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Ein Interdisziplinäres Labor

Exzellenzcluster der Humboldt-Universität zu Berlin

CZ#38

Cluster-Zeitung 21.10.2013

Cluster-Zeitung 21.10.2013

Editorial

Aktuell

S. 2

S. 3

LunchTalk Bericht: Die Kraft der Verkleinerung S. 3

Lernen mit...IT Bericht: Datensicherheit & E-Mailverschlüsselung S. 8

Anmeldung Retreat S. 9

Gewinner/innen des Fotowettbewerbs »Attention & Form« S. 10

Ankündigung extern

S. 12

Tagung »Wild Thing«: 25. – 26.10.2013, Basel S. 12

Neues aus der Geschäftsstelle

Neues aus der Clusterbibliothek

S. 13

S. 14

Termine Kurzübersicht S. 16

Zum Titelbild & Impressum

S. 17


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Ein Interdisziplinäres Labor

Exzellenzcluster der Humboldt-Universität zu Berlin

Editorial

Die Gewinner/innen des Fotowettbewerbs, welchen das Basisprojekt »Attention & Form« anlässlich der Eröffung des Interdisziplinären Labors

am 01.06.2013 ausgerufen hatte, stehen nun fest: Mehr dazu auf Seite 10. (Foto: Frank Fietzek/BWG)

Liebe Mitglieder des Interdisziplinären Labors,

Liebe Leserinnen und Leser,

Zu den Preisträger/innen des diesjährigen Humboldt-

Preises für die besten Abschlussarbeiten gehörte auch

die studentische Mitarbeiterin Una Schäfer aus dem

Basisprojekt »Analogspeicher« des Exzellenzclusters. Sie

erhielt den Preis für ihre Bachelor-Abschlussarbeit zum

Thema »Leichen im Sarge vor Entwendung zu sichern.

Vom Umgang mit dem menschlichen Körper nach dem

Tode. Großbritannien 1800-1850«, die sie bei Thomas

Macho geschrieben hat. Wir gratulieren herzlich!

Reinhard Wendler hielt im Rahmen des letztes LunchTalks

einen Vortrag zum Thema »Die Kunst der Verkleinerung«

und präsentierte seine Publikation »Das Modell zwischen

Kunst und Wissenschaft«. Sein Beitrag ist auf den Seiten

3–7 zu lesen.

Wie Sie ihre E-Mails verschlüsseln und vor ungewollten

Zugriffen schützen können, zeigte das IT-Team vergangen

enDonnerstag in seinem Lernen mit… Wer es nicht zum

Workshop geschafft hat, kann sich auf Seite 8 nachträglich

informieren.

Die Gewinner/innen des Fotowettbewerbs stehen fest. Der

Wettbewerb wurde vom Basisprojekt »Attenion & Form«

während der Eröffnung des Interdisziplinären Labors initiiert.

Die Verleihung der Preise findet am kommenden

Donnerstag, den 24.10.2013 um 18.30 Uhr unmittelbar

vor der Interdisziplinären Kontroverse »Genealogie« statt.

Wir möchte Sie nochmals an die Anmeldefrist für den

zweiten Cluster-Retreat erinnern, der vom 24.01.–

26.01.2014 stattfinden wird. Nähere Informationen dazu

auf Seite 9. Die Anmeldefrist ist der 28.10.2013. Über

Rückmeldungen und Anträge bezüglich der Delegierten

des Clusters freuen wir uns bis zum 31.10.2013.

Claudia Lamas Cornejo

Leitung PR und Fundraising

Cluster-Zeitung #37 | 14.10.2013

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Aktuell

LunchTalk Bericht: Die Kraft der Verkleinerung

Abb. 1: Reinhard Wendler, Das Modell zwischen Kunst und Wissenschaft,

München 2013W.

Abb. 2: Fischli & Weiss, »Beliebte Gegensätze: Klein&Gross«, aus:

Fischli & Weiss, Plötzlich diese Übersicht, Zürich 2011, 0.S..

Vor zwei Monaten ist mein Buch »Das Modell zwischen

Kunst und Wissenschaft« erschienen (Abb. 1). Es versucht,

das Modell in seiner Dimension als Kulturtechnik

hinter den Modelltheorien hervorzuziehen und ans

Licht zu bringen. Daher handelt es von materiellem und

medialem Eigensinn, vom Wechselspiel aus Ermutigung

und Begrenzung, vom ebenso machtvollen wie unklaren

Begriff der Modellierung, vom Zusammenwirken mehrerer

Modelle, vom intrikaten Verhältnis von Modellen

und Bildern und von der Rolle der Modelltheorie (1). Die

klassische Modelltheorie des 20. und 21. Jh. tritt dem

unerhörten Reichtum an Aspekten und Phänomenen der

Kulturen des Modells mit kurzen, griffigen Definitionen

entgegen. So ist beispielsweise oft zu lesen, das Modell

sei eine Repräsentation eines Bezugsgegenstandes, wahlweise

auch eine Abbildung, Abstraktion, Simplifikation,

Idealisierung usw. Aus der Sicht der Kunstgeschichte stehen

diese allgemeinen Bestimmungen in keinem belastbaren

Verhältnis zu ihrem Bezugsgegenstand, nicht zuletzt

deshalb, weil sie das Ausmaß dessen verschweigen, was

sie verschweigen. Es gilt daher, die Rolle solcher Kurzformeln

zuallererst einmal zu bestimmen.

Es ist schwierig, allgemein zu sagen, was ein Modell ist,

weil Modelle begriffliche Bestimmungen außer Kraft zu

setzen vermögen. Genau darin liegt eine ihrer wichtigsten

Qualitäten. Der Gegenstand der Definition wehrt

sich sozusagen gegen Definitionen, auch gegen die des

Modells. Dies lässt sich exemplarisch an einem Tonmodell

von Fischli & Weiss zeigen. Es stammt aus der Serie

mit dem Titel »Plötzlich diese Übersicht« und trägt den

Namen »Beliebte Gegensätze: Klein & Gross« (Abb. 2).

Das Objekt suggeriert, dass hier das Verhältnis von Klein

und Groß durch die Verkleinerung im Tonmodell in den

Griff zu bekommen sei. Aber eigentlich torpediert es eben

diese Erwartung auf zwei Ebenen: Auf der des Gegenstandes

der Darstellung, weil die Maus in der gleichen Größe

wie der Elefant und sein Baumstamm dargestellt ist.

Und auf der Ebene des Objekts selbst, weil der »beliebte

Gegensatz« zwischen Klein und Groß im verkleinerten

Modell nicht geklärt, sondern in seiner überraschenden

Komplexität vor Augen gestellt wird. Diese Wendung

lässt sich als Modell auf viele andere Modelle übertragen.

