Die elsassische Bourgeoisie

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Die elsassische Bourgeoisie

N )0") 1111 1

Dr. F. KIENER

Privatdozent in Strassburg

tu

DIE ELSÄSSISCHE

BOURGEOISIE

Zweite Auflage

"l3,

Verlag

der Elsässischen Rundschau

Strassburg

1910

Document

0000005731572


Vorwort zur zvciten :\ ii flage

Der zweiten Auflage einer Abhandlung, die sich in abstraktem

Gedankengange bewegt, erlaube man ein persönliches

Wort voranzuschicken.

Seit Werner Wittich vor etlichen zehn Jahren über die

deutsche und die französische Kultur im Elsass geschrieben

und sich sein Buch als ein lebendiges Buch erwiesen hat, will

des Werbens um die elsässische Seele und des Streites in

Wort und Schrift kein Ende werden. Das Elsass ist als

Problem entdeckt Des mögen wir froh sein. Wir leben zwar

nicht des naiven Glaubens, dass sich durch Kombination der

verschiedenen Meinungen das Problem in eine Formel werde

timrechnen und dann aus der Theorie in die Wirklichkeit umsetzen

lassen; wir sind einer begründeten Skepsis voll und

darum bescheiden. Uns genügt schon, dass der Widerstreit

der Ansichten nicht anders wirken kann denn im Sinne einer

Befreiung der Geister. Das wird nur von Segen sein.

Die Generation unserer Väter hat seit der Annexion in

Verwirrung und Betäubung gelebt, sie fand den \Veg nicht

zwischen dem, was ihre Seele empfand, und der harten Wirklichkeit,

die sie umgab. Darum war sie verstummt, und man

hörte in der Stille nur die Männer warmblütigen Temperaments

und daneben den widerlichen Chor der Streber und Schwätzer,

der sich wie zu allen Zeiten unter grossen Worten und

mit derbem Ellbogen zur Sonne drängte. Das feinere Elsass

aber blieb still und sprach kein Wort sich auszudrücken.

Es ist nicht gut, wenn in der öffentlichen Meinung nur die

groben Untertöne der Leidenschaft und der Berechnung zu

Gehör kommen und keine feinere Melodie darüberschweht, die


- 11 -

in vornehmeren Naturen anklingt. Alles reichere und abgetönte

Empfinden, da es draussen kein Echo mehr fand, beschied

sich mit der Resignation der Unverstandenen und verzichtete

auf laute Tätigkeit. Aber auch so noch wirkte es

unbewusst und ungewollt durch den Adel seines Lebens und

seiner Gesinnung. Es wäre zu wünschen, dass es sich nun

wieder zum Worte melde. Bei der neuerwachten Lust am

Kampfe der Meinungen, die das Ohr schärft, würde es nicht

ungehört verhallen und wahlverwandte Seelen aufwecken und

nach sich ziehen. Doch wir wissen nicht, oh die vornehmere

und daher von Haus aus schon stille und nun fast ganz 'erstumtnte

Tradition der voraufgegangenen Geschlechter noch

Wortführer von werbender Kraft und Organisation finden wird.

Es gibt manch' bitteres Zu spät! wie im Leben des einzelnen,

so auch im Leben einer grösseren Gesamtheit, und köstliche

Blüten welken, ohne je Frucht und Samen zu bringen.

Dass sich auf seinen Höhen und in seinen Tiefen das

ganze Elsass rüste und irgendwie und so gut es kann und

vor aller Augen bekunde, fordert vielleicht die Stunde, die

jetzt schlägt. Es mehren sich die Zeichen, dass wir an einem

Wendepunkte stehen. Was da weiden soll, wissen nur die

Propheten. Doch soviel glauben auch wir zu wissen, dass

wer jetzt stumm bleibt, nicht so bald wieder wird zu Worte

kommen, dass wer jetzt zurücksteht, von den Voranstrebenden

noch mehr wird zurückgedrängt werden. Darum möge alles,

was für sich werben und führen will, nun seine Stimme erheben!

Es gibt Schicksaisstunden, die nicht wiederkehren.

Man wird sagen, ich spreche mit unnötigem Pathos von der

ungewissen Zukunft, die sich wie jede Zukunft langsam

aus Altem und Neuem zu weben beginnt. Dass sich stets

am Webstuhl der Zeit Altes und Neues gleich Zettel und Einschlag

verbinden, ist gewiss eine Weisheit, die uns der Alltag

predigt und kein Schriftgelehrter eigens zu verkünden braucht.

Wenn sich aber das Schicksal, wie vielleicht bei uns, nach

neuem Muster gestalten will, da möge man aufmerken und

nachsinnen.


- III --

Nach den unfrohen Jahrzehnten des l'hergarigs will es

scheinen, als ob sich das Elsass wieder auf sich selbst besinnen

dürfte. Schon steigen die Dichtei' auf die Höhe und

schauen nach neuem Morgenrot aus. Es ist ihr Vorrecht, uns

in den Stunden der Not und der Begeisterung über uns selbst

und die platte Wirklichkeit emporzuheben; doch UI'S selbst

überlassen, sind wir gezwungen, mit beiden Füssen auf der

festgegründeten Erde zu stehn und schrittweise das nächstliegende

Ziel abzumessen.

Aus der Wirrnis der vergangenen Tage erwächst uns die

Aufgabe, wieder ins Gleichgewicht zu kommen, koste es auch

noch so grosse Arbeit. Daher wird, wer die Energie des Gedankens

und der Tat auf seiner Seite hat, Herr über unsere

Zukunft sein. Auch die obere Schicht unserer Gesellschaft.

auch die Bourgeoisie kann sich dieser Einsicht nicht verschliessen.

Will sie sich fernerhin noch an der Führerschaft

beteiligen, so möge sie sich sammeln, statt immer wieder ihr

Bestes, was sie hat, an das Ausland wegzugeben: ihre Töchter

und die oberelsässischen Fabrikherren Aus dein der

Heimat spriesst heute für sie eine Fülle von Energie und

stärkenden Gedanken wie aus keinem andern Boden ringsum,

Werden wir die keimende Saat auch ernten? Es gibt Reichtum,

der sieh anbietet und doch nicht lockt, und so manche Möglichkeit

einer Betätigung in Kraft und Energie, die uns kalt lässt.

Vom Bu..gel'tuln.ist tatenscheue Bequemlichkeit bei grosser

Gelegenheit mehr als von jedem andern Stande zu fürchten,

weil es in seiner täglichen lebenshaltung zur kleinen Berechnung

und selbstgenügsamen Eitelkeit neigt. Verdriesslich

wird es auf die Gefahr hinweisen, wenn es aus seiner Zurückhaltung

hervortrete, sich an das eingewanderte offizielle Stück

1 )eutschland zu verlieren. Man möchte dem entgegenhalten,

dass sich zu allen Zeiten das Elsass mit vieler und auch

offizieller Einwanderung hat auseinandersetzen inüssen, und

wird, ohne pedantisch das Leben der Gegenwart nach dein

Takte der Vergangenheit regeln zu wollen, historischen Perspektiven

immerhin etlichen Wert beimessen.


- lv -

Überblickt man die ganze Entwicklung, da erscheint das

Los unserer Heimat wunderbar und tragisch zugleich. Wir

sind ein Land der Berührung und Mischung und daher auch

der Gegensätze. So wollte es unsere Lage. Hier endet die

deutsche Welt und jenseits der Vogesen beginnt Welschland.

Der Sang, der aus diesen verschiedenen Sphären tönt, hat uns

fast stets aufgerüttelt und war nie ein Schlummerlied, das uns

einwiegte. Aus Schwaben floss Künstler- und Theologenblut

und wanderndes Volk, das sich hier staute und so verachtet

war, dass sein Stammesnaine frühauf schon unser Gespötte

wurde. Der Rhein brachte auf seinen Fluten in verwirrender

Fülle Mystik und poesievolle Phantasie und Samen aus Rom

und aus Orient. Aber von Westen her über den Kamm der

Vogesen flog auf leichten Schwingen die französische Anmut,

umschmeichelte den leichtblütigeren Teil der mit Kelten durchsetzten

Bevölkerung und bezauberte sein Herz mehr noch als es

die Nixen des Rheines vermocht. Aus allen Windrichtungen ist

unsere Luft mit Keimen der Erregung erfüllt, und die Geschichte

hat nur vollendet, was unsere Lage vorschrieb. Sie

warf uns abwechselnd den Kelten und den Römern, den

Deutschen und den Franzosen in die Arme und gab uns die

deutsche Glaubensspaltung und den politischen Virus der französischen

Revolution. Wir leben in einer Welt von Gegensätzen!

Man bemerkt in entnervender Atmosphäre Wesen, die

sich stark erhalten, indem sie auf die aufregenden Einflüsse

des Klimas nur mit Mass reagieren. Nicht anders verfuhr mit

uns ein gütiges Schicksal. Es verlieh uns eine gewisse Undurchdringlichkeit,

sich der vielen und überreizenden Eindrücke

zu erwehren. Gegen einwanderndes Volk stemmt sich der

feste Zusammenhalt von Familientradition und Faniiliengeist,

dem sich auch der Fremde unterwerfen muss, wenn er Eintritt

begehrt; gegen einwandernden Überschwang schützt uns das

nüchterne Bedürfnis nach gesicherter Existenz, das uns in Zucht

hält und auf einen engen Lebenskreis einzirkelt; und weil

fremder Reichtum, wenn ohne Wahl genossen, statt zu fördern

nur zerstört, so sind wir dankbar für die Gabe der bissigen


- v -

Ironie, die uns ermöglicht, was uns nicht gefällt. unter Hohn

und Spott abzuwehren. Daher sind wir in unserer Gesamtheit

ein Menschenschlag von nüchterner und sogar negativer Art,

dessen wirkliche Spannkraft aber weit hinauszielt über solchen

Durchschnitt, in dem sich nur die nach aussen gerichteten.

defensiven Eigenschaften unseres Stammes darstellen.

Über den der Oberfläche zugewendeten Eigenschaften des

Widerstandes ist man geneigt zu übersehen, was dahinter

unsere Seele an Weite und Feuer birgt. Oh wir die geniale

Ursprünglichkeit des Gemütes haben, weiss ich nicht; aber

dass wir fremde Welten in uns aufzunehmen und schöpferisch

umzugestalten wissen, lehrt unsere Geschichte. Wir haben

Boden, in dem fremder Same oft besser gedeiht als zu Hause,

und Flügel weit genug, auch den grössten Gedanken emporzutragen.

Von reproduktiver Befähigung, ohne innere Geschlossenheit,

schwanken wir in Extremen. Wir sind negativ

und doch hitzigen Temperaments, von einer Schwerfälligkeit,

die empört, und doch auch wieder von einer Feinheit, die

sich nicht verleugnet, bei aller Nüchternheit nicht ohne Schwung.

Wir tragen in uns eine Welt VOfl Gegensätzen!

Lasst aus allen Richtungen den Geist des Herrn wehen

über diesen Kreuzplatz der Geschichte, der das Elsass ist

unser Saitenspiel ist reich genug, mit dem richtigen Tone zu

antworten Wir antworten nicht immer. Wir ziehen uns auf

unsere Defensive zurück aus Angst, uns an die Fremde zu

verlieren; aber dann laufen wir Gefahr zu verkümmern. Was

Grosses in uns ruht, weckt stets die Fremde. Das ist der

Pendel-schlag unseres Lebens. Er regelt sich nicht von selbst,

sondern richtet sich nach dem Takte, den wir ihm aufzwingen.

Unruhig schwankt er jetzt hin und hei. Man möchte von

der Vergangenheit retten, soviel sich retten lässt, und doch

dem Tage gerecht werden. Den Ausgleich zu finden, sind

nicht die Gelehrten berufen, noch weniger die Schwätzer, dazu

sind auserwählt die führenden Klassen der Gesellschaft. Solche

Probleme löst nicht die Wissenschaft, sondern das Leben.


