Schafe, die wissen was sie wollen!?! Liebe Geschwister! Papst ...

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Schafe, die wissen was sie wollen!?! Liebe Geschwister! Papst ...

Predigt am 4. Sonntag in der Osterzeit/21.04.2013/St. Augustin, Coburg/Dekan Roland Huth

Schafe, die wissen was sie wollen!?!

Apostelgeschichte 13,14.43b-52 Offenbarung 7,9.14b-17 Johannes 10,27-30

Liebe Geschwister!

Papst Franziskus hat am vergangenen Mittwoch im vatikanischen Gästehaus

Santa Maria in Rom gemeinsam mit den Mitarbeitern der Vatikanbank einen

Gottesdienst gefeiert. In seiner Ansprache warnte er vor einer „Babysitter-

Kirche“, in der die Gläubigen passiv bleiben und auf eine Betreuung warten.

Jeder Getaufte müsse Christus mit Worten und Taten bezeugen. Nur so werde

die Kirche wirklich zur „Mutterkirche“ und die Gläubigen zu ihren Söhnen und

Töchtern. Außerdem hob Franziskus hervor, dass die Glaubensverkündigung

keine Angelegenheit von Amtsträgern und Fachleuten sei. Jeder Getaufte besitze

die erforderlichen Voraussetzungen dafür. Soweit Papst Franziskus.

Das Johannesevangelium schildert in schönen, aber auch für uns etwas abgenutzten

nostalgisch anmutenden Bildern die Stellung des „Guten Hirten“

gegenüber seiner Schafsherde. Und es bringt somit seine Theologie dementsprechend

verpackt an die damaligen Männer und Frauen. Für viele von uns

bzw. von unseren Mitschafen ist diese Bildsprache – aber auch der theologische

Gehalt dieser Textpassage jedoch fremd geworden. Warum das so ist, erschließt

sich wohl aus verschiedenen Gründen. Zum einen ist ein Teil unserer eigenen

Gemeinden noch stark verhaftet in einem ritualisierten Glaubensvollzug, in

denen das Ableisten im Vordergrund steht. Mit dem Besuch des Gottesdienstes

am Sonntag habe ich zwar einem Gebot Genüge getan – es sagt aber noch lange

nichts darüber aus, wie ich mein Christsein im Alltag lebe und wo dies in meinem

Reden und Handeln auch deutlich wird. Und zwar genau dort deutlich wird,

wo ich nicht im geschützten Raum mit Gleichgesinnten bete und singe! Zum

anderen hat sich eine nicht geringe Zahl von zugehörigen Schafen deutlich von

der Herde distanziert. Innerlich oder äußerlich. Die eine Truppe steht am Rand

des Gatters und streckt den Kopf nach draußen; die anderen haben den Sprung

über das Gatter gewagt und meckern jetzt über die drinnen Gebliebenen.

Und der große Teil der mehr oder minder braven Schafe frisst genügsam vor

sich hin was ihnen serviert wird. Ab und an wird der Weidezaun etwas nach

rechts oder links verschoben, manchmal geht´s in´s Winterquartier…

Aber halt! Jetzt sind wir genau wie Johannes wieder in der Bildsprache rund um

den Schafspferch gelandet. Vielleicht sagen ja Bilder doch mehr als manche

konkreten Sachbeschreibungen!?!

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Dem Evangelisten Johannes geht es um eine Beziehungsklärung. Wie steht es

um die Beziehung zwischen Gottvater und Jesus Christus. Keine leichte Kost für

die Anfänge des Christentums und die binnentheologischen Festlegungen, die ja

auch geschehen mussten. Aber eines wird klar. Es geht immer und nur über die

lebendige Beziehung. In der Beschreibung des Verhältnisses zwischen Gottvater

und Gottsohn, aber eben auch in der Beschreibung des Verhältnisses zwischen

Gott und Menschen und denen untereinander, die sich auf Jesus Christus berufen.

Die Aussage Jesu im heutigen Evangelium „Ich und der Vater sind eins“ hat

als Vorlauf die Aussage: „Ich kenne sie und sie folgen mir“! Es geht hier nicht

um statisch festgelegte Beziehung, sondern um Lebendigkeit innerhalb dieses

Beziehungsgeflechtes. Aus der Distanz, aus dem Abgrenzen heraus wird dies

nicht gelingen können. Dranbleiben bedeutet dann aber auch, sich nicht aus der

Beziehungsarbeit verabschieden, die Auseinandersetzung wagen, Gemeinschaft

pflegen, sich aufeinander verpflichtet wissen.

Liebe Schwestern und Brüder! Auch wenn es jetzt etwas kompliziert klingen

mag – daran hängt das Wohl und Wehe lebendiger Gottesbeziehung und auch

lebendiger Beziehung zwischen uns als Christen. Und so kommen wir auch dann

gut wieder zum anfänglich zitierten Predigtauszug von Papst Franziskus: Wir

dürfen keine Babysitter-Kirche werden…oder – um es zu konkretisieren: wir

müssen und dürfen uns verabschieden von diesem absoluten Versorgungsdenken

von oben nach unten. Klar: wir brauchen einen Rahmen, in dem wir leben und

glauben können. Dies gibt Orientierung und auch ein gutes Stück Sicherheit.

Klar: wir brauchen Leitung. Aber eine Leitung, die sich an den Bedürfnissen der

Herde orientiert. Aber wir brauchen dementsprechend auch eine Herde, die

mündig das ihre tut. Eine Herde, die sich ihrer Charismen bewusst ist und sie

auch zu leben traut. Für uns als Kirche vor Ort, als Gemeinde bleibt es daher

Aufgabe, dem Raum zu geben und sich kritisch auf diesem Weg gegenseitig zu

begleiten. Dankbar zu sein für alles, wo sich ein Stück davon verwirklichen

lässt, aber auch unruhig zu bleiben – um es frei mit dem Heiligen Augustinus zu

sagen – wo wir Stillstand erleben oder wo die Genügsamkeit mancher Schafe in

Lethargie umzuschlagen droht.

Ich könnte ohne die lebendige Auseinandersetzung mit gleichgesinnten

Menschen, mit einem lebendigen Organismus Kirche meinen Glauben wohl

schwer leben. Mir würde bei aller Freude und auch manchem Leid doch das

fehlen, was grundsätzlich zum Christsein gehört: Das gelebte Wissen darum,

dass mich ohne die Gemeinschaft im Schafsgatter wohl doch der eine oder

andere Weltwolf fressen würde. Dann doch lieber ab und an drinnen geknurrt

und gemeckert – um im Ernstfall zu wissen: wir halten zusammen – nicht nur,

wenn es ernst wird. Amen.

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