Sebastian Schmidt-Hofner, Regieren und Gestalten - FreiDok

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Sebastian Schmidt-Hofner, Regieren und Gestalten - FreiDok

Sonderdrucke aus der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

DETLEF LIEBS

Sebastian Schmidt-Hofner, Regieren und Gestalten

Der Regierungsstil des spätrömischen Kaisers am Beispiel der

Gesetzgebung Valentinians I. Beck, München 2008. [Rezension]

Originalbeitrag erschienen in:

Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte / Romanistische Abteilung 128 (2011), S. 665 -

679


S e b a s t i a n S c h m i d t - H o f n e r, Regieren und Gestalten. Der Regierungsstil des

spätrömischen Kaisers am Beispiel der Gesetzgebung Valentinians I. (= Vestigia. Beiträge

zur Alten Geschichte, Bd. 58). C. H. Beck, München 2008. 398 S. *

Die Untersuchung ist aus einer Dissertation hervorgegangen, betreut von M a l c o l m

E r r i n g t o n, und wurde durch weitere Fachleute gefördert. Gegenstand sind die in großer

Zahl, wenn auch nur gekürzt überlieferten Gesetze des letzten kraftvollen Herrschers im westlichen

Teil des römischen Reichs, Valentinians I. Nachdem die konstantinische Dynastie 363

endgültig ausgestorben war, kam er 364 n. Chr. durch das Heer an die Macht und starb 375.

Verf. untersucht die Texte in ihrem historischen Zusammenhang unter dem seit 1977, als das

anregende Buch von Fergus Millar herauskam 1 , viel diskutierten Gesichtspunkt, ob die römischen

Kaiser im Wesentlichen auf aktuelle, an sie herangetragene Fragen und Anforderungen

reagierten, was Millar ganz in den Vordergrund gestellt hatte, und inwieweit sie auch planvoll

gestalteten. Jochen Bleicken hatte in seiner ausführlichen Antwort auf Millars Thesen 2 dieses

Element hervorgehoben. Vielleicht sollte man sich indessen klar machen, dass alle Rechtssetzung

auf Fragen reagiert, die im Alltag auftauchen; selbst Gestaltungen in großem Stil wie die

Sowjetisierung Russlands 1917 bis 1928 geschahen auf der Grundlage von Konzepten, die in

Auseinandersetzung mit älteren, jüngeren und jüngsten gesellschaftlichen Problemen gewonnen

worden waren und wurden. Gewiss lohnt es sich stets, herauszufinden, ob eine konkrete

rechtliche Regelung nur vordergründig auf ein Problem reagierte, ohne es in größere Zusammenhänge

einzuordnen. Die Übergänge zwischen den beiden Polen Reagieren und Gestalten

sind jedoch fließend, je nach dem, in welchem Maße der Handelnde dabei Weitsicht walten

lässt, ob er einen auf lang-, weniger lang-, mittel- oder kurzfristige Wirkung zielenden Plan

verfolgt oder gar eine nur derzeit beruhigende Entscheidung trifft, mit allen Übergängen, die

zwischen den angedeuteten Stufen möglich sind; um mit Max Weber zu sprechen: ob der Politiker

dicke, weniger dicke, mittlere oder dünne Bretter bohrt. Auch Verf. kommt am Schluss

dieser relativierenden Sicht näher, lässt sich vorher aber lange von jener allzu scharf pointierenden

Alternative leiten.

Die Untersuchung ist anspruchsvoll. Die mehr als 400 wenigstens in Teilen erhaltene Gesetze

dieses Kaisers, deren Überlieferung vorab zu klären war 3 , erfassen so gut wie alle

Rechtsgebiete. Verf. hat aus diesem Meer die Konstitutionen ausgewählt, die [S. 666] zu Ge-

* Erschienen in: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte. Romanistische Abteilung 128,

2011, 665–679.

1 F. M i l l a r, The emperor in the Roman world (31 BC – AD 337), London 1977, 2 1992.

2 J. B l e i c k e n, Zum Regierungsstil des römischen Kaisers. Eine Antwort auf Fergus Millar, Wiesbaden 1982.

3 Dementsprechend hat Verf. die Regesten der Kaiser Valentinian und Valens in den Jahren 364 bis 375 n. Chr.

gesondert veröffentlicht: SZ 125 (2008), S. 498–602, was F. P e r g a m i, La legislazione di Valentiniano e

Valente (364–375), Milano 1993, ersetzt, wo auf 737 S. weithin unkritisch schlicht die Texte abgedruckt sind.


ieten erhalten sind, welche die Regierungspraxis dieses Kaisers kennzeichneten (S. 20f.);

diese hat er ausführlich behandelt, wobei er wenn tunlich auch zurückblickt beziehungsweise

die weitere Entwicklung verfolgt. Es sind: Kaiserdienst (S. 37–115), Steuerwesen (117–87),

Münzreform (189–230), Agrarpolitik (231–87) und commoda urbis Romae, die Versorgung

der alten Hauptstadt (289–336). Eingerahmt sind diese fünf Kapitel von einer „Einleitung:

Kaiser, Kodex, Konstitution“ (S. 11–35) und dem „Ergebnis: Regierungshandeln im spätrömischen

Reich“ (337–50). Ein „Anhang: Gesetzgebung zwischen Ost und West“ (351–59),

ausführliches Literaturverzeichnis (361–80) und drei Register: „Orte und Namen“ (381–84),

„Sachen“ (384–93) und „Quellen“ (394–98), beschließen das gehaltvolle Buch.

1. Es ist gewiss ein Fortschritt, bei Ermittlung des historischen Zusammenhangs, der zur

Formulierung der einzelnen Texte führte, zu allererst zu prüfen, ob der fragliche Text unmittelbar

auf eine an den Kaiser herangetragene Eingabe von Seiten eines Beamten, einer öffentlichen

– Stadtgemeinde oder Kirche – oder auch privaten Personengruppe oder, das kam mittlerweile

nur noch selten vor, einer einzelnen Privatperson antwortete. In der Spätantike war

das nicht grundsätzlich anders als im Prinzipat, aber das Verhältnis der Quellen, die erhalten

sind, zu den verlorenen hat sich verschoben: Privatreskripte, aus der Zeit Diokletians noch

zahlreich vorhanden, verschwinden danach fast vollständig aus der Überlieferung; um so

reichlicher haben wir jetzt kaiserliche Episteln und auch Edikte, wovon nicht wenige auch gut

bei den jetzt üppig gedeihenden und bevorzugt erhaltenen Kirchenschriftstellern dokumentiert

sind.

Mit einer seit Jahrzehnten anhaltenden Strömung in der Wissenschaft von der alten Geschichte

betont Verf. freilich allzu einseitig die bei vielen Alltagsgeschäften oder doch einzelnen

ihrer Seiten selbstverständliche Kontinuität zwischen Prinzipat und Dominat (etwa S.

