Weltraumtechnik im Wohnzimmer - FAZ-Institut

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technologie & produkte

Weltraumtechnik im

Wohnzimmer

Der Nutzen der Raumfahrt für Forschung und Innovation

Von Carolin Henkenberens

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INNOVATIONSMANAGER | März 2013


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Fachmessen für Personalmanagement

gps-navigation, Wetteranalysen,

Waldbrandfrüherkennung:

kaum jemandem ist bewusst, wie

sehr entwicklungen aus der raumfahrt

unseren alltag beeinflussen. einige Beispiele.

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ob schweineschnitzel, rinderbraten oder

gemüse: tagtäglich braten millionen von

menschen weltweit ihr essen in mit teflon

auskleideten pfannen. die hitzebeständige

antihaftbeschichtung sorgt dafür, dass

hack oder gemüse nicht am pfannenboden

klebenbleiben und anbrennen. selbst

kochmuffeln gelingt damit das abendliche

spiegelei. eine fabelhafte erfindung, dank

derer nur noch bei starker unachtsamkeit

etwas daneben geht. nur eines haftet am

teflon, klebt an ihm wie ein kaugummi unter

der schulbank: immer noch hält sich

das gerücht, teflon sei eine errungenschaft

der raumfahrt. erfunden wurde teflon allerdings

schon 1938 vom us-amerikanischen

chemiker roy plunkett, als dieser

mit kältemitteln für kühlschränke experimentierte.

doch welche sogenannten spin-offtechnologien

der raumfahrt – also entwicklungen,

die ursprünglich für das all

entwickelt worden sind und nun auf der

erde verwendet werden – nutzt otto normalverbraucher

in seinem alltag?

jedes mal, wenn zum Beispiel im straßenverkehr

die Bremslichter des Vordermanns

rot aufleuchten, erinnert sich jener

normalverbraucher an die eigene Vergesslichkeit.

an diesem morgen ist er zu spät

aufgestanden, hat sich eilig in sein auto

essentiaLs

!!

raumfahrtprojekte haben immer das potential,

zu neuen technologien zu führen

!!

Wir menschen nutzen im alltag täglich

produkte, die aus der raumfahrtforschung

hervorgegangen sind, zum Beispiel navigationsgeräte

!!

die raumfahrt kann einen großen teil zum

umweltbewusstsein beitragen

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people

performance

technology

gesetzt, nachdem er im Vorbeigehen seinen

kaffee heruntergestürzt hat. das radio

im Bad blieb an diesem morgen aus. staumeldungen

samt Wettervorhersage hat er

verpasst. jetzt sitzt er im rollkragenpullover

bei 24 grad im auto und schwitzt. das

Fenster heruntergekurbelt, hofft er auf ein

wenig Fahrtwind, der bei einer durchschnittsgeschwindigkeit

von ungefähr 10

kilometern pro stunde aber ausbleibt. so

oder so ähnlich könnte es ablaufen, wenn

Berufspendler und Vielfahrer ohne moderne

Verkehrs- und Wettersatelliten und gpssysteme

auskommen müssten. ohne sie

warnt kein gutgelaunter radiomoderator

vor dem stau auf der a5 zwischen Butzbach

und rosbach. keine sanfte stimme

des navigationssystems würde uns verraten,

dass wir in 327 metern rechts und direkt

danach scharf links abbiegen müssen.

außerdem müsste man zur Wettervorhersage

Bauernregeln herauskramen – und

würde damit mit sicherheit so einige male

im regen stehen.

Fernerkundungssatelliten umkreisen seit

1957 die erde. mit dem russischen satelliten

sputnik 1 begann es, seither folgten

zahlreiche weitere. Wie sähe ein Leben ohne

diese satelliten heutzutage aus? „Wir

hätten keine genauen Wetterprognosen,

kein gps für schiffe, Flugzeuge oder autos,

keine Fernsehbilder, keine seenotrettung

und kein globales Bankgeschäft“, fasst es

ulf merbold zusammen, der 1983 als erster

westdeutscher astronaut ins Weltall flog.

Für ihn ist die kritik, raumfahrt sei verschwendetes

geld – immerhin 1,2 milliarden

euro jährlich lässt sich die Bundesregierung

die raumfahrt kosten – nicht

nachvollziehbar: „raumfahrtprojekte haben

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technoLogie & produkte

der Blick von oben auf

die erde erinnert jeden an

seine ethischen pflichten.

logien zu führen, deshalb werden die steuergelder

gut investiert.“

einer der satelliten, die in mehreren hundert

bis tausend kilometern entfernung um

die erde kreisen, ist der terrasar-X des

deutschen Zentrums für Luft- und raumfahrt

(dLr). im juni 2007 startete die mission

terrasar-X, der erste Fernerkundungssatellit,

der aus öffentlichen und privaten

geldern finanziert wird. geldgeber sind das

dLr und zu einem erheblichen teil auch die

industrie, wie beispielsweise die eads astrium

gmbh. der satellit dient daher sowohl

wissenschaftlichen als auch kommerziellen

Zwecken. die kommerzielle nutzung der

erdbilder soll das projekt zu einem selbsttragenden

machen. Wohl auch, weil die

raumfahrt stets im erklärungszwang bezüglich

ihrer Wirtschaftlichkeit steht. terrasar-X

liefert Bilder vom Verkehrsfluss auf

autobahnen und bietet aufschluss darüber,

welche straßen aufgrund von staus besser

gemieden werden sollten. polar- und umweltforschern

indes

bringt das radarsystem

erkenntnisse

über die Bewegungen

und die

abschmelzung von

eisgletschern. auch

bei naturkatastrophen

wie den Waldbränden in griechenland

und kalifornien im jahr 2007 oder einem

dammbruch in nepal im august 2008

versorgen die satellitenbilder die katastrophenhelfer

mit informationen über benutzbare

und zerstörte infrastruktur.

der Blick von oben auf die Welt, sagt ulf

merbold, lasse jedem astronauten klarwerden,

dass es eine „ethische pflicht“ gebe,

„die erde unseren nachfahren intakt zu

überlassen“. die raumfahrt könne daher

einen großen Beitrag zum umweltschutzbewusstsein

leisten. mit sensoren und algorithmen

aus der raumfahrt, die die Firma

iQ wireless gmbh aus Berlin nutzt, können

Waldbrände im Frühstadium erkannt und

gelöscht werden. die sensoren hatte das

dLr in den neunziger jahren für die 2004

gestartete „rosetta-mission“ konstruiert,

die einen kometen erforschen und hinweise

zur genese des sonnensystems liefern

soll. ein dafür entwickelter

kamerasensor kann Feuer in seiner entstehungsphase

anhand des rauchs erkennen.

„auf der grundlage dieses rauchdetektors

haben wir ein vermarktbares produkt

entwickelt“, erklärt holger Vogel, geschäftsführer

von iQ wireless. Weltweit

entstehe durch Waldbrände mehr co 2

als

durch autoabgase, sagt Vogel. neben der

Zerstörung von natur und tieren verursachen

Waldbrände erhebliche finanzielle

schäden aufgrund von aufräumarbeiten

und Wiederaufforstungen. seit 2001 überwacht

iQ wireless Wälder in Brandenburg,

mecklenburg-Vorpommern, sachsen, sachsen-anhalt

und niedersachsen, aber auch

im ausland, zum Beispiel in Litauen, australien

oder kasachstan. aus einer höhe von

38 metern machen optische sensoren

schwarz-Weiß-Bilder, auf denen der rauch

gut erkennbar ist. Bei einem Verdachtsfall

erhält ein mitarbeiter eine alarmmeldung.

„turm 27 hat Verdacht gemeldet“ steht

dann dort in roten Lettern. manchmal,

wenn nur ein Förster

mit seinem auto

für eine abgaswolke

gesorgt hat,

klickt der mitarbeiter

die Feuerwarnung

weg. im

ernstfall ruft er die

Feuerwehr. die sensorüberwachung sei um

ein Vielfaches effektiver als eine rein

menschliche Brandaufsicht, fügt Vogel an.

Für Landwirte geht es im Frühjahr, wenn

die sonne scheint, hinaus auf die Wiesen. in

nur wenigen tagen muss das hochgewachsene

gras, das kühen und pferden als Futter

dient, gemäht werden. doch die großen

rasentraktoren stellen eine gefahr dar für

die tiere, die schutz im hohen gestrüpp der

Wiese suchen. „jährlich werden rund

100.000 kitze bei der grünlandmahd getötet“,

weiß joachim reddemann, hauptgeschäftsführer

des Bayrischen jagdverbands.

Wenn das knattern des treckers näher

kommt, immer lauter wird, ducken sich die

tiere. reddemann kennt die Folgen: „sie

lassen sich förmlich von der mähmaschine

überrollen und werden in der regel furchtbar

zerhäckselt oder schwer verletzt.“ der

sogenannte Wildretter, den die Firma isa

industrieelektronik gmbh aus Weiden in

der oberpfalz gemeinsam mit dem dLr,

dem Landmaschinenhersteller claas sowie

der technischen universität münchen und

der universität hohenheim derzeit entwickelt,

soll die kitze dank eines radar- und

kamerasystems aufspüren und vor dem tod

retten. Bis dieser marktreif ist, werde es

noch mindestens bis 2015 dauern, erklärt

roland nitsche, geschäftsführender gesellschafter

der isa. eine tragbare Version des

Wildretters auf der Basis von wärmeempfindlichen

infrarotsensoren gibt es bereits

auf dem markt. kostenpunkt: 1.460 euro.

mit dem tragbaren Wildretter kann der

Landwirt das Feld ablaufen, die infrarotsensoren

nehmen die körperwärme von tieren

wahr. das beansprucht einerseits viel Zeit

und ist andererseits fehleranfällig, weil der

Wildretter auch bei maulwurfshügeln

piepst, die von der sonne erwärmt wurden.

deshalb wird an einem system geforscht,

das am traktor montiert ist und mit radar

funktioniert. das Forschungsprojekt ist bereits

mit mehreren preisen ausgezeichnet

worden und erhält 2,5 millionen euro Förderung

vom Bundesministerium für Bildung

und Forschung. tausende rehkitze und hasen

könnten in Zukunft von dieser technologie

profitieren.

doch auch wir menschen nutzen bereits

tagtäglich nebenprodukte der raumfahrt,

wie das szenario vom vergesslichen autofahrer

im stau zeigt. nach angaben der gesellschaft

für konsumforschung sieht ein

deutscher im mittel pro tag mehr als 3,5

stunden (222 minuten) fern. 3,5 stunden, in

denen wir von rundfunksatelliten, die den

ton und das Bild übertragen, abhängig sind,

selbst internet kann über satellit empfangen

werden. Wenn der autofahrer nun also

mit seinem smartphone in der hand auf der

couch entspannt und sich nebenbei im

Fernsehen die tagesschau ansieht, deren

nahost-reporter seinen Beitrag via satellit

in die hamburger Zentrale der ard geschickt

hat, gelangt die Weltraumtechnik,

ohne dass er es merkt, gleich dreifach in

sein heimisches Wohnzimmer. ! K

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