Volatile Agrar- und Nahrungsmittelpreise (pdf, 0.38 MB, DE) - GIZ

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Volatile Agrar- und Nahrungsmittelpreise (pdf, 0.38 MB, DE) - GIZ

Generell gelten Warentermingeschäfte als wichtiges

Instrument der Preisfindung und des Risikomanagements,

sowohl für Händler als auch für Produzenten.

Umstritten ist allerdings, in welcher Art und in welchem

Ausmaß das wachsende Engagement von Finanzmarktakteuren

an den Agrarrohstoffbörsen die

Preisbildung auf den Spotmärkten beeinflusst. Kritiker

sehen in der sogenannten Finanzialisierung der Agrarrohstoffmärkte

auch deswegen ein Problem, weil sie

zu einer stärkeren Korrelation mit anderen Anlagemärkten

führt und damit einer Preisentwicklung Auftrieb

gibt, die unabhängig ist von Angebot und Nachfrage.

Vor diesem Hintergrund können kurzfristige Angebotsveränderungen

starke Preisschwankungen auslösen.

Dazu zählen Ernteausfälle durch extreme Wetterereignisse

ebenso wie politisch induzierte Änderungen

von Angebot und Nachfrage, zum Beispiel durch den

Auf- und Abbau staatlicher Lagerbestände oder die

kurzfristige Verhängung von Handelsbeschränkungen.

Von internationalen Preisschwankungen betroffen

sind in erster Linie die einkommensarmen Nahrungsmitteldefizitländer

(LIFCD) und die Netto-

Nahrungsmittelimportländer (NFIC), die ohnehin

schon unter Ernährungsunsicherheit leiden. Zumeist

verfügen diese Länder nur über unzureichende Finanzmittel

und Sozialsysteme, um die wirtschaftlichen

und sozialen Folgen steigender Nahrungsmittelpreise

abzufedern. Preissteigerungen erhöhen Einfuhrrechnungen,

belasten Staatsbudgets und können den

Schuldenstatuts beeinflussen. Sie können darüber

hinaus die Inflation beschleunigen und soziale und

politische Unruhen auslösen.

Ärmere Bevölkerungsgruppen versorgen sich oftmals

mit wenig verarbeiteten Agrarprodukten. Preissteigerungen,

beispielsweise bei Reis, werden daher in vollem

Umfang an sie weitergegeben. Auf Haushaltsebene

können kurzfristige Preisanstiege schädliche Bewältigungsmechanismen

verursachen. Das kann zum

Beispiel der Verzehr des Saatguts sein oder der Verkauf

von Vieh. Ein Preisanstieg bei Grundnahrungsmitteln

kann außerdem zu einem Abrutschen unter die

Armutsgrenze führen und zu nachteiligen Veränderungen

der Essgewohnheiten führen. Zum Beispiel

mehr Kohlenhydrate und weniger Eiweiß und Vitamine,

kleinere Portionen oder weniger Mahlzeiten insgesamt.

Das hat fast immer einen Anstieg der Mangelernährung

von Kindern und Frauen zur Folge, denn traditionell

bekommen zuerst die Männer das Essen. Frauen

und Kinder müssen sich mit dem begnügen, was übrig

bleibt.

Unkalkulierbare und stark schwankende Preise wirken

sich in doppelter Weise nachteilig auf kleinbäuerliche

Haushalte aus. Sie erhöhen das Einkommensrisiko der

kleinbäuerlichen Familien in ihrer Funktion als Produzenten

und gefährden unmittelbar ihre Ernährungssicherheit

als Konsumenten. Die Unsicherheit über die

Preisentwicklung reduziert zudem langfristig die Investitionsbereitschaft

bäuerlicher Betriebe. Doch gerade

diese ist eine wesentliche Voraussetzung für nachhaltige

ländliche Entwicklung und Ernährungssicherung.

Wie sich internationale Preisschwankungen auf die

nationale Produktion von Nahrungsmitteln auswirken,

hängt auch von der Preistransmission in den vor- und

nachgelagerten Wertschöpfungsketten ab. So ist häufig

zu beobachten, dass Kleinbauern und Kleinbäuerinnen

nur in einem verhältnismäßig geringen Ausmaß

von Preissteigerungen profitieren. Denn die Preistransmission

hört häufig bei Großhändlern, Mühlen

oder Großlagern auf. Auch spiegeln sich die stark

schwankenden Preise für ölpreisabhängige Betriebsmittel

wie Düngemittel und Treibstoffe oft nicht in

voller Höhe in den Verbraucherpreisen wider. Beide

Phänomene zeugen von wenig preisdurchlässigen

Grundnahrungsmittelmärkten und Lieferketten.

Bei der Frage, welche Maßnahmen am besten geeignet

sind, um einer exzessiven Preisvolatilität vorzubeugen,

gehen die Meinungen auseinander. Ebenso bei der

Frage, wie die Auswirkungen auf die dadurch am

stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen abzufedern

sind.

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