Yoga Vasistha

arunaking

Das Yoga Vasistha, eines der bedeutendsten Werke indischer Philosophie, ist ein Lehrgespräch zwichen dem legendären Rishi Vasishtha und dem Königssohn Rama.

Deutsche Übersetzung von Clemens Vargas Ramos.

S W A M I V E N K A T E S A N A N D A

Y o g a V ā s i «Âha


Swami Venkatesananda

Yoga Vāsi«Âha


Lizenzbestimmung:

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Verwendung des Textes unverändert wiedergegeben werden.

Clemens Vargas Ramos, im Januar 2010

vargasramos@gmx.net

Übersetzung von Clemens Vargas Ramos aus dem Englischen des „Vasisthas

Yoga“ von Swami Venkatesananda (ungekürzte Fassung).

Dies ist eine Rohübersetzung.

Die letzte Überarbeitung war am Sonntag, 13. Juni 2010.


S w a m i V e n k a t e s a n a n d a

Y o g a V ā s i «Âha


Inhalt

Vorwort zur deutschen Übersetzung ................................................................................... 9

Über Swami Venkatesananda............................................................................................... 10

Aus dem Klappentext .............................................................................................................. 12

Segnung ....................................................................................................................................... 13

Vorwort ........................................................................................................................................ 14

Einführung .................................................................................................................................. 16

Gebet ............................................................................................................................................. 18

Teil I: Über die Leidenschaftslosigkeit .............................................................................. 19

Teil II: Über die Qualitäten des Suchers ........................................................................... 38

Die Geschichte von Śuka ................................................................................................. 38

Eigenbemühung ................................................................................................................ 40

Teil III: Über die Weltentstehung ........................................................................................ 54

Die Geschichte von Līlā ................................................................................................... 70

Die Geschichte von KarkaÂī..........................................................................................109

Die Geschichte von den Söhnen Indus (Zehn junge Männer) .........................126

Die Geschichte von Ahalyā ...........................................................................................128

Die Geschichte vom Großen Wald .............................................................................138

Die Geschichte von den drei inexistenten Prinzen .............................................141

Die Geschichte von Lavaïa ..........................................................................................143

Teil IV: Über die Existenz .....................................................................................................164

Die Geschichte von Śukra .............................................................................................166

Die Geschichte von Dāma, Vyāla und KaÂa .............................................................185

Die Geschichte von Bhīma, Bhāsa und D­¬ha.......................................................193

Die Geschichte von DÃÓÆra...........................................................................................208

Kaca's Lied .........................................................................................................................215

Teil V: Über die Auflösung ...................................................................................................220

Die Geschichte von König Janaka ..............................................................................224

Die Geschichte von Puïya und Pāvana ....................................................................244

Die Geschichte von Bali.................................................................................................247

Die Geschichte von Prahlāda ......................................................................................257

Die Geschichte von Gādhi .............................................................................................281

Die Geschichte von Uddālaka......................................................................................292

Die Geschichte von Suraghu ........................................................................................305

Die Geschichte von Bhāsa und Vilāsa ......................................................................310

Die Geschichte von Vītahavya ....................................................................................330

Teil VI: Über die Befreiung ..................................................................................................349

Diskurs über Brahman ..................................................................................................365

Die Geschichte von BhuÓuï¬a ....................................................................................371

Die Beschreibung des Höchsten Herrn ...................................................................391

Deva PÆjā ...........................................................................................................................402

Die Geschichte vom Holzapfel ....................................................................................416

Die Geschichte vom Fels ...............................................................................................417

Die Geschichte von Arjuna ...........................................................................................422

Die Geschichte von den hundert Rudras ................................................................435

Die Geschichte vom Vampir ........................................................................................446

Die Geschichte von BhagÅratha ..................................................................................448

Die Geschichte von Áikhidhvaja und Cū¬ālā .........................................................450


Die Geschichte vom Stein der Weisen......................................................................463

Die Geschichte vom Cintāmaïi ..................................................................................470

Die Geschichte vom dummen Elefanten .................................................................471

Die Geschichte von Kaca ...............................................................................................499

Die Geschichte vom irregeführten Mann ................................................................501

Die Geschichte von Bh?ÇgÅśa ......................................................................................503

Die Geschichte von Ikåvāku ........................................................................................508

Die Welt im Felsen ..........................................................................................................577

Die Geschichte vom Weisen aus dem Weltraum ..................................................616

Die Geschichte von VipaÁcit ........................................................................................636

Die Geschichte vom Jäger und dem Reh .................................................................659

Die Geschichte von Kundadanta ................................................................................719


Vorwort zur deutschen Übersetzung

Das Brihat (das Große) Yoga Vāsi«Âha oder Yoga Vāsi«Âha Yoga Maha

Ramayana, wie es auch genannt wird, ist ein Werk bestehend aus 32000

Versen in Sanskrit, die traditionellerweise Valmiki, dem Autor des

Ramanayana, zugeschrieben werden. Sie behandeln einen Dialog zwischen

dem Weisen Vāsi«Âha und Shri Rāma, in dem der Advaita (die Doktrin der

Non-Dualität) in seiner reinsten Form des Ajatavada (Theorie der Nicht-

Erzeugung) mit Hilfe eingeschobener historischer Verbildlichungen erläutert

wird. Der große Weise Shri Ramana Maharshi (1879-1950) zitierte häufig aus

dem Yoga Vāsi«Âha.

Im Yoga Vāsi«Âha geht es um die Unwirklichkeit der Welt, die Erkenntnis

des Selbst und den Weg des Weisen.

Eine der zentralen Aussagen dieses Werkes lautet:

„Diese Welterscheinung ist nichts als eine Täuschung – so wie die Bläue

des Himmels eine optische Täuschung ist. Ich halte es für ratsam, dem

Verstand nicht zu erlauben, sich länger mit ihr zu beschäftigen, sondern

sie einfach zu ignorieren. Solange in einem Menschen nicht die Überzeugung

wächst, dass diese Welterscheinung keinerlei Wirklichkeit besitzt,

ist weder die Freiheit vom Kummer noch die Verwirklichung der

eigenen wahren Natur möglich. Mok«a oder Befreiung besteht in der totalen

Aufgabe aller vasana bzw. mentalen Konditionierung, und zwar

ohne den geringsten Vorbehalt.“

Diese Übersetzung ist aus einem persönlichen Antrieb heraus entstanden.

Sie beansprucht in keiner Weise, den Sinngehalt, den Wortlaut oder den Geist

der ursprünglichen Übersetzung ins Englische vollständig, angemessen oder

auch nur sprachlich, grammatisch oder semantisch korrekt wiedergegeben zu

haben.

Mein besonderer Dank gilt Swami Sarvamangalananda in Rishikesh, die die

Mühe nicht gescheut hat, dieses umfangreiche Werk gründlich zu überarbeiten

und dadurch der Druckreife näher zu bringen. Ich danke auch Maria Palmes,

die die Qualität dieses Buches durch Korrekturlesen weiter gesteigert

hat.

Clemens Vargas Ramos

Bremen, im Januar 2010

9


Über Swami Venkatesananda

Über Swami Venkatesananda sagte Swami Sivananda (Venkatesanandas

Meister, Heiliger und Vedanta-Lehrer): „Seine Briefe sind voller Honig. Er

benötigte nicht einmal einen Entwurf; er setzte sich an die Schreibmaschine

und so war der Brief sofort fertig. Die Arbeit, die er geleistet hat, würden

andere Leute nicht geschafft haben. So viele Bücher und Schriften sind gedruckt

worden allein aufgrund seiner Arbeit. Nicht ein einziges Wort hat er

jemals geäußert, das mir missfallen hätte. Wenn ich gerade dringend Arbeit

zu erledigen hatte, war sie am nächsten Morgen schon fertig – er hatte dann

einfach die ganze Nacht durchgearbeitet. Er hat kein Ego. Nie würde er sagen:

'Dies ist nicht gut.' Er ist bescheiden und egolos.“

Swami Venkatesananda (damals unter dem Namen Parthsarathy bekannt)

wurde in Tanjore am 29. Dezember 1921 als Kind einer südindischen

Brahmanenfamilie geboren. Er erlernte noch im jungen Alter von seinem

Onkel und Großvater Sanskrit und liebte die Pflege religiöser Sitten und Gebräuche.

Er war intelligent und voller Humor (auf späteren Reisen im Westen

pflegte er Alltagsbegebenheiten mit seinem wunderbaren Humor zu kommentieren).

Im Alter von vierzehn Jahren entdeckte er ein Buch von Swami Sivananda in

einem Buchgeschäft. Er war davon so beeindruckt, dass er Swami Sivananda

schrieb und bat, ihn in seinem Ashram begleiten zu dürfen. Swami Sivananda

schrieb ihm zurück, lieber erst seine Ausbildung zu beenden und danach

nach Rishikesh zu kommen. Später arbeitete er dann für die Madras Company

und erlangte die Position des Privatsekretärs des Kriegsministers. Eines

Tages wurde er gebeten, einige wichtige Persönlichkeiten nach Rishikesh zu

begleiten. Als er realisierte, dass er nun Swami Sivananda sehen könnte,

kannte seine Freude keine Grenzen. Während die Persönlichkeiten in

Rishikesh abstiegen, ging er zum Büro des Ashrams und fragte nach Swami

Sivananda. Es wurde ihm bedeutet, dass Swami Sivananda gerade ruhe und

ihn nicht empfangen könne. Er ging an Swami Sivanandas Zimmer vorbei, als

dieser plötzlich herauskam und sagte: „So! Du bist also gekommen.“ Swami

Venkatesananda bat ihn, im Ashram bleiben zu dürfen. Swami Sivananda bat

ihn seinerseits darum, erst seine Ausbildung zu beenden und danach zu

kommen. Nach einem Jahr, in dem er alle seine Verpflichtungen erfüllt hatte,

kehrte er nach Rishikesh zurück und blieb. Sivananda ließ ihn verschiedene

Aufgaben in der Küche, dem Tempel, dem Büro des Ashrams und Schreib- und

Pressearbeiten verrichten. Danach wurde er der Privatsekretär von Swami

Sivananda. Er tippte seine Bücher, beantwortete Briefe und ging ihm bei den

täglichen Arbeiten zur Hand.

Später bereiste er die Welt. In Südafrika schrieb er schließlich viele seiner

Bücher wie den Kommentar zur Bhagavad Gita und die Übersetzungen des

Bhagavatam, des Ramayana, des Yoga Vāsi«Âha und der Aussprüche Buddhas,

die er Sanskrit- und Pali-Texten entnahm. Dazwischen beantwortete Briefe,

10


deren 50 ihn oft täglich erreichten. Kennzeichnend für seine praktische Vernunft

war seine Empfehlung, von allen seinen Büchern jeweils nur so viel zu

lesen, wie man als Botschaft für den Tag verdauen konnte, damit die erhabenen

und subtilen Gedanken der Texte durch beständiges Nachsinnen einsinken

konnten. Für das Vāsi«Âha's Yoga empfahl Swami Venkatesananda das

Lesen nur einer Seite auf einmal, um die Einverleibung der Unterweisung zu

unterstützen.

Swami Venkatesananda starb am 2. Dezember 1982 in Johannesburg, Südafrika.

* * *

11


Aus dem Klappentext

Dies ist Swami Venkatesanandas längere Version des Yoga Vāsi«Âha. Sein

zweibändiges Werk ist hier zwischen zwei Buchdeckeln enthalten. Es ist eine

gelungene Zusammenfassung des drittlängsten Buches der Welt. Sein Ziel

besteht darin, ein Mittel zur Beseitigung der psychologischen Konditionierung

und zum Erlangen der Befreiung zur Verfügung zu stellen. Dieses Werk

ist, um einen Ausspruch von Shri Ramakrishna zu zitieren, „gesotten in der

Butter der Erkenntnis und getaucht in den Honig der Liebe“.

* * *

12


Segnung

Das Yoga Vāsi«Âha ist ein einzigartiges Werk der indischen Philosophie, dem

wegen seiner praktisch verstandenen spirituellen Weisheit hohe Wertschätzung

entgegengebracht wird. Allein das Studium dieser bedeutenden Schrift

schon kann jemandem ganz gewiss dabei helfen, Gottbewusstsein zu erlangen.

Für die Sucher nach vollkommener Schönheit ist Yoga Vāsi«Âha wie

Nektar – es ist ein Schatzhaus der Weisheit. Wie das Amritanubhava von Sri

Jñáneshwar eignet sich der in diesem Werk aufgezeigte Weg für diejenigen,

die spirituell auf das Äußerste entwickelt sind; schon fast nahe am Zustand

eines Siddha. Es erläutert die höchste Wahrheit mit Hilfe zahlreicher Geschichten

und bildhafter Darstellungen. Nicht nur Philosophen, sondern auch

moderne Psychologen und Wissenschaftler werden darin gewiss Dinge finden,

die sie mit ihren eigenen Entdeckungen in Zusammenhang bringen können.

Die meisten Schriften enthalten das, was Gott seinen Verehrern mitzuteilen

hatte. Das Yoga Vāsi«Âha jedoch enthält, was die Verehrer Gottes Diesem

Selbst mitzuteilen hatten. Hier ist von den Unterweisungen des Weisen

Vāsi«Âha an Lord Rāma die Rede, die das wahre Verständnis der Erschaffung

der Welt enthalten. Die Philosophie des Yoga Vāsi«Âha ähnelt stark derjenigen

des kashmirischen Śivaismus. Ihre Hauptaussage besteht darin, dass alles

einschließlich der materiellen Welt Bewusstsein ist und die Welt eben so ist,

wie wir sie sehen. Dies ist absolut wahr – denn die Welt ist nichts als das Spiel

des Bewusstseins.

Abhinavagupta, der große Gelehrte des 10. Jh. des kashmirischen

Shivaismus, sagte einmal: „Śiva, das unabhängige und reine Selbst, welches

stets im Gemüt vibriert, ist die Parashakti, die in den Sinneserlebnissen als

Freude erfahren wird. Die Erfahrung dieser äußeren Welt erscheint als sein

Selbst. Ich habe keine Ahnung, woher eigentlich diese Rede von ‚saæsāra‘

herstammt.“ Dies ist ebenso auch die unvergleichliche Philosophie des Yoga

Vāsi«Âha.

Swami Venkatesananda, der dieses monumentale Werk übersetzt hat, hat

hart dafür gearbeitet, seine Philosophie dem normalen Menschen verständlich

zu machen. Damit hat er allen Suchern nach der Wahrheit einen wertvollen

Dienst erwiesen. Swamiji ist eine reine Persönlichkeit mit herausragendem

Wissen – er ist daher der Übersetzung dieses Werkes des höchsten Yoga

würdig.

Möge dieses Buch dem Leser echte Erkenntnis vermitteln.

Swami Muktananda

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Vorwort

Das Buch Vāsi«Âha's Yoga stellt eine Übersetzung ins Englische begleitet von

kurzen Erläuterungen von Swami Venkatesananda der Divine Life Society,

Rishikesh, India, dar. Es ist die Übersetzung einer wohlbekannten Abhandlung

des Vedanta in Sanskrit, des Yoga Vāsi«Âha.

Das Yoga Vāsi«Âha war über die Jahrhunderte hinweg stets ein bevorzugtes

Buch spiritueller Sucher in Indien. Seine besondere Anziehungskraft liegt in

seiner gänzlich rationalen Darstellungsweise und seiner Darlegung des

Vedanta als einer Philosophie, die wie die Bhagavadgita durch erleuchtetes

Verstehen und erhabene Spiritualität die Kluft zwischen dem Weltlichen und

dem Heiligen, der Tätigkeit und der Kontemplation, zu schließen unternimmt.

Hier findet der Leser Passagen wie etwa den Eingangssatz von Kapitel II-18,

der die Bedeutung der Vernunft erläutert:

„Die Worte sogar eines kleinen Jungen sollten akzeptiert werden, wenn

es Worte der Weisheit sind. Andernfalls müssen sie wie Strohhalme beiseite

geworfen werden, auch wenn sie von Brahmā dem Schöpfer selbst

stammen sollten.“

Es ist eben diese Philosophie einer umfassenden, rationalen und praktisch

orientierten Spiritualität, der der Mensch der modernen Zeit bedarf, um sich

selbst von der Fessel der Weltlichkeit zu befreien und die breite Straße des

schöpferischen Lebens und der Erfüllung zu betreten.

Indem Swami Venkatesananda, der jahrzehntelang unermüdlich an der

Verbreitung der lebenspendenden Botschaften des Yoga und Vedanta in Ost

und West gearbeitet hat, diese Übersetzung des Yoga Vāsi«Âha im Geist seiner

Übersetzungen der bereits erwähnten beiden Bücher herausgebracht hat, hat

er den spirituellen Suchern von nah und fern einen großen Dienst erwiesen.

Dem Chiltern Yoga Trust of Elgin, South Africa, gebührt der stille Dank der

Leser für die Veröffentlichung dieser drei Bücher des Swami und die Unterstützung

in der Verbreitung der lebendigen, reinigenden und inspirierenden

Ideen des Vedanta des Ewigen Indien, Amat Bharat.

(Swami Ranganathananda)

Präsident des Ramakrishna Math, Hyderabad

A. P. Indien, 20. Dezember 1975

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Einführung

Die Gelehrten spekulieren über den Autor dieser monumentalen Schrift

und andere damit in Zusammenhang stehende akademische Fragen. Möge

Gott ihnen eines Tages die gewünschten Erkenntnisse schenken.

Das Yoga Vāsi«Âha ist eine der großartigsten Hilfestellungen für das spirituelle

Erwachen und die unmittelbare Erfahrung der Wahrheit – das ist gewiss.

Wenn es dies ist, was du suchst, dann sei willkommen beim Yoga Vāsi«Âha.

Der Text scheint vor Wiederholungen überzufließen, die jedoch in Wahrheit

keineswegs müßig sind. Falls du Wiederholungen nicht magst oder benötigst,

dann lies nur diesen einen Satz:

„Diese Welterscheinung ist nichts als eine Täuschung – so wie die Bläue

des Himmels eine optische Täuschung ist. Ich halte es für ratsam, dem

Verstand nicht zu erlauben, sich länger mit ihr zu beschäftigen, sondern

sie einfach zu ignorieren.“ (I, 3)

Gerade diese Aussage erscheint mehrere Male in dieser Schrift, und sie

scheint auch die wesentliche Aussage der hier vorgelegten Unterweisung zu

sein.

Falls dir dies noch nicht ganz klar sein sollte, dann lies aufmerksam diese

Schrift. Die vielfältigen Wege, mit deren Hilfe diese Wahrheit enthüllt wird,

werden dir dabei helfen, deinen Verstand aufzuschließen.

Es ist klug, pro Tag nur eine Seite zu lesen. Die Lehre ist revolutionär, jedoch

wird der voreingenommene Verstand sie nicht ohne weiteres akzeptieren.

Nach dem täglichen Studium meditiere – lass die Botschaft in dich eindringen.

* * *

Ein stets wiederkehrender Ausdruck in dieser Schrift ist „kākatālīya“ – eine

Krähe lässt sich auf einer Kokospalme nieder, und in genau diesem Augenblick

fällt eine reife Kokosnuss herunter. Die beiden nicht miteinander in

Zusammenhang stehenden Ereignisse scheinen auf rätselhafte Art in Zeit und

Raum miteinander in Beziehung zu stehen – trotz ihrer offenbar inexistenten

kausalen Beziehung.

Genauso ist auch das Leben – genauso auch die „Schöpfung“. Der Verstand

jedoch verfängt sich selbst in seiner unaufhörlichen Endlosschleife der logischen

Fragen nach dem “Warum” – er erfindet ein „Warum“ und ein „Wozu“,

um sich selbst zufrieden stellen zu können, wobei er bequemerweise und

fortgesetzt die unbequemen Fragen meidet, die einen intelligenteren Verstand

heimsuchen.

Vāsi«Âha verlangt die direkte Beobachtung des Verstandes und Gemüts, ihrer

Bewegungsformen, ihrer Wahrnehmungen und Begründungen. Er fordert

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die Untersuchung der angenommenen Ursachen und des daraus folgenden

Schlusses, und er fordert sogar die Untersuchung des Beobachteten und der

Beobachtung sowie deren letztliche Verwirklichung ihrer unteilbaren Einheit

als das unendliche, absolute Bewusstsein.

Darin besteht die Einzigartigkeit dieser Schrift, die sich somit selbst als die

höchste erklärt:

„Außer mit Hilfe dieser Schrift kann niemand das Gute erlangen – jetzt

nicht und nicht in Zukunft. Für die vollkommene Verwirklichung dieser

höchsten Wahrheit sollte man daher eifrig und nachdrücklich nur diese

Schrift studieren.“ (VI, 2:103)

Es ist gewiss die Unterweisung selbst, die erlesen ist – nicht etwa ein Buch

oder ein Weiser. Daher scheut Vāsi«Âha sich nicht zu sagen:

„Falls jemand meinen sollte, dass diese Schrift nicht autoritativ und

menschlichen Ursprungs sei, dann kann er immer noch seine Zuflucht

zu einer anderen Schrift nehmen, die sich mit der Selbsterkenntnis und

der endgültigen Befreiung befasst.“ (VI, 2:175)

Welches auch immer die Schrift sei, und von wem auch immer sie gelehrt

wird, unabhängig von dem von dir gewählten Pfad der Erkenntnis – höre

niemals auf, bis nicht alle psychologische Konditionierung gänzlich aufgehört

hat. Daher ermahnt Vāsi«Âha den Sucher:

„Man sollte jeden Tag wenigstens einen kleinen Teil dieser Schrift studieren.

Ihre Schönheit liegt auch darin, dass der Leser niemals mit seiner

Ratlosigkeit alleingelassen wird – falls etwas nicht sofort klar sein

sollte, so macht das weitere Studium dieser Schrift das Verständnis fester.“

(VI, 2:175)

* * *

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Gebet

yata÷ sarvÃïi bhūtÃni pratibhÃnti sthitÃni ca

yatrai 'vo' paśamaæ yÃnti tasmai satyÃtmane nama÷ (1)

jñÃtà jñÃñaæ tathà jñeyaæ draşÂà darśana d­śyabhÆ÷

kartà hetu÷ kriyà yasmÃt tasmai jñaptyÃtmane nama÷ (2)

sphuranti sÅkarà yasmÃd Ãnandasyà 'æbare 'vanau

sarveşÃæ jÅvanaæ tasmai brÃhmanandÃtmane nama÷ (3)

Wir verneigen uns vor dieser Wirklichkeit, in welcher alle Elemente und

alle belebten und unbelebten Wesen erstrahlen, als hätten sie eine unabhängige

Existenz, und in welcher sie eine Zeitlang existieren, um wieder mit ihr

zu verschmelzen.

Wir verneigen uns vor diesem Bewusstsein, welches die Quelle der

scheinbar unterschiedlichen Dreiheit des Wissenden, des Wissens und des

Gewussten, des Sehers, des Sehens und des Gesehenen, des Täters, des Tuns

und des Getanen ist.

Wir verneigen uns vor dieser absoluten Seligkeit (dem Ozean der Seligkeit),

die das wahre Leben aller Wesen ist, deren Glück und Wohlergehen aus

einem einzigen Wasserspritzer dieses Ozeans der Seligkeit hervorgegangen

sind.

