Verwandte, Freunde und Getreue - FreiDok - Albert-Ludwigs ...

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Verwandte, Freunde und Getreue - FreiDok - Albert-Ludwigs ...

Sonderdrucke aus der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

JÜRGEN DENDORFER

Verwandte, Freunde und Getreue - Adelige Gruppen in

der klösterlichen Memoria des 12. Jahrhunderts in

Bayern.

Originalbeitrag erschienen in:

Nathalie Kruppa (Hg.), Adlige – Stifter – Mönche. Zum Verhältnis zwischen Klöstern und

mittelalterlichem Adel (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 22; Studien zur

Germania Sacra 30) Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2007, S. 63-105.


Verwandte, Freunde und Getreue­

Adelige Gruppen in ,der klösterlichen Memoria

des 12. Jahrhunderts in Bayern

von

]ÜRGEN DENDORFER

An Heiligabend 1164 trafen sich in einem kleinen Ort in Oberbayern, in

Rieden am Inn, die fideles et amici des Markgrafen Engelbert 111. von Ist.rien

ct 1173) und des Grafen Gebhard 11. von Sulzbach (t 1188). Eine für die

Mitte des 12. Jahrhunderts ungewöhnliche, von beiden Adeligen ausgestellte

und von ihnen besiegelte Urkunde schildert uns den Anlaß, den Verlauf und

das Ergebnis dieser Versammlung. 1 Erbstreitigkeiten hatten die beiden

Schwäger in den Ort am Inn geführt. Die Ehe Markgraf Engelberts mit Mathilde,

einer Schwester des Grafen Gebhard von Sulzbach war kinderlos geblieben.

Nach ihrem Tod forderte ihr Bruder die Mitgift seiner Schwester

von seinem markgräflichen Schwager zurück. 2 Soweit erscheint dies wie eine

der üblichen Auseinandersetzungen des Adels um Besitzungen.

1 Die auf den 24. Dezember 1164 datierte Urkunde ist über das Archiv des Stiftes Baumburg

an der Alz auf uns gekommen. Das heute verlorene Original lag dem Druck der Urkunde im 18.

Jahrhundert zugrunde: Monumenta Baumburgensia. Diplomatarium Miscellum, in: Monumenta

Boica 2, München 1764, S.167-270, hier Nr. 9, S.189f. Im Text der Urkunde wird angekündigt,

daß diese von beiden Adeligen besiegelt werden soll. Schon im 18. Jahrhundert war aber wohl

nur noch das Siegel Graf Gebhards von Sulzbach vorhanden (vgl. Monumenta Boica 2, S.526,

Tabula 2, Nr.15). Kopial überliefert ist sie in HStA München, KL Baumburg Nr.5, f. 33v-34v.

Zu weiteren Quellen, die damit in Verbindung stehen, und zum gesamten Vorgang vgl. JÜRGEN

DENDoRFER, Adelige Gruppenbildung und Königsherrschaft. Die Grafen von Sulzbach und ihr

Beziehungsgeflecht im 12. Jahrhundert (Studien zur bayerischen Verfassungs- und Sozialgeschichte

23) München 2004, S. 116-120.

2 Monumenta Baumburgensia (wie Anm. 1) Nr.9, S. 189: De/uncta igitur prefata Marchionissa

frater ipsius Comes Gebehardus a Mareh ione postulabaty ut in omnibus que sororis sue /ueranty ius hereditarium

sibi recognosceret. Zur erb rechtlichen Grundlage dieser Forderung, wonach die Mitgift

der Frau nach kinderloser Ehe an ihre Familie zuriickfallen kann, vgl. RICHARD SCHRÖDER,

Geschichte des ehelichen Güterrechts in Deutschland 2,1, Stettin 1868, S. 193-198, nach dem

sich die "freie Verfügungsgewalt des Mannes über die Heimsteuer nach dem Tode der Frau ...

erst im Laufe des 13.Jahrhunderts ausgebildet" hat (S. 194).


64 ]ÜRGEN DENDORFER

Erstaunlicher ist da der Weg, den der Graf von Sulzbach und der Markgraf

von Istrien zur Beilegung ihres Streits einschlugen. Nachdem der Markgraf

die Forderung des Sulzbachers einige Zeit ignoriert hatte, rief dieser zu

einem festgesetzten Termin ihre fideles et amici zusammen. 3 Dem Urteil besonnener

Männer beider Seiten, so die Urkunde, unterwarf sich auch der

Markgraf. 4 Gegen eine Geldzahlung überließ er das Erbrecht an den Besitzungen

seiner Frau dem Grafen von Sulzbach. Dieser wiederum verzichtete

auf alle jene Güter, die Mathilde in ihrem TestamentS für ihr Seelenheil bestin1mt

hatte. 6 Der Konflikt wurde also durch eine konsensuale Entscheidung

im Rat der fideles et amici des Grafen von Sulzbach und des Markgrafen

von Istrien gelöst. Die eng ineinander verwobenen Besitzungen beider

Familien in Oberbayern und die durch mehrere Konnubia zwischen den

Sulzbachern und den sog. Spanheim-Ortenbergern, der Familie des Markgrafen

Engelbert,7 begründeten, sich überlappenden Verbindungen der Gefolgschaften

legten eine Entscheidungsfindung in diesem Rahmen nahe. 8

Einmal mehr zeigt sich, daß konsensuale Herrschaftsformen nicht nur das

3 Monumenta Baumburgensia (wie Anm.1) Nr.9, S.189: ... Quod dum ad tempus MarchioJacere

dissimularet, die statuta fideles et amicos suos uterque convocaverat, quibus mediantibus hunc

tandem finem res eadem accepit.

4 Monumenta Baumburgensia (wie Anm.1) Nr.9, S.189: Consulentibus sane utrique parti viris

prudentibus sepe dictus Marchio ius hereditarium in uxoris sue possessionibus publica voce Comiti, ut

postulaverat, recognovit, et ne quid remaneret ambigui, ipsas possessiones eidem Comiti usufructu

dumtaxat sibi retento propria manu delegavit.

5 Die Urkunde spricht zum einen von Schenkungen, die Mathilde pro anima sua an Kirchen

geschenkt hatte und zum anderen von denen, die sie in extremo testamento donari disposuerat.

Monumenta Baumburgensia (wie Anm.1) Nr.9, S. 189.

6 Monumenta Baumburgensia (wie Anm.1) Nr.9, S.189: Comes e converso centum libras Ratisbonensis

monete Marchioni solvens, cunctis que preJata soror eius pro anima sua Ecclesiis donaverat,

vel extremo testamento donari disposuerat, rite renunciavit, omnemque scrupulum de medio tollens

hec eadem ad complendum de/uncte sororis arbitrium in manu Marchionis fide legavit.

7 Zu diesem in seiner Bedeutung für die hochmittelalterliche Geschichte des Reiches und

Bayern noch nicht adäquat gewürdigten Geschlecht vgl. vor allem die Studien von Friedrich

Hausmann und Heinz Dopsch. Das Archiv der Grafen von Ortenburg. Urkunden der Familie

und Grafschaft Ortenburg (in Tambach und München) 1: 1142-1400, hg. v. FRIEDRICH HAUS­

MANN (Bayerische Archivinventare 42) Neustadt 1984; DERs., Die Grafen von Ortenburg und

ihre Vorfahren im Mannesstamm, die Spanheimer in Kärnten, Sachsen und Bayern, sowie deren

Nebenlinien, in: Ostbayerische Grenzmarken 36 (1994) S.9-62; HEINZ DOPscH, Die Gründer

kamen vom Rhein. Die Spanheimer als Stifter von St. Paul, in: Schatzhaus Kärntens. Landesausstellung

St. Paul1991. 900 Jahre Benediktinerstift 2: Beiträge, Klagenfurt 1991, S.43-67.

8 Diese enge Verklammerung beider Geschlechter ist eines der Ergebnisse meiner Studie über

die Grafen von Sulzbach. DENDoRFER, Adelige Gruppenbildung (wie Anm. 1) passim und S. 81-

86, S.102-106, S. 133-141.


Verwandte, Freunde und Getreue 65

Verhältnis von König und Fürsten, sondern auch von Adeligen und ihrem

Gefolge prägten. 9

Diese Verschriftlichung der Konfliktlösung im Kreise der fideles et amici

ist aber noch aus weiteren Gründen bemerkenswert. Zum einen nahmen die

in Rieden versammelten Adeligen alle von Mathilde in extremo testamento

für ihr Seelenheil gestifteten Güter vom Erbgang aus. Sie erkannten also ihre

Verfügungsgewalt über einen umfangreichen "Freiteil" an, womit diese Vergabungen

entwicklungsgeschichtlich auf dem Weg von den Schenkungen pro

remedia animae des früheren Mittelalters hin zu den im 13. Jahrhundert einsetzenden

Testamenten stehen. lo In diesem Zusammenhang nun nennt die

Urkunde von 1164 zunl anderen alle Klöster und Stifte, an die Mathilde geschenkt

hatte, namentlich. ll Sie ist damit eines der ganz seltenen Beispiele

9 BERND SCHNEIDMÜLLER, Konsensuale Herrschaft. Ein Essay über Formen und Konzepte

politischer Ordnungen im Mittelalter, in: Reich, Regionen und Europa in Mittelalter und Früher

Neuzeit. Festschrift für Peter Moraw, hg. v. PAUL-JOACHIM HEINIG, SIGRID JAHNS, HANS­

JOACHIM SCHMIDT, RAINER CHRISTOPH SCHWINGES, SABINE WEFERS (Historische Forschungen

67) Berlin 2000, S. 53-87; DERs., Zwischen Gott und den Getreuen. Vier Skizzen zu den Fundamenten

der mittelalterlichen Monarchie, in: Frühmittelalterliche Studien 36 (2002) S.193-224.

10 Diese Entwicklung hat die rechtsgeschichtliche Forschung herausgearbeitet. Der vom Erbgang

ausgenommene Freiteil konnte für Schenkungen zum Seelenheil verwendet werden. Die

nach und nach erweiterte Verfügungsgewalt des Erblassers über Schenkungen zum Seelenheil

war einer der Wege, der zur Testierfreiheit führte. Vgl. dazu zusammenfassend mit älterer Literatur:

WERNER OGRIS, Freiteil, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte 1, Berlin

1971, hier Sp. 1249-1251. Entstehung des Testaments im benachbarten Österreich ist immer

noch wichtig die quellen orientierte Studie von ROBERT BARTSCH, Seelgerätsstiftungen im XIV.

Jahrhundert. Ein Beitrag zur Geschichte des Testaments in Österreich, in: Festschrift für Karl

von Amira. Zu seinem sechzigsten Geburtstage gewidmet von seinen Schülern, Berlin 1908, S. 1-

58. Zur europäischen Entwicklung von den Seelenheilschenkungen hin zum Testament die Beiträge

in: Actes a cause de m ort/ Actes of Last Will, Deuxieme partie: Europe medievale et modeme

(Recueils de la Societe Jean Bodin pour l'histoire comparative des institutions LX) Bruxelles

1993. An Einzelstudien sei für das 8./9. Jahrhundert die Arbeit von BRIGI1TE KASTEN, Erbrechtliche

Verfügungen des 8. und 9. Jahrhunderts. Zugleich ein Beitrag zur Organisation und

zur Schriftlichkeit bei der Verwaltung adeliger Grundherrschaften am Beispiel des Grafen Heccard

aus Burgund, in: Zeitschrift für Rechtsgeschichte. Germ. Abt. 107 (1990) S.236-338; für

das 12. Jahrhundert CORNELIS MARINUS CAPPON, Eine donatio post obiturn mit Treuhändern:

die Schenkung von Dietrich von Ulft zugunsten des Klosters Camp. Aspekte der Vorgeschichte

des Testaments in den Niederlanden (um 1138), in: Zeitschrift für Rechtsgeschichte.

Germ. Abt. 112 (1995) S.245-270, genannt.

11 Monumenta Baumburgensia (wie Anm. 1) Nr.9, S. 189f: Nomina vero eorum 7

que sicut diximus

Ecclesiis donata sunt 7

subtus annotavimus. Ecclesie sancti Ruodberti Salzeburch dimidium mansum

Berge. Ecclesie Berchtesgadiensi Egeningin cum suis pertinentiis et in /onte Hallensi quintam

partem in Galg0 7

qui Pherntagare nominatur. Baumburgensi octavam partem in Affere 7

qui vocatur

Innerpherntagare 7

et mansum in loc0 7

qui Holze vocatur, alium etiam mansum ad hospitale eiusdem

loci in monte Racenberch situm. Ecclesie Chiemensi octavam partem in predicto Afferes et in loco Pie-


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aus dem Bayern des 12. Jahrhunderts, das mit großer Wahrscheinlichkeit

alle Schenkungen einer Adeligen pro remedia animae anführt.

Ohne die Unwägbarkeiten der Überlieferung in den jeweiligen Klöstern

und Stiften ermöglicht sie so einen umfassenden Blick auf die Orte der liturgischen

Memoria einer Adeligen des 12. Jahrhunderts. Dieser glückliche

LTberlieferungszufall erlaubt Fragen, die sonst nicht oder nur mit großer

Vorsicht zu stellen wären: An welche Klöster und Stifte schenkte Mathilde?

Lassen sich Beweggründe für die Wahl genau dieser geistlichen Institute erschließen?

Und da Karl Schmid,12 OttoGerhard Oexle 13 oder Gerd Althoff

14 die zentrale Bedeutung der Memoria für die Konstitution adeliger

Gruppen vom agnatisch verfestigten Adelsgeschlecht im engeren Sinne bis zu

zingin eurtem villieam~ et duos mansus~ et sagenam eum agris ad ipsam pertinentibus. Ad hospitale

eiusdem loei mansum in Ahtale. Monasterio Castellensi oetavam partem in iam dicto Ajfere et mansum

in loeo~ qui Huobe dieitur. Monasterio Rettenhasela eurtem villieam et molendimum in loeo qui

Holzhusen appellatur. Monasterio Sewensi viginti mansos de sylva~ que Bamelbaeh voeatu~ Monasterio

Monalium Chiemesse partem~ quam habebat in ponte Sebrukke~ Monasterio saneti Georgii in

lntal mansum in loeo~ qui Mosen appellatur. Eeclesie Plebesane Chiemingin dimidium mansum in

eadem villa situm. Predium Chunigestat~ eui Marehio voluerit~ eodem modo tradendi habeat potestatem.

12 Vgl. die Sammlung einschlägiger Aufsätze von KARL SCHMID, Gebetsgedenken und adeliges

Selbstverständnis im Mittelalter. Ausgewählte Beiträge, Sigmaringen 1983; sowie die posthume

Veröffentlichung seiner Habilitationsschrift mit der forschungsgeschichtlichen Einordnung

von Thomas Zotz und Dieter Mertens: DERS., Geblüt, Herrschaft, Geschlechterbewußtsein.

Grundfragen zum Verständnis des Adels im Mittelalter (Vorträge und Forschungen 46)

Sigmaringen 1998.

13 Vgl. von den zahlreichen Schriften Otto Gerhard Oexles, die unterschiedlichste Facetten

der "Memoria" beleuchten, hier nur die Studien zur im engeren Sinne "adeligen" Memoria, inbesondere

zur welfischen "Hausüberlieferung". Orro GERHARD OEXLE, Memoria und Memorialüberlieferung,

in: Frühmittelalterliche Studien 10 (1976) S.70-95; DERS., Welfische und staufische

Hausüberlieferung in der Handschrift Fulda D 11 aus Weingarten, in: Von der Klosterbibliothek

zur Landesbibliothek. Beiträge zum 300jährigen Bestehen der Hessischen Landesbibliothek

Fulda, hg. v. ARTUR BRALL (Bibliothek des Buchwesens 6) Stuttgart 1978, S. 203-231;

DERS., Adeliges Selbstverständnis und seine Verknüpfung mit dem liturgischen Gedenken - das

Beispiel der Welfen, in: Zeitschrift für die Geschichte der Oberrheins 134 (1986) S.47-75;

DERS., Die Memoria Heinrichs des Löwen, in: Memoria in der Gesellschaft des Mittelalters, hg.

v. DIETER GEUENICH, Orro GERHARD OEXLE (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für

Geschichte 111) Göttingen 1994, S.128-177; DERS., Welfische Memoria. Zugleich ein Beitrag

über adelige Hausüberlieferung und die Kriterien ihrer Erforschung, in: Die Welfen und ihr

Braunschweiger Hof im hohen Mittelalter, hg. v. BERND SCHNEIDMÜLLER (Wolfenbütteler Mittelalter-Studien

7) Wiesbaden 1995, S.61-94.

14 GERD ALTHoFF, Verwandte, Freunde und Getreue. Zum politischen Stellenwert der Gruppenbindungen

im früheren Mittelalter, Darmstadt 1990; DERS., Amicitiae et pacta. Bündnis, Einung,

Politik und Gebetsgedenken im beginnenden 10. Jahrhundert (MGH Schriften 37) Hannover

1992.


Verwandte, Freunde und Getreue 67

weitgespannten Freundschaftsbündnissen erkannten, drängt sich eine weitere

Frage geradezu auf: Spiegeln sich in der Auswahl der Memorialorte der Markgräfin

Mathilde auch Gruppenbindungen ihres Adelsgeschlechts wieder?

Im Folgenden soll diesen Fragen an vier gut dokumentierten Stiftungen

pro remedio animae aus dem Bayern des 12. Jahrhundert nachgegangen werden.

Davon bieten zwei die seltene Möglichkeit, alle Schenkungen einer

bzw. eines Adeligen nachzuvollziehen.

Kehren wir nach Rieden am Inn und zur dort beurkundeten Stiftung der

Markgräfin Mathilde zurück. Markgraf Engelbert und Graf Gebhard überließen

nicht weniger als elf größeren und kleineren geistlichen Institutionen

die ihnen von Mathilde zugedachten Schenkungen (Karte I). Welche Kriterien

lassen sich nun für die Auswahl der bewidmeten Institutionen erkennen?

Lagen ihr nicht näher erkennbare Beziehungen zwischen der Stifterin und

dem beschenkten Abt oder Propst und seinem Konvent zugrunde? War es

gar - wie für das spätere Mittelalter bereits vermutet wurde - das Bemühen,

durch eine möglichst breite Auswahl von Klöstern und Stiften verschiedenste,

auch konkurrierende geistliche Reformbewegungen, etwa Augustinerchorherren

und Zisterzienser, zu berücksichtigen?15 Beide Möglichkeiten

sind nicht auszuschließen, allein schlüssig erklären sie die breite Streuung

der Stiftungen nicht. Denn warunl schenkte die Markgräfin an das ferne

Kloster Kastl auf dem bayerischen Nordgau, in der heutigen Oberpfalz,

ebenso wie an Stifte und Klöster im Chiemgau, an das Domkapitel von Salzburg

oder an das Augustinerchorherrenstift Berchtesgaden? Die Vermächtnisse

an die beiden am weitesten vom Herrschaftsgebiet des Markgrafen Engelbert

von Istrien entfernt liegenden Klöster bieten einen ersten Anhaltspunkt.

Das Kloster Kastl war eine Gründung der Grafen von, Sulzbach, des

Geschlechts, aus dem Mathilde stammte. 16 Ihr Bruder, Graf Gebhard 11.,

hatte die Vogtei über das Kloster inne. 17 Auch das Stift Berchtesgaden, wiederum

eine Gründung des Vaters der Mathilde, bevogtete ihr Bruder. 18 Bei-

15 So z. B. MRL-HEINZ SPIESS, Liturgische Memoria und Herrschaftsrepräsentation im nichtfürstlichen

Hochadel des Spätmittelalters, in: Adelige und bürgerliche Erinnerungskulturen des

Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit, hg. v. WERNER RÖSENER (Formen der Erinnenmg 8)

Göttingen 2000, S. 97-123, hier vor allem S.108-110; NATHALIE KRuPPA, Kloster, Adel und Memoria

an der Oberweser, in: Stupor Saxoniae inferioris. Ernst Schubert zum 60. Geburtstag, hg.

v. WIARD HINRICHS, SIEGFRIED SCHÜTZ, ]ÜRGEN WILKE (Göttinger Beiträge zur Geschichte,

Kunst und Kultur des Mittelalters 6) Göttingen 2001, S. 33-50, hier S. 49.

