Einer trage des anderen Last

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Einer trage des anderen Last

Texte zu Bibelstellen

Einer trage des anderen Last

Das Hohelied der Solidarität

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www.mensch-arbeit.at

Bibel und

Liturgie


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Einer trage des

anderen Last

Anna Wall-Strasser

Das Wort Solidarität wird man in der Bibel aufs erste vergeblich

suchen, es kommt dort schlicht und einfach nicht vor. Der Begriff

stammt geschichtlich nicht aus der biblischen Tradition, sondern

kommt einerseits aus dem römischen Recht („Solidarhaftung“),

andrerseits entwickelte er sich im 19. Jahrhundert aus der Arbeiterbewegung.

Ist Solidarität dann überhaupt ein christliches

Konzept?

Wer dazu einen zweiten Blick in die Bibel riskiert findet dann eine

Überfülle an Material – Worte, Sätze, Gebote, Geschichten, Ermahnungen,

Ermutigungen, Handlungsanleitungen ... zum guten

Leben. Hier will ich – vielleicht ungewöhnlich – die Aufmerksamkeit

exemplarisch auf das lenken, was der Apostel Paulus dazu

zu sagen hat. Paulus musste sich ja in den jungen Christengemeinden

mit vielen Konflikten herumschlagen, mit Verschiedenheiten,

Abgrenzungen und dem Ringen um ein gutes Miteinander.

Sehr kurz und sehr knapp formuliert Paulus im Brief an die Gemeinden

in Galatien (heutiges Zentralanatolien) das, was wir

heute mit „seid solidarisch“ sagen würden. „Einer trage des anderen

Last – so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“ (Gal 6,2).

Dabei geht es hier nicht um die Erfüllung von Gesetzen – dagegen

polemisiert Paulus geradezu – sondern um die Freiheit. Um

die Freiheit, zu der jeder Mensch berufen ist, unabhängig von

Geschlecht, Klasse oder Rasse. „Es gilt nicht mehr Jude und

Grieche, nicht Sklave und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr

alle seid eins in Christus Jesus“ (Gal 3,28). Diese revolutionäre

Gleichheit aller Menschen und die damit einhergehende notwendige

soziale Veränderung ist für Paulus keine Utopie in fernen Zeiten,

sondern ist schon verwirklicht im Glauben an diesen Jesus

und dessen Gott des Lebens. Es braucht daher auch keine Gesetze

von (kirchlichen) Institutionen oder gottgleichen Kaisern,

sondern es gilt einzig und allein die Liebe. Das jüdische Gebot

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Lev 19.18)

zitiert Paulus gleich zweimal, in zwei verschiedenen Schriften

(Röm 13,9 und Gal 5,14). Das Gebot der Nächstenliebe ist für

Paulus die Hauptregel. Diese Liebe ist kein Gefühl, sondern sie ist

eine Haltung von unterschiedlichen Menschen, die miteinander


in einer Gemeinschaft leben. Mit diesem Wort „Liebe“ ist die Haltung

gemeint, die wir heute „Solidarität“ nennen. Wenn Paulus

zur Liebe aufruft meint er nicht, dass sich Juden und Griechen

oder die unterschiedlichen Gruppierungen der jungen Gemeinden

gefühlvoll in die Arme fallen. Auch nicht, dass Gegensätze, Streitigkeiten,

Missverständnisse einfach zugedeckt werden. Jedoch

können alle in der Gemeinde zueinanderstehen, sich stützen,

sich aushalten, sich aber auch gegenseitig kritisieren und voneinander

lernen. Liebe ist solidarisches Handeln.

In diesem Sinn kann der berühmteste Paulustext über die Liebe,

das Hohelied (1 Kor 13,1-13) als ein Lied der Solidarität gelesen

werden: Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete,

hätte aber keine Solidarität, wäre ich dröhnendes Erz oder

eine lärmende Pauke. 1

1 Gerhard Jankowski, Auslegung des ersten Korintherbriefs, in: Texte und

Kontexte 121-123, Berlin 2008.

Das Hohelied der

Solidarität

nach 1 Kor 13,1-13

1 Wenn ich in Sprachen der Menschen und Boten rede,

Solidarität aber nicht habe,

bin ich ein schepperndes Blech, eine lärmende Zimbel.

2 Und wenn ich Prophetie habe,

alle Geheimnisse weiß und alle Erkenntnis,

und wenn ich alles Vertrauen habe, Berge zu versetzen,

Solidarität aber nicht habe,

bin ich ein Nichts.

3 Und wenn ich all meine Habe zur Speisung gebe,

und wenn ich meinen Leib ausliefere,

dass ich gerühmt werde,

Solidarität aber nicht habe,

nützt es mir nichts.

4 Die Solidarität hat einen langen Atem.

Wertvoll erweist sich die Solidarität,

nicht eifert sie,

nicht prahlt die Solidarität,

nicht bläst sie sich auf,

3


4

Bildnachweis:

Barbara Großmann /

pixelio.de

5 nicht legt sie bloß,

nicht sucht sie das Ihre,

nicht lässt sie sich anstacheln,

nicht rechnet sie das Böse an,

6 nicht freut sie sich über die Ungerechtigkeit,

sie freut sich aber mit der Wahrhaftigkeit.

7 Alles erträgt sie,

allem vertraut sie,

alles hofft sie,

allem hält sie stand.

8 Die Solidarität fällt niemals aus.

Prophetien? Sie werden verschwinden.

Sprachen? Sie werden aufhören.

Erkenntnis? Sie werden verschwinden.

9 Denn bruchstückhaft erkennen wir,

bruchstückhaft reden wir prophetisch.

10 Wenn aber das Vollkommene kommt,

wird das Bruchstückhafte verschwinden.

11 Als ich noch unmündig war,

redete ich wie ein Unmündiger,

dachte wie ein Unmündiger,

überlegte wie ein Unmündiger.

Als ich Mann wurde, ließ ich das Unmündige verschwinden.

12 Denn wir sehen jetzt durch einen Spiegel, rätselhaft,

dann aber Angesicht zu Angesicht.

Ich erkenne jetzt bruchstückhaft,

dann aber werde ich genau erkennen,

wie auch ich genau erkannt wurde.

13 Nun also bleibt:

Vertrauen, Hoffnung, Solidarität,

diese drei.

Die größte von ihnen: die Solidarität.

Aus: Gerhard Jankowski, Solidarisch leben. Texte und Kontexte, Berlin 2009,

121-123.

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