness und Ehrenhaftigkeit<br />

geprägt waren. ■<br />

Quelle: Kulturbilder aus Deutschlands<br />

Vergangenheit<br />

Illustration aus Sir<br />

Walter Scotts <strong>Ritter</strong>roman<br />

"Ivanhoe", 1820.<br />

Ulrich Heerd ist seit über 30 Jahren<br />

journalistisch<br />

tätig, seit mehr<br />

als 25 Jahren<br />

Verleger, Autor<br />

und Herausgeber<br />

zahlreicher Bücher.<br />

Er ist Herausgeber<br />

der <strong>Matrix3000</strong> und<br />

Redakteur für Gesundheit.<br />

26<br />

MATRIX 3000 History


Die Bewaffnung des <strong>Ritter</strong>s<br />

Schwert<br />

Das Schwert<br />

war die Hauptwaffe<br />

eines <strong>Ritter</strong>s.<br />

Es war meist<br />

sehr lang und schwer<br />

und hatte eine doppelte<br />

Schneide. <strong>Der</strong> Griff war<br />

meist mit Gold und Edelsteinen<br />

geschmückt. Berühmte<br />

Helden besaßen meist legendäre<br />

Schwerter mit besonderen Namen.<br />

Man denke an das Schwert Excalibur<br />

aus der Artussage. Siegfrieds Schwert in der Nibelungensage<br />

hieß Balmung. Rolands Schwert wurde Durendart genannt.<br />

Helm<br />

<strong>Der</strong> Helm, anfänglich nur<br />

ein Eisenhelm, erhielt<br />

Verzierungen durch farbenfrohe<br />

Federbüsche,<br />

durch Wappenzeichen<br />

und/oder Tücher, die der<br />

<strong>Ritter</strong> von einer geliebten<br />

Dame des Herzens geschenkt<br />

bekommen hatte.<br />

Gerade an den Verzierungen<br />

des Helms konnte<br />

man dann während einer<br />

Schlacht erkennen, welcher<br />

<strong>Ritter</strong> sich gerade<br />

wo befand.<br />

Speer<br />

<strong>Der</strong> Speer<br />

oder<br />

die<br />

Lanze war die<br />

eigentliche Kriegswaffe<br />

eines <strong>Ritter</strong>s.<br />

Er wurde nur im Kampf<br />

oder Turnier getragen. Es<br />

war eine lange zugespitzte Stange aus Eschenholz mit eiserner<br />

Spitze. Im Turnier wurde nicht mit scharfen Waffen gekämpft.<br />

<strong>Der</strong> Speer wurde dann an der Spitze abgestumpft. Im Kampf<br />

sprengten die <strong>Ritter</strong> zu Pferde mit waagerecht gehaltener Lanze<br />