14f.). Konstantins offene Erhöhung des Kaisertums, vorbereitet von Diokletian, hat nun einmal

Hemmungen der Regierenden beim rechtssetzenden Eingriff in Freiheits- und Bürgerrechte

markant herabgesetzt 4 . Gewiss hatten Beamte weiterhin, nunmehr weitgehend auch

Kirchenleute Zugang zur Person des Kaisers, aber kaum mehr jedermann wie in den öffentlichen

Audienzen des Prinzipats; die von der Historia Augusta beklagte Erscheinung des

princeps clausus war kein eingebildetes Problem. Das veränderte auch den Charakter des –

natürlich weiterhin geübten – reagierend-dialogischen Regierungshandelns. Ob der magister

libellorum seine Entwürfe einer Antwort auf auch schriftlich formulierte Eingaben Privater

4 Um nur zwei Beispiele zu nennen, die in diesem Buch keine Rolle spielen: Seit Konstantin konnte ein Freier

durch privaten Verkauf, woran er selbst nicht beteiligt war, seine Freiheit verlieren, D. V. S i m o n, Konstantinisches

Kaiserrecht, Frankfurt a. M. 1977, S. 35–45; und ebenso seit Konstantin ein unbescholtener Bürger seinen

Besitz, H. W i e l i n g, Constantinische Schenkungen, in: Atti dell’Accademia Romanistica Costantiniana

IX, Napoli 1993, S. 267–98.


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dem Kaiser persönlich vorlegen konnte, wie es bis Diokletian die Regel gewesen zu sein

scheint, oder ob sie nach einem längeren Weg durch die Bürokratie dem Kaiser nur mehr zum

unpersönlichen Abzeichnen vorgelegt wurden, wie es die Notitia dignitatum für die Spätantike

nahelegt, 5 macht einen großen Unterschied. Kirchenleute erhalten response, von Theodosius

II. massenhaft; schlichte Untertanen kaum mehr vom Kaiser in persönlicher Verantwortung.

So können potente Privatpersonen Reskripte zu ihren [667] Gunsten erschleichen und

müssen alle spätantiken Kaiser wieder und wieder gegen rescripta elicita vorgehen 6 .


Mit Recht stellt Verf. fest, dass die Gesetzgebung Valentinians I. ungewöhnlich dicht dokumentiert

ist; „einmalig“ (S. 18 und Fn. 24) stimmt aber allenfalls für die ersten beiden Jahre,

für die restlichen sind nicht wenige Regierungsjahre Konstantins I., Theodosius’ I. und

zumal Justinians ebenso reich oder reicher belegt. Erreicht haben uns Valentinians Konstitutionen

auf Inschriften nur selten, hauptsächlich vielmehr durch den Codex Theodosianus; er

ist aber nicht „um die Jahreswende 438 auf 439 in beiden Teilen des Reiches publiziert“ worden

(so S. 21), sondern zumindest im damals führenden Osten schon am 15. Februar 438 7 .

Zutreffend hebt Verf. hervor, dass dieser Codex längst nicht alle einschlägigen Konstitutionen

auch nur dieses Kaisers enthielt (S. 26), doch wäre dazu klarzustellen gewesen, dass die zwar

nicht hier, aber im Codex Justinianus erhaltenen einschlägigen Gesetze – bis auf einzelne aus

dem frühen 4. Jahrhundert – dem vollständigen Theodosianus entnommen sind; dessen Überlieferungslücken

hätten zur Sprache kommen sollen: Vom Ende des 1. bis zum Beginn des 6.

Buchs sind rund zwei Drittel des Textes verloren. Diese Bücher enthielten zwar hauptsächlich

Gerichtsverfassungs-, Zivilprozess- und Privatrecht, was hier weniger interessierte, außerdem

aber die Schollenbindung der Kolonen, weshalb etwa auf S. 270 auf diesen Umstand einzugehen

gewesen wäre. Doch hält Verf. zutreffend fest, dass der Codex Theodosianus „eine ungeglättete,

oft widersprüchliche Materialsammlung höchst heterogener Dokumente blieb“ (S.

35).

Nicht unbededenklich ist es, vom Adressaten der einzelnen Konstitution, meist ein Präfekt

mit regional begrenzter Kompetenz oder gar nur ein Provinzgouverneur, auf den Geltungsraum

des betreffenden Gesetzes zu schließen (so Verf. S. 24f.). Meist kann man davon ausgehen,

dass der oder die anderen Präfekten beziehungsweise weitere Provinzstatthalter ein ent-

5 Notitia dignitatum Or. 19, 6–13; u. Occ. 17.

6 Dazu etwa L i e b s, OM 13, 1 und das Reskriptwesen in der Historia Augusta, in: Bonner Historia-Augusta-

Colloquium 1982/83, Bonn 1985, S. 221–37; d e r s., Juristen als Sekretäre des römischen Kaisers, SZ 100

(1983), S. 485–509, hier S. 485–87.

7 NTh 1. Das Gesetz wird auch im Westen gegolten haben, denn die sogenannten Gesta senatus Romani de

Theodosiano publicando, wohl vom 25. Mai und nicht wie die einzige Handschrift sagt Dezember 438, L.

A t z e r i, Gesta senatus Romani de Theodosiano publicando, 2008, S. 128–32, setzen Billigung durch den Kaiser

schon voraus, Gesta § 2 S. 3 u. § 6 u. dazu A t z e r i aaO. S. 171–211, zusammenfassend S. 210f.; u. D.

L i e b s, SZ 127 (2010), S. 527.

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sprechendes Schreiben erhielten, wie übrigens auch Verf. mehrmals annimmt, wenn es in

seine Argumentation passt. Dessen ungeachtet ist es jedoch ein Verdienst des Buches, vorab

grundsätzlich nach Geltungsanspruch und -art der einzelnen Konstitutionen zu fragen: ob sie,

wie in der Spätantike häufig, nur geltendes Recht bestätigten (Verf.: „affirmativ“ waren) oder

eine Neuerung einführten („innovativ“); und dabei, ob die bestätigende oder neuernde Konstitution

wohl auf eine konkrete Anfrage hin („reagierend“) ergangen war, wozu meist nur Vermutungen

möglich sind, oder ob sie auf eine Initiative der Regierung zurückging („agierend“).

In etwas eigenwilliger Terminologie (Schema S. 34), die jedenfalls auf den größten

Teil der Konstitutionen passe, nennt er die einer eigenen Initiative der Regierung entsprungene

Neuerung „Direktive“, die erst auf eine konkrete Anfrage oder Anregung hin erlassene

Neuerung „Disposition“ und die auf eine Anfrage hin ergangene [668] bloße Bestätigung der

geltenden Rechtslage „Instruktion“; für ein eigener Initiative entsprungenes, trotzdem bloß

bestätigendes Gesetz, was selten vorkam (s. immerhin S. 92 und S. 276), prägt er keinen Terminus.

Der kontinentalen Rechtsterminologie eigentlich fremd und offenbar der angelsächsischen

seines Lehrers entlehnt ist der zuspitzende, allerdings auch zu unschönem Nominalstil

führende Ausdruck „Präzedenzcharakter“ (s. S. 23 und fortlaufend). Der hiesige Jurist würde

von Konstitutionen mit „Präzedenzcharakter“ sagen, sie gelten allgemein, sind allgemeingültig

8 .

2. Im Kapitel ‚Kaiserdienst’ behandelt Verf. in einem ersten Abschnitt den Kampf der Regierung

gegen Korruption ihrer Repräsentanten („Staatsmacht und Untertan“, S. 37–80), sodann

die Standesbindung („Kaiserdienst und Standesbindung“, S. 80–102) und drittens den

Kaiserdienst im engeren Sinn („Militia armata und ziviler Kaiserdienst“, S. 103–115). Der

erste Abschnitt beginnt mit dem Sportelwesen. Sporteln waren kleine oder auch größere Gaben,

meist Geldleistungen an Funktionäre des Gemeinwesens, die über Belange der Untertanen

befanden und die, um tätig zu werden, von den Betroffenen das forderten. Das war damals

nicht prinzipiell bedenklich (S. 40) – heute sind kleine freiwillige Gaben bei öffentlichen

Entscheidungsträgern zulässig und bei vielen auch üblich –, doch musste die Regierung deutlich

machen, wo keinerlei Sporteln angebracht sind, und im Übrigen klare Grenzen nach oben

setzen. Das ist schwer durchzusetzen, wenn solche Gaben prinzipiell erwünscht sind, weil

kleine Beamte unzureichend besoldet werden. Verf. arbeitet hier sehr schön heraus, dass das

Verbot einer Heroldssportel CTh 8,11,1–3 auf einen Vorfall im Reichsteil des Valens gegen

Ende des Jahres 364 zurückging, dieser ein Verbot erließ und auf Grundlage dessen sich die

beiden seit August 364 getrennten Regierungen auf ein gemeinsames Edikt verständigten, das

8 Und auf S. 50 sollte es statt „Todesurteil“ besser „angedrohte Todesstrafe“ heißen.


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kurz nach Antritt des gemeinsamen Konsulats am 1. Januar 365 in Mailand beziehungsweise

Konstantinopel die Fürsorge der neuen Kaiser für die Provinzialen in Szene setzte (S. 44–

49) 9 . Der verbreiteten Korruption bei Benutzung des cursus publicus, eine Art Reichspost, trat

der Kaiser entgegen, indem er mit der Kontrolle der Berechtigungsscheine nicht mehr die

zivilen agentes in rebus, sondern protectores aus der Leibgarde betraute (S. 58–64).

Nicht voll erfasst ist CTh 8,15,5 zur Absicherung des alten Verbots an alle in der Provinzverwaltung

Tätigen einschließlich der munizipalen Magistrate, in derjenigen Provinz, wo man

Dienst tat, etwas zu erwerben, geschenkt oder käuflich. Zwar kann man der Emendation von

dat in der Subskription zu pp oder acc folgen, ebenso der Datierung der Konstitution ins Jahr

368 (Verf. S. 55 und Fn. 63). Aber die in § 3 angeordnete Konfiskation der Sache für den

Fall, dass der Veräußerer die Sache fünf Jahre nach dem Ende der Amtsstellung nicht zurückforderte,

traf nur den Erwerber, also den ehemaligen Amtsträger, und bedeutete keine Bestrafung

auch des Veräußerers als Mitschuldigen, wie Verf. konstruiert (S. 56); er war in der Regel

das übervorteilte Opfer, galt zumindest in alter, auf die Zeit der Republik zurückgehender

Tradition als Opfer. Wer von dem Zeitpunkt an, da er die Möglichkeit gehabt hätte, sich fünf

Jahre lang nicht rührt, hatte sich entweder mit der Veräußerung abgefunden, war gar damit

[669] zufrieden, oder war verschwunden; Untätigkeit des Betroffenen sollte dem Erwerber

aber nicht zugute kommen.

Sehr schön gelungen ist die Würdigung der Inschrift von Trinitapoli, die Verf. in Zusammenhang

mit CTh 1,16,11 und 12 stellt und wonach Valentinian den Provinzstatthaltern auferlegte,

zur Kontrolle der Steuerzahlungen regelmäßig durch ihre Provinz zu reisen und mit

den steuerpflichtigen Landbesitzern persönlich die Abrechnungen durchzugehen (S. 64–71),

eine klare Neuerung. Eine andere wichtige Neuerung war die Reform des Amtes des defensor

plebis in den Städten (S. 71–74), die Verf. einleuchtend ins Jahr 368 versetzt 10 .

Die zahlreichen weiteren Gesetze, mit denen die Kaiser der um sich greifenden Korruption

Herr zu werden versuchten, seien nicht aussagekräftig, weil sie nur schon bisher geltendes

Recht bestätigten (S. 75–79). Zumindest bekunden sie jedoch eine besondere Empfänglichkeit

dieses Kaisers für diesbezügliche Beschwerden; und insofern Amtsträger einen nur möglicherweise

erpressten Erwerb auf keinen Fall sollten behalten können, ging CTh 8,15,5 durchaus

über die bisherige Rechtslage hinaus. Mit einer jüngeren Strömung in der Wissenschaft

9 Vgl. schon O. S e e c k, Regesten der Kaiser und Päpste, 1919, S. 219f., zur Beziehung der drei Gesetze aufeinander.

10 Ein Lapsus: S. 74 unten muss es statt „Juni“ richtig „April 368“ heißen. Zur Datierung der hier einschlägigen,

wegen der vier Präfekturen des Adressaten Probus besonders schwer zu datierenden Gesetze S. S c h m i d t -

H o f n e r, SZ 125 (2008), S. 505–511, wo auch die Präfekturen neu geordnet werden. Der mehrfach angekündigte

ausführliche Aufsatz über den Defensor ist noch nicht veröffentlicht.


5


verharmlost Verf. die besondere Anfälligkeit autoritärer Regime für Korruption aller Art,

wenn kraftvolle Korrektive wie eine unabhängige öffentliche Meinung oder denn eine wirkliche

face to face society auf Augenhöhe fehlen (S. 79).

