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Inhaltsverzeichnis

PROLOG

EINS

ZWEI

DREI

VIER

Impressum


AEQUILIBRIUM

DAS GEWICHT DER FEDERN

Teil 1

Despina Muth-Seidel


„ (…) In dieser Dunkelheit sah ich Regen auf den Ozean fallen;

Regen, der leise auf eine unendliche Meeresfläche niederging,

und niemand war da, der es gesehen hätte. Der Regen prallt

auf die Meeresoberfläche, doch nicht einmal die Fische wissen,

dass es regnet. Bis jemand kam und mir sacht eine Hand auf die

Schulter legte, kreisten meine Gedanken über dem Meer.“

Aus: Haruki Murakami, Gefährliche Geliebte.


PROLOG

In der trügerischen Stille spiegelt sich ein milchiger Mond auf

der glänzenden, gleichmäßig wogenden Meeresoberfläche. Ein

Windhauch trägt die abendliche Kühle heran. In dieser Ruhe war

der Befehl Tulinas eben noch deutlich zu hören. Anspannung

liegt in der Luft.

Cavi, die leckere Strandkrabbe noch im Maul, beäugt Tulina. Seine

Barthaare zittern, die Flossen krallen sich in den Strand. Er

schluckt den Leckerbissen ruckartig hinunter.

Muss das denn sein? Vor einem Menschen...?

Seine junge Herrin zwinkert ihm kurz zu, hockt sich blitzschnell

zu ihm hinunter und hebt mit ihrer schmalen, kleinen Hand seinen

Kopf noch ein wenig höher. Einige der weißen Federn rieseln

bei ihrer Bewegung zu Boden. Der Seehund schnüffelt an

ihrem betörenden Algenduft. Während sie den Kopf schief legt,

mustert sie seine schwarzen Knopfaugen. Das Wasser perlt aus

Cavis Fell und tröpfelt auf den feuchten Sand.

Er wird es sonst nicht verstehen, weißt du?

Trotzig robbt Cavi, ihr Wächter, einige Meter von Tulina weg

und heult ein Mal auf.

Sofort packt Sina Marten am Arm. „Bitte bleib ruhig und greife


nicht ein!“

Marten erwidert ihren Blick, schluckt nur schwer atmend und

nickt.

Vor Ihnen liegt der kleine graue Seehund am noch warmen

Nordseestrand. Ein weißes Licht entsteht um ihn herum, erst

zaghaft, Minuten später ist es deutlich und strahlend sichtbar.

Cavi leuchtet schließlich so grell, dass Marten fluchend eine

Hand über die Augen hebt und diese zusammenkneift. Er hört

für einige Sekunden ein ungewöhnliches Summen in der Luft,

ähnlich wie ein Stahlzaun unter Hochspannung.

Dann ist es abrupt still. Marten öffnet wieder vorsichtig die

Augen und blinzelt in Cavis Richtung.

Als das Leuchten verschwunden ist, bleibt anstelle des kleinen

grauen Seehunds am Strand stattdessen nur...

ein Buch.

Entgeistert starrt Marten auf das vor ihm liegende offene Buch.

Der Einband besteht aus weichem, grau glänzendem Seehundfell,

von dem noch das Wasser tropft.

„Mein Tagebuch“ steht tintenblau in runder Kinderschrift

auf der ersten Seite. Alle Seiten bestehen aus hunderten gepressten

und miteinander verwobenen weißen Federn. Er hebt es

vorsichtig auf und blättert langsam darin umher. Manchmal hebt

er die Augenbrauen, dann wieder lacht er begeistert auf.

„Hier ist es, Sina! Und ich wusste es, ich wusste es genau - es

hat keine Buchstaben, es funktioniert anders!“ Er klemmt sich

das Buch unter den linken Arm, als würde es ihm gehören, und


sein rechter Arm umschlingt spontan Sinas Schultern. Diese Geste

zwingt die kleine Tulina nun doch zu einem Lächeln.

Sina steht unterkühlt neben ihm, unfähig, sich zu bewegen.

Plötzlich ist nicht mehr nur Martens lautstarke Freude am Strand

zu hören. Er redet jetzt enthusiastisch auf Sina ein und gestikuliert.

Sie mustert ihn mit zusammengekniffenen Augen, greift

erst zitternd an ihr orangefarbenes Stirnband, welches ihre tiefschwarze

Mähne bändigt und deutet dann hektisch und stumm

auf den Horizont. Marten mustert sie irritiert und dreht sich

langsam in die Richtung, in die sie zeigt.

Der Himmel verdunkelt sich und ein schrilles Kreischen aus

vielen tausend Kehlen durchbricht grausam und ungezügelt den

Frieden. Die Luft rauscht und summt vom drohenden Ansturm.

Besser hätten sie es nicht planen können.

Es gibt kein Entrinnen.

Und zum ersten Mal liest Marten in Sinas Augen, die voll unergründlicher

Tiefe sind, einen ihm unbekannten Ausdruck:

Wahnsinnige Todesangst.


EINS

HEUTE, NORDDEUTSCHE STADT

„Findest du nicht, dass es nun langsam genug ist?“

Seine Hand trommelt stakkatoartig auf die Tischplatte. Genug

ist genug, seit Wochen dieser Druck, keine Zeit oder Möglichkeit

der Ablenkung. Verständnis war ja schon immer ein Unwort

für Jana.

Seine Worte hört sie noch. Jana steht im Flur, den grauen Ledermantel

bereits lässig über dem einen Arm, ihre zerknautschte

Henkeltasche über dem anderen, und ihre beleidigenden Worte

an ihn hängen noch immer in der Luft.

Das Wort Stress steht ihm nicht vor Augen, nein, es prangt inzwischen

in imaginären riesigen neongrünen Leuchtlettern ständig

vor seinem Gesicht. Er verzieht den rechten Mundwinkel

gezielt nach unten. Sie hasst es, wenn er das tut.

