Direktvermarktung: „Die Prozesse haben sich eingespielt“

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Direktvermarktung: „Die Prozesse haben sich eingespielt“

PRAXIS / TITEL BIOGAS JOURNAL | 1_2014

Die Direktvermarkter sehen große Chancen

für die regionale Stromversorgung aus

Erneuerbaren Energien.

„Die Prozesse haben sich eingespielt“

FOTO: MICHAEL STAUDT / VISUM

Seit zwei Jahren gibt es nun die Direktvermarktung von Ökostrom mit dem Marktprämienmodell. Es wurde im

Zuge der letzten EEG-Novelle eingeführt, die am 1. Januar 2012 in Kraft trat. Welches Fazit ziehen nun die

Unternehmen, die den von Biogasanlagen produzierten Strom direkt vermarkten? Zumal die Marktprämie als

„Einstieg“ in den Markt für Regelenergie und die bedarfsgerechte Stromproduktion gilt.

Von Thomas Gaul

Am Anfang war die Skepsis groß,

ob die Betreiber von Biogasanlagen

aus der garantierten

EEG-Vergütung aussteigen

würden. Auf zahlreichen Informationsveranstaltungen

rechneten jedoch

Direktvermarkter den Betreibern vor,

welche Chancen auf Mehrerlöse mit dem

Umstieg verbunden sind. Für eine 500-kW-

Anlage beispielsweise, die auf eine Betriebsstundendauer

von 8.600 Stunden im Jahr

kommt, werden durch die Managementprämie

von 0,3 Cent (ct) je Kilowattstunde

(kWh) in 2012 Mehreinnahmen von 12.900

Euro im Jahr generiert.

„Mit der Direktvermarktung gibt es die gute

Möglichkeit, zusätzliche Erlöse mit verhältnismäßig

geringem Aufwand zu erzielen“,

urteilt denn auch Cord-Heinrich Heitzhausen,

Berater für Erneuerbare Energien bei

der Oldenburgischen Landesbank (OLB).

Die Betreiber sollten jede Chance nutzen,

ihren Ertrag zu steigern. Dies gilt umso mehr

vor dem Hintergrund, dass es keine Nachfolgeregelung

für das EEG geben wird und dieser

zeitliche Horizont für die ersten Anlagen

bereits in Sichtweite rückt. „Anlagenbetreiber

sollten die Energiemärkte für Strom und

Wärme kennen“, rät Heitzhausen deshalb.

Mit dem Ziel, die rasch wachsende Produktion

Erneuerbarer Energien in das System

zu integrieren, ging es darum, auch Biogas

näher an den Markt heranzuführen. Die unsichere

Preisentwicklung an der Strombörse

sollte durch die gleitende Marktprämie vollständig

aufgefangen werden. Die Höhe des

durchschnittlichen monatlichen Marktpreises

an der Strombörse zuzüglich der Marktprämie

entspricht dabei der bisherigen, garantierten

EEG-Vergütung.

Ausgleichsenergie: Unterschiede

bei der Kostenübernahme

Weil es bei der Direktvermarktung um

hohe Summen geht, empfahlen Juristen

von Anfang an eine eingehende Prüfung

der Vertragswerke. Ein Punkt, in dem sich

die Vermarkter heute noch deutlich unterscheiden,

ist die Übernahme der Kosten

für Ausgleichsenergie. Wenn ein Biogasanlagen-Betreiber

in die Direktvermarktung

wechselt, muss er Prognosen über die

Höhe und Dauer des von ihm eingespeisten

Stroms abgeben. Wer diese Prognose verfehlt

− weil er beispielsweise wegen eines

Stillstandes des BHKW weniger Strom produziert

als prognostiziert − muss die Mehrkosten

für Ausgleichsenergie tragen.

Manche Vermarkter übernehmen die Ausgleichsenergiekosten

in voller Höhe, andere

beteiligen die Betreiber daran und manche

reichen die Kosten vollständig an den Betreiber

durch − zumindest theoretisch. Denn

weil es einen Wettbewerb unter den Vermarktern

gibt, ist diese Position nicht durchzusetzen,

da diese Unternehmen beim Vertragsabschluss

gegenüber kundenfreundlicheren

Lösungen den Kürzeren ziehen.

