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Amateurfunk

Ist da jemand?

Statt zu lachen, sagen sie «Hotel-India», Grüsse verschicken sie mit «73» – wenn Funker

Kontakt aufnehmen, entwickelt sich eine eigene Poesie. Und sie sind Amateure im Wortsinn:

echte Liebhaber, die für einen Funkkontakt auch schon mal zum Südpol reisen.

BILD: ZVG

SURPRISE 312/13

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VON ADRIAN SOLLER

Es rauscht. Alle warten gebannt, doch da ist nichts. Und noch bevor

jemand auch nur die Chance hat, sich in dem Rauschen ein Wort einzubilden,

wiederholt Irminger: «CQ, CQ, is anyone using this frequency?»

Frei übersetzt: Ist da jemand?

Göpf Irminger ist Funkamateur und zeigt heute Interessierten, wie

ein Funkgespräch zustande kommt. Und dafür geht er nun auf eine andere

Frequenz und erklärt zwischen «Nichts» und wieder «Nichts», dass

«CQ» für «I seek you», also für «Ich suche dich» steht. Dann ist es wieder

still im Wohnwagen vor der Othmarsinger Turnhalle.

Der Wohnwagen mit der Funkstation wurde heute eigens für das

«Hamfest 2013» aufgestellt. «Am Nationaltreffen der Kurzwellen-Funk -

amateure», erklärt OK-Mitglied Kaspar Zbinden, «können sich die

Schweizer Funker auch mal in Person treffen.» Und nicht nur deswegen

ist das Fest etwas Besonderes für das Mitglied der Union Schweizerischer

Kurzwellen-Amateure (USKA). Er und seine Kollegen wollen heute

ihren Freunden und Familien den Amateurfunk näherbringen.

Draussen vor dem Wohnwagen wippen grosse dünne Metallstangen,

sogenannte bipolare Antennen, im Wind. Es riecht nach Bratwurst.

Drinnen verstummt das Rauschen von einer Sekunde auf die andere.

«Maybe», tönt es plötzlich aus den Boxen. Und es ist da, dieses ironische

«vielleicht» als Antwort aus dem Äther, dieses eine Wörtchen. Noch

weiss niemand, wie es hierhergekommen ist, noch weiss niemand, wem

es gehört. Doch es ist hier, im Wohnwagen, in Othmarsingen, hier bei

Göpf Irminger. Und der begrüsst es mit einem Lächeln.

Irminger ist pensioniert. Auch das Publikum heute am «Hamfest» ist

eher älter, meistens männlich. Die meisten Funkamateure tragen Hemd

und Brille und haben mehr Lachfalten im Gesicht als Haare auf dem

Kopf. Ist das Funken also etwas für alte, fröhliche Menschen, die das

Internet noch nicht entdeckt haben? «Nicht

nur», findet Zbinden. Das Funken habe auch

im digitalen Zeitalter noch seine Berechtigung.

Der erst 41-jährige Gemeindeschreiber funkt

selber seit acht Jahren. Im April 2007, an das

Datum erinnert er sich genau, hat er die Prüfung zum Amateurfunker

bestanden. Denn für das Funken auf den Kurz- und Ultrakurzwellen

braucht es eine Lizenz, ausgestellt vom Bundesamt für Kommunikation

(BAKOM). Amateurfunk, und da soll man sich nicht vom Wort Amateur

täuschen lassen, ist professionell. «Amateurfunk ist nicht zu verwechseln

mit dem Hobbyfunk», erklärt Zbinden.

Funkstrassen mit Verkehrsregeln

Der Hobbyfunker, respektive CB-Funker, braucht keine Lizenz. Er

oder sie kann sich ein Gerät in einem Supermarkt kaufen – und auf einem

offenen Frequenzband loslegen. Und eben dieser Unterschied ist

den meisten Funkamateuren enorm wichtig. Die meisten bevorzugen

deshalb die Bezeichnung «ham radio». Denn im amerikanischen Wort

kommt der Begriff Amateur nicht vor. In der deutschen Übersetzung, so

sind sich die Funker einig, soll man wenigstens von Funkamateuren und

nicht von Amateurfunkern sprechen. Denn für die Funker ist klar:

«Amateur» hat zweite Priorität. Besteht ein Funkanwärter die Prüfung,

die technisches Wissen, rechtliche Vorgaben und Verhaltenskodizes abfragt,

bekommt er oder sie einen offiziellen Rufnamen: einen sechsstelligen

Code, den heute jeder Besucher stolz auf der Brust trägt. Die persönlichen

Rufnamen, die extra für den heutigen Tag auf Pins gedruckt

wurden, beginnen meistens mit HB. Denn mit diesen zwei Buchstaben

fangen in der Schweiz alle offiziellen Rufnamen an.

