Es ist genug für alle da - Evangelische Kirche in Deutschland

ekd.de

Es ist genug für alle da - Evangelische Kirche in Deutschland

Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

Lesebuch zur Vorbereitung auf das Schwerpunktthema

Es ist genug für alle da

Welternährung und nach -

haltige Landwirtschaft

6. Tagung der 11. Synode

der Evangelischen Kirche in Deutschland

10. bis 13. November 2013

in Düsseldorf


Impressum

Herausgegeben vom

Kirchenamt der Evangelischen Kirche

in Deutschland (EKD)

Herrenhäuser Straße 12

30419 Hannover

www.ekd.de

Redaktion:

Klaus J. Burckhardt, Renate Knüppel, Gudrun Kordecki,

Claudia Warning, Klaus Seitz

Layout: Jutta Herden

Titelfoto: Frank Schultze, Brot für die Welt

Fotos: Brot für die Welt

Gesamtherstellung:

Geschäftsstelle der Synode der EKD

Herrenhäuser Straße 12, 30419 Hannover

www.ekd.de

Kooperationspartner:

Brot für die Welt – Evangelischer Entwicklungsdienst

Evangelisches Werk für Diakonie und Entwicklung e.V.

Caroline-Michaelis-Straße 1

10115 Berlin, Germany

www.brot-fuer-die-welt.de

Oktober 2013


Lesebuch zur Vorbereitung auf das Schwerpunktthema

Es ist genug für alle da

Welternährung und nach -

haltige Landwirtschaft

6. Tagung der 11. Synode

der Evangelischen Kirche in Deutschland

10. bis 13. November 2013

in Düsseldorf

Mitglieder des Vorbereitungsausschusses

Maike Axenkopf, Trier

Heinrich Kemper, Lage

Viola Kennert, Berlin (Vorsitzende)

Dr. Gudrun Kordecki, Schwerte

Dr. Monika Lengelsen, Wuppertal

Uwe Meinhold, Berlin

Henning Schulze-Drude, Wittingen

Dr. Viva-Katharina Volkmann, Verden (Aller)

Prof. Dr. Claudia Warning, Berlin

Prof. Dr. Dr. h.c. Harald von Witzke, Berlin

Weitere Mitarbeit:

Dr. Martin Heimbucher, Hannover (UEK)

Florian Hübner, Hannover (Entsandt durch VELKD als Ref. des DNK-LWB)

Dr. Renate Knüppel, Hannover (EKD)

Dr. Klaus Seitz, Berlin

Geschäftsführung:

Klaus J. Burckhardt, Hannover (EKD)

Martin Schindehütte, Hannover (EKD)


Inhaltsverzeichnis

Vorwort 6

1 Theologische Grundlegung

Nahrungsgerechtigkeit und Christliche Ethik

Heinrich Bedford-Strohm 7

Brot für die Welt-Projekt Indonesien: Im Einklang mit der Natur 18

2 EKD-Texte zur Thematik 19

2.1 Klärung der Begriffe 19

2.2 Ethische Leitlinien für eine nachhaltige Landwirtschaft 25

2.3 „Es genug sein lassen“: Von der Effizienz zur Suffizienz 32

2.4 Konziliarer Prozess und Option für die Armen 35

2.5 Empfehlungen der Kammer für nachhaltige Entwicklung

für den weiteren Reformprozess der Europäischen Agrarpolitik 37

Brot für die Welt-Projekt Bangladesch: Gebt uns unser Land! 42

3 Strategien im Kampf gegen den Hunger

Dialogprozess zwischen den Kirchen und dem BMELV 43

Brot für die Welt-Projekt Peru: Das Comeback der tollen Knolle 51

4 Brich mit den Hungrigen Dein Brot!

Uwe Meinhold 52

Brot für die Welt-Projekt Argentinien: Mutig gegen Landraub 57

5 Ausländische Direktinvestitionen in landwirtschaftliche Nutzflächen

und die globalen Preisentwicklungen bei Agrargütern

Hans Diefenbacher 58


Inhaltsverzeichnis

6 Landwirtschaft. Ein Thema der Kirche

Clemens Dirscherl 67

Brot für die Welt-Projekt Kenia: Der ewigen Dürre trotzen 73

7 Geschlechtergleichstellung und Ernährungssicherheit

Olivier De Schutter 74

8 Die Welt nachhaltig ernähren – Agrarökologie fördern

Ecumenical Advocay Alliance 78

Brot für die Welt-Projekt Guatemala: Mit dem Mut der Verzweiflung 85

9 Gesundheit und Fehlernährung

Olivier De Schutter 86

10 Soziale Sicherheit und das Recht auf Nahrung

Olivier De Schutter / Magdalena Sepulveda 94

Brot für die Welt Projekt Burkina Faso: Überleben im Klimawandel 99

11 Internationaler Agrarhandel und Entwicklungsländer

Harald von Witzke 100

12 UN-Report: Eine neue globale Partnerschaft – Armut

beseitigen und Volkswirtschaften transformieren durch

nachhaltige Entwicklung 102


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Vorwort

Als Christinnen und Christen wissen wir, wie zentral

Geschichten ums Essen und Sattwerden in der Bibel

sind. Die Vater-Unser-Bitte „Unser tägliches Brot gib uns

heute!“ gehört zum Grundvollzug unseres Glaubens.

Diese Bitte, mit der uns Jesus selbst beten lehrt, weist

weit über das bloße Lebensmittel hinaus. Luthers Er klärung

im Kleinen Katechismus sagt: Brot istalles, was

not tut für Leib und Leben, wie Essen, Trinken, Kleider,

Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromme Eheleute,

fromme Kinder, fromme Gehilfen, fromme und

treue Oberherrn, gute Regierung, gut Wetter, Friede,

Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn

und desgleichen.“ Brot steht damit letztlich für alles,

was für menschliches Leben notwendig ist und also

unsere Not wenden kann.

Im Abendmahl feiern wir Gottes Gabe des Lebens und

seine Gemeinschaft mit uns. Es begründet unsere christliche

Gemeinschaft und stillt den Hunger der Seele nach

Gott. Christliche Gemeinschaft ist so Gabe und Aufgabe:

Wir sind befreit zu solidarischem Teilen. Denn

eine grundlegende Herausforderung für unseren Glauben

ist, dass immer noch etwa eine Milliarde Menschen

extreme Armut und Hunger leiden!

Darum ist es so wichtig, dass sich die Synode der EKD

auf dieser Grundlage intensiv mit den Fragen von Welter

nährung und nachhaltiger Landwirtschaft beschäftigt,

nach Wegen nachhaltiger Wirtschaftsformen fragt und

auf gerechte Teilhabe drängt. Dieses Lesebuch bietet dazu

Fakten und Perspektiven für unsere synodale Debatte

und daraus zu ziehende Folgerungen.

Unsere Aufgabe ist es, angesichts krisenhafter Ent wicklungen

Raum zu schaffen für neues Denken, für Um kehr

und transformatives Handeln. Wir selbst können dafür

eine Menge tun – bei unseren eigenen Ernäh rungs gewohnheiten,

unserem persönlichen Lebens stil, aber

auch in beispielhaftem Handeln in unseren Ge meinden,

in kirchlichen Einrichtungen und im gesellschaftlichen

Dialog. Vom fairen Einkauf bis hin zu nachhaltiger

Landwirtschaftspolitik. Eine „Ethik des Genug“ ist

dabei Gewinn und nicht Verlust von Lebens qualität! Sie

ist ein Zeichen des Vertrauens auf Gott, ein Zeichen der

Dankbarkeit für seine wunderbare Schöpfung.

Schon lange ist uns bewusst, dass Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit

und Partizipation wesentliche Aspekte der

Zukunftsfähigkeit unserer Erde sind. Weil der Skandal

des weltweiten Hungers zum Himmel schreit, gibt es in

der Perspektive des Glaubens einen Vorrang für die

Armen, einen Vorrang für die Hungernden. Für die

Debatten unserer Synodaltagung wünschen wir uns,

dass es im Dreischritt von Sehen, Urteilen und Handeln

gelingt, Welternährung und nachhaltige Land wirtschaft

so zu bedenken, dass darüber deutlich wird: Die Evange

lische Kirche in Deutschland ist den Ärmsten ein

Anwalt ihrer Hoffnung. Denn: „Es ist genug für alle

da!“

Lesebuch

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Dr. Günther Beckstein

Vizepräses der Synode der EKD

Klaus Eberl

Vizepräses der Synode der EKD


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

Feldarbeit, Angola. Foto: Jörg Böthling.

1. Theologische Grundlegung

Nahrungsgerechtigkeit und

Christliche Ethik

Heinrich Bedford-Strohm

1. Einleitung

Lassen Sie mich den Vortrag 1 mit einem Blick vom nächsten

Jahrhundert in unsere Zeit zurück beginnen. Stellen

wir uns folgende Pressemeldung im „Global Electronic

Observer“, dem mit 2 Milliarden Abonnenten weltweit

größten Nachrichtenmedium, vom 15. Januar 2100 vor:

Aufarbeitung der Geschichte gefordert

Bei einer internationalen Milleniums-Konferenz im

süd afrikanischen Cape Town haben führende Historiker

gestern eine neue Anstrengung zur Aufarbeitung

der Geschichte des 21. Jahrhunderts gefordert. Der

welt weit renommierte deutsche Historiker Michael

Misakwani erinnerte an die massive Verletzung der

Menschen rechte, die die ganze erste Hälfte des

21. Jahr hundert gekennzeichnet hätten. Misakwani,

der selbst afrikanische familiäre Wurzeln hat, wies insbesondere

auf das unsägliche Leid hin, das der Mangel

an Nahrung und medizinischer Grundversorgung in

vielen Ländern Afrikas gefordert habe. Heute unvor-

1 Vortrag auf dem Symposium „Wir haben genug!“ im Anschluss

an die 11. Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes

im Juli 2010; abgedruckt in: blick in die Welt (2010),

Nr. 4, S. 1-8.

stellbare 25 000 Tote seien damals aus Armutsgründen

jeden Tag zu beklagen gewesen. Schon damals sei klar

gewesen, dass es auf der Welt genug Nahrungsmittel

gebe, um jedem Menschen ein Existenzminimum zu

garantieren. Ins be sondere im ersten Jahrzehnt des

21. Jahrhunderts sei der Reichtum in Teilen der Welt

sprunghaft angestiegen, ohne dass die Ressourcen

zur wirksamen Be kämpfung der Armut genutzt worden

seien. Auch die Weltwirtschaftskrise des Jahres

2008 habe nur für ein vorübergehendes Nachdenken

gesorgt. Das garantierte weltweite Grundeinkommen,

auf das heute jeder Erden bürger und jede Erden bürgerin

Anspruch habe, sei damals von vielen noch

als illusionäre Idee gesehen worden, obwohl die

Ressour cen dafür schon damals dagewesen sei-

7

en. Die Religionsgemeinschaften hätten zwar immer

wieder die weltweiten Ungerechtigkeiten angeprangert.

Viele ihrer Mitglieder hätten aber damals an den

Schaltstellen der Macht gesessen, ohne dass sie die

durch Armut bedingten massiven Menschen rechtsverletzungen

gestoppt hätten. Bis heute, so Misakwani,

habe die historische Wissenschaft noch nicht

wirklich aufgearbeitet, wie es dazu kommen konnte.

Der Harvard-Historiker John Obama, ein Nachfahre des

ersten schwarzen Präsidenten der USA, wies auf die

Komplexität der wirtschaftlichen Zusammenhänge in

den damaligen ersten Jahrzehnten der Globalisierung

hin. Die wirtschaftliche Dynamik sei so groß gewesen,

dass die humanitäre Dynamik damit nicht Schritt gehalten

habe. Viele der damals führenden Ökonomen und

Politiker seien ernsthaft davon überzeugt gewesen,

dass sich die Überwindung der Armut von selbst ein-

7


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

stellen werde, wenn wirtschaftlichen Aktivitäten möglichst

wenig Grenzen auferlegt würden. Sie seien sich

deswegen der moralischen Fragwürdigkeit des herrschenden

Wirtschaftssystems gar nicht bewusst gewesen.

Einen besonderen Akzent setzte die chinesische

Kirch en geschichtlerin Ka Wee Yan. Yan, die bei der

Kon ferenz die OECC (One Ecumenical Church of

Christ) vertrat, analysierte in ihrem Vortrag die Rolle

der Kirchen. Die damals noch in verschiedenen Konfes

sionen getrennten Kirchen – so Yan – seien zum

einen häufig so sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen,

dass sie die moralische Brisanz der existierenden

Zustände unterschätzt hätten. Zum anderen

habe trotz der schon damals vorhandenen Medien die

unmittelbare Konfrontation mit dem täglichen Elend

und Tod gefehlt. Viele Christinnen und Christen hätten

schon damals engagiert geholfen, wenn sie persönlich

mit Leid konfrontiert gewesen seien. Die

welt weiten Un ge rechtigkeiten hätten sie aber für unüberwindbar

ge halten, so wenig das im Rückblick

nach vollzieh bar sei. Yan plädierte dafür, sich nicht

auf dem Erreich ten auszuruhen. Man habe zwar in

den letzten Jahr zehnten die Voraussetzung dafür geschaffen,

dass jeder Mensch auf Erden ein materiell

sorgenfreies Leben führen könne. Die vollständige

Integration der Technik in das menschliche Leben im

21. Jahrhundert habe aber neue Herausforderungen

für das zwischenmensch liche Zusammenleben geschaffen.

Die australische Historikerin Irabinna Ngurruwutthun

sprach über die ökologische Umorientierung im 21.

Jahrhundert. Man könne sich heute gar nicht mehr

vor stellen, welch massive Gewalt die Menschen zu

Beginn des 21. Jahrhunderts der Erde gegenüber geübt

hätten. Man habe damals im Hinblick auf viele im täglichen

Leben benutzte Güter von „Abfall“ gesprochen.

Man habe diese Stoffe vergraben oder verbrannt. Man

habe zwar bei einigen Stoffen wie Glas und Papier

schon mit Recycling begonnen. Die heute übliche

komplette Wiederverwendung gebrauchter Güter habe

man damals aber noch für zu teuer gehalten. In wenigen

Jahr zehnten habe man damals Wertstoffe aus der

Erde geholt, die in vielen Millionen Jahren gewachsen

seien. Die großen Umsiedlungsprogramme der letzten

Jahrzehnte, bei denen Australien die Hauptlast getragen

habe, seien durch die Klimaveränderungen nötig

geworden, die sich im ersten Jahrzehnt des 21.

Jahrhunderts noch weithin ungebremst entwickelt hätten

und den Meeresspiegel deutlich hätten ansteigen

lassen. Viele hätten die vollständige Umstellung auf regenerative

Energien, die Mitte des 21. Jahrhunderts

weltweit abgeschlossen worden sei, damals noch für

illusionär gehalten. Man habe einen Lebensstil gepflegt,

der von Wasser- und Energieverschwendung

geprägt gewesen sei. Erst durch die weltweit gut organisierten

zivilgesellschaftlichen Bewegungen des

frühen 21. Jahrhunderts habe sich ein grundlegender

Bewusstseinswandel vollzogen. Heute könne sich

kaum jemand mehr vorstellen, warum die Menschen

damals ein Leben mit immer mehr Konsum für erstrebenswert

gehalten hätten. Das müsse auch der heutigen

Generation eine Lehre sein, um Trägheit im

Denken zu überwinden.

Auch verschiedene andere Diskussionsbeiträge der

Tagung plädierten dafür, Lehren aus der Geschichte zu

ziehen. Achtung vor dem Menschen und Achtung vor

der Natur könnten heute besser miteinander verbunden

werden als je zuvor in den letzten Jahrhunderten.

Das 21. Jahrhundert habe in der neueren Geschichte

eine besondere Stellung, nur zu vergleichen mit dem

Zeitalter der Reformation in Europa. Damals seien politische

und religiöse Konstellationen entstanden, die

Jahrhunderte nachgewirkt hätten. Das 21. Jahrhundert

könne als Zeitalter der weltweiten „Transformation“

bezeichnet werden, das den Durchbruch zu einer echten

Weltgesellschaft gebracht habe.“

Soweit die Pressemeldung aus dem „Global Electronic

Observer“ des Jahres 2100. Manchmal können wir

erst durch Distanz zum Gewohnten und Selbst verständlichen

die Unselbstverständlichkeit, in der wir

leben, verstehen. Als Deutsche haben wir diesbezüglich

schmerzhafte Erfahrungen gemacht; nach Ende des

Dritten Reiches fragten viele: Wie haben wir nur untätig

zusehen können, wie Jüdinnen und Juden deportiert

wurden?

Lesebuch

8


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

Wie wird wohl die Frage lauten, die wir uns in 50

Jahren stellen? Die globale Nahrungsungerechtigkeit

kann zwar nicht mit den Massenmorden der Nazis verglichen

werden, denn sie basiert nicht auf der gewollten

und systematisch verfolgten Absicht, Menschen umzubringen.

Trotzdem ist sie ein moralischer Skandal.

Die Opfer der gegenwärtigen globalen ökonomischen

Strukturen – so wenig sie auch beabsichtigt sein mögen

– lassen keinen moralisch sensiblen Menschen

kalt.

Das gilt erst recht, da wir als Christinnen und Christen

sprechen, denn als solche bezeugen wir einen Gott, der

nach Aussage der Bibel untrennbar mit der Option für

die Armen verbunden ist. Diese Option ist kennzeichnend

für alle biblischen Traditionen, angefangen beim

Glauben Israels bis zum Neuen Testament und der

Charakterisierung Jesu. Der Gott Israels, der sich und

das, was für ihn charakteristisch ist, im brennenden

Dornbusch offenbart, definiert sich selbst als der, der

sein Volk aus der Unterdrückung in die Freiheit führen

wird. Daher schützt das Gesetz, das Israel von Gott erhält,

in besonderer Weise die Schwachen: Sorgt euch

um die Sklaven, denn auch ihr seid Sklaven gewesen

und ich habe euch in die Freiheit hinaus geführt! Die

Propheten kämpfen mit Leidenschaft für Gerechtigkeit

und üben Kritik an einem religiösen Kult, der die

Gerechtigkeit nicht achtet:

„Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und

mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn

ihr mir auch Brandopfer und Speiseopfer opfert, so

habe ich keinen Gefallen daran und mag auch eure

fetten Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das

Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel

nicht hören! Es ströme aber Recht wie Wasser und

die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach“

(Amos 5, 21-24).

Jesus schließlich präsentiert die Bibel als den, der kam,

um den Armen das Evangelium zu verkündigen, und

der sich mit denen identifiziert, die hungrig, nackt,

krank, gefangen und fremd sind: „Wahrlich, ich sage

euch, was ihr einem von diesen, meinen Brüdern, getan

habt, das habt ihr mir getan” (Mt. 25, 40).

Ich möchte in drei Schritten die theologischen Vorarbeiten

leisten, um mit diesen Problemen umzugehen:

Zuerst möchte ich das Profil der Option für die Armen

schärfen, indem ich vier wichtige Charakteristika beschreibe.

Ich werde unter Berufung auf Martin Luther

die Bedeutung dieser Option unterstreichen. Danach

will ich mehrere ökonomische Modelle vorstellen, die

sich auf verschiedene Weise zu einem theologischen

Ansatz verhalten, der auf der Option für die Armen basiert.

Schließlich will ich sieben Herausforderungen der

internationalen Ernährungsgerechtigkeit skizzieren und

ein paar Gedanken darüber entwickeln, welche Rolle

die Kirchen darin spielen können.

2. Theologische Klärung –

die Option für die Armen

Ich will das Profil der Option für die Armen als ein

grundlegendes Prinzip des christlichen Verständnisses

von Gerechtigkeit schärfen, indem ich vier Aspekte darstelle,

die seinen Inhalt und seine Funktion definieren. 2

Die erste und fundamentale Klärung behandelt die

Frage, was Armut denn überhaupt sei. Materielle Armut

ist nur eine der Bedingungen, die gemeint sind, wenn

wir von der Option für die Armen sprechen. Es gibt

auch eine Form der Armut, die „sozio-kulturelle Armut”

genannt wurde. 3 Sie beinhaltet unterschiedliche Formen

der Diskriminierung, wie Diskriminierung aufgrund

von Rasse, Geschlecht oder sexueller Vorliebe. Es ist

wichtig zu sagen, dass das Konzept der sozio-kulturellen

Armut nicht dazu benutzt werden sollte, die

Grausamkeit des täglichen Kampfes ums Überleben zu

mystifizieren, den materielle Armut bedeutet. Materielle

Armut – und das bedeutet insbesondere Mangel an

Nahrung – bleibt die zentrale Form der Armut, und sie

ist gewöhnlich eine Dimension der sozio-kulturellen

Armut. Der Kern dessen, was Armut bedeutet, wird am

besten verstanden, wenn wir sie als Mangel an Teilhabe

2 Für eine tiefer gehende Diskussion cf. H. Bedford-Strohm:

Vorrang für die Armen. Auf dem Weg zu einer theologischen

Theorie der Gerechtigkeit, Gütersloh 1993, 166-203.

3 Boff/Pixley, 25.

9


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

definieren. Es gibt immer einen Mangel an Teilhabe,

wenn Menschen national wie international ausgeschlossen

werden von den ökonomischen und sozialen

Prozessen der Gesellschaft. Materielle Armut und besonders

Mangel an Nahrung muss als Mangel an Teilhabe

auf mehrfache Art gesehen werden, da sie für gewöhnlich

den Ausschluss vom ökonomischen und

sozia len Prozess bedeutet. Die Tatsache, dass politische

Ämter beinahe nie von Menschen bekleidet werden, die

an Armut gelitten haben, ist nur einer der Hinweise auf

diese Tatsache. Die Wichtigkeit von Teilhabe ist auch

der Fokus meiner zweiten Klärung.

Meine zweite Klärung bestätigt den universalen Horizont

der Option für die Armen. Diese Option wurde oft

als exklusiv und spaltend kritisiert. Und es ist sicherlich

wahr: Die Tatsache, dass sie eine vorrangige Option ist,

bedeutet, sie ist eine konfliktträchtige Option. Sie unterstützt

bestimmte Interessen im Gegensatz zu anderen

Interessen. Letztlich ist sie aber keine parteiliche, sondern

eine universale Option. Sie zielt auf Gerechtigkeit

für alle. Sie ist parteilich nur so lange, wie diese universale

Absicht blockiert wird durch die Verfolgung illegitimer

Interessen einiger auf Kosten der anderen. Vorrang

für die Armen zielt nicht auf den Ausschluss der

Reichen, aber er will diejenigen einschließen, die derzeit

von den Vorteilen der Gesellschaft ausgeschlossen

sind. Dieser Vorrang ist ein notwendiger Schritt auf dem

Weg zur Beteiligung aller am Vorteil der gegen sei tigen

Zusammenarbeit. Lassen sie mich den Zu sammen hang

zwischen dem universalen und dem Vor rang gebenden

Sinn der Option für die Armen mit der so ge nannten

Goldenen Regel veranschaulichen, wie sie im Neuen

Tes tament als Zusammenfassung der christ lichen Ethik

vorgestellt wird: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch

die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!” (Mt. 7, 12). Die

goldene Regel ist eine universale Option, die auf Ge genseitigkeit

basiert. Wenn wir sie auf unsere Frage nach

Gerechtigkeit anwenden, kommen wir kaum an dem

Schluss vorbei, dass sie direkt zur Option für die Armen

führt: Lebe in Solidarität mit dem Kampf der Ar men um

ein würdiges Leben, genau wie du selbst ja auch ein

würdiges Leben führen willst. Die vorrangige Option

ist lediglich eine logische Folge der universalen Option,

angewandt auf eine bestimmte politische Situa tion.

Meine dritte Klärung führt meine Interpretation der

goldenen Regel einen Schritt weiter über die Schwelle

der Theologie hinaus. Die Option für die Armen ist

nicht nur fest verwurzelt in einer auf der Bibel basierenden

theologischen Ethik, sondern sie ist auch zentraler

Be standteil einer philosophischen Annäherung an

Ge rech tigkeit. Wie einige von ihnen vielleicht merken,

beziehe ich mich auf John Rawls‘ berühmte Theorie der

Gerech tig keit. Ich glaube nicht nur, dass deren zentrale

Bestandteile der Kritik von verschiedenen Seiten stand

halten konnten, sondern ich denke auch, dass sie in hohem

Maße kompatibel sind mit christlicher Ethik. Das

Differenz-Prinzip, das eines der zwei Haupt prin zipien

ist, für die Rawls philosophisch argumentiert, steht der

Option für die Armen recht nahe: Differenzen in Wohlstand,

Ein kommen und Macht sind nur dann gerechtfertigt,

wenn sie „(a) dem größten Nutzen der am meisten

Benach tei lig ten dienen und (b) gebunden sind an

Ämter und Posi tionen, die allen unter den Be din gungen

der Chancen gleichheit offen stehen.“ 4 Die Verbindung

des Vorzugs für die am meisten Benach teiligten

und die Zugäng lich keit sozialer Positionen für alle ist

eine enge philosophische Analogie zu dem teilhabeorientierten

Ver ständ nis der Option für die Armen, wie

ich es interpretiert habe. 5 Die Goldene Regel hat eine

Brücken funk tion zwischen biblisch begründeter, theologischer

Ethik einerseits und philosophischer Ethik

andererseits. Beide führen von einer universalen Ethik

der Gegenseitigkeit zur Option für die Armen als dem

zentralen Kriterium für Gerechtigkeit.

Diese Rolle als Kriterium für Gerechtigkeit muss auf

ganz besondere Weise verstanden werden – und dies

ist meine vierte und letzte Klärung. Die Option für die

Armen ist ein kritischer Maßstab zur Beurteilung der

gegenwärtigen Situation im nationalen oder internationalen

Kontext. Jeder Gebrauch dieses Kriteriums zur

schlichten Legitimation einer unabhängig davon gewonnenen

Präferenz für eine gewisse Wirt schafts ordnung,

welche auch immer es sei, ist gegen seine bibli-

4 J. Rawls: A Theory of Justice, Cambridge 1971, 83.

5 Es ist auch bemerkenswert, dass Rawls ausdrücklich argumentiert,

dass das Differenz-Prinzip ein Verständnis von

Gegenseitigkeit ausdrückt.” (Rawls, 102).

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Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

sche Bestimmung. Biblisch begründete christliche

Ethik ist immer kritische Ethik. Jesu Verkündigung des

Reiches Gottes war der eschatologische Ruf zu einem

neuen Leben. Sie war der Aufruf, Salz der Erde und

Licht der Welt zu sein. Es war der Aufruf, nicht auf den

Splitter im Auge des Nächsten zu sehen, sondern auf

den Balken in unserem eigenen Auge.

Die Option für die Armen ruft uns in den mächtigen

Ländern der westlichen Welt dazu auf, nicht auf andere

und deren Verantwortlichkeiten zu deuten, sondern

als erstes auf uns selbst zu schauen und darauf, wie wir

zu weltweiter Ungerechtigkeit beitragen. Diese Option

muss als kritisches Kriterium verwendet werden bei

unserer Erwägung der angemessenen ökonomischen

Strategien, die zu mehr Gerechtigkeit führen.

Ich will das Ergebnis meiner vier Klärungen so zusammenfassen:

Erstens: Die Situation, der die Option

für die Armen sich widmet, ist Mangel an Teilhabe.

Zweitens: Der exklusive Vorrang für die Armen ist eine

logische Folge ihrer inklusiven Universalität. Drittens:

Sie ist auf philosophischer Basis eben so plausibel, wie

auf biblischer. Viertens: Sie wird nur dann angemessen

als Kern christlicher Ethik verstanden, wenn sie als kritisches

Kriterium benutzt wird.

Ich glaube, dass diese vier Klärungen, die ich vorgeschlagen

habe, notwendig sind, um der Option für die

Armen ein Profil zu geben, das sie davor schützt, nur

ein Schlagwort ohne jeden Orientierungswert zu sein.

Bevor ich mich der Wirtschaft zuwende, lassen Sie mich

ein paar Minuten lang das Augenmerk auf den Vater des

Luthertums richten, Martin Luther selbst. Nur wenige

Menschen denken an die Option für die Armen, wenn

sie seinen Namen hören. Das ist ein Fehler, wie ich versuchen

werde, aufzuzeigen.

3. Martin Luthers Leidenschaft

für Gerechtigkeit

Luthers zahlreiche Werke zur Wirtschaftsethik bilden

den weniger bekannten Teil seiner Arbeit. Dies ist umso

überraschender, da sein leidenschaftliches Ein tre ten für

soziale Gerechtigkeit und für die Armen nichts an

Aktualität verloren hat. In diesen Werken kann Luther

wirklich als „öffentlicher Theologe” erkannt werden.

Selbst wenn er nicht die theoretische oder politisch-intellektuelle

Bandbreite von heute zur Verfügung hatte,

mischte er sich, oft mit beißender Kritik, in öffentliche

Angelegenheiten ein. In seinen Werken zur Wirtschaftsethik

spricht er von dem christlich-ethisch begründeten

Vorrang, der in den sozialen Umwälzungen des aufkeimenden

Frühkapitalismus den Schwachen zukomme.

Der zeitgenössische Hintergrund seiner Bemerkungen

kann nicht direkt übertragen werden auf die heutige

öko nomische und soziale Situation. Doch trotz der

Grenzen von Luthers traditionsorientierter Mentalität

sind seine ethischen Grundaussagen, stark von der

Bibel beeinflusst, in hohem Maße relevant für die heutige

Wirtschaft. Die weltweite Verteilung des Wohlstands

ist heute wahrscheinlich noch ungleicher, als

sie in der völlig anderen Weltwirtschaft seiner Tage

war. Es geht nicht zu weit, zu sagen, dass das Haupt-

Charakteristikum in Luthers Grund-Orientierung der

Wirtschafts-Ethik der „Vorrang für die Armen“ sei. Ein

Beispiel ist Luthers scharfe Kritik an der Art, wie der

Preis für Güter am Gesetz von Angebot und Nachfrage

ausgerichtet wird.

„Erstens haben die Kaufleute unter sich eine allgemeine

Regel, das ist ihr Hauptspruch und Grund aller

Wucherkniffe, daß sie sagen: Ich darf meine Ware

so teuer geben, wie ich kann. Das halten sie für ein

Recht, da ist dem Geiz der Raum gemacht und der

Hölle alle Tür und Fenster aufgetan. Was ist das denn

anders gesagt als soviel: Ich frage nichts nach meinem

Nächsten? Hätte ich nur meinen Gewinn und Geiz

voll, was geht’s mich an, daß es meinem Nächsten

zehn Schaden auf einmal täte? Da siehst du, wie dieser

Spruch so stracks unverschämt nicht allein gegen

die christliche Liebe, sondern auch gegen das natürliche

Gesetz geht.” 6

6 Martin Luther, ‘Von Kaufshandlung und Wucher (1524)’, in

„Luther Deutsch“ hgg. v. Kurt Aland , 2. Auflage 1967, Bd. 7,

S. 265.

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Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Luther kämpft gegen die Ausrichtung der Preise am

Markt, da dies die Bedürfnisse der Schwachen außer

Acht lässt. Seine Alternative ist die Ausrichtung an einem

fairen Preis: „Es sollte nicht so heißen: ich darf

meine Ware so teuer geben, wie ich kann oder will,

sondern so: Ich darf meine Ware so teuer geben, wie

ich soll, oder wie es recht und billig ist.“ 7

Dann fährt er fort, zehn Praktiken der multinationalen

Firmen seiner Zeit zu beschreiben, die ihren Vorteil

ziehen aus der Not der Armen, indem sie ihrer eigenen

Gier folgen, wie zum Beispiel Preissteigerung durch

Monopolbildung. 8

Jes. 1, 23: ‚Deine Fürsten sind der Diebe Gesellen geworden.’

Dieweil lassen sie Diebe hängen, die einen

Gulden oder einen halben gestohlen haben, und machen

Geschäfte mit denen, die alle Welt berauben und

mehr stehlen, als alle anderen, damit ja das Sprichwort

wahr bleibe: Große Diebe hängen die kleinen Diebe,

und wie der römische Ratsherr Cato sprach: Kleine

Diebe liegen im (Schuld)Turm und Stock, aber öffentliche

Diebe gehen in Gold und Seide.” 10

Diese Worte bringen einen Protest gegen die Allianz von

Macht und Geld zum Ausdruck, welche die Interessen

und Rechte der Armen leugnet.

Lesebuch

Auffallend ist auch Luthers Beharren darauf, dass

Politiker eine aktive Rolle bei der Eindämmung ungezügelter

Wirtschaftsmacht spielen sollten: „… die beste

und sicherste Weise (wäre), daß die weltliche Obrigkeit

hier vernünftige, redliche Leute einsetzte und verordnete,

die alle Ware mit ihren Kosten überschlügen und

danach das Maß und Ziel festsetzten, was sie gelten

sollte, daß der Kaufmann zurechtkommen und seine

ausreichende Nahrung davon haben könnte“. 9

Dieser Abschnitt lässt keinen Zweifel daran, dass – für

Luther – die Regierung die Aufgabe hat, den notwendigen

Rahmen für wirtschaftliche Aktivität vorzugeben,

wenn wir auch seine Lösung der Preiskontrolle durch

die Regierung heute nicht mehr vertreten können.

Luther greift Politiker an, da sie der Wirtschaft zu

nahe stehen. Seine Skepsis im Hinblick auf die Unabhängigkeit

von Politikern und seine Forderung nach

dem Primat der Politik spricht in mancher Weise zu uns

heute. Was die ökonomische Praxis der multinationalen

Firmen, wie etwa der Fugger betrifft, die zu seiner Zeit

immer mächtiger wurden, sagt Luther:

„Könige und Fürsten sollten hier drein sehen und

dem nach strengem Recht wehren. Aber ich höre,

sie haben Anteil daran und es geht nach dem Spruch

7 Ibid., S. 266.

8 Ibid., S. 275ff.

9 Ibid., S. 267.

Luthers Kritik am frühen Kapitalismus, für deren radikale

Leidenschaft viele weitere Beispiele angeführt

werden könnten, kann nicht einfach auf unsere Zeit

übertragen werden. Dahinter steht ein konservatives

Festhalten am alten Feudalsystem, das sicher nicht

die Lösung für uns heute sein kann. Der Hintergrund

für Luthers moralische Entrüstung hat jedoch nichts

von seiner Aktualität verloren. Es ist die „Freiheit eines

Christenmenschen”, die die Reformation in den

Mittelpunkt stellte, die Mitgefühl hat für das Schicksal

des Nächsten, insbesondere des von der Armut geplagten

Nächsten und die nach Wegen sucht, seine

Situation zu verbessern. Wie Klaus Nürnberger in seiner

großartigen Studie über Luthers Werke aus der

Perspektive des südafrikanischen Kontexts festhält, „betont

Luther die öffentliche Verantwortung der Kirche.

Kirchenführer müssen sich mit einer klaren Botschaft

an die Öffentlichkeit wenden; Gemeinden müssen

Anteil nehmende Gemeinschaften werden und einzelne

Mitglieder müssen in ihren säkularen Kontexten als

Christen handeln.“ 11

Von daher dürfen wir mit einiger Sicherheit annehmen,

dass Luther, wenn er in unserer Zeit mit ihrem globalen

Horizont lebte, ein leidenschaftlicher Anwalt der internationalen

Ernährungsgerechtigkeit wäre. Wir haben

deutliche Hinweise dafür gefunden, dass die Option für

die Armen, die wir als charakteristisches Merkmal des

10 Ibid., 282.

11 Nürnberger, Luther’s message for us today, p. 298.

12


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

biblischen Gottesverständnisses erkannt haben, sich

auch als ein zentraler Aspekt der Theologie Luthers herausstellt.

Es ist ein seltsames Phänomen, dass lutherische

Kirchen und die Theologie im Norden weithin

Luthers Rechtfertigungslehre gewürdigt und reflektiert

haben, seine leidenschaftliche Option für die Armen

aber beinahe außer Acht ließen.

Wie können wir aber die Option für die Armen mit konkreten

Regelungen für die Wirtschaft verbinden? Dies

ist eine Schlüsselfrage, wenn wir versuchen, Wege zur

internationalen Ernährungsgerechtigkeit zu finden. Es

gibt da beachtliche Meinungsverschiedenheiten über

den Ort und die Bedeutung ethischer Überlegungen für

Fragen der Ernährungsgerechtigkeit. Das hat mit dem

Wirtschaftsverständnis zu tun.

Ich sehe drei verschiedene Modelle des Wirt schaftsverständnisses,

die ökonomische und ethische Überlegungen

auf sehr unterschiedliche Weise verbinden.

4. Drei Modelle der christlichen

Wirtschaftsethik

Das technische Wirtschaftsmodell kann sehr kurz abgehandelt

werden. Man muss es aus theologischer Sicht

ernsthaft in Frage stellen. In seiner stärksten Form lehnt

es alle Überlegungen ab, die über Fragen der rein instru

mentellen Vernunft hinaus gehen, so zum Beispiel

die nach der besten Strategie zur Maximierung der

weltweiten Nahrungsmittelproduktion. In seiner milderen

Form setzt es voraus, dass über ein menschliches

Grund verständnis von Werten wie der Bekämpfung

menschlichen Leidens hinaus weitere ethische Reflexionen

unnötig sind. Da nahezu alle Menschen sich auf

diese Grundwerte einigen können, gibt es keinen Bedarf

an ethischem Eingreifen im Bereich der Wirtschaft. Die

Herausforderung liegt vielmehr darin, wie man zu den

rechten ökonomischen Strategien findet, um die ethischen

Ziele zu erreichen, über die sich alle mehr oder

weniger einig sind.

Wer von diesem Modell ausgeht, ist normalerweise skeptisch

oder gar feindselig gegenüber religiös begründeten

Eingriffen in die Wirtschaftsdebatte. Zumal in seiner

schwächeren Form kann dieses Modell wertvoll sein

und sollte nicht einfach verworfen werden. Wo theologisch

begründete Wirtschaftsethik die Schwierigkeit

unterschätzt, tatsächlich wirksame Strategien zu finden,

da können Beiträge vom Standpunkt dieses

Modells aus einen gesunden Ernüchterungseffekt haben.

Genau so klar muss jedoch zur Sprache gebracht

werden, dass dieses Modell, gerade in seiner stärkeren

Form, zur Ideologie neigt, da ihm das Bewusstsein seiner

eigenen, vorausgesetzten Ziele und Werte fehlt.

Die Ziele und Werte können als Antrieb eines zweiten

Modells gesehen werden, das ich das utopische

Wirtschaftsmodell nenne. Das utopische Modell kritisiert

grundlegend die existierende soziale und ökonomische

Ordnung mit all ihrer Akzeptanz von Gier

und Egoismus und versucht, Alternativen zu dieser

Ordnung zu beschreiben, die auf gleicher Verteilung

von Ressourcen beruhen. Der Kapitalismus wird grundsätzlich

verurteilt, da er auf der Basis des Profitstrebens

funktioniert, einer Haltung, die in grundsätzlichem

Wider spruch zum christlichen Gebot gesehen wird,

den Nächsten zu lieben und ihm zu dienen. 12 Das

Versagen des Kapitalismus wird als erwiesen angesehen

durch die Tatsache, dass er nicht dazu in der Lage ist,

die ausreichende Versorgung mit Lebensmitteln für alle

Menschen sicher zu stellen. In seiner schärfsten Version

dämonisiert es den Kapitalismus sogar als die Quelle allen

Übels. In seiner milderen Version konzentriert es

sich auf die Alternativen.

Die mit diesem Modell gegebene Beschreibung einer

Wirtschaft, die von gegenseitigem Respekt und

Solidarität unter den Menschen und dazu noch von einem

Bewusstsein für die Würde der außermenschli-

12 Vgl. z.B. Ulrich Duchrow, Alternatives to Global Capitalism.

Drawn from Biblical History, Designed for Political Action,

Utrecht 1995. Obwohl Duchrow nicht nur alternative Visionen

einer „Wirtschaft des Lebens” präsentiert, sondern auch

in vielfach wertvoller, scharfer, politischer und ökonomischer

Analyse, würde ich seinen Ansatz dem utopischen Modell

nahe sehen. Sein pragmatischer Nutzen leidet unter einer

unzureichenden Reflexion über die Rolle des Eigeninteresses

bei wirtschaftlichen Transaktionen.

13


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

chen Natur angetrieben wird, kann sehr inspirierend

sein und kann kreative Vorstellungskraft wecken für

ein neues wirtschaftliches Denken über den Horizont

traditioneller Konzepte hinaus. Diese sind manchmal

viel enger, als uns klar ist, wenn wir mit ihnen groß

geworden sind. Und es gibt eine offensichtliche Nähe

zwischen diesem Modell und biblischen Visionen, die

ebenso neue Werte und neue Beziehungen des Schalom

im Reich Gottes beschreiben. 13

Die Schwäche dieses Modells liegt in seiner primären

Abhängigkeit von Inspiration. Grundlegende Alter na tiven

in der Organisation der Wirtschaft in Bezug auf

Ver teilung der Ressourcen können nur gelebt werden,

wenn Menschen sich in hohem Maße mit ihren Zielen

und Werten identifizieren. Wo Inte ressens kon flikte und

das Ringen um knappe Roh stoffe nicht im Wege stehen,

können alternative Modelle funktionieren und andere

inspirieren. Sie können aber nicht die Hauptgrundlage

für die öffentliche Stimme der Kirche in Wirtschafts-

Angelegenheiten sein, solange nicht die allgemeine Bekehrung

aller zu diesen neuen Werten bevorsteht. Die

Organisation der Wirtschaft auf die allgemeine Bereitschaft

zum freiwilligen Teilen der Ressourcen aufzubauen,

ist von daher problematisch. Wenn die politische

Umsetzung utopischer Modelle zu Konsequenzen führen,

die deren ursprünglichen guten Intentionen genau

entgegenlaufen, also etwa zu einem starken Rückgang

in der Wohlstands-Erzeugung führen, dann können sie

sogar ethisch zutiefst fragwürdig sein.

Die Stärke des utopischen Wirtschaftsmodells ist seine inspirierende

Botschaft von der Möglichkeit einer anderen

Welt. Seine Gefahr liegt in seiner Ratlosigkeit gegenüber

einer Situation, in der die Wirtschaft immer noch auf eine

Weise organisiert werden muss, die existierende Eigeninteressen

und die damit verbundenen Vertei lungs kämpfe

in Betracht zieht. Wenn die Menschen nicht spontan teilen,

braucht man Regeln und Anreize, die sowohl zur

Produktion von Reichtum als auch zu einer gerechten

Verteilung ermutigen. Das utopische Modell lässt diejeni-

13 Siehe F. Segbers, Die Hausordnung der Tora. Biblische Impulse

für eine theologische Wirtschaftsethik, 3. Auflage 2002;

U. Duchrow, Alternatives, 142-202.

gen im Stich, welche – zum Beispiel als PolitikerInnen –

die Macht zur Gestaltung solcher Regeln haben.

Das ist der Grund, weshalb wir ein drittes Modell

brauchen, das ich das öffentlich-theologische Wirtschafts

modell nenne. Das öffentlich-theologische

Modell schätzt das Inspirationspotential des utopischen

Modells. Aber es geht über dieses Modell hinaus, indem

es ausdrücklich über die konkreten Auswirkungen gewisser

möglicher Mechanismen nachdenkt, wobei es

mögliche, unbeabsichtigte, kontraproduktive Aus wirkun

gen von Mecha nismen berücksichtigt, die auf den

ersten Blick ethisch besonders wertvoll erscheinen. Das

öffentlich-theologische Modell hat eine natürliche Nähe

zu einer Ver ant wortungsethik, da es das Nachdenken

über die Kon se quen zen seiner in Erwägung gezogenen

Hand lungs-Alternativen als integralen Bestandteil seiner

ethischen Argumentation ansieht. Nur wenn theologisch

be gründete, ethische Ziele sowohl auf eine sorgfältige

Reflexion politischer und ökonomischer Stra te -

gien als auch auf deren erwartete Konsequenzen bezogen

werden, kann theologische Ethik tatsächlich

Richtlinien geben für Politik und Wirtschaft und die zivilgesellschaftliche

Debatte darüber. 14

Dieses Modell hilft jedoch auch Ökonomen, ihr eigenes

Denken kritisch zu reflektieren. Welches sind die impliziten

Ziele und Werte ökonomischer Strategien, und

wie werden die Prioritäten festgelegt? Und woran messen

wir den Erfolg ökonomischer Bestrebungen? Derlei

Erfolg einfach an der weltweiten Nahrungsmittel-Pro -

duk tion zu messen impliziert andere Ziele, als Instrumente

zu entwickeln, mit denen man die Ver bes serung

der Lebensumstände der Armen messen und den Fortschritt

im ökologischen Umbau beurteilen kann. Gute

Wirtschaftstheorie beinhaltet eine solche Rechen schaft

über ihre Ziele und Absichten in ihren Überlegungen.

14 Für meine früheren Ausführungen zur öffentlichen Theologie

siehe H. Bedford-Strohm, Nurturing Reason. The Public

Role of Religion in the Liberal State, in: NGTT 48 (2007),

25-41; Public Theology and the Global Economy. Ecumenical

Social Thinking between Fundamental Criticism and

Reform, in: NGTT 48 (2007), 8-24; und „Tilling and Caring

for the Earth”. Public Theology and Ecology, in: International

Journal of Public Theology 1 (2007), 230-248.

14


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

Was folgt aus dieser Reflexion über Theologie und

Ökonomie für unsere Frage nach der internationalen

Ernährungsgerechtigkeit? Ich möchte auf sieben Aspek

te hinweisen:

Zweitens. Vorschläge, die Globalisierung als die Hauptoder

Einzelursache des Problems sehen und die sich auf

Subsistenz lokaler Kleinbauern konzentrieren, müssen

die Folgen dieses Ansatzes sorgfältig analysieren. Wird

dieser Ansatz ausreichend gegen die wetterbedingten

Schwankungen der Ernteerträge schützen? Ist es wirklich

im Interesse der Armen, wenn man das Ausnutzen

der wechselseitigen Kostenvorteile ablehnt, die der globale

Handel ermöglicht? Wenn landwirtschaftliche

Koope rativen indafrika guten Wein herstellen und

in Europa verkaufen, kann das nicht ein Weg sein, die

Teilhabe der Armen zu stärken?

5. Sieben Herausforderungen für die

internationale Ernährungsgerechtigkeit

Erstens. Nach dem zur partizipatorischen Dimension

der Option für die Armen Gesagten ist klar, dass internationale

Ernährungsgerechtigkeit nicht nur die Versorgung

aller Menschen mit ausreichend Nahrung bedeutet.

Sie bedeutet mehr. Sie bedeutet die Befähigung

dazu, sich selbst aktiv mit Nahrung zu versorgen. Sie

bedeutet die gerechte Teilhabe an sozialen und wirtschaftlichen

Prozessen, die den Lebensunterhalt für alle

gewährleisten. Wenn also diejenigen Recht haben sollten,

die sagen, die gegenwärtige Form des Kapitalismus

mit mächtigen Firmen und den neuesten Technologien

sei am besten dazu in der Lage, die höchst mögliche

Nahrungsmittelproduktion zu gewährleisten, die dann

nur noch auf faire Weise weltweit zu verteilen sei,

dann könnte dieser Ansatz dennoch nicht als ein mit

der Option für die Armen vereinbarer Ansatz angesehen

werden. Die Armen bleiben abhängig, statt aktiv an

der Nahrungsmittel-Produktion teilzunehmen. Wenn

die Nahrungsmittel-Produktion immer mehr auf genetisch

modifizierte Organismen (GMO) setzt, werden die

Bauern zunehmend abhängig von den Saaten der Firma

Monsanto und anderer. Mehr noch, wenn das Land im

Besitz mächtiger Firmen ist, die ihre Entscheidungen

am Ziel des höchstmöglichen Profits ausrichten, gibt es

keinerlei Basis für eine gerechte Teilhabe aller. Effektive

Landwirtschaft muss daher Hand in Hand gehen mit einer

breiten Verteilung des Eigentums an Ackerland.

Daher gibt es drittens guten Grund, die Globalisierung

nicht abzulehnen, sondern sie neu auszurichten auf

eine Weise, die die Macht transnationaler, den Markt

kontrollierender Akteure einschränkt und die jene Mitbewerber

schützt und befähigt, die klein sind und daher

wenig Macht auf dem Markt haben.

Viertens. Ernährungsgerechtigkeit zu schaffen ist nicht

eine Frage des Jas oder Neins zur Liberalisierung des

Marktes. Liberalisierung des Marktes ist ethisch wünschenswert,

wenn es die Chancen jener kleinen Mit bewer

ber auf Ent wicklung ihres eigenen Wir tschafts potentials

erhöht. Libe ralisierung ist ethisch frag würdig,

wo sie nur ein ideologisches Schlagwort zum Schutz

der mächtigen Nationen im Norden ist. Wenn indafrika

die aus Dänemark importierte Milch billiger ist,

als die von lokalen Bauern in Johannesburg produzierte

und somit deren Bankrott verursacht, ist es wesentlich

sinnvoller, den südafrikanischen Markt vor solcher europäischer

Milch zu schützen und die südafrikanischen

Bauern ihre eigene Milch produzieren zu lassen, als

ihre Betriebe zu zerstören und dann Geld für Ent wicklungshilfe

zugunsten südafrikanischer Farmer auszugeben.

Fünftens. Ernährungsgerechtigkeit und ökologische Anliegen

können nicht länger gegeneinander ausgespielt

werden. Im Zeitalter des Klimawandels ist es offensichtlich,

dass der Mangel an Maßnahmen gegen die globale

Erwärmung seitens der Haupt-Verschmutzer in den

Industrienationen die schlimmsten Folgen hat für jene,

die eine solche Situation am wenigsten mit verursachen.

Da die durch globale Erwärmung verursachten Dürren

hauptsächlich den Süden der Welt und namentlich

Afrika betreffen werden, ist alles außer einer massiven

Reduktion des CO 2

-Ausstosses im Norden ein massiver

Angriff auf die Ernährungsgerechtigkeit in der Zukunft.

Sechstens. Ökologische Überlegungen haben zur massiven

Werbung für die Option Biosprit geführt. Schon

15


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

damals gab es Stimmen, die vor den Folgen für die

Nahrungsversorgung warnten. Heute müssen wir sagen,

dass diese Stimmen Recht hatten. Es wäre besser

gewesen, auf unsere menschliche Intuition zu hören,

dass Nahrung vor allem dazu da ist, in den Mund

der Menschen anstatt in Motoren gesteckt zu werden.

Wir müssen die Prioritäten ändern. Die Werbung für

Biosprit muss gestoppt werden, bis jeder Mensch auf

dieser Welt ausreichend zu essen hat.

Siebtens. Wenn wir ernst nehmen, dass die Option

für die Armen eine selbstkritische Option ist, dann

müssen wir damit aufhören, die Schuld „den anderen“

zu geben. Regierungen im Norden müssen die

Verantwortung für die Geschichte der Ungerechtigkeit

während der Kolonialzeit übernehmen. Sie müssen ihre

Rolle bei der Steigerung des eigenen Wohlstands durch

Gebrauch der Ressourcen südlicher Länder ohne angemessene

Entschädigung anerkennen. Sie müssen damit

aufhören, ihre immense, historisch gewachsene Wirtschaftsmacht

exklusiv in ihrem eigenen Interesse einzusetzen,

anstatt im gegenseitigen Interesse.

Regierungen und Aktivisten im Süden sind dazu aufgerufen,

die Punkte zu benennen, an denen Defizite

in gutem Regierungshandeln in ihren eigenen Ländern

zum Mangel an Nahrung beiträgt, statt alles Übel der

Kolonialgeschichte zuzuschreiben. Sie sollten neue Anstrengungen

zum Aufbau einer Zivilgesellschaft und

einer öffentlichen Verwaltung unternehmen, die sich

mehr am Gemeinwohl orientiert, statt ein Ort der persönlichen

Bereicherung zu sein.

Diskurs, der zu politischen Strategien führt, die auch

für die Machthabenden anwendbar sind. Um aber keine

Missverständnisse zu erzeugen: Die Kirche ist bei

aller Offenheit im Diskurs in der politischen Debatte

nicht neutral, sondern versteht sich als Anwältin der

Armen. Ausdrücklich schließt die Kirche die Wert dimen

sion in ihre Beiträge zur politischen Debatte ein.

Die Formen dieser Beiträge reichen von öffentlichen

Bekanntmachungen, wo immer sich eine Gelegenheit ergibt,

gehört zu werden, über Demonstrationen bis hin zu

begrenzten Akten des zivilen Ungehorsams, wenn dies

der einzige Weg ist, um auf schwere Ungerechtigkeiten

hinzuweisen. Anders als beim utopischen Modell werden

diese Aktionen aber nicht primär verstanden als

Aktionen des Bekennens und des Widerstandes gegen

das System“ (was auch immer dieses System genau ist),

sondern als integraler Bestandteil einer Strategie der öffentlichen

Kommunikation innerhalb einer demokratischen

Gesellschaft, mit dem Ziel, politische Schritte zur

Überwindung der Armut voran zu treiben.

In seinen öffentlichen Erklärungen – dies ist ein weiterer,

wichtiger Punkt – ist das öffentlich-theologische

Modell ein zweisprachiges. 15 Einerseits gibt es

Rechenschaft über seine biblischen und theologischen

Wurzeln, indem es biblische Texte und Metaphern

verwendet, und andererseits zeigt es auf, warum seine

Vorschläge und Feststellungen plausibel sind und allen

Menschen guten Willens einleuchten, indem es die

Sprache des säkularen Diskurses benutzt. 16 Dadurch

wird es der Tatsache gerecht, dass Glaube und Vernunft

komplementär sind und keine Widersprüche.

Lesebuch

6. Gerechtigkeit und öffentliche

Theologie – die Rolle der Kirche

Was bedeuten diese Herausforderungen für die Kirche?

Die Kirche muss eine öffentliche, von öffentlicher Theologie

inspirierte Kirche sein. Im Licht der öffentlichen

Theologie führt die Option für die Armen zu Fürsprache

und Rat. Im Unterschied zu den meisten Formen des

utopischen Modells bindet sie die Option für die Armen

nicht an eine spezifische, politische Option, sondern

sieht diese Option als die Basis für einen politischen

Die öffentliche Theologie ist von vielen Impulsen der

lateinamerikanischen Befreiungstheologie inspiriert,

15 Wie die deutsche Theologin Eva Harasta in einem Artikel im

International Journal for Public Theology gezeigt hat, war

eine solche Zweisprachigkeit schon integraler Bestandteil

von Karl Barths berühmtem Traktat von „Christengemeinde

und Bürgergemeinde”. E. Harasta, Karl Barth, a Public Theologian?

The One Word and Theological ‘Bilinguality’, in:

International Journal of Public Theology 3.2 (2009) 184–199.

16 Weitere Charakteristika der öffentlichen Theologie siehe

unter: H. Bedford-Strohm, ‘Nurturing Reason. The Public

Role of Religion in the Liberal State’, in Ned Geref Theologiese

Tydskrif 48 (2007), 25-41.

16


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

die in mehreren anderen Befreiungstheologien weiter

entwickelt wurde. Da sie jedoch aus einer demokratischen

Gesellschaft erwachsen ist, arbeitet sie mit der

Prämisse einer Öffentlichkeit, die Raum gibt für das

stetige Bemühen darum, das Bewusstsein für politische

Optionen zugunsten der Armen wachsen zu lassen.

Anders als in den Militärdiktaturen, in denen die

Befreiungstheologie sich ursprünglich entwickelte, versucht

die öffentliche Theologie politische Optionen nicht

nur für die Opposition zu entwickeln, sondern auch für

Situationen politischer Macht. Jacob Zuma indafrika

und Lula da Silva in Brasilien brauchen bei ihren Anstrengungen

zur Überwindung von Armut gleichermaßen

Kirchen, die von Befreiungstheologie zur öffentlichen

Theologie übergehen. Das ist der Grund, warum

ich sage: „Öffentliche Theologie ist Befreiungstheologie

für eine demokratische Gesellschaft“. 17 Eine öffentliche

Kirche muss die Impulse der Befreiungstheologie in

plausible Beiträge zur öffentlichen Debatte in demokratischen

und pluralistischen Gesellschaften übersetzen.

7. Fazit: Öffentliches Engagement

für Ernährungsgerechtigkeit

Lassen Sie mich mit einem Gedanken Dietrich Bonhoeffers

schließen, der die öffentliche Verantwortung

jedes Christenmenschen betont. Oftmals wird bislang

der privaten Moralität der Vorrang gegeben, wenn wir

auf unsere moralische Verantwortung blicken. Dietrich

Bonhoeffers Leben und Theologie war ein kontinuierlicher

Protest gegen eine solche Prioritäten-Setzung. In

einem Abschnitt seiner Ethik, die auch Teil seines berühmten

Aufsatzes Nach zehn Jahren in den Briefen

und Schriften aus dem Gefängnis ist, schreibt er:

„Auf der Flucht vor der öffentlichen Auseinandersetzung

erreicht diese oder jener die Freistatt der privaten

Tugendhaftigkeit. Sie stehlen nicht, sie morden

nicht, sie tun nach Kräften Gutes. Aber in ihrem freiwilligen

Verzicht auf Öffentlichkeit wissen sie die erlaubten

Grenzen, die sie vor diesem Konflikt bewahren,

genau einzuhalten. So müssen sie Auge und Ohr

verschließen vor dem Unrecht um sie herum. Nur auf

Kosten eines Selbstbetruges können sie ihre private

Untadelhaftigkeit vor der Befleckung durch verantwortliches

Handeln in der Welt erhalten.” 18

Ein dringenderes Plädoyer dafür, den Problemen der

Ernährungsgerechtigkeit einen zentralen Platz in unserem

Nachdenken über das gute christliche Leben einzuräumen,

könnte es nicht geben. Sowohl aufgrund

der scheinbaren Abgelegenheit dieser Probleme als

auch wegen ihrer Unlösbarkeit gibt es eine besondere

Versuchung, sie unserem Leben fern zu halten und

nach privater Tugendhaftigkeit zu streben. Bonhoeffer

ermutigt uns dazu, einen deutlichen Anteil der uns zur

Verfügung stehenden Zeit den Dingen zu widmen, die

national wie international um uns herum geschehen.

Er ermutigt uns dazu, die Bibel und die Zeitung zu lesen,

wie Karl Barth das ausgedrückt hat. Nur so werden

Fragen der internationalen Ernährungsgerechtigkeit

Teil unseres Lebens, obwohl wir für uns selbst reichlich

zu essen haben.

Eine Kirche, die ehrlich betet: „Unser tägliches Brot gib

uns heute“ muss eine öffentliche Kirche werden, die

sich im Kampf für eine Welt engagiert, in der Gottes

Gabe des täglichen Brotes jeden Menschen auf dieser

Erde erreicht. Das ist unsere Berufung und unsere

Verheißung.

17 Für eine Feststellung der fortwährenden Bedeutung schwarzer

Befreiungstheologie indafrika siehe die Dissertation

des südafrikanischen Theologen Vuyani S. Vellem, The

Symbol of Liberation in South African Public Life. A Black

Theological perspective (Dissertation University of Pretoria,

2007), pp. 128-237. Eine Diskussion darüber, was öffentliche

Theologie indafrika bedeutet, bietet John de Gruchy, ‘Public

Theology as Christian Witness: Exploring the Genre’, in

IJPT 1 (2007), 26-41; und Nico Koopman, ‘Public Theology

in South Africa: A Trinitarian Approach’, in IJPT 1 (2007),

188-209.

18 D. Bonhoeffer : Ethik, 6. Auflage München 1963, herausgegeben

von Eberhard Bethge, S. 71 (Angleichung an gerechte

Sprache durch Übersetzer).

17


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

Brot für die Welt-Projekt Indonesien:

Im Einklang mit der Natur

Bauer Alman Simbolon, Indonesien. Foto: Carsten Stormer.

In Nordsumatra leidet die Landbevölkerung zunehmend

unter der ungebremsten Ausbeutung von

Roh stoffen. Immer mehr Menschen werden von

ihrem Land vertrieben. Die Organisation KSPPM klärt

Kleinbauernfamilien über ihre Rechte auf und hilft

ihnen bei der Umstellung auf ökologische An bau methoden.

Das Bergdorf Marom, ein bezaubernder Ort mit 1.100

Einwohnern, umgeben von Mango- und Avocadobäumen.

Alman Simbolon, 37 Jahre, bestellt eine kleine

Kaffeeplantage am Rande des Dorfes Marom. Er ist

Vorsitzender der Kaffeebauern des Dorfes, einer Gruppe

von 134 Bäuerinnen und Bauern, die durch ökologischen

Anbau versuchen, ihre Lebenssituation zu verbessern.

Fehlende Landtitel

Das Land, auf dem Simbalon seinen Kaffee anbaut, haben

schon seine Vorfahren bearbeitet. Es gibt genug her,

um die Familie zu ernähren und etwas Geld zurückzulegen:

für die Schuluniformen der Kinder oder Reparaturen

an seinem Motorrad. Die Familie kommt zurecht,

nicht mehr, nicht weniger. Doch weil er für das Land, auf

dem seine Kaffeebäume stehen und das seine Familie

seit Generationen bebaut, keine Besitzurkunde hat,

könnte Alman Simbolon schon bald Probleme bekommen.

Denn die indonesische Zentralregierung sieht

Land wie seines als öffentliches Land an. Sie vergibt

Konzessionen an Bergbau- und Papierfirmen, öffnet die

Märkte für private und ausländische Investoren. Für

Kleinbauern wie Alman Simbalon hat dies oft verheerende

Auswirkungen. Dass die Regierung sein Land

wegnehmen könnte, um es an große Konzerne zu vergeben,

versteht er nicht. „Es ist doch genug Land für

alle da“, sagt der Kleinbauer, während er die roten

Kaffeebohnen von den Bäumen pflückt und in einen

Weidenkorb wirft.

Die Zivilgesellschaft stärken

Unterstützung erhält Alman Simbalon von der indonesischen

Hilfsorganisation KSPPM. Sie ist bereits seit 16

Jahren in der Region rund um den Tobasee aktiv und

arbeitet dort mit 45 Bauernverbänden zusammen. Mitar

beitende der Organisation veranstal ten regelmäßig

Work shops, in denen sie sowohl über nach haltige Anbaumethoden

als auch über politische Zusammenhänge

informieren. Außerdem organisiert KSPPM öffentliche

Diskussionsforen und Demon strationen, macht Presseund

Lobbyarbeit, um auf die prekäre Situation der

Kleinbauern und -bäuerinnen aufmerksam zu machen.

Dank der Unterstützung von KSPPM konnten Alman

Simbalon und die meisten Kaffeebäuerinnen und -bauern

des Dorfes Marom aus dem Teufelskreis der Armut

ausbrechen. Sie stellten auf ökologischen Anbau um

und erschlossen sich dadurch neue Einkommensquellen.

Stolz erzählt Simbalon, dass er jetzt auch Honigbienen

züchtet. Der Verkauf des Biohonigs bringt der Familie

ein willkommenes Zusatzeinkommen.

18


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

Frauen bei der Reisernte, Niger. Foto: Christoph Püschner

2. EKD-Texte zur Thematik

Die EKD und die Kammer der EKD für nachhaltige Entwicklung

haben in den letzten Jahren eine Reihe von

Texten zur Thematik der Ernährungssicherung und

Land wirtschaft veröffentlicht. Im Folgenden werden

einige Passagen zu verschiedenen Aspekten der Thematik

aus den verschiedenen Texten dargestellt. Die Numme

rierung folgt dem zitierten Original.

2.1 Klärung der Begriffe

Aus: Ernährungssicherung und Nachhaltige Ent wicklung.

Eine Studie der Kammer der EKD für Entwicklung

und Umwelt, EKD-Texte 67, 2000, S. 11-20; http://

www.ekd.de/EKD-Texte/59646.html

2. Was bedeutet Nachhaltige Entwicklung?

Nachhaltigkeit, Zukunftsfähigkeit, dauerhaft umweltgerechte

Entwicklung – gleichgültig, wie der englische

Ausdruck „sustainable development“ übersetzt wird,

die Bezeichnungen haben sich im politischen Alltag etabliert.

Die Begriffe sind positiv besetzt, und sofern sie

abstrakt verwendet werden, ist ihnen allgemeine Zustimmung

sicher. Das gilt etwa für die Definition der

Brundtland-Kommission, die nachhaltige Entwicklung

als eine Entwicklung beschreibt, „die die Bedürfnisse

der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige

Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen

können.“ Diese Begriffsbestimmung findet sich in

ähnlicher Weise auch in der Agenda 21, die als Aktionsprogramm

für das 21. Jahrhundert von mehr als 170

Staaten akzeptiert wurde. In der Präambel der Agen da

21 aus dem Jahre 1992 heißt es: „Die Menschheit steht

an einem entscheidenden Punkt in ihrer Ge schichte.

Wir erleben eine zunehmende Ungleichheit zwischen

Völkern und innerhalb von Völkern, eine immer größere

Armut, immer mehr Hunger, Krankheit und Analphabetentum

sowie eine fortschreitende Schä digung der

Öko-Systeme, von denen unser Wohlergehen abhängt.“

Damit die Menschen und die Umwelt besser geschützt

werden, plädiert die Agenda 21 für eine „globale Partnerschaft,

die auf eine nachhaltige Entwicklung ausgerichtet

ist“.

Diese Definition ist jedoch sehr weit und allgemein gefasst.

Der Begriff Nachhaltigkeit enthält zumindest die

folgenden ethisch-normativen Aspekte:

• Die ökologische Dimension im Begriff der Nachhal

tigkeit bezeichnet die Notwendigkeit der weltweiten

Be achtung von Rückkopplungen wirtschaftlicher

und sozialer Entwicklungen an die natür lichen Lebensgrund

lagen, die erhalten werden sollen. Ressourcenscho

nung und Prävention sind zukunftsbezogene Teilaspekte

von Nachhaltigkeit und bezeichnen die Sorge

für menschenwürdige Lebens bedingungen für zukünftige

Generationen.

• Soziale Gerechtigkeit und Partizipation als Gegenwartsaspekte

von Nachhaltigkeit schließen die Sich erung

der Grundversorgung für alle Menschen und die Teilhabe

aller an den Gütern der Erde in der Gegenwart mit ein.

19


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

• Die politische beziehungsweise entwicklungspolitische

Dimension von Nachhaltigkeit meint ein weltweites

Entwicklungskonzept für alle Staaten und

Länder, insbesondere auch zugunsten von Ent wicklungsländern,

das dem internationalen und interkulturellen

Zusammenleben, der Gerechtigkeit und dem

Frieden dient.

Der Begriff der nachhaltigen Entwicklung verknüpft

also ethische Anliegen des Umweltschutzes und der

Entwicklungspolitik. Gesellschaftliche, wirtschaftliche

und damit auch landwirtschaftliche Strukturen sollen

in der Weise zukunftsfähig gestaltet werden, dass künftigen

Generationen keine Hypotheken hinterlassen werden,

die ihre Existenzbedingungen unzumutbar oder

gar irreversibel belasten. Der Begriff der Nachhaltigkeit

schließt damit den Gedanken der Vorsorge und den

Versuch mit ein, Handlungsspielräume für zukünftige

Generationen offen zu halten.

Der Dissens beginnt, wenn man versucht, den Begriff

nun inhaltlich zu füllen, denn wenn das Leitbild der

Nachhaltigkeit in konkrete politische Maßnahmen übersetzt

werden soll, müssen zuvor Teil-Ziele definiert und

beschlossen werden. Es gibt eine außerordentlich große

Spannbreite bereits hinsichtlich der Frage, auf welche

Gegenstandsbereiche sich der Begriff beziehen soll. Ein

„enges“ Verständnis will den Begriff der Nachhaltigkeit

ausschließlich im Bereich der Ökologie verortet wissen.

Im anderen Extrem erscheint Nachhaltigkeit als umfassende

regulative Idee, an der alle globalen und innergesellschaftlichen

Entwicklungen geprüft werden können.

Es hat sich jedoch ein gewisser Konsens herausgebildet,

dass sich das Leitbild der Nachhaltigkeit zumindest

auf die drei Ziel-Dimensionen von Schutz der Umwelt,

Effizienz der Wirtschaft und soziale Gerechtigkeit beziehen

muss. Eine nachhaltige Entwicklung – ob einer

Nation als Ganze oder eines kleineren Gemeinwesens –

ist nur dann möglich, wenn die einseitige Ausrichtung

auf eines der drei Ziele vermieden wird. So bedeutsam

die Erhaltung unserer Umwelt ist, sie muss letztlich

doch in Einklang mit den sozialen und wirtschaftlichen

Verhältnissen gebracht werden. Gleichermaßen darf

aber auch die Erreichung wirtschaftlicher Ziele nicht

auf Kosten der ökologischen Zustände und des sozialen

Ausgleichs gehen.

Ein solch neuer Konsens über die Notwendigkeit, sich

um nachhaltige Entwicklung zu bemühen, ist um so

wichtiger, weil bisher nicht thematisierte Teile des ethischen

Grundkonsens, auf den Politik, Wirtschaft und

Gesellschaft angewiesen sind, in den letzten Jahren

schleichend verloren gehen und unter den veränderten

gesellschaftlichen Bedingungen neu gefunden werden

müssen. Nach dem Wegfall der Systemkonkurrenz und

durch wirtschaftliche Globalisierung und neue Kommunikationstechniken

werden die Rolle der Politik und

des Staates, die Bedeutung der Wirtschaft und der Industrie,

die Bedeutung von Arbeit und schließlich auch die

Verantwortung des Einzelnen für das Ge meinwesen neu

diskutiert und sind neu zu bestimmen. Dem Verhältnis

zwischen armen und reichen Ländern kommt hier eine

Schlüsselfunktion zu. Der Begriff der nachhaltigen Entwicklung

hat gerade deshalb eine Chance, Teil eines

neuen gesellschaftlichen Grund kon senses zu werden,

weil er Interpretationsspielräume zu seiner Umsetzung

bietet und somit erst einmal eine breite Plattform für

viele Interessengruppen in der Gesell schaft darstellt.

Gleichzeitig kann der Begriff der Nachhaltigkeit auf

eine Weise eingeführt werden, dass er ethische Werte

ergänzt, die in Politik und Gesellschaft allgemein akzeptiert

sind.

Das heißt aber auch, dass der Begriff ein Minimum an

Inhalten mit sich trägt, die nicht aufgegeben werden

dürfen. Im Bereich der Umwelt geht es dabei zunächst

um die Erhaltung der Ökosysteme und der Artenvielfalt.

Erneuerbare Ressourcen dürfen nur in dem Maße verbraucht

werden, in dem sie sich neu bilden; nicht erneuerbare

Ressourcen nur in dem Maße, in dem in Zukunft

die so erzielten Dienstleistungen oder das entsprechende

Produkt durch erneuerbare Ressourcen erstellt werden

können. Auch darf die Aufnahmekapazität der Umweltmedien

– Wasser, Boden, Luft – für Abfälle jeglicher Art

nicht überschritten werden. Die Zeitmaßstäbe menschlicher

Eingriffe müssen denen der Natur angepasst sein.

Gefahren und Risiken für die menschliche Gesundheit

sind zu vermeiden. Schließlich müssen Mittel zur Beseitigung

vieler Altlasten bereitgestellt werden.

Lesebuch

20


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

„Nachhaltige Entwicklung“ darf jedoch, wie bereits gesagt,

nicht auf ökologische Ziele verkürzt werden. Ein

unverzichtbarer Punkt ist die intergenerationelle und

die intragenerationelle Gerechtigkeit und Solidarität.

Ohne Gerechtigkeit und Solidarität kann es keine nachhaltige

Entwicklung geben. Die Armut von morgen und

die Gefährdung menschenwürdigen Lebens in der Zukunft

durch ökologische Schäden darf nicht gegen die

Armut und Marginalisierung von heute ausgespielt werden,

und umgekehrt. Damit ist auch deutlich, dass es

bei nachhaltiger Entwicklung nicht nur um ökologische

Scha dens begrenzung geht. Wir sollten es unserer Gesellschaft

zumuten, Konsum- und Lebens stile kritisch zu

reflektieren. Wir müssen über die Frage nachdenken,

ob es nicht besser sein könnte, Pro duktion und Konsum

bestimmter Güter und Dienst leistungen wieder vorrangig

lokal oder regio nal und nicht global zu organisieren.

Wir müssen darüber nachdenken, was die derzeitige

glo bale Ein kommens- und Vermögens ver tei lung,

die geo grafische Aufteilung der Welt in Gläubiger und

Schuld ner für die Möglichkeit der Verwirklichung einer

nach haltigen Ent wicklung bedeutet. Nach hal tig keit für

den Bereich der Land wirt schaft könnte dann gegeben

sein, wenn sie um weltfreundlich, ökonomisch tragfähig,

sozial gerecht und kulturell angepasst ist sowie von

einem ganzheitlichen Verständnis ausgeht. Außerdem

müsste sie einen deutlichen Beitrag zur Bekämpfung

des Hungers in der Welt leisten. Mit anderen Worten:

Bei „nachhaltiger Entwicklung“ geht es um weitreichende

Verän de run gen von Politik, Wirt schaft und

Konsumstilen, für die es allerdings bisher kaum einen

ernsthaften Willen zur Um setzung gibt. Dies bedeutet,

dass der Gedanke der nach haltigen Ent wicklung

vor allem auch Eingang in Bildungsprogramme und

Ausbildungspläne finden muss.

Viele der zu hinterfragenden Parameter für Politik, Wirt -

schaft und Kultur haben den europäischen Wohl stand,

die weitgehende Überwindung der Armut in den reichen

Ländern des Nordens und die weitreichende soziale

und rechtliche Absicherung erst ermöglicht. Es

sind gerade einige dieser Errungenschaften westlicher

Zivilisation und bestimmte wirtschaftliche Paradigmen

von Markt und Wachstum, die unter den Bedingungen

der Globalisierung und mit dem ethischen Postulat einer

globalen und intergenerationellen Gerechtigkeit nicht

mehr ohne weiteres vereinbar sind.

Die Forderung nach Nachhaltigkeit kommt daher einer

„Quadratur des Kreises“ nahe. Zwischen den drei Ziel-

Dimensionen besteht eine gegenseitige Abhängigkeit.

Keines der drei Ziele kann verfolgt werden, ohne die beiden

anderen ebenfalls zu beachten. Dabei wird es immer

wieder zu Zielkonflikten kommen – gerade dann,

wenn die Landwirtschaft angesprochen wird, die wie

kaum ein anderer Bereich im Zentrum widersprüchlicher

Interessen steht.

3. Was bedeutet Ernährungssicherung?

Die Versorgung der wachsenden Weltbevölkerung mit

Nahrungsmitteln und vor allem auch die Befriedigung

der wachsenden Ernährungsansprüche konnte in der

Vergangenheit noch relativ einfach bewerkstelligt werden,

weil ein großer Teil der Produktionszuwächse

durch Ausdehnung der Anbauflächen, Bewässerungsflächen

und Verbreitung von Hochertragssorten mit

dem dazu gehörigen Technologiepaket erfolgte. Doch

diese Möglichkeiten der Ertragssteigerung sind weitgehend

ausgeschöpft:

• Weitere Bodenreserven für den Ackerbau sind nur

noch in Einzelfällen vorhanden; die letzten Reste des

nicht genutzten Landes werden dringend für den Naturschutz

benötigt.

• Die leicht zu erschließenden Süßwasserreserven

sind voll genutzt; die weitere Ausdehnung der Be wässerungslandwirtschaft

geht mit einer exponentiellen

Stei gerung der Investitionskosten für die Wasser beschaffung

einher und führt aufgrund der Nutzung immer

tieferer Grundwasserschichten zu einer erheblichen

Schädigung der Ressourcen.

• Die Hochertragssorten sind in ihrer weiteren Ertragsfähigkeit

durch die von ihnen selbst hervorgerufenen

Krankheitsprobleme begrenzt und zum großen

Teil durch die Einkreuzung mit robusteren lokalen

Sorten auf ein vernünftiges Maß zurückgeschnitten.

Die Wachs tumsraten der Ertragssteige rungen bei den

21


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

Hauptnahrungsmittelkulturen vor allem in den Entwicklungsländern

sind von Jahrzehnt zu Jahrzehnt zurückgegangen.

Auch bei intensiver Düngung und chemischem

Pflanzen schutz nehmen die Erträge oftmals

nicht mehr sonderlich zu.

Der Begriff der „Ernährungssicherung“ oder -sicherheit

– im englischen Sprachraum „food security“ – ist

genauso ungeklärt, wie er weit verbreitet und beliebt

ist, denn seine schwer zu bestimmende Definition ermöglicht

es ähnlich wie bei der Nachhaltigkeit, dass jeder

den Begriff nutzt, um seine eigenen Interessen zu

verschleiern. In dem Augenblick jedoch, wo man versucht,

in die einzelnen Aspekte dieses Begriffes einzudringen,

offenbaren sich schnell die unterschiedlichen

Vor stel lungen. Die einen zum Beispiel verstehen unter

Ernäh rungssicherung nationale Selbstversorgung mit

Nah rungsmitteln aller Art und Qualität, während die

ande ren diesen Begriff in einem weltmarktintegrierten

Sinne verstehen, wonach eine mangelnde nationale

Selbst versorgung ohne Probleme durch reichlich vorhan

dene ausländische Devisen oder Handelsbilanzüber

schüsse durch Zukäufe auf den Weltmärkten ausgeglichen

werden kann. Die einen verstehen unter

Ernährungssicherung die Anfachung der landwirtschaftlichen

Produktion in jeder beliebigen Höhe; die anderen

möchten den Begriff auf die Sicherheit bestimmter gefährdeter

sozialer Gruppen reduzieren und verbinden damit

eine armutsorientierte, zielgruppenge rechte Agrar- und

Ernährungspolitik. Dritte packen in den Begriff der

Ernährungssicherung auch noch die langfristige Sicherung

der Ressourcen. Für sie ist Er nährungs sicherung

dann identisch mit dem Umwelt- und Ressourcenschutz.

Verwechselt wird Ernährungs sicherung oft zusätzlich

mit dem Konzept der Nah rungs mittelsicherheit, die sich

ausschließlich auf die Qualität von Nahrungsmitteln beschränkt

und sich auf deren gesundheitliche Un bedenklichkeit

bezieht.

Auch die Sicherheit von Nahrungsmitteln ist häufig

nicht gewährleistet, wie Lebensmittelskandale in

Europa zeigen – etwa BSE bei Rindern und Dioxine

in Geflügelprodukten. Insbesondere wurde durch die

BSE-Seuche deutlich, dass die Abkehr von natür lichen

Ernährungsprozessen – hier die Fütterung von

Pflanzenfressern mit Tierkadavern – zu schwerwie genden

Erkrankungen führen kann. Eine solche „Kreislaufwirtschaft“

ist jedoch keine einmalige Entgleisung:

So werden im Süden der USA Rinder mit nahrhaftem

Hühnerdung, die Hühner wiederum mit Tiermehl aus

der Rinderschlachtung gefüttert.

Politisch ist das Konzept der Ernährungssicherung dadurch

in Verruf gekommen, dass vor allem die sogenannten

„protektionistischen Agrarstaaten“, wie die

EU und Japan, die Produktion ihrer Überschüsse und

die starke Förderung ihrer Landwirtschaft sowie den

Außenschutz einzelner Agrarmärkte pauschal damit

gerechtfertigt haben, dass sie angeblich der Ernährungssicherung

dienen. Darunter wurden dann Sicherheitsreserven

an nationaler Vorratshaltung verstanden,

um eine gewisse Zeit der Krise im Falle von Krieg

oder anderen einschneidenden Ereignissen zu überstehen.

Diese Politik der EU hat wegen ihrer riesigen

Agrarüberschüsse durch die Subventionierung ihrer

Agrarexporte andere Märkte gezielt erobert und so den

Begriff der Ernährungssicherung als Grundlage ihrer

Überschusspolitik in Verruf gebracht.

Eine große Rolle spielte das Konzept hingegen in der

Entwicklungsländerdiskussion. Hier geht es um die Sicherung

der Ernährung sowohl auf individueller Ebene, auf

der Haushaltsebene, auf der Ebene der Be ziehungen der

verschiedenen Mitglieder unterschied lichen Alters und

Geschlechts innerhalb des Haushaltes sowie auf der regionalen,

der nationalen und der internationalen Ebene.

Bei der Food and Agricultural Orga nisation (FAO) existiert

eine Kommission zur Welter nährungssicherung,

die den Begriff definiert als „phy sischen und wirtschaftlichen

Zugang zu Nah rungsmitteln in angemessener

Menge für alle Mitglieder eines Haushalts, ohne dass

das Risiko besteht, dass dieser Zugang verloren geht“.

Dieses Konzept umfasst insbesondere die Beurteilung

der Verwundbarkeit des Zugangs zu Nahrungsmitteln.

Dabei wird zwischen chronischer und vorübergehender

Ernährungs unsicher heit unterschieden.

Die Analyse und die Ernährungssicherungspolitik, die

auf einer solchen Begriffsfassung aufbaut, gründen zunächst

vor allem in einer soziologischen Auseinan der-

22


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

setzung mit den verschiedenen Armutsgruppen, ihrer

ökonomischen und sozialen Rolle in der Gesellschaft,

und der Verteilung der physischen Produktion und der

Geldmittel. Mit einer grundlegenden Arbeit von Amartya

Sen, Nobelpreisträger für Ökonomie aus dem Jahre

1998, der eine umfassende Analyse zu Hunger und

Politik durchgeführt hat, verbindet sich das Konzept der

Ernährungssicherung heute zunehmend mit der Kategorie

der „Entitlements“ (Anspruchsrechte). Amartya Sen

definiert diese Anspruchsrechte als die Gesamtheit der

Rechte und Möglichkeiten einer Person, die unterschiedlichen

Güter, über die sie verfügt, in der Gesellschaft

einzusetzen. Mit anderen Worten: Anspruchs rechte beziehen

sich auf das, was eine Person produzieren, kaufen

oder leihen kann, was sie besitzt oder was die sozialen

und staatlichen Regeln ihr erlauben, damit zu tun. In

dieser Betrachtungsweise gibt es im Wesentlichen vier

unterschiedliche Anspruchsrechte auf Nahrungs mittel:

• handelsbezogene Anspruchsrechte: was ein Indi viduum

an Nahrungsmitteln kaufen kann, mit den Waren

und dem Bargeld, das es besitzt;

• produktbezogene Anspruchsrechte: das Recht, das

zu besitzen, was man mit den eigenen Ressourcen produziert;

• eigenarbeitbezogene Anspruchsrechte: die aus dem

Einkommen der eigenen Arbeitskraft bezogenen Anspruchs

rechte, um auf dem Markt einzukaufen;

• vererbte oder übertragene Anspruchsrechte: das

Recht, das zu besitzen, was einem freiwillig gegeben

wird durch Übertragungen, Geschenke oder Spenden

durch andere, inklusive dem Transfer des Staates für soziale

Sicherheit, Nahrungsmittelhilfe und Pensionen.

Die Stärke dieser Definition von Ernährungssicherung

besteht in der Integration der drei Konzepte: Verfüg barkeit

von, Zugang zu und Stabilität der Versorgung mit

Nahrungsmitteln. Damit kann Ernährungssicherung

ver standen werden als die Fähigkeit, sich vor schockartigen

Unterbrechungen normaler Anspruchsrechte auf

Nahrungsmittel zu schützen. Die Definition hat eine

makroökonomische Dimension. Als Querschnittsaufgabe

aller Politik be reiche geht sie weit über die Frage

nach der angepassten landwirtschaftlichen Entwicklungsstrategie

oder gar der ländlichen Entwicklung hinaus.

Das gesamte Entwicklungsmodell muss unter der

Frage gesehen werden, inwieweit es der Absicherung

der Armen gegen Hunger dient. Wirtschaftliches Wachstum

per se wird nach diesem Ansatz zwar ebenso wenig

verworfen wie eine zunehmende Weltmarkt integra

tion. Beide haben sich jedoch hinsichtlich ihrer

ver teilungspolitischen Wirkung für die hungeranfälligen

Gruppen der Gesell schaft zu rechtfertigen. Die

Subsistenz land wirtschaft kann eine ebenso sinnvolle

Option sein wie Kommerzialisierung und Exportorientierung,

sofern die Marktentwicklung staatlich überwacht

und im Hinblick auf ihre sozialpolitischen Auswirkungen

begleitet wird. Amartya Sen hat mit diesem

Ansatz einen Beitrag zur Überwindung der jahrzehntelang

herrschenden Paradigmen des neoklassischen

Denkens geleistet.

Der Mangel dieses Ansatzes liegt allerdings darin, dass

die Dimension der Umwelt und die Frage nach der angepassten

technologischen Entwicklung ausgeklammert

sind. Die Zerstörung der Fruchtbarkeit der Böden oder

der natürlichen Balancen zwischen Schädlingen und

Nützlingen kann die Ernährungs- und Erwerbs grundlage

ganzer Gebiete und großer Bevölkerungs schichten

erheblich erschüttern. Das Gleiche gilt aber auch für globale

technologische Entwicklungen, wie etwa die

Verlagerung der Produktion von tropischen Rohstoffen,

Früchten und Gewürzen in die Fermenter gentechnisch

veränderter Mikroorganismen der Fabri ken des Nordens.

Die Gefährdungen, die von diesen Subs ti tutsentwicklungen

für die Weltmärkte und Ab satz chancen

der Länder des Südens ausgehen, vor allem für die

Beschäftigungs- und Wachstumseffekte in den insgesamt

noch stark exportorientierten Landwirt schaften

vieler Entwicklungsländer, sind sehr groß. Hier zeigt

sich, dass teilweise die Gefährdung der Er näh rungssicherung

sehr stark von globalen Trends ausgeht, die

von guter Regierungsführung oder bewussten nationalen

Politiken nur schwer ausgeglichen werden können.

Technologien haben in sich schon Verteilungswirkungen,

die sich nicht nur im Beschäftigungseffekt erschöpfen.

23


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

Verschiedene Technologien eignen sich für unterschiedliche

Betriebsgrößen und kommen daher den verschiedenen

Produzentengruppen auf unterschied liche Weise

zugute. Hochertragssaatgut kann zwar betriebsgrößenneutral

und auch beschäftigungswirksam sein, es entwickelt

aber seine volle Produktivität nur im Zu sammen

hang mit dem vollständigen Paket begleitender

Maß nahmen, wie zum Beispiel intensiver Düngung,

Be wässerung, Pflanzenschutz und großflächigem Anbau.

Diese Ausgaben bewegen sich vor allem im Bereich

der variablen Kosten, doch bedingen sie zumindest einen

Kapitalaufwand für den Ankauf der Inputs, der vorfinanziert

werden muss; bis zur Ernte vergeht in der

Regel ein Vierteljahr. Die Überbrückung dieses Vier teljahres

und die hohe Anfälligkeit der Hoch er tragssorten

für Widrigkeiten bei Wetter und Schädlingen kann bedeuten,

dass verwundbare soziale Gruppen schnell in

unüberbrückbare und existenzgefährdende Verschuldungskreisläufe

geraten.

So suchen Kleinbauern in Asien, Afrika und Lateinamerika

intensiv nach Alternativen zu den anfälligen

Hochertragssorten. Diese Programme werden z.B. im

südlichen Afrika mit „Seed Security“ – Saatgut sicherheit

– bezeichnet. Darunter wird verstanden, dass nicht

nur die Verfügbarkeit von Saatgut zum richtigen Zeitpunkt,

die Finanzierbarkeit und der Zugang zu den anderen

Betriebsmitteln, die zu dem Saatgut konditioniert

sind, gewährleistet sein muss, sondern es geht auch um

die Angepasstheit des gesamten Technologiepakets, das

in dem Saatgut selbst inkorporiert ist, in die sozialen

und ökologischen Bedingungen vor Ort, in die bäuerlichen

Betriebssysteme und ihre Vermarktungsformen.

Wichtig ist auch die Stärkung der Stellung von Frauen in

der Gesellschaft. Denn häufig sind es die Frauen, die das

Land bestellen, die Ernte einbringen und einen Teil der

Ernte für die nächste Aussaat auswählen. Die Sicherung

der Ernährung der Familie hängt daher elementar vom

Wissen der Frauen über widerstandsfähiges Saatgut ab.

Dennoch haben Frauen in vielen Kulturen keinen angemessenen

Anteil an Entscheidungsprozessen.

Vor allem im Blick auf die problematischen Trends zum

gentechnisch veränderten Saatgut, auf das Patente bestehen,

so dass der Nachbau gebührenpflichtig wird,

und das von multinationalen Konzernen weltweit vertrieben

wird, bedeutet die Entwicklung einer eigenen

Saatgutbasis Sicherheit vor Willkür. Auf der Grundlage

von verbesserten alten Landsorten und mit der Fähigkeit

der Bauern, solche bewährten Linien mit Hilfe von

Züchtern und Wissenschaftlern, die ihnen beratend zur

Seite stehen, zu robusten und einigermaßen ertragsfähigen

anspruchslosen Hofsorten weiterzuentwickeln,

kann ein großer Schritt vorwärts in Richtung Stabilität

und Ernährungssicherung gemacht werden.

In der Periode zwischen 1960 und 1990 haben die Entwicklungsländer

ihre Getreideproduktion um 100 Prozent

ausdehnen können, hauptsächlich auf der Grundlage

der Anwendung von Wissenschaft und Technik im

Rahmen der Entwicklung ganzer Tech no logiepakete.

Mit dieser Entwicklung gingen aber auch Tendenzen

der stärkeren Einseitigkeit der Anbaustruktur einher.

Die Verbesserung der Erträge um 100 Prozent bedeutete

in Asien eine Ausdehnung der Bewässe rungsfläche

um 60 Prozent und der synthetischen Düngung

auf Stick stoffbasis um 2000 Prozent. 33 Prozent der

Produktionszuwächse können auf die verbesserten Sorten

und 66 Prozent auf den Einsatz von Betriebs mitteln

zurückgeführt werden, die die Umwelt verändern: ein

Drittel auf die Intensivierung der Bewässerung, ein

Drittel auf den Einsatz der Agrarchemie.

Die Ausdehnung von Monokulturen, der Einsatz der

Agrarchemie und die Intensivierung der Bewässerung

führten zu enormen ökologischen Nebeneffekten, wie

etwa die Eutrophierung und Verschmutzung des Süßwassers

und der Meere, die Bodenerosion und die Ab -

nahme der Agrobiodiversität. Ein Vergleich zwischen der

Energieeffizienz in der Getreideproduktion von Agrar -

systemen mit intensivem externen Betriebs mittel einsatz

und extensiver Betriebssysteme in Bangladesch,

Kolumbien, China, Philippinen, USA und Großbritannien

zeigt deutlich, dass im Durchschnitt die extensiven

Agrar systeme eine fünfmal höhere Energieeffizienz aufweisen

(1,34 kg/MJ) als betriebsmittelintensive Betriebssysteme

(0,28 kg/MJ). Auf den Philippinen ist

aus gerechnet worden, dass der Übergang von traditionellen

Systemen der Reisproduktion zum modernen An-

24


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

bau einen Energieaufwandszuwachs von 3000 Pro zent

benötigte, dem ein zusätzlicher Ertrag von 116 Prozent

gegenübersteht.

Schon vor über 15 Jahren wurde gezeigt, dass die gesamten

bekannten Ressourcen fossiler Energie auf der

Welt kaum ausreichen würden, um die bestehende Bevölkerung

mit dem gleichen Energieaufwand zu ernähren,

den die Ernährungssysteme der Industriestaaten

erfordern. Es ist eindeutig, dass die Entwicklung auf

dem Pfad zu immer intensiveren Betriebsmitteleinsätzen

so nicht weitergehen kann. Die Zukunft der Welternährung

kann auf diesem Weg nicht garantiert werden.

In den letzten Jahrzehnten gab es unter dem Zwang der

Strukturellen Anpassungsprogramme (SAP) von Weltbank

und Internationalem Währungsfonds einen erheblichen

Druck auf die Regierungen der Entwicklungs länder,

ihre Interventionen in die Wirtschaft zu redu zieren,

selbst in den Gebieten, wo die Risiken des Marktversagens

groß sind oder wo eine Notwendigkeit für staatliches

Handeln im Grunde vorlag. Im Streit darüber,

wer effizienter sei, der Markt oder die Regierung, hat

man sich bisher sehr stark in Richtung marktwirtschaftlicher

Regelungen entschieden. Das Misstrauen in Regie

rungen ist groß, denn ihre Marktinterventionen haben

oft die Anreizstrukturen und Preise sehr stark

ver zerrt, wovon die am meisten verwundbaren sozialen

Gruppen oft am wenigsten profitiert haben. Neuerdings

führen auch die Verträge der Welthandelsorganisation

(World Trade Organisation; WTO), die Liberalisierung

der Kapital- und Produktmärkte, der Abbau der Agrarunterstützung

und die Weltmarktintegration dazu, dass

es für Regierungen immer schwieriger wird, als Interessen

vertreter für gefährdete Armutsgruppen ausgleichend

tätig zu werden.

Selbst die Rolle des Staates als Verteidiger der Eigentums

rechte und als Garant für stabile Rahmen bedingungen

der Produktion und des Austausches ist durch

die Zwänge der Deregulierung in vielen Entwicklungsländern

gefährdet. Wenn effiziente rechtsstaatliche Bedin

gungen fehlen, wird die Frage, ob jemand seine

Ernährungsbedürfnisse stillen kann, oft eine Frage der

Verteilung der Macht, sowohl innerhalb der Haushalte,

als auch der Gemeinschaft, der Region und der Nation.

So wird Ernährungssicherung in Zeiten der globalen

Liberalisierung zunehmend zu einem politisch sensiblen

Konzept, mit dem der weiteren Aushöhlung der

Rolle der Regierungen gegenübergetreten werden kann.

Als sogenanntes „nicht handelsbezogenes Anliegen“

wird Ernährungssicherung in den kommenden WTO-

Agrarverhandlungen von vielen Entwicklungsländern

vordringlich vorgetragen. Sie wollen verhindern, dass

wichtige Programme, die der armutsorientierten ländlichen

Entwicklung und der Ernährung der Armen

dienen, unter „nicht-marktkonforme“ oder „protektionistische“

Maßnahmen fallen, die nach WTO-Regeln

ab zu schaffen sind, oder dass die Subventionen, die in

diese Programme fließen, der Abbauverpflichtung für

Unterstützungen anheim fallen.

Vorbereitung des Ackers für Pflanzung, Äthiopien. Foto: Helge Bendl

2.2 Ethische Leitlinien für eine

nachhaltige Landwirtschaft

Aus: Neuorientierung für eine nachhaltige Land wirtschaft.

Ein Diskussionsbeitrag zur Lage der Landwirtschaft

mit einem Wort des Vorsitzenden der Deutschen

Bischofskonferenz und des Vorsitzenden des Rates der

EKD, Gemeinsame Texte 18, Hannover / Bonn 2003,

S. 28-37; http://www.ekd.de/EKD-Texte/44662.html

3. Ethische Leitlinien für eine nachhaltige

Landwirtschaft

(40) Der Prozess einer Neuorientierung der Land wirtschaft

erfordert ein tiefgreifendes Umdenken auf allen

Ebenen. Einiges konnte schon erreicht werden im Blick

25


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

auf die Rückführung der Intensität landwirtschaftlicher

Produktion und auf die Sensibilisierung für Fragen des

Umwelt- und Tierschutzes. Der Weg zur Überwindung

einseitiger Anklagen und eingefahrener Verhaltens muster,

die zu wechselseitigen Blockaden führen, ist jedoch

noch weit. Es mangelt an ethischer Orientierung, internationaler

Solidarität, verlässlichen Rahmen bedin gungen,

sektorübergreifenden Reformen, der Bereit schaft

zu kooperativem Handeln und dem Mut zur Innovation.

Die Zukunft der Landwirtschaft hängt davon ab, ob der

gegenwärtige Reformdruck in den kommenden Monaten

und Jahren als Chance für eine grundsätzliche

Neuorientierung genutzt wird. Dafür wollen die folgenden

Überlegungen aus christlicher Perspektive einige

ethische Leitlinien beitragen.

3.1 Verantwortung für die Schöpfung

durch nachhaltiges Wirtschaften

(41) Ethische Leitperspektive für eine Reform der Landwirtschaft

ist das Prinzip Nachhaltigkeit, dem sich die

Kirchen aus christlicher Schöpfungsverantwortung verpflichtet

haben. 19 Es ist Wegweiser für eine Integration

ökologischer, ökonomischer und sozialer Belange. Das

bedeutet für die Landwirtschaft, dass die Produktionsformen

und betriebswirtschaftlichen Rahmenbe dingungen

eine Balance zwischen Wettbewerbsfähigkeit einerseits

und Umwelt-, Sozial- und Kulturverträglichkeit

andererseits anstreben müssen.

(42) Vom christlichen Schöpfungsglauben her lässt sich

das Prinzip der Nachhaltigkeit ethisch vertiefen: Er fordert

einen gärtnerischen Umgang mit der Natur (vgl. Gen

2, 15) und erkennt den Eigenwert der Tiere, Pflanzen und

Landschaften an. Die Erhaltung der Schöpfung verlangt

zugleich Solidarität über Generationen und Grenzen

hinweg. Sie setzt eine umfassende Solidarität mit den

Armen voraus. Denn im Umgang mit der Schöpfung ist

die Menschheit eine globale Risikogemeinschaft. Das

19 Vgl. Gemeinsames Wort des Rates der Evangelischen Kirche

in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz, Für

eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit, Hannover /

Bonn 1997, Textziffer 122 – 125; Deutsche Bischofskonferenz

– Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen,

Handeln für die Zukunft der Schöpfung, Bonn 1998.

gilt zunehmend auch für landwirtschaftliche Produkte

und Produktionsverfahren.

(43) Eine nachhaltige Landwirtschaft ist nicht darauf

ausgerichtet, das Letzte aus Boden und Tieren herauszuholen,

sondern darauf, die Natur in ihrer ganzen

Vielfalt als Nahrungsquelle und Lebensraum zu

bewahren. Auch Wasser, Boden und Luft sind im ursprünglichen

Wortsinn „Lebens-Mittel“. Das Prinzip

der Nachhaltigkeit, das heute als Überlebensprinzip der

Menschheit eine globale Bedeutung erhalten hat, entspricht

alten Erfahrungen bäuerlichen Wirtschaftens:

Im Wald soll nicht mehr Holz geschlagen werden, als

nachwächst. Dem Boden sollen nicht mehr Nährstoffe

entnommen werden, als ihm zurückgegeben werden

können. Das Vieh soll so gehalten werden, dass sein

Wohlbefinden und Bestand auf Dauer gesichert bleibt.

Der Hof soll in möglichst gutem Zustand als langfristige

Produktionsgrundlage weitergegeben werden. Er

ist mit seinen Menschen, seinem Boden, seinen Tieren

und Pflanzen Bezugspunkt für ein Denken in langen

Generationenketten. In der tiefen Verbundenheit

mit ihm konkretisiert sich die Verantwortung für die

Zukunft. Das Leitbild der Nachhaltigkeit verallgemeinert

eine solche Haltung der inneren Verbundenheit mit

der Schöpfung zum ethischen Leitprinzip für eine überlebensfähige

Lebens- und Wirtschaftsweise.

(44) Nachhaltigkeit erfordert einen Wandel der Werte

und des Verständnisses von Lebensqualität. Sie basiert

auf einer Kultur der Achtsamkeit und des rechten

Maßes, in der die individuellen, sozialen, ökonomischen

und ökologischen Dimensionen des Lebens nicht

gegeneinander ausgespielt, sondern in ihrer wechselseitigen

Be dingtheit erkannt werden. Nachhaltigkeit ist

also nicht nur ein ökologisches Prinzip, sondern vielmehr

eine Grundeinstellung zum Leben, die darauf ausgerichtet

ist, Ressourcen nicht auszubeuten, sondern so

mit lebenden Systemen in Natur und Gesellschaft umzugehen,

dass sie ihre Regenerationsfähigkeit behalten.

Da die Rege ne rations- und Erneuerungsfähigkeit

die grundlegende Eigenschaft des Lebendigen ist,

kann man Nachhaltigkeit als Lebensprinzip definieren.

Eine Kultur der Nachhal tigkeit hat auch eine theologische

Dimension, insofern der Mensch dabei durch die

26


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

Achtung seiner Mitge schöpfe den Schöpfer ehrt und so

seinen angemessenen und zukunftsfähigen Ort in der

Schöpfung wiederfindet.

(45) Das Prinzip der Nachhaltigkeit verknüpft die Ziele

einer umwelt- und generationenverträglichen sowie der

internationalen Solidarität verpflichteten Lebens- und

Wirt schaftsweise. Es betrachtet wirtschaftliches Han deln

nur dann als langfristig vernünftig, wenn es sich in die

ökologischen Stoffkreisläufe, von denen der Mensch abhängt,

einfügt und diese schützt. „Auf dem Weg in eine

zukunftsfähige Gesellschaft gilt es, den Ressour cen verbrauch

und die Umweltbelastungen von der wirtschaftlichen

Entwicklung weiter und deutlicher abzukoppeln,

als dies bisher der Fall war, und die Pro duk tionsprozesse

von Anfang an in die natürlichen Kreisläufe einzu binden“.

20 Nachhaltigkeit braucht Inno vationen für eine

Ent koppelung von wirtschaftlicher Entwicklung und

Um weltverbrauch. Entscheidend hierfür ist die vorausschauende

Berücksichtigung der vielfältigen Bezie hungsund

Vernetzungszusammenhänge ökonomischer, ökologischer

und sozialer Entwick lun gen. Im Agrarbereich

weist das Prinzip der Nach haltigkeit den Weg zu einer

multifunktionalen Land wirtschaft, die Lebensmittel erzeugung,

Land schafts pflege und Natur schutz im Rahmen

integrierter Konzepte miteinander verbindet.

Daran sollten sich sowohl das Berufsbild der Landwirte

als auch die Agrarpolitik orientieren.

(46) Gerade weil der Begriff der Nachhaltigkeit aus

der bäuerlichen Lebenswirklichkeit kommt, kann die

Landwirtschaft Vorreiter und Vorbild für eine dauerhaft

naturverträgliche Wirtschafts- und Lebensweise sein.

Von der Naturnähe ihres Berufes her können die in der

Landwirtschaft Tätigen eine besondere Sensibilität für

ökologische Fragen entwickeln. Sie brauchen jedoch

intensive Unterstützung von Politik und Gesellschaft,

um diese Sensibilität im Ringen zwischen Tradition

und Fortschritt angesichts der neuen ökonomischen

Herausforderungen heute neu zur Geltung zu bringen.

20 Gemeinsames Wort des Rates der Evangelischen Kirche in

Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz, Für eine

Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit, Hannover / Bonn

1997, Textziffer 226.

3.2 Neuorientierung in Solidarität mit den

Landwirtinnen und Landwirten

(47) Nur mit neuen Perspektiven der ländlichen Entwick

lung sowie entsprechenden Reformen der politischen

Rahmenbedingungen haben die Landwirtinnen

und Landwirte in Europa eine Zukunft. Dabei ist davon

auszugehen, dass ein hinreichendes Auskommen

bei der Vielzahl an Aufgaben nicht mehr allein über

die Ver marktung von Lebensmitteln möglich sein wird.

Die finanzielle Anerkennung muss sich auf das gesamte

Spektrum der Leistungen beziehen, die die Gesellschaft

von ihnen erwartet. So verdienen insbesondere die Beiträge

im Naturschutz, in der Landschaftspflege und in

der ländlichen Kultur, die von den Landwirten erwartet

und erbracht werden, angemessene Honorierung und

gezielte Förderung. Es handelt sich um Güter, für die

die Allgemeinheit als Nachfrager auftritt und zahlt und

für die die gesamte Gesellschaft eine Mitverantwortung

trägt. Eine wichtige Aufgabe ist auch die Bereitstellung

erneuerbarer Energieträger und Rohstoffe. Die wissenschaftliche

Forschung ist herausgefordert, neue umweltverträgliche

und marktfähige Produkte und Produk

tionsverfahren zu erschließen.

(48) Im Ringen um neue Perspektiven für eine naturund

schöpfungsverträgliche Landwirtschaft sind die in

der Landwirtschaft Tätigen auf eine kritische Solidarität

und Unterstützung für die notwendigen Wandlungsprozesse

angewiesen. Für die Kirchen ergibt sich eine

besondere Solidarität mit ihnen nicht zuletzt aus einer

tiefen Verbundenheit in historisch gewachsenen Traditi

onen, Festen und Bräuchen, die gerade auf dem Land

eine lebendige Kultur des Glaubens bilden. Wir ermutigen

und unterstützen die in der Landwirtschaft Tätigen,

ihre Chancen des Aufbruchs in eine zukunftsfähige Entwicklung

wahrzunehmen und eine nachhaltig schöpfungsgerechte

Wirtschaftsweise zu praktizieren.