„Verdammt, wenn ich dir doch sage, dass es keine andere

Möglichkeit gibt! Ich kann den Job nicht hinschmeißen, auch

nicht delegieren, ich muss es einfach selbst tun, Jana!“

Das Geräusch einer zuschlagenden Tür hebt seine Stimmung

nicht gerade. Auch nicht ihre Handbewegung mit dem nach

oben gerichteten Mittelfinger, die er aus dem Augenwinkel natürlich

noch gesehen hat. Leider ist Beobachten seine Stärke.

Und unter anderem sein Job.


Vielleicht ist es besser so. Er wird ins Büro fahren, seine Arbeit

erledigen und irgendwann nachts wieder kommen. Sie wird

im Bett liegen, nein, nicht wie angekündigt bei ihrer Mutter, sondern

zu Hause.

Er starrt immer noch auf die Haustür, die sie mit einer machtvollen

Bewegung zugeschlagen hat.

Sie wird sich schlafend stellen, wenn er sich müde neben sie legt.

Und dann wird er ihren Hinterkopf mit den verschwitzten braunen

Locken ansehen und sich fragen, wie zum Teufel es immer

wieder so weit kommen kann. Nach ein paar Minuten wird er

in einen unruhigen Schlaf fallen, der spätestens morgens um

drei beendet sein wird. Daran sind entweder die Schlafstörungen

- wegen dem Stress - oder die schlechten Träume schuld.

Vielleicht aber auch seine Herzrhythmusprobleme. Von denen

erzählt er ihr sowieso absolut nichts, denn dann bekäme sie wieder

diesen mitleidigen Blick, deutlich geprägt von einer Spur

„Weichei“.

Er wird also nachts um drei in die Küche torkeln und sich ein

paar pflanzliche Beruhigungsmittel einwerfen, weil er Stärkeres

nicht verträgt. Danach wird er in dem Irrglauben, dass diese Tabletten

gewirkt hätten, noch drei weitere Stunden schlafen, eher

traumlos. Und schon beginnt der neue Tag, immer wieder dasselbe.

Unaufhaltsam.

Marten seufzt. Vielleicht ist es an der Zeit, ein paar Dinge zu


ändern. Er wird morgen einen Tisch in einer netten Sushi Bar

bestellen und am liebsten mit ihr über einen kleinen, angenehmen

Urlaub mit deutlich gesteigertem Schmusen, viel Sonne und

Meer, keinerlei Ausflügen, fehlender Kontaktaufnahme mit irgendwelchen

Touristen und viel abendlichem Rotweinkonsum

reden.

Vielleicht sollte er doch lieber nur über Sonne und Meer reden…

wie so ein wenig Ablenkung doch gut tut!

Er steht auf und grinst dabei. Wie unterschiedlich ihre Urlaubswünsche

auch sein mochten, in einem waren sie sich noch

immer einig gewesen: Urlaub verbrachten sie immer gemeinsam.

Und – bisher war er immer schön gewesen. Okay, bis auf die

Sache mit dem einmaligen Urlaub in Österreich und dem Zwischenfall

mit den Schafen, auf deren Weide sie übernachtet hatten.

Sehr romantisch. Er hatte gar nicht gewusst, zu was Schafe

so fähig sind, wenn sie sich bedroht fühlen. Martens Grinsen

wird breiter.

Marten dachte an Janas sehr kleinen gelben Bikini und fing

an, die Idee gründlicher zu betrachten.

Er bräuchte dringend Urlaub. Manchmal konnte er morgens vor

Kopfschmerzen gar nicht aufstehen, tat es aber dennoch. Aber

wäre es nicht die momentane ergiebige Auftragslage, oder dass

er in den Augen seines Chefs unersetzlich sei, es gäbe immer einen

wichtigen Grund, statt Urlaub zu planen bis zum Umfallen

weiter zu arbeiten.

Er wäre schon längst an der Nordsee. Am besten gestern.

Immerhin ist bereits Juni.


Er schiebt seinen Pullover am linken Arm hoch, um seine verblassende

Urlaubsbräune zu testen. Ein müdes Lächeln zur weißen

Haut ist die Antwort.

Marten springt plötzlich auf. Der Blick auf den Arm zeigt

leider auch die Uhrzeit auf seiner Digitaluhr an: acht Uhr zweiunddreißig.

Genau seit zwei Minuten müsste er im Büro sein.

Mit einem Fluch stürzt er den Rest des Kaffees hinunter, packt

seine Aktentasche und wirbelt durch den Flur, um Schlüssel und

ein paar weitere Dinge zu schnappen, ehe er ebenfalls nach der

heute wohl obligatorischen knallenden Haustür zum Wagen

rennt.

Marten stoppt nach genau elf Minuten Fahrt (normalerweise

sind es fünfzehn) vor dem großen, kastenförmigen Universitätsgebäude.

Die quietschenden Bremsen hätten jedem Road-Movie

Ehre gemacht. Er greift hektisch nach seiner Tasche, steigt aus

und wirft schwungvoll die Tür seines alten Toyotas zu. Noch

schwungvoller wäre sein Auftritt, würden ihn nicht einige Kilos

rund um seine Mitte etwas verlangsamen. Er stopft sich hektisch

das blassgrüne Hemd in die Jeans. Für Sport war schon

mächtig lange keine Zeit mehr. Grimmig denkt er an die zwei

Bananen, die wegen der Eile und dem Streit heute Morgen noch

auf dem Küchentisch vereinsamen, anstatt in seiner Aktentasche

versauern zu dürfen.

Muss er wohl heute wieder auf Fastfood zurückgreifen –

und das ohne Reue… wie praktisch.


Schnell bewegt er sich auf das Gebäude zu, er muss in den fünften

Stock, hoffentlich… natürlich, Aufzug kaputt! Der Tag ist

absolut gelaufen.

Als Marten noch keuchend, doch so unauffällig wie möglich am

Schild „Forschungsbereich für Marine Zoologie - FORMAZO“

entlang geht, hat er ein ungutes Gefühl. Kein Wunder, so wie der

Morgen begonnen hat. Er stößt die Tür mit einem Ruck auf. Auf

dem Flur sind nur wenige Kollegen zu sehen, alle scheinen mit

irgendwas Wichtigem beschäftigt zu sein.

