p . d . k - Juristische Fakultät - Universität Tübingen

jura.uni.tuebingen.de

p . d . k - Juristische Fakultät - Universität Tübingen

U NIVERSITÄT T ÜBINGEN · JURISTISCHE F AKULTÄT

P ROF. DR. GÜNTHER · PROF. DR. DR. KÜHL · PROF. DR. WEBER

Strafrechtliches Seminar im Wintersemester 1998/99

zum Thema „Das 6. Strafrechtsreformgesetz“

Brandstiftung, §§ 306 ff. StGB

von

Oliver Gehse

Tübingen · Januar 1999


Verfasser:

Stud. iur. Oliver Gehse

7. Fachsemester

Kölner Straße 326

41468 Neuss am Rhein

oliver.gehse@jura.uni-tuebingen.de

URL der Seminararbeit:

http://www.jura.uni-tuebingen.de/kuehl/mat/sem/ws98/brandst.pdf

Technische Aufbereitung:

Ref. Jochen Herkle

c/o Lehrstuhl Prof. Dr. Dr. Kühl

Wilhelmstraße 7

72074 Tübingen

herkle@jura.uni-tuebingen.de

Die vorliegende Arbeit entstand im Rahmen eines von den Professoren

Dr. Hans-Ludwig Günther, Dr. Dr. Kristian Kühl und Dr. Ulrich Weber

im Wintersemester 1998/99 veranstalteten Blockseminars zum Thema

„Das 6. Strafrechtsreformgesetz“.

Sie ist veröffentlicht auf der Homepage von Prof. Dr. Dr. Kühl, Inhaber

des Lehrstuhls für Strafrecht, Strafprozeßrecht und Rechtsphilosophie an

der Universität Tübingen (http://www.jura.uni-tuebingen.de/kuehl).

Eine Übersicht über die im Volltext eingestellten Seminararbeiten findet

sich unter http://www.jura.uni-tuebingen.de/kuehl/mat_ws98.htm.

Alle Rechte vorbehalten · Copyright © 1999 Oliver Gehse


Inhaltsverzeichnis

II

Inhaltsverzeichnis

Literaturverzeichnis..................................................................................................................IV

A. Anspruch des sechsten Gesetzes zur Reform des Strafrechtes........................................1

I. Die bisher erlassenen Strafrechtsreformgesetze..................................................................1

II. Zielsetzungen des 6. Strafrechtsreformgesetzes ................................................................1

B. Zur Entwicklung der Brandstiftungsdelikte .....................................................................2

I. Die Entstehung der Brandstiftungsdelikte in ihrer bisherigen Fassung ..............................2

1. Brandstiftung zur Zeit Karl V.........................................................................................3

2. Die Regelungsansätze in Preußen und Bayern...............................................................3

3. Die Entstehung eines reichseinheitlichen Strafgesetzbuches .........................................3

II. Die Hauptkritikpunkte an der bisherigen Fassung.............................................................4

III. Die bisherigen Reformbemühungen.................................................................................5

1. Der Praktikerentwurf von 1909 ......................................................................................5

2. Der Gegenentwurf der Professoren von 1911 ................................................................5

3. Die Entwürfe von 1913 und 1919...................................................................................5

4. Nationalsozialistischer Ansatz von 1936........................................................................6

5. Die Bundestagsvorlage von 1962...................................................................................6

6. Der Alternativentwurf von 1971.....................................................................................7

7. Der Erlaß des sechsten Strafrechtsreformgesetz 1998 ...................................................7

C. Die reformierten Tatbestände im einzelnen......................................................................8

I. Die Brandstiftung nach § 306 , § 306 a II n. F./§ 308 I a. F................................................8

1. Einfache/unmittelbare Brandstiftung nach § 306 n. F./§ 308 I 1. Var. a. F. ..................8

a) Geschützes Rechtsgut.................................................................................................8

b) Tatobjekte...................................................................................................................8

c) Tathandlung................................................................................................................9

2. Die schwere/mittelbare Brandstiftung nach § 306 a II n. F./§ 308 I 2. Var. a. F. ........10

a) Geschützes Rechtsgut...............................................................................................10

b) Tatobjekte.................................................................................................................10

c) Tathandlung..............................................................................................................11

d) Konkretisierung der Gefährdung..............................................................................11

e) Erstreckung des Vorsatzes........................................................................................12


Inhaltsverzeichnis

III

II. Die schwere Brandstiftung nach § 306 a I n. F./§ 306 a. F..............................................12

1. Geschütztes Rechtsgut..................................................................................................12

2. Tatobjekte .....................................................................................................................13

a) Kirche oder der Religionsausübung dienendes Gebäude .........................................13

b) Gebäude, Schiffe, Hütten und Räumlichkeiten, die der Wohnung von

Menschen dienen ..........................................................................................................13

c) Zeitweise dem Aufenthalt von Menschen dienende Räumlichkeiten ......................15

3. Tathandlung..................................................................................................................15

4. Restriktive Tatbestandsauslegung ................................................................................16

5. Vorsatz..........................................................................................................................17

III. Besonders schwere Brandstiftung nach § 306 b n. F./§ 307 a. F....................................17

1. Schwere Gesundheitsschädigung eines Menschen oder Gesundheitsschädigung

einer großen Zahl von Menschen .....................................................................................18

a) Das vollendete Delikt ...............................................................................................18

b) Das versuchte Delikt ................................................................................................19

2. Die Qualifikationen des § 306 b II n. F./§ 307 Nr. 2,3 a. F..........................................20

a) Gefahr des Todes eines Menschen ...........................................................................20

b) Straftatermöglichungs- oder Straftatverdeckungsabsicht.........................................20

c) Verhinderung oder Erschweren des Löschens .........................................................21

d) Konkurrenzen...........................................................................................................22

IV. Brandstiftung mit Todesfolge nach § 306 c n. F./ § 307 Nr.1 a. F.................................22

V. Fahrlässige Brandstiftung nach § 306 d n. F./§ 309 a. F. ................................................23

VI. Herbeiführen einer Brandgefahr nach § 306 f n. F./§ 310 a a. F....................................24

1. Geschützte Rechtsgüter ................................................................................................24

2. Tatobjekte .....................................................................................................................24

3. Tathandlung..................................................................................................................24

4. Strafbarkeit nach § 306 f II n. F....................................................................................25

5. Fahrlässige Begehungsweise ........................................................................................25

6. Konkurrenzen ...............................................................................................................25

VII. Tätige Reue nach § 306 e n. F./§ 310 a. F.....................................................................25

1. Anwendungsbereich des tätigen Reue..........................................................................26

2. Tathandlung..................................................................................................................26

3. Rechtsfolge der tätigen Reue........................................................................................28

D. Abschließende Stellungnahme..........................................................................................28


Literaturverzeichnis

IV

Literaturverzeichnis

Arzt, Gunther/Weber, Ulrich:

Strafrecht Besonderer Teil – LH 2 Delikte gegen die Person (Randbereich), Schwerpunkt:

Gefährdungsdelikte; Bielefeld 1983

(zit.: Arzt/Weber, LH 2)

Blei, Hermann:

Strafrecht II, Besonderer Teil., 12. Auflage, München 1983.

(zit.: Blei, BT)

Bohnert, Joachim.

Die Abstraktheit der abstrakten Gefährdungsdelikte, JuS 1984, 182 ff.

Brehm, Wolfgang:

Die ungefährliche Brandstiftung; JuS 1976, 22 ff.

Cramer, Steffen:

Gesetzesgeschichtliche Dokumentation zu § 307 Nr. 2 StGB, Jura 1995, 347 ff.

Dencker, Friedrich/Struensee, Eberhard/Nelles, Ursula/Stein, Ulrich:

Einführung in das 6. Strafrechtsreformgesetz 1998; München 1998

(zit.: Bearbeiter in Dencker/Struensee/Nelles/Stein)

Freund, Georg:

Der Entwurf eines 6. Gesetzes zur Reform des Strafrechtes, ZStW 1997, 455 ff.

Geppert, Klaus:

Die schwere Brandstiftung, Jura 1989, 417 ff.

Die restlichen Brandstiftungsdelikte (§§ 307 bis 3 10 a), Jura 1989, 473 ff.

Zur einfachen Brandstiftung, Festschrift für Rudolf Schmitt; Tübingen 1992; S. 187-204.

(zit.: Geppert in Festschrift f. Schmitt)

Gropengießer, Helmut:

Anmerkung zu BGH, Urt. v. 21.01.1993, StV 1994, S. 19 ff.

Haft, Fritjof

Strafrecht Besonderer Teil; 7. Auflage; München 1998.

(zit.: Haft, BT)

Hörnle, Tatjana:

Die wichtigsten Änderungen des Besonderen Teils des StGB durch das 6. Gesetz zur Reform

des Strafrechtes, Jura 1998, 169 ff.

Kratzsch, Dietrich:

Zum Erfolgsunrecht der schweren Brandstiftung; JR 1987, 360 ff.


Literaturverzeichnis

V

Kreß, Claus:

Das Sechste Gesetz zur Reform des Strafrechts; NJW 1998, 633 ff.

Krey, Volker:

Strafrecht Besonderer Teil Band 1; 10. Auflage; Stuttgart – Berlin – Köln 1996.

(zit.: Krey, BT I)

Lackner, Karl/Kühl, Kristian:

Strafgesetzbuch; 22. Auflage; München 1995.

(zit.: Lackner/Kühl)

Leipziger Kommentar

Strafgesetzbuch §§ 302 a-311 c; 11. Auflage; Berlin – New York 1993.

(zit.: Bearbeiter in LK-StGB)

Liszt, Franz von:

Lehrbuch des Deutschen Strafrechts; 23. Auflage; Berlin – Leipzig 1921.

(zit.: Liszt)

Maurach, Reinhart/Schroeder, Friedrich-Christian/Maiwald, Manfred:

Strafrecht Besonderer Teil Teilband 2; 7. Auflage; Heidelberg 1991.

(zit.: Maurach/Schroeder/Maiwald, BT 2)

Meyer-Goßner, Lutz:

Typisch materiell-rechtliche Fehler in Strafurteilen aus revisionsrechtlicher Sicht;

NStZ 1986, 103 ff.

Niggemeyer, B.:

Die vorsätzliche Brandstiftung unter besonderer Berücksichtigung der Strafrechtsreform;

Kriminalistik 1960, 377 ff.

Nomos-Kommentar

Strafgesetzbuch; Baden – Baden 1995.

(zit.: Bearbeiter in NK-StGB)

Otto, Harro:

Grundkurs Strafrecht – Die einzelnen Delikte; 5. Auflage; Berlin – New York 1998.

(zit.: Otto, BT)

Rengier, Rudolf:

Die Brandstiftungsdelikte nach dem Sechsten Gesetz zur Reform des Strafrechts;

JuS 1998, 397 ff.

Strafrecht Besonderer Teil Band 2; München 1998

(zit.: Rengier, BT II)


Literaturverzeichnis

VI

Rudolphi, Hans-Joachim:

Inhalt und Funktion des Handlungsunwertes im Rahmen der personalen Unrechtslehre;

Festschrift für Reinhardt Maurach zum 70. Geburtstag, S. 51-73; Karlsruhe 1972.

(zit.: Rudolphi in Festschrift f. Maurach)

Schlüchter, Ellen:

Bochumer Erläuterungen zum 6. Strafrechtsreformgesetz,

Thüngersheim – Frankfurt a. M. 1998.

(zit.: Bearbeiter in Schlüchter, BoErl)

Schmidhäuser, Eberhard:

Strafrecht Besonderer Teil; 2. Auflage; Tübingen 1983.

(zit.: Schmidhäuser, BT)

Schönke, Adolf/Schröder, Horst:

Strafgesetzbuch; 25. Auflage; München 1997.

(zit.: Bearbeiter in Schönke/Schröder)

Schröder, Horst:

Die Gefährdungsdelikte im Strafrecht; ZStW 81, 7 ff.

Seier, J.:

Schwere Brandstiftung trotz Ungefährlichkeit; JA 1983, 45 ff.

Systematischer Kommentar

Strafgesetzbuch Band 2, Besonderer Teil §§ 80-358); 5. bzw. 6. neubearbeitete Auflage,

Stand 1. März 1998; Neuwied und Kriftel 1998.

(zit.: Bearbeiter in SK-StGB)

Tröndle, Herbert:

Strafgesetzbuch; 48. Auflage; München 1997.

(zit.: Tröndle)

Vogler, Theo:

Funktionen und Grenzen der Gesetzeseinheit; Festschrift für Paul Bockelmann zum 70.

Geburtstag; S. 715-736; München 1979.

(zit.: Vogler in Festschrift f. Bockelmann)

Wessels, Johannes:

Strafrecht Besonderer Teil Band 1; 19. Auflage; Heidelberg 1995.

(zit.: Wessels, BT I)

Wolters, Gereon:

Die Neuregelung der Brandstiftungsdelikte; JR 1998, 271 ff.


A. Anspruch des sechsten Gesetzes zur Reform des Strafrechtes

I. Die bisher erlassenen Strafrechtsreformgesetze

Das am 1. April 1998 in Kraft getretene sechste Gesetz zur Reform des Strafrechtes

(6. StrRG) knüpft an die in den Jahren 1969 bis 1974 erlassenen ersten fünf Strafrechtsreformgesetze

an. Der allgemeine Teil wurde bereits in den ersten zwei Strafrechtsreformgesetzen

aus dem Jahre 1969 den veränderten gesellschaftlichen, aber auch politischen Gegebenheiten

in der Bundesrepublik Deutschland angepaßt.

Gerade die ausgehenden sechziger Jahre dieses Jahrhunderts waren von einem starken gesellschaftlichen

Wandel geprägt, der zu einer Veränderung der Wertordnung im Bewußtsein der

Bevölkerung führte, dem sich auch das diese Wertordnung verteidigende Strafrecht nicht verschließen

darf.

Insbesondere der Resozialisierungsgedanke gewann verstärkt an Einfluß. Anstelle von Zuchthaus

und Gefängnis trat die Einheitsfreiheitsstrafe, kurze Freiheitsstrafen wurden stark eingeschränkt,

die Strafaussetzung zur Bewährung erweitert 1 und das Rechtsfolgensystem in zahlreicher

Weise modernisiert, indem beispielsweise die Geldstrafe nach dem skandinavischen

Tagessatzsystem zu berechnen war, das Mindestmaß der Freiheitsstrafe auf einen Monat angehoben

wurde oder die rechtswidrig erlangten Tatvorteile nun generell dem Verfall unterlagen.

2

Nachdem auch der besondere Teil des StGB durch das Einführungsgesetz zum Strafgesetzbuch

und das dritte bis fünfte Strafrechtsreformgesetz umfassend erneuert wurde, führte der

Gesetzgeber in der Folgezeit in zahlreichen Teilbereichen des Besonderen Teiles immer wieder

einzelne Änderungen durch, die jedoch manchmal ein transparentes Konzept vermissen

ließen.

Der Ruf, daß nun die vor fast dreißig Jahren eingeleitete Überarbeitung des Strafgesetzbuches

einen Abschluß finden möge, wurde immer lauter.

Somit erhob das 6. StrRG an sich den Anspruch einer umfassenden, möglichst abgeschlossenen

Reform des Besonderen Teils des Strafgesetzbuches. 3

II. Zielsetzungen des 6. Strafrechtsreformgesetzes

Im einzelnen wurden im Zusammenwirken mit dem Gesetz zur Bekämpfung von Sexualdelikten

eine Harmonisierung der Strafrahmen, Verschärfung und Modernisierung einzelner

Tatbestände und Tatbestandsgruppen, eine Verstärkung des Strafrechtsschutzes für Kinder,

aber auch eine Aufhebung von entbehrlichen oder nicht mehr zeitgemäßen Strafvorschriften

angestrebt 4 , wie z. B. des § 217 5 (Kindestötung) oder des § 144 (Auswanderungsbetrug).