16 Zur Geschichte des Klosters immer noch MRL BOSL, Das Nordgaukloster Kastl. Gründung,

Gründer, Wirtschafts- und Geistesgeschichte, in: Verhandlungen des Historischen Vereins

fHr Oberpfalz und Regensburg 89 (1939) S. 3-188.

17 DENDoRFER, Adelige Gnlppenbildung (wie Anm. 1) S. 296 f.

18 STEFAN WEINFURTER, Die Gründung des Augustiner-Chorherrenstiftes - Reformidee und


68

]ÜRGEN DENDORFER

Karte 1:

Von Markgräfin Mathilde

pro remedio allimae

beschenkte

Klöster, Stifte und Kirchen

• Burg der Spanheim-Ortenberger

... Kloster / stin

.. Pfarrkirche

8 Orielltierungsort

Karle: U/lKoppilz ! u/(koppilz@l-oll/ille. de

Marquartstcin

Salzach

o

Maßstab

25 50 km

Abb.1: Von Markgräfin Mathilde pro remedio animae beschenkte Klöster, Stifte und Kirchen.

de Schenkungen gingen also an von den Grafen von Sulzbach gegründete

geistliche Institutionen, die immer noch unter deren Vogtei standen.

Führt uns diese Berücksichtung des herrschaftlichen Kontextes des bedachten

Klosters, der Blick auf die an seiner Gründung beteiligten Adeligen

und auf das Vogtsgeschlecht weiter? Nach diesem Kriterium gesichtet, er-

Anfänge der Regularkanoniker in Berchtesgaden, in: Geschichte von Berchtesgaden 1, hg. v.

WALTER BRUGGER, HEINZ DOPSCH, PETER F. KRAMML, Berchtesgaden 1991, S.229-264. Zur

Vogtei der Sulzbacher DENDORFER, Adelige Gruppenbildung (wie Anm. 1) S. 297 f.


Verwandte, Freunde und Getreue 69

schließen sich die Stiftungen der Markgräfin Mathilde am plausibelsten. Das

Kloster Seeon bevogtete eine Seitenlinie der Spanheim-Ortenberger, die

Grafen von Lebenau, 19 zudem war dieses Grablege des Schwiegervaters der

Mathilde. 20 Wenn Markgräfin Mathilde an das Salzburger Domkapitel

schenkte, dann übten hierüber wieder die Lebenauer die Vogtei aus. 21 Die

Vogtei über das Stift Baumburg, in das die Markgräfin als Konversin eingetreten

war, hatte ihr Mann Markgraf Engelbert inne. 22 Die beschenkte

Pfarrkirche von Chieming lag in seinem Herrschaftsbereich. St. Georgenberg

iln Inntal dagegen stand möglicherweise unter der Vogtei der Grafen

von Wolfratshausen, der Familie ihrer Mutter. 23 Der größte Teil der Schenkungen

der Mathilde ging also an geistliche Institutionen, die ihren kognatischen

und agnatischen Verwandten nahestanden, und über die sie Vogteirechte

besaßen. Die Markgräfin ließ dabei in diesen sieben Klöstern, Stiften

und Kirchen für ihr Seelenheil beten, ohne daß sie eine Institution durch eine

besonders umfangreiche Stiftung mehr als die anderen zur Memoria verpflichtete.

24 Diese überraschende Beobachtung wirft die Frage auf, ob dieses

Phänomen mit den gängigen Ansätzen zur Deutung adeliger Memoria im

12. Jahrhundert erklärbar ist. Denn diese beschränken sich im wesentlichen

auf das "Hauskloster" -Konzept. Ein von einem Adelsgeschlecht selbst gegründetes

Kloster, dessen Vogtei über Generationen in agnatischer Linie

19 HEINZ DOPscH, Die Grafen von Lebenau (ca. 1130-1229). Bescheidener Zweig einer grossen

Dynastie, in: Hochmittelalterliche Adelsfamilien in Altbayern, Franken und Schwaben, hg.

v. FERDINAND KRAMER, WILHELM STÖRMER (Studien zur bayerischen Verfassungs- und Sozialgeschichte

20) München 2005, S. 509-537, hier S. 522 f.

20 DOPscH, Grafen (wie Anm. 19) S. 523.

21 DOPscH, Grafen (wie Anm. 19) S. 522.

22 MARTIN JOHANNES WALKO, Die Traditionen des Augustiner-Chorherrenstifts Baumburg an

der Alz (Quellen und Erörterungen zur bayerischen Geschichte NF 44,1) München 2004,

S. 71 *f.

23 Die in den Urkunden des Klosters belegbaren Beziehungen des Klosters zur laienadeligen

Umwelt deuten auf starken Einfluß der Grafen von Andechs und ihrer Ministerialen hin. Die

älteren Beziehungen St. Georgenbergs zu Tegernsee könnten auf früheren herrschaftlichen

Einfluß der Grafen von Wolfratshausen verweisen, deren Erben die Andechser waren. Vgl.

DENDoRFER, Adelige Gruppenbildung (wie Anm. 1) S. 119 mit Anm. Belege für die andechsische

Präsenz in St. Georgenberg: Die Regesten der Urkunden der Benediktinerabtei St. Georgenberg-Fiecht

vom 10. Jahrhundert bis 1300, bearb. v. CHRISTIAN FORNWAGNER nach Vorarbeiten v.

HANNS BACH MANN (Tiroler Geschichtsquellen 27) Innsbnlck 1989, hier etwa Nr. 8, S. 11 f.

24 In annähernd gleicher Größenordnung beschenkte Mathilde die Stifte Berchtesgaden,

Baumburg und Herrenchiemsee, sowie die Klöster Kastl und Raitenhaslach, vielleicht noch Seeon.

Deutlich kleinere Besitzungen, mitunter nur im Umfang von einer oder einer halben Hufe,

gingen dagegen an die Kirche von Salzburg, das Kloster Frauenchiemsee, St. Georgenberg im

Inntal und die Pfarrkirche in Chieming. Vgl. Monumenta Baumburgensia (wie Anm.1) Nr.9,

S.189f.


70 jÜRGEN DENDORFER

weitergegeben wurde, dient danach als Grablege und Zentrum der Memoria

eines Geschlechts. Ja, nach Karl Schmid ist dieser Memorialzusammenhang

sogar entscheidend für die Ausbildung des agnatisch verdichteten Adelsgeschlechts.

25 Und obwohl Schmids Thesenbildung immer wieder heftig widersprochen

wird, behauptet das "Hauskloster" -Konzept gerade in empirisch

ausgerichteten Studien eine meist kaum differenzierte Deutungshoheit für

die Memoria eines Adelsgeschlechts. Das ist sicher zum Teil berechtigt, da

die Memorialstiftung an ein Kloster, die Grablege der Vorfahren, meist unweit

des Stammsitzes gelegen, eine Realität adeliger Memorialpraxis bildet.

Allein eben nur eine Realität, der andere an die Seite zu stellen wären. In den

Schenkungen der Markgräfin Mathilde zumindest läßt sich kaum ein Unterschied

zwischen den an Berchtesgaden, Baumburg, Herrenchiemsee, Kastl,

Seeon und Raitenhaslach vermachten Güter erkennen. An ihre Herkunft erinnern

dabei die Schenkungen an Kastl, Berchtesgaden und St. Georgenberg,

an die Familie ihres Mannes die an Seeon und Baumburg. Bei den

Spanheiln-Ortenbergern wäre es zudem überhaupt schwierig, entscheiden zu

müssen, wo das Hauskloster bzw. -stift der Familie liegt. 26

Doch Mathilde stiftete nicht nur an Klöster, deren Vogtei Verwandte hatten.

Bei einer zweiten Gruppe von Klöstern erschließen sich die Zusammenhänge

zwischen den Markgrafen von Istrien und den jeweiligen Vogtsfamilien

nicht auf Anhieb. So erhielten die Zisterze Raitenhaslach 27 ebenso wie

das Stift Herrenchiemsee 28 oder das Kloster Frauenchien1see 29 Güter der

Markgräfin. Alle drei Klöster standen Grafengeschlechtern nahe, bei denen

verwandtschaftliche Beziehungen zu den Spanheim-Ortbergern oder Sulzbachern

in1 12. Jahrhundert nicht belegbar sind. Vogt des Stiftes Herren-

25 Dazu WERNER HECHBERGER, Adel im fränkisch-deutschen Mittelalter. Zur Anatomie eines

Forschungsproblems (Mittelalter-Forschungen 17) Ostfildem 2005, S. 307 -311.

26 Vom von den rheinischen Anfängen des Geschlechts und dem Kloster in Sponheim zu

schweigen, bieten sich all eine im Südosten des Reiches St. Paul im Lavanttal, Rosazzo in Friaul

(DOPSCH, Gründer [wie Anm. 7J S. 52), oder für die oberbayerischen Vertreter Baumburg, See on

bzw. für die Linie der Grafen von Ortenberg St. Nikola vor Passau oder die Grablege am Passauer

Dom an. Am ehesten trägt das klassische Hausklostermodell noch für St. Paul im Lavanttal.

Doch gerade prominente Vertreter des Geschlechts in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts

liegen hier nicht begraben.

27 Monumenta Baumburgensia (wie Anm. 1) Nr.9, S. 190: Monasterio Rettenhasela curtem villicam

et molendinum in loco qui Holzhusen appellatur.

28 Monumenta Baumburgensia (wie Anm. 1) Nr.9, S. 190: Ecclesie Chiemensi octavam partem

in predicto A./feres et in loeo Piezingin curtem villicam~ duos mansos~ et sagenam cum agris ad ipsam

pertinentibus. Ad hospitale eiusdem loci mansum in Ahtale.

29 Monumenta Baumburgensia (wie Anm. 1) Nr.9, S. 190: Monasterio Monialium Chiemesse

partem~ quam habebat in ponte Sebrukke.


Verwandte, Freunde und Getreue 71

chiemsee war Graf Sigboto IV. von Neuburg-Falkenstein. 30 Immer wieder

erscheint er in den Zeugenlisten oberbayerischer Traditionsnotizen zusammen

mit dem Gatten Mathildes, Markgraf Engelbert von Istrien. 31 Die landesgeschichtliche

Forschung hat gelernt, die Schenker- und Zeugenkonstellationen

in der reichen bayerischen Privaturkundenüberlieferung des 12.

Jahrhunderts methodisch gesichert zu deuten. 32 Wiederholtes Auftreten eines

Adeligen als Zeuge der Schenkungen eines anderen Adeligen ist danach

untrügliches Zeichen einer Nähe zum Schenker. Sie kann bei annähernder

Gleichrangigkeit von "Freundschaft" zeugen, vor allem bei edelfreien und

ministerialischen Zeugen, aber auch von einer herrschaftlich definierten Abhängigkeit.

Den Grafen Sigboto von Neuburg-Falkenstein nennt nun sogar

die Zeugenliste der Urkunde, die den Ausgleich des Jahres 1164 überliefert.

Eine Versammlung der fideles et amici des Markgrafen von Istrien und des

Grafen von Sulzbach fällte das Urteil über das Erbe der Mathilde, so war zu

lesen. Unter den Zeugen der Urkunden sind nun diese fideles et amici beider

Adeliger zu finden. 33 Graf Sigboto war sowohl ihr fidelis als auch amicus,

wie sich in verschiedenen Kontexten zeigt. Wenn Markgräfin Mathilde das

Stift Herrenchien1see bedachte, so gab sie an ein Stift, das einem "Freund"

ihrer Familie unterstand. Wiederholt finden sich auch die Grafen von

Plain,34 Vögte des Klosters Frauenchiemsee,35 wieder gemeinsam mit dem

30 Zur Vogtei vgl. Codex Falkensteinensis. Die Rechtsaufzeichnungen der Grafen von Falkenstein,

bearb. v. ELISABETH NOICHL (Quellen und Erörterungen zur bayerischen Geschichte

NF 29) München 1978, Nr. 107, S. 70 f.

31 Das ließe sich an zahlreichen Traditionsbüchern des Chiemgaus nachweisen. Vgl. hier nur

die besonders aussagekräftigen Nachweise aus dem Codex Falkensteinensis (wie Anm.30)

Nr.114, S.77f.; Nr.118a, S.83-85; Nr.120, S.86f., Nr.133, S.99-101.

32 Grundlegend RICHARD LOIBL, Der Herrschaftsraum der Grafen von Vornbach und ihrer

Nachfolger. Studien zur Herrschaftsgeschichte Ostbayerns im hohen Mittelalter (Historischer

Atlas von Bayern, Teil Altbayern II,5) München 1997, S. 55-70 und passim, DENDoRFER, Adelige

Gruppenbildung (wie Anm. 1) S. 156-182.

33 Dies legt schon die Einleitung der Zeugenliste der Urkunde von 1164, die mit den Worten

Horum omnium testes sunt~ ab utroque Principe per aurem tracti beginnt, nahe. Monumenta Baumburgensia

(wie Anm. 1) Nr.9, S. 190.

34 Zu diesem Grafengeschlecht HEINZ DOPscH, Salzburg im Hochmittelalter, in: Geschichte

Salzburgs. Stadt und Land 1,1: Vorgeschichte - Altertum - Mittelalter, hg. v. DEMs., Salzburg

21983, S.229-436, hier S. 364; HELGA REINDEL-SCHEDL, Laufen an der Salzach. Die alt-salzburgischen

Pfleggerichte Laufen, Staufeneck, Teisendorf, Tittmoning und Waging (Historischer

Atlas von Bayern, Teil Altbayern 55) München 1989, S.225-259.

35 Die Überlieferung zur Geschichte des Klosters Frauenchiemsee im 12. Jahrhundert beschränkt

sich auf wenige Zeugnisse. Vgl. dazu WILHELM STÖRMER, Das monasterium puellarum

Frauenchiemsee 866 bis 1200, in: Kloster Frauenchiemsee 782-2003. Geschichte, Kunst, \"Xfirtschaft

und Kultur einer altbayerischen Benediktinerinnenabtei, hg. v. WALTER BRUGGER, MAN­

FRED WEITLAUFF, Weißenhorn 2003, S.57-86, hier S.79-81. 1125 wird ein Graf Liutold von


72 J ÜRGEN DENDORFER

istrischen Markgrafen im Gefolge der Salzburger Erzbischöfe. 36 Etwas

schwieriger allerdings ist der Hintergrund der Schenkung an die Zisterze

Raitenhaslach zu deuten. 37 Von Erzbischof Konrad 1. von Salzburg gegründet,

war die Zisterze bischöfliches Eigenkloster Salzburgs. Die zisterzienische

Reserve gegenüber adeligen Vögten führte auch hier dazu, daß das Kloster

ohne Vogt blieb. Zum Zeitpunkt der Schenkung Mathildes förderten jedoch

die Grafen von Burghausen 38 das Kloster. 39 War Raitenhaslach auch

nicht die Grablege der Grafen wie eine spätere Quelle wissen will,40 so übte

Plain genannt (STÖRMER, S.79), noch nach 1154 hatte Graf Heinrich von Plain die Vogtei inne.

Vgl. Codex traditionum Augiensium, hg. v. JOHANN MAYERHOFER, in: Drei Bayerische Traditionsbücher

aus dem XILJahrhundert, hg. v. HANS PETZ, HERMANN GRAUERT, JOHANN MAYERHO­

FER, München 1880, S.87-152, hier Nr.105, S.108f. Die Datierung der Traditionsnotiz von

Mayerhofer ,,1145" ist erst mit "nach 1154" anzusetzen, da die Vorgängerin der erwähnten Äbtissin

zuletzt 1154 belegt ist. Vgl. LUOWIG HOLzFuRTNER, Die Äbtissinnen des Klosters Frauenchiemsee

von der Gründung bis zum Jahre 1529, in: Kloster Frauenchiemsee (wie oben) S.687-

690, der allerdings diesen Beleg aus Au nicht kennt. Graf Heinrich von Plain ist auch noch um

1180 Vogt von Frauenchiemsee vgl. NOICHL, Codex Falkensteinensis (wie Anm.30) Nr.156,

S.134.

36 Eine eingehende Untersuchung des Umfelds der Spanheim-Ortenberger in Oberbayern

steht noch aus und würde eine eigene Studie rechtfertigen. Die Nähe der Grafen von Plain zu

Markgraf Engelbert IH. kam dadurch zustande, daß beide Adelsgeschlechter für den Salzburger

Erzbischof Vogteiherrschaft ausübten. Dies führte zum gemeinsamen Auftreten im Umfeld des

Erzbischofs. Direktere Beziehungen zwischen beiden Geschlechtern sind beim derzeitigen Forschungsstand

nicht zu erkennen. V gl. als Belege Salzburger Urkundenbuch 2. Band. Urkunden

von 790-1199, gesammelt und bearbeitet von WILLIBALO HAuTHALER, FRANZ MARTIN, Salzburg

1916, Nr.149a/b, S.226f.; Nr.237, S.340-342; Nr.251, S.360-362; Nr.268b, S.380.

37 Zu Raitenhaslach: CLAUOIA SCHWAAB, Altötting. Das Landgericht Neuötting, das Stadtgericht

Burghausen und die Gerichte Wald und Leonberg-Marktl (Historischer Atlas von Bayern,

Teil Altbayern 63) München 2005, S. 208-230; EOGAR KRAUSEN, Die Zisterzienserabtei Raitenhaslach

(Germania Sacra NF 11, Die Bistümer der Kirchenprovinz Salzburg 1) Berlin/New

York 1977.

38 Zu den Grafen von Burghausen SCHWAAB, Altötting (wie Anm. 37) S.152-164, mit älterer

Literatur.

39 KARLHEINRICH DUMRATH, Die Traditionsnotizen des Klosters Raitenhaslach (Quellen und

Erörterungen zur bayerischen Geschichte NF 7) München 1938, Nr.4, S. 5 f.; Nr.133, S.108

und S. 111; Die Urkunden des Klosters Raitenhaslach, bearb. v. EOGAR KRAUSEN (Quellen und

Erörterungen zur bayerischen Geschichte NF 17,1) München 1959, Nr.18, S.21; Nr.29, S.31.

40 Excerpta ex libro sepulturarum Raitenhaslacensium, in: Monumenta Boica 3, München

1764, S.215-233, hier S.216, danach lagen sowohl Graf Gebhard von Burghausen (t 1164) als

auch seine Gattin Sophie in Raitenhaslach begraben. Diese Nachrichten stehen in Widerspruch

zu den umfangreichen Schenkungen pro remedia animae der Grafen von Burghausen an Michaelbeuern,

wo zeitgenössisch sowohl die Grablege Gebhards von Burghausen (t 1164) als

auch eines frühverstorbenen Soh~es belegt ist. V gl. Salzburger Urkundenbuch 1: Traditionscodices,

gesammelt und bearbeitet v. WILLIBALD HAUTHALER, Salzburg 1910, Nr.85, S.812-814,

hier Nr. 85b, S. 813; Nr. 86, S. 814 (Traditionen von Michaelbeuern). Grablege der 1163/64 aus-


Verwandte, Freunde und Getreue 73

diese Adelsfamilie in den ersten Jahren auf die unweit ihrer Burg gegründete

Zisterze doch beherrschenden Einfluß aus. Diese Grafen von Burghausen

nun gehörten dem einflußreichen sieghardingischen Verwandtschaftsverband

an. Ein Konnubium mit dieser Gruppe war für die aus dem Rheinland

stammenden Spanheimer im 11. Jahrhundert der entscheidende Schritt für

ihren Aufstieg im Südosten des Reiches gewesen. 41 Im 12. Jahrhundert standen

diese Sieghardingererben immer noch in vielfältigen Beziehungen zum

Erzstift Salzburg. Mit Markgraf Engelbert III. von Istrien bildeten die sieghardingischen

Grafen von Burghausen und von Peilstein ebenso wie die Grafen

von Plain das Gefolge des Salzburger Erzbischofs und hatten wichtige

Vogteien im Erzstift inne. In den Privaturkunden des Salzburger Raumes

treten deshalb Spanheim-Ortenberger mit den Grafen von Burghausen 42 und

den Grafen von Plain 43 immer wieder gemeinsam auf. Wenn Mathilde an die

Zisterze Raitenhaslach schenkte, dann gab sie damit an ein Salzburger Eigenkloster,

das den Grafen von Burghausen nahestand. Diese Stiftung zum

Seelenheil verweist so auf ein doppeltes Bezugsverhältnis: Die Nähe zu den

Grafen von Burghausen, aber auch die Verbindungen zum Erzstift Salzburg,

die beide Familien teilten.

