Abbildung 1 - Institut der deutschen Wirtschaft

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Abbildung 1 - Institut der deutschen Wirtschaft

Studie

Die Bedeutung von Nearsourcing

in Bayern

Eine vbw Studie, erstellt von der Institut der deutschen Wirtschaft Köln Consult GmbH

Stand: Dezember 2013

www.vbw-bayern.de


Studie – Die Bedeutung von Near Sourcing in Bayern

vbw – Dezember 2013

Vorwort

X

Vorwort

Nearsourcing als Chance – wenn die Standortbedingungen stimmen

Durch die EU-Osterweiterung vor zehn Jahren wurden Sorgen laut, dass der Wirtschaftsstandort

Bayern und speziell die Regionen an der Grenze zur Tschechischen

Republik Wettbewerbsnachteile erleiden.

Die Ängste waren unbegründet. Unsere vorliegende Studie zeigt, dass gerade Betriebe

in den grenznahen Regionen Bayerns die Möglichkeit des Nearsourcing nutzen. Neben

der Industrie ist es vor allem das Handwerk, das Vorprodukte oder Güter aus dem nahen

Ausland bezieht. Doch das Nearsourcing hat nicht zu negativen Beschäftigungseffekten

geführt. Im Gegenteil: Auch in Ostbayern nahm die Arbeitslosigkeit in den letzten

Jahren ab und die Beschäftigung stieg an.

Allerdings hat ein Strukturwandel stattgefunden. Lohnkostensensible Branchen sind

geschrumpft. Dies wurde aber durch das Wachstum technologieintensiver Branchen

und Dienstleistungsunternehmen mehr als kompensiert. Eine solche Entwicklung ist

jedoch kein Selbstläufer.

Die Bedeutung des Nearsourcing wird zunehmen. Auch in grenzfernen Regionen werden

die Unternehmen vermehrt die Möglichkeit nutzen, ihre Wertschöpfungsketten zu

zerlegen und Vorleistungen aus den kostengünstigeren Ländern Mittel- und Osteuropas

zu beziehen oder dort zu fertigen. Damit dies nicht zu Lasten des heimischen

Standorts geht, sind Rahmenbedingungen notwendig, die in Bayern weiterhin eine

wettbewerbsfähige Wertschöpfung ermöglichen.

Als besondere Herausforderung sehen die Unternehmen die Fachkräftesicherung. Zudem

ist eine flächendeckende Breitbandversorgung unabdingbar. Ein zentrales Thema

ist selbstverständlich auch die Kostensituation. Nur mit wettbewerbsfähigen Arbeitsund

Energiekosten kann Wertschöpfung und Beschäftigung am Standort Bayern gesichert

und erhöht werden.

Bertram Brossardt

21. Dezember 2013


Studie – Die Bedeutung von Nearsourcing in Bayern

vbw – Dezember 2013

Inhalt

X

Inhalt

1 Executive Summary .................................................................................... 1

2 Einleitung .................................................................................................... 4

3 Bayern im Zuge der EU-Osterweiterung.................................................... 6

3.1 Bevölkerungsentwicklung, Arbeitsmarkt und Gesamtwirtschaft ..................... 8

3.2 Struktureller Wandel ................................................................................... 13

3.3 Bewertung der Ergebnisse .......................................................................... 19

4 Auswirkungen des Nearsourcings auf die bayerischen Unternehmen . 21

4.1 Beschaffungsperspektive ............................................................................ 21

4.2 Kundenperspektive ..................................................................................... 27

4.3 Bewertung der Ergebnisse .......................................................................... 31

5 Gestaltungsmöglichkeiten der Unternehmen im Wettbewerb mit Mittelund

Osteuropa .......................................................................................... 32

6 Rahmenbedingungen und die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Mittelund

Osteuropa .......................................................................................... 41

6.1 Relevanz der Rahmenbedingungen ............................................................ 41

6.2 Allgemeine Bewertung der Rahmenbedingungen ....................................... 42

6.3 Hinweise auf Handlungsbedarfe ................................................................. 45

7 Handlungsempfehlungen ......................................................................... 50

Ansprechpartner / Impressum ..................................................................................... 52


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Executive Summary 1

1 Executive Summary

Unternehmen nutzen die Chancen des Nearsourcing und der Markerschließung

Die Osterweiterung der Europäischen Union (EU) im Jahr 2004 bietet den Unternehmen

Chancen, führt aber auch zu Herausforderungen. Durch die Realisierung der europäischen

Grundfreiheiten ergeben sich neue Optionen im Beschaffungsmanagement.

Die Unternehmen, aber auch ihre Kunden haben nun die Möglichkeit des Nearsourcings,

das heißt, sie können ihre Einkäufe oder ihre Produktion in das lohnkostengünstigere,

nahe Ausland verlagern. Im Vorfeld der Osterweiterung wurde deshalb von

„the rise of nearshoring“ gesprochen. Gleichwohl setzte der Integrationsprozess der

mittel- und osteuropäischen Länder bereits früher ein, beispielsweise ab dem Jahr

1995 mit der weitgehenden Liberalisierung des Warenverkehrs zwischen der Tschechischen

Republik und der Europäischen Union.

Insgesamt zeigt sich eine positive wirtschaftliche Entwicklung in ganz Bayern. Die Arbeitslosigkeit

ist in allen Regionen Bayerns seit dem Jahr 1995 gesunken, die Gesamtzahl

der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ist seit dem Jahr 2003 gestiegen.

Gleichwohl geht die Bevölkerung in den Landkreisen direkt an der Grenze zur Tschechischen

Republik zurück. Des Weiteren liegt dort das verfügbare Einkommen deutlich

unter dem bayerischen Durchschnitt.

Die EU-Osterweiterung hat den Strukturwandel in der bayerischen Wirtschaft beschleunigt.

In der Industrie sind vor allem die lohnkostensensiblen Branchen unter

Druck geraten. Da diese Branchen in den grenznahen Regionen überdurchschnittlich

vertreten waren, sind dort in der Industrie die meisten Arbeitsplätze weggefallen. Der

Zuwachs in den kapital- und technologieintensiven Branchen konnte diese Verluste

nicht ausgleichen.

Zwei Entwicklungen haben die lohnkostenintensiven Branchen in der Vergangenheit

unter Druck gesetzt: Auf der Absatzseite waren die lohnkostenintensiven Branchen

häufiger von sehr starken Kundenabwanderungen nach Mittel- und Osteuropa betroffen.

Gleichzeitig nutzen mehr Unternehmen aus den lohnkostenintensiven Branchen

die Möglichkeiten des Nearsourcings, beispielsweise durch eigene Produktionsstätten

jenseits der Grenze. Zwar scheint in den lohnkostenintensiven Branchen der Wandlungsprozess

auf der Kundenseite weitgehend abgeschlossen zu sein, auf der Beschaffungsseite

dürfte er aber seine Fortsetzung finden.

Die Beschäftigungswirkungen durch Kundenwanderungen sind in den grenznahen Unternehmen

eher negativ ausgefallen. Für die Zukunft werden auf der Absatzseite aber

Zugewinne erwartet. Hier sind die grenzfernen Unternehmen allerdings deutlich optimistischer

als die grenznahen Unternehmen, was auch mit den Erfahrungen der Vergangenheit

zusammenhängen dürfte.


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Executive Summary 2

Auf der Beschaffungsseite wird die Option des Nearsourcings von den Unternehmen

zunehmend erschlossen. In der Vergangenheit haben vor allem grenznahe Unternehmen

diese Option genutzt. Gleichwohl hat das Nearsourcing in den meisten Unternehmen

keine Auswirkungen auf die Beschäftigung gehabt. In nur wenigen Fällen waren

Beschäftigungsrückgänge damit verbunden. In der Zukunft dürfte das Potenzial weiter

ausgeschöpft werden, wobei auch grenzferne Unternehmen häufiger Produkte und

Dienstleistungen aus dem nahen Ausland beziehen werden. Damit wird der Strukturwandel

in der bayerischen Wirtschaft weiter vorangehen. Vor allem in der Industrie wird

die Zerlegung von Wertschöpfungsketten durch die Beschaffung von Vorleistungen aus

Mittel- und Osteuropa voranschreiten. Wertschöpfungsketten können so effizienter

gestaltet und die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen gesteigert werden.

Unternehmen, die der Konkurrenz aus Mittel- und Osteuropa ausgesetzt sind, sehen

vor allem in einer Differenzierungsstrategie ihre Chance, die Herausforderung zu meistern.

Die Basis bilden dabei Tugenden wie Flexibilität, Schnelligkeit und Zuverlässigkeit.

Vor allem die Industrie und die grenznahen Unternehmen schreiben diesen Tugenden

eine hohe Wirksamkeit im Wettbewerb mit der Konkurrenz zu.

Die Differenzierungsstrategie kann generell unterschiedlich ausgestaltet sein:

Qualität(sführerschaft), Alleinstellung oder Positionierung durch andere Differenzierungsmerkmale.

Die bayerischen Unternehmen schreiben insbesondere der ersten

Variante eine hohe Wirksamkeit zu. Verbunden wird dieser Strang mit speziellen Lösungen,

durch die sich die Unternehmen von den Konkurrenten in Mittel- und Osteuropa

abheben wollen. Im Handwerk sind es vor allem Komplettlösungen, denen die

höchste Wirksamkeit zugesprochen wird. In den übrigen Unternehmen wird häufig die

Kundenspezifität als hoch wirksam angesehen.

Die Strategie der Kostenführerschaft wird seltener als höchst wirksame Strategie gegenüber

der Konkurrenz aus Mittel- und Osteuropa gesehen. Dies bedeutet aber nicht,

dass die Kosten ohne Bedeutung für die Unternehmen sind. Vor allem in der Industrie

werden Prozessoptimierungen eine hohe Wirksamkeit bescheinigt.

Die Rahmenbedingungen in Bayern stimmen weitgehend. Werden die positiven und

negativen Urteile zu den Rahmenbedingungen einander gegenübergestellt, gibt es

keinen Bereich, in dem die negativen Antworten überwiegen. Während nur ein sehr

geringer Anteil der Unternehmen hinsichtlich der Rahmenbedingungen sehr negative

Urteile abgibt, überwiegen die positiven Urteile deutlich. Gleichzeitig zeigt sich, dass

die Industrie deutlich stärker auf günstige Standortbedingungen angewiesen ist als die

Dienstleistungsunternehmen. Als mögliche Handlungsfelder zeichnen sich in den lohnkostensensiblen

Branchen Wünsche nach Entlastungen bei den Tariflöhnen und im

Handwerk die Sicherung der Fachkräfteversorgung ab.

Insbesondere mit drei Strategien können Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit weiter

steigern, um ihre Konkurrenz aus den lohnkostengünstigeren Ländern in Mittel- und

Osteuropa auf Distanz zu halten: erstens mithilfe der Differenzierungsstrategie und der

Stärkung von Innovationsaktivitäten (in Netzwerken), zweitens mit einem kontinuierli-


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Executive Summary 3

chen Blick auf die Hebung von Effizienzreserven, um die Kosten beherrschbar zu halten

und drittens durch die Unterstützung seitens der Politik und regionaler Akteure.

Die Differenzierungsstrategie führt in der Regel zu eher temporären Vorteilen. Daher

sind sie immer wieder aufs Neue zu erarbeiten. Hierbei können Netzwerke helfen. Insbesondere

wissensintensive Netzwerke sind ein Erfolgsfaktor für Unternehmen und

sollten in stärkerem Maße geknüpft werden. So können Forschungsetats handhabbar

gehalten und das Wissen verschiedener Unternehmen synergetisch genutzt werden. In

Netzwerken können sich Unternehmen spezialisieren und durch eine Kooperation in

Netzwerken differenzierte Lösungen anbieten. In der Industrie können beispielsweise

Kooperationsnetzwerke mit spezialisierten Dienstleistern, die über reine Lieferbeziehungen

hinausgehen, helfen, gemeinsam Lösungen für die Kunden zu entwickeln.

Alle Strategien der Unternehmen führen letztlich zu höherer Komplexität der Prozesse

in und zwischen den Unternehmen. Die Beherrschung dieser Komplexität stellt hohe

Anforderungen an das Personal der Unternehmen. Deshalb bleibt eine ausreichende

Fachkräfteversorgung weiterhin ein zentrales Thema.

Bei den Arbeitskosten sind deutliche Absenkungen der Tariflöhne nicht zu erwarten.

Die Tarifparteien sind aber gefordert, ihre Lohnpolitik strikt an der Entwicklung der gesamtwirtschaftlichen

Produktivität auszurichten. Allerdings nützt eine Zurückhaltung der

Tarifpartner nichts, wenn die Personalzusatzkosten, insbesondere die Sozialaufwendungen

weiter steigen. Daher ist hier auch der Staat gefordert, Druck auf die Arbeitskosten

durch steigende Sozialabgaben zu vermeiden. Zudem müssen die Tarifvertragsparteien

für mehr Flexibilität in den Arbeitsbeziehungen sorgen. Vor allem der

Dienstleistungssektor könnte dadurch gestärkt werden.


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Einleitung 4

2 Einleitung

Der Begriff Nearsourcing vor dem Hintergrund der EU-Osterweiterung

Der Begriff Nearsourcing entstammt dem betriebswirtschaftlichen Beschaffungsmanagement.