- VI -

Die neue Auflage gibt mir erwünschte Gelegenheit auf

Seite 10 meiner Abhandlung eine Unstimmigkeit zu berichtigen,

auf die mich eine freundliche, wenn auch wenig mit mir einverstandene

Besprechung von W. Wiegand in der Zeitschrift

für die Geschichte des Oberrheins XXV, 208(1910) aufmerksam

macht. Von dieser Verbesserung abgesehn, blieb stehen, was

in der ersten Auflage (1909) geschrieben stand, und selbst an

diesem einzelnen Punkte glaube ich nicht soviel, wie mein

geschätzter Kritiker verlangt, preisgeben zu dürfen. Dass die

elsässischen Reichsstädte in ihrer Freiheit durch Habsburg bedroht

waren, ergibt sich aus G. Bardot, La (Jucstion des Dix

Villes Ji;zpriales d'Alsnce, S. 28 f.; und dass am Schlusse

der Stadtfreiheit in Deutschland der Reichsdeputationshauptschluss.

im Elsass aber die grosse Revolution steht, bedingt

eine grundlegende Verschiedenheit der bürgerlichen Entwicklung

dort und hier.

Strassburg. im Februar 1910.


Die Elsässische Bourgeoisie 1)

Mit der leidenschaftslosen Ruhe, die uns die Vogelperspektive

historischer Betrachtung gibt, möchte man einiges Verständnis

wecken für die Geschicke der elsässischen Bourgeoisie.

Seit der Stunde ihrer Geburt ist sie ein Glückskind

gewesen, dem alles gelang und selbst die schlimmste Krisis

noch zum besten diente. Auch politischer 'Wandel vermochte

nicht ihren Siegeszug aufzuhalten. Als sie im siebzehnten Jahrhundert

die Nationalität wechselte und mit dem ganzen Elsass

französisch wurde, schien sich ihr Horizont für immer zu

schliessen ; doch gerade da, und aller Schwarzseherei zum

Trotz, weiteten sich ihre Aussichten in ungeahnte Fernen.

Dass sie in Deutschland aufwuchs, dann aber an Frankreich

kam, war, von ihrem Klassenstandpunkt aus besehen, ein

Glück sondergleichen. So stieg sie von Erfolg zu Erfolg, und

als sie daher die Hand ausstreckte, auch noch die schönste

Frucht, die sie erreichen konnte, den Hesperidenapfel der Staatsgewalt

zu brechen, erschien dies jedermann wie der vorgezeichnete

Abschluss alles bisherigen ergebnisreichen Strebens.

Aber derweil sie sich zum höchsten anschickte, trat im Gefolge

des Jahres 1870 der Rückschlag ein. Ihre Entwicklung brach

mitten entzwei.

Die erste und Jahrhunderte hindurch auch einzige Heim-

Stätte des Bürgertums sind die Städte gewesen, und da das

Elsass frühauf schon gesegnet war mit Städten und Städtchen,

so werden wir hier ein überaus ansehnliches Bürgertum haben.

Selbst gegründet hat freilich das Bürgertum die Städte nicht;

es kam zur Welt, als längst schon die Fundamente zu diesen

- 1)

Zuerst erschienen in der Elsissisci,e:, Rundschau, XI, 1909 Heft 2

und 3.


- -

seinen Wohnsitzen gelegt waren. Denn so früh es auch auf

dem Plane erschien, vor ihm waren dcli schon andere da: die

Fürsten und ihr Adel. die Bischöfe und Äbte und ihre Geistlichkeit.

Nut' Helm und Panzer, Krummstab und Mitra leuchten

mi Dunkel der Zeit. Daher auch stehen am Uranfang der

Städte Organisationen, die den Fürsten und geistlichen Herren

zu Diensten sind. Eine Benediktinerabtei sehen wir mi siebten

Jahrhundert dort, wo später Weissenburg sich lagert, und ebenso

zu Münster im Gregoriental. Zu Oberehnheim und zu Rosheirn

erraten wir Herrschaftsgut der Etichonen, das an Kloster Hohenburg

fällt. Strassburg ist uralter Wohnsitz des Bischofs hinter

römischem Mauerwerk, Rufach sein vornehmster Hof im Ober-

Elsass. und auch Mülhausen wird ihm untertan. Als Mittelpunkte

karolingischer Krondomänen beginnen Schlettstadt und

Colmar zu leben; als Burg und Jagdschloss der Grafen von

Mönipelgait wird im elften Jahrhundert Hagenau bekannt,

Gutshöfe der Grossen und Bethäuser waren diese Orte, ehe

denn sie zu Städten wurden, und sie füllten sich, weil es stets

der Autorität bedarf, mit einem lauten und glänzenden Kriegerund

Verwaltungsadel, unter dem das Volk in der Tiefe sich

beugte, um zu arbeiten. Also wird uns und jedermann klar,

dass die arme Menschheit im Zwange erzogen wird zu Gebet

und Arbeit durch harte Aristokratie, die über ihr haust.

„Um das Jahr 1200", so erzählt uns ein Dominikaner zu

Colmar, der hundert Jahre später schrieb, ‚waren Strassburg

und Basel unansehnlich an Mauern und Türmen, noch unansehnlicher

in hetreff der Wohnhäuser. Colmar, Schlettstadt,

Rufach, Mülhausen und andere kleinere waren damals noch gar

keine Städte «. Damals aber begann ein Aufschwung, desgleichen

ihn nur wieder unsere Zeit erlebt hat. Einen augenscheinlichen

Anstoss gaben die Hohenstaufen, die unter den Ortschaften

der Ebene Hagenau, Schlettstadt, Rosheim und Oberehnheim,

Colmar und Mülhausen an sich brachten und ihrer

einen guten Teil durch Burg und Ringmauern zu Festungsplätzen

aushauten. Dazu noch legten sie Kaysersberg an. Sie haben

die Ebene militärisch organisiert, und man versteht, dass nun


- -

diese Orte sich stärker denn je mit neuer Bevilkerung und

Waffenlärrn erfüllen.

Um den wachsenden Bedürfnissen der erweiterten Städte

zu genügen, muss der Boden, der zwischen Rhein und Vogesen

liegt, wie noch nie durchgepflügt werden, muss der Bauer

schwitzen. Denn die Stadt ist ein Ninirnersatt, der seine

Nahrung nur zum Teil selbst hervorbringen kann und daher

von der Feine begehrt. Je ausgedehntere Fernen sie aussaugen

darf, umsomehi schwillt sie an. Über das Elsass hinweg

streckt sie ihre Fänge den Rhein hinab bis zum Nordmeer

und über die Strassen der Alpenpässe bis zu den Gestaden des

Mittelmeers, von dannen asiatischer Aufwand kommt- Da

strömet herbei die unendliche Gabe .....Unter ihren Einwirkungen

heben und mehren sich die Städte und Städtchen,

deren im sechzehnten Jahrhundert Sebastian Münster hierzulande

nicht weniger denn sechsundvierzig und alle ummauert

fand. Wenn man diese Zahl überdenkt, da merkt man erst,

wie reich doch unser Elsass ist an Schätzen des Bodens und

des Verkehrs.

Nicht für sich und isoliert besteht die Stadt, sie zieht aus

nahem und fernem Lande ihre Kraft. Dieser Zusammenhang

drückt sich sinnfällig aus in dem Teil ihrer Bevölkerung, der

noch selbst den Boden haut, an der Peripherie oder im Vorort

wohnt und so, auch dem blossen Auge sichtbar, aus der

künstlichen Kompliziertheit der Stadt in das platte Land und

seine naturwüchsigen Verhältnisse hinüberleitet. An diesen

bäuerlichen Teil ihrer Einwohnerschaft ist die Stadt in ihrem

Dasein freilich nur zum Teil noch gebunden; denn ihr Wesen

ist gesteigerte wirtschaftliche Kunst, die sich wenig um die

Urproduktion des Ackerbauers kümmert, sich vielmehr auf

Handel und Industrie verlegt und damit nahe und, so es geht,

auch weite Gegenden beherrscht und ausbeutet. Wie sie hereinschafft

und umformt und wieder hinausschafft, die hundertarmige

Stadt! Der Handwerker verarbeitet die Rohstoffe, der

Kaufmann holt und verschickt sie und tut desgleichen mit den

Fabrikaten, der Banquier erleichtert den Umsatz; der Renten-


-4-

empfänger aber, in der Gestalt des Grossgrundbesitzers, löst

seinerseits einfach und bequem dasselbe städtische WiiLschaftsproblem,

indem er die Gülten seiner weit im Land zerstreuten

Zinshauern hier in der Stadt verzehrt. Sie alle drainieren auswärtige

Goldquellen hinein in den Mauerring, sie alle erfüllen

einen städtischen Beruf. Aus ihnen besteht das Bürgertum, so

vielgestaltig, so wandelbar. dass es jeder Begriffsbestimmung

ZU spotten droht. Bürgertum ist flutendes Stadtleben, dieses aber

wächst immerzu. Es viiclist sogar in die Sphäre geistiger

Interessen hinein, und alsbald setzt das Bürgertum einen Kreis

von Gelehrten und Kopfarbeitern an. Doch das geschieht erst

seit dem Ausgange des Mittelalters.

Um das Jahr 1200 beginnt es über dein elsässischen

Bürgertum hell zu tagen. Es ist seine oberste Schicht, die

nun zu geschichtlichem Leben erwacht, Grossgrundbesitzer und

Geldleute. Sie nehmen teil am gehobenen Dasein der Zeit, dem

Ritteradel vielfach verschwägert und mit ihm verbunden durch

verfeinerte gesellschaftliche Bildung, die, wie noch oftmals

wieder, so auch damals schon aus Frankreich kommt. Voll

romanischer Feinheit ist das Lied, das wie kein zweites den

Glanz jener Tage und jener vornehmen Kreise kündet und

hier im Elsass entstanden ist, Gottfrieds von Strassburg Tristan

und Isolde. Adel und Grossbürgertum bilden das Patriziat der

Stadt, geborenen Herrenstand. Was das Menschenvolk stets

braucht, hasst und doch begehrt: die Führer, fand sich ungesucht

in diesem Patriziat. Es bildet einen Ausschuss, den

Rat, zuerst in Strassburg gegen das Jahr 1200, worauf die

anderen Städte nachfolgen, und übernimmt neben dein

und seinen Beamten die Mitregierung - ein für unser

modernes Staatsempfinden ganz unfassbarer Gedanke, nur zu

verstehen, wenn man die noch geringe Staatsenergie jener Zeit

kennt. Es ist aristokralische Vormundschaftsregierung, mit der

das politische Selbstbestimmungsrecht der Städte beginnt. Das

Volk aber beugt sich ihr willig; denn es hat begriffen, dass

auf dieser Regierung, so unbequem, ja brutal sie ist, doch auch

seine Zukunft beruhe. Daher hielt es zu Strassburg dem


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Grnsshürgertum treue Waffengemeinschaft, als am '. Mai 1262

zwischen dem bischöflichen Herrn und der Republik bei Hausbergen

die blutige Entscheidung fiel. „Kämpft tapfern Mutes

und ohne Zagen um die Ehre unserer Stadt und ihre Freiheit

für alle Ewigkeit", klang es durch Strassburgs Reihen, als der

lischof gegen sie die Höhe herunterstieg. Vernehmbar tönt

in unser Ohr der städtische Patriotismus, der sich an politischem

Macht- und Freiheitskampf berauscht. Fünfhundert

Jahre werden vergehn, und dasselbe Bürgertum wird sich unter

dem geflügelten Gesang der Marseillaise über die Grenzen seiner

Städte hinweg zum nationalen Patriotismus erheben, der ein

ganzes Volk umschlingt.

Dass Strassburg auf blutiger Wahlstatt schliesslich seine

Selbständigkeit erkiimpfn musste. war nicht ohne entscheidende

Bedeutung für die freiheitliche Entwicklung unseres Landes.

Blut war noch zu allen Zeiten der härteste Kitt fu..Freiheit.

Ganz unmittelbar mit Strassburgs Freiheitskampf ist auch das

Schicksal der vier kleineren Schwesterstädte Hagenau, Colmar,

Kavsersberg, Mülhausen verknüpft gewesen ; denn sie erwehrten

sich um dieselbe Zeit der Zwingherrschaft desselben

Bischofs von Strassburg, der auch bei ihnen übergriff. Wenn

der Strassburger Nikolaus Zorn und der andere Gegner des

Bischofs, der Colmarer Johann Nösselmann, noch heutzutage

hierzulande historische Namen sind, so gibt sich darin, richtig

gedeutet, Dankbarkeit für Förderung bürgerlicher Freiheit kund.

