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Lebenssituationen von Familien

in finanzieller Bedrängnis

Armutssensibles Handeln in Kitas und Familienzentren

Prof. Dr. sc. oec. Uta Meier-Gräwe

Justus-Liebig-Universität Gießen

Vortrag in Köln am 22. April 2013


Die Großfamilie als Auslaufmodell


Das klassische Familienmodell in

Deutschland bröckelt…

• 2011 waren in 71 Prozent aller Familien die

Eltern verheiratet. 15 Jahre zuvor waren es

noch 81 Prozent.

• In fast jeder zehnten Familie leben die Eltern

ohne Trauschein zusammen. 1996 war das

lediglich in jeder 20. Familie der Fall.

Quelle: SBA 2012


Frauen als

Familienernährerinnen

In 20 % aller Familien mit Kindern ist die

Frau hauptverantwortlich für den

Lebensunterhalt.

• mittlere Bildungsabschlüsse und

Niedrigeinkommen sind überdurchschnittlich

häufig („Working poor“)

Quelle: Klammer, Klenner 2010


Gesellschaftlicher Kontext

Anstieg Niedriglohnsektor:

• Zunahme der Niedriglohnbeschäftigten von

1995 bis 2010 um 2,33 Mio. auf rd. 8 Mio.

Beschäftigte

• 23,1 % der Beschäftigten arbeiten für Lohn

unter 9,15 €/h, Ausfransungstendenzen nach

unten, Rückgang der Tarifbindung


Männer und Frauen nach Alter in

atypischen Arbeitsverhältnissen 2009

in Deutschland (in 1000)

2.000

1.800

1.600

1.400

1.200

1.000

800

600

400

200

0

15 - 25 25 - 35 Männer 35 - 45 Frauen 45 - 55 55 - 65

Quelle: Mikrozensus 2009 (in 1000); Statistisches Bundesamt


Deutschland ist eines der

wenigen westlichen Länder,

das sich den Luxus eines

völligen Verzichts auf die

Vermögenssteuer leistet.

Hans-Ulrich Wehler „Die neue

Umverteilung. Soziale Ungleichheit

in Deutschland“ 2013


In der neueren Zeitgeschichte findet

sich keine Berufsklasse wie die

Manager von Vorständen, die mit

derart ungebremster Habgier ihrem

Drang nach Einkommens- und

Vermögenssteigerung gefolgt sind.

Hans-Ulrich Wehler „Die neue

Umverteilung. Soziale Ungleichheit

in Deutschland“ 2013


Zwischen 2000 und 2020 könnten bei einer

Erbschaftssteuer von 50 %, wie es sie in anderen

Ländern gibt, zwei Billionen Euro für den Ausbau

des Bildungssystems, der Verkehrswege und

einer sozialen Infrastruktur gewonnen werden –

und zwar ohne jede weitere Belastung des

Steuerzahlers. (Die Erbschaftssteuer liegt derzeit

bei grotesken 1,6 %!!!!)

Hans-Ulrich Wehler „Die neue

Umverteilung. Soziale Ungleichheit

in Deutschland“ 2013


Armutsentwicklung in

Deutschland

• SOEP-Datenanalyse belegt: Abstiege aus

Zonen des gesicherten Wohlstandes in

verfestigte Armut kommt praktisch gar nicht vor

• Dagegen lassen sich eine Zunahme von

Abstiegen aus der Zone der Prekarität in

verfestigte Armutslagen sowie eine deutliche

Zunahme des Verbleibs in der Zone verfestigter

Armut erkennen.

Quelle: Olaf Groh-Samberg 2010 , APuZ 51-52/2010, S. 9-15


ARMUTSGEFÄHRDUNGSQUOTE

2010* (in Prozent)

Frauen 16.8

Männer 14.9

Alleinerziehende und ihre Kinder 37,1

Alleinlebende unter 65 Jahren 36,1

Alleinlebende ab 65 Jahren 24,1

Paare unter 65 Jahren ohne Kinder 11,3

Paare mit 2 Kindern 8,7

* Armutsgefährdete Personen haben monatlich weniger als 962

Euro zur Verfügung

Quelle: Statistisches Bundesamt Wiesbaden


Veränderte

gesellschaftliche Rahmenbedingungen

Wandel der Lebensformen

Steigende Anzahl berufstätiger Mütter

2/3 der deutschen Mütter im erwerbsfähigen Alter sind

berufstätig – häufig allerdings in geringfügigen

Beschäftigungsverhältnissen


Muster der Verteilung von Erwerbs- und

Sorgearbeit in Paarhaushalten mit zunehmender

Ehedauer (in %)

Geschlechterarrangements

Zeitpunkt

Eheschließung Nach 6 Jahren Ehe Nach 14

Jahren Ehe

Stark traditional* 25,5 55,0 60,2

Traditional** 29,0 25,7 24,9

Partnerschaftlich 43,6 18,6 13,7

Nicht traditional 1,7 0,7 0,8

Stark nicht traditional 0,2 0,4 0,4

Paare (n=……) 1 423 773 518

Quelle: Sachverständigengutachten 2011:99 nach Blossfeld/Schulz 2006


ARBEITSPLATZ

Altenheim

KITA

Supermarkt

FAMILIE

UNI

Musikschule

FAMILIE


Alleinerziehende - Eine Lebensform

unter vielen:

• der überwiegende Teil der Alleinerziehenden

lebte zuvor in einer ehelichen Gemeinschaft

• Jede 2. Trennung erfolgte noch vor dem 3.

Lebensjahr des Kindes

• 2009 lebten bundesweit 2,2 Mio. Kinder in

dieser Lebensform


H

Lebensformen im Vergleich

DINK 153 %

Familien mit Kindern 102 %

Alleinerziehende 56 %

*Relative Wohlstandspositionen beschreiben Einkommensunterschiede zwischen

verschiedenen Lebensformen. Sie verdeutlichen die Abweichungen der durchschnittlichen

Einkommen einzelner Lebensformen vom durchschnittlichen Einkommen aller

Lebensformen. Dabei wird das durchschnittliche gewichtete Pro-Kopf-Einkommen der

Lebensformen gleich 100 Prozent gesetzt

Quelle: Eggen, Statistisches Landesamt Baden-Württemberg


Armutstypologie

B

E

G

A

B

T

E

N

P

O

T

E

N

Z

I

A

L

E

Die verwalteten Armen

Die erschöpften

Einzelkämpferinnen

Die ambivalenten

Jongleurinnen

Die vernetzten Aktivenn


Genogramm Haushalt E

41

//

16 9 6


Genogramm Haushalt F

39

/

7

7


Zielgruppe „Erschöpfte

EinzelkämpferInnen“

• behördliche Aufklärung, Information und unbürokratische

Unterstützung zur

Inanspruchnahme von gesetzlichen

Mindeststandards

• präventive Hilfekonzepte, die vorhandene

Ressourcen und Eigeninitiativen konstruktiv

einbinden

• Maßnahmen zum Erhalt der Gesundheit der

Bezugsperson


Trennung von

hauswirtschaftlichen,

sozialpädagogischen und

sozialpsychologischen Hilfen in

der Praxis der sozialen Arbeit

konterkariert den Grundsatz „Hilfen aus

einer Hand“


Eigeninitiative von Haushalten in

armen und prekären Lebenslagen

führt tendenziell zu einem

„Rückzug professioneller

Hilfesysteme“

konterkariert den Ansatz „Hilfe zur Selbsthilfe“

und das Konzept vom aktivierenden Sozialstaat


Die zwei Hauptakteure in die Zusammenarbeit bringen!

Jugendhilfe

Jobcenter

Ziel: Gemeinsames und abgestimmtes Verfahren, um für

Alleinerziehende tätig zu werden!


Quelle: G. Erler: Armutsprävention bei Alleinerziehenden


Gemeinsame Reflexion sichern !!!

Jobcenter

Jugendhilfe

Maßnahmenträger

Kommunen

Betriebe

Beratungsstellen

Regionalbüros

Tagespflege

Schulen

Kita‘s/FAZ

Inhalt: Wie funktioniert die Zusammenarbeit?