aufeinander los. Es galt, den Gegner mit einem Lanzenstoß<br />

zwischen den Panzerschienen zu treffen oder ihn <strong>zum</strong>indest<br />

vom Pferd zu stoßen. Erst wenn die Lanzen im Zweikampf zersplittert<br />

waren, begann der Schwertkampf.<br />

Schild<br />

<strong>Der</strong> Schild eines <strong>Ritter</strong>s bestand<br />

aus Holz, das mit starkem<br />

Leder überzogen und mit<br />

festen Eisenbeschlägen versehen<br />

war. Die Form Schildes<br />

war dreieckig und lief nach<br />

unten spitz zu. Die Vorderseite<br />

war mit dem Wappen des<br />

<strong>Ritter</strong>s bemalt. Damit diente<br />

der Schild als äußeres Erkennungszeichen<br />

des <strong>Ritter</strong>s, der<br />

selbst durch seine Rüstung<br />

vollständig unkenntlich war.<br />

Das gleiche Wappen fand man<br />

auch auf dem Helm des <strong>Ritter</strong>s,<br />

seinem Banner und über<br />

seinem Burgtor.<br />

Panzer<br />

Die älteste Form des Panzers war<br />

die Brünne, ein kurzer Lederrock,<br />

der den Rumpf und die Oberarme<br />

schützte. Darauf waren Schuppen<br />

und Ringe aus Eisen genäht, in<br />

Einzelfällen auch aus Silber, Gold<br />

oder anderen edlen Metallen.<br />

Im Laufe der Zeit verzichtete<br />

man auf das Leder, die Ringe<br />

wurden direkt miteinander<br />

verbunden, und so entstand<br />

das Kettenhemd –<br />

der Kettenpanzer.<br />

Als lung wurde der Kettenpanzer<br />

ersetzt<br />

Weiterentwick-<br />

durch Platten,<br />

es entstand der<br />

Plattenpanzer,<br />

der ein enormes<br />

Gewicht darstell-<br />

te. Ihn allein anzulegen<br />

war unmöglich,<br />

und auch das<br />

Verrichten der Notdurft<br />

war in einem Plattenpanzer<br />

nicht mehr möglich.<br />

<strong>Der</strong> Plattenpanzer wurde<br />

noch durch Arm- und Beinschienen<br />

ergänzt.<br />

<strong>Der</strong> Wappenrock, der<br />

künstlerisch verziert und<br />

golddurchwirkt war, wurde<br />

über der Rüstung getragen.<br />

History MATRIX 3000 27


„<br />

Wilhelm IX. von<br />

Aquitanien, der erste<br />

Troubadour (13. Jh.)<br />

Entertainer, Höfling,<br />

gesellschaftskritischer<br />

Satiriker, Guru und Liebender<br />

- die Figur des Barden<br />

ist schillernd.<br />

Protestsong<br />

und Minnelied<br />

Mittelalterliche Barden und ihre Zeit<br />

Roland Rottenfußer<br />

Entertainer, Höfling, gesellschaftskritischer<br />

Satiriker, Guru und Liebender –<br />

die Figur des Barden ist schillernd und<br />

wird durch allerlei Klischees überlagert.<br />

Barden, Troubadoure und Minnesänger<br />

hatten eine klar umrissene gesellschaftliche<br />

Funktion. Immer wieder<br />

erhoben sich aus ihren Reihen jedoch<br />

Genies, die die Moralvorstellungen ihres<br />

Zeitalters herausforderten, deren<br />

Leidenschaft und Scharfsinn die Jahrhunderte<br />

überdauerten.<br />

Fast hätte Bob Dylan den Literaturnobelpreis<br />

bekommen. Jedenfalls<br />

wurde er mehrmals für diese Ehrung<br />

vorgeschlagen. Aber jemand, der<br />

Lieder zur Gitarre singt, kann eben nur<br />

„fast“ in die Heiligen Hallen der Hochkultur<br />

vordringen. Schließlich findet<br />

sich Dylans Werk in der CD-Abteilung<br />

in der schnöden Sparte „Rock und Pop<br />

international“. Gerecht ist eine solche<br />

Diskriminierung nicht. Dichter, die ihre<br />

literarischen Texte singend auf einem<br />

Saiteninstrument begleiteten, gibt es<br />

schon sehr lange und auf hohem Niveau.<br />

In Deutschland begründeten<br />

„Singer-Songwriter“ die erste literarische<br />

Hochblüte und schufen – noch vor<br />

Martin Luther – die erste einheitliche<br />

Literatursprache in einem Land, das in<br />

unzählige Volksdialekte zerfiel.<br />

Lange bevor Walther von der Vogelweide<br />

und seine Kollegen im 13.<br />

Jahrhundert Erfolg hatten, war jedoch<br />

die Gestalt des Barden im keltischen<br />

Kulturraum bekannt. Griechische Geschichtsschreiber<br />

wie Diodorus erwähnten<br />

die Barden (von altkeltisch:<br />

bardos) schon im 1. Jahrhundert v.<br />

Chr. Sie wurden als Höflinge irischer<br />

und keltischer Könige beschrieben,<br />

ihre Tätigkeit hatte unterhaltende,<br />

aber auch systemstabilisierende<br />

Funktion. Barden mußten die Erinnerung<br />

an die Großtaten der Vorfahren<br />

aufrechterhalten und setzten so<br />

auch deren Nachfahren, die aktuellen<br />

Herrscher, ins rechte Licht. Gestalten<br />

wie der Barde „Troubadix“ aus<br />

den Asterix-Comics, der durch seinen<br />

häßlichen Gesang den Spott und die<br />

Verachtung der Gemeinschaft auf sich<br />

zieht, sind kaum realistisch. Ein Barde<br />

hatte eine festgelegte soziale Stellung<br />

und mußte gefallen.<br />

Keltische Barden:<br />

Magier und Höflinge<br />

Alternativ zu „Barde“ war in Irland auch<br />

die Bezeichnung fili, Mehrzahl: filidh, gebräuchlich.<br />

Beide Berufe sind teilweise<br />

schwer voneinander abzugrenzen. Die<br />

filidh scheinen aber höheres Ansehen<br />

genossen zu haben, stellten eine Art<br />

Adel dar und ähnelten in manchen ihrer<br />

Funktionen auch den Druiden. In ihrer<br />

Glanzzeit konnte ein fili ein Stammes-<br />

28<br />

MATRIX 3000 History


Walther von der Vogelweide (aus<br />

dem Codex Manesse, um 1300) History MATRIX 3000 29


„<br />

Mittelhochdeutsches Original<br />

Dû bist mîn ich bin dîn.<br />

des solt dû gewis sîn.<br />

dû bist beslozzen<br />

in mînem herzen.<br />

verlorn ist das sluzzelîn.<br />

dû muost immêr darinne sîn!<br />

Übersetzung<br />

Du bist mein, ich bin dein,<br />

dessen sollst du gewiss sein.<br />

Du bist verschlossen<br />

in meinem Herzen,<br />

Verloren ist das Schlüsseleindu<br />

musst immer darin sein.<br />

Die einzige erhaltene urkundliche<br />

Erwähnung Walthers stammt aus<br />

dem Jahre 1203. Es ist eine Rechnung<br />

des Bischofs von Passau über<br />

5 Schillinge für einen Pelzrock.<br />

Dieses Gedicht wurde im<br />

12. Jahrhundert in einem<br />

Tegernseer Kloster gefunden<br />

Im Hochmittelalter erlebten die Barden<br />

in England, Wales und Irland eine<br />

Hochblüte. Grundlegend für die Dichter-Sänger<br />

auf dem Gebiet des heutigen<br />

Deutschland war jedoch eine andere<br />

Tradition: die der französischen Troubadoure.<br />

Da diese ihre Werke in der südfranzösischen<br />

okzitanischen Sprache<br />

(langue d’oc) abfaßten, werden sie besser<br />

als „Trobadore“ bezeichnet. „Trobador“<br />

geht auf das okzitanische Verb<br />

„trobar“ (finden) zurück. Das suggeriert,<br />

daß Trobadore ihre Lieder nicht selbst<br />

erschaffen, sondern etwas (er)finden,<br />

was schon vorhanden war – in Gottes<br />

Geist. Als „erster Trobador“ gilt ein Adeliger,<br />

Wilhelm IX. von Aquitanien (1071-<br />

1127). Es ist anzunehmen, daß Wilhelm<br />

Vorläufer hatte, er machte die Bardenkunst<br />

jedoch durch seine gesellschaftliche<br />

Stellung hoffähig. Er war wesentlich<br />

an der Schaffung einer literarischen<br />

Hochsprache beteiligt, die er aus dem<br />

Rohdiamanten der okzitanischen Volkssprache<br />

formte. Es gibt von Wilhelm von<br />

Aquitanien kunstvolle höfische Liebeslieder,<br />

die eine gebändigte Leidenschaft<br />

preisen (fin’amors). Andere Werke sind<br />

jedoch erstaunlich freizügig, ja derb in<br />

der Darstellung der Sexualität.<br />

ter-Sänger weiter nach Nordosten, wo<br />

man seit etwa 1155 deutsche Trobadore<br />

nachweisen kann: Minnesänger,<br />

wie den Kürenberger. <strong>Der</strong> Einfluß der<br />

Franzosen läßt sich anhand von Neuvertextungen<br />

französischer Melodien<br />

nachweisen. Auch Strophenformen und<br />

Metrik knüpfen teilweise an die Kunst<br />

der westlichen Nachbarn an. Die Vorbildfunktion<br />

Frankreichs kann man<br />

nicht nur in der Lyrik, sondern auch<br />

beim Versepos beobachten, wenn etwa<br />

Chrétien de Troyes‘ Dichtung „Perceval“<br />

von Wolfram von Eschenbach als „Parzival“<br />

neu interpretiert wurde. Wichtig<br />

war dabei auch die Übernahme literarischer<br />

Klischees, vor allem der „Hohen<br />

Minne“.<br />

„Hoch“ ist an dieser Form der Liebe<br />

vor allem die Tatsache, daß sie nicht<br />

körperlich vollzogen wird. Dahinter<br />

steht die christliche Forderung nach<br />

Triebverzicht, der z.B. von Paulus konstruierte<br />

Gegensatz von „Geist“ und<br />

„Fleisch“. Das idealisierte Bild der „Hohen<br />

Frau“ (frouwe = Herrin) als Adressatin<br />

von Minneliedern steht im Kontrast<br />

zur Abwertung der Frau in der<br />

patriarchalischen Kirche. Die frouwe<br />

nimmt in der Fantasie teilweise Züge<br />

der unbefleckten Mutter Gottes an,<br />

während Frauen in der Realität ihrem<br />

Ehemann untergeordnet bleiben. Eine<br />

unerfüllte Liebe hatte auch im Mittelalter<br />

zunächst soziale Gründe. Man<br />

kann zwei soziologische „Typen“ des<br />

Minnesängers unterscheiden: Adlige,<br />

die sich als Hobbysänger betätigten,<br />

und Berufsbarden, die zu ihrem Fürsten<br />

in einem Dienstverhältnis standen.<br />

<strong>Der</strong> singend Adlige mochte aufgrund<br />

der üblichen Heiratspolitik von<br />

seiner Liebsten ferngehalten worden<br />

sein; für den Berufsbarden spielte die<br />

frouwe gesellschaftlich schlicht in einer<br />

anderen Liga. Ihm blieb der „Minnedienst“,<br />

der Versuch, sich eine Hohe<br />

Frau durch ritterliche Taten und Preislieder<br />

gewogen zu machen – ohne jede<br />

Hoffnung auf körperliche Erfüllung.<br />

mitglied gesellschaftlich vernichten, indem<br />

er ihm ein kritisches Lied auf den<br />

Leib schrieb. <strong>Der</strong> „Poetenfluch“ stand<br />

in dem Ruf, einen Menschen sogar körperlich<br />

schädigen oder töten zu können.<br />

Dies verlieh den Forderungen der filidh<br />

nach Geld und Privilegien besonderen<br />

Nachdruck, so daß die Bardenzunft teilweise<br />

verhaßt war. Organisiert waren sie<br />

als Orden mit einer strengen Hierarchie.<br />

Ähnlich wie bei den Freimaurern gab es<br />

Einweihungsgrade mit blumigen Namen<br />

wie „Königlicher Barde“ und „Meister<br />

des Bardentums“. Die Anwärter hatten<br />

ein strenges Ausbildungsprogramm<br />

zu absolvieren, das vor allem auf Gedächtnis<br />

und Konzentrationsfähigkeit<br />

abzielte. In einer Kultur der mündlichen<br />

Überlieferung mußten Barden Hunderte<br />

von epischen Gedichten mit jeweils Hunderten<br />

von Versen auswendig lernen.<br />

Troubadoure:<br />

das Licht aus dem Westen<br />

Mit Hilfe der nordfranzösischen „Trouvères“<br />

wanderte die Kunst der Dich-<br />

Reinmar, der keusche Klassiker<br />

Unerfüllte Liebe wird es immer geben.<br />

Besonders am Konzept der Hohen Minne<br />

war allerdings ein besonderer Kult des<br />

Leidens, eine literarische Überhöhung<br />

des Verzichts, die mit teilweise schikanösen<br />

Begründungen ausgeschmückt<br />

wurde. <strong>Der</strong> klassische Barde der Hohen<br />

Minne ist Reinmar von Hagenau (gest.<br />

um 1210) über dessen Leben man praktisch<br />

nichts weiß. Er wurde von Gottfried<br />

von Straßburg („Tristan“) als größter Lyriker<br />

seiner Zeit gelobt. Im berühmten<br />

„Preislied“ Reinmars heißt es (in neuhochdeutscher<br />

Übersetzung):<br />

„Zwei Dinge habe ich mir<br />

vor Augen gebracht,<br />

die widerstreiten in meinem Herzen:<br />

Ob ich ihr hohes Ansehen<br />

durch mein Willen mindern wollte,<br />

oder es vergrößert wünschte,<br />

und sie, Glückliche, frei von mir und<br />

allen Männern sei.<br />

Beide Optionen schmerzen,<br />

und ich würde durch ihre Schmach nie<br />

mehr froh.<br />

hingegen vergäße sie mich, klagte ich<br />

noch mehr.“<br />

Das Minnelied zeigt seinen Sänger<br />

in einer unlösbaren Zwickmühle.<br />

Würde sich ihm die Dame hingeben,<br />

so zerrisse ihm die damit verbundene<br />

Schande das Herz. Wäre sie berührbar,<br />

würde ihr dies ja alles rauben, was<br />

er an ihr verehrungswürdig fand. Ein<br />

klarer Fall von „Anleitung <strong>zum</strong> Unglücklichsein“,<br />

frei nach Paul Watzlawick: „Ich<br />

könne niemals eine Frau achten, die sich<br />

so weit erniedrigte, mit jemandem wie<br />

mir zu schlafen.“ Richard Wagner hat<br />

das Konzept der Hohen Minne in seinem<br />

„Tannhäuser“ überspitzt dargestellt. Er<br />

legt der Figur Wolfram von Eschenbach<br />

folgende Verse in den Mund: „Und nimmer<br />

möcht ich diesen Bronnen trüben,/<br />

30<br />

MATRIX 3000 History


Reinmar der Alte (aus dem<br />

Codex Manesse, um 1300)<br />

History MATRIX 3000 31


Herr Heinrich von Veldeke (Codex Manesse, um 1300)<br />

32<br />

MATRIX 3000 History


erühren nicht den Quell mit frevlem<br />

Mut./ In Anbetung möcht ich mich opfernd<br />

üben,/ vergießen froh mein letztes<br />

Herzensblut.“<br />

Deutschlands bester Barde<br />

Das rigide Konzept der Hohen Minne<br />

provoziert natürlich eine Gegenströmung,<br />

die „Niedere Minne“ genannt<br />

wurde. Was das bedeutete, kann man<br />

sich denken. In der Realität wandten<br />

sich die schmachtenden Barden unverheirateten<br />

Frauen von geringerem<br />

sozialem Rang zu, die <strong>zum</strong> sexuellen<br />

Vollzug bereit waren. Als größter Sänger<br />

der Niederen Minne gilt Walther<br />

von der Vogelweide, bis heute der bekannteste<br />

Vertreter der mittelhochdeutschen<br />

Dichtung. Auch bei Walther<br />

zeigen sich die extremen Schwierigkeiten<br />

der Forschung, den Menschen<br />

hinter seinen Werken zu identifizieren.<br />

Man ist dabei ganz auf Selbstaussagen<br />

in den Liederdichtungen angewiesen<br />

sowie auf Erwähnungen Walthers in<br />

den Werken anderer Künstler. Hier<br />

darf dann spekuliert werden, ob die<br />

Aussagen der Wahrheit entsprechen<br />

oder eher literarische Idealisierungen<br />

sind.<br />

Von Walther von der Vogelweide<br />

(ca. 1170 bis 1230) sind 90 Minnelieder<br />

und 150 Sangsprüche überliefert,<br />

die in Sammlungen wie der „Kleinen<br />

Heidelberger Liederhandschrift“ (13.<br />

Jh.) überliefert sind. Die Namensbezeichnung<br />

„von der Vogelweide“ deutet<br />

nicht auf eine adlige Herkunft hin. Als<br />

relativ gesichert gilt eine Fehde zwischen<br />

Walther und Reinmar, bei der<br />

sowohl das Konzept der Hohen Minne<br />

als auch persönliche Animositäten eine<br />

Rolle spielten. Walther hatte nach einer<br />

Phase traditioneller Minnelieder die so<br />

genannten „Mädchenlieder“ gedichtet.<br />

Es sind Darstellungen einer erfüllten,<br />

auf Gegenseitigkeit beruhenden Liebe,<br />

interessanterweise aus der Perspektive<br />

der Frau gesehen.<br />

„Tandaradei“<br />

– Walthers freizügige Lovesongs<br />

Das bekannteste, „Unter der linden“,<br />

zeigt, daß die Niedere Minne keineswegs<br />

mit plumpen Darstellungen des<br />

Geschlechtsverkehrs verwechselt werden<br />

dürfen. Das reizende Lied entwirft<br />

das anschauliche Bild eines Liebeslagers<br />

auf der Blumenwiese. An den<br />

Abdrücken der Körper der Liebenden<br />

könnte ein Wanderer noch immer<br />

Rückschlüsse darauf ziehen, was hier<br />

geschehen ist. Was der friedel (Liebste)<br />

dort mit dem Mädchen tat, das wird<br />

niemand erfahren – außer einem Vöglein<br />

im Baum, das Zeuge war. „Kuster<br />

mich? Wol tûsentstunt: tandaradei,<br />

seht, wie rôt mir ist der munt.“ – das<br />

war ein neuer Tonfall, eine fröhliche<br />

und unverkrampfte Schilderung der<br />

Liebe.<br />

Walthers Minnelieder sind wegen ihrer<br />

zeitlosen Thematik nicht präzise zu<br />

datieren. Anders bei seinen politischen<br />

Liedern. Sie sind nah am Puls der Zeit,<br />

und einige von ihnen könnte man geradezu<br />

als „Protestsongs“ bezeichnen.<br />

Walther stand dem staufischen<br />

Thronanwärter Philipp von Schwaben<br />

nahe, der sich in einem Machtkampf<br />

mit dem Welfen Otto befand. Walther<br />

ergriff in mehreren Gedichten vehement<br />

die Partei Philipps und begab sich<br />

so in Frontstellung <strong>zum</strong> Papst. Auch<br />

Verbindungen zu Landgraf Hermann<br />

von Thüringen, dem Schwiegervater<br />

der Heiligen Elisabeth, sind historisch<br />

verbürgt. In Selbstaussagen Walthers<br />

spiegelt sich die soziale Stellung des<br />

Barden. Auf der einen Seite ist da der<br />

freie, wandernde Künstler, Angehöriger<br />

eines mittelalterlichen Kulturprekariats;<br />

andererseits die Sehnsucht<br />

nach einer „Festanstellung“ bei Hofe,<br />

deren Schattenseite der Verlust von<br />

Freiheit ist. „Ich hab mein Lehen, alle<br />

Welt, ich hab mein Lehen! Nun fürcht<br />

ich nicht den Hornung an die Zehen und<br />

brauche geizige Herren nicht mehr anzuflehen.“<br />

Papstkritik und Ökologie<br />

Geradezu prägend für Walthers Werk<br />

sind beständige Animositäten gegenüber<br />

dem Papsttum, gegen dessen<br />

Machtanspruch und Geldgier (etwa<br />

unter Innozenz III.) er agitierte: „Swelh<br />

herze sich bî disen zîten niht verkêret,<br />

sît daz der bâbest selbe dort den unglouben<br />

mêret.“ (Ungefähre Bedeutung:<br />

„Wem diese Zeiten nicht den<br />

Sinn verwirren, dem muß klar sein,<br />

daß der Papst selbst den Unglauben<br />

vermehrt.“) Walther von der Vogelweide<br />

war ein vehementer Verteidiger der<br />

Trennung von Staat und Kirche im Sinne<br />

des Jesusworts: „Gebt dem Kaiser, was<br />

des Kaisers ist, und Gott, was Gottes<br />

ist.“ Auch geradezu ökologisch anmutende<br />

Verse gibt es von ihm: „Bereitet<br />

ist daz velt, verhouwen ist der walt“.<br />

(Das Feld ist bestellt, also nicht mehr<br />

im natürlichen Urzustand; der Wald ist<br />

abgeholzt)<br />

Das Wirken Walthers als dichtender<br />

und singender kritischer Zeitzeuge<br />

machte ihn auch zu einem Vorbild moderner<br />

Liedermacher. Was war der mittelalterliche<br />

Barde denn anderes als ein<br />

„Singer-Songwriter“? In den 70er Jahren<br />

wurden Musikgruppen wie „Ougenweide“<br />

und „Liederjahn“ mit Neukompositionen<br />

zu historischen Texten<br />

bekannt. Im Musikstil versuchten sie zu<br />

rekonstruieren, wie mittelalterliche Lieder<br />

geklungen haben mußten. Auch Solisten<br />

wie Hannes Wader und Reinhard<br />

Mey orientierten sich an den Vorbildern<br />

aus dem 13. Jahrhundert und wurden<br />

von den Medien oft „Barden“ genannt.<br />

Als „Blödelbarden“ bezeichnete man einen<br />

Sänger, der wie Mike Krüger zu humorvollen<br />

Couplets die Gitarre zupfte.<br />

Projektionsfläche der Sehnsucht<br />

Wie die Musik der Minnesänger und<br />

Barden geklungen haben muß, kann<br />

man übrigens nur unzureichend rekonstruieren.<br />

Funde von Musikinstrumenten,<br />

etwa der Flöte (Buinne), der<br />

Harfe (Chrot), des Dudelsacks (Finne)<br />

und einer Art Lyra (Timpan) vermitteln<br />

eine Ahnung davon. Die Instrumente<br />

verfügen meist über ein beschränktes<br />

Repertoire von Tönen, so daß moderne<br />

Tonleitern (Dur und Moll) darauf nicht<br />

spielbar sind. Schriftlich sind allenfalls<br />

die „nackten“ Melodien aufgezeichnet.<br />

Aus ihnen kann man kaum Rückschlüsse<br />

auf Rhythmisierung, Betonung und<br />

Instrumentierung ziehen. Was wir also<br />

heute auf Mittelaltermärkten hören<br />

können, sind im besten Fall Versuche<br />

einer einfühlsamen Rekonstruktion.<br />

Das Mittelalter wurde seit der Romantik<br />

zur Projektionsfläche für<br />

die Sehnsucht vieler. Noch heute<br />

verbinden wir mit dieser Zeit die Vorstellung<br />

von einem wohlgeordneten Gesellschaftssystem,<br />

das auf Werten wie<br />

Ehre und Treue basiert – künstlerisch<br />

widergespiegelt durch eine kraftvolle,<br />

emotionale Sprache und einfache musikalische<br />

Mittel. Es sind Vorzüge, die<br />

in einer kommerzialisierten modernen<br />

Musikwelt verlorengegangen scheinen.<br />

Man ist heute weit davon entfernt, das<br />

Mittelalter zu idealisieren. Unvermindert<br />

ist allerdings der zeitlose Zauber,<br />

der die Gestalt des Barden bis heute<br />

umweht. Vielleicht klappt’s ja auch<br />

noch mal mit dem Nobelpreis für Bob<br />

Dylan. ■<br />

Roland Rottenfußer ist nach dem<br />

Studium der<br />

Germanistik als Lektor,<br />

Autor und Redakteur<br />

für verschiedene<br />

Buch- und<br />

Zeitschriftenverlage<br />

tätig. Ehemaliger<br />

Redakteur beim<br />

Magazin „connection“.<br />

<strong>Der</strong>zeit bei Matrix 3000 Redakteur für<br />

die Rubriken Kultur/Gesellschaft und<br />

Gesundheit.<br />

History MATRIX 3000 33


Thomas <strong>Ritter</strong><br />

34<br />

MATRIX 3000 History<br />

Bild von Tempelritter © JoJan


Templersiedlung<br />

Couvertoirade<br />

(Frankreich)<br />

Zweihundert Jahre lang<br />

prägten die Templer das<br />

abendländische<br />

Geistes- und Kulturleben.<br />

Um die Existenz des Templerordens<br />

ranken sich zahlreiche Mythen<br />

und Legenden. Kein anderer<br />

der geistlichen <strong>Ritter</strong>orden ist mit einem<br />

solchen Nimbus des Geheimnisvollen<br />

und Übernatürlichen umgeben. Zweihundert<br />

Jahre lang - vom 12. bis <strong>zum</strong><br />

Beginn des 14. Jahrhunderts - prägten<br />

die Templer das abendländische Geistes-<br />

und Kulturleben entscheidend<br />

mit. Als Wirtschafts- und Finanzmacht<br />

waren sie zu ihrer Zeit unübertroffen. Es<br />

heißt, daß der Orden zu seiner Zeit die<br />

Errichtung der riesigen Kathedralen finanzierte,<br />

deren Architektur ein ganzes<br />

Zeitalter kennzeichnete. Militärische<br />

Schlagkraft, Effizienz und ein ausgeprägter<br />

Korpsgeist ließen die Templer<br />

zu einer Elite werden, die ihresgleichen<br />

im Abendland suchte.<br />

<strong>Der</strong> Mönchsritterorden wurde offiziell<br />

am 13. Januar 1129 - nicht 1128,<br />

wie lange behauptet wurde - in Frankreich<br />

gegründet, aber sowohl um seine<br />

Entstehung als auch um seine spätere<br />

Tätigkeit ranken sich zahllose Legenden.<br />

Verbürgt ist, daß sich bereits in<br />

den Jahren 1118/19 im Heiligen Land<br />

unter Führung der normannischen Adligen<br />

Hugo de Payens und Gottfried de<br />

Saint-Omer neun <strong>Ritter</strong> zu einer Art<br />

Polizeitruppe zusammenschlossen,<br />

welche "nach Kräften für die Sicherheit<br />

von Straßen und <strong>Weg</strong>en sorgen" wollten<br />

- insbesondere "für den Schutz der Pilger".<br />

Bisher konnte noch kein Historiker<br />

zufriedenstellend erklären, wie Hugo de<br />

Payens und seine acht Gefährten diese<br />

schwierige Aufgabe bewältigen wollten,<br />

aber auch in den darauffolgenden Jahren<br />

schien die Sicherung der Straßen<br />

und <strong>Weg</strong>e im Heiligen Land wohl das<br />

perfekte Alibi für die tatsächlichen Aktivitäten<br />

dieser <strong>Ritter</strong> zu bleiben.<br />

In Wahrheit aber unternahmen sie<br />

ausgedehnte Reisen, wobei sie diplomatische<br />

Kontakte knüpften und regelrechte<br />

archäologische Ausgrabungen<br />

durchführten. Auffällig war besonders,<br />

daß sie sich an keiner militärischen<br />

Auseinandersetzung beteiligten, sondern<br />

viel lieber alte Ruinen erforschten.<br />

Alle neun Gründungsmitglieder des<br />

Templerordens waren mit dem Grafen<br />

Hugo von Champagne verwandt oder<br />

aber dessen Landsmänner. Dies ist vor<br />

allem deshalb äußerst bemerkenswert,<br />

weil der Grafenhof der Champagne in<br />

Troyes zu den aufgeklärtesten Herrschaftszentren<br />

des Mittelalters gehörte<br />

und sich dort bereits seit dem Jahr 1070<br />

eine angesehene Schule für talmudische<br />

und esoterische Studien - Zeichen<br />

einer für diese Zeit beispiellosen religiösen<br />

Toleranz und des Interesses an<br />

den Wissenschaften - befand.<br />

Noch vor der offiziellen Anerkennung<br />

der Templer auf der Synode von<br />

Troyes im Jahr 1129 erhielten sie auf<br />

Betreiben ihres Gönners Bernhard de<br />

Fontaine - einen später heilig gesprochenen<br />

Zisterziensermönch, der die<br />

Abtei von Clairveaux gegründet hatte<br />

und zu den bedeutendsten Wortführern<br />

und geistigen Architekten des Christentums<br />

in jener Epoche gehörte - reiche<br />

Schenkungen in Form von Geld, Gütern<br />

und vor allem Ländereien. Im Jahr 1128<br />

erließ Bernhard von Clairveaux schließlich<br />

ein Traktat, welches er "Das Lob der<br />

Neuen Miliz" betitelte und mit dem er<br />

die militant religiösen Ziele der Templer<br />

<strong>zum</strong> Ideal und <strong>zum</strong> Inbegriff aller christlichen<br />

Werte erhob.<br />

Ein Jahr zuvor waren alle Gründungsmitglieder<br />

des Templerordens<br />

nach Frankreich zurückgekehrt, und<br />

bereits in der ersten Regel des neu<br />

gegründeten Ordens schrieb Bernhard<br />

von Clairveaux: "...mit Gottes Hilfe...ist<br />

das große Werk vollendet worden...".<br />

Welchen Sinn sollte diese Aussage haben,<br />

wenn sie sich auf die Aktivitäten<br />

der Templer zwischen 1118 und 1127<br />

bezog? Was war in diesem Zeitraum Bedeutendes<br />

geschehen? Hatten sie etwa<br />

im Heiligen Land, statt "die Pilger zu<br />

schützen", etwas unendlich Wertvolles<br />

gesucht und gefunden, von dem Hugo<br />

de Payens während seiner Teilnahme<br />

am ersten Kreuzzug erfahren hatte?<br />

Darüber kursieren die seltsamsten<br />

Spekulationen. Man spricht von<br />

der Bundeslade, dem Heiligen<br />

Gral oder dem Grab Christi, aber die<br />

Ereignisse, welche unmittelbar nach<br />

der Gründung des Ordens begannen,<br />

werfen ein völlig anderes Licht auf diese<br />

Frage. Mit dem Auftauchen der Templer<br />

in West- und Mitteleuropa begann<br />

nahezu übergangslos jenes Zeitalter,<br />

das wir heute als "Gotik" bezeichnen<br />

und das vor allem in der sakralen Architektur<br />

seine eindrucksvollen Spuren<br />

hinterlassen hat. Zu jener Zeit entstanden<br />

etwa die Kathedralen von Chartres,<br />

Reims und Sens, um nur einige zu nennen.<br />

Scheinbar aus dem Nichts wurden<br />

die mit der Errichtung solcher Bauten<br />

verbundenen mathematischen, bautechnischen<br />

und logistischen Leistungen<br />

vollbracht. Woher stammte das<br />

Wissen, und woher kamen die Mittel<br />

<strong>zum</strong> Bau dieser Kathedralen?<br />

Bis zur heutigen Zeit umgeben zahllose<br />

Rätsel und Geheimnisse den Orden,<br />

der inzwischen <strong>zum</strong>indest als Finanzier<br />

und wahrscheinlich auch als die<br />

Quelle der Ideen und Pläne dieser imposanten<br />

architektonischen Leistungen<br />

anerkannt wird.<br />

Die Überlieferungen berichten von<br />

riesigen Mengen an Gold- und Silberbarren,<br />

heiligen Gefäßen und nicht näher<br />

bezeichneten Wertgegenständen,<br />

History MATRIX 3000 35


Das Wappen der<br />

Templer<br />

Bald schon galt der Templerorden als<br />

Umschlagplatz für neue Ideen und Gedie<br />

sich im<br />

Besitz der<br />

T e m p l e r<br />

befunden<br />

haben sollen.<br />

Oft ist<br />

auch die<br />

Rede von<br />

einem "gei-<br />

stigen Schatz"<br />

und von uraltem<br />

Wissen, das aus<br />

dem alten Ägypten<br />

stammen dürfte und sich<br />

auf die Geheimnisse der Baumeister der<br />

Pharaonen bezieht.<br />

Es ist also kein Wunder, daß Bernhard<br />

von Clairveaux die "neue <strong>Ritter</strong>schaft"<br />

so über alle Maßen lobte. Gelangten<br />

doch er und seine Zisterzienser<br />

durch den Fund der Templer ebenfalls<br />

in den Besitz dieses umfangreichen, uralten<br />

Wissens, welches sich bei kluger<br />

Nutzung als Trumpfkarte im Kampf um<br />

geistliche Autorität und weltliche Macht<br />

erweisen würde.<br />

In den Jahren nach der Ordensgründung<br />

wurden am Hof zu Troyes jedenfalls<br />

zahlreiche sehr alte hebräische<br />

Texte übersetzt, wozu manchmal sogar<br />

Rabbiner aus dem Hochburgund hinzugezogen<br />

werden mußten. Dies mag als<br />

Beleg für die hier vorgetragene These<br />

gelten.<br />

Die Idee eines geeinten Europa<br />

Aus den Statuten des Templerordens<br />

geht hervor, daß sie beabsichtigten, ein<br />

vollkommen reformiertes Abendland<br />

zu schaffen - ein Europa unter administrativer<br />

Verwaltung des Ordens, das<br />

feudale Strukturen und deren Hemmnisse<br />

für Wirtschaft und Handel nicht<br />

mehr kannte - also eine Vorwegnahme<br />

der heutigen Europäischen Union. Doch<br />

die Ideen der Templer zielten weit über<br />

das Alltagsleben und die Geschäfte hinaus.<br />

Es sollte sich gleichzeitig um ein<br />

spirituelles Europa nach dem Vorbild<br />

des Ordens handeln, stark und einheitlich<br />

nach außen, um sich seiner Feinde<br />

zu erwehren, und nach innen stets so<br />

gestaltet, daß der Einzelne niemals so<br />

viel Macht auf sich vereinigen konnte,<br />

daß er sie hätte mißbrauchen können.<br />

Vielleicht sollte am Ende dieses <strong>Weg</strong>es<br />

sogar nach der Wiedergewinnung des<br />

Heiligen Landes eine Art Eurasischer<br />

Union und die Aussöhnung der drei großen<br />

alten Weltreligionen - Judentum,<br />

Christentum und Islam - stehen.<br />

In den darauffolgenden Jahren<br />

nahm der neu gegründete Templerorden<br />

einen ungeheuren Aufschwung,<br />

der wohl selbst die Erwartungen<br />

seiner Gründer übertraf. Die<br />

Mönchsritter<br />

schufen in Europa<br />

zahllose<br />

befestigte Häuser<br />

- Komtureien<br />

genannt<br />

- welche schon<br />

bald für die Entwicklung<br />

und die<br />

weitere Expansion<br />

des Ordens unentbehrlich<br />

werden sollten.<br />

Wenn jemand den<br />

Wunsch verspürte, Templer zu<br />

werden, wandte er sich an die nächste<br />

Komturei und überschrieb dem<br />

Orden seinen Besitz, wodurch sich<br />

aufgrund der zahlreichen Schenkungen<br />

das Vermögen der Templer erheblich<br />

vermehrte.<br />

Rasanter Aufstieg<br />

In Europa bauten die Templer ihre so<br />

rasch gewonnene Vormachtstellung auf<br />

sämtlichen Gebieten immer weiter aus,<br />

und nach und nach wurden sie so zu<br />

einer einflußreichen Macht von internationalem<br />

Rang. Im Jahr 1139 bestimmte<br />

Papst Innozenz II. sogar, daß der Orden<br />

keiner weltlichen oder geistigen Macht<br />

außer dem Papst selbst Gehorsam<br />

schuldete. Damit wurde den Templern<br />

vollkommene Unabhängigkeit von allen<br />

Königen, Fürsten und Äbten gewährt,<br />

so daß sie keinerlei Einmischung seitens<br />

politischer oder geistlicher Würdenträger<br />

mehr zu befürchten hatten.<br />

Das enthob den Orden jeglicher territorialer<br />

Eingrenzung, machte ihn <strong>zum</strong><br />

Herren über ein autonomes, internationales<br />

Reich und ließ ihn <strong>zum</strong> Diplomaten<br />

auf höchster Ebene und <strong>zum</strong><br />

Mittler zwischen Adel und Monarchen<br />

und zwischen den christlichen und sarazenischen<br />

Herrschern in Palästina<br />

werden. Später entwickelten sich die<br />

Templer durch das Verleihen großer<br />

Geldsummen außerdem zu Bankiers<br />

aller europäischen Königshäuser und<br />

zu den einflußreichsten Geldwechslern<br />

ihrer Epoche. Selbst die Einführung des<br />

Schecks, wie wir ihn heute kennen, geht<br />

auf die Templer zurück.<br />

In England wurde der Meister des<br />

Tempels stets zu den Sitzungen des<br />

Parlaments eingeladen und galt darüber<br />

hinaus als Oberhaupt aller kirchlichen<br />

Orden im Land. Aber auch in der<br />

islamischen Welt waren die Templer<br />

überall geachtet und angesehen, und<br />

in manchen Gebieten zahlte man ihnen<br />

sogar Tribut.<br />

Wissenschaftler, Ärzte<br />

und Soldaten<br />

Ehemalige Außenbefestigung<br />

der Templerburg Couvertoirade<br />

<strong>Der</strong> Templerorden<br />

schuldete keiner<br />

weltlichen oder<br />

geistigen Macht außer<br />

dem Papst Gehorsam.<br />

36<br />

MATRIX 3000 History


Templerdarstellung<br />

in Couvertoirade<br />

Templerkreuz<br />

in Vijajanagara<br />

(Indien)<br />

History MATRIX 3000 37


Binnen kurzer Zeit verschwand<br />

der einstmals mächtige Orden<br />

von der Bühne der Geschichte<br />

- ganz so, als habe es ihn nie gegeben.<br />

Rosendarstellung in<br />

Vijajanagara (Indien)<br />

Türme der Komturei von Couvertoirade<br />

(Frankreich)<br />

38 MATRIX 3000 History


danken, übte ein regelrechtes Monopol<br />

über die beste und modernste Technik<br />

seiner Zeit aus und förderte die Entwicklung<br />

des Vermessungswesens und der<br />

Kartographie, ebenso wie den Straßenbau<br />

und die Schiffahrt. <strong>Der</strong> Orden besaß<br />

eigene Häfen und Werften, und seine<br />

Flotte zählte zu den besten ihrer Zeit. Die<br />

Templerschiffe gehörten zu den ersten,<br />

die mit Magnetkompassen ausgerüstet<br />

waren. Manche Historiker sind sogar zu<br />

der Auffassung gelangt, daß die Templer<br />

in der Wendezeit zwischen dem 13. und<br />

14. Jahrhundert bereits Schießpulver<br />

für Kriegszwecke einsetzten und ihre<br />

Galeeren mit den ersten primitiven Geschützen<br />

bestückten. Außerdem gibt es<br />

durchaus ernst zu nehmende Hinweise<br />

darauf, daß die Westflotte des Ordens<br />

von ihrem Heimathafen La Rochelle aus<br />

bereits in der Lage gewesen sein muß,<br />

den Atlantik zu überqueren, und Handelsbeziehungen<br />

mit den Völkern Mittelund<br />

Südamerikas unterhielt.<br />

Aber auch auf dem Gebiet der Pflege<br />

Verwundeter und der Heilung von<br />

Krankheiten waren die Templer<br />

mit eigenen Ärzten, Chirurgen und Heilerinnen<br />

federführend in Europa, und<br />

all diese erstaunlichen Leistungen und<br />

Erfolge machten es dem Orden möglich,<br />

fast zwei Jahrhunderte lang die Geschichte<br />

des Abendlandes entscheidend<br />

mit zu prägen.<br />

<strong>Der</strong> tiefe Fall<br />

Wie sein Aufstieg, so war auch der Fall<br />

des Templerordens von Geheimnissen<br />

umgeben. Weder das enorme Barvermögen<br />

noch die Ordensarchive fielen<br />

den Häschern des Königs von Frankreich<br />

bei der Verhaftung der Templer im Jahr<br />

1307 in die Hände. <strong>Der</strong> einstmals mächtige<br />

Orden verschwand binnen kurzer Zeit<br />

von der Bühne der Geschichte - ganz so,<br />

als habe es ihn nie gegeben. Doch auch<br />

heute noch kursieren Gerüchte über seinen<br />

Fortbestand.<br />

Einige Historiker sind deshalb zu der<br />

Meinung gelangt, entweder habe der<br />

Schatz der Templer nie existiert oder<br />

aber er sei vor der Verhaftungswelle<br />

von den Templern in Sicherheit gebracht<br />

worden. Es gibt in der Tat Hinweise darauf,<br />

daß eine Gruppe von <strong>Ritter</strong>n um den<br />

Schatzmeister des Ordens systematisch<br />

ihre Flucht vorbereitete. Deshalb sollte<br />

es nicht überraschen, das sämtliches<br />

Barvermögen und die mit Sicherheit<br />

recht umfangreichen Ordensarchive<br />

spurlos verschwunden sind.<br />

Geplante Flucht<br />

Einem durchaus glaubhaften, aber von<br />

keiner weiteren historischen Quelle<br />

bestätigten Augenzeugenbericht des<br />

verhafteten Templers Jean de Chalons<br />

zufolge soll bereits Anfang Oktober 1307<br />

<strong>zum</strong>indest der Schatz des „Temple“<br />

von Paris aus der Hauptstadt auf einem<br />

Konvoi schwerer Lastwagen herausgeschmuggelt<br />

worden sein. Jean de Chalons<br />

sagte dazu vor den Inquisitoren aus:<br />

„Ich habe am Abend vor der Razzia,<br />

am Donnerstag, den 12. Oktober 1307,<br />

selbst drei mit Stroh beladene Wagen<br />

gesehen, die kurz nach Einbruch der<br />

Nacht den Tempel von Paris verließen,<br />

und Gèrard de Villiers und Hugo de Chalons,<br />

die dazu 50 Pferde führten. Auf den<br />

Wagen waren Truhen verborgen, die den<br />

gesamten Schatz des Generalvisitatos<br />

Hugo de Pairaud enthielten. Sie nahmen<br />

Richtung auf die Küste, wo sie an Bord<br />

von 18 Schiffen des Ordens ins Ausland<br />

gebracht werden sollten.<br />

Die verschollene Flotte<br />

Diese Wagen transportierten den Schatz<br />

und wohl auch die Ordensarchive nach La<br />

Rochelle an der Antlantikküste. Die Stadt<br />

war eine Gründung der Templer und ihr<br />

bedeutendster Hafen an der Westküste<br />

Frankreichs. Hier wurden dann die<br />

Wertgegenstände und Dokumente an<br />

Bord von 18 Galeeren gebracht, die zur<br />

sagenumwobenen Westflotte des Ordens<br />

gehörten. Die Schiffe verließen mit<br />

unbekanntem Kurs den Hafen von La Rochelle<br />

und sind seither verschollen. Mit<br />

ihnen verschwanden etwa 1.300 Templer<br />

- <strong>Ritter</strong> und einfache Bedienstete des<br />

Ordens - im Dunkel der Geschichte. Den<br />

Häschern des Königs muß diese kleine<br />

Flotte jedenfalls entkommen sein, denn<br />

es fehlen jegliche Berichte darüber, daß<br />

sie aufgebracht worden wäre. Folgt man<br />

dem Historiker Mahieu, so könnten die<br />

18 Galeeren den Atlantik in Richtung Mexiko<br />

überquert haben. Demzufolge hätten<br />

die flüchtigen Templer in Mittelamerika<br />

eine neue Heimat gefunden und dort<br />

vielleicht sogar den Traum eines eigenen<br />

Ordensstaates verwirklichen können. ■<br />

Thomas <strong>Ritter</strong> ist Historiker und Jurist. Er<br />

gehört zu den bekanntesten<br />

deutschsprachigen<br />

Sachbuchautoren. Er ist<br />

auch als freier Journalist<br />

tätig und schreibt für<br />

mehrere Zeitschriften.<br />

Bekannt wurde er auch<br />

als „der reisende <strong>Ritter</strong>“,<br />

der faszinierende Bildungs-<br />

und Forschungsreisen für seine Leser<br />

zu geheimnisvollen Orten auf der ganzen Welt<br />

veranstaltet.<br />

Weitere Informationen:<br />

ritterreisen@aol.com,<br />

www.thomas-ritter-reisen.de<br />

Alle Bilder © Thomas <strong>Ritter</strong> oder <strong>Matrix3000</strong> Archiv<br />

