Von der Romantik zum Realismus 3 - Heinrich Detering

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Von der Romantik zum Realismus 3 - Heinrich Detering

Von der Romantik zum Realismus 3:

Himmel und Hölle –

von Goethes Faust zu Büchners Woyzeck


Karl Stackmann

1922 – 2013


„Ach neige, du Schmerzensreiche…“ –

„Jungfrau, Mutter, Königin, Göttin bleibe gnädig!“

Peter Cornelius, Gretchen

vor der Mater Dolorosa

Giovanni Caliari, Erscheinung der Himmelskönigin

(Mater Gloriosa)


Faust II als story,

nacherzählt von

Hans Christian Andersen

in Märchen und

Geschichten, übs. von H.D.

(Reclam Bibliothek)


Helena.

Klassischromantische

Phantasmagorie

Zwischenspiel

zu Faust (1827)


Helena. Klassisch-romantische Phantasmagorie

Zwischenspiel zu Faust (1827)

Helena:

Bewundert viel und viel gescholten, Helena,

Vom Strande komm’ ich, wo wir erst gelandet sind,

Noch immer trunken von des Gewoges regsamem

Geschaukel, das vom phrygischen Blachgefild uns her

Auf sträubig-hohem Rücken, durch Poseidons Gunst

Und Euros’ Kraft, in vaterländische Buchten trug.

(8488-8493)

jambischer Trimeter: v – v – v – v – v – v –

mit Variante: v – v – v – V V – v – v –


Faust:

Statt feierlichsten Grußes, wie sich ziemte,

Statt ehrfurchtsvollem Willkomm bring’ ich dir

In Ketten hart geschlossen solchen Knecht,

Der, Pflicht verfehlend, mir die Pflicht entwand.

(9192-9195)

Blankvers: ungereimt, angenähert ans griechische Versmaß durch

vorwiegend männliche Kadenzen

Helena:

So hohe Würde, wie du sie vergönnst,

Als Richterin, als Herrscherin, und wär’s

Versuchend nur, wie ich vermuten darf –

So üb’ ich nun des Richters erste Pflicht,

Beschuldigte zu hören. Rede denn.

(9213-9217)

dasselbe


Lynkeus, der Türmer:

Lass mich knien, lass mich schauen,

Lass mich sterben, lass mich leben,

Denn schon bin ich hingegeben

Dieser gottgegebnen Frauen.

vierhebige Trochäen, weibliche Kadenzen (Reime unauffälliger),

umarmender Reim

Du siehst mich, Königin, zurück!

Der Reiche bettelt einen Blick,

Er sieht dich an und fühlt sogleich

Sich bettelarm und fürstenreich.

vierhebige Jamben, männliche Kadenzen (Reime auffälliger), Paarreim

Vor der herrlichen Gestalt

Selbst die Sonne matt und kalt,

Vor dem Reichtum des Gesichts

Alles leer und alles nichts.

vierhebige Trochäen, männliche Kadenzen (Reim auffälligst), Paarreim


Helena (zu Faust):

Vielfache Wunder seh’ ich, hör’ ich an,

Erstaunen trifft mich, fragen möchte’ ich viel.

Doch wünscht’ ich Unterricht, warum die Rede

Des Mann’s mir seltsam klang, seltsam und freundlich.

Ein Ton scheint sich dem anderen zu bequemen,

Und hat ein Wort zum Ohre sich gesellt,

Ein andres kommt, dem ersten liebzukosen.

Faust:

Gefällt dir schon die Sprechart unsrer Völker

O so gewiss entzückt auch der Gesang,

Befriedigt Ohr und Sinn im tiefsten Grunde.

Doch ist am sichersten wir üben’s gleich,

Die Wechselrede lockt es, ruft’s hervor.


Helena: So sage den, wie sprech’ ich auch so schön?

Faust: Das ist gar leicht, es muss vom Herzen gehn.

Und wenn die Brust vor Sehnsucht überfließt,

Man sieht sich um und fragt –

Helena:

Wer mit genießt.

Faust: Nun schaut der Geist nicht vorwärts nicht zurück,

Die Gegenwart allein –

Helena:

Ist unser Glück.

Faust: Schatz ist sie, Hochgewinn, Besitz und Pfand;

Bestätigung wer gibt sie?

Helena:

Meine Hand.

(9365-9384)


Chor: Nah und näher sitzen sie schon

Aneinander gelehnet,

Schulter an Schulter, Knie an Knie,

Hand in Hand wiegen sie sich

Über des Throns

Aufgepolsterter Herrlichkeit.

Nicht versagt sich die Majestät

Heimlicher Freuden

Vor den Augen des Volkes

Übermütiges Offenbarsein.

(9401-9410)


Helena: Ich fühle mich so fern und doch so nah,

Und sage nur zu gern: da bin ich! da!

Faust: Ich atme kaum, mir zittert, stockt das Wort,

Es ist ein Traum, verschwunden Tag und Ort.

Helena: Ich scheine mir verlebt und doch so neu,

In dich verwebt, dem Unbekannten treu.

Faust: Durchgrüble nicht das einzigste Geschick

Dasein ist Pflicht und wärs ein Augenblick.

[erotischer Liebes-Dialog wie in Shakespeares Romeo and Juliet –

und dies ist die Zeugung des Euphorion]


Phorkyas ([alias Mephisto] heftig eintretend):

Buchstabiert in Liebes-Fibeln,

Tändelnd grübelt nur am Liebeln,

Müßig liebelt fort im Grübeln,

Doch dazu ist keine Zeit.

Fühlt ihr nicht ein dumpfes Wettern?

Hört nur die Trompete schmettern,

Das Verderben ist nicht weit.

Reim-Parodie

Faust:

Verwegne Störung! widerwärtig dringt sie ein,

Auch nicht in Gefahren mag ich sinnlos Ungestüm.

Den schönsten Boten Unglücksbotschaft hässlicht ihn;

Du Hässlichste gar, nur schlimme Botschaft bringst du gern.

jambische Trimeter: Faust redet wie ein Griechenkönig an Helenas Seite


[Euphorion als klassisch-romantische, griechisch-westeuropäische

Vereinigung – fliegt auf wie Ikarus und scheitert. „Man glaubt eine

bekannte Gestalt zu sehen.“]

Helena (kehrt nach dem Sturz des Euphorion in ihre Welt zurück):

Ein altes Wort bewährt sich leider auch an mir:

Dass Glück und Schönheit dauerhaft sich nicht vereint.

Zerrissen ist des Lebens wie der Liebe Band.

Ende des 3. Aktes, des Helena-Aktes


4. Akt

[Faust allein im Hochgebirge unterm hohen Himmel]

Faust: Auf sonnbeglänzten Pfühlen herrlich hingestreckt,

Zwar riesenhaft, ein göttergleiches Fraungebild,

Ich seh’s! Junonen ähnlich, Leda’n, Helenen,

Wie majestätisch lieblich mir’s im Auge schwankt.

Ach! schon verrückt sich’s! Formlos breit und aufgetürmt

Ruht es im Osten, fernen Eisgebirgen gleich,

Und spiegelt blendend flücht’ger Tage großen Sinn.

(10048-10054)

[Aus der Traum. Ab hier wieder gereimte Jamben und Madrigalverse.]


Fausts Himmelfahrt: die Bergschluchten-Szene am Schluss

Goethe zu Eckermann, 6. Juni 1831:

Übrigens werden Sie zugeben, daß der Schluß, wo es mit der geretteten

Seele nach oben geht, sehr schwer zu machen war, und daß ich, bei so

übersinnlichen, kaum zu ahnenden Dingen, mich sehr leicht im Vagen

hätte verlieren können, wenn ich nicht meinen poetischen Intentionen,

durch die scharf umrissenen christlich-kirchlichen Figuren und

Vorstellungen, eine wohltätig beschränkende Form und Festigkeit

gegeben hätte.


Die „Bergschluchten“-Szene: Fausts Himmelfahrt…

1. in religiösen Hierarchien: Einsiedler, heilige Büßer – darunter

Gretchen –, Engel, Maria als Himmelskönigin

2. in geographischen Ordnungen: Landschaftsformen („Waldrand“,

„Wasserstrom“, „Felsen“) und -Ordnung („Tiefe Region, „Mittlere

Region“, „die höchsten Gipfel“, „in der höhern Atmosphäre“)


3. in meteorologischen Ordnungen: „Himmel“ und Himmel

(„Wolkengewande“ „Morgenwölkchen“, „nebelnd“, „Die Wölkchen

werden klar … Los von der Erde Druck“, „Löset die Flocken los / Die

ihn umgeben“, „höhere Atmosphäre“, Maria „im blauen … Himmelszelt“,

um ihre Füße schlingen „sich leichte Wölkchen“ als „der Büßerinnen

Völkchen“; darüber geht es „ätherisch“ in „höhere Sphären“)

Cirrus

Cumulus

Strato-Cumulus

Stratus


„Das Wahre, mit dem Göttlichen identisch, läßt sich niemals von uns

direkt erkennen, wir schauen es nur im Abglanz, im Beispiel, Symbol,

in einzelnen und verwandten Erscheinungen; wir werden es gewahr als

unbegreifliches Leben und können dem Wunsch nicht entsagen, es

dennoch zu begreifen. – Dieses gilt von allen Phänomenen der faßlichen

Welt, wir aber wollen diesmal nur von der Witterungslehre

sprechen.“

Albrecht Schöne: Die Apokatastasis- (Wiederbringungs-,

Allversöhnungs-) Lehre des Origenes

als Modell für Fausts jenseitige Reinigung und Rettung

„Ihr meint, der Teufel werde den Faust holen?

Umgekehrt: Faust holt den Teufel.“ (Goethe)


17. Februar 1832:

„Qu´ai-je fait? J´ai recueilli, utilisé ce

que j´ai entendu, observé. Mes œuvres

sont nourries par des milliers d´individus

divers, des ignorants et des sages

[...] Mon œuvre et celui d´un être

collectif, et il porte le nom de Goethe.“

„Was hab‘ ich denn getan? Ich habe

gesammelt, benutzt, was ich gehört und

beobachtete. Meine Werke speisen sich

aus Tausenden von Individuen,

Unwissenden und Klugen ... Mein Werk

ist das Werk eines Kollektiv-wesens,

und es trägt den Namen Goethe.“


• 17. Oktober 1813 * als Arztsohn in

Goddelau / Oberhessen

• ab 1816 in Darmstadt

• 1831 Medizinstudium im (post-)

revolutionären Straßburg

• 1833/34 Fortsetzung in Gießen, „Gesellschaft

für Menschenrechte“, Der

Hessische Landbote, Verhaftungen

• September 1834 in Darmstadt,

Dantons Tod (1835 gedruckt)

• 1835 Flucht ins Straßburger Exil,

Arbeit an der Erzählung Lenz

• 1836 Promotion in Zürich, Probevorlesung

Über Schädelnerven;

Leonce und Lena

• 1836/37 Arbeit an Woyzeck

• Februar 1837 Tod in Zürich infolge

einer Typhus-Infektion, 23 Jahre


Büchner-Bilder, Büchner-Images


Anfang des „Hessischen Landboten“ von

Büchner und Ludwig Weidig, 1834

Friede den Hütten! Krieg den Palästen!

Im Jahr 1834 sieht es aus, als würde die

Bibel Lügen gestraft. Es sieht aus, als

hätte Gott die Bauern und Handwerker

am 5ten Tage, und die Fürsten und

Vornehmen am 6ten gemacht, und als

hätte der Herr zu diesen gesagt: Herrschet

über alles Getier, das auf Erden kriecht,

und hätte die Bauern und Bürger zum

Gewürm gezählt. Das Leben der Vornehmen

ist ein langer Sonntag, sie

wohnen in schönen Häusern, sie tragen

zierliche Kleider, sie haben feiste Gesichter

und reden eine eigne Sprache; das

Volk aber liegt vor ihnen wie Dünger auf

dem Acker.


Der Bauer geht hinter dem Pflug und

treibt ihn mit den Ochsen am Pflug, er

[der Vornehme] nimmt das Korn und läßt

ihm die Stoppeln. Das Leben des Bauern

ist ein langer Werktag; Fremde verzehren

seine Äcker vor seinen Augen, sein Leib

ist eine Schwiele, sein Schweiß ist das

Salz auf dem Tische des Vornehmen.

Im Großherzogtum Hessen sind 718,373

Einwohner, die geben an den Staat

jährlich an 6,363,364 Gulden, als

1) Direkte Steuern 2,128,131 fl.

2) Indirekte Steuern 2,478,264 fl.

3) Domänen 1,547,394 fl.

4) Regalien 46,938 fl.

5) Geldstrafen 98,511 fl.

6) Verschiedene Quellen 64,198 fl.

6,363,363 fl.


Dies Geld ist der Blutzehnte, der von

dem Leib des Volkes genommen wird. An

700,000 Menschen schwitzen, stöhnen

und hungern dafür. Im Namen des Staates

wird es erpreßt, die Presser berufen sich

auf die Regierung und die Regierung

sagt, das sei nötig die Ordnung im Staat

zu erhalten. Was ist denn nun das für

gewaltiges Ding: der Staat? Wohnt eine

Anzahl Menschen in einem Land und es

sind Verordnungen oder Gesetze

vorhanden, nach denen jeder sich richten

muß, so sagt man, sie bilden einen Staat.

Der Staat also sind Alle; die Ordner im

Staat sind die Gesetze, durch welche das

Wohl Aller gesichert wird, und die aus

dem Wohl Aller hervor gehen sollen. –


Seht nun, was man in dem Großherzogtum

aus dem Staat gemacht hat; seht was

es heißt: die Ordnung im Staate erhalten!

700,000 Menschen bezahlen dafür 6

Millionen, d.h. sie werden zu Ackergäulen

und Pflugstieren gemacht, damit

sie in Ordnung leben. In Ordnung leben

heißt hungern und geschunden werden.

Wer sind denn die, welche diese Ordnung

gemacht haben, und die wachen, diese

Ordnung zu erhalten?


Der Fall Woyceck / Woyzeck

Joh. Chr. Woyceck (1780-1824)

• ausgebildet als Perückenmacher

• Soldat, wird Alkoholiker

• Depressionen, psychotische Zustände

(von „den Freimaurern“ verfolgt),

Suizidversuche

• tötet 1821 seine Verlobte Johanna

Christiane Woost

• öffentliche Hinrichtung in Leipzig

nach dreijährigem Prozess (zwei Gutachten

von Joh. Chr. Clarus: Die Zurechnungsfähigkeit

des Mörders J. C.

Woyzeck, eine Quelle Büchners)

• von Büchner verbunden mit drei vergleichbaren

Mordfällen aus Berlin und

Darmstadt


Büchner zwischen Goetheverehrung und Lenz-Studien

Woyzeck als Anti-Faust:

der Einzelne zwischen bürgerlicher Ordnung und dämonischen

Mächten – sozialpsychologisch ‚modernisiert‘

• vom Heraustreten zum Herausfallen aus der Ordnung

• vom Naturforscher zum Opfer medizinischer Menschenversuche

• uneheliches Kind, Tötung des unschuldigen Mädchens

• aus der gemeinsamen Verbindung zum Sturm-und-Drang-Drama: weg

von der Summe der Theaterformen und der Summa Metrica hin zum

sozialrealistischen Anti-Theater in Dia- und Soziolekten


Hauptmann: Woyzeck, Er sieht immer so verhetzt aus! Ein guter Mensch

tut das nicht, ein guter Mensch, der sein gutes Gewissen hat. – Red er

doch was Woyzeck! Was ist heut für Wetter?

Woyzeck. Schlimm, Herr Hauptmann, schlimm: Wind!

Hauptmann. Ich spür’s schon. ‘s ist so was Geschwindes draußen: so ein

Wind macht mir den Effekt wie eine Maus. – Pfiffig: Ich glaub’, wir

haben so was aus Süd-Nord?

Woyzeck. Jawohl, Herr Hauptmann.

Hauptmann. Ha, ha ha! Süd-Nord! Ha, ha, ha! Oh, Er ist dumm, ganz

abscheulich dumm! – Gerührt: Woyzeck, Er ist ein guter Mensch – aber –

Mit Würde: Woyzeck, Er hat keine Moral! Moral, das ist, wenn man

moralisch ist, versteht Er. Es ist ein gutes Wort. Er hat ein Kind ohne den

Segen der Kirche, wie unser hochehrwürdiger Herr Garnisonsprediger

sagt – ohne den Segen der Kirche, es ist nicht von mir.

Woyzeck. Herr Hauptmann, der liebe Gott wird den armen Wurm nicht

drum ansehen, ob das Amen drüber gesagt ist, eh er gemacht wurde. Der

Herr sprach: Lasset die Kleinen zu mir kommen.


Hauptmann. Was sagt Er da? Was ist das für eine kuriose Antwort? Er

macht mich ganz konfus mit seiner Antwort. Wenn ich sag’: Er, so mein’

ich Ihn, Ihn –

Woyzeck. Wir arme Leut – Sehn Sie, Herr Hauptmann: Geld, Geld! Wer

kein Geld hat – Da setz einmal eines seinesgleichen auf die Moral in der

Welt! Man hat auch sein Fleisch und Blut. Unsereins ist doch einmal

unselig in der und der andern Welt. Ich glaub’, wenn wir in Himmel

kämen, so müßten wir donnern helfen.

Doctor. Ich es gesehn hab! er auf die Straß gepißt hat, wie ein Hund. …

Die Welt wird schlecht sehr schlecht … Woyzeck der Mensch ist frei, im

Menschen verklärt sich die Individualität zur Freiheit – seinen Harn nicht

halte können! Es ist Betrug Woyzeck. Hat Er schon seine Erbsen

gegessen, nichts als Erbsen … Aber Er hätte doch nicht an die Wand

pissen sollen.

Woyzeck. Ja die Natur Herr Doctor wenn die Natur aus ist. … Haben Sie

schon die Ringe von den Schwämmen auf dem Boden gesehn, lange

Linien, dann Kreise, Figuren, da steckt‘s! Wer das lesen könnte.


Freies Feld, die Stadt in der Ferne

Woyzeck und Andres schneiden Stecken im Gebüsch. Andres pfeift.

Woyzeck: Ja, Andres, der Platz ist verflucht. Siehst Du den lichten Streif

da über das Gras hin, wo die Schwämme so nachwachsen? Da rollt

abends der Kopf. Es hob ihn einmal einer auf, er meint’, es wär ein Igel:

drei Tag und drei Nächt, er lag auf den Hobelspänen. – Leise: Andres,

das waren die Freimaurer! Ich hab’s, die Freimaurer!

Andres singt: Saßen dort zwei Hasen,

fraßen ab das grüne, grüne Gras...

Woyzeck: Still: Hörst du’s, Andres? Hörst du’s? Es geht was!

Andres: Fraßen ab das grüne, grüne Gras...

bis auf den grünen Rasen.

Woyzeck: Es geht hinter mir, unter mir. –

Stampft auf den Boden: Hohl, hörst Du? Alles hohl da unten! Die

Freimaurer!

Andres: Ich fürcht’ mich.


Das Anti-Märchen im Woyzeck

Großmutter: Es war einmal ein arm Kind und hat

kein Vater und keine Mutter, war alles tot und war

niemand mehr auf der Welt. Alles tot, und es is

hingegangen und hat gesucht Tag und Nacht. Un‘

weil auf der Erde niemand mehr war, wollt‘s in

Himmel gehen, und der Mond guckt es so freundlich

an; und wie es endlich zum Mond kam, war‘s

ein Stück faul Holz. Und da is es zur Sonn gangen,

und wie es zur Sonn kam war‘s ein verwelkt Sonneblum.

Und wie‘s zu den Sternen kam waren‘s kleine

goldne Mücken, die waren angesteckt wie der

Neuntöter sie auf die Schlehen steckt. Und wie‘s

wieder auf die Erde wollte, war die Erde ein

umgestürzter Hafen [: Topf]. Und war ganz allein,

und da hat sich‘s hingesetzt und geweint, und da

sitzt es noch und ist ganz allein.

Georg Büchner 1813-1837


Woyzecks Passion: Überblendung von Woyzecks und der Passions-

Geschichte (nach dem emendierten Text in der Marburger Ausgabe von

Burghard Dedner u. a. 2005;

unterstrichene Passagen hat Büchner nachträglich eingefügt)

Marie (allein, blättert in der Bibel.) Und ist kein Betrug in seinem

Munde erfunden. Herrgot. Herrgott! Sieh mich nicht an! (blättert weiter)

aber die Pharisäer brachten ein Weib zu ihm, im Ehebruche begriffen

und stelleten sie in‘s Mittel dar. – Jesus aber sprach: So verdamme ich

dich auch nicht. Geh hin und sündige hinfort nicht mehr. (schlägt die

Hände zusammen). Herrgott! Herrgott! Ich kann nicht. Herrgott gieb mir

nur soviel, daß ich beten kann. (das Kind drängt sich an sie) Das Kind,

giebt mir einen Stich in‘s Herz … Der Franz ist nit gekommen, gestern

nit, heute nit, es wird heiß hie (sie macht das Fenster auf.) Und trat hinein

zu seinen Füßen und weynete und fing an seine Füße zu netzen mit

Thränen und mit den Haaren ihres Hauptes zu trocknen und küssete

seine Füße und salbete sie mit Salben. (schlägt sich auf die Brust) Alles

todt! Heiland, Heiland ich möchte dir die Füße salben


Kaserne. Andres, Woyzeck kramt in seinen Sachen.

Woyzeck. … Das Kreuz is meiner Schwester und das Ringlein, ich hab

auch noch einen Heiligen, zwei Herzen und schön Gold, es lag in meiner

Mutter Bibel und da steht:

Leiden sey all mein Gewinst,

Leiden sey mein Gottesdienst

Herr wie dein Leib war roth und wund

So laß mein Herz seyn aller Stund.


Woyzeck. (zieht ein Papier hervor.) Friedrich Johann Franz Woyzeck,

geschworner Füsilir im 2. Regiment, 2. Bataillon 4. Compagnie, geb.

Mariae Verkündigung …

Ja Andres, wann der Schreiner die Hobelspän hobelt, es weiß niemand,

wer seinen Kopf drauf legen wird.

„Was ihr einem von diesen meinen geringsten Brüdern nicht getan habt,

das habt ihr mir nicht getan.“ (Mt 25)

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