Folien zum Vortrag - Fachbereich Biologie der TU

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Folien zum Vortrag - Fachbereich Biologie der TU

Blümchensex

PD Dr. Stefan Schneckenburger

Clitoria spec. (oben)

Phallus impudicus (unten)

FB Biologie – Botanischer Garten – Dr. Stefan Schneckenburger


„Sex im Garten“; Originalausgabe: „Sex in

YOUR garden“; USA (Golden, Colorado) 1997 !

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Aus dem genannten Buch:

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Schon näher dran: Wilhelm Busch

Schnurrdiburr oder die Bienen (1872)

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Oxford Dictionary

Biology (2008)

- Verschmelzung zweier reproduktiver

Zellen (Gameten): Befruchtung

- Meiose (Reduktionsteilung) bei der

Gametenbildung

- Rekombination des genetischen Materials:

Nachkommen von den Eltern und

untereinander genetisch verschieden

- Trennung von Soma und Keimbahn;

Leichenbildung

- Sexuelle Fortpflanzung generiert

genetische Variabilität der Nachkommen

und schafft „Material“ für die Selektion

- Isogameten > Anisogameten >

Geschlechtsdimorphismus

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Aufwändig in jeder Beziehung!!!


Blütenwissen: (Früh)Historisches

- Steinzeit und Steinzeitkulturen

- Darstellungen in Ägypten und Assur

zur Palmenbestäubung

- Herodot (~485-425 v.Chr.):

Palmenbefruchtung beschrieben

- Theophrastos (384-322 v.Chr.):

Bemerkungen zur Kaprifikation der

Feigen; das „Olynthásein“ der

Dattelpalme wird mit Befruchtung der

Fische verglichen

Honiggewinnung aus Blüten ohne

Beziehung zur Bestäubung

- In der präkolumbianischen Nazca-

Kultur werden Kolibris an Blüten

gezeigt

Honigsammeln in

den Tropen

Keramik der Nazca-Kultur

(300-800 n. Chr.)

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Das „Geschlecht“ der Pflanzen

- Keine Vergleichsmöglichkeiten zu

Tieren

- Caesalpino (1519-1603), Tournefort

(1656-1708): Bltn. asexuell, schwitzen

überflüssige Sekrete aus (~Exkretion)

- Geschlechtszuweisung nach Größe

(weible – mennle): Athyrium filixfemina,

Dryopteris filix-mas)

- Linné: Blütenorgane in Entsprechung

der Sexualorgane der Tiere

- Pflanzen (auch - vor allem -

moralische Gründe!) bis Mitte 19. Jhd.

ohne Sexualität. Der

Pflanzenphysiologe Sachs über

Schelver und Henschels „Von der

Sexualität der Pflanzen“ (600 S:,

1820), die „alles weit hinter sich lässt,

was an Urteilsunfähigkeit jemals

geleistet worden ist!“

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waldfarn weible (hier. Pteridium aquilinum)

und waldfarn mennle (Dryopteris spec.)

Darstellung aus

Goethes Sammlung

(GSA Weimar)


… ein paar Kostproben aus den „Studien“ (1820)

• Der Eierstock aller Thiere ist ein

Pflanzenbaum ,der Früchte zeigt.

• Wie sich das thierische Leben von der

Vegetation losriss, um die Sexualität zu

gewinnen, so schreitet sie in die

Vegetation zurück, um den Keim des

Geschlechts zu bilden.

• Jetzt ist es anders: der Eierstock wird ein

gefüllter Darm, und zwar ein von sich

selbst, von einem niederen Eierstock

gefüllter Darm.

August Henschel (1790-1865)

• All diese Kräfte, die das Thier als

Eigenthum besitzt und dem Allgemeinen

entrissen hat, sind in der Pflanze

gleichsam geopfert.