History MATRIX 3000<br />

39


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„In der Nacht XXXXX des XXX 4. August XXXXXXX 1789 haben<br />

die Abgeordneten<br />

XXXX XXXXXX<br />

der Nationalversammlung<br />

das Feudalsystem in Frankreich<br />

abgeschafft.<br />

XXXXX XXXXXX<br />

Heute müssen wir<br />

mit ansehen, wie die Welt von neuem<br />

feudalisiert wird. Die neuen kapitalistischen<br />

Feudalsysteme besitzen nunmehr<br />

eine Macht, die kein Kaiser, kein<br />

König, kein Papst vor ihnen je besessen<br />

hat.“ (Jean Ziegler)<br />

Das Wort vom „Neofeudalismus“<br />

macht die Runde und wird gern gegen<br />

die Macht der Banken und Konzerne<br />

ins Feld geführt. Das Wissen darüber,<br />

was Feudalismus historisch wirklich<br />

bedeutete, ist dagegen nicht weit verbreitet.<br />

Wie kam es zur Errichtung eines<br />

Systems, das die mittelalterliche Gesellschaft<br />

prägte wie kein anderes? Wie<br />

sah das tägliche Leben der Bauern und<br />

Grundherrn aus? Wie waren Rechte und<br />

Pflichten verteilt, und hatte der Feudalismus<br />

für Leibeigene vielleicht sogar<br />

Vorteile? Eine längst fällige Klärung.<br />

Als Feudalismus bezeichnen wir<br />

eine Gesellschaftsordnung, in<br />

der eine adlige Oberschicht<br />

vom jeweiligen Herrscher (meist dem<br />

König) politisch und gesellschaftlich<br />

mit Vorrechten ausgestattet wurde.<br />

Wirtschaftlich manifestierte sich<br />

dies in Form der Lehnsrechte und<br />

der daraus abgeleiteten Grundherrschaft.<br />

Die Völkerwanderung, deren letzter<br />

Zug im Jahr 568 erfolgte, leitete das<br />

Ende der antiken Epoche ein. Die Idee<br />

des römischen Kaisertums blieb jedoch<br />

so lebendig, daß Karl der Große 200<br />

Jahre später eine Erneuerung versuchte.<br />

<strong>Der</strong> spätrömische Staat war zentralistisch<br />

und bürokratisch organisiert. Mit<br />

seinem Verfall ging auch der Verlust der<br />

einheitlichen Verwaltung und der herrschenden<br />

Gewalt einher. Neue Herrschaftsstrukturen<br />

wurden installiert,<br />

die auf alten germanischen Traditionen<br />

wie den Personenverbänden beruhten.<br />

Die Ausbildung einer Adelsschicht<br />

begann, deren Macht sich<br />

auf die Grundherrschaft stützte. Dies<br />

war der Beginn des Feudalismus, der<br />

das allgemeine Recht der Herrschaft<br />

über Haus und Grund sowie über alle<br />

Personen einschloß, die darauf lebten.<br />

Es bildeten sich hierarchische<br />

Strukturen heraus, an deren Spitze<br />

der jeweilige Fürst oder der König<br />

stand.<br />

Nach der Völkerwanderung bildeten<br />

sich in dem Gebiet des ehemaligen<br />

Römischen Reiches einige germanische<br />

Königreiche. Die zuvor teilweise<br />

freie Landbevölkerung wurde durch<br />

ständige Kriege der Königreiche untereinander<br />

sowie durch Invasionen<br />

Fischer bei der Arbeit<br />

(Taccuino sanitatis, 14. Jh.)<br />

42<br />

MATRIX 3000 History


der Sarazenen, der Magyaren und der<br />

Wikinger in den wirtschaftlichen Ruin<br />

getrieben und so allmählich in die<br />

Abhängigkeit zu ihren Feudalherren<br />

gebracht. Ab etwa dem Jahr 800 entwickelten<br />

sich feudale Institutionen<br />

wie Lehensverhältnisse, Vasallentum<br />

und Frondienste.<br />

Leben<br />

im<br />

Mittelalter<br />

Feudalherren, Bischöfe und Leibeigene<br />

Annette Wallbruch<br />

Merkmale des Feudalismus<br />

Die Bezeichnung Feudalismus leitet sich<br />

vom lateinischen Wort feudum ab, das<br />

übersetzt „Lehen“ bedeutet. Geprägt<br />

wurde der Begriff in Frankreich während<br />

des Zeitalters der Aufklärung. In<br />

der Französischen Revolution kam ihm<br />

große Bedeutung zu. Man sah in ihm den<br />

Inbegriff der Unterdrückung des einfachen<br />

Volkes, dessen Lebensumstände<br />

unter der feudalen Gesellschafts- und<br />

Wirtschaftsordnung katastrophal waren.<br />

Im Mittelalter bestand die Mehrheit<br />

der Bevölkerung aus unfreien Bauern.<br />

Das heißt, daß sie nicht die Eigentümer<br />

des Landes waren, auf dem sie lebten.<br />

Es gehörte vielmehr einem Grundherrn,<br />

von dem sie abhängig waren. Dieser<br />

Status der Leibeigenschaft oder Hörigkeit<br />

bedeutete für die Bauern, daß sie an<br />

das Land, das sie bestellten, gebunden<br />

waren.<br />

Wie alle Personen, die nicht dem<br />

ersten und zweiten Stand angehörten<br />

(Adel und Klerus), gehörten die Bauern<br />

<strong>zum</strong> dritten Stand – zusammen mit<br />

Handwerkern und Tagelöhnern. Bei den<br />

Bauern unterschied man weiter zwischen<br />

Hörigen und Leibeigenen. Leibeigenschaft<br />

bedeutete, einem Grundherrn<br />

zu dienen und sein Land zu bewirtschaften.<br />

Leibeigene mußten ihrem Herrn<br />

personenbezogene Abgaben entrichten.<br />

Hörige dagegen waren ehemals freie<br />

History MATRIX 3000 43


xx xx xxx x xx xxxxx<br />

xxxxxx<br />

Illustration aus dem<br />

"Decamerone", Flandern 1432<br />

Bauern, die ihr Land an den Gutsherrn<br />

abgetreten hatten und deshalb als zu<br />

diesem Land gehörend betrachtet wurden.<br />

Ihre Abgaben an den Grundherren<br />

waren gutsbezogen.<br />

Gefangene des Grundherrn<br />

Es war den Bauern unter Androhung<br />

von drakonischen Strafmaßnahmen<br />

verboten, das Land gegen den Willen<br />

des Grundherrn zu verlassen. Sie waren<br />

ihm in vielerlei Hinsicht verpflichtet. So<br />

mußten sie Arbeiten auf dem Land verrichten,<br />

welches vom Grundherrn selbst<br />

bewirtschaftet wurde. Dies waren die so<br />

genannten Frondienste, z.B. Hand- und<br />

Spanndienste. Zu den Handdiensten<br />

zählte beispielsweise das Unkrautjäten<br />

auf den Feldern, die Spanndienste<br />

bezogen sich auf das Pflügen der Felder.<br />

Während der Saat- und Erntezeit<br />

mußten die Bauern zunächst die Felder<br />

ihres Herrn bestellen, bevor ihnen<br />

erlaubt war, sich um ihre eigenen zu<br />

kümmern. Diese Verpflichtung wurde<br />

für die Bauern häufig zur existentiellen<br />

Bedrohung. Denn bis sie dazu kamen,<br />

ihre eigene Ernte einzufahren, konnte<br />

es witterungsbedingt zu Situationen<br />

kommen, die ihre Ernte gefährdeten.<br />

Sie konnten sich jedoch nicht mit dem<br />

Verweis auf ihre hohe Arbeitsbelastung<br />

auf den eigenen Feldern von diesen<br />

44<br />

MATRIX 3000 History


Torbogen der Burg Schönfels,<br />

Sachsen. (Durch das Loch in<br />

der Decke wurde im Mittelalter<br />

zur Abwehr des Feindes heißer<br />

Teer gekippt.)<br />

Bild © Jens K. Müller<br />

Burghof einer spätmittelalterlichen<br />

Burg in Deutschland<br />

Bild © Jens K. Müller<br />

Diensten freistellen lassen. Über ihre<br />

Lebensumstände und die daraus resultierenden<br />

Nöte setzten sich die Grundherren<br />

fast ausnahmslos hinweg und<br />

verfolgten rücksichtslos ihre eigenen<br />

Interessen.<br />

Darüber hinaus mußten die<br />

Bauern von den Erträgen der<br />

Parzelle Land, die sie für sich<br />

bestellten, einen Teil in Form von Naturalien<br />

abgeben. Im Laufe der Entwicklung<br />

wurde ihnen eingeräumt,<br />

die Ableistung der Frondienste und<br />

die Naturalabgaben auch über die<br />

Zahlung von Geld zu regeln. Viele<br />

verfügten jedoch nicht über die notwendigen<br />

Barmittel, so daß diese Regelung<br />

für sie Theorie blieb. <strong>Der</strong> Besitz<br />

war so ungleich verteilt, daß die<br />

Bauern häufig nur mit dem Allernotwendigsten<br />

überleben konnten. Sie<br />

fristeten ihr Dasein buchstäblich „von<br />

der Hand in den Mund.“ Besonders<br />

reiche Grundherren dagegen besaßen<br />

meist nicht nur einzelne Gehöfte, sondern<br />

nannten komplette Dörfer oder<br />

ganze Landstriche ihr Eigen.<br />

Die Stellung der Kirche<br />

im Feudalismus<br />

Neben dem Adel stand den Bauern mit<br />

der Kirche eine weitere Macht gegenüber,<br />

die auch wirtschaftlich über großen<br />

Einfluß verfügte. <strong>Der</strong> Landbesitz<br />

des Klerus war immens, so daß die<br />

Kirche und einzelne Klöster ebenfalls<br />

eine Grundherrschaft über die Bauern<br />

ausübten. Die Anhäufung dieser Besitztümer<br />

resultierte aus Schenkungen<br />

von weltlichen Grundherren oder ihren<br />

Nachlässen, die sie aus Sorge um<br />

ihr Seelenheil dem Klerus zukommen<br />

ließen. Die Auswirkungen der Grundherrschaft<br />

der Kirche und Klöster unterschieden<br />

sich prinzipiell in nichts von<br />

der weltlichen Herrschaft. Kirche und<br />

Staat im Mittelalter sind als Systeme<br />

anzusehen, die sich gegenseitig stützten.<br />

Beschwerten sich die Bauern über<br />

ihre desolate Situation, wurde dies seitens<br />

der Kirche mit dem Verweis auf das<br />

Jenseits beantwortet. Dort sollten sie<br />

dann den Lohn für ihre irdischen Mühen<br />

erhalten. So erklärt sich, daß den<br />

Bauern ihre Lage als gottgegebenes<br />

Schicksal erschien, gegen das kaum<br />

aufbegehrt wurde.<br />

Des Weiteren waren die Bauern gegenüber<br />

dem Klerus auch zur Abgabe<br />

des „Zehnt“ von den Erträgen ihrer<br />

Scholle verpflichtet. War diese Abgabe<br />

in der Frühzeit des Christentums eine<br />

freiwillige Leistung, so wurde sie im<br />

achten Jahrhundert als Zwangsabgabe<br />

eingeführt. Zunächst wurde der Zehnt<br />

zu jeweils einem Viertel an den Bischof,<br />

das Bistum, den Pfarrer und die Armen<br />

verteilt. Ab dem 10. Jahrhundert erhielt<br />

dann der Pfarrer ein Drittel und der Bischof<br />

zwei Drittel. Die Mittel, die dem<br />

Bischof zuflossen, waren für den Unterhalt<br />

des Bistums und die Armenfürsorge<br />

gedacht. Da die Armen jetzt aber<br />

nur noch indirekt von der Abgabe des<br />

Zehnt profitierten, waren sie noch mehr<br />

als zuvor in der Rolle von Bittstellern.<br />

Dabei war die Bezeichnung „Zehnt“ teilweise<br />

irreführend. Historischen Quellen<br />

zufolge war die Abgabe unabhängig von<br />

der tatsächlichen Erntemenge festgelegt.<br />

So schwankte die Höhe der von den<br />

Bauern zu leistenden Naturalien je nach<br />

Bodenqualität und Region zwischen 10<br />

und 30 Prozent der Ernte.<br />

Das politische System<br />

des Mittelalters<br />

<strong>Der</strong> Grundherr war seinerseits einem<br />

Adligen unterstellt, der einen höheren<br />

Status als er selbst hatte. Von diesem<br />

hatte er sein Lehen zugeteilt bekommen,<br />

so daß das Land nur bedingt als<br />

Eigentum des Grundherrn bezeichnet<br />

werden konnte. Aus diesem Verhältnis<br />

leitete sich der Anspruch auf Erbringung<br />

von Kriegsdiensten durch den<br />

Grundherrn ab. Diese Abhängigkeitsstrukturen<br />

durchzogen das gesamte politische<br />

System im Mittelalter und reichten<br />

bis hinauf <strong>zum</strong> König. Dieser war im<br />

Grunde der Eigentümer allen Landes<br />

und hatte es unter seinen Vasallen als<br />

Lehen unterschiedlicher Größe aufgeteilt.<br />

Dies band ihn durch die gegenseitig<br />

geschworene Lehenstreue einerseits<br />

an seine Vasallen, andererseits machte<br />

es ihn zu ihrem Oberhaupt.<br />

<strong>Der</strong> König hatte, durch das Vasallentum<br />

bedingt, keinen<br />

direkten Zugang zu seinen<br />

Untertanen, jedoch eine sehr hohe<br />

Autorität und Machtfülle. Denn die<br />

Philosophie des Mittelalters sah im<br />

König seinerseits den Vasallen einer<br />

höheren Macht. <strong>Der</strong> König galt als<br />

von Gott in sein Amt eingesetzt, er<br />

war Herrscher „von Gottes Gnaden“.<br />

Durch diese Zuordnung war es nahezu<br />

unmöglich, Kritik an Entscheidungen<br />

des Königs zu äußern. Denn diese<br />

wurde nicht nur als Majestätsbeleidigung,<br />

sondern auch als Gotteslästerung<br />

aufgefaßt, wodurch, wenn nicht das Leben,<br />

so doch die wirtschaftliche Existenz<br />

des Kritikers bedroht sein konnte.<br />

Rechte und Pflichten<br />

des Grundherrn<br />

Die Rechte des Grundherrn übertrafen<br />

bei Weitem seine Pflichten. Ihm kam als<br />

Grundeigentümer oder auch als Inhaber<br />

eines Lehens nicht nur das Recht zu,<br />

über das Land und die darauf lebenden<br />

Menschen zu verfügen; er war gleichzeitig<br />

mit ausgedehnten Verwaltungsaufgaben<br />

sowie mit der Rechtsprechung<br />

History MATRIX 3000 45


46 MATRIX 3000 History<br />

Bankett am Hof<br />

des französischen<br />

Königs Karl V.,<br />

Paris 1378. Buchillustration<br />

von Jean<br />

Fouquet, 15. Jh.


etraut. So konnte er nicht nur über die<br />

Verwaltung und Nutzung von landwirtschaftlichen<br />

Flächen entscheiden, auch<br />

öffentliche Belange wie die Polizeigewalt<br />

oder die niedere Gerichtsbarkeit lagen<br />

in seinen Händen. Eheschließungen<br />

unter den Bauern bedurften der Zustimmung<br />

des Grundherren, der das Recht<br />

hatte, sein Veto einzulegen, und die Ehe<br />

dadurch verhindern konnte. Dieser Umstand<br />

bezeugt in besonderem Maße die<br />

Abhängigkeiten der Landbevölkerung.<br />

Da der „Arbeitgeber“ der Bauern gleichzeitig<br />

auch der Richter in allen strittigen<br />

Fragen war, ist klar, daß Forderungen<br />

und Klagen ihm gegenüber kaum Gehör<br />

fanden. Die Rechtsprechung wurde<br />

wie selbstverständlich zugunsten des<br />

Grundherrn ausgeübt.<br />

Im Gegenzug war es die Pflicht des<br />

Grundherrn, seinen Untertanen<br />

Schutz zuzusichern. Dies beinhaltete<br />

die wirtschaftliche Grundsicherung,<br />

also die Versorgung mit Nahrungsmitteln<br />

auch in Zeiten von Mißernten oder<br />

Naturkatastrophen. Des Weiteren mußte<br />

der Grundherr seine Untertanen im<br />

Falle von Krankheiten unterstützen und<br />

sie davor bewahren, <strong>zum</strong> Kriegsdienst<br />

herangezogen zu werden. Er hatte außerdem<br />

in seinem Herrschaftsgebiet<br />

den Frieden zu wahren, Streitigkeiten zu<br />

schlichten und Strafmaßnahmen gegen<br />

diejenigen zu verhängen, die den Frieden<br />

gefährdeten.<br />

<strong>Der</strong> Feudalismus<br />

als Wirtschaftssystem<br />

<strong>Der</strong> Feudalismus kann insgesamt als<br />

Wirtschaftssystem betrachtet werden,<br />

das auf der Ausbeutung der Mehrheit<br />

<strong>zum</strong> Nutzen weniger privilegierter Familien<br />

beruhte. Zweifel an der Rechtmäßigkeit<br />

dieser Verhältnisse wurden<br />

der Bevölkerung, die zu einem sehr hohen<br />

Prozentsatz aus Analphabeten bestand,<br />

nicht zugestanden. Aufgrund der<br />

Machtverhältnisse konnte eventueller<br />

Widerstand im Keim erstickt werden.<br />

Zumindest in der Theorie sollten die<br />

Grundherren einen Teil ihrer Einnahmen<br />

aus den bäuerlichen Zwangsabgaben<br />

wieder der Gemeinschaft zukommen<br />

lassen: in Form von patriarchalisch<br />

verteilten Almosen. Da diese Geschenke<br />

aber weder einklagbar<br />

noch in der Höhe<br />

festgeschrieben waren,<br />

erfüllten nur die wenigsten<br />

Feudalherren diese<br />

Pflicht in vollem Umfang.<br />

Im Spätmittelalter lag<br />

der Anteil der abhängigen<br />

Bauern an der Bevölkerung<br />

in Deutschland bei<br />

neun Zehnteln, in Europa<br />

insgesamt bei vier<br />

Fünfteln. Das Nutzungsrecht,<br />

das ihnen seitens<br />

der Eigentümer des Landes zugestanden<br />

wurde, war nicht vererblich, konnte<br />

also jederzeit widerrufen werden.<br />

Die Frondienste, die die Bauern für das<br />

Recht der Landbearbeitung erbringen<br />

mußten, sowie die Naturalabgaben<br />

waren rechtlich nicht klar geregelt, so<br />

daß der Willkür des Grundherrn kaum<br />

Grenzen gesetzt waren. Die Dienste<br />

und Abgaben erfreuten sich bei den<br />

Bauern selbstredend keiner hohen<br />

Beliebtheit, <strong>zum</strong>al die Grundherren<br />

berechtigt waren, ihre Forderungen<br />

ohne Angabe von Gründen zu erhöhen.<br />

Das Rechtssystem im Feudalismus sah<br />

ebenfalls vor, daß die Kinder der Bauern<br />

zu Gesindediensten auf dem Gut<br />

des Grundherrn gezwungen werden<br />

konnten. Dieses Gefühl der Machtlosigkeit<br />

führte dazu, daß die Bauern ihr<br />

Leben als Schicksal auffaßten, auf das<br />

sie nahezu keinen Einfluß hatten.<br />

IM SPÄTMITTELALTER LAG<br />

DER ANTEIL DER<br />

ABHÄNGIGEN BAUERN AN<br />

DER BEVÖLKERUNG IN<br />

DEUTSCHLAND BEI NEUN<br />

ZEHNTELN.<br />

Das Ende des Feudalismus<br />

England entließ die Bauern als erstes<br />

europäisches Land aus der Leibeigenschaft.<br />

Bereits Ende des 15. Jahrhunderts<br />

erhielten sie dort ihre persönliche<br />

Freiheit. In Kontinentaleuropa wurde<br />

das englische Modell erst im Zuge der<br />

Aufklärung im 18. Jahrhundert in Betracht<br />

gezogen. Einen entscheidenden<br />

Impuls erhielt die sogenannte Bauernbefreiung<br />

im Zusammenhang mit<br />

der Französischen Revolution. Im Jahr<br />

1789 hatte die französische Nationalversammlung<br />

alle Frondienste und die<br />

Abgabe des Zehnten gestrichen sowie<br />

alle sonstigen Feudalrechte außer<br />

Kraft gesetzt. Erste Reformen im 18.<br />

Jahrhundert in Deutschland führten<br />

zwar zur Aufhebung der Leibeigenschaft<br />

im 19. Jahrhundert, die faktischen<br />

Belastungen der Bauern blieben<br />

jedoch insgesamt konstant.<br />

Neofeudalismus<br />

Karl Marx bezeichnet in seinem Werk<br />

„Das Kapital“ auf Seite 890 den Feudalismus<br />

als notwendige Bedingung zur<br />

Entstehung des Kapitalismus. Er habe<br />

zur Ausbildung eines Proletariats geführt,<br />

das für den Eigner von Kapital und<br />

Produktionsmitteln jederzeit in mehr als<br />

ausreichender Zahl zur Verfügung stehe.<br />

Dabei lebe das Proletariat aber unter<br />

Bedingungen, die dem Feudalismus<br />

nicht unähnlich seien. Diese Feststellung<br />

von Marx hat bis heute nichts von<br />

seiner Aktualität eingebüßt. Denn längst<br />

ist nicht mehr der Besitz von Grund und<br />

Boden das Ordnungsprinzip, das zu<br />

Macht oder Ohnmacht führt, sondern die<br />

Verfügungsgewalt über Kapital. Sie ist in<br />

hohem Maß an politischen, wirtschaftlichen<br />

und sozialen Entscheidungsprozessen<br />

beteiligt. So ist es zu erklären,<br />

daß auch in den entwickelten Industriestaaten<br />

wieder soziale Schichten existieren,<br />

die sich durch ihre Arbeit nicht<br />

mehr ernähren können und deren Löhne<br />

seitens des Staates alimentiert werden.<br />

Als Beispiel seien hier das Heer der im<br />

Niedriglohnsektor Beschäftigten und die<br />

Arbeiternehmer in Zeitarbeitsverhältnissen<br />

genannt. ■<br />

Annette Wallbruch ist studierte Germanistin<br />

und Soziologin. Seit 2009 arbeitet sie als freie<br />

Lektorin. Diverse Fach-Publikationen.<br />

Dieser Artikel wurde vermittelt von Christian<br />

Moser, Herausgeber der lesenswerten Seite<br />

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Großes Bild: Normale 100-Dollar-Note<br />

der USA, herausgegeben von der Federal<br />

Reserve Bank.<br />

Kleines Bild: US-Präsident Kennedy<br />

versuchte kurz vor seiner Ermordung,<br />

durch Ausgabe eigener Banknoten seitens<br />

des Staates die Macht der Federal<br />

Reserve Bank auszuhebeln. Auf den<br />

"Kennedy-Banknoten" fehlt daher das<br />

Wappen der "Fed".<br />

Money<br />

makes the world go round…<br />

Von der wechselvollen Geschichte<br />

des schnöden Mammons<br />

Johannes Paul und Ralf Lehnert<br />

48<br />

MATRIX 3000 History


Brakteaten-Münzen<br />

aus dem Mittelalter<br />

Jede komplexe und arbeitsteilige<br />

Gesellschaft braucht (noch) ein<br />

universelles und allgemein anerkanntes<br />

Tauschmittel. In früherer Zeit<br />

erfüllten diese Funktion Muscheln, Perlen,<br />

Edelsteine, Tontafeln, Getreide, Gewürze,<br />

Tierzähne, Schildkrötenschalen,<br />

Felle, Tücher und Waffen - Hauptsache,<br />

die Objekte waren selten genug. Im 7.<br />

Jahrhundert vor Christus haben die<br />

Lydier, die an der heute zur Türkei gehörenden<br />

Mittelmeerküste - gegenüber<br />

den griechischen Inseln Lesbos, Chios<br />

und Samos - lebten, als erstes Volk<br />

Münzen aus Silber und Gold geschlagen.<br />

Ihr damaliger König hieß Krösus -<br />

daher die bekannte Redewendung.<br />

Geld übt noch weitere Funktionen<br />

aus: Es dient als Rechnungseinheit,<br />

die den Wert einer Ware mißt und veranschaulicht.<br />

In manchen Kulturen behielten<br />

die Besitzer ihr Geld sogar und<br />

bezahlten nach der Wertberechnung<br />

in Naturalien. Geld fungiert zudem als<br />

Wertaufbewahrungsmittel. <strong>Der</strong> Autor<br />

Ralph Tegtmeier macht darauf aufmerksam,<br />

daß die Menschen bereits<br />

in früheren Zeiten Geld - sowohl in natürlicher<br />

als auch bearbeiteter Form<br />

- ebenso als Schmuck, Prestigeobjekt<br />

und Rangabzeichen verwendeten. Man<br />

denke nur an den Federbusch des Indianerhäuptlings,<br />

die Krone des Königs<br />

oder die militärischen Rangabzeichen.<br />

Woher kommt der Geldzins?<br />

Seit Beginn der Tauschpraktiken haben<br />

Menschen immer wieder die Not anderer<br />

ausgenutzt. Brauchte ein Bauer<br />

dringend Saatgut, so war es nicht unüblich,<br />

daß der Ausleihende die doppelte<br />

Menge zurückverlangte. Auch wer Geld<br />

oder ein omnipotentes Tauschmittel<br />

verlieh, forderte in der Regel mehr als<br />

das Geborgte zurück. Begründet wird<br />

dies vor allem mit dem Ausfallrisiko des<br />

Kredits. Hinzu kommt noch ein weiterer<br />

Aufschlag, den man als Liquiditätsverzichtsprämie<br />

bezeichnen kann. Denn<br />

womöglich muß der Verleiher aufgrund<br />

seiner Leihgabe auf eigenen Konsum<br />

oder etwa günstige Gelegenheiten<br />

verzichten. Diese beiden Faktoren begründen<br />

den Urzins. Später kam noch<br />

die Bankmarge dazu. Wer Geld (übrig)<br />

Geld erfüllt drei Funktionen:<br />

Als Tauschmittel, als Rechnungseinheit<br />

zur Wertberechnung von Waren<br />

sowie als Wertaufbewahrungsmittel.<br />

hatte, saß von Anfang an am längeren<br />

Hebel und konnte gegenüber allen<br />

Handeltreibenden die Liquiditätsverzichtsprämie<br />

festlegen. Heute liegt die<br />

sogenannte Liquiditätspräferenzgrenze<br />

bei etwa 2.25-2.5%. Das heißt, daß der<br />

Kapitalmarkt für Investitionen mit einer<br />

Rendite unter diesem Prozentsatz kein<br />

Geld mehr zur Verfügung stellt. Erwirtschaftet<br />

eine Firma beispielsweise<br />

„nur“ einen Gewinn von 2%, ist sie zwar<br />

produktiv, bekommt aber vom Kapitalmarkt<br />

kein Geld mehr, weil es bessere,<br />

wenn <strong>zum</strong> Teil auch spekulative, Renditeaussichten<br />

gibt.<br />

Die Vernichtungsmaschinerie<br />

des Zinses<br />

Die abträglichen Wirkungen des Zinssystems<br />

sind gerade heute wieder deutlich<br />

spürbar. Es setzt nämlich eine Negativ-<br />

Spirale in Gang: Jeder Zinsertrag auf<br />

der einen Seite ist gekoppelt an Zinslasten<br />

und Schulden auf der anderen<br />

Seite. Eine solcherart entstehende und<br />

anwachsende Belastung und Schuldenmenge<br />

ist nicht mehr abbaubar. Professor<br />

Dr. Bernd Senf bezeichnet den Zins<br />

daher als Krebs des sozialen Organismus.<br />

Als Ausweg bleibt nur der Kollaps.<br />

Doch bis es so weit kommt, verursacht<br />

der Zins eine zunehmend größer werdende<br />

Einkommensschere sowie einen<br />

unnatürlichen Wachstumszwang. Dieser<br />

führt zu einer Überproduktion, der<br />

nicht mehr genügend Kaufkraft gegenübersteht.<br />

Für die auf die Waren aufgeschlagenen<br />

Zinskosten müssen auch<br />

die Verbraucher aufkommen.<br />

Was dieses Zinssystem betrifft,<br />

waren sich die drei monotheistischen<br />

Religionen Christentum,<br />

Judentum und Islam einig. Sie<br />

haben daher in ihre Moralkodizes Zinsverbotsklauseln<br />

aufgenommen. Halbwegs<br />

ernst nehmen dieses Verbot heute<br />

allerdings nur noch die Muslime. Sie<br />

achten peinlich genau darauf, daß bei<br />

der schariakonformen Anlage der Profit<br />

ohne Zinseszinseffekt zustandekommt.<br />

Das relativ gute Abschneiden des Islamic-Banking-Index<br />

in der Finanzkrise<br />

zeigt, daß dort im Gegensatz zu Dax und<br />

Dow Jones eine gewisse „Erdung“ vor-<br />

History MATRIX 3000 49


Hafenleben in einer Hansestadt 1497<br />

handen ist, die die allerwildesten Spekulationsauswüchse<br />

wie <strong>Der</strong>ivate und<br />

Leerverkäufe unterbindet.<br />

Bereits im fünften Jahrhundert vor<br />

Christus fand einer der größten<br />

griechischen Tragödiendichter,<br />

Sophokles, drastische Worte für Geldhändler:<br />

„Unter allem, was die Menschen<br />

treiben, ist nichts so schlimm<br />

wie der Handel mit Geld. Geld zerstört<br />

Städte, treibt Familien von Haus und Hof<br />

und verdirbt das Gefühl für Rechtschaffenheit<br />

unter den Menschen.“<br />

Weil Banken davon ausgehen, daß<br />

nicht alle Sparer ihr Geld auf einmal<br />

abheben, kamen sie im Lauf der Geschichte<br />

auf die Idee, Geld auf dem Papier<br />

gegen Zinsen zu „verleihen“, das<br />

sie gar nicht haben. Auf diese Weise<br />

schöpfen sie Geld aus dem Nichts. 25<br />

Jahrhunderte nach dem Ausspruch von<br />

Sophokles ließ der deutsche Dramatiker<br />

Bertold Brecht in seiner bekannten<br />

Dreigroschenoper fragen: „Was ist ein<br />

Einbruch in eine Bank gegen die Gründung<br />

einer Bank?“<br />

Die Wallstreet des Mittelalters<br />

Die mittelalterlichen Kreuzzüge hatten<br />

einen beachtlichen wirtschaftlichen<br />

Nebeneffekt: Denn auf ihren Fahrten<br />

kamen die abendländischen und christlich<br />

motivierten Kämpfer in Kontakt mit<br />

den größten Handelszentren im Orient,<br />

dem sogenannten<br />

Morgenland. Von<br />

Griechenland und<br />

seinen Inseln, Zypern,<br />

Syrien, Ägypten und<br />

der Türkei brachten<br />

die Reisenden exotische<br />

Gewürze, Obst,<br />

Seidenstoffe, Pelze<br />

und Spiegel mit nach<br />

Hause, die sie an reiche<br />

Europäer veräußerten.<br />

Als nächsten<br />

Schritt begannen die<br />

europäischen Seefahrer<br />

heimische Waren<br />

zu exportieren,<br />

vorwiegend Wein,<br />

Salz, Öl, Holz, Felle<br />

und Wollstoffe. Eine<br />

Schlüsselrolle als<br />

Handelsumschlagplatz<br />

spielte Oberitalien.<br />

Genua und<br />

Venedig entwickelten<br />

sich zu bedeutenden<br />

Geschäftsstädten und<br />

zu einer Schnittstelle<br />

zwischen Ost und<br />

West. Zu einem besonderen<br />

Handelszentrum wuchs der<br />

Stadtteil Rialto in Venedig heran. Hier<br />

konzentrierten sich die Geschäfte, Güter<br />

und Gelder, so daß man das Stadtviertel<br />

getrost mit der heutigen Wall<br />

Street vergleichen kann. Damit die<br />

Besucher den Stadtteil bequem erreichen<br />

konnten, wurde damals die erste<br />

Brücke, die sogenannte Rialtobrücke,<br />

über den Canal Grande, die Hauptwasserstraße<br />

von Venedig, errichtet.<br />

Die ersten Banken<br />

Konto, Skonto, Diskont, Bankrott, Giro,<br />

Saldo, Storno, Manko, Agio, Disagio -<br />

kommen Ihnen diese Begriffe irgendwie<br />

italienisch vor? Dann liegen Sie<br />

richtig! Denn im Zug der wachsenden<br />

Handelsstrukturen wurden im mittelalterlichen<br />

Oberitalien die ersten<br />

europäischen Banken gegründet. Am<br />

Anfang bestanden sie hauptsächlich<br />

aus einem Tisch (italienisch: „Banco“),<br />

der als Zeichen der Lizenz mit einem<br />

Tuch überzogen wurde. Wichtigstes<br />

Instrument der Banker war eine Goldwaage,<br />

mit der sie den Wert der Geldmünzen<br />

bestimmten. Um jedoch den<br />

Bargeldverkehr zu entlasten, waren<br />

es diese oberitalienischen Banken, die<br />

bereits damals und als erste in Europa<br />

den bargeldlosen Verkehr einführten.<br />

Ab jetzt konnte ein Geschäftsmann von<br />

seinem Konto auf das Konto eines anderen<br />

überweisen.<br />

Die Stadt wird <strong>zum</strong> Magneten<br />

Um den Absatz auf dem heimischen<br />

Markt zu intensivieren, entwickelten<br />

die mittelalterlichen Händler und<br />

Landesherrscher nach und nach eine<br />

günstige Infrastruktur. Die Kaufleute<br />

gründeten in den bestehenden Städten<br />

Geschäfte und Kaufhäuser, aber auch<br />

Produktionsstätten und erfanden neue<br />

Fertigungsmethoden. Die Handelswege<br />

wurden ausgebaut und gesichert.<br />

An ihren Knotenpunkten entstanden<br />

weitere Städte, wodurch sich die Tendenz<br />

<strong>zum</strong> seßhaften Handel verstärkte.<br />

Auch die verarmte Landbevölkerung<br />

zog es zunehmend in die Ballungsräume,<br />

um dort ihr Glück zu versuchen. Die<br />

wirtschaftliche Entwicklung bedingte<br />

auch eine Veränderung der politischen<br />

Struktur. Die Menschen lösten sich<br />

aus dem Einfluß von Kirche und Adel<br />

und gründeten Kommunalverwaltungen.<br />

Handwerker und Händler schlossen<br />

sich in Verbünden wie den Zünften<br />

oder Handelsgemeinschaften wie etwa<br />

in Deutschland den Fuggern oder der<br />

Hanse zusammen.<br />

Erste international operierende<br />

Handelsgesellschaften wurden<br />

gegründet Dem Staat war diese<br />

Entwicklung willkommen, und er förderte<br />

erfolgreiche Geschäftsleute durch<br />

Privilegien. Umgekehrt griffen die reichen<br />

Handelsleute, Bankiers und Patrizier<br />

dem Staat gern unter die Arme<br />

und finanzierten beispielsweise Kriege.<br />

Sie stifteten auch Geld für Kunst, Kultur<br />

und den Bau von Kathedralen.<br />

Regelmäßig fanden in den Städten<br />

riesige Verkaufsmessen statt, die einem<br />

Volksfest gleichkamen. Zu diesen<br />

Events gesellten sich Gaukler, Musiker<br />

und Schauspieler, um die zahlreichen<br />

Besucher zu unterhalten. Die Landesfürsten<br />

unterstützten solche Großveranstaltungen.<br />

Um Kaufleute anzuziehen,<br />

senkten sie die Steuern und Zölle<br />

oder verzichteten ganz darauf. Im Lauf<br />

der Zeit degenerierte der Handel, indem<br />

er sich statt auf Waren vermehrt auf<br />

Geschäfte mit Krediten und Wechseln<br />

konzentrierte.<br />

<strong>Der</strong> erste Kapitalist<br />

Als bekanntester mittelalterlicher<br />

Kaufmann gilt der im 14. Jahrhundert<br />

wirkende Toscaner Francesco di Marco<br />

Datini. Die Handelsbeziehungen dieses<br />

Global Players beschränkten sich nicht<br />

nur auf das westliche Mittelmeer zwischen<br />

Europa und Asien, sondern reichten<br />

bis nach England, Flandern - einer<br />

Region, die heute zu Frankreich, Belgien<br />

und Holland gehört - und zur Halb-<br />

50<br />

MATRIX 3000 History


Marktplatz in Rialto.<br />

Gemälde von Giovanni<br />

Antonio Canal, genannt<br />

Canaletto<br />

<strong>Der</strong> Geldwechsler und<br />

seine Frau. Gemälde von<br />

Quentin Massys, 1514.<br />

History MATRIX 3000 51


Francesco di<br />

Marco Datini<br />

Arbeitsbestätigungsscheinals<br />

Freigeld<br />

in Wörgl<br />

(Vorder-, und<br />

Rückseite)<br />

insel Krim im nördlichen Schwarzen<br />

Meer. Er war Chef von 16 Handelshäusern<br />

und besaß mehrere Produktionsbetriebe<br />

und Banken. Insofern nahm er<br />

auch Zinsen. Doch im Gegensatz zu seinen<br />

Nachfolgern hatte Datini noch Angst<br />

vor späteren Höllenstrafen. Deswegen<br />

gründete er eine Stiftung für Arme, der<br />

er große Teile seines Vermögens spendete,<br />

und vermachte - Anekdoten zufolge<br />

- der Madonna zwölf silberne Leuchter.<br />

Aus vier mach drei<br />

- das mittelalterliche Münzsystem<br />

Von circa 1150 bis 1450 waren Brakteaten<br />

fast im gesamten deutschsprachigen<br />

Raum die vorherrschende Münzsorte.<br />

Sie bestanden aus einem dünnen<br />

Blech und waren im Gegensatz zu den<br />

uns geläufigen Münzen nur einseitig<br />

geprägt. <strong>Der</strong> Magdeburger Erzbischof<br />

Wichmann sowie andere Landesherren<br />

befahlen, daß die Brakteaten in regelmäßigen<br />

Abständen verrufen und gegen<br />

neue Münzen mit einer anderen Prägung<br />

ausgetauscht wurden. Dabei wechselten<br />

die Besitzer allerdings vier alte Münzen<br />

gegen drei neugeprägte. Auf diese<br />

Weise war es den Landesfürsten ein<br />

leichtes, ihre Kassen zu füllen. Manche<br />

behaupten, daß diese Art von Schwundgeld<br />

mitverantwortlich war für die Blüte<br />

von Wirtschaft, Kunst und Kultur. Denn<br />

durch seinen vorprogrammierten Wertverfall<br />

dachten die Menschen im Mittelalter<br />

nicht daran, Geld aufzubewahren.<br />

Die Vermögenden investierten lieber<br />

in Sachwerte oder stifteten ihr Geld.<br />

<strong>Der</strong> deutsche Städtebund beabsichtigte<br />

demgegenüber eine stabile, bleibende<br />

und einheitliche Währung. Daher übernahm<br />

er nach und nach Kontrolle über<br />

die Münzstätten.<br />

Papiergeld und Goldstandard<br />

Schweden stellte im 17. Jahrhundert<br />

als erstes Land in Europa Papiergeld<br />

her. Die Vorteile sind: Das Geld ist vom<br />

Gewicht her leicht, gefährliche Edelmetalltransporte<br />

entfallen, und es vereinfacht<br />

die Unternehmensanteil- sowie<br />

Kreditvergabe. Die Gefahr besteht<br />

hauptsächlich darin, daß Regierungen<br />

unkontrolliert Geld, beispielsweise zur<br />

Finanzierung von Kriegen, drucken können.<br />

Dieses Inflationsrisiko wurde durch<br />

den Goldstandard unterbunden.<br />

Großbritannien führte inoffiziell im<br />

18. Jahrhundert und offiziell im 19.<br />

Jahrhundert als erstes Land diesen<br />

Goldstandard ein. Danach stieg es<br />

zur führenden Industrie- und Handelsmacht<br />

auf. Bald folgten dem Beispiel<br />

auch andere wichtige Kolonialmächte.<br />

Je nach Land mußte die Geldmenge<br />

entweder komplett oder teilweise durch<br />

Gold gedeckt sein. <strong>Der</strong> englische Ökonom<br />

und Politiker John Maynard Keynes<br />

bezeichnete diesen Goldstandard allerdings<br />

als ein barbarisches Relikt. Denn<br />

er mache jede Innovation davon abhängig,<br />

inwieweit gerade Gold gefunden<br />

wird. Weil der Goldstandard maßgeblich<br />

für die deflationäre Krise von 1929 verantwortlich<br />

war, trennten sich zu Beginn<br />

der 30er Jahre immer mehr Länder wieder<br />

davon.<br />

Die Federal Reserve Bank<br />

1913 wurde in den USA die Federal<br />

Reserve Bank gegründet, die die Währungskontrolle<br />

an ein Kartell privater<br />

Banken vergab. Sie konnten das Geld<br />

<strong>zum</strong> geringen Druckkostenpreis produzieren<br />

und gegen Zinsen an den Staat<br />

oder an Geschäftsbanken verleihen.<br />

Autobauer Henry Ford dazu: „Wenn die<br />

Leute wüßten, wie unser Geldsystem<br />

funktioniert, hätten wir eine Revolution<br />

vor morgen früh.“ Schon Thomas Jefferson,<br />

der dritte Präsident der USA,<br />

äußerte die Ansicht, daß den Privatbankiers<br />

das Recht genommen gehöre, Geld<br />

zu schöpfen. Er empfand die Abhängigkeit<br />

eines Staates von einer Handvoll<br />

Privatbankiers für noch gefährlicher<br />

als ein an der Staatsgrenze stehendes<br />

feindliches Heer.<br />

Wenige Wochen vor seiner Ermordung<br />

am 22.11.1963 in Dallas hatte der<br />

35. Präsident der USA, John F. Kennedy,<br />

ein Dekret mit der Executive Order Nr.<br />

11110 unterzeichnet. Dieses ermächtigte<br />

ihn, die Herstellung von Banknoten in<br />

die Gewalt des Staates zurückzubringen.<br />

Einige Exemplare dieser neuen Scheine,<br />

die United States Notes, flossen bereits<br />

in den Geldverkehr, wurden aber kurz<br />

darauf wieder eingezogen.<br />

52<br />

MATRIX 3000 History


Mittelalterliche Brakteat-Münze<br />

"Unter allem, was die Menschen<br />

treiben, ist nichts so schlimm wie der<br />

Handel mit Geld." Sophokles<br />

Alternativgeld<br />

Wiederholt<br />

haben<br />

Initiativen<br />

versucht, neben<br />

der bestehenden<br />

Währung<br />

alternative<br />

Geldsysteme<br />

einzuführen. Ein<br />

solches Projekt nahm<br />

im Jahre 1815 auf der tischen Kanalinsel Guernsey sei-<br />

nen Lauf.<br />

bri-<br />

Dem Inselvolk fehlte das Geld, um<br />

eine vielversprechende Markthalle zu<br />

errichten. Da sich der damalige Gouverneur<br />

Daniel de Lisle Brock sicher war,<br />

daß die Mieteinnahmen, die die Halle<br />

abwerfen würde, binnen weniger Jahre<br />

die Baukosten ausgleichen würden, ließ<br />

er das für den Bau benötigte Geld als<br />

Zweitwährung drucken, um es nach dem<br />

Ende des Projekts wieder zu vernichten.<br />

Nach der erfolgreichen Umsetzung<br />

übertrug der Gouverneur dieses System<br />

auch auf Folgeprojekte. Auf diese Weise<br />

baute er Straßen und modernisierte marode<br />

Siedlungen. Nach dem Ende eines<br />

jeden Projektes wurde das Geld jeweils<br />

aus dem Verkehr gezogen und neu ausgegeben.<br />

Gut hundert Jahre später setzte der<br />

Bürgermeister von Wörgl in Tirol ein<br />

ähnliches Konzept um. Damit er die<br />

Bauarbeiten an öffentlichen Gebäuden<br />

fortführen konnte, händigte er den<br />

Handwerkern sogenannte Arbeitsbestätigungsscheine<br />

aus. Dafür konnten sie in<br />

den ortsansässigen Geschäften Waren<br />

kaufen. Er verband die Scheine mit einer<br />

Besonderheit: Sie verloren monatlich<br />

ein Prozent an Wert. Damit beabsichtigte<br />

er, den Geldkreislauf anzukurbeln.<br />

Um dieses Schwundgeld schnell wieder<br />

loszuwerden, zahlten die Bürger sogar<br />

ihre Steuern im Voraus.<br />

Nachdem auch andere österreichische<br />

Gemeinden wie etwa Sankt Pölten<br />

mit einer eigenen Währung liebäugelten,<br />

setzte die Nationalbank diesem Kapitel<br />

in der Geldgeschichte durch eine<br />

Klage ein Ende.<br />

Das Freigeld Gesells<br />

Die Theorie zu diesen Tauschwährungen<br />

mit negativem Zins lieferte Silvio Gesell.<br />

Den nach Argentinien ausgewanderten<br />

deutschen Kaufmann traf um 1890 die<br />

dortige Wirtschaftskrise. Diese Erfahrungen<br />

veranlaßten ihn, sein Konzept<br />

eines umlaufgesicherten Geldes zu entwerfen.<br />

Er nannte es „Freigeld“, weil es<br />

frei von Zinsen sein sollte. Dadurch sollte<br />

es den Waren- und Geldfluß sichern.<br />

1919 scheiterte der Versuch von Silvio<br />

Gesell, im Rahmen der libertär-sozialistischen<br />

bayerischen Räteregierung sein<br />

Freigeld einzuführen. Bereits zehn Tage<br />

nach seiner Ernennung <strong>zum</strong> Rätefinanzminister<br />

stürzte die Hochfinanz mit<br />

der Unterstützung rechter Freikorps<br />

die <strong>zum</strong> Teil jüdischen „Protagonisten<br />

des dritten <strong>Weg</strong>es“ - unter ihnen Erich<br />

Mühsam und Gustav Landauer. Gesell<br />

wurde wegen Beihilfe <strong>zum</strong> Hochverrat<br />

angeklagt, jedoch freigesprochen.<br />

Bei der Gerichtsverhandlung war auch<br />

der Bauunternehmer Gottfried Feder<br />

anwesend, der später wirtschaftspolitischer<br />

Sprecher der NSDAP wurde.<br />

Er vermengte in seiner Argumentation<br />

das währungstechnisch interessante<br />

Konzept von Silvio Gesell mit seinen<br />

eigenen rassistischen Haßtiraden. Er<br />

sah die „Zinsknechtschaft“ nicht als<br />

Konstruktionsfehler des Geldsystems<br />

an sich, sondern schob sie den Juden<br />

in die Schuhe. Als wenn der Zinseszinseffekt<br />

nur für eine spezielle religiöse<br />

Gruppe arbeiten würde!<br />

Resümee<br />

Die Geschichte des Geldes zeigt, daß<br />

Probleme, die wir mit dem geliebten<br />

und gehaßten Mammon haben, keineswegs<br />

neu sind. Die Geschichte des Geldes<br />

zeigt auch, daß seine Entwicklung<br />

keineswegs linear verläuft. Jede Epoche<br />

und Kultur betont andere Aspekte<br />

des Geldes. Zum einen wird es - etwa<br />

in der Antike und in der Jetztzeit - eher<br />

<strong>zum</strong> Horten verwendet,<br />

wovon<br />

ein nicht zu unterschätzender<br />

Nebeneffekt im<br />

sozialen Prestige<br />

liegt, das<br />

der Betreffende<br />

durch seinen<br />

Reichtum und<br />

seine Güter zur<br />

Schau stellt.<br />

Zum anderen<br />

gibt es das meist<br />

aus Edelmetallen<br />

bestehende<br />

Zahlgeld wie in<br />

den Städten des<br />

Mittelalters, das<br />

sich aus seinem<br />

Eigenwert<br />

heraus definiert,<br />

sowie das<br />

Tauschgeld, das<br />

keinen direkten<br />

Eigenwert zu besitzen<br />

braucht,<br />

dafür aber selten,<br />

beweglich<br />

und allgemein<br />

anerkannt sein<br />

muß. ■<br />

Quellen, Lese- und Videotipps:<br />

Kennedy, Margrit: Geld ohne Zinsen und Inflation,<br />

Goldmann, München 1991<br />

Senf, Bernd: <strong>Der</strong> Nebel um das Geld, Gauke, Kiel 2009<br />

Tegtmeier, Ralph: Geldgeheimnisse, Goldmann,<br />

München 2008<br />

Völker, Judith/Feyerabend, Christian: <strong>Weg</strong>e aus der<br />

Finsternis - Europa im Mittelalter, Doku-Serie des ZDF<br />

Johannes Paul studierte Sonderpädagogik mit Profilfach<br />

Geschichte und ist Heilpraktiker. Er<br />

arbeitet für den geldreformerischen<br />

Verein Global Change Now e.V.<br />

und ist zweiter Vorsitzender der<br />

Humanwirtschaftspartei, die sich für<br />

eine menschliche, nachhaltige und<br />

faire Wirtschaftsordnung einsetzt<br />

(www.globalchangenow.de -<br />

www.humanwirtschaftspartei.de).<br />

Ralf Lehnert, Autor und Dipl.-Soziologe, beschäftigt<br />

sich seit fast 30 Jahren theoretisch<br />

und praktisch mit Esoterik (Ost<br />

wie West) und hat auf diesem<br />

<strong>Weg</strong> zahlreiche kleine und<br />

große Glaubensgemeinschaften,<br />

Organisationen und spirituelle<br />

Gruppen von „Innen“ kennengelernt.<br />

Die Essenz seiner Erfahrungen<br />

verarbeitete er in mehreren<br />

Büchern. Bei der <strong>Matrix3000</strong> ist Ralf Lehnert Redakteur<br />

für Spiritualität.


