Relative elliptic theory

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Relative elliptic theory

Centralblatt der Bauverwaltung.

wt

Xu. Jahrgang.

Herausgegeben im Ministerium der öffentlichen Arbeiten.

Berlin, 3, September 1893.

Nr. aß.

EmfeeUt jeden SonnftbendL — BcbrifUeltugx B.W. Zimmtrstr. 1 "• — G«t6hlftMtellv wod Autfcm« dar iiMigw W, Wilhelmstr. 90. — Bnagifnlsi Vierteljährlich S Mark.

EinachllelallölJ Abtragen, Poet- oder StrelfbamJinsendong 8,75 Mark; «JesgL für das Ausland 4^0 Mark.

INHALT! AMtUefetu Pereon»l-N«hrlel)ten. — ffl«MlmtlIch«il 'Wettbewerb nm das Mnseqnt in Darmstadt — Die Entwicklung und dl« Wirkungen dea Verftahrg in den

Iet3ft4n fönfxig; Jahren (Sdünfs). — Pia Wirkung dea Gestitogegewiclites beim Eisenbahn-Oberbau. — S-Wander'ersnmmlanff des Verbandes dentaehor Architektennud

Ingenieur-Terrine in Leipzig — Bandirector Dr. T. Leins in Stuttgart f r -* YermUcbtea: PreUbewerbang um den Entwarf «a eiu*r Villa In Halle. —

ür den Plan zu einer Weltausstellung in fierliq. — Bacnerschao.

Seine Majestät der König haben Allergnädigst geruht, dem Professor

au der technischen Hochschule und Vorsteher einea Meister-

Ateliers der Akademie der Küuate in Berlin, Mitglied der Akademie

der Künste und dea Bauwesens, Geheimen Regiertmgsrath Otzen

die Erlaubnis zur Anlegung der ihm verliehenen Commandeur-

Insignien II, Klasse des Herzoglich anhaltiachen Haus-Ordens

Albrechts des Bären an ertheilen.

Versetrt sind; der Eisenbahn-Bauinspector Schwartz» bisher in

Düsseldorf, nach Alton ft unter Verleihung der Stelle eines Eisenbahn-

Bauinspectors im Bezirke der Königlichen Eisenbahndirection Altona

und der Eisenbahn-Bau- und Betriebsinspector Grevemeyer, bisher

in Dirschau, &lß Mitglied an das Königliche Eisenbahn-Betrieb^Amt

in Thorn.

Dem Eisenbahn-Bau- und Betriebsinspector Stimm in Breslau

ist die Stelle eines Mitgliedes des Königlichen Eisenbahn-Betriebs-

Amts (Breslan-Tarnowitz) daselbst verliehen worden*

Der Königliche Regierungs-Baumeister Köttgen in Elberfeld ist

zum Eisenbahn-Baninspector unter Verleihung der Stelle eines solchen

im Bezirke der Königlichen Eiöenbahndirection Elberfeld ernannt

worden.

Die Königlichen Begierungs-Baumeister Moormann in Geeatemünde,

ßamdohr in Claim W./Pr, upd Egersdorff in KrotOBcbin

Amtliche Mittheilungen.

sind als Königliche Kreis-BauinBpectoren ebendortselbst angestellt

worden.

Der Regierungs - Bauführer Nikodem Latowski au« Posen iat

gestorben.

Deutsche» Itetao.»

Garnison-Bauverwaltung. Der Königliche Garnison-BauiüBpector

Theophil Bagniewski in Allenstein ist gestorben,

Baden.

Seine Königliche Hoheit der Grofsherzog haben Sieh Gnädigst

bewogen gefunden, dem Königlich Preußischen RegiertiDga- und

Bsmrath H&'vel in Neuwied das Ritterkxevz L Klasse HÖchstihres

Ordens vom Zähringer Löwen und dem als Docenten der Radirkunst

an die technische Hochschule und die Kunstschule in Karls*

ruhe berufenen Wilhelm Kranakopf in. München den Titel Professor

zu verleihen.

Der Grofsherzogliche Maschineningenieur I. Klasse Wilhelm

Stahl in Heidelberg ist der Generaldirection der GrofsherzogUehen

Staatseisenbahnen zur Dienstleistung zngetheilt und der Grofsherzogliche

Maschineningenieur I, KlasBß Emil Hallensleben bei dem

Grofsherzoglichen Maschineninspector in Karlsruhe nach Heidelberg

vernetzt.

[Alle Bechte vorbehalten.]

Nichtamtlicher TheiL

Schriftleiter: Otto Sarrariu und Oskar Hofofeld.

Der Wettbewerb um das MuseumsgeMmle in Darmstadt

Die Form des Darmatädter Museums-Wettbewerbes war nicht die

gewöhnliche, indem eine Anzahl Architekten gegen Honorar zur Planfertigung

eingeladen war, während es befähigten anderen freigestellt

blieb, sich am "Wettkarapfe zu betheiligen mit der Aussicht, einen der

ausgesetzten Preise erringen zu können. Engerer und allgemeiner

Wettbewerb waren also gewissermafsen miteinander verbunden. Ueber

diese Eigenthürfllichkeit wurden die verschiedensten Meinungen laut

and von vielen Seiten sagte man dem Verfahren keinen guten Ausgang

vorher.

Jedenfalls verführte die Ansicht, durch Heranziehung besonders

befähigter oder im Mnseomsba-u schon thätig gewesener Techniker

auf gute und brauchbare Pläne mit Sicherheit rechnen zu können,

den Bauherrn zu seinem Vorgehen, wobei er den Architekten, die

neben den Geladenen sich an der Aufgabe versuchen wollten, den

Weg nicht verlegte. So fanden sich neben den fünf Geladenen noch

weitere 14 freie Künstler, darunter Träger von Kamen mit recht

gutem Klange, ein, um mit jenen um die Palme zu ringen, und einer

der Biegreichen Entwürfe ist denn auch äug der Reihe der Nichtgeladenen

hervorgegangen. — So schlimm wie man den Ausgang des

Wettbewerb«« von mancher Seite prophezeit hatte, ist er nun doch

nicht verlaufen. Schon in den eingeladenen Persönlichkeiten lag ja

eine gewisse Gewähr, und für die anderen Herren war es ein Sporn,

ihre Ebenbürtigkeit darputhun. Den einen mutete es darum zu than

»ein, sich nicht aus dem Sattel heben zu lassen, für die anderen galt

es, kräftig angreifend mitzureiten.

Unbestritten dürfte zunächst die ThaUache sein, dafs der eigenartige

Wettbewerb doch frei geblieben iat Ton jenen seltsamen Kunstleistungen,

welche das allgemeine Verfahren gewöhnlich «u schmücken,

pflegen. Ein «ogönanutes „Sehlaehtefert* wurde nicht nöthig, indem

W alle Arbeiten auf »inet recht beachtenswörthfin Höhe standest.

Es wäre ja immerhin möglich gewesen, im freien, allgemeinen Verfahren

eine noch größere Anzahl gediegener Arbeiten zu erhalten,

ob aber ungleich viel bessere, wollen wir dahingestellt sein lassen.

Aus den meisten Entwürfen spricht eine bemerkenswerthe Ver+

tiefnng in die Aufgab«, und auf die Ausgestaltung der Innenrtttune,

auf die Möglichkeit einer suchgetnäfaen Aufstellung und Beleuchtung

der verschiedenen Gegenstände ist eingehendes Studium verwendet

worden. Die besseren Entwürfe wären ohne wesentliche Aenderongea

für die Ausführung brauchbar gewesen, wenn sich die Verfasser eine

etwas gröfeere Zurückhaltung in der Anbringung architektonischen

Schmuckes auferlegt hätten. So hervorragend einzelne Arbeiten

waren, so ist im grofsen und ganzen doch das im Preisausschreiben

durch den Einheitssatz von 20 Mark für das Cnbikmeter Baaranm

bekundete Verlangen nach Schlichtheit des Baues mit merkwürdiger

Sorglosigkeit unberücksichtigt gelassen worden. Die wenigsten der

Preisbewerber — das gilt auch von den Befähigten ~ wollten, wie

ea scheint, den einfachen, pfogramimuafaigen Nütjslichkoitabflu gegen

den ansprechenderen Prunkbau wagen.

Die Vorlage für den Bau soll dem nächsten hessischen Landtage

unterbreitet werden, und für sie erscheint ein fui die Summe

von l l /t Millionen Mark nachweislich ausführbarer Entwarf geboten»

soll sie nicht fallen. Besonders mit Rücksicht hierauf um also auch

in Besag auf die Kosten Ausführbares beizubringen, wurde der Antrag

gestellt, den preisgekrönten Bewerbern die Gelegenheit m biet*%

sieh nochmals zu messen. J?

Die Darstellung der Entwürfe, um aber sie gleieh noch ein Wort

stt sagen, bewegt flieh mit einer einsigen Ausnahme — and wir

möchten das besonders betonen — nicht in grofeen Prunkbl&ttcni

oder bunten Aquarellen; es ist vielmehr bei den besten ran 96hÜtihten

h mit Zuhülfwiahme von etwas Tusche oder neutralen


Centralblatt der Bauverwaltung* & September 1891

Farbtönen gegriffen, Flött und mustergültig sind in dieser Beziehung

die Darstellungen von Neckelmann und BrnnO Schmitz. Aiith

linder hat es Vorstanden, in seinen -weiter ausgeführten, getuschten

Blättern Gates zu geben. TWerech beschränkte sich selbst in seiner

Perspective auf die schlichteste, lieeare Daretellungsweise. Die alten

Meister sollen, acheint es, wieder Recht bekommen.

Die Preisbewegung ist bedeutsam genüg, um die bildliche

Wiedergabe der beiden mit den ersten Preisen gekrönten Plane zn

rechtfertigen^ Die Leser finden nebenstehend das Obergöschofs und

die Gesamtansicht vom Entwürfe Neckelmanns, dje Abbildung des

Schmieden uy Speerschen Planes behalten wir für die nächste Nummer

vor. .

Des knappen Raumes wegen sei nachstehend das Preisrichtergutachten

nur im Auszüge wiedergegeben. Naeh einleitenden, die

Prüfung der Entwürfe auf Programmgemäfsheit» ihre Gruppirung nach

dem Grundrifstypus und ihre (davon übrigens unabhängige) allgemeine

Rangordnung betreffenden Worten urtheilen die Preisrichter

im einzelnen über die besseren Entwürfe etwa wie folgt.