Der Abschnitt über Standesbindungen beginnt mit Distanzierung von der älteren Theorie

eines spätantiken Zwangsstaats, wobei im weiteren Verlauf auch hier die mannigfach abstoßenden

einschlägigen Gesetze tendenziell verharmlost werden. Dass auch die Kurialen in den

Städten im 4. Jahrhundert noch ihre alte stolze Stellung, der spätrömische Staat gar kein Interesse

an Unterbindung ihrer Mobilität gehabt hätte, lässt sich nicht (dazu aber neigt Verf. S.

81f. und Fn. 130) den ausnahmsweise noch lange zufriedenstellenden Verhältnissen in Africa

entnehmen, welche Region von den Invasionen und Bürgerkriegen des 3. Jahrhunderts weitgehend

verschont geblieben war. 11 Wenn der Gesetzgeber etwa sich dazu herbeilässt, die

Flucht von Kurialen in eheähnliche Verbindungen mit Sklavinnen von Großgrundbesitzern zu

verdammen 12 und der Titel des Codex Theodosianus gegen Kurialenflucht (12,1) aus 125

Jahren 192 Bestimmungen enthält, muss die Not groß gewesen sein. Ganz allgemein reagierte

die Regierung auf Rekrutierungsprobleme seit Konstantin signifikant rascher mit Standesbindung

13 . Gewiss war die Bindung nicht primärer Zweck dieser Gesetze, wie Verf. Gegnern

unterstellt (S. 97 und S. 102); seit Konstantin hatte die Regierung aber immer weniger Hemmungen,

zur Lösung aktueller Probleme auf Zwangsmittel zurück[670]zugreifen, wie auch

Verf. gelegentlich feststellt (etwa S. 102 unten). Ob diese auch bewirkten, was man sich davon

versprach, und inwieweit sie überhaupt durchsetzbar waren, steht auf einem andern Blatt.

Alle Betonung und genauere Erarbeitung mannigfacher Transformationen gerade auch im

Städtewesen muss doch einräumen, dass der Wohlstand der Städte seit dem 3. Jahrhundert

deutlich zurückging 14 . Auch Valentinian huldigte der gleichfalls von Konstantin seinerzeit

kräftig geförderten Unsitte, Verdienste um die Person oder die Vorlieben des Kaisers mit Privilegien

zu vergelten, die zu Lasten der Allgemeinheit zu gehen pflegen; Valentinian tat das

lediglich denn doch nicht in dem Maße, wie man es bisher annahm. Immerhin bedachte er die

11 Dazu C. W i t s c h e l, Zur Situation im römischen Africa während des 3. Jahrhunderts, in: K. - P. J o h n e

u. a. (Hgg.), Deleto paene imperio Romano. Transformationsprozesse des Römischen Reiches im 3. Jahrhundert

und ihre Rezeption in der Neuzeit, Stuttgart 2006, S. 145–221.

12 CTh 12, 1, 6 von Konstantin, s. dazu D. L i e b s, Privilegien und Ständezwang in den Gesetzen Konstantins,

RIDA 24 (1977), S. 297–351, hier S. 341f.

13 Auch etwa der Soldatensöhne, vom Verf. S. 86 gleichfalls leicht heruntergespielt.

14 Siehe bes. J. W. H. G. L i e b e s c h u e t z, The Decline and Fall of the Roman City, Oxford 2001; S. T.

L o s e b y, Decline and Change in the Cities of Late Antique Gaul, in: J. - U. K r a u s e / C. W i t s c h e l

(Hgg.), Die Stadt in der Spätantike – Niedergang oder Wandel?, 2006, S. 67–97; und erneut L i e b e s c h u e t z,

Transformation and Decline: Are the Two Really Incompatible?, ebenda, S. 463–78; relativierend C. Witschel,

Trier und das spätrömische Städtewesen im Westen des römischen Reiches, Trierer Ztschr. 67/68

(2004/5), S. 223–72; und d e r s., Sterbende Städte? Betrachtungen zum römischen Städtewesen in der Spätantike,

in: A. L a m p e n / A. O w z a r (Hgg.), Schrumpfende Städte – Ein Phänomen zwischen Antike und Moderne,

Köln 2008, S. 17–78.


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kaiserliche Garde (protectores domestici), die ihm zur Macht verholfen hatte, mit außerordentlichen

Vorrechten (S. 102–106). Das umfangreiche Gesetz über die Rangordnung der

hohen Zivil- und Militärbeamten dagegen bedeutete wohl wirklich keine grundsätzliche

Neuerung zugunsten des Militärs, sondern reagierte auf konkrete protokollarische Konflikte

in der Stadt Rom (S. 106–112; s. auch S. 112–15).

3. Im Steuerwesen arbeitet Verf. heraus, inwieweit Valentinian die Erhebung der Steuern,

bisher Aufgabe der Dekurionen, mehr und mehr kaiserlichen Beamten übertrug: Offizialen,

aktiven ebenso wie ausgeschiedenen, und nominellen Angehörigen des Kaiserdienstes (S.

120–130). Dabei blieben Rückschläge nicht aus, die Verf. bemüht ist, eng zu interpretieren (s.

bes. S. 130–41). Damit tritt er der verbreiteten Meinung entgegen, diese Reform Valentinians

sei gescheitert, was ihm meistens durch Einbettung der behandelten Gesetze in ihren mutmaßlichen

gesellschaftlichen Zusammenhang durchaus gelingt, wenn auch nicht immer 15 . Sehr

schön zeichnet er nach, wie entschlossen Valentinian diese Reform sogleich zu Beginn seiner

Regierung anpackte und in drei Schritten durchführte (zusammenfasend S. 144–46) und dass

der Kaiser die gleiche Linie bei der Uniformabgabe (collatio vestis) und beim staatlichen

Schwertransportwesen, dem cursus stabularius verfolgte (S. 148–53). Die Regierung nahm

auch die nicht wenigen durch Honorarkodizill in eine Ehrenstellung Gelangten indienst, ließ

es nicht bei den dadurch erlangten Vorrechten bewenden, während die Dekurionen von diesen

Liturgien entlastet und die munizipale Selbstverwaltung gestärkt werden sollte (S. 155–57).

Auch die Steuerpflichtigen selbst wurden insofern entlastet, als ihnen nicht nur freistand, die

Jahressteuer in (höchstens drei) Raten zu Zeiten ihrer Wahl, spätestens alles am 15. Januar des

Folgejahres zu entrichten; sondern vor allem wurden Steuereinnehmern beziehungsweise der

ganzen zuständigen [671] Kanzlei harte Strafen angedroht, wenn sie, um sich die Arbeit zu

erleichtern, Zahl und Zeitpunkt der Raten zu diktieren versuchten (S. 157–63).