Deren Qualität liegt oftmals nicht in einer zuverlässigen

Antwort, sondern in den Fragen, die es aufwirft.

Cluster-Zeitung #37 | 14.10.2013

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Ein zweiter Grund, warum die Modelle so schwer zu greifen

sind, besteht in der Skalierung. In seiner Poetik des

Raumes schreibt Gaston Bachelard: »Ich besitze die Welt

um so besser, je geschickter ich sie zur Miniatur machen

kann. Aber man muss berücksichtigen, daß in der Miniatur

die Wert dichter und rascher werden« (2). Diese Verdichtung

und Beschleunigung der Werte vollzieht sich jedoch

meistens nicht kontinuierlich. György Kepes beispielsweise

hat die Skalierung als ein Interferenzphänomen aus

Kontinuität und Diskontinuität bezeichnet. Paul Valéry hat

dieses Verhältnis in seinem Dialog »Eupalinos oder der

Architek« wie folgt präzisiert: »Alles ändert sich mit der

Größe. […] Wenn eine bestimmte Eigenschaft des Dinges

wächst in arithmetischem Verhältnis, so verschieben sich

die anderen in anderer Weise« (3). Valéry beschreibt das

komplexe Zusammenspiel aus einer kontinuierlichen und

mehreren diskontinuierlichen Transformationen. Da die

verschiedenen Eigenschaften eines Dinges miteinander

in Wechselbeziehungen stehen, wird durch die Skalierung

die Balance der Faktoren destabilisiert, wodurch teilweise

ruckartige Verwerfungen auftreten. Die Skalierung steht

daher traditionell im Ruf – oder Ruch – des Ungreifbaren,

des Unkontrollierbaren, und zwar quer zu den Disziplinen.

Dies macht sie sowohl zu einem transdisziplinären

Phänomen als auch zu einem Treffpunkt der Disziplinen,

wie Claus Pias vor einigen Jahren vermerkt hat.

Die Transdisziplinarität der Skalierungsprobleme wird

exemplarisch sichtbar, wenn man Versuche aus verschiedenen

Feldern anschaut, die Beschleunigung und Verdichtung

der Werte in der Verkleinerung zu beschreiben.

Alton DeLong zum Beispiel berichtet in seinem in Science

erschienen Aufsatz Phenomenological Space-Time:

Toward an Experiential Relativity von 1981 von folgendem

Versuch: Probanden wurden aufgefordert, kleine Figuren

eine halbe Stunde lang durch Skalenmodelle von Gebäuden

zu bewegen. Die Modelle hatten die Maßstäbe 1:6,

1:12 und 1:24, und DeLong hält fest, dass die Zeitwahrnehmung

der Probanden nach derselben Ratio beschleunigt

worden sei. Am Modell im Maßstab 1:6 schien den

Spielenden die halbe Stunde offenbar nach 5 Minuten

verstrichen zu sein, am Modell im Maßstab 1:12 in zweieinhalb

und so weiter (4). DeLong sieht das Ergebnis des

Versuchs in der Folgerung, die sogenannte Kompressionsrate

der Zeitwahrnehmung verhalte sich direkt proportional

zum Modellmaßstab. Dieser Versuch verdient

keine Erwähnung wegen seiner Resultate, denn diese sind

offensichtlich die Folge des spezifischen Versuchsaufbaus

und der durch die Fragen induzierten Erwartungshaltungen.

Aber er kann als Ausdruck des Interesses verstanden

werden, die Verdichtung und Beschleunigung der Werte

in der Miniatur in einer Formel dingfest zu machen.

Dieses Interesse zeigt sich auch beim Einsatz verkleinerter

Modelle von Autos, Zügen, Flugzeugen und

Raumschiffen im Film. Wie Sarine Waltenspül in ihrer

Zürcher Masterarbeit darstellt, kommt hier eine Formel

zur Anwendung, der zufolge Skalenmodelle mit einer

Bildrate abzufilmen seien, die um die Wurzel aus dem

Maßverhältnis von Bezugsgegenstand und Modell größer

ist (5). Diese Formel formuliert eine Art kinematographischer

Ähnlichkeitstheorie, indem sie angibt, welche

Zeitlupe auf welchen Modellmaßstab anzuwenden sei,

damit der Eindruck von Ähnlichkeit in den Augen der

Betrachtenden entsteht. Waltenspül hält fest, dass die

Autoren üblicherweise die Gültigkeit dieser Formel relativieren.

Denn das Zusammenspiel aus Modellmaßstab und

Bildrate eröffnet einen umfangreichen Möglichkeitsraum.

Bereits die geringfügige Variation lediglich eines einzelnen

der zahlreichen beteiligten Faktoren eröffnet ein weites

Feld an möglichen ästhetischen Wirkungen. Die Formel

greift folglich nur eine von zahllosen verschiedenen

gleichberechtigten Möglichkeiten heraus und hebt sie in

den Rang einer Norm. »Die Abstraktion darf dreist gewagt

werden, solange sie als solche in Erinnerung bleibt« (6).

Dies schreibt Hans Vaihinger in seiner Philosophie des

Als Ob. Wenn sie dennoch in Vergessenheit gerät, dann

verschleiert sie den Umstand, dass sie eine ästhetische

Entscheidung ist, ein Akt der Gestaltung im großen Möglichkeitsraum

des Zusammenspiels aus Skalenmodell und

Bildrate.

Bei Skalenmodellen in der Aerodynamik ist die Lage ähnlich.

Wird ein Skalenmodell eines Flugzeugs im Windkanal

getestet, so muss die Windgeschwindigkeit in Abhängigkeit

vom Maßstab des Modells verändert werden. Eine

der vielen Formeln, die hier zur Anwendung kommen

besagt, die Anströmgeschwindigkeit des Windes müsse

im gleichen Maß gesteigert werden, in dem das Modell

verkleinert wurde (7). Wie bei den zuvor genannten Verhältnissen

so ist es auch hier unter Fachleuten üblich, auf

die limitierte Aussagekraft solcher Formeln zu verweisen.

Die von der Formel suggerierte Kontinuität wird nämlich

von zahlreichen sogenannten Skalierungseffekten durchkreuzt.

Diese Skalierungseffekte werden unter anderem

durch die Kompressibilität der Luft verursacht, die bereits

bei relativ geringen Windgeschwindigkeiten wirksam wird.

Diese drei Versuche, die Beschleunigung und Verdichtung

der Werte an der Miniatur zu beschreiben, ähneln sich

auf drei Ebenen. Erstens auf der Ebene der Komplexität

des Gegenstandes der Untersuchung bzw. Gestaltung.

Cluster-Zeitung #37 | 14.10.2013

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Diagramm, aus: Herbert Stachowiak, Allgemeine Modelltheorie, Wien, New York, S. 157.

Zweitens auf der Ebene der in Anschlag gebrachten Formeln.

Ihre Ähnlichkeit erweckt den Eindruck, dass die

Zeitwahrnehmung, die Ähnlichkeitswahrnehmung im Film

und das Verhalten des Windes vergleichbaren Gesetzen

gehorchen. Und drittens auf der Ebene des Verhältnisses

zwischen Problem und Lösungsansatz: Alle drei Formeln

unterbieten nachgerade ostentativ die Komplexität der

Vorgänge, die sie fassbar zu machen vorgeben. In ihrer

medialen Präsenz, also ihrer mathematischen Kürze

und Eindeutigkeit, drückt sich nicht die Einfachheit der

Phänomene aus. Es handelt sich bei ihnen vielmehr um

pragmatische Fiktionen im Sinne Vaihingers. Die Formeln

werden so aufgefasst als ob sie gültige Darstellungen

der Sache seien, als ob man mit ihnen die Sache im Griff

hätte, als ob sie Normen wären, an die man sich bloß

zu halten braucht, um zu verwertbaren Ergebnissen zu

kommen.

Es handelt sich hierbei um Auffassungsakte, wie man mit

Bernd Mahrs Modell der Auffassung (8) und in Anlehnung

an den Sprechakt und den Bildakt sagen könnte. Durch

solche Auffassungsakte wird die Performanz des Zusammenspiels

aus Formel, Gegenstand und Betrachtenden in

spezifischer Form verändert. Sie erzeugen zum Beispiel

den Eindruck von Übersicht und Orientierung und damit

einen Handlungsimpuls, eine handlungsanweisende und

handlungsanleitende Kraft. Zwar steckt also im Wort

»Ähnlichkeitstheorie« das Wort »Theorie«, aber es scheint

doch angemessener, solche Formeln als Bestandteile der

ästhetischen und epistemologischen Praxis anzuschauen,

mit denen die Dynamik der Situation verändert wird. Eine

Theorie der Skalierung, die diesen Namen auch wirklich

verdient, müsste mit der Verwechslung dieser Handlungselemente

mit theoretischen Grundlagen aufräumen

und stattdessen die Rolle solcher Auffassungsakte im

Zusammenspiel mit ihrem Bezugsgegenstand erfassen.

Vergleichbares gilt für die klassischen Modelltheorien, wie

sie die Wissenschaftstheorie und –philosophie seit den

1940er Jahren diskutiert. Als Beispiel dient hier ein Diagramm

aus Herbert Stachowiaks sogenannter Allgemeiner

Modelltheorie von 1973 (Abb. 3). Es zeigt das isomorphe,

genauer: ikomorphe Verhältnis von Bezugsgegenstand

und Modell in Form zweier mit einem Doppelpfeil verbunder

Spiegeleier. Solche Auffassungen des Modells

als Abbild, Repräsentation, Abstraktion, Simplifikation

usw. sind pragmatische Fiktionen und gehören als solche

dem Bereich der Praxis der Modelle in den wissenschaftlichen,

technischen und künstlerischen Disziplinen an. Ein

Gegenstand einer Modellauffassung wird so angeschaut

als ob er eine Repräsentation, Abstraktion, Simplifizierung

sei. Dabei wird programmatisch ignoriert, dass eine

solche Beziehung vielfach überhaupt nicht nachgewiesen

werden kann. Mit eben dieser Nonchalance kann man

einem als Modell aufgefassten Gegenstand unterstellen,

er sei ein Stellvertreter, ein Vorbild, ein Muster, eine Regel,

ein Ideal usw. und damit das Wirkungsgefüge auf andere

Arten und Weisen verändern. Auch die Skalierung findet

sich im Arsenal der Auffassungsakte in der Kultur der

Modelle. Ein Modell als Verkleinerung eines Bezugsgegenstandes

aufzufassen heißt, auf bestimmte Weise die

komplexe und unberechenbare Tektonik der Skalierung

ins Spiel zu bringen.

Es handelt sich bei den sogenannten klassischen Modelltheorien

also nicht um Theorien, sondern ursprünglich

um Elemente der Praxis, um Auffassungsakte, die ihren

Ort in der praktischen Arbeit an einer wissenschaftlichen

Frage, einem technologischen Entwicklungsprojekt oder

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Abb. 4: Windkanal am Forschungsschwerpunkt Transdisziplinarität,

Züricher Hochschule der Künste. (Foto: Reinhard Wendler)

Abb. 5: Rauchtest eines Architekturmodells, aus: Rolf Janke, Architekturmodelle,

Stuttgart 1987, S. 93.

in einer künstlerischen Auseinandersetzung haben. Eine

Modelltheorie die diesen Namen wirklich verdient, muss

die Wirkungen solcher Akteure im Zusammenspiel mit

dem als Modell aufgefassten Gegenstand zu erfassen

versuchen. Dies ist ohne exemplarische Untersuchungen

nicht zu erreichen. In Abwandlung eines Zitats von Ludwik

Fleck könnte man sagen, dass jede Theoriebildung in

diesem Bereich ohne geschichtliche und vergleichende

Untersuchungen »ein leeres Wortspiel bleibt, eine epistemologia

imaginabilis« (9). Dies gilt insbesondere für

den Untersuchungsgegenstand des Skalenmodells, bei

dem zwei unübersichtliche Felder im Objekt zusammenkommen

und ihre Wirkungen und Aspekte potenzieren.

Deshalb ist die Erforschung der Kraft der Verkleinerung

im Modell auf das Konkrete und auf den Modus des Exemplarischen

angewiesen.

Im Projekt »Size Matters. Zur Maßstäblichkeit von Modellen«

an der Zürcher Hochschule der Künste haben Florian

Dombois und ich uns für den Windkanal als Ort einer

solchen Konkretisierung entschieden. Wir bauen derzeit

noch an unserem eigenen Windkanal, der hier in einer

unvollendeten aber bereits funktionsfähigen Version zu

sehen ist (Abb. 4). Im Spätherbst soll er die Form eines

Kreises haben, also dem sogenannten Göttinger Typ

entsprechen. In seinem Aufbau wird er dann den Windkanälen

ähneln, mit denen wir zusammenarbeiten: dem

Windkanal der ETH Zürich in Dübendorf, dem Wright

Brothers Wind Tunnel am MIT und dem Low Speed Wind

Tunnel am Von Karman Institute for Fluid Dynamics im

belgischen Rhode-Saint-Genése. Im Windkanal hat, wie

bereits erwähnt, die Größe des Modells Auswirkung auf

den Wind, sodass sich hier Zusammenhänge zwischen

dem Eigensinn von Modellen und dem Eigensinn der

Skalierung in einem spezifizierten Kontext beobachten

lassen. Bei dieser Untersuchungssituation kommt allerdings

noch ein weiterer Faktor ins Spiel, der über seine

eigene Dimension der Unfassbarkeit verfügt: der Wind.

