Papst und Kardinalskolleg im Bannkreis der Konzilien ... - FreiDok

freidok.uni.freiburg.de

Papst und Kardinalskolleg im Bannkreis der Konzilien ... - FreiDok

Sonderdrucke aus der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

JÜRGEN DENDORFER / CLAUDIA MÄRTL

Papst und Kardinalskolleg im Bannkreis der

Konzilien – von der Wahl Martins V. bis zum Tod

Pauls II. (1417-1471)

Originalbeitrag erschienen in:

Jürden Dendorfer/Ralf Lützelschwab (Hrsg.): Geschichte des Kardinalats im Mittelalter (Päpste und

Papsttum 39).

Stuttgart: Hiersemann, 2011, S. 335-397.


Papst und Kardinalskolleg im Bannkreis

der Konzilien – von der Wahl Martins V.

bis zum Tod Pauls II. (1417–1471)

von Jürgen Dendorfer / Claudia Märtl

Mit der Wahl Kardinal Oddo Colonnas zu Papst Martin V. auf dem Konstanzer

Konzil endete im Jahr 1417 die Kirchenspaltung 1 . Es begann ein neuer Abschnitt

in der Geschichte des Papsttums, den die kirchengeschichtliche Forschung mit dem

Schlagwort «Restauration» gekennzeichnet hat. Der mühsame Weg zur Wiedergewinnung

des Kirchenstaats nach den Entwicklungen der avignonesischen Zeit, vor

allem aber der Anspruch, das Papsttum und die Kurie wieder als unangefochtenen

Bezugspunkt einer geeinten Kirche zu etablieren, prägen die nachfolgenden Jahrzehnte.

Dieser Prozess der erneuerten Durchsetzung päpstlicher Autorität vollzog sich

in spannungsreicher Auseinandersetzung mit korporativ-konziliaren Vorstellungen

und Praktiken der Kirchenleitung. Die Konzilien von Konstanz, Pavia-Siena

und Basel debattierten zum einen grundsätzlich über das Verhältnis von konziliarer

und päpstlicher Gewalt (potestas), entwickelten zum anderen aber auch Vorstellungen

von der Verfasstheit der Kirche neben und unter dem Papst, die jenseits

der immer nur zeitlich begrenzt zusammentretenden Konzilien gelten sollten 2 . Dabei

sahen die Reformer die Angehörigen der drei Kardinalsordines, die sich an der

Spitze der Kirche schon im Hochmittelalter als Kolleg etabliert hatten, als mögliches

kollegiales Korrektiv der päpstlichen plenitudo potestatis an, als eine Art

kleines Konzil, das alle Teile der Christenheit an der Seite des Papstes repräsentierte

und durch seine zwingend erforderliche Zustimmung zu päpstlichen Handlungen

den Konsens der gesamten Kirche, der universalis ecclesia, verkörperte.

1 Zum Kapitel vgl. die kommentierte Bibliographie, S. 458–462, zur Quellenbasis die Quellenkunde,

S. 53–62.

2 Zu den Konzilien des 15. Jahrhunderts: Brandmüller, Papst und Konzil; Helmrath/Müller, Konzilien;

zu Konstanz (1414–1418): Frenken, Erforschung; Brandmüller, Konzil von Konstanz; zu Pavia-Siena

(1423/24): Brandmüller, Konzil von Pavia-Siena; zu Basel (1431–1449): Helmrath, Basler

Konzil; Sudmann, Basler Konzil.


336

Papst und Kardinalskolleg im Bannkreis der Konzilien

Nie zuvor war die Stellung des Kardinalskollegs in der Kirche auf eine ähnliche

Weise gesehen worden.

Kennzeichnend für den hier betrachteten Zeitraum in der Geschichte des Kardinalskollegs

– von der Wahl Martins V. (1417) bis zum Tode Pauls II. (1471) – ist,

dass diese Ideen von der Aufgabe und den Funktionen des Kollegs durchaus Wirkung

entfalteten und als von den Konzilien gefordertes Regulativ die schon im

Schisma tatsächlich gewachsenen Einflussmöglichkeiten des Kollegs verstärkend

stützten. Vom kurialen Alltag der Entscheidung zwischen Papst und Kardinälen

über die Reformvorschläge zur Aufwertung des Kardinalskollegs bis hin zur Größe

des Kollegs und der Vorbildung seiner Mitglieder bildet dieser Abschnitt von 1417

bis etwa 1471 deshalb eine deutlich erkennbare Einheit. Zugleich beteiligten sich

die Kardinäle an den päpstlichen Bestrebungen zur Erneuerung Roms, wurden ihre

Paläste im Stil der Renaissance Orte der Repräsentation ihrer Rolle, entwickelten

sich die Kardinalsfamilien zur Heimat für Humanisten und Künstler und traten

nicht wenige Kardinäle selbst als Verfasser gelehrter Werke hervor. In dieser Hinsicht

unterscheiden sich die Kardinäle des 15. Jahrhunderts, selbst unter Berücksichtigung

des allgemeinen Wandels in diesem Jahrhundert, von ihren Vorgängern.

Den deutlichsten Kontrast zur Stellung des Kardinalskollegs im 14. Jahrhundert

aber bildete sicher der durch die Konzilien gestützte Anspruch der Kardinäle auf

eine verbindliche Beteiligung an der Regierung der Kirche.

I. Papst und Kardinäle

1. Die Kardinäle wählen den Papst und der Papst kreiert

die Kardinäle – die Neudefinition tradierter Rollenzuweisungen

(Jürgen Dendorfer)

a) Die Kardinäle bleiben die Wähler des Papstes

Im 15. Jahrhundert kam nicht jeder Papst durch die Wahl des Kardinalskollegs zu

seinem Amt. Auch wenn in den vorhergehenden Jahrhunderten, vor allem im

13. Jahrhundert, die Wahl durch die Kardinäle mitunter zu unhaltbaren Verzögerungen

führte, so blieb in ihnen das Wahlrecht der Kardinäle im Grundsatz unbestritten.

Die Legitimität des neu gewählten Papstes gründete bis ins 15. Jahrhundert

auf der Wahl durch das Kolleg, die dann gültig war, wenn sie nach den

Regularien vor sich ging, die sich im 12. und 13. Jahrhundert ausgebildet hatten

und in den erwähnten Wahlverfügungen von Licet de vitanda über Ubi periculum

bis zu Ne Romani niedergelegt waren 3 . Fünf der sechs Papstwahlen, die hier zu

3 Herde, Papstwahl; Maleczek, Abstimmungsarten.


Papst und Kardinäle 337

betrachten sind, vollzogen sich nach den Konklavebestimmungen Papst Gregors

X. (1271–1276) in ihrer im 14. Jahrhundert leicht modifizierten Form (1431,

1447, 1455, 1464, 1471). Sie wurden alle in einer jeweils konkreten Bedrohungen

geschuldeten Eile vollbracht, in der die Kardinäle dennoch auf eine peinlich

genaue Einhaltung der Vorgaben des kanonischen Rechts achteten.

Für die Entwicklung des Papstwahlverfahrens ist das 15. Jahrhundert deshalb

nicht von Bedeutung. Der weite Überblick über die Geschichte des Konklaves

verdeckt jedoch, dass sich in der ersten Hälfte etwas Grundlegendes veränderte:

Nicht mehr die Kardinäle allein konnten einen legitimen Papst wählen. Vielmehr

bot in der verfahrenen Lage des Schismas mit seinen am Ende drei konkurrierenden

Päpsten nur das vom Konzil in Konstanz geschaffene Vorgehen einen

Ausweg. Im Konklave des Jahres 1417 hatten 30 Vertreter der Nationen die

Mehrheit, erst nach Verhandlungen wurden die 23 anwesenden Kardinäle an der

Papstwahl beteiligt 4 . Das Konzil repräsentierte nach seinem Selbstverständnis die

gesamte Kirche, und dieser stand die Wahl des Papstes zu. Das Kardinalskolleg

handelte folglich nur mehr im Auftrag der universalis ecclesia, sein Wahlrecht

stand, solange die allgemeinen Konzilien des 15. Jahrhunderts versammelt waren,

in einer latenten Spannung mit dem der Konzilien. 1447, als das Basler Konzil

formell noch existierte, bereitete der längere Zeit kränkelnde Papst Eugen IV.

(1431–1447) die Wahl nach seinem Tod deshalb besonders umsichtig vor. Denn

auch auf dem Basiliense waren neue Wege der Papstwahl dekretiert worden, die

dann beschritten werden sollten, wenn ein Konzil noch gültig versammelt sei.

Nach dem Zerwürfnis zwischen dem Basler Konzil und Papst Eugen IV. wählte

dieses 1439 selbst, wiederum in einem Verfahren ohne Beteiligung der Kardinäle,

Papst Felix (V.) 5 Aus dem Blickwinkel dieser konziliaren Vorschläge, die Papsterhebung

neu zu regeln, war das Wahlrecht der Kardinäle nur eine Alternative

neben anderen Möglichkeiten des Wahlverfahrens – eine Alternative, die dann

zum Tragen kommen sollte, wenn kein Universalkonzil versammelt war. Ihr

Wahlrecht übten die Kardinäle fortan deutlicher als je zuvor als Stellvertreter und

Repräsentanten der gesamten Kirche aus. Auch das Kardinalskolleg wurde damit

in den Prozess der Neubewertung kirchlicher Strukturen in den Debatten des

15. Jahrhunderts hineingezogen. In ihnen wurde nicht nur das seit langem bestehende

Papstwahlrecht auf veränderte Weise legitimiert, sondern im Zuge dieser

Neudefinition der kardinalizischen Stellung durch die konziliar-korporativen

Diskussionen wurden dem Kolleg noch darüber hinausgehende Rechte zugestanden.

4 Fink, Wahl Martins V.; Girgensohn, Berichte; Brandmüller, Konzil von Konstanz II, S. 322–370.

5 Zu den Regelungen des Basler Konzils für das Papstwahlverfahren: Zwölfer, Reform, S. 15–28; zum

Konklave Felix’ V.: Stieber, Amédée VIII – Félix V, S. 339, Anm. 1; S. 349–354.


338

Papst und Kardinalskolleg im Bannkreis der Konzilien

b) Die Wahlkapitulationen der Kardinäle

Diese gestiegene Bedeutung des Kardinalskollegs in den Reformvorstellungen der

Zeit hat eine Entsprechung im Selbstverständnis der Kardinäle. Das zeigt sich am

deutlichsten an den Wahlkapitulationen, die das Kardinalskolleg im 15. Jahrhundert

aufzustellen begann 6 . Zum ersten Mal 1431, ab 1458 dann in ununterbrochener

Folge versuchten die Papstwähler im Konklave denjenigen von ihnen, der

zum Papst gewählt wurde, auf ein künftiges Handeln in ihrem Sinne zu verpflichten.

Von Festlegungen auf bestimmte Programmpunkte bis hin zu Regeln für das

Zustandekommen von Entscheidungen zwischen Papst und Kolleg reichen die

Bestimmungen in diesen von allen Kardinälen vor der Papstwahl beschworenen

capitula. Der älteren Forschung galten diese Wahlkapitulationen als realitätsfremde

Versuche, den pontifex maximus dem Willen des Kollegs zu unterwerfen,

und damit als Höhepunkt seit dem Hochmittelalter immer wieder greifbarer oligarchischer

Bestrebungen der Kardinäle 7 . Nach dem Konklave wären sie kaum

das Papier wert gewesen, auf dem sie standen, denn bei einem ernsthaften Konflikt

mit dem Kolleg konnte der Papst sich über sie hinwegsetzen. Dagegen wiesen

jüngere Beiträge darauf hin, dass sich die Päpste zumindest in den ersten beiden

Dritteln des Jahrhunderts bemühten, die Bestimmungen der Wahlkapitulationen

einzuhalten 8 . Beim derzeitigen Forschungsstand zur Herrschaftspraxis der Päpste

des 15. Jahrhunderts ist es nicht möglich, diese Frage eindeutig zu entscheiden. Es

kann bei ihrer Beantwortung auch nicht darum gehen, ob die Päpste sich dem

Buchstaben nach an ihre Wahlkapitulationen hielten. Vielmehr werden die Wahlkapitulationen

als ein für Wahlmonarchien charakteristischer Versuch, über den

Tod des Souveräns hinaus vor der Neuwahl Kontinuität zu stiften, zu werten sein.

Diese Selbstvergewisserung des Wahlkörpers, aus dem der künftige Papst stammte,

gibt Aufschluss über die Grundlagen des gemeinsamen Handelns von Papst und

Kolleg, auch wenn die Bestimmungen nicht wörtlich eingehalten wurden. Die

päpstlichen Wahlkapitulationen stehen damit einerseits in der Tradition anderer

pacta conventa in weltlichen und geistlichen Wahlmonarchien 9 , wie sie auch die

Kardinäle schon ein erstes Mal im 14. Jahrhundert, zuerst 1352, für die Papstmonarchie

aufgestellt hatten. Sie sind aber andererseits auf der Grundlage der

Entwicklungen des 15. Jahrhunderts zu verstehen. Denn die Kardinäle erhoben in

ihren capitula Forderungen, die erstaunlich weit mit den Vorstellungen der Reformer

auf den Konzilien von Konstanz und Basel übereinstimmten.

6 Lulvès, Päpstliche Wahlkapitulationen; ders., Machtbestrebungen des Kardinalkollegiums; Becker,

Primat; ders., Wahlkapitulationen; Krüger, Überlieferung; ders., Wahlkapitulationen.

7 Lulvès, Machtbestrebungen des Kardinalats.

8 Krüger, Überlieferung; Becker, Ansätze.

9 Becker, Pacta conventa.


Papst und Kardinäle 339

Die erste Wahlkapitulation von 1431 zeigt diese Nähe zu den Reformvorstellungen

deutlich 10 . Nach dem Tod Papst Martins V. forderten die Kardinäle die

Reform nicht nur der Kirche, sondern – noch vor dieser – die der römischen Kurie.

Das Kardinalskolleg mahnte damit die Fortführung der unter Martin V. nur zögerlich

begonnenen Kurienreform an. Der Colonna-Papst hatte die Vorschläge

zweier Kardinalskommissionen zur Reform der Kurie allenfalls teilweise berücksichtigt.

Diese beruhten entweder auf Übernahmen Konstanzer Reformüberlegungen

oder versuchten auf den Konstanzer Vorgaben aufbauend tragfähige Lösungen

für eine Organisation der Kurie und des Kardinalskollegs zu finden. Die

Wahlkapitulation von 1431 griff diese Überlegungen der beiden Reformkommissionen

unter Martin V. wieder auf. Die finanzielle Versorgung des Kardinalskollegs

sollte in Abkehr von dem in Konstanz kritisierten Annaten- und Servitiensystem

ganz auf Einkünften aus dem Kirchenstaat beruhen; die Zuwahl neuer Mitglieder

des Kollegs sei nur mit dem Konsens der maior pars der Kardinäle nach forma et

ordinatio des Konstanzer Konzils zu vollziehen. Damit wiederholten die Kardinäle

1431 eine der Kernforderungen der Konstanzer Konzilsväter zur Reform des Kardinalskollegs.

Die Anzahl der Kardinäle sei beschränkt auf zwölf oder 24, die Zusammensetzung

des Kollegs repräsentiere die Christenheit möglichst umfassend

und der eingeforderte Konsens zu neuen Kardinalskreationen bürge für eine

maßvolle Ergänzung des Kollegs im Sinne der vom Konzil dargelegten Grundsätze.

Den Konsens der Majorität der Kardinäle zu päpstlichem Handeln sahen die Reformer

jedoch nicht nur bei den Kardinalskreationen als Garantie für eine korporative

Kontrolle der päpstlichen plenitudo potestatis an Stelle des Konzils an. Ihre

Vorstellungen trafen sich hierbei mit dem seit dem 13. Jahrhundert immer wieder

greifbaren Anspruch des Kollegs, bei Entscheidungen des Papstes gehört zu werden,

oder – verstärkt seit dem beginnenden 15. Jahrhundert – sogar mit ihrer Forderung,

dass der Konsens des Kollegs für päpstliche Handlungen zwingend notwendig

sei. Immer wieder, gleichsam als Refrain, kehrt in der Wahlkapitulation

von 1431 die Bestimmung wieder, der Papst regiere die Kirche, insbesondere aber

den Kirchenstaat de consilio et consensu maioris partis dominorum cardinalium.

Charakteristisch für das 15. Jahrhundert ist nun, dass diese Formeln nicht mehr

nur als haltlose Anmaßung des Kollegs verstanden werden können, die keine Bedeutung

für die Entscheidungsbefugnisse des Papstes hatte. Vorbereitet von kanonistischen

und theologischen Beiträgen zur Lösung des Schismas, bestätigt und

neu formuliert von den Reformern des Konstanzer Konzils konnte sich diese Forderung

des Kollegs auf eine breite Akzeptanz stützen. Das galt vollends, nachdem

10 Druck: Annales ecclesiastici, Bd. 9, S. 91–94. Dazu: Lulvès, Päpstliche Wahlkapitulationen, S. 214f.;

Becker, Primat, S. 114f.; Krüger, Überlieferung, S. 234–238; ders., Wahlkapitulationen, S. 290–292;

zur Deutung auch Decker, Politik, S. 132f.


340

Papst und Kardinalskolleg im Bannkreis der Konzilien

das Basler Konzil in den Kurienreformdekreten seiner 23. Session von 1436 die

Konstanzer Bestimmungen dekretierte und in einen Anhang zum Papstwahldekret

die Bestimmungen der Wahlkapitulation von 1431 inserierte 11 . Das konziliare

Modell einer Machtbalance an der Spitze der Kirche zwischen Papst und Kardinalskolleg

verband sich – aus der Sicht des Kardinalskollegs – stimmig mit den im

Großen Schisma gewachsenen Einflussmöglichkeiten der Kardinäle. Das Zeitalter

der Konzilien, verstanden als eine Phase des anhaltenden Ringens um korporative

Formen der Beschränkung der päpstlichen Vollgewalt, musste auch die Rechte

der traditionsreichsten kirchlichen Korporation, des Kardinalskollegs, stärken.

Hinweise darauf, dass diese Konzeptionen einen Niederschlag in der kurialen

Herrschaftspraxis fanden, gibt es, wenn sie auch beim derzeitigen Forschungsstand

nur in einer Spurensuche erhellt werden können.

Ein Vergleich der ab 1458 von Konklave zu Konklave jeweils auf der Grundlage

der unmittelbar vorausgehenden capitula fortgeschriebenen und erneuerten

Wahlkapitulationen lässt jedoch schon vor einer detaillierten Einzelanalyse der

Praxis einige Konfliktpunkte zwischen Papst und Kardinalskolleg erkennen. Im

Jahr 1458 wandte sich das Kardinalskolleg gegen den Einfluss der principes saeculares

(Laienfürsten) auf die Vergabe von Bistümern und Abteien, ein um die Mitte

des 15. Jahrhunderts immer drängender werdendes Problem 12 . Das Augenmerk

der im Konklave Versammelten richtet sich wiederum auf eine angemessene Versorgung

des Kollegs und reflektiert nun die gewandelte Situation. Beim Erwerb

von Pfründen soll der Papst den Kardinälen unter die Arme greifen, ärmeren Kardinälen

sei sogar eine Pension auszusetzen. Die Fortsetzung der Bemühungen um

den Türkenkreuzzug und die Kirchenreform liegt dem Kolleg ebenso am Herzen

wie die Einhaltung der Konstanzer Bestimmungen zu den Kardinalskreationen,

die noch einmal mit besonderem Nachdruck eingeschärft werden.

Nur wenige Jahre später, nach dem Tod Papst Pius’ II., 1464, wiederholen die

Kardinäle die Bestimmungen von 1458 im Kern unverändert, präzisieren diese aber

an den Punkten, an denen der verstorbene Papst aus ihrer Sicht gefehlt hat 13 . Die

Finanzierung des Kreuzzugs stellen sie nun unter die Aufsicht einer Kardinalskommission,

die Kirchenreform solle innerhalb von drei Monaten nach der Krönung

des Papstes durchgeführt werden. Besonders eingehend überarbeiten sie wiederum

den Abschnitt zu den Kardinalserhebungen. Nicht mehr nur die maior pars, sondern

zwei Drittel des Kollegs sollen jetzt der Erhebung neuer Kardinäle zustimmen,

11 Der Text in COD 3 , S. 494–495, zu den Reformdekreten vgl. die Ausführungen unten.

12 Druck: Annales ecclesiastici, Bd. 10, S. 159f.; dazu: Krüger, Überlieferung, S. 239–242; ders.,

Wahlkapitulationen, S. 292–294; Becker, Ansätze, S. 337–342.

13 Pastor, Geschichte der Päpste II, S. 297f., 306–309; Lulvès, Päpstliche Wahlkapitulationen,

S. 217–219; Bonelli, Le capitolazioni elettorali; Krüger, Überlieferung, S. 242–244; ders., Wahlkapitulationen,

S. 294–297; Becker, Ansätze, S. 343–345.


Papst und Kardinäle 341

ihre Voten nicht einzeln, sondern vom versammelten Kolleg eingeholt werden. Die

in Konstanz und Basel geforderten Qualifikationen für die Kandidaten werden nun

detaillierter als je zuvor in einer Wahlkapitulation beschrieben. Die Erfahrungen

des Kollegs mit den Kardinalskreationen Papst Pius’ II. in den Jahren 1460 und

1461 führten den Kardinälen an diesem Punkt offensichtlich die Feder. Am Vorgehen

Pius’ II. orientierte Strategien seines Nachfolgers, den kollegialen Zusammenhalt

der Kardinäle in dieser Frage zu überwinden, sollten verhindert werden.

Doch Paul II. gelang es, diese erste, noch im Konklave aufgestellte Wahlkapitulation

bald nach seiner Wahl abzuändern und fast das gesamte Kolleg auf einen

neuen, uns leider unbekannten Text zu verpflichten. Das Handeln Pietro Barbos

als Papst selbst gibt keinen Hinweis darauf, dass er sich über wesentliche Bestimmungen

der ersten Wahlkapitulation von 1464 hinweggesetzt hätte. Erst nach

dessen Tod scheinen die weiterhin von Konklave zu Konklave aufgestellten Wahlkapitulationen

nur noch bedingt geeignet zu sein, um in die Konfliktkonstellation

von Papst und Kardinalskolleg hineinzuleuchten. 1471 tritt das in der zweiten

Hälfte des Jahrhunderts zur Regel werdende Phänomen auf, dass der Text der alten,

bis 1464 überarbeiteten Wahlkapitulationen fast unverändert – als capitula

publica bezeichnet – zum ersten Teil eines umfassenderen Vertragswerks wird 14 .

Die Kardinäle interessierten sich von nun an fast ausschließlich für den zweiten,

neu auftretenden Teil, die capitula privata, der sich mit den Vergünstigungen und

Privilegien für einzelne Kardinäle beschäftigte. Auch diese Tendenz, weg von den

kollegialen Rechten des Kollegs hin zu Privilegien und Vergünstigungen für einzelne

Kardinäle, hebt den Zeitabschnitt von 1431 bis 1471 deutlich von den nachfolgenden

Entwicklungen ab.

c) Die Kardinalskreationen als Prüfstein für das Verhältnis von Kolleg und Papst

Diese Einschätzung bestätigt sich auch auf dem Feld, das nach dem Ende des

Basler Konzils zu den hartnäckigsten Auseinandersetzungen zwischen Papst und

Kardinalskolleg führte: den Kardinalskreationen. Schon im 14. Jahrhundert, in

der Wahlkapitulation des Jahres 1352, hatten die Kardinäle für sich beansprucht,

die Anzahl der Kardinäle zu beschränken und das Kolleg nur mit der Zustimmung

der bisherigen Kardinäle zu ergänzen. Wahlkapitulationen und Reformentwürfe

des 15. Jahrhunderts erneuerten diese Bestimmung. Mehr als 24 Kardinäle sollten

dem Kolleg nicht angehören, so wollten es die Konstanzer und Basler Konzilsväter

und so forderten es die Kardinäle Papstwahl für Papstwahl ein. Seit dem Constantiense

bildete sich zudem ein Qualifikationsprofil für künftige Kardinäle her-

14 Zur Wahlkapitulation von 1471: Krüger, Wahlkapitulationen, S. 297–301, mit Edition: 311–315.

Zur davon ausgehenden Entwicklung der Trennung in capitula publica und capitula privata:

Becker, Primat, S. 117f.; ders., Wahlkapitulationen, S. 21f.


342

Papst und Kardinalskolleg im Bannkreis der Konzilien

aus, das ein Mindestalter von 30 Jahren vorsah und eine universitäre, in Abschlüssen

dokumentierte Vorbildung einforderte. Komplizierte, sich verändernde

Formeln sollten eine ausgeglichene Vertretung verschiedenster nationes im Kolleg

sicherstellen und die Dominanz der Italiener oder Franzosen – je nach Schisma-

Obödienz – verringern. Der Versuch, den päpstlichen Nepotismus einzuschränken,

klang zu diesem Zeitpunkt ebenfalls schon an, wenn er sicher auch nicht das

wichtigste Anliegen der Reformer war. Bezeichnend ist nun, dass diese Bestimmungen

in den Pontifikaten von Martin V. bis Paul II. im Wesentlichen eingehalten

wurden. Die Anzahl der Kardinäle überschritt nur selten die 24, wobei die Kasuistik

verschiedener Möglichkeiten der Berechnung – 24 Kardinäle allein an der

Kurie oder auch außerhalb – etwas Interpretationsspielraum offenließ. Auch der

geistige Habitus der Kardinäle in dieser Phase unterschied sich deutlich von dem

ihrer Nachfolger am Ende des 15. und dem Beginn des 16. Jahrhunderts. Als

Jacopo Ammannati Piccolomini sicherlich im verklärenden Rückblick auf die

Zeit seines Gönners Papst Pius’ II. (1458–1464), doch nicht ohne Berechtigung,

die Papstwähler des Konklaves von 1464 darstellt, kommt er zum Schluss: «Von

allen, die ich aufgezählt habe, ist keiner nicht entweder in der Theologie im weltlichen

oder im päpstlichen Recht mit einem Abschluss versehen, und keiner von

ihnen ist der Kirche nicht würdig.» 15 Wirklich finden sich bis zu diesem Zeitpunkt

kaum Kardinäle ohne Universitätsausbildung, die wenigen Ausnahmen beschränken

sich auf Fürstensöhne und Papstneffen, zumindest für die Ersteren hatte schon

das Basler Konzil Ausnahmen vorgesehen.

In den Kardinalskreationen des Zeitraums zeigt sich immer wieder, dass diese

Vorstellungen, die schon im Konstanzer Reformausschuss entworfen worden waren

und zum Teil in die Konkordate des Papstes mit den Nationen eingingen, eine

Art Richtschnur für künftige Kardinalskreationen blieben. Dabei wurden die

normativen Reformvorstellungen aus unterschiedlichsten Gründen akzeptiert. Für

die Kurie war es fast über den ganzen Zeitraum hinweg wichtig, mögliche Kritikpunkte

vor einer konziliaren Öffentlichkeit zu vermeiden. Dies galt nach dem

Ende des Konstanzer Konzils (1414–1418), vor den nach Frequens drohenden

Konzilien in Pavia-Siena (1423/24), später in Basel (1431–1449) während des

Konzils sowie noch in den ersten Jahrzehnten nach dem Basiliense. Die grundsätzliche

Berechtigung dieser Reformvorstellungen stand nicht in Frage. Die Bestimmungen

der einschlägigen Dekrete, die in den Wahlkapitulationen bestätigt wurden,

wurden zudem zum Argument in den politischen Auseinandersetzungen um

die jeweiligen Kreationen. Der Papst wies mit ihrer Hilfe Wünsche von Königen

und Fürsten für die Kreation eigener Günstlinge zurück, und das Kardinalskolleg

stützte auf sie die ältere, schon seit dem 13. Jahrhundert zu beobachtende oligar-

15 Iacopo Ammannati Piccolomini, Commentarii, Sp. 349v.


Papst und Kardinäle 343

chische Forderung nach einem möglichst kleinen Kolleg. Während sich die Kardinalskreationen

Martins V. und Eugens IV. offensichtlich ohne größere Konflikte

zwischen Papst und Kolleg und orientiert an den Konstanzer und Basler Reformvorstellungen

vollzogen, scheint in der Zeit nach dem Ende des Basler Konzils eine

neue Entwicklung einzutreten. Papst und Kardinalskolleg standen sich nun gegenüber.