Beim Sourcing geht es um die strategische Frage, wo von einem Unternehmen

bestimmte Arbeiten erledigt werden. Dabei ist eine Vielzahl von Arrangements

denkbar, um das Sourcing zu organisieren. Eine Option ist die Erledigung von Arbeiten

im Ausland, wobei dies innerhalb der Unternehmensorganisation im Ausland (Offshoring)

oder durch Dritte (Offshore Outsourcing) im Ausland erfolgen kann (Oshri, I./

Kotlarsky, J./Willcocks, L. P., 2011). Je nach geografischer Distanz wird auch von Far

oder Nearsourcing gesprochen, wobei der Begriff Nearsourcing sowohl Near Offshoring

(oder einfach Nearshoring) als auch Near Offshore Outsourcing umfasst.

Ziel der Beschaffung sind die Versorgungssicherheit und die Versorgungswirtschaftlichkeit,

also die Sicherstellung der nötigen Versorgung zu geringstmöglichen Kosten.

Durch die Beschaffung können sich Unternehmen strategische Wettbewerbsvorteile

schaffen. Vor allem Lohnkostenunterschiede machen es attraktiv, die Arbeit im Ausland

erledigen zu lassen, um so günstiger zu produzieren als die Konkurrenz.

Solche strategischen Vorteile sind in der Vergangenheit oft im Fernen Osten gesucht

worden (Far Sourcing). Nicht zuletzt Verbesserungen in den Transport- und Kommunikationstechnologien

haben dazu beigetragen, Distanz als weniger entscheidungsrelevant

zu betrachten. Es war sogar von „The Death of Distance“ (Cairncross, F., 2001),

„dem Tod der Entfernung“, die Rede. Gleichwohl zeigt sich in der Forschung, dass „distance

matters“ (Carmel, E./Abbott, P., 2007), also Entfernung von Bedeutung ist, da

sich Distanz nicht nur geografisch, sondern auch kulturell, klimatisch, ökonomisch oder

administrativ ausdrücken kann.

Mit der Osterweiterung hat sich eine neue Option im globalen Beschaffungsmanagement

ergeben. Im Jahr 2004 hat die Europäische Union acht mittel- und osteuropäische

Staaten sowie Malta und Zypern aufgenommen, im Jahr 2007 kamen noch Rumänien

und Bulgarien hinzu. Nachdem im Jahr 2013 Kroatien aufgenommen wurde,

besteht die Europäische Union nunmehr aus 28 Mitgliedsländern. Der Economist

spricht daher im Jahr 2005 auch von „the rise of nearshoring“.

Im Vorfeld der EU-Osterweiterung sind zahlreiche Analysen zu den möglichen Auswirkungen

erstellt worden. So ließ bereits im Jahr 2001 das Bayerische Staatsministerium

für Wirtschaft, Verkehr und Technologie die Auswirkungen der EU-Osterweiterung auf

Wirtschaft und Arbeitsmarkt in Bayern vom ifo-Institut untersuchen. In der Studie wurden

die sektorale und die regionale Wettbewerbsfähigkeit analysiert. Es wurde gefragt,

ob die sektoralen Wirtschaftsstrukturen in den Regionen im EU-Erweiterungsprozess

wettbewerbsfähig sind und ob die endogenen Potenziale der Regionen ausreichen, um

im EU-Erweiterungsprozess bestehen zu können. Die Studie erwartete insbesondere


Studie – Die Bedeutung von Nearsourcing in Bayern

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Einleitung 5

für die Landkreise entlang der bayerisch-tschechischen Grenze eine verschlechterte

Wettbewerbsposition. Als ursächlich angesehen wurden die wesentlich weniger wachstumsorientierte

Wirtschaftsstruktur in diesen Landkreisen sowie die Unterausstattung

mit endogenen Wachstumsfaktoren, wie gewerbliche Investitionen, Auslandsumsatz,

oder Beschäftigungsanteil von Hochqualifizierten (Alecke, B. et al., 2001).

Die EU-Osterweiterung war entsprechend mit Ängsten verbunden. Befürchtet wurde

vor allem ein hohes Maß an Zuwanderung und ein Ansteigen der Arbeitslosenzahlen,

sobald „billige Arbeitskräfte“ ins Inland strömen würden. In einer Befragung aus dem

Jahr 2004 erwarteten 75 Prozent der Deutschen einen Anstieg der Arbeitslosigkeit

durch die EU-Osterweiterung und nur 28 Prozent begrüßten die EU-Osterweiterung. In

Frankreich wurde der „polnische Klempner“ zum Symbol einer gefühlten Bedrohung für

den heimischen Arbeitsmarkt (bpb, 2006).

Auch fast zehn Jahre nach der EU-Osterweiterung bleiben mit dem Nearsourcing für

die bayerischen Unternehmen Chancen und Risiken verbunden. Vor diesem Hintergrund

sollen in dieser vbw-Studie folgende Fragen näher untersucht werden:

- Wie stellen sich in Bayern die Folgen der EU-Osterweiterung im Lichte der

amtlichen Statistik dar?

- Wie wirkt sich Nearsourcing auf die heimische Produktion – insbesondere auf

die Nachfrage von Kunden und die Beschaffung – aus?

- Welche Gestaltungsmöglichkeiten haben die Unternehmen im Wettbewerb

mit Mittel- und Osteuropa?

- Welche Rahmenbedingungen sind für die Unternehmen wichtig, um im Wettbewerb

mit Mittel- und Osteuropa bestehen zu können?


Studie – Die Bedeutung von Nearsourcing in Bayern

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Bayern im Zuge der EU-Osterweiterung 6

3 Bayern im Zuge der EU-Osterweiterung

Chancen genutzt, aber lohnkostensensible Sektoren unter Druck

Am 1. Mai 2004 wurden die acht mittel- und osteuropäischen Länder Estland, Lettland,

Litauen, Polen, Tschechische Republik, Slowakische Republik, Ungarn und Slowenien

sowie die beiden Mittelmeerländer Malta und Zypern in die Europäische Union aufgenommen.

Dabei handelte es sich um die bislang größte Erweiterungsrunde in der Geschichte

der EU. Mit dem Beitritt stieg die Zahl der EU-Bürger um 75 Millionen an.

Der Eintritt in die Europäische Union war für die Menschen in den Beitrittsländern verbunden

mit den vier Grundfreiheiten der EU: Freiheit des Warenverkehrs, Dienstleistungsfreiheit,

Freiheit des Kapitalverkehrs sowie Freizügigkeit der Arbeitnehmer. Für

die Arbeitnehmerfreizügigkeit konnten Übergangsfristen in Anspruch genommen werden.

Die Beschränkungen für Arbeitsnehmer aus den im Jahr 2004 beigetretenen Ländern

sind inzwischen vollständig aufgehoben. Für Arbeitnehmer aus Bulgarien und

Rumänien gelten in Deutschland noch bis Ende des Jahres 2013 Einschränkungen,

wobei diese schon teilweise gelockert wurden.

Die Möglichkeiten des Nearsourcings ergeben sich aber nicht erst mit der EU-

Osterweiterung im Jahr 2004. Bereits neun Jahre zuvor sahen sich viele grenznahe

Unternehmen mit Inkrafttreten der EU-Assoziationsabkommen mit der Tschechischen

Republik einer weitgehenden Liberalisierung des Warenverkehrs gegenüber. So konnten

Unternehmen die Möglichkeit nutzen, Güter in Tschechien nachzufragen. Mit der

Verwirklichung des freien Warenverkehrs stieg die direkte Konkurrenz durch Importe

von tschechischen Unternehmen an. Allerdings durften ergänzende Dienstleistungen

erst mit Umsetzung der Dienstleistungsfreiheit im Zuge der EU-Erweiterung erbracht

werden.

Grundsätzlich stellt das Beitrittsdatum zwar einen wichtigen Meilenstein, nicht aber

eine stichtagsbezogene Änderung dar. Der Wettbewerbsdruck dürfte vielmehr von

schrittweisen Veränderungen des unternehmerischen Umfelds vor und nach dem Beitrittsdatum

ausgehen.

Dieser Wettbewerbsdruck ergibt sich nicht zuletzt aus den unterschiedlichen Arbeitskosten.

Lagen die Arbeitskosten der Arbeitnehmer im Verarbeitenden Gewerbe im Jahr

2012 in Westdeutschland bei 38,88 Euro je geleisteter Stunde, betrugen sie in Rumänien

oder Bulgarien nicht einmal ein Zehntel dieses Wertes (siehe Abbildung 1). Die

übrigen Staaten in Mittel- und Osteuropa weisen ebenfalls deutlich geringere Arbeitskosten

auf. Zwar haben sich die Arbeitskosten in Mittel- und Osteuropa dynamischer

entwickelt als in Westdeutschland, dennoch bleibt ein erheblicher Abstand bestehen.

Nearsourcing bietet demnach immer noch deutliche Lohnkostenvorteile.


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Bayern im Zuge der EU-Osterweiterung 7

Abbildung 1

Arbeitskosten im Verarbeitenden Gewerbe im Jahr 2012 (Arbeitnehmer je geleistete

Stunde in Euro)

Quelle: Schröder, C., 2013

Wie haben sich die Regionen Bayerns vor dem Hintergrund der EU-Osterweiterung in

den vergangenen Jahren entwickelt? Antworten dazu liefert ein Blick auf die amtlichen

Daten. Dabei wird zwischen grenznahen und grenzfernen Regionen unterschieden,

wobei zwei Abgrenzungen grenznaher Regionen erfolgen:

- Direkte Grenze (mit der Tschechischen Republik): Landkreise mit gemeinsamer

Grenze zur Tschechischen Republik und die beiden davon umschlossenen

kreisfreien Städte Hof und Weiden in der Oberpfalz (siehe linke Seite

in Abbildung 2),

- Grenznah (an der Tschechischen Republik): Landkreise und kreisfreie Städte

in den an die Tschechische Republik grenzenden Regierungsbezirken Oberfranken,

Oberpfalz und Niederbayern (siehe rechte Seite in Abbildung 2),

- Grenzfern: Landkreise und kreisfreie Städte in Regierungsbezirken ohne

gemeinsame Grenze mit der Tschechischen Republik (siehe rechte Seite in

Abbildung 2).


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Abbildung 2

Abgrenzung „direkte Grenze“ und „grenznah“

Quelle: Eigene Darstellung

3.1 Bevölkerungsentwicklung, Arbeitsmarkt und Gesamtwirtschaft

Im Jahr 2011 lebten durchschnittlich 12,6 Millionen Menschen in Bayern. Davon lebten

rund 864.000 in Landkreisen und kreisfreien Städten direkt an der Tschechischen Republik.

In den grenznahen Landkreisen und kreisfreien Städten lebten im Jahresdurchschnitt

3,3 Millionen Einwohner (siehe Tabelle 1). In allen Regionen lag der Anteil der

erwerbsfähigen Bevölkerung bei ca. zwei Drittel.

Die Landkreise mit direkter Grenze mussten zwischen den Jahren1995 und 2011 einen

Bevölkerungsrückgang um 4,7 Prozent verkraften. In den grenznahen Regionen nahm

die Bevölkerung zwischen den Jahren 1995 und 2011 leicht zu, in den grenzfernen

Regionen wuchs sie deutlich schneller.

Auch in Zukunft ist mit unterschiedlichen Bevölkerungsentwicklungen zwischen den

grenznahen und grenzfernen Regionen zu rechnen. Bis zum Jahr 2030 wird in den

Landkreisen mit direkter Grenze von einem weiteren Rückgang um 9,2 Prozent ausgegangen.

Für die grenznahen Landkreise und kreisfreien Städte prognostiziert das Bundesinstitut

für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) bis zum Jahr 2030 einen Bevölkerungsrückgang

um 3,3 Prozent. Für die grenzfernen Regionen wird ein Anstieg

der Bevölkerung um 3,4 Prozent erwartet. Insgesamt soll die Bevölkerung Bayerns um

1,7 Prozent steigen.


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vbw – Dezember 2013

Bayern im Zuge der EU-Osterweiterung 9

Tabelle 1

Bevölkerungsentwicklung 1995-2030

Bevölkerung

2011

Anteil erwerbsfähige

Bevölkerung

2011 (in %)

Bevölkerungswachstum

1995/2011 (in %)

Bevölkerungswachstum

2011/2030 (in %)

Direkte

Grenze

864.453 65,9 -4,7 -9,2

Grenznah 3.340.891 66,8 1,4 -3,3

Grenzfern 9.222.608 66,7 6,5 3,4

Bayern 12.563.499 66,8 5,1 1,7

Quelle: Statistische Ämter des Bundes und der Länder, 2013 a, 2013b; BBSR, 2012; eigene Berechnung

Die Befürchtung, die Arbeitslosigkeit könne durch die EU-Osterweiterung deutlich ansteigen,

hat sich bisher nicht bestätigt. Sowohl in den grenznahen wie den grenzfernen

Regionen ist die Zahl der Arbeitslosen in Bayern gesunken, während gleichzeitig die

Zahl der zivilen Erwerbspersonen gestiegen ist. Daraus resultiert eine deutliche Absenkung

der Arbeitslosenquote in allen Regionen (siehe Tabelle 2). Derzeit deutet

nichts darauf hin, dass sich das Bild nach der vollständigen Beendigung der Übergangsfristen

deutlich ändern wird.

Tabelle 2

Arbeitslosigkeit 1998 und 2012

Arbeitslose 1998 Arbeitslose 2012 Arbeitslosenquote

1998 (in %)

Arbeitslosenquote

2012 (in %)

Direkte

Grenze

36.187 19.195 8,4 4,2

Grenznah 125.955 67.234 7,9 3,7

Grenzfern 289.473 181.609 6,7 3,6

Bayern 415.428 248.843 7,0 3,7

Arbeitslosenquote bezogen auf alle zivilen Erwerbspersonen.

