Besuch in Gießen Besuch in Gießen - Gießener Allgemeine

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BrAd ShAWS kOLuMNe

Brad Shaw schreibt exklusiv Kolumnen

für den streifzug. Normalerweise veröffentlicht

der Journalist sie im Netz auf

www.bradsticks.com. Sein Blog befasst

sich mit Lifestyle, Fashion, Musik, Promis

und Kultur – und immer wieder mit

der Suche nach Mr. und Mrs. Right.

Stadtplan

Auf dem Plan einer durchschnittlichen Stadt

wie Gießen oder Hanau oder Laubach gibt es

zuerst die Straßen, die nach Gebäuden benannt

sind. Dann die Straßen, die nach Politikern benannt

sind. Und schließlich die Straßen, die

nach herausragenden Menschen benannt sind –

im Land der Dichter und Denker sind das gerne

Literaten. Ich war direkt über Los gegangen,

hatte Turmstraße und Berliner-Straße überquert,

als ich plötzlich vor den ganz Großen stand:

Lessing, Schiller und Goethe. Und während ich

auf ihren Straßen wandelte, frage ich mich, wie

sie Städte damals wohl benannt hätten. Und

wie sie diese Straßen begehen würden –

in ihrem Monopoly.

Das klang dann so: Wäre ich eine Stadt, wärst

du die Hauptstraße. Der große Boulevard, der

Leben in die Peripherie pumpt. Wie die Hauptschlagader

Blut in die Körperteile. Und all die

anderen Straßen wären nur Abzweigungen, die

irgendwann wieder zu dir zurück führen. Vielleicht

auf Umwegen, vielerorts ganz direkt. Weil

du die Schlossallee bist, die zum Luftschloss

führt, das ich für uns gebaut habe. Im Zentrum

dieser Stadt. Dort, wo mein Leben beginnt. Wie

am Anfang der Hauptschlagader. Dort, wo der

Puls gemacht wird, den mein Herz schlägt.

Wärst du eine Stadt, wäre ich der Bürgermeister.

Dann würde ich deine Straßen nach dem benennen,

was dich ausmacht. Dem Wahren, dem

Schönen und dem Guten. Und ich würde durch

diese Straßen wandern und dich bewundern.

Sehen, wie du im Morgentau glänzt, wie du im

Sonnenuntergang leuchtest, wie du im Sternenlicht

schimmerst. Und im Zentrum dieser Stadt

läge der »Walk of Fame«. Und wenn ich dich

am Ende dieser Straße erreiche, füllst du mich

wieder mit Leben an. Wie die Lunge das Blut

aus den Venen mit Sauerstoff.

Wäre ich eine Straße, würde ich zu dir führen.

Schritt für Schritt, Minute für Minute. Über

Kilometer und durch Lichtjahre, über Berge und

durch Täler, durch Wüsten und über Meere. Bis

zu deinen Toren und hindurch. Wie der große

Boulevard, der in deine Mitte führt wie die

Hauptstraße ins Zentrum deiner Stadt. Durch

dein Ghetto, dein Vergnügungsviertel und

deinen Sperrbezirk. Vorbei am Elend deiner

Peripherie, am Glanz deiner Schlösser und den

langen Schatten deiner Wolkenkratzer, wenn

deine Sonne im Zenit steht. Bis ich dich erreiche.

Wärst du eine Straße, würde ich mit dir

gehen. Tag und Nacht, über Stock und Stein,

bei Wind und Wetter, durch Wälder und durch

Nebelfelder. Bis wir auf gleicher Höhe sind.

Und wenn ich den Weg verliere, würde ich dich

suchen. In deinem Zwielicht und deinen Dunkelheiten,

in deinen Höhenlagen und Untiefen.

In dir, um dich und um dich herum. Bis ich wieder

mit dir reise. In Richtung deines Herzens.

Wie das Blut, das um das Herz kreist wie meine

Gedanken um dich. Heute und morgen.

Wäre ich ein Gedicht, dichtete ich dir den Himmel

an. Wirklich: das Wahre, das Schöne und

das Gute. Fuck you, Goethe, bin ich aber nicht!

Im Grunde bin ich sogar meilenweit entfernt

davon. So wie du. Und wäre ich eine Stadt,

würde ich dich rausschmeißen. Hätte ich vielleicht

schon früher machen sollen. Aus meinem

Schlafzimmer. Aus Trotz. Weil deine Straße eine

Einbahnstraße ist und deine Stadt jeder Belagerung

trotzt. Weil die Wege, die in dich hineinführen,

nicht die sind, die ich gehen will. Wärst

du ein Gedicht, dann eins mit Fehlern. In Rhythmus

und Klang, in Ton und Tempo. Zum Glück

bin ich kein Dichter. Also scheißen wir mal auf

Schönwetterworte und nennen die Dinge beim

Namen. Unverblümt: Im Regelfall beginnt Dichtung

genau dort, wo die Räson endet. Und so

ist Lyrik immer ein leichtes Mittel, um den Geist

zu benebeln. Vor allem den eigenen. Ich kam

nicht umhin, mich zu fragen: Wäre ich ein

Monopoly-Spiel – wie würde ich meine Straßen

benennen? Fakt ist, dass der Mensch nur Dinge

benennt, die ihm relevant erscheinen. Das klingt

dann so: Hasi, Schatzi oder Sozialtourismus.

Manchmal einfach: Arschloch! In meiner Stadt

trügen die Straßen die Namen meiner Freunde,

die von Britney-Spears-Alben und Burger-Sorten,

vegetarische Burger ausgenommen. Sicherlich

würde eine Straße auch Arschloch-Allee

heißen. Oder so. Als Platzhalter für dich. Wahrscheinlich

sogar auf Höhe der Schlossallee. Weil

es in jeder durchschnittlichen Stadt einen herausragenden

Menschen gibt, der auf normalem

Wege besonders schwer zu erreichen ist; zu

dem uns aber alles drängt, wie in »Faust« alles

zum Golde. Und der Plan? Das Ende der Straße

so lange belagern, bis der Weg frei ist. Auf der

Straße zum Wahren, zum Schönen und zum

Guten. Denn das, meine Damen und Herren,

verbindet Literaten, Städteplaner und Verliebte

gleichermaßen: Im Grunde benennen und

arrangieren sie Dinge vor allem nach Wertigkeiten.

Am liebsten nach positiven. Und ich

will dich noch nicht aus meinem Stadtplan

streichen. Aber liebend gern dein Straßenschild

übermalen, Hasi.

Herz drum. Fertig.

Zumindest vorerst ...

Brad Shaw

Magazin für Stadt und Landkreis Gießen

7. Jahrgang · 2/2014

@

Besuch in Gießen

Matthias Schweighöfer stellt

im Kinopolis seinen neuen Film

»Vaterfreuden« vor

Werde Freund und erfahre, was

in deiner Stadt passiert und

was im Nachtleben angesagt ist!

Blickpunkt Rampenlicht

Straßennamen in

Gießen: Wer bestimmt,

wie meine Straße

heißt? Seite 4

Autor Dietrich Faber

im Interview über

sein drittes Buch mit

Bröhmann. Seite 12

2/2014 streifzug 11

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