Das Kolleg wurde zum Bürgen für eine korporativ-konziliare Kirchenleitung,

wie sie etwa auf dem Basler Konzil für die konzilslosen Zeiten entworfen

worden war. Daneben versuchten weltliche Kräfte beharrlich Einfluss auf die Zusammensetzung

des Kollegs zu nehmen. Kreation für Kreation (1455, 1460, 1461,

1469, 1471) lässt sich ein Ringen um Anzahl und Herkunft der zu erhebenden

Kardinäle beobachten, bei dem das Kardinalskolleg als Korporation in der zweiten

Kreation Pius’ II. (1461) entscheidend unterlag. Ab dem Pontifikat Sixtus’ IV.

(1471–1484) deuten die Unregelmäßigkeiten im Kreationsmodus, die signifikant

über die vorgeschlagenen 24 Kardinäle hinausgehende Anzahl, die nun deutlich

disparatere Vorbildung sowie die verstärkten nepotistischen Tendenzen auf eine

nachlassende Geltung der konziliaren Vorstellungen hin 16 . Auch aus dieser Sicht

ist ein Einschnitt am Ende des Pontifikats Pauls II. erkennbar. Die Kardinalskreationen

der ersten Pontifikate nach dem Konzil sind ein Verfassungskonflikt, in

dem ein monarchisch betonter Papat korporativ-kollegialen Formen der Kirchenleitung,

die durch die konziliare Tradition noch verstärkt wurden, gegenübersteht.

Doch haftete dieser Vorstellung, aber auch dem Anspruch des Kollegs selbst,

dass dieses dem Papst als Korporation gegenüberstehe, immer etwas Künstliches

an. Die Gruppenbildungen im Kolleg widersprachen der Theorie von der korporativen

Geschlossenheit und vollzogen sich nach eigenen Kriterien, nicht zuletzt nach

der Loyalität zu demjenigen Papst, durch den man zum Kardinal erhoben worden

war. Daneben hatte jeder Kardinal als Einzelner ein Verhältnis der Nähe oder Distanz

zum Papst, das durch informelle Wege der Teilhabe an der Kurie geprägt war.

2. Die Teilhabe der Kardinäle an der Kirchenregierung

(Claudia Märtl)

Der Anspruch der Kardinäle, an der Kirchenregierung mitzuwirken, wurde gegen

Ende des Großen Schismas energisch formuliert und von ihnen hartnäckig vertreten.

Martin V. (1417–1431) versuchte die Probleme, welche aus einer Beratung im

großen Kreis des Kardinalskollegs, etwa durch mangelnde Geheimhaltung, entstehen

konnten, zu reduzieren, indem er wichtige Angelegenheiten bevorzugt mit

wenigen Vertrauten behandelte.

16 Zu den Unregelmäßigkeiten am Ende des 15. Jahrhunderts vgl. die Beobachtungen von Henderson,

In creandis cardinalibus.


344

Papst und Kardinalskolleg im Bannkreis der Konzilien

Dies führte unter den Kardinälen zu einer wachsenden Unzufriedenheit mit

dem als tyrannisch empfundenen Regiment des Colonna-Papstes, der zudem einen

ausgeprägten Nepotismus pflegte. Eugen IV. (1431–1447) kam zunächst erwartungsgemäß

finanziellen und materiellen Ansprüchen der Kardinäle entgegen,

doch setzte im Laufe des Jahres 1432 eine Entfremdung ein, so dass sich Mitte

1433 der größere Teil des Kollegs in Basel eingefunden hatte. In der Organisationsform

des Basler Konzils war das Kardinalskolleg als Korporation nicht berücksichtigt;

die Kardinäle handelten bestenfalls gruppenweise. Es gelang weder in der

Praxis noch in der Theorie, das Kardinalskolleg in das Modell einer konziliaren

Kirchenführung zu integrieren, als deren Gegenpol weiterhin eine aus Papst und

Kardinälen gebildete kuriale Spitze erschien. Als das Konzil 1434 begann, Überlegungen

zu einer Kurienreform anzustellen, wandten sich die konzilsfreundlichen

Kardinäle in der Mehrzahl wieder ab. Allein die Präsidenten des Basler Konzils,

allen voran Giuliano Cesarini und Louis Aleman, konnten eine Führungsposition

in größerem Stil durchsetzen, während das Handeln der übrigen konziliar engagierten

Kardinäle vornehmlich im Zusammenhang ihrer jeweiligen Verflechtung

in die Politik weltlicher Fürsten betrachtet werden muss. Nachdem das Ringen

zwischen Basel und Eugen IV. in der Absetzung des Papstes im Jahr 1439 seinen

Höhepunkt erreicht hatte, schickten die Konzilsväter aus Prestigegründen häufig

Kardinäle als Gesandte aus, um die Sache des Konzils zu vertreten 17 .

In den Basler Dekreten wurden zahlreiche Bestimmungen getroffen, welche die

Rolle der Kardinäle an der Seite des Papstes definieren und das Kolleg zur Vertretung

der Gesamtkirche in konzilslosen Zeiten umformen sollten. Nach dem Ende

der Konzilsepoche wurde der Anspruch der Kardinäle auf Mitwirkung an der

Kirchenregierung verstärkt theoretisch untermauert. Die Vorstellung vom Kolleg

als einer Art ständigem Konzil wurde an der Kurie eingesetzt, um Forderungen

nach der Einberufung einer neuen Generalsynode abzuwehren, da die kontinuierliche

Beratung des Papstes durch die Kardinäle einem solchen nur hin und wieder

tagenden Gremium auf jeden Fall vorzuziehen sei 18 .

Aus der Diskussion der theologischen wie rechtlichen Grundlagen des kardinalizischen

Vorrangs und der detaillierten Darlegung seiner symbolisch-zeremoniellen

Äußerungen entstanden jedoch keine substantiell neuartigen Formen der Zusammenarbeit

zwischen Papst und Kolleg; vielmehr wurden überwiegend die

bereits bekannten Verfahren und Institutionen neu reflektiert. Auf der Grundlage

der im 13. und 14. Jahrhundert herausgebildeten Traditionen festigten sich im

17 Vgl. Decker, Politik; Helmrath, Basler Konzil, S. 42, 57, 112–121; Sudmann, Basler Konzil,

S. 412–420.

18 Pius II., Germania III, c. 50, S. 121; vgl. Märtl, Interne Kontrollinstanz, S. 69. Siehe dazu ausführlich

unten, S. 377ff.


Papst und Kardinäle 345

Pontifikat Eugens IV. (1431–1447) die Rahmenbedingungen kurialer Organisation

in einer Gestalt, die für die folgenden Pontifikate bestimmend blieb, bis unter

Sixtus IV. (1471–1484) einige Entwicklungen zu ihrem Abschluss gelangten und

zugleich eine neue Ausgangsbasis erreicht wurde. Von den Kardinälen wurde in

diesen Jahrzehnten erwartet, dass sie ihren ständigen Wohnsitz am Papsthof nahmen,

der als ihr gewissermaßen natürliches Lebensmilieu galt. Rom sei die Heimat

jedes Kardinals, rief Enea Silvio Piccolomini seinem Kollegen Nikolaus von

Kues ins Gedächtnis, und nach den Worten eines zeitgenössischen Beobachters

war «ein Kardinal fern vom Papst . . . wie ein Fisch ohne Wasser» 19 . Entfernte sich

ein Kardinal längere Zeit von der Kurie, ohne durch einen offiziellen Auftrag

legitimiert zu sein, erschien er trotz Anwesenheit am Papsthof nicht zu den üblichen

Gelegenheiten für die Beratung, so zeigte dies ein tiefgreifendes Zerwürfnis

mit dem Papst an. Der Status des einzelnen Kardinals in der kurialen Balance von

Macht und Ansehen wurde scharf beobachtet. Für die Einschätzung spielten Faktoren

unterschiedlichster Art eine Rolle; neben der Papstnähe fielen politisches

Gewicht und finanzielle Mittel ebenso in die Waagschale wie moralische Reputation

oder religiöse und intellektuelle Interessen. Im kirchenpolitischen Alltag verwirklichte

sich die Mitwirkung der Kardinäle nach wie vor in der täglichen Beratung

des Papstes, ihrer Mitarbeit bei der Vergabe von Konsistorialpfründen, in der

Übernahme von Ämtern, Legationen und Spezialaufgaben, der Beteiligung an

Kommissionen und nicht zuletzt in vielfältigen informellen Aktivitäten, mit denen

sie den Pontifex unterstützten oder ihm entgegenzuarbeiten suchten. In allen ihren

Tätigkeiten sollten die Kardinäle allein dem Papst und der Gesamtkirche verpflichtet

sein. Einem Reformentwurf Pius’ II. zufolge oblag es ihnen vor allem, negative

Entwicklungen in ihren Heimatregionen, seien es Ketzereien, Sittenverfall

oder Kriege, anzuzeigen und auf Abhilfe zu drängen; die dauerhafte Vertretung

partikularer Interessen war jedoch verpönt und wurde mit der Exkommunikation

bedroht, falls ein Kardinal weltliche Vorteile daraus zog. Gleichwohl kamen Vorformen

des neuzeitlichen Nationalkardinalats, insbesondere die Besoldung von

Kardinälen durch weltliche Fürsten, vereinzelt bereits seit den 30er Jahren des

15. Jahrhunderts vor 20 .

19 Vgl. Meuthen, Die letzten Jahre, S. 133 (Piccolomini an Nikolaus von Kues, 27. Dezember 1456);

Märtl, Alltag, S. 136, mit Anm. 71 (Bartolomeo Bonatto an Ludovico Gonzaga, 8. März 1462);

zur Bindung an Rom Richardson, Reclaiming Rome, S. 104f.

20 Vgl. Haubst, Reformentwurf, S. 212, Nr. 34–36; Strnad, Aus der Frühzeit (Besoldung Branda Castigliones

durch König Sigismund); ein Beispiel vgl. auch bei Märtl, Jouffroy, S. 157f. (Besoldung

durch Ludwig XI.).


346

Papst und Kardinalskolleg im Bannkreis der Konzilien

a) Formen institutionalisierter Beratung zwischen Papst und Kolleg

Den institutionalisierten Rahmen für die gemeinsame Beratung von Papst und

Kardinälen boten die Geheimkonsistorien, die in einem seit dem 13. Jahrhundert

eingespielten Rhythmus dreimal pro Woche stattfanden, während die öffentlichen

Konsistorien der Inszenierung der richterlichen und politischen Rolle des Papstes

sowie des Konsenses von Papst und Kardinälen dienten. Soweit Schlaglichter, etwa

in kurialen Korrespondenzen, auf die Diskussionen der Geheimkonsistorien fallen,

zeigen sie kurz nach der Mitte des Jahrhunderts eine recht offene Gesprächskultur,

in der einem normativ vorgegebenen Ablauf folgend kontrovers diskutiert

und Widerspruch gegen Vorschläge des Papstes vorgebracht werden konnte 21 .

Die Entscheidung der causae maiores war nach der ehrlichen Meinungsäußerung

aller Anwesenden vom Papst gemäß dem Mehrheitsprinzip zu treffen, doch konnte

er bei gebührender Abwägung auch davon abweichen. Der Papst sollte die

Problemlage unkommentiert darstellen und vor den Äußerungen der Kardinäle

seine eigene Ansicht nicht zu erkennen geben, um sie nicht zu beeinflussen; die

Kardinäle sollten die Diskussion sachlich in gegenseitigem Respekt und im Bewusstsein

ihrer Verantwortung für die Gesamtkirche führen. Diese Prinzipien bekräftigte

Jacopo Ammannati Piccolomini aus dem Rückblick gegenüber seinem

jüngeren Kollegen Francesco Gonzaga als idealtypische Quintessenz der von ihnen

gemeinsam erlebten Geheimkonsistorien der Zeit Pius’ II. 22 In der Praxis suchten

die Päpste allerdings die Meinungsbildung unter den Kardinälen zu steuern. Martin

V. hatte angeblich die Kardinäle so eingeschüchtert, dass sie erröteten und

erbleichten, wenn sie vor ihm sprechen mussten; bei Paul II. wagten nur wenige

Kardinäle standzuhalten und «ihm die Zähne zu zeigen», da er die Mitglieder des

Kollegs wie Schuljungen maßregelte 23 . Pius II. verrät in den Commentarii vor allem

anlässlich seiner Kardinalskreationen einiges darüber, mit welchen Strategien

ein geschickter Pontifex im Vorfeld dafür sorgen konnte, ein bestimmtes Ergebnis

der Beratung herbeizuführen 24 .

In den Geheimkonsistorien wurden auch die Konsistorialpfründen vergeben,

deren Besetzung sich der Papst vorbehalten hatte. Darunter fielen alle Pfründen –

21 Vgl. Märtl, Unbekannte Notizen (mit weiterer Literatur).

22 Iacopo Ammannati Piccolomini, Lettere II, ed. Cherubini, Nr. 363, S. 1190–1202 (Sommer/Herbst

1468).

23 Zu Martin V. vgl. Decker, Politik, S. 130, mit Anm. 161 (Bericht des Deutschordensprokurators

Wandofen, 11. Juli 1429); zu Paul II. vgl. Märtl, Jouffroy, S. 184, mit Anm. 21 (Giacomo Trotti an

Borso d’Este, 5. April 1467) und Iacopo Ammannati Piccolomini, Lettere II, ed. Cherubini, Nr. 186,

S. 809–814, bes. 811, Z. 14f. (an Guillaume d’Estouteville und Alain de Coëtivy, Oktober 1465).

24 Zur hier zu berücksichtigenden literarischen Selbststilisierung des Papstes vgl. Esch, Enea Silvio

Piccolomini; zur Vorgeschichte der Kreation von 1461 vgl. Märtl, Jouffroy, S. 121–129; dies., Bartolomeo

Vitelleschi.


Papst und Kardinäle 347

überwiegend Abts- und Bischofswürden –, die ihrem Inhaber mehr als 100 Gulden

pro Jahr einbrachten. Da die Hälfte der hierbei anfallenden Gebühren dem

Kardinalskolleg zustand, wurde über diese Vorgänge vom Kämmerer des Kollegs

Buch geführt. Meist trat ein Kardinal als relator auf, der sich über die Angelegenheit

informiert hatte und darüber im Konsistorium berichtete. Eine Durchsicht

der Aufzeichnungen über die Pfründenvergabe der Jahre 1433 bis 1456 zeigt, dass

die Berichterstattung keineswegs gleichmäßig auf alle Kardinäle verteilt wurde 25 .

Besonders häufig übernahmen unter Eugen IV. die Kardinäle Niccolò Albergati,

Jean Lejeune und Francesco Condulmer diese Aufgabe; unter Nikolaus V. verschwindet

Condulmer bald als relator, während Lejeune weiterhin sehr oft berichtet

und Pietro Barbo nun merklich öfter vorkommt als zuvor. Unter Calixt III.

referierten Domenico Capranica und Pietro Barbo auffallend häufig. Manche Kardinäle,

wie Guillaume d’Estouteville, traten durchweg oft als Berichterstatter auf;

andere, darunter Bessarion, ergriffen hingegen selten das Wort. Über die Gründe

dieser unterschiedlichen Verteilung lässt sich nur spekulieren. Eine geographische

Zuordnung der Berichtsfälle zur Herkunftsregion des referierenden Kardinals ist

jedenfalls kaum festzustellen; nur bei den Pfründen des venezianischen Staatsgebiets

und französischen Pfründen deutet sie sich tendenziell an. Deutlicher tritt

hervor, dass Kardinäle, die Legaten gewesen waren, öfter Berichte über Pfründen

übernahmen, die zu ihrem ehemaligen Legationsgebiet gehörten oder diesem nahestanden.

Leider gibt es aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts keine Notizen

über die bei diesen Gelegenheiten geführten Diskussionen, in denen die Umsetzung

zeitgemäßer Reformvorstellungen zur Sprache gekommen sein muss. Allein ein

Fragment aus der Feder Jacopo Ammannati Piccolominis illustriert aussagekräftig

die Positionen im Kardinalskolleg zur Zeit Pius’ II. und vermittelt einen Einblick

in den offen ausgetragenen Konflikt zwischen Reformorientierung und Erwägungen

politischer Opportunität 26 .

Bei komplizierteren Problemlagen bildeten Papst und Kolleg Kardinalskommissionen,

die eine Entscheidung vorbereiten sollten. Die Initiative zur Einsetzung

solcher Kommissionen ging wohl häufig vom Kolleg aus, das damit seinen Anspruch

einer umfassenden Beteiligung wahrte. Für den Papst mochte es umgekehrt

ebenfalls erwünscht sein, die Konsensfindung über wichtige Beschlüsse aus dem

Kolleg heraus anzubahnen. Die kardinalizischen Arbeitsgruppen formulierten

nicht nur Entwürfe für die Kirchenreform 27 , sondern übernahmen neben diesem

25 Die folgenden Beobachtungen resümieren erste Eindrücke einer Auswertung der Register ASegV,

Cam. Ap., Obl. et sol. 66 und 72; siehe dazu das Quellenkapitel, S. 55, Anm. 196.

26 Vgl. den Text bei Märtl, Unbekannte Notizen, Anhang Nr. III b–e, S. 235–240.

27 Vgl. Jedin, Analekten (mit einem Rückblick auf das 15. Jahrhundert); Miethke, Reform des Hauptes.


348

Papst und Kardinalskolleg im Bannkreis der Konzilien

bekannteren Tätigkeitsfeld vielerlei weitere Aufgaben, untersuchten Rechtsfälle,

berieten über die Formulierung brisanter päpstlicher Schreiben, diskutierten für

den Kirchenstaat wichtige territorialpolitische Maßnahmen und anderes mehr.

Das gesamte Kolleg wurde im Herbst 1463 in drei Gruppen eingeteilt, denen unterschiedliche

Aufgaben zur Vorbereitung des Türkenkriegs übertragen wurden;

davon hatten fünf Kardinäle die Aufgabe, sich über die Finanzierung Gedanken

zu machen 28 . Möglicherweise lag hier der Ursprung der unter Paul II. dauerhaft

etablierten, mit drei Kardinälen besetzten Kommission für die Verwaltung der

Kreuzzugsfinanzen.

Daneben kam es immer wieder vor, dass ein einzelner Kardinal eine Spezialaufgabe

erhielt, mit der er dem Papst zuarbeitete; Nikolaus von Kues etwa wurde von

Pius II. mit der Beweiserhebung gegen Sigismondo Malatesta beauftragt, als deren

Ergebnis eine Verurteilung erfolgte und in einem völlig unerhörten Verfahren eine

symbolische Verbrennung des Übeltäters inszeniert wurde. Der für seine Integrität

bekannte Kardinal war als Untersuchungsrichter ausgewählt worden, um das vom

Papst geplante Vorgehen auf eine unangreifbare Grundlage zu stellen 29 .

Auf den Konzilien von Konstanz und Basel wurde die Forderung erhoben,

die Zustimmung der Kardinäle zu Entscheidungen des Papstes sei durch deren

eigenhändige Unterschrift auf päpstlichen Urkunden zu fixieren; ein derartiger

Paragraph findet sich erstmals auch in der Wahlkapitulation des Jahres 1431. Die

erhaltenen Konsistorialurkunden, bei denen die anwesenden Kardinäle einzeln unterzeichneten,

dokumentieren unter Eugen IV. zunächst das Bestreben des Papstes,

sich in schwierigen Situationen abzusichern, wurden in der Folge aber zunehmend

zu Instrumenten, um den Maßnahmen einiger Pontifices zugunsten ihrer Verwandten

Dauer zu verleihen. Die ursprüngliche Voraussetzung, dass die Kardinäle

aus freier Gewissensentscheidung heraus ihre Unterschrift verweigern und damit

päpstliche Pläne zu Fall bringen könnten, wurde durch den Einsatz materieller

Vergünstigungen in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts vollkommen ausgehebelt

30 . Eigenständig agierte das Kardinalskolleg vor allem während der Sedisvakanzen,

bei deren Eintreten es das wichtigste Anliegen sein musste, Sicherheit

und Ruhe in Rom wie im Kirchenstaat zu gewährleisten, die Finanzmittel sicherzustellen

und den Botenverkehr aufrechtzuerhalten. Ihre Teilhabe an den Gnadenmitteln

der Kirche dokumentierten die Kardinäle des 15. Jahrhunderts, indem

sie gemeinsam Sammelindulgenzen ausstellten und besiegelten.

28 Diese Arbeitsteilung wird berichtet von einem mantuanischen Gesandten; Archivio di Stato di

Mantova, Archivio Gonzaga, b. 842, Nr. 196 (Bartolomeo Marasca an Barbara und Ludovico

Gonzaga, 30. September 1463).

29 Vgl. Märtl, Interne Kontrollinstanz, S. 77–80 (mit der weiteren Literatur).

30 Vgl. Krüger, Konsistorialurkunden.


Papst und Kardinäle 349

Für die Außenwirkung war der päpstliche Monarch darauf angewiesen, dass

seine Linie möglichst einhellig von den Kardinälen unterstützt und propagiert

wurde. Dass dem so war, wird am besten in jenen Fällen deutlich, in denen der

Konsens ausblieb und einzelne Kardinäle begannen, ihre Kritik nach außen zu tragen.

Gut verfolgen lässt sich dies im Pontifikat Pius’ II., aber auch unter Paul II.

wurden die Konflikte im innersten Kreis der Kurie nach der Kassation der Wahlkapitulation

durch den Papst bald für Außenstehende sichtbar. Im Hinblick auf

die Zusammenarbeit zwischen Papst und Kardinälen ist diese Phase besonders wegen

des Verhaltens der französischen Kardinäle von Interesse 31 . Als es dem Bischof

von Arras, Jean Jouffroy, der hierfür mit dem Kardinalshut belohnt wurde, im

Jahr 1461 gelang, beim französischen König Ludwig XI. eine Aufhebung der Pragmatik

zu erwirken, gingen Papst wie König offenkundig von falschen Annahmen

über die auf der Gegenseite mit der Aufhebung verknüpften Erwartungen aus. So

kam es bald zu neuen Belastungen der Beziehungen. Zwei Jahre später schied

Jouffroy, der von Pius II. der böswilligen Täuschung beschuldigt wurde, in offenem

Unfrieden aus Rom. Dem französisch-burgundischen Kardinal wurde vor allem

vorgeworfen, durch seine bedingungslose Vertretung französischer Interessen

das bisher gültige Rollenbild des allein dem Wohl der Gesamtkirche verpflichteten

Beraters zu verletzen und Interna aus den Konsistoriumssitzungen an den französischen

Königshof zu verraten. Jouffroy suchte nach seiner Abreise in Frankreich

als kirchenpolitischer Berater Ludwigs XI. Fuß zu fassen und arbeitete am

Königshof offen gegen die politischen Absichten Pius’ II. Guillaume d’Estouteville,

der 1458 als Papstkandidat unterlegen war, äußerte gegenüber auswärtigen Gesandten

schärfste Kritik am Verhalten des Piccolomini-Papstes 32 . Unter Paul II. gerieten

die französischen Kardinäle an der Kurie in ein Dilemma, da sie einerseits

mit den übrigen Kardinälen gegen den Papst Front machten, andererseits durch

die Kirchenpolitik Ludwigs XI. in ihrer Heimat unter Druck gesetzt wurden und

päpstliche Unterstützung nötig gehabt hätten. Alain de Coëtivy bewarb sich mit

der Legation in Avignon um ein neues Tätigkeitsfeld, das ihn aus dem unmittelbaren

Horizont der Kurie entfernte und ihm von Paul II. erst nach längerem Zögern

zugestanden wurde. Der nach Rom zurückgekehrte Jouffroy versuchte sich

zunächst zwar dem neuen Pontifex zu empfehlen, konnte sich aber auf Dauer der

Solidarisierung mit der kardinalizischen Opposition nicht entziehen und verließ

erneut die Kurie, als sich das französisch-päpstliche Verhältnis wieder verschlechterte

und er als Vermittler französischer Belange nicht mehr gefragt war. So musste

er ein weiteres Mal erfahren, wie schnell der Status eines Kardinals in Frage ge-

31 Zum Folgenden vgl. Märtl, Jouffroy, S. 129ff., 182ff.; zur Gruppe der französischen Kardinäle um

die Mitte des 15. Jahrhunderts auch Pellegrini, Pio II, S. 31ff., 65.

32 Beispiele vgl. bei Pellegrini, Pio II, S. 65, und Märtl, Italienische Berichte, S. 249–255.


350

Papst und Kardinalskolleg im Bannkreis der Konzilien

stellt wurde, sobald es sich verbreitete, dass er beim Papst in Ungnade gefallen

war 33 .

b) Die Kardinäle leiten die großen kurialen «Behörden»

Im Hinblick auf die kurialen Alltagsgeschäfte ist als auffälligstes neues Phänomen

der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts hervorzuheben, dass die Leitungspositionen

aller großen kurialen «Behörden» nun dauerhaft von Kardinälen besetzt

werden. Einige Vizekanzler und Kämmerer verblieben über Jahrzehnte auf ihren

Posten. Wenngleich die Behördenchefs nicht aus eigener Machtvollkommenheit,

sondern stets im Auftrag des Papstes und aufgrund abgeleiteter Kompetenzen handelten,

erlangten sie dennoch innerhalb des kurialen Gefüges ein besonderes

Schwergewicht. In dem bei jedem Papstwechsel sich neu formierenden kurialen

Kosmos bildeten sie ein stabiles Element, repräsentierten die neben dem Papst

wichtigsten Anlaufstellen für auswärtige Besucher der Kurie und vermochten mit

ihren familiae als eigene Kristallisationszentren in politischer und kultureller Hinsicht

zu wirken. Der von Clemens VII. zum Vizekanzler 34 ernannte Kardinal Jean

de Brogny leitete bis zu seinem Tod (1426) unter insgesamt fünf Päpsten die

Kanzlei. Als nächster Kardinal wurde Jean de Rochetaillée zum Vizekanzler ernannt

(1432?), der bis 1437 amtierte. Ihm folgte mit Francesco Condulmer ein

Papstnepot, dessen Amtsperiode als Vizekanzler (1437–1453) durch eine mehrjährige

Legation nach Konstantinopel unterbrochen wurde. Die zweite Hälfte des

15. Jahrhunderts wurde fast zur Gänze durch die Amtszeit Rodrigo Borgias ausgefüllt,

der von seinem Onkel Calixt III. im Jahr 1457 erhoben wurde und 35 Jahre

lang bis zu seiner Papstwahl 1492 Vizekanzler blieb. Im Amt des Kämmerers 35

begann die Zeit der Kardinäle erst unter Eugen IV. Dieser ernannte zunächst seinen

Neffen Francesco Condulmer (1432–1437), um die Leitung der Kammer im

Jahr 1440 Ludovico Trevisan zu übergeben, der sie fast ein Vierteljahrhundert

lang († 1465) mit einer mehrjährigen Unterbrechung durch eine Kreuzzugslegation

ausübte. Bei der Auswahl der Großpönitentiare 36 , die häufiger wechselten,

scheinen die Reputation des Kandidaten und möglicherweise seine Bewährung bei

früheren Aufgaben eine Rolle gespielt zu haben. Für die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts

sind hier Niccolò Albergati, Domenico Capranica und Filippo Caland-

33 Vgl. Märtl, Jouffroy, S. 207, Anm. 109 (Zitat aus Jouffroys Traktat in BAV, Ottob. lat. 793, fol. 112r).

34 Vgl. Hofmann, Forschungen I, S. 30ff., zur Verbindung des Vizekanzleramts mit dem Kardinalat

bereits seit dem Beginn des 14. Jahrhunderts.