Anteil der Kinder unter 24 Monaten, die an organisierten

Anteil der Kinder unter 24 Monaten, die an organisierten

Freizeitangeboten teilnehmen, abhängig vom

Freizeitangeboten teilnehmen, abhängig vom Familieneinkommen*

Familieneinkommen* (in Prozent)

(in Prozent)

60

50

40

30

20

10

SGB II (inkl. Aufstocker)

weniger als 70 % (ohne SGB

II)

70 bis 100 %

100 bis 130 %

130 % und mehr

0

BabyschwimmenPEKiP-Kurse Krabbelgruppe

*Anteil des Familieneinkommens am äquivalenzgewichteten Medianeinkommen

Datenbasis: Sonderauswertung AID: ADJI-Survey 2009


Jedes Kind mitnehmen

Insbesondere Kinder aus Migrationsfamilien bewältigen

den Übergang in die Schule erfolgreicher, wenn sie in

der Vorkindergartenzeit eine familienergänzende

Einrichtung besucht haben. Das Lehrpersonal beurteilt

ihre sprachlichen, kognitiven und sozialen Fähigkeit

signifikant besser als die von Kindern, die ausschließlich

zu Hause aufgewachsen sind. Transitorische Räume

begünstigen ihre Entwicklungs- und Bildungschancen.

(Quelle: Lafranchi/Gruber/Gray 2003)


Bildung und soziale Herkunft

Der Widerstand der höheren Schichten gegen einen

sozialen Abstieg ihrer Kinder erzeugt

– zusammen mit einer traditionell höheren

Wertschätzung von Bildung –

einen stärkeren Druck zu höheren

Bildungsabschlüssen

als die vage Hoffnung auf einen sozialen Aufstieg der

benachteiligten Schichten.


Nutzen frühkindlicher Förderung

Frühe Förderung unter Einbeziehung der

Eltern wirkt sich positiv auf die jeweiligen

Gesundheits- und Bildungsbiographien aus

Investitionen dieser Art erzeugen ein hohes

Kosten-Nutzen-Verhältnis für die Gesellschaft


„Misshandlungen und Vernachlässigungen [sind] in den

meisten Fällen Endpunkte einer von den Eltern nicht

gewollten, verhängnisvollen Entwicklung , an deren

Anfang vielfältige Überforderungen stehen.“ (Kindler,

Sann 2007)

Je früher Risiken erkannt und

Benachteiligungen aufgefangen werden,

desto eher können Gefährdungen des

Kindeswohls, deren Folgen und dadurch

entstehende gesellschaftliche

Folgekosten vermindert werden.


Chancen Früher Hilfen

• Im Übergang zur Elternschaft sind Familien

Hilfeangeboten besonders offen gegenüber

eingestellt

• Zugang zu den Familien möglich, bevor

verfestigte Problemlagen und eine akute

Gefährdung vorliegen

• Hilfen bei vorhandenen Risiken statt Behandeln

von Folgen


Ergebnis der Berechnung der Folgekosten

Szenario

Kita ❶

Kita ❷ Erziehungsprobleme,

Entwicklungsverzögerung, psychische

Störung, geringe berufliche Qualifikation

Schule ❶ Behandlung Übergewicht,

Schule für sozial-emotionales Lernen mit

Tagesbetreuung und SPFH in der Familie.

Stationäre Jugendhilfe. Geringe

berufliche Qualifikation, lebenslanges

Übergewicht und Folgeerkrankungen

Schule ❷ Stationäre psychiatrische

Behandlung , stationäre Jugendhilfe,

geringe berufliche Qualifikation,

depressive Erkrankung

Kosten in

Euro

424.000

442.000

1.243.000

1.076.000


Ergebnis der Berechnung der Folgekosten

Kosten in Euro

Kostenverhältnis

1:34

1.159.295

Euro

1:13

432.950

Euro

34.105

Euro

Frühe Hilfen Kita Schule

Zeitpunkt des Hilfebeginns


Großer kommunalpolitischer

Handlungsbedarf im Bereich der

systematischen Armutsprävention

und passgenauer Unterstützung

im Alltag


Kitas zu Familienzentren

weiterzuentwickeln oder solche

Einrichtungen neu zu gründen, ist

eine ebenso strukturelle wie

innovative Antwort auf veränderte

Bedarfslagen für Familien.


Solche Bedarfe sind in allen

familialen Lebensformen und quer durch

alle Bildungsgruppen vorhanden.


Grundprinzipien der

Familienzentrumsarbeit

• Kinder werden in ihren Stärken und

mit ihren Kompetenzen

wahrgenommen

• Müttern und Vätern wird als

ExpertInnen für ihre Kinder begegnet

• Es erfolgt eine genaue Dokumentation

und Reflexion des pädagogischen

Alltags im Familienzentrum


Grundprinzipien der

Familienzentrumsarbeit

• Wertschätzende Haltung gegenüber

den Eltern

• Begegnung auf Augenhöhe, um

nachhaltige Bildungs- und Erziehungspartnerschaften

mit ihnen aufzubauen

„Nichts berührt Eltern intensiver und dauerhafter als

die Vermittlung von Einsichten in das Verhalten des

eigenen Kindes.“

(Althey)


Grundprinzipien der

Familienzentrumsarbeit

• Nicht, weil Mütter arbeiten müssen,

brauchen wir Familienzentren und

verlässliche kindbezogene und

alltagsentlastende Infrastrukturen,

sondern weil sie ein gutes Recht darauf

haben, ihre Bildungspotentiale zu

entfalten und über den Privatbereich

hinaus für die Gesellschaft einzubringen.


Kindliche Entwicklung ist

unteilbar

• Fachkräfte unterstützen Familien in

schwierigen sozialen Situationen.

• Familienbezogene Öffnungszeiten

verringern Hektik und Stress im

Familienalltag.


Grundprinzipien der

Familienzentrumsarbeit

• Aufbau einer sozialraumbezogenen

Vernetzung mit anderen sozialen

Akteuren

• Gute Erreichbarkeit sichern

• Angebote in den Familienzentren

vorhalten


Grundprinzipien der

Familienzentrumsarbeit

Brücken bauen in den Arbeitsmarkt:

• anbieten von arbeitsmarkt- und berufsorientierenden

Veranstaltungen in den

Familienzentren

(findet bundesweit noch zu wenig statt.)


Grundprinzipien der

Familienzentrumsarbeit

Eine Kommune, die Kindern und

Jugendlichen eine hochwertige Bildung,

verlässliche (Ganztags-)betreuung mit

einem gut strukturierten Alltag anbieten

kann, ist auch für deren Eltern attraktiv.


Grundprinzipien der

Familienzentrumsarbeit

Angebote zur Vereinbarkeit von

Ausbildung, Beruf und Familie erweitern

• Öffnungszeiten erweitern

• Ausbau der Randzeitenbetreuung steckt

noch in den Anfängen, bundesweit in

vielen FAZ (noch) kein Thema


Grundprinzipien der

Familienzentrumsarbeit

Willkommenskultur für alle Familien

entwickeln, auch wenn ihr Kind (noch)

keinen Platz im Familienzentrum hat


Grundprinzipien der

Familienzentrumsarbeit

Professionale Gestaltung von Übergängen:

• Zur Familie (Bildungsbedeutsamkeit der

Herkunftsfamilie Startpunkt der Bildungskette,)

• Zur Grundschule (unter Einschluss der

Öffnung von Angeboten des FAZ für

Familien mit Kindern im Grundschulalter)


Warum liegt der Ausbau von

Familienzentren im Interesse

der Kommune?

Eine Kommune, die es schafft, Kinder aus

bildungsfernen Milieus angemessen zu

fördern, vergrößert deren Bildungs- und

Arbeitsmarktchancen und verringert

dadurch mittelfristig die eigenen Ausgaben

für Transferleistungen…..


Die soziale Infrastruktur für Familien neu denken!

Es geht um die Weiterentwicklung der sozialen Infrastruktur im

Ganzen

(bedarfsorientierte, niedrigschwellige, integrierte, gendersensibel,

zielgruppenbezogene, aber auch zielgruppenübergreifende Ansätze und Angebote)

Neue Anforderungen:

•Profil schärfen und Schnittstellenkompetenzen entwickeln

•Stärkung konzeptioneller, planerischer und fachpolitischer Aufgaben

und Qualifikationen


„Wir können es uns nicht leisten,

nicht zu investieren.“

Vielen Dank!

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