Der Entwurf Neckelmanns (Stuttgart) „kann alö der in baukunstierißcher

Hinsieht hervorragendste bezeichnet werden und ist

durch die aus der Grundrifsanlage entwickelte äufsere und innere Gestaltung

des Bauwerkes zu wirksamer Erscheinung gebracht. Der nach

dem Paradeplatz gerichtete Hauptbau umfafst in schöner Aneinanderreihung

die stattlichen, glasüberdeckten Ränme von Flurhalle und

Treppenhaus und von awei Säulenhöfen, von deren Hallenumgängen

matt unmittelbar zu den umliegenden Sanintlungsräumen getaugt.

Zwei nicht sehr grofse Bhmenhpfe sind im rückwärtigen Theile des

Gebäudes angeordnet. Die Erhellung derselben erleidet indes keine

Beeinträchtigung, da die Rücklagen des Nordflügels entsprechend

niedrig* gehalten sind. Die Sammluögs räume haben die verlangte

ßo'denfläche, die Hohe der Bilderzone der Gemäldesäle ist zwar etwas

zu knapp bemessen, kann aber leicht beschafft werden, ohne die umbaute

Raummasee zu vergrößern. Manche Nebenräume fehlen, aber

im ganzen genommen ist der verlangte Raum reichlich vorhanden.

Der zu 74700 cbm berechnete umbaute Rauminhalt erreicht zwar

nicht ganz das für den Einheitspreis von 20 Mark zulässige Mais

von 75000 cbm; aber um diesen Einheitspreis wäre auch, dieser Entwurf

nicht herzustellen."

Bei Schmieden u. Speer (Berlin) „verdienen die Planbildung

in der offenen Form eines X, die wohldurchdachte Ausarbeitung

dieser Anlage nnA die Eintheilung der Sammlungsräume viel Lob,

obgleich in letzterer Hinsicht einige Beanstandungen zu erheben

sind. Besonders geschickt und schön geplant ist die Anordnung der

beiden Eingänge mit Flurhallen, welche von der Sud- und Osteeite

aus in das gemeinsame. Treppenhaus führen. Die weit varspringenden

Flügel der Ostseite sind durch eine Bogenhalle verbünden und

nmschliefsen die Rampe der Auffahrt. Hierdurch erhält die Ausgestaltung

der Ostseite einen besonderen Reiz, Die Formbildung

der zwei Attiken u&d Kuppeln des Mittelbaues und der vier spitzen

Dachhelme über den Eckvorlagen stehen nicht in vollem Einklänge

mit der übrigen Architektur. Der südwestliche Flügel ist zwar "bis

auf die Grenze des Bauplatzes gerückt, hat aber nach Westen keine

Femfter und nur eine geringe Breite. Nicht unerwähnt darf bleiben,

dafs der Entwurf die ganze Tiefe der Baustelle ausnützt, da die

Nordfront bis auf 10 m Entfernung von der vorgeschriebenen Grenze

geeettt ist, was allerdings nach dem Programm zulässig erscheint,

aber einen gröfseren Theil des Scblofagartens beansprucht, als

manche andere Pläne. Der umbaute Rauminhalt geht über das durch

die Bausumme von 1500000 Mark und den Einheitspreis von

SO Mark f. 1 cbm bedingte Maß» von 75000 cbm nicht hinaus. Die

Ausführung wird aber einen höheren Einheitspreis als 20 Mark erfordern."

Der mit dem zweiten Preise ausgeseicbnete Plan von Seouls

u. Scbliehting u. W. Moeller (Berlin) „kennzeichnet sich durch

eine grofse und stattliehe Hofanlage mit bequemem Zugang und

schafft vortheilhafte Udbtrerhftltuisse für die Baome dea Museums.

Weniger günstig ist die »ehr grofse Tidfe von £6,5 in des südlichen

Flügelbäues, und die Anordnung links vom Treppenhaus ist nicht

glücklich gelöst. Die architektonische Gestaltung dee Aeufsern und

Innern hat schöne charakteristische Formen und gute zweckentsprechende

Verhältnisse, die besonders in der schönen Hauptffteade

und in der gut durchgeführten Hofarchitektur zum Ausdruck

kommen. Sehr wirksam tat auch, die Anlage und die Durchbildung

der Flurhalle und des grofsen Treppenhauses. Die dem Schlofsgarten

zugekehrte Nordseite erscheint dagegen zu reich gegliedert

und ist" — wie bei Schmieden u, Speer — ^ia einem Abstand, Ton nur

10 m von der Nordgreoze errichtet. Auch dieser Entwurf erscheint

um den Einheitssatz von 20 Mark f.-1 cbm kaum ausführbar.**

Bei Br. Schmitz (Berlin) zeigt der Grundrifs deö Entwurfes

keinen Binnenhof, ist vielmehr, ähnlich wie bei Schmieden u, Speer,

in Form eines X geplant und sehr zweckmäßig, einfach und klar

angeordnet. Das Preisgericht bedauert, dafs der umhaute Rauminhalt

das zulässige Mafs überschreitet und der Plan daher für die

vorgeschriebene Summe nicht ausführbar wäre; es zollt der mafBvollen

und wirksamen Gestaltung der Architektur volle Anerkennung,

obwohl es dieselbe für ein Museumsgebäude für etwas zu schwer

gegliedert hält.

Auch der E-förmige Entwurf von Fr. Tniersch (München)

zeichnet sich nach Ansicht der Preisrichter durch grofse Einfachheit

und Klarheit der Grandrifabild.ung aus, nur die grefoe Tiefe des,

langen Nordflügels wird als nicht vorteilhaft für die Erhellung der

sehr tiefen Räume des Erdgeschosses bezeichnet. Das Heranrücken

der mit Fenstern versehenen Westfront auf die Bauplatzgrenze vexstofse

gegen das Lichtrecht und sei feuergefährlich. Auch dieser

Entwurf ergebe zu viel umbauten Raum; dem hohen baukünstlerischen

Werthe der Arbeit im ganzen aber sei volle Würdigung zu zollen.

Bei dem Entwürfe R. Opfermanns (Mainz), der mit den. drei

preisgekrönten zur engsten Wahl gekommen ist, wird rühmend "hervorgehoben,

dafs er das Programm genau erfüllt und sehr gut durchdachte

Grundrisse und Anordnungen in Bezug auf die innere Einrichtung

zeigt. Nicht der gleichen Anerkennung erfreut sich die

Frontengestaltung.

Im Plane W. Manchots (Mannheim), der eigentlich eine Vertheilung

der Räume auf drei Stockwerke annehme, sei zu viel verfügbarer

Raum gewonnen. Der Gmndrifs sei von sch&tzenswerther

Übersichtlichkeit, der Aufbau gut und charakteristisch, das Einzelbedürfnifs

der Sammhmgsabtheüungen gut atudirt. Dagegen werden

Einzelheiten, so die hohe und schmale Steinkuppel, die Blendnischenarchitektur

im Obergeschofs, die knappe Breite der Gänge in den

unteren Geschossen getadelt.

H. Stier {Hannover) hat einen einzigen grofsen Hof und für die

verschiedenen Museen getrennte Eingänge, eine Anordnung, die als

originell und gut bezeichnet wird und die bei keinem der Entwürfe

wiederkehrt. Als besonders wirkungsvoll wird die gröfse Loggia,

welche diß beiden Treppenhäuser miteinander verbindet, gerühmt

und als schob auch der Grundplan des Hauptgeschosses, gegen

welchen der des Erdgeschosses etwas Abfalle. Meisterhaft sei die

architektonische Gestaltung der Siidfac,ade gestaltet und durchgeführt.

Auch bei diesem Entwurf übersteige der Rauminhalt sehr bedeutend

das znlässige Mafe.

An der Arbeit von Reuter u, Fischer (Dresden) -wird namentlich

die Fa^adenbildung gerühmt, obwohl auch bei ihr Einselheiten

zu Ausstellungen Anlafe geben. Bei den Grundrissen finden Anordnungen

im Obergeschosse Anerkennung, Für die verfügbare Summe

würde der Bau nicht auszuführen eeiu.

Die letztangeführten vier Entwürfe waren noch mit «ur engeren

Wahl gekommen. Von den übrigen Arbeiten wurden nur noch die

Pläne von O. Sommer (Frankfurt a./M.), Kling (Darmstadt), Lepder

(Heidelberg) und E. Hartig (Hamburg) herausgehoben und der besonderen

gutachtlichen Beurtheilung für werth befunden. D.

Die Entwicklung und die Wirkungen des Verkehrs in den letzten fünfzig Jahren.

Betrachtet man im Zusammenhange mit der aufserördentliehen

Steigerung des Personen- und Güterverkehrs die Staunens wert he Entwicklung

des Naehrichtenverkebn» durch die Post, durch die Tagespreise

Und namentlich durch den Telegraphen, beachtet man daneben

auch die vielseitige Ausbildung des städtischen Verkehrs durch Stadteisenbahnen,

Strafgenbahnen, Omnibusse, Droschken und Fuhrwerke

aller Art, ao wird man erkennen, dafs die Fortschritte des Verkehrswesens

in den leisten 50 Jahren grofser gewesen sind als 2avor in

Jahrtausenden.

Die Wirkungen eines so grofsartigen Aufschwunges de« Verkehrs

müssen natürlich gewaltig und umwäl«eml eera; sie sind nicht allein

(Schlufs.)

sehr mannigfacher und weitverzweigter Art, sondern fuhren häufig

auch EU unmittelbar entgegen gesetzten Erscheinungen, ähnlich wie

die Wirkungen de* Schwerkraft bei dem niederfallendeß Stein wie

bei dem aufsteigenden Ballon, bei dem niederrausen enden Wasserfall

wie bei dem springendes Wässerstrahl zur Erscheinung kommen.

Entschieden entgegengesetzte Wirkungen dw VörkehtBTeryötlkomrenung

zeigen sich keineswegs nur als Ausnahme, sondern bilden vielmehr

die Kegel. So werden tfegen der Verminderung 4br Versenduagekööteü

im allgemeinen die Preise der Güter geringer- ttogegea

manche Güter, deren Erzeugung an Örtliche Bedingungen gebunden

ist und deren Menge nicht beliebig vermehrt werden kann oder


Sr. Centralblatt der Banverwaltung.' 379

welche dem Verderben rasch ausgesetzt sind, einer erweiterten Nächfrage

zugänglich und dadurch tneurer werden. So führt die Vervollkommnung

dea Verkehrs in unwiderstehlicher Weise getrennte Stämme

eines Volkes zu staatlicher Einheit und gleicht allmählich die mundartliehen

Unterschiede ihrer Sprache aus, während umgekehrt dadurch

andere Völker, die bereits durch beherrschende Nationen, aufgesogen

Gewerbebetriebe wie in der Landwirtschaft gewesen ist, wodurch

die Menge der zur Verfügung gestellten Güter aufserordentlich vermehrt

und deren Beschaffenheit wesentlich verbessert wurde.