35 Vgl. Gottlob, Aus der Camera, bes. S. 80ff.; präzisierend zur Stellung des Kämmerers Pitz, Supplikensignatur,

S. 251ff.

36 Vgl. Göller, Die päpstliche Poenitentiarie II, 1, S. 9–12; Schmugge/Hersperger/Wiggenhauser, Supplikenregister,

S. 12–14 (Zitat S. 12).


Papst und Kardinäle 351

rini als «herausragende Leiter des Amts» zu nennen, unter denen «die Pönitentiarie

den Höhepunkt ihrer Wirksamkeit» erreichte.

Der Blick auf die Reihe der Vizekanzler und Kämmerer lässt die Konfliktfälle

ahnen, die mit der Besetzung der Behörden auftraten. Zündstoff zu Streit zwischen

den Päpsten und dem Kardinalskolleg boten Amtsdauer und Besetzungspraxis 37 .

Sollten Vizekanzler und Kämmerer auf Lebenszeit ernannt werden, oder war ihr

Amt nur temporär zu vergeben? Das Kardinalskolleg versuchte eine Beschränkung

zu erreichen und fixierte in den Wahlkapitulationen der zweiten Jahrhunderthälfte

sowohl seinen Anspruch, bei der Besetzung mitzureden, als auch die Zielvorstellung

einer dreijährigen Amtsdauer 38 . Die Stellungnahme der Päpste hing davon

ab, ob sie die Möglichkeit hatten, einen Nepoten in eines dieser Ämter zu bringen.

War dies der Fall, wie bei Eugen IV., so suchten sie die Vergabe auf Lebenszeit

durchzusetzen. Bestand diese Möglichkeit nicht, so favorisierten sie eine Beschränkung

von Amtsdauer und Vollmachten, wie dies etwa in den Reformplänen

Pius’ II. formuliert wurde 39 . Die jeweils mehrjährigen Perioden, in denen die Ämter

des Vizekanzlers und des Kämmerers vakant blieben und nur mit Stellvertretern,

die keine Kardinäle waren, besetzt wurden, scheinen auf Zeiten längeren

Ringens zwischen Papst und Kolleg hinzuweisen. Für das Vizekanzleramt fällt die

erste dieser Perioden, 1426 bis 1430, in die letzten Jahre Martins V., die nächste

folgt am Übergang von Nikolaus V. zu Calixt III. (1453–1457). Für das Amt des

Kämmerers sind als Fehlzeiten einige Monate 1431/32 und der größte Teil des

Pontifikats Pauls II., 1465 bis 1471, zu verzeichnen.

Martin V. hatte wenig Gelegenheit, Vizekanzler oder Kämmerer selbst auszuwählen.

Er übernahm im Interesse von Kontinuität und Integration der Kurie nach

dem Schisma die Amtsträger Johannes’ XXIII. Als der Vizekanzler starb, ernannte

er nacheinander einen Abt und einen Bischof aus dem französisch-savoyischen

Raum zum regens cancellariam bzw. vicegerens des Kanzleileiters. Dies war vermutlich

der Tatsache geschuldet, dass das Kardinalskolleg ihn an der Ernennung

eines Nepoten hinderte. Eugen IV. hingegen konnte von Anfang an das Amt des

Kämmerers zunächst mit seinem Neffen Condulmer, dann mit seinem ehemaligen

Leibarzt Trevisan besetzen 40 und befand sich den größten Teil seines schwierigen

Pontifikats in der günstigen Situation, dass diese beiden ihm als Vizekanzler und

Kämmerer treu ergeben zur Seite standen. Nikolaus V. hatte in Bezug auf den Kämmerer

keine Wahl und ernannte nach dem Tod Condulmers einen von dessen

37 Vgl. zum Folgenden Hofmann, Forschungen I, S. 31f.

38 Vgl. Becker, Ansätze, bes. S. 338, 343, 347 (jeweils Nr. 6).

39 Haubst, Reformentwurf, S. 215, Nr. 52; S. 216, Nr. 57; S. 222, Nr. 105.

40 Vgl. Gottlob, Aus der Camera, S. 268ff.; Hofmann, Forschungen II, S. 69, 87. Zu Condulmer fehlt

eine eigene Biographie; vgl. Olivieri, in: DBI 27, S. 761ff.; zu Trevisan (oft falsch Scarampo oder

Mezzarota) vgl. Paschini, Lodovico; Pellegrini, Pio II, S. 24, 60ff.


352

Papst und Kardinalskolleg im Bannkreis der Konzilien

langjährigen Mitarbeitern zum regens cancellariam, den Bischof von Spoleto, der

beim Antritt Calixts III. noch am Tag der Krönung einem spanischen Bischof als

Kanzleileiter weichen musste 41 . Nachdem es Calixt III. gelungen war, diesen Bischof

durch seinen Neffen zu ersetzen, waren die Weichen für das Vizekanzleramt auf

Jahrzehnte hinaus gestellt. Pius II. sah sich mit Ludovico Trevisan und Rodrigo Borgia

42 zwei außerordentlich starken Persönlichkeiten als Kämmerer und Vizekanzler

gegenüber, von denen zumal der Erstgenannte ihm bisweilen schwer zu schaffen

machte. Mit Pietro Barbo wurde als nächster Papst ein Nepot Eugens IV. gewählt.

Ludovico Trevisan, der Barbo von Herzen hasste, soll aus Gram über dessen Papstwahl

gestorben sein 43 . Paul II. verzichtete danach auf die Ernennung eines Kardinals

zum Kämmerer, was auf die Erfahrungen mit Trevisan zurückzuführen sein

dürfte, der seine Position gegenüber allen Päpsten offensiv vertreten hatte.

Die Leiter von Kanzlei, Kammer und Pönitentiarie begleiteten den Papst stets

auf seinen Reisen, auch wenn ihre Behörden bei kürzeren Abwesenheiten des Pontifex

am gewöhnlichen Aufenthaltsort der Kurie zurückblieben. Wenn die Besucher

des Papsthofs über die aus den Ortsveränderungen der Päpste entstehenden

Erschwernisse klagten, so darf nicht vergessen werden, dass sich auch die Leiter

der großen Behörden vor zusätzliche Anforderungen und Kosten gestellt sahen. Es

ist daher kein Wunder, dass Ludovico Trevisan, der aus seiner Ablehnung des von

Pius II. nach Mantua einberufenen Fürstenkongresses kein Hehl machte, sich

1459 bei der ersten Gelegenheit unter dem Vorwand einer Badereise nach Venedig

absetzte, um dort eigene politische Interessen zu pflegen 44 . Am stärksten klagte

über seine Belastung aber der Vizekanzler Borgia, der unterstrich, seine Quartierwünsche

– er wollte in ein Haus mit Garten umziehen – müssten ihm von der

Markgräfin von Mantua erfüllt werden, «erstens weil er ihr sehr ergeben sei, sodann

wegen seines Amts und der Arbeit, die er habe, denn kein anderer Kardinal

sei so beschäftigt wie er und habe weniger Entspannung als er, da er an einem Tag

ins Konsistorium gehen und am nächsten sich um die Supplikensignatur kümmern

müsse, wo die anderen sich erholen könnten. Außerdem müsse er, wenn ein Gesandter

komme, Seiner Heiligkeit immer beistehen, da er Diakon sei, und überhaupt

. . . sei er der Einzige, der dauernd im Gefängnis sitze.» 45

41 Vgl. Hofmann, Forschungen II, S. 72f., Nr. 9 und 10; beide wurden später zu Kardinälen erhoben,

Berardo Eroli de Narnia von Pius II. (1460), Juan de Mella von Calixt III. (1457).

42 Zu den hinter diesen drei Personen stehenden nepotistischen Großkonstellationen vgl. Pellegrini,

Pio II, S. 23ff.

43 Vgl. Iacopo Ammannati Piccolomini, Lettere II, ed. Cherubini, Nr. 186, S. 811, Z. 8f., mit Anm. 4.

44 Zur Haltung Trevisans während des Kongresses von Mantua vgl. Pellegrini, Pio II, S. 60ff., hier

bes. 64.

45 Signorini, Alloggi, S. 387f., Nr. 25 (Barbara Gonzaga an Ludovico Gonzaga, 21. Juni 1459).


Papst und Kardinäle 353

Von erheblichem Gewicht, insbesondere auch für den Aufbau von Klientelverbindungen,

waren die Kompetenzen bei der Personalauswahl. Die lange Amtsdauer

der kardinalizischen Behördenchefs und ihre Behinderung durch vielfältige

anderweitige Beschäftigungen verlagerten das Ringen um die Besetzung der

Führungspositionen alsbald auf die Stellvertreter, die zu ihrer Entlastung, während

ihrer Abwesenheiten oder bei einer Vakanz als Ersatz für einen kardinalizischen

Amtsleiter ernannt wurden 46 . Der Papst versuchte, über diese oft dem Bischofsrang

angehörenden, von ihm ernannten Stellvertreter seinen Einfluss zu stärken,

doch gelang es dem Vizekanzler Borgia im Jahr 1472, sich das Recht der Ernennung

eines locumtenens dauerhaft zu sichern. Die Position des stellvertretenden

Kanzleileiters wurde aber ihrerseits am Beginn des 16. Jahrhunderts ebenfalls zu

einer Lebenszeitstellung, was diesen Erfolg wieder schmälerte.

Die Interessen der Päpste und diejenigen des in Kanzlei, Kammer und Pönitentiarie

beschäftigten Personals wirkten im Laufe des 15. Jahrhunderts dergestalt

zusammen, dass sich die Amtschefs zunehmend auf die Besetzung allein der unteren

Chargen beschränkt sahen 47 . Positionen, die auf persönlichem Vertrauen des

Papstes und dem ständigen Umgang mit ihm beruhten, wie die Stellen der Geheimsekretäre

und des Datars, wurden aus der Kanzlei aus- oder gar nicht erst in

diese eingegliedert. Auch schaltete die von den Päpsten geförderte Ämterkäuflichkeit

de facto den Einfluss des Behördenleiters aus, da die Käufer der Stellen den

Kaufpreis in die Privatschatulle des Papstes entrichteten und damit direkt von ihm

ein Anrecht erwarben. Die Amtschefs reagierten, indem sie sich Quoten bei der

Personalauswahl ihrer Behörden zusichern ließen. Eine erste Andeutung dieser im

Pontifikat Sixtus’ IV. voll durchschlagenden Tendenzen brachte der Pontifikat

Pius’ II. Dieser schuf Ende 1463 primär zur Finanzierung des Türkenkriegs, aber

wohl auch, um die Befugnisse Borgias zu reduzieren, ein Abbreviatorenkolleg mit

70 käuflichen Stellen, das sogleich wieder aufgehoben wurde von seinem Nachfolger

Paul II., der dem Vizekanzler nach dem Gutachten einer Kardinalskommission

die Zuständigkeit für die Abbreviatoren von neuem zusprach 48 .

c) Kardinäle in der Verwaltung des Kirchenstaats

Neben den Leitern der großen Behörden gab es einen ebenfalls relativ eingeschränkten

Kreis von Kardinälen, denen in der Verwaltung und Verteidigung des

Kirchenstaats wichtige Aufgaben von längerer Dauer übertragen wurden. In Avig-

46 Zum Folgenden vgl. Hofmann, Forschungen I, S. 33ff.

47 Zum Folgenden vgl. ebd., S. 22ff.

48 Vgl. ebd., S. 31f., 122–126; Pellegrini, Pio II, S. 66; Märtl, Papst, S. 190ff. (mit weiterer Literatur).

Zur Ämterkäuflichkeit an der Kurie vgl. bes. Schwarz, Ämterkäuflichkeit; Schimmelpfennig, Ämterhandel.


354

Papst und Kardinalskolleg im Bannkreis der Konzilien

non kam es dabei in den Anfangsjahren des Basler Konzils zum Konflikt über die

Besetzung der Legation, doch konnte sich im Jahr 1433 Eugen IV. mit seinem Legaten,

dem in der Region verwurzelten Kardinal Pierre de Foix d. Ä. († 1464),

durchsetzen, der die Legation bis zu seinem Tod innehatte 49 . Der nördliche Teil

des italienischen Kirchenstaats um Bologna wurde nach der endgültigen Rückkehr

der Stadt unter die Herrschaft des Papstes seit 1447 von Kardinallegaten verwaltet.

Das aufgrund innerer Konflikte und der notorischen Widerspenstigkeit

Bolognas schwierige Amt wurde u. a. von Bessarion (1450–1455) und Angelo

Capranica (1458–1467) wahrgenommen 50 . Auch wurden einzelne Provinzen des

mittelitalienischen Kirchenstaats, wie die Mark von Ancona, hin und wieder Kardinälen

übertragen. Als Pius II. zum Kongress von Mantua aufbrach, vertraute er

Rom Nikolaus von Kues als Generalvikar in temporalibus und legatus urbis an 51 .

Die militärische Profilierung einiger Kardinäle in Italien setzt Traditionen fort, die

ins 13. Jahrhundert zurückreichen 52 . Dazu gehört an erster Stelle der berüchtigte

Giovanni Vitelleschi, der nach der Vertreibung Eugens IV. aus Rom rücksichtslose

Feldzüge zur Rückeroberung des Kirchenstaats unternahm und nach einigen Erfolgen

1437 mit der Kardinalswürde belohnt wurde. Als er drei Jahre später in den Verdacht

geriet, selbst einen Anschlag auf den Papst zu planen, wurde er überraschend

festgenommen und kam unter unklaren Umständen in der Engelsburg zu Tode.

Eugen IV. billigte im Nachhinein dieses Vorgehen. Zu Vitelleschis Sturz hatte Ludovico

Trevisan maßgeblich beigetragen, dessen Aufstieg nun mit der Erhebung zum

Kardinal, der Ernennung zum Kämmerer und der Übernahme der militärischen Aufgaben

des Verstorbenen begann. Als Feldherr an der Spitze eines päpstlichen Heeres

sicherte er vor allem in den 40er Jahren des 15. Jahrhunderts den Kirchenstaat. Militärisches

Organisationstalent besaß auch Niccolò Fortiguerri, ein Cousin Pius’ II.,

den dieser bei seiner ersten Kreation 1460 zum Kardinal erhob. Für die kriegerischen

Unternehmungen des Piccolomini-Papstes in Mittel- und Unteritalien war Fortiguerri

fortan unverzichtbar; er begleitete praktisch ununterbrochen die großen

condottieri der römischen Kirche, um aufständische Barone und unbotmäßige

Lehnsleute zu unterwerfen oder die Franzosen aus Unteritalien zu vertreiben.

d) Kardinäle als Legaten

Die soeben aufgeführten Verwaltungs- und Verteidigungsaufgaben leiten über zu

dem für die Zusammenarbeit von Papst und Kardinälen in jeder Hinsicht erstrangigen

Bereich der Legationen. Allgemeingeschichtliche wie spezifisch kirchenpoli-

49 Vgl. Baron, Pierre de Foix; Gazzaniga, La politique bénéficiale.

50 Vgl. Mazzone, I rappresentanti.

51 Vgl. Pellegrini, Pio II, S. 71; Meuthen, Die letzten Jahre, S. 28ff.

52 Vgl. Chambers, Popes, zum Folgenden bes. S. 42ff., 61ff.


356

Papst und Kardinalskolleg im Bannkreis der Konzilien

In das deutsche Reich, nach Böhmen und Ungarn wurden das ganze 15. Jahrhundert

hindurch zahlreiche Kardinallegaten entsandt, die auf weitläufigen Routen

Mitteleuropa durchreisten, wobei die kulturellen Nebeneffekte dieser Legationen,

vor allem der damit verbundene Transfer von Menschen, Texten und Objekten, bisweilen

eine dauerhaftere Wirkung entfalteten als die oft nur mangelhafte Realisierung

des eigentlichen Legationsauftrags. Branda Castiglione, Giordano Orsini und

Henry Beaufort wurden von Martin V. in dem Jahrzehnt zwischen 1421 und 1431

eingesetzt, um Kirchenreformen zu fördern und den Hussitismus zu bekämpfen 56 .

Giuliano Cesarini begleitete ein Kreuzfahrerheer nach Böhmen, das bei Taus gegen

die Hussiten unterlag. Dem Kardinallegaten gelang unter Zurücklassung seiner Insignien

gerade noch die Flucht, woraufhin er sich während seiner Tätigkeit als Basler

Konzilspräsident zu einem warmen Verfechter des Verhandlungswegs wandelte.

Im Jahr 1442 von Eugen IV. nach Ungarn entsandt, um einen politischen Ausgleich

und einen Kreuzzug gegen die Türken zustande zu bringen, wirkte Cesarini durchaus

erfolgreich. Nach der Niederlage der Kreuzfahrer gegen ein osmanisches Heer

bei Varna im Jahr 1444 blieb er jedoch vermisst; es ging das Gerücht, der Legat sei

von flüchtenden Angehörigen der christlichen Truppen in den Sümpfen der Donaumündung

erschlagen worden 57 . Auch abgesehen von derartigen Katastrophen

war die Arbeit der Legaten mit vielen Beschwernissen und Frustrationen verbunden.

Im Laufe des 15. Jahrhunderts wurde der Besuch von Reichsversammlungen durch

päpstliche Gesandte fast zum Regelfall 58 . Wurde in den 30er und 40er Jahren auf

diesen Versammlungen noch darum gerungen, eine Entscheidung des Reichs für Eugen

IV. oder das Basler Konzil und Felix (V.) herbeizuführen, so verschob sich der Fokus

nach dem Fall Konstantinopels auf die Problematik des Türkenkriegs. Im Zuge

der Annäherung zwischen den Reichsständen und der römischen Kurie erhielten am

Ende der Konzilsepoche vor allem «deutschlanderfahrene und deutschlandorientierte

Kardinäle» Legationsaufträge 59 , doch konnten die mit den schwerfälligen Entscheidungsmechanismen

des Reichs konfrontierten Legaten nur selten konkrete Beschlüsse

zugunsten der päpstlichen Kreuzzugsaufrufe verbuchen. Auch der Große

Christentag, zu dem der in Deutschland erzogene und über viele persönliche Kontakte

verfügende Francesco Todeschini Piccolomini 1470/71 entsandt wurde, erbrachte

kein handgreifliches Ergebnis, da noch so ausgefeilte Reden die Fürsten

nicht von ihrem Misstrauen, den dummen Deutschen solle unter dem Vorwand des

Türkenkriegs das Geld aus der Tasche gezogen werden, abbringen konnten 60 . Kir-

56 Vgl. Studt, Papst Martin V., S. 478ff., 621ff.; dies., Anspruch, S. 89ff.

57 Vgl. Chambers, Popes, S. 48; zum Tod Cesarinis vgl. Piccolomini, Historia Austrialis I, S. 18f.

58 Vgl. Wolff, Päpstliche Legaten.

59 Vgl. Meuthen, Ein «deutscher» Freundeskreis; Studt, Anspruch, S. 111 (Zitat).

60 Vgl. Strnad, Francesco Todeschini-Piccolomini, S. 207–321; Meuthen, Ein «deutscher» Freundeskreis,

S. 514–517; die Quellen jetzt in RTA 22,2.


Papst und Kardinäle 357

chenreform und politische Vermittlung standen neben dem Türkenkrieg weiterhin

auf der Tagesordnung. Auf seiner Rundreise durch das deutsche Reich propagierte

Nikolaus von Kues 1451/52 mit größtem Einsatz sein Herzensanliegen einer Reform,

welche die erneute Ausrichtung auf die römische Kirche verankern sollte,

doch erwies sich die Wirkung als ephemer 61 . Auch Friedensstiftung konnte kläglich

scheitern, wie im Fall der Legation Bessarions, der für seine Reise in den Süden des

deutschen Reichs 1460/61 eigens Deutsch gelernt hatte 62 .

Letztlich fiel sogar die Bilanz des vielleicht erfolgreichsten, sicher aber erfahrensten

Kardinallegaten des 15. Jahrhunderts zwiespältig aus. Juan de Carvajal

(† 1469) konnte am Ende seiner Laufbahn auf 22 Legationen zurückblicken; er

genoss wegen seines asketischen Lebenswandels und seiner Meinungsfestigkeit die

größte Hochachtung; das Zeremoniell seiner Gesandtschaften wurde jüngeren

Kollegen als Vorbild geschildert. Carvajal hatte 1448 im Namen Nikolaus’ V. das

Wiener Konkordat mit Friedrich III. geschlossen, welches mit einer Kompromisslösung

die Pfründenvergabe im deutschen Reich endgültig regelte. Seine längste

Legation führte ihn von 1455 bis 1461 nach Österreich und Ungarn, wo er – ähnlich

wie Cesarini – in einer politisch angespannten Lage vermitteln und einen

Kreuzzug begleiten sollte. Im Jahr 1456 begab er sich mit dem Heer des Gubernators

Johannes Hunyadi auf eine fast aussichtslose Mission nach Belgrad, das

durch ein übermächtiges osmanisches Heer belagert wurde. Als die osmanische

Belagerung überraschenderweise scheiterte, wozu die Mobilisierung der christlichen

Kreuzfahrer durch den charismatischen Prediger Giovanni Capestrano

beitrug, verhinderte Carvajal die Heiligsprechung des kurz danach an einer Seuche

verstorbenen Minoriten. Disziplin und Organisation galten ihm offensichtlich

mehr als vermeintlich göttlich inspirierte kurzfristige Erfolge. Seine Ungarnlegation

endete mit einem Missklang; er wurde gegen seinen Willen abberufen, da der

Papst, sein langjähriger Freund Pius II., den Eindruck gewonnen hatte, Carvajal

habe sich allzu eindeutig in einem an der Kurie unerwünschten Sinn politisch

engagiert. Der Legat protestierte zwar, indem er auf seine vor Ort gewonnenen

Einsichten verwies, die der fernen Kurie notgedrungen verborgen geblieben seien,

war aber letztlich doch zur Rückkehr gezwungen 63 .

In Westeuropa bildete zunächst die Friedensstiftung im Hundertjährigen Krieg

ein Hauptmotiv, weswegen kuriale Legationen entsandt wurden. Hervorzuheben

61 Vgl. Meuthen, Die deutsche Legationsreise; zu den Quellen bis zum März 1452 vgl. Acta Cusana

1, 2–3b.

62 Vgl. Strnad, Bessarion; Meuthen, Ein «deutscher» Freundeskreis, S. 506–508; Studt, Anspruch,

S. 96, mit Anm. 41 (mit der weiteren Literatur).

63 Vgl. Fraknói, Carvajals Legation; Gómez Canedo, Don Juan de Carvajal; Pitz, Supplikensignatur,

S. 227–236; Meuthen, Ein «deutscher» Freundeskreis, S. 504–506; Maleczek, Päpstliche Legaten;

Pellegrini, Pio II, S. 73; zu Belgrad 1456 vgl. Babinger, Quellenwert.


358

Papst und Kardinalskolleg im Bannkreis der Konzilien

ist Niccolò Albergati, dessen wiederholte Gesandtschaftsreisen schließlich 1435

von einem Teilerfolg in Gestalt des Friedens von Arras 64 zwischen Frankreich und

Burgund gekrönt wurden. Gleichzeitig mit Albergati, der durch Eugen IV. als

legatus de latere beauftragt worden war, hatte das Basler Konzil Kardinal Hugues

de Lusignan entsandt, und die Konzilsväter feierten den Friedensschluss als eines

der wertvollsten Ergebnisse eigener Friedensbemühungen. Frankreich übernahm

mit der Pragmatischen Sanktion im Jahr 1438 Positionen des Konzils und hielt

grundsätzlich an ihnen fest, obwohl die Pragmatik, welche den finanziellen Zugriff

der Kurie auf französische Pfründen beschnitt, in der Praxis nicht konsequent

angewendet wurde. Römische Legaten trafen auch nach dem Rücktritt des Konzilspapstes

Felix’ V. im Jahr 1449 noch häufig auf das Misstrauen der politischen

Führungsschichten Frankreichs, denen das papstgleiche Auftreten der Gesandten

im eigenen Land die Freiheiten der gallikanischen Kirche zu gefährden schien. Die

Legaten mussten ihre Fakultäten beim Pariser parlement registrieren lassen; sie

wurden bisweilen daran gehindert, mit dem vollen Legatenzeremoniell aufzutreten;

gegen ihre Entscheidungen wurden Appellationen an ein künftiges Konzil

eingelegt 65 . Wegen der distanzierten Haltung Frankreichs erforderte die Auswahl

der kurialen Gesandten hier besonderes Fingerspitzengefühl. Nach dem Ende der

Konzilsepoche wurde deshalb der mit dem französischen Königshaus verwandte

Kardinal Guillaume d’Estouteville auf zwei Legationen (1451/53, 1454/55) entsandt,

die in ihrem Anliegen der Friedensstiftung nur teilweise erfolgreich waren,

hinsichtlich der Pragmatischen Sanktion und der Werbung für den Kreuzzug vollkommen

scheiterten, jedoch u. a. eine Reform der Pariser Universität brachten

und die Rehabilitation der Jeanne d’Arc einleiteten 66 . Der ihm folgende Alain de

Coëtivy, der im Auftrag Calixts III. 1456/57 für den Türkenkrieg werben sollte,

traf auf Widerstände des französischen Klerus 67 . Zu Pragmatik und Türkenkrieg

trat schließlich als weitere Hürde für eine Verständigung, dass sich das Papsttum

mit Pius II. 1458 endgültig gegen die Ansprüche der Anjou in Unteritalien entschied.

Die sich rapide verschlechternden Beziehungen führten zu dem völligen

Fiasko der letzten Legation Bessarions im Jahr 1472 68 . Trotz all dieser Fährnisse

übernahmen die Kardinäle, von wenigen Ausnahmen abgesehen, Legationen meist

bereitwillig und führten sie engagiert aus. Dies zeigt, wie wichtig die Legation im

Rollenbild der Kardinäle geworden war. In der Tat vergessen die Grabinschriften

des 15. Jahrhunderts kaum jemals, die von dem verstorbenen Kardinal übernommenen

Legationen rühmend zu nennen.

64 Vgl. Märtl, Tommaso Parentucelli (mit weiterer Literatur).

65 Vgl. Gazzaniga, L’appel; ders., Le pouvoir.

66 Vgl. Esposito, d’Estouteville.

67 Vgl. Pitz, Supplikensignatur, S. 243–245.

68 Vgl. Ourliac, Louis XI.


Papst und Kardinäle 359

e) Finanzielle Wirkungen der Teilhabe an der Kirchenregierung

Die Teilhabe der Kardinäle an der Kirchenregierung hatte finanzielle Konsequenzen.