Hinsichtlich der Strafrahmenharmonisierung ist eine Tendenz dahingehend zu erkennen, daß

höchstpersönlichen Rechtsgütern gegenüber materiellen Rechtsgütern ein bedeutend höherer

Schutz hinsichtlich der Strafrahmen eingeräumt wird. Die gesetzliche Strafdrohung stellt

1 Eser in Schönke/Schröder, Einf Rn. 6

2 Eser in Schönke/Schröder, Einf Rn. 8

3 Freund, ZStW 1997, 456, BT-Dr. 13/8587, S. 18.

4 Kreß, NJW 1998, 633

5 Vorschriften ohne nähere Bezeichnung sind solche des StGB.

Oliver Gehse


B. Zur Entwicklung der Brandstiftungsdelikte

2

schließlich auch ein sozialethisches Unwerturteil des Gesetzgebers über die mit Strafe bedrohte

Tat dar. 6 Es bedarf in einer Rechtsgemeinschaft eines gestaffelten Systems von

Strafrahmen nach dem jeweils von der Gesellschaft empfundenen Unrechtsgehalt. Um dem

hohen Rang des Lebens und der körperlichen Unversehrtheit gerecht zu werden, stiegen bei

einigen Delikten gegen diese Rechtsgüter die Strafdrohungen, während sie für Tatbestände

gegen das Eigentum und Vermögen teilweise abgemildert wurden.

Diese Zielsetzung hat sich auch auf die Brandstiftungsdelikte ausgewirkt. Gerade die besonders

hohe Strafdrohung des § 307 a. F. (Freiheitsstrafe nicht unter zehn Jahren!) wurde nur

noch für die Fälle beibehalten, in denen tatsächlich ein Mensch leichtfertig zu Tode kommt,

nicht aber, wenn lediglich Löschgeräte entfernt werden. Im Gesamtbild hat sich auch eine

stärkere Abstufung der einzelnen Vorsatz-Fahrlässigkeits-Kombinationen ergeben, was zwar

nicht unbedingt dazu führt, daß die Strafrahmen übersichtlicher werden, aber zumindest verstärkt

die Unrechtswertungen des Gesetzgebers verdeutlicht.

Letztlich gibt es nun auch bei der einfachen und schweren Brandstiftung die Möglichkeit, in

minder schweren Fällen Freiheitsstrafen unter einem Jahr zu verhängen, was besonders dann

in Betracht gezogen werden kann, wenn der Täter Vorkehrungen getroffen hat, um Gefahr für

Leib und Leben anderer Menschen auszuschließen. 7

Um dem Strafgesetzbuch mehr Transparenz zu verleihen und den Willen des Gesetzgebers

deutlicher zu konkretisieren, ergänzte zudem man die besonders schweren Fälle von einiger

Delikte, z. B. Nötigung oder Betrug um Regelbeispiele.

Daneben sollten Strafvorschriften neu gefaßt werden, um Strafbarkeitslücken zu schließen

und Auslegungsschwierigkeiten zu beseitigen. Im Falle des Diebstahles, der Unterschlagung,

des Raubes und der Jagdwilderei ist nun ausdrücklich auch die Zueignung zugunsten eines

Dritten strafbar.

Der Gesetzgeber bemühte sich schließlich einzelne Vorschriften von ihrer veralteten Formulierung

an den heutigen Sprachgebrauch in Sprache und Aufbau anzupassen.

B. Zur Entwicklung der Brandstiftungsdelikte

Im Zuge des 6. StrRG wurden auch die Brandstiftungsdelikte (§§ 306-310 a a. F., §§ 306-

306 f n. F.) redaktionell und substanziell völlig neu gefaßt.

Der Anteil der Brandstiftungsdelikte an der Gesamtkriminalität beträgt ca. nur 0,4 %. 8

Es besteht oftmals ein Zusammenhang mit einem Versicherungsmißbrauch nach § 265 a. F.

bzw. § 263 I, III Nr.5 n. F., da die Täter häufig in der Absicht handeln, sich durch den Brandfall

die Versicherungssumme zu verschaffen. 9

I. Die Entstehung der Brandstiftungsdelikte in ihrer bisherigen Fassung

Schon oftmals wurde in der Vergangenheit eine Reform der Brandstiftungsdelikte gefordert.

Im Kernpunkt der Kritik stand seit über einhundert Jahren der Tatbestand der einfachen

6 BVerfG 45, 187, 256

7 BT-Dr. 13/8587, S. 48

8 Nach der polizeilichen Kriminalstatistik wurden im Berichtsjahr 1996 etwas über 24000 Brandstiftungsfälle

(insgesamt ca. 6.647600 Straftaten) erfaßt.

9 Arzt/Weber, LH 2, Rn. 150

Oliver Gehse


B. Zur Entwicklung der Brandstiftungsdelikte

3

Brandstiftung in § 308 a. F. In diesem waren zwei selbständige Tatbestände zusammengefaßt,

die je nach ihrer Ausführung unmittelbare bzw. mittelbare Brandstiftung bezeichnet wurden. 10

1. Brandstiftung zur Zeit Karl V.

Schon seit 1532 mit Erlaß des ersten deutschen Strafgesetzbuches, der Peinlichen Gerichtsordnung

Karl V. (Carolina) wurde die Brandstiftung mit besonders harten Strafen bedroht. So

sah die Carolina 11 in Art. 125 den Feuertod als Strafe für den Brandstifter vor. 12 Dieses war

ein typisches Beispiel der seinerzeit üblichen „spiegelnden Strafen“ 13 . Zwar droht heute nicht

mehr der Feuertod, jedoch liegt in der besonders harten Bestrafung jener Zeit eine Ursache für

die auch heute noch geltenden besonders hohen Strafdrohungen der §§ 306 ff.

2. Die Regelungsansätze in Preußen und Bayern

Im allgemeinen Landrecht für die preußischen Staaten (ALR) von 1794 wird der Brandstiftung

in den § 1510 ff. ein eigener Unterabschnitt gewidmet. Neben einem Grunddelikt 14 bestanden

mehrere Qualifikationen und Privilegierungen. Ausdrücklich stellt der § 1520 ALR

klar, daß die Eigentumsverhältnisse des Brandobjektes gleichgültig für die Tatbestandsmäßigkeit

sind. Das ALR stellte also auf die abstrakte Gefährlichkeit des Feuers ab, so daß sich

hier bereits der noch heute bestehende Charakter der Brandstiftungsdelikte als überwiegend

abstrakte Gefährdungsdelikte ausprägte. 15

Im bayrischen StGB allerdings orientierte man sich eher an der konkreten Gefährlichkeit von

Bränden. Die tauglichen Tatobjekte wurden nicht aufgezählt, sondern mußten allgemein nur

in fremdem Eigentum stehen. 16

Dieser unterschiedliche Ansatz bei der Konzeption von Brandstiftungstatbeständen zeigt

deutlich den bis heute andauernden Streit bei der Frage nach der Gestaltung der Tatbestände

als abstrakte mit enumerativer Aufzählung der tauglichen Tatobjekte oder konkrete Gefährdungsdelikte.

In allen späteren Entwürfen und Veränderungsvorschlägen stellte sich immer

wieder diese Frage.

3. Die Entstehung eines reichseinheitlichen Strafgesetzbuches

Das unmittelbare Vorbild des bisher geltenden § 308 a. F. lieferte dann 1851 das neugefaßte

preußische StGB in den §§ 286, 287 preuß. StGB. Während der § 286 die unmittelbare

Brandstiftung als eigentumsverletzendes Sachbeschädigungsdelikt formulierte 17 , lieferte der

10 Geppert in Festschrift f. Schmitt, S. 187; Wolff in LK-StGB, § 308 a. F. Rn.1

11 Der Art. 125 CCC lautete: „Die boshaften überwundenen Brenner sollen mit dem Feuer vom Leben zum

Tode gerichtet werden.“

12 So Liszt, § 149 I

13 Haft, BT, S. 263

14 Der § 1510 ALR lautete wörtlich: „Wer in Wohnhäusern, Schiffen oder anderen Gebäuden vorsätzlich Feuer

anlegt, um dadurch jemanden zu beschädigen, wird als Brandstifter angesehen.“

15 Geppert in Festschrift f. Schmitt, S. 191

16 Der Art. 247 Bayr. StGB lautete: „Wer in rechtswidrigem Vorsatz fremdes Eigentum mit Gefahr für dessen

Bewohner oder für fremde Wohnungen in Brand setzt, wird des Verbrechens der Brandlegung schuldig, wenngleich

das Feuer nur geringen Schaden gestiftet hat oder bald nach seinem Ausbruch wieder gedämpft worden

ist.“

17 Der § 286 preuß. StGB lautete: Wer „vorsätzlich Schiffe, Gebäude, Hütten, Bergwerke, Magazine, Vorräte

von landwirtschaftlichen Erzeugnissen, Bau- oder Brennmaterialien, Früchte auf dem Felde, Waldungen oder

Torfmoore, welche fremdes Eigentum sind, in Brand steckt“...

Oliver Gehse


B. Zur Entwicklung der Brandstiftungsdelikte

4

§ 287 preuß. StGB als Pendant zum § 308 I 2. Var. das abstrakte Gefährdungsdelikt in Fortführung

des § 1510 ALR. 18

Als im Jahre 1870 das StGB für den Norddeutschen Bund geschaffen wurde, übernahm der

Gesetzgeber die zwei getrennten Tatbestände des §§ 286, 287 preuß. StGB ihrem Inhalt nach,

legte sie aber in einer Vorschrift zusammen, um vermutlich die von ihm als umständlich empfundene

Gesetzgebung zu vereinfachen. 19 Völlig übersehen wurde dabei, daß die beiden Tatbestände

völlig unterschiedliche Schutzgüter haben und anderer Deliktsnatur sind.

So wurde dann diese Vorschrift in das Reichs – StGB im Jahre 1871 unberührt übernommen

und galt in ihrer Formulierung über 125 Jahre lang in Deutschland.

II. Die Hauptkritikpunkte an der bisherigen Fassung

Im Jahre 1893 stellte das Reichsgericht fest, daß in § 308 a. F. in ziemlich willkürlicher Weise

zwei wesentlich verschieden geartete Tatbestände zusammengefaßt und durcheinandergemischt

wurden. 20 Auch die in § 308 aufgezählten tauglichen Brandobjekte stammten aus einer

überholten Wirtschaftsordnung des 19. Jahrhunderts. 21

Daher war z. B. ein hochwertiger Chemikalientank kein Magazin und somit kein taugliches

Tatobjekt im Sinne der Norm. 22 Während z. B. Stroh geschützt wurde, waren hochwertige

Industrieprodukte nicht erfaßt, so daß dann teilweise nur noch eine Strafbarkeit nach § 303

bestand. Angesichts der hohen Strafdrohungen des § 308 a. F. (Verbrechen!) war dieser

Wertungswiderspruch des Gesetzes nicht nachzuvollziehen und somit dringend eine Reform

geboten.

Ebenso wie die tauglichen Tatobjekte des § 308 a. F. war auch die Tathandlung Inbrandsetzen

zu eng begrenzt.

Die den §§ 306-308 a. F. gemeinsame Tathandlung des Inbrandsetzens ist nach Rechtsprechung

und Lehre dann erfüllt, wenn ein nicht völlig unwesentlicher Bestandteil des Brandobjektes

in solcher Weise vom Feuer ergriffen ist, daß er auch nach Entfernen oder Erlöschen

des Zündstoffes selbständig weiterbrennen kann. 23

Bei Verwendung moderner feuerbeständiger Baustoffe ist möglich, daß die für den bestimmungsmäßigen

Gebrauch wesentlichen Baustoffe nicht selbständig brennen, aber dennoch

große Ruß -, Gas-, Rauch- oder Hitzeentwicklung Gefahren für Leben und Gesundheit der

Bewohner oder Sachwerte entstehen. Wird dann der Tatbestand des Inbrandsetzens verneint,

so greifen nur allgemeine Sachbeschädigungstatbestände, und es konnten sich im Falle fahrlässigen

Handelns Strafbarkeitslücken ergeben, die von der Sache her nicht gewollt sind. 24

18 Der § 287 preuß. StGB lautete: Wer „vorsätzlich eigene oder fremde Sachen, welche vermöge ihrer Beschaffenheit

und Lage geeignet sind, den in § 285 (Wohnungen und Aufenthaltsorte für Menschen) und § 286

genannten Gegenständen das Feuer mitzuteilen, in Brand setzt, ... (soll) ebenso bestraft werden wie derjenige,

welche jene Gegenstände unmittelbar in Brand setzt.“

19 Geppert in Festschrift f. Schmitt, S. 194

20 RG GA 41, 33, 34

21 BGHSt 41, 219, 221; Wolff in LK, § 308 a. F. Rn.1

22 BGH NJW 1996, 328

23 RGSt. 7, 131, 132; RG JW 1937, 168; BGHSt. 16, 109, 110

24 BT-Dr. 13/8587 S. 26

Oliver Gehse


B. Zur Entwicklung der Brandstiftungsdelikte

5

III. Die bisherigen Reformbemühungen

Seit über einhundert Jahren war man bestrebt, die offensichtlich groben aufgezeigten Mängel

des Brandstiftungsstrafrechtes zu beseitigen. So fanden sich in zahlreichen Entwürfen, die

allerdings vom Gesetzgeber nie umgesetzt wurden, verschiedenartige Ansätze:

1. Der Praktikerentwurf von 1909

Ein Vorentwurf aus dem Jahre 1909 einer Praktikerkommission hielt die Konzeption abstrakter

Gefährdungen im Bereich der gemeingefährlichen Delikte für völlig ungeeignet und

verlangte statt dessen zur Verwirklichung des Tatbestandes eines gemeingefährlichen Deliktes

eine konkrete Individualgefahr. 25 Diese Vorlage orientierte sich also eher am Grundgedanken

des Art. 247 Bayr. StGB, wenngleich sie die Eigentumsverhältnisse der taugliche Tatobjekte

als unerheblich betrachtete. Die gemeingefährlichen Delikte sollten alle auf das Erfordernis

einer konkreten Gefahr abstellen. § 308 a. F. wurde namentlich als mißglückt gewertet.

26

2. Der Gegenentwurf der Professoren von 1911

Ein Gegenentwurf der Professoren Kahl, von Lilienthal, von Liszt und Goldschmidt schlug

einen von der Kasuistik des seinerzeit geltenden Rechtes unabhängigen eigenen Tatbestand

der gemeingefährlichen Sachbeschädigung vor 27 , der neben dem konkreten Gefährdungsdelikt,

wie ihn der Entwurf der Praktikerkommission formulierte, als Auffangtatbestand bestehen

sollte. 28

Es wurden ohne diesen erhebliche Strafbarkeitslücken befürchtet. Während jedoch für das

Grunddelikt Zuchthausstrafe angeordnet wurde, setzte der Auffangtatbestand lediglich Gefängnisstrafe

fest. Auffällig ist, daß sowohl der Entwurf von 1909 als auch der Gegenentwurf

der Professoren keine eigenständigen Normen für die Brandstiftungsdelikte mehr enthalten,

sondern eine ganze Fülle von gemeingefährlichen Straftaten in wenigen Normen zusammengefaßt

sind.

3. Die Entwürfe von 1913 und 1919

Weitere Entwürfe der Jahre 1913 und 1919 behielten die kasuistische Aufzählung der Brandobjekte

bei 29 , wollten jedoch die §§ 306 und 308 in einer Vorschrift zusammenfassen. 30

25 Der § 189 dieses Entwurfes lautete: „Wer vorsätzlich einen Brand, eine Explosion, einen Einsturz oder eine

Überschwemmung und dadurch Gefahr für Menschenleben oder in bedeutendem Umfang für fremdes Eigentum

herbeiführt, wird mit Zuchthaus bestraft.“

26 Geppert in Festschrift f. Schmitt, S. 199

27 Siehe auch Liszt, § 149 I

28 Der § 216 des Gegenentwurfes von 1911 lautete: „Wer, abgesehen in den Fällen des § 215 (siehe Fn. 21),

durch Beschädigung eigener oder fremder, beweglicher oder unbeweglicher Sachen das Leben eines anderen

oder in bedeutendem Umfange fremde Sachen gefährdet, wird mit Gefängnis bestraft...“

29 Der § 258 des Entwurfes von 1913 lautete: (1) „Wer fremde Gebäude, fremde zur Wohnung oder zum Aufenthalt

von Menschen dienende Räumlichkeiten oder fremde Schiffe, Bergwerke, Waldungen, Heiden, Felder,

Moore oder Vorräte von Waren oder Bodenerzeugnissen in Brand setzt, wird... bestraft.“

(2) „Ebenso wird bestraft, wer eigene Sachen der in Abs. 1 bezeichneten Art in Brand setzt und dadurch Gefahr

für Menschenleben oder in bedeutendem Umfang für fremdes Eigentum herbeiführt.“

30 Geppert in Festschrift f. Schmitt, S. 199

Oliver Gehse


B. Zur Entwicklung der Brandstiftungsdelikte

6

Zudem sah der Entwurf von 1913 erstmals eine Möglichkeit zur Milderung der hohen Mindeststrafe

bei milderen Umständen auf Gefängnis nicht unter drei Monaten vor.

4. Nationalsozialistischer Ansatz von 1936

Im Entwurf einen Deutschen Strafgesetzbuches aus der Zeit des dritten Reiches im Jahre 1936

wollte man völlig auf die vom Brand ausgehende Wirkung abstellen, was aber letztlich auch

in einer Vermischung eines abstrakten und konkreten Gefährdungsdeliktes mündete und in

Wirklichkeit nichts grundlegend neues darstellte. 31

Typisch für die nationalsozialistische Gesetzgebung war zudem die Personalisierung und Typisierung

des Täters, die heute noch in den §§ 211, 212 (Mörder, Totschläger) ihren Niederschlag

gefunden hat. Doch auch dieser Entwurf wurde nie geltendes Gesetzesrecht.

5. Die Bundestagsvorlage von 1962

Nach dem zweiten Weltkrieg begann durch die große Strafrechtskommission eine völlige

Überarbeitung des Strafgesetzbuches. So war man in der Bundestagsvorlage im Jahre 1962

der Auffassung, alle abstrakten Gefährdungsdelikte seien nach Möglichkeit in konkrete umzuwandeln.

32 Dennoch wollte man im Bereich menschengefährdender Brandstiftung nicht

vollständig auf ein abstraktes Gefährdungsdelikt verzichten, weil man der Ansicht war, daß

bestimmte Sachen, insbesondere Gebäude, die der Wohnen oder sonst dem Aufenthalt von

Menschen dienen, eines unbedingten strafrechtlichen Schutzes bedurften. 33 So ist auch im

entsprechenden Entwurf eine Aufzählung einzelner Brandobjekte neben einer abstrakten Gefährdung

durch in Brand gesetzte Sachen in einer Vorschrift zu finden. 34 Die Bundestagsvorlage

von 1962 krankte an einer äußerst unübersichtlichen Kasuistik, die zu unerwünschten

Strafbarkeitslücken führen konnte, wenn das Brandobjekt, z. B. nur wenigen Menschen als

Arbeitsstätte diente 35 oder einem nicht in Abs. 2 des Entwurfes genannten Zweck diente, so

daß der § 320 I des Entwurfes kein Fortschritt zum damals geltenden § 306 a. F. gewesen wäre.

Im Gegenteil konnte diese extreme Konkretisierung zu Zufallsergebnissen führen und somit

zu rechtlichen Unbilligkeiten.

Der Bundestagsvorlage von 1962 setzte als Höchstfreiheitsstrafe immerhin noch fünfzehn

Jahre Zuchthaus fest.

31 Der § 304 des Entwurfes von 1936 lautete: (1) „Wer ein Gebäude, ein Fahrzeug oder eine Hütte, die Menschen

als Wohnung dienen, in Brand setzt, wird als Brandstifter... bestraft.“

(2) Wer an eine andere Sache Feuer anlegt und dadurch die Gefahr einer Feuersbrunst herbeiführt, die Menschen

oder bedeutende Werte gefährdet, wird als Brandstifter... bestraft.“

32 Niggemeyer, Kriminalistik 1960, 379

33 Der § 320 der Bundestagsvorlage von 1962 lautete:

(1) „Mit Zuchthaus bis zu fünfzehn Jahren wird bestraft, wer

1. ein Gebäude oder ein Schiff in Brand setzt, das als Wohnung oder vielen Menschen als Arbeitsstätte

dient, oder

2. ein Gebäude in Brand setzt, das

a) als Kirche oder sonst als Stätte der Religionsausübung,

b) zum Unterricht, zu Vorträgen, zu Aufführungen oder sonst zu Versammlungen oder

c) zu Ausstellungen oder sonst zu Besichtigungen dient.

(2) Ebenso wird bestraft, wer sonst eine Sache in Brand setzt, so daß ein Feuer von erheblichem Ausmaß

droht, und dadurch Leib und Leben eines anderen oder fremde Sachen von bedeutendem Wert gefährdet.“

34 Siehe BT-Dr. 4/650, S. 498 ff.; BT-Dr. 13/8587, S. 26

35 an der mengenmäßigen Einschränkung ebenfalls zweifelnd Geppert in Festschrift f. Schmitt, S. 203

Oliver Gehse


B. Zur Entwicklung der Brandstiftungsdelikte

7

6. Der Alternativentwurf von 1971

Als letzter Versuch einer Überarbeitung der Brandstiftungsdelikte erweist sich der sog. Alternativentwurf

eines Strafgesetzbuches aus dem Jahre 1971. 36 Wegen Verursachung einer gemeinen

Gefahr sollte dann die Strafbarkeit nur dann begründet sein, wenn jemand einen

Brand erheblichen Ausmaßes verursacht, ohne daß die Gefährdung eines Menschen auszuschließen

ist. Das Erfordernis eines Brandes erheblichen Ausmaßes ist ein derart unbestimmter

Rechtsbegriff, daß äußerst fraglich erscheint, wann diese Grenze denn überschritten sein

solle.

Die Verfasser wollten dieses danach beurteilen, ob der Täter das Feuer noch beherrschen

könne. 37 Ein solcher Maßstab stellt jedoch das erkennende Gericht vor erhebliche Beweisschwierigkeiten,

so daß aufgrund des Grundsatzes „in dubio pro reo“ unangemessene Strafbarkeitslücken

entstehen. Hinsichtlich des Ausschlusses einer Rechtsgutsgefährdung sollte

nicht auf den Standpunkt des Täters, sondern eines objektiven fiktiven Beobachters abgestellt

werden. So sollte endlich die Strafbarkeit nach § 306 a. F. dann entfallen, wenn tatsächlich

keine Gefährdung menschlichen Lebens möglich war und der Täter sich vorher vergewissert

hatte, wie es von der Literatur schon lange gefordert wurde. 38

Allerdings liegt in dieser Lösung eine erhebliche, nicht unbedenkliche Strafbarkeitsaufweichung

im Gegensatz zum bisherigen Recht.

Der Alternativentwurf wollte zudem die immer noch bestehenden hohen Strafrahmen absenken

und als Höchstfreiheitsstrafe fünf Jahre festsetzen.

Der Gesetzgeber hatte aber stets eine bewußte Entscheidung für abstrakte Gefährdungsdelikte

getroffen, so daß letztlich auch dieser Alternativentwurf nicht weiter verfolgt wurde.

7. Der Erlaß des sechsten Strafrechtsreformgesetz 1998

Es bleibt festzustellen, daß eine Tatbestandsgruppe, die von fast allen Seiten als offensichtlich

mißglückt, unübersichtlich, lückenhaft und nicht mehr zeitgemäß angesehen wurde 39 , über

hundert Jahre fast ohne Veränderungen im Wortlaut in Kraft blieben und alle Reformbewegungen,

deren Notwendigkeit erkannt wurde, nicht weiterverfolgt und ohne Auswirkung blieben,

weil man in der Frage nach der Notwendigkeit und Ausgestaltung abstrakter Gefährdungsdelikte

heillos zerstritten war.

Vergleicht man alle vorgetragenen Standpunkte und Entwürfe, so haben sich die bereits in

den § 1510 ALR und Art. 247 Bayr. StGB verkörperten unterschiedlichen Auffassungen über

die Ausgestaltung der Brandstiftungsdelikte als entweder kasuistisch abstrakte oder konkrete

Gefährdungsdelikte immer wieder gegenübergestanden.

Das im Jahre 1998 erlassene 6. StrRG versucht nun, dem Anspruch gerecht werden, für die

Brandstiftungsdelikte ein übersichtliches, lückenloses und einheitliches System darzustellen,

was sich nach der langen und stark konträren Diskussion sicherlich als nicht einfach erweisen

dürfte.

36 Der § 151 I Nr. 1 des Alternativentwurfes lautete: „Wer eine Brand von erheblichem Ausmaß, insbesondere

in einem Gebäude, verursacht, ohne daß im Zeitpunkt der Handlung eine Schädigung anderer an Leib und Leben

auszuschließen ist, wird... bestraft.“

37 Geppert in Festschrift f. Schmitt, S. 201

38 Brehm, JuS 1976, 23

39 BT-Dr. 13/8587, S. 25

Oliver Gehse


C. Die reformierten Tatbestände im einzelnen

8

C. Die reformierten Tatbestände im einzelnen

I. Die Brandstiftung nach § 306 , § 306 a II n. F./§ 308 I a. F.

Der Tatbestand der einfachen Brandstiftung nach § 308 a. F. enthielt – stets im Kernpunkt der

Kritik stehend – zwei völlig unabhängige Tatbestände, die sog. unmittelbare Brandstiftung

nach § 308 I 1. Var. und die mittelbare Brandstiftung des § 308 I 2. Var. a. F.

Während die unmittelbare Brandstiftung nun redaktionell neu gefaßt in § 306 n. F. wiederzufinden

ist, ist der als unbefriedigend empfundene Tatbestand der mittelbaren Brandstiftung in

seiner bisherigen Form entfallen.

Ein an seinen Schutzzweck angelehnter Tatbestand findet sich nun in § 306 a II als Fall der

schweren Brandstiftung.

1. Einfache/unmittelbare Brandstiftung nach § 306 n. F./§ 308 I 1. Var. a. F.

a) Geschützes Rechtsgut

Dieser Tatbestand ist nicht etwa ein gemeingefährliches Delikt, sondern lediglich ein qualifizierendes

Sachbeschädigungsdelikt, da die Gefährdung der Allgemeinheit zur Tatbestandsverwirklichung

überhaupt keine Rolle spielt, sondern lediglich die Zerstörung oder Unbrauchbarmachung

von fremden Sachen durch Feuer. Folglich ist eine rechtfertigende Einwilligung

des Eigentümers der inbrandgesetzten Sache möglich. 40

Der auffällig hohe Strafrahmen beruht allerdings nicht auf dem Unrechtsgehalt der Sachbeschädigung,

die ja auch bereits durch § 303 strafrechtlich sanktioniert wird (Freiheitsstrafe bis

zu zwei Jahren !), sondern begründet sich durch die dennoch implizierte abstrakte Gefährlichkeit

von Feuer und Bränden an sich. Um den Vorsatz zu bejahen können, muß der Täter wissen,

daß sich das Brandobjekt in fremdem Eigentum befindet. Glaubt er irrtümlich, es stehe in

seinem Eigentum oder sei herrenlos, so bleibt, wenn andere Vorsatztatbestände nicht erfüllt

sind, nur Raum für eine fahrlässige Brandstiftung. 41

b) Tatobjekte

§ 308 I 1. Var. a. F. enthielt einen Katalog von Brandobjekten, die die Wirtschaftsordnung des

19. Jahrhunderts widerspiegelten.

Mit der Neufassung der einfachen Brandstiftung in § 306 n. F. hat der Gesetzgeber nun den

veralteten Katalog der tauglichen Brandobjekte den heutigen Gegebenheiten angepaßt. So ist

auch das Inbrandsetzen von Kraftfahrzeugen und Luftfahrzeugen, auf Privatgelände lagernden

Warenvorräten sowie Maschinen strafbar.

Somit ist man nicht dem Vorschlag mancher früherer Entwürfe, z. B. des Entwurfes der Praktikerkommission

von 1909 bzw. dem Gegenentwurf von 1911 der Professoren Kahl, von Lilienthal,

von Liszt und Goldschmidt gefolgt, die vorschlugen, auf jede kasuistische Aufzählung

von Brandobjekten zu verzichten und statt dessen die Einführung eines gemeingefährlichen

Sachbeschädigungstatbestandes bevorzugten. 42

40 Rengier, JuS 1998, 398; Wolff in LK-StGB, § 308 a. F. Rn. 20; Wessels, BT I, Rn. 937; Lackner/Kühl, § 308

a. F. Rn 3a; Tröndle, § 308 a. F. Rn. 2a; Arzt/Weber, LH 2, Rn. 173; Blei, BT, § 86 IV

41 Wolff in LK-StGB, § 308 a. F. Rn.20

42 Geppert in Festschrift f. Schmitt, S.203

Oliver Gehse


C. Die reformierten Tatbestände im einzelnen

9

c) Tathandlung

Die erste Variante des § 308 I a. F. stellte das Inbrandsetzen bestimmter im Eigentum Dritter

stehender Sachen ohne Rücksicht auf etwaige Gefahren für Menschen oder weitere Objekte

unter Strafe. 43

Da die Inbrandsetzung nur dann vollendet ist, wenn das Brandobjekt selbständig brennt, kam

es, wie bereits gezeigt, in der Vergangenheit zu ungewollten Strafbarkeitslücken. Als zusätzliche

Tathandlung hat der Gesetzgeber nun auch die ganze oder teilweise Zerstörung des Tatobjektes

durch eine Brandlegung eingeführt.

So sollen die Fälle erfaßt werden, in denen wesentliche Bestandteile des Brandobjektes nicht

selbständig brennen, aber dennoch durch einsetzende Ruß -, Gas-, Rauch- oder Hitzeentwicklung

zerstört oder teilweise zerstört werden. Außerdem soll eine vom Täter nicht vorgesehene

Explosion des Brandmittels unter den Tatbestand des § 306 n. F. gestellt werden.

Diese zweite Alternative knüpft an die Tathandlungen des § 305 I an.

Demnach ist ein Brandobjekt zerstört, wenn es vernichtet wird oder seine bestimmungsgemäße

Brauchbarkeit völlig verliert. Nur teilweise zerstört ist es, wenn Teile des Tatobjektes, die

für seinen bestimmungsgemäßen Gebrauch wesentlich sind, unbrauchbar geworden sind. 44

Die Hinzunahme des Tatbestandes der Brandlegung orientiert sich am alten § 185 StGB –

DDR, nach dem auch neben dem Inbrandsetzen das Vernichten oder Beschädigen einer Sache

durch Feuer unter Strafe gestellt war. 45 Der Umfang dieses außer Kraft getretenen Tatbestandes

ist mit dem heutigen um eine weitere Tathandlung erweiterten § 306 n. F. hinsichtlich der

Tathandlungen vergleichbar, allerdings schützte er neben Wohnungen und Betrieben eher für

die Volkswirtschaft wichtige Güter, so daß die Eigentumsverhältnisse der Tatobjekte nach

dem § 185 DDR – StGB keine Rolle spielen und er damit nicht wie § 306 I n. F. den Charakter

eines Sachbeschädigungsdeliktes hat.

Zudem ist sein Strafrahmen mit Freiheitsstrafe bis zu acht Jahren etwas milder.

Sinnvollerweise hat der Gesetzgeber nun die ehemaligen Tatbestände der unmittelbaren und

mittelbaren Brandstiftung in zwei verschiedenen Paragraphen gefaßt, allerdings ist Voranstellung

der unmittelbaren Brandstiftung unter der Überschrift des 28. Abschnittes des StGB

„Gemeingefährliche Straftaten“ etwas unglücklich, weil es sich bei diesem Delikt um eine

qualifizierte Sachbeschädigung handelt und nicht etwa um einen Grundtatbestand der Brandstiftungsdelikte,

wie vielleicht auch die Numerierung der Vorschriften ausdrücken könnte. 46

Auch ansonsten ist diese Überschrift, insbesondere für die Brandstiftungsdelikte eher irreführend.

Während eine Gemeingefahr die Gefährdung einer größeren Anzahl von Menschenleben

oder erheblicher Sachwerte darstellt 47 , genügt zur Begehung der meisten Delikte des 28. Abschnittes

eine konkrete Individualgefahr oder ein abstrakt gefährliches Verhalten. Der Gesichtspunkt

der gemeinen Gefahr kommt lediglich in der Formulierung des § 306 b I n. F.

„einer großen Zahl von Menschen“ zum Ausdruck.

43 Cramer in Schönke/Schröder, § 308 a. F. Rn. 2

44 Rengier, JuS 1998, 398

45 Der § 185 DDR – StGB lautete: (1) „Wer vorsätzlich Wohnstätten, Betriebe, Betriebs- oder Verkehrseinrichtungen

oder andere Bauwerke, Lagervorräte, landwirtschaftliche Erzeugnisse, oder Kulturen, Wälder oder

forstwirtschaftliche Kulturen in Brand setzt oder durch Feuer oder Explosion vernichtet oder beschädigt, wird

mit Freiheitsstrafe bis zu acht Jahren oder mit Verurteilung auf Bewährung bestraft.“

46 Wolters, JR 1998, 272

47 Cramer in Schönke/Schröder, Vor § 306 Rn. 19

Oliver Gehse


C. Die reformierten Tatbestände im einzelnen

10

Die übrigen Tathandlungen der Normen des 28. Abschnittes sind deswegen sanktioniert, weil

sie oftmals das Leben und die Gesundheit vieler Menschen oder bedeutende Sachwerte vernichten

können. 48

Insofern hätte der Gesetzgeber im Zuge der 6. Strafrechtsreform auch eine probatere Überschrift

wählen können.

Ein anderer Vorschlag ist die Errichtung eines eigenen Abschnittes für die Brandstiftungsdelikte.

2. Die schwere/mittelbare Brandstiftung nach § 306 a II n. F./§ 308 I 2. Var. a. F.

Die früher in § 308 I 2. Var. a. F. geregelte mittelbare Brandstiftung umfaßt im engeren zwei

Tatbestandsvarianten:

Der 1. Fall des § 308 I 2. Var. a. F. war ein typisches abstraktes Gefährdungsdelikt, mit dem

die in § 306 Nr.1 – 3 a. F. aufgezählten Räumlichkeiten, weil sich typischer Weise Menschen

in ihnen aufhielten.

Hingegen war der 2. Fall des § 308 I 2. Var. a. F. ein Eigentumsgefährdungsdelikt, durch den

die vor Brandstiftung besonders geschützten Rechtsgüter des § 308 I 1. Var. a. F. vor einer

potentiellen Gefährdung durch Feuer geschützt werden sollten. 49 In diese Eigentumsgefährdung

konnte der betroffene Eigentümer auch wirksam einwilligen.

Während der 2. Fall des § 308 I 2. Var. a. F. ersatzlos aufgegeben wurde 50 , findet sich der 1.

Fall des § 308 I 2. Var. a. F. nun mit einigen inhaltlichen Änderungen in § 306 a II n. F. als

Fall der schweren Brandstiftung wieder. 51

a) Geschützes Rechtsgut

Geschützt wird durch die § 306 a II n. F./§ 308 I 2. Var. 1. Fall a. F. nicht fremdes Eigentum,

sondern die körperliche Integrität des Menschen.

Die Deliktsnatur des Tatbestandes hat sich jedoch mit der Neufassung etwas geändert. War

der frühere Tatbestand der mittelbaren Brandstiftung ein reines abstraktes Gefährdungsdelikt,

so ist nun dieser Fall der schweren Brandstiftung ein konkretes Gefährdungsdelikt, bei dem

der eingetretene Gefahrenerfolg die Gemeingefährlichkeit zum Ausdruck bringt. Geschützt

durch § 306 a II n. F. wird nun ausdrücklich Leib und Leben des Menschen und nicht nur

mittelbar über die in § 306 a. F. aufgezählten Räumlichkeiten, in denen sich normaler Weise

Menschen aufhalten. Der Regierungsentwurf sah zunächst noch vor, den Schutzbereich auch

auf die Gefährdung von Sachen zu erstrecken. 52 Auf diese Weise wäre auch der Rechtsgedanke

des § 308 I 2. Var. 2. Fall. zum Schutzes fremdem Eigentums vor einer möglichen Gefährdung

durch Feuer in modernerer Form erhalten geblieben.

b) Tatobjekte

Die tauglichen Tatobjekte des § 306 a II n. F./§ 308 I 2. Var. 1. Fall. a. F. entsprechen denen

des § 306 n. F./§ 308 I 1. Var.

Umstritten war stets, ob eine Strafbarkeit nach § 308 I 2. Var. 1. Fall a. F. gegeben war, wenn

der Täter eine herrenlose Sache oder gar fremde Sache mit Einwilligung des Eigentümers in

48 Krey, BT 1, Rn. 747; Horn in SK-StGB, Vor § 306 a. F. Rn. 1a

49 Lackner/Kühl, § 308 a. F. Rn. 4

50 Siehe dazu Geppert, Jura 1989, 478

51 Wolters, JR 1998, 273

52 BT-Dr. 13/8587, S. 48

Oliver Gehse


C. Die reformierten Tatbestände im einzelnen

11

Brand setzte. Während die h. M. davon ausging, daß es sich hierbei nicht um ein Tatbestandsmerkmal

handele, sondern lediglich um einen Hinweis auf den Regelfall und somit

auch die Inbrandsetzung herrenloser Gegenstände den Tatbestand erfülle 53 , sah die Gegenauffassung

in der Ausweitung der Strafbarkeit auf herrenlose Sachen eine verbotene Analogie zu

Lasten des Täters und einen Verstoß gegen Art. 103 II GG. 54 Sie erklärte, daß die Korrektur

von Fehlleistungen des Gesetzgebers nicht Aufgabe der Gerichte sei. 55

Diese Gegenauffassung nahm aber so eine beachtliche Strafbarkeitslücke in Kauf und verkannte

zudem den damaligen Charakter des Tatbestandes als abstraktes Gefährdungsdelikt,

dessen Strafbarkeit auch nicht durch die Einwilligung des Eigentümers ausscheidet.

Dieses Problem hat auch der Gesetzgeber erkannt und dadurch zu lösen versucht, indem er

nun in § 306 a II n. F. auf die Brandobjekte, die in § 306 I n. F. aufgezählt werden, verweist.

Allerdings wurde dabei übersehen, daß aus diesem Verweis nicht ganz eindeutig hervorgeht,

ob das Tatbestandsmerkmal der Fremdheit der Sache vom Verweis in § 306 a II n. F. miteinbezogen

wird. Jedoch kann nach der gesetzestechnischen Systematik, dem Willen des Gesetzgebers

und der ständigen Rechtsprechung zu § 306 a. F. ff klar davon ausgegangen werden,

daß die Eigentumslage der inbrandgesetzten Sachen gleichgültig und nur auf die Gefährdung

abzustellen ist. 56

Es wäre aber seitens des Gesetzgebers wünschenswert gewesen, eine klare Formulierung zu

finden, um sämtliche Auslegungsdifferenzen zu beseitigen.

Unerheblich ist es nun im Gegensatz zu § 308 I 2. Var 1. Fall a. F., ob das Tatobjekt geeignet

ist, das Feuer auf andere geschützte Tatobjekte zu übertragen, weil es nun nur noch auf die

konkrete Gefahr einer Gesundheitsschädigung für einen Menschen ankommt. Damit erübrigen

sich Diskussionen über die Frage, ob Wetter, Windrichtung u. ä. bei der Feuervermittlung

eine Rolle spielen.

Die Umwandlung des ehemals abstrakten Gefährdungsdeliktes in ein konkretes hat zahlreiche

Auslegungsprobleme und Ungereimtheiten beseitigt.

c) Tathandlung

Tathandlung ist das Inbrandsetzen oder die Zerstörung durch eine Brandlegung der in § 306 I

n. F. aufgezählten Brandobjekte.

d) Konkretisierung der Gefährdung

Zur Verwirklichung des § 306 a II n. F. bedarf es eines konkreten Gefährdungserfolges für die

Gesundheit eines Menschen.

Hinsichtlich der Konkretisierung der Gefährdung ist es am geeignetsten, auf die Maßstäbe der

ebenfalls als konkrete Gefährdungsdelikte ausgestalteten §§ 315 b, 315 c abzustellen.

Der Eintritt der konkreten Gefahr muß die unmittelbare Folge der Tathandlung, also des Inbrandsetzens

oder des ganz oder teilweise Zerstörens durch Brandlegung, und muß als solche

feststellbar sein. 57

53 Schmidhäuser, BT, 15/7; Blei, BT, S. 340; Cramer in Schönke/Schröder, § 308 a. F. Rn. 13; RG JW 1930,

924

54 Horn in LK-StGB, § 308 a. F. Rn. 6; Geppert in Festschrift f. Schmitt, S. 189; Krey, BT I, Rn. 756; Herzog

in NK-StGB, § 308 a. F. Rn. 11

55 Geppert in Festschrift f. Schmitt, S. 197

56 Hörnle, Jura 1998, 181

57 Anlehnend an Tröndle, § 315 c Rn. 15; Cramer in Schönke/Schröder, § 315 c Rn. 33

Oliver Gehse


C. Die reformierten Tatbestände im einzelnen

12

Eine exakte Untersuchung im nachhinein ist zwar oftmals schwierig, es sei denn die Gefahr

hat sich in der ihr eigenen Rechtsgutsverletzung realisiert, aber zumindest muß die betroffene

Person derart gefährdet sein, daß es anhand einer objektiv nachträglichen Prognose nur noch

vom Zufall abhing, ob die Gesundheitsschädigung eintrat oder nicht. („ Das ist gerade noch

einmal gutgegangen !“)

Die lediglich latente Gefährlichkeit der Tathandlung reicht zumindest keineswegs aus, eine

konkrete Gefährdung anzunehmen. 58

e) Erstreckung des Vorsatzes

Der Vorsatz des Täters muß sich sowohl auf das Inbrandsetzen oder Zerstören einer Sache

durch Brandlegung als auch auf das Herbeiführen einer Gefahr einer Gesundheitsschädigung

eines anderen beziehen. 59

Ebenfalls muß die Kausalität zwischen Inbrandsetzen oder Zerstörung einer Sache durch

Brandlegung und Gefahr einer Gesundheitsschädigung vom Vorsatz des Täters umfaßt sein.

Auf den ersten Blick könnte man dieses Delikt als Erfolgsqualifikation sehen, so daß den Täter

hinsichtlich der schwereren Folgen der Tat nur der Fahrlässigkeitsvorwurf nach § 18 treffen

müßte, um die Strafbarkeit zu bejahen. 60 Der Gesetz verlangt aber zur Tatbestandserfüllung

keinen Verletzungserfolg, sondern lediglich einen sich konkretisierenden Gefährdungserfolg.

Die lediglich fahrlässige Verursachung der Gefahr wird aber bereits in § 306 d I n. F. mit einem

deutlich geringerem Strafrahmen unter Strafe gestellt. Somit ist von der Systematik her

eindeutig, daß in § 306 a II n. F. der Vorsatz auf Tathandlung und Gefährdung zu erstrecken

ist und § 18 keine Anwendung findet 61 (sog. Vorsatz-Vorsatz-Kombination) 62

II. Die schwere Brandstiftung nach § 306 a I n. F./§ 306 a. F.

Der Tatbestand der schweren Brandstiftung in § 306 a I n. F. entspricht mit einigen redaktionellen

Änderungen dem § 306 a. F.

1. Geschütztes Rechtsgut

Es handelt sich hierbei um ein klassisches abstraktes Gefährdungsdelikt, das insbesondere

dem Schutz der Allgemeinheit dient und keiner Konkretisierung der Gefahr bedarf. 63

Die von Bränden ausgehenden Gefahren für Leib und Leben der Menschen, die sich in den in

§ 306 a n. F. aufgezählten Räumlichkeiten befinden , will das Strafrecht umfassend schützen.

Während sich im Fall des § 306 a II n. F. die Gefahr in einer irgendwie gearteten Weise konkretisieren

muß, ist im Falle der schweren Brandstiftung nach § 306 a I n. F. das Eintreten

einer Gefahr überhaupt kein Tatbestandsmerkmal mehr, gerade ist sie, wie allgemein bei abstrakten

Gefährdungsdelikten, das gesetzgeberische Motiv. Demnach ist der § 306 a n. F. von

seiner Struktur her ein reines Erfolgsdelikt. 64

58 Tröndle, § 315 c Rn. 16

59 Rengier, JuS 1998, 399

60 Hörnle, Jura 1998, 181

61 Wolters, JR 1998, 272

62 Eine derart ähnliche Abstufung findet sich in den §§ 315 b, § 315 c.

63 Bayer in Schlüchter, BoErl , § 306 a n. F. Rn.1

64 zu § 306 a. F.: Geppert, Jura 1989, 418

Oliver Gehse


C. Die reformierten Tatbestände im einzelnen

13

Fernen spielen die Eigentumsverhältnisse keine Rolle. 65

Sanktioniert wird ein Verhalten, welches typischerweise und erfahrungsgemäß Gefahren verursacht.

Die Indizien der Gefährlichkeit werden im Gegensatz zu § 306 a II durch das Gesetz

selbst festgelegt. 66

Vollendet ist der Tatbestand, wenn der Täter eines der tauglichen Brandobjekte in Brand gesetzt

oder durch Brandlegung ganz oder teilweise zerstört hat.

2. Tatobjekte

Die tauglichen Tatobjekte der schweren Brandstiftung sind in § 306 a I Nr. 1 – 3 aufgeführt.

Alle dienen nach ihrer Zweckbestimmung dem Aufenthalt von Menschen.

Entscheidend ist aber, daß die Räumlichkeiten nach ihrer tatsächlichen Zweckverwendung

auch dem Aufenthalt oder Wohnen von Menschen dienen.

a) Kirche oder der Religionsausübung dienendes Gebäude

Während § 306 Nr. 1 a. F. nur alle zu gottesdienstlichen Versammlungen bestimmten Gebäude

schützte, sind nun neben Kirchen alle der Religionsausübung dienende Gebäude als Tatobjekte

erfaßt. Eine Versammlung i. S. v. § 306 Nr.1 a. F. setzte stets eine größere Zahl von

teilnehmenden Personen voraus, so daß kleinere Kapellen oder Andachtsräume, die stets nur

wenigen Menschen oder gar einzelnen Raum zum Beten geben, aus dem Anwendungsbereich

des Paragraphen herausfielen. Das Erfordernis einer Versammlung ist nach dem 6. StrRG

aufgehoben. Sämtliche sakrale Räumlichkeiten sollen eine hohe Schutzwürdigkeit genießen.

Es ist völlig gleichgültig von welcher Religionsgemeinschaft das Gebäude zur Religionsausübung

genutzt wird.

Im Zuge der Strafrechtsreform hätte sich die Möglichkeit geboten, diese Vorschrift ähnlich

wie §§ 166, 167 in einer weltanschaulich neutralen Fassung zu formulieren, allerdings wurde

dieser Vorschlag des Entwurfes nicht umgesetzt. 67 Man befürchtete, durch eine solche Formulierung

könne eine bedenkliche Erweiterung des unbedingten Strafrechtsschutzes auf Gebäude

entstehen, z. B. Seminargebäude zweifelhafter Sekten, an deren absoluter Schutzwürdigkeit

ernstliche Zweifel bestehen. 68

Ob sich zum Zeitpunkt des Brandes ein Mensch in den Räumlichkeiten befindet oder hätte

befinden können, spielt ebenfalls keine Rolle. 69

b) Gebäude, Schiffe, Hütten und Räumlichkeiten, die der Wohnung von Menschen dienen

Gebäude, Schiffe, Hütten und andere Räumlichkeiten dienen der Wohnung von Menschen,

wenn sie ihrer konkreten Verwendung nach zumindest vorübergehend zur Unterkunft von

Menschen vorgesehen und somit zum Mittelpunkt ihres Aufenthalts gemacht werden. 70

Die Wohnstätte muß als solche nicht objektiv geeignet oder bestimmt sein 71 , der tatsächlich

Zustand im Zeitpunkt der Tat ist ausschlaggebend. 72

65 Cramer in Schönke/Schröder, § 306 a. F. Rn. 2

66 Geppert, Jura 1989, 418

67 BT-Dr. 13/8587, S. 48

68 Freund, ZStW 1997, 485

69 Wolff in LK-StGB, § 306 a. F. Rn. 4; Lackner/Kühl, § 306 a. F. Rn. 2; Tröndle, § 306 a. F. Rn. 2; Horn in

SK-StGB, § 306 a. F., Rn. 4

70 Rengier, JuS 1998, 398; Geppert, Jura 1989, 419

71 BGHSt 26, 121

72 RGSt. 60, 136, 137; Meyer-Goßner, NStZ 1986, 107

Oliver Gehse


C. Die reformierten Tatbestände im einzelnen

14

Eine Stätte erhält dann die Eigenschaft einer Wohnung, sobald der Bewohner diese real zum

Wohnen widmet. Ein Neubau, welcher zwar schon fertiggestellt ist, aber noch nicht bezogen

wurde, ist demnach kein taugliches Tatobjekt im Sinne des § 306 a I Nr.1 n. F. 73

Die Stätte verliert ihre Eigenschaft als Wohnung dann, wenn der letzte Bewohner sie mit dem

Willen entwidmet, die Wohnung aufzugeben, oder dieser stirbt. 74

Eine nur vorübergehende Abwesenheit des Bewohners ist unschädlich, wenn sein natürlicher

Wille, die Räumlichkeiten als seine Wohnung zu nutzen, weiterhin besteht.

Aus dem Schutzzweck der Norm für Leib und Leben folgt zwingend, daß eine rechtlich wirksame

Ermächtigung zum Bewohnen der Räumlichkeiten hingegen nicht erforderlich ist. 75

Ebenso muß der Gebäudebegriff weiter gefaßt werden als in § 243 I Nr.1, da durch § 306 a I

Nr.1 n. F. bzw. § 306 Nr. 2 a. F. nicht die im inneren eines Gebäudes untergebrachten Sachen

geschützt werden sollen, so daß es beim Begriff eines Gebäudes nicht darauf ankommt, daß

das Bauwerk geeignet sein muß, Unbefugte fernzuhalten. 76

Durch das 6. StrRG ist der Schutzbereich des § 306 a I Nr. 1 n. F. im Gegensatz zum § 306

Nr.2 a. F. zu Recht ausgeweitet worden:

Während nach der a. F. nur Gebäude, Schiffe und Hütten als taugliche Brandobjekte in Frage

kamen, so sind nach der n. F. auch andere Räumlichkeiten, die der Wohnung von Menschen

dienen, umfaßt.

Eine solche Räumlichkeit muß nach allen vier Seiten und nach oben abgeschlossen sein sowie

ein Mindestmaß an körperlicher Bewegungsfreiheit gewähren. 77

Nicht fest mit dem Erdboden verbundene Wohn- oder Eisenbahnwagen sowie Autobusse

können also gegebenenfalls Wohnungsqualität besitzen. Ein sachlicher Grund für eine unterschiedliche

strafrechtliche Behandlung von fest mit dem Erdboden verankerten und mobilen

Wohnungen ist nicht ersichtlich. Jedoch hätte man dann auf jede kasuistische Aufzählung

verzichten und einfach alle Räumlichkeiten, die der Wohnung von Menschen dienen, als

taugliche Brandobjekte bezeichnen können. 78

Umstritten ist wie bisher, inwieweit gemischt genutzte Gebäude Tatgegenstand einer schweren

Brandstiftung sein können.

Es wird vertreten, daß erst dann der Tatbestand erfüllt sei, wenn das Feuer tatsächlich den

Wohnbereich erfaßt hat. 79 Bedenkt man jedoch, daß das Übergreifen auf den Wohnbereich

oftmals gar nicht mehr in der Hand des Täters liegt, sondern nur zufallsabhängig ist und mit

erheblichen Gefahren für sich dort befindlichen Menschen verbunden ist, ist eine solche Reduktion

des Tatbestandsmerkmales nicht sinnvoll. Vielmehr ist bereits aus diesem Gesichtspunkt

dann die Tat vollendet, wenn bei einem einheitlichen Gebäude der wirtschaftlich genutzte

Teil in Brand gesetzt wird oder durch Brandlegung teilweise oder ganz zerstört wird, es

sei denn, das Übergreifen des Feuers auf den Wohnbereich ist völlig auszuschließen, weil

z. B. Brandmauern dieses verhindern. 80

73 Cramer in Schönke/Schröder, § 306 a. F., Rn.6

74 BGHSt 23, 114

75 Cramer in Schönke/Schröder, § 306 a. F., Rn. 6; Horn in SK-StGB, § 306 a. F. Rn. 6

76 Wolff in LK-StGB, § 306 a. F. Rn. 6

77 Horn in SK-StGB, § 306 a. F. Rn. 8

78 So auch BT-Dr. 13/8587, S. 68

79 Cramer in Schönke/Schröder, § 306 a. F. Rn.11; Horn in SK-StGB, § 306 a. F. Rn.11; Kratzsch, JR 1987,

361

80 BGHSt 34, 115; BGH NStZ 91, 433; Rengier, BT II, § 40 Rn. 16

Oliver Gehse


C. Die reformierten Tatbestände im einzelnen

15

Der Gesetzgeber hätte mit Erlaß des 6. StrRG die Möglichkeit gehabt, diesen Disput durch

eine eindeutige Formulierung zu beseitigen, allerdings ließ er die Frage weiterhin offen. Er

schien diese Unklarheit im Gesetzestext gar nicht bemerkt zu haben. Eine Lösung des Problems

wäre aber auch auf andere Weise gelungen:

Es stellte sich in der Vergangenheit mehrfach die Frage, ob in einer Neufassung der Vorschrift

zu berücksichtigen sei, daß die Wohnung des Menschen heute nicht mehr den ausschließlichen

Mittelpunkt seiner Lebensinteressen darstelle 81 , sondern vielmehr auch der Arbeitsplatz

und somit auch Räumlichkeiten, die den Menschen als Arbeitsplätze dienen, des

unbedingten Strafrechtsschutzes bedürften. 82 Jedoch wird die Arbeitsstätte von Menschen

während der ihrer normalen Arbeitszeit umfassend in § 306 a I Nr.3 n. F. als geschütztes Tatobjekt

erfaßt, so daß vorgetragen wurde, eine ausdrückliche Aufnahme der Arbeitsstätte in

§ 306 a I n. F. sei nicht zum Vervollständigen des Strafrechtsschutzes notwendig, sondern

führe höchstens zu Abgrenzungsschwierigkeiten mit § 306 a I Nr.3 n. F. 83

Bedenkt man jedoch, daß die wirtschaftlich genutzten Teile von gemischt genutzten Gebäuden

in aller Regel als Arbeitsstätte von Menschen dienen, so wäre das praktische Bedürfnis

einer expliziten Regelung für die Vollendung der Tathandlung bei gemischt genutzten Gebäuden

entfallen.

c) Zeitweise dem Aufenthalt von Menschen dienende Räumlichkeiten

Hingegen können Räumlichkeiten, die nicht der Wohnung eines Menschen dienen, taugliche

Brandobjekte im Sinne des § 306 a I Nr.3 n. F./§ 306 Nr.3 a. F. sein.

Die Tathandlung muß der Täter aber in einer Zeit durchführen, in der Menschen dort sich

aufzuhalten pflegen.

Somit müssen sich zum Tatzeitpunkt nicht tatsächlich Menschen in der betreffenden Räumlichkeit

befunden haben 84 , ein lediglich zufälliger Aufenthalt eines Menschen reicht andererseits

noch nicht aus, wenn überhaupt keine diesbezügliche Gepflogenheit besteht. An dieser

Stelle wird der Schutz der menschlichen Gesundheit durch das Strafrecht zu Recht als zu

schwach empfunden. Halten sich in einer Räumlichkeit im Sinne von § 306 a I Nr.3 Menschen

normalerweise nicht, aber mit Wissen des Täters ausnahmsweise zur Tatzeit auf,

kommt eine Bestrafung nach dieser Vorschrift nicht in Betracht 85 , obwohl nicht eine abstrakte,

sondern sogar ggf. eine konkrete Gefährdung menschlichen Lebens eintritt.

Es ergibt sich ein eklatanter Wertungswiderspruch innerhalb dieser Vorschrift, wenn man

ansonsten den weitreichenden Schutzbereich betrachtet.

3. Tathandlung

Während nach dem § 306 a. F. nur das Inbrandsetzen als mögliche Tathandlung in Betracht

kam, tritt nach dem § 306 a I n. F. auch das ganz oder teilweise Zerstören eines Tatobjektes

durch Brandlegung Als zweite Variante hinzu.

81 Vgl. Niggemeyer, Kriminalistik 1960, 379

82 BT-Dr. 4/650, S. 498 ff.; BT-Dr. 13/8587, S. 47

83 BT-Dr. 13/8587, S. 68

84 RGSt 23, 102

85 Freund, ZStW 1997, 484

Oliver Gehse


C. Die reformierten Tatbestände im einzelnen

16

4. Restriktive Tatbestandsauslegung

Heftig umstritten war stets die Forderung nach einer restriktiven Tatbestandsauslegung des

Leib und Leben des Menschen schützenden § 306 a I n. F./§ 306 a. F., wenn eine Gefährdung

dieser Rechtsgüter im Zeitpunkt der Tathandlung objektiv und subjektiv ausgeschlossen war.

Wie bereits ausgeführt, ist die Gefährdung von Leib und Leben des Menschen kein Tatbestandsmerkmal,

sondern wird durch die Ausgestaltung der Norm als abstraktes Gefährdungsdelikt

stets von vorne herein vermutet. Die allgemeine Gefahranalyse nimmt der Gesetzgeber

dem Täter vorweg.

Ob der hohen Strafdrohung versuchte in der Vergangenheit z. B. bereits der Alternativentwurf

von 1971, der gesetzlichen Formulierung des Tatbestandes eine Ausschlußklausel hinzuzufügen,

nach der eine Strafbarkeit entfiele, wenn eine Schädigung anderer an Leib und Leben

ausgeschlossen sei. 86

Daneben brachte man den Vorschlag ein, dem Täter die Möglichkeit einzuräumen, den Beweis

der Ungefährlichkeit zu erbringen. 87

Diese beweisrechtliche Lösung verstößt allerdings gegen den strafrechtlichen Grundsatz „in

dubio pro reo“, da dem Täter die Pflicht zur Beweiserbringung aufgebürdet würde. 88

Sowohl diese Lösung als auch der Vorschlag des Alternativentwurfes führten de facto zur

Umwandlung des abstrakten in ein konkretes Gefährdungsdelikt. Die Intention des Gesetzgebers

stand einer solchen Umwandlung schon immer und auch beim Erlaß des 6. StrRG entschieden

entgegen. 89

Ein anderer Ansatz will die Tatbestandsmäßigkeit des Täterhandelns erst dann annehmen,

wenn sie in Bezug auf das geschützte Rechtsgut Leib und Leben von Menschen sorgfaltswidrig

erscheint, d. h. der Täter nicht alle objektiv und subjektiv notwendigen Vorkehrungen zur

Vermeidung der relevanten Rechtsgutsverletzungen getroffen hat. 90

Es verstoße gegen das Schuldprinzip des Strafrechts, wenn ein Verhalten bestraft werde, obwohl

es an der vom Gesetz zugrundegelegten typischen Gefahr fehlt. Eingeräumt wird aber

von den Vertretern dieser Auffassung, daß es strengen Anforderungen zur einschränkenden

Tatbestandsauslegung bedarf. 91 Keinesfalls genüge ein Rundgang vor der Tat oder eine vorübergehende

Räumung des Gebäudes. 92

Bei allen aus der Sicht des Täters noch nachvollziehbaren Bemühungen hat der Gesetzgeber

aber eine planvolle Regelung aus allgemein – statistischen Erfahrungen getroffen, um das

Gericht nicht vor unüberwindbare Beweisschwierigkeiten, die den Rechtsgüterschutz vereiteln

können, zu stellen. 93

Jeder Bruch ist mit der Dogmatik abstrakter Gefährdungsdelikte nicht vereinbar. 94

Dem Gericht bleibt aber stets die Möglichkeit erhalten, die Bemühungen des Täters zur Vermeidung

von Gefährdung Leib und Lebens im Rahmen der Strafzumessung angemessen zu

berücksichtigen. 95

86 Geppert in Festschrift f. Schmitt, S. 201

87 Schröder, ZStW 81, 16

88 Krey, BT I, Rn. 760; Horn in SK-StGB, Vor § 306 a. F. Rn. 17

89 Ausdrücklich BT-Dr. 13/8587, S. 47

90 Rudolphi in Festschrift f. Maurach, S. 60; Brehm, JuS 1976, 24; Horn in SK-StGB, § 306 a. F. Rn.14;

Schmidhäuser, BT, S. 186; Cramer in Schönke/Schröder, § 306 a. F. Rn. 2

91 Haft, BT, S. 264

92 Horn in SK-StGB, § 306 a. F. Rn. 14

93 Geppert, Jura 1989, 425

94 Rengier, BT II, § 40 Rn. 21; Krey, BT I, Rn. 759; Tröndle, § 306 a. F. Rn.1; Lackner/Kühl, § 306 a. F. Rn.

1; Bohnert, JuS 1984, 182; Blei, BT, § 86 III 1a bb; Otto, BT, § 78 Rn. 7; Seier, JA 1983, 45

Oliver Gehse


C. Die reformierten Tatbestände im einzelnen

17

Im Rahmen dieser Diskussion um eine teleologische Einschränkung des Tatbestandes wurde

seitens des BGH immerhin eingeräumt, daß dann und nur dann eine Strafbarkeit nach § 306 a

I n. F./§ 306 a. F. entfallen könne, wenn eine Gefährdung menschlichen Lebens tatsächlich

absolut ausgeschlossen ist und der Täter sich durch absolut zuverlässige, lückenlose Maßnahmen

vergewissert hat, was „nur bei kleinen, insbesondere einräumigen Hütten oder Häuschen

möglich ist, bei denen auf den ersten Blick überschaubar ist, daß sich Menschen dort

nicht aufhalten können“. 96

Dieser durch die Rechtsprechung entwickelte einzige Ausnahmefall war dem Gesetzgeber bei

Beratung und Erlaß des 6. StrRG bekannt und wurde auch gebilligt, ansonsten blieb der Gesetzgeber

betont bei seiner ablehnenden Haltung hinsichtlich einer möglichen Restriktion des

Tatbestandes. 97 Da die eingeräumte Ausnahme fast völlig bedeutungslos ist, bedarf es ihretwegen

keiner Aufnahme einer Ausschlußklausel in den Gesetzestext.

Die grundsätzlichen Bedenken der Literatur erkennend hat aber der Gesetzgeber reagiert und

nun mit Erlaß des 6. StrRG dem Tatbestand der schweren Brandstiftung einen milderen

Strafrahmen für minder schwere Fälle in § 306 a III n. F. zugefügt, den die bisherige Fassung

nur für die einfache Brandstiftung nach § 308 a. F. kannte. Nach dem gesetzgeberischen Willen

soll gerade dann ein minder schwerer Fall vorliegen, wenn eine Gefährdung von Menschenleben

nach den tatsächlichen Gegebenheiten mit Sicherheit ausgeschlossen werden

konnte und dem Täter dieses bewußt war. 98

Nach der Bestätigung der richterlichen Auslegung des Tatbestandes durch den Gesetzgeber

und zusätzlicher Einräumung eines milderen Strafrahmens für gerade die umstrittenen Fälle

bleibt nun erst recht kein Raum mehr für Bestrebungen oder Versuche, aus der jetzigen Formulierung

des Tatbestandes heraus Strafbarkeitseinschränkungen abzuleiten, auch wenn

skeptischere Ansicht noch eher ein Anstieg der Fälle prognostiziert, in denen eine einschränkende

Auslegung in Betracht kommt, weil der Tatbestand des § 306 a I n. F. ausgeweitet

wurde, während die in § 306 a II n. F. mögliche Strafrahmenreduzierung nur wenig bewirke. 99

5. Vorsatz

Der Vorsatz des Täters umfaßt das Wissen, daß das Brandobjekt die im gesetzlichen Tatbestand

verlangten Eigenschaften hat, sowie den Willen, den Gegenstand in Brand zu setzen

oder durch Brandlegung zu zerstören. 100

III. Besonders schwere Brandstiftung nach § 306 b n. F./§ 307 a. F.

Die besonders schwere Brandstiftung ist sowohl nach der a. F. als auch nach der n. F. eine

unselbständige Qualifikation der schweren und in § 306 b I auch der einfachen Brandstiftung,

die an den Erfolg, die Motive oder an die besondere Intensität des verbrecherischen Willens

anknüpft. 101

95 BGH NStZ 1982, 420; Wolff in LK-StGB, § 306 a. F. Rn 3

96 BGHSt 26, 125; BGHSt 34, 115, 119

97 BT-Dr. 13/8587, S. 47

98 BT-Dr. 13/8587, S. 48

99 Stein in Dencker/Struensee/Nelles/Stein, 4. Teil, Rn. 29

100 Wolff in LK-StGB, § 306 a. F. Rn. 13

101 Maurach/Schroeder/Maiwald, BT 2, § 51 II Rn. 13

Oliver Gehse


C. Die reformierten Tatbestände im einzelnen

18

Allerdings wurde der bisher in § 307 a. F. gefaßte Tatbestand erheblich erweitert und in zwei

Vorschriften, besonders schwere Brandstiftung nach § 306 b und Brandstiftung mit Todesfolge

gem. § 306 c aufgeteilt. Ebenfalls wurde der bisher einheitliche Strafrahmen – lebenslange

Freiheitsstrafe oder Freiheitsstrafe nicht unter 10 Jahren – durchweg als zu hoch empfunden

und nun abgestuft.

1. Schwere Gesundheitsschädigung eines Menschen oder Gesundheitsschädigung einer

großen Zahl von Menschen

Die Qualifikation des § 306 b I wurde mit dem 6. StrRG ganz neu ins StGB eingefügt. Sie

stellt eine an den besonderen Erfolg der Tat gebundene Qualifikation aller bisher vorgestellten

Brandstiftungstatbestände dar. Sie tritt für den Fall ein, daß sich die zunächst nur abstrakt

bestehende Gefahr für die Gesundheit von Menschen durch täterliches Verschulden tatsächlich

konkretisiert hat.

Die Annahme, daß die generelle Verweisung des § 306 b I auf den § 306 auch auf die Fremdheit

der Tatobjekte erstreckt werden muß und somit der Eigentümer selbst diese Tatbestandsvariante

nicht erfüllen kann 102 , ist überhaupt nicht mit dem Schutzzweck der Norm, der eben

nicht fremdes Eigentum ist, überhaupt nicht vereinbar und einfach falsch.

a) Das vollendete Delikt

Taterschwerende Erfolge sind die Verursachung einer schweren Gesundheitsschädigung einer

Person oder die Gesundheitsschädigung einer großen Zahl von Menschen.

Eine schwere Gesundheitsschädigung ist in jedem Fall mit Eintritt einer der in § 226 I abschließend

aufgezählten Folgen gegeben. 103

Es ist nicht sachgerecht, die Folgen über das Ausmaß des § 226 I zu erweitern, weil dieser

auch für andere Tatbestände, die als Folge eine schwere Gesundheitsschädigung verlangen,

z. B. §§ 218 II Nr.2 oder 330 II, der einzige Maßstab ist, den das Gesetz zur Verfügung

stellt. 104

Zudem geht die Entstehung dieses Begriffes „schwere Gesundheitsschädigung“ auf § 147 des

Entwurfes aus dem Jahre 1962 zurück, der den Katalog der schweren Körperverletzungserfolge

des §§ 226 n. F./224 a. F. lediglich nach allgemeineren Gesichtspunkten umschreiben

wollte, aber nicht die Anforderungen ihrer Höhe nach verändern wollte.

Wie bei den anderen erfolgsqualifizierten Delikten, z. B. § 226 muß ein Gefahrverwirklichungszusammenhang

zwischen der Tathandlung und dem strafschärfenden Erfolg bestehen,

d. h. der Erfolg muß sich aus dem typischen Brandstiftungsrisiko heraus realisieren und nicht

aus purem Zufall. 105

Diese alternativen Erfolgsqualifikationen i. S. d. § 18 hat der Gesetzgeber bereits zuvor in den

Umweltschutzdelikten § 330 und § 330 a formuliert und nun auch in den Bereich der Brandstiftungsdelikte

übernommen.

Der unbestimmte Begriff, ab wann denn von einer großen Personenzahl gesprochen werden

könne, bleibt leider offen.

102 vertreten von Wolters, JR 1998, 273

103 Rengier, JuS 1998, 399

104 Stein in Dencker/Struensee/Nelles/Stein, 4. Teil, Rn. 62

105 Rengier, JuS 1998, 400

Oliver Gehse


C. Die reformierten Tatbestände im einzelnen

19

Während einige Ansichten diesen Begriff bereits mit 10 oder 20 Personen ausgefüllt sehen 106 ,

wollen andere Ansichten erst ab ca. 50 Personen eine „große Zahl“ von Menschen annehmen.

107

Jedoch ob der Unbestimmtheit dieses Begriffes verfassungsrechtliche Bedenken zu anzustrengen

108 , scheint etwas weit gegriffen.

Um sich nicht auf eine konkrete Zahl unbeweglich festzulegen, ohne die jeweilige Situation

zu würdigen, ist sicherlich ist hier eine zweistufige Vorgehensweise sinnvoll, nach der eine

am noch möglichen Wortsinn orientierte Untergrenze angenommen wird, die bei zehn Personen

liegt. In einem zweiten Schritt ist dann zu ermitteln, ob die Verletzungen in ihrer Summe

ein Gewicht erreichen, das der schweren Gesundheitsschädigung einer einzelnen Person entspricht.

109

An dieser Stelle ist dann eine richterliche Abwägung geboten.

Etwas umstritten ist, ob hinsichtlich der qualifizierenden Tatfolge Vorsatz notwendig ist 110

oder gem. § 18 der Fahrlässigkeitsvorwurf genügt 111 . Stellt man auf die Formulierung des Gesetzgebers

„verursacht“ ab, so wird sein Wille deutlich, ähnlich wie in §§ 178 oder 251 Fahrlässigkeit

ausreichen zu lassen. Anders lautende Anhaltspunkte finden sich ebenfalls nicht.

In den Beratungen zum 6. StrRG wurde teilweise angeregt, anstelle von Fahrlässigkeit mindestens

Leichtfertigkeit des Täters zur Voraussetzung der Verwirklichung des qualifizierten

Erfolges zu machen. 112

Sicherlich kann so dem Täter, dem hinsichtlich der qualifizierten Tatfolgen nur leichteste

Fahrlässigkeit zur Last fällt, plötzlich ein mit mindestens zwei Jahren sehr hoher Strafrahmen

drohen, zumal minder schwere Fälle nicht vorgesehen sind. Wer aber vorsätzlich unberechenbare

Naturgewalten wie Feuer entfesselt, muß eben sehr hohe Sorgfaltsmaßstäbe an den Tag

legen, so daß er im Falle einer schuldhaften Nichtbeachtung, sei sie im Einzelfall auch noch

so gering, dieser auch zurecht zur Verantwortung gezogen werden kann.

b) Das versuchte Delikt

Der strafbare Versuch des § 306 b I n. F. ist in zweierlei Konstellationen möglich:

Bei der versuchten Erfolgsqualifizierung verwirklicht der Täter die Tathandlung des Grundtatbestandes,

während die schwere Folge, auf die sich auch der Vorsatz erstreckt, nicht eintritt.

113

Andererseits ist auch der erfolgsqualifizierende Versuch denkbar, so daß die Tathandlung im

Versuchsstadium steckenbleibt, aber ein qualifizierender Erfolg in tatbestandsspezifischer

Weise eintritt. 114

Nach herrschender Auffassung ist sogar dann noch ein Rücktritt vom Versuch möglich, wenn

die Erfolgsqualifikation bereits verwirklicht ist. 115 Nach dem Wortlaut des § 24 kann der Täter

106 Bayer in Schlüchter, BoErl, § 306 b n. F. Rn. 3; Cramer in Schönke/Schröder, § 330 Rn. 4

107 So Tröndle, § 330 Rn. 4

108 Bayer in Schlüchter, BoErl, § 306 b n. F. Rn. 3

109 So Stein in Dencker/Struensee/Nelles/Stein, 4. Teil, Rn. 63

110 So Wolters, JZ 1998, 274

111 Hörnle, Jura 1998, 182; Rengier, JuS 1998, 399; Stein in Dencker/Struensee/Nelles/Stein, 4. Teil, Rn. 64

112 BT-Dr. 13/8587, S. 70

113 Beispiel: Der Täter hofft, daß ein Mensch bei einer Brandstiftung eine schwere Körperverletzung erleidet.

Dieser kann jedoch unversehrt den Flammen entfliehen.

114 Beispiel: Der Täter begießt ein Gebäude mit Benzin, um es in Brand zu setzen. Da das Gebäude mit brandsicheren

Materialien erstellt wurde, fängt es kein Feuer. Ein Passant erleidet durch das brennende Benzin aber

eine schwere Körperverletzung.

Oliver Gehse


C. Die reformierten Tatbestände im einzelnen

20

vom versuchten Grunddelikt stets strafbefreiend zurücktreten, so daß bei einen Rücktritt auch

der erforderliche Anknüpfungspunkt für die Qualifikation wegfällt. Wendet man den § 24

nicht an, nur weil bereits die schwere Folge der Tat eingetreten ist, verstößt man gegen das

Gesetzlichkeitsprinzip des Art. 103 II GG. Um unbefriedigende Ergebnisse zu vermeiden,

bedarf es daher eine Gesetzesänderung. 116

2. Die Qualifikationen des § 306 b II n. F./§ 307 Nr. 2,3 a. F.

Während § 306 b I in Anlehnung an die Umweltschutzdelikte neu in seiner Form entstanden

ist, korrespondieren die § 306 b II n. F. und § 307 Nr. 2,3 a. F. schon eher miteinander.

a) Gefahr des Todes eines Menschen

In § 306 b II Nr. 2 tritt ein neuer Qualifikationstatbestand für den Fall hinzu, daß der Täter

durch Verwirklichung einer Brandstiftung nach § 306 a einen Menschen in die konkrete Gefahr

des Todes bringt.

Mit Schaffung dieses Tatbestandes, der mit mindestens fünf Jahren Freiheitsstrafe bedroht ist,

bringt der Gesetzgeber unmißverständlich seinen Willen zum Ausdruck, die körperliche Unversehrtheit

des Menschen noch umfassender zu schützen.

Umstritten bleibt, ob hinsichtlich der konkreten Todesgefahr für einen Menschen ebenfalls

Vorsatz notwendig ist oder diesbezüglich nach § 18 Fahrlässigkeit ausreicht.

Wer letztere Ansicht vertritt 117 , verkennt den Willen des Gesetzgebers, der ausdrücklich hinsichtlich

der Gefährdung mindestens bedingten Vorsatz verlangte. 118 Zudem kann in der bloßen

Herbeiführung einer Gefahr noch keine strafschärfende Folge im Sinne des § 18 gesehen

werden, sondern lediglich die Vorstufe einer möglichen Folge 119 , so daß eine Anwendung des

§ 18 auch gegen dessen Wortlaut verstieße.

b) Straftatermöglichungs- oder Straftatverdeckungsabsicht

Diese Qualifikation begründet ihre Strafschärfung durch die besonderen Motive des Täters.

Sie hat ihre Wurzeln bereits im alten deutschen Recht, als besonders in Zeiten des dreißigjährigen

Krieges bewaffnete Banden während ihrer Raubzüge ganze Städte und Dörfer in Flammen

aufgehen ließen. 120 Auch hier lag ein Grund für die harte Bestrafung der Brandstiftung

nach Art. 125 CCC mit dem Feuertod.

Während der bisherige § 307 Nr.2 lediglich auf die Absicht des Täters abstellte, die Tat zur

Begehung eines Mordes, Raubes, eines räuberischen Diebstahls oder einer räuberischen Erpressung

auszunutzen, nimmt nun § 306 b II Nr.2 die Mordmerkmale der dritten Gruppe auf.

Der § 307 Nr.2 a. F. war in seiner bisherigen Formulierung problematisch:

Fraglich war, ob auch dann der Täter den Brand zu einem Mord ausnutzte, wenn der Brand

selbst den Tod durch Verbrennung bewirken sollte. Während die Rechtsprechung und ein Teil

der Literatur den Brand auch aus kriminalpolitischen Gründen als Tötungsmittel anerkann-

115 (Zu § 251:) BGHSt. 42, 160; Eser in Schönke/Schröder, § 24 Rn. 26; Lackner/Kühl, § 24 Rn. 22; a.A.

Tröndle, § 18 Rn. 4

116 BGHSt 42, 160

117 Wolters, JR 1998, 274

118 BT-Dr. 13/8587, S. 49

119 BGHSt 26, 180

120 Cramer, Jura 1995, 347

Oliver Gehse


C. Die reformierten Tatbestände im einzelnen

21

te 121 , während eine Mindermeinung eine Strafbarkeit nach § 307 Nr. 2 nur dann bejahte, wenn

die Brandstiftung zeitlich eine Vortat und der Mord eine Nachtat gewesen sei, weil nur dann

die Brandstiftung zu einem Mord ausgenutzt werden könnte. Jede andere Auslegung sei eine

unzulässige Analogie gewesen. 122

Dennoch wurde von Vertretern beider Ansichten stets ein enger zeitlicher und räumlicher

Zusammenhang zwischen der Brandstiftung und der geplanten Anschlußtat gefordert. Der

Täter mußte die überraschende, verwirrte Situation des Brandes ausnutzen wollen, da das Opfer

dann weniger geschützt sei, um die Anschlußtat zu begehen.

Ebenso strittig war die Frage, ob der Täter hinsichtlich der Anschlußtat Absicht im Sinne des

Dolus directus 1. Grades haben mußte 123 oder nur hinsichtlich der Lage, in der er den Brand

zur Begehung der Anschlußtat ausnutzen konnte. 124

Nach der Neufassung sind einige dieser Auslegungsprobleme beseitigt. Das Merkmal Ermöglichen

ist schon vom Wortlaut her weiter auszulegen als Ausnutzen. Das Gesetz verlangt nun

nicht mehr eine Folgestraftat, die der Täter unter Ausnutzung einer Verwirrung oder momentanen

Schwäche des Opfers durchführt. 125

Handelt der Täter in der Absicht, auch nur irgendeine Straftat zu verdecken oder zu ermöglichen,

so ist diese allein auf die subjektiven Motive des Täters abstellende Qualifikation erfüllt.

Es kommt überhaupt nicht darauf an, ob der Täter seine Verdeckungs- oder Ermöglichungsabsicht

objektiv konkretisierte. Somit wird der Strafrechtsschutz wesentlich erweitert.

Ungeklärt bleibt aber weiterhin, ob sich die Absicht des Täters auf die Straftat, die er begehen

oder verdecken will richten muß, oder nur auf die Herstellung einer konkreten Lage, in der

dieses möglich ist.

Leider hat es hier der Gesetzgeber versäumt, im Rahmen der Reformgesetzgebung den unterschiedlichen

Meinungsstand zu beseitigen.

Jedoch ist der Strafrahmen von bisher lebenslanger Freiheitsstrafe oder einer Mindestfreiheitsstrafe

von 10 Jahren nun auf eine Mindestfreiheitsstrafe von 5 Jahren deutlich abgesenkt

worden.

Die Herabsetzung begründet sich durch die wesentlich weitere Fassung der Vorschrift, aber

auch durch die vom 6. StrRG angestrebte Strafrahmenharmonisierung.

Der Gesetzgeber sah ein Mißverhältnis zwischen dieser Variante der besonders schweren

Brandstiftung und den ebenfalls mit mindestens zehn Jahren Freiheitsstrafe bedrohten Tatbeständen

des sexuellen Mißbrauches von Kindern mit Todesfolge gem. § 176 b und der sexuellen

Nötigung und Vergewaltigung gem. § 178. 126

Diese Entscheidung ist durchaus richtig, schließlich muß dem Richter, wenn ein Tatbestand

erheblich erweitert wird, auch ein größerer Spielraum hinsichtlich der Strafzumessung eingeräumt

werden.

c) Verhinderung oder Erschweren des Löschens

Während § 307 Nr. 3 a. F. auf die nachteilige Einwirkung von Löschgeräten in Form des Unbrauchbarmachens

oder Entfernens abgestellt hat, bedroht die korrespondierende Qualifikati-

121 BGHSt 20, 247; 40, 107; Geppert, Jura 1989, 477; Wolff in LK-StGB, § 307 a. F. Rn. 5; Cramer in Schönke/Schröder,

§ 307 a. F.; Tröndle, § 307 a. F. Rn. 4; Wessels, BT 1, Rn. 935

122 Horn in SK-StGB, § 307 a. F. Rn. 10; Arzt/Weber, LH 2, Rn. 169

123 Geppert, Jura 1989, 476; Horn in SK-StGB, § 307 a. F. Rn. 10

124 BGHSt 40, 108

125 Stein in Dencker/Struensee/Nelles/Stein, 4. Teil, Rn. 67

126 BT-Dr. 13/8587, S. 49

Oliver Gehse


C. Die reformierten Tatbestände im einzelnen

22

on § 306 II Nr. 3 nach Erlaß des 6. StrRG allgemein das Verhindern oder Erschweren des

Löschens des Brandes mit erhöhtem Strafrahmen. Somit ist nun auch die Behinderung oder

Ausschaltung von Löschmannschaften durch den Täter strafbar. Erforderlich ist aber nach der

n. F., daß es tatsächlich zu einer Verhinderung oder einem Erschweren des Löschens gekommen

ist, während nach der a. F. der Täter eine darauf hin gezielte Absicht haben mußte, die

neben dem Vorsatz hinsichtlich der Tathandlung im subjektiven Tatbestand zu prüfen war.

Erhalten blieb die zweiaktige Natur des Delikts. Der Täter muß also sowohl die schwere

Brandstiftung als auch zusätzlich die das Löschen beeinträchtigende Handlung vorsätzlich

durchführen. 127

Ebenso wie in § 306 b II Nr. 2 wurde aus den bereits ausgeführten Erwägungen der Strafrahmen

abgesenkt.

d) Konkurrenzen

Umstritten ist die Frage, ob die mehrfache Erfüllung der einzelnen Qualifikationstatbestandsvoraussetzungen

in § 306 a II zu lediglich einer schweren Brandstiftung führt 128 oder sie in

Tateinheit nach § 52 I treten läßt. 129

Betrachtet man sie von der Rechtsfolgenseite her, so ist sie rein akademischer Natur und kann

demnach völlig offen bleiben.

IV. Brandstiftung mit Todesfolge nach § 306 c n. F./ § 307 Nr.1 a. F.

Der Gesetzgeber hat mit Erlaß des 6. StrRG für die Brandstiftung mit Todesfolge in § 306 c

einen redaktionell eigenen Qualifikationstatbestand geschaffen.

Kam bislang ein Mensch durch die Brandstiftung zu Tode, war dieses nur vom Tatbestand des

§ 307 Nr.1 a. F. erfaßt, wenn sich das Opfer tatsächlich zur Zeit der Tat in den in Brand gesetzten

Räumlichkeiten befand. Eine Strafbarkeitslücke trat immer dann auf, wenn ein erst zu

Löschungs- oder Rettungsversuchen hinzugekommener Mensch bei den Arbeiten zu Tode

gekommen war. 130 Allenfalls kam noch eine Strafbarkeit nach §§ 222, 226 a. F. wegen fahrlässiger

Tötung oder Körperverletzung mit Todesfolge in Betracht, deren Strafrahmen aber

erheblich niedriger sind.

Nun reicht allein aus, daß die Brandstiftung für den Tod eines Menschen kausal geworden ist.

Brände werden von den Menschen nicht ignoriert, sondern rufen, sobald sie bemerkt werden,

die Feuerwehr und andere Rettungswillige auf den Plan. Durch die weitergehende Formulierung

sollen auch die Menschen besonders geschützt werden, die typischerweise sich den damit

verbundenen Gefahren für das eigene Leben zumeist freiwillig aussetzen. Daher muß

auch der Tatbestand dann bejaht werden, wenn ein Mensch durch den Brand zu Tode kommt,

der in der beschriebenen Absicht erst nach der Brandstiftung die betroffenen Räumlichkeiten

betritt oder sich in ihrer Nähe aufhält. 131

Allerdings muß dem Täter nun hinsichtlich der schweren Folge der Tat wenigstens Leichtfertigkeit

zur Last fallen, während bisher einfache Fahrlässigkeit gem. § 18 ausreichte.

127 Horn in SK-StGB, § 307 a. F. Rn. 15

128 So Wolff in LK-StGB, § 307 a. F. Rn. 9; Cramer in Schönke/Schröder, § 307 a. F. Rn. 11

129 So Tröndle, § 307 a. F. Rn. 1

130 BGHSt 39, 322; Cramer in Schönke/Schröder, § 307 a. F. Rn.4; Tröndle, § 307 a. F. Rn. 3; Horn in SK-

StGB, § 307 a. F. Rn. 4

131 Hörnle, Jura 1998, 182; zweifelnd Wolters, JR 1998, 274

Oliver Gehse


C. Die reformierten Tatbestände im einzelnen

23

Leichtfertigkeit ist eine gesteigerte Form der Fahrlässigkeit. Durch die Hinzufügung des

Wortes „wenigstens“ entfällt der bisher stets geführte Streit, ob auch vorsätzliches Handeln

bezüglich der Tatfolge den Tatbestand erfüllte.

Der relativ hohe Strafrahmen von lebenslanger Freiheitsstrafe oder Freiheitsstrafe nicht unter

10 Jahren entspricht dem ähnlicher Tatbestände, die hinsichtlich der Tatfolge den durch wenigstens

leichtfertiges Handels des Täters verursachten Tod eines Menschen verlangen, z. B.

§§ 251, 307 III n. F., 308 III n. F., 309 IV n. F., 316 a III n. F., 316 c III n. F.

V. Fahrlässige Brandstiftung nach § 306 d n. F./§ 309 a. F.

Durch die Neufassung der Vorsatztatbestände bedingt wurde auch eine redaktionelle Überarbeitung

der Fahrlässigkeitstatbestände notwendig.

Die fahrlässige Begehung der §§ 306 I n. F. und 306 a I n. F. wird nun gem. § 306 d I n. F.

mit bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe oder Geldstrafe bestraft, während bisher eine Abstufung

des Strafrahmens danach ausgerichtet war, ob ein Mensch durch den Brand zu Tode gekommen

ist. Der neue Strafrahmen schließt auch die fahrlässige Verursachung des Todes eines

Menschen ein. 132

Dem Richter wird mit der Neufassung mehr Spielraum bei der Strafzumessung eingeräumt.

Hingegen besteht § 306 a II n. F. aus einem Handlungs- und einem Gefährdungserfolg.

Wie bereits gezeigt ist hinsichtlich des Gefährdungserfolges § 18 nicht anzuwenden.

Verwirklicht der Täter die Tathandlung vorsätzlich, handelt aber hinsichtlich Gefährdung der

Gesundheit eines Menschen nur fahrlässig (sog. Vorsatz-Fahrlässigkeits-Kombination) 133 , so

droht § 306 d I n. F. eine Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe an, während bei

fahrlässiger Handlungsbegehung und Herbeiführung des Gefährdungserfolges nach § 306 d II

n. F. eine Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe möglich ist (sog. Fahrlässigkeits-

Fahrlässigkeits-Kombination).

Eine ähnliche Abstufung nahm bereits vor dem 6. StrRG der § 315 c III vor, an den der neue

§ 306 d angelehnt scheint. Es wird kritisiert, daß eine solche als sachgerecht empfundene Abstufung

zwischen Vorsatz und Fahrlässigkeit hinsichtlich Tathandlung und Gefährdung auch

beim Tatbestand der besonders schweren Brandstiftung nach § 306 b n. F. notwendig gewesen

sei. 134 Diese ist hingegen auch nicht notwendig. Wer durch eine fahrlässige Brandstiftung

den Tod eines Menschen verursacht, macht sich in jedem Falle nach § 306 d strafbar.

Der taterschwerende Erfolg kann dann immer noch bei Bemessung des Strafrahmens berücksichtigt

werden, der bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe beträgt.

Eine Androhung von mehr als fünf Jahren Freiheitsstrafe widerspräche zudem der Systematik

des Gesetzes, welches grundsätzlich für fahrlässig begangene Tötungsdelikte, z. B. auch

§ 222 eine Höchstfreiheitsstrafe von fünf Jahren in Aussicht stellt.

Somit wird das Strafbedürfnis auch bei einer denkbaren Konstruktion einer fahrlässigen besonders

schweren Brandstiftung erfüllt.

132 BT-Dr. 13/8587, S. 49

133 Es bleibt aber dennoch gem. § 11 II bei einem Vorsatzdelikt, so daß eine Teilnahme möglich ist.

134 Wolters, JR 1998, 274

Oliver Gehse


C. Die reformierten Tatbestände im einzelnen

24

VI. Herbeiführen einer Brandgefahr nach § 306 f n. F./§ 310 a a. F.

Die Neufassung dieses Brandstiftungsdeliktes soll den bisher sehr unstrukturiert wirkenden

Tatbestand des Herbeiführens einer Brandgefahr übersichtlicher erscheinen lassen. 135

Der Tatbestand des § 310 a a. F. ist im Jahre 1935 im Gegensatz zu den anderen Brandstiftungsdelikten

erst relativ spät aufgenommen worden und schützte zunächst nur Wald, Heide

und Moore, weil im Jahr 1934 zahlreiche Waldbrände ausgebrochen waren. Die bis zum Inkrafttreten

des 6. StrRG geltende Fassung wurde 1969 formuliert. 136

1. Geschützte Rechtsgüter

Der Schutzzweck des bisherigen § 310 a war nicht eindeutig geklärt.

Während teilweise vertreten wurde, der Tatbestand schütze wie die übrigen Brandstiftungsdelikte

die Allgemeinheit vor den typischerweise auftretenden Gefahren eines Brandes für

Leben, Gesundheit und Eigentum mit der Folge, die Strafbarkeit einer Gefährdung eines tätereigenen

Objektes richte sich danach, ob das Verhalten auch bei Verursachung eines Branderfolges

strafbar wäre 137 , trug man andererseits vor, für die Volkswirtschaft wichtige Güter

seien insbesondere das Schutzgut, so daß es gleich war, in wessen Eigentum das in Brand

gesetzte Objekt stand. 138

Durch die Neufassung der Vorschrift gehört nun dieser Streit der Vergangenheit an, bestärkt

jedoch nachträglich die Auffassung, daß nicht die volkswirtschaftlich wichtigen Güter Schutzobjekte

des Tatbestandes sein sollten.

Der Tatbestand schützt als Vorfeldtatbestand die Rechtsgüter Leben und Gesundheit von

Menschen sowie fremdes Eigentum vor einer von einem Menschen vorsätzlich oder fahrlässig

heraufbeschworenen Brandgefahr. 139 Um diese unterschiedlichen Schutzzwecke auch redaktionell

voneinander abzuheben, wurden mit Erlaß des 6. StrRG ein den ausschließlich fremdes

Eigentum schützender § 306 f I n. F. und ein Leib und Leben von Menschen und fremder Sachen

von bedeutendem Wert schützender § 306 f II n. F. geschaffen, denen ein entsprechender

Fahrlässigkeitstatbestand in § 306 f III n. F. beisteht.

2. Tatobjekte

Der Katalog der tauglichen Tatobjekte wurde in § 306 f I im Vergleich zu § 310 a I wesentlich

vereinfacht. Inhaltlich bleibt er jedoch fast unverändert, nur in § 306 f I Nr.4 wird er um

leicht entzündliche auf Feldern lagernde Erzeugnisse der Landwirtschaft erweitert.

Eine Strafbarkeit nach § 306 f I kommt aber nur dann in Betracht, wenn das Tatobjekt täterfremd

ist.

3. Tathandlung

Erforderliche Tathandlung ist in allen drei Varianten des § 306 f, daß der eines der Schutzobjekte

objektiv in konkrete Brandgefahr bringt. 140 Es ist gleichgültig, auf welche Weise diese

135 Bayer in Schlüchter, BoErl, § 306 f n. F. Rn. 1

136 Wolff in LK-StGB, § 310 a Entstehungsgeschichte

137 Cramer in Schönke/Schröder, § 310 a a. F. Rn.1; Horn in SK-StGB, § 310 a a. F. Rn.3

138 Wolff in LK-StGB, § 310 a a. F. Rn. 5; Lackner/Kühl, § 310 a a. F. Rn. 1; Haft, BT, S. 264

139 Horn in SK-StGB, § 310 a a. F. Rn.2

140 Cramer in Schönke/Schröder, § 310 a a. F. Rn. 2; Horn in SK-StGB, § 310 a a. F. Rn. 4; Wolff in LK-

StGB, § 310 a a. F. Rn. 1; Blei, BT II, S .341

Oliver Gehse


C. Die reformierten Tatbestände im einzelnen

25

Herbeiführung erfolgt. Die Aufzählung der Möglichkeiten in § 306 f I ist lediglich beispielhaft

und dient der Konkretisierung der Norm. 141

4. Strafbarkeit nach § 306 f II n. F.

Wie bereits gezeigt ist § 306 f II kein qualifizierter Sachbeschädigungstatbestand, sondern ein

konkretes Gefährdungsdelikt.

Die Eigentumsverhältnisses der In Brandgefahr versetzten Sache sind unerheblich. 142

Eine Strafbarkeit setzt zudem voraus, daß eine konkrete Gefährdung von Leib und Leben anderer

Menschen oder fremden Sachen bedeutenden Wertes besteht.

Darauf muß sich auch der Vorsatz beziehen.

5. Fahrlässige Begehungsweise

Nach § 306 f III n. F. ist die Herbeiführung einer Brandgefahr auch bei fahrlässiger Begehungsweise

strafbar. Während der Täter sich bzgl. Absatz 1 mit fahrlässiger Herbeiführung

der Gefährdung der fremden Tatobjekte strafbar macht, ist er bzgl. Absatz 2 nur strafbar,

wenn er vorsätzlich Sache in Brandgefahr bringt und dadurch fahrlässig einen anderen Menschen

oder eine fremde Sachen bedeutenden Wertes gefährdet (sog. Vorsatz-Fahrlässigkeits-

Kombination).

Versetzt der Täter nur fahrlässig eine Sache im Sinne des Abs. 2 in Brandgefahr und verursacht

dadurch fahrlässig eine Gefahr für Leib, Leben oder fremde Sachen von bedeutendem

Wert, so bleibt er im Gegensatz zur alten Fassung nach § 306 f III n. F. straflos (sog. Fahrlässigkeits-Fahrlässigkeits-Kombination).

6. Konkurrenzen

Ist über die Gefährdung hinaus ein Brand entstanden, so wird § 306 f I n. F. von § 306 I und

§ 306 f II n. F. von den übrigen Tatbeständen verdrängt. 143

VII. Tätige Reue nach § 306 e n. F./§ 310 a. F.

Eine der beiden möglichen Tathandlungen der § 306 ff. stellt das Inbrandsetzen dar. Da der

Täter diese Tathandlung bereits schon relativ früh vollendet und somit dem Täter ein Rücktritt

nach § 24 I versperrt wird, bietet das Gesetz dem Täter speziell auf die Brandstiftung bezogene

Regelungen der tätigen Reue.

Die neue Formulierung ist abgestimmt auf den § 330 b, der eine ähnliche Regelung für den

Bereich gewisser Umweltdelikte trifft.

Ursprünglich wollte der Reformgesetzgeber eine für alle gemeingefährlichen Straftaten des

achtundzwanzigsten Abschnittes einheitliche Vorschrift zur tätigen Reue einbringen 144 , jedoch

wurde diese Idee hinsichtlich der Brandstiftungsdelikte kritisiert und verworfen, um zu große

141 Bayer in Schlüchter, BoErl – StGB § 306 f n. F. Rn. 7

142 Stein in Dencker/Struensee/Nelles/Stein, 4. Teil, Rn. 107; Rengier, BT 2, § 40 Rn. 34

143 Cramer in Schönke/Schröder, § 310 a a. F. Rn. 4

144 BT-Dr. 13/8587, S. 14, 47

Oliver Gehse


C. Die reformierten Tatbestände im einzelnen

26

Unübersichtlichkeit der Vorschrift zu vermeiden und fehlerhafte Rechtsanwendung in erhöhtem

Maße auszuschließen. 145

Die gemeinsame Vorschrift sollte als § 320 n. F. erlassen werden, der aber nach Erlaß des

6. StrRG jetzt immerhin für die §§ 315, 315 b, 316 c, 318 und 319 einen einheitlichen Tatbestand

der tätigen Reue darstellt.

1. Anwendungsbereich des tätigen Reue

Solange sich die Tat noch im Versuchsstadium befindet, ist noch kein Raum für die Anwendung

für § 306 e n. F., sondern gilt ausschließlich die allgemeine Rücktrittsregelung nach

§ 24. 146

Insbesondere muß hierbei auch die Möglichkeit des Täters bedacht werden, auch beim erfolgsqualifizierten

Versuch trotz Eintritt des qualifizierenden Erfolges noch vom Grunddelikt

strafbefreiend zurückzutreten. 147

Bisher wurde dem Täter Straffreiheit hinsichtlich eines Brandstiftungsdelikts zugestanden,

wenn der den Brand gelöscht hatte, bevor derselbe entdeckt und ein weiterer als der durch die

bloße Inbrandsetzung bewirkte Schaden entstanden war.

Diese Formulierung stammte aus dem Jahre 1935 und wurde gegenüber der älteren Formulierung,

die als Rechtsfolge grundsätzliche Straflosigkeit vorsah, um klarzustellen, daß sich die

Straffreiheit nur auf die Brandstiftungsdelikte der §§ 306 – 309 a. F. beziehen sollte, nicht

aber hinsichtlich des Herbeiführens einer Brandgefahr nach § 310 a a. F. oder eines sonstigen

Deliktes. 148

Dem wurde bisher z. T. mit dem Argument widersprochen, daß die durch § 306 f. n. F./310 a

a. F. geschützten Rechtsgüter eigentlich auch die gleichen seien wie die der Brandstiftungsdelikte

und somit die tätige Reue auch für das Herbeiführen einer Brandgefahr gelte. 149

Durch die Neufassung hat der Reformgesetzgeber die Möglichkeit der tätigen Reue ausdrücklich

auf die §§ 306 – 306 b, 306 d n. F. reduziert und somit letzte Zweifel beseitigt.

Fast einhellig wurde auch bisher angenommen, daß eine Strafhaftung nach § 303 ff. auch

fortbestehen sollte, selbst wenn der Täter in den Genuß der tätigen Reue gelangte. 150

Während das Schutzgut der §§ 303 ff. ausschließlich fremdes Eigentum darstellt, schützten

die §§ 306 – 310 a. F. in erster Linie das Leben und die körperliche Unversehrtheit von Menschen

vor den Gefahren eines Brandes 151 .

Mit der Neufassung liefert der Wortlaut des § 306 f. n. F. mit dem ausschließlichen Verweis

auf §§ 306, 306 a, 306 b, 306 d n. F. eine eindeutige Lösung.

2. Tathandlung

Um in den Genuß des § 310 a. F. zu gelangen, mußte der Täter den Brand gelöscht haben,

bevor dieser entdeckt wurde. Somit ergaben sich immer dann Abgrenzungsprobleme, wenn

145 BT-Dr. 13/8587, S. 87

146 Stein in Denker/Struensee/Nelles/Stein, 4. Teil, Rn. 99

147 BGHSt 42, 159, 160

148 BGHSt 39, 130; BGH StV 1994, 18; Wolff in LK-StGB, § 310 a. F. Vor Rn. 1; Gropengießer, StV 1994,

21; Tröndle, § 310 a. F. Rn. 5;

149 Cramer in Schönke/Schröder, § 310 a a. F. Rn. 4; Vogler in Festschrift f. Bockelmann, S. 728

150 So Cramer in Schönke/Schröder, § 310 a a. F. Rn. 9; Horn in SK-StGB, § 310 a. F. Rn. 9; a.A. RGSt 57,

296

151 Geppert, Jura 1989, 482

Oliver Gehse


C. Die reformierten Tatbestände im einzelnen

27

der Täter sich unbeobachtet fühlend den Brand löschte, obwohl er in Wahrheit bereits von

unbeteiligten Dritten beobachtet wurde. Während vorgeschlagen wurde, die Voraussetzungen

der Norm zur Vermeidung unbilliger Härten auszudehnen 152 , setzte die Rechtsprechung eher

auf den Wortlaut und lehnte in einem solchen Fall eine Straffreiheit ab. 153

Nach der Neufassung ist der Zeitpunkt des Entdeckens des Brandes durch andere unerheblich.

Dagegen nimmt der § 306 e n. F. das Kriterium der Freiwilligkeit des Brandlöschens auf, d. h.

der Täter darf nicht durch eine objektive äußere Zwangslage zum Löschen bewegt worden

sein.

Die tätige Reue stellt also nun auf die subjektive Tätersicht ab und lehnt sich eng an die

Rücktrittsregelung des § 24 I an 154 , was auch durch die Formulierung des § 306 e III n. F. bezugnehmend

auf § 24 I S.2 zusätzlich verdeutlicht wird.

Während nach der a. F. höchstens der durch die bloße Inbrandsetzung bewirkte Schaden entstanden

sein durfte und somit jeder Werteverlust, der darauf zurückzuführen war, daß das

Feuer einen erheblich größeres Ausmaß erreicht hatte, als es zum selbständigen Weiterbrennen

erforderlich war, zur Nichtanwendbarkeit des § 310 a. F. führte 155 , reicht es nach der n. F.

noch aus, daß ein erheblicher Schaden noch nicht entstanden ist.

Als Schäden müssen sowohl Sach- als auch Personenschäden angesehen werden. 156

Es wird gefordert, die Anwendungsbereich des § 306 e großzügig auszulegen und angesichts

der Erheblichkeit des entstandenen Schadens auf die Maßstäbe des § 330 b abzustellen.

Bei Personenschäden ist fraglich, ob die verletzte Person eine einfache Körperverletzung 157

oder eine gefährliche Körperverletzung 158 erlitten haben muß. Gerade im Hinblick auf den

unbedingten Schutz der menschlichen Integrität durch das Strafrecht sollte jedoch hier die

Grenze eines erheblichen Schadens nicht erst mit der Verwirklichung einer gefährlichen Körperverletzung

gezogen werden. Bezüglich der Sachschäden von bedeutendem Wert bestehen

eine Vielzahl recht unterschiedlicher Ansichten aus Rechtsprechung und Literatur, die für

einen erheblichen Schaden einen Wert von 500 bis 2000 DM ausmachen. 159 Es scheint sinnvoll,

sich hinsichtlich der Höhe des finanziellen Schadens an den gefestigten Maßstab des

§ 315 c I anzulehnen („Sachen von bedeutendem Wert“), so daß die Grenze bei ca.1200 DM

zu ziehen ist. 160

In jedem Fall aber läßt die neue Regelung dem Täter einen weiter umfaßten Spielraum als

bisher, noch in dem Genuß des für ihn günstigeren Anwendungsbereich der tätigen Reue zu

gelangen.

Die Idee, dem Täter durch Eröffnung von Rücktrittsmöglichkeiten „goldene Brücken“ zu

bauen, konkretisiert sich nun zu Recht auch im Brandstiftungsrecht in verstärkterem Maße als

bisher in Anbetracht der Tatsache, daß ein Rücktritt nach § 24 I bereits durch die sehr frühe

Vollendung der Tathandlung ausgeschlossen wird.

152 Otto, BT, S. 371; Cramer in Schönke/Schröder, § 310 a. F. Rn. 3; Maurach/Schroeder/Maiwald, BT, § 51

V 3; Arzt/Weber, LH 2, Rn. 186

153 RGSt 1, 377

154 Rengier, JuS 1998, 401; Wolters, JR 1998, 275

155 OLG Hamburg NJW 1953, 117

156 Wolff in LK-StGB, § 310 a. F. Rn.4; Cramer in Schönke/Schröder, § 310 a. F. Nr. 4b

157 Steindorf in LK-StGB, § 330 b Rn. 5

158 Rengier, JuS 1998, 401

159 Zur Veranschaulichung OLG Düsseldorf, VerkMitt 1976, 32; OLG Celle MDR 1975, 94; Horn in SK-

StGB, Vor § 306 a. F. Rn. 11

160 Rengier, JuS 1998, 401

Oliver Gehse


D. Abschließende Stellungnahme

28

3. Rechtsfolge der tätigen Reue

Die Rechtsfolge der Anwendung des § 310 a. F. lautete eindeutig Straffreiheit wegen eines

Brandstiftungsdelikts. Dagegen beschränkt sich der § 306 e n. F. auf eine fakultative Milderung

der Strafe oder Straffreiheit bei vorsätzlicher Tatbegehung, garantiert aber weiterhin

Straffreiheit bei lediglich fahrlässiger Tatbegehung. Dem Gericht werden dabei bei Bemessung

einer Strafe in weitem Maße Abwägungsmöglichkeiten anheim gegeben, die bei einer

Ausdehnung des Tatbestandsbereiches des § 306 e n. F. über den eng begrenzten § 310 a. F.

hinaus auch notwendig sind. Schließlich können so durch Milderung der Strafe die sehr hohen

Mindeststrafen, die alle betroffenen Tatbestände androhen, deutlich abgesenkt werden, was

ein Gericht vielleicht eher ermuntern könnte, den Anwendungsbereich der tätigen Reue zu

bejahen. Somit kann durch die Neufassung das Bemühen des Täters zur Vermeidung des Taterfolges

nach vollendeter Tathandlung gerechter bewertet werden.

Die Differenzierung hinsichtlich vorsätzlicher und fahrlässiger Tatbegehung ist durchaus

sinnvoll, da nun eine bisher fehlende Abstufung je nach Gefährlichkeit der Tat verdeutlicht

wird. 161

D. Abschließende Stellungnahme

Dem Gesetzgeber ist es gelungen, durch Erlaß des 6. StrRG nach über einhundert Jahren dauernden

Worten der Kritik und immer wieder verworfenen Reformvorschlägen den Bereich der

Brandstiftungsdelikte grundlegend zu reformieren. Allein dieser Ansatz ist an sich schon einmal

positiv zu bewerten. Jedoch muß sich der Inhalt der Reform auch an seinem eigenen Anspruch

messen lassen dürfen.

Zunächst einmal sollten die Tatbestände an den heutigen Sprachgebrauch angepaßt werden

und allgemein sprachlich übersichtlicher werden.

Waren noch die Tatobjekte des § 308 a. F. an einer Wirtschaftsordnung des 19. Jahrhunderts

orientiert, so hat man sie vom Sprachgebrauch her und hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Bedeutung

auf die heutige Zeit angepaßt.

Auch im Tatbestand der Herbeiführung einer Brandgefahr gelang es dem Gesetzgeber, durch

eine rein sprachliche Neufassung mehr Übersicht zu verschaffen.

Endlich wurde der berechtigten Forderung nachgegangen, den ein Sachbeschädigungsdelikt

und ein abstraktes Gefährdungsdelikt umfassenden Tatbestand des § 308 I a. F. zu entzerren.

Für den weniger kundigen Gesetzestextleser scheint es aber immer noch so, als sei der Tatbestand

der Brandstiftung nach § 306 n. F. der Grundtatbestand der Brandstiftungsdelikte, zumal

auch die Numinklatur der folgenden Paragraphen mit Kleinbuchstaben diesen Eindruck

untermauern könnte. Sicherlich wäre eine deutlichere Abgrenzung wünschenswerter gewesen.

Leider sind ist der Tatbestand der fahrlässigen Brandstiftung (§ 306 d n. F.) im Gegensatz zu

seinem Vorgänger (§ 309 a. F.) in seiner Lesart wesentlich komplizierter geworden. Im § 306

d n. F. sind die Fahrlässigkeitstatbestände zu einem Sachbeschädigungsdelikt (§ 306 n. F.),

einem abstrakten (§ 306 a I n. F.) und einem konkreten Gefährdungsdelikt (§ 306 a II n. F.)

zusammengefaßt. Wesentlich übersichtlicher wäre es, den entsprechenden Fahrlässigkeitstatbestand

unmittelbar im Anschluß an den Vorsatztatbestand des betreffenden Deliktes zu re-

161 Bayer in Schlüchter, BoErl, § 306 e n. F. Rn. 6

Oliver Gehse


D. Abschließende Stellungnahme

29

geln und nicht in einer zentralen Norm, zumal es „die“ fahrlässige Brandstiftung wegen der

einzelnen Abstufungen von Tathandlung und qualifizierendem Erfolg nicht gibt.

Einer der Erfolge der Reform war zudem auch die Erweiterung der möglichen Tathandlungen

über das Inbrandsetzen hinaus, eine beachtliche ungewollte Strafbarkeitslücke wurde nun geschlossen,

nicht ohne auch sinnvolle Gedanken alter DDR – Strafgesetzgebung mitaufzunehmen.

Der Gesetzgeber hat klar der immer wieder geforderten Aushöhlung der Charakter abstrakter

Gefährdungsdelikte widersprochen, indem er auf eine Ausschlußklausel, wie sie auch der Alternativentwurf

von 1971 vorsah und mehrfach von Teilen der Literatur gefordert wurde, verzichtet

hat. Mag es für den Täter in Extremfällen noch so ungerecht erscheinen, nach einer

Norm bestraft zu werden, deren geschütztes Rechtsgut Leben und körperliche Unversehrtheit

von Menschen ist, obwohl er diese nicht gefährden konnte und wollte, er ist nicht gezwungen,

den Tatbestand zu verwirklichen. Außergewöhnliche Umstände können immer noch bei der

Strafzumessung berücksichtigt werden. Auch ein minderschwerer Fall der schweren Brandstiftung

ist schließlich vorgesehen.

Ein großer Fortschritt der Reform ist die Einführung eines konkreten Gesundheitsgefährdungsdeliktes

in § 306 a II n. F. anstelle des bisher so unübersichtlichen § 308 2. Var. a. F.

neben einem weiterhin bestehenden abstrakten Gefährdungsdelikt. So sind die Grundgedanken

des Bundestagsentwurfes von 1962 dennoch verwirklicht worden.

Im Gegenzug zur Erweiterung der Tatobjekte und Tathandlungen ist es richtig, den angedrohten

Strafrahmen zu erweitern und die Mindeststrafen teilweise zu senken. Der Richter

muß im Hinblick auf die unterschiedlichsten denkbaren Fallkonstellationen einen größeren

Ermessensspielraum zur Verfügung haben.

Dem angestrebten Ziel einer Strafrahmenharmonisierung wurde die Reform im Bereich der

Brandstiftungsdelikte aber nur bedingt gerecht:

Der Gesetzgeber hat sich aber im Hinblick auf die einzelnen Vorsatz-Fahrlässigkeits-

Kombinationen mit seinen unterschiedlichen Strafandrohungen in der Höhe nicht an die Vorgaben

der §§ 315 b, 315c gehalten, deren Konstruktion ihm offensichtlich als Vorbild gedient

hat, sondern höhere Strafrahmen festgesetzt (Fünf Jahre Freiheitsstrafe statt drei bei der sog.

Vorsatz-Fahrlässigkeits-Kombination und drei Jahre statt zwei Jahre bei der sog. Fahrlässigkeits-Fahrlässigkeits-Kombination).

Die Unterschiede begründen sich wohl immer noch in

der Historie der Brandstiftungsdelikte mit ihren besonders hohen Strafrahmen. Ein sachgerechter

Unterschied ist allerdings nicht ersichtlich.

Mehr Ermessensspielraum wurde dem Richter auch hinsichtlich der möglichen Rechtsfolgen

bei tätiger Reue eingeräumt, so daß nun anstelle von Straffreiheit nur eine fakultative Strafmilderung

oder Straffreiheit steht. Auch wenn dieses auf den ersten Blick härter scheinen

mag, sollen durch diese Neuerung eher nur krasse Ungerechtigkeiten vermieden werden.

Auch wenn diverse Meinungsstretigkeiten erhalten blieben und man sich an manchen Stellen

im Gesetzestext mehr Klarheit wünschen könnte, muß jedoch die Reform in weiten Teilen als

gelungen gesehen werden.

Schließlich ist es unmöglich, allen Reformansprüchen nachzukommen und sämtlichen Forderungen

der Wissenschaft gerecht zu werden.

Einzelne Nachbesserungen und die weitere Fortentwicklung sind sicher wünschenswert, dafür

bietet aber die jetzige Fassung mehr als nur eine Arbeitsgrundlage.

Oliver Gehse

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine