Dr. Markus L. Schlagnitweit

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Tabuthema: Geld

oder

Die Finanzwirtschaft –

ethisch betrachtet

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Kath. Sozialakademie Österreichs – ksoe

A – 1010 Wien, Schottenring 35/DG

www.ksoe.at / www.schlagnitweit.at

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1. ANALYSE / SEHEN

Funktionen von Geld

● Austausch von Gütern & Dienstleistungen

● Werthortung

● Kapital (→ Vorfinanzierung wirtschaftl. Aktivitäten)

● Ware (→ Vermögenszuwachs)

Diese Funktionen entsprechen einer inneren Logik der

aktuellen „Konstruktion“ von Geld!

„Geld ist das, was der Mensch sagt, dass Geld ist.“

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1. ANALYSE / SEHEN

Funktionen von Finanzmärkten

Finanzmärkte erfüllen wesentliche realwirtschaftl. Funktionen:

● Finanzierung der Erzeugung / des Konsums

von Waren und Dienstleistungen (→ Kredit- /WP-Märkte)

● Währungstausch für internationalen Handel und Investitionen (→

Devisenmärkte)

● Entwicklungsfinanzierung (→ Kredit-/WP-/Devisen-Märkte)

Diese Funktionen haben aber relativ an Bedeutung verloren!

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1. ANALYSE / SEHEN

Entwicklung der Finanzmärkte (1)

1944 Bretton Woods-Abkommen:


Finanzmärkte der Realwirtschaft untergeordnet


System fixer Wechselkurse


Kapitalverkehrskontrollen


Gründung von IWF und Weltbank

1971/73 Zusammenbruch des Bretton Woods-Systems:


Liberalisierung und Deregulierung


kombiniert mit der Informationstechnologie-Revolution


Veränderung der Struktur / Funktionsweise der Finanzmärkte

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1. ANALYSE / SEHEN

Entwicklung der Finanzmärkte (2)

seit den 1970er Jahren:

Von der Finanzierungs- zur Handelsfunktion







Anstieg der Volumina: Devisen, Derviate, Aktien

Konzentration der Akteure: institutionelle Anleger

Neue Akteure: Hedge Funds

Neue Finanzprodukte: Derivate, Verbriefung von Krediten

(Asset Backed Securities), Nahrungsmittel und Rohstoffe

Kapitalflüsse in Schwellen- und Entwicklungsländer

Kurzfristigkeit („High Frequency Trading“)

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1. ANALYSE / SEHEN

Entwicklung der Finanzmärkte (3)


Probleme:

Abkoppelung der Finanzmärkte von der Realwirtschaft, aber

Rückwirkungen auf diese: Wechselkurse, Zinssätze, Aktienkurse,

Ratings, Nahrungsmittelpreise etc.


Instabilität →Finanzkrisen


Ungleiche Verteilung → moralisches, soziales und ökonomisches

Problem: Überliquidität


Machtanstieg


Unternehmenspolitik → Shareholder-Value


Politik von Nationalstaaten → Exit-Option, Rating-Agenturen


Kapital entzieht sich seiner Verantwortung → Steueroasen /

Steuerwettbewerb

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2. URTEILEN

Die Wirtschaftskrise

• Die Krise als „unkontrollierbarer Ausgleichsvorgang“

(Erhard Glötzl)

* kommt auch in anderen Systemen / in der Natur vor

(z.B. Erdbeben, Blitzentladung etc.)

* ausgelöst durch (exponentiell) wachsende

Ungleichheiten

• Entkoppelung von Real- und Finanzwirtschaft

annähernd lineares BIP-Wachstum exponentielles

Wachstum von Schulden, Guthaben und Kapitaleinkommen

(Da aufgrund der dadurch (relativ) sinkenden Arbeitseinkommen auch die

Massennachfrage sinkt, wird überschüssiges Kapital nicht mehr in der

Realwirtschaft sondern an den Finanzmärkten investiert, was zur weiteren

Aufblähung der Finanzwirtschaft führt.)