Seit dem 13. Jahrhundert erhob das Kardinalskolleg Anspruch auf die Hälfte

aller kurialen Einkünfte, für deren Verwaltung und Verteilung unter die an der Kurie

anwesenden Kardinäle die Kammer des Kollegs zuständig war. Die durch Konstanzer

Reformvorstellungen bedingte straffe Haushaltsführung Martins V. ließ

auch das Kardinalskolleg nicht ungeschoren; so blieben diesem Einkünfte aus dem

Kirchenstaat entzogen, und die Anteile der in einer Abrechnungsperiode verstorbenen

Kardinäle wurden dem Papst zugeschlagen 69 . Aus dem Jahr 1437 sind die

ersten Statuten der Kammer des Kollegs erhalten. Möglicherweise als Reaktion

auf die unter Martin V. eingetretenen Verluste an Autonomie wurde in ihnen

geregelt, dass der Kämmerer des Kollegs aus dem Kreis der Kardinäle für jeweils

ein Jahr zu wählen und erst drei Jahre nach Ablauf der Amtsperiode erneut wählbar

sei; des Weiteren wurde die Pflicht zur Buchführung und Rechenschaftslegung

eingeschärft. Grundsätzlich durften nur an den Konsistoriumssitzungen teilnehmende

Kardinäle an der Verteilung der Gebühren partizipieren. Die wichtigste

Ausnahme von dieser Regel betraf die Kardinallegaten, die seit 1432 ihren Anteil

weiter kassierten. Die erhaltenen Register belegen eine penible Abrechnung, für

die offenkundig eine Art Anwesenheitsliste geführt wurde 70 .

Die Einkommenssituation der Kardinäle gestaltete sich sehr unterschiedlich.

Ein Entwurf zur Kurienreform, der durch Nikolaus von Kues formuliert worden

war, rechnete mit etwa 4.000 Gulden als ausreichendem Jahreseinkommen eines

Kardinals 71 . Die meisten Kardinäle bezogen ein wesentlich höheres Einkommen,

das sich aus vielen Quellen, hauptsächlich aber aus dem Ertrag von Pfründen, speiste

72 . Einzelne Großverdiener im Kolleg erreichten über 50.000 Gulden Einkommen

pro Jahr allein aus ihren Pfründen. Zum Vergleich: Die Ausgaben des päpstlichen

Haushalts wurden pro Jahr auf 20.000 Gulden, diejenigen der gesamten

Kurie auf etwa 150.000 Gulden geschätzt. An der Kurie anwesende Kardinäle genossen

in ihren eigenen Pfründenangelegenheiten den Vorteil der Gebührenfreiheit.

Die gute Ausstattung vieler Kardinäle, vor allem ihre Pfründenkumulation

69 Vgl. Decker, Politik, S. 128f.

70 Vgl. Baumgarten, Untersuchungen, S. LXXXIX–XCIV; zu den Registern siehe oben.

71 Vgl. Miethke, Reform des Hauptes, S. 129ff., bes. 132; für einen Überblick zu den Einkommensvorstellungen

der Reformvorschläge des 15. Jahrhunderts vgl. Jedin, Analekten, S. 88ff.; des Weiteren:

Chambers, Economic predicament; Richardson, Reclaiming Rome, S. 83–86.

72 Zum Folgenden vgl. exemplarisch Märtl, Jouffroy, S. 238ff.; weitere Arbeiten zu Zeitgenossen:

Brosius, Pfründen (Piccolomini); Chambers, Renaissance cardinal, S. 38–44 (Gonzaga); Meuthen,

Pfründen (Nikolaus von Kues); Paschini, Benefici (Marco Barbo); Hausmann, Benefizien, S. 28ff.

(Ammannati Piccolomini); des Weiteren: Chambers, Economic predicament.


360

Papst und Kardinalskolleg im Bannkreis der Konzilien

und die Anhäufung von Kommenden, bot Anlass zur Kritik; von außen auf die

Kurie blickende Kritiker untermauerten Forderungen nach einer Beschränkung

der Zahl der Kardinäle häufig mit dem Argument, dass ihre Vermehrung nur die

Kirche belaste. In ihren eigenen Kreisen konnten Kardinäle aber meist auf verständnisvolle

Behandlung ihrer Pfründenwünsche rechnen, zumal deren Notwendigkeit

mit den unvermeidlichen Aufwendungen, die der Status des Kardinals mit

sich brachte, und mit ihren Leistungen für die Kirche begründet werden konnte.

Gleichwohl gab es um die Mitte des Jahrhunderts Mitglieder des Kollegs, deren

Ausstattung nach allgemeiner Ansicht ein Minimum unterschritt. In den 1458 und

1464 verfassten Wahlkapitulationen wurde deshalb festgesetzt, dass Kardinäle,

die unter einem Einkommen von 4.000 Gulden blieben, so lange monatliche Zuschüsse

von 100 Gulden aus der päpstlichen Kasse erhalten sollten, bis sie diese

Summe aus anderweitigen Versorgungsmaßnahmen erreichten. Tatsächlich wurden

derartige, teils wesentlich höhere Einkommensbeihilfen unter Pius II. und

Paul II. ausgezahlt 73 . Umgekehrt konnten und mussten die Kardinäle der Apostolischen

Kammer in Notlagen mit Bargeld unter die Arme greifen. Dies lässt sich

im Pontifikat Pius’ II. gut nachvollziehen, in dem vor allem durch wiederholte

Kriegsanstrengungen eine akute Finanzkrise eintrat 74 . Der Kämmerer Ludovico

Trevisan stellte bereits im Jahr 1461 aus seinem Privatvermögen mehrere tausend

Gulden zur Verfügung, für die er sich Teile des päpstlichen Silbergeschirrs verpfänden

ließ. Im Herbst 1462 mussten sechs Kardinäle mit einem Darlehen von

insgesamt 6.000 Gulden einspringen, wobei daran gezweifelt wurde, ob der Papst

diese Summe zurückzahlen könne. Unter Paul II. rühmt einer der Biographen des

Papstes an Jean Jouffroy, dass dieser der Apostolischen Kammer freigiebig Darlehen

gewähre, ohne dafür Zinsen zu fordern, während andere Mitglieder des Kollegs

sich ihre Anleihen honorieren ließen 75 .

Es kann kein Zweifel bestehen, dass es für den einzelnen Kardinal ein Höchstmaß

an persönlicher Kontaktpflege in alle Richtungen erforderte, um den kardinalizischen

Anspruch auf Mitwirkung an der Kirchenregierung zu wahren und mit Leben

zu füllen. Manche Kardinäle erschienen häufig zu Einzelaudienzen beim Papst,

um ihre Anliegen mit Nachdruck zu vertreten. Pius II. berichtet in den Commentarii

über seinen Versuch, den Druck, der durch ihr persönliches Insistieren ent-

73 Vgl. Becker, Ansätze, S. 338, 343 (jeweils Nr. 5); Meuthen, Die letzten Jahre, S. 95f.; Märtl, Papst,

S. 180, mit Anm. 18 und 19; Richardson, Reclaiming Rome, S. 88.

74 Zur Finanzkrise 1462 vgl. Märtl, Papst, S. 188f.; zum Darlehen Trevisans ebd., S. 189, Anm. 68;

die Zwangsanleihe der Kardinäle wird erwähnt in Archivio di Stato di Mantova, Archivio Gonzaga,

b. 841, Nr. 479 und 480 (Francesco Gonzaga an seine Eltern, 29. September 1462).

75 Gaspare da Verona, De gestis, S. 38.


Kardinalskarrieren und die Zusammensetzung des Kollegs (1417–1471) 361

stand, zu vermindern: Er untersagte es den Kardinälen, für andere Suppliken vorzulegen,

die zukünftig nur mehr über die Referendare laufen sollten. Diese Maßnahme,

die auch im Kurienreformplan Pius’ II. normativ vorgeschrieben wurde,

war ein Angriff auf die mittels Empfehlungen bewerkstelligte Netzwerkpflege der

Kardinäle 76 . Doch konnte es der Papst kaum ablehnen, die Kardinäle zu empfangen,

wollte er nicht ausdrücklich Ungnade signalisieren. Einzelgespräche mit Mitgliedern

des Kollegs im Sinne des divide et impera gehörten zudem zu den wichtigsten

päpstlichen Herrschaftsstrategien. Umgekehrt diente aus der Perspektive

der Kardinäle die Übernahme von Aufgaben, die dem gerade regierenden Pontifex

besonders am Herzen lagen, der Stärkung der eigenen Position. Während Kardinäle,

hohe Kuriale und auswärtige Gesandte vor den päpstlichen Gemächern antichambrierten,

stieg der Informationsfluss auf ein Maximum, und damit bot sich

auch die Möglichkeit, durch gesteuerte Streuung von Nachrichten Einfluss zu nehmen.

Als Gelegenheit gezielter Beziehungspflege nicht zu unterschätzen sind auch

die Pflichtbesuche, die den Kardinälen von auswärtigen Gesandten abgestattet

wurden; die wichtigeren Mitglieder des Kollegs nutzten diese Kontakte, um selbst

Politik zu betreiben. Das schwer nachvollziehbare Geflecht täglicher Kommunikation,

in dem sich die Teilhabe der Kardinäle an der Kirchenregierung situationsgebunden

und nach heutigem Verständnis vielfach eher informell verwirklichte,

stellte den Humus dar, auf dem die Strukturen der Entscheidung wurzelten.

II. Wer wird Kardinal? Kardinalskarrieren und die

Zusammensetzung des Kollegs (1417–1471)

(Jürgen Dendorfer)

Die Größe des Kardinalskollegs pendelt im untersuchten Zeitraum um die von den

Konzilien als Reformvorstellung formulierte Anzahl von 24 Kardinälen. Seit dem

Pontifikat Sixtus’ IV. (1471–1484) wurden deutlich mehr Kardinäle kreiert; auch

aus dieser Sicht stellt sein Pontifikat einen Einschnitt in der Geschichte des Kardinalats

dar 77 . Am Beginn des Zeitabschnitts war die Anzahl der Kardinäle deshalb

größer, weil die Kollegien der drei Schisma-Obödienzen zu einem Kardinalskolleg

vereint werden mussten. An der Wahl Papst Martins V. 1417 in Konstanz nahmen

76 Haubst, Reformentwurf, S. 213, Nr. 38; vgl. Pellegrini, Pio II, S. 40.

77 Grundlage für das Folgende ist eine Auswertung der für das 15. Jahrhundert in der Regel zuverlässigen

Kardinalslisten bei Eubel, Hierarchia catholica II, die gelegentlich durch Angaben aus der Sekundärliteratur

korrigiert wurden. Das Ergebnis dieser Korrektur floss in die am Ende des Buches

gegebene Kardinalsliste ein. Namen und Kreationsdaten folgen ihr. Als Überblick zur Zusammensetzung

des Kardinalskollegs nicht nur für das 15. Jahrhundert: Broderick, The sacred college.


362

Papst und Kardinalskolleg im Bannkreis der Konzilien

23 Kardinäle aus den drei Obödienzen teil, zu diesem Zeitpunkt gab es insgesamt

30 Kardinäle 78 . In den nächsten neun Jahren kreierte der Colonna-Papst keine

neuen Kardinäle, weil er die in den Konstanzer Konkordaten fixierte Norm von

24 Kardinälen beachtete 79 . Die Päpste, die zur Zeit der Konzilien von Konstanz

und Basel wirkten – Martin V. (1417–1431), Eugen IV. (1431–1447) und Nikolaus

V. (1447–1455) –, hielten diese Grenze ein, erst in der zweiten Kardinalskreation

Papst Pius’ II. (1461) überschritt das Kolleg diese Zahl, als normativer

Bezugspunkt bleibt sie aber in den folgenden Jahren noch von Bedeutung. Das

Kardinalskolleg ist somit im untersuchten Zeitraum größer als im 13. und im

14. Jahrhundert. Die in Rom, an der Kurie präsenten Kardinäle bleiben aber eine

überschaubare, unter der Höchstzahl liegende Gruppe.

1. Die Herkunft der Kardinäle

Noch deutlicher unterscheidet sich das Kolleg des 15. Jahrhunderts in der Herkunft

seiner Mitglieder von dem des 14. Jahrhunderts. Zur Zeit des Schismas versuchten

die Päpste der jeweiligen Obödienzen durch die Kreation neuer Kardinäle

Anhänger zu gewinnen. Sie erhoben dafür Kandidaten, die nicht nur aus den angestammten

Regionen (Italien oder Frankreich) kamen. Der Effekt war eine Internationalisierung

des Kollegs, wie es sie vor dem Schisma nicht gegeben hatte 80 .

Nach 1417 blieb diese Prägung des Kollegs bestehen. Könige und Fürsten sahen

es in diesem Zeitraum zudem offenbar als politisches Ziel an, durch einen eigenen

Kardinal im Kolleg vertreten zu sein. Politische Notwendigkeiten verbunden mit

den konziliaren Leitvorstellungen eines die Christenheit breit repräsentierenden

Kollegs führten deshalb dazu, dass die Kardinalskreationen der Päpste nach 1417

diesen internationalen Charakter des Kollegs fortschrieben. Vor allem die großen

Kreationen Martins V. von 1426 (12/14 Kardinäle) 81 und Eugens IV. von 1439

(17 Kardinäle) 82 berücksichtigten ein Personaltableau, das in seiner Repräsentativität

keine Wünsche offenließ. Als Ergebnis dieser Entwicklungen finden sich im

Kolleg des 15. Jahrhunderts zum ersten Mal seit dem Beginn des 13. Jahrhunderts

wieder deutsche Kardinäle 83 , regelmäßig Engländer 84 und Vertreter der Königreiche

der Iberischen Halbinsel. Dies alles neben einem ständig präsenten Anteil

78 Vgl. dazu Eubel, Hierarchia catholica II, S. 3–5.

79 Die Konkordate Martins V. mit Spanien, dem Reich und Frankreich enthalten explizit die Bestimmung,

dass die Anzahl der Kardinäle auf 24 beschränkt sei. Vgl. Raccolta di concordati, S. 145,

151, 158; Quellen zur Kirchenreform I, Nr. XVI, S. 516–545.

80 Grundlegend: Girgensohn, Wie wird man Kardinal?.

81 Eubel, Hierarchia catholica II, S. 6; ders., Cardinalsernennung.

82 Bianca, I cardinali, S. 147f.

83 Johann von Bucca, Peter von Schaumberg, Nikolaus von Kues, Burchard von Weisspriach.

84 Bellenger/Fletcher, Princes.


Kardinalskarrieren und die Zusammensetzung des Kollegs (1417–1471) 363

von Franzosen und einem immer vorhandenen basso continuo der Kardinäle italienischer

Herkunft, der am Ende dieses Zeitraums lauter wird. Diese Entwicklung

soll an drei zeitlichen Schnitten verdeutlicht werden: 1. dem Kardinalskolleg am

Ende des Pontifikats Martins V. (1431), als die deutlichsten Folgen des Schismas

überwunden waren, 2. dem Kolleg beim Tod Papst Nikolaus’ V. (1455) und somit

nach dem Basler Konzil bzw. nach der Bewältigung des letzten Schismas der Papstgeschichte

durch die Integration der Obödienz Felix’ (V.) und 3. am Ende des Untersuchungszeitraums

beim Tod Papst Pauls II. (1471).

Nach dem Pontifikat Martins V. (1417–1431) bestand das Kardinalskolleg aus

22 Mitgliedern 85 , von denen 14 am Konklave teilnahmen. Sortiert man die Kardinäle

nach den Konstanzer nationes, dann ergibt sich folgendes Bild 86 : Zwölf Kardinäle,

und damit eine Mehrheit, gehörten der natio Italica an 87 , fünf waren Franzosen

88 , vier sind der natio Hispanica zuzurechnen, und mit Henry Beaufort war

auch ein Engländer Kardinal. In dieser relativ ausgewogenen Zusammensetzung

bestand nur knapp die Hälfte des Kollegs aus italienischen Kardinälen. Die Ereignisse

der nächsten Jahrzehnte sollten ihren Anteil noch stärker zurücktreten lassen.

Papst Eugen IV. (1431–1447) bemühte sich, die Unterstützung für seine seit

1439 in Konkurrenz mit dem vom Konzil gewählten Gegenpapst Felix (V.) stehende

Obödienz durch Kardinalserhebungen zu verstärken. Die große damit zusammenhängende

Kreation von 1439 führte noch einmal zu einer deutlichen Ausweitung

der im Kardinalskolleg vertretenen Regionen. Papst Nikolaus V. (1447–

1455) oblag es dann, die Folgen des letzten Papst-Schismas der Kirchengeschichte

im Kardinalskolleg rückgängig zu machen. Das Ende seines Pontifikats ist deshalb

ein sinnvoller Einschnitt, um die Zusammensetzung des Kardinalskollegs

nach dem Ausklingen des Konflikts mit dem Basler Konzil zu erfassen. Zu diesem

Zeitpunkt wurde eine Internationalität der Zusammensetzung erreicht, die es zuvor

nicht gegeben hatte und bis ins 20. Jahrhundert nicht mehr geben sollte. Von

den 21 Kardinälen, die beim Tod Nikolaus V. das Kolleg bildeten 89 , kamen nur

sechs aus Italien 90 . Bei den Italienern handelte es sich entweder um Nepoten bzw.

85 Decker, Politik, S. 115. Dies unter Einschluss der strittigen Frage des «nicht publizierten» Domenico

Capranica.

86 Vgl. die Übersicht ebd., S. 133.

87 Giordano Orsini, Antonio Correr, Antonio Pancerino, Gabriele Condulmer, Branda Castiglione,

Lucido Conti, Antonio Casini, Niccolò Albergati, Ardicino della Porta, Prospero Colonna, Giuliano

Cesarini, Domenico Capranica.

88 Pierre de Foix, Jean de Rochetaillée, Louis Aleman, Guillaume de Montfort. Mit einbezogen wird

hier der dem französischen Königshaus nahestehende Hugues de Lusignan.

89 Vgl. Pastor, Geschichte der Päpste I, S. 656–658.

90 Prospero Colonna, Domenico Capranica, Ludovico Trevisan, Pietro Barbo, Latino Orsini, Filippo

Calandrini.


364

Papst und Kardinalskolleg im Bannkreis der Konzilien

Vertraute der vorhergehenden Päpste und/oder um stadtrömischen Adel 91 . Die italienischen

Republiken und Fürstentümer Mittel- und Oberitaliens sind zu diesem

Zeitpunkt – mit Ausnahme Venedigs – nicht im Kolleg vertreten! Frankreich stellt

fünf 92 , die Iberische Halbinsel vier Kardinäle 93 , die auch das aragonesische Königreich

Neapel vertreten. Am erstaunlichsten ist aber, dass es gleich zwei deutsche

Kardinäle gibt 94 , dass Polen und Ungarn jeweils einem Kardinal haben 95 und als

Ergebnis der Unionsverhandlungen mit der Kirche des Ostens zwei «Griechen»

dem Kolleg angehören 96 . Am Konklave selbst nahmen 15 Kardinäle teil, auch hier

waren die Italiener in der Minderheit 97 .

In den Pontifikaten der Frührenaissance wurden das Papsttum und der erneuerte

Kirchenstaat wieder stärker zu einem Faktor in der Politik der italienischen Halbinsel.

Diese Entwicklung spiegelt sich auch in dem sich verändernden Kardinalskolleg.

Kleinere und größere italienische Potentaten und Republiken bemühten sich

darum, einen Vertreter ins Kolleg zu entsenden, und hatten damit Erfolg, auf lange

Sicht sollte diese Tendenz prägend für die Zusammensetzung des Kardinalskollegs

werden 98 . In diesem Zeitraum begann diese Entwicklung, noch prägender waren

aber die Effekte des Nepotismus der mit Ausnahme Calixts III. aus Italien stammenden

Päpste. In den Pontifikaten Calixts III. (1455–1457), Pius’ II. (1458–1464) und

Pauls II. (1464–1471) vollzog sich auf diesem Wege eine merkliche Italianisierung

des Kollegs. Am Ende des Untersuchungszeitraums, nach dem Tod Papst Pauls II.

(1471), bestand das Kolleg aus 25 Kardinälen, von denen 18 in Rom anwesend waren

und das Konklave, aus dem Sixtus IV. als Papst hervorging, bezogen 99 . Von diesen

25 Kardinälen kam weit mehr als die Hälfte aus Italien (16) 100 , immerhin noch

91 Nepoten bzw. Vertraute Martins V.: Prospero Colonna, Domenico Capranica; Eugens IV.: Ludovico

Trevisan, Pietro Barbo; Nikolaus’ V.: Filippo Calandrini; stadtrömischer Adel: Latino Orsini

und Prospero Colonna.

92 Pierre de Foix, Guillaume d’Estouteville, Alain de Coëtivy, Guillaume Hugues d’Estaing, Jean Rolin.

93 Juan de Torquemada, Alonso de Borja, Juan de Carvajal, Antonio de Cerdá.

94 Den nicht an der Kurie anwesenden Bischof von Augsburg Peter von Schaumberg und Nikolaus

von Kues.

95 Polen: Zbigniew Oleśnicki; Ungarn: Dionysius Széchy.

96 Isidor von Kiew, Bessarion.

97 Pastor, Geschichte der Päpste I, S. 657, von den 15 Wählern stammten nur sieben aus Italien. Bei

der Wahl selbst spielte eine solche Unterteilung in Herkunftsregionen allerdings keine Rolle.

98 Vgl. zu dieser Politisierung des Kardinalskollegs ab dem Pontifikat Sixtus’ IV. Somaini, Un prelato

lombardo, S. 680–691, sowie den Beitrag von Marco Pellegrini in diesem Band.

99 Grégoire, Il sacro collegio.

100 Latino Orsini, Filippo Calandrini, Angelo Capranica, Berardo Eroli, Niccolò Fortiguerri, Bartolomeo

Roverella, Jacopo Ammannati, Francesco Todeschini Piccolomini, Francesco Gonzaga,

Oliviero Carafa, Marco Barbo, Amico Agnifili, Francesco della Rovere, Teodoro Paleologo del

Monferrato, Giovanni Battista Zeno, Giovanni Michiel.


Kardinalskarrieren und die Zusammensetzung des Kollegs (1417–1471) 365

fünf stammten aus Frankreich oder Burgund 101 , während die Iberische Halbinsel nur

mehr mit zwei Kardinälen – beide Nepoten Papst Calixts III. – vertreten war 102 und

ein Kardinal in England wirkte 103 . Eine Reminiszenz an die Unionsverhandlungen

war der «Grieche» Kardinal Bessarion, der ein Jahr später sterben sollte.

2. Die Prägung und Vorbildung der Kardinäle

Die rund 120 Geistlichen, die in diesem Zeitraum den Purpur trugen 104 – von

ihnen wurden 90 neu kreiert –, wiesen in der Regel eine Vorbildung auf, die

den Reformvorstellungen der Konzilien von Konstanz bzw. Basel entsprach. Die

Konstanzer Konzilsväter hatten im Reformausschuss konkrete Anforderungen

formuliert, die in die Konkordate Martins V. mit den Konzilsnationen eingingen

105 . An der Kurie galt dieser Text De numero et qualitate cardinalium, auf dem

das Dekret der 23. Session des Basler Konzils beruhte, bis in die Zeit Pius’ II. als

Dekret des Konstanzer Konzils. Wahlkapitulationen der Kardinäle forderten seine

Berücksichtigung bei den Kardinalskreationen ein. Dieser wichtige Referenztext

beschrieb als Qualifikation der Kardinäle: Kardinäle sollten sich durch ihr

Wissen, durch ihre Lebensführung und ihre Erfahrung auszeichnen (sint viri in

scientia moribusque rerum experientia excellentes) 106 . Zum Zeitpunkt ihrer Kreation

seien sie älter als 30 Jahre und verfügten über eine universitäre, durch Abschlüsse

dokumentierte Vorbildung in der Theologie oder in weltlichem oder geistlichem

Recht 107 . Für die – wenigen – Fürstensöhne im Kolleg reiche es hingegen

aus, wenn sie lesen könnten 108 . Die Aufnahme von Nepoten der Kardinäle ins Kolleg

wollten schon die Konstanzer Konzilsväter verbieten, erst die Basler wandten

sich auch gegen den päpstlichen Nepotismus 109 .

Gerade die letzte Forderung war weder für den – selteneren – Kardinalsnepotismus

noch für den für die Päpste zur notwendigen Gewohnheit gewordenen Nepo-

101 Guillaume d’Estouteville, Alain de Coëtivy, Jean Rolin, Jean Jouffroy, Jean Balue.

102 Luis Juan de Mila, Rodrigo Borgia.

103 Thomas Bourchier.

104 Genau 117, worunter neben den 30 Kardinälen, die Papst Martin V. (1417–1431) zum Zeitpunkt

seiner Wahl vorfand, alle weiteren, in diesem Zeitraum kreierten und publizierten Kardinäle gezählt

werden – die der Obödienz Felix (V.) nur dann, wenn sie von Nikolaus V. anerkannt wurden.

105 Zum Entwurf des Konstanzer Reformatoriums: Stump, Reforms, S. 394f.; zum identischen Text

der Konkordate mit Spanien, Frankreich und dem Reich: Raccolta di concordati, S. 145 (Spanien).

106 Raccolta di concordati, S. 145.

107 Ebd., S. 145: . . . doctores in theologia aut in jure canonico vel civili . . .

108 Ebd., S. 145: . . . praeter admodum paucos qui de stirpe regia vel ducali, aut magni principis

oriundi existant, in quibus competens litteratura sufficiat.

109 Ebd., S. 145: . . . non fratres aut nepotes ex fratre vel sorore alicujus cardinalis viventis . . . Die

Basler erweitern den Text an dieser Stelle auf: Non fiant cardinales nepotes ex fratre vel sorore

Romani pontificis, aut alicuius cardinalis viventis . . .


366

Papst und Kardinalskolleg im Bannkreis der Konzilien

tismus einzuhalten 110 . Allerdings gestand das bis in die Zeit Sixtus’ IV. maßgeblich

an den Kardinalskreationen beteiligte Kolleg den jeweiligen Päpsten nur ein bis

drei Nepoten (am Ende des Zeitraums mehr) im engeren Sinne, d. h. leibliche Verwandte

bzw. wirkliche Neffen, zu. Daneben gab es aber einen kleineren Kreis von

dem Papst nahestehenden, weitschichtigeren Verwandten oder/und seiner Kardinals-familia

angehörenden Personen. Der Kreis der «Papstneffen» unterschied sich

zumeist auch durch sein Alter und seine Vorbildung zum Zeitpunkt der Kardinalserhebung

von den anderen Kardinälen. Er ist deshalb als eigene Gruppe zu sehen,

für welche die oben genannten Qualifikationsanforderungen nicht in jedem Punkt

galten 111 . So war der Neffe Martins V., Prospero Colonna, zum Zeitpunkt seiner

Kardinalserhebung keine 30 Jahre alt und hatte nicht studiert. Zu jung waren auch

die Neffen Papst Calixts III., Rodrigo Borgia und Luis Juan de Mila, auch ihnen

mangelte es an universitärer Vorbildung, selbst wenn sie kurz vor der Kardinalserhebung

gleichsam in einem Schnellkurs in Bologna in ius promoviert wurden. Ähnliches

gilt für den bei seiner Erhebung erst 21-jährigen Nepoten Pius’ II., Francesco

Todeschini Piccolomini, oder für die Nepoten Pauls II., Giovanni Battista Zeno und

Giovanni Michiel. Andere Papstverwandte wie Francesco Condulmer (Eugen IV.),

Filippo Calandrini (Nikolaus V.), Jacopo Ammannati Piccolomini (Pius II.) oder

Marco Barbo (Paul II.) waren dagegen schon älter und verfügten über Erfahrung

an der Kurie bzw. in Bischofsämtern. Obwohl bei den Papstneffen nicht immer die

erforderliche Vorbildung eingehalten wurde, ist das Bemühen zu erkennen, zumindest

pro forma die geforderten Abschlüsse vorzuweisen. Neben diesem Kreis von

elf eigentlichen Papstnepoten gab es noch eine Gruppe von Kardinälen, die aus dem

engeren Umfeld, z. B. aus der Kardinals-familia, der jeweiligen Päpste kam 112 . Diese

Kandidaten entsprachen in der Regel den auf den Konzilien formulierten Leitvorstellungen.

