und Sozialgeschichte der ungarischen Juden vom 18 ... - EPA

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und Sozialgeschichte der ungarischen Juden vom 18 ... - EPA

LÁSZLÓ MARJANUCZ, SZEGED

Beiträge zur Siedlungs- und Sozialgeschichte

der ungarischen Juden vom 18. Jahrhundert bis 1920

Die Neubesiedlung Ungarns seit dem späten 17. Jahrhundert

Die Geschichte der ungarischen Juden stellt im Hinblick auf die Integrationsmöglichkeiten

und die Modernisierung des Landes einen Sonderfall in

der europäischen Geschichte dar. Von den besonderen Faktoren, die auf

einen Unterschied zur Lage der west-, mittel- und anderen osteuropäischen

Juden verweisen, ist die Tatsache hervorzuheben, daß die jüdische Bevölkerungsgruppe

im neuzeitlichen Ungarn überwiegend erst im Verlauf des

18. und 19. Jahrhunderts durch Neueinwanderung entstanden ist. Die vor

der hundertfünfzigjährigen osmanischen Herrschaft in Teilen Ungarns angesiedelten

Juden hatten diese Regionen im Zuge der Rückeroberung durch

die habsburgischen Heere verlassen. Das österreichische Einrichtungswerk

schuf für die später Einwandernden gänzlich andere Verhältnisse. 1

Ungarn hatte infolge der Türkenkriege wesentliche Verluste an Menschen

erlitten. Das verwüstete und partiell stark entvölkerte Land übte

bald danach große Anziehungskraft auf landhungrige Gruppen verschiedener

Nationalität, Kultur, Konfession und Sprache aus. Durch die Initiativen

des Wiener Hofes und der aufgeklärten absolutistischen Bürokratie

fanden besonders viele Deutsche den Weg nach Ungarn. Während dieser

Migrationen wanderten auch einige Juden von Westen nach Osten. Genaue

Zahlen kennen wir nicht, es ist aber feststellbar, daß der Einzug der

Juden und die bevölkerungspolitischen Maßnahmen nicht miteinander in

Verbindung standen. Gemäß der kameralistischen Parole ibi populus – ubi

obulus trieb man die Impopulation in der Hoffnung voran, das Land durch

die Ansiedlung von Angehörigen nützlicher Berufsgruppen ökonomisch

zu entwickeln. Wien erhoffte sich aber von der massiven Ansiedlungspolitik

auch eine Mehrung der Staatseinnahmen. Diesen Zielen wurden in erster

Linie die Deutschen, Slowaken, Tschechen und Ruthenen gerecht, die

größtenteils im südlichen und zentralen Ungarn planmäßig angesiedelt

wurden. 2

Im Gegensatz zu den Deutschen kamen die Juden nicht in größeren

Gruppen, sondern zunächst meist als mobile und aktive Einzelpersonen

sowie im Verband einer Kleinfamilie. Auch ihre nicht durch staatliche Organe

betriebene Migration war gegen den ausdrücklichen Willen des Wie-

1

Walter Pietsch: A zsidók bevándorlása Galíciából és a magyarországi zsidóság. In: Valóság

31 (1988) 11, 46-59, hier 47.

2

István Rácz: A török világ hagyatéka Magyarországon. Debrecen 1995, 98.


70 Ungarn-Jahrbuch 28 (2005-2007)

ner Hofes. Die Einwanderung verlief in drei Wellen. In der ersten Phase

zwischen etwa 1688 und 1736 aus Österreich, dann ab etwa 1736 bis etwa

1770 aus Böhmen und Mähren, schließlich von 1772 bis zur Mitte des folgenden

Jahrhunderts aus Galizien. 3 Als Gründe für die Einwanderung aus

den österreichischen Erblanden nach Ungarn sind die verschlechterte ökonomische

Lage der dortigen Juden, neue Verfolgungswellen sowie – damit

zusammenhängend – die vorübergehende Schwäche staatlicher Administration

in Ungarn anzugeben. 4 Die genaue Zahl der eingewanderten Juden

ist nicht zu ermitteln. Anhaltspunkte liefern die Konskriptionen in Ungarn

in den Jahren 1715-1720.

Conscriptio Regnicolaris und jüdische Register 1715-1750

Der Wiener Hof wollte nach der Rückeroberung Ungarns ein klares Bild

über das Land gewinnen. Deshalb ließ er in den Jahren 1715 bis 1720 die

Bevölkerung erfassen. Die Registrierung der Juden wurde aus den gleichen

Gründen verordnet wie jene der anderen nichtprivilegierten Schichten.

Der Staat beabsichtigte, auch die Juden zu besteuern. Die königliche

Finanzbehörde, vor allem die Kammer war eifrig bemüht, sich über ihre

Zahl, Berufe und Vermögensverhältnisse zu unterrichten. Die erste große

Bevölkerungsaufnahme im 18. Jahrhundert wurde in den Jahren 1715 bis

1720 durchgeführt. Ihre Ergebnisse liegen mit Komitats- und Gemeindenachweisen

publiziert vor. 5

Nach der allgemeinen Zusammenschreibung der Bevölkerung des Königreiches

führte die Obrigkeit die Konskriptionen der jüdischen Pächter

der damals der Kammerverwaltung unterstehenden Domäne Munkatsch

(Munkács, heute ukrainisch Mukačeve) in dem Komitat Bereg 1721, dann

1721/1722 die der einzelnen Dörfer der Komitate Szatmár, Szabolcs, Közép-

Szolnok und 1728 der von Máramaros, Ugocsa, Bács, Arad und Zaránd

durch. Diese Quellen enthalten wichtige Einzelheiten über die jüdische

Bevölkerung. 6 Allerdings wurden sie regional nach unterschiedlichen Erhebungsmethoden

angefertigt: In einem Dorf erkundigte man sich nach

der Seelenzahl, in einem anderen nach der Größe einer Familie. Insgesamt

scheint nicht die Gesamtzahl der Juden erfaßt worden zu sein.

3

Walter Pietsch: Zwischen Reform und Orthodoxie. Der Eintritt des ungarischen Judentums

in die moderne Welt. Berlin 1999, 11.

4

Nathaniel Katzburg: Fejezetek az újkori zsidó történelemből Magyarországon. Budapest

1999, 40.

5

Ignác Acsády: Magyarország népessége a Pragmatica Sanctio korában 1720/21. Budapest

1896, 486. Zur verwaltungshistorischen und geographischen Zuordnung der mit ihren Originalbezeichnungen

angeführten Komitaten Ungarns vgl. Dénes Wildner: Ortslexikon der ehemaligen

Gebiete des historischen Ungarns. I: Das Namenmaterial der Komitate im 20. Jahrhundert.

II: Register. Bearb. Ralf Thomas Göllner. München 1996, 1998.

6

Acsády 25.


L. Marjanucz: Zur Siedlungs- und Sozialgeschichte der ungarischen Juden 71

Der Staat verfügte damals noch über keine wirksamen Mechanismen

zur Durchführung derart komplexer Aufgaben. Zudem handelte es sich

um die Registrierung zur Steuer, der sich naturgemäß viele zu entziehen

versuchten und dabei häufig die Hilfe des jeweiligen Gutsherren in Anspruch

nehmen konnten. Deren privates fiskalisches Interesse war nämlich,

die Zahl der Steuerzahler vor den Behörden möglichst klein zu halten.

7 Deshalb dürfen diese statistischen Angaben nur mit großer Vorsicht

verwendet werden. In unserem Fall müssen wir vor allem davon ausgehen,

daß ein erheblicher Teil der jüdischen Bevölkerung von den Konskriptionen

nicht ermittelt wurde. Dies gilt besonders für die von Juden

kaum oder – scheinbar – überhaupt nicht besiedelten Territorien, das heißt,

für zerstreut gelegene Dörfer, in denen höchstens zwei Familien wohnten.

Von deren Existenz hatten die Behörden gar keine Kenntnis. Die Juden

wurden außerdem nicht im Rahmen des allgemeinen Steuersystems, sondern

gesondert besteuert. Deshalb stand es nicht im Interesse der Dorfbewohner,

die Aufmerksamkeit der Finanzorgane auf sie zu lenken. Wenn

bestimmte Städte nicht auf die Volkszählungsliste gelangten, bedeutete

dies nicht, daß dort keine Juden wohnten. 8

Gemäß der Landesregistrierung 1715-1720 sollen bis zum Beginn des 18.

Jahrhunderts 2.531 jüdische Familien in Ungarn angesiedelt worden sein.