Quelle: Statistische Ämter des Bundes und der Länder, 2013 a, 2013b; BBSR, 2012; eigene Berechnung


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Bayern im Zuge der EU-Osterweiterung 10

Seit der EU-Osterweiterung im Jahr 2004 hat sich die Zahl der sozialversicherungspflichtig

Beschäftigten in allen Regionen Bayerns erhöht. Dies gilt gleichermaßen für

die grenznahen wie die grenzfernen Regionen. Somit ist die Arbeitsmarktentwicklung

nach der EU-Osterweiterung für alle Regionen erfolgreich verlaufen, wobei die Ursachen

für diese positive Entwicklung nicht zwingend in der Osterweiterung liegen. Allerdings

haben die Anpassungsprozesse bereits vor dem offiziellen Beitritt begonnen. So

gingen in der Zeit von 1998 bis 2003 in den Landkreisen mit direkter Grenze gut 9.000

sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätzen verloren. Dem stehen jedoch knapp

22.000 neue Arbeitsplätze nach dem Jahr 2003 gegenüber, sodass auch an der Landesgrenze

die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten seit dem Jahr

1998 zugelegt hat. Insgesamt hat sich die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten

in den Landkreisen und kreisfreien Städten mit direkter Grenze etwas langsamer

entwickelt als in den grenzfernen Regionen (siehe Tabelle 3).

Tabelle 3

Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Bayern 2003-2012

Anzahl Veränderung in %

2003 2012 2003-2012

Direkte Grenze 274.477 296.809 8,1

Grenznah 1.096.230 1.208.191 10,2

Grenzfern 3.237.067 3.619.225 11,8

Bayern 4.333.297 4.827.416 11,4

Quelle: Bundesagentur für Arbeit, 2013; eigene Berechnung

Der Wohlstand einer Region kann anhand des verfügbaren Einkommens erfasst werden.

Die jährlichen verfügbaren Einkommen lagen im Jahr 2009 in den Landkreisen

und kreisfreien Städten mit direkter Grenze zur Tschechischen Republik 2.550 Euro

unter dem Landesdurchschnitt von rund 20.000 Euro. In den grenznahen Landkreisen

und kreisfreien Städten lag das verfügbare Einkommen 1.600 Euro unter dem Landesdurchschnitt

(siehe


Studie – Die Bedeutung von Nearsourcing in Bayern

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Bayern im Zuge der EU-Osterweiterung 11

Tabelle 4). Der Anstieg der verfügbaren Einkommen ist zwischen den Jahren 1996 und

2009 in den Landkreisen und kreisfreien Städten mit direkter Grenze hinter dem Landesdurchschnitt

zurückgeblieben, in den grenznahen Regionen entwickelten sich die

Einkommen genau im bayerischen Durchschnitt.


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Bayern im Zuge der EU-Osterweiterung 12

Tabelle 4

Verfügbare Einkommen je Einwohner in Bayern in Euro 1996-2009

1996 2009

Direkte Grenze 13.998 17.560

Grenznah 14.365 18.482

Grenzfern 16.091 20.708

Bayern 15.614 20.111

Quelle: VGR der Länder, 2011; eigene Berechnung

Beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) je Einwohner wiesen die Landkreise und kreisfreien

Städte direkt an der tschechischen Grenze ein gleich hohes durchschnittliches Wachstum

auf wie die grenznahen und grenzfernen Regionen (jeweils zwei Prozent pro Jahr).

Dagegen fiel das durchschnittliche BIP-Wachstum je Erwerbstätigen direkt an der

tschechischen Grenze sogar höher aus (siehe Abbildung 3). Zwischen den Jahren

2009 und 2011 ist in allen Regionen das BIP je Erwerbstätigen dann gleich schnell

gestiegen.

Abbildung 3

Durchschnittliches Wachstum des Bruttoinlandsprodukts je Erwerbstätigen bzw.

je Einwohner zwischen 1996 und 2009 in Bayern (in %)

Quelle: VGR der Länder, 2011; eigene Berechnung


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Bayern im Zuge der EU-Osterweiterung 13

Trotz der positiven Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts blieben die Landkreise direkt

an der tschechischen Grenze deutlich unter dem bayerischen Niveau: Während

das BIP je Einwohner in Bayern im Jahr 2009 im Durchschnitt 33.897 Euro betrug, lag

es in den Landkreisen und kreisfreien Städten direkt an der Grenze lediglich bei 26.309

Euro. Auch die grenznahen Landkreise und kreisfreien Städte wiesen gegenüber den

anderen Regionen mit 29.449 Euro ein deutlich geringes BIP je Einwohner auf.

Gleichwohl lag das BIP je Einwohner in den grenznahen Landkreisen und kreisfreien

Städten immer noch über dem deutschlandweiten Durchschnitt von 29.278 Euro.

3.2 Struktureller Wandel

Der strukturelle Wandel lässt sich anhand der Anteile einzelner Sektoren an der Bruttowertschöpfung

darstellen (siehe Abbildung 4). Nach den neuesten amtlichen Daten,

die eine Revision der alten Daten sowie eine Neugliederung der Wirtschaftszweige

umfasst, konnte die Industrie in Bayern seit dem Jahr 2000 Anteile gewinnen. Zwischen

den Jahren 2000 und 2011 konnte das Produzierende Gewerbe (ohne Bau)

demnach seinen Anteil um 3,2 Prozentpunkte erhöhen, während der Dienstleistungssektor

um 2,5 Prozentpunkte an Bedeutung verlor. Ebenfalls verloren haben der Bausektor

(-0,5 Prozentpunkte) und die Landwirtschaft (-0,2 Prozentpunkte). In den Landkreisen

und kreisfreien Städten mit direkter Grenze zu Tschechien blieb der Anteil des

Produzierenden Gewerbes nahezu unverändert, während der Anteil in den grenznahen

und grenzfernen Regionen zugelegt hatte. Insgesamt wies das Produzierende Gewerbe

in Grenznähe eine höhere Bedeutung auf als in den grenzfernen Regionen.

Abbildung 4

Bruttowertschöpfung nach Sektoren in Bayern 2000 und 2011 (Anteile in %)

Quelle: VGR der Länder, 2013; eigene Berechnung


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Bayern im Zuge der EU-Osterweiterung 14

Die Bedeutung des Produzierenden Gewerbes für die grenznahen Regionen kann

auch anhand der Erwerbstätigen abgelesen werden. In den Landkreisen und kreisfreien

Städten direkt an der tschechischen Grenze waren im Jahr 2010 genau

28 Prozent der Erwerbstätigen im Produzierenden Gewerbe tätig, im Landesdurchschnitt

waren es lediglich 21,7 Prozent. In grenznahen Landkreisen und kreisfreien

Städten war mehr als jeder vierte Erwerbstätige im Produzierenden Gewerbe beschäftigt

(siehe Tabelle 5).

Tabelle 5

Erwerbstätige nach Sektoren in Bayern im Jahr 2011 (Anteile in %)

Land-und Forstwirtschaft,

Fischerei

Produzierendes Gewerbe

(ohne Bau)

Baugewerbe

Dienstleistungsbereiche

Direkte

Grenze

3,8 28,0 7,6 60,6

Grenznah 3,2 25,7 7,4 63,7

Grenzfern 2,0 20,3 5,5 72,2

Bayern 2,3 21,7 6,0 70,0

Quelle: VGR der Länder, 2013; eigene Berechnung

Der Umsatz des Verarbeitenden Gewerbes hat sich in den grenznahen Regionen zwischen

den Jahren 1999 und 2011 günstiger entwickelt als in den grenzfernen Regionen.

Durchschnittlich wuchs der Umsatz in den Landkreisen und kreisfreien Städten

mit direkter Grenze jährlich um 3,8 Prozent, während er in den grenzfernen Landkreisen

und kreisfreien Städten um lediglich 2,3 Prozent pro Jahr zulegte (siehe


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Bayern im Zuge der EU-Osterweiterung 15

Tabelle 6). Zu berücksichtigen ist allerdings, dass nicht für alle Kreise und kreisfreien

Städte Angaben zum Umsatz vorlagen. In diesen Kreisen dürften sich auch umsatzstarke

Unternehmen befinden, wuchs doch der Umsatz in ganz Bayern um durchschnittlich

3,5 Prozent.

Exporte werden dabei für das Verarbeitende Gewerbe immer wichtiger. Jedoch konnten

die grenznahen Unternehmen beim Auslandsumsatz nicht mit den grenzfernen

Unternehmen Schritt halten. Während der Anteil der Auslandsumsätze am Gesamtumsatz

in Grenznähe lediglich um 8,5 Prozentpunkte zugelegt hat, lag der Anstieg in den

grenzfernen Regionen bei 13 Prozentpunkten. Allerdings ist auch für den Auslandsumsatz

zu beachten, dass nicht für alle Kreise und kreisfreien Städte Angaben vorlagen.

Auch hier ist angesichts der Differenz zu den Bayernwerten anzunehmen, dass einige

umsatzstarke Unternehmen in den fehlenden Kreisen angesiedelt sind (Tabelle 7).


Studie – Die Bedeutung von Nearsourcing in Bayern

vbw – Dezember 2013

Bayern im Zuge der EU-Osterweiterung 16

Tabelle 6

Umsatzentwicklung im Verarbeitenden Gewerbe 1999 bis 2011

Umsatz in Mrd. Euro Veränderung in % Durchschnittliches

Wachstum in %

1999 2011 1999-2011 1999-2011

Direkte

Grenze

9,8 15,4 56,4 3,8

Grenznah 51,6 73,4 42,3 3,0

Grenzfern 162,1 214,0 32,1 2,3

Bayern 221,3 332,7 50,3 3,5

Abweichungen aus dem Wert für Bayern und den regionalen Werten resultieren aus fehlenden Angabe zur

kreisfreien Stadt Ingolstadt, zum Landkreis Garmisch-Partenkirchen, zur kreisfreien Stadt Passau, zum

Landkreis Regen und zum Landkreis Dingolfing-Landau.

Quelle: Statistisches Bundesamt, 2013; eigene Berechnung

Tabelle 7

Anteil Auslandsumsatz im Verarbeitenden Gewerbe 1999-2011

Anteil Auslandsumsatz in %

Veränderung in

Prozentpunkten

1999 2011 1999-2011

Direkte Grenze 27,3 35,9 8,6

Grenznah 33,2 41,8 8,5

Grenzfern 36,8 49,8 13,0

Bayern 38,0 51,1 13,1

Abweichungen aus dem Wert für Bayern und den regionalen Werten resultieren aus fehlenden Angaben

zur kreisfreien Stadt Ingolstadt, zum Landkreis Garmisch-Partenkirchen, zur kreisfreien Stadt Passau, zum

Landkreis Regen und zum Landkreis Dingolfing-Landau.

Quelle: Statistisches Bundesamt, 2013; eigene Berechnung

Anders als in der gesamten bayerischen Wirtschaft hat es im Verarbeitenden Gewerbe

einen Rückgang der Beschäftigung gegeben. Waren im Jahr 1998 noch 1.358.432

sozialversicherungspflichtige Beschäftigte im bayerischen Verarbeitenden Gewerbe


Studie – Die Bedeutung von Nearsourcing in Bayern

vbw – Dezember 2013

Bayern im Zuge der EU-Osterweiterung 17

tätig, sank diese Zahl bis zum Jahr 2007 auf 1.328.322 Beschäftigte. In der Zeit nach

der Überarbeitung der Wirtschaftszweigklassifikation sank die Zahl der Beschäftigten

im Verarbeitenden Gewerbe nochmals von 1.305.246 auf 1.297.723. Insgesamt sind

demnach in den Jahren 1998 und 2012 rund 60.000 Arbeitsplätze verloren gegangen.

Dies entspricht einem Rückgang von gut 4 Prozent. Damit konnte sich das Verarbeitende

Gewerbe in Bayern im Vergleich zu Deutschland gut behaupten, wo ein Rückgang

von 13 Prozent zu verzeichnen war.

Im Vorfeld der EU-Osterweiterung hat die Studie von Alecke et al. für die grenznahen

Regionen unter anderem auf Grund der vorhandenen Wirtschaftsstruktur eine verschlechterte

Wettbewerbsposition erwartet. Dahinter verbirgt sich der höhere Besatz

der grenznahen Regionen mit lohnkostensensiblen Branchen, die große Nachteile im

Wettbewerb mit den mittel- und osteuropäischen Ländern aufweisen (siehe linke Karte

in Abbildung 5). Als lohnkostensensibel werden arbeitsintensive und humankapitalarme

Branchen bezeichnet. Die Wettbewerbsnachteile wurden nach dem Konzept des relativen

Wettbewerbsvorteils („Revealed Comparative Advantages“ – RCA) ermittelt. Dazu

werden Export-Import-Relationen einer Warengruppe mit den Relationen aller Warengruppen

verglichen. Übersteigt die Export-Import-Relation einer Warengruppe die der

Gesamtwirtschaft, wird ein Wettbewerbsvorteil erwartet, ansonsten ein Wettbewerbsnachteil.

Zwar hat sich die Klassifikation der Wirtschaftszweige im Jahr 2008 geändert, dennoch

kann grob abgeschätzt werden, wie sich heute der Besatz mit lohnkostenintensiven

Branchen im Verarbeitenden Gewerbe im Vergleich zur Studie von Alecke et al. darstellt.

Dabei beziehen sich die Anteile immer nur auf die Verteilung derjenigen Branchen,

die nicht der Geheimhaltung durch die Bundesagentur für Arbeit unterliegen. Es

zeigt sich, dass die grenznahen Landkreise und kreisfreien Städte weiterhin einen höheren

Besatz mit lohnkostenintensiven Branchen aufweisen, obgleich in der Vergangenheit

ein erheblicher Rückgang zu beobachten war (siehe rechte Karte in

Abbildung 5).


