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SCHLUSSBERICHT RISE KOMPONENTE 2

Zu Hause sein

Debatte über I-

dentität

Was die Philosophen

dazu sagen

Heimat schützen

Nicht Heimat

schützen, sondern

Heimat

schüren

Endlich so – wie

anderswo

Lassen wir es bei dieser kurzen Skizze der individuellen Identität und fragen uns:

Kann es regionale Identität geben ohne Menschen, die in einer Region zu Hause sind und eben nur in dieser

Region, in der sie sich vor allem und nur dort wohl fühlen, dort engagieren und sich zu dieser Region

auch bekennen?

Das wirft die Grundsatzfrage auf, ob Lebewesen allgemein und Menschen im Besonderen ohne ein “Zuhause“

auskommen können. Die Anthropologie glaubt, Belege dafür zu haben, dass alle Lebewesen höchst

irritiert sind, wenn ihnen der genetisch geprägte und im Laufe des Lebens erlernte Ortsbezug verloren geht.

Die Debatte darüber allerdings verläuft kontrovers, ob ausgerechnet der Mensch sich von dieser generellen

genetischen Prägung der Lebewesen schadlos oder gar mit Gewinn befreien kann.

Die Anhänger der anthropologischen Sesshaftigkeitsthese führen ins Feld, dass die zunehmende Zahl von

Neurosen und neurotischen Verhaltensweisen bis hin zu Krankheiten verursacht/mit verursacht durch Mobilität/Mobilitätszwänge

der modernen Gesellschaft und dem damit verbundenen Verlust der Ortsgebundenheit

sind.

Nach dem bisher Gesagten müsste am Anfang aller regionalpolitischen Bemühungen um regionale Identität

eine regionsinterne Debatte über den Wert von „zu Hause sein“ ansetzen, über „Heimat“, um an dieser

Stelle den vor allem in Deutschland sehr diskreditierten Begriff einzuführen. Das ist eine äußerst spannende

und kontroverse Diskussion, die erst einmal völlig frei von abgeleiteten Zwecken wie Bewahrung von

Kultur oder Förderung von Tourismus oder Vorteil für die regionale Entwicklung ist. Haben Sie in Ihren Modellregionen

im Verlauf Ihres Projektes eine solche Debatte schon angezettelt und wenn ja, mit welcher

Methode und mit welchem Ergebnis?

Namhafte zeitgenössische Philosophen befassen sich mit dem „Scheitern der Moderne“. Sie erklären dies

mit der mangelhaften „Rückbindung“ des menschlichen und gesellschaftlichen Handelns in geschichtliche

Zusammenhänge und in die Verantwortung für die Zukunft.

Das lässt sich auch mit anderen Begriffen ausdrücken:

Die moderne Gesellschaft hat – und das ist eine Norm – des Respekt vor der Geschichte zu achten und

aus Verantwortung für die Zukunft eine nachhaltige Entwicklung zu wollen.

Damit sind wir bei vertrauten Vokabeln der regionalpolitischen Debatte angelangt.

Leichter, allzu leichter Konsens bei politischen Bemühungen um Regionalität ist bei „Pflege der Geschichte“

zu erreichen. Denkmalpflege, Naturschutz, Brauchtumspflege … haben hohe Sympathiewerte, zumindest,

zu lange dies nicht zu Konflikten mit aktuellen politischen und wirtschaftlichen Interessen führt.

Aber entsteht dadurch wirklich regionale Identität? Oder führen diese Bemühungen in der Summe nur zu

einer besonderen Version von „Freizeitpark“, also zur Präsentation einer Kulisse, die mit dem realen Leben

wenig zu tun hat?

Der Slogan der Bayerischen Staatsregierung für die „Landesidentität“ lautet: „Laptop und Lederhose“. Oder

der von Baden-Württemberg: „Wir können alles, außer Hochdeutsch.“

Wird den Menschen durch solche Slogans und durch die reale Politik, die hinter ihnen steckt, lediglich die

Anpassung an eine radikale ortlose Modernisierung erleichtert? Bietet ihnen die Geschichtspflege sozusagen

die „erholsame Toskana“ zu Hause in ihrer gestressten Doppelexistenz?

Also: Regionalität, regionale Identität, vielleicht doch besser ohne permanenten Rückgriff auf die Geschichte?

Nein: Die Auseinandersetzung mit der Geschichte muss sein, die kritische Aufarbeitung, die Herausarbeitung

der unbequemen Dinge, die Darstellung der Konflikte, die Beschreibung und die Bewertung der gesellschaftlichen

Zustände. Um es kurz zu fassen: Nicht billige Präsentation, sondern permanente Geschichtsarbeit

zur Bearbeitung und Aufarbeitung der Vergangenheit ist eine der Voraussetzungen, um regionale

Identität entstehen zu lassen.

Diese schöne und zutreffende Formulierung hat H. Rauterberg in einem Interview mit mir in der Zeit mal

gefunden.

Damit soll deutlich gemacht werden, dass Heimat keine bequeme historische Kategorie darstellt, mit der

man sich bequem in den Sessel der Folklore legen kann, sondern eine anstrengende individuelle und gesellschaftliche

Arbeit, die ins Tagesgeschehen und in die Tageskonflikte eingreift. Regionale Identität ist

nicht etwas, das vorhanden ist und das sich konservieren lässt, sondern etwas, das tagtäglich neu erobert

werden muss durch gemeinschaftliches und zugleich außergewöhnliches Tun, egal wo und in welchen Bereichen.

Am Beispiel:

Regionale Identität entsteht also nicht und nicht vorrangig durch Denkmalpflege, sondern durch die Baukultur

des aktuellen Bauens. Regionale Identität entsteht durch neue Produkte mit außergewöhnlichen Qualitäten,

die in einer Region neu entstehen und nicht billigerweise importiert werden, also nicht oder nicht nur

über die Wiederbelebung handwerklicher Traditionen im musealen Kontext.

Die verbreitete Praxis der Bemühungen um regionale Identität allerdings sieht anders aus. Sie verläuft nach

dem Prinzip: „Schaut her, wie schön wir sind und wie geschichtlich bedeutsam wir waren!“

Dabei entstehen dann Präsentationsfiguren, die fast in allen Regionen gleich ausfallen. Man stelle einmal

die Werbeprospekte des Fremdenverkehrs oder der Wirtschaftsförderung, auch die Internetpräsentationen

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