Von noch gröfserem Einflufs als die Vermehrung, die Verbesserung

und die gröfsere Billigkeit der Genufsmittel ist für das Wohlergehen

der Menschheit die Verminderung der zeitlichen Preise

Preisbewerbung 1 für den Entwurf eines Museums in Darmstadt.

•-• ' , , Entwurf von Seckelmaim-Stuttgart. Ein erster Preis.

erschienen, neue Lebenskraft gewinnen, und ihre Sprache, die bereits

erloschen schien, mit heifsblütigern Eifer wieder aur Geltung bringen.

Die Eisenbahnen, welche der Staatsgewalt eine aufserordentliche

Kräftigung verleihen,

begünstigen gleichwohl

auch alle staatsünd

gesellschafts-

^-Nebenräume zur zoologischen Sammlung-*-

feindlichen Bestrebungen

und erleichtern

dem Verbrecher

die Flucht.

Diese m entgegengesetzten

Erscheinung

gen sich darstellenden

Wirkungen entstehen

in gleicher, einfacher

Gesetzmäfsigkeit als

Folgen der Absehwächung

der

Bedeutung räumlicher

Entfernung.

Die Herrschaft des

Menschen über den

Kaum wird erweitert

und dadurch jede

Th ätigkeits äufs erüng,

die in räumlichen

Schranken die Grenzen

für ihre Entfaltung

findet» gestärkt

und gefördert, dagegen

umgekehrt jede

Wirksamkeit, die des

Schutzes der Abgeschlossenheit

bedarf,

geschwächt und ein- : • : > "•«

geschränkt.

.;i.i.ü

Als unmittelbare "'•* - r -

Folge der Verbesserung der Verkehrsmittel entsteht eine Erhöhung

des Lebensgenusses, da die zur Erlangung der wirthschaftlichen

Güter aufzuwendenden Anstrengungen und daher deren

Preise geringer werden. Es kommt hinzu, dafs die Verkehraverv

ollkommnung von wesentlichem Eintiufs auf die vermehrte Einführung

der Maschinenarbeit, auf die ausgedehntere Ausnutzung der

Naturkräfte und auf die Vervollkommnung der Arbeitsvorgänge im

trrtindrifs vom Obergeschofs...

.Preisbewerbung- fitr dea Entwurf eines Museums in Darmstadt*

r

^,„.•• -Entwurf von Äectclimimi-Stuttgart. Ein erster Preis. ^

Ir, .,*/

schwankungen, die eine unmittelbare Folge der Verringerung örtlicher

Preisunterschiede ist. Der Preis eines Gutes kann für einen

gegebenen Ort nicht höher werden als der Betrag, für den es aus

der Ferne zu beziehen

ist, also als der Einfuhrpreis

, er kann

aber auch nicht niedriger

werden als der

Betrag, für den es

zur Ausfuhr gebracht

werden kann. Der In

solcher Weise zwischen

dem Ein- und

Ausfuhrpreis eingeschlossene

örtliche

Preisunterschied ist

gleich dein doppelten

Betrage der Vereendungskosten

zwischen

dem heimischen und

dem fremden Eraeugungsorte

des Gutes,

mufs also mit der Verbesserung

der Verkehrsmittel

ohne weiteres

geringer werden.

Mit der Einschränkung

der örtlichen

Preisschwankungen

nimmt die Zahl und

Menge derjenigen Er-

Zeugnisse zu, die dauernd

zur Ausfahr gelangen

oder dauernd

vom Auslande eingeführt

werden. Der

Preis aller dieser

Güter schwankt aber

im Laufe der Zeit nicht mehr zwischen den immerhin schon naher

gerückten Grenzen des Ein- und Ausfuhrpreises, sondern bewegt sich

nur noch innerhalb des noch geringeren Unterschiedes, der entweder

allein im Einfuhrpreise oder allein im Ausfuhrpreise nach

der Lage des Weltmarktes eintreten kann. Die grofeere Gleichmäfsigkeit

der Preise vermindert die vielfachen aus Preisschwankungen

entstehenden Uebelstände, Die Gefahr grofser Theuerung


380 Centralblatt der Bauverwaltung. 8. SepUmfeer 1893.

oder gar der Hungersnoth mit ihrer Gefolgschaft von Seuchen und

Verbrechen, die noch bis gegen die Mitte unseres Jahrhunderte den

Schrecken der Bevölkerung bildete, besteht bei CultuivBlkern mit

ausgebildetem Verkehrswesen nicht mehr.

Die Beherrschung der Preisbildung durch den Weltmarkt,

die eine so segensreiche Verminderung der Preisschwankungen

zur Folge hat, wirkt aber drückend und oft vernichtend auf alle jene

Zweig* der Gewerbethätigkeit und der Landwirthscbaft ein, die bei

der Vervollkommnung der Verkehrsmittel in erhöhtem Mafee dem Wettbewerbe

der Einfuhr unterworfen werden, macht dagegen diejenigen

Betriebe gewinnbringender, deren Erzeugnisse leichter zur Ausfuhr

auf fremde Märkte gebracht werden können. Insbesondere mufs sich

daher die Landwirtheehaft immer entschiedener der Gewinnung solcher

Erzeugnisse zuwenden, für welche die Bodenbeschaffenheit, das Klima

nnd andere Verhältnisse die günstigsten Bedingungen bieten, dagegen

den Anbau solcher Früchte und solcher Betriebe, für welche die

örtlichen Verhältnisse weniger günstig sind, einschränken oder ganz

und gar aufgeben. Wahrend bei -unentwickelten VerkehrBverhältnisBen

alle Bedarfsmittel auf dem eigenen Acker gewonnen und in der

eigenen Wirthschaft hergestellt werden mufsten, soweit Klima und

Bodenbeechaffenheit nur irgend gestatteten, gelangt mit der Vervollkommnung

der Verkehrsmittel jede Eigenart des Bodens zu

vollst Bedeutung und bester Ausnutzung. Es mufs Bich für

die Landwirthfichaft mit immer zunehmender Schärfe eine örtliche

Arbeitstheilung ausbilden und dadurch der Grundwerte steigen.

Während in solcher Weise die Verschiedenheit der Grundfläche

wirthschaftlich zn schärferer Ausprägung gelangt, verliert die bei

unentwickelten Verkehraverhältnissen ganz besonders in Betracht

kommende Entfernung vom Marktorte, auf die v, Thünen »eine bekannte

Zonen-Eintheilung gründete, ganz erheblich an Bedeutung.

Das vom Marktorte entfernte Grundstück ist um den Betrag der zn

seiner Bewirtschaftung zwischen ihm und dem Marktorte aufzuwendenden

Transportkosten geringwertiger, als das unmittelbar am

Marktorte belogene. Mit der Verbesserung des Verkehrs nimmt dieser

Unterschied ab und die Ereparung au Transportkosten stellt sich als

eine Wertherhöhung der Grundstücke dar. Noch andere Folgen der

Verkehrsvervollkommnung treten hinzu, um den Grundwerte zu erhöhen,

"wie die Zunahme der Bevölkerung, die gesteigerten Lebensansprüche,

sowie die durch beBsere Bewirtschaftung erreichte Erhöhung

des Ertrages. Alle diese Umstände überwiegen den auf eine

Preiserniedrigung der Bodenerzeugniase einwirkenden Wettbewerb

fremder Märkte, sodafs auch in Deutschland, in gleichem Mafse wie

dies für Frankreich nachgewiesen ist, der Grundwerte seit den letzten

fünfzig Jahren im Durchschnitt mindestens auf das doppelte gestiegen

ist.

Die örtliche Arbeitsteilung durch Ausbildung bevorzugter Standorte

für bestimmte Erzeugnisse mufs eich in ähnlicher Weise wie bei

der Landwirtschaft auch im Gewerbebetriebe vollziehen. Die unter

günstigen Bedingungen arbeitende Gütererzeugung erweitert mit der

Verkehrnverbesserung ihr Absatzgebiet auf Koaten benachbarter Orte

der Gütererzeugung, die weniger günstige Grundlagen haben. Per

in ungünstiger Lage befindliche Unternehmer konnte sich halten, so

lange er des Schutzes schlechter Wege gcnofs, sobald er aber durch

die Verkehrs Verbesserung für den stärkeren Gegner erreichbar geworden

ist, wird er zurückgedrängt, besiegt oder gar vernlctxtet

werden, gleichwie eine Festung ihren Werth verliert, sobald die Geschütze

eine Tragweite erreicht haben, die ihre Beschiefsnng von benachbarten

Höhen möglich macht. Durch die Erweiterung des Absatzgebietes

erhöht sich der Gewinn, was einen Anreiz zur Errichtung

neuör, in Wettbewerb tretenden gleichartigen Unternehmungen an

demselben Orte giebt. Der nun entstehende Kampf um den Absatz

führt zur Anspannung aller Kräfte, um die Arbeitsvorgänge zn vervollkommnen

und die Erzeugnisse zu verbessern, druckt dabei den

Preis herab, was alles eine weitere Zurückdrängung des von fremden,

benachbarten ErzeugnngBorten ausgehenden Wettbewerbes zur Folge

hat. So bilden Bich für die verschiedenen Gewerbezweige besondere

Standorte aus. Diese örtliche Gruppirung der Gewerbezweige

gewährt für die Vervollkommnung der Arbeitsvorgänge, für

die Ausbildung und leichte Ergänzung eines geschulten Arbeiterstammes

und für den Handel ao entschiedene Vortheile, dal» sie sich,

wenn einmal eingeleitet, in immer schärferer Weise ausbildet. In

weiterer Folge wird hierdurch die technische Arbeitstheilung

wesentlich gefördert, es findet die Zerlegung einer Gewerbethätigkeit

in eine Beihe selbständiger, stufenweise sich auf einander stützender

Betriebe statt; so treten z. B. an Stelle einer Wollwarenfabrik, welche

die Ware von der Wollwäscherei bis zur Versendung fertig macht,

besondere Wollwäschereien, Kämmereien, Spinnereien, Färbereien,

Webereien und Appreturanstalten. Am Sitze eines bestimmten

Gewerbezweiges siedeln sich dann auch die Hülfsgewerbe an, sodafs

der ganze wirth&chafüiche Charakter einer Gegend sich dem herr»

sehenden Gewerbebetriebe anschliefst. Die Verbesserung der Verkehrsmittel

fuhrt also, wie für die Landwirtschaft, so auch für den

Gewerbebetrieb eu einer schärferen Ausprägung örtlicher Eigenart,

In entgegengesetzter Weise wird durch die Vervollkommnung

des Verkehrs aber die Gewerbethätigkeit oft von früherer Örtlicher

Gebundenheit befreit. Eine Marmor* oder Granitschleiferei z, B.,

die man früher nahe dem Steinbruche oder an einer nutzbaren

Wasserkraft in einem entlegenen Gebirgsthate anlegen mufste, findet

man heute inmitten einer Grofortadt. Da die Frachtsätze für Rohstoffe

auf den Eisenbahnen niedriger als für fertige Waren sind,

so iet man mit dem Betriebe weniger an den Gewinnungsort der

Rohstoffe gebunden, sondern kann die Anlage dem Absatzgebiete

näher rücken* Abs diesem Grunde werden die Grofastädte als die

wichtigsten Absatzgebiete auch Hauptsitze der Gewerbethätigkeit,

Die Erweiterung des Absatzgebietes nimmt die grofsartigsten

Verhältnisse für die Ausbeute der mineralischen Bodenschätze an,

die früher wegen ihres grofsen Gewichtes oft nur auf geringe Entfernungen

versendet werden konnten. Manche dieser Bodenschätze,

deren Gewinnung jetzt eine stetige und erhebliche Vermehrung des

Volkswohlstandes herbeiführt, wurden überhaupt erst durch die Verbesserung

der Verkehrsmittel der Ausbeute erschlossen. Die auf

Gewinnung der Mineralschätze gerichteten Betriebe wie auch viele

der örtlich gruppirten Gewerbezweige nehmen die Verhältnisse des

Grofsbetriebes an. Die alten Ueberliefernngen des Handwerka

wurden unhaltbar, die Fesseln zünftiger Gliederung wurden gesprengt,

die Werkstätten erweiterten sicU BU Fabriken. Der Großbetrieb

machte allein die Durchführung eines in allen seinen Folgen kaum

genügend zu würdigenden Fortschritts möglich, der in der Ersetzung

der menschlichen Handarbeit durch Maschinenarbeit, der menschlichen

Muskelkraft durch die Naturkräfte besteht. Das Menschengeschlecht

ist dadurch, wenn auch nicht ganz und gar erlöst, «o doch

wesentlich erleichtert von der qualvollen, harten Arbeitslast * unter

der es Jahrtausende lang seufzte. Der Lebeaßgenufs wird nicht allein

durch Entlastung von Arbeit, sondern infolge der billigeren Maschinenarbeit

auch durch Zuführung neuer Genufsmittel erhöht. Ohne den

Grofabetrieb würde die vielseitige und rastlose, auf Vervollkommnung

der Arbeitsvorgänge gerichtete Geistesthatigkeit keinen der Gröfse

der Anstrengungen entsprechenden Gewinn erreichen können und

daher unterbleiben. Die zunächst für den Grofsbetrieb gewonnenen

Fortschritte kommen dann bald aber auch denjenigen Gewerben zu

gute, die ihrer Natur nach dauernd nur im Kleinen betrieben werden

können, »ei es, dafs ihre Erzeugnisse dem Verderben rasch ausgesetzt

sind, oder dafs sie nach persönlich verschiedenen Anforderungen hergestellt

werden müssen, oder dafs zu ihrer Anfertigung eine besondere

Geschicklichkeit und Begabung erforderlich ist.

Auch in der Landwirthschaft taufe, wenn auch in weniger

zwingendem Mafee als im Gewerbebetriebe, der Uebergang zum

Grofsbetriebe stattfinden. Die Landwirthaoh&ft ist durch die Verbesserung

des Verkehrs dem Wettbewerbe fernliegender, noch unter

günstigen Verhältnissen wirtschaftender Erzeugungslander unterworfen

worden, wogegen sie sich nur durch eine technisch hochentwickelte

WirthBchaft halten kann, was grofsen Gapitalaufwand

erfordert und nur im Grofsbetriebe durchführbar ist. Ee kommt noch

der schon erwähnte TJmBtand hinzu, dafs bei ausgebildetem Verkehrswesen

der Preis der Bodenerzeugnisse durch den Weltmarkt bestimmt

und dadurch in verbältnifamafsig engen Grenzen gehalten wird, sodafs

der Kein ertrag der Landwirtschaft in weit stärkerem Mafse als

früher mit dem örtlichen Ernteausfalle schwankt. Diesen Wechsel

der Jahreseinnahme kann nur der grofse, mit Capital oder Credit

hinreichend ausgestattete Grundbesitzer ertragen, wogegen der kleine

Landwirtn dadurch leicht dem Wucherer in die Hände fällt und sra

Grunde gerichtet wird.

So bedroht die Vervollkommnung des Verkehrs die Daseinsbedingnngen

des Bauernstandes, wie sie die im zünftigen Handwerk

so fest gegliederte, wenn auch auf beschränkter Grundlage aufgebaute

Ordnung der Arbeit auflöst, Mit ihr bricht die frühere Gliederung

der menschlichen Gesellschaft zusammen, ohne dafs sofort neue befriedigende

Formen, dafür gefunden werden können. Mit der Auflösung

des Handwerks und der Bedrohung des Bauernstandes hat in

Verbindung mit dem Anwachsen des ßeichthums der Gegensatz

zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer sich verschärft und die

sociale Frage heraufbeschworen. Der Volksreiohthum ist durch die

grofsartige Entwicklung des Verkehre in Deutschland ueit den lotsten

50 Jahren schätzungsweise etwa auf das fünffache gestiegen, denn es

hat sich nicht allein, wie schon erwähnt, der Grondwerth auf das

Doppelte erhöht, sondern es haben auch die Gebäude beträchtlich an

Zahl und Werth zugenommen, der Werth der Bergwerke und gewerbliehen

Anlagen aller Art ist gestiegen, Eahllose MftSfchinen, die Eisenbahnen

und Dampfschiffe sind hinzugekommen. Das fnndirte Einkommen,

das unmittelbar aus dem Besitze dieser Nutaungsgulei fließt

oder durch Grundbucheintragungen, Actien, Sparkasseneinlagen und

Wertpapiere aller Art in Antheilen ihres Ertrages verbrieft ist,


Kr» 36. Centralblatt der Bauverwaltung. 381

beträgt heute etwa die Hälfte des anderen, durch persönliche Thätigkeit

gewonnenen Einkommen*. Der Cspitalist, der seit dem Verfalle

des altrömischen Kelches für das wirthschaftliche lieben an Bedeutung

verloren hatte, gewinnt eins immer wachsende Macht. Die

arbeitenden Schichten der Bevölkerung erblicken in dem so sehr vergrößerten

fundirtan Einkommen, da» neben ihrem Arbeitseinkommen

am die Güter des Leben« wirbt, eine Beeinträchtigung ihrer Lebensanspräche,

eine Auffassung, die durch Irrlehren und Verhetzung

verschärft wird. Eine in alle wirtschaftlichen und socialen Verhältnisse

so tief eingreifende Wandlung wie da« rasche Anwachsen des

fandirten Einkommens mufs naturgemäfs zu langdauernden Kämpfen

fuhren, die gefahrdrohend für das gesamte Staatsleben, für die

Ordnung der Gesellschaft, ja selbst für das Sitten- und Familienleben

sind. Die Abwendung dieser Gefahren und die Ueberleitung aus dem

Kampfe widerstreitender Interessen zvi einer neuen, friedlichen

Gleichgewichtslage bilden eine ernste und schwierige Aufgabe der

Wirthschafts- und Socialpolitik,

Uefaerhaupt haben die neuen Verkehrseinrichtungen das Thätigkeitsgebiet

des Staates wesentlich erweitert. Die technische Eigenart

der Eisenbahnen und der Telegraphen, das Gleis und die Drahtleitung,

wurden ohne weiteres bestimmend für deren wirthschaftlicha Betriebsweise,

die unumgänglich die Zusammenfassung des gesamten Betriebes

in einer Hand erforderlich machte« Die Wahrnehmung der

gesamten, so verschiedenartigen privatwirthschaftlieben Verkehrainteressen

durch eine einheitliche Leitung kann nicht anders als vom

gameinwirthschaftlichen Standpunkte geschehen. Es kann dies allenfalls

bei genügender Regelung und Ueberwachung durch liebertragung

oder Ueberlasstmg an eine Privatunternehmung erfolgen,

wird aber offenbar am sichersten and vollkommensten durch die

Staatsleitnng erreicht. Die aus der technischen Natur der Eisenbahnen

folgende Verstaatlichung hat in Deutschland attch schon, auf

anderen Gebieten dahin geführt, die Fürsorge für privatwirthschaftliche

Angelegenheiten durch den Staat zu übernehmen, wie die

Krankheits- und Unfallversicherung sowie die Alters- und Invaliden-

TerBOTguBg aeigen. Die Rechtsgrundsätze finden immer mehr eine

Umbildung nach der Kichtung hin, dafu überall, so weit daß Gemeinwohl

es erhascht, die Rechte und die Freiheiten des Einzelnen eingeschränkt

werden, wie dies unter anderem das Enteignungagesetz

zeigt. Dagegen wurden durch die technische Erleichterung des

Verkehrs manche Fesseln freier persönlicher Bewegung gesprengt,

der Pafszwang wurde aufgehoben, die Freizügigkeit eingeräumt und

die !2iollBchranken worden erweitert.

Eine vollständige Umkehrung hat die Verkehrsvervollkommnung

in den Verhältnissen zwischen Stadt und Land bewirkt. Früher litt

bei Mifsernte die städtische Bevölkerung unter drückender Theaening,

während die Landbevölkerung durch den höheren Preis eine Ausgleichung

für den geringen Ernteansfall erhielt. Jetzt ist bei den unter

dem Einflüsse des Weltmarktes gleichmäßiger bleibenden Preisen

der Lebensmittel für die städtische Bevölkerung ein geregelteres

Auskommen gesichert, wogegen das Wohlergehen der Landbevölkerung

von dem wechselnden örtlichen Erote&usfalle abhängig geworden ist.

Die Folge dieser völligen Umwandlung der Verhältnisse ist eine

Massen ein Wanderung vom Lande in die Städte, die daneben wegen

der gesteigerten Gewerbethätigkeit den Zuzug neuer Arbeitskräfte

begünstigen. Die ländlichen Arbeitslöhne werden dadurch höher, und

die Notwendigkeit der Einführung landwirthsehaftlicber Maschinen

wird verstärkt.

Das Wachsthum der Städte führt unstreitig zu einem rascheren

Gange der Cniturent Wicklung, ,es veranlafst die Ausführung umfassender

Einrichtungen zur Förderung der Gesundheit, Bequemlichkeit

und Annehmlichkeit des Lebens und wirkt in lebhaftester Weise

anregend und fruchtbringend auf allen Gebieten der Kunst und

Wissenschaft. Aber die mit der Verdichtung der Bevölkerung zunehmende

Heftigkeit des Kampfes um das Dasein, die aus der Hast

zu erwerben und aus der Sucht au geniefeeb entstehende Unruhe,

welche bis zu Ueberreüung, Lastern und Verbrechen sich steigert,

bilden tiefe, schwane Schatten neben dem strahlenden Lichte.

Entmuthigend darf auch diese Folge der Vervollkommnung der

Verkehrsmittel nicht wirken, denn das Schlechte hat den Schutz der

Verborgenheit und Abgeschlossenheit verloren und ißt ausäuchtslos

unter die Macht des Gesetzes gebracht. Es kommt hinzu, dafs dieselben

Eisenbahnen, welche die Bevölkerung mit unwiderstehlichem

Zuge in die Mauern der Städte führen, sie im erleichterten Vorortverkehr

auch wieder ins Freie und ins frische Grün bringen.

Bei der Umbildung der Siedlmigtverhältnisee verHeren die kleinen

Landstädte, die früher swi&ehen ihrer Umgebung und den giöfseren

Marktorten einen Zwischenhandel vermittelten, jede Lebengberechtygong

-, sie sinken an Dörfern herab, wenn es ihnön nicht ausnahmsweise

gelingt, einen Gewerbebetrieb in begründen.

Die Zuroekdrängung des Zwischenhandels ist unstreitig als eine

der Segnungen der Verkehr&verbesBemng anzusehen, wenngleich an

seine Stelle eine andere Art der Freisbelastung getreten ist, indem

de* mehr unmittelbare Verkehr «wischen dem En&nger und Verbraucher

der Güter eine bis ins Uebermafa gesteigerte Ausbildung

des Aopietaungswesens hervorgerufen hat. Die schwerfälligen Einrichtungen

der Jahrmärkte und Messen, aof. denen dnrch unmittelbare

Ausgleichung von Angebot und Nachfrage der Preis sich regelte,

haben ihre frühere Bedeutung ganz und gar verloren. Durch den

erleichterten Verkehr sind die Grundlagen für die Preisbildung übersichtlicher

und sicherer, und das Wagnifs des Handels erheblich

geringer geworden. Auf der anderen Seite begünstigt die Verkehrs-

Verbesserung auch das Börsenspiel, sowie die Bildung von Singen

und Syndikaten zur Hochsehraubung der Preise.

In ähnlicher Weise wie durch die VerkehrsvervoUkommnntig das

Verhältnis zwischen Stadt und Land umgekehrt ist, wurde namentlich

durch die Eisenbahnen auch das Verhältnifs zwischen Küetenttnd

Binnenländern völlig umgewandelt. Vor der Einfuhrung der

Eisenbahnen hatten die Meeresküsten und die Uferstrecken schiffbarer

Ströme gegenüber den Binnenländern eine entschieden bevorzugte

wirtschaftliche Lage, die mit der Vervollkommnung der Seeschiffahrt

nnd mit den überseeischen Entdeckungen noch beträchtlich

an Bedeutung gewann. Die Eisenbahnen haben aber diese Sachlage

mit einem Schlage an gunBten der Festlande geändert; sie. verbinden

die weiten Flächen des Binnenlandes in allen Richtungen von Ort zu

Ort zu einem zusammenhängenden, wirtschaftlichen Ganzen. Bei

einer Seefahrt von England nach Nordamerica wird kein Zwischenort

berührt, wogegen durch eine Eisenbahn von gleicher Länge beinahe

ein halbes Tausend Zwischenorte getroffen und von diesen aus

Verbindungen nach allen ßichtnogen erschlossen werden. Gebirge

und selbst Hochgebirge und weite Wüetenstrecken, die sonst fast

nnüberwindbare Schranken bildeten, sind jetzt kein Hemmnils mehr

für de» Verkehr. Wie einst vor vier Jahrhunderten die Entdeckung

des Seeweges nach Ostasien im Vergleich zu. dem langwierigen und

gefahrvollen Karawanenwege eine grofse Errungenschaft war, und

vor einem Vierteljahrhundert die Abkürzung dieses Weges durch den

Suezcanal einen neuen Fortschritt darstellte, so wird demnächst die

Vollendung einer Eisenbahn nach Indien, die Ersetzung des Seeweges

durch einen beschienten Landweg, einen noch weit gröfseren Fortschritt

bilden. Die Geographie, die doch wesentlich vom anthxopogeographischen

Standpunkte aufzufassen ist, sollte von dem Eisenbahnnetze

eines Landes ausgeben, dessen Linienzüge und Knotenpunkte

für die wirth schaftliche und politische Lage des Landes von

gröfserer Wichtigkeit aU die Gebirgszüge and Wasserläufe sind,

Deutschland verdankt dem dichten Eisenbahnnetze, das unter

Verknüpfung in zahlreichen kleineren und gröfseren Knotenpunkten

das Land überspannt, sein wirtschaftliches Aufblühen wie seine

politische Einigung und Erstarkung. Aber wie getrennte Stämme

eines Volkes durch, die Verkehirevervollkommnung zu staatlicher

Einheit gelangen, so entsteht da, wo früher verschiedene Völker gemischt

in Frieden ein Land bewohnten, eine Zersetzung und es entbrennt

ein erbitterter Klassenkampf, der nur mit der Verdrängung

oder Vernichtung des einen oder anderen Volkes enden kann. Es ist

ähnlich wie mit einem Gemenge von Sand und Schiefspulver, in

welchem das Pulver erst au gemeinsamer Sprengwirkung gelangen

kann, wenn die nähere Berührung der Pulverkörncnen nicht mehr

durch den Sand verhindert wird, Jede fremde Beimischung in einem

Volke, die früher kaum bemerkt und nicht störend empfunden wurde,

macht sich durch die Vervollkommnung des Verkehrs wie ein Pfahl

im Fleische fühlbar, gleichwie das Salz, wenn es in einer Speise vertheilt

ist, als angenehme Würze dient, aber widerwärtig schmeckt,

wenn es in einem zusammenhängenden Stücke darin vorkommt. In

ähnlichem, wenn auch im geringerem Mafse als beim Zusammenleben

verschiedener Volksrassen wird durch die Verkehrsvervollkommnung

auch der Frieden zwischen gemischt wohnenden Anhangern verschiedener

Religionsbekenntnisse leicht gestört nnd das Streben nach

der Alleinherrschaft eines oder des anderen Bekenntnisses verstärkt.

Auch im Völkerleben treibt also die Verkehrsvervollkommnung

wie auf allen Gebieten zu einer schärferen örtlichen Gruppirung and

zu reinerer Ausprägung örtlicher Eigenart, Dies gilt auch für die

Sprache, die bei der Zersplitterung eine« Volkes widerstandslos der

Einschleppung fremder Worte und Wendungen sowie der Vernachlässigung

ausgesetzt war, aber mit der erwachten Kraft des geeinten

Volkes in ihrer Reinheit trota des vermehrten Verkehrs mit dem

Auslande wieder hergestellt wird. Selbst Mundarten, deren Erlöschen

durch die zunehmende Verschmelzung der VolkBstämme beschleunigt

wird, gewinnen zunächst neue Lebenskraft und klingen wie das Platte

deutsche in herrlichen Dichtungen wie in einem Schwanengesange aas*

Trotz der entschiedenen Ausbildung jedes einzelnen Volksthunu

werden aber durch die Verkehrsvervollkommnung die Beziehungen

von Volk BO Volk immer vielseitiger und enger. Die Völker werden

durch den erleichterten Verkehr aber nicht wie weiche Massen aneinander

geknetet, sondern wie Perlen ZVL einer Pftilensohnur v«r-


J

382 Ctantralblatt der BauverwaltuDg. 8.

knüpft, Handels* und Schiffahrtsrerträge, Münzverbände, Einigungen

über gemeinsame Mafse und Gewichte, der Weltpostvertrag, das

rothe Kreu2, gemeinsames Vorgehen zur Unterdrückung des Sclavenhandels,

Vereinbarungen über das Eisenbahnrecht, Weltausstellungen,

international-wissenschaftliche Vereinigungen und Versammlungen,

und selbst der Versuch zur Schaffung einer Weltsprache, alle diese

Vorgänge bilden wesentliche Fortschritte in der Vereinigung der

Völker und dienen der Erhaltung des Friedens.

Am sichersten wird der Frieden aber unmittelbar durch die

Eisenbahnen geschützt, die ein gewaltiges Rüstzeug des Krieges

bilden. Durch die Eisenbahnen ist der Krieg von einer verzehrenden

und verheerenden Flamme zu einer schrecklichen Exploaion gewoTden.

Die Eisenbahnen sind eine machtvolle Ergänzung des

Schiefspulvers, sie werfen wie mit Sturmeseile die Heeresmössen, die

in den Kriegsvorräthen lagernden Geschosse gegen die Wälle und

die Brust des Gegners.

Für die Erhaltung des Friedens werden gröfsere Opfer und Anstrengungen

als früher willig ertragen, nicht allein weil der Krieg

schrecklicher, sondern auch weil der Leben sgenufs Und damit der

Werth des Lebens gröfser geworden ist. Alle Naturschönheiten,

erfrischende Bäder und Heilquellen, alle Schätze des Wissens und

der Knnst, die früher nur wenigen Begünstigten zugänglich waren,

werden mehr und mehr zum Gemeingut der ganzen Menschheit Die

Eisenbahnen haben die Gleichheit der Menschen mehr gefordert als

alle politischen Umwälzungen und demokratischen Staatseinrichtungen.

Der Arme, der sonst in dem Staube wanderte, den das Fuhrwerk des

Reichen aufwirbelte, fährt jetzt mit ihm in demselben Zuge. Heute

heifst es nicht mehr, wie Goethe sagte:

„Wenn ich sechs Hengste zahlen kann,

Sind ihre Kräfte nicht die meine?

Ich fahr 1 dahin und bin ein rechter Mann,

Als hätt' ich vierundzwanzig Beine. 4

sondern es nmTs heifsen:

»Wenn ich nur einige Pfennig zahlen kann,

Dann ist des Dampfes Kraft die meine.

Ich fahr' dahin und bin ein Rechter Mann, : t

Als hätt' ich Flügel statt der Beine." ; i .

Welch außerordentliche Steigerung hat durch die freiere Beweglichkeit

die Geistesthätigkeit der Menschen gewonnen. Keime geistigen

Lebens, die sonst da, wo sie entstanden, oft auch ihr Grab fanden,

bleiben im Umlauf, bis sie auf einen für ihre Entwicklung günstigen

Boden gelangen. Nach gleichen Zielen Strebende vermögen sich

leicht zu gemeinsamem Wirken zu vereinigen und im persönlichen

Gedankenaustausch sich gegenseitig zu fördern. . • ; •. ,

Die Schöpfungen der Kunst und die Forschungen der Wissenschaft

zeigen eine neue Richtung, sie entstehen nicht mehr in Abgeschiedenheit,

in einer von der Außenwelt abgekehrten, so zu sagen nach innen

gerichteten Seelenthätigkeit, sondern stützen sich auf eine vielseitige,

durch die freie Beweglichkeit gewonnene Beobachtung der Aufsenwelt.

Die Kunst sucht daa Ideal nicht mehr in der AbBtreifuog, sondern

in der Verklärung des Realen. Eine neue Gruppe von Wissenschaften

ist entstanden, welche die Gesetze der Umbildung der Natur und der

Benutzung der Naturkräfte für die Zwecke menschlicher Wohlfahrt

und Gesittung zu erforschen sucht. Mit diesen angewandten Naturwissenschaften

oder technischen Wissenschaften sind die technischen

Hochschulen als eine neue Gattung von Hochschulen in rascher Entwicklung

zu hoher Blütbe gelangt. Für die technischen Berufszweige,

deren Ausbildung vor einem halben Jahrhundert noch im

wesentlichen auf handwerksmäfsiger Grundlage und nach zusammenhangslosen

Erfahrungen erfolgte, ist heute ein Grad wissenßchaftlicher

Vertiefung gewonnen., wie er in gleichem Mafse nur bei wenigen

anderen gelehrten Berufsarten erreicht wurde. Der Ingenieur ist der

Bannerträger der Cultur geworden. Seine Werke sind es», durch die

der Mensch von örtlicher Gebundenheit losgelöst und seine Herrschaft

über den Kaum erweitert wird. Die Vervollkommnung des Verkehrs

hat den Menschen den Lebensformen eines höheren körperlosen

Wesens näher gebracht. Wohin die Eisenbahnen dringen, da wirken

sie wie die Verkündigung eines neuen Evangeliums; das Leben verschönernd

und den Menschen veredelnd. :

W. Launhardt.

Die Wirkung des Gestängegewichtes beim Eisenbahn- Oberbau.

Wenn auch der Grundgedanke des diesen Gegenstand betreffenden,

in Nr. 35 d. Bl. S. 367 veröffentlichten Aufsatzes, dafs es nützlich sei,

die Reibung des Gestänges auf der Bettung zu vermehren, richtig und

unbestritten ist, so kann ich doch den Sehlufsfolgerungenj die hieraus

in Bezug auf den Grad des Nutzens einer Gewichtavermehrung des

Gestänges gezogen sind, nicht zustimmen, da immer die Thatsache

bestehen bleibt, dafs da, wo überhaupt Angriffe vorkommen, die von

dem Locomotivgewicht ausgehenden Wirkungen und Gegenwirkungen

(letztere in Form von Reibung) diejenigen des Geetängegewichtes bei

den regehnüfsig angewendeten Oberbauarten weit übertreffen. Um

das Gegentheil zu beweisen, zieht Herr Gelbcke das unbelastete

Gestänge TOT dem Zuge in Betracht und berechnet die Wirkung, die

hier ein wagerecbter Stofs ausübt. Das ist jedoch ein Fall, der in

Wirklichkeit nicht vorkommt, — es müfste denn jemand das Gestänge

mit dem Hammer bearbeiten. Um solche Angriffe handelt es sich

aber bei der ganzen Streitfrage nicht, sondern um die Wirkung der

Bäder, und wo die wagerecht stofsen, da lasten sie auch senkrecht.

Sie erzeugen also selbst die zur Aufnahme der Stofsarbeit

nöthige Reibung. Der Beweis dafür, dafs der Antheü des Eigengewichtes

des Gestänges an der Reibungsarbeit verhältnifamäfaig sehr

klein ist, läfat sieb gerade so führen, wie es hinsichtlich des Antheiles

an der Massenwirkung geschehen ist. Nun könnte man zwar hiergegen

einwenden, es sei nicht undenkbar, dafs die erste Locomotivachse

für einen kurzen Zeitraum frei in der Luft schwebe und dabei

einen heftigen wagerechten Stofs ausübe. Ich will die Möglichkeit

eines solchen Falles nicht bestreiten, glaube aber, dafs dergleichen

nur bei einer sehr schlecht gebauten und unterhaltenen

Locomotive und bei ausnahmsweise schlechtem Zustande des Gleises

vorkommen kann, dafs also die Wahrscheinlichkeit des rein wagerechten

Stofsea eine äufserst geringe ist und bei der auf regelmäßige

Verhältnisse berechneten Ausbildung des Oberbaues um so weniger

berücksichtigt zu werden braucht, als das Vorhandensein solcher Ausnahmezustände

»ich sehr schnell durch fortwährende Entgleisungen

verrathen würde. Jedenfalls lehren Rechnung und Erfahrung, dafs

die seitlichen Kräfte nur gana selten bis auf ein Sechstel der senkrechten

steige»,») Diese Werthe beziehen sich übrigen« nur auf die

Seitenkräfte an einem Schienenstrang. Da aber das Gestänge sich

seitlich nur als Ganzes verschieben kann, so kommt auch noch die

gleichzeitig auf den anderen Schienenstrang aasgeübte Seitenkraft

•) S. die Untersuchung von Bräaaing Über die Bewegungen

der Eisenbahnschienen auf Seite 247 im Heft IV bis VI der Zeitschrift

für Bauwesen f. 18Ö2.

in Betracht, Ist diese geringer als erstere, oder gar entgegengesetzt

gerichtet, so wird die Gesamt Wirkung noch kleiner, als angegeben.

Noch ein Wort zu der Bemerkung über den Einflnfs des Gestängegewiehtes

auf das Stopfen des Gleise»* Obgleich die Anschauung,

dafs das gröfsere Gewicht von wesentlichem Nutzen für die Stopfungsei,

auch sonst in der Litteratur vertreten ist, so ist mir bisher doch

nicht recht klar geworden, worauf diese Ansicht hinaus will. Da»

Stopfen hat m. E. in erster Linie den Zweck, alle Schwellen aara

gleichmäßigen Tragen au bringen. Um das zu erreichen, müssen vor

allen Dingen alle Hohlräume unter den tragenden Fläbhen mit

Bettungsstoff gefüllt werden; aufserdem ist der letztere möglichst

gleichmäfsig dicht au lagern. Beide» wird durch das Gestänge^

gewicht offenbar nicht wesentlich beeinflufet. Wenn statt dessen

(oder darüber hinaus) verlangt wird, daTs durch das Stopfen eine

möglichst grofue Dichte und Festigkeit des Bettungskörpere erzeugt

werden soll, so erscheint die Frage berechtigt, ob denn das nicht viel

billiger und wirksamer durch die Betriebslasten selbst bewirkt wird.

In der That dürfte man kaum imst&nd« sein, durch Stopfen eine ao

feste Lagerung der Bettungstheüchen herbeizuführen, wie sie beim

Aufnehmen der Schwellen nach längerem Befahren oft beobachtet

werden kann. Man findet da betonartige Körper von einer Festigkeit,

gegen die alles, was durch Stopfen erreicht -werden kann, verschwindet.

Dafs das Nachstopfen geradezu ein Lockerungs-, nicht

ein BefeBtigungsmittel ist, beweisen auch die auf den Reichseisenbahnen

angestellten Messungen, aus denen ganz klar hervorgeht, dafs

die bleibenden Verdrückungen der Bettung kurn nach dem Neustopfen

viel gröfser sind als späterhin.*) Das hindert nun freilich

nicht, dafs man den Wunsch hegen kann und mufis, die Auflockerung

doch wenigstens so weit wie möglich einzuschränken, und dafs dieses

Ziel bei schwerem Oberbau leichter zu erreichen ist, als bei leichtem.

Dieser Grund allein erscheint aber nicht wichtig genug, um die Anwendung

eines schweren und kostspieligen Oberbaues zu rechtfertigen,

zumal ja nicht ausgeschlossen int, d&fs m&n den Zweck viel billiget*

und sicherer auch in anderer Weise : — 2. B. etwa durch vorübergehende

Belastung (Bahnmeisterwagen mit Kiesladung) während des Stopfens —

erreichen kann. Ueberdies versagt die' Gewichtferefmehrung den

Dienst, wenn sie, wie es häufig geschieht, durch Verfügung der

Schwellen mit Bettnogsstoff hergestellt worden ist; denn dieser Stoff

mufs entfernt werden, ehe das Unterstöpfen beginnen kanti. Bei der

am Schlafs der Mittheilung erwähnten Gelbckeseheii DoppelsthweHö

ist das zwar nur zum Thett nüthig. Diese Anordnung ist aber bisher

•) S. Organ f. d. Fortschr. d. EUenbalmweieaB, 1889» 4, Heft.


Kr. Gentralblatt der Bauverwaltung. 383

nur yenmchsweise angewendet und erweckt so viele Bedenken, dafs

auf eine Bewährung kaum geholt werden kann. Schon die grofaen

Kosten der ersten Herstellung und die Schwierigkeiten der Unterhaltung

lassen es zweifelhaft erscheinen, ob diene Oberhananarduüng

in gröfserem Umfange eingeführt werden wird*

Dr. H- Zimmermann,

X. Wanderrersaaunluug des Verbandes deutscher ArcMtekten- und Ingenieur-Vereine

in Leipzig vom 28.—31. August 1892.

Als öuf der XIX, Abgeordneten Versammlung in Hamburg vor

zwei Jahren Leipzig zuin Ort für die 1892 abzuhaltende Wanderverfl&moalong

bestimmt wurde, war für diese Wahl der Rückblick

auf das Jahr 1842 mafsgebend, in welchem die erste Wanderversammlung

deutscher Architekten in Leipzig getagt hatte. Der diesjährigen

Wanderversammlttng ist hierdurch von vornherein ein eigenastige*

Gepräge -verliehen worden: in der Geburt&t&dt sollte der

50, Geburtstag der Wanderversammlungen gefeiert werden! So ist

diese "Wahl des Ortes von den veranstaltenden Vereinen, dem Leipziger

Zweigvereine de« Sächsischen Ingenieur- und Arcbitektenvereina

und dem Vereine Leipziger Architekten, auch aufgefafst worden, und

in allen Veranstaltungen, gleichviel ob geschäftlicher, wissenschaftlicher

oder geselliger Art, trat dieser eine, gemeinschaftliche: Gedanke

immer wieder hervor, ßich gleichsam als der rothe Faden durch das

Ganze hindurchziehend. Dieser Leitgedanke hat den Veranstaltungen

bei all ihrer Mannigfaltigkeit eine Einheitlichkeit verliehen, die allein

genügt hatte, um die diesjährige Wanderversammlung hinter die vorangegangenen

nicht »urücktreten zu lassen. Aber auch abgesehen

von dienern besonderen Merkmal braucht die Leipziger Versammlung

den Vergleich mit den früheren nicht zu scheuen, Und wenn auch

von einheimischer Seite verschiedentlich betont wurde, dafa Leipzig

von vornherein darauf verzichten müsse» in Wettbewerb mit dem

letzten Veraammlung(torte Hamburg va. treten, so wird die freudige

Entgegennahme und Anerkennung des Gebotenen durch alle Festgenossen

E\JI Genüge bewiesen haben, dafs sie die Bemühungen des

Ortsausschusses richtig su würdigen gewnfst und sich der herzlichen

Aufnahme auch ohne den Gedanken an das „ultra poeee nemo obligatur*

dankend erfreut haben.

Als Geschäft» stelle, Festort und Ausgangspunkt für alle Veranstaltungen

war der bekannte Krystallpalast in der Wintergartenstrafee

gewählt worden, ein Bau, der durch seine Lage und seine Räumlichkeiten

für den vorliegenden Zweck wie geschaffen erscheint und mit

der Wanderversammlung noch insofern in besonderer bedeutsamer

Beziehung steht, als an seiner Stelle früher das alte Schützenhaus

gestanden hat, in dem vor 50 Jahren die erste Wanderveraammlung

abgehalten wurde.

Die Vor- und Nachmittags stunden des 28. August wurden der

Anmeldung der aus allen Theilen des deutschen Vaterlandes mit

ihren Damen und Gästen eintreffenden Fachgenoftsen, gewidmet. Erst

am S Uhr abends fand die erste Vereinigung aller zur gegenseitigen

Begriifsnng in der Alberthalle des KrystallpalftBteB statt. Den Eintretenden

bot sich ein überraschender Anblick dar: der runde, circusartige

Baum war in ein antikes Bundtheater umgewandelt, das im

Lichte der elektrischen Lampen erstrahlte. An den Wänden reihten

sich von Feld zu Feld kulissenartig behandelte Darstellungen der

berühmten Baudenkmäler des Alterthums aneinander, deren Hing

durch den dem Eingang gegenüberliegenden, architektonisch und

plastisch ausgestalteten Btthnenaufbttu geschlossen wurde. In diesen

Rahmen vorzüglich eingepafst, spielte sich nach einigen Eingang»'

•Worten dfc» Vorsitzenden des Festausschusses, Herrn Baurath Hofsback-,

das Festetnck ab, das von dem Architekten Eelbo gedichtet,

durch eine Schar Heblicher Mädchen- und prächtiger Männergestälten

— wohl meist ans den Reihen der Leipziger Fachgenossen — zur

vortrefflichsten Darstellung gebracht wurde. Dem Festspiel folgten ein

von der Vereinigung der Leipziger Architekten und Ingenieure dargebotener

Imblft und Festtrunk. Auch ein Tänzchen wurde gewagt,

bei dem besonders die holden römischen Blumenmädchen eine lebhafte

Ansiehung auf die modern gekleideten Festgenossen Ausübten.

Am Montag den 29. August henechte vom frühen Morgen an

rege« Leben in den Festraumen dös Krystallpala&tes. Neue Aümeldüngen

wurden im Bureau entgegengenommen, Begrünungen ausgetauscht,

die Ausstellung von architektonischen Entwürfen in den

Wandelhallen besichtigt Allmählich füllt« sich mich die in ihrem

glänzenden Schmucke prangende Alberthalle, und es war ei&e stattliche

Anzahl von Festgenossen beisammen, als der Vorsitzende des

Verbände*, Herr Wiebe, um 9Vi Uhr die erst* allgemeine Vcrftammlung

mit einer begrüfsenden Ansprache eröffnete. Von dem Gedanken

hd dftft die Festtheilnehmer in ihrer Fachver&tunmlusg ein

Mittel zur gemeinsamen. Arbeit und damit ein wesentliches

rungsmittel für die Baukunst im grofsen nnd- ganzen und für ihre

vielseitigen Zwaige im einzelnen erblicken, entrollte der Redner ein

Bild der Vergangenheit unserer Facbbe&trebungen. Das Wort „Vergangenheit*

habe Für uns heute eine ganz besondere Bedeutung; denn

mit der diesjährigen Wanderversammlung blicken wir auf das erste

halbe Jahrhundert unserer gemeinsamen Thätigkeit. Unter Hinweis

darauf, wie eich der wiederholt schon festgestellte Zug der

höheren Cultur in der Richtung von Osten nach Westen auch gegenwärtig

merkbar vollziehe, ging der Redner SRUI Betrachtung der

Wandlungen über, die die Baukunst in der Vergangenheit erfahren

hat, und führte aus, wie die GeBcMchte, selbst wenn man nach Jahrhunderten

rechnen wollte, keinen Zeitabschnitt zu verzeichnen habe,

in dem unsere Kunst BO gewaltige Fortschritte gemacht hätte, wie in

den fiinfcig Jahren, deren Abschluß heute gefeiert werde. Diese neuere

Entwicklung beruhe indessen auf wesentlich anderer Grundlage, als

die bisherige, nämlich auf der wissenschaftlichen Begründung

der Bauausführungen, wie sie in allen Beziehungen, hu Hochbau nicht

weniger als im Ingenieurwesen, erstrebt werde und meistens schon

erreicht sei. Erst heute können wir von einer Bauwissenschaft als

der zwar jüngeren, aber gelehrteren Schwester der Baukunst sprechen.

Die jüngst verflossenen fünfzig Jahre, so fuhr der Redner fort, eröffneten

aber auch sonst unserer Thätigkeit neue, bisher unbetretene

Gebiete. Gedenken wir nur der mächtigen neueren EiaeneoDstruC 1 -

tiönen sowohl des Architekten wie des Ingenieurs, der Entwicklung

des Eisenbahnwesens, des Schiffbaues, der Binnenschiffahrt, überhaupt

der Öffentlichen Verkehraanstalten, der zwar noch nicht zum

Abschlufa gebrachten, aber erfolgreich angebahnten Erforschung der

Bewegungsgesetze des Wassere, der Anstalten zur Zuführung reinen,

der Abführung unreinen Wassers, der Verbesserung und wissenschaftlichen

Begründung der Brwärmungs- und Beleuchtungs-Einricbtungen

für unsere Gebäude, der auch in unseren Dienst gestellten photographischen

Kunst, vor allem aber der Erzeugung und Verwerthung

der elektrischen Ströme und damit einer Kraft, deren Entwicklung

zwar noch im Keime liegt, die aber zur vollen Entfaltung und Blüthe

gelangen wird, um, wie ihre Fäden schon jetzt die Erdkugel umspannen,

vielleicht bald das ganze Culturleben zu beherrschen.

lieber die Zukunft unserer Fachentwicklung liefse sich schwer

reden; denn BO wenig unsere Fachgenossen früherer Jahrhunderte

eine Vorstellung davon hatten, welche Umwälzungen auf dem Gebiete

der Technik das neunzehnte Jahrhundert bringen werde, ebensowenig

vermögen wir tu ahnen, welche Kräfte und Stoße noch uneutdeckt

im Sehofse der Natur ruhen, der Verwerthung durch uns und unsere

Nachfolger harrend, Daf» diese und ähnliche Fragen über unsere

Zukunft z-nm Nachdenken anregen, könne nicht in Abrede gestellt

werdön, möglich, dafs schon die nächsten fünfzig Jahre unserer VerbandBarbett

weitere Aufklärung hierüber geben. Wie dem auch sei,

eine Gewifsbeit könnten alle Fach- und Festgenossen mit nach

Hause nehmen: „So lange die Welt steht, wird man unser bedürfen;

wir sterben nicht aus.*

In der Gegenwart entfalte sich vor unseren Augen ein ungemein

freundliches Bild- Wir befinden uns hier in einer echt deutschen

Stadt, die eine langjährige, ruhmvolle Geschichte hinter sich habe

und in kräftigem, fröhlichem weiteren Aufblühen begriffen sei, der

eifrigen, treaeaten Pflegerin der Künste und Wissenschaften, in deren

Mauern unabänderliches deutsches Recht gesprochen werde, . deren

Buchhandel, auch zu unseren Gunsten, den Weltmarkt beherrsche.

Unter Hinweis auf den glänzenden Empfang des Vorabends betonte

der Redner noch besonders die Gastlichkeit der Stadt Leipzig; in

Anknüpfung an den im Eingang Beiner Ansprache geworfenen Rückblick

auf den diesjährigen internationalen BinnenschifFahrts-Congreffi

in Paris scblofs er mit dem Ausspruch des biederen Gesellen Frosch

im nahen Auerbach-Keller: „Mein Leipzig lob ich mir; es ist ein

klein Paris und bildet seine Leute," und leitete durch einen Hinweis

auf die Bedeutung Leipzigs in musicalischer Beziehung zu der a&>

mittelbar Beinen Worten sieh anscnlieüsenden Weberschen Jubel-

Ouverture über, deren rauschende Schiufsaccorde, die Kaiserhynut^

die FestverBammlnng stehend anhörte. (Schlafe folgt.)

In diö frohe Feststimmüng tier Tage, die in der verflossenen

Woche die deutschen Architekten und Ingenieure in Leipzig und

Baudirector Dr, y. Leins f.

Dresden vereinigten, hat ein Schatten fallen sollen; AIB am

26. vorigen Monats die Verbands-Abgeordneten im K l T l


384 Centralblatt der Bauverwaltnng, 3. SepUnber 1811

in Leipzig zum Beginn ihrer Tagungen zusammentraten, war eine der

ersten Mittheilungen, die sie ans dem Munde ihres Vorsitzenden vernahmen,

die schmerzliche Kunde von dem Heimgange des allverehrten

nnd -geliebten Altmeisters Dr. Christian Friedrich v. Leins. Im Alter

von 77 Jahren ist der berühmte württembergische Architekt nnd

Lehrer der Baukunst nach vierzigjähriger regster und erfolgreichster

Thätigkeit am 25. August in seiner Vaterstadt Stuttgart an einer Herzlähmung

verschieden. Die Trauer um den Verewigten wird mit seinen

Schülern und Landsleuten jedermann theilen, dem die Verhältnisse

der neueren Baukunst Deutschlands nicht fremd sind. Der Name

v* Leins ist weithin bekannt geworden als der eines der hervorragendsten

Architekten unserer Tage. Die Zeitgenossen sind einig

darüber, dafs sie in Leins einen Baukünstler verloren haben, dem

nicht nur seine Vaterstadt und sein engeres Vaterland eine neue

Blüthe ihrer Bauthätigkeit vor allen danken, sondern der auch zu

den Männern gehört* die um die Mitte des Jahrhunderts für die ganze

deutsche Architekturentwicklung von maßgebender Bedeutung geworden

sind.

TJefeer den aufseren Lebensgang des Verstorbenen entnehmen

wir süddeutschen Mittheihmgen, dafs Christian Friedrich v. Leins

im Jahre 1811 in schlichtbürgerlichem Hause das Licht der Welt

erblickte. Sein Vater, ein Steinhauermeister, ertheilte ihm den ersten

technischen Unterricht; die weitere Ausbildung erhielt er in der

Vorgängerin der technischen Hochschule, an der er später so segensreich

wirken sollte, der damaligen „Gewerbeschule*. Nach erfolgreichen

Studien in den Werkstätten der Architekten Heigelin, Schmolz

nnd Zanth -vollendeten ein längerer Aufenthalt in Paris beiLabrouste

und mehrere Studienreisen in Italien, Frankreich, England und

Spanien (letztere in Begleitung von Hackländer und dem Pferdeand

Schlachtenmaler Horschelt) seine Ausbildung. Im Jahre 1858

wurde er zum Architekturlehrer (Professor) an der polytechnische«

Schule in Stuttgart und zum Königlichen Oberbaurath ernannt. Vor

wenigen Monaten, am 10. Mai d. J., wurde ihm der Titel Baudirector

verliehen, nachdem er schon vor Jahren durch das Ehrerritterkreaz

des Ordens der Württembergischen Krone mit der Krone und durch

das Comthurfcreuz II, Klasse des Friedricnsordens ausgezeichnet worden

war.

Der erste Bau, der sich v. Leins nach Rückkehr von seinen

Reisen bot, war das jetzt von der russischen Gesandtschaft bewohnte

Haus an der Ecke der Kronen- nnd Kriegsbergstrafse ia Stuttgart.

Durch diese Ausführung wurde der damalige Kronprinz Karl auf

den jungen Baumeister aufmerksam und Übertrag ihm die Erbauung

der Villa in Berg, das poesievolle Jugendwerk des Meisters, mit dem

er die moderne, an die heiteren ländlichen Vorbilder Italiens nnd

Frankreichs anknüpfende Renaissance in sein Heimathland einführte.

Dieser Stilrichtung ist Leins auch bei den meisten seiner sonstigen

Profanbauten, ans deren grofser Zahl wir nur noch das jetzige

Palais Weimar, das Gebäude des schwäbischen Frauenrereins und

die Villa Zorn in Stuttgart herausheben, tren geblieben. Seineu

„Kömgabau* mufute er auf höheren Willen in antiken Formen

schaffen, obwohl er auch hierfür ursprünglich einen reichen Renaissancebau

entworfen hatte. Auch an der Verschönerung der öffentlichen

Anlagen Stuttgarts hat der Verstorbene thatigen Antheil genommen:

Die heutige Gestaltung des Schlofflplatsof wird ihm verdankt,

in dem für das Öffentliche und Knast-Leben der Stadt bedeutungsvollen

Saalbau der „Liederballe" entstand ein für seine Zeit

sehr hervorragendes, auf lange Zeit mustergültiges Werk,

Aber auch als Kirchenbauer hat Leins eine rege Thätigkeit entfaltet.

Zahlreiche Gotteshäuser im württembergischen Land und

anderwärts, so in Möhringen und Vaihiugen, in Bregenz, Nftttheim

und Biberach, geben Zeugnifs von seinem eindringenden Verständnifs

für die von ihm hier meist angewandten mittelalterlichen Bauweisen.

Sein Haupt- und Meisterwerk auf diesem Gebiete aber ist die auf

einer Halbinsel des Feuersees in Stuttgart in edler, reicher Frühgothik

errichtete protestantische Johanneskirche. Daneben widmete

sich Leins mit Vorliebe der Wiederherstellung der Baudenkmäler, insbesondere

der alten Kirchen, wie sie in Württemberg selbst über die

kleinsten Dörfer hingestreut sind in einer Fülle, wie in kaum einem

anderen deutschen Lande. Er ist zu den Männern zu Kahlen, die das

wahre Verständnifs für diese wichtigen Erhaltungsarbeiten wieder geweckt

und durch ihr Beispiel in weite Schülerkreise verbreitet haben.

Neben der Bedeutung des Verstorbenen als Lehrer, die wir hiermit

wieder berühren, ist endlich noch hervorzuheben seine umfassende

Thätigkeit als Preisrichter, der beste Beweis für die Werthschätzung,

die ihm von allen Seiten, weit über Württembergs und Deutschlands

Grenzen hinaus, zu theil wurde. Es ist kaum ein Wettbewerb von.

Bedeutung dagewesen, in dem man sich nicht des treffenden, milden

und gerechten Urtheils des Dahingeschiedenen versichert hätte. —

Ueber den Menschen Leins aber ist nur eine Stimme. Sie findet

ihren beredten Ausdruck in den Worten, mit denen der „Staatsanzeiger

für Württemberg" seinen Nachruf für den allverehrten Todten

schliefst: ihm „werden alle, die ihn gekannt haben, als dem stets

heiteren, lebensprudelnden, geistvollen und weltgewandten Mann ein

gutes Andenken bewahren; sein Bild wird aus dem Gedächtnifs der

Stuttgarter" — und wir fügen hinzu: aller seiner Fachgenossen — „erst

verschwinden, wenn von seinen Mitlebenden keiner mehr übrig ist.*

Die Preisbewegung- um den Entwurf zu einer städtischen

TOlft, welche vom Kunstgewerbeverein in Halle a. S. im Auftrage

1$66 Herrn F. Kuhnt dort ausgeschrieben war (vgl. S. 240 d. J.), ißt

mit 63 Entwürfen beschickt worden. Die Preisrichter haben den

ersten Preis dem Architekten Tscharmann in Leipzig, den zweiten

Preis dem Architekten Reinhardt in Wilmersdorf, den dritten Preis

dem Architekten Haupt in Berlin ertheilt, außerdem zum Ankauf

empfohlen die Arbeiten „Licht, Licht! 1 *, „Südlieb. Garten — Nördlich

Pferde" und „A 28". Die Entwürfe sind vom 1.—30. September in

der Kunstgewerbe-Ausstellung in Halle ausgestellt.

Der Einlfeferungstag ia der Prelsbewertmng um Entwürfe

eines allgemeinen Lageptanes für eine in Berlin zu veranstaltende

Weltausstellung (a. S. 228 d. J.) ist vom 5. auf den 19. September d, J.

verlegt worden (vgl, den Anzeigentheil dieser Nummer).

Yermischtes.

Bücherschau.

Die Akropolis ron B&albek, von Heinrich Frauberger. Frankfurt

a. M. 1892. Heinrich Keller. In Folio. 14 S. Text mit 10 Abb.

und 22 Blatt Lichtdrucke. Preis 27 Jt,

Die Alterthumgatudien der letzten beiden Jahrzehnte haben sich

unter dem Vorgange der Schliemannschen Entdeckungen, der Aasgrabungen

in Olympia, Pergamon, Delos u. a. vorzugsweise dem

griechischen Alterthum nnd seiner Vorgeschichte zugewendet. Die

gewaltigen Ueberbleibsel römischer Kunst in den östlichen Ländern

haben dagegen zurücktreten müssen. Und doch müssen gerade die

Denkmäler der spätrömischen Baukunst dem Architekten, vornehmlich

bei der heute herrschenden Richtung in unserem Fache, besonderes

Interesse abgewinnen wegen der eigentümlichen Erscheinung, dafa

eich fast genau dieselben Stilwandlungen, die in einer uns näher

liegenden Zeit von der Renausancekunst eines Vignola und Palladio

zum Barockstil hinüberleiteten, auch im Alterthum bereits vollzogen

und zu einer vollständigen antik-römischen Barockkunst geführt

haben. Die lehrreichsten Beispiele für dieses klassische Barock bieten

die durch ihre Entlegenheit vor vollständiger Zerstörung bewahrten

Beste von Palmyra und Heliopolia in Syriern, die durch die aufwendigen

Veröffentlichungen des Engländers Wood im vorigen Jahrhundert

bereits bekannt geworden sind. Ueber Heliopolis, jetzt

Baalbek, liegt seit kurzem eine neuere Veröffentlichung vor von

Heinrich Frauberger, die in Lichtdruck aufnahmen mit begleitendem

Texte ein anschauliches Bild wenigstens von den Denkmälern der

Akropolis darbietet. Die AkropolU ist eine nach orientalischer Art

durch gewaltige Unterbauten künstlich errichtete Terrasse, in deren

Unterbau Quader von geradezu riesenhaften Abmessungen verbaut

sind. Drei von diesen, an der Nordwestecke, haben die ungewöhnliche

Länge von 19 m bei 4 m Stärke und Höhe. Ein noch gewaltigerer

Block liegt, in einiger Entfernung von der Burg, bereits in bearbeitetem

Zustande aber unbenutzt am Boden; seine Mafse betragen

21 m in der Länge, 4,20 m in der Breite and 4,60 m in der

Dicke. Die Terrasse enthält zwei Tempel, den sogenannten kleinen

und grofsen Burgtempel. Der letztgenannte ist bekannt vornehmlich

durch die ausgedehnten Vorhof-Anlagen, die ihm vorausgehen. Man

betritt zunächst auf einer mächtigen Freitreppe eise langgestreckte

schmale Säulenvorhalle, hierauf einen sechseckigen, zu beiden Seiten

durch Exedren erweiterten Vorhof, alsdann durch ein dreitheiliges

Thor ein gewaltiges geviertförmiges Atrium von 104 m Seitenlange.

Im Hintergrunde desselben erhebt sich der Tempel, von dem jedoch

nur noch der Unterbau nnd sechs Säulen mit ihrem Gebälk erhalten

gehlieben sind, «odafs sich der GrundriXs nicht mit Sicherheit wiederherstellen

läfst. Frauberger unterläßt nicht, auf die Aehnlichkeit

der Geaamtanlage mit derjenigen mancher altchristlichen Kirchen hinzuweisen.

In Uebereinstimmnng mit Wood versetzt er den Tempel

in das zweite nachchristliche Jahrhundert

Weit besser erhalten alB der grofse ist der dnreh seine üppige

Ornamentik ausgezeichnete kleine Burgtempel aus dem HL Jahrhundert

nach Christi Geburt; ihm ist daher die Mehrsähl der Lichtdrucktafeln

gewidmet, welche von den wichtigsten Baugliedern und

Einzel bildungen verläßliche und anschauliche Abbildungen geben. Die

Denkmäler der Stadt, obenan der bekannte, schon ganz in unserem

Sinne barocke Rundtempel, werden durch mehrere in den Text gedruckte

Abbildungen, wenn auch nur in Kürze, berücksichtigt, B.

Verlag TOD Wilhelm Erast k $olm. Berlin, Für den nichtamtlichen Theil verantwortlich: O, Hofsfeld, i. V., Berlin. Druck ron J. Kerskes, Berlin,

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