„Sag mal, Doc Marten, kennst du mich nicht mehr?“ Die

amüsierte Stimme von Heimann, der seit einem Jahr in seinem

ehemaligen Büro sitzt und sich allein deshalb für ebenbürtig hält,

dringt von hinten zu ihm. Außerdem hasst er seinen Spitznamen,

der an diese monströsen Schuhe erinnert. Obwohl der Doc ja

schon korrekt ist.

Marten hält inne. „Was ist hier los? Irgendwas Wichtiges?“ Der

blondwuschelige Heimann, der von keinem der Kollegen mit

seinem Vornamen angesprochen wird, weil er tatsächlich Dankwart

heißt, der Arme, hat ihn mit schwingendem Schritt und breit

lächelnd eingeholt.

Du hast mal wieder keine Ahnung, zeigt heute sein Ich-weißeben-absolut-und-immer.-Bescheid-Blick.

„Vielleicht ist heute die Konferenz wegen der Nordseestrandgeschichte?

Eigentlich dein Ressort??“

Der Vorwurf klingt wie bei einer genervten Hausfrau. Nur

passt sein herzliches Lachen nicht dazu. Im Grunde ist er schon

ganz in Ordnung.


„Okay, klar, danke. In Raum A 1198?“ Martin schnäuzt sich

geräuschvoll in ein riesiges Taschentuch.

„Jaha, klar, wo denn wohl sonst…?“

Er zieht die Augenbrauen hoch, so als überlege er, einen

Psychiater hinzuzuziehen. Es fehlt nicht viel, und der Junge kann

sich seine hochwichtige kommende Masterarbeit sonst wohin

stecken.

Dabei hat er es fachlich schon gut drauf. Phoca vitulina, der

gemeine Seehund, ist sein bevorzugtes Forschungsgebiet, und

der erst 21jährige hat Marten schon manchmal mit seinem Detailwissen

verblüffen können.

Menschlich verblüfft Heimann ihn dagegen aber irgendwie

so gar nicht…

Ich schwöre, irgendwann trete ich ihn persönlich in seinen stolzen Hintern.

Und lasse meinen Fuß gleich drin!

Ohne ein weiteres Wort dreht sich Heimann um und lässt Marten

stehen. Marten überlegt kurz, ob er den eben gefassten Gedankengang

laut formuliert hatte, aber das ist wohl eher nicht

der Fall.

Es ist wohl besser, jetzt einfach auch weiter zu gehen, ehe

die Sache peinlich wird. Tatsächlich ist er derjenige, der ein paar

Worte zu dieser Strandsache sagen muss. In den letzten Monaten

hatte er sich mit einem Spezialteam an den nord- und ostfriesischen

Küsten aufgehalten. Nur ist ihm die Konferenz zeitlich

nicht gegenwärtig gewesen, könnte man sagen. Er hatte sich auf

Donnerstag eingestellt, und heute war Mittwoch.

„Heute ist übrigens Donnerstag.“


Danke, Heimann. Herzlichen Dank.

Dieser Spinner Heimann steht am Ende des Flurs und grinst

über beide Backen. Die Nickelbrille wackelt auf seiner Nase, als

er sich fast kugelt vor Lachen. Sogar dabei sieht er immer noch

verteufelt gut aus, meinte Jana neulich, als sie Marten spontan

nach der Arbeit abholen kam. Vielleicht ist er ein bisschen jung

für dich? hatte Marten gezischt, doch Jana hatte nicht darauf

reagiert. Sie hatte keine Lust auf Streit, und ihm war es recht

gewesen. Er hatte das Thema gewechselt und ihr von den neuen

Informationen erzählt, die ihn seit einigen Tagen so faszinierten.

Aber irgendwann, wie gesagt, werde ich Heimann direkt in seinen…

Ach, egal.

Orientiere dich doch mal karrieremäßig endlich nach oben,

nicht nach unten, sagt Jana immer. Und zu oft. Aber er regt mich

einfach tierisch auf, obwohl er wirklich Ahnung von Zoologie hat!

Marten stößt die schwere Glastür zu Raum A 1198 auf. Mal sehen,

was die zu einem Vortrag aus dem Stegreif sagen. Man ist ja

noch nicht total verblödet.

Er lächelt grimmig und versucht erfolglos, an seiner - leider

momentan imaginären - Krawatte zu ziehen (über der Stuhllehne

in der Küche, wie er sich sofort dunkel erinnert) und packt

sich seine braune Aktentasche unter den Arm, als er mit festem

Schritt den Raum betritt.

Das Stimmengewirr verstummt, als Marten auf das Flipchart

zugeht. Er wirft seine Aktentasche auf den Tisch und holt seinen

Laptop raus.


Zeit, sich ein paar Gedanken zu machen.

Sofort hat er Heimann, Jana und alles weitere Nervige vergessen.


ZWEI

GESTERN, NORDSEE, OSTFRIESISCHE INSEL

Algen.

Viele, sich gegenseitig verschlingend, irgendwo im Meer,

doch nah am Ufer. Dunkelgrüner Seetang vermischt sich mit

kleinen Muscheln und Krebsen.

Heute Abend ist das Wasser kühl. Die Dinge im Wasser bewegen

sich wie von selbst. Und steuern genau auf ihr Ziel zu.

Der Strand ist lang, breit und wird von hohen Dünen begrenzt.

Niemand ist zu sehen.

Kraftvoll und rauschend rollen die Wassermassen, Schaumkronen

balancierend, auf den spiegelglatten Sand. Und ziehen sich

wieder ins Meer zurück, rhythmisch, greifend nach dem, was mit

zum Horizont möchte.

Manchmal lassen sie auch etwas am Ufer zurück. So wie jetzt.

Ein wirres Bündel Algen sinkt müde und zögernd im Sand in

sich zusammen, als das Wasser wieder in die See läuft. Eine

Wellhornmuschel kullert ein wenig hin und her und bleibt dann,

unsicher, in einer kleinen Pfütze zurück. Viele Schaumkronen

krönen jetzt nicht mehr die stolze See, sondern nur noch die eine

oder andere kleine schillernde Qualle. Deren dunkelrote Fäden

ziehen sich mürrisch kräuselnd durch den hellen Matsch. Ein


Einsiedlerkrebs steuert überhastet auf den nächsten Priel zu.

Der Wind streicht leicht über die Landschaft. Milde, sauerstoffreiche

Luft, die so riecht, als wenn jemand mit einem eben gefangenen

Fisch wedeln würde.

Kein Grund zur Eile. Der Strand ist leer. An Abenden wie

diesem ist Leere befohlen und ausgeführt.

Der Wachhabende an diesem Abend ist Cavi. Und er ist der letzte,

der sich nun auf den Strand schiebt… den kleinen runden

Kopf voran, schwarze Augen schauen ruhig hin und her. Er ist

etwas ungelenk, aber dafür kann er selbst nichts. Sein Blick sucht

das zurückweichende Wasser, dann die Priele und die Dünen ab.

Nichts. Der Wind trägt nur bekannte Gerüche und Geräusche

zu ihm.

Cavi senkt den Kopf, dreht ihn langsam nach links und riecht

vorsichtig an einem kleinen Bündel Algen. Dann pustet er leicht

auf die Algen, die im Wind langsam trocknen. Er berührt sie fast

mit seinem Bart, aber er ist sehr behutsam, fast sanft.

Das Rauschen der Wellen übertönt das leise Geräusch, dass Cavi

jetzt von sich gibt. Er betrachtet immer noch die dunklen Algen

neben ihm. Er würde die Augen zusammenkneifen, wenn

er könnte, so konzentriert ist er. Bewegungslos wartet er nun ab.

Das satte Dunkelgrün der Algen wirkt heller, als es eben noch

war… täuscht es, oder wird der Algenhaufen größer…?

Nein, jetzt zweifelt er nicht mehr, er wächst, wie in Zeitlupe. Die


Blätter werden länger und dichter, die blasenartigen Auswüchse

werden größer, runder, heller in der Färbung…das Grün wechselt

über braun zu einem erst dunklen, satten, dann leuchtenden

Blau… während Cavi ruhig beobachtet, verändert sich seine glatte,

pelzige Haut mit den dunklen vereinzelten Flecken ebenfalls.

Er beginnt zu leuchten, wie ein grünes Licht, welches noch matt

und klein ist in der Reichweite. Gleich ist es soweit. Immer noch

hat dieser Moment etwas ganz wunderbares für ihn. Cavi wackelt

auf seinem dicken Bauch aufgeregt hin und her und schlägt ein

wenig mit den kurzen Flossen. Sein Schwanz mit der größeren

Flosse steht hinten etwas an seinem länglichen Körper hoch.

Cavi ist zuweilen etwas ungehalten über diesen Körper, jedoch

bleibt ihm nicht die Wahl.

Die Algen verändern sich weiter. Jetzt ist das Bündel fast so

groß wie Cavi, der nun aufmerksam die Umgebung erspäht.

Es beginnt, sich zu verformen…die Blätter wachsen, verschlingen

sich haltlos miteinander und werden fester…es bilden

sich zwei verschiedene Richtungen nach vorne aus, dann zwei

nach hinten, die immer schneller wachsen und eine schmale,

längliche Form annehmen. In der Mitte der vorderen Auswüchse

entsteht ein eher rundes Bündel, welches sich weiter verformt

und verdichtet. Die Farbe Blau des Algenbündels hat zugenommen,

eine intensive, ultramarinblaue, leuchtende und pulsierende

Farbe. Dann ruht die Bewegung einige Minuten.

Cavi legt zaghaft eine Flosse auf das blau leuchtende Bündel,

welches mal ein Algenhaufen war. Er konzentriert sich auf eine

bestimmte Wahrnehmung, auf die er zu warten scheint. Minu-


weiße und lange, wirr abstehende Haare und ein sehr ebenmäßiges

Gesicht, welches auf der Seite liegt. Ihre Augen unter den

grünen Wimpern sind geschlossen und zucken leicht. Zwischen

den Schulterblättern sind zwei feine Linien erkennbar, wie Spalten,

die sich nun langsam schließen. Ihre Hände haben sehr lange

Finger. Sie ist ungewöhnlich klein, vielleicht einen Meter vierzig.

Ich habe es schon wieder verpasst…

Cavi wartet, es ist noch nicht abgeschlossen.

Sie dreht sich, zittert plötzlich und stöhnt leise. Langsam wird

ihr Körper so, wie ein Mädchenkörper aussehen soll. Sie wächst

langsam, bis sie einen Meter sechzig misst. Eine schöne, ebenmäßige

helle rosa Hautfarbe bildet sich heraus.

Die Linien am Rücken verschwinden. Die Finger verkürzen

sich, bis sie ein normales Maß haben. Ihre Haare, die nun Locken

bilden, bekommen einen rötlichen Ton, der in den nächsten Sekunden

dunkler wird und schließlich in einem haselnussfarbenen

Ton endet. Um sie herum bildet sich kurz ein fluoreszierendes

Licht, welches grünlich schimmert. So schnell, wie es gekommen

war, ist es wieder verschwunden.

Sie richtet sich auf, stützt die Arme in den Sand, hustet kurz

und setzt sich bequem hin, die Beine angewinkelt. Sie blickt an

sich herunter, schüttelt sich und fährt sich mit den Händen kurz

durch die Haare, als wolle sie überprüfen, ob alles an seinem

Platz sei. Dann sieht sie Cavi an und streichelt ihm sanft über

den Rücken.

Cavi, alles ist gut. Gib mir bitte meinen Beutel.


Er pustet erleichtert aus. Mit einer Flossenbewegung schiebt er

einen kleinen Beutel aus dunklem Leder zu ihr. Sie greift hinein.

Cavi hört ein kurzes Summen, und schon hat Tulina ein tintenblaues

Kleid mit einem weißen Ledergürtel an.

Tulina! Du siehst so lustig aus, so… ich dachte schon, es

wäre irgendetwas anders als sonst.

Sie lächelt ihn mit ihren grün funkelnden Augen an.

Mein Lieblingsseehund. Du denkst immer an meine Gesundheit,

nicht wahr? Guter Junge…

Sie beugt sich wieder zu ihm hinüber und streichelt seinen

glatten Kopf. Cavi schmiegt sich an ihre Hand, wobei sie seine

Barthaare kitzeln und gibt einen kleinen wohligen Heulton von

sich.

Heute ist eine wichtige Nacht, Cavi.

Tulina wendet ihr ebenmäßiges Gesicht kurz zum Himmel.

Dann schaut sie versonnen auf das Meer hinaus.

Ich habe es vernommen, Tulina, du….

Sie macht eine blitzschnelle streichende Handbewegung zu

ihm hin.

Sag das niemals zu mir, hier gehört es nicht hin, das weißt du!

Cavi ist sehr erschrocken, und er ist eifrig, manchmal zu sehr.

Sie tätschelt nun wieder beruhigend seinen Kopf. Er genießt die

Berührung unendlich. Tulina rollt sich auf die Seite und liegt nun

neben ihm. Träge stützt sie das Kinn auf den Handrücken und


linzelt ein wenig. Sie zieht die Nase kraus, als sie langsam von

links nach rechts den Strand entlang späht.

Hier sind wir nicht unter uns, weißt du.

Bei diesem Satz wirbelt Cavi herum, so schnell es sein Körper

vermag, und legt sich schützend vor Tulina.

Wenn Tulina so etwas sagt, hat es immer eine Bedeutung…

und sie ist wesentlich schneller darin, etwas zu spüren, als er.

So ist es auch heute wieder.

Eine Gestalt, noch undeutlich in der Ferne bei den Dünen, bewegt

sich langsam auf sie beide zu. Noch ist nichts weiter zu

erkennen als ein Schatten.

Tulina wirkt plötzlich angespannt. Sie steht mit einer geschmeidigen

Bewegung auf und späht, nun mit einer Hand über

den Augen, in Richtung des herannahenden Schattens.

Sie klatscht plötzlich aufgeregt in die Hände, und ihr rechter Fuß

stampft mehrfach leicht ungeduldig auf den Boden.

Es beginnt, hört Cavi von ihr. Endlich.

Und:

Wir haben unendlich lange gewartet.


DREI

HEUTE, NORDDEUTSCHE STADT, CITY

Jana Zeitzer sitzt bereits seit einer halben Stunde auf einer roten,

mit Staub verschmierten Stufe, gegenüber den Colonaden in der

City. Sie starrt, mit ihrem Kakaobecher in der Hand, auf das

trübe Wasser und ein paar weiße Schwäne, die fordernd auf Passanten

und deren Brotreste warten. Derart fordernd, dass Jana

bereits dumpfe Flüche hört, als sich eine kleine, gebeugte Frau

mit spärlichen grauen Locken klagend auf den Finger pustet.

Sie kann sich auf nichts konzentrieren und gönnt sich daher eine

ausgiebige Mittagspause. In der Redaktion ist jetzt gerade nicht

viel los gewesen. Der Streit mit Marten nimmt sie furchtbar mit,

aber sie wird den Teufel tun, ihn anzurufen. Sie muss in Ruhe

nachdenken, es bleibt nicht mehr allzu lange Zeit.

Plötzlich ein blauer Himmel. Die Wolken haben beschlossen,

woanders den Tag großflächig zu vermiesen. Sonnenlicht

schmettert gleißend auf die glatte Wasserfläche. Jana kneift die

Augen zusammen, die Sonnenbrille hat sie wegen des Streits auf

dem Küchentisch vergessen. Ihre gerunzelte Stirn zeigt jedem

sofort, was sie von Überraschungen hält, ob nun zum Wetter

oder zur Welt. Gerade fühlt sie sich noch so passend platziert an

diesem trüben Wasser, fast unmöglich, sich selbst noch zu fühlen,

wenn sie die Schwäne beobachtet. Automatisch trinkt Jana

einen Schluck.


Der Rest des Kakaos passt nicht mehr so gut zu ihr - erstens ist

er kalt geworden, zweitens macht er viel zu wach. Vielleicht sollte

sie auf eine der zig anderen Sorten, die es hier gibt, umsteigen,

vielleicht Schokolade Karamell von starbucks… wo Schokoladen

doch Endorphine freisetzen können. Und sich anschließend wie

ein schwabbeliger Gürtel symbiotisch um die Hüfte pressen.

Jana nimmt sofort von dieser Idee Abstand. Obwohl es ja

auch egal wäre.

Sie glaubt allerdings, es wären heute fünf Becher dazu nötig, um

auch nur ein einziges kleines, einsames Endorphin auf ihr Hirn

loszulassen. Und dies würde brüllend, einsam und ungehört dort

verharren. Also wozu der Aufwand und die Kosten. Abgesehen

vom Würgereiz. Ihr ist sowieso oft schon schlecht in den letzten

Tagen.

Fußgängerzone in der schönsten Stadt der Welt. Jana ist immer

und absolut dieser Meinung, obwohl sie heute wohl nichts aufmuntern

kann.

Wie sagt man seinem Mann eine wichtige Nachricht, wenn dieser

nur an seinen Job und diesen verfluchten Nordseekram denkt…

keine Chance, nie hat sie eine bei ihm. Monika, ihre beste Freundin,

die immer die Hände in die Hüften stemmt, wenn sie mit

ihr redet, hat ihr auch schon mehrfach gesagt, zwar gut gemeint,

aber trotzdem zynisch, verkleide dich doch mal als Krabbe oder

Seestern und er geht sicher begeistert auf die Knie vor dir. Jana,

blond, blass und schmal, geht eher nicht als Krabbe durch.


Haha. Danke, Monika.

Seit ein paar Minuten entsteht vor Jana ein kleines Muster.

Auf dem Boden. Im Staub der Stufen, heute morgen von

mindestens tausend fremden Füßen geprägt. Und nun abschließend

von ihren. Vor und zurück. Und im Kreis herum. Sie starrt

seit einer halben Stunde immer wieder darauf.

Wie passend.

Ein echtes Drecksmuster. Die Gedanken wühlen im Dreck.

Kann man nicht aus Kaffee- oder, richtiger, Kakaosatz lesen?