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2. URTEILEN

Zusätzlich verstärkende Faktoren

für das exponentielle Wachstum der Finanzwirtschaft:

• Niedrigzins-Politik mit dem Ziel, Geld für die Realwirtschaft zur

Verfügung zu stellen, das aber zu einem großen Teil in die

Finanzwirtschaft geflossen ist.

• Zulassung von „innovativen“ Finanzprodukten und „innovativen“

Bewertungsverfahren, die enorme Gewinne ermöglicht haben.

• Fehlen von sonstigen Regulierungen in Hinblick auf

Managerprovisionen, Herdentrieb, Gier, Betrug, Werbung usw.

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2. URTEILEN

Unkontrolliertes Wachstum der Finanzwirtschaft?

1. Hauptsatz der Volkswirtschaftslehre: Eine geschlossene

Volkswirtschaft ist im Gleichgewicht, wenn die Summe aller

Schulden stets gleich hoch wie die Summe aller Guthaben ist.

Die Gesamtheit der durch Zinseszins entstandenen Schulden kann nur in

dem Ausmaß abgebaut werden, in dem die Gläubiger bereit sind, ihre durch

Zinseszins entstandenen Guthaben abzubauen und damit Waren oder

Dienstleistungen der Schuldner zu kaufen.

ABER: Das Interesse der Gläubiger am Wachstum der Guthaben ist

im Durchschnitt größer als das Interesse an Konsum oder Investition.

2. Hauptsatz der Volkswirtschaftslehre: In einer geschlossenen

(ungestörten) Volkswirtschaft wächst die Summe aller Schulden

bzw. Guthaben (annähernd exponentiell).

Die Summe aller Schulden bzw. Guthaben kann nur durch

unkontrollierbare Ausgleichsvorgänge wie Finanz- oder Wirtschaftskrisen,

Hyperinflation und Währungsreform oder Krieg abgebaut werden – oder

durch Politik.

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2. URTEILEN

ZIEL DER POLITIK: Erzeugung allgemeinen Wohlstands / Gemeinwohl

Dazu muss eine Gesellschaft

sowohl das Produktions- als auch das Verteilungsproblem lösen.

• Hochkulturen entstehen, wenn das Produktionsproblem gelöst wird.

• Hochkulturen gehen unter, wenn das Verteilungsproblem nicht gelöst wird.

Historische Maßnahmen:

Es hat immer wieder Versuche zur Beschränkung übermäßiger Kapitaleinkommen

gegeben, um damit das Verteilungsproblem zu lösen, die sich allerdings als

untauglich / ungenügend erwiesen haben:

* Zinsverbot (Judentum, Christentum, Islam), weil Kredite notwendig sind

* Totale Kapitalregulierung (Zunftwesen), weil Wirtschaftsdynamik unterbunden wurde

* Verbot von privatem Kapital (Marxismus), weil Leistungsanreize notwendig sind

* Exponentielles Wachstum (Neoliberalismus), weil exponentielles Wachstum dauerhaft

nicht möglich ist

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2. URTEILEN

Politische Maßnahmen

Grundsatz:

Ein dynamisches System (Wirtschaft) mit positiven

Rückkopplungen (Kapitaleinkommen) braucht zur Stabilisierung

• negative Rückkopplungen → Steuern

• Dämpfungselemente → Regulierungen

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3. HANDELN: Steuern

Progressive Kapitalbesteuerung

Um die Stabilität unseres Wirtschaftssystems zu erhalten,

ist die (progressive) Besteuerung von Kapital (Vermögen,

Einkommen, Finanztransaktionen usw.) notwendig – und

zwar in einer Höhe, dass die Kapitaleinkommen nicht

schneller wachsen als das BIP.