Studie – Die Bedeutung von Nearsourcing in Bayern

vbw – Dezember 2013

Bayern im Zuge der EU-Osterweiterung 18

Abbildung 5

Beschäftigung in lohnkostensensiblen Wirtschaftsgruppen mit großen Nachteilen

im Wettbewerb mit den mittel- und osteuropäischen Ländern in den Jahren

1998 und 2010 (Angaben in % der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten)

1998 2010

Quelle: Alecke, B. et al., 2001 (Farben an eigene Darstellung angepasst); Bundesagentur für Arbeit, 2011;

eigene Darstellung

Unter Berücksichtigung der in der Studie gemachten Branchentypisierung zeigt sich,

dass die grenznahen Regionen zwischen 1998 und 2008 am stärksten vom Rückgang

der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung im Verarbeitenden Gewerbe betroffen

waren (siehe Tabelle 8).

Der Rückgang im Verarbeitenden Gewerbe resultiert einzig aus der Betroffenheit der

lohnkostensensiblen Sektoren, wobei hier sowohl Sektoren mit Wettbewerbsnachteilen

und ohne Wettbewerbsnachteile gegenüber Mittel- und Osteuropa gemeint sind. Zwar

konnten in allen Regionen die kapital- und technologieintensiven Branchen (mit Wettbewerbsvorteilen

und ohne Wettbewerbsvorteile) zulegen. Diese Branchen konnten

allerdings – mit Ausnahme der grenzfernen Regionen – die Verluste in den lohnkostensensiblen

Branchen nicht ausgleichen. Lediglich in den grenzfernen Regionen konnten

die kapital- und technologieintensiven Sektoren den Rückgang in den lohnkostensensiblen

Sektoren annähernd kompensieren.

In den Landkreisen mit direkter Grenze zur Tschechischen Republik entstanden bis

zum Jahr 2008 zudem nicht in gleichem oder höherem Maße Beschäftigungsverhältnisse

außerhalb des Verarbeitenden Gewerbes. In allen anderen Regionen entstanden

zusätzliche Arbeitsplätze außerhalb des Verarbeitenden Gewerbes, die den Verlust im

Verarbeitenden Gewerbe bereits bis zum Jahr 2008 kompensieren konnten. Nach dem


Studie – Die Bedeutung von Nearsourcing in Bayern

vbw – Dezember 2013

Bayern im Zuge der EU-Osterweiterung 19

Jahr 2008 war dagegen in allen Regionen ein Anstieg der Beschäftigungsverhältnisse

zu beobachten (siehe Tabelle 3), also auch in den Regionen mit direkter Grenze.

Tabelle 8

Entwicklung der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung in Bayern von

1998 bis 2008 im Verarbeitenden Gewerbe

Lohnkostensensible

Sektoren

kapital- und technologieintensive

Sektoren

Entwicklung im

Verarbeitenden

Gewerbe

Entwicklung

SVB Gesamt

in % in % absolut absolut

Direkte

Grenze

-17,6 9,9 -11.589 -9.375

Grenznah -16,8 4,1 -33.342 49.682

Grenzfern -9,9 7,9 -1.428 286.441

Bayern -12,4 6,9 -34.770 336.123

Aufgrund des Datenschutzes fehlen Angaben zu 27 Prozent der Branchen-Kreis-Zellen.

Quelle: Bundesagentur für Arbeit, 1999, 2009; eigene Berechnung

3.3 Bewertung der Ergebnisse

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs setzte in der Europäischen Union rasch ein

Integrationsprozess der mittel- und osteuropäischen Länder ein. Ab 1995 kam es beispielsweise

zu einer weitgehenden Liberalisierung des Warenverkehrs zwischen der

Tschechischen Republik und der Europäischen Union. Im Jahr 2004 erfolgte schließlich

der Beitritt acht mittel- und osteuropäischer Staaten in die EU.

Die EU-Osterweiterung bietet den Unternehmen Chancen, führt aber auch zu Herausforderungen.

Die europäischen Grundfreiheiten eröffnen den Unternehmen neue Möglichkeiten

im Beschaffungsmanagement. Die Unternehmen haben nun die Option des

Nearsourcings: Kunden können im lohnkostengünstigeren Mittel- und Osteuropa ihre

Produkte und Dienstleistungen einkaufen, Unternehmen können dort produzieren. Im

Vorfeld der Osterweiterung wurde deshalb von „the rise of nearshoring“ gesprochen.

Insgesamt zeigt sich eine positive wirtschaftliche Entwicklung in Bayern. Die Arbeitslosigkeit

ist in allen Regionen Bayerns seit dem Jahr 1995 gesunken, die Gesamtzahl

der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ist seit dem Jahr 2003 gestiegen. Die

Einkommen in den Grenzregionen weisen weiterhin ein unterdurchschnittliches Niveau


Studie – Die Bedeutung von Nearsourcing in Bayern

vbw – Dezember 2013

Bayern im Zuge der EU-Osterweiterung 20

auf. Gleichzeitig gab es in diesen Regionen eine etwas überdurchschnittliche Entwicklung

beim Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigen.

Die EU-Osterweiterung dürfte den Strukturwandel in der bayerischen Wirtschaft beschleunigt

haben. Der strukturelle Wandel hat vor allem lohnkostensensible Branchen

getroffen. Da vor der EU-Osterweiterung die grenznahen Regionen höhere Anteile

lohnkostensensibler Unternehmen aufwiesen, sind dort mehr Arbeitsplätze in der Industrie

weggefallen. Der Zuwachs an Arbeitsplätzen in den kapital- und technologieintensiven

Branchen konnte Beschäftigungsverluste in den lohnkostensensiblen Branchen

(bislang) nicht ausgleichen. In allen Regionen hat es eine Kompensation bei den

sozialversicherungspflichtig Beschäftigten außerhalb des Verarbeitenden Gewerbes

gegeben, wobei diese Entwicklung in den Landkreisen und kreisfreien Städten mit direkter

Grenze erst spät eingesetzt hat.


Studie – Die Bedeutung von Nearsourcing in Bayern

vbw – Dezember 2013

Auswirkungen des Nearsourcings auf die

bayerischen Unternehmen

21

4 Auswirkungen des Nearsourcings auf die bayerischen

Unternehmen

Industrie und Handwerk stärker betroffen – Prozess noch nicht abgeschlossen

Die Wirtschaft unterliegt einem permanenten strukturellen Wandel. Auch in Zukunft

werden die bayerischen Unternehmen vor der Herausforderung stehen, mit den ihnen

vorgegebenen Rahmenbedingungen umzugehen. Angesichts des weiterhin hohen Bestandes

an lohnkostenintensiven Branchen ist es nicht zu erwarten, dass der Anpassungsprozess

im Rahmen der EU-Osterweiterung bereits völlig vollzogen ist. Im Mittelpunkt

der folgenden Betrachtung stehen die Möglichkeiten des Nearsourcings für die

bayerischen Unternehmen. Es wird gefragt, ob die Möglichkeiten des Nearsourcings

bereits genutzt werden und welche Entwicklung zukünftig zu erwarten ist. Dabei wird

gleichermaßen auf Chancen und Risiken sowie auf die Kunden- und Beschaffungsperspektive

eingegangen.

Grundlage der Untersuchung ist eine Befragung im Rahmen des IW-Zukunftspanels im

Sommer 2013. Es wurden 441 bayerische Unternehmen der Industrie und industrienahen

Dienstleistungen befragt. Die Unternehmen haben Fragen zur Betroffenheit, zu

ihren Strategien im Umgang mit den Herausforderungen und zur Bedeutung von

Standortfaktoren hinsichtlich ihrer Wettbewerbsfähigkeit beantwortet. Die ausgewiesenen

Ergebnisse für die Handwerksunternehmen beziehen sich nicht auf alle Handwerksunternehmen,

sondern nur auf solche, die den Industrie- oder den industrienahen

Dienstleistungsbranchen zugeordnet werden können. Angaben zu den grenznahen

und grenzfernen Regionen beziehen sich auf alle Unternehmen der Industrie und industrienahen

Dienstleistungen.

4.1 Beschaffungsperspektive

Das Nearsourcing im Rahmen der EU-Osterweiterung bietet den Unternehmen die

Möglichkeit, ihre Produkte oder Vorleistungen in den mittel- und osteuropäischen Staaten

einzukaufen oder herzustellen. Dies können fertige Produkte sein, die am Markt

(weiter)verkauft werden, oder Vorleistungen, die in die Produktion in Deutschland einfließen.

Weiterhin können unterstützende Funktionen – wie Logistik, Marketing, Vertrieb,

Call Center, ITK, Verwaltung/Management, Konstruktion oder Forschung und

Entwicklung – in Mittel- und Osteuropa erstellt oder erworben werden. Der Einkauf

bzw. die Verlagerung bietet den Unternehmen die Möglichkeit, ihre Wertschöpfungsketten

funktional zu zergliedern und effizienter zu gestalten, um so ihre Wettbewerbsfähigkeit

zu steigern.

Insgesamt nutzen rund 30 Prozent der Unternehmen das Nearsourcing. Fertige Produkte

werden von insgesamt knapp einem Fünftel aller Unternehmen in Mittel- und

Osteuropa gekauft oder produziert. Dabei überwiegt die eigene Herstellung leicht den


Studie – Die Bedeutung von Nearsourcing in Bayern

vbw – Dezember 2013

Auswirkungen des Nearsourcings auf die

bayerischen Unternehmen

22

Einkauf bei Dritten. Vorleistungen werden seltener in Mittel- und Osteuropa beschafft.

Rund ein Achtel aller Unternehmen gibt dies an. Auch bei den Vorleistungen überwiegt

die eigene Produktion leicht den Einkauf bei Dritten. Unterstützende Funktionen werden

dagegen seltener in Mittel- und Osteuropa erstellt oder eingekauft. So beschafft

sich weniger als jedes zehnte Unternehmen dort unterstützende Funktionen.

Grenznahe Unternehmen beschaffen deutlich häufiger als grenzferne Unternehmen in

Mittel- und Osteuropa. Dies gilt sowohl für fertige Produkte als auch für Vorleistungen

(siehe Abbildung 6). Besonders ausgeprägt scheint die Herstellung von Vorleistungen

bei grenznahen Unternehmen (24 Prozent), was auf die kürzeren Distanzen zu möglichen

Produktionsstätten zurückzuführen sein dürfte.

Das Handwerk nutzt derzeit am häufigsten Einkaufs- und Produktionsmöglichkeiten in

Mittel- und Osteuropa. So geben fast 27 Prozent der Handwerksunternehmen an, in

Mittel- und Osteuropa Produkte einzukaufen. Von den Industrie- und Dienstleistungsunternehmen

geben dies lediglich rund 17 Prozent an. Die Erstellung von Vorleistungen

im nahen Ausland ist dagegen eine Domäne der Industrie (Herstellung 19 Prozent,

Einkauf 18 Prozent) und am ehesten noch des Handwerks (Herstellung 18 Prozent,

Einkauf zwölf Prozent). Von den Dienstleistern stellen nur knapp elf Prozent Vorleistungen

her, lediglich sieben Prozent kaufen Vorleistungen ein (siehe Abbildung 6).

Von den Unternehmen aus lohnkostenintensiven Branchen des Verarbeitenden Gewerbes

weist mehr als ein Viertel eigene Produktionsstätten in Mittel- und Osteuropa

auf. In den kapital- und technologieintensiven Branchen geben dies weniger als

15 Prozent der Unternehmen an. Allerdings planen oder erwägen knapp 25 Prozent

dieser Unternehmen, in Zukunft Vorleistungen in Mittel- und Osteuropa herzustellen.

Unterstützende Funktionen werden nur selten in Mittel- und Osteuropa erstellt oder

eingekauft. So beschaffen insgesamt lediglich gut acht Prozent aller Unternehmen dort

unterstützende Funktionen. Am ehesten nutzt der Dienstleistungssektor (9,5 Prozent)

diese Herstellungs- und Einkaufsmöglichkeiten in Mittel- und Osteuropa (siehe Abbildung

6).


Studie – Die Bedeutung von Nearsourcing in Bayern

vbw – Dezember 2013

Auswirkungen des Nearsourcings auf die

bayerischen Unternehmen

23

Abbildung 6

Unternehmen, die bereits Mittel- und Osteuropa produzieren oder einkaufen

(Angaben in %)

Quelle: IW-Zukunftspanel, 2013


Studie – Die Bedeutung von Nearsourcing in Bayern

vbw – Dezember 2013

Auswirkungen des Nearsourcings auf die

bayerischen Unternehmen

24

In Zukunft dürfte mehr als jedes fünfte Unternehmen seine Beschaffungsaktivitäten in

Mittel- und Osteuropa ausweiten. Es sind vor allem die bereits in Mittel- und Osteuropa

tätigen Unternehmen, die zukünftig das vorhandene Potenzial für die Herstellung und

den Einkauf von Produkten oder Vorleistungen stärker ausschöpfen wollen. Rund

60 Prozent der Unternehmen, die die Option des Nearsourcings bereits heute nutzen,

wollen das Potenzial zukünftig noch stärker nutzen.

Zwischen den Industrie- und Dienstleistungsunternehmen gibt es hinsichtlich der möglichen

Ausweitung der Herstellung und Produktion von Produkten im Ausland eher geringe

Unterschiede. Die Dienstleister erwägen eher eine Produktion (23 Prozent), die

Industrieunternehmen eher Einkäufe von Produkten (25 Prozent) im Ausland. Deutlich

häufiger kann sich dagegen das Handwerk eine Expansion vorstellen. Knapp ein Drittel

aller Handwerksunternehmen kann sich einen Ausbau der Produktion oder des Einkaufs

von Produkten in Mittel- und Osteuropa vorstellen. Industrieunternehmen erwägen

zudem deutlich häufiger die Herstellung von Vorleistungen (28 Prozent) als die

Dienstleister (19 Prozent) und die Handwerksunternehmen (18 Prozent).