Die Legate, die Mathilde den Klöstern Frauenchiemsee und Raitenhaslach

ebenso wie Stift Herrenchiemsee hinterließ, zeigen also, daß auch in diesen

Fällen die Nähe zum Vogt oder zu den hervortretenden Adeligen eine

schlüssige Deutung für die Auswahl des jeweiligen Klosters gibt. Diese Verbindungen

lassen sich allerdings schwieriger als Schenkungen an von Verwandten

bevogtete Klöster erkennen und erhellen sich erst nach umfassender

Beriicksichtigung der personalen und herrschaftlichen Kontexte eines Klosters.

Da Verwandtschaft diese Verbindung nicht erklärt, und zudem die urkundlichen

Quellen die beteiligten Adeligen als amici bezeichnen, zeigt sich,

daß Mathilde auch an von "Freunden" bevogtete Klöster stiftete.

Cognati et amici gelten seit Gerd Althoffs Studie über "Verwandte, Freunde

und Getreue" als wichtigste Gruppenbindungen des Adels. 44 Dabei ist oft

gestorbenen ersten Grafen von Burghausen war deshalb eher das sieghardingische Hauskloster

Michaelbeuern. Vgl. dazu DOPscH, Im Namen des Erzengels, in: Benediktinerabtei Michaelbeuem.

Eine Dokumentation, Michaelbeuern 1985, S.26-67.

41 DOPscH, Gründer (wie Anm. 7) S. 45-50.

42 Salzburger Urkundenbuch 1 (wie Anm.40) Nr.266, S.391-393, hier S.393, Nr.266c;

Nr.279, S.400; Nr.288, S.406f. (Traditionen St. Peter); Nr.51, S.609, hierNr.51a, S.609 (Traditionen

des Domkapitels); Nr.85, S.812-814, hier Nr.85a, S.813 (Traditionen Michaelbeu-'­

em).

43 Vgl. dazu die Belege oben Anm. 36.

44 ALTHOFF, Verwandte (wie Anm. 14).


74 ]ÜRGEN DENDORFER

nur heuristisch zwischen Verwandten und Freunden zu unterscheiden, in

diesem Fall so, daß die Nichtverwandten von ähnlichem Rang als "Freunde"

zu identifizieren sind. In der Praxis adeligen Bindungsverhaltens überlagern

sich verwandtschaftliche, freundschaftliche und auch herrschaftliche, sprich

lehnrechtliche, Bindungen häufig. Wie Klaus van Eickels in anderem Kontext

beobachtet hat, verdichten sich diese zu einer oft ununterscheidbaren

Gemengelage von Nahverhältnissen. 45 Der Stellenwert einzelner Komponenten

ist nur durch eine "dichte Beschreibung" adeligen Agierens ungefähr einzugrenzen,

selten aber genau zu bestimmen. 46 Mag der lange Zeit unterschätzten

"Freundschaft" auch möglicherweise Inehr Bedeutung zukommen.

47 Auf der Ebene der kaum in historiographischen Quellen aufscheinenden

Geschlechter des 12. Jahrhunderts läßt sich zumeist nur ein Kreis von

Personen erkennen, die zueinander in engen verwandtschaftlichen Bindungen

stehen, was Freundschaft nicht ausschließen muß, sowie mitunter in

lehnrechtlichen Abhängigkeiten. Auch in solchen von "Getreuen" bevogteten

Stiften sorgte Markgräfin Mathilde für ihr Seelenheil. Au am Inn bevogteten

die wichtigsten 'Vasallen der Spanheim-Ortenberger in Oberbayern. 48 Und

mit Herrenchiemsee beschenkte sie ein Stift, dessen Vogt Graf Sigboto IV.

von Neuburg-Falkenstein, der Initiator des berühmten Codex Falkensteinensis,49

sowohl fidelis als auch amicus ihres Gatten war. 50 Es wurde offensichtlich:

Markgräfin Mathilde schenkte vor ihrem Tod an Klöster und

45 KLAUS VAN ErCKELS, Vom inszenierten Konsens zum systematischen Konflikt. Die englisch-französischen

Beziehungen und ihre Wahrnehmung an der Wende vom Hoch- zum Spätmittelalter

(Mittelalter-Forschungen 10) Stuttgart 2002, S.19-23; DERs., Um 1101. Wo man im

Mittelalter zwei Herren dienen konnte - und welche Folgen dies hatte, in: Die Macht des Königs.

Herrschaft in Europa vom Frühmittelalter bis in die Neuzeit, hg. v. BERNHARD JUSSEN,

München 2005, S.165-178.

46 Vgl. dazu den Versuch, dies am Gefolge der Grafen von Sulzbach auszuloten: DENDoRFER,

Adelige Gntppenbildung (wie Anm.1) S.155-163.

47 Dazu die Beobachtungen von PETER SCHUSTER, Familien- und Geschlechterbewußtsein im

spätmittelalterlichen Adel, in: Adelige Familienformen im MittelalterlStrutture di famiglie nobiliari

nel Medioevo 11,2 (2002) S. 13-36.

48 Die Herren, später Grafen von Mödling, die die Vogtei über die benachbarten Stifte Au

und Gars am Inn ausübten, waren die wichtigsten Gefolgsleute der Markgrafen von Istrien in

Oberbayern. Zu dieser Familie: GÜNTHER FLOHRSCHÜTZ, Die Vögte von Mödling und ihr Gefolge,

in: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 38 (1975) S. 3-143.

49 Codex Falkensteinensis (wie Anm.30) S.39*-43*. Dazu nun, mit älterer Literatur, WER­

NER RÖSENER, Codex Falkensteinensis. Zur Erinnerungskultur eines Adelsgeschlechts im Hochmittelalter,

in: Adelige und bürgerliche Erinnerungskulturen (wie Anm. 15) S. 35-55.

50 Unter den in der Zeugenliste der Urkunde von 1164 genannten fideles et amici findet er

sich an dritter Stelle: Monumenta Baumburgensia (wie Anm. 1) Nr.9, S. 190. Graf Sigboto IV.

war darüber hinaus auch Lehensnehmer Markgraf Engelberts. Vgl. die Angabe im Passivlehnsverzeichnis

des Grafen: Codex Falkensteinensis (wie Anm. 30) Nr.2, S. 4-7, hier S. 6.


Verwandte, Freunde und Getreue 75

Stifte, deren Vögte ihr oder der Familie ihres Mannes, den Spanheim-Ortenbergern,

als Verwandte, Freunde oder Getreue besonders nahestanden. In

der Memoria dieser bayerischen Adeligen des 12. Jahrhunderts spiegeln sich

so ihre und ihres Geschlechtes Gruppenbindungen.

Wie erklärt sich diese Beobachtung? Greifen wir aus den Überlegungen,

die durch die Betrachtung der Memoria als "totales soziales Phänonlen" angestoßen

wurden,51 jene zur liturgischen Memoria des Adels heraus, so zeigt

sich auch diese als vielschichtiges, soziale, religiöse, juristische und materielle

Aspekte umfassendes Phänomen. 52 Grundlage des Gebetsgedenkens

war die Gabe eines Adeligen an eine geistliche Institution. Die geschenkten

Güter gingen zwar in den Besitz des Klosters über, die Herrschaft über den

Klosterbesitz aber übte der jeweilige Vogt aus. Klostervogteien wurden

durch diese Möglichkeit indirekter Herrschaft gerade im 12. Jahrhundert zu

einem zentralen Element adeligen Herrschaftsaufbaus. 53 Und so kann eine

Seelgerätsstiftung auch als die Gabe eines Adeligen an einen anderen Adeligen

verstanden werden. In dieser Sicht ist jede Schenkung in einem doppelten

Bezug zu sehen. Sie verpflichtet zum einen die bewidmete geistliche Institution

zur "immateriellen" Gegengabe des Gebets im Rahmen der liturgischen

Memoria,54 belegt darüber hinaus aber auch den Stand der Beziehun-

51 VgL die Überblicke von OTTO GERHARD OEXLE, Memoria in der Gesellschaft und in der

Kultur des Mittelalters, in: Modernes Mittelalter. Neue Bilder einer populären Epoche, hg. v.

]OACHIM Frankfurt am Main/Leipzig 1994, S.297-323; DERs., Memoria als Kultur,

in: Memoria als Kultur, hg. v. DEMs. (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für

schichte 121) Göttingen 1995, S.9-78, insbesondere S.37-48, sowie MICHAEL BORGOLTE, Memoria.

Bilan intermediaire d'un projet de recherche sur le Moyen Age, und MICHAEL LAUWERs,

Memoria. Apropos d'un objet d'histoire en Allemagne, in: Les tendances actuelles de l'histoire

du Moyen en France et en Allemagne, hg. v. ]EAN-CLAUDE SCHMITT, Orro GERlIARD OEXLE

(Histoire ancienne et medievale, Universite Paris I Pantheon-Sorbonne 66) Paris 2003, S.53-

69, S.105-126.

52 OEXLE, Memoria (wie Anm.51) S.307-312; DERs., Memoria als Kultur (wie Anm.5J)

S.38f.

53 Nach DIETMAR WILLü\17EIT, Vogt, Vogtei, in: Handwörterbuch zur Deutschen Rechtsgeschichte,

hg. v. ADALßERT EKKEHARD KAUFMANN, Berlin 1990, Sp.932-946, hier Sp. 939,

treffen in den zahlreichen Konflikten zwischen Klöstern und ihren Vögten "verschiedenartige

Rechtsiiberzeugungen" aufeinander. "Dabei spielen eigentumsähnliche Herrschaftsansprüche

der Vögte ohne Zweifel eine große Rolle". Für den Adel waren die Vogteien ein Herrschaftsrecht

unter anderen. Deren Bedeutung für die Herrschaft einzelner Geschlechter und die Entstehung

der Landeshoheit haben zahllose landesgeschichtliche Studien erhellt. Zusammenfassend

WERNER HECHBERGER, Adel (wie Anm. 25) S. 255-257, S.458 f.

54 OEXLE, Memoria (wie Anm. 51) S. 311; "Überhaupt stehen die monastischen Kommunitäten

in vielfachen Verbindungen mit ihrem engeren und weiteren Umfeld. Denn das Gebet ist eine

soziale Gabe, eine immaterielle soziale Gabe, die mit anderen, auch materiellen Gaben getauscht

wird ...". Michael Borgolte überträgt diesen verpflichtenden Charakter von Gabe und


76 J ÜRGEN DENDORFER

gen zwischen einen1 Schenker und dem herrschaftlich hinter einem Kloster

stehenden Adeligen, dem Vogt. Diese Komponente der Seelenheilstiftungen

des Adels im 12. Jahrhundert ist aber sozusagen nur eine Begleiterscheinung.

Ihre Voraussetzung war die religiöse Motivation der adeligen Schenker, einen

Ort des Gebetsgedenkens für sich und die eigene Familie zu schaffen,

für das Seelenheil der Eltern an deren Grablege beten zu lassen, Angehörige

der eigenen Faluilie auf ihrem geistlichen Weg zu unterstützen oder religiöse

Reformbewegungen zu fördern. Es wäre verfehlt, diese Beweggründe zu

leugnen und spirituelle Bedürfnisse auf territorial-politische Motive wie den

Erwerb von Gütern und den Ausbau von Vogteiherrschaften reduzieren zu

wollen. Doch wählte eine Adelige des 12. Jahrhunderts wie Markgräfin Mathilde

für die Verwirklichung dieser Ziele offensichtlich vorzugsweise Klöster

und Stifte aus, die ihrer Familie bzw. deren Verwandten und Freunden nahestanden.

Wenn sich diese Nähe herrschaftlich durch die Vogtei konkretisierte,

war zudem gesichert, daß die gestifteten Güter weiter der Herrschaftsbildung

dienten. Es verwundert deshalb nicht, daß die Gruppenbindungen

eines Adelsgeschlechts in der Memoria sichtbar werden. Bestätigt

sich diese Annahme an weiteren Beispielen, dann ließe sich aus der reichen

Überlieferung an Traditionsnotizen des 12. Jahrhunderts in Bayern und

Österreich das Netzwerk der Verwandten, Freunde und Getreuen eines Geschlechts

erkennen.

Aber womöglich ist die Schenkungsserie der Markgräfin Mathilde nur ein

gut dokumentierter Ausnahmefall? Die Deutung einer weiteren soll daher

die bisherigen Beobachtungen bestätigen und vertiefen. Als etwa 30 Jahre

später eine Nichte der Markgräfin Mathilde, Gräfin Elisabeth von Ortenberg,

für das Seelenheil ihres verstorbenen Gatten sorgte, bedachte auch sie

nicht nur eine, sondern sechs geistliche Institutionen (Karte 11). Und dabei

dürfte ihre Großzügigkeit noch größer gewesen sein, denn wir kennen ihre

Schenkungen nur aus den Urkundenbeständen der einzelnen Klöster und

Stifte, d. h. Überlieferungsverluste sind anzunehmen. Am meisten gab Elisabeth

von Ortenberg an das Stift Baumburg im Chiemgau. 55 Dieses entwikue:g-engal)e

auf mittelalterliche Stiftungen. "Die Gegengabe der Lebenden besteht darin, das Gedenken

an den Toten zu erneuern und dessen Seele zu versorgen". MICHAEL BORGOLTE, Die

tungen des Mittelalters in rechts- und sozialhistorischer Sicht, in: Zeitschrift für Rechtsgeschichte.

Kan.Abt. 74 (1988) S. 71-94, hier S. 92. Was hier für Stiftungen im engeren Sinn formuliert

wurde, gilt auch für die Schenkungen zum Seelenheil des Hochmittelalters. V gL weiter

DERs., }}Totale Geschichte" des Mittelalters. Das Beispiel des Mittelalters (Humboldt-Universität

zu Berlin, Öffentliche Vorlesungen 4) Berlin 1993, hier S. 3-13.

55 Traditionen Baumburg (wie Anm.22) Nr.341 f., S.346-350; Nr.344, S.351-353; Monumenta

Baumburgensia (wie Anm. 1) Nr. 11 f., S.193 f.


Verwandte. Freunde und Getreue

77

Karte TI:

Von Elisabeth von Ortenberg

pro remedio animae

beschenkte Klöster und Stifte

..

• Burg der Spanheirn-Ortenberger

Kloster I Stift

Vi!s

Aldersbach ..

'Ortenberg

8 Orientierungs ort

Karte: VIf Koppitz / u((koppitz@t-online.de

Raft

..

Asbach

lsen

In 11

M;lßstah

o ______ c===== 10 20 ______

30 km

Abb.2: Von Elisabeth von Orte nb erg pro remedia animae beschenkte Klöster und Stifte.


78 ]ÜRGEN DENDORFER

kelte sich iIn 12.Jahrhundert zu einer Art Hausstift der Spanheim-Ortenberger.

Familienmitglieder traten als Konversen bzw. Konversinnen in das Stift

ein - so am Ende ihres Lebens auch Elisabeth selbst und spanheimische

Ministeriale hatten hier ihr Begräbnis. Sie statteten das Stift in der zweiten

Hälfte des 12.Jahrhunderts großzügig mit Gütern und Hörigen aus. 56 Doch

nicht nur in diesem von ihrem Sohn bevogteten Stift sorgte Elisabeth für ihr

eigenes und das Seelenheil ihres verstorbenen Gatten und ihrer Eltern. Wie

ihre Tante Mathilde gab sie eine Seelgerätsstiftung an das Stift Berchtesgaden,

zu dem die Sulzbacher sehr lange in engsten Beziehungen gestanden

hatten. 57 Wenn sie an St. Nikola vor Passau schenkte,58 dann bedachte sie

damit ein unter der Vogtei ihrer Familie stehendes Stift. Die Vogtei der Zisterze

Aldersbach 59 erwarben die Grafen von Ortenberg wenig später ebenfalls.

60 Zum Zeitpunkt der Schenkung übten diese ebenso wie die über das

kleinere Benediktinerkloster Asbach 61 die Herren von Klamm-Hals, eines

der wichtigsten Vasallengeschlechter der Ortenberger, aus. 62 Die Vogtei des

Salzburger Eigenstiftes Reichersberg 63 hatten gemeinsam mit der Salzburger

56 Zur Geschichte des Stiftes im 12. Jahrhundert vgl. die Beiträge von DOPSCH und

JÜRGEN DENDoRFER, in: Baumburg an der Alz. Das ehemalige Augustinerchorherrenstift in Geschichte,

Kunst, Musik und Wirtschaft, hg. v. WALTER BRUGGER, ANTON LANDERSDORFER, CHRI­

STIAN SOIKA, Regensburg, erscheint 2007.

57 Schenkungsbuch der ehemaligen gefürsteten Probstei Berchtesgaden, hg. v. MRL AUGUST

MUFFAT, in: Schenkungsbücher bayerischer Klöster, hg. v. FRANZ MICHAEL WrITMANN, MRL

AUGUST MUFFAT (Quellen und Erörterungen zur bayerischen und deutschen Geschichte 1) München

1856, S.225-364, hier Nr. 1 S. 343 f. Diese Schenkung der Elisabeth wurde später von

ihren Söhnen angefochten, vgl. Nr. 181, S. 344 f. Dazu: HEINZ DOPscH, Von der Existenzkrise

zur Landesbildung - Berchtesgaden im Hochmittelalter, in: Geschichte von Berchtesgaden (wie

Anm. 18) S.265-386, hier S. 329.

58 Codex traditionum monasterii S. Nicolai prope Pataviam, in: Urkundenbuch des Landes

ob der Enns 1, Wien 1852, S.527-618, hier Nr. 247, S.596f.

59 Schenkung der Elisabeth: Monumenta Alderspacensia, in: Monumenta Boica 5, München

1765, S.297-352, hier NI'. 44, S. 326 f.

60 LOIBL, Herrschaftsraum (wie Anm. 32) S.216.

61 Schenkung der Elisabeth: Die Traditionen, Urkunden und Urbare des Klosters Asbach,

bearb. v. ]OHANN GEIER (Quellen und Erörterungen zur bayerischen Geschichte NF 23) München

1969, Nr.90, S. 64; Nr.99, S. 68 f.

62 Zur Vogtei der Herren von Klamm-Hals über Aldersbach und Asbach sowie ihrer Stellung

in der ortenbergischen Vasallität vgl. LOIBL, Herrschaftsraum (wie Anm.32) S. 74 f., S. 215 f.;

DERs., Zwischen Edelfreiheit und Grafenstand: Die Herren von Kamm-Hals. Eine Fallstudie

zur Differenzierung edelfreier und gräHicher Geschlechter im 12. und 13. Jahrhundert, in:

Hochmittelalterliche Adelsfamilieri (wie Anm. 19) S. 379-408, hier vor allem S. 381, S.389-394.

63 STEFAN WEINFURTER, Salzburger Bistumsreform und Bischofspolitik im 12. Jahrhundert

(Kölner Historische Abhandlungen 24) Köln/Wien 1975, hier S. 37-39.


Verwand te, Freunde und Getreue 79

Hochstiftsvogtei die Grafen von Peilstein inne. 64 Die Schenkung der Elisabeth

65 könnte auf die alten Verbindungen der Spanhein1-0rtenberger zu

Salzburg und auf deren gemeinsame Abkunft mit den Peilsteinern aus der

sieghardingischen Verwandtschafts gruppe verweisen,66 erklärt sich aber

auch aus zeitgenössischen Belegen für Kontakte zwischen den Grafen von

Ortenberg und den Peilsteinern. Möglicherweise wird hier wieder eine

"freundschaftliche" Bindung greifbar. Auch an dem schlechter dokumentierten

Fall dieser Memorialstiftung läßt sich also Ähnliches beobachten wie bei

der Schenkungsserie der Markgräfin Mathilde: Die Memoria wird nicht nur

in einer, sondern in mehreren geistlichen Institutionen gepflegt; Schenkungen

gingen ausschließlich an Klöster und Stifte, die von ihrer Familie besonders

verbundenen Adeligen bevogtet wurden oder diesen zumindest sehr nahe

standen: Verwandte, Getreue, aber auch Freunde bevogteten die Empfängerinstitutionen.