Voraussetzungen dafür sind:

•die vollständige Aufhebung des Bankgeheimnisses

•eine internationale Steuerharmonisierung

•Kapitalverkehrskontrollen/-beschränkungen

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3. HANDELN: Regulierungen

Regulierungen auf Makro-Ebene (1)

Neuordnung des Weltwährungssystems für den

internationalen Zahlungsausgleich im Sinne vom

Keynes-Plan von Bretton Woods1944:

• Neutrale (vom Dollar unabhängige) Leitwährung

• Deckung durch Forderungen auf einen

Warenkorb international gehandelter Waren

oder politisch festgelegt

• Regulierte Zinsraten für Schulden und Guthaben

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3. HANDELN: Regulierungen

Regulierungen auf Makro-Ebene (2)

Schaffung einer internationalen

Finanzmarktaufsicht mit Exekutivmacht

• Finanzprodukte müssen hinsichtlich Genehmigung, Kontrolle,

Sicherheit und Haftung Realprodukten weitgehend gleichgestellt

werden. Damit soll erreicht werden, dass nur solche Finanzprodukte

ermöglicht werden, die für die Realwirtschaft notwendig sind und damit

einen Mehrwert schaffen.

• Finanzprodukte, die vorwiegend der Umverteilung von

Uninformierten hin zu Informierten dienen, müssen verboten /

kriminalisiert werden.

• Ebenso sind Spekulationspraktiken, die das Gemeinwohl schädigen,

weil sie destabilisierend wirken und nur der Bereicherung einzelner

Gruppen dienen (z.B. Leveraging, Leer(ver)käufe, etc.), zu

kriminalisieren.

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3. HANDELN: Regulierungen

Regulierungen auf Makro-Ebene (3)

Kontrolle des gesamten Kapitalverkehrs

• Verbot von Finanztransaktionen mit Staaten, die sich nicht

internationalen Standards unterwerfen (Steueroasen).

• Einführung einer Finanztransaktionssteuer zur wirksamen

Eindämmung kurzfristiger Spekulation.

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3. HANDELN: Regulierungen

Regulierungen auf Meso-Ebene (1)

a) Neustrukturierung des Bankensektors

• Geschäftsbanken zur Versorgung der Realwirtschaft mit Geld für

Investitionen – als Teil der Daseinsvorsorge öffentlich/demokratisch/

genossenschaftlich organisiert. Die öffentliche Organisation ist nötig,

weil öffentliche Unternehmen andere Geschäftsziele haben als

private, nämlich langfristige und kostengünstige Sicherstellung von

Infrastruktur im Gegensatz zu kurzfristiger Gewinnmaximierung.

• Investmentbanken: Verbot einer Refinanzierung bei Geschäfts- und

Infrastrukturbanken; hohe Besteuerung ( niedrige Zinsen auf

Einlagen, hohe Zinsen auf Kredite); keine staatl. Einlagensicherung.

• Infrastrukturbanken ausschließlich für Infrastruktur-Investitionen der

öffentlichen Hand zu besonders niedrigen Zinsen. Die Zinssätze

müssen durch Einnahmen des Staates (progressive Kapitalsteuern)

gestützt werden.

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3. HANDELN: Regulierungen

Regulierungen auf Meso-Ebene (2)

b) Reform des Bankwesens

• Vollständige und umfassende Aufhebung des Bankgeheimnisses.

• Reform der Bilanzierungsvorschriften: Die Bilanzierungsvorschriften

nach IFRS ermöglichen ungedeckte und ungerechtfertigte

Bewertungsgewinne in hohem Ausmaß. Bilanzierung nach dem

Vorsichtsprinzip (HGB) muss wieder zum Standard werden.

• Direkte Kreditschöpfung durch die Notenbank (wie in USA) sollte der

EZB ermöglicht werden, allerdings nur für staatliche

Infrastrukturbanken.

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3. HANDELN: Regulierungen

Regulierungen auf Mikro-Ebene

a) Reform der Anreizstrukturen auf Unternehmensebene

• Verbot von Kurswert-orientierten Management-Vergütungen (Boni)

• Evt. alternative Prämiensysteme auf Basis ethisch-nachhaltiger

Performance-Werte.

b) Ethisch-orientiertes Investment

• Geldveranlagung der öffentlichen Hand nach ethisch-nachhaltigen

Kriterien, auf die sich der betreffende Staat bereits verpflichtet hat.

• Ebenso ist die staatliche Förderung von Vorsorgeprodukten an

dieselben Kriterien zu binden.

• (Selbst-)Verpflichtung institutioneller Investoren

(Religionsgemeinschaften, Gewerkschaften, Pensionskassen etc.)

• Individuelle Veranlagung

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Aufmerksamkeit !

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