(49) Fehlentwicklungen in der Landwirtschaft sind viel -

fach das Ergebnis falsch gesetzter politischer Rah menbedingungen.

Die ethischen Fragen münden ein in ein

Ringen um politische Lösungen, die verantwortliches

Handeln der Individuen strukturell ermöglichen und

sta bi lisieren. Im Blick auf die europäische Landwirt-

27


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

schaftspolitik ist dabei das vorrangige Ziel, die Anreiz systeme

zu ändern: Die vielfältigen Subventionen sind häufig

ökologisch und volkswirtschaftlich kontraproduk tiv

und sollten in Unterstützungen mit gesamtgesellschaftlich

sinnvoller Lenkungswirkung umgewandelt werden.

Eine neue gemeinwohlverträgliche Agrarpolitik

kann keine isolierte Standespolitik mehr sein, sondern

umfasst vielmehr eine integrierte Agrar-, Umwelt-,

Sozial-, Wirtschafts-, Welternährungs- und Raumordnungs

poli tik im ländlichen Raum. Nachhaltige Landwirt

schafts po litik ist eine Querschnittsaufgabe, die sich

als wichtiges Bindeglied zwischen verschiedenen Politik

sektoren erweisen könnte. Im Prozess der Neu orientierung

für eine nachhaltige Entwicklung brauchen die

in der Land wirtschaft Tätigen die kritische Solidarität

einer Vielfalt unterschiedlicher Akteure in Politik und

Gesellschaft.

(50) Die Leistungen der Landwirtschaft für die Er haltung

der Umwelt und für die Bewahrung der Schöpfung

müssen entsprechend honoriert werden. Die Solidarität

mit denjenigen, die sich in der Landwirtschaft um ein

nachhaltiges Wirtschaften bemühen, fordert eine Verstär

kung der Anreize hierfür. Ein Teil der Natur schutzleistung

in der Landwirtschaft kann jedoch von der

Gesellschaft aufgrund der Gemeinwohl pflich tigkeit des

Eigentums (in diesem Fall des Bodens) unentgeltlich erwartet

werden. Unter Gemeinwohl pflich tigkeit fällt

das, was die Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit als

standort- und ordnungsgemäß definiert. Die in der

Land wirtschaft Tätigen haben ein Recht auf eine klare

gesetzliche Regelung hierzu.

3.3 Tiere als Mitgeschöpfe achten

(51) Tiere sind nach christlichem Schöpfungsverständnis

Mitgeschöpfe des Menschen. Seit 1986 ist die Wertschätzung

der Tiere als Mitgeschöpfe, deren Leben und

Wohlbefinden zu schützen ist, auch im Tierschutzgesetz

§ 1 verankert. Im Bürgerlichen Gesetzbuch gilt das Tier

seit 1990 nicht mehr als bloße „Sache“, sondern hat einen

eigenen rechtlichen Status. Nach biblischem Zeugnis

sind auch die Tiere in den Bund mit Gott (Gen 9)

und in die Erwartung einer endzeitlichen Vollendung

der Schöpfung (Röm 8) eingeschlossen. Gott erlöst die

Schöpfung, nicht nur den Menschen. Es geht dabei auch

um ein „versöhntes Miteinander“ von Mensch und Tier.

(52) Für Christinnen und Christen ist die Welt mit ihren

Tieren und Pflanzen mehr als ein Rohstofflager,

mehr als Material für menschliche Zwecke. Sie ist in

ihrer Dynamik und Vielfalt Schöpfung Gottes und Ort

seiner Gegenwart, die immer dann sichtbar wird, wenn

der Mensch seinen Mitmenschen und Mitgeschöpfen in

Achtung und Liebe begegnet. Diese Grundperspektive

christlicher Schöpfungsverantwortung darf auch im

landwirtschaftlichen Umgang mit Tieren nicht aus dem

Blick geraten. 21

(53) Die Tötung von Tieren ist in der von Konflikten

geprägten Ordnung der Schöpfung unvermeidlich, ihre

ethische Rechtfertigung unterliegt jedoch vielfältigen

Grenzen und Bedingungen. Die europaweite Verbrennungs

aktion im Jahr 2001 von Millionen von Rindern

und Schafen im Zusammenhang mit BSE und MKS

muss Anlass sein, grundsätzlich über unser Verhältnis

zum Tier nachzudenken und es neu zu bestimmen. Wir

müssen wieder lernen, allem Lebendigen mit der jedem

Lebewesen gebührenden Ehrfurcht zu begegnen. Es ist

an der Zeit, Tiere als Geschöpfe anstatt nur als „lebendige

Ware“ zu behandeln und unser Konsumverhalten,

die Landwirtschaft und die Agrarpolitik, aber auch den

privaten Umgang mit Tieren, z. B. Haus- und Zootieren,

an ethischen Kriterien, die den Eigenwert der Tiere achten,

auszurichten.

(54) Gemäß § 2 des Tierschutzgesetzes müssen diejenigen,

die Tiere halten oder betreuen, diese ihrer Art

und ihren Bedürfnissen entsprechend angemessen ernähren,

pflegen und verhaltensgerecht unterbringen.

Sie dürfen weiterhin die Möglichkeit der Tiere zu artgerechter

Bewegung nicht so einschränken, dass ihnen

Schmerzen, vermeidbare Leiden oder Schäden zugefügt

werden. Damit sind aber einige der zur Zeit noch

21 Vgl. Zur Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitge

schöpf. Ein Diskussionsbeitrag des Wissenschaftlichen

Beirats des Beauftragten für Umweltfragen des Rates der

Evangelischen Kirche in Deutschland, Hannover 19912;

Die Verantwortung des Menschen für das Tier, Deutsche

Bischofskonferenz, Bonn 1993.

28


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

zugelassenen Haltungssysteme der landwirtschaftlichen

Nutztiere nicht mehr vereinbar. Die herkömmliche

Käfighaltung für Hühner ist ethisch ebenso problematisch

wie Schweinemastbetriebe ohne Tageslicht

und ohne hinreichende Bewegungsfreiheit oder Entenmastbetriebe

ohne Licht und Bademöglichkeiten.

(55) Mit dem Kriterium der Tiergerechtigkeit wird beschrieben,

in welchem Maß bestimmte Haltungsbedingungen

dem Tier die Voraussetzungen zur Vermeidung

von Schmerzen, Leiden oder Schäden sowie zur Sicherung

von Wohlbefinden bieten. Anhaltspunkte hierzu

könnten sein: Ruhe-, Ausscheidungs-, Ernährungs-,

Fort pflan zungs-, Fortbewegungs-, Sozial-, Erkundungsund

Spiel verhalten. Kriterien, die sich auf diese Aspekte

be ziehen, muss in Zukunft bei Zertifizierungs- und Geneh

mi gungsverfahren unbedingt Rechnung getragen

werden.

(56) In der Praxis gibt es allerdings vielfältige Schwierigkeiten

für eine Durchsetzung dieser Kriterien: So sind

beispielsweise die gängigen Hybridhühner oder -schweine

für andere Haltungsformen z. T. überhaupt nicht geeignet.

Das genetische Material für robustere Tierrassen

ist weitgehend verloren gegangen. Die einseitige Selektion

auf Hochleistung hat zu einer enormen Verengung

der genetischen Basis von Hochleistungsrassen – bis hin

zur Anhäufung von genetischen Defekten – geführt.

Die Gen technik und das Klonen von Tieren stellen die

nächsten Beschleunigungsstufen der bisherigen Entwick

lung dar: Die Rassen werden genetisch besser an

die Wirt schaftlichkeit und Technologien angepasst, und

leider nicht umgekehrt. Dem muss Einhalt geboten werden.

3.4 Globale Verantwortung und Welternährung

(57) Weltweite Verantwortung ist eine unverzichtbare

Dimension nachhaltiger Entwicklung. Ihre Basis ist das

Prinzip der Solidarität, die nach Maßgabe christlicher

Ethik unteilbar ist und folglich global auf die gesamte

Menschheit angewendet werden muss. Für die Kirchen

ist dabei die Solidarität mit den Schwächsten von zentraler

Bedeutung. Christinnen und Christen können die

weltweit wachsende Ungleichheit und die Elends situation

der über eine Milliarde Menschen, deren Ein kommen

unter einem Dollar pro Tag beträgt, die als absolut

arm betrachtet werden und oft Hunger leiden, 22 nicht

schweigend hinnehmen. Die biblische Option für die

Armen verpflichtet sie zur besonderen Solidarität mit

den Kleinbauern in Entwicklungsländern. Diese muss

sich nicht nur karitativ in unmittelbaren Hilfe leistungen

äußern, sondern vor allem in Strukturan passungen für

mehr Gerechtigkeit in den weltwirtschaftlichen Rahmen

bedingungen. Die Landwirtschaft ist ein Schlüsselfaktor

für die Bekämpfung von Hunger und Armut.

(58) Auf dieser Grundlage ist es ethisch nicht hinnehmbar,

dass trotz der Überschüsse in der Agrarproduktion

der Industrieländer immer mehr Menschen in Ent wicklungsländern

an Hunger und Unterernährung leiden.

Nach Maßgabe des Subsidiaritätsprinzips geht es dabei

vor allem um Hilfe zur Selbsthilfe. Gerade im landwirtschaftlichen

Bereich ist es von entscheidender Bedeutung,

die Chancen der Entwicklungsländer zur selbständigen

Versorgung zu verbessern. „Die Versorgungs situa

tion der Entwicklungsländer muss vor allem durch den

Ausbau ihrer Eigenproduktion verbessert werden. Dieser

Prozess sollte weder durch Agrarexporte der Industriestaaten

noch durch EG-Importe an Futter-Rohstoffen aus

Entwicklungsländern gefährdet werden“. 23 Wenn Export

dumping der Industriestaaten in Entwicklungs ländern

Märkte zerstört, widerspricht dies dem ethischen

Prinzip der globalen Solidarität.

(59) Das Ungleichgewicht zwischen den hohen Agrarsubventionen

in den Industrieländern und der geringen

Unterstützung für die Landwirtschaft in Entwicklungsländern

muss durch eine teilweise Konversion der

Agrar un terstützung zugunsten der Welternährung unbe

dingt korrigiert werden. Auch die extreme Un gleichbe

hand lung der Entwicklungsländer durch das WTO-

Ver trags werk muss korrigiert werden. Viele Ent wick -

lungs länder fordern eine sog. „Development Box“, mit

22 Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit

(BMZ), Armutsbekämpfung – eine globale Aufgabe: Aktionsprogramm

2015, Bonn 2001.

23 Deutsche Bischofskonferenz, Zur Lage der Landwirtschaft,

Bonn 1989, These 3.14.

29


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

der Ausnahmeregeln für den Grund nah rungs mittelbereich

garantiert werden sollen. Eine Reform dieses

Vertrages wäre ein wesentlicher Beitrag der Agrarpolitik

zur globalen Friedens-, Umwelt- und Er nährungsordnung.

(60) Die tiefen Konflikte zwischen betriebs- und volkswirtschaftlichen

Erfordernissen und dem Weltgemeinwohl

können nur durch eine grundlegende Reform der

Subventionssysteme und der internationalen Handelsbedingungen

aufgelöst werden. Folgt man dem Konzept

einer an ökologischen und sozialen Kriterien orientierten

Marktwirtschaft, ist die weitere marktwirtschaftliche

Liberalisierung des internationalen Agrarmarktes

nur in dem Maß verantwortbar, in dem gleichzeitig ein

globales Ernährungssicherheitsnetz installiert wird und

Mindeststandards des Umwelt-, Verbraucher- und Tierschutzes

im WTO-Vertragswerk eingeführt werden.

Diese sollten in Absprache mit den Entwicklungsländern

definiert werden. Auch der Menschenrechtsausschuss

der UN hat sich im Jahr 2002 dahingehend geäußert,

dass er eine Umsetzung des „Rechts auf Nahrung“ in

den Liberalisierungsverhandlungen darin verwirklicht

sieht, dass die Agrarliberalisierung unbedingt mit sozialen

Sicherungsnetzen einher gehen muss.

(61) Die sich aus dem Prinzip der Solidarität ergebende

Forderung nach echten Chancen für die Entwicklungsländer

auf dem Weltmarkt heißt nicht, dass wir unsere

Landwirtschaft einem radikalen Libe ralisierungs prozess

und der Streichung aller Agrarunterstützungen

unterziehen sollen. Doch ist hier sehr viel mehr Augenmaß

als in der Vergangenheit geboten. Die reichen

Gesell schaften machen sich unglaubwürdig, wenn sie

ihren Wohlstand lediglich dazu nutzen, im Alleingang

und nur für sich selbst Inseln einer intakten Umwelt,

einer fürsorglichen Behandlung der Tiere und einer guten

sozialen Absicherung zu schaffen, ohne dabei zu

berücksichtigen, dass gleichzeitig viele Länder der

Erde unter extremer Armut, Umweltzerstörung und

Gesundheits gefährdung durch vergiftete Nahrungsmittel

leiden. Neben unserem verstärkten finanziellen

Engagement für die Welternährung ist ebenso eine

weltoffene, entwicklungspolitisch kluge Standardentwicklung

nötig.

3.5 Subsidiarität und Stärkung regionaler

Wirtschaftskreisläufe

(62) Das sozialethische Prinzip der Subsidiarität ist für

die Landwirtschaft von zentraler Bedeutung. Gemeint ist

der Vorrang für Selbständigkeit und Eigeninitiative kleinerer

Einheiten. Was auf unterer Ebene zu leisten und zu

gestalten ist, soll nicht von hierarchisch höheren Ebenen

entschieden werden. Subsidiarität wendet sich gegen einseitige

Zentralisierung, weil sie auf Dauer zu einer Entmündigung

der kleineren Einheiten und zu geringerer

Flexibilität in der Anpassung an spezifische Stand ortvoraussetzungen

führt. Subsidiarität wurde 1992 mit

dem Maastrichter Vertrag als ein Grundprinzip für den

Aufbau der europäischen Einheit anerkannt. Sie befürwortet

föderale Strukturen im Sinne von Einheit in Vielfalt.

(63) Einheitliche Regeln, die zu sehr ins Detail gehen,

verhindern diese Vielfalt, die gerade für die europäische

Tradition ein wichtiges Strukturmerkmal ist. Die unterschiedlichen

ökologischen und soziokulturellen Standort

bedingungen können in der Landwirtschaft oft besser

in nationaler oder regionaler Eigenverantwortung

berücksichtigt werden. Ein wichtiges Instrument zur

subsidiären Dezentralisierung ist der weitere Ausbau einer

Co-Finanzierung der Landwirtschaft durch einzelne

Län derprogramme. Unterschiedliche Programme der

ein zelnen Bundesländer haben gute Wirkungen gezeigt,

z. B. der Marktentlastungs- und Kulturland schafts ausgleich

MEKA in Baden-Württemberg, umwelt gerechte

Landwirtschaft in Sachsen oder das Kultur land schaftsprogramm

in Bayern.

(64) Aus dem Prinzip der Subsidiarität ergibt sich eine

Option für die Regionalisierung. Die Regionalisierung

von staatlichen Programmen dürfte in der Regel kein

Problem sein und wird auch von der EU-Agrarpolitik

zunehmend anerkannt, indem zentral nur ein Rahmen

vorgegeben wird, der dann regional angepasst in konkrete

Programme umgesetzt wird. Der gemeinsame

Rahmen ist notwendig, um es zu keinen Wettbewerbsverzerrungen

kommen zu lassen.

(65) Die Regionalisierung von Vermarktung und Ernährungsgewohnheiten

innerhalb des gemeinsamen Rah-

30


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

mens ist zwar wünschenswert, aber nicht einfach. Man

kämpft dabei gegen die Marktmacht riesiger Konzerne

an, deren ökonomische Überlegenheit die zentralisierte

Logistik ist und für die ein kleinräumlicher Waren kreislauf

schwer zu verkraften ist. Dabei würde die Ver stärkung

regionaler Wirtschaftskreisläufe zur Entwick lung

im ländlichen Raum sowie zum Schutz klein bäuerlicher

Strukturen und alternativer Vermarktungskanäle –

jenseits des Wettbewerbs auf den Weltmärkten mit

Massenprodukten – beitragen. Sie vermeidet Verkehr

und Verpackungsaufwand durch eine umweltfreundliche

„Wirtschaft der kurzen Wege“. Sie verbindet sich

mit einer Aufwertung des Handwerks vor Ort, das

Ressourcen schont, indem es nicht nur produziert, sondern

auch repariert. Regionalisierung bindet Kaufkraft

und Wertschöpfung an die Region und trägt so zum

Erhalt von Arbeitsplätzen im ländlichen Raum bei.

(66) Regionalisierung hat auch eine kulturelle Dimension

und leistet durch die Pflege der regionalen Traditionen

und Bräuche einen wesentlichen Beitrag zur Stärkung

sozialer Bindungen, zum Heimatbewusstsein und zur

Lebensqualität. Sie ermöglicht Lebensqualität durch

Nähe von sozialen Kontakten, Einkaufs- und Arbeitsmöglichkeiten

sowie von kulturellen Angeboten und

Initiativen. So können regionale Angebote und Produkte

zugleich ein Wir-Gefühl für Dorf und Region vermitteln.

Manche regionale Produkte aus der Landwirtschaft genießen

einen Vertrauensvorschuss, weil sie als frisch,

gesund und ökologisch wertvoll gelten.

(67) Seit einigen Jahren gibt es eine neue Neigung zur

Regionalisierung. Die Lebensmittel verarbeitende Indus

trie nutzt diese auf ihre Weise, indem sie bestimmte

Anpassungen ihrer Produkte – z. B. an nationalen

Ge schmack, Sprache, Aufmachung oder Marketing –

vornimmt. Moderne Informationstechniken machen

solche industriellen Anpassungen der äußeren Gestalt

von Lebensmitteln möglich. Ob sich die neue Wertschätzung

regionaler Bezüge über solche Vermarktungsstrategien

hinaus auch in dem oben beschriebenen

Sinne für eine umfassende Stärkung kommunaler

Eigenständigkeit in Kultur und Wirtschaft im Großen

durchsetzen wird, ist schwer zu bemessen. Jedenfalls

ist momentan deutlich, dass sich für regionalisierte

Produkte, Handelsstrukturen und Dienstleistungen

Marktnischen auftun, die unbedingt genutzt werden

sollten, um die Vorteile auszuschöpfen. In der Praxis

zeigt sich, dass die Nachfrage nach regionalen Produkten

und nach ökologischen Produkt- bzw. Pro duktionskriterien

in einem engen Zusammenhang stehen.

(68) Das Erwachen des regionalen Bewusstseins der

Verbraucher und Produzenten kann eine Gegenreaktion

auf Entfremdungen sein, die mit der Globalisierung

unserer Lebensumstände einhergehen und von denen

auch der Ernährungsbereich nicht ausgespart

blieb. Gemäß der Maxime „Global denken – lokal handeln“,

die dem Geist der Subsidiarität entspricht, geht

es bei der Regio nalisierung nicht um eine provinzielle

Blockade der gemeinsamen europäischen Agrarpolitik

oder einen neuen protektionistischen Drang. Weltoffen

und in der Region verhaftet zu sein sind keine unüberwindbaren

Gegensätze. Regionalisierung nach

Maßgabe der Sub sidi arität meint ein differenziertes

Mischungs verhältnis.

3.6 Ernährungsethik

(69) Die Ernährung ist heute den gleichen Ratio na lisierungstendenzen

unterworfen wie die Landwirtschaft

und andere Lebensbereiche. Ein breites Sortiment an

stan dardisierter, abgepackter und stark weiterverarbeiteter

Ware, konsumfertig, haltbar, transportabel und

leicht portionierbar, kommt diesem Bedürfnis der Verbraucherinnen

und Verbraucher entgegen. In einer zunehmend

individualisierten Gesellschaft reduzieren sich

die gemeinsamen Mahlzeiten für viele Menschen auf

wenige Anlässe. Häufig sind gravierende gesundheitliche

Probleme wie Übergewichtigkeit in den Indus trieländern

eine Folge der Achtlosigkeit beim Essen. Das

Innehalten, das Ge- und Bedenken des Wertes unseres

täglichen Brotes zur Stärkung von Leib, Geist und Seele

treten zusehends in den Hintergrund. Der Bedeutungsverlust

des gemeinsamen Tischgebets ist deutlicher Ausdruck

hiervon.

(70) Bezieht man ethische Grundsätze auf die Ernährung,

so bedeutet dies, mit einem bewussteren und damit

auch geplanteren Einkaufen zu beginnen. Bewusstes

31


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Einkaufen heißt: Vermeidung von aufwändigen Verpack

ungen und weiten Transportwegen und Berücksich

ti gung jahreszeitlicher Warenangebote. Auf diesem

Wege können die heimische Landwirtschaft unterstützt

sowie das Ernährungshandwerk und die kleinen

Händ ler gefördert werden. Frische und hochwertige

Qualität von Lebensmitteln lässt sich häufig durch überschaubare,

regional gebundene Erzeugungsprozesse erhalten.

Damit werden Maßstäbe gesetzt, die für die

Her stel lungs prozesse insgesamt gelten. Landwirtschaft,

Umwelt- und Tierschutz sind darauf angewiesen, dass

die Ver braucher ihrer Mitverantwortung für die Schöpfung

durch eine „Politik mit dem Einkaufskorb“ gerecht

werden.

(71) Bewusstes Einkaufen, Zubereiten und Essen lohnen

sich auch für die Verbraucher selbst. Denn eine ausgewogene

Ernährung ist eine Basis der Gesundheitsvorsorge.

Sie ist unverzichtbarer Bestandteil eines eigenverantwortlichen

Umgangs mit dem eigenen Körper und der

eigenen Gesundheit. Gesunde Ernährung beinhaltet

den Einkauf qualitativ hochwertiger und vielfältiger

Lebensmittel, eine sorgfältige Zubereitung und genügend

Zeit für den Verzehr. Echter Genuss setzt auch die

Fähigkeit, Maß zu halten, voraus.

(72) Ein wesentlicher Teil der Wertschöpfung bei Nahrungsmitteln

entfällt auf die Weiterverarbeitung und

Zubereitung. Deswegen ist es wichtig, nicht nur die in

der Landwirtschaft Tätigen anzusprechen, sondern alle

Verbraucher, um auf möglichst breiter Basis einen achtsamen

Umgang mit den Gütern der Schöpfung zu fördern.

Es geht nicht um Verzicht als solchen, sondern um

ein neues Qualitätsbewusstsein. Eine neue Kultur der

Ernährung ist ein Beitrag zur Achtung vor der Schöpfung

und zur eigenen Gesundheit, den jeder und jede bei entsprechender

Willensanstrengung auch im Alltag leisten

kann.

2.3 „Es genug sein lassen“: Von der

Effizienz zur Suffizienz

Aus: Ernährungssicherung vor Energieerzeugung. Krite

rien für die nachhaltige Nutzung von Biomasse. Eine

Stellungnahme der Kammer der EKD für nachhaltige

Entwicklung, EKD-Texte 95, Hannover 2008, S. 30-33;

http://www.ekd.de/download/ekd_texte_95.pdf

4 „Es genug sein lassen“: Von der Effizienz

zur Suffizienz

Aus ökologischer Perspektive ist davon auszugehen,

dass der Verbrauch natürlicher Ressourcen langfristig

und in einem ausreichenden Maße nur gesenkt werden

kann, wenn technologische Effizienz- mit verhaltenswirksamen

Suffizienzstrategien zusammenwirken.

Beide allein und isoliert voneinander sind unzureichend.

Technologische Effizienz ist eine anerkannte

Strategie der Umweltpolitik, die Idee einer suffizienten,

das heißt genügsamen Lebensweise stößt hingegen

oftmals auf Widerstand: Verzichten, so heißt es, wolle

doch keiner. So gesehen, war und ist die Idee einer religiös

oder moralisch („Was wäre, wenn jeder Mensch so

viel verbrauchen würde?“) begründeten Umkehr hin

zu einem weniger verbrauchs- und konsumintensiven

Lebensstil eine Außenseiteridee, die konträr zur säkularen

Zivilreligion des Konsumierens stand und steht.

Lesebuch

Gemeinschaftliche Mahlzeit, Niger. Foto: Christoph Püschner

Jedoch ist auch die Verwirklichung von Effizienz strategien

nicht selbstverständlich. Unternehmen und Verbraucher

halten nicht selten lange an gewohnten Produkten

und Verfahrensweisen fest und scheuen den

Wechsel zu neueren Techniken, selbst wenn Kosten einsparungen

damit zu erzielen sind. In nicht wenigen

Fällen scheitert effizientes Verhalten daran, dass das dafür

nötige Wissen nicht vorhanden ist – etwa im Blick

32


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

auf die Stand-by-Technologien. In wieder anderen Fällen

fehlt das notwendige Kapital für Investitionen in neue

Technologien: Auf diese Weise müssen häufig hohe laufende

Energiekosten beglichen werden, ohne auf effiziente

Techniken umsteigen zu können. Schließlich orientieren

sich Forschung und Entwicklung nicht immer

an der Steigerung der Energie-Effizienz, sondern an anderen

Zielen, die „vom Markt“ vorgegeben werden.

Genügsamkeit erscheint dagegen zunächst als ein individueller

Lebensstil. Einzelne Menschen werben beiläufig

für diese Idee, indem sie sie im je eigenen Lebensvollzug

zum Ausdruck bringen. Diese Idee ist in allen

Weltreligionen verbreitet: in äußerlichen Dingen arm,

in spirituellen Angelegenheiten reich sein wollen. Man

gibt A um B willen auf, weil man glaubt, dass sich beides

miteinander nicht gut verträgt. Suffizienz ist dabei

kein zwanghafter Verzicht, sondern beruht im Kern auf

einer wohl überlegten Geringschätzung eines am

Konsum orientierten Lebensstils. Wenn nun B aber

wichtiger, kostbarer und schöner als A ist, dann gibt

man A preis. Somit ist, recht betrachtet, die Verzichts-

Terminologie einseitig und damit irreführend. Es geht

nicht um ein freudloses Verzichten-Müssen, sondern

um ein befreites und befreiendes Weglassen-Können.

Ein mit dem Leitbild der Genügsamkeit verbundenes

Denken ist auch im christlichen Denken zuhause: Es

gibt das biblische Konzept der „Metanoia”, das mit

„Sinnes wandel“ übersetzt werden kann. In der christlichen

Tugendlehre wird die Habgier von je her als Laster

angesehen. Zwar darf man sich durchaus über äußere

Glücksgüter freuen (und Gott dafür danken), aber man

soll sein Herz nicht an Güter hängen, „die Motten und

der Rost fressen“ (Mt. 6,19). Äußere Glücksgüter sollen

nicht vom menschlichen Geist Besitz ergreifen, und

wenn dies droht, so ist es besser, sich von ihnen zu trennen.

Daher heißt es in der Bibel, dass ein weiser Mensch

Gott darum bittet: „Armut und Reichtum gib mir nicht“

(Spr. 30, 8).

Ein wesentlicher Punkt unterscheidet die umweltethische

Idee der Suffizienz von der religiösen Idee der

Metanoia. Die Metanoia ist theologisch immer die Abkehr

von der Sünde und die Hinwendung zu Gott. Ein

genügsamer Lebensstil einzelner Menschen liefert natürlich

nur einen verschwindend kleinen Beitrag zur

Lösung eines größeren Umweltproblems. Die Umkehr

zu einem einfacheren Leben kann für viele Menschen

befreiend, erleichternd, ja beglückend sein und anderen

Menschen als Ermutigung, teilweise sogar als Vorbild

dienen. Jedoch dürfen wir bei umweltpolitischen Zielsetzungen

nicht aus den Augen verlieren, dass es gesamtgesellschaftlich

wenig Sinn macht, wenn nur ein

sehr kleiner Teil der Bevölkerung versucht, einander

in „Suffizienzrekorden“ zu überbieten – während die

Mehr heit weiterhin „business as usual“ praktiziert. Eine

Ökonomie der Genügsamkeit kann von den Beispielen

Einzelner ausgehen. Sie darf sich aber, um in der

Gesellschaft wirksam zu sein, nicht nur auf Appelle an

das individuelle Konsumverhalten reduzieren, sondern

muss grundlegende und strukturelle Verände run gen

der Ökonomie nach sich ziehen. In den reichen Industrieländern

bedeutet dies, den Gedanken, dass auch der

Konsum Grenzen des Wachstums erreichen kann, überhaupt

erst einmal diskussionsfähig zu machen.

Ein Wandel der Lebensstile kann, wenn er glaubwürdig

gelebt wird, vertrauensbildend auf andere und verändernd

auf die Regelwerke wirken, unter denen sich

die ökonomische Globalisierung vollzieht. Nur wenn

der Norden – oder wenigstens ein Akteur von weltwirtschaftlicher

Bedeutung wie die EU – die Bereitschaft

an den Tag legt, den bisherigen kollektiven „way of life“

zu verändern, können Erwartungen an die aufstrebenden

Mittelschichten der Schwellenländer gerichtet werden,

diesen vordergründig attraktiven, am Konsum orientierten

Lebensstil nicht nachzuahmen. Dies würde

auch die Kräfte derer stärken, die reiche kulturelle und

religiöse Traditionen (etwa Indiens) nicht einem säkularen

Konsumismus opfern wollen oder die, wie die aktiven

Gruppen der „First Nations“, 24 einen Rückweg zu

gewaltsam zerstörten Traditionen suchen.

Gerade in den reichen Industrieländern sind viele konkrete

Schritte möglich, um eine Ökonomie der Genügsamkeit

in unserem alltäglichen Leben zu verankern.

24 Als „First Nations“ werden indianische Völker in Kanada

bezeichnet.

33


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

Dabei müsste noch nicht einmal jeder Bürger und jede

Bürgerin alle diese Schritte gleichzeitig verwirklichen –

jede/r könnte mit dem anfangen, was ihm oder ihr am

leichtesten fällt oder wo er/sie den größten Hand lungsbedarf

sieht. Eine hervorragende Orientierungs mög lichkeit

bietet dabei – neben vielen anderen einschlägigen

Ratgebern – das Projekt des „Nachhaltigen Waren korbs“

des bundesdeutschen Rates für Nachhaltige Ent wicklung.

25 „Ökonomie der Genügsamkeit“ kann heißen:

1. Das eigene Mobilitätsverhalten zu verändern: 26

kurze Strecken zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückzulegen,

keine Kurzzeit-Reisen mit dem Flugzeug

zu unternehmen, nur Pkws mit niedrigem

CO2-Ausstoß zu kaufen, freiwillig eine Höchstgeschwindigkeit

von 120 km/h einzuhalten;

so bescheiden, nutzen, um eine „Ökonomie der

Genügsamkeit“ zu verwirklichen.

Alle diese Punkte werden seit Jahren diskutiert. Nun, da

die Klimaveränderungen zeigen, wie wichtig der ökologisch

orientierte Umbau der Gesellschaft ist, ist noch

einmal deutlicher geworden, dass diese Schritte auch in

der Praxis gegangen werden müssen. Die energetische

Nutzung von Biomasse ist ein wesentlicher Bestandteil

dieses Umbaus. Zu verantworten ist sie nur, wenn die

Menschen so effizient und genügsam wie möglich mit

Energie umgehen. Hierfür sind die Appelle an das individuelle

Verhalten nicht ausreichend. Zur Erreichung

des Ziels einer nachhaltigen Energiewirtschaft sind

Veränderungen in den ökonomischen institutionellen

Rahmenbedingungen erforderlich.

2. die eigenen Ernährungsgewohnheiten zu verändern:

Produkte aus der Region und „à la saison“ zu

bevorzugen, wo immer möglich auf ökologisch erzeugte

Lebensmittel zurückzugreifen, bei Produkten

aus Übersee konsequent nur fairtrade-Produkte

einzukaufen, und vor allem: den Fleischkonsum so

weit wie möglich einzuschränken;

3. sich den eigenen Umgang mit Energie bewusst zu

machen und bewusst zu gestalten: nur energieverbrauchsoptimierte

Geräte anschaffen, auf richtiges

Lüften und Heizen achten, auf den Bezug von

Ökostrom umstellen, alle Standby-Geräte komplett

abschalten, wenn sie nicht in Betrieb sind,

in Wärmedämmung und, sofern möglich, auch in

Solarenergie investieren;

4. die eigenen Ersparnisse nach den Kriterien eines

ethisch und ökologisch verantwortungsvollen

Investments anzulegen, mit anderen Worten:

die eigene Wirtschaftskraft, und sei sie auch noch

Beispiele hierfür wären:

1. Einbeziehung des Flugverkehrs in den Emissionshandel

oder eine adäquate Besteuerung von Kerosin,

2. Tempolimit auf Autobahnen, was neben seinen direkten

Effekten langfristig dazu beitragen würde,

dass die Produktion von immer größeren und immer

stärker motorisierten Kraftfahrzeugen sinnlos

würde,

3. Reduktion des CO2-Ausstoßes von PKW auf 90-100

g/km durch einen Mix aus Ordnungsrecht und

ökonomischen Instrumenten, 27

4. keine weitere Privilegierung der Kohle im Nationalen

Emissionshandel, Versteigerung der Emissionslizenzen

zu 100%,

5. anspruchsvolle Standardisierung von Elektro ge räten

(Top-Runner-Approach),

25 Als „First Nations“ werden indianische Völker in Kanada

bezeichnet.

26 Vgl. Arbeitsgemeinschaft der Umweltbeauftragten der EKD:

Verkehr (Reihe „Bewahrung der Schöpfung“ 5), Frankfurt

1992; Ökumenischer Rat der Kirchen: Mobilität. Perspektiven

zukunftsfähiger Mobilität, Genf/Bad Boll 1998.

6. Anreize zur energetischen Modernisierung des Gebäudebestandes.

27 Vgl. Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU): Umweltgutachten

2008: Umweltschutz im Zeichen des Klimawandels,

Kap. 1.

34


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

für sie die Gerechtigkeitsfrage und die Umweltfrage

untrenn bar mit der Friedensfrage verbunden seien.

Schließlich verpflichteten sich die Kirchen, die unter

dem Dach des ÖRK zusammenarbeiteten, in Vancouver

zu einem „Konziliaren Prozess gegenseitiger Verpflichtung

für Ge rechtigkeit, Frieden und Bewahrung der

Schöpfung“. 28

Gemeinschaftliche Feldarbeit, Uganda. Foto: Christof Krackhardt

2.4 Konziliarer Prozess und Option für

die Armen

Aus: Umkehr zum Leben. Nachhaltige Entwicklung im

Zeichen des Klimawandels. Eine Denkschrift des Rates

der EKD, Gütersloh 2009, S. 111-114; http://www.

ekd.de/download/klimawandel.pdf

5.2 Konziliarer Prozess und Option für die

Armen

Als ethische Orientierung für eine Umkehr in Gesellschaft,

Politik und Wirtschaft beziehen wir uns auch

auf die Leitbilder, die im Konziliaren Prozess für Gerechtigkeit,

Frieden und Bewahrung der Schöpfung entwickelt

wurden.

Der Konziliare Prozess entstand in den 1980er Jahren als

Antwort der Kirchen und Gruppen im Ökumenischen

Rat der Kirchen (ÖRK) auf die globalen politischen, sozialen

und ökonomischen Herausforderungen, die ein

Leben in Frieden und Gerechtigkeit sowie die Bewahrung

der Schöpfung in Frage stellen. 1983 brachten bei

der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der

Kirchen in Vancouver die Delegierten des Bundes der

evangelischen Kirchen in der DDR (BEK) einen Antrag

ein, in dem sie bezugnehmend auf Dietrich Bonhoeffers

Forderung aus dem Jahr 1934 die Einberufung eines

gesamtchristlichen Friedenskonzils forderten. Aus kirchenrechtlichen

Gründen verzichtete man in der weiteren

Debatte auf den Begriff des Konzils. Außerdem wurde

von den Kirchen aus dem Süden daran erinnert, dass

Es folgten 1985 in Westdeutschland der Aufruf Carl

Friedrich von Weizsäckers auf dem Düsseldorfer

Kirchentag, der dem Beschluss von Vancouver mehr

Bekanntheit verschaffte, sowie eine Reihe von ökumenischen

Versammlungen auf ostdeutscher (1988/89

in Magdeburg und Dresden), westdeutscher (1988 in

Königstein und Stuttgart) sowie auf europäischer Ebene

(1989 in Basel), die stark von kirchlichen Basisgruppen

mitbestimmt und den inneren theologischen und politischen

Zusammenhang der Fragen nach Gerechtigkeit,

Frieden und Bewahrung der Schöpfung reflektierten

und konkrete Schritte der Umkehr forderten. 29 Bei der

Weltversammlung 1990 in Seoul bekannten die dort

versammelten Kirchen: „Wir sind uns gegenseitig rechenschaftspflichtig,

wir brauchen einander, um zu

begreifen, wer wir vor Gott sind. Eine weltweite geschwisterliche

Gemeinschaft wird erst wachsen, wenn

wir gelernt haben, auf einander zu hören, uns mit den

Augen der anderen zu sehen. ... Der Ruf Jesu zum

Leben hat viele Ausdrucksformen: für die Reichen

hieß er, befreit euch von der Macht des Geldes, ...

die Verzweifelten rief er auf, die Hoffnungslosigkeit

zu überwinden, die Privilegierten ermahnte er, ihren

Reichtum und ihre Macht zu teilen, ... die Schwachen,

sich selbst mehr zuzutrauen.“ 30

Ebenso aus der Ökumene kam der Impuls zur „Option

für die Armen“, der auch in Deutschland z. B. im gemeinsamen

Wort des Rates der EKD und der Deutschen

28 S. W. Muller-Romheld (Hrsg.): Bericht aus Vancouver 1983,

Frankfurt 1983, S. 99.

29 Vgl. U. Schmitthenner (Hrsg.): Der konziliare Prozess.

Gemeinsam für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der

Schöpfung, Frankfurt 1998, S. 38-48.

30 http://oikoumene.net/home/global/seoul90/seoul.theo/

index.html

35


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

Bischofskonferenz zur wirtschaftlichen und sozialen

Lage 1997 aufgenommen wurde und bis heute eine

Orientierungsgröße für die christliche Weltver ant wortung

ist. Es heißt dort: „In der Perspektive einer christlichen

Ethik muss darum alles Handeln und Entscheiden

in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft an der Frage

gemessen werden, inwiefern es die Armen betrifft, ihnen

nützt und sie zu eigenverantwortlichem Handeln

befähigt. Dabei zielt die biblische Option für die Armen

darauf, Ausgrenzungen zu überwinden. ... Sie hält an,

die Perspektive der Menschen einzunehmen, die im

Schatten des Wohlstandes leben.“ 31 In diesem Sinne ist

für ein Verständnis von Gerechtigkeit einzutreten, nach

dem allen Völkern des Globus das gleiche Recht zuzugestehen

ist, die Schöpfungsgüter zu nutzen. Durch

den Klimawandel stellt sich die Frage „Wer ist mein

Nächster?“ mit neuer Schärfe.

Unser Leben ist endlich und die Güter der Erde sind begrenzt.

Deshalb müssen wir sorgsam mit ihnen umgehen.

Gott fordert uns heraus, uns auf unsere Grenzen

zu besinnen. Daran erinnern uns biblische Traditionen,

wie z. B. der von Gott geschaffene Ruhetag, der eine

heilsame Unterbrechung des Arbeitslebens darstellt

oder auch die Tradition des Erlassjahres, das Besitz verhältnisse

in regelmäßigen Abständen neu ordnet und

sowohl extremem Reichtum als auch extremer Armut

Grenzen setzt. Von den Grenzsetzungen Gottes erzählen

auch biblische Geschichten wie die des Turmbaus zu

Babel oder des Gleichnisses vom reichen Kornbauern, in

denen Gott Menschen in ihrem Streben nach unendlicher

Macht und unendlichem Anhäufen von Reichtum

in ihre Schranken weist. Eine Lebens- und Wirtschaftsweise,

die auf ständiges Wachstum setzt, ist nicht nur

gefährlich und unverantwortlich, sondern leugnet auch

die von Gott geschaffene heilsame Endlichkeit des

Menschen. Letztlich geht es auch darum, dass wir als

Menschen das für uns richtige Maß wieder finden und

eine neue Ethik der Genügsamkeit einüben.

31 S. Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit. Wort

des Rates der EKD und der deutschen Bischofskonferenz zur

wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland, Gemeinsame

Texte 9, Hannover/Bonn 1997, S. 44f; www.ekd.de/

EKD-Texte/sozialwort/sozialinhalt.html

Nicht erst seit der Finanzkrise, sondern schon lange zuvor

gab es in den Kirchen daher den Ruf, Modelle einer

„Ökonomie der Genügsamkeit“ zu entwickeln. 32

Diesem Ruf hat sich die EKD-Synode 2008 auch in ihrer

Erklärung zur Finanzkrise angeschlossen, indem sie

fest stellt, dass Maßlosigkeit in die Krise geführt hat, und

die Wirtschafts- und Klimakrise uns zeigen, dass sich

unser Wirtschafts- und Lebensstil ändern müssen. 33 Die

Kundgebung der EKD-Synode zum Thema Klimawandel

2008 erwartet diese Änderung des Lebensstils aus der

Haltung der Dankbarkeit über die Schönheit der Schöpfung

und der Demut, die die von Gott gesetzten Grenzen

achtet. „Die Frage nach den Grenzen meiner Möglich

keiten begleitet mich täglich als eine Frage des

Schöpfers an mich: Was erlaubst du dir? … Zu lange

sind wir alle den Prinzipien der Machbarkeit und der

Verwertbarkeit gefolgt. Jetzt bin ich … herausgefordert,

mir Grenzen zu setzen; das Lassen zu lernen.“ 34 Auch

wir in der Kirche haben uns zu lange von der Illusion

des grenzenlosen Wachstums leiten lassen und sind

deshalb auch Teil der problematischen Entwicklung, die

wir heute beklagen.

Ist der Ruf nach Umkehr ähnlich vermessen, wie das

Be schreiten des Weges, auf dem wir bisher gegangen

sind? Gottes eigenes Handeln, das Recht schafft, erinnert

uns daran, dass die Hoffnung auf Gerechtigkeit

nicht eine Utopie bleibt, sondern für diese Welt gilt:

Friede auf Erden ist eine schon jetzt geltende Verheißung.

Wir machen uns schuldig vor Gottes Augen und vor der

Welt und leugnen seine befreiende und verändernde

Macht, wenn wir als Christen trotz allen Wissens nicht

den global und lokal herrschenden Ungerechtigkeiten,

den Menschen verachtenden Kriegen und dem aus

Maß losig keit geborenen Raubbau an seiner Schöpfung

entgegentreten.

32 S. Alternative Globalisierung im Dienst von Menschen und

Erde, AGAPE-Dokument des ÖRK, 2005, S. 68.

33 S. Beschluss der EKD-Synode 2008: Verbindliche Regeln für

die globalen Finanzmärkte; www.ekd.de/synode2008/beschluesse/beschluss_kapitalmarkt.html

34 Klimawandel – Wasserwandel – Lebenswandel. 7. Tagung

der 10. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland

vom 2. bis 5. November 2008 – Bremen, hier: Kundgebung,

epd-Dokumentation 52/2008, S. 8.

36


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

„Kehret um, und ihr werdet leben“ – diesen prophetischen

Ruf gilt es, zuerst für uns als Kirche zu hören,

anzunehmen und ihn zu leben. Dann werden wir

als Kirche auch eine Stimme werden, die sich in der

Diskussion um die Suche nach neuen politischen und

ökonomischen Leitbildern zu Wort melden kann, eine

Stimme, auf die andere in Gesellschaft, Politik und

Wirtschaft hören können.

Leitbild für die Reform der Agrarpolitik sollte nach unserer

Auffassung eine ökologisch nachhaltige, multifunktionale

und vielfältige Landwirtschaft sein, die

ihrer Verantwortung gegenüber den Erzeugerinnen/

Erzeugern und den Verbraucherinnen und Verbrauchern

in der Europäischen Union, aber auch den Menschen in

den Entwicklungsländern nachkommt.

Zentrale Kriterien für mehr Nachhaltigkeit im Agrarsektor

sind

• die internationale Verantwortung der EU-Agrarpolitik

für Folgewirkungen der eigenen Ent scheidungen

und des eigenen Handelns vor allem in den Ent wicklungsländern

und für die Weiter ent wicklung internationaler

Regelwerke,

Pestizide werden auf eine Monokultur ausgebracht, Brasilien. Foto: Florian Kopp

• die Respektierung der Ernährungssouveränität

von Drittstaaten – d. h. ihr Recht, ihre eigene Landwirtschafts-

und Ernährungspolitik zu verwirklichen –

und die Umsetzung des Menschen rechts auf Nahrung,

2.5 Empfehlungen der Kammer

für nachhaltige Entwicklung für

den weiteren Reformprozess der

Europäischen Agrarpolitik

Aus: Leitlinien für eine multifunktionale und nachhaltige

Landwirtschaft. Zur Reform der Gemeinsamen

Agrarpolitik (GAP) der Europäischen Union. Eine

Stellungnahme der Kammer der EKD für nachhaltige

Entwicklung, EKD-Text 114, 2011, S. 20-26; http://

www.ekd.de/download/ekd_texte_114.pdf

• der Beitrag zum Ressourcenschutz, zum Klimaschutz,

zum Tierschutz und zum Schutz der biologischen

Vielfalt,

• die Eröffnung positiver sozioökonomischer Perspektiven

für landwirtschaftliche Betriebe unterschiedlicher

Strukturen durch verlässliche Rahmenbedingungen

und die Honorierung gesellschaftlich erwünschter Gemeinwohlleistungen,

• Impulse für integrierte ländliche Entwicklungsprozesse,

Die Kammer für nachhaltige Entwicklung der EKD

nimmt die aktuellen agrarpolitischen Diskussionen

zum Anlass, vor dem Hintergrund des christlichen

Schöp fungsglaubens und des biblischen Verständnisses

einer lebensdienlichen Ökonomie Grundzüge einer

nach haltigeren EU-Agrarpolitik zu skizzieren. In diesem

extrem komplexen Politikfeld können keine Patentrezepte

zur Problemlösung angeboten, jedoch Kriterien

benannt werden, die für eine Reform der neuen GAP

handlungsleitend sein könnten.

• eine Stärkung des Verbraucherschutzes und

der Transparenz sowie der Verantwortung der Verbraucher

für eine nachhaltige Landwirtschaft.

6.1 Internationale Verantwortung

Die EU-Agrarpolitik sollte sich klar zu ihrer internationalen

Verantwortung bekennen. Sie ist so zu gestalten,

dass die Bemühungen anderer Länder, ihre Ernährungssicherung

durch eigene Agrarproduktion zu sichern,

37


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

nicht behindert werden („do no harm“). Auch sollte die

EU ihre Handelspolitik kontinuierlich auf die Folgewirkungen

gegenüber den Entwicklungsländern analysieren

und beobachten. Die EU-Agrarpolitik sollte

weiter gefasst werden und stärker Klimapolitik, Seuch enpolitik,

Lebensmittelpolitik, Agrarumwelt poli tik, Agrar -

marktpolitik und Agrarhandelspolitik als Teil der EU-

Agrarpolitik verstehen. Dies sollte eingebunden sein in

internationale Regelwerke und Leit linien, wie z. B. den

UN Millennium-Entwicklungs zielen, den verschiedenen

Leitlinien der Welternährungs organisation FAO,

den Dokumenten der UN-Konferenz für Umwelt und

Entwicklung (UNCED) und dem Pakt zu den wirtschaftlichen,

sozialen und kulturellen Menschenrechten. Wir

erwarten auch von den Institutionen der Agrarpolitik

einen Ein satz zum Aufbau weltweiter Entwicklungspart

ner schaft als dezidiertes Teilziel der Gemeinsamen

Agrar politik mit entsprechenden Konsequenzen für die

EU-Haushaltspolitik, EU-Handelspolitik und EU-Forschungspolitik.

Eine Konsequenz daraus ist eine verstärkte Binnenmarkt

orientierung, die eine strukturell bedingte ständige

Überproduktion verhindert. Gleichzeitig müssen gerechte

Regeln für einen qualifizierten Marktzugang

geschaffen werden. Der qualifizierte Marktzugang soll

die europäische Landwirtschaft vor Umwelt- und Sozialdumping

schützen, da sie innerhalb der EU im internationalen

Vergleich tatsächlich höhere Produktionsstandards

zu erfüllen haben. Bei der Eindämmung der

Finanzspekulation mit Agrarerzeugnissen und des

Land Grabbings sollte die EU eine internationale Vorreiterrolle

übernehmen.

In vielen Entwicklungsländern, in denen die Ernährungs

sicherung noch immer nicht gewährleistet ist,

nimmt der Anbau von Futtermitteln sowie Energiepflanzen

für den Export dramatisch zu. Auch die Produktion

von nachwachsenden Rohstoffen für die stoffliche

Verwertung gewinnt an Bedeutung und verschärft

die Flächenkonkurrenz in den Entwick lungs ländern.

Die EU sollte die Zulassung von Agrarimporten an

die Beachtung von Nachhaltigkeits- und Menschenrechtskriterien

binden und darauf hinwirken, dass der

Ernährungssicherung Vorrang gewährt wird.

Auch sollten die EU und ihre Mitgliedsstaaten die

Verabschiedung und Umsetzung der derzeit bei der

Welternährungsorganisation FAO erarbeiteten Freiwilligen

Leitlinien zum Recht auf Zugang zu Land und

anderen natürlichen Ressourcen nachdrücklich unterstützen.

Besonders das europaweite Netz der öffentlichen Agrarforschung

sollte wesentlich stärker als bisher Fragen zur

nachhaltigen, multifunktionalen Landwirt schaft im europäischen

und internationalen Kontext bearbeiten und

Forschungspartnerschaften mit Ent wick lungsländern

ausbauen. Eine verstärkte öffentliche Pflanzen- und

Tier züchtung, die sich an den zukünftigen Nach haltigkeitsherausforderungen

und an einer erwei terten

Agro biodiversität ausrichtet, ist ebenfalls wünschenswert.

6.2 Welternährung und

Ernährungssouveränität

Die Europäische Union sollte die „Freiwilligen Leitlinien

zur Implementierung des Rechts auf Nahrung“ zur

Richtschnur ihres Agrarhandels mit Entwicklungsländern

machen und alles unterlassen, was die Er nährungssouveränität

und die Verwirklichung des Rechts

auf Nahrung in den Entwicklungsländern behindert.

Die EU-Agrarpolitik muss auf die langfristige Ernährungssicherung

jener Entwicklungsländer, die Netto-

Nahrungsmittelimporteure sind, mit hinarbeiten und

die Fähigkeiten der Menschen in diesen Ländern, sich

selbst zu ernähren, unterstützen. Die EU sollte ihre

Mitarbeit in der Welternährungsorganisation FAO und

in dem Committee for World Food Security als Teil der

Gemeinsamen Agrarpolitik begreifen und den Ent wicklungsländern

uneigennützig helfen, ihren eigenen Weg

der Agrarentwicklung zu gehen. Dabei sollte sie sich an

dem Leitbild der multifunktionalen Land wirt schaft, wie

im Bericht des Weltagrarrats empfohlen, orientieren.

6.3 Ressourcen-, Klima- und Umweltschutz

Die EU sollte den Weg der konsequenten Ökologisierung

der Landwirtschaft weiter beschreiten. Die zukünftige

Landnutzung soll dazu beitragen, die Vielfalt der Landschaften

zu erhalten, denn diese landschaftliche Vielfalt

Lesebuch

38


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

ist die Grundvoraussetzung für den Erhalt der Biodiversität.

Wildpflanzen und -tiere müssen Lebensräume

zugeteilt bekommen durch die verstärkte Ausweisung

von ökologischen Vorrangflächen in Agrarlandschaften,

was durch entsprechende Agrarumweltprogramme samt

Fachberatung gefördert werden sollte. Insbesondere artenreiches

Grünland sollte unter besonderen Schutz gestellt

werden. Der kommerzielle Anbau von gentechnisch

veränderten Pflanzen sollte ausgeschlossen

werden, weil damit ökologische Risiken einhergehen,

deren Ausmaß und Folgen erst langfristig angemessen

beurteilt werden können. 35 Die Intensität des Landbaus

darf den Wasserhaushalt und die Böden nicht langfristig

beeinträchtigen. Nutztiere sollten möglichst tiergerecht

und flächengebunden gehalten werden.

Der Landwirtschaftssektor spielt in Bezug auf den

Klima wandel eine wichtige Rolle. Einerseits ist die

Landwirtschaft eine erhebliche Quelle für die Emission

klimarelevanter Gase. Andererseits ist sie von den

Folgen des Klimawandels besonders stark betroffen,

was weitreichende Anpassungsleistungen erforderlich

macht. Die Landwirtschaft muss ihren Beitrag zur

Vermeidung von Treibhausgasen leisten. Sie muss durch

die intelligente Verwertung von „Reststoffen“ zur Produk

tion von nachwachsenden Rohstoffen beitragen.

Schließlich muss die EU die Landwirte bei der Anpassung

an die Auswirkungen des Klimawandels auf

Pflanzen, Tiere und Ressourcen unterstützen.

Bei der geplanten massiven Ausdehnung des Anbaus

von nachwachsenden Rohstoffen als Energieträger im

Rahmen der deutschen „Energiewende“ sind die langfristige

Funktions- und Tragfähigkeit der Agrarökosysteme

sowie die Gesamtumweltbilanzen zu beachten.

Zum einen ist eine Fokussierung auf die Verwendung

von Reststoffen und Koppelprodukten aus der Landund

Forstwirtschaft bei der energetischen Verwertung

notwendig, um die Konkurrenz zur Nahrungsmittel-

produktion zu verringern. Zum anderen sind die Prinzipien

einer erweiterten Fruchtfolge und des Erhalts des

Humusspiegels zu berücksichtigen. Um Mono kul turen

und zu starke regionale Konzentrationen von z. B. Biogasanlagen

zu vermeiden, sollte der großflächige Anbau

von nachwachsenden Rohstoffen vorausschauend mit

Elementen der Raum- und Regionalplanung verknüpft

werden. Dies ist insofern relevant, da viele Auswirkungen

nur indirekt erfolgen: beispielsweise die Effekte, die als

indirekte Landnutzungsänderungen bekannt sind, bei

denen der Anbau anderer Agrarprodukte durch die Ausweitung

der Energiepflanzenproduktion in kohlenstoffreiche

oder ökologisch sensible Flächen abgedrängt

wird. Bei der öffentlichen Förderung der Produktion

von nachwachsenden Rohstoffen müssen zudem Fragen

der Über- und Unterförderung samt deren Auswirkungen

auf andere Zweige der Landwirtschaft z. B. über die

Höhe der Pachtpreise für Landwirtschaftsflächen kritisch

überprüft werden. In diesem Zusammenhang

muss bei Fragen der Flächenbelegung auch der deutliche

Ausbau der einheimischen Eiweißfutterpflanzen

wie Leguminosen einbezogen werden. Der starke Ausbau

regenerativer Energieträger setzt in Deutschland einen

tiefgehenden Transformationsprozess voraus. Die

Möglichkeiten des Einsatzes von Biomasse für energetische

Zwecke sind in den jeweiligen Naturräumen begrenzt.

Der Ausbau sollte gut geplant erfolgen, um negative

Nebeneffekte für Landwirtschaft, Umwelt und dort

lebende Bevölkerung zu minimieren. Die Grenzlinie

zwischen Fachrecht – also was gesetzlich zumutbar ist,

und was als „Zusatzleistung“ der Landwirte über das

gesetzliche Maß hinausgeht, ist im Rahmen des geplanten

„Greenings“, d. h. der Bindung von Direktzahlungen

an Umweltanforderungen, festzulegen. Für freiwillige

Leistungen müssen die Landwirte honoriert werden,

und zwar mit einer expliziten Anreizkomponente.

6.4 Eröffnung positiver sozioökonomischer

Perspektiven

35 Texte zur grünen Gentechnik siehe: Einverständnis mit

der Schöpfung. Ein Beitrag zur ethischen Urteilsbildung im

Blick auf die Gentechnik und ihre Anwendung bei Mikroorganismen,

Pflanzen und Tieren. 2., um einen Anhang

erweiterte Auflage, Gütersloh 1997; http://www.ekd.de/

EKD-Texte/44607.html [14.9.2011]

Die Gesellschaft darf keine unzumutbaren Anfor derungen

an die Landwirtschaft und Lebensmittel er zeugung

stellen, die ganze Branchen oder Regionen der

Landwirtschaft an den Rand der Existenz bringen. Auf

die Verlässlichkeit der Unterstützung durch den Staat

39


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

müssen die Landwirte der unterschiedlichsten Betriebstypen

rechnen können. Alle Änderungsprozesse der

Agrarpolitik müssen entsprechend vorbereitet und langfristig

durch planbare Übergangszeiträume eingeleitet

werden. Der Haupt-Begründungszusammenhang für

eine öffentliche Förderung muss sich – entsprechend

des Modells der multifunktionalen Landwirtschaft – an

der Honorierung gesellschaftlich erwünschter, jedoch

nicht marktfähiger Leistungen ausrichten. Allein die

Agrarpreise ermöglichen es den Landwirten nicht, gewünschte

öffentliche Güter ohne eine öffentliche Förderung

dieser Leistungen bereit zu stellen.

Bei diesen Leistungen handelt es sich u. a. um

• die quantitative und qualitative Versorgungs sicherheit

mit Lebensmitteln für die europäische Be völ ke rung,

• die Bewirtschaftung natürlicher Ressourcen,

• die Erhaltung von Artenvielfalt und Habitaten,

• die Pflege der Kulturlandschaften und

• die Gewährleistung von lebensfähigen regionalen

Strukturen im Rahmen nachhaltiger ländlicher Entwicklung.

Dabei sollen auch innovative Betriebsumstellungen weiter

hin förderungswürdig sein, die der Erschließung neuer

innovativer Produkte, Vermarktungswege, Ver marktungs

formen und Produktstandards für Märkte dienen.

Neben einer ökologischen Qualifizierung treten auch

zunehmend soziale Gesichtspunkte, wie z. B. Kleinerzeugerregelungen,

Förderung von Jungland wirten,

Be grenzung der Zahlungen nur auf „aktive Landwirte“,

und – besonders umstritten – eine pro Betrieb degressiv

gestaffelte Kappung mit einer absoluten Obergrenze der

Förderung. Dabei sollten die sozialversicherungspflichtigen

Arbeitsplätze pro Betrieb berücksichtigt werden.

Allerdings sind dabei die sehr großen Unterschiede unter

den EU-Mitgliedsstaaten im Blick auf den allgemeinen

Lebensstandard und die Lohnkosten einzubeziehen. Das

langfristige Ziel der Teilhabe der in der Land wirt schaft

Tätigen an der allgemeinen Ein kom mens ent wick lung

gilt nach wie vor. Derzeit decken die Erzeuger preise

häufig nicht die Produktionskosten. Die wesentlich stärker

ökologisch und sozial qualifizierte öffentliche

Förderung dient deshalb auch in Zukunft in Teilen der

Einkommensstabilisierung. Mittelfristig sollte das Ziel

die Zahlung fairer Erzeugerpreise sein, die den Betrieben

ein ausreichendes Einkommen ermöglichen.

6.5 Integrierte ländliche Entwicklung

Die Kammer für nachhaltige Entwicklung der EKD

empfiehlt den vollumfänglichen Erhalt sowie die Weiter

entwicklung der Politik für den ländlichen Raum

(sog. 2. Säule der GAP) mit dem Ziel, die dortigen Lebensund

Arbeitsverhältnisse zu verbessern, um auch in entlegenen

Räumen ein Verbleiben zu erleichtern. Ländliche

Räume sind Wirtschaftsräume, die regionalspezifische

Förderansätze benötigen. Entsprechend dem Subsi dia ritätsprinzip

sollte den einzelnen EU-Mitgliedsstaaten

und Regionen deshalb genügend Raum und Finanzmittel

für eigenständige Regionalent wick lungsprozesse gelassen

werden. Die spezielle Förderung benachteiligter

Gebiete sollte fortgeführt werden und bei der aktuellen

Überprüfung der Gebietskulissen transparente und

nach vollziehbare Kriterien benannt werden.

Der Bürokratie-Aufwand der Umsetzung und der Überprüfung

(z. B. im Bereich der Erhaltung der Artenvielfalt)

sollte auf der Grundlage zielführender und transparent

überprüfbarer Kriterien deutlich reduziert werden.

Viele der in der 2. Säule befindlichen einzelnen Fördermaßnahmen

bedürfen jedoch der kritischen Überprüfung,

wie z. B. die Investitionsförderung, die dem

Stallneubau mit reiner Aufstockung der Tierbestände

dient. Anders zu beurteilen sind z. B. Maßnahmen des

Stallneubaus, die eine Verbesserung und Ausdehnung

der besonders tiergerechten Haltung bewirken.

6.6 Verbraucherschutz und

Verbraucherverantwortung

Das wachsende Qualitätsbewusstsein der Verbrauche

rinnen und Verbraucher ist eine Chance für das Ge-

40


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

lingen einer neuen Agrarpolitik. Sie sollte dem Wunsch

vieler Bürger und Bürgerinnen entsprechen, in einen erweiterten

Qualitätsbegriff auch Menschenrechts-, Tierschutz-

und Nachhaltigkeitskriterien einzubeziehen. Es

geht um einen Wettbewerb unter Berück sich tigung von

sozialen und ökologischen Standards und nicht mehr

nur um Kostenvorteile.

Die Kammer für nachhaltige Entwicklung der EKD

empfiehlt, dass in der Beratung, Förderung und Aus bildung

der Landwirte ein innovatives Unter neh mertum

noch stärker als bisher eingeübt wird. Es sollte u. a. darauf

ausgerichtet sein, die zunehmende Nachfrage nach

Agrarprodukten, die unter stärkerer Beachtung von

Menschenrechts-, Tierschutz- und Nachhaltigkeits kriterien

hergestellt werden, bedienen zu können. Allerdings

dürfen die Augen auch nicht davor verschlossen

werden, dass es sich hier immer noch um Nischenmärkte

handelt und sich die Mehrheit der Verbraucher nach

wie vor bei ihrem Lebensmitteleinkauf überwiegend

von Preiserwägungen leiten lässt. Dies zu verändern

ist unter anderem auch eine Aufgabe der entwicklungsund

umweltpolitischen Bildungsarbeit.

Die vorhandenen Lebensmittelkennzeichnungen müssen

mit dem Ziel durchforstet werden, ihre Aussagekraft,

Verständlichkeit, Verlässlichkeit und Glaubhaftigkeit zu

erhöhen. Notwendig sind z. B. Angaben zur Herkunft

eines Produktes, zur Wirtschafts- und Haltungsform sowie

zu den Mengenanteilen einzelner Lebensmittelbestandteile.

Wir brauchen aber auch ehrliche und

transparente Verbraucherinformationen sowie wirksame

wirtschaftliche Sanktionen, mit denen Ver brauchertäuschung

und Verbraucherirreführung unterbunden

werden können. Im Rahmen der Verbraucheraufklärung

über Prozess- und Produktqualität von Lebensmitteln

sollten gesundheitspolitische Aspekte einbezogen werden.

Öffentliche Großküchen könnten dabei eine Vorreiterrolle

übernehmen.

41


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

Brot für die Welt-Projekt Bangladesch:

Gebt uns unser Land!

Helferinnen bei der Reisernte, Bangladesch. Foto: Frank Schultze

Ein beträchtlicher Teil der landwirtschaftlich nutzbaren

Flächen ist in staatlichem Besitz. Laut Gesetz soll

das Land an die Armen verteilt werden. Doch an der

Umsetzung hapert es – auch wegen dem Widerstand

der reichen Elite, die den knappen Boden selbst beansprucht.

Mit Unterstützung von Brot für die Welt hilft

die Organisation CDA den Landlosen, ihre Rechte

durchzusetzen.

Es ist ein farbenfroher Zug, der sich an diesem Morgen

auf schmalen Wegen durch die Reisfelder im Nordwesten

Bangladeschs schlängelt: Die rund 50 Frauen, Männer

und Kinder – Mitglieder einer Selbsthilfegruppe aus

dem Dorf Madhobati – marschieren, gehüllt in farbige

Stoffe und mit bunten Transparenten in der Hand,

zum nächsten Landbüro. Dort haben sie vor einiger Zeit

ihre Anträge auf Land abgegeben. Doch außer leeren

Versprechungen ist nichts geschehen. Alima Khatun,

die kleine, aber resolute Anführerin der Gruppe fordert:

„Wir wollen jetzt endlich wissen, was mit unseren

Anträgen geschehen ist!“

Kaum Platz für Millionen Menschen

Frage von Luxus, sondern eine Frage des Überlebens.

Nur dort kann man selbst etwas Gemüse oder Obst anbauen

und ein paar Hühner oder Enten halten. Doch

Land ist ein knappes Gut in dem südasiatischen Staat,

wo 160 Millionen Menschen auf einer Fläche leben, die

nicht einmal halb so groß ist wie Deutschland. Hinzu

kommt, dass der Landbesitz sehr ungleich verteilt ist.

Während wenige reiche Bauern große Ackerflächen

besitzen, haben die meisten Bangladescher nur wenig

oder überhaupt kein Land. Um ihre schwierigen

Lebensbedingungen zu verbessern, hat die Regierung

vor einigen Jahren eine Landreform durchgeführt.

Seitdem haben die Landlosen Anspruch auf so genanntes

„Khas“-Land, Staatsland. Zuständig für dessen

Verteilung sind die Landbüros.

Korruption verhindert Entwicklung

Von der Community Development Association (CDA),

einer Partnerorganisation von Brot für die Welt, haben

Alima und ihre Mitstreiter von ihrem Recht auf Land erfahren.

Darauf forderten sie Einblick in das Grundbuch

und fanden so heraus, welche Grundstücke sich in

staatlichem Besitz befinden. Dann bewarben sie sich darum

– und warten seither vergeblich auf Antwort. Die

Anträge der Gruppe seien verloren gegangen, wurde ihnen

gesagt. Für CDA ist dies nichts Neues. Denn die

Mitarbeitenden der Landbüros sind häufig korrupt. Sie

lassen sich von den wenigen Reichen bestechen, denen

es nicht passt, dass staatliches Land an die Armen verteilt

wird, welches sie ansonsten stillschweigend für sich

nutzen können. Im Ernstfall schrecken die herrschenden

Eliten auch vor falschen Anschuldigungen nicht

zurück, um die „Rädelsführer“, die Vorsitzenden der

Selbsthilfegruppen, hinter Schloss und Riegel zu bringen.

CDA engagiert dann Anwälte, die die Betroffenen

verteidigen. Bisher konnten die Vorwürfe noch in jedem

Fall widerlegt werden.

Ein Stück Land zu besitzen ist in Bangladesch keine

42


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

Frauen bei der Reispflanzung, Indien. Foto: Jörg Böthling

3. Strategien im Kampf

gegen den Hunger

Dialogprozess zwischen den

Kirchen und dem BMELV

Im Kampf gegen den Hunger von mehr als 870 Millionen

Menschen auf der Welt haben sich die evangelische

und katholische Kirche und die Bundes re gie rung

für eine Stärkung der Landwirtschaft in Entwick lungsländern

ausgesprochen. In einem Dialogprozess haben

die Kirchenvertreter und das Bundesland wirt schaftsministerium

(BMELV) im Dezember 2012 die wichtigsten

Hand lungs felder im Kampf gegen den Hunger ausgemacht:

Dazu gehören vor allem die Verbesserung

von Zugang zu Nah rungs mitteln, Land, Wasser sowie

Saatgut, Rechts sicher heit als Grundlage für Handel

und Inves titionen, vor allem aber für die Bevölkerung,

die Ver bin dung von modernen standortangepassten

Techno lo gien mit traditionellem Wissen sowie ein verantwortungsbewusstes

Handeln an den Warenterminmärkten.

Die Ergebnisse des Dialogprozesses des Ministeriums

und der Kirchen hier im Wortlaut:

Herausforderungen

Derzeit hungern weltweit fast 1 Mrd. Menschen. Das

Recht auf Nahrung ist damit eines der am meisten verletzten

Menschenrechte. Die Auswirkungen der Wirtschafts-

und Finanzkrise auf die Anzahl der Hungernden

spiegelt sich in den aktuellen Zahlen noch nicht wider.

Die Folgen des Klimawandels und die begrenzten landwirtschaftlich

nutzbaren Boden- und Wasserressourcen

werden die Situation künftig weiter verschärfen. Gleichzeitig

reduziert der fortschreitende Verlust an Agrarund

Biodiversität die Anpassungsmöglichkeiten an diesen.

Bis 2050 wird die Weltbevölkerung von 7 Mrd. voraussichtlich

auf über 9 Mrd. Menschen anwachsen

und dies insbesondere in Schwellen- und Entwicklungsländern.

Gleichzeitig sind insbesondere in Schwellenlän

dern im Durchschnitt der Bevölkerung steigende

Einkommen durch wirtschaftliches Wachstum zu erwarten,

wodurch sich auch in diesen Ländern die Schere

zwischen Arm und Reich weiter öffnet. Damit steigt in

diesen Ländern die Nachfrage pro Kopf der Be völkerung

insbesondere nach Fleisch und anderen tierischen

Produkten. Darüber hinaus werden Agrar pro dukte in

zunehmendem Maße als nachwachsende Roh stoffe für

den Einsatz für Energie und Industrie genutzt. Insgesamt

könnten die genannten Entwicklungen bis 2050

zu einer Verdoppelung des Bedarfs an Agrar produkten

führen (Wiss. Beirat BMELV 2012), wenn sich die

Konsumtrends fortsetzen und Nachernteverluste sowie

Verluste durch Abfälle nicht verringert werden.

Die verfügbaren Ressourcen für die Deckung dieses

wachsenden Bedarfs sind jedoch begrenzt. Derzeit werden

weltweit 1,4 Mrd. Hektar als Ackerland genutzt.

Immer noch gibt es eine große Anzahl von Flächen, die

nicht oder nicht produktiv genutzt werden, z. B. in

damerika, Osteuropa und Zentralasien aber auch in

Afrika. Zusätzliches Land in Nutzung zu nehmen, ist jedoch

nicht unbegrenzt und oft nicht ohne Nachteile für

Umwelt, Natur und Klima möglich. Die Auswirkungen

43


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

des Klimawandels verschärfen diese Problematik im

Hinblick auf die Verfügbarkeit von Boden- und Wasserressourcen,

mit negativen Folgen auf die Produktion vor

allem in Entwicklungsländern. So gehen der Pflanzenpro

duktion weltweit jährlich ca. 5 Mio. ha durch Bodendegradation

wie z.B. Nährstoffverluste, Versalzung, Erosion

und Anreicherung toxischer Stoffe verloren. (UNEP

2007). Gleichzeitig nehmen auch die weltweit verfügbaren

Wasserressourcen durch Übernutzung oder Verschmutzung

ab. Die Schere zwischen Nach frage und

Angebot öffnet sich zusehends. In mehr als 30 Ländern

herrscht heute bereits akute Wasser knapp heit.

Die verstärkten Nahrungsmittelpreisschwankungen der

letzten Jahre lassen sich nicht allein durch das Zusammenspiel

von Angebot und Nachfrage auf den physischen

Märkten erklären. Gerade weil das Auftreten dieser

erhöhten Volatilität mit der Krise an den Finanzmärkten

einhergeht, werden Agrarrohstoffspekulationen

als zusätzliche Ursache für diese Entwick lung in

Betracht gezogen. Der Einfluss von Finanzin vestoren

ohne geschäftlichen Bezug zu Nahrungsmitteln

(Banken, Fonds etc.) hat in den vergangenen Jahren beträchtlich

zugenommen.

Gegenwärtig werden rechnerisch weltweit noch ausreichend

Nahrungsmittel produziert (Qaim 2012). Es gelingt

aus verschiedenen Gründen bisher nicht, die Nahrung

weltweit so zu verteilen, dass niemand Hunger

leiden müsste. Die Tatsache, dass dennoch so viele

Menschen hungern, ist heute vor allem einem gravierenden

Verteilungsproblem geschuldet. Armutsbe dingter

mangelnder Zugang zu Nahrung ist heutzutage eine

der Hauptursachen für Hunger. Armutsbekämpfung

muss deshalb ein zentraler Ansatz für die Ernährungssicherung

sein. Die Stärkung von Ausbildung, Gesundheit,

sozialen Sicherungssystemen und die Förderung

der ländlichen Entwicklung und Landreformen (im

Sinne der Freiwilligen Leitlinien zu Landnutzungs rechten)

in Entwicklungsländern sind deshalb von hoher

Bedeutung.

Zum Verteilungsproblem wird jedoch künftig in zunehmendem

Maße ein Mengenproblem treten. In den letzten

50 Jahren hat sich die weltweite Agrarproduktion

verdreifacht (Wiss. Beirat BMELV 2012). Dieser Anstieg

ist vor allem auf züchterischen Fortschritt und den vermehrten

Einsatz von Agrartechnik, Wasser, Dünger,

chemischem Pflanzenschutz und anderen Betriebs mitteln

zurück zu führen. Dies hat dazu beigetragen, dass

weitere globale Produktionssteigerungen in der Öffentlichkeit

häufig nicht mehr als prioritär bei der Ernährungs

sicherung angesehen werden. Seit den 1990er

Jahren haben sich die Produktionszuwächse verringert

und das Wachstum der Produktion droht mittlerweile

hinter der immer stärker steigenden Nachfrage zurück

zu bleiben. Ursächlich dafür ist insbesondere eine deutliche

Abschwächung der Ertragszuwächse in der pflanzlichen

Erzeugung. Bei Getreide z. B. ist die jährliche Ertrags

steigerung von 3 % p. a. in den 1960iger Jahren

kon tinuierlich auf 1,3 % p. a. in der ersten Dekade dieses

Jahrhunderts gesunken (Qaim, 2012). Gleichzeitig

basieren die erwähnten Betriebsmittel auf fossilen Energieträgern

wie z.B. Erdöl. Eben dieses wird zunehmend

knapp und lässt die Preise für Betriebsmittel rapide steigen.

Daher wird es für die Zukunft gerade für die armen

Länder notwendig sein, eine nachhaltige und ressourceneffiziente

Landwirtschaft zu betreiben. Dies ist

auch angesichts des Beitrags der Landwirtschaft zum

Klimaschutz notwendig.

Sehr wichtig zu beachten sind der hohe Grad an Lebensmittelabfällen

in den Industrieländern sowie der Nachernte

verluste in Schwellen- und Entwicklungs ländern,

die z. T. bei 50 % liegen, so dass eigentlich vorhandene

Nah rungsmittel häufig nicht bei den Hungern den ankommen

können. Gleichzeitig schmälern die Nach ernteverluste

die Produktions- und Züchtungs fort schritte.

Ohne eine drastische Reduzierung der Nach ernte verluste

wird die Verbesserung der Ernährungs situation erschwert.

Hinzu kommt der massive Verlust an Bio diversität

auch im agrarischen Sektor, vor allem der Ver lust

an Pflanzen, die eine gute Standortange passt heit aufweisen

und zwischenzeitlich verdrängt worden sind.

Mit Bezug auf Pflanzenzüchtung muss daher ein stärkeres

Augenmerk gerade auf diese Pflanzen gelegt werden,

die an die Standortbedingungen in den Ent wick -

lungsländern angepasst sind (z.B. Hirse, Maniok usw.)

und bei denen noch ein großer Zucht fortschritt zu erwarten

ist, da sie in den letzten Jahr zehnten nicht im

44


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

Fokus der Züchter standen. Dies bedeutet unter anderem,

traditionelles Wissen über Saat gut und Anbaumetho

den stärker anzuerkennen, zu erforschen und vor

der Vereinnahmung durch Patente zu schützen. Wichtige

Rollen spielen in diesem Zu sammenhand die verschiedenen

in den letzten Jahren aufgebauten Saatgutbanken

mit ihrer gesammelten Vielfalt.

Die Mengen- und Zugangsperspektiven greifen jedoch zu

kurz, um das Welternährungsproblem zu erfassen, da die

Qualität der Nahrungsmittel zu wenig Beachtung findet.

„Zugang“ besagt lediglich, dass die jeweiligen Nah -

rungsmittel besorgt werden können; aber weder welche

Nahrungsmittel tatsächlich konsumiert werden noch

durch welche Faktoren das individuelle Ernäh rungs -

verhalten bestimmt wird. So ist auch das unzureichende

Wissen über gesunde Ernährung und geeignete Zubereitungsweisen

für die zur Verfügung stehenden Nahrungsmittel

eine weitere Facette der Ernährungs sich e-

rung.

Hier muss darauf geachtet werden, dass nicht europäische

Ernährungsgewohnheiten exportiert werden.

Ziele/Leitbild

Die Steigerung der nachhaltigen Produktion, (insbesondere

in den Entwicklungsländern), und die Verringerung

von Verlusten und Verschwendung sind von zentraler

Bedeutung, um den eingangs genannten, künftig stark

steigenden Bedarf an Agrarprodukten zu decken. Dies

muss einhergehen mit einer Stärkung bzw. einem Ausbau

der für die regionale Landwirtschaft erforderlichen

Infrastruktur wie Lagerung, regionale Märkte und

Trans portwege und -möglichkeiten. Neben der Armutsbekämpfung

ist deshalb eine produktive und nachhaltige

Landwirtschaft der Schlüssel für die Ernährungssicherung.

Hierbei spielt eine positive Entwicklung

länd licher Räume eine entscheidende Rolle. Die nationale

Politik in den Entwicklungsländern wie auch die

Entwicklungspolitik der Industrieländer haben dieser

Erkenntnis aber über lange Zeit nicht ausreichend

Rechnung getragen. Erst die seit Mitte des letzten Jahrzehnts

zu beobachtende weltweite Verteuerung von

Agrarprodukten hat die Bedeutung der Entwicklung

der Landwirtschaft für die Sicherung der Welternährung

wieder deutlicher ins Bewusstsein von Politik und

Öffentlichkeit gerückt.

Welche Technologien am besten für eine nachhaltige

Produktivitätssteigerung geeignet sind, kann nicht pauschal,

sondern nur in Abhängigkeit vom Standort und

der Verfügbarkeit bzw. Knappheit der jeweils vorhandenen

Ressourcen wie Boden, Wasser, Arbeitskräfte, Energie

und dem verfügbaren Kapital bestimmt werden.

Hier ist zu beachten, dass sich die Situation in den Entwicklungsländern

stark von der in den Industrie nationen

unterscheidet. Gerade Kapital und Energie sind

häufig sehr knapp, während Arbeitskräfte reichlich vorhanden

sind. Zahlreiche Studien und Berichte, beispielsweise

der IAASTD, haben deutlich gemacht, dass auch

mit ökologischen, standortgerechten und bodenschonenden

Methoden eine beträchtliche Produktions steigerung

erreicht werden kann.

Besonderer Aufmerksamkeit bedarf die Unterstützung

geeigneter standortangepasster Technologien für den

Klein bauernsektor, da die Menschen hier besonders

häufig von Hunger betroffen sind und gleichzeitig besonders

große Reserven bei der Produktivitätssteigerung

bestehen. Über zwei Milliarden Kleinbauern tragen

trotz oft armseligster Ausgangsbedingungen zur Versorgung

der Welt bei. Sie müssen verstärkt darin ausgebildet

werden, wie sie die Bedingungen vor Ort am wirksamsten

nutzen können, welche Anbaumethoden für

ihren Boden am besten geeignet sind und wie sie Klimaveränderungen

Rechnung tragen, die Boden frucht barkeit

erhalten und ihre Ernte länger lagern können, um

sich besser selbst versorgen sowie besser auf Preisschwankungen

auf dem Markt reagieren zu können.

Hier ist insbesondere die Forschung gefragt, Ansätze zu

entwickeln, die auf die Kleinbauern und ihre häufig

marginalen Standorte eingehen sowie das vorhandene

traditionelle Wissen mit den modernen Erkenntnissen

der Agrarwissenschaft zu verknüpfen.

Auch der kleinbäuerliche Sektor unterliegt dem Strukturwandel.

Wichtig ist es, passgenaue Lösungen zu

finden, die von den Strukturen vor Ort ausgehen und

sicherstellen, dass die Steigerung der landwirtschaftli-

45


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

chen Produktion durch eine nachhaltige Bewirt schaftung

erfolgt. Gleichzeitig müssen integrierte ländliche

Struk tu ren geschaffen werden, damit attraktive Beschäf

ti gungs alternativen jenseits der Landwirtschaft

bestehen.

Internationale Verantwortung der

europäischen Landwirtschaft

Europa als eine der reichsten Regionen der Erde sieht

sich in besonderer Verantwortung, einen Beitrag zur

globalen Ernährungssicherung zu leisten. Dies gilt insbesondere

angesichts der Tatsache, dass die EU ihre eigene

Landwirtschaft finanziell unterstützt, stark subventioniert

und die Wirkung dieser Unterstützung

weiter umstritten ist.

Die Herausforderungen der Welternährung stellen sich

auch bei der Handels- und Agrarpolitik der Industrieländer.

Der europäische Binnenmarkt ist für Exporte

aus Entwicklungsländern bereits weit geöffnet (z.B.

durch AKP/EPA-Abkommen und die EBA-Regelung).

Gleiches gilt aber auch für die Entwicklungsländer. Für

die Entwicklungsländer ist die gegenseitige Marktöffnung

häufig Fluch und Segen zu gleich, werden sie so

doch wesentlich stärker dem internationalen Wett bewerb

ausgesetzt.

Die Europäische Union hat ihre Exporterstattungen

weitgehend abgebaut. Es bleibt von hoher Bedeutung,

dass sich Deutschland dafür einsetzt, dass diese im

Rahmen der GAP-Reform 2013 vollständig abgebaut

werden. Zugleich wird die EU in den internationalen

Han delsvereinbarungen darauf drängen, ein gleichgerichtetes

Verhalten von allen Industrieländern wie auch

Schwellenländern einzufordern und damit Exporthilfen

vollständig abzuschaffen.

Insgesamt wirft die Ernährungskrise aber die Frage auf,

wie viele Entwicklungsländer in Zeiten von weiter steigenden

Preisen ihre Nahrungsmittelimportabhängigkeit

reduzieren können und wie Europa im Rahmen seiner

internationalen Verantwortung hier unterstützend wirken

kann.

Handlungsfelder

Recht auf Nahrung

Maßnahmen zur Bekämpfung von Hunger und Unterernährung

müssen mit einem verbesserten Zugang zu

Nahrung und den Mitteln ihrer Erzeugung sowie besseren

Einkommen verbunden sein. Vor dem Hintergrund

einer wachsenden Weltbevölkerung besteht die Herausforderung,

langfristig das Angebot von und den Zugang

zu Nahrungsmitteln zu verbessern. Hierbei ist der Zugang

insbesondere der Kleinbauern und Frauen zu

Boden, Wasser, Energie, Bildung und Kapital entscheidend.

Zusätzliche öffentliche sowie private Investitionen

sind prioritäre Aufgabe für die Ernährungssicherung.

Gesicherte Eigentums- und Nutzungsrechte sind Voraus

setzung für Investitionen. Die Investitionen dürfen

aber nicht die Menschenrechte und Landrechte der lokalen

Bevölkerung verletzen. Geeignete Richtschnur

für verantwortliche und nachhaltige Investitionen in

die Landwirtschaft sowie für den Zugang zu Land und

natürlichen Ressourcen sind freiwillige Leitlinien wie

die Leitlinien zur verantwortungsvollen Verwaltung

von Boden- und Landnutzungsrechten, auf die sich

nach langen internationalen Verhandlungen der Welternäh

rungs ausschuss (CFS) der Vereinten Nationen am 9.

März 2012 verständigt hat. Die freiwilligen Leitlinien

geben eine Orientierung, um sicheren und fairen

Zugang zu Land und anderen natürlichen Ressourcen

wie Wald oder auch Fischbestände für die heimische

Bevölkerung zu gewährleisten. Deutschland fühlt sich

verpflichtet, insbesondere seine Entwicklungszu sammenarbeit

und Agrarpolitik im Sinne dieser Leitlinien

zu gestalten. Die Verantwortung für die rechtlichen

und administrativen Rahmenbedingungen liegt bei den

Regierungen vor Ort.

Good Governance in Schwellen- und

Entwicklungs ländern

Wirtschaftliches Handeln und Investitionen bedürfen

eines verlässlichen rechtlichen Rahmens und Planungssicherheit.

Investitionen in die Landwirtschaft wie in

die übrige Wirtschaft, gleichgültig ob es sich um Kleinkredite

oder größere Entwicklungsschritte handelt,

46


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

werden von den einheimischen Landwirten und kleinen

und mittleren Unternehmen nur dann getätigt,

wenn Eigentumsrechte gesichert, die landwirtschaftliche

Infrastruktur ausreichend, der Rechtsfrieden gewahrt,

ein funktionierendes Bankenwesen vorhanden

ist sowie transparente Handelsabläufe gewährleistet

werden. Die politischen Entscheidungsträger und gesellschaftlichen

Eliten in den Entwicklungsländern sind

gefordert, gleichwertige Lebensbedingungen im ländlichen

Raum zu ermöglichen und damit das Recht auf

Nahrung umzusetzen. Good Governance ist deshalb

Grundvoraussetzung für das Angebot langfristiger entwicklungspolitischer

Förderprogramme. Grundlage für

Good Govenance im Landwirtschaftssektor ist, dass

eine aktive und transparente Landwirtschaftspolitik betrieben

wird. Good Governance bedeutet allerdings

auch, dass die Industriestaaten ihre Agrar-, Handelsund

Entwicklungspolitik kohärent gestalten.

Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, Zusammenschlüsse

von Produzentinnen und Produzenten zu fördern.

Dies kann unter anderem in Genossenschaften

oder Interessenverbänden erfolgen. Nur im Zusammenschluss

können sie ihre Ziele einfordern und durchsetzen

sowie ihre Regierungen verantwortlich halten. Auch

die Verbraucherinnen und Verbraucher müssen in ihren

Zusammenschlüssen gestärkt werden, damit sie ihre Regierungen

verantwortlich halten können. Ohne Zivil gesellschaft

ist Good Governance auf Dauer nicht möglich.

Nachhaltige Produktivitätssteigerung

Derzeit kann die Entwicklung der weltweiten Agrarproduktion

kaum mit dem Nachfragewachstum Schritt

halten. Von weiter steigenden Agrarpreisen ist auszugehen,

davon ist die Mehrheit der weltweiten Armuts bevölkerung

betroffen, sodass Hunger und Mangeler nährung

zunehmen werden. Um den längerfristig prognostizierten

Preisanstieg in Grenzen zu halten, müssen die

Agrarproduktion selbst gesteigert, die Preisvolatilität

eingedämmt, die Verluste reduziert und die Verteilung

verbessert werden. Dazu wird weltweit eine produktive

multifunktionale, an die jeweiligen Standort be dingungen

angepasste Landwirtschaft benötigt, die in der

Lage ist, ein Mehr an Nahrungsmitteln auf nachhaltige

Art und Weise zu erzeugen und verfügbar zu machen.

Ziel muss es sein, mehr Nahrungsmittel von qualitativ

hoher Wer tigkeit bereit zu stellen und dabei vor dem

Hinter grund des Klimawandels und knapper werdender

fossiler Ressourcen natürliche Ressourcen zu schonen

und so effizient wie möglich zu nutzen.

Investitionen

Insbesondere in Entwicklungsländern, aber auch in

Schwellenländern und in Ländern Osteuropas wird das

Potential der Agrarproduktion derzeit nicht voll ausgeschöpft.

Dazu sind zusätzliche Investitionen erforderlich.

Die FAO geht von einem notwendigen Investitions bedarf

von 30 Mrd. US$ jährlich aus, um die Ernährung von zukünftig

9 Mrd. Menschen im Jahr 2050 zu sichern. Da

die meisten betroffenen Länder diesen Investi tionsbedarf

nicht alleine bereitstellen können, werden die zwischenstaatlichen

Entwicklungszusammenarbeit und ausländische

Direktinvestitionen (FDI) eine Rolle spielen.

Es wird darauf ankommen, dass diese Investitionen verantwortungsvoll

und nachhaltig ausgestaltet sind. Hierbei

kommt den Freiwilligen Leitlinien mit den Regeln

zur verantwortungsvollen Gestaltung insbesondere von

Landtransfer, einschließlich der Verantwortlichkeiten

von Investoren, eine wichtige Rolle zu. Gefordert werden

u.a. Vorabprüfungen der Auswirkungen von Investitionen

auf die existierenden Eigentums- und Nutzungsrechte

sowie auf das Recht auf Nahrung.

Förderung der Agrarforschung

Unabdingbar für eine höhere und nachhaltige Produk tivität

ist eine wesentlich verstärkte, nutzungsorientierte

Agrarforschung. Sie muss die Basis legen für den notwendigen

deutlichen, nachhaltigen und stetigen Pro duktivitätsfortschritt,

insbesondere unter den spezifischen

Bedingungen in Entwicklungs- und Schwellen ländern.

Hier gilt es insbesondere die biologische Vielfalt und das

traditionelle Wissen in den Entwicklungsländern besser

in die Forschung einzubeziehen.

Um Ertrags- und Produktivitätssteigerungen zu erreichen,

sind Forschungsanstrengungen entlang der ge-

47


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

samten Wertschöpfungskette erforderlich. Insbesondere

müssen die Potenziale der Kulturpflanzen und Nutztiere

verbessert bzw. besser genutzt werden. Daneben darf

die Forschung zur Verbesserung der Ernährungsqualität

und des Ernährungsverhaltens nicht vernachlässigt

werden, da Mangel- und zunehmend auch Fehler nährung

in Entwicklung- und Schwellenländern erhebliche

(gesundheitliche) Probleme bereiten.

Wissenstransfer

gestützte Exporte auch aus der EU immer wieder negative

Effekte für Ernährungssicherung und Wohlstand in

den Entwicklungsländern hatten und haben.

Dem weiteren Ausbau von multilateralen und bilateralen

Handelsabkommen und der damit verbundenen

Han delsliberalisierung und Marktöffnung kann deshalb

auch in Zukunft eine wichtige Rolle zukommen. Diese

Marktöffnung soll aber nicht zu Lasten der ärmeren

Länder und der Kleinbauern gehen.

Moderne nachhaltige Methoden der Landbewirt schaftung

und Tierhaltung müssen beschleunigt und angepasst

an die Gegebenheiten vor Ort in die Praxis der Entwicklungs-

und Schwellenländer eingeführt werden,

um Produktion und Produktivität zu steigern. Allein 30

bis 40 % der potenziellen Pflanzenerträge fallen Krankheiten

und Schädlingen zum Opfer. In Pflanzen züchtung,

Pflanzenbau, Düngung und Pflanzen schutz sowie

Tierzüchtung, Tierhaltung und Tiergesundheit müssen

zusammen mit den Produzenten standortangepasste

Lösungen entwickelt und den Produzenten vermittelt

werden. Grundsätzlich sind dabei alle verantwortbaren

Technologien zu nutzen, soweit es Risikobewertung

und Akzeptanz gestatten. Bei der Risikobewertung

kommt dem Vorsorgeprinzip eine besondere Bedeutung

zu Der Schlüssel für Fortschritte sind berufliche Bildung,

Weiterbildung und Beratung unter Einbe ziehung

des tradierten und örtlichen Wissens.

Welthandel/Handelspolitik

Handel ermöglicht, knappe Ressourcen in einem globalen

Kontext sinnvoll zu nutzen. Agrarprodukte, die

nicht überall verfügbar sind oder deren Herstellung nur

an bestimmten Orten möglich bzw. sinnvoll ist, können

so global zugänglich gemacht werden. Handel kann damit

eine wichtige Funktion bei der Ernährungssicherung

haben. Viele Staaten können die Sicherung der Ernährung

aufgrund ihrer natürlichen Gegebenheiten und

ihrer wachsenden Bevölkerung ohne den Bezug von

Agrarprodukten auf dem Weltmarkt nicht gewährleisten.

Handel kann weltweit einen Beitrag zur Steigerung

des Einkommens- und Wohlstandsniveaus leisten. Es ist

aber auch zu beachten, dass durch Exporterstattungen

Entwicklungsländer müssen ggf. auch das Instrument

einsetzen können, ihre Märkte durch Einfuhrquoten

oder quantitative Schranken zu schützen, wenn sie nur

so ihre landwirtschaftliche Produktion bewahren und

ihre Ernährung sichern können. Zu prüfen ist auch, inwieweit

das in der Doha-Runde der WTO vorgesehene

Regelwerk zur direkten Unterstützung der Ent wicklungsländer

bereits umgesetzt werden kann, ohne dass

es zu einem Abschluss der Handelsrunde auf absehbare

Zeit kommt.

Die handelspolitischen Ziele der EU finden außerdem in

den bisherigen und weiterhin geplanten Reformschritten

der Gemeinsamen Agrarpolitik ihre Entsprechung mit

einem vollständigen Abbau handelsverzerrender Stützung

und Exporterstattungen.

Preisvolatilität bei Nahrungsmitteln und

Spekulation

Warenterminmärkte sind eigentlich dazu da, dass sich

Hersteller, Händler und Verbraucher von Nahrungsmitteln

gegen Preisschwankungen absichern können.

In der öffentlichen Diskussion werden reine Finanzinvestoren

immer wieder verdächtigt, diese Preissicherungs

funktion der Warenterminmärkte durch Spekulation

zu untergraben und für die mit der Finanzkrise

ein hergehenden extremen Schwankungen der Nahrungs

mittelpreise verantwortlich zu sein. Ziel ist es, die

Funktionsweise der Warenterminmärkte sicherzustellen.

Dabei muss erstens Transparenz an den Warenterminmärkten

geschaffen werden. Es soll erfasst werden,

welcher Akteur zu welchem Zeitpunkt welche

Ge schäfte an den Warenterminmärkten tätigt. Zweitens

48


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

gilt es, Marktmanipulation und Marktmissbrauch durch

angemessene Regulierungsmaßnahmen zu verhindern.

Ein konkretes Mittel ist hier die Festsetzung von Obergrenzen

für die Anzahl der Terminkontrakte, die ein

Akteur halten darf (sog. Positionslimits). Dadurch soll

ein möglicher negativer Einfluss von Finanzinvestoren

ohne geschäftlichen Bezug zu Nahrungsmitteln auf die

Preisentwicklung verringert werden. Transparenz und

die angemessene Regulierung an den Finanzmärkten

sind eine internationale Aufgabe, die nicht im nationalen

Alleingang umgesetzt werden kann. Es ist zu begrüßen,

dass sich die internationale Staatengemeinschaft dieser

Problematik angenommen hat und dass in den einflussreichsten

Staaten bereits die Umsetzung stattfindet.

Tank versus Teller

Durch die Verknappung fossiler Rohstoffe wird ein

wachsender Teil der landwirtschaftlichen Erzeugung als

Bioenergie oder als Grundstoff für die Industrie eingesetzt.

Erzeugung und Nutzung nachwachsender Rohstoffe

in einer biobasierten Wirtschaft bergen große

Chancen, aber auch Risiken. Die Politik steht hierbei vor

der Aufgabe, mögliche Konflikte mit den Zielen der globalen

Ernährungssicherung und dem Menschenrecht

auf Nahrung zu vermeiden. Hierbei muss die Sicherung

der Ernährung Vorrang haben. So muss die Produktion

von Biomasse zur energetischen Verwertung im Hinblick

auf die Ernährungssicherung ständig überprüft

werden. Die Entwicklung und Nutzung effizienter Technologien

und die bessere Verwertung von Abfällen und

Nebenprodukten, insbesondere zur Energie ge winnung,

sind Ansatzpunkte, um Nutzungskonflikte zu verringern.

Ziel muss es weiter sein, die Land wirt schaft selbst unabhängiger

von fossilen Energieträgern zu machen, um damit

auch einen Beitrag zum Klima schutz zu leisten.

Nahrungsmittelverluste/

Wegwerfproblematik

Ein beträchtlicher Teil der weltweit erzeugten Nahrungs

mittel geht auf dem Weg von der Erzeugung zum

Verbraucher verloren. Vermeidbare Abfälle entstehen

überall entlang der Wertschöpfungskette in unterschiedlichen

Dimensionen – von der landwirtschaftlichen Erzeugung,

der Lebensmittelverarbeitung bis hin zum

Handel, und am Ende der Kette in der Gastronomie und

den privaten Haushalten. Besonders stark sind jedoch

Entwicklungsländer betroffen. 40 Prozent und mehr der

Ernte gehen in diesen Ländern verloren, weil Lagerungssysteme,

Erntetechnik und Transportinfrastruktur

unzureichend sind. Dieses Problem muss primär angegangen

werden, denn es trifft die Menschen vor allem in

solchen Regionen besonders hart, wo sie ohnehin schon

von Hunger bedroht sind. Mancherorts dürfte es effizienter

sein, die Verluste zu reduzieren als primär auf die

positiven Effekte einer Produktionssteigerung zu bauen.

Die Eindämmung der Verluste in Entwicklungs- wie

Industrieländern ist deshalb von zentraler Bedeutung.

Ansatzpunkte sind z.B. verbesserte Techniken und logistische

Vorkehrungen wie Lagerung, Trocknung, Verpackung,

Kühlung sowie Transport. Eine leistungsfähige

Vermarktungs-Infrastruktur muss etabliert werden.

Nahrungsmittelverluste müssen auf allen Ebenen des

wirtschaftlichen Handelns reduziert werden. Dies gilt

auch für die Industrieländer. Gleichzeitig müssen hier

aber vor allem die Verbraucher veranlasst werden, ihren

Umgang mit Lebensmitteln zu überdenken. Wichtig ist

aber auch, Ernährungsindustrie, Handel und Großverbraucher

nicht aus der Verantwortung zu entlassen.

Mangelndes Wissen über die gesamte Erzeugungskette

führen zu einer verminderten Wertschätzung der Arbeit

der Produzenten und Lebensmitteln und zu einem

leichtfertigen Umgang mit diesen.

Nachhaltiger Konsum

National wie international gewinnt die Diskussion über

nachhaltige Produktions- und Konsummuster an Bedeutung.

Ökologische und soziale Standards können in

der globalisierten Wirtschaft nicht nur einen wesentlichen

Beitrag zu nachhaltiger Entwicklung und Frieden

leisten, sondern sind auch für die Ernährungssicherung

von zentraler Bedeutung. Deshalb ist es wichtig, die gesellschaftliche

Verantwortung von Unternehmen (CSR)

in Entwicklungs- und Schwellenländern stärker zu verankern.

Die Einhaltung sozialer und ökologischer Stand -

ards, die Achtung von Menschenrechten, die Armutsbekämpfung,

aber auch der Klimaschutz tragen zur

49


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

Verwirklichung der Millenniumsziele bei. Leider sind

Informationen, die über die konkreten Gebrauchs ei genschaften

oder Inhaltsstoffe eines Produktes hinausgehen

(z.B. zu Umweltwirkungen oder Arbeits be din gungen

im Herstellungsprozess), für Verbraucher bislang

nur vereinzelt verfügbar; dies gilt es in Zukunft zu ändern.

Für Verbraucher wird oft nicht deutlich, ob ein

Angebot den Kriterien der ökonomischen, ökologischen

und sozialen Nachhaltigkeit genügt. Die Ver braucherinnen

und Verbraucher sollen deshalb besser in die

Lage versetzt werden, sich für einen nachhaltigen Konsum

entscheiden zu können. Unternehmen und Verbraucher

tragen gleichermaßen Verantwortung.

Unternehmen sollten sich verpflichten, ihre Lieferkette

transparent zu machen und regelmäßig über die Einhaltung

von Menschenrechten, Sozial- und Umweltstan

dards bei ihren Zulieferern und Tochterunternehmen

zu berichten. Moralisch orientierter Konsum hilft,

schwierige Verhältnisse in Produktionsländern zu verbessern.

Deshalb sind auch Verbraucher aufgefordert,

nachhaltige und faire Produktion in der ganzen Wertschöpfungskette

bei ihren Kaufentscheidungen angemessen

zu berücksichtigen und damit ihren Teil zum

Wandel hin zu einer Nachhaltigkeitskultur und zu besseren

Lebensverhältnissen beizutragen.

Fazit

Die Landwirtschaft stellt einen ökonomischen Schlüsselsektor

für die Gestaltung einer umweltverträglichen

Wirtschaft dar, der dazu beiträgt, das gemeinsame Ziel

einer nachhaltigen Entwicklung national, regional und

global zu erreichen. Die Stärkung von Landwirtschaft

und ländlicher Entwicklung ist wiederum ein zentrales

Element der Ernährungssicherung und Armuts be kämpfung

für die wachsende Weltbevölkerung. Menschen

produzieren jedoch nur nachhaltig, wenn ihre Rechte

auf Zugang und Nutzung der natürlichen Ressourcen

gesichert sind.

50


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

Brot für die Welt-Projekt Peru:

Das Comeback der tollen Knolle

Pachacútec war die Region Vilcashuamán, „die Erde

des heiligen Falken“, einst reich. Im Unterschied dazu

ist sie heute bettelarm. „Es gibt viele unterernährte

Kinder“, klagt Hugo Salvatierra, Leiter von CHIRAPAQ

in Vilcashuamán. Mehr als ein Drittel der Familien dort

lebt in extremer Armut.

Verschiedene Kartoffelsorten, Peru. Foto: Christoph Krackhardt

Schon vor Urzeiten wurden in dem Andenstaat Kartoffeln

angebaut. Rund 3.800 verschiedene Sorten gibt

es – die jedoch kaum noch jemand kennt. Mit Unterstützung

von Brot für die Welt hilft die Bauernorganisation

CHIRAPAQ, diese einzigartige Vielfalt zu

bewahren und die Ernährung der Bevölkerung zu sichern.

Lächelnd hält Raúl Inostroza die dunkle, knollige Kartoffel

in die Höhe, die er soeben aus dem Acker gegraben

hat. „Das ist die Schwarze, die die Schwiegertochter

zum Weinen bringt“, sagt der Agraringenieur auf

Quechua, der heute noch gebräuchlichen Indiosprache

in Perus Andenhochland.

Der Ausbilder der Bauernorganisation CHIRAPAQ erläutert

die Herkunft des eigenartigen Namens: Nur diejenigen

jungen Frauen, die die stark gefurchte Knolle sauber

schälen konnten, kamen früher als Ehefrau in Frage.

So jedenfalls will es die Sage. Mehr als 100 traditionelle

Kartoffelsorten hat CHIRAPAQ mit Unterstützung von

Brot für die Welt in der Region um das Andenstädtchen

Vilcashuamán in den letzten Jahren wieder heimisch

gemacht.

Verfehlte Reformen

Dank der Landwirtschaftsreformen des Inkaherrschers

Grund für die desolate Lage ist laut Salvatierra zum Teil

die verfehlte Agrarpolitik Perus. Denn die Regierung

fördert lediglich die industrialisierte Landwirtschaft. In

Vergessenheit gerät dabei die Mehrheit der Kleinbauern,

die mehr schlecht als recht von ihren ein bis drei Hektar

kleinen Feldern leben.

Bunte Mischung

Daher unterstützt CHIRAPAQ die Bevölkerung bei der

Wiederentdeckung der traditionellen Kartoffelsorten sowie

weiterer traditioneller Nutzpflanzen. In den 16

Dörfern um Vilcashuamán, in denen die Organisation

aktiv ist, besticht die bunte Mischung auf den Feldern,

die in Peru sonst nur selten zu sehen ist. Hier wachsen

Hafer, Gerste, Saubohnen, Sauerklee, Kapuzinerkresse

und Andenhirse.

Weitergegeben wird das Wissen im Erfahrungsaustausch

zwischen den Bauern – einer Methode, die Brot für die

Welt auch in anderen Ländern Lateinamerikas fördert.

Inostroza und Salvatierra bilden dafür ausgewählte

Bauernfamilien in den Dörfern aus, die so genannten

„Promotoren“, die wiederum ihr Wissen mit den Nachbarn

teilen.

Die Indiobauernorganisation setzt dabei auf die Gleichberechtigung

von Mann und Frau. Rund die Hälfte der

Promotoren ist weiblich. Ausbilderin Rita Castro erklärt

warum: „Wir arbeiten mit den Frauen, weil man über

sie die gesamte Familie erreichen und verändern kann.“

Auffällig viele Familien bemühen sich bereits um

Gleichberechtigung im Alltag, wie das Bauernpaar

Lucas Tenorio und Alejandra León: „Wir reden jetzt immer

miteinander. Unsere Familie ist seither besser organisiert.

Wir essen besser. Und wir leben besser.“

51


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

Ernteprüfung in Äthiopien. Foto: Christof Krackhardt

4. Brich mit den Hungrigen

Dein Brot!

Uwe Meinhold

„Brich mit den Hungrigen Dein Brot“, so beginnt das

gleichnamige Lied, das Friedrich Karl Barth 1977 geschrieben

hat und das unter Nr. 420 im Evangelischen

Gesangbuch nachzulesen ist. Hunger ist zu einem

Begriff geworden, der nicht nur mit Essen und Trinken

zu tun hat. Hunger haben viele Menschen heute auch

nach anderen Dingen: Hunger nach Information, Hunger

nach Anerkennung und Liebe, Hunger nach Geld,

Hunger nach Teilhabe, Hunger nach Konsum, Hunger

nach Besitz und so weiter, und so weiter. Es geht bei der

Verwendung dieses Begriffes eben nicht nur um das

leibliche Wohl des Menschen, sondern auch danach, etwas

besitzen zu wollen, mehr zu haben als andere,

nicht genug bekommen zu haben.

In unserer Gesellschaft haben Essen und Trinken einen

hohen Stellenwert. Sie sind ein wesentlicher Faktor für

vermeintliches Wohlbefinden, aber häufig auch nur

Ersatz und Befriedigung für entgangene Bedürfnisse

anderer Art. Es geht nicht nur um das Erfordernis, die

für das tägliche Tun notwendigen Energieeinheiten zu

sich zu nehmen, sondern auch immer darum, genug

zur Verfügung zu haben, möglichst über den täglichen

Bedarf hinaus. Zumindest in unserem Land werden die

meisten Menschen noch satt, ja zum Teil übersatt, was

das tägliche Brot und die täglichen Mahlzeiten betreffen.

Sofern es bezahlbar ist, mangelt es uns im Allgemeinen

an nichts.

Wir sehen dies an den vollen Regalen in den Super märkten

mit bis zu 40.000 angebotenen Einzelartikeln, die

entweder in den Städten in fußläufiger Entfernung von

den Wohnungen bzw. auf dem Land meistens an der

Peripherie der Orte, versehen mit großen Park plätzen,

leicht zu erreichen sind. Wir sehen dies in der Werbung,

die uns immer exquisitere Genüsse anbietet und in den

vielen Fernsehkochshows, zelebriert von Köchen, die

für ihre Rezepte bereits mehrere Gourmet-Sterne bekommen

haben. Volle Restaurants, Schlangen vor den

Fast-Food-Lokalen und den Currywurst-Buden, volle

Mülltonnen zeigen auf, dass wir das „Mehr“, das uns

zur Verfügung steht, entweder nur noch schätzen,

wenn es uns als Delikatesse gereicht wird oder wenn

wir es quasi austauschen, um dem Trend neuester Geschmacksrichtungen,

die uns werbewirksam suggeriert

werden, zu frönen.

Diese Sicht, auf dem neuesten Stand zu sein, immer

exotischer zu essen, immer ausgefallener zu leben, lässt

vergessen, welche Probleme wir damit erzeugen – für

uns selbst, für Menschen, die weit von uns entfernt

häufig um ihr Existenzminimum kämpfen müssen, und

für die uns folgenden Generationen, denen wir den

Raum zerstören, der es ihnen ermöglichen würde, genau

so angemessen wie wir zu leben. Nicht nur dass

wir immer mehr Ressourcen verbrauchen, die dann irgendwann

zur Neige gehen, wie zum Beispiel Erdöl,

Gas, Land und Wasser, sondern auch, dass das Übermaß

an Essen zu gesundheitlichen Problemen führt, sollte

nachdenklich machen.

Während in einer Reihe von Ländern in Afrika und an

52


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

anderen Orten, wo Hunger herrscht, die Menschen an

Unterernährung, Hungerödemen und in deren Folge an

Infektionskrankheiten leiden und sterben, darunter viele

Kinder, nehmen bei uns Herzkreislauferkrankungen,

Fettsucht, Magersucht, Bulimie, Diabetes und zunehmend

Schäden am Bewegungsapparat durch übermäßiges

Gewicht zu. Die Folgen führen zu enormen volkswirtschaftlichen

Kosten, die wir durch umfangreichen

und flächendeckenden Einsatz an ärztlicher Versorgung,

Medikamenten und Kuren zu vermindern suchen – finanzielle

Mittel, die anderweitig dringender gebraucht

werden. Wir vergessen dabei, dass es den Menschen,

die uns zum Teil diese exotischen Bedürfnisse ermöglichen,

weniger gut geht und unser Überfluss ihr Mangel

ist.

Grunde verbietet sich die Nutzung von Mais, aber auch

anderer als Nahrungsmittel geeigneter Pflanzen für die

Herstellung von so genanntem „Bio sprit“ und „Biogas“,

es sei denn, dass die anfallenden Reststoffe verwendet

werden. 37

Im Rahmen der im Jahre 2001 vereinbarten Millenniumentwicklungsziele

ist es zwar gelungen, einen Schritt

hin zur Verminderung der Armut und des Hungers zu

gehen, aber dennoch schrecken uns immer wieder die

medial verbreiteten Bilder auf, wenn nach kriegerischen

Auseinandersetzungen, Katastrophen oder Dürre perioden

Menschen auf der Flucht sind und ausgemergelte

Kinder in den Händen ihrer Mütter dem Tode näher

sind als dem Leben. 38

Der durch uns geplünderten Natur dürfte dies egal sein.

Sie wird in der einen und anderen Weise diese menschlichen

Exzesse überdauern. Ob aber wir Menschen

über dauern, hängt wesentlich davon ab, wie wir die

nächsten 50 bis 100 Jahre unsere Lebensweise so verändern,

dass diejenigen, die heute nicht an diesem Wohlstand

partizipieren können, ebenfalls in die Lage versetzt

werden, zunächst das Lebensnotwendigste zu

er halten. Das sind in erster Linie gesunde Nahrungsmittel,

sauberes Wasser und bezahlbare Energie aus umweltschonenden

Quellen. Zudem müssen wir die uns von

der Natur bereitgestellten Ressourcen so nutzen, dass

auch unsere Kinder- und Kindeskinder noch genug davon

zur Verfügung haben. Wir dürfen also nicht aus

dem Blick verlieren, dass die uns nachfolgenden Generationen

ein Ökosystem vorfinden, dass es ihnen ermöglicht,

ohne Hunger und Durst und weder in Hitze und

Dürre noch in sintflutartigen Regenfällen und Überschwemmungen

zu leben.

Nach Erhebungen der Nahrungs- und Landwirt schaftsorganisation

der Vereinten Nationen (FAO) werden allein

für die Herstellung von einem Kilogramm Rindfleisch

13.000 - 15.000 Liter Wasser benötigt. Die Pro -

duktion von einem Kilogramm Mais, einem Grund nahrungsmittel

für eine Vielzahl von Menschen, verschlingt

schon 710 Liter Wasser. 36 Allein schon aus diesem

36 S. www.menschliche-entwicklung-staerken.de/mdg.html

Obwohl derzeit genug Nahrungsmittel produziert werden

und nach Aussagen von Experten 12 Milliarden

Menschen von der Weltlandwirtschaft problemlos ernährt

werden könnten, 39 schaffen wir es nicht, hundert

Prozent der Menschheit zumindest mit dem Not wendigsten

zu versorgen.

Nach Feststellung des Wirtschafts- und Sozialrates der

Vereinten Nationen ist aber der Zugang zu ausreichender

und angemessener Nahrung ein Menschenrecht.

Danach sind die Regierungen in den von Hunger betroffenen

Ländern in der Pflicht, mit entsprechenden Rahmenbedingungen

dafür zu sorgen, dass die dort lebenden

Menschen selbst in die Lage versetzt werden, sich

mit gesunder und ihren kulturellen Gepflogenheiten

entsprechender Nahrung ausreichend zu versorgen.

Aber nicht nur die betroffenen Länder, sondern auch die

Länder, die genug für die eigene Bevölkerung an angemessener

Nahrung haben, sind gehalten, ihrer Verantwortung

gerecht zu werden. Sie sind verpflichtet, zu

37 S. http://www.wbgu.de; WBGU: Zukunftsfähige Bioenergie

und nachhaltige Landnutzung, 2009; vgl. auch: Evangelische

Kirche in Deutschland: „Ernährungssicherung vor

Energieerzeugung – Kriterien für die nachhaltige Nutzung

von Biomasse.“ Eine Stellungnahme der Kammer der EKD

für nachhaltige Entwicklung, EKD-Texte 95; Hannover 2008.

38 S. www.un-kampagne.de/index.php?id=90 und http://www.

un.org/depts/gerrman/millennium/fs-millennium.html

39 S. www.un-kampagne.de/index.php?id=90

53


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

überprüfen, ob sie mit ihrem Handeln dazu beitragen,

dass sich die Hungersituation verschärft. 40

Nach Definition der FAO leiden die Menschen unter

Hunger, bei denen über einen längeren Zeitraum die

tägliche Energiezufuhr unter 1.800 Kilokalorien liegt.

Im Welthungerindex werden weitere als „versteckter

Hunger“ bezeichnete Faktoren hinzugerechnet. Dies

sind vor allem unausgewogene Ernährung, Vitaminund

Mineralstoffmangel. 41

Rund zehn Prozent der Menschen auf unserem Plane ten,

die Zahlen schwanken zwischen 825 und 920 Millionen,

je nach Quelle, haben nichts oder nicht genug zum Essen,

um sich gesund und leistungsfähig zu halten. Entsprechend

hoch ist die hierauf zurückzuführende Sterblichkeit,

insbesondere von Kindern und älteren Menschen.

Nach Informationen des Welternährungs pro gramms sterben

allein in den Entwicklungsländern 60 Pro zent von

11 Millionen Kindern jährlich, weil sie arm, mangel- oder

unterernährt sind, obwohl ihnen laut Artikel 24 und 27

der vom UN-Sozialausschuss verfassten „Kinderkon vention“

ein Recht auf angemessene Er nährung zusteht. 42

Da die Anzahl der Menschen bis 2050, also innerhalb

der nächsten 40 Jahre laut UN-Berichten auf mehr als 9

Milliarden ansteigen wird, gehen einige Experten davon

aus, dass sich das Problem, die Menschheit ausreichend

mit Nahrungsmitteln zu versorgen, verschärfen

wird. Um diesem zu begegnen, wird zunehmend fruchtbares

Land, vorzugsweise in subtropischen und tropischen

Teilen Afrikas, aufgekauft oder für einen langen

Zeitraum angepachtet. Aber auch in Brasilien entstehen

immer größere Flächen für die Produktion von Futtermitteln

und Energiepflanzen. In Mexiko boomt der

Mais anbau, nicht für die Versorgung der Bevöl ke rung

mit Nahrungsmitteln, sondern für die Herstellung von

40 S. Vereinte Nationen: Wirtschafts- und Sozialrat; Ausschuss

für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte, Zwanzigste

Tagung, Genf, 26. April - 14. Mai 1999, Tagesordnungspunkt 7.

41 S. www.welthungerhilfe.de/hunger.html

42 S. Jonas Schubert: terre des hommes, Hilfe für Kinder in Not;

Ökologische Kinderrechte schützen – Normative Grundlagen

stärken; 1. Auflage, April 2012.

Benzin und Diesel in den USA. In Indonesien breiten

sich nach der Ausbeutung der Tropenholzbestände, vorzugsweise

für den Export, Palmölplantagen aus. Aufkäufer

bzw. Pächter sind Vermögende aus dem arabischen

Raum, aus Indien und China, aber auch multinationale

Konzerne, die ihren Sitz in den USA und

Europa haben. Diese versprechen sich hierdurch lukrative

Renditen und mittelfristig eine Sicherung der

Ernährung für ihre eigene Bevölkerung.

Die Bewirtschaftung dieses Landes rechnet sich jedoch

nur auf entsprechend intensiv mit hohem Technikeinsatz

zu bearbeitenden großen und freien Flächen und bei geringen

Ernteverlusten. Um möglichst schnell hohe Erträge

zu erwirtschaften, wird mit einem enormen Einsatz

von Düngemitteln gearbeitet und Schädlings bekämp

fungsmitteln, vorzugsweise stark gesundheitsschädliche

Pestizide, eingesetzt. Neben dem Anbau von

Hochertragssorten, die ihre volle Produktivität nur im

Zusammenspiel mit intensiver Düngung, Bewässerung

und Pflanzenschutz erbringen, 43 bietet sich der Anbau

gentechnisch veränderter Pflanzen an, jeweils zugeschnitten

auf die Bedingungen der Region. Eine wesentliche

Grundbedingung ist allerdings ein Zugang zu ausreichend

Wasser.

Angebaut werden Produkte, die in erster Linie für den

Export bestimmt sind und der heimischen Bevölkerung

nur begrenzt zur Verfügung stehen bzw. preislich zu

teuer sind. Ansteigend sind zudem die Nachfragen nach

eiweiß- und energiereichen Futtermitteln für die industriell

betriebene Tierhaltung in Europa und Amerika

und der Anbau von sogenannten Energiepflanzen, die

als Biomasse in fester, flüssiger und gasförmiger Form

zur Strom- und Wärmeerzeugung und zur Herstellung

von Biokraftstoffen Verwendung finden.

Dies führt zu Rodungen, insbesondere im Regen waldgürtel

der Erde, und zum Umbruch von Busch- und

Grasland zur landwirtschaftlichen Nutzung. Verbunden

43 S. Evangelische Kirche in Deutschland: Ernährungssiche rung

und Nachhaltige Entwicklung – Eine Studie der Kammer der

EKD für Entwicklung und Umwelt, EKD-Texte 67, Hannover

2000.

54


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

damit kommt es zur Vertreibung von Kleinbauern von

deren bisher bewirtschafteten Ackerland und auch zur

Verdrängung von indigenen Gemeinschaften aus dem

von ihnen genutzten Lebensraum. Aber auch in

Deutsch land wird immer mehr bisher für die Nahrungsmittelproduktion

eingesetzte landwirtschaftliche

Fläche hierfür quasi „umgenutzt“.

Die intensive Nutzung, Monokulturen und gentechnisch

verändertes Pflanz- und Saatgut führen nicht nur

zu einer Degradierung der Böden, sondern auch zum

Verlust von Biodiversität. Tropische Regenwaldbestände,

Gras- und Grünland sind jedoch Orte mit einer großen

Artenvielfalt in Flora und Fauna. Zudem besitzen sie ein

sehr großes Speicherpotenzial an Kohlendioxid und haben

damit einen hohen Stellenwert für den Klimaschutz.

Eine Bestandsaufnahme der FAO aus dem Jahre 2005

geht davon aus, dass Grünland über 40 Prozent der

Landfläche der Erde und ca. 70 Prozent der Flächen, die

der Landwirtschaft zuzuordnen sind, bedeckt. Diese gigantischen

„Graslands of the World“ speichern im

Boden und im Wurzelwerk mehr als ein Drittel des globalen

Kohlenstoffs. 44

Den verbleibenden Kleinbauern wird nicht nur durch

den Verlust an bearbeitbarer Fläche, sondern auch

durch die Übernutzung der vorhandenen Süßwasserressourcen

in diesen Regionen häufig die Existenzgrundlage

entzogen, so dass mittelfristig eine zunehmende

Landflucht der bisher dort lebenden Menschen

stattfindet. Da diese Abwanderungen in erster Linie in

die Randzonen großer Städte stattfinden, werden dort

die bereits vorhandenen Probleme mit Armen und häufig

Unterernährten verschärft.

Nach einer Studie der Welthungerhilfe kann davon ausgegangen

werden, dass der Hunger dort am größten ist,

wo Zugangs- und Besitzrechte an Wasser und Land beschränkt

oder umstritten sind. Unzureichender und

fehlender Zugang zu sanitären Einrichtungen und zu

modernen Energiequellen verstärken das Problem. Die

44 S. Idel, Anita: Die Kuh ist kein Klima-Killer! – Wie die

Agrarindustrie die Erde verwüstet und was wir dagegen tun

können. Kapitel 3 und 4; Metropolis-Verlag, Marburg 2010.

meist beim Verkauf und der Verpachtung versprochenen

Arbeitsplätze und Verbesserungen des sozialen

Umfeldes finden nicht statt. 45

Wie bei der Eindämmung der Klimaveränderung liegt

eine große Verantwortung für diese Situation bei den

Industrieländern des Nordens und zunehmend bei den

Schwellenländern wie China, Indien, Südafrika und

Brasilien. Gehandelt werden muss in erster Linie hier.

Die Folgen eines Nichthandelns würden letztendlich die

nachfolgenden Generationen aufgebürdet bekommen.

Die Studie „Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten

Welt“ verweist unter dem Begriff „Ökologischer

Wohlstand für eine zukunftsfähige Wirtschaft“

mit der Faustformel „Besser, anders, weniger“ darauf,

dass „anders“ heißt: Nur mit weniger Ressourcen verbrauch

und Naturzerstörung kann ein besseres Leben

geschaffen werden, und wir müssen lernen, dass besseres

Leben mehr bedeutet als ständig steigender materieller

Wohlstand. Bezogen auf die Landwirtschaft heißt

das, so die Studie, dass „Naturverträglichkeit“ nicht

durch die konventionell-industrielle Landwirtschaft zu

erreichen ist, denn deren Ressourcenverbrauch und deren

Einsatz von Agrargiften und Dünger belasten die

Umwelt, während die Bio-Landwirtschaft bemüht ist,

Naturkreisläufe zu schließen und die Ressourcen, die

ihr zu Verfügung stehen, produktiver und vielseitiger

zu nutzen. 46

Auch der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung

Globale Umweltveränderungen (WBGU) geht in seiner

Studie „Welt im Wandel – Gesellschaftsvertrag für eine

Große Transformation“ auf die Landnutzung ein. Danach

werden etwa ein Viertel der weltweiten Treibhausgasemissionen

direkt aus der Landwirtschaft sowie

durch Landnutzungsänderung frei gesetzt. Diese Emissionen

sind nicht vollständig zu vermeiden, allein schon

45 S. Welthunger-Index 2012: Kapitel 03: Ernährung in Zeiten

knapper Land-, Wasser- und Energieressourcen.

46 S. Wegmarken für einen Kurswechsel – Eine Zusammenfassung

der Studie „Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten

Welt“ des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt,

Energie; Februar 2011.

55


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

wegen des aus der Düngung mit Stickstoff resultierenden

Lachgases. Eine Reduzierung der Gesamtemissionen

allerdings sollte zu einem Kernbestandteil einer Strategie

eines globalen integrierten Landnutzungs management

gehören. Ein Stopp der Entwaldung verbunden

mit einem Übergang zur nachhaltigen Waldwirtschaft,

eine klimaverträgliche Landwirtschaft, die die ansteigende

Nachfrage nach Nahrungsmitteln, Bioenergie

und stofflich genutzter Biomasse in Form nachhaltiger

Landnutzungskonzepte und Produktionsweisen befriedigt

und eine Veränderung unserer Ernährungsweisen,

insbesondere eine Veränderung der derzeitigen Ernährungsgewohnheit

zugunsten tierischer Produkte sollten

angegangen werden. Die ständig ansteigende Produktion

von tierischen Nahrungsmitteln wird als sehr problematisch

eingestuft, da allein die Viehwirtschaft bereits

jetzt etwa drei Viertel der landwirtschaftlichen

Flächen beansprucht. Neben der Bevölkerungs ent wicklung

sei sie einer der wesentlichen Faktoren zunehmender

Landnutzung. 47

in Einklang mit dem, was sie selbst schätzen, leben

können. Das ist eine gewaltige Aufgabe, die gleichermaßen

große Weichenstellungen und kleine Schritte

jedes Einzelnen verlangen.“ 48

Der Ratsvorsitzende der EKD, Nikolaus Schneider griff

dies in einer Vorlesung an der Technischen Universität

Berlin im Januar 2013 mit den Worten auf: „Auch ich

teile die Auffassung, dass neue Leitbilder und Paradigmen

für Wirtschaft, Politik und den Lebensstil der

Einzelnen nötig sind und dass wir eine umfassende

gesellschaftliche Veränderung und einen Bewusstseins

wandel brauchen, um den multiplen Heraus forderungen

und Krisen unserer Gegenwart angemessen

zu be gegnen.“

49

Somit ergänzte das Motto des diesjährigen Evan gelischen

Kirchentages „Soviel Du brauchst“ das Motto

der am 1. Advent 2008 gestarteten 50. Kampagne von

Brot für Welt „Es ist genug für alle da“.

In allen diesen Prozessen kommt den Kirchen als weltweit

vernetzte und agierende „Player“ eine große und

wichtige Aufgabe zu. Mit ihren Werken und Einrichtungen

sind sie bereits an vielen Stellen und Orten

aktiv. In Deutschland könnten sie als ein wichtiger

Partner in der Zivilgesellschaft und auch als Akteur in

den Bereichen Land- und Forstwirtschaft, Grund be sitz

und Beschaffung beispielgebend tätig werden und

Wege aufzeigen, die auch andere Akteure in der Gesellschaft

inspiriert, diese zu gehen.

In der Denkschrift des Rates der EKD „Umkehr zum

Leben“ heißt es: „Letztlich geht es um eine neue politische

und wirtschaftliche Prioritätensetzung in Zivilgesellschaft

und Politik, d.h. eine Verständigung darüber,

in welchem Verhältnis z.B. kurzfristige Ge winn -

interessen von bestimmten Wirtschaftsakteuren und

die langfristigen Überlebensinteressen von Gemeinschaften

in der Einen Welt stehen. Es geht letztlich um

die Frage, wie wir leben wollen und wie alle Menschen

47 S. Welt im Wandel – Gesellschaftsvertrag für eine Große

Transformation – Zusammenfassung für Entscheidungsträger;

ISBN 978-3936191-46-2; WBGU Berlin 2011.

48 Evangelische Kirche in Deutschland: Umkehr zum Leben.

Nachhaltige Entwicklung im Zeichen des Klimawandels. Eine

Denkschrift des Rates der EKD, Gütersloh 2009, S. 144-145.

49 Nikolaus Schneider: „Ethik des Genug – Impulse aus der

Ökumene und der kirchlichen Entwicklungsarbeit“ – Beitrag

zur Vorlesungsreihe „Wohlstand ohne Wachstum?“ Technische

Universität Berlin; 31. Januar 2013.

56


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

Brot für die Welt-Projekt Argentinien:

Mutig gegen Landraub

So wird Platz für Monokulturen wie Soja, Zuckerrohr

oder die ölhaltige Färberdistel geschaffen – Erzeugnisse,

die in den Industrieländern begehrt sind und satte

Gewinne versprechen. Auch Europa ist ein guter Abnehmer.

Hier landet Soja als Futtermittel in den Trögen

von Schweinen und Rindern – während im argentinischen

Chaco jene hungern, denen das Land eigentlich

gehört: die indigene Bevölkerung.

Mit den kartographierten GPS-Daten und den Luftaufnahmen

sollen dem Umweltministerium Verstöße gegen

eine einstweilige Verfügung aus dem Jahr 2008 bewiesen

werden. Diese verbietet jegliche Rodung in der

Region. Informiert wird auch der Oberste Gerichtshof,

der damals auf die Verfügung drang – seinerzeit ein großer

Erfolg für ASOCIANA.

Brandrodung in Argentinien Foto: Florian Kopp

In der Region Gran Chaco machen skrupellose Vertreter

des Agrobusiness den indigenen Völkern ihr Land

streitig. Mit Hilfe moderner Geoinformationssysteme

und engagierter Lobbyarbeit verhilft die Organisation

ASOCIANA den Indigenen zu ihrem Recht.

„Da! Halt drauf!“, ruft Ana Alvarez dem Fotografen von

der Rückbank des Kleinflugzeugs aus zu. Der reagiert

sofort, zoomt lodernde Flammen und verbrannte

Mondlandschaft heran, drückt ab. Zeitgleich hält

Alvarez mithilfe eines GPS-Gerätes die Koordinaten der

Orte fest, an denen illegal brandgerodet wird.

Monokulturen zerstören die Vielfalt

Ana Alvarez, Projektkoordinatorin des Brot für die Welt-

Partners ASOCIANA, einer Organisation der Ang li kanischen

Kirche, erklärt das Prinzip der Zerstörung: „Es ist

einfach: Sie roden mit schweren Maschinen, holen alle

wertvollen Hölzer aus dem Wald und verarbeiten minderwertige

zu Kohle.“ Alles Übrige scharren Bull dozer

zu großen Haufen zusammen, Feuer erledigen den Rest.

Konflikte mit den Viehzüchtern

Als wäre der Kampf gegen das Agrobusiness nicht

schwer genug, müssen sich die indigenen Völker auch

mit den Kleinbauern auseinandersetzen. Dabei treffen

zwei Welten aufeinander: Die indigenen Völker leben

vom Jagen und Fischen, vom Früchte- und Honigsammeln

im Wald. Die Nachkommen europäischer Einwanderer

hingegen betreiben extensive Viehzucht. Ihre

Rinder, Ziegen und Schafe dringen in die Wälder ein

und zerstören die Lebensgrundlage der Indigenen.

Bereits 2001 nahm ASOCIANA daher Kontakt mit

FUNDAPAZ auf, einem Partner von Brot für die Welt,

der die Kleinbauernfamilien berät. Man einigte sich darauf,

bei der Provinzregierung die Vergabe von Landtiteln

einzufordern. Um zu klären, wer das Land wie

nutzt, hielten die Indigenen mit GPS-Geräten die Ko ordinaten

ihrer Honigsammelstellen, Fisch- und Jagdgründe

fest. Und die Kleinbauern kartographierten jene

Gebiete, die sie bis dahin für ihr Vieh genutzt hatten.

Das gemeinsame Vorgehen zeitigte Erfolg: 2007 unterzeichnete

der damalige Gouverneur ein Dekret, in dem

die Übergabe des Landes an die indigenen Gemeinden

und die Kleinbauern angekündigt wird. Zwar ziert sich

sein Nachfolger noch, das Dekret tatsächlich umzusetzen,

doch scheint eine friedliche Lösung des Landkonflikts

greifbar nah.

57


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

Nomaden kämpfen mit der Dürre in Äthiopien. Foto: Christof Krackhardt

5. Ausländische Direktinvestitionen

in landwirtschaftliche

Nutzflächen und die globalen

Preisentwicklungen bei

Agrargütern

Hans Diefenbacher

Entnommen aus: Friedensgutachten 2012, S. 196-208

„Soon no more land for the farmers?“ 50

Seit einigen Jahren hat sich eine umstrittene Praxis in

den internationalen wirtschaftlichen Beziehungen stark

verbreitet und eine vielfältige Debatte ausgelöst: Der Kauf

oder die langfristige Pacht großer Agrarflächen durch private

Investoren und staatliche Institutionen, vorwiegend

in den Ländern des Südens. Der Begriff des Landgrabbing,

zum Teil als „Landnahme“ übersetzt, hat sich bei jenen

eingebürgert, die dieser Praxis kritisch bis grundsätzlich

ablehnend gegenüberstehen. Diese Bezeichnung bringt

aber nicht zum Ausdruck, dass es sich bei Landgrabbing

um formal legale Vorgänge handeln kann, auch wenn

immer wieder Berichte von Missachtungen traditioneller

Landnutzungsrechte oder vertraglich geregelter

Kompensationszahlungen auftauchen.

50 So der Titel einer Pressemitteilung des Evangelischen

Ent wicklungsdienstes vom 29.2.2012, nach der über

50 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche in Kambodscha

mittlerweile im Besitz privater Investoren ist;

Rural21 (Hrsg.): Cambodia: Soon no more land for the

farmers?, Frankfurt am Main 2012, http://www.rura12l.

com/englishlnewsl detaiVarticle/carnbodiasoon-no-moreland-for-the-farmers-0000119/

Befürworter betonen, dass sowohl die Käufer von Landflächen

als auch die Volkswirtschaften, in denen diese

Besitzübertragungen stattfinden, profitieren können.

Auf der anderen Seite weisen Gegner auf das enorme

Konfliktpotenzial hin, das entstehen kann, wenn

die Be völkerung einer Region keine Verfügungsrechte

mehr über deren landwirtschaftliche Nutzflächen hat

und sich die agrarische Produktion nicht oder nicht

mehr an ihren Grundbedürfnissen orientiert.

Landgrabbing kann aber nicht nur durch den direkten

Entzug von Produktions- und Beschäftigungs mög lichkeiten

verheerende Folgen für die ländliche Bevölkerung

in den betroffenen Gebieten haben. Durch Veränderungen

der Mengen der produzierten Agrargüter kann

es zu Preisveränderungen auf den Märkten kommen,

die nicht nur die ländliche, sondern auch die städtische

Bevölkerung in ihrer Existenz bedrohen. Diese Preisveränderungen

werden von den internationalen Märkten

und vor allem von den Einflüssen spekulativer Transaktionen

beeinflusst; zum Teil können sie wiederum

Preisveränderungen und spekulative Transaktionen auf

den internationalen Märkten selbst auslösen. Die Rückwirkungen

können ganz erheblich sein: Die extremen

Preissteigerungen 2007 und 2008 veranlassten einige

Länder, Ausfuhrstopps für wichtige Agrarprodukte zu

verhängen, um zunächst ihre eigene Versorgung durch

Ausbau der Vorratshaltung zu sichern. Importländer erfuhren

deswegen durch ihre Abhängigkeit vom Weltmarkt

noch dramatischere Preissteigerungen. In rund

60 Ländern kam es 2008, weitgehend unbeachtet von

der deutschen Presse zu gewaltsamen Protesten aufgrund

der hohen Nahrungsmittelpreise.

58


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

Im folgenden Beitrag werden Beispiele von Landgrabbing

vorgestellt und eine Abschätzung der Größenordnung

des Problems unternommen. Anhand aktueller Trends

lassen sich Preisveränderungen auf den Weltagrar märkten

darstellen und Auswirkungen auf reale Produktionsveränderungen

aufzeigen. Der Beitrag schließt mit einer

theoretischen Einordnung und mit praktischen Empfehlungen

an die nationale und internationale Politik, wie

negative Auswirkungen für die lokale Bevölkerung und

die globale Ernährungssicherung vermieden werden

können.

Landgrabbing – ein globales Phänomen?

Alle einschlägigen Veröffentlichungen über das Thema

Landgrabbing enthalten mehr oder minder umfassende

Listen von einzelnen, bekannt gewordenen Fällen ausländischer

Direktinvestitionen in Landflächen. Eine

voll ständige aktuelle Übersicht gibt es vermutlich nicht,

es zeigen sich jedoch über die letzten Jahre einige bemerkenswerte

Entwicklungen.

Ausländische Direktinvestitionen in landwirtschaftliche

Nutzflächen waren vor 1985 so gut wie unbekannt.

Bis zum Jahr 2000 lassen sich nur sehr vereinzelt

kleinere Geschäfte dieser Art nachweisen.

Erst ab 2005 kam es zu einem sprunghaften Anstieg

von Zahl und Größe derartiger Transaktionen; dieser

Trend hält derzeit ungebrochen an. Laut diverser

Schätzungen sind allein von 2005 bis 2009 zwischen

22 und 50 Mio. Hektar landwirtschaftlicher

Nutzfläche in Ländern des Südens an Investoren aus

Industrieländern, aus arabischen oder aus asiatischen

Schwellenländern – einschließlich China – verkauft

oder langfristig verpachtet worden. Eingerechnet sind

hierbei auch Flächen, über deren Verkauf beziehungsweise

deren Verpachtung aktuell verhandelt wurde. 51

Grobe Schätzungen gehen von einer Gesamtfläche von

10 bis 30 Prozent des weltweit verfügbaren Ackerlandes

51 Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit

und Entwicklung (Hrsg.): Development Policy Stance on the

Topic of Land Grabbing – the Purchase and Leasing of Large

Areas of Land in Developing Countries, Bonn 2009, S. 3 und

Anhang 1.

aus. 52 Eine besonders umfangreiche Liste von ausländischen

Direktinvestitionen zwischen den Jahren 2006

bis 2009 liefert das International Food Policy Research

Institute. Hier werden über 60 Einzelfälle aufgeführt.

Eine Gesamtfläche ist nicht addierbar, da für die jeweiligen

Fälle zum Teil die verkauften oder verpachteten

Hektar, teilweise jedoch nur Investitionssummen

in US-Dollar oder geplante Ernte mengen bestimmter

Agrarprodukte aufgeführt werden. 53 Anfang 2012

hat indes das Bundesministerium für wirtschaftliche

Zusammenarbeit eine Gesamt schätzung gewagt,

nach der etwa 200 Mio. Hektar Land, mehr als das

Fünffache der Fläche Deutschlands, für ausländische

Investitionen vergeben worden sein sollen, davon mehr

als 130 Mio. Hektar in Afrika. 54

Vor allem China investiert in großem Stil in Afrika zur

Erzeugung von Biokraftstoffen, etwa durch den Ankauf

von 2,8 Mio. Hektar zur Palmölproduktion in der

Demo kratischen Republik Kongo sowie durch Geschäfte

in zahlreichen anderen Ländern. Darüber hinaus kauft

China landwirtschaftliche Flächen in Afrika und Asien,

um dort Reisanbau zu betreiben und den heimischen

Bedarf abzusichern. Auch einzelne arabische Staaten

wie Libyen und die Golfstaaten beschaffen sich Landflächen

in Afrika zur Lebensmittelproduktion, etwa in

Kenia, Malawi und Sudan. Diese Flächen sind allerdings

kleiner und im Blick auf die Produktion erheblich diversifizierter:

Häufig werden verschiedene Nahrungs mittel

angebaut, während es in anderen großen Vor haben oft

nur um Monokulturen von Energiepflanzen geht.

Aus Europa und den USA sind hauptsächlich transnationale

Konzerne und Start-ups – extra zu diesem Zweck

neu gegründete Unternehmen – im Bereich erneuerbare

Energien tätig. Gerade sie setzen zum Teil sehr große

Flächen zur Produktion von Biokraftstoffen ein. Regie-

52 Mo lbrahim Foundation (Hrsg.): African Agriculture: From

Meeting Needs to Creating Wealth, Tunis 2011, S. 2 ff.

53 Joachim von Braun/Ruth Meinzen-Dick: „Land grabbing“

by Foreign Investors in Developing Countries: Risk and

Opportunities, IFPRI Policy Brief 2009, S. 13.

54 Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit

und Entwicklung (Hrsg.): Investitionen in Land und das

Phänomen des „Land Grabbing“, Bonn 2012, S. 3.

59


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

rungen und private Investoren treten dabei sowohl als

Käufer und Verkäufer beziehungsweise als Pächter und

Verpächter auf. Zusätzlich sind seit über zehn Jahren

vor allem Investitionsfonds in diesem „Geschäftsbereich“

mit zum Teil sehr hohen Summen engagiert.

Allein für Äthiopien, Ghana, Madagaskar, Mali und

Sudan beziffern Schätzungen für den Zeitraum von

2004 bis 2009 den Verkauf von etwa 2,5 Mio. Hektar

landwirtschaftliche Nutzfläche an ausländische Investo

ren. Dabei werden in dieser Statistik einzelne Käufe

nur ab einer Gesamtfläche von über 1.000 Hektar eingerechnet.

55 In diesen Ländern bilden die verkauften

Flächen einen nicht unerheblichen Anteil an den derzeit

aktiv genutzten landwirtschaftlichen Nutzflächen.

In Madagaskar werden im Rahmen eines Vorhabens auf

452.000 Hektar Biokraftstoffe von Investoren aus Großbritannien

erzeugt. Mindestens weitere 550.000 Hektar

werden von anderen Investoren unter anderem aus

Australien, Italien, Südafrika, Großbritannien und dem

Libanon mit Jatropha ebenfalls zur Erzeugung von

Biokraftstoffen bebaut. Ein weiteres Geschäft über 1,3

Mio. Hektar, auf denen ein koreanischer Investor in

Madagaskar Mais anpflanzen wollte, ist nach einer intensiven

öffentlichen Debatte gescheitert, in der das

Problem einer zu langfristigen Bindung des Landes an

ausländische Interessen thematisiert wurde. 56 Dies

führte zu massiven Unruhen und trug zum Sturz der

Regierung bei.

Die Entwicklung der Preise von

Agrarprodukten

Um die Entwicklung und mögliche Folgewirkungen

des Anstiegs der Direktinvestitionen in Nutzflächen zu

verstehen, ist es erforderlich, sich die Verbindung zu

anderen Determinanten der internationalen Agrarmärkte

vor Augen zu führen. In der zweiten Hälfte des

letzten Jahrzehnts sind die Preise von Agrarprodukten

in vielen Ländern, vor allem aber auch auf den internationalen

Agrarmärkten deutlich angestiegen. In den

Jahren 2007 und 2008 kam es bei vielen Produkten zu

einem absolu ten Preishöchststand, der sowohl mit

Faktoren auf der Angebotsseite, wie Produktionsausfälle

durch Miss ernten, Exportrückgänge und einem Tiefstand

bei der Lagerhaltung, als auch mit Faktoren auf

der Nach frage seite, wie steigendes Interesse nach Energiepflanzen

und Futtermitteln und mit spekulativen

Aktivitäten, zu sammenhing. Es folgten weitere Jahre

mit recht hohen und stark schwankenden Preisen. So

entwickelten Länder, deren Ernährungs sicherung nur

über Nah rungs mittelimporte stabilisiert werden kann,

die Strate gie, sich durch Ankauf oder langfristige Pacht

von landwirtschaftlichen Flächen im Ausland von den

ge schilder ten Entwicklungen unabhängiger zu machen.

Das Motiv der Sicherung einer stabilen Versorgung

der landwirtschaftlichen Produk tion durch

Futtermittel und Biokraftstoffe ist mittlerweile für

mehr ausländische Direktinvestitionen verantwortlich

als die Lebens mittelproduktion.

Dieser Fall wirft ein besonderes Schlaglicht auf die oft

sehr problematische Rolle der Regierungen, die Land

verkaufen oder verpachten. Diese haben zum Teil ein

großes Interesse an ausländischen Direktinvestitionen

und bieten den Investoren sehr günstige Bedingungen,

die nur durch Missachtung der traditionellen Nutzungsrechte

der Bevölkerung möglich werden.

55 Lorenzo Cotula/Sonja Vermeulen/RebeCa Leonard/James

Keeley: Land grab or development opportunity? Agricultural

investment and international land deals in Africa, London/

Rom 2009, S. 40 ff.

56 Mo Ibrahim Foundation, a.a.O., S. 21 f.

Die Gründe dafür sind vielfältig, ein verstärkender

Faktor war jedoch besonders wichtig: Eine erhöhte

Nachfrage nach Produkten des Agrarsektors, gerade aus

dem Bereich der Biokraftstoffe, traf mit einer erhöhten

Bereitschaft der Finanzmärkte zusammen, in diesem

Anlagebereich auch spekulativ tätig zu werden. Biokraft

stoffe können daher als ein Auslöser für den anhaltenden

Preisdruck angesehen werden. Es ist davon auszugehen,

dass etwa 30 Prozent der Preissteigerungen

bei Getreide der erhöhten Nachfrage bei Biokraftstoffen

zuzuschreiben sind. 57 Dieser Preisanstieg wurde teil-

57 Shenggen Fan: Growing Biofuel Demand and International

Food Prices, in: Rural21 -- The International Journal for Rural

60


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

weise durch die erhöhten Preise fossiler Brennstoffe ausgelöst,

teilweise auch durch Strategien zur Reduktion

von Kohlendioxidemissionen. Die gezielte Förderung

von Biokraftstoffen in den USA und Europa hat bereits

zu einer deutlichen Konkurrenz zwischen der Produktion

von Nahrungsmitteln, von Futtermitteln und der

von Energiepflanzen geführt. Die globale Produktion

von Biokraftstoffen hat sich zwischen 2005 und 2011

verdoppelt, die Zuwachsraten in den USA liegen noch

deutlich darüber. Dies hatte einen erheblichen Einfluss

auf die Weltmarktpreise, insbesondere von Mais, die

sich in diesem Zeitraum ebenfalls nahezu verdoppelt

haben. Der Trend zur Preissteigerung wird sich fortsetzen,

wenn die Politik der USA und der EU sich nicht

entscheidend verändert. Die Organisationen OECD und

FAO schätzen, dass bis zum Jahre 2020 13 Prozent der

Weltgetreideproduktion, 15 Prozent der Pflanzenöle

und 30 Prozent des Zuckerrohrs für die Erzeugung von

Biokraftstoffen verwendet werden. 58

Die Gefährdung der Ernährungssicherheit wird durch

die Finanzmechanismen der Weltmärkte noch einmal

verschärft, denn spekulative Transaktionen gehen von

einer weiteren Steigerung der Preise aus und nehmen

diese durch entsprechende Termingeschäfte quasi

schon vorweg – beziehungsweise überhöhen den Steige

rungseffekt in den Spitzen der extremen Preis schwankungen,

die auf diese spekulativen Transaktionen zurückzuführen

sind. Die Entstehung von Preisblasen

muss dabei auch bei Spekulationen auf den Agrar märkten

– parallel zu anderen Märkten, etwa bei den

Immobilien – als ein sich selbst verstärkender Prozess

verstanden werden. Diese Wirkung hat sich durch die

Einführung neuer Finanzmarktprodukte wie die Spekulationen

mit indexbasierten Finanzmarkttiteln noch

weiter erhöht. 59 Die Auswirkungen auf die Preise haben

hier jedoch ganz unmittelbar existenzbedrohende

Folgen für die Armen, die diese Preise häufig nicht bezahlen

können: Sie geben oft 60 bis 80 Prozent ihres

58 Ebd.

Development 45 (2011): 5, S.14.

59 Hans-Heinrich Bass: The Relevance of Speculation, in: Rural21

– The International Journal for Rural Development 45

(201I): 5, S. 17-21.

Einkommens für Lebensmittel aus und sind daher von

Preisschwankungen besonders betroffen. Ge rade in den

Ländern des Südens übertragen sich Preisschwankungen

auf den Welt märkten rasch auf die heimischen Märkte.

Ausländische Direktinvestitionen in

landwirt schaftliche Nutzflächen – pro

und contra

Preissteigerungen landwirtschaftlicher Produkte sollten

keinesfalls pauschal als negativ bewertet werden.

Wenn Preise für Lebensmittel sehr niedrig sind, kann

dies auch zu einer niedrigen Investitionsbereitschaft

und langfristig zu einer Unterinvestition im Agrarsektor

führen, was als sehr starkes Entwicklungshemmnis

wirken kann. Gerade in Entwicklungsländern hat der

Agrarsektor einen hohen Anteil an der Wertschöpfung

der Volkswirtschaft. Dennoch sind die Agrarsektoren

vieler Entwicklungsländer seit Jahrzehnten unterfinanziert,

was u.a. auf die Entwicklungsstrategien der jeweiligen

nationalen Regierungen wie auch der internationalen

Entwicklungsorganisationen zurückzuführen ist.

In diesem Zusammenhang ist bedeutsam, dass Un terent

wicklung nur durch an die jeweiligen Situa tionen

an gepasste Investitionen überwunden werden kann,

die finanzierbar und den Investoren lohnend erscheinen

müssen. 60 Einer Studie der Mo-Ibrahim-Founda tion zufolge

kommt in Afrika derzeit ein Traktor auf etwa 320

Beschäftigte in der Landwirtschaft, geht Getreide durch

Nachernteverluste im Wert von vier Milliarden US-

Dollar verloren und gelten 42 Prozent der Jugendlichen

südlich der Sahara und 62 Prozent der Jugendlichen in

Nordafrika als unterbeschäftigt. 61 Diese Kennziffern

können als massive Entwicklungshindernisse verstanden

werden. Ausländische Direktinvestitionen im Agrarbereich

wären aus Sicht der „Empfängerländer“ nur

dann sinnvoll, wenn sie im Zielland zu einer selbsttragenden

Entwicklung zum Nutzen der heimischen Bevölkerung

führen. Dass der Technologie-Import allein

die negativen Effekte kompensieren kann, die dadurch

entstehen, dass verkaufte oder verpachtete Nutzflächen

60 Al Imfeld: Entwicklung, Marburg 2010, S.l08.

61 Mo Ibrahim Foundation, a.a.O., S. 2.

61


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

nicht mehr für die heimische Produktion zur Verfügung

stehen, ist äußerst unwahrscheinlich. Auch der Beschäftigungseffekt

für die heimische Be völkerung, die

durch mögliche Anstellungen in von ausländischen

Investoren bestimmten Agrarbetrieben entstehen kann,

wird kaum über der Beschäftigungs wirkung einer

Bewirtschaftung vergleichbarer Flächen in eigener

Regie liegen. Im Gegenteil: Vermutlich wird sie niedriger

liegen, da mit Fremdkapital in der Regel auch kapitalintensiver

produziert wird. Es bleibt das Argument,

dass die Betriebe ausländischer Investoren in kurzer

Zeit die Produktion auf ein Niveau ausdehnen können,

das in der heimischen Wirtschaft vermutlich nicht erreicht

würde und deswegen Steuern oder Ab gaben erhoben

werden können, die dann dem allgemeinen

Aufbau der Wirtschaft und dem Sozialsystem zugute

kommen können. Allerdings muss im Einzelfall genau

geprüft werden, wem die so entstandenen zusätzlichen

Staatseinnahmen tatsächlich zugutekommen.

Das zuletzt genannte Argument geht häufig einher mit

einer anderen Debatte über Entwicklungsmöglichkeiten

vor allem der afrikanischen Landwirtschaft. Auf der einen

Seite stellt die Mo-Ibrahim-Foundation im Einklang

mit entsprechenden FAO-Statistiken fest, dass derzeit

79 Prozent des potenziellen Ackerlandes Afrikas nicht

bebaut werden. In der Tat würde Landgrabbing ungenutzter

Flächen zunächst einmal nur eine Produktionsausweitung

bewirken. Doch Klassifikation von Land als

„ungenutzte“ Nutzflächen hat in vielen Gebieten fatale

Folgen. Südlich der Sahara Ieben über 60 Millionen

Nomaden, die extensive Viehhaltung auf diesen vorgeblich

„ungenutzten“ Landflächen betreiben. Ausländische

Direktinvestitionen haben in vielen Fällen dazu geführt,

dass die Bewegungsfreiheit der Nomaden begrenzt

wurde. Aus Uganda, Kenia, Somalia, Äthiopien

und aus dem Sudan wurden gewaltsame Auseinandersetzungen

um den knapper werdenden Zugang zu

Weideland und Wasserquellen berichtet. 62 Marginalisierte

Bevölkerungsgruppen sind offenkundig extrem

62 Evelyn Bahn: Großflächige Landnahmen, Berlin 2010,

S. 5; FlAN International (Hrsg.): Land Grabbing in Kenya

and Mozambique -- A report on two research missions and

a human rights analysis on land grabbing, Heidelberg 2010.

gefährdet, von ihrem Land vertrieben zu werden, zu

dem sie sehr häufig keine formellen, sondern nur traditionell

überlieferte Besitztitel haben. Der Übergang zu

einer formalen Regelung der Eigentumsrechte birgt ein

enormes Konfliktpotenzial, wenn die traditionellen

Nut zungsformen nicht angemessen berücksichtigt werden

und die indigene Bevölkerung ihre Interessen nicht

adäquat einbringen kann.

Empfehlungen

Zwei Politikvarianten

Angesichts der Entwicklungen in den internationalen

Agrarbeziehungen der letzten Jahre erscheinen zwei

sehr unterschiedliche Strategieempfehlungen an die beteiligten

Akteure und an die internationale Politik möglich.

Bei der derzeitigen Politik ist davon auszugehen,

dass in absehbarer Zeit weiterhin ausländische Direktinvestitionen

erfolgen werden. Für diese Fälle muss ein

Kriterienkatalog erstellt werden, in dem für die unterschiedlichen

Akteure die Bedingungen formuliert werden,

unter denen der Nutzen derartiger Investitionen

für die ärmsten Bevölkerungsgruppen maximiert und

der Schaden zumindest begrenzt wird. Schon die Verab

schiedung einer Richtlinie, die die beteiligten Akteure

auf freiwilliger Basis einhalten können, kann als Beginn

eines globalen politischen Prozesses hilfreich sein; das

Ziel einer bindenden völkerrechtlichen Übereinkunft ist

derzeit noch sehr weit entfernt.

Als Grundlage einer sehr viel weitergehenden und der

derzeitigen politischen Realität daher sehr fernen Regelung

können landwirtschaftliche Nutzflächen als Teil

der globalen Gemeingüter betrachtet werden, an denen

allenfalls Nutzungs- und keine Besitz- oder gar Ver äußerungsrechte

vergeben werden sollten. Globale Gemeingüter

wären im Konsensfall nichts, was in Privatbesitz

sein sollte. Schließt man sich dieser Grund überzeugung

an, dann sollten ausländische Direkt in ves titionen in

Boden so schnell wie möglich gestoppt werden und nur

sehr wenige Ausnahmen wären unter strengen Auflagen

denkbar. Nachfolgend sollen beide Politikstrategien –

die „realistische“ und die „utopische“ Perspektive –

kurz umrissen werden.

62


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

Positiv- und Negativkriterien für „Stakeholder“

aus ländischer Direktinvestitionen in landwirtschaftliche

Nutz flächen

Im Wesentlichen können vier verschiedene Gruppen

von Stakeholdern unterschieden werden: 63

• Investoren, auch ausländische Regierungen, und Anleger

in Fonds mit entsprechender Ausrichtung,

• Regierungen und staatliche Institutionen der Länder,

in denen die Direktinvestition stattfinden soll,

• die Zivilgesellschaft, insbesondere die Nicht regierungsorganisationen

(Non Governmental Organisations,

NGOs), die sich für die Interessen der ländlichen Bevölkerung

und der ärmsten Bevölkerungsgruppen einsetzen,

• schließlich die internationalen Institutionen der

Entwicklungszusammenarbeit

Alle Stakeholder sollten sich zwei Zielen verpflichtet

fühlen: Der Erreichung oder Erhaltung der Ernährungssicherheit

sowie der nachhaltigen Entwicklung, die im

Agrarbereich insbesondere durch standortgerechten und

ökologisch orientierten Landbau erreicht werden kann.

Weitere Kriterien für Stakeholder werden im Folgenden

beschrieben. So sollten sich Investoren nur dann engagieren,

wenn sie das Know-how und die Kapazität haben,

Agrarprojekte in dieser Größenordnung in dem betreffenden

Land sachgerecht zu bewältigen. Investoren

sollten in Regionen und Ländern nicht tätig werden, in

denen die Ernährungssicherheit oder die Einhaltung

der Menschenrechte nicht gewährleistet ist. Die traditionellen

Eigentums- und Nutzungsrechte der einheimischen

Bevölkerung dürfen durch Kauf oder Pacht von

Land durch die Investoren nicht zerstört werden. In vielen

Fällen wird eine Investition an diesem Kriterium

scheitern oder nur möglich sein, wenn die Investoren

der einheimischen Bevölkerung und nicht nur den

63 Lorenzo Cotula/Sonja Vermeulen/Rebeca Leonard/James

Keeley, a.a.O., S.102 ff.

Eliten dauerhafte und gesicherte Partizipationsrechte

einräumen.

Investoren sollten nicht nur die eigenen Kosten und den

Nutzen des Vorhabens kennen, sondern auch größtmögliche

Transparenz über die Vorteile und Belastungen in

der betreffenden Region herstellen. Wichtige Fragen

sind unter anderem, wie das Vorhaben die Zahl und

Struktur der Arbeitsplätze in der Region beeinflusst, ob

es Beiträge zur Weiterentwicklung der Infrastruktur

leistet und in wie weit es die natürlichen Ressourcen

der Region – vor allem die Wasserressourcen – beeinflusst.

Entscheidend ist auch die Frage, ob das Vorhaben

das Angebot der lokal erzeugten landwirtschaftlichen

Pro dukte, insbesondere Grundnahrungsmittel, und damit

auch die Preise in der Region verändert.

Anlegergruppen müssen über geeignete Kontroll institutionen

sicherstellen, dass in allen Einzelprojekten, in die

der jeweilige Fonds investiert, die vorgenannten Kriterien

eingehalten werden. Regierungen und staatliche

Institutionen der Länder, in denen die ausländischen

Direktinvestitionen stattfinden, haben eine besondere

Verantwortung sicherzustellen, dass die Bedürfnisse einer

Volkswirtschaft insgesamt, vor allem aber der durch

die Investition betroffenen Bevölkerung beachtet werden.

Grundlegend hierbei ist die Beteiligung der Betroffenen

zu einem Zeitpunkt, zu dem alle Optionen

noch offenstehen, die Ablehnung des Vorhabens, nicht

nur die Möglichkeit einer eventuell geringfügigen

Modifikation, mit eingenommen. Wenn ein Geschäft

zustande kommen soll, muss die Zustimmung der Betroffenen

im Voraus, freiwillig und auf Basis umfassender

Informationen erfolgen. 64

Regierungen sollten für jedes Einzelvorhaben dieser Art

eine Abschätzung der voraussichtlichen ökologischen

und sozialen Folgen und der damit verbundenen Risiken

vornehmen. Nach ökologischer Sicht ist dabei eine nachhaltige

Bewirtschaftung der Böden und der Wasserressourcen

von entscheidender Bedeutung. Aus der sozialen

Perspektive muss geklärt werden, wie das Vorhaben

die Beschäftigungsmöglichkeiten der Bevöl kerung und

64 Ebd., S. 105.

63


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

die lokale Versorgung mit landwirtschaftlichen Pro dukten

beeinflusst.

Regierungen sollten daher einen Gesamtplan entwickeln,

welche Art ausländischer Direktinvestitionen sie

in ihr Land holen wollen. Im Agrarbereich können

Inves titionen dieser Art nur im Rahmen einer langfristigen

Entwicklungsstrategie für den ländlichen Raum

sinnvoll sein und nicht als jeweilige „ad-hoc-Entscheidung“

über einzelne Vorhaben. In einer solchen Strategie

müssen auch Überlegungen angestellt werden,

wie die Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital in der

Volkswirtschaft insgesamt weiter entwickelt werden

sollen und wie das Naturkapital des Landes dauerhaft

gesichert werden kann. Regierungen sollten Instru mente

entwickeln, um Käufe, die nur spekulativen Zwecken

dienen, zu verhindern. So können hohe Boden steuern

etabliert werden, wenn Land brach liegt. Ebenso könnte

auf diese verzichtet werden, wenn Land im Rahmen

eines vor der Investition vereinbarten Nutzungsplans

bewirtschaftet wird. Für den Fall, dass erworbenes

Land nicht bewirtschaftet wird, könnte sogar ein

„Rückfall“ in staatliches Eigentum zur Bedingung gemacht

werden.

In vielen Ländern des Südens muss die Frage der Regelung

von Besitzrechtsstrukturen aufgrund historisch

entstandener Eigentumsverhältnisse und Bewirt schaftungsformen

sorgfältig und teilweise erstmals kodifiziert

werden. Dies ist vor allem in Regionen erfor der lich, in

denen Landbesitz in unter schiedlichen Formen des

Gemeineigentums liegt, die bislang nicht formell geregelt

sind bzw. nicht in Formen, die ohne Weiteres anschlussfähig

an westliche Rechtsregelungen des Privateigentums

an Grund und Boden sind. Solche Regelungen

sind jedoch Grundvoraussetzung dafür, dass Gruppen,

die sich an traditionellen Rechtsvor stellungen orientieren,

bei Besitzübertragungen von Land zu ihrem Recht

verholfen werden kann. Hier müssen teilweise neue

Formen der Rechtssicherung von Gemeingütern für

Kollektive geschaffen werden.

NGOs, die sich für die Interessen der ländlichen Bevölke

rung und der ärmsten Bevölkerungsgruppen einsetzen,

haben nicht nur die Aufgabe, in den konkreten

Fällen Lobbyarbeit zur Sicherung dieser Rechte zu übernehmen

durch Öffentlichkeitsarbeit, Beratung, Rechtsbeistand

für Betroffene und Bildungsarbeit. Insgesamt

können NGOs einen wertvollen Beitrag leisten, wenn

sie die Überprüfbarkeit der ökonomischen, sozialen und

ökologischen Folgen ausländischer Direktinvestitionen

im Agrarbereich durch die Öffentlichkeit einfordern

und sich am Monitoring kontinuierlich beteiligen. Mit

Transparenz allein ist es jedoch noch nicht getan: NGOs

müssen befähigt werden, Antworten auf berechtigte

Fragen zu bekommen und die Beseitigung von Missständen

einfordern zu können, auch, indem man ihnen

in wichtigen Punkten ein Klagerecht einräumt.

Internationale Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit

können dazu beitragen, die Position der

NGOs vor Ort zu stärken. Sie können aber auch in den

Ländern, in denen der Hauptsitz der Investoren liegt,

versuchen, Einfluss zu nehmen, um den Beitrag der

Projekte zur nachhaltigen Entwicklung zu steigern.

Auch in diesem Feld scheint der Weg zu einer internationalen

Standardisierung von Minimalanforderungen

gangbar: Derzeit läuft ein Verhandlungsprozess, um in

einem ersten Schritt freiwillige Standards zu vereinbaren,

die ihren wichtigsten Bezugspunkt in der Er nährungssicherung

haben. Das UN Comittee on World

Food Security (CFS) hat die Fortsetzung der Verhandlungen

über „Voluntary Guidelines on the Responsible

Governance of Tenure of Land, Fisheries and Forests in

the Context of National Food Security“ organisiert; 65

nachdem im letzten Jahr ein Zero Draft dieser

Richtlinien entworfen worden war, ist im März 2012

der Final Draft formuliert worden. 66 In diesem Dokument

werden die Lebensbedingungen der ärmsten und

von Veränderungen gefährdeten Bevölkerungsgruppen

und der Erhalt des Naturkapitals für künftige Generationen

ins Zentrum gestellt Die einzelnen Bestimmungen

erfüllen die hier dargestellten Kriterien zu ei-

65 Diese Verhandlungen fanden vom 5. bis 9. März 2012 in der

Food and Agricultural Organization (FAO) in Rom statt.

66 Food and Agricultural Organization (Hrsg.): Voluntary

Guidelines on the Responsible Governance of Tenure of

Land, Fisheries and Forests in the Context of National Food

Security, Rom 2012, http://www.fao.org/fileadmin/user_

upload!nr!land_tenure/pdfNG_en_ Finai_March_2012.pdf

64


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

nem großen Teil. Doch durch die starke Betonung der

Freiwilligkeit der geplanten Standards ist derzeit völlig

unsicher, welche Bindungskraft sie entfalten können

und vor allem: in welcher Zeit.

Boden als Gemeingut

Die derzeitige internationale Politik ist, wie durch die

Kriterien im letzten Abschnitt deutlich wurde, sehr

weit davon entfernt, einen Standard für ausländische

Direktinvestitionen verbindlich zu verabschieden, um

danach die Staatengemeinschaft aufzufordern, diesen

Standard zu ratifizieren und in nationales Recht zu

übertragen. Die genannten Kriterien werden daher in

den verschiedenen Ländern, in denen solche Inves titionen

stattfinden, in sehr unterschiedlichem Maß berücksichtigt.

Sehr viele Geschäfte sind abgeschlossen

worden, die, gemessen an diesen Kriterien, fragwürdig

sind oder nicht hätten begonnen werden dürfen.

Wie bereits oben betont, gibt es eine sehr viel weitergehende

Position, wonach solche Geschäfte generell nicht

stattfinden sollten. Jede Ausnahme wäre im Einzelfall

sehr sorgfältig zu begründen. Danach wird der

Privatbesitz an Grund und Boden weitgehend abgelehnt.

Städte und Gemeinden sollten möglichst viel

Grund besitz erhalten beziehungsweise wieder neu erwerben

und dann Nutzungsrechte an Land nur in Pacht

oder Erbpacht, gegebenenfalls auch in Form von Erbbaurechten,

mit jeweils angepassten Auflagen vergeben.

Die Vergabe sollte dabei immer so vonstatten gehen,

dass die Nutzungsrechte der lokalen Bevölkerung Vorrang

haben. Grund und Boden sollten hier generell aus

dem Handel und damit auch aus der Spekulation herausgenommen

werden.

Interessant dabei ist, dass diese Grundhaltung schon

vor weit über einhundert Jahren in der sogenannten

Bodenreformbewegung präsent war. Schon damals waren

die wesentlichen Begründungen und auch die politischen

Instrumente in einer Weise ausformuliert, die

heute noch aktuell sind. Judith Baumgartner hat herausgearbeitet,

dass Adolf Damaschke, eine der Leitfiguren

des Bundes Deutscher Bodenreformer, schon 1899 anprangerte,

dass in Kamerun Kolonialgesellschaften riesige

Landgebiete zu Bedingungen überlassen wurden, die

ausschließlich den Aktionären der Gesellschaft Vorteile

boten und nicht der lokalen Bevölkerung. 67

Für Adolf Damaschke war Bodenreform die Grundlage

eines „dritten Wegs“ zwischen Kapitalismus und Kommunismus,

68 eine mögliche Synthese zwischen persönlicher

Freiheit und sozialer Gerechtigkeit. Dieses Programm

lässt sich für Damaschke natürlich nicht allein

durch eine Bodenreform erfüllen, sondern erfordert

weitere, grundlegende Reformen, etwa des Geld- und

Finanzwesens, da Damaschke Spekulation generell als

einen der Hauptgründe einer ungerechten Wirtschaftsordnung

begreift. Die Beschreibung zentraler Probleme

einer Wirtschaftsordnung, die auf dem Privatbesitz von

Grund und Boden beruht, kann aus den Texten

Damaschkes durchaus auf das Phänomen des Landgrabbing

übertragen werden. Die Lösung wird darin gesehen,

„den Gebrauch des Bodens als Wohn- und

Werkstätte [zu] befördern“ 69 ; jeder Missbrauch soll ausgeschlossen

werden. Als Missbrauch betrachtet er vor

allem Bodenspekulation jeder Art. Auch die Wertsteigerung,

„die der Boden ohne die Arbeit des Einzelnen

erfährt“ 70 , soll dem „Volksganzen“ nutzbar gemacht

werden. Dazu schlägt er vor, eine Grundrente einzuführen,

die im Idealfall so bemessen ist, dass alle anderen

Steuern entbehrlich werden. 71 In dieser Hinsicht

übernimmt Damaschke den Grundgedanken der single

tax von Henry George, der als Begründer der internationalen

Bodenwertsteuerbewegung gilt. 72

67 Judith Baumgartner: Erbau Dein Haus auf freiem Grund!

Bodenreform und Siedlungsidee, in: Klaus Hugler/Hans

Diefenbacher (Hrsg.): Adolf Damaschke und Henry George.

Ansätze zu einer Theorie und Politik der Bodenreform,

Marburg 2005, S.152, S. 139-155.

68 Adolf Damaschke: Die Bodenreform, 15. Aufl., Berlin 1918,

S. xii.

69 Ebd., S. 78.

70 Adolf Damaschke: Geschichte der Nationalökonomie,

14. Aufl., Bd. II, Jena 1929, S. 439.

71 Ebd., S. 445.

72 Henry George: Progress and Poverty, San Francisco 1879,

deutsch unter dem Titel Fortschritt und Armut, 6. Aufl.

Jena 1920.

65


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Die Betrachtung von Boden als Gemeingut würde

Land grabbing jedenfalls in Form von Landverkäufen

ausschließen. Pachtverträge wären unter bestimmten,

sehr strikten Bedingungen denkbar, wenn der Vertrag

von den Institutionen des lokalen Gemeinwesens ausgegeben

wird, deren Angehörige den Boden bislang bewirtschaftet

haben. Außerdem müssten die Erträge aus

Wertsteigerungen des Bodens in vollem Umfang dem

Gemeinwesen zugutekommen, etwa durch die Erhebung

einer Bodenwertsteuer. Schließlich sollten Pachtverträge

nur für wenige Jahre, keinesfalls für Jahrzehnte

abgeschlossen werden. Diese Bedingungen sind noch

einmal sehr viel restriktiver als der Katalog der Positivoder

Negativkriterien der ersten Variante.

Lesebuch

Es erscheint unwahrscheinlich, dass sich die internationale

Staatengemeinschaft in absehbarer Zeit der zuletzt

beschriebenen „utopischen Variante“ anschließt.

Dennoch sollte diese bei den künftigen internationalen

Verhandlungen über mögliche Regelungen ausländischer

Direktinvestitionen in landwirtschaftliche Nutzflächen

als mögliche Alternative nicht von vornherein

ausgeschlossen werden. Die Verabschiedung des oben

erwähnten Final Draft der „Voluntary Guidelines and

the Responsible Governance of Tenure of Land, Fisheries

and Forests in the Context of National Food Security“

und deren umfassende Anwendung wäre ein erster

Schritt in die richtige Richtung.

66


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

Reisanbau, Bangladesch. Foto: Christof Krackhardt

6. Landwirtschaft. Ein Thema

der Kirche

Clemens Dirscherl

Entnommen aus: Kirchliches Jahrbuch für die EKD

2006, Lieferung 2, Gütersloh 2011, S. 66-72

3.3. Umgang mit dem täglich Brot:

Ernährungsethik und Ernährungssouveränität

Im Ökumenischen Agrarwort von 2003 erfolgte erstmals

von Seiten der evangelischen Kirche der deutliche

Hinweis, dass eine unabdingbare Voraussetzung für

eine nachhaltige Landwirtschaft eine angemessene Wertschätzung

von Lebensmitteln durch die Ver braucher sei.

Eine „neue Kultur bewusster Ernährung und aufmerksamer

Essenszubereitung“ wurde als Beitrag zur Achtung

vor der Schöpfung und zur eigenen Gesundheit gefordert.

Ausdrücklich wurde zu den ethischen Leitlinien

für eine nachhaltige Landwirtschaft der Beitrag einer

neuen Ernährungsethik dargelegt (Ziffer 69–72) und die

Erfordernis von „Verbrauch erverantwortung und Lebensstilwandel“

(Ziffer 102–108) angemahnt. Dabei solle es

nicht nur um Verzicht als solchen in Form von Askese

gehen, sondern um ein neues Qualitäts be wusst sein, um

als Verbraucher an einer aktiven Mitgestaltung der landwirtschaftlichen

Zukunft beizutragen.

Der Wandel der Ernährungskultur wurde von kirchlicher

Seite seit Anfang der 1990er Jahre immer wieder

sowohl aus zivilisationskritischer Perspektive wie auch

entwicklungspolitischer Sicht thematisiert. Grund sätzlich

wurde dabei unter dem Blickwinkel „der Mensch

ist, was er isst“ reflektiert, dass Ernährung mehr als

Essen, nämlich die physiologische Sättigung des Körpers

mit Kalorien sei, 73 sondern Ausdruck eines spezifischen

Beziehungsgeflechts zwischen landwirtschaftlicher Erzeuger

seite und Verbrauchern darstellt. 74

Hintergrund hierzu waren die immer größer gewordenen

Be-, Ver arbeitungs- und Handelsstrukturen in der

Ernährungs wirtschaft, welche zu einer Kluft zwischen

Land wirt schaft und Verbrauchern geführt hatten. Unter

dem Reizwort der „lila Kühe“ wurde offenbar, dass immer

mehr gerade jüngere Menschen nur noch sehr ungenaue

Vorstellungen davon haben, wo Milch, Brot,

Fleisch, Eier, Honig, Gemüse und Obst herkommen und

wie diese Lebensmittel erzeugt werden. Um diese Entfrem

dung zu überwinden und die Verbindung zwischen

Produzenten und Konsumenten zu verbessern, wurden

immer wieder Initiativen für die regionale Ver marktung

landwirtschaftlicher Produkte angestoßen. Das Wissen

um das täglich Brot, seine Entste hungs ge schichte und

die Schwierigkeiten seiner Erzeu gung sollte dadurch

thematisiert werden. 75 Damit wurde der Blick der klassischen

gesundheitlichen Sicht auf das Thema Ernährung

ausgeweitet, denn bei traditionellen Ernährungs-

73 Vgl. Kirche im ländlichen Raum 44 (1993), Heft 4: Ernährung

– mehr als Essen.

74 Vgl. Kirche im ländlichen Raum 43 (1992), Heft 1: Erzeuger und

Verbraucher zwischen Supermarkt und Direktvermarktung.

75 Clemens Dirscherl: Ernährungsethik zwischen Verbraucherschizophrenie

und Kundensouveränität, in: Agra-Europe:

Länderberichte 45 /2004).

67


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

empfehlungen geht es um Nähr wert und Inhaltsstoffe

der Lebensmittel, kaum aber um die Her kunft (aus der

Region, Deutschland, Europa oder Über see), die Erzeugungsweise

(z.B. An bau im Freiland oder Treibhaus, konventioneller

oder ökologischer An bau), Transport wege

(aus der Umgebung, über Bahn, Schiff, Flugzeug oder

LKW) oder Verpackung. Die zunehmende Umwelt belastung,

der enorme Energie ver brauch mit seinen klimaverändernden

Folgen sowie die globalen Ungerech tigkeiten

wie Armut, Hunger und Land losig keit in Ländern

der Dritten Welt stellen die Ver bindung einer nachhaltigen

Lebensweise des Ein kaufs- und Er näh rungs ver haltens

in seinen Wechsel wirkungen mit ökologischen, sozialkulturellen,

ökonomischen und politischen Aspekten

her. Am Ende der vielfältigen Ver knüpfungen steht der

Verbraucher, der mit seiner Kauf entscheidung beeinflusst,

welche ökologischen und sozialen Effekte Lebensmitteln

zuzuschreiben sind und welche Pro dukte sich

durchsetzen. Eine Ernährungs ethik als Bei trag zu neuer

Kunden souve ränität wurde damit zunehmend von

Nichtregierungs organisationen aus dem umwelt- und

ent wicklungspolitischen Bereich, aber auch aus kirchlichen

Kreisen gefordert. 76

billig, ausschließlich egoistisch motiviert bei seinem

Konsum verhält (Rabattschlachten, Schnäppchen -

jagd, etc.). Es fehlt also bei Verbrauchern eine Orientierung

für „Preiswertigkeit“. Der Preis als alleiniger

Orientierungsmaßstab wird hinterfragt – deshalb

„Ethik des Konsums“ bzw. „Verbraucherethik“ (…).

Für eine „neue Ethik des Konsums“ ist insbesondere

auch das Ein kaufs- und Ernährungsverhalten aus christlicher

Sicht bedeutsam. Die Bitte um das „täglich Brot“

im Vater unser lässt eine besondere Verantwortung

für die Brot her stel lung, den eigenen Brotgebrauch

und die Zu sam men hänge der Brotverteilung gegenüber

den Nächsten in den Blick rücken. Darüber hinaus

sind schöpfungstheologische Zusammenhänge mit

der Er zeu gungsgrundlage des täglich Brot verbunden,

wobei Brot stellvertretend für alle Lebensmittel steht.

Von daher ist auch der Bezug von Lebensmitteln als

Mittel zum Leben im Unterschied zu Nahrungsmitteln

zur reinen physiologischen Sätti gung des Körpers mit

Kalorien zu unterscheiden, weswe gen eine besondere

Werte be gründung für das Ernäh rungs verhalten aus

christlicher Sicht über die aus schließ liche materielle

Begründung (satt, billig und viel) hinausweist.

Dabei wurde deutlich, dass im alltäglichen Konsumverhalten

immer wieder eine Diskrepanz zwischen geäußerten

Präferenzen und dem praktischen Verhalten

offen zu Tage traten: ob dies die in Meinungsumfragen

bekundete Zustimmung der Verbraucherschaft zu Ökolandbau,

regionalen Lebensmitteln, Eiern aus Freiland

haltung oder Produkten aus fairem Handel war

oder die Bevorzugung von Lebensmitteln direkt vom

Bauern, jedes Mal zeigte sich in konkreten Marktanalysen,

dass der Preis mehrheitlich das entscheidende

Einkaufskriterium bei Lebensmitteln ist. 77 Forderungen

nach einer „neuen Verbraucherethik“ setzen daher auf

einen gesamtgesellschaftlichen Wertewandel, zu dem

u.a. die wahrhaftige Einsicht gehört, (…) dass der

Verbraucher sich maßlos, verschwendungs süchtig,

76 Clemens Dirscherl, Markus Vogt: Ernährungsethik: Ein

Beitrag zu neuer Kundensouveränität, in: B. van Saan-Klein /

C. Dirscherl / M. Vogt, „es soll nicht aufhören“ (wie Anm. 68),

73-77.

77 Vgl. Clemens Dirscherl: Ernährungsethik (wie Anm. 94).

Verbraucher sind in der modernen Konsumgesellschaft

durch die Vielzahl und Vielfalt an Waren- und Dienstleistungen

und die damit verbundenen Sachin for ma tionen

und Werbebotschaften einschließlich widersprechender

Kommentierungen irritiert und überfordert.

Daraus ergibt sich aus einem Gefühl der Ohnmacht

eine „Gleich-Gültigkeit“, so dass die Waren- und Dienst

leistungen unabhängig von ihrer qualitativen Beschaffen

heit, Herkunft, etc. für den Nutzen des Verbrauchers

als „gleich-gültig“ wahrgenommen werden.

Diese „Gleich-Gültigkeit“ ist nicht nur Ausdruck von

Desinteresse an einer ethischen Begründung für die

Auswahl, sondern eine Bewältigungsstrategie, um einer

eigenen ethischen Begründung entgehen zu können.

Diese wird an andere Kompetenzstellen delegiert

(…). Sobald diese Kompetenzstellen (zuständig, sachkundig

und maßgebend) Schwächen aufweisen, müssen

sie sich darum bemühen, gegenüber den Verbrauchern

ihre ethische Legitimationsinstanz zu behaupten

(Rückrufaktionen, Qualitätssicherungssysteme, „noch

billiger“ oder „öko fair“).

68


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

Entwicklung der Lebensmittelpreise in Relation zur Arbeitszeit

1970 Arbeitszeit in Minuten für 2009

72 1 kg Rindfleisch zum Kochen 28

96 1 kg Schweinekotelett 23

16 1 kg dunkles Mischbrot 11

22 10 Eier 5

22 250 g Butter 3

6 1 kg Kartoffeln 3

9 1 l Milch 3

(Quelle: DBV nach Angaben des Statistischen Bundesamtes)

Unsere komplexe Lebenswirklichkeit ist Fakt. Daraus

ergibt sich ein Spannungsfeld zwischen prag ma tischem

Verbraucherverhalten (Zeit, Geld, Informations überdruss,

Bequemlichkeit) und einer Verbraucherethik

(…). Eine Ethikdiskussion des Konsums ist eine grundsätzliche

Frage nach der Lebensqualität (…). Der Bezug

zur individuellen Menschenwürde weist zu einer Antwort

auf die Frage: Was bin ich mir als Mensch wert ?

(Habe ich billig für mich, meine Familie, meine Gäste

nötig?) Daraus ergibt sich erst eine Kundensouveränität,

die losgelöst von rein pekuniären Kriterien (billig) oder

Werbebotschaften (bunt) selbstbestimmt, genussorientiert

und damit subjektiv begründet auswählt, entscheidet

und verbraucht, woraus sich ein reflektiertes

Selbst bewusstsein als Verbraucher entwickeln kann.

Eine Ethik des Konsums erweitert den Horizont der

Menschenwürde über den individuellen Bezugsrahmen

hinaus, auch in Verantwortung für die Menschenwürde

anderer. Konkret wird die eigene Entscheidung für den

Konsum in seinen Folgewirkungen in einem räumlichen

Verantwortungshorizont (lokal, regional, national,

global) sowie in einem zeitlichen Verantwor tungshorizont

(die Tradition der Vorväter, hier und heute,

die nachfolgende Generation) gestellt, was mit dem

Leitbild der Nach haltigkeit verbunden wird.

Eine Ethik des Konsums fragt nach konkreten Leitbildern:

1. Was ist ein problematischer Konsum?

2. Welcher Handlungsoptionen gibt es für mich alternativ?

3. Nach welchen Werten richte ich meine Ver braucher

entscheidung aus?

4. Wo ergeben sich Zielkonflikte für mich?

5. Wie bewerte ich grundsätzlich die Handlungsalternativen

und wie entscheide ich mich unter einem

konkreten situativen Kontext unter Umständen

auch anders als es meiner Werteorientierung entsprechen

würde.

Eine Ethik nachhaltigen Konsums bringt auch für den

Verbraucher subjektive Vorteile. Er ist nicht mehr fremdbestimmt

als rein konsumorientierter Verbraucher, sondern

ein selbstbestimmter, kundiger Kunde, der begründet

und wissend sich entschieden hat. Aufgrund

dieses Entscheidungsprozesses über sein eigenes Kon-

69


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

sum leit bild folgt nicht nur eine Wissensschärfung, sondern

auch eine Gewissensschärfung. Daraus entspringt

die Chance von Solidarerfahrung (gutes Gefühl der Gemeinschaft),

im Dienste einer guten Sache (Gesund heit,

Umwelt, Entwicklungsländer, Landschaft, Ästhe tik, regionale

Wirt schaftskreisläufe, soziale Fairness, heimische

Land wirtschaft) für die man sich einsetzt. Innerhalb

des Konsums kann aus sinnstiftendem Handeln

die persönliche Identität gestärkt werden (Selbst vergewisserung).

78

Von dem Widerspruch zwischen ethisch gegründetem

Verbraucherbewusstsein und ethisch begründetem

prak tischem Verbraucherverhalten sind auch die

Kirchen ganz konkret betroffen. Darauf hinzuweisen

ist immer wieder Aufgabe, wenn es um kirchliche

Beiträge für eine nachhaltige Landwirtschaft geht:

Die Kirchen wissen um die Gefährdung der Schöpfung,

von Mensch und Natur. Sie verfassen Denkschriften zu

Umwelt-, Entwicklungs- und Agrarpolitik (…). Kirchliches

Handeln tritt aber viel zu oft auf der Stelle. Denkschriften,

Synodenbeschlüsse und Speisepläne kirchlicher

Einrichtungen haben mit wenigen Ausnahmen

nichts miteinander zu tun. Entwicklungs-, agrar- und

um weltpolitische Forderungen oder Empfehlungen bleiben

Lippenbekenntnisse. Der „kirchliche Bauch“ parti

zipiert am weltweiten TischleindeckDich der Agrarin

dustrie mit all den verheerenden Folgen für Mensch

und Natur.

Ausschließlich orientiert an betriebswirtschaftlicher

Kos tensenkung, dem Einsparen im Küchenbereich,

bleibt kirchliche Einkaufspraxis „parasitär“: sie zieht

Ge winn aus Preisen, die nicht die Wahrheit sagen, weil

Umwelt- und Sozialkosten nicht enthalten sind und beteiligt

sich so an der Ausplünderung und Vergiftung

der Schöpfung (…). So unterscheiden sich die meisten

der kirchlichen Küchen in keiner Weise von der Einkaufs-

und Zu be reitungspraxis der übrigen Kantinen in

der Bundes re publik. Der Blick auf Speiseplan oder Einkaufszettel

verrät nicht die christliche Orientierung

(…). Der an Personalsituation, überkommenen Ess gewohn

heiten und vor allem am zustehenden Finanzrahmen

orientierte Einkauf hat seinen Preis (…). Dabei

hätte Kirche mit ihren EKD-weit ca. 1.600 Großküchen

in Krankenhäusern, Heimen und Tagungsstätten,

Ferien dörfern, Kinder tagungsstätten und Verwaltungskan

tinen bundesweit eine beachtliche Marktmacht.

Bei der Annahme, dass in diesen Einrichtungen durchschnittlich

täglich 250 Essen ausgegeben werden (…)

und bei einem so genannten Rohverpflegungssatz von

ca. 2,50 Euro beläuft sich das tägliche Lebensmittel einkaufs

volu men dieser Küchen auf etwa 1 Mio Euro. Dies

wären EKD-weit ca. 350 Mio pro Jahr! (…) Kirchen

könnten so bei einer flächendeckenden ökologischen

Ein kaufs politik ein gewichtiger Markt- und Machtfaktor

im Lebensmittel bereich werden. Sie könnten mit regionalem

Einkauf sehr viele bäuerliche Familienbetriebe

erhalten. 79

Dass das täglich Brot nicht nur in unmittelbarer Ernährungsweise

das christliche Handeln berührt, sondern

auch in globaler Dimension, wird zunächst über die sozialdiakonische

Handlungsebene der evangelischen

Ent wicklungszusammenarbeit wie dem Hilfswerk Brot

für die Welt deutlich. Darüber hinaus aber auch in agrarpolitischen

Beiträgen, welche den Bezug zu den internationalen

Agrarmärkten aufzeigen. Dabei wies man

im Hinblick auf die internationale Verteilungs gerech tigkeit

schon zeitig auf die Erkenntnis hin, „dass eine Veränderung

des Lebensstils der 1,4 Milliar den Menschen,

die heute der globalen Mittelschicht angehören unumgänglich

ist“. 80

78 Clemens Dirscherl: Elf Thesen für eine Ethik des Konsums.

Unveröffentlichtes Manuskript anlässlich der Fachtagung

„Der Verbraucher – das unbekannte Wesen“ des Ausschusses

Dienste auf dem Lande in der EKD (ADL), Katholische

Landvolkbewegung (KLB), dem Hauptverband des Lebensmitteleinzelhandels

(HDE) und dem Bundesverband der

Deutschen Ernährungswirtschaft (BVE) am 29. September

2006 in Berlin.

79 Jobst Kraus: Zwischen Denkschrift, Speisezettel und

Marktmacht, in: B. van Saan-Klein / C. Dirscherl /

M. Vogt, „es soll nicht aufhören“ (wie Anm. 68), 86-89.

80 Wie viele Menschen trägt die Erde? Ethische Überlegungen

zum Wachstum der Weltbevölkerung. Studie der Kammer

der EKD für Kirchlichen Entwicklungsdienst (EKD-Texte 49),

o.O.o.J. (Hannover 1994), 17.

70


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

Immer stärker rücken aus wirtschafts-, agrar-, handelsund

klimapolitischer Sicht die Weltagrarbeziehungen

in den Vordergrund, wobei der Fokus auch auf die

Frage gerichtet ist, inwiefern die Landwirtschaft der

Industrie länder an der existenzbedrohlichen Situation

der Ent wicklungsländer mitschuldig ist. 81 Insbesondere

die Aus wirkungen der EU-Agrarexportsubventionen

auf die Landwirtschaft der Entwicklungsländer wurde

durch kirchliche Initiativen immer wieder auch anhand

von empirischen Studien kritisch hinterfragt: 82 ob

Entwicklungsländer als Ventil für die Überschuss produktion

der Agrarsektoren des Nordens dienten und damit

die Landwirte in der Dritten Welt zunehmend von

den heimischen Märkten verdrängten, wie es auch in

der EKD-Agrardenkschrift von 1984 und im Ökumenischen

Agrarwort 2003 problematisiert wurde. Auf

fehlende politische Kohärenz und Interessenskonflikte

bei der Zielerreichung von Welternährungssicherung,

Forderungen nach Förderung der Landwirtschaft in den

Industrieländern und der propagierten Liberalisierung

des weltweiten Agrarhandels weist aus entwicklungspolitischer

Sicht auch eine Studie der EKD-Kammer

für Entwicklung und Umwelt hin. 83 Das Leitbild einer

nach haltigen Landwirtschaft wird dabei unter der vorrangigen

Option für Schwache und Arme im weltweiten

Beziehungsgeflecht diskutiert. Die Verantwortung

des täglich Brot steht unter dem Stichwort der „Ernährungssicherung“

mit der Zielvorgabe der „Anfachung

der landwirtschaftlichen Produktion“, „Sicherheit bestimmter

gefährdeter Gruppen“, „einer armutsorientierten,

zielgruppengerechten Agrar- und Ernährungspo

litik“, sowie „Umwelt- und Ressourcenschutz“. 84 In

81 Vgl. Kirche im ländlichen Raum 42 (1991), H. 2: Hunger und

Handel.

82 Bernhard Walter: Die Auswirkungen der EU-Agrarexportsubventionen

auf die Landwirtschaft der Entwicklungsländer

am Beispiel der Getreideexporte nach Afrika. Eine Studie der

Fachstelle Entwicklungspolitische Bildungsarbeit auf dem

Lande in der EKD (epd- Entwicklungspolitik, Materialien 1),

Frankfurt/M. 1994.

83 Ernährungssicherung und nachhaltige Entwicklung.

Eine Studie der Kammer für Entwicklung und Umwelt

(EKD-Texte 67), Hannover 2000.

84 Ebenda, 14f.

diesem Zusammenhang wird die Zukunftsfähigkeit

der Landwirtschaft weltweit als gefährdet gesehen

durch den Verlust von Regionalität und biologischer-

Vielfalt und dem Vorwärtsdrängen der Gentechnik in

die Landwirtschaft. Demgegenüber wird ein Gegenentwurf

zu einer nachhaltigen Strategie der globalen

Ernährungs sicherung im Leitbild eines „standortgerechten

Land baus“ beschrieben:

Das Grundprinzip des „standortgerechten Landbaus“

ist die geschickte und möglichst effiziente Nutzung der

lokalen Bedingungen des Betriebes. Dazu gehört neben

dem Management eines stabilen, kleinräumlichen

Gleichgewichts von Nützlingen und Schädlingen auch

die kleinräumliche optimale Anpassung der Kulturen

und Pflanzensorten an die Böden, an das Kleinklima

und an die Wasserverfügbarkeitsverhältnisse im Saisonablauf.

Dazu gehört außerdem die Optimierung weitgehend

geschlossener betrieblicher Kreisläufe – Kreisläufe

zwischen den Kulturen, den Nutztieren und den

Menschen (…).

Dieser Entwicklungspfad ist besonders geeignet für die

Überwindung der drei großen Vernachlässigungen der

Grünen Revolution:

• Die Vernachlässigung der gesamten Bandbreite der

pflanzengenetischen Ressourcen, d.h. die Ausnutzung

der Vielfalt der unterschiedlichsten Genotypen einer

Kulturpflanze;

• Die volle Nutzung auch der produktivitätssteigernden

Kapazitäten von marginalen Anbaugebieten, die für

den intensiven Bewässerungslandbau nicht geeignet

sind und deren Kulturarten und Saatgutbedürfnisse von

der Grünen Revolution weitgehend vernachlässigt worden

sind;

• Die Nutzung der unternehmerischen Fähigkeit

auch auf marginalen Flächen, bei denen die Akteure als

Subsistenz- oder Semi-Subsistenzlandwirte, als Pächter

oder Nebenerwerbsbauern von dem technischen Fortschritt

weitgehend ausgeschlossen wurden, weil sie

nicht die Finanzierungsmöglichkeiten hatten, um die

modernen Betriebsmittel zu kaufen (…).

71


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

In dieser Landwirtschaft ist der Erzeuger selbst Hauptträger

des Wissens, das auf das Gleichgewicht zwischen

der Ertragssteigerung der Pflanzen und Tiere und den

ökologischen, sozialen und ökonomischen Belangen abstellt.

85

vanten Elemente der Agenda 21 – sollten auch für die

WTO einen verbindlichen Rahmen darstellen. 86

An die Kirchenverantwortlichen erfolgt entsprechend

regelmäßig der Appell, in ihren agrar-, umwelt-, verbraucher-

sowie entwicklungspolitischen Anliegen kohärenter

zu werden, um „erstmalig wirklich in eine

ernst hafte Kontroverse einzusteigen und zu gemeinsamen

Positionen zu finden, die auch theologisch begründbar

sind“. 87

Die Zukunft einer erfolgreichen Welternährungs sicherung

wird folglich in der politischen Stärkung von

Regionalisierung und Dezentralisierung im Bereich der

Landwirtschaft gesehen. Darauf richten sich dann auch

die Forderungen an die politischen Adressaten:

Die internationale Politik ist in diesem Zusammenhang

aufgerufen, zu dieser Stärkung beizutragen (…). Vor

diesem Hintergrund gibt es einen erheblichen Reformbe

darf bei den internationalen Agrarbeziehungen. Anstatt

eine weitere Liberalisierung im Agrarbereich

vor an zutreiben, bietet sich (…) die Chance einer grundlegenden

Reform der WTO. Die Stärkung der Stellung

der Entwicklungsländer im Welthandelssystem, der

Aufbau eines globalen, an Prinzipien der Gemein nützig

keit orientierten Netzes zur Verbesserung der Ernährungssicherung

(…) sind grundlegende Elemente einer

solchen Reform.

Insbesondere die multilateralen Umweltabkommen –

etwa die Abkommen zur Artenvielfalt, zur biologischen

Sicherheit, zum Artenschutz, zur Verhinderung der

Wüstenbildung, zum Klimaschutz oder die umweltrele-

85 Ebenda, 41f.

86 Ebenda, 59f.

87 Rudolf Buntzel-Cano: Wie die WTO unsere Landwirtschaft

bestimmt, in: B. van Saan-Klein / C. Dirscherl / M. Vogt, „es

soll nicht aufhören“ (wie Anm. 68), 145-149.

72


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

Brot für die Welt-Projekt Kenia:

Der ewigen Dürre trotzen

Dorf in der Ukamba-Region im Osten Kenias. Die extreme

Trockenheit der vergangenen Jahre hat ihre Situation

noch verschlimmert. Ihre letzte nennenswerte Ernte

holte die Familie im März 2009 ein. Wie insgesamt 3,7

Millionen Menschen in Kenia war sie daher im Jahr

2011 auf Hilfe angewiesen.

Rettende Unterstützung

Frauen begießen Pflanzen, Kenia. Foto: Christoph Püschner

Die rettende Unterstützung kam von den „Ukamba

Christian Community Services“ (UCCS), einer Organisa

tion der Anglikanischen Kirche Kenias, die zum

Großteil von Brot für die Welt finanziert wird. Über

den Aufbau von Selbsthilfegruppen professionalisiert

und erweitert sie die traditionelle Nachbarschaftshilfe.

„Ziel ist es vor allem, dem Boden langfristig höhere

Erträge abzuringen“, erklärt der Projektverantwortliche

Urbanus Mutua. Die Menschen in Kakili erhielten Saatgut

für Pflanzen, die toleranter gegen Dürre sind.

Außer dem lernten sie, wie man Terrassen zur Wasserkonservierung

und zum Erosionsschutz der Felder anlegt.

Als es Ende Oktober 2011 endlich ausgiebig regnete,

konnte auch Mutua Nganda Bohnen säen. Nun

darf seine Familie darauf hoffen, dass die nächste Ernte

besser ausfällt.

Unter der extremen Trockenheit in Ostafrika leiden

Millionen Menschen. In Kenia lernen Kleinbauernfamilien,

die Dürren mit besserer Wasserversorgung

und angepasster Landwirtschaft leichter zu überstehen.

Mutua Nganda, seine Frau Agnes und ihre neun Kinder

gehören zu den Ärmsten der Armen in Kakili, einem

Schlimme Dürre überlebt

Der einzige Viehbesitz der Familie sind drei Ziegen, die

ebenfalls von UCCS stammen. Auch dank der Proteine

und des Fetts der Ziegenmilch hat die Familie von

Mutua Nganda die schlimme Dürre des Jahres 2011

überlebt.

73


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

Reispflanzerinnen, Laos. Foto: Jörg Böthling

7. Geschlechtergleichstellung

und Ernährungssicherheit

Olivier De Schutter

Der folgende Text ist die Zusammenfassung eines aktuellen

Berichts der FAO und der Asiatischen Entwicklungsbank

über die Bedeutung von Geschlechter gleichstellung

für die Ernährungssicherheit (Originaltitel:

Gender Equality and Food Security, Women’s Empower

ment as a Tool against World Hunger). Autor ist

Prof. Olivier De Schutter, UN Berichterstatter für das

Recht auf Nahrung. Asian Development Bank 2013,

ISBN 978-92-9254-171-2 (Print), 978-92-9254-172-9

(PDF), Zusammenfassung Carsta Neuenroth.

Zusammenfassung

Die Publikation untersucht geschlechterbedingte Ungleich

heit, welche die Rolle von Frauen in Landwirtschaft

und Nahrungsproduktion einschränkt und so Ernährungsunsicherheit

erzeugt. Aktuelle globale Vergleiche

zeigen, dass es einen deutlichen Zusammenhang zwischen

Hunger und Geschlechterungleichheit gibt. Die

am meisten von Hunger betroffenen Länder sind auch

diejenigen, in denen Frauen am stärksten diskriminiert

werden. Die aktuellen globalen Krisen, die Preis stei gerungen

bei Lebensmitteln, die Wirtschafts- und Finanzkrise

sowie die ökologische Krise verstärken zusätzlich

Armut und Ungleichheit.

Der Bericht spricht sich für Politikreformen zugunsten

der Gleichstellung der Geschlechter und der Stärkung

nationaler Ernährungssicherungsstrategien aus und empfiehlt

hierfür Maßnahmen, durch die Geschlechter diskriminierung

abgebaut und Frauen sozial, politisch und

wirtschaftlich ermächtigt werden. Der Schwer punkt

der Untersuchung liegt auf dem asiatischen und pazifischen

Raum; auf Entwicklungen in anderen Regio nen

wird jedoch ebenfalls verwiesen.

Weltweit sind Frauen und Mädchen mit vielen Un gerechtigkeiten

und Zwängen konfrontiert. Diese sind

häufig in Normen und Praktiken eingebettet und in gesetzlichen

Bestimmungen kodifiziert. Einige Gesetze,

etwa für den Zugang zu Land, enthalten ungerechte und

ausschließende Bestimmungen und institutionalisieren

auf diese Weise die Diskriminierung von Frauen. Außerdem

haben häufig traditionelle Regeln und Prakti ken restriktive

Folgen für Frauen, indem sie ihren Zugang zu

wichtigen Ressourcen wie Land und Kredit einschränken,

und sich so direkt auf Nahrungssicherung und Ernährung

auswirken. Nicht nur Frauen und Mädchen

sind direkte Leidtragende; auch die Mitglieder ihrer

Haushalte und Gemeinden sind inter- und intragenerationell

davon betroffen.

Der Bericht beschreibt die Beziehung zwischen Geschlechterdiskriminierung

und den verschiedenen Zugängen

zu Nahrung sowohl für Haushalte als auch für

Einzelpersonen. Er kommt zu dem Schluss, dass sich

zwar Geschlechtergerechtigkeit und Ernährungs sicherheit

bedingen, die Gleichstellung von Mann und Frau

aber in vielen Regionen ein schwer erreichbares Ziel

bleibt. Eine Transformation der traditionellen Ge schlechter

rollen ist deshalb dringend erforderlich, um Ernäh-

74


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

rungssicherheit zu gewährleisten. Eine solche Trans formation

kann durch verbesserte Informationen über das

Ausmaß von Ungleichheit und spezifischen Zwängen,

denen Frauen ausgesetzt sind, gefördert werden. Es müssen

darüber hinaus Strategien zur Gleich stellung der

Geschlechter und Ernährungssicherheit erarbeitet werden,

die sich gegenseitig ergänzen und Synergien nutzen.

Das transformative Element der An sätze ist dabei

ent scheidend, denn es reicht nicht aus, Frauen in ihrer

Ar beit zu entlasten und ihre weitgehend unterbewerteten

Beiträge zur Hausarbeit und in der Pflege an zuerkennen.

Die Publikation betrachtet vier Bereiche, in denen Reformen

durchgeführt werden müssen, um zu gewährleisten,

dass Frauen und Mädchen als gleichberechtigte

Akteurinnen Ernährungssicherheit fördern können:

1. Bessere Verfügbarkeit von Nahrung durch Erhöhung

der Produktivität von Nahrungsmittel pro duzentinnen

2. Verbesserter Zugang zu Nahrung durch Bereit stellung

von Arbeit für Frauen im ländlichen Raum unter

annehmbaren Arbeitsbedingungen und bei akzeptablem

Einkommen

3. Verbesserter Zugang zu Nahrung durch gendersensible

soziale Sicherungssysteme

4. Verbesserte Gesundheit durch adäquate Ernährung,

besonders auch von Kindern.

Die Analyse des Berichts macht deutlich, wie sehr Diskri

minierung und soziale Zwänge es Frauen erschweren,

ihre wichtige Rolle in der Nahrungsmittelproduktion

und -verarbeitung sowie bei der Vermarktung zu erfüllen.

Der Kampf dagegen muss daher als eine wichtige

Komponente im Vorgehen gegen Hunger und Mangelernährung

angesehen und behandelt werden. Ein solcher

Ansatz ist machbar und kostengünstig, und er

kann hocheffektiv sein. Die Kosten des Nicht-Handelns

indes werden für die Gesellschaft beträchtlich sein.

Der begrenzte Zugang von Frauen und Mädchen zu

Bildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten wirkt sich

ebenfalls nachteilig auf die Ernährungssicherheit aus.

Dadurch wird die wirtschaftliche Autonomie von

Frauen eingeschränkt und ihre Verhandlungsposition

innerhalb der Familie geschwächt. Frauen werden von

häuslichen Entscheidungen ausgeschlossen und können

sich nicht gegen Erziehungs- und Ernährungspraktiken

wehren, die Jungen und Männer bevorzugen.

Es ist mehr als guter Wille erforderlich, um Geschlechterungerechtigkeit

abzubauen. Gesetze gegen geschlechtsspezifische

Diskriminierung allein reichen nicht aus.

Soziale und kulturelle Normen und daraus entstandene

Geschlechterrollen müssen in Frage gestellt werden.

„Empowerment“ / Ermächtigung von Frauen ist notwendig.

Dies bedeutet Einbeziehung von Frauen in

Entscheidungen auf allen Ebenen, einschließlich der eigenen

vier Wände, der lokalen Gemeinschaften und der

nationalen Parlamente. Die Ermächtigung von Frauen

ist nicht nur ein vorrangiges Ziel an sich, sondern ein intrinsisches

Menschenrecht, das bereits in Zusagen und

Verpflichtungen von Regierungen als Rechtsgrundlage

anerkannt wurde. Jede Gesellschaft braucht dringend

die Ermächtigung und gleichberechtigte Beteiligung

von Frauen. Beides kann jedoch nur zum Tragen kommen,

wenn sowohl Männer als auch Frauen die Be deutung

und Vorteile von Geschlechtergleichstellung für

die Gesellschaft anerkennen und damit auch die Notwen

digkeit der Veränderung der aktuellen sozialen

Struk turen als Aufgabe angehen.

Der Bericht zieht Schlussfolgerungen und gibt ausführliche

Empfehlungen für Strategien und Maßnahmen,

mit deren Hilfe die notwendigen Veränderungen befördert

werden können. Zunächst sollte Geschlechter diskriminierung,

besonders in Bezug auf Eigentums- und

Erbrecht in der bestehenden Gesetzgebung identifiziert

und abgebaut werden. Weitere Strategien auf nationaler

Ebene müssen Geschlechtergerechtigkeit fördern, und

die Gender-Perspektive muss in alle nationalen Entwicklungsprojekte

und andere Initiativen einfließen.

Adäquate und erfolgreiche gender-sensible Ernährungssicherungsstrategien

sollten multisektoral ausgerichtet

sein, d.h. Maßnahmen in verschiedenen Bereichen

75


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

müssen zusammengeführt werden und sich gegenseitig

ergänzen. Entscheidend sind Maßnahmen z.B. in den

Bereichen Bildung, Landwirtschaft, Arbeit und Soziales.

Der verbesserte Zugang von Frauen zu Märkten ist ein

wichtiger Aspekt und ein gutes Beispiel für die Not wendigkeit

von Komplementarität: Infrastruktur (Straßen

und Transport) müssen ausgebaut, Frauen ausgebildet

und landwirtschaftliche Produktivität erhöht werden.

Das erfordert Koordination und Kooperation zwischen

verschiedenen Arbeitsbereichen von Ministerien, Abteilungen,

Ämtern oder anderen Arbeitseinheiten.

Die Förderung von Frauenorganisationen in der Form

von Vereinen, Kooperativen und Nichtregierungs organisationen

(NGO) zur Verbesserung der Ernährungssicherheit

ist eine weitere Empfehlung des Berichts.

Organisation bringt Kleinbäuerinnen viele Vorteile, z.B.

verbesserten Zugang zu Land und Krediten durch gemeinsam

eingebrachte Sicherheiten. Der Einsatz von

Krediten kann ebenfalls innerhalb der Organisation

ent schieden werden. Weiterhin mindert Organisation

das Produktionsrisiko, wenn neues Saatgut erprobt

wird, denn die Versuchsparzellen können innerhalb der

Gemeinschaft verteilt und so mögliche Verluste aufgefangen

werden. Lagerung, Verpackung, Transport und

Vermarktung können gemeinsam in größerem Rahmen

durchgeführt werden. Außerdem verbessert sich die

Ver handlungsmacht gegenüber Händlern und Aufkäufern

von Produkten. Organisation erleichtert zudem

den Zugang zu Beratung und den Erfahrungsaustausch.

Organisation und der gemeinsame Einsatz von Ressourcen

stärkt außerdem die Verhandlungsmacht für günstige

Beiträge gegenüber Versicherungsgesellschaften und

damit die Einkommenssicherung. Das gilt für Orga ni sationen

sowohl von Männern als auch von Frauen. Es sind

jedoch die Frauenorganisationen, die die Gender-Wirkungen

sozialer Programme einschätzen und evaluieren

können. Ihre Stimmen müssen politische Entscheidungsprozesse

beeinflussen können, sodass die Lebensumstände

und Bedarfe von Frauen anerkannt und berücksichtig

werden.

Strategien Abstand zu nehmen zugunsten von „Bottomup“

und partizipativ angelegten Programmen. Diese

Empfehlung geht über die Frage der Geschlechter gleichstellung

und der Ermächtigung von Frauen hinaus. Alle

Armen kennen die Hindernisse, die sie überwinden

müssen und sind in der Regel sehr innovativ bei der

Suche nach Lösungen. Politische Entscheidungs träger/

innen, die arme Menschen einbeziehen, fällen Entschei

dungen, die besser begründet und letztendlich erfolgreicher

sind. So sollten auch gender-sensible Er nährungssicherungsstrategien

auf allen Ebenen, vom Projekt

auf Dorfebene bis zu den nationalen Strategien, partizipativ

erarbeitet werden, d.h. dass sowohl Männer als

auch Frauen einbezogen werden müssen. Männer müssen

beteiligt sein, wenn Maßnahmen identifiziert werden,

die die Gleichstellung und die Ermächtigung von

Frauen betreffen. Nur so kann ihr Widerstand gegen

Veränderung aufgefangen werden. Die Einbeziehung

von Frauen ist die Voraussetzung für die Wirksamkeit

von Programmen und Strategien. Frauen müssen selbst

entscheiden, welche Lösungen am besten für sie sind.

Diese müssen ihren speziellen Bedürfnissen innerhalb

der herrschenden kulturellen Normen entsprechen,

sollten bestehende Geschlechterstereotype jedoch nicht

verstärken. Das ist häufig ein Balanceakt.

Es darf nicht davon ausgegangen werden, dass die Anliegen

und Interessen von Männern auch die von Frauen

sind. Gender-sensible Ernährungs sicherungs strategien

müssen das berücksichtigen. Während Männer meistens

eine landwirtschaftliche Produktion anstreben, die

auf den Markt und die Erhöhung des Einkommens ausgerichtet

ist, ist das bei Frauen nicht unbedingt der Fall.

Ihr Ziel ist häufig die Versorgung der Familie mit selbst

produzierten Produkten. Sie ziehen deshalb eine landwirtschaftliche

Produktion vor, die auf lokalen Ressourcen

basiert, das Produktionsrisiko gering hält, wenig

Kapital erfordert und eine für Frauen passendere Organisation

der Arbeit ermöglicht. Es ist wichtig, dass diese

Bedürfnisse anerkannt, respektiert und durch entsprechende

Unterstützung gefördert werden.

Der Bericht betont die Bedeutung partizipativer Entscheidungsfindung.

Er empfiehlt dringend, von „Topdown“

ausgerichteten und technokratisch bestimmten

Gender-sensible Ernährungssicherungsstrategien müssen

längerfristig und in Phasen angelegt werden, wenn

die gewünschten Veränderungen tatsächlich realisiert

76


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

werden sollen. Es geht um die Reduzierung von Einschränkungen

der Arbeitslast von Frauen, um die Anerkennung

ihrer Arbeit in Haushalt und Pflege und um

die Umverteilung dieser Verantwortlichkeiten. Rollenveränderung

und Infragestellen von Gender-Stereotypen

brauchen einen transformativen Ansatz, der die Maßnahmen

zur Verbesserung der Situation von Frauen

nutzt, um bestehende soziale und kulturelle Normen zu

hinterfragen. Es braucht Zeit, um eine tatsächlich veränderte

Rollenverteilung und soziale Transformation zu

erreichen. Deshalb muss diese späte Phase von Anfang

an in der Strategieentwicklung mitgedacht werden.

Ein rechtebasierter Ansatz, besonders die Frauenrechtskonvention

und das Recht auf Nahrung sollten die

Erarbeitung gender-sensibler Ernährungsstrategien bestimmen.

Rechtschaffenspflicht, Partizipation, Nicht-

Diskriminierung, Transparenz bei der Nutzung von

Ressourcen, Ermächtigung und Rechtsstaatlichkeit –

Prinzipien, die für alle Menschenrechte gelten – sollten

die Formulierung und Implementierung von Strategien,

Programmen und Projekten leiten.

Die zweite Lektion zeigt, dass Sichtweisen, Erwar tungen

und Präferenzen von Frauen nicht nur von Region

zu Region eines Landes unterschiedlich sind, sondern

auch von Gruppe zu Gruppe. In manchen ethnischen

Gruppen beispielsweise wird Frauen durch Formen der

Solidarität und durch soziale Normen eine andere Position

zugewiesen, als dies bei anderen Ethnien oder in

der Mehrheitsgesellschaft der Fall ist. Solche kulturellen

Unterschiede dürfen nicht ignoriert werden. Er forderlich

ist eine kontext-sensible Herangehensweise, die

die Partizipation von Frauen an erste Stelle setzt und eigene

Werte und Vorstellungen zurückstellt. Gleich -

zeitig muss darauf geachtet werden, dass Frauen nicht

einfach Ansichten und Vorlieben unreflektiert wiederholen,

weil sie die vererbten kulturellen Werte widerspiegeln.

Solche Situationen sorgen dafür, dass Frauen

untergeordnete Rollen zugewiesen werden und verhindern

jegliche Neudefinierung bestehender Ge schlechterrollen.

Deswegen ist es empfehlenswert, Frauen Alternativen

aufzuzeigen und diese möglichst an konkreten

Erfahrungsbeispielen, die Frauen in ähnlichen Situationen

ermächtigt haben, zu verdeutlichen. Ermächtigung

heißt auch, Alternativen zu kennen und sich von ihnen

inspirieren zu lassen.

Im Rahmen der Erarbeitung des Berichts wurden zwei

wichtige Lektionen gelernt. Die erste ist, dass umfassende

Konsultationen notwendig sind, um die Teilhabe von

Frauen bei der Identifizierung von Prioritäten und der

Formulierung von Politiken und Programmen zu gewährleisten.

Fokusgruppen und Haushaltsbefragungen

müssen eingesetzt werden, um sicherzugehen, dass

Frauen ihre Präferenzen nennen können. Sie müssen

Gelegenheit bekommen, ohne gesellschaftlichen Druck

und Beeinflussung ihre Ansichten zu äußern. Außerdem

müssen Frauen, die in partizipative Prozesse eingebunden

sind, sich ihrer Rechte bewusst sein und alle

Alternativen in Betracht ziehen können, um informierte

Entscheidungen zu treffen, unabhängig von existierenden

Mustern von Diskriminierung und Exklusion.

77


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

8. Die Welt nachhaltig

ernähren – Agrarökologie fördern

Ecumenical Advovacy Alliance

Auszug aus: Nourishing the World Sustainably: Scaling

up Agroecology, Ecumenical Advovacy Alli-ance 2012,

Dr Miguel Altieri, Andrew Kang Bartlett, Carolin

Callenius, Christine Campeau et al, Übersetzung

Astrid Quick

In den zahlreichen globalen Krisen mit Auswirkungen

auf die Ernährungssicherung hat in den vergangenen

zwei Jahrzehnten weltweit das Interesse an Theorie

und Praxis der Agrarökologie stark zugenommen. Der

neuere wissenschaftliche Weltagrarbericht des Weltagrar

rates, das „International Assessment of Agricultural

Knowledge, Science and Technology for Development

(IAASTD)“ 88 , stellt fest, dass wir zur Ernährung einer

Weltbevölkerung von 9 Milliarden Menschen im Jahre

2050 mit äußerster Dringlichkeit die effektivsten und

nachhaltigsten Landwirtschaftssysteme einführen müssen,

und empfiehlt eine Hinwendung zur Agrarökologie

als einem Instrument zur nachhaltigen Steigerung der

Lebensmittelproduktion und zur Verbesserung der Situa

tion der ärmsten Menschen und Gemeinden.

Kasten 1

Agrarökologische Prinzipien

für die Ent wicklung biodiverser,

energieeffizienter,

ressourcenschonender und widerstandsfähiger

Agrarsysteme

• Die Steigerung der Wiederverwertung von Biomasse,

mit dem Ziel der Optimierung des Abbaus

organischer Substanzen und des Nährstoffkreislaufs

über einen Zeitraum.

• Die Stärkung des “Immunsystems” von Agrarsys

temen durch die Verbesserung der funktionalen

Bio di ver sität – natürliche Feinde, Antagonisten, etc.

• Die Schaffung der günstigsten Boden be din gungen

für Pflanzenwachstum, insbesondere durch den

Einsatz organischer Substanzen und durch die Steigerung

biologischer Aktivität im Boden.

• Die Minimierung des Verlustes von Energie,

Wasser, Nährstoffen und genetischen Ressourcen

durch die Ver besserung der Erhaltung und Regeneration

von Boden- und Wasserressourcen und der

Agrobiodiversität.

Lesebuch

Achtzig Prozent der in der Welt produzierten Nahrungsmittel

werden von 470 Millionen landwirtschaftlichen

Betrieben hergestellt, von denen 85% weniger als zwei

Hektar Land bearbeiten. 89 Diese Kleinbauernbetriebe –

die im Allgemeinen mit nachhaltigeren landwirtschaftlichen

Produktionsmethoden arbeiten – stehen vor enormen

Herausforderungen. Sie finden sich oft gefangen am

Ende einer Kette von Zwischenhändlern, Händ lern und

transnationalen Konzernen, die alle einen wesentlichen

Anteil des Produktwertes einbehalten. Sie haben außerdem

weniger Kapazitäten, auf Preisvolatili tät zu reagieren,

und verlieren schnell an Wettbewerbs fähigkeit,

wenn Importe die Märkte überschwemmen. Ohne

Landrechte können einige Landwirte unter dem Druck

von größeren Investoren leicht ihr Land verlieren.

• Die Diversifizierung von Arten und genetischen

Res sour cen im Agrarökosystem über Zeit und Raum

auf Feld- und Landschaftsebene.

• Die Verbesserung positiver biologischer Interaktio

nen und Synergien zwischen den Komponenten

der Agrobiodiversität, um so essentielle ökologische

Pro zesse und Funktionen zu fördern.

Agrarökologische Managementsysteme sind “landwirtintensiv”,

erfordern die Partizipation der Menschen und

müssen standortspezifisch für sehr unterschiedliche

und vielfältige landwirtschaftliche Betriebsbedingungen

zugeschnitten und angepasst werden. 90

88 IAASTD, 2009.

89 Nagayets 2005.

90 Uphoff, 2002.

78


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

Kasten 2

Entwürfe von zeitlichen und räumlichen

Strukturen diversifizierter Bewirtschaftungssysteme

und ihre

agrarökologischen Haupteffekte

Fruchtwechsel: Zeitliche Vielfalt in der Gestalt von

Getreide-Leguminosen-Sequenzen; Nährstoffe werden

erhalten und durch die eine Saison für die nächste

bereitgestellt und die Lebenszyklen von Schadinsekten,

Krankheiten und Unkräutern unterbrochen.

Polykulturen: Anbausysteme, in denen zwei oder

mehr Kulturpflanzensorten in einer bestimmten räumlichen

Nähe gepflanzt werden, so dass biologische

Kom p lementaritäten entstehen, welche die Effi zienz

der Nährstoffverwertung und die Schäd lingsbe kämpfung

ver bessern und damit die Stabilität des Feldfruchtertrags

erhöhen.

Systeme der Agroforstwirtschaft: Bäume werden

mit jährlichen Kulturen zusammen gezogen zur

Modifizierung des Mikroklimas, zur Erhaltung und

Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit, da einige zur

Stickstofffixierung und Nährstoffaufbringung aus tiefen

Bodenhorizonten beitragen und ihre Laubstreu

der Aufstockung der Bodennährstoffe, der Erhaltung

organischer Substanzen und der Unterstützung komplexer

Boden-Nahrungsnetze dient.

Zwischenfrüchte und Mulchen: Die Reinsaat oder

Mischsaat von Gras- und Leguminosenarten z. B. unter

Obstbäumen kann Erosion reduzieren, den Boden mit

Nährstoffen versorgen und biologische Schädlings bekämpfung

verbessern. Die Ein ebnung von Zwischenfruchtmischungen

auf der Bodenoberfläche ist bei der

konservierenden Landwirtschaft eine Strategie zur

Reduktion von Bodenerosion und Ver min derung der

Schwankungen in Bodenfeuchtigkeit und -temperatur,

Verbesserung der Bodenqualität und der Unkrautunterdrückung,

und damit zur Ernteertragserhöhung.

Pflanzenbau-Viehhaltungs-Gemischtbetriebe:

Durch die Integration von Pflanzenbau und Vieh haltung

können hohe Biomasse-Erträge und optimale

Nähr stoff wiederverwertung erreicht werden. Eine

Tierproduktion, die in hoher Dichte gepflanzte Futterbüsche

und Zwischen fruchtbau mit verbesserten,

hochproduktiven Weiden und Nutzholzbäumen in einem

System kombiniert und integriert, das von Vieh

direkt gegrast werden kann, erhöht die Gesamt produktivität,

ohne externe Betriebsmittel zu erfordern.

Was ist Agrarökologie?

Als angewandte Wissenschaft verwendet die Agraröko

logie ökologische Konzepte und Richtlinien für die

Ge stal tung und Pflege nachhaltiger Agrarsysteme, bei

denen natürliche, vor Ort verfügbare Ressourcen zur

Ver besserung der Bodenfruchtbarkeit und zur biologischen

Schädlingsbekämpfung gegenüber kostenintensiven

externen Betriebsmitteln wie chemischen Düngemitteln

und Pestiziden bevorzugt werden. Agrarökologie

nutzt die Potenziale innerbetrieblicher Wechselwir kungen

stärker aus, um den Gebrauch außerbetrieblicher

Pro duktionsmittel zu reduzieren und die Effizienz der

Agrarsysteme zu erhöhen. Agrar ökologische Prinzipien

(Kasten 1) steigern die funktionale Biodiversität, die von

zentraler Wichtigkeit ist für den Erhalt der wichtigen

immunologischen, metabolischen und regulatorischen

Prozesse, welche ein funktionierendes Agrarökosystem

erst ermöglichen. Techno logische Innovationen werden

gern angenommen, wenn ihr Gebrauch die Pro duk tivität

der landwirtschaft lichen Betriebe erhöht und die

Umwelt nicht schädigt.

Agrarökologische Prinzipien entfalten sich in unterschiedlichen

technologischen Formen, je nach den ökologischen,

sozialen und ökonomischen Gegebenheiten

eines jeden landwirtschaftlichen Betriebs oder Region.

Diversifizierung von Anbaupflanzen kann dadurch umgesetzt

werden, dass eine Mischung von Kultur pflanzen

sorten mit verschiedenen Pflanzenhöhen oder verschiedenen

Krankheitstoleranzen eingesetzt wird. Diver

si fi zierung der Bepflanzung von Feldern kann durch

Zwischenfruchtbau auf verschiedenen Feld stücken

oder zwischen Pflanzreihen durch die Pflan zung von

79


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Kasten 3

Eigenschaften von nach agrarökologischen

Prinzipien gestalteten und

geführten Bewirtschaftungssystemen

Diversität: In dem Maße wie die Artenvielfalt zunimmt,

wächst das Potential für Koexistenz und positive

Wechsel wirkungen zwischen Arten, was die

Nach haltigkeit eines Agrarökosystems steigern kann.

Größere Arten vielfalt verbessert die Effizienz des

Ressourcen ge brauchs in Agrarökosystemen. Mischkulturen

weisen eine damit verbundene Widerstandsfähigkeit

gegenüber Pflanzenfressern auf, da

eine größere Menge und Vielfalt von natürlichen

Feinden der Schadinsekten vorhanden ist (Andow

1991).

Effizienz: Diversifizierte Systeme sind generell effizient

beim Erfassen von Sonnenlicht, Gebrauch von

Regen wasser und der Mobilisierung und dem dichten

Kreislauf von Nährstoffen, und zeigen dabei effiziente

Energie verwendung.

Selbstsuffizienz: Eine Konsequenz von Effizienz

und Diversität ist die Selbstgenügsamkeit von agraröko

lo gischen Systemen, da sie hauptsächlich den Eintrag

von Sonnenlicht, Niederschlag und vor Ort erzeugte

Nähr stoffe und Energie benötigen.

Selbstregulierung: Aufgrund der großen Vielfalt an

Organismen sind Ausbruch von Krankheiten und der

Einfall von Insekten oder Unkräutern, die Pflanzen

schweren Schaden zufügen, selten. Außerdem haben

verschiedene Pflanzen zahlreiche Abwehr mechanismen,

die sie vor Angriffen schützen.

Widerstandsfähigkeit: Biodiversität stärkt die

Wider standsfähigkeit von Agrarökosystemen vor allem

dadurch, dass die Biodiversität eine „Versicherung“

oder einen Puffer gegen Umweltfluktuationen bietet,

da verschiedene Pflanzen- und Tierarten unterschiedlich

auf Fluktuationen reagieren, was wiederum zu

besser vorhersehbarem Produktionsniveau führt.

Produktivität: Positive Effekte der Biodiversität auf

die Biomassenproduktion der Pflanzen, verbunden

mit zunehmenden Effekten der Komplementarität

zwischen Pflanzenarten, führen zu einem besseren

Gebrauch von Bodenressourcen und besserer Regulierung

der Schäd lingsbestände.

Lesebuch

Begleitpflanzen geschehen, die jeweils die natürlichen

Feinde der anderen Sorte abwehren. Diversifizierung

von Landschaft kann durch die Integra tion mehrerer

Produktionssysteme realisiert werden, wie Systeme der

Agroforstwirtschaft und Viehwirtschaft, Einbeziehung

von Brachlandflächen und Waldrest beständen, um eine

hoch heterogene Landmatrix zu erzielen.

Häufig eingesetzte Diversifizierungsprogramme (siehe

Kasten 2) haben generell vorteilhafte Veränderungen

in mehreren Komponenten der Agrarsysteme gleichzeitig

zur Folge. 91 Anders ausgedrückt wirken sie wie eine

„ökologische Drehscheibe“, da sie zentrale Prozesse aktivieren

– wie etwa die Nährstoffwiederverwertung

und Abfallaufbereitung, die biologische Schädlings bekämpfung

zur Reduktion der Zahl schädlicher Insekten

91 Gliessmann, 1998.

durch kleine Tiere oder andere Insekten, natürliche

sym biotische Reaktionen zwischen verschiedenen

Pflan zen, wie das Ausscheiden toxischer Substanzen

zur Unter stützung des Wachstums, Überlebens oder

der Repro duktion einer benachbarten Pflanze etc. –, die

für die Zu kunftsfähigkeit und Produktivität von Agraröko

sys temen unentbehrlich sind. Agrarökologische

Systeme sind nicht auf den Einsatz von Kapital oder

chemischen Mitteln angewiesen, sondern steigern die

Effizienz biologischer Prozesse wie Photosynthese,

Stick stoff fixie rung, Solubilisierung von phosphorhaltigem

Boden und biologische Aktivität über und unter

der Erde. Die „Betriebs mittel“ dieses Systems sind die

natürlichen Prozesse selbst.

Wenn sie nach agrarökologischen Prinzipien gestaltet

und verwaltet werden, dann werden Agrarsysteme vielfältiger,

produktiver, widerstandsfähiger und effizienter

80


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

(Kasten 3). Agrarökologische Initiativen zielen auf die

Transformation der industriellen Landwirtschaft z.T.

durch die Umwandlung bereits vorhandener Lebensmittelsysteme

weg von einer auf fossilen Brennstoffen

basierenden Produktion und hin zu einem alternativen

landwirtschaftlichen Paradigma, das lokale/nationale

Lebensmittelproduktion durch Klein- und Familien betriebe

unterstützt – auf der Grundlage von lokalem

Wissen, lokaler Innovation, lokalen Ressourcen und solarer

Energie. Dies bedeutet, dass Kleinbauern Zugang

zu Land, Saatgut, Wasser, Kredit und lokalen Märkten

gegeben werden muss, zum Teil durch die Schaffung

unterstützender wirtschaftlicher Maßnahmen, finanzieller

Anreize, Marktmöglichkeiten und agrarökologischer

Technologien. 92

Agrarökologische Systeme sind tief in den ökologischen

Erkenntnissen traditioneller Kleinlandwirtschaft verwurzelt.

Diese lang etablierten Beispiele erfolgreicher

Agrarsysteme sind von einer enormen Vielfalt domestizierter

Pflanzen- und Tierarten gekennzeichnet, die

durch nachhaltige Bewirtschaftungsmaßnahmen für

Boden, Wasser und Biodiversität versorgt und verbessert

werden und aus komplexen traditionellen Wissenssystemen

gespeist werden. 93

Agrarökologie funktioniert in einem zirkulären Produktionssystem,

das die umfassende Wiederaufbereitung

und Wiederverwendung natürlicher Ressourcen möglich

macht. Sie reduziert Lebensmittelverschwendung

dadurch, dass Überreste durch Kompostieren in Nahrung

für den Boden umgewandelt werden. Sie imitiert

die periodischen Zyklen der Natur und bringt ihre eigenen

nachhaltigen Wasser- und Abfallmanage ment systeme

mit. Im Unterschied dazu ist die moderne industrielle

Landwirtschaft ein lineares Produktions system,

das auf dem extensiven Gebrauch externer Pro duktions

mittel basiert, um durch den Einsatz von mehr

chemischen und anderen, außerhalb des natürlichen

Systems vor Ort maschinell hergestellten Zusätzen mehr

Nahrungsmittel zu produzieren.

Agrarökologie und Widerstandsfähigkeit

gegenüber klimatischen Veränderungen

Agrarökologie kann Landwirten bei der Anpassung an

den Klimawandel und bei dem Umgang mit den Nachwirkungen

von Naturkatastrophen helfen. Dies geschieht

durch den Aufbau der natürlichen Abwehrkräfte

eines landwirtschaftlichen Betriebes durch verbessertes

Wassermanagement, verstärktes Nährstoffmanagement,

besseres Bodenmanagement und ein diversifiziertes Produktionssystem.

Zum Beispiel helfen nachhaltige und biologische Bodenund

Anbaumanagementpraktiken wie bodenschonende

Bearbeitung, Zwischenfruchtbau, der Einsatz von

Dünger, Fruchtwechsel und der Agroforstwirtschaft

zum Aufbau von Stickstoff, organischen Substanzen

und nützlichen Mikroorganismen im Boden. Besseres

Bodengefüge bedeutet weniger Probleme wie Bodenverdichtung,

Erosion und Nährstoffauswaschung. Es

hält auch mehr Wasser im Boden. Dies ist entscheidend

wichtig für Regionen, wo Klimawandel bereits zu höheren

Temperaturen und niedrigeren Niederschlagsmengen

geführt hat.

Beweise für das Ernährungssicherungspotential

von agrarökologischen Systemen

Da nun gute Grundsätze auf dem Papier stehen, fragen

sowohl Befürworter als auch Kritiker der Agrarökologie,

wie effektiv agrarökologische Methoden in der Praxis

sind. Die erste weltweite Untersuchung agrarökologisch

orientierter Projekte und/oder Initiativen in Entwicklungsländern

94 dokumentierte eine deutliche Steigerung

der Nahrungsmittelproduktion auf mehr als 29

Millionen Hektar, von der fast 9 Millionen Haushalte

durch größere Nahrungsmittelvielfalt und Versorgungssicherheit

profitieren. Allerdings beziehen sich viele der

untersuchten Beispiele auf große Landwirtschafts betriebe,

die sich nicht ausschließlich an agrarökologische

Prinzipien halten, deshalb können die Daten nur mit

Vorsicht verwendet werden.

92 Via Campesina 2010.

93 Koohafkan and Altieri, 2010.

94 Pretty el al, 2003.

81


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Gleichwohl führten die in der Studie festgehaltenen

Praktiken nachhaltiger Landwirtschaft zu Steigerungen

von 50-100% per Hektar bei der Getreideproduktion

(etwa 1.71 Megagramm pro Jahr pro Haushalt – eine

Steigerung von 73%) in regenwasserabhängigen Gebieten,

die für Kleinbauern in marginalen Gebieten (eine

Gesamtfläche von etwa 3,58 Millionen Hektar, bearbeitet

von etwa 4,42 Millionen Bauern) typisch sind. Bei

den 14 Projekten mit Wurzelgemüsen als Haupter zeugnissen

(Kartoffeln, Süßkartoffeln und Kassava) steigerte

sich bei den 146.000 Landwirtschaftsbetrieben auf

542.000 Hektar die Eigenproduktion von Nah rungsmitteln

um 17 Tonnen pro Jahr (eine Steigerung von

150%). Derartige Ertragsverbesserungen sind wahrhaft

bahnbrechende Erfolge für die Ernährungssicherung

bei Landwirten, die von etablierten landwirtschaftlichen

Institutionen abgeschnitten sind.

Eine Studie von 2007 stellte die Forschungsergebnisse

von 293 verschiedenen Vergleichsstudien zusammen,

um die Gesamteffizienz von biologischen gegenüber

konventionellen Landwirtschaftssystemen zu bewerten.

Die Wissenschaftler stellten fest, dass in entwickelten

Ländern ökologische landwirtschaftliche Systeme

durchschnittlich 92% des Ernteertrags der konventionellen

Landwirtschaft hervorbringen. Allerdings produzieren

ökologische Systeme in Entwicklungsländern

80% mehr als die konventionellen Landwirtschaftsbetriebe.

Einer der für diesen Unterschied angeführten

Gründe ist die für die Landwirte in Entwicklungsländern

größere Zugänglichkeit der für ökologischen Landbau

gebrauchten Materialien. Diese Landwirte kaufen unter

Umständen das gleiche Saatgut wie konventionelle

Landwirtschaftsbetriebe in reichen Ländern, aber sie

können sich die für intensive Landwirtschaft benötigten

Düngemittel und Pestizide nicht leisten. Organische

Düngemittel können dagegen in ihren eigenen landwirtschaftlichen

Betrieben produziert werden. 95 (…)

Agrarökologische Innovationen fördern:

Schwierigkeiten und Möglichkeiten

Bei so vielen in Betrieben erwiesenen sozialen, produk-

95 Badgley et al, 2007.

tiven und ökologischen Vorteilen stellen sich mit Blick

auf die relativ begrenzte Übernahme und Verbreitung

agrarökologischer Innovationen zwei Fragen: (1) Wenn

agrarökologische Systeme so profitabel und effizient

sind, warum sind sie dann nicht weiter verbreitet und

übernommen worden? Und (2): Wie können mehr agrarökologische

Verfahren vervielfacht und ausgeweitet

werden?

Forschung und Praxis haben in der Tat demonstriert,

dass es keine grundsätzlichen Bedenken oder Probleme

bei einer großflächigen Umsetzung agrarökologischer

Methoden gibt, sondern dass die Übernahme vor allem

von einem effektiven Wissensaustausch unter Land wirten

abhängt. Die Förderung der Agrarökologie basiert

auf einem „Bottom-up“ Ansatz, der mit bereits verfügbaren

Ressourcen arbeitet und auf diese aufbaut: dies

sind die Menschen vor Ort, ihr Wissen und ihre heimischen,

natürlichen Ressourcen. Eine erfolgreiche Auswei

tung der Agrarökologie hängt zutiefst von der Stärkung

und Förderung des menschlichen Kapitals und der

Befähigung von Gemeinschaften durch Aus bildung und

partizipatorische Methoden ab, welche die Bedürfnisse,

Bestrebungen und Lebensbedingungen von Kleinbauern

ernst nehmen.

Die meisten Initiativen zur Förderung der Agrarökologie

waren verbunden mit Kapazitätsaufbau-Programmen,

die sich schwerpunktmäßig der Ausbildung, landwirtschaftlichen

Praxisschulen, Betriebsdemonstrationen,

dem Austausch von Landwirt zu Landwirt, Austauschbe

suchen und anderen Aktionen widmeten. Diese

Aktio nen waren die Hauptpfeiler des NGO-Beratungsansatzes

und haben erfolgreich Landwirten eine formale

Ausbil dung in ökologisch-landwirtschaftlichen Praktiken

geboten.

Allerdings gibt es komplexe Probleme bei der Förderung

der Agrarökologie. Brennstoffe für das Kochen sind nur

begrenzt verfügbar, so dass für Mist und Pflanzenreste

ein konkurrierender und dringlicherer Bedarf besteht.

Landwirten den Gebrauch von Gründüngerpflanzen,

Kompost, Reisstroh und Wasserhyazinthen als alternative

Methoden zur Entwicklung von Bodenfruchtbarkeit

vorzuschlagen, oder die Aufforstung von Ackerland zur

Lesebuch

82


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

Futter- und Brennstoffgewinnung, ändert nichts an den

strukturellen Problemen, was den mangelnden Zugang

von Landwirten zu Land, Holz, Wasser und anderen lebenswichtigen

Ressourcen noch hervorhebt. Politische

Initiativen zur Verbesserung des Zugangs zu diesen

Ressourcen sind daher notwendig, um die eigentlichen

Ursachen der Armut anzugehen.

Forscher haben zahlreiche Hindernisse identifiziert, die

eine Übernahme und Verbreitung von agrarökologischen

Praktiken 96 erschweren; das Spektrum reicht

von technischen Problemen wie Informationsmangel

bei Land wirten und landwirtschaftlichen Beratern bis

hin zu Politikverzerrungen, Marktversagen, fehlendem

Land besitz und infrastrukturellen Problemen. Für die

weitere Verbreitung der Agrarökologie unter Landwirten

ist es entscheidend wichtig, diese Hindernisse teilweise

oder ganz zu überwinden. Große Reformen müssen in

Politik, Institutionen sowie Forschungs- und Entwicklungs

programmen geschehen, um sicherzustellen, dass

agrarökologische Alternativen in großem Umfang umgesetzt

werden, dass sie gerecht und weitgehend zugänglich

sind und dass sie vervielfacht werden, so dass

ihr voller Nutzen für nachhaltige Ernährungssicherung

erschlossen werden kann. Landwirte müssen besseren

Zugang zu lokalen und regionalen Märkten, zu Regierungshilfen

wie z.B. Kredit, zu Saatgut und agrarökologischen

Technologien bekommen. Ein großes Hindernis

für die Verbreitung der Agrarökologie war auch die

Unterstützung einflussreicher wirtschaftlicher und institutioneller

Interessengruppen für die Forschung und

Entwicklung des konventionellen agrarindustriellen

An satzes, während die Forschung und Entwicklung der

Agrarökologie und nachhaltiger Ansätze in vielen

Ländern weitgehend ignoriert wurde. 97

Schlussfolgerungen und Zukunftsperspektiven

• Agrarökologie ist aufstockbar. Die Agrarökologie

ist in vielen landwirtschaftlichen Gemeinschaften in der

ganzen Welt verbreitet und umgesetzt worden, und zwar

vor allem durch einen Prozess der Wissens weiter gabe

96 Alonge and Martin, 1995.

97 Altieri 2002.

von Landwirt zu Landwirt. Ihre wichtigsten Leis tungen

und Investitionen sind die Weitergabe von In formationen

und den besten Verfahren, von Wissen um örtliche

Gegebenheiten und die natürlichen Ressour cen von lokalen

Ökosystemen. Sie ist langfristig unabhängig von chemischen

Düngemitteln, Pestiziden oder transgenen

Kulturpflanzen, die für Kleinbauern kostspielig sind und

oft Ressourcen aufzehren. Sie kann und ist bereits so weit

verbreitet worden, dass sie Millionen von Landwirten

und Millionen Hektar Land in Afrika, Asien und den

Amerikas erreicht hat. Es gilt nun, einen noch viel größeren

Anteil der Kleinbauern in der Welt, die den Großteil

der Nahrungsmittel in der Welt produzieren, mit agrarökologischem

Wissen und Kompe ten zen auszurüsten.

• Agrarökologie kann die Welt ernähren. Trotz

Expansion der umweltzerstörenden, hochintensiven, industriellen

‚Grüne Revolution’-Landwirtschaft wird ein

Großteil der weltweit konsumierten Nahrungsmittel immer

noch von Kleinbauern produziert. Durch die Stei -

gerung des Nährstoffertrags und Reduktion der Umweltauswirkungen

von kleinen landwirtschaftlichen Betrieben

durch die Anwendung agrarökologischer Methoden,

sowie durch das gleichzeitige Angehen der Probleme der

Lebensmittelverschwendung und des Marktzugangs für

Kleinbauern kann die Herausfor de rung, im Jahre 2050

neun Milliarden Menschen ernähren zu müssen, bewältigt

werden – auf umweltverträgliche Art.

Agrarökologie ist unverzichtbar, wenn wir einen gangbaren

Weg durch die beiden, miteinander verwobenen

Herausforderungen der zukünftigen Ernäh rungs sicherung

und der Abschwächung des Klima wandels zusammen

mit der Anpassung an den Klimawandel finden sollen.

Im Kontext des Klimawandels ist die Beibehaltung

der gewohnten Handlungsweisen im Bereich der Nahrungsmittelproduktion

nicht mehr möglich. Agrar öko logie

bietet eine Zukunftsperspektive für eine nachhaltige

Nahrungsmittelproduktion, welche die Bedürfnisse einer

weiterhin wachsenden Weltbevölkerung erfüllen, gleichzeitig

die Treibhaus gasemissionen des landwirtschaftlichen

Sektors reduzieren und dabei Wider stands fähigkeit

gegen den bereits unabwendbaren Klima wandel aufbauen,

Biodiversität schützen und Gemeinschaften und

ländliche Lebensgrundlagen erhalten kann.

83


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Die wichtigsten weiteren Schritte, wenn wir diesen

Weg fortsetzen wollen, sind:

1. Viel größere Investitionen in die Forschung

zu agrarökologischen Methoden der Nahrungsmittelproduktion,

aufbauend auf überliefertem

und bereits vorhandenem Wissen um die

besten Verfahren und mit dem Ziel der Verbesserung

einer auf Kleinlandwirtschaften basierenden, emissionsarmen,

hochproduktiven Landwirtschaft im

Kontext des Klimawandels.

6. Konzentriertere und effektivere Bearbeitung

des Problems der Lebensmittelverschwendung

in der gesamten Lebensmittelver sorgungskette,

von der Produktion (insbesondere durch die

Verbesserung von lokalem Zugang zu Lagerung,

Weiterverarbeitung und Transportinfrastruktur für

Kleinbauern in Entwicklungsländern) bis zum Verzehr

(insbesondere durch das Hinterfragen von

Ver braucherverhalten und von Verschwendung aufgrund

von Qualitätsnormen in der entwickelten

Welt).

Lesebuch

2. Umfangreichere Unterstützung für die Einrichtung

und Ausweitung von Netzwerken

für Landwirte auf lokaler Ebene in Ent wicklungsländern

weltweit, für die Weitergabe von

Informationen und Wissen um die besten Verfahren

in der agrarökologischen Nahrungsmittel produktion,

als Hauptinstrument für die Steigerung agrarökologischer

Nahrungsmittelproduktion in ernährungsunsicheren

Gebieten.

3. Politische Rahmenbedingungen auf nationaler

und internationaler Ebene erwirken, welche

die zentrale Rolle von Kleinbauern bei der globalen

Ernährungssicherung anerkennen, sowie die

auf Kleinlandwirtschaften basierende agrarökologische

Nahrungsmittelproduktion und agrarökologische

Erweiterungsprogramme auf nationaler und

örtlicher Ebene unterstützen.

4. Vermehrte Unterstützung für die Einrichtung

und Ausweitung von Produktionsgemeinschaften

unter Kleinbauern, um Marktmöglichkeiten

und die kollektiven Kapazitäten von Kleinbauern

und ihren Gemeinschaften zu verbessern.

5. Effektivere Regulierung und Bearbeitung der

negativen Auswirkungen des Einflusses von

Korporationen auf landwirtschaftliche Richtlinien

und Praktiken, einschließlich der uneingeschränkten

Förderung der Abhängigkeit von

Technologien, die durch geistige Eigentumsrechte

geschützt werden wie transgene Kulturpflanzen

und chemische Düngemittel.

84


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

Brot für die Welt-Projekt Guatemala:

Mit dem Mut der Verzweiflung

an einem steilen Hang. Jeder Quadratzentimeter ist bepflanzt.

Profitgier ohne Gewissen

Kleinbäuerin Doña Rosa beim Abendessen in Los Achiotes, Guatemala.

Foto: Thomas Lohnes

Aufgrund ihrer Wasserreserven sind die Nebelwälder

der Granadillas-Berge für die Menschen im trockenen

Osten des Landes lebenswichtig. Doch massive Abholzungen

bedrohen ihre Existenz. Zusammen mit den

Klein bauernfamilien setzt sich die Lutherische Kirche

für ihren Erhalt ein.

Doña Rosa weiß: Gibt es den Wald nicht mehr, versiegt

auch das Wasser für ihre Felder. Die Kleinbäuerin

lebt in Los Achiotes, einer abgelegenen Streusiedlung

im Bergmassiv „Las Granadillas“. Ihr Grundstück liegt

Ohne das Wasser aus den über 1.400 Meter hoch gelegenen

Nebelwäldern könnte Doña Rosa keine Landwirtschaft

betreiben. Für die Menschen im ansonsten

extrem trockenen Grenzgebiet zu Honduras sind die

Wälder lebenswichtig. Doch die sind in großer Gefahr.

Denn die Abholzung hat in den letzten Jahren industrielle

Ausmaße angenommen. Bereits 80 Prozent des

Waldes sind vernichtet. Verantwortlich dafür sind in

erster Linie die reichen Landbesitzer. „Sie drängen immer

weiter vor und wollen uns unser Land wegnehmen“,

klagt Doña Rosa und weint.

Grund zur Hoffnung

Wie viele Menschen hier beteiligt sich die kleine Frau

am gewaltfreien Kampf um den Erhalt „ihrer“ Berge.

Unterstützt wird sie dabei von der Lutherischen Kirche

Guatemalas, einer Partnerin von Brot für die Welt. Inzwischen

gibt es Grund zur Hoffnung: Vor Kurzem urteilte

die Interamerikanische Kommission für Menschenr

echte, dass der guatemaltekische Staat ein Gesetz zum

Schutz seiner natürlichen Ressourcen erlassen muss.

85


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

Frauen bieten Feldfrüchte an, Angola. Foto: Jörg Böthling

9. Gesundheit und

Fehlernährung

Olivier De Schutter

Auszug aus: United Nations General Assembly, Human

Rights Council, 26. Dez 2011, A7HCR19.59., Report

Submitted by the Special Rapporteur on the right to

food, Olivier De Schutter, Übersetzung Astrid Quick

Die dreifache Herausforderung

A. Die Rolle von Agrar- und Lebensmittelsystemen:

Von der Produktionssteigerung zur

Sicherstellung nachhaltiger Ernährung

4. Seit den 1960er Jahren wurde die Ernäh rungs sicherung

vor allem in Zusammenhang mit der Pro duk tion

betrachtet, während Zusammenhänge mit der Er nährungsweise

oft unbeachtet blieben. Hunger und Fehlernährung

wurden mit mangelnder Kalorienauf nahme

gleichgesetzt. Angesichts des weltweit verbreiteten

Hungers war dieser Schwerpunkt vielleicht nachvollziehbar.

Jedoch führte dies zur Überbewertung der Steigerung

landwirtschaftlicher Erzeugung und Reduk tion

von Nahrungsmittelpreisen, während die Sicherung der

Verfügbarkeit von und des Zugangs zu einem breiten

Spektrum verschiedener Nahrungsmittel mit Mikronähr

stoffen, die für die volle körperliche und geistige

Ent wicklung von Kindern und für die gesunde und produktive

Lebensführung von Erwachsenen unverzichtbar

sind, kaum Beachtung fanden. Mit anderen Worten

wurde, da die Protein-Energie-Mangelernährung als die

größte Herausforderung galt, die Frage der Ange messenheit

der Ernährung vernachlässigt. Außerdem wurden

die anderen Funktionen der Landwirtschaft jenseits

der Bereitstellung von Nahrungsmitteln zu niedrigen

Preisen, wie der Sicherung hinreichender Einkommen

für Lebensmittelerzeuger und der Erhaltung der Ökosysteme,

nicht bedacht.

5. Dies verändert sich. Experten stimmen nun darin

überein, dass Lebensmittelsysteme den Zugang aller zu

nachhaltigen Ernährungsweisen gewährleisten müssen,

was definiert wird als eine Ernährungsweise mit

geringen Umweltauswirkungen, die einen Beitrag zur

Lebens mittel- und Ernährungssicherheit leisten und zu

einer gesunden Lebensführung für gegenwärtige und

zukünftige Generationen führen. Nachhaltige Ernährungs

weisen schützen und achten Biodiversität und

Öko systeme, sie sind kulturell akzeptabel, leicht zugänglich,

wirtschaftlich fair und bezahlbar; sie sind ernährungsphysiologisch

angemessen, ungefährlich und

gesund, und optimieren natürliche und menschliche

Ressourcen. 98 Diese Definition trägt der Notwendigkeit

Rech nung, Agrar- und Lebensmittelsysteme von der

Aus richtung ausschließlich auf Produktionssteigerung

weg zu bewegen, hin auf eine Integration der Be dingungen

für die Angemessenheit von Ernährungs weisen,

98 Diese Definition wurde von den Teilnehmern am Internat ional

Scientific Symposium on Biodiversity and Sustainable Diets

durch Konsens verabschiedet, die vom 3 bis 5 Novem ber 2010

in Rom tagte. Siehe den Schlussbericht des Symposiums, S.ix,

einsehbar bei www.fao.org/ag/humannutrition/29186-

021e012ff2db1b0eb6f6228e1d98c806a.pdf

86


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

für soziale Gerechtigkeit und Umweltverträg lichkeit.

All diese Komponenten sind wichtig für den dauerhaften

Erfolg bei der Bekämpfung von Hunger und Fehlernährung,

wie der Sonderberichterstatter bereits in früheren

Be richten hervorgehoben hat.

B. Unterernährung und

Mikronährstoffmangel

6. Die Welt zahlt nun einen hohen Preis für die Kon

- zen tration fast ausschließlich auf die Produktions steigerung

in der letzten Jahrhunderthälfte. Es gibt weiterhin

erhebliche Unterernährung, insbesondere weil

Agrar- und Lebensmittelsysteme nicht zur Minderung

ländlicher Armut beigetragen haben. Auf globaler Ebene

leidet einer von sieben Menschen noch immer Hunger.

Etwa 34 Prozent der Kinder in Entwicklungsländern,

insgesamt 186 Millionen Kinder, sind klein für ihr Alter,

das häufigste Symptom chronischer Unterernährung. 99

Obwohl der Nahrungsmittelpreisindex der Nahrungsmittel-

und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten

Nationen (Food and Agriculture Organization of the

United Nations, FAO) angibt, dass Nahrungsmittelkosten

inflationsbereinigt seit den frühen 1960er Jahren bis

2002 sanken (abgesehen von einem Höchststand 1973-

1974), sind die Armen immer noch zu arm, um ihren

Lebensunterhalt mit Würde bestreiten zu können, weil

die Landwirtschaft noch nicht zur Unterstützung der

Lebensgrundlagen der am meisten gefährdeten und

mar ginalisierten Bevölkerungsgruppen angelegt ist.

7. Außerdem leidet eine große Zahl von Menschen unter

Mikronährstoffmangel, wobei Kinder und Frauen

un verhältnismäßig stark betroffen sind. Vitamin A-Mangel

betrifft mindestens 100 Millionen Kinder, was zur

Einschränkung ihres Wachstums, Schwächung ihrer

Immunität und in Fällen akuten Mangels zu Blindheit

und erhöhter Sterblichkeit führen kann. Zwischen vier

und fünf Milliarden Menschen leiden unter Eisen mangel,

einschließlich der Hälfte aller schwangeren Frauen

und Kindern unter 5 Jahren in Entwick lungsländern,

und laut Schätzungen sind 2 Milliarden anämisch.

Eisenmangel beeinträchtigt das Wachstum, die kognitive

Entwicklung und Immunfunktion, sie führt bei Kindern

zur verminderten Leistungsfähigkeit in der Schule und

bei Erwachsenen zu geringerer Produktivität. Jod- und

Zinkmangel haben ebenfalls negative Auswirkungen

auf die Gesundheit und verringern die Überlebens chancen

von Kindern. Etwa 30 Pro zent der Haushalte in Entwicklungsländern

nehmen kein jodiertes Salz zu sich,

und Kinder von Müttern mit hohem Jodmangel leiden

häufig unter Lernbe hinde rungen oder Schwachsinn.

Und schließlich kann der Mangel an bestimmten Vitaminen

und Mineralien auch die körperliche und geistige

Entwicklung und das Immunsystem beeinträchtigen. 100

8. Wie die Unterernährung, sind Nährstoffmangel

oder versteckter Hunger eine Verletzung des Kin derrechts

auf einen Lebensstandard, der für die körperliche

und geistige Entwicklung eines Kindes angemessen ist,

und des Rechts auf den Genuss des höchsten erreichbaren

Gesundheitsstandards, wie es in Artikel 6, Paragraph

2, und Artikel 24, Paragraph 2 (c) der Konvention

über die Rechte des Kindes zum Ausdruck gebracht

wird. Durch die Umwelt, nicht die Erbanlagen, werden

regionale Unterschiede in der Entwicklung von Kindern

erklärt. WHO-Richtwerte für Kindeswachstum zeigen,

dass Klein kinder und Kinder aus geographisch unterschiedlichen

Regionen der Welt sehr ähnliche Wachstumsmuster

erleben, wenn ihre Bedürfnisse für Gesundheit

und Er nährung erfüllt werden, so dass im Prinzip

alle Kin der das gleiche Entwicklungspotential haben. 101

Daher haben Staaten die Pflicht, ausschließliches Stillen

über sechs Monate und danach fortgesetztes Stillen mit

der Zu füt terung geeigneter Ergänzungs nahrungsmittel

bis zum Beginn des zweiten Lebens jahres eines Kindes

zu unterstützen; und Lebensmittelsysteme zu schaffen,

die den Zugang jedes Menschen nicht nur zu ausreichender

Kalo rien auf nahme, sondern auch zu einer hinreichend

abwechslungsreichen Ernährungs weise mit

dem vollen Spek trum der erforderlichen Mikro nährstoffe

sicherstellen.

99 Kleinwuchs betrifft 42 Prozent der Kinder im subsaharischen

Afrika, und 48 Prozent indasien. Siehe www.unicef.org/

nutrition/index_statistics.html

100 Siehe www.unicef.org/nutrition/index_bigpicture.html

101 Siehe www.who.int/entity/childgrowth/2_why.pdf

87


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

C. Übergewicht und Fettleibigkeit

9. Eine weitere Herausforderung in Bezug auf die Ernährung

betrifft Menschen, deren Kalorienaufnahme

ihren Bedarf übersteigt. Heute sind mehr als eine Mil liarde

Menschen weltweit übergewichtig (mit einem Körper

masseindex (KMI) >25) und mindestens 300 Millionen

Menschen sind fettleibig (KMI >30). Über ewicht

und Fettleibigkeit verursachen 2,8 Mil li onen Todesfälle

weltweit, so dass heute 65 Prozent der Welt bevölkerung

in einem Land (alle einkommensstarken Länder und die

meisten Länder mit mittleren Eink om men) leben, wo

Übergewicht und Fettleibigkeit mehr Menschen töten

als Untergewicht. 102 In einem Land wie den Ver ei nigten

Staaten von Amerika bedeutet dies, dass Kinder heute

eine kürzere Lebenserwartung haben als ihre Eltern. 103

Jedoch sind Fettleibigkeit und nichtübertrag bare Krankheiten

(non-communicable diseases, NCDs), die insbesondere

mit ungesunder Er nä h rung in Ver bindung gebracht

werden, nicht länger auf reiche Länder begrenzt.

Es wird geschätzt, dass bis zum Jahr 2030 in armen

Ländern 5,1 Millionen Menschen jährlich noch vor Erreichen

ihres 60. Lebensjahres an solchen Krank hei ten

sterben werden, verglichen mit 3,8 Millionen heute. 104

Fettleibigkeit und Übergewicht betreffen 50 Pro zent der

Bevölkerung oder mehr in 19 der 34 Mit gliedsländer der

Organisation für wirtschaftliche Zu sammenarbeit und

Entwicklung (Organisation for Eco no mic Cooperation

and Development, OECD), 105 aller dings sind sie schon

jetzt in allen Regionen zu Prob lemen für die öffentliche

Gesundheit geworden. Von nichtübertragbaren Krankheiten

verursachte Todes fälle und Erkrankungen haben

inzwischen die von übertragbaren Krankheiten verursachten

Todesfälle und Er krankungen in allen Regionen

102 WHO, Global Status Report on Noncommunicable Diseases

2010 (Geneva, 2011), S.2; WHO, Global Health Risks: Mortality

and Burden of Disease Attributable to Selected Major

Risks (Geneva, 2009), S.16 und 17.

103 S.J. Olshansky und andere, - A potential decline in life expectancy

in the United States in the 21st century, New England

Journal of Medicine, Bd. 352, Nr. 11 (2005), S.1143.

104 R.Beaglehole und andere, -Priority actions for the non-communicable

disease crisis, Lancet, Bd. 377, Nr. 9775 (2011),

S.1438-47.

105 OECD, Health at a Glance 2011 (Paris, 2011), S.54.

außer Afrika überholt, und es wird erwartet, dass

Todesfälle durch nichtübertragbare Krankheiten weltweit

zwischen 2010 und 2020 um 15 Prozent steigen

werden – und um über 20 Prozent in Afrika, Südostasien

und den ostmediterranen Regionen. 106 Überdies führen

nichtübertragbare Krankheiten in armen Ländern

schneller zum Tod. So wohl in Südostasien als auch in

Afrika finden 41 Prozent der durch hohen KMI verursachten

Todesfälle vor dem 60. Lebensjahr statt, im Vergleich

zu 18 Prozent in einkommensstarken Ländern. 107

Die gesellschaftlichen Kosten sind enorm, die direkten

bei der medizinischen Versorgung und die indirekten

durch den Verlust an Produktivität. 108 Es besteht ein

wichtiger zeitlicher Abstand zwischen dem Beginn von

Fettleibigkeit und der Kostenzunahme im Gesund heitswesen,

jedoch gibt es Schätzungen, dass z.B. die mit

Übergewicht und Fettleibigkeit verbundenen Kosten im

Vereinigten König reich von Groß britannien und Nordirland

im Jahre 2015 sogar bis zu 70 Prozent höher als im

Jahr 2007 sein könnten, und dass sie 2025 2,4 mal so

hoch sein werden. 109 Für Länder wie Indien oder China

gibt es Prognosen, dass die Aus wirkungen von Fettleibigkeit

und Diabetes in den nächsten Jahren stark ansteigen

werden. 110 Im Durchschnitt verursacht eine 10

106 WHO, Global Status Report, S. 9.

107 WHO, Global Health Risks, S. 17.

108 In den Vereinigten Staaten wurden direkte medizinische und

indirekte Staatsausgaben, die auf Diabetes zurückzuführen

waren, 2002 auf US$ 132 Milliarden geschätzt, und haben

damit die Kosten für die medizinische Versorgung insgesamt

in dem Jahr verdoppelt (American Diabetes Association,

-Economic costs of diabetes in the US in 2002, Diabetes Care,

Bd. 26, Nr. 3 (2003), S.917; 2007 betrugen die Kosten US$ 174

Milliarden (American Diabetes Association, -Economic costs of

diabetes in the US in 2007, Diabetes Care, Bd. 31, Nr. 3 (2008),

S. 596. In der lateinamerikanischen und karibischen Region

werden jährlich US$ 65 Milliarden für die Gesundheitsfürsorge

für Diabetiker ausgegeben, oder 2 bis 4 Prozent des BIP

(Bericht des Generalsekretärs (A/66/83), Abschnitt 28.)

109 United Kingdom, Government Office for Science, Tackling

Obesities: Future Choices (2007), S.40.

110 B.M. Popkin, -Will China’s nutrition transition overwhelm

its health care system and slow economic growth? Health

Affairs, Bd. 27, Nr. 4 (2008), S.1072 (Einschätzungen, dass die

in direk ten wirtschaftlichen Auswirkungen von Übergewicht

und Fett- leibigkeit 8,73 Prozent des BIP im Jahre 2025

kosten könnten).

88


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

prozentige Zunahme der nichtübertragbaren Krank heiten

einen Bruttoinlandsproduktverlust (BIP) von 0,5

Prozent. 111

10. Die Agrar- und Lebensmittelsysteme müssen umgestaltet

werden, um die Herausforderungen von Fehler

nährung, Unterernährung, Mikronährstoffmangel

und Überernährung zu bewältigen – nicht jedes für

sich, sondern gleichzeitig. Die Fehlernährung in all ihren

Formen kann nicht nur durch einen ausschließlich

ernährungswissenschaftlichen Ansatz bewältigt werden,

wie durch die Versorgung mit therapeutischer Fertig

nahrung oder mit Mikronährstoffen angereicherter

Ge sundheitskost zur Bekämpfung des Mikro nähr stoffmangels

oder der negativen gesundheitlichen Aus wir -

kungen von Lebensmitteln mit einem hohen Gehalt an

gesättigten Fettsäuren, Transfettsäuren, Natrium und

Zucker (HFSS Lebensmittel). Die Sicherstellung der ausreichenden

Verfügbarkeit und Zugänglichkeit von Obst

und Gemüse und von einer Ernährung, die unter Einschluss

verschiedener Lebensmittelgruppen hin reichend

abwechslungsreich und ausgewogen ist, erfordert

den Umbau von Agrar- und Lebens mittel systemen. Dies

bedeutet eine Priorisierung des Zugangs zu angemessenen

Ernährungsweisen, die sozial- und umweltverträglich

sind, anstelle einer reinen Versor gung mit billigen

Kalo rien. Jede Intervention, welche die oben beschriebenen

verschiedenen Formen von Fehlernährung anzugehen

versucht, muss danach bewertet werden, ob sie

eine solche Neufestlegung von Prioritäten fördert oder

hindert.

IV. Die Bewältigung von Übergewicht

und Fettleibigkeit

A. Die Rolle der Agrar- und Lebensmittelsysteme

1. Landwirtschaftliche Richtlinien und

Maßnahmen

30. Desweiteren besteht ein Einfluss auf Ernährungsweisen

durch den Preiskanal, durch die Veränderung

111 WHO, Global Status Report, S.3.

der relativen Preise der Lebensmittel im Warenkorb. In

einkommensstarken Ländern sind gesunde Ernährungsweisen

mit einem breiten Spektrum von Obst und

Gemüse kostspieliger als Ernährungsweisen mit vielen

Ölen, Zuckern und Fetten. 112 Während dies womöglich

nicht der einzige Grund für die Zunahme von Übergewicht

und Fettleibigkeit im Laufe der Jahre ist, so ist

es bestimmt einer der relevanten Faktoren, die diese

Situation ausgelöst haben. Und es führt zu bedeutenden

sozio-ökonomischen Ungleichheiten hinsichtlich der

Ernährungsqualität. Wissenschaftler haben eine starke

Korrelation zwischen niedrigem Bildungs- und Einkommens

niveau und höherem Vorkommen von Fettleibigkeit,

Typ-2-Diabetes und koronaren Herz krank heiten

nachgewiesen. 113

31. Dies sollte so nicht stehen gelassen werden. Jede

Gesellschaft, in der eine gesunde Ernährungsweise

kost spieliger ist als eine ungesunde Ernährungsweise,

ist eine Gesellschaft, die ihr Preissystem verbessern

muss. Dies ist umso dringlicher, wo die Ärmsten zu

arm sind, um sich anders als auf gesundheitsschädliche

Weise zu ernähren.

2. Die Globalisierung von Nahrungsketten

32. Die Globalisierung von Lebensmittellieferketten

wirkt sich auf die Ernährung auf doppelte Weise aus.

Erstens gibt es eine Tendenz, dass Entwicklungsländer

im Allgemeinen hochwertige Lebensmittel, insbesondere

Südfrüchte und Gemüse, an reiche Länder exportieren

und raffiniertes Getreide importieren. Dies bedeutet,

dass der erhöhte Handel den Preis von Makr onähr-

112 P. Mosivais und andere, - Following federal guidelines to increase

nutrient consumption may lead to higher food costs for

consumers, Health Affairs, Bd. 30, Nr. 8 (2011), S.1471-1477;

C.Riehm und andere -The quality and monetary value of diets

consumed by adults in the United States, American Journal of

Clinical Nutrition, Bd. 94, Nr. 5 (2011), S.1333-13339.

113 J. Banks und andere, - Disease and disadvantage in the

United States and in England, Journal of the American

Medical Association, Bd. 295, Nr. 17 (2006), S.2037-2045;

P. Monsivais und andere, -Are socio-economic disparities in

diet quality explained by diet cost?, Journal of Epidemiology

and Community Health (nur online erhältlich), 2010.

89


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

stoffen in einkommensschwachen Ländern gesenkt hat

(allerdings mit einer größeren Anfälligkeit für Preisschocks),

während das Gegenteil bei mikronährstoffreichen

Produkten geschehen ist, was zur Umstellung der

Ernährungsweisen armer Familien in Entwick lungs ländern

auf monotone, mikronährstoffarme und vor allem

stärkehaltige Grundnahrungsmittel geführt hat, da abwechslungsreichere

Ernährungsweisen unerschwing -

lich oder weniger erschwinglich als eine Ernährungsweise

mit Grundnahrungsmitteln wurden. 114 Insofern

wird die Ernährung auch durch diesen Preiseffekt beeinflusst,

der wiederum das Ergebnis einer relativen

Preisverschiebung bei Lebensmitteln ist.

33. Zweitens führt die Globalisierung von Nahrungsketten

zu einer Umstellung von Ernährungsweisen mit

zahlreichen komplexen Kohlenhydraten und Ballaststoffen

hin zu Ernährungsweisen mit einem größeren

An teil an Fetten und Zuckern. Als Konsequenz dieses

Ernährungswandels verlagern sich Krankheitsbilder

weg von Infektionskrankheiten und Nährstoffmangelkrankheiten

hin zu vermehrtem Auftreten von koronaren

Herzkrankheiten, nicht insulinabhängiger Diabetes,

einigen Krebsarten und Fettleibigkeit. 115 Diese

Tendenz ist besonders auffällig in Schwellenländern, 116

und der Sonderberichterstatter nahm die hier wirkenden

Mech a nismen genau in den Blick während seiner

Auftrags reisen nach Brasilien, 117 China, 118 Südafrika, 119

und Mexiko. 120 Die Geschwindigkeit des Ernährungs-

114 M.T. Ruel, - Operationalizing dietary diversity: a review

of measurement issues and research priorities, Journal of

Nutrition, Bd. 133, Nr. 11 (2003), S.3911S-3926S.

115 C. Gopalan, Nutrition in Developmental Transition in South-

East Asia, SEARO Regional Health Paper Nr. 21 (New Delhi,

World Health Organization, 1992).

116 B.M. Popkin und P. Gordon-Larsen, -The nutrition transition:

worldwide obesity dynamics and their determinants,

International Journal of Obesity, Bd. 28 (2004), S.S2-S9;

A.M. Thow, -Trade liberalisation and the nutrition transition:

mapping the pathways for public health nutritionalists,

Public Health Nutrition, Bd. 12 (2009), S.2150.

117 A/HRC/13/33/Add.6, Abschnitte 5-7.

118 A/HRC/19/59/Add.1, Abschnitte 20-21.

119 A/HRC/19/59/Add.3, Abschnitte 55-56.

120 A/HRC/19/59/Add.2, Abschnitte 48-50.

wandels wird durch die Ausweitung des Handels mit

Nahrungs mittelgütern und durch die Beschleunigung

der vertikalen Integration der Nahrungsketten erhöht,

die beide die Verfügbarkeit industriell verarbeiteter

Lebensmittel steigern.

34. Während die Globalisierung von Nahrungsketten

die ganzjährige Verfügbarkeit einer Vielfalt von Lebensmitteln

für einige Verbraucher herbeigeführt hat, hat sie

andererseits negative Auswirkungen auf örtliche Nahrungs

mittelsysteme gehabt und den ökologischen Fußabdruck

von Nahrungsmittelsystemen erhöht. Sie hat

auch bei vielen Verbrauchern zu höherem Konsum von

Hauptgetreidesorten, Fleisch und Milchprodukten,

Pflan zenöl, Salz und Zucker geführt, und eine geringere

Auf nahme von Ballaststoffen zur Folge gehabt.

Zum Beispiel kann die rapide Erhöhung des Pflanzenölverbrauchs

(und dabei von Fetten in der Ernährung)

im Wesent lichen mit der plötzlichen Verfügbarkeit von

Pflanzenöl (insbesondere Sojaöl) zu niedrigen Preisen

auf dem Weltmarkt erklärt werden. 121 Größere ausländische

Direktin ves ti tionen in die weiterverarbeitende

Industrie und die Ex pansion von Supermärkten haben

industriell verarbeitete Lebensmittel, einschließlich insbesondere

Soft drinks, einer größeren Bandbreite von

Verbrauchern zugänglich gemacht (allerdings nicht für

die ärmsten unter ihnen). Zum Beispiel haben nordamerikanische

Firmen nach Inkrafttreten des nordamerikanischen

Frei han dels abkommens ihre Investitionen in

die mexikanische Nahrungsmittelverarbeitende Industrie

massiv erhöht (von $210 Millionen 1987 auf $5,3

Milliarden 1999), und der Verkauf von industriell verarbeiteten

Lebens mitteln in Mexiko stieg jährlich um 5 bis

10 Prozent zwischen 1995 und 2003. 122 Der sich erge-

121 C. Hawkes, -Uneven dietary development linking the

policies and processes of globalization with the nutrition

transition, obesity and diet-related chronic diseases,

Globalization and Health, Bd. 2, Nr. 4 (2006).

122 Ebd. (beachtenswert ist die Steigerung des Verbrauchs

von Coca-Cola Getränken, von 275 Portionen zu 8 Unzen

pro Person pro Jahr in 1992 auf 487 in 2002, das ist sogar

höher als in den Vereinigten Staaten), siebte Seite. Siehe

auch A. Jiménez-Cruz und andere, -Consumption of fruit,

vegetables, soft drinks, and high-fat containing snacks

among Mexican children, Archives of Medical Research,

90


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

bende stark erhöhte Verzehr von Erfrischungsgetränken

und Snacks bei mexikanischen Kindern ist die Ursache

des sehr hohen Auftretens von Fettleibigkeit bei Kindern

in diesem Land.

35. Die Auswirkungen von zunehmend globalisierten

Nahrungsketten und der Vereinheitlichung der Ernährung

überall in der Welt haben verschiedene Aus wirkungen

in allen Bevölkerungsgruppen. Wenn ein Land

ein höheres Einkommensniveau erreicht, verschiebt sich

die Last von Übergewicht und Fettleibigkeit. Das ärmste

Bevölkerungssegment in armen Ländern ist kaum

von Fettleibigkeit bedroht, 123 wogegen es in Schwellenländern

mit gehobenen mittleren Einkommen (mit einem

Bruttoinlandsprodukt von mehr als etwa US$

2.500 pro Kopf) und in einkommensstarken Ländern

die Ärmsten sind, die am stärksten betroffen sind. 124 In

einkommensstarken Ländern tragen die Armen einen

unverhältnismäßig großen Anteil an den Lasten von

Übergewicht und Fettleibigkeit, und dabei sind Frauen

besonders gefährdet, da ihr Einkommen durchschnittlich

niedriger ist als das der Männer, und weil Männer

in der einkommensschwachen Gruppe oft körperlich

an strengende Arbeiten mit hohem Energieverbrauch

verrichten. Übergewichtige oder fettleibige Frauen bekommen

oft Kinder, die häufig selbst übergewichtig

oder fettleibig sind, was geringere Leistungsfähigkeit

und Diskriminierung zur Folge hat. So geschieht es,

dass sich sozio-ökonomische Benachteiligung durch die

Generationen hindurch fortsetzt aufgrund von Übergewichtigkeit

und Fettleibigkeit.

Bd. 33, Nr. 1 (2002), S.74-80; T.L. Leatherman und

A.Goodman, -Coca-Colonization of diets in the Yucatan,

Social Science and Medicine, Bd. 61, Nr. 4 (2005),

S.833-846.

123 Zum Einblick in die Situation in Brasilien, siehe R.B.Levy-

Costa und andere, - Household food availability in Brazil:

distribution and trends (1974-2003). Revista de Saúde Pública,

Bd. 39, Nr. 4 (2005), S.530-540 (beachtenswert ist, dass

bei der Einkommensklasse mit einem höheren Einkommen

als fünf Mindestlöhne pro Kopf eine starke Steigerung des

Verbrauchs von Fetten und eine Verringerung des Verbrauchs

von Kohlenhydraten zu verzeichnen ist).

124 Popkin und Gordon-Larsen, -The nutrition transition,

S.S6.

V. Schlussfolgerungen und Empfehlungen

48. Der Sonderberichterstatter zieht die Schlussfolgerung,

dass die gegenwärtigen Nahrungsmittelsysteme

zu tiefst dysfunktional sind. Die Welt zahlt einen extrem

hohen Preis für das Versäumnis, bei der Gestaltung von

Nahrungsmittelsystemen deren Auswirkungen auf die

Gesundheit zu berücksichtigen, und ein Kurswechsel

ist dringend nötig. Insbesondere in OECD Ländern, wo

weiterhin landwirtschaftliche Subventionen in großer

Höhe vergeben werden, zahlen bei dem gegenwärtigen

System die Steuerzahler dreifach für ein System, das zu

einer ungesunden Lebensführung führt. Steuerzahler

zah len für fehlinvestierte Subventionen, welche die

Agrar- und Lebensmittelindustrie zum Angebot stark

ver arbeiteter Lebensmittelprodukte anreizen anstatt

zur Bereitstellung von Obst und Gemüse zu niedrigen

Preisen; sie zahlen für die Vermarktungsbemühungen

dieser Industrie für den Verkauf dieser ungesunden

Lebensmittel, die vom zu versteuernden Gewinn abgeschrieben

werden können; und sie zahlen für die Gesundheitssysteme,

für die nichtübertragbare Krank heiten

heute zunehmend zu unbewältigbaren Belas tungen

werden. In Entwicklungsländern bleiben die Hauptprobleme

Unterernährung und Mikronähr stoff mangel,

je doch sind auch diese Länder Opfer dieser verfehlten

Politik. Sie erleben eine rapide Umstellung auf industriell

verarbeitete Nahrungsmittel, die meist importiert

werden, und eine Abkehr der lokalen Bevölkerung

von traditionellen Ernährungsweisen. Dieser

Wandel hat die Mög lichkeiten lokaler Landwirte, ihren

Lebensunterhalt durch die Landwirtschaft zu verdienen,

deutlich reduziert.

49. Die Bekämpfung der verschiedenen Aspekte der

Fehlernährung erfordert die Umsetzung des Konzepts

der Gesamtlebensperspektive, welches das Recht aller

auf eine angemessene Ernährungsweise garantiert und

die Agrar- und Lebensmittelpolitik ein schließlich der

Besteuerung reformiert, um Nah rungsmittelsysteme

so zu gestalten, dass sie nachhaltige Ernährungsweisen

fördern. Ein starker politischer Wille, kontinuierliches

Bemühen über mehrere Jahre hinweg, und die

Zusammenarbeit verschiedener Sektoren, einschließlich

Landwirtschaft, Finanzen, Gesundheit, Bildung

91


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

und Handel, sind für eine solche Veränderung notwendig.

Gemäß diesen Schlussfolgerungen macht der

Sonderberichterstatter die folgenden Empfehlungen.

50. Entsprechend ihrer Verpflichtung, das Recht aller

auf angemessene Nahrung zu achten, zu schützen und

zu erfüllen, sollten Staaten:

(a) eine nationale Strategie für die Umsetzung des

Rechts auf angemessene Ernährung einführen,

welche die Garantie des Rechts auf angemessene

Ernährungs weise für alle als Zielvor gabe aufnimmt

und spezifische Handlungsziele und Zeitrahmen

setzt;

(b) den Internationalen Kodex für die Vermarktung

von Muttermilchersatzprodukten (Interna tional

Code of Marketing of Breast-Milk Substi tutes)

und die WHO Empfehlungen für die Ver marktung

von Muttermilcher satzprodukten und von Lebensmitteln

und nicht-alkoholischen Getränken an

Kinder in Inlandsrecht umsetzen und ihre effektive

Durchsetzung sicherstellen;

(c) gesetzliche Regelungen für die Vermarktung

von Lebensmittelprodukten verabschieden gemäß

den WHO Empfehlungen, da dies das effektivste

Instrument ist zur Reduzierung der Vermarktung

von Lebensmitteln, die reich an gesättigten Fettsäuren,

Transfetten, Natrium und Zucker sind

(HFSS Lebensmittel), an Kinder, und die Vermarktung

dieser Lebensmittel an andere Gruppen reduzieren;

(d) Steuern auf Softdrinks (Sodas) und HFSS

Lebens mittel erheben, um das Angebot von und

den Zugang zu Obst, Gemüse und Bildungs kampagnen

für gesunde Ernäh rungsweisen zu subventionieren;

(e) die bestehenden Systeme landwirtschaftlicher

Sub ven tionen überprüfen unter Einbe zie hung der

Auswir kungen der gegenwärtigen Zah lungsregelungen

auf die öffentliche Gesund heit, und die

Verfahren der öffent lichen Auftrags vergabe für

Schulküchen und andere öffentliche Institutionen

dazu nutzen, dass eine Versor gung mit vor Ort produzierten,

nahrhaften Lebensmitteln gestärkt wird,

unter besonderer Beach tung armer Verbraucher;

(f) einen Plan für die vollständige Ersetzung von

Trans fetten durch mehrfach ungesättigte Fett säuren

entwickeln;

(g) die Unterstützung für Wochenmärkte und urbane

und peri-urbane Landwirtschaft erhöhen bei

Raum planungsmaßnahmen, durch finanzielle Anreize

und die Gewährleistung geeigneter Infrastruktur

zur Ver bin dung der Hersteller vor Ort mit

den städtischen Ver brauchern;

(h) die Reform des Ständigen Komitees für Ernährung

zum Abschluss bringen, um sicherzustellen,

dass dem Thema der Ernährung im ganzen

System der Vereinten Nationen angemessene Beach

tung geschenkt wird unter der multilateralen

Leitung der Regierungen und mit angemessener

Partizipation von zivilgesellschaft lichen Organisationen,

einschließlich der Orga nisationen von

Land wirten.

51. Gemäß seiner Verantwortung, das Recht auf angemessene

Nahrung zu achten, sollte der private Sektor:

(a) sich ganz an den Internationalen Kodex für die

Vermarktung von Muttermilch ersatz pro dukten

hal ten, auf die Bewerbung von Mutter milch ersatzprodukten

verzichten und die WHO Empfehlungen

für die Ver marktung von Lebens mitteln und nichtalkoholischen

Getränken an Kinder einhalten, auch

dort, wo die örtlichen Kontrollen schwach oder

nicht vorhanden sind;

(b) auf die Durchsetzung ernährungsbezogener

Inter ven tionen verzichten, wo lokale Ökosysteme

nachhaltige Ernährungsweisen tragen können, und

systematisch sicherstellen, dass solche Inter ventionen

lokalen Lösun gen den Vorrang geben und

der Zielvorgabe der Um stellung hin zur nach haltigen

Ernährung entsprechen;

Lesebuch

92


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

(c) bei den Beschaffungsketten angereicherter

Lebens mittel und bei ernährungsbezogenen Inter -

ventionen sicherstellen, dass den Beschäf tigten den

Lebensunterhalt deckende Löhne gezahlt und dass

Landwirten gerechte Preise für ihre Produkte gezahlt

werden, damit das Recht auf angemessene

Nahrung für alle von den Inter ventionen betroffenen

Menschen gesichert wird;

(d) ihr Angebot von HFSS Lebensmitteln auf gesündere

Lebensmittel umstellen und den Ge brauch

von Trans fetten bei der Lebensmittel ver arbeitung

abbauen.

Ge samtlebensperspektive zur Ver besserung ihrer

Effektivität und ihrer Fähig keit, zu nachhaltigen,

langfristigen Lösungen beizutragen, eingeführt

werden sollte;

(b) geeignete Schritte einleiten, um sicherzustellen,

dass solche Interventionen lokale Nahrungs mittelsysteme

stärken und der Umstellung auf nachhaltige

Ernäh rungs weisen den Vorrang geben.

52. In Erfüllung des ihr von der Generalversammlung

unter Ziffer 79 gegebenen Auftrags sollte die WHO:

(a) die Wichtigkeit angemessener Ernährungsweisen

bei der Umsetzung des Rechts auf angemessene

Nah rung und des Rechts auf den höchsten erreichbaren

Ge sund heitsstandard berück sichtigen,

und Menschen rechts prinzipien wie die Rechenschaftspflicht,

Partizipation und Nichtdiskriminierung

bei der Entwicklung eines umfassenden

Systems für das globale Monitoring der Bekämpfung

nichtübertragbarer Krankheiten sowie in das sich

in der Entwicklung befindlichen Indikatoren system

zur Ernährung integrieren;

(b) die Ergebnisse des vorliegenden Berichts bei der

Ausarbeitung von Empfehlungen für einen Katalog

freiwilliger globaler Ziele für die Präven tion und

Kontrolle nichtübertragbarer Krank heiten berücksichtigen.

53. Die Initiative zur Verbesserung der Ernährungssituation

(Scaling Up Nutrition Transition Team, SUN)

und die bei SUN engagierten Interessengruppen sollten:

(a) die Ziele von SUN dadurch verbessern, dass sie

alle Interventionen auf die Menschen rechts prinzipien

von Rechenschaftspflicht, Partizi pa tion und

Nichtdiskrimi nierung gründen und auf breitere nationale

Strategien zur Umsetzung des Rechts auf

Nah rung beziehen, wobei auch das Konzept der

93


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

Kleinbauern in Kenia. Foto: Frank Schultze

10. Soziale Sicherheit und

das Recht auf Nahrung

Olivier De Schutter /

Magdalena Sepulveda

Auszug aus: Briefing Note 07, October 2012: Underwriting

the poor. A Global Fund for Social Protection.

UN, Geneva 2012, Übersetzung Astrid Quick

1. Die Förderung der Sozialen Sicherheit

1.1 Soziale Sicherheit

Sozialversicherungen und Instrumente der sozialen

Sich erung stellen Unterstützungsleistungen bereit, welche

die nötigen Finanzmittel für einen minimalen

Lebens standard in Situationen sozialer Risiken und

Not lagen sicherstellen. All diese Begriffe, die in diesem

Auf satz synonym verwendet werden, beziehen sich auf

Systeme, die der Versorgung mit Unterstützungs leistungen

in Form von Geldzahlungen oder Sachleistungen

dienen, um Einzelne gegen Risiken wie den Verlust beruflichen

Einkommens (oder unzureichendes Ein kommen)

abzusichern, verursacht durch Krankheit, Behinderung,

Mutterschaft, Arbeitsunfall, Arbeitslosig keit,

Alter oder den Tod eines Familienmitglieds, mangelnden

oder unerschwinglichen Zugang zu medizinischer

Versorgung; unzureichende Unterstützung für die

Familie, insbesondere für Kinder und finanziell abhängige

Erwachsene; oder, allgemein ausgedrückt, Armut

und soziale Ausgrenzung Laut ILO können Maßnahmen

der sozialen Sicherung finanzielle Über weisun

gen, öffentliche Arbeitsprogramme, Schul sti pendien,

Unter stützung für Arbeitslose oder Behinderte,

Sozial rente, Lebensmittelgutscheine und Lebensmittelsach

leis tun gen, und Gebührenbefreiungen des Gesundheitssystems

oder Ausbildungsbeihilfen einschließen.

Die Programme sind entweder beitragspflichtig (Versiche

rung) und erfordern im allgemeinen Pflichtbeiträge

von Leistungs berechtigten, Arbeitgebern und manchmal

dem Staat, in Verbindung mit der Zahlung von

Sozialleistungen und Verwaltungskosten aus einer gemeinsamen

Kasse, 125 oder beitragsfreie Leistungen, die

wiederum entweder universal (Bereitstellung einer

„Leistung für alle, die ein bestimmtes Risiko oder eine

bestimmte Scha dens möglichkeit erfahren“ 126 ) oder zielgerichtet

(Bereit stel lung von Leistungen für die, die sich

in einer bestimmten Notsituation befinden) sein können.

Soziale Sicherungssysteme können eine wichtige

Rolle bei der Ab sicherung von Menschen gegen extreme

Armut, Deprivation und Zukunftsunsicherheit spielen.

Ent scheidend wichtig ist, dass Maßnahmen der

sozia len Sicherung die Armen gegen die durch ver schiedene

Extremsituationen verursachten Risi ken absichern,

für die sie besonders anfällig sind. Soziale Sicherungssysteme

haben das Potential, zur Verwirk lichung

von grundlegenen Menschenrechten wie dem Recht auf

Nahrung, Ausbildung und ausreichende gesundheitliche

Versor gung, und zur Be kämpfung systemischer

125 Committee on Economic, Social and Cultural Rights, General

Comment 19: The Right to Social Security, Abschnitt

4(a), U.N. Doc, E/C.12/GC/19 (4. Feb. 2008) (im Folgenden

General Comment Nr. 19).

126 Ebd. in Abschnitt 4(b); übersetzt aus dem englischen Original.

94


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

Ungleichheit beizutragen. Darauf aufbauend gibt die soziale

Siche rung Staaten ein Instrument an die Hand zur

Unter stützung marginalisierter Gruppen, zur Lösung

unmittelbarer Probleme wie Hunger und Fehl ernährung

bei Kin dern, 127 und zur Förderung von Frau en rechten. 128

Zum Beispiel haben die Bolsa Familia in Brasilien 129 und

die Unterstützung von Kindern (Child Support Grant)

indafrika, 130 die beide Geld zahlungen an arme

Familien vornehmen, erfolgreich Kinderarmut und

Hunger reduziert. Des Weiteren wird geschätzt, dass in

Mit glieds län dern der Organisation für wirtschaftliche

Zu s am men arbeit und Entwicklung (Orga nisation for

Economic Cooperation and Develop ment, OECD)

Armut und Un gleic hheit etwa „halb so groß sind wie

bei einem Fehlen solcher Sozialschutz maß nahmen erwartet

werden könnte“. 131 Sozialer Schutz kann also

„Menschen helfen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und

anzupassen, um die Hindernisse auf dem Weg zu ihrer

vollen Partizipation in einer sich verändernden ökonomischen

und sozialen Umgebung zu überwinden, und

kann damit zu einer kurz- und langfristig verbesserten

Human kapital ent wick lung beitragen, und dadurch wiederum

größere pro duktive Akti vität erzeugen“. 132 Und

127 Save the Children, A Chance to Grow: How Social Protection

Can Tackle Child Malnutrition and Promote Economic

Opportunities (2012).

128 Human Rights Research and Education Center, International

Initiative to Promote Women’s Rights to Social Security,

http://www.cdphrc.uottawa.ca/?p=4575

129 Decreto Nr. 5.209, de 17 setembro de 2004, Regulamenta a

L-010.836-2004, Programma Bolsa Familia (Brazil), zu finden

bei http://www.dji.com.br/decretos/2004-005209/2004-

005209.htm. Für weitere Informationen darüber, warum das

Bolsa Familia Programm bei der Hungerbekämpfung

erfolgreich war, siehe Report of the Special Rapporteur on

the Right to Food, Olivier De Schutter, Mission to Brazil,

A/HRC/13/33/Add.6 (19. Feb 2009), zu finden bei

http://www.srfood.org/index.php/en/country-missions

130 South Africa, Child Support Grant, Social Assistance Act

(204), For weitere Informationen über das Programm, siehe

http://www.services.gov.za/services/content/Home/

ServicesForPeople/Socialbenefits/childsupportgrant/en/_

Z. Siehe auch Stephen Devereux, Building Social Protection

Systems in Southern Africa (2010).

131 Advisory Report, s.o., Fußnote 2, S.xxiv, übersetzt aus dem

englischen Original.

132 Advisory Report, s.o., Fußnote 2, S.xxii. Siehe auch ebd. Save

schließlich können Sozial schutz systeme Wachs tum

und Entwicklung generieren, indem sie Geld infusionen

in lokale Ökono mien unterstützen 133 und das Humankapital

in der Be völ kerung verbessern.

1.2. Das Recht auf soziale Sicherheit

Soziale Sicherheit ist ein Menschenrecht, das in mehreren

Quellen des Völkerrechts verankert ist. Artikel 22

der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (Universal

Declaration of Human Rights, UDHR) schreibt

das Recht auf soziale Sicherheit fest und definiert zusammen

mit Artikel 25 das Recht auf einen angemessenen

Lebensstandard, der die Gesundheit und das Wohlbefinden

eines jeden und seiner Familie „einschließlich

Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztlicher Betreuung

und der notwendigen Leistungen der sozialen Fürsorge

gewährleistet; er hat das Recht auf Sicher heit im Falle

von Arbeitslosigkeit, Krankheit, Invalidität, Verwit wung,

Alter oder von anderweitigem Verlust seiner Unterhaltsmittel

durch unverschuldete Um stände“. 134 Artikel

the Children, Fußnote 23, S.vi, übersetzt aus dem englischen

Original. (Sozialschutz hat das Potential, in Armut lebeande

Menschen mit der Kraft zur Veränderung ihrer Lebensgrundlage

zu versehen, so dass sie voll in ihren Wirtschaften und

Gesellschaften partizipieren können).

133 United Nations Int’l Labour Org. (ILO), Social Sec. Dep’t, Can

Low-Income Countries Afford Basic Social Security? 1-2

(Social Security Policy Briefings, Nr. 3, 2008). (Durch die

Erhöhung des Einkommens der Armen wird die inländische

Nachfrage ge stei gert und Wachstum durch die Expansion des

Inlandsmarkts erzeugt. Auf der makroökonomischen Ebene

zeigt eine wachsende Zahl von Belegen, dass die Umverteilung

einen positiven Effekt auf das Wachstum gerade in Ländern

hat, in denen es große Ungleichheit gibt (AFD, 2004). Die

Nettokosten frühzeitiger Investitionen in einige elementare

Leistungen der sozialen Sicherheit können sogar gegen Null

gehen oder negativ sein, da die fiskalischen Kosten durch

positive Wirtschaftserträge und die größere Produktivität

einer besser ausgebildeten, gesünderen und besser ernährten

Erwerbsbevölkerung auf gehoben werden können.).

134 Universal Declaration of Human Rights, s.o., Fußnote 3, bei Artikel

22, 25. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte gilt

generell als nicht bindend, obwohl einige Gelehrte anführen,

dass es internationales Gewohnheitsrecht oder teilweise sogar

ius cogens geworden ist. Siehe Peter van Dijk, The Universal

Declaration is Legally Non-Binding: So What?, in: Reflections

on the Universal Declaration of Human Rights: A Fiftieth Anni-

95


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

9 des internationalen Paktes über wirtschaftliche, soziale

und kulturelle Rechte (Inter na tional Covenant on

Economic, Social and Cultural Rights, ICESCR) bekräftigt

das Recht auf soziale Sicher heit, einschließlich der

Sozialversicherung. 135 Deswei te ren schützen Artikel

26 der Kinderrechts kon vention (Convention on the

Rights of the Child) 136 und Artikel 11 der Konvention

zur Be seitigung aller Formen von Diskriminierung von

Frauen (Convention on the Elimi nation of All Forms

of Dis crimination Against Women) 137 ausdrücklich das

Recht von Kindern und Frauen auf soziale Sicherung.

Das Recht auf soziale Sicherheit wurde maßgeblich von

dem UN Komitee für wirtschaftliche, soziale und kulturelle

Rechte (Committee on Economic, Social and

Cultural Rights, CESCR) im Allgemeinen Kommentar

Nr. 19, Das Recht auf Soziale Sicherheit, definiert. Es

umfasst „das Recht, ohne Diskriminierung Leistungen

in Form von Geldzahlungen oder Sachleistungen in

Anspruch zu nehmen und zu erhalten, beispielsweise

als Schutz unter anderem vor (a) einem Mangel an

Arbeitseinkommen verursacht durch Krankheit, Behinderung,

Mutterschaft, Arbeitsunfall, Arbeitslosigkeit,

Alter oder dem Tod eines Familienangehörigen; (b) unerschwinglichem

Zugang zur Gesundheitsfürsorge und

(c) unzureichender Unterstützung der Familie, vor allem

für Kinder und finanziell abhängige Erwachsene“. 138

Desweiteren schließt das „Recht auf soziale Sicherheit

das Recht ein, nicht willkürlichen und unbegründeten

Beschränkungen der bereits bestehenden öffentlichen

oder privaten sozialen Absicherung, sowie das Recht

auf gleichberechtigten und angemessenen Schutz vor

sozialen Risiken und Schadensmöglichkeiten.“ 139

versary Anthology 108 (Netherlands Ministry of Foreign Affairs

ed., 1998); Joan Church u.a., Human Rights From a Comparative

and International Law Perspective 166-67 (2007).

135 International Covenant on Economic, Social and Cultural

Rights, Art.9, G.A. Res. 2200A, U.N. Doc. A/RES/21/2200A

(16. Dez. 1966), (im Folgenden ICESCR).

136 Convention on the Rights of the Child, 20. Nov 1989, 1577

U.N.T.S.3.

137 S. www.un-kampagne.de/index.php?id=90

138 General Comment No. 19, s.o., Fußnote 19, Abschnitt 2,

übersetzt aus dem englischen Original.

139 Ebd. Abschnitt 9, übersetzt aus dem englischen Original.

Der Hauptinhalt des Rechts auf soziale Sicherheit wird

also maßgeblich in der Allgemeinen Bemerkung Nr. 19

definiert. Wie auch bei anderen wirtschaftlichen und

sozialen Rechten, umfasst der zentrale Inhalt des Rechts

auf soziale Sicherheit Elemente der Verfügbarkeit, Zugänglichkeit

und Angemessenheit. Verfügbarkeit meint,

dass eine nachhaltige, im Inlandsrecht verankerte soziale

Absicherung vorhanden ist, „um sicherzustellen, dass

Un terstützungsleistungen für wichtige soziale Risi ken

und Schadensmöglichkeiten gegenwärtiger und zukünftiger

Generationen bereitgestellt werden“. 140 Angemessenheit

bedeutet, dass Unterstützungs leis tun gen „in

Höhe und Dauer angemessen sein müssen, so dass jeder

das Recht auf Schutz und Hilfe für die Familie, auf

einen angemessenen Lebensstandard und angemessenen

Zugang zur Gesundheitsfürsorge verwirklichen

kann.“ Dabei sollten Staaten die Prinzipien der Menschenwürde

und Nichtdiskriminierung voll achten. Und

schließlich umfasst die Zugänglichkeit mehrere Elemente,

darunter die Abdeckung aller Personen, 141 sinnvolle,

ver hält nis mäßige und transparente An spruchs -

kriterien, erschwingliche Beiträge im Fall von bei tragspflichtigen

Systemen, die Partizipation der Leis tungs berechtigten

bei der Verwaltung der Sozial siche rungs systeme

(um Rechenschaftspflicht und Bedürfnis orien tierung

des Systems sicherzustellen) und die Recht zeitigkeit

des tatsächlichen Zugangs der Unter stützungsleistungen.

All gemein ausgedrückt erfordert die Zugänglichkeit,

dass Staaten besonders auf die Entwicklung solcher Programme

achten, die auf den Prinzipien von Nicht diskriminierung

und Gleichberechtigung aufbauen, darunter

insbesondere der Ge schlechtergleichstellung, mit der

Bedürfnis er kennung von oft unzureichend geschützten

Beschäf tigten (d.h. Teilzeitbeschäftigte, Gelegen heits-

140 Ebd. Abschnitt 11. Das Komitee führt neun Hauptbereiche

der sozialen Sicherung an, die durch den Staat abgedeckt

werden sollten: Gesundheitsfürsorge, Krankheit, Alter,

Arbeitslosigkeit, Arbeitsunfälle, Unterstützung für Familien

und Kinder, Mutterschaft, Behinderung und Hinterbliebene

und Waisen. Ebd. Abschnitt 13-21, übersetzt aus dem englischen

Original.

141 Ebd. Abschnitt 23. „Alle Personen sollten abgedeckt sein, ...

insbesondere solche, die zu den am meisten benachteiligten

und marginalisierten Gruppen gehören, ohne Diskriminierung“.

Übersetzt aus dem englischen Original.

96


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

arbeiter/innen, Selb stständige und Heim arbeiter/innen)

und von den im informellen Sektor Beschäftigten,

sowie von gefährdeten oder marginalisierten Gruppen,

einschließlich indigener Volksgruppen, Minderheitengruppen,

ausländischer Gruppen, Binnen flüchtlingen

und Binnen migranten. 142

Wie bei anderen ökonomischen und sozialen Rechten,

müssen Staaten das Recht auf sozialen Schutz achten,

schützen und erfüllen. Die Verpflichtung zur Achtung

erfordert, dass Staaten „den Einzelnen nicht direkt

oder indirekt an der Ausübung seiner Menschenrechte

hindern“. 143

Die Verpflichtung zum Schutz erfordert, dass Staaten

Einzelne gegen Eingriffe in sein Recht auf soziale

Sicherheit durch Dritte schützen. 144 Und schließlich erfordert

die Verpflichtung zur Erfüllung, dass Staaten

„die notwendigen Maßnahmen treffen, einschließlich

der Einrichtung eines sozialen Sicherungssystems, zur

vollen Verwirklichung des Rechts auf soziale Sicherheit“.

145 Die Erfüllungsverpflichtung ist in drei Unterverpflichtungen

aufgeteilt: die Erleichterungsverpflichtung

(zum Ergreifen positiver Maßnahmen, um Ein -

zelne und Gemeinden bei der Ausübung des Rechts

auf soziale Sicherheit zu unterstützen), die Förderungsverpflichtung

(zum Gebrauch von Bildung und öffentlicher

Bewusstseinsbildung zur Information über den

Zugang zur sozialen Sicherung) und die Versorgungsverpflichtung

(zur Verschaffung des Rechts auf soziale

Sicherheit, wenn Einzelne oder Gruppen unverschuldet

nicht fähig sind, selbst das Recht innerhalb dem bestehenden

Sozialsicherungssystem zu verwirklichen). 146

Das Menschenrecht auf soziale Sicherheit impliziert

auch mehrere verfahrenstechnische Anfor derungen,

die den Entscheidungsfindungs- und Umsetzungsprozess

leiten. Diese schließen die Menschenrechtsprinzipien

142 Ebd. Abschnitt 29-39.

143 Ebd. Abschnitt 44, übersetzt aus dem englischen Original.

144 Ebd. Abschnitt 45. Dritte sind Einzelne, Gruppen,

Körperschaften oder jede andere juristische Person.

145 Ebd. Abschnitt 47, übersetzt aus dem englischen Original.

146 Ebd. Abschnitt 47-51, übersetzt aus dem englischen Original.

von Parti zi pation, Rechenschaftspflicht, Nicht dis kriminierung,

Trans parenz, Menschenwürde, Ermächtigung

und Rechts staatlichkeit ein (Participation, Accountability,

Non-discrimination, Transparency, Human dignity,

Empower ment and Rule of law, PANTHER-Prinzipien)

gemäß dem von der Ernährungs- und Landwirtschafts

organisation FAO entwickelten „PANTHER“

Rah men werk, das auf dem Gemeinsamen Konzept

zum Menschen rechtsansatz der UN Organisationen

(UN Common Understanding on a Human Rights

Based Approach) aufgebaut ist. 147 Partizipation bedeutet,

dass jede Person und alle Völker zur aktiven, freien

und sinnvollen Teilnahme und Mitwirkung an den sie

betreffenden Entscheidungs findungsprozessen berechtigt

sind. Die Rechenschafts pflicht erfordert, dass gewählte

Repräsentanten, Regie rungsbeamten und andere

Amts träger durch juristische Verfahren oder andere

Mecha nismen für ihre Hand lungen zur Verantwortung

gezogen werden, und damit effektive Rechtsmittel im

Fall von Rechts ver letzungen eingesetzt werden können.

Die Nichtdis kriminierung verbietet willkürliche

Differen zierungen in der Behand lung und fordert die

Ausrich tung auf die am meisten marginalisierten Bevölkerungs

segmente. Die Transpa renz erfordert, dass

Menschen von Prozessen, Ent schei dungen und Ergebnissen

Kennt nis haben können. Die Menschenwürde

erfordert, dass Menschen menschenwürdig behandelt

werden und dass sie nicht zur Befrie digung ihrer

Grundbedürfnisse auf ihre Menschenrechte verzichten

müssen, während die Ermächtigung erfordert, dass sie

in der Lage sind, auf ihr Leben betreffende Entscheidun

gen Einfluss zu nehmen. Zuletzt erfordert die

Rechts staatlichkeit, dass jedes Mitglied der Gesellschaft,

einschließlich der Ent scheidungsträger, sich

nach dem Gesetz richten muss.

Und schließlich stellt ein rechtlich begründeter Ansatz

zur sozialen Sicherheit sicher, dass Einzelne Hand lungsoptionen

haben, wenn Verletzungen der Verpflichtung

147 United Nations Food & Agric. Org. (FAO), The Right to Food

Unit, Guide to Conducting a Right to Food Assessment Feld

2.1 (2009), zu finden bei http://www.fao.org/righttofood/

publi_en.htm. Siehe auch United Nations Development

Group (UNDG), Human Rights-Based Approach to Development

Programming, http://www.undg.org/P=221

97


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

zur Achtung, zum Schutz und zur Erfüllung des Rechtes

auf soziale Sicherheit geschehen. Dies bedeutet, dass

Einzelnen die Vorteile und Leistungen der sozialen

Sicherung nicht unrechtmäßig entzogen werden können

und dass der Staat rechenschaftspflichtig ist sowohl für

die Leistungen des Sozialschutzes selbst, als auch für die

Instrumente, durch die sie bereitgestellt werden. Wenn

Einzelnen unrechtmäßig Leistungen entzogen werden,

auf die sie Anspruch haben, dann fordert ein Menschenrechtsansatz

eine Rückerstattung und stellt ihre Ansprüche

zukünftig sicher. Außerdem fordert ein rechtlich

begründeter Ansatz die Beobachtung, Bewer tung und

Aktualisierung von Programmen, um ihre Effektiv ität,

Transparenz und Rechenschaftspflicht sicherzustellen. 148

1.3. Das Recht auf soziale Sicherheit und das

Recht auf Nahrung

Das Recht auf soziale Sicherheit ist zutiefst mit dem

Recht auf angemessene Ernährung verbunden. Soziale

Sicherung kann eine wichtige Rolle spielen bei der

Verbesserung der Möglichkeiten Einzelner, Zugang zu

Nahrung zu haben. Wirtschaftlicher Zugang setzt voraus,

dass Einzelne die Kaufkraft und die Möglichkeiten

zur Nahrungsmittelbeschaffung von Märkten haben. 149

Wenn Einzelnen die Sicherung ausreichenden Einkommens

aus Gründen von Behinderung, Arbeitslosigkeit,

Gesundheit oder Armut nicht möglich ist, dann

muss der Staat unterstützend eingreifen und damit seiner

Verpflichtung zur Erfüllung des Rechts auf Nahrung

nachkommen. 150 Durch die Erfüllung des Rechts auf

Nah rung durch soziale Sicherung können Staaten sicherstellen,

dass Hunger nicht stigmatisiert und dass

Einzelne ein Leben in Würde führen können, bei dem

sie Wahlmöglichkeiten für ihr Leben und ihren Nahrungs

mittelverbrauch haben und ohne Angst vor Hunger

leben können. Soziale Sicherheit kann unmittelbar

Hunger stillen, aber auch der Angst vor Hunger in der

Zukunft abhelfen. Ein neuerer Bericht des hochrangigen

UN-Expertengremiums über Nahrungs siche rung

und Ernährung (High Level Panel of Experts on Food

Security and Nutrition), das durch das Komitee für

Welternährung (Committee on World Food Security,

CFS) eingesetzt wurde, beschreibt prägnant die Verbindung

zwischen langfristiger Nahrungssicherheit und

sozialer Sicherheit : „Menschen, die bereits unter Armut

leiden, sind von Hunger bedroht, da ihnen täglich die

Ressourcen zur Befriedigung ihrer Grund bedürfnisse

fehlen. Sie stehen außerdem ständig in großer Gefahr,

dass sie durch auch nur kleine Er schütterungen Elend,

Hunger und sogar vorzeitigen Tod ausgesetzt werden.

Eine geeignete Reaktion sozialer Sicherungssysteme

auf chronische, armutsbedingte Nahrungsunsicherheit

ist das Angebot sozialer Unter stützung in Verbindung

mit Fördermaßnahmen für die Lebensgrundlagen zur

Einkommenssteigerung. Menschen, die heute noch

nicht arm sind, aber mit dem Risiko zukünftiger Armut

leben müssen, sind für Hunger anfällig, wenn diese

Risiken auftreten und die Menschen nicht angemessen

gegen sie geschützt sind (sie werden zeitweilig Nahrungsunsicherheit

erleben).“ 151

148 Ebd. Abschnitt 74-81.

149 Committee on Economic, Social and Cultural Rights,

General Comment 12: The Right to Adequate Food,

Abschnitt 13, U.N. Doc.E/C. 12/1999/5 (12. Mai 1999).

Im Folgenden General Comment Nr. 12: „Wirtschaftliche

Zugänglichkeit impliziert, dass die finanziellen Kosten von

einzelnen Personen und Haushalten, die mit der Nahrungsmittelbeschaffung

für eine angemessene Ernährung verbunden

sind, auf einem solchen Niveau liegen sollten, dass

die Befriedigung anderer Grundbedürfnisse nicht bedroht

oder gefährdet sind. Wirtschaftliche Zugänglichkeit gilt

für alle Beschaffungsmuster oder Inanspruchnahme, durch

die Menschen ihre Nahrungsmittel erwerben und ist ein

Maßstab für die ausreichende Verwirklichung des Rechts

auf angemessene Nahrung.“ Übersetzt aus dem englischen

Original.

150 Ebd. Abschnitt 15 „Die Erfüllungsverpflichtung (Erleichterungsverpflichtung)

bedeutet, dass der Staat Strategien entwickeln

und Programme durchführen muss, um den Zugang der

Menschen zu und ihre Nutzung von Ressourcen und Mitteln

zur Sicherung ihres Lebensunterhalts, einschließlich der Nahrungssicherung,

zu verbessern. Außerdem haben Staaten eine

Erfüllungsverpflichtung (Versorgungsverpflichtung) in Bezug

auf das Recht auf angemessene Nahrung, wenn Einzelne oder

eine Gruppe unverschuldet nicht fähig ist, das Recht auf angemessene

Nahrung durch die ihnen zur Verfügung stehenden

Mittel zu verwirklichen.“ Übersetzt aus dem englischen

Original.

151 CFS High Level Panel Report, s.o., Fußnote 6, S.11. Übersetzt

aus dem englischen Original.

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Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

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Brot für die Welt Projekt Burkina Faso:

Überleben im Klimawandel

Martine Quedrago vor der Gesundheitsstation des Dorfes Soaw, Burkina Faso.

Foto: Christoph Püschner

Das westafrikanische Land kämpft gegen zunehmende

Trockenheit. Viele Kinder haben nicht genug zu essen

und sind daher anfällig für Krankheiten. In Burkina

Faso stirbt jedes fünfte Kind vor seinem fünften Geburtstag.

Das kirchliche Entwicklungsbüro ODE leistet

Gesundheitsfürsorge und hilft den Bauern, sich an die

Klimaveränderungen anzupassen.

Martine Ouedraogo sitzt vor der Gesundheitsstation

des Dorfes Soaw und hat die einjährige Augustine auf

ihrem Schoß. Mit ihr warten viele Dutzend Mütter mit

ihren Säuglingen auf Betreuung. „Ihr dürft nur das

Wasser aus den Brunnen trinken!“, erklärt ihnen eine

junge Krankenschwester. „Aber das Wasser aus dem

See schmeckt besser!“, erwidert eine Mutter. „Vom Seewasser

bekommt ihr Durchfall“, sagt die Krankenschwester.

„Und damit eure Kinder gesund bleiben,

müsst ihr vor dem Stillen eure Brüste mit Brunnenwasser

waschen.“

Gesund aufwachsen

Martine Ouedraogo hört aufmerksam zu. 28 Jahre ist

sie alt und Mutter von drei Kindern. Sie sollen es einmal

besser haben als ihre Mutter; die nie lesen und schreiben

gelernt hat. Vor allem sollen sie gesund aufwachsen.

Bevor Augustine gewogen und geimpft wird, lernt

sie alles, was eine Mutter über Hygiene wissen muss.

Die Krankenschwester, die sie unterrichtet, arbeitet

beim Office de Développement des Eglises Evangéliques

(ODE). Das kirchliche Entwicklungsbüro kümmert

sich nicht nur um die Gesundheitsvorsorge. Die allgemeine

Klimaveränderung zwingt dazu, sich auf die

Ernäh rungssicherung zu konzentrieren: Am Südrand

der Sahelzone deutet alles darauf hin, dass sich die

Trocken heit dauerhaft ausdehnen wird. 90 Prozent der

Menschen leben allein von dem, was sie ernten.

„Manch mal haben wir nicht genug zu essen“, sagt

Martine.

Bauernfamilien steigern ihre Erträge

Vieles hat sich bereits zum Guten gewendet. Ihr Mann

Justin, den ODE ausgebildet hat, berät andere Bauern in

nachhaltiger Landwirtschaft. Gemeinsam kämpfen sie

gegen die Erosion ihrer Äcker und für die Steigerung ihrer

Ernten. Sie bauen Steinwälle gegen den Wind, der

den Mutterboden abträgt, legen Komposthaufen und

Dunggruben an. Offenbar mit Erfolg: „Das Gemüse auf

unseren Felder gedeiht besser“, sagt Martine. Sie schmiedet

bescheidene Zukunftspläne: „Ich hoffe, durch bessere

Erträge in Zukunft genug Geld für meine Familie zu

haben, um Schulgebühren, Kleidung und Medizin bezahlen

zu können.“

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Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

11. Internationaler Agrarhandel

und Entwicklungsländer

Harald von Witzke

Erschienen in: Kirche im ländlichen Raum 2/2013,

S. 25. 28-29

Eine der ersten Dinge, die Agrarstudenten in der Lehrver

anstaltung „Einführung in die Volkswirtschafts lehre“

lernen, ist, dass ein liberales internationales Han delssystem

für alle Beteiligten das Beste aus den knappen

Ressourcen der Weltlandwirtschaft macht und dass

Han delsbeschränkungen die soziale Wohlfahrt der Welt

insgesamt verringern.

Das traditionelle Paradigma des internationalen Agrarhandels

besagt, dass die Entwicklungsländer einen kompa

rativen Kostenvorteil in der Produktion von Agrargütern

haben und sie diese daher exportieren sollten.

Dagegen sollten die reichen Länder Industriegüter exportieren

und Agrargüter importieren. Dieses Para digma

basiert auf der Annahme, dass für die Produktion

von Nahrungsgütern viele Arbeitskräfte mit geringem

Ausbildungsstand und daher mit relativ geringen Löhnen

notwendig sind. Diese sind in den armen Ländern

relativ reichlich vorhanden. Also sollte man erwarten,

dass sie solche Güter exportieren.

Die Realität sieht genau umgekehrt aus. Die Ent wicklungsländer

waren einst Nettoexporteure von Nahrungs

gütern im Handel mit den reichen Ländern. Inzwischen

sind sie aber Nettoimporteure geworden. Und

die Nahrungslücke der armen Länder nimmt weiter zu.

Die reichen Länder der Welt haben damit begonnen,

ihre Importbeschränkungen zu lockern. Die EU ist inzwischen

zu einem der weltgrößten Nettoimporteure,

bezogen auf die agrarischen Rohstoffe, geworden. Wenn

das traditionelle Paradigma des internationalen Agrarhandels

stimmen würde, hätten die Entwicklungsländer

ihre Nettoimporte zumindest verringern müssen. Das

Gegenteil ist indes passiert.

Die armen Länder der Welt zeichnen sich durch ein rasches

Bevölkerungswachstum aus. Arbeit wird dadurch

immer reichlicher verfügbar und relativ billiger. Wenn

also tatsächlich preiswerte, ungelernte Arbeit der

Schlüssel zur internationalen Wettbewerbsfähigkeit der

Agrarproduktion wäre, hätten sich die Nettoimporte

der Entwicklungsländer auch aus diesem Grund verringern

müssen – was aber nicht geschehen ist.

Das traditionelle Paradigma des internationalen Agrarhandels

kann damit als falsifiziert gelten. Zum einen

sind für die kostengünstige Produktion von Nahrungsgütern

von Qualitäten, für die in den reichen Ländern

eine Nachfrage besteht, relativ viel Kapital und Humankapital

(gut ausgebildete Arbeitskräfte) notwendig.

Beide sind aber in den Entwicklungsländern relativ

knapp und damit relativ teuer, während sie in den

Indus trieländern relativ reichlich und damit relativ

preiswerter vorhanden sind.

Zum anderen ist die grobe Einteilung in Agrar- und

Industriegüter nicht hinreichend, um die internationalen

Handelsströme im Agrar- und Ernährungsbereich

zu verstehen. Auch wenn die Entwicklungsländer per

Saldo Nahrungsgüter importieren, so gibt es doch auch

Märkte, auf denen zumindest einige Entwicklungsländer

als Exporteure auftreten. Hierzu zählen u. a. Kaffee, Tee,

manche Gewürze oder tropisches Obst und Gemüse.

Dies hat zum einen natürlich damit zu tun, dass die

meisten Entwicklungsländer sich in Regionen mit tropischem

oder subtropischem Klima befinden und sie diese

Güter mit einem geringeren Einsatz von Ressourcen

produzieren können als Länder mit anderen agroklimatischen

Bedingungen. Man stelle sich vor, man würde

versuchen, Ananas im Allgäu zu produzieren. Die

Böden würden dieses zulassen. Auch gibt es dort für die

Produktion von Ananas genügend Niederschläge. Aber

die Temperaturen sind für die Produktion von Ananas

viel zu gering. Also müsste man ein Gewächshaus bauen

und dieses die meiste Zeit des Jahres auch noch heizen.

Damit wäre die Produktion von Ananas viel zu

teuer und auch der CO 2

Fußabdruck wäre enorm.

Also ist es oft nicht sinnvoll, regional zu kaufen, sondern

aus anderen Ländern importierte Nahrungsgüter

zu kaufen, wenn die Preise hierfür niedriger sind als die

Lesebuch

100


Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft I Schwerpunktthema

Lesebuch

für Nahrungsgüter aus heimischer Produktion. Dabei

ist auch zu bedenken, dass man auf diese Weise Beschäftigung

und Einkommen der Bauern und Land arbeiter

in den armen Ländern ermöglicht.

Eine Möglichkeit, die komparativen Nachteile der

Agrar produktion in den armen Ländern auszugleichen,

besteht darin, ausländische Direktinvestitionen anzuziehen.

Denn auf diese Weise werden nicht nur Kapital

und gut ausgebildete Fachkräfte ins Land gebracht, sondern

auch das Wissen um den Zugang zu den Märkten

in den reichen Ländern. Ein Beispiel hierfür ist die Produk

tion und der Export von Ananas aus Ghana. In

Afrika gibt es viele Länder, die über ähnliche agro-klimatische

Bedingungen verfügen wie Ghana. Was

Ghana von den anderen Ländern unterscheidet, ist, dass

dieses Land erfolgreich um ausländische Direkt investitionen

in der Ananasproduktion geworben hat, sodass

in diesem Land produzierte Ananas heute in den

Märkten der reichen Länder zu finden sind.

Ähnlich verhält es sich mit den so intensiv diskutierten

ausländischen Investitionen in das Ackerland von Entwicklungsländern.

Diese haben das Potential, ebenfalls

Kapital und Wissen in die Entwicklungsländer zu bringen

und damit einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung

der Landwirtschaft in diesen Ländern zu leisten.

Allerdings haben in der Vergangenheit solche

In ves titionen oft nicht den vollen möglichen Gewinn

für die Entwicklungsländer gebracht. Dies war nämlich

immer dann der Fall, wenn die Regierungen der beteiligten

Entwicklungsländer den Bauern keine durchsetzbaren

Eigentumsrechte an den von ihnen genutzten

Flächen gewährt haben. In solchen Fällen konnten die

ausländischen Investoren die bisherigen Landnutzer von

den bisher von ihnen genutzten Flächen vertreiben, was

natürlich den potentiellen wirtschaftlichen Nutzen für

die beteiligten Entwicklungsländer geschmälert hat und

natürlich auch politisch nicht besonders akzeptabel war.

Vor fast genau 200 Jahren veröffentlichte der britische

Ökonom David Ric