Ihr Becher mit dem lauwarmen Zeug dreht sich in ihrer zitternden

Hand fast wie von selbst, um den Inhalt zu dem netten Muster

am Boden zu gießen. Das macht es irgendwie auch nicht

künstlerischer.

Neben Jana guckt eine Frau mit Louboutin-Schuhen und grauem

Kostüm, die auf einem ausgebreiteten Taschentuch sitzt (size

zero, klar) missbilligend von oben herab. Oder sie würde es gerne,

denn sie ist sicher zwanzig Zentimeter kleiner als Jana, alleine

schon im Sitzen.

Janas starrer Blick in ihre Richtung scheint sie nachdrücklich

dazu zu bewegen, sich wieder ihrer eigenen Tasse zuzuwenden.

Als sie den Löffel nimmt und planlos rührt, hat Jana sie bereits

vergessen.

Aber dich nicht.

Dich nicht... Egal, wie kalt ich mich gerade fühle.


Der Gedanke greift wie eine Faust durch die Kleiderschichten

und packt zu.

Unwillkürlich fasst Jana sich an den Hals. So wie er es oft getan

hat, nur zum Spaß. Weil sie doch eigentlich sowieso diejenige ist,

die die Oberhand hat, wie Marten manchmal zärtlich gesagt hat.

Damals, als sie sich kennen lernten…

Deine Augen haben sich in mir fest gebrannt, sagte er. Aber

auch, dass er sein „Herz nicht draußen lassen“ könne. Wenn sie

beide es anfingen. Und er Angst hätte. Und er ihr daher nicht

geben könne, was sie sich wünsche...

Laberkram. Er wollte sie eigentlich nicht.

Dies bleibt immer in ihr.

Und sie erinnert sich noch zu gut an ihr Gefühl.

Er ist es.

Immer gewesen. Und immer noch.

Dieser Schmerz über diesen ersten Herzsatz zu Beginn ihrer Beziehung

ist so gewaltig, dass die Erinnerung daran Jana immer

noch den Hals zuschnürt.

Was ich möchte… darum ging es nie.

Wichtig ist doch nur, dass da etwas passiert ist, was eins zu

hunderttausend geschätzt wurde.

Wirklich nur von mir…?

Also, mal eben locker Tschüß zu sagen zu der wolkenkratzergroßen

Schokoladenportion ohne Hüftspeckanteil, womit sie Mar-


ten immer noch vergleichen kann, so blöde kann man doch gar

nicht sein! Männer.

Als Frau kann man eben nicht so blöde sein. Beruhigend.

Es besteht noch Hoffnung für die Menschheit.

Jana streicht sich mit der Hand über die Stirn. Kopfschmerzen

ohne Ende. Und immer wieder Streits wegen seines ständigen

Jobs… er will nicht mehr, sie spürt das. Jede Amöbe ist ihm wichtiger

als ich.

Wenn alles passt und genau das passiert, wonach man sich Jahre

gesehnt hat – und man(n) dann aus genau diesem Grund womöglich

lieber weitersucht – dann ist die Angst tatsächlich größer

als das Suhlen in der Wolkenkratzerschokolade.

Wahrscheinlich werde ich äußerlich zu einer warzigen Hexe,

wenn ich Bindungsfähigkeit signalisiere?

Aha, hier haben wir also wieder mal ein Beziehungsgestörtes

Exemplar, hört Jana sämtliche Frauenzeitschriften - aus dem off

- tönen. Die Freundinnen trauen sich das ja erst zu sagen, wenn

sie es selbst laut doziert. Da man selbst ja die Betroffene, beziehungsweise

die Abgeschossene, ist. Da nimmt man kollektive

Rücksicht. Mitleidig nickend. Man kennt das.

Oder Marten liebt sie eben nicht wirklich, sondern arrangiert

sich nur.

Da ist es oft schweinemäßig schwer, einem Mann Gefühle zu


entlocken, dann hat man sie irgendwann mühsam mit folternden

Diäten, teuren Friseurterminen und winzigen Dessous erkämpft

und es ist auch wieder nichts gewonnen.

Janas Fuß dreht keine Kreise mehr im Dreck vor ihr, sondern

formt einen Halbkreis rechtsherum, dann einen Halbkreis linksherum.

Sie zieht in der Mitte, unten, eine Spitze nach unten und

bringt so beide Halbkreise zusammen. Oben in der Mitte macht

sie das gleiche. Jetzt läuft langsam noch ein Kaffeestaubgemisch

in die Mitte.

Ein Symbol für das, was alle Frauen in den Hintern tritt, denkt

Jana.

Die Liebe. Also: ein Herz.

Wenn das nicht so ein todernstes Thema wäre, müsste die

Journalistin Jana fast glucksen.

Bei Themen wie „Erdbeben auf Haiti“, „Flugzeugunglück

mit dreihundert Toten“, „Massensterben der Lemminge“ oder

„glückliche Liebe“ ist Jana nun mal nicht zum Lachen.

Besonders bei dem Thema mit der glücklichen Liebe.

Hochexplosiv für beide Partner.

Liebe hält ja auch nur so lange, wie ein Zündkabel vor sich

hin zischt. Das liegt daran, dass jemand das Zündkabel anzündet

- und daran, dass leider auch jemand das Zündkabel darstellt…

Dann kommt das Übliche, einer ist tieftraurig, verzweifelt, verloren.

Und einer ist erleichtert und schaut nach vorne.

Auch ganz schön im Ungleichgewicht.


Vor allem für den abgebrannten Part.

Das Ruder rum reißen ist auch eine der Varianten. Möglicherweise.

Sich anpreisen wie eine Weihnachtsgans. Zeigen, dass es sich

lohnt, keine Angst vor ihr und keine Angst vor Nähe zu haben.

Kämpfen, kämpfen und nochmals kämpfen. Notfalls auch ohne

Kraft, aber mit vollem Geistes- und vor allem Körpereinsatz.

„So eine Scheiße“, würde Monika sagen. Ganz genau.

Ich sollte mehr wert sein als das. Zumindest mir selber. Aber um mich

allein geht es jetzt nicht mehr.

Jana weiß ganz genau, warum sie all dies durchdenkt. Sie muss

eine Entscheidung treffen.

