Vom Shogun zum Tenno - DJG Oldenburg

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Vom Shogun zum Tenno - DJG Oldenburg

DEUTSCH-JAPANISCHE GESELLSCHAFT NORDWEST ZU OLDENBURG E.V.

Zusammenfassung der Veranstaltung vom 09.Mai 2003:

„VOM SHOGUN ZUM TENNO“, Die Meiji-Zeit als Schlüssel zum Verständnis des

modernen Japan; Vortrag (mit Lichtbildern) von Prof. Dr. Peter Pantzer, Univ. Bonn

Im Jahre 1868 begann die Regierungszeit des damals 16-jährigen Tenno Mutsuhito, unter der

Devise „Meiji“, d.h. „Aufklärung“, “Erleuchtete Regierung“, 1868-1912. In seiner 45jährigen

Regierungszeit hat sich Japan so schnell und radikal verändert, wie es vorher wohl

nur im 7./8. Jhdt. geschehen ist, als chinesische Kultur und der Buddhismus eingeführt wurden.

– Prof. Dr. Pantzer zeigte zunächst (wie auch später) Bilder und Fotos aus der Zeit des

Umbruchs in Japan: Einen Wandschirm mit dem Shogun-Palast in Edo (=später Tokyo), der

dann zum Kaiserpalast wurde; den 16-jährigen Tenno, der fast immer in Uniform dargestellt

worden ist; die ersten Errungenschaften der Modernisierung: Telefon, Morse-Apparat,

Grammophon usw.; die erste Eisenbahn in Japan (Yokohama-Tokyo), den Bahnhof von Tokyo.

– In einem Rückblick auf die Edo-Zeit des Shogunates der Tokugawa (1600-1868) mit

der Abschottung vom Ausland (seit 1635-1639) zeigte der Referent Bilder von der Shogun-

Gesellschaft mit ihren 4 Ständen: Samurai/Bauern/Handwerker/Kaufleute (die zwar gesellschaftlich

zuunterst standen, aber durch Kapital und Handel an die Spitze gelangten); ferner:

Shogun/Daimyos/Samurai; Fürsten in der Tragesänfte, - insgesamt eine (noch) mittelalterlichfeudale

Welt; im Kontrast dazu die erste „Langnase“ (einen Kapitän eines US-

Kriegsschiffes).

Welche Voraussetzungen hat es nun gegeben, aufgrund deren es den Japanern gelang, so überraschend

schnell und erfolgreich ("Meiji", 1868-1912) den Anschluß an westliche Zivilisation,

Wirtschaft und Industrie zu gewinnen, und zwar unter Wahrung der eigenen Kultur ?

Prof. Pantzer führte aus: Japan hatte bereits Erfahrungen mit dem Ausland und frühe Kontakte

mit China und Korea gehabt; es nutzte im 16. und 17. Jhdt. Handelsrouten zu den Philippinen,

zum heutigen Indonesien, nach Vietnam und Thailand, trieb über Deshima Handel mit den

Niederlanden, - aber es fürchtete den näherkommenden westl. Imperialismus ! – Japan war

ein Land der Bildung: Um die Mitte des 19. Jhdts. konnten etwa ¾ der Männer und 1/3 der

Frauen lesen und schreiben, in London gab es damals mehr Analphabeten als in Tokyo, der –

so der Referent- „ersten Millionenstadt der Welt“. Prof. Pantzer zeigte Bilder von Schulen mit

Samurai als Lehrern, ältere Schüler unterrichteten jüngere, Bilder von Uhren, Automaten,

ausgeklügelten „Maschinen“. – Nach der sog. „Öffnung Japans“ durch die USA (1854,

Commodore Perry mit den „Schwarzen Schiffen“) setzte ein internationales Wettrennen um

Absatzmärkte in Japan ein. Die jap. Wirtschaft war darauf nicht vorbereitet, der Stand der

Handwerker verarmte und wurde z.T. zerstört. Westliche Mächte (USA, Rußl., Niederlande,

Großbritannien, Preußen u.a.) erzwangen sog. „Freundschafts-, Schiffahrts-, Rechts- und

Handelsverträge“, die von Japan jedoch als „Ungleiche Verträge“ angesehen wurden; z.B.:

Rechte der Exterritorialität für bestimmte Bezirke, deren Betreten Japanern verboten war,

eigene Gerichtsbarkeit für Ausländer, wirtschaftliche Vorteile, Schutzzölle, u.a.m. – 1868

siegten in einem kurzen Bürgerkrieg die „Kaiserlichen“, die ca. 200 Kleinstaaten verschwanden

und damit die Fürstentümer; das Dezimalsystem, neue Banknoten für ein neues Finanzsystem

und die Allgemeine Wehrpflicht wurden eingeführt, eine einheitliche Armee aufgebaut,

zuerst nach französischem, dann nach preußischem Vorbild (nach dem Sieg über Frankreich

1870/71); für den Bau von Eisenbahnen holte man sich Berater aus den USA, - und bereits

1900 hatte Japan mit 7.000 km Eisenbahnlinien die europäischen Staaten überholt !

1870-1900 waren über 3.000 westliche Berater in Japan, Ende 19.Jhdt. studierten mehr als

12.000 Japaner im Ausland, besonders in Deutschland (vor allem Medizin). – Entscheidend


und bahnbrechend für diesen Durchbruch in die Moderne erwies sich die „Iwakura-Mission“,

die 1871-1873 eine 18-monatige Weltreise unternommen hatte, um die bedeutendsten Länder

der westlichen Zivilisation (insgesamt 15, d.h. die USA und in Europa) zu studieren und davon

für Japan zu lernen. Die Iwakura-Mission war hochkarätig zusammengesetzt: Leiter war

Japans einflußreichster Politiker Tomomi Iwakura, „Kanzler zur Rechten“ und Berater des

jungen Kaisers. Höchstrangige Regierungsmitglieder, gebildete Beamte aus den Ministerien,

Fachleute aus verschiedenen Bereichen gehörten der Mission an, natürlich auch Dolmetscher,

Diener u.a. Bemerkenswert ist, daß sich unter den jap. Studenten, die nicht zur offiziellen Gesandtschaft

gehörten, auch mehrere junge Mädchen zwischen 7-13 Jahren befanden, die auf

dafür vorbereitete US-Schulen geschickt wurden. – Das umfangreiche Reisetagebuch dieser

Mission (verfaßt von Kunitake Kume, Großvater des gleichnamigen jap. Botschafters in

Deutschland 1998-2001, insgesamt 5 Bände, veröffentlicht auf Japanisch 1878) hat Prof.

Pantzer ins Deutsche übersetzt in jenen Teilen, die das damalige Deutsche Reich, Österreich-

Ungarn und die Schweiz betreffen. Hochinteressant für uns Zuhörer war, was der Referent aus

dieser Übersetzung des eindrucksvollen, reich illustrierten jap. Werkes vorgetragen hat: Über

Burg Stolzenfels, Köln und Hamburg, - und auch über Oldenburg in Menge, enzyklopädisch !

Der Besuch bei Krupp/Essen und auch Lustiges fehlten nicht, und in der Diskussion wurden

noch ausführlich der Eindruck und die Folgen erörtert, die Bismarck mit seiner Rede über

Machtpolitik in Europa bei der Iwakura-Mission hinterlassen hat. – Gegen Schluß seines Vortrages

berichtete Prof. Pantzer über die Einführung der konstitutionellen Monarchie und zeigte

in einem Bild die Übergabe der neuen Verfassung an den Tenno. Die „Aufholjagd“ Japans

lasse sich beispielhaft charakterisieren mit der Aussage eines jap. Studenten in Paris: „Wenn

ich ausruhe, wird sich Japan einen Tag verspäten !“ In der Meiji-Zeit sei in Japan weltgeschichtlich

Bedeutsames geschehen: Japan sei außerhalb Europas das einzige Beispiel dafür,

daß ein Land und seine Gesellschaft innerhalb weniger Jahre den Sprung aus einem mittelalterlichen

Feudalsystem in eine moderne Industriegesellschaft und dadurch den Anschluß an

die westliche Zivilisation geschafft habe, - und das unter Wahrung der eigenen Kultur !

(Dr. Ludwig Kunst)

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