Beim Transport der Naturalsteuern zu den jeweiligen Sammelpunkten oder sogleich zu

ihren Destinatären, insbesondere in den Grenzkastellen, was Konstantin den Steuerpflichtigen

auferlegt hatte, war nicht nur ständig dagegen anzugehen, dass die Steuerbehörden ihre

Machtstellung zu missbrauchen versucht waren; sondern überdies achtete Valentinians Regierung

darauf, dass die Steuerzahler vor einer schleichenden Erschwerung solcher Nebenpflichten

bewahrt würden (S. 163–78). Ausführlich und erfreulich nüchtern entzerrt Verf. die seit

60 Jahren allgemein angenommene Kombination von CTh 7,4,15, CJ 11,60,1, CIL VIII

15 So ist auf S. 149 CTh 12,6,4 unrichtig übersetzt, nämlich iubemus, Präsens, mit den Worten „Wir haben befohlen

...“, woraus Verf. zu Unrecht schließt, das Dokument referiere lediglich einen Erlass und erwecke eher

den Eindruck einer Kopie zur Kenntnisnahme als den eines Dokuments mit eigenem normativen Anspruch.


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14280a 16 und CTh 11,1,10f. mit Ammians Bericht der Romanus-Affäre 17 , indem er herausarbeitet,

dass trotz zeitlicher und zum Teil auch örtlicher Koinzidenz die Sachfragen nur gewaltsam

auf einen Nenner gebracht werden können, die äußere Koinzidenz also Zufall sein

mag (S. 168–78). Die Versorgung der vielen neuen oder wiederhergestellten Grenzkastelle

steigerte den Transportaufwand sehr, weshalb er nicht mehr kurzerhand wie bisher auf die

Steuerpflichtigen verteilt, sondern woran nunmehr das Militär nach klaren Regeln beteiligt

werden sollte (S. 177); Verf. hat eine diesbezügliche „Direktive“ Valentinians erarbeitet. Dagegen

erklärt er die unverhältnismäßig vielen aus Valentinians Regierungszeit überlieferten

Gesetze zur Gewerbesteuer (Verf.: „Edelmetallsteuer“) als lediglich affirmativ, was er großenteils

beweisen kann und im Übrigen glaubhaft vermutet, auch die Steuerfreiheit beim Verkauf

eigener Erzeugnisse (S. 178–87).

4. Eine Reform mit weitreichender Wirkung war Valentinians Münzreform, zu deren Beurteilung

in die Numismatik einzudringen war (S. 189–216). Gegen die gängige Verkürzung der

Reformziele auf fiskalische oder ökonomische Absichten schließt Verf. aus gründlicher Analyse

der einschlägigen Gesetze, dass auch hier Sorge um die Belastungen der Steuerzahler

wenigstens eine ebenso große Rolle spielte (S. 216–30).

5. Das vierte Kapitel zur Agrarpolitik (S. 231–87) greift in eine lebhaft geführte Diskussion

ein. Es geht um Domänen, Veteranenversorgung und Kolonat, wozu Valentinian weitreichende

Reformen zur Steigerung der agrarischen Produktion zugeschrieben werden; denn erst von

diesem Kaiser sind Gesetze dazu in größerer Zahl erhalten. Verf. beginnt mit der Überlegung,

dass Zufälle der Überlieferung zu dieser Meinung geführt haben können (S. 234), denn – er

hätte das deutlich aussprechen sollen – das zweite bis fünfte Buch des Codex Theodosianus,

also insbesondere auch das hier einschlägige fünfte ist wie gesagt nur zum geringeren Teil

erhalten: schätzungsweise ein knappes Drittel, weil wir insoweit nur wenig mehr als den Auszug

in der Lex Romana Visigothorum haben; und dort sind vorzugsweise ältere Gesetze weggelassen.

Der Codex Justinianus, der für die Jahre 312 bis 437 aus dem Theodosianus schöpfte,

hat nur einen schwer zu bezifferenden Teil dieser verlorenen Gesetze aufgenommen, zudem

nur in gekürzter und justinianisch interpolierter Fassung; die Justinianer aber haben,

wenn es angebracht schien, ungeniert geändert, auch den Sinn verkehrt oder mehrere Konstitutionen

ineinandergearbeitet 18 .

16 Nach der verbesserten Lesung mit neuer Interpretation von C h. S a u m a g n e, Un tarif fiscal au quatrième

siècle de notre ère, Karthago 1 (1950), S. 109–200.

17 Ammian 28, 6.

18 Eine systematische Untersuchung der diesbezüglichen Arbeit der Kompilatoren des Codex Justinianus wird in

den Feiburger Rechtsgeschichtlichen Abhandlungen vorgelegt werden.


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[672] Bei der Auslegung von CTh 5,15,15 zum Umgang mit Domänenpächtern in Zahlungsverzug

ist der Vorschlag des Verf. den bisherigen Versuchen, insbesondere von Mitteis, überlegen

(S. 235–47): Um der Kontinuität willen, was langfristig die Pachteinnahmen sicherer

machen würde, ging der Kaiser mit säumigen senatorischen Erbpächtern glimpflich um. Der

Ausdruck dominus für den Dauerpächter und ius dominii für seine Rechtsstellung besagen

nicht, dass Valentinian hier etwas geneuert hätte, sondern drücken das Gleiche aus wie die

sonst vorwiegend gebrauchten Begriffe ius perpetuum, ius emphyteuticum und ius privatum

salvo canone: die vererbliche Dauerpacht 19 ; Eigentümer des Landes war und blieb der Kaiser

(S. 247–55, bes. 253 ff. ) 20 . Auch die steuerliche Behandlung von agri deserti, aufgegebenem

oder verlassenem 21 Kulturland in CTh 5,1,8 war keine Neuerung zur Rekultivierung brach

liegenden Domänenlandes, sondern ein Kompromiss, bei dem der Fiskus sogar im Interesse

stabiler Pachteinnahmen zurücksteckte und auf Strafen verzichtete. Zwar hatte der Pächter für

nun einmal mitübernommene agri deserti die alten Abgaben zu leisten, aber ihm wurde auch

ein Ausweg gewiesen, sich für die Zukunft zu entlasten (S. 256–60). Verf. kommt zu dem

Ergebnis, dass Valentinians Gesetze zur Staatspacht nur insofern Neuerungen enthielten, als

des Kaisers Reaktionen auf an ihn herangetragene Probleme einer Leitlinie folgten: Im Interesse

stabiler Einnahmen zog er den Kompromiss einem schroffen Vorgehen nach Gesetz und

Recht vor, wonach er auch kurzerhand Sanktionen hätte verhängen können, nämlich Strafen,

das verpachtete Land einziehen und neu ausschreiben; gleichzeitig verfeinerte er die staatlichen

Kontrollinstrumente ständig. Verf. überschreibt seine Zusammenfassung hierzu „Konsens

und Kontrolle“ (S. 260–63).