Sie waren ausnahmslos älter als 30 Jahre, hatten Universitäten mit

Erfolg besucht, verfügten über eingehende Erfahrungen in der kurialen Verwaltung

oder waren Bischöfe/Erzbischöfe vor ihrer Kardinalserhebung.

Durchaus im Einvernehmen mit den Reformforderungen stand, dass die kleine

Gruppe Angehöriger königlicher oder fürstlicher Dynastien im Kolleg nicht dieselbe

Vorbildung wie die anderen Kardinäle hatte. Mit Zypern, Portugal waren

110 Dazu: Reinhard, Papa Pius; ders., Nepotismus; ders., Papstfinanz und Nepotismus; ders., Struttura

e significato; ders., Papal power.

111 Als wirkliche bzw. leibliche Neffen der jeweiligen Päpste wurden erhoben unter Martin V.: Prospero

Colonna; Eugen IV.: Francesco Condulmer, Pietro Barbo; Nikolaus V.: Filippo Calandrini

(Halbbruder); Calixt III.: Rodrigo Borgia, Luis Juan de Mila; Pius II.: Francesco Todeschini Piccolomini,

Jacopo Ammannati Piccolomini (adoptiert), Niccolò Fortiguerri; Paul II.: Marco Barbo,

Giovanni Battista Zeno, Giovanni Michiel.

112 Martin V.: Domenico Capranica; Eugen IV.: Ludovico Trevisan; Pius II.: Berardo Eroli.


Kardinalskarrieren und die Zusammensetzung des Kollegs (1417–1471) 367

eher nachrangige königliche Dynastien in den Randgebieten Europas im Kolleg

vertreten. Die Erhebung dieser Kardinäle war der Kreuzzugsproblematik geschuldet

113 . Daneben lassen sich gewisse weitschichtigere Verbindungen zum französisch-burgundischen

Raum erkennen. Die Entwicklung, dass sich die führenden

Familien Italiens um ein Mitglied im Kardinalskolleg bemühen, setzt in diesem

Zeitraum erst zögerlich ein. Mit den Gonzaga (Pius II.) und den Montferrat

(Paul II.) finden sich nur zwei kleinere Dynastien 114 . Erst in der letzten, nicht mehr

publizierten Kreation Pauls II. wird mit den Foscari eine weitere einflussreiche

Familie Venedigs den Weg ins Kardinalskolleg finden und damit die Präsenz der

Serenissima verstärken. Damit beschleunigte sich die Entwicklung, dass die wichtigsten

Staaten der italienischen Halbinsel im Kolleg vertreten waren. In den letzten

Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts wurden Kardinäle aus den Dynastien der

Sforza, Medici und anderen eine Selbstverständlichkeit.

Weder die Gruppe der Papstnepoten noch die der Fürstensöhne aber war in

diesem Zeitraum repräsentativ für das Erscheinungsbild des Kollegs. Seine Mehrheit

bestand aus universitär gebildeten, im Verwaltungsdienst weltlicher Herren

oder als Bischof erfahrenen Kandidaten. In diesem Zeitraum gehörten dem Kardinalskolleg

bedeutende Gelehrte wie Nikolaus von Kues, der Theologe Juan de

Torquemada oder der für die Vermittlung der Schriften Platons so wichtige «Grieche»

Bessarion an. Sie ragten als Persönlichkeiten aus einem Kardinalskolleg

hervor, dessen Mitglieder abgesehen von den wenigen beschriebenen Sonderfällen

über universitäre Abschlüsse verfügten. Am häufigsten waren sie doctores utriusque.

Durch Examen belegte Rechtskenntnisse lassen sich fast für die Hälfte aller

neu kreierten Kardinäle des Zeitraums nachweisen 115 . Dagegen sind Magister

oder Lizentiaten, sehr selten doctores der Theologie zwar kontinuierlich vertreten,

113 Zypern: Hugues de Lusignan; Portugal: Jaime (de Portugallia), Jaime de Cardona; daneben unter

Eugen IV.: Louis de Luxembourg.

114 Francesco Gonzaga, Teodoro Paleologo del Monferrato.

115 Im Folgenden werden in der Sekundärliteratur genannte Abschlüsse in weltlichem und geistlichem

Recht (doctor utriusque iuris) oder in einem von beiden angeführt (in der Reihenfolge der von

den jeweiligen Päpsten kreierten Kandidaten). Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit

und kann die fehlenden prosopographischen Studien zum Kardinalskolleg im 15. Jahrhundert

nicht ersetzen. Martin V.: Domingo Ram, Jean de Rochetaillée, Louis Aleman, Juan Cervantes,

Ardicino della Porta, Giuliano Cesarini, Antonio Casini, Raimond Mairose; Eugen IV.:

Giovanni Vitelleschi, Regnault de Chartres, John Kemp, Giorgio Fieschi, Nicola Acciapaccia,

Gerardo Landriani, Peter von Schaumberg, Jean Le Jeune, Dionysius Széchy, Guillaume d’Estouteville,

Alonso de Borja, Juan de Carvajal; Nikolaus V.: Latino Orsini, Nikolaus von Kues, Jean

d’Arces, Louis de Lapalud, Guillaume Hugues d’Estaing; Calixt III.: Juan de Mella, Giovanni

Castiglione, Giacomo Tebaldi, Richard Olivier de Longueil; Pius II.: Berardo Eroli, Niccolò Fortiguerri,

Bartolomeo Roverella; Jean Jouffroy; Paul II.: Thomas Bourchier, Stephanus Várday, Oliviero

Carafa, Amico Agnifili, Jean Balue, Giovanni Battista Zeno.


368

Papst und Kardinalskolleg im Bannkreis der Konzilien

insgesamt aber nur in kleiner Anzahl nachweisbar 116 . Eine bloße Ausbildung in

den artes, ohne anderweitige Abschlüsse, war selten, sie ist offensichtlich ein erst

ab der Zeit Eugens IV. nachweisbares Karrieremodell und nur bei wenigen Kardinälen,

etwa bei den großen Humanisten – wie Enea Silvio Piccolomini –, zu erkennen.

Selbst bei der derzeitigen, sehr fragmentarischen Erforschung der Kardinalsprosopographie

des 15. Jahrhunderts lässt sich also für einen Großteil der

Kardinäle belegen, dass er den Reformforderungen der Konzilszeit entsprach.

Nepoten und Fürstensöhne stellen zwar ebenfalls etwa ein Viertel der Kardinäle

dieses Zeitraums. Bei den Nepoten ist das Bemühen zu erkennen, im Umfeld der

Erhebung Studien nachzuweisen. Auch ihre Erhebung sollte also an das Idealbild

angeglichen werden. Die Kardinäle dieses Zeitraums zeichnen sich somit als eine

durch ihre Ausbildung relativ homogene Gruppe ab, die im Wesentlichen dem Milieu

der «gelehrten Räte», das die Höfe Europas in dieser Zeit prägte, entspricht.

Maßgeblich für ihren Aufstieg zum Kardinalat war aber nicht diese in der Regel

wenig spektakuläre Vorbildung, sondern andere Faktoren.

3. Wie wird man Kardinal? Kardinalskarrieren im 15. Jahrhundert

Der Weg zum Kardinalat ließ sich nicht planen. Karrierewege, die zwangsläufig mit

dem Kardinalshut enden mussten, gab es in diesem Zeitraum nicht. Seit dem Ende

des Schismas hatte sich zwar offenbar die Vorstellung ausgebildet, dass die Kardinäle

durch ihre Herkunft aus unterschiedlichen Regionen im Kolleg die gesamte

Christenheit repräsentieren und dass sie über eine gewisse, nach Möglichkeit universitäre

Vorbildung verfügen sollten. Auch dass ein Papst einen überschaubaren

Kreis von Nepoten erheben durfte, war zwar nicht Auffassung der Reformer, galt

aber an der Kurie als unstrittige Praxis. Doch gaben diese im Kern – wie zu zeigen

war – eingehaltenen Bestimmungen nur einen ungefähren Rahmen vor. Aus ihrer

Einhaltung resultierten keine konkreten Personalvorschläge. Die im Schatten des

drohenden oder des in Basel tagenden Konzils eingehaltene Anzahl von 24 Kardinälen

beschränkte die Möglichkeiten, neue Kardinäle zu erheben. Der oligarchische

Stolz des an den Entscheidungen zu beteiligenden Kardinalskollegs verhinderte

ebenso wie dessen Sorge um das eigene Einkommen eine Überschreitung dieser

Zahl. Von Kardinalskreation zu Kardinalskreation rangen in diesen Zeitraum deshalb

der Papst, das Kardinalskolleg und die sich nachdrücklich um einen Vertreter

im Kolleg bemühenden Könige und Fürsten um die Details. Unterschiedliche Interessen

trafen hart aufeinander. Welche Kandidaten sich im Prozess der Meinungsbildung

zwischen Papst und Kardinalskolleg durchsetzen würden, war nicht absehbar.

116 Martin V.: Juan Cervantes, Juan de Casanova (Magister, Letzterer zugleich doctor utriusque);

Eugen IV.: Giovanni Berardi di Tagliacozzo, John Kemp, Juan de Torquemada, Tommaso Parentucelli;

Nikolaus V.: Antonio de Cerdá; Paul II.: Francesco della Rovere; Pius II.: Alessandro Oliva.


Kardinalskarrieren und die Zusammensetzung des Kollegs (1417–1471) 369

Jede Kardinalserhebung war in ein kompliziertes Bedingungsgefüge eingebettet,

das von Fall zu Fall der Analyse bedürfte. Die diplomatischen Vorbereitungen und

Verhandlungen lange vor dem sich ankündigenden Ereignis sowie das Auseinandertreten

von Kreation im consistorium secretum und Publikation der ernannten

Kardinäle im consistorium publicum, die bei in-pectore-Kreationen lange auf sich

warten lassen konnte, zeigen, dass der Erwartungsdruck einer breiteren Öffentlichkeit

auf dem Geschehen um die Kardinalserhebung lastete. Auf gewisse Weise blieb

eine Kreation deshalb immer ein kontingentes, von den jeweiligen politischen Umständen

abhängiges Phänomen, dessen Verlauf nicht planbar war.

Ob und wie man Kardinal wurde, war deshalb für den jeweiligen Bewerber nur

schwer abschätzbar. Dennoch ergeben sich aus der Rückschau einige typische Karrierewege,

auf denen man zum ersehnten Purpur gelangen konnte. Girgensohn hat

für die Zeit des Schismas fünf Kriterien benannt, die selten alleine, aber in der Verbindung

einer oder mehrerer Qualifikationen zum Kardinalat führen konnten 117 .

Auch für das halbe Jahrhundert nach dem Ende des Schismas erklären diese Kriterien

noch gültig Karrierewege zum Kardinalat. Im Schisma, so darf als erste Beobachtung

festgehalten werden, spielte sich offenbar ein Modus der Auswahl von Kandidaten

ein, der bis weit ins 15. Jahrhundert Bestand hatte. Zwei der Kriterien, die

in Zeiten des Schismas besonders wichtig waren, verloren aber an Bedeutung. Eine

herausragende Stellung in der kirchlichen Hierarchie, sei es als Erzbischof, Bischof

oder Ordensgeneral, kann die Grundlage für einen Kardinalat sein, dieses Kriterium

war aber nach 1417 eher selten ausschlaggebend 118 . Die Erhebung herausragender

Vertreter der kirchlichen Hierarchie scheint vielmehr ein Mittel des Ringens um Zustimmung

für die eigene Obödienz zu sein und war deshalb unter den Notwendigkeiten

des Schismas wichtiger. Auch im Untersuchungszeitraum wurden Erzbischöfe,

die an der Spitze ihrer «Landeskirchen» standen, zu Kardinälen erhoben. Gehäuft

trat dieses Phänomen in der Zeit der Konkurrenz Papst Eugens IV. mit dem Basler

Konzilspapst Felix (V.) auf und somit wiederum in einer Schisma-Situation. In der

großen Kardinalskreation vom Dezember 1439, nach der Wahl Herzog Amadeus’

VIII. von Savoyen zu Papst Felix (V.), wurden elf von 17 Erzbischöfen und Bischöfen

vor allem wegen ihres Einflusses in ihrer jeweiligen Kirche vor Ort erhoben 119 .

117 Girgensohn, Wie wird man Kardinal?, S. 145–153.

118 Nach Girgensohn, Wie wird man Kardinal?, S. 149, war dies der Grund für ca. 30% der Kardinalserhebungen

während des Schismas.

119 Frankreich: Regnault de Chartres (Erzbischof von Reims); Louis de Luxembourg (Erzbischof von

Rouen); England: John Kemp (Erzbischof von York); Italien: Giorgio Fieschi (Erzbischof von Genua);

Nicola Acciapaccia (Erzbischof von Capua); Giovanni Berardi di Tagliacozzo (Erzbischof

von Tarent); Polen: Zbigniew Oleśnicki (Bischof von Krakau); Ungarn: Dionysius Széchy (Bischof

von Eger, später Erzbischof von Gran); Portugal: Antonio Martins de Chavez (Bischof von Porto);

aus der Kirche des Ostens: Erzbischöfe Isidor von Kiew und Bessarion von Nicäa.


370

Papst und Kardinalskolleg im Bannkreis der Konzilien

In den meisten Fällen war damit ein politisches Element verbunden, handelte es sich

doch häufig um Vertraute und Gesandte ihrer Herren, die an der Kurie bekannt

waren und sich in den Verhandlungen der letzten Jahre ausgezeichnet hatten. Solche

Kreationen herausragender Erzbischöfe und Bischöfe eines Landes auf Bitten des jeweiligen

Fürsten gab es immer wieder, ihre Berücksichtigung hing aber eher von der

politischen Stellung, die der jeweilige Fürst an der Kurie hatte, als von der Stellung

des Kandidaten in der kirchlichen Hierarchie ab. An Ordensgenerälen wurden in der

Zeit nur der General der Augustinereremiten Alessandro Oliva, und wenig später

Francesco della Rovere, der Vorsteher der Franziskanerkonventualen, erhoben. Beide

galten als hervorragende Gelehrte, womit ein zweites Kriterium genannt wäre,

das in diesem Zeitraum zwar Bestand hatte, dessen quantitative Bedeutung aber eher

gering war. Mit Nikolaus von Kues, mit dem Theologen Juan de Torquemada, mit

Bessarion oder den genannten Vertretern der Bettelorden finden sich Gelehrte von

Rang im Kardinalskolleg. Mit dieser Handvoll von Kardinälen ist der bedeutendste

Kreis aber auch schon benannt. Zu ergänzen wäre im konziliaren Zeitalter diese

Gruppe jedoch noch durch Kardinäle, die sich – auch, aber nicht ausschließlich aufgrund

ihrer Gelehrsamkeit – auf den Konzilien von Konstanz und Basel hervortaten,

auf die der Papst aufgrund ihrer Erfolge aufmerksam wurde und die dann an der

Kurie reüssierten. So wurden die Kardinalskarrieren Jean de Rochetaillées, Louis

Alemans, Nikolaus’ von Kues und – über den Umweg der Kanzlei Friedrichs III. –

auch des Enea Silvio Piccolomini durch ihr Wirken auf dem Konzil initiiert.

Entscheidend waren diese beiden Kriterien (Stellung in der kirchlichen Hierarchie

und Gelehrsamkeit) jedoch nicht, der größte Teil der Kardinäle kam aufgrund

politischer Motive ins Kolleg. Kardinäle, die Vertraute oder Untergebene von Königen

oder Fürsten waren und sich in Verhandlungen mit der Kurie bewährten,

wurden von ihren Förderern aufgrund ihrer Erfahrungen mit der Kurie gerne empfohlen;

der Papst und die Kardinäle kannten sie und waren ebenfalls an solchen

Mittlern zu Verbündeten interessiert. Im Kardinalskolleg des untersuchten Zeitraums

spiegeln sich auf diese Weise die politischen Verbindungen der Kurie. Die

Nähe der Päpste des 15. Jahrhunderts zum Visconti- und vor allem Sforza-Mailand

zeigt sich in drei aufeinanderfolgenden Kardinälen aus dem Umfeld der

Mailänder Herzöge 120 . Nach dem Ausgleich zwischen König Alfons V. von Neapel

(1442–1458) und Papst Eugen IV. im Jahr 1442 fanden verstärkt Erzbischöfe

und Bischöfe aus dem Umkreis der Könige von Neapel den Weg ins Kolleg. Bis

1471 sind insgesamt sieben Kardinäle durch ihre Herkunft zu Vermittlern zwischen

der Kurie und dem regno berufen 121 . Spärlicher hingegen ist die Präsenz

120 Gerardo Landriani, Enrico Rampini, Giovanni Castiglione.

121 Giovanni Berardi di Tagliacozzo, Nicola Acciapaccia, Alonso de Borja, Giovanni de Primis, Antonio

de Cerdá, Rinaldo Piscicello, Oliviero Carafa.


Kardinalskarrieren und die Zusammensetzung des Kollegs (1417–1471) 371

Mittelitaliens, etwa der Toskana und der mächtigen Republik Florenz, was durchaus

mit den politischen Gegebenheiten übereinstimmt 122 . Die Republik Venedig

bemühte sich offenbar erst am Ende des Zeitraums um einen eigenen Kardinal.

Zuvor sicherte der Correr-Condulmer-Barbo-Clan, der mit Eugen IV. und Paul II.

gleich zwei Päpste stellte, eine angemessene Vertretung der Serenissima im Kolleg.

Das Beziehungsnetz der Kurie über die italienische Halbinsel hinaus spiegelte

sich ebenfalls im Kardinalskolleg. Kardinäle aus Frankreich wurden in der Regel

auf Drängen des Königs erhoben. Neben herausragenden Erzbischöfen und Gelehrten

aus dem Königreich, bei denen der Hintergrund der Erhebung nicht auf

Anhieb erkennbar ist, gelangten auch Verwandte, Vertraute oder im diplomatischen

Dienst ausgewiesene Geistliche der französischen Könige ins Kolleg, bei denen

der politische Kontext ihrer Erhebung offensichtlich ist. Aus dem Umkreis der

Herzöge von Burgund kamen zwei Kardinäle 123 . Kaiser Sigismund standen zwei

Kardinäle nahe 124 , und auch Friedrich III. brachte zwei Kandidaten durch (bis

1471) 125 . Die Iberische Halbinsel war in all ihren politischen Teilen präsent. Kardinäle

aus Kastilien, Aragón und Portugal, immer aus der Nähe der Herrschenden,

waren über den ganzen Zeitraum vertreten 126 . Und selbstverständlich waren

die drei englischen Erzbischöfe von Canterbury und York, die in diesem Zeitraum

zu Kardinälen erhoben wurden, herausragende politische Figuren des Königreichs

127 . Zählt man zu den Kardinalserhebungen aus politischen Gründen auch

die Angehörigen der königlichen und fürstlichen Häuser und die römischen Adligen

im Kolleg, dann zeigt sich, dass dieses Merkmal die größten Aussichten bot.

Nur die Verwandtschaft zum Papst versprach noch mehr Erfolg. Wie schon im

14. Jahrhundert stützten sich die Päpste auch im 15. Jahrhundert bei der Regierung

der Kirche und des Kirchenstaats auf ihre Nepoten. Auch ins Kardinalskolleg, in

dem sich nur ein Teil der nepotistischen Praxis abbildete, beriefen sie Verwandte

oder nahestehende Personen. Dieses oben dargestellte Phänomen führte dazu, dass

sich im Kardinalskolleg Verwandtschaftsgruppen finden, die ihren Aufstieg vor allem

der Nähe zum jeweiligen Papst verdankten. Die im Pontifikat des Papstes Gregor

XII. (1406–1415), Angelo Correr, im Kolleg konstituierte venezianische Grup-

122 Siena war immerhin mit Antonio Casini und dem allerdings auf Drängen des Kaisers promovierten

Enea Silvio Piccolomini vertreten. Nur einmal findet sich mit Giorgio Fieschi ein Genuese im

Kolleg.

123 Jean Rolin, Jean Jouffroy.

124 Johann von Bucca, Peter von Schaumberg.

125 Enea Silvio Piccolomini, Burchard von Weisspriach.

126 Kastilien: Juan Cervantes, Juan de Mella; Aragón: Juan de Casanova, Alonso de Borja (ferner

Kardinäle aus dem Umfeld der Könige des regno, siehe oben); Portugal: Antonio Martins de

Chavez.

127 Henry Beaufort, John Kemp, Thomas Bourchier.


372

Papst und Kardinalskolleg im Bannkreis der Konzilien

pe gehört zu den wirkmächtigsten Verbindungen und wurde durch die Nepotenkreationen

Eugens IV. und Pauls II. noch verstärkt. Doch auch die übrigen Päpste

des Zeitraums erhoben ihre Verwandten und Vertrauten. Diese Nepoten wurden

mitunter noch im jugendlichen Alter kreiert und verweilten deshalb meist längere

Zeit im Kolleg. Sie prägten es ganz wesentlich. Die Borgia (Calixt III., Alexander

VI.) und die della Rovere (Sixtus IV., Julius II.) stellten ebenso wie die Condulmer-Barbo-Gruppe

gleich zwei Päpste des 15. Jahrhunderts. Seltener, aber immer

wieder erkennbar ist der Kardinalsnepotismus. Etwa ein Viertel des Kollegs bestand

über den ganzen Zeitraum hinweg aus Nepoten der Päpste.

Auch das letzte Kriterium, das von Dieter Girgensohn für Kardinalskarrieren

im Schisma benannt wurde – der Aufstieg über eine kuriale Karriere –, lässt sich

im Untersuchungszeitraum fassen. Am Ende eines cursus honorum an der Kurie

und in der Verwaltung des Kirchenstaats war mitunter nach der Übernahme einer

besonders schwierigen und ehrenvollen Legation der Kardinalspurpur zu erwarten.

14 Kardinäle hielten sich längere Zeit in Rom auf oder versahen kuriale Ämter

über mehrere Pontifikate hinweg, bevor sie zum Kardinal erhoben wurden 128 .

Der Ausweis der Befähigung in kurialen Ämtern oder auf Legationen allein reichte

in diesen Fällen aber selten aus. Erfolgreicher waren Bewerber dann, wenn für

sie zusätzlich ein einflussreicher auswärtiger Fürst vorsprach oder wenn sie einem

neu erhobenen Papst freundschaftlich nahestanden 129 .

Wie in der Zeit des Schismas gilt auch für das halbe Jahrhundert nach seiner

Beendigung somit, dass selten einer der genannten Punkte den Weg zum Kardinalat

restlos erklärt. In diesem Koordinatennetz an Vorbildung, Kenntnissen und

persönlichen Beziehungen aber konnten sich Kardinalskarrieren entfalten. Die an

Beobachtungen aus dem Schisma entwickelten Kriterien helfen auch im 15. Jahrhundert

die für die Handelnden wenig vorhersehbaren, verschlungenen Wege zum

Kardinalat aus der Rückschau rational zu erschließen. Dies zeigt, dass der tiefste

Einschnitt der Entwicklung nach der Zeit des Papsttums in Avignon im Schisma

liegt. Nach 1417 veränderte sich jedoch die Bedeutung der einzelnen Faktoren.

Am wichtigsten wird nun das aktive Bemühen von Königen und Fürsten, ihre Kandidaten

ins Kolleg zu bringen; ihrem Drängen können sich Papst und Kardinalskolleg

auf Dauer nicht entziehen.

128 Ardicino della Porta, Giuliano Cesarini, Domenico Capranica, Angelotto Foschi, Alberto Alberti,

Juan de Carvajal, Antonio de Cerdá, Astorgio Agnesi, Juan de Mella, Giacomo Tebaldi, Angelo

Capranica, Berardo Eroli, Niccolò Fortiguerri, Bartolomeo Roverella, Jacopo Ammannati

Piccolomini.

129 Dies gilt etwa für eine Gruppe von Kurialen um Enea Silvio Piccolomini: Berardo Eroli, Niccolò

Fortiguerri, Jacopo Ammannati Piccolomini.


373

III. Zur Theorie des Kardinalats

im konziliaren Zeitalter

(Jürgen Dendorfer)

Vor, auf und nach den Reformkonzilien des 15. Jahrhunderts wurde mit einer

Intensität über den Kardinalat diskutiert wie nie zuvor. Was seit dem Hochmittelalter

an kanonistischen und theologischen Begründungen für dessen de facto

immer bedeutendere Stellung vorgebracht worden war, wurde nun systematisiert

und zu einer stimmigen Lehre von der Stellung der Kardinäle in der Kirche ausgearbeitet

130 . Eigene Monographien zum Kardinalskolleg bündeln verstreute Bemerkungen

der kanonistischen Kommentarliteratur. Möglich wurde dies durch

ein ekklesiologisches Problembewusstsein, das sich in den Diskussionen des Konstanzer,

mehr noch aber des Basler Konzils entwickelt hatte. Durch diese neue

Sprachmächtigkeit über die Verfasstheit der Kirche war es möglich, über den Ursprung,

das Wesen und die Stellung des Kardinalats zu handeln. Die nun entstehenden

Texte waren nicht nur graue Theorie. Denn sie entstanden in krisenhaften

Situationen, in denen die Rolle der Kardinäle in der kirchlichen Verfassung

zweifelhaft wurde. In ihnen dienten sie als legitimierendes Argument. Vor dem

Pisaner und Konstanzer Konzil rechtfertigten sie, warum die Kardinäle an Stelle

der widerstreitenden Päpste ein Konzil einberufen konnten. Im Verlauf der Konzilien

von Konstanz und Basel dachte man dann allgemein über die Verfasstheit

der Kirche nach, davon war auch die ekklesiologisch besonders schwach begründete

Stellung des Kardinalskollegs betroffen. Die Versuche der Konziliaren,

die Kirche zu reformieren, verengten sich schnell auf das caput, den Papst und

die Kurie. Die Kardinäle galten vor allem in Konstanz als besonders fragwürdiger

Ausdruck des verhassten kurialen Systems. Die Konstanzer und Basler Entwürfe

zur Kurienreform betrafen deshalb immer auch das Kardinalskolleg. Nach

dem Basler Konzil aber war die Verunsicherung über die Berechtigung der einflussreichen

Stellung des Kardinalskollegs allgemein. Monographische Abhandlungen,

die sich ausschließlich mit dem Kardinalat beschäftigten, entstanden erst

jetzt, ab 1446/47. Die dichte Folge von Texten des 15. Jahrhunderts zum Kardinalat

bezeugt dessen Bedeutung in diesem Zeitraum. Ohne die Kenntnis ihrer

Grundgedanken wird die Geschichte der Kardinäle in diesem Zeitabschnitt nicht

zu verstehen sein.

130 Für die Zeit vor dem 15. Jahrhundert: Sägmüller, Thätigkeit; Alberigo, Cardinalato e collegialità;

Tierney, Foundations.


374

Papst und Kardinalskolleg im Bannkreis der Konzilien

1. Die Traktatliteratur im Umfeld des Konstanzer und

Basler Konzils und ihr Bild des Kardinalats

Aus der Fülle der Traktatliteratur dieser Zeit seien nur drei besonders wirkmächtige

oder originelle Überlegungen zur Stellung des Kardinalskollegs in der Kirche

hervorgehoben. Alle drei Traktate behandeln nicht ausschließlich den Kardinalat,

sondern betten die Ausführungen zu ihm in einen umfassenderen Argumentationsgang

ein.