Hexen<br />

Die Wahrheit über die weisen Frauen<br />

Gernot L. Geise<br />

54<br />

MATRIX 3000 History


Woher stammt eigentlich der<br />

Begriff „Hexe“? Im frühen<br />

Mittelalter wurde aus der<br />

Hagediesse (Hage-Diese) über Hagia<br />

die Hag´sche und Hagse. Dies<br />

waren bereits sehr abwertende Benennungen<br />

und bezeichneten das<br />

in der Natur des Waldes hausende<br />

Kräuterweiblein, dem nicht nur die<br />

Heilsubstanzen, sondern auch die<br />

Gifte der einzelnen Kräuter bekannt<br />

waren.<br />

Die Hagse war mit dem alten Wissen<br />

um die Natur vertraut und wußte genau,<br />

wie eine Dosierung der verschiedenen<br />

Kräuter zusammengesetzt sein mußte,<br />

um heilend oder tödlich zu wirken.<br />

Auch nach der Christianisierung wurde<br />

die Hagse, noch bis ins Hochmittelalter,<br />

zur Krankenheilung und bei Entbindungen<br />

herbeigeholt und zu Rate gezogen.<br />

Selbst viele Geistliche baten sie bei<br />

Krankheiten um Rat.<br />

Über Haxe und Häxe (Hägse) entstand<br />

schließlich das Schimpfwort<br />

Hexe. Es war die Sammelbezeichnung<br />

für eine gefährliche, bösartige Frau,<br />

die es gewohnt war, mit Giften zu hantieren,<br />

um damit Schaden anzurichten.<br />

Das Wort Hexe setzte sich allgemein<br />

erst um 1480 durch und wurde zu einem<br />

Sammelbegriff, in den mehrere<br />

verwandte Vorstellungen eingingen, die<br />

zugleich auch zu gewissen Zwiespältigkeiten<br />

führten: Furie, Vampir, Schreckgespenst,<br />

Zauberin, Kindsmörderin,<br />

aber auch Kräuterfrau, weise Frau. Die<br />

negative Belastung der Bezeichnung<br />

Hexe wurde einzig und allein durch die<br />

christliche Kirche initiiert. Sie schürte<br />

tatkräftig den sogenannten „Volksglauben”,<br />

um sich dieser „unheimlichen”<br />

und wegen ihrer Kenntnisse mächtigen<br />

Frauen zu entledigen, die sich nicht<br />

kirchlich beherrschen ließen.<br />

Hexen waren mit dem alten Wissen um die<br />

Natur vertraut. Sie wußten genau,<br />

wie Kräuter dosiert werden mußten,<br />

um heilend oder tödlich zu wirken.<br />

"Das Treiben auf dem Blocksberg".<br />

Johann Prätorius, Leipzig 1668<br />

Hexenring und Hexenbesen<br />

<strong>Weg</strong>en ihrer von der Kirche unterstellten<br />

Boshaftigkeiten wurde gegen diese<br />

weisen Frauen in der Bevölkerung ein<br />

gewaltiger Haß aufgebaut, der darin<br />

gipfelte, daß sie, zusammen mit völlig<br />

unbeteiligten Unschuldigen, in einem<br />

jahrhundertelangen Holocaust ausgerottet<br />

wurden, indem man sie - nach<br />

vollzogener grausamer Folterung - auf<br />

Scheiterhaufen verbrannte, sofern sie<br />

die Folterungen überlebt hatten.<br />

Einige der ehemaligen Heilkräuter<br />

wurden als Hexenkräuter gebrandmarkt,<br />

beispielsweise die Wolfsmilch<br />

und das Schöllkraut („Hexenmilch”).<br />

Verschiedene Pflanzen (z. B. Pilze),<br />

Pflanzenmißwuchs oder Pflanzenkrankheiten<br />

wurden ebenfalls mit Hexerei in<br />

Verbindung gebracht und dementsprechend<br />

benannt, beispielsweise das Hexenei<br />

(Ständerpilz) oder die Hexenbesen.<br />

Das sind „Donnerbüsche“, besen- oder<br />

nestartige, durch Schlauchpilze ausgelöste<br />

Mißbildungen, die meist an Ästen<br />

zahlreicher Laub- und Nadelbäume zu<br />

finden sind. Auch die Mistel wurde als<br />

Hexenbesen bezeichnet.<br />

Die kreisförmige Anordnung der<br />

Fruchtkörper bei einigen Ständerpilzarten<br />

(z. B. beim Champignon) wird<br />

heute noch volkstümlich als Hexenring<br />

bezeichnet. Das von den Sporen im Boden<br />

auswachsende Myzel breitet sich<br />

zunächst nach allen Seiten aus. Die älteren<br />

inneren Teile des Myzels sterben<br />

aus Nahrungsmangel aber bald ab, an<br />

der Peripherie wächst das Myzel jedoch<br />

weiter und bildet Fruchtkörper, die dann<br />

ringförmig angeordnet sind.<br />

<strong>Der</strong> bekannte, ungeliebte Hexenschuß<br />

wurde dem „unseligen” Treiben<br />

der Hexen ebenso zugeordnet, denn<br />

ein solcher konnte doch wohl nur durch<br />

„Hexerei” entstanden sein. Möglicherweise<br />

wurde er deshalb der „bösartigen<br />

Hexe” zugeschoben, weil diese<br />

Erkrankung ein (meist) ohne Vorankündigung<br />

plötzlich auftretender, stechender<br />

Schmerz ist. Er entsteht im Bereich<br />

History MATRIX 3000<br />

55


des Kreuzes und der Lenden und kann<br />

so schmerzhaft sein, daß er oftmals nur<br />

noch eine gebückte Haltung zuläßt. Hierbei<br />

handelt es sich - wie man heute weiß<br />

- um einen Bandscheibenvorfall oder um<br />

Muskelrheumatismus. Dies war seinerzeit<br />

jedoch offenbar nicht bekannt, so daß<br />

ein Schuldiger gefunden werden mußte,<br />

der für den entstandenen Schmerz<br />

verantwortlich gemacht werden konnte.<br />

Und den hatte man schnell in den Hexen<br />

gefunden, denen man unterstellte,<br />

durch ihre bösartige Schadenzauberei<br />

magische Fremdkörper, Würmer usw. in<br />

einen Menschen hineinzuhexen.<br />

Verfolgung der Hexen<br />

<strong>Der</strong> Hauptgrund für die blindwütige Verfolgung<br />

der Hexen durch die christliche<br />

Kirche dürfte gewesen sein, daß diese<br />

Frauen sich erfolgreich dem christlichen<br />

Zwangszugriff entzogen. Obwohl sie sich<br />

in der Öffentlichkeit (und auch der Kirche<br />

gegenüber) christlich gaben - das<br />

war in diesen Zeiten einfach eine Frage<br />

des Überlebens -, lehnten sie meist die<br />

frauenfeindliche christliche Religion ab<br />

und hingen insgeheim auch weiterhin<br />

dem vorchristlichen Glauben an, dessen<br />

uralte Rituale sie im Geheimen auch weiterhin<br />

praktizierten.<br />

Durch ihre erfolgreichen Tätigkeiten<br />

u. a. als Hebammen widersprachen<br />

sie direkt dem, was die Kirche lehrte:<br />

Sie beherrschten nicht nur alle Möglichkeiten<br />

einer Geburtenkontrolle<br />

einschließlich der (natürlichen) Mittel<br />

zur Abtreibung und wandten sie auch<br />

an. Sie sorgten auch dafür, u. a. durch<br />

Verabreichung von Betäubungsmitteln,<br />

aber auch durch Schwangerschaftsgymnastik<br />

und praktische gynäkologische<br />

Hilfe, daß Frauen schmerzlos<br />

gebären konnten. Und das war jedoch<br />

ein Sakrileg, steht doch in der „Heiligen<br />

Schrift“, daß Frauen unter Schmerzen<br />

gebären sollen!<br />

<strong>Der</strong> Hauptvorwurf gegen die „Hexen“<br />

bestand jedoch darin, sie<br />

hätten durch Zauberei ihr Unwesen<br />

getrieben. Das ist eine alte Vorstellung,<br />

die bereits lange vor den Hexenverfolgungen<br />

unter Strafe gestellt war.<br />

So ist uns aus dem Jahre 742 (nach herkömmlicher<br />

Datierung) überliefert, daß<br />

Karlmann das erste deutsche Nationalkonzil<br />

versammelte. Dieses, „Concilium<br />

Germanicum” genannt, befahl in Kan. 5:<br />

„Jeder Bischof soll in seiner Parochie<br />

mit Hilfe des Grafen, der der<br />

Schützer seiner Kirche ist, darauf bedacht<br />

sein, daß das Volk keine heidnischen<br />

Gebräuche mehr beobachte, als<br />

da sind: heidnische Totenopfer, Losdeuterei,<br />

Wahrsagerei, Amulette, Auguren,<br />

heidnische Opfer, die die Toren<br />

oft neben den christlichen Kirchen den<br />

Märtyrern und Bekennern darbringen,<br />

oder die sakrilegischen Feuer, die sie<br />

,Nodfyr’ nennen”. [Soldan/Heppe: „Geschichte<br />

der Hexenprozesse“, Essen<br />

1990]<br />

Daß nicht nur die Zauberei selbst,<br />

sondern bereits der Glaube daran mit<br />

dem Tod bestraft wurde, geht aus dem<br />

Kan. 6 der in Paderborn im Jahre 785<br />

versammelten Synode hervor:<br />

„Wer vom Teufel verblendet wie die<br />

Heiden glaubt, jemand sei eine Hexe<br />

und fresse Menschen und diese Person<br />

deshalb verbrennt oder ihr Fleisch<br />

Ein bevorzugtes Tätigkeitsfeld der weisen<br />

Frauen war die Gynäkologie.<br />

Schmerzlose Geburten waren für<br />

die Kirche ein Sakrileg, steht doch<br />

in der Bibel, daß Frauen unter<br />

Schmerzen gebären sollen!<br />

56 MATRIX 3000 History<br />

"Hexen am Bett einer Kranken". Guaccio,<br />

"Compendium Maleficarum", Mailand 1626


Durch ihre erfolgreiche Tätigkeit als Hebammen<br />

widersprachen die Hexen direkt der kirchlichen Lehre.<br />

durch andere essen läßt, der soll mit<br />

dem Tod bestraft werden”. [Soldan/<br />

Heppe]<br />

Hätte sich die Kirche auch späterhin<br />

daran gehalten, so hätte jeder Inquisitor<br />

mit dem Tode bestraft werden müssen...<br />

Während der „heidnische” Glaube<br />

Toleranz zwischen allen möglichen<br />

Glaubensrichtungen - auch gegenüber<br />

der christlichen! – übte, verfolgte die<br />

römisch-katholische Kirche einen Alleinvertretungsanspruch,<br />

der keinen<br />

anderen Glauben neben seinem duldete,<br />

nicht einmal eine Abweichung davon<br />

(etwa der arianische Glaube. Auch<br />

die Arianer waren Christen und wurden<br />

trotzdem verfolgt).<br />

Zauberei und Ketzerei<br />

Bereits einigen Sekten war die vorgeworfene<br />

Zauberei, im Verbund<br />

mit angeblicher Ketzerei, <strong>zum</strong> Verhängnis<br />

geworden. Zauberei und<br />

Ketzerei bildeten die Hauptanklagepunkte,<br />

nach denen die römischkatholische<br />

Kirche bereits vor dem<br />

13. Jahrhundert die Angehörigen<br />

der Montanisten, der Priscillianer<br />

(in Spanien, um 400), der Messalianer<br />

(im 4. Jh.), der Bogomilen (um<br />

1000), Albigenser (von Alby/Südfrankreich),<br />

Patarener (von Mailand/Patavia),<br />

Katharer (um 1000),<br />

oder die Waldenser (aus Lyon,<br />

12. Jh.) verfolgte und ausrottete.<br />

Die Kirche hatte also bis <strong>zum</strong> Beginn<br />

der großen Hexenjagd bereits<br />

reichhaltige Erfahrungen im Verfolgen,<br />

Anklagen und Ermorden von<br />

unliebsamen Abweichlern gesammelt.<br />

Unter grausamsten Umständen<br />

wurden je nach Überlieferungen<br />

oder sonstigen noch vorhandenen<br />

Unterlagen aus jener Zeit hunderttausende<br />

bis zu mehreren Millionen<br />

Frauen und Männer (als „Hexenmeister“)<br />

umgebracht, die der Hexerei<br />

verdächtigt wurden. Bis heute<br />

hat es die katholische Kirche nicht<br />

für nötig befunden, sich für diese<br />

Greueltaten zu entschuldigen.<br />

Das Geständnis der<br />

Rebecca West. Aus<br />

dem Notizbuch des<br />

englischen Puritaners<br />

Nehemiah Wallington,<br />

1645 (Rylands<br />

Collection, Universität<br />

Manchester)<br />

History MATRIX 3000<br />

57


Die "neuen Hexen"<br />

In unserer Zeit ist es gera dezu lächerlich,<br />

wenn sich sogenannte<br />

„neue Hexen” finden, die irgendwelchen<br />

ominösen erfundenen Riten<br />

anhängen, bei Vollmondnächten<br />

ihre Orgien feiern und sich dann<br />

einbilden, sie würden die Tradition<br />

der weisen Frauen fortsetzen. Wenn<br />

solche „Neuhexen” versuchen, alte<br />

Zauberformeln zu zelebrieren, die<br />

sie nicht verstehen und die nicht im<br />

richtigen Zusammenhang stehen,<br />

weil sie nicht original sind, sondern<br />

bestenfalls aus Überlieferungen bestehen,<br />

die unter irgendwelchen Foltern<br />

erpreßt wurden.<br />

Wenn sich heutzutage Menschen als<br />

Hexen bezeichnen und unter der Bezeichnung<br />

Wicca o. ä. versuchen, alte<br />

Kulte wiederaufleben zu lassen, so muß<br />

dieses Tun zwangsläufig <strong>zum</strong> Scheitern<br />

verurteilt sein.<br />

In der Tradition der weisen Frauen<br />

stehen heute allein diejenigen Menschen,<br />

die in Heilberufen tätig sind und<br />

dabei ihre mentalen („magischen”)<br />

Fähigkeiten <strong>zum</strong> Wohl der Menschen<br />

einsetzen. Sie haben das Wissen um<br />

die Zusammenhänge der Natur wiederentdeckt<br />

und wenden es praktisch<br />

an, doch so manche(r) von ihnen wäre<br />

froh, wenn er (sie) das alte Wissen der<br />

weisen Frauen - der „Hexen” - heute<br />

noch zur Verfügung hätte. Diese Menschen<br />

(Frauen wie auch Männer) haben<br />

es nicht nötig, mit ihren Erkenntnissen<br />

zu prahlen und anzugeben, und<br />

sie tun es auch nicht. Sie haben es<br />

auch nicht nötig, ihre Fähigkeiten in einer<br />

Show aufzuziehen oder irgendwelche<br />

Geisterbeschwörungen zu verrichten,<br />

die sie wegen des fehlenden alten<br />

Wissens - aufgrund der jahrhundertelangen<br />

Ausrottung der Wissenden -<br />

doch nur falsch ausüben würden (man<br />

denke an Johann Wolfgang von Goethe<br />

mit seinem „Zauberlehrling”!). Diejenigen,<br />

die ihre Fähigkeiten mithilfe einer<br />

Show vermarkten, um den Leuten<br />

damit das Geld aus der Tasche zu ziehen,<br />

das sind die heutigen schwarzen<br />

Schafe.<br />

Aber die Menschen, die eine (wieder<br />

neu entdeckte) Naturheilung praktizieren<br />

- gegen die sich die Pharma-<br />

Industrie und die Schulmedizin (wen<br />

wundert das?) vehement wehren -, das<br />

sind die wahren Nachfolger der weisen<br />

Frauen. ■<br />

Weiterführende Literatur:<br />

Gernot L. Geise: „Die Hexen – Die<br />

Verunglimpfung der weisen Frauen“,<br />

Michaels Verlag, ISBN 3-89539-609-5<br />

Gernot L. Geise ist Sachbuchautor und staatlich<br />

geprüfter Techniker des<br />

graphischen Gewerbes.<br />

Er hat mehrere Bücher zu<br />

ungelösten Rätseln unserer<br />

Welt publiziert, darunter<br />

auch „Das keltische<br />

Nachrichtensystem“.<br />

Besonders interessiert<br />

ihn seit vielen Jahren das<br />

Thema Mond. Hierzu veröffentlichte er u.a. „Die<br />

dunkle Seite von Apollo“, „Die Schatten von<br />

Apollo“ und „<strong>Der</strong> Mond ist ganz anders“.<br />

Nicht nur die<br />

Zauberei selbst<br />

- schon der Glaube<br />

daran wurde mit dem<br />

Tode bestraft.<br />

58 MATRIX 3000 History<br />

Petrus Binsfeld: Tractat<br />

von der Bekanntnuß der<br />

Zauberer und Hexen. München:<br />

Adam Berg 1602


Albrecht Dürer:<br />

Die Hexe.<br />

Kupferstich, um 1500<br />

Format b 172 x 32<br />

10. Kongress Geistiges Heilen 30.09 - 02.10.2011<br />

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Grazyna Fosar und Franz Bludorf<br />

Galileo,<br />

der Papst<br />

und die Bienen<br />

Es gibt kaum einen Ort auf der Welt, an dem man so viele Hintergründe<br />

von Ereignissen der Weltgeschichte finden kann wie im Vatikan. Und wir<br />

meinen damit nicht die Kirchengeschichte oder die Inquisition. Hier wurde<br />

z. B. entschieden, daß es der Erde verboten ist, um die Sonne zu kreisen,<br />

und dieses Dogma galt jahrhundertelang. An diesem Ort trafen sich große<br />

Denker, die von den Päpsten gefördert oder als Ketzer bekämpft wurden.<br />

Auf einen von ihnen traf sogar beides zu. Aber das war die Folge eines<br />

„kleinen Mißverständnisses“.<br />

Papst Urban VIII. und<br />

Galileo Galilei waren Freunde.<br />

Bis es zu einem<br />

"kleinen Mißverständnis" kam...<br />

60<br />

MATRIX 3000 History


Bienenwappen der Familie Barberini<br />

im Vatikan<br />

Als wir eines Tages den Petersdom<br />

besichtigten, fielen uns an mehreren<br />

der großen Steinsäulen,<br />

ebenso auch am Hochaltar des Papstes,<br />

seltsame Wappen auf, auf denen jeweils<br />

drei Bienen zu sehen waren. Diese Wappen<br />

erregten unsere Aufmerksamkeit,<br />

denn Bienen sind ein uraltes Symbol für<br />

das Gruppen- oder Kollektivbewußtsein,<br />

das – wie wir inzwischen wissen – eng<br />

mit der Gravitation und der Genetik verknüpft<br />

ist. Was wir in diesem Moment<br />

nicht ahnten, war, daß uns dieses Bienenwappen<br />

direkt auf eine geheimnisvolle<br />

Spur bringen würde und daß wir<br />

hierzu mehr als 300 Jahre in die Vergangenheit<br />

reisen müßten.<br />

<strong>Der</strong> Papst<br />

Wie unsere Recherchen nämlich ergaben,<br />

sind die drei Bienen die Wappentiere<br />

der einstmals mächtigen italienischen<br />

Adelsfamilie Barberini. Ein Mitglied dieser<br />

Familie verdient unser besonderes<br />

Interesse – Maffeo Barberini. 1<br />

Er wurde 1568 als Sohn der Florentiner<br />

Linie geboren. Sein Vater starb,<br />

als er erst drei Jahre alt war, und seine<br />

Mutter verfügte, daß der Junge bei den<br />

Jesuiten erzogen würde – zunächst in<br />

Florenz, später am Collegio Romano.<br />

Damit war seine geistliche Laufbahn<br />

eigentlich vorgezeichnet – die Barberinis<br />

hatten schon eine ganze Reihe von<br />

Kardinälen hervorgebracht –, obwohl<br />

Maffeo zunächst in Pisa ein Jurastudium<br />

absolvierte, das er 1589 mit dem<br />

Doktortitel abschloß.<br />

Dann aber begann sein steiler<br />

Aufstieg in der katholischen Kirche.<br />

Zunächst wurde er 1601 päpstlicher<br />

Legat am Hofe Heinrichs IV. von<br />

Frankreich, bevor ihn Papst Gregor XV.<br />

1604 <strong>zum</strong> Erzbischof von Nazareth ernannte,<br />

ein Amt, das in Abwesenheit,<br />

d. h. in Rom, ausgeübt werden mußte,<br />

da Palästina damals noch von den<br />

Moslems beherrscht wurde.<br />

1606 wurde er Kardinal von St.<br />

Peter in Montorio und später von St.<br />

Onofrio, und schließlich 1608 Bischof<br />

von Spoleto.<br />

1<br />

Van Helden, Albert, Pope Urban VIII. 1995<br />

History MATRIX 3000 61


Direkt am Ufer des Albaner<br />

Sees ließ Urban VIII. die<br />

päpstliche Sommerresidenz<br />

Castel Gandolfo errichten.<br />

Als Papst Gregor XV. 1623 starb,<br />

wurde Maffeo Barberini zu seinem<br />

Nachfolger gewählt und<br />

trug von nun an den Namen Urban VIII.<br />

<strong>Der</strong> neu gewählte Papst entwickelte<br />

ein ausgeprägtes Interesse für Baukunst<br />

und Bildhauerei. <strong>Der</strong> größte Teil<br />

der prachtvollen Barockausstattungen<br />

des Vatikans wurde während seines<br />

Pontifikats durch seinen Hofbaumeister<br />

Gianluca Bernini angefertigt, ebenso<br />

die riesige Anlage des Petersplatzes.<br />

Im Inneren des Petersdoms ließ er den<br />

gewaltigen päpstlichen Hochaltar errichten<br />

– kein Wunder also, daß Maffeo<br />

Barberinis Familienwappen bis heute<br />

überall im Vatikan zu bewundern ist.<br />

Doch seine Bauaktivitäten beschränkten<br />

sich nicht auf Rom. Nur ein<br />

Jahr nach seiner Wahl ließ Urban VIII.<br />

ebenfalls die bis heute von allen nachfolgenden<br />

Päpsten benutzte Sommerresidenz<br />

errichten – Castel Gandolfo am<br />

Ufer des Albaner Sees.<br />

Und nun wird es interessant: Warum<br />

wählte Urban VIII. für seine Residenz<br />

ausgerechnet diese Stelle am Rand eines<br />

erloschenen Vulkankraters? Das<br />

Land gehörte seinerzeit nicht einmal<br />

der Kirche, sondern wurde dem Papst<br />

eigens zur Errichtung des Schlosses<br />

vom Kaiser geschenkt.<br />

Ganz in der Nähe des Albaner<br />

Sees befindet sich die berühmte Via<br />

dei Laghi, eine Straße, an der die<br />

Gravitation gestört ist, so daß z. B.<br />

Autos ohne Motorkraft bergauf rollen<br />

können. 2 Wußte Urban VIII. etwa<br />

um diese Gravitationsanomalie, und<br />

war sie gar ein wichtiger Bestandteil<br />

seiner kirchlichen Macht?<br />

Schließlich trägt der Ort, in dessen<br />

Nähe dieses seltsame physikalische<br />

Phänomen gefunden werden kann,<br />

nicht umsonst bis heute den Namen<br />

Rocca di Papa – Felsen des Papstes!<br />

Weshalb sollte ein Papst des Barockzeitalters<br />

überhaupt etwas über<br />

Gravitation wissen oder sich gar dafür<br />

interessieren, so fragen Sie jetzt vielleicht?<br />

Die Antwort ist überraschend<br />

einfach.<br />

Galileo Galilei<br />

Im Jahre 1610 kam nämlich ein Mann<br />

nach Florenz, der als erster Mensch die<br />

Gravitation gemessen hatte – Galileo<br />

Galilei.<br />

Maffeo Barberini, damals Kardinal<br />

und Erzbischof, bewunderte diesen bedeutenden<br />

Wissenschaftler für seine Intelligenz<br />

und seinen scharfen Witz.<br />

Während eines höfischen Essens<br />

begegneten sich beide Männer erstmals<br />

persönlich. Bei dieser Gelegenheit<br />

geriet Galilei in Streit mit Kardinal<br />

Gorgonza über die Theorie bewegter<br />

Körper. Galilei hatte die bis heute gültigen<br />

Grundprinzipien der Bewegung formuliert.<br />

Danach verweilt ein materieller<br />

Körper in Ruhe oder gleichförmiger Bewegung,<br />

solange nicht eine äußere Kraft<br />

auf ihn einwirkt.<br />

Maffeo Barberini verteidigte damals<br />

den Wissenschaftler ganz offen und<br />

energisch gegen seinen Kardinalskollegen,<br />

und so entstand zwischen den<br />

beiden Männern eine Freundschaft,<br />

oder besser gesagt: Barberini wurde zu<br />

Galileis väterlichem Gönner. 3<br />

Nach der Wahl Barberinis <strong>zum</strong> Papst<br />

kam Galilei 1623 nach Rom und erhielt<br />

insgesamt sechs Audienzen. Während<br />

dieser Treffen erteilte ihm der Papst<br />

die offizielle Erlaubnis, über die kopernikanischen<br />

Theorien zu publizieren,<br />

wonach die Erde um die Sonne kreist,<br />

unter der Voraussetzung, daß er dies als<br />

Hypothese darstellen würde.<br />

Daraufhin veröffentlichte Galilei 1632<br />

sein Werk Dialogo intorno ai due massimi<br />

sistemi del mondo (Dialog über die<br />

zwei Haupt-Weltsysteme). In diesem<br />

Buch kommt es zu einem fiktiven Gespräch<br />

zwischen drei Personen über die<br />

Theorien des Ptolemäus (der die Erde<br />

ins Zentrum des Weltalls stellte) und<br />

des Kopernikus: Filippo Salviati (einem<br />

Kopernikus-Anhänger aus Florenz),<br />

Giovanfrancesco Sagredo (einem Venezianer,<br />

der anfangs beiden Theorien<br />

gegenüber neutral ist) und dem Aristoteliker<br />

Simplicio (einem Anhänger des<br />

Ptolemäischen Weltbildes). 4<br />

Durch dieses Buch kam es nach offizieller<br />

Lesart <strong>zum</strong> offenen Bruch zwischen<br />

Galilei und seinem Gönner. Es<br />

heißt, der Papst hätte ihm nie verziehen,<br />

daß er das Argument von Gottes Allmacht<br />

ausgerechnet in Simplicios Mund<br />

gelegt hätte, also des Mannes, dessen<br />

aristotelische Argumente er gerade auf<br />

den vorangegangenen 400 Seiten systematisch<br />

widerlegt hatte.<br />

Das Mißverständnis<br />

Galilei wurde vor das Tribunal der<br />

Heiligen Inquisition zitiert und dort<br />

auf Befehl seines früheren Freundes<br />

Urban VIII. abgeurteilt.<br />

<strong>Der</strong> vollständige Text des Urteils gegen<br />

Galilei lautete wie folgt:<br />

„Wir sagen, sprechen aus, urteilen<br />

und erklären, daß Sie, Galileo, aufgrund<br />

dieser Dinge, die im Prozeß genau geschildert<br />

worden sind und die Sie bereits<br />

bekannt haben, sich nach Ansicht<br />

dieser heiligen Organisation vehement<br />

des Verdachts der Häresie schuldig<br />

gemacht haben, nämlich des Aufstellens<br />

und des Glaubens einer Lehre, die<br />

falsch und im Gegensatz zur göttlichen<br />

und Heiligen Schrift ist: nämlich, daß<br />

die Sonne die Mitte der Welt sei und sich<br />

nicht von Ost nach West bewegt, und<br />

2<br />

Genaueres siehe Fosar/Bludorf: Vernetzte Intelligenz<br />

3<br />

IMSS Multimedia Catalogue, Florenz.<br />

62<br />

MATRIX 3000 History<br />

4<br />

IMSS Multimedia Catalogue, Florenz.