Nicht mehr gefolgt werden kann ihm, wenn er den beiden zur Versorgung der Veteranen

erhaltenen Gesetzen Valentinians alle agrarpolitischen Ziele abspricht, auch das in den Gesetzen

ausdrücklich genannte und deshalb von der Forschung bisher einhellig auch angenommene:

möglichst viel brach liegendes Fruchtland zu rekultiveren (S. 263–68). Es geht um das

Edikt CTh 7,20,8 aus den ersten Regierungsmonaten und um CTh 7,20,11 wohl aus dem Jahr

368. Gewiss will das Edikt aus einer Zeit, da die Herrschaft der Kaiser noch nicht gefestigt

19 Verf. neigt zu der Auffassung von D i e t e r S i m o n, Das frühbyzantinische Emphyteuserecht, in: J.

M o d r z e j e w s k i / D. L i e b s, Symposion 1977. Vorträge zur griechischen und hellenistischen Rechtsgeschichte

Chantilly 1. – 4. Juni 1977, Köln – Wien 1982, S, 365–422, wonach den verschiedenen Ausdrücken

kein Unterschied in der Sache mehr entsprochen habe, s. Verf. S. 244, 253 und 260.

20 Anzumerken ist zu S. 237 halb oben u. 253 halb unten allerdings, dass das römische Recht dem Entleiher,

Mieter und Pächter auf Zeit nicht einmal Besitz am entliehenen, gemieteten oder gepachteten Gut zusprach; sie

waren insofern der Willkür des Eigentümers ausgeliefert, konnten allenfalls für etwa rechts- oder vertragswidrig

zugefügte Schäden Geldersatz verlangen.

21 Verf. sagt „aufgelassenem“ (S. 256), doch bedeutet ‚auflassen’ in der deutschen Rechtssprache ‚übertragen’

von Land, ‚Auflassung’ dementsprechend den rechtsgeschäftlichen Teil einer Eigentumsübertragung von

Grundstücken.


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war, den Veteranen diejenige Heimat 22 geben, die sie wünschen (quam volunt patriam damus);

außerdem wird ihnen [673] immerwährende Immunität zugesichert. Sofort anschließend

heißt es aber, dafür stehe in erster Linie brach liegendes Land zur Verfügung: Habeant

ex vacantibus sive ex diversis, ubi elegerint, agros. Das Wahlrecht wird seine natürlichen

Grenzen gehabt und seine Betonung in einem reichsweit promulgierten Edikt wird auch kaiserlicher

Propaganda gedient haben, hier: die Fürsorge des neuen Herrscherpaares für seine

Soldaten nach dem Dienst zu verkünden. Die vollständige Befreiung nicht nur von Steuern

und Abgaben, sondern auch von Pachtzins, bis dahin nicht belegt und vom Verf. mehr als

kühn kurzerhand als traditionell angenommen (S. 266 oben), ist doch wohl die kaiserliche

Gegenleistung für die Rekultivierung. Zwar wird diese nicht strikt verordnet, aber doch offen

angestrebt; und die Verwaltung wird sie bei den Einzelzuweisungen tunlichst auch zu verwirklichen

getrachtet haben. Dass die beiläufig bestimmte Begünstigung der protectores

Hauptgrund gewesen sei, für dieses Gesetz die feierliche Form eines Kaiseredikts zu wählen

(so Verf. S. 266f.; zur Dankesschuld Valentinians an diese Elitetruppe schon S. 104–106 und

S. 135–37), erscheint weit hergeholt. Sogar der Konstitution CTh 7,20,11 spricht Verf. die

Tendenz ab, Veteranenansiedlungen zur Rekultivierung verlassener Ländereien zu nutzen (S.

267f.); dass dieses Gesetz auch Ansprüche der Alteigentümer nach gelungener Rekultivierung

abschnitt, ist lediglich eine notwendige Abrundung der kaiserlichen Initiative. Auch hier handelte

es sich wohl um eine planmäßige Neuerung („Direktive“) Valentinians. Der nicht strikt

fordernde, sondern – wieder, s. soeben – auf Konsens setzende Stil in diesen beiden Gesetzen

sollte nicht übersehen lassen, das sie eine weitreichende Neuerung anstrebten.

Auch zum Kolonat (S. 269–84) kann dem Verf. nicht uneingeschränkt, aber im Wesentlichen

gefolgt werden 23 . Bindung der kleinen Landpächter an ihre origo (Verf. S. 268f.) galt

reichsweit wohl spätestens seit dem diokletianischen Steuersystem, das spätestens ihrer Freizügigkeit

faktisch ein Ende bereitet haben wird; und Konstantin hatte diese Bindung zu einer

persönlichen Unterwerfung unter den konkreten Grundherrn verschärft (CTh 5,17,1, zutr.

Verf. S. 274 und 279). Die nicht wenigen Gesetze Valentinians dazu bestätigen diesen

Rechtszustand nur mehr, wenn die Argumentation des Verf. dazu auch zum Teil gewunden

erscheint. So greift er zu CJ 11,68,3 wieder einen beiläufig mitgeregelten Nebenpunkt heraus,

um von ihm aus zu argumentieren. Dazu heißt es dann aber, er sei so selten vorgekommen,

22 Verf. übersetzt patria allzu eng mit „Heimstätte“ (S. 264f.), welches Wort das konkrete Zuhause, die Hofstelle

bezeichnet, s. § 1 Reichsheimstättengesetz vom 10. Mai 1920. Richtig dagegen S. 274, wo „Heimstätte“ für

penates steht.

23 S. 269 Fn. 93 referiert er ohne Kommentar (vgl. aber D. L i e b s, TR 69, S. 363) die Theorie von B. S i r k s,

welcher zumal dem Ausdruck recepta in CTh 11,1,14 entnahm, die Bodenbindung der Kolonen gehe auf vertragliche

Unterwerfung zurück; s. jetzt ausführlicher ders., JRS 98 (2008), S. 120–43.


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dass er nicht Anlass für eine Neuerung gewesen sein könne, was bedeute, alles hier Geregelte

habe schon vorher gegolten. Es geht – unter anderem – um die Erblichkeit der Standesbindung,

die in dem ungefähr gleichzeitigen, allenfalls etwas älteren Gesetz CJ 7,38,1 ebenfalls

begegnet. Das Ergebnis: keines dieser beiden Gesetze habe die Erblichkeit erst eingeführt

(Verf. S. 273), ist allerdings ungeachtet der aufwendigen, weniger überzeugenden Beweisführung

plausibel. CJ 11,48,6 an den Präfekten der gallischen Präfektur von Anfang Mai 366

wird S. 274-276 sehr schön mit dem erst kurz vorher zurückgeschlagenen Alemanneneinfall

in Verbindung gebracht; das Gesetz rekapituliere lediglich längst geltendes Recht, Verf. sagt:

sei eine Direktive ohne innovativen Cha[674]rakter (S. 276). Entsprechendes gelte für CJ

11,53,1 (S. 276–79) 24 und auch 11,48,7 (279f.); die verbreitete Unterscheidung verschiedener

Kolonentypen erledige sich 25 . „Valentinian schuf auch hier nichts Neues, sondern wiederholte

lediglich bestehendes Recht“ (Fazit S. 280).

