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Johann Wolfgang Goethe - Joachimschmid.ch

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J o h a n n W o l f g a n g G o e t h e<br />

( 1 7 4 9 - 1 8 3 2 )<br />

Frühe Lyrik (-1776)<br />

5<br />

10<br />

15<br />

20<br />

Prometheus<br />

[1773/74]<br />

Bedecke deinen Himmel, Zeus,<br />

Mit Wolkendunst<br />

Und übe, dem Knaben glei<strong>ch</strong>,<br />

Der Disteln köpft,<br />

An Ei<strong>ch</strong>en di<strong>ch</strong> und Bergeshöhn:<br />

Mußt mir meine Erde<br />

Do<strong>ch</strong> lassen stehn<br />

Und meine Hütte, die du ni<strong>ch</strong>t gebaut,<br />

Und meinen Herd,<br />

Um dessen Glut<br />

Du mi<strong>ch</strong> beneidest.<br />

I<strong>ch</strong> kenne ni<strong>ch</strong>ts Ärmeres<br />

Unter der Sonn als eu<strong>ch</strong>, Götter!<br />

Ihr nähret kümmerli<strong>ch</strong><br />

Von Opfersteuern<br />

Und Gebetshau<strong>ch</strong><br />

Eure Majestät<br />

Und darbtet, wären<br />

Ni<strong>ch</strong>t Kinder und Bettler<br />

Hoffnungsvolle Toren.<br />

Da i<strong>ch</strong> ein Kind war,<br />

Ni<strong>ch</strong>t wußte, wo aus no<strong>ch</strong> ein,<br />

25<br />

30<br />

35<br />

40<br />

45<br />

Kehrt i<strong>ch</strong> mein verirrtes Auge<br />

Zur Sonne, als wenn drüber wär<br />

Ein Ohr, zu hören meine Klage,<br />

Ein Herz wie meins,<br />

Si<strong>ch</strong> des Bedrängten zu erbarmen.<br />

Wer half mir<br />

Wider der Titanen Übermut?<br />

Wer rettete vom Tode mi<strong>ch</strong>,<br />

Von Sklaverei?<br />

Hast du ni<strong>ch</strong>t alles selbst vollendet,<br />

Heilig glühend Herz?<br />

Und glühtest, jung und gut,<br />

Betrogen, Rettungsdank<br />

Dem S<strong>ch</strong>lafenden da droben?<br />

I<strong>ch</strong> di<strong>ch</strong> ehren? Wofür?<br />

Hast du die S<strong>ch</strong>merzen gelindert<br />

Je des Beladenen?<br />

Hast du die Tränen gestillet<br />

Je des Geängsteten?<br />

Hat ni<strong>ch</strong>t mi<strong>ch</strong> zum Manne ges<strong>ch</strong>miedet<br />

Die allmä<strong>ch</strong>tige Zeit<br />

Und das ewige S<strong>ch</strong>icksal,<br />

Meine Herrn und deine?<br />

Wähntest du etwa,<br />

50<br />

55<br />

I<strong>ch</strong> sollte das Leben hassen,<br />

In Wüsten fliehen,<br />

Weil ni<strong>ch</strong>t alle Blütenträume reiften?<br />

Hier sitz i<strong>ch</strong>, forme Mens<strong>ch</strong>en<br />

Na<strong>ch</strong> meinem Bilde,<br />

Ein Ges<strong>ch</strong>le<strong>ch</strong>t, das mir glei<strong>ch</strong> sei:<br />

Zu leiden, zu weinen,<br />

Zu genießen und zu freuen si<strong>ch</strong>,<br />

Und dein ni<strong>ch</strong>t zu a<strong>ch</strong>ten,<br />

Wie i<strong>ch</strong>!<br />

1


<strong>Goethe</strong> · Frühe Lyrik<br />

5<br />

10<br />

15<br />

20<br />

Mailied (Maifest)<br />

[1771]<br />

Wie herrli<strong>ch</strong> leu<strong>ch</strong>tet<br />

Mir die Natur!<br />

Wie glänzt die Sonne!<br />

Wie la<strong>ch</strong>t die Flur!<br />

Es dringen Blüten<br />

Aus jedem Zweig<br />

Und tausend Stimmen<br />

Aus dem Gesträu<strong>ch</strong>,<br />

Und Freud und Wonne<br />

Aus jeder Brust.<br />

O Erd, o Sonne!<br />

O Glück, o Lust!<br />

O Lieb, o Liebe!<br />

So golden s<strong>ch</strong>ön<br />

Wie Morgenwolken<br />

Auf jenen Höhn! -<br />

Du segnest herrli<strong>ch</strong><br />

Das fris<strong>ch</strong>e Feld,<br />

Im Blütendampfe<br />

Die volle Welt.<br />

30<br />

35<br />

Gesang und Luft,<br />

Und Morgenblumen<br />

Den Himmelsduft,<br />

Wie i<strong>ch</strong> di<strong>ch</strong> liebe<br />

Mit warmem Blut,<br />

Die du mir Jugend<br />

Und Freud und Mut<br />

Zu neuen Liedern<br />

Und Tanzen gibst.<br />

Sei ewig glückli<strong>ch</strong>,<br />

Wie du mi<strong>ch</strong> liebst!<br />

5<br />

10<br />

15<br />

20<br />

Heidenröslein<br />

[1771]<br />

Sah ein Knab ein Röslein stehn,<br />

Röslein auf der Heiden,<br />

War so jung und morgens<strong>ch</strong>ön,<br />

Lief er s<strong>ch</strong>nell, es nah zu sehn,<br />

Sahs mit vielen Freuden.<br />

Röslein, Röslein, Röslein rot,<br />

Röslein auf der Heiden.<br />

Knabe spra<strong>ch</strong>: I<strong>ch</strong> bre<strong>ch</strong>e di<strong>ch</strong>,<br />

Röslein auf der Heiden!<br />

Röslein spra<strong>ch</strong>: I<strong>ch</strong> ste<strong>ch</strong>e di<strong>ch</strong>,<br />

Daß du ewig denkst an mi<strong>ch</strong>,<br />

Und i<strong>ch</strong> wills ni<strong>ch</strong>t leiden.<br />

Röslein, Röslein, Röslein rot,<br />

Röslein auf der Heiden.<br />

Und der wilde Knabe bra<strong>ch</strong><br />

s Röslein auf der Heiden;<br />

Röslein wehrte si<strong>ch</strong> und sta<strong>ch</strong>,<br />

Half ihm do<strong>ch</strong> kein Weh und A<strong>ch</strong>,<br />

Mußt es eben leiden.<br />

Röslein, Röslein, Röslein rot,<br />

Röslein auf der Heiden.<br />

O Mäd<strong>ch</strong>en, Mäd<strong>ch</strong>en,<br />

Wie lieb i<strong>ch</strong> di<strong>ch</strong>!<br />

Wie blinkt dein Auge!<br />

Wie liebst du mi<strong>ch</strong>!<br />

25<br />

So liebt die Ler<strong>ch</strong>e<br />

2


<strong>Goethe</strong> · Frühe Lyrik<br />

5<br />

10<br />

15<br />

20<br />

Seefahrt<br />

[1776]<br />

Lange Tag’ und Nä<strong>ch</strong>te stand mein S<strong>ch</strong>iff<br />

befra<strong>ch</strong>tet;<br />

Günstger Winde harrend, saß mit treuen<br />

Freunden,<br />

Mir Geduld und guten Mut erze<strong>ch</strong>end,<br />

I<strong>ch</strong> im Hafen.<br />

Und sie waren doppelt ungeduldig:<br />

Gerne gönnen wir die s<strong>ch</strong>nellste Reise,<br />

Gern die hohe Fahrt dir. Güterfülle<br />

Wartet drüben in den Welten deiner,<br />

Wird Rückkehrendem in unsern Armen<br />

Lieb und Preis dir.<br />

Und am frühen Morgen wards Getümmel,<br />

Und dem S<strong>ch</strong>laf entjau<strong>ch</strong>zt uns der Matrose,<br />

Alles wimmelt, alles lebet, webet,<br />

Mit dem ersten Segenshau<strong>ch</strong> zu s<strong>ch</strong>iffen.<br />

Und die Segel blühen in dem Hau<strong>ch</strong>e,<br />

Und die Sonne lockt mit Feuerliebe;<br />

Ziehn die Segel, ziehn die hohen Wolken,<br />

Jau<strong>ch</strong>zen an dem Ufer alle Freunde<br />

Hoffnungslieder na<strong>ch</strong>, im Freudetaumel<br />

Reisefreuden wähnend wie des Eins<strong>ch</strong>iffsmorgens,<br />

Wie der ersten hohen Sternennä<strong>ch</strong>te.<br />

30<br />

35<br />

40<br />

45<br />

Und er s<strong>ch</strong>eint si<strong>ch</strong> ihnen hinzugeben,<br />

Strebet leise sie zu überlisten,<br />

Treu dem Zweck au<strong>ch</strong> auf dem s<strong>ch</strong>iefen Wege.<br />

Aber aus der dumpfen, grauen Ferne<br />

Kündet leisewandelnd si<strong>ch</strong> der Sturm an,<br />

Drückt die Vögel nieder aufs Gewässer,<br />

Drückt der Mens<strong>ch</strong>en s<strong>ch</strong>wellend Herz darnieder,<br />

Und er kommt! Vor seinem starren Wüten<br />

Streckt der S<strong>ch</strong>iffer klug die Segel nieder;<br />

Mit dem angsterfüllten Balle spielen<br />

Wind und Wellen.<br />

Und an jenem Ufer drüben stehen<br />

Freund und Lieben, beben auf dem Festen:<br />

A<strong>ch</strong>, warum ist er ni<strong>ch</strong>t hier geblieben!<br />

A<strong>ch</strong>, der Sturm! Vers<strong>ch</strong>lagen weg vom Glücke!<br />

Soll der Gute so zugrunde gehen?<br />

A<strong>ch</strong>, er sollte! a<strong>ch</strong>, er könnte! Götter!<br />

Do<strong>ch</strong> er stehet männli<strong>ch</strong> an dem Steuer:<br />

Mit dem S<strong>ch</strong>iffe spielen Wind und Wellen,<br />

Wind und Wellen ni<strong>ch</strong>t mit seinem Herzen!<br />

Herrs<strong>ch</strong>end blickt er auf die grimme Tiefe<br />

Und vertrauet, s<strong>ch</strong>eiternd oder landend,<br />

Seinen Göttern.<br />

25<br />

Aber gottgesandte We<strong>ch</strong>selwinde treiben<br />

Seitwärts ihn der vorgesteckten Fahrt ab,<br />

3

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