Lassen sich diese Beobachtungen verallgemeinern? Mussten die beiden

Frauen die kognatischen Bezüge ihrer Familien naturgemäß nicht besonders

im Blick haben? Und ist dieser Umfang der Schenkungen der Mathilde nicht

das Ergebnis einer Sondersituation, eben ihres kinderlosen Todes? Gerade

die Tatsache, daß Gräfin Elisabeth von Ortenberg, die zwei Söhne hatte,

noch zu Lebzeiten an mehrere Klöster und Stifte gab, spricht gegen diese

Annahme. Der bevorstehende kinderlose Tod scheint zwar in der Tat verstärkte

Bemühungen um die eigene Memoria verursacht zu haben, wie der

Großteil der hier angeführten und noch anzufLihrenden Beispiele zeigt. Allein

die regionale Spannweite der Memorialstiftungen einzelner Schenker ließe

sich aber ebenso an zahlreichen anderen Traditionsnotizen aus dem bayerisch-österreichischen

Raum zeigen. Nicht nur die "Hausklöster" , sondern

auch die Stifte der Verwandten und Freunde wurden bedacht. Kinderlosigkeit

mag zwar zu einer besonderen Intensivierung der Sorge für die Memoria

geführt haben und zudem durch die Gefahr der Anfechtung, das Bedürfnis,

die Verfügungen schriftlich zu fixieren, gesteigert haben. In diesen Fällen

scheinen aber nur an besonders gut belegten Beispielen auch sonst nachweisbare

Prinzipien der Auswahl der Memorialorte im 12. Jahrhundert überliefert

zu werden.

64 DOPSCH, Salzburg im Hochmittelalter (wie Anm. 34) S. 249 f., S.363.

65 Codex traditionum monasterii Reichersbergensis, in: Urkundenbuch des Landes ob der

Enns 1 (wie Anm. 58) S. 273-402, hier Nr. 202, S. 389 und Nr.247, S.596.

66 Zu diesen Zusammenhängen des sieghardingischen Verwandtschaftsverbandes vgl.

DOPSCH, Salzburg im Hochmittelalter (wie Anm. 34) S. 363 f.


80 JÜRGEN DENDORFER

Daß die beobachtete Schenkungspraxis nur bedingt Kennzeichen einer

spezifisch weiblichen Memoria ist, verdeutlicht ein weiteres Beispiel: Graf

Heinrich 11. von Wolfratshausen erkrankte im Frühjahr 1157 auf der Jagd so

schwer, daß er wenig später verstarb. 67 Vor seinem Tod gelang es ihm noch,

Schenkungen an acht Klöster und Stifte zu veranlassen (Karte 111).68 Der

kinderlose Graf war der letzte Sproß einer seit der Mitte des 11. Jahrhunderts

greifbaren Linie der Grafen von Dießen, die sich nach Wolfratshausen

nannte. 69 Diese Grafen von Wolfratshausen treten in der ersten Hälfte des

12. Jahrhunderts in Bayern und im Reich weit profilierter hervor als ihre sich

nach Andechs nennenden Vettern. Nach dem Tod Graf Heinrichs 11. von

Wolfratshausen erbte ihr andechsischer Verwandter, Graf Berthold 111.

(t 1188), deren ausgedehnte Territorialherrschaft in Bayern und Tirol. Und

erst damit begann auch auf territorialer Ebene der Aufstieg der Andechser,

der sich durch die eminente Königsnähe Graf Bertholds bereits seit dem Regierungsbeginn

Friedrich Barbarossas abzeichnete. 7o Ausgenommen von diesem

Erbe waren die beträchtlichen Seelenheilstiftungen des letzten Grafen

von Wolfratshausen.

67 SABINE BUTTINGER, Das Kloster Tegernsee und sein Beziehungsgefüge im 12.Jahrhundert

(Studien zur altbayerischen Kirchengeschichte 12) München 2004, 141 f.

68 Eine immer noch brauchbare Übersicht zu diesen Seelgerätsstiftungen bietet EDMuND VON

OEFELE, Geschichte der Grafen von Andechs, Innsbruck 1877, Regesten Nr. 317 -324, S.155-

158. VgL dazu die Einzelnachweise in den folgenden Fußnoten.

69 Zur Geschichte der Andechser wegen seiner Regestensammlung immer noch wichtig: OE­

FELE, Geschichte (wie Anm.68); Jetzt grundlegend: ALOIS Die Grafen von Dießen und

Andechs, Herzöge von Meranien, in: Königliche Tochterstämme, Königswähler und Kurfürsten,

hg. v. ARMIN WOLF (Studien zur europäischen Rechtsgeschichte 152) Frankfurt a. Main

2002, S.225-315, ersetzt: DERs., Die Andechs-Meranier in Franken und ihre Rolle in der europäischen

Politik des Mittelalters, in: Die Andechs-Meranier in Franken. Europäisches Fürstentum

im Hochmittelalter, Mainz 1998, S. 3-54; sowie DERs., Das Geschlecht der Andechs-Meranier

im europäischen Hochmittelalter, in: Herzöge und Das Geschlecht der Andechs­

Meranier im europäischen Hochmittelalter, hg. v. JOSEF KIERMEIER, EVAMARIA BRocKHoFF (Veröffentlichungen

zur Bayerischen Geschichte und Kultur Nr.24/93) München 1993, S.21-185.

Zum Herrschaftsaufbau des Geschlechts in Oberbayern: LUDWIG HOLzFuRTNER, Ebersberg -

Dicßen - Scheyern. Zur Entwicklung der oberbayerischen Grafschaft der Salierzeit, in: Die Salier

und das Reich 1: Salier, Adel und Reichsverfassung, hg. v. WEINFURTER unter Mitarbeit

von HELMUTH KLUGER, Sigmaringen 1992, S.549-577;

Grafschaft der Andechsero

Comitatus und Grafschaft in Bayern 1000-1180 (Historischer Atlas von Bayern, Teil Altbayern

2,4) München 1994; DERs., unter Verwendung von Beiträgen von ADOLF SANDßERGER,

Das Landgericht Wolfratshausen (Historischer Atlas von Bayern, Altbayern 13) München 1993.

70 Zu den Andechsem in den Zeugenlisten der Diplome Friedrich Barbarossas ALHEYDlS

PLASSMANN, Die Struktur des Hofes unter Friedrich 1. Barbarossa nach den deutschen Zeugen

seiner Urkunden (MGH Studien und Texte 20) Hannover 1998, S.77-79.


Verwandte. Freunde und Getreue

81

. Augsburg

St. Ulrich und Afra

Loisach

Inn

Innsbruck

Karte IU:

Von Graf Heinrich 11.

von Wolfratshausen

pro remedio animae

beschenkte Klöster und Stifte

• Burg der Grafen von

Wolfratshausen-Andechs

)fsrenner

... Kloster / Stift


82 JÜRGEN DENDORFER

Wie zu erwarten ist, schenkte er an das Hausstift seiner Familie in Dießen,71

über das sein andechsischer Erbe Graf Berthold 111. die Vogtei ausübte.

72 Zu erwarten sind nach den Beobachtungen an den Schenkungen der

Markgräfin Mathilde und ihrer Nichte Elisabeth ebenfalls seine Legate an

das von ihm bevogtete Kloster Tegen1see 73 wie an das unter dem Schutz seines

andechsischen Verwandten Berthold 111. 74 stehende Kloster Benediktbeuern.

75 Ferner gab Graf Heinrich 11. an das unweit von Wolfratshausen im

Isartal gelegene Schäftlam. 76 Vogt dieses 1140 von Bischof Otto 1. von Freising

an Stelle eines älteren Benediktinerklosters refundierten Prämonstra -

tenserstifts war um die Mitte des 12. Jahrhunderts ein Wernhard 77 sowie

71 Die Traditionen und Urkunden des Stiftes Diessen 1114-1362, bearb. v. WALDEMAR

SCHLÖGL (Quellen und Erörterungen zur bayerischen Geschichte NF 22,1) München 1967,

Nr.21, S.28-31, dabei ist die auf das Frühjahr 1157 datierbare Schenkung nur Teil umfangreicherer

Schenkungen, die Graf Heinrich II. und seine Ministerialen dem Stift in den vorhergehendenjahren

zukommen ließen. Vgl. Nr. 6 f., S. 9-11; Nr. 16, S. 21-23; Nr. 17-19, S.25-27.

72 Traditionen Diessen (wie Anm. 71) Nr.5, S. 8 f.; Nr. 12, S. 17.

73 Die Traditionen des Klosters Tegernsee 1003-1242, bearb. v. PETER ACHT (Quellen und

Erörterungen zur bayerischen Geschichte NF 9,1) München 1952, Nr.289, S.217f., und vor allem

Nr.290, S. 218-220. Charakteristisch für das bis zum Tod Graf Heinrichs Ir. äußerst angespannte

Verhältnis des Vogts zum Kloster ist, daß der Eintrag im Traditionsbuch die Schenkung

nicht nur als Gabe pro sUf suorumque parentum animf redemptione bezeichnet, sondern zugleich

als Bitte des Grafen um Wiedergutmachung gegenüber dem Kloster: ... postulavit~ ut quicquid

per occupationem rei secularis vel diversis excessibus in predicti martiris cenobio~ cuius idem comes

advocatus extiterat~ deliquisset~ ipsius predii oblatione~ quod cum adtestatione subscriptorztm contulerat

deo et sancto martiri~ reconciliari potuisset. Zu Tegernsee und Graf Heinrich Ir. von Wolfratshausen

BUTTINGER, Kloster Tegernsee (wie Anm.67) S.134-145, zur Bedeutung der Schenkung

Heinrichs Ir. an Tegernsee S. 141-145.

74 Zur Vogtei Bertholds über Benediktbeuern:JosEF HEMMERLE, Die Benediktinerabtei Benediktbeuern

(Germania Sacra NF 28, Die Bistümer der Kirchenprovinz Mainz, Bistum Augsburg

1) Berlin/New Y ork 1991, S. 201 f.

75 FRANZ LUDWIG BAUMANN, Das Benediktbeurer Traditionsbuch, in: Archivalische Zeitschrift

NF 20 (1914) S. 1-82, hier Nr. 62, S. 30 f. Diese Schenkung dürfte durch den mit dem Delegator

der Schenkung zum Seelenheil an Tegernsee (vgl. Anm. 73) und Schäftlarn (vgl. Anm. 76)

identischen Tradenten Gottfried von Antdorf und die Angabe, daß ihm dieses Gut, in proprietatem

venerat a domino Heinrico comite, in den Kontext der Bemühungen Graf Heinrichs II. von

Wolfratshausen für sein Seelenheil zu sorgen, gehören.

76 Die Traditionen des Klosters Schäftlarn 760-1305, bearb. v. ALOIS WEISSTHANNER (Quellen

und Erörterungen zur bayerischen Geschichte NF 10,1) München 1953, Nr.93, S.100-102,

hierzu auch Nr.171, S.17t.

77 Als Vogt bezeugt in Traditionen Schäftlam (wie Anm.76) Nr.36, S.47-49, hier S.48;

Nr.74, S. 81-84, hier S. 84; Nr.77, S. 86, und somit in einer Zeitspanne von etwa 1140 bis 11521

54. Es gibt keinen zwingenden Beleg dafür, daß dieser Wenler aus der Familie der nahe Schäftlarn

sitzenden Herren, später Ministerialen, von Beigarten stammte. Gegen diese Annahme von

WEISSTHANNER, Traditionen Schäftlarn (wie Anm.76) Nr.77, S.86 , spricht,

daß der Vogt Wernhard, der zwei Mal mit seinem Bruder Heinrich genannt wird, trotz zahlrei-


Verwandte, Freunde und Getreue 83

kurzzeitig auch ein Edelfreier von Baierbnlnn aus dem Gefolge der Wolfratshausener.

78 An das Stift gaben "Andechser" aller Familienzweige 79 sowie

Edelfreie aus ihrem Gefolge 80 und ihre Ministerialen. 81 Die Schenkungen

Graf Heinrichs 11. dürften deshalb den Wolfratshausenern Getreuen gegolten

haben.

Erst später erwarben die pfalzgräflichen Wittelsbacher die Vogtei. 82 Und

so ist diese Schenkung Heinrichs 11. von Wolfratshausen nicht als Ausdruck

einer engeren Beziehung zum Pfalzgrafengeschlecht zu deuten. Zwei weitere

Schenkungen pro remedio animae legen aber durchaus die Vermutung nahe,

daß die pfalzgräflichen Wittelsbacher zeitweilig zu den "Freunden" der

Wolfratshausener Grafen zählten. So hinterließ der Graf von Wolfratshausen

dem Kloster St. LTlrich und Afra in Augsburg ein Gut. 83 Teilvögte des

Stiftes für alle Besitzungen östlich des Lechs, in dem auch der von Graf

Heinrich vergebene pars predii in Merching lag, waren die Wittelsbacher. 84

Auch hier ist der herrschaftliche Kontext des Klosters mehrdeutig. Neben

den bischöflichen Eigenherren des Klosters wäre an die Herren von Schwaeher

Nachweise der Beigartner in den Schäftlamer Traditionen, dort nicht mehr genannt wird

und zusammen mit seinem Bruder Heinrich in keinen schlüssigen Zusammenhang mit der dort

sitzenden Ministerialenfamilie gebracht werden kann. Weissthanner folgend HOLzFuRTNER,

Wolfratshausen (wie Anm. 69) S. 36 und S. 62 f. Wenig erhellend, und nur als Materialsammlung

brauchbar sind die Ausführungen zu den Beigartnern von GÜNTHER FLOHRSCHÜTZ, Die Freisinger

Dienstmannen im 12. Jahrhundert, in: Oberbayerisches Archiv 7 (1973) S.32-339, hier

S.81-92.

78 Traditionen Schäftlarn (wie Anm, 76) Nr. 52, S.64. Zu den Herren von Baierbnmn vgl.

HOLzFuRTNER, Wolfratshausen (wie Anm. 77) S. 35 f.

79 Traditionen Schäftlarn (wie Anm.76) Nr.69, S.76f.; Nr.95, S.103f.; Nr.99, S.106f.;

Nr.200, S.198f.; Nr.203, S.201; Nr.214, S.212f.; Nr.229, S.227f.; Nr.262, S.262f.

80 Vgl. nur die Belege für das wichtige Vasallengeschlecht von Baierbnmn: Traditionen

Schäftlam (wie Anm.76) Nr.52, S.64; Nr.l07, S.111f.; Nr.188, S.186; Nr.220, S.218f.;

Nr. 265, S. 265 f.; Nr. 335, S. 334; Nr.340, S. 340; Nr. 370, S.367.

81 Traditionen Schäftlam (wie Anm.76) Nr.54, S.65f.; Nr.85, S.92f.; Nr.99, S.106f.;

Nr.107, S.112; Nr.l09, S.113f.; Nr.130, S.132f.; Nr.147, S.148; Nr.160, S.160f.; Nr.189,

S.186f.; Nr.277, S.278; Nr.322, S.322;Nr.326, S.326f.; Nr.283, S.283f.; Nr.309, S.309;

Nr. 337, S.336-338.

82 Ein erster Beleg möglicherweise schon um 1167/70: Traditionen Schäftlarn (wie Anm. 76)

Nr.144, S.145f., sicher aber ab 1179/80: Traditionen Schäftlam Nr.227, S.224-226; Nr.249,

S.247f.

83 Die Traditionen und das älteste Urbar des Klosters St. Ulrich und Aha in Augsburg, bearbe

v. ROBERT MÜNTEFERING (Quellen und Erörterungen zur bayerischen Geschichte NF 35)

München 1986, Nr. 108, S. 102 f.

84 Vgl. WH_HELM LIEBHART, Die Reichsabtei Sankt Ulrich und Aha zu Augsburg. Studien zu

Besitz und Herrschaft (1006-1803) (Historischer Atlas von Bayern, Teil Schwaben II,2) München

1982, S. 43 f.


84 J ÜRGEN DENDORFER

begg, Hauptvögte des Hochstifts Augsburg und des Ulrichsklosters zu denken.

85 Darüber hinaus hatten zahlreiche bayerische und schwäbische Adelige,

danInter auch die Wolfratshausener Ministerialen seit längerem Beziehungen

ZUlU Kloster. 86 Auch wenn die Vielschichtigkeit des Beziehungsgefüges

dieses Klosters keine ausschließliche Deutung erlaubt, so spricht doch einiges

für eine Nähe zu den pfalzgräflichen Wittelsbachem. Denn Graf

Heinrich gab auch an das Kloster Weihenstephan bei Freising. Auch dies

war Eigenkloster des Freisinger Bischofs, unterstand aber zugleich der wittelsbachischen

Vogtei. 87 Die Schenkungen an St. Ulrich und Afra sowie Weihenstephan

deuten auf nähere Beziehungen zwischen den Grafen von Wolfratshausen

und den Wittelsbachern. Und in der Tat zeigen sich immer wieder

Spuren einer gewissen Nähe zwischen beiden Geschlechtern. Am aussagekräftigsten

ist in dieser Hinsicht wohl das Konnubium zwischen einem

früh verstorbenen Bruder Graf Heinrichs 11. von Wolfratshausen und einer

Tochter des Pfalzgrafen Ottos von Wittelsbach ct 1156).88 Doch sind dies

nur Hinweise, deren Bedeutung erst in einer tiefergehenden Untersuchung

des Beziehungsnetzes der Wolfratshausener bzw. Andechser und der Wittelsbacher

mit Sicherheit zu klären wäre. 89

Fernab der Wolfratshausener Besitzzentren in Oberbayern gab Graf

Heinrich an das Hochstift Brixen 90 und das Kloster Admont. 91 Im Nordtiroler

Raum um Innsbruck hatten die Grafen von Dießen schon seit dem

11. Jahrhundert Herrschaftsrechte, die möglicherweise vom Brixener Hochstift

zu Lehen gingen. 92 Vögte des Hochstifts waren bis 1164/65 zwar die

85 Traditionen St. Ulrich und Afra (wie Anm. 83) S.80*f. Dazu WOLFGANG WÜST, Die

Schwabegger (898?-1167) und die Eberstaller (1113-1330): Schwäbische Edelfreie zwischen Ministerialität,

Vasallität und Nobilität, in: Hochmittelalterliche Adelsfamilien (wie Anm.19)

S. 433-447, zur Vogtei über St. l.Jlrich und Afra hier S. 438 f., 443.

86 LIEßlIART, Reichsabtei (wie Anm. 84) S. 36-83, darunter zahlreiche Schenkungen andechsischer

Ministerialer, S. 75 f.

87 Die Traditionen des Klosters Weihenstephan, bearb. v. BODO UHL (Quellen und Erörterungen

zur Bayerischen Geschichte NF 27,1) München 1972, Nr.222, S.180f. Zur Vogtei der

Wittelsbacher über dieses Freisingische Eigenkloster vgl. S. 126* -130*.

88 TOBIAS WELLER, Die Heiratspolitik des deutschen Hochadels im 12. Jahrhundert (Rheinisches

Archiv 149) Köln/Weimar/Wien 2004, S. 768 f.

89 Eine Studie, die das Beziehungsgeflecht der Grafen von Wolfratshausen bzw. der Andechser

und der Wittelsbacher erarbeitet, steht noch aus.

90 Die Traditionsbücher des Hochstifts Brixen vom zehnten bis in das vierzehnte Jahrhundert,

hg. v. OSWALD REDLICH (Acta Tirolensia 1) Innsbruck 1886, Nr.482, S. 169.

91 Urkundenbuch des Herzogthums Steiermark 1: 798-1192, bearb. v. JOSEF ZAHN, Graz

1875, Nr.396, S.376.

92 RIEDMANN, Mittelalter (wie Anm. 93) S. 330. Vgl. zu dieser Familie GERTRUD SANDBERGER,

Bistum Chur in Südtirol. Untersuchungen zur Ostausdehnung ursprünglicher Herrschaftsrechte


Verwandte, Freunde und Getreue 85

Grafen von Morit-Greifenstein,93 die Grafen von Wolfratshausen aber waren

in diesem Raum sehr präsent und hielten Brixener Lehen. Nur wenige Jahre

nach dem Tod des Grafen Heinrich wurde einer der ihren, Otto, Bischof von

Brixen. Unter ihm erlangte Graf Berthold 111. die Hochstiftsvogtei. 94 Noch

weiterer ErheBung bedürften mögliche Verbindungen der Andechser zu den

Morit-Greifenstein, die durch ein enges Konnubium mit den Grafen von

VaBey verbunden, Kontakte zur bayerischen Adelslandschaft hatten 95 und

häufiger im Urkundenbestand des Stiftes Schäftlam nachzuweisen sind. 96

Kloster Admont in der Steiermark, das im 12.Jahrhundert zu einem Reformzentrum

des hirsauischen Reformmönchtums wurde,97 übte auf zahlreiche

bayerische Adelsgeschlechter nachhaltige Anziehungskraft aus. 98 Eine Nähe

der Wolfratshausener zu den Grafen von Burghausen, Vögten dieses Eigenklosters

des Erzbischofs von Salzburg von 1147 bis 1164/68,99 zeigt sich alim

Vintschgau, in: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 40 (1977) S. 705-828, hier S. 796-

813; zur Diskussion um die Burg "Morit": MARTIN BITSCHNAU, Burg und Adel in Tirol. Zwischen

1050 und 1300. Grundlagen zu ihrer Erforschung (Österreichische Akademie der Wissenschaften,

Philosophisch-historische Klasse, Sitzungsberichte 403. Band) Wien 1983, S.363-373.

93 JOSEF RIED MANN, Mittelalter, in: Geschichte des Landes Tirol 1, hg. v. JOSEF FONTANA, PE­

TER W. HAIDER u. a., Bozen 1985, S. 267-637, hier S. 328; Orro STOLZ, Geschichte der Gerichte

Deutschtirols. Abhandlungen zum Historischen Atlas der österreichischen Alpenländer, Landgerichtskarte

von Deutschtirol, in: Archiv für österreichische Geschichte 102 (1913) S.83-334,

hier S. 93-95, zur andechsischen Grafschaft im Unterinntal.

94 RIEDMANN, Mittelalter (wie Anm. 93) S. 318 f.

95 Vgl. für diese Verbindungen der Grafen von Valley zu den Morit-Greifenstein nun: WAL­

BURGA SCHERBAUM, Die Grafen von Valley, in: Hochmittelalterliche Adelsfamilien (wie Anm. 19)

S.271-301, zum Konnubium mit den Grafen von Valley S.275.

96 Traditionen Schäftlarn (wie Anm. 76) Nr.82, S.90f.; Nr. 112, S. 117 f.; Nr.134, S.135 f.;

Nr.176 S.175f.; Nr.177, S.176f. Die Morit-Greiffenstein erscheinen hier im Zusammenhang

mit den Grafen von Valley. Ebenso wie die Andechser standen dem Stift Schäftlarn auch die

Grafen von Valley sehr nahe. Genauer wird sich dieses Beziehungsnetz allerdings erst durch eine

detailliertere Studie erhellen lassen.

97 Zur Geschichte des Klosters, umfassend mit älterer Literatur HANNEs P. NAscHENWENG,

Admont, in: Die Benediktinischen Mönchs- und Nonnenklöster in Österreich und Stidtirol, bearb.

v. ULRICH FAUST, WALTRAUD KRASSNJG (Germania Benedictina HI/I) St. Ottilien 2000,

S.71-188. Admont war für den bayerisch-österreichischen Raum in der ersten Hälfte des 12.

Jahrhunderts der bedeutendste Ausgangspunkt für die Ausbreitung der Hirsauer Gewohnheiten

vgl. HERMANN JAKOBS, Die Hirsauer. Ihre Ausbreitung und Rechtsstellung im Zeitalter des Investiturstreits

(Kölner Historische Abhandlungen 4) Köln/Graz 1961, S.69-71 (zur Gruppe Admont);

KLAUS ARNOLD, Admont und die monastische Reform des 12. Jahrhunderts, in: Zeitschrift

für Rechtsgeschichte. Kan. Abt. 58 (1972) S. 350-369, vor allem S. 350-354.

98 Zur Blüte des Klosters im 12.Jahrhundert NAsCHENWENG, Admont (wie Anm. 97) S.76-83.

99 FRIEDRICH HAUSMANN, Die Vogtei des Klosters Admont und die Babenberger, in: Babenberger-Forschungen,

redigiert v. MAx WELTIN Qahrbuch für Landeskunde von Niederösterreich

NF 42) Wien 1976, S. 95-128, hier S.110-115 zu den Verhältnissen um die Mitte des 12.Jahr-


86 JÜRGEN DENDORFER

lerdings nicht. Wieder sind die herrschaftlichen Bezüge mehrdeutig und klären

gerade in diesem Fall die Schenkung Graf Heinrichs 11. von Wolfratshausen

für sein Seelenheil nicht. Wichtig für die Entscheidung dieses Kloster

zu bedenken, war vielleicht sein Ruf alshirsauisches Reformzentrum des

bayerisch-österreichischen Raumes. Vor allem aber gehörten dem berühmten

Frauenkonvent des Kiosters 100 um die Mitte des 12. Jahrhunderts zwei Verwandte

Graf Heinrichs an. Seine Schwester Agnes leitete ihn; 101 Kunigunde,

eine Schwester des Grafen Berthold 111. von Andechs war dort N onne. 1 02 In

diesem Fall gaben eher die familiären Bindungen an den Konvent als Beziehungen

zu den Salzburger Erzbischöfen oder den Vögten den Ausschlag.

An den Schenkungen Graf Heinrichs 11. von Wolfratshausen pro remedia

animae ließ sich im wesentlichen die Beobachtung bestätigen, daß ein Stifter

des 12. Jahrhunderts Klöster und Stifte wählte, zu dessen Vögten er in näheren

Beziehungen stand. Allerdings lehrt dieses Beispiel auch, dieses ErklärungslTIodell

allein reicht nicht immer aus. Fehlen Studien zur adeligen

Entourage wie bei den Grafen von Wolfratshausen, dann führt die Analyse

der Memoria nur zu bedingt tragfähigen Ergebnissen. Sie kann nur Teil einer

umsichtigen Beschreibung des Geflechts der Verwandten, Freunde und

Getreuen eines Geschlechts sein. Doch selbst wenn der personale Hintergrund

deutlicher erkennbar wäre, bleiben Zweifel, ob die Komplexität der

personalen und herrschaftlichen Beziehungen der Klöster St. Ulrich und

Afra, Weihenstephan und Admont, des Stiftes Schäftlarn oder des Brixener

Domkapitels auf das Verhältnis von adeligem Stifter und jeweiligem Vogt reduzierbar

ist. Anders als der Großteil der von Markgräfin Mathilde und

Gräfin Elisabeth von Ortenberg bedachten Klöster und Stifte standen diese

in einem vielschichtigen herrschaftlichen und personalen Kontext. Bei bischöflichen

Eigenklöstern wäre neben dem jeweiligen Vogt immer der Bischof

als Klosterherr zu berücksichtigen. Daneben schenkten die adeligen

Damen vor allem an Neugründungen des endenden 11. bzw. des 12. Jahrhunderts;

danach FOLKER REICHERT, Landesherrschaft, Adel und Vogtei. Zur Vorgeschichte des

spätmittelalterlichen Ständestaates im Herzogtum Österreich (Beihefte zum Archiv für Kulturgeschichte

23) Köln/Wien 1985, S.136-139; NASCHENWENG, Admont (wie Anm. 97) S.124-126.

100 Vgl. dazu HANNS P. NASCHENWENG, Admont, Frauenkloster, in: Die Benediktinischen

Mönchs- und Nonnenklöster (wie Anm. 97) S.189-212.

101 Zu Agnes: ]ACOß WICHNER, Das ehemalige Nonnenkloster O.S.B. zu Admont (in Steiermark,

Österreich), in: Wissenschaftliche Studien und Mittheilungen aus dem Benedictiner-Orden

II,l (1881) S.75-86, S.288-319, hier S.84f., S.290; NASCHENWENG, Admont, Frauenkloster

(wie Anm.100) S.193, S.201, S.204; CHRISTINA LUTfER, Geschlecht & Wissen, Norm & Praxis,

Lesen & Schreiben. Monastische Reformgemeinschaften im 12. Jahrhundert (Veröffentlichungen

des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 43) Wien/München 2005, S. 187 f.

102 NAscHENWENG, Admont, Frauenkloster (wie Anm. 100) S. 201.


Verwandte, Freunde und Getreue 87

hunderts, über die häufig noch die Gründer ihre Stiftervogtei ausübten und

die erst im Laufe des 12. Jahrhunderts zur vollen Blüte gelangten. In diesen

Fällen dürfte schon für die Zeitgenossen die Zugehörigkeit eines Klosters

zum adeligen Vogt eindeutiger gewesen sein. Dagegen hatten St. Ulrich und

Afra oder Weihenstephan längst an eigener Statur gewonnen. Während die

Zugriffsrechte des Vogtes auf den Klosterbesitz in bischöflichen Eigenklöstern

häufiger stark reguliert waren, hatten die Klöster selbst schon traditionsreichere

Beziehungen zu edelfreien und ministerialischen Geschlechtern

in der Region. Aufgrund welcher Verbindungen Adelige an diese Klöster

stifteten, ist deshalb schwierig zu benennen. Daß aber personale Bindungen,

sei es für die Versorgung Angehöriger einzelner Geschlechter im jeweiligen

Konvent oder für andere Adelige, die dort ihre Memoria pflegten, eine wichtige

Motivation für die Schenkungen waren, bleibt auch in diesen Fällen die

einleuchtendste Erklärung.

Diese differenzierende Bestätigung unserer Vorüberlegungen ermutigt dazu,

die wohl umfangreichste Schenkungsserie des 12. Jahrhunderts in Bayern

unter diesem Gesichtspunkt zu betrachten. Als der Herzog von Bayern und

Sachsen, Heinrich der Löwe, im Jahr 1172 zu seiner Pilgerfahrt ins Heilige

Land aufbrach,103 folgten ihm nur einige wenige bayerische Große, darunter

Pfalzgraf Friedrich von Wittelsbach. 104 Der kinderlose Bruder des Pfalzgra-

103 Zur "Fürstenwallfahrt" Heinrichs des Löwen zusammenfassend: KARL JORDAN, Heinrich

der Löwe. Eine Biographie, München 1979, S. 175-183; J OACHIM EHLERS, Heinrich der Löwe.

Europäisches Fürstentum im Hochmittelalter, Göttingen 1997, hier S. 97-103; zu Details: ELNAR

JORANSSON, The Palestine Pilgrimage of Henry the Lion, in: Medieval and historiographical essays

in honor of James Westfall Thompson, hg. v. JAMES LEA CATE, EUGENE N. ANDERSON, Chicago

1938, S. 146-225 (grundlegend für Quellen, Teilnehmer und Ablauf, mit älterer Literatur);

WERNER OHNESORGE, Die Byzanzpolitik Friedrich Barbarossas und der "Landesverrat" Heinrichs

des Löwen, in: DERs., Abendland und Byzanz. Gesammelte Aufsätze zur Geschichte der

byzantinisch-abendländischen Beziehungen und des Kaisertums, Darrnstadt 1958, S.456-491

(stark spekulativ und kaum nachvollziehbar); HANs-EBERHARo MAYER, Die Stiftung Herzog

Heinrichs des Löwen für das hl. Grab, in: Heinrich der Löwe, hg. v. WOLF-DIETER MOHRMANN,

Göttingen 1980, S. 307-330; JOHANNES FRIEO, Jerusalemfahrt und Kulturimport. Offene Fragen

zum Kreuzzug Heinrichs des Löwen, in: DerWelfenschatz und sein Umkreis, hg. v. JOACHIM

.LJ.UL....""", DIETRICH KÖTZSCHE, Mainz 1998, S.111-137; WOLFGANG GEORGI, Lebensstationen

nes Herzogs: Die Pilgerfahrten Heinrichs des Löwen nach Jerusalem und Santiago, in: Reisen

und Wallfahren im Hohen Mittelalter (Schriften zur staufischen Geschichte und Kunst 18) Göppingen

1999, S. 94-127, hier S. 94-117.

104 Dazu mit einschlägigen Quellen: eARL THEoDOR HEIGEL, SIGMUND OTTO RIEZLER, Das

Herzogthum Bayern zur Zeit Heinrichs des Löwen und Ottos I. von Wittelsbach, München

1867, S. 250 Anm. 3; REINHOLD RÖHRICHT, Die Deutschen im Heiligen Lande, Innsbnlck 1894,

S. 43 f.; SIEGMUND VON RIEZLER, Geschichte Baierns 1, Stuttgart/Gotha 21927, 2. Hälfte, Ib,

S. 334-336; sowie GOTTFRIED MAYR, Die Wittelsbacher als Wallfahrer und Kreuzfahrer im Heiligen

Land, in: Die Wittelsbacher im Aichacher Land, hg. v. TONI GRAD, Aichach 1980, S.139-


88 ]ÜRGEN DENDORFER

fen Otto V., des ersten wittelsbachischen Herzogs von Bayern, erstellte vor

dem Aufbruch ins Heilige Land ein Testament. 10S In dieser durch das

wittelsbachische Hausstift Indersdorf auf uns gekommenen notitia ordnete

Pfalzgraf Friedrich sein Erbe und sah vor, pro salute anime mee et parentum

meorum an nicht weniger als 26 geistliche Institutionen zu stiften. Daneben

bedachte er noch elf Einzelpersonen. Da Friedrich von der Pilgerreise zurückkehrte,

waren seine erheblichen Verfügungen zugunsten einzelner Klöster

nie der Belastungsprobe ausgesetzt, ob der verwandtschaftliche Konsens

dazu auch seinen Tod überdauert hätte. Inwieweit diese Schenkungen durchgeführt

wurden, als Friedrich wohl wenig später (nach 1173) als Konverse in

das Stift Indersdorf eintrat,106 wäre ebenso wie sein politisches Wirken in

145, hier S.142; zu Recht kritisch zu den von Röhricht angenommenen bayerischen Teilnehmern

JORANSSON, Palestine Pilgrimagy (wie oben) S. 163 f. Anm. 72 f., der dann allerdings vielleicht

zu kritisch auch keinen zwingenden Zusammenhang zwischen der im Indersdorfer Testament

Pfalzgraf Friedrichs elwähnten zweiten Reise nach Jerusalem und der Pilgerfahrt Heinrichs

des Löwen erkennen will.

105 Zum 'Text des Testaments vgl. den Druck in: Die Urkunden des Klosters Indersdorf 1, gesammelt

und regestirt v. FRIEDRICH HECTOR GRAFEN HUNDT (Oberbayerisches Archiv 24) München

1863, Nr. 18, S.10-13, mit den Verbesserungen in: Die Urkunden des Klosters Indersdorf

2 (Oberbayerisches Archiv 25) München 1864, Nachträge S. SOS. In Zweifelsfällen wird zur Ergänzung

dieses fehlerhaften Drucks das Original der Schenkungsurkunde herangezogen: BayH­

StA KU Indersdorf 10. Eine Abschrift des 15.Jahrhunderts findet sich in KL Indersdorf 3, f. 41'_

4 v • Teildrucke von Abschnitten bzw. Regesten von Einzelbestimmungen mit Hinweisen auf Literatur

in: Traditionen, Urkunden und Urbare des Klosters Weltenburg, bearb. v. MATTHIAS

TI-HEL (Quellen und Erörterungen zur bayerischen Geschichte NF 14) München 1958, Nr.132,

S.98; Die Traditionen, die Urkunden und das älteste Urbarfragment des Stiftes Rohr 1133-

1332, bearb. v. HARDO-PAUL MAI (Quellen und Erörterungen zur bayerischen Geschichte NF

21) München 1966, Nr.ll, S.156; Mainzer Urkundenbuch 2: Die Urkunden seit dem Tode Erzbischof

Adalberts I. (1137) bis zum Tode Erzbischof Konrads (1200), bearb. v. PETER

Darmstadt 1968, Nr.348, S. 586 f.; Die Urkunden und die ältesten Urbare des Klosters

Scheyern, bearb. v. MICHAEL STEPHAN (Quellen und Erörterungen zur bayerischen Geschichte

NF 36,2) München 1988, Nr.1l, S.30f.

106 Dazu wäre ein hier nicht zu leistender Vergleich der Schenkungen Friedrichs an einzelne

Klöster und Stifte bis zu seinem Tod 1198 mit den Angaben des Testaments durchzuführen. Die

zahlreich überlieferten Einzeltraditionen Friedrichs legten die Vermutung nahe, daß er sogar

noch über den im Testament festgesetzten Rahmen hinaus schenkte. Vgl. etwa seine Gaben an

Schäftlarn oder Ensdorf: Traditionen Schäftlam (wie Anm.76) Nr.194, S.19lf.; Nr.211

S.207-210; Nr.216, S.214f.; Nr.245-247, S.244-247; Nr.253, S.252; Nr. S.257f.;

Nr.279, S.279-281; Nr.307, S.307f.; Nr.313, S.312; Nr.338, S.338f.; Codex traditionum monasterii

Ensdorf, hg. v. JOSEF MORITZ, in; Sammlung historischer Schriften und Urkunden 2, hg.

v. MAx VON FREYBERG, Stuttgart 1829, S.171-366, hier Nr.112, S.227f.; Nr.128, S.234f.;

Nr.129, S.235; Nr.149, S.244f.; Nr.15t, S.246f. Weitere Schenkungen Friedrichs an im 'I'estament

genannte geistliche Institutionen: Die Traditionen des Kollegiatstifts St. Kastulus in Moosburg,

bearb. v. KLAUS HÖFLINGER (Quellen und Erörterungen NF 42,1) München 1994, Nr.t12,

S. 118 f.; Die 'T'raditionen des Klosters Scheyern, bearb. v. MICHAEL STEPHAN (Quellen und Erör-


Verwand te, Freunde und Getreue 89

der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts eine eigene Untersuchung wert. 107

In unserem Zusammenhang aber sind diese Fragen ebenso wie die schon öfter

gestellte nach der Herkunft der von Friedrich gestifteten Giiter nachrangig.

lOS Hier ist allein die Tatsache wichtig, daß Pfalzgraf Friedrich vorhatte,

an diese 26 geistlichen Institutionen für sein Seelenheil zu stiften. Erklärt das

entwickelte Modell auch die Auswahl dieser Klöster und Stifte? Oder

schenkte Friedrich, wie einer der Bearbeiter dieses "Testaments" meinte, an

"fast alle bayerischen Klöster und Stifte"?lo9

Trotz der beeindruckenden Anzahl der Legate Friedrichs kann dieser

Feststellung schon auf den ersten Blick widersprochen werden. Ganze Kloster-

und Stiftslandschaften Bayerns fehlen in den Stiftungen des Pfalzgrafen.

So berücksichtigte er den Osten des Herzogtums kaum. In den Klöstern

und Stiften des Donauraums von Regensburg bis nach Passau, in den Innklöstern

oder in den Stiften des Chiemseeraums sollte niemand des wittelsbachischen

Pfalzgrafen gedenken. Auch auf dem Nordgau gab er über das

pfalzgräfliche Hauskloster Ensdorf hinaus an kein weiteres Kloster. Regional

beschränkten sich seine Stiftungen auf geistliche Institute in der Stadt

Regensburg, auf südwestlich davon, um den wittelsbachischen Herrschaftskomplex

Kehlheim gelegene Klöster und Stifte sowie ausgewählte Gebiete

des westlichen Oberbayern um Dachau und Freising (Karte IV). Sie alle lagen

offensichtlich in den wittelsbachischen Einfluß- und Interessensphären.

Auch in diesem Fall spiegeln sich in der Auswahl der Memorialorte die

Gruppenbindungen Friedrichs bzw. seiner Familie.

terungen zur bayerischen Geschichte NF 36,1) München 1986, Nr.50b, S. 52 f.; Das Cartular

des Klosters Ebersberg, hg. v. FRIEDRICH HECTOR GRAFEN HUNDT, Miinchen 1879, hier Nr.73,

S.61; Nr.80, S.63; Nr.83, S.63; Nr.90, S.65.

107 Vgl. zum Pfalzgrafenamt in Bayern und insbesondere zu den wittelsbachischen Pfalzgrafen

nun die Arbeit von CHRISTOF PAULUS, Das Pfalzgrafenamt in Bayern im friihen und hohen

Mittelalter (Studien zur bayerischen Verfassungs- und Sozialgeschichte 25) München 2007,

zum politischen Wirken Pfalzgraf Friedrichs vor allem S. 311-336, S. 348 f., S. 355 f.

108 Die bisherige Forschung wertete das Testament des Pfalzgrafen Friedrich vor allem als

Quelle zur Besitzgeschichte der Wittelsbacher im 12.Jahrhundert: HEIGEL/RIEZLER, Herzogtum

(wie Anm. 104) passim, vor allem Teil IIl. "Die Hausmacht der Welfen und der Wittelsbacher",

S.229-300, zur Datienmg des Testaments S.250 Anm.3; SIEGFRIED HOFMANN, Herzogsgut an

der Donau zwischen Lech und Kehlheim im 13. Jahrhundert unter besonderer Berücksichtigung

der Landkreise Eichstätt und Pfaffenhofen sowie der Stadt Ingolstadt. Eine Zwischenbilanz.

Teil I und Il, in: Sammelblatt des Historischen Vereins Ingolstadt 91 (1982) S.75-191 (I); 92

(1983) S. 43-122 (Il), hier etwa I, S. 130-132, II, S. 57 -59 und passim; GÜNTHER FLOHRSCHÜTZ,

Machtgrundlagen und Herrschaftspolitik der ersten Pfalzgrafen aus dem Haus Wittelsbach, in:

Die der frühen Herzöge. Von Otto L zu Ludwig dem Bayern, hg. v. HUBERT GLASER (Wittelsbach

und Bayern 1/1) München 1980, S.42-110, S.58f. und passim.

109 Traditionen Weltenburg (wie Anm.105) Nr.132, S.98.


90 ]ÜRGEN DENDORFER

Karte IV:

Legate

des PfaJzgrafen Friedrich von Wittelsbach


an Klöster und Stifte

Burg der Wittelsbacher

t Kloster / Stift

Orientierungsort

Karte: UljKoppitz / ulj."koppiIZ@/-ol1line.de

.. .... + t Niedermünste~/

.... + • St. Jakob :

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Maßstab

o 25 50 km

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Abb.4: Legate des Pfalzgrafen Friedrich von Wittelsbach an Klöster und Stifte.


Verwandte, Freunde und Getreue 91

Am umfangreichsten bedachte der fromme Pfalzgraf, der am Ende seines

Lebens als Konverse in das Stift Indersdorf eintreten sollte, Klöster und

Stifte, die von "Verwandten" im engsten Sinne, Angehörigen seines Adelsgeschlechts,

bevogtet wurden. So erhielt das wittelsbachische Hauskloster Ensdorf

auf dem Nordgau, die Grablege seines Vaters und seiner Mutter, die

meisten Güter. 110 Ein kleinerer Teil ging an das Stift Indersdorf, 111 der

kleinste an das Kloster Scheyern. 112 Damit stiftete Pfalzgraf Friedrich an die

drei "wittelsbachischen" Hausklöster des 12. Jahrhunderts. 113 Die Differenzierung

der Schenkungen vom großen Besitzkomplex an Ensdorf bis zu drei

kleineren Höfen an Scheyern entspricht der Intensität seiner Beziehungen zu

den jeweiligen Klöstern und Stiften. Wichtigstes Hauskloster der pfalzgräflichen

Wittelsbacher war das 1119 gegründete Kloster Ensdorf auf dem

Nordgau. 114 Friedrich, der selbst Vogt des Klosters war, bedachte die Grab-

110 Urkunden Indersdorf (wie Anm. 105) Nr. 18, S. 10 f. (Text verbessert nach BayHStA KU

Indersdorf 10): Perinde specialiter ad cenobium Enstor/ hec dedi predia: Gundilkoven, ut dixi cum

omni iure, Salkendor/ cum omni iure, Hartwigeshoven, Puchenlae, curtem Hermarsteten, et convicinum

eius, et Hasenwisen, quod annuatim XII solidos solvit, que delegata sunt in manu /ratris mei

Ottonis iunioris; item vineas in Karrina delegatas in manus Ilsungi de Wezesteten; item molendinum

in Ebenwisen delegatum in manus Ruperti Lupi de Gegilbach, quod VI talentis a Rudigero de Aichbrunnen

redim i debet; item predium Ergoltingen delegatum in manus Herrandi de eadem villa. Item

predium Biurbach, delegatum in manus Dietmari de E1goltingin; item predium Stainsperc delegaui in

manHS Odilrici de Salaha; item predium Trudelenheim cum omni iure; item Ma,'hbach delegata in

manus Ottonis maioris. Ea autem conditione prelibata predia obtuli, si in hac via, viam universe carnis

ingressus /uero, vel repatrians aliud inde non disposuero. Sciendum etiam. quod predium Hermarsteten

et convicinHm eius et Hasenwisen in dotem statui novf ecclesif S. Marif, hoc pacto ut dimidium

talentum ex hoc pro concinnandis luminibus omni nocte perpetuo habeatur,ac de cetero annunciatio

dominica sollemniter celebretur, nichilominus pauperes Christi ipso die inde sustententur. Super

omnia firmiter permaneat, ut in Ecclesia pretaxata cottidie missa decantetur: Notandum quoque,

quod predia Trudelenheim et Mahrbach dedi ad restaurationem aurei calicis 1111 scilicet marcarum et

ad solvendum debitum domino Arnoldo presbitero et Gozwino antequam in usum /ratrum cedat,

quod debito cl'editoribus reddito. Decrevi, ut anniversarius meus inde agatur et assumptio S. Marie ac

nativitas ipsius necnon et fostum Johannis ante pm'tam latinam fostive veneretur. Omnia victualia in

Lenginvelt de of/icio Liupoldi et de of/icio Algoti de Puhbach ita dividantur, ut 11 partes ad Enstor/

dentur, 111 pars Castro reman eat.

111 Urkunden Indersdorf (wie Anm. 105) Nr. 18, S. 11: Predium Roremose et Shillinhoven, Padoltesperge

delegata in manHS /ratris mei Ottonis iunioris ad Undinstor/ destinavi. Item predium

Kolbach et Aspah et Hadeprehteshusen delegata in manus Odilrici de lochusen, predium Eche per man14s

Ottonis iunioris delegatum ad eundum locum.

112 Pfalzgraf Friedrich bedachte das Kloster nur marginal mit 111 CU1'tes in Shyren. Urkunden

Indersdorf (wie Anm.l05) Nr.18, S.10. Diese Höfe gingen erst lange nach Friedrichs Tod 1198,

1231 an das Kloster. Vgl. Traditionen Scheyern (wie Anm.l06) Nr.ll, S.30f.

113 WILHELM STÖRMER, Die Hausklöster der Wittelsbacher, in: Die Zeit der frühen Herzöge

(wie Anm. 108) S.139-150.

114 STÖRMER, Hausklöster (wie Anm. 113) S. 142 f. Zur Geschichte des Klosters im Mittelalter


92 J ÜRGEN DENDORFER

lege seines Vaters und seiner Mutter am umfangreichsten. Der Gründung

seines Vaters, Indersdorf, nahe Dachau, war er besonders verbunden. 115

Hier sollte er nach seiner Rückkehr von der Pilgerfahrt selbst als Konverse

eintreten. Dagegen treten seine Beziehungen zu Scheyern, das sein Vater

und nach 1156 sein Bruder Pfalzgraf Otto V. bevogteten, zurück. Kloster

Scheyern, das in den ersten beiden Dritteln des 12. Jahrhunderts mehr noch

als von den pfalzgräflichen Wittelsbachern von den Grafen/Herzögen von

Dachau gefördert wurde, 116 war der Erinnerungsort eines alle wittelsbachisehen

Linien umfassenden Zusammengehörigkeitsgefühls. 117 Und so ist die

1-


Verwandte, Freunde und Getreue 93

Friedrich 120 ebenso wie einem Grafen von Dachau, aus einer anderen wittelsbachischen

Linie, Besitzungen. 121 Diese Schenkungen an von Verwandten

bevogtete Klöster umfaßten also in diesem Fall nicht nur die engere Familie

seines Vaters, sondern auch die umfassendere Abstammungsgemeinschaft

der "Grafen von Scheyern".

Der Großteil seiner Legate ging an Klöster und Stifte, deren Vogteien in

seinen oder den Händen seiner pfalzgräflichen Verwandten, vor allem seines

Bruders Ottos des Älteren lagen. 122 Wie kaun1 ein anderes Geschlecht stützten

die Wittelsbacher ihren Herrschaftsaufbau auf den Erwerb von Vogteirechten.

123 In den 70er-J ahren umfaßte diese Vogteiherrschaft unter den von

Friedrich beschenkten Klöstern und Stiften: das Stift Niedermünster in Regensburg,

124 die Klöster Klthbach, 125 Geisenfeld 126 und Ebersberg 127 sowie

(Verzeichnis der Schenkungen an Schäftlarn), sowie S.43-46, Beziehungen der Valleyer zu

Schäftlarn. DIEs., Grafen von Valley (wie Anm.95) S.278, S.290.

120 Urkunden Indersdorf (wie Anm.l05) Nr.18, S.12: Predium in Puch delegatum in manus

Forthliebi de Swanehiltdor/ comiti Cunrado de valeige. Predium in Sele delegatum in manus Alberonis

de Prugge eidem comiti C.

121 Urkunden Indersdorf (wie Anm. 105) Nr.18, S.12: Predium in Antshoven cum omni iure

delegatum in manus Ottonis iunioris comiti Arnoldo de Dachoe.

122 Zu den Klostervogteien der Wittelsbacher MAx SPINDLER, Die Anfänge des bayerischen

Landesfürstentums (Schriftenreihe zur bayerischen Landesgeschichte 126) München 1937,

S.73-92; FLOHRSCHÜTZ, Machtgrundlagen (wie Anm. 108) S.52-59; FRANZ GENZINGER, Grafschaft

und Vogtei der Wittelsbacher vor 1180, in: Die Zeit der frühen Herzöge (wie Anm. 108)

S. 111-125, hier S. 118-125; HUBERTUS SEIBERT, Die entstehende "territoriale Ordnung" am Beispiel

Bayerns (1115-1198), in: Stauferreich im Wandel. Ordnungsvorstellungen und Politik in

der Zeit Friedrich Barbarossas, hg. v. STEFAN WEINFURTER (Mittel alter-Forschungen 9) Stuttgart

2002, S. 253-287, hier S. 259 f.

123 STEFAN \VEINFURTER, Der Aufstieg der frühen Wittelsbacher, in: DERs., Gelebte Ordnung

- Gedachte Ordnung. Ausgewählte Beiträge zu König, Kirche und Reich, hg. v. HELMUTH KLU­

GER, HUBERTUS SEIBERT, WERNER BOMM, Sigmaringen 2005, S.135-157, hier S.140, S.143f.;

SEIBERT, Ordnung (wie Anm. 122) S. 259 f.

124 Urkunden Indersdorf (wie Anm.105) Nr.18, S.11: Predium in Dekenbach delegatum in

manus Ilsungi de 1.f/esteten ad inferius monasterium Ratisponense y item aliud predium in Deleenbach

delegatum in manus Chononis de Ukenbiunt ad idem monasterium. Vineas in Keleheim praeter dHas

quae sHnt ad occidentem delegavi in manus Eberhardi de Randeke ad idem monasterium. Zur Vogtei:

SEIBERT, Ordnung (wie Anm. 122) S. 260; die ersten sicheren Belege für eine wittelsbachische

Vogtei finden sich allerdings erst in den 70er Jahren, vgl. DENDoRFER, Adelige Gnlppenbildung

(wie Anm. 1) S. 302 f.

125 Urkunden Indersdorf (wie Anm. 105) Nr.18, S.l1: ... predium quod a Dieterico emi de

Raitpach ad Cobach. Zur Vogtei: WILHELM LIEBHART, Die Wittelsbacher und das Benediktinerinnenkloster

Kühbach im Mittelalter, in: Die Wittelsbacher im Aichacher Land (wie Anm. 104)

S.173-177, hier S.175.

126 Urkunden Indersdorf (wie Anm.105) Nr.18, S.12: ... predium in Riute delegatum in manus

O. iunioris ad Gisinvelt. Zur Vogtei: VOLKER v. VOLCKAMER, Das Landgericht Pfaffenhofen


94 J ÜRGEN DENDORFER

die Vogtei über das Domkapitel von Freising 128 und die Freisingischen Klöster

und Stifte Weihenstephan, 129 St. Veit 130 und Neustift. 131 Vermutlich gilt

das auch für die Klöster Mallersdorf 132 und Thierhaupten. 133 Alles in allem

und das Pfleggericht Wolnzach (Historischer Atlas von Bayern, Teil Altbayern 14) München

1963,5.12f.

127 Urkunden Indersdorf (wie Anm.105) Nr.18, S.12: Curtem unam in Kraiz~ delegatam in

manus Heinrici de Zulsdor/ ad Ebersperc dedi. 1tem 11 alias curtes in Kraiz delegatum in manus Eberhardi

de Nivwertingin et predium in Tetinberc ad eundem locum. Die Wittelsbacher waren seit ca.

1116 Vögte des Klosters Ebersberg, Pfalzgraf Friedrich hatte die Vogtei selbst inne. GOTTFRIED

MAYR, Ebersberg. Gericht Schwaben (Historischer Atlas von Bayern, Teil Altbayern 48) München

1989, 5.147; DERs., Die Geschichte des Klosters Ebersberg - eine Darstellung seiner historischen

Entwicklung im Überblick, in: Kloster Ebersberg. Prägekraft christlich-abendländischer

Kultur im Herzen Altbayerns, Ebersberg 2002, S. 13-50, hier S. 26-28.

128 Urkunden Indersdorf (wie Anm. 105) Nr. 18, S.ll f.: ... predium in Swilnahe et armentum

in Kater/och delegatum in manus Ottonis iunioris canonicis maioris ecclesie Frisingin. Zur Vogtei

der Wittelsbacher über das Hochstift Freising: GENZINGER, Grafschaft (wie Anm. 122) S.118-

120, S. 119 insbesondere zur Vogtei über das Domkapitelgut.

129 Urkunden Indersdorf (wie Anm.105) Nr.18, S. 12 f.: Predium in Harda et armenta aput

Odetenburc delegavi in manus O. de Ouste ad Wihinsteven. zur Vogtei vgl. oben Anm. 87, auch

Pfalzgraf Friedrich war zeitweilig Vogt des Klosters, Traditionen Weihenstephan (wie Anm. 87)

S. 131 *.

130 Urkunden Indersdorf (wie Anm. 105) Nr.18, S. 12: Predium in Pasingen et molendinum delegatum

in manus Ottonis iunioris ad S. Vitum Frisingin~ item 11 predia in Pasingin delegatum in

manus Heinrici de Zulsd01f ad S. Vitum. Über die Geschichte des Kollegiatstifts St. Veit in Freising

ist für das 12.Jahrhundert so gut wie nichts bekannt. Vgl. dazu immer noch JOHANN BAPTIST

PRECHTL, Das ehemalige Chorherrenstift St. Veit bei Freising, in: Sammelblatt des Historischen

Vereins Freising 1 (1893), S.86-103, der auf S.90 als einzige Nachricht zum 12. Jahrhundert

eben jene testamentarische Verfügung des Pfalzgrafen Friedrich erwähnt. Der Geschichtsschreiber

Rahewin war im 12. Jahrhundert Propst des Stiftes: ROMAN DEUTINGER, Rahewin von Freising.

Ein Gelehrter des 12. Jahrhunderts (MGH Schriften 47) Hannover 1997, S. 23 f. Zusammenfassend

mit der spärlichen älteren Literatur PETER PFISTER, Freising-5t. Veit, in: Freising.

1250 Jahre Geistliche Stadt (Diözesanmuseum des Erzbistums München und Freising, Kataloge

und Schriften 9) München 1989, S.152-154. Es ist aber mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit

anzunehmen, daß über das eng mit dem Domstift verbundene Kollegiatstift ebenfalls die

Wittelsbacher, Vögte des Domkapitels und des etwas besser dokumentierten Kollegiatstifts St.

Andreas, die Vogtei hatten. Zur Vogtei über das Domkapitel und über St. Andreas GENZINGER,

Grafschaft (wie Anm.122) 5.119.

131 Urkunden Indersdorf (wie Anm.105) Nr.18, S.12: Predium in Amendor/delegatum in manus

Heinrici Castionarii ad Nivwensti/t Frisingin. Zur Vogtei: GENZINGER, Grafschaft (wie

Anm.122) S.119.

132 Urkunden Indersdorf (wie Anm.105) Nr.18, S.12: Curtem in Guntherishusen delegatum in

manus Heinrici de Emphinsbach ad Malhartisd01f Nach GENZINGER, Grafschaft (wie Anm. 122)

S.121 stand Mallersdorf "schon seit 1129 ... unter Ottos Schutzherrschaft". Allerdings zieht

Genzinger dafür eine verunechtete Königsurkunde Lothars IH. heran, in der Pfalzgraf Otto

eher als Vogt von Niedermünster in Regensburg als von Mallersdorf bzw. als Vogt von beiden

Institutionen genannt wird. Da der Mallersdorfer Urkundenbestand des 12. Jahrhunderts sehr


Verwandte, Freunde und Getreue 95

beschenkte der Pfalzgraf also 14 Klöster und Stifte, deren Vogtei in den

Händen seiner eigenen pfalzgräflichen Familie lag. Dies ist mehr als die

Hälfte seiner Stiftungen. Nach dem Umfang der verschenkten Güter gewichtet,

ist dieser Anteil durch die großzügige Ausstattung Ensdorfs noch weit

größer.

Eine zweite Gruppe von Stiftungen pro remedia animae ging an Klöster

und Stifte, deren Vogtei in den Händen von Edelfreien lag. Sie alle stehen in

mehr oder weniger deutlich erkennbaren Beziehungen zu den wittelsbachischen

Pfalzgrafen. Obwohl für das wittelsbachische Gefolge vor 1180 eine

neue, methodisch haltbare Studie erst noch zu erstellen wäre,134 geht man

kaum fehl, die Vögte der Klöster Weltenburg 135 und Biburg 136 ebenso wie

dürftig ist, wird hier kaum mehr Sicherheit zu gewinnen sein. Am Beginn des 13.Jahrhunderts

ist der wittelsbachische Landesherr als Vogt des Klosters nachgewiesen. SPINDLER, Landesfürstentum

(wie Anm. 122) S.79. Die Urkunde Lothars In. in: Die Urkunden Lothars In. und der

Kaiserin Richenza, hg. v. EMIL VON OTfENTHAL, HANS HIRSCH (MGH Diplomata 8) Berlin

1927, Nr.20, S. 27-30. Vgl. zur Diskussion um die Echtheit der Urkunde:]. F. BÖHMER, Regesta

Imperii, 4,1: Die Regesten des Kaiserreiches unter Lothar In. und Konrad In., Erster Teil: Lothar

In. 1125 (1075)-1137, bearb. v. WOLFGANG PETKE, Köln/Weimar/Wien 1994, Nr. t191,

S. 120 f.

133 Urkunden Indersdorf (wie Anm. 105) Nr.18, S.10: ... predium quod a lfeinrico Lotere emi

ad Thyerhopte. Zur Vogtei: FLOHRSCHÜTZ, Machtgrundlagen (wie Anm.108) S.43, zur kargen

Überlieferung aus Thierhaupten im 12. Jahrhundert. Nach GENZINGER, Grafschaft (wie

Anm.122), finden sich die Wittelsbacher hier zwar als "freigebige Förderer nicht aber als

Schutzherrn " belegt.

134 Umfangreiche Materialsammlungen zum wittelsbachischen Gefolge - allerdings auf briichigem

methodischen Fundament - publizierte Günther Flohrschütz. Vgl. etwa FLOHRSCJJÜTZ,

Machtgrundlagen (wie Anm. 108). Seine wenig präzise Einordnung des fluktuierenden edelfreien

Gefolges überzeugt allerdings nicht.

135 Urkunden Indersdorf (wie Anm. 105) Nr. 18, S. 11: Predium et armenta Wibilsfort delegatum

in manus Herrandi piscatoris ad Weltinburc dedi. Die in den Traditionen von Weltenburg

(wie Anm. 105) gut dokumentierten Weltenburger Vögte des 12. Jahrhunderts namens Grimold,

Gottfried und Konrad gehören nach Franz Tyroller den Herren von Wöhr (bei Neustadt an der

Donau) an: FRANZ TYROLLER, Die Herren von Wöhr. Schirmvögte des Klosters Weltenburg. Mit

einer Stammtafel und LTbersichtskarte, in: Verhandlungen des Historischen Vereins für Niederbayern

73 (1940) S.43-66. Sie sind ab der Mitte des 12. Jahrhunderts häufiger im Gefolge der

Wittelsbacher belegt vgl. TYROLLER, Herren von Wöhr S. 50 f. sowie S. 56-60, mit Nachweisen.

136 Urkunden Indersdorf (wie Anm.105) Nr.18, S.11: ... Predium in Wicmannesperge delegatum

in manus Ilsungi de Westeten ad Biburc dandum. Predium in Owarteshoven, cuius alte ra pars

delegatum est in manus Burkardi de Steine, altera pars in manus Cunradi de Tegernbach ad Biburc.

Vögte des Klosters Biburg waren die Herren von Biburg, die eine enge Verwandtschaft mit den

Herren von Wöhr, Vögten des Klosters Weltenburg, verband. Wie diese treten sie in der zweiten

Hälfte des 12. Jahrhunderts immer wieder im Verbund des wittelsbachischen Gefolges auf. Vgl.

dazu nun, mit älterer Literatur, MONlKA VON WALTER, Die Traditionen des Benediktinerklosters

Biburg (Quellen und Erörterungen zur bayerischen Geschichte NF 45,1) München 2004,

S. 104*-119*, insbesondere die Hinweise auf wittelsbachische Gefolgschaft S. 107*, S. 111 *.


96 JÜRGEN DENDORFER

die der Stifte Rohr 137 und Moosburg 138 als wittelsbachische Gefolgsleute anzusprechen.

Diesen Bindungen, die sich im wiederholten Auftreten in den

wittelsbachischen Urkunden zeigen, lagen sicher wie in ähnlichen Fällen

auch lehnsrechtliche Beziehungen zugrunde. Ohne Zögern lassen sich diese

Stiftungen als Schenkungen an von "Getreuen" bevogtete Klöster deuten,

ohne damit andere Gruppenbindungen, vor allem freundschaftlicher Art,

ausschließen zu können.

Dennoch läßt der Rangunterschied in diesen Fällen zuerst an herrschaftliche

Abhängigkeiten denken. Freundschaft dagegen setzt vor allem die

Gleichrangigkeit der Partner voraus, die sich auch in gleicher Rangstufe ausdruckt.

Wenn Pfalzgraf Friedrich an das Kloster Attel einen Schwaighof stiftet,139

dann erhält damit das Hauskloster der Grafen von Wasserburg eine

Schenkung. 14o Immer wieder treten Angehörige dieses Geschlechts, vor allem

Graf Dietrich von Wasserburg im Umfeld der wittelsbachischen Pfalz-

137 Urkunden Indersdotf (wie Anm. 105) Nr. 18, S.ll: Predium in Ludemaresdor/ ad Rore ...

Vögte des Stiftes Rohr waren die Herren von Abensberg. Vgl. Traditionen Rohr (wie Anm.105);

HELMUT FLACHENECKER, Die Reichsherrschaft Abensberg. Entstehung - Verfassung - Übergang

an Bayern, in: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 64 (2001) S.693-726, hier S. 697-

699. Zur Familie und ihrem Auftreten im Gefolge der Wittelsbacher nun DERs., Die Grafen von

Abensberg, in: Hochmittelalterliche Adelsfamilien (wie Anm.19) S.539-562, hier S. 546 f., zum

Auftreten im wittelsbachischen Gefolge. Pfalzgraf Friedrich hinterläßt in seinem Testament sogar

dem Bruder des Stiftsvogts von Rohr Altmann, Walter von Abensberg (v gl. Traditionen

Rohr [wie Anm. 105] Nr.85, S. 86 f., Vorbemerkung), ein Gut in Mühlhausen. Das unterstreicht

die Nähe der Abensberger zu den Wittelsbachern. Urkunden Indersdotf (wie Anm.105) Nr.18,

S. 12: Predium in M ilenhusen delegatum in manus Cumpoldi de M ilenhoven Walthero de Abensperc.

138 Urkunden Indersdorf (wie Anm.105) Nr.18, S.10: ... Witrammistor/ ad Moseburg. Nach

GÜNTHER FLOHRSCHÜTZ, Der Adel des Wartenberger Raumes im 12.Jahrhunderts, in: Zeitschrift

für bayerische Landesgeschichte 34 (1971) S.85-165, hier S.129f., sowie DERs., Die Anfänge

der Grafen von Moosburg, in: Verhandlungen des historischen Vereins für Niederbayern 120/

121 (1994/1995) S. 99-145 ist eine gewisse Nähe der Herren, später Grafen von Moosburg, zu

den Wittelsbachen1 festzustellen, die allerdings noch einer kritischen Untersuchung bedürfte.

Das von Flohrschütz, Tyroller folgend, angenommene Konnubium Pfalzgraf Ottos VI, des

Jüngeren (t 1189), mit einer Benedikta von Moosburg beruht allerdings auf haltlosen genealogischen

Spekulationen. Vgl. dazu nun WELLER, Heiratspolitik (wie Anm. 88) S. 767 f ..

139 Urkunden Indersdorr (wie Anm. 105) Nr. 18, S. 12f: Armentum in Vendenbach delegatum

in manus Heinrici de Scoenburc ad Atele.

140 Zur frühen Geschichte des Klosters ELISABETH NOICHL, 1137 Oder die Magie einer erfundenen

Zahl. Zur gefälschten "Gründungsurkunde" des Klosters Attel, in: Auxilia Historica.

Festschrift für Pcter Acht zum 90. Geburtstag, hg. v. WAL TER KOCH, ALOIS SCHMID, WILHELM

VOLKERT (Schriftenreihe zur bayerischen Landesgeschichte 132) München 2001, S.315-333;

DIES., Die Grafen von Wasserburg. Beiträge zur Genealogie und Geschichte, in: Heimat am Inn

10 (1990)S.5-37, hier insbesondere S.10-16.


Verwandte, Freunde und Getreue 97

grafen auf,141 dieser war zudem mit einer Nichte Pfalzgraf Friedrichs vermählt.

142 Die Grafen von Wasserburg sind also cognati et amici der Wittelsbacher,

was sich in dieser Schenkung des Pfalzgrafen Friedrich zeigt.

Weit überraschender allerdings ist die Nähe des Pfalzgrafen zu einem anderen

Adeligen. Der Wittelsbacher gab für sein Seelenheil Güter an die Klöster

Tegernsee 143 und St. Georgenberg im Innta1. 144 Ihrem Vogt, Graf Berthold

II!. von Andechs (t 1188),145 vermachte der Pfalzgraf in seinem Testament

sogar persönlich ein Gut. 146 Dieser Befund ist deshalb erstaunlich, weil

in der bayerischen Landesgeschichte Wittelsbacher und Andechser als scharfe

Rivalen um die Vorherrschaft im Herzogtum gelten. 147 Diese Memorialschenkung

legt nun ein anderes Verhältnis nahe. Und in der Tat läßt sich das

Indiz für eine Nähe zwischen Berthold von Andechs und den pfalzgräflichen

Wittelsbachern rasch durch andere Beobachtungen stützen. So könnte der

Andechser mit einer Wittelsbacherin, unter Umständen sogar einer Schwester

des Pfalzgrafen Friedrich, vermählt gewesen sein. 148 Wird hier auch

kaum mehr Sicherheit zu gewinnen sein, so teilten die Andechser mit den

Wittelsbachern doch die Nähe zu Friedrich Barbarossa, deIn sie wie diese

141 Zu Belegen der Grafen von Wasserburg im wittelsbachischen Gefolge vgl. WELLER, Heiratspolitik

(wie Anm. 88) S. 771 mit Anm. 136.

142 Graf Dietrich von Wasserburg war mit Heilika, einer Tochter des Pfalzgrafen Ottos V.,

ab 1180 Herzog Ottos 1., von Wittelsbach, verheiratet. NOICHL, Grafen von Wasserburg (wie

Anm.140) S.20; WELLER, Heiratspolitik (wie Anm.88) S.77l.

143 Urkunden Indersdorf (wie Anm.105) Nr.18, S.12: ... predium in Sewen delegatum in manus

Wicnandi de Waitrischyrchen ad Tegernse. Zur Vogtei Graf Bertholds über Tegernsee BUT­

TINGER, Kloster Tegernsee (wie Anm. 67) S. 145-150.

144 Urkunden Indersdorf (wie Anm.104) Nr. 18, S.12: ... predium in Wenge delegatum in manus

Heinrici de Scoenburc ad S. Georgium lntal.

145 Zur Vogtei Graf Bertholds über Tegernsee BUTrINGER, Kloster Tegernsee (wie Anm. 67).

Seine Vogtei fiber St. Georgenberg im Inntal ist nicht explizit belegt, liegt aber aufgrund der andechsischen

Nachweise im Kloster und dessen engen Beziehungen zu Tegernsee nahe. Vgl. oben

Anm.23.

146 Urkunden Indersdorf (wie Anm. 105) Nr. 18, S. 12: Duos curtes in Puech et 11 in Ho/dorf delegatum

in manus Odilrici de Lochusen comiti B. de Andehse.

147 Diese Einschätzung findet sich immer wieder so, nur stellvertretend für andere FRIEDRICH

PRINZ, Der bayerische Adel bis 1180, in: Handbuch der bayerischen Geschichte 1: Das Alte

Bayern. Das Stammesherzogtum bis zum Ausgang des 12. Jahrhunderts, hg. v. MAx SPINDLER,

München 21981, S.402-425, hier S. 409 f.

148 Mit berechtigter Kritik an dieser in der bisherigen Forschung wiederholt vorgenommenen

Zuweisung WELLER, Heiratspolitik (wie Anm. 88) S.698-785 zu den Eheverbindungen der Andechs-Meranier;

zur wittelsbachischen Abkunft der ersten Gattin "Hedwig" Graf Bertholds III.

von Andechs, hier S.711, vor allem Anm. 60. Vgl. mit dazu mit der ansprechenden Vermutung,

daß diese "Hedwig" eine Tochter Graf Ekberts 11. von Formbach gewesen sei: SCHÜTZ, Grafen

von Dießen (wie Anm.69) S.276, Anm.185.


98 J ÜRGEN DENDORFER

über seine ganze Regierungszeit hinweg die Treue hielten. Diese Königsnähe

verband beide Familien. Sie unterschieden sich damit deutlich von anderen

bayerischen Adeligen, die - wie andere Große des Reiches - den Hof Barbarossas

je länger dessen Regierungszeit dauerte, desto seltener aufsuchten.

Für Rivalitäten zwischen Andechsern und Wittelsbachern fehlen bis 1180,

als die Wittelsbacher das bayerische Herzogtum errangen, Anhaltspunkte.

Wie so oft dürften hier Konflikte aus der Zeit um 1200 auf frühere Konstellationen

zurück projiziert worden sein. Die Memorialstiftung Pfalzgraf

Friedrichs an von den Andechsern bevogtete Klöster kann so zu einem wichtigen

Indiz in einer Kette von Belegen für eine Nähe zwischen Andechsern

und Wittelsbachern werden.

Daß Pfalzgraf Friedrich dem Burggrafen Otto und seiner Tochter Adelheid

ein Gut hinterließ 149 und an das von dessen Familie mitgegründete und

sehr wahrscheinlich von ihm bevogtete SchottenklosteriSO ebenso wie an das

damit verbundene Priorat Weih St. Peter stiftete, 151 legt wiederum den

Schluß nahe, daß die Familie der Burggrafen von Regensburg, aus denen die

Landgrafen hervorgingen, ihn1 besonders nahe standen. Man zögert, eine

Schenkung Friedrichs an das traditionsreiche bischöfliche Eigenkloster St.

Emmeram in eben dieseln Sinne zu deuten. 152 Aber da die Burggrafen im

fraglichen Zeitraum nicht nur die Vogtei über das Kloster innehatten, 153

149 Urkunden Indersdolf (wie Anm. 105) Nr.18, S.12: Predium in Regelindor/ Ottoni filio

lantgravii et Adilhildf sorori sUf. V gl. dazu MANFRED MAYER, Geschichte der Burggrafen von Regensburg,

München 1883, S.46.

150 Urkunden Indersdorf (wie Anm. 105) Nr.18, 5.11: Aliud predium in Laichilingin ad S. Jacobum

scottis dandum dedi Ratispone. Zu den engen Beziehungen der Burggrafen von Regensburg

zum Schottenkloster und Weih St. Peter vgl. HELMUT FLACHENECKER, Schottenklöster. Irische

Benediktinerkonvente im hochmittelalterlichen Deutschland (Quellen und Forschungen aus dem

Gebiet der Geschichte NF 18) Paderbom u.a. 1995, S. 99-101, hier S.100 zur Vogtei: "Es gibt

keinerlei dezidierte Hinweise für eine Vogteiausübung über St. Jakob bzw. Weih Sankt Peter, jedoch

ist sie im Auftrage des Königs bzw. im Rahmen der umfassenden Klosterschutzpolitik der

Familie sehr wahrscheinlich. Die auffällige Involvierung in den Gründungsakt des Regensburger

Schottenklosters läßt an eine Stiftervogtei denken".

151 Urkunden Indersdorf (wie Anm.105) Nr.18,S.11: Predium in Snaithart delegatum in manus

Adilberti de Shyrlingin scottis dandum ad Wihinsentepetrum Ratispone.

152 Urkunden Indersdorf (wie Anm. 105) N r. 18, S. 11 : A rmenta in Burestall et armenta in Inningen~

que sunt super curiam S. Emmerami ad S. Emmeram dedi.

153 Zur Vogtei der Burggrafen über St. Emmeram MAYER, Burggrafen (wie Anm.149) S.46.

Sie ist belegt von 1156 bis 1174: Die Traditionen des Hochstifts Regensburg und des Klosters St.

-LlU,UU'-,"ß",U, hg. v. JOSEF WIDEMANN (Quellen und Erörterungen zur Bayerischen Geschichte NF

8) München 1943, Nr.876, S.463 (1156); Nr.877, S.424; Nr.880, S.426f.; Nr.885, S.430f.;

Nr.899, S.441; Nr.903, S.443f.; Nr.906, S.445f.


Verwandte, Freunde und Getreue 99

sondern dieses auch eine ihrer Grablegen war,154 erklärt sich dieses Legat

des Pfalzgrafen so am plausibelsten. 155 Und in der Tat hatte sich eine

Schwester Pfalzgraf Friedrichs mit Landgraf Otto 11. von Steffling vermählt.

156 Pfalzgraf Friedrich bedachte somit seinen Neffen und seine Nichte

sowie Klöster, die von den verschwägerten, wiederholt wittelsbachische Urkunden

bezeugenden Burg- und Landgrafen bevogtet wurden. 157 Auch mit

diesem Geschlecht verband die Wittelsbacher also eine enge verwandtschaftlich

-freundschaftliche Bindung.

Auch die Schenkung des Pfalzgrafen an Berchtesgaden erklärt sich aus einem

ähnlichen Zusammenhang. 158 Hier waren es sicher nicht enge Beziehungen

zwischen den Wittelsbachern und den Grafen von Sulzbach, den

Griindern und Vögten des Stiftes, die den Pfalzgrafen in seinem Testament

an das fern wittelsbachischer Herrschafts- und Einflußbereiche liegende

Kloster denken ließen. Denn zum einen treten die Sulzbacher in der zweiten

Hälfte des 12.Jahrhunderts in Berchtesgaden nach und nach zuriick, 159 zum

andern lassen sich sonst, trotz engster Nachbarschaft beider Geschlechter

auf dem Nordgau, keine Verbindungen erkennen. 16o In engen Verbindungen

zum Stift am Königsee standen aber die Grafen von Plain. 161 Die Familie

und ihre Ministerialen beschenkten es häufig,162 in der Überlieferung keiner

anderen geistlichen Institutionen läßt sich dieses Geschlecht besser greifen.

Diese Familie nun stand im Alexandrinischen Schisma - wie die Wittelsba-

154 MAYER, Burggrafen (wie Anm.149) S. 57.

155 Beziehungen der Burggrafen zu St. Emmeram schon für das 10. und 11. Jahrhundert sieht

auch CHRISTINE RÄDLINGER-PRÖMPER, St. Emmeram in Regensburg. Strukt~lr- und Funktionswandel

eines bayerischen Klosters im früheren Mittelalter (Thum und Taxis-Studien 16) Kallmünz

1987, S.218, S.237.

156 MAYER, Burggrafen (wie Anm. 149) S.44f.; WELLER, Heiratspolitik (wie Anm. 88) S.769f.

157 MAYER, Burggrafen (wie Anm. 149) S. 45; DERs., Regesten zur Geschichte der Burggrafen

von Regensburg, in: Verhandlungen des Historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg 43

(1889) S. 1-55, hier Nr. 87, S. 39; Nr. 105, S. 42; Nr. 130 f., S. 46; Nr. 173 f., S.52.

158 Urkunden Indersdorf (wie Anm.105) Nr.18, S.12: Predium in Gemltisdorf delegatum in

manus O. iunioris ad Be1'tgersgadme.

159 DENDoRFER, Adelige Gruppenbildung (wie Anm. 1) S. 297 f. Der letzte Beleg für eine sulzbachische

Vogtei über das Stift findet sich 1156, doch dürften die Sulzbacher das Stift bis zu ihrem

Aussterben, 1188, bevogtet haben.

160 Auf verschiedenen politischen Ebenen, von der Territorialpolitik auf dem Nordgau bis

zur Nähe bzw. Distanz zu Friedrich Barbarossa, zeigt sich eine Rivalität der beiden Geschlechter

vgl. dazu DENDoRFER, Adelige Gruppenbildung (wie Anm. 1) S. 289 f., S. 412 f.

161 Zu dieser Familie vgl. die Literatur in Anm. 34.

162 Schenkungsbuch Berchtesgaden (wie Anm.57) Nr.20, S. 250 f.; Nr.58, S.268; Nr.64,

S.271f.; Nr.70, S.274; Nr.113, S.306; Nr.140, S.318-320; Nr.150, S.326; Nr.175, S.341f.;

Nr.186, S. 347; Nr.196, S. 352 f.; Nr.209, S.358.


100 J ÜRGEN DENDORFER

cher - auf der Seite Friedrich Barbarossas und verfocht dessen Positionen im

Erzstift Salzburg mit Waffengewalt. 163 In diesem Kontext heiratete in den

60er/70er-Jahren Graf Heinrich von Plain eine Tochter Pfalzgraf Ottos V.

von Wittelsbach und somit Nichte des Pfalzgrafen Friedrich. 164 Immer wieder

treten Angehörige beider Familien auch in der privaturkundlichen Überlieferung

gemeinsam auf. 165 Pfalzgraf Friedrich schenkte hier also pro remedio

animae an ein Stift, das Verwandten nahestand.

"Verwandte, Freunde und Getreue" in der klösterlichen Memoria, auch

die Legate im "Testament" des Pfalzgrafen Friedrich bestätigen diese Deutung.

Da Pfalzgraf Friedrich in seinem Testament alle Klöster, die er bewidnlen

wollte, nannte, sei in diesem Fall die Frage erlaubt, ob fehlende Schenkungen

auf Distanzverhältnisse deuten können? In der Regel sind solche

Schlüsse e silentio aufgrund der fragmentarischen Überlieferung der Stiftungen

pro remedio animae nicht möglich. Auch bei Friedrich ist nicht auszuschließen,

daß er bestimmte Klöster schon vorab, außerhalb des Testaments

bedachte und diese deshalb hier nicht mehr erscheinen. Der umfassende

Charakter der testamentarischen Verfügungen und die Tatsache, daß es

keine sicher vor 1172/73 datierbaren Schenkungen gibt, läßt dies aber als

wenig wahrscheinlich erscheinen. An welche Klöster und Stifte schenkte

Pfalzgraf Friedrich nun nicht? Besonders bemerkenswert ist der Kreis der

von ihm bedachten Regensburger Klöster und Stifte. Die überraschend große

Anzahl der Vergabungen des Pfalzgrafen an geistliche Einrichtungen in

der metropolis Bavariae überrascht. Sie entspricht zum einen dem in der Forschung

beobachteten zunehmenden Vordringen der Wittelsbacher in den

Regensburger Raum,166 spiegelt zum anderen aber auch die Präsenz des

Pfalzgrafen in der Stadt selbst wider. Im Zentralort des bayerischen Herzogtums

hielt sich Friedrich in Ausübung des Pfalzgrafenamtes häufiger auf, 167

hier hatte er eine Kapelle, die im Testament erwähnt wird, 168 und wohl auch

163 DorSCH, Salzburg im Hochmittelalter (wie Anm. 34) S.284-296; DERS., Existenzkrise

(wie Anm. 57) S. 275f.

164 Zu dieser Eheverbindung: WELLER, Heiratspolitik (wie Anm. 88) S. 771 f.

165 Vgl. die Hinweise bei WELLER, Heiratspolitik (wie Anm. 88) S. 772 mitAnm.

166 ALOIS SCHMID, Die Territorialpolitik der frühen Wittelsbacher im Raume Regensburg, in:

Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 50 (1987) S. 367 -410.

167 Es spricht vieles dafür, daß Friedrich seinen älteren Bruder, Pfalzgraf Otto V. von Bayern,

bei der Ausübung des Pfalzgrafenamtes im Herzogtum unterstützte. Während sich Pfalzgraf

Otto fast ununterbrochen am Hof Friedrich Barbarossas aufhielt, ist Pfalzgraf Friedrich gerade

im lokalen Kontext, als Richter, sehr häufig bezeugt. Zu Otto V. als Pfalzgraf und der Bedeutung

des Pfalzgrafenamtes vgl. SEIBERT, Ordnung (wie Anm. 122) S. 267 -272.

168 Urkunden Indersdorf (wie Anm.105) Nr.18, S.13: Unarn h5barn in Nuwendor/dedi in dotern

sanct~ Mari~ ad capellarn rnearn Ratispone.


Verwandte, Freunde und Getreue 101

einen Adelshof. Pfalzgraf Friedrich bedachte das Schottenkloster St. Jakob

und dessen Priorat Weih-St. Peter, St. Emmeram und das Damenstift Niedermünster.

Und dennoch stiftete er offensichtlich nicht wahllos an alle Regensburger

Klöster. So fehlen die Damenstifte Ober- und Mittelmünster (St.

Paul) ebenso wie das vor den Toren der Stadt gelegene Priifening. Ist über

die Vogtei von Obermünster in 'der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts wenig

bekannt,169 so ist vor allem das Fehlen von Priifening und St. Paul-Mittelmünster

signifikant. Vögte von Priifening waren die Grafen von Bogen. 170

Weder in der Stadt Regensburg noch außerhalb gab Pfalzgraf Friedrich an

ein unter der Schutzherrschaft dieses Geschlechts stehendes Kloster. Wenn

St. Paul-Mittelmünster fehlt, so könnte auch dies auf eine gewisse Distanz

der wittelsbachischen Pfalzgraf~n z~ dessen Vogtsgeschlecht, den Markgrafen

von Cham -Vohburg, deuten, die sich auch sonst zeigt. l71 Diese Beobachtungen

anhand der adeligen Memorialpraxis können nur erste Bausteine

einer umfangreicheren Analyse adeliger Gruppenbildung sein, allein sie

dürften das Potential solcher Studien verdeutlichen.

169 In der ersten Hälfte des 12.Jahrhunderts waren die Domvögte von Regensburg Vögte des

Stiftes vgl. MAX PIENDL, Die Grafen von Bogen, in: Jahresbericht des historischen Vereins für

Straubing und Umgebung 55 (1953) S.25-82; 56 (1954) S.9-98; 57 (1955) S.27-79, hier 57

(1955) S.33. Nicht haltbar ist die in der Forschung geäußerte Einschätzung, ab 1141 habe die

Vogtei Pfalzgraf Friedrich von Wittelsbach innegehabt. Sie beruht auf der Fehlinterpretation einer

Obermünsterer Traditionsnotiz (vgl. Schenkungsbuch des Stiftes Obermünster zu Regensburg,

hg. v. FRANZ MICHAEL WnTMANN, in: Schenkungsbücher bayerischer Klöster [wie

Anm.57] Nr.38, S. 178 f.), die gerade nicht Pfalzgraf Friedrich, sondern einen Konrad als Vogt

des Stiftes bezeugt. V gl. so etwa ERNST KLEBEL, Eigenklosterrechte und Vogteien in Baiern und

Deutschösterreich, in: DERS., Probleme der bayerischen Verfassungsgeschichte. Gesammelte

Aufsätze (Schriftenreihe für bayerische Landesgeschichte 57) München 1957, S.257-291, hier

S.263. Der erste gesicherte Beleg für eine wittelsbachische Vogtei findet sich erst wenige Jahre

nach der Schenkung Pfalzgraf Friedrichs 1175: Schenkungsbuch Nr.116, S.209-211. So auch

GENZJNGER, Grafschaft (wie Anm.122) S.121.

170 PIENDL, Grafen von Bogen (wie Anm. 169) 57 (1955) S. 43 f.

171 Zur Vogtei über St. Paul: Die Tr~ditionen, Urkunden und Urbare des Klosters St. Paul in

Regensburg, bearb. v. J OHANN GEIER (Quellen und Erörterungen zur bayerischen Geschichte NF

34) München 1986, S. 15*f. Obwohl die; diep'oldingischen und wittelsbachischen Herrschaftsbereiche

auf dem Nordgau aneinandergrenzen, gibt es weder Schenkungen der Wittelsbacher an

das diepoldingische Hauskloster Reichenbach, noch solche der Diepoldinger an das wittelsbachische

Kloster Ensdorf. Ein Konnubium zwischen Berthold II. (t 1204) und der Tochter Herzogs

Ottos I. von Wittelsbach, das gegen diese Distanz sprechen könnte, ist erst nach 1180 anzusetzen.

Denn der Markgraf übergab seine Frau für die Zeit seiner Teilnahme am 3. Kreuzzug

1189/90 an den Abt von Biburg. Dies könnte auf ein noch sehr zartes Alter der Markgräfin hindeuten:

Traditionen Biburg (wie Anm. 136) Nr.106, S.185 f. Vgl. zu dieser Verbindung WELLER,

Heiratspolitik (wie Anm. 88) S. 794.


102 J ÜRGEN DENDORFER

Greifen wir noch einmal die eingangs a'ufgeworfenen Fragen auf: Welche

Kriterien bestimmten die Auswahl der geistlichen Institutionen, an die ein

Adeliger für seine Memoria stiftete? Zumindest für das Bayern des 12. J ahrhunderts

ist die Frage mit Entschiedenheit so zu beantworten: Gewählt wurden

fast ausschließlich Klöster und Stifte, deren Vögte mit dem Stifter als

Verwandte, Freunde und Getreue verbunden waren oder die zumindest in

engen Verbindungen mit solchen Geschlechtern, etwa durch die Übernahme

einzelner Hausklosterfunktionen, standen.

In den Memorialstiftungen der Adeligen zeigen sich so Gruppenbindungen,

in die sie selbst oder ihr Geschlecht eingebunden waren. Damit bietet

eine umsichtige Analyse der Memoria eines Geschlechts die Möglichkeit,

das Netz der cognati, amici et fideles einer Familie zu erkennen und so dieser

in der Historiographie in1mer wieder aufscheinenden Formel konkrete Personengruppen

zuzuweisen. Damit wird eine Basis für ein tieferes Verständnis

des Funktionierens von Adels- und Königsherrschaft gewonnen. Die Interpretation

der genannten vier Beispiele - der Stiftungen der Mathilde von

Sulzbach, der Gräfin Elisabeth von Ortenberg, des Grafen Heinrichs 11. von

Wolfratshausen und des Testamentes Pfalzgraf Friedrichs von Wittelsbach -

führt abschließend zu folgenden Beobachtungen, die als Vorüberlegungen

für künftige Analysen der Memoria des Adels in Bayern, vielleicht auch darüber

hinaus, dienen können.

Erstens hat sich gezeigt, daß die Deutul).g der Memoria nur Teil einer Beschreibung

der personalen Bindungen eines Geschlechts sein kann, die ein

Adelsgeschlecht hatte. Vorwissen über das Konnubium einer Familie und seiner

Verwandten, über das gemeinsame Agieren mit anderen Geschlechtern

auf regionaler wie überregionaler Ebene oder den Klientel- und Gefolgschaftsverband

sind Voraussetzung für ein Erkennen dieser Beziehungen.

Die Deutung der Memoria bietet ein sehr schlagkräftiges Argument, wird in

der Regel aber nur selten allein als Indikator für ein Naheverhältnis dienen

können. Denn Überlieferungslücken und -zufälle können zu Verzerrungen

führen. Ein weiterer Grund liegt darin, daß sich die Konstanz dieser Gruppen

mitunter schnell verändert, während die Memorialüberlieferung ein eher

statisches Bild vermittelt. Unstrittig dürfte sein, daß auch die hier greifbaren

Bindungen, wie überhaupt Verwandtschaft und Freundschaft, nur Handlungsoptionen

für das konkrete politische Agieren des Adels darstellen und

sich aus diesen Gruppenbindungen keine Zwangsläufigkeiten ergeben. Auch

deshalb ist eine umsichtige, möglichst viele Parameter mit einbeziehende

Deutung erforderlich. Dennoch erschließt sich durch eine Analyse der Gruppenbindungen

in der Memoria ein entscheidender Handlungshorizont des

Adels.


Verwandte, Freunde und Getreue 103

Zweitens lassen sich einige Überlegungen zur Analyse der Men10rialiiberlieferung

in den einzelnen Klöstern und Stiften anstellen. Nur sehr selten erfassen

wir im 12. Jahrhundert wie in den geschilderten Fällen alle Stiftungen

einer/ eines Adeligen pro remedio animae. Auf welche Weise können nun, methodisch

abgesichert, Gruppenbindungen des Adels auch in den Urkundenbeständen

eines einzelnen Klosters erkannt werden? Grundlegend ist dafür

zu klären, in welchem herrschaftlichen Kontext eine geistliche Institution

steht. Wer hatte die Vogtei, welche ministerialischen oder edelfreien Schenkergruppen

waren dem Kloster verbunden? Der Grad der Exklusivität der

Beziehungen eines Klosters zu seinem Vogtsgeschlecht ergibt einen wichtigen

Anhaltspunkt für die Aussagekraft der Schenkungen anderer Adeliger

an das Kloster. Am engsten ist die Beziehung eines Vogtes zum "klassischen"

Hauskloster, das von einem Geschlecht gegründet wird, ihm als Grablege

dient und über das es die Stiftervogtei ausübt. In der Regel finden sich hier

nur Schenkungen engster Verwand ter und des edelfreien und ministerialischen

Gefolges. Selbst die 26 Stiftungen Pfalzgraf Friedrichs bedachten über

die Hausklöster der Wittelsbacher hinaus nur ein weiteres Hauskloster einer

grafen adeligen Familie. Seltene Schenkungen eines anderen, nicht zur engeren

Familie gehörenden Adeligen an ein so verstandenes Hauskloster sind

ein sehr gewichtiges Indiz für eine Nähe zum jeweiligen Geschlecht.

Anders als bei diesen "Hausklästern" kann aber auch in Gründungen des

11. oder 12. Jahrhunderts die Beziehung eines Vogtes mitunter nur eine von

vielen Formen sein, in denen sich die Nähe eines Adelsgescblechts zu einem

Kloster konkretisierte. Je länger ein Kloster bestand, desto stärkere eigenständige,

vom Gründergeschlecht unabhängige Beziehungen konnten Abt

und Konvent zur adeligen Umwelt pflegen. Neue Schenkergruppen treten

hervor, für einzelne Geschlechter, die nicht mit dem Gründer- oder Vogtsgeschlecht

identisch sein mußten, übernahm das Kloster/Stift Hausklosterfunktionen

wie die Grablege. Und es ist nicht auszuschließen, daß Angehörige

anderer Adelsgeschlechter dem Konvent angehörten. Häufig ist aber auch

in diesen Fällen die Vogtei ein wichtiger Indikator für die Nähe eines Adelsgeschlechts

zu einer geistlichen Institution. Denn auch bei der Wahl sowohl

der Memorialorte kleinerer Adelsfamilien, die nicht selbst über eigene Hausklöster

verfügten, als auch der Konvente, in die Adelige eintraten, spielt gerade

die Nähe zu den jeweiligen Gründern und Vögten immer wieder eine

unübersehbare Rolle.

Schwieriger als bei diesen adeligen Gründungen des 12. Jahrhunderts sind

Beziehungen von Klöstern und Stiften zu deuten, die ältere Wurzeln haben.

Gerade bei ihnen besteht neben dem Vogt häufig ein weiterer wichtiger herrschaftlicher

Bezugspunkt: Bei Reichsklöstern kann der König eine Rolle

spielen, bei bischöflichen Klöstern der Bischof als Eigenherr. Gruppenbin-


104 J ÜRGEN DENDORFER

dungen des Adels sind in der LTberlieferung dieser Klöster weniger eindeutig

zu bestimmen. Zudem setzen bei älteren Gründungen nicht selten Überlieferungsprobleme

der Analyse enge Grenzen. Wenn nach einer ersten Gründungs

ausstattung der Strom der Schenkungen versiegt, ist der Name des

Vogtes mitunter nur zu erahnen und an den Nachweis ministerialischer und

edelfreier Schenkerkreise nicht zu denken. Selbst dann aber, wenn Traditionsnotizen

ähnlich reichhaltig wie bei den Klostergründungen des 12. J ahrhunderts

auf uns gekommen sind, ist in diesen Fällen viel stärker mit überkommenen

und eigenständigen Bindungen des Klosters zu rechnen. Diese

können wichtiger für Stiftungen an das Kloster sein als das Netz der Verwandten,

Freunde und Getreuen des Vogts. Seine Stellung ist in solchen Klöstern

zudem häufig schwächer. Während des gesamten 12. Jahrhunderts bemühten

sich etwa die Mönche der reichen Abtei Tegernsee, die Rechte ihrer

Vögte einzuschränken, und sie hatten Erfolg. 172 In St. Emmeram in Regensburg

wechseln die Vögte im 12. Jahrhundert fast schneller als die Äbte. 173

Stiftungen pro remedio animae an solche Klöster sind so nur mit großer Vorsicht

zu deuten. Beziehungen zum Vogtsgeschlecht können eine Rolle spielen,

sie mtissen es aber nicht.

Am aussagekräftigsten ist also die Analyse der Memorialstiftungen an im

11. oder 12.Jahrhundert gegründete Klöster und Stifte. In der in ihnen greifbaren

Memoria des Adels wird der einzelne als Teil einer Gruppe sichtbar.

Seit Karl Schmid und Otto Gerhard Oexle wird der Memoria eines Geschlechts

eine konstitutive Wirkung für die Ausbildung des Adelsgeschlechts

im agnatischen konzentrierten Sinn, ja darüber hinaus generell für die Gruppenbildung

des Adels zugeschrieben. Wie nimmt sich die Memoria der vier

genannten Adeligen nun unter dem Blickwinkel grundsätzlicher Überlegungen

aus?

Zum einen zeigt sich auch hier, daß das auf die männliche Linie ausgerichtete

Geschlecht eine sehr wichtige Gruppenbildung des Adels ist. Der ganz

überwiegende Teil der Schenkungen geht, wenig überraschend, in allen vier

Fällen an Klöster und Stifte, die von dem Adelsgeschlecht im engeren Sinne

bevogtet werden. Wichtig ist dabei aber, daß die Memoria nicht nur in einem

"Hauskloster" , sondern in mehreren geistlichen Institutionen gepflegt wird.

Dabei kann ein Kloster durch den Umfang der Bewidmung besonders hervorgehoben

werden, wie Ensdorf durch Pfalzgraf Friedrich, genauso häufig

172 BU'rfINGER, Kloster Tegernsee (wie Anm. 67) S.116-150.

173 St. Emmeram scheint zumindest bis 1180 die Wahlvogtei beibehalten zu haben, vgl. KLE­

BEL, Eigenklosterrechte (wie Anm. 169) S. 262.


Verwand te, Freunde und Getreue 105

aber sind keine gewichtigeren Differenzierungen zwischen den einzelnen

Memorialorten festzustellen.

Erstaunlicher ist dabei aber das offenbar nur schwach ausgeprägte histori -

sche Bewußtsein der Schenkenden. Die Grablege der Eltern wird bedacht,

die der Großeltern, die damit nicht identisch sein muß, kann dagegen fehlen.

Der Text der Schenkungsnotizen bestätigt diesen Eindruck, er nennt entweder

nur die Kernfamilie oder begnügt sich mit der Floskel pro remedia animae

meae et parentum meorum. 174 Der Kreis der Verwandten, denen die Memoria

gilt und in deren Kreis die Memoria gepflegt werden soll, beschränkt sich also

zumeist auf einen engen Kreis um die Familie des Vaters und der Mutter.

Die kognatischen Bezüge fehlen dabei nie, was die Beobachtungen bestätigt,

daß für den Adel des 12. Jahrhunderts die cognatio weiterhin wichtig bleibt.

Bedeutender aber ist, daß es offensichtlich im Kreis der Verwandten individuelle

Schwerpunktsetzungen gibt. In der Memoria treten Beziehungen zu

einigen Verwandten deutlicher hervor, zu anderen wiederum nicht. Im Kreis

der biologisch vorgegebenen Bindungen kann also in gewissem Umfang eine

Auswahl getroffen werden. Diese Beobachtung warnt davor, "Verwandtschaft"

an sich schon als entscheidendes Element für eine ähnliche politische

Orientierung zu betrachten. Erst eine Beschreibung der in der Memoria aufscheinenden

Verbindungen läßt auch hier Nähe- und Distanzverhältnisse erkennen.

Die Memoria des bayerischen Adels zeigt aber darüber hinaus auch, daß

der Adel nicht nur in seinem agnatischen oder kognatischen Verwandtschaftsverband

verankert war. Aus der Perspektive dieser Memorialstiftungen

ist der einzelne Adelige Bestandteil einer über den verwandtschaftlichen

Kontext hinausgehenden Gruppe. Er gehört einem Geflecht von Verwand

ten, Freunden und Getreuen an, das in der Überlieferung deutlich hervortritt.

Die Realität dieser Gruppenbildung ist offensichtlich. Nur eine "dichte

Beschreibung" adeligen Verhaltens auf verschiedensten Ebenen wird sie erhellen.

Die Analyse der in der klösterlichen Menloria aufscheinenden Verwandten,

Freunde und Getreuen eines Adeligen leistet dafür einen wichtigen

Beitrag.

174 Deshalb führt eine Differenzienmg der Schenkungen danach, welchen Verwandten in der

Memoria gedacht wird, bei den Traditionsnotizen des 12.Jahrhunderts nicht weiter. Für die urkundliche

Überlieferung des 13. Jahrhunderts methodisch anregend: NORBERT KERSKFN, ... ut

eorum perpetua memoria aput presentes et posteros habeatur. Zur spätmittelalterlichen Memorialkultur

des Adels in Nordostdeutschland, in: Tradition und Erinnerung in Adelsherrschaft und

bäuerlicher Gesellschaft, hg. v. WERNER RÖSENER (Formen der Erinnerung 17) Göttingen 2003,

S.107-130.

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