Der neue, nicht mehr freie Kolonenstatus heischte eine Regelung des Standes der Kinder

aus diesbezüglichen Mischehen und gemischten nichtehelichen Verbindungen. Hierzu gibt es

von Valentinian Gesetze zu Ehen mit kaiserlichen Inquilininnen (CJ 10,32,29) und zu Verbindungen

von Koloninnen auf kaiserlichen Gütern (CJ 11,68,4, wozu auch 6,4,2 gehört). Die

Verbindung eines Dekurionen mit einer kaiserlichen Inquilinin wird noch als Ehe (matrimonium)

bezeichnet, die Nachkommenschaft allerdings soll entgegen der allgemeinen Regel wie

bei Sklavinnen, die keine Ehe eingehen können, dem Stand der Mutter folgen. Bei Verbindungen

eines Freien mit einer kaiserlichen Kolonin dagegen spricht das Gesetz nur mehr von

consortium und behandelt sie ebenso wie Verbindungen mit einer kaiserlichen Sklavin. Damit

ist wohl nicht gemeint, das Gesetz gelte nur für nichteheliche Verbindungen dieser Art, nicht

auch für Ehen; vielmehr will es wohl gar nicht erst den Gedanken aufkommen lassen, die

Kinder könnten dem Stand des ehelichen Vaters folgen. Verf. mag nicht wahrhaben (S. 282),

dass die Kaiser hier kurzerhand fiskalischen Interessen den Vorzug vor einem alten Rechtsprinzip

gaben und die Inquilinin zwar noch nicht gänzlich, wohl aber die kaiserliche Kolonin

– insoweit; in anderen Beziehungen ohnehin – einer Sklavin gleichstellten. Wieder anders und

nicht, wie Verf. behauptet (S. 282–84), entsprechend geregelt waren Ehen Freier mit Töchtern

aus Familien von Purpurtauchern und stadtrömischen Müllerbäckern. Hier schlugen die Kaiser

einen dritten Weg ein: erkannten die Ehe an, doch wurde der einheiratende Mann den besonderen

Pflichten dieser beiden Berufe unterworfen. Verf. erklärt schließlich für „höchst

24 Auch deshalb missverständlich die Übersetzung von ... licentiam habere non posse censemus durch ‚Wir beschließen,

daß ... keine Freiheit haben können, ...’

25 Die liberi coloni in CJ 11,53,1 § 3 sind also lediglich als Gegensatz zu den zuvor genannten liberti und zumal

zu den servi in § 2 zu verstehen.


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unwahrscheinlich“, was Wortlaut der Gesetze und Überlieferung nahelegen: dass eben sie die

Statusminderung auch eingeführt haben. Gewiss war diese folgerichtig, aber Fragen zum Status

der Nachkommenschaft aus gemischten Verhältnissen pflegen nicht „gleichzeitig mit der

Einrichtung der Standesbindung“ aktuell zu werden (so aber Verf. S. 284), sondern erst später.

Dem Fazit des Verf., Valentinian habe den Kolonat nicht wesentlich verschärft (S. 284–

86), kann also zwar im Ganzen gefolgt werden, doch ebnet er Valentinians Gesetzgebung

hierzu allzu sehr ein, verharmlost seinen Beitrag zur Verschlechterung des Status der Kolonen.

Sogar bloße Bekräftigungen, oft verallgemeinernd vorgetragen, können rechtsändernd

wirken, indem sie bis dahin allenfalls mögliche Auslegungsspielräume verschließen, die Regelung

oft obendrein komplettieren. Bei seiner Auslegung von CJ 11,48,8 zur Haftung für die

durch Flucht eines Kolonen dem Fiskus entgangenen Steuern (S. 286f.) übergeht Verf., dass

der Grundherr nur bei Vorsatz haften sollte 26 . Aber zutreffend bemerkt er, dass all diesen Gesetzen

keine bestimmte [675] „Wirtschaftspolitik“ Valentinians zugrundeliegt, wenn es diesem

Kaiser auch häufiger um Sicherung des Steueraufkommens ging, als Verf. gelten lässt.

6. Das fünfte Kapitel schließlich behandelt die knapp 50 Gesetze Valentinians zur Sicherung

der Versorgung und Verwaltung der alten Hauptstadt (S. 289–336). Auch hier habe der

Kaiser hauptsächlich reagiert, in einigen Fällen nachgebessert. Er habe aber auch bemerkenswerte

Neuerungen eingeführt. Dazu gehörten die Verfeinerung und Ausweitung der Versorgung

mit Weißbrot und Schweinefleisch (S. 313–24) 27 und die Senkung des Preises für den

subventionierten Wein (S. 324–26). Insbesondere aber führte Valentinian erstmals eine öffentliche

Krankenversorgung durch staatlich besoldete Armenärzte ein (CTh 13,3,8-10, Verf.

S. 327–30).

7. Die Ergebnisse der Arbeit sind auf 14 Seiten zusammengefasst (S. 337–50). Dort geht es

hauptsächlich darum, inwieweit der Kaiser in diesen Gesetzen lediglich auf an die Regierung

herangetragene Missstände reagierte oder planvoll agierte. Bei aller Kontinuität gab es auch

große Reformen. „Auch wenn das reagierende Element insgesamt bei weitem überwog, gehörte

planvolles Agieren doch wesentlich zum kaiserlichen Regieren; seine Bedeutung liegt

nicht in seiner Quantität, sondern in der geschilderten Qualität“ (S. 339). Zu Recht betont

26 Im Übrigen haftete der Grundherr nur im ersten und nicht in den ersten beiden der drei im Gesetz unterschiedenen

Fälle für die entgangenen Steuern; und haftete der Kolone in den beiden letzten, nicht nur im letzten.

Außerdem geht es in § 2 von CJ 11,48,8 nicht um „Privatschulden des Kolonen“ (so Verf. Fn. 144), sondern Si

... inter agricolas ... huiusmodi hominibus inveniuntur debitores spricht umgekehrt von Bauern, die solchen

Menschen: flüchtigen Kolonen (aus irgendwelchen Geschäften) etwas schulden; es geht also um Forderungen

dieser Kolonen.

27 Auf S. 317 Fn. 75 wäre zu Orfitus mit Nutzen noch B. Hecht, Störungen der Rechtslage in den Relationen

des Symmachus, Berlin 2006, S. 223–56, heranzuziehen.