Denn in ihrem Bauch wächst ihr und Martens Baby unaufhaltsam

heran – die Frucht ihrer im Moment furchtbar vereisten

Liebe.

Und Marten hat keine Ahnung, dass ich schwanger bin.

Jana sieht abwesend auf das sich leicht kräuselnde Wasser.

Die Schwäne schwimmen vor sich hin, satt geworden. Eine Ente

schwimmt zwischen ihnen.

Sie seufzt. Monika täte jetzt gut. Jana steht auf.

Die kleine unscheinbare, braune Ente legt den Kopf schief und

sieht Jana, die davon nichts bemerkt, genau in die Augen.


VIER

GESTERN, NORDSEE, OSTFRIESISCHE INSEL

Langsam senkt sich ein satter rötlicher Farbton wie ein Seidentuch

über den Strand. Der Sonnenuntergang ist jetzt ganz nah.

Cavi liegt wachsam vor Tulina, die ein paar Schritte zurückgegangen

ist, um besser sehen zu können. Die kleinen Ausläufer

der Wellen erreichen gerade ihre Fersen und spielen damit. Das

Meer färbt sich lila, und Cavi dreht den Kopf, um einen kurzen

Blick auf die wunderbare Farbe zu erhaschen.

Er wäre jedoch nie zu unvorsichtig, daher schnellt sein Kopf

nach wenigen Sekunden wieder in Richtung der Gestalt, die

langsam näher kommt.

Er beobachtet Tulina aus den Augenwinkeln, sie scheint noch

abzuwarten.

Cavi würde seine Bauchmuskeln anspannen, wenn er sie

denn spüren würde unter der dicken Speckschicht, die sein Körper

aufweist. Alternativ stützt er die Flossen kraftvoll auf den

weichen Sand und robbt etwas vorwärts.

Lach nicht, Tulina, ich habe es genau gehört…

Dass elegant etwas anders ist, weiß ich auch! Du weißt, dass

ich nichts dafür kann.

Hinter ihm fließt die Sonne langsam in den riesigen Wasserkelch.


Tulina und er haben nun nur noch kurz zu warten.

Die braunen Locken Tulinas wirbeln aufgeregt um ihre Wangen.

Der Wind hat sich gerade gelegt. Sie bückt sich zu Cavi und

reicht ihm einen kleinen Fisch, eine leckere Sprotte, wie Cavi

entzückt feststellt.

Du hast das ganz wunderbar gemacht. Ich kann mir keinen

besseren Wächter vorstellen. Danke, Cavi.

Nur dass du die Gestalten viel eher erkennst als ich, denkt

Cavi.

Cavi, du weißt, dass du deine Gedanken nicht vor mir verbergen

kannst…?

Tulina sieht ziemlich amüsiert aus.

Und Cavi würde erröten, wenn es möglich wäre.

Die Gestalt ist bereits wenige hundert Meter entfernt. Cavi weiß,

dass Tulina sie bereits erkannt haben muss, und entspannt sich.

Sie sieht die Dinge immer, wie sie wirklich sind.

Tulina erklärt es ihm geduldig:

Die Erscheinung einer Gestalt, Cavi, ist eben nur eine grobe

Hülle. Oder ein praktischer Mantel, das trifft es besser. Du wirst

noch sehen, wie ich etwas wahrhaft erkenne.

Der meerfeuchte Sand gluckst, als Tulina den festen Boden

verlässt und einen leichten Schritt nach vorne macht. Sie zieht

den zweiten Fuß schwerer und schleifend nach, bis im Sand hinter

ihr ein Muster wie von einer kleinen Harke entsteht.

Cavi rollt sich seitlich auf den Rücken, damit Tulina nicht

über ihn hinwegsteigen muss. Nun schaut er nach oben und


kann die leuchtenden Sterne beobachten. Selten kann er sie sehen

- so wie jetzt.

Er hört Tulina atmen, ein leicht rasselndes Geräusch, welches

ihm wohl bekannt ist. Tulina zieht heute die Luft ein wie ein

Mähdrescher, findet er.

Die vor kurzem noch blau aussehende Frau streicht sich eine

Haarsträhne hinter das nun hautfarbene Ohr und schaut ihn belustigt

an.

Du weißt doch, dass ich dich höre…?

Oh nein… Cavi stammelt entschuldigende Worte und nimmt

sich fest vor, seine Übungen künftig häufiger zu machen.

Nie wird er dies jedoch so gut beherrschen wie sie, denkt er

betrübt.

Weiter kommt er nicht in seinen Selbstvorwürfen, denn Tulina

klatscht ein Mal andächtig, wie in Zeitlupe in die Hände.

Ich grüße dich, Sirie. Möge dein Weg vollkommen gewesen sein.

Wo kommt die denn so plötzlich her?

Und dann noch die traditionelle Begrüßung? Hier? Cavi

staunt, erschrickt dann und blinzelt etwas, weil es vor ihm sehr

hell wird. Fast gleißend in der Dunkelheit.

Ich danke dir, Tulina. Das Ziel wird Vollkommenheit sein.

Tulina lächelt, schließt kurz die Augen und nickt.

Cavi schaut von einer zur anderen. Und nun auch die traditionelle

Antwort? Wer ist das? Nun schaut er genauer hin, doch


das fällt ihm irgendwie schwer, weil es vor ihm so blendet...

Vor ihm steht eine groß gewachsene Frau mit breiten Schultern

und langen Armen. Ihr Gesicht ist sehr ebenmäßig und schön

für eine Frau, so weit Cavi dies erkennen kann.

Gerade jetzt muss er an Pho denken - sie ist der schönste

weibliche Seehund, den er je gesehen hat – und Pho hat ihn sicher

noch nie bemerkt.

Sirie hat schwarze, funkelnde Augen.

Pho hat glitzernde rötliche Augen, wie eine Feuerqualle sehen

die aus.

Und manchmal benimmt sie sich tatsächlich auch so. Sie

schwimmt einfach vorbei, ohne ihn auch nur anzusehen, und

macht eine lässige Bemerkung über den eher winzigen Fisch,

den er mal wieder gefangen hat. Und meint, sogar der würde

seinen Bauchumfang noch vergrößern…

Cavi grinst. Also hat sie ihn doch schon einmal bemerkt!

Die Frau, die Sirie genannt wird, trägt einen graubraunen Umhang

und hat die Arme ausgebreitet, als wollte sie Tulina umarmen.

Jedoch wirkt die Bewegung abwartend, nicht auffordernd.

Sie trägt einen breiten grauen Haarreif mit einigen kleinen braunen

Federn darauf, hinter dem glatte, glänzend schwarze Haare

sichtbar werden. Ihre Füße sind ziemlich groß, und ein bisschen

breit. Sie ist barfuss und hat orange lackierte Zehennägel. Cavi

starrt darauf, und ihm wird etwas schwindelig.

Diese Füße sind eher nicht schön.


Dafür kassiert er sofort einen leicht vorwurfsvollen Blick von

Tulina und windet sich ein wenig hin und her. Na ja. Was denn?!

Sirie beugt sich zu Cavi herunter und streichelt beruhigend seinen

Bauch. Er liegt ja immer noch auf dem Rücken! Sehr peinlich,

daher muss er so komisch den Kopf verdrehen, um Siries

Gestalt erkennen zu können…

Ich grüße auch dich, Cavi. Alles ist gut.

Um Sirie herum flimmert nun ein sehr helles Licht. Und Cavi hat

den Eindruck, dass dieses Licht Geräusche von sich gibt.

Ja, wirklich, es summt! Cavi dreht sich endlich auf den Bauch.

Euer Diener bin ich, brummt er in einem leisen Heulton,

und sieht vorsichtig nach oben.

Sirie zieht eine schön geschwungene Augenbraue hoch.

Cavi, auch heute Nacht gelten die Regeln. Es ist wichtig, dies zu

beachten.

Cavi sieht demütig auf den Sand vor ihm. Vielleicht bringt es

was, wenn er mal ein paar Körnchen zählt und die kleine feuchte

Schnauze zumacht…er fühlt sich so… unvollkommen. Oder auch

einfach dusselig. Er versucht, mit einem seiner Barthaare ein

Sandkorn in eine bestimmte Richtung zu bewegen.

Damit ist er sicher eine Weile beschäftigt und kann nichts

mehr falsch machen. Ob man Sandkörner stapeln kann? Er pustet

vorsichtig.


Tulina tritt jetzt an Sirie heran und legt die rechte Hand auf Siries

linke Brust. Sie muss den Arm nach oben strecken, da Sirie so

groß ist.

Auch Tulina ist nun von dem Licht eingeschlossen. Der Ton, den

Cavi hört, wird heller. Er sieht nicht mehr zu den beiden hin.

Was jetzt kommt, irritiert ihn, er hat es bereits ein Mal gesehen.

Sirie breitet immer noch die Arme aus. Sie lächelt mit geschlossenen

Augen und dreht den Kopf langsam nach oben.

Tulina steht ganz still und wirkt so, als ob sie lauschen würde.

Sie fasst mit ihrer linken Hand nach Siries rechtem Handgelenk

und drückt mit Zeige- und Mittelfinger leicht auf die Innenseite.

Dann verharrt sie eine Minute lang, während sie die Augen geschlossen

hält. Der Summton wird stärker und das Licht vibriert

mit ihm.

Mit einer plötzlichen geschmeidigen Bewegung nimmt Tulina

beide Hände von Sirie, öffnet die Augen und geht einen

Schritt zurück. Sirie öffnet abrupt die Augen und das Licht um

sie beide herum erlischt. Der Summton ist nicht mehr zu hören.

Gut, ruft Tulina freudig aus. Sehr gut, geradezu perfekt, alles

ist im Takt!

Sirie atmet hörbar aus und lockert ihre Haltung. Sie setzt sich mit

einer fließenden Bewegung in den Sand.

Grmpf, brummt Cavi. Nun war sein geradezu perfekt von

ihm bewegtes Sandkorn dahin.

Sirie schaut aufmerksam in Tulinas leicht blasses, so junges


Gesicht.

Was ist euer Begehren? Ich bin sehr gespannt, warum ihr

mich gerufen habt.

Tulina setzt sich ebenfalls und streicht mit einer Hand über ein

paar kleine, graue Muscheln.

Kommt erst einmal zur Ruhe nach eurer langen Reise. Ich werde

euch alles berichten. Habt ihr Hunger?

Ein wenig. Unterwegs gab es natürlich eher nichts, was ich zu

mir nehmen könnte…ihr wisst…

Ich verstehe. Dann wird euch vielleicht dies hier eine kleine

Erfrischung sein, bevor euch später ein richtiges Mahl gereicht

werden wird.

Tulina greift mit der Hand in ihren ledernen Beutel und zieht

etwas heraus, dass Cavi bekannt vorkommt und salzig nach Meer

duftet. Sie bietet etwas davon Sirie aus ihrer blassen Hand an, die

erfreut gluckst und sofort zugreift.

Es sind kleine, dunkelgrüne Algen, durchsetzt mit ein paar

Schnecken.

Sirie kaut mit Genuss, springt dann auf und geht zum Meer,

um aus der hohlen Hand etwas Wasser zu schöpfen. Sie trinkt

einige Schlucke, erhebt sich und starrt auf die See hinaus.

Sirie kneift die Augen zusammen, doch sie erspäht nichts als

Wellen und Schaumkronen und ein paar Möwen.

Sie sieht Tulina plötzlich wieder an.

Seid ihr hier auch sicher? Die, die euch verfolgen, sind vie-


le…und dunkel. Sie zittert leicht.

Tulina seufzt.

Zumindest heute Nacht. Der Wächter würde es sofort spüren.

Ich schlage vor, wir sprechen jetzt über das, was nun an der

Zeit ist. Um den Wächter nicht zu beunruhigen, werden wir uns

der Augensprache bedienen.

Sirie nickt ernsthaft, und Tulina beginnt sofort, zu senden…


Impressum

© 2013 Despina Muth-Seidel

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN: 9783734700019

Herstellung und Verlag:

BoD - Books on Demand,

Norderstedt

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