Vor allem die grenznahen Unternehmen sind stärker auf eine Ausweitung ihrer Aktivitäten

in Mittel- und Osteuropa ausgerichtet. Fast 36 Prozent der grenznahen Unternehmen

können sich vorstellen, ihre Produkte in Mittel- und Osteuropa einzukaufen. Von

den grenzfernen Unternehmen geben dies lediglich 20 Prozent an. Die Herstellung

oder den Einkauf von Vorleistungen können sich knapp ein Drittel der grenznahen Unternehmen

vorstellen, von den grenzfernen Unternehmen sind es lediglich 20 Prozent.

Insgesamt dürfte es – vor allem in den grenznahen Regionen – zu einer stärkeren Zergliederung

von Wertschöpfungsketten kommen(siehe

Abbildung 7).


Studie – Die Bedeutung von Nearsourcing in Bayern

vbw – Dezember 2013

Auswirkungen des Nearsourcings auf die

bayerischen Unternehmen

25

Abbildung 7

Unternehmen, die planen/erwägen, Produktion oder Einkäufe in Mittel- und Osteuropa

auszuweiten (Angaben in %)

Quelle: IW-Zukunftspanel, 2013


Studie – Die Bedeutung von Nearsourcing in Bayern

vbw – Dezember 2013

Auswirkungen des Nearsourcings auf die

bayerischen Unternehmen

26

Der Anstoß für die Nutzung der Option des Nearsourcings kann sich aus der Wahrnehmung

des Umfelds ergeben. Kaufen oder produzieren die Konkurrenten in Mittelund

Osteuropa ein, können diese ihre Produkte vielleicht günstiger anbieten, sodass

der Druck im Unternehmen steigt, selbst über diese Option nachzudenken. Gut die

Hälfte der Industrie- und ein Drittel der Dienstleistungsunternehmen scheinen bei der

Konkurrenz Einkäufe in oder Verlagerungen nach Mittel- und Osteuropa schon mal zu

beobachteten (Abbildung 8). Dass viele Konkurrenten nach Mittel- und Osteuropa auslagern

oder dort einkaufen, hat in der Industrie rund jedes achte Unternehmen festgestellt.

Innerhalb des Verarbeitenden Gewerbes beobachten lohnkostensensible Unternehmen

geringfügig häufiger eine Beschaffung in Mittel- und Osteuropa. Die Beschaffung

in Mittel- und Osteuropa ist dabei nicht ausschließlich ein Phänomen in den

grenznahen Regionen. Auch die Unternehmen in den grenzfernen Regionen beobachten

bei ihren Konkurrenten Beschaffungsaktivitäten in Mittel- und Osteuropa. Vor diesem

Hintergrund könnte der Druck auf die grenzfernen Unternehmen steigen, zukünftig

ihre Beschaffung auf Mittel- und Osteuropa auszuweiten. Insgesamt haben in Bayern

mehr als ein Drittel der Unternehmen Auslagerungen und knapp zwei Fünftel Einkäufe

in Mittel- und Osteuropa bei der Konkurrenz beobachtet.

Abbildung 8

Unternehmen, die Einkäufe in oder Auslagerungen nach Mittel- und Osteuropa

bei der Konkurrenz beobachten (Angaben in %)

Quelle: IW-Zukunftspanel, 2013


Studie – Die Bedeutung von Nearsourcing in Bayern

vbw – Dezember 2013

Auswirkungen des Nearsourcings auf die

bayerischen Unternehmen

27

Die Beschaffungsaktivitäten in Mittel- und Osteuropa führen bislang eher zu negativen

Beschäftigungseffekten. Gleichwohl gibt die große Mehrheit der Unternehmen (über

90 Prozent) an, dass sich die Beschaffungsaktivitäten gar nicht auf die Beschäftigung

auswirken. Die negativen Wirkungen sind in den lohnkostensensiblen Branchen in der

Industrie stärker ausgeprägt, aber auch in der Industrie als Ganzes im Vergleich zu

den Dienstleistern. Die Beschäftigungsverluste sind zudem in den grenznahen Regionen

ausgeprägter als in den grenzfernen Regionen. Dies hat zwei Gründe: Erstens

sind dort in höherem Maße lohnkostensensible Unternehmen ansässig. Zweitens ist

die Industrie stärker dort vertreten als der Dienstleistungssektor.

Das Phänomen Nearsourcing gilt als ein Beleg dafür, dass „distance matters“ (siehe

Kapitel 1). Damit ist nicht nur die geografische, sondern auch die kulturelle oder administrative

Distanz gemeint. Die Option des Nearsourcings erlaubt es Unternehmen, die

Beschaffung (Produktion oder Einkauf) aus fernen Weltregionen mit großer Distanz in

das nahe Ausland zurück zu verlagern.

Die Option des Nearsourcings wirkt sich nicht nur auf Bayern, sondern auch auf die

globalen Wertschöpfungsketten aus. Steigende Lohnkosten in Fernost, eine weitere

Risikostreuung innerhalb der Wertschöpfungsketten sowie vorhandene Distanzen verschiedener

Art gelten als mögliche Ursachen für die Verlagerung vom Far zum Nearsourcing,

auch Backshoring genannt. Ist vor dem Hintergrund der EU-Osterweiterung

ein erheblicher Wandel in den globalen Wertschöpfungsketten zu erwarten? Tatsächlich

geben über zwölf Prozent der Industrieunternehmen und knapp 17 Prozent der

Dienstleistungsunternehmen an, zumindest teilweise die Produktion von fernen Standorten

ins nahe Mittel- und Osteuropa verlagert zu haben oder dies zu planen. Aus Sicht

der Dienstleister dürften IT-Dienstleistungen dabei eine Rolle spielen, die beispielsweise

von Indien in die baltischen Staaten verlagert werden. Bei den Einkäufen geben

mehr als ein Viertel der Industrie- und Dienstleistungsunternehmen an, diese von

Fernost nach Mittel- und Osteuropa verlagert zu haben oder dies zu planen. Damit

weist das Backshoring eine gewisse Bedeutung auf. Allerdings bedeutet das Backshoring

nicht, dass es zu einer Rückverlagerung an den heimischen Standort kommt.

Vielmehr wird ein Standort mit günstigeren Lohnstückkosten in Mittel- und Osteuropa

angestrebt.

4.2 Kundenperspektive

Durch die EU-Osterweiterung haben die Kunden der Unternehmen nun die Möglichkeit,

ihre benötigten Waren und Dienstleistungen einfacher direkt im lohnkostengünstigeren

EU-Ausland zu beschaffen. Daher wurden die Unternehmen gefragt, inwieweit sie

selbst oder ihre Konkurrenten in Deutschland von einer Abwanderung von Nachfrage

nach Mittel- und Osteuropa betroffen sind. Es zeigt sich, dass im Wesentlichen die

Industrie betroffen ist. Während von den Industrieunternehmen 8,5 Prozent eine (sehr)

starke Betroffenheit angeben, sind es von den Dienstleistungsunternehmen lediglich

1,2 Prozent. Wird die mittlere Betroffenheit hinzugenommen, sind gut ein Viertel der

Industrieunternehmen und knapp zehn Prozent der Dienstleistungsunternehmen betroffen

(siehe Abbildung 9).


Studie – Die Bedeutung von Nearsourcing in Bayern

vbw – Dezember 2013

Auswirkungen des Nearsourcings auf die

bayerischen Unternehmen

28

Das Handwerk scheint von Kundenabwanderungen etwas weniger betroffen zu sein

(13,7 Prozent) als die Industrie (25,4 Prozent).

4,5 Prozent der Unternehmen in der Nähe der Grenze zur Tschechischen Republik

sind (sehr) stark von Kundenabwanderungen betroffen, aber nur 2,6 Prozent der Unternehmen

in grenzfernen Regionen. Wird dagegen die mittlere Betroffenheit ebenfalls

berücksichtigt, sind in den grenzfernen Regionen 13,8 Prozent und in den grenznahen

Regionen 6,3 Prozent der Unternehmen betroffen.

Abbildung 9

Betroffenheit der Unternehmen von Kundenabwanderungen nach Mittel- und

Osteuropa

(Angaben in %)

Quelle: IW-Zukunftspanel, 2013

Wird der Blick auf die lohnkostensensiblen Branchen im Verarbeitenden Gewerbe fokussiert,

zeigt sich eine höhere (sehr) starke Betroffenheit. Während 12,1 Prozent der

lohnkostensensiblen Unternehmen (sehr) stark von einer Abwanderung ihrer Kunden

nach Mittel- und Osteuropa betroffen sind, geben dies von den nicht lohnkostensensiblen

Unternehmen lediglich 5,6 Prozent an.

In der Vergangenheit hat bereits ein erheblicher Strukturwandel stattgefunden. Ist angesichts

der vorhandenen Strukturen zu erwarten, dass in Zukunft noch mehr Kunden

ihre Produkte und Dienstleistungen in Mittel- und Osteuropa einkaufen? Dazu müssen

die Produkte Eigenschaften aufweisen, die einen Einkauf in Mittel- und Osteuropa zulassen.

Die Unternehmen wurden daher gefragt, ob ihre Produkte geeignet seien, um

von ihren Kunden mittelfristig auch in Mittel- und Osteuropa beschafft werden zu kön-


Studie – Die Bedeutung von Nearsourcing in Bayern

vbw – Dezember 2013

Auswirkungen des Nearsourcings auf die

bayerischen Unternehmen

29

nen. Am häufigsten geben Industrieunternehmen an, dass ihre Kunden mittelfristig die

Produkte auch in Mittel- und Osteuropa beziehen könnten. Allerdings findet sich bei

weniger als 9 Prozent der Industrieunternehmen eine sehr gute Eignung der Produkte

und Dienstleistungen (siehe Abbildung 10). Gut ein Drittel der Handwerks- und gut

30 Prozent der Industrieunternehmen haben Produkte oder Dienstleistungen in ihrem

Portfolio, die auch sehr gut oder eher gut durch Unternehmen aus Mittel- oder Osteuropa

geliefert werden können. Die grenzfernen Regionen weisen gegenüber den

grenznahen Regionen ebenfalls mehr dieser Produkte und Dienstleistungen auf. Dies

könnte dafür sprechen, dass der Strukturwandel in den grenznahen Regionen bereits

weiter vorangeschritten ist.

Abbildung 10

Eignung der eigenen Produkte und Dienstleistungen für Anbieter aus Mittel- und

Osteuropa (Angaben in %)

Quelle: IW-Zukunftspanel, 2013

Dafür spricht auch, dass in den lohnkostensensiblen Branchen des Verarbeitenden

Gewerbes ebenfalls weniger Unternehmen angeben, ihre Produkte seien für Anbieter

aus Mittel- und Osteuropa geeignet. Bei den gut ersetzbaren Produkten scheint sich

der Strukturwandel bereits in hohem Maße vollzogen zu haben. Gleichwohl ist aber

keine Stabilisierung der lohnkostenintensiven Branchen zu erwarten, weisen doch immerhin

noch fast 30 Prozent dieser Unternehmen eine (eher) gute Eignung der Produkte

und Dienstleistungen für Anbieter aus Mittel- und Osteuropa auf.

Die EU-Osterweiterung hat für die bayerischen Unternehmen die Chance eröffnet,

neue Kunden in Mittel- und Osteuropa zu gewinnen. In Kapitel 3.2 wurde bereits aufgezeigt,

dass der Auslandsumsatz der Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes in


Studie – Die Bedeutung von Nearsourcing in Bayern

vbw – Dezember 2013

Auswirkungen des Nearsourcings auf die

bayerischen Unternehmen

30

Bayern schneller gewachsen ist als der Gesamtumsatz. In den vergangenen fünf Jahren

hatten bereits viele bayerische Unternehmen Kunden in Mittel- und Osteuropa,

wobei allerdings teilweise deutliche Unterschiede bestehen. Fast 55 Prozent der Industrieunternehmen,

aber nur 22 Prozent der Dienstleistungs- und 11 Prozent der

Handwerksunternehmen weisen Kunden in Mittel- und Osteuropa auf. Zudem verfügen

die grenzfernen dort häufiger als die grenznahen Unternehmen über Kunden (siehe

Tabelle 9). Die EU-Osterweiterung bietet eine Chance. Dies zeigt sich darin, dass in

allen Bereichen die Anteile der Unternehmen steigen, die künftig Kunden in Mittel- und

Osteuropa erwarten. Lediglich für grenznahe Unternehmen scheint das Potenzial weitgehend

ausgeschöpft. Hier erwarten nur wenige weitere Unternehmen (plus

3 Prozentpunkte), Kunden in Mittel- und Osteuropa zu gewinnen.

Tabelle 9

Bayerische Unternehmen mit Kunden in Mittel- und Osteuropa (Angaben in %)

In den vergangenen

5 Jahren

In den kommenden

5 Jahren

Grenzfern 29 42

Grenznah 22 25

Handwerk 11 19

Dienstleistung 22 35

Industrie 55 63

Quelle: IW-Zukunftspanel, 2013

Lediglich 44 Prozent der Unternehmen aus den lohnkostensensiblen Branchen des

Verarbeitenden Gewerbes ist es in den vergangenen Jahren gelungen, Kunden in Mittel-

und Osteuropa zu gewinnen. Auch in den kommenden fünf Jahren wird die Schwelle

von 50 Prozent nicht überschritten werden. Dagegen konnten in den vergangenen

Jahren 63 Prozent der kapital- und technologieintensiven Branchen Kunden in Mittelund

Osteuropa gewinnen. In den kommenden fünf Jahren dürfte dieser Anteil auf

knapp drei Viertel dieser Unternehmen ansteigen.

Die Unternehmen haben Angaben darüber gemacht, wie sich die Kundenneuzugänge

und -abwanderungen der vergangenen Jahre und der Zukunft auf ihre Beschäftigung

auswirken. Insgesamt zeigt sich, dass die Chancen überwiegen. Bei gut 20 Prozent der

Unternehmen resultieren aus den Kundenveränderungen in Mittel- und Osteuropa Beschäftigungseffekte.

Insgesamt wird durch die Kundenentwicklung mit einer leichten

Beschäftigungszunahme gerechnet. Allerdings gibt es erhebliche regionale Unterschiede:

In der Vergangenheit hat die Kundenentwicklung vor allem in den grenznahen

Regionen zu einem Beschäftigungsrückgang geführt. Gleichwohl blicken die Unter-


Studie – Die Bedeutung von Nearsourcing in Bayern

vbw – Dezember 2013

Auswirkungen des Nearsourcings auf die

bayerischen Unternehmen

31

nehmen in den grenznahen Regionen positiv in die Zukunft: Sie erwarten, neue Kunden

gewinnen und dadurch positive Effekte für die Beschäftigung realisieren zu können.

4.3 Bewertung der Ergebnisse

Auf der Beschaffungsseite haben in der Vergangenheit vor allem grenznahe Unternehmen

die Option des Nearsourcings genutzt. In der Zukunft wird diese Möglichkeit

von den Unternehmen weiter erschlossen werden. Das Potenzial dürfte weiter ausgeschöpft

werden, wobei auch grenzferne Unternehmen häufiger Produkte und Dienstleistungen

im nahen Ausland beziehen werden. In den meisten Unternehmen hatte das

Nearsourcing keine Auswirkungen auf die Beschäftigung. In wenigen Fällen waren

Beschäftigungsrückgänge damit verbunden.

Auf der Absatzseite birgt die EU-Osterweiterung Chancen und Risiken. Alte Kunden

sind abgewandert, neue Kunden konnten gewonnen werden. Die Beschäftigungswirkungen

durch Kundenwanderungen zeigen, dass die Chancen überwiegen, obgleich

die grenznahen Unternehmen unter Druck geraten sind. In Zukunft werden auf der Absatzseite

eher Zugewinne erwartet. Allerdings sind die grenzfernen Unternehmen deutlich

optimistischer als die grenznahen Unternehmen, was auch mit den Erfahrungen

der Vergangenheit zusammenhängen dürfte. Insgesamt bietet der Absatzmarkt Mittelund

Osteuropa für die bayerischen Unternehmen zukünftig Chancen, die es zu nutzen

gilt.

In der Vergangenheit wurde im Verarbeitenden Gewerbe Beschäftigung abgebaut (siehe

Kapitel 3.2). Daher ist davon auszugehen, dass bislang die negativen Effekte aus

der Neuordnung der Beschaffung und dem Verlust von Kunden die positiven Effekte

aus der Gewinnung neuer Kunden in Mittel- und Osteuropa überwogen haben. Hier

bleibt abzuwarten, ob weitere Neukunden die möglichen negativen Beschäftigungswirkungen

aus der Beschaffung von Produkten und Vorleistungen in Mittel- und Osteuropa

ausgleichen können. Zudem muss sich zeigen, ob es den kapital- und technologieintensiven

Unternehmen gelingen wird, mehr Beschäftigung aufzubauen.

Insgesamt dürfte der Strukturwandel in der bayerischen Wirtschaft weiter vorangehen.

Vor allem in der Industrie dürfte die Zerlegung von Wertschöpfungsketten voranschreiten,

da die Option zur Beschaffung von Vorleistungen aus Mittel- und Osteuropa stärker

genutzt wird. Darin besteht aber auch eine Chance. Wertschöpfungsketten können

effizienter gestaltet werden und so die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen gesteigert

werden. Nicht zuletzt steigende Auslandsumsatzanteile zeigen die stärkere Wettbewerbsposition.


Studie – Die Bedeutung von Nearsourcing in Bayern

vbw – Dezember 2013

Gestaltungsmöglichkeiten der Unternehmen im

Wettbewerb mit Mittel- und Osteuropa

32

5 Gestaltungsmöglichkeiten der Unternehmen im

Wettbewerb mit Mittel- und Osteuropa

Bewertung der Wirksamkeit von Maßnahmen zur Bindung von Kunden

Ein nicht unerheblicher Teil der bayerischen Unternehmen hat Produkte in seinem

Portfolio, die grundsätzlich geeignet sind, auch in Mittel- und Osteuropa hergestellt zu

werden (siehe Kapitel 4.1). Den Unternehmen stehen verschiedene Strategien zur Verfügung,

mit denen sie sich dieser Herausforderung stellen können. Nach Porter werden

grundsätzlich die Strategien Kostenführerschaft, Differenzierung und Segmentierung

unterschieden (Porter, M., 2013). Die erste Strategie hat Preise und Mengen im Fokus.

Angestrebt wird ein günstiges Preis-Leistungs-Verhältnis. Dazu sind Prozessoptimierungen

in Deutschland eine wichtige Maßnahme. Ein hohes Maß an Effizienz ist im

Zuge der Globalisierung generell notwendig, um die Wettbewerbsfähigkeit aufrechtzuerhalten.

Zur Differenzierung stehen den Unternehmen verschiedene Wege offen, sei

es über Qualitätsführerschaft oder eine besondere Positionierung beispielsweise durch

Alleinstellung im Markt. Daneben gibt es weitere Strategieaspekte wie die Einbindung

in Netzwerken. Die Segmentierungsstrategie wird häufig mit der Nischenstrategie

gleichgesetzt.

Nicht alle denkbaren Maßnahmen sind aus Sicht der Unternehmen gleichermaßen

relevant (siehe Abbildung 11). An oberster Stelle stehen dabei Tugenden wie Flexibilität,

Schnelligkeit und Zuverlässigkeit, die 86 Prozent der Industrie- und 66 Prozent der

Dienstleistungsunternehmen als relevant bezeichnen. Diese Tugenden bilden die Basis,

auf der die anderen Maßnahmen aufbauen können. Hohe Qualität und Kundenspezifität

werden ebenfalls von vielen Industrie- und Dienstleistungsunternehmen als

relevante Maßnahmen genannt. Für Dienstleistungsunternehmen ist zudem ein günstiges

Preis-Leistungs-Verhältnis (65 Prozent) eher relevant als Maßnahmen zur Differenzierung,

die wiederum für 81 Prozent der Industrieunternehmen bedeutend sind.

Für mehr als die Hälfte der Unternehmen kommt das Streben nach Alleinstellungsmerkmalen

durch Forschung und Entwicklung in Betracht (ca. zwei Drittel der Industrieund

ca. die Hälfte der Dienstleistungsunternehmen). Allgemein geben Industrieunternehmen

häufiger an, dass die Maßnahmen für sie generell in Betracht kommen.

Aus Sicht des Handwerks sind Komplett-/Systemlösungen (70 Prozent), höhere Qualität

als beim Wettbewerber (67 Prozent) sowie Zusatzleistungen und die aktive Steuerung

von Kundenbedürfnissen durch intensive Beratung (65 Prozent) von besonderer

Relevanz. Dagegen ist die Weiterentwicklung des Produktdesigns für die Mehrheit der

Handwerksunternehmen nicht relevant.

Für die grenznahen Unternehmen sind Qualität (71 Prozent) und Prozessoptimierung

(71 Prozent) die wesentlichsten Bereiche zum Bestehen im Wettbewerb. Ebenfalls

häufig relevant ist ein günstiges Preis-Leistungs-Verhältnis (69 Prozent). Marketing für

das eigene Produkt zur Präferenzbildung bei den Kunden sehen dagegen lediglich


Studie – Die Bedeutung von Nearsourcing in Bayern

vbw – Dezember 2013

Gestaltungsmöglichkeiten der Unternehmen im

Wettbewerb mit Mittel- und Osteuropa

33

46 Prozent der grenznahen Unternehmen als bedeutende Maßnahme an, bei den

grenzfernen Unternehmen sind es 60 Prozent.

Abbildung 11

Relevante Maßnahmen zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit im Wettbewerb

mit Unternehmen aus Mittel- und Osteuropa (Angaben in %)

Quelle: IW-Zukunftspanel, 2013

Im Wettbewerb mit Anbietern aus Mittel- und Osteuropa bewerten die Unternehmen die

Wirksamkeit der relevanten Maßnahmen unterschiedlich. Den Maßnahmen, die auf

eine Differenzierungsstrategie abzielen, wird die höchste Wirksamkeit zugetraut, egal,

ob nur die höchste oder die beiden höchsten Zustimmungen auf einer 5-stufigen Skala

betrachtet werden. Die Basis für ein erfolgreiches Bestehen im Wettbewerb mit Mittelund

Osteuropa stellen aus Sicht der Unternehmen die Tugenden Flexibilität, Schnelligkeit

und Zuverlässigkeit dar. Diese Tugenden bilden oftmals die Grundlage dafür, die

strategischen Maßnahmen umsetzen zu können (siehe Abbildung 12).


Studie – Die Bedeutung von Nearsourcing in Bayern

vbw – Dezember 2013

Gestaltungsmöglichkeiten der Unternehmen im

Wettbewerb mit Mittel- und Osteuropa

34

Abbildung 12

Tugenden als Fundament der Wettbewerbsstrategien

Quelle: Eigene Darstellung

Wird nur die höchste Wirksamkeit betrachtet, stehen die Tugenden bei allen betrachteten

Unternehmenstypen an erster Stelle. Lediglich beim Handwerk stehen die Komplett-

und Systemlösungen auf dem ersten Rang. Die höchste Wirksamkeit wird den

Tugenden in der Industrie (65 Prozent) und in den grenznahen Regionen (72 Prozent)

zugeschrieben (siehe Abbildung 13).

Abbildung 13

Bewertung der Tugenden im Wettbewerb mit Unternehmen aus Mittel- und Osteuropa

(Hohe Wirksamkeit, Angaben in %)

Quelle: IW-Zukunftspanel, 2013


Studie – Die Bedeutung von Nearsourcing in Bayern

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Gestaltungsmöglichkeiten der Unternehmen im

Wettbewerb mit Mittel- und Osteuropa

35

Bei der Differenzierungsstrategie kann zwischen drei Richtungen unterschieden werden:

Qualität(sführerschaft), Positionierung durch Alleinstellungsmerkmale oder Positionierung

durch andere Differenzierungsmerkmale. Die Dominanz der Differenzierungsstrategie

resultiert in erster Linie aus einem angestrebten Qualitätsvorsprung gegenüber

der Konkurrenz aus Mittel- und Osteuropa sowie aus kundenspezifischen Lösungen,

insbesondere von Komplett- und Systemlösungen. Zwischen 40 und 50 Prozent

der Unternehmen, deren Kunden mittelfristig auch durch Anbieter aus Mittel- und Osteuropa

bedient werden können, messen einem Qualitätsvorsprung eine hohe Wirksamkeit

zu (siehe Abbildung 14). Am häufigsten wird eine hohe Wirksamkeit von der

Industrie (50 Prozent) und von grenznahen Unternehmen (52 Prozent) bescheinigt.

Auch die Dienstleistungsunternehmen sehen nach den Tugenden (48 Prozent) im Qualitätsvorsprung

(40 Prozent) am zweithäufigsten eine wirksame Maßnahme im Wettbewerb

mit Mittel- und Osteuropa.

Abbildung 14

Bewertung der Qualitätsvorsprungstrategie im Wettbewerb mit Unternehmen aus

Mittel- und Osteuropa (Hohe Wirksamkeit, Angaben in %)

Quelle: IW-Zukunftspanel, 2013

Neben dem Bestreben, einen Qualitätsvorsprung zu erreichen, sehen die Unternehmen

eine weitere wirksame Strategie in speziellen Lösungen, die sie von ihren Wettbewerbern

in Mittel- und Osteuropa abheben (siehe Abbildung 15). Das Angebot von

Komplett- und Systemlösungen wird von den Handwerksunternehmen mit Abstand

(68 Prozent) als wirksamste Maßnahme gesehen. Einzelnen Zusatzleistungen wird

dagegen im Vergleich zu den Komplett- und Systemlösungen – mit Ausnahme von der

Industrie – seltener eine hohe Wirksamkeit im Wettbewerb mit Mittel- und Osteuropa

bescheinigt. Den kundenspezifischen Lösungen bescheinigen 52 Prozent der Industrie-


Studie – Die Bedeutung von Nearsourcing in Bayern

vbw – Dezember 2013

Gestaltungsmöglichkeiten der Unternehmen im

Wettbewerb mit Mittel- und Osteuropa

36

und 60 Prozent der Handwerksunternehmen eine hohe Wirksamkeit. Von den Dienstleistungsunternehmen

teilen lediglich 32 Prozent diese Ansicht. Der aktiven Steuerung

von Kundenbedürfnissen durch intensive Beratung wird ebenfalls vom Handwerk

(55 Prozent) am häufigsten eine hohe Wirksamkeit zugewiesen.

Abbildung 15

Bewertung spezieller Produktlösungen im Wettbewerb mit Unternehmen aus Mittel-

und Osteuropa (Hohe Wirksamkeit, Angaben in %)

Quelle: IW-Zukunftspanel, 2013


Studie – Die Bedeutung von Nearsourcing in Bayern

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Gestaltungsmöglichkeiten der Unternehmen im

Wettbewerb mit Mittel- und Osteuropa

37

Eine Differenzierung primär über Kommunikation sehen im Vergleich zum Qualitätsvorsprung

und zu den speziellen Produktlösungen weniger Unternehmen als besonders

wirksam an (siehe Abbildung 16). Gleichwohl fällt auf, dass diese Maßnahmen vor

allem von grenznahen Unternehmen häufiger mit einer positiven Wirkung verbunden

werden. Hier scheint die Verbindung zwischen Image, einem entsprechenden Design

und dem Marketing stärker ausgeprägt zu sein. Die grenznahen Unternehmen sprechen

dem Image mit 50 Prozent fast im gleichen Maße eine positive Wirkung zu wie

dem Qualitätsvorsprung oder der Produktdifferenzierung durch kundenspezifische Lösungen

(siehe oben). In Grenznähe ist die Image-Strategie somit von größerer Bedeutung

als in den grenzfernen Gebieten (28 Prozent). Auch im Handwerk kommt dem

Image eine höhere Bedeutung zu. Immerhin 51 Prozent der Handwerksunternehmen

rechnen durch den Aufbau eines Images mit einer hohen Wirksamkeit im Wettbewerb

mit Mittel- und Osteuropa.

Abbildung 16

Bewertung der Image-Strategie im Wettbewerb mit Unternehmen aus Mittel- und

Osteuropa (Hohe Wirksamkeit, Angaben in %)

Quelle: IW-Zukunftspanel, 2013

Eine Positionierung als First Mover, beispielsweise durch die Entwicklung von Marktneuheiten

durch FuE, sehen weniger Unternehmen als die für sie geeignete Strategie,

um ihre Kunden nicht an Unternehmen aus Mittel- und Osteuropa zu verlieren. Eine

Ursache dafür könnte sein, dass der Preis im Wettbewerb mit den lohnkostengünstigeren

Ländern Mittel- und Osteuropas ein entscheidendes Kriterium sein kann. Gegenüber

anderen Konkurrenten mag die First-Mover-Strategie durchaus von großer Bedeutung

sein. Zudem hängt die Beurteilung der First-Mover-Strategie stark von der

Forschungsausrichtung des Unternehmens ab: 42 Prozent der kontinuierlich forschen-


Studie – Die Bedeutung von Nearsourcing in Bayern

vbw – Dezember 2013

Gestaltungsmöglichkeiten der Unternehmen im

Wettbewerb mit Mittel- und Osteuropa

38

den Unternehmen bescheinigen dem Vorsprung durch FuE eine hohe Wirksamkeit,

während dies nur 18 Prozent der gelegentlich forschenden und 12 Prozent der nicht

forschenden Unternehmen angeben. Entsprechend gibt es deutliche Unterschiede zwischen

der Industrie und den Dienstleistungsunternehmen: 38 Prozent der Industrieunternehmen

sehen in Forschung und Entwicklung eine wirksame Maßnahme im Wettbewerb

mit den Konkurrenten aus Mittel- und Osteuropa, aber nur 17 Prozent der

Dienstleistungsunternehmen. Ob mit Forschung und Entwicklung allerdings immer

Marktneuheiten angestrebt werden, bleibt offen. Lediglich 26 Prozent der Industrieunternehmen

bewerten das Angebot von Marktneuheiten als wirksame Maßnahme. Im

Handwerk scheint dagegen das Anbieten von Marktneuheiten ein möglicher Weg, um

im Wettbewerb zu bestehen. Immerhin 31 Prozent der Handwerksunternehmen bescheinigen

Marktneuheiten eine hohe Wirksamkeit (Abbildung 17). Allerdings dürften

diese Marktneuheiten weniger aus eigener FuE-Aktivität resultieren, sondern eher auf

das Aneignen von neuen Techniken/Produkten zurückzuführen sein.

Hier zeigt sich Handlungsspielraum. Drei Erfolgsfaktoren tragen besonders zur Wettbewerbsfähigkeit

von Unternehmen bei: Internationalisierung, Forschungs- und Entwicklungstätigkeiten

sowie Innovationsaktivitäten. Forschungsstarke Unternehmen

können höhere Lohnkosten besser abfedern, da sie innovative Produkte mit einem

größeren Kundennutzen herstellen können. Insbesondere das gemeinsame Erarbeiten

von innovativen Lösungen in Forschungsverbünden wird zukünftig weiter an Bedeutung

zunehmen, um die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen zu sichern. Insbesondere

kleine und mittlere grenznahe Unternehmen, die derzeit nicht in der Forschung

aktiv sind, könnten durch eine verstärkte Zusammenarbeit profitieren.

Abbildung 17

Bewertung der First-Mover-Strategie im Wettbewerb mit Unternehmen aus Mittelund

Osteuropa (Hohe Wirksamkeit, Angaben in %)

Quelle: IW-Zukunftspanel, 2013


Studie – Die Bedeutung von Nearsourcing in Bayern

vbw – Dezember 2013

Gestaltungsmöglichkeiten der Unternehmen im

Wettbewerb mit Mittel- und Osteuropa

39

Im Vergleich zu seiner hohen Relevanz wird ein günstiges Preis-Leistungs-Verhältnis

nur von 20 Prozent der Industrieunternehmen und knapp 14 Prozent der Dienstleistungsunternehmen

als wirksam angesehen, um einer Abwanderung von Kunden nach

Mittel- und Osteuropa entgegenwirken zu können. Offensichtlich glauben die Unternehmen

nicht daran, sich gegenüber den lohnkostengünstigeren Ländern mittels des

Preises durchsetzen zu können. Dies bedeutet jedoch nicht, dass Kosten keine Rolle

spielen. Vor allem in der Industrie (36 Prozent) wird die Prozessoptimierung als wichtige

Maßnahme gesehen (siehe Abbildung 18).

Abbildung 18

Bewertung der Kostenführerschaft-Strategie im Wettbewerb mit Unternehmen

aus Mittel- und Osteuropa (Hohe Wirksamkeit, Angaben in %)

Quelle: IW-Zukunftspanel, 2013

Eine Nischenstrategie können sich ebenfalls viele Unternehmen vorstellen. Dabei erscheint

eine solche Strategie den Unternehmen aus der Industrie (43 Prozent) und

dem Handwerk (47 Prozent) häufiger wirksam als den Dienstleistungsunternehmen

(29 Prozent). Der Nischenstrategie wird deutlich häufiger eine hohe Effektivität unterstellt

als dem Angebot einer möglichst breiten Produktpalette. In einer breiten Produktpalette

sehen grenznahe Unternehmen (39 Prozent) noch am ehesten eine wirksame

Maßnahme, während nur 22 Prozent der Industrie- und 27 Prozent der Handwerksunternehmen

diese Auffassung teilen (Abbildung 19).


Studie – Die Bedeutung von Nearsourcing in Bayern

vbw – Dezember 2013

Gestaltungsmöglichkeiten der Unternehmen im

Wettbewerb mit Mittel- und Osteuropa

40

Abbildung 19

Bewertung der Nischenstrategie im Wettbewerb mit Unternehmen aus Mittel- und

Osteuropa (Hohe Wirksamkeit, Angaben in %)

Quelle: IW-Zukunftspanel, 2013

Das Einbinden in Netzwerken halten die Unternehmen vergleichsweise selten für geeignet,

um Kunden nicht an Anbieter aus Mittel- und Osteuropa zu verlieren. Lediglich

14 Prozent der Industrie- und 12,5 Prozent der Dienstleistungsunternehmen erwarten

von der Einbindung in Netzwerken eine hohe Wirksamkeit, um Kunden an sich zu binden.

In den grenznahen Unternehmen sehen dies immerhin 18 Prozent so, deutlich

mehr als in den grenzfernen Unternehmen (12 Prozent).

Dies bedeutet jedoch nicht, dass Netzwerke vernachlässigt werden sollten. In früheren

Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass Unternehmen, die in Netzwerken arbeiten,

erfolgreicher sind als isolierte Unternehmen. Zudem ist eine Kausalität statistisch

signifikant: Kooperationen – insbesondere in wissensintensiven Bereichen – tragen

positiv zum Unternehmenserfolg bei.

Insgesamt sprechen die Unternehmen, die im Wettbewerb mit Mittel- und Osteuropa

stehen, der Differenzierungsstrategie eine hohe Wirksamkeit zu. Deshalb die Kostenseite

zu vernachlässigen, wäre jedoch unklug, da erst aus dem Zusammenspiel beider

Stränge ein Wettbewerbsvorteil entstehen kann. Dies gilt umso mehr, da offenbar seltener

Alleinstellungsmerkmale angestrebt werden, die gegebenenfalls einen höheren

Preisdifferenzierungsspielraum lassen.


Studie – Die Bedeutung von Nearsourcing in Bayern

vbw – Dezember 2013

Rahmenbedingungen und die

Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Mittel- und

Osteuropa

41

6 Rahmenbedingungen und die Wettbewerbsfähigkeit

gegenüber Mittel- und Osteuropa

Was Unternehmen benötigen, um die neuen Herausforderungen bewältigen zu können

Die Unternehmen finden an ihren Standorten Rahmenbedingungen vor, die sich positiv

oder negativ auf ihre Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Unternehmen in Mittel- und

Osteuropa auswirken können. Rahmenbedingungen – wie die Verkehrsinfrastruktur,

das Bildungswesen am Standort oder die Flächenverfügbarkeit – sind nicht naturgegeben,

sondern können durch Politik und andere Akteure zumindest teilweise gestaltet

werden.

6.1 Relevanz der Rahmenbedingungen

Für die Industrie haben die Rahmenbedingungen am Standort durchweg eine höhere

Bedeutung (siehe Abbildung 20). Die Industrie ist stärker standortabhängig, da sie beispielsweise

größere Flächen oder eine gute Verkehrsanbindung für den Transport der

Waren benötigt. Aus Sicht der Industrie sind die Fachkräfteversorgung, die Verkehrsinfrastruktur

und die Sozialpartnerschaft mit jeweils 86 Prozent der Unternehmen die

wesentlichsten Rahmenbedingungen. Für den Dienstleistungssektor besitzt anstelle

der Sozialpartnerschaft die Breitbandinfrastruktur besonders häufig einen hohen Stellenwert

(68 Prozent). Die größten Unterschiede zwischen der Industrie und dem

Dienstleistungssektor bestehen in der Beurteilung der Wichtigkeit der sonstigen Tarifbedingungen,

der Finanzierungsbedingungen und der Flächenverfügbarkeit.

Für das Handwerk haben die Fachkräfteversorgung (87 Prozent) und die Attraktivität

der Region (84 Prozent) die höchste Relevanz. Es folgen die Verkehrs- und Breitbandinfrastruktur

sowie die Sozialpartnerschaft und die tariflich vereinbarten Löhne und

Gehälter (je gut 80 Prozent). Das Handwerk unterscheidet sich von den anderen Bereichen

vor allem bei der Einschätzung der Bedeutung der Attraktivität der Region für

die Wettbewerbsfähigkeit. Hier dürfte zum Ausdruck kommen, dass bei einer Abwanderung

von anderen Unternehmen vom Standort die derzeitige Kundennähe verloren

gehen kann.

Die Unterschiede zwischen grenznahen und grenzfernen Unternehmen fallen insgesamt

geringer aus. Grenznahe Unternehmen betonen eher die Relevanz der Flächenverfügbarkeit.

Für grenzferne Unternehmen ist das Vorhandensein von Kooperationspartnern

deutlich häufiger relevant (65 Prozent) als für die grenznahen Unternehmen

(47 Prozent).


Studie – Die Bedeutung von Nearsourcing in Bayern

vbw – Dezember 2013

Rahmenbedingungen und die

Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Mittel- und

Osteuropa

42

Abbildung 20

Relevanz der Rahmenbedingungen für die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie

und des DL-Sektors gegenüber Mittel- und Osteuropa (Angaben in %)

Quelle: IW-Zukunftspanel, 2013

6.2 Allgemeine Bewertung der Rahmenbedingungen

Die Unternehmen haben die Auswirkungen der Rahmenbedingungen hinsichtlich der

Wettbewerbsfähigkeit auf einer 6-stufigen Skala von „sehr positiv“ bis „sehr negativ“

bewertet. Werden alle positiven Antworten allen negativen Antworten gegenübergestellt,

gibt es keinen Bereich, bei dem die negativen Antworten überwiegen. Dies

spricht für den Standort Bayern. Gleichwohl gibt es Unterschiede, in welchem Ausmaß

die positiven Antworten die negativen Antworten übertreffen.

Aus Sicht aller Branchen fällt die Bewertung der Schulen, des Zugangs zu neuer Technologie,

der Verkehrsinfrastruktur und der Hochschulen am besten aus. Die Industrie

bewertet die Schulen und die Verkehrsinfrastruktur positiver als die Dienstleistungsunternehmen.

Auch die Sozialpartnerschaft und die sonstigen Tarifvereinbarungen

schneiden in der Industrie insgesamt besser ab als im Dienstleistungssektor. Hinsichtlich

der tariflich vereinbarten Löhne und Gehälter finden sich in der Industrie und im

Dienstleistungssektor vergleichbare Gesamtbewertungen (siehe Abbildung 21). Die

Dienstleistungsunternehmen bewerten lediglich die Breitbandversorgung häufiger positiv,

was aber nicht verwundert, befinden sich doch viele Dienstleistungsunternehmen in

den Zentren von Städten, die eher gut an die Breitbandversorgung angeschlossen

sind.


Studie – Die Bedeutung von Nearsourcing in Bayern

vbw – Dezember 2013

Rahmenbedingungen und die

Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Mittel- und

Osteuropa

43

Abbildung 21

Bewertung der Rahmenbedingungen für die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie

und des DL-Sektors gegenüber Mittel- und Osteuropa auf einer 6-stufigen Skala

(sehr negativ – sehr positiv)

Industrie

Dienstleistung

sehr negativ

sehr positiv

Quelle: IW-Zukunftspanel, 2013

Die Handwerksunternehmen bewerten die Schulen, die Hochschulen und die Verkehrsinfrastruktur

sehr positiv. Dagegen werden die Fachkräfteversorgung, und die

sonstigen Tarifbedingungen wie Arbeitszeiten häufiger als weniger förderlich für die

Wettbewerbsfähigkeit bewertet (siehe Abbildung 22).


Studie – Die Bedeutung von Nearsourcing in Bayern

vbw – Dezember 2013

Rahmenbedingungen und die

Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Mittel- und

Osteuropa

44

Abbildung 22

Bewertung der Rahmenbedingungen für die Wettbewerbsfähigkeit des Handwerks

gegenüber Mittel- und Osteuropa auf einer 6-stufigen Skala (sehr negativ –

sehr positiv)

sehr negativ

sehr positiv

Quelle: IW-Zukunftspanel, 2013

Die grenznahen Unternehmen bewerten – mit Ausnahme der Attraktivität der Region

die Rahmenbedingungen an ihrem Standort positiver als die grenzfernen Unternehmen

(siehe Abbildung 23). Dies könnte zum einen daran liegen, dass diese Unternehmen

unmittelbarer im Wettbewerb mit Unternehmen jenseits der Grenze stehen, was ihnen

einen positiveren Blick auf die vorhandenen Rahmenbedingungen gibt. Die unterschiedliche

Bewertung kann aber auch ein Zeichen dafür sein, dass in Bayern viel für

die grenznahen Regionen unternommen wird. Dies zeigt sich beispielsweise an den

Finanzierungsbedingungen, die von den grenznahen Unternehmen deutlich häufiger

positiv bewertet werden als von den grenzfernen Unternehmen. Auch die sonstigen

Tarifbedingungen und die tariflich vereinbarten Löhne und Gehälter werden von den

grenznahen Unternehmen wesentlich häufiger positiv bewertet.


Studie – Die Bedeutung von Nearsourcing in Bayern

vbw – Dezember 2013

Rahmenbedingungen und die

Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Mittel- und

Osteuropa

45

Abbildung 23

Bewertung der Rahmenbedingungen für die Wettbewerbsfähigkeit grenznaher

und grenzferner Unternehmen gegenüber Mittel- und Osteuropa auf einer 6-

stufigen Skala (sehr negativ – sehr positiv)

grenznah

grenzfern

sehr negativ

sehr positiv

Quelle: IW-Zukunftspanel, 2013

6.3 Hinweise auf Handlungsbedarfe

Hinweise auf möglichen Handlungsbedarf geben die Antworten „sehr negativ“. Bei der

(Wissens-)Infrastruktur gibt es im Bereich der Breitbandinfrastruktur einige wenige Unternehmen

(2 bis 3 Prozent), die diese sehr negativ beurteilen. Gleiches gilt für die

Fachkräfteversorgung. Im Handwerk ist der Anteil hier mit knapp 7 Prozent der Unternehmen

etwas höher. Die Schulen und Hochschulen bewertet kein Unternehmen sehr

negativ (siehe Abbildung 24).


Studie – Die Bedeutung von Nearsourcing in Bayern

vbw – Dezember 2013

Rahmenbedingungen und die

Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Mittel- und

Osteuropa

46

Abbildung 24

Anteil sehr negativer Bewertungen (Wissens-)Infrastruktur (Angaben in %)

Quelle: IW-Zukunftspanel, 2013


Studie – Die Bedeutung von Nearsourcing in Bayern

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Rahmenbedingungen und die

Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Mittel- und

Osteuropa

47

Abbildung 25

Anteil sehr negativer Bewertungen der Sozialpartnerschaft (Angaben in %)

Quelle: IW-Zukunftspanel, 2013


Studie – Die Bedeutung von Nearsourcing in Bayern

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Rahmenbedingungen und die

Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Mittel- und

Osteuropa

48

Ein etwas anderes Bild zeigt sich bei den Rahmenbedingungen, die aus der Sozialpartnerschaft

resultieren (siehe Abbildung 25). Zwar wird die Sozialpartnerschaft selbst

nur selten von den Unternehmen (1 Prozent, grenznahe Unternehmen 2 Prozent) sehr

negativ bewertet. Etwas kritischer werden aber die Verhandlungsresultate gesehen. So

geben knapp 10 Prozent der Industrieunternehmen an, dass sich die tariflich vereinbarten

Löhne und Gehälter sehr negativ auf die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Mittelund

Osteuropa auswirke. Innerhalb der Industrie bewerten vor allem die eher lohnkostensensiblen

Branchen die Löhne und Gehälter negativ. Hierin dürfte sich die Schwierigkeit

widerspiegeln, trotz aller Öffnungsklauseln für sehr heterogene Branchen einen

möglichst einheitlichen Tarifvertrag auszuhandeln. Die sonstigen Tarifvereinbarungen,

beispielsweise zu den Arbeitszeiten, werden ebenfalls von der Industrie etwas kritischer

(7 Prozent) bewertet.

Bei den weiteren Rahmenbedingungen bewertet die Industrie die Finanzierungsbedingungen

am häufigsten (knapp 9 Prozent) sehr negativ. Die Flächenverfügbarkeit und

die Attraktivität der Region werden lediglich von weniger als 5 Prozent der Unternehmen

sehr negativ bewertet. Beim Zugang zu neuen Technologien und den Kooperationspartnern

finden sich dagegen keine sehr negativen Bewertungen (siehe

Abbildung 26).

Im Handwerk bewerten gut 4 Prozent der Unternehmen die Finanzierungsbedingungen

sehr negativ. Ansonsten scheinen die weiteren Rahmenbedingungen für das Handwerk

zu stimmen (siehe Abbildung 26).

Von den grenznahen Unternehmen kritisieren 12 Prozent die Flächenverfügbarkeit und

11 Prozent die Attraktivität der Region. Diese Punkte werden von den grenznahen Unternehmen

deutlich häufiger kritisiert als von den übrigen Unternehmen. Dagegen werden

die Finanzierungsbedingungen in Grenznähe deutlich seltener als sehr negativ für

die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Mittel- und Osteuropa bewertet (siehe

Abbildung 26).


Studie – Die Bedeutung von Nearsourcing in Bayern

vbw – Dezember 2013

Rahmenbedingungen und die

Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Mittel- und

Osteuropa

49

Abbildung 26

Anteil sehr negativer Bewertungen weiterer Rahmenbedingungen

(Angaben in %)

Quelle: IW-Zukunftspanel, 2013


Studie – Die Bedeutung von Nearsourcing in Bayern

vbw – Dezember 2013

Handlungsempfehlungen 50

7 Handlungsempfehlungen

Chancen nutzen – Herausforderungen meistern – Unternehmen unterstützen

Die EU-Osterweiterung im Jahr 2004 bietet den Unternehmen Chancen, führt aber

auch zu Herausforderungen. So hat die EU-Osterweiterung den Strukturwandel in der

bayerischen Wirtschaft beschleunigt, wobei vor allem die lohnkostensensiblen Branchen

unter Druck geraten sind. Dieser Strukturwandel wird weiter voranschreiten. Auf

der Beschaffungsseite kann damit gerechnet werden, dass in Zukunft das Potenzial

des Nearsourcings weiter ausgeschöpft wird, wobei auch grenzferne Unternehmen

häufiger Produkte und Dienstleistungen im nahen Ausland beziehen werden. Vor allem

in der Industrie dürfte die Zerlegung von Wertschöpfungsketten voranschreiten. Darin

besteht aber auch eine Chance. Die Wertschöpfungsketten können optimiert werden,

um die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu steigern.

Die Unternehmen sehen vor allem in einer Differenzierungsstrategie ihre Chance, die

Herausforderungen aus der Konkurrenz mit Mittel- und Osteuropa zu meistern. Die

Basis für die Differenzierungsstrategie bilden Tugenden wir Flexibilität, Schnelligkeit

und Zuverlässigkeit. Letztlich führt diese Strategie zu einer höheren Komplexität der

Prozesse in und zwischen den Unternehmen, was hohe Anforderungen an das Personal

der Unternehmen stellt. Deshalb bleibt eine ausreichende Fachkräfteversorgung

weiterhin ein zentrales Thema..

Insgesamt stimmen die Rahmenbedingungen in Bayern. Dennoch lassen sich mögliche

Handlungsfelder identifizieren: In den lohnkostensensiblen Branchen gibt es Wünsche

nach Entlastungen bei den Tariflöhnen, im Handwerk nach der Sicherung der

Fachkräfteversorgung und der Unterstützung durch die Verbände.

Mit drei Strategien können Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit weiter steigern und

die Konkurrenz aus den lohnkostengünstigeren Ländern in Mittel- und Osteuropa auf

Distanz halten. Erstens mithilfe der Differenzierungsstrategie und der Stärkung von

Innovationsaktivitäten (in Netzwerken), zweitens mit einem kontinuierlichen Blick auf

die Hebung von Effizienzreserven, um die Kosten beherrschbar zu halten, und drittens

durch die Unterstützung seitens der Politik und regionaler Akteure.

Die Differenzierungsstrategie ist in der Regel eher mit temporären Vorteilen verbunden.

Diese Vorteile sind immer wieder aufs Neue zu erarbeiten. Helfen können dabei Netzwerke.

Die Unternehmen sehen Netzwerke derzeit zwar selten als hilfreich an. Allerdings

bieten Netzwerke viele Chancen. So sieht das Handwerk in Komplettlösungen

die beste Möglichkeit, im Wettbewerb mit den Konkurrenten aus Mittel- und Osteuropa

zu bestehen. Komplettlösungen können entweder durch ein einzelnes Unternehmen

alleine oder durch ein Netzwerk von Unternehmen erbracht werden. Einzelne Unternehmen

müssten dafür viele verschiedene Kompetenzen und eventuell auch Maschinen

vorhalten, durch die Kapital gebunden wird. Durch Kooperationen verschiedener


Studie – Die Bedeutung von Nearsourcing in Bayern

vbw – Dezember 2013

Handlungsempfehlungen 51

Handwerksunternehmen können sich die einzelnen Unternehmen auf Teilbereiche

spezialisieren und diese Leistungen gegebenenfalls günstiger erstellen. Allerdings wird

der Kundennutzen erst durch die Bündelung der verschiedenen spezialisierten Teilleistungen

erreicht. Vor diesem Hintergrund bietet sich eine Spezialisierung plus Kooperation

in Netzwerken an. Gleiches gilt auch für Industrieunternehmen, die eine Produktdifferenzierung

durch kundenspezifische Problemlösungen anstreben. Hier können

Kooperationsnetzwerke mit spezialisierten Dienstleistern helfen, die über reine Lieferbeziehungen

hinausgehen. Vielmehr sollte es in diesen Netzwerken auch darum gehen,

gemeinsam Lösungen für die Kunden zu entwickeln.

Bei den Arbeitskosten sind deutliche Absenkungen der Tariflöhne nicht zu erwarten.

Die Tarifparteien sind aber gefordert, ihre Lohnpolitik strikt an der Entwicklung der gesamtwirtschaftlichen

Produktivität auszurichten. Allerdings nützt eine Zurückhaltung der

Tarifpartner nichts, wenn die Personalzusatzkosten, insbesondere die Sozialaufwendungen

weiter steigen. Daher ist hier auch der Staat gefordert, Druck auf die Arbeitskosten

durch steigende Sozialabgaben zu vermeiden. Zudem müssen die Tarifvertragsparteien

für mehr Flexibilität in den Arbeitsbeziehungen sorgen. Vor allem der

Dienstleistungssektor könnte dadurch gestärkt werden.

Weitere Unterstützung für Unternehmen können beispielsweise Informationsplattformen

bieten. Solche Plattformen können genutzt werden, um die verschiedenen Akteure

zusammenzubringen. Angesichts der potenziellen Märkte in Mittel- und Osteuropa

können Informationsplattformen aber auch nützliche Hinweise geben, wie Unternehmen

ihre Produkte jenseits der Grenze vermarkten können. Aber auch die Differenzierungsstrategie

kann durch Informationsplattformen unterstützt werden, indem neue

Ansätze zur Differenzierung, beispielsweise aus der Wissenschaft oder im Zusammenspiel

mit anderen Unternehmen aus Bayern, den Unternehmen vorgestellt werden.


Studie – Die Bedeutung von Nearsourcing in Bayern

vbw – Dezember 2013

Ansprechpartner / Impressum 52

Ansprechpartner

Volker Leinweber

Leiter Volkswirtschaft

Telefon 089-551 78-133

Telefax 089-551 78-294

volker.leinweber@vbw-bayern.de

Tobias Kochta

Volkswirtschaft

Telefon 089-551 78-422

Telefax 089-551 78-294

tobias.kochta@vbw-bayern.de

Impressum

Alle Angaben dieser Publikation beziehen sich grundsätzlich sowohl

auf die weibliche als auch auf die männliche Form. Zur besseren

Lesbarkeit wurde meist auf die zusätzliche Bezeichnung in weiblicher

Form verzichtet.

Herausgeber:

Weiterer Beteiligter:

vbw

Vereinigung der Bayerischen

Wirtschaft e. V.

Max-Joseph-Straße 5

80333 München

Dr. Thorsten Lang

IW Consult GmbH

Telefon 02 21-49 81-726

lang@iwkoeln.de

www.vbw-bayern.de

© vbw Dezember 2013

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