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Verf. endlich, „dass auch affirmativer Gesetzgebung ein programmatischer Gestaltungswille

zugrunde liegen konnte. Nicht nur in innovativem, sondern auch in affirmativem Reagieren

war also gestaltendes Regieren möglich“ (S. 340).

Verf. geht dann auf außerhalb dieser beiden Pole liegendes Regierungshandeln grundsätzlich

ein, insbesondere auf Valentinians Kompromissstreben bei der Agrargesetzgebung. Vielleicht

sollte die theoretisch entwickelte Bipolarität aber noch von einer anderen Seite her ein

wenig infrage gestellt werden, indem man sich klar macht, dass genau genommen niemand,

auch ein Gesetzgeber nicht „von sich aus“ (Verf. S. 345 unten) tätig wird, dass es vielmehr

immer irgendeines Anstoßes bedarf, der freilich auf ganz verschiedenen Ebenen die Regierung

erreichen kann: konkrete Eingaben aus der Bevölkerung über einen persönlichen Kummer,

Berichte der Beamtenschaft über Vorfälle, auf die sie nicht routinemäßig reagieren

mochte, oder denn grundsätzlicher Gedankenaustausch mit unmittelbaren Ratgebern jenseits

von alsbaldigem Handlungsbedarf, längerfristig angelegt, aber dennoch angestoßen von

Wahrnehmungen in der jeweiligen Welt. Freilich kam auch Reagieren um des schieren

Machterhalts willen vor, dass also bloßer Opportunismus dem Gesetze gebenden Kaiser die

Hand führte: als er den westlichen Senatoren, die mit ihren Pachtzahlungen in Verzug geraten

waren, entgegenkam oder die römische Bevölkerung mit Brot, Fleisch und Wein besser versorgte,

wollte er sich zu Beginn der noch nicht stabilen Herrschaft die Loyalität wichtiger

Bevölkerungsgruppen sichern; oder als er der kaiserlichen Garde Privilegien einräumte, eine

politische Dankesschuld abtragen (S. 345 unten). Und doch konnte Verf. auch Ziele ausmachen,

die Valentinian über längere Zeit hinweg verfolgte: Verdichtung der Kontrollinstrumente

im Kampf gegen die Korruption, Stärkung der munizipalen Selbstverwaltung, Einbindung

der vielen Amtsträger ehrenhalber bei der Bewältigung heikler Aufgaben wie dem Einsammeln

der Naturalsteuern, Zurückhaltung in fiskali[676]schen Angelegenheiten (vom Verf.

leicht überbewertet) und kaiserliche Fürsorge für die Untertanen (S. 346f.). Hierzu würde ich

nicht nur die Bezahlung von Armenärzten für die Stadt Rom, sondern auch die Jahrhunderte

lang gültig gebliebene Purifizierung der Goldmünze rechnen, die nach dem Verf. „auch einfach

dem Interesse des Fiskus an einer kurzfristigen Konsolidierung der Staatseinnahmen

entsprochen haben“ könne; und vielleicht auch die Initiative zur Anwerbung von metallarii,

nach dem Verf. womöglich „ebenfalls zur Befriedigung kurzfristiger, konkreter Interessen“

geschehen. Aber mit Recht urteilt er entgegen einer naheliegenden Versuchung, der viele

Historiker zu erliegen pflegen, sehr zurückhaltend über weitergehende Politiken, entnimmt

den Gesetzen insbesondere keine „Wirtschaftspolitik als eigenständiges Feld staatlichen Handelns“

und akzeptiert nicht einmal ein von vielen ausgemachtes Bestreben einer Bürokratisie-


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ung und Verstaatlichung von Hoheitsfunktionen als Leitprinzipien kaiserlichen Handelns,

erblickt darin lediglich strukturelle Entwicklungstendenzen des spätrömischen Staates (alles

S. 348; s. auch S. 349). Kontinuität kaiserlichen Handelns und römischer Staatlichkeit vom

Prinzipat bis in die Spätantike zu betonen (S. 350), trifft aber wohl nur dann die Zustände

einigermaßen wirklichkeitsnah, wenn man zugleich die überall begegnende Verdichtung und

Intensivierung staatlichen Handelns nebst Dynamisierung des Regierungsstils, beides vom

Verf. durchaus mitgesehen (S. 350), angemessen gewichtet.

In einem Anhang wird erörtert, inwieweit Valentinian und sein Bruder Valens unabhängig

voneinander je selbständig regierten, insbesondere ob sie ihre Gesetze miteinander abstimmten,

was in der Forschung kontrovers diskutiert wird (S. 351–59 „Gesetzgebung zwischen Ost

und West“). Verf. widerlegt glaubhaft die in neuerer Zeit etwa von Federico Pergami und

Noel Lenski vertretene These, der jüngere und von seinem älteren Bruder eingesetzte, nicht

auch vom Heer ausgerufene Valens, über den Osten gesetzt, habe gewissermaßen unter der

Oberherrschaft Valentinians regiert, und kehrt zur von Jean Gaudemet entwickelten Meinung

zurück, beide Kaiser hätten ihre Gesetze unabhängig voneinander erlassen und selbständig

regiert. Zwar galt das Westreich mit Rom und den im Vergleich zu Konstantinopel älteren

Residenzen Trier und Mailand damals noch als der wichtigere Teil, der auch räumlich ungefähr

doppelt so groß wie das oströmische Reich des Valens war; und ist die Überlieferung von

Gesetzen des Valens vergleichsweise überraschend dünn, zumal wenn man bedenkt, dass der

Codex Theodosianus in Konstantinopel hergestellt und dementsprechend vor allem aus dessen

Archiven gespeist wurde (unbefriedigend dazu Verf. S. 352).

Verf. hat ein Werk vorgelegt, dass nicht nur inhaltlich, sondern auch methodisch prägend

sein wird. Dazu gehört insbesondere, dass er unvergleichlich gründlicher als bisher den gesellschaftlichen

und politischen Kontext der behandelten Gesetze herauszufinden versucht

hat. Er hat einen reichen Schatz systematisch gehoben, den nur als Steinbruch zu benutzen wir

uns angewöhnt hatten 28 .

Freiburg im Breisgau

D e t l e f L i e b s

28 Folgende Druckfehler sind mir aufgefallen: S. 72 Fn. 106 Z. 3 von unten sollte es „seien“, nicht “sei“ heißen;

S. 73 Z. 3 „Steuererhebung“ statt „Steuerhebung“; S. 87 Fn. 143 Z. 5 von unten, etwa in der Mitte, „109“ statt

„100“ (ebenso S. 368 Z. 15 von unten); S. 241 Z. 8 von unten „Güter“ statt „Güte“; u. S. 262 Z. 10 gegen Ende

„9“ statt „19“ (ebenso S. 396, linke Sp., Z. 7).


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