Dieser Mehrerlös muss schließlich von jemandem

bezahlt werden, monieren die Kritiker

der neuen Form der Vermarktung. Doch

nur wenn die Marktprämie hinreichend hoch

bemessen ist und sich über die Einnahmen

am Strommarkt auskömmliche Mehrerlöse

erzielen lassen, sind die Anlagenbetreiber

bereit, den Bereich der gesicherten Vergütung

des EEG zu verlassen. „Ich würde mir

wünschen, dass die Biogas-Beratung einen

Zahn zulegen würde“, sagt Daniel Hölder,

Leiter Energiepolitik bei Clean Energy Sourcing

(Clens). Bei einem solch komplexen

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Thema ist der Bedarf an unabhängiger, neutraler

Beratung groß.

Das gilt umso mehr für den nächsten Schritt,

den Einstieg in die Regelenergie. „Das ist die

Königsdisziplin“, so Jan Aengenvoort von

Next Kraftwerke. Denn Biogasanlagen sind

prädestiniert, Schwankungen im Stromnetz

auszugleichen. Diese kurzfristig verfügbaren

Kapazitäten werden auf dem Markt für

Regelenergie gehandelt. Für den höheren

Aufwand und das Risiko wurde mit dem EEG

auch die Managementprämie eingeführt.

Uwe Welteke-Fabricius von Cube Engineering

findet es bedauerlich, dass zwei Jahre

nach Beginn der Direktvermarktung nicht

mehr Betreiber die Möglichkeiten nutzen.

„Wir haben noch keinen hinausgeworfen, nur

weil er uns über eine bevorstehende Wartung

nicht informiert hat“

Daniel Hölder

Direktvermarktung für viele

Anlagen lohnend

Nach eingehenden Analysen von 40 Biogasanlagen

ist er überzeugt, dass sich „9 von

10 Anlagen“ für das neue Modell eignen

würden. „Das lohnt sich für fast jede Biogasanlage.“

Zumal jetzt viele Hindernisse,

die noch auf dem Weg gesehen wurden,

beiseite geräumt sind. Die Deckelung im

Baugesetzbuch auf eine Feuerungswärmeleistung

von 2 MW ist entfallen, die Umsatzsteuerproblematik

wurde entschärft,

und jetzt gibt es nach dem Urteil des Bundesgerichtshofs

auch beim Anlagenbegriff

weitgehend Klarheit.

Dass der Zugang zum Minutenreservemarkt

funktioniert, stellen alle befragten Vermarkter

fest. Die Übertragungsnetzbetreiber

haben in Zusammenarbeit mit der Bundesnetzagentur

eindeutige Regeln zur Präqualifikation

von Einzelanlagen und Poolanbietern

verfasst. Sind die technischen Voraussetzungen

gegeben, funktioniert die Einbindung

der Anlagen in virtuelle Kraftwerke

wie beispielsweise den „Next

Pool“ der Next Kraftwerke

GmbH. „Darin sind jetzt fast

1.000 Einheiten, davon in

der überwiegenden Zahl

Biogasanlagen, die mit

dem Einbau der Fernsteuerung

nach und nach eingebunden

werden“, sagt Jan Aengenvoort

von Next Kraftwerke. rke.

Dass der Markt funktioniert, lässt sich

auch daran ablesen, dass mit der Liberalisierung

des Marktes für Regelenergie die Zahl

der Anbieter nach oben geschnellt ist. Unter

den 42 Anbietern finden sich auch kleinere

und unabhängige, die häufig innovative Produkte

entwickeln und umsetzen.

Fahrplantreue gewährleisten

Die Verantwortung für den Fahrplan hat der

Gesetzgeber den Direktvermarktern auferlegt.

Gegenüber dem Netzbetreiber muss

er alle Strommengen für den Folgetag beim

Übertragungsnetzbetreiber melden. Schon

aus eigenem Interesse ist der Direktvermarkter

an der Fahrplantreue jeder einzelnen

Biogasanlage interessiert, weil er wie

erwähnt für die Kosten der Ausgleichsenergie

aufkommen muss, und diese auch nicht

ohne Weiteres voll an den Anlagenbetreiber

durchreichen kann, will er im Wettbewerb

mit anderen Vermarktern

nicht das Nachsehen

haben.

Daniel Hölder kritisiert diese

„Disbalance“ im EEG:

„Wenn der Netzbetreiber

einen Fehler macht, bleibt

das folgenlos.“ Über ein Por-

tal melden die Betreiber ihre

prognostizierten Mengen.

Als Nadelöhr hat sich in manchen

Gebieten nach Angaben der Vermarkter

das Fehlen einer schnellen Internetverbindung

erwiesen. Der Zusammenarbeit mit

den Netzbetreibern stellen die Vermarkter

dagegen durchweg ein gutes Zeugnis aus,

auch wenn sie sich mitunter als „harte, aber

konstruktive Sparringspartner“ erweisen,

wie Annette Keil formuliert. Keil leitet das

Kompetenz-Center Biogas beim Leipziger

Handelshaus Energy to market (e2m).

Die Anforderungen an die „Fahrplantreue“,

also an das Einhalten der zugesagten Menge,

ist bei allen Vermarktern hoch. Annette

Keil verdeutlicht: „Die Betreiber müssen sich

an die Spielregeln halten. Das gilt sowohl für

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BIOGAS JOURNAL | 1_2014

In Deutschland sind Biogasanlagen

mit inzwischen

insgesamt 1.500 MW Leistung

in der Direktvermarktung.

die Stromeinspeisung zur Direktvermarktung

als auch für das Erbringen von Regelenergie.

Wenn es sein muss, rufen wir den Betreiber

auch am Heiligen Abend um 16 Uhr an,

wenn seine Anlage in unser virtuelles Kraftwerk

eingebunden ist und zu wenig Flexibilität

für die Regelenergie zur Verfügung

stellt.“

Doch die Furcht der Betreiber vor scharfen

Sanktionen ist unbegründet, so Daniel

Hölder: „Wir haben noch keinen hinausgeworfen,

nur weil er uns über eine bevorstehende

Wartung nicht informiert hat.“ Auch

Jan Aengenvoort von Next Kraftwerke zieht

eine positive Bilanz: „Die Prozesse haben

sich eingespielt.“ Ihre anfängliche Zurückhaltung

haben die Biogasanlagen-Betreiber

offensichtlich aufgegeben, denn seit Ende

2012 wechselten immer mehr Anlagen in

die Direktvermarktung. Inzwischen vermarktet

rund die Hälfte aller Biomasseanlagen

in Deutschland ihre Stromproduktion

über das Marktprämienmodell.

Eine wichtige Rolle spielen dabei die

„Pools“, die die Erzeugungskapazität mehrerer

Biogasanlagen bündeln. e2m arbeitet

derzeit mit 38 dieser Betreibervereinigungen

zusammen. Vorteilhaft für Betreiber

und Vermarkter ist, dass die Verträge rechtlich

geprüft sind und für alle Betreiber

einer Gruppe gleichermaßen gelten. Die

Vermarkter sehen die Vereinigung zudem

als möglichen Weg, die Kommunikation

zwischen Handelshaus und der Biogasanlage

schnell und effektiv zu gestalten. Das

gilt übrigens in beide Richtungen.

„Auch die Handelsabteilung musste lernen,

dass eine Biogasanlage etwas Lebendiges

ist“, sagt Annette Keil. Viele Betreiber,

die jetzt neu abschließen, gehen gleich in

den Markt für Regelenergie. In der Praxis

hat sich herausgestellt, dass die zunächst

häufig zu hörende Aussage, bestehende

Biogas-BHKW ließen sich nicht flexibel

betreiben, so nicht stimmt. Denn selbst die

Verpflichtung zur Wärmeversorgung ist kein

Ausschlussgrund für die flexible Fahrweise,

wie Annette Keil berichtet. „Hier haben wir

mit der Power-to-heat-Technologie eine Lösung

gefunden.“ Auf der Anlage wird eine Art

Durchlauferhitzer installiert, der die Wärmeversorgung

unter Beachtung der Anforderungen

der Netzbetreiber sicherstellt, wenn

die Anlage wegen Erbringen von Regelenergie

heruntergefahren wird.

Netzstabilisierung durch

Biogasanlagen

Darin liegt gerade der Vorteil von Bioenergie

und speziell Biogas, findet Daniel Hölder:

„Durch die flexible Fahrweise zeigen

wir, dass wir mehr können.“ Denn mit dem

Vorteil der regelbaren Erzeugung können

Biogasanlagen einen wichtigen Beitrag zur

Netzstabilität leisten. Sie schließen damit

die Lücke, die andere Erneuerbare Energien,

vor allem Wind und Solar, verursachen.

Besonders deutlich zeigen sich diese Vorteile

bei einem virtuellen Kraftwerk, wie es

der Direktvermarkter Next Kraftwerke mit

dem sogenannten „Next Pool“ betreibt. Die

Leistung der Biogasanlagen wird gebündelt

und als negative Regelenergie vermarktet.

Zum Zuge kommt Biogas vor allem im Bereich

der Sekundärreserve, die noch vor

der Minutenreserve zum Ausregeln der

Netzfrequenz eingesetzt wird. Von Vorteil

ist, dass die Poolbetreiber eben auch Solar-

und Windenergieanlagen im Pool haben

und somit schon innerhalb ihres eigenen

Bilanzkreises für einen gewissen Ausgleich

sorgen können.

Für Biogasanlagen heißt das zugleich, dass

der Wert jeder einzelnen Betriebsstunde

höher wird. Wie Uwe Welteke-Fabricius berechnet

hat, führt die Umstellung auf eine

bedarfsgerechte Stromproduktion zu einem

Mehrerlös von 10 bis über 30 Prozent für

den Betreiber einer 500-kW-Biogasanlage.

Wie viel Mehrerlös der Betreiber erzielen

kann, ermittelt Cube in einer Simulation, die

den Zeitraum eines Jahres umfasst.

FOTO: GUDRUN BRAMSIEPE

Flexibilisierung ein riesiges

Investprogramm

Welteke-Fabricius macht deutlich: „Beim

Umstieg auf die bedarfsgerechte Stromproduktion

handelt es sich um ein richtiges Investitionsprogramm.“

Letztlich werden neue

BHKW aufgestellt und Gasspeicher vergrößert.

So sind auch die Anlagenhersteller gefragt.

Schließlich geht es für die Branche um

die Frage, wie der Einbruch beim Anlagenneubau

durch neue Geschäftsideen kompensiert

werden kann. Die Politik jedenfalls

dürfte bei der anstehenden Reform des EEG

die Weichen in Richtung eines Ausbaus der

Direktvermarktung stellen.

Für neue Anlagen mit einer installierten

elektrischen Leistung von mehr als 750 kW

gilt seit 1. Januar 2014 die Pflicht zur Direktvermarktung.

Die Direktvermarkter sind sich

ziemlich sicher, dass diese Schwelle bei einem

novellierten EEG weiter abgesenkt wird.

EU-Energiekommissar Oettinger plädiert seit

Längerem für ein Auslaufen der festen Einspeisetarife.

Seiner Ansicht nach sollte die

neue Bundesregierung künftig stärker auf

die Marktprämie setzen.

Die Direktvermarkter sehen große Chancen

für die regionale Stromversorgung aus Erneuerbaren

Energien. Wie bei der Wärmeversorgung,

könnte künftig auch der Strom

aus der Biogasanlage beim Nachbarn ankommen.

Damit ließe sich zugleich die Akzeptanz

der Anlagen erhöhen. Könnte ein

großer Teil des erzeugten Stroms regional

abgesetzt werden, würden zudem die Netze

entlastet. Nach dem Stromsteuergesetz ist

die Lieferung von Strom aus Erzeugungsanlagen

bis 2 MW an Kunden im räumlichen

Zusammenhang mit den Anlagen auch bei

Nutzung des Stromnetzes von der Stromsteuer

befreit. Damit werden bereits jetzt

günstige Rahmenbedingungen für die regionale

Versorgung geschaffen.

Autor

Thomas Gaul

Freier Journalist

Im Wehrfeld 19a · 30989 Gehrden

Tel. 01 72/5 12 71 71

E-Mail: gaul-gehrden@t-online.de

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