Der Zensus umfaßte jüdische Familien, deren Herkunftsorte fast ausschließlich

im Westen zu finden waren. Sie hatten sich nach ihrer Einwanderung

entlang der Grenzzonen verstreut niedergelassen, allerdings in einem

geographisch erheblich vergrößerten Rahmen, wie eine spätere Registrierung

belegt. 9 Diese hatte zum Beispiel das Komitat Sathmar gar nicht

berücksichtigt, obwohl es in der Konskription von 1720 auch als von Juden

bewohntes Gebiet angeführt worden war. Innerhalb dieses Komitates

wohnten laut Register von 1715-1720 in vier Dörfern – Großkarol (Nagykároly,

Carei), Csalános, Vasvári und Derzs – Juden. 10 Ihr Gutsherr war der

einflußreiche Politiker und General Sándor Graf Károlyi (1669-1743), der

sie zwecks Belebung von Handel- und Geschäftsleben angesiedelt hatte. 11

Es ist kaum anzunehmen, daß diese Juden schon im nächsten Jahrzehnt

diese Gemeinden verließen. Der Graf schickte zum Beispiel 1724 aus Preßburg

(Pozsony, heute slowakisch Bratislava), wo er sich wegen eines Reichstags

aufhielt, selbst einen Rabbi nach Großkarol, um die örtliche jüdische

Gemeinde zu betreuen. Die Anwesenheit der Juden kann aber nur teilweise

mit der Peuplierungspolitik der Magnaten begründet werden. Wahrscheinlich

hatten einige in westlichen und nördlichen Regionen Ungarns beleg-

7

Zoltán Dávid: Az 1715-20. évi összeírás. In: A történeti statisztika forrásai. Hg. József Kovacsics.

Budapest 1957, 145-199, hier 175.

8

Henrik Marczali: Magyarország története II. József korában. Budapest 1885, 268.

9

Acsády 26.

10

Ebenda, 488.

11

Zoltán Riczu: Zsidó épületek és emlékek Nyíregyházán. Nyíregyháza 1992, 12.


72 Ungarn-Jahrbuch 28 (2005-2007)

bare Gemeinden die Türkenkriege doch überlebt, somit zu einer demographischen

Kontinuität einzelner kleiner jüdischer Gemeinden beigetragen. 12

Im Komitat Szabolcs lebten gemäß der Konskription von 1720 Juden in

den Dörfern Nyírbéltelek, Mada und Ibrány, die aber in dem erwähnten,

kurze Zeit später erstellten Register keine Spur hinterließen. Zusammenfassend

ist aufgrund der zwischen 1720 und 1728 durchgeführten Registrierungen

von Juden davon auszugehen, daß ihre Zahl größer war als in den

Statistiken angegeben. Zur Lückenhaftigkeit dieser Quellen trugen verschiedene

Faktoren bei, so etwa die sich über einen längeren Zeitraum hinziehende

und nicht gleichzeitige Zusammenschreibung der Komitate. Mit

den Juden geschah das Gleiche wie mit Leibeigenen: Um ihre drückende

Steuerlast zu mindern, versuchten viele Bauern und Juden, sich zu verstecken.

Die Zensoren vermochten aber auch wegen ihrer häufig mangelhaften

Ortskenntnisse viele nicht zu erfassen. Dennoch gab es zwischen

den beiden Gruppen einen Unterschied. Während die Urbarien es ermöglichten,

durch den Vergleich von Besitzurkunden und der Konskription

die ausgelassenen zinspflichtigen Personen zu berechnen, bestand diese

Möglichkeit bei den Juden nicht.

Die von den Wiener Zentralbehörden landesweit durchgeführte und

datenreiche „Conscriptio Judeorum“ der Jahre 1735-1737 ist von einzigartigem

historischen Wert, weil sie jedes einzelne namentlich erfaßte Familienoberhaupt

und jeden Geburts- beziehungsweise Herkunfts- sowie Ansiedlungsort

in Ungarn, außerdem den Erwerbszweig zum Zeitpunkt der

Befragung festhielt. 13 Diese statistische Erfassung sollte die Datengrundlage

für die nach Wien fließenden Sondersteuerleistungen der Juden verbessern.

Die Taxa Tolerantia, eine staatliche Steuerform für die Duldung ihres

Aufenthaltes in Ungarn, wurde unter Maria Teresia eingeführt. Die ungarischen

Stände protestierten dagegen, aber nicht, weil sie sie für ungebührlich

und demütigend für die Betroffenen hielten, sondern weil die Verordnung

ohne die Berücksichtigung ihres Steuerbewilligungsrechtes erlassen

worden war. 14 Die Registrierung erstreckte sich auf 30 Komitate. Die Bevölkerungsaufnahme

wurde im gesamten Land Ort für Ort nach gleichen

Prinzipien durchgeführt. Als Registrationseinheit galt das Familienoberhaupt

beziehungsweise der Haushaltsvorstand. Außer ihm wurden die Familienmitglieder

nach Lebensalter sowie alle sonstigen Hausbewohner wie

Knechte und Mägde aufgeführt. Das Dokument enthält ausführliche Beschreibungen

über Berufe, Fronabgaben sowie den Viehbestand der Registrierten.

15

12

Károly Vörös: A magyarországi zsidóság helyzete a mohácsi vésztől 1918-ig. In: Magyarországi

zsinagógák. Hg. László Gerő. Budapest 1989, 28-35, hier 28.

13

Pietsch: Zwischen Reform und Orthodoxie, 11.

14

Henrik Marczali: Mária Terézia. Budapest 1888, 74.

15

Pietsch: Zwischen Reform und Orthodoxie, 13.


L. Marjanucz: Zur Siedlungs- und Sozialgeschichte der ungarischen Juden 73

Ähnliche Gesichtspunkte galten für die „Conscriptio Regnicolaris“ der

Juden von 1750, die 19 Komitate und königliche Freistädte erfaßte. Der

Vergleich der Endergebnisse der Landeszusammenschreibungen der Juden

in den Jahren 1735-1737 und 1750 bilden die Datengrundlage nachfolgender

Tabellen. 16

Komitat

Conscriptio Judeorum

1735-1737 1750

Arad 97 96

Árva 29 34

Bács 95 109

Esztergom 47 57

Fejér 170 195

Győr 55 64

Komárom 180 181

Liptó 68 83

Moson 855 936

Nyitra 1 2.350

Pest 560 660

Pozsony 1.996 2.236

Somogy 8 8

Sopron 1.949 1.971

Tolna 181 218

Trencsén 807 977

Vas 513 519

Veszprém 230 269

Zala 106 117

Obige Daten verweisen auf einen allgemeinen Trend: Die Zahl der Juden

veränderte sich während dieser anderthalb Jahrzehnte kaum. Sie vermehrte

sich am ehesten in den Komitaten Pozsony, Sopron, Nyitra und

Trencsén, wo Juden schon seit Jahrhunderten in größerer Zahl wohnten.

Dieser Umstand war für einen natürlichen Zuwachs nicht unerheblich. Ein

Bevölkerungsanstieg durch Zuwanderung läßt sich für diese Zeit nicht belegen.

In manchen Orten finden wir auch nach fünfzehn Jahren nahezu

die unveränderte Einwohnerzahl vor, so etwa in den Gemeinden der Komitate

Arad, Somogy und Vas. Dieser niedrige Migrationsgrad ist überraschend,

denn die Einwanderung von Deutschen, Ruthenen und Serben

nach Ungarn nahm gerade zu dieser Zeit erhebliche Dimensionen an. Die

ungarischen Grundherren bemühten sich ungeachtet der Konfessionszugehörigkeit

der Neuangeworbenen, die entvölkerten Güter mit nützlichen

Arbeitskräften zu besiedeln, um der Wirtschaft einen Innovationsschub zu

16

Alajos Kovács: A zsidóság térfoglalása Magyarországon. Budapest 1922, 13.


74 Ungarn-Jahrbuch 28 (2005-2007)

geben. 17 Trotz dieser Bestrebungen stagnierte die Zahl der Juden oder stieg

nur geringfügig an. Der demographische Grund dafür lag darin, daß die jüdische

Bevölkerung vor der Konskription nur wenig angewachsen war, das

heißt, sie hatte mehrheitlich schon in den 1720er Jahren in Ungarn gelebt.

Diese Voraussetzungen wurden gestärkt durch die geographische Herkunft

der jüdischen Bevölkerung nach der „Conscriptio Regnicolaris“ von

1735-1737. Der prozentuale Nachweis bezieht sich auf die Familienoberhäupter.

18

Herkunftsland

Prozentuale Verteilung

Ungarn 35,31

Mähren 38,35

Böhmen 3,07

Österreich 5,31

Polen/Litauen 11,05

Heiliges Römisches Reich deutscher Nation 1,24

Andere Länder 0,44

Unbekannt 5,23

Insgesamt 100,00

Nach den vorgestellten Angaben machte der Anteil der Juden ungarischer

Herkunft lediglich gut ein Drittel aus. Das bedeutet aber nicht, daß die aus

benachbarten Territorien zugewanderten Juden erst kurz zuvor ins Land

gekommen waren. Sie wurden in die Rubrik der Ausländer eingestuft, obwohl

die überwiegende Mehrheit – wenn nicht sie selbst, so ihre Eltern

oder Großeltern – schon früher eingewandert waren. Sie bekannten sich als

Ausländer, weil sie sich dadurch Steuerentlastungen erhofften. Es ist bemerkenswert,

daß die wenigsten Zuwanderer im Komitat Sopron ansässig

waren: Von den 429 jüdischen Familienoberhäuptern waren es nur 23, obwohl

dieses Komitat ökonomisch attraktiv war und in der Nähe der österreichischen

Erblande lag. Hier hatten Juden schon im 17. Jahrhundert in

größerer Zahl auf den Gütern und unter dem Schutz der Magnatenfamilie

Esterházy gelebt. 19 Auch in den Komitaten Moson und Pozsony war die

Mehrheit der Registrierten ungarischer Herkunft. In allen anderen Landesteilen

stellten Einwanderer die übergroße Mehrheit der jüdischen Bevölkerung.