Galileo Galilei<br />

Papst Urban VIII.<br />

(Maffeo Barberini)<br />

Vatikan und Petersplatz<br />

wurden in ihrer heutigen<br />

Form zur Zeit des Pontifikats<br />

Urbans VIII. gestaltet<br />

Titelseite von Galileos<br />

„Dialog“ über die zwei<br />

Weltsysteme.<br />

xxxxxx xxxxx xx xxxx<br />

xx xxxx xxxxxxxx xxxxx<br />

xxxxxxxxx xxxxx xx xxxx<br />

xxxxxx.<br />

Faksimile einer Abhandlung<br />

Galileo Galileis über Bewegungs-<br />

und Pendelgesetze.<br />

History MATRIX 3000<br />

63


daß man eine Ansicht behaupten und als<br />

möglich verteidigen kann, nachdem sie<br />

bereits als gegensätzlich zur Heiligen<br />

Schrift erklärt und definiert wurde. Infolgedessen<br />

haben Sie auf sich alle Zensuren<br />

und Strafen zu nehmen, die durch<br />

den heiligen Kanon und alle bestimmten<br />

und allgemeinen Gesetze gegen solche<br />

Delinquenten vorgeschrieben und verkündet<br />

sind.<br />

Wir sind bereit, Ihnen Absolution zu<br />

erteilen, vorausgesetzt, daß Sie<br />

erstens, mit aufrichtigem<br />

Herzen und unverhohlenem<br />

Glauben, in unserer<br />

Anwesenheit von besagten<br />

Fehlern und der<br />

Häresie abschwören,<br />

sowie von jedem anderen<br />

Fehler und jeder Häresie,<br />

die im Gegensatz zur<br />

katholischen und apostolischen<br />

Kirche steht, in der Weise und<br />

in der Form, die wir Ihnen<br />

vorschreiben. Außerdem, damit<br />

Ihre bedauerlichen und<br />

schädlichen Fehler und Verstöße<br />

nicht insgesamt ungestraft<br />

bleiben und damit Sie<br />

in der Zukunft vorsichtiger sind<br />

und ein Beispiel für andere geben,<br />

damit diese sich von Straftaten dieser<br />

Art enthalten, bestimmen wir, daß das<br />

Buch ›Dialog‹ von Galileo Galilei durch<br />

allgemeines Edict verboten wird. Wir<br />

verurteilen Sie zur formalen Gefangenschaft<br />

in diesem heiligen Büro nach<br />

Das kopernikanische<br />

Weltbild: Die Erde<br />

umkreist die Sonne.<br />

unserem Belieben. Als heilsame Buße<br />

erlegen wir Ihnen für die nächsten drei<br />

Jahre auf, die sieben bußfertigen Psalmen<br />

einmal wöchentlich zu rezitieren.<br />

Und wir behalten uns selbst das Recht<br />

des Milderns, des Austauschens oder<br />

des Aufhebens aller oder eines Teils der<br />

besagten Strafen und Bußen vor. Dieses<br />

sagen wir, sprechen es aus, urteilen,<br />

erklären, ordnen an und reservieren es<br />

durch diese oder jede andere bessere<br />

Weise oder Form, die wir für angemessen<br />

halten. Also sprechen wir, die unterzeichneten<br />

Kardinäle aus:<br />

F. Kardinal von Ascoli<br />

B. Kardinal Gessi<br />

G. Kardinal Bentivoglio<br />

F. Kardinal Verospi<br />

Fr. D. Kardinal von Cremona<br />

M. Kardinal Ginetti<br />

Fr. Ant. Kardinal von S. Onofrio“ 5<br />

<strong>Der</strong> Rest der Geschichte ist allgemein<br />

bekannt. Galilei schwörte<br />

öffentlich ab und verbrachte den<br />

Rest seines Lebens unter Hausarrest<br />

der Inquisition.<br />

Insgesamt bleiben allerdings in der<br />

ganzen Sache ein paar Unstimmigkeiten<br />

bestehen, die diese offizielle Darstellung<br />

des Galilei-Prozesses kaum glaubhaft<br />

erscheinen lassen.<br />

Erstens ist Galilei überhaupt nicht<br />

der Urheber des heliozentrischen Weltbildes,<br />

sondern dieses war mehr als<br />

hundert Jahre zuvor von Nikolaus Kopernikus<br />

in Polen aufgestellt worden.<br />

Auch die im Urteil genannte Abweichung<br />

von der Heiligen Schrift ist natürlich an<br />

den Haaren herbeigezogen: Die ptolemäische<br />

Lehre von der Erde als Mittelpunkt<br />

des Weltalls war das Werk eines<br />

hellenistischen Ägypters, während sich<br />

die Bibel wahrlich mit ganz anderen Dingen<br />

beschäftigt als mit dem Thema, ob<br />

nun die Sonne um die Erde kreist oder<br />

umgekehrt.<br />

Erst kürzlich hat Pater George Coyne,<br />

Direktor der Vatikan-Sternwarte (mit<br />

Sitz in Castel Gandolfo am Albaner See!),<br />

klargestellt: „Die biblische Schöpfungsgeschichte<br />

ist kein wissenschaftliches<br />

Lehrbuch. Sie sagt uns nicht, wie der<br />

Himmel funktioniert, sondern wie wir<br />

dort hinkommen.“ 6<br />

Zweitens war es nur natürlich, daß in<br />

dem fiktiven Streitgespräch gerade der<br />

Ptolemäiker die Hypothese von Gottes<br />

Allmacht zu übernehmen hatte, da ja<br />

das geozentrische Weltbild damals noch<br />

das allgemein anerkannte war. Nichtsdestoweniger<br />

hatte Urban VIII. Galilei<br />

seinerzeit die Publikation erlaubt, unter<br />

der Voraussetzung, daß es eine hypothetische<br />

Darstellung bleibe. Gegen diese<br />

Auflagen hatte der Physiker aber mit<br />

seinem Buch nicht verstoßen.<br />

Drittens hatte Urban vor seiner Wahl<br />

<strong>zum</strong> Papst Galilei sogar noch mehrfach<br />

gegen andere Kirchenvertreter in vergleichbaren<br />

Streitfragen in Schutz genommen.<br />

Trotz allem bestand zwischen den<br />

beiden Männern ein besonderes Verhältnis,<br />

was schon daran erkennbar ist,<br />

daß Galilei vergleichsweise milde bestraft<br />

wurde. Nur gut 30 Jahre früher<br />

hatte die Inquisition Giordano Bruno für<br />

seine Theorien auf den Scheiterhaufen<br />

geschickt. Es war dem Papst wohl nur<br />

darauf angekommen, den Wissenschaftler<br />

mundtot zu machen. Wußte er zuviel?<br />

In diesem Zusammenhang könnte es<br />

erklärlich sein, daß eine etwas an den<br />

Haaren herbeigezogene Behauptung zur<br />

Anklage führte, denn der Prozeß war ja<br />

öffentlich und wurde nicht vom Papst<br />

selbst, sondern, wie wir gesehen haben,<br />

von einem Kollegium von Kardinälen geführt.<br />

Vielleicht ging es in Wahrheit um<br />

etwas, das auch sie nicht wußten oder<br />

das <strong>zum</strong>indest nicht in die Akten kommen<br />

sollte? Etwas, das zwischen Galilei<br />

und Urban nur unter vier Augen während<br />

der sechs Audienzen zur Sprache<br />

gekommen war?<br />

Galileo Galilei hatte es als erster mit<br />

seinen berühmten Pendelversuchen geschafft,<br />

die Gravitation zu messen. War<br />

ihm dann womöglich auch die seltsame<br />

Struktur der Region rund um Castel<br />

Gandolfo bekannt? Wußten er oder der<br />

Papst schon etwas über Hyperkommu-<br />

64 MATRIX 3000 History<br />

5<br />

IMSS Multimedia Catalogue, Florenz.<br />

6 Stampf, Olaf, <strong>Der</strong> erschöpfte Schöpfer, Spiegel 52/1998.<br />

7 Wir berichteten ausführlich über Vakuumdomänen im Artikel „Lichter aus der Spiegelwelt“<br />

in <strong>Matrix3000</strong> Band 34. Siehe auch Fosar/Bludorf: Vernetzte Intelligenz<br />

8<br />

Cooper, J. C., Illustriertes Lexikon der traditionellen Symbole. Drei Lilien Verlag.


Das ptolemäische<br />

Weltbild mit der<br />

Erde im Zentrum des<br />

Weltalls<br />

nikation mit dem Gruppenbewußtsein,<br />

ein Effekt, der an Orten mit gestörter<br />

Gravitation außerordentlich begünstigt<br />

ist? Wir wissen es nicht.<br />

Galilei wurde erst 1992 durch Papst<br />

Johannes Paul II. rehabiliert. Es war die<br />

Absicht des Papstes, das „gegenseitige<br />

Mißverstehen von Wissenschaft und<br />

Kirche zu heilen.“ Sein Nachfolger Benedikt<br />

XVI. distanzierte sich nochmals<br />

vom Urteil gegen Galilei und betonte,<br />

Urban VIII. habe das Urteil damals nicht<br />

unterzeichnet. Papst und Kurie hätten<br />

nicht geschlossen hinter der Inquisition<br />

gestanden.<br />

Welches Interesse hätte die Kirche<br />

damals haben können, das Wissen um<br />

Besonderheiten der Gravitation geheimzuhalten<br />

und sogar ziemlich genau am<br />

Ort einer Anomalie eine päpstliche Residenz<br />

errichten zu lassen?<br />

Die moderne Physik kennt Hypothesen,<br />

wonach Gravitation und Bewußtsein<br />

polare, also im Gegensatz zueinander<br />

stehende Größen sind. Nach den<br />

Theorien des Physikers Matti Pitkänen<br />

ist Bewußtsein dort, wo die Gravitation<br />

hoch ist, getrübt und damit auch leicht<br />

lenkbar. Umgekehrt führt eine verringerte<br />

Gravitation (ähnlich wie ein abnehmendes<br />

Magnetfeld, vgl. unser Buch<br />

„Zaubergesang“) zu einem wacheren<br />

Bewußtsein und damit auch zu einem<br />

höheren Freiheitsdrang und zu größerer<br />

Neigung zu Individualität und Veränderungen<br />

bei den Menschen. In Rocca<br />

di Papa riefen die Bürger Mitte des 19.<br />

Jahrhunderts ihre eigene „Repubblica<br />

di Rocca di Papa“ aus, ein kurzzeitiges<br />

Intermezzo, das dafür spricht, daß an jenem<br />

Ort möglicherweise Freigeistigkeit<br />

und Veränderungen begünstigt sind. Auf<br />

jeden Fall wird durch instabile Gravitationsverhältnisse<br />

die Bildung von Vakuumdomänen<br />

und damit auch die Hyperkommunikation<br />

begünstigt. 7<br />

Die Bienen<br />

Und damit müssen wir nochmals zu dem<br />

Punkt zurückkehren, an dem die ganze<br />

Geschichte für uns angefangen hatte:<br />

zu Urbans Familienwappen mit den drei<br />

Bienen.<br />

Bienen sind ein uraltes Symbol der<br />

Menschheit, das bereits bei den alten<br />

Griechen häufig auf Münzen zu sehen<br />

war. In der klassischen Mythologie gelten<br />

Bienen als Symbole für Unsterblichkeit<br />

und Wiedergeburt, aber auch als<br />

Boten der Götter und der Gestirne. 8<br />

Für die ägyptischen Pharaonen waren<br />

die Bienen Zeichen der Königswürde,<br />

während sie in der alten christlichen<br />

Symbolik unter anderem die göttliche<br />

Ordnung der Welt repräsentierten.<br />

Zu Napoleons Zeiten war es ein besonderes<br />

Privileg, ein Bienenwappen<br />

tragen zu dürfen. Hierzu war ein spezieller<br />

Erlaß des Kaisers notwendig. Unter<br />

denen, denen ein solches Privileg gewährt<br />

wurde, waren bedeutende historische<br />

Gestalten der Zeit, so z. B. Talleyrand<br />

oder Graf Bernadotte.<br />

Auch einigen bedeutenden europäischen<br />

Städten wurde von Napoleon zu<br />

jener Zeit ein Bienensiegel verliehen:<br />

Paris, Aachen, Amsterdam, Bremen,<br />

Brüssel, Köln, Dijon, Florenz, Genua,<br />

Gent, Hamburg, Lyon und Parma.<br />

Benedikt XVI.:<br />

Das Urteil gegen<br />

Galilei wurde damals<br />

von Papst Urban VIII.<br />

nicht unterzeichnet!<br />

Interessant ist, daß es sich dabei<br />

durchweg um bedeutende Handelsmetropolen<br />

handelte und daß sie genau<br />

in den Ländern liegen, die später,<br />

in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts,<br />

die Gründungsmitglieder der<br />

Europäischen Gemeinschaft werden<br />

sollten.<br />

Es geht also bei den Bienensymbolen<br />

nicht nur um Geschäftigkeit, sondern<br />

auch um Zusammenarbeit und Vernetzung,<br />

kurz gesagt: um ein Gruppenbewußtsein,<br />

das ja durch das Bienenvolk,<br />

in dem alle Tiere ausschließlich <strong>zum</strong><br />

Nutzen ihres Volkes agieren, besonders<br />

eindrucksvoll repräsentiert wird.<br />

Was wäre daran geheimzuhalten?<br />

Vielleicht, daß es einen dritten <strong>Weg</strong><br />

gibt, eine Synthese zwischen Gruppengeist<br />

und Individualität. Einen <strong>Weg</strong>, der<br />

herausführt aus alten hierarchischen<br />

Herrschaftsstrukturen, hin zu einer hypothetischen<br />

Gesellschaftsform, in der<br />

Individuen als Gleiche unter Gleichen<br />

dennoch für das Ganze arbeiten und dadurch<br />

zu viel höheren Leistungen gelangen<br />

können, als es uns Menschen mit all<br />

unseren Konflikten und Eifersuchtsgefühlen<br />

bisher möglich war.<br />

Die moderne Wissenschaft stellt die<br />

nötigen Erkenntnisse bereit, um die<br />

Wirkung eines solchen Gruppenbewußtseins<br />

zu verstehen. ■<br />

Grazyna Fosar ist Astrophysikerin und<br />

Erfolgsautorin von bislang<br />

20 Büchern (Co-Autor Franz<br />

Bludorf). Sie beschäftigt sich<br />

hauptsächlich mit der Post-<br />

Quantenphysik des Bewußtseins.<br />

Darüber hinaus ist sie Peer<br />

Reviewer beim International<br />

Journal of Physical Sciences.<br />

Bei der <strong>Matrix3000</strong> ist Grazyna<br />

Fosar Redakteurin für die Rubriken Wissenschaft,<br />

Grenzwissenschaft und Wurzeln.<br />

Franz Bludorf ist Mathematiker, Physiker,<br />

Bestsellerautor und<br />

Chefredakteur der <strong>Matrix3000</strong>.<br />

Gemeinsam mit Grazyna<br />

Fosar verfaßte er bislang<br />

insgesamt 20 Bücher zu<br />

grenzwissenschaftlichen und<br />

spirituellen Themen. Er ist Peer<br />

Reviewer beim International<br />

Journal of Physical Sciences.<br />

History MATRIX 3000<br />

65


Abba-Garima-Manuskript<br />

(Bild: Ethiopian Heritage Fund)<br />

Kostbare Schriften<br />

Ältestes Evangelium der Welt in Äthiopien entdeckt<br />

Grazyna Fosar<br />

Über Äthiopien redet man selten. Fast alle wissen,<br />

daß dieses Land das Ursprungsland des Kaffees<br />

ist, aber sonst…? Manchmal kommt der bekannte<br />

Schauspieler Karl-Heinz Böhm nach Deutschland,<br />

und dann können wir in einer ganzen Reihe von TV-<br />

Sendungen etwas mehr über dieses Land erfahren,<br />

vor allem über seine ständig problematische soziale<br />

Lage und – trotz der Hilfe aus der ganzen Welt –<br />

über Hunger und Not, die dort das Leben von vielen<br />

Menschen heimsuchen. Hätten Sie je vermutet, daß<br />

eines der bedeutendsten Kulturgüter unserer Welt<br />

gerade in Äthiopien versteckt ist?<br />

66<br />

MATRIX 3000 History


Die geheimnisvollen Garima-<br />

Evangelien interessieren nicht<br />

nur Historiker, auch viele Jäger<br />

alter Legenden melden sich in einer<br />

Reihe, um die Manuskripte zu bewundern.<br />

Sie gelten als „the world’s<br />

earliest illustrated Christian manuscripts“,<br />

also das älteste illustrierte<br />

christliche Manuskript der Welt und<br />

gleichzeitig die älteste erhaltene<br />

äthiopische Handschrift jeglicher Art.<br />

Wer war Abba Garima?<br />

<strong>Der</strong> Legende nach kam Abba Garima<br />

im Jahre 494 nach Äthiopien. Jahrelang<br />

bekehrte er die Heiden <strong>zum</strong> christlichen<br />

Glauben. Er lehrte und predigte. Ein<br />

Mönch, der schon damals als ein Heiliger<br />

galt. Er konnte heilen, auch böse<br />

„Geister“ vertreiben, und als den Menschen<br />

einmal eine große Dürre drohte,<br />

spuckte er auf die Erde und… es erschien<br />

Wasser. So ist angeblich damals<br />

eine Quelle in Äthiopien entstanden.<br />

Ein schönes Land hatte sich Garima<br />

ausgesucht: der Großteil Äthiopiens<br />

wird vom Hochland von Abessinien eingenommen<br />

mit dem höchsten Berg Ras<br />

Daschan Terara. Die Hochlandsränder<br />

und die Einschnitte der Flüsse sind sehr<br />

steil ausgebildet. In der Nähe der Stadt<br />

Adwa, wo sich Abba Garima hauptsächlich<br />

aufgehalten hat, befindet sich heute<br />

ein Kloster, das seinen Namen trägt.<br />

Und hier können wir einen der größten<br />

Schätze unserer Geschichte finden – die<br />

Garima-Evangelien.<br />

Die Garima-Handschriften<br />

Die größte Leistung von Abba Garima<br />

war die Übersetzung der vier Evangelien.<br />

Und hier treffen wir auf die nächste<br />

uralte Überlieferung: Angeblich hatte er<br />

die ganze Arbeit an einem einzigen Tag<br />

geleistet. „Gott hat ihm geholfen“, heißt<br />

es. Die Legende erzählt, daß Gott, als er<br />

bemerkte, an was für einer wichtigen<br />

Arbeit Abba Garima saß, den Sonnenuntergang<br />

verschob, damit der Tag länger<br />

dauern würde. So entstand ein Manuskript,<br />

prächtig illustriert und sorgfältig<br />

verfaßt. Es wurde in der Schatzkammer<br />

des Klosters versteckt.<br />

Viele Jahre glaubten die Wissenschaftler,<br />

daß alle diese Annahmen<br />

nicht stimmen würden. Man schätzte<br />

die Manuskripte etwas jünger ein und<br />

datierte sie etwa um die Zeit von 1100.<br />

Doch die neuesten Untersuchungen, die<br />

im Auftrag des Äthiopischen Fonds für<br />

das Kulturerbe durchgeführt wurden,<br />

<strong>Der</strong> Legende nach<br />

verschob Gott den<br />

Sonnenuntergang,<br />

damit Abba Garima<br />

die Handschriften an<br />

einem einzigen Tag<br />

fertigstellen konnte.<br />

Landschaft im abessinischen<br />

Hochland, östlich von Adwa,<br />

wo sich das Abba-Garima-<br />

Kloster befindet.<br />

Lester Capon führt eine<br />

aufwendige Restauration<br />

der Manuskripte durch<br />

(Bild: BBC)<br />

History MATRIX 3000 67


<strong>Der</strong> Evangelist Lukas<br />

Schatzkammer im<br />

Abba-Garima-Kloster.<br />

Hier werden die Evangelien<br />

aufbewahrt.<br />

Neueste Untersuchungen<br />

beweisen, daß die<br />

Manuskripte aus dem<br />

5. Jahrhundert stammen,<br />

also aus den Lebzeiten<br />

Abba Garimas.<br />

Die Buchrücken<br />

werden neu vernäht<br />

(Bild: J. Hewit & Sons Ltd.)<br />

68 MATRIX 3000 History


eweisen, daß das Manuskript<br />

tatsächlich zu Lebzeiten<br />

von Abba Garima geschrieben<br />

wurde. Das aber<br />

bedeutet, daß das äthiopische<br />

Manuskript das älteste<br />

illustrierte christliche Evangeliar<br />

der Welt ist.<br />

Abba-Garima-<br />

Kloster<br />

Die Mönche des Klosters<br />

betrachten die<br />

Evangelien<br />

weniger<br />

als bedeutende Altertümer,<br />

sondern<br />

als heilige Reli-<br />

quien von Abba Garima.<br />

Es gibt zwei Handschriften,<br />

Garima I und Garima II.<br />

Heute besteht das wunderschöne<br />

Werk von Garima aus<br />

zwei Pergament-Büchern. Das<br />

Pergament wurde wahrscheinlich<br />

aus Ziegenleder hergestellt.<br />

Das erste Buch enthält<br />

das Markus-Evangelium und das<br />

Matthäus-Evangelium. Es hat<br />

348 Seiten und wird eröffnet mit<br />

einer Serie von gemalten Bildern<br />

auf elf Seiten. Das zweite Buch Bilder beenthält<br />

das Lukas-Evangelium<br />

und das Johannes-Evangelium, ist 322<br />

Seiten lang und beinhaltet 17 Seiten, die<br />

wunderschön illustriert sind, darunter<br />

auch vier Seiten mit den Abbildungen<br />

stätigt. Die Vögel, die im Manuskript<br />

abgebildet sind, repräsentieren Gattungen,<br />

die zwar im Nahen Osten vorkommen,<br />

doch für Äthiopien sind sie nicht<br />

typisch.<br />

der vier Evangelisten.<br />

Einen einzigartigen Fall in der christlichen<br />

Ikonographie bildet in diesem trovers, da es theoretisch<br />

Dieses Argument ist eher kon-<br />

Kontext eine Darstellung des Tempels möglich wäre, daß der Autor<br />

Salomons mit einer Treppe von ungewöhnlicher<br />

Form. Die Miniaturen sind<br />

im byzantinischen Stil. <strong>Der</strong> Text wurde<br />

höchst wahrscheinlich in Äthiopien geschrieben.<br />

Die beiden Cover sind auch sehr alt.<br />

Vermutlich haben wir es hier mit dem<br />

ältesten Buchcover der Welt zu tun.<br />

die Vögel auf einem anderen Bild gesehen<br />

hatte und hier nur versuchte,<br />

sie zu kopieren. Es wird auch eine<br />

Hypothese diskutiert, daß ein Künstler<br />

aus Syrien nach Äthiopien gekommen<br />

sein konnte, um die Manuskripte<br />

zu illustrieren. Eines ist sicher<br />

- die Bilder entstanden früher als die<br />

Texte. Manche Teile der Texte gehen<br />

Das älteste Buchcover<br />

der Welt<br />

Jacques Mercier, ein französischer Experte<br />

für äthiopische Kunst, ist der Meinung,<br />

daß zwischen den beiden Büchern<br />

mit der Schrift etwas in die Bildbereiche<br />

hinein.<br />

Woher weiß man aber, daß das Manuskript<br />

aus den Zeiten des legendären<br />

Mönchs stammt? Bei einem seiner Aufenthalte<br />

bestimmte subtile Unterschiede in<br />

im Kloster bemerkte Mercier,<br />

der Schrift vorhanden sind. Das würde<br />

aber bedeuten, daß sie von zwei unterschiedlichen<br />

Personen verfaßt wurden.<br />

<strong>Der</strong> Mönch Abba Garima war also nicht<br />

unbedingt selbst der Autor. Es gibt auch<br />

stilistische Unterschiede in der Illustrierung<br />

der beiden Bücher. Das erste ist in<br />

einem Stil, der in Syrien und Jerusalem<br />

vorherrschte, hervorragend gestaltet.<br />

<strong>Der</strong> Stil im zweiten Buch erinnert eher<br />

an Einflüsse aus Ägypten. Es ist also<br />

doch möglich, daß die Illustrationen außerhalb<br />

von Äthiopien entstanden sind.<br />

Dies wurde auch mit einer Analyse der<br />

daß aus dem Buch Nummer zwei kleine<br />

Teile des Pergaments zerkrümelten,<br />

und er brachte zwei solche kleinen Teile<br />

<strong>zum</strong> Oxford University Research Laboratory<br />

für Archäologie, wo man mit dem<br />

Radiokarbontest die Datierung bestimmen<br />

konnte. Jacques Mercier hat sich<br />

sehr stark für die wissenschaftliche Untersuchung<br />

der Abba-Garima-Schriften<br />

engagiert. Er selbst hat die Manuskripte<br />

fünf Mal geprüft. Prof. Nicholas Pickwood<br />

von der London University of Art,<br />

ein anerkannter Spezialist auf dem Gebiet<br />

der Buchcover, ist davon überzeugt,<br />

Das Manuskript blieb<br />

wohl deshalb so gut<br />

erhalten, weil die<br />

Mönche es über tausend<br />

Jahre vor der<br />

Welt versteckt hielten.<br />

daß die Datierungen stimmen. Besonders<br />

das Cover des ersten Buches,<br />

das aus Kupfer ist, läßt keinen Zweifel<br />

aufkommen. Das metallische Cover<br />

enthält komplizierte Muster mit dem<br />

Kreuz in der Mitte und war früher mit<br />

echten Edelsteinen und Halbedelsteinen<br />

verziert. Heute sind von den Steinen<br />

nur noch Löcher geblieben. Wenn<br />

die Meinung von Prof. Pickwood in den<br />

kommenden Untersuchungen bestätigt<br />

wird, bedeutet das, daß wir es hier tatsächlich<br />

mit dem ältesten Buchcover<br />

der Welt zu tun hätten.<br />

Versteckt hinter Klostermauern<br />

Trotz der vielen Jahre ist das Manuskript<br />

hervorragend erhalten, es bringt<br />

jeden <strong>zum</strong> Staunen, mit seinen fantastischen<br />

Farben und der exzellenten<br />

Gestaltung. Das ganze Manuskript ist in<br />

dem Kloster höchstwahrscheinlich deshalb<br />

so gut erhalten geblieben, weil die<br />

Mönche den Menschen von außerhalb<br />

des Klosters zutiefst mißtrauten und<br />

meistens überhaupt nicht über ihren<br />

Schatz sprachen. Kaum jemand wußte,<br />

History MATRIX 3000 69


was die Schatzkammer des Klosters in<br />

sich verbirgt. Man vermutet auch, daß<br />

das Manuskript während der über tausend<br />

Jahren meistens versteckt worden<br />

war. Seine Geschichte ist kaum bekannt.<br />

Mehrmals drohten ihm Gefahren, zerstört<br />

zu werden. In der ersten Hälfte<br />

des 16. Jahrhunderts wurde das Kloster<br />

von Moslems ausgeraubt. Im Jahr 1896<br />

mußte sich das ganze Kloster gegen die<br />

Italiener verteidigen, und im Jahre 1930<br />

zerstörte ein Feuer die Kirche. Man weiß<br />

bis heute nicht, wann und wo das Manuskript<br />

versteckt wurde. Keiner weiß<br />

auch genau, wann es von Europäern<br />

entdeckt wurde. Die erste Publikation<br />

über „ein wunderschönes Buch“ hat die<br />

britische Historikerin Beatrice Playne<br />

im Jahre 1950 veröffentlicht. Damals hat<br />

man das Manuskript <strong>zum</strong> ersten Mal aus<br />

dem Kloster nach draußen gebracht, damit<br />

sie das Buch sehen konnte. Als Frau<br />

hätte sie nicht in das Innere des Klosters<br />

gehen dürfen.<br />

Komplizierte Analysen der Evangeli-<br />

en haben erst vor kurzem begonnen und<br />

verlaufen langsam, weil die Mönche es<br />

nicht erlauben, das Manuskript aus dem<br />

Kloster zu entfernen.<br />

Band 1 des Abba-<br />

Garima-Manuskripts<br />

Lester Capon, ein britischer Spezialist<br />

für Konservierung alter<br />

Druckerzeugnisse, hat in der<br />

letzten Zeit die Seiten der Bücher neu<br />

zusammengenäht, alle abfotografiert<br />

und sorgfältig eine Dokumentation des<br />

Schatzes vorbereitet. Doch entscheidende<br />

Arbeiten müssen doch außerhalb des<br />

Klosters stattfinden. Im Kloster arbeitet<br />

man zur Zeit an einem kleinem Museum,<br />

das – gut gesichert – das ganze Manuskript<br />

den Besuchern zeigen könnte.<br />

Das Beispiel des Abba-Garima-Manuskripts<br />

zeigt deutlich, daß Äthiopien<br />

als Land viele noch unbekannte Schätze<br />

unserer Kultur bergen könnte. Es existieren<br />

hier viele Klöster, oft in schwer<br />

zugänglichen Regionen, in den Bergen<br />

oder auf trockenen Plateaus, wo unzählige<br />

alte, kostbare Schriften bis heute ihr<br />

geheimnisvolles Leben in ruhiger Einsamkeit<br />

führen. ■<br />

Grazyna Fosar ist Astrophysikerin und<br />

Erfolgsautorin von bislang<br />

20 Büchern (Co-Autor Franz<br />

Bludorf). Sie beschäftigt<br />

sich hauptsächlich mit der<br />

Post-Quantenphysik des<br />

Bewußtseins. Darüber<br />

hinaus ist sie Peer Reviewer<br />

beim International Journal<br />

of Physical Sciences. Bei der<br />

<strong>Matrix3000</strong> ist Grazyna Fosar Redakteurin für<br />

die Rubriken Wissenschaft, Grenzwissenschaft<br />

und Wurzeln.<br />

Band 2 des Abba-<br />

Garima-Manuskripts<br />

(Bilder: BBC)<br />

70<br />

MATRIX 3000 History


Diese italienische<br />

Landkarte aus dem<br />

Jahre 1890 zeigt Adwa,<br />

das Kloster Abba<br />

Garima und andere<br />

wichtige Plätze der<br />

Gegend.<br />

(Bild: Wikipedia)<br />

History MATRIX 3000 71


Das Wessobrunner Gebet, auch<br />

Wessobrunner Schöpfungsgedicht<br />

genannt, gehört zu den frühesten<br />

poetischen Zeugnissen in althochdeutscher<br />

Sprache. Es ist das älteste<br />

christliche Gedicht der deutschsprachigen<br />

Literatur, das erhalten<br />

geblieben ist (entstanden zwischen<br />

790 und 814 n. Chr.). Es wurde jahrhundertelang<br />

im bayerischen Kloster<br />

Wessobrunn aufbewahrt (daher<br />

der Name). Heute befindet sich<br />

das einzigartige historische Dokument<br />

in der Bayerischen Staatsbibliothek<br />

München.<br />

Das<br />

Wessobrunner<br />

Gebet<br />

Originaltext in Althochdeutsch:<br />

dat ero ni uuas noh ûfhimil,<br />

mâno noh paum ... noh pereg ni uuas, ni ...<br />

nohheinîig<br />

noh sunna ni scein,<br />

no mâno ni liuhta,<br />

noh der mâreo sêo.<br />

Dô dâr niuuiht ni uuas enteo ni uuenteo,<br />

enti dô uuas der eino almahtîco cot,<br />

manno miltisto,<br />

enti dâr uuârun auh manake mit inan<br />

noh cootlîhhe geistâ.<br />

der<br />

enti cot heilac ...<br />

mâreo Cot almahtico,<br />

sêo.<br />

du himil enti erda gaworachtos,<br />

enti du mannun so manac coot<br />

forgapi,<br />

forgip mir in dino ganada<br />

rehta galaupa<br />

Dô enti cotan dâ willeon,<br />

wistom enti spachida enti craft,<br />

tiuflun za widarstantanne,<br />

enti arc za piwisanne<br />

enti dinan willeon za gauurchanne.<br />

72<br />

MATRIX 3000 History


Die erhaltene Abschrift<br />

ist um 814 entstanden<br />

- das älteste erhaltene<br />

Gedicht in deutscher<br />

Sprache.<br />

Übersetzung:<br />

Das erfuhr ich unter den Menschen als der<br />

Wunder größtes,<br />

daß Erde nicht war, noch oben der Himmel,<br />

nicht Baum ..., noch Berg nicht war,<br />

noch ... irgend etwas,<br />

noch die Sonne nicht schien,<br />

Und noch der Mond nicht Gott leuchtete,<br />

der<br />

noch das herrliche Meer.<br />

Als da nicht war an Enden und Wenden,<br />

heilige da war der eine allmächtige ... Gott,<br />

der Wesen gnädigstes,<br />

und da waren mit ihm auch viele<br />

herrliche Geister.<br />

Und Gott der heilige allmächtiger,<br />

Gutes gegeben,<br />

der du<br />

...<br />

Gott allmächtiger, der du Himmel und<br />

Erde wirktest<br />

und der du den Menschen so mannigfach<br />

gib mir in deiner Gnade<br />

rechten Glauben<br />

und guten Willen,<br />

Himmel<br />

Weisheit und Klugheit und Kraft,<br />

und<br />

den Teufeln zu widerstehen,<br />

und das Böse (Arge) zurückzuweisen<br />

und deinen Willen zu tun (wirken).<br />

Erde wirktest<br />

Anonymus: de poeta<br />

In einer Übersetzung, teilweise von Egon<br />

Kühebacher<br />

und der<br />

History MATRIX 3000 73


Hermes Trismegistos. Fußbodenmosaik<br />

im Dom von Siena, um 1480.<br />

"Wahr ist es ohne Lüge, unzweifelhaft und wahrhaftig:<br />

Das, was unten ist, ist so wie das, was oben ist..."<br />

74 MATRIX 3000 History


Die<br />

Tabula<br />

Smaragdina<br />

Die Smaragdene Tafel<br />

des Hermes Trismegistos<br />

1. Wahr ist es ohne Lüge, unzweifelhaft und wahrhaftig:<br />

2. Das, was unten ist, ist so wie das, was oben ist, und das, was oben ist,<br />

ist wie das, was unten ist, um die Wunder des Einen zu vollziehen.<br />

3. Und so wie alle Dinge aus dem Einen stammen, durch einen Gedanken des Einen,<br />

so sind alle Dinge aus dieser einen Ursache durch Anpassung entstanden.<br />

4. Die Sonne ist sein Vater, der Mond seine Mutter.<br />

<strong>Der</strong> Wind hat es in seinem Bauche getragen. Die Erde ist seine Ernährerin.<br />

5. Dies ist der Vater alles Vollbrachten der ganzen Welt.<br />

6. Seine Kraft ist vollständig, wenn sie in der Erde umgekehrt worden ist.<br />

7. Du wirst die Erde vom Feuer trennen, das Feine vom Dichten,<br />

lieblich mit großer Entschlossenheit.<br />

8. Von der Erde steigt es <strong>zum</strong> Himmel, und steigt wiederum zur Erde hinab<br />

und nimmt die Kraft des Oberen und Unteren an.<br />

9. Auf diese Art wirst du den Ruhm der ganzen Welt erlangen.<br />

Dann wird alle Dunkelheit von dir weichen. Dies ist die starke Kraft aller Kräfte,<br />

die alle subtilen Kräfte verbindet und alle festen durchdringt.<br />

10. So ist die Welt erschaffen worden.<br />

11. Seitdem sind alle wunderbaren Anpassungen von der Art gewesen, wie auch diese.<br />

12. Daher werde ich Hermes Trismegistos genannt,<br />

da ich die drei Teile der Philosophie der ganzen Welt habe.<br />

13. Vollständig ist, was ich über die Wirkungsweise der Sonne gesagt habe.<br />

Auf der Tabula Smaragdina ist das gesamte überlieferte Wissen<br />

der Alten Welt verdichtet. Ihren Text gibt es in zahlreichen Übersetzungen<br />

History MATRIX 3000<br />

75


KOSTÜMIERTE<br />

GEGENWART<br />

Eine kurze Geschichte<br />

des Geschichtsfilms<br />

Roland Rottenfußer<br />

„Die Wahrheit kann eine gute Geschichte<br />

ruinieren“, meinte Zack Snyder,<br />

Regisseur des Erfolgs-Sandalenfilms<br />

„300“. Und so verfälschte er die Fakten,<br />

bis von der<br />

historischen Wahrheit<br />

über die Schlacht bei<br />

den Thermophylen<br />

kaum mehr etwas<br />

übrigblieb. Aber um schichtliche Fakten geht es ja auch<br />

ge-<br />

gar nicht, oder? Filmzuschauer wollen<br />

ihren Spaß, und Filmemacher wollen<br />

ihre Botschaften loswerden, die weniger<br />

mit der Epoche der alten Griechen<br />

als mit ihrer eigenen zu tun hat. Insofern<br />

sind Historienfilme durchaus interessante<br />

geschichtliche Quellen – für die<br />

Zeit, in der sie entstanden sind.<br />

Wer die Vergangenheit künstlerisch<br />

beschreibt, zielt damit auf<br />

die Gegenwart. Für den historischen<br />

Roman hat Lion Feuchtwanger<br />

dieses Prinzip beispielhaft erklärt. Dem<br />

Schriftsteller, so Feuchtwanger, gehe<br />

es nicht um den Zufall historischer Ereignisse,<br />

sondern das zeitlos Gültige.<br />

„Diese unveränderten und unveränderlichen<br />

Gesetze in ihren Auswirkungen zu<br />

gestalten, ist wohl das höchste Ziel, das<br />

ein historischer Roman erreichen kann.<br />

(…) Er will die Gegenwart darstellen. Er<br />

sucht in der Geschichte nicht die Asche,<br />

er sucht das Feuer. Er will sich und den<br />

Leser zwingen, die Gegenwart deutlicher<br />

zu sehen, indem er sich distanziert.“ Das<br />

gleiche gilt für den historischen Film. Er<br />

vermag geistige Strömungen und Konflikte<br />

der Gegenwart aufzuzeigen, ohne<br />

dabei zu direkt zu sein.<br />

Regisseure und Drehbuchautoren<br />

sind heutige Menschen, die heutige Zuschauer<br />

begeistern wollen. Ein Thema<br />

historisch zu bearbeiten, bietet jedoch<br />

manche Vorteile: Die Filmemacher bleiben<br />

unklar in der Aussage und können<br />

jeder unbequemen Interpretation ausweichen<br />

(„So habe ich es ja gar nicht gemeint!“).<br />

Außerdem wirken historische<br />

Figuren oft lebenskräftiger als moderne<br />

und garantieren so höchsten Schauwert.<br />

Wer möchte schon die Geschichte<br />

der Machtergreifung von Philipp Rösler<br />

in der FDP auf der Leinwand sehen?<br />

Wohl aber kann ein Historienschinken<br />

über Alexander den Großen neoliberale<br />

„Werte“ transportieren. Nicht jeder<br />

Film, der eine Botschaft hat, ist bewußte<br />

politische Propaganda. Immer aber<br />

spiegelt sich in Filmen der herrschende<br />

Zeitgeist <strong>zum</strong>indest unbewußt wider –<br />

und sei es auch als Aufbegehren gegen<br />

die dominierenden Werte.<br />

Das Geheimnis der Propaganda<br />

Wenn wir erkunden wollen, wie historische<br />

Filme aus der Zeit hervorgehen,<br />

in der sie gedreht werden, fangen wir<br />

am besten mit einem besonders drastischen<br />

Beispiel an: Josef Goebbels<br />

und „Jud Süß“. <strong>Der</strong> 1940 uraufgeführte<br />

Propagandafilm von Veit Harlan hatte<br />

weder mit dem gleichnamigen Roman<br />

von Lion Feuchtwanger noch mit der<br />

historischen Realität viel zu tun. Das<br />

Werk basiert vage auf dem Leben des<br />

württembergischen Finanzbeamten<br />

Joseph Süß Oppenheimer (18. Jh.), der<br />

jüdischer Herkunft war. <strong>Der</strong> von Ferdinand<br />

Marian verkörperte Jude wurde<br />

im Film als Volksschädling, Intrigant<br />

und Schänder eines blonden deutschen<br />

Mädels dargestellt. Klar ist: Süß Oppenheimer<br />

stand hier nicht als Privatperson<br />

am Pranger, er repräsentierte<br />

das Judentum der 30er Jahre, wie es<br />

die Nazis wahrnehmen wollten. Unverhohlen<br />

ruft der Film auch zur Entladung<br />

des geballten Volkszorns auf. Goebbels<br />

jubelte nach der Premiere: „Ein antisemitischer<br />

Film, wie wir ihn uns nur wünschen<br />

können.“<br />

Szenenbild aus "Vom Winde<br />

verweht" (1939): Vivian Leigh<br />

und Clark Gable als Scarlett<br />

O'Hara und Rhett Butler.<br />

76<br />

MATRIX 3000 History


Kirk Douglas in seiner wohl berühmtesten<br />

Rolle als "Spartacus" (1960).<br />

Die Wahrheit kann eine<br />

gute Geschichte ruinieren.<br />

„Zack Snyder, Regisseur<br />

History MATRIX 3000 77


Und sein Gift zeigte Wirkung: <strong>Der</strong><br />

vor dem Auschwitz-Tribunal angeklagte<br />

SS-Mann Stefan Baretzki gab an,<br />

daß jüdische Häftlinge nach Aufführungen<br />

des Films im Lager mißhandelt<br />

wurden. „Das ist das Geheimnis<br />

der Propaganda:“, sagte Goebbels,<br />

„den, den die Propaganda fassen will,<br />

ganz mit den Ideen der Propaganda zu<br />

durchtränken, ohne daß er überhaupt<br />

merkt, daß er durchtränkt wird.“ Dieser<br />

Satz sollte uns Filmkonsumenten<br />

als Warnung dienen. Wenn wir keine<br />

Propaganda bemerken, kann es sein,<br />

daß diese nur besonders geschickt<br />

getarnt wurde. Das Thema „Ideologien<br />

im Kleid historischer Filme“<br />

In „Quo Vadis“ (1951), dem frühesten<br />

dieser Klassiker, prallen antik-römische<br />

und christliche Wesensart unversöhnlich<br />

aufeinander. <strong>Der</strong> Konflikt kann<br />

nur in einer Vernichtungsorgie der Röbeschränkt<br />

sich natürlich nicht auf<br />

Deutschland. In offeneren Gesell-<br />

schaften findet nur keine<br />

totale Gleichschaltung statt.<br />

Filme mit „reaktionärer“<br />

Ideologie können neben „liberalen“<br />

oder „linken“ stehen.<br />

Historische Filme<br />

– nur dünner Kaffee!<br />

Fast zeitgleich mit „Jud Süß“ entstand<br />

in Hollywood das Epos „Vom<br />

Winde verweht.“ (1939) Man vergißt<br />

heute leicht, dass er aus einer Zeit<br />

stammt, als in den USA de facto Apartheid<br />

herrschte und Schwarze nicht in<br />

„weiße Restaurants“ gelassen wurden.<br />

<strong>Der</strong> Film konnte also von weißen Zuschauern<br />

auch als Rechtfertigung für<br />

ihr diskriminierendes Verhalten gegenüber<br />

Schwarzen in Vergangenheit<br />

und Gegenwart verstanden werden.<br />

Schwarze werden im Film überwiegend<br />

als gutherzig, fröhlich und treu<br />

charakterisiert. Die unausgesprochene<br />

Botschaft lautet: "Die Schwarzen<br />

mögen ja nette Leute sein, aber sie sind<br />

nicht die Hellsten und brauchen noch<br />

immer unsere Führung." Und: „Es<br />

ging ihnen doch gut unter ihren weißen<br />

Herren“ – so wie der drallen, Dienerin<br />

„Mummy“, für deren Darstellung Hattie<br />

McDaniel als erste Schwarze einen<br />

Oscar bekam. Man muß bei Filmen wie<br />

diesem sogar vier Zeitebenen unterscheiden,<br />

die einander überlagern: 1.<br />

Die dargestellte Zeit des amerikanischen<br />

Bürgerkriegs. 2. Die Zeit, in der<br />

die Romanautorin Margret Mitchell<br />

schrieb. 3. Die Zeit, als Drehbuch und<br />

Film entstanden und 4. Die Zeit, in der<br />

wir Zuschauer den Film anschauen.<br />

Auch wir bringen unsere zeittypischen<br />

Vorurteile und Interpretationsmuster<br />

mit. Kein Wunder, daß von der historischen<br />

Wahrheit wenig übrigbleibt. Sie<br />

muß durch die drei Filter (Roman, Film<br />

und Zuschauerrezeption) hindurchtröpfeln,<br />

und was dabei herauskommt,<br />

ist oft sehr dünner Kaffee.<br />

"Den Sklaven ging es doch gut unter den weißen<br />

Herren" - Die Rolle der "Mummy" in "Vom Winde<br />

verweht" zeichnete ein Zerrbild der Sklaverei.<br />

Ich will mich<br />

im Folgenden vor allem auf „Sandalenfilme“<br />

konzentrieren, also Historienfilme<br />

aus der Zeit der alten Römer,<br />

Griechen oder der Bibel. Da dieses<br />

Thema von erstklassigen Regisseuren<br />

von ganz unterschiedlicher Wesensart<br />

aufgegriffen wurde, halte ich es für besonders<br />

dankbar. Die Geschichte des<br />

Sandalenfilms war über lange Strecken<br />

identisch mit der Geschichte des religiösen<br />

Erbauungsfilms. In „Die zehn<br />

Gebote“ von Cecil B. DeMille (1956) erscheint<br />

Gott Moses am Sinai in Form<br />

einer farbigen Energiespirale, die mit<br />

sonorer deutscher bzw. amerikanischer<br />

Stimme zu ihm spricht. <strong>Der</strong> „Tanz ums<br />

Goldene Kalb“ im Film wirkt heute unfreiwillig<br />

komisch, weil eine sehr züchtig<br />

gefilmte „Sexorgie“ den Zorn Gottes auf<br />

das abtrünnige Volk lenkt. Charlton Heston,<br />

später Amerikas oberster Waffenlobbyist,<br />

spielte, wie auch später in „Ben<br />

Hur“ (1959), die Hauptrolle. Vielleicht<br />

kein Zufall, daß der erzkonservative<br />

Schauspieler auf solche Rollen spezialisiert<br />

war. Hier zeigt sich konservativer<br />

amerikanischer Bibelfundamentalismus<br />

in Reinform. Mit überwältigenden Filmtricks<br />

wird den Zuschauern suggeriert,<br />

daß die Geschehnisse, von denen die<br />

Bibel berichtet, buchstäblich wahr sind.<br />

Klassenkampf in Sandalen<br />

"Wenn es keine Sklaven<br />

mehr gibt, wer soll dann die<br />

Arbeit machen?"<br />

Patricia Laffan als Poppaea<br />

und Sir Peter Ustinov als<br />

Kaiser Nero im Film<br />

"Quo Vadis" (1951).<br />

78<br />

MATRIX 3000 History


„<br />

Für ihre Darstellung<br />

der "Mummy" erhielt<br />

Hattie McDaniel als<br />

erste Farbige einen<br />

Oscar.<br />

<strong>Der</strong> historische<br />

Film will nicht die<br />

Vergangenheit,<br />

sondern die<br />

Gegenwart<br />

darstellen.<br />

mer und im moralischen Sieg der christlichen<br />

Märtyrer enden. Anfangs noch<br />

wirbt Feldherr Marcus Vinicius bei seiner<br />

Angebeteten, der Christin Lygia, um<br />

religiösen Pluralismus: „Ich habe viele<br />

Götterstatuen in meinem Garten. Da<br />

kommt es auf einen mehr oder weniger<br />

auch nicht mehr an.“ Lygia ist entsetzt:<br />

Es kann für sie nur einen Gott, nur eine<br />

wahre Religion geben. <strong>Der</strong> christliche<br />

Hüne Ursus erschlägt einen Mann und<br />

erklärt hinterher: „Töten ist Sünde“.<br />

Abgesehen von solchen Details, die<br />

heute skurril wirken, beeindruckt der<br />

Film aber noch heute durch eine ehrenwerte<br />

Ideologie. Denn Gewalt wird dort<br />

nicht mit Gegengewalt beantwortet, das<br />

„Gute“ versucht nicht, sich zu profilieren,<br />

indem es dem „Bösen“ immer ähnlicher<br />

wird. Wer will, kann daraus bis<br />

heute Anregungen für den gewaltfreien<br />

Widerstand ziehen. Auch an Parallelen<br />

zur Moderne fehlt es dem Filmklassiker<br />

nicht. So sagt Marcus Vinicius an einer<br />

Stelle: „Wenn es keine Sklaven mehr<br />

gibt, wer soll dann die Arbeit machen?“<br />

„Linke Tendenzen“ witterte man natürlich<br />

erst recht in Stanley Kubricks<br />

Film „Spartacus“ (1960). Das Filmprojekt<br />

war in mehrfacher Hinsicht kühn.<br />

Drehbuchautor Dalton Trumbo stand in<br />

der McCarthy-Ära auf der berüchtigten<br />

„Schwarzen Liste“ von Kulturschaffenden,<br />

die kommunistischer Umtriebe<br />

verdächtig waren. Kubrick selbst war<br />

zu diesem Zeitpunkt nur durch sein<br />

bewegendes antimilitaristisches Drama<br />

„<strong>Weg</strong>e <strong>zum</strong> Ruhm“ bekannt. Hinzu<br />

kommt: Spartakus war der Held aller<br />

Geschichtsbücher im kommunistischen<br />

Osten. Rosa Luxemburg und Karl<br />

Liebknecht gründeten während des 1.<br />

Weltkriegs den „Spartakusbund“, die<br />

Keimzelle der KPD. <strong>Der</strong> erste bekannte<br />

Sklavenaufstand der Geschichte galt im<br />

Ostblock bis zu dessen Zusammenbruch<br />

1990 als Paradebeispiel des gelungenen<br />

Klassenkampfs. Ohne jedoch auf die<br />

plumpen Mittel des Propagandafilms<br />

zurückzugreifen, bewegt der Film noch<br />

heute durch seinen zeitlosen Schrei<br />

nach Freiheit. „Wenn ein freier<br />

Mann stirbt, verliert er seine<br />

Freude am Leben. Ein Sklave<br />

verliert seinen Schmerz. <strong>Der</strong><br />

Tod ist die einzige Freiheit, die<br />

ein Sklave kennt. Deshalb hat<br />

er keine Angst vor ihm. Und<br />

deshalb werden wir siegen!“<br />

Jede Generation mag selbst die<br />

Parallelen zu ihrer Gegenwart<br />

ziehen.<br />

Décadence und Groteske<br />

Verlieh schon Kubrick dem<br />

„Römerfilm“ eigene Akzente,<br />

so ordnete der geniale Exzentriker<br />

Fellini die historische<br />

Antike noch radikaler seiner Vision<br />

unter. „Satyricon“ (1969) ist ein traumund<br />

alptraumartiges Kaleidoskop ohne<br />

zusammenhängende Handlung. Sehr<br />

frei nach Titus Petronius Arbiters Roman<br />

(um 60 n. Chr.) stellt Fellini die<br />

Lebensgewohnheiten der römischen<br />

Oberschicht bloß, wobei Dekadenz, Ekel,<br />

Erotik und Groteske die Szenerie beherrschen.<br />

Symbolismus und mythologische<br />

Elemente verfremden das Geschehen<br />

noch weiter. Im Gegensatz zu anderen<br />

Sandalenfilmen unternahm „Satyricon“<br />

nicht einmal den Versuch, historische<br />

Ereignisse korrekt zu rekonstruieren.<br />

Das Film-Kuriosum greift vielmehr Motive<br />

des Klassikers „La dolce vita“ auf, in<br />

dem die vergnügungssüchtige römische<br />

High Society gnadenlos seziert wird. Im<br />

Kontext der Werke Fellinis wird noch<br />

deutlicher, daß der Regisseur eine Satire<br />

seiner eigenen Epoche schaffen<br />

wollte. Wie sein Kollege Visconti war<br />

Fellini vom Schwarz-Weiß-Sozialdrama<br />

des Neorealismus <strong>zum</strong> Farbenrausch<br />

des Décadence-Kunstwerks übergewechselt.<br />

Ohne Zweifel hatte daran das<br />

exzentrische Künstlermilieu, in dem er<br />

sich bewegte, seinen Anteil.<br />

Anarchische Religionskritik<br />

<strong>Der</strong> eigentümlichste „Sandalenfilm“ ist<br />

jedoch mit Sicherheit „Das Leben des<br />

Brian“, den die Comedy-Truppe „Monty<br />

Pythons“ 1979 inszenierte. Das Werk<br />

atmet noch den respektlosen Geist der<br />

68er Generation. So erinnert der Konflikt<br />

zwischen der „Volksfront Palästinas“<br />

und der „Palästinensischen<br />

Volksfront“ an die Bruderkriege,<br />

die in den 70ern von linken ten in Endlosdiskussionen ausge-<br />

Sekfochten<br />

wurden. Klassische Bibelfilme<br />

und Römerfilme dienten den Pythons<br />

als Vorlage für hanebüchenen Klamauk.<br />

Obwohl die Macher glaubwürdig versicherten,<br />

daß sie sich nicht über Jesus,<br />

sondern über Kostümfilme lustig machen<br />

wollten, begleiteten Blasphemievorwürfe<br />

und Zensurversuche das Werk<br />

von der Konzeptionsphase bis zu den<br />

History MATRIX 3000 79


Filmaufführungen. <strong>Der</strong> US-amerikanische<br />

Protestant Robert E. A. Lee<br />

bezeichnete „Das Leben des Brian“<br />

als „einen abscheulichen und widerlichen<br />

Angriff auf religiöse Gefühle“.<br />

Tatsächlich greift der Film die<br />

„Verehrungswut“ vieler religiös<br />

Suchender an, speziell die in<br />

der Entstehungszeit gängige Mode,<br />

Gurus mit fragwürdiger spiritueller<br />

Qualifikation nachzulaufen. Kaum<br />

hält der Protagonist Brian seine Sandale<br />

in die Luft, wird dieses „Zeichen“<br />

von seinen Anhängern blind imitiert.<br />

Indem er die Geburt einer religiösen<br />

Bewegung parodiert, sät der Film<br />

Zweifel an der Seriosität vorhandener<br />

religiöser Überlieferungen. Autoritätshörigkeit<br />

und die Neigung des<br />

Volkes, sich schnell in eine gleichgeschaltete<br />

Herde zu verwandeln, werden<br />

entlarvt. Etwa in folgendem Dialog:<br />

Menschenmenge: „Ja, wir sind<br />

Individuen.“ Einzelner: „Ich nicht.“ So<br />

hat „Das Leben des Brian“ letztlich<br />

aufklärerische Funktion und verursacht<br />

einen heilsamen Schock. Dazu<br />

muß man jedoch dem Impuls widerstehen,<br />

den Spiegel zu zerschlagen,<br />

in dem vielleicht die eigene Leichtgläubigkeit<br />

gezeigt wird. Den Film zu<br />

mögen, schließt nicht aus, daß man<br />

seine Religion ernst nimmt.<br />

Durchhaltefilm für die Bush-Ära<br />

Bedenklicher ist „300“ von Zack Snyder<br />

(2007), ein blutrünstiges Griechenspektakel<br />

nach Frank Millers<br />

gleichnamigem Comic. 300 Aufrechte<br />

mit Oberkörperprothesen trotzen<br />

darin dem Ansturm von vielen tausend<br />

Persern – der „schlagende“<br />

Beweis für die Richtigkeit des Horaz-<br />

Zitats: „Süß und ehrenvoll ist’s, für<br />

das Vaterland zu sterben.“ Schon<br />

bald wurden von Kritikern Parallelen<br />

<strong>zum</strong> Nazi-Propagandafilm gezogen,<br />

etwa zu Veit Harlans Durchhalteepos<br />

„Kolberg“, in dem sich ebenfalls eine<br />

tapfere Minderheit gegen eine bedrohliche<br />

Mehrheit behauptete. Man<br />

braucht aber gar nicht so weit zurückgehen,<br />

um Parallelen zu finden,<br />

denn auch in den USA der 2000er<br />

Jahre wurde tapfer fürs Vaterland gekämpft<br />

und gestorben. <strong>Der</strong> Krieg der<br />

Spartaner gegen die Perser schien<br />

den Kulturkampf der Bush-Regierung<br />

– christliches Abendland gegen<br />

islamischen Orient – vorwegzunehmen.<br />

Damals hieß es im iranischen<br />

Fernsehen, mit dem Epos über die<br />

historische Schlacht bei den Thermopylen<br />

hätten die USA „eine neue Front<br />

im Krieg gegen Iran“ eröffnet. Überdies<br />

wurde Großkönig Xerxes in dem<br />

Film als monströser Untermensch<br />

dargestellt.<br />

Zweifellos vereinigen sich bei „300“<br />

viele aktuelle Filmtrends.<br />

Da ist einmal die Über-<br />

bewertung des Comics als<br />

stilprägender Inbegriff moderner<br />

Kultur. Zudem ist der Film T e i l<br />

einer Welle expliziter Gewalt, die sich<br />

z.B. im neu kreierten Genre des Folterfilms<br />

(„Saw“, „Hostel“) manifestierte.<br />

Schließlich haben wir es mit einem<br />

neoliberalen Durchhaltefilm zu tun, in<br />

dem Kampfgeist, Willensstärke und Eigenverantwortung<br />

glorifiziert werden.<br />

„300“ ist die monumentale Steigerung<br />

der Sylvester-Stallone-Philosophie: „Du<br />

kannst alles schaffen, selbst das scheinbar<br />

Unmögliche, wenn dein Wille und<br />

deine Opferbereitschaft nur stark genug<br />

sind.“ In einem verrohenden Amerika,<br />

das Schwäche verachtet, foltert und gewaltsam<br />

in ferne Länder einmarschiert,<br />

kehrt sich der zivilisatorische Verfeinerungsprozeß<br />

der letzten 200 Jahre um.<br />

Kriegertugenden, ja offene Barbarei,<br />

werden wieder salonfähig. Und Europa<br />

stolpert dem Trend, wie so oft, willfährig<br />

hinterher.<br />

Wie historisch sind Historienfilme?<br />

Reenactment-Gruppen und andere<br />

Experten für historische Architektur,<br />

Kleidung usw. sind oft entsetzt über die<br />

vielen Patzer in einschlägigen Filmen.<br />

Legendär ist etwa die Szene im Piratenfilm<br />

„<strong>Der</strong> rote Korsar“, in der am Hintergrund<br />

ein Dampfschiff zu sehen ist.<br />

„Gladiator“ von Ridley Scott zeigt u.a.<br />

einen deutschen Schäferhund, den es<br />

damals noch nicht gab. Unterarmbänder<br />

und Helme der römischen Legionäre im<br />

Film sind mehr oder minder frei erfunden.<br />

In „Quo Vadis“ werden Soldaten<br />

gezeigt, die Schach spielen. Das Spiel<br />

kam aber erst im 7. Jahrhundert nach<br />

Europa. Kaiser Nero starb erst vier Jahre<br />

nach den im Film angedeuteten Ereignissen.<br />

Solche Details aufzuzählen<br />

(und es gibt unzählige davon!) ist jedoch<br />

müßig, weil es weder den Machern noch<br />

den Zuschauern der Filme im Geringsten<br />

um historische Wahrheit geht. Zwar<br />

gibt es manchmal neben dem Bestreben,<br />

vermarktbares Entertainment zu<br />

schaffen, auch künstlerische Absichten.<br />

Aber die zielen stets darauf ab, die Gegenwart<br />

des Autors oder Regisseurs in<br />

„kostümierter“ Form zu porträtieren.<br />

Nicht umsonst sagte die historische Beraterin<br />

des Films „Gladiator“, Kathleen<br />

Coleman, freimütig: „Historische Authentizität<br />

scheint eine etwas periphere<br />

Überlegung zu sein.“ ■<br />

Roland Rottenfußer ist nach dem Studium<br />

der Germanistik<br />

als Lektor, Autor<br />

und Redakteur für<br />

verschiedene Buch- und<br />

Zeitschriftenverlage<br />

tätig. Ehemaliger<br />

Redakteur beim<br />

Magazin „connection“.<br />

<strong>Der</strong>zeit bei Matrix<br />

3000 Redakteur für die Rubriken Kultur/<br />

Gesellschaft und Gesundheit.<br />

80<br />

MATRIX 3000 History


„<br />

"300" aufrechte Spartaner<br />

kämpfen gegen eine Übermacht<br />

von vielen tausend Persern<br />

- ein Durchhaltefilm für George<br />

W. Bushs Kulturkampf<br />

gegen den Islam.<br />

Konservativer<br />

amerikanischer<br />

Bibelfundamentalismus<br />

in Reinform -<br />

Charlton Heston als<br />

Moses in "Die zehn<br />

Gebote" (1956).<br />

History MATRIX 3000 81


<strong>Vorschau</strong><br />

<strong>Vorschau</strong><br />

<strong>Vorschau</strong> auf <strong>Matrix3000</strong> Band 65, erscheint am 25. 8. 2011<br />

Moloch Europa<br />

<strong>Der</strong> Zerfall Europas könnte bevorstehen. Besser, wir<br />

sind darauf vorbereitet. Diese Entwicklung birgt wegen<br />

des Erpressungspotentials der Banken Gefahren; für<br />

die Demokratie könnte sie aber vorteilhaft sein. Mit der<br />

Größe eines Staatsgebildes wächst auch das Gefühl der<br />

Machtlosigkeit. Bürger werden für immer mehr haftbar<br />

gemacht, haben aber immer weniger Einfluß. Die eigentliche<br />

Domäne der Freiheit ist deshalb das Kleine, Überschaubare.<br />

UFOs und andere Wahrheiten<br />

Kommen UFOs aus dem Weltraum, aus der Zukunft oder<br />

einer Parallelwelt? Oder handelt es sich bei den Sichtungen<br />

um militärische Geheimtechnologien? Immer mehr<br />

Menschen glauben sich auch an Entführungen durch<br />

UFOs zu erinnern. Die Suche nach der Wahrheit über die<br />

unbekannten Flugobjekte ist eine abenteuerliche Reise,<br />

die uns nicht nur in die Archive der Geheimdienste führt,<br />

sondern auch durch die Tiefen des menschlichen Unterbewußtseins.<br />

Die postfossile Epoche<br />

Wir gehen auf Zeiten des Wandels zu. In wenigen Jahrzehnten werden die<br />

fossilen Energieträger erschöpft sein. Stehen uns Mangel und gesellschaftlicher<br />

Zusammenbruch bevor? Nein, sagt Prof. Dirk Althaus, das Leben kann<br />

sogar viel schöner sein. In einem Interview für <strong>Matrix3000</strong> umreißt er seine<br />

Vision der bevorstehenden postfossilen Epoche.<br />

82<br />

MATRIX 3000 History<br />

MATRIX<br />

NEUES DENKEN<br />

Experimentierfelder des Möglichen<br />

„Es bedarf in der Tat der Hoffnung, Phantasie und<br />

des Traums, um die bestehenden Verhältnisse<br />

transzendieren zu können“, sagte Rudi Dutschke.<br />

Realpolitiker messen den Begriff des „Möglichen“<br />

stets am Bestehenden. <strong>Der</strong> Verzicht auf Utopien<br />

bedeutet also die Selbstbeschränkung auf den<br />

von den Mächtigen vorgegebenen Bewegungsspielraum.<br />

Künstler und Schriftsteller haben<br />

diese Grenzen schon immer überschritten. Sie<br />

gestalten literarische Entwürfe des radikal Neuen<br />

und pflanzen in die Köpfe ihrer Leser Samen, die<br />

einmal aufgehen können: in der Realität. Utopien<br />

sollen konkretes Handeln nicht ersetzen, sondern<br />

ihm vorauseilen. In jüngster Zeit beschäftigen sich Romanautoren<br />

verstärkt mit sozialen Utopien, deren Verwirklichung im Bereich des<br />

Möglichen liegen. Matrix 3000 stellt einige der Nachfolger von Thomas<br />

Morus und Aldous Huxley vor.<br />

Weibliche und männliche Spiritualität<br />

Alles, was sich hier auf der Erde manifestiert, kommt durch das Wechselspiel<br />

der beiden gegensätzlichen Pole männlich-weiblich zustande.<br />

Insofern ist es wichtig, daß Männer und Frauen auch unterschiedliche<br />

Zugänge zur Spiritualität haben. Im Gegensatz <strong>zum</strong> Feminismus zielt<br />

weibliche Spiritualität nicht darauf ab, Frauen immer männlicher werden<br />

zu lassen.<br />

3000<br />

Impressum<br />

<strong>Matrix3000</strong> erscheint zweimonatlich.<br />

ISSN 1 439-4154<br />

ISBN (Sonderheft Nr.14): 978-3-89539-874-2<br />

Verlag<br />

MATRIX3000 Verlag GmbH<br />

Ammergauer Straße 80<br />

D-86971 Peiting<br />

Telefon: 0 88 61/59 0 18, Telefax: 0 88 61/67 0 91<br />

info@matrix3000.de, www.matrix3000.de<br />

Redaktion MATRIX3000<br />

Grazyna Fosar<br />

Franz Bludorf<br />

Postfach 242<br />

D-12112 Berlin<br />

Telefon: 030/ 795 36 63, Telefax: 030/ 79 01 48 94<br />

grazyna.fosar@matrix3000.de, franz.bludorf@matrix3000.de<br />

Redaktionsschluß für die nächste Ausgabe,<br />

<strong>Matrix3000</strong> Band 65: 12. 7. 2011<br />

Chefredaktion<br />

Franz Bludorf<br />

Redaktion<br />

Franz Bludorf, Grazyna Fosar, Ulrich Heerd, Ralf Lehnert,<br />

Lisa Rampertshammer, Elke Röder, Roland Rottenfußer<br />

Beiträge von<br />

Franz Bludorf, Grazyna Fosar, Gernot L. Geise, Ulrich Heerd,<br />

Ralf Lehnert, Johannes Paul, Thomas <strong>Ritter</strong>, Roland Roth,<br />

Roland Rottenfußer, Annette Wallbruch<br />

Artdirection & Design<br />

Mirjam Schuster<br />

mia@thesigner.com<br />

Bilder: Angaben beim Bild oder Archiv<br />

Druck<br />

Mayr Miesbach GmbH<br />

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Römerstrasse 90, 79618 Rheinfelden<br />

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Abo-Jahresbeitrag (6 Hefte), inkl. Versand:<br />

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Abo-Bestellung mit Abo-Bestellschein.<br />

Einzelheft: Deutschland 6,50 EUR,<br />

Österreich 7,40 EUR, Schweiz 12,80 SFR,<br />

Italien 8,50 EUR, Luxemburg 7,70 EUR<br />

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Mit Namen gezeichnete Beiträge werden von den Autoren<br />

selbst verantwortet und stellen die Meinung des jeweiligen<br />

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der Redaktion wider. Die Bearbeitung und Kürzung<br />

von Beiträgen behält sich die Redaktion vor. Alle Inhalte entsprechen<br />

dem besten Wissen der Redaktion nach gründlicher<br />

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keine Haftung übernehmen.<br />

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Verantwortung. Nachdruck und Kopie, auch in Auszügen,<br />

nur nach Abstimmung mit dem Verlag.


<strong>Der</strong> Anfang der Welt ist abgesagt!<br />

Episoden:<br />

1. <strong>Der</strong> Schutz<br />

2. <strong>Der</strong> Hellseher<br />

3. <strong>Der</strong> Vulkan<br />

4. Die Sonne<br />

5. <strong>Der</strong> Forscher<br />

6. Die Formel<br />

7. <strong>Der</strong> Agent<br />

8. Das System<br />

9. <strong>Der</strong> Krisenstab<br />

10. Die Grenze<br />

11. Die Tür<br />

Grazyna Fosar und Franz Bludorf<br />

Welt am Limit<br />

ca. 224 Seiten<br />

€ 24,80 (D) € 25,50 (A)<br />

ISBN: 978-3-89539-390-7<br />

Erscheinungstermin<br />

15.8.2011<br />

Was die Autoren schon jetzt<br />

über das Buch verraten:<br />

Wir erzählen einen Film aus elf Episoden, der zu einem Buch geworden ist. Die Episoden, die wir ausgewählt haben,<br />

sollen eine kontroverse Aufgabe erfüllen: SIE SOLLEN SIE BEUNRUHIGEN.<br />

Unruhe breitet sich durch alle Kapitel aus. Unser Sicherheitsgefühl ist zwischen zahlreichen Grenzen versteckt. Doch<br />

nicht nur ein Hellseher kann sie in Sekundenbruchteilen durchdringen. Gefahren aus Lava und Feuer lauern auch vor<br />

unserer Haustür. Was verbirgt sich hinter der dunklen Seite der Sonne? Die Schicksalsjahre unserer Zivilisation werden<br />

kalt. Wie informiert man sich über den nationalen Bedrohungszustand? Wer ist betroffen? Wir alle! Was erwartet uns<br />

von Rußlands Area 51? Warum zu viel Wissen schadet. Können wir das siebte Massensterben noch aufhalten? Die<br />

Welt am Limit. Kann sie so wie bisher weiter funktionieren?<br />

<strong>Der</strong> Anfang der Welt ist abgesagt, und was danach kommt, ist nicht weniger überraschend. Die Karten unserer Realität<br />

werden neu gemischt. Wollen Sie zusammen mit uns einen Blick darauf wagen, was sich hinter dem Limit befindet?<br />

Wir sind passiert. Doch unsere Welt ist flexibel. Die Zahl 137 ist der Schlüssel.<br />

Bestelltelefon: 08861 - 5 90 18, E-mail: Info@michaelsverlag.de<br />

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1345<br />

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