PP Zeitreihen IN.. - Jochen Fahrenberg

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PP Zeitreihen IN.. - Jochen Fahrenberg

Psychophysiologische Zeitreihenforschung INFO

Einleitung und Übersicht

Zeitreihenstudie ist hier der Oberbegriff für die in gleichen oder ähnlichen Zeitintervallen wiederholte, standardisierte

Datenerhebung mit der Absicht, systematische Zustandsänderungen, Verläufe, Prozesse der dynamischen Regulation zu

erfassen. Psychologische Verlaufsanalysen waren ein wichtiges methodisches Kennzeichen der von Heiß in Freiburg

entwickelten testdiagnostischen Methodik und – im weiteren Sinn – der Prozessforschung in vielen Bereichen (Fahrenberg,

1968, 2003). Anwendungsgebiete gäbe es vor allem in der Persönlichkeitsforschung und in der klinischen Psychologie.

Es sind jedoch langfristige Projekte der Methodenentwicklung erforderlich, um mehr Erfahrungen mit solchen

Wiederholungsmessungen und mit den besonderen Schwierigkeiten der statistischen Datenanalyse zu gewinnen.

Die Methodik von Zeitreihenstudien soll Veränderungen abbilden, z.B. Interventionseffekte, Therapie- und Rehabilitationsverläufe.

Im psychophysiologischen Untersuchungsansatz sollten darüber hinaus auch die Kovariation der psychischen

und körperlichen Zustandsänderungen analysiert werden. In dieser Absicht wurden zwei Projekte mit serieller

Datenerhebung geplant: (1) die Untersuchung von Studenten unter Laborbedingungen und (2) von Herz-Kreislauf-

Patienten während eines stationären Heilverfahrens. Aus praktischen Gründen wurde ein Zeitraster mit zwei bzw. drei

Untersuchungsterminen in der Woche gewählt.

Während die physiologischen Messungen, abgesehen von trainingsabhängigen Kreislaufparametern, wahrscheinlich mit

nur geringen Gewöhnungseffekten und Rückwirkungen wiederholbar sind, mussten geeignete psychologische Untersuchungsverfahren

erst konstruiert werden. Für die geplanten Untersuchungsserien wurden möglichst äquivalente

(gleichwertige) Parallelformen psychologischer Leistungstests benötigt, u.a. Tests der Aufmerksamkeit, Merkfähigkeit,

Reaktionszeit. In Anlehnung an die Repeated Psychological Measurement RPM Batteries von Mefferd, Moran, Kimble

et al. (Mefferd, 1961) konnten existierende Testserien angepasst bzw. verlängert und darüber hinaus auch neue Tests

konstruiert werden (weitere Quellenangaben siehe Methodenentwicklung für psychologische Zeitreihenstudien (Fahrenberg,

Kuhn, Kulick & Myrtek, 1977a). Eine psychophysiologische Zeitreihenstudie an 20 Studenten über 8 Wochen

(Fahrenberg, Myrtek, Kulick & Frommelt, 1977). Die Auswahl der apparativen Tests war u.a. durch die Diskussion

über „objektive Tests der Persönlichkeit“ in der Forschung von R.B. Cattell und H.J. Eysenck beeinflusst (siehe Fahrenberg,

1964)

Die Veränderung der Stimmung (und allgemeinen Befindlichkeit) sollten mit den sieben Skalen der von Hampel (1977)

entwickelten Skalen zur Selbsteinstufung der Stimmung SES erfasst werden – hier mit einer gekürzten Version, die 6

fünfstufige Items pro Skala enthielt: gehobene Stimmung, gedrückte Stimmung, Mißstimmung, ausgeglichene Stimmung,

Trägheit und Müdigkeit; außerdem 6 Items einer Kurzform der Skala Aktiviertheit aus der Eigenschaftswörterliste

EWL von Janke und Debus. Aktuelle Informationen über den Tageslauf wurden mit einem Tagebuchblatt (bzw. einem

"Kurtagebuch") erhoben. Beide Zeitreihenstudien waren in vieler Hinsicht Vorläufer der späteren Untersuchungen

mit der computer-unterstützter Methodik des ambulanten Assessment. So konnten später Aufmerksamkeitstests unmittelbar

auf dem hand-held PC dargeboten werden (siehe Ordner Tageslaufstudien). Grundsätzliche Fragen der Übungseffekte,

Trends, Korrelationsanalyse usw. sind jedoch für beide Ansätze typisch.

Der Datensatz der im Labor durchgeführten Zeitreihenstudie wurde außerdem unter einer zusätzlichen Fragestellung

analysiert, die im Hinblick auf die kardiovaskuläre Psychophysiologie interessant ist: die Zeitreihenstudie der orthostatischen

Kreislaufreaktionen (Myrtek & Frommelt, 1976).

Psychophysiologischer Längsschnitt bei 5-wöchigem Training mit dem

Ergometer

Studienbeschreibung

An dieser ersten psychophysiologischen Zeitreihenstudie nahmen 2 x 20 Studenten (Männer, Alter 23.1 Jahre, s = 2.5)

vom März bis Mai 1971 teil. Sie wurden zufällig in eine Trainings- oder Kontrollgruppe eingeteilt. Letztere wurde zu

Beginn und nach 5 Wochen untersucht. Für die Trainingsgruppe folgten nach der Erstuntersuchung 6 Trainingstermine

(Fahrradergometer-Training bei einer Herzfrequenz von 140/Min über 15 Minuten, 3 Termine wöchentlich ), eine Zwischenuntersuchung,

wiederum 6 Trainingstermine und die Abschlussuntersuchung.

Diese Untersuchung ergänzt die Untersuchungsserie zu den Vegetativen Regulationstypen (Ordner PP Konstitution)

und soll die Variation/Stabilität und die Trainierbarkeit kardiovaskulärer Funktionen erfassen. Als gut standardisierte

körperliche Belastung für einen Kontrollgruppen-Plan wurde die Ergometerarbeit gewählt.

Die Auswahl der Variablen bzw. Tests und Fragebogen stimmt weitgehend mit den Studien st05 und st10 überein, so

dass Vergleichsmöglichkeiten bestehen. Eigens entwickelt wurden die Skalen zur Einstufung der Beanspruchung durch

die Ergometerarbeit sowie das Trainingsprotokoll.

