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Brinkmann: »Gottfried-

Arnold-Straße fehlt«

Professor Heinrich Brinkmann

kennt sich aus in Gießen. Er

weiß, wo welche Straßen zu

finden sind, denn er gehört

seit 1985 der Straßenbenennungskommission

der Universitätsstadt

an. Im Interview

mit dem streifzug erzählt der

71 Jahre alte Geisteswissenschaftler

über seine Arbeit

in diesem Kreis.

Heinrich Brinkmann lebt in Gießen in der Stephanstraße.

Foto: Archiv

Herr Brinkmann, Sie wohnen in der

Stephanstraße. Wo hat die ihren Namen

her? Keine Ahnung. Die Straße ist in den

1920er Jahren gebaut worden. Es kann sein,

dass damit ein ehemaliger Postangestellter

namens Stephan gewürdigt wird. Den gab es

mal. Aber da müssten Sie recherchieren.

Die Arbeit der Straßenbenennungskommission

findet hinter verschlossenen Türen statt.

Geben Sie uns einen Einblick? Wir treffen

uns nicht häufig, vielleicht zweimal in einer

Legislaturperiode. Immer, wenn ein neues

Wohngebiet erschlossen werden soll. Herr

Skib vom Vermessungsamt und Herr Brake

vom Stadtarchiv arbeiten Vorschläge aus,

manche kommen von einer Liste, auf die jeder

Bürger Wünsche schreiben lassen kann.

Herr Skib stellt die Vorschläge dann vor. Wir

diskutieren darüber, stimmen ab und geben

den Vorschlag an den Magistrat weiter, von

dort geht er ins Stadtparlament. Ich kann

mich nicht an einen Fall erinnern, an dem es

Probleme gab. Nur einmal kam der Vorschlag,

mehr Frauennamen zu finden.

Was ist in der Straßenbenennungsbranche

denn der letzte Schrei? Das weiß ich nicht.

In den 1950er Jahren gab es die Tendenz,

dass man ganze Viertel nach Blumen oder

Vögeln benennt. Heute sind es oft Namen –

von berühmten Personen, die etwas

miteinander zu tun haben, wie beim Malerviertel,

oder von Menschen, die sich um die

Stadt verdient gemacht haben. In Unna gibt

es ein Wilhelm-Busch-Viertel mit dem

Max-und-Moritz-Weg und dem Schneider-

Meck-Meck Meck-Weg.

Das ist nicht Ihr Ernst? Doch, das gibt es

wirklich. Ein Vetter von mir wohnt dort.

Gibt es Regeln, an die sich die Kommission

halten muss? Bei einer Person achten wir

darauf, dass sie mindestens vor zehn Jahren

gestorben ist, weil man verhindern möchte,

dass sich nach dem Ableben eines

geschätzten Bürgers irgendwann herausstellt,

dass das mit ihm gar nicht so üppig

war. Dann wären alle etwas verlegen, denn

eine Umbenennung ist für die Stadt, aber

vor allem für die Anwohner mit Kosten

verbunden. Ich habe das erst einmal erlebt.

Außerdem achten wir darauf, dass die

Straßennamen zusammenpassen und dass

es im gesamten Stadtgebiet, also auch in

den Stadtteilen, keine Doppelbelegungen

gibt. Auch wenn Straßen ähnlich klingen,

sehen wir eigentlich davon ab. Aus purer

Vorsicht.

2013 wurde u. a. der Christoph-Rübsamen-

Steg benannt. Zufrieden? Ja. Uns wurde

erklärt, wer Herr Rübsamen ist. Ich kannte

ihn vorher nicht. Aber ich kann damit leben,

denn er war ein aufrechter Mann, der zur

Vorgeschichte der Demokratie gehört. Meist

gibt es unter dem Straßenschild einen

Hinweis darauf, um wen es sich handelt. Das

erscheint mir hier sinnvoll.

Welche Straße fehlt in Gießen? Die

Gottfried-Arnold-Straße. Er war 1698/99 in

Gießen Professor für Theologie und gehört

zu den bedeutendsten deutschen Frühaufklärern.

Er hat eine dicke Schwarte

geschrieben über unparteiische Kirchen- und

Ketzerhistorie. Ein Fundus für verlorengegangene

Schriften aus dem Protestantismus, die

von der offiziellen Kirchenlehre abgewichen

sind. Der Mann ist deshalb noch heute

wichtig. Und er ist einer der ersten gewesen,

der in deutscher Sprache geschrieben hat.

Ein bemerkenswert schönes Deutsch. Bisher

waren die Mehrheiten immer anders, aber

ich werde immer mal wieder an ihn

erinnern.

mac

2/2014 streifzug 7

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