Handlungsempfehlungen_April 2011 - Jugendberufshilfe Thüringen ...

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Handlungsempfehlungen_April 2011 - Jugendberufshilfe Thüringen ...

LAG der privaten Pflegeverbände im Freistaat Thüringen

LIGA der Freien Wohlfahrtspflege in Thüringen e.V.

Handlungsempfehlungen der LIGA der Freien Wohlfahrtspflege in Thüringen e.V.

und der Landesarbeitsgemeinschaft der privaten Pflegeverbände im Freistaat

Thüringen zur Bearbeitung des Fachkräftemangels in der Pflege

„Die Pflege kranker und älterer Menschen ist sehr personalintensiv und muss

überwiegend von qualifizierten Personen geleistet werden.(…) Die Bedarfs- und

Angebotsprojektionen [des Statistischen Bundesamtes] zeigen, dass ein

Pflegepersonalmangel in Zukunft auch nicht durch zusätzliche Beschäftigung

ungelernter beziehungsweise angelernter Pflegekräfte verhindert werden kann.

(…) Aufgrund des demografischen Wandels wird der deutsche Arbeitsmarkt

spätestens nach 2025 mit einem massiven Arbeitskräftemangel konfrontiert.“ 1

Die zugrunde liegende Studie prognostiziert für das Jahr 2025 bis zu 152.000 fehlende

Pflegefachkräfte. Die global vernetzte Prüfungs- und Beratungsgesellschaft

PricewaterhouseCoopers rechnet sogar mit 400.000 fehlenden Pflegekräften und 950.000

fehlenden Fachkräften in Gesundheit und Pflege bis zum Jahr 2030. 2

Für die kommenden zehn Jahre wird ein Bedarf von 140.000 zusätzlichen Vollzeitstellen für

Pflegefachkräfte allein im Krankenhaussektor ermittelt. Zurückgeführt wird dieser enorme

Bedarf an Krankenpflegefachkräften auf die zunehmend älter werdende Bevölkerung und die

damit verbundene medizinische Behandlungsbedürftigkeit. Bei diesen Zahlen ist der Bedarf

an Pflegefachkräften in der Altenpflege noch nicht berücksichtigt. Die wirkliche Dramatik des

Fachkräftemangels wird erst deutlich, wenn auch dieser bereits in den nächsten zehn Jahren

rapide zunehmende Pflegebedarf mit einbezogen wird. Nach der Studie von Professor

Dominik H. Enste vom Deutschen Institut der Wirtschaft wird der zusätzliche Bedarf an

Pflegefachkräften allein in der Altenpflege 2020 mehr als 230.000 Vollzeitstellen betragen.

Insgesamt werden in Deutschland zur Versorgung der älteren Bevölkerung rund 400.000

neue vollzeitbeschäftigte Pflegefachkräfte gebraucht.

Bereits heute stehen Thüringer Pflegeeinrichtungen/-dienste vor der zunehmend schwer zu

lösenden Herausforderung gut qualifiziertes Fachpersonal zu halten bzw. zu finden, um den

Bedarf nach qualitativ hochwertiger Pflege decken zu können. 3 So waren nach der Statistik

der Bundesagentur für Arbeit im November 2010 in Thüringen lediglich 69 Altenpflegerinnen

und -pfleger arbeitsuchend, aber 316 offene Stellen gemeldet. Dabei wird erfahrungsgemäß

– angesichts der geringen Vermittlungschancen – von den Unternehmen nur ein kleinerer

Teil der offenen Stellen an die Arbeitsagentur gemeldet.

1 Aus „Projektionen des Personalbedarfs und -angebots in Pflegeberufen bis 2015“, Statistisches Bundesamt,

Wirtschaft und Statistik, 11/2010

2 Bezug zu „Fachkräftemangel im Gesundheitswesen – Stationärer und ambulanter Bereich bis zum Jahr 2030“

Gemeinschaftsprojekt WifOR Wirtschaftsforschung und PricewaterhouseCoopers AG, Oktober 2010

3 Dieser Bedarf wird auch in der PATT Fachkräftestudie „Fachkräfteentwicklung in der Thüringer Gesundheitsund

Sozialwirtschaft“ (2010) von den darin befragten Geschäftsführern der Pflegeeinrichtungen bestätigt: Mehr

als zwei Drittel der Befragten schätzten das Angebot an Pflegekräften (Altenpflege- und Krankenpflege) als

schlecht bis sehr schlecht ein, trotz dessen analog dazu der Erweiterungs- und Ersatzbedarf an geeignetem

Personal für den Bereich Pflege als konstant steigend beschrieben wird.


2

Zu konstatieren ist: Die Anzahl der Pflegebedürftigen steigt kontinuierlich, daraus erwächst

eine zunehmende Nachfrage nach professioneller Pflege nachweislich. Als Arbeitgeber stehen

den Pflegeeinrichtungen/-diensten momentan nur begrenzt Instrumente zur Verfügung, um

dem wachsenden Fachkräftebedarf decken zu können.

Die Verbände der LIGA der Freien Wohlfahrtspflege sowie die Landesarbeitsgemeinschaft der

privaten Verbände (LAG) fordern hinsichtlich der voran dargestellten Situationsbeschreibung

das Land Thüringen auf, proaktiv auf die derzeitige und prognostizierte Fachkräftesituation

im Pflegebereich zu reagieren und den Fachkräftemangel abzumildern. Gefragt sind

strategische und nachhaltige Lösungsansätze aller Akteure in folgenden Bereichen:

1. Ausbildung im Bereich Altenpflege

Ist- Situation:

Pflegeeinrichtungen/-dienste, die ausbilden, haben einen Marktnachteil, weil sich die

Ausbildungskosten auf den Dienstleistungspreis auswirken. Dies wird von einem Teil

der Pflegeeinrichtungen/-diensten als Hauptgrund benannt, nicht auszubilden. Die

teilweise hohen Ausbildungskosten bewirken ein finanzielles Ungleichgewicht für

Ausbildungseinrichtungen/-dienste gegenüber ihren Mitbewerbern.

Durch Umschulungen konnte in den letzten Jahren die Zahl der Auszubildenden in der

Altenpflege in Thüringen fast verdoppelt werden. Die hohe Zahl an Umschulungen in

Pflegeberufen kann aber nicht gehalten werden, da das 3. Umschulungsjahr auf Grund

des Auslaufens des Konjunkturpaktes II nicht mehr finanziert wird.

An- sowie Ungelernte Hilfskräfte sehen wenig Anreiz, auf Grund der Dauer von vier

Jahren für die berufsbegleitende Ausbildung, sich zur Fachkraft ausbilden zu lassen.

Schnittstellenprobleme durch unzureichende Vernetzung und Kommunikation zwischen

Schulen und Ausbildungsstätten sorgen für suboptimale Ausbildungsbedingungen.

Handlungsforderungen:

Finanzierung der Ausbildungskosten und der Lohnersatzleistungen des 3.

Ausbildungsjahres bei Umschulungen durch das Land Thüringen.

Rechtliche Bewertung zur Einführung einer Ausbildungsumlage und Entwicklung eines

Umsetzungsmodells ohne finanzielle Belastung der Unternehmen durch zusätzlichen

Verwaltungsaufwand (z.B. durch kostenneutrale Ansiedlung einer Umlagestelle beim

Land).

Umgestaltung gesetzlicher Grundlagen der berufsbegleitenden Ausbildung zum

staatlich anerkannten Altenpfleger. Insbesondere: Ermöglichung von Quereinstiegen,

Kompetenzanerkennung, Verkürzung der Ausbildungszeiten durch Anerkennung von

einschlägigen Vorqualifikationen.

Einführung von Arbeitsentgeltzuschüsse für Arbeitgeber die Pflegekräfte für die

Weiterbildung zur Fachkraft freistellen.

Anreize für Pflegeeinrichtungen zur Steigerung der Ausbildungskapazitäten in

Thüringen. Orientiert an den Bedarfen der Einrichtungen geht es hier um finanzielle

Anreize i. S. der oben benannten finanziellen Unterstützung, sowie um die

Anrechnung des Praxisanleiters als eigenständige und freizustellende Fachkraft in den

Pflegeeinrichtungen/-diensten, etc.

Förderung einer stärkeren Ausrichtung der schulischen Ausbildung an der

tatsächlichen Pflegepraxis durch interne Überprüfung des Zusammenwirkens von

Schule und Ausbildungsstätte.

Gezielte Förderung von leistungsschwächeren Schülern (insb. Hauptschulabschluss),

um den Ausbildungsabschluss zu erreichen.


3

2. Vergütung von Pflegeleistungen

Ist- Situation:

Das Vergütungsniveau von Pflegeleistungen, insbesondere im ambulanten Bereich, in

Thüringen bildet das Schlusslicht im bundesweiten Vergleich. Gleichwohl jeder

Pflegebedürftige bundesweit den gleichen Rechtsanspruch auf Pflege, Versorgung und

Betreuung entsprechend dem allgemein anerkannten Stand der medizinischpflegerischen

Erkenntnisse hat. 4

Die Thüringer Pflegekassen halten trotz ihres gesetzlich verankerten

Sicherstellungsauftrages das Vergütungsniveau systematisch niedrig.

Auf Grund des vergleichsweise niedrigen Vergütungsniveaus ist eine hohe

Abwanderungsrate in die alten Bundesländer, im Speziellen bei jungen ausgebildeten

Pflegefachkräften, zu konstatieren. Dies betrifft insbesondere die Grenzbereiche im

Freistaat.

Handlungsforderungen:

Pflegesätze, Entgelte und Preise müssen sich an dem Bundesdurchschnitt orientieren.

Das Thüringer Sozialministerium, als Aufsichtsbehörde der allgemeinen örtlichen

Kranken- und Pflegekassen, sollte einen moderierten Dialog zwischen

Leistungserbringern und Kostenträgern leiten, um allgemeine Vergütungserhöhungen

insb. im ambulanten Bereich in Thüringen zu ermöglichen.

Die Vergütung ist und bleibt eine zentrale Stellschraube zur Steigerung der

Attraktivität des Pflegeberufes und des Standortes Thüringen. Die Leistungserbringer

müssen in die Lage versetzt werden, das Gehaltsniveau für Pflegekräfte in Thüringen

so zu steigern, dass Gehaltsunterschiede keinen Abwanderungsgrund in andere

Bundesländer mehr darstellen.

3. Re- Organisation von Pflege

Ist- Situation:

Die Anforderungen an professionelle Pflege diversifizieren sich aufgrund der Entwicklung von

besonderen Pflegebedarfen (Demenzbetreuung, Schwerstpflege). Der bisherige rechtliche

Rahmen für das Management von Pflege und die Bewertung von Fachkräften entspricht nicht

den zukünftig wachsenden Anforderungsprofilen professioneller Pflege.

Handlungsforderungen:

Es bedarf einer moderierten Diskussion mit Leistungserbringern, Kostenträgern, MDK

und Heimaufsicht zu einer konzeptionellen Betrachtung der zukünftigen

Pflegeorganisation hinsichtlich von Funktionen und Aufgaben in der pflegerischen

Versorgung.

In einem fachlichen Diskurs sollte das Management in der pflegerischen Versorgung

neu fokussiert und die Erfordernisse nach neuen Qualifikationen/Ausbildungsgängen

geprüft werden.

Dazu müssen:

relevante Aufgaben und Funktionen in der Versorgung herauskristallisiert werden,

Qualifikationsgruppen in Pflegeeinrichtungen und Aufgabenerfüllung betrachtet

werden.

Anrechnung relevanter Qualifikationsgruppen auf die Fachkraftquote

(insbesondere die Berufsgruppen Heilerziehungspfleger, Ergotherapeuten sowie

Hauswirtschaftsfachkräfte)

4 Vergleich: § 11 Abs. 1 SGB XI; § 28 Abs. 3 SGB XI; § 69 Satz 1 SGB XI


4

4. Interkulturelle Öffnung

Ist- Situation:

Das Finden neuer Wege in der Personalakquise bedeutet für die Pflegeanbieter

zukünftig auch das Suchen nach Fachkräften auf überregionaler Ebene, aber auch im

Ausland.

Das Arbeitnehmer- Entsende- Gesetz (AEntG), welches ab Mai 2011 auch für die für

Bürger der östlichen EU- Staaten gilt, eröffnet dahingehend neue Chancen.