* * *

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Teil I: Über die Leidenschaftslosigkeit

SUTĪKå×A, der Weise, fragte den Weisen Agastya:

Oh Weiser, bitte erleuchte mich zu diesem Problem der Befreiung! Welches

von diesen beiden ist der Befreiung förderlich – die Tätigkeit oder die Erkenntnis?

AGASTYA erwiderte:

Wahrlich, so wie Vögel zum Fliegen beider Flügel bedürfen, so führen auch

Tätigkeit und Erkenntnis beide zusammen zum höchsten Ziel der Befreiung.

Nicht jedoch können Tätigkeit oder Erkenntnis allein zur Befreiung führen –

beide zusammen erst bilden das Mittel zur Erlangung der Freiheit. Höre: Ich

erzähle dir nun als Antwort auf deine Frage eine alte Geschichte. Einst lebte

ein heiliger Mann namens Kāruïya, der Sohn des Agniveśya. Nachdem er die

heiligen Schriften gemeistert und ihren Sinn verstanden hatte, wurde der

junge Mann gegenüber dem Leben gleichgültig. Als Agniveśya dies bemerkte,

verlangte er zu wissen, weshalb Kāruïya die Ausführung seiner täglichen

Pflichten aufgegeben habe. Daraufhin erwiderte Kāruïya: „Sagen die Schriften

denn nicht auf der einen Seite, dass man alle ihre Vorschriften bis zum

Ende des Lebens erfüllen sollte, während sie auf der anderen Seite feststellen,

dass die Unsterblichkeit nur durch die Aufgabe aller Tätigkeit erlangt werden

kann? Was soll ich, der ich zwischen diesen beiden Aussagen gefangen bin,

nun tun, oh mein Guru und Vater?“ Nachdem er dies geäußert hatte, verstummte

der junge Mann.

AGNIVEŚYA sagte:

Mein Sohn, höre zu – ich werde eine alte Legende erzählen. Erwäge ihren

Sinn gebührend und handle dann, wie du es für richtig hältst. Vor langer Zeit

saß einmal auf einem Gipfel des Himālayas eine himmlische Nymphe namens

Suruci. Eines Tages sah sie einen Boten Indras, des Königs der Götter, vorbeifliegen.

Von ihr über den Zweck seiner Mission befragt, antwortete dieser wie

folgt: „Ein königlicher Weiser namens Ari«Âanemi hatte sein Königreich seinem

Sohn übergeben und unterzog sich in den Gandhamādana-Bergen atemraubenden

Askesepraktiken. Als er dies bemerkte, bat mich Indra, mich ihm

zusammen mit einer Anzahl von Nymphen zu nähern und den königlichen

Weisen in den Himmel zu geleiten. Der königliche Weise jedoch wünschte

zuvor Auskunft über die Vorteile und Nachteile des Himmels zu erhalten. Ich

erwiderte: Im Himmel erhalten die Besten, die Mittleren und die Geringeren

unter den frommen Sterblichen die ihnen zukommende Belohnung. Sobald

sie die Früchte der ihnen zustehenden Verdienste genossen haben, kehren sie

in die Welt der Sterblichen zurück. Daraufhin lehnte der königliche Weise die

Einladung Indras in den Himmel ab. Indra sandte mich ein weiteres Mal zu

dem königlichen Weisen – diesmal mit der Weisung, dass er vor einer nochmaligen

Ablehnung den Rat des Weisen Vālmīki einholen möge.

I:1

19


I:2

So wurde der königliche Weise dann Vālmīki vorgestellt. Er fragte Vālmīki:

„Worin besteht der beste Weg, von Geburt und Tod frei zu werden?“ Als Antwort

darauf erzählte Vālmīki ihm von dem Dialog zwischen Rāma und

Vāsi«Âha.

VùLMýKI sagte:

Nur derjenige ist qualifiziert zum Studium dieser Schrift (nämlich des Dialogs

zwischen Rāma und Vāsi«Âha), der so empfindet: „Ich bin gebunden, ich

möchte frei werden“ und der weder völlig unwissend noch erleuchtet ist.

Derjenige, welcher mit Bedacht die in dieser Schrift vorgeschlagenen Mittel

zur Befreiung, welche in der Form von Erzählungen mitgeteilt werden, erwägt,

wird ganz gewiss die Freiheit von der Wiederholung des Lebens (von

Geburt und Tod) erlangen.

Ich habe die Geschichte von Rāma schon früher verfasst und sie auch meinem

geliebten Schüler Bharadvāja mitgeteilt. Als wir einmal gemeinsam zum

Berg Meru gewandert sind, hat Bharadvāja sie Brahmā, dem Schöpfer, weitererzählt.

Dieser war über sie so hoch erfreut, dass er Bharadvāja einen

Wunsch gewährte. Bharadvāja wünschte sich, dass „alle menschlichen Wesen

frei vom Leiden sein mögen“ und bat Brahmā, den besten Weg aufzuzeigen,

um dieses Ziel zu erreichen.

Brahmā sagte dann zu Bharadvāja: „Suche den Weisen Vālmīki auf und bitte

ihn darum, die erhabene Geschichte von Rāma zu erzählen, damit der Zuhörer

auf diese Weise frei von der Dunkelheit der Unwissenheit werde.“ Noch

nicht befriedigt, kam Brahmā, begleitet von dem Weisen Bharadvāja, zu meiner

Einsiedelei.

Nachdem er meine Verehrung entgegengenommen hatte, sagte Brahmā zu

mir: „Oh Weiser, deine Geschichte von Rāma soll das Floß sein, mit dem die

Menschen den Ozean von saæsāra (der Wiederholung von Geburt und Tod)

überqueren. Erzähle diese Geschichte daher von Anfang an bis zu ihrem

glücklichen Ende.“ Nachdem er so gesprochen hatte, verschwand der Schöpfer.

Durch das plötzliche Verschwinden von Brahmā verwirrt, bat ich den Weisen

Bharadvāja mir zu erklären, was Brahmā gerade gesagt hatte. Bharadvāja

wiederholte Brahmā's Worte: „Brahmā wünscht, dass du die Geschichte von

Rāma auf eine Weise darlegen möchtest, dass sie allen Wesen ermöglicht, den

Kummer hinter sich zu lassen. Auch ich bitte dich, oh Weiser – teile mir bitte

in allen Einzelheiten mit, wie Rāma, Lak«maïa und die anderen Brüder sich

selbst vom Kummer befreien konnten.“

Daraufhin enthüllte ich Bharadvāja das Geheimnis der Befreiung von Rāma,

Lak«maïa und den anderen Brüdern wie auch deren Eltern und den Mitgliedern

des königlichen Hofes. Und ich fügte für Bharadvāja noch hinzu: „Mein

Sohn, wenn du wie diese lebst, dann wirst auch du hier und jetzt frei vom

Kummer werden.“

VùLMýKI fuhr dann fort:

I:3

20


I:4, 5, 6

Diese Welterscheinung ist nichts als eine Täuschung, so wie die Bläue des

Himmels eine optische Täuschung ist. Ich halte es für ratsam, dem Verstand

nicht zu erlauben, sich länger mit ihr zu beschäftigen, sondern sie einfach zu

ignorieren. Solange in einem Menschen nicht die Überzeugung wächst, dass

diese Welterscheinung keinerlei Wirklichkeit besitzt, ist weder die Freiheit

vom Leiden noch die Verwirklichung der eigenen wahren Natur möglich.

Diese Überzeugung aber wird wachsen, wenn man eifrig diese Schrift studiert.

Schließlich wird man zu der festen Überzeugung gelangen, dass diese

objektive Welt nichts als eine Verwechslung des Wirklichen mit dem Unwirklichen

darstellt. In jemandem, der diese Schrift nicht studiert, wird die wahre

Erkenntnis nicht aufsteigen – auch nicht in Millionen von Jahren.

Mok«a oder Befreiung besteht in der totalen Aufgabe aller vasana oder

mentalen Konditionierung, und zwar ohne den geringsten Vorbehalt. Die

mentale Konditionierung besteht aus zwei Arten – der reinen und der unreinen.

Die unreine ist die Ursache der Geburten, während die reine von der

Geburt befreit. Die unreine hat die Natur der Unwissenheit und des Ich-

Sinnes, die seit jeher die Samenursachen für den Kreislauf der Wiedergeburten

darstellen. Werden dagegen diese Samenursachen aufgegeben, dann wird

die mentale Konditionierung, die nichts anderes als die Aufrechterhaltung

des körperlichen Lebens bezweckt, von reiner Natur sein. Eine mentale Konditionierung

dieser Art existiert sogar noch in jenen, die noch zu Lebzeiten

befreit wurden. Sie bewirkt keine Wiedergeburt, weil sie nur ein Überbleibsel

aus der Vergangenheit ist, das die gegenwärtig bestehenden Absichten nicht

beeinflusst.

Ich werde dir nun davon berichten, wie Rāma ein erleuchtetes Leben als

befreiter Weiser führte. Wenn du diese Geschichte kennst, wirst du von allen

Missverständnissen betreffend das Altern und den Tod befreit werden.

Nach seiner Rückkehr aus der Einsiedelei seines Lehrers ging Rāma im Palast

seines Vaters verschiedenen Beschäftigungen nach. Da entstand in ihm

der Wunsch, durch das ganze Land zu reisen und heilige Pilgerorte zu besuchen.

Rāma ging zu seinem Vater und bat um die Erlaubnis, selbst eine Pilgerreise

unternehmen zu dürfen. Der König bestimmte einen günstigen Tag für

den Beginn der Pilgerreise, und nachdem Rāma die liebevollen Segenswünsche

der Ältesten der Familie empfangen hatte, reiste er ab.

Zusammen mit seinen Brüdern durchreiste Rāma das ganze Land südlich

der Himālayas. Schließlich kehrte er zur großen Freude seiner Landsleute in

die Hauptstadt zurück.

VùLMýKI fuhr fort:

Beim Betreten des Palastes verbeugte Rāma sich demütig vor seinem Vater,

dem Weisen Vāsi«Âha und den anderen Ältesten und heiligen Männern. Die

ganze Stadt Ayodhyā war zu Ehren der Rückkehr Rāma‘s von seiner Pilgerreise

für acht Tage festlich geschmückt.

21


Nun folgte eine Zeit, in der Rāma im Palast lebend seinen täglichen Pflichten

nachging. Jedoch schon sehr bald machte sich in ihm ein tiefer Wandel

bemerkbar. Er wurde dünner und schmächtiger, blasser und schwächer. König

Daśaratha war über diesen plötzlichen und gänzlich unerwarteten Wechsel

im Erscheinen und Verhalten seines geliebten Sohns besorgt. Wann immer er

Rāma zu dessen Gesundheit befragte, erwiderte dieser, dass es keinen Grund

zur Besorgnis gäbe. Und wenn Daśaratha Rāma fragte: „Geliebter Sohn, was

beschäftigt dich?“, da antwortete Rāma höflich: „Nichts, Vater“ und verstummte.

Schließlich wandte sich Daśaratha an den Weisen Vāsi«Âha, um von diesem

eine Antwort über das rätselhafte Verhalten des Sohnes zu erhalten. Der

Weise antwortete zweideutig: „Gewiss gibt es einen Grund, weshalb Rāma

sich auf diese Weise verhält. So wie sich in dieser Welt ohne Grund keine

größeren Veränderungen ergeben, bevor nicht die dafür verantwortliche

Ursache (bzw. die kosmischen Elemente) in die Entstehung gekommen ist, so

finden in den Edelmütigen auch Wandel wie Ärger, Verzagtheit und Freude

nicht grundlos statt.“ Daśaratha drang nicht weiter in ihn.

Bald nach diesem Gespräch kam der überall berühmte Weise Viśvāmitra

zum Palast. Als der König über den heiligen Besuch unterrichtet wurde, beeilte

er sich, den Weisen zu begrüßen. Daśaratha sagte: „Willkommen, oh willkommen,

heiliger Weiser! Deine Ankunft in meinem bescheidenen Haus erfreut

mich sehr. Sie ist mir so lieb wie das Erblicken der Welt für den blinden

Mann, der Regen für die ausgedörrte Erde, der Sohn für die unfruchtbare

Frau, die Wiederaufstehung des Totgeglaubten und der Rückgewinn verlorengegangenen

Reichtums. Oh Weiser, sage mir – was kann ich für dich tun?

Sei versichert – aus welchem Wunsche heraus du zu mir gekommen sein

magst, diesen Wunsch betrachte bereits als erfüllt. Du bist die Gottheit, die

ich verehre. Ich werde tun, was immer du von mir verlangst.“

VùLMýKI fuhr fort:

Viśvāmitra war über Daśaratha's Worte erfreut und begann damit, diesem

den Zweck seines Kommens zu enthüllen. Er sagte zum König:

„Oh König! Ich brauche deine Hilfe bei der Durchführung eines religiösen

Rituals, dem ich mich verpflichtet habe. Wann immer ich dieses Ritual durchzuführen

beginne, dringen die Dämonen, die Gesellen von Khara und DÆ«aïa,

in den heiligen Ort ein und entweihen ihn. Da ich unter dem Gebot des Rituals

stehe, kann ich sie nicht verfluchen.

Du kannst mir helfen. Dein Sohn Rāma kann leicht mit diesen Dämonen fertig

werden. Als Gegenleistung für diese Hilfe werde ich ihm vielfältige Gunstbeweise

zukommen lassen, die dir vortrefflichen Segen bringen werden.

Deine Liebe zu deinem Sohn sollte nicht deine Treue zur Pflicht in Frage

stellen. In dieser Welt gibt es für die Edelmütigen kein Geschenk, das ihre

Mittel übersteigt.

I:7, 8, 9

22


I:10

Im selben Moment, in dem du ‚ja‘ sagst, betrachte ich diese Dämonen als

getötet. Denn ich weiß, wer Rāma ist. Ebenso wissen dies Vāsi«Âha und die

anderen Heiligen an diesem Hof. Dulde keinen weiteren Aufschub, oh König –

sende mir Rāma ohne weitere Verzögerung.“

Nachdem er diese sehr unwillkommene Botschaft vernommen hatte, verblieb

der König eine Weile stumm und nachdenklich. Schließlich antwortete

er: „Oh Weiser, Rāma ist noch keine sechzehn Jahre alt. Für einen solchen

Kampf ist er nicht reif genug. Er hat noch niemals an einem Kampf teilgenommen

und kennt nichts als das, was sich in den innersten Gemächern

dieses Palastes abspielt. Befiehl mir stattdessen, dich zu begleiten! Befiehl,

dass meine große Armee dich begleitet, um diese Dämonen auszulöschen!

Aber von Rāma kann ich mich nicht trennen. Ist es nicht natürlich für alle

Lebewesen, ihre Jungen zu lieben? Unternehmen denn nicht auch die weisen

Männer außergewöhnliche Handlungen aus Liebe zu ihren Kindern? Und

geben die Menschen nicht lieber all ihr Glück, ihren Wohlstand und ihre Gatten

als ihre Kinder auf? Nein, von Rāma vermag ich mich nicht zu trennen.

Ich habe von dem mächtigen Dämon Rāvaïa gehört. Sollte er derjenige sein,

der die Störung deines Rituals verursacht? In diesem Falle kann nichts dir

helfen, denn mir ist bekannt, dass gegen ihn sogar die Götter machtlos sind.

Immer wieder einmal werden mächtige Wesen dieser Art auf der Welt geboren,

und wenn ihre Zeit gekommen ist, verlassen sie die Bühne des Lebens

wieder.“

Viśvāmitra war zornig. Als Vāsi«Âha dies bemerkte, griff er ein. Er versuchte

den König davon zu überzeugen, sein Versprechen nicht zurückzuziehen,

sondern Rāma dem Weisen Viśvāmitra zur Seite zu geben. „Oh König! Es ist

deiner unwürdig, ein Versprechen zu brechen. Ein König soll stets das Vorbild

rechtschaffenen Verhaltens sein. Rāma ist sicher in der Gesellschaft

Viśvāmitra’s, der außerordentlich mächtig ist und über zahllose unbesiegbare

Waffen verfügt.“

VùLMýKI fuhr fort:

Um den Wünschen des Gurus Vāsi«Âha nachzukommen, befahl König

Daśaratha nun einem Diener, Rāma herbeizuholen. Der Diener kehrte zurück

und meldete, dass Rāma in einer Minute erscheinen würde. Er fügte hinzu:

„Der Prinz scheint niedergeschlagen zu sein und Gesellschaft meiden zu wollen.”

Bestürzt durch diese Aussage wandte sich Daśaratha an Rāma's Kammerdiener

und verlangte Auskunft über Rāma's Gemüts- und Gesundheitsverfassung.

Der Kammerdiener war sichtlich betrübt und sagte:

„Oh Herr, seit seiner Rückkehr von der Pilgerreise ist im Prinzen ein großer

Wandel vorgefallen. Er scheint sich nicht einmal mehr für das reinigende Bad,

die täglichen Gebete und die Verehrung der Götter zu interessieren. Er empfindet

kein Vergnügen mehr an der Gesellschaft der Menschen in den Gemächern

des Palastes. Juwelen und kostbaren Steinen bedeuten ihm nichts mehr.

23


Auch wenn ihm schöne und erfreuliche Objekte präsentiert werden, betrachtet

er sie nur mit traurigen, gleichgültigen Augen. Er weist sogar die Palasttänzer

zurück – er bezeichnet sie als Quälgeister! Trübsinnig und mechanisch

vollzieht er die Handlungen des Essens, Spazierengehens, Ruhens, Badens

und Sitzens, wie jemand, der taub und stumm ist. Oft murmelt er vor sich hin:

‚Was ist der Sinn von Wohlstand und Reichtum, was ist der Sinn von Heim

und Glück? All dies ist unwirklich.‘ Die meiste Zeit ist er stumm und unbeteiligt

bei den Unterhaltungen. Er zieht stets das Alleinsein vor. Die ganze Zeit

über ist er in seine eigenen Gedanken versunken. Weder wissen wir, was

unseren Prinzen überkommen hat noch über was nachsinnt oder was er

sonst hier suchen mag. Tag für Tag magert er weiter ab.

Immer wieder sagt er zu sich selbst: ‚Oh weh! Wir vertun unser Leben auf

die unterschiedlichste Art und Weise, anstatt nach dem Höchsten zu streben!

Die Leute beklagen laut all ihr Leiden und ihr Elend, aber niemand vermag

sich ernstlich von den Ursachen seiner Schmerzen und seines Kummers

abzuwenden!‘ Wir, seine ergebenen Diener, die all dies jeden Tag hören und

sehen, sind darüber außerordentlich betrübt. Wir wissen nicht, was wir tun

sollen. Er ist ohne jede Hoffnung und ohne jeden Wunsch. Er ist an nichts

gebunden und von nichts abhängig. Er ist weder verblendet noch verrückt,

aber er ist auch nicht erleuchtet. Manchmal jedoch scheint er von dem Gedanken

der Selbsttötung überwältigt zu werden – angetrieben von Gefühlen

der Verzagtheit: ‚Was ist der Nutzen von Reichtum, Müttern und Verwandten,

was ist der Nutzen des Königtums, und was ist der Sinn aller Tätigkeit hier in

dieser Welt?‘ Oh Herr, nur du kannst das Hilfsmittel gegen diese Verfassung

des Prinzen finden.“

VIŚVùMITRA sagte:

Wenn es so steht, dann möge Rāma hierher kommen. Seine Verfassung ist

nicht das Ergebnis eines Wahns, sondern sie ist voll von Weisheit und Leidenschaftslosigkeit

– sie zielt auf die Erleuchtung. Bringt ihn zu uns – wir werden

seine Mutlosigkeit vertreiben.

VùLMýKI sagte:

Und so forderte der König den Kammerdiener auf, Rāma unverzüglich zum

Hof zu bringen. Währenddessen hatte Rāma sich bereits auf das Treffen mit

seinem Vater vorbereitet. Schon von weitem erkannte und grüßte er seinen

Vater und die Weisen. Diese wiederum bemerkten, wie dieses noch jugendliche

Antlitz schon vom Frieden der Reife leuchtete. Er verneigte sich zu Füßen

des Königs, der ihn umarmte und zu sich emporhob. Er sprach zu ihm: „Was

macht dich so traurig, mein Sohn? Trübsinn ist eine offene Einladung für

zahllose Übel.“ Die Weisen Vāsi«Âha und Viśvāmitra stimmten dem König zu.

RùMA erwiderte:

Heiliger Herr, ich werde deine Fragen pflichtschuldigst beantworten. Ich

wuchs glücklich im Hause meines Vaters auf; ich wurde von würdigen Lehrern

unterrichtet. Kürzlich unternahm ich eine Pilgerreise. Während dieser

I:11, 12

24


Zeit ergriffen mich gewisse Gedanken, die mir alle Hoffnungen in dieser Welt

raubten. Mein Herz begann Fragen zu stellen: Was nennen die Menschen

„Glück” und wie kann es in dieser Welt der stets wechselnden Objekte jemals

erlangt werden? Alle Wesen in dieser Welt werden geboren, um zu sterben

und sind dem Tode unterworfen, nur um wiedergeboren zu werden! In all

diesen vergänglichen Phänomenen, die die Wurzeln von Leiden und Sünde

darstellen, vermag ich keinerlei Sinn zu erblicken. Wesen ohne irgendwelche

Beziehung treffen aufeinander und das Gemüt erfindet dann eine Verbindung

zwischen ihnen. Alles in dieser Welt hängt vom Gemüt ab, von der mentalen

Verfassung. Wird es aber untersucht, erweist sich dasselbe Gemüt als unwirklich!

Trotzdem lassen wir uns von ihm verhexen. Wir scheinen hinter einer

Fata Morgana in der Wüste herzulaufen, um unseren Durst zu stillen!

Herr, gewiss sind wir keine an einen Herrn verkaufte Sklaven, doch leben

wir ein Leben in Sklaverei und ohne jegliche Freiheit. Unwissend gegenüber

der Wahrheit scheinen wir ziellos in diesem dichten Urwald, welcher Welt

genannt wird, umherzuwandern. Was ist denn diese Welt? Was ist es, das

wird, wächst und stirbt? Wie kann all dieses Leiden beendet werden? Mein

Herz blutet vor Schmerz, obschon ich aus Rücksicht auf die Gefühle meiner

Gefährten keine Tränen vergieße.

RùMA fuhr fort:

Gleichermaßen nutzlos, oh Weiser, ist der Reichtum, der nur die Unwissenden

verführt. Unstet und wechselhaft, verursacht Reichtum nichts als zahllose

Sorgen und erzeugt ein unstillbares Verlangen nach immer mehr. Der

Reichtum ist ohne Ansehen der Person, denn sowohl die Guten wie die

Schlechten können reich werden. Aber die Menschen sind nur so lange gut,

mitfühlend und freundlich, so lange ihre Herzen nicht durch die leidenschaftliche

Jagd nach Wohlstand verhärtet sind. Der Reichtum verdirbt sogar die

Herzen von weisen Gelehrten, von Helden, von ehrenhaften Menschen und

von freundlichen und geschätzten Personen. Reichtum und Glück vertragen

einander nicht. Selten gibt es einen wohlhabenden Mann, der keine Feinde

und Gegner hat, die seinem Ruf zu schaden trachten. Für den Lotos der rechten

Handlung ist der Reichtum die finstere Nacht, für den weißen Lotos des

Kummers ist er der Mondschein, für die Leuchte der klaren Einsicht ist er der

Wind, für die Welle der Feindschaft ist er die Flut, für die Wolke der Verwirrtheit

ist er der günstige Wind und für das Gift der Trübsinns ist er der beschleunigende

Wirkstoff. Er ist wie die Schlange aus üblen Gedanken, er fügt

der Qual die Furcht hinzu, er ist für den Sehnsüchtigen nach der Leidenschaftslosigkeit

wie der bitterkalte Schneefall, er ist der Einbruch der Nacht

für die Eule der bösen Wünsche, er ist der Niedergang für den Mond der

Weisheit und in seiner Gegenwart schrumpft die gute Natur des Menschen zu

einem Nichts zusammen.

Wahrhaftig – der Reichtum sucht denjenigen, der bereits im Griff des Todes

ist.

I:13, 14

25


I:15, 16

Und so ist auch diese Lebensspanne, oh Weiser. Sie ist so kurzlebig wie der

an einem Blatt hängende Wassertropfen. Die Lebensspanne ist fruchtbar nur

für diejenigen, die Selbsterkenntnis haben. Wir mögen den Wind umfassen,

den Raum zerstückeln oder Wellen zu einer Girlande zusammenbinden, aber

wir können unsere Zuversicht nicht an diese Lebensspanne heften. Wie eifrig

versucht der Mensch, das Alter hinauszuzögern und wie viele neue Sorgen

sammelt er dann, und wie sehr verlängert er die Zeit seines Leidens! Nur

derjenige lebt wirklich, der nach Selbsterkenntnis strebt; nur dieser allein

weiß, was wirklich wichtig ist in dieser Welt und wie er der Wiedergeburt ein

Ende setzen kann. Alle anderen hier leben wie Esel. Für den Unweisen ist die

Kenntnis der Schriften nur eine Last; für den, der voll von Wünschen ist, ist

die Weisheit eine Bürde; für den Ruhelosen ist schon sein eigenes Gemüt eine

Beschwernis, und für denjenigen, der ohne Selbsterkenntnis ist, ist der Körper

(d. h. die Lebensspanne) eine Qual.

Ohne Pause nagt die Ratte der Zeit an der Lebenspanne des Menschen. Die

Termite der Krankheit (frisst) zerstört die vitalen Kräfte des Lebewesens. So

wie die Katze, die die Maus jagt, sie wachsam und sprungbereit beobachtet,

so wendet der Tod sein Auge nicht ab von dieser Lebenspanne.

RùMA fuhr fort:

Heiliger Herr, ich bin verwirrt und voll Angst, wenn ich darüber nachdenke,

wie der furchtbare Feind der Weisheit ins Leben tritt, der als Ich-Sinn bekannt

ist. Er entsteht in der Finsternis der Unwissenheit und gedeiht in ihr. Er

erzeugt endlos sündige Neigungen und Handlungen. Ganz gewiss dreht sich

sämtliches Leiden nur um den Ich-Sinn, denn es ist das „Ich”, das leidet. Der

Ich-Sinn ist die einzige Ursache für jedwede mentale Verwirrtheit. Ich betrachte

den Ich-Sinn als meine schlimmste Krankheit! Indem er das Netz der

wohlgefälligen Objekte des Vergnügens ausbreitet, führt der Ich-Sinn die

Lebewesen in die Falle. Gewiss sind alle die entsetzlichen Nöte dieser Welt

aus dem Ich-Sinn geboren. Der Ich-Sinn verdunkelt die Selbstbeherrschung,

zerstört die Tugend und den Gleichmut. Ich möchte nichts anderes, als die

Wahrnehmung des Ich-Sinns: „ich bin Rāma” und alle Wünsche aufgeben und

nur noch im Selbst ruhen. Ich erkenne, dass alles umsonst ist, was ich mit der

Vorstellung des Ich-Sinns unternommen habe – der Nicht-Ich-Sinn allein ist

die Wahrheit. Wenn ich unter dem Einfluss des Ich-Sinns bin, bin ich unglücklich

– bin ich frei von ihm, bin ich glücklich. Der Ich-Sinn fördert das Verlangen

– ohne dieses stirbt es ab. Es ist allein der Ich-Sinn, der ohne Vernunft

und Verstand ist; der das Netz des Familienlebens und der sozialen Beziehungen

ausgeworfen hat, um die unvorsichtige Seele einzufangen. Ich glaube,

ich bin frei vom Ich-Sinn, und doch fühle ich mich noch elend. Bitte, erleuchte

mich!

Ohne die Gnade, die der heilige Dienst am Weisen gewährt, streift der unreine

Verstand ruhelos umher wie der Wind. Unzufrieden mit allem, was er

erlangt, nimmt seine Rastlosigkeit Tag für Tag zu. Das Sieb kann nie mit Wasser

gefüllt werden und das Gemüt erlangt niemals den Zustand der Erfüllung,

26


gleichgültig wie viele weltliche Objekte angehäuft werden. Der Verstand

flattert stets in allen Himmelsrichtungen umher, ist aber unfähig, dort das

Glück zu finden. Ohne die großen Leiden zu bedenken, die es einst in der

Hölle erdulden muss, sucht das Gemüt hier nach dem Vergnügen und findet

es nicht. Wie der Löwe im Käfig ist das Gemüt ruhelos. Es hat seine Freiheit

verloren und ist seiner gegenwärtigen Lage überdrüssig. Oh Heiliger – ich bin

von den Fesseln des Verlangens an das Netz gebunden, welches das Gemüt

ausgelegt hat. So wie die dahineilenden Gewässer des Flusses die Bäume am

Ufer entwurzeln, so hat das rastlose Gemüt mein ganzes Sein entwurzelt. Wie

ein trockenes Blatt werde ich vom Wind meines Gemüts umhergetrieben.

Nirgendwo lässt es mich ruhen. Es ist nur dieses Gemüt, welches die Quelle

aller Objekte in der Welt ist. Diese drei Welten existieren nur aufgrund von

Gedankentätigkeit. Wenn das Gemüt verschwindet, verschwindet auch diese

Welt.

RùMA fuhr fort:

Wahrhaftig ist es die in das Verlangen eingekleidete Gedankentätigkeit, die

in der dadurch verursachten Finsternis der Unwissenheit diese zahllosen

Irrtümer entstehen lässt. Dies Verlangen dörrt die edlen und guten Eigenschaften

des Gemüts und Herzens wie die Wärme und die Freundlichkeit des

Charakters aus und macht mich hart und grausam. In dieser Finsternis wirbelt

das Verlangen in seinen verschiedenen Gestalten wie ein Kobold umher.

Obgleich ich mir verschiedene Methoden zur Beherrschung dieses Verlangens

zu Eigen gemacht habe, überwältigt es mich im Nu von neuem und treibt

mich hilflos vor sich her, wie der Sturm den Strohhalm mitreißt. Was immer

ich mir durch die Pflege der Leidenschaftslosigkeit und ähnlicher Qualitäten

erhoffe – das Verlangen vernichtet diese Hoffnung rascher, als eine Maus

einen Faden durchbeißt. So bin ich hilflos gefangen im sich drehenden Rad

des Verlangens. Wie der im Netz gefangene Vogel sind wir, obwohl wir Flügel

besitzen, unfähig, unser Ziel zu erreichen oder Zuflucht im sicheren Hafen der

Selbsterkenntnis zu finden. Auch kann dieses Verlangen niemals gestillt werden,

sogar dann nicht, wenn ich Nektar in großen Zügen trinken würde. Die

Besonderheit dieses Verlangens besteht darin, dass es keinerlei Ziel hat:

Heute wirft es mich in diese Richtung und im nächsten Moment schon befinde

ich mich gänzlich woanders – wie ein durchgegangenes Pferd. Es breitet

vor unseren Augen ein riesiges Netz bestehend aus dem Sohn, dem Freund,

der Ehefrau und anderen Verwandten aus, in dem wir uns verfangen.

Obgleich ich mich als einen Held betrachte, macht dieses Verlangen aus mir

einen furchtsamen Feigling. Obgleich ich Augen habe zu sehen, macht es mich

blind. Obgleich ich eine freudige Natur habe, macht es mich elend. Es ist wie

ein furchtbarer Kobold. Es ist dieser schreckliche Kobold namens Verlangen,

der für Bindung und Unglück verantwortlich ist. Er bricht das Herz des Menschen

und sät die Saat der Täuschung in ihm. Gefangen von diesem Kobold, ist

der Mensch sogar unfähig, die Freuden zu genießen, die sich in seiner Reichweite

befinden. Obschon das Verlangen dem Anschein nach zum Glück führt,

I:17

27


I:18

führt es weder dorthin noch zu einem sinnvollen Leben; im Gegenteil – es

beschwört nur nutzloses Bemühen herauf und bringt in unser Leben allerlei

übeldeutende Zeichen. Sobald es die Bühne dieses Lebens betritt, auf der

vielerlei glückliche und unglückliche Begebenheiten sich abspielen, so ist

doch das Verlangen wie eine alternde Diva unfähig, Gutes und Edles zu bewirken;

im Gegenteil erzeugt es auf Schritt und Tritt Misslichkeit und Niederlage.

Und doch gibt es seinen Tanz auf dieser Bühne nicht auf!

Das Verlangen steigt jetzt in die Höhe des Himmels auf und im nächsten

Moment sieht man es in den Tiefen der unteren Welten. Es ist stets rastlos. Es

gründet auf nichts anderem als auf der Leere des Gemüts. In einem Moment

leuchtet im Gemüt das Licht der Weisheit auf, aber schon im nächsten Moment

herrscht nichts als Verwirrung. Es ist ein Wunder, dass die Weisen diese

Not mit dem Schwert der Selbsterkenntnis zu durchhauen vermögen.

RùMA fuhr fort:

Auch dieser bedauernswerte Körper, der aus Venen, Arterien und Nerven

besteht, ist eine Quelle der Schmerzen. Obwohl leblos, täuscht er Intelligenz

vor. So erzeugt er Verwirrung und man weiß nicht, ob er fühlend oder nichtfühlend

ist. Zufrieden schon mit der leisesten Erleichterung und bestürzt

durch die geringste Widerwärtigkeit ist dieser Körper in der Tat verachtenswert.

Den Körper vermag ich nur mit einem Baum zu vergleichen: Die Äste sind

die Arme, der Stamm ist der Rumpf, die Löcher sind die Augen, die Früchte

sind der Kopf, und die Blätter stehen für die zahllosen Krankheiten. Er ist

nichts als ein Grab für die Lebewesen. Wer kann schon mit vollem Recht

behaupten, dass der Körper sein eigen sei? Seine Hoffnung auf ihn zu setzen

oder seine Verzweiflung mit ihm in Verbindung zu bringen, ist sinnlos. Er ist

nichts als ein Floß, mit dem man diesen Ozean aus Geburt und Tod überquert

– niemand sollte ihn für sein eigenes Selbst halten.

Dieser Baum, der der Körper ist, wächst in einem Wald, der saæsāra (Kreislauf

der Wiedergeburt) genannt wird. In ihm spielt der ruhelose Affe (das

Gemüt); er ist die Wohnstätte der Grillen (der Sorgen); er wird beständig von

den Insekten (der endlosen Leiden)gefressen; er beherbergt die giftige

Schlange (des Verlangens), und die wilde Krähe (des Zorns) bedrängt ihn. Auf

ihm wachsen die Blumen (des Gelächters) und die Früchte von Gut und Böse.

Er scheint lebendig zu sein, und wird doch nur durch den Wind (der Lebenskraft)

bewegt. Er bietet Wohnung den Vögeln (der Sinne) und ist der Unterstand

der Reisenden (Lust und Verlangen), denn er bietet ihnen den Schatten

des Vergnügens. Auf ihm sitzt der riesenhafte Geier (des Ich-Sinns) und er ist

gänzlich hohl und leer. Ganz gewiss kann er keinerlei Glücksverheißung darstellen.

Ob er lange lebt oder in kurzer Zeit abstirbt – nutzlos ist er in jedem

Fall. Er ist aus Fleisch und Blut zusammengesetzt und Alter und Tod unterworfen.

Ich schätze ihn nicht. Er ist im Übermaß angefüllt mit unreinen Substanzen

und von der Unwissenheit geschlagen. Wie könnte er jemals meine

Hoffnungen erfüllen?

28


I:19

Dieser Körper ist die Heimat der Krankheiten, ein Feld der mentalen Verwirrtheit

und der wechselhaften Gefühle und Bewusstseinszustände. Ich

schätze ihn nicht. Was sind Wohlstand, Königtum und Körper? Alle diese

werden gnadenlos vom Zahn der Zeit (Tod) zernagt. Zum Zeitpunkt des Todes

gibt dieser undankbare Körper die Seele auf, die in ihm lebte und ihn beschützt

hat. Welche Hoffnung könnte ich jemals in ihn setzen? Schamlos

stürzt er sich wieder und wieder in dieselben (schädlichen) Handlungen! Sein

einziger Zweck besteht anscheinend darin, am Ende auf dem Scheiterhaufen

zu verbrennen. Unbeirrt durch Alter und Tod, die den Reichen wie den Armen

treffen, sucht er nach Wohlstand und Macht. Schande, Schande über diejenigen,

die an diesen Körper gebunden sind – trunken vom Wein der Unwissenheit!

Schande über diejenigen, die an diese Welt gefesselt sind!

RùMA sagte:

Sogar die Kindheit, der Teil des Lebens, den die Leute irrigerweise als erfreulich

und glücklich betrachten, ist voll von Kummer, oh Weiser. Hilflosigkeit,

Missgeschicke, Verlangen, Sprachlosigkeit, Stummsein, völlige Torheit,

Verspieltheit, Unbeständigkeit und Schwäche – all das ist in der Kindheit

enthalten. Das Kind ist leicht verletzt, schnell erregbar bis zum Zorn und

bricht rasch in Tränen aus. Wahrhaftig lässt sich mit Gewissheit behaupten,

dass die Furcht des Kindes schrecklicher als die einer sterbenden Person,

eines alternden Mannes, eines kranken Menschen oder irgendeines anderen

Erwachsenen ist. Denn in der Kindheit lebt man wie ein Tier, das gänzlich von

der Gnade anderer abhängig ist.

Das Kind ist schutzlos den zahllosen Ereignissen rund herum ausgeliefert –

sie bestürzen das Kind, verwirren und verwickeln es in verschiedene Wahnvorstellungen

und Ängste. Das Kind ist beeindruckbar und leicht von den

Übelwollenden verführbar. So ist das Kind auf vielfältige Weise dem Willen

und der Bestrafung seiner Eltern unterworfen. Die Kindheit scheint eine Zeit

der Unterwerfung und nichts anderes zu sein!

Obgleich das Kind reine Unschuld zu sein scheint, besteht die Wahrheit darin,

dass es alle Arten von Defekten, sündigen Neigungen und neurotischem

Verhalten verborgen und schlummernd in sich beherbergt, so wie eine Eule

am Tage versteckt in einem dunklen Loch wohnt. Oh Weiser – ich bedauere

die Menschen, die törichterweise diese Kindheit als eine glückliche Lebensperiode

ansehen!

Welches Leiden ist schlimmer als ein ruheloses Gemüt? Und ist nicht das

Gemüt des Kindes von extremer Ruhelosigkeit? Wenn das Kind nicht jeden

Tag etwas Neues erfährt, wird es unglücklich. Tatsächlich scheinen Weinen

und Jammern die Hauptbeschäftigung jedes Kindes zu sein. Bekommt das

Kind nicht, was es sich wünscht, dann scheint sein Herz zu brechen.

Geht das Kind dann in die Schule, empfängt es aus der Hand seiner Lehrer

die Bestrafungen – all dies vergrößert seine Qualen nur noch.

29


Schreit das Kind, dann versprechen ihm die Eltern das Blaue vom Himmel

herunter, um es zu beschwichtigen. Von da an beginnt das Kind die Welt zu

schätzen und die Dinge darin zu begehren. Die Eltern sagen: „Ich gebe dir den

Mond für ein Spielzeug”, und das Kind, ihren Worten glaubend, denkt, es

könne den Mond in seinen Händen halten. Auf diese Weise werden die Samen

der Täuschung in dem kleinen Herz gesät.

Obgleich das Kind Hitze und Kälte fühlt, ist es unfähig, sie zu vermeiden.

Wie kann es sich dann besser als ein Baum fühlen? Wie die Tiere und die

Vögel langt auch das Kind vergeblich nach den Dingen, die es begehrt. Furchtsam

meidet es die Älteren, mit denen es zusammenlebt.

RùMA fuhr fort:

Nach dem Ende der Kindheit betritt das menschliche Wesen die Stufe der

Jugend, aber auch hier kann es den Zustand des Unglücklichseins nicht hinter

sich lassen! Nun ist es den zahllosen mentalen Modifikationen der Jugendzeit

unterworfen und schreitet vom Elend zu noch größerem Elend fort, denn es

gibt alle Weisheit auf und umarmt den schrecklichen Kobold – die Lust, die in

seinem Herzen wohnt. Sein Leben ist voll von Wunsch und Furcht. Wahrhaftig,

diejenigen, die sich die Weisheit in ihrer Jugend nicht rauben lassen, können

wohl jedem Ansturm standhalten.

Ich schätze sie nicht, diese vergängliche Jugend, in der kurzlebiges Vergnügen

rasch von langandauerndem Leiden gefolgt wird, und in der so viele

getäuscht werden von dem, was so viele Menschen als wandellos ansehen,

was aber in Wirklichkeit wechselhaft ist. Was noch schlimmer ist: In der

Jugend begeht man viele Handlungen, die auch anderen nichts als Unglück

bringen.

So wie ein Baum von einem Waldbrand vernichtet wird, so wird das Herz

des Jugendlichen vom Feuer der Leidenschaft verbrannt, sobald seine Geliebte

ihn verlässt. Wie sehr er auch streben mag, um die Reinheit des Herzens zu

entwickeln – das Herz des Jugendlichen bleibt stets vom Makel der Unreinheit

befleckt. Auch wenn seine Geliebte nicht bei ihm ist, wird er ständig von

den Gedanken an ihre Schönheit verfolgt. Eine solche Person, angefüllt mit

Verlangen, kann in den Augen der guten Menschen keine hohe Wertschätzung

genießen.

Die Jugend ist die Heimstatt des Leidens und der Bedrängnis (mentalen

Zerrüttung). Sie kann mit einem Vogel verglichen werden, der mit den beiden

Flügeln der guten und schlechten Handlungen fliegt. Die Jugend ist wie der

Sandsturm, der die guten Eigenschaften des Menschen verweht und zerstreut.

Die Jugend erweckt alle Arten des Bösen im Herzen und vertreibt die

guten Eigenschaften, die noch existieren mögen; sie ist daher nichts anderes

als der Anstifter des Üblen. Sie lässt Täuschung und blinde Anhaftung entstehen.

Jugend erscheint dem Körper begehrenswert, ist aber für das Gemüt die

Quelle der Zerstörung. In der Jugend wird der Mensch vom Wahnbild des

Glücks verführt, welches ihn unmittelbar zu der Quelle des Kummer geleitet.

Daher bin ich gar nicht erfreut über die Jugend.

I:20

30


I:21, 22

Ach! Und auch wenn die Jugend den Körper verlässt, brennen die Leidenschaften,

die sie im Menschen erweckt hat, sogar noch heftiger und führen

nur allzu schnell die Zerstörung herbei. Wer sich an dieser Jugend erfreut, ist

kein Mensch, sondern nur ein stumpfes Tier, dass sich in ein menschliches

Gewand gekleidet hat.

Nur diejenigen verdienen es, bewundernswert und große Seelen genannt

und als wahre Menschen betrachtet zu werden, die sich nicht von den Übeln

der Jugend überwältigen ließen und diese Stufe des Lebens überwanden,

ohne sich ihren Verführungen zu unterwerfen. Es ist wohl leicht, einen großen

Ozean zu überqueren, aber das andere Ufer der Jugend zu erreichen,

ohne von ihren Neigungen und Abneigungen beeinträchtigt zu werden, ist

wahrhaftig eine schwierige Aufgabe.

RùMA fuhr fort:

In der Jugend ist der Mensch ein Sklave der sexuellen Anziehung. In einem

Körper, der tatsächlich nichts als ein Aggregat aus Fleisch, Blut, Knochen,

Haaren und Haut ist, nimmt er irrigerweise Schönheit und Anmut wahr. Wenn

diese „Schönheit” dauerhaft wäre, so hätte diese Illusion wohl einige Berechtigung.

Jedoch – oh weh! – sie dauert nicht allzu lange. Im Gegenteil, schon

sehr bald wird das Fleisch, das vorher der Gegenstand der Anbetung war,

wird die Anmut und Schönheit der Geliebten in die welke Hässlichkeit des

Alters verwandelt. Und noch später wird es vom Feuer, von Würmern oder

Geiern verzehrt. Solange es jedoch andauert, verbrennt die sexuelle Anziehung

das Herz und die Weisheit des Menschen. Auf diese Weise wird die

gesamte Schöpfung am Leben erhalten. Wenn diese Anziehung endet, dann

endet auch dieses saæsāra (Zyklus von Geburt und Tod).

Sobald das Kind seiner Kindheit überdrüssig geworden ist, nimmt die Jugend

ihre Stelle ein. Endet die Jugendzeit mit ihren Plagen der Unzufriedenheit

und Frustration, so wird sie vom Altern abgelöst – wie grausam das Leben

doch ist! So wie der Luftzug einen Tautropfen vom Blatt fegt, so beseitigt

das Alter den Körper. So wie ein Tropfen Gift den ganzen Körper zersetzt,

wenn er einmal in diesen eingedrungen ist, so zersetzt die Senilität schon

bald den gesamten Körper, lässt ihn zusammenbrechen und zu einem Gegenstand

des Gelächters der Leute werden.

Obwohl der alte Mann seine Wünsche physisch nicht mehr befriedigen

kann, wachsen und gedeihen diese in ihm nach wie vor. Erst jetzt, wo es

schon zu spät ist, um noch den Lauf seines Lebens und seine Lebensweise zu

ändern oder sein Leben bedeutungsvoller zu gestalten, beginnt er sich zu

fragen: „Wer bin ich? Was sollte ich tun?“ usw. Mit dem Anbruch der Senilität

beginnen sich nun alle die peinigenden Zeichen des körperlichen Zusammenbruchs

wie Keuchen, weiße Haare, Kurzatmigkeit, Verdauungsstörungen und

Auszehrung zu zeigen.

Und vielleicht betrachtet der Gott des Todes das silberne Haupt des alten

Mannes schon bald wie eine gesalzene Melone und eilt, um sie zu besitzen.

31


Wie die Fluten des Wassers die Wurzeln der Bäume am Ufer fortreißen, so

durchtrennt die Senilität unnachsichtig die Wurzeln des Lebens. Es folgt der

Tod, der das Leben mit sich nimmt. Die Senilität ist wie der königliche Diener,

der dem König, dem Tode, vorangeht.

Oh wie rätselhaft und bestürzend dies alles doch ist! Sogar jene, die nie von

ihre Feinden besiegt wurden und ihre Zuflucht in unerreichbaren Berggipfeln

gefunden haben – auch sie werden von diesem Dämon gequält, der als Senilität

und Degeneration bekannt ist.

RùMA fuhr fort:

Alle Freuden in dieser Welt sind Täuschung, so wie der Genuss eines Irren,

der sich am Geschmack einer im Spiegel erscheinenden Frucht erfreut. Alle

Hoffnungen des Menschen in dieser Welt werden unablässig von der Zeit

zerstört. Es ist die Zeit, oh Weiser, die alles in dieser Welt verbraucht – es gibt

nichts in der Schöpfung, was sich außerhalb ihrer Reichweite befindet. Die

Zeit ist es, die zahllose Universen erschafft – und schon nach kurzer Zeit hat

sie alles wieder zerstört.

Die Zeit erlaubt in ihrer teilweisen Manifestation als das Jahr, das Zeitalter

und die Epoche einen kleinen Blick auf sich selbst, aber ihre wahre Natur ist

verborgen. Es ist diese Zeit, die alles überragt. Die Zeit ist gnadenlos, unerbittlich,

grausam, allesverschlingend und unersättlich. Die Zeit ist der größte

Zauberer – voll von irreführenden Tricks. Die Zeit selbst kann nicht erforscht

werden – wie viele Male sie auch zergliedert wird, sie überlebt doch stets und

zeigt sich als unzerstörbar. Ihr Appetit auf alles und jedes ist unstillbar. Sie

verschlingt die kleinsten Insekten, die größten Berge und sogar den König des

Himmels! So wie der kleine Junge zum Zeitvertreib mit einem Ball spielt, so

spielt die Zeit zu ihrem Zeitvertreib mit den beiden Bällen, die als Sonne und

Mond bekannt sind. Es ist in der Tat die Zeit allein, die als Zerstörer des Universums

(Rudra), als Schöpfer der Welt (Brahmā), als König des Himmels

(Indra), als Gebieter des Wohlstands (Kubera) und als das Nichts der kosmischen

Auflösung erscheint. Es ist in der Tat diese Zeit, die beständig und

wiederholt das Universum erschafft und auflöst. So wie der große und mächtige

Berg auf der Erde ruht, so ruht diese allmächtige Zeit auch im absoluten

Sein (Brahman).

Obwohl die Zeit unermüdlich neue Universen erschafft, verbraucht sie sich

weder noch erfreut sie sich daran. Weder kommt sie noch geht sie; weder

steigt sie auf noch geht sie unter.

Die Zeit, der Genießer, sieht die Objekte dieser Welt, wie sie im Feuer der

Sonne reifen. Befindet sie sie für reif, dann isst sie sie! Alle Epochen der Zeit

waren und sind zur Freude der Zeit bedeckt mit den lieblichen Edelsteinen

der lebendigen Wesen, die sie spielerisch auslöscht, wenn ihre Zeit gekommen

ist.

Für den Lotos der Jugend ist die Zeit der Einbruch der Nacht; für den Elefanten

der Lebenszeit ist die Zeit der Löwe. Es gibt in dieser Welt nichts Ho-

I:23, 24

32


I:25, 26

hes oder Niedriges, was die Zeit nicht zerstören würde. Und wenn all dieses

schließlich zerstört ist, so wird die Zeit selbst jedoch niemals zerstört. So wie

ein Mensch nach der Tätigkeit des Tages in Schlaf fällt, als ob er bewusstlos

sei, so schläft oder ruht auch die Zeit nach der Auflösung des Kosmos und

behält die Fähigkeit zur Neuerschaffung der Welten verborgen in sich. Niemand

weiß wirklich, was die Zeit ist.

RùMA fuhr fort:

Abgesehen von der Zeit, die ich gerade beschrieben habe, gibt es noch eine

weitere Zeit, die für Geburt und Tod verantwortlich ist. Die Leute bezeichnen

sie als die Gottheit, die über den Tod herrscht.

Und es gibt noch einen weiteren Aspekt der Zeit, der k­tānta genannt wird

— es ist dies das Ende der Tätigkeit, ihr unvermeidliches Ergebnis oder ihre

Frucht. Dieser k­tānta ist wie der Tänzer, der niyati (das Gesetz der Natur) als

sein Weib hat. Beide zusammen erlegen allen Wesen die unvermeidbare

Frucht ihrer Handlungen auf. Während der Existenz des Universums sind sie

unermüdlich in ihrem Schaffen, unbeirrbar in ihrer Wachsamkeit und unnachgiebig

in ihrem Eifer.

Wenn die Zeit also in diesem Universum tanzt und alles erschafft und zerstört

– welche Hoffnung können wir dann haben? K­tānta hat sogar diejenigen

im Griff, deren Glaube stark ist, und macht sie ruhelos. K­tānta ist die

dafür verantwortlich, dass alles in dieser Welt sich in konstantem Wandel

befindet; eine Dauerhaftigkeit gibt es hier nicht.

Alle Wesen in dieser Welt sind vom Übel berührt, alle Beziehungen bedeuten

Bindung, alle Freuden sind in Wirklichkeit große Leiden, und alle Wünsche

nach dem Glück sind tatsächlich nur Luftspiegelungen. Die eigenen

Sinne sind die Feinde; die Wirklichkeit wurde unwirklich (unerkennbar); der

eigene Verstand wurde zum schlimmsten Feind. Der Ich-Sinn ist die Hauptursache

alles Bösen. Die Weisheit ist machtlos; alle Tätigkeiten führen zum

Missvergnügen, und die Freude ist rein sexuell. Die Intelligenz wird vom

Egoismus regiert anstatt der Egoismus von der Intelligenz. Daher kann es im

Gemüt des Menschen weder Frieden noch Glück geben. Die Jugend schwindet.

Die Gesellschaft der Heiligen ist selten. Es gibt keinen Ausweg aus diesem

Leiden. Nirgendwo ist die Erkenntnis der Wahrheit zu beobachten. Weder

freut man sich über das Gedeihen und das Glück anderer, noch kann in irgendeinem

Herzen Mitgefühl gefunden werden. Die Menschen werden von

Tag zu Tag schlechter. Schwäche hat die Stärke überwunden, Feigheit den Mut

überwältigt. Schlechte Gesellschaft ist leicht zu haben, gute dagegen kaum zu

finden. Ich frage mich, wohin die Zeit die Menschlichkeit führen wird.

Ihr Heiligen, diese rätselhafte Macht, die diese Schöpfung regiert, zerstört

sogar die mächtigsten Dämonen, raubt auch das, was aufgrund seiner scheinbaren

Dauerhaftigkeit für ewig angesehen wird, und tötet sogar die Unsterblichen.

Kann es da für einfache Menschen wie mich irgendeine Hoffnung

geben? Dieses rätselhafte Wesen scheint in allen zu wohnen, und sein indivi-

33


I:27

dualisierter Aspekt wird als der Ich-Sinn bezeichnet. Anscheinend gibt es

nichts, was von ihm nicht zerstört wird. Das gesamte Universum befindet sich

unter seiner Herrschaft – gewiss wird es immer die Oberhand behalten.

RùMA fuhr fort:

Oh Weiser, weder in der Kindheit, in der Jugend noch im Alter erfährt man

hier das wahre Glück. Keines der weltlichen Objekte kann irgendjemandem

echtes Glück verschaffen. Vergeblich hält das Gemüt in den Objekten dieser

Welt Ausschau nach dem Glück. Nur der ist glücklich, der frei vom Ich-Sinn ist

und nicht von der Begierde nach dem Sinnesvergnügen beherrscht wird. Aber

eine solche Person ist in dieser Welt außerordentlich selten. Ich betrachte in

der Tat keinen als Helden, der erfolgreich eine mächtige Armee niederwirft,

aber ich achte den als Helden, der in der Lage ist, diesen Ozean des Verstandes

und der Sinne zu durchqueren.

Ich vermag nicht das als einen „Gewinn” zu betrachten, was schon bald dem

Verlust ausgesetzt ist. Es kann nur das ein Gewinn sein, was niemals verloren

geht. Aber nirgendwo in dieser Welt ist ein solcher Gewinn zu finden, wie

sehr man auch immer darum kämpfen mag. Ohne dass er danach sucht, setzen

dem Menschen wiederholte Missgeschicke und schon bald wieder vergehende

Erfolge nach. Ich bin bestürzt darüber, Heiliger Herr, wie ein Mensch

den ganzen Tag lang vorgeblich stark beschäftigt umherstreifen und ausschließlich

mit selbstsüchtiger Tätigkeit beschäftigt sein kann und nicht eine

gute Tat vollbringt, aber dennoch einen festen Schlaf in der Nacht findet!

Und obwohl diese so stark umtriebigen Menschen alle ihre irdischen Feinde

besiegen und sich mit Wohlstand und Luxus umgeben und sogar noch mit

ihrem Glück prahlen, so sind sie doch von Anfang an des Todes gewesen. Wie

der Tod einen solchen Menschen schließlich niederstreckt, das weiß nur Gott.

In seiner Unwissenheit bindet sich der Mann an die Frau, den Sohn und die

Freunde. Er hat keine Ahnung davon, dass diese Welt wie ein riesiges Pilgerlager

ist, in dem zahllose Menschen, unter denen sich auch seine sogenannte

Frau, sein Sohn und seine Freunde befinden, durch Zufall aufeinandertreffen.

Diese Welt ist wie eine Töpferscheibe: Die Scheibe scheint stillzustehen,

obwohl sie sich mit ungeheurer Geschwindigkeit dreht. Auf dieselbe Weise

erscheint der getäuschten Person diese Welt als beständig, obwohl sie sich in

Wahrheit andauernd im Wechsel befindet. Diese Welt ist wie ein giftiger

Baum: Wer mit ihm in Berührung tritt, wird mit Bewusstlosigkeit geschlagen

und betäubt. Alle Gesichtspunkte in dieser Welt sind mit Makeln behaftet; alle

Länder dieser Erde sind Gebiete des Übels; alle Menschen auf dieser Erde

sind dem Tode unterworfen; alle Handlungen sind irreführend.

Äonen über Äonen sind bereits gekommen und gegangen, die nichts als Augenblicke

in der Zeit sind, da es in Wahrheit keinerlei Unterschied zwischen

einer Epoche und einem Moment gibt, denn beide sind nur Maßzahlen der

Zeit. Vom Standpunkt der Götter aus ist eine Epoche nur ein Augenzwinkern.

Und auf dieselbe Weise ist auch diese ganze Erde nur eine Modifikation des

34


Erdelements! Wie sinnlos, all unsere Hoffnungen und unseren Glauben auf sie

zu gründen!

RùMA fuhr fort:

Oh Heiliger! Was immer in dieser Welt als dauerhaft oder vergänglich erscheinen

mag – all dies ist wie ein Traum. Was heute ein Krater ist, war einmal

ein Berg, und was der Berg heute ist, wird in kurzer Zeit ein Loch in der

Erde sein. Der dichte Urwald wird schon bald in eine große Stadt verwandelt,

und was jetzt noch fruchtbare Erde ist, wird in naher Zukunft öde Wüste sein.

So steht es auch mit dem wandelhaften Körper und mit dem eigenen Leben

und dem Fortkommen darin.

Dieser Zyklus von Geburt und Tod scheint nichts als eine talentierte Tänzerin

zu sein, deren Rock aus lebenden Seelen gewebt ist, und deren Gebärden

darin bestehen, die Seelen hinauf in den Himmel zu befördern, in die Hölle zu

stoßen oder zurück auf die Erde zu zerren. All die großartigen Taten der

Menschen und sogar die einflussreichen religiösen Riten, die hier ausgeführt

werden, sind schon bald nur noch eine Erinnerung. Die menschlichen Wesen

werden als Tiere geboren und umgekehrt, und sogar die Götter verlieren ihre

Göttlichkeit – was ist denn hier nicht ständigem Wechsel unterworfen? Ich

sehe, wie selbst der Schöpfer Brahmā, der Beschützer Vi«ïu, der Erlöser

Rudra und andere unaufhaltsam ihrer Vernichtung entgegengehen. Diese

Welt der Sinnesobjekte erscheint nur so lange erfreulich, als man nicht ihre

unvermeidliche Zerstörung erkannt hat. So wie ein Kind mit Lehm spielt und

verschiedene Dinge erschafft, so erschafft der Gebieter des Universums neue

Dinge und zerstört sie schon bald wieder.

Es ist diese Erkenntnis der Fehler dieser Welt, die die unerwünschten Neigungen

meines Gemüts vernichtet hat. Ein Verlangen nach Sinnesvergnügen

taucht daher nicht länger in meinem Gemüt auf, so wie eine Fata Morgana

nicht auf der Oberfläche eines Gewässers erscheint. Diese Welt und ihre Genüsse

kommen mir bitter vor. Ich bin nicht geneigt, in den Gärten der Freuden

umherzuwandern; weder schätze ich die Gesellschaft der Frauen noch

den Erwerb von Reichtum. Ich wünsche im Frieden mit mir selbst zu verbleiben.

Unablässig forsche ich nach: „Wie kann ich mein Herz ganz und für immer

von diesem wandelhaften Phantom abwenden, das man die Welt nennt?“

Weder verlange ich nach dem Tod noch nach dem Leben; ich bleibe wie ich

bin – frei vom Fieber der Leidenschaften. Was kann ich mit dem Königtum

tun, mit Vergnügen oder Wohlstand, die nichts als Spielzeuge des Ich-Sinns

sind, von dem ich frei bin?

Wenn ich nicht jetzt mit der Weisheit vertraut werde – wann wird es je

wieder eine Gelegenheit dafür geben? Denn es ist die Nachgiebigkeit gegenüber

den Sinnesvergnügen, die das Gemüt so sehr vergiftet, dass die Wirkungen

mehrere Leben lang anhalten. Nur der Mensch der Selbsterkenntnis ist

frei davon. Daher, oh Weiser, bitte ich dich: Unterweise mich, so dass ich für

immer frei sein kann von Schmerz, Furcht und Qualen. Vertreibe mit dem

Licht deiner Lehre die Finsternis der Unwissenheit in meinem Herzen.

I:28, 29

35


I:30, 31

RùMA fuhr fort:

Nachsinnend über das bedauernswerte Schicksal der Lebewesen, die in die

furchterregende Grube endlosen Leides gefallen sind, bin ich von tiefer Trauer

erfüllt. Mein Gemüt ist verwirrt, mich schaudert, und bei jedem Schritt

überkommt mich die Angst. Ich habe alles aufgegeben, aber ich bin nicht in

der Weisheit gegründet. So bin ich teils gefangen und teils frei, wie ein Vogel

mit einem kranken und einem gesunden Flügel. Ich bin wie ein Baum, der

gefällt, aber nicht gänzlich von seiner Wurzel getrennt wurde. Ich wünsche

mein Gemüt zu befrieden, verfüge aber nicht über die nötige Weisheit dafür.

Ich bitte dich, sage mir: Worin besteht der Zustand oder die Verfassung, in

der man keinerlei Kummer mehr erfährt? Wie kann jemand wie ich, der in die

Welt und ihre Handlungen eingebunden ist, den höchsten Zustand von Frieden

und Seligkeit erreichen? Worin besteht die Haltung, mit der man fähig

wird, unbeeinflusst von den verschiedenen Arten von Tätigkeiten und Erfahrungen

zu bleiben? Bitte kläre mich auf: Wie lebt ihr Weise, die ihr erleuchtet

seid, in dieser Welt? Wie kann der Verstand frei werden von Leidenschaft und

Lust und eine Betrachtungsweise erlangen, in der die Welt gleichzeitig als das

eigene Selbst und als so gering wie ein Grashalm angesehen wird? Die Lebensweise

welches Großen empfiehlst du uns zu studieren, um den Pfad der

Weisheit kennenzulernen? Wie sollte man in dieser Welt leben? Heiliger Herr,

unterweise mich in dieser Weisheit, mit deren Hilfe ich meinen rastlosen

Verstand in die Lage versetze, so still wie ein Berg zu sein. Du bist ein erleuchtetes

Wesen – lehre mich, so dass ich nie wieder in Trauer versinke.

Offensichtlich ist diese Welt voll von Sorge und Tod – wie kann sie eine

Quelle der Freude werden, ohne dass sie unser Herz betäubt? Der Verstand

ist offenbar voll von Unreinheiten – wie kann er gereinigt werden? Und von

welchem großen Weisen bekommen wir das Mittel für die Reinigung? Wie

kann man hier so leben, dass man nicht den Zwillingsbrüdern Liebe und Hass

zum Opfer fällt? Ganz eindeutig gibt es hier ein Geheimnis, das einem ermöglicht,

unberührt von Trauer und Leiden dieser Welt zu verbleiben, so wie

Quecksilber unberührt vom Feuer bleibt, in welches es geworfen wird. Worin

besteht das Geheimnis? Worin besteht das Geheimnis, das der Gewohnheit

des Gemüts entgegenarbeitet, sich als dieses Universum vor unseren Augen

auszubreiten?

Wo sind die Helden, die sich selbst von der Täuschung befreit haben? Und

welchen Lehren folgten sie, um sich selbst zu befreien? Solltest du jedoch zu

dem Schluss kommen, dass ich weder geeignet noch fähig bin, dieses zu verstehen,

dann werde ich fasten bis zum Tode.

VùLMýKI sagte:

Nachdem er so gesprochen hatte, verstummte Rāma.

VùLMýKI sagte:

Alle hier an diesem Hof Versammelten waren begeistert von Rāma’s Weisheit

und seinen leidenschaftlichen Worten, die die Illusionen des Verstandes

I:32, 33

36


zu vertreiben vermochten. Sie hatten das Empfinden, nun selbst frei von allen

Zweifeln und allem irreführenden Verständnis zu sein. So tranken sie die

nektargleichen Worte Rāma’s mit großem Genuss. Wie sie so am Hof saßen

und Rāma's Worten zuhörten, erschienen sie nicht länger wie lebendige Wesen,

sondern wie gemalte Figuren eines Gemäldes – so still und voll hingerissener

Aufmerksamkeit.

Wer hatte Rāma's Ausführungen gelauscht? Es waren dies Weise wie

Vāsi«Âha und Viśvāmitra, die Minister, die Mitglieder der königlichen Familie

einschließlich König Daśaratha, Bürger, Heilige, Diener, Vögel in Käfigen,

Haustiere, die Pferde des königlichen Stalles und die himmlischen Wesen

einschließlich der vollkommenen Weisen und der überirdischen Musiker. Und

ganz gewiss hatten auch der König des Himmels und die Herrscher der Unterwelt

Rāma zugehört.

Beglückt von Rāma's Rede, riefen sie wie alle aus einem Munde „Bravo, bravo!“

mit einer einzigen, den Luftraum erfüllenden, freudigen Stimme. Ein

Blumenregen kam vom Himmel herunter und segnete Rāma. Alle Versammelten

des Hofes ließen ihn hochleben. Nur Rāma, erfüllt von Leidenschaftslosigkeit

und Weltentsagung, konnte diese Worte von sich geben, die nicht einmal

der Lehrer der Götter hätte äußern können. Wir konnten glücklich genannt

werden, ihm zuhören zu dürfen. Während wir ihm lauschten, schien es so, als

stiege in uns allen das tiefe Empfinden auf, dass es nicht einmal im Himmel

wahres Glück geben könne.

DIE VOLLKOMMENEN WEISEN in der Versammlung erklärten:

Gewiss sind die Antworten, die die Heiligen auf die gewichtigen und weisen

Fragen Rāma’s geben werden, es wert, von allen Wesen des Universums vernommen

zu werden. Oh ihr Weisen – kommt, kommt! Wir wollen uns alle am

Hofe des Königs Daśaratha versammeln, um die Antwort des höchsten Weisen

Vāsi«Âha zu hören.

VùLMýKI sagte:

Dies vernehmend, beeilten sich die Weisen der Welt, den Hof zu erreichen,

an dem sie würdig empfangen, geehrt und zu ihrem Platz in der Versammlung

geleitet wurden. Dies ist gewiss: Sollte sich in unseren Herzen diese erhabene

Weisheit Rāma's nicht widerspiegeln, dann sind wir in der Tat nichtswürdig.

Was dann auch immer unsere Fähigkeiten und Eignungen sein mögen – wir

hätten doch nichts anderes als den Verlust unserer Intelligenz bewiesen!

* * *

37


Teil II: Über die Qualitäten des Suchers

Die Geschichte von Śuka

VIŚVùMITRA sagte:

Oh Rāma, du bist in der Tat der Beste unter den Weisen. Es gibt wahrhaftig

nichts mehr, was du noch zu lernen hättest. Jedoch benötigt deine Erkenntnis

eine Bestätigung, so wie die Selbsterkenntnis von Śuka der Bestätigung durch

Janaka bedurfte, bevor Śuka den Frieden finden konnte, der das Verstehen

übersteigt.

RùMA fragte:

Oh Heiliger! Bitte teile mir mit, wie es dazu kam, dass Śuka trotz seiner Erkenntnis

keinen Frieden fand und wie er diesen später gefunden hat.

VIŚVùMITRA sagte:

Höre, oh Rāma. Ich werde dir nun diese für die Seele so erhebende Geschichte

des schon als Weisen geborenen Śuka, des Sohnes von Vedavyāsa,

erzählen, der jetzt hier neben deinem Vater sitzt.

So wie du gelangte auch Śuka zur Wahrheit über diese Existenz, nachdem er

tief über die Flüchtigkeit der Welt nachgesinnt hatte. Da es sich jedoch um

selbsterworbene Erkenntnis handelte, konnte er sich selbst nicht ausdrücklich

bestätigen: „dies ist die Wahrheit“. Gewiss befand er sich aber bereits in

einem Zustand von höchster und außerordentlicher Leidenschaftslosigkeit.

Eines Tages suchte Śuka seinen Vater Vedavyāsa auf und fragte ihn: „Mein

Herr, wie kam diese Vielfalt der Weltentstehung ins Sein, und wie wird sie

einmal enden?“ Vedavyāsa gab ihm auf diese Frage zwar eine bis in die Einzelheiten

gehende Antwort, aber Śuka dachte: ‚All dies weiss ich bereits; was

ist schon neu daran?’ und war nicht beeindruckt. Vedavyāsa spürte dies sogleich

und sagte daher zu Śuka: „Mein Sohn, mehr darüber vermag ich dir

nicht zu sagen. Es gibt aber auf dieser Erde einen königlichen Weisen namens

Janaka, der mehr darüber weiß. Gehe zu ihm und befrage ihn.“

So kam Śuka schließlich zu Janaka’s Palast. Janaka, den die Palastwachen

von der Ankunft des jungen Śuka unterrichtet hatten, beachtete ihn jedoch

eine ganze Woche lang nicht. Während dieser Zeit harrte Śuka geduldig vor

dem Palast aus. In der folgenden Woche ließ Janaka Śuka dann in den Palast

ein, wo ihn Tänzerinnen und Musiker empfingen. Auch davon blieb Śuka

ungerührt. Schließlich wurde Śuka die Audienz beim König gewährt. Janaka

sagte: „Du kennst die Wahrheit bereits; was kann ich dir darüber hinaus noch

mitteilen?“ Śuka wiederholte nun die Frage, die er auch seinem Vater gestellt

hatte, und Janaka gab daraufhin dieselbe Antwort, die auch sein Vater gegeben

hatte. Śuka erwiderte: „Ich wusste dies bereits, mein Vater hat es mir

gesagt, und auch die Schriften bestätigen es. Nun tust du mir diese Wahrheit

II:1

38


II:2, 3

kund, die darin besteht, dass die Vielfalt aufgrund der mentalen Modifikationen

entsteht und aufhört, wenn diese enden.“ Nachdem seine Selbsterkenntnis

bestätigt worden war, erlangte Śuka den Frieden und verblieb in

nirvikalpa samādhi.

VIŚVùMITRA sagte zu den versammelten Weisen:

Wie Śuka hat auch Rāma die höchste Weisheit erlangt. Das sicherste Anzeichen

für einen Menