Predigt 1.11.10, Allerheiligen, Pfr. Stephan Guggenbühl

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Predigt 1.11.10, Allerheiligen, Pfr. Stephan Guggenbühl

Allerheiligen 2010

"Werde, der du bist," so bestimmte Friedrich Nietzsche das Ziel des Menschen

und macht damit deutlich, dass Wandel und Veränderung ein Grundprinzip des

menschlichen Lebens sind. Wir sind Reisende zwischen Werden und Sein. Aber

wer bin ich wirklich - und wie und was soll ich werden - bin ich nicht gut genug, so

wie ich bin - muss ich mich ändern - Ach, du änderst dich doch nie, das ist dann

oft das Klagelied vieler Beziehungen, zwischen Ehepartnern, Eltern und Kindern -

und schnell folgt darauf: doch ich will mich ja ändern - aber ich kann es nicht, du

kannst es ja auch nicht -

Andererseits heisst es manchmal auch tröstlich: Doch, du darfst so bleiben, wie

du bist - und trotzig folgt dann manchmal als Reaktion: ja, ich will so bleiben, wie

ich bin, du nervst mich nur - ich bin nun mal, wie ich bin - und das ist gut so -

Solche Behauptungen und Fragen, Antworten, Postulate und Wünsche an andere

und an uns selbst - stellen wir uns vermutlich fast täglich.

Sind wir mit solchen Absichten auch schon auf dem Weg der Heiligung - können

wir uns so schon in die Reihe Aller Heiligen stellen?

Psychologen und Pädagogen, Philosophen und Soziologen entwerfen immer

wieder Lebensziele und ideal-typische Menschenbilder, die recht gegensätzliche

Erwartungen an uns stellen. Da werden oft überhöhte Ideale aufgezeigt und

perfektes Menschsein mit grosser Wissenschaftlichkeit umschrieben, so dass

man es denen scheinbar einfach glauben muss.

Dazu präsentieren die Medien, die Journale und das Fernsehen, fast täglich neue

Supermenschen und Superstars, und wer denen dann nacheifert, sie nachäfft und

für sie zum Fan wird, glaubt vielleicht er könne damit seine eigene Kleinheit etwas

aufpolieren und sein mangelndes Selbstbewusstsein aufbessern

Wer solch masslosen Zielvorstellungen unbedingt genügen und entsprechen will,

setzt sich in der Regel grossem Druck und Stress aus. Das Gefühl, nicht so zu

sein, wie ein moderner Mensch heute zu sein hat, - Die ständige Angst, vielleicht

den Anschluss mit Seinesgleichen zu verpassen, Die Enttäuschung und der Frust

über seine eigenen Schwächen, Fehler und Erbärmlichkeiten - schwächen und

verletzen unerbittlich das eh schon so schwache Selbstwertgefühl.

Übrigens

Auch Religionen neigen dazu, die Latte der zu erreichenden Heiligkeit so hoch zu

legen, dass es durchaus verständlich ist, wenn viele entmutigt aufgeben und sich

mit der Mittelmässigkeit begnügen. Heiligkeit wird zu einer Sache von besonders

Auserwählten und Spezialisten. Auch die christliche Religion hat mit vielen ihrer

Gebote und moralischen und kirchlichen Vorschriften ihre Gläubigen mit schweren

Gefühlen der Angst und der Schuld beladen, - und tut es bis heute noch - da so

viele ihrer Gebote in letzter Konsequenz ja nur von wenigen eingehalten und

gelebt werden können. Und wohl deshalb dominiert bis heute in vielen Köpfen

noch immer das Bild eines Gottes, der sofort straft über jenes Bild, das Jesus


vermittelte, eben das eines gütigen und erbarmenden Gottes, der da ist für all das

Fehlerhafte und Kranke und der sucht und rettet, was verloren ist.

Wieviel befreiender und beglückender ist da jene Aussage aus der heutigen

Lesung, die unsere Gottesbeziehung geradezu mit einer familiären Situation

vergleicht:

Da heisst es im ersten Johannesbrief, dass wir Kinder Gottes sind und dass wir

uns heiligen, wenn wir die Hoffnung und die Sehnsucht in uns tragen, ihm Gott

ähnlich zu werden.

Vor Gott dürfen wir uns als Kinder fühlen - als Kinder, die wissen, dass sie ohne

Vorbedingung und Vorleistung geliebt und angenommen sind, weil jemand - Vater

und Mutter - zu ihnen immer Ja-sagen , trotz ihrer Fehler und Dummheiten. Und

Genauso ist unsere Situation unserem Schöpfer Gott gegenüber

Als Söhne und Töchter Gottes dürfen wir voll darauf bauen, dass Gott, der uns

geschaffen und gewollt hat, in seiner Liebe bedingungslos zu mir steht. Und weil

ich mich von ihm angenommen weiss, kann ich auch mich selbst annehmen, so

wie ich bin. Und dieses radikale Ja zu mir selbst ist der wichtigste und erste

Schritt zu meiner Veränderung und Entwicklung.

Als treibende Kraft in mir - wirkt diese Sehnsucht, ihm, Gott, ähnlich zu werden,

und ich mache mir dann folglich nicht nur so kopflastige Vorsätze,

es wirkt ein Traum in mir, der mich zu neuem Leben einlädt - und mir nicht ein

grosses Pflichtenheft auferlegt, - Es lebt eine Vision, ein inneres Gepackt- und

Ergriffensein von der Liebe Gottes in mir - und es ist nicht nur ein Akt meines

Willens, der mich im Leben wirklich weiterbringt.

Die Heiligen Frauen und Männer, sind glaubwürdige Beweise dafür, dass dieses

Ziel der Gottähnlichkeit tatsächlich erreichbar ist - auch für uns.

Wer Ja zu sich selbst sagen kann, fängt an gelassen an sich zu arbeiten. Ich

weiss dann, dass der Acker, der Humus, des eigenen Lebens mit all dem gedüngt

werden muss, das ich selbst in mit trage. Der deutsche Mystiker Johannes Tauler

hat dazu im 14. Jahrhundert ein kräftiges Bild gewählt

"Dein Mist, das sind deine eigenen Mängel, die du nicht beseitigen kannst, die

trage mit Mühe und Fleiss auf den Acker des Willens Gottes in rechter

Gelassenheit. Daraus spriesst ohne allen Zweifel edle Frucht auf."

Wer sich auf dem Boden der eigenen Tatsache bewegt, mit seinen Stärken und

genauso mit seinen Schwächen, wird demütig, erdhafter - humiliter, wie es im

Lateinischen heisst - eben human. - Ein Wort, in dem der Humus, der Ackerboden

anklingt und der Mist, mit dem er gedüngt wird nicht, verschwiegen wird.

Einer solchen Einsicht entspringt eine "Spiritualität der Unvollkommenheit" -

eine befreiende Mystik nicht nur der Braven, der Guten und der Frommen oder

gar schon der Heiligen. Ein Mensch, der versöhnt ist mit seiner eigenen

Unvollkommenheit, lässt sich nicht mehr terrorisieren von seinem eigenen Zwang


zu Perfektion, aber auch nicht von einem fremdbestimmten Erwartungsdruck von

wo auch immer. Tiefe Veränderungen im Menschen sind letztlich nicht

willensgesteuert - sie wachsen aus der liebevollen Selbstannahme

Praktisch kann dies leicht eingeübt werden: zum Beispiel: allein schon ein

regelmässiger Tagesrückblick kann so hilfreich sein. Ich gehe in Gedanken die

Erlebnisse des Tages durch und frage mich, was war gut und wo bin ich mir und

andern etwas schuldig geblieben. Warum diese Aggressionen, diese giftigen

Bemerkungen, war die Angst zu scheitern wirklich berechtigt, habe ich nicht richtig

zugehört, war ich zu schnell mit meinen Antworten, woher stammt meine

Abneigung gegen den und die, usw. usw

All dieser "Mist" gilt es zu sichten, ihn zu erkennen und demütig vor Gott zu

bekennen und ihn - wenn immer möglich - zum Dünger für den nächsten Tag

umzuwandeln und zu benützen.

Vieles an mir und in mir wird sich nicht so leicht und schnell ändern - nur Geduld -

Yes, we can - dürfen wir einmal auch zu uns sagen

Gott lässt seine Sonne scheinen unter Gutem und Bösem auch in mir -

und unter dieser Sonne lässt es sich durchaus leben.

So möchte ich das Wort von Nietzsche: "Werde, der du bist"

ergänzen mit dem ebenso geläufigen Zitat: Lebe dein Leben!

Stephan Guggenbühl, Appenzell

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