Hieraus folgt, daß der Westen Ungarns schon seit dem 15. Jahrhundert

auch von kleineren jüdischen Gemeinden bevölkert war, die in erster

Linie aus den Erblanden stammten, während sich im Landesinneren und

17

Imre Wellmann: Magyarország XVIII. század végi népességszámának kérdéséhez. In:

Mezőgazdaság, agrártudomány, agrártörténet. Hg. Péter Gunst. Budapest 1979, 265-303, hier

267.

18

Pietsch: Zwischen Reform und Orthodoxie, 26.

19

Csaba Csapody: Az Esterháyak alsólendvai uradalmának gazdálkodása a XVIII. század

első felében. Budapest 1933, 37.


L. Marjanucz: Zur Siedlungs- und Sozialgeschichte der ungarischen Juden 75

Süden eine massenhafte Migration besonders von deutschen Bauern unter

Karl III./VI. (1711-1740) entfaltete.

Im Gegensatz zu der bis in diese Zeit analysierten Situation lebten Juden

in unbestimmter, geringer Zahl auch in den nordöstlichen Gebieten

Ungarns wie etwa in den Komitaten Szabolcs, Szatmár, Ung, Máramaros

und Békés sowie auf den riesigen Latifundien Munkács und Szarvas – und

zwar noch vor der großen Einwanderungswelle aus Galizien. Diese zeitlich

frühe Anwesenheit jüdischer Bevölkerungsteile spiegelt sich besonders in

den Konskriptionen von 1721 und 1728 wider und ist vor allem mit der Impopulationstätigkeit

des Grafen Sándor Károlyi und seiner Nachfahren,

der Grafen von Schönborn und des Barons Johann von Harrach zu erklären.

20 Somit kann die Zahl der jüdischen Bevölkerung für 1720 in den zusammengeschriebenen

Komitaten und Städten überschlägig folgendermaßen

angegeben werden: 21

Abaúj 150 Arad 30

Árva 25 Bács 90

Békés 2 Bereg 200

Bihar 70 Borsod 100

Esztergom 40 Fejér 100

Győr 50 Heves 20

Komárom 150 Liptó 50

Moson 850 Nyitra 1.800

Pest-Pilis-Solt 500 Pozsony 1.900

Sáros 300 Somogy 50

Sopron 1.500 Szatmár 150

Szepes 30 Tolna 150

Trencsén 800 Ugocsa 100

Vas 500 Veszprém 200

Zala 100 Zemplén 500

Szabolcs 30 Közép-Szolnok 40

Máramaros 200 Zaránd 20

Turócz 100 Nógrád 40

Gömör 50 Ung 70

Insgesamt 11.374

Der Grund für vorliegende Recherchen waren die publizierten Ergebnisse

der „Conscriptio Regnicolaris“ von 1715 und 1720 über den Bevölkerungsstand

Ungarns. Die Bewertung der zwei Volkszählungen, jener von 1715

und der sie korrigierenden von 1720, die potentielle Steuerzahler zu registrieren

hatte, regt auch heutzutage lebhafte wissenschaftliche Diskussio-

20

Pietsch: A zsidók bevándorlása, 47.

21

Acsády 489.


76 Ungarn-Jahrbuch 28 (2005-2007)

nen an. Die korrekte Auslegung des Datenmaterials ist noch immer eine

wichtige Aufgabe der historischen Demographie und Ethnographie. 22 Die

Konskriptionen waren hinsichtlich des zu untersuchenden Territoriums

unvollständig. Die frühere erstreckte sich nur auf das unter der Zivilverwaltung

stehende Gebiet, aber ohne das zu dieser Zeit noch zum Osmanischen

Reich gehörende Temescher Banat. Die zweite umfaßte nur die steuerzahlenden

Dörfer und Städte ohne die Grenzgebiete, die kurialen und

vom Kleinadel bewohnten Siedlungen. Die letzteren machten rund zehn

Prozent der erfaßten Gemeinden aus. Alles in allem wurde nicht die gesamte

Bevölkerung zusammengeschrieben, sondern nur ein Teil – wenn

auch der größere – der steuerzahlenden Haushalte. Daraus folgt, daß auch

die jüdische Population größer gewesen sein dürfte, als es die Daten widerspiegeln.

Was die Bevölkerungsdichte anbelangt, so wohnten die meisten Juden

im Nordwesten Ungarns, nämlich ungefähr 67 Prozent, etwa 7.650 Personen,

in sechs Komitaten: Nyitra, Pozsony, Sopron, Moson, Trencsén und

Vas. Dies ist ein gewichtiger demographischer Beleg dafür, daß Juden vor

allem das Territorium des habsburgisch verwalteten königlichen Ungarn

schon während der osmanischen Herrschaft in Mittelungarn allmählich

besiedelt hatten. Die Einwanderung aus den österreichischen Erblanden

und dem Alten Reich ist der Grund für ihre relativ große Zahl im westlichen

Randgebiet des Landes in unmittelbarer Nachbarschaft Österreichs.

Eine andere Angabe fällt zusätzlich ins Auge: 1.050 Personen siedelten

schon Anfang des 18. Jahrhunderts in den nordöstlichen Komitaten Sáros,

Máramaros, Ung, Ugocsa, Bereg, Szatmár und Szabolcs. Es ist sehr wahrscheinlich,

daß hier nicht von Juden aus Polen/Litauen, sondern zum Teil

von jüdischen Gemeinden, welche die osmanische Herrschaft überlebt

hatten, sowie von vereinzelt neu Eingewanderten auszugehen ist. Das bedeutet,

daß mehr als fünfzig Jahre vor der ersten Teilung Polens im Jahre

1772 im Nordosten Ungarns Juden verschiedener Herkunft lebten und

wirkten – wenn auch nur in geringer Zahl. Die geopolitische Lage des Landes

und die kameralistischen Interessen behinderten die Binnenmigration

der Westjuden in östlicher Richtung in den ersten Jahrzehnten des 18.

Jahrhunderts, wenngleich sie nicht völlig zu unterbinden war. Ein größerer

Zustrom von Juden aus dem westlichen Ungarn in östlicher Richtung erfolgte

erst während der Herrschaft Josephs II. (1780-1790), als Juden aus

östlichen Landesteilen zeitgleich langsam nach Westen zogen. So kamen

diese beiden jüdischen Gruppen um die Jahrhundertwende miteinander

in Kontakt. Diese Begegnung war voller Konflikte, weil die schon verbürgerlichten

und wohlhabenden, sich gerade assimilierenden Juden aus den

westlichen Landesteilen und die im System der zweiten Leibeigenschaft pauperisierten

Juden Polen/Litauens und Nordostungarns unterschiedliche

22

Dávid 171.


L. Marjanucz: Zur Siedlungs- und Sozialgeschichte der ungarischen Juden 77

Lebenswelten vertraten. 23 Diese Frage gehört zur Problematik der bürgerlichen

Umgestaltung Ungarns, auf die hier jedoch nicht eingegangen werden

kann.

Die Quellen enthalten enthält keine Hinweise auf eine Anwesenheit

von Juden in der Landesmitte. Eine Konskription von 1750 berichtet davon,

daß in den Komitaten Baranya, Csongrád, Csanád, Bars, Hont und

Zaránd keine Juden seßhaft waren. 24 Obwohl die frühere Registrierung in

Zaránd einzelne Juden nachgewiesen hatte, läßt sich festhalten, daß die jüdische

Migration die Siedlungsräume in den zentralen und südlichen Teilen

Ungarns in den 1750er Jahren noch nicht erreichte. Die Einwanderung

und Ansiedlung konzentrierte sich auf die Grenzlandschaften und nahm

dabei immer Bezug auf die jeweilige geographische Richtung und räumliche

Ausdehnung der andersethnischen lokalen Migrationen.

Im Vergleich zu den letzteren verteilten sich die Juden schon bald über

relativ viele Gemeinden. Überall gründeten sie nach einiger Zeit kleine Gemeinden.

Zentren bildeten sich allerdings nur in Transdanubien, in einigen

Marktflecken reicher Großgrundbesitzer wie der Esterházy oder Batthyány,

sowie auf etlichen Maierhöfen. Im Gegensatz zu ihnen übertrugen die sich

in Ungarn niederlassenden Neusiedler aus dem Alten Reich, dem Osmanischen

Reich und den beiden Donaufürstentümern eher Elemente ihrer

tradierten Siedlungsformen und Lebensweisen in ihre neue Heimat. Die

zur selben Gemeinschaft gehörenden Kolonisten bildeten ethnisch und religiös

häufig homogene Dörfer. Es war, neben dem 17. Jahrhundert, diese

Zeitspanne, in der sich die ethnischen Verhältnisse in Ungarn zu Lasten

der Magyaren einschneidend wandelten. In diesem Zusammenhang war

die jüdische Zuwanderung von außerordentlich großer Bedeutung. Die

spätere Assimilation der Juden sollte wesentlich zur Erhöhung der Zahl

der Magyaren beitragen. 25

Rechtliche Grundlagen der Ansiedlung, politisch-gesellschaftliche Rahmenbedingungen

Die Landesgesetze gewährten den Juden in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts

kein Niederlassungsrecht. Ihnen stand aber der Schutz des Landesherren

und der jeweiligen Grundherren gegen eine bestimmte Steuer

zu. Sie hielten vielerorts den Kleinhandel in ihren Händen, den Großhandel

hatten sich Deutsche, Griechen, Armenier und Aromunen vorbehalten.

Es gab auch Beispiele dafür, wie sich die Obrigkeit in Konflikte zwischen

23

Sándor Büchler: Zsidó letelepedések Magyarországon a mohácsi vész után. In: Magyarzsidó

szemle 10 (1893) 5, 315-329, hier 317.

24

Pietsch: A zsidók bevándorlása, 53.

25

Viktor Karády: Zsidó identitás és emigráció Magyarországon. In: Ders.: Zsidóság, modernizáció,

polgárosodás. Budapest 1997, 11-79, hier 98.


78 Ungarn-Jahrbuch 28 (2005-2007)

den christlichen und jüdischen Ansiedlern einmischte. 26 Um dem vorzubeugen,

hatten die neuangesiedelten slowakischen Einwohner der Gemeinde

Nyíregyháza mit ihrem Grundherren, dem Grafen Ferenc Károlyi,

Sohn von Sándor Károlyi, einen Vertrag geschlossen, der Griechen wie Juden

die Ansiedlung streng untersagte. Diese Regelung durch ein Ansiedlungsverbot

war bis 1840 gültig. 27 Die Bürger der Städte bemühten sich insgesamt,

Juden als gefährliche Konkurrenten möglichst auszuschließen. Die

erste jüdische Siedlung in Preßburg wurde unter dem Patronat der Krone

außerhalb der Burgmauer gegründet. Zu den bedeutenderen Niederlassungen

sind folgende Orte zu zählen: Váralja, im Besitz der Pálffy, Pest

und Altofen (Óbuda) als Domänen der Krone, Rechnitz (Rohonc), eine Stadt

der Batthyánys in Transdanubien, sowie zahlreiche kleinere Gemeinden,

etwa Tata oder Gesztes, die unter dem Schutz der Esterházy standen. 28

Ein spezifisches Element der Situation der Juden war, daß die Könige,

besonders Maria Theresia die Position der katholischen Kirche gegenüber

dieser weitestgehend rechtlosen und machtlosen Religionsgemeinschaft

erfolgreicher geltend zu machen vermochte als gegen andere christliche

Konfessionen – mit Ausnahme der Unitarier. Zur Bekehrung der Juden

schienen alle Mittel zulässig und anwendbar zu sein. Den nichtkatholischen

christlichen Konfessionen war es verboten, Juden zu bekehren, aber

die Katholiken hinderte weder eine Rechtsvorschrift noch ein politisches

Hemmnis, die jüdischen Untertanen zur Konversion zu bewegen. Für die

damals praktisch unüberwindbare Distanz zwischen Juden und Christen

war es charakteristisch, daß ein getaufter Jude, der zu seinem alten Glauben

zurückkehrte, mit zwei Jahren Gefängnis bestraft wurde. 29 Juden mußten

aber kein stigmatisierendes Zeichen auf ihrer Kleidung tragen, wie dies

in den österreichischen Erblanden üblich war. Sie beteiligten sich weder an

politischen Debatten noch an gelehrten Zirkeln. Ihr Geistesleben wurde

den spezifischen Institutionen und Anforderungen ihres Glaubens und der

Gemeinde gewidmet. Um 1750 spielten sie auch im Handel oder als Gutpächter

neben den dominierenden Griechen und Deutschen 30 eine zweitrangige

Rolle. Ihre Bedeutungslosigkeit bot ihnen aber auch Schutz, so daß

aus diesen Jahrzehnten keine Nachrichten über Judenverfolgungen in Ungarn

vorliegen.

In manchen Städten wie Szeged, Arad oder Pest hatten Juden bereits im

Verlauf des 18. Jahrhunderts ein größeres ökonomisches Gewicht erlangt.

Die königlichen Freistädte – die Städte im westlichen Sinne – waren ein

26

György Szabad: A tatai és zentai Esterházy-uradalom áttérése a robotrendszerről a tőkés

gazdálkodásra. Budapest 1957, 118.

27

Riczu 8.

28

Marczali: Magyarország története II. József korában, 268.

29

Ebenda, 270.

30

László Schäfer: A görögök vezetőszerepe Magyarországon a korai kapitalizmus kialakulásában.

Budapest 1930, 30-40.


L. Marjanucz: Zur Siedlungs- und Sozialgeschichte der ungarischen Juden 79

von der Kammer direkt verwaltetes Krongut (peculia regium). Sie können

durch eine Dichotomie der Abhängigkeiten charakterisiert werden. Da der

König als Grundherr und Souverän fungierte, waren sie königliches Privateigentum,

wo die Stände kein Mitspracherecht hatten, gleichzeitig aber

staatliches Verwaltungsorgan mittlerer Stufe. 31 Besonders die westlichen

Juden versuchten sich in den königlichen Städten niederzulassen. Aber die

Ansiedlung auf Krongut war bis zum Regierungsantritt Josephs II. nicht

einheitlich geregelt. Obwohl weder Karl III./VI. noch Maria Theresia direkt

dagegen eingestellt waren, und kein Gesetz die Ansiedlung von Juden in

den Städten untersagte, wurden die damit verbundenen städtischen Interessen

durch lokale Verordnungen geregelt. Dieses Vorrecht, selbständig

Gesetze zu erlassen und sie lediglich zur formalen Bestätigung am Hof einzureichen,

stand den königlichen Freistädten zu. Daher erhielt zum Beispiel

das calvinistische Rom – Debrecen – auf sein Ansuchen hin die Erlaubnis,

die Einwanderung von Juden gesetzlich ablehnen zu dürfen. 32 Zu

gleicher Zeit, 1719, erteilte die Krone ein analoges Privileg der überwiegend

von Katholiken bewohnten Stadt Szeged. Die Frage der Aufnahme

von Juden in die Stadtbevölkerung und ihre Duldung war ganz auf diese

lokalen Verordnungen in den Städten ausgerichtet. 33

Die königlichen Freistädte unterschieden zwischen dem Status der

Vollbürger (cives) und jenem der Einwohner (incola). Juden konnten bis

1848 allenfalls Einwohner sein. Wenn sie bereits in der Stadt ansässig waren,

standen ihnen Schutz und Sicherheit ebenso wie anderen Bürgern zu.

Im ungarischen Rechtswesen zählte ein in die städtische Bevölkerung integrierter

Jude zur Häuslerschicht. Wenngleich die Städte Bestandteil der

ständischen Organisationsstruktur des Reiches waren, unterschieden sie

sich wesentlich von den Ackerbürgerstädten, die sich im Besitz des Adels

befanden. Deren rurale Gesellschaft war vor allem durch den Geburtsstand

in Adel, Freie und Hörige eingeteilt. Die königlichen Freistädte hingegen

waren vom jeweiligen Berufsstand – Handwerker, Kaufleute, Honoratioren

und weitere – geprägt. Die Erlaubnis zur dauerhaften Niederlassung

hing vor allem von der finanziellen Lage der jeweiligen Stadt sowie

dem geistigen Klima der lokalen Eliten ab. Es sei festgehalten, daß sich dieser

Gemeindegeist im 18. Jahrhundert den Juden gegenüber im allgemeinen

als feindlich erwies. 34

Trotz einiger nach den Wünschen verschiedener Städte und Komitate

gestalteten Vergünstigungen wurde das Prinzip, daß ein Jude nirgendwo

bürgerliches Recht genießen dürfe, streng aufrechterhalten. Diese offizielle

31

Andor Csizmadia: A magyar városi jog. Kolozsvár 1941, 91.

32

István Rácz: A debreceni cívisvagyon. Budapest 1989, 15.

33

Ibolya Felhő: A szabad királyi városok és a magyar kamara a XVII. században. In: Levéltári

közlemények 24 (1946) 209-267.

34

Ebenda; Oszkár Paulinyi: A Magyar Kamara városi bizottsága, 1733-1772. In: Levéltári

közlemények 34 (1963) 1, 33-46.


80 Ungarn-Jahrbuch 28 (2005-2007)

Ansicht ging davon aus, daß die für die bürgerliche Erwerbstätigkeit als

schädlich angenommene Einbürgerung der Juden einer christlichen Gesellschaftsordnung

widerspreche. Es sei aber hinzugefügt, daß sich judenfeindliche

Maßnahmen in den Freistädten weniger aus einem Geiste der Intoleranz

ergaben; vielmehr glaubten die Einwohner, in ihrer ökonomischen

Existenz bedroht zu werden. Um eine Zunahme des Antisemitismus zu

verhindern, bevorzugte die Statthalterei die Ansiedlung von Individuen

und nicht von Familien oder Gruppen. 35

Im 18. Jahrhundert dominierte – bildlich gewendet – noch die Vorstellung,

Juden seien ein Brei, den ein Landesherr nach eigenem Gutdünken

auspressen könne. Dementsprechend sollten sie für die Erlaubnis von

Handelsreisen eine persönliche Steuer und für die Aufenthaltsbewilligung

die schon erwähnte Sondersteuer, die Taxa Tolerantia zahlen. Die Bemessungsgrundlage

der Steuer war die Familie. Bei der konkreten Auferlegung

wurde auch das jeweilige Einkommen in Betracht gezogen. Gemäß der Instruktion

hat der Untergespan die Steuer über die Komitatsjuden verhängt,

doch wurde die Rechnungslegung vom Vorsteher der jüdischen Gemeinde

geführt, der zugleich für die Glaubensgenossen bürgen mußte. Die Taxa

mußte monatlich bezahlt werden. Blieb jemand mehr als drei Monate die

Steuer schuldig, wurde sein Besitz versteigert. So kam es – zum Schaden

des Fiskus – häufig zu heimlichen Abwanderungen. Deshalb nahmen die

meisten Gemeinden einen Juden nur dann in die Gemeinschaft auf, wenn

er eine Jahressteuer entrichtete. 36

Die Berichte der Fiskalbehörden 37 teilen uns mit, daß die wohlhabenden

Juden im Nordwesten Ungarns lebten, wo auch die Bevölkerungsdichte

größer war, bis sich die armen Juden im Nordosten in sehr großer Zahl

niederließen. Im Südosten waren die Siedlungslandschaften nur äußerst

spärlich von Juden bewohnt.

Im aufgeklärten Absolutismus

Während der Herrschaft Josephs II. änderte sich die Lage der Juden in Ungarn

wesentlich. Das Hauptmotiv der kaiserlichen Politik war, die Juden

durch eine bessere Rechtstellung zu nützlichen Staatsbürgern einer rationalisierten

Gesellschaft zu machen. Der Wiener Hof sah den Grund für

ihre Rückständigkeit im niedrigen Stand ihrer Kultur und Bildung sowie in

ihren einseitigen und beschränkten Erwerbsmöglichkeiten. Vor allem die

Entfernung der lokalen Sprachen aus dem öffentlichen Leben erschien als

35

Géza Eperjessy: A reformkori város ipara. In: Szeged története. II. Hg. József Farkas. Szeged

1985, 333-359, hier 358.

36

Marczali: Magyarország története II. József korában, 277; Pietsch: A zsidók bevándorlása,

53.

37

Pietsch: A zsidók bevándorlása, 54.


L. Marjanucz: Zur Siedlungs- und Sozialgeschichte der ungarischen Juden 81

notwendig. Öffentliche Schulen sollten ohne Eingriff in das religiöse Leben

unter staatlicher Kontrolle gegründet werden, um den jüdischen Kindern

die entsprechende Bildung und Erziehung zukommen zu lassen. Das dritte

Ziel dieser Politik war, die Juden »durch vermehrte und erweiterte Einnahmequellen

von Wucher und Betrug« abzuhalten. 38 Deshalb wurde ihnen

erlaubt, Boden zu bestellen und Ackerland für 20 Jahre zu pachten. 39

Diese Regelung verbesserte die soziale Lage der jüdischen Bevölkerung

im Vergleich zur Regierungszeit Maria Theresias beträchtlich. Die Königin

hatte zum Beispiel strengstens verboten, Juden als Pächter von kameralischem

Grundbesitz zuzulassen; ansonsten durften sie aber im allgemeinen

Pachtland erwerben und außerhalb der königlichen Freistädte Gewerbe

treiben. Die Pacht gutsherrlicher Regalien führte aber sehr oft zu heftigen

Auseinandersetzungen zwischen den örtlichen Leibeigenen und den Arrendatoren.

Die Ungarische Kanzlei betonte in einer Situationsanalyse, daß

die Bevorzugung der Juden bei der Versteigerung verschiedener herrschaftlicher

Rechte potentiellen christlichen Kandidaten einen wichtigen

Broterwerb wegnehme. Joseph II. sah einen Ausweg in der Zulassung der

Juden zum Landkauf, wenn sie zur katholischen Religion konvertierten. 40

Joseph II. gilt im historischen Bewußtsein als Anhänger der Aufklärung,

der er auch war. Die Richtung dieser Verordnungen wirft ein klares Licht

auf seine Auffassung über die jüdische Frage. Während seiner Herrschaft

begannen die Juden in größerer Zahl die Universitäten und Akademien

des Reiches, insbesondere die medizinischen und juristischen Fakultäten

zu besuchen. Zeitgleich wurde aus den Komitaten berichtet, daß von ihnen

wegen ihrer ärmlichen Verhältnisse kaum Steuer zu erwarten sei. 41 Juden

waren zudem ständig bestrebt, die Kopfsteuer, die sie nicht nur materiell

belastete, sondern demütigen sollte und auch demütigte, aufheben zu lassen

und den freien Verkehr von einem Landesteil in einen anderen zu erreichen.

Die Ungarische Kanzlei hielt die Beibehaltung der Kopfsteuer für

eine Voraussetzung dafür, daß die Migration von Juden nach Ungarn nicht

noch zusätzlich Antrieb gewinne. Im Gegensatz dazu ließ sich der Kaiser

von seinem Beschluß, nur die ausländischen Juden der Kopfsteuer zu unterwerfen,

nicht abbringen. Das eröffnete den galizischen und böhmischen

Juden neue Möglichkeiten zur Auswanderung nach Ungarn.

Die Anziehungskraft des Kronlandes Ungarn für jüdische Einwanderer

erhöhte erheblich das Ansehen der aufgeklärten Politik des Hofes und der

Bürokratie. Joseph II. erließ 1783 die Verordnung „Systematica gentis Judaicae

regulatio“, die den Juden eine weitgehende inländische Freizügigkeit

außerhalb der oberungarischen Bergstädte, die freie Berufswahl mit

38

Henrik Marczali: Magyarország története III. Károlytól a bécsi congressusig (1711-1915).

Budapest 1898, 401.

39

Ebenda.

40

Marczali: Magyarország története II. József korában, 271.

41

Ebenda, 273.


82 Ungarn-Jahrbuch 28 (2005-2007)

dem Recht zum universitären Studium sowie die Erwerbstätigkeit in allen

Zweigen gewährte. 42 Auch die tradierten Vorstellungen der urbanen Eliten

Ungarns hinsichtlich der Ausdehnung oder Einschränkung der Ansiedlungsmöglichkeiten

von Juden sahen sich massiv mit der Ideenwelt von

Joseph II. konfrontiert. Die Folge war eine wesentliche Zuwanderung in

die königlichen Freistädte. Die politischen und verwaltungstechnischen

Reformen des Kaisers hatten die in Jahrhunderten gewachsenen Rechtssysteme

verschiedener ständisch strukturierter Autonomien untergraben,

mithin neue Wege für eine intensivere Migration geöffnet. Das Edikt über

die Aufnahme deutscher Familiennamen und die freie Niederlassung in

den königlichen Freistädten von 1786 ermöglichte es Juden, sich auch ohne

Bürgerrecht in Städten frei aufzuhalten. Dieses Recht beschleunigte die jüdischen

Wanderungsbewegungen. 43

Die josephinischen Reformen unterschieden sich wesentlich von den

preußischen Lösungswegen. Friedrich II. der Große gewährte völlige Religionstoleranz,

während er hinsichtlich der bürgerlichen Rechtsordnung

frühneuzeitliche Vorgaben fortsetzte. Er schloß die Juden von Berufen außerhalb

des Handels aus. Dadurch erwarb eine Kleingruppe von Juden

enormen Reichtum, während unter anderem das Verbot, Ackerbau zu betreiben,

die gesamte jüdische Bevölkerung Preußens von der Mehrheit der

Gesellschaft abtrennte. 44 Joseph II. hingegen wollte eine rechtliche Gleichstellung

erwirken, Kultur und Wohlstand der Juden fördern, ihnen neue

Lebensbahnen öffnen. Dabei beabsichtigte er keineswegs, den Stand ihrer

Religionsgemeinschaft zu heben. Seinen humanistisch motivierten Maßnahmen

war die Hoffnung beigemischt, daß die Juden bald zum Katholizismus

konvertieren würden.

Die Folgen der Reformen der radikalen Aufklärer

Nach dem Tod des Kaisers bekamen die Städte und Komitate ihre alten

Rechtsverordnungen zurück. Die zeitweiligen Wirren in fast allen Gebieten

der Verwaltung bewältigte der Reichstag von 1790-1791. Auch für die

Juden Ungarns wurde ein Gesetz erlassen: Der Artikel XXXVIII/1791 ließ

die Juden in jenem rechtlichen Zustand, in dem sie sich am 1. Januar 1790

befunden hatten. 45 Dies war vorteilhaft für die bereits in Ungarn ansässigen

Juden, jedoch nachteilig für spätere Migranten. Dennoch bewirkten

die Reformen eine beträchtliche räumliche Verbreitung der jüdischen Bevölkerung,

die kaum mehr aufzuhalten war. Die Wanderungsbewegung

42

Lajos Hajdu: A közjó szolgálatában. A jozefinizmus igazgatási és jogi reformjairól. Budapest

1983, 228.

43

Immánuel Lőw – Zsigmond Kulinyi: A szegedi zsidók 1785-től 1885-ig. Szeged 1885, 16.

44

Marczali: Magyarország története II. József korában, 279.

45

Corpus juris Hungarici 1740-1835. Hg. Dezső Márkus. Budapest 1901, 187.


L. Marjanucz: Zur Siedlungs- und Sozialgeschichte der ungarischen Juden 83

der Juden war seit dieser Zeit mit einem Schwerpunkt in Richtung auf die

Mitte Ungarns auszumachen. 46

Die Verbreitung wurde in Südungarn allerdings schon dadurch ermöglicht,

daß das Gebiet nach den Türkenkriegen als Neoaquistica-Besitz unter

direkte Verwaltung der Wiener Hofkammer übergegangen war. Als sich

der Hofkriegslieferant Samuel Oppenheimer das Monopol für Schiffahrt

auf dem Mieresch (Maros, Mureş) sichern konnte, 47 brachen auch einige jüdische

Familien nach Südungarn auf, um sich dort niederzulassen. Im Zusammenhang

mit diesem Privileg tauchten Juden schon am Anfang des 18.

Jahrhunderts im Bereich dieses Flusses auf. Ihre dauerhafte Ansiedlung

begann 1717, als der kaiserliche Befehlshaber der Festung von Arad die dort

Handel treibenden Juden unter seinen Schutz stellte. 48 Die späteren Festungskommandanten

und Offiziere des Grenzgebietes folgten diesem Beispiel,

so daß im Laufe der Zeit immer mehr jüdische Familien die Erlaubnis

zur Ansiedlung im Komitat Arad erhielten. Unter diesen Bedingungen

wuchs ihre Zahl zwischen 1787 und 1850 von 352 auf 3.418 an. 49 Diese Zunahme

ist neben dem für sie günstigen Verhalten der Behörden mit dem

Aufschwung des Agrarsektors in dieser Gegend erklärbar. Der weitere Ausbau

dieser durch Innovationen vorangetriebenen Produktionsweisen war

auf Handel und neuartige Gewerbezweige angewiesen, denen sich auch

Juden widmen durften. 50

Die Verteilung der jüdischen Bevölkerung innerhalb dieser Provinz war

für diese Zeit ebenfalls atypisch. 1820 lebten insgesamt 1.348 Juden im Komitat

Arad und von diesen 725 (53,78 Prozent), also mehr als die Hälfte in

der Stadt Arad, 503 (37,31 Prozent) in Marktflecken mit über 2.000 Einwohnern

und 120 (8,89 Prozent) in Dörfern. 51 Für die allgemeine Situation in

Ungarn war kennzeichnend, daß die Juden im Vormärz noch überwiegend

Dorfbewohner waren: Bis etwa 1840 lebten 80 Prozent auf dem Land. 52 Der

Grund für dieses Phänomen ist in kulturgeographischen Gegebenheiten

auszumachen.

Die Eingewanderten unterhielten rege Geschäftsbeziehungen zu ihren

Herkunftsräumen im Nordosten des Landes. Diese auch von Juden besiedelten

Landesteile waren im besonderen Maße von einer dörflichen Siedlungsstruktur

geprägt. Dieser Umstand wirkte neben den rechtlichen Beschränkungen

ihrer stadtorientierten Migration entgegen. Erst die Mobili-

46

Pietsch: A zsidók bevándorlása, 55.

47

Jenő Glück: Adatok az aradmegyei fejlődésről az 1848-49-es forradalom nyomán. In:

Studia historica. V. Hg. István Zombori. Szeged 2002, 35-55, hier 38.

48

Jenő Glück: Adatok a szomszéd Arad vármegye 1848-49-es történetéhez. In: Studia historica

II. Hg. István Zombori. Szeged 1999, 285-315, hier 289.

49

Az 1850. évi erdélyi népszámlálás. Hg. Zoltán Dávid. Budapest 1994, 99.

50

Jenő Glück: Az aradi zsidóság története. Szeged [o. J. Typoskript].

51

Ágnes B. Lukács: Magyarország népessége törvényhatóságok szerint az 1820-as években.

Budapest 1978, 13-18.

52

Pietsch: A zsidók bevándorlása, 51.


84 Ungarn-Jahrbuch 28 (2005-2007)

sierungskanäle, welche die Politik Josephs II. erschlossen hatte, setzten einen

größeren Zustrom in urbane Zentren in Gang. Diese räumliche und

gesellschaftliche Bewegung kulminierte im Gesetzartikel XXIX/1840. Darin

garantierte der ungarische Reichstag den Juden die völlige Freizügigkeit

im Land – mit Ausnahme der oberungarischen Bergstädte –, sowie die freie

Berufswahl. 53

Für den rapiden demographischen und sozialen Aufstieg ist die Entwicklung

der jüdischen Gesellschaft im nordöstlichen Komitat Szabolcs

beispielhaft. Hier konzentrierte sich die jüdische Bevölkerung im 18. Jahrhundert

besonders auf die zwei Ortschaften Kisvárda und Nagykálló. Laut

der Volkszählung von 1784 bis 1786 betrug die Zahl der jüdischen Bewohner

in Kisvárda 118 und in Nagykálló 66. Ihre Zuwanderung erfolgte seit

dem späten 18. Jahrhundert durch die Genehmigung der Grafenfamilie

Károlyi. Das größere Zentrum bildete sich in Kisvárda, wo sich hauptsächlich

galizische Juden niedergelassen hatten. Sie betrieben sowohl Handel

als auch Gewerbe, waren als Gutsverwalter und Landpächter tätig. Da der

zahlreiche Komitatsadel, der sich vornehmlich aus Klein- und Mitteladel

zusammensetzte, hier über kein bewegliches Kapital verfügte und für

Handelsaktivitäten keinerlei praktische Veranlagung zeigte, schrumpfte

seine ohnehin schmale wirtschaftliche Basis stufenweise. Deshalb verpachteten

viele Adlige ihr Ackerland an Juden. Als Folge finden wir um die

Mitte des 19. Jahrhunderts bereits etwa 100 jüdische Großgrundbesitzer im

Komitat Szabolcs, deren größter Teil in Kisvárda ansässig war. Unter ihnen

befand sich beispielsweise die Familie Reismann, die 2.000 Joch Ländereien

bewirtschaftete. 54

Der berühmte ungarische Dichter und Staatsmann Ferenc Kölcsey

(1790-1838) wandte sich gegen diese Entwicklung, als er die Aufmerksamkeit

der politischen Elite auf die Verarmung der »misera plebs contribuens«

dieses Landesteiles zu lenken versuchte. Diese war seiner Meinung nach

wegen der ungerechten Landverteilung und Agrarordnung entstanden. In

der von ihm beanstandeten Praxis haben jüdische Händler gegen die Stundung

oder Übernahme von angehäuften Schulden der Leibeigenen deren

noch unreifen Weizen angenommen. Der Händler beziehungsweise Landpächter

brannte aus dem billig erworbenen Getreide meist Schnaps, den er

als Endprodukt für den doppelten Preis an die Leibeigenen verkaufte. Kölcsey

bezeichnete diesen Vorgang als einen überaus schädlichen Kreislauf:

Die Bauern setzten wegen ihrer Verschuldung ihr zentrales Produkt gezwungenermaßen

vor seiner Reifung ab, um es dann überteuert als gesundheitsschädliche

Fertigware zurückzukaufen. 55

53

László Gonda: A zsidóság Magyarországon 1526-1945. Budapest 1992, 145.

54

Kisvárda és környéke zsidósága. Hg. Károly Jólesz. Tel Aviv 1980, 31.

55

László Simon: Zsidókérdés a magyar reformkorban. Debrecen 1936, 20.


L. Marjanucz: Zur Siedlungs- und Sozialgeschichte der ungarischen Juden 85

Die Komitate, die auf ihren Territorien in diesen Fällen die Gerichtsbarkeit

für die Bauern ausübten, setzten die vollstreckbare Verschuldung der

Leibeigenen auf 1 Forint pro Jahr fest. 56 Damit ging das Risiko einer gesetzlich

nicht gedeckten Verschuldung auf den Kreditnehmer über. Unbestritten

ist, daß das Pachtwesen von verheerenden negativen sozialen Begleiterscheinungen

gekennzeichnet war. So übte die dynamische Wirtschaftsentwicklung

des Marktfleckens Nyíregyháza bereits um die Mitte

des 18. Jahrhunderts eine große Anziehungskraft auf Juden aus. 1754 versuchte

ein jüdischer Geldverleiher, die Gemeindeweide in der breiten Ortsgemarkung

verpachten zu lassen. Die Rechtsgültigkeit des Verfahrens begründete

er mit der Weisung des Grundherren, des Grafen Ferenc Károlyi,

Dorfweiden, die bis dahin für die gesamte Dorfgemeinschaft zur Nutzung

freistanden, als Pachtland zu verwerten. Die Leibeigenen des Dorfes betrachteten

diese Verordnung als ungerecht und unrechtmäßig. Sie wiesen

auf die für sie existentielle Bedeutung dieser Gemeindeweide hin und

baten Károlyi als Dorfgemeinschaft um die Verpachtung zur Eigennutzung.

Diese Siedlung ist auch deshalb interessant, weil sie die Zusammenhänge

zwischen rechtlichen und wirtschaftlichen Interessen beispielhaft

aufzeigen läßt. Nyíregyháza wurden die Frongaben zuerst 1804, dann 1824

von den besitzenden Magnatenfamilien für immer erlassen. Der Marktflecken

übernahm die herrschaftlichen Nutznießrechte wie Schankrecht,

Marktfreiheit, Mühlen und so weiter. Im Besitz der rechtlichen und sozialen

Freiheit, beschloß der Gemeindevorstand die individuelle Verpachtung

der Gemeindeweide durch Versteigerung, was er einige Jahrzehnte

zuvor noch strikt abgelehnt hatte. 57 Die sich verändernde Situation erforderte

eine andere Vorgehensweise. Im Vormärz zeigte sich, daß adlige

Grundherren unter anderem durch die Einschaltung jüdischer Pächter

schnell erhebliche Gewinne aus ihren Ländereien erzielen konnten.

Die Juden entwickelten sich in den Komitaten Szabolcs und Szatmár

wirtschaftlich gut und gründeten im Verlauf ihrer Verbürgerlichung Fabriken

insbesondere zur Weiterverarbeitung der landwirtschaftlichen Produkte,

die von ihren Ländereien sowie jenen des Adels stammten. 58 Die

Entwicklung der in der Landesmitte neugegründeten Gemeinden wich

vom allgemeinen Verlauf ab. Im Komitat Békés wohnten zum Beispiel

nach Angaben der Konskription von 1735-1738 insgesamt nur zwei bis drei

jüdische Familien. 59 Es wurde oben ausgeführt, daß weder die Juden noch

die örtlichen Behörden an einer korrekten Datenerhebung interessiert waren,

da diese Listen zur Feststellung ihrer individuellen Besteuerung

dienten. Deshalb ist die Aussagekraft dieser Quellen fraglich. Der Autor ist

der Ansicht, daß die Interessen, welche die Ansiedlung von Kolonisten zur

56

Ebenda, 54.

57

Riczu 11.

58

Pietsch: A zsidók bevándorlása, 58.

59

Mihály Zsilinszky: Szarvas város története és jelen viszonyainak leírása. Pest 1872, 77.


86 Ungarn-Jahrbuch 28 (2005-2007)

Belebung des Handels nach sich zogen, in den ersten Jahrzehnten des 18.

Jahrhundert auch in diesem Komitat zur Geltung kamen. In den gutsherrschaftlichen

Marktflecken entstanden kleinste jüdische Gemeinden. Ein bis

zwei Juden lebten aufgrund eines mit dem Grundherren geschlossenen

Vertrages sogar als Einzelpersonen auf dem Territorium des Komitats. 60

Ihre Zahl war aber im Vergleich zu anderen Komitaten bis zum Ende des

18. Jahrhunderts äußerst gering. Die Komitatsversammlung von 1743 erklärte

auf Gesuch der griechischen Ladeninhaber das Komitat als frei von

Juden und untersagte deren Einwanderung und Handel auf seinem gesamten

Gebiet. 61

Trotzdem bildeten sich um die Jahrhundertwende in Szentandrás und

Csaba zwei große Gemeinden mit über 100 Personen. Die Verpachtung

grundherrschaftlicher Regalien an Juden zum Aufbau einer Gutswirtschaft

trug wesentlich zur Vermehrung der jüdischen Bevölkerung bei. Die Juden

waren nämlich nur unter der Bedingung bereit, für die hohen Gewinn versprechenden

Lizenzen, mit denen auch eine Schankkonzession verbunden

war, die Gebühren zu zahlen, wenn sich ausreichend viele Glaubensgenossen

zur Stabilisierung der Wirtschaft und zur Aufbringung der Pachtund

Lizenzgelder ansiedeln durften. Zu erwähnen sind etwa Izsák Berger

oder Elias Weinberger, die für den Erwerb der Schank- und Fischereirechte

eine große Summe entrichten mußten, aber erreichten, daß neue Ansiedler

aus den Reihen ihrer Glaubensgenossen in die Städte geholt wurden. 62

Die demographische Entwicklung der Juden in Ungarn von den josephinischen

Volkszählungen bis 1920

Die von Joseph II. angeordnete Volkszählung hatte bereits konfessionelle

Gesichtspunkte berücksichtigt, da sie christliche und jüdische Einwohner

getrennt erfaßte. Methodisch beruhte sie auf zwei wesentlichen Elementen:

der Zählung der Häuser und der Bevölkerung. Es gab dabei ausführliche

Fragebögen für die christlichen und einfachere Fragebögen für die jüdischen

Haushalte und Personen.

Die Zusammenschreibung der Juden erfolgte also auf einem gesonderten

Fragebogen, der die Zahl der Männer und Frauen feststellte, aber außer

dem Familienstand der Männer keine weiteren Angaben erfragte. Deshalb

ist diese Quelle in erster Linie für demographische Untersuchungen

verwendbar. Der landesweit 80.000 Personen umfassende jüdische Bevölkerungsanteil

machte zur Mitte der 1780er Jahre 1,3 Prozent der 6.468.327

zählenden Gesamtbevölkerung aus. 63 Obwohl dieser Prozentsatz verhält-

60

Győző Ember: Az újratelepülő Békés megye első összeírásai. Békéscsaba 1977, 32.

61

Acsády 489.

62

Pál Maday: Békés megye története. Békéscsaba 1960, 112-115.

63

Gusztáv Thirring: Magyarország népessége II. József korában. Budapest 1938, 45.


L. Marjanucz: Zur Siedlungs- und Sozialgeschichte der ungarischen Juden 87

nismäßig niedrig war, bestätigte der Reichstag von 1791, wie oben angeführt,

die auf die Juden bezogene Gesetzgebung Josephs II. gemäß dem

Stand vom 1. Januar 1790 – dies aus Furcht vor einer unkontrollierbaren

Zuwanderung und Zunahme der jüdischen Bevölkerung in Ungarn.

Leopold II. (1790-1792) verlagerte die Ansiedlungsgenehmigung für Juden

in den Bereich der städtischen Behörden. Da die königlichen Freistädte

den jeweiligen Zustrom erfassen konnten, läßt sich eine ständige Zunahme

der jüdischen Bevölkerung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts beobachten.

Dabei erfolgte der Zuzug hauptsächlich aus außerungarischen

Territorien. In Szeged wurde 1826 verordnet: »[…] man stelle fest, wieviele

Juden in der Stadt wohnen, woher sie stammen, wo und mit wessem Zugeständnis

sie ein Haus haben […].« 64 Zu dieser Zeit entrichteten 143 Juden

die Taxa Tolerantia, unter ihnen 58 Neuankömmlinge. Seit 1805 registrierten

die städtischen Behörden 86 Geburten, in 49 Fällen hatten aus dem Umland

stammende Frauen ein Kind zur Welt gebracht, in 37 Fällen alteingesessene.

65 Es ist also eine demographische Fluktuation festzustellen, in deren

Rahmen aber die Wanderungsdifferenz immer positiv war.

Das gleiche Ergebnis ergibt sich aus der Analyse weiterer Erhebungen,

die eine sehr intensive Einwanderung von Juden nach Ungarn belegen. Ihr

Stand erhöhte sich von 80.000 im Jahr 1787 auf 127.000 im Jahr 1805 und

stieg bis 1857 auf 388.000. Im Gegensatz zum Anteil von 1787 (1,3 Prozent)

hatten die Juden 1857 bereits einen Anteil von 4,1 Prozent an der Gesamtbevölkerung.

66

Die demographische Entwicklung der ungarischen Juden kann seit den

1830er Jahren auch anhand der Kirchenmatrikel verfolgt werden, weil die

Führung des Personenstandsregisters zur allgemeinen Praxis wurde. Bis

zur Mitte des 19. Jahrhunderts dürfte die Zahl der Zugewanderten insgesamt

bei rund 350.000 Personen gelegen haben; ungefähr die Hälfte von

ihnen waren Juden. Eine Datenreihe über die konfessionelle Struktur des

Landes zwischen 1787 und 1869 weist nach, daß sich die Zahl der Juden

von 80.000 auf 516.658 versechsfachte und damit unter allen ethnischen

und religiösen Gemeinschaften in Ungarn die dynamischste demographische

Entwicklung durchlief. 67

Die Volkszählung von 1850 zeigt den unterschiedlichen Anteil der Juden

in den einzelnen Regionen und Siedlungslandschaften Ungarns. Im

engeren Ungarn betrug der jüdische Bevölkerungsanteil 4,2 Prozent, in Sie-

64

Zitiert nach László Marjanucz: Szegedi zsidó polgári családok a 19. században. Szeged

1989, 12.

65

Ebenda, 18.

66

Béla Pápai: Magyarország népe a feudalizmus megerősödése és bomlása idején (1711-

1867). In: Magyarország történeti demogáfiája a honfoglalástól 1949-ig. Hg. József Kovacsics.

Budapest 1963, 143-221, 173.

67

Jehuda Dan – George Magos: A magyarországi zsidóság demográfiája. In: Történelmi

szemle 27 (1985) 437-467, hier 438.


88 Ungarn-Jahrbuch 28 (2005-2007)

benbürgen 0,8 Prozent, in der Serbischen Woiwodschaft und dem Temescher

Banat 1,1 Prozent, in Kroatien 0,2 Prozent und auf dem Gebiet der

Militärgrenze 0,1 Prozent. Daraus errechnet sich für das historische Ungarn

ein Durchschnitt von 2,6 Prozent. 68 Die hohe Zahl von Juden im engeren

Ungarn war kein Zufall, hatte doch die religiöse Duldung im Stephansreich

historische Vorläufer. Die Juden wurden vom liberalen Adel als wichtige

Wirtschaftspartner und Verbündete sogar in der Magyarisierungspolitik

angesehen. 69 Aufgrund dieses ungeschriebenen gesellschaftlichen

Vertrages wuchsen sie in ihrer fortschreitenden Verbürgerlichung in eine

besondere Rolle in der Modernisierung des Landes hinein. Dieser Stellenwert

bot zugleich die historische Basis und den sozialen Hintergrund für

ihre demographische Zunahme in Ungarn.

Die modernen Volkszählungen ab 1869 erfaßten die Juden als religiöse

Gruppe, die sich zusätzlich zu ihrer Muttersprache auch zu verschiedenen

Nationalitäten bekennen konnte. Aufgrund der Ergebnisse der Volkszählung

von 1890 sind die Binnengrenzen der jüdischen Religionsgemeinschaft

mit den ethnischen Gegebenheiten exemplarisch vergleichbar. 70

Auf der nördliche Linie des von Slowaken besiedelten Teils von Oberungarn

finden wir kleine deutsche Sprachgruppen mit israelitischer Religion.

Dies wiederholte sich vom Komitat Nyitra bis nach Beszterce-Naszód

– als Hinweis darauf, daß es sich hier um Juden aus Galizien handelte, die

sich als Deutsche bekannten. Der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung

betrug im Bezirk Bries (Breznóbánya, Brezno) des Komitats Zólyom lediglich

1 Prozent, im Komitat Trencsén hingegen 8,5 Prozent, während er

im Durchschnitt bei rund 3,5 Prozent lag.

Die Deutschen in den westlichen Gebieten Oberungarns, also den Komitaten

Nyitra, Pozsony und Bars, gehörten größtenteils der katholischen

oder der evangelisch-lutherischen Kirche an. Die kleinen und zerstreuten

deutschen Siedlungen wurden als von Angehörigen der israelitischen Religion

bewohnt angegeben. Die wenigsten Juden lebten im Komitat Bars

(rund 3 Prozent), die meisten in der Umgebung von Preßburg (7 Prozent).

Im Komitat Nyitra machten die seßhaften Juden 10,5 Prozent der Einwohner

aus. Je näher sie an mehrheitlich ungarischen Sprachgebieten lebten,

desto mehr verloren jüdische Religionsangehörige ihre deutsche Prägung

und verschmolzen zumindest sprachlich mit der ungarischen Bevölkerung.

Dieses Phänomen finden wir entlang der Linie zwischen den Komitaten

Pozsony und Szatmár. Ein interessanter Zusammenhang fällt im Norden

68

Dezső Dányi: Magyarország népessége a 18. század harmadik harmadában. In: Magyarország

történeti demográfiája (896-1995). Hg. József Kovacsics. Budapest 1997, 199-216, hier

203.

69

Karády 17.

70

Als Quellengrundlage dienen nachfolgend die tabellarischen Nachweise über die Ergebnisse

der Volkszählung von 1890: Pál Balogh: A népfajok Magyarországon. Budapest 1902,

107-127.


L. Marjanucz: Zur Siedlungs- und Sozialgeschichte der ungarischen Juden 89

und Nordosten des Landes auf, wo die Zahl der Juden am höchsten war.

Angehörige der deutschen Nation und Vertreter der deutschen Sprache

waren demnach beinahe ausschließlich Angehörige der israelitischen Religion.

Zu nennen sind die Komitate Trencsén, Árva, Liptó, Turócz und Zólyom.

In den Komitaten Sáros und Zemplén war der Prozentsatz beider

Gruppen fast gleich: 7 Prozent Deutsche und 8 Prozent Juden in Sáros, 6

Prozent Deutsche und 8 Prozent Juden in Zemplén. Dort, wo eine sehr

hohe Zahl von Juden lebte, wie in den Bezirken Tokaj (16 Prozent) und Sátoraljaújhely

(15,5 Prozent), bekannten sich nur 1 beziehungsweise 6 Prozent

als Deutsche. Bei einem ähnlichen prozentualen Anteil in den Komitaten

Ung und Bereg verschmolzen die dortigen Juden weitgehend mit

den Magyaren. In den obigen Fällen kam ein natürlicher soziologischer

Trend Fallen zur Geltung: Die jüdische Bevölkerung ging sprachlich immer

in dem stärkeren lokalen ethnischen Umfeld auf. Je tiefer wir uns in das

ungarische Sprachgebiet hineinbegeben, desto mehr Angehörige der jüdischen

Religion bekannten sich zur ungarischen Nation. Für weite Teile

Nordostungarns ist bezeichnend, daß die römisch-katholische Religion

zwar eine hegemoniale Position einnahm, die am weitesten verbreitete Religionsgemeinschaft

aber die israelitische war, da sie in jedem Bezirk des

Gesamtraumes aufzufinden war.

Die Lage in Transdanubien unterschied sich davon entscheidend. Zwei

Drittel der Juden (etwa 17.000 Personen), die sich alle als Magyaren verstanden,

lebten auf dem Territorium der Komitate Győr, Vas und Sopron.

Das übrige Drittel, rund 7.000 Personen in den Komitaten Vas und Moson

bekannten sich als Deutsche. Noch eindeutiger war das Fortschreiten der

Assimilation in den Komitaten Zala, Somogy und Baranya. Hier zählten

sich von insgesamt 33.000 Juden 30.000 zu den Magyaren und 3.000 zu den

Deutschen hinzu. Eine Ausnahme bildete das Komitat Tolna, wo 2.000 der

10.000 Juden Deutsch als ihre Muttersprache angaben. Juden lebten auch

hier in allen Bezirken und Komitaten, allerdings betrug ihr Anteil im Unterschied

zum Nordosten überall weniger als 10 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Wieder ein anderes Bild ergibt sich jenseits der Theiß, im östlichen Teil

Ungarns. In den Komitaten Máramaros und Ugocsa wurden insgesamt

54.000 Deutsche gezählt, von denen 49.000 der jüdischen Religion angehörten,

während sich etwa 5.000 zur römisch-katholischen rechneten. Die

große Zahl der formal deutschsprachigen, tatsächlich aber jiddischsprachigen

Juden hing mit den unter ihnen vorherrschenden orthodoxen Glaubensvorstellungen

zusammen, die zu einer Verlangsamung der Assimilation

führte. Jüdische Religionsangehörige bildeten in beiden Komitaten die

zweitgrößte Bevölkerungsgruppe nach der griechisch-katholischen Gemeinschaft.

1890 lag ihr Anteil an der Bevölkerung in der Stadt Sighet

(Máramarossziget, Sighetu Marmaţiei) bei rund 25 Prozent.


90 Ungarn-Jahrbuch 28 (2005-2007)

In den südlichen Komitaten Temes, Torontál, Krassó-Szörény und Arad

hingegen waren Juden lediglich eine sehr kleine Minderheit von durchschnittlich

1,5 Prozent. In Temes definierten sich nahezu alle 5.000, in

Krassó-Szörény 2.700 von 3.000 und in Torontál 5.000 von 7.000 Juden ihrer

Muttersprache nach als Deutsche. Diese Region Ungarns zählte hinsichtlich

der ethnischen Zusammensetzung als die vielfarbigste Siedlungslandschaft,

in der aber die Deutschen das demographisch, wirtschaftlich und

kulturell dominierende Element waren. 71 Auf diesem ethnisch heterogenen

Boden orientierten sich die dort lebenden Juden sprachlich und kulturell

an den Deutschen. Eine andere Situation finden wir im Komitat Arad, weil

hier die Magyaren eine beträchtliche demographische und kulturelle Größenordnung

darstellten. Dementsprechend bekannten sich von den 3.000

Juden je zur Hälfte als Magyaren und als Deutsche.

Die Lage in der Tiefebene vermittelt das Bild einer völligen Assimilation.

Die in den Komitaten Hajdú, Szolnok, Csanád, Békés und Csongrád

angesiedelten Juden bezeichneten sich ausschließlich als Magyaren. Sie

zählten zu den Vorkämpfern nationalungarischer Anliegen.

Die durchschnittliche Größenordnung der Angehörigen der jüdischen

Religion nach Landesteilen im Jahre 1880 zeigt die folgende Tabelle: 72

Transdanubien

Oberungarn

bis zur

Theiß

Tiefebene mit

dem Gebiet links

der Theiß

Siebenbürgen

Bezirke

insgesamt

30-50 Prozent 2 2

10-30 Prozent 10 15 25

0,25-9 Prozent 71 106 123 77 377

Keine 1 8 9

Diese Angaben bekräftigen unsere These über die landesweite geographische

Verbreitung der ungarischen Juden, die ihre Siedlungsgeschichte von

Anbeginn kennzeichnete. Naturgemäß wies die Bevölkerungsdichte starke

regionale Unterschiede auf. Die größten Zuwächse fanden in den mittleren

und größeren urbanen Zentren, in der Landesmitte und den nordöstlichen

Komitaten statt. Diese radikale Umgestaltung ihrer Siedlungsstrukturen ist

ein markantes Zeichen für eine rasche Verbürgerlichung in weiten Teilen

der jüdischen Bevölkerung Ungarns in der hier behandelten Epochen.

71

Vgl. Árpád E. Varga: Erdély etnikai és felekezeti statisztikája. III: Arad, Krassó-Szörény

és Temes megye. Népszámlálási adatok 1869-1992 között. Budapest/Csíkszereda 2000, 6-10.

72

Nach Balogh 104-139.

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