Sie hat die eigene Seele und Zeugungslust der

Weltseele unterworfen. Sie steht nicht in

Beziehung mit sich selbst, sondern in

Beziehungen eines höheren Lebens in dessen

Bestimmungen sie keimt, grünet und vermehrt

wird. Sie setzt sich daher auch nicht aus sich

selbst fort, sie sucht, begehrt, erhält sich selbst

nicht, sondern ist ein Leben, das den

Bestimmungen der freien Seele und des freien

ablenkenden Geistes der Natur folgt. Diesen

höheren Mächten gehört sie an, die frei von

der Erde mit ihr im Bunde bleiben und aus

den himmlischen Kreisen, in der unsterblichen

Nahrung und Kraft ihres Leibes, auf ihr sich

niederlassen für das beseelte Leben.

Franz Joseph Schelver (1778-1832)

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Carl von Linné (1707-1778)

vor allem : 1753 (Spec.Plant.)/1758 (Syst.Nat.)

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• Sexualsystem unter Bevorzugung der

Männer (aber: Mammalia!)

• Terminologie der „Philosophia

Botanica“ (1751):

• Calyx (Kelch): Brautbett

• Corolle (Blumenkrone): Vorhänge

• Filamente (Staubfäden): Samenleiter

• Antheren (Staubbeutel): Hoden

• Pollenkörner: Spermien

• Stigma (Narbe): Vulva

• Stylus (Griffel): Vagina

• Fruchtfach: Ovar

• Fruchtwand: Uterus

• Samen: Eier

Sigesbeckia – nach dem „Erzfeind“ (1686-1756)


Die Entdeckung der Sexualität

bei Pflanzen

- Rudolf Jakob Camerarius (1665-

1721): Zusammenwirken von Narbe

und Staubblättern erkannt; getrennte

Kultur (u.a. Mercurialis), Exzision;

„Hermaphroditismus“; sterile Samen bei

Morus in Abwesenheit staminater

Pflanzen

- Johann Gottlieb Gleditsch (1714-

1786): Bestäubung einer Palme

(Chamaerops) in Berlin mit Pollen aus

Leipzig (“Experimentum Berolinense“)

Experimente/Beobachtungen

überwiegend im Garten/in der Kultur

- Joseph Gottlieb Kölreuter (1733-

1806): Herstellung von Bastarden:

Intermediäre Weitergabe,

Rückkreuzung, Selbststerilität

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Der Pionier der Blütenökologie

Christian Konrad Sprengel (1750-

1816): 1793: „Das entdeckte

Geheimnis der Natur im Bau und

und in der Befruchtung der Blumen“

Begriffe: Saftmal,

Kesselfalle, Saftdecke,

Dichogamie u.a.

Schon bald vergessen;

„wiederentdeckt“

durch

Charles Darwin;

Teleologie!

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Die Darwins I: Erasmus

(1731-1802) …

The Botanic Garden:, II: The Loves of the plants. A

poem with philosophical notes (1789; zunächst

anonym!)

„Genista lieblich blüht im Myrtenhain

Zehn Brüder um die stolze Jungfrau frein“

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aus Erasmus Darwin (1789);

Übersetzung aus Linné

http://www.gutenberg.org/cache/epub/10671/pg10671.html


Kleinhovia

hospita

O riesige Nymphe! Liebesglut und

Schrecken

Die mächt‘gen Reize der Kleinhovia

wecken …

Gebieterisch entfacht sie das Verlangen,

Der Burschen, die in ihren Armen

hangen.

Wenn sich zwanzig Hohepriester reihn

Anbetend um den wunderbaren Schrein,

Harren streitende Heere und Völker in

Bangen,

Des Schicksalsspruchs, den sie

empfangen.

Prunus lauro-cerasus

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Lychnis flos-cucculi

Die lose Schöne geizt mit Reizen nicht,

Schüttelt Tau sich vom errötenden

Gesicht,

Lässt lockend ihres Leibes Hüllen fallen,

Damit man sie erwählt von allen.

Pleased round the Fair four rival Lords

ascend

The shaggy steeps, two menial

youths attend.

High in the setting ray the beauty

stands,

And her tall shadow waves on

distant lands.

Draba aizoides

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Die Darwins II:

Enkel Charles (1809-1882)

(Wieder)Entdeckung Sprengels


Entdeckung & Deutung der Heterostylie

„Bestreben“ der Pflanzen zur

Fremdbestäubung und „Vermeidung“

von Selbstbestäubung („Darwin-

Knight‘sches Gesetz“)

Orchideenbestäubung, Identität von

Catasetum, Myachanthus,

„Voraussage“ der Existenz eines

langrüsseligen Schwärmers

(Xanthopan morgani praedicta) als

Bestäuber der Orchidee Angraecum

sesquipedale auf Madagaskar

….

… und natürlich:

1859 – Origin of Species

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Fran

Lebenszyklus

eines Farns

• 1 – Farnpflanze (Sporophyt)

• 2, 3 Sporangium (Sporenkapsel)

• 4,5 Spore

• 6,7 Prothallium (Gametophyt)

• 8 reifes Prothallium mit

Antheridien (An.; männl.) und

Archegonien (Ar.;weibl.); frei

bewegliche Spermatozoiden (Sz)

befruchten eine Eizelle (E)

• 9, 10: Embryo und junger

Sporophyt

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Ein Genie:

Wilhelm Hofmeister (1824-1877)

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Generationswechsel überall:

bei Farnen

bei Samenpflanzen

R!

*Syngamie

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Rechte Figur aus Strasburger - Lehrbuch Botanik


… und was passiert eigentlich?

- Mikrosporophyll

- Mikrosporangium

- Mikrospore

- Mikroprothallium mit

Spermakernen

Makrosporophyll

Makrosporangium

mit Hülle

Makroprothallium

mit Eizelle

Abb. aus Munk - Taschenlehrbuch Botanik

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Neuerungen und Erfordernisse: Benefits & Costs

• Makrosporangium in Integumente

eingehüllt: Samenanlage

• Samenanlage in Fruchtblatt

eingeschlossen: verbesserter Schutz

• Einfang(„Empfängnis“)einrichtungen

(Narbe) und

• Zugänge (Pollenschlauchleitgewebe

und Mikropyle der Samenanlage)

müssen geschaffen werden

• Spermakerne nicht eigenbeweglich:

von Zoidiogamie zu Siphonogamie

• Biotische und/oder abiotische

Transporteure des Pollens

(„Vektoren“) werden benötigt

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Der Pollenschlauch: lange Kontroversen

Giovanni Battista Amici (1786-1863)

Mathematiker, Astronom, Erbauer

optischer Instrumente

1823: Entdeckung des Pollenschlauchs

bei der Untersuchung der

Plasmaströmung in Narbenhaaren bei

Portulaca

Später: Verfolgung der Pollenschläuche

bis zur Mikropyle

Giovanni Battista Amici

Kontroverse mit Matthias Jacob

Schleiden (1804-1881), der den

Embryo in der Spitze des

Pollenschlauchs entstehen sah; erst

1856 teilweiser Widerruf des sehr

polemischen Rechtsanwalts (!) und

Botanikers.

Matthias Jacob Schleiden

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Herrenrennen: Pollenschlauchkonkurrenz

Das alles kommt bei Bletia

purpurea (Orchidaceae) auf

eine einzige (!) Narbe!

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Zeichnung Franz Bauer (1758-1840)

Figuren rechts aus Proctor, Yeo & Lack bzw. aus Leins & Erbar)


Gynoeceum – Frauenhaus:

I. Eines oder viele?

Tasmannia spec.

Prunus – Kirsche

Fragaria - Erdbeere

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Zeichnung aus Foster & Gifford


Gynoeceum – „ Frauenhaus“:

II. Einzeln oder zusammen?

Talictrum –

Wiesenraute

Tulipa -Tulpe

„Bäumchen-wechsel-dich“: das Kompitum

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Fig. aus Weberling, Leins & Erbar und Endress)


Warum Strasburger?

Eduard Strasburger (1844-1912; Bonn)

1874/75 Entdeckung der Teilung des

Zellkerns und der entsprechenden

Abläufe

1884 Entdeckung der Karyogamie und

der doppelten Befruchtung von

Eizelle/sek. ESKern im Embryosack

1904 Reduktionsteilung bei der

Pollenkornbildung

1896 Begründer des Lehrbuchs,

zusammen mit Fritz Noll, Andreas

Schenck (Darmstadt) und Andreas

Franz Wilhelm Schimper

Publikationsumfang: 6600 S. mit 190

selbst gezeichneten Tafeln

(„Bau und Verrichtung der

Leitungsbahnen“: 1000 S.!)

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… und hier der (doppelte) Sex ( ) mit

seinem Ergebnis!

… und die

Embryonalentwicklung

Beide Fig:

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In Auszügen:

n- Narbe (Stigma)

g – Griffel (Stylus)

p – Pollenkorn mit Pollenschlauch ps

fw – Wand des Fruchtblatts (des Karpells)

Zentral: Samenanlge mit Integumenten (i),

Mikropyle (m) und Embryosack (e)

Rechts: Embryosack im Moment der (doppelten)

Befruchtung; Daraus entstehend:

-Embryo

-Reservestoffkörper (Endosprem)

Embryonalentwicklung


Und was ist/macht denn nun die Blüte?

Also angesichts des

Generationswechsels bitte

bei Höheren Pflanzen nicht

mehr

„männlich“, sondern

staminat

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und nicht mehr

„weiblich“, sondern karpellat

verwenden!


Sie erfüllt den Straftatbestand nach

§ 180 StGB … keine Angst: 1968 abgeschafft!

(1) Wer gewohnheitsmäßig oder aus Eigennutz durch eine

Vermittlung oder durch Gewährung oder Verschaffung von

Gelegenheit der Unzucht* Vorschub leistet, wird wegen

Kuppelei mit Gefängnis nicht unter einem Monat bestraft;

auch kann zugleich auf Geldstrafe, auf Verlust der

bürgerlichen Ehrenrechte sowie auf Zulässigkeit von

Polizeiaufsicht erkannt werden. Sind mildernde Umstände

vorhanden, so kann die Gefängnisstrafe bis auf einen Tag

ermäßigt werden.

(2) Als Kuppelei gilt insbesondere die Unterhaltung eines

Bordells oder eines bordellartigen Betriebs.

(3) Wer einer Person, die das achtzehnte Lebensjahr

vollendet hat, Wohnung gewährt, wird auf Grund des

Absatzes 1 nur dann bestraft, wenn damit ein Ausbeuten der

Person, der die Wohnung gewährt ist, oder ein Anwerben

oder ein Anhalten dieser Person zur Unzucht verbunden ist.

Bei der Kupplerin

Gemälde von Jan Vermeer

* Unzucht = (damals) vor- bzw. außerehelicher Geschlechtsverkehr

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Epilog: Canna

oder Darwins Lob der Monogamie

First the tall Canna lifts his curled brow

Erect to heaven, and plights his nuptial vow;

The virtuous pair, in milder regions born,

Dread the rude blast of Autumn's icy morn;

Round the chill fair he folds his crimson vest,

And clasps the timorous beauty to his breast.

Canna mit krauser Stirn zum Himmel schaut

Und, groß und aufrecht, Treue schwört der Braut

Das tugendhafte Paar aus milderen Regionen

Fürchtet den eisgen Herbhauch unsrer Zonen.

Das rote Wams er um die Schöne schlägt,

Die Arme bergend um ihr Zittern legt. Aber auch nicht allein:

Cupressus dark disdains his dusky bride,

One dome contains them, but two beds divide.

FB Biologie – Botanischer Garten – Dr. Stefan Schneckenburger

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