1


Funktionsprüfungen

Ruheuntersuchung, 15 Minuten

Ergometrie 100 Watt, 15 Minuten

Erholungsphase, 10 Minuten

Variablenbereiche

biochemische Bestimmungen (nur Trainingsgruppe), physikalische Kreislaufanalyse nach Broemser/Ranke (Pulskurven

von A. radialis und A. femoralis) sowie Wezler/Boeger (Grundschwingung der A. fem.), Spirometrie, Ergometrie ,

Blutgasanalyse, ärztliche Voruntersuchung, Sympathikotonie-Rating, VES-Rating, Anthropometrie mit zahlreichen

Körperbauindices, Tapping, Reaktionszeit, KLT, Durchsteichtest, FPI, FBL, LGW, Selbsteinschätzungsskala, Eigenschaftsliste

(Zerssen), Allgemeine Widrigkeiten (Cattell), Trainingsfragebogen, Trainingsprotokoll (Blutdruck, Herzfrequenz,

Watt).

Hypothesen

Erwartet wurden allgemeine Befunde zur relativen Konstanz und zur trainingsabhängigen Variation kardiovaskulärer

und respiratorischer Parameter. Spezielle Hypothesen richteten sich auf die in der Literatur verbreitete Behauptung,

dass körperliches Training positive psychische Auswirkungen habe, d.h. positivere Stimmung und Abnahme körperlichfunktioneller

Beschwerden bedingt.

Zusammenfassung

„40 gesunde, männliche Studenten wurden zufällig einer Trainingsgruppe und einer Kontrollgruppe zugeteilt. Während

die Kontrollgruppe ihre übliche körperliche Aktivität beibehielt, wurde die Trainingsgruppe dreimal wöchentlich für

jeweils 15 Minuten bei einer Herzfrequenz von 140/Minute mit dem Fahrradergometer trainiert. Bei der Erst- und Abschlussuntersuchung

nach fünf Wochen wurden neben der physiologischen Untersuchung in Ruhe und bei submaximaler

Belastung (Parameter des Kreislaufs und der Atmung) auch psychologische Untersuchungen (psychologische Leistungstests,

Selbsteinschätzung von Persönlichkeitsmerkmalen, Häufigkeit körperlicher Beschwerden) durchgeführt.

Ausdruck der beachtlichen Leistungssteigerung – die Trainingsgruppe verbesserte ihre Leistung von 158 auf 197 Watt

bei gleicher Trainingsherzfrequenz – war die Ökonomisierung des Herz-Kreislauf-Systems und partiell auch des Atmungssystems

in Ruhe und vor allem bei submaximaler Belastung. Im Gegensatz hierzu zeigten die psychologischen

Leistungstests zur Messung der Konzentrationsfähigkeit keine bzw. für die Trainingsgruppe negative Ergebnisse. Bei

der Abschlussuntersuchung zeigte die Trainingsgruppe ein mehr extravertiertes Verhalten, bei den übrigen Persönlichkeitsmerkmalen

fanden sich keine Änderungen im Vergleich mit der Kontrollgruppe. Entgegen der Erwartung nahm die

Häufigkeit körperlicher Beschwerden bei der Trainingsgruppe nicht ab. Die Gründe für diese auffällige Diskrepanz

sowie anders lautende Befunde bei Patienten werden ausführlich diskutiert“ (Myrtek & Villinger, 1976, S. 1623).

Datensatz

st06 PP Ergometertraining (2 x 40 Personen, 3 Termine, mit st06 Variablenliste insgesamt 938 Variablen. Termin 1:

1-333, Termin 2: 334-564, Termin 3: 565-938). Von der Trainingsgruppe (Nr. 1-20) liegen also Funktionswerte von 3

Terminen, von der Kontrollgruppe (Nr. 21-40) für 2 Termine vor.

Literaturhinweise

Unmittelbar auf den Datensatz bezogene Veröffentlichungen

Myrtek, M. & Villinger, U. (1976). Psychologische und physiologische Wirkungen eines fünfwöchigen Ergometertrainings

bei Gesunden. Medizinische Klinik, 71, 1623-1630.

Villinger, U. (1972). Psychophysiologische Längsschnittuntersuchung vegetativer Regulationstypen bei 5-wöchigem

Training mit dem Fahrradergometer. Med. Diss., Universität Freiburg i. Br.

Weiterführende Literatur und Anschlussarbeiten

Fahrenberg, J. & Myrtek, M. (2005). Psychophysiologie in Labor, Klinik und Alltag. 40 Jahre Projektarbeit der Freiburger

Forschungsgruppe Psychophysiologie – Kommentare und Neue Perspektiven. Frankfurt a.M.: Lang.

Myrtek, M. (1980). Psychophysiologische Konstitutionsforschung. Ein Beitrag zur Psychosomatik. Göttingen: Hogrefe.

Myrtek, M. (1984). Constitutional psychophysiology. New York: Academic Press.

Myrtek, M. (1978). Psychovegetative Labilität. Zugleich ein Beitrag zum Kovariationsproblem der Psychophysiologie.

Medizinische Welt, 29, 1166-1169, 1240-1243.

Myrtek, M. & Nahrwold, A. (1974). Zur Vorhersage der körperlichen Leistungsfähigkeit. Schätzung der maximalen

Sauerstoffaufnahme aus submaximalen Meßwerten und anthropometrischen Daten. Herz/Kreislauf, 6, 194-199.

2


Psychophysiologische Zeitreihenstudie im Labor mit 20 Studierenden

Studienbeschreibung

An der Untersuchung nahmen 20 männliche Studierende aus verschiedenen Fächern (außer Psychologie) über acht

Wochen von Januar bis März 1972 teil. An die Erstuntersuchung (Termin 0) schlossen sich 16 Untersuchungstermine

an. Die Untersuchungen erfolgten 2 mal wöchentlich, das Tagebuch wurde täglich ausgefüllt. Die Teilnehmer 1-10

wurden jeweils an den Montag- und Donnerstagvormittagen, die Teilnehmer 11-20 an den Dienstag- und Freitagvormittagen

untersucht. Da eine Voruntersuchung, erhebliche Übungseffekte in den psychologischen Leistungstests gezeigt

hatte (siehe Abbildungen), wurde nach der Basisuntersuchung ein Übungsprogramm der hauptsächlichen Papier- und

Bleistift-Tests zusammengestellt und in Gruppentests jeweils 4 mal hintereinander bearbeitet. Eine Besonderheit ist,

dass die beteiligten Versuchsleiterinnen das Testverhalten der Teilnehmer einstuften und dass sie ihrerseits ebenfalls ein

Tagebuch führten.

Variablenbereiche

Laboruntersuchungen: Katecholamine und Elektrolyte aus dem 24-Std-Urin, Blutbild, physiologische Daten (Blutdruck,

Herzfrequenz, physikalische Kreislaufanalyse, Spirometrie und Gasstoffwechsel), Funktionsprüfungen: maximales

inspiratorisches Atemanhalten, maximale Willkürhyperventilation, Orthostaseversuch mit Kippliege (5 Minuten Liegen,

8 Minuten Stehen);

psychologische Testverfahren: Minute-Schätzen, Ziffern-Durchstreichen, Wörter-Erkennen, Kopfrechnen, Silben-

Merken, Flimmergrenze, Schmerzreizschwelle, Nachbilddauer, Hautwiderstand, Reaktionszeiten, Fingergeschicklichkeit

am Steckbrett, Mehrfachreaktionen am Determinationsgerät, persönliches Klopftempo, Zielverfolgen am Pursuit-

Rotor.

Tagebuchvariablen und Lebensgewohnheiten (z.B. Schlafverhalten, Alkoholkonsum, Tagesablauf, Stimmung, besondere

Ereignisse), Wetterdaten vom Wetteramt Freiburg, augenblickliches Befinden vor der Untersuchung, Selbstbeurteilung

der Leistung nach der Untersuchung, Verhaltensbeurteilung durch die Versuchsleiterin, Tagebuch der Versuchsleiterin,

Lebensgewohnheiten der Versuchsleiterin.

Außerdem liegen die Daten der Schlussbefragung zur gesamten Untersuchung und die Testwerte des Freiburger Persönlichkeitsinventars

(in der älteren Version FPI-G) vor.

Insgesamt hat die Untersuchung 146 psychologische, 114 physiologische 55 meteorologische Variablen.

Kurze Beschreibungen der verwendeten Papier- und Bleistift-Tests und der apparativen Test siehe Fahrenberg et. al.

(1977a), ausführlichere Beschreibungen der Testentwicklung siehe Kulick (1974) mit Statistiken, Äquivalenzanalyse

der Parallelformen, Autokorrelationen und Trends, Korrelationsmatrizen ausgewählter Testwerte, Schätzung der eigentlich

interessierenden intra-individuellen Varianz. – Die Messvorschriften des Kreislauf-Labors einschließlich der Einstufungen

der Orthostase-Reaktionen nach Burkhart und Kirchhoff sowie nach Myrtek sind vor allem in Myrtek und

Frommelt (1976) und Myrtek (1975) dargestellt. Muster der Fragebogen, Einstufungsskalen und Testformulare befinden

sich in Kulick (1974) und Kuhn (1972).

Eine empirisch gestützte Auswahl unter den zahlreichen Variablen wurde aufgrund mehrere Eigenschaften vorgenommen:

intra- und intraindividuelle Variabilität, signifikanter Termin-Effekt, geringe Redundanz verglichen mit anderen

Kennwerten. Zur Beschreibung der Kovariationen wurden – vergleichend – verschiedene Koeffizienten verwendet:

einfache Korrelationskoeffizienten (Pearson), Kreuzkorrelation (mit lag 0, 1, 2), direktionale Korrelationskoeffizienten

(Strahan), welche als einfaches Assoziationsmaß die Richtung der Veränderung berücksichtigten (Zu- bzw. Abnahme)

oder zusätzlich auch den Betrag der Veränderung, außerdem multiple direktionale Koeffizienten. Dabei wurden verschiedene

Ebenen unterschieden: intra-individuelle Korrelation, mittlere Korrelation aufgrund (1) der Mittelwerte der

20 Zeitreihen und (2) der Mittelung der Koeffizienten (z‘-Transformation). Statistische Analysen wurden außerdem

hinsichtlich Terminunterschieden bzw. Trends und Autokorrelation vorgenommen. Interessante Korrelationsmuster

wurden nach ausgewählten Leitvariablen und assoziierten Variablen dargestellt. Zwei Abbildungen zeigen ausgewählte

Variablen von zwei Untersuchungsteilnehmern (siehe auch die von Zimmermann, 1978, beschriebenen Stimmungsänderungen

und Kurvenpassungen mit Polynomen).

Die Untersuchungsteilnehmer führten einen Teil der Tests (Ziffern durchstreichen, Wörter erkennen, Kopfrechnen)

selbständig mit einer kontrollierten Zeitregistrierung durch, andere Tests erforderten eine Versuchsleiterin. Der Zeitaufwand

für die Basisuntersuchung, drei Eingewöhnungstermine für die Tests, die 16 Untersuchungstermine (je 1.5

Stunden) und 53 mal häusliches Ausfüllen des Tagebuchs (10 Minuten)wurde auf 40 Stunden geschätzt. Das Teilnahmehonorar

richtete sich nach dem gültigen Satz für studentische Hilfskräfte. Für die Sammlung des Tagesurins zur

Bestimmung der Nebennierenrinden-Aktivität, jeweils am Vortag des Untersuchungstags, wurde eine mit Salzsäure zur

Stabilisierung präparierte Plastikflasche mitgegeben. Die beabsichtige Auswertung eines ebenfalls mitgegebenen

Schrittzählers zur Bestimmung der körperlichen Tagesaktivität wurde nicht verwirklicht, da die angezeigten Werte, wie

Tests ergaben, unzuverlässig waren. Neun der Untersuchungsteilnehmer waren bereit, die 7 Stimmungsskalen über den

Zeitraum von 8 Wochen (57 Tage) hinaus noch weiterzuführen, so dass schließlich Serien von jeweils knapp über 100

Tagebuchinformationen gewonnen wurden. Anhand dieser Daten konnte die intra- und interindividuelle Variabilität des

Befindens noch ausführlicher analysiert werden (Zimmermann, 1979). Kurvenanpassungen durch Polynome verdeut-

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lichten bei einigen Personen markante Trends der Stimmungswerte, durch Ereignisse bedingte spezielle Effekte und

insgesamt die große Individualität der Verläufe.

Hypothesen

Diese Zeitreichenstudien wurde vor allem deskriptiv angelegt, um eine Datenbasis für psychologische und psychophysiologische

Korrelationsstudien bei gesunden Versuchsteilnehmern und bei Herz-Kreislauf-Patienten zu gewinnen.

Dieser induktive Ansatz war jedoch teilweise von den Konzepten R.B. Cattells für die differentielle Psychologie der

Zustandsänderungen angeregt. Anstelle der für die sog. P-Technik der Faktorenanalyse wünschenswerten ca. 100 Datenpunkten

wurde der Ansatz auf 16 Termine in 8 Wochen beschränkt, um realistische Erfahrungen für praktikable

Untersuchungen, u.a. auch mit Patienten in einem Rehabilitationsverfahren zu gewinnen.

Absicht war also ein Screening von psychologischen, physiologischen und biochemischen Variablen, um änderungssensitive

Merkmale zu finden mit nicht zu hoher und nicht zu geringer intra-individueller Variabilität und zugleich deutlicher

inter-individueller Variabilität, d.h. geeignet, um die inter-individuellen Unterschiede der intra-individuellen Variabilität

zu erfassen.

Zusammenfassungen

Zusammenfassung 1

„Es wird über die ersten Schritte zur Entwicklung eines Methodeninventars aus Selbsteinstufungsdaten, Tests und

Funktionsprüfungen berichtet, das zur Beschreibung psychophysiologischer Zustandsänderungen im Tagesabstand

dienen soll. Anhand der Daten einer psychophysiologischen Zeitreihenstudie an 20 Studenten über 16 Termine innerhalb

von 8 Wochen werden einige Probleme der Testanwendung und Testmethodik, vor allem die Beurteilung der Testform-Äquivalenz,

die Handhabung des Trendproblems, die Beurteilung der Autokorrelationen und die schwierige

Schätzung der eigentlich interessierenden Intravarianz erörtert.“ (Fahrenberg et al., 1977a, S. 34)

Zusammenfassung 2

„In einer Zeitreihenstudie wurde eine Vielzahl psychologischer und physiologischer Kennwerte auf ihre Eignung zur

Beschreibung genereller und individueller Zustandsänderungen untersucht. Außer Tagebuch-Daten, Stimmungsskalen

u.a. Selbsteinstufungen wurden Reaktions- und Koordinationsleistungen, Konzentration und sensorische Schwellen,

Kennwerte physiologischer Funktionsprüfungen und Laborwerte von 20 männlichen Studenten an 16 Tagen während

eines Beobachtungszeitraums von 8 Wochen erhoben sowie meteorologische Variablen berücksichtigt. Generelle Zustandsänderungen

zeigen sich in einigen Mittelwertunterschieden zwischen den Terminen und in einigen bedeutsamen

Kovariationen. Bestimmte Leit-Variablen werden hervorgehoben. Jedoch ist die Individualität der Zeitreihen-Protokolle

sehr groß, und es gibt Hinweise auf individualcharakteristische Veränderungskennwerte. Einige Probleme der korrelationsstatistischen

Analyse und das Dilemma der Generalität – Individualität bei der Beschreibung der Zustandsänderungen

werden erörtert.“ (Fahrenberg et al., 1977b, S. 263).

Zusammenfassung 3

„Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der individuellen Längsschnittanalyse von Stimmungsskalen. Grundlage

sind die Daten von 9 Vpn, die 7 Stimmungsskalen über einen Zeitraum von 110 Tagen ausfüllten. Bei der Analyse

dieser Daten wurden zwei Aspekte herausgestellt. Auf der einen Seite wurden Fragen der individuellen Struktur der

Beantwortung im Hinblick auf Konsistenz und Dimensionalität untersucht und auf der anderen Seite Fragen der Verläufe

näher betrachtet. Dabei zeigte sich di eine hohe Individualität sowohl in der Struktur der Skalenbeantwortung wie

auch in den Stimmungsverläufen.“ (Zimmermann, 1979, S. 46)

Kommentar

Aus der ersten psychophysiologischen Zeitreihenstudie war zu lernen, welche Methodenprobleme und auch organisatorischen

Anforderungen mit diesem Forschungsansatz verbunden waren. Gegen die mögliche Schlussfolgerung, dass

solche Untersuchungen noch zu schwierig oder grundsätzlich zu anspruchsvoll wären, sprach die Einsicht, dass in vielen

Anwendungsfeldern solche Untersuchungsansätze unentbehrlich zu sein scheinen. Systematische und multivariate

Evaluationsforschung verlangt repräsentative Datenerhebungspläne, d.h. in der Regel multiple Messungen auf der Seite

der Prädiktoren und der Seite der Kriterien. Deswegen wird sich eine psychophysiologische Programmforschung mit

diesen Strategien auseinandersetzen müssen, auch wenn es offensichtlich weithin nur explorative und induktive Studien

sein können. Erst bei deskriptiv überzeugenderen Grundlagen sind striktere und hypothesenprüfende Untersuchungen

angemessen.

Die psychophysiologische Zeitreihenforschung mit faktorenanalytischer Methodik, die sog. P-Technik-Analysen, waren

von Cattell und Mitarbeitern eingeleitet worden (Cattell, Cattell & Rhymer, 1947). Die eigenen Untersuchungen ließen

bald die methodischen Grenzen erkennen. Zumindest bei den psychologischen Leistungs-Testwerten zeigten sich große

initiale Übungseffekte und ein Lernen von optimalen Strategien, das bei einigen Studenten über den gesamten Zeitraum

mit 16 Terminen in 8 Wochen anhielt. Dies war an den gemessenen Testzeiten zu erkennen, trotz der vorsorglich

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durchgeführten Einübung und Gewöhnung durch vier Durchgänge vor Beginn der Hauptuntersuchung. Solche Trends

verursachten einen rechnerisch kaum angemessen zu kontrollierenden Bias für alle Korrelationsrechnungen.

Zeitreihenuntersuchungen dieser Art sind ungewöhnlich aufwendig für die Teilnehmer und die Untersucher und ebenso

für die Datenauswertung. Die Verläufe, insbesondere die psychologischen Daten, waren offensichtlich sehr individuell

geprägt, doch waren auch gemeinsame Trends zu beobachten. Am deutlichsten war ein extern bedingter Effekt in den

Zeitreihen mehrerer Studenten, die an den Freiburger Fasnet-Veranstaltungen teilgenommen hatten.

Zur statistischen Auswertung wurden verschiedene intra- und interindividuelle Korrelationsmaße, Korrelationen für die

aggregierte "mittlere" Person, parametrische und nicht-parametrische Koeffizienten, direktionale Korrelationskoeffizienten,

verwendet – Verfahren, die später durch die Strategie der Kovarianzzerlegung ersetzt wurden. Als grundsätzliches

Problem erwiesen sich die näherungsweise linearen Trends in den seriellen Messungen, die einen gravierenden

Einfluss auf die Korrelationskoeffizienten hatten, falls keine Standardisierung über die Zeitreihe vorgenommen wurde,

denn gemeinsame Trends erhöhen die Korrelation der Zeitreihen auch dann, wenn die zugrundliegenden Daten funktionell

und messtechnisch völlig unabhängig sind.

Ein wichtiger Bestandteil dieser ersten Zeitreihenstudie war die Untersuchung im Kreislauf-Labor. Anschließend an

jede der 16 psychologischen Untersuchungen wurden dort Ruhewerte von Herzfrequenz und Blutdruck gemessen und

eine orthostatische Belastung durchgeführt. In dieser ersten Zeitreihenstudie waren keine Trends in der Herzfrequenz

oder im systolischen Blutdruck zu erkennen. Nur im diastolischen Blutdruck zeigte sich ein sehr signifikanter Effekt,

d.h. eine Abnahme über die 16 Termine, außerdem eine einzige und bemerkenswerte Korrelation mit den Beschwerden

am Untersuchungstag (Tagebuchblatt) und sonst mit keiner anderen Variablen.

Aufgrund dieser Erfahrungen wurde eine ähnliche Untersuchungsserie mit Herz-Kreislauf-Patienten geplant. Diese

Anschlussstudie konnte auf einigen der methodischen Erfahrungen und Befunde der ersten Studie aufbauen.

Datensätze

Die Daten dieser Untersuchung sind in vier Files dokumentiert: Der Hauptfile mit den Daten der 16 einzelnen Untersuchungstermine

(st15), physiologische Daten des Basistermins 0 (st15a), (habituelle) Mittelwerte (H) der hauptsächlichen

Variablen, Schlussbefragung und FPI (st15b), individuelle trendkorrigierte und dann standardisierte Werte.

st15a PP Zeitreihen (dreidimensional, N = 20, 16 Untersuchungstage je 454 Variablen, z.T. auch vom Vortag des

Untersuchungstags, st15a Variablenliste). Anordnung PERS_TAGE_VAR.

165 Physiologische Variablen Urin-Katecholamine, Blutbild, Raumtemperatur, Feuchte, Kreislauflabor BD, HF.AF,

AMV, physikalische Kreislaufanalyse, Gasstoffwechsel O2 und CO2, Ruhe, Atemanhalten, Hyperventilation, Orthostase-Parameter,

Index, Pulswellengeschwindigkeit.

50 Variablen psychologischer Tests

Minute Schätzen, Ziffern Durchstreichen, Kopfrechnen, Silben Merken, Flimmergrenze, Reizschwelle und Hautwiderstand,

Nachbilddauer, Reaktionszeiten, Steckbrett, Mehrfachwahlreaktionen (Determinationsgerät), Steckbrett, Pursuit

Rotor, Ziffern Durchstreichen, Wörter Erkennen,

114 Variablen Tagebuch Lebensgewohnheiten, Stimmungsskalen, Beschwerden, besondere Ereignisse – jeweils Daten

des Vortags und des Untersuchungstages:

34 meteorologische Variablen

90 psychologische Variablen Augenblickliches Befinden, Selbstbeurteilung der Leistungen, Beurteilungen der Teilnehmer

durch Versuchsleiter, Befinden und Tagebuch der Versuchsleiter

1 Variable Untersuchungstag

Die Datenfiles enthalten nicht die Werte-Labels mit dem Wertebereich und der Dimension der verschiedenen Messungen.

Deswegen wurde in den Ordner eine allgemeine Liste von 454 Variablen aufgenommen; die übrigen Datenfiles

enthalten z.T. noch zusätzliche Variablen. Ausführliche Angaben zur Methodik sind in den zitierten Arbeiten zu finden.

(Achtung: Bei den Variablen 188 und 191, entsprechend auch bei den Variablen der übrigen Termine, sind die Werte

um Faktor 10 grösser als in der Variablenliste angegeben.)

st15b PP Zeitreihen (zweidimensional, N = 20, st15b Variablenliste mit 168 Variablen, Basistermin).

Dieser Datensatz (Termin 0) entspricht dem Datensatz vom File st15, enthält aber einige zusätzliche Variablen: Alter,

Grösse, Gewicht, Aortenquerschnitt. Es fehlen die psychologischen Daten, die nur an 16 Terminen vorliegen und das

Orthostase-Rating.

st15c PP Zeitreihen (zweidimensional, N = 20, st15cVariablenliste mit 206 Variablen, Mittelwerte und Fragebogendaten,).

Habituelle Werte, d.h. Mittelwerte von 84 Variablen über 16 Termine (ausgewählte Laborwerte, physiologische Daten,

psychologische Tests, Tagebuch, augenblickliches Befinden) und aus der Basisuntersuchung Fragebogendaten Lebensgewohnheiten

sowie Daten der Schussbefragung, Freiburger Persönlichkeitsinventar ältere Version FPI-G.

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st15d PP Zeitreihen (zweidimensional, N = 20, 16 Termine = 320 Zeilen, jeweils 298 Variable, trendkorrigierte und

standardisierte Werte, st15d Variablenliste).

Es handelt sich um trendkorrigierte stanine-transformierte Daten. Die Trendkorrektur bezieht sich auf den linearen

Trend, d. h. die lineare Regression der Messwerte auf die Ordnungszahlen der Termine. Diese Korrektur wurde nach

der Methode der kleinsten Quadrate individuell für jede Person durchgeführt (Beschreibung der Formeln bei Kulick

1974, S. 101). Die 9-stufige Stanine-Skala ist eine Variante der Centil-Normen mit dem Mittelwert 5 und der Standardabweichung

2.

Abbildungen und Muster einiger Tests

Die Graphiken st15 Abbildungen lassen in den über N = 20 gemittelten, z.T. über 16 Termine andauernden Gewöhnungs-

und Übungstrends beim Kopfrechnen, Steckbrett, Ziffern Durchstreichen, Mehrfachreaktionsgerät, nicht aber in

den Reaktionszeiten und im persönlichen Klopftempo oder den ausgewählten physiologischen Variablen. Die Protokolle

von zwei Teilnehmern zeigen die große Individualität der Verläufe. Bei Vp 10 ist die Teilnahme an der Freiburger

Fasnet zwischen dem 6. und 7. Untersuchungstermin markiert.

st15 Testmuster enthält von den Tests Ziffern Durchstreichen, Wörter Erkennen, Kopfrechnen und Silben Lernen sowie

Symbole Zuordnen (nicht verwendet) jeweils die Anleitung und die erste der bis zu 56 Parallelformen.

Literaturhinweise

Unmittelbar auf den Datensatz bezogene Veröffentlichungen

Fahrenberg, J., Kuhn, M., Kulick, B. & Myrtek, M. (1977). Methodenentwicklung für psychologische Zeitreihenstudien.

Diagnostica, 23, 15-36.

Fahrenberg, J., Myrtek, M., Kulick, B. & Frommelt, P. (1977). Eine psychophysiologische Zeitreihenstudie an 20 Studenten

über 8 Wochen. Archiv für Psychologie, 128, 242-264.

Kuhn, M. (1972). Entwicklung einer Testbatterie für psychophysiologische Längsschnittstudien. Phil. Diss., Universität

Freiburg i. Br.

Kulick, B. (1974). Erfahrungen mit Zeitreihen. Eine psychophysiologische Zeitreihenstudie an 20 Versuchspersonen

über 8 Wochen. Phil. Diss., Universität Freiburg i. Br.

Myrtek, M. (1974). Zur Methodik einiger Kreislauffunktionsprüfungen in psychophysiologischen Zeitreihenstudien am

Beispiel der orthostatischen Belastung. Therapiewoche, 24, 807-808.

Myrtek, M. & Frommelt, P. (1976). Zeitreihenstudie der orthostatischen Kreislaufreaktionen. Zeitschrift für Kardiologie,

65, 800-809.

Myrtek, M. (1985). Adaptation effects and stability coefficients of repeated testing for rest, strain, and change scores. In

A. Steptoe, H. Rüddel & H. Neuss (Eds.), Clinical and methodological issues in cardiovascular psychophysiology

(pp. 72-105). Berlin: Springer.

Zimmermann, P. (1978). Zur Zeitreihenanalyse von Stimmungsskalen. Diagnostica, 25, 24-48.

Weiterführende Literatur und Anschlussarbeiten

Fahrenberg, J. (1964). Objektive Tests zur Messung der Persönlichkeit. In Heiß, R. (Hrsg.): Psychologische Diagnostik.

Handbuch der Psychologie. Band 6 (S. 488-532). Göttingen: Hogrefe.

Fahrenberg, J. (1968). Aufgaben und Methoden der psychologischen Verlaufsanalyse (Zeitreihenanalyse). In: K.J.

Groffmann & K.H. Wewetzer (Hrsg.). Person als Prozeß. Festschrift Prof. Dr. R. Heiß zum 65. Geburtstag (S. 41-

82). Bern: Huber.

Fahrenberg, J. (1977). Physiological concepts in personality research. In R.B. Cattell & R.M. Dreger (Eds.), Handbook

of modern personality theory (pp. 585-611). Washington, D.C.: Hemisphere.

Fahrenberg, J. (1988). Psychophysiological processes. In J.R. Nesselroade & R.B. Cattell (Eds.), Handbook of multivariate

experimental psychology (pp. 867-914). New York: Plenum.

Fahrenberg, J. & Myrtek, M. (2005). Psychophysiologie in Labor, Klinik und Alltag. 40 Jahre Projektarbeit der Freiburger

Forschungsgruppe Psychophysiologie – Kommentare und Neue Perspektiven. Frankfurt a.M.: Lang.

Hampel, R. (1972). Entwicklung einer Skala zur Selbsteinschätzung der aktuellen Stimmung (SKAS). Phil. Diss., Universität

Freiburg i. Br.

Hampel, R. (1977). Adjektiv-Skalen zur Einschätzung der Stimmung (SES). Diagnostica, 23, 43-61.

Moran, L.J. (1961). Repetitive psychometric measures. Austin: University of Texas.

Myrtek, M. (1980). Psychophysiologische Konstitutionsforschung. Göttingen: Hogrefe.

Myrtek, M. (1983). Typ-A-Verhalten. Untersuchungen und Literaturanalysen unter besonderer Berücksichtigung der

psychophysiologischen Grundlagen. München: Minerva.

Myrtek, M. (1984). Constitutional psychophysiology. New York: Academic Press.

Myrtek, M. (1985b). Adaptation effects and stability coefficients of repeated testing for rest, strain, and change scores.

In A. Steptoe, H. Rüddel & H. Neuss (Eds.), Clinical and methodological issues in cardiovascular psychophysiology

(pp. 72-105). Berlin: Springer.

6


Myrtek, M., Foerster, F. & König, K. (1978). Klinisch-chemische Befunde bei Herz-Kreislauf-Patienten. Eine Analyse

der Veränderungen im Rehabilitationsverlauf. Medizinische Klinik, 73, 1209-1217.

Myrtek, M., Medert-Dornscheidt, G., König, K., Fahrenberg, J. & Kutzner, P. (1979). Eine psychophysiologische Zeitreihenstudie

an 54 Herz-Kreislauf-Patienten im stationären Heilverfahren. Erfolgsbeurteilung, Gruppenunterschiede

und Periodizitäten. Zeitschrift für Kardiologie, 68, 189-201.

Ausblick

Die Datenerhebung führte u.a. in testmethodische Probleme wegen der Lern- und Sättigungseffekte, aber auch in statistische

Probleme wegen der seriellen Abhängigkeiten und wegen gemeinsamer Trends (Konfundierungen). Wie sind

funktionell bedingte Variation und messmethodische Fehler und generelle Trends oder Periodizitäten voneinander zu

trennen? Ein noch unzureichend diskutiertes Problem waren die Länge der Untersuchung und die möglichen Rückwirkungen

auf die Untersuchten und auf die Akzeptanz der Methodik. Die Eine große Zahl psychologischer und physiologischer

Kennwerte wurde auf ihre Eignung zur Beschreibung genereller und individueller Zustandsänderungen geprüft.

Einerseits wurden eine ausgeprägte Individualität der Zeitreihen-Protokolle und individualcharakteristische Veränderungskennwerte

beobachtet, andererseits zeichneten sich über-individuelle Bedingungsänderungen und die Wochenperiodik

deutlich ab. Solche Zeitreihenstudien können mittels psychophysiologischer Methodik z.B. zur Evaluation von

stationären Heilverfahren beitragen.

Die beschriebene Zeitreihenforschung entsprach bereits in vieler Hinsicht der Methodik des ambulanten Monitoring.

Insofern war durch die psychophysiologischen Zeitreihenstudien der Weg für das ambulante Assessment bereits gebahnt

als die technischen Systeme dafür verfügbar wurden. Im Arbeitsprogramm der Forschungsgruppe schlossen sich

die neuen Untersuchungsansätze an die Zeitreihenstudien an (siehe Fahrenberg & Myrtek, 2005).

Psychophysiologische Zeitreihenstudie in der Herz-Kreislauf-Klinik

mit 54 Patienten

Studienbeschreibung

Im Unterschied zur Grundlagenstudie mit den Studierenden ging es hier um die Evaluation der stationären Heilverfahrens

mittels psychophysiologischer Methodik. Eine psychophysiologische Zeitreihenstudie an 54 Herz-Kreislauf-

Patienten im stationären Heilverfahren. Erfolgsbeurteilung, Gruppenunterschiede und Periodizitäten (Myrtek, Medert-

Dornscheidt, König, Fahrenberg & Kutzner, 1979). Der stationäre Aufenthalt in der Rehabilitationsklinik war ein organisatorischer

und methodischer Vorzug gegenüber dem weitgehend ungebundenen Tageslauf der Studenten. Am Wochenende

gab es in der Rehabilitationsklinik keine Behandlungen, stattdessen erhielten viele Patienten privaten Besuch.

An der Untersuchung nahmen 54 Patienten, mittleres Alter 43,7 Jahre (s = 4,9), während des gesamten 4 bis 6 Wochen

dauernden stationären Heilverfahrens in einer Herz-Kreislauf-Klinik im Zeitraum April 1975 bis März 1976 teil. Wöchentlich

fanden drei Untersuchungen statt (Montag, Mittwoch und Freitag), so dass sich je nach Aufenthaltsdauer 11

bis 17 Termine ergaben. Nach 6 und nach 12 Monaten wurde eine Katamnese mittels standardisierten Fragebogens

durchgeführt. Die Untersuchung umfasste 36 Patienten mit Herzinfarkt und 18 Patienten mit funktionellen Herz. Kreislauf-Störungen.

Variablenbereiche

Die 3 mal in der Woche durchgeführte Untersuchung umfasste: Blutdruck, Herzfrequenz, Spirometrie mit Ruheregistrierung,

maximalem inspiratorischen Atemanhalten, maximaler Hyperventilation. Testpsychologische Untersuchung der

Reaktionszeiten und der Leistung am Determinationsgerät, Verhaltensbeurteilung durch die Psychologin, zusätzliche

klinische Befunde.

Die Patienten führten ein zweiseitiges „Kurtagebuch“ mit 35 Fragen, u.a. über Schlafzeiten, Trainingsprogramm, Flüssigkeitsaufnahme

(einschließlich Alkohol), Befinden und verschiedene körperliche Beschwerden.

Außerdem wurden meteorologische Messwerte, z.T. mit einer Wetterstation in unmittelbarer Nähe der Klinik, registriert.

Die psychologische Exploration (G. Medert-Dornscheidt) bezog sich u.a. auf das Infarktereignis, Schmerzen, Ursachenzuschreibung,

Lebenszufriedenheit, Beruf und Rentenneigung, Krankheitsverhalten, und führte schließlich zu einer

psychologische Beurteilung unter mehreren Gesichtspunkten (zur Methodik siehe .

Der Katamnese-Fragebogen hatte 18 Fragen, außerdem wurde das Freiburger Persönlichkeitsinventar Kurzform FPI-K

und die Freiburger Beschwerdenliste Wiederholungsform FBL-W mitgeschickt.

Hypothesen

Auch diese Zeitreihenstudie hatte vorwiegend explorative Absichten, wobei das Untersuchungsprogramm im Vergleich

zur vorausgegangenen Untersuchung wesentlich gekürzt und vereinfacht wurde. Als allgemeine Hypothese bestand die

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Erwartung, dass sich der Verlauf der Rehabilitation in den psychophysiologischen Zeitreihen abbilden würde, d.h. in

Kreislaufparametern und in psychologischen Veränderungen. Könnten herausragende Parameter gefunden werden und

Muster der Kovariation? Erwartet wurden Wochenend-Effekte und Zusammenhänge mit meteorologischen Variablen.

Zusammenfassung

„Im Rahmen eines stationären Heilverfahrens wurden 36 Patienten mit Herzinfarkt und 18 Patienten mit funktionellen

Herz-Kreislauf-Störungen 4 bis 6 Wochen lang untersucht. Die Datenerhebung umfasste neben der täglichen Selbsteinstufung

von Befinden, Stimmung, Beschwerden und Tagesablauf dreimal wöchentlich durchgeführte physiologische

Untersuchungen (Blutdruck, Herzfrequenz, Atemminutenvolumen, Gasstoffwechsel) mit verschiedenen Belastungen

(Atemanhalten, Hyperventilation, Reaktionszeitmessung, Mehrfachreaktionstest).

Varianzanalytisch konnten sowohl positive physiologische als auch psychologische Effekte des Heilverfahrens nachgewiesen

werden. Mit Ausnahme einiger Niveaudifferenzen unterschieden sich die Verläufe beider Patientengruppen

nicht. Eine Analyse der Zeitreihen mittels Autokorrelationsfunktionen deckte eine zirkaseptane Periodik auf, die zwanglos

mit dem exogenen Wochenrhythmus interpretiert werden kann.“ (Myrtek et al., 1979, S. 189)

„Blutdruckmessungen u.a. kardiovaskuläre Daten lagen aus den vier Bedingungen Ruheregistrierung, Reaktionszeitversuch,

maximales inspiratorisches Atemanhalten und maximale Willkür-Hyperventilation zu mindestens 11 Terminen

vor. In fast allen Messwerten ergaben sich substantielle Trends über den Untersuchungszeitraum, doch unterschieden

sich die beiden Gruppen nur geringfügig im Niveau und Verlauf. Auch in den psychologischen Daten zeigten sich nur

wenige Gruppenunterschiede (relativ geringere Leistung bei Mehrfach-Reaktionen, mehr geäußerte Herzschmerzen bei

den Infarktpatienten). Die Befindlichkeit (Items nervös, erschöpft, Wetterfühligkeit usw.) veränderte sich über den

Untersuchungszeitraum deutlich ins Positive.

Da das psychologische "Kurtagebuch" täglich ausgefüllt wurde, konnten hier die Verläufe genauer beschrieben und in

den Mittelwerten sowie autokorrelativ eine deutliche Periodik herausgearbeitet werden. Diese wurde jedoch nicht – wie

von anderen Autoren – als reaktiv-periodischer Verlauf einer "vegetativen Gesamtumschaltung" während der Kur interpretiert,

sondern als Effekt des Wochenendes der bei vielen Patienten durch das Aussetzen der Behandlung, durch familiäre

Kontakte, abendlichen Alkoholkonsum und morgendliches Ausschlafen gekennzeichnet war und zweifellos die

Stimmung beeinflusst hat.

Es liegt nahe, die signifikanten Trends in den kardiovaskulären Messwerten und in der Befindlichkeit der Patienten als

Wirkungen des stationären Heilverfahrens zu interpretieren. Mit dem Blick auf die vorausgegangenen psychologischen

Zeitreihenstudien bei Studenten sind jedoch Vorbehalte angebracht.

Im Gegensatz zu den Variablen der Atmung in Ruhe, die sich im Verlauf des Heilverfahrens nicht oder nur wenig ändern,

zeigen die Kreislaufwerte deutliche Veränderungen. Dabei ist der zu beobachtende systolische Blutdruckabfall für

die mehr Hypertoniker enthaltende Gruppe der Patienten mit funktionellen Beschwerden ausgeprägter. In diesem Zusammenhang

ist das Ergebnis einer Längsschnittuntersuchung von Frommelt an 20 Studenten, die 2mal wöchentlich

untersucht wurden, interessant, der bis zum Ende der 4. Woche eine signifikante Senkung des diastolischen Blutdrucks,

geringfügig auch des systolischen Blutdrucks fand. Herz- und Atemfrequenz blieben unverändert. (...) Jedenfalls zeigt

dieses Beispiel, dass die positiven Blutdruckbefunde vorsichtig interpretiert werden müssen und nicht zwangsläufig auf

die angewendeten Heilmaßnahmen zurückgeführt werden können. Die signifikante Senkung der Herzfrequenz dürfte

neben diesen und den trainingsbedingten Effekten auch auf die medikamentöse Behandlung (Digitalis, Beta-

Rezeptorenblocker) zurückgehen. Klinisch bedeutsam ist zudem die Tatsache, dass die Blutdrucksenkung bis zum Ende

der 3. Behandlungswoche, die Senkung der Herzfrequenz bis zum Ende der 2. Woche erfolgt und dann nicht mehr fortschreitet.“

(Myrtek et al., 1979, S. 198)

Datensätze

st22a PP Zeitreihen HK-Patienten (dreidimensional, N =54, maximal 39 Aufenthaltstage = 2106 Zeilen, je 66 Variablen)

Tagebuch mit Befinden und Beschwerden, meteorologische Variablen, st22a Variablenliste mit 66 von 2574 Variablen).

st22b PP Zeitreihen HK Patienten (dreidimensional, N = 54 und maximal 17 Untersuchungstage = 918 Zeilen, jeweils

201 Variablen). Kreislaufmessungen, Spirometrie, Reaktionszeiten und Determinationsgerät, Einstufungen der

Versuchsleiterin, Tagebuch der Patienten vom Vortag (VT) und Untersuchungstag (UT), klinische Daten, meteorologische

Messwerte (u.a. Mittel 15 VT-12 UT, st22b Variablenliste mit 200 von 3400 Variablen).

st22c PP Zeitreihen (zweidimensional, N =54, st22c Variablenliste mit 781 Variablen). Kreislauf, Atmung, Tests,

Einstufungen durch Versuchsleiterin, Befinden VT und UT, klinische Daten, meteorologische Variablen, Exploration

zu körperlichen Beschwerden, soziodemographische Daten, Arbeits- und Renten-Aspekte, Schlussbefragung, Freiburger

Persönlichkeitsinventar FPI-K, Freiburger Beschwerdenliste FBL-W, klinische Daten, Ergometrie, Fragebogen der

Katmanese 1 und 2 (mit FPI-K und FBL-W).

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Literaturhinweise

Unmittelbar auf den Datensatz bezogene Veröffentlichung

Myrtek, M., Medert-Dornscheidt, G., König, K., Fahrenberg, J. & Kutzner, P. (1979). Eine psychophysiologische Zeitreihenstudie

an 54 Herz-Kreislauf-Patienten im stationären Heilverfahren. Erfolgsbeurteilung, Gruppenunterschiede

und Periodizitäten. Zeitschrift für Kardiologie, 68, 189-201.

Weiterführende Veröffentlichungen

Fahrenberg, J. & Myrtek, M. (2005). Psychophysiologie in Labor, Klinik und Alltag. 40 Jahre Projektarbeit der Freiburger

Forschungsgruppe Psychophysiologie – Kommentare und Neue Perspektiven. Frankfurt a.M.: Lang.

Hampel, R. (1972). Entwicklung einer Skala zur Selbsteinschätzung der aktuellen Stimmung (SKAS). Phil. Diss., Universität

Freiburg i. Br.

Hampel, R. (1977). Adjektiv-Skalen zur Einschätzung der Stimmung (SES). Diagnostica, 23, 43-61.

Medert-Dornscheidt, G. (1975). Psychophysiologische Korrelationen bei kardiovaskulären Erkrankungen und ihre Bedeutung

für den Rehabilitationsverlauf. Phil. Diss., Universität Freiburg i. Br.

Medert-Dornscheidt, G. & Myrtek, M. (1977). Ergebnisse einer Zwei-Jahres Katamnese an Herz-Kreislaufkranken nach

einem Heilverfahren. Die Rehabilitation, 16, 207-217.

Myrtek, M. (1980). Psychophysiologische Konstitutionsforschung. Göttingen: Hogrefe.

Myrtek, M., Foerster, F. & König, K. (1978). Klinisch-chemische Befunde bei Herz-Kreislauf-Patienten. Eine Analyse

der Veränderungen im Rehabilitationsverlauf. Medizinische Klinik, 73, 1209-1217.

Myrtek, M., Foerster, F. & König, K. (1978). Klinisch-chemische Befunde bei Herz-Kreislauf-Patienten. Eine Analyse

der Veränderungen im Rehabilitationsverlauf. Medizinische Klinik, 73, 1209-1217.

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