LET'S WORK! - jan-peter wulf

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LET'S WORK! - jan-peter wulf

Schauplatz Hamburg, Schulterblatt, mitten im Schanzenviertel.

Ringsum befinden sich Künstlerateliers, verkaufen kleine

Läden selbstgeschneiderte Mode oder haben sich Kreativagenturen

niedergelassen, die das Flair des „traditionell alternativ“

angehauchten Quartiers nutzen. Im Herbst 2006 nahm hier

das Kulturhaus „III &70“ seinen Betrieb auf, eine viergeschossige

Location mit insgesamt 1.000 Quadratmetern Fläche

(www.dreiundsiebzig.de). Darin enthalten: ein Café, ein Club,

ein Saal für Theateraufführungen oder Partys sowie ein Anbau

für kleinere Events. Tagsüber finden im „III &70“ keine Veranstaltungen

statt, doch die 60 Sitzplätze im Café sind heiß

begehrt: Viele Gäste nutzen den freien Internetzugang, um von

hier aus mit ihrem Laptop zu arbeiten. Auch viele der 150 Teilzeitmitarbeiter

des Hauses werkeln im Café an ihrer Uni-Hausarbeit

oder an freiberuflichen Projekten, bevor sie ihren

Arbeitsplatz hinter dem Rechner mit dem Arbeitsplatz hinter

dem Tresen oder an anderen Stellen des Hauses tauschen.

Stille Laptop-Einzelkämpfer sind dabei ebenso zu sehen wie

kleine Grüppchen, die sich ganz offensichtlich nicht zum Kaffeeklatsch,

sondern zur Besprechung eingefunden haben: Für

viele der umliegenden Mini-Unternehmen dient das „III &70“

als „outgesourcter“ Meetingraum, sei es aus Platz-, Budgetoder

atmosphärischen Gründen.

Das Gesamtkonzept des Hauses wird von einem Community-

Gedanken getragen, der nicht zwischen Arbeit und Freizeit

unterscheidet, erklärt Phillip Müller von der Pferdestall Kultur

GmbH, die in Hamburg zudem die „Pony Bar“ und die „Astra

Stube“ betreibt. „Viele unserer Gäste verbinden die Computerarbeit

mit einem beruflichen oder privaten Termin. Sie kommen

zum Arbeiten, bleiben zum Essen und kehren später vielleicht

noch einmal zurück.“ Verweildauer und Besuchsfrequenz einiger

Firmenmitarbeiter und Freiberufler sind so hoch, dass für den

Getränkeumsatz mittlerweile Konten angeboten werden, deren

Soll monatlich an das „III &70“ entrichtet werden kann. Das

schafft Bindung auf vielen Ebenen.

PROFESSIONELLE NONCHALANCE

FOTOS: KARSTEN DAVIDEIT, FLICKR.COM/KONIG, FLICKR.COM/GARZÓN, PHILLIP BISCHOF

Noch einen Schritt weiter ist man im „Unperfekthaus“ (UPH) in

Essen gegangen (www.unperfekthaus.de). Das mit dem Haus

„III &70“ im Groben vergleichbare Multi-Funktions-Konzept

erstreckt sich am Limbecker Platz, mitten in der Ruhrstadt-City,

auf sage und schreibe 4.000 Quadratmeter: Für die alkoholfreien

Getränke, inklusive der Gastronomen-Lieblinge Tee und Kaffee,

zahlen die Gäste eine pauschale Flatrate von 5,50 Euro pro Tag.

Jeder Gast muss diesen Betrag quasi als Eintritt entrichten und

kann ihn dann nach Lust und Laune „abtrinken“. Rechnet sich

das? Tut es, versichert Markus Urselmann, der das Marketing

des Hauses betreut. Frequenz und Verweildauer machen es

möglich: „Im Schnitt verbringt eine Person mehr als drei Stunden

pro Tag bei uns. Viele holen sich währenddessen unten im

Restaurant ein- oder mehrfach etwas zu essen, setzen sich mit

dem Laptop ins Café, arbeiten in einem der Ateliers oder ziehen

sich in Gruppen in die Arbeitsräume zurück.“

Neben dem Food ist es die schiere Personenzahl, die so ein

ungewöhnliches Pauschalangebot möglich macht: 70.000 bis

100.000 Gäste besuchen das UPH jährlich. 80 Prozent davon,

so Urselmann, sind geschäftlich hier. Viele Firmen richten

Tages- oder Wochenendseminare aus. Denn so nonchalant der

FIZZZ 06 I 09

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