Motorwelt 1953/06 - ADAC

adac.de

Motorwelt 1953/06 - ADAC

Erinnerungen eines uralten Hasen

Der Autofahrer von heute hat es bedeutend

leichter als sein Kamerad früherer Zeiten. Damals

waren die Wagen bei weitem noch nicht

so einwandfrei' wie jetzt, die Reifen ließen

sehr viel zu wünschen übrig, das Kartenmaterial

war äußerst mangelhaft, Benzin mußte man

häufig in der Apotheke kaufen, wenn es überhaupt

vorhanden war, und selbst die hohe

Politik gab gelegentlich Anlaß zu Zwischenfällen,

was übrigens auch heute noch geschehen

kann. Aus der Erinnerung — meine Aufzeichnungen

sind dem Bombenhagel zum Opfer gefallen

— will ich ein paar kleine Episoden auf

meinen Fahrten schildern, die teils privater

Natur waren, teils aber beruflich, weil so ein

armer Journalist eben überall dabei sein muß.

Manche sind ernsterer Natur, andere wieder

amüsant.

Vor rund 40 Jahren war's. Als Unparteiischer,

oder, wie es offiziell hieß, Kontrollant,­sollte

ich die Schwedische Winterfahrt mitmachen,

die Vorgängerin der heutigen Rallye Monte

Carlo. War natürlich schon ein paar Tage zuvor

in Stockholm und traf da Altmeister Karl

Jörns. Der wollte einen neuen Kraftstoff ausprobieren,

so was wie Holzsprit, wenn ich mich

recht erinnere. Er lud mich ein, eine Probefahrt

mitzumachen. Ich sagte zu, und — angesichts

der barbarischen Kälte in dicke Wolfspelze gehüllt

— fuhren wir los. Zunächst ging alles

glatt, wenn man davon absieht, daß Jörns

heftig über seinen Betriebsstoff schimpfte, der

gar nicht nach seinem Gusto war. Dann kamen

wir in bergigere Gegenden. Ein langes schnurgerades

Gefälle senkte sich zu einem Tal, wo

ein kleiner zugefrorener See unter einer steilen

Felswand glitzerte, an der hinauf sich unsere

Straße emporschwang. Jörns gibt ordentlich

Gas, um mit Schwung die Steigung zu überwinden.

Noch sind wir nicht ganz droben, da

wird die Fahrt auf dem spiegelglatten Eis, das

die Straße deckte, immer langsamer, und schließlich

bleibt der Wagen stehen, obwohl die Räder

sich weiter drehen. Und dann . . . fängt er an,

rückwärts zu rutschen, sich schräg auf den

links von uns befindlichen Steilhang, unter dem

der erwähnte See lag, zu bewegen. „Raus",

schreit Jörns, der glaubt, einen Unfall nicht

mehr verhüten zu können. Ich springe, falle

natürlich hin auf dem Glatteis. Doch da fängt

sich der Wagen wieder, weil die Reifen eine

Vertiefung in das Eis gefräst haben. Die Gefahr

war vorüber, seitlich in die Tiefe zu stürzen.

Jörns sagte erst gar nichts, sondern wischte sich

nur den Schweiß von der Stirn . . . Ich kann

mich nicht erinnern, ob wir damals Nietenreifen

hatten, denn Ketten gab es noch nicht.

Auf alle Fälle aber hatten wir „Schwein".

Der V­Zylinder­Motor kam nicht aus USA nach Europa

— Gottlieb Daimler hat den ersten V­Motor, womit er

zum Pionier der raumsparenden Motorenkonstruktion

schlechthin wurde, bereits 1899 gebaut! Bei 700 U/min

leistete der Zwei­Zylinder­Motor 2 PS. Auch diese V­

Motor­Type besaß — wie die Daimler­Motoren von

Anfang an — zusätzliche Luftüberladung. Also auch das

Kompressor­Prinzip ist schon sehr alt.

Fotos: Dr. Seifert (5)

Bei einer der ersten Alpenfahrten war's. Drei

NAG­Pressewagen (wer kennt heute noch diese

Marke aus Niederschöneweide bei Berlin?)

hielten während der Fahrt brav zusammen,

saßen doch lauter Berliner Zeitungsleute darin,

von denen einige noch heute leben. Wir kamen

abends durch Judenburg und fuhren bald darauf

eine lange Steigung hinauf. Da stoppt der die

Spitze haltende Wagen — Benzinmangel! Der

letzte Wagen der kleinen Kolonne wendet

und saust zurück nach Judenburg. Bald ist er

wieder da und bringt einen Kanister mit 25

Litern „Schnaps". In der Zwischenzeit hat der

Fahrer des „durstigen" Wagens ein kleines

Nickerchen gemacht. Nun wird er geweckt

und macht sich mit einem seiner Kollegen daran,

das Benzin in den Tank seines Wagens, der

sich zwischen den Hinterrädern befand, umzufüllen.

Da plötzlich: eine gewaltige Feuersäule,

die in der Dunkelheit hoch zum Himmel lodert;

ein brennendes Benzinbächlein fließt auf der

regennassen Straße talwärts auf unsere beiden

andern Wagen zu, und einer der Fahrer steht

in hellen Flammen. Gottlob hatte er einen

Ledermantel an, so daß man mit nassem Gras,

das auf der Wiese nebenbei herumlag, vor Verbrennungen

geschützt werden konnte, ebenso

der Wagen. Nun — es ging noch alles gut ab.

Aber wie konnte es zu diesem gefährlichen

Zwischenfall kommen? Nun — der Fahrer des

zu tankenden Wagens hatte in der Schlaftrunkenheit

vergessen, das Schlußlicht zu

löschen, das stark verschmutzt war, und das

war damals eine .. . Acetylenlampe.

Übrigens: Jetzt auf der Ausstellung begegnete

mir ein Herr, dunkel und hager. Wir

blicken uns an? Kennen wir uns? Ich spreche

ihn an. „Ja" — meint er lachend, „ich kenne

Sie sehr gut, aber Sie wissen nicht, wer ich bin."

Das mußte ich zugeben. „Nun — ich war Ihr

Fahrer bei der Alpenfahrt damals — ich heiße

Zerbst!" So trifft man sich wieder nach Jahrzehnten

. . .

*

Eine ADAC­Reichsfahrt war zu Ende —

irgendwo in Bayern. Heimwärts mußte ich

wieder an den grünen Strand der Spree, sintemal

ein Zeitungmann stets gehetzt ist. Ein

Konkurrent, ein damals bekannter und erfolgreicher

Fahrer — Loge hieß er — wollte mich

freundlicherweise nach Würzburg bringen, wo

ich einen Nachtschnellzug erwischen wollte.

Gar nicht mehr allzu weit von unserm Ziel

entfernt sausten wir mit der damals immerhin

ganz respektablen Geschwindigkeit von 70—

80 km/st dahin. Plötzlich sauste an meinem

Kopfe blitzschnell etwas Großes, Dunkles vor­

Vielfach wird angenommen, die Lenkradschaltung sei ein Kind unserer Tage.

Das ist ein Irrtum. Lenkradschaltung nach System Diamond wurde schon

1905/06 in einem Mercedes ausprobiert. Sie bewährte sich ausgezeichnet, war

aber nach dem damaligen Arbeitsverfahren viel zu teuer in der Herstellung,

so daß sie nicht in die „Serie" übernommen werden konnte!

Sogar die Zentralschmierung gehört zu den jugendlichen Fünfzigern — 1901 war sie

allerdings noch eine recht stattliche Apparatur. Sie wurde, wie es in der Patentschrift hieß,

„von einem unter beständigen Druck der Auspuffgase stehendem Behälter aus mit öl versorgt.

Eine intermittierend gespannte Feder schlägt von einem ölkatarakt aus jeweils

einen Tropfen öl in das zu den Schmierstellen führende Rohrnetz hinein."

UMMiHJH 812


Oft hört man, BMW sei der ingeniöse Vater der Teleskopfederung.

Audi das ist ein Trugschluß. Sie existierte

schon 1903 und zwar in einem Vorläufer unserer heutigen

Kleinwagen, in dem Safe­Wagen „Liliput" der Bergmann­

Industriewerke. Zweifellos ist man damals nicht von dem

Bestreben ausgegangen, die ungefederten Massen so niedrig

als möglich zu halten, aber der Tatbestand als solcher

läßt sich nicht leugnen.

bei. Wahrhaftig — ein veritables Autorad.

„Stoppen — vorsichtig", rufe ich dem Fahrer

zu. Die Bremsen kreischen, der Wagen kommt

zum Stehen und neigt sich dann hübsch langsam

nach hinten links. Denn es war unser

linkes Hinterrad, das sich selbständig gemacht

hatte und in ungeheurem Tempo über die

schnurgerade Straße vor uns weggesaust war,

bis es seitwärts in ein Feld schlug. Nun — wir

hatten es bald wieder, und da ich das Glück

hatte, ein gutes Stück zurück in einem Kartoffelfeld

auch die Verschlußschraube des Rades

zu finden,kamen wir doch noch rechtzeitig zum

Bahnhof.

*

Wieder auf einer Alpenfahrt! Wir armen

Zeitungsleute standen in Schnee und Regen

droben auf der Pötschenhöhe, zitternd und

zähneklappernd, und beobachteten die den Paß

heraufklimmenden Wagen, die hier eine Bergprüfung

ablegen mußten. Besonderen Spaß

machten uns die bekannten „Chausseewanzen"

von Hanomag, die rückwärts fahrend die gewaltige

Steigung tadellos überwanden, während

die „Mauser" heftig Tee kochten und in weißen

Dampfwolken verschwanden. Aber schließlich

wurde es uns über bei diesem Hundewetter; wir

wollten ins gemütliche Ischl zurück. Aber wie?

Auf der Straße war es der Konkurrenten wegen

unmöglich, die wir behindert hätten. Da fiel

mir ein, daß ich schon mal in dieser Gegend,

auf anderem Wege aber, nach Bad Aussee gefahren

war. Wo, konnte ich mich nicht erinnern,

und auf der Karte war kein anderer Weg

eincezeichnet. Aber sicher konnten die Förster

und Gendarmen, die dort standen, uns Auskunft

geben. Ich gehealso zu ihnen und frage.

Kopfschiitteln erst, dann großer Kriegsrat. Und

schließlich meinten sie. ich müsse wohl damals

durch den Rettenbachgraben gefahren sein. Der

sei jetzt zwar „aufgelassen", aber doch noch

fahrbar.

Los also! Wir drei Pressewagen, ein Benz,

ein Mercedes und ein Maybach, fahren hinab

nach Aussee, dann links hinauf zur Blaalm.

Über den grünen, wegelosen Almboden weiter

zu einem schmalen Weg, neben einer unergründlichen

Schlucht, in deren Tiefe wildes

Wasser brauste. Anfangs ging's zwar langsam,

aber doch sicher abwärts. Bald aber wurde es

schlimmer. Mächtige Steinbrocken, ein eingestiirztesLawinendächlein

sperrten die Weiterfahrt

und mußten beseitigt werden, ehe wir

durchkamen. Eine recht gebrechliche Brücke

noch, ein langer finsterer Felsentunnel und

andere Hindernisse tauchten auf. Aber schließlich

gelangten wir doch glücklich auf den

allerdings sehr schmierigen Talgrund, auf dem

wir endlich hinausgelangten nach Bad Ischl.

Hier hatte sich schon ein Gerücht verbreitet

von Autos, die im Rettenbachgraben verunglückt

seien. Doch wir waren gesund und

munter und leben, glaube ich, alle noch, wenn

wir inzwischen auch alte Knaben geworden

sind. Nur der gute „Charly" (Reling) aus Berlin

ist nicht mehr. Der Weg durch den Rettenbachgraben

ist neuerdings wieder in den Karten

eingezeichnet. Hoffentlich aber kann man ihn

jetzt gefahrloser benutzen.

1930 war ich auf großer Fahrt durch Frankreich

und durch die Pyrenäen. Eines Abends

landeten wir in dem kleinen Städtchen Chantonnay

im Gasthof „Le Mouton". Es war schon

spät, aber wir bekamen doch noch ein ausgezeichnetes

Essen. Da hören wir plötzlich eine

wirklich wundervolle Klaviermusik. Ich erkunde,

das kommt aus einem benachbarten

Zimmer, dessen Tür offenstand. Drinnen saßen

mehrere Männer und Frauen. Während ich das

erspähe, werde ich plötzlich von einer dazukommenden

Dame angesprochen, auf Englisch.

Ich antworte ihr ebenso, und sie lädt uns

ein, doch auch in das Zimmer zu kommen. Wir

tun das und setzen uns still und brav hin. Mit

einem Male ertönt eine Melodie, die in mehreren

Ländern als Nationalhymne gesungen

wird — unser altes „Heil dir im Siegerkranz".

Wir merken, daß sich aller Augen fragend auf

uns richten, wissen nicht recht, was wir daraus

machen sollen. Endlich wendet sich einer der

Männer an meine Verwandte, fragt wohl, ob

sie das Lied nicht kenne. Sie antwortet: Ich

verstehe Sie nicht! — „Was, Sie nicht verstehen

— Sie Allemande?" Springt auf, läuft

zu dem Klavierspieler, der mit einem Mißton

abbricht — und die ganze schöne Stimmung

war beim Teufel. Man hatte uns hier, wo viele

Engländer durchkommen, kaum aber jemals

Deutsche, eben für Engländer gehalten und

uns zu Ehren die englische Nationalhymne

gespielt.

*

Ein ähnliches Erlebnis hatten wir einen Tag

zuvor in den Pyrenäen. Ich wollte eine Aufnahme

machen von der gewaltigen Maladetta­

Gruppe und war ein Stückchen eine Wiese

hinaufgestiegen, während meine Verwandte im

Wagen geblieben war. Da kommt auf der Straße

ein uraltes Bäuerlein, schiebt einen schweren

Mistkarren. Bei meinem Wagen hält er an,

grüßt freundlich und sagt zu meiner Verwandten:

„Anglaise?" Sie schüttelt den Kopf

und erwidert: „Non, monsieur, Allemande!"

Entsetzt weicht das Bäuerlein zurück, schaut

entgeistert meine Verwandte an, als sähe er ein

Medusenhaupt. Dann greift er eiligst nach

seiner Karre und entwetzt im Laufschritt.

Das Gegenstück am Sonntag zuvor in

Bordeaux: In einem vollbesetzten Speiselokal

finden wir noch Platz am Tische eines sehr

netten Franzosen. Kaum hat er gehört, daß wir

uns deutsch unterhalten, redet er uns ebenfalls

so an, wenn auch etwas gebrochen und bald

ist eine fröhliche Plauderei im Gange. Er war in

Deutschland, ist restlos begeistert davon, erzählt

uns viel von seinem Aufenthalt hier bei

uns und schließlich hebt er das Glas mit

funkelndem Wein, macht eine artige Verbeugung

zu uns und sagt: Auf gute Freundschaft

zwischen Deutschland und Frankreich! Von

Herzen gern stießen wir darauf mit ihm an.

Geholfen hat es leider nichts! Der zweite Weltkrieg

kam doch!

Ein Jahr später in Ungarn. Wir waren durch

die Puszta nach Mezö Kövesd gefahren, wo man

die angeblich schönsten Trachten in ganz Ungarn

trägt. Es waren gerade Parlamentswahlen,

und da herrschte natürlich eine entsprechende

Stimmung im Lande. Auch in diesem kleinen

Landstädtchen hatte man vorgesorgt: Militär

auf Lastwagen mit Maschinengewehr fuhren

durch die Straßen und die malerischen Gensdarmes

mit ihren Lackhüten und Hahnenschweifen

daran ritten auf herrlichen Pferden

überall. Aber es war absolute Ruhe im Ort,

keine größere Ansammlung war zu sehen.

Nachdem ich den Wagen sicher untergestellt,

suchte ich eine Tankstelle, um da die Reifen

etwas aufpumpen zu lassen. Ich fand eine Zapfsäule

bei einem Haus, wo vielleicht so ein

Dutzend Menschen, Männer und Frauen, in

harmloser Unterhaltung stand. Da kamen zwei

Gendarmen angeritten, rufen den Leuten etwas

zu. Die lachen und rufen etwas zurück, was wir

aber nicht verstehen. Den Gäulen die Sporen

geben und auf die Leute zupreschen — ist

eins für die beiden. Ganz natürlich waren wir

aufgeregt über diesen Zwischenfall, und während

wir die Straße überqueren, macht meine

Verwandte einige entsprechende Bemerkungen

zu mir. Wenig später treten uns aus einem

Garten drei sehr elegante Herren entgegen,

unterhalten sich erst freundlichst mit uns, fragen

nach Woher und Wohin. Als ich sage, daß ich

Journalist sei, meint der eine, daß ich mich da

bei ihm hätte melden müssen. Auf meine Antwort,

daß ich nicht als Journalist, sondern als

Tourist hier sei, wollte er meine Papiere sehen.

Er mußte mit zum Wagen im Gasthof kommen.

Und da stellte sich heraus, daß ein Leutnant

zufällig gehört hatte, was meine Verwandte

mir in der ersten Erregung gesagt

hatte über den geschilderten Zwischenfall. Dann

forderte mich der „Herr Oberrichter" auf, sofort

den Ort zu verlassen. Da opponierte ich

energisch und sagte ihm, da ich ein Visum für

Ungarn hätte, dürfte ich gehen und bleiben,

wo ich wolle, und er hätte kein Recht, midi

aus seinem Orte fortzuweisen. „Nun, dann

muß ich Sie eben einsperren." „Bitte", erwiderte

ich, „das tun Sie nur! Aber Sie dürfen

mir nicht verwehren, zunächst ein Telegramm

an die deutsche Botschaft nach Budapest zu

schicken, wo ich morgen nachmittag erwartet

werde!"

Das wirkte wie ein Blitz aus heiterem

Himmel, wenn's auch bloß ein frecher Bluff

war. Tausend Entschuldigungen, viele Handküßchen

an die Adresse meiner Verwandten —

dann aßen wir belustigt, sahen noch nach

Tisch die wirklich schönen Trachten der Kirchgängerinnen

und fuhren dann ab.

J. Kehling

Der Daimlersche Riemenwagen anno 1894 ist in mehrfacher

Beziehung ein Markstein auf dem Wege zum

modernen Automobil. Nicht der Riemenantrieb ist das

Erstaunlichste, sondern die Federung. Bereits damals

benutzte Gottlieb Daimler die doppelte Schraubenfederung

zum Abfedern der Hinterräder! Ein ganz charakteristisches

Baumerkmal läßt sich hier bis zu seinem

Ursprung verfolgen.

313 [Motorwelt

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine