Predigt 07.10.2012, 27. So. im Jahreskreis, Pfr. Stephan Guggenbühl

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Predigt 07.10.2012, 27. So. im Jahreskreis, Pfr. Stephan Guggenbühl

Predigt – Damit sie in Freiheit eins werden 7. Oktober 2012

Die biblischen Texte zum heutigen Sonntag machen die Liebe der ehelichen Partnerschaft zum

Thema und sprechen damit Situationen an, die mit wunderschönen Erfahrungen verbunden sind,

die aber auch mit tiefsten und schmerzlichsten Wunden belastet sein können. Die eheliche

Partnerschaft kann himmlische, ja paradiesische Dimensionen erreichen und Eheleute können

sich in vielen Momenten gar selig fühlen, oder aber die Zweisamkeit kann zur Hölle werden. Ein

Eheversprechen ist – leider - kein Garantieschein für "ewigi Liebi", zumal es eine vollkommene,

problem- und fehlerlose Ehegemeinschaft ohnehin nicht einfach gibt

Glücklich, dankbares Miteinander kann – aus verschiedensten Gründen - ausarten in

Vorhaltungen und Schuldzuweisungen, achtsames Reden und gegenseitiges Zuhören kann

pervertieren zu gehässigen Verwünschungen und Beleidigungen und

gute Zeiten gemeinsamer Unternehmungen werden manchmal abrupt gestoppt mit egoistischen

Alleingängen und Ausgrenzungen usw. Wir kennen solche Szenarien zur Genüge, zumal sie bald

täglich in jedem Fernsehfilm ausgelebt und abgehandelt werden.

Das heutige Evangelium weist auf den tatsächlich, schwierigen Konflikt hin, der in jedem

Miteinander der Menschen immer bestehen wird, nämlich das Wechselspiel zwischen der

Verbindlichkeit und Verantwortung einerseits und der Freiheit anderseits. Gerade diese hat ja in

der heutigen Gesellschaft einen enorm hohen Stellenwert hat – die von vielen sogar absolut

gesetzt wird. Treue Verbindlichkeiten dagegen tun sich schwer, - man kennt das auch von den

Vereinen, Organisationen in der Berufswelt usw - wer will sich heute noch langfristig verpflichten

und sich von irgendetwas oder irgendjemandem abhängig machen. Zügellose, schrankenlose,

ungebundene Freiheit dagegen - das wird heute fast überall propagiert und wer sie nicht auslebt,

ist selber schuld, der verpasst das Leben – heisst es. Sich alle Freiheiten leisten und nehmen

können, gilt vielen als Idealziel und dafür gibt es dann auch entsprechende Erfolgsrezepte. Dass

solches, gesellschaftliches Denken und Verhalten sich auch in eheliche und familiäre Situationen

überträgt und da sich belastend und negativ auswirken kann, ist durchaus erklärbar.

Doch - Freisein von allen Zwängen ist eine Illusion. Bei genauerem Hinsehen ist schnell zu

erkennen, dass Freiheit auch im öffentlichen und beruflichen Leben bei weitem nicht grenzenlos

ist. Abhängigkeiten aller Arten lassen sich leicht aufdecken.

Überall gilt es die Erwartungen anderer zu erfüllen. So sagt man oft nicht das, was man denkt,

weil die anderen das nicht hören wollen. Nicht selten bekommt man den Eindruck, dass andere

über mich bestimmen; berufliche, finanzielle, politische, Sachzwänge engen und grenzen uns ein

oder sie stossen ab. Und nicht zuletzt werden wir von unseren eigenen Gewohnheiten, Gefühlen,

Zweifeln, oft unerklärlichen Ängsten und Hemmungen zurückgehalten und gefangen und man

versucht nur mehr der zu sein, den die anderen gern haben – aber so kann ich nie in Freiheit zu

mir selber finden.

Gilt das nicht auch vielfach für Eheleute:

Man wohnt zusammen, Man passt sich an, man hat sich aneinander gewöhnt, man kennt sich –

oder zumindest meint man es - man ist anständig und nett zueinander, man ist ja tolerant, man

ärgert sich nicht unnötig, man versteht sich so so la, la, man hört gemeinsam die Nachrichten,

man sieht fern, man erträgt sich, man gibt sich zufrieden, man schont sich, man geht Konflikten

aus dem Weg, man flieht vor nötigen Aussprachen, man funktioniert, - so vieles macht man halt –

aber - mach ich das wirklich aus innerer Überzeugung, in voller Freiheit - so muss sich doch jede

und jeder immer wieder fragen.


Das deutsche Wort Freiheit kommt von der indogermanischen Wurzel prai und heisst: schützen,

schonen, gerne haben, lieben – von da kommt denn auch das etwas altmodische Wort: der Freier.

Die Germanen nannten den, den sie liebten und daher schützten, einen freien Menschen. Er oder

eben auch sie waren frei, ungebunden, unabhängig. Ich fühle mich frei, wenn ich mich geliebt

weiss. Dann darf ich sein, wie ich bin; ich kann mich so geben, wie ich mich fühle. Dann muss ich

nicht Angst haben, was die anderen über mich denken. Ich weiss, dass ich bejaht bin. Ich bin frei

von dem Zwang, die Erwartungen der anderen zu erfüllen, immer Erfolg haben zu müssen, immer

den Massstäben der Gesellschaft zu genügen. Das griechische Wort für Freiheit: Autarkia

übersetzt sich mit Selbstbestimmung und meint: Ich kann selber entscheiden, über das, was ich

will. Dieses innere Gefühl der Freiheit, immer noch Herr oder Frau über mich selbst zu sein,

gehört wesentlich zur Würde des Menschen

Solch liebende Freiheit in der Ehe beginnt dort, wo die Partner und Partnerinnen vorurteilslos,

offen und ehrlich sich gegenüber treten, wo das Anderssein respektiert und geschätzt wird, wo

nicht manipuliert oder gar dressiert wird, wo ich dem anderen sein Anderssein zugestehe und

darin eine Bereicherung zu sehen vermag;

dort, wo die Würde eines jeden in seinem je eigenen Sosein erkannt wird.

Erich Fried formuliert das in einem Liebesgedicht wie folgt:

Dich nicht näher denken

und dich nicht weiter denken

dich denken wo du bist

weil du wirklich bist

Dich nicht älter denken

und dich nicht jünger denken

nicht grösser nicht kleiner

nicht hitziger und nicht kälter

Dich denken und mich nach dir sehnen

dich sehen wollen

und dich liebhaben

so wie du wirklich bist

Sehnsucht nach Freiheit kennen und haben wir alle; es macht aber einen grossen Unterschied, ob

ich frei sein will von etwas oder von jemanden – oder ob ich frei sein kann für etwas und für

jemanden – und nur dieses Letztere ist wahre Freiheit. Wer zu dieser inneren Freiheit findet fühlt

sich dann nie unfrei eingesperrt in Ehe und Familie. Wenn zwei aneinander kleben, wenn sie sich

ständig vergewissern müssen, was der andere jetzt denkt, von mir erwartet oder gar verlangt,

dann kann in solcher Enge keine reife Beziehung wachsen. In jeder Bindung braucht der Mensch

seine Freiheit zur persönlichen Entfaltung und Reifung. Er definiert sich letztlich nicht vom

anderen her, sondern er entscheidet sich immer frei für den Partner, und für die Partnerin, damit

sie ein Fleisch werden und zur Einheit finden – wie es in den heutigen Lesungen geheissen hat. In

der gegenseitigen freien und dankbaren Bejahung gründet die Liebe und verleiht Eheleuten den

aufrechten Gang.

Pfr. Stephan Guggenbühl, Appenzell


Evangelium: Markus 10,2 ff

Da kamen Pharisäer zu ihm und fragten:

Darf ein Mann seine Frau aus der Ehe entlassen? Damit wollten sie ihm eine Falle stellen.

Er antwortete ihnen: Was hat euch Mose vorgeschrieben?

Sie sagten: Mose hat erlaubt, eine Scheidungsurkunde auszustellen

und die Frau aus der Ehe zu entlassen.

Jesus entgegnete ihnen: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses Gebot gegeben.

Am Anfang der Schöpfung aber hat Gott sie als Mann und Frau geschaffen.

Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen,

und die zwei werden ein Fleisch sein.

Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins.

Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen.

Zu Hause befragten ihn die Jünger noch einmal darüber.

Er antwortete ihnen:

Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch.

Auch eine Frau begeht Ehebruch,

wenn sie ihren Mann aus der Ehe entlässt und einen anderen heiratet.

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