Schon in der Odyssee tritt der Wind als eine Macht auf,

die vom Menschen nicht kontrolliert werden kann. Aiolos

etwa, der Gott der Winde, schenkt Odysseus im zehnten

Gesang einen Lederbeutel, in den er alle Winde bis auf

einen eingeschlossen hatte. Der eine übriggebliebene

Wind soll Odysseus auf direktem Wege nach Hause führen.

Aber das Misstrauen seiner Gefährten bringt sie dazu,

den Beutel zu öffnen und alle Winde freizulassen, die dann

das Schiff auf direktem Wege zu Aiolos zurücktragen.

Der Gott muss schließlich einsehen, dass ein Mensch

niemals imstande sein kann, die Winde zu beherrschen

und daher stets ihr Spielball sein wird. Vergleichbare poetische

Anverwandlungen des Windes als etwas Fremdes,

Anderes, Flüchtiges, finden sich tausendfach bis heute,

und er hält seine Stellung auch gegen die Anmaßungen

der Windkanäle und Computersimulationen.

Der ingenieurstechnische Windkanal, mit dem man

diesen drei Fremden, dem Modell, der Skalierung und

dem Wind, seit etwas über 110 Jahren entgegenzutreten

wagt, spielt eine ganz ähnliche Rolle wie der Lederbeutel

des Aiolos. Er schließt alle anderen Winde bis auf einen

aus und soll diesen damit beschreibbar machen. Dieser

eine Wind spaltet sich aber an einem sogenannten

stumpfen Körper wie dem Skalenmodell eines Gebäudes

wieder in verschiedene Winde auf und entzieht sich damit

erneut der Beschreibung (Abb. 5). Maßstab und Form

des Modells sind für verschiedene Arten solcher Aufspaltungen

mitverantwortlich, sodass sich an einer präzisen

Cluster-Zeitung #37 | 14.10.2013

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Stelle auf der Oberfläche eines materiellen Objekts die

drei Ungreifbarkeiten des Modells, der Skalierung und des

Windes ineinander verhaken. Der Windkanal wird durch

das füllhornartigen Surplus dieser Verdichtung sozusagen

von innen gesprengt. Ex negativo wird auf diese Weise

deutlich, dass das ingenieurstechnische Verständnis des

Windkanals ebenfalls eine pragmatische Abstraktion darstellt,

eine programmatische Verniedlichung, hinter der

das Objekt in allen seinen anderen Dimensionen zum

Verschwinden gebracht worden ist und zunächst wieder

hervorgezogen werden muss.

Unser Windkanal dient daher nicht nur zu Studien über

Gemeinsamkeiten und Unterschiede physikalischer und

ästhetischer Skalierungseffekte im Windkanal, sondern

auch dazu, die kulturelle Größe des Ortes und Objekts

Windkanal zu vermessen. Unter Bezugnahme auf John

Law könnte man sagen, wir versuchen seine »fraktale

Kohärenz« auszuloten (10). Mit Law gesprochen ist der

Windkanal mehr als ein Objekt, aber weniger als viele.

Der spezifische Charakter der fraktalen Kohärenz eines

Windkanals wird unter anderem durch die disziplinären

Perspektiven determiniert, die sich an ihm verdichten.

Üblicherweise treffen sich dort Fahrzeug- und Waffeningenieure,

Architekten, Stadtplaner und Sportwissenschaftler.

Bei uns kommen Praktizierende aus der Kunst, dem

Theater, der Klang- und Medienkunst, der Bildhauerei,

der Kunst- und Wissenschaftsgeschichte, den Kulturwissenschaften

usw. dazu, eignen sich den Windkanal aus

ihren Perspektiven und mit ihren Praktiken und Objekten

an und erweitern damit die Zahl seiner Facetten. Bis dato

hat er sich unter anderem als eine Metaphernmaschine

zu erkennen gegeben, als Formgeber, technisches Objekt,

Kunstobjekt, Kunstraum und Musikinstrument, als Experimentalsystem,

Fön, pubertierender Jugendlicher und

physikalische Iteration, als ein Modell zweiter Ordnung,

als boundary object, als ein Spielplatz, ein Objekt im

Derrida’schen Zeitmodus des avenir und als Sand im

Getriebe des Zürcher Kunsthochschulbetriebs.

Der Windkanal unterstützt diese Verdichtung der Perspektiven

durch seine physische Präsenz, indem er eine

spürbare Gravitation entfaltet. Er verfügt, mit Aby Warburg

gesprochen, über eine »geisterversammelnde Kraft«

(11) und realisiert auf diese Weise ein Modell transdisziplinärer

Zusammenarbeit. Er fokussiert auf spezifische

Weise das Denken und Handeln seiner Besucher auf die

zwei transdisziplinären Gegenstände des Modells und

der Skalierung. In dieser Kombination aus uferlosen

Phänomenbereichen und einem konkreten materiellen

Objekt im Hinterhof der Zürcher Hafnerstraße 41 steht

daher ein Treffpunkt der Disziplinen zur Verfügung. Er ist

zugleich allgemein und konkret genug, um einen substantiellen

Austausch zu ermöglichen. Eines der zahlreichen

möglichen Gesprächsthemen an diesem Ort wäre die

Hypothese, dass die Kraft der Verkleinerung nicht nur in

verkleinerten Modellen waltet, sondern in jedem Gegenstand

insistierender Bezugnahme. Denn letztlich jeder

Gegenstand der Betrachtung wird bei näherem Hinsehen

größer und größer. Er entgrenzt sich sozusagen unter den

Augen und es wäre interessant, die Erfahrungen auszutauschen,

die man in den verschiedenen Disziplinen mit

dieser Entgrenzung gemacht hat.

(1) Reinhard Wendler, Das Modell zwischen Kunst und Wissenschaft,

München 2013.

(2) Gaston Bachelard, Poetik des Raumes, aus dem Franz. von K. Leonhard,

München 2007, S. 157.

(3) Paul Valéry, Werke. Frankfurter Ausgabe in 7 Bänden, hg. v. Jürgen

Schmidt-Radefeldt, Frankfurt am Main 1990, Vol. 2, S. 75.

(4) Alton J. DeLong, Phenomenological Space-Time: Toward an Experiential

Relativity, in: Science, Vol. 213, No 4508, 1981, S. 681-683.

(5) Sarine Waltenspül, Der Reiz der Uneindeutigkeit. Modelle im Film

zwischen Technik, Ästhetik und Illusion, Masterarbeit, Zürich 2013,

S. 33.

(6) Hans Vaihinger, Die Philosophie des Als Ob. System der theoretischen,

praktischen und religiösen Fiktionen der Menschheit auf

Grund eines idealistischen Positivismus, Leipzig 1927, hier Neudruck

Aalen 1986, S. 346.

(7) Wolf-Heinrich Hucho, Aerodynamik der stumpfen Körper. Physikalische

Grundlagen und Anwendungen in der Praxis, Braunschweig,

Wiesbaden 2002, S. 440.

(8) Bernd Mahr, Intentionality and Modeling of Conception, in: Sebastian

Bab, Klaus Robering (Hg.), Judgements and Propositions. Logical,

Liniguistic and Cognitive Issues, Berlin 2010, S. 61–87.

(9) Ludwik Fleck, Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen

Tatsache. Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv,

Frankfurt am Main 1980, 31.

(10) John Law, Aircraft Stories. Decentering the Object in Technoscience,

Durham and London 2002, S. 3 und passim.

(11) Aby Warburg, Zum Vortrage von Karl Reinhardt über ‚Ovids Metamorphosen’

in der Bibliothek Warburg am 24. Okt. 1924, in: Aby Warburg,

Werke in einem Band, hg. v. Martin Treml, Sigrid Weigel, Perdita

Ladwig, Frankfurt am Main 2010, S. 680.

Reinhard Wendler

Associated Member

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Lernen mit...IT Bericht: Datensicherheit und E-Mail-Verschlüsselung

Unverschlüsselte E-Mails lassen sich im Netz technisch

ähnlich leicht wie Postkarten auf ihrem Weg zum

Empfänger von anderen mitlesen. Die Metapher des

Briefumschlags wird daher gemeinhin verwendet, um

den Zweck der Mail-Verschlüsselung zu verdeutlichen.

Die Teilnehmer/innen lernten die dafür nötigen Grundlagen

kennen: Vor allem die Idee des Schlüsselpaares,

das aus einem öffentlichen und einem privaten Schlüssel

besteht. Dabei kann man sich den sogenannten öffentlichen

Schlüssel wie ein offenes Sicherheitsschloss vorstellen,

das man anderen gibt, damit sie ihre Mails damit

»verschließen« können. Der private Schlüssel gehört zu

diesem Schloss und entschlüsselt somit die Nachricht.

Auf diese Art wird niemandem der geheime, private

Schlüssel direkt gegeben. Jede/r Teilnehmer/in konnte

in einigen wenigen einfachen Schritten die Installation

eines GnuPG-Plugins für Apple Mail oder Thunderbird

durchführen, ein eigenes Schlüsselpaar erzeugen und

im Anschluss bereits verschlüsselte Mails mit den anderen

Workshopteilnehmer/innen austauschen. Schnell

herrschte Einigkeit darüber, dass E-Mail-Verschlüsselung

viel einfacher ist als erwartet und sich gut mit der

normalen E-Mail-Kommunikation verbinden lässt. Es

wurde angeregt, die öffentlichen Schlüssel auf dem

BWG-Server bereitzustellen, so dass diese einfach in den

E-Mail-Signaturen bzw. Personenvorstellungen auf der

Webseite verlinkt und heruntergeladen werden können.

Im Anschluss diskutierten die Workshopteilnehmer/

innen weitere Fragen von technischem Datenschutz, die

über die einfache E-Mail-Verschlüsselung hinausgehen.

Es herrschte Einigkeit darüber, dass diese Themen auch

für den Cluster wichtig und ernstzunehmen sind, aber

zugleich einfach realisierbare Lösungen für die tägliche

Arbeit gefunden werden müssen. Die Workshopleiter /

innen hoffen, damit die Voraussetzungen für eine interessante

Debatte im Cluster geschaffen zu haben, die

weitergeht als die rein technische Seite: Was bedeutet

Sicherheit heute? Wie können wir Identität im Digitalen

verstehen bzw. wie müssen wir sie umdeuten? Wo ist

Transparenz gut und wo gefährlich? Schließlich: Welche

Auswirkungen hat die zunehmend digitale Lebensweise

für unsere Gesellschaft im Allgemeinen und für uns Wissenschaftler/innen

im Speziellen?

Die Workshopleiter/innen hoffen auf eine interessante,

gerne auch untechnische Debatte und freuen sich darauf,

Fragen zu diskutieren.

Wer an dem Lernen mit... nicht teilnehmen konnte, kann

sich natürlich auch per E-Mail an uns wenden. Eine

Installations-Anleitung (auf Englisch) für den Mail-Client

Thunderbird (Mac, Windows, Linux) findet sich hier:

http://en.flossmanuals.net/_booki/thunderbird-workbook/thunderbird-workbook.pdf

Die benötigte Software findet Ihr unter: https://gpgtools.

org/, zusätzlich für Thunderbird ist dann noch Enigmail

unter https://addons.mozilla.org/de/thunderbird/addon/

enigmail/ zu finden.

Weitere Tipps, wie persönliche Daten auch mit technischer

Unterstützung besser geschützt werden können,

hat Laurent unter folgendem Link zusammengestellt:

www.interdisciplinary-laboratory.huberlin.de/de/private/blog-posts/3095/

Nuetzliche-Links-fuer-den-sicheren-Umgang-mit-Daten

Andrea Knaut

Basisprojekt »Piktogramme«

Christian Stein

Basisprojekt »Virtuelle & Reale Architektur des

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Stefan Ullrich

Basisprojekt »Shaping Knowledge«

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Erinnerung: Anmeldung Retreat, 24.01. – 26.01.2014

Die Planung für den zweiten Retreat des Interdisziplinären

Labors, welcher vom 24.01.– 26.01.2014 stattfinden wird,

hat begonnen. Die zweitägige Klausur für alle Principal

Investigators & Associated Investigators, Associated

Members & Permanent Fellows sowie alle Wissenschaftlichen

Mitarbeiter/innen wird wieder im grünen Berliner

Umland abgehalten. Der Ort wird zeitnah bekannt

gegeben.

Der Retreat soll den neuen Mitgliedern das Kennenlernen

erleichtern und inhaltlich eine Konzentrierung der Cluster-

Aktivitäten sowie die Findung von kurz- und langfristigen

Zielen weiter vorantreiben.

Die Kosten für Tagung und Unterkunft werden vom Cluster

übernommen. Die Anreise kann gemeinsam erfolgen,

ob mit Bus oder Bahn wird ebenfalls rechtzeitig bekannt

gegeben.

Da wir das Übernachtungskontingent zeitnah konkretisieren

müssen, bitten wir Sie dringend um eine

verbindliche Anmeldung zur Teilnahme an bwg.sekretariat@hu-berlin.de

bis Freitag, 28. Oktober 2013.

Herzlichen Dank! Wir freuen uns auf den gemeinsamen

Retreat!

Einige Impressionen des diesjährigen Retreats (Foto: Claudia Lamas

Cornejo/BWG)

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Gewinner/innen des Fotowettbewerbs »Attention & Form«

Bei der Eröffnung des Interdisziplinären Labors am 01. Juni 2013 präsentierte das Basisprojekt »Attention & Form«

Formen aus Architektur, Biologie und Kunstgeschichte. Die Frage »Natur- oder Kunstobjekt« wurde durch eine auf

einer Stele in Szene gesetzte Wollhandkrabbe thematisiert. Diese diente zugleich als Modell für einen Fotowettbewerb

unter den an der Eröffnung teilnehmenden Besucher/innen. Die Gewinner/innen des Wettbewerbs wurden nun von

einer interdisziplinären Jury gekürt. Die Verleihung der Preise des Fotowettbewerbs findet nächsten Donnerstag, den

24.10. um 18:30 unmittelbar vor Beginn der Interdisziplinären Kontroverse statt.

Markus Lipp

Preis für das beste Foto der Besucher/

innen in der Kategorie »Krabbe im

Kontext«

Valentin Wormbs

Preis für das beste Foto der Clusterassoziierten

in der Kategorie »Krabbe

im Kontext«

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Valia Carvalho

Preis für das beste Foto der Clusterassoziierten

in der Kategorie »Krabbe

als Struktur«

Frank Fietzek

Preis für das beste Foto der Besucher

/innen der Kategorie »Krabbe als

Struktur«

Gerhard Scholtz

Principal Investigator

Deborah Zehnder

Wissenschaftliche Geschäftsführerin

Cluster-Zeitung #37 | 14.10.2013

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Wissen

Gestaltung

Ein Interdisziplinäres Labor

Exzellenzcluster der Humboldt-Universität zu Berlin

Ankündigung extern

Tagung »Wild Thing – Unordentliche Prozesse in Design

und Wissenschaft«: 25 .– 26.10.2013, Basel

Unordentliche

Prozesse in Design

und Wissenschaft

25. – 26.10.2013

Internationale Tagung an der

BTK – Hochschule für Gestaltung

Bernburger Str. 24 – 25

D – 10963 Berlin

in Zusammenarbeit mit der

Hochschule für Gestaltung und Kunst

FHNW, Basel

Veranstalter: Christof Windgätter,

Claudia Mareis

Freier Eintritt

www.btk-fh.de/wildthing

Cluster-Zeitung #37 | 14.10.2013

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WILD

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Wissen

Gestaltung

THING

Ein Interdisziplinäres Labor

Prozesse in Design

und Wissenschaft

Exzellenzcluster der Humboldt-Universität zu Berlin

25. – 26.10.2013

Freitag, 25.10.2013

13.00 Uhr

13.30 Uhr

14.30 Uhr

15.30 Uhr

15.45 Uhr

16.45 Uhr

17.45 Uhr

18.15 Uhr

Matthias Leupold (Rektor BTK)

Claudia Mareis (Basel)

Christof Windgätter (Berlin)

Begrüßung und Einführung

Max Stadler (Zürich)

Vom ›problem-solver‹ zum ›bricoleur‹ Konstruktionen

des kreativen (wissenschaftlichen) Geistes, 1960/1990

Nina Wiedemeyer (Berlin)

Provisorisches Denken

Kaffeepause

Moritz Greiner-Petter (Basel)

Precise Ambiguities

Denkwerkzeuge zwischen Ordnung und Unordnung

Friedrich von Borries (Hamburg)

Irgendetwas über aktuelle Projekte – wahrscheinlich

RLF und WVM

Apéro

Samstag, 26.10.2013

Walter Seitter (Wien)

Physik des Daseins

Von ganz bekannten Dingen

Ausgangspunkt der Tagung ist die aktuelle Konjunktur der gestalterischen

und künstlerischen Forschung, die durch ihre bisweilen unkonventionellen

Arbeitsweisen und ihr ›kreatives‹ Verständnis von Methoden sowohl in

etablierten Wissenschaftsfeldern als auch in hochschulpolitischer Hinsicht

für Unruhe und Kritik gesorgt hat. Dabei spielen in den Methodendiskussionen

dieser neuen Forschungszweige Metaphern der Unordnung, der

Unschärfe, des Chaos sowie der Nicht-Linearität eine zentrale Rolle.

Zum einen sollen damit bestimmte Charakteristika (und Mythen) kreativer

Produktionsprozesse akzentuiert werden, zum andern schließen diese

Debatten aber auch an eine Tradition wissenschaftlicher Methodologien

des 20. Jahrhunderts an, in denen die unordentlichen oder unregelmäßigen

Prozesse der Forschung sowie deren Schnittstellen zu gestalterischen

Praktiken thematisiert wurden. So finden sich schon Anfang des 20. Jh.

etwa bei Fleck oder Bachelard entsprechende Beschreibungen der

wissenschaftlichen Praxis, die dann vor allem in der zweiten Hälfte des

20. Jh. durch Ansätze wie »Anything goes« (Feyerabend), »Bricolage«

(Lévi-Strauss, Derrida), »Parasiten« und »Gemenge« (Serres, Latour) oder

»Politics of mess« (Law) fortgesetzt wurden. Ihnen gemeinsam ist die

Überzeugung, dass Elemente des Unordentlichen in Forschungsprozessen

weder Sekundärphänomene darstellen, noch zu vermeiden oder durch

szientifische Hygienemaßnahmen sofort wieder zu beseitigen sind. Ihr Vorkommen

wird vielmehr als konstitutiv angenommen, sodass in jedem

Fall mit einem Forschungsgeschehen zu rechnen ist, in dem sich Phasen

ganz unterschiedlicher Ordnungsgrade in einem unvorhersehbaren und

ergebnisoffenen Verlauf ereignen.

9.00 Uhr

10.00 Uhr

11.00 Uhr

11.15 Uhr

12.15 Uhr

13.15 Uhr

14.15 Uhr

15.15 Uhr

16.15 Uhr

16.30 Uhr

Philipp Felsch (Berlin)

Das Unbehagen der Suhrkamp-Kultur

Friedrich Weltzien (Hannover)

Kleckern, Kritzeln, Schmieren

Kreativität und Epistemologie der unwillkürlichen Spur

Kaffeepause

Stefan Wellgraf, Anja Schwanhäußer (Frankfurt/Oder)

Ethnografischer Surrealismus

Bernd Kräftner

Komödie der Irrtümer, oder

Wie erforsche ich ein Syndrom?

Mittagspause

Shintaro Miyazaki (Basel)

Wilde Oszillationen

Der Chua-Schaltkreis als operatives Modell für

Geschichte

Nicole Stöcklmayr (Lüneburg)

Evolutionäre Prozesse im Computational Design

Kaffeepause

Sebastian Vehlken (Lüneburg)

Schräge Vögel

Computersimulatorische Hegungen von Wild Things

in der Ornithologie

Die Tagung nimmt sich vor, diese Diskussionen, die in jüngerer Zeit

bereits von der Wissenschaftsforschung und der Historischen Epistemologie

angestoßen wurden, aufzugreifen und mit kritischem Blick auf gestalterische

und künstlerische Forschungspraktiken zu intensivieren. Ihre Absicht

ist es, aus der Konfrontation von Ordnung vs. Unordnung auszubrechen

und stereotype Dichotomien von Kunst und Wissenschaft zu umgehen, um

stattdessen flexible, angepasste und wechselhafte Beschreibungsmöglichkeiten

des Forschens frei zu geben.

Internationale Tagung an der

BTK – Hochschule für Gestaltung

Bernburger Str. 24–25

D – 10963 Berlin

in Zusammenarbeit mit der

Hochschule für Gestaltung und Kunst FHNW, Basel

Veranstalter: Christof Windgätter und Claudia Mareis

Freier Eintritt

www.btk-fh.de/wildthing

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Exzellenzcluster der Humboldt-Universität zu Berlin

Aus dem IT-Team: Neues WLAN

Der neue Airport Extreme (Foto: Franziska Wegener/BWG)

Seit letzter Woche gibt es im Gebäude des Interdisziplinären

Labors in der Sophienstraße ein neues

clusterinternes WLAN »IchWillDrucken«, das von allen

Mitgliedern benutzt werden kann.

Das clusterinterne WLAN steht zusätzlich zum HUweiten

WLAN »eduroam« zur Verfügung, das mit

einem HU Account benutzt werden kann und ist für

die Verbindung mit den Druckern in beiden Etagen

sowie für die drahtlose Verbindung zum Beamer im

Zentralen Laborraum notwendig. Das bisher freigeschaltete

WLAN »Amayas iMac« ist ab sofort abgeschaltet.

Das Passwort zum WLAN »IchWillDrucken« lautet:

cluster2013. Diese und weitere Informationen zur Technik

am Cluster gibt es auch auf der internen Webseite unter:

https://www.interdisciplinary-laboratory.hu-berlin.de/de/

private/interne-seiten/892/technik

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Aus der Cluster Bibliothek

Bücherneuzugänge im Oktober 2013, II

Friedrich von Borries (Hrsg.): Berliner Atlas paradoxaler

Mobilität

Diese Publikation ist ein Ergebnis der Arbeitsgruppe

»Urban Mobility« (Friedrich von Borries, Stephan Rammler,

Gereon Uerz und Harald Welzer) – einer Kooperation

der Hochschule für bildende Künste Hamburg mit dem

Institut für Transportation Design der Hochschule für

Bildende Künste Braunschweig.

Der Atlas beschreibt Phänomene der heutigen Mobilität

– und offenbart am Beispiel von Berlin deren innere

Widersprüchlichkeit. Mobilität wird dabei weit gefasst.

Es geht um die Bewegungsmuster von Fahrradkurieren

genauso wie von Drogendealern, Touristen und Abschiebehäftlingen.

Kartiert werden brennende Autos, überfahrene

Füchse und nicht fertig gestellte Autobahnbrücken,

aber auch die Flugrouten über Berlin, die Standorte von

Wagenburgen und die Verteilung von in Berlin zugelassenen

Porsches. Neben diesen Karten geben Interviews

mit Straßenmusikanten, Trampern, Obdachlosen,

Lastwagenfahrern, Puffbetreibern und mobilen Würstchenbratern

einen vertieften Einblick in Mobilitätskulturen,

die in Fotos von Olaf Unverzart dokumentiert und

Essays u.a. von Stephan Rammler, Harald Welzer und

Gereon Uerz reflektiert werden.Der Band erscheint in

Zusammenarbeit mit der Initiative ÜBER LEBENSKUNST,

einem Projekt der Kulturstiftung des Bundes in Kooperation

mit dem Haus der Kulturen der Welt.

Borries, Friedrich von, Olaf Unverzart, Moritz Ahlert,

Christoph Hermann, Stephan Rammler, Gereon Uerz,

and Harald Welzer, eds. Berliner Atlas paradoxaler Mobilität.

Berlin: Merve-Verl., 2011. 240 Seiten mit zahlreichen

Abbildungen (farbig und sw). Signatur: 74.12 Bor .1.

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Jane McGonigal: Besser als die Wirklichkeit! Warum wir

von Computerspielen profitieren und wie sie die Welt

verändern.

Immer mehr Menschen erliegen der Faszination von

Computerspielen. Aber droht ihnen deshalb die »digitale

Demenz«? Oder gar der Kulturverfall? Jane McGonigal,

eine der besten Computerspiel-Designerinnen der

Welt, kehrt die Perspektive um und stellt die spannende

Frage: Was wäre, wenn wir die immense Kreativität, die

Leidenschaft und das Engagement, das wir ins Spielen

investieren, für die reale Welt nutzbar machen?

McGonigal, Jane. Besser als die Wirklichkeit! Warum wir

von Computerspielen profitieren und wie sie die Welt

verändern. München: Heyne, 2012.495 Seiten mit Abbildungen

(sw). Signatur: 54.88 McG .1.

Lucy A. Suchman: Human-machine reconfigurations.

Plans and situated actions.

This book considers how agencies are currently figured

at the human-machine interface and how they might be

imaginatively and materially reconfigured. Contrary to the

apparent enlivening of objects promised by the sci-ences

of the artificial, the author proposes that the rhetorics and

practices of those sciences work to obscure the performative

nature of both persons and things. The question

then shifts from debates over status of humanlike machines

to that of how humans and machines are enacted as

similar or different in practice and with what theo-retical,

practical, and political consequences. Drawing on recent

scholarship across the social sciences, humani-ties,

and computing, the author argues for research aimed

at tracing the differences within specific sociomaterial

arrangements without resorting to essentialist divides.

This requires expanding our unit of analysis, while recognizing

the inevitable cuts or boundaries through which

technological systems are constituted.

Suchman, Lucy Alice. Human-machine reconfigurations:

plans and situated actions. 2nd ed. Cambridge ; New

York: Cambridge University Press, 2007. 313 Seiten mit

Illustrationen (sw). Signatur: 54.72 Such .1.

Gabe Zichermann, Joselin Linder: The Gamification Revolution.

How lea-ders leverage game mechanics to crush

the competition.

Gamification: It’s the hottest new strategy in business,

and for good reason – it’s helping leading companies

create unprecedented engagement with customers and

employees. Gamification uses the latest innovations from

game design, loyalty programs, and behavioral economics

to help you cut through the noise and transform your

organization into a lean, mean machine ready to fight

the battle for user attention and loyalty. With The Gamification

Revolution you’ll learn how top companies recruit

and retrain the best talent from the gamer generation

and beyond, train employees and drive excellence with

noncash incentives, cut through the market noise and

ignite consumer sales growth and generate unprecedented

customer loyality without breaking the bank.

Drawing inspiration from the most popular games of all

time – from Angry Birds to World of Warcraft- the authors

reveal the secrets of market leaders that you can apply

immediately to your business.

Zichermann, Gabe, and Joselin Linder. The gamification

revolution: how leaders leverage game mechanics to crush

the competition. New York: McGraw-Hill, 2013. 235 Seiten

mit Illustrationen (sw). Signatur: 85.06 Zic .1.

Anschaffungsvorschläge wie immer an:

bwg.bibliothek@hu-berlin.de

Christiane Waldau

SHK Clusterbibliothek

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Exzellenzcluster der Humboldt-Universität zu Berlin

Termine Kurzübersicht

In der Woche:

22.10.2013 | 12.30 – 14 Uhr | LunchTalk mit H. Bredekamp, G. Scholtz & F. Scholtz | SO22a, ZL

»Phylogenetische Analyse von Kunst«

24.10.2013 | 12.30 – 14 Uhr | Interdisziplinäre Kontroverse mit T. Macho und G. Scholtz | SO22a, ZL

»Genealogie«: Die interdisziplinäre Kontroverse am Donnerstag, den 24. Oktober 2013, bezieht sich auf die Modellierung

und Visualisierung von genealogischen Beziehungen in Biologie (Gerhard Scholtz) und Kultur wissenschaft

(Thomas Macho).

Aus Sicht der Biologie sind genealogische Beziehungen Kennzeichen des Lebens. Dabei können zwei Typen von

Genealogien unterschieden werden: Netzartige Beziehungen ohne Hierarchie und baum artig-verzweigte Beziehungen,

die ein hierarchisch-enkaptisches System bilden. Darwins Postulat einer genealogischen Ordnung der Lebewesen

wurde erst hundert Jahre später durch die von Willi Hennig entwickelte Methodik der phylogenetischen Systematik

erfüllt. Eine Gruppierung von organis mischen Einheiten aufgrund genealogischer Beziehungen ist über erdgeschichtliche

Zeiträume nur in direkt möglich und steht häufig im Widerspruch zu intuitiver Klassifikation. Ein konsequent

genealo gisches Denken in der Biologie führt zur Ablehnung typologischer Konzepte wie Typus, Bauplan, Stamm etc.

Aus Sicht der Kulturwissenschaft verweisen genealogische Beziehungen auf Modelle der Ordnung und Systematisierung

des Wissens; baumartige Ableitungsstrukturen, wie sie etwa in der arbor por phyriana sichtbar werden, lassen

sich den rankenartigen Darstellungen der Wurzel Jesse oder den Rhizomen (in der Philosophie von Gilles Deleuze)

gegenüberstellen. Die Geschichte der Visualisierung von Abstammungsverhältnissen beginnt mit der Zeichnung von

Leitern und Häusern; die lullischen oder sephirotischen Bäume im späten Mittelalter erinnern dabei ebensowenig

an die konkrete Ge stalt von Bäumen wie die horizontalen Bäume des Ramismus im 16./17. Jahrhundert oder die

Wis sensbäume der Enzyklopädisten. Ein besonders interessantes Beispiel bilden die Alphabetbäume, in denen sich

zwei Wissensordnungstypen gleichsam überlagern.

Ausblick:

29.10.2013 | 12.30 – 14 Uhr | LunchTalk mit Prof. Dr. Stefan Hornborstel | SO22a, ZL

Forschungsevaluation: Bildgebung und Bewertung: Wissenschaftler/innen brauchen Bilder, allerdings längst nicht

mehr nur zur Illustration von Theorien. Sie übersetzen Daten in Bilder und Bilder in Daten und interpretieren und

vergleichen diese Übersetzungen. Sie konstruieren maschinelle Mustererkennungen und stoßen bei der maschinellen

Bilddiagnostik an die Grenzen. Sie nutzen bildgebende Verfahren zur Evidenzerzeugung und sie manipulieren,

rekombinieren und fälschen Bilder gelegentlich um Evidenz zu suggerieren. Aber auch wenn Wissenschaftler/innen

die Wissenschaft selbst analysieren oder evaluieren, kommen Bilder ins Spiel. Nicht selten werden dabei topographische

Atlanten als Vorbild gewählt. Was derartige »Bildevidenz« für die Bewertung von Wissenschaftler/innen und

wissenschaftlichen Erkenntnissen bedeutet, ist Gegenstand des Vortrags.

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Zum Titelbild

Das Titelbild entstammt dem LunchTalk-Vortrag »Die Kraft der Verkleinerung«,

den Reinhold Wendler letzten Dienstag im Interdiziplinären Labor hielt. Es zeigt

den Rauchtest eines Architekturmodells: Während der ingenieurstechnische

Windkanal alle Winde bis auf einen auschließt und diesen damit beschreibbar

machen soll, spaltet er sich am Skalenmodell des Gebäudes wieder in verschiedene

Winde auf und entzieht sich so erneut der Beschreibung.

Franziska Wegener

Assistenz Presse- und

Öffentlichkeitsarbeit

Impressum

Redaktion dieser Ausgabe:

Claudia Lamas Cornejo, Franziska Wegener

Layout: Kerstin Kühl

Schreiben Sie für die CZ über die Arbeit in ihrem

Basisprojekt oder über einen Begriff, der Sie in Ihrer

Arbeit beschäftigt und den Sie zur Diskussion geben

möchten. Tragen Sie Ihre Ideen und Vorschlägen in

diese Tabelle eintragen: http://tinyurl.com/aou48fw

Zeichenangaben:

Mitarbeitervorstellung: 500-650 Z.m.L.

Beitrag Lexikon der Begriffe: 2000-2600 Z.m.L.

Lunch Talk Bericht: 800 - 1500 Z.m.L

Kontakt:

Bild Wissen Gestaltung. Ein Interdisziplinäres Labor

Exzellenzcluster der Humboldt-Universität zu Berlin

E-Mail: bildwissengestaltung@hu-berlin.de

Tel.: +49 30 2093 - 66257

www.interdisciplinary-laboratory.hu-berlin.de

Postanschrift:

Humboldt-Universität zu Berlin

Unter den Linden 6, 10099 Berlin

Sitz:

Sophienstraße 22 a, 10178 Berlin

Redaktionsschluss: Freitags, 10.00 Uhr

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