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Abb. 4

Ornament bei Overbeck

7

Overbeck: Natürlich gilt das auch für die aktuellen

Arbeiten. Sie sind schwerer zugänglich und

ich will mich nicht selbst interpretieren. Aber Du

kannst ja mal zum Beispiel den Essay von Petra

Hesse lesen, der bereits im Titel von »ornamentalem

Erzählen« spricht. Natürlich erzählen Ornamente

in der Kultur des Islam. Wir brauchen

eine Erweiterung unserer Erzählkultur, jenseits

der digitalen Medien. Und ich setze der digitalen

und verkümmerten Erzählkultur unserer Zeit

eine ganz andere innovative Form des Erzählens

entgegen, die eine großartige kulturgeschichtliche

Tradition hat. Beim Friseur in Esens hängt

seit mehr als zehn Jahren ein großformatiger

Hahn in Ornamenten wie ein kostbarer persischer

Wandteppich, der Touristen, Wartende, das

Personal und die Frisierten im Alltag begleitet

und ihnen eine Geschichte erzählt.

Du hast Beuys erwähnt, der sagt, daß jeder ein

Künstler ist. Es gibt auch die Haltung, alles sei

Kunst, wenn man es nur so nennt. Da klingt

Deine Haltung ja ganz anders.

Abb. 5

Hahn in Esens

Overbeck: Mein Kunstbegriff ist in der Tat anders.

Für mich ist die Behauptung, alles sei Kunst,

wenn man es zur Kunst erkläre, ein Beispiel einer

modernen Mystifizierung, die auch eine Kommunikation

über das Medium Kunst ad absurdum

führt. Das ist überhaupt nicht meine Haltung.

Ich sehe mich eher auf der Seite des Kunst -

historikers Gombrich, der darlegt, daß ein Künst -

ler Werte vertritt. Und es sind diese Werte, um

die und mit denen ich täglich ringe. Das ist meine

Arbeit. Heute glauben die meisten Menschen,

alles sei irgendwie Kunst. Je mehr Menschen eine

Idee richtig finden, desto richtiger scheint sie.

Aber Kunst ist keine Mehrheitsentscheidung.

Und diese Idee halte ich für zu schlicht, zu

selbstverliebt und deshalb für falsch.

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