Und HB9EGZ, bürgerlich Kaspar Zbinden, weiss, wieso es überhaupt

einen solchen offiziellen Namen braucht. Weltweit gebe es etwa 2,5

Millionen Funkamateure. «Und weil so viele Menschen die Funkfrequenzen

regelmässig nutzen», erklärt Zbinden, «braucht es gewisse Regeln.»

Genauso wie Velos nicht auf der Autobahn fahren dürfen, darf ein

Morsegerät gewisse Frequenzen nicht benutzen. Dürften alle alles benutzen

– es käme zum Chaos auf den weltweiten Funkstrassen. Es gibt

also auch im digitalen Zeitalter noch viel Funkverkehr. Und das rund um

die Welt. Sogenannte DXer, Funker, die über weite Distanzen hinweg

kommunizieren, jagen ihre Signale um den ganzen Planeten. Weil die

Erde aber rund ist, funktioniert das meist nicht auf direktem Wege. Die

Signale prallen an der sogenannten Ionosphäre, einem Teil der Atmosphäre,

ab – und finden so indirekt das ferne Endgerät eines anderen

Amateurfunkers.

Politik und Religion sind tabu

«Funken ist Physik», erklärt Zbinden. Kommt ein Funkgespräch, ein

QSO, zustande, fühlt es sich für einige Funker an wie «Physik überlisten».

Am Frequenzen-Sucher zu drehen und zu schauen, ob man einen

Kontakt herstellen kann, ob man mit einer Person irgendwo am anderen

Ende der Welt sprechen kann, darin liegt der Reiz des Funkens.

Im Wohnwagen freut sich Irminger «schurig» über das QSO. Er strahlt

wie ein Physiker, der für einen kurzen Moment die ganze Physik in den

Händen hält. Irminger beginnt seinen Rufnamen nach internationalem

Standard zu diktieren: «Hotel-Bravo-Nine.» Dann spricht er über die Gesprächsqualität,

seinen Standort, die technischen Geräte – und das Wetter.

«Der Funkkontakte laufen meist ähnlich ab», erklärt Zbinden. Im

Durchschnitt dauert einer wohl gerade mal eine Minute. Persönlich werde

das Gespräch im Normalfall nicht. Schliesslich kann die ganze Welt

mithören. Und Politik, Religion und Kommerz sind Tabu. So wollen es

die international gültigen Verhaltensregeln des Funks. «Beim Funken

geht es mehr um das Herstellen des Kontaktes – als um den Kontakt selber»,

erklärt Zbinden. Ihm ist via Ultrakurzwellen (UKW) schon einmal

«Beim Funken geht es mehr um das Herstellen des Kontaktes –

als um den Kontakt selber.»

ein Kontakt nach Hamburg gelungen. Und auf der Kurzwelle habe er

auch schon mit Japan oder Kanada gesprochen. Insgesamt hatte Zbinden

schon mit Menschen aus über 50 Ländern Funkkontakt. Und das

Faszinierende dabei sei für ihn der minimale Technikaufwand. Mit gerade

mal fünf Watt Leistung ein Morsezeichen um die Welt zu schicken,

ist für den Funker ein erhabenes Gefühl. Gerade im Internet-Zeitalter.

Zbinden selbst kann zwar noch nicht morsen, er will es aber bald lernen.

Denn das Morsen gilt in der Funkerwelt als Königsdisziplin. Die

«Künstler des Minimalismus» müssen ein enorm gutes Gehör haben.

«Morsen ist die schönste Funksprache», sagt Zbinden. Doch ob per Morsezeichen

oder per Gespräch: jeder Kontakt sei etwas Besonderes.

Nach einem Funkkontakt tauschen die Funkamateure meist sogenannte

QSL-Karten aus. Per Post oder Mail bestätigen sie sich so ihren

Kontakt. Die Funker sammeln die QSL-Karten wie Kinder die Panini-

Fussballbildchen. Je spezieller der Kontakt, je grösser die Distanz zum

Gesprächspartner, desto mehr ist die Karte wert. Bald könnten Amateurfunker,

erklärt Zbinden, auf QSL-Karten aus dem Kosovo hoffen.

Denn eines der neusten Länder der Welt dürfte bald mit offiziellen Rufzeichen

an den internationalen Funkverkehr angebunden werden.

«Hi» steht für Lachen

Amateurfunk ist völkerverbindend. Und doch gleichzeitig wieder abgrenzend,

denn Funkamateure leben in einer eigenen Welt. Sprechen

«OM», «old men», in einem «QSO», einem Gespräch, über ihr «RIG», ihr

Funkgerät, mit den «YLs», den «young ladies», dann verwenden sie gerne

Abkürzungen. Sagen Funkamateure «73», meinen sie «Grüsse». «VY»

14 SURPRISE 312/13


BILD: ZVG

Funkamateur Göpf Irminger nimmt im Funkwohnwagen Kontakt mit der Aussenwelt auf.

steht für «very good» und «hpe cuagn» meint «hope to see you again» –

«hoffentlich bis bald». «Manchmal übertreiben wir’s», meint Zbinden.

So schreibe er in einem SMS oft «R» für «Roger» statt «Ok» oder «ist gut».

Manche seiner Kollegen, sagt er mit einem Schmunzeln, würden gar in

einem direkten Gespräch «hi» sagen oder es mit «Hotel-India» buchstabieren.

«Hi» steht für Lachen. Die Funkersprache sei halt so ein «Identifikationsding».

Funkamateure identifizieren sich mit ihresgleichen, sie finden im

Funk eine Heimat. Doch ebenso sehr geht es ihnen dabei ums Fortgehen.

So reiste HB9BXE in die Nähe des Südpols,

nur um dort eine Funkantenne aufzurichten.

Der 64-Jährige, mit bürgerlichem Namen

Hans-Peter Blättler, riskierte sein Leben

für einen Funkkontakt. Sechs Jahre Vorbereitungszeit

und eine halbe Million Schweizer Franken investierten er und

sein Team in die Expedition nach «Peter Island One». Mit dieser sechswöchigen

Unternehmung erfüllte er sich einen Traum. Während andere

den Kilimandscharo besteigen, reise er eben an abgelegene Orte, um zu

funken.

Funk rettet Leben

Neben dem Abenteurertum gibt es aber auch andere, sehr pragmatische

Gründe, um zu funken. So kann es den Einstieg in die Berufswelt

erleichtern: «Will jemand einen technischen Beruf erlernen, kann das

Funken helfen», sagt Zbinden. Und Patrick «Patto» Hafner kennt noch einen

anderen pragmatischen Grund: «Funken kann Leben retten», weiss

der Logistiker der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. In Krisengebieten

sei der Funk oft die einzige Kommunikationsmöglichkeit.

HB9BXE, 64, riskierte sein Leben, um am Südpol eine Funk -

antenne aufzustellen.

«Ohne Funk», das bestätigt auch Irene Mazza, «geht auf Einsatz

nichts.» Zweimal schon war die Pflegefachfrau und Übersetzerin für

Ärzte ohne Grenzen in der Demokratischen Republik Kongo, wo sie Betroffene

der Schlafkrankheit behandelte. Um ihre Patienten zu besuchen,

fuhr sie oft stundenlang mit dem Motorrad durch den Dschungel.

Aus Sicherheitsgründen musste sich die 37-Jährige stündlich per Funk

bei ihrer Basis melden. «Als ich das einmal vergessen hatte», erinnert sie

sich mit einem Schmunzeln, «wurde sofort ein Suchtrupp losgeschickt.»

Vom Ernstfall zurück in den Wohnwagen zu Göpf Irminger. Die Stimme

aus dem Gerät kommt nicht etwa aus London oder vom Südpol, sondern

sie gehört Kollege HB9XH aus Oberhasli, der vom Hamfest gewusst

und ihn auf seiner Frequenz gesucht hat. Was Irmingers Freude aber

keinen Abbruch tut: «Schurig» gefreut habe es ihn, sagt er noch zweimal

ins Mikrofon. Dann beendet er mit «Hotel-Bravo-Nine» und «is closing»

sein Gespräch. Im Wohnwagen wird es still. Nur das Rauschen

bleibt zurück.


Buchtipp: Perikles Monioudis, Im Äther.

Der Journalist und Funker erzählt anhand eines Dichters die Kulturgeschichte des

Äthers zwischen Wissenschaft und Poesie.

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