WIE KANN DIE REGIONAL- UND KOHÄSIONSPOLITIK ... - Europa

europarl.europa.eu

WIE KANN DIE REGIONAL- UND KOHÄSIONSPOLITIK ... - Europa

GENERALDIREKTION INTERNE POLITIKBEREICHE

FACHABTEILUNG B: STRUKTUR- UND KOHÄSIONSPOLITIK

REGIONALE ENTWICKLUNG

WIE KANN DIE REGIONAL- UND

KOHÄSIONSPOLITIK DIE

DEMOGRAFISCHEN

HERAUSFORDERUNGEN MEISTERN?

STUDIE


Dieses Dokument wurde vom

Parlaments in Auftrag gegeben.

Ausschuss für regionale Entwicklung des Europäischen

VERFASSER

Projektleitung: Manuela Samek Lodovici (IRS)

Operative Koordinatorin: Monica Patrizio (IRS)

IRS, Institut für Sozialforschung (Mailand): Manuela Samek Lodovici, Claudio Calvaresi,

Davide Barbieri, Sandra Naaf (Thüringen, Deutschland), Monica Patrizio, Flavia Pesce

(Thüringen, Deutschland, und Basilicata, Italien), Cristina Vasilescu (Centru, Rumänien),

Giulia Rossi (Basilicata, Italien), Gabriele Solazzi, Maria Letizia Tanturri.

CSIL, Zentrum für Industriestudien (Mailand): Silvia Vignetti, Gelsomina Catalano

(Lincolnshire, Vereinigtes Königreich), Julie Pellegrin, Davide Sartori (Castilla La Mancha,

Spanien), Emanuela Sirtori (Province de Liège, Wallonien, Belgien, Malta).

PPMI, Public Policy and Management Institute (Vilnius): Brozaitis Haroldas, Krystyna Iglicka

(Loer Silesian, Polen), Lisa Hörnström (Östra Mellansverige, Schweden), Repeckaitė Dovilė

Žvalionytė (Litauen)

ZUSTÄNDIGE BEAMTIN

Dr. Esther Kramer

Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

Europäisches Parlament, B-1047 Brüssel

E-Mail: poldep-cohesion@europarl.europa.eu

REDAKTIONELLE MITARBEIT

Nóra Révész

SPRACHFASSUNGEN

Original: EN

Übersetzungen: DE, FR

ÜBER DEN HERAUSGEBER

poldep-

Kontakt zur Fachabteilung oder Bestellung des monatlichen Newsletters:

cohesion@europarl.europa.eu

Redaktionsschluss: September, 2013.

© Europäische Union, 2013.

Dieses Dokument ist im Internet unter folgender Adresse abrufbar:

http://www.europarl.europa.eu/studies

HAFTUNGSAUSSCHLUSS

Die hier vertretenen Auffassungen geben die Meinung des Verfassers wieder und

entsprechen nicht unbedingt dem Standpunkt des Europäischen Parlaments.

Nachdruck und Übersetzung der Veröffentlichung – außer zu kommerziellen Zwecken – mit

Quellenangabe gestattet, sofern der Herausgeber vorab unterrichtet und ihm ein Exemplar

übermittelt wird.


GENERALDIREKTION INTERNE POLITIKBEREICHE

FACHABTEILUNG B: STRUKTUR- UND KOHÄSIONSPOLITIK

REGIONALE ENTWICKLUNG

WIE KANN DIE REGIONAL- UND

KOHÄSIONSPOLITIK DIE

DEMOGRAFISCHEN

HERAUSFORDERUNGEN MEISTERN?

Kurzfassung

STUDIE

In dieser Studie wird ein Überblick über die regionalen demografischen Strukturen

und Tendenzen in der EU vermittelt, wobei ihre voraussichtlichen Auswirkungen auf

den sozioökonomischen und territorialen Zusammenhalt und die Rolle der

Kohäsionspolitik bei der Bewältigung des demografischen Wandels im Mittelpunkt

stehen. Es wird im Detail analysiert, wie und in welchem Ausmaß die europäische

Kohäsionspolitik und Strukturfonds auf den demografischen Wandel auf regionaler

Ebene im Zeitraum 2007-2013 reagiert haben, um daraus nützliche Anhaltspunkte

abzuleiten, wie die Maßnahmen der Kohäsionspolitik im künftigen Programmplanungszeitraum

(2014-2020) noch wirksamer gestaltet werden können. Die Studie

beinhaltet eine Literatur- und Datenanalyse zu demografischen und räumlichen

Tendenzen in den EU-Regionen und den wichtigsten politischen Entwicklungen; eine

Überprüfung der Programmplanungsdokumente der Kohäsionspolitik für den

Zeitraum 2007-2013; eine umfassende Feldanalyse von zehn regionalen Fallstudien

und bewährten Praktiken sowie eine Abgleichung der wesentlichen Ergebnisse mit

dem Ziel, Schlussfolgerungen ziehen zu können und politische Empfehlungen für den

Programmplanungszeitraum 2014-2020 abzugeben.

IP/B/REGI/FWC/2010-002/LOT05-C01-SC01 2013

PE 513.981

DE


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

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INHALT

LISTE DER ABKÜRZUNGEN 5

TABELLENVERZEICHNIS 9

ABBILDUNGSVERZEICHNIS 11

VERZEICHNIS DER TEXTKÄSTEN 13

ZUSAMMENFASSUNG 15

EINLEITUNG 19

1 DEMOGRAFISCHE HERAUSFORDERUNGEN IN EUROPA:

ALLGEMEINE TENDENZEN UND REGIONALE BESONDERHEITEN 21

1.1 Das rückläufige Wachstum und der erwartete künftige Rückgang der

europäischen Bevölkerung 23

1.2 Die bedeutende Rolle der internationalen Migration für

Bevölkerungswachstum und -zusammensetzung 28

1.3 Die Herausforderung der alternden Bevölkerung 31

1.4 Niedrige Geburtenrate und späte Elternschaft: das kinderarme Europa 35

1.5 Ein längeres Leben für die Europäer 41

1.6 Demografischer Wandel: eine große Herausforderung für die Politik der

Europäischen Union 48

2 DEMOGRAFISCHER WANDEL UND TERRITORIALE

POLITIKANSÄTZE 57

2.1 Verlagerung der europäischen Bevölkerung in städtische Gebiete 58

2.2 Demografischer Wandel in Berggebieten 66

2.3 Demografischer Wandel in dünn besiedelten Gebieten 71

2.4 Herausforderungen, Politiken und Projekte in verschiedenen Gebieten 74

3 DIE ROLLE DER KOHÄSIONSPOLITIK IM

PROGRAMMPLANUNGSZEITRAUM 2007-2014 81

3.1 Die Rolle der EU-Kohäsionspolitik bei der Bewältigung der demografischen

Herausforderungen 83

3.2 Die Rolle der Kohäsionspolitik bei der Bewältigung der demografischen

Herausforderungen gemäß Internalisierung in nationalen

Programmplanungsdokumenten 96

4 DER BEITRAG DER KOHÄSIONSPOLITIK ZUR BEWÄLTIGUNG DES

DEMOGRAFISCHEN WANDELS - FALLSTUDIEN 111

4.1 Die Auswahlkriterien für die Fallstudien 112

4.2 Die ausgewählten Fallstudien: sozioökonomische Bedingungen,

demografische Herausforderungen und politische Reaktionen 121

4.3 Der Beitrag der Kohäsionspolitik zur Bewältigung des demografischen

Wandels in den ausgewählten Fallstudien 136

4.4 Hinweise für den Programmplanungszeitraum 2014-2020 in den

ausgewählten Fällen 172

3


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

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5 ALLGEMEINE SCHLUSSFOLGERUNGEN UND AUSWIRKUNGEN AUF

DIE POLITIKGESTALTUNG 181

5.1 Wichtigste Erkenntnisse 182

5.2 Auswertung der gewonnenen Erfahrungen 193

5.3 Auswirkungen auf die Politikgestaltung 194

LITERATURVERZEICHNIS 199

ANHANG 1

1

Die 10 regionalen Fallstudien sind in einem separaten Anhang zu dieser Studie erschienen (auf Englisch

verfügbar).

4


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

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LISTE DER ABKÜRZUNGEN

BAUM

BG

BIP

BMVBS

BSR

CVP

DART

Bratislava Umland Management (Bratislava Územný Manažment)

Hochschule „Bishop Grosseteste“

Bruttoinlandsprodukt

Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung

Ostseeregion (Baltic Sea Region)

Cruz vermelha portuguesa (Portugiesisches Rotes Kreuz)

Bevölkerungsrückgang, Alterung und regionale Transformation

(Declining, Ageing and Regional Transformation)

DSLSV Entwicklungsstrategie der Woiwodschaft Niederschlesien

(Development Strategy for the Lower Silesian Voivodship)

EFRE

EK

Europäischer Fonds für regionale Entwicklung

Europäische Kommission

ELER Europäischer Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des

ländlichen Raums

EP

EPA

ESF

ESPON

EU

EU-15

EU-25

EU-27

EUA

EUR

Europäisches Parlament

Europäisches Patentamt

Europäischer Sozialfonds

Beobachtungsnetz für die europäische Raumordnung (European

Observation Network for Territorial Development and Cohesion)

Europäische Union

Europäische Union mit 15 Mitgliedstaaten

Europäische Union mit 25 Mitgliedstaaten

Europäische Union mit 25 Mitgliedstaaten

Europäische Umweltagentur

Euro

FILET Förderinitiative Ländliche Entwicklung in Thüringen 2007-2013

FOCI

FuE

GD

GD AGRI

Future Orientations for CIties (Zukunftsorientierungen für Städte)

Forschung und Entwicklung

Generaldirektion der Europäischen Kommission

Generaldirektion für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung der

Europäischen Kommission

5


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

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GD REGIO

Generaldirektion Regionalpolitik der Europäischen Kommission

GEOSPECS Geographische Besonderheiten und Entwicklungspotenziale in

Europa (Geographic Specificities and Development Potentials in

Europe)

GFS

GFZ

Gemeinsame Forschungsstelle

Gesamtfruchtbarkeitsziffer

GRW Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der regionalen

Wirtschaftsstruktur“

HMR

IAS

IKT

KF

KMU

LAG

LAU2

LEP

LUZ

MOEL

MS

NEET

NRO

NSRP

NUTS

NUTS 1

NUTS 2

NUTS 3

OECD

OP

Reform des Wohnungsmarktes (Housing Market Renewal)

Social Action Institute (Institut für soziale Aktivitäten)

Informations- und Kommunikationstechnologie

Kohäsionsfonds

Kleine und mittlere Unternehmen

Lokale Aktionsgruppe

Ebene 2 der lokalen Verwaltungseinheiten (Local Area Unit 2 level)

Local Enterprise Partnership (Lokale Unternehmenspartnerschaft)

Stadtregion (Larger Urban Zone)

Mittel- und osteuropäische Länder

Mitgliedstaat

Jugendlicher, der weder in Arbeit noch in Ausbildung ist ( Not in

Employment, Education and Training)

Nichtregierungsorganisation

Nationaler strategischer Rahmenplan

Gemeinsame Klassifikation der Gebietseinheiten für die Statistik

(Nomenclature des unités territoriales statistiques)

Ebene 1 der Gemeinsamen Klassifikation der Gebietseinheiten für

die Statistik

Ebene 2 der Gemeinsamen Klassifikation der Gebietseinheiten für

die Statistik

Ebene 3 der Gemeinsamen Klassifikation der Gebietseinheiten für

die Statistik

Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

Operationelles Programm

6


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

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OP DoHR

OP EG

OP HC

OP Poc

Operationelles Programm zur Entwicklung der Humanressourcen

2007-2013 (Operational Programme for the Development of Human

Resources 2007–2013)

Operationelles Programm für Wirtschaftswachstum (Operati onal

Programme for Economic Growth)

Operationelles Programm Humankapital

Operationelles Programm „Förderung des Zusammenhalts“ für den

Zeitraum 2007-2013 (Operational Programme for Promotion of

Cohesion for 2007–2013)

PA 2 Prioritätsachse 2

PADIMA

ROP

RSRF

SF

SWOT

TND

VB

Strategien gegen Entvölkerung der Berggebiete (Policies against

depopulation in mountain areas)

Regionales Operationelles Programm

Regionaler strategischer Rahmenplan (Regional Strategic Reference

Framework)

Strukturfonds

Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken (Strengths, Weaknesses,

Opportunities and Threats)

Thüringer Netzwerk Demografie

Verwaltungsbehörde

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Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

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Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

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TABELLENVERZEICHNIS

Tabelle 1

Beitrag von natürlicher Bevölkerungsentwicklung und Nettomigration (und

statistischer Anpassung) zum Bevölkerungswandel, 2011 25

Tabelle 2

Ausländeranteil nach Gruppen des Herkunftslands (absolute Werte und als Anteil

der Gesamtbevölkerung), 31. Dezember 2008 30

Tabelle 3

Altersstruktur der Bevölkerung nach hauptsächlichen Altersgruppen, 1991 und

2011 (in %) 31

Tabelle 4

Indikatoren für die Altersstruktur der Bevölkerung, 2011 32

Tabelle 5

Gesamtfruchtbarkeitsziffer und Durchschnittsalter bei der Entbindung in der EU-

27, 2002-2009. 36

Tabelle 6

Lebenserwartung bei der Geburt in den EU-27-Ländern 1980-2011 für Männer

und Frauen 43

Tabelle 7

Lebenserwartung der 65-Jährigen und Lebensjahre bei guter Gesundheit in den

EU-27-Ländern 2009. Frauen und Männer. 46

Tabelle 8

Bevölkerung nach der Typologie der städtischen und ländlichen Räume,

1.1.2011**** 59

Tabelle 9

Bevölkerungsveränderung pro 1000 Einwohner nach der Typologie der

städtischen und ländlichen Räume, 2010 60

Tabelle 10

Bevölkerungszahlen und –dichte in und außerhalb von Berggebieten und auf

einzelstaatlicher Ebene für die Staaten der EU-27 für das Jahr 2008 66

Tabelle 11

Änderung der Bevölkerungsdichte (%) nach Land, innerhalb und außerhalb von

Gebirgsmassiven, zwischen 1990 und 2005 67

Tabelle 12

Bevölkerungsdichte in Küstengebieten (LAU 2 weniger als 45 Minuten von der

Küste entfernt oder direkt an die Küste angrenzend), Einwohner pro km 2 73

9


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

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Tabelle 13

Vorrangige Themen für die Bewältigung des demografischen Wandels im

Programmplanungszeitraum 2007-2013 86

Tabelle 14

Demografierelevante politische Sachverhalte und Bevölkerungsziele in der

Kontextanalyse nach NSRP 97

Tabelle 15

Verweis auf demografische Herausforderungen in Strategie, Zielen und

Maßnahmen nach thematischen Schwerpunkten 102

Tabelle 16

Regionscluster, ausgewählte Fallstudien und Begründung 115

Tabelle 17

Wichtigste sozioökonomische und demografische Bedingungen in den

ausgewählten Fallstudien 121

Tabelle 18

Wichtigste politische Maßnahmen auf dem Gebiet des demografischen Wandels 126

Tabelle 19

Kohäsionspolitische Maßnahmen, mit denen in den Fallstudien der demografische

Wandel angegangen wird 138

Tabelle 20

Ausgewählte Maßnahmen im Verhältnis zum demografischen Wandel 149

Tabelle 21

Die ausgewählten Beispiele guter Praxis 155

10


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

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ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Abbildung 1

Bevölkerungsentwicklung nach Faktor (nicht bereinigte Jahresraten), EU -27,

1960-2011 24

Abbildung 2

Faktoren des Bevölkerungswachstums in den Regionen der EU-27 im Zeitraum

2008-2030 26

Abbildung 3

Zahl der Regionen mit voraussichtlichem Bevölkerungszuwachs oder

Bevölkerungsrückgang, nach Ländern geordnet, Zeitraum 2008-2030 27

Abbildung 4

Verhältnis zwischen der Erwerbsbevölkerung, die in den kommenden 10 Jahren

potenziell in den Arbeitsmarkt eintreten wird (Altersgruppe der 20-29-Jährigen),

und der Erwerbsbevölkerung, die im gleichen Zeitraum aus dem Arbeitsleben

ausscheidet (Altersgruppe der 55-64-Jährigen), nach Region. 34

Abbildung 5

Geburtenrate [Zahl der Lebendgeburten pro Frau], 2011 38

Abbildung 6

Durchschnittliche Lebenserwartung bei der Geburt in der EU-27, Regionalebene,

2011 42

Abbildung 7

Lebenserwartung der 65-Jährigen in den EU-27-Ländern 2011. Frauen und

Männer. 45

Abbildung 8

Bevölkerungsveränderung in verschiedenen Typen städtischer Gebiete 2001-

2004 61

Abbildung 9

Bevölkerungsentwicklung bei den europäischen Großstädten 1991-2008. 63

Abbildung 10

Demografische Entwicklungen der Kernstädte und Außenbezirke, 2000-2005 64

Abbildung 11

Differenz zwischen Gebirgsmassiven und dem Landesdurchschnitt in Bezug auf

Bevölkerungsanteile der Altersgruppe unter 15 Jahren 69

Abbildung 12

Differenz zwischen Gebirgsmassiven und dem Landesdurchschnitt in Bezug auf

Bevölkerungsanteile der Altersgruppe über 59 Jahren 70

Abbildung 13

Verhältnis zwischen dem Anteil junger und alter Menschen in den dünn

besiedelten Gebieten und in ihren jeweiligen Ländern 72

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Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

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Abbildung 14

SF-Mittelzuweisung für Maßnahmen im Zusammenhang mit dem demografischen

Wandel nach vorrangigem Thema (2007-2013). % der gesamten SF-Zuweisung 88

Abbildung 15

SF-Mittelzuweisung für Maßnahmen im Zusammenhang mit dem demografischen

Wandel nach Land (2007-2013). 89

Abbildung 16

SF-Mittelzuweisung für Maßnahmen im Zusammenhang mit dem demografischen

Wandel nach Land und voraussichtliche Auswirkungen (2007-2013) 90

Abbildung 17

SF-Mittelzuweisung für Maßnahmen im Zusammenhang mit dem demografischen

Wandel nach Regionen (2007-2013) 91

Abbildung 18

SF-Mittelzuweisung für Maßnahmen im Zusammenhang mit dem demografischen

Wandel nach Tätigkeitsbereich (2007-2013). 94

Abbildung 19

SF-Zuteilungen für Maßnahmen zur Bewältigung des demografischen Wandels,

nach Gruppen 120

Abbildung 20

Sozioökonomische Indikatoren in den ausgewählten Regionen, 2007-2011 124

Abbildung 21

Demografische Indikatoren in den ausgewählten Regionen, 2007-2011 125

Abbildung 22

Anteil der Mittel aus den Sozialfonds an den in den ausgewählten Regionen

insgesamt zugewiesenen Mitteln, die mit dem demografischen Wandel in

Verbindung standen (Zeitraum 2007-2013) 142

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Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

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VERZEICHNIS DER TEXTKÄSTEN

Kasten 1

Beispiele für Entwicklungsstrategien mit besonderem Augenmerk auf

demografischen Herausforderungen 130

Kasten 2

Strategien, mit denen der demografische Wandel direkt angegangen wird:

Litauen und Thüringen (Deutschland). 132

Kasten 3

Ein gutes Beispiel aus der Praxis für die Integration von Kohäsionspolitik und

nationalen/regionalen Strategien 147

Kasten 4

Eine bewährte Verfahrensweise in der Bereitstellung von

Gesundheitsfürsorgeprogrammen 160

Kasten 5

Eine bewährte Verfahrensweise bei der Unterstützung von

Altersmanagementverfahren in KMU 160

Kasten 6

Ein bewährtes Verfahren für die Unterstützung lokaler Entwicklungsprojekte

von jungen Menschen 161

Kasten 7

Beispiele guter Praxis zur Unterstützung familienfreundlicher Maßnahmen in

privatwirtschaftlichen Unternehmen 163

Kasten 8

Ein bewährtes Verfahren zur Unterstützung der Rückkehr junger Fachkräfte 165

Kasten 9

Ein Beispiel guter Praxis für die Unterstützung junger Unternehmen 167

Kasten 10

Eine bewährte Verfahrensweise zur Unterstützung der städtischen Erneuerung 171

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Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

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Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

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ZUSAMMENFASSUNG

In dieser Studie wird ein Überblick über die regionalen demografischen Tendenzen in der

EU und über die Rolle der Kohäsionspolitik bei der Bewältigung des demografischen

Wandels vermittelt, um daraus Anhaltspunkte für den künftigen

Programmplanungszeitraum abzuleiten.

Zentrale demografische Herausforderungen

Der Rückgang und die Alterung der Bevölkerung stellen die größten Herausforderungen der

Zukunft dar, während die internationale Migration seit den 1990er Jahren zu einer der

treibenden Kräfte für den Bevölkerungszuwachs geworden ist, mit Ausnahme der wenigen

osteuropäischen Länder mit negativer Nettomigration. Die demografischen Muster der

europäischen Regionen weichen jedoch aufgrund ihrer Abhängigkeit von zahlreichen

sozioökonomischen Faktoren stark voneinander ab. Demografische Trends beeinflussen

ebenfalls die räumlichen Gegebenheiten der EU, wobei Gebiete in Randlage und ländliche

Gebiete sowie postindustrielle städtische Gebiete und Berggebiete stärker von der

Entvölkerung bedroht sind.

Diese demografischen Entwicklungen haben erhebliche sozioökonomische und politische

Auswirkungen, und zwar aufgrund ihres Einflusses auf: Produktivität und Wachstum; die

Bereitstellung von sozialen und Gesundheitsdienstleistungen; Bevölkerungsungleichgewichte

zwischen ländlichen und städtischen Gebieten sowie den Arbeitskräftemangel. Der

demografische Wandel stellt somit ein generelles Problem der Gesellschaft dar, das

unterschiedliche Politikbereiche und Interventionsebenen betrifft, darunter die Systeme der

sozialen Sicherheit, die Beschäftigungspolitik, Stadt- und Raumplanung, Kommunikation

und soziale Infrastrukturen, Gleichstellung von Frauen und Männern und Familienpolitik,

Bildungs- und Ausbildungspolitik, Einwanderungs- und Integrationspolitik.

Heute steht der demografische Wandel im Mittelpunkt der europäischen, nationalen und

regionalen Politik. Die Kommission hat eine Debatte zu diesem Thema angestoßen und

Daten erhoben, Indikatoren und Berichte erstellt, die Notwendigkeit von Reformen

hervorgehoben sowie Strukturfondsverordnungen und die strategischen Leitlinien der

Gemeinschaft angeglichen, um Maßnahmen zur Anpassung an den demografischen Wandel

zu unterstützen. Insbesondere beschäftigen sich die meisten Leitinitiativen der Strategie

Europa 2020 für Wachstum mit demografischen Herausforderungen. Im Jahr 2011

verabschiedete das Europäische Parlament eine Entschließung, die sich den Folgen des

demografischen Wandels für die Kohäsionspolitik auf regionaler Ebene widmete. Die

Mitgliedstaaten überarbeiten ihre Steuer- und Sozialleistungssysteme, um Arbeitnehmern

Anreize für den längeren Verbleib im Erwerbsleben zu bieten, während zahlreiche Regionen

im Mittelpunkt strategischer Überlegungen stehen, durch die Maßnahmen zur Bewältigung

ihrer speziellen demografischen Herausforderungen erarbeitet werden sollen.

Die Rolle der Kohäsionspolitik

Die Kohäsionspolitik kann die regionale Anpassung an den demografischen Wandel

maßgeblich unterstützen und zur Neutralisierung der Gefahr noch stärkerer

Entwicklungsunterschiede zwischen den Regionen aufgrund von demografischen Tendenzen

beitragen. Die meisten thematischen Schwerpunkte der Strukturfonds EFRE und ESF

können der Auseinandersetzung mit demografischen Risiken dienen. Die wachsende

Bedeutung demografischer Fragen spiegelt sich in der zunehmenden Beachtung wider, die

ihnen in den Programmplanungszeiträumen 2007-2013 und 2014-2020 für die

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Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

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Kohäsionspolitik geschenkt wird, auch wenn in den horizontalen Grundsätzen nicht explizit

auf den demografischen Wandel eingegangen wird.

Unseren Schätzungen zufolge wurden im Programmplanungszeitraum 2007-2013

insgesamt 64,1 Mrd. EUR (19 % der Gesamtzuweisungen aus dem EFRE, ESF und

Kohäsionsfonds an die Mitgliedstaaten) thematischen Schwerpunkten zugewiesen, die sich

direkt oder indirekt mit demografischen Herausforderungen auseinandersetzen.

Die zehn regionalen Fallstudien, die unterschiedliche demografische und sozioökonomische

Gegebenheiten beleuchten, zeigen eine erhöhte Wahrnehmung und Beachtung des

demografischen Wandels auf lokaler Ebene:


Die Maßnahmen der Kohäsionspolitik stellen häufig die hauptsächlichen Vorkehrungen

dar, die sich auf regionaler und lokaler Ebene mit demografischen Herausforderungen

beschäftigen, und ergänzen in vielen Fällen nationale/regionale Strategien.



Der Mehrwert der Kohäsionspolitik liegt hauptsächlich in der Bereitstellung von sozialen

Infrastrukturen und der Wiederbelebung städtischer und/oder ländlicher Gebiete mit

EFRE-Maßnahmen sowie in der Förderung der Beschäftigungsfähigkeit und Integration

von älteren Menschen, Frauen, Jugendlichen und Migranten mit ESF-Maßnahmen. Die

territoriale Zusammenarbeit hat den institutionellen Lernprozess auf diesem Gebiet

wirksam unterstützt.

In einigen Fällen wurde das Potenzial der Maßnahmen der Kohäsionspolitik aufgrund

des Fehlens einer umfassenden Strategie zur Bewältigung der demografischen

Herausforderungen und des geringen Bewusstseins für das Potenzial der Strukturfonds

bei der Bewältigung des demografischen Wandels jedoch eingeschränkt.

Kohäsionsmaßnahmen stellen eine reale Möglichkeit dar, die Chancen des

demografischen Wandels durch eine Aufwertung älterer Menschen, Einwanderer und

Frauen als Wirtschaftsteilnehmer und Förderer der Nachfrage nach und dem Angebot

von technologischen Innovationen, neuen Produkten und Dienstleistungen zu nutzen.

Die ersten Debatten zu den strategischen Schwerpunkten für den

Programmplanungszeitraum 2014-2020 verdeutlichen die Absicht, den demografischen

Herausforderungen und Folgen der Krise größere Beachtung zu schenken. Des Weiteren

sind eine stärkere Integration und Synergien zwischen der Kohäsionspolitik und anderen

Strukturfonds sowie zwischen diesen Fonds und nationalen und regionalen Strategien

vorgesehen.

Auswirkungen auf die Politikgestaltung

Aus der Studie gehen die im Folgenden beschriebenen wesentlichen politischen

Konsequenzen hervor. Sie stehen im Einklang mit den Anhaltspunkten der Entschließung

des Europäischen Parlaments aus dem Jahr 2011 und wurden zum Teil bereits in dem

geänderten Entwurf des Legislativpakets zur Gestaltung der Kohäsionspolitik für 2014-2020

und in den bereichsübergreifenden politischen Zielen des Gemeinsamen Strategischen

Rahmens aufgegriffen.

Um die Wirksamkeit der Strukturfonds bei der Bewältigung des demografischen Wandels im

nächsten Programmplanungszeitraum zu verstärken, ist die Förderung folgender Aspekte

notwendig:

stärkerer und spezifischerer Fokus auf dem demografischen Wandel als

Schwerpunktbereich in den endgültigen Rechtsvorschriften und bei der Verbreitung

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Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

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von Leitlinien zur Unterstützung der Mitgliedstaaten und Regionen, wobei zu

untersuchen ist, welches Potenzial Strukturfonds bei der Bewältigung des

demografischen Wandels durch die Gestaltung und Umsetzung von

Partnerschaftsabkommen und Operationellen Programmen haben können;

bessere Koordinierung und Integration der Maßnahmen, die von den

unterschiedlichen Strukturfonds gefördert werden, und größere Flexibilität bei deren

Nutzung zur Steigerung der Kohärenz und Komplementarität;

ein proaktiverer Ansatz bei der Gestaltung der Bevölkerungspolitik und dem

Austausch bewährter Praktiken und Erfahrungen für das institutionelle Lernen;



spezifische Instrumente zur Überwachung und Bewertung des Potenzials und der

tatsächlichen Auswirkungen der Strukturfonds bei der Bewältigung des

demografischen Wandels durch die Aufstellung von Leitlinien und die

Weiterentwicklung maßgeblicher demografischer Indikatoren, sodass mithilfe von

Überwachungs- und Bewertungssystemen relevante Schlüsseldaten erhoben und

anschließend bewertet werden können;

Bereitstellung von technischer Unterstützung für Verwaltungsbehörden und lokale

Interessenträger zur Umsetzung wirksamer Maßnahmen gegen den demografischen

Wandel sowohl auf nationaler als auch auf regionaler Ebene.

Da das Europäische Parlament zusammen mit dem Rat als Mitgesetzgeber agiert, spielt es

bei diesen Vorgängen eine wichtige Rolle und fördert die stärkere Beachtung der

demografischen Herausforderungen, einen integrierten politischen Ansatz – in der EU-

Politik allgemein und speziell in der Kohäsionspolitik –, und eine proaktive

Herangehensweise auf diesem Gebiet. Die kommenden Monate sind von besonderer

Bedeutung und das Europäische Parlament sollte die Anwendung der Entschließung aus

dem Jahr 2011 überwachen und seine Aufsichtsfunktion im Hinblick auf die Wirksamkeit der

Kohäsionspolitik bei der Bewältigung des demografischen Wandels verstärken.

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Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

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Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

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EINLEITUNG

Die europäische Bevölkerungssituation ist seit mehreren Jahrzehnten durch eine steigende

Lebenserwartung und niedrige Geburtenraten gekennzeichnet.

Eine schrumpfende Erwerbsbevölkerung und die Alterung der Bevölkerung im Allgemeinen

sind die Folge anhaltend niedriger Geburtenraten und der höheren Lebenserwartung im

Alter. Diesem Phänomen kann kurz- und mittelfristig nur durch die Substitutionsmigration

begegnet und sogar ein Ende bereitet werden, die allerdings die einheimische Bevölkerung

auch vor neue Herausforderungen im Hinblick auf die Kohäsion und soziale Integration

stellt.

Darüber hinaus hat die Rezession ersten Erkenntnissen zur demografischen Entwicklung

während der Wirtschaftskrise zufolge in den meisten Ländern zu einem Rückgang der

Geburtenzahlen und der Fertilitätsraten geführt. Gleichermaßen könnte eine

Verschlechterung des Wohlbefindens auch die Tendenz der steigenden Lebenserwartung

aufhalten und die Migrationsströme senken.

Trotz dieser Merkmale, die für die gesamte europäische Bevölkerung gelten, sind die

demografischen Tendenzen bei Weitem nicht homogen und weisen erhebliche

Abweichungen zwischen den europäischen Ländern und Regionen auf. Hinter nationalen

Durchschnittswerten können sich sehr unterschiedliche demografische Muster innerhalb der

Länder und zwischen Regionen verbergen.

Als demografisch gefährdet gelten Gebiete in Randlage, ländliche Gebiete und

postindustrielle Gebiete. Neben der Ost-West- und Nord-Süd-Polarisierung wird die

territoriale Dimension des demografischen Wandels auch von anderen Makrotrends

beeinflusst (EPRC 2010):



Die Stadt-Land-Dimension: die meisten städtischen Zentren (und insbes ondere die

Ballungszentren) weisen einen Bevölkerungszuwachs und die meisten ländlichen

Gebiete einen Rückgang auf.

Der Hauptstadtfaktor: in den meisten Hauptstädten Europas wurde eine positive

demografische Entwicklung verzeichnet.

Somit verstärkt der demografische Wandel den Prozess der gesellschaftlichen

Zersplitterung und der Polarisierung unserer städtischen Gesellschaften und führt zu einem

wachsenden Ungleichgewicht hinsichtlich der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit und der

Zugänglichkeit von Dienstleistungen.

Für die Politik bedeutet dies, dass sich die Raum- und Infrastrukturplanung nicht mehr mit

weitgefassten Bedürfnissen, sondern mit den starken spezifischen Bedürfnissen zahlreicher

unterschiedlicher Minderheiten auseinandersetzen muss. Während auf Erstere mithilfe eines

standardisierten Ansatzes eingegangen werden konnte, werden für Letztere innovative

Lösungen benötigt. Deshalb müssen die Bereitstellung von Mobilitätsdienstleistungen, der

soziale Wohnungsbau, die Gesundheitsversorgung der älteren Bevölkerung und

Gemeinschaftseinrichtungen ein bestimmtes Maß an Neuerungen aufweisen, um der neuen

sozialen Landschaft Rechnung zu tragen. Dies erfordert Anstrengungen zur Förderung

sozialer Innovation für die Bereitstellung von Dienstleistungen und eine Strategie, um das

Stadt-Land-Gefüge besser für den Wandel zu wappnen.

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Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

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Im Rahmen der Kohäsionspolitik können zahlreiche unterschiedliche Initiativen

verschiedenen Maßstabs und für unterschiedliche Gebietstypen, von städtischen über

stadtnahe bis hin zu ländlichen Gebieten, umgesetzt werden, in dem Bestreben, die

Probleme des demografischen Wandels anhand eines ortsbezogenen Ansatzes zu

bewältigen. Die Kohäsionspolitik kann die regionale Anpassung an den demografischen

Wandel somit maßgeblich unterstützen. Die wachsende Bedeutung von demografischen

Fragen in der Regionalpolitik spiegelt sich in der zunehmenden Beachtung wider, die ihnen

auf der Agenda der europäischen Kohäsionspolitik geschenkt wird.

Ziele und Inhalt der Studie

Das übergeordnete Ziel dieser Studie besteht darin, einen Überblick über die regionalen

demografischen Strukturen und Tendenzen in der EU zu vermitteln, mit Schwerpunkt auf

ihren voraussichtlichen Auswirkungen auf den sozioökonomischen und territorialen

Zusammenhalt, und zu bewerten, wie und in welchem Ausmaß die europäische

Kohäsionspolitik und Strukturfonds im Zeitraum 2007-2013 dem demografischen Wandel

auf regionaler Ebene begegnet sind, um daraus nützliche Anhaltspunkte abzuleiten, wie die

Maßnahmen der Kohäsionspolitik im künftigen Programmplanungszeitraum (2014 -2020)

noch wirksamer gestaltet werden können.

Aufgrund der mehrdimensionalen Entwicklungen und Auswirkungen des demografischen

Wandels war ein übergreifender Ansatz vonnöten, bei dem Fachliteraturrecherche und

Feldforschung mit qualitativen und quantitativen Untersuchungsmethoden und

-instrumenten kombiniert wurden.

Die wesentlichen Ergebnisse der Studie werden in den folgenden Kapiteln dargelegt:





Kapitel 1 und 2 enthalten eine Untersuchung der demografischen Entwicklung und ihrer

bestimmenden Faktoren sowie ihrer sozioökonomischen und räumlichen Auswirkungen

auf territorialer Ebene auf der Grundlage einer Untersuchung der Fachliteratur und

einer statistischen Analyse der vorhandenen regionalen Daten und Indikatoren;

Kapitel 3 enthält eine Analyse der auf nationaler/regionaler Ebene verfolgten

politischen Ansätze und der Rolle der Kohäsionspolitik im Programmplanungszeitraum

2007-2013. Die Analyse stützt sich auf Programmplanungsdokumente, legislative und

nichtlegislative Dokumente sowie auf Angaben zu den Zuweisungen aus dem

Strukturfonds für Maßnahmen zur Bewältigung des demografischen Wandels;

Kapitel 4 beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit dem Beitrag der Kohäsionspolitik zur

Bewältigung des demografischen Wandels unter Berücksichtigung von zehn

ausgewählten regionalen Fallstudien, die die Hauptmerkmale des demografischen

Wandels und die Strategieoptionen der Kohäsionspolitik im Zeitraum 2007-2013

illustrieren (Thüringen – DE, Basilicata – IT, Centru – RO, Province of Liège – BE,

Lincolnshire – UK, Malta, Castilla-La Mancha – ES, Östra Mellansverige – SE, Litauen –

LT, Dolnośląskie – PL). Die Auswahl der zehn Fallstudien wurde auf Grundlage einer

Gruppierungsanalyse der relevanten demografischen und sozioökonomischen

Indikatoren und der Zuweisung finanzieller Ressourcen der Kohäsionspolitik nach

thematischen Schwerpunkten getroffen. Die zehn Fallstudien werden in Band II dieser

Studie dargelegt.

Im letzten Kapitel wird ein horizontaler Abgleich der wesentlichen Ergebnisse und

Auswirkungen auf die Politikgestaltung sowie eine umfassende Analyse der zehn

repräsentativen regionalen Fallstudien und bewährten Praktiken vorgenommen, um die

Rolle und Wirksamkeit der Kohäsionspolitik 2007-2013 bei der Bewältigung des

demografischen Wandels zu bewerten.

20


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

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1 DEMOGRAFISCHE HERAUSFORDERUNGEN IN

EUROPA: ALLGEMEINE TENDENZEN UND

REGIONALE BESONDERHEITEN

WICHTIGSTE ERKENNTNISSE

Langsames Bevölkerungswachstum (oder -Rückgang) sowie die Alterung der

Bevölkerung stellen die größten Herausforderungen der Zukunft dar.








Die Bevölkerung der EU-27 wird bis 2035 kontinuierlich auf 520,7 Millionen wachsen.

Danach ist ein allmählicher Rückgang zu erwarten. Eine von drei Regionen – die meisten

in Mitteleuropa, Ostdeutschland, Süditalien und Nordspanien – wird schon zwischen

2008 und 2030 einen Bevölkerungsrückgang verzeichnen, in rund 20 dieser Regionen

um mehr als 10 % abnehmen.

In den letzten Jahren ließen sich über drei Viertel des gesamten Bevölkerungswachstums

auf eine Nettozuwanderung zurückführen. In den meisten der Regionen, in denen die

Bevölkerung zwischen 2008 und 2030 zunehmen wird, spielt die Nettozuwanderung eine

wichtige Rolle, entweder in Kombination mit einer positiven natürlichen Entwicklung (in

92 Regionen von 281) oder als Ausgleich für eine negative natürliche Entwicklung (in

75 Regionen). Eine Ausnahme stellen einige wenige osteuropäische Länder dar.

Experten sind sich einig, dass die Alterung der Bevölkerung die größte demografische

Herausforderung für die EU darstellt und auch in Zukunft darstellen wird. In den Ländern

der EU-27 wird der durchschnittliche Anteil der ab 65-jährigen erwartungsgemäß von

17,1 % im Jahr 2008 auf 30 % im Jahr 2060 ansteigen, wenn die Zahl der älteren

Menschen 151,5 Millionen erreichen wird.

Die größten Anteile an älterer Bevölkerung werden in Ostdeutschland, Nordspanien,

Italien und in einigen Teilen Finnlands erwartet. In Mittel- und Osteuropa verzögern sich

die Auswirkungen der Alterung aufgrund der dortigen jüngeren Bevölkerung und einer

kürzeren Lebenserwartung. In der EU-27 kommen 100 Personen im erwerbsfähigen Alter

für 26 Personen im Alter ab 65 Jahren auf, wobei starke regionale Unterschiede

bestehen (5 % bis 43 %). Altersabhängigkeitsquotienten von über 30 % wurden in 68

Regionen verzeichnet.

Der Anteil der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter wird künftig in einigen Regionen

Finnlands, Schwedens und Deutschlands besonders gering sein. In 44 europäischen

Regionen wird die Erwerbsbevölkerung um mehr als 10 % abnehmen. Einige von ihnen

werden bei einem Rückgang von 25-30 % besonders stark betroffen sein.

Die Europäische Union zeichnet sich zugleich durch niedrige Geburtenraten, einen

Aufschub der Mutterschaft und zunehmende Kinderlosigkeit der jüngeren Generationen

aus. Die Gesamtfruchtbarkeitsziffer ist in den EU-27-Ländern von über 2,5 Kindern pro

Frau in den 1960er Jahren auf unter 1,6 gesunken. Die Unterschiede zwischen den

einzelnen Regionen sind beträchtlich.

Seit einem Jahrzehnt steht der demografische Wandel im Fokus europäischer, nationaler

und regionaler Politik. Viele Politikbereiche, die sich mit demografischen Veränderungen

auseinandersetzen, fallen unter die Zuständigkeit nationaler und regionaler Behörden,

während die europäischen Institutionen Diskussionen zum demografischen Wandel und

seinen Folgen anregen sowie Reformen und die politische Gestaltung durch die

Strukturfonds und den Austausch von Erfahrungen unterstützen können. Die Strategie

Europa 2020 und ihre sieben Leitinitiativen setzen sich in zahlreichen politischen

Bereichen mit den demografischen Herausforderungen auseinander.

21


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

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Einleitung

Die Bevölkerung der Europäischen Union ist seit mehreren Jahrzehnten durch eine erhöhte

Lebenserwartung und anhaltend niedrige Geburtenraten gekennzeichnet. Die Europäer

leben länger als jemals zuvor und auch wenn diese erhöhte Lebenserwartung sehr

erfreulich ist, bringt sie doch viele Probleme für Einzelpersonen, ihre Familien und die

Sozialsysteme mit sich. Der Geburtenrückgang in Europa hält an und ist weit verbreitet:

alle EU-Mitgliedstaaten melden mittlerweile eine Gesamtfruchtbarkeitsziffer 2 (GFZ) von

unter 2,1, dem Niveau, das zum Erhalt der Bevölkerung notwendig ist. Eine schrumpfende

und alternde Bevölkerung ist die unweigerliche Folge der anhaltend niedrigen Geburtenrate

und der höheren Lebenserwartung im Alter.

Das Bevölkerungswachstum in Europa wird sich von nun an erheblich verlangsamen und in

naher Zukunft sogar von einem Rückgang abgelöst werden. Nur durch die

Substitutionsmigration aus Nicht-EU-Ländern kann diesem Phänomen begegnet und sogar

ein Ende bereitet werden, allerdings stellt sie die einheimische Bevölkerung auch vor neue

Herausforderungen im Hinblick auf die Kohäsion und soziale Integration. Im Gegenzug

kann die Binnenwanderung in Europa die Schere zwischen Herkunftsländern und -regionen

und Zielländern und -regionen noch weiter verstärken. Die Ersteren verzeichnen in der

Regel einen noch stärkeren Bevölkerungsrückgang, die Letzteren werden entlastet.

Vor dem Hintergrund einer abnehmenden Sterblichkeit ist die Bevölkerungsalterung die

wesentliche Folge einer anhaltend geringen Geburtenrate. In den meisten europäischen

Ländern beträgt der Anteil der über 65-jährigen Bevölkerung momentan 20 % und wird

voraussichtlich auf 35 % ansteigen, wenn die in den 1960er Jahren geborenen Babyboomer

alt werden. Gleichzeitig machen Jugendliche lediglich 15 % der Bevölkerung aus. In der

Folge entstehen Probleme im Hinblick auf den nachhaltigen Wohlstand, den Ersatz von

Arbeitskräften auf dem Beschäftigungsmarkt und nicht zuletzt die solidarische Bindung

zwischen den Generationen. Durch Einwanderung kann die Bevölkerungsalterung lediglich

kurzfristig aufgehalten werden, da die Bevölkerungsgruppe der Einwanderer selbst altern

wird (Billari und Dalla Zuanna 2012).

Trotz der oben genannten Merkmale, die für die gesamte europäische Bevölkerung gelten,

sind die demografischen Tendenzen bei Weitem nicht homogen und weichen zwischen den

europäischen Ländern und Regionen stark voneinander ab (Coleman 2007). Hinter

nationalen Durchschnittswerten können sich sehr unterschiedliche demografische Muster

innerhalb der Länder und zwischen Regionen verbergen. Daher sollte es von größter

Bedeutung sein, die von der „demografischen Malaise“ betroffenen Regionen zu ermitteln.

Besondere Aufmerksamkeit sollte außerdem den demografischen Tendenzen nach 2009

geschenkt werden, um die Folgen der Wirtschaftskrise auf die Bevölkerungsdynamik auf

regionaler Ebene zu bewerten.

In der folgenden Besprechung der Fachliteratur werden zu Beginn die wesentlichen Fakten

des demografischen Wandels in Europa im Hinblick auf die Fertilität, Lebenserwartung und

Migration vorgestellt und anschließend in einen langfristigen und globalen Zusammenhang

gesetzt. Die Triebfedern des demografischen Wandels und seine Folgen werden in diesem

Abschnitt ebenfalls kurz angerissen, mit besonderem Schwerpunkt auf regionalen

Aspekten. Die Auswirkungen der „Großen Rezession“ auf den demografischen Wandel

2

Die Gesamtfruchtbarkeitsziffer ist definiert als die mittlere Anzahl lebend geborener Kinder, die eine Frau im

Verlauf ihres Lebens gebären würde, wenn sie im Laufe ihres Gebärfähigkeitsalters den altersspezifischen

Fruchtbarkeitsziffern der betreffenden Jahre entsprechen würde.

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Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

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wurden erst kürzlich in der Fachliteratur untersucht und abschließende Ergebnisse liegen

bisher noch nicht vor. In dieser Studie wird jedoch ein provisorisches Bild zu den

vorläufigen Ergebnissen entworfen. Die Auswirkungen der demografischen Entwicklung auf

die Politikgestaltung werden ebenfalls angesprochen, zumindest auf spekulativer Ebene.

1.1 Das rückläufige Wachstum und der erwartete künftige

Rückgang der europäischen Bevölkerung

1.1.1 Die Europäischen Union wird einen Bevölkerungsrückgang erleben

Im Laufe der kommenden Jahre wird die Bevölkerung der 27 Länder der Europäischen

Union (Kroatien ausgenommen) stetig von 495,4 Millionen im Jahr 2008 auf 520,7 Millionen

im Jahr 2035 anwachsen. Danach wird sie voraussichtlich allmählich abnehmen und im Jahr

2060 bei 505,7 Millionen liegen (Europäische Kommission 2009).

Der Anteil der EU-Bürger an der Weltbevölkerung wird zurückgehen. Vor hundert Jahren

lebten rund 15 % der globalen Gesamtbevölkerung auf dem Gebiet der heutigen EU-27.

Dieser Anteil beträgt heute 7,5 % und wird im Jahr 2050 nach den Angaben der

überarbeiteten Bevölkerungsprognose der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2006 bei

voraussichtlich rund 5 % liegen.

Die durchschnittliche jährliche Bevölkerungsentwicklungsquote liegt für 2011 bei 2,5 pro

Tausend, wobei lediglich 0,8 auf einen natürlichen Bevölkerungszuwachs und die restlichen

1,7 auf die Nettomigration aus Nicht-EU-Ländern (und die statistische Anpassung)

zurückzuführen sind. Der „natürliche Bevölkerungszuwachs“ definiert sich als die Zahl der

Lebendgeburten abzüglich der Anzahl der Todesfälle in einem bestimmten Jahr. Bis zum

Ende der 1980er Jahre war der „natürliche Bevölkerungszuwachs“ bei Weitem der

wichtigste Faktor für das Bevölkerungswachstums (Abb. 1). Seit 1992 stellt jedoch die

Nettomigration aus Drittstaaten die dominante Triebfeder für das Bevölkerungswachstum in

Europa dar. Somit hat der Beitrag der natürlichen Entwicklung im Laufe der Zeit mit

Ausnahme der letzten Jahre stark abgenommen. Seit 2003 steigt der Anteil des natürlichen

Bevölkerungszuwachses an der Gesamtbevölkerungsentwicklung nämlich wieder leicht an.

Gleichwohl wird die Zahl der Todesfälle (in absoluten Zahlen) unweigerlich zunehmen, da

die Generation der Babyboomer – die stärkere Geburtenzahlen aufwies als die älteren

Jahrgänge – den Lebensabend erreicht. Wenn wir davon ausgehen, dass die Fertilitätsrate

weiterhin auf einem relativ geringen Niveau bleibt, wird voraussichtlich ab 2015 die

gesamte EU von einer negativen natürlichen Bevölkerungsentwicklung (mehr Todesfälle als

Geburten) geprägt sein (Giannakouris 2008).

Seit Beginn der 1990er Jahre ist die internationale Migration der Hauptmotor des

Bevölkerungswachstums, aber seit 2009 weist die Nettomigrationsrate (Wanderungssaldo)

einen nennenswerten Rückgang auf. Dies ist eine der Folgen der Wirtschaftskrise, die sich

negativ auf die Einwanderung und positiv auf die Auswanderung auswirkt.

Angesichts dieser Tendenzen kann berechtigterweise argumentiert werden, dass eine der

wichtigsten künftigen demografischen Herausforderungen für die Europäische Union im

Bevölkerungsrückgang besteht. Die EU wird die erste der großen Weltregionen sein, die

eine rückläufige Zahl an Einwohnern verzeichnet, da sie unter den großen Weltregionen

momentan das langsamste Bevölkerungswachstum aufweist.

23


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

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Abbildung 1: Bevölkerungsentwicklung nach Faktor (nicht bereinigte

Jahresraten), EU-27, 1960-2011

12

10

8

6

4

2

0

-2

1960

1962

1964

1966

1968

1970

1972

1974

1976

1978

1980

1982

1984

1986

1988

1990

1992

1994

1996

1998

2000

2002

2004

2006

2008

2010

Total change Net migration and statistical adjustment Natural change

Quelle: Eurostat, Statistiken zur Bevölkerung und zur Bevölkerungsentwicklung - Statistics Explained (6.6.2013).

http://epp.eurostat.ec.europa.eu/statistics_explained/index.php/Population_and_population_change_statistics/de.

EN

Total change

Net migration and statistical adjustment

Natural change

DE

Gesamtentwicklung

Nettomigration und statistische Anpassung

Natürliche Bevölkerungsentwicklung

1.1.2 Europäische Unterschiede in der Bevölkerungsentwicklung und bei den

Mechanismen

Obwohl die Bevölkerung der EU-27 im Jahr 2011 insgesamt gestiegen ist, ist das

Bevölkerungswachstum in den einzelnen Mitgliedstaaten unterschiedlich ausgeprägt.

Insgesamt 19 Mitgliedstaaten verzeichneten ein Wachstum ihrer jeweiligen Bevölkerung,

während in acht Mitgliedstaaten die Bevölkerungszahl abnahm (alle in Osteuropa mit

Ausnahme von Griechenland und Portugal). Zypern, Luxemburg, das Vereinigte Königreich,

Schweden und Frankreich meldeten 2011 den höchsten Bevölkerungszuwachs (mehr als

5 Personen pro 1000 Einwohner), der mehr als doppelt so hoch war wie der Durchschnitt

der EU-27 von 2,5 Personen pro 1000 Einwohner (Tabel le 1). Den stärksten relativen

Bevölkerungsrückgang verzeichneten die baltischen Republiken Lettland ( -16 pro 1000

Einwohner) und Litauen (-14,8 pro 1000 Einwohner).

Bei der Analyse der zwei Faktoren der Bevölkerungsentwicklung auf nationaler Ebene kann

zwischen acht unterschiedlichen Arten der Bevölkerungsentwicklung unterschieden werden:

Die erste maßgebliche Unterteilung unterscheidet zwischen Ländern mit einem

Bevölkerungsrückgang (8 von 27) und Ländern, deren Bevölkerung noch wächst. Eine

zweite Unterteilung bezieht sich auf Mechanismen und die relative Gewichtung der

natürlichen Bevölkerungsentwicklung und der Nettomigration, um entweder ein Wachstum

oder einen Rückgang festzustellen – siehe Tabelle 2 für die vollständige Typologie. In

Deutschland und Italien stützt sich das Bevölkerungswachstum vollständig auf den

Migrationszustrom, während es in Irland, Spanien, Malta und Polen ausschließlich von der

natürlichen Bevölkerungsentwicklung getragen wird. In den meisten Ländern sind beide

Faktoren positiv, in sechs Ländern überwiegt jedoch die natürliche Dynamik, während in

fünf anderen der Migrationsfaktor den Ausschlag gibt. Was die Länder mit einem

Bevölkerungsrückgang betrifft, so ist der Rückgang in keinem Fall ausschließlich auf die

Auswanderung zurückzuführen: In den meisten Fällen werden die nachteiligen Folgen einer

negativen Nettomigration vielmehr durch einen natürlichen Rückgang verstärkt. Dieses

Szenario trifft auf Griechenland, Lettland, Litauen und Portugal zu. Nur in zwei Ländern

24


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

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(nämlich Ungarn und Estland) lässt sich der demografische Rückgang vollständig auf die

natürliche Dynamik zurückführen (Tabelle 2).

Tabelle 1:

Wachstum dank:

Beitrag von natürlicher Bevölkerungsentwicklung und Nettomigration

(und statistischer Anpassung) zum Bevölkerungswandel, 2011

Demografische Faktoren

Ausschließlich natürliche Bevölkerungsentwicklung

Hauptsächlich natürliche Bevölkerungsentwicklung

Hauptsächlich Nettomigration (und Anpassung)

Ausschließlich Nettomigration (und Anpassung)

Rückgang durch:

Ausschließlich natürliche Bevölkerungsentwicklung

Hauptsächlich natürliche Bevölkerungsentwicklung

Hauptsächlich Nettomigration (und Anpassung)

Ausschließlich Nettomigration (und Anpassung) -

EU-Mitgliedstaaten, EFTA-Länder

Irland, Spanien, Malta, Polen

Belgien, Frankreich, Niederlande, Slowenien,

Slowakei, Vereinigtes Königreich

Tschechische Republik, Dänemark, Zypern,

Luxemburg, Österreich, Finnland, Schweden

Deutschland, Italien

Estland, Ungarn

Bulgarien, Rumänien

Griechenland, Lettland, Litauen, Portugal

Quelle: Eurostat (Online Datencode: demo_gind).

2011 wurden die höchsten Raten natürlichen Bevölkerungszuwachses in Irland (10

Personen pro 1000 Einwohner), Zypern (4,8), Frankreich (4,2) und dem Vereinigten

Königreich (4 ,1) verzeichnet, während der stärkste natürliche Bevölkerungsrückgang in

Bulgarien (-5,1 pro 1000 Einwohner), Lettland (-4,7) und Ungarn (-4,1) beobachtet wurde.

Relativ gesehen hatten Zypern (21,3 pro 1000 Einwohner) und Luxemburg (21,2) die

höchsten Nettoimmigrationsraten, während Litauen ( -12,6 pro 1000 Einwohner) und

Lettland (-11,2) 2011 die höchsten negativen Wanderungssalden meldeten.

1.1.3 Unterschiedliche Zukunftsaussichten für die Regionen der Europäischen

Union?

Die Bevölkerung der EU-27 wird zwischen 2008 und 2030 voraussichtlich insgesamt um

5 % steigen, allerdings bestehen zwischen den Ländern erhebliche Unterschiede

(Giannakouris 2008). Für kleinere Länder wie Zypern, Luxemburg und Malta sowie alle

Regionen in Belgien, Dänemark, Irland und im Vereinigten Königreich wird bis 2030 ein

Bevölkerungszuwachs prognostiziert. Gleichermaßen dürfte die Bevölkerung in den am

stärksten besiedelten Regionen in Österreich, der Tschechischen Republik, Spanien,

Finnland, Frankreich, Griechenland, Italien, den Niederlanden, Portugal, Schweden und

Slowenien in diesem Zeitraum steigen. Im Gegensatz dazu werden Estland, Lettland,

Litauen und ein Großteil der Regionen Bulgariens, Rumäniens, Deutschlands, Ungarns,

Polens und der Slowakei bis 2030 wohl eine geringere Einwohnerzahl verzeichnen.

Die Unterschiede, die sich bereits auf nationaler Ebene abzeichnen, werden aus

subnationaler Perspektive noch deutlicher, denn dann zeigen sich hinsichtlich

demografischer Tendenzen und Dynamik noch stärkere Ungleichheiten zwischen den

Regionen der EU (van Nimwegen 2008): Während einigen Regionen ein solides

Bevölkerungswachstum bevorsteht, werden andere in demselben Zeitraum (in einigen

Fällen in demselben Land) mit einer Bevölkerungsstagnation oder sogar einem schweren

Rückgang zu kämpfen haben. Die Merkmale der Regionen (z. B. städtisch vs. ländlich oder

bergig vs. flach), die demografische Vorgeschichte, die wirtschaftliche Entwicklung und die

Produktionssektoren, die sozialen Bedingungen sowie die Regionalpolitik können zur

Entstehung solcher Unterschiede beitragen. Daher könnte es möglich sein, den

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Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

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Bevölkerungsrückgang mithilfe einer passenden Kombination integrierter Maßnahmen in

verschiedener Hinsicht aufzuhalten und diesen negativen Trend sogar umzukehren.

Den aktuellsten regionalen Bevölkerungsprognosen aus dem Jahr 2008 zufolge wird die

Bevölkerung in einer von drei Regionen zurückgehen (Giannakouris 2008). Es sei jedoch

daran erinnert, dass frühere Prognosen aus dem Jahr 2004 noch pessimistischer waren und

sogar für 50 % aller Regionen von einem Bevölkerungsrückgang bis 2030 ausgingen

(Lanzieri 2007).

Die Regionen lassen sich entsprechend den Ergebnissen zum Zusammenwirken von

natürlicher Bevölkerungsentwicklung und Wanderungssaldo in sechs Gruppen aufteilen

(Abb. 2). In einem Großteil der Regionen, in denen die Bevölkerung zwischen 2008 und

2030 voraussichtlich zunehmen wird (die ersten drei Gruppen), spielt die

Nettozuwanderung eine wichtige Rolle, entweder in Kombination mit einer positiven

natürlichen Entwicklung (in 92 Regionen) oder als Ausgleich für eine negative natürliche

Entwicklung (in 75 Regionen) (Giannakouris 2008). Abbildung 2 zeigt eine Karte des

voraussichtlichen regionalen Bevölkerungswachstums zwischen 2008 und 2030 (auf Ebene

NUTS 2). Gebiete, deren Einwohnerzahl vermutlich ansteigen wird, sind hellblau markiert

(Kategorie 1 bis 3), wobei die hellsten Gebiete (Kategorie 1) sowohl eine positive natürliche

Entwicklung als auch eine Nettozuwanderung verzeichnen dürften. Bei den dunkelblau

dargestellten Regionen (Kategorie 4 bis 6) wird ein rückläufiges Wachstum erwartet, wobei

die dunkelsten Regionen (Kategorie 6) voraussichtlich sowohl von einer negativen

Bevölkerungsentwicklung als auch von einer negativen Migrationsdynamik betroffen sind.

In mehr als der Hälfte der Regionen (50 der 98 Regionen), in denen die Bevölkerung im

Zeitraum von 2008 bis 2030 voraussichtlich zurückgehen wird, kann die negative natürliche

Bevölkerungsentwicklung nicht durch positive Migration ausgeglichen werden.

Wahrscheinlich werden diese Regionen am stärksten von den negativen Folgen des

demografischen Wandels betroffen sein und in größerem Maße geeignete europäische

Maßnahmen erfordern. Es sollte jedoch daran erinnert werden, dass jede Form der

schnellen Bevölkerungsentwicklung (nicht nur der Bevölkerungsrückgang sondern auch das

-wachstum) spezifische Herausforderungen für die Regionalplanung und natürliche

Ressourcen mit sich bringt.

Abbildung 2: Faktoren des Bevölkerungswachstums in den Regionen der EU-

27 im Zeitraum 2008-2030

1

2

3

4

5

6

Label

Total

Growth

1 N+, M+ +

2 N-M- +

4 N-,M- -

5 N->M+ -

6 N-


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

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EN

Label

Total Growth

No data

DE

Kategorie

Gesamtwachstum

Keine Daten verfügbar

Anmerkung: Der Indikator nimmt bei insgesamt positivem Bevölkerungswachstum Werte zwischen 1 und 3,

andernfalls Werte zwischen 4 und 6 an. Der Wert ergibt sich ebenfalls aus dem Zusammenspiel von

Wachstum/Rückgang der natürlichen Bevölkerungsentwicklung und Zunahme/Abnahme der Gesamtmigration, wie

in der Legende angegeben.

Mit Ausnahme einiger weniger Fälle lässt sich ein Muster der Bevölkerungsentwicklung in

der Europäischen Union erkennen (Giannakouris 2008) (Abb. 2 und 3). In den Regionen der

westlichen und der nördlichen Länder wird, mit einigen wenigen Ausnahmen (hauptsächlich

in Ostdeutschland), zwischen 2008 und 2030 voraussichtlich ein Bevölkerungszuwachs

stattfinden. In den südlichen europäischen Ländern lässt sich keine klare Einstufung

vornehmen: Es gibt sowohl Regionen mit starkem Wachstum (z. B. in Südspanien und

-frankreich) und Regionen, in denen die Bevölkerung zurückgeht (z. B. in Süditalien und in

den nordwestlichen Regionen Spaniens). In Polen und in den mitteleuropäischen Ländern

wird für einen Großteil der Regionen ein Bevölkerungsrückgang erwartet. Der stärkste

Bevölkerungsrückgang wird voraussichtlich in den Ländern des Baltikums und in den

mittelöstlichen Regionen stattfinden.

Abbildung 3 vermittelt einen Überblick über die nationalen Unterschiede hinsichtlich der

Anzahl der Regionen, in denen die Bevölkerung in den nächsten zwei Jahrzehnten

voraussichtlich zunehmen oder abnehmen wird.

Abbildung 3:

Zahl der Regionen mit voraussichtlichem Bevölkerungszuwachs

oder Bevölkerungsrückgang, nach Ländern geordnet, Zeitraum

2008-2030

40

35

30

25

20

15

10

5

0

-5

-10

-15

-20

-25

-30

-35

11

3

-6 -5

5 11 2

-1

-28

8

19

15 13

-5 -4 -3

-8

1 1 1 1

-1 -1 -6

10 8 4 5

1 2 4 7 37

-2 -1 -1

-2

-2 -1 -1

-8

-12

7 7

BE (11)

BG (6)

CZ (8)

DK (5)

DE (39)

EE (1)

IE (2)

EL (13)

ES (19)

FX (22)

IT (21)

CY (1)

LV (1)

LT (1)

LU (1)

HU (7)

MT (1)

NL (12)

A (9)

PL (16)

PT (7)

RO (8)

SI (2)

SK (4)

FI (5)

SE (8)

UK (37)

NO (7)

CH (7)

Decreased

Increased

EN

Decreased

Increased

DE

Rückgang

Zuwachs

CY, EE, LV, LT, LU, MT: Ebene NUTS 2 stimmt mit der Landesebene überein; FX: Französisches Mutterland;

Gesamtanzahl der Regionen des jeweiligen Landes in Klammern.

Quelle: Eurostat, regionales EUROPOP 2008.

27


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

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1.2 Die bedeutende Rolle der internationalen Migration für

Bevölkerungswachstum und -zusammensetzung

Wie in Abschnitt 1.1 bereits vorweggenommen, haben sich die Mechanismen, die das

Bevölkerungswachstum und die -struktur in Europa bestimmen, im Laufe der Jahre

erheblich verändert. Die internationale Migration hat an Bedeutung gewonnen und sich seit

den frühen 1990er Jahren zum hauptsächlichen Motor des Bevölkerungswachstums

entwickelt (Europäische Kommission 2007a). In den letzten Jahren ließen sich über drei

Viertel des gesamten Bevölkerungswachstums auf eine Nettozuwanderung zurückführen.

Wesentliche Ausnahmen stellen in dieser Beziehung einige wenige osteuropäische Länder

dar, in denen die Nettomigration negativ ist (z. B. Polen, Slowakei, Lettland und Litauen).

Der Höhepunkt der jährlichen Nettozuwanderung wurde im Jahr 2004 erreicht, als

1,3 Millionen Menschen – bereits bereinigt um die Auswanderungszahlen –, in die EU

kamen (0,35 % der Bevölkerung). Zwischen 2015 und 2050 wird die Nettozuwanderung

jedoch voraussichtlich auf 800 000 Personen (0,2 % der Bevölkerung) sinken (Europäische

Kommission 2008). Giannakouris (2010) legt dar, dass regionalen Prognosen zufolge die

positive Migration einen bedeutenden Faktor für einen Großteil der Regionen darstellen

werde, für die ein positives Wachstum zwischen 2008 und 2030 erwartet wird, entweder in

Kombination mit einer positiven natürlichen Entwicklung (92) oder als Ausgleich für eine

negative natürliche Entwicklung (75) (Abb. 2).

Die regionalen Unterschiede hinsichtlich der internationalen Migrationsströme sind

naturgemäß groß, da sie mit den wirtschaftlichen und sozialen Besonderheiten jedes

Gebiets im Zusammenhang stehen: So können beispielsweise gute

Beschäftigungsmöglichkeiten einen wirksamen „Pull-Faktor“ für Migranten darstellen,

während sich eine mangelnde Infrastruktur als „Push-Faktor“ erweist. Ein Großteil der

internationalen Migrationsströme wird voraussichtlich Regionen in West- und Südeuropa

zum Ziel haben, insbesondere Regionen im Vereinigten Königreich, Südfrankreich,

Griechenland und Spanien. Viele mittel- und osteuropäische Regionen werden hingegen

eine erhebliche Abwanderung erleben, insbesondere Regionen in Rumänien, Bulgarien und

Polen (Europäische Kommission 2008). Durch die jüngste Wirtschaf tskrise, die

Auswirkungen auf die gesamte EU hat, deren Ausmaß sich jedoch in den einzelnen Länder

unterscheidet, könnte diese Tendenz erheblich verändert (oder sogar aufgehoben) werden

(z. B. könnte Spanien seine Attraktivität verlieren). Gleichermaßen können sich auch die

jüngsten Ereignisse in traditionellen Herkunftsländern außerhalb der EU (beispielsweise der

arabische Frühling oder die politische Instabilität in Ägypten) auf die Wahl der

Migrationsziele auswirken.