Damals ward in der Tat entschieden, dass die hauptsächlichen

Städte des Elsasses sich nicht unter Für stengewalt zu

ducken brauchen, sondern nur dem Reiche dienen wollen.

Das Reich! Das war jener in Rot und Gold thronende König,

der überall und nirgends war, manchmal lästig fiel, aber immer

die Hand offen hielt, Privilegien auszuteilen. Freiheitspendend

zog im Mittelalter das Deutsche Reich durch die elsässischen

Städte. Ihrer zehn: Weissenburg, Hagenau, Schlettstadt, Oberehnheim,

Rosheim, Colmar, Kaysersberg, Türkheim, Münster,

Mülhausen, schlossen im Jahre 1354 den bekannten Bund, der

unter Reichshoheit ihre Rechte und Freiheiten schützen sollte.


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Strassburg aber, die herrschende Stadt am Oberrhein, war für

sich allein SO gross und stark, dass es auch ohne Bundesgenossen,

wenn es not tat, seine wachsenden Gerechisame zu

erhalten verstand.

An der politischen Bewegung der elsässischen Städte

wurde es wieder einmal wahr, dass eine Klasse ihre Macht in

der Regel an eine andere, die nachdrängt, abgeben muss. In

hartem Herrenstolz vermass sich das Patriziat, der ganze Staat

zu sein. Es wird sich zu anderer Ansicht bekehren müssen.

Steigt nicht aus der Tiefe das städtische Volk empor voll Hunger

und Durst nach poliLischem l)asein? Aufhören wird die Vormundschaftsregierung

der Besitzenden, da nun bürgerliche Erverhsarheit

Anteil begehrt am Regiment. In der Stinkluft der

mittelalterlichen Stadt erblüht die wunderbare Blume Freiheit

im modernen Sinn. Wie eilt die Stadt um Jahrhunderte dem

platten Lande voraus! Draussen auf dem Lande verharrt das Volk

in dienender Unterwürfigkeit, aber hinter den städtischen Mauern

'egt sich das Leben, bildet sich die erste Form modernen Staatsbürgertums.

Der Freiheit Fackeltriiger ist die Stadt.

Die Zünfte haben mit der Gesclilechterherrschaft aufgeräumt.

Die Zünfte sind das Handwerkervolk in Organisation,

sie verschaffen ihm wirtschaftliche und auch militärische Kraft,

geselligen Zusammenschluss und Standesgefühl. Wenn sie sich

in Bewegung setzen, keine Macht in der Stadt wird ihnen

viderstehn. Daher erringen sie ohne viel Kampf, hier früh und

dort spät, im vierzehnten Jahrhundert Anteil am Regiment. Zur,

Sonnenhöhe politischen Lebens sind nun auch die unteren

Schichten des Bürgertums emporgestiegen.

Es ist nicht angenehm füi den Herrn Patrizier neben

Gevatter Schneider und Handschuhmacher und gar noch in der,

Minderzahl zu sitzen, und daher sehen wir ihn allmählich von

der Ratsbank verschwinden. Manchmal wird er gar mit Zwang

entfernt. Schlettstadt macht sich im Jahre 1352 einen inneren

Zwist seiner Edelleute zunutze und schliesst sie vorn Rate aus;

Mülhaun aber vertreibt seinen aufsässigen Adel nicht bloss von

der Ratsbank, sondern jagt ihn im Jahre 1445 aus der Stadt.


-7—

Einbussen an politischer Macht rächen sich stets -

auch der elsässische Adel hat das an seinem Leibe erfahren.

Er rettete sich hinaus ins Reich, aber das Reich bot ihm keinen

Ersatz für die entschwundene Stadtherrlichkeit. Hingegen für

das elsässische Bürgertum war es ein Gewinn. nicht hoch

genug anzuschlagen, dass der Adel die politische und schliesslich

auch die örtliche Gemeinschaft mit ihm mied. Denn es

ist eine alte Erfahrung, und sie bleibt bis zur Stunde wahr,

dass die obere Schicht des Bürgertums, sowie sich dazu Gelegenheit

bietet, in den Adel aufzugehn sich müht Bürgerstolz wird

oft genannt, doch selten besteht er die Probe. Wo sich, wie

in Strassburg, wenn auch hart mitgenommen, der Adel hielt,

hat er immer wieder reiches Grossbürgertum aufgesogen und

reiche Handwerker- und Bürgertöchter, die man dann „der

armen Edelleute Spital" nannte, geheiratetAuch nach der

grossen Revolution hat das blaue Blut seine Anziehungskraft

für Strassburg keineswegs verloren, und das ist unzweifelhaft

der tiefste Grund, weshalb es hier nicht, wie im adelfeindlichen

Mülhausen, zur Bildung eines charakterfesten Grossbürgertums

gekommen ist.

Der Adel war die vornehme Welt, in der man sich amüsierte.

Hatte er auch in der Brutalität seiner Raufhändel und

Zechgelage die Anmut der Stauferzeit verloren, er gab doch

nach wie vor für menschliche Eitelkeit und Vergnügungssucht

in Turnieren, Bällen und Trinkgesellschaften den Ton an. Der

Adel war und blieb Herrenstand, auch wo er seine politische

Rolle verspielt hatte. Vielleicht hätte das Bürgertum den

Lockungen des Adels besser widerstanden, wenn es nun seinerseits

eine eigene gesellschaftliche Bildung hervorgebracht und

damit aristokratischer Hoffart den Widerpart gehalten hätte.

Ein solches Gefühl geselliger Zusammengehörigkeit fehlte jedoch

dem Bürgertum, weil es aus buntgemischten und zerfliessenden

Kreisen besteht. Der Reichtum seiner Elemente erhöht wohl

seine Vitalität, schwächt aber seinen geschlossenen Bestand.

Was wir, solange das alte städtische Bürgertum im Elsass

sich hielt, also bis zur grossen Revolution, bürgerliche Kultur


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nennen, entbehrt jeder einheitlichen Stimmung. Es ist ein seitsanles

Gemisch von Gelehrsamkeit und Poesie, Subtilität und

ungefüger Kraft, Pedanterie. und Zynismus, vielgestaltig und

schaffensfroh. aber ohne Sinn für gesellschaftlichen Lebensstil.

Das dichtet und schwänrit, berechnet und erfindet in Kunst

und Wissenschaft, ist überwitzig und frech, tiefsinnig und gemütvoll

und über die Massen altklug und lehrhaft, das Schulmeisterliche

waltet vor. l)er Schulmeister hat aber in Wahrheit

noch nie Bildung geschaffen, denn er ist gelehrt, aufdringlich

und steif und missfällt daher den schönen Frauen.

Der Bürger hat auch deshalb keinen eigenen Lebensstil -

gefunden, weil er sich mehr für ungebundene Wirklichkeit

interessiert als für gestaltende Form. Er ist von Haus aus

Geschäftsmann und demgemäss ein Realist, der sich nur langsam

ästhetischer Stimmung erschliesst. Daher auch hatte er

mehr Sinn für Moralität als für Verfeinerung. Es ist ]'ein

Zufall und lässt sich auch nicht allein aus geschichtlichen

Verkettun gen und Nützlichkeitsgründen erklären, dass ein grosser

Teil des Bürgertums ohne weiteres der Reformation zufiel. Die

neue Art moralischer Solvenz, die diese Lehre aufstellte, mochte

ihnen einleuchten- So hielten sie es auch mit ihren Geschäftsverbindungen:

getrennte Buchführung. Warum sollten sie nicht

auch im Himmel ein jeder für sich und sein Schuldkonto

einstehen müssen? Strassburg, \'V eissenbuig, Colmar, Münster

und Mülhausen neigten sich der neuen Lehre zu. Die harte

und meinethalben wenig liehenswu...lige Ethik der Reformation

schuf Energie. Ihren Einwirkungen weiden wir noch begegnen.

Energie! das ist ein Grundzug unseres Bürgertums. Es

ist nicht die schwungvolle und enthusiastische Energie, die

den Romantiker in Entzücken versetzt, sondern zähe und

berechnende Bedächtigkeit. Mit nüchterner Umsicht, wenn

auch ohne Grösse des Stils, hat dieser Stand seine Klasseninteressen

zu wahren gewusst. Ein Meister ist er gewesen

und hat sich als solcher betätigt in der Organisation seiner

politischen Macht, die er über vier Jahrhunderte festzuhalten

verstand, ohne dci , Gefahr, die jeder Volksherrschaft droht, der


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Tyrannis zu verfallen. Das war der Lohn für weise Mässigung,

die auf Regierungsformen aristokratischer Art zurückgriff. Wenn

man auf diesen Gesichtspunkt achtet, macht es immer wieder

Spass die verwickelten Verfassungsgebilde unserer Stadtrepubliken

zu betrachten. Bürgerliche Pfiffigkeit und konservativer

Sinn erfanden in oft verdrehter Form Bestimmungen, die

demokratischem Geist und Ansturm zum Trotz eine Selbstergänzung

der Regierenden gewährleisteten. Regierungsweisheit

war zu allen Zeiten noch Monopol, auch Selbstregierung des

Volkes muss Klassenregierung sein. Es wäre billiger Spott

über solche Inkonsequenz zu witzeln, statt zu bedenken, dass

auch die Oligarchie schlimmster Sorte, die schliesslich die

elsässischen Städte übcrwucheite, nicht den lebendigen Odem

republikanischer Idee zu ersticken vermochte : die 1-Joffnung!

Wirksam blieb von oben nach unten die Hoffnung auf politische

Betätigung und Recht und [)rang dazu. Niemands Herr

und niemands Knecht, das ist des Bürgerstandes Recht.

Hoffnung leuchtete selbst in die Tiefen, die der Bürgerlichkeit

darbten. Den Hintersassen und Schirmverwandten,

die in den finstersten Gassen wohnten und kein politisches

Leben führten, weil Armut und Bürgertum sich niemals noch

\rer(I.jgen, war die Möglichkeit gegeben, durch Glück und Arbeit

zu Vermögen und damit zu bürgerlichem und politischem

Dasein zu gelangen. Schwer fiel wohl in jenen Zeiten solcher

Aufstieg, doch unmöglich war er nicht. Das ist der Segen der

Stadt, dass sie frühauf schon Marktverkehr und wirtschaftliche

Wechselwirkung herstellt, wodurch auch ohne Kapital die Arbeit

fördernde Geltung erhält und zur Höhe wirtschaftlicher Selbständigkeit

hinaufzuführen vermag. Daher strömt es ununterbrochen

vom platten Lande in die Stadt - zur Freiheit!

Im Jahre 1679 mussten sich nach langem Widerstreben

die zehn Städte, 1681 Strassburg an Frankreich ergeben. Wer

in den Chroniken jener Zeit gelesen hat, weiss, dass auch damals

schon, wo doch die Nationalitäten noch wenig entwickelt

waren, die Trennung vom Mutterlande schwer fiel. Auch damals


- 10 -

schon war solche Trennung ein schmerzliches Abschiednehmen.

l)as Bürgertum fürchtete für seine Privilegien und Freiheiten.

Der Spätnachlebende aber erkennt, dass diese gefürchtete französische

Annexion für das elsässische Bürgertum zur Fügung

ward, die es vor dein Niedergang bewahrte. Wenn irgendwo,

so möchte ich an dieser Stelle klar den Sachverhalt erkennen

lassen.

Wie kein anderes Land in Europa hat das Deutsche

Reich seinem Bürgertum lange Jahrhunderte hindurch eine beispiellose

Selbständigkeit und Raum sich zu entwickeln gegeben.

Allein jeder städtisch-bürgerliche Fortschritt hörte auf und wurde

wieder zurückgestaut, als die Fürstengewalt mit Macht emporkam

und die Städte bezwang. Rings umstellt, lebten die Städte

in Angst vor den Fürsten. Die Folge war eine moralische

Entwürdigung des Bürgertums, bürgerliche „Flundsföttigkeit'

genannt, weil man sich fortan nur „mit Winselung oder sonst

mit welcher Bedeutung des Leibes' hoher Fürstlichkeit zu nahen

wagte. Dass die Fürsten die Herren der Zukunft seien, wurde

gerade nach dein Kriege immer deutlicher.

Einige Reichsstädte fielen ihnen sofort zum Opfer, die meisten

anderen wurden nach langem Hangen und Bangen im Jahre 1803

mediatisiert. Wäre das Elsass deutsch geblieben, das gleiche

Schicksal hätte auch seinem Bürgertum gedroht. Es ist kaum

zu bezweifeln, sehr bald, noch im Laufe des siebzehnten Jahrhunderts,

hätten sich die elsässischen Städte lern

Habsburger ergeben müssen. Vor Unterwerfung unter Fürstengebot

rettete sie die französische Annexion Denn damit fielen

sie nicht wie man wohl fürchten konnte, aus Sk ylla in Cliarybdis.

Wohl war Frankreich damals die absolute Monarchie

des Ancien Rgime, die man kennt, mit einem schmarotzenden

Hufadel und dienstbarem Bürgertum, und kein Platz schien darin

zu sein für eine Fortdauer elsässischer Stadtfreiheit. Und doch

blieb diese Stadtfreiheit, obzwar etwas beschädigt, erhalten;

denn sie wurde hei der Übergabe an Frankreich ausdrücklich

gewährleistet durch Verträge, vor denen das Sonnenlziinigtum

die hundert Jahre, die es noch lebte, Halt machte.


- 11 -

Dergestalt erhj1j.i h im Elsass dank einem wunderlichen

Zu fall bürgerliche Selbständigkit und damit zugleich bürgerliches

Selbstbewusstsein. Dies umsomehi, als neben der politischen

l3esonderung gesellschaftliche Ahschliessung einherging.

Der Bürger mied den Verkehr mit den französischen Beamten.

Manches Zeugnis, am hitzigsten der Jakobinerzorn des Maires

Monet von Strassburg hat diese gesellschaftliche Absperrung

denunziert: Die Zivilisation (will heissen, unsere französische

Zivilisation) fand starken Widerstand bei den wohlhabenden

Familien, die sich kastenmässig abschlossen, stolz waren auf die

gothischen Bildnisse ihrer Ahnen, nur unter sich heirateten und

in ihrem Dünkel den Franzosen als einen Paria verachteten."

Sprache und, soweit die Bevölkerung protestantisch war, auch

Religion ersetzten damals, wo es sich um Absonderung vom

Eroberer handelte, den Mangel einer geschlossenen StandeshildLing,

den wir beklagt haben. Wenn sich eine Klasse auf sich

selbst zurückzieht, verrät dies in der Regel instinktiv empfundenen

Erhaltungstrieb inmitten grosser Bedrohnis. Wäre die

französische Kultur im Elsass schon unter dem Ancien Rime

durchgedrungen, sie hätte den Bürgerlichen eine Vorliebe für

Aristokratentum eingeimpft. Denn im Salon des achtzehnten

Jahrhunderts war tonangebend der Edelmann. Daher ist es

bezeichnend, dass es mi Elsass nur der Adel ist, der sich

schon damals französisch zu gebi beginnt, und dass unter

den Büi-gei-faiiiilieii hauptsächlich einige Strassburger nachfolgen,

die in den Adel aufsteigen sollten. Die grosse Masse aber

hält sich noch fern, obschon sie französische Art nicht hasst,

sich vielmehr seit dein Jahrhundert in Orlans und

Paris. Metz und Montbliard französische Sprache und Umgangsformen

aneignet. Über das „ l-lalhfranzosentum « der

Strassburger spottete man im Reich schon vor vierhundert

Jahren. Umso beachtenswerter ist, dass das Bürgertum den

Lockungen dieser französischen Kultur nun, da sie ganz nahe

gerückt sind, in wirksamer Apathie widersteht. Der Selbsterhaltungstrieb

gebot damals Ahschliessung, selbst - ja selbst

auf die Gefahr hin zu verknöchern.


- 12 -

In die verkniicherte Kleinwelt des elsässischen BürgertLuns

fuhr die grosse Revolution wie ein Sturm, der Üherlehtes und

Lebendiges wild durcheinander wegriss. Auch die glorreichen,

vielhundertjährigen Stadtrepubliken des Ilsasses werden geopfert

auf dein des französischen Vaterlands, müssen fallen

im geeinten Nationalstaat. Nur zögernd, zum Teil nur widerwillig

liess das Bürgertum dies geschehen. Doch Frankreich

gab ihm, sich daran aufzurichten, die Ideen von 179, die

tönenden und berauschenden Worte: Freiheit und Gleichheit.

Und als dann im Herbst 1793 der Ruf zu den Waffen erscholl

und beim leulen der Glocken, unter dem Rasseln der Kanonen

und den Klängen der Marseiilczise halb Frankreich in 1 lolv.-

schuhen oder barfuss zur bedrohten Grenze hindurchtrahte. derweil

das Elsass ringsum zu einem Eisenfeld glitzernder Bajonette

und Flintenläufe erstarrte, da sang es auch hier mit Mund und

Seele mit: 2 1 11lons enfauts de la patrie .. . In den Herzen des

elsässischen Bürgertums war der nationale Patriotismus erwacht.

* *

*

Die grosse Revolution hat die Bourgeoisie zum herrschenden

Stand in Frankreich erhoben. Wohl sass sie auch

vor der Revolution schon in allen Ämtern und Stellen, weil

sie intelligent und zäh und arbeitsam war, betätigte sich aber

nur im Auftrage und auf Geheiss des Königs und des Adels.

Der Tiers-Etat galt als solcher noch nichts. Er diente! Aber

seit der grossen Revolution hat er in immer erneutem Anlauf

mit König und Adel um die Macht im Staate gerungen und sich

nach langem Kampfe auch durchgesetzt. Er wollte herrschen!

Die elsässische Bourgeoisie hat Schulter an Schulter mit

dem französischen Bruderstand gekämpft; auch ihr Wirkungskreis

wird nun das weite Frankreich, sie atmet und lebt unter

den Ausströmungen von Paris. Sie ist hinausgewachsen über

den engen Umkreis der Städte. Das ist buchstäblich wahr,

denn auch das platte Land hat sie sich nun erobert. Seht, wie

sie ausschwärmt in die hintersten Vogesentäler und in die

Flecken der Ebene! Manchmal gedeiht sie im Schatten irgend

eines herrschaftlichen ALntrnannsitzes, baut sich ihre Bürger-


13 -

häuser mitten ins Dorf und setzt sich sogar frech und aufdringlich

in das verödete Schloss, auf dessen Stu cii sie sich

vordem hinaufgedienert und hinaufgearbeitet hat. Bürgerlichbäuerliche

Atmosphäre! fühlbar jedem, der selbst in solchem

Orte geboren ist. Unter den Einwirkungen dieser Bourgeoisie

erwacht das platte Land zu wirtschaftlichem Leben und \ T ei--

l. chr, pflanzt auch bei sich den spin/as caiIalis/icus ein.

Heerführer des Wirtschaftslebens zu sein, ist bürgerlicher Beruf!

Nun da die Bourgeoisie nicht mehr bloss in den Städten

sich hält, sondern gestaltlos auseinanderrinnt, möchte iiian

erfahren und wissen, oh sich nicht einige besondere Energleen

aus der unförmigen Masse herausheben. Ich glaube deren drei

oder vier zu sehn. In Strassburg ist seit 1566 die Akademie

ein solcher Mittelpunkt, der Energie erzeugte. Nicht genug

dass sie dem Bürgertum eine wachsende Zahl von Kopfarbeitern

zuführte; der Geist, der von ihr ausging, war Kraft und Energie.

Protestantisches Bewusstsein wurde durch sie grossgezogen und

damit einem Johann Friedrich Oberlin und anderen weiten und

überreizten Seelen eine Schranke gesetzt ummd eine Disziplin

gegeben, die sie zu Zucht- und Lehrmeistern über das Volk

erhob. Wohl verlor die Universität seit der grossen Revolution

den einseitig protestantischen Charakter, den sie bis dahin festgehalten;

immerhin wirkte auch jetzt noch in dem angedeuteten

Sinne die theologische Fakultät. Man hat den Strassburger

Theologieprofessoren vorgeworfen, dass sie keine dicken Bücher

geschrieben haben. Sie hatten anderes zu tun, sie erzogen

Menschen zu Männern! Dass sich in Strassburg gerade der

Pfarrersohn in allen bürgerlichen Berufen durchzusetzen weiss,

möge man beachten. Wer das skeptisch-frondierende und nicht

immer durchgreifende Wesen des Strassburgers kennt, wird

die festigenden Einwirkungen der einstmals protestantischen

Akademie, obzwar im Schwinden begriffen, hoch veranschlagen.

Ein zweiter Mittelpunkt, der Geistesbildung in moralische

Energie umzusetzen verstand, war der Gerichtshof in Colmar.

Juristische Gelehrsamkeit im Verein mit historischer Bildung

und würdiges Dekorurn französischen Richterstandes haben hier


eine Atomsphäre geschaffen, die nicht ohne Einfluss auf die

bürgerliche Bevölkerung geblieben ist. Das weiss jedermann,

der dort zu Hause ist. Aber auch dem Fernerstehenden wird

das erkennbar, wenn man ihn daran erinnert, dass es in C.olmar

war, wo in der Mitte des vorigen Jahrhunderts die Revue

d'A1sce gegründet wurde, und ihm die Namen Joseph Liblin,

Xavier Mossmann, Ignace C'hauffour nennt.

Mit Colmar sind wir auch zugleich in den geographischen

Bereich der dritten Energiequelle unseres Landes gelangt, Mülhausens

und seiner Industrie. Man liest und hört nicht ohne

Bewegung, dass Samuel Köchlin, Johann Heinrich Dolifus und

Johann Jakob Schmaltzer zu Mülhausen im Jahre 1746 die

erste Kattundruckerei gegründet haben. Denn das ist die

Geburtsstunde der elsässischen Fabrikantokratie. Wenn man

die Mülhauser Patrizierfainilien, deren Bildnisse nun Camille

Schlumberger gesammelt hat, eine nach der anderen betrachtet,

wird man erinnert an die Schilderung, die der Chronist Mathäus

Mieg von ihnen entwirft: „Als wackere und tapfere Männer

sind sie bekannt; wir werden also in ihren Gesichtszügen

Ernst und Heldenmut erblicken." Es sind bedächtige und meist

schwere Bürgergesichter, daraus sich hie und da ein strenges

und befehlendes l'rotil heraushebt. Durch Berechnung und Tatkraft

ist hier elsässisches Grossbürgertum geschaffen worden

als ein Führer und Ernährer von Menschenvolk. Es setzt

seine Fabriken in die verlassenen Höfe und Lustschlösser des

Adels, als wolle es damit unmittelbar und ergreifend zum Ausdruck

bringen, dass nun die bürgerlichen Hauptleute der Industrie

die alte Militäraristokratie ablösen sollen. - Der Zeugdruckerei

folgen Weberei und Spinnerei auf dem Fuss; es mehren sich

die Fabriken. Sie schwärmen über Mülhausen hinaus, erobern

bis hinab zur Breusch die Vogesentäler, setzen sich 1775 in

Colmar fest, daraus sich dann aufs neue industrieller Samen

ergiesst. Doch Mülliusen, von 1513 bis - 1798 zur Schweiz

gehörig, aber von da an gleicfafls tianzösische Stadt, waltet

vor, bleibt das Rückgrat der elsässischen Industrie. Tochterund

Schwestergewerbe entstehen: Herstellung von Chemikalien,


- 15 -

Papierdruckerei und Metallurgie, welch' letztere auch im Unterelsass

ihre Sitze hat, in Klingental, Grafenstaden und vorab

im Jägertal, wo die Hochöfen seit dem siebzehnten Jahrhundert

brennen. Alle diese Betriebe drängen auf Ausbau von Kanal

und Eisenbahn, Leiten Verkehr und Goldsegen in unser Land.

- Nicht ausschliesslich, aber zum grossen Teil Liegt die Leitung

der Grossgewerbe in dci- 1-land von Protestanten. Dies erkläre

man, wie nn Wiil; ich schlage vor davon auszugehn. dass

die elsässische Industrie aus der protestantischen Schweiz befruchtende

Einwirkungen empfangen und ihre \Vurzcln von

dem protestantischen Mülhausen aus geschlagen hat.

Energie findet man nicht bloss an den genannten Mittelpunkten

bürgerlichen Lebens, sie ist überallhin noch verbreitet

in der Landbourgeoisie. Ihre Vermögen sind das Ergebnis von

Zeit und Sparsamkeit dabei' ist sie so zäh. Ihr Blut ist mit

Baiiernblut gemischt, und daher ist sie so frisch. Sie ist der

i.inversiegliche Jungbrunnen der Bourgeoisie, weil sie von unten

her sich ständig erneLiert und nach oben abfliesst.

Mclii- denn je sprengt die Bourgeoisie ‚jede Begriffsbestimmung,

in die man sie zwängen möchte. So lebendig ist

sie. Sie beruht auf geistiger und wirtschaftlicher Betätigung.

Was daher der Staat an Energie, Sachkenntnis und Kopfarbeit

braucht, vermag sie ihm zu stellen: seine Offiziere, Gelehrten

und Beamten. Diese alle gehen oft aus der Bourgeoisie hervor,

sind aber selbst nur im weiteren Sinne noch dazu zu

rechnen, weil staatlicher Beruf kastenmässig abschliesst. Auch

ihre Kinder gehen sie nur ausnahmsweise wieder an die Bürgerlichkeit

zut tick. Man liest nicht selten auf ehernen Standbildern

in elsässischen Städten oder auf Grabmälern im Schatten einer

Dorfkirche irgend einen glorreichen Soldatennamen, der in

unserer Erinnerung haftet; aber der Lebendige Same, den diese

stolzen Kriegeshelden gezeugt, ist für uns verschollen, ging

nicht in der elsässischen Bourgeoisie auf.

Da dem so ist, wurzelt die Bourgeoisie vornehmlich in

den liberalen Berufen und den ökonomisch tätigen Klassen. -

In ihrem Bestand vollzieht sich unter dem Einfluss der kapita-


- 16 -

listisclien \Viriscliftsweise, die jetzt zunehmend die Führung

übernimmt, eine bedeutsame Schiebung. Die Schiebung erfolgt

auf Kosten des Handwerkers, den das neue Wirtschaftsprinzip

im Stiche lässt und damit aus der Bourgeoisie hinausstösst.

\Vas so verloren geht, wird jedoch doppelt und vierfach ersetzt.

In unübersehbarem Zuge führt der Kapitalismus immer neue

Elemente empor. Der Kränier, der sich mit einem Tropfen

spivilus capilalislicus salbt, der Schreiber des Notars und der

Werkmeister des Fabrikanten können selbst oder doch in ihren

Kindern Bourgeois wurden. Auch geistiges Kapital, iii den

Staatsschulen nun feilgeboten, wird gewertet. Ac h, proteusarLig

ist die Bourgeoisie! Ich \vage nicht sie zu definieren.

Seht, wie sie fallen und steigen im ständigen Auf und

Ab wie einer Jakohsleiterl Fest hält sich oben die Vahrikaniokratie.

Neben ihr wird zu Strassburg eine Kaufherrenschatt

gross, die sich in den napoleonischen Kriegen bereichert, aber

wenig dauerhaft bleibt und bald, ach leidet! im französischen

Hochadel verschwindet- Unter den Privilegierten des Bürger-

-tandes sieht man noch die fliehende I'hvsiognomie jener

Spekulanten, die in der grossen Revolution Nationalgüter zusammenkaufen

und dann Napoleon, der ihren anrüchigen Erwerb

sichert, als Retter des Vaterlandes begrüssen. Was zu ihrer

Charakteristik die Memoiren von J. J. Coulmann. selbst Sohn

eines solchen Spekulan ren, bieten, hinzugenommen seine eigene

politische Laufbahn und das Leben werktätiger Frömmigkeit

seiner Nichte Frau Andrd-Walther, einer Tochter des Generals

Walther, lässt uns wünschen, dass jemand im Zusammenhang

der Herkunft und Fortentwicklung dieser interessanten Menschensorte

nachgehe.

Mag die Bourgeoisie noch so viele Elemente aufweisen,

an allen, den Grossen wie den Kleinen, ist wahr geworden

der Satz, den Napoleon dem aufhorchenden Europa und auch

dein Elsass verkündet hat: « La carrive ozwcrfe atix ialen.ls 1»

Aller Talente ist sie voll, die Bougeoisie Talent nicht bloss

einer theoretischen oder praktischen Begabung, sondern auch

Talent des Vorankomrnens, Talent der gesellschaftlichen Bezieh-


17 -

ungen, inbegriffen das Talent der reichen Heirat. Aber im Ernste

gesprochen, wo gibt es noch einen Stand, der dominiert und

sich doch so weitherzig wie die Bourgeoisie jedem erschlösse?

Sie lieht Familie und Besitz und fragt doch auch wieder nch

danach. Denn sie ist das Sammelbecken intelligenter ArHei.

Auch fehlt ihr, als Gesamtheit betrachtet, keineswegs eine

höhere Moralität. Denn sie ehrt das Eigentum. „Ehre das

Eigentum ; Glück dir!" eine selbstverständliche und nachdenkliche

Wahrheit, zu deren nicht bloss theoretischen Anerkennung,

sondern auch praktischen Betätigung sich unser Bürgerstand

erst von gestern auf heute erzogen hat. Man höre, was Sebastian

Münster vom Elsass erzählt: „I)as arbeitsam Volk, so darinnen

ist, verzecht gemeinlich all sein Gut. spart nichts in Zukunft''. Es

ist heute noch ein arbeitsames Volk; nur weiss es jetzt auch zu

sparen. Der Spartrieb des französischen Bourgeois ist auch in ihm.

Es wird nicht zu viel sein, dass sich die elsässische Bourgeoisie

mit geistigen und sittlichen Eigenschaften schmücke;

denn sie ist die Kraft der modernen Gesellschaft. Der Adel des

Elsasses, hart mitgenommen durch die grosse Revolution und

aul wenige Familien herabgedrückt, wird kaum neben dem

Plebejer in die Bahn treten; ihm fehlt zum Erfolg ein wesentliches

Erfordernis: die Zahl! So öffnete -sich am Anfang des

neunzehnten Jahrhunderts der Bourgeoisie ein ungernessener

Horizont. l)och vieles wird noch abhängen von den politischen

Strömungen der Zeit. Denn ohne politische Macht kein

führender Stand!

Herr im Staate will seit der grossen Revolution die fran

zösische Bourgeoisie sein. Daher erstrebt sie in ihrem beweglichsten

Teile die Republik. weil solche Staatsform der bürgerlichen

Führerschaft die breiteste Grundlage verleiht, und bleibt

revolutionär, es sei denn das grosse Ziel erreicht. Dies ist,

nut nüchternen Augen hesehn, in den Jahren 1789 bis 1870

der starke Unterstrom der politischen Bewegung, auf deren

Oberfläche eine heisse Flut edler Gefühle und wortreicher Hegeisteiung

dampft. Auch die elsässische Bourgeoisie hat sich

an diesem Machtkampf hereiligt. Sie tat es inh. einer [inge-


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zwtingenheit, die sich herleitet aus üherkominener Tradition.

Denn so steht doch die Sache: selbstbewusster freiheitlicher

Geist des elsässischen Städters, grossgezogen in deutscher Zeit

und auch unter dem 4ncien Rgime nicht gebrochen. lebt

unter neuen Verhältnissen fort, nur dass sich jetzt sein Hnrizont

um den französischen Nationalstaat erweitert und sein Denken

um den Philosophismus des achtzehnten Jahrhunderts bereichert

hat. Daher empfand man inmitten der grossen Wandlungen

des staatlichen Lebens das Revolutionieren als ein historisches

Recht. Uns aber ist, als erklinge ein Ritornell, das die schon

gesungene Melodie. aber in verstärktem Chore und emphatischerem

Ton wiederaufnimmt.

Diese freiheitlichen Überlieferungen wird nicht vernachlässigen,

wer der politischen Strömung unserer Provinz in neunzehnten

Jahrhundert nachzugehen sich müht, aber sie zu überschätzen

wäre verfehlt. I)enri sie treten ins Dunkel vor dem

Feuerschein der grossen Revolution. 1789 und in den nachfolgenden

Jahren wurden mit einem schauerlichen Pathos und

unter grossen Worten grosse Ideen hinausgeschleudert.. daran

sich der Enthusiasmus kommender Geschlechter immer wieder

entzünden musste. Was je mit Blut und Heldentum vertreten

worden, kann niemals mehr völlig unteigehn 1 Dreimal hat die

republikanische Idee ihre Scharen zum Kampfe und beim vierten

Anlauf zum Siege geführt.

Die Mannschaften, die das Elsass der republikanischen

Sache gestellt hat, wird niemand zählen oder auch nur abschätzen

wollen; denn es ist bekannt, dass revolutionäre Bewegung

sich unter Verworrenheit vollzieht und je nach Gunst

und Ungunst des Augenblicks anschwillt und wieder zurückgeht.

Im Hinblick auf die politische Unzuverlässigkeit der grossen

Masse dünkt es uns wertvoller statt die Stimmen zu zählen,

sie auf ihr Gewicht hin zu prüfen Stellt sich dabei hei-aus,

dass die republikanische Idee im Elsass Verteidiger von Kopf

und Charakter fand, so wollen wir dies unterstreichen, im übrigen

aber uns gegenwärtig halten, dass keine Provinz, auch das

Elsass nicht, und hätte es den revolutionären Wagemut der


ganzen Welt in sich vereinigt, die erforderliche Durchschlagskraft

besass, vielmehr es die Hauptstadt Paris war, in der

immer wieder die Entscheidung fiel. Was dort warmblütige

Jugend und verzweifeltes Arbeitervolk zustande brachten, fand

dann jedesmal in der Provinz freudigen Widerhall.

Als die grosse Revolution in Anarchie auslief, wurde ihr

die Bourgeoisie untreu. Denn ein Stand von Besitzenden wird

eher seine politischen Prinzipien opfern, als dass er seinen

häuslichen Ordnungssinn gefährden lässt. Daher tauschte er

willig republikanische Freiheit gegen napoleonischen Cäsarismus

und fand sich mit einer despotischen Verwaltung ab, die den

Präfekten zum Herrn der Provinz erhob und jede öffentliche

Meinungsäusserun g unterdrückte. Denn diese Verwaltung beseitigte

allen Missbrauch und sicherte die zwei dem Bürgerherzen

so unentbehrlichen Dinge: Besitz und Erwerb. Mii

materieller Erwerbstätigkeit gab sich die elsässische Bevölkerung

zufrieden und bereicherte sich unter dem ersten Kaiserreich in

eineni vordem ungeahnten Masse, wozu auch beitrug die \ViFtschaftliche

Emanzipation Frankreichs von England, die sich

damals im Gefolge des gegenseitigen Krieges vollzog. Die

oberelsässische Industrie eroberte sich hinter den französischen

Bajonetjen einher den Weltmarkt und schlug zu Hause die

englische Konkurrenz aus dem Feld; dcj' Strassburger Handel

aber übernahm, solange die Seehäfen gegen England gesperrt

blieben, ein Drittel der gesamten französischen Ein- und Ausfuhr.

Da bildete sich im Anschluss an blühenden Handel und

wachsende Industrie elsässisches Grossbürgertum. das sich als

eine Pflanzstätte starker Charaktere erweisen sollte.

Nur wenige Jahre werden vergehn, und die Restauration

gibt dem elsässischen Grossbürgertum die Möglichkeit Kopf und

Kraft einzusetzen iiii politischen Kampf. Denn die Restauration

war wie das erste Atemholen der Freiheit nach langem Druck,

und die (,'harte Ludwigs XVIII., die das Vertretungsrecht der

Nation anerkannte, gab im Jahre 1814 dem Lande wieder einige

Errungenschaften der grossen Revolution zurück. Demgemäss

wird die Abgeordnetenkammer an der Gesetzgebung beteiligt


- 20 -

und rekrutiert sich durch direkte \Vahl. Dies waren Zugeständnisse

von Wert, mochte auch das Wahlrecht beschränkt und

an einen Census von 300 Franken gebunden sein. Niemand,

der die Korrespondenz des niederrheinischen Präfekten Malouet

aus den Jahren 18-10--1.82-1 gelesen, kann dieses Wahlsystem

loben, denn es verfühite die Regierung zu Stimmenkauf und

Wahlkorruption. Und doch muss man zugeben, auch dieses,

wie jedes andere Wahls ystem vermag ah und zu Tüchtigkeit

aus der unbestimmten Menge herauszulangen. Die oppositionellen

Parteien aber hatten damals eine glückliche Hand.

Unnachgiebiges Republikanertuin schickt im Oberelsass

seit 1820 immer wieder in die Kammer den Mülhauser Industriellen

Jacques I


- 21 -

nische l)eparternent. Wollte es extreme Politik treiben, dann

wendete es sich an Auswärtige und berief' in die Kammer

Larnhiechts oder, wie Strassburg, den glänzenden DokLrinäi- der

Opposition, Benjamin (onstant ; liess es sich aber an einer massvollen

Gegnerschaft genügen. dann stellte ihm das Sirassbwger

russbürgertuiii mit Saglio. Humann und, wenn man will, auch

l"iiedricli von Türckheirn die leitenden Männer. Also wird

ersichtlich, dass die trondierenden Elemente, Soweit sie in der

Provinz selbst nach Führern suchen, im wesentlichen noch auf

die bürgerliche Oberschicht angewiesen sind, die sich unter dciii

ersten Kaiserreich gekräftigt hat. Sie fahren dabei nicht schlecht,

denn diese Grossbürger treiben eine sachliche und gerade darum

umso wirksamere Opposition, in solchem Verhalten nicht untreu

dem Charakter ihrer Provinz, von der ein händeringender Präfekt

Malnuet gestehen muss, „ihre Mässigung schliesse die Zähigkeit

keineswegs aus, und die Abwesenheit von Leidenschaft

erschwere der Regierung nur umsomehr ihren Einfluss zur

Geltung zu bringen" - ein Wort, über das eine hohe Regierung

zu allen Zeiten nachdenken möge! Die ganze Strömung aber

trieb in unklarer Mischung einher, zusammengefasst durch

gemeinsame Erbitterung gegen eine Regierung, die man aristokratischer

und klerikaler Tendenzen zieh. Erst die Julirevolution

des Jahres 1830 und das Bürgerkönigtum 1 ouis-Phihippes hat

dann zu einer Scheidung der bisher geeinten Geister geführt.

Als der Erfolg der Pariser Julirevolution mi Elsass bekanni

wurde, stieg am 2. August uni ( Uhr abends die Trikolore

am Münster zu Strassburg in die Höhe, und das ganze Land

bedeckte sich mit hlauweissroten bahnen und sang die iWarsti1iaise.

B1auveissrot auch war die Kokarde der Nationalgardisten,

die nach dem Vorbilde der grossen Revolution überall

unter die Waffen traten, die Freiheit und das Vaterland zu

schirmen. Den „ciloyen-so/dat" beseelte eigenwilliger Republikanerstolz.

Als Louis-Philippe 1831 nach Strassburg kam,

begrüsste ihn der Notar \Veigel im Namen der Bürgerwehr:

„Sire, Sie sind geboren aus der Freiheit; Sie sind gezwungen

sie zuvcrteitigcii% und der lürgerkönig schlug an seine Ernst


- 22 -

und rief: .,Wer den König von der Freiheit trennen will, kann

nur ein schlechter Bürger sein; es lebe die Freiheit!", hielt es

aber doch lu..geraten, drei Jahre später diese aufgeregte Strassburger

Bürgerwehr aufzulösen.

Mit Louis-Philippe kam der bürgerliche Geldadel zur Herrschaft.

Die goldenen Tage eines satten und prosaischen Grossbürgertums

brachen an. Daher wird man verstehn, dass dieser

Teil der bisherigen Opposition zur Regierung überging. Im

Elsass vollzog diese Schwenkung vorab die Strassburger Handelsherrenschaft,

die nun Regierungspartei und .‚.Jlfs/e-Miiieu'' wird.

Das .f,sslc-Milien war wie die Menschenklasse, der es diente,

ein durch und durch prosaisches Regierungssystem, das ausschliesslich

an die Interessen und den Ehrgeiz der lieben Mittelmässigkeit

appellierte, um die Nation zu leiten. Was sich nicht

in Zahlen ausdrücken liess, hatte für dieses Regime keinen Sinn.

Darum sei indes zahlenmässige Sicherheit keineswegs verachtet.

Als unser Strassburger Grosskaufmann Georges Humann eines

Tages in der Kammer hart angegriffen wurde - es war noch

zur Zeit der Restauration - da sprach ei mit seinem fürchterlichen

elsässischen Akzent, der den Pariser Spott herausforderte:

Ich kann der Kammer mein Wort darauf geben, dass die

Rechnungen, die ich hier vorgetragen habe, genau stimmen

ich habe sie selbst aufgestellt." Man wird dem rechnerischen

Gewissen des Mannes die Achtung nicht versagen; auch Zahlen

machen widerstandsfähig, ob selbst eine ganze Kammer schreit.

Er war aus ungemein achtbarer und strebsamer Familie; seine

Brüder haben es, der eine ebenfalls im 1 landel, der andere in

der Klerisei, zu hoher Stellung gebracht. und seine Schwester

Louise lebte ganz den Ideen des Abb FauLain, der an der

Strassburger Akademie gelehrt hat. Er selbst sollte noch unter

Louis-Philippe zweimal Finanzminister werden und mit tiefgründiger

Überzeugung, die selbst vor Demission nicht zurückschreckt,

fortfahren seine Berechnungen aufzustellen.

Die Opposition, seit dein der Plutokratie

nicht mehr durch Opportunismus niedergehalten, schwillt unter

Louis-Philippe zu hitzigem Republikanertuin an. Sie findet zu


- 23

Strassburg beredte Wortführer bei den Angehörigen der freien

Berufe. Wer die Namen der Männer liest, die seit 1830 die

Republik herbeisehnen und erhoffen: Frdric und Charles

Sdhützcnberger, Stoeher, Ott. Schneegans, Martin, Lichtenberger,

Eissen und wie sie - alle heissen, dem wird klar, dass sich dem

regierenden Reichtum zum Trotz der bürgerliche Mittelstand

stärker denn zuvor zum politischen Kampfe wappnet. Um die

Ideen von 1789 sammeln sich die Klassen des mittleren Erwerbs

und die Intellektuellen. Schwer wird es lür sie sein, politische

Führerschaft zu erringen; denn noch ist das Wahlrecht

an einen Census, wenn auch auf 200 Franken ermässigt,

gebunden. Aber auch so sind sie nicht zu unterschätzen.

Sie verfügen über den stärksten Anhang in der Stadt und

daher, auch bei beschränkter Wahl, über die Majorität im

Gemeinderat, finden Anklang bei der Landbourgeoisie und den

Grossbauern des Unterelsasses und verbreiten durch den „Niederrheinischen

Kurier" in Stadt und Land ihre Ideen, auf deren

werbende Kraft sie vertrauen. Da ihr politischer Legitimationsschein

die grosse Revolution ist, so sind sie eines unruhigen

Enthusiasmus voll, wenn auch ohne die revolutionäre Energie

des echten Jakobiners, eher liebenswürdig in ihrer Schwärmerei

für menschheitsbeglückende Ideale, die der Nüchternheit unserer

Tage wie hohle Phrase klingt, durch und durch französisch

gesinnt und stolz einer grossen und, wie sie immer wieder

betonen, vorbildlichen Nation anzugehören.

Widerstandsfähiger war wohl das Oberelsass. Dort 'erfügte

das Repuhlikanerturn über stärkeres Temperament und

stärkere Familien. Denn seine Hochburg blieb Mülhausens

Fabi'ikantokratje. Wenn sich die Fabrikherren des Oberrheins

nicht wie die niederrheinischen Flundeisherren zum Jusle-Miiicu

bekehren liessen. so fällt dies auf, ist aber zu erklären. Altes

Stadtpatriziat, wahren sie als ein Erbe Familientraditionen

republikanischer Freiheit, Jahingegen die Handelsherren, die

erst von gestern sind, auch in der Politik keine Fainilienerinnerungen

haben. l'rotzdeni wären vielleicht auch die Mülhauser

genötigt gewesen konservative Politik zu treiben, hätten sie


- 24 -

sich wie die Strassburger Hochbourgeoisie in ihrer Führerrolle

bedroht gefühlt durch einen au fsftebenden Mittelstand von

radikaler Färbung. Denn über politische Prinzipien stellt eine

führende Klasse, die dauern will, doch noch ihre Vorherrschaft.

Ein solcher Mittelstand mit selbständigen Regungen fehlte aber

in Mihihausen. Uneingeschränkt blieb hier den Grossindustriellen

die führende Stellung hei ständig zunehmendem Absatz ihrer

Fabrikate, die ein hoher Zoll auf (lern Markt gegen

fremde Konkurrenz schätzte. Dieser selbe Zoll ist es, der

hinwieder Strassburgs Handelsverkehr lahmlegte und seine

Kaufherrenschaft zur Eintagserscheinung herabwelken liess. Die

Wirtschaftspolitik Louis-l'hilippe's, die vordem auch die der

Restauration gewesen, war also den Fabrikanten günstig, und

sein Regierungssystem schmeichelte ihrem Machtgefühle, und

dennoch wandte sich nur eine Minderzahl dem loste-Milieu.

zu, darunter die Familie Hartmann im Münstertal, die einst

mit besonderer Inbrunst die Sache der grossen Revolution ergriffen

hatte und unter Napoleon III. wieder mehr im liberalen

Lager stehen wird.

Die Wahlen gaben den Parteien Gelegenheit ihre Kraft zu

messen. Im Jahre 1831 errangen unter dein noch frischen

Eindrucke der Julirevolution die Oppositionellen im niederrheinischen

Departement vier Sitze auf sechs, im Oberelsass

nur Mülhausen. Es siegte in Mülhausen Nikolaus Kchlin,

in Weissenburg der Notar Müntz. in Strassburg-Land J.-J.

Coulinann, in Strassburg-Stadt Odilon Barrot und Vover dArgenson,

die, beide von auswärts gerufen, uns zeigen, dass

sich Strassburgs Liberalismus vorläufig nicht durch sich selbst

vertreten lassen will. Es waren noch die Tage, da man politische

Kämpfe als Poesie empfand. Begeisterung und Jubel

waren in Strassburg, die Nationalgardisten bildeten Spalier,

Fahnen und bunte Laternen an allen Häusern und die Fenster

/und Wälle schwarz von hurrarufenden Menschen, als Odilon

Barrot in Begleitung Coulmann's seine Wählerschaft besuchte.

So ziehen heute nur Kaiser und Könige in ihre getreuesten

Städte ein. Der hitzige Enthusiasmus kühlte sich ab, als die


- 25 --

Regierung, kaum fühlte sie sich fest, die Wahlen zu beeinflussen

begann. Die Opposition wurde weggefegt, selbst Mülhausen

ging ihr, wenn auch nur durch Ungeshieklichkeit. auf einige

Jahre verloren. In den Jahren 1842 -- 1846 war sie beschränkt

auf A1tkirch, das den Träger eines schon im Nationalkonvent

bekannten Namens, Pfleger, unentwegt in die Kammer schickte.

Wie geringe 'Wurzeln die aufeinanderfolgenden Monarchien

und so auch das Bürgerkönigtum im Lande hatten,

wurde klar, als die Fehruarrevolution des Jahres 1848 Louis-

Philippe verjagte und auf Grund des nunmehr errungenen allgemeinen

\Vahlrechts das Volk zur Willensäusserung berief.

Das Elsass wählte in überwiegender Majorität Republikaner

und dann in die Legislative des Jahres 1849 nicht ohne Undankbarkeit

gegen erprobtes und massvolles Repuhlikanertum

Männer der demokratischen linken. Es ist kein Zweifel, das

l;lstss war unter Fühtung seiner Bourgeoisie zur Zeit republikanisch,

und der Maire von Strassburg Eduard Kratz stand

im Einklang mit der Provinz, als er bei der Feier ihrer zweihundertjährigen

Vereinigung mit Frankreich den Trinkspruch

ausbrachte auf „die republikanischen Prinzipien, denen die Zukunft

der Welt gehört.

Wie kurzlebig die zweite Republik gewesen, und wie

opferwillige Märtyrer sie in der elsässischen Bürgerschaft fand,

und wie der Gesang der Mczrseil./aise und der drohende Ruf

der Nationalgardisten: „Es lebe die Republik!" den Präsidenten

Louis-Napol&n in Mülliausen, Colmar und Strassburg empfing,

und wie dann doch das Plebiszit des Jahres 1852 hierzulande

207413 Stimmen zu Gunsten des zweiten Kaiserreichs aufwies,

ist jedermann bekannt und kann je nach der Parteirichtung

Anlass zu verschieden tönender Deklamation geben.

Wir bescheiden uns aus solchem Stimmungswechsel die Lehre

zu ziehen, dass jede Regierung, die am Ruder sitzt, sich

schmeicheln darf, der Liebling des Landes zu sein. Darum

sei nicht geleugnet, dass nicht auch geschichtliche Erinnerung

ür den l'ralendenten gearbeitet hat. Die glorreiche Legende düs

Ci c: Ntilen, dL:n lLa.s ii1cii iilrni leil eiiiei


- 26 -

besten Generäle gestellt hatte, lebte immer noch in den Herzen

unserer Bevölkerung und leuchtete beim Namen des Neffen

wieder auf. Man stimmte für den Namen Napoleon und das

napoleonische Prinzip der Ordnung, das eine radikale Republik

nicht hinlänglich zu gewährleisten schien. Napoleon III. schuf

in seiner Art Ordnung, indem er auch im Elsass die Zahl der

Polizeikommissariate vermehrte und die Verwaltung mit despotischem

Geiste erFüllte. Darin erinnerte er an den grossen Oheim.

Und auch darin erinnert seine Regierung an das erste Kaiserreich,

dass sich der materielle Wohlstand hob wie noch nie.

Die elsässische Industrie, beflügelt, seitdem Eisenbahnen und

Kanäle ausgebaut waren, eroberte sich zum zweiten Male den

\Veltniarkt, als 1860 die Zollschranken fielen, und sich herausstellte,

dass sie hinIäiglich erstarkt war, um es mit jeder fremdländischen

l


- 2 -

grosse Familien fanden, die agitatorisch in die Bewegung eintraten:

Möchlin-Steinbach in Mülhausen, die Scheurer und

Kestner in Thann. Die Sclieurer und Kestner - unter sich und

mit einer Reihe elsässischer Republikaner und darüber hinaus

mit Charras. Floquet und Jules Ferrv verschwägert, charakterfest

und hochbegabt und geistreich - waren eine Familie von

werbender Kraft, für die republikanische Sache von grösserer

Bedeutung als tausende von Tiraden und Stimmen. - Zählt

man sich alle diese Namen auf, so erhält man den Eindruck,

dass es hauptsächlich der protestantiscleil der elsässischen

Bourgeoisie ist, der am lautesten -für die - republikanische Idee

eintritt, kämpft und auch leidet. Doch fehlen keineswegs die

Katholiken, darunter Ignace und Vicior Chauffour, aus alter

Colmarer Ad.okatenfamilie und daher aufgewachsen in der

Atmosphäre unabhängigen Richterstolzes, den dort in Colmar

der Appellationshol' verbreitet hat

Inmitten der vielen Schwankungen des politischen Lebens

scheint doch festzustehn, dass der lebendigste und, wenn sich

das Verhältnis zahlenmässig ausdrücken liesse, auch überwiegende

Teil der elsässischen Bourgeoisie mit der republikanischen

Sache sympathisiert. Das aber heisst viel! Das heisst, dass die

elsässische Bourgeoisie in ihrem politischen Denken und l'ühlen

mit Herz und Seele verwachsen war mit Frankreichs Zukunft,

mit der Republik. Der erste und dritte Napoleon, Bourbonen

und Bürgerkönigtum waren gekommen und wieder gegangen,

es wechselten Trikolore und Lilienbanner und andere Embleme,

und drei- oder gar viermal verschwand an der Grossen Metzig

zu Strassburg die Inschrift: „ Vivi-e libn' ott Inonrir, 1791",

erschien aber immer wieder. Denn unbesiegbar lebte, derweil

sich keine Legitimität wieder zu bilden vermochte, in den Seelen

der Name der Freiheit! Ein schöner und gefährlicher und gar

umfassender Name, den uns die Frau des Hellenisten Johann

Schweighäuser etwas deuten möge, wenn sie im Jahre 1793

schreibt: „So wollen wir denn sehn, ob nicht der Mensch

imstande ist ein neues System zu gründen auf neuen Grundsätzen

und neuen Grundlagen; ob nicht die Rechte und die


Intelligenz eines jeden unmittelbar, an ihrem Teil, auf das

Regiment Einfluss gewinnen sollen, oder ob wie vordem die

Menschheit in Verworfenheit fortfahren soll, sich zum Schaden

der Schwachen unter die Stärksten zu beugen" Also keine

Anarchie soll die Freiheit sein, sondern, wenn wir Frau

Schweighäuser recht verstehn. ein System der Ordnung. Die

rechten Männer am rechten Platze zu sehn und verehrungswürdige

Autoritäten zu schaffen, ist für jedermann und auch

für die Freiheit ein schönes Ziel! Ob sie es erreichen mag,

wobei sie sich auf ihre Art im freien Spiel der gesellschaftlichen

Kräfte mühe, ist nicht unsere Sorge.

Unter dem Einflusse der Freiheitsidee hat sich die elsässische

Bourgeoisie eine Auffassung vom Staate gebildet, die

sie bis zur Stunde noch festhält. Man greife zwei oder drei

aus der Menge heraus und lasse sie reden! „Die Regierung",

sagt Charles Dolifus. „isl ein System von Garantien, geschaffen,

damit sich die Freiheit betätige". Wir haben schon von anderen

politischen Theorien und auch von einer gehört und gelesen, die

man als den Antipoden der von Dolifus vertretenen bezeichnen

dürfte, insofern sie die Macht des Staates nicht zum Diener

der Freiheit bestellt, sondern zum Selbstzweck erhebt. Man

möge solche Theorien als ein Zeichen der wechselnden Zeitströmung

begreifen, dem Charles Dolifus aber seinen Schwager

Frdric Engel-Dolifus beigesellen, damit jedermann erkenne.

wie bescheiden sich die Elsässer die Rolle des Staates gedacht

haben und noch denken. „Nur keine Überspannung der staatlichen

Gewalt", ruft Engel, „sonst wird die freie Anitiaüve

erstickt; nur keinen Staat, der für alles und jedes die Rolle

der Vorsehung übernimmt, denn wir glauben nicht, dass der

Staat mit der Bedachtsamkeit vorgehen wird, deren es zur

Wahrung der wirtschaftlichen und sozialen Interessen bedarf!"

Ein tiefes Misstrauen gegen den Staat klingt aus den Worten

des grossen Industriellen und Menschenfreundes. Man ist

so misstrauisch, weil man den Staat als den machtvollen Zauberer

kennt, der, was er auch anfast, in alte Zukunft versteinert

uI1,1 e d1 die /iteii Fcsi, j01 CS nie


- 29 -

heraus und entzieht es dem freien Kreislauf der Gesellschaft

und ihres Lebens, das sich ständig erneut. Er ist der Galvanisat(Jr

der Zukunft. Schlimm ganz besonders, wenn er Schulden

macht! Aus der Tiefe seiner schon weit zurückliegenden Zeit

nickt Hurnann zu und erläutert von seinem rechnerischen

Standpunkte aus das Problem: „Die Tendenz, die Zukunft dci

Gegenwart zu opfern, ist tief eingewurzelt in der Schwäc!n

unserer Natur: doch die Staatsmänner sollen sich dagegen

wehren, denn in der Verwaltung der allgemeinen Interescii

zeitigt sie die allerschlimmsten Folgen. Die Gesellschaft" -

will dem ganzen Zusammenhang nach heissen, der Staat

„ist nicht wie das Individuum ein vorübergehendes und \e!-

giingliches Wesen; Jahrhunderte sind ihr Teil, und die Strafe

ihrer Unvorsichtigkeit dauert so lange wie sie"‚Man tilge die

Schuldenlast, damit die nachfolgenden Generationen ihre Aktionsfreiheit

bewahren". - Man kann den Grundton, in dem alle

diese Stimmen zusamnienklingen, nicht überhören. Man will

den Staat bescheiden, sparsam und auf seine nächstliegenden

Aufgaben beschränkt, nicht Herrn über die Kräfte der bürgerlichen

Gesellschaft, sondern viel eher von dieser beherrscht. So

denkt vom Staate eine Gesellschaft, die sich mit Stolz bewusst

ist, das Leben in seinen Wurzeln zu nähren, eigenwillig und selbständig

und der Verantwortlichkeit gewachsen, die auf ihr ruht.

Zu einem starken und lebenskräftigen Stand war die

elsässische Bourgeoisie im Laufe der Generationen und ihrer

Arbeit erwachsen, und es war um das Jahr 1870 die festliche

Zeit gekommen, da ihre schönsten Blüten reifen sollten

zur Frucht. In Mülhausen wurde der Reichtum geistreich, wohltätig,

ja erzieherisch. Er wurde geistreich in einer Anzahl von

Männern, die ihr Tagewerk durch eine künstlerische und philosophische

Stimmung bedeutsam zu verfeinern wussten; er

wurde wohltätig, indem er eine reihe gemeinnütziger Anstalten

und damit ein „soziales Patrimonium" schuf; er wirkte erzieherisch

durch die Gründung von Arheiterhäusern und Arbeiterkassen,

die den Arbeiter instand setzten durch zweckentsprechendes

Sparen ligcntüiner und fürsorglicher Hausvater


30 -

zu werden. Erzieher der Menschheit darf man die grossen

Fabrikherren des Elsasses nennen, vorah vielleicht Gustave

Steinlieil und Jean I)ollfus, jener ein Strassburger und dann

in Rothau geschäftig, von einem starren und dogmatisierenden

ft-testantentum und Pflichtgefühl, dieser .ius vielduldender und

starker Mülhauser Familie und mit allen ihren althergebrachten

ligenschaften verwachsen, zäh, regsam, organisatorisch und

rLchiiend, so auch in seiner Wohltätigkeit, die er nicht als

'\kserige Philanthropie betrieb, sondern in Anstalten von eduiorischer

Wirkung betätigte, dabei immer seine volle Person

tirisetzend, rechthaberisch und eigenwillig, ein geborener Führer,

dso handelnd und anerkannt. In diesen industriellen Kreisen

waren damals Geist, Charakter und Wirtschaftlichkeit zu einer

Harmonie vereinigt, die ihresgleichen vielleicht sucht.

Von Mülhausen gingen Verbindun gsfäden und Wirkungen

hinab nach Colmar und durchkreuzten sich mit den Einflüssen

des Appellationshofes. Dies färbte um einen Ton die juristische

und sonstige Gelehrsamkeit, die dort in der Revue J .'ilsace

und einer Reihe von Arbeiten ihren Niederschlag fand. Es

machte sich bemerkbar ein Zug zum Leben. In einem starken

und gedankenreichen Stil schrieb Mossmann seine Beiträge

zur Geschichte Mülhausens und seiner Familien, und lgnace

Chauffour trug sich inmitten der glänzenden Prozesse, die er

als Jurist und Historiker vertrat, mit dem grossen Gedanken,

eine Geschichte der elsässischen Bourgeoisie zu schreiben; er

hat sie nicht geschrieben, aber bezeichnend für seine Art bleibt

die Methode, die ihm vorschwebte: die Betätigung des einzelnen

wie der Massen und damit auch ihre Verantwortung wollte

er feststellen, damit man erkenne, was ein energischer und

zielbewusster Wille in der menschlichen Entwicklung zu bedeuten

vermag. In Colmar war die Wissenschaft auf dem

Wege Lebensaneignung zu werden.

Weniger streng im Geschmack war das geistige Schaffen

zu Strassburg, liebenswürdig vielmehr und mit einem schöngeistigen

Anstrich, der dem hiesigen Bewohner nicht selten zu

eigen ist. Das strenge Protestantentuin, obschon auch damals


- 31 -

und bis zur heutigen Stunde noch fühlbar, hatte sich vielfach

zur Humanität verflüchtigt, weitherzig daheim in Deutschland

wie in Doch überwiegt die Richtung nach 1"rankreich.

Es regen sich Literatur, Wissenschaft und l


- 32 -

Blutenden Herzens riss sich die elsässische Bourgeoisie

vorn französischen Vaterland. Ein grosses Stück französischer

Geschichte hatte sie innerlich miterlebt und war mit dein

Bruderstand durch gemeinsame gesellschaftliche und

politische Bildung aufs innigste verwachsen. Lange und mühsam

war der Weg gewesen, nun stand nan am Ziel, die Republik

war erreicht! Da zerschnitt der Krieg das fester denn je geknüpfte

Band. Über die politische Richtung, welche die Bourgeoisie

im Elsass hätte einschlagen wollen, kann kein Zweifel

sein; zur Nationalversammlung in Bordeaux liess sie in erdrückender

Mehrheit Republikaner wählen. - Als die Abtretung

vollzogen war. begann die Auswanderung nach Frankreich...

insiinkliv, man konnte nicht anders. Fürst Bismarck soll gesagt

haben, als ihm der Exodus gemeldet wurde: " I,assi sie gehen!

Sie arbeiten für Deutschland." Ob dieser Auszug eines Teiles

unserer französischen Vergangenheit füm Deutschland wirklich

ein Nutzen war, weiss ich nicht unserer Heimat konnte sie

nicht anders denn schaden. Was vim derart an Menschen

verloren haben, geht in die Hunderttausende; was an Geld,

in die Milliarden ; was an Tüchtigkeit und Intelligenz, ist

nicht zu zählen, nicht zu wiegen, nicht zu ersetzen. Noch

heute nach 38 Jahren ist kein völliges Ende dieses Abflusses,

der uns immer wieder verarmt.

Der zurückgebliebene und seiner besten Kräfte beraubte

Teil der Bourgeoisie sieht in seine engen Provinzialgrenzen, die

er gegen den weiten Bereich des französischen Einheitsstaates

tauscht, aus Deutschland drei Einrichtungen einziehen, deren

Ansprüche er nicht begreift : das deutsche Heer, die deutsche

Schvle das deutsieBeamtentum. Es sind dies drei Einrichtungen,

in ihrer Gesamiheit und für sich betrachtet von

anerkannter Tüchtigkeit, aber gerade darum nicht immer gewillt

sich hineinzufinden in die Stellung des Fremdkörpers inmitten

der bürgerlichen Gesellschaft des Elsasses. Nur das Militär

steht über der Situation und zahlt der Bourgeoisie die Teilnahmlosigkeit

mit gleicher Münze heim. Die deutsche Schule

möchte indes dem elsässischen Bürgertum mehr sein alste


33 -

ist; sie sieht nicht ein, warum sie nur Verstandesbildung und

höchstens noch Weltanschauung übermitteln, dahingegen der

Bourgeoisie überlassen soll. Lebensführung und gesellschaftliche

Bildung und überhaupt, was den Charakter einer Klasse festigt,

selbst zu bestimmen. Die deutschen Beamten aber verstehen

nicht, warum sie wie ihre Vorgänger LI der französischen Zeit

nur neben und nicht über der bürgerlichen Gesellschaft leben

sollen; von 1-lause aus sind sie an eine andere Stellung gewöhnt.

Alle Eingewanderten aber beurteilen nach den Auffassungen

ihrer Kaste die elsässische Bourgeoisie und werfen ihr

vor, dass sie nicht Goethe und Schiller liest, für Literaten

kein Verständnis hat und den Regierungsassessor nicht als

den ehrenvollsten Heiratswerber ihrer Töchter begrüsst. Demgegenüber

klammert sich diese Bourgeoisie an die überkommene

Richtschnur ihres Standes, arbeitet, spart, sorgt

hör den Nachwuchs und sammelt ein Familienvermögen; das

sind die sittlichen Kräfte, die ihren Stand erhalten. In den

Eingewanderten aber sieht sie Leute, die für den Staat und

vom Staate leben und gibt ihnen schuld an der Überspannung

der Staatsgewalt, vor der ihr graut ihr graut davor aus Tradition

tiii3.d auch, weil die ausschlaggebende Macht in Elsass-

Lothringen nicht ihr, sondern der Bureaukratie zugefallen ist.

Um eine Bürgerrepublik hatte sie gerungen, ein Beamtenregiment

hat sie erhalten. - - Das sind, mit eckiger Deutlichkeit

augettrückt, die zwei Ansichten, die hierzulande aufeinanderstossen,

verschärft durch eine verschiedene Art des gesellschaftlichen

Auftretens und vordem noch verbittert durch nationale

Gegensätze.

Vorhandene Gegensätze zu leugnen ist nicht unseres

Amtes; sie auszugleichen ist das Leben berufen, nicht die

Literatur. Einem Stande aber, der sich wie die elsässische

Bourgeoisie hat zurückdrängen lassen, kann man nur raten,

sich in jeder Art von Verbindung, vorab der Famihienverbindung,

zusammenzuschliessen und sich auf sich selbst zu besinnen. Die

Bourgeoisie ist in den Hintergrund getreten, seitdem ihr

politischer Nerv durchschnitten ist; da sie im Kampfe um


34 --

die politische Macht unterlag, verlor sie an Einfluss und Zusammenhang,

zudem noch durch den Wechsel ihrer Nationalität

zusammengeschmolzen und desorientiert. Damit begann

für sie eine rückläufige Bewegung. Inzwischen sind noch

nach konfessionellen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten von

unten her die Massen gesammelt worden; mit ihnen kann es

die Bourgeoisie an Intelligenz und ökonomischer Kraft, niemals

aber an Zahl aufnehmen. Auch daher muss sie zurückstehen.

Dennoch ist die Bourgeoisie, wenn sie nur will, eine

Macht der Zukunft. Getragen durch das kraftvoll gestiegene

Erwerbsleben der letzten Jahrzehnte, beginnt sie wieder sich

zu heben Nur leise regt sie sich 'ion Weissenburg bis Bischweiler,

noch müde und matt von dem vielen Blut, das sie

an Frankreich verloren, weitet sich in Strassburg, empfängt aus

allen Städten und Städtchen Zustrom und schwillt an in Mülhausen.

Dem Auge bietet sie sich bedeutsam dar, nicht SO der

sichtenden Kritik. Sie leidet noch an dem grossen Aderlass

des Jahres 1871. Aus dem Unterelsass ist weggezogen, wer

gehen konnte, dies am fühlbarsten vielleicht in Strassburg.

Strassburg ist Sitz der Regierung und starke Garnison und dadurch,

wie jedermann weiss, eine Stadt des leichten Erwerbs

und des Strebertums in mannigfachster Verkleidung. Dankbar

begrüsst man eine Schicht materiellen Reichtums, die sieh in

dci' Stadt dank der wirtschaftlichen Entwicklung zu bilden

beginnt. Wir wollen hoffen, dass sie dauerhaft sein wird und

fähig Charakter und Intelligenz abzusondern, im übrigen aber

unser Interesse dem bewährten Mittelstande zuwenden, der

nach alter Tradition ein „freies, sinnlich geniessendes Leben"

führt und sich in spöttischer Bonhomie niemand über den

Kopf wachsen lässt.

Günstiger wird das Urteil, wendet man sich dem Oberelsass

zu, Dort sind durch die Fabriken, die auch darum

noch gesegnet seien, die industriellen Familien festgehalten

worden und bilden allerorts die Hoffnung unseres Landes.

Mülhausen leider hat keine Kindei' mchi', es hat seine Söhne

nach Frankreich geschickt und gibt seine Töchter vielfach den


35 -

Schweizern, die einwandern. Wir sehen mit Wehmut Mülhausens

alte Fabrikherrenschaft aussterben und ersetzt werden durch

Ausländer, die Ausländer bleiben. Eine glorreiche elsässische

Vergangenheit geht dort zur Rüste. Schweizer, die Schweizer

bleiben, drohen Mülhausen und seine Kraft unserm Lande zu

entfremden. Will sich Mülhausen isolieren und an Fremde

ausliefern, obschon es selbst Kraft im Überschusse hervorbringt

und sich noch in den letzten Jahrzenten nach aussen hin

betätigt und von l3elfort bis Epinal den Westabhang der Vogesen

industriell kolonisiert hat? - Schlimm stünde es um Mülhausens

Bedeutung für unser Land, böte nicht die Umwandlung der

Fabriken in Aktiengesellschaften aufstrebenden Ingenieuren

erwünschte Gelegenheit in leitende Stellung zu gelangen. Und

es sind Elsässer, die aus dieser Bewegung Nutzen ziehen.

Dass diese Fabrikherren, die erst von heute sind, emporgestiegen

aus arbeitsamem elsässischem Mittelstand, doch schon

sich mühen hineinzuwachsen in Mülhausens grosse Tradition,

ist der erfreuliche Lichtblick unserer Zukunft. Wir begleiten

diese Entwicklung mit unsernVünschen. Denn es herrscht ja noch

in Mülhausen und soll also nicht untergehen ein starker Geist,

belebt und verfeinert durch die französische Kultur und die

französische Frau, die selbst uns fernstehende Barbaren bezaubern

mögen. Wir zählen auf Mülhausens Zukunft und

können nicht glauben, dass es nur zehrt von der angesammelten

Energie seiner Vergangenheit und sich nicht hinlänglich

müht gleichen Schritt zu halten mit einer mehr denn je fortschreitenden

Zeit.

Die elsässische Bourgeoisie hat die Pflicht, fest zu bleiben.

Damit dient sie dem allgemeinen Interesse. Erzählt man uns

nicht, dass das alte Rom zugrundeging, weil ihm ein eigenständiges

Bürgertum fehlte? Es ist für jedermann und für

Gegenwart und Zukunft wichtig, dass sich selbstbewusst der

Bürgerstand erhalte und mit ihm Familiendauer und sicheres

Dasein und Männer, die dem Gemeinwohl dienen nicht aus

Beruf, noch weniger aus Interesse, sondern aus Pflicht. Daher

sei der Bürger stolz auf seinen Stand


=1s

Dem deutschen Bürgertum sagen seine Gegner nach, dass

es Adel, Offizier und Geheimrat über sich stellt und dorthin

immer wieder seine besten Kräfte abgibt. Sollte auch elsässischer

Bürgerstolz schwächer sein als der Adels- und Beamtenund

Offiziersstolz und Gefahr laufen beim Kontakte zu verlieren,

so ist er gegen solche zersetzenden Einflüsse zur Zeit geschützt

durch die französische Kultur, die man hierzulande aus Familientradition

weiterpflegt, nebstdem aber instinktiv als bürgerliche

Standesbildung empfindet. Die tonangebenden Kreise pflegen

diese Kultur, weil es ihnen so gefällt; die andern, weil sie

nach gesellschaftlicher Gleichstellung streben.

Diese gesellschaftliche Bildung in Ehren! aber sie hindere

nicht Deutschland durch und durch keimen zu lernen, man

studiere Deutschland an seinen Kulturzentren, trete rückhaltlos

ein in den deutschen Wirtschaftsverkehr! Sonst ist Gefahr,

dass die elsässische Bourgeoisie in einem wachsenden Deutschland

kümmerlich zurückbleibt. Von ihrem französischen Mutterhoden

losgelöst, muss sie das Wertvolle aus ihrer Vergangenheit

bewahren, zugleich aber rüstig weiterschreiten. Dies die

Aufgabe!

Die Aufgabe zu lösen, bleibt dem Leben und dem Taktgefühle

des einzelnen überlassen. Ist die Bourgeoisie wieder

hinlänglich erstarkt, dann wird sie wie stets in ihren grossen

Tagen und wie mit Naturnotwendigkeit das hervorbringen,

was uns allen not tut: führende Männer!

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