Der seit dem 01.08.2010 geltende Pflege- Mindestlohn gilt demnach auch für die

Arbeitnehmer aus den EU- Mitgliedsstaaten.

Thüringen liegt auf Platz 13 im bundesdeutschen Vergleich mit knapp über 2%

(47.000 Personen, Stand 2010) Ausländeranteil.

Handlungsforderungen:

Der Thüringer Arbeitsmarkt bedarf der interkulturellen Öffnung. Dazu müssen

Rahmenbedingen verändert und Anreize geschaffen werden.

Es bedarf geplanter Schritte zur Steigerung der Attraktivität des Landes für

Einwanderer. Besonders stehen hier Sprach- und Familienförderung im Fokus. Dazu

sind Kommunen mit in die Verantwortung zu nehmen, um eine zielgerichtete

Bedarfsplanung vorzunehmen und „Türöffner“ für Einwanderer zu sein.

Die Landesregierung sollte für interessierte ausländische Fachkräfte angegliedert an

die medizinischen Fachschulen spezielle Sprachkurse anbieten. Diese sollen in kurzer

Frist den Erwerb der für die Berufserlaubnis erforderlichen Sprachenkompetenzen

ermöglichen.

Die Thüringer Landesregierung sollte Zuwanderung von Pflegekräften nicht nur

politisch ermöglichen sondern gezielt fördern.

Die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund ist vor dem Hintergrund der

Globalisierung eine Querschnittsaufgabe für alle Akteure.

Zur adäquaten Umsetzung und Unterstützung bei dem Einsatz von ausländischen

Fachkräften bedarf es jedoch noch einer intensiven Überarbeitung des

Berufsqualifikationsfeststellungsgesetzes durch die Bundesregierung. Die

Landesregierung sollte die Anerkennung ausländischer Abschlüsse in Pflegeberufen

(insb. für nicht EU-Bürger) erleichtern und standardisieren.

5. Bürokratieabbau

Ist- Situation:

Grundsätzlich wird die Leistungserbringung seitens der Kostenträger mit vielfältigen

bürokratischen Regelungen und formalen Anforderungen überzogen.

Handlungsforderungen:

Pflegefachkräfte sollten von Verwaltungsaufgaben und Dokumentationspflichten stark

entlastet werden, um Ressourcen freizusetzen. Gezielte Entbürokratisierung und

Übertragung von Dokumentationspflichten auf Verwaltungskräfte stehen hier im

Mittelpunkt.

6. Image der Altenpflege

Ist- Situation:

Die Altenpflege wird nicht umfänglich als gesamtgesellschaftliche Aufgabe angesehen.

Die geleistete Arbeit wird nicht angemessen anerkannt.

Die Ausgangslage in der Pflege auf Grund ihres zumeist negativen Images und der

hohen physischen und psychischen Anforderungen des Berufes eher ungünstig.

Die Attraktivität einer Tätigkeit und/oder Ausbildung in der Pflege wird – betrachtet

man die Entlohnung und die jetzigen Rahmenbedingungen – vor dem Hintergrund der

qualitativen Anforderungen und Verantwortung weiterhin reduziert.


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Es gibt wenig Anreize sich als Berufseinsteiger oder auch -wiederkehrer für den

Pflegebereich zu entscheiden, da dieses Berufsfeld derzeit wenig attraktiv ist.

Handlungsforderungen:

Die Landesregierung koordiniert mit den Verbänden eine landesweite

Imagekampagne für Pflegeberufe und finanziert diese.

Die Landesregierung gestaltet ein Programm zur Rückgewinnung von Fachkräften mit

Fokus auf Pflegeberufe.

Unter Beachtung der voran genannten Handlungsforderungen ist der Wert der Pflege

in Thüringen als Fragestellung unter den Akteuren zu diskutieren.

Die Thüringer Landesregierung sollte im Zusammenspiel mit zentralen Akteuren des

Pflegebereichs Lösungsstrategien zur tatsächlichen Aufwertung des Pflegeberufs in

Thüringen entwickeln.

Mögliche Instrumente sind u. a. eine landesweite Imagekampagne, aufsuchende

Berufsberatung für den Pflegeberuf, Förderung von ehrenamtlichem Einsatz junger

Männer (Landesförderung), landesweite Aktionen am „boys und girls day“.

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