Die interregionalen Migrationsströme (die häufig auch als Mobilität innerhalb der EU

bezeichnet werden) haben in Europa ebenfalls zugenommen, angefacht durch die

regionalen Unterschiede in Bezug auf Erwerbsmöglichkeiten. Die interregionale Migration

wird von denselben Faktoren beeinflusst wie die internationalen Migrationsströme,

einschließlich des sozialen und wirtschaftlichen Gefälles zwischen Herkunfts- und

Zielregionen, aber diese Art von Migration ist dank entsprechender Gesetzgebung

einfacher. Für Regionen in Süditalien, Griechenland, Ostdeutschland sowie Mittel- und

Osteuropa wird eine erhebliche Auswanderung prognostiziert, während andere Regionen,

etwa in Südfrankreich oder dem Vereinigten Königreich, einen Zustrom interregionaler

Migranten erfahren werden (Europäische Kommission 2008).

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Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

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Das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts war von größeren Migrationswellen geprägt,

sowohl innerhalb der EU als auch von außerhalb. Der Höhepunkt des Zustroms dieser zehn

Jahre wurde im Jahr 2007 erreicht. 2008 belief sich die Wanderungsbewegung in die und

innerhalb der Mitgliedstaaten der EU-27 auf 3,8 Millionen Menschen. Im gleichen Jahr

migrierten innerhalb der EU-27 fast zwei Millionen Menschen. Die größte Mobilität wiesen

Rumänen auf, gefolgt von Polen und Deutschen (es sei angemerkt, dass diese Migranten

vorher nicht unbedingt in ihrem Herkunftsland wohnten). Wenn zurückkehrende

Staatsangehörige von der Analyse ausgenommen werden, stehen Rumänen immer noch an

erster Stelle, gefolgt von Polen und Bulgaren. 384 000 Rumänen, 266 000 Polen und

91 000 Bulgaren wurden von anderen Ländern der EU-27 aufgenommen. Die verbleibenden

1,8 Millionen Einwanderer in die Mitgliedstaaten der EU-27 waren Nicht-EU-Bürger. Davon

waren die größte Gruppe Marokkaner – die einzige Gruppe über 100 000 Personen –

gefolgt von Chinesen, Indern, Albanern und Ukrainern (Eurostat 2012a).

Ende 2008 belief sich die Zahl der Menschen, die als Nicht-Staatsangehörige der EU-27 in

den 27 Mitgliedstaaten der EU lebten, auf fast 20 Millionen Menschen, d. h. 4 % der

Gesamtbevölkerung (T abelle 2). Der Anteil der EU-Bürger, die in einem anderen Land der

Europäischen Union leben, beträgt im Durchschnitt 2,4 % der Gesamtbevölkerung – ihre

Zahl beläuft sich auf beachtliche rund 12 Millionen Menschen (Eurostat 2012b). In den

meisten älteren Mitgliedstaaten liegt der Ausländeranteil über dem Durchschnitt (bis zu

7 %) (Tabelle 2).

Luxemburg als Sitz zahlreicher EU-Institutionen stellt im Hinblick auf den Ausländeranteil

einen Einzelfall dar: Nichtstaatsangehörige – vorrangig Bürger der alten EU-15 – machen

43,5 % der Gesamtbevölkerung aus (Eurostat 2006). In Österreich und Deutschland

beträgt der Ausländeranteil 10,3 % bzw. 8,8 % der Gesamtbevölkerung, wobei ein

erheblicher Anteil von ihnen aus Nicht-EU-25-Ländern stammt. Frankreich weist einen

vergleichsweise niedrigen Ausländeranteil auf (5,8 % Ausländer, von denen 3,8 % nicht aus

EU-25-Ländern kommen). Der Grund dafür ist eine eher strenge Einbürgerungspolitik. Das

Gleiche gilt für die Niederlande. Sowohl das Vereinigte Königreich als auch die Niederlande

verzeichnen eine erhebliche Zuwanderung aus ehemaligen Kolonien. Da diese Zuwanderer

im Allgemeinen bereits vor ihrer Immigration die Staatsbürgerschaft des Ziellandes

innehatten, werden sie von den Daten nicht erfasst (Eurostat 2006). In Schw eden und

Dänemark beträgt der Ausländeranteil rund 6 %, während Finnland mit 2,7 % zurückliegt.

Traditionell war der Anteil ausländischer Staatsangehöriger in den südeuropäischen Ländern

eher gering, aber seit einigen Jahren erfahren diese Regionen einen Migrantenzustrom aus

Afrika, Südamerika und Osteuropa. Folglich ist der Ausländeranteil in diesen Ländern

drastisch gestiegen, insbesondere in Spanien und Griechenland, die in dieser Hinsicht

bereits über dem EU-Durchschnitt liegen (mit einem Ausländeranteil von rund 12,3 % bzw.

8,8 %) (Eurostat 2012b).

In den neuen osteuropäischen Mitgliedstaaten sieht die Lage anders aus, denn hier ist der

Anteil an Einwohnern mit ausländischer Staatsbürgerschaft relativ gering (unter 3 %). In

Ungarn, Polen und der Slowakischen Republik beispielsweise liegt der Anteil an Nicht-EU-

25-Bürgern unter 1 %. Lettland und Estland gelten in dieser Hinsicht als Ausnahme, wobei

jedoch ein großer Teil der dort lebenden Nicht-EU-25-Bürger aus der ehemaligen UdSSR

stammt und die Staatsbürgerschaft des Aufnahmelandes nicht angenommen hat

(bezeichnet als Nichtbürger oder Personen mit unbestimmter Staatsbürgerschaft) (Eurostat

2012b).

29


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

In einer vergleichenden Studie von Schoorl und van Praag (2007) wurden die

Herkunftsländer der zehn größten Ausländergruppen in jedem Mitgliedstaat, über den

Daten vorliegen, eingehender untersucht. Dabei wurde festgestellt, dass Bürger aus den

Nachbarstaaten meistens zu den größten Ausländergruppen zählen. In Belgien stellen

beispielsweise die Franzosen und Niederländer die zweit- bzw. drittgrößte Gruppe dar,

während in der Slowakischen Republik die Ukrainer, Tschechen, Polen und Ungarn die

größten Gruppen bilden. In vielen Ländern lassen sich ehemalige Kolonialbeziehungen

erkennen, wie in Frankreich (Marokkaner, Algerier – auch wenn die meisten von ihnen die

französische Staatsbürgerschaft besitzen) und Portugal oder Spanien (Bürger aus Afrika

und Lateinamerika), wie auch besondere politische Auslandsbeziehungen aus Zeiten des

kalten Krieges, z. B. leben in der Tschechischen und der Slowakischen Republik sowie in

Ungarn und Polen viele Vietnamesen und in Bulgarien und Rumänien Syrer (Schoorl und

van Praag 2007). Die konsolidierten Verbindungen zwischen ehemaligen osteuropäischen

Staaten und Staaten, die sich in der Vergangenheit aufgelöst haben, schlagen sich ebenfalls

deutlich in der Migrationszusammensetzung nieder. Darüber hinaus tragen auch die

Geschichte der Arbeitskräftemigration sowie die Flüchtlings- und Asylpolitik in den

westeuropäischen Ländern häufig zur Ausbildung einer bestimmten Nationalitätenstruktur

bei (beispielsweise Türken in Deutschland und den Niederlanden und Portugiesen in

Luxemburg oder die Präsenz irakischer Staatsangehöriger in Skandinavien).

Tabelle 2:

Ausländeranteil nach Gruppen des Herkunftslands (absolute Werte

und als Anteil der Gesamtbevölkerung), 31. Dezember 2008

Gesamtbevölkerung

(1000)

Insgesamt

Ausländer

Staatsbürger aus

(anderen EU-

Mitgliedstaaten)

Staatsbürger aus Nicht-

EU-Mitgliedstaaten

(Drittstaatsangehörige)r

(1000) % (1000) % (1000) %

EU-27 499 433,1 31 860,3 6,4 11 944,2 2,4 19 916,2 4,0

BE 10 750,0 : : : : : :

BG 7606,6 23,8 0,3 3,5 0,1 20,3 0,3

CZ 10 467,5 407,5 3,9 145,8 1,4 261,7 2,5

DK 5511,5 320,0 5,8 108,7 2,0 211,4 3,8

DE 82 002,4 7185,9 8,8 2530,7 3,1 4655,2 5,7

EE 1340,4 214,4 16,0 9,6 0,7 204,8 15,3

IE 4450,0 504,1 11,3 364,8 8,2 139,2 3,1

EL 11 260,4 929,5 8,3 161,6 1,4 767,9 6,8

ES 45 828,2 5651,0 12,3 2274,2 5,0 3376,8 7,4

FR 64 366,9 3737,5 5,8 1302,4 2,0 2435,2 3,8

IT 60 045,1 3891,3 6,5 1131,8 1,9 2759,5 4,6

CY 796,9 128,2 16,1 78,2 9,8 50,0 6,3

LV 2261,3 404,0 17,9 9,4 0,4 394,6 17,5

LT 3349,9 41,5 1,2 2,5 0,1 39,0 1,2

LU 493,5 214,8 43,5 185,4 37,6 29,5 6,0

HU 10 031,0 186,4 1,9 109,8 1,1 76,6 0,8

MT 413,6 18,1 4,4 8,2 2,0 9,9 2,4

NL 16 485,8 637,1 3,9 290,4 1,8 346,7 2,1

AT 8355,3 864,4 10,3 317,0 3,8 547,4 6,6

PL 37 867,9 35,9 0,1 10,3 0,0 25,6 0,1

PT 10 627,3 443,1 4,2 84,7 0,8 358,4 3,4

RO 21 498,6 31,4 0,1 6,0 0,0 25,3 0,1

SI 2032,4 70,6 3,5 4,2 0,2 66,4 3,3

30


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

Gesamtbevölkerung

(1000)

Insgesamt

Ausländer

Staatsbürger aus

(anderen EU-

Mitgliedstaaten)

Staatsbürger aus Nicht-

EU-Mitgliedstaaten

(Drittstaatsangehörige)r

(1000) % (1000) % (1000) %

SK 5412,3 52,5 1,0 32,7 0,6 19,8 0,4

FI 5326,3 142,3 2,7 51,9 1,0 90,4 1,7

SE 9256,3 547,7 5,9 255,6 2,8 292,1 3,2

UK 61 596,0 4184,0 6,8 1793,2 2,9 2390,8 3,9

IS 319,4 24,4 7,6 19,4 6,1 5,0 1,6

NO 4799,3 302,9 6,3 165,4 3,4 137,6 2,9

CH 7701,9 1669,7 21,7 1033,6 13,4 636,1 8,3

Quelle: Eurostat (Online Datencode: migr_popictz).

1.3 Die Herausforderung der alternden Bevölkerung

1.3.1 Bevölkerungswachstum der Personen ab 65 Jahren

Anhaltend niedrige Geburtenraten und eine längere Lebenserwartung sind die Ursachen der

Bevölkerungsalterung in der EU (siehe folgende Abschnitte). Wenn die Babyboomer in den

kommenden Jahren das Rentenalter erreichen werden, wird sich dies noch dramatischer auf

die Bevölkerungsstruktur auswirken. Deshalb sind sich alle Experten einig, dass die

Bevölkerungsalterung die größte demografische Herausforderung für die Europäische Union

darstellt und auch in Zukunft darstellen wird. Eine Alterung der Bevölkerung in der EU-27

ist zu erwarten, wobei das Durchschnittsalter von 40,4 Jahren im Jahr 2008 auf 47,9 Jahre

im Jahr 2060 ansteigen dürfte.

In den Ländern der EU-27 wird der durchschnittliche Anteil von Personen ab 65 Jahren

voraussichtlich von 17,1 % im Jahr 2008 auf 30,0 % im Jahr 2060 ansteigen. In dieser Zeit

wird die Zahl der älteren Menschen drastisch von 84,6 Millionen auf 151,5 Millionen steigen.

2011 wurde in Deutschland und Italien der höchste Anteil älterer Menschen verzeichnet

(über 20 %), während Irland den geringsten Anteil (11,5 %) aufwies (Tabelle 3).

Tabelle 3:

Altersstruktur der Bevölkerung nach hauptsächlichen Altersgruppen,

1991 und 2011 (in %)

0- bis 14-Jährige 15- bis 64-Jährige ab 65-Jährige

1991 2011 1991 2011 1991 2011

EU-27 (1) 19,3 15,6 66,8 66,9 13,9 17,5

Belgien 18,1 17,0 66,8 65,9 15,0 17,1

Bulgarien 20,1 13,2 66,5 68,3 13,4 18,5

Tschechische Republik 21,1 14,5 66,3 69,9 12,6 15,6

Dänemark 17,0 17,9 67,4 65,3 15,6 16,8

Deutschland 16,2 13,4 68,8 66,0 14,9 20,6

Estland (2) 22,2 15,3 66,1 67,6 11,7 17,0

Irland 26,8 21,3 61,8 67,2 11,4 11,5

Griechenland 19,2 14,4 67,0 66,4 13,8 19,3

Spanien 19,5 15,1 66,7 67,8 13,8 17,1

Frankreich 20,3 18,5 65,8 64,7 14,0 16,7

Italien 16,3 14,0 68,6 65,7 15,1 20,3

Zypern 25,8 16,8 63,3 70,5 10,9 12,7

Lettland 21,5 14,2 66,7 67,4 11,8 18,4

31


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

0- bis 14-Jährige 15- bis 64-Jährige ab 65-Jährige

1991 2011 1991 2011 1991 2011

Litauen 22,5 14,9 66,4 67,2 11,0 17,9

Luxemburg 17,5 17,6 69,1 68,5 13,4 13,9

Ungarn 19,9 14,6 66,6 68,7 13,5 16,7

Malta 23,3 15,3 66,2 69,2 10,5 15,5

Niederlande 18,2 17,5 68,9 67,0 12,9 15,6

Österreich 17,5 14,7 67,5 67,7 15,0 17,6

Polen 24,9 15,2 64,9 71,3 10,2 13,5

Portugal 20,0 14,9 66,4 66,0 13,6 19,1

Rumänien 23,3 15,1 66,2 70,0 10,6 14,9

Slowenien 20,6 14,2 68,6 69,3 10,8 16,5

Slowakei 25,1 15,4 64,6 72,0 10,4 12,6

Finnland 19,3 16,5 67,2 66,0 13,5 17,5

Schweden 18,0 16,6 64,2 64,9 17,8 18,5

Vereinigtes Königreich 19,1 17,5 65,2 65,9 15,8 16,7

(1) Mit Ausnahme der französischen überseeischen Departements im Jahr 1991.

(2) Die Bevölkerung unbekannten Alters wurde zwecks Berechnung der Altersstruktur umverteilt.

Quelle: Eurostat (Online Datencode: demo_pjanind).

Gleichermaßen wird sich die Zahl der Personen ab 80 Jahren (oft als „Hochbetagte“

bezeichnet) voraussichtlich fast verdreifachen, von 21,8 Millionen im Jahr 2008 auf

61,4 Millionen im Jahr 2060. Die höchsten Anteile der Hochbetagten werden in Italien

(6 %), Frankreich (5,4 %) und Deutschland (5,3 %) verzeichnet, gegenüber einem

Durchschnitt von 4,8 %. Die niedrigsten Anteile weisen Irland und die Slowakei (unter 3 %)

auf (Eurostat 2011a).

Tabelle 4: Indikatoren für die Altersstruktur der Bevölkerung, 2011

(Jahre) (%)

Durchschnittsalter

Jugendabhängigkeitsquotient

Altersabhängigkeitsquotient

Abhängigkeitsquotient

insgesamt

Bevölkerungsanteil

der

Personen ab

80 Jahren

EU-27 41,2 23,4 26,2 49,6 4,8

Belgien 40,9 25,8 26,0 51,7 5,0

Bulgarien 42,5 19,4 27,0 46,4 4,0

Tschechische

Republik

39,8 20,8 22,3 43,1 3,7

Dänemark 40,6 27,4 25,7 53,1 4,1

Deutschland 44,6 20,3 31,2 51,5 5,3

Estland 39,7 22,7 25,2 47,9 4,3

Irland 34,5 31,7 17,2 48,8 2,8

Griechenland 42,1 21,7 29,0 50,7 5,0

Spanien 40,3 22,2 25,2 47,4 5,0

Frankreich 40,0 28,6 25,9 54,5 5,4

Italien 43,5 21,4 30,9 52,3 6,0

Zypern 35,7 23,9 18,0 41,9 2,9

Lettland 41,4 21,1 27,2 48,3 4,3

Litauen 41,1 22,1 26,6 48,7 4,4

Luxemburg 39,0 25,7 20,3 45,9 3,7

Ungarn 40,1 21,3 24,4 45,6 4,1

32


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

(Jahre) (%)

Durchschnittsalter

Jugendabhängigkeitsquotient

Altersabhängigkeitsquotient

Abhängigkeitsquotient

insgesamt

Bevölkerungsanteil

der

Personen ab

80 Jahren

Malta 39,5 22,1 22,4 44,5 3,4

Niederlande 41,0 26,1 23,3 49,3 4,0

Österreich 42,0 21,7 26,0 47,7 4,9

Polen 38,0 21,3 18,9 40,2 3,4

Portugal 41,9 22,6 28,9 51,4 5,1

Rumänien 38,6 21,6 21,3 42,9 3,2

Slowenien 41,7 20,5 23,9 44,3 4,1

Slowakei 37,4 21,4 17,5 38,9 2,8

Finnland 42,1 25,0 26,5 51,6 4,8

Schweden 40,8 25,6 28,4 54,0 5,3

Vereinigtes

Königreich

39,7 26,5 25,3 51,8 4,7

Quelle: Eurostat (Online Datencode: demo_pjanind).

Die größten Anteile an älterer Bevölkerung werden voraussichtlich in Ostdeutschland,

Nordspanien, Italien und in einigen Teilen Finnlands erreicht. In Mittel- und Osteuropa

verzögern sich die Auswirkungen der Alterung aufgrund der dortigen jüngeren Bevölkerung

und einer kürzeren Lebenserwartung. Trotzdem wird langfristig auch für diese Regionen ein

erheblicher Anstieg der älteren Bevölkerung erwartet (Europäische Kommission 2008).

1.3.2 Mehr ältere Menschen sind von einer schrumpfenden Bevölkerung im

erwerbstätigen Alter abhängig

Auf Ebene der EU-27 entsprach die Gesamtbevölkerung im Alter ab 65 Jahren gegenüber

der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter einem Anteil von 25,6 %. Mit anderen Worten

kamen durchschnittlich 100 Personen im erwerbsfähigen Alter für 26 Personen ab 65

Jahren auf. Zu Beginn 2011 reichte der Altersabhängigkeitsquotient von 6,9 % in Guyana

(FR) über 12,4 % in der Region Inner London (UK) bis hin zu 43,2 % in Ligurien in Italien.

Altersabhängigkeitsquotienten von über 30 % wurden in 68 Regionen verzeichnet, und

zwar hauptsächlich in nordischen Ländern (in Regionen Schwedens und Finnlands); in

Nordwest-, Mittel- und Osteuropa (in Regionen des Vereinigten Königreichs, Belgiens,

Deutschlands und Bulgariens) und in Mittelmeerländern (in Regione n Frankreichs,

Spaniens, Portugals, Italiens und Griechenlands) (Europäische Kommission 2008).

Der künftige Anteil der Erwerbsbevölkerung wird voraussichtlich in einigen Regionen

Finnlands, Schwedens und Deutschlands besonders gering sein. Das Ausmaß des

Rückgangs der Erwerbsbevölkerung weist drastische Unterschiede auf: 44 europäische

Regionen werden einen Rückgang von über 10 % verzeichnen. Diese Regionen haben mit

dem Zusammenspiel der niedrigen Geburtenrate und einer hohen Abwanderung zu

kämpfen. Einige werden mit einem Rückgang von über 30 % (Severozapaden, Dessau,

Chemnitz, Halle, Opolskie) oder bis zu 20 % (Magdeburg, Thüringen, Mecklenburg -

Vorpommern, Severentsentralen) besonders stark betroffen sein. Es ist abzusehen, dass

sich der Rückgang der Erwerbsbevölkerung negativ auf das regionale Wachstum auswirken

wird, sofern keine geeigneten Maßnahmen ergriffen werden. Inwieweit das Wachstum

durch die schrumpfende Erwerbsbevölkerung ausgebremst wird, hängt größtenteils von

Bildungsstand und Produktivität der Erwerbsbevölkerung sowie den künftigen

Erwerbsquoten ab (Europäische Kommission 2008).

33


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

1.3.3 Europäische Unterschiede im Alterungsprozess

Die demografische Alterung ist in den vorwiegend ländlichen Regionen einiger

Mitgliedstaaten besonders offenkundig, vor allem in Portugal, Spanien, Griechenland,

Italien, Deutschland und Frankreich, wo der Anteil der über 65-Jährigen besonders hoch ist.

Des Weiteren führt in Deutschland, den nordischen und baltischen Ländern und in

Südeuropa die starke Land-Stadt-Wanderung von Frauen im erwerbsfähigen Alter zu einer

hochgradigen „Maskulinisierung“ der ländlichen Bevölkerung (Europäische Kommission

2006a).

Die Karte in Abbildung 4 zeigt den möglichen Arbeitskräftemangel auf der regionalen Ebene

NUTS 2 in den kommenden 10 Jahren. Der Indikator soll eine Vorstellung über die Zahl der

jungen Arbeitnehmer (20 -29 Jahre) vermitteln, die verfügbar sein werden, um 100 ältere

Arbeitnehmer (55 -64 Jahre) zu ersetzen, die in den nächsten 10 Jahren aus dem

Arbeitsleben ausscheiden. In vielen Regionen (z. B. im Norden Italiens, in

Zentralfrankreich, in einigen Regionen in Schweden und Finnland sowie in Mitteleuropa)

liegt der Quotient unter 100, d. h. einem variierenden Anteil der angehenden

Altersruheständler wird keine ausreichende Zahl an jungen Arbeitnehmern

gegenüberstehen, die in den Arbeitsmarkt eintreten.

Abbildung 4: Verhältnis zwischen der Erwerbsbevölkerung, die in den

kommenden 10 Jahren potenziell in den Arbeitsmarkt eintreten wird

(Altersgruppe der 20-29-Jährigen), und der Erwerbsbevölkerung, die

im gleichen Zeitraum aus dem Arbeitsleben ausscheidet

(Altersgruppe der 55-64-Jährigen), nach Region.

(113.2,274.4]

(99.4,113.2]

(88.9,99.4]

[58.7,88.9]

No data

Quelle: Erstellung auf Grundlage von Eurostat-Daten.

EN

No data

DE

Keine Daten verfügbar

34


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

1.4 Niedrige Geburtenrate und späte Elternschaft: das

kinderarme Europa

1.4.1 Unzureichende Bevölkerungserneuerung

Ein wesentlicher Grund für die Verlangsamung des „natürlichen Wachstums“ der

Bevölkerung und auch – zumindest teilweise – für die Bevölkerungsalterung ist die

Tatsache, dass die Europäer im Durchschnitt immer weniger Kinder bekommen. Mit der

Gesamtfruchtbarkeitsziffer (GFZ) wird die mittlere Anzahl der lebend geborenen Kinder

angegeben, die eine Frau im Verlauf ihres Lebens gebären würde, wenn sie im Verlauf des

gebärfähigen Alters den altersspezifischen Fruchtbarkeitsziffern der betreffenden

Lebensjahre entspricht. In allen Mitgliedstaaten der EU-27 liegt die

Gesamtfruchtbarkeitsziffer mittlerweile unter 2,1 und damit unterhalb des Wertes, der zur

Erneuerung der Bevölkerung in Industrieländern notwendig ist. Seit Mitte der 1970er Jahre

liegt die Geburtenrate in der Europäischen Union unterhalb des sogenannten

Reproduktionsniveaus, mit der Folge einer alternden Bevölkerung und eines drohenden

Bevölkerungsrückgangs (Europäische Kommission 2007a). Die anhaltend niedrige

Geburtenrate gibt Anlass zu Bedenken: Wenn die niedrigste GFZ beispielsweise zusammen

mit einer niedrigen Sterblichkeitsrate länger anhält, führen GFZ von 1,3 und weniger zu

einer Verringerung der jährlichen Geburtenzahl um 50 % und damit zu einer Halbierung der

Bevölkerung in weniger als 45 Jahren (Kohler et al. 2002). Im Rahmen der Studie wird

festgestellt, dass dies zwar teilweise auf zeitliche Verschiebungen zurückzuführen ist, durch

die die Gesamtfruchtbarkeitsziffer unter den jeweiligen Wert der Kohortenfertilität gesenkt

wird, zum Teil jedoch auch auf tiefgreifende sozioökonomische Veränderungen. Für

Einzelpersonen und Paare ist eine späte Schwangerschaft die logische Reaktion auf die

steigende Rentabilität von Humanressourcen und die große wirtschaftliche Unsicherheit im

jungen Erwachsenenleben. Darüber hinaus verstärken soziale Wechselwirkungen diese

Verhaltensanpassung und tragen zu einer langen und anhaltenden Verschiebung des

Durchschnittsalters bei, in dem Frauen Kinder bekommen. Schließlich wird die insgesamt

niedrige Geburtenrate durch die institutionellen Rahmenbedingungen weiter begünstigt

(Kohler et al. 2002). Die niedrigen Geburtenraten verdienen auch deshalb Beachtung, weil

Studien zur Fertilitätspräferenz zeigen, dass die gewünschte Kinderzahl in Europa höher

liegt als die Anzahl der tatsächlich geborenen Kinder (Goldstein et al. 2003). Mit anderen

Worten scheinen sich Paare aufgrund einer Reihe an Einschränkungen ihren Kinderwunsch

nicht oder nicht vollständig zu erfüllen. Vor dem Hintergrund der vorstehenden

Ausführungen ist es von besonderer Bedeutung, zu einem Verständnis darüber zu

gelangen, warum europäische Familien wenige Kinder bekommen und vor allem weniger

Kinder als sie sich selber wünschen.

Die Europäische Union ist zugleich durch niedrige Geburtenraten, einen Aufschub der

Mutterschaft und eine zunehmende Kinderlosigkeit in den jüngeren Generationen

gekennzeichnet. In den 27 Ländern der heutigen Europäischen Union ist die

Gesamtfruchtbarkeitsziffer von 2,5 in den 1960er Jahren auf 1,5 im Jahr 1995 gefallen und

hat sich ein Jahrzehnt auf diesem Niveau gehalten. In den vergangenen Jahren gab es

schwache Anzeichen einer Erholung, da die durchschnittliche Gesamtfruchtbarkeitsziffer in

den EU-27-Ländern inzwischen knapp unter 1,6 Kindern pro Frau liegt (Tabelle 5).

35


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

Tabelle 5:

Gesamtfruchtbarkeitsziffer und Durchschnittsalter bei der Entbindung

in der EU-27, 2002-2009.

2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009

Gesamtfruchtbarkeitsziffer

(Lebendgeburten pro Frau)

Durchschnittsalter von Frauen bei

der Entbindung (in Jahren)

1,46 1,47 1,50 1,51 1,54 1,56 1,60 1,59

29,2 29,3 29,4 29,5 29,6 29,7 29,7 29,8

Quelle: Eurostat (Online Datencode: demo_find).

1.4.2 Unterschiede in der Geburtenentwicklung in Europa

Die Geburtenentwicklung ist bei Weitem nicht einheitlich und es bestehen maßgebliche

Unterschiede zwischen den europäischen Ländern hinsichtlich der Fruchtbarkeitsziffer

(Coleman 2007). Genauer gesagt unterteilt sich Europa offenbar in drei Gebiete entlang der

seit langem bestehenden kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Teilungslinien

(Coleman 2007; Reher, 1998; Pinnelli et al., 2001). Eine der demografischen Grenzlinien

verläuft um die nordwestlichen und englischsprachigen Länder, in denen die Geburtenrate

dem Reproduktionsniveau weiterhin relativ nahe kommt (mindestens 1,7 Kinder, in

Frankreich 2). Diesen Ländern steht daher und dank positiver Migrationsströme eine relativ

gute demografische Zukunft bevor. Die zweite Gebietsgruppe setzt sich aus Südeuropa und

den deutschsprachigen Ländern zusammen und ist von sehr viel geringeren Geburtenraten

geprägt, die bei 1,4 und weniger liegen. Die dortigen Frauen schieben die Mutterschaft auf,

ohne die „verlorenen fruchtbaren Jahre“ im späteren gebärfähigen Alter aufzuholen. Selbst

mit positiven Einwanderungszahlen werden diese Länder mit einem Bevölkerungsrückgang

und einer stärkeren Alterung der Bevölkerung zu kämpfen haben. Die dritte Gruppe

umfasst Länder in Osteuropa, in denen sich ein dramatischer demografischer Wandel

vollzieht, der von einer extrem schnellen Abnahme der Geburtenrate, einer relativ hohen

Sterblichkeit und vor allem der Nettoabwanderung geprägt ist (Coleman 2007, Europäische

Kommission 2007a).

Im Jahr 2011 war Irland der Mitgliedstaat mit der höchsten Geburtenrate (2,05 Kinder pro

Frau), zusammen mit Frankreich (2,3 im Jahr 2010), Schweden (1,9), Finnland (1,83) und

Dänemark (1,75), während Polen, Ungarn und Rumänien mit weniger als 1,3 Kindern pro

Frau die niedrigsten Raten verzeichneten.

Paradoxerweise liegt die Geburtenrate in denjenigen Ländern höher, in denen die

Einrichtungen für Familien besonders mangelhaft erscheinen, wo instabile Partnerschaften

häufig sind und die Beteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt hoch ist, d. h. in den

nordwestlichen Ländern (Kohler et al. 2006). Tatsächlich haben sich in Europa die

länderübergreifenden Zusammenhänge zwischen Gesamtfruchtbarkeits- und

-erstheiratsziffer, dem Anteil an außerehelichen Geburten und der weiblichen Beteiligung

am Arbeitsmarkt seit 1975 bis heute umgekehrt. Seit Ende der 1990er Jahre stehen sogar

die Scheidungsraten nicht länger negativ mit Geburtenraten in Verbindung (Billari und

Kohler 2004).

1.4.3 Künftige Entwicklung der Geburtenraten

Seit dem Jahr 2000 hat eine leichte, aber nicht unerhebliche Erholung der Geburtenrate in

zahlreichen Ländern stattgefunden. Die Zahl der Länder mit einer GFZ unterhalb von 1,3

fiel von 21 im Jahr 2003 auf fünf im Jahr 2008 (Goldstein et al. 2009). In Italien, Spanien

und Griechenland wurden periodische GFZ von über 1,4 verzeichnet. Darüber hinaus

beschränkte sich der Anstieg der GFZ nicht auf die Länder mit den niedrigsten

36


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

Geburtenraten, sondern fand ebenfalls in Ländern mit höheren Geburtenraten, etwa in

Schweden, dem Vereinigten Königreich und Frankreich, statt. Die einzige Ausnahme dieser

Trendwende in Europa bilden die deutschsprachigen Länder, in denen sich die

Geburtenraten nicht verändert haben. Handelt es sich hier um ein vorübergehendes

Phänomen oder um eine wesentliche Veränderung?

Goldestein et al. 2009 kommen zu dem Schluss, dass Länder mit den ehemals niedrigsten

Geburtenraten weiterhin einen Anstieg der Geburten erleben werden, da die

vorübergehenden Auswirkungen der Verschiebung zu späteren Schwangerschaften an

Bedeutung verlieren: in dem Maße, in dem sich der Aufschub der Elternschaft in den

1990er Jahren negativ auf die periodische Geburtenrate ausgewirkt hat, wird die GFZ

nunmehr durch die Erholung der Geburtenrate bei Frauen in höherem Alter angehoben.

Eine externe Erschütterung wie die Wirtschaftskrise scheint diese optimistischen

Schlussfolgerungen jedoch in Frage gestellt zu haben, denn ersten Erkenntnissen zufolge

hat die Rezession in den meisten Ländern zu einem Rückgang der Geburtenzahlen und der

Fertilitätsraten geführt und damit das durch steigende Geburtenraten gekennzeichnete

vorhergehende Jahrzehnt abrupt beendet (Sobotka et al. 2011, Goldestein et al. 2013,

Lanzieri 2013). Die meisten Studien kommen zu dem Schluss, dass sich die

Fruchtbarkeitsziffer prozyklisch verändert und häufig in Übereinstimmung mit dem

Konjunkturzyklus zu- bzw. abnimmt. In der Fachliteratur hingegen werden relativ geringe

(in der Regel nur wenige Prozentpunkte) und kurz anhaltende prozyklische Auswirkungen

festgestellt, die zudem häufig in erster Linie den Zeitpunkt der Schwangerschaften

beeinflussen, sich aber in den meisten Fällen nicht auf die Kohortenfertilität auswirken

(Sobotka et al. 2011).

Weitere negative Auswirkungen auf die künftigen Geburtenzahlen in der EU ergeben sich

aus der sogenannten negativen Bevölkerungsdynamik: die abnehmende Zahl an Frauen

und Paaren im gebärfähigen Alter nach drei Jahrzehnten mit niedrigen Fertilitätsraten führt

dazu, dass die Auswirkungen der sich erholenden Fertilitätsraten auf die Geburtenzahlen

und die Alterung der Bevölkerung zwangsläufig eingeschränkt wird (Lutz et al. 2006).

Daher sollten von staatlicher Seite als produktive Investition dienende

Finanzierungsmaßnahmen langfristig nicht gesenkt oder gar abgeschafft werden: Durch

eine stimmige Kombination politischer Maßnahmen (statt lediglich einer einzelnen

Maßnahme) könnte Europa zu einem familienfreundlichen Ort werden, an dem sich Paare

auch unter ungünstigen Konjunkturbedingungen ihren Kinderwunsch vollständig erfüllen

können. Auf diese Weise könnte die Bevölkerung die negativen Folgen von

Bevölkerungsalterung und -rückgang abmildern und so ein Umfeld für wirtschaftliches

Wachstum schaffen.

1.4.4 Geburtenraten auf regionaler Ebene

Es bestehen erhebliche Abweichungen bei den Geburtenraten in den einzelnen

europäischen Regionen (Abbildung 5). Der Grad der Variabilität bei den regionalen

Geburtenraten innerhalb der Mitgliedstaaten ist sehr unterschiedlich und die

Gesamtfruchtbarkeitsrate reicht im Durchschnitt von einem Kind pro Frau in Asturien,

Spanien, bis hin zu 3,7 Kindern im französischen überseeischen Departement Guyana

(Eurostat 2011b). Die größten regionalen Unterschiede weisen Spanien und Rumänien auf.

Die Hauptursachen für die Unterschiede bei den regionalen Geburtenraten in Europa stehen

im Zusammenhang mit der sozioökonomischen Struktur und besonders mit dem

Bildungsstand, dem beruflichen Status und dem Einkommen der Bevölkerung. Auch

Kontextfaktoren in Verbindung mit dem Wohnsitz (Verfügbarkeit an Inf rastruktur, gute

Betreuungsmöglichkeiten für Kinder, Wohnungsmarkt sowie kulturelle Besonderheiten)

beeinflussen die regionalen Fertilitätsraten (Europäische Kommission 2008).

37


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

Abbildung 5: Geburtenrate [Zahl der Lebendgeburten pro Frau], 2011

(1.85,2.71]

(1.48,1.85]

(1.34,1.48]

[1.04,1.34]

No data

Quelle: Erstellung auf Grundlage von Eurostat-Daten.

EN

No data

DE

Keine Daten verfügbar

Anmerkung: Die Geburtenraten der Regionen in BE und VK beziehen sich auf das Jahr 2009.

1.4.5 Aufschub der Elternschaft: Tendenzen und Auswirkungen

Wie bereits erwähnt besteht eine weitere Besonderheit im reproduktiven Verhalten in

Europa im Aufschub der Mutterschaft. Er gilt als eines der verbreitetsten Merkmale des

Fertilitätswandels in Europa, sodass einige Autoren ihn sogar als ausgeprägten Übergang zu

einer allgemein späten Elternschaft („postponement transition towards a late -childbearing

regime“) bezeichnen (Kohler et al. 2002, Balbo et al. 2013). In den vergangenen

Jahrzehnten wurde eine allgemeine und progressive Verzögerung der Geburt des ersten

Kindes in nahezu jedem Land der Europäischen Union beobachtet. Das Durchschnittsalter

der Frauen bei der Geburt des ersten Kindes lag in der EU-27 im Jahr 2009 bei knapp unter

30 Jahren und ist im Jahr 2010 weiter gestiegen. Vor fast 50 Jahren setzte ein drastischer

Rückgang der Geburtenrate bei Frauen unter 30 Jahren ein, der jedoch seit zehn Jahren

von einem Anstieg der Geburtenrate bei Frauen in ihren 30ern begleitet wird (OECD 2011).

Im Durchschnitt sind die Mütter bei der Hälfte der in der EU registrierten Geburten über

30 Jahre alt, wobei dieser Anteil in Irland, Spanien, Italien, den Niederlanden, Schweden,

Dänemark, Deutschland, Griechenland und Finnland sogar noch höher liegt (Europäische

Kommission 2010a). Zu den Hauptursachen für den Aufschub der Elternschaft zählen der

zunehmend höhere Bildungsstand aufeinander folgender Generationen von Frauen, ihre

wachsenden Bestrebungen, beruflich aktiv und finanziell unabhängig zu sein, die

mangelhafte Vereinbarkeit von Elternschaft und bezahlter Beschäftigung sowie die

Notwendigkeit für Eltern, finanzielle Sicherheit zu schaffen, bevor sie Kinder bekommen

(Nicoletti und Tanturri 2008, Balbo et al. 2013).

38


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

Die Verzögerung der Erstgeburt ist aus zwei Gründen ein wesentlicher Grund für die

Verringerung der endgültigen Kinderzahl (Billari und Kohler 2004, Sobotka 2004). Zum

einen kann bei einer Verkürzung des reproduktiven Zeitraums die Möglichkeit für Frauen,

ihren Kinderwunsch vollständig zu erfüllen, gegebenenfalls dadurch beeinträchtigt werden,

dass ihre Fruchtbarkeit verringert ist oder sie sogar steril sind (Beets 2006). Zum anderen

reagiert der periodische Indikator der Fruchtbarkeit (GFZ) auf Veränderungen des

Zeitpunkts von Geburten (van Nimwegen 2008). Tatsächlich werden die Folgen von

Veränderungen in den aktuellen Fertilitätsmustern auf künftige

Fertilitätswahrscheinlichkeiten bei der Berechnung periodischer Indikatoren nicht

berücksichtigt. Wenn immer mehr Frauen ihre Mutterschaft aufschieben, wird demnach die

GFZ zunächst zwangsläufig auch dann sinken (sogenannter „Tempoeffekt“), wenn die

Wahrscheinlichkeit späterer Mutterschaft zunehmen würde, falls die Anzahl der von den

betreffenden Frauen gewünschten Kindern konstant bliebe (der sogenannte

„Quantumeffekt“) (Europäische Kommission 2007a). Sobald d er Gesamtprozess des

Aufschubs der Elternschaft in einem Land abgeschlossen ist, beginnt die GFZ wieder zu

steigen (van Nimwegen 2008, Goldstein et al. 2009). Korrekte Indikatoren wären

Kohortenindikatoren bei endgültiger Kinderzahl, die jedoch für jüngere Generationen, die

sich noch im gebärfähigen Alter befinden, nicht erhoben werden können.

1.4.6 Der Anstieg der Kinderlosigkeit

Die rückläufige Geburtenrate Europas ist mit einem Rückgang kinderreicher Familien (drei

oder mehr Kinder), aber auch mit einem Anstieg der Kinderlosigkeit verbunden (Billari et

Kohler 2004). Die Tendenzen bei der Prävalenz endgültiger Kinderlosigkeit sind in den

europäischen Ländern erstaunlich ähnlich: ein Höchststand der Kinderlosigkeit bei den

Geburtskohorten von 1880-1910; ein mehr oder weniger kontinuierlicher Abfall bei den

Geburtskohorten 1910-1945 und eine stetige Zunahme bei den seit dem Ende des zweiten

Weltkriegs geborenen Kohorten (Rowland 2007). Jüngste Schätzungen zu der anhaltenden

Kinderlosigkeit der Kohorten, die um 1965 geboren sind, verdeutlichen, dass dieses

Phänomen besonders in Italien (~25 %), Deutschland und Finnland (~20 %) zugenommen

hat, jedoch auch in Österreich, Belgien, England und Wales, Griechenland, Irland, den

Niederlanden, Polen, Schweden und auch außerhalb Europas, beispielsweise in den USA,

nicht zu vernachlässigen ist (~ 15 %) (OECD 2011).

1.4.7 Warum ist die Geburtenrate so gering?

Es existiert reichlich Fachliteratur zu den Gründen für die geringen Geburtenraten.

Klassischerweise werden im Wesentlichen zwei Arten von Erklärungen für den Rückgang

der Geburtenrate angeführt: Die eine begründet sich wirtschaftswissenschaftlich und

basiert auf der Theorie der rationalen Entscheidung, die andere beruft sich auf den

kulturellen und wertebezogenen Wandel. Allerdings wurden in jüngerer Zeit auch andere

Arten von Erklärungen untersucht, etwa die Theorie der Gleichstellung der Geschlechter

und die Theorie der Zufriedenheit (Tanturri 2013). Für ein umfassendes Verständnis zu

einem so komplexen Phänomen wie der niedrigen Geburtenrate ist jedoch eine integrierte

Erklärung erforderlich. In der Fachliteratur besteht weitgehende Übereinstimmung darüber,

dass in den europäischen Ländern mit den geringsten Geburtenzahlen institutionelle

Rahmenbedingungen herrschen, die implizit eine relativ niedrige Geburtenrate begünstigen

(Kohler et al. 2006). Aufgrund mangelnder familienfreundlicher Strategien und eines

unflexiblen Arbeitsmarkts scheint es in vielen europäischen Regionen insbesondere

schwierig zu sein, die Teilnahme von Frauen am Arbeitsleben mit der Mutterschaft zu

vereinbaren (Balbo et al. 2013). So sind beispielsweise in den Mittelmeerländern die

Möglichkeiten für eine Halbtagsbeschäftigung oder die Rückkehr ins Erwerbsleben nach der

Geburt eines Kindes beschränkt (Del Boca 2002; González et al. 2000; Stier et al. 2001).

39


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

Im westeuropäischen Vergleich zählen Italien und Spanien mit Blick auf

Steuervergünstigungen oder direkte Transferzahlungen zu den Ländern mit dem

niedrigsten staatlichen Unterstützungsniveau für Familien mit Kindern (Esping -Andersen

1999). Auch wenn dieser Mangel zum Teil durch einen starken Familienverbund wieder

ausgeglichen wird, wie zum Beispiel durch die Kinderbetreuung und finanzielle

Unterstützung der Großeltern (Reher 1998), dürfte diese familiäre Unterstützung als Ersatz

für die öffentliche Unterstützung in den heutigen Industrieländern jedoch nicht ausreichen

(Kohler et al. 2006). In gleicher Weise bieten die Länder mit den niedrigsten Geburtenraten

in Südeuropa, aber auch Deutschland und Österreich, nur eine stark unzureichende

Unterstützung im Bereich Betreuungsmöglichkeiten für Kinder an (OECD 2011 und 2007).

So war beispielsweise der Anteil an Kindern unter drei Jahren in formellen

Betreuungseinrichtungen in Südeuropa und deutschsprachigen Ländern im Vergleich zu

Kontinentaleuropa (rund 30 % in Frankreich und den Niederlanden) als niedrig und im

Vergleich zu den nordischen Ländern (über 30 %) als sehr niedrig (z. B. rund 12 % in

Italien) einzustufen. Darüber hinaus können „Familismus“ und ein schwieriger Eintritt in

den Arbeitsmarkt die Bildung eheähnlicher Gemeinschaften behindern und die Geburtenrate

schwächen (Dalla Zuanna 2001).

Zudem sind in den südeuropäischen Ländern mit der niedrigsten Geburtenrate die

familiären Rollen noch immer sehr traditionell geprägt, ohne sich an die neue Rolle der Frau

anzupassen (Chesnais 1996, McDonald 2000). In Italien und Spanien herrscht eine

hochgradig asymmetrische Arbeitsteilung bei den häuslichen Aufgaben und die Geburt des

ersten Kindes scheint diese geschlechtsbezogenen Unterschiede noch weiter zu verstärken

(Mencarini und Tanturri 2004, Mills et al. 2008). Darüber hinaus gibt es Anhaltspunkte

dafür, dass Paare, in denen sich die Väter aktiver an der Betreuung beteiligen, mit größerer

Wahrscheinlichkeit noch ein weiteres Kind bekommen (Mencarini und Tanturri 2004, Mills et

al. 2008). Die Länder untermauern somit das Argument von McDonald (2000) zur

Gleichstellung der Geschlechter: die Geburtenrate sinkt auf ein sehr niedriges Niveau, wenn

die Gleichstellung der Geschlechter in personenzentrierten Institutionen wie dem

Arbeitsmarkt zunimmt, nicht aber, wenn diese Zunahme in familienzentrierten Institutionen

erfolgt.

Die sehr geringe Fertilität in Osteuropa lässt sich teilweise auf ähnliche institutionelle

Faktoren zurückführen, durch die maßgebliche Gleichstellungsfortschritte verhindert werden

(Kohler et al 2006). Darüber hinaus wurden viele der geburtsfördernden – oder zumindest

familienfreundlichen – Maßnahmen in MOE-Ländern nach 1990 abgeschafft (Ma cura 2000)

und aufgrund der Wirtschaftskrise haben sich insbesondere die Chancen einer

zufriedenstellenden Eingliederung von Frauen in den Arbeitsmarkt verschlechtert. Des

Weiteren ist das gesamte Leben der Menschen in Osteuropa von anhaltender

wirtschaftlicher Unsicherheit geprägt. In Osteuropa führen die unsicheren langfristigen

Aussichten hinsichtlich der Arbeitslosigkeit, der Wohnungslage und des

Wirtschaftsaufschwungs dazu, dass sich die Unsicherheit nicht nur auf den Zeitpunkt der

Erstgeburt auswirkt, sondern auch auf die Entscheidung für ein zweites Kind und weitere

Kinder (Kohler et al. 2006).

1.4.8 Familienideale

Trotz der sehr geringen Fruchtbarkeitsziffern gilt die Zwei-Kind-Familie für die meisten

Europäer immer noch als Vorbild. Die durchschnittliche ideale Anzahl an Kindern (allgemein

wie auch für die eigene Familie) wird sowohl von Frauen als auch von Männern und von

jeder Altersgruppe mit zwei oder etwas mehr angegeben (Testa 2006). Österreich und

Rumänien sind die einzigen europäischen Länder, in denen die Idealvorstellung von jungen

weiblichen und männlichen Kohorten unterhalb des Reproduktionsniveaus liegt (Testa

40


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

2006). Die Ideale scheinen sich jedoch von der Realität zu unterscheiden: wird für Frauen

im besten gebärfähigen Alter die Anzahl der bereits geborenen Kinder mit der Anzahl der

Kinder zusammengezählt, die Paare noch bekommen möchten, zusammenzählt, haben

einige Länder (Österreich, Rumänien, Spanien, Italien, Slowakei, Deutschland, Malta und

die Tschechische Republik) Durchschnittswerte von unter zwei, wobei diese Zahl jedoch

noch über der aktuellen durchschnittlichen Fertilitätsrate liegt (Testa 2006, Europäische

Kommission 2006c). Deshalb scheint es plausibel zu sein, dass europäische Paare – und

insbesondere Frauen – mit Hindernissen bei der Elternschaft zu kämpfen haben.

1.5 Ein längeres Leben für die Europäer

1.5.1 Ein längeres Leben für mehr Menschen

In den vergangenen 50 Jahren haben sich in Europa viele wirtschaftliche und soziale

Fortschritte vollzogen und die Europäer leben im Durchschnitt zehn Jahre länger als noch

im Jahr 1960 und damit länger als jemals zuvor. Die erhöhte Lebenserwartung bei der

Geburt in Europa verdankt sich in erster Linie dem verbesserten Lebensstandard, aber auch

der Einrichtung und der Verbesserung von Gesundheitssystemen sowie dem medizinischen

Fortschritt. In den vergangenen 50 Jahren hat sich die Sterblichkeit zu älteren

Altersgruppen hin verlagert. Degenerative und vom Menschen verursachte Erkrankungen

zählen mittlerweile zu den Haupttodesursachen. Die Sterblichkeit in fortgeschrittenem Alter

hat abgenommen, vorrangig aufgrund sinkender Sterblichkeitsraten durch Herz-

Kreislauferkrankungen (Meslé und Vallin 2002).

In den Ländern der heutigen EU-27 hat ein neugeborenes Mädchen eine Lebenserwartung

von über 82,2 Jahren und ein Junge von rund 76,1 Jahren, woraus sich ein

Geschlechtergefälle von 6,1 Jahren ergibt (Eurostat 2011b). Noch zu Beginn der 1960er

Jahre lag die Lebenserwartung bei der Geburt für Mädchen bei unter 73 Jahren und für

Jungen bei rund 67 Jahren ( Eurostat 2007). Seit 1980 liegt der durchschnittliche Anstieg

der Lebenserwartung bei der Geburt pro Jahr in den Ländern der EU-25 bei knapp unter

0,2 Jahren (De Beer 2006). Bis 2020 wird die Lebenserwartung bei der Geburt in der EU-25

voraussichtlich um drei weitere Jahre für Jungen und um 2,6 Jahre für Mädchen steigen

und bis 2050 um 6,3 Jahre für Jungen und 5,1 Jahre für Mädchen (Eurostat 2011b). Der

größte Anstieg der Lebenserwartung wird für Mittel- und Osteuropa erwartet, wo die

aktuellen Werte erheblich niedriger sind als in Westeuropa. Trotzdem wird die

Lebenserwartung bei der Geburt in den MOEL voraussichtlich unter dem Niveau in Westund

Nordeuropa bleiben. Insgesamt nehmen in den EU-25-Ländern die

geschlechtsspezifischen Unterschiede bei der Sterblichkeit ab, da die Sterblichkeitsraten

von Männern auf diejenigen von Frauen absinken (Europäische Kommission 2006b).

In den alten Mitgliedstaaten ist die Lebenserwartung im Allgemeinen höher als in den

neuen Mitgliedstaaten (Europäische Kommission 200 6b). Eine Betrachtung der Grenzwerte

für die Lebenserwartung in Europa zeigt, dass die Lebenserwartung für eine 2011 geborene

weibliche Person zwischen 77,8 (Bulgarien) und 85,4 Jahren (Spanien) liegt. Dies entspricht

einer Spanne von 7,6 Jahren. Eine 2011 geborene männliche Person hat eine

Lebenserwartung zwischen 68,1 Jahren (Litauen) bis 79,9 Jahren (Schweden). Dies

entspricht einer Spanne von 11,8 Jahren 3 . Ausführliche Daten und Tendenzen,

aufgeschlüsselt nach Ländern, sind in Tabelle 6 aufgeführt.

3

Statistiken zur Sterblichkeit und Lebenserwartung – Statistics Explained

http://epp.eurostat.ec.europa.eu/statistics_explained/index.php/Mortality_and_life_expectancy_statistics/de.

41


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

Die regionalen Daten ergaben erhebliche Unterschiede zwischen den niedrigsten und den

höchsten Werten (Abbildung 6). Im Jahr 2011 lagen die niedrigsten Werte für weibliche

Personen bei rund 73 Jahren (in den bulgarischen Regionen Yugoiztochen und

Severozapaden und der ungarischen Region Észak-Magyarország) und bei 65,5 Jahren für

männliche Personen (Litauen). Die höchste Lebenserwartung bei der Geburt (84 Jahre)

wurde 2011 in der Comunidad de Madrid verzeichnet. Regionale Unterschiede beim

Gesundheitszustand dürften auf Unterschiede im sozioökonomischen Status, in den

Arbeitsbedingungen, Verhaltensaspekten, kulturellen Faktoren sowie Unterschiede zwischen

Mitgliedstaaten und Regionen in der öffentlichen Gesundheitspolitik zurückzuführen sein

(Europäische Kommission 2008).

Abbildung 6: Durchschnittliche Lebenserwartung bei der Geburt in der EU-

27, Regionalebene, 2011

(81.90,84.00]

(80.90,81.90]

(79.60,80.90]

[73.00,79.60]

No data

Quelle: Eurostat.

EN

No data

DE

Keine Daten verfügbar

Obwohl die Lebenserwartung über einen langen Zeitraum erheblich angestiegen ist, hat es

ebenso Zeiten gegeben, in denen die Entwicklung weniger günstig aussah. So wurden

beispielsweise in den 1960er Jahren in vielen europäischen Ländern ungünstige

Entwicklungen bei der Lebenserwartung von Männern verzeichnet. Diese können auf die

Veränderungen des Lebensstils nach dem Zweiten Weltkrieg zurückzuführen sein,

insbesondere auf den Tabakkonsum und eine ungesunde Ernährung. Die Folge war ein

erheblicher Anstieg von Krebserkrankungen, ischämischen Herzkrankheiten und

zerebrovaskulären Krankheiten in relativ jungem Alter, die sich negativ auf die

Lebenserwartung auswirkten (Meslé und Vallin 2002). In den mitteleuropäischen Ländern

entwickelte sich die Lebenserwartung in den 1990er Jahren, nach dem Zusammenbruch der

kommunistischen Staatenwelt, ebenfalls nicht sonderlich positiv. Sowohl ungesundes

Verhalten (z. B. Alkoholismus) als auch der Zerfall des Gesundheitssystems trugen zu

dieser Entwicklung bei.

42


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

Die europäischen Länder mit hoher Lebenserwartung um 1960 verzeichneten in der Regel

einen geringeren Anstieg der Lebenserwartung als Länder mit einer geringeren

Lebenserwartung. Im Jahr 1960 war die Lebenserwartung in den nordwestlichen Ländern

Europas höher als in den Ländern Südeuropas, , wo die Lebenserwartung seitdem

entsprechend stärker gestiegen ist. Dies besagt jedoch nicht, dass lediglich eine

Annäherung stattgefunden hat, da sich der Anstieg der Lebenserwartung von Frauen in

Spanien, Frankreich und Italien auch fortsetzte, nachdem sich die Lücke bereits

geschlossen hatte (de Beer 2006).

1.5.2 Das Geschlechtergefälle: Die besseren Aussichten für Frauen halten an

In allen europäischen Ländern ist die Lebenserwartung von Mädchen bei der Geburt höher

als die von Jungen. Das Ausmaß des Geschlechtergefälles nimmt jedoch nach und nach ab

und unterscheidet sich stark von einem Land zum anderen. Die geringsten

Geschlechtergefälle (unter vier Jahren) wurden in Schweden, Dänemark und Zypern

verzeichnet. Demgegenüber wurden die größten geschlechtsspezifischen Differenzen bei

der Sterblichkeit (rund zehn Jahre) in den baltischen Ländern verzeichnet.

Das Geschlechtergefälle hat sich mit der Zeit verändert. Um 1980 herum begann es in den

nordwestlichen Ländern Europas abzunehmen, seit Mitte der 1990er Jahre auch in

Frankreich und in den Ländern Südeuropas. Die Verringerung des Geschlechtergefälles ist

sowohl auf eine Verlangsamung im Anstieg der Lebenserwartung von Frauen als auch auf

einen stärkeren Anstieg der Lebenserwartung von Männern zurückzuführen. Eine Erklärung

für die Verlangsamung des Anstiegs der Lebenserwartung von Frauen besteht darin, dass

sie den weniger gesunden Lebensstil von Männern in mehr oder weniger starkem Ausmaß

übernehmen. Einer weiteren Erklärung zufolge nähern sich Frauen der Obergrenze für

weitere Verbesserungen in Bezug auf Sterblichkeitsrisiken an, da sie bereits eine niedrige

Sterblichkeitsrate erreicht haben. Der Anstieg der Lebenserwartung bei Männern lässt sich

unter anderem auf die deutliche Abnahme des Tabakkonsums seit den 1960er Jahren

zurückführen.

Tabelle 6:

Lebenserwartung bei der Geburt in den EU-27-Ländern 1980-2011 für

Männer und Frauen

Männer

Frauen

1980 1990 2000 2009 2010 2011 1980 1990 2000 2009 2010 2011

EU-27 : : : : : : : : : 82,6 : :

Belgien 69,9 72,7 74,6 77,3 77,6 76,7 79,5 81,0 82,8 83,0

Bulgarien 68,4 68,0 68,4 70,1 70,3 70,7 73,9 74,7 75,0 77,4 77,4 77,8

Tschechische

Republik 66,9 67,6 71,7 74,2 74,5 74,8 74,0 75,5 78,5 80,5 80,9 81,1

Dänemark 71,2 72,0 74,5 76,9 77,2 77,8 77,3 77,8 79,2 81,1 81,4 81,9

Deutschland 69,6 72,0 75,1 77,8 78,0 78,4 76,2 78,5 81,2 82,8 83,0 83,2

Estland 64,7 65,2 69,8 70,6 71,2 74,9 76,2 80,2 80,8 81,3

Irland 72,1 74,0 77,4 78,7 78,3 77,7 79,2 82,5 83,2 82,8

Griechenland 73,0 74,7 75,5 77,8 78,4 78,5 77,5 79,5 80,6 82,7 82,8 83,1

Spanien 72,3 73,4 75,8 78,7 79,1 79,4 78,4 80,6 82,9 84,9 85,3 85,4

Frankreich (1) 72,8 75,4 75,3 78,0 78,3 81,2 83,0 85,0 85,3

Italien 73,8 76,9 79,4 80,3 82,8 84,6

Zypern 75,4 78,6 79,2 79,3 80,1 83,6 83,9 83,1

Lettland 68,1 68,6 68,6 78,0 78,4 78,8

Litauen 65,4 66,4 66,8 67,5 68,0 68,1 75,4 76,3 77,5 78,7 78,9 79,3

Luxemburg 70,0 72,4 74,6 78,1 77,9 78,5 75,6 78,7 81,3 83,3 83,5 83,6

43


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

Männer

Frauen

1980 1990 2000 2009 2010 2011 1980 1990 2000 2009 2010 2011

Ungarn 65,5 65,2 67,5 70,3 70,7 71,2 72,8 73,8 76,2 78,4 78,6 78,7

Malta 68,0 76,2 77,9 79,2 72,8 80,3 82,7 83,6

Niederlande 73,8 75,6 78,7 78,9 79,4 80,2 80,7 82,9 83,0 83,1

Österreich 69,0 72,3 75,2 77,6 77,9 78,3 76,1 79,0 81,2 83,2 83,5 83,9

Polen 66,3 69,6 71,5 72,1 72,6 75,3 78,0 80,1 80,7 81,1

Portugal 67,9 70,6 73,2 76,5 76,7 77,6 74,9 77,5 80,2 82,6 82,8 84,0

Rumänien 66,6 66,7 67,7 69,8 70,1 71,0 71,9 73,1 74,8 77,4 77,6 78,2

Slowenien 69,8 72,2 75,9 76,4 76,8 77,8 79,9 82,7 83,1 83,3

Slowakei 66,7 66,7 69,2 71,4 71,7 72,3 74,4 75,7 77,5 79,1 79,3 79,8

Finnland 69,2 71,0 74,2 76,6 76,9 77,3 78,0 79,0 81,2 83,5 83,5 83,8

Schweden 72,8 74,8 77,4 79,4 79,6 79,9 79,0 80,5 82,0 83,5 83,6 83,8

Vereinigtes

Königreich 75,5 78,3 78,7 80,3 82,5 82,6

Island 73,5 75,5 77,8 79,8 79,8 80,7 80,4 80,7 81,6 83,8 84,1 84,1

Liechtenstein 73,9 79,5 79,5 79,5 79,9 83,6 84,3 84,2

Norwegen 72,4 73,4 76,0 78,7 79,0 79,1 79,3 79,9 81,5 83,2 83,3 83,6

Schweiz 72,3 74,0 77,0 79,9 80,2 80,5 79,0 80,9 82,8 84,6 84,8 85,0

Montenegro 72,9 73,5 77,6 78,4

Kroatien 73,0 73,5 79,7 79,9

Ehemalige

jugoslawische

Republik

Mazedonien 70,8 72,3 72,9 73,1 75,2 76,7 77,2 77,2

Türkei 73,3 78,8

(1) Mit Ausnahme der französischen überseeischen Departements vor 1991.

Quelle: Eurostat (Online Datencode: demo_mlexpec).

1.5.3 Ein längeres Leben auch im höheren Alter

Aus den zwischen den Ländern bestehenden Unterschieden in der Lebenserwartung lassen

sich einige Anhaltspunkte zu den Unterschieden des Gesundheitszustands ableiten. Da die

meisten kranken Lebensjahre in höherem Alter verbracht werden, ist es sinnvoll, statt der

Lebenswartung bei der Geburt die Lebenserwartung von Personen im Alter von 65 zu

untersuchen. Diese liegt für Frauen in den EU-Ländern bei durchschnittlich 20,7 Jahren und

für Männer bei 17,2 Jahren. Die Rangfolge der EU-Mitgliedstaaten hinsichtlich der

Lebenserwartung bei guter Gesundheit weicht von ihrer Rangfolge bei der

Gesamtlebenserwartung der 65-Jährigen ab. Dies weist darauf hin, dass die Unterschiede in

der Lebenserwartung nicht ausschließlich auf die Unterschiede im Gesundheitszustand

zurückzuführen sind (de Beer 2006).

Im Jahr 2011 wurde die höchste Lebenserwartung im Alter von 65 Jahren bei französischen

Frauen verzeichnet, vor denen weitere 23,4 Lebensjahre liegen, gefolgt von den

Spanierinnen (22,9) und Italienerinnen (22,1) (Abbildung 7). Die niedrigste

Lebenserwartung im Alter von 65 Jahren wurde hingegen bei den bulgarischen und

rumänischen Frauen verzeichnet, die nach ihrem 65. Geburtstag voraussichtlich nur noch

weniger als 17,5 Jahre zu leben haben. Die durchschnittliche Lebensdauer ab 65 Jahren für

Männer ist länger in Frankreich (18,7) und Spanien (18,7) und erheblich kürzer in Lettland

(13,4), Bulgarien und Litauen (beide 14).

44


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

Abbildung 7: Lebenserwartung der 65-Jährigen in den EU-27-Ländern 2011.

Frauen und Männer.

Quelle: Eurostat (Online Datencode: demo_mlexpec).

EN

DE

Men

Männer

Women

Frauen

EU-27 (1) EU-27 (1)

Belgium (2) Belgien (2)

Bulgaria

Bulgarien

Czech Republic

Tschechische Republik

Denmark

Dänemark

Germany

Deutschland

Estonia

Estland

Ireland

Irland

Greece

Griechenland

Spain

Spanien

France (2) Frankreich (2)

Italy (1) Italien (1)

Cyprus

Zypern

Latvia

Lettland

Lithuania

Litauen

Luxembourg

Luxemburg

Hungary

Ungarn

Malta (2) Malta (2)

Netherlands

Niederlande

Austria

Österreich

Poland

Polen

Portugal

Portugal

Romania

Rumänien

Slovenia

Slowenien

Slovakia

Slowakei

Finland

Finnland

Sweden

Schweden

United Kingdom (2) Vereinigtes Königreich (2)

Iceland

Island

Liechtenstein

Liechtenstein

Norway

Norwegen

Switzerland

Schweiz

Montenegro (2) Montenegro (2)

Croatia (2) Kroatien (2)

FYR of Macedonia

Ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien

Turkey (1) Türkei (1)

1.5.4 Bedeutet ein längeres Leben ein Leben in Krankheit?

Dass die Lebenserwartung im Laufe der Zeit ansteigt, bedeutet nicht zwangsläufig, dass

alle hinzugewonnenen Jahre auch in guter Gesundheit verbracht werden (de Beer 2006,

Robine et al. 2003, Egidi 2003, Jacobzone et al. 2000). Um bewerten zu können, welcher

45


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

Anteil des längeren Lebens bei guter Gesundheit verbracht wird, wurde ein Indikator für die

Lebensjahre bei guter Gesundheit entwickelt. Er basiert auf dem Konzept der

behinderungsfreien Lebenserwartung (Eurostat 2012a), d. h. einem Leben ohne jegliche

körperliche Einschränkungen.

Im Jahr 2008 konnten Frauen im Alter von 65 Jahren in der EU-27 im Durchschnitt davon

ausgehen, noch weitere 8,4 Jahre und damit 40,5 % ihrer verbleibenden Lebensdauer ohne

Behinderung leben zu können. Die für Männer im Alter von 65 zu erwartende Gesamtzahl

an gesunden Lebensjahren ohne Behinderung weicht davon nur gering ab (0,2 Jahre

weniger als bei Frauen), obwohl dies fast der Hälfte (47,8 %) der verbleibenden

Lebenserwartung von Männern entspricht (Tabelle 7).

Tabelle 7: Lebenserwartung der 65-Jährigen und Lebensjahre bei guter

Gesundheit in den EU-27-Ländern 2009. Frauen und Männer.

Lebenserwartung

im Alter von 65 (in

Jahren)

Lebensjahre bei guter

Gesundheit im Alter

von 65 (in Jahren)

Lebensjahre bei guter Gesundheit im

Alter von 65 als Anteil der

Lebenserwartung der 65-Jährigen (in

%)

Männer Frauen Männer Frauen Männer Frauen

EU-

27 (1) 17,2 20,7 8,2 8,4 47,8 40,5

BE 17,5 21,1 10,5 10,1 60,2 48,0

BG 13,8 17,0 8,4 9,1 61,1 53,8

CZ 15,2 18,8 8,0 8,4 52,9 44,5

DK 16,8 19,5 11,2 12,0 66,9 61,5

DE 17,6 20,8 6,4 6,5 36,4 31,0

EE 14,0 19,2 5,5 5,3 39,0 27,7

IE 17,2 20,6 10,2 10,5 59,1 50,8

EL 18,1 20,2 7,2 6,6 40,0 32,6

ES 18,3 22,5 9,2 8,4 50,1 37,1

FR 18,7 23,2 8,8 9,2 47,0 39,6

IT (1) 18,2 22,0 7,3 6,8 40,4 30,9

CY 18,1 20,9 9,9 8,5 54,9 40,6

LV 13,4 18,2 4,7 5,7 35,2 31,2

LT 13,4 18,4 5,9 6,7 44,0 36,4

LU 17,6 21,4 10,8 11,4 61,5 53,2

HU 14,0 18,2 5,7 5,6 40,7 30,6

MT 16,8 20,6 11,0 11,2 65,7 54,4

NL 17,6 21,0 9,4 10,3 53,3 49,2

AT 17,7 21,2 8,1 8,0 46,0 37,9

PL 14,8 19,2 6,8 7,4 46,1 38,8

PT 17,1 20,5 6,6 5,4 38,4 26,6

RO 14,0 17,2 7,2 7,0 51,4 40,6

SI 16,4 20,5 9,3 9,9 56,6 48,3

SK 14,1 18,0 3,4 2,8 24,3 15,7

FI 17,3 21,5 8,1 8,9 46,9 41,4

SE 18,2 21,2 13,6 14,6 74,8 69,1

UK (1) 17,7 20,3 10,7 11,8 60,5 57,9

IS 18,6 21,0 12,7 13,6 68,3 64,6

NO 18,0 21,1 13,5 14,0 75,2 66,3

Quelle: Eurostat (Online Datencode: demo_find).

46


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

Dem Bericht von Eurostat (2012a) über aktives Altern zufolge ist es naheliegend, dass in

Ländern, in denen ein höherer Anteil an älteren Personen ohne jegliche Behinderung lebt,

wahrscheinlich eine aktivere, gesündere und sich stärker am öffentlichen Leben

beteiligende ältere Bevölkerung vorzufinden ist, die medizinische und pflegerische

Einrichtungen in geringerem Maße in Anspruch nimmt. Diese Hypothese wird von Daten

untermauert, die zeigen, dass sich Schweden in dieser Hinsicht von den anderen

Mitgliedstaaten abhebt – schwedische Männer im Alter von 65 Jahren konnten im Jahr 2009

im Durchschnitt weitere 13,6 Jahre bei guter Gesundheit leben, Frauen ein Jahr länger.

Demnach konnten noch fast drei Viertel (74,8 %) der für schwedische Männer

voraussichtlich verbleibenden Lebensdauer und 70 % der für schwedische Frauen

verbleibenden Lebensdauer beschwerdefrei gelebt werden. Ähnliche Ergebnisse liegen auch

für die anderen nordischen Länder vor, während der entsprechende Anteil in den südlichen

und östlichen Ländern im Allgemeinen gering ist. Die niedrigsten Werte wurden in der

Slowakei (15,7 %), Portugal (26,6 %) und Estland (27,7 %) verzeichnet.

Bevölkerungswissenschaftler sind sich einig, dass die Lebenserwartung in naher Zukunft

weiter ansteigen wird. Weiterhin diskutiert wird jedoch, wie schnell und in welchem Ausmaß

die Lebenserwartung ansteigen wird. Laut den jüngsten regionalen

Bevölkerungsvorausberechnungen von Eurostat für die 27 Mitgliedstaaten (EUROPOP2008)

wird die Lebenserwartung in der EU-25 bis 2020 bei Männern um weitere drei Jahre und bei

Frauen um weitere 2,6 Jahre steigen, bis 2050 bei Männern um weitere 6,3 Jahre und bei

Frauen um weitere 5,1 Jahre. Den größten Anstieg der Lebenserwartung dürften Mittel- und

Osteuropa verzeichnen, wo die aktuellen Werte wesentlich niedriger liegen als in

Westeuropa. Gleichwohl wird in den MOEL die Lebenserwartung bei der Geburt

voraussichtlich unter dem Niveau in West- und Nordeuropa bleiben (Europäische

Kommission 2008).

1.5.5 Der Einfluss der aktuellen Krise auf den demografischen Wandel in

Europa

Im Jahr 2008 gerieten zahlreiche europäische Länder in eine Wirtschaftskrise, die in der

Regel mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) verbunden war.

Inzwischen gibt es erste Anzeichen dafür, dass die Rezession in den meisten Ländern zu

einem Rückgang der Geburtenzahlen und der Fertilitätsraten geführt und damit das durch

steigende Geburtenraten gekennzeichnete vorhergehende Jahrzehnt abrupt beendet hat

(Sobotka et al. 2011). Der Höhepunkt der Krise (hinsichtlich ihrer g eografischen

Ausbreitung) im Jahr 2009 wurde von einer Stagnation der GFZ in mehreren Ländern

begleitet, auf die ein erheblicher Einbruch folgte. Während im Jahr 2008 die GFZ im

Vergleich zum Vorjahr noch nicht zurückgegangen war, hatte sie 2011 bereits in

24 Ländern abgenommen (Lanzieri 2013). Diese Tendenzen bei den Fertilitätsraten

spiegeln, mit einigen Ausnahmen, die Entwicklungen bei der Zahl der Lebendgeburten

wider. Zwischen 2008 und 2011 fiel die Gesamtanzahl der Lebendgeburten um 3,5 % von

5,6 auf 5,4 Millionen und die Zahl der Länder, die im Vergleich zum Vorjahr einen Einbruch

erlebten, wuchs von einem von 31 auf 26 von 31 an (Lanzieri 2013).

Ein weiterer Grund für eine Unterbrechung beim Anstieg der Lebenserwartung könnte eine

Verschlechterung des Wohlbefindens sein. Es sei daran erinnert, dass die erhöhte

Lebensdauer ohne Zweifel als bedeutendes Ergebnis der europäischen Gesundheitssysteme

und des medizinischen Fortschritts zu werten ist. Für viele Personen und ihre Familien wirft

die aktuelle Krise jedoch zahlreiche Fragen zur Nachhaltigkeit der Sozialsysteme auf.

Darüber hinaus ist die erhöhte Lebenserwartung eine der hauptsächlichen Triebkräfte für

die Bevölkerungsalterung und gerade in Krisenzeiten verstärken sich Bedenken zur

47


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

Nachhaltigkeit der Renten- sowie der Gesundheits- und Pflegesysteme zumeist. Aus diesen

Gründen sind Maßnahmen notwendig, mit denen dem Wandel Rechnung getragen werden

und ein Ausgleich für die heftigsten Auswirkungen der Krise auf die Volksgesundheit und

die Gesundheitssysteme erfolgen kann. Die Wirtschaftskrise, die in den 1990er Jahren in

der Sowjetunion und in anderen ehemals kommunistischen Staaten stattgefunden hat, war

insbesondere für männliche Erwachsene mit schwerwiegenden Auswirkungen auf die

Lebenserwartung und die Gesundheitsbedingungen verbunden.

1.6 Demografischer Wandel: eine große Herausforderung für die

Politik der Europäischen Union

1.6.1 Die europäischen Institutionen und der demografische Wandel

In den letzten zehn Jahren wurden verschiedene EG-Dokumente verfasst, in denen es um

die Erkenntnis ging, dass der demografische Wandel in der EU eine der größten

Herausforderungen für die Zukunft und eine vordringliche Angelegenheit auf der

europäischen politischen Agenda ist. Alle europäischen Länder müssen sich in

unterschiedlichem Ausmaß mit zwei wichtigen Themen befassen: dem

Bevölkerungsrückgang und der Überalterung der Bevölkerung.

Das im März 2005 veröffentlichte Grünbuch „Angesichts des demografischen Wandels“ ist

das erste Dokument, das die Kommission ausschließlich der Dokumentation der

demografischen Herausforderungen und der Erörterung von Möglichkeiten für eine

Stärkung der Solidarität zwischen den Generationen gewidmet hat. Mit der nachfolgenden

Mitteilung vom 12. Oktober 2006 mit dem Titel „Die demografische Zukunft Europas – Von

der Herausforderung zur Chance“ (COM/2006/571, Europäische Kommission 2006b) hat die

Kommission nicht nur eine breit gefächerte Darstellung des demografischen Wandels in

Europa und dessen größten Herausforderungen bereitgestellt, sondern auch mögliche

Politiken und Formen der Intervention genannt, mit diesen umzugehen.

Die Kommission verweist auf die dringende Notwendigkeit, dass die Mitgliedstaaten der

Europäischen Union eine demografische Erneuerung voranbringen müssten, indem sie ihre

Tätigkeiten im Einklang mit der erneuerten Lissabon-Strategie für Wachstum und

Beschäftigung und die Politik der Gleichstellung von Männern und Frauen weiterverfolgen.

Die Mitgliedstaaten sollten den Europäern helfen, ihre Familienplanung zu verwirklichen,

indem sie die Bedingungen für das Familienleben verbessern, insbesondere durch

Förderung der Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben. Darüber hinaus zeigt sich die

Kommission optimistisch, dass Europa in der Lage ist, die demografischen

Herausforderungen zu bewältigen. Es werden fünf Säulen genannt, auf die die

Mitgliedstaaten ihre Strategien für den Umgang mit dem demografischen Wandel stützen

sollten:






ein Europa, das die demografische Erneuerung begünstigt;

ein Europa, das Arbeit aufwertet: mehr Beschäftigung und ein längeres aktives

Arbeitsleben mit hoher Lebensqualität

ein produktiveres und leistungsfähigeres Europa;

ein Europa, das auf die Aufnahme und Integration von Immigranten vorbereitet ist;

zukunftsfähige öffentliche Finanzen, um einen angemessenen Sozialschutz und den

Ausgleich zwischen den Generationen zu garantieren.

48


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

Im ersten Zweijahresbericht zur demografischen Zukunft Europas mit dem Titel „Europas

demografische Zukunft: Fakten und Zahlen“ (Europäische Kommission 2007a) wird die

ausführliche analytische Arbeit zusammengefasst, die vor Annahme der Mitteilung zur

demografischen Zukunft Europas (KOM/2006/571) im Rahmen des ersten

Demografieforums im Oktober 2006 durchgeführt wurde. Seitdem hat die Kommission alle

zwei Jahre (in e inem Fall mit einem Abstand von drei Jahren) ein Europäisches

Demografieforum organisiert, um Entscheidungsträgern, Interessenvertretern und

Sachverständigen aus ganz Europa die Gelegenheit zu geben, ihr Wissen auszutauschen

und den Umgang mit dem demografischen Wandel zu erörtern.

Um die wichtigsten Fakten und Zahlen, die der Debatte über die demografische Zukunft

Europas zugrunde liegen, vorzustellen und angemessene politische Lösungen zu erörtern,

wurden von 2006 bis 2010 (aktuellste verfügbare Version) Zweijahresberichte

veröffentlicht.

Auf ihrem Treffen im Frühjahr 2007 beschlossen die europäischen Staats- und

Regierungschefs die Einrichtung einer Europäischen Allianz für Familien, die den

Mitgliedstaaten eine Plattform bieten soll, ihre Ansichten und Erfahrungen zu

familienfreundlicher Politik und bewährten Verfahren auszutauschen. In ihrer im Mai 2007

angenommenen Mitteilung mit dem Titel „Die Solidarität zwischen den Generationen

fördern” (KOM/2007/244 endgültig) führt die Kommission Leitlinien zur Unterstützung der

Europäischen Allianz für Familien aus. Die Kommission stellte in dieser Mitteilung Bereiche

heraus, in denen die Mitgliedstaaten, Sozialpartner und die Zivilgesellschaft sowie die EU

eine wichtige Rolle bei der Förderung der Lebensqualität von Familien spielen können.

Die europäischen Regionen sind bei diesen Themen ebenfalls umfassend eingebunden, wie

anhand der Konferenz der GD REGIO im Januar 2007 deutlich wurde, die speziell dem

Thema „Regionen für den wirtschaftlichen Wandel: Demografische Herausforderungen und

regionalpolitische Lösungsansätze“ gewidmet war. Die EU-Regionen hätten die

Herausforderungen, die aus dem laufenden demografischen Wandel resultieren, sowie

deren voraussichtliche Folgen für die Bedürfnisse und Anforderungen der Öffentlichkeit

offenbar verstanden. Sie hätten dementsprechend damit begonnen, ihre Strategien

anzupassen, und sie hätten neue Instrumente, insbesondere im Bereich der Infrastruktur

und der Bereitstellung von öffentlichen Gütern und Dienstleistungen, eingeführt.

(Europäische Kommission, Generaldirektion Regionalpolitik 2007) Die umfassende

Einbeziehung der europäischen Regionen in die Strategie für den Umgang mit dem

demografischen Wandel stellt eine neue Entwicklung dar, da die einzelstaatlichen

Maßnahmen in der Vergangenheit anscheinend das Hauptinstrument für die Bewältigung

dieses Themas waren. Dies ist sowohl auf die EU-Strategie des Regierens auf mehreren

Ebenen als auch das zunehmende Fachwissen in Bezug auf mit Demografie

zusammenhängende Bereiche (z. B. Beschäftigung) zurückzuführen, welches sich in den

Regionen der verschiedenen Mitgliedstaaten allmählich durchsetzt. Daher ist das Wissen

über regionale Unterschiede bei der demografischen Entwicklung ein wichtiges Thema, um

die europäische Gesellschaft auf den Umgang mit den demografischen Herausforderungen

in allen ihren Aspekten vorzubereiten und diese in eine Chance umzuwandeln.

Die GD Regio der Kommission hat den demografischen Wandel als eine von drei größten

Herausforderungen ermittelt, vor denen die europäischen Regionen stehen. Die anderen

beiden sind Klimawandel und Globalisierung. Es bestehen jedoch große Unterschiede bei

der Bevölkerungsstruktur zwischen den Mitgliedstaaten und innerhalb der Mitgliedstaaten.

Die Ungleichheiten auf regionaler Ebene hängen von verschiedenen Faktoren ab, wie z. B.

Fruchtbarkeitsraten, Migrationsbewegungen, Geschlecht, Gesundheit, Behinderungen und

demografische Struktur von ethnischen Gruppen.

49


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

Drei bedeutende Prozesse werden sich stark auf die Regionen auswirken: ein deutlicher

Bevölkerungsrückgang, ein Rückgang der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter und eine

alternde Bevölkerung. Im Dokument „Region 2020. Demographic Challenges For European

Regions“ (Regionen 2020. Demografische Herausforderungen für europäische Regionen)

von 2008 hat die GD REGIO (durch die Kombination verschiedener Variablen) einen

Verwundbarkeitsindex für den demografischen Wandel erstellt, in dem die Regionen, die

angesichts der demografischen Herausforderungen besonders anfällig sind, erfasst werden

(Europäische Kommission 2008).

Am 29. April 2009 gab die Kommission eine Mitteilung heraus, die sich mit den

Auswirkungen einer alternden Bevölkerung in der EU beschäftigte (KOM/2009/180). In ihr

wurden Prognosen für die alterungsbedingten Ausgaben im Kontext der Finanz- und

Wirtschaftskrise vorgestellt und betont, dass weitere Reformen notwendig seien, um

alterungsbedingten Haushaltskosten in der Zukunft entgegenzuwirken, insbesondere für

Renten- und Gesundheitsausgabenprogramme, und dass es gefördert werden muss, dass

die Menschen dem Arbeitsmarkt erhalten bleiben und nicht vorzeitig in den Ruhestand

gehen.

Das Europäische Parlament setzt sich auch in verschiedenen Politikbereichen und Berichten

mit den Folgen des demografischen Wandels auseinander. Bereits im Jahr 2005 hat das

Parlament mit dem Bericht zu den demografischen Herausforderungen und der Solidarität

zwischen den Generationen ( INI/2005/2147) die Kommission aufgefordert, bei allen

politischen Aktivitäten der Union besonderes Augenmerk auf die demografischen

Herausforderungen zu legen. Der demografische Wandel wird besonders in den Arbeiten

des Ausschusses für Beschäftigung und soziale Angelegenheiten und der interfraktionellen

Arbeitsgruppen „Familie und Schutz der Kindheit und Solidarität zwischen den

Generationen“ sowie „Altern und Solidarität zwischen den Generationen“ untersucht.

Die Entschließung 2010/2157 des Europäischen Parlaments war ausschließlich der

Auseinandersetzung mit dem demografischen Wandel in Europa und den Auswirkungen auf

die Kohäsionspolitik auf regionaler Ebene gewidmet. Im Dokument wird erklärt, dass die

Bewältigung der gesamten Bandbreite der demografischen Herausforderungen zwar vor

allem Aufgabe der Mitgliedstaaten ist, dass aber die Regionen vorausschauend handeln

müssen und dabei Unterstützung auf europäischer Ebene brauchen. In dem Text wird

betont, dass „sich der demografische Wandel, je nachdem, ob dieser Wandel schnell oder

langsam vor sich geht und ob es sich um eine Zuwanderungsregion oder um eine Region

mit sinkenden Bevölkerungszahlen handelt, sehr unterschiedlich auf die Regionen auswirkt

und deshalb unterschiedlicher Anpassungsstrategien bedarf und dass er deshalb von allen

europäischen, nationalen und regionalen Gebietskörperschaften in koordinierter Art und

Weise angegangen werden muss“. In der Entschließung werden die Mitgliedstaaten und

Regionen zudem aufgefordert, bei der Zuweisung und Verteilung der Mittel aus den EU-

Strukturfonds demografische Indikatoren heranzuziehen, auch um einer Konzentration der

Bevölkerung in bestimmten städtischen Gebieten entgegenzuwirken, negative

Auswirkungen aufgrund der Alterung der Bevölkerung und der Abwanderung zu verhindern

und die Integration von Migranten zu fördern. Empfohlen werden auch öffentliche

Investitionen in das Gesundheits- und Pflegesystem, die Vereinbarkeit von Berufs- und

Familienleben, die Unterstützung von Familien und die Bereitstellung von Wohnraum, um

den demografischen Herausforderungen zu begegnen. Das Europäische Parlament fordert

die Kommission auf, den demografischen Wandel als horizontales Ziel in die künftige

Kohäsionspolitik aufzunehmen. Im Dokument wird hervorgehoben, dass der demografische

Wandel nicht nur als Bedrohung für die EU angesehen, sondern dass auch die Chancen

erkannt werden sollten, welche diese Entwicklung Europa bietet. „Das Problem liegt nicht

50


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

im demografischen Wandel als solchem, sondern in der zögerlichen Haltung von Politik und

Gesellschaft, sich diesem Wandel zu stellen.”

Im Jahr 2012 stand das Thema Demografie wiederum im Mittelpunkt europäischen

Wirkens, da die Europäische Union das Jahr 2012 zum Jahr des aktiven Alterns und der

Solidarität zwischen den Generationen erklärte, mit einer Fülle von Initiativen, die sich der

großen Herausforderung durch die überraschende Langlebigkeit in Europa widmeten.

„Aktives Altern“ ist laut Weltgesundheitsorganisation ein Prozess, in dem die Möglichkeiten

im Hinblick auf Gesundheit, Teilhabe und Sicherheit optimiert werden, um die

Lebensqualität alternder Menschen zu verbessern. Eurostat (2012a) hat einen Bericht

veröffentlicht, in dem Daten zu verschiedenen Fragestellungen bezüglich Bedingungen und

Möglichkeiten für ältere Europäer behandelt wurden: vom demografischen Hintergrund zur

Erwerbsquote, von den Lebensbedingungen zur gesellschaftlichen Teilhabe und

generationenübergreifenden Solidarität. Ein Abschnitt dieses Berichts widmet sich speziell

der europäischen Politik für ein aktives Altern.

1.6.2 Die Rolle der Demografie in der Strategie EUROPA 2020

Im März 2010 nahm die Kommission die Strategie Europa 2020 für wirtschaftliches

Wachstum mit dem ausdrücklichen Ziel „die Krise zu überwinden und die Grundlagen für

eine wettbewerbsfähigere Wirtschaft mit mehr Beschäftigungsmöglichkeiten zu legen“ an.

Mit der Strategie Europa 2020 wird ein Wachstum angestrebt, das: intelligent, durch

wirksamere Investitionen in Bildung, Forschung und Innovation; nachhaltig, durch eine

entschlossene Ausrichtung auf eine kohlenstoffarme Wirtschaft und eine wettbewerbsfähige

Industrie; und integrativ, durch die vorrangige Schaffung von Arbeitsplätzen und die

Bekämpfung von Armut ist. Kern der Strategie sind fünf ehrgeizige Ziele in den Bereichen

Beschäftigung, Innovation, Bildung, Armutsbekämpfung und Klima/Energie.

Viele dieser Aspekte stehen in Verbindung mit demografischen Herausforderungen. Aktives

Altern ist Bestandteil der Leitinitiative Europa 2020. In dieser Wachstumsstrategie für das

kommende Jahrzehnt wird betont: „Gleich wichtig wird aber auch unsere Fähigkeit sein,

Gesundheit und Aktivität im Alter zu fördern, um den sozialen Zusammenhalt und eine

höhere Produktivität zu ermöglichen.“ Tatsächlich lautet eines der fünf Ziele von

Europa 2020 in der EU-27, für das Jahr 2020 eine Beschäftigungsquote von 75 % bei den

20- bis 64-jährigen zu erreichen. Um dieses Ziel zu erreichen (mit einem stufenweisen

Mechanismus, bei dem die unterschiedlichen Ausgangspunkte der Mitgliedstaaten

berücksichtigt werden), muss ein größerer Anteil der Bevölkerung bis in ein höheres Alter

berufstätig sein. Dies ist angesichts der Tatsache besonders wichtig, dass der

Bevölkerungsanteil im erwerbsfähigen Alter in der EU Prognosen zufolge zurückgehen wird,

wie in Abschnitt 1.2 und 1.3 erörtert.

In den Leitinitiativen werden demografische Probleme im Zusammenhang mit der alternden

Bevölkerung und dem Rückgang der erwerbsfähigen Bevölkerung unter den strukturellen

Schwächen Europas hervorgehoben, und demografische Themen werden sowohl als

Herausforderung als auch als Chance für Wachstum und sozialen Zusammenhalt

aufgefasst.

In den Leitinitiativen „Innovationsunion“ und „Digitale Agenda für Europa“ wird die

Überalterung der Bevölkerung vordringlich behandelt, wozu die Förderung von Maßnahmen

für Forschung und Entwicklung und Innovationen zu Themen im Zusammenhang mit

Gesundheit und Altern sowie die Förderung der digitalen Kompetenz und Zugänglichkeit für

die ältere Bevölkerung zählen. Die Leitinitiative „Eine Agenda für neue Kompetenzen und

51


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

Beschäftigungsmöglichkeiten“ unterstützt eine längere Lebensarbeitszeit durch

lebenslanges Lernen und die Förderung eines gesunden und aktiven Alterns; die

Erwerbsbeteiligung von Frauen soll mit Maßnahmen unterstützt werden, welche die

Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben erleichtern, und es sind umfassende Politiken zur

Arbeitsmigration vorgesehen. Die Leitinitiative „Europäische Plattform zur Bekämpfung der

Armut“ widmet sich der Angemessenheit und Nachhaltigkeit der Systeme der sozialen

Sicherung und der Altersvorsorge sowie der Notwendigkeit eines angemessenen

Einkommens im Alter und eines besseren Zugangs zur Gesundheitsversorgung, auch in

Randgebieten.

Für die Umsetzung der Strategie Europa 2020 und der Leitinitiativen ist die finanzielle

Unterstützung durch die Instrumente der Kohäsionspolitik erforderlich, und der geänderte

Entwurf für das Gesetzespaket für die Kohäsionspolitik 2014-2020 enthält tatsächlich, wie

im Kapitel 4 dieses Berichts beschrieben, neue Bestimmungen, die eine wirksamere Rolle

der Kohäsionspolitik bei der Bewältigung des demografischen Wandels und der

Überalterung unterstützen könnten.

Der sichere Zugang zu einer qualitativ hochwertigen Gesundheitsfürsorge ist ebenso ein

zentrales Ziel der Sozialschutzsysteme in EU-Ländern – hierfür wird nach Renten und

Pensionen der zweitgrößte Posten der Sozialausgaben aufgewendet. Die

Gesundheitsfürsorgesysteme stehen vor der Herausforderung einer alternden Bevölkerung

und eines steigenden Bedarfs, der auch durch nicht-demografische Faktoren verursacht

sein kann, wie beispielsweise das Aufkommen von neuen (häufig teuren)

Behandlungsformen. Trotz der nahezu flächendeckenden Krankenversicherung oder

einzelstaatlichen Gesundheitssysteme bestehen nach wie vor große Ungleichheiten in Bezug

auf Gesundheit zwischen den Ländern und Regionen sowie zwischen sozioökonomischen

Gruppen.

Alle Interventionen erfordern ein Mehrebenensystem integrierter Politiken, das auf

verschiedenen Ebenen dabei helfen kann, die demografischen Herausforderungen trotz der

aktuellen Wirtschaftskrise zu bewältigen. Regionale Politiken sollten, wie durch die

Entschließung 2010/2157 des Europäischen Parlaments eingeleitet, ihren Beitrag dazu

leisten (wie in Kapitel 4 und 5 dieses Dokuments ausgeführt) und vorausschauend im

größeren Rahmen von Europa 2020 handeln.

1.6.3 Auswirkungen des demografischen Wandels auf Regionalpolitiken

Im Jahr 2035 wird ein Merkmal der EU-Regionen voraussichtlich eine unterschiedliche

demografische Lage sein. Die Regionen werden die Auswirkungen langfristiger

Bevölkerungstrends in ihre mittelfristigen regionalen Strategien einbeziehen müssen. Einige

Regionen sind bereits sehr aktiv und stehen in Bezug auf strategisches Denken in

vorderster Reihe bei Maßnahmen zur Bewältigung des demografischen Wandels

(Europäische Kommission 2006b). Diese neue Realität hat Regionen dazu veranlasst,

Herausforderungen wie die hohe Belastung der behinderten Bevölkerung (z. B. in

Languedoc-Roussillon), eine neue räumliche Verteilung der Bevölkerung (z. B.

Brandenburg) oder die niedrige Erwerbsquote der über 50-Jährigen (im Nordwesten

Englands) anzugehen (Europäische Kommission, Generaldirektion Regionalpolitik 2007). Zu

den zentralen Herausforderungen, vor denen die Regionen Europas stehen, zählen

allgemein die Aufrechterhaltung qualitativ hochwertiger öffentlicher Dienstleistungen für

eine alternde Bevölkerung, die Auswirkungen auf die Stadtentwicklung und der Mangel an

qualifizierten und ungelernten Arbeitskräften (Gemeinsame Erklärung europäischer

Regionen 2006).

52


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

Aus wirtschaftlicher Sicht ist es für einen Ansatz, der mit den Zielen von Europa 2020 im

Einklang ist, erforderlich, das Beschäftigungsniveau zu erhöhen. Dieses lässt sich durch

Folgendes erreichen: die Erhöhung der Beteiligung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt; die

Erhöhung der Erwerbsquote bei älteren Arbeitskräften und die Erhöhung des effektiven

Renteneintrittsalters; die Erhöhung der Anzahl ausländischer Arbeitskräfte (zumindest

kurzfristig, da auch die ausländischen Migranten selbst altern werden) (Europäische

Kommission 2005).

Die Auswirkungen der Überalterung der Bevölkerung werden gravierend sein und sind es in

einigen Regionen bereits. Im kommenden Jahrzehnt werden sich die geburtenstarken

Jahrgänge des Baby-Booms vom Arbeitsmarkt zurückziehen. Die jüngeren Jahrgänge, die

auf den Arbeitsmarkt streben, werden aufgrund der lang anhaltenden niedrigen

Geburtenrate deutlich kleiner sein. In ungefähr zehn Jahren könnte die

Gesamtbeschäftigung in der EU trotz steigender Erwerbsquoten zurückgehen. Die

potenzielle Wachstumsrate von Europa könnte daher zu einer Zeit sinken, in der erhebliche

zusätzliche Ressourcen erforderlich sind, um die Bedürfnisse der zunehmenden Anzahl

älterer Menschen zu erfüllen, denen angemessene Renten und Pensionen sowie

Gesundheitsdienstleistungen geboten werden müssen. Als mögliche Lösungen sind u. a. die

Förderung der Migration und die Erhöhung der Beteiligung von Frauen und älteren

Menschen auf dem Arbeitsmarkt vorgesehen. In dieser Hinsicht könnten angemessene

Maßnahmen für die Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben und Gleichstellung hilfreich

sein, die es Frauen ermöglichen, zu arbeiten und sich gleichzeitig um ihre Kinder und ältere

Familienmitglieder zu kümmern. Alle diese Ziele können nur durch die Integration

europäischer, einzelstaatlicher und regionaler Politiken erreicht werden, letztere müssen

jedoch ihren wichtigen Beitrag dazu leisten.

Am meisten benachteiligt sind Regionen mit Bevölkerungsrückgang. Diese sind aktuell

unter Umständen mit Schwierigkeiten bei der Bereitstellung öffentlicher Güter und

Dienstleistungen konfrontiert, wie z. B. Gesundheitsfürsorge, Wohnungsbau, Stadtplanung,

Verkehr und Tourismusdienstleistungen. Diesen Gebieten sollte mit politischen Maßnahmen

geholfen werden, indem Dienstleistungen, Einrichtungen und Verkehrsmittel bereitgestellt

werden. Mit den Maßnahmen sollte jedoch auch versucht werden, der Tendenz zum

Bevölkerungsrückgang entgegenzuwirken, indem beispielsweise potenziellen Neubürgern

neue Möglichkeiten geboten werden oder Beschäftigung und Familiengründung unterstützt

werden.

Die regionalen Maßnahmen müssen zudem die tief greifenden sozialen Veränderungen

berücksichtigen, welche die Zusammensetzung der Familien betreffen, was sich

insbesondere darin äußert, dass immer mehr ältere Menschen allein leben (Europäische

Kommission 2006b, Eurostat 2007). Dadurch, dass die Zahl der sehr alten und

hilfebedürftigen Menschen zunimmt, ergeben sich auch neue wirtschaftliche, soziale und

sogar ethische Probleme.

Die Prognosen ( Giannakouris 2010) verdeutlichen die Auswirkungen von erfolgreichen

Strukturreformen (z. B. in Frankreich) und zeigen, dass politische Maßnahmen einen

großen Unterschied dabei machen können, wie die Herausforderungen einer alternden

Bevölkerung bewältigt werden. Die möglichen Maßnahmen zur Abschwächung der

Auswirkungen der Überalterung auf Sozial- und Wirtschaftssysteme können sowohl in der

Demografie als auch der Wirtschaft funktionieren. Aus demografischer Sicht könnte sich

eine Steigerung der Fruchtbarkeitsrate und der Migrationsströme positiv auf die

Überalterung auswirken.

53


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

1.6.4 Durch Migration können die Folgen der Bevölkerungsüberalterung

gemildert, jedoch nicht kompensiert werden

Migration kann die Überalterung der Bevölkerung mildern oder verschärfen, je nach der

Attraktivität einer Region im Vergleich zu anderen, beispielsweise mit Blick auf bessere

Beschäftigungsmöglichkeiten. Aber selbst der positive und andauernde Zustrom junger

Migranten kann nicht als die ultimative Lösung betrachtet werden, um der Überalterung der

Bevölkerung entgegenzuwirken, wie bei einer durch die Vereinten Nationen im Jahr 2000

durchgeführten Berechnung (UN Population Division, 2000) ersichtlich wurde.

Szenarioberechnungen der Vereinten Nationen haben gezeigt, dass wirklich massive und

zunehmende Ströme junger Migranten erforderlich wären. Um eine unveränderte Nicht-

Erwerbstätigen-Proportion auch in Zukunft beizubehalten, müsste Italien beispielsweise

jährlich mehr als zwei Millionen Migranten und Deutschland mehr als drei Millionen

Migranten pro Jahr aufnehmen. Infolgedessen wären bis zum Jahr 2050 ungefähr 80 % der

Bevölkerung dieser Länder ausländischer Herkunft (UN Population Division, 2000). Die

grenzüberschreitende Migration könnte eine wichtige Rolle bei der Bewältigung künftiger

Engpässe bei Arbeitskräften spielen, wenngleich ihr Effekt auf die tatsächliche Überalterung

der Bevölkerung voraussichtlich gering ist. Eine größere Einwanderung kann die

Überalterung daher zwar nicht verhindern, jedoch kann sie tatsächlich zur Behebung von

Engpässen auf dem Arbeitsmarkt beitragen (Europäische Kommission 2006c).

Die Integration von Migranten erfordert politische Interventionen auf verschiedenen Ebenen

(z. B. kann das in Europa 2020 genannte Ziel zur Verringerung der Schulabbrecherquote

für die Migranten der zweiten Generation in den Zielländern hilfreich sein). Die Vielfalt der

Bevölkerung kann Probleme bei der Integration auslösen, da die Migration von der

Öffentlichkeit in der EU zunehmend negativ wahrgenommen wird (Europäische

Kommission, 2006c). Darüber hinaus sind Migrantinnen und Kinder besonders von sozialer

Ausgrenzung bedroht. Insbesondere die Integration ausländischer Frauen in der EU lässt zu

wünschen übrig, vor allem weil diese in der Erwerbsbevölkerung unterrepräsentiert sind. Zu

den weiteren Gründen zählen starke Diskriminierung, die Konzentration bei irregulären

Arbeitsstellen mit geringer Qualifikation und ein fehlender unmittelbarer Zugang zu

Wohlfahrts- und Sozialschutzsystemen (Europäische Kommission, 2006c). Die EU ist dabei,

eine gemeinsame Einwanderungspolitik zu entwickeln, um einheitliche politische

Maßnahmen mit Rücksicht darauf sicherzustellen, dass die legale Einwanderung durch

positive Maßnahmen, eine Auswahl der Einwanderer und besondere Aufmerksamkeit für die

Nachfrageseite ergänzt werden muss.

1.6.5 Familienfreundliche Politik zur Unterstützung der Familiengründung,

Vereinbarkeit von Beruf und Familie und Elternschaft

Eine Erhöhung der Fruchtbarkeitsrate scheint die beste Methode zu sein, um der

Überalterung der Bevölkerung entgegenzuwirken. Ein wichtiges Prinzip beim Umsetzen von

Maßnahmen besteht darin, Hindernisse zu beseitigen, die Paare davon abhalten, die

gewünschte Anzahl an Kindern zu bekommen, auch wenn die Entscheidungen im

Zusammenhang mit Elternschaft in Europa als reine Privatsache betrachtet werden

(Erörterung siehe Demeny 2003).

Darüber hinaus ist dies einer der seltenen Fälle, bei dem ein privater Nutzen (Menschen zu

helfen, die gewünschte Anzahl an Kindern zu bekommen) auf optimale Weise mit dem

öffentlichen Nutzen (der Milderung des Rückgangs und der Überalterung der Bevölkerung)

zusammenfällt. In der Literatur wird bestätigt, dass größere Investitionen in

familienpolitische Maßnahmen höhere Fruchtbarkeitsraten zur Folge haben (Castels, 2003).

Es muss jedoch beachtet werden, dass die empirischen Belege äußerst kontrovers sind und

54


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

es immer auch Gegenbeispiele gibt (McDonald 2000, Neyer 2003, OECD 2011, Gauthier

2007, Thavénon und Gauthier 2011). Es gestaltet sich als sehr schwierig, die Auswirkungen

auseinanderzuhalten, die eine einzige Maßnahme auf die Fruchtbarkeitsrate hat, da häufig

nur zusammengefasste Daten verfügbar sind oder die Maßnahmen für eine Bewertung noch

nicht lange genug in Kraft sind oder die Auswirkung vom Kontext abhängig sein kann.

Anhand der Ergebnisse der wichtigen länderübergreifenden Studien über die Auswirkungen

von Maßnahmen (siehe aktualisierter Bericht, OECD 2011) zeigt sich, dass sich

Geldleistungen (z. B. Pauschalbeträge, Familienzulagen, Steuernachlässe usw.) positiv auf

die totale Fertilitätsrate auswirken, jedoch zeitlich begrenzt, da sie im Grunde den

Zeitpunkt der Elternschaft beeinflussen. Die Auswirkungen von Maßnahmen zur

Vereinbarkeit von Beruf und Familie sind je nach Maßnahme unterschiedlich. Der Effekt von

Freistellungsansprüchen ist eher kontrovers. Die Verlängerung von Freistellungsansprüchen

scheint keine wesentlichen Auswirkungen zu haben: Tatsächlich wird einerseits das

Einkommen um den Zeitpunkt der Geburt herum unterstützt, während der Anspruch

andererseits einen Anreiz bietet, das Kinderkriegen zu verschieben, bis die Eltern sich auf

dem Arbeitsmarkt etabliert haben. Die Zahlungsbedingungen während der Freistellung

wirken sich laut der Ergebnisse hauptsächlich auf den Zeitpunkt des Kinderkriegens aus.

Die wenigen Studien, die das Vorhandensein von Ausgaben für und die Abdeckung mit

Kinderbetreuungsdienstleistungen untersuchen, deuten auf einen positiven Effekt auch bei

abgeschlossener Familienplanung hin. Überstunden und lange Arbeitswochen halten vom

Kinderkriegen ab, während im Gegensatz dazu Möglichkeiten für die Teilzeitbeschäftigung

einen positiven Effekt auf die Fruchtbarkeitsrate von Frauen mit höherem Bildungsgrad

haben. Die Kontrolle über die Arbeitszeit kann die Absicht, Kinder zu bekommen,

verstärken.

Maßnahmen zur Gleichstellung der Geschlechter können ebenfalls einen Beitrag leisten,

indem sie Müttern die Vereinbarkeit von Beruf und Familie dadurch erleichtern, dass sie den

Anteil unbezahlter Arbeit gleichmäßiger unter Männern und Frauen aufteilen. Seit den

1980er-Jahren haben beispielsweise einige europäische Länder verschiedene Arten von

Vaterschaftsurlaub etabliert oder einen Teil des Elternurlaubs für Väter reserviert.

Die Auswirkungen dieser Maßnahmen auf die Fruchtbarkeitsrate sind noch strittig 4 . Es gibt

jedoch zunehmend Belege aus verschiedenen Ländern, die darauf hindeuten, dass die

Beteiligung des Vaters bei der Pflege seines ersten Kindes die Wahrscheinlichkeit erhöht,

dass ein zweites Kind geboren wird.

Wenn man die geografische Verteilung der familienfreundlichen einzelstaatlichen Politiken

in Europa betrachtet, wird ersichtlich, dass die nordischen Staaten mit den meisten

öffentlichen Familiendienstleistungen, einer breiten Palette an staatlich bezuschussten

Kinderbetreuungsdienstleistungen, einem vergleichsweise kurzen, aber hoch

subventionierten Mutterschaftsurlaub und einem obligatorischen Vaterschaftsurlaub und mit

einer umfassenden Unterstützung für arbeitende Eltern mit sehr jungen Kindern einen

großen Vorsprung vor den anderen Staaten haben (Thévenon 2011, Gstrein et al. 2007).

Infolgedessen weisen sie eine hohe weibliche Erwerbsbeteiligung und relative hohe

Fruchtbarkeitsraten auf. Ein weiteres interessantes Beispiel ist Frankreich mit hohen

Familienleistungen für größere Familien (explizit geburtenfördernde Leistungen und

Steuern), der Bereitstellung einer Kleinkindbetreuung (Primärschulen ab dem Alter von

zwei Jahren) und der schnellen Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt. Die

4

Siehe beispielsweise vom MPIDR organisierte Debatte „Should governments in Europe be more aggressive in

pushing for gender equality to raise fertility?“ (Sollen die Regierungen in Europa meh r für die Gleichstellung

der Geschlechter tun, um die Fruchtbarkeit zu erhöhen?).

55


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

angelsächsischen Länder bieten arbeitenden Eltern mit sehr kleinen Kindern deutlich

weniger Unterstützung. Die finanzielle Unterstützung ist auf große Familien und Familien

mit niedrigen Einkommen ausgerichtet und konzentriert sich auf den Vorschul- und frühen

Grundschulbereich. Die Länder Kontinental- und Osteuropas weisen eine heterogenere

Gruppenzusammensetzung auf (Thévenon 2011), wenngleich Länder mit begrenzter

staatlicher Unterstützung dennoch familienfreundlich sein können, da – obwohl die

Kinderbetreuung primär als Privatangelegenheit angesehen wird – die bevorzugte Auswahl

von Teilzeitarbeitsvereinbarungen noch für ein gutes Gleichgewicht zwischen Arbeit und

Betreuung sorgen kann (z. B. Niederlande), und das bei relativ geringen Kosten für

Steuerzahler (Gstrein et al. 2007).

Umgekehrt ist die Unterstützung für Familien in den Ländern Südeuropas in allen Aspekten

wesentlich begrenzter (Thévenon 2011), und in diesen Ländern sind sowohl die

Fruchtbarkeitsraten als auch die Erwerbsquoten der Frauen niedrig.

Die Fruchtbarkeitsraten könnten im Durchschnitt um ca. 10 % gesteigert werden, wenn die

Geburten, auf die verzichtet wurde, ausgeglichen werden könnten (van Nimwegen 2008).

Dieses Ergebnis deutet darauf hin, dass ein Zeitfenster für so genannte „Tempo-

Maßnahmen“ (tempo policies) vorhanden ist, mit denen der Zeitpunkt des Kinderkriegens

beeinflusst werden kann (z. B. eine Senkung des Alters beim Abschluss der Ausbildung oder

ein früherer Eintritt in den Arbeitsmarkt für junge Menschen) (Lutz und Skirbekk 2005, van

Nimwegen 2008). Eine Kohäsionspolitik, die so ausgelegt ist, dass jungen Paaren

Wohnungen zu subventionierten Preisen zur Verfügung gestellt werden, könnte

beispielsweise den Prozess der Familiengründung und des Kinderkriegens beschleunigen.

56


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________



2 DEMOGRAFISCHER WANDEL UND TERRITORIALE

POLITIKANSÄTZE

WICHTIGSTE ERKENNTNISSE

Die wichtigste Herausforderung, vor der die verschiedenen Gebiete in den kommenden

Jahren stehen werden, besteht in der Dynamik der Bevölkerung, die überaltern,

zurückgehen oder wachsen kann. Die Politik geht diese Probleme bereits direkt oder

indirekt an.

In Stadtgebieten, in denen die meisten Europäer bereits beheimatet sind, ist ein

allgemeiner Anstieg der Bevölkerung zu verzeichnen, während in ländlichen Regionen ein

Rückgang beobachtet wird. Diese Verschiebung hin zu den Städten hat sich

hauptsächlich auf die größeren Städte konzentriert.

Die meisten urbanen Bevölkerungsbewegungen finden aufgrund von Zu- und

Abwanderung statt (und nicht aufgrund einer natürlichen Bevölkerungsveränderung).





Einige Städte verzeichnen einen Rückgang, insbesondere die Städte im Osten und in

Portugal, dem Vereinigten Königreich, Süditalien und Ostdeutschland. Dies hat enorme

Folgen für die städtische Wirtschaft und Politik. Studien zu den Zukunftsaussichten legen

nahe, dass sich die Anzahl der schrumpfenden Städte erhöhen wird, insbesondere in den

östlichen Regionen und den Randgebieten Westeuropas.

Auch innerstädtische Dynamiken, Vorstadtbildung und Gentrifizierung verändern die

Bevölkerungsstruktur in den europäischen Städten. Die alternde Bevölkerung in den

Innenstädten gibt Anlass zu wachsender Sorge.

Bergregionen verlieren in der Regel mehr an Bevölkerung als niedriger liegende Gebiete

im selben Land. Es gibt aber auch Ausnahmen, insbesondere in bestimmten Teilen der

Alpen. Die Altersstrukturen können in verschiedenen Teilen Europas sehr unterschiedlich

sein: In den Berggebieten Frankreichs (Zentralmassiv, Korsika, Pyrenäen), Zentralpolen

und auf Zypern ist ein besonders niedriger Anteil an Kindern zu beobachten. Auch dünn

besiedelte Gebiete stehen vor der doppelten Herausforderung einer alternden

Bevölkerung und eines Bevölkerungsrückgangs, während die Küstenregionen allgemein

eine wachsende Bevölkerung verzeichnen.

Die Beziehung zwischen der europäischen Bevölkerung und dem bewohnten Gebiet ist in

einem epochalen Umbruch begriffen. Maßnahmen auf allen Regierungsebenen müssen

diese Umgestaltung in verschiedenen Typen von Gebieten gemäß einem territorialen

Ansatz bewältigen. Die Verwaltungsregionen (NUTS2 und NUTS3) umfassen häufig

unterschiedliche Typen von Gebieten, und es sollte ein Ansatz gefunden werden, der

besser auf die geografischen Besonderheiten dieser Gebiete zugeschnitten ist.

Einleitung

Die Bevölkerung Europas verändert sich. Die Binnen- und Außenwanderung und niedrige

Fruchtbarkeitraten verändern zunehmend die Altersstruktur des gesamten Kontinents. Die

geburtenstarken Jahrgänge des Babybooms erreichen das Renteneintrittsalter, die Anzahl

der Menschen im erwerbfähigen Alter geht zurück, während der Anteil älterer Menschen

zunimmt (Eurostat 2012a). Dies hat enorme Folgen für die Gestaltung aller zukünftigen

Politiken. Wir versuchen an dieser Stelle, einen Zusammenhang zwischen den Phänomenen

des demografischen Wandels und Gebietstypen herzustellen, d. h. Gebiete mit bestimmten

57


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

räumlichen und geografischen Merkmalen, um zu ermitteln, wie die europäische

Kohäsionspolitik mit dem demografischen Wandel in bestimmten Gebieten umgehen kann.

In diesem Kapitel befassen wir uns mit zwei Aufgaben. Zunächst werden wir die aus

verschiedenen Berichten und Dokumenten gesammelten Daten erörtern und die

territorialen Auswirkungen auf den demografischen Wandel hervorheben. Anschließend

werden wir einige Beispiele von Maßnahmen und Fällen betrachten, bei denen die zentralen

Herausforderungen des demografischen Wandels unter bestimmten territorialen

Bedingungen in Angriff genommen wurden.

In diesem Kapitel haben wir zwei Gruppen von Dokumenten zum demografischen Wandel

und zu räumlichen Bedingungen geprüft. Die erste Gruppe besteht aus Berichten und

Forschungsprojekten (hauptsächlich im Rahmen von Eurostat - und ESPON-Projekten

erstellt), in denen Bevölkerungsdaten auf der Grundlage von „Verwaltungsregionen“

(NUTS2/NUTS3) gesammelt und erläutert wurden. Ihr Hauptvorteil besteht darin, dass sie

ein Gesamtbild des europäischen Gebiets sowie die Auswirkungen des demografischen

Wandels darauf zeichnen. Ihr größter Mangel besteht darin, dass sie durch das Einhalten

der Verwaltungsgrenzen nicht die geografischen Merkmale der Gebiete berücksichtigen. In

der zweiten Gruppe von Dokumenten werden bestimmte „Arten von Räumen“ behandelt

(z. B. das Städte-Audit für Städte). Der wesentliche Vorteil liegt darin, eine zuverlässige

Darstellung der wichtigsten Herausforderungen zu erhalten, die durch Bevölkerungstrends

für bestimmte territoriale Dimensionen aufgeworfen werden. Eine Schwäche besteht darin,

dass für jedes Dokument eine eigene Erfassungsmethode verwendet wurde: In jedem

Dokument wird ein eigenes Bezugsjahr gewählt und oft eine eigene Definition für

„Bergregion“ oder „Stadtregion“ verwendet.

2.1 Verlagerung der europäischen Bevölkerung in städtische

Gebiete

Eine kürzlich veröffentlichte Pressenotiz von Eurostat (Eurostat 2012c) zeichnet das Bild der

europäischen Bevölkerung, die in verschiedenen Arten von Regionen lebt. Die verwendete

Klassifizierung folgt der Typologie der städtischen und ländlichen Räume, welche die

NUTS3-Regionen 5 in drei Kategorien einteilt. Zu Beginn des Jahres 2011 (Tabelle 8) lebten

41 % der Bevölkerung der EU-27 in städtischen Regionen, 35 % lebten in

Zwischenregionen und 23 % in ländlichen Regionen. Auf die Ebene der Mitgliedstaaten

bezogen ist der größte Anteil der in städtischen Regionen lebenden Bevölkerung in neun

Mitgliedstaaten zu beobachten (Belgien, Deutschland, Griechenland, Spanien, Luxemburg,

Malta, Niederlande, Portugal, Vereinigtes Königreich), während in elf Mitgliedstaaten die

Menschen prozentual gesehen vorwiegend in ländlichen Gebieten leben (Dänemark, Irland,

Lettland, Litauen, Ungarn, Österreich, Polen, Rumänien, Slowenien, Slowakei, Finnland),

5

Die Typologie der städtischen und ländlichen Räume basiert auf einer Klassifikation von Gitterzellen von 1 km 2

als städtisch oder ländlich. Um als städtisch klassifiziert zu werden, müssen die Gitterzellen zwei Bedingungen

erfüllen: eine Bevölkerungsdichte von mindestens 300 Einwohnern pro km 2 und eine Bevölkerung von

mindestens 5 000 Einwohnern in den angrenzenden Zellen über dem Schwellenwert für Bevölkerungsdichte.

Die anderen Zellen werden als ländlich eingestuft. NUTS 3-Regionen wurden in drei Gruppen eingeteilt,

basierend auf der Klassifizierung dieser Gitterzellen: überwiegend städtische Region: die Bevölkerung in der

Gitterzelle, die als städtisch klassifiziert wurde, macht mehr als 80 % der Gesamtbevölkerung aus;

Zwischenregionen: die Bevölkerung in der Gitterzelle, die als städtisch klassifiziert wurde, macht zwischen

50 % und 80 % der Gesamtbevölkerung aus (in als ländlich eingestuften Zellen zwischen 20 % und 50 %);

überwiegend ländliche Region: die Bevölkerung in der Gitterzelle, die als ländlich klassifiziert wurde, macht

mehr als 50 % der Gesamtbevölkerung aus (Eurostat 2012c).

58


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

und in sieben Mitgliedstaaten lebt die Bevölkerung vorwiegend in Zwischenregionen

(Bulgarien, Tschechische Republik, Estland, Frankreich, Italien, Zypern, Schweden).

Tabelle 8:

Bevölkerung nach der Typologie der städtischen und ländlichen

Räume, 1.1.2011****

In Tausend

% der Gesamtbevölkerung

Städtisc

h

Zwischenregio

n

Ländlic

h

Städtisc

h

Zwischenregio

n

Ländlic

h

EU-27* 206 683 177 293

117 46

4 41 35 23

Belgien** 7 322 2 581 938 68 24 9

Bulgarien 1 259 3 371 2 875 17 45 38

Tschechische Republik 2 522 4 536 3 475 24 43 33

Dänemark 1 210 2 002 2 349 22 36 42

Deutschland 35 006 32 750 13 996 43 40 17

Estland - 696 644 - 52 48

Irland 1 201 - 3 280 27 - 73

Griechenland 5 281 1 198 4 831 47 11 43

Spanien** 22 305 17 616 6 069 49 38 13

Frankreich** 23 022 23 099 18 573 36 36 29

Italien 21 573 26 694 12 359 36 44 20

Zypern** - 804 - - 100 -

Lettland 1 090 297 843 49 13 38

Litauen 839 1 015 1 391 26 31 43

Luxemburg*** - 512 100

Ungarn 1 734 3 587 4 665 17 36 47

Malta 418 - - 100 - -

Niederlande 11 885 4 665 107 71 28 1

Österreich 2 908 2 228 3 269 35 27 39

Polen 10 814 12 965 14 421 28 34 38

Portugal 5 188 1 622 3 827 49 15 36

Rumänien 2 267 9 387 9 759 11 44 46

Slowenien 533 637 880 26 31 43

Slowakei 629 2 077 2 729 12 38 50

Finnland 1 436 1 646 2 294 27 31 43

Schweden 2 054 5 278 2 083 22 56 22

Vereinigtes

Königreich** 44 187 16 032 1 808 71 26 3

Quelle: Eurostat 2012c.

- Keine NUTS 3-Region wurde diesem Typ zugeordnet.

* Die Summen für die EU-27 beziehen sich auf die verfügbaren Daten und sind Schätzungen.

** Daten für den 1. Januar 2010.

*** Zypern und Luxemburg werden als eine NUTS 3-Region betrachtet.

**** Aus verwaltungstechnischen Gründen kann die in Litauen im Jahr 2010 erfasste Auswanderung auch die

Auswanderung erfassen, die in den Jahren zuvor stattfand. Zum Vergleich: Im Jahr 2009 lag die Wachstumsrate

für städtische Regionen bei +0,6 ‰, für Zwischenregionen bei -5,7 ‰ und für ländliche Regionen bei -10,7 ‰.

Die Bevölkerungsveränderung im Jahr 2010 bei jeder der drei Arten von Regionen zeigt den

deutlichsten Anstieg in städtischen Gebieten (Tabelle 9) (+5,2 pro 1000 Einwohner), vor

allem in der Tschechischen Republik, in Dänemark, Finnland und Schweden. Während die

Bevölkerung in ländlichen Gegenden allgemein zurückgeht, ist in Frankreich, Irland und

Belgien eine leichte Zunahme zu beobachten.

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Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

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Tabelle 9:

Bevölkerungsveränderung pro 1000 Einwohner nach der Typologie

der städtischen und ländlichen Räume, 2010

Städtische

Regionen

Zwischenregione

n

Ländliche

Regionen

EU-27** 5,2 2,2 -0,8

Belgien*** 8,5 7,1 7,3

Bulgarien 7,7 -8,9 -13,2

Tschechische Republik 10,2 -0,1 0,2

Dänemark 15,0 4,8 -0,8

Deutschland 2,0 -1,7 -4,7

Estland 1,2 -1,2

Irland -5,7 6,1

Griechenland 1,3 1,2 -0,7

Spanien*** 4,3 3,5 0,7

Frankreich*** 5,9 4,9 5,1

Italien 5,9 5,1 2,0

Zypern**** 1,6

Lettland -5,4 -10,0 -11,6

Litauen 4 -13,6 -27,6 -31,6

Luxemburg**** 19,3

Ungarn 7,0 -1,9 -7,3

Malta 7,8 -

Niederlande 6,0 2,3 -2,9

Österreich 7,9 3,5 -0,6

Polen 1,6 2,0 -0,7

Portugal 2,0 0,4 -3,0

Rumänien 2,5 -2,0 -3,6

Slowenien 6,7 1,0 -1,1

Slowakei 9,6 1,1 0,8

Finnland 10,0 3,9 1,3

Schweden 17,3 7,1 1,2

Vereinigtes

Königreich*** 7,7 5,5 2,7

Quelle: Eurostat 2012c.

- Keine NUTS 3-Region wurde diesem Typ zugeordnet.

* Das Verhältnis der Bevölkerungsveränderung während des Jahres gegenüber der durchschnittlichen

Bevölkerung.

** Die Summen für die EU-27 beziehen sich auf die verfügbaren Daten und sind Schätzungen.

*** Daten von 2009.

**** Zypern und Luxemburg werden als eine NUTS 3-Region betrachtet.

Die zunehmende Verschiebung der europäischen Bevölkerung in städtische Regionen wurde

auch vom „Second State of the City Report“ (Zweiter Bericht über den Zustand der Stadt)

auf der Grundlage des Städte-Audits registriert (Europäische Kommission 2010b).

Im Städte-Audit werden der aktuelle Stand der Dinge bewertet und Entwicklungen in den

Städten der EU sowie in Städten in Norwegen, der Schweiz, Kroatien und der Türkei

überwacht. Es ergibt sich folgendes Bild: Die große Mehrheit der europäischen Bevölkerung

lebt in städtischen Gebieten (71 %). Die stärker urbanisierten Gebiete sind im Westen

Europas zu finden, wo auch 40 % der Gesamtbevölkerung leben. Die bevölkerungsreichsten

Städte in der EU sind vier Hauptstädte mit mehr als drei Millionen Einwohnern, und zwar

London, Paris, Berlin und Madrid, und die anderen beiden Hauptstädte mit mehr als zwei

Millionen Einwohnern, nämlich Athen und Rom. Weitere 20 Städte, einschließlich elf

Hauptstädten, weisen eine Bevölkerung zwischen einer Million und zwei Millionen auf. Von

Einzelstädten abgesehen, sind die wichtigsten städtischen Ballungsräume: das Ruhrgebiet,

Südengland, Norditalien (Mailand, Turin, Genua) und die Städte der Benelux -Staaten

(Metropolitan Research Institute/VATI 2011).

60


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

Abbildung 8: Bevölkerungsveränderung in verschiedenen Typen städtischer

Gebiete 2001-2004

By city type, in %

Core Cities

Larger Urban Zones (LUZ)

6

5.5

5

4

3

2

1

1.4

3.3

0.9

2.4

2.1

3.1

0

-1

-2

-0.7

-1.1 -1

All Principal Metropolises Regional Centres Smaller Centres Towns & Cities of

Lagging Regions

Quelle: Eurostat 2012d.

EN

DE

By city type, in % nach Stadttyp, in %

Core Cities

Kernstädte

Larger Urban Zones (LUZ)

Stadtregionen (LUZ)

All

Alle

Principal Metropolises

Wichtige Metropolen

Regional Centres

Regionale Zentren

Smaller Centres

Kleinere Zentren

Town & Cities of Lagging Regions Städte und Großstädte in strukturschwachen

Regionen

Für den Zweck des Städtevergleichs wurden beim Städte-Audit vier Typen unterschieden:

Wichtige Metropolen (A), Regionale Zentren (B), Kleinere Zentren (C), Städte und

Großstädte in strukturschwachen Regionen (D). Zu jeder Stadt wurden Analysen zur

Kernstadt und Stadtregion 6 durchgeführt. Unter Verwendung dieser Art von Daten stellt der

GD-Bericht drei Hauptthemen im Zusammenhang mit Bevölkerung vor: Städtewachstum

(Bevölkerungsveränderung, Nettomigration und natürliche Bevölkerungsbewegung),

Vorstadtbildung (Bevölkerungsbewegung in Kernstädten und Stadtregionen) und

Altersstruktur in städtischen Gebieten. Der Beobachtungszeitraum umfasste die Jahre 2001

bis 2004.

Auf das Stadtwachstum bezogen, wurde zwischen 2001 und 2004 ein Anstieg der

Bevölkerung in Kernstädten und Stadtregionen beobachtet. In den Stadtregionen stieg die

Bevölkerungszahl stärker an als in den Kernstädten, jedoch nicht überall. Die Stadtregionen

der wichtigen Metropolen wuchsen stärker als die übrigen Städte mit Stadtregionen. Die

Kernstädte mit dem größten Anstieg waren die der Kleineren Zentren (diese verloren

jedoch Bevölkerung in ihren Stadtregionen). Allgemein können wir sagen, dass die

Bevölkerung in städtischen Regionen und vor allen in den größeren Städten anstieg. Unsere

erste Folgerung lautet daher, dass im Zeitraum von 2001 bis 2004 in großen städtischen

Regionen eine fortgesetzte räumliche Konzentration stattfand. Konkret stieg die städtische

6

Stadtregionen (LUZ, Larger Urban Zones) sind Einheiten für die Analyse, einschließ lich der Kernstadt und

deren Umgebung. Ziel ist es, ein Gebiet zu erhalten, aus dem ein bedeutender Anteil der Einwohner in die

Stadt pendelt. Es handelt sich um ein Konzept, das auch als „funktionales Stadtgebiet“ bekannt ist. Um eine

gute Datenverfügbarkeit sicherzustellen, arbeitet das Städte-Audit auf der Grundlage von Verwaltungsgrenzen,

die annähernd dem funktionalen Stadtgebiet entsprechen.

61


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

Bevölkerung in allen Ländern an, außer in denen Mitteleuropas, wo die städtische

Bevölkerung zurückging oder stagnierte. In Nordeuropa war der Anstieg der Bevölkerung in

den Kernstädten und Stadtregionen noch stärker als der Anstieg in den entsprechenden

Ländern. Im Gegensatz dazu ist die Lage der Staaten in Mitteleuropa im Vergleich

zueinander unterschiedlich: In einigen Ländern (Tschechische Republik, Slowakei,

Slowenien) war eine Entvölkerung der Kernstädte und eine ausgewogene Entwicklung der

Länder zu beobachten, während die Städte in anderen Ländern (Bulgarien, Ungarn, Polen),

von einigen Ausnahmen abgesehen, allgemein einen stärkeren Bevölkerungsrückgang

verzeichneten als im Landesdurchschnitt. In anderen Teilen Europas ist das Muster sehr

unterschiedlich, und es erweist sich als schwierig, eindeutige Schlussfolgerungen zu ziehen.

In der EU-27 nahm die Bevölkerung der Äußeren Stadtregionen (Outer Urban Zones, nicht

zur Kernstadt zählende Teile der Stadtregion) allgemein stärker zu als in den Kernstädten,

außer in Ungarn und Rumänien.

Eine zuvor von der GD Regio (Dijkstra 2009) durchgeführte Studie, welche einen kurzen

Abschnitt über Demografie umfasste, verwarf die Hypothese einer fortschreitenden

Verstädterung der europäischen Bevölkerung. Für die Studie wurden Großstadtregionen

ausgewählt, die mit Stadtregionen mit mehr als 250 000 Einwohnern als NUTS-3-Regionen

oder Gruppen von NUTS-3 zusammenfielen. Auf diese Weise wurden in der Studie

258 Großstadtbereiche in der Europäischen Union analysiert. Die Schlussfolgerung war,

dass zwischen 2000 und 2006 in den meisten EU-Ländern keine bedeutende Veränderung

beim Anteil der in Großstadtregionen lebenden Bevölkerung aufgetreten war. In drei

Ländern wurde ein Rückgang der Großstadtbevölkerung verzeichnet (Irland, Ver einigtes

Königreich und Slowakei) oder eine Stagnation (Dänemark, Zypern, Luxemburg, Polen).

Die Länder, in denen ein Anstieg der Bevölkerung in Großstadtregionen beobachtet wurde,

waren Bulgarien (+2 %), Österreich und Finnland (+1,2 %). In der Studie wurde die

Verschiebung von Bevölkerung und BIP in die Großstadtregionen verglichen und gefolgert,

dass die EU etwas großstädtischer geworden sei, jedoch hauptsächlich wegen eines

Anstiegs in einigen der EU-Länder mit niedrigeren Bevölkerungs- und BIP-Anteilen in

Großstadtgebieten. Insbesondere verschoben sich die BIP-Anteile der Großstadtgebiete

stärker als die Bevölkerungen, vor allem in den drei baltischen Staaten, Bulgarien,

Griechenland, Ungarn und Rumänien, wo sie bei den BIP-Anteilen um zwei bis neun

Prozentpunkte zulegten. In den größeren Mitgliedstaaten blieb dieser Anteil stabil oder ging

sogar zurück.

Der Anstieg und Rückgang der städtischen Bevölkerung ist hauptsächlich in unmittelbarem

Zusammenhang mit Vorgängen der Zu- und der Abwanderung zu sehen. Der Anstieg in den

Städten Nordeuropas entspricht der Nettomigration in die Kernstädte, während die Ursache

für den Rückgang in Mitteleuropa in der Abwanderung zu suchen ist. Fast alle Städte der

Gruppe D sind von Abwanderung betroffen. Es ist eine interessante Tatsache, dass die

Mehrheit der Zuwanderer in die Städte Norddeutschlands, der Niederlande, Nordspaniens

und der skandinavischen Länder im Zeitraum von 2001 bis 2004 eigene Staatsangehörige

waren.

Das Bevölkerungswachstum aufgrund natürlicher Bevölkerungsbewegungen ist in den

europäischen Großstädten, unter Ausnahme der Länder Osteuropas, tendenziell allgemein

niedriger als in den entsprechenden Ländern. Zudem ist die Bedeutung der natürlichen

Bevölkerungsbewegung für das Städtewachstum bei Städten des Typs C aufgrund ihrer

unterschiedlichen Altersstruktur größer, aber es können einige Gegentendenzen in größeren

Städten beobachtet werden, für die Geburtenüberschüsse gemeldet werden.

Die Analyse der Daten für einen längeren Zeitraum (1991-2004) zeigt Übereinstimmungen

mit den kurzfristigen Tendenzen. Die allgemeine Tendenz für europäische Städte ist

62


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

Wachstum, wobei der Bevölkerungsanstieg größtenteils von der Anziehungskraft für

Zuwanderer abhängt. Nordeuropa erlebte ein Städtewachstum im größeren Maßstab,

während die Bevölkerung der Städte in Mitteleuropa zurückging oder stagnierte. In Westund

Südeuropa zeigt das Muster für Rückgang und Anstieg einen deutlichen Gegensatz

dazu: Die städtischen Gebiete Frankreichs verzeichneten einen kontinuierlichen Anstieg. Im

Dokument „Second State of the City Report“ (Zweiter Bericht über den Zustand der Stadt)

(Europäische Kommission 2010b) wird darauf hingewiesen, dass zwischen der Dynamik der

Kernstädte und deren entsprechenden Stadtregionen zu unterscheiden ist, da eine

Vorstadtbildung stattfindet. Die Randbereiche großer europäischer Städte verzeichneten

einen schnelleren Bevölkerungsanstieg, auch wenn die Abwanderung aus den Kernstädten

zurückging. Die Wachstums- und Schrumpfungsprozesse bei Kernstädten und äußeren

Stadtregionen weisen ein sehr unterschiedliches Muster auf: In Mitteleuropa stieg die

Bevölkerung in den äußeren Stadtregionen an, während sie in den Kernstädten zurückging.

In anderen Teilen Europas brachte der Anstieg in der äußeren Stadtregion keinen Rückgang

in der Kernstadt mit sich.

Wie aus Abbildung 9 hervorgeht, ist der Bevölkerungsschwund in Städten bzw. die

„Stadtschrumpfung“ das Kennzeichen vieler Städte in der EU, vor allem in den östlichen

Ländern und in Portugal, dem Vereinigten Königreich, Süditalien und Ostdeutschland (Bernt

et al. 2012).

Die Folgen eines Bevölkerungsrückgangs sind in der Regel ein zunehmendes

Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage bei Wohnungen, nicht benötigte soziale,

verkehrs- und versorgungstechnische Infrastrukturen, ein Nachfragerückgang bei lokalen

kommerziellen Dienstleistungen, das Aufkommen leerstehender und aufgegebener Gebäude

und Landflächen (Leerstand und Brachflächen), sich verändernde demografische Merkmale

(insbesondere ein Anstieg des Anteils älterer Menschen) und ein größerer Druck auf den

lokalen kommunalen Dienstleistungen.

Abbildung 9: Bevölkerungsentwicklung bei den europäischen Großstädten

1991-2008.

EN

Growing cities

Reurbanizing cities

Shrinking cities

Quelle: Bernt et al. 2012.

DE

Wachsende Städte

Städte im Reurbanisierungsprozess

Schrumpfende Städte

63


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

Gründe für das Schrumpfen sind ein wirtschaftlicher Niedergang, Arbeitslosigkeit, die zu

einer Nettoabwanderung führt, Vorstadtbildung, wobei die Bevölkerung die Kernstadt

verlässt, um sich an einem randnäheren Ort der Stadtregion niederzulassen, und eine

natürliche Bevölkerungsveränderung, wenn die Sterberate höher als die Geburtenrate ist,

wodurch die Bevölkerung auf natürliche Weise zurückgeht.

Eine interessante Analyse der innerstädtischen Dynamiken der europäischen Großstädte ist

auch dem Schlussbericht des FOCI-Projekts von ESPON (ESPON FOCI 2010) zu entnehmen.

Darin werden diese Dynamiken mit zwei großen Paradigmen in Verbindung gebracht:

Vorstadtbildung und Gentrifizierung. Die Ergebnisse der internen Bewegungen in Bezug auf

die Demografie sind wie folgt: jüngere Bevölkerung in Innenstädten, insbesondere in den

Wohnvierteln, die eine Gentrifizierung durchlaufen; ein größerer Anteil an Haushalten mit

Kindern in Vorstadtgebieten; arme Zuwanderer (Neuankömmlinge oder Staatsangehörige

mit ausländischer Abstammung) konzentrieren sich in den Innenstädten oder bestimmten

Randgebieten (vor allem in Wohnvierteln mit sozialem Wohnungsba ubestand). Darüber

hinaus treten diese Dynamiken in verschiedenen Teilen der EU auf unterschiedliche Weise

auf.

Abbildung 10 (ESPON FOCI 2010) zeigt für jede Stadtregion die Differenz zwischen dem

durchschnittlichen Wachstum des Stadtrands und dem durchschnittlichen jährlichen

Wachstum der Kernstädte. Je bläulicher die Färbung, desto größer ist die Differenz

zugunsten der Kernstädte.

Abbildung 10: Demografische Entwicklungen der Kernstädte und

Außenbezirke, 2000-2005 7 Quelle: ESPON FOCI 2010.

7

Dieser Zeitraum ist nicht für alle Städte genau gleich, weil die Bezugsjahre der Daten für jede Stadt andere

sind. Bei den meisten Städten wurde der Zeitraum 2001 bis 2004 betrachtet. (ESPON FOCI 2010).

64


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

EN

DE

This map does not necessarily reflect the opinion of

the ESPON Monitoring Committee

Diese Karte gibt nicht unbedingt die Ansicht des

ESPON-Begleitausschusses wieder.

Regional level: LUZ

Regionale Ebene: LUZ

Source: IGEAT-ULB, 2010 Quelle: IGEAT-ULB, 2010

Origin of data: EU 27: Urban Audit, 2010 Datenquelle: EU-27: Städte-Audit, 2010

Norway and Switzerland: Urban Audit, 2010 Norwegen und die Schweiz: Städte-Audit, 2010

EuroGeographics Association for the administrative EuroGeographics Association bezüglich der

boundaries

Verwaltungsgrenzen

Difference in the population growth between Differenz beim Bevölkerungswachstum zwischen

suburban and core areas of the LUZ

Vorstadt- und Kerngebieten der LUZ

No data

Keine Daten

Die große Mehrheit der europäischen Städte verzeichnet eine Vorstadtbildung, vor allem die

Städte im Mittelmeerraum, in Irland sowie Mittel- und Osteuropa, wo sich dieses

Wachstumsmodell später als in den meisten Ländern Nordwesteuropas entwickelt hat. Das

unerwartete Auftreten einer „Bevölkerungsrückkehr“ in einige Großstädte der „Blauen

Banane“ können mit verschiedenen laufenden Dynamiken begründet werden: Die jungen

Bevölkerungsteile (und Familien) ziehen in die Kernstädte, die Prozesse der

Stadterneuerung durchlaufen haben, wodurch der Prozess der Vorstadtbildung und die

Zuwanderung von Ausländern in die Innenstädte verlangsamt wird.

Im Bericht zum FOCI-Projekt wird eine Einteilung verschiedener europäischer städtischer

Gebiete vorgeschlagen, indem zunächst wachsende und schrumpfende Stadtregionen

ermittelt und anschließend Bewegungen zwischen Kern- und Außenbereichen der

Stadtregion berücksichtigt werden. Diese Typen werden dann mit geografischen Gebieten

in Verbindung gebracht. Die beobachteten Haupttendenzen sind wie folgt: a) in den dicht

besiedelten urbanen und zentralen Teilen Europas sind viele Städte durch ein

Bevölkerungswachstum sowohl in den Kernstädten als auch in den Außenbereichen

gekennzeichnet, wobei die Anstiegsraten in den Kernstädten häufig höher sind; b) in

Osteuropa sind die meisten Städte durch einen Bevölkerungsrückgang mit einer intensiven

Vorstadtbildung gekennzeichnet, wobei einige Ausnahmen zu verzeichnen sind,

insbesondere Warschau und Prag; c) in den Stadtregionen des Mittelmeerraums

beobachten wir ein Bevölkerungswachstum mit einem intensiven Prozess der

Vorstadtbildung.

Im Dokument „Second State of the City report“ (Zweiter Bericht über den Zustand der

Stadt) (Europäische Kommission 2010b) wird auf einige interessante Aspekte hingewi esen,

welche die Altersstruktur der Kernstädte betreffen: Der Anteil der über 75-jährigen

Einwohner in den Städten ist in Mitteleuropa niedrig, in West- und Nordeuropa jedoch hoch.

In Italien ist dieser Anteil extrem hoch. In Irland sind die Städte im Vergleich zum

europäischen Durchschnitt durch einen sehr hohen Prozentsatz an Kindern und einen

kleinen Anteil an Senioren gekennzeichnet. Generell leben in allen Typen und Teilen

Europas mehr Senioren als Kinder. Der demografische Wandel ist ein Prozess, der

verschiedene Städte Europas mit unterschiedlicher Intensität trifft. Einige Städte in

Südeuropa (Madrid, Barcelona, Mailand) verzeichnen trotz eines großen Anteils an Senioren

ein Bevölkerungswachstum.

Eine weitere Studie (Eurostat 2012e) auf der Grundlag e des Städte-Audits konzentrierte

sich auf den Altersabhängigkeitsquotienten in europäischen Städten. Die Städte mit einer

Altersabhängigkeitsrate über 35 % befanden sich hauptsächlich in Italien (18 Städte,

einschließlich Rom und Mailand) und Deutschland (elf Städte); zwei der Städte befanden

sich in Frankreich, eine Stadt in Griechenland. Von den zehn Städten mit einer Rate über

40 % befanden sich alle, mit Ausnahme von Mühlheim an der Ruhr (Deutschland), in

Italien, wobei Triest (49,8 %) und Genua (46,5 %) die Spitzenplätze einnahmen.

65


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

Insgesamt gab es 61 Städte mit einer Altersabhängigkeitsrate von 20 % oder weniger:

zwölf befanden sich in Rumänien, zehn in Polen. Zwischen fünf und sieben befanden sich in

der Slowakei, dem Vereinigten Königreich, Bulgarien und den Niederlanden, und die

restlichen 14 verteilten sich über neun verschiedene Mitgliedstaaten.

Bezüglich der Aussichten merkt der FOCI-Bericht (ESPON FOCI 2010) an, dass der

demografische Faktor für eine Spaltung der europäischen Städte in der Zukunft von

Bedeutung sein wird. Die Anzahl der schrumpfenden Städte wird steigen, vor allem in den

östlichen Regionen und in den westlichen Randgebieten (nördliche nordische Regionen,

Nordwesten Spaniens, Mittelmeerraum), aber auch in zentraleren Regionen mit einer

langen Tradition der Abwanderung (alte Industrieregionen, ländliche Binnenregionen).

Städtische Siedlungen in Regionen mit einer Fremdenverkehrswirtschaft werden wachsen,

wenn sie Rentner und Pensionäre und die Wohlhabenden anziehen können.

2.2 Demografischer Wandel in Berggebieten

Während städtische Gebiete im Allgemeinen wachsen, leiden andere Gebiete an

Bevölkerungsschwund – typischerweise Bergregionen, Inseln und dünn besiedelte Gebiete.

Diese Gebiete sind Gegenstand bestimmter Studien, die wir nun untersuchen.

Laut dem Bericht „Europe's ecological backbone: Recognising the true value of our

mountains“ (Das ökologische Rückgrat Europas: die europäischen Berge und ihr

unterschätzter Wert) (Europäische Umweltagentur 2010) können 29 % des Gebiets der EU-

27 als Berggebiet bezeichnet werden. In der Europäischen Union leben 63 Millionen

Menschen, nämlich 13 % der Bevölkerung, in Berggebieten, wo die Bevölkerungsdichte

geringer als im Rest der betreffenden Länder ist 8 . Slowenien und Österreich sind die zwei

EU-Länder, in denen mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Berggebieten lebt.

Tabelle 10: Bevölkerungszahlen und –dichte in und außerhalb von

Berggebieten und auf einzelstaatlicher Ebene für die Staaten der

EU-27 für das Jahr 2008

Gesamtbevölkerung

in Gebirgsmassiven

% der

Gesamtbevölkerung

in Gebirgsmassiven

Bevölkerungsdichte in

Gebirgsmassiven

(pro Km 2)

Bevölkerungsdichte

außerhalb von

Gebirgsmassiven

(pro Km 2)

Einzelstaatliche

Bevölkerungsdichte

(pro Km 2)

Österreich 3 978 149 48,4 64,2 192,9 97,9

Belgien 65 698 0,6 49 352,6 339,3

Bulgarien 2 565 509 35,9 47,5 80,8 64,5

Zypern 51 894 6,6 12,2 146,9 84,9

Tschechische

Republik 2 137 409 20,9 83,3 151,9 129,6

Dänemark 0 0 0 125,2 125,2

Estland 0 0 0 28,7 28,7

Finnland 2 443 0,1 0,5 15,6 15,4

8

Die vier Länder mit den meisten Bewohnern von Berggebieten sind Italien (14,0 Millionen), Spanien

(10,1 Millionen), Deutschland (7,4 Millionen) und Frankreich (6,5 Millionen). Zusammen machen sie 60 % der

Bergbevölkerung der EU-27 aus.

66


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

Gesamtbevölkerung

in Gebirgsmassiven

% der

Gesamtbevölkerung

in Gebirgsmassiven

Bevölkerungsdichte in

Gebirgsmassiven

(pro Km 2)

Bevölkerungsdichte

außerhalb von

Gebirgsmassiven

(pro Km 2)

Einzelstaatliche

Bevölkerungsdichte

(pro Km 2)

Frankreich 6 454 677 10,4 46,9 134,6 112,7

Deutschland 7 403 687 9,0 128,2 249,8 230,2

Griechen

land 2 612 508 24,8 27,5 213,2 79,8

Ungarn 293 163 2,9 61,7 109,2 106,8

Irland 115 924 2,8 11,5 66,7 58,7

Italien 14 023 306 24,4 77,4 361,5 190,7

Litauen 0 0 0 55 55,0

Luxemburg 20 488 4,2 96,6 195,3 187,2

Lettland 0 0 0 34,8 34,8

Malta 11 846 3,1 341,5 1 323,8 1 215,9

Niederlande 0 0 0 445,5 445,5

Polen 1 986 144 5,2 121,8 123,5 123,4

Portugal 2 173 407 20,6 62,1 146,5 114,5

Rumänien 4 553 602 20,6 50,5 119,1 93,1

Slowakei 2 111 904 38,7 71,7 170,9 111,3

Slowenien 1 010 649 50,6 65,7 201,7 98,6

Spanien 10 066 698 25,2 36,7 129,2 79,0

Schweden 78 549 0,9 0,9 24,6 19,8

Vereinigtes

Königreich 1 345 968 2,2 22,2 322 247,7

EU-27

63 063 62

2 50,3 137,8 112,5

Quelle: Europäische Umweltagentur, 2010.

Überraschenderweise hat sich die Bevölkerungsdichte in den Berggebieten Europas

zwischen 1990 und 2005 insgesamt deutlich erhöht, allerdings erweist sich bei einer

genaueren Analyse, dass die Umstände in den verschiedenen Ländern und Gebirgsmassiven

sehr unterschiedlich sind. Allgemein befinden sich die Bevölkerungstendenzen in den

Berggebieten im Einklang mit denen der betreffenden Länder. In Polen und Slowenien fallen

diese jedoch positiver aus als im Landesdurchschnitt, während auf Finnland, Italien,

Portugal und Schweden das Gegenteil zutrifft.

Tabelle 11:

Änderung der Bevölkerungsdichte (%) nach Land, innerhalb und

außerhalb von Gebirgsmassiven, zwischen 1990 und 2005

Prozentsatz der Änderung der

Bevölkerungsdichte zwischen

1990 und 2005 in Gebirgen

Prozentsatz der Änderung der

Bevölkerungsdichte zwischen

1990 und 2005 außerhalb von

Gebirgen

Österreich 4,1 % 2,4 %

Belgien 10,3 % 3,4 %

Bulgarien -14,8 % -16,7 %

Kroatien 11,1 % 11,1 %

Zypern 19,3 % 19,9 %

Tschechische Republik -1,0 % -2,3 %

Finnland -24,0 % 3,3 %

Frankreich 7,2 % 6,3 %

Deutschland 0,8 % 0,4 %

67


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

Prozentsatz der Änderung der

Bevölkerungsdichte zwischen

1990 und 2005 in Gebirgen

Prozentsatz der Änderung der

Bevölkerungsdichte zwischen

1990 und 2005 außerhalb von

Gebirgen

Griechenland 0,7 % 9,5 %

Ungarn -6,3 % -5,0 %

Island 5,6 % 19,6 %

Irland 12,7 % 16,9 %

Italien -0,5 % 1,3 %

Luxemburg 17,3 % 20,8 %

Ehemalige

jugoslawische

Republik Mazedonien, 7,9 % 7,5 %

Malta 11,6 % 9,0 %

Moldau -3,2 % -2,0 %

Montenegro 6,0 % 5,5 %

Norwegen 3,7 % 11,2 %

Polen 1,1 % -1,2 %

Portugal -4,5 % 0,9 %

Rumänien -4,5 % -2,9 %

Serbien 5,9 % -2,8 %

Slowakei 11,8 % 7,4 %

Slowenien 1,2 % -3,9 %

Spanien 0,7 % 3,6 %

Schweden -14,5 % 0,2 %

Schweiz 2,5 % -2,0 %

Türkei 20,1 % 37,9 %

Ukraine -0,8 % -8,3 %

Vereinigtes Königreich 3,7 % 6,8 %

Europa insgesamt 10,6 % 7,5 %

Quelle: Europäische Umweltagentur, 2010.

Anmerkung: Gegenläufige Tendenzen sind kursiv, Zunahmen weiß und Rückgänge blau markiert.

In Bezug auf Entvölkerungstendenzen wird im EUA-Bericht erklärt, dass die Raten des

Bevölkerungsschwunds für den Zeitraum 1991 bis 2001 allgemein in den Berggebieten

höher lagen als in den Flachlandgebieten. Viele Berggebiete, insbesondere einige Teile der

Alpen, verzeichneten jedoch zwischen 1991 und 2001 einen Anstieg des

Bevölkerungswachstums. Die Abwanderung aus den Berggebieten war allgemein höher, mit

Ausnahme von Frankreich und Rumänien.

Bei GEOSPECS (ESPON und die Universität Genf, GEOSPECS 2012) handelt es sich um ein

sehr aktuelles ESPON-Forschungsprojekt, das sich mit in der Vergangenheit beobachteten

Tendenzen, Zuständen und potenziellen zukünftigen Entwicklungen geografischer

Besonderheiten für territoriale Politik und regionale Entwicklung befasst. Es wendet eine

Definition von Berggebieten an, welche der Definition des EUA-Berichts sehr ähnelt, nutzt

jedoch gesammelte Daten zur Altersstruktur für die Demografieanalyse. Die Analyse der

Differenz in Prozent zwischen der Bevölkerung unter 15 Jahren in Berggebieten und dem

Landesdurchschnitt legt das Vorhandensein sehr unterschiedlicher Gegebenheiten in Europa

nahe. Insbesondere lässt sich nur ein kleiner Anteil an Kindern in den französischen

Berggebieten (Zentralmassiv, Korsika, Pyrenäen) und den Berggebieten Zentralpolens und

Zyperns ausmachen. Interessanterweise weisen verschiedene Gebirgsmassive innerhalb ein

und desselben Landes unterschiedliche Anteile auf, d. h. die Berggebiete sind nicht

homogen: Im Falle Italiens ist der prozentuale Anteil beispielsweise in den Alpen niedriger,

in den Apenninen durchschnittlich und höher auf Sizilien und Sardinien.

68


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

Abbildung 11: Differenz zwischen Gebirgsmassiven und dem

Landesdurchschnitt in Bezug auf Bevölkerungsanteile der

Altersgruppe unter 15 Jahren

Quelle: ESPON und die Universität Genf, GEOSPECS 2012.

EN

DE

This map does not necessarily reflect the opinion of

the ESPON Monitoring Committee

Diese Karte gibt nicht unbedingt die Ansicht des

ESPON-Begleitausschusses wieder.

Regional level: LAU2 (except Turkey LAU1) Regionale Ebene: LAU 2 (außer Türkei LAU 1)

Source: GEOSPECS, 2011 Quelle: GEOSPECS, 2011

EuroGeographics Association for administrative EuroGeographics Association bezüglich der

boundaries except Western Balkans and Turkey

(national sources)

Verwaltungsgrenzen außer westliche Balkanstaaten

und Türkei (nationale Quellen)

Difference between proportion of mountain LAU2

inhabitants under 15 years old and national average

Differenz zwischen Gebirgsmassiven (LAU 2) und dem

Landesdurchschnitt in Bezug auf unter 15-Jährige

In percentage points

In Prozentpunkten

Lower proportion compared to national average Geringerer Anteil im Vergleich zum

Landesdurchschnitt

Higher proportion compared to national average Höherer Anteil im Vergleich zum Landesdurchschnitt

-21,3 to -3,5 -21,3 bis -3,5

-3,49 to - 1,8 -3,49 bis -1,8

-1,79 to - 0,5 -1,79 bis -0,5

- 0,49 to + 0,5 -0,49 bis +0,5

+0,51 to + 1,8 +0,51 bis +1,8

+ 1,81 to +3,5 +1,81 bis +3,5

+ 3,51 to + 41,17 +3,51 bis +41,17

No data

Keine Daten

Non-mountains parts of ESPON space

Nicht-Berggebiete des ESPON-Raums

Non-ESPON space

Nicht-ESPON-Raum

69


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

Die Abbildung zeigt ähnliche Muster für den Anteil der über 60-Jährigen im Vergleich zum

Landesdurchschnitt. Besonders kleine Anteile können entlang der italienischen Apenninen,

in Spanien, Griechenland, Frankreich (Zentralmassiv, Korsi ka und Pyrenäen) und Island

sowie den norwegischen Gebieten in äußerster Randlage beobachtet werden.

Abbildung 12: Differenz zwischen Gebirgsmassiven und dem

Landesdurchschnitt in Bezug auf Bevölkerungsanteile der

Altersgruppe über 59 Jahren

Quelle: ESPON und die Universität Genf, GEOSPECS 2012.

EN

DE

This map does not necessarily reflect the opinion of

the ESPON Monitoring Committee

Diese Karte gibt nicht unbedingt die Ansicht des

ESPON-Begleitausschusses wieder.

Regional level: LAU2 (except Turkey LAU1) Regionale Ebene: LAU 2 (außer Türkei LAU 1)

Source: Nordregio et al., 2004 Quelle: Nordregio et al., 2004

EuroGeographics Association for administrative EuroGeographics Association bezüglich der

boundaries except Western Balkans and Turkey

(national sources)

Verwaltungsgrenzen außer westliche Balkanstaaten

und Türkei (nationale Quellen)

Difference between proportional of mountain massif Differenz zwischen Gebirgsmassiven und dem

inhabitants over 59 years old and national average Landesdurchschnitt in Bezug auf über 59-Jährige

In percentage points

In Prozentpunkten

Lower proportion compared to national average Geringerer Anteil im Vergleich zum

70


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

Landesdurchschnitt

Higher proportion compared to national average Höherer Anteil im Vergleich zum Landesdurchschnitt

-21,3 to -3,5 -21,3 bis -3,5

-3,49 to - 1,8 -3,49 bis -1,8

-1,79 to - 0,5 -1,79 bis -0,5

- 0,49 to + 0,5 -0,49 bis +0,5

+0,51 to + 1,8 +0,51 bis +1,8

+ 1,81 to +3,5 +1,81 bis +3,5

+ 3,51 to + 84,4 +3,51 bis 84,4

Cyprus – acquis suspended

Zypern – Besitzstand ausgesetzt

No data

Keine Daten

Non-mountains parts of ESPON space

Nicht-Berggebiete des ESPON-Raums

Non-ESPON space

Nicht-ESPON-Raum

Der Schlussbericht des PADIMA-Programms für den Austausch von bewährten Praktiken

(Pasca, Rouby, 2012) liefert einige Anhaltspunkte dafür, was in den europäischen

Berggebieten geschieht. PADIMA steht für „Policies Against Depopulation In Mountain

Areas“ (Strategien gegen Entvölkerung in Berggebieten). Das Programm betr af nur eine

begrenzte Anzahl an Regionen (in Frankreich, Italien, Schweden und Norwegen). Das

Hauptergebnis im Bereich Demografie war, dass sich die meisten Gemeinden einem

negativen Überschuss von Geburten gegenüber Sterbefällen gegenüber sehen. Wenn die

Bevölkerung steigt, ist dies hauptsächlich der Zuwanderung zu verdanken. Die Gemeinden,

die tendenziell ein Wachstum verzeichnen, sind die wichtigen städtischen Zentren in

Berggebieten, insbesondere wenn sie über Universitäten verfügen, welche jüngere

Menschen anziehen. Die Gemeinden, die durch die Fremdenverkehrsindustrie und damit

zusammenhängende wirtschaftliche Tätigkeiten geprägt sind, sind ebenfalls attraktiv, vor

allem für Saisonarbeiter. Die Zuwanderer haben sehr unterschiedliche Hintergründe und

sind nicht nur Staatsangehörige. Die Gründe für die Ansiedlung in Bergregionen sind

wirtschaftlicher Natur (Arbeitsplätze), hängen jedoch auch mit der Lebensqualität

zusammen (eine intaktere Umwelt). Die Gründe für die Abwanderung stehen hauptsächlich

im Zusammenhang mit Bildung: junge Menschen und Frauen bilden die spezifischen

Gruppen, die Berggebiete eher verlassen. Zu den weiteren Gründen zählen der mangelnde

Zugang zu Dienstleistungen, weite Entfernungen zu Arbeitsplätzen und Dienstleistungen,

Mangel an kulturellen Aktivitäten, extrem kleine Gemeinschaften (übermäßig

„transparente“ Gesellschaft), raue klimatische Bedingungen, Suche nach besseren oder

vielseitigeren Erwerbsmöglichkeiten.

2.3 Demografischer Wandel in dünn besiedelten Gebieten

Im Rahmen von GEOSPECS wurden auch Gebiete untersucht, die als dünn besiedelt

definiert wurden. Diese Gebiete stehen vor der doppelten Herausforderung einer alternden

Bevölkerung und eines Bevölkerungsrückgangs infolge der Abwanderung der jüngeren

Bevölkerung. Im Vergleich mit ihrem entsprechenden Land und dem europäischen

Durchschnitt weisen diese Gebiete einen höheren Anteil an älteren Menschen auf. Dies trifft

insbesondere auf die iberische Halbinsel zu, wo der Anteil der über 60-Jährigen an der

Gesamtbevölkerung in einigen Orten viermal so hoch ist wie der prozentuale Anteil der

unter 14-Jährigen. In Finnland, Schweden und Mitteleuropa ist der Anteil älterer Menschen

ebenfalls hoch, obwohl ein bedeutender Anteil an jüngeren Menschen auf bessere

Möglichkeiten für den Ersatz von Arbeitskräften hindeutet. In Irland ist die Bevölkerung

allgemein jünger als im europäischen Durchschnitt. Bei den baltischen Staaten ist die

Interpretation der demografischen Trends aufgrund der beträchtlichen Abwanderung der

jüngeren Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter komplexer, während der große Anteil an

jungen Menschen in den dünn besiedelten Gebieten keine eindeutigen Auswirkungen auf

das künftige Arbeitskräfteangebot hat. Allgemein sind bei der Bevölkerungsdynamik in den

dünn besiedelten Gebieten zwei gegenläufige Tendenzen zu beobachten, die zu einer

71


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

zunehmenden internen Polarisierung führen: lokale oder regionale Zentren wachsen

tendenziell, während entlegene Siedlungen einen Rückgang verzeichnen.

Abbildung 13: Verhältnis zwischen dem Anteil junger und alter Menschen in

den dünn besiedelten Gebieten und in ihren jeweiligen Ländern

Quelle: ESPON und die Universität Genf, GEOSPECS 2012.

EN

DE

% share of population aged 60+ Anteil der Bevölkerung über 60 in %

% share of population aged 0-14 Anteil der Bevölkerung von 0 bis 14 in %

Sparse Territory located in:

Dünn besiedeltes Gebiet in:

Nordic Countries

Nordische Länder

British Isles

Britische Inseln

Baltic Countries

Baltische Staaten

Iberian Countries

Iberische Staaten

South Eastern Europe

Südosteuropa

Alpine and Mod-Mediterranean Europe

Alpenregion und mittleres Mittelmeer

Sparse Territory

Dünn besiedeltes Gebiet

Country, in ave.

Land, im Durchschn.

Die Alterung der Bevölkerung in bestimmten Gebieten ist nicht immer auf die Abwanderung

der jungen Bevölkerung zurückzuführen. Sie kann auch eine Auswirkung der Mobilität der

Senioren sein, wie im Fall der Küstengebiete. An der deutschen Nord- und Ostseeküste ist

der höchste Prozentsatz von über 60-Jährigen zu finden. Ganz ähnlich wie das

Beschäftigungsmuster in der Dienstleistungsbranche an der Ostsee befinden sich die

Gebiete mit den höchsten Prozentsätzen direkt an der Küste, und zwar aus ähnlichen

Gründen, die auch Touristen anziehen, wie z. B. der Seeblick. Ein gewisser Lebensstandard

wird aber auch durch ein angemessenes Niveau an Dienstleistungen sichergestellt. Es

wurde nachgewiesen, dass Küstengebiete mit einem hohen Prozentsatz von über 60-

Jährigen ähnliche Muster aufweisen wie die Küstengebiete mit einem hohen Prozentsatz an

Beschäftigung in der Dienstleistungsindustrie. Diese Gebiete fallen auch mit Küstengebieten

mit einer relativ hohen Bevölkerungsdichte zusammen. Die Küstengebiete, die für den

Ruhestand bevorzugt werden, sind jedoch nicht die küstennahen Großstädte, sondern

kleinere Küstensiedlungen, wodurch die Verstädterung eines Gebiets verstärkt werden

72


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

kann. Die Analyse der französischen Mittelmeerküste veranschaulicht, wie ein günstiges

Klima, eine gute Infrastruktur und ein gutes Dienstleistungsangebot Rentner und

Pensionäre anziehen kann, was zu einem hohen Prozentsatz an über 60-Jährigen führt

(ESPON und die Universität Genf, GEOSPECS 2012). In Tabelle 12 wird der deutliche

Anstieg der Bevölkerungsdichte in den Küstenregionen verschiedener Länder in nur fünf

Jahren, von 2001 bis 2006, dargestellt.

Tabelle 12:

Bevölkerungsdichte in Küstengebieten (LAU 2 weniger als 45 Minuten

von der Küste entfernt oder direkt an die Küste angrenzend),

Einwohner pro km 2

Ländercode Land 2001 2006

AL Albanien - 211,4

BE Belgien 487,6 496,4

BG Bulgarien 154,6 154,7

CY Zypern 78,5 89,4

DE Deutschland 204,1 206,0

DK Dänemark 124,7 143,4

EE Estland 57,1 55,8

ES Spanien 298,3 333,8

FI Finnland 53,8 55,2

FR Frankreich 120,2 127,3

GR Griechenland 115,8 119,3

HR Kroatien 84,4 -

IE Irland 86,1 94.3

IS Island 3,4 3,6

IT Italien 263,4 269,5

LT Litauen 98,8 91,4

LV Lettland 84,9 82,6

ME Montenegro - 49,5

MT Malta 1 251,10 1 283,80

NL Niederlande 537,9 549,2

NO Norwegen 21,0 21,6

PL Polen 178,1 178,9

PT Portugal 323,7 319,7

RO Rumänien 112,1 117,1

SE Schweden 55,3 56,9

SI Slowenien 86,6 88,7

TR Türkei 247,6 -

UK Vereinigtes Königreich 263,4 251,6

Quelle: ESPON und die Universität Genf, GEOSPECS 2012.

Diese Darstellungen des demografischen Wandels in unterschiedlichen Gebietstypen sind

nicht eindeutig und zeigen eine sehr differenzierte Lage auf dem gesamten Kontinent. Wir

können hier jedoch bestimmte Anzeichen globaler Trends zusammenfassen. Europa steht

vor einem fortlaufenden Prozess der Verstädterung der Bevölkerung, hauptsächlich

aufgrund der Arbeitskräftewanderung. Ein Teil dieser Wanderung hat seinen Ursprung in

europäischen Gebieten mit bestimmten geografischen Merkmalen, wie Berggebiete oder

ländliche Gebiete. Das Bevölkerungswachstum in Städten und auf Inseln weist einen

ähnlichen Trend auf: Die Städte und Inseln, die einen höheren Anstieg verzeichnen, wiesen

bereits zuvor eine ziemlich große Bevölkerung auf. Die Berggebiete stehen aufgrund der

unausgeglichenen Altersstruktur vor einer ernsthaften Krise.

73


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

2.4 Herausforderungen, Politiken und Projekte in verschiedenen

Gebieten

In den kommenden Jahren stehen die europäischen Gebiete vor einer Reihe von

Herausforderungen in Bezug auf den demografischen Wandel, die mit politischen

Maßnahmen auf verschiedenen Regierungsebenen bewältigt werden müssen. In diesem Teil

prüfen wir einige der wichtigen Herausforderungen und sehen, wie bestimmte Maßnahmen

und Projekte in unterschiedlichen Gebietstypen diese bereits berücksichtigt haben. Die

Herausforderungen sind:

1. Alternde Bevölkerung: Alle Gebietstypen verzeichnen eine zunehmende Anzahl

älterer Menschen. Die politischen Maßnahmen müssen die besonderen

Anforderungen dieser Menschen (in Bezug auf Gesundheit, Wohnungsbau, Verkehr )

angehen, sie jedoch auch als aktive Bevölkerung wahrnehmen, die als Akteur für

Wirtschaftswachstum und sozialen Zusammenhalt wirken kann. Unterschiedliche

Gebiete müssen auf bestimmte Weise auf diese Tendenzen „reagieren“. Dies

erfordert einen „ortsbezogenen Ansatz“ (vgl. Barca 2009), der für die Bewältigung

spezifischer Aspekte des demografischen Wandels (Rückgang, Überalterung,

schnelle Zuwanderung) erforderlich ist.

2. Bevölkerungsschwund: tritt typischerweise in Randgebieten (Berggebiete und

Inseln) auf. Aber auch viele städtische Gebiete sind einem Schrumpfungsprozess

ausgesetzt. In Bezug auf den territorialen Zusammenhalt deutet der

Bevölkerungsschwund in den mitteleuropäischen Städten aufgrund von

Abwanderung eindeutig darauf hin, dass territoriale und lokale Ressourcen nicht

ausgeschöpft werden: Die Kohäsionspolitik muss das Ziel verfolgen, in diesen

Städten Beschäftigungsmöglichkeiten für qualifizierte Arbeitskräfte zu schaffen.

3. Bevölkerungswachstum: Dieser Trend ist hauptsächlich in den bereits größten

und wohlhabendsten Ballungsräumen zu verzeichnen und insbesondere auf eine

erhöhte Anzahl von Ausländern zurückzuführen. Die Zuwanderung erfordert

Maßnahmen für innovative Dienstleistungen, die auf die spezifischen Bedürfnisse

und kulturellen Hintergründe sowie die Anforderungen einer Mitgestaltung durch die

Bürger zugeschnitten sind. Die EU-Politik sollte die mögliche soziale Ausgrenzung

der Arbeitskräftewanderung in diese städtischen Gebiete verhindern. Darüber hinaus

sollten die nationalen und lokalen politischen Maßnahmen das Ziel verfolgen,

günstige Lebensbedingungen für Familien mit Kindern und Senioren zu schaffen und

Initiativen (z. B. beim Wohnungsbau) für generationenübergreifendes Wohnen

fördern, das sich an verschiedene Familienstrukturen richtet.

Diese Herausforderungen stehen in engem Zusammenhang miteinander, d. h. dass ein

bestimmter Gebietstyp mit mehreren Herausforderungen konfrontiert sein kann.

Wir haben einige Projekte ausgewählt, welche diese Herausforderungen angehen. Diese

Projekte wurden wegen ihrer Relevanz hinsichtlich des Umgangs mit den

Herausforderungen, wegen ihrer Repräsentativität für die angewendeten Maßnahmen und

wegen ihrer Bedeutung ausgewählt. Viele von ihnen wurden von EU-Institutionen

ausgewählt oder preisgekrönt. Zudem wurden die meisten der Projekte zum Teil durch EU-

Strukturfonds (EFRE, ESF) und aus Mitteln für die Entwicklung des ländlichen Raums

finanziert.

1. Das territoriale Problem einer alternden Bevölkerung besteht darin, öffentliche

Dienstleistungen für weniger mobile Einwohner sicherzustellen. In ländlichen und dünn

besiedelten Gebieten muss das Bereitstellungsmodell für öffentliche und soziale

74


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

Dienstleistungen umgestaltet werden, um die gesamte Bevölkerung zu erreichen und eine

Benachteiligung aufgrund räumlicher Gegebenheiten zu vermeiden.

In Finnland läuft seit dem Jahr 2005 das Paras-Projekt (Ferry Vironen 2010), mit dem der

Zugang der alternden Bevölkerung in dünner besiedelten Gebieten zu grundlegenden

Dienstleistungen sichergestellt werden soll. Seine Umsetzung im Rahmen einer nationalen

Reform der kommunalen Strukturen und Dienstleistungsstrukturen umfasst insbesondere

die Zusammenlegung von Gemeinden, um weniger Verwaltungsebenen mit mindestens

20 000 Einwohnern zu schaffen und die Qualität der lokalen Dienstleistungen zu

verbessern, insbesondere im Gesundheitswesen. In der Region Kainuu wurde eine Form

der Selbstverwaltung eingeführt, um zu vermeiden, dass die älteren Einwohner zu den

Einrichtungen der größten Stadt Kajaani reisen, deren lokale Dienstleistungen belasten und

den sozialen Zusammenhalt in den Dörfern der Region schwächen. Die institutionellen und

organisatorischen Grenzen wurden neu organisiert und umgestaltet, um Dienstleistungen in

der gesamten Region und integrierte Systeme sicherzustellen. Zu den angewendeten

Strategien gehört die Bündelung der Gemeinderessourcen, um eine „kritische Masse“ an

Dienstleistungserbringern zu erreichen, sowie die Koordinierung von Dienstleistungen in der

gesamten Region mithilfe von IKT.

Neue Technologien sind tatsächlich ein grundlegendes Hilfsmittel für Maßnahmen und

Projekte, mit denen qualitativ hochwertige Dienstleistungen für Menschen bereitgestellt

werden sollen, die in bestimmten Arten von Gebieten leben, wie z. B. auf Inseln. Der

Fernpflegedienst ist eine Initiative des Portugiesischen Roten Kreuzes (CVP), der im

Jahr 2008 eingeführt wurde, um die Lebensqualität von Menschen zu verbessern, die

sowohl in ländlichen als auch in städtischen Gebieten isoliert und gefährdet sind. Es handelt

sich um eine Betreuungsdienstleistung, die per Telefon erbracht wird und jederzeit

verfügbar ist. Sie nutzt jedoch eine innovative und zuverlässige IKT-Anwendung, um

Benutzer über einen „Alarmknopf“ mit dem Pflegedienst ihrer lokalen Behörde zu

verbinden. Im Rahmen eines Projekts wurde die Einführung des Fernpflegedienstes des CVP

auf der Insel Faial in der Azoren-Gemeinde Horta (Portugal) unterstützt. Die Stadt Horta

setzte eine Vereinbarung mit dem CVP und dem IAS (Institut für soziale Maßnahmen) auf.

Es wurden Geräte angeschafft und in den Häusern der Benutzer installiert. Die Ausrüstung

besteht aus einem fest installierten Endgerät sowie Endgeräten in Form von

Armbändern/Halsketten mit einem Alarmknopf, mit dessen Hilfe der Benutzer zu jeder

Tages- oder Nachtzeit die Anrufzentrale des CVP erreichen und/oder von diesem ausfindig

gemacht werden kann. Die CVP-Fachleute bewerten die Situation umgehend und handeln

entsprechend. Durch diese Dienstleistung wird ein Umzug der älteren Menschen vermieden,

die andernfalls in Heimen untergebracht werden müssten – stattdessen können sie länger

in ihrer Gemeinschaft bleiben und ihre sozialen/kulturellen Werte an die jüngere Generation

weitergeben.

Nicht bei allen öffentlichen Dienstleistungen kann man sich ausschließlich auf Technologie

verlassen, oftmals ist eine persönliche Kontaktaufnahme unerlässlich. Ein interessantes

Beispiel für eine Umstrukturierung öffentlicher Dienstleistungen in dieser Richtung stammt

aus Flandern (Belgien), wo der „Bibliobus“ das erste Beispiel e iner mobilen

Bibliotheksdienstleistung ist, die andere öffentliche Dienstleistungen umfasst und die Dörfer

in der ländlich geprägten Gemeinde Zwevegem (Belgien) 9 versorgt. Mit ihr werden

grundlegende Verwaltungsdienstleistungen für die weniger mobile Bevölkerung,

beispielsweise ältere Menschen, bereitgestellt. Die Bibliobus-Dienstleistungen umfassen

Bibliotheksdatenbanken, Buchbestellungen, DVD-Verleih, Behördendokumente und

9

Quelle: RDP Projektdatenbank (http://enrd.ec.europa.eu).

75


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

Antragsformulare für soziale Dienstleistungen. Dokumente und Formulare (wie z. B.

Anträge auf Heizölkostenzuschüsse, Reisepässe), die nicht immer sofort bereitgestellt

werden können, können an die Wohnadresse der Menschen geschickt werden: Der

Bibliobus dient zudem als zentrale Anlaufstelle für Dienstleistungen, wo Menschen alle

Arten von Informationen anfordern können.

Angesichts einer alternden Bevölkerung in Randgebieten entsteht eine Nachfrage nach

flexiblen und mobilen Dienstleistungen. Die Umstrukturierung der Regierung in Kainuu und

die kommunale mobile Dienstleistung in Zwevegem zeigen, dass diese Herausforderung auf

unterschiedlichen Regierungsebenen bewältigt werden kann. Die IKT-Technologie ist als

Hilfsmittel von Bedeutung, um der schwächeren Bevölkerung zu helfen und unerlässlich,

um die Abwanderung aus Gebieten zu bewältigen, wo die Folgen eines

Bevölkerungsschwunds sehr ernst sein können. Die Gebiete, die vor diesem Problem

stehen, sind sehr unterschiedlich. Sie umfassen städtische Gebiete, Bergregionen und

Inseln. Da hauptsächlich junge Erwachsene abwandern, besteht eine der Strategien, dieser

Tendenz entgegenzuwirken, in Maßnahmen, mit denen diesen Menschen Bildung und

Förderung für ihre Lebensprojekte in ihrem Herkunftsgebiet angeboten werden.

Die Zielbevölkerung eines Leitprojekts 10 in der Region Savinjska (Slowenien), die von der

LAG Društvo Raznolikost podeželja begonnen wurde (und in das nachfolgend weitere

Regionen einbezogen wurden), waren Kinder und junge Erwachsene. Es wurde ein

Netzwerk eingerichtet, um der jüngeren Bevölkerung zu einem umfassenderen Verständnis

des Alltags in ländlichen Umgebungen zu verhelfen und dadurch das Risiko einer

Abwanderung der Jugend in den Griff zu bekommen. Eine Gruppe ländlicher Organisationen

mit Partnerschaften mit Jugendgruppen, Schulen, Forstwirtschafts- und Tourismusbehörden

ermittelte ein Netzwerk ländlicher Unternehmen und Organisationen, die Gruppen junger

Menschen empfangen und in Themen der ländlichen Entwicklung unterrichten könnten, wie

beispielsweise das Zusammenwirken von Landwirtschaft, Natur und Nahrungsmitteln.

Durch das Projekt wurden 38 Standorte, die von 30 Anbietern betrieben wurden, in einem

Netzwerk verbunden, in dessen Rahmen Schulungssitzungen durchgeführt wurden, um

sicherzustellen, dass alle Interessenvertreter wissen, wie die erforderlichen

Dienstleistungen für junge Erwachsene, Schüler und Kindergartenkinder erbracht werden.

Ein ähnliches Projekt wurde auf den Äußeren Hebriden, einer Inselgruppe nordwestlich

von Schottland, gestartet und durch die lokale LAG 11 gefördert. Unter dem Titel

„Ceanglaichean Croitearachd - Crofting Connections“ (Pächterverbindungen) wandte es sich

an junge Menschen 12 , welche die lokalen Schulen besuchten. Ziel des Projekts war es, den

jungen Menschen Kompetenzen für die nachhaltige Landwirtschaft zu vermitteln, die

Verbindung zu ihrem kleinbäuerlichen Erbe wiederherzustellen und eine

Unternehmertätigkeit auf diesem Gebiet zu fördern. Mehr als 400 junge Menschen aus

sieben Schulen nahmen an diesem LEADER-Projekt teil und lernten von erfahrenen

Pächtern praktische Fähigkeiten für die Pachtlandbewirtschaftung. Jede der beteiligten

Schulen unterhielt auch einen Küchengarten, um frisches saisonales Obst und Gemüse für

die Kantine anzubauen.

10

11

12

Quelle: RDP Projektdatenbank (http://enrd.ec.europa.eu).

Im Rahmen des früheren LEADER-Programms entschieden örtliche Aktionsgruppen (Local Action Group, LAG)

über Projekte, die von der Gemeinschaft gelenkt wurden und einen großen Gemeinschaftsnutzen einbrachten.

Die LAG waren Partnerschaften, die sich aus Vertretern der Institutionen und der Bürgergesellschaft

zusammensetzten.

Quelle: RDP Projektdatenbank (http://enrd.ec.europa.eu).

76


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

2. Der Bevölkerungsschwund betrifft nicht nur Gebiete mit Besonderheiten, die sie aus

geografischer und wirtschaftlicher Sicht zu Randgebieten machen. Er kann auch, wie wir

erfahren haben, in städtischen Gebieten auftreten.

Maßnahmen und Projekte, mit denen die Folgen der Schrumpfung bewältigt werden sollen,

sind in verschiedenen Städten umgesetzt worden. Liverpool (Vereinigtes Königreich)

reagierte mit dem New Heartlands-Programm auf die sinkende Nachfrage nach

Wohnungen. Das Programm ist eines von zehn von der Regierung aufgelegten

Reformprogrammen für den Wohnungsmarkt in ganz England, welche den Auftrag haben,

neue Methoden zu finden, mit denen die Probleme der geringen Nachfrage und des

Zusammenbruchs des Wohnungsmarkts in schwierigen Wohnvierteln bewältigt werden

können. Aufgabe der wegbereitenden Organisation war es, die Arbeit der lokalen Behörden

und anderer Stellen zu erleichtern und zu koordinieren, einschließlich der Anbieter von

Sozialwohnungen, Gemeindeorganisationen und privater Bauherrn. Trotz einiger Kritik

erreichte das New Heartlands-Programm in den acht Jahren bis zum Jahr 2011 eine bessere

Ausrichtung von Wohnungsangebots und –nachfrage. Ältere Wohnungsbestände wurden

erworben und abgerissen, es wurden fast 3 000 neue Wohnungen gebaut und mehr als

20 000 Immobilien saniert. Im Mittelpunkt des Programms stand das Engagement der

Gemeinde. Mit Hilfe der Investitionen wurden attraktivere Wohnviertel mit einer stärkeren

gegenseitigen Unterstützung geschaffen, Verbesserungen des öffentlichen Verkehrs, der

Gesundheitseinrichtungen, der Zusammenarbeit zwischen Polizei und Gemeinde und des

allgemeinen Umfelds erreicht.

Einer der Gründe, ländliche Gebiete zu verlassen, besteht in der Schwierigkeit, neue

Unternehmen zu gründen. Im Jahr 2003 wurde in der ländlichen Region der Auvergne

(Frankreich) das Projekt „Make way for youth (PAJ). Create y our business project in the

Pays Lafayette“ 13 (Bahn frei für die Jugend (PAJ). Erstelle dein eigenes Geschäftsprojekt in

der Gemeinde Pays Lafayette) gestartet, das von einer Maßnahme inspiriert wurde, die in

Quebec (Kanada) bereits erfolgreich umgesetzt wo rden war. Die Zielbevölkerung waren

junge Erwachsene (18 bis 35), die schon in der Region lebten und diejenigen, welche die

Region bereits verlassen hatten, aber planten, Unternehmen im Gebiet Pays de Lafayette

zu gründen. Das Projekt wurde an drei aufeinanderfolgenden Wochenenden durchgeführt.

In diesem Rahmen wurde die Region zusammen mit lokalen Sachverständigen neu

entdeckt, es wurden Kontakte geknüpft, sozialen und beruflichen Netzwerke über Kontakte

beigetreten, die mit lokalen Unternehmern und Wirtschaftsakteuren organisiert wurden.

Schließlich wurde den Wünschen, Plänen und Träumen der jungen Menschen Ausdruck

verliehen und sie wurden dabei unterstützt, eine Zukunft in ihrer eigenen Region in

Betracht zu ziehen und zu planen. Am Ende der Sitzung wurden allen Teilnehmern

Mentoren zugewiesen, die sie durch den Prozess der Gründung oder Übernahme eines

Unternehmens hindurch unterstützen soll. Mehr als 100 Personen haben an den elf

anschließenden Kampagnen teilgenommen, und 43 Unternehmen wurden gegründet, die es

jungen Menschen ermöglichen, sich in der Region niederzulassen.

Einer der Wirtschaftssektoren, der eine große Rolle dabei gespielt hat, der Abwanderung

von jungen Menschen aus ländlichen Gebieten entgegenzuwirken, ist der Tourismus. In

Kalopanayiotis (Zypern), einem Dorf in einem ländlichen Berggebiet, das Leerstand und

Bevölkerungsschwund zu verzeichnen hatte, wurde im Zeitraum von 2006 bis 2008 mit

EFRE-Mitteln die Restauration der Wege und Denkmäler durchgeführt. Ein neues

Kulturzentrum bietet Räumlichkeiten für Veranstaltungen, die von lokalen Gruppen

13

Quelle: Ruract (www.ruract.com).

77


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

organisiert werden 14 . Das Ziel des Projekts 15 bestand darin, mit Hilfe der physischen

Renovierung und kulturellen Programmen Touristen anzuziehen und jungen Menschen

Geschäftsmöglichkeiten zu bieten, beispielsweise auf dem Gebiet des Hotel- und

Restaurantwesens.

3. Während einige Gebiete an Bevölkerung verlieren, erleben andere eine positive

Entwicklung der demografischen Indikatoren. Typischerweise sind traditionell ländliche, an

Städte angrenzende Gebiete von der Ausdehnung der Stadt betroffen, mit allen Folgen in

Bezug auf Lebensstil und Nachfrage nach Dienstleistungen. Die europäische Regionalpolitik

muss sich an diese neue städtische Dimension anpassen.

Die Zunahme der Vorstadtbildung fällt besonders in den östlichen Ländern der EU auf.

Eines der Hauptprobleme, die bewältigt werden müssen, ist die zunehmende Nachfrage

nach Mobilität zwischen den Vorstädten und der Kernstadt. Um die durch individuelle

Mobilität verursachten Umweltprobleme zu begrenzen, muss die Priorität auf eine

Verbesserung des öffentlichen Personennahverkehrs in diesen Gebieten gelegt werden.

Beispielsweise finanzierte der Kohäsionsfonds der EU für den Zeitraum 2007-2013 die

Modernisierung der Vorstadtzüge in Riga (Lettland) 16 mit dem Kauf von neuen elektrisch

und mit Diesel betriebenen Bahneinheiten. Die Anzahl der Passagiere wird dank der neuen

Einheiten voraussichtlich von 26,8 Millionen im Jahr 2008 auf 34,2 Millionen bis zum

Jahr 2016 zunehmen, indem der Umstieg vom Auto auf die Schiene gefördert wird.

Ein interessanter Fall ist beim Wachstum der Stadtregion der Hauptstadt der Slowakei,

Bratislava, zu beobachten, da hier das Problem der wachsenden Vorstädte angesichts der

Nähe zur österreichischen Grenze mit dem Problem der Verwaltung einer Grenzregion

zusammenfällt. Die Stadt Bratislava ist in den letzten Jahren beträchtlich gewachsen und

hat sich infolgedessen bis auf ein Gebiet ausgedehnt, dass an österreichisches Gebiet

neben der Staatsgrenze angrenzt. Viele Menschen leben und arbeiten auf beiden Seiten der

Grenze, mit dem daraus resultierenden intensiven Pendelverkehr und einer starken

Nachfrage nach Dienstleistungen (wie Kindergärten) in ehemals ländlichen Ortschaften in

Österreich.

Um ein ausgeglichenes Wachstum der Region zu erreichen, wurde ein grenzübergreifendes

Kooperationsmanagement eingerichtet (Europäische Kommission, RegioStars -Verleihung,

2012: Das BAUM-Projekt (Bratislava Umland Management) ist eine Partnerschaft zwischen

dem Bundesland Niederösterreich und dem Burgenland, der Stadt Bratislava und der

Region Bratislava. Ziel ist es, alle Interessenvertreter der Region zusammenzubringen, um

deren räumliche Entwicklung zu koordinieren und zu harmonisieren.

Das Bevölkerungswachstum in europäischen städtischen Gebieten hat raumpolitische

Auswirkungen, die bewältigt werden müssen. Da es sich hierbei jedoch, wie wir erfahren

haben, hauptsächlich um die Folgen einer Nettomigration handelt, müssen auch soziale und

wirtschaftliche Maßnahmen bei der Entwicklung von Politiken und Projekten berücksichtigt

werden. Die Eingliederung von Migranten in Städten ist ein Thema, mit dem sich Europa im

Laufe seiner langen Geschichte befasst hat. Migranten leben tendenziell in städtischen

14

15

16

Website der GD Regio: Projektbeispiele.

„Das Projekt wird maßgeblich dazu beitragen, dass unsere Gemeinschaft sich wieder entwickelt und verjüngt,

und es wird dazu führen, dass die Bewohner und vor allem die jüngere Generation dem Dorf nicht mehr den

Rücken kehren, wie es in den letzten Jahrzehnten der Fall war.“ Stavros Kazamias, Marathasa-

Entwicklungsorganisation und Einwohner von Kalopanayiotis, Quelle:

http://ec.europa.eu/regional_policy/index_en.htm.

Website der GD Regio: Projektbeispiele.

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Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

Gebieten, und inzwischen setzt sich ein großer Teil der Bevölkerung in vielen Städten aus

Staatsangehörigen unterschiedlicher Abstammung zusammen. Kulturelle Unterschiede und

die fehlende politische Vertretung der neuen Einwohner, aber auch der „zweiten und dritten

Generation“ verursachen häufig Konflikte und Spannungen. Zudem sind diese Bürger im

Durchschnitt weniger qualifiziert und haben mit Verständigungsschwierigkeiten zu kämpfen,

wenn sie Anträge an Institutionen stellen, und eine Arbeitsvermittlung kann sich schwierig

gestalten. Viele städtische Maßnahmen wurden speziell unter Berücksichtigung dieser

neuen Einwohner europäischer Städte entwickelt. Mannheim (Deutschland) 17 steht

beispielsweise vor einem wirtschaftlichen, demografischen und sozialen Wandel: Die

Beschäftigung in den traditionellen Industrien nimmt ab und fast 20 % der

Stadtbevölkerung (325 000 Einwohner) sind Türken bzw. deutsche Staatsangehörige

türkischer Abstammung. Die Stadt hat ihre Anstrengungen auf Zielgruppen konzentriert,

um Unternehmensgründungen zu fördern und das Deutsch-Türkische Wirtschaftszentrum

gegründet. Das Zentrum will Bürger türkischer Abstammung dabei unterstützen, ihre

Schwächen zu überwinden: fehlende Qualifizierung, überdurchschnittlich hohe

Arbeitslosigkeit, verwaltungstechnische Schwierigkeiten, mangelnde Kenntnisse der

deutschen Sprache. Das Zentrum bringt alle relevanten Akteure (Stadtverwaltung,

Industrie- und Handelskammer, Arbeitsvermittler) zusammen, um die Zielgruppe in einer

Institution zu anzusprechen, in der Beratung und Coaching auf Türkisch angeboten wird.

Das Projekt wurde durch EFRE-Mittel im Zeitraum von 2000 bis 2006 gefördert und hat

hervorragende Ergebnisse erzielt: Schulungen für Hunderte Menschen, die Gründung von

neuen Unternehmen (und die Schaffung von Arbeitsplätzen), aber auch eine s tärkere

Identifikation der türkischen Bevölkerung und der Deutschen mit türkischer Abstammung

mit ihrer Stadt.

Die Ansiedlung von Einwanderern kann Konflikte verursachen, vor allem wenn sie so rasant

erfolgt wie im Bezirk II in Terrassa (Spanien). Als ein Stadterneuerungsprojekt umgesetzt

wurde, wurde die Frage der Integration von Einwanderern behandelt (DG Regio 2013). Im

Wohnviertel waren Spannungen und Konflikte aufgetreten, zum Teil wegen des

beträchtlichen Zuzugs von Migranten aus Marokko. Die physische Erneuerung (von Straßen

und Gebäuden) wurde von Maßnahmen zur Konfliktbewältigung flankiert: der

Wohnviertelplan selbst umfasste Maßnahmen zur Förderung der Selbstbestimmtheit von

Kindern und Jugendlichen, Arbeitslosen und älteren Menschen sowie die Vermittlung

zwischen Einheimischen und Migranten. Maßnahmen für die Stadterneuerung werden oft

auf städtische Gebiete angewendet, in denen ein großer Teil der Bevölkerung aus Migranten

besteht. Eine ganz alltägliche Methode für die Integration von Migranten ist jedoch Arbeit.

Im Küstenort Marina di Carrara (Italien) verknüpft ein interessanter Fall die Bedeutung

der Öffnung eines traditionellen Männerberufs mit dem Thema der Integration von

Migranten durch Arbeit. Im Jahr 2011 wurde eine Fischerkooperative gegründet, die

ausschließlich aus Frauen unterschiedlicher Herkunft (Russland, Polen, Italien, Brasilien,

Kolumbien) und mit unterschiedlichen Hintergründen bestand: das Unternehmen Bio &

Mare 18 . Die Kooperative bedient die gesamte Lieferkette für Fisch: vom Fischen bis hin zu

Verkauf, Einkaufsgemeinschaften, Zulieferung, Verarbeitung und Werbung. Sie

beschlossen, eine zertifizierte nachhaltige Fischereiwirtschaft zu betreiben, und der nicht

verkaufte tägliche Fang wird zu Körpercremes, Saucen und Lebensmittel in Öl verarbeitet.

Das Projekt wurde zum Teil mit einem Kredit des Landwirtschaftsministeriums finanziert.

17

18

Finalist bei der RegioStars-Verleihung 2010.

www.bioemare.it.

79


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

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Die Bevölkerungstrends in den unterschiedlichen Gebieten vermitteln einen Eindruck davon,

in welch epochalem Umbruch sich die Beziehung zwischen der europäischen Bevölkerung

und dem bewohnten Gebiet befindet. Maßnahmen auf allen Regierungsebenen müssen

diese Umgestaltung auf verschiedenen Arten von Gebieten gemäß einem territorialen

Ansatz bewältigen. Die Verwaltungsregionen (NUTS2 und NUTS3) umfas sen häufig

unterschiedliche Typen von Gebieten, und es sollte ein Ansatz angestrebt werden, der auf

die geografischen Besonderheiten dieser Gebiete besser zugeschnitten ist.

80


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

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3 DIE ROLLE DER KOHÄSIONSPOLITIK IM

PROGRAMMPLANUNGSZEITRAUM 2007-2014


WICHTIGSTE ERKENNTNISSE

Der demografische Wandel ist ein vielschichtiges Phänomen, das mit zahlreichen

Bereichen der Kohäsionspolitik in Verbindung gebracht werden kann.

Die Konzeptualisierung demografischer Herausforderungen nimmt sowohl auf

europäischer als auch auf einzelstaatlicher Ebene zu, und demografische Themen sind in

den Verordnungen und Leitlinien der EU für den Programmplanungszeitraum 2007-2013

enthalten.

Im Zeitraum 2007-2013 wurde eine Summe von 64,1 Milliarden Euro (19 % der

gesamten Zuweisungen der EFRE-, ESF- und Kohäsionsfonds an die Mitgliedstaaten) für

die vorrangigen Themen aufgewendet, die direkt oder indirekt auf den demografischen

Wandel abzielen.







Fast 20 % der SF-Mittel, die dem Bereich des demografischen Wandels zugewiesen

wurden, werden dafür eingesetzt, den Zugang zu Beschäftigung und deren

Nachhaltigkeit zu fördern, für anfälligere Bevölkerungsgruppen und für Maßnahmen, die

sich allgemein mit den Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt befassen. Weitere relevante

Maßnahmen betreffen Investitionen in soziale Infrastrukturen und IKT-Maßnahmen, mit

denen die Zugänglichkeit zu Dienstleistungen verbessert und die Marginalisierung

ländlicher Gebiete verringert werden sollen.

Polen, Spanien, Italien und Deutschland haben die größten Summen an SF-Mitteln

Maßnahmen im Zusammenhang mit dem demografischen Wandel zugewiesen (mehr als

5 Milliarden Euro). In Bezug auf den Anteil an den gesamten SF-Mitteln haben Belgien,

das Vereinigte Königreich, Frankreich und Irland mehr als 30 % der ihnen zur Verfügung

stehenden SF-Mittel diesem Themenschwerpunkt zugewiesen, während Polen,

Dänemark, Slowenien und Bulgarien weniger als 15 % dafür verwendeten.

Auf NUTS 2-Ebene setzen die Regionen der EU der 15 den größten Anteil der SF-Mittel

für Themen des demografischen Wandels ein, insbesondere die Regionen, die

überwiegend vom Programm „Regionale Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung“

abgedeckt sind und entweder eine Bevölkerungszunahme und Einwanderung oder einen

Bevölkerungsrückgang und einen Anstieg der Altersabhängigkeitsrate verzeichnen.

Laut der NSRP-Analyse sind die demografischen Fragestellungen bereits in der Strategie

der Mitgliedstaaten enthalten, allerdings mit einer stärkeren Betonung in der

Programmplanungsphase.

In der Kontextanalyse werden die Überalterung der Bevölkerung und die Unterschiede

zwischen ländlichen (in der Regel weniger bevölkert und mit einer hohen Zahl an älteren

Menschen) und städtischen Gebieten besonders berücksichtigt. Es wird auch stärker auf

Migrationsbewegungen geachtet.

Hinsichtlich politischer Strategien und Ziele sind die vorrangigen EFRE-Themen im

Zusammenhang mit sozialen Infrastrukturen und der städtischen und ländlichen

Erneuerung die Themen, die am engsten mit demografischen Fragestellungen verbunden

sind. Bei den vorrangigen ESF-Themen richtet sich die Aufmerksamkeit auf eine

Verbesserung des Zugangs zu Beschäftigung auch für die stärker benachteiligten

Zielgruppen (gering qualifizierte junge Menschen und Ältere sowie ethnische

Minderheiten) sowie darauf, die Chance zu erhöhen, hoch qualifizierte, junge Menschen

zu halten und eine Abwanderung von Hochqualifizierten zu vermeiden.

81


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

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Einleitung

Wie bereits angeführt, ist der demografische Wandel ein vielschichtiges Phänomen, das mit

zahlreichen Bereichen der Kohäsionspolitik in Verbindung gebracht werden kann. Die

Wechselwirkungen der Muster von Bevölkerungsüberalterung, Beschäftigung und Migration

bringen spezielle räumliche Merkmale und territoriale Effekte hervor, die angemessene

Reaktionen vonseiten der Politik erfordern:





Der Anteil älterer Menschen mit unterschiedlichen Niveaus hinsichtlich Einkommen,

Gesundheit, Bedürftigkeit und potenzieller Beteiligung wird steigen. Viele ältere

Menschen werden in Zukunft aufgrund der sich wandelnden Familienstrukturen allein

leben, was sich auf die Muster der sozialen Bedürfnisse, des Konsumverhaltens und

der Mobilität auswirkt;

Viele jüngere Menschen werden weiterhin ländliche Gemeinden sowie Gemeinden in

Randlage verlassen, um in Städten und an städtischen Standorten nach Arbeit zu

suchen. Dies kann zur Isolierung älterer Menschen in Vorstädten oder ländlichen

Gemeinden in Randlage und zu Überlastungsproblemen in städtischen Gebieten

führen;

Im Gegensatz dazu kann die Bewegung einiger Bevölkerungsgruppen im mittleren

Alter und in Vorbereitung auf den Ruhestand auf das Land, sowohl in ihren Ländern

als auch zunehmend über Staatsgrenzen hinweg, ein Test für die Leistungsfähigkeit

der regionalen Infrastrukturen und gleichzeitig ein potenzieller Motor für die

regionalen Volkswirtschaften sein;

Ein weiterer Faktor ist die Lage und die Bevölkerungsstruktur auf der Grundlage von

ethnischer Zugehörigkeit, Geschlecht, Behinderung, Höhe des Einkommens und

Beruf innerhalb der Regionen. Unterschiedliche Gruppen altern unterschiedlich

schnell; sie sind durch unterschiedliche Familienstrukturen und

generationenübergreifende Strukturen gekennzeichnet, die sich erheblich auf die

demografische Zusammensetzung einer Region auswirken können.

Es ist daher notwendig, die vorhandenen Maßnahmen auf Ebene der EU sowie auf

nationaler und regionaler Ebene daraufhin zu prüfen, ob diese zur Berücksichtigung der sich

verändernden Demografie in Europa angepasst werden müssen.

Maßnahmen auf nationaler Ebene, mit denen die mit dem demografischen Wandel

zusammenhängenden Bedürfnisse bewältigt werden sollen, decken eine breite Palette an

sozialpolitischen Maßnahmen ab: Rentenreformen können Anreize für einen späteren

Ruhestand geben, das Gesundheitssystem kann für ein längeres und gesünderes Leben

sorgen, Beschäftigung, Bildung und Strategien für lebenslanges Lernen können die

Arbeitsproduktivität fördern und ein aktives Altern unterstützen, eine familienfreundliche

Politik kann sich auf die Anzahl der Frauen auswirken, die sich für die Mutterschaft

entscheiden, ohne dass sie den Arbeitsmarkt verlassen müssen, Maßnahmen zur sozialen

und wirtschaftlichen Eingliederung von Migranten können soziale Konflikte reduzieren und

das Wirtschaftswachstum verbessern, während Maßnahmen für Mobilität (Verkehrs - und

IKT-Infrastrukturen) dazu beitragen können, territoriale Ungleichheiten zu reduzieren.

Bis vor kurzem waren die Antworten auf die demografischen Herausforderungen lediglich

Stückwerk. Die Lage ändert sich jedoch. Eine fortschrittlichere Konzeptualisierung der

Herausforderungen und Chancen des demografischen Wandels über die Bereiche Renten

und Fürsorge hinaus führen dazu, dass das Altern nicht mehr nur als Angelegenheit der

einzelstaatlichen Regierungen betrachtet werden kann. Es wird zunehmend zur Kenntnis

82


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

genommen, dass demografische Veränderungen auch eine Anpassung der öffentlichen

Politik erfordern, die in der Regel auf den regionalen und lokalen Ebenen verwaltet wird,

wie z. B. Maßnahmen im Bereich allgemeine und berufliche Bildung, Nahverkehr,

Gesundheits- und soziale Dienstleistungen, Wohnungsbau und Stadtplanung. Durch die

zunehmende Regionalisierung von politischen Verantwortungen in vielen EU-Ländern

wurden den regionalen Stellen das politische Mandat, die institutionelle Befugnis und die

finanziellen Mittel übergeben, regionale Strategien zu initiieren und/oder umzusetzen.

Darüber hinaus nimmt das Wissen über subnationale Unterschiede hinsichtlich der

Auswirkungen des demografischen Wandels zu, und es besteht ein tieferes Verständnis für

die Anforderungen der mehrschichtigen Antworten auf mehreren Ebenen.

In diesem Kontext stellt der folgende Abschnitt die Ergebnisse der Analyse von

Programmplanungsdokumenten der EU und Einzelstaaten vor – der 27 nationalen

strategischen Rahmenpläne (NSRP) – um zu ermitteln, ob die Kohäsionspolitik auf

europäischer und einzelstaatlicher Ebene eine Rolle bei der Bewältigung der

demografischen Herausforderungen spielt und, wenn ja, welche das ist.

3.1 Die Rolle der EU-Kohäsionspolitik bei der Bewältigung der

demografischen Herausforderungen

Der demografische Wandel ist zunehmend zu einem wichtigen Politikbereich der EU

geworden, und die zunehmende Bedeutung demografischer Fragestellungen in der

Regionalpolitik ist an der wachsenden Bedeutung dieser Fragen in der Agenda der

europäischen Kohäsionspolitik abzulesen (Ferry Vironen, 2010). Die stärkere

Berücksichtigung des demografischen Wandels in der Kohäsionspolitik über das Instrument

der Strukturfonds kann auf die aktuellen, in der gesamten EU beobachteten

demografischen Dynamiken und Muster zurückgeführt werden. Der Rückgang der

Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter, der Anstieg der alternden Bevölkerung, der schnelle

Bevölkerungsrückgang und die tatsächlichen Zu- und Abwanderungsströme wirken sich auf

die sozioökonomische Lage der EU-Regionen aus und beeinflussen daher die relevanten

Politikbereiche, an die sich die Kohäsionspolitik richtet. In dieser Hinsicht weist eine Studie

der Kommission (Europäische Kommission 2008) darauf hin, dass der demografische

Wandel voraussichtlich die regionalen Ungleichgewichte beim konjunkturellen

Wachstumspotenzial sowie die soziale Polarisierung verstärkt. Der Kohäsionspolitik kann

daher eine wichtige Rolle dabei zukommen, die regionale Anpassung an den

demografischen Wandel zu unterstützen.

Wie in einer unlängst vorgelegten Studie der Kommission (Europäische Kommission, 2010c)

angemerkt, wurde der demografische Wandel während des Programmplanungszeitraums

2000-2006 nicht als vorrangiges Thema ermittelt, das mit Mitteln der Strukturfonds und

insbesondere mit Mitteln des EFRE-Fonds bewältigt werden muss. Der demografische

Wandel tauchte erst in der zweiten Hälfte des Zeitraums auf der politischen

Agenda als ein für die Kohäsionspolitik relevantes Thema auf und wurde im

Programmplanungszeitraum 2007-2013 explizit ein Thema in den

Strukturfondsverordnungen 19 .

19

Artikel 8 der EG-Verordnung Nr. 1080/2006 besagt, dass mit EFRE-Mitteln „nachhaltige Stadtentwicklung […]

unter anderem durch folgende Strategien gefördert werden [soll]: (…) die Bereitstellung von Dienstleistungen

für die Bevölkerung, wobei den sich ändernden demografischen Strukturen Rechnung getragen wird“. In der

Präambel 8 der EG-Verordnung Nr. 1081/2006 heißt es: „Der ESF sollte ferner tätig werden, um den wichtigen

Aspekten und Auswirkungen der demografischen Veränderungen der Erwerbsbevölkerung der Gemeinschaft zu

begegnen, insbesondere durch berufliche Fortbildung während des gesamten Erwerbslebens“.

83


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

Die Leitlinien der Gemeinschaft für den Programmplanungszeitraum 2007-2014 und das

Gesetzespaket für den Zeitraum 2014-2020 enthalten demografische Themen in ihren

Zielen, und im Programmplanungszeitraum 2007-13 wurden in vielen operationellen

Programmen auf einzelstaatlicher und regionaler Ebene gezielte Maßnahmen in Bezug auf

diese Themen auf den Weg gebracht. Tatsächlich gehen die vorrangigen Themen der

Strukturfonds (EFRE, ESF und Kohäsionsfonds) potenziell au f demografische Risiken ein.

Dabei handelt es sich um folgende Bereiche:









Soziale Infrastruktur (Gesundheit, Bildung, Fürsorge usw.);

Informationsgesellschaft;

Verkehr,

Städtische und ländliche Erneuerung;

Steigerung der Anpassungsfähigkeit von Arbeitskräften und Unternehmen;

Verbesserung des Zugangs zur Beschäftigung und Nachhaltigkeit;

Verbesserung des Humankapitals;

Verbesserung der sozialen Eingliederung benachteiligter Personen.

EFRE-Maßnahmen für soziale und physische Infrastrukturen können auf die

Lebensbedingungen der älteren Bevölkerung und das aktive Altern abzielen und daneben

die Isolation von ländlichen Gebieten und Randgebieten reduzieren; EFRE-Maßnahmen zur

Unterstützung der lokalen Entwicklung, KMU und kulturellen und touristischen Angebote

können dazu beitragen, Ungleichgewichte bei der Bevölkerung in Randgebieten und

ländlichen Gebieten abzubauen sowie die wachsende Nachfrage nach Freizeit- und

Kulturdienstleistungen seitens der älteren Bevölkerung zu bedienen; Maßnahmen zur

Unterstützung von Forschung und Entwicklung können sich auf technische Innovationen im

Zusammenhang mit Gesundheitsfürsorge und Mobilität konzentrieren. In Bezug auf den

ESF können Maßnahmen, welche die Anpassungsfähigkeit der Arbeitskräfte unterstützen,

die Anpassung der Arbeitsbedingungen an die Bedürfnisse einer alternden Belegschaft

angehen; Maßnahmen zur Beschäftigungsfähigkeit und sozialen Integration können die

Beschäftigung von Einwanderern und Angehörigen ethnischer Minderheiten, Frauen und

älteren Arbeitnehmern unterstützen; mit Maßnahmen zur Unterstützung von Investitionen

in Humankapital und lebenslanges Lernen kann der Qualifizierungsbedarf einer alternden

Belegschaft angegangen werden. Darüber hinaus können Maßnahmen zur Verbesserung der

institutionellen Kapazitäten zu einer stärkeren Beachtung demografischer

Herausforderungen aufseiten der nationalen und regionalen Institutionen und

Interessenvertreter führen, während Programme für die territoriale Zusammenarbeit den

Austausch von Erfahrungen und bewährten Verfahren bei demografischen Angelegenheiten

fördern können.

Kohäsionspolitik ist vor allem in den folgenden Bereichen von großer Bedeutung:

Anpassung der sozialen Infrastrukturen und Mobilitätsinfrastrukturen an den

demografischen Wandel und Migrationsbewegungen


Einrichten von Infrastrukturen für alle Altersgruppen. Dies betrifft in erster Linie die

Zugänglichkeit von Verkehrsmitteln, aber auch Infrastrukturen für u. a. Gesundheit,

Bildung, Tourismus, Freizeit.

In städtischen und dicht besiedelten Gebieten kommt der Raumplanung, dem

Wohnungsbau, den Netzwerken für soziale Unterstützung, der kommunalen

84


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

Entwicklung, den Bedingungen für Mobilität, der Verschmutzung und den

Umweltbedingungen eine besondere Bedeutung zu. Beispielsweise ist die Tendenz

hin zu Einpersonenhaushalten in den Städten in ganz Europa vorhanden – wie im

Fall alleinlebender junger Wanderarbeiter oder älterer Menschen. All diese

Tendenzen stellen Städte und Regionen vor große demografische

Herausforderungen: Fragestellungen des Arbeits- und Wohnungsmarkts müssen mit

Sorgfalt behandelt werden.

Die verstärkten Migrations- und Mobilitätsbewegungen wirken sich auf die

Gesundheits-, Sozialfürsorge-, Bildungs-, Wohnungsbau- und Verkehrssysteme aus,

welche so angepasst werden müssen, dass sie die Integration der zuwandernden

Bevölkerung und deren Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung unterstützen

können.

Schaffung von bestimmten Gütern und Dienstleistungen


Die alternde Bevölkerung stellt einen zunehmend wichtigeren Markt dar: ältere

Menschen haben vielfältige und besondere Bedürfnisse in Bezug auf Produkte und

Dienstleistungen. Dies könnte ein starker Anreiz für die Entwicklung zahlreicher

Innovationen bei Produkten und Dienstleistungen sowie für Verbesserungen in

Gesundheitseinrichtungen für ältere Menschen sein.

Potenzial der digitalen Inklusion

Die digitale Inklusion zieht die Nutzung von IKT nach sich, um

Ausgrenzungsfaktoren zu bewältigen und sicherzustellen, dass die IKT selbst nicht

ein Hindernis für die Teilhabe darstellt. Spezifische Maßnahmen können die

Zugänglichkeit, Konnektivität und Bildung verbessern und sich an bestimmte

Bevölkerungsgruppen, wie z. B. ältere Arbeitnehmer (deren Beschäftigungsfähigkeit

aufgrund ihrer fehlenden IKT-Kenntnisse nicht ausgeschöpft wird) und Senioren

richten.

Unterstützung von Beschäftigungsmöglichkeiten für die ältere Bevölkerung,

Frauen und Migranten und die soziale Eingliederung marginalisierter

Bevölkerungsgruppen (Ältere, Frauen, Einwanderer)


Die Förderung von älteren Menschen und Frauen durch berufliche Fortbildung,

Heimarbeit, Unterstützung bei der Existenzgründung, da dies zur Erweiterung der

Beschäftigungsmöglichkeiten für ältere Arbeitnehmer und Frauen führen würde. Dies

schließt Maßnahmen zur Unterstützung von Investitionen in Humankapital in Form

von lebenslangem Lernen und lebenslangen Fortbildungsmaßnahmen,

Beschäftigungsmaßnahmen für Ältere und Frauen (einschließlich der Unterstützung

für Änderungen an Arbeitsorganisation, Arbeitszeiten, Vereinbarkeit von Berufs- und

Privatleben usw.) ein sowie Maßnahmen zur sozialen Eingliederung von

Einwanderern und Benachteiligten.

Auf dieser Grundlage befasst sich im aktuellen Programmplanungszeitraum 2007-2013 eine

beträchtliche Anzahl an Interventionen, die durch Mittel des Strukturfonds finanziert

werden, direkt oder indirekt mit dem demografischen Wandel.

85


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

In der nachfolgenden Tabelle wird die vollständige Liste der vorrangigen Themen angeführt,

die in der Durchführungsverordnung für den SF (EG-Verordnung Nr. 1828/2006) enthalten

sind, die nach unserer Ansicht in gewissem Maße dazu beigetragen haben, demografische

Herausforderungen zu bewältigen, und die in Bezug auf demografische Herausforderungen

(potenzielle) Auswirkungen der Kohäsionspolitik 2007-2013 auf EU-Ebene belegen. Die

potenziellen Auswirkungen der verschiedenen vorrangigen Themen der Kohäsionspolitik im

Programmplanungszeitraum 2007-2013 werden für jeden Hauptparameter der

demografischen Herausforderungen (Alterung, Migration, Bevölkerungsungleichgewichte

zwischen Land und Stadt und ländliche/städtische Erneuerung, Fruchtbarkeit usw.) als

groß, mäßig und gering eingestuft, wobei zwischen unmittelbaren und mittelbaren

Auswirkungen unterschieden wird:



unter der unmittelbarer Auswirkung einer Intervention verstehen wir eine

Auswirkung, die direkt auf eine bestimmte Zielbevölkerung in einem Gebiet gerichtet

ist (z. B. die Älteren, Migranten, Frauen usw.);

mit einer mittelbaren Auswirkung meinen wir eine Auswirkung, die sich indirekt auf

eine bestimmte Zielbevölkerung oder auf demografische Herausforderungen in

einem Gebiet auswirkt (beispielsweise soziale Infrastrukturen oder Verkehrsmittel

und umweltbedingte Infrastrukturen, die sich indirekt auf die Lebensbedingungen

und das Verhalten von Frauen, älteren Menschen und Migranten auswirken) sowie

Maßnahmen, die bei ordnungsgemäßer Konzeption und Umsetzung die Anpassung

an den demografischen Wandel unterstützen, auch wenn sie nicht direkt auf

demografische Fragestellungen abzielen.

Tabelle 13:

Vorrangige Themen für die Bewältigung des demografischen Wandels

im Programmplanungszeitraum 2007-2013

Tätigkeitsbereich Code Vorrangige Themen

Verbesserung des

Zugangs zur

Beschäftigung und

Nachhaltigkeit

Verbesserung des

Zugangs zur

Beschäftigung und

Nachhaltigkeit

67

69

Maßnahmen zur Förderung des aktiven

Alterns und zur Verlängerung des

Arbeitslebens

Maßnahmen zur Verbesserung des Zugangs

von Frauen zur Beschäftigung, zur

Erhöhung der dauerhaften Beteiligung von

Frauen am Erwerbsleben und zur

Verbesserung ihres beruflichen

Fortkommens, zum Abbau der

geschlechtsspezifischen Segregation auf

dem Arbeitsmarkt und Maßnahmen zur

besseren Vereinbarkeit von Arbeits- und

Privatleben, z. B. Erleichterung des

Zugangs zur Kinderbetreuung und zu

Betreuungsmaßnahmen für abhängige

Personen

Erwartete

Auswirkung

bezüglich

demografischer

Herausforderung

+++

+++

Verbesserung des

Zugangs zur

Beschäftigung und

Nachhaltigkeit

Verbesserung der

sozialen Eingliederung

benachteiligter

70

71

Spezifische Maßnahmen zur Förderung der

Teilnahme von Migranten am Erwerbsleben

und dadurch zur Förderung ihrer sozialen

Eingliederung

Konzepte für die Eingliederung oder

Wiedereingliederung von benachteiligten

Personen in das Erwerbsleben; Bekämpfung

+++

+++

86


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

Tätigkeitsbereich Code Vorrangige Themen

Personen

Verbesserung des

Zugangs zur

Beschäftigung und

Nachhaltigkeit

Verbesserung des

Zugangs zur

Beschäftigung und

Nachhaltigkeit

Informationsgesellschaft

Informationsgesellschaft

Städtische und ländliche

Erneuerung

Investitionen in die

soziale Infrastruktur

Investitionen in die

soziale Infrastruktur

Investitionen in die

soziale Infrastruktur

Investitionen in die

soziale Infrastruktur

Investitionen in die

soziale Infrastruktur

65

66

10

13

61

von Diskriminierung beim Zugang zum

Arbeitsmarkt und beim Vorankommen auf

dem Arbeitsmarkt und Förderung der

Akzeptanz von Unterschiedlichkeit am

Arbeitsplatz

Modernisierung und Stärkung der

Arbeitsmarktinstitutionen

Durchführung aktiver und präventiver

Maßnahmen auf dem Arbeitsmarkt

Telefoninfrastrukturen (einschließlich

Breitbandnetzen)

Dienste und Anwendungen für die Bürger

(Online-Gesundheits- und Behördendienste,

Lernen mit elektronischen Hilfsmitteln,

Eingliederung in die

Informationsgesellschaft usw.)

Integrierte Projekte zur Wiederbelebung

städtischer und ländlicher Gebiete

75 Bildungsinfrastruktur

76 Gesundheitsinfrastruktur

77 Kinderbetreuungsinfrastruktur

78 Wohnungsbauinfrastruktur

79 Andere soziale Infrastrukturen

Erwartete

Auswirkung

bezüglich

demografischer

Herausforderung

Legende: +++ große unmittelbare Auswirkung; ++ mäßige unmittelbare Auswirkung; + mittelbare Auswirkung.

++

++

Quelle: Autoren von Anhang II der Verordnung (EG) Nr. 1828/2006.

+

+

+

+

+

+

+

+

Vor allem von den Maßnahmen für einen besseren Zugang zur Beschäftigung und zur

Eingliederung von anfälligen Bevölkerungsgruppen (insbesondere die vorrangigen Themen

67-71) werden große unmittelbare Auswirkungen erwartet, während eine geringere, jedoch

unmittelbare Auswirkung, bei Maßnahmen erwartet wird, die allgemein die Bedingungen auf

dem Arbeitsmarkt angehen (vorrangige Themen 65 und 66).

Demografische Herausforderungen werden, wenn auch auf mittelbare Weise, auch durch

Investitionen in soziale Infrastrukturen (wie Bildungs -, Kinderbetreuungs- und

Gesundheitsinfrastrukturen), IKT und Maßnahmen für eine bessere Zugänglichkeit zu

Dienstleistungen und Anwendungen für die Bevölkerung sowie tatsächlich durch die

Verringerung der Marginalisierung von ländlichen Gebieten angegangen.

3.1.1 Strukturfonds und demografischer Wandel: Struktur der Ausgaben

Auf der Grundlage der oben angeführten Folgenabschätzung wird auf den folgenden Seiten

dargestellt, wie viele Strukturfonds den vorrangigen Themen zugewiesen wurden, die

87


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

potenziell umgesetzt werden könnten, um die demografischen Herausforderungen zu

bewältigen.

Unter Berücksichtigung der Zuordnung laut Tabelle 13 wird in allen Mitgliedstaaten eine

Gesamtsumme von 64,1 Milliarden EUR (19 % der gesamten SF-Mittel 20 , die den

Mitgliedstaaten zugewiesen wurden) für vorrangige Themen verwendet, die potenziell mit

Demografie zusammenhängen. In Bezug auf die Typologie der finanzierten Maßnahmen sei

erwähnt, dass für die Umsetzung von aktiven und präventiven Maßnahmen auf dem

Arbeitsmarkt (vorrangiges Thema 66) der Großteil der für die Bewältigung des

demografischen Wandels vorgesehenen SF-Mittel verbraucht wird, wodurch fast 20 % der

SF-Mittel auf Maßnahmen im Zusammenhang mit dem demografischen Wandel entfallen

(12,1 Milliarden EUR). Zudem wird ein großer Anteil (mehr als 15 %) für Maßnahmen

eingesetzt, welche die soziale Eingliederung benachteiligter Personen fördern, und für

Interventionen zur städtischen und ländlichen Erneuerung. Dagegen wird der kleinste Anteil

der SF-Mittel für Investitionen in Gesundheits-, Kinderbetreuungs- und

Wohnungsbauinfrastrukturen aufgewendet (siehe nachfolgende Abbildung).

Die Zuweisung der Mittel, wie nachfolgend in Abbildung 14 dargestellt, bestätigt, dass der

ESF, der hauptsächlich Interventionen zur Förderung von Bildung, sozialer Eingliederung

und der Anpassungsfähigkeit des Arbeitsmarkts finanziert, das wichtigste Finanzinstrument

ist, um demografische Herausforderungen direkt anzugehen. Auf der anderen Seite spielen

EFRE- und Kohäsionsfonds, die vor allem Investitionen in Infrastruktur- und IKT-Projekte

finanzieren, eher eine indirekte Rolle bei der Bewältigung des demografischen Wandels,

wenngleich diese Rolle auch nicht weniger wichtig ist.

Abbildung 14: SF-Mittelzuweisung für Maßnahmen im Zusammenhang mit

dem demografischen Wandel nach vorrangigem Thema (2007-2013).

% der gesamten SF-Zuweisung

Kinderbetreuungsinfrastruktur

Arbeitsmarkt 20% Wohnungsbauinfrastruktur

15%

landl. u. städt. Erneuerung

aktives Altern und längere

Lebensarbeitszeit

10%

Integration und Wiedereintritt in

Beschäftigung

Bildungsinfrastruktur

Dienste und Anwendungen für

Bürger

05%

00%

Teilnahme von Migranten an

Beschäftigung

Telefoninfrastrukturen

Institutionen des Arbeitsmarkts

Gesundheitsinfrastruktur Zugang zur Beschäftigung für Frauen

Sonstige soziale Infrastruktur

Quelle: Ausarbeitung auf Grundlage der Datenbank der GD Regio.

Anmerkung: Die Daten repräsentieren den Anteil der SF-Mittelzuweisung für jedes vorrangige Thema gegenüber

den gesamten SF-Mitteln, die Maßnahmen im Zusammenhang mit dem demografischen Wandel zugewiesen

wurden.

In jedem Falle bestehen deutliche Unterschiede zwischen den Ländern. Wie aus der

nachfolgenden Abbildung 15 ersichtlich wird, haben Polen, Spanien, Italien und

Deutschland mehr als 5 Milliarden EUR für Maßnahmen aufgewendet, die mit dem

demografischen Wandel zusammenhängen. Dies ist ein sehr hoher Betrag im Vergleich zu

den Mitteln, die von anderen EU-Mitgliedstaaten aufgewendet wurden. Irland, Dänemark,

20

Es ist zu beachten, dass die gesamten SF-Mittelzuweisungen für den Zeitraum 2007-2013, die zum Zweck der

Berechnung verwendet wurden, Mittel aus dem EFRE-, ESF- und Kohäsionsfonds umfassen.

88


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

Luxemburg, Zypern und Malta haben dem Bereich beispielsweise weniger als

300 Millionen EUR zugewiesen. Bei der Einschätzung dieser Unterschiede sollte jedoch

beachtet werden, dass sich die Typologie der Maßnahmen von Mitgliedstaat zu Mitgliedstaat

deutlich unterscheidet. Ungefähr 30 % der gesamten Strukturfonds (344 Milliarden) werden

Polen (19 %) und Spanien (10 %) zugewiesen. Auch Italien, Deutschland und die

Tschechische Republik erhalten jeweils einen großen Anteil (mehr als 7 %). Dagegen

stehen Ländern wie Malta, den Niederlanden, Slowenien, Schweden und Finnland weniger

als 1 % der gesamten SF-Mittel zur Verfügung.

Es ist interessant zu sehen, auf welchem Platz jedes Land liegt, wenn die Menge der Mittel,

die für Maßnahmen im Zusammenhang mit dem demografischen Wandel zugewiesen

wurden, mit der Gesamtmenge der ihnen zur Verfügung stehenden SF-Mittel verglichen

wird. Wie aus Abbildung 15 ersichtlich, haben Belgien, das Vereinigte Königreich,

Frankreich und Irland mehr als 30 % der ihnen zur Verfügung stehenden SF-Mittel diesem

vorrangigen Thema zugewiesen, während Polen zusammen mit Dänemark, Slowenien und

Bulgarien weniger als 15 % dafür verwendeten. Interessanterweise investiert Belgien

841 Millionen EUR, was deutlich unter der Summe von 3,6 Milliarden liegt, die Polen

zugewiesen hat, aber einen Anteil von 40 % der gesamten SF-Mittel ausmacht, die Belgien

zur Verfügung stehen.

Abbildung 15: SF-Mittelzuweisung für Maßnahmen im Zusammenhang mit

dem demografischen Wandel nach Land (2007-2013).

9,000,000,000

0.4

Total SF addressing demographic change

8,000,000,000

7,000,000,000

6,000,000,000

5,000,000,000

4,000,000,000

3,000,000,000

2,000,000,000

1,000,000,000

0.35

0.3

0.25

0.2

0.15

0.1

0.05

Share of SF addressing demographic change over the total SF

0

LU DK CY MT IE AT FI NL SI SE EE BG BE LV LT SK RO UK PT CZ HU FR GR DE IT ES PL

0

Total SF addressing demographic change

Share of SF addressing demographic change over the total amount of SF allocated

Quelle: Ausarbeitung auf Grundlage der Datenbank der GD Regio.

EN

DE

Total SF addressing demographic change Gesamte SF-Mittel für Bewältigung des

demografischen Wandels

Share of SF addressing demographic change over the Anteil der SF-Mittel für die Bewältigung des

total amount of SF allocated

demografischen Wandels ggü. gesamtem

zugewiesenen SF-Betrag

Share of SF addressing demographic change over the

total amount SF

Anteil der SF-Mittel für die Bewältigung des

demografischen Wandels ggü. gesamtem SF-Betrag

Lenkt man den Blick auf die für Maßnahmen im Zusammenhang mit dem demografischen

Wandel aufgewendeten Mittel, fällt auf, dass Deutschland, Finnland und die Niederlande

den größten Anteil (mehr als 50 %) in die vorrangigen Themen investieren, die nach

unserer Einschätzung (siehe Tabelle 13) voraussichtlich große unmittelbare Auswirkungen

89


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

auf die wichtigsten Aspekte der demografischen Herausforderungen haben. Dagegen

konzentrieren Estland, Lettland, Litauen und Ungarn Mittel zum großen Teil (mehr als

80 %) auf vorrangige Themen, die voraussichtlich eine mittelbare Auswirkung haben.

Interessanterweise konzentrieren sich Polen und Spanien, die den größten Betrag an

Mitteln für Maßnahmen im Zusammenhang mit dem demografischen Wandel aufwenden

(Abbildung 15), hauptsächlich auf Maßnahmen, die laut unserer Einschätzung eine mäßige

oder mittelbare Auswirkung auf Themen des demografischen Wandels haben.

Aus Abbildung 15 wird ersichtlich, dass Belgien, Frankreich und das Vereinigte Königreich

den größten Anteil der ihnen zur Verfügung stehenden SF-Mittel auf Maßnahmen im

Zusammenhang mit dem demografischen Wandel verwenden. Die nachfolgende

Abbildung 16 veranschaulicht, dass in diesen Ländern ungefähr 50 % dieser Mittel für die

Finanzierung von Maßnahmen eingesetzt werden, die eine unmittelbare Auswirkung auf

Aspekte des demografischen Wandels haben.

Abbildung 16: SF-Mittelzuweisung für Maßnahmen im Zusammenhang mit

dem demografischen Wandel nach Land und voraussichtliche

Auswirkungen (2007-2013)

100%

90%

80%

70%

60%

50%

40%

30%

20%

10%

0%

BE BG CZ DK DE EE IE GR ES FR IT CY LV LT LU HU MT NL AT PL PT RO SI SK FI SE UK

High direct impact Medium direct impact Indirect impact

Quelle: Ausarbeitung auf Grundlage der Datenbank der GD Regio.

EN

High direct impact

Medium direct impact

Indirect impact

DE

Große unmittelbare Auswirkung

Mäßige unmittelbare Auswirkung

Mittelbare Auswirkung

Auf regionaler Ebene zeigt sich, dass die Mehrheit der europäischen Regionen mehr als

15 % der SF-Mittel direkt oder indirekt für Maßnahmen verwenden, die mit dem

demografischen Wandel zusammenhängen. Eine große Anzahl der Regionen hat 16 % bis

25 % der gesamten, ihnen zur Verfügung stehenden Mittel eingesetzt – insbesondere

Regionen in Spanien (mit Ausnahme von Castilla La Mancha und Principado de Asturias, die

fast 30 % der SF-Mittel zuwiesen), Griechenland, Italien (südliche Regionen sowie Ligurien,

die Lombardei, der Piemont und die autonome Provinz Bozen), Norddeutschland, Österreich

und Ungarn. Diese Regionen verzeichnen ein durchschnittliches oder schwaches

Wirtschaftswachstum und müssen unterschiedliche demografische Herausforderungen

bewältigen, z. B. einen Bevölkerungsrückgang in Kombination mit einer steigenden Anzahl

an älteren Menschen oder einen Bevölkerungsanstieg aufgrund starker

Migrationsbewegungen.

90


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

Interessanterweise haben Regionen im Vereinigten Königreich, in Irland, Frankreich,

Belgien, Italien und Schweden den größten Anteil der SF-Mittel für Maßnahmen im

Zusammenhang mit dem demografischen Wandel eingesetzt. In einigen Regionen, wie der

Ile de France und der Hauptstadt Brüssel werden mehr als 50 % der SF-Mittel an

Maßnahmen vergeben, die mit dem demografischen Wandel zusammenhängen. Diese

Regionen sind überwiegend von Programmen abgedeckt, mit denen Wettbewerbsfähigkeit

und Beschäftigung gefördert werden, und verzeichneten vor der Krise ein

Wirtschaftswachstum. Der Bevölkerungsdruck in diesen Regionen weist in zwei

unterschiedliche Richtungen: Die Regionen erleben entweder einen Bevölkerungsanstieg

und Migration in großem Maßstab, oder sie verzeichnen einen Bevölkerungsrückgang und

einen Anstieg bei der Altersabhängigkeitsrate.

Die osteuropäischen Regionen weisen den kleinsten Anteil an Mitteln zu. Dies bezieht sich

insbesondere auf einige Regionen in Polen, Slowenien, der Tschechischen Republik und alle

Regionen Bulgariens und Rumäniens, die laut Clusteranalyse unter Konvergenzprogramme

fallen und überwiegend ländliche Gebiete umfassen, die von einem schwachen

Wirtschaftswachstum und einem Bevölkerungsrückgang gekennzeichnet sind. Dazu zählen

auch alle Regionen von Dänemark und einige Regionen in Finnland, Schweden und der

Tschechischen Republik.

Abbildung 17: SF-Mittelzuweisung für Maßnahmen im Zusammenhang mit

dem demografischen Wandel nach Regionen (2007-2013)

Quelle: Ausarbeitung auf Grundlage der Datenbank der GD Regio.

EN

Legend

Allocation_of_SF_to_demo_change

DE

Legende

Zuweisung_von_SF_für_demo_Wandel

Die nachfolgenden Karten veranschaulichen, wie die europäischen Regionen Mittel auf die

verschiedenen Maßnahmen verteilt haben, die unmittelbar oder mittelbar mit dem

demografischen Wandel zusammenhängen. Für den Zweck dieser Analyse wurden die

vorrangigen Themen aus Tabelle 13 in die folgenden Tätigkeitsbereiche eingeteilt:

91


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

Informationsgesellschaft einschließlich der Bereitstellung einer

Telefoninfrastruktur sowie Diensten und Anwendungen für Bürger (Vorrangige

Themen 10 und 13);


Städtische und ländliche Erneuerung einschließlich Projekten für die städtische

und ländliche Erneuerung (Vorrangiges Thema 61);

Verbesserung des Zugangs zu Beschäftigung und Nachhaltigkeit,

einschließlich Maßnahmen auf dem Arbeitsmarkt, Maßnahmen, die sich mit der

alternden Bevölkerung, der niedrigen Fruchtbarkeitsrate und der Migration

beschäftigen (Vorrangige Themen 65-70);

Verbesserung der sozialen Eingliederung benachteiligter Personen,

einschließlich Maßnahmen, welche die soziale Eingliederung benachteiligter

Menschen fördern (Vorrangiges Thema 71);


Investitionen in die soziale Infrastruktur, einschließlich des Ausbaus oder der

Modernisierung von Bildungs-, Gesundheits-, Pflege- und

Kinderbetreuungsinfrastrukturen (Vorrangige Themen 75-79).

Wie oben erwähnt, ist die Verbesserung des Zugangs zur Beschäftigung und Nachhaltigkeit

ein Tätigkeitsbereich, dem die Regionen verhältnismäßig mehr Mittel zugewiesen haben. In

einigen Regionen (hauptsächlich in Schweden, Spanien und Dänemark) betrifft dies mehr

als 70 % der SF-Mittel, die für Maßnahmen eingesetzt werden, die mit dem demografischen

Wandel zusammenhängen (Karte c in Abbildung 18). Dies sind vor allem Regionen, die

durch ein positives Wirtschaftswachstum und Innovationen, das Vorhandensein von

städtischen Gebieten und Zwischengebieten und einen Bevölkerungsanstieg gekennzeichnet

sind (hauptsächlich zu Cluster 1 und 2 gemäß Clusteranalyse gehörig). Dementsprechend

konzentrieren diese sich auf die Umsetzung von aktiven und präventiven Maßnahmen auf

dem Arbeitsmarkt sowie auf die Verbesserung der Arbeitsmarktbedingungen für Frauen. Im

Gegensatz dazu investieren die Konvergenzregionen in Italien, Portugal, Ungarn und den

baltischen Staaten vergleichsweise wenig in diesen Bereich und konzentrieren ihre

Investitionen hauptsächlich auf die soziale Infrastruktur (wie auf der Karte e) in

Abbildung 18 gezeigt).

Die soziale Infrastruktur belegt den zweiten Platz in Bezug auf den Anteil an SF-Mitteln, die

von den Regionen für Maßnahmen verwendet werden, die mit dem demografischen Wandel

zusammenhängen. Regionen in Osteuropa haben mehr als 50 % der ihnen zur Verfügung

stehenden SF-Mittel genutzt, um die Schaffung oder Modernisierung der sozialen

Infrastruktur zu finanzieren. Dagegen haben Regionen in Finnland, dem Vereinigten

Königreich, Deutschland, Schweden, den Niederlanden, Frankreich und Italien (zumeist der

nördliche und mittlere Teil Italiens) vergleichsweise wenige Mittel für die Finanzierung von

Investitionen in die soziale Infrastruktur aufgewendet und mehr Mittel für die bessere

soziale Eingliederung von benachteiligten Menschen sowie für einen besseren Zugang zu

Beschäftigung und Nachhaltigkeit verwendet (Karten c) und d) in Abbildung 18).

Maßnahmen, mit denen die Telefoninfrastruktur ausgebaut und Dienste und Anwendungen

für Bürger bereitgestellt werden sollen, erhielten auf regionaler Ebene allgemein weniger

Mittel als die anderen Maßnahmen im Zusammenhang mit dem demografischen Wandel 21 ,

obwohl sie in Randgebieten, wie Pohjois-Suomi (Finnland), Norra Mellansverige (Schweden)

und Gibraltar (UK) an Bedeutung gewinnen. Sie sind tatsächlich von Bedeutung, wenn es

21

Bei diesem vorrangigen Thema wurde von einer geringen mittelbaren Auswirkung ausgegangen.

92


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

darum geht, die Zugänglichkeit zu Dienstleistungen von allgemeinem Interesse in den

entlegensten Gebieten sicherzustellen, und infolgedessen wird der größte Teil der ihnen zur

Verfügung stehenden SF-Mittel in diese Maßnahmen investiert.

Regionen, die große Anteile der SF-Mittel (mehr als 40 % der ihnen zur Verfügung

stehenden SF-Mittel) in die städtische und ländliche Erneuerung investiert haben, befinden

sich in Italien (Kampanien und Kalabrien), Deutschland (Berlin und das Saarla nd), den

Niederlanden (Noord -Brabant und Zeeland) und Zypern. Diese Regionen umfassen

überwiegend Zwischenregionen oder ländliche Regionen.

Neben den regionalen Merkmalen in Bezug auf demografische Herausforderungen hebt

diese Analyse die Tatsache hervor, dass die Typologie der SF-Programme ebenfalls ein

entscheidender Faktor hinsichtlich Umfang und Art der Ausgaben ist.

Tatsächlich investieren Gebiete, die unter das Ziel „Konvergenz“ fallen, weniger SF-

Mittel in Maßnahmen, mit denen der demografische Wandel bewältigt werden soll,

als Regionen, die unter das Ziel „Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung“ fallen.

Diese unterschiedlichen Ausgabestrukturen können mit der Tatsache erklärt werden, dass

die Konvergenzregionen, die aus wirtschaftlicher Sicht unterentwickelt sind (das BIP

beträgt weniger als 75 % des EU-Durchschnitts), einen großen Teil ihrer Mittel darauf

verwenden, die Bereitstellung grundlegender Infrastrukturen zu finanzieren (z. B. Abfallund

Abwasserbehandlungsanlagen, Verkehrsinfrastruktur usw.), um in Bezug auf die

physische Ausstattung zu den wohlhabenderen EU-Regionen aufzuschließen. Im Gegensatz

dazu sind Regionen, die unter das Ziel „Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung“ fallen,

durch günstigere wirtschaftliche Bedingungen gekennzeichnet, und die Programme

konzentrieren sich eher auf die Verbesserung weicher Faktoren für mehr

Wettbewerbsfähigkeit, um ihr Gebiet für Unternehmen und Investoren attraktiver zu

machen. Entsprechend dieses Ziels achten die Regionen mehr auf Maßnahmen, welche die

Lebensqualität für die Bevölkerung verbessern, einschließlich einer besseren sozialen

Infrastruktur, der Anpassungsfähigkeit benachteiligter Gruppen, der Vereinbarkeit von

Berufs- und Privatleben usw.

93


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

Abbildung 18: SF-Mittelzuweisung für Maßnahmen im Zusammenhang mit dem demografischen Wandel nach

Tätigkeitsbereich (2007-2013)

a) Informationsgesellschaft b) Städtische und ländliche Erneuerung

c) Verbesserung des Zugangs zu Beschäftigung und Nachhaltigkeit d) Verbesserung der sozialen Eingliederung benachteiligter Personen

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Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

e) Investitionen in die soziale Infrastruktur

Quelle: Ausarbeitung auf Grundlage der Datenbank der GD Regio.

EN

DE

a) Information society a) Informationsgesellschaft

Legend

Legende

Allocation_of_SF_to_information_society

Zuweisung_von_SF_für_Informationsgesellschaft

b) Urban and rural regeneration b) Städtische und ländliche Erneuerung

Allocation of SF to urban and rural regeneration

Zuweisung von SF-Mitteln für die städtische und ländliche Erneuerung

c) Improving access to employment and sustainability c) Verbesserung des Zugangs zur Beschäftigung und Nachhaltigkeit

Allocation of SF to improving access to employment

Zuweisung von SF-Mitteln für besseren Zugang zur Beschäftigung

d) Improving the social inclusion of less-favoured persons d) Verbesserung der sozialen Eingliederung benachteiligter Personen

Allocation of SF to improving social inclusion

Zuweisung von SF-Mitteln für die bessere soziale Eingliederung

e) Investment in social infrastructure e) Investition in die soziale Infrastruktur

Allocation of SF to investment in social infrastructure

Zuweisung von SF-Mitteln für Investitionen in die soziale Infrastruktur

95


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

3.2 Die Rolle der Kohäsionspolitik bei der Bewältigung der

demografischen Herausforderungen gemäß Internalisierung

in nationalen Programmplanungsdokumenten

Zur weiteren Untersuchung, ob auch auf nationaler Ebene demografische

Herausforderungen berücksichtigt wurden, wurde zu den vorgestellten Maßnahmen eine

Textanalyse der 27 NSRP 2007-2013 durchgeführt. In der Anlage der Textanalyse der

NSRP wurde auf die folgenden Themenbereiche eingegangen, um festzustellen, ob und in

welchem Teil des Politikzyklus demografische Problemstellungen behandelt wurden.






Kontextanalyse

Diese Dimension bezieht sich darauf, in welchem Umfang die Elemente, die den

demografischen Wandel betreffen, bei der Einschätzung der Stärken und Schwächen

des Landes/der Region behandelt werden

Allgemeine Ziele und Strategiekonzept

Diese Dimension bezieht sich darauf, in welchem Umfang in den genannten

allgemeinen Zielen Elemente berücksichtigt sind, wie das Land/die Region sich an

den demografischen Wandel anpassen kann

Spezifische Ziele und Maßnahmenkonzept

Diese Dimension bezieht sich darauf, in welchem Umfang in den genannten

spezifischen Zielen und im Maßnahmenkonzept Elemente berücksichtigt sind, wie

das Land/die Region sich an den demografischen Wandel anpassen kann

Vorgesehene Verfahren für die Auswahl von Projekten/Interventionsmaßnahmen

Diese Dimension bezieht sich darauf, ob Projektauswahlverfahren vorhanden sind,

die Elemente berücksichtigen, die den demografischen Wandel betreffen

Überwachungs- und Bewertungssysteme

Diese Dimension bezieht sich darauf, in welchem Umfang demografische

Sachverhalte bei Überwachungs- und Bewertungsindikatoren und -aktivitäten

berücksichtigt werden.

Die erste wesentliche Feststellung ist, dass die Internalisierung demografischer Themen

sich nur auf die Kontextanalyse bezieht (alle 27 NSRP) und in gewissem Umfang zum

Tragen kommt, wenn es um allgemeine Ziele und Strategiekonzepte und -maßnahmen

geht. Es wurde kein ausdrücklicher Hinweis auf vorhandene Projekte, Auswahlverfahren

und Überwachungs- und Bewertungsaktivitäten festgestellt, bei denen Elemente

berücksichtigt wurden, die den demografischen Wandel betreffen. Dies lässt darauf

schließen, dass demografische Herausforderungen immer noch als kontextbezogene

Elemente betrachtet werden, aus denen (einige) politische Strategien und Ziele abgeleitet

werden können (Programmierungsphase), sie werden aber nicht berücksichtigt, wenn es

um die Identifizierung von Verfahren und Instrumenten geht (Implementierungsphase).

3.2.1 Kontextanalyse

Wie erwartet, verweisen die NSRP ausdrücklich auf politische Sachverhalte, die mit

demografischen Veränderungen in dem Teil, der für die Kontextanalyse vorgesehen ist,

verknüpft sein können. In einigen Fällen (10 NSRP) ist ein bestimmter Teil diesen Themen

gewidmet. Zwischen den verschiedenen Ländern sind allerdings Unterschiede dabei

festzustellen, welche politischen Sachverhalte und welche spezifischen

Bevölkerungsmerkmale (zum Beispiel Alter, Nationalität) und ihre bisherige und künftige

Dynamik herausgestellt werden.

96


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

In der folgenden Tabelle werden vorhandene demografiebezogene politische Sachverhalte

und Bevölkerungsziele für alle 27 NSRP zusammengefasst.

Tabelle 14:

Demografierelevante politische Sachverhalte und Bevölkerungsziele

in der Kontextanalyse nach NSRP

Bestimmter

Absatz (/N)

Fertilitätsrate

Alterung

älterer

Menschen

Einwanderer

Ethnische

Minderheiten

Altersquotient

Bevölkerungsdichte

Auswanderung

(Abwanderung

Hochqualifizierter)

Stadt-

/Landgebiete

Polyzentris-

mus-

Konzentration

AT N

BE N

BG N

CY J

CZ J

DE J

DK J

EE J

ES N

FI J

FR N

EL N

HU N

IE N

IT J

LT N

LU N

LV J

MT N

NL N

PL N

PT J

RO N

SE N

SI N

SK J

UK N

Quelle: Ausarbeitung zur Analyse der EU-27-NSRP.

Wie aus der Tabelle hervorgeht, führen die NSRP Alterung der Bevölkerung an, die im

Zusammenhang mit der sinkenden Sterblichkeit die hauptsächliche und tatsächlich

wichtigste Folge der anhaltenden geringen Fertilität und wachsenden Lebenserwartung ist,

besonders in westeuropäischen Ländern.

Die Frage der Alterung der Bevölkerung wird nicht für sich allein betrachtet,

sondern wird häufig mit anderen Aspekten in Verbindung gebracht, insbesondere

Rückgang der Geburtenraten und Migrationsströme. Es wird davon ausgegangen,

dass alle diese Konzepte zusammen starke Auswirkungen auf das Altersversorgungssystem

haben und dass sich die Staatsausgaben in diesem Bereich in den nächsten Jahren laut den

Prognosen erhöhen werden. Selbst wenn diese Aspekte in keinem direkten Zusammenhang

mit der europäischen Kohäsionspolitik stehen und von dieser nicht finanziert werden,

setzen Länder Interventionsmaßnahmen und nationale Reformen um, die in den jährlichen

Reformprogrammen vorgesehen sind, und viele NSRP verweisen darauf, dass im Falle von

Problemen mit der Leistungsfähigkeit des Wohlfahrtsstaats die Ersetzung von

Arbeitskräften auf dem Arbeitsmarkt und die Solidarität zwischen Generationen und

Nationalitäten wichtige zu behandelnde Themen sein werden.

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Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

Einige Beispiele in den NSRP:

Im NSRP BG sind als wichtigste Merkmale der demografischen Krise der anhaltende

Rückgang der Geburtenrate im Land, die demografische Alterung der Bevölkerung,

relativ hohe natürliche Sterblichkeit, auch bei Säuglingen und Kindern, und die starke

Abwanderung von Personen im erwerbsfähigen Alter genannt. Diese Faktoren

bewirkten eine Verschlechterung der Altersstruktur der Bevölkerung und einen Rückgang

der potenziellen Erwerbsbevölkerung.

In CY gehen die mittelfristigen Bewertungen der demografischen Veränderungen von einer

allmählichen Zunahme der Personen über 65 bis zum Jahr 2050 im Gegensatz zur

Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter aus. Das bedeutet große Herausforderungen, wie

auch in anderen Mitgliedstaaten, für die Bestandsfähigkeit des

Sozialversicherungssystems und der Renten. Die Folgen der allmählichen Alterung

bestimmen weitgehend auch den Inhalt der mittelfristigen Arbeitsmarktstrategie und die

Entwicklung der Erwerbsbevölkerung.

Die Alterung der Bevölkerung ist außerdem relevant hinsichtlich der Entwicklung der

sozialen Infrastruktur und Sozialleistungen für die Bevölkerung über 65. Bei älteren

Menschen, die auf fremde Hilfe angewiesen sind, entstehen Probleme, wenn es um

Unterstützungsleistungen für Familien und Betreuungseinrichtungen und auch Gesundheitsund

Sozialdienste für ältere Menschen geht.

Einige Beispiele in den NSRP:

Laut NSRP PT hat die demografische Dynamik deutliche Folgen und stellt große

Herausforderungen an die Politik. Die wichtigsten Aspekte betreffen die Tragfähigkeit des

Systems der sozialen Sicherheit, und das bedeutet unweigerlich größere Anforderungen

an die Bereitstellung von Gesundheitsversorgungsleistungen, Sozialbetreuung von

Kindern und älteren Menschen, damit sich Arbeit, Familie und Privatleben in Einklang

bringen lassen und auch der soziale Wandel, den das längere Arbeitsleben mit sich bringt,

berücksichtigt wird.

Laut NSRP FI wirken sich die regionalen Unterschiede bei den Bevölkerungstrends in FI auf

die Möglichkeiten und die Fähigkeit der Regionen aus, lebensfähig zu bleiben und sich zu

entwickeln. Eine schrumpfende und alternde Bevölkerung mit einer unausgewogenen

Geschlechtsstruktur verringert die Verfügbarkeit von Arbeitskräften, erhöht den Bedarf an

Dienstleistungen für immer älter werdende Menschen, wirkt sich ungünstig auf den

Grad der Sozialleistungsabhängigkeit allgemein aus (aufgrund des wachsenden

Altenquotienten) und schwächt die kommunale Wirtschaft.

Laut NSRP LT hat sich die demografische Situation in ländlichen Gebieten rapide

verschlechtert. Ein hauptsächlicher Grund für diese schlechte demografische Situation auf

dem Land ist der unzureichende Zugang zu Gesundheits- und Bildungsangeboten, negative

Veränderungen in der Nachfrage nach Arbeitskräften und unzureichende

Infrastrukturbedingungen.

Obwohl ein Zusammenhang mit der alternden Bevölkerung besteht, wird das Problem der

fallenden Fertilitätsrate selten allein und/oder im Zusammenhang mit der Gleichstellungsoder

Vereinbarkeitspolitik angegangen. Stattdessen messen viele NSRP den Migrations- und

Einwanderungsströmen große Bedeutung bei. Sie werden als Bedrohung (Entvölkerung und

Abwanderung von Hochqualifizierten) ebenso wie als Chance (neue Arbeitskräfte, die die

älteren europäischen ersetzen können) wahrgenommen.

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Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

Einige Beispiele in den NSRP:

Im NSRP PL wird zum Beispiel der fehlenden Mobilität auf dem inländischen Arbeitsmarkt

(die Migrationsraten zwischen Regionen sind gering, sie liegen zwischen 10 % und 11 %)

und gleichzeitig der ständig zunehmenden Abwanderung ins Ausland (besonders nach

dem Beitritt Polens zur EU) große Bedeutung beigemessen. Mit der Öffnung der

Arbeitsmärkte in einigen Mitgliedstaaten der EU führte ein erhebliches Lohngefälle zwischen

Polen und der EU der 15 dazu, dass immer mehr Arbeitsstellen, die bis dahin von Polen

besetzt waren, ins Ausland abwanderten.

Im NSRP ES wird das Problem der starken Einwanderungsströme (und deren

unterschiedlichen demografischen Dynamik, was beispielsweise Alter und Fertilitätsrate

anbelangt) mit der einheimischen Bevölkerung verglichen.

Laut NSRP LT wird die demografische Situation stark von zwei Trends beeinflusst:

Auswanderung und die Alterung der Gesellschaft. Die letzten Jahre waren von der

massiven Auswanderung nach den besser entwickelten Mitgliedstaaten der EU mit den neu

geöffneten Arbeitsmärkten gekennzeichnet. Dabei nahm die Zahl der Einwohner Litauens

beständig ab – nur wenige andere Mitgliedstaaten der EU weisen eine geringere

Geburtenrate auf als Litauen. In diesem Zusammenhang ist die Abwanderung von

Hochqualifizierten ein besonderes Problem.

Die Alterung der Bevölkerung wird in den meisten NSRP auch mit einer räumlichen/

territorialen Dimension in Verbindung gebracht, die durch zwei wichtige Phänomene

gekennzeichnet ist: i) Die Kluft zwischen städtischen und ländlichen Gebieten, wobei

die Mehrzahl der städtischen Pole (dabei insbesondere die größeren) ein

Bevölkerungswachstum aufweist, während die meisten ländlichen Gebiete Einwohner

verlieren, ii) die Bevölkerungskonzentration in großen Ballungszentren (in vielen

Fällen können die Hauptstädte eine positive demografische Entwicklung hauptsächlich

aufgrund der Zuwanderung aus dem Ausland und aus eigenen ländlichen Gebieten

verzeichnen).

Die Kluft zwischen städtischen und ländlichen Gebieten wird in den meisten der 27

NSRP hervorgehoben. Damit ist dies eines der wichtigsten Probleme, bei denen die

europäische Kohäsionspolitik (insbesondere die über den EFRE finanzierte) eine Rolle

spielen und künftige demografische Veränderungen beeinflussen kann.

Diese Frage wird zu allererst hinsichtlich der Bedeutung des Problems der Entvölkerung

ländlicher Gebiete betrachtet, die besonders in den letzten Jahren einen erheblichen Teil

junger Menschen „verloren“ haben, so dass nicht genügend Arbeitskräfte zur Verfügung

standen und soziale und wirtschaftliche Schwächen und der Mangel an Infrastrukturen

noch verstärkt wurden.

Einige Beispiele in den NSRP:

Laut NSRP BG wird die Entwicklung der ländlichen Gebiete durch negative

demografische Trends behindert, die hier viel ausgeprägter als in den städtischen

Gebieten sind.

Im NSRP PL wird hervorgehoben, dass die ländlichen Gebiete durch wenige und

unzureichende Märkte, Finanz- und Produktionsdienstleister, Schwierigkeiten beim Zugang

zur sozialen Grundversorgung (Bildung, Kultur, Gesundheit) und Mang el an Arbeitsplätzen

außerhalb der Landwirtschaft gekennzeichnet sind. Die ungenügend entwickelte technische

Infrastruktur wird dabei als eines der Hindernisse für die Entwicklung dieser Gebiete

angeführt.

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Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

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Laut NSRP CY geht es mit den ländlichen Gebieten allgemein abwärts, sie sind

unterbevölkert, und es gibt deutliche Trends in Richtung Urbanisierung und

Bevölkerungsalterung. Dementsprechend leben in ländlichen Gebieten nur 24,3 % der

Einwohner, obwohl diese Gebiete 82,6 % der Gesamtfläche Zyperns ausmachen. Der

Bevölkerungsrückgang ist am deutlichsten in den Bergregionen.

Im NSRP FI wird hervorgehoben, dass für die ländlichen Gebiete die wesentlichen

Grunddienstleistungen, Infrastruktur, Kommunikationseinrichtungen und

Unternehmensdienstleistungen, die von zentraler Bedeutung für Geschäftstätigkeit und

Leben in diesen Gebieten sind, bereitgestellt werden müssen. In dünn besiedelten

Gebieten, in denen marktorientierte private Aktivitäten nicht alle benötigten

Dienstleistungen abdecken können, müssen innovative Lösungen gefunden und die

Vernetzung mit entwickelten Bevölkerungszentren ermöglicht werden.

Im NSRP CZ wird die Kluft zwischen städtischen und ländlichen Gebieten als eine der

Schwächen in der Entwicklung und der regionalen Kohäsion des Landes gesehen. Als Grund

dafür wird angenommen, dass das dichte Netz kleiner und mittlerer Städte die Entstehung

stärkerer Zentren (Pole) verhindert, die eine Schlüsselstellung in der regionalen

Entwicklung einnehmen und damit das Fundament eines Netzwerks bilden könnten, das

sich gleichmäßig über das gesamte Gebiet erstreckt.

Im NSRP FR werden die Probleme beim Unterschied zwischen städtischen und ländlichen

Gebieten für das Mutterland betrachtet. Die ländlichen Gebiete weisen dabei negative

demografische Trends auf, während die städtischen Gebiete eine sehr hohe

natürliche Zunahme und Nettomigrationsrate verzeichnen. In allen Gebieten ist die

Alterung der Bevölkerung erheblich.

Die Migrationsströme von ländlichen nach städtischen Gebieten stehen in starkem und

engem Zusammenhang mit der Rolle der großen städtischen Zentren (besonders in

den osteuropäischen Ländern – z. B. BE, CZ, SK, HU), die für Landbewohner und

Einwanderer besonders attraktiv geworden sind. In vielen Ländern sind immer mehr

Ballungsräume entstanden mit der Konsequenz einer deutlich ungleichen

Bevölkerungsverteilung. Im Gegensatz zu diesen Ballungsräumen stehen das Binnenland

und schwach urbanisierte Gebiete, in denen das Fehlen einer kritischen urbanen

Masse die wirtschaftliche Entwicklung und den Zugang zu modernen Diensten behindert.

Das gefährdet in einigen Fällen die Umkehrung des Entvölkerungstrends.

Einige Beispiele in den NSRP:

Im NSRP PT wird davon ausgegangen, dass die Städtesysteme eine zentrale Rolle in der

Weiterentwicklung und im Umfang der Kohäsion und Wettbewerbsfähigkeit der

portugiesischen Regionen spielen. Im Zusammenhang mit der Intensivierung der

städtischen Konzentration in Gebieten mit geringerer Bevölkerungsdichte ist die Struktur

des Städtesystems weiterhin eines der Haupthindernisse in der Wettbewerbsfähigkeit

Portugals. Es ist eine Tatsache, dass die Hälfte der portugiesischen Bevölkerung in

städtischen Gebieten lebt, und dabei ist die stärkste Konzentration in den Stadtgebieten

von Lissabon und Oporto zu finden.

Laut NSRP SK wirken Siedlungszentren und Kernsiedlungsgebiete als Wachstumspole,

die die Beziehungen zwischen einzelnen Regionen unterstützen und den Austausch von

Wachstumseffekten untereinander sicherstellen. Das Niveau ihrer Entwicklung hängt von

ihrer geografischen Lage und der Verfügbarkeit einer öffentlichen Basisinfrastruktur ab, die

das natürliche Bevölkerungswachstum, Bevölkerungsmigration und Kapital-, Waren- und

Dienstleistungsverkehr im Land beeinflussen.

100


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

Neben der Schaffung großer Ballungszentren wird in einigen NSRP auch auf das Phänomen

der Suburbanisierung und des Polyzentrismus mit einem Netzwerk

kleiner/mittlerer Städte hingewiesen. Dies sind relativ neue Phänomene der urbanen

Dynamik des Kontinents, die besonders evident in den östlichen und mittleren Teilen

Europas (CZ, SK, HU) und südeuropäischen Ländern wie Italien sind.

Einige Beispiele in den NSRP:

Laut NSRP LU ist die Abwanderung der Landbevölkerung stark zurückgegangen. Wir

können jetzt von städtischer Migration sprechen, denn die Bevölkerungszahlen in den

großen Städten des Landes steigen nicht wesentlich und die Wachstumsraten liegen unter

dem nationalen Durchschnitt. Diese demografische Verschiebung hat die ländliche Welt

aber mit neuen, radikalen Strukturveränderungen konfrontiert, weil sie sich nach und nach

in Wohngebiete für Menschen verwandelt, die in der Stadt arbeiten. Das Phänomen der

Suburbanisierung hat die Gebiete um die urbanen Zentren herum in Übergangszonen

verwandelt, in Stadtrandzonen, die im Englischen als „rurban (eine Kombi nation aus urban

und rural) bezeichnet werden.

Im NSRP IT werden bei der Beschreibung des räumlichen Zusammenhangs die

demografischen Probleme angeführt, die insbesondere aufgrund des erheblichen

Unterschieds zwischen städtischen und ländlichen Gebieten vorhanden sind, und es wird

auf die Besonderheit des italienischen urbanen Polyzentrismus und die wachsende

Bedeutung (auch für die Bewohner) von Bezirken oder Kleinstädten in unmittelbarer Nähe

von Ballungszentren hingewiesen. In kleineren Städten ist der Anteil älterer Menschen

größer.

Ein weiterer Aspekt, der in der Kontextanalyse der NSRP in Bezug auf

demografische Herausforderungen behandelt wird, steht im Zusammenhang mit

im Land lebenden ethnischen Minderheiten, bei denen eine positive

demografische Dynamik besteht. Dies ist zum Beispiel in mitteleuropäischen Ländern

der Fall (CZ, RO, SK), in denen die Bevölkerungsgruppe der ROMA zahlenmäßig groß ist.

Einige Beispiele in den NSRP:

Im NSRP SK wird auf die Situation der ROMA-Bevölkerung im spezifischen Zusammenhang

mit der demografischen Dynamik hingewiesen. Zum Beispiel heißt es, dass die

Altersstruktur der Roma-Bevölkerung sich stark von den Durchschnittswerten in der

gesamten Slowakei und der EU unterscheidet. Der Anteil jüngerer Altersgruppen ist deutlich

größer, während die Zahl der Menschen im produktiven Alter oder der Älteren geringer ist.

Dies ist die Folge der höheren Geburten- und Sterblichkeitsrate der Roma-Bevölkerung. Zu

den spezifischen Problemen der sozialen Ausgrenzung gehören die räumliche Trennung

oder Segregation der Roma in isolierten Siedlungen in der Nähe von Gemeinden oder

Städten (Ghettos) , die nicht über die benötigte Infrastruktur verfügen und nur geringe

Lebensqualität bieten.

3.2.2 Strategie, Ziele und Maßnahmen

Auf der Basis der Hauptmerkmale, die mit der Kontextanalyse festgestellt wurden, sind in

vielen NSRP in den darin genannten Strategien Verfahrensweisen und Maßnahmen

angeführt, um die mehrdimensionalen Aspekte des demografischen Wandels in den Griff zu

bekommen. Die Kohäsionspolitik kann verschiedene Initiativen in unterschiedlichem

Umfang und für verschiedene Arten von Räumen – von städtischen über ländliche bis zu

Stadtrandgebieten – praktisch umsetzen und versuchen, die Probleme des demografischen

Wandels entsprechend den Bedingungen vor Ort anzugehen.

101


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

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In der folgenden Tabelle 15 sind die wichtigsten acht thematischen Schwerpunkte der

Strukturfonds (EFRE, ESF und Kohäsionsfonds) aufgeführt und es wird angegeben, wo Ziele

und Maßnahmen der NSRP sich auf demografische Herausforderungen beziehen.

Tabelle 15:

Verweis auf demografische Herausforderungen in Strategie, Zielen

und Maßnahmen nach thematischen Schwerpunkten

EFRE

ESF

1

Soziale

Infrastruktur

2

Informationsgesellschaft

3

Verkehr

4

Städtisch/ländl.

Wiederbelebung

5

Steigerung der

Anpassungsfähigkeit

der

Arbeitskräfte

und Unternehmen

6

Verbesserung

des Zugangs zu

Beschäftigung

und

Nachhaltigkeit

7

Verbesserung

des Humankapitals

8

Verbesserung

der sozialen

Eingliederung

Benachteiligter

AT

BE

BG

CY

CZ

DE

DK

EE

ES

FI

FR

EL

HU

IE

IT

LT

LU

LV

MT

NL

PL

PT

RO

SE

SI

SK

UK

Quelle: Ausarbeitung zur Analyse der EU-27-NSRP.

Wie aus der Tabelle hervorgeht, werden der erste Schwerpunktbereich Investitionen in

Sozialinfrastruktur und der vierte Schwerpunktbereich Städtische und ländliche

Erneuerung in allen NSRP mit demografischen Herausforderungen assoziiert.

Investitionen in Sozialinfrastrukturen umfassen Maßnahmen im Bereich soziale und

physische Infrastrukturen, die in allen Fällen immer mit den Zielen i) Verbesserung der

Lebensbedingungen der älteren Bevölkerung assoziiert sind, ii) Anregung des aktiven

Alterns, iii) Abbau der Isolierung von ländlichen und Randgebieten. Alle Mitgliedstaaten

nahmen diese Maßnahmen in ihre NSRP auf, um die sozialen und wirtschaftlichen

Bedingungen ihrer ländlichen oder städtischen Gebiete zu verbessern.

In den meisten Fällen verlangen die NSRP eine integrierte Regionalpolitik, der es

gelingt, nationale und von der EU bereitgestellte Finanzinstrumente zu verknüpfen,

regionale und lokale Merkmale berücksichtigt und die Vernetzung und Interaktion zwischen

ländlichen und städtischen Gebieten stärkt, in denen die Ziele der Entwicklung des

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Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

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ländlichen Raums auch die Sicherstellung der Grundversorgung und den Ausbau der

privaten Dienstleistungen und der Unternehmensbasis beinhalten.

Einige Beispiele in den NSRP:

Laut NSRP ES sollen die Maßnahmen im Rahmen dieser Priorität die Untervölkerung

bestimmter Gebiete, besonders ländlicher Gebiete, die zur Bevölkerungskonzentration in

einer begrenzten Zahl von Gemeinden führt, verhindern. Aus diesem Grund müssen

genügend städtische und soziale Infrastrukturen vorhanden sein und Städte und

Gemeinden als integrierte Pole für die Schaffung von Möglichkeiten und Arbeitsstellen

konzipiert werden, wo die angemessene Lebensqualität durch den Schutz und die Erhaltung

der Umwelt gewährleistet sein sollte.

Im NSRP HU heißt es, dass das institutionelle System der Sozial- und

Kinderbetreuungseinrichtungen, die die soziale Eingliederung fördern, so im Einklang

mit der Entwicklung von Inhalten neu gestaltet wird, dass die kleinen und Mikroregionen

mehr Ressourcen zur Verfügung haben und die größeren Siedlungen befähigt werden,

Basisinfrastrukturen auch für Menschen in kleinen Dörfern bereitzustellen.

Somit wird ein Ansatz verfolgt, der in die Priorität „Städtische und ländliche Belebung“

eingebunden ist. Im Rahmen dieser Priorität betreffen die Maßnahmen in vielen Fällen ganz

spezifisch die benachteiligten Gebiete, d. h. die ländlichen und dünn besiedelten Gebiete,

um dem Bevölkerungsschwund entgegenzuwirken oder einen Beitrag zur sozialen und

wirtschaftlichen Entwicklung zu leisten. Der anhaltende Bevölkerungsrückgang in den

ländlichen Gebieten sowie in vielen Ländern (CY, LV, LT, EE, RO, PL) die große

Abhängigkeit der noch dort lebenden Bevölkerung von der Landwirtschaft machen den

Zugang zu Grundversorgungsleistungen sehr schwierig und wirken sich negativ auf eine

nachhaltige, ausgewogene räumliche Entwicklung aus, mit der Folge einer

Verschlechterung der natürlichen Umwelt und der Lebensqualität der Bewohner.

Dementsprechend gibt es die Maßnahmen zur Intensivierung der Bemühungen um die

Diversifizierung der ländlichen Wirtschaft, die auch dazu beitragen würden, die produktive

Basis der Wirtschaft insgesamt auszubauen.

Einige Beispiele in den NSRP:

Laut NSRP ES sollen die Maßnahmen im Rahmen dieser Priorität die Untervölkerung

bestimmter Gebiete, insbesondere ländlicher Gebiete, die zur Bevölkerungskonzentration in

einer begrenzten Zahl von Gemeinden führt, verhindern. Aus diesem Grund muss dafür

gesorgt werden, dass die städtischen und sozialen Infrastrukturen ausreichend sind und

dass Städte und Gemeinden als integrierte Pole für die Schaffung von Möglichkeiten und

Arbeitsplätzen konzipiert werden, wo die angemessene Lebensqualität durch den Schutz

und die Erhaltung der Umwelt gewährleistet sein sollte.

Im NSRP MT umfasst die Prioritätsachse 6 „Städtische Belebung und Verbesserung der

Lebensqualität“ auch Investitionen im Gesundheitswesen, im Sozial- und Bildungsbereich

und die Förderung der städtischen Belebung und der integrierten lokalen Entwicklung.

Im NSRP FI wurden unter dem Ziel der Überwindung von Entwicklungslücken zwischen

Gebieten integrierte Ansätze für die Entwicklung des ländlichen Raums und die Förderung

der Interaktion zwischen städtischen und ländlichen Gebieten eingeführt. Ost- und

Nordfinnland sind dünn besiedelt. Aber die Leistungsangebote und die Bevölkerung in den

Gebieten sind konzentriert, so dass die ländlichen Gebiete vor der Herausforderung stehen,

bei einer schrumpfenden und alternden Bevölkerung das Leistungsangebot und eine

lebensfähige Wirtschaft zu erhalten. Zur Sicherstellung einer ausgewogenen regionalen

Entwicklung haben verschiedene Gebiete damit begonnen, ihr eigenes

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Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

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Entwicklungspotenzial zu nutzen, und die dabei zu berücksichtigenden Aspekte sind

Spezialisierung, Wissen, die Bedeutung des Sozialkapitals und die Lebensqualität.

Im NSRP CY wurde auf der Ebene der Entwicklung tragfähiger Gemeinschaften in

städtischen und ländlichen Gebieten ein spezifisches Ziel eingeführt. Dieses Ziel wird durch

eine Kombination von Interventionsmaßnahmen (Differenzierung wirtschaftlicher

Aktivitäten, Förderung kultureller und sozialer Infrastrukturen) erreicht. In ländlichen

Gebieten ist es das Ziel der Maßnahmen, diese Gebiete durch bessere Erreichbarkeit

attraktiver zu machen, aber auch durch die Schaffung von Bedingungen, die die

Bevölkerung in den Gebieten halten. Die weitere Modernisierung des Straßennetzes

zwischen städtischen und ländlichen Gebieten wird zur Verbesserung der

Zugänglichkeit beitragen, besonders für die Einwohner ländlicher Gebiete, und es werden

Maßnahmen gefördert, die die Voraussetzungen für die Differenzierung der lokalen

Wirtschaftszweige schaffen.

Laut NSRP CZ ist ein strategisches Ziel der räumlich ausgewogenen Entwicklung

gewidmet: Eine ausgewogene und harmonische Entwicklung des gesamten CZ-Gebiets

durch den Ausgleich von Entwicklungsunterschieden zwischen Regionen und innerhalb von

Regionen.

Laut NSRP BG sind die wichtigsten Maßnahmen, die sich auf demografische Belange

auswirken, unter Priorität 4 Unterstützung der räumlich ausgewogenen Entwicklung

in Bezug auf ländliche Gebiete vorgesehen. Die im Rahmen des Programms für die

Entwicklung des ländlichen Raums geplanten Maßnahmen sollen die Lebensqualität

und Arbeitsbedingungen in ländlichen Gebieten verbessern und den negativen

demografischen Tendenzen entgegenwirken. Außerdem wird die Kohäsionspolitik durch

Investitionen in Humankapital und materielle Werte wie auch in Basisinfrastrukturen in

ländlichen Gebieten die nachhaltige Entwicklung des ländlichen Raums fördern.

Im NSRP PL bestimmen zwei Ziele, Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit der

polnischen Regionen und Verhinderung ihrer sozialen, wirtschaftlichen und

räumlichen Marginalisierung und Ausgewogenheit der Wachstumschancen und

Unterstützung struktureller Veränderungen in ländlichen Gebieten, den

grundlegenden Kurs für die Verwendung aller im Rahmen des NSRP bereitgestellten

Finanzmittel. Diese Ziele würden nicht nur bei der Ausführung von Aufgaben direkt in dem

betreffenden Gebiet (im Rahmen von regionalen OP und Programmen der räumlichen

Zusammenarbeit wie auch im Rahmen einiger sektoraler Programme) berücksichtigt,

sondern sie würden außerdem bei der Planung nationaler Infrastrukturinvestitionen, der

Aufwendungen in den Bereichen Humankapital und Bildung wie auch der Unterstützung für

Unternehmen berücksichtigt. So würde direkt bei der Umsetzung der gewünschten

räumlichen Wirkungen im Rahmen der sektorspezifischen Programme vorgegangen (z. B.

Schaffung eines Netzwerks von Autobahnen und Schnellstraßen, die Ballungszentren

verbinden, und Überwindung der Marginalisierung bestimmter Regionen durch die

Einbeziehung der Randgebiete des nationalen und europäischen Verkehrsnetzes).

Auch im NSRP RO heißt es, dass die ländlichen Gebiete zu stark von der Landwirtschaft

abhängig sind und Infrastruktur und Unterstützungsleistungen für Unternehmen sehr

schlecht bzw. gar nicht vorhanden sind. Auf der territorialen Ebene der verschiedenen

Fach- und fachübergreifenden Entwicklungspolitiken und abgeleiteten Maßnahmen ist ein

systematischerer Ansatz erforderlich. Dementsprechend war die Förderung der räumlich

ausgewogenen Entwicklung ein Schwerpunkt des rumänischen NSRP. Die

gebietsbezogene Strategie geht auf die räumlichen Entwicklungsbedürfnisse von Rumänien

ein und will Kohärenz für die geplanten Investitionen und strategischen Maßnahmen

gewährleisten und die größtmögliche Wirkung in der wirtschaftlichen und sozialen

Entwicklung erreichen. Ziel des NSRP ist also, einen Beitrag zu leisten, entsprechend der

104


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

nationalen Strategie für regionale Entwicklung und den Entwicklungsstrategien der acht

NUTS II-Regionen den Trend zu zunehmenden regionalen Entwicklungsunterschieden

anzuhalten und hoffentlich umzukehren. Dabei sollen zur Förderung des

Wirtschaftswachstums die infrastrukturellen Gegebenheiten, das Geschäftsumfeld

und das Humankapital verbessert werden.

Gleichzeitig wird es mit der zunehmenden Bevölkerungskonzentration in städtischen

Gebieten äußerst wichtig, die Nachhaltigkeitserfordernisse der Städte zu befriedigen,

um das allgemeine Ziel der globalen und ausgewogenen Entwicklung zu erreichen.

Die Verbesserung des Städtesystems und die inhärente soziale und wirtschaftliche

Einstufung der Städte wird ebenfalls unter Verweis auf die Ziele für die Entwicklung

städtischer Gebiete oder größerer Städte/Anziehungspunkte hervorgehoben.

Einige Beispiele in den NSRP:

Laut NSRP EL sollen die Maßnahmen im Rahmen dieser Priorität die Untervölkerung

bestimmter Gebiete verhindern. Die nachhaltige Stadtentwicklung in EL betrifft die

Gesamtheit der städtischen Zentren und Siedlungen des Landes mit städtischen

Funktionen, wie Präfekturhauptstädte oder die städtischen Zentren ländlicher Gebiete. Bei

diesen Zentren betrifft das Ziel der Nachhaltigkeit ihre Funktionsfähigkeit, z. B. sollen in

vielen dieser Städte Infrastrukturmängel behoben werden, desgleichen ihre wirtschaftliche

Lebensfähigkeit im Sinne eines wettbewerbsorientierten, leistungsfähigen Modells,

kombiniert mit einem effizienten Verwaltungssystems. Die Entwicklungs-Pole im Land

verkörpern das zentrale Element für die Entwicklungspolitik des

Programmplanungszeitraums 2007-2013. Dies sind besondere städtische Zentren oder

Gebiete mit einer beachtlichen Dynamik und städtischen Ausdehnung. Es ist beabsichtigt,

diese Pole zu stärken, um ihre Funktionsfähigkeit zu verbessern, benachteiligte Gebiete im

Binnenland zu unterstützen und angemessene und rechtzeitige Planungen für die Gebiete

durchzuführen, die unter Stadtentwicklungsdruck geraten.

Im NSRP NL spielen die großen Städte eine wichtige Rolle in der Wirtschaft aufgrund der

Konzentration der Wirtschaftsaktivitäten, Wissenseinrichtungen und Menschen. Städte sind

eine Quelle der Modernisierung und bieten die kulturelle Lebens- und Arbeitsumgebung, in

der immer mehr international tätige Unternehmen florieren. Die Stadt ist jedoch keine

geschlossene Einheit. Immer häufiger werden Städte zum Drehkreuz in internationalen,

nationalen und regionalen Netzwerken. Im Zuge der Vorstadtbildung zogen immer mehr

Unternehmen und Menschen an die Stadtgrenzen oder darüber hinaus. Die Entfernungen,

über die hinweg Unternehmen und Menschen arbeiten, werden immer größer. Das heißt,

dass es heute selten vorkommt, dass eine Stadt allein in der Lage ist, Möglichkeiten zu

nutzen und mit Sachzwängen fertig zu werden. Die Zusammenarbeit mit anderen Städten,

Provinzen, Wirtschaftskreisen und Wissenseinrichtungen innerhalb und außerhalb der Stadt

ist ganz wesentlich, um das Potenzial dieser Stadt und Region voll auszunutzen.

Maßnahmen der Städte müssen daher zwar primär im regionalen Kontext getroffen werden,

es gibt aber auch typische städtische Aufgaben, wie die Verbesserung der

Zugangsmöglichkeiten zur Innenstadt, Erneuerung des Umfelds, das zur Niederlassung in

Städten anregt, zum Beispiel durch die Sanierung von heruntergekommenen Vierteln, die

für Wirtschaftstätigkeiten und öffentliche Flächen vorgesehen werden, Grünflächen in der

Stadt, Investitionen in kulturelles Erbe und Kultureinrichtungen, die (Wieder -)Herstellung

von Zentrumsfunktionen, zum Beispiel in der Umgebung von

Hochgeschwindigkeitsstrecken, und durch Förderung der Stadtteils- und

Nachbarschaftswirtschaft. Diese Prioritätsachse muss zur Stärkung der sozio-ökonomischen

Vitalität beitragen. Hier geht es um folgende Ziele: 1) Förderung der städtischen und der

105


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

Stadtteilwirtschaft, 2) Verbesserung des Niveaus der Einrichtungen und der räumlichen

Qualität des Lebens- und Arbeitsumfelds, 3) Förderung des Wohnwerts, der

(wirtschaftlichen) Beteiligung und des sozialen Zusammenhalts.

Im NSRP RO wird auf die unterschiedlichen räumlichen Bedürfnisse der Rumänen

eingegangen, um eine möglichst große Wirkung für die wirtschaftliche und soziale

Entwicklung zu erzielen. Bei der Umsetzung der Strategie gibt es mehrere Ansatzpunkte,

dabei steht die Entwicklung des nationalen Städtenetzes im Mittelpunkt. Dieses Vorgehen

wird durch die relativ gleichmäßige Verteilung der städtischen Siedlungen erleichtert. In

diesem Rahmen ist die Entwicklung bestehender oder neuer Wachstumspole/-korridore das

Ziel der NSRP-Strategie. Sie soll die Bedingungen für die Konzentration der Entwicklung in

Gebieten um die Pole/Korridore und ein leistungsstarkes Verbindungsnetz auf regionaler,

nationaler und transeuropäischer Ebene schaffen. Die dynamischen regionalen Pole werden

durch die verbesserte Zugänglichkeit und Interkonnektivität, bessere Lebens- und

Geschäftsentwicklungsbedingungen, wirtschaftlichere Nutzung der Humanressourcen und

bessere Governance-Bedingungen gestärkt.

Im NSRP AT ist die Entwicklung attraktiver Orte bei gleichzeitiger ausgewogener

Raumstruktur ein zentrales Ziel. Außerdem wird ein Beitrag zum Ausgleich der regionalen

Entwicklungsunterschiede in der Wirtschaft und zur polyzentrischen Entwicklung

geleistet, um Städte und Regionen zu verknüpfen und zu integrieren.

Die anderen beiden thematischen Schwerpunkte des EFRE, Informationsgesellschaft und

Verkehr, werden in den NSRP nicht so häufig im Zusammenhang mit Fragen des

demografischen Wandels angeführt.

Wenn sie aber erwähnt werden, wird die Informationsgesellschaft mit der Sozial- und

Gesundheitsinfrastruktur, die virtuelle Technologien nutzt (zum Beispiel Telemedizin,

insbesondere in den Ländern, in denen elektronische Gesundheitsdienste sehr schwach

entwickelt sind, weil die Nutzung elektronischer Dienste in Krankenhäusern und

medizinischen Zentren sehr begrenzt ist) und mit der Vernetzung und der

Telekommunikationsinteraktion zwischen ländlichen (geringer besiedelten und weiter von

vielen Dienstangeboten entfernten) und städtischen (von denen aus die Dienste gewöhnlich

bereitgestellt werden) Gebieten assoziiert. In einigen Fällen wird sie auch mit der

Entwicklung des Humankapitals, und dabei insbesondere der stärker Benachteiligten, in

Zusammenhang gebracht.

Einige Beispiele in den NSRP:

Im NSRP CY wird eine Strategie für elektronische Gesundheitsdienste vorgestellt, die

die effiziente Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien in einer

größeren Bandbreite von Anwendungen und Funktionen im Gesundheitssektor vorsieht (wie

integrierte Computersysteme für Krankenhäuser, die Einführung der elektronischen

Patientenkarte, die Website des Gesundheitsministeriums, die Einführung der Telemedizin).

Ziel ist die Bereitstellung der bestmöglichen medizinischen Versorgung zu geringeren

Kosten. Die Entwicklung von Telemedizindiensten wird außerdem zur Verbesserung der

medizinischen Versorgung in ländlichen Gebieten beitragen.

Im NSRP FY wird betont, dass die Erhaltung und Stärkung des Entwicklungspotenzials dünn

besiedelter Gebiete die Verringerung von entfernungsbedingten Nachteilen und die

Entwicklung der eigenen Entwicklungspotenziale und Innovationssysteme erfordert. Die

Entwicklung des ländlichen Raums im nächsten Programmplanungszeitraum wird auf

Spezialisierung und der Vernetzung innerhalb der Gebiete und landesweit

106


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

gebietsübergreifend basieren. Das ist erforderlich, um die Verbreitung und Einführung von

Innovationen zu beschleunigen.

Im NSRP IE wird hervorgehoben, dass Irland Zugang zu zuverlässigen und

kostengünstigen Kommunikationsdiensten benötigt. Ziel sollte die schnellere Einführung der

Breitbandkommunikation sein, insbesondere außerhalb der größeren Ballungszentren, und

die Sicherstellung der allgemeinen Verfügbarkeit des schnellen Internetzugangs für

Unternehmen und Nutzer der Dienste. Dies ist wichtig, wenn der Ansatz für die regionale

Entwicklung, der innovations- und wissensbasiert ist und eine Wirtschaft mit hoher

Wertschöpfung ermöglicht, Wirkung zeigen soll. Fehlender Wettbewerb zwischen

Diensteanbietern, hohe Preise und Defizite in der örtlichen Zugangsinfrastruktur in

regionalen Zentren sind kennzeichnend für den Breitbandmarkt in Irland. Großstadtnetze

und andere Infrastrukturinvestitionen in ländlichen Gebieten haben das Potenzial, in

großem Umfang in Gebiete des Landes vorzudringen, wo nachweislich eine Nachfrage nach

Breitbanddiensten besteht, der Markt aber bei der Versorgung eindeutig versagt.

Laut NSRP LT sind leistungsfähige und allgemein verfügbare

Informationsaustauschmechanismen eine Voraussetzung für die Entwicklung der

Informationsgesellschaft und wissensbasierten Wirtschaft. Es werden Maßnahmen zur

Überbrückung der „digitalen Lücke“ in der Gesellschaft getroffen, in der Menschen wegen

ihres weit entfernten Wohnorts, geringen Einkommens oder der unzureichenden Kenntnisse

bestimmter Bevölkerungsgruppen keinen Zugang zu Informations- oder Wissensressourcen

haben.

Die thematische Priorität Verkehr wird ebenfalls als Möglichkeit gesehen, die

Verbindungen zwischen den verschiedenen räumlichen Gebieten in einem Land auszubauen

und den gut funktionierenden Waren- und Personenverkehr sicherzustellen, der den

internen wirtschaftlichen, sozialen und räumlichen Zusammenhalt eines Landes positiv

beeinflussen kann.

Einige Beispiele in den NSRP:

Im NSRP SI ist die ausgewogene Entwicklung der sozialen und wirtschaftlichen

Infrastruktur in städtischen Gebieten einschließlich der Bereitstellung sauberer

Verkehrssysteme und öffentlicher Verkehrsmittel, die Einführung eines Grundbuchs für

öffentliche Wirtschaftsinfrastruktur, die vollständige Sanierung alter Stadtkerne und

historischer Städte und vernachlässigter und aufgegebener städtischer Gebiete vorgesehen.

Die wichtigste Maßnahme der Priorität Entwicklung ist die Schaffung von Netzwerken von

Logistikzentren für die wirtschaftliche Entwicklung in Gebieten, in denen das Fachwissen in

ausreichendem Umfang gesichert ist und wirtschaftliche Aktivitäten und

Entwicklungspotenziale wie auch eine hinreichende Bevölkerungskonzentration vorhanden

sind. Diese Zentren bilden die Kernprojekte in ihrer unmittelbaren und weiteren Umgebung

und auch in den Regionen.

Im NSRP PL wird der schlechte Zustand der technischen Infrastruktur, insbesondere der

Verkehrs- und Sozialinfrastruktur als Grund für das Zurückbleiben hinter anderen

europäischen Ländern und großes Hindernis für die Entwicklung genannt. Dies wirkt sich

auch negativ auf die Devisenmenge aus und beschränkt die Mobilität der Bevölkerung.

Zu den thematischen Prioritäten des ESF (Priorität 5-8) werden zu demografischen

Problemstellungen verschiedene unterschiedliche Strategien und Ziele genannt: Die

Unterstützung der Anpassungsfähigkeit der Arbeitskräfte kann auf die Anpassung der

Arbeitsbedingungen an die Bedürfnisse einer alternden Erwerbsbevölkerung eingehen,

Beschäftigungsfähigkeit und Maßnahmen zur sozialen Integration können die Beschäftigung

107


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

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von Einwanderern und ethnischen Minderheitsgruppen, Frauen und älteren Arbeitskräften

unterstützen und Maßnahmen zur Unterstützung von Investitionen in Humankapital und

lebenslanges Lernen können sich mit dem Qualifizierungsbedarf einer alternden

Erwerbsbevölkerung befassen. Außerdem können Maßnahmen zur Verbesserung der

institutionellen Kapazität die nationalen und regionalen Einrichtungen und auch die

Interessengruppen unterstützen, sich mit größerer Aufmerksamkeit den demografischen

Herausforderungen zu widmen, während Programme der räumlichen Zusammenarbeit

stärker auf den Austausch von Erfahrungen und bewährten Praktiken bei demografischen

Fragen eingehen können.

Unter den vier Prioritäten ist es die Priorität „Verbesserung des Zugangs zu

Beschäftigung und Nachhaltigkeit“, die in den NSRP offenbar am stärksten mit

demografischen Sachverhalten in Verbindung gebracht wird. In vielen Fällen

bedeutet das die Förderung des Humankapitals sowohl bei jungen als auch älteren

Menschen.

Einige Beispiele in den NSRP:

Im NSRP LI ist ein besonderes Ziel die Aufforderung an im Ausland lebende Litauer, nach

Litauen zurückzukehren und sich dort wieder zu integrieren, sowie die Verhinderung der

weiteren Abwanderung von Litauern. Es wurde erwartet, dass diese Maßnahmen das

Wanderungssaldo verbessern würden, wenn die Rückwanderung gefördert und die

Auswanderung verringert wird. Das Hauptziel war die Abmilderung der negativen Folgen

des zunehmenden Arbeitskräftemangels für die boomende litauische Wirtschaft. Zu den

Arbeitsmarktentwicklungstrends in Litauen (z. B. Alterung, weiter zunehmende

Abwanderung, Mangel an fähigen und qualifizierten Arbeitskräften) wurden mehrere andere

vorrangige Ziele gesetzt: Entwicklung von Kenntnissen und Fähigkeiten zur Anpassung an

Veränderungen bei Arbeitnehmern, Eingliederung junger Menschen in den Arbeitsmarkt und

möglichst langes Halten von Menschen, die gehen wollen (Ruhestand) sowie Eingliederung

von wirtschaftlich inaktiven Personen in den Arbeitsmarkt.

Im NSRP EE richtet sich angesichts der demografischen Situation des Staates, aber auch

der zunehmenden Mobilität der Arbeitskräfte, das Augenmerk auf die Wanderbewegung bei

Arbeitskräften, sowohl bei Einwanderung als auch Auswanderung.

Im NSRP LV werden in der Strategie Bildung und Wissen als die wichtigsten Ressourcen

angenommen, die das künftige Wirtschaftswachstum des Landes antreiben. Da die aktuelle

demografische Situation in den nächsten Jahrzehnten kein quantitatives

Bevölkerungswachstum erwarten lässt, muss der effizienten Nutzung und

Weiterentwicklung der Humanressourcen im Zeitraum 2007-2013 besondere

Aufmerksamkeit geschenkt werden. Was die effiziente Nutzung von Humanressourcen

anbelangt, sind ein angemessenes Bildungsangebot, Verstärkung der Qualifizierungs- und

Höherqualifizierungsmaßnahmen und Ausbildungsmöglichkeiten für junge Arbeitskräfte

wichtige Voraussetzungen. Für den Zeitraum 2007-2013 ist die wichtigste Aufgabe die

Stärkung der Anpassungsfähigkeit des Bildungssystems an die sich ständig ändernden

Anforderungen des Arbeitsmarkts und die Sicherstellung der Fähigkeit, Arbeitskräfte

auszubilden, die den Anforderungen und Trends künftiger wirtschaftlicher Entwicklungen

und der entstehenden wissensbasierten Wirtschaft entsprechen. Zur Umsetzung dieser

Aufgaben sind wesentliche Verbesserungen sowohl bei der Qualität der Bildung als auch

den Zugangsmöglichkeiten erforderlich, auch beim Zugang zu Bildung für Menschen, für die

die Gefahr der sozialen Ausgrenzung besteht. Verbesserungen der Qualität der Bildung

erfordern umfangreiche Unterstützung seitens der EU bei Lehrplänen, Infrastruktur,

Material und technischen Einrichtungen (Lehrmaterial, Hilfsmittel, Einrichtungen, Geräte)

und für Lehrkräfte und ihre Qualifizierung, insbesondere Umschulungsmaßnahmen für

108


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

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wissenschaftliche Kräfte und Fachpersonal. Hochqualifizierte Spezialisten und Kräfte in

ausreichender Zahl sind von herausragender Bedeutung für die Entwicklung der

Hochschulbildung und die Förderung des wissenschaftlichen Personals und die

Sicherstellung eines effektiven Wissenstransfers. Daher sollte Unterstützung aus EU-Fonds

bereitgestellt werden, um die Abwanderung dieser Fachkräfte aus dem Land zu

reduzieren und die Rückkehr der ausgewanderten Fachkräfte zu fördern und auch weitere

Humanressourcen aus dem Ausland zu gewinnen. In diesem Bereich muss die

Unterstützung zur Verbesserung öffentlicher Dienstleistungen und Infrastruktur und

„immaterieller“ Investitionen in Humankapital in gegenseitigem Einvernehmen koordiniert

werden und komplementär sein.

Laut NSRP RO wird die Umkehrung der Abwanderung von Hochqualifizierten und

Verbesserung des Beschäftigungsniveaus durch Anreize für höhere Arbeitsqualität erreicht.

Diese Maßnahmen schließen sich an die Strategie des thematischen Schwerpunkts

„Wettbewerbsfähigkeit“ an. Die Bestimmungen zu sozialen Dienstleistungen und

Gesundheit zusammen mit Arbeitsschutzbestimmungen ergänzen die angestrebten

Qualitätsverbesserungen und unterstützen die Produktivität.

Im NSRP SK zielt die Prioritätsachse „Förderung des Beschäftigungswachstums“ darauf ab,

durch aktive Arbeitsmarktmaßnahmen besonders für junge und ältere Menschen und

Langzeitarbeitslose das Beschäftigungsniveau zu stärken und die Arbeitslosigkeit

abzubauen, die Aktualisierung von Fertigkeiten und die Weiterqualifizierung zu fördern,

sowie Unterstützungsleistungen für Personen, die weit entfernt vom Arbeitsmarkt sind, und

Unterstützung zur Verbesserung der geografischen und landesweiten Mobilität von

Arbeitskräften.

Im NSRP PL sind spezifische Überlegungen zu den äußerst ungünstigen Bedingungen für

Jugendliche, die in den Arbeitsmarkt eintreten, und ältere, wenig qualifizierte Menschen

sowie Behinderte, bereits vorangeschritten. Das Fehlen zufriedenstellender Bedingungen für

den Start ins Leben, vor allem für die jüngere Generation, führte in letzter Zeit zu einer

starken Migrationsbewegung von Menschen, die im Ausland Bildungs- und

Arbeitsmöglichkeiten suchen, sowie zum Arbeitsplatzverlust für ältere Menschen: längere

Zeit ohne Arbeit bedeutet berufliche Passivität. In Bezug auf Humankapital und dessen

Zusammenhang mit dem demografischen Wandel tritt die polnische nationale Strategie

dafür ein, alle finanziell tragbaren Maßnahmen umzusetzen, die die sozio-ökonomischen

Kosten der geänderten Alterszusammensetzung der Bevölkerung auf ein Minimum

zurückführen könnten. Dabei wird davon ausgegangen, dass Polen vor allem die

Wirtschaftstätigkeit der Bevölkerung stark ankurbeln muss, um die demografischen

Herausforderungen zu bewältigen. Das erfordert zu allererst die Verlängerung der aktiven

Lebenszeit und den Aufschub des Renteneintritts. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen

mehr Arbeitsplätze geschaffen werden. Helfen könnten auch Maßnahmen zur Erhöhung der

Fertilitätsrate und (besonders im kurzfristigen Zeitrahmen und für ausgewählte lokale

Arbeitsmärkte) die Aufnahme von Wanderarbeitnehmern.

Gleichzeitig ist es auch erforderlich, die Anpassungsfähigkeit von Arbeitnehmern und

Firmen zu verbessern. Angesichts der demografischen Trends und der alternden

Erwerbsbevölkerung ist die Verbesserung der Beschäftigungsfähigkeit und der

Qualifikationen von Arbeitslosen und wirtschaftlich inaktiven Menschen ein zentrales Ziel für

viele NSRP. Zur Erhöhung der Arbeitsmarktflexibilität wird aber auch auf die Entwicklung

und Verbreitung von Informationen über innovative und anpassungsfähige Formen der

Arbeitsorganisation, die neue Technologien nutzen, eingegangen. Dazu gehören Telearbeit,

Verbesserung des Arbeitsschutzes, Erhöhung der Produktivität und Förderung der besseren

Vereinbarkeit von Arbeit und Familie. Die Förderung der beruflichen und geografischen

Mobilität und neben den vorgesehenen Maßnahmen zur Unterstützung der Vereinbarkeit

109


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

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von Privat- und Berufsleben stellen ein weiteres angeführtes Element zur Sicherstellung des

reibungslosen Übergangs zwischen den verschiedenen Stadien des Arbeitslebens und auch

zwischen verschiedenen Arbeitsplätzen dar.

Schließlich wird auch auf die Verbesserung der sozialen Eingliederung benachteiligter

Menschen eingegangen, die gewöhnlich in (ländlichen) Randgebieten mit einem geringeren

Dienstleistungsangebot und weniger Beschäftigungsmöglichkeiten leben.

Beispiel aus dem NSRP:

Im NSRP SK basiert die Strategie auf der negativen demografischen Entwicklung, die sich

in einer ungünstigen Altersstruktur der Bevölkerung zeigt, und auf den anhaltend hohen

Arbeitslosenzahlen, insbesondere bei Jüngeren und Älteren. Berücksichtigt wird auch das

Problem der Langzeitarbeitslosen (länger als 12 Monate) und die erhebliche Gefahr der

sozialen Ausgrenzung bei Risikogruppen. Ziel der Strategie ist die Ankurbelung der

Beschäftigung, insbesondere von jungen Menschen, die Weiterbeschäftigung älterer

Arbeitnehmer, stärkere Beteiligung der erwachsenen Bevölkerung (25-64) am lebenslangen

Lernen, Verringerung der Zahl von Schulabbrechern und anderer arbeitsmarktferner

Personen und Verbesserung der regionsübergreifenden (geografischen) Mobilität der

Erwerbsbevölkerung. Mit dieser Strategie kann auch das relativ hohe Armutsrisiko und die

Gefahr der sozialen Ausgrenzung von Risikogruppen angegangen werden, insbesondere in

Bezug auf die marginalisierten Roma-Gemeinschaften. Das Hauptaugenmerk liegt hierbei

auf Dienstleistungen für in Städten und auf dem Land konzentriert lebende Roma-Gruppen

sowie getrennte und verstreute Stadtsiedlungen. Mit dieser Prioritätsachse kann auch das

relativ hohe Armutsrisiko und die Gefahr der sozialen Ausgrenzung von Risikogruppen

angegangen werden, mit Betonung auf marginalisierte Roma-Gemeinschaften.

110


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

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4 DER BEITRAG DER KOHÄSIONSPOLITIK ZUR

BEWÄLTIGUNG DES DEMOGRAFISCHEN WANDELS -

FALLSTUDIEN




WICHTIGSTE ERKENNTNISSE

Die zehn Fallstudien sind repräsentativ für die verschiedenen sozio-ökonomischen und

demografischen Herausforderungen für die EU-Regionen und für die bisher umgesetzten

regionalpolitischen Konzepte.

Auf lokaler Ebene wachsen das Bewusstsein und die Aufmerksamkeit für die

Herausforderungen durch den demografischen Wandel, auch wenn eine umfassende und

proaktive Strategie zur Lösung in den meisten Fällen noch fehlt.

In vielen Fällen beinhalten die Maßnahmen der Kohäsionspolitik die wichtigsten

Regelungen zu demografischen Herausforderungen auf regionaler und lokaler Ebene und

ergänzen häufig nationale/regionale Strategien.

Die Kohäsionspolitik hat mit EFRE-Maßnahmen großen Mehrwert geschaffen,

insbesondere bei der Belebung städtischer und/oder ländlicher Gebiete, und bei der

Förderung der Beschäftigungsfähigkeit und Eingliederung von Älteren, Frauen, Jungen

und Migranten durch ESF-Maßnahmen. Transnationale Programme unterstützten

wirkungsvoll das institutionelle Lernen und den Austausch von Erfahrungen und

vorbildlichen Verfahren zwischen den europäischen Regionen.


Das Potenzial der Maßnahmen der Kohäsionspolitik im Bereich des demografischen

Wandels wurde in einigen Fällen durch das Fehlen einer umfassenden Strategie für die

Reaktion auf den demografischen Wandel und die geringe Kenntnis der Möglichkeiten

des Europäischen Strukturfonds zur Bewältigung des demografischen Wandels

eingeschränkt. Die verwaltungstechnische Komplexität, insbesondere im Zusammenhang

mit beihilfefähigen Kosten und Berichterstattung, ist ein weiteres Problem.

Der geänderte Entwurf des Gesetzgebungspakets zur Kohäsionspolitik 2014-2020

enthält neue Bestimmungen, die eine effektivere Rolle der Kohäsionspolitik bei der

Bewältigung des demografischen Wandels unterstützen könnten. Der vorgeschlagene

Rechtsrahmen ist allerdings nach wie vor ziemlich komplex, und es ist noch nicht klar,

wie viele der vorgesehenen Mechanismen sich in die Praxis umsetzen lassen.


In allen betrachteten Fallstudien wurden die strategischen Prioritäten für den Zeitraum

2014-2020 erörtert. Es ist beabsichtigt, die heutigen Strategien fortzusetzen und dabei

die demografischen Herausforderungen und die Folgen der Krise stärker zu beachten.

Eine stärkere Integration und mehr Synergien zwischen den ESF- und EFRE-Fonds und

zwischen diesen Fonds und den nationalen und regionalen Strategien ist ebenfalls

vorgesehen.

Einleitung

Dieses Kapitel befasst sich mit den wichtigsten Erkenntnissen aus den zehn Fallstudien

(enthalten im separaten Annex zu dieser Studie) in Hinblick darauf, wie weit bei der

Konzeption der regionalen Strategie und den Umsetzungsregelungen der ausgewählten OP

2007-2013 die lokalen demografischen Herausforderungen berücksichtigt wurden und zu

deren Bewältigung beigetragen haben

Dieses Kapitel ist wie folgt aufgebaut:


Der erste Teil beschreibt die Kriterien, die für die Auswahl der zehn regionalen

Fallstudien herangezogen wurden,

111


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________



der zweite Teil stellt den nationalen und regionalen Kontext vor, in dem die

Kohäsionspolitik umgesetzt wird, daneben hält er einen kurzen Überblick über den

sozio-ökonomischen und demografischen Kontext der ausgewählten Regionen und

der nationalen und regionalen Strategien zur Bewältigung des demografischen

Wandels bereit,

im dritten Teil steht der Beitrag der Kohäsionspolitik zur Anpassung an den

demografischen Wandel im Mittelpunkt. Es wird festgestellt, ob und wenn ja, in

welchem Umfang für die demografischen Herausforderungen, mit denen die

ausgewählten Regionen konfrontiert sind, in den regionalen Strategien des EFRE

2007-2013 und des ESF sowie im Programmgestaltungsprozess für den Zeitraum

2014-2020 geeignete Umsetzungsmöglichkeiten vorhanden sind.

4.1 Die Auswahlkriterien für die Fallstudien

Für die Auswahl der zehn Fallstudien, die repräsentativ für die unterschiedlichen

demografischen und sozio-ökonomischen Bedingungen in der EU sind, begannen wir mit

der Ermittlung von Gruppen in EU-Regionen, in denen der demografische Wandel und die

sozio-ökonomischen und räumlichen Bedingungen ähnlich sind.

Entsprechend einer neueren Studie des Ausschusses der Regionen (2011a) wurde die

vorgeschlagene Typologie der EU-Regionen anhand von vier Indikatoren festgelegt: 1.

Altersquotient, 2. Rohe Wachstumsrate der Bevölkerung, 3. Wachstums- und

Innovationsniveau (Nav arro et al., 2008 22 ), 4. Verbreitung städtischer vs. ländlicher

Bevölkerung ( GD Landwirtschaft und ländliche Entwicklung, Joint Research Centre (JRC),

GD Regionalpolitik, Eurostat 2010).

Der Altersquotient ist das Verhältnis der Zahl älterer Menschen (65 Jahre oder darüber) zur

Zahl der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter (15-64 Jahre). Beim Altersquotienten wurden

die Regionen in zwei Gruppen aufgeteilt: Regionen mit einem Quotienten unter dem EU-27-

Durchschnitt im Jahr 2011 (26,2 %) (niedrig) und Regionen mit einem Quotienten über

dem EU-27-Durchschnitt (hoch).

Die rohe Wachstumsrate der Bevölkerung ist das Verhältnis der Gesamtwachstumsrate der

Bevölkerung im Jahr zur durchschnittlichen Bevölkerung in dem Jahr. Dies ist ein Indikator

für die Überwachung des Trends bei den Bevölkerungszahlen. Bei der rohen Wachstumsrate

der Bevölkerung wurden die Regionen in zwei Gruppen aufgeteilt: Regionen mit

Bevölkerungsrückgang im Jahr 2011 (negative Veränderungsrate oder Nullwachstum) und

Regionen mit Bevölkerungszunahme im Jahr 2011 (positive Veränderungsrate).

Um die verschiedenen Variablen zu betrachten, die zum regionalen Wachstums- und

Innovationsniveau beigetragen haben, untersuchten wir die sieben Regionstypologien von

Navarro. Die Klassifikation von Navarro umfasst 25 EU-Mitgliedstaaten 23 und wurde auf der

Basis von 21 Indikatoren erarbeitet, die sich auf das Pro-Kopf-BIP und Produktivität,

22

23

Navarro M. et al. (2008) Die Klassifikation von Navarro basiert auf Daten, die sich auf die Zeit vor der Krise

beziehen. Um die aktuelle Gültigkeit dieser Klassifikation festzustellen, wurde eine Korrelationsanalyse

zwischen den Wachstums- und Innovationsdaten von Navarro und den jüngsten Daten zu

Beschäftigungsquoten, pro-Kopf-BIP, BIP-Wachstum und verfügbaren FuE-Indikatoren durchgeführt. Die

Korrelationsergebnisse zeigen hohe Werte für alle berücksichtigten Indikatoren.

Bulgarische und rumänische Regionen, die nicht in der Typologie von Navarro berücksichtigt wurden, galten als

Regionen mit einer schwachen wirtschaftlichen und technologischen Entwicklung (2).

112


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

Beschäftigungsquoten, Bildungsniveau Jugendlicher, Bevölkerung im Alter 25-64 mit

Hochschulbildung, Bevölkerung im Alter 25-64, die an lebenslangem Lernen teilnehmen,

Humanressourcen in Wissenschaft und Technologie, mehrere Indikatoren zu FuE-

Aufwendungen und EPO-Patenten (insgesamt und High-Tech) beziehen.

Navarro et al. (2008) unterscheiden zwischen sieben Hauptarten von Regionen: (1)

Industrieregionen, in denen sich eine Strukturanpassung vollzieht, mit deutlichen

Schwächen, (2) Regionen mit einer schwachen wirtschaftlichen und technologischen

Entwicklung, (3) Regionen mit einer durchschnittlichen wirtschaftlichen und

technologischen Leistungsfähigkeit, (4) entwickelte Regionen mit einer gewissen

industriellen Spezialisierung, (5) innovative Regionen, die wirtschaftlich und technologisch

stark entwickelt sind, (6) Hauptstadtregionen mit einer gewissen Spezialisierung auf

Dienste mit hoher Wertschöpfung, (7) innovative Hauptstadtregionen.

Wir haben diese sieben Typologien wie folgt in drei Gruppen zusammengefasst: Regionen in

der ersten und zweiten Gruppe mit schwacher wirtschaftlicher Entwicklung, Regionen in

der dritten Gruppe mit durchschnittlicher Entwicklung und Regionen in den übrigen

Gruppen mit starker Entwicklung.

In Bezug auf den Indikator städtische/ländliche Bevölkerung verwendeten wir die von der

GD Landwirtschaft und ländliche Entwicklung, der Gemeinsamen Forschungsstelle und der

GD Regio erarbeiteten Typologien, die auf einer abgewandelten OECD-Methodik basieren 24 :

Überwiegend städtische Regionen mit einer ländlichen Bevölkerung von unter 20 % der

Gesamtbevölkerung, Zwischenregionen mit einer ländlichen Bevölkerung zwischen 20 %

und 50 % der Gesamtbevölkerung und überwiegend ländliche Regionen mit einer ländlichen

Bevölkerung zwischen 50 % der Gesamtbevölkerung oder mehr. Diese Klassifikation basiert

auf der Ebene NUTS III, und zur Klassifikation einer Region als „überwiegend städtisch“,

„überwiegend ländlich“ oder „Zwischenregion“ wurde der am häufigsten vorkommende Typ

der NUTS III-Einheiten herangezogen. Praktisch wurden für jede Region die NUTS-III-

Einheiten mit der Kennzeichnung PU (überwiegend städtisch), IN (Zwischenregion) oder PR

(überwiegend ländlich) gezählt, und die zutreffendste Kennzeichnung wurde der Region

zugewiesen.

Durch die Kombination dieser vier Indikatoren entstand eine Anzahl von sieben regionalen

Gruppen.

1. Gruppe 1 (51 Regionen, hauptsächlich Kontinentaleuropa und Vereinigtes Königreich):

charakterisiert durch hohes Wachstums und Innovationsniveau und

Bevölkerungswachstum. Der Altersquotient liegt unter dem EU-27-Durchschnitt (2011),

und es besteht eine Prävalenz von städtischen Regionen und Zwischenregionen.

2. Gruppe 2 (47 Regionen): Wie bei der ersten Gruppe verzeichnen die Regionen in dieser

Gruppe ein hohes Wachstums- und Innovationsniveau und Bevölkerungswachstum. Sie

unterscheiden sich von den Regionen in der ersten Gruppe beim Altersquotienten, der

über dem EU-27-Durchschnitt (2011) liegt. Auch in dieser Gruppe gehören die Regionen

in die Typologien städtisch und Zwischenregion.

3. Gruppe 3 (29 Regionen): Dazu gehören Regionen, die gekennzeichnet sind durch eine

wachsende Bevölkerung und schwaches oder mäßiges Wirtschaftswachstum und

Innovationsniveau. Bei diesen Regionen liegt der Anteil der ländlichen Bevölkerung eher

24

Siehe OECD Regional Typology, GOV/TDPC/ TI(2007)8, 2007, Paris, OECD.

113


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

im mittleren Bereich. Mit einem Altersquotienten unterhalb des EU-27-Durchschnitts ist

die Bevölkerung relativ jung.

4. Gruppe 4 (29 Regionen, hauptsächlich in Italien und Frankreich): Diese Gruppe ist

charakterisiert durch ein durchschnittliches oder schwaches Wachstum und

Innovationsniveau und Bevölkerungswachstum. Der Altersquotient liegt über dem EU-

27-Durchschnitt (2011) , und es besteht eine Prävalenz von ländlichen Regionen und

Zwischenregionen.

5. Gruppe 5 (33 Regionen, hauptsächlich in Deutschland): Mit einem signifikanten

Wachstum und Innovationsniveau, aber einer relativ alten und schrumpfenden

Bevölkerung (Altersquotient über dem EU-27-Durchschnitt). Regionen in diesem Cluster

weisen einen Urbanisierungsgrad im mittleren Bereich auf.

6. Gruppe 6 (37 Regionen, hauptsächlich Mittelmeerregionen): Dazu gehören Regionen,

die charakterisiert sind durch eine alte (Altersquotient über dem EU-27-Durchschnitt)

und schrumpfende Bevölkerung und schwaches Wachstum und Innovationsniveau. Diese

Regionen sind überwiegend ländlich.

7. Gruppe 7 (41 Regionen), hauptsächlich östliche und baltische Regionen): Wie bei der

vorherigen Gruppe verzeichnen die Regionen in dieser Gruppe ein schwaches Wachstum

und Innovationsniveau und einen Bevölkerungsrückgang. Sie unterscheiden sich von den

Regionen in der sechsten Gruppe beim Altersquotienten, der unter dem EU-27-

Durchschnitt (2011) liegt. Auch in di eser Gruppe gehören die Regionen der ländlichen

Typologie an.

Für die Auswahl der 10 Regionen aus den Clustern in den jeweiligen Gruppen wurden

integrative Kriterien mit folgenden Schwerpunkten angenommen:


Die Einstufung der EU-Regionen nach den betrachteten Kriterien, um die

Regionen festzustellen, die bezogen auf die jeweiligen Indikatoren am besten bzw. am

schlechtesten abschnitten. Mit diesem Vorgehen wurde ermittelt, ob bei der

endgültigen Auswahl der Regionen die regionalen Fälle, die aufgrund ihrer „extremen“

Position in der regionalen Rangfolge besondere Aufmerksamkeit verdienen,

angemessen berücksichtigt wurden.

Anhand der in Kapitel 3 berechneten Mittelzuweisungen nach thematischen

Prioritäten, die im Rahmen der Kohäsionspolitik erfolgten, wurden die

Regionen und Programme ausgewählt, die den höchsten Anteil an den Ausgaben für

signifikante demografische Prioritäten haben. Damit sollen unter potenziell

gleichwertigen Regionen diejenigen berücksichtigt werden, die für die relevanten

Sachverhalte in größerem Umfang Mittel der Kohäsionspolitik erhalten.

Um die Programmabdeckung zu gewährleisten, berücksichtigten wir

Konvergenzprogramme, Programme zur regionalen Wettbewerbsfähigkeit und

Beschäftigung sowie Programme der räumlichen Zusammenarbeit.


Bei der räumlichen Abdeckung berücksichtigten wir eine Region pro Land, wobei

wir darauf achteten, dass neue und alte Mitgliedstaaten und Länder, die zu

verschiedenen geografischen Gebieten gehören und unterschiedliche soziale

Sicherungssysteme aufweisen (nor disch, angelsächsisch, kontinental, Ost- und

Südeuropa) erfasst werden.

Auf der Grundlage dieser integrativen Kriterien zeigt Tabelle 16 die Liste der Regionen in

jeder Gruppe und die 10 ausgewählten Fälle mit der jeweiligen Begründung. Abbildung 19

zeigt für jeden Cluster den Strukturfondsbetrag, der für Demografie-bezogene Maßnahmen

aufgewendet wurde

114


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

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Tabelle 16:

Regionstyp

Typ 1

Regionscluster, ausgewählte Fallstudien und Begründung

Regionen

AT: Vorarlberg, Wien

BE: Région de Bruxelles-Capitale / Brussels Hoofdstedelijk

Gewest, Prov. Limburg, Prov. Brabant Wallon, Prov.

Hainaut, Prov. Liège, Prov. Luxembourg, Prov. Namur

CZ: Praha

DK: Hovedstaden, Midtjylland

ES:Comunidad de Madrid

FI: Etelä-Suomi, Pohjois-Suomi

FR: Picardie, Haute-Normandie, Île de France, Nord - Pasde-Calais,

Alsace, Rhône-Alpes

HU: Közép-Magyarország

LU:Luxembourg

NL: Groningen, Overijssel, Gelderland, Flevoland, Utrecht,

Noord-Holland, Zuid-Holland, Noord-Brabant

PL: Mazowieckie

SE:Stockholm

SK: Bratislavský kraj,

UK: Highlands and Islands, Northumberland and Tyne and

Wear, Greater Mancheste, Merseyside, South Yorkshire,

West Yorkshire, Derbyshire and Nottinghamshire,

Leicestershire, Rutland and Northamptonshire, West

Midlands, Bedfordshire and Hertfordshire, Inner London,

Outer London, Berkshire, Buckinghamshire and

Oxfordshire, Gloucestershire, Wiltshire and Bristol/Bath

area, Eastern Scotland, South Western Scotland, North

Eastern Scotland

Typ 2 BE: Prov. Antwerpen, Prov. Oost-Vlaanderen, Prov.

Vlaams-Brabant, Prov. West-Vlaanderen

DE: Niederbayern, Stuttgart, Karlsruhe, Freiburg,

Tübingen, Oberbayern, Mittelfranken, Berlin, Hamburg,

Darmstadt, Köln, Münster, Rheinhessen-Pfalz, Schwaben

FI: Länsi-Suomi

FR: Franche-Comté, Midi-Pyrénées, Languedoc-Roussillon,

Provence-Alpes-Côte d'Azur

IT: Lazio, Piemonte, Lombardia

SE: Östra Mellansverige, Sydsverige, Västsverige

UK: Tees Valley and Durham, Lancashire, Cheshire, East

Ausgewählte

Regionen

BE – Prov.

Liège

SE – Östra

Mellansverige

Begründung

Regionen, die nicht durch besonders deutliche Fruchtbarkeits-,

Migrations- oder Alterungsprobleme charakterisiert sind.

Stattdessen ist eine besondere Herausforderung in der

ausgewählten Region das demografische Problem in

heruntergekommenen städtischen Gebieten. In den Regionen in

Cluster 1 ist die Belebung benachteiligter städtischer Gebiete eine

Investitionspriorität, um die soziale und wirtschaftliche

Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern und die Beschäftigung von

Männern und Frauen zu fördern. Der Schwerpunkt der Analyse

wird die NUTS-2-Provinz Liège, auf die die Prioritätsachse 3 des

EFRE-OP für die Wallonie konzentriert ist. Es gibt viele Gründe für

die Wahl dieser Region:

•Zahlreiche Brachen und der Rückgang traditioneller Aktivitäten in

Großstädten gefährden die wirtschaftliche Dynamik.

•Die soziale Trennung in Städten gefährdet den sozialen

Zusammenhalt.

•Die Arbeitslosenzahlen bei Männern wachsen über dem nationalen

Durchschnitt.

•Die Armutsquoten bei Männern und Frauen liegen über dem

nationalen und EU-Durchschnitt.

•Die Sterblichkeitsrate ist höher als in anderen Regionen in Belgien

und der EU-12 und ist ansteigend (+1,2 % zwischen 1994 und

2002). Der Grund ist die hohe Suizidrate, hauptsächlich in den

Provinzen Liège, Luxembourg und Namur, was ein Hinweis auf weit

verbreitete soziale Missstände ist.

•Ein großer Teil (43 %) des Kohäsionsfonds wurde von der

wallonischen Regierung der Priorität 3 zugewiesen, mit dem Ziel,

eine ausgewogene, nachhaltige Entwicklung zu erreichen.

Östra Mellansverige weist einen Altersquotienten über dem

Durchschnitt der EU-27 auf. Die Bevölkerung wächst zwar

allmählich, aber die Bevölkerungsdichte in Östra Mellansverige ist

sehr gering im Vergleich zu anderen Regionen in der zweiten

Gruppe. Die Tätigkeits- und Beschäftigungsquoten in der

Personengruppe zwischen 15 und 64 lagen ebenfalls unter dem

nationalen Durchschnitt, desgleichen der Anteil der Personen im

Alter zwischen 25 und 64 mit Hochschulabschluss. Außerdem gibt

es einige signifikante demografische Unterschiede innerhalb der

Region, d. h. zwischen der Universitätsregion Uppsala und anderen

NUTS-3-Regionen. Zum Beispiel gibt es in der Region Uppsala

115


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

Typ 3

Typ 4

Yorkshire and Northern Lincolnshire, North Yorkshire,

Lincolnshire, Herefordshire, Worcestershire and

Warwickshire, Shropshire and Staffordshire, East Anglia,

Essex, Surrey, East and West Sussex, Hampshire and Isle

of Wight, Kent, Dorset and Somerset, Cornwall and Isles of

Scilly, Devon West Wales and The Valleys

East Wales

AT: Oberösterreich, Salzburg, Tirol

CY: Kypros

CZ: Strední Cechy, Jihovýchod

EL: Notio Aigaio

ES: Comunidad Valenciana, Illes Balears, Andalucía, Región

de Murcia, Ciudad Autónoma de Ceuta, Ciudad Autónoma

de Melilla, Canarias, Catalunia

FR: Lorraine, Guadeloupe, Guyane, Réunion

IE: Southern and Eastern

IT: Campania

MT: Malta

PL: Malopolskie, Wielkopolskie, Pomorskie

PT: Região Autónoma dos Açores

SI: Zahodna Slovenija

SK: Východné Slovensko

UK: Northern Ireland

AT: Burgenland, Niederösterreich, Steiermark

DE: Schleswig-Holstein

EL: Kriti

ES: Comunidad Foral de Navarra, Castilla-la Mancha

FI: Itä-Suomi, Åland

FR: Centre, Basse-Normandie, Bourgogne, Pays de la Loire,

Bretagne, Poitou-Charentes, Aquitaine, Limousin,

Auvergne, Corse

IT: Abruzzo, Provincia Autonoma Bolzano/Bozen, Marche,

Valle d'Aosta/Vallée d'Aoste, Provincia Autonoma Trento,

Veneto, Emilia-Romagna, Toscana, Umbria

SE: Småland med öarna

UK - Lincolnshire

mehr Menschen mit Gymnasial- und Hochschulbildung als im

nationalen Durchschnitt, während die Zahl in den anderen

Regionen sehr viel niedriger ist. Ziel der Fallstudie ist es zu

beurteilen, wie die Instrumente der Kohäsionspolitik zur

Bewältigung der Probleme der Bevölkerungsalterung, Unterschiede

zwischen Stadt und Land usw. genutzt wurden.

Typisch für Lincolnshire ist der hohe Altersquotient und eine

geringe Bevölkerungsbewegungsrate. Migration ist ebenfalls

besonders signifikant, außerdem ist das Bildungsniveau niedrig. Es

gibt auch verschiedene Probleme der Unterversorgung und wenig

Arbeitsmarktaktivitäten bei Frauen, Behinderten und Angehörigen

ethnischer Minderheitsgruppen.

Malta Typisch für Malta sind ein niedriger Altersquotient,

Bevölkerungswachstum, aber eine geringe Beteiligungsquote bei

Frauen. Eine der größten Herausforderungen für die maltesische

Wirtschaft ist es, die Notwendigkeit der stärkeren Beteiligung von

Frauen am Arbeitsmarkt und die Rolle der Frauen im Familienleben

in Einklang zu bringen.

Diese Fallstudie soll also dazu befähigen, den Mehrwert zu

untersuchen, den die SF-Maßnahmen im Vergleich zu den

vorhandenen nationalen und lokalen Strategien bei der

Überwindung dieser Herausforderung bringen.

ES - Castilla-la

Mancha

Typisch für Castilla la Mancha ist ein hoher Altersquotient in

Verbindung mit einer wachsenden Bevölkerung in überwiegend

ländlichen Gebieten.

Diese Fallstudie soll untersuchen, wie weit das EFRE-OP

2007-2013 für Castilla la Mancha in der Lage ist, die

Herausforderungen der Gewährleistung des sozialen

Zusammenhalts zu meistern, insbesondere für junge Menschen in

städtischen und ländlichen Gebieten, im Wesentlichen in den

Bereichen Bildung und Gesundheit. Ein zentrales strategisches Ziel

ist dabei die starke Verpflichtung, die Zahl der Schulabbrecher zu

verringern. Das Ziel soll mit einem ganzheitlichen Ansatz erreicht

werden, bei dem die Entwicklung sozialer Infrastrukturen mit eher

immateriellen Initiativen verknüpft wird, wobei innovative

116


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

Typ 5 DE: Oberpfalz, Kassel, Trier, Leipzig, Oberfranken,

Unterfranken, Brandenburg – Nordost, Brandenburg –

Südwest, Bremen

Gießen, Mecklenburg-Vorpommern, Braunschweig,

Hannover, Lüneburg, Weser-Ems, Düsseldorf, Detmold,

Arnsberg, Koblenz, Saarland, Dresden, Chemnitz,

Thüringen

DK: Sjælland, Syddanmark, Nordjylland

NL: Friesland, Zeeland, Drenthe, Limburg

PT: Lisboa

SE: Övre Norrland

UK: Cumbria

Typ 6

AT: Kärnten

BG: Severozapaden, Severen tsentralen

DE: Sachsen-Anhalt

EL: Attiki, Anatoliki Makedonia, Thraki, Kentriki Makedonia,

Dytiki Makedonia, Thessalia, Ipeiros, Ionia Nisia, Dytiki

Ellada, Sterea Ellada, Peloponnisos, Voreio Aigaio, ES:

Galicia, Aragón, Castilla y León, Extremadura

ES: Principado de Asturias, Cantabria, País Vasco, La Rioja

FR: Champagne-Ardenne

IT: Liguria, Sicilia, Molise, Puglia, Basilicata, Calabria,

Sardegna, Friuli-Venezia Giulia

PT: Algarve, Centro, Alentejo

SE: Norra Mellansverige, Mellersta Norrland

DE - Thüringen

IT - Basilicata

Strategien für die wirtschaftliche und soziale Belebung kleiner und

mittlerer Städte oder schwieriger Bezirke in großen Städten

entwickelt und angewandt werden.

Typisch für Thüringen sind der Bevölkerungsrückgang und ein

hoher Altersquotient. Das hängt mit sinkenden Geburtenraten,

einer zunehmenden Alterung aufgrund der längeren

Lebenserwartung und einer negativen Nettomigrationsrate

zusammen. Zwischen 1991 und 2011 ging die Gesamtbevölkerung

in den letzten Jahren um 13 % zurück. Davon waren über 70 %

der Städte betroffen, wobei nur einige größere Städte (Erfurt,

Weimar und Jena) geringe Zuwachsraten aufwiesen. Dieser

Prozess begann besonders nach der Wiedervereinigung im Jahr

1989, als die Geburtenraten massiv zurückgingen und die

Abwanderung in wirtschaftlich erfolgreiche Regionen begann. Die

Jugendarbeitslosigkeit ist eine Herausforderung für die Region

aufgrund der negativen Nettomigrationsrate insbesondere der

jüngeren und weiblichen Bevölkerung, die häufig sehr gut

ausgebildet ist.

Die Fallstudie soll den Beitrag der SF (ESF- und EFRE-Maßnahmen)

zur Bewältigung dieser Probleme bewerten. Der ESF konzentriert

sich auf die Verbesserung des Humankapitals, um den Mangel an

qualifizierten Arbeitskräften zu bewältigen und zusammen mit den

Aktivitäten des EFRE die lokale Wirtschaft zu stärken,

Beschäftigungsmöglichkeiten zu schaffen und die wirtschaftliche

Leistungsfähigkeit zu verbessern. Die Maßnahmen haben auch

benachteiligte Bevölkerungsgruppen wie ältere Menschen und

Frauen zum Ziel. Ein Schwerpunkt ist außerdem die Entwicklung

größerer Stadtgebiete, in denen die Notwendigkeit besteht, die

Infrastruktur aufgrund geänderter sozio-ökonomischer Bedürfnisse

anzupassen.

In Basilicata gehen die Bevölkerungszahlen weiter deutlich zurück:

obwohl der Rückgang in den fünf Jahren 2005-2011 nicht ganz so

stark war, ist die Situation in Basilicata unter allen italienischen

Regionen mit am schlechtesten. Entgegen dem nationalen

Durchschnittstrend reichte die Nettomigrationsrate, die negativ ist,

nicht aus, um die negative dynamische Komponente des

natürlichen Bevölkerungswachstums auszugleichen. Außerdem

finden sich in den großen Abwanderungsströmen meistens junge

und besser qualifizierte Bevölkerungsgruppen, die keine

geeigneten Beschäftigungsmöglichkeiten auf dem lokalen

Arbeitsmarkt finden oder beschließen, ihre akademische

Ausbildung in anderen italienischen Regionen oder im Ausland

fortzusetzen. Diese Dynamik hat den Alterungsprozess in der

117


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

regionalen Bevölkerung beschleunigt und damit den Bedarf an

Gesundheits- und Sozialfürsorge erhöht.

Die Fallstudie soll somit den Beitrag der SF (ESF - und EFRE-

Maßnahmen) zur Befriedigung der Bedürfnisse der älteren und

jüngeren Bevölkerung (insbesondere der besser ausgebil deten)

bewerten. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei den Maßnahmen,

die Abwanderung junger Menschen verringern, neue Möglichkeiten

bieten und die neuen Bedürfnisse der wachsenden Zahl älterer

Menschen unterstützen sollen. Die Diskrepanz zwischen Stadt und

Land wird bei der Analyse der Maßnahmen ebenfalls

berücksichtigt.

Typ 7

BG: Yugoiztochen, Severoiztochen, Yugozapaden, Yuzhen

tsentralen

CZ: Severozápad, Moravskoslezsko, Jihozápad,

Severovýchod, Strední Morava

EE: Eesti

HU: Közép-Dunántúl, Nyugat-Dunántúl, Dél-Dunántúl,

Észak-Magyarország, Észak-Alföld, Dél-Alföld

IE: Border, Midland and Western

LT: Lietuva

LV: Latvija

PL: Slaskie, Lubuskie, Lódzkie, Lubelskie, Podkarpackie,

Swietokrzyskie, Podlaskie, Zachodniopomorskie,

Dolnoslaskie, Opolskie, Kujawsko-Pomorskie, Warminsko-

Mazurskie

PT: Norte, Região Autónoma da Madeira

RO: Bucuresti – Ilfov, Nord-Vest, Centru, Nord-Est, Sud-

Est, Sud – Muntenia, Sud-Vest Oltenia, Vest

SI: Vzhodna Slovenija

SK: Západné Slovensko, Stredné Slovensko

LT - Lietuva

Die Bevölkerungszahlen von Litauen, einschließlich der

Bevölkerung im beschäftigungsfähigen Alter, nehmen aufgrund der

niedrigen Fertilitätsrate und der erheblichen Auswanderung rapide

ab. Die Auswanderer sind hauptsächlich junge Leute mit einer

soliden Ausbildung, denn typisch für Litauen ist ein wachsender

Anteil der Bevölkerung mit Hochschulausbildung (2005 waren es

26,3 % der Personen zwischen 25 und 64, und 2011 34 %).

Hochqualifizierte ältere Arbeitskräfte sind ebenfalls häufig unter

denen zu finden, die das Land verlassen. Die niedrigen

Geburtenzahlen und negative Nettomigrationsraten führen zu einer

schnellen Alterung der Bevölkerung und einem steigenden

Altersquotienten. Außerdem dünnen die demografischen

Veränderungen die schon ziemlich niedrige Bevölkerungsdichte,

besonders in ländlichen Gebieten, weiter aus.

Die Fallstudie wird untersuchen, wie die ESF-Instrumente

eingesetzt wurden, um die negativen Effekte der demografischen

Veränderungen in Litauen abzumildern. Sie wird sich auf

Maßnahmen konzentrieren, die die Verpflichtungen im Arbeits- und

Privatleben in Einklang bringen sollen und dabei zum Beispiel die

Rückkehr von litauischen Auswanderern fördern und die Mobilität

von Arbeitskräften im Land zwischen städtischen und ländlichen

Gebieten erhöhen sollen.

PL – Dolnoslaskie

(Niederschlesien)

Typisch für Dolnoslaskie (Niederschlesien) ist die geringe

Fertilitätsrate, eine hohe Lebenserwartung, geringe Abwanderung

und eine ziemlich ausgewogene Altersstruktur. Die Region wird

aber von einer Großstadt, Wroclaw, dominiert, wo die

Bevölkerungsdichte höher ist als in den meisten anderen

polnischen Regionen. Die Fallstudie wird analysieren, wie die SF

genutzt wurden, um die demografischen Herausforderungen in der

Region zu bewältigen. Die Region Dolnoslaskie beteiligte sich am

118


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

RO - Centru

Projekt Interreg IV „Declining, Ageing and Regional

Transformation” (DART), bei dem es um im Niedergang befindliche

und von der Alterung betroffene Gebiete geht.

Die Region Centru sieht sich Herausforderungen im

demografischen und Beschäftigungsbereich gegenüber. Im

demografischen Bereich verzeichnete die Region zwischen 1990

und 2011 einen Bevölkerungsrückgang von 11 %. Der Rückgang

lag in dem Zeitraum weit über dem Landesniveau ( -4,9 %),

teilweise aufgrund der Abwanderung der deutschen Minderheit, die

traditionell in diesem Gebiet angesiedelt ist. Dagegen lagen im

Zeitraum 2005 bis 2011 die rohen Entwicklungsraten der

Bevölkerung bei -0,7 %, das ist niedriger als die nationalen Raten

(-2,2 %). Der Altersquotient stieg zwischen 2005 (19,3 %) und

2011 (20,1 %) langsam an. Das liegt aber unter dem nationalen

Niveau (21,3 %)

Trotz dieses Trends zeigen demografische Prognosen, dass bis

2030 der Altersquotient 30,3 % erreichen wird. Während der

Altersquotient aktuell unter dem nationalen Niveau liegt, wird

erwartet, dass bis 2030 das nationale Niveau (30,3 %) erreicht

wird. Außerdem zeigen nationale Prognosen, dass die Bevölkerung

laufend schrumpfen wird: -24,5 % zwischen 2008 und 2050.

Die Region ist außerdem mit einer schwierigen wirtschaftlichen

Situation konfrontiert. Seit 2005 gehen die Beschäftigungszahlen

zurück: 54,1 % im Jahr 2005 und 52,3 % im Jahr 2011. In der

Region sind die Beschäftigungszahlen sogar die niedrigsten in

Rumänien.

Die Fallstudie soll analysieren, wie in der Region demografische

Herausforderungen angegangen werden und welchen Beitrag die

Strukturfonds (EFRE und ESF) zu deren Bewältigung geleistet

haben. Die Region ist sich dieser Herausforderungen sehr wohl

bewusst, denn sie ist einer der Partner des Interreg IV C-Projekts

DART, bei dem im Niedergang befindliche und von der Alterung

betroffene Gebiete und regionale Umbildungen in 14 EU-Ländern

im Mittelpunkt stehen.

Quelle: Ausarbeitung auf der Grundlage der Klassifikation von Navarro und Eurostat-Daten.

119


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

Abbildung 19: SF-Zuteilungen für Maßnahmen zur Bewältigung des

demografischen Wandels, nach Gruppen

60.0%

50.0%

40.0%

30.0%

20.0%

10.0%

0.0%

-10.0%

37.2%

Group 1 - Average 30.3%

Île de France

Berkshire, Buckinghamshire…

Région de Bruxelles-Capitale

Stockholm

Inner London

Outer London

Bedfordshire and…

Alsace

Prov. Limburg

Gloucestershire, Wiltshire…

Rhône-Alpes

Prov. Brabant Wallon

Prov. Liège

Leicestershire, Rutland and…

Derbyshire and…

Prov. Namur

North Eastern Scotland

Eastern Scotland

Prov. Luxembourg

South Western Scotland

South Yorkshire

West Yorkshire

Wien

Picardie

Etelä-Suomi

West Midlands

Noord-Brabant

Vorarlberg

Haute-Normandie

Merseyside

Greater Manchester

Nord - Pas-de-Calais

Prov. Hainaut

Luxembourg

Comunidad de Madrid

Utrecht

Noord-Holland

Flevoland

Zuid-Holland

Highlands and Islands

Northumberland and Tyne…

Gelderland

Groningen

Overijssel

Pohjois-Suomi

Közép-Magyarország

Mazowieckie

Midtjylland

Hovedstaden

Bratislavský kraj

Praha

Group 2 - Average 31.2%

50.0%

45.0%

40.0%

35.0%

30.0%

25.0%

20.0%

15.0%

10.0%

5.0%

0.0%

Prov. Vlaams-Brabant

Surrey, East and West Sussex

Hampshire and Isle of Wight

Prov. Oost-Vlaanderen

Prov. West-Vlaanderen

Prov. Antwerpen

Kent

38.7% 37.1%

Västsverige

Östra Mellansverige

Provence-Alpes-Côte d'Azur

Sydsverige

Lincolnshire

East Anglia

Dorset and Somerset

Essex

Stuttgart

Tübingen

Devon

Franche-Comté

Karlsruhe

East Yorkshire and…

North Yorkshire

Languedoc-Roussillon

Herefordshire,…

Shropshire and Staffordshire

Freiburg

Berlin

East Wales

Hamburg

Cornwall and Isles of Scilly

Mittelfranken

Lazio (NUTS 2006)

Oberbayern

Schwaben

Cheshire (NUTS 2006)

Lancashire

Niederbayern

Midi-Pyrénées

West Wales and The Valleys

Darmstadt

Rheinhessen-Pfalz

Länsi-Suomi

Tees Valley and Durham

Piemonte

Lombardia

Münster

Köln

40.0%

35.0%

30.0%

25.0%

20.0%

15.0%

10.0%

5.0%

0.0%

Northern Ireland

Ciudad Autónoma de Ceuta

Salzburg

Lorraine

Notio Aigaio

Tirol

Group 3 - Average 21.3%

Oberösterreich

Réunion

Guyane

Východné Slovensko

Canarias

Guadeloupe

Región de Murcia

Região Autónoma dos Açores

Andalucía

Illes Balears

Southern and Eastern

Comunidad Valenciana

Ciudad Autónoma de Melilla

15.0%

Kypros

Malta

Strední Cechy

Malopolskie

Jihovýchod

Zahodna Slovenija

Pomorskie

Wielkopolskie

40.0%

35.0%

30.0%

25.0%

20.0%

15.0%

10.0%

5.0%

0.0%

Group 4 Average 26.7%

29.0%

Centre

Emilia-Romagna

Bourgogne

Pays de la Loire

Provincia Autonoma…

Småland med öarna

Basse-Normandie

Abruzzo

Aquitaine

Veneto

Auvergne

Castilla-la Mancha

Poitou-Charentes

Bretagne

Valle d'Aosta/Vallée…

Limousin

Toscana

Umbria

Marche

Kriti

Åland

Niederösterreich

Burgenland (AT)

Steiermark

Provincia Autonoma…

Itä-Suomi (NUTS 2006)

Schleswig-Holstein

Comunidad Foral de…

Corse

30.0%

25.0%

20.0%

15.0%

10.0%

Group 5 - Average 20.4%

18.0%

30.0%

25.0%

20.0%

15.0%

10.0%

Group 6 - Average 20.5%

19.0%

5.0%

5.0%

0.0%

Bremen

Zeeland

Limburg

Unterfranken

Cumbria

Oberfranken

Braunschweig

Hannover

Weser-Ems

Oberpfalz

Gießen

Kassel

Koblenz

Lüneburg

Saarland

Trier

Brandenburg - Nordost

Brandenburg - Südwest

Drenthe

Friesland

Thüringen

Lisboa

Leipzig

Detmold

Arnsberg

Dresden

Chemnitz

Düsseldorf

Sjælland

Syddanmark

Nordjylland

Mecklenburg-Vorpommern

Övre Norrland

0.0%

Champagne-Ardenne

Friuli-Venezia Giulia (NUTS …

Principado de Asturias

Dytiki Makedonia

Kentriki Makedonia

Voreio Aigaio

Peloponnisos

Dytiki Ellada

Ionia Nisia

Norra Mellansverige

Liguria

Thessalia

Ipeiros

Attiki

Sterea Ellada

Anatoliki Makedonia, Thraki

Calabria

Sachsen-Anhalt

La Rioja

Sardegna

Basilicata

Puglia

País Vasco

Extremadura

Galicia

Algarve

Castilla y León

Alentejo

Kärnten

Centro (PT)

Sicilia

Aragón

Molise

Cantabria

Mellersta Norrland

Severen tsentralen

Severozapaden

Group 7 - Average 15.3%

25.0%

20.0%

21.4%

19.6%

15.0%

14.5%

10.0%

5.0%

0.0%

Západné Slovensko

Stredné Slovensko

Latvija

Eesti

Észak-Magyarország

Lietuva

Észak-Alföld

Dél-Dunántúl

Norte

Dél-Alföld

Nyugat-Dunántúl

Severozápad

Közép-Dunántúl

Região Autónoma da…

Swietokrzyskie

Centru

Bucuresti - Ilfov

Nord-Est

Nord-Vest

Vest

Sud-Est

Quelle: Ausarbeitung auf der Grundlage der Klassifikation von Navarro, Eurostat-Daten und der Datenbank der

GD Regio zu SF-Ausgaben.

Sud - Muntenia

Podkarpackie

Sud-Vest Oltenia

Lubelskie

Slaskie

Dolnoslaskie

Strední Morava

Moravskoslezsko

Podlaskie

Jihozápad

Warminsko-Mazurskie

Severovýchod

Lubuskie

Kujawsko-Pomorskie

Lódzkie

Vzhodna Slovenija

Yuzhen tsentralen

Yugozapaden

Yugoiztochen

Severoiztochen

Opolskie

Zachodniopomorskie

120


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

EN

DE

Group 1 – Average 30.3% Gruppe 1 – Durchnitt 30,3 %

Group 2 – Average 31.2% Gruppe 2 – Durchnitt 31.2 %

Group 3 – Average 21.3% Gruppe 3 – Durchnitt 21.3 %

Group 4 Average 26.7% Gruppe 4 – Durchnitt 26.7 %

Group 5 – Average 20.4% Gruppe 5 – Durchnitt 20.4 %

Group 6 - Average 20.5% Gruppe 6 - Durchnitt 20.5 %

Group 7 – Average 15.3% Gruppe 7 – Durchnitt 15.3 %

4.2 Die ausgewählten Fallstudien: sozioökonomische

Bedingungen, demografische Herausforderungen und

politische Reaktionen

Die ausgewählten Regionen stellen eine faire und ausgewogene Vertretung der wichtigsten

Trends in der EU dar, sowohl im Hinblick auf die sozioökonomischen Indikatoren und die

demografischen Dimensionen als auch auf die politischen Reaktionen auf den

demografischen Wandel.

4.2.1 Sozioökonomische und demografische Bedingungen in den

ausgewählten Regionen

Die wichtigsten sozioökonomischen Bedingungen und demografischen Herausforderungen,

die in den Fallstudien thematisiert werden, sind in Tabelle 17 dargestellt, während in

Abbildung 20 und 21 die sozioökonomischen und demografischen Indikatoren verglichen

werden.

Tabelle 17:

Wichtigste sozioökonomische und demografische Bedingungen in den

ausgewählten Fallstudien

Regionale

Fallstudie

Basilikata

(Italien)

Castilla la

Mancha

(Spanien)

Centru

(Rumänien)

Lincolnshire

(Vereinigtes

Königreich)

Sozioökonomische Bedingungen











relativ geringes BIP pro Kopf

niedrige Beschäftigungsquote

geringer Anteil der Frauen auf dem

Arbeitsmarkt

überwiegend landwirtschaftlich

geprägt

wachsende Bedeutung des

Tourismus in den vergangenen

Jahren

hohe Jugendarbeitslosenquote

starkes BIP- und

Beschäftigungswachstum in den

Jahren 2000-2008, jedoch sehr

negative Auswirkungen der

Wirtschaftskrise

2011 niedrigste Arbeitslosenquote

in Rumänien

insgesamt höheres Wachstum des

BIP seit 2000 als

Landesdurchschnitt, jedoch

Senkung des BIP pro Kopf

schnelleres Wachstum der

Bevölkerung als der lokalen

Wirtschaft

Demografische Herausforderungen
















intensive Binnenwanderung in die

beiden Hauptgemeinden

hohe Netto-Auswanderungsquote bei

der jüngeren und besser ausgebildeten

Bevölkerung

Überalterung der Bevölkerung und

schrittweiser Übergang der „Baby-

Boom“-Generation in den Ruhestand

keine großen städtischen

Ballungsräume und Randlage sowohl

in Italien als auch in Europa

hoher Abhängigkeitsquotient

weit verstreut lebende Bevölkerung

niedrige Geburtenrate

kontinuierliche Bevölkerungsabnahme

(-24,5 % zwischen 2008 und 2050)

Alterung der Erwerbsbevölkerung

höherer Druck auf das staatliche

Sozialversicherungssystem

Verschwinden einiger ländlicher

Ortschaften

hoher Abhängigkeitsquotient und

geringe Bevölkerungsveränderung

signifikante Migration von Menschen

mit geringem Qualifikationsniveau

Alterung

wachsende Zahl von Rentnern im Alter

von über 65 Jahren aus anderen Teilen

121


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

Regionale

Fallstudie

Provinz Lüttich,

Wallonische

Region

(Belgien)

Litauen

Sozioökonomische Bedingungen









Probleme der Armut sowie der

geringen Arbeitsmarktaktivität bei

Frauen, Menschen mit

Behinderungen und Menschen aus

ethnischen Minderheiten

positives BIP-Wachstum pro Kopf

seit dem Jahr 2000, aber dennoch

geringeres Niveau als Landes- und

EU-Durchschnitt

zahlreiche Brachflächen und

Niedergang traditioneller

Aktivitäten in Ballungszentren

bedrohen Dynamik der Wirtschaft

Beschäftigungsquote (55 %) unter

dem Landes- und EU-Durchschnitt

und weit unter dem Lissabon-Ziel

von 70 %

hohe Armutsquote

starker Anstieg des BIP pro Kopf;

aber dennoch an 22. Stelle von 27

EU-Mitgliedstaaten im Jahr 2011

eines der von der Krise am

stärksten betroffenen EU-Länder,

erholt sich jedoch

instabiler Arbeitsmarkt und hohe

Arbeitslosenquote, insbesondere

bei jungen und ungelernten

Menschen

Demografische Herausforderungen








Englands

Übergang der „Baby-Boom“-

Generation in den Ruhestand

Zuwanderung von Migranten in den

am schnellsten wachsenden Gebieten

außerhalb der wichtigsten

Stadtzentren

schrittweiser Niedergang der

Stadtzentren, die über Jahrzehnte das

wirtschaftliche Rückgrat der Region

dargestellt haben

hohe Sterblichkeitsraten

rapider Bevölkerungsrückgang und

alternde Bevölkerung hauptsächlich

aufgrund einer intensiven

Auswanderung von jungen Menschen

und einer niedrigen Geburtenrate

sehr große Unterschiede zwischen den

Geschlechtern bei der

Lebenserwartung (über 10 Jahre)

niedrige Geburtenrate und negative

Wanderungsbilanz führen zu einer

raschen Bevölkerungsalterung und

einem wachsenden

Altersabhängigkeitsquotienten

Niederschlesien

(Polen)

Malta

Östra

Mellansverige

(Schweden)









relativ hoch entwickelte Region in

Polen (auf dem 3. Platz von 16

Provinzen/Regionen)

unter den Regionen mit der

höchsten BIP-Steigerung pro Kopf

in der EU (bis 2008)

hohe Arbeitslosenquote (aufgrund

einer Diskrepanz zwischen

Qualifikationsangebot und

-nachfrage)

geringe Partizipation von Frauen

mit Kindern

Risiko der sozialen Ausgrenzung

von anderen benachteiligten

Gruppen (wie Asylbewerbern und

Zuwanderern)

bleibt etwas hinter dem

Landesdurchschnitt zurück,

übertrifft jedoch trotzdem die

entsprechenden EU-27

Durchschnittswerte

die Aktivität und

Beschäftigungsquote von

Menschen im Alter von 15-

64 Jahren sind niedriger als der

Landesdurchschnitt, ebenso wie

der Anteil der Menschen im Alter

von 25-64 Jahren mit einem

tertiären Bildungsabschluss

geringere Auswirkungen der

Wirtschaftskrise im Vergleich zu

vielen anderen EU-27-Ländern








sinkende Geburtenzahl und starke

Abwanderung

negative Prognosen zur

Bevölkerungsentwicklung für den

Zeitraum 2010-2030

wachsender Anteil der Bevölkerung im

Alter von 65 Jahren und

Altersabhängigkeitsquotient über dem

EU-Durchschnitt

geringer Abhängigkeitsquotient

Überalterung der Bevölkerung

aufgrund des schrittweisen Übergangs

in den Ruhestand der „Baby-Boom“-

Generation

positive Wanderungsbilanz, sowohl

aufgrund der Binnen- als auch der

internationalen Wanderung

wachsender Abhängigkeitsquotient

122


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

Regionale

Fallstudie

Sozioökonomische Bedingungen

Demografische Herausforderungen

Thüringen

(Deutschland)




Umstrukturierungsprozess seit der

Wiedervereinigung

BIP liegt immer noch weit unter

dem Bundesdurchschnitt, ist seit

2007 jedoch stärker gestiegen als

der Bundesdurchschnitt

erhebliches Ungleichgewicht

zwischen Bevölkerung und

Beschäftigungsquote zwischen

ländlichen Gebieten und

wichtigsten städtischen

Ballungsräumen





Bevölkerungsrückgang (hauptsächlich

verursacht durch die negative

Wanderungsbilanz)

hohe Migrationsraten bei der Bevölkerung

im erwerbsfähigen Alter und insbesondere

bei gut ausgebildeten Menschen

hoher Abhängigkeitsquotient

niedrige Geburtenrate

Quelle: Fallstudien.

Die wichtigsten sozioökonomischen Bedingungen zu Beginn und am Ende des

Programmplanungszeitraums 2007-2013 sind Abbildung 20 zu entnehmen. Die zehn

berücksichtigten Gebiete zeigen erhebliche Unterschiede in Bezug auf den Arbeitsmarkt und

die wirtschaftliche Situation auf, wobei in den südlichen und insbesondere in den östlichen

Regionen schlechtere sozioökonomische Bedingungen vorherrschen als in den anderen

Regionen und als im EU-27-Durchschnitt. Im Einzelnen wurde Folgendes festgestellt:


Nur in Östra Mellansverige (Schweden) konnte im Jahr 2007 ein BIP pro Kopf über

dem EU-27-Durchschnitt festgestellt werden, während das BIP pro Kopf in der

belgischen Provinz Lüttich und in Lincolnshire (Vereinigtes K önigreich) nur etwas

unter dem europäischen Durchschnitt lag. Aufgrund eines kontinuierlichen

Rückgangs seit 2000 war das BIP pro Kopf in Lincolnshire im Jahr 2010 deutlich

unter dem EU-27-Durchschnitt und auf dem gleichen Niveau wie die Werte von

Thüringen (Deutschland), Basilikata (Italien) und Castilla la Mancha (Spanien). Das

Niveau des BIP pro Kopf in Malta, Litauen, Niederschlesien (Polen) und Centru

(Rumänien) bestätigt die schlechteren wirtschaftlichen Bedingungen in den östlichen

Regionen.

Die Beschäftigungsquote entsprach nur in Östra Mellansverige (Schweden),

Lincolnshire (Vereinigtes Königreich) und Thüringen (Deutschland) dem Lissabon -

Ziel von 70 % und war dort über dem EU-27-Durchschnitt. Umgekehrt war die

Beschäftigungsquote in den südlichen und östlichen Regionen deutlich unter dem

europäischen Durchschnitt.

Diese Unterschiede werden bestätigt, wenn man die Dynamik der

Arbeitslosenquoten berücksichtigt. Während die Arbeitslosenquote in der

polnischen Region Niederschlesien und in den kontinentalen Regionen Thüringen und

Lüttich im fraglichen Zeitraum etwas gesunken ist, blieb sie in der schwedischen und

der britischen Region fast unverändert und ist in den südlichen Regionen, in Centru

(Rumänien) und in Litauen deutlich gestiegen. Der höchste Anstieg wurde in Castilla

la Mancha (Spanien) aufgrund der starken Zunahme der Jugendarbeitslosigkeit

festgestellt, bei der Gruppe, die am stärksten von der Krise betroffen ist.

123


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

Abbildung 20: Sozioökonomische Indikatoren in den ausgewählten Regionen,

2007-2011

BIP pro Kopf

Beschäftigungsquote

35000

30000

25000

20000

15000

10000

5000

0

DE - Thüringen

IT - Basilicata

RO - Centru

BE - Prov. Liège

2007 2010 EU27 2007

2007 2011

and 2011

80

EU27 2007 70

and 2010 60

50

40

30

20

10

0

UK - Lincolnshire

MT - Malta

ES - Castilla-la

Mancha

SE - Östra

Mellansverige

LT - Lietuva

PL - Dolnoslaskie

DE - Thüringen

IT - Basilicata

RO - Centru

BE - Prov. Liège

UK - Lincolnshire

MT - Malta

ES - Castilla-la

Mancha

SE - Östra

Mellansverige

LT - Lietuva

PL - Dolnoslaskie

Arbeitslosenquote

2007 2011

25

20

15

10

EU27 2011

5

0

EU27 2007

DE - Thüringen

IT - Basilicata

RO - Centru

BE - Prov. Liège

UK - Lincolnshire

MT - Malta

ES - Castilla-la

Mancha

SE - Östra

Mellansverige

LT - Lietuva

PL - Dolnoslaskie

Quelle: Ausarbeitung basierend auf Daten von Eurostat, EU LFS und Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen auf

regionaler Ebene.

EN

DE

EU27 2007 and 2010 EU27 2007 und 2010

EU27 2007 and 2011 EU27 2007 und 2011

Im Hinblick auf demografische Indikatoren stellt die fortschreitende Alterung der

Bevölkerung in allen zehn ausgewählten Regionen die dringlichste Herausforderung dar

(Abbildung 21).


Abbildung 21 zeigt einen deutlichen Rückgang der Bevölkerung von Thüringen

(Deutschland), Litauen und Basilikata (Italien), sowohl aufgrund von massiven

Abwanderungsströmen als auch aufgrund einer negativen rohen Ziffer des

natürlichen Wachstums. Im Gegensatz dazu offenbaren Malta, Östra

Mellansverige (Schweden) und Castilla La Mancha (Spanien) ein positives

Bevölkerungswachstum, sowohl aufgrund einer positiven Zuwanderungsbilanz als

auch aufgrund einer positiven rohen Ziffer des natürlichen Wachstums. Positive

Zuwanderungsströme sind auch in Lincolnshire (Vereinigtes Königreich) und Lüttich

(Belgien) nachweisbar, aber diese Einwanderung stellt keinen Ausgleich für die sehr

geringe natürliche Wachstumsrate der Bevölkerung dar.

Der Altersabhängigkeitsquotient-Indikator ist in Thüringen (Deutschland),

Lincolnshire (Vereinigtes Königreich) und Basilikata (Italien) etwas höher als der EU -

27-Durchschnitt. In Litauen ist er zwischen 2000 und 2010 deutlich gestiegen und

124


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

befindet sich damit auf dem EU-Durchschnittsniveau, vor allem aufgrund einer

erheblichen Auswanderung von jungen Menschen. Der Altersabhängigkeitsquotient

ist in Niederschlesien (Polen), Centru (Rumänien) und Malta niedriger als im EU -

Durchschnitt, nicht so sehr wegen einer höheren Geburtenrate sondern eher

aufgrund einer niedrigeren Lebenserwartung infolge von schlechten

Lebensbedingungen. Hochrechnungen des Altersabhängigkeitsquotienten für 2030

zeigen, dass der Indikator bis zum Jahr 2030 wahrscheinlich steigt und in der

Mehrheit der regionalen Fallstudien zwischen 30 % und 45 % erreichen wird. In

Thüringen (Deutschland) ist die Hochrechnung aufgrund einer höheren

Lebenserwartung deutlich höher als in den anderen Regionen.

Die Geburtenrate lag in den reichsten Regionen Lincolnshire (Vereinigtes

Königreich), der belgischen Provinz Lüttich und Östra Mellansverige (Schweden) in

dem fraglichen Zeitraum über dem EU-27-Durchschnitt. Wo hingegen die

wirtschaftlichen Bedingungen schlechter waren, nämlich in Basilikata (Italien),

Centru (Rumänien) und Niederschlesien (Polen), war die Geburtenrate sehr niedrig

und lag unter dem europäischen Durchschnitt.

Abbildung 21: Demografische Indikatoren in den ausgewählten Regionen,

2007-2011

Rohe Ziffer des natürlichen Wachstums

Rohe Netto-Migrationsrate

-1 012345

-2

-3

-4

-5

DE - Thüringen

IT - Basilicata

RO - Centru

BE - Prov. Liège

2007 2011

UK - Lincolnshire

MT - Malta

ES - Castilla-la Mancha

SE - Östra Mellansverige

LT - Lietuva

PL - Dolnoslaskie

EU27 2007

EU27 2011

25

20

15

10

5

0

-5

-10

-15

DE - Thüringen

IT - Basilicata

RO - Centru

BE - Prov. Liège

2007 2011

UK - Lincolnshire

MT - Malta

ES - Castilla-la

Mancha

EU27 2007 e

2011

SE - Östra

Mellansverige

LT - Lietuva

PL - Dolnoslaskie

Anmerkungen: Rohe Ziffer des natürlichen Bevölkerungswachstums und rohe Netto-Migration auf NUTS-2-

Ebene: Daten von 2010 (außer Litauen und Malta).

Altersabhängigkeitsquotient

Geburtenrate

2007 2011

2007 2011

40

35

30

25

20

15

10

5

0

EU27 2011

EU27 2007

2.5

2

1.5

1

0.5

0

EU27 2007 e

2011

DE - Thüringen

IT - Basilicata

RO - Centru

BE - Prov. Liège

UK - Lincolnshire

MT - Malta

ES - Castilla-la

Mancha

SE - Östra

Mellansverige

LT - Lietuva

PL - Dolnoslaskie

DE - Thüringen

IT - Basilicata

RO - Centru

BE - Prov. Liège

UK - Lincolnshire

MT - Malta

ES - Castilla-la

Mancha

SE - Östra

Mellansverige

LT - Lietuva

PL - Dolnoslaskie

125


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

Hochrechnungen Altersabhängigkeitsquotient

2011 2030

70

60

50

40

30

20

10

0

DE - Thüringen

IT - Basilicata

RO - Centru

BE - Prov. Liège

UK - Lincolnshire

MT - Malta

ES - Castilla-la

Mancha

SE - Östra

Mellansverige

LT - Lietuva

PL - Dolnoslaskie

Quelle: Ausarbeitung basierend auf Daten von Eurostat und regionalen Bevölkerungsstatistiken.

EN

DE

EU27 2007 e 2011 EU27 2007 und 2011

4.2.2 Nationale und regionale Strategien für den demografischen Wandel

In Tabelle 18 werden die wichtigsten politischen Maßnahmen zusammengefasst, die in den

ausgewählten Fallstudien auf nationaler und regionaler Ebene umgesetzt werden, um den

demografischen Herausforderungen zu begegnen.

Tabelle 18: Wichtigste politische Maßnahmen auf dem Gebiet des

demografischen Wandels

Region

Basilikata

(Italien)

Castilla la

Mancha

(Spanien)

Centru

(Rumänien)

Name der Maßnahme

und Zeitraum

Hauptkategorie der

Maßnahme

(Infrastruktur,

Wirtschaftsförderung,

soziale Infrastruktur oder

Dienstleistungen,

Sozialwesen und

arbeitsmarktpolitische

Maßnahmen, Sonstiges)

Rentenreform (2011) System der sozialen Sicherheit Staatlich

Regionalgesetz Nr. 4/2007

Soziale Infrastruktur oder

Dienstleistungen

Zuständigkeitsebene

(EU, Staatlich,

regional, Kreis,

kommunal)

Regional

Regionalgesetz Nr. 10/2008 Wirtschaftsförderung Regional

Regionalgesetz Nr. 11/2008 Sonstige Staatlich und regional

Regionalgesetz Nr. 12/2008

Soziale Infrastruktur oder

Dienstleistungen

Regional

Regionalgesetz Nr. 18/2008 Wirtschaftsförderung Regional

Vereinbarung über

Ausbildungen 2012 – DGR

Nr. 485/2012

Der New Deal für junge

Menschen 2007-2013

Arbeitsmarktpolitische

Maßnahmen

Arbeitsmarktpolitische

Maßnahmen, Übergang von der

Schule ins Erwerbsleben

Staatlich und regional

Regional

Plan de Choque Sozialwesen und Arbeitsmarkt kommunal

Nachhaltige Entwicklung des

ländlichen Raums

Reform des Rentensystems

2007 und 2010

Rechtsvorschriften für die

nachhaltige Entwicklung

ländlicher Gebiete

System der sozialen Sicherheit

Staatlich

Staatlich

126


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

Region

Name der Maßnahme

und Zeitraum

Hauptkategorie der

Maßnahme

(Infrastruktur,

Wirtschaftsförderung,

soziale Infrastruktur oder

Dienstleistungen,

Sozialwesen und

arbeitsmarktpolitische

Maßnahmen, Sonstiges)

Zuständigkeitsebene

(EU, Staatlich,

regional, Kreis,

kommunal)

Beschäftigungsprogramme

für Menschen, die von

sozialer Ausgrenzung

bedroht sind

Arbeitsmarktpolitische

Maßnahmen

Nationale Agentur für

Beschäftigung in

Zusammenarbeit mit ihren

lokalen Zweigstellen

Programm zur Schaffung

von Arbeitsplätzen für

Abiturienten und

Hochschulabsolventen

Arbeitsmarktpolitische

Maßnahmen

Nationale Agentur für

Beschäftigung in

Zusammenarbeit mit ihren

lokalen Zweigstellen

Lincolnshire

(UK)

Litauen

Programm „Ageing Well“ Soziale Dienstleistungen Staatlich und regional

Rural Development

Programme for England

(RDPE, Programm für die

ländliche Entwicklung für

England) 2007-2013

Sub Regional Investment

Plan 2008 – 2011 (SRIP+,

subregionaler

Investitionsplan 2008 –

2011)

Wohnraumstrategie für

Lincolnshire 2009-2014

Gemeinsame Strategie für

Gesundheit und

Wohlbefinden für

Lincolnshire 2013-2018

1) Nationale Strategie zur

Demografiepolitik

(Bevölkerungspolitik)

(2004-2015)

2) Strategie zur

Arbeitsmigration (2007-

2012)

3) Nationale Strategie zur

öffentlichen Gesundheit

(2006-2013)

Ländliche Gemeinden,

Sozialwesen,

Wirtschaftsförderung

Wirtschaftsförderung,

Qualifizierungsmaßnahmen,

arbeitsmarktpolitische

Maßnahmen

Sozialer Wohnungsbau,

Infrastruktur, Sozialwesen,

ländliche Gemeinden

Soziale Dienstleistungen,

Bildung, Ausbildung,

Wohnungswesen,

arbeitsmarktpolitische

Maßnahmen

Soziale Dienstleistungen und

Kinderbetreuung sowie

Infrastruktur, Politik für sozialen

Schutz, aktive

arbeitsmarktpolitische

Maßnahmen etc.

Verschiedene Maßnahmen

(Entwicklung einer einschlägigen

rechtlichen Grundlage,

Bildungsangebote für im Ausland

lebende Litauer, Unterstützung

von Rückkehrern durch

Informationen, Überwachung

und Analyse von

Migrationstrends etc.)

Verschiedene Maßnahmen

(Forschungsaktivitäten,

Verbesserung des

Überwachungssystems von

übertragbaren und nicht

übertragbaren Krankheiten;

Verbreitung von Informationen

zu einem gesunden Lebensstil

etc.)

Staatlich und regional

Kreis

Kreis

Kreis

Staatlich, kommunal

Staatlich

Staatlich, kommunal

4) Nationale Strategie zur

Bewältigung der Folgen der

Überalterung der

Bevölkerung (2004-2013)

Rentenpolitik, soziale und

Gesundheitsleistungen,

arbeitsmarktpolitische

Maßnahmen

Staatlich, kommunal

127


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

Region

Niederschlesien

(Polen)

Malta

Östra

Mellansverige

(Schweden)

Thüringen

(Deutschland)

Name der Maßnahme

und Zeitraum

Reform des Rentensystems

(in Kraft seit dem

1. Januar 2013; langfristig

ausgerichtet)

„50 plus“

Aktivierungsprogramm

(jährliche Neuauflage seit

der Umsetzung des

Programms

„Generationenvertrag –

50+“ im Jahr 2008)

Familienpolitik,

insbesondere Änderung des

Systems der Fürsorge für

Mütter und Kinder (in Kraft

seit 2012 oder 2013;

langfristig ausgerichtet)

Haben Sie einen Plan für

Ihre „Rückkehr?“ (seit dem

14. November 2008)

Einwanderungspolitik und

Politik zur Integration von

Einwanderern (2012)

„Senkung des

Einschulungsalters in der

Primarschule“ (ab

September 2014)

Rentenreform

Strategie für aktives Altern

Programm für

gemeinnützige Arbeit

Maßnahmen, die auf Frauen

abzielen

Schwedische nationale

Nachhaltigkeitsstrategie

(2002) und Strategische

Herausforderungen (2006)

Ausschuss für die Zukunft

(2011, 2013)

Maßnahmen für die

Sanierung und Entwicklung

von Städten – neue

Bundesländer

Verbesserung der

regionalen

Wirtschaftsstruktur auf

Gemeindeebene

Zukunftsinitiative

Exzellentes Thüringen

Hauptkategorie der

Maßnahme

(Infrastruktur,

Wirtschaftsförderung,

soziale Infrastruktur oder

Dienstleistungen,

Sozialwesen und

arbeitsmarktpolitische

Maßnahmen, Sonstiges)

Sozialwesen und Arbeitsmarkt

Arbeitsmarkt

Infrastruktur, soziale

Infrastruktur oder

Dienstleistungen; Sozialwesen

Arbeitsmarkt und

Wirtschaftsförderung

Infrastruktur, soziale

Dienstleistungen, Arbeitsmarkt

Infrastruktur

Arbeitsmarktpolitische

Maßnahmen

Soziale und

Gesundheitsdienstleistungen,

sozialpolitische und

arbeitsmarktpolitische

Maßnahmen

Schulung von Arbeitskräften

Soziale Infrastruktur und

Dienstleistungen, Ausbildung

Arbeitsmarktpolitische

Maßnahmen

Integration von Einwanderern

Sozialpolitik; aktives Altern

Infrastruktur

Wirtschaftsförderung und

Arbeitsmarkt

Wirtschaftsförderung und

Arbeitsmarkt

Zuständigkeitsebene

(EU, Staatlich,

regional, Kreis,

kommunal)

Staatlich

Staatlich und Kreis

Staatlich, regional, Kreis

oder kommunal, abhängig

vom Programm

Staatlich, regional, Kreis

(powiat)

Staatlich

Kreis (powiat)

Staatlich

Staatlich

Staatlich

Staatlich

Staatlich

Staatlich

Bundesebene

Bundes-Landesebene

Bundes-Landesebene

Stadtumbau Ost Infrastruktur Bundes-Landesebene

Kleinere Städte und

Gemeinden

Soziale Infrastruktur und

Dienstleistungen

Bundes-Landesebene

128


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

Region

Name der Maßnahme

und Zeitraum

Aktive Stadt- und

Ortsteilzentren

Hauptkategorie der

Maßnahme

(Infrastruktur,

Wirtschaftsförderung,

soziale Infrastruktur oder

Dienstleistungen,

Sozialwesen und

arbeitsmarktpolitische

Maßnahmen, Sonstiges)

Infrastruktur

Zuständigkeitsebene

(EU, Staatlich,

regional, Kreis,

kommunal)

Bundes-Landesebene

Provinz Lüttich,

Wallonische

Region

(Belgien)

„Demografischer Wandel –

Region schafft Zukunft“

Thüringen-Invest

Thüringen-Dynamik

Marshall Plan 1 (2006 und

2009) und 2 (2009-2014)

Plan Stratégique Transversal

2 – Forschung und

Ausbildung

Plan Stratégique Transversal

3 – Soziale Eingliederung

Arbeitsmarktpolitische und

wirtschaftliche Entwicklung,

Infrastruktur, soziale

Dienstleistungen

Wirtschaftsförderung und

Arbeitsmarkt

Wirtschaftsförderung und

Arbeitsmarkt

Infrastruktur,

Wirtschaftsförderung,

lebenslanges Lernen

Ausbildung, Infrastruktur für

Forschung und Entwicklung

Infrastruktur, soziale

Dienstleistungen, Ausbildung

Bundes-Landesebene

Regional

Regional

Wallonische Region

Wallonische Region –

französische Gemeinschaft

Wallonische Region

Quelle: Fallstudien.

Wie aus der Tabelle hervorgeht, gibt es in den meisten der untersuchten Regionen keine

spezifischen umfassenden Strategien zur Bewältigung des demografischen Wandels. Diese

Herausforderungen werden oft im Rahmen von nationalen und regionalen

Entwicklungsstrategien angegangen sowie im Rahmen von Reformen auf den Gebieten der

sozialen Sicherheit, des Sozialwesens und der Arbeitsmarktregulierung, um der

Tragfähigkeit des Rentensystems und der Sozial- und Gesundheitsausgaben in einer rapide

alternden Gesellschaft zu begegnen. Nur in Litauen und in Thüringen wurde ein

umfassender Rahmen von Maßnahmen auf nationaler und/oder regionaler Ebene

umgesetzt, während in anderen Fällen (Lincolnshire, Vereinigtes Königreich;

Niederschlesien, Polen; Malta) spezifische Programme ausgearbeitet worden sind, die auf

die Herausforderung der Überalterung ausgerichtet sind.

In den meisten Fällen werden integrierte nationale Entwicklungsstrategien, die auch auf die

demografischen Herausforderungen ausgerichtet sind, auf nationaler Ebene festgelegt,

während regionale und lokale Behörden diese Probleme hauptsächlich im Rahmen der

Kohäsionspolitik angehen. Die unterschiedlichen Rollen der regionalen Institutionen

spiegeln den institutionellen Rahmen (das Ausmaß der Dezentralisierung beim politischen

Entscheidungsprozess) und die interne sozioökonomische und demografische Heterogenität

wider. So sind zum Beispiel in Italien, Belgien und Schweden viele Zuständigkeitsbereiche

auf regionaler Ebene dezentralisiert worden, während in Polen, wo die Unterschiede

zwischen den Regionen im Hinblick auf demografische Phänomene und ihre erwarteten

Veränderungen relativ unbedeutend sind, die Rolle der regionalen und subregionalen

Akteure bisher eher untergeordneter Natur war.

Beispiele von umfassenden Entwicklungsstrategien, einschließlich Maßnahmen, die auf

demografische Herausforderungen abzielen, sind in Kasten 1 dargestellt.

129


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

Kasten 1:

Beispiele für Entwicklungsstrategien mit besonderem Augenmerk auf

demografischen Herausforderungen

In Lincolnshire (Vereinigtes Königreich) werden die demografischen

Herausforderungen durch eine Reihe von Initiativen, die auf nationaler, regionaler und

lokaler Ebene initiiert wurden, direkt und indirekt angegangen. Zu den Maßnahmen

gehören soziale Wohnungsbauinfrastrukturen, Wirtschaftsförderung, Gesundheits- und

Bildungsinitiativen, Investitionen zur Verbesserung der Fähigkeiten der Bevölkerung sowie

der Lebensqualität von ländlichen Gemeinden.

In Niederschlesien (Polen) umfasst eine nationale Entwicklungsstrategie („ Polen 2030.

Entwicklungspolitische Herausforderungen“ (http://zds.kprm.gov.pl/raport-polska-2030-

wyzwania-rozwojowe) zehn Hauptherausforderungen für die Zukunft Polens, darunter auch

die demografische Situation. Ferner wurde die regionale Entwicklungsstrategie für die

Woiwodschaft Niederschlesien für 2020 (RSI) in den vergangenen Monaten geändert, um

den unerwünschten Abwanderungstendenzen als einer der größten Herausforderungen in

der Region entgegenzutreten.

In Malta entwickelte die Regierung eine langfristige Strategie zur Bewältigung der größten

Herausforderungen, einschließlich demografischer Probleme, die die Wirtschaftsleistung und

die soziale Eingliederung negativ beeinflussen. Im Rahmen dieser Strategie ist eine

Strategie für das „aktive Altern“ geplant, die eine große Bandbreite an Maßnahmen

beinhaltet, von legislativen Maßnahmen bis hin zur sozialen Infrastruktur, von der

Ausbildung bis hin zu Informationskampagnen.

In Thüringen (Deutschland) gibt es eine Reihe von Programmen auf Bundes- und auf

Länderebene, mit denen die Notwendigkeit anerkannt wird, die Konsequenzen des

demografischen Wandels mit einer Schwerpunktsetzung auf der wirtschaftlichen

Entwicklung anzugehen. Mehrere landespolitische Programme konzentrieren sich auf die

wirtschaftliche Entwicklung, einschließlich Maßnahmen zur Verbesserung der

Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen, insbesondere von KMU, sowie auf die Förderung

der Innovation durch Investitionen in Forschung und Entwicklung.

Die folgenden vier Konjunkturprogramme umfassten Gesamtinvestitionen in Höhe von

1,2 Milliarden EUR (wovon 840 Millionen EUR durch den Bund und 343 Millionen EUR durch

den EFRE kofinanziert worden sind) 25 und können als wichtig angesehen werden: Das

nationale Programm Gemeinschaftsaufgabe Verbesserung der regionalen

Wirtschaftsstruktur, GRW 26 konzentriert sich auf Investitionen in die wichtigsten

Wirtschaftssektoren, die Sanierung von Industrie- und Gewerbeflächen, touristische

Infrastruktur, Berufsausbildungseinrichtungen und Investitionen in KMU. Das Ziel dieses

Programms ist die Stimulierung der lokalen und regionalen Wirtschaft und die Schaffung

von Arbeitsplätzen. Von 2004 bis 2010 wurden ungefähr 3 400 Investitionen in die

Infrastruktur finanziert (mit 478 Mio. EUR), 3 374 Projekte, die auf Unternehmen abzielen

(6 851 Mio. EUR) sowie 280 Projekte, die die Unterstützung einer wirtschaftlichen

Unternehmensführung zum Ziel hatten 27 . Das regionale Programm „Thüringen-Invest“

25

26

27

http://www.thueringen.de/imperia/md/content/tmwta/wirtschaft/unternehmensf__rderung.pdf.

http://www.thueringen.de/th6/tmwat/a-z/daten/57151/index.aspx.

http://www.thueringen.de/imperia/md/content/tmwta/wirtschaft/unternehmensf__rderung.pdf. Von 1997 bis

2003 wurden durch Investitionen in Höhe von 9 042 Mio. EUR fast 6 000 Projekte finanziert. Ungefähr 31 600

neue Arbeitsplätze (davon 27,4 % für Frauen) wurden geschaffen und ungefähr 75 000 Arbeitsplätze wurden

gesichert. Siehe: Thüringer Ministerium für Wirtschaft, Technologie und Arbeit (2004), Evaluierung des

Einsatzes von Fördermitteln im Rahmen der Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der regionalen

Wirtschaftsstruktur“ (GA) i n den Jahren 1997 – 2003 in Thüringen.

http://www.thueringen.de/imperia/md/content/tmwta/wirtschaft/foerderung/evaluierung/evaluierung_ga_kurz

fassung.pdf.

130


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

konzentriert sich auf Investitionsprojekte für lokale und regionale KMU sowie neu

gegründete Unternehmen, die nicht von der GRW finanziert werden. Im Rahmen des

Programms werden Darlehen mit niedrigen Zinsen (18,75 Mio. vom EFRE) gewährt.

Thüringen Dynamik soll durch langfristige Investitionen und Darlehen die

Wettbewerbsfähigkeit von KMU erhöhen. Es wurde 2010 als ein Darlehensprogramm für

langfristige Investitionen umgesetzt (60 Millionen EUR vom EFRE und 20 Millionen EUR vom

Bund). Die Außenwirtschaftsförderung zielt darauf ab, die Internationalisierung von

regionalen Unternehmen zu forcieren und die Exportquote zu steigern. 28

Wallonische Region – Lüttich (Belgien) In den Jahren 2005/2006 hat die Regierung der

Wallonischen Region einen ehrgeizigen Plan erstellt (den „Marshall Plan“), um die regionale

Wirtschaft zu unterstützen, indem neue wirtschaftliche und gewerbliche Aktivitäten in den

Großstädten und eine bessere Zugänglichkeit sichergestellt werden, ebenso wie

Ausbildungsprogramme, um eine höhere Übereinstimmung zwischen der Nachfrage und

dem Angebot von Arbeitskräften zu gewährleisten und wieder eine Zuwanderung in diese

Gebiete zu stimulieren, während gleichzeitig die Metropolenbildung in den Städten entlang

der Maas fortgesetzt wird. Da Lüttich vor ähnlichen Herausforderungen wie andere

wallonische Provinzen steht, wurde die Strategie auf NUTS-1-Ebene entworfen. Das

Hauptziel dieser Strategie liegt in der Stimulierung der Metropolenbildung im Gebiet entlang

der Maas sowie darin, die Ausgrenzung von Menschen, die von dem industriellen

Umstrukturierungsprozess betroffen sind, zu minimieren, und das Gebiet für Unternehmen,

Bürgerinnen und Bürger und Zuwanderer wieder attraktiv zu machen. Im Jahr 2009 wurde

der Marshall Plan von der neuen wallonischen Regierung im Rahmen des „Marshall

Planhttp://planmarshall2vert.wallonie.be/ 2.Green“ 29 bestätigt, der, in Übereinstimmung

mit den Zielen der Lissabon-Strategie, die Ökoeffizienz und grüne Technologien stärker in

den Vordergrund rückt. Ein weiterer Plan, der „Plan Stratégique Transversal n°2“, der einen

Beitrag zur wirtschaftlichen Erholung leistet, aber insbesondere auch die Entwicklung des

Humankapitals zum Ziel hat, wurde im Jahr 2005 von der wallonischen Regierung und der

französischen Gemeinschaft unterzeichnet und soll die Kreativität, die Fähigkeiten und die

Beschäftigung der wallonischen Bevölkerung verbessern. Im gleichen Jahr wurde auch der

„Plan Stratégique Transversal n°3“ initiiert, der sich auf die soziale Eingliederung von

älteren Menschen, Zuwanderern, behinderten Menschen, sozial ausgegrenzten Menschen

und Menschen, die soziales Elend erfahren, sowie von Arbeitslosen konzentriert.

Quelle: Fallstudien.

Litauen und Thüringen (Deutschland) hingegen liefern Beispiele von nationalen und

regionalen Strategien, die die demografischen Herausforderungen direkt angehen, wie aus

Kasten 2 hervorgeht.

28

29

Von 2007 bis 2013 werden ungefähr 1,48 Mio. EUR durch den EFRE zur Finanzierung von 5 700 Projekten und

zur Schaffung von mehr als 5 000 Arbeitsplätzen und 750 Ausbildungsplätzen investiert.

http://www.thueringen.de/efre/informationen/veranstaltungen/jahresveranstaltung2010.

Quelle: http://www.wallonie.be/fr/actualites/plan-marshall-2vert-mise-en-oeuvre-2010-2012 und

http://ec.europa.eu/enterprise/policies/innovation/policy/regionalinnovation/monitor/index.cfm?q=p.policy&n=14145&r=BE3.

131


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

Kasten 2:

Strategien, mit denen der demografische Wandel direkt angegangen

wird: Litauen und Thüringen (Deutschland).

In Litauen ist die wichtigste Strategie, die den nationalen politischen Rahmen zur

Bewältigung des demografischen Wandels festlegt, die Nationale Strategie zur

Demografiepolitik 2004-2015, die im Jahr 2004 gebilligt worden ist. Darin werden drei

primäre Maßnahmenbereiche unterschieden: Familienfürsorge, öffentliche Gesundheit und

Migration. Die Strategie beinhaltet die Verbesserung der Familienfürsorge durch eine

bessere Vereinbarkeit von familiären und beruflichen Verpflichtungen, die Förderung der

Gleichberechtigung von Männern und Frauen, die Bereitstellung von

Kinderbetreuungsdienstleistungen, die Reduzierung der Armut von Familien und der

sozialen Ausgrenzung etc. Die wichtigsten Maßnahmen auf dem Gebiet der öffentlichen

Gesundheit konzentrieren sich auf die Senkung der Morbidität aufgrund von übertragbaren

und nicht übertragbaren Krankheiten, die Verbesserung der Überwachung der öffentlichen

Gesundheit, gesundheitliche Aufklärung, Verbesserung der Verwaltung im

Gesundheitswesen etc. Und schließlich beinhalten Maßnahmen auf dem Gebiet der

Migration Maßnahmen zur Aufrechterhaltung von engen Beziehungen zu

Wirtschaftsmigranten aus Litauen, die im Ausland leben, zur Zusammenarbeit mit aktiven

litauischen Organisationen im Ausland, zur Förderung der kontrollierten Zuwanderung von

Arbeitskräften aus Ländern außerhalb der EU etc. Die Ziele der Strategie auf den Gebieten

der Migration und der öffentlichen Gesundheit werden durch zwei spezifischere nationale

Strategien verwirklicht: die Strategie zur Verwaltung der Wirtschaftsmigration für 2007-

2012 und die Nationale Strategie für die öffentliche Gesundheit für 2006-2013. Die vierte

Strategie, die auf den demografischen Wandel abzielt, ist die Nationale Strategie für die

Bewältigung der Konsequenzen der Überalterung der Bevölkerung für 2004-2013. Ihr

Hauptziel besteht in der Sicherstellung der Chancengleichheit für Menschen aller

Generationen sowie darin, ältere Menschen in die Lage zu versetzen, ein aktives

persönliches, öffentliches, berufliches und kulturelles Leben zu führen. Die Maßnahmen im

Rahmen dieser Strategie konzentrieren sich darauf, ältere Menschen so lange wie möglich

auf dem Arbeitsmarkt aktiv zu halten, stabile Einkünfte für alle älteren Menschen

sicherzustellen, den bestmöglichen Gesundheitszustand von älteren Menschen

sicherzustellen sowie eine qualitative hochwertige Gesundheitsversorgung für kranke

Menschen zu gewährleisten, die Teilnahme von älteren Menschen am öffentlichen und

Gesellschaftsleben zu ermöglichen etc.

In Thüringen (Deutschland) bestehen neben Entwicklungsprogrammen spezifische

nationale Programme, um den demografischen Wandel im Rahmen eines umfassenden

Ansatzes anzugehen, wobei verschiedene Aspekte wie die Qualität im öffentlichen Dienst,

der Immobilienmarkt und die Förderung der Mobilität und der Verkehrsinfrastruktur

berücksichtigt werden 30 . Das ist der Fall bei der „Demografiestrategie der

Bundesregierung“ 31 und dem Programm „Daseinsvorsorge im demografischen Wandel

zukunftsfest gestalten“ 32 . Auch das nationale Modellvorhaben „Demografischer Wandel -

Region schafft Zukunft“ zielt auf die lokale Beschäftigung und die regionale Wirtschaft,

Verkehrsinfrastruktur und Mobilität, soziale Dienstleistungen und Familien, neue

Lebensweisen und die kulturelle und regionale Identität in ländlichen Gebieten ab. 33

Quelle: Fallstudien.

30

31

32

33

http://www.beauftragter-neuelaender.de/BODL/DE/Themen/Demografie/Daseinsvorsorge/daseinsvorsorge_node.html.

http://www.demografiestrategie.de/BODL/DE/Themen/Demografie/Situation/situation_node.html;

jsessionid=1A00DECABCDBE426AFEB81BDD8703C69.2_cid295.

http://www.beauftragter-neuelaender.de/BODL/DE/Themen/Demografie/Daseinsvorsorge/daseinsvorsorge_node.html.

http://www.region-schafftzukunft.de/cln_030/sid_CDFD78090E189DF0805D960A18526118/DE/Home/homepage__

node.html?__nnn=true.

132


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

In allen Fallstudien wurden neben umfassenden demografischen oder

Entwicklungsstrategien auch spezifische nationale/regionale Strategien umgesetzt, um die

jeweiligen demografischen Herausforderungen zu bewältigen. Einige werden nachfolgend

erläutert.

Im Rahmen unserer Auswahl an Fallstudien bestand die häufigste politische Reaktion auf

die Überalterung auf nationaler Ebene in Reformen der sozialen Sicherungssysteme und

des Rentensystems, während die Bereitstellung von sozialen Dienstleistungen, die auf

ältere Menschen ausgerichtet sind – hauptsächlich Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen –

typischerweise weiterhin ein Tätigkeitsbereich der regionalen und lokalen Regierungen ist.

In einigen Fällen (z. B. Malta, Litauen, Niederschlesien und Lincolnshire) werden die zu

diesem Zweck eingeleiteten Maßnahmen durch innovative Maßnahmen zur aktiveren

Einbeziehung von älteren Menschen in das Wirtschafts- und Sozialleben ergänzt.

So zielt zum Beispiel in Litauen die Nationale Strategie für die Bewältigung der

Konsequenzen der Überalterung der Bevölkerung für 2004-2013 darauf ab, ältere

Menschen in die Lage zu versetzen, ein aktives persönliches, öffentliches, berufliches und

kulturelles Leben zu führen, damit ihre Erfahrung gewürdigt und zugunsten der gesamten

Gesellschaft genutzt werden kann und sie selbst sich respektiert fühlen und zuversichtlich

in die Zukunft blicken. Die Maßnahmen im Rahmen dieser Strategie konzentrieren sich

darauf, ältere Menschen so lange wie möglich auf dem Arbeitsmarkt aktiv zu halten, stabile

Einkünfte für alle älteren Menschen sicherzustellen, den bestmöglichen Gesundheitszustand

von älteren Menschen sicherzustellen sowie eine qualitative hochwertige

Gesundheitsversorgung für kranke Menschen zu gewährleisten, und die Teilnahme von

älteren Menschen am öffentlichen und Gesellschaftsleben zu ermöglichen.

Alle ausgewählten Fallstudien umfassen Strategien, um die migrationspolitische

Probleme anzugehen. In den östlichen und, in geringerem Umfang, in den südlichen

Regionen ist die größte Herausforderung die Auswanderung von jungen Menschen, und es

wurden nationale oder regionale Strategien umgesetzt, um ihre Rückkehr zu fördern. So

hat zum Beispiel in Basilikata die Regionalregierung ein spezielles Gesetz (Regionalgesetz

16/2002) in Bezug auf Bürgerinnen und Bürger verabschiedet, die im Ausland leben. In

dem Gesetz werden wesentliche Maßnahmen festgelegt, die Rückkehr von Auswanderern

durch Formen der Solidarität und des Schutzes für die Auswanderer und ihre Familien zu

unterstützen, durch die Stärkung ihrer Herkunftsidentität, Maßnahmen zur

Wiedereingliederung auf dem lokalen Arbeitsmarkt und in das Sozialleben sowie durch die

Finanzierung von Abkommen und Vereinbarungen mit Bereichen, die am stärksten von der

Auswanderung betroffen sind, angefangen bei Hochschulen.

In den anderen Regionen stellte die Regulierung der Migrationsströme und die soziale

Eingliederung von Zuwanderern aus dem Ausland das Hauptproblem dar. Im letzteren Fall

legt die Nationalregierung den allgemeinen regulatorischen Rahmen für die Anerkennung

der Staatsbürgerschaft und der Grundrechte fest, während die lokalen Behörden (Regionen

und Kommunen) gewöhnlich Beschäftigungsstrategien und Strategien der sozialen

Eingliederung umsetzen, die auf benachteiligte Gruppen, einschließlich Zuwanderer,

ausgerichtet sind. Der Ansatz in Bezug auf die soziale Eingliederung ist auf regionaler

Ebene sehr vielseitig und umfasst Wohnungsbau, soziale Dienstleistungen oder

zielgerichtete Maßnahmen, die auf Gebiete und Gruppen abzielen, die von Armut und

sozialer Ausgrenzung betroffen sind.

Die Überalterung der Bevölkerung bedeutet, dass es immer weniger Arbeitskräfte geben

wird. Zur Eindämmung dieses Problems wurden in vielen Ländern und Regionen Strategien

zur Förderung der Beschäftigung und einer besseren Vereinbarkeit von Arbeits-

133


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

und Privatleben umgesetzt, um der Untätigkeit entgegenzuwirken, insbesondere bei

Frauen, die eine Betreuungspflicht haben, bei älteren und jungen Menschen.

So ist zum Beispiel in Castilla La Mancha die wichtigste regionale Strategie der Plan de

Choque (Zusammenstoß-Plan), der die Auswirkungen von langfristiger Arbeitslosigkeit

abmildern und den Zugang zu Arbeit erleichtern soll. Die Endbegünstigten sind

Langzeitarbeitslose, nicht unbedingt junge Menschen, die von Verträgen mit einer kurzen

Laufzeit und/oder Schulungen und Berufsorientierungsangeboten profitieren. Der Plan wird

von den Kommunen umgesetzt, die sowohl die öffentliche Auftragsvergabe als auch die

Hilfeleistungsverfahren verwalten. Sie führen außerdem Informations- und

Sensibilisierungskampagnen durch und stellen Berufs- und Schulberater ein, um eine

bessere Entscheidungsfindung in Bezug auf die Studien- und Berufswahl zu ermöglichen.

In Thüringen ist die Verbesserung der Qualifikationen von Arbeitnehmern ein wichtiger

Schwerpunkt der Landespolitik, da viele gut ausgebildete Menschen weggezogen sind und

die Arbeitslosigkeit immer noch hoch ist. Durch die Programme auf Landesebene

„Thüringen Trainee“ und „Bildungscheck“ wurden Ausbildungsinitiativen umgesetzt.

In den Mitgliedstaaten und auch in den Regionen sind regionale Bevölkerungsdisparitäten

zwischen entvölkerten ländlichen Gebieten und überlasteten Ballungsräumen relativ

verbreitet. Regionale Disparitäten in Bezug auf die Bevölkerungsverteilung betreffen

hauptsächlich städtisch-ländliche Standorte oder Küste-Binnenland. Die Hauptmotivation

für einen Umzug in Großstädte liegt in besseren Beschäftigungsmöglichkeiten begründet,

insbesondere für junge, gut ausgebildete Menschen. Aus diesem Grund ist die Entvölkerung

von ländlichen Gebieten oft mit der Überalterung der ländlichen Bevölkerung gekoppelt. Die

Reaktion auf Bevölkerungsdisparitäten auf der Ebene der National- und Regionalpolitik

beinhalten Regenerationsmaßnahmen und Investitionen in Infrastruktur, um die

Lebensbedingungen der verbleibenden Bevölkerung sowie den Zugang zu Dienstleistungen

zu verbessern. Infrastrukturinvestitionen (haup tsächlich Verkehr, IKT und soziale

Infrastruktur) und die Bereitstellung von sozialen Dienstleistungen sind die häufigsten

Maßnahmen, insbesondere, um Mängel in Bezug auf die Zugänglichkeit zu beheben. Es wird

erwartet, dass die Verbesserung der Lebensqualität der Anwohner durch eine bessere

Infrastrukturausstattung, bessere Dienstleistungen und insbesondere durch

Beschäftigungsmöglichkeiten die Bevölkerung stärker motiviert, in ländlichen und

entvölkerten Gebieten zu bleiben.

In ländlichen Gebieten scheinen die vielversprechendsten Maßnahmen diejenigen zu sein,

die auf integrierten Plänen basieren und Infrastrukturmaßnahmen und Maßnahmen zur

Wirtschaftsförderung strategisch verbinden, insbesondere in den für ländliche Gebiete und

Gebiete in äußerster Randlage typischen Branchen, wie Tourismus, Landwirtschaft und der

Lebensmittelindustrie. Verschiedene Akteure und verschiedene Regierungsebenen werden

in diese umfassenden Strategien einbezogen. Andererseits werden städtepolitische

Strategien auf regionaler und lokaler Ebene umgesetzt, um die Überlastung zu mindern

und eine bessere Infrastruktur bereitzustellen, um den Bedürfnissen der wachsenden

Städte gerecht zu werden.

Der Stadt- und Dorfentwicklung wurde in den letzten Jahren besondere Aufmerksamkeit

gewidmet, da der demografische Wandel die lokale Infrastruktur unter Druck gesetzt und

Investitionen in den Wohnungsbau notwendig gemacht hat (wie die Sanierung von alten

134


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

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Gebäuden oder die Modernisierung von Wohneinheiten 34 ) sowie Verbesserungen in

benachteiligten Wohngebieten und in Stadtzentren und der Verkehrs- und

Kommunikationsinfrastruktur. Beispiele dieser Art von umgesetzten Strategien, die in den

Fallstudien berücksichtigt wurden, sind nachfolgend dargestellt.

In den vergangenen Jahren hat Basilikata (Italien) eine langfristige Strategie verfolgt, die

auf die Überwindung der Randlage des regionalen Systems und der internen territorialen

Disparitäten durch eine Reihe von Maßnahmen abzielte, die der Entwicklung der lokalen

Verkehrsnetze, der Verbreitung von IKT-Verbindungen, der Stärkung des lokalen

Produktionssystems und der Entwicklung effizienter sozialer Infrastruktur gewidmet waren.

Von 2007-2013 wurden verschiedene Maßnahmenkategorien umgesetzt, einschließlich

Unterstützungsleistungen für industrielle und landwirtschaftliche Unternehmen, der

progressiven Dezentralisierung von sozialen und Gesundheitsdienstleistungen sowie der

Reorganisation lokaler Regierungen, einschließlich ihrer Aufgaben.

In Castilla La Mancha (Spanien) ist die wichtigste langfristige Strategie, die eine Reaktion

auf die bevölkerungspolitische Herausforderung darstellt, die nationale Nachhaltige

Entwicklung des ländlichen Raums 35 , die grundlegende Maßnahmen zur Förderung der

wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Entwicklung auf dem Land beinhaltet, um die

Lebensqualität für die Bewohner des ländlichen Raums in Spanien zu verbessern und

gleichzeitig den Schutz und die angemessene Nutzung der Ökosysteme und der natürlichen

Ressourcen zu fördern. Angesichts des überwiegend ländlichen Charakters wird die

Strategie den Bedürfnissen von Castilla La Mancha im besonderen Maße gerecht, indem die

Menschen in dem Gebiet gehalten werden und Migration so weit wie möglich vermieden

wird. Die Strategie bietet Bewohnern von ländlichen Gebieten Anreize und finanzielle

Förderung, um ihre Unternehmen im Agrarsektor zu fördern.

Eine sehr umfassende Strategie stellt der Ansatz dar, der in Ostdeutschland und

insbesondere in Thüringen umgesetzt wird und verschiedene nationale und regionale

Programme beinhaltet. Stadtumbau Ost (2010 -2016, 2. Phase) ist das wichtigste

Programm zur Stadtentwicklung für die östlichen Bundesländer und wurde im Jahr 2002 ins

Leben gerufen. Dieses Bund-Länder-Programm hat zum Ziel, die Innenstädte zu stärken

und die dortigen historischen Gebäude (die vor 1948 errichtet wurden) zu erhalten, wobei

einerseits in Modernisierungen investiert und andererseits nicht mehr genutzte Gebäude

(aus der sozialistischen Zeit) rückgebaut werden. Das Programm hat bei der

Umstrukturierung der Kommunen in den neuen Bundesländern eine wichtige Rolle gespielt.

Durch das Bund-Länder-Programm Kleinere Städte und Gemeinden, das im Jahr 2010

eingeführt worden ist, wird die Zusammenarbeit zwischen Kommunen unterstützt, um eine

bessere Erbringung von sozialen Dienstleistungen sicherzustellen und die Investitionen in

die städtische Infrastruktur an die sich ändernden Bedürfnisse aufgrund des

demografischen Wandels anzupassen. Es beinhaltet die Sanierung von Gebäuden und neue

Nutzung von leer stehenden Gebäuden.

Auf Landesebene unterstützt die Thüringer Initiative „GENIAL zentral“ Städte dabei, ihre

Innenstädte durch die Wiedernutzung von Brachflächen und die Schaffung von Flächen für

Wohnimmobilien aufzuwerten. Diese Initiative wird durch das Programm „Aktive Stadt- und

34

35

Im Rahmen des Programms „Stadtumbau Ost“ wurden bis zum 31.12.2007 30 482 Wohnungen rückgebaut.

http://www.bbr.bund.de/nn_311368/BBSR/DE/Stadtentwicklung/Staedtebaufoerderung/StadtumbauOst/ReF

oProjekte/Evaluierung/03__ergebnisse.html.

Gesetz Nr. 45/2007.

135


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

Ortsteilzentren“ unterstützt 36 . Das Ziel besteht darin, attraktiven Wohnraum zu schaffen,

um die Migrationsdynamik umzukehren, die Nutzung von städtischen Flächen zu verbessern

und eine Verstädterung der Stadtränder zu verhindern 37 . Das Dorferneuerungsprogramm

konzentriert sich auf die Verbesserung der Lebens-, Arbeits-, sozialen und Umweltsituation

von Dörfern in ländlichen Gebieten. Es wird durch die Förderinitiative Ländliche Entwicklung

in Thüringen 2007-2013 finanziert, die vom Europäischen Landwirtschaftsfonds für die

Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) unterstützt wird 38 . Es beinhaltet Maßnahmen für

die Instandhaltung und Erneuerung der Dorfinfrastruktur, der Verkehrsinfrastruktur, der

Dorfökologie, den Schutz von historischen und ländlichen Gebäuden und ihre Anpassung an

die modernen Bedürfnisse (als Wohn - und Gewerberäume) sowie für die Förderung der

lokalen Infrastruktur und die Änderung ihrer Nutzung.

4.3 Der Beitrag der Kohäsionspolitik zur Bewältigung des

demografischen Wandels in den ausgewählten Fallstudien

Die durch die Fallstudien ermittelten Belege zeigen Folgendes:

Die kohäsionspolitischen Programmplanungsdokumente für den Zeitraum 2007-2013

in den Fallstudien haben den demografischen Wandel in der Kontextanalyse explizit

berücksichtigt und auch wenn es keinen direkten Hinweis darauf gibt, dass

demografische Herausforderungen zu ihren Schwerpunktbereichen gehören, haben

alle Regionen Maßnahmen eingeleitet, die den demografischen Wandel angehen.

Das ist einerseits auf die Art der Maßnahmen zurückzuführen, die im Rahmen des

EFRE und des ESF förderfähig sind, aber andererseits auch auf die Fähigkeit der

regionalen Behörden, die auf lokaler Ebene entstehenden demografischen

Bedürfnisse herauszugreifen.


Wie in Kapitel 3 beschrieben, wurden im Rahmen der Kohäsionspolitik auf indirekte

Weise demografische Variablen angegangen, was Auswirkungen auf die Schaffung

von Arbeitsplätzen, die Erweiterung von Kompetenzen, die Verbesserung von

Lebensbedingungen und der sozialen Eingliederung, die Verbesserung der

Anbindung von entlegenen ländlichen Gebieten sowie auf Programme für die

Sanierung von Städten hatte. Einige (ESF-) Maßnahmen waren jedoch direkt auf den

demografischen Wandel ausgerichtet und zielten auf die Bedürfnisse der älteren

Bevölkerung, jungen Menschen, Frauen und Migranten ab.

Aufgrund des Fehlens von demografischen Indikatoren liefern die

Überwachungssysteme keine quantitativen Daten zur tatsächlichen Wirkung.

Qualitative Informationen, die bei Akteuren und in Bezug auf ihre Wahrnehmung

gesammelt wurden, zeigen jedoch, dass die eingeleiteten Maßnahmen insgesamt

den Weg für bedeutende Verbesserungen geebnet haben, insbesondere in den

Fällen, wo eine Reihe von Bedingungen erfüllt worden ist, wie eine stärkere

Konzentration auf demografische Prioritäten, die Integration von EFRE- und ESF-

Maßnahmen sowie von EFRE- und ESF-Maßnahmen und anderen

36

37

38

Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS), (2011), Aktive Stadt- und Ortsteilzentren

– drei Jahre Praxis, Erster Statusbericht zum Zentrenprogramm der Städtebauförderung.

http://www.turmstrasse.de/downloads/pdf/foerdergebiet/foerderkulissen/110609_AZ_Statusbericht.pdf.

http://www.thueringen.de/de/genialzentral.

Andere Maßnahmen beinhalten die Entwicklung und Diversifizierung der landwirtschaftlichen Tätigkeit. In:

Thüringer Ministerium für Landwirtschaft, Forsten, Umwelt und Naturschutz, Förderinitiative Ländliche

Entwicklung in Thüringen 2007-2013 (FILET),

http://www.thueringen.de/de/publikationen/pic/pubdownload896.pdf.

136


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

nationalen/regionalen Programmen, die auf regionaler und subregionaler Ebene

eingeleitet wurden, die Schaffung von effektiven öffentlich-privaten Partnerschaften

und die Lenkungsfähigkeit der örtlichen Selbstverwaltung.

In den nachstehenden Abschnitten werden die wichtigsten Ergebnisse der Fallstudien

erörtert, wobei zuerst ein Überblick über die auf regionaler Ebene umgesetzten Strategien

gegeben wird und dann einige der Maßnahmen näher untersucht werden, die auf jede der

größten Herausforderungen im Zusammenhang mit dem demografischen Wandel abzielen,

um die Art der Maßnahmen zu beschreiben, die im Rahmen der Kohäsionspolitik

kofinanziert werden, sowie ihre größten Stärken und Schwächen im Hinblick auf die

Wirksamkeit und Nachhaltigkeit und die Lehren, die im Zusammenhang mit der zukünftigen

Programmplanung gezogen werden können.

4.3.1 Kohäsionspolitische Strategien in den ausgewählten Fallstudien

Wie in Kapitel 3 dargelegt worden ist, trägt die Kohäsionspolitik dazu bei, die

demografischen Herausforderungen zu bewältigen, indem sie insbesondere zwei Kategorien

von Maßnahmen einleitet: Infrastruktur- (Wirtschaftsförderung, Verkehrs- und IKT-

Infrastruktur, Wohnraum, soziale Infrastruktur, Erneuerung des städtischen/ländlichen

Raums etc.) und beschäftigungspolitische Maßnahmen sowie bildungspolitische und soziale

Eingliederungsstrategien, die durch die operationellen Programme des EFRE und des ESF

finanziert werden.

In den ausgewählten Fallstudien zeigen die Kontextanalysen der

Programmplanungsdokumente ein weiträumiges Bewusstsein in Bezug auf die

demografischen Herausforderungen, das sich in der Politik widerspiegelt. Die Überalterung

der Bevölkerung und die Entvölkerung aufgrund der Auswanderung gehören zu den

dringendsten demografischen Problemen aller untersuchten Regionen. Insbesondere die

Abnahme der Bevölkerung im Erwerbsalter wird als Gefährdung der zukünftigen

Entwicklung der meisten Regionen angesehen, die analysiert worden sind.

Parallel zu politischen Maßnahmen auf der nationalen/regionalen Ebene beziehen sich die

allgemeinen Ziele der Kohäsionspolitik indirekt auf den demografischen Wandel.

Die wirtschaftliche Entwicklung ist das Hauptziel des regionalen operationellen Programms

des EFRE und soll dadurch erreicht werden, dass den negativen demografischen Trends

entgegengewirkt wird, um die Attraktivität der Region zu steigern. Maßnahmen, die auf

demografische Probleme ausgerichtet sind, sind hauptsächlich als Maßnahmen formuliert,

die die lokale Entwicklung, die Erneuerung des städtischen/ländlichen Raums, die

Beschäftigung und die lokale Infrastruktur fördern.

Andererseits sind die Aufwertung des Humankapitals, Beschäftigungsförderung und die

soziale Eingliederung die Hauptziele der operationellen Programme des ESF.

Wie aus Tabelle 19 hervorgeht, umfassten alle Fallstudien in ihren operationellen

Programmen EFRE- und ESF-Maßnahmen, die einen wesentlichen (hauptsächlich

indirekten) Einfluss auf den demografischen Wandel haben, indem sie Folgendes

unterstützen:


lokale Existenzgründungen;

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Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

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soziale Infrastruktur und die Sozialwirtschaft;

städtische/ländliche Erneuerung;

Verkehrsinfrastrukturen;

Tourismusförderung;

IKT-Zugang und –Netze;

Verbesserung des Kompetenzniveaus und der Anpassungsfähigkeit von älteren und

jungen Menschen und Frauen;

Beschäftigung und soziale Eingliederung von Migranten.

In vielen Fällen sind die kohäsionspolitischen Maßnahmen die wichtigsten Maßnahmen, die

sich mit demografischen Herausforderungen auf regionaler und lokaler Ebene befassen, und

ergänzen oft nationale/regionale Strategien.

Tabelle 19:

Kohäsionspolitische Maßnahmen, mit denen in den Fallstudien der

demografische Wandel angegangen wird

Land/Region

BASILIKATA (ITALIEN)

EFRE OP 2007-13

ESF OP 2007-2013

CASTILLA LA MANCHA (SPANIEN)

EFRE

Programm und Maßnahme

Achse III:

- Maßnahme III.2.1 „Finanzhilfe für innovative produktive Investitionen“, im Rahmen von

Achse III „Produktive Wettbewerbsfähigkeit“

Achse V:

- Maßnahme V.2.1 „Förderung der ökologischen, kulturellen und auf die

Öffentlichkeitsarbeit ausgerichteten Kompetenzen der Stadt Matera, um innovative

Investitionen anzuziehen“, im Rahmen der Achse V „Städtische Systeme“

- Maßnahme V.2.3. „Erneuerung des städtischen Umfelds, um die Qualität und den

Lebensstandard der Bürgerinnen und Bürger zu verbessern und die soziale Eingliederung

in der Stadt Matera zu fördern“, im Rahmen der Achse V „Städtische Systeme“

Achse VI:

- Maßnahme VI.1 „Verstärkung von Pflegedienstleistungen und der Pflegeinfrastruktur“,

im Rahmen der Achse VI „Soziale Eingliederung“

- Maßnahme VI.2 „Stärkung, Diversifizierung und Innovation von Unternehmensmodellen

für das Management und die Organisation von sozialen Pflegediensten“ im Rahmen von

Achse VI „Soziale Eingliederung“

Achse II:

- Maßnahme II.e: Umsetzung aktiver und vorbeugender arbeitspolitischer Strategien, mit

besonderem Augenmerk auf die Integration von Migranten auf dem Arbeitsmarkt, aktives

Altern, Selbstständigkeit und Unternehmensneugründungen

Achse IV:

- Maßnahme IV.i: IV.i.1) Erhöhung der Beteiligung am Lebenslangen Lernen, auch durch

Vorschriften, durch die Schulabbrecherquoten und die Ungleichheit zwischen den

Geschlechtern in Bezug auf Schulfächer reduziert werden sollen; IV i.2) Verbesserung

des Zugangs zu Bildung durch Verbesserungen, insbesondere zu Berufs- und

Hochschulausbildung

Die Maßnahmen IV.i.1 und IV.i.2 sind direkt auf die Verbesserung des lokalen

Humankapitals ausgerichtet, um den Ausschluss junger Menschen vom Arbeitsmarkt oder

hohe Schulabbrecherquoten zu verhindern

Achse 6 „Investition in soziale Infrastruktur“:

- Erhöhung der Zahl von Bildungsinfrastrukturen durch die Verbesserung des Angebots

an außeruniversitärer Ausbildung

- Förderung der Schaffung von Zentren für die Unterstützung von Familien

- Bau und Sanierung von Krankenhäusern, sowie Spezial-, Diagnose- und

Behandlungszentren

- Aufbau von Infrastruktur für die Eingliederung von Gruppen, die von sozialer

Ausgrenzung gefährdet sind

ESF Achse 2

- 2.69 Sicherstellung des Zugangs zu einer besseren, nachhaltigen Beteiligung und

Einbeziehung von Frauen am Arbeitsmarkt

- 2.70 Umsetzung spezifischer Maßnahmen, die die Erhöhung der Beteiligung von

Zuwanderern am Arbeitsmarkt zum Ziel haben, wodurch ihre Eingliederung in die

138


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

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Land/Region

Programm und Maßnahme

CENTRU (RUMÄNIEN)

Gesellschaft verbessert wird

- 2.71 Förderung der Beteiligung von Menschen mit Behinderungen auf den

Arbeitsmarkt; Bekämpfung der Diskriminierung in Bezug auf den Zugang zum

Arbeitsmarkt und Förderung von beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten; sowie

Förderung der Diversität am Arbeitsplatz

EFRE Prioritätsachse 1: Integrierte Stadtentwicklungspläne, einschließlich Sanierung der

städtischen Infrastruktur und Verbesserung der städtischen Dienstleistungen,

einschließlich des Nahverkehrs; Entwicklung eines nachhaltigen Unternehmensumfelds;

Sanierung der sozialen Infrastruktur, einschließlich des sozialen Wohnungsbaus und der

Verbesserung von sozialen Dienstleistungen

Prioritätsachse 3: Sanierung, Modernisierung und Ausrüstung der

Gesundheitsinfrastruktur; Sanierung, Modernisierung, Entwicklung und Ausrüstung der

Infrastruktur der Sozialdienste; Sanierung, Modernisierung, Entwicklung und Ausrüstung

der Infrastruktur für die voruniversitäre, universitäre und berufliche Weiterbildung

Prioritätsachse 4: Maßnahmen, die sich indirekt auf demografische Probleme beziehen

(Schaffung neuer Arbeitsplätze, um die Bevölkerung in der Region zu halten; Entwicklung

von nachhaltigen Unternehmen; Unterstützung von Strukturen von regionaler und lokaler

Bedeutung; Unterstützung für die Entwicklung von Kleinstunternehmen

ESF Prioritätsachse 2 „Verknüpfung des lebenslangen Lernens mit dem

Arbeitsmarkt“ befasst sich auf nationaler Ebene mit der Notwendigkeit, sicherzustellen,

dass alle Menschen die gleichen Möglichkeiten zu lernen haben und über ausreichende

Kompetenzen und Fähigkeiten verfügen, um nachhaltig in den Arbeitsmarkt eingegliedert

zu werden. Spezifische Maßnahmen zielen auf die Roma und die ländliche Bevölkerung

ab.

Prioritätsachse 3 „Verbesserung der Anpassungsfähigkeit von Arbeitnehmern

und Unternehmen“ zielt ab auf: die Förderung einer unternehmensfreundlichen Kultur;

Schulung und Unterstützung von Unternehmen und Arbeitnehmern, um die

Anpassungsfähigkeit zu fördern; die Entwicklung von Partnerschaften und Förderung von

Initiativen für Sozialpartner und die Zivilgesellschaft.

Prioritätsachse 5 „Förderung von aktiven Beschäftigungsmaßnahmen“ zielt ab

auf: die Entwicklung und Umsetzung von aktiven Beschäftigungsmaßnahmen; die

Förderung der langfristigen Tragfähigkeit von ländlichen Gebieten im Hinblick auf die

Humanressourcenentwicklung und die Beschäftigung.

Prioritätsachse 6 „Förderung der sozialen Eingliederung“ zielt auf die Erleichterung

des Zugangs zum Arbeitsmarkt für benachteiligte Gruppen ab. Die besonderen Ziele sind:

Förderung und Unterstützung der Schaffung von neuen Arbeitsplätze auf dem Gebiet der

Sozialwirtschaft; Erhöhung des Qualifikationsniveaus der Personen, die zu den

benachteiligten Gruppen der Gesellschaft gehören; Verbesserung des Kompetenzniveaus

von Fachleuten und öffentlicher Dienstleistungen auf dem Gebiet der sozialen

Eingliederung.

INTERREG IV C:

DART

Erfahrungsaustausch: Konferenzen, Studienaufenthalte und Analyse von bewährten

Verfahren;

Politische Empfehlungen und Richtwerte: Entwicklung von politischen Empfehlungen auf

EU- und regionaler Ebene, basierend auf der Analyse der aktuellen demografischen

Situation und Prognosen für die Zukunft.

LINCOLNSHIRE (VEREINIGTES KÖNIGREICH)

EFRE Prioritätsachse 2 „Verknüpfung des lebenslangen Lernens mit dem

Arbeitsmarkt“ befasst sich auf nationaler Ebene mit der Notwendigkeit, sicherzustellen,

dass alle Menschen die gleichen Möglichkeiten zu lernen haben und über ausreichende

Kompetenzen und Fähigkeiten verfügen, um nachhaltig in den Arbeitsmarkt eingegliedert

zu werden. Spezifische Maßnahmen zielen auf die Roma und die ländliche Bevölkerung

ab.

Prioritätsachse 3 „Verbesserung der Anpassungsfähigkeit von Arbeitnehmern

und Unternehmen“ zielt ab auf: die Förderung einer unternehmensfreundlichen Kultur;

Schulung und Unterstützung von Unternehmen und Arbeitnehmern, um die

Anpassungsfähigkeit zu fördern; die Entwicklung von Partnerschaften und Förderung von

Initiativen für Sozialpartner und die Zivilgesellschaft.

Prioritätsachse 5 „Förderung von aktiven Beschäftigungsmaßnahmen“ zielt ab

auf: die Entwicklung und Umsetzung von aktiven Beschäftigungsmaßnahmen; die

Förderung der langfristigen Tragfähigkeit von ländlichen Gebieten im Hinblick auf die

Humanressourcenentwicklung und die Beschäftigung.

Prioritätsachse 6 „Förderung der sozialen Eingliederung“ zielt auf die Erleichterung

des Zugangs zum Arbeitsmarkt für benachteiligte Gruppen ab. Die besonderen Ziele sind:

Förderung und Unterstützung der Schaffung von neuen Arbeitsplätze auf dem Gebiet der

Sozialwirtschaft; Erhöhung des Qualifikationsniveaus der Personen, die zu den

benachteiligten Gruppen der Gesellschaft gehören; Verbesserung des Kompetenzniveaus

139


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

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Land/Region

Programm und Maßnahme

von Fachleuten und öffentlicher Dienstleistungen auf dem Gebiet der sozialen

Eingliederung.

ESF Prioritätsachse 1:

o Verbesserung der Beschäftigungsfähigkeit und der Kompetenzen von

arbeitslosen und nicht erwerbstätigen Menschen sowie von Menschen,

die kürzlich entlassen worden sind, um sie in die Lage zu versetzen, in

Beschäftigung zu kommen und ihren Arbeitsplatz zu behalten, sowie

um sich beruflich weiterzuentwickeln

o Abbau von Hindernissen, die benachteiligte Gruppen daran hindern, in

den Arbeitsmarkt einzusteigen (z. B. Alleinerziehende; ältere

Menschen)

o Senkung der Zahl an Jugendlichen, die sich weder in Ausbildung noch in

Beschäftigung befinden (NEET)

Priorität 2:

o Lebenskompetenzen/Unterstützung vor der Sekundarstufe

o Förderung der Vermittlung und Erlangung einer vollen Qualifikation auf

der ersten Stufe des Tertiärbereichs

o Zertifizierung der Kompetenzen von Zuwanderern

o Unterstützung von Arbeitnehmern oder von Berufsanfängern, die in der

jeweiligen Branche unterrepräsentiert sind

o Schulungen für Menschen, denen die Entlassung droht

o Zielgerichtetes Lernen, um den Bedürfnissen des Arbeitgebers gerecht

zu werden

LITAUEN

ESF (OP DoHR)

EFRE und Kohäsion

OP PoC

Operationelles

Programm für

Wirtschaftswachstum

für 2007-2013 (OP

EG), finanziert durch

EFRE

und

Kohäsionsfonds

Programm für den

Ostseeraum

NIEDERSCHLESIEN (POLEN)

REGIONALES

OPERATIONELLES

PROGRAMM (ROP)

(EFRE)

DAS

OPERATIONELLE

PROGRAMM

HUMANKAPITAL (HC

OP) (ESF)

ΜΑLTA

Priorität 1 „Qualitativ hochwertige Beschäftigung und soziale Eingliederung“.

1. Vereinbarkeit von familiären und beruflichen Verpflichtungen

2. Förderung der Rückkehr von litauischen Auswanderern

3. Verbesserung der Humanressourcen im öffentlichen Dienst (Schulung

von Beschäftigten im Gesundheitswesen, die dazu beitragen, die

Morbidität und die Sterberate bei den zehn nicht übertragbaren

Krankheiten zu senken)

4. Vereinbarkeit von familiären und beruflichen Verpflichtungen:

Entwicklung einer ganzheitlichen Unterstützung

Die spezifischen Maßnahmen des OP PoC, die auf die demografischen Herausforderungen

abzielten, waren größtenteils gesundheitsbezogen:

Reduzierung der Morbidität und der Sterblichkeit aufgrund von Herz-Kreislauf-

Erkrankungen

Frühdiagnose von Krebserkrankungen und vollständige Behandlung

Reduzierung der Sterblichkeit aufgrund von Traumata und anderen externen

Todesursachen

Keine der spezifischen Maßnahmen des OP EG zielen direkt auf die demografischen

Herausforderungen in Litauen ab.

Ein Projekt im Rahmen dieses Programms umfasst jedoch das Nachwuchsprogramm

„Kurk Lietuvai“ („Gestaltet für Litauen“), das zum Ziel hat, junge litauischen Absolventen

von ausländischen Universitäten für den litauischen öffentlichen Dienst zu gewinnen.

Es gibt im Rahmen von Priorität 4 ein Beispiel für strategische Projekte, die mit

demografischen Herausforderungen verbunden sind: „Strategien, die den demografischen

Wandel und die Migrationsprozesse im Ostseeraum thematisieren“. Das Projekt „Best

Agers“ ( http://www.best-agers-project.eu/), das darauf abzielt, aktives Altern zu

fördern, wurde durch das Programm für den Ostseeraum kofinanziert.

Priorität 1 „Unternehmen und Innovation“: Maßnahmen zur Verbesserung des

Zugangs zu Beschäftigung und zur Erhöhung der nachhaltigen Beteiligung und des

Fortschritts von Frauen, da besonderes Augenmerk auf die Unterstützung der

Entwicklung von KMU gelegt wurde (Investitionen i n Gebieten mit einer hohen

Arbeitslosigkeit, in ländlichen Gebieten und Kleinstädten sowie in den in Priorität 9,

„Städte“, festgelegten Gebieten.

Priorität 3 „Verkehr“

Priorität 7: „Förderung der sozialen Eingliederung“. 1) Reduzierung der

Unterschiede in Bezug auf die Verteilung und die Qualität des Bildungsangebots in

ländlichen und städtischen Gebieten; 2) Erhöhung der Attraktivität und der Qualität der

Berufsausbildung; 3) Verbesserung der beruflichen Entwicklung und der Qualifikation von

Lehrern, insbesondere in ländlichen Gebieten;

140


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

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Land/Region

Programm und Maßnahme

ESF Achse 1:

Investition in das Bildungssystem; Verringerung des Missverhältnisses zwischen

Qualifikationsangebot und –nachfrage; Gewinnung von mehr Studenten für die Gebiete

Forschung und Innovation; Schulungen im Zusammenhang mit IKT, Forschung und

Innovation;

Achse 2:

kontinuierliche allgemeine und berufliche Bildung; Weiterbildung und Erwerb neuer

Kompetenzen im Privatsektor;

Achse 3:

Teilhabe von Frauen am Arbeitsmarkt; Förderung einer Gesellschaft ohne Ausgrenzung;

Behebung von Arbeitsmarktverzerrungen und Sicherstellung, dass sich Arbeit lohnt.

ERDF-CF

ÖSTRA MELLANSVERIGE (SCHWEDEN)

EFRE

Achse 6: Verbesserung der Bildungs-, der sozialen- und Gesundheitsinfrastruktur

Die drei Gesamtmaßnahmen – 1) Innovation, 2) Unternehmertum und 3) Zugänglichkeit

– des Programms gehen nicht direkt auf die Möglichkeiten der Region ein, dem

demografischen Wandel Rechnung zu tragen, aber sie werden die demografische

Entwicklung indirekt beeinflussen.

ESF Die beiden übergeordneten Programmbereiche – 1) Qualifikationsangebot und 2)

besseres Arbeitskräfteangebot – weisen keine direkte Verbindung zum demografischen

Wandel auf. Maßnahmen, die im Rahmen der beiden Programmbereiche eingeleitet

werden, könnten jedoch indirekte Auswirkungen auf den demografischen Wandel haben.

THÜRINGEN (DEUTSCHLAND)

EFRE

Maßnahme 2.2: „Förderung von Unternehmensinvestitionen“ durch die Bereitstellung von

innovativen Finanzierungsinstrumenten (wie etwa zinsvergünstigte Darlehen) für KMU und

große Unternehmen.

Maßnahme Nr. 3.1: „Förderung der nachhaltigen Entwicklung in Städten mit mehr als

10 000 Einwohnern“ umfasst Infrastrukturprojekte in städtischen und ländlichen Räumen,

die direkte Auswirkungen auf die Wirtschaft haben.

ESF Achse 1: „Verbesserung der Anpassungsfähigkeit und der Wettbewerbsfähigkeit von

Arbeitskräften und Wirtschaftsverbänden“

Maßnahme Nr. 1.1: „Berufsausbildung“ zur Qualifizierung von Arbeitnehmern und für die

Schaffung von Beschäftigung im Dienstleistungssektor (d.h. Überalterung). Spezielle

Berufsbildungsmöglichkeiten für ältere und schlechter ausgebildete Arbeitnehmer, um ihre

Beschäftigungsfähigkeit zu verbessern. Diese Maßnahme bietet außerdem vor dem

Hintergrund des demografischen Wandels ein Qualifikationsangebot im Hinblick auf die

Personalorganisation und das Management von KMU.

Achse 2: „Verbesserung des Humankapitals“

Maßnahme Nr. 2.1: „Entwicklung der Berufsausbildung – maßgeschneiderte Unterstützung

für Berufsausbildung“ ist auf den demografisch bedingten Rückgang der Bewerberzahlen

ausgerichtet, indem durch eine bessere Verbindung zwischen Bildungseinrichtungen und

der Arbeitswelt bessere Grundqualifikationen für Jugendliche und junge Erwachsene

vermittelt wird.

Maßnahme Nr. 2.3: „Förderung des Humankapitals in Forschung und Innovation und von

Netzwerkaktivitäten zwischen Hochschulen und Forschungseinrichtungen, technologischen

Zentren und Unternehmen“ um qualifiziertes Personal für Unternehmen bereitzustellen,

sowie ein Austausch von Fachleuten zwischen verschiedenen Instituten (Unternehmen und

Bildungseinrichtungen), um auch die Qualifikationsmöglichkeiten für junge Menschen und

die Berufsausbildungsmöglichkeiten zu verbessern.

PROVINZ LÜTTICH, WALLONISCHE REGION (BELGIEN)

EFRE 2007-13

Achse 3 „Ausgewogene und nachhaltige regionale Entwicklung“ Es handelt sich dabei um

3.1 Sanierung und erneute Nutzung von Industriebrachen und städtischem Brachland;

3.2 Förderung von Strategien für eine integrierte Stadterneuerung und zur Erhöhung der

Attraktivität der Region;

3.3 Stadterneuerung und Attraktivität der Region.

ESF 2007-13 Achse 1 zielt auf Unternehmen ab, indem entsprechende Maßnahmen eingeleitet

werden, um die Gründung von Unternehmen und den Unternehmergeist zu fördern.

Achse 2 für die „Entwicklung des Humankapitals, von Wissen, Kompetenzen und

Forschung“ sieht Maßnahmen vor, um die beruflichen Qualifikationen der Arbeitnehmer

zu verbessern (Maßnahmen 2.1. und 2.2) sowie die Valorisierung von bereits erworbenen

Kompetenzen (2.4).

Achse 3 (insbesondere Maßnahmen 3.1, 3.3 und 3.4) schlägt Maßnahmen für die

Verbesserung der sozialen Eingliederung vor, indem die Beschäftigung von Frauen,

Menschen ausländischer Herkunft und behinderter Menschen bevorzugt wird.

Quelle: Fallstudien.

141


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

Abbildung 22 zeigt den Anteil der Mittel aus den Strukturfonds an den in den

ausgewählten Regionen insgesamt zugewiesenen Mitteln, die entsprechend der in

Kapitel 3 beschriebenen Methode auf den demografischen Wandel ausgerichtet

wurden. Insgesamt zeigen die Daten, dass die Maßnahmen, die auf den demografischen

Wandel ausgerichtet sind, einen bedeutenden Teil der gesamten Mittelzuweisungen

ausmachen. Der Anteil der zugewiesenen Mittel ist in Östra Mellansverige (Schweden), der

Provinz Lüttich in der wallonischen Region (Belgien) und in Lincolnshire (Vereinigtes

Königreich), wo über ein Drittel der Mittel aus den Strukturfonds für Maßnahmen bestimmt

waren, die auf den demografischen Wandel ausgerichtet waren, am größten. Der niedrigste

Anteil (etwa 15 % der Gesamtmittel) wurde in der polnischen Region Niederschlesien, in

der Region Centru in Rumänien und Malta nachgewiesen.

Abbildung 22: Anteil der Mittel aus den Sozialfonds an den in den

ausgewählten Regionen insgesamt zugewiesenen Mitteln, die mit

dem demografischen Wandel in Verbindung standen (Zeitraum 2007-

2013)

45

40

35

30

25

20

15

10

5

0

EU27

DE - Thüringen

IT - Basilicata

RO - Centru

BE - Prov. Liège

UK - Lincolnshire

MT - Malta

ES - Castilla-La

Mancha

SE - Östra

Mellansverige

LT - Lietuva

PL - Dolnośląskie

Quelle: Ausarbeitung basierend auf der Datenbank der GD Regio zu den Ausgaben der Sozialfonds.

In allen Fallstudien scheint die Kohäsionspolitik bei der Bewältigung der größten

demografischen Herausforderungen, die auf regionaler und lokaler Ebene auftreten, eine

wichtige Rolle gespielt zu haben. Laut den befragten Akteuren und der gesammelten Daten

haben die Strukturfonds nationale und regionale Strategien ergänzt und einen wichtigen

Mehrwert geleistet.

In Basilikata ergänzen sich die operationellen Programme des ESF und des EFRE

gegenseitig bei der Bereitstellung von Infrastruktur und von Dienstleistungen zur

Bewältigung von demografischen Problemen. Aus dem ESF werden hauptsächlich Projekte

zur Ermutigung von arbeitslosen und nicht erwerbstätigen Menschen, ins Arbeitsleben

einzutreten, sowie zur Verbesserung der Kompetenzen und der Anpassungsfähigkeit der

Arbeitnehmer kofinanziert, während der EFRE die Attraktivität der Region durch eine große

Bandbreite an Maßnahmen erhöht, von der Wirtschaftsförderung bis hin zu

Infrastruktursanierung und/oder –ausbau. Der Regionale Strategische Bezugsrahmen 2007-

2013 (RSRF) legt die Ziele und den strategischen Rahmen für die operationellen

Programme fest, sowie das übergeordnete Ziel einer nachhaltigen wirtschaftlichen

Wettbewerbsfähigkeit durch Innovation und Internationalisierung von Unternehmen und die

Förderung einer wissensbasierten Wirtschaft durch Investitionen in die erforderliche

physische und soziale Infrastruktur, Bildung und soziale Eingliederung. Der RSRF basiert

auf einer fundierten und umfassenden Analyse des regionalen sozioökonomischen

Kontextes und zeigt die demografischen Herausforderungen auf, vor denen die Region

142


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

stand und immer noch steht. Das ESF 2007-13 OP zeigt in der SWOT-Analyse die größten

Schwächen des sozioökonomischen Kontextes der Basilikata auf, die im Rahmen einer

zielgerichteten langfristigen Strategie angemessen angegangen werden müssen,

einschließlich einer schrumpfenden und älter werdenden Bevölkerung, insbesondere im

Binnenland, der zunehmenden Auswanderung der jüngeren und besser ausgebildeten

Bevölkerung und Ungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt. Demografische Probleme werden in

den meisten Zielen der sieben Achsen der OP des ESF direkt und indirekt einbezogen,

insbesondere in der Prioritätsachse II „Beschäftigungsfähigkeit“ und der Achse IV

„Humankapital“. Das Hauptziel des ERDF 2007-2013 OP ist die Förderung der Annäherung

des Wirtschaftswachstums der Basilikata an den europäischen Durchschnitt sowie die

Verbesserung der Innovationskompetenz und der Diversifizierung des Produktionssystems.

Demografische Herausforderungen werden in den Zielen der meisten Achsen berücksichtigt,

insbesondere im Hinblick auf die Erhöhung der Attraktivität der Region und der

Verbindungen zwischen verschiedenen Gebieten der Region. Die Verknüpfung zwischen den

Zielen des OP des EFRE und der jeweiligen demografischen Herausforderungen wird

insbesondere anhand von Prioritätsachse III „Produktive Wettbewerbsfähigkeit“, Achse V

„Städtische Systeme“ und Achse VI „Soziale Eingliederung“ deutlich.

Der Fall von Castilla La Mancha (Spanien) ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Krise

Regionen dazu gezwungen hat, ihre ursprünglichen Maßnahmenprogramme zu

überarbeiten. Die wichtigsten demografischen Herausforderungen, vor denen Castilla La

Mancha steht, sind die schrumpfende Bevölkerung und die Jugendarbeitslosigkeit. Die ESF-

Verwaltungsbehörde hat vor Kurzem eine Neugestaltung des Programms vorgeschlagen,

mit einer bedeutenden Verlagerung von Mitteln zwischen den verschiedenen Achsen, um

Mittel, die noch in den Achsen I (Anpassungsfähigkeit) und II (Beschäftigungsfähigkeit) zur

Verfügung stehen, zu übernehmen und sie Maßnahme 3.73 zuzuordnen, die auf die

Bereitstellung von Bildung und Ausbildung abzielt. Das wird als wichtigstes Instrument

angesehen, um die wachsende Nachfrage nach Bildung bei jungen Menschen zu

befriedigen, die weiterhin arbeitslos sind und Schwierigkeiten haben, entweder wieder eine

Ausbildung anzufangen oder in den Arbeitsmarkt einzusteigen. Maßnahme 3.73, die die

neue Schwerpunktsetzung des ESF auf Jugend und Beschäftigung symbolisiert, ist eng

verknüpft mit der EFRE-Maßnahme 75 zur Schaffung und/oder Renovierung bestehender

Bildungseinrichtungen.

In der rumänischen Region Centru werden lokale demografische Herausforderungen vor

allem im Zusammenhang mit den Maßnahmen der Strukturfonds bewältigt, die auf

regionaler Ebene verwaltet werden, sowie durch die Teilnahme der Region Centru in

transnationalen Programmen (DART -Programm) auf diesem Gebiet. In Rumänien werden

die wichtigsten Prioritäten der OP der Strukturfonds auf nationaler Ebene unter Beteiligung

der regionalen Entwicklungsgesellschaften, die in der Programmplanungsphase eine

beratende Funktion haben, bestimmt und festgelegt. Die Beteiligung dieser regionalen

Gesellschaften bei der Umsetzung ist auf einige OP und die Prioritäten im Rahmen dieser

OP beschränkt. Während das OP des ESF ausschließlich von der nationalen ESF-

Verwaltungsbehörde (die dem Ministerium fü r Arbeit, Familie und Soziales untergeordnet

ist) koordiniert und umgesetzt wird, wird die Umsetzung des EFRE von dem Ministerium für

regionale Entwicklung und Fremdenverkehr in Zusammenarbeit mit den regionalen

Entwicklungsgesellschaften durchgeführt. Das OP des ESF zielt auf Probleme auf dem

Gebiet der Schaffung von Arbeitsplätzen, des lebenslangen Lernens, der Bildung und

Ausbildung sowie der sozialen Eingliederung ab, die potenzielle Lösungen für die

Bewältigung des demografischen Wandels in der Region bieten können. Da es sich hierbei

jedoch um ein nationales OP handelt, spiegeln seine Ziele und Prioritäten nicht die direkten

Bedürfnisse oder Besonderheiten der Region Centru wider. Darüber hinaus sind die

143


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

nationalen Daten im Hinblick auf die Ziele und Prioritäten des OP des ESF nicht an das

regionale Niveau angepasst. Die Region Centru ist für die Umsetzung der fünf Achsen des

EFRE-Programms zuständig, was 10 % des gesamten OP-Haushalts entspricht. In diesem

Zusammenhang waren die wichtigsten Maßnahmen, die im Rahmen der

Kohäsionspolitik 2007-2013 umgesetzt wurden: die Formulierung der integrierten

Stadtentwicklungspläne einschließlich integrierter Pläne für Wachstumszentren (der

Ballungsraum Brasov), für Zentren der Stadtentwicklung (die Städte Sibiu und Targu

Mures) sowie für die Entwicklung von Stadtzentren (alle Kleinstädte mit maximal

10 000 Einwohnern); die Sanierung/Modernisierung von Gesundheitsinfrastruktur, von

sozialer Dienstleistungsinfrastruktur und der Infrastruktur für die voruniversitäre,

universitäre und Berufsausbildung; die Schaffung und Entwicklung von Strukturen zur

Unterstützung von Unternehmen von regionaler und lokaler Bedeutung, Sanierung von

Industrieflächen und Unterstützung für regionale und lokale Unternehmensinitiativen, um

die Schaffung von Arbeitsplätzen und ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu fördern.

Fast 100 Projekte wurden im Rahmen dieser Maßnahmen umgesetzt und dauern immer

noch an. Die wichtigste regionale Strategie, die die demografischen Herausforderungen

direkt behandelt, ist jedoch die unter Beteiligung der Region Centru im Rahmen des

Interreg IV C DART-Programms zwischen 2009 und 2012 entwickelte Strategie. Aus den

durchgeführten Befragungen geht hervor, dass die Teilnahme an diesem Programm der

Region dabei geholfen hat, Informationen über die Herausforderungen zu sammeln, die

durch den demografischen Wandel in der Region hervorgerufen werden, sowie die

wichtigsten Prioritäten auf diesem Gebiet festzulegen, wobei sie gleichzeitig berücksichtigt

hat, wie andere teilnehmende Länder mit demografischen Herausforderungen umgehen.

Die Überalterung der Bevölkerung, die momentan die größte demografische

Herausforderung für Lincolnshire darstellt, wird in den durch die EU finanzierten

Programmen in der Region East Midlands, in der Lincolnshire liegt, weder als ein Problem

erwähnt noch direkt berücksichtigt. Der Grund dafür ist die Tatsache, dass dies erst

während des Programmplanungszeitraums zu einem dringenden Problem geworden ist. Die

analysierten Programme konzentrieren sich insbesondere auf Ziele wie die Verbesserung

von Beschäftigungschancen in den East Midlands und die Erhöhung des Kompetenzniveaus

der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter. Das Operationelle Programm East Midlands, das

durch den EFRE kofinanziert wird, zielt darauf ab, die Produktivität der Region durch

Investitionen in Innovation zu erhöhen und in benachteiligten Kommunen eine nachhaltige

Wirtschaftstätigkeit zu fördern. Das Programm ist entlang von drei Prioritätsachsen

strukturiert, von denen nur Prioritätsachse 2 (PA2) im Hinblick auf den demografischen

Wandel als besonders relevant betrachtet werden kann, da sie so gestaltet wurde, um an

stark benachteiligten Orten mit einem geringen Niveau an Wirtschaftstätigkeit

entsprechende Unterstützungsleistungen und Mittel bereitzustellen. Die Verknüpfung

zwischen PA2 und den demografischen Herausforderungen, von denen Lincolnshire

betroffen ist, offenbart sich anhand von zwei spezifischen Maßnahmen, von denen erwartet

wird, dass durch sie ein hoher Anteil der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter in der

Grafschaft gehalten oder dorthin gelockt wird, wodurch die Überalterungstendenz

ausgeglichen würde. Darüber hinaus zielen sie darauf ab, Beschäftigungsmöglichkeiten für

Facharbeiter zu schaffen, wodurch junge Menschen dazu angeregt werden sollen, in diesem

Gebiet ein Unternehmen zu gründen, statt eine hoch bezahlte Arbeit außerhalb von

Lincolnshire anzunehmen. Wie aus den Überwachungsdaten hervorgeht wird das

quantitative Ziel zum Ende des Programms erreicht, wenn nicht sogar übertroffen. Die

Kohäsionspolitik trägt außerdem im Rahmen des OP des ESF für Kompetenzen und

Beschäftigung – einem Rahmen für die East Midlands - zur Bewältigung der demografischen

144


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

Herausforderungen von Lincolnshire bei 39 . In Übereinstimmung mit dem nationalen

Programm hat der regionale ESF-Rahmen für die East Midlands das Ziel die

Beschäftigungsrate zu erhöhen und kompetente und anpassungsfähige Arbeitskräfte zu

entwickeln. Beide ESF-Prioritäten zielen darauf ab, die Arbeitsmarktstruktur zu verbessern

(durch die Erhöhung des Kompetenzniveaus der Arbeitskräfte) und die

Beschäftigungsmöglichkeiten auf die am stärksten benachteiligten Teile der Bevölkerung zu

erweitern, wie etwa Menschen mit Behinderung, Alleinerziehende, ältere Arbeitnehmer (ab

50 Jahren), ethnische Minderheiten und Menschen mit geringen Qualifikationen. Beide ESF-

Prioritäten ergänzen das Gesamtziel des EFRE-Programms der Region. Eine wichtige

Synergie stellt EFRE PA2 dar, die auf die am stärksten benachteiligten Gebiete der Region

abzielt, indem sie Unterstützung für Unternehmen, Zugang zu Finanzierung, Ressourcen

und Unterstützung liefert sowie Möglichkeiten zur Wiederbelebung der lokalen Infrastruktur

und Umgebung. Einen direkteren Bezug zum demografischen Wandel haben diejenigen

Maßnahmen, die speziell auf Migranten und die am stärksten benachteiligten Gruppen

ausgerichtet sind (Menschen, die in ländlichen Gebieten leben) und ihre Eingliederung auf

dem Arbeitsmarkt fördern. Von den ausgewählten Maßnahmen des ESF werden positive

Ergebnisse erwartet. Die Befragten brachten jedoch eine gewisse Besorgnis im Hinblick auf

die Verwaltung des ESF und Förderungsvereinbarungen zum Ausdruck, insbesondere in

Bezug auf die begrenzte Möglichkeit einer flexiblen Gestaltung und Reaktion auf

Veränderungen der wirtschaftlichen Bedingungen.

In Litauen hat die Kohäsionspolitik 2007-2013 zur Umsetzung der nationalen Strategien

zur Bewältigung von demografischen Herausforderungen wie Migration, Überalterung,

öffentliche Gesundheit usw. beigetragen. Einige Maßnahmen waren direkt mit den Zielen

der nationalen Demografiepolitik verbunden; zum Beispiel die Förderung der Rückkehr von

Auswanderern, die Reduzierung der Morbiditätsrate bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen und

die Unterstützung der Familienversorgung. Die Unterstützung der Europäischen

Strukturfonds hat es möglich gemacht, dass Maßnahmen auf dem Gebiet der

Demografiepolitik umgesetzt wurden, die sonst wahrscheinlich nicht umgesetzt worden

wären. Alle drei nationalen Operationellen Programme nehmen in der Kontextanalyse

und/oder SWOT-Analyse Bezug auf den demografischen Wandel, insbesondere die ESF- und

EFRE-OP, die sich im Hinblick auf die Berücksichtigung des demografischen Wandels bis zu

einem gewissen Grad gegenseitig ergänzen, da der erstere sich stärker auf die

Überalterung und den durch Auswanderung erzeugten Rückgang der Arbeitskräfte

konzentriert, wogegen der letztere die Überalterung, die sinkende Geburtenrate und die

Sterblichkeit in den Mittelpunkt rückt.

In Niederschlesien (Polen) haben einige Maßnahmen, die sowohl im Rahmen der

Operationellen Programme des ESF als auch des EFRE umgesetzt wurden, einen direkten

Einfluss auf die Anpassung an den demografischen Wandel, z. B. Maßnahmen zur

Verbesserung des Zugangs zu Beschäftigung und der Erhöhung der nachhaltigen

Beteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt, Maßnahmen zur Unterstützung und Förderung

von Unternehmen und der Selbstständigkeit sowie Maßnahmen zur Förderung der

Eingliederung und den Wiedereintritt in den Arbeitsmarkt für benachteiligte Menschen.

Ferner basieren Strategien, die auf die soziale Eingliederung von Zuwanderern abzielen, nur

39

Im Vereinigten Königreich wurde die Koordinierung zwischen den Operationellen Programmen auf nationaler

Ebene und regionalen Strategien und Plänen durch regionale ESF-Rahmen bewerkstelligt – Dokumente, die von

Regional Skills Partnerships entwickelt wurden, die eine Reihe von regionalen Akteuren auf dem Gebiet der

Kompetenzen und der Beschäftigung zusammenbrachten. Durch die Rahmen sollen ESF-Programme in die

Lage versetzt werden, spezifische regionale Herausforderungen auf dem Gebiet der Beschäftigung und der

Kompetenzen anzugehen.

145


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

auf EFS-Projekten, da es in Polen keine Eingliederungspolitik in Bezug auf Zuwanderer gibt.

In der regionalen Entwicklungsstrategie für die Woiwodschaft Niederschlesien für 2020

(RSI) ist eine Priorität der Regionalregierung die Schaffung der besten Bedingungen für die

Entwicklung von Unternehmen und das Anlocken von Investoren. Laut den befragten

Fachleuten liegt die beste Möglichkeit zur Umsetzung dieser Maßnahmen in dem finanziellen

Beitrag der EU begründet, auch wenn dies durch das schlechte Funktionieren des

mehrstufigen Systems der Regierungsführung behindert wird.

In Malta hat die Kohäsionspolitik von 2007-2013 die nationalen Initiativen bei der

Bereitstellung von sozialer Infrastruktur, Bildung, lebenslangem Lernen, Kapazitäten-

Aufbau und anderen Maßnahmen, die direkt oder indirekt auf die Bewältigung des

demografischen Wandels abzielten, in großem Umfang ergänzt. Die beiden nationalen

Operationellen Programme tragen dazu bei, die übergeordneten langfristigen Strategieziele

zu erreichen, indem sie insbesondere Unterstützung auf den Gebieten der Infrastruktur, der

Bildung und des Arbeitsmarktes bereitstellen. Die bedeutendste Unterstützung zur

Bewältigung der demografischen Probleme in Malta wird durch ESF-finanzierte Projekte

gewährt. Es handelt sich dabei größtenteils um „weiche“ Projekte, d. h. Schulungen,

arbeitsmarktpolitische Unterstützung und soziale Dienstleistungen, Kapazitäten-ufbau und

Studien/Forschung. Diese Maßnahmen werden durch „harte“ Maßnahmen im Rahmen des

EFRE-OP durch die Bereitstellung von sozialer Infrastruktur ergänzt. Beide OP stimmen

vollkommen mit der übergeordneten Regierungsstrategie zur Stimulierung der

wirtschaftlichen Entwicklung von Malta überein, bei einer gleichzeitigen Bewältigung der

sozio-demografischen Herausforderungen, wie bereits im vorherigen Abschnitt erläutert

wurde.

In Östra Mellansverige haben alle ESF- und EFRE-Programme bis zu einem gewissen

Umfang die demografische Entwicklung in der Region bei der Bestimmung der regionalen

Stärken und Schwächen aufgezeigt, aber die Ziele der Programme berücksichtigen die

demografische Entwicklung in der Region nicht direkt. Daher können nur einige spezifische

Maßnahmen bei der Bewältigung des Demografischen Wandels oder seiner Konsequenzen

berücksichtigt werden, wenn auch nur indirekt. Während die Kontext- und/oder SWOT-

Analyse in allen Programmen den demografischen Wandel berücksichtigt und welche

Herausforderungen und Möglichkeiten dieser Wandel beinhalten könnte, wurde bei der

Festlegung der Strategie der Programme auf die demografischen Herausforderungen nicht

spezifisch Bezug genommen, da der Schwerpunkt auf Problemen liegt, die eher indirekt mit

dem demografischen Wandel in Verbindung stehen, wie die steigende Arbeitslosigkeit und

ein besserer Zugang zur Verbesserung der Mobilität der Bevölkerung. Befragungen von

regionalen Akteuren weisen darauf hin, dass die demografischen Probleme in keiner Phase

des Programmplanungszyklus berücksichtigt werden. Insbesondere der ESF-Regionalplan

für Östra Mellansverige hat eine demografische Dimension, da er auf die Verbesserung der

arbeitsmarktpolitischen Bedingungen abzielt, indem er die Eingliederung derjenigen

außerhalb des Arbeitsmarktes forciert und Maßnahmen und Initiativen einführt, die auf

junge Menschen ausgerichtet sind. Im Operationellen Programm des EFRE für Östra

Mellansverige 2007-2013 liegt der Schwerpunkt auf der Steigerung des regionalen

Wachstums und der Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen in der Region.

In Thüringen berücksichtigen beide Operationellen Programme (EFRE und ESF) direkt oder

indirekt die demografische Entwicklung der Region. Drei der vier Achsen des Operationellen

Programms des EFRE wurden auf die Steigerung der Innovation von Unternehmen

ausgerichtet sowie auf die Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft, um die

Attraktivität der Region zu verstärken, Investitionen anzuregen und die Städte und

ländlichen Gebiete für die Bevölkerung ansprechender zu machen. Zu den Maßnahmen

146


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

gehören Investitionen in die Infrastruktur, wie Bildung, Forschungsinstitute und die

Stadtzentren. Das wird außerdem durch Investitionen auf dem Gebiet der Forschung und

Entwicklung und eine enge Verbindung mit wirtschaftsbezogenen Aktivitäten gefördert. Als

Ergänzung dazu unterstützt das Operationelle Programm des ESF Maßnahmen zur

Entwicklung des Humankapitals (einschließlich der Entwicklung auf dem Gebiet der

Forschung und der Innovation), um die notwendigen Arbeitskräfte bereitzustellen und

hochqualifizierte Arbeitnehmer daran zu hindern, Thüringen zu verlassen. Dies umfasst

Maßnahmen zur Förderung der Beschäftigungsfähigkeit, des Unternehmertums und der

sozialen Eingliederung von verschiedenen Bevölkerungsgruppen, wie etwa junger und

älterer Menschen und Frauen sowie zur Aufrechterhaltung eines hohen Bildungs- und

Qualifikationsniveaus. Die ausgewählten EFRE- und ESF-Maßnahmen, die den

demografischen Wandel berücksichtigen, konzentrieren sich auf: Investitionen in

Infrastruktur, Bildungs- und Ausbildungseinrichtungen und Unternehmen sowie in die

städtische Infrastruktur, einschließlich Verkehr und Dienstleistungen; Verbesserung der

Qualifizierungsmöglichkeiten für junge und ältere Menschen, um den Bedarf nach

Facharbeitern zu decken; Bereitstellung von Dienstleistungen für KMU, einschließlich

Beratungsdiensten für die Verbesserung der Kompetenzen der Führungskräfte,

Unterstützung der Vernetzung mit Bildungseinrichtungen, um dem Bedarf nach

Qualifikationen besser gerecht zu werden, und die Innovation durch die Vernetzung von

Instituten aus Forschung und Entwicklung mit Unternehmen anzukurbeln.

Kasten 3: Ein gutes Beispiel aus der Praxis für die Integration von

Kohäsionspolitik und nationalen/regionalen Strategien

Der Fall Lüttich – Wallonische Region stellt ein gutes Beispiel aus der Praxis für

einen integrierten Ansatz dar. Sowohl das EFRE- als auch das ESF-OP berücksichtigen die

demografischen Herausforderungen der Region, indem sie auf benachteiligte

Bevölkerungsgruppen abzielen, die in den ehemals industrialisierten Zentren leben.

Darüber hinaus wird die wirtschaftliche Renaissance, auch wenn dies in keinem der beiden

OP als Ziel einer Maßnahme festgelegt ist, das demografische Wachstum entlang der Maas

wahrscheinlich wieder steigern. Die Höhe der durch die Kohäsionsfonds zur Kofinanzierung

dieser beiden OP zur Verfügung gestellten Mittel (40 % bzw. 50 % für EFRE und ESF) stellt

einen kleinen Anteil an den gesamten öffentlichen Mitteln dar, die von der föderalen und

der regionalen Regierung sowie von kommunalen Gremien bereitgestellt wurden. Ihre

Wirkung wird jedoch durch eine umfassende gemeinsame Interventionsstrategie maximiert,

die die wechselseitige Hebelwirkung der kohäsionspolitischen Programme und der

regionalen übergeordneten Strategie sicherstellt. Die übergeordnete regionale

Interventionsstrategie basiert auf den Grundsätzen der Querschnittsbezogenheit und der

Agglomeration. Mit Querschnittsbezogenheit ist die Finanzierung der integrierten Portfolios

von Projekten gemeint, die die Effizienz erhöhen sollen und die Ausnutzung von

Größenvorteilen begünstigen: potenzielle Empfänger von EU-Mitteln 40 müssen eine

integrierte Gruppe von Vorschlägen vorlegen, die aus verschiedenen Einzelprojekten

bestehen, die dieselbe Zielsetzung haben. Es wird erwartet, dass durch diesen Ansatz die

Zusammenarbeit und verschiedenartige Synergien zwischen Akteuren verstärkt wird, die

bei dem Entwurf und der Umsetzung des Projektportfolios zur Einreichung von Beiträgen

auf ihrem jeweiligen Spezialgebiet aufgefordert werden. Das Prinzip der Agglomeration

bezieht sich auf die Konzentration von Maßnahmen auf stärker benachteiligte Gebiete,

insbesondere in den Städten entlang der Maas, um ihre wirtschaftliche Erholung zu

begünstigen und auf diese Weise den räumlichen Wirtschaftsdualismus in der Wallonischen

40

Aber auch von anderen regionalen öffentlichen Mitteln.

147


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

Region zu reduzieren. Das Governance-System für die Strategie umfasst eine große Zahl an

Akteuren, wie die EFRE-Verwaltungsbehörde bei der wallonischen Regionalregierung, die

ESF-Agentur – die einen separaten Dienst der französischen Gemeinschaft in Belgien

darstellt und ESF-Mittel für die Wallonische Region und Brüssel verwaltet –, kommunale

Gremien, aber auch eine große Zahl von Verbänden, die im sozialen Sektor und in der

Zivilgesellschaft arbeiten und zur Umsetzung der regionalen Entwicklungsstrategie

beitragen. Wie aus den Befragungen hervorgeht, hat die Zusammenarbeit zwischen den

verschiedenen Akteuren sowohl in den EFRE- als auch in den ESF-Programmen gut

funktioniert. Die Notwendigkeit der Schaffung von Projektportfolios, wie sie die

Förderbedingungen für die öffentlichen Finanzen vorsehen, ist zwar zeitaufwendig, aber es

wurde von keinen größeren Schwierigkeiten im Zusammenhang mit diesem Ansatz

berichtet. Aus einer Bewertung jüngeren Datums geht hervor, dass die Akteure mit diesem

Ansatz sehr zufrieden sind, da es die potenziellen Empfänger von Fördermitteln dazu

zwingt, miteinander zu sprechen, um von allen Maßnahmen zu profitieren. Die

Koordinierung beginnt in der Phase des Projektentwurfs und wird während der Umsetzung

fortgesetzt: Jährliche Sitzungen werden zwischen den Empfängern der Fördermittel

organisiert und die Verwaltungsbehörden erörtern Probleme und Risiken und suchen nach

möglichen Lösungen, um diese zu bewältigen.

Quelle: Wallonische Fallstudie

4.3.2 Kohäsionsmaßnahmen zu spezifischen demografischen

Herausforderungen – Beispiele guter Praxis

Insgesamt wurden 37 Maßnahmen und zehn Beispiele guter Praxis für eine gründliche

Analyse ausgewählt. Die ausgewählten Maßnahmen werden in Tabelle 20 dargestellt,

während die Beispiele guter Praxis, die von den Verwaltungsbehörden und den übrigen in

diesem Bereich angesprochenen interessierten Kreisen angegeben wurden, in Tabelle 21

dargelegt sind.

148


Tabelle 20:

Maßnahme

(Programm)

OP ESF, Achse II

Beschäftigungsfähigkeit

OP ESF, Achse IV

Humankapital

OP ESF, Achse IV

Humankapital

OP EFRE, Achse III

„Produktive

Wettbewerbsfähigkeit“

OP EFRE Achse V

„Städtische Systeme“

OP EFRE Achse V

„Städtische Systeme“

OP EFRE Achse VI

„Soziale Eingliederung“

Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

Ausgewählte Maßnahmen im Verhältnis zum demografischen Wandel

Hauptsächliche Art der

Intervention (Infrastruktur,

Unterstützung von

Unternehmen, soziale

Dienstleistungen, Sonstiges)

Arbeitsmarktpolitische

Maßnahmen

Arbeitsmarktpolitische

Maßnahmen

Arbeitsmarktpolitische

Maßnahmen

Unterstützung von Unternehmen

Infrastrukturen,

von Unternehmen

Infrastrukturen,

von Unternehmen

Infrastrukturen,

Dienstleistungen

Unterstützung

Unterstützung

soziale

Thematischer

Schwerpunkt

(aktives Altern,

Wiederbelebung/Sanieru

ng städtischer und

ländlicher verödeter

Gebiete, Zuwanderung,

Fertilität usw.)

Ungleichgewichte

Arbeitsmarkt

Schulabbrecherquote

Höherqualifizierung

Anpassungsfähigkeit

Beschäftigten

Regionale

Wettbewerbsfähigkeit

Attraktivität

BASILIKATA (ITALIEN)

Stadtsanierung/städtische

Belebung

Stadtsanierung/städtische

Belebung

im

und

der

und

Aktives

Altern,

geschlechtsspezifische

Unterschiede auf dem

Arbeitsmarkt

CASTILLA LA MANCHA (SPANIEN)

2.69 ESF Soziale Dienstleistungen Vereinbarkeit von Berufs- und

Privatleben

3.73 ESF Erziehungs- und

Unterrichtsdienstleistungen

Bevölkerungsrückgang

Begünstigte

Aktive, erwerbslose und

inaktive Personen

Aktive, erwerbslose und

inaktive Personen

Aktive, erwerbslose und

inaktive Personen

Unternehmer von kleinen

und

mittleren

Industrieunternehmen

Mittelzuweisung

in absoluten Werten und in % der gesamten

Programmressourcen

Finanzrahmen Achse II 2007-2013: 70 078 494 EUR

(21,7 % der gesamten Programmressourcen).

Finanzrahmen Achse IV 2007-2013:

110 446 235 EUR

(34,3 % der gesamten Programmressourcen).

Finanzrahmen Achse IV 2007-2013:

110 446 235 EUR

(34,3 % der gesamten Programmressourcen).

Finanzrahmen 2007-2013 Maßnahme III.2.1:

24 875 000 EUR, das entspricht 31,3 % des

gesamten Finanzrahmens der Achse III und 3,3 %

der gesamten EFRE-Programmressourcen.

Unternehmen Finanzrahmen 2007-2013 Maßnahme V.2.1:

12 648 937,50 EUR, das entspricht 17 % des

gesamten Finanzrahmens der Achse V und 1,7 % der

gesamten EFRE-Programmressourcen.

Unternehmen Finanzrahmen 2007-2013 Maßnahme V.2.3:

5 708 812,50 EUR, das entspricht 7,7 % des

gesamten Finanzrahmens der Achse V und 0,8 % der

gesamten EFRE-Programmressourcen.

Unternehmen Finanzrahmen 2007-2013 Maßnahme VI.1:

82 585 000,00 EUR (84,3 % des gesamten

Finanzrahmens der Achse VI und 11 % des gesamten

EFRE-Programms).

Finanzrahmen 2007-2013 Maßnahme VI.2:

14 925 000 EUR (15,2 % des gesamten

Finanzrahmens der Achse VI und 2 % des gesamten

EFRE-Programms).

Betriebe, Haushalte,

Einzelpersonen

Schüler des

Sekundarschulwesens

75 EFRE Soziale Infrastruktur Bevölkerungsrückgang Schüler des

Sekundarschulwesens;

Lehrkräfte

Original: 19 409 707 EUR (10,8 %)

Anpassung: 17 225 584 EUR (9,6 %)

Original: 7 576 201 EUR (4,2 %)

Anpassung: 78 077 870 EUR (43,4 %)

40,462,971 (2.8 %)

149


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

____________________________________________________________________________________________

Maßnahme

(Programm)

OP EFRE:

Prioritätsachse 1 A

Unterstützung der

nachhaltigen Entwicklung

städtischer

Wachstumspole

Prioritätsachse 3 des

EFRE-OP Verbesserung

der sozialen Infrastruktur

Priorität 4 des OP EFRE

Stärkung des regionalen

und lokalen

Geschäftsumfeldes

Maßnahme Nr. 2a –

Unterstützung von

Unternehmen –

Prioritätsachse 2 des OP I

Maßnahme Nr. 2c -

Zugang zu Ressourcen

und Unterstützung -

Prioritätsachse 2 des OP I

Fortbildungsmaßnahmen

im Rahmen der

Prioritätsachse I des OP II

ESF Prioritätsachse II des

OP II

Hauptsächliche Art der

Intervention (Infrastruktur,

Unterstützung von

Unternehmen, soziale

Dienstleistungen, Sonstiges)

Soziale Infrastruktur und

Unterstützung von Unternehmen

Soziale Infrastruktur und soziale

Dienstleistungen

Infrastruktur zur Unterstützung

von Unternehmen

Unterstützung von Unternehmen

Arbeitsmarkt,

Dienstleistungen

soziale

Aus- und Fortbildung,

Kapazitätenaufbau

Aus- und Fortbildung,

Kapazitätenaufbau

Thematischer

Schwerpunkt

(aktives Altern,

Wiederbelebung/Sanieru

ng städtischer und

ländlicher verödeter

Gebiete, Zuwanderung,

Fertilität usw.)

CENTRU (RUMÄNIEN)

Stadtsanierung/städtische

Belebung

Aktives

Altern;

Bevölkerungsabwanderung

Zuwanderung,

Bevölkerungsabwanderung

Gemeinden

Begünstigte

LINCOLNSHIRE (VEREINIGTES KÖNIGREICH)

Wiederbelebung/Sanierung

ländlicher und städtischer

Gebiete, Zuwanderung

Wiederbelebung/Sanierung

ländlicher und städtischer

Gebiete

Soziale Eingliederung,

Wiederbelegung/Sanierung

ländlicher und städtischer

Gebiete

Soziale Eingliederung,

Migranten, Arbeitsmarkt

Mittelzuweisung

in absoluten Werten und in % der gesamten

Programmressourcen

148,61 Mio. EUR; 30 % des Programmbudgets für die

Centru-Region

Öffentliche Einrichtungen 74,30 Mio. EUR; 15,4 % des gesamten

Programmbudgets für die Centru-Region

Private Unternehmen 59,55 Mio. EUR; 12,3 % des gesamten

Programmbudgets für die Centru-Region

Alle Bevölkerungsgruppen

im Arbeitsmarkt, mit

einem besonderen Fokus

auf

erwerbstätige

Migranten

und

Jugendlichen

Alle Bevölkerungsgruppen

im Arbeitsmarkt

Geringqualifizierte, die in

verarmten

Gemeinschaften leben, mit

Lernschwierigkeiten oder

Lernbehinderungen;

Alleinerziehende, schwarze

oder

ethnische

Minderheiten, ältere

Arbeitnehmer (50+)

Menschen

ohne

Ausbildung, Menschen,

deren Muttersprache nicht

Englisch ist, ältere

Arbeitnehmer (50+),

Insgesamt wurden 18 961 137 EUR zur Finanzierung

von Projekten im Rahmen dieser

Maßnahme aufgewendet (73 % der Ressourcen für

Lincolnshire im Rahmen von PA2).

27 % der Lincolnshire im Rahmen von PA2

zugeteilten Ressourcen wurden zur Finanzierung von

sechs Projekten im Rahmen dieser

Maßnahme aufgewendet.

Insgesamt 238 931 EUR wurden für die Finanzierung

dieser Maßnahme in Lincolnshire aufgewendet (45 %

wurden vom ESF bereitgestellt). Dies entspricht

12 % der Ressourcen für Lincolnshire.

Insgesamt 597 332 EUR wurden für die Finanzierung

dieser Maßnahme in Lincolnshire aufgewendet, von

denen 45 % vom ESF bereitgestellt wurden. Dies

entspricht 29 % der Ressourcen für Lincolnshire.

150


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

____________________________________________________________________________________________

Maßnahme

(Programm)

ESF Prioritätsachse II des

OP II

ESF (OP Entwicklung der

Humanressourcen 2007-

2013)

ESF (OP zur Entwicklung

der Humanressourcen

2007-2013)

(OP zur Förderung des

Zusammenhalts für 2007-

2013)

Hauptsächliche Art der

Intervention (Infrastruktur,

Unterstützung von

Unternehmen, soziale

Dienstleistungen, Sonstiges)

Aus- und Fortbildung,

Kapazitätenaufbau

Information und Beratung;

Forschung

Kinderbetreuungsdienstleistungen

aktive Arbeitsmarktmaßnahmen

(Aus- und Fortbildung)

Infrastruktur

(Diagnoseausrüstung)

Thematischer

Schwerpunkt

(aktives Altern,

Wiederbelebung/Sanieru

ng städtischer und

ländlicher verödeter

Gebiete, Zuwanderung,

Fertilität usw.)

Zuwanderung

Rückläufige(s)

(erwerbsfähiges Alter)

Bevölkerung

Rückläufige(s)

(erwerbsfähiges Alter)

Bevölkerung

Fertilität

LITAUEN

Aktives Altern, Mortalität

Begünstigte

Alleinerziehende oder

Menschen

mit

Betreuungspflichten,

Menschen

aus

benachteiligten Gebieten,

ethnische Minderheiten,

Frauen,

Wanderarbeitnehmer,

Menschen

mit

Lernschwierigkeiten oder

Lernbehinderungen

Menschen

ohne

Ausbildung, Menschen,

deren Muttersprache nicht

Englisch ist, ältere

Arbeitnehmer (50+),

Alleinerziehende oder

Menschen

mit

Betreuungspflichten,

Menschen

aus

benachteiligten Gebieten,

ethnische Minderheiten,

Frauen,

Wanderarbeitnehmer,

Menschen

mit

Lernschwierigkeiten oder

Lernbehinderungen

Litauische Emigranten

Menschen mit

Betreuungspflichten

Einrichtungen des

Gesundheitswesens und

Patienten mit Herz-

Kreislauf-Erkrankungen

Mittelzuweisung

in absoluten Werten und in % der gesamten

Programmressourcen

Insgesamt 597 332 EUR wurden für die Finanzierung

dieser Maßnahme in Lincolnshire aufgewendet, von

denen 45 % vom ESF bereitgestellt wurden. Dies

entspricht 29 % der Ressourcen für Lincolnshire.

1,86 Mio. LTL (0,51 Mio. EUR) oder 0,056 % der

gesamten Programmressourcen

Die ursprünglich zugewiesenen Mittel von 17,6 Mio.

LTL (5,1 Mio. EUR) wurden reduziert.

48,4 Mio. LTL (1,46 Mio. EUR)

1,33 % der gesamten Programmressourcen

156,5 Mio. LTL (45,4 Mio. EUR)

1,51 % der gesamten Programmressourcen

151


Fachabteilung B: Struktur- und Kohäsionspolitik

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Maßnahme

(Programm)

ESF (BILDUNG (ROP –

Priorität 7)

2) Transport (ROP –

Priorität 3)

Hauptsächliche Art der

Intervention (Infrastruktur,

Unterstützung von

Unternehmen, soziale

Dienstleistungen, Sonstiges)

Infrastruktur

Infrastruktur

(ROP – Priorität 8) Infrastruktur, soziale

Dienstleistungen

ESF (OP II Achse 2, „In

Beschäftigungsfähigkeit

und Anpassungsfähigkeit

der Beschäftigten

investieren“)

ESF (OP II, Achse 3,

„Chancengleichheit und

Integration im

Arbeitsmarkt fördern“

Thematischer

Schwerpunkt

(aktives Altern,

Wiederbelebung/Sanieru

ng städtischer und

ländlicher verödeter

Gebiete, Zuwanderung,

Fertilität usw.)

NIEDERSCHLESIEN (POLEN)

Zuwanderung,

Bevölkerungsrückgang,

aktives Altern

Wiederbelebung/Sanierung

ländlicher und städtischer

Gebiete,

Bevölkerungsrückgang,

Zuwanderung

Aktives Altern, Mortalität

ΜΑLTA

Allgemeine und berufliche Bildung Missverhältnis von

Qualifikationsangebot und -

nachfrage

Ausbildungsmaßnahmen,

Kapazitätenaufbau,

Studien/Forschung

Soziale Ausgrenzung

Begünstigte

Selbstverwaltungseinrichtu

ngen, akademische und

Hochschuleinrichtungen,

Nichtregierungsorganisatio

nen, sozioökonomische

Partner

Selbstverwaltungseinrichtu

ngen, ihre Gewerkschaften

und Verbände,

Unternehmer

Einrichtungen des

Gesundheitswesens, die im

öffentlichen

Gesundheitswesen tätig

sind

Alle Bevölkerungsgruppen

im Arbeitsmarkt, mit

einem besonderen Fokus

auf Ältere

Frauen mit Kindern und

andere Personen mit

abhängigen Personen,

junge Schulabgänger,

Ältere, Menschen mit

Behinderungen,

Zuwanderer,

Nichterwerbstätige, Eltern,

Erzieher, Sozialarbeiter

Mittelzuweisung

in absoluten Werten und in % der gesamten

Programmressourcen

Gemeinschaftsmittel:

99 050 316 EUR; Gesamtförderung:

120 097 658 EUR; Kofinanzierungssatz: 82,47 %

Gemeinschaftsmittel: 227 950 624 EUR; Nationaler

Beitrag: 45 512 610 EUR; Gesamtförderung:

273 463 234 EUR; Kofinanzierungssatz: 83.36%

Gemeinschaftsmittel: 52 722 970 EUR, nationaler

Beitrag: 11 888 513 EUR, Gesamtförderung:

64 611 483 EUR, Kofinanzierungssatz: 81.60%

18 542 189 EUR für 13 Projekte zugeteilt. Dieser

Betrag entspricht 14,1 % des gesamten ESF-

Budgets.

30 855 639,43 EUR für 19 Projekte zugeteilt. Dieser

Betrag entspricht 23,4 % des gesamten ESF-

Budgets.

ESF (OP II, Achse 3,

„Chancengleichheit und

Integration im

Arbeitsmarkt fördern“

Soziale

Dienstleistungen,

Kampagnen, Aus- und

Fortbildung, Studien/

Forschung

Weibliche Arbeitslose Frauen, mit einem

besonderen Fokus auf

Frauen mit kleinen Kindern

6 012 162,62 EUR für sechs Projekte zugeteilt.

Dieser Betrag entspricht 4,6 % des gesamten ESF-

Budgets.

152


Wie kann die Regional- und Kohäsionspolitik die demografischen Herausforderungen meistern?

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