Noch vor dem Pisaner Konzil verfasste der berühmte Kanonist Francesco

Zabarella, später selbst Kardinal, einen ausladenden Kommentar zur Dekretale

Licet de vitanda, aus dem Titel De electione des Liber Extra (X 1.6.6) 131 . Dieser

Text bildete den ersten Kanon des III. Lateranum von 1179, in dem nach den Erfahrungen

des alexandrinischen Schismas die Modi des Papstwahlverfahrens

festgelegt worden waren. Die dort fixierte Rolle als exklusive Papstwähler war

in den nachfolgenden Jahrhunderten der Ausgangspunkt für eindringliche Kommentare

zur Stellung der Kardinäle. Zabarellas mehrfach erweiterter Kommentar

weitete sich bis zum eigenständigen Traktat über das Schisma (Tractatus de

schismate), der 1408 noch vor dem Zusammentritt des Pisaner Konzils abgeschlossen

war 132 . Der Kanonist will verschiedene Wege (modi) aufzeigen, auf

denen das bestehende Schisma zu lösen sei. Gedanklicher Ausgangspunkt seiner

Überlegung ist der Korporationsgedanke. Die gesamte Kirche (universalis ecclesia)

sei als eine Korporation zu verstehen. Sie werde durch das Konzil repräsentiert,

das aber nicht immer zusammentreten könne. Bei der Papstwahl und im Alltag

der Regierung der Kirche vertrete deshalb das Kardinalskolleg die Kirche. Da

die römische Kirche (ecclesia Romana), die aus Papst und Kardinäle bestehe,

ebenfalls eine Korporation sei, habe das Kardinalskolleg Aufsichts- und Kontrollrechte

gegenüber dem Vorsteher dieses Kollegs, dem Papst. Der erfolgreiche

Weg aus dem Papst-Schisma kann deshalb nur über die Einberufung eines die

gesamte Kirche repräsentierenden Konzils führen. Da die Kardinäle in Fragen der

Papstwahl die gesamte Kirche vertreten, können diese den Päpsten den Gehorsam

entziehen und ein Konzil einberufen, das über den Papst urteilt. Dieser Modus

zur Lösung des Schismas wird dann in Pisa verwirklicht. Für die Theorie des

Kardinalats ist der Tractatus de schismate wichtig, weil er die in der kanonistischen

Literatur angelegten korporationsrechtlichen Überlegungen zur Stellung

der Kardinäle aufgreift und mit seltener Eindeutigkeit bejaht.

131 Girgensohn, Zabarella; Morrissey, Leben. Zu diesem Traktat: Girgensohn, Zabarella, S. 273–

276; Tierney, Foundations, S. 199–214; Merzbacher, Konzeption, S. 279–287.

132 Der Text findet sich in: Franciscus de Zabarellis, Lectura ad X 1.6.6, f. 98v–102r.


Zur Theorie des Kardinalats im konziliaren Zeitalter 375

Auf anderem Wege kommt der einflussreiche Pariser Theologe Pierre d’Ailly

in seinem Werk De ecclesiastica potestate zu einem ähnlichen Ergebnis 133 . Der

Kardinal und Konstanzer Konzilsteilnehmer will um 1416 die Beteiligung der

Kardinäle an der künftigen Papstwahl des Konstanzer Konzils begründen und die

Stellung des Kollegs gegenüber den Konzilsnationen stärken. Doch argumentiert

er nicht kanonistisch, sondern theologisch. Wie die Bischöfe stünden auch die

Kardinäle in der Nachfolge der Apostel (successio apostolica). Ihre Apostelnachfolge

habe sogar noch Vorrang vor der der Bischöfe, aus ihr ließen sich umfangreiche

Rechte des Kollegs gegenüber dem Papst, dem Nachfolger Petri, aber eben

auch dem vicarius Christi, ableiten. Sie wählen den Papst, und der gewählte Papst

verpflichtet sich, sein Amt mit ihrem Rat und ihrer Zustimmung auszuführen.

Kardinäle verkörpern in der kirchlichen Mischverfassung das aristokratische Element.

Da sie die ganze Christenheit vertreten, kommt es ihnen zu, die Ausübung

der plenitudo potestatis durch den Papst zu maßregeln.

Beide Traktate, der eine aus der Perspektive eines Kanonisten, der andere aus der

eines Theologen, zeichnen ein positives Bild von der Stellung der Kardinäle. Das ist

nicht in allen Texten der Zeit so. In den Reformdiskussionen wird auch Kritik am

Kardinalat geübt. Dennoch ist das Ergebnis der Konstanzer und Basler Diskussionen

eine dezidierte Aufwertung der Rolle des Kardinalskollegs. Wegen seiner Originalität

sei noch ein Basler Beitrag zum Thema skizziert. Nikolaus von Kues misst

in seiner Schrift De concordantia catholica dem Kardinalskolleg einen zentralen

Platz in der kirchlichen Verfassung zu 134 . Wie das Konzil die universalis ecclesia repräsentiere,

so stehe das Kardinalskolleg, das concilium cottidianum an der Seite des

Papstes, ebenfalls für die gesamte Kirche. In der Zustimmung des Kollegs zum Handeln

des Papstes artikuliere sich der Konsens der universalis ecclesia. Als Repräsentanten

der ganzen Kirche seien die Kardinäle dadurch legitimiert, dass sie aus einem

abgestuften System von Wahlen hervorgehen. Der Klerus einer Diözese wähle seine

Bischöfe, die Bischöfe die Metropoliten, die Metropoliten aber die Legaten der Kirchenprovinzen

(legati provinciarum) 135 . Unter diesen legati provinciarum seien die

Kardinäle zu verstehen. Auf diese Weise legitimiert, sollen sie an der Seite des Papstes

die ganze Kirche repräsentieren. Mit diesem originellen Gedankengang wertet

der Cusanus wie die beiden anderen vorgestellten Traktate die Rolle des Kardinalskollegs

auf. Für alle drei Autoren vertritt das Kardinalskolleg die gesamte Kirche an

der Seite des Papstes. Die Zustimmung der Kardinäle zu Handlungen des Papstes ist

für sie deshalb nicht nur wünschenswert, sondern zwingend notwendig.

133 Oakley, Political thought; Pascoe, Church and reform. Der Text: Petrus de Alliaco, Tractatus de

ecclesiae, concilii generalis, Romani pontificis et cardinalium auctoritate.

134 Krämer, Konsens; Sieben, Konzilstraktat, S. 172–180; Lücking-Michel, Konkordanz und Konsens.

Der Text: Nicolai de Cusa, De concordantia catholica.

135 Nicolai de Cusa, De concordantia catholica II, c. 18, Abschnitt 164.


376

Papst und Kardinalskolleg im Bannkreis der Konzilien

2. Die Überlegungen des Konstanzer und

Basler Konzils zur Kurienreform

Doch wurde in Traktaten vieles diskutiert, was sich nicht mit konkreten Erscheinungsformen

der kirchlichen Verfasstheit in Übereinstimmung bringen lässt. Obwohl

etwa Pierre d’Aillys Traktat weit verbreitet war, gab er doch nur die Positionen

eines, wenn auch eines besonders einflussreichen Autors wieder. Weitere Kreise

jedoch zogen die auf dem Konstanzer und Basler Konzil diskutierten Reformüberlegungen

zum Kardinalskolleg, die in der 23. Session des Basler Konzils offiziell

als Dekret publiziert wurden. In ihnen fassen wir einen kontinuierlichen Strom auf

den Konzilien diskutierter Reformüberlegungen, die in die Konstanzer Konkordate

Papst Martins V. mit den Konzilsnationen eingingen, in Basel wieder aufgegriffen

und ergänzt wurden und von denen sich schließlich sogar Reflexe in den Wahlkapitulationen

von 1431 und 1458 finden. Die nachfolgenden Kurienreformentwürfe

bis zum Ende des 15. Jahrhunderts werden ebenfalls immer wieder von diesen

Konstanz-Basler Vorüberlegungen ausgehen. Sie stellen, das zeigt der häufige Bezug

auf diese Referenztexte, eine äußerst wirkmächtige Leitvorstellung von den Aufgaben

und der Erscheinungsform des Kardinalskollegs dar. In den Eckpunkten stimmen

diese Texte mit den Ergebnissen der Traktate Francesco Zabarellas und Pierre

d’Aillys überein. Auch für sie repräsentiert das Kolleg die gesamte Kirche an der Seite

des Papstes, und wie in den beiden Traktaten ist für sie deshalb die Mitwirkung

des Kollegs bei Entscheidungen des Papstes notwendig. Die Traktatliteratur des

frühen 15. Jahrhunderts und die Reformentwürfe sehen die Stellung des Kardinalskollegs

deshalb ähnlich, womit sich eine im Kern einheitliche Vorstellung andeutet.

Zum ersten Mal ist diese auf dem Konstanzer Konzil in den Beschlüssen des Reformausschusses

zu greifen 136 . Sie fordern eine ausgeglichene Repräsentation der

gesamten Kirche im Kardinalskolleg, damit die Kunde von den Problemen in den

unterschiedlichen Teilen der Christenheit rasch an die Kurie gelangen könne. Damit

die Kirche nicht zu sehr belastet würde, sollte die Anzahl der Kardinäle nicht

größer als 24 sein. Das Alter von 30 Jahren und die oben skizzierte Vorbildung

seien unabdingbar. Vor einer neuen Kardinalserhebung müsse die Mehrheit der

Kardinäle schriftlich zustimmen, so wird dem Kardinalskolleg als konstitutionelles

Recht zugesichert 137 . Als Dekret erließ das Konstanzer Konzil diese Bestimmung

nie. Der Textentwurf De numero et qualitate cardinalium, der auf diesen

Vorformulierungen beruht, ging aber in die Konkordate zwischen Papst Martin V.

und den Konstanzer nationes ein. Das Kardinalskolleg fordert wenige Jahre später

in der Wahlkapitulation von 1431 ein, dass bei der Kreation neuer Kardinäle

136 Stump, Reforms, S. 328, c. 4; S. 394f., c. 11.

137 Am detailliertesten hier die Beschlüsse der Common Collection, c. 4, S. 328.


Zur Theorie des Kardinalats im konziliaren Zeitalter 377

die Form und die Anordnung des Konstanzer Konzils zu beachten seien. Doch

weitet die auf weiteren älteren Vorlagen beruhende Wahlkapitulation die Konsensrechte

des Kollegs gegenüber dem Papst über die Kardinalskreationen aus. Sie

fordert die Zustimmung der Kardinäle bei allen Entscheidungen in wichtigeren

Angelegenheiten (causae arduae), welche die ganze Kirche betreffen, ebenso wie

beim Regierungshandeln im Kirchenstaat 138 .

Einschneidend ist nun, dass das Basler Konzil in den in seiner 23. Session beschlossenen

Dekreten diese ausgedehnte Vorstellung der Wahlkapitulation von

den Konsensrechten des Kardinalskollegs aufgriff und aus konziliarer Perspektive

rechtfertigte. Die notwendige Zustimmung des Kardinalskollegs zu Handlungen

des Papstes wurde damit begründet, dass dieses, gleichsam als kleines Konzil an

der Seite des Papstes, den Konsens der universalis ecclesia zu dessen Handeln gab.

In zwei Dekreten der 23. Session zeigt sich diese Auffassung. In De professione

werden die Grundsätze festgelegt, auf die sich der gewählte Papst eidlich verpflichten

solle 139 . In der Regierung der Stadt Rom, des Kirchenstaats oder auch

der gesamten Kirche handle er nur mit Zustimmung des Kardinalskollegs. Amtsträger

in der Stadt Rom und im Kirchenstaat bedürften des Konsenses des Kollegs

und hätten sowohl dem Papst als auch den Kardinälen ihren Eid zu schwören 140 .

Im Kirchenstaat dürften keine Nepoten des Papstes Ämter übernehmen, die Hälfte

der Einkünfte aus dem Patrimonium stehe dem Kardinalskolleg zu 141 . Setze der

Papst Verwandte ein, dann könnten ihm die Kardinäle die Gefolgschaft verweigern.

In all diesen Punkten folgt das Dekret fast wörtlich der Wahlkapitulation

von 1431. Über diese hinaus geht es, wenn es eine Beteiligung der Kardinäle an

der Regierung der gesamten Kirche postuliert. Wieder sind es die ardua, bei denen

der Papst den Rat der Kardinäle einholen solle.

Das Dekret De numero et qualitate cardinalium wiederholt die genannten Vorlagen

des Konstanzer Konzils und der Konkordate mit den Bestimmungen über

Anzahl der Kardinäle, über deren Herkunft und Vorbildung ebenfalls fast wörtlich

142 , um dann doch in einem Anhang spezifische Basler Komponenten hinzuzufügen.

Den Kardinälen wird die Sorge für ihre Titelkirchen ans Herz gelegt. Regelmäßige

Visitationen sollten zur Intensivierung der Seelsorge beitragen. Eine

erstaunlich klare Parallelisierung zwischen der Organisation des Kardinalskollegs

und dem Konzil zeigt sich in der Aufgabenbeschreibung des Dekrets für die einzelnen

Ordines. Die Kardinalbischöfe sollten sich demnach um Angelegenheiten

138 Zur Kurienreform auf dem Basler Konzil: Zwölfer, Reform; Helmrath, Basler Konzil, S. 331–341;

Sudmann, Basler Konzil, S. 252–255.

139 COD 3 , S. 495–501.

140 Ebd., S. 499.

141 Ebd., S. 499.

142 Ebd., S. 501–504.


378

Papst und Kardinalskolleg im Bannkreis der Konzilien

des Glaubens sorgen. Die Kardinalpriester haben als ihre Aufgabe auf die Einhaltung

der Sitten, des göttlichen Gesetzes und der kirchlichen Disziplin zu dringen.

Die Kardinaldiakone aber hätten Kriege beizulegen und Frieden zu stiften. Diesen

Ressortzuschnitt, der ohne Vorbild ist, inspirierte ganz offensichtlich die Einteilung

des Basler Konzils in seine drei Deputationen: de fidei, de pace et de reformationibus.

Das Kardinalskolleg steht somit im Kleinen für das große Basler Konzil.

Von hier ist der Weg zur Ansicht des Nikolaus von Kues in der Concordantia

catholica, das Kolleg sei das cottidianum concilium an der Seite des Papstes, nicht

weit. Dass das Basler Konzil die Aufgabe des Kollegs ähnlich sah, zeigt sich in dem

Korrektur- und Aufsichtsrecht, das es ihm zuwies. Wenn der Papst gegen die Bestimmungen

der Reformdekrete fehlte, dann sollten ihn zuerst einzelne Kardinäle

ermahnen, dann das Kolleg als Ganzes, und wenn auch dies nichts fruchte, so sollten

sie dieses an das nächste allgemeine Konzil melden 143 .

Auf diese Weise fielen die von den Kardinälen selbst in den Wahlkapitulationen

erhobenen Ansprüche mit den konziliaren Reformforderungen zusammen.

Es entstand eine kaum mehr entwirrbare Gemengelage zwischen den konziliaren

Überlegungen und den von den Kardinälen in den Konklaven von 1431, 1458

und von da an in regelmäßiger Folge beeideten capitula. Diese konziliare Konzeption

des Kardinalats als konstitutionellen Gegengewichts zur Papstgewalt sah

bei wichtigen Entscheidungen die Bindung des Papstes an die Zustimmung des

Kardinalskollegs vor. Jeder päpstliche Versuch zur Kurienreform in der zweiten

Hälfte des 15. Jahrhunderts ging hiervon aus 144 .

3. Die nachkonziliare Diskussion – die Traktate De cardinalatu

Auf diesen Voraussetzungen ruhten auch die ersten Traktate De cardinalatu auf,

die am Ende des Basler Konzils entstanden 145 . Nach der Diskreditierung des

Basiliense durch die Absetzung Papst Eugens IV. musste fraglich sein, auf welche

Legitimation das von den Konzilien in so positivem Licht gesehene Kardinalskolleg

seine Konsensrechte bei der Regierung der Kirche künftig stützen konnte.

Zudem war die Zeit durch die Basler Erörterungen geradezu sensibilisiert für die

Probleme der Legitimität kirchlicher Gewaltausübung. An den Universitäten, in

den Kanzleien der Fürsten und insbesondere an der Kurie wirkten Konzilsteilnehmer.

Die im Vergleich zur Zeit des avignonesischen Papsttums gestiegene Bedeutung

des Kardinalskollegs bedurfte einer Begründung, um von den Zeitge-

143 Ebd., S. 503.

144 Jedin, Analekten; Dendorfer, Habita plenissima informatione.

145 Zur Diskussion über den Kardinalat im 15. Jahrhundert: Jedin, Analekten; ders., Kampf um das

Konzil. Zum Folgenden künftig meine Münchner Habilitationsschrift: Zwischen Konzil und

Papst. Zur Legitimation des Kardinalats in der Frührenaissance (ca. 1450–1475), München 2008.


Zur Theorie des Kardinalats im konziliaren Zeitalter 379

nossen um die Mitte des 15. Jahrhunderts akzeptiert zu werden. Deshalb wurde

in den nächsten Jahrzehnten an der Kurie ein skrupulöser Legitimitätsdiskurs geführt,

in dessen Zentrum das kleine Konzil neben dem Papst, das Kardinalskolleg,

stand. Dies war der größere historische Kontext, in dem die Traktate De cardinalatu

standen, daneben waren aber konkrete Anlässe für die Entstehung der

Traktate aufzuzeigen. Dabei ließen sich zwei Phasen der Diskussion unterscheiden:

ein erster, gleichsam durch eine nachkonziliare Bestandsaufnahme geprägter

Abschnitt im Pontifikat Nikolaus’ V. (1447–1455) und ein zweiter, in dem –

ausgehend von den Konflikten um die Mitwirkung der Kardinäle an den Kardinalskreationen

– über die Grundlagen kardinalizischer Gewalt diskutiert wurde.

Traktate De cardinalatu (1446–1483)

Bernard de Rosier, Liber de statu, auctoritate et potestate . . .

cardinalium (1446/47)

Martinus Garatus Laudensis, Tractatus de cardinalibus (1448/49)

Andrea Barbazza, De praestantia cardinalium (1452–1455)

Domenico de’ Domenichi, Tractatus de creatione cardinalium (1456)

Domenico de’ Domenichi, Tractatus de praeeminentia cardinalium

Romanae ecclesiae (= Das zweite Buch des Tractatus de episcopali

dignitate) (1461)

Domenico de’ Domenichi, Consilium in materia creationis cardinalium

(1461)

Teodoro de’ Lelli, Contra supercilium eorum, qui plenitudinem

potestatis Christi vicario divinitus attributam . . . cardinalibus

communicatam censent (1461–1464)

Jean Jouffroy, Dialog über die Kardinalswürde (1467)

Gundisalvo di Villadiego, Tractatus de cardinalium excellentia et

dignitate ac de officio vicecancellarii (1482)

Alfonso de Soto, Comentarius ad concilium Constantiense de

cardinalibus (1483)

Die ersten drei Kardinalstraktate entstanden in dichter Folge ab 1446/47. Sie sind

Ausdruck der ekklesiologischen Verunsicherung, welche die Debatten des Basler

Konzils hinterlassen hatten. Für Papst Eugen IV. und das Kardinalskolleg verfasste

um die Jahreswende 1446/47 der an der Kurie als Referendar tätige Bernard

de Rosier seinen Liber über den status und die potestas der Kardinäle 146 . Vor der

146 Eine gute Handschrift des Textes, vielleicht das Widmungsexemplar, findet sich in: BAV, Vat. lat.

1022. Am ausführlichsten zum Autor des bisher nur als Marginalie in der Literatur behandelten

Textes: Arabeyre, Un prélat languedocien.


380

Papst und Kardinalskolleg im Bannkreis der Konzilien

absehbaren Sedisvakanz versicherte sich mit diesem wohl im Auftrag des Papstes

und der Kardinäle entstandenen Text die Kurie gleichsam selbst des Papstwahlrechts

der Kardinäle. Darüber hinaus entwarf der Propst von Toulouse ein ganz

im Sinne der Wahlkapitulation von 1431 und der Basler Dekrete der 23. Session

gehaltenes Bild von umfassenden Aufsichts- und Korrekturrechten des Kardinalskollegs

an der Seite des Papstes. Dieser Text ist ein wichtiger Hinweis darauf,

dass an der Kurie die weitgehenden Vorstellungen der Konzilien von den Rechten

des Kardinalskollegs angekommen waren. Bernard de Rosier kompilierte die

möglichen Legitimationsfiguren der Tradition für den Kardinalat, am wichtigsten

ist bei ihm der von Pierre d’Ailly übernommene Gedanke von der successio apostolica

des Kardinalskollegs. Nicht an der Kurie, doch im Kirchenstaat und für

Kardinäle verfassten Martin von Lodi und Andrea Barbazza ihre Traktate. Dabei

stellt Martin von Lodi in seinem Werkchen wenig gewichtet die Positionen

der klassischen und nachklassischen Kanonistik ohne Bezug zu den drängenden

Problemen seiner Zeit zusammen 147 . Der Text offenbart die Mehrdeutigkeit der

kanonistischen Tradition des Schreibens über den Kardinalat, die durch fehlende

Kodifizierungen der eindeutigeren Konzilsdekrete auch nicht überwunden

werden sollte. Bei Andrea Barbazzas Traktat De praestantia cardinalium, der aus

Diskussionen im Umfeld Kardinal Bessarions hervorging, waren hingegen deutliche

formale, aber auch inhaltliche Spuren der Konstanzer und Basler Erörterungen

zu greifen 148 . Für ihn waren die Kardinäle in den sacerdotes levitici generis

des Alten Testaments präfiguriert und damit im göttlichen Recht begründet.

Dadurch legitimiert stand ihnen das Recht zu, dass der Papst negotia ardua nur

mit ihrem Konsens entscheide. Im Vergleich mit ekklesiologischen Traktaten aus

demselben Zeithorizont vertreten Bernard de Rosier und Andrea Barbazza keine

Sondermeinung. Das Ergebnis der ekklesiologischen Bestandsaufnahme nach

dem Konzil war eindeutig: Die Kardinäle waren als Nachfolger der sacerdotes

levitici generis oder der Apostel unaufhebbar in der kirchlichen Verfassung verankert.

Ihre von den Konzilien dekretierten und von den Wahlkapitulationen geforderten

Konsensrechte waren dadurch ekklesiologisch legitimiert.

In dem zweiten Zeitabschnitt der Erörterung kardinalizischer Rechte nach dem

Konzil, im Pontifikat Pius’ II. (1458–1464), veränderte sich diese Bewertung.

Konflikte um den notwendigen Konsens der Mehrheit des Kardinalskollegs zu

den Kardinalserhebungen der Päpste entfachten 1456 und 1461 eine über diesen

Einzelpunkt hinausgehende Diskussion über die Rechte der Kardinäle. Wir kennen

diese Debatte vor allem aus dem Werk Domenico de’ Domenichis, dessen

147 Zum Text (mit Edition): Soldi Rondinini, Storia; zum Autor: Baumgärtner, Laudensis.

148 Der Text ist gedruckt: Andrea Barbatia, De praestantia cardinalium; Tractatus de cardinalibus

legatis a latere. Dazu und zum Autor: Bianca, Note.


Zur Theorie des Kardinalats im konziliaren Zeitalter 381

wichtigste Schriften in diesem Zeitraum entstanden 149 . Selbst in den Consilien

und Traktaten dieses einen Autors veränderten sich innerhalb weniger Jahre die

Urteile 150 . In dem mehrdeutigen Rahmen der Aussagen der kanonistischen Tradition

verschob der Bischof von Torcello seine Akzente merklich hin zur Betonung

der päpstlichen Prärogativen. 1456 sah Domenico de’ Domenichi das Kardinalskolleg

noch als ein durch das angebliche Konstanzer Dekret De numero et

qualitate cardinalium legitimiertes Organ, das bei der Wahl des Papstes die universalis

ecclesia repräsentierte und in das deshalb nur auf die vom Konzil und in

Vertretung der allgemeinen Kirche dekretierte Weise Mitglieder kooptiert werden

konnten. Als er 1461 mit seinem Tractatus de episcopali dignitate einen Schlusspunkt

unter die von ihm selbst angestoßene, im Umfeld Pius’ II. ein bis zwei Jahre

diskutierte Frage der Präzedenz von Protonotaren oder Bischöfen setzte, kompilierte

er im zweiten Buch den Diskussionsstand seiner Zeit zur ekklesiologischen

Stellung des Kardinalskollegs 151 . Ausweichend und bemerkenswert unentschieden

griff er Argumente wie die Apostelnachfolge des Kollegs auf und referierte

die Diskussion der Kanonistik über die notwendige Zustimmung der Kardinäle

in den ardua. Im göttlichen Recht sah er allein die Pflicht des Papstes verankert,

sich beraten zu lassen. Diese Aufgabe hätten gegenwärtig die Kardinäle inne, sie

könnte aber auch anderen übertragen werden. Damit wandte sich Domenico de’

Domenichi, der Vertraute Papst Pius’ II., gegen die Grundlage für die Legitimation

der Rechte des Kardinalskollegs in den Jahren nach dem Ende der Konzilien.

Etwa um dieselbe Zeit, als er den Tractatus de episcopali dignitate abschloss, forderte

ihn der Papst auf, ein Gutachten für die Kardinalskreation des Jahres 1461

zu erstellen. Wieder kam er zum selben Ergebnis: Weder die Konzilsdekrete noch

die Eide auf die Wahlkapitulationen bänden den Papst, und die Rechte des Kardinalskollegs

seien nicht unabhängig vom Papst legitimiert. Domenicos Argument

scheint im Kreis um den Papst weiterverfolgt worden zu sein. Es erscheint

zur gleichen Zeit in einem Tractatus de potestate papae des Galgano Borghese,

und nicht viel später ließ auch der Rota-Auditor Teodoro de’ Lelli in seinem

Traktat nur mehr die Beratungsfunktion der Kardinäle gelten 152 . Letzterer aber

vertrat einen radikalisierten Papalismus, der ganz ohne die von Domenico empfohlenen

Rücksichtnahmen und Differenzierungen auskam. An diesen beiden

Diskussionsbeiträgen zur Kardinalskreation des Jahres von 1461 sind somit zwei

unterschiedliche Pole der Bewertung der korporativen Rechte des Kardinalskol-

149 Jedin, Studien.

150 Dendorfer, Ambivalenzen.

151 Der Text ist gedruckt: Dominicus de Dominicis, Liber de dignitate episcopali.

152 Zum Text: Sägmüller, Geschichte des Kardinalates (mit Edition); zum Autor und zur Interpretation:

Prügl, Konzil und Kardinäle.


382

Papst und Kardinalskolleg im Bannkreis der Konzilien

legs an der Seite des Papstes zu fassen. Domenico de’ Domenichi führte in seinen

Werken ausführlich die Argumente für die Rechte des Kardinalskollegs an und

empfahl trotz aller Einwände, die Kardinäle bei Entscheidungen zu hören. In Teodoro

de’ Lellis Invektive gegen die Rechte des Kardinalskollegs war hingegen kein

Platz mehr für die korporativen Autoritäten, die seit dem Beginn des Schismas

die Aufwertung des Kardinalskollegs gefordert hatten. Die einschneidende Position

des Rota-Auditors ging einher mit einer neuen, durch den Humanismus beeinflussten

Art, über die Rechte des Kardinalskollegs zu schreiben. Anstelle des

umständlichen Pro und Kontra setzte er eine Meinung, die er durch Autoritäten

und exempla stützte. Seine eigenen Studien der Vätertexte und der Konzilsbeschlüsse

der alten Kirchen ließen ihn Schwächen in Gratians Dekret aufspüren,

und durch diese Textkritik an entscheidenden Stellen legte er mitunter die Axt an

die Wurzel ganzer Kommentartraditionen. Als neue Autoritäten traten exempla

aus der Alten Geschichte neben die und mitunter an die Stelle der bisherigen Traditionen

des Schreibens.

Der durch Teodoro de’ Lellis Text greifbare Bruch ist einschneidend, wie sich

durch einen Ausblick auf die Diskussionen der Hochrenaissance über den Kardinalat

zeigt. Über den Kardinalat wurde nun in neuen Formen geschrieben, der

Kanon der Autoritäten begann zu variieren, und nicht zuletzt verschoben sich die

inhaltlichen Wertungen offensichtlich zu einem weitgehend unbeschränkten Papalismus.

Der kundige Kanonist Alfonso de Soto kommentierte 1483 in völliger

Ignoranz der konziliaren und nachkonziliaren Diskussionen das Basler Dekret

De numero et qualitate cardinalium und sah in diesem Schlüsseltext keinen Ansatzpunkt

mehr für korporative Beschränkungen der plenitudo potestatis 153 . In

der zweiten Hälfte der 60er Jahre zeigen sich somit im Diskurs über den Kardinalat

deutliche Brüche: Die Formen des Schreibens über den Kardinalat veränderten

sich, die Verbindlichkeit der bisher gültigen Autoritäten schwand, und inhaltliche

Grundüberzeugungen, die bis zu diesem Zeitpunkt alle Autoren geteilt

hatten, galten nun nicht mehr.

Dieser Bruch in der kurialen Diskussion über die Legitimität der Rechte des

Kardinalskollegs geht zeitlich einher mit den in den Wahlkapitulationen ab 1471

zaghaft auftretenden, in Folge dann deutlicher artikulierten individuellen Interessen

der Kardinäle. Das unveränderte Fortschreiben des konstitutionellen Teils

der Wahlkapitulationen, der sogenannten capitula publica, deutet auf eine ähnliche

Entwicklung hin, wie sie in der Traktatliteratur sichtbar wird. Auch im

Selbstverständnis der Kardinäle scheint die Bedeutung der Konsensrechte des

Kollegs bei Handlungen des Papstes zurückgegangen zu sein. Bis zu den Texten

153 Den besten Text des bisher ungedruckten Traktats bietet: Venedig, Marciana, Cod. Lat. III, 77,

f. 205r–223r.; zum Autor: Göller, Kommentatoren, S. 443–449.


Zur Theorie des Kardinalats im konziliaren Zeitalter 383

Domenico de’ Domenichis wurde an der Kurie in der spezifischen Form des ekklesiologischen

«Sprechens», wie sie sich auf dem Basler Konzil ausgeprägt hatte,

über den Kardinalat diskutiert. Die scholastische Quaestio, bis dahin Grundelement

aller Consilien und Traktate zum Kardinalat, ließ das Für und Wider für

die Rechte des Kardinalskollegs zu Wort kommen. Sie gelangte auf diese Weise

nie zu einem eindeutigen Schluss, sondern bot das ganze Arsenal an möglichen

Antworten. In entscheidenden Punkten unterschieden sich selbst konträre Positionen

nur in Nuancen. Ob der Papst nun in den negotia ardua den Konsens

der Kardinäle oder das consilium, dessen Verbindlichkeit dem consensus nahekommen

konnte, einholen musste, sollte oder aber ob sich dies nur ziemte, war

in seinen Auswirkungen für den Alltag der päpstlichen Herrschaftspraxis nicht

entscheidend. Ob die Rechte des Kollegs dadurch legitimiert waren, dass die Kardinäle

als sacerdotes levitici generis im Alten Testament bzw. als successores apostolorum

im Neuen Testament im ius divinum begründet waren oder durch die

Dekrete des Konstanzer bzw. Basler Konzils ihre Rechte an der Seite des Papstes

bekamen, war ebenfalls nebensächlich, solange in den entscheidenden Kreisen

um den Papst die Meinung vertreten wurde, es gebe stichhaltige Argumente für

eine eigenständige Legitimation der Rechte des Kollegs. Am Ende des Pontifikats

Pius’ II. aber zeigen sich in der Auseinandersetzung über die Kardinalskreation

von 1461 Risse in diesem in den korporativen Traditionen der Kanonistik begründeten

und in der Konzilszeit verstärkten Fundament, auf dem die Rechte des

Kardinalats gegenüber dem Papst ruhten.

Bis zu den Anfängen des Pontifikats Papst Sixtus’ IV. (1471–1484) scheint die

Akzeptanz für eigenständige Rechte des Kardinalskollegs weitgehend geschwunden

zu sein. In den Versuchen zur Legitimation des Kardinalats in den Pontifikaten

der Frührenaissance werden somit charakteristische Züge nicht nur des

Kardinalskollegs, sondern auch des Papsttums dieser Zeit sichtbar. Die besonders

intensiv diskutierten Modelle eines an den korporativen Konsens des Kollegs gebundenen

Papats standen ganz im Bann der vorausgehenden konziliaren Diskussionen.

Aus dieser Sichtweise lässt sich der Abschnitt in der Geschichte des

Papsttums von Nikolaus V. bis zu Paul II. deutlich von den Pontifikaten der

Hochrenaissance unterscheiden.


384

Papst und Kardinalskolleg im Bannkreis der Konzilien

IV. Kulturgeschichte des Kardinalats:

Aspekte von Kommunikation und Repräsentation

(Claudia Märtl)

1. Der Kardinalspalast

Am Beginn des 16. Jahrhunderts widmete der Apostolische Protonotar Paolo

Cortesi einen Abschnitt seines 1510 posthum erschienenen Traktats De cardinalatu

dem Palast des Kardinals 154 . In ihm gab er eine an Leon Battista Albertis

Architekturtheorien orientierte Schilderung, die von der Lage des Gebäudes über

die Anordnung der Räume bis zur Thematik von Wandgemälden einen anschaulichen

Eindruck einer idealtypischen Kardinalsbehausung vermittelt. Cortesis

Kardinalspalast spiegelt die religiöse, intellektuelle und (kirchen)politische Rolle

des Besitzers, deren Verwirklichung der Palast über die äußerliche Statusinszenierung

hinaus ermöglichen soll. Der Traktat kondensiert die zeitgenössischen

Anschauungen über die Funktionen des Kardinalspalasts und nimmt, wie seine

Verweise auf konkrete Beispiele zeigen, Rücksicht auf die Entwicklung seit der

Rückkehr der Kurie nach Rom. So kann der Text nicht nur zur Interpretation

frühneuzeitlicher Kardinalspaläste dienen, sondern erlaubt auch Rückschlüsse

auf die Kardinalspaläste des 15. Jahrhunderts, die überwiegend verschwunden

sind oder bis zur Unkenntlichkeit verändert wurden. Wie schriftliche Erwähnungen

und erhaltene Gebäude nahelegen, nahmen die Kardinalspaläste des 15. Jahrhunderts

bauliche Elemente päpstlicher Paläste, insbesondere des Vatikanpalasts,

auf; gewissermaßen als Standard gehörten zu ihnen eine bisweilen mehrstöckige

Loggia mit Aussicht auf einen Garten oder in die Landschaft und ein den Baukörper

überragender Belvedereturm. Der früheste aus dem 15. Jahrhundert erhaltene

Palast steht in Tarquinia (Corneto), wo Kardinal Giovanni Vitelleschi († 1440)

ein repräsentatives Gebäude im Stil der Frührenaissance errichten ließ. Die von

Rodrigo Borgia und Jean Jouffroy in Pienza erbauten Paläste vervollständigten

das von Papst Pius II. gewünschte Stadtbild, sind aber in relativ kleinen Proportionen

gehalten und dienten ihnen kaum zum Aufenthalt, während Jacopo Ammannati

Piccolomini dort in einem ansehnlichen Palast regelmäßig die Sommerfrische

verbrachte 155 . In Rom mussten Kardinäle auf der Suche nach einer

geeigneten Behausung nicht nur die Marktlage berücksichtigen, sondern auch die

154 Vgl. Weil-Garris/d’Amico, The Renaissance cardinal’s ideal place, mit Abdruck des Kapitels II aus

Cortesi, De cardinalatu III (ebd., S. 69–97).

155 Zu Tarquinia vgl. Mack, Pienza, S. 56, mit Anm. 39; Mencarelli, I Vitelleschi; zu Pienza vgl.

Mack, Pienza, S. 108–112, 118–130.


Kulturgeschichte des Kardinalats: Aspekte von Kommunikation und Repräsentation 385

politische Topographie, um nicht in unerwünschte Nachbarschaften zu geraten;

häufig, aber nicht immer, befanden sich die Kardinalspaläste bei den Titelkirchen

156 . Der von Domenico Capranica um die Mitte des 15. Jahrhunderts errichtete

Palast ist dank seiner Umwidmung für das von dem Kardinal gestiftete

Studienkolleg erhalten geblieben. Maßstäbe über das 15. Jahrhundert hinaus

setzte der von Pietro Barbo erbaute Palazzo Venezia, wenngleich der Bau nicht

vollkommen den ursprünglichen Plänen entsprechend fertiggestellt wurde, die

Ausmalung nur noch fragmentarisch und Anbauten sowie Außenanlagen nicht

mehr vorhanden sind. Der Anspruch dieses Baus zeigt sich nicht nur in der Größe

der Anlage, sondern auch in der Loggia, die der integrierten Titelkirche S. Marco

vorgeblendet wurde und in kleinerem Maßstab die von Pius II. vor St. Peter

errichtete Loggia wiederholt. In Dimensionen und Ausstattung ebenfalls über

das 15. Jahrhundert hinausweisend präsentiert sich der von Kardinal Raffaelle

Sansoni Riario 1483 bis 1511 erbaute mächtige Palazzo della Cancelleria, der ab

1517 als Sitz der Kanzlei genutzt wurde.

Die Ausstattung der Kardinalspaläste des 15. Jahrhunderts konnte sich meist

mit fürstlichem Ambiente messen. Als Kardinal Francesco Gonzaga im Jahr 1462

seinen Wohnsitz in Rom nehmen wollte, bewerteten Angehörige seiner familia

von ihnen besichtigte Paläste seiner bereits dort etablierten Kollegen. Das höchste

Lob erhielt der Kämmerer Ludovico Trevisan, dessen «paradiesisch» anmutender

Palast sich auf dem Areal des heutigen Palazzo della Cancelleria befand.

Doch selbst die Paläste ärmerer Kardinäle, wie derjenige Enea Silvio Piccolominis,

wiesen Marmorverkleidungen auf, die bei seiner Papstwahl der Spoliierung

anheimfielen 157 . Der Reformentwurf Pius’ II. suchte die Innenausstattung zu

reglementieren; die Aussagen zu Tapisserien und anderen Bildern, deren Inhalte

dem geistlichen Stand der Besitzer gemäß gewählt werden sollten, erlauben den

Rückschluss, dass in Kardinalspalästen darauf meist wenig Rücksicht genommen

wurde. Opulente Bestände an Tapisserien und wertvollen Stoffen, die nach Rom

importiert wurden, sind für die Kardinäle des 15. Jahrhunderts vielfach belegt 158 .

Für den Palazzo Venezia wurde im Jahr 1457 ein umfassendes Inventar erstellt,

das eindrucksvoll die reichen Sammlungen an liturgischen Gegenständen, Silberund

Goldgeschirr, Tapisserien, Ikonen, Büchern und Antiquitäten vorführt, die

156 Vgl. als Überblick Aurigemma, Residenze cardinalizie, und Sperindei, Repertorio (mit Karte); zur

politischen Topographie und Stadtentwicklung Roms vgl. Burroughs, From signs; zu Titelkirchen,

Palästen und Grundeigentum der Kardinäle vgl. Richardson, Reclaiming Rome, bes. S. 263ff.;

zu dem Palast bei SS. XII Apostoli, der noch Bausubstanz des 15. Jahrhunderts enthält, vgl. Schelbert,

Palast.

157 Chambers, Housing problems, bes. S. 43, Nr. 3; Pius II., Commentarii I, 37, S. 106.

158 Haubst, Reformentwurf, S. 214, § 48; Esch, Le importazioni, bes. S. 37ff.; Ertl, Stoffspektakel,

bes. S. 157ff.; zum kurialen Luxus vgl. jetzt Pompa sacra.


386

Papst und Kardinalskolleg im Bannkreis der Konzilien

Pietro Barbo zusammengetragen hatte. Testamente oder Nachlassverzeichnisse

informieren im Fall Guillaume d’Estoutevilles, Francesco Gonzagas oder Francesco

Todeschini Piccolominis über die von diesen Kardinälen besessenen Wertgegenstände

159 . Aber nicht nur die mobile Ausstattung, auch die künstlerische

Wandgestaltung trug zur Repräsentativität einer Kardinalsresidenz bei. Eine

nachdrückliche Wirkung übte die Ausmalung von Giordano Orsinis Palast auf

dem Monte Giordano aus, wo sich humanistische Diskussionsrunden versammelten;

der Zyklus berühmter Männer, der dort als Wandgemälde zu bewundern

war, ist durch die mehrmals abgeschriebenen Inschriften überliefert und kann

auch in seinem Aussehen rekonstruiert werden 160 .

Auf Geräumigkeit, günstige Anordnung der Räume und einen Garten legten

die meisten Kardinäle Wert. Ein wichtiger Aspekt war dabei, dass die Kardinäle

durch Rückzug in die eigenen Räume oder in den eigenen Garten der Belastung

der ständigen Beobachtung, der sie sich ausgesetzt fühlten, entkommen und so

Erholung finden wollten. Auch in dieser Hinsicht wurde der römische Palast

Ludovico Trevisans bewundert, hinter dem sich gepflasterte Stallungen und gepflegte

Gartenanlagen mit in verschiedenen Formen geschnittenen Büschen erstreckten.

Im disabitato Roms gelegene Villen oder vigne dienten in der heißen

Jahreszeit der Naherholung. Ein aus dem 15. Jahrhundert stammendes Sommerhaus

eines Kardinals (Bessarions oder Giovanni Battista Zenos) hat sich unterhalb

des Palatins erhalten 161 . Andere begaben sich im Sommer in das Hinterland

Roms. Sie kamen dort in Familienpalästen unter, wie die Colonna-Kardinäle in

dem von Martin V. ausgebauten Genazzano, oder errichteten selbst Häuser, wie

Ludovico Trevisan, der eine Menagerie exotischer Tiere in seinem Landhaus

unterbrachte, einer ehemals verfallenen Klosteranlage bei Albano 162 .

2. Die Kardinals-familia

Kardinäle waren von einer familia umgeben, die nicht nur der praktischen Organisation

der Lebensführung diente, sondern durch Umfang, Zusammensetzung

und Auftreten Auskunft über Vermögen, Klientelbeziehungen und sonstige

Schwerpunktsetzungen ihres Herrn gab. Eine gegen Ende des Konstanzer Kon-

159 Müntz, Les arts II, S. 181–287 (Barbo); III, S. 285–297 (d’Estouteville); Chambers, Renaissance

cardinal, S. 144–188; Ertl, Stoffspektakel; Richardson, The lost will. Siehe auch oben, S. 59,

Anm. 229.

160 Amberger, Giordano Orsinis Uomini, bes. S. 253ff.; zur Ausmalung von Gonzagas Gartenwänden

Chambers, Renaissance cardinal, S. 86ff.

161 Vgl. Burroughs, From signs, S. 190–192 und im Register s. v. vigne; Richardson, Reclaiming

Rome, S. 289ff.; zu den Gärten Trevisans vgl. Märtl, Alltag, S. 129, Anm. 56 (Alessandro Gonzaga

an Barbara Gonzaga, 30. März 1462).

162 Vgl. Chambers, Renaissance cardinal, S. 75f. (nach Pius II., Commentarii XI, 22, S. 703).


Kulturgeschichte des Kardinalats: Aspekte von Kommunikation und Repräsentation 387

zils formulierte idealtypische Ordnung des Kardinalshaushalts zeigt eine an den

Haushalt des Papstes angelehnte funktionelle Differenzierung und gibt zugleich

Verhaltensnormen vor 163 . Außerhalb des Hauses und beim Empfang von Besuchern

innerhalb des Hauses sollte der Kardinal stets von seinen Kaplänen begleitet

sein. Ein auditor war für dem Kardinal übertragene Rechtssachen zuständig;

ein camerarius oder Majordomus führte die Aufsicht über das gesamte Personal

und hatte alle materiellen Angelegenheiten zu erledigen; Sekretäre, Hofmeister,

Sänger, Kammerdiener, Köche, Kellermeister, Stallmeister, Türhüter usw. walteten

ihres Amts. Jeder, der mit Vermögenswerten des Kardinals umging, hatte

darüber vor dem Kämmerer schriftlich Rechenschaft abzulegen. Breiter Raum

wird insbesondere dem Tisch des Kardinals eingeräumt.

Während Reformvorschläge um die Mitte des 15. Jahrhunderts von 40 bis

60 Familiaren ausgehen, betrachtete Paolo Cortesi im Jahr 1510 eine Zahl von

120 bis 140 Personen als angemessene Größe; die wohl am besten bekannte

familia eines Kardinals des 15. Jahrhunderts, diejenige Francesco Gonzagas, umfasste

etwa 70 bis 80 Personen und überschritt damit von Anfang an das im Reformentwurf

Pius’ II. gesetzte Limit 164 . Die Aufnahme in eine Kardinals-familia

bedeutete einen wesentlichen Vorteil, da geistliche Familiaren eines Kardinals an

der Quelle der Informationen über frei werdende Benefizien saßen und weitere

Begünstigungen genossen, z. B. beim Antritt eines Papstes Anwartschaften auf

Pfründen erbitten konnten. Unter Paul II. ließen 19 Kardinäle Rotuli für jeweils

zwölf namentlich genannte Familiaren einreichen, doch unter seinem Nachfolger

galt keine Beschränkung mehr. So wurden ein halbes Jahr nach dem Antritt Sixtus’

IV. Rotuli für Familiaren von 21 Kardinälen eingereicht, die auf einen Schlag

1.275 Personen aus der Umgebung dieser Kardinäle in den vatikanischen Registern

auftauchen lassen. Die höchste Zahl von geistlichen Familiaren wies hier

Rodrigo Borgia mit 142 Personen auf, gefolgt von Guillaume d’Estouteville mit

91 sowie Marco Barbo und Alain de Coëtivy mit je 88 Personen 165 . Noch nicht

systematisch untersucht ist, inwiefern eine Tätigkeit in den anspruchsvolleren Positionen

eines Kardinalshaushalts gerade bei Männern, die von unbedeutender

Herkunft waren, eine Karriere innerhalb der Kurie fördern konnte. Tommaso

Parentucelli wirkte jahrzehntelang als Majordomus des Kardinals Niccolò Albergati,

Jean Jouffroy fand seine erste Beschäftigung an der Kurie als Auditor des Vizekanzlers

Francesco Condulmer, Jacopo Ammannati Piccolomini arbeitete als Sekretär

Domenico Capranicas. Aber auch Laien waren in den Kardinalshaushalten

zu finden; Waffenimporte nach Rom zeigen in der zweiten Hälfte des Jahrhun-

163 Dykmans, La maison cardinalice, in: ders., Le cérémonial papal III, S. 446–461.

164 Vgl. Chambers, Renaissance cardinal, S. 12ff., hier bes. 20.

165 Schwarz, Kardinalsfamiliaren, S. 138.


388

Papst und Kardinalskolleg im Bannkreis der Konzilien

derts, dass sich einzelne Kardinäle regelrecht kleine Privatarmeen hielten 166 . Die

regionale oder im Gegenteil «gemischte» Rekrutierung einer familia bildete den

Horizont des Kardinals ab; neben seiner eigenen Herkunft konnten auch Legationen

und politische Beziehungen die Zusammensetzung der familia beeinflussen,

was insbesondere im Hinblick auf die deutschen Kurialen untersucht wurde 167 .

Familiaren von Kardinälen trugen um die Mitte des 15. Jahrhunderts wohl

meist eine Livree, doch wurde dies noch als neue Entwicklung empfunden.

Vespasiano da Bisticci bemerkt im Rückblick auf die Zeit Branda Castigliones

(† 1443), «damals» habe es noch keine Livreen gegeben. Der junge Francesco

Gonzaga erhielt 1462 den Rat, seiner Dienerschaft eine einheitliche Kleidung von

geziemendem Schnitt und ohne Stickereien zu geben, die schließlich die Gestalt

einer Livree annahm; sein Kollege Jean Jouffroy kaufte gleichzeitig einen teuren

englischen Wollstoff von dunkelroter Farbe für seine familia 168 . Dass sich Kardinalsfamilien

durch die Präferenzen des Dienstherrn im Umgangston voneinander

unterscheiden konnten, legen Bemerkungen des Papstbiographen Gaspare da

Verona nahe, der an Carvajals familia das gesittete, einfache und bescheidene Auftreten

und an d’Albrets familia den hohen Bildungsstand lobte; angeblich hatten

sogar die Köche des Kardinals bei Gaspare da Verona studiert 169 . Im Wechsel von

Alltag und Festen an der Kurie entwickelten die Kardinalsfamilien ein gewisses

Eigenleben. Charakteristisch ist jene Fazetie Poggios, in der es auf die Frage nach

dem schönsten Klang auf Erden heißt, dies sei der Klang der Glocke im Speisesaal

des Kardinals, der die Familiaren zum Essen ruft. Man erfährt auch von gegenseitigen

Einladungen oder gemeinsamen Fastnachtsveranstaltungen, bei denen die

Haushaltsangehörigen der Kardinäle in verschiedenen Verkleidungen auftraten 170 .

3. Bibliotheken und Sammlungen der Kardinäle

Kirchenreformer des 15. Jahrhunderts erwarteten von den Kardinälen, dass sie

ihre Freizeit mit angemessener Lektüre verbrächten. Ebenso wie eine Kapelle

gehörte deshalb eine Bibliothek in jeden Kardinalspalast 171 . Tatsächlich gibt es

kaum einen Kardinal des 15. Jahrhunderts, der keine Handschriften hinterlassen

hätte. Die Kardinalsbibliotheken dieser Zeit weisen ganz unterschiedliche Profile

auf, wobei die für die Überlieferung von Klassikern und Kirchenvätern wichtigen

166 Esch, Le importazioni, S. 51f.

167 Vgl. Schuchard, Die Deutschen, passim; Schwarz, Über Patronage und Klientel.

168 Vespasiano da Bisticci, Vite; Chambers, Renaissance cardinal, S. 20; Märtl, Jouffroy, S. 149f.;

Ertl, Stoffspektakel, S. 156f.

169 Gaspare da Verona, De gestis, S. 27f., 37.

170 Poggio, Facezie, Nr. 192, S. 324; Märtl, Alltag, S. 128f., 134f.

171 Haubst, Reformentwurf, S. 214, § 49; zum Forschungsstand siehe oben, S. 59, Anm. 231; zu den

Austauschbeziehungen zwischen kurialen Bibliotheken vgl. Bianca, In viaggio.


Kulturgeschichte des Kardinalats: Aspekte von Kommunikation und Repräsentation 389

Sammlungen verstärkt das Augenmerk der Forschung gefunden haben. Intellektuell

engagierte Kardinäle und ihr Umfeld nutzten Beziehungen in ihre Heimat

oder Legationen, um Handschriften zu erwerben, die dann im kurialen Milieu

weiterwirkten. So machte Nikolaus von Kues im Gefolge des Legaten Giordano

Orsini neben einer Reihe anderer Funde auch seine berühmte Entdeckung von

zwölf Komödien des Plautus, die von Poggio Bracciolini begierig erwartet und

später von Kardinal Niccolò Fortiguerri eingehend studiert wurden 172 . Etliche

Kardinäle waren auch Stammkunden des florentinischen Buchhändlers Vespasiano

da Bisticci oder gaben anderweitig Abschriften im humanistischen Geschmack

in Auftrag. Neben Kardinälen, die ihre Codices durcharbeiteten und mit Glossen

versahen, wie Nikolaus von Kues oder Jean Jouffroy, gab es Bibliophile wie Pietro

Barbo, von dem das Gerücht ging, ihm gelte die wertvolle Ausstattung der

Handschriften mehr als ihr Inhalt 173 ; auch sein Neffe Marco Barbo zeichnete sich

durch ausgesprochenen Sammeleifer aus. Nicht immer lassen sich große Sammlungen

mit spezifischen Interessen oder eigener schriftstellerischer Tätigkeit des

Besitzers in Verbindung bringen; dies ist beispielsweise der Fall bei Guillaume

d’Estouteville, der eine der größten Handschriftensammlungen zusammentrug.

Kardinalsbibliotheken trugen ab Sixtus IV. dank des Spolienrechts in erheblichem

Umfang zum Grundstock der Vatikanischen Bibliothek bei. Die bedeutende

Sammlung des Giordano Orsini, die aufgrund seines Testaments dem Kloster

S. Biagio an der Via Giulia erhalten bleiben sollte, wurde auf Anweisung Papst

Pius’ II. beim Kapitel von St. Peter untergebracht 174 . Mit dem Fortschreiten des

15. Jahrhunderts werden auch die Nachrichten zu Antikensammlungen von Kardinälen

häufiger 175 . Zu den großen Sammlern antiker Objekte gehörten Prospero

Colonna, Ludovico Trevisan, Pietro Barbo und Francesco Gonzaga, während

Guillaume d’Estouteville sich bevorzugt für Inschriften interessierte. Barbo hatte

sich eine hervorragende Kennerschaft antiker Münzen erworben und offenbar

ein eigenes Klassifizierungsprinzip entworfen, wie aus dem Inventar des Palazzo

Venezia hervorgeht; auch präsentierte er stets bereitwillig seine Schätze. Als er

Papst geworden war, kaufte er Münzen und Kunstgegenstände aus dem Nachlass

Trevisans auf. Einzelne, heute noch erhaltene Kunstwerke lassen sich durch den

Besitz mehrerer Kardinäle verfolgen, so die Gruppe der drei Grazien, die sich

im Besitz Prospero Colonnas nachweisen lässt und schließlich über Francesco

Todeschini Piccolomini in die Bibliothek am Dom zu Siena gelangte.

172 Acta Cusana I, 1, Nr. 66, S. 22f.; Nr. 67, S. 25; Nr. 73, S. 27f. (Briefe Poggios an Niccoli, 1429);

Gaspare da Verona, De gestis, S. 31.

173 Vgl. Märtl, Jouffroy, S. 291ff.

174 König, Kardinal Giordano Orsini, S. 106.

175 Vgl. Chambers, Renaissance cardinal, bes. S. 74ff.; Cavallaro, Introduzione, in: Collezionismo;

Genovese, La collezione; Richardson, Reclaiming Rome, S. 431f.; Pfisterer, Lysippus.


390

Papst und Kardinalskolleg im Bannkreis der Konzilien

4. Bildliche Darstellungen von Kardinälen

Kardinäle sind auf bildlichen Darstellungen des Spätmittelalters häufig leicht

als solche zu identifizieren, sind sie doch in ihrer Kleidung zumindest durch den

Hut und nicht selten auch durch die cappa magna gekennzeichnet. Außer Hut

und cappa gehörten zum kardinalizischen Ornat noch ein Ring mit Saphir (wohl

ein Lapislazuli), der dem neuen Kardinal während seiner Erhebung vom Papst

im Zusammenhang der Zuweisung einer Titelkirche überreicht wurde, und eine

silberne, teilweise vergoldete kleine Glocke, die ihm wohl meist von älteren

Kollegen geschenkt wurde 176 . Die zahlreichen im 15. Jahrhundert entstandenen

Abbildungen rotgewandeter Kardinäle mit dem Kardinalshut auf dem Kopf sind

jedoch nicht als Wiedergabe kardinalizischer Kleidungsgewohnheiten aufzufassen,

sondern verdanken sich dem Bestreben der Künstler, Kardinäle eindeutig als

solche zu markieren. Anders als die Bilder suggerieren, trugen Kardinäle sowohl

im Alltag als auch bei feierlichen Gelegenheiten keine charakteristische Standestracht,

die sie eindeutig von anderen hohen Würdenträgern der Kurie unterschieden

hätte. Mit Ausnahme des rein zeremoniell, nicht als tägliche Kopfbedeckung

zu verstehenden roten Huts war der Gebrauch der Farbe Rot durch

die Kardinäle strenger Beschränkung unterworfen. Bei den großen Auftritten

gemeinsam mit dem Papst trugen sie eine weiße Mitra und nach ihren Weihegraden

abgestufte liturgische Kleidung. Von Ordensangehörigen unter den Kardinälen

wird berichtet, dass sie ihr Ordensgewand auch nach der Erhebung zum

Kardinal beibehielten. Kardinallegaten trugen während der Dauer ihrer Legation

die dem Papst vorbehaltene rote Kleidung, hatten sie aber bei der Rückkehr wieder

abzulegen. Als Paul II. den Kardinälen Ende 1464 rote Birette und später die

Verwendung roter Pferdedecken bei Prozessionen gestattete, wurde dies in seiner

Signalwirkung sogleich aufmerksam registriert, da er damit den Kardinälen für

einen kleinen Teil ihrer gewöhnlichen Kleidung die päpstliche Farbgebung zugestand

177 .

Die Traktate zum Kardinalat bemühten sich, die für den Kardinal typischen

Kleidungsstücke als Visualisierung von Rang, Ansprüchen und Tugenden symbolisch

zu deuten. So sollten die rote Farbe des Huts auf das Blut der Märtyrer

und die reinigende Kraft des Feuers, seine Kordeln auf die Verbindung des Kardinals

zu Kirche und Papst, die Weite wie Länge der cappa auf Geheimhaltungspflicht,

würdige Gesetztheit und Beharrlichkeit des Trägers hindeuten. Der La-

176 Vgl. zum Folgenden jeweils mit weiteren Hinweisen Berthod, From papal red; Richardson, Reclaiming

Rome, S. 106, 122ff., 185; Märtl, Zwischen Habitus.

177 Dykmans, L’œuvre I, S. 158, Nr. 424; Richardson, Reclaiming Rome, S. 124, 136f.; Märtl, Zwischen

Habitus.


Kulturgeschichte des Kardinalats: Aspekte von Kommunikation und Repräsentation 391

pislazuli des Rings verwies durch seine Farbe auf den Himmel, die Glocke auf die

Verpflichtung des Kardinals zur Wachsamkeit 178 . Die mit einer pelzgefütterten

Kapuze und einer Schleppe versehene cappa magna war, nach ihrem Schnitt zu

urteilen, aus einem Chormantel nach dem Vorbild der Amtstracht der Universitätsgelehrten

weiterentwickelt worden. Dies steht im Zusammenhang mit der

Propagierung des Hieronymuskults und der Darstellung des Kirchenvaters als gelehrten

Kardinals, die das Modell für den kardinalizischen Habitus abgab 179 . Am

Ende des 15. Jahrhunderts deutet sich ein Wandel in der Darstellung der Kardinäle

an, welcher die schwere cappa im Laufe des 16. Jahrhunderts aus den Kardinalsporträts

allmählich verschwinden lässt. Die Kardinalsdarstellungen ahmen

nun zunehmend jenen um die Jahrhundertwende aufkommenden Typ päpstlicher

Bildnisse nach, in denen die Pontifices nicht mehr im großen Ornat erscheinen,

sondern dem Betrachter mit mozzetta und Rochett vor Augen treten.

Entsprechend der allgemeinen Entwicklung der Kunst nehmen im 15. Jahrhundert

individuelle Porträts von Kardinälen 180 zu. Als eigentümliches Phänomen

dieses Zeitraums sind Darstellungen von Kardinälen in Gestalt des heiligen Hieronymus

hervorzuheben, wobei hier die Identifikationen allerdings oft umstritten

sind. Während der Detroiter Hieronymus im Gehäus weithin als Porträt Niccolò

Albergatis akzeptiert wird, ist das in Wien hängende Porträt eines älteren Mannes

von Jan van Eyck höchstwahrscheinlich nicht mit diesem Kardinal in Verbindung

zu bringen; für das Tafelbild des heiligen Hieronymus im Gehäus von Antonello

da Messina wurden Identifizierungen mit Nikolaus von Kues und Marco Barbo

vorgeschlagen 181 . Häufig stehen die Porträts in Zusammenhang mit Stiftungen, in

deren Rahmen sich die Kardinäle auf Altarbildern abbilden ließen oder zum Gedächtnis

im Nachhinein abgebildet wurden, so Jean Rolin in Autun, Nikolaus von

Kues in der Hospitalkirche zu Kues, Juan de Torquemada und Oliviero Carafa in

S. Maria sopra Minerva. Von Pietro Barbo, Guillaume d’Estouteville und Alain de

Coëtivy sind plastische Stifterbildnisse erhalten 182 . Darstellungen von Kardinälen

im Medium der Buchmalerei sind noch kaum untersucht; sie treten als Autoren

(Enea Silvio Piccolomini), Empfänger von Widmungen (Jean Jouffroy) oder Besitzer

von Handschriften (Hugues de Lusignan, Antonio de Cerdá) auf; im letztgenannten

Fall handelt es sich um eine Handschrift mit Briefen des heiligen Hie-

178 Zur symbolischen Deutung der Gewänder am Beispiel eines Traktats Jean Jouffroys vgl. Märtl,

Jouffroy, S. 197.

179 Meiss, Scholarship; Rice, Saint Jerome; Russo, Saint Jérôme; Wiebel, Askese; Märtl, Zwischen

Habitus.

180 Eine eigene Arbeit hierzu fehlt, doch vgl. das Bildmaterial in Haidacher, Geschichte.

181 Märtl, Zwischen Habitus; Ridderbos, Saint; Aikema, De Heilige Hieronymus.

182 Richardson, Reclaiming Rome, S. 348f., mit Abb. 89; Haidacher, Geschichte, S. 213; Prigent, Art,

Tafel XXXII, Abb. 8.


392

Papst und Kardinalskolleg im Bannkreis der Konzilien

ronymus 183 . Neu und zeittypisch ist die Gestaltung von Medaillen auf Kardinäle

184 ; von besonderem Interesse hinsichtlich der kommunikativen Intention ist

eine Medaille Guillaume d’Estoutevilles, für die das Entstehungsdatum 1458 und

ein Zusammenhang mit der Papstwahl dieses Jahres wahrscheinlich gemacht wurden.

Versehen mit einer rühmenden Umschrift, sollte die Medaille mit dem Profil

des französischen Kardinals wohl dessen Kandidatur propagieren.

5. Grabanlagen und Stiftungen

Zahlreiche römische Kirchen beherbergen Grabanlagen von Kardinälen, die sich

um die Mitte des 15. Jahrhunderts rasch im Stil der Renaissance zu entwickeln

begannen 185 . Das erste Beispiel des nachmals verbreiteten Typs scheint das nur

mehr unvollständig erhaltene Grabmal des Kardinals Antonio Martins de Chavez

(† 1447), dessen Urheber umstritten ist, im Lateran geboten zu haben; danach

übernahm die Werkstatt des Andrea Bregno für etwa ein halbes Jahrhundert eine

Art Monopolstellung in der Verfertigung von Kardinalsgräbern. Ihr erstes erhaltenes

Produkt ist das Grab des Louis d’Albret († 1465) in S. Maria in Aracoeli.

Überwiegend sind diese Gräber als Nischen- oder Wandgräber gestaltet, in denen

auf einem Sarkophag die Bildnisfigur des mit liturgischen Gewändern und einer

Mitra bekleideten Kardinals liegt. Personifikationen und Heiligenfiguren präsentieren

Tugenden und religiöse Verbundenheiten des Verstorbenen; eine Inschrift

rühmt seine Laufbahn, seine Verdienste für die römische Kirche sowie sonstige

Leistungen und Eigenschaften. Bisweilen waren Abbildungen des Verstorbenen

als knienden Beters in das Grabmal integriert; älteren Traditionen folgend, fanden

sich solche Darstellung meist in den Lünetten des Grabaufbaus, deren Ausmalung

heute oft verloren ist. Das wohl bekannteste Beispiel der plastischen Darstellungen

eines knienden Beters im Zusammenhang einer Grablege ist in Rom

das Epitaph des Nikolaus von Kues in S. Pietro in Vincoli; auch außerhalb Roms

sind mindestens zwei Beispiele nachzuweisen, Jean Jouffroy in seiner Grabkapelle

im Dom zu Albi und Oliviero Carafa in der Familienkapelle der Carafa in Neapel.

Kardinalsgräber außerhalb Roms gehorchten eigenen Traditionen. Die Darstellung

des Verstorbenen als verwesenden Leichnams oder Skeletts, für die das

Grab des Kardinals Jean de la Grange († 1402) in St-Martial in Avignon eines der

ältesten Beispiele bietet, war in Rom nicht üblich; Jean Jouffroy und Peter von

Schaumberg ließen jedoch einen «Transi» in ihre Grabanlagen in Albi und Augs-

183 Vgl. Piccolomini, De viris illustribus, Abb. nach S. XV; Märtl, Jouffroy, S. 207; Hunter, Who is,

S. 214, Abb. 8; Ruysschaert, Une annonciation.

184 Riegel, Medaillen.

185 Vgl. Kühlenthal, Andrea Bregno; Richardson, Reclaiming Rome, S. 351ff., 448ff.; zusammenfassend

zum Berliner Requiem-Projekt: Zitzlsperger, REQUIEM.


Kulturgeschichte des Kardinalats: Aspekte von Kommunikation und Repräsentation 393

burg integrieren 186 . Grabanlagen von Kardinälen wurden nicht immer von ihnen

selbst, sondern oft auch von Testamentsvollstreckern, Nepoten und sonstigen

Verwandten oder dem Papst in Auftrag gegeben. Wer es allerdings versäumte,

beizeiten selbst für seine memoria zu sorgen, riskierte sein Andenken. Dies war

gerade bei sehr reichen Kardinälen der Fall. Ludovico Trevisan († 1465) hatte

zwar ein Testament gemacht, doch wurde dieses von Paul II. kassiert. Ob die eher

bescheidenen Anordnungen der Apostolischen Kammer für ein Grab des Kardinals

ausgeführt wurden, ist nicht klar; im Jahr 1505 wurde jedenfalls ein Grab

in seiner Titelkirche S. Lorenzo in Damaso errichtet, das den Verstorbenen, der zu

Lebzeiten als Kämmerer, Feldherr, Admiral, Gartenliebhaber und Tierzüchter von

sich reden gemacht hatte, mit einer griechischen Inschrift und über einem Stapel

von Büchern liegend als Freund humanistischer Bildung zeigt 187 . Gar kein Grabmonument

erhielt Guillaume d’Estouteville († 1483) in Rom, obwohl er in seinem

Testament und vier Kodizillen ein Begräbnis in seiner Kathedrale in Rouen, in

S. Maria Maggiore oder S. Agostino angeordnet hatte. Er hatte diese Kirche eines

Augustinerkonvents in der Nähe der Piazza Navona auf eigene Kosten erbauen

lassen. Hier hatte der nach kurzem Kardinalat verstorbene, aus dem Augustinereremitenorden

kommende Alessandro Oliva († 1463) im Jahr 1475 ein Grabmal

erhalten; der Humanist Jacopo Ammannati Piccolomini († 1479) wollte sich neben

seiner Mutter ein Monument mit originellem Programm 188 im Chor setzen

lassen. Bewunderer der Kirche suchten jedoch vergeblich nach einem Grab des Erbauers,

der über vier Jahrzehnte eine der wichtigsten Figuren im Kardinalskolleg

gewesen war. Der als unermesslich reich geltende Kardinal hatte sich nicht rechtzeitig

um seine Grabstätte bemüht, während er in Rouen noch zu seinen Lebzeiten

ein Herzbegräbnis nach königlichem Vorbild errichtet hatte 189 . Dass die Verweigerung

einer repräsentativen Grabstätte Absicht sein konnte, lehrt das Beispiel

Marco Barbos, der sich allein eine Inschriftenplatte bescheidenen Ausmaßes in

seiner Titelkirche S. Marco setzen ließ.

Aufs höchste gefordert waren schließlich Kardinalnepoten beim Tod eines

Papstes. Keiner der römischen Päpste des 15. Jahrhunderts traf selbst für sein

Grab Vorsorge, während es für die Kardinalnepoten darauf ankam, das politische

und religiöse Gewicht des Verstorbenen auch im Interesse ihres eigenen Status

zu verewigen 190 .

186 Märtl, Jouffroy, S. 228f.; Grünsteudel/Hägele/Frankenberger, Augsburger Stadtlexikon ( 2 1998),

S. 707; Röll, Nordeuropäisch-spätgotische Motive; Biget, La chapelle, S. 36; Haidacher, Geschichte,

S. 205.

187 Vgl. Richardson, Reclaiming Rome, S. 431–433, mit Abb. 102, S. 366.

188 Ladegast, Liturgie.

189 Vgl. Gill, Death; Richardson, Reclaiming Rome, S. 449, 455.

190 Vgl. ebd., S. 345–382.


394

Papst und Kardinalskolleg im Bannkreis der Konzilien

Viele Kardinäle des 15. Jahrhunderts tätigten noch zu Lebzeiten oder per

Testament 191 umfangreiche fromme Stiftungen, die teilweise bis heute existieren.

Häufig waren Verfügungen über die Bibliothek des Verstorbenen in die Stiftungspläne

integriert. Bessarion, der in Rom in seinem Palast bei SS. XII Apostoli ein

Zentrum griechischer Kultur geschaffen hatte, überlegte lange, wohin er seine

Handschriftensammlung stiften sollte. Er hinterließ sie schließlich der Markusrepublik

in der Absicht, sie dort öffentlich zugänglich zu machen. Venedig wusste

jedoch zunächst wenig mit den Handschriften anzufangen, die schließlich als

wichtiger Bestand in die Biblioteca Marciana eingingen 192 . Wurde die Bibliotheksstiftung

Bessarions von der Sorge um die Überlieferung der griechischen

Philosophie und Literatur getragen, so war die Stiftung des Nikolaus von Kues

in seinem Geburtsort an der Mosel durch religiös-soziale Motive angeregt. Der

deutsche Kardinal bereitete die Gründung eines Hospitals für arme Alte gemeinsam

mit seinen Verwandten sorgfältig vor und sicherte sie durch päpstliche

Privilegien ab; ein gegen Ende des 15. Jahrhunderts errichteter Bibliotheksraum

beherbergt einen großen Teil der von dem Kardinal besessenen Handschriften.

In den Kernbauten inzwischen musealisiert, erfüllt die Stiftung des Nikolaus

von Kues in zeitgemäß angepasster Form bis heute die ihr zugedachte Funktion

als Altenheim. Daneben tätigte der Cusanus jedoch noch zahlreiche weitere Stiftungen

193 . Domenico Capranica gründete in seinem römischen Palast für arme

Studenten das heute noch existierende Collegio Capranica, dem er seine Handschriften

hinterließ, die auf Umwegen im 20. Jahrhundert in die Biblioteca Apostolica

Vaticana gelangten 194 . Juan de Torquemada hingegen rief eine Bruderschaft

zugunsten armer römischer Mädchen ins Leben, die diesen eine Mitgift

sichern sollte 195 . Abgesehen von diesen institutionalisierten Verfügungen mit

Memorialcharakter wird von vielen Kardinälen auch berichtet, dass sie bereits

zu Lebzeiten Bedürftige, insbesondere mittellose Studenten, unterstützten. Des

Weiteren entfalteten sie eine rege Tätigkeit als Bauherren und Förderer bildender

Kunst, um ihre Titelkirchen oder kirchliche Einrichtungen, mit denen sie als Besitzer

von Pfründen und Ämtern oder auf andere Weise besonders verbunden waren,

zu erhalten oder zu verschönern 196 .

191 Zu Testamenten von Kardinälen des 15. Jahrhunderts vgl. jetzt ebd., S. 424ff. und oben S. 59.

192 Vgl. Labowsky, Bessarion’s library.

193 Vgl. Hensel-Grobe, Das St.-Nikolaus-Hospital; umfassende Darstellung aller Stiftungsaktivitäten

des Cusanus bei Tritz, Die Stiftungen.

194 Vgl. zuletzt Saraco, Il cardinale Domenico Capranica und oben S. 59.

195 Vgl. Sieben, Torquemada, hier Sp. 1049.

196 Zahlreiche Hinweise auf Mäzenatentum im Umfeld der Kurie vgl. in dem Ausstellungskatalog

Il 400 a Roma; jetzt eingehend Richardson, Reclaiming Rome S. 157ff.


Kulturgeschichte des Kardinalats: Aspekte von Kommunikation und Repräsentation 395

6. Kardinäle als Schriftsteller

Die Bedeutung literarischer Bildung für die Kardinäle des 15. Jahrhunderts veranlasste

Paolo Cortesi in seinem eingangs erwähnten Traktat über die Kardinalswürde

zu der Behauptung, dass bevorzugt Männer, die Kommentare oder eigene

Werke verfasst hätten, in das Kolleg aufzunehmen seien, da sich in diesen Tätigkeiten

am klarsten Gesinnung und Lebensweise des Kandidaten zeigten 197 .

Tatsächlich traten in den Pontifikaten von Martin V. bis Paul II. viele Kardinäle

als Schriftsteller hervor, wobei hier die mehrfach überlieferten, in anderem Zusammenhang

zu behandelnden Reformvorschläge aus kardinalizischer Feder beiseitegesetzt

seien. Von überragender Wichtigkeit war die Tätigkeit Bessarions als

Übersetzer griechischer Texte und Kritiker der Übersetzungen des Georg von Trapezunt.

Der griechischen Sprache bediente sich Isidor von Kiew, dem eine mangelhafte

Kenntnis des Lateinischen nachgesagt wurde, für einige theologische

Schriften. Als Theologe, Philosoph, Mathematiker und Kirchenrechtler verkörperte

Nikolaus von Kues den Typus des einerseits spekulativ, andererseits praktisch

veranlagten Universalgelehrten. Cusanus wollte in die Breite wirken: Neben

etwa 300 Predigten belegen dies einige sprachlich bewusst einfach gehaltene Traktate,

wie etwa De visione Dei, ein Werk, das er für die Mönche von Tegernsee

schrieb, und seine didaktisch-pädagogischen Hilfskonstruktionen, wie das von

ihm erfundene Globusspiel (De ludo globi), das die Annäherung der Seele an Gott

illustrieren sollte. Über seine intellektuellen Leistungen geben auch die Randnotizen

seiner Handschriften 198 Auskunft, in denen er historisch-kritischen Sinn bewies.

Nikolaus von Kues widmete Pius II. während des Kongresses von Mantua

seine Schrift De pace fidei, um engagiert den Weg der Glaubensdiskussion für den

Umgang mit den Muslimen zu empfehlen; Juan de Torquemada stellte gleichzeitig

die religionsgeschichtliche und dogmatische Grundlage bereit, aus der Pius II.

seine Kenntnisse des Islam in seinem Brief an Mehmed bezog. Torquemada hinterließ

ein reiches, zum Teil ungemein breit überliefertes theologisches und kanonistisches

Œuvre, darunter eine umfassende Summa de ecclesia 199 . Er beteiligte

sich mit einer eigenen Stellungnahme an der letzten großen Diskussion über die

Armutsbewegung, die unter Paul II. anlässlich der Verhaftung einiger Fratizellen

stattfand. Während der Dominikaner Torquemada die Vorstellung einer armen

Urkirche, die jedem Christen als Vorbild zu gelten habe, verteidigte, vertrat Jean

Jouffroy in einem Bessarion gewidmeten Traktat die Meinung, der Fortschritt der

197 Cortesi, De cardinalatu II, 31.

198 Vgl. die Beschreibungen von Handschriften aus dem Besitz des Cusanus in: Mitteilungen und Forschungsbeiträge

der Cusanus-Gesellschaft 3 (1963) bis 16 (1984).

199 Vgl. Kaeppeli, Scriptores III, S. 24–42.


396

Papst und Kardinalskolleg im Bannkreis der Konzilien

Zeiten rechtfertige die Tendenz zum Luxus, die unter Paul II. an der Kurie um sich

griff. Auch hatten die Kardinäle teil am Aufschwung humanistischer Oratorik, sei

es, dass sie selbst Reden hielten, wie Giovanni Castiglione, Bessarion und vor

allem Jean Jouffroy 200 , sei es, dass sie – zumal während ihrer Legationen – wiederholt

mit Reden empfangen und verabschiedet wurden 201 . Auch die historiographischen

Bemühungen einzelner Kardinäle waren stark vom Humanismus geprägt.

Dies gilt für Enea Silvio Piccolomini, der in seiner kurzen Zeit als Kardinal

(Dezember 1456 bis August 1458) mit der Überarbeitung der Historia Austrialis,

der Historia Bohemica und der Europa einen bedeutenden Teil seines historiographischen

Werks schuf, wozu noch die sogenannte Germania kommt. Der von

ihm protegierte Jacopo Ammannati Piccolomini verfasste bis 1469 reichende

Commentarii zeitgeschichtlichen Inhalts, verarbeitete den Konflikt Pauls II. mit

den Grafen von Anguillara in einer Dichtung und begann ein erstes, nur unvollständig

erhaltenes Diario concistoriale, das wertvolle Nachrichten über öffentliche

und geheime Konsistorien bietet. Jean Jouffroy überreichte Pius II. eine stark

tendenziöse Geschichte Herzog Philipps des Guten von Burgund, die der Papst

teilweise in seinen Commentarii verwertete.

Von den umfangreichen Kardinalsbriefwechseln des 15. Jahrhunderts seien angesichts

des unbefriedigenden Bearbeitungsstands nur wenige bereits erschlossene

Beispiele 202 genannt, die für die Themenfelder, welche in diesen Korrespondenzen

typischerweise vorkommen, stehen. Für die Beziehungen innerhalb des Kardinalskollegs

und die Lebenswelt eines humanistisch gebildeten Kardinals ungemein aufschlussreich

ist der ausgedehnte Briefwechsel Jacopo Ammannati Piccolominis.

Höchst interessant sind zumal jene Schreiben, in denen die Spannungen zwischen

Paul II. und dem Kolleg, Pfründen- und Einkommensprobleme oder Aktivitäten

während der Sommerpause thematisiert werden. Nikolaus von Kues führte mit

den Mönchen von Tegernsee eine Korrespondenz, in der neben der Erörterung

theologischer Fragen immer wieder auch Persönliches zur Sprache kam; daneben

ist von ihm eine beträchtliche Anzahl von Schreiben eher administrativen Charakters

oder – zumal im Zusammenhang mit den Konflikten im Bistum Brixen –

kirchenpolitischen Inhalts bekannt. Ludovico Trevisan stand mit Angehörigen der

Familie Caetani in einem regen Briefwechsel, der die Verflechtung eines Kardinals

in die regionale Adelswelt im Umland Roms gut zu illustrieren vermag. Verstreut

publizierte Schreiben Francesco Todeschini Piccolominis belegen die weit ge-

200 Vgl. Märtl, Jouffroy, S. 347–351, darunter eine Rede zur Überreichung des roten Huts an Jean

Balue, S. 349, Nr. 27.

201 Zahlreiche Hinweise auf solche Reden, die noch zu untersuchen wären, bietet Kristeller, Iter italicum.

202 Zum Forschungsstand siehe oben, S. 57–59.


Kulturgeschichte des Kardinalats: Aspekte von Kommunikation und Repräsentation 397

spannten politischen Interessen des Kardinals, der von seinem Onkel Enea Silvio

die Vertretung von Belangen aus dem deutschen Reich übernommen hatte, aber

auch zur Anlaufstelle für englische Petenten wurde und am Ende des Jahrhunderts

als Legat über den französischen Einmarsch in Italien berichtete.

Die Kardinäle des 15. Jahrhunderts haben schließlich auch neue mediale Kommunikationsformen

gefördert. Noch eher traditionell, doch aufgrund der seltenen

Erhaltung derartiger Gegenstände bemerkenswert ist die Tafel in niederdeutscher

Sprache, die Nikolaus von Kues während seiner Deutschlandlegation

zur Belehrung der Laien in Hildesheim aufhängen ließ 203 . Enea Silvio Piccolomini,

damals noch nicht Kardinal, beschrieb dem Kardinallegaten Juan de Carvajal

Lagen der von Gutenberg gedruckten Bibel, die er 1454 in Frankfurt oder

1455 in Wiener Neustadt gesehen hatte, und pries dem offenkundig fehlsichtigen

Spanier die leichte Lesbarkeit der Lettern 204 . Juan de Torquemada erdachte Meditationes

de vita Christi, die im Druck zusammen mit Holzschnitten verbreitet

wurden, welche Motive eines von dem Kardinal für den Kreuzgang von S. Maria

sopra Minerva in Auftrag gegebenen Bilderzyklus aufnahmen. Vermutlich initiierte

Torquemada, der als Kommendatarabt von Subiaco über die Niederlassung

der Drucker Sweinheim und Pannartz in dem Kloster informiert gewesen sein

dürfte, die von Han in Rom 1467 gedruckte erste Auflage seiner Meditationes

selbst 205 . Die ersten Frühdrucker in Rom, die meist Kleriker deutscher Herkunft

waren, bewegten sich im klientelären Umfeld der Kardinalsfamilien; vom intellektuellen

Milieu des Nikolaus von Kues war auch sein Sekretär Giovanni

Andrea Bussi geprägt, der – freilich nach dem Tod des Cusanus – zu einem der

bedeutendsten Anreger römischer Druckprojekte wurde 206 .

Viele, im Einzelnen bisweilen widersprüchliche Faktoren wirkten zusammen,

um das Kardinalskolleg während der Pontifikate von Martin V. bis einschließlich

Paul II. zu einer kulturfördernden Institution ersten Rangs zu machen: Das im

heiligen Hieronymus verkörperte Leitbild des gelehrten Kardinals, die wachsenden

Repräsentationsansprüche eines fürstlichen Modells des Kardinalats, die

Sorge um die erneute Stärkung der ecclesia Romana, die zunehmende Orientierung

an humanistischer Intellektualität und Renaissanceästhetik auf der einen,

doch auch die Bemühungen um eine Kirchenreform, um den Türkenkrieg und die

Pflege des traditionellen Patronage- und Klientelwesens auf der anderen Seite verliehen

in dieser Zeit den kulturellen und intellektuellen Aktivitäten der Kardinäle

eine unerhörte Dynamik.

203 Vgl. Rieckenberg, Katechismus-Tafel.

204 Vgl. Meuthen, Ein neues frühes Quellenzeugnis; Davies, Juan de Carvajal; Sandal, Il libro.

205 Vgl. Kaeppeli, Scriptores III, S. 40f., Nr. 2736; Richardson, Reclaiming Rome, S. 169–174.

206 Vgl. Esch, Deutsche Frühdrucker; Saggi di stampa; Israel, Romnähe, bes. S. 284–286.

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine