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13.11.2012

ANTIQUARIAT AM

MEHLSACK

RAVENSBURG

WERTGUTACHTEN ZU EINEM BUCH

C O S M O G R A P H I A. Beschreibung aller Lender durch Sebastianum Munsterum, in welcher begriffen Aller

völcker, Herrschafften, Stetten und namhafftiger flecken, herkommen: Sitten, gebreüch, ordnung, glauben,

secten vnd hantierung, durch die gantze welt, vnd fürnemlich Teutscher nation. Was auch besunders in iedem

landt gefunden, vnnd darin beschehen sey. Alles mit figuren vnd schönen landt taflen erklert, vnd für augen

gestelt." Letzte Ausgabe, 1628 | Begutachtet von Dr. Andreas Kleemann


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1. Allgemeine historische Einordnung

Die „Cosmographia“ des Humanisten Sebastian Münsters, die 1544 in der ersten Auflage erschien

und bis 1628 in der 21. Auflage verlegt wurde, war der Versuch einer illustrierten Beschreibung der

ganzen Welt. Münster gilt als Universalgelehrter, der als Philologe, Geograph, Theologe, Historiker,

Astronom, Mathematiker, Verfasser von Kalendern und Konstrukteur von Sonnenuhren geforscht

und gewirkt hat. Fast 30 Jahre hatte er an seinem Lebenswerk der Cosmographia gearbeitet. Hierfür

unterhielt er eine umfangreiche Korrespondenz mit Regierenden, Bischöfen, Diplomaten,

Bürgermeistern und Gelehrten, um das Wissen seiner Zeit zu sammeln und auf den neuesten Stand

zu bringen. Die Cosmographia in frühneuhochdeutscher Sprache verfasst, richtete sich an ein breites

Publikum und beschrieb die Städte und Landschaften des deutschsprachigen Raums historisch sowie

geographisch, erörterte u.a. warum die Erde nach der neuen kopernikanischen Erkenntnis als Kugel

gedacht werden muss und fasste die Berichte und Kenntnisse über ferne Länder und Erdteile

zusammen. Münster selbst hat nie Forschungsreisen unternommen, deshalb ersetzten Vermutungen

und Phantasie die fehlenden Informationen über entlegene Schauplätze.

2. Buchhistorie und bibliographische Details

Die Cosmographia wurde von ungefähr 1400 Abbildungen illustriert, Holzschnitte aus der

Holbeinschen Schule, darunter 247 Städteansichten und 26 Karten. Die Darstellungen von

Ungeheuern, Fabeltieren, Sitten und Gebräuchen anderer Völker in Wort und Bild befriedigten die

Lese- und Sensationslust des zeitgenössischen Publikums und ließen die Verherrlichung der

"Königreiche der Christenheit" umso strahlender erscheinen. Die Illustrationen bzw. die Druckstöcke

für die Cosmographia fertigten Hans Rudolf Manuel Deutsch (1525 bis 1571), Johannes Zorn (o. A.)

und Hans Holbein d. J. an. Wenn genaue Bildvorlagen fehlten wurde zum Teil sehr pragmatische

vorgegangen: gleiche Stadtansichten wurden zur Illustration verschiedener Städte verwendet

wurden, so für Basel wie für Koblenz, für Venedig wie für Frankfurt, für Mailand wie für Ingelheim.

Verschiedene Kaiser und Könige wurden mit denselben Porträt dargestellt. Diese mehr typisierenden

Abbildungen standen in der Tradition alter Chroniken und Buchillustrationen. Sie entsprachen

ikonographisch eher dem Mittelalter. Die topographisch genauen Darstellungen waren, wie die

individuellen Porträts, ein Ausdruck der wissenschaftlichen und künstlerischen Haltung der

Renaissance. Dennoch war Münster daran interessiert, die "bedeutenderen Städte Deutschlands in

ihrem natürlichen Bild. darzustellen und naturgetreu durch die Perspektive nachzuzeichnen" wie er

selbst schreibt. Den für die damalige Zeit großen Erfolg der Cosmographia machte aber vor allem die

Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg möglich. Die Neuauflagen wurden, auch nach Munsters

Tod 1552, verbessert, erweitert und weiterbearbeitet. Auf der Titelseite der "Cosmographia" von

1628, die in Basel bei der "Henriepetrinischen" Druckerei verlegt wurde, heißt es am Schluss: "Auff

das newe ubersehen und mit vielerley nohtwendigen Sachen Fürstlichen Stambäumen / Figuren und

Stätten: Sonderlich aber einer vollkommenen Beschreibung der unbekandten Länder Asiae, Africae,


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Americae, so viel darvon durch allerhandt Reysen und Schiffarten/biß auff dieses 1628. jahr kundt

gemacht worden/trefflich vermehrt/und mit newen Indianischen Figuren geziehret." Die Verlegerund

Druckerfamilie Petri besorgte die Neuauflagen auf dem jeweils höchstmöglichen Kenntnisstand

der Zeit.

Das Werk wurde in viele Sprachen übersetzt und erlebte zahlreiche neue Ausgaben. Nach der ersten

Ausgabe von 1544 folgten 1545 die zweite, 1546 die dritte, 1548 die vierte und 1550 die fünfte

Ausgabe, jeweils durch neue Berichte und Details, Textbilder, Stadtansichten und Karten ergänzt

sowie insgesamt überarbeitet.

Während die erste Ausgabe von 1544 nur 660 Seiten stark war, enthielt die letzte gedruckte Ausgabe

von 1628 fast 1.752 Seiten. In der Offizin der Familie Petri in Basel entstanden auf diese Weise in 84

Jahren etwa 50.000 Exemplare in deutscher Sprache und etwa 10.000 Exemplare in lateinischer

Sprache. Unter den insgesamt 46 Ausgaben waren 27 deutsche, acht lateinische, drei französische,

drei italienische und vier englische Bearbeitungen sowie eine tschechische Ausgabe. Damit war die

Cosmographia neben der Bibel zu dem am meisten gelesenen Buch in Deutschland geworden, also

gleichsam der erste „Bestseller“ in der deutschen Buchgeschichte.

3. Zustandsbeschreibung des eingelieferten Buches

Das Buch wurde zeitaufwendig Seite für Seite kollationiert. Zur Provenienz konnten keine Angaben

gemacht werden. Äußerer Befund: Holzdeckelband der Zeit mit blindgeprägtem Schweinslederbezug,

dieser deutlich verschmutzt, aber soweit ohne Schäden. Acht ziselierte Messingeckbeschläge mit

zwei Schließen, sieben Bünde. Am Buchrücken oben befindet sich ein minimaler Einriss, für den

Schweinsledereinband empfiehlt sich ggf. die fachgerecht durchgeführte Reinigung durch eine

Buchbinderei. Die Schließen sind m.E. nicht original. Innerer Befund: Die Kollationierung selbst führte

zu folgenden kleineren Mängeln und Auffälligkeiten: Die Karte von Lisboa auf S. 134/35 ist

beschädigt, wurde aber fachmännisch restauriert, S. 180 ist das Schriftbild stellenweise etwas

verblasst, S. 243 weist einen Riss an der Ecke auf, S. 283 weist sieben Stempelabdrücke am Rand auf,

S. 653 befindet sich eine Randläsur, die Karte S. 858/859 hat Läsuren an der Innenseite, Seite 1041

Randläsuren dito, mit Tesa ausgebessert, die Karte von Würzburg S. 1091 mit stärkeren Randläsuren,

die Karte auf S. 1365 ist eingerissen, S. 1349 befindet sich ein längerer Einriss. Eine Besonderheit bei

Büchern dieses Alters sind häufig Fehler in der Paginierung, - so auch hier auf folgenden Seiten: 198,

199, 200, 201 die hier augenscheinlich „fehlen“, 197 ist dafür doppelt gezählt, dito 447-466, dafür

467 doppelt, dito 796 und 799, geht über in 897, dito 1060 bis 1065, auf 1212 folgt 1229/1230

übergehend in 1215, dito 1218 zu 1235/1236 übergehend in 1221, dito 1345 zu 1358/1359

übergehend in 1348, dito 1682 zu 1689 übergehend zu 1684. Trotz dieser falschen Seitenzählung, die

den produktionstechnischen Gegebenheiten der Zeit geschuldet sind, ist das Buch in Text und

Abbildung aber vollständig, worauf die Kustoden zweifelsfrei hinweisen.

Gesamtbefund des Buches: 2 minus.


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4. Gegenwärtiger Marktwert

Der Marktpreis antiquarischer Bücher unterliegt zweierlei Tendenzen: Zum einen langfristigen

Trends, zum anderen jahresaktuellen Schwankungen. Zur Bewertung werden Entwicklungen des

spezifischen antiquarischen Umfelds (Datenbanken, Auktionsergebnisse, Messekataloge) konsultiert,

woraus eine Marktpreisangabe im Bereich von Mindestschätzpreis und Verkaufspreisempfehlung

resultiert. Diese Tendenzen können jedoch jeweils nach oben oder unten durch konkrete

Auktionsergebnisse korrigiert werden.

In den Datenbanken befindet sich derzeit nach meinen Recherchen offenkundig nur zwei Exemplare

dieses Buches in der Ausgabe von 1628. Allerdings lassen sich zahlreiche Exemplare von Faksimile-

Ausgaben der Cosmographia finden. Faksimiles ermöglichen dem Interessenten stets eine

preisgünstige Alternative zum Original. Allgemein ist die Nachfrage nach Büchern wie der

Cosmographia in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen, was dem demographischenkulturellen

Wandel und dem damit einhergehenden Schrumpfungsprozess der Sammlerkreise

geschuldet ist. Andererseits kommen immer mehr Bücher des 17. Jahrhunderts auf den Markt, da die

Nachfahren der früheren Sammler deren Passion immer weniger teilen und diese Bücher in die

Antiquariate oder Auktionen einliefern. Wenn ein steigendes Angebot auf nachlassende Nachfrage

trifft, entwickelt sich der Marktpreis naheliegender weise nach unten. Von dieser Entwicklung ist der

gesamte Antiquariatsmarkt durch die Entwicklung des Internets betroffen.

Recherchen im Hinblick auf die erzielten Auktionsergebnisse belegen diesen Trend. Waren Exemplare

dieser Ausgabe bis vor einigen Jahren bei Ebay vereinzelt sogar noch für einen Startpreis von über

20.000 EUR gelistet, haben sich später ältere Ausgaben des Buches von 1550 und 1553 bereits bei

jeweils 5000,- EUR bzw. 7000,- EUR als Startpreis eingependelt. Auch ein aktuelles online-Angebot

desselben Buches, das ich über drei Wochen hin beobachtet habe, (für 19.990,- EUR) wird

offenkundig nicht wahrgenommen, da es m.E. viel zu überteuert ist. Eine Ausgabe von 1588 hatte

einen Startpreis von 14.000,- EUR. Es ist aber nicht bekannt, ob überhaupt Gebote zu diesem immer

noch „stolzen“ Preis abgegeben wurden. In einer Auktion in Tschechien erzielte dasselbe Buch (in

Zustandsbeschreibung 1) bei einem Ausrufpreis von 8800,- EUR einen Preis von 9.800 EUR, was ein

deutlich realistischerer Preis ist. Bei Ketterer Kunst im November 2006 erzielte ein Exemplar in

Zustandsbeschreibung 2-3 bei einem Schätzpreis von 4000,- EUR sogar nur einen Verkaufspreis von

6426,- EUR (inkl. Aufgeld).

Das vorliegende zu bewertende Exemplar ist im Hinblick auf den Mindestschätzpreis unter

Berücksichtigung des geprüften Zustandes und der derzeitigen Marktlage aus meiner Sicht in einer

Bandbreite von 4000 bis 4500 EUR anzusiedeln, was auch der Ausrufpreis bei einer Auktion wäre. Für

den Verkauf über ein Antiquariat gilt, dass der antiquarische Ladenverkaufspreis nahe liegender

weise stets über dem Mindestschätzpreis liegt, während das Angebot für einen Ankauf unterhalb

dieses Preises liegt.


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Abschließende Erklärung des Gutachters:

Die oben genannten Ausführungen zu dem eingelieferten Buch beruhen auf intensiver Recherche, insofern nach bestem

Wissen und Gewissen. Es ist aber darauf hinzuweisen, dass es einen klar definierten „Wert“ eines Buches, je älter es ist,

letztlich nicht gibt, sondern lediglich Annäherungswerte, die ein Gutachten in einer gewissen Bandbreite umfassen kann.

Der Preis eines antiquarischen Buches wird heute mehr denn je durch den Nachfragemarkt definiert, weniger durch die

Erwartung oder Zuschreibung des Anbieters. Auch werden verschiedene Gutachter in einem gewissen Rahmen stets zu

voneinander abweichenden Bewertungen kommen. Der hier ermittelte und empfohlene Schätzpreis beruht auf

konservativen Schätzungen, d.h. es handelt sich im Rahmen des erstellten Wertgutachtens stets um einen Mindestpreis. Es

ist deshalb aber nicht auszuschließen, dass der tatsächlich erzielte Preis von diesem empfohlenen Mindestpreis erheblich

abweichen kann, ohne dass die Relevanz des vorliegenden Gutachtens hiervon notwendigerweise tangiert wird.

Andererseits kann ein Mindestpreis bzw. Limit im Rahmen einer Auktion aber auch von einem Interessenten um zehn

Prozent unterboten werden, wenn kein anderer Bieter vorhanden ist. Bei Online-Auktionen kann oftmals auch ein eigener

Preisvorschlag eines Anbieters gemacht werden, der unter dem Mindestpreis liegt. Es kann aber auch kein Gebot

abgegeben werden, was dann darauf hindeutet, dass das Buch weder zum Mindestpreis noch zum unterbotenen

Mindestpreis zu einem bestimmten Zeitpunkt einen Interessenten findet. Die im Zusammenhang mit einer Einlieferung für

eine Auktion entstehenden „verdeckten“ Kosten fallen auch dann an, wenn eine Auktion keinen Erfolg hatte und sind umso

höher, wie das Limit gesetzt wurde. Insofern kann ein Kaufangebot an ein Antiquariat trotz des augenscheinlich niedrigeren

Ankaufspreises nicht nur der zeit- und kostensparendere Weg sein, sondern auch der von Anfang an transparentere.

Ravensburg, 13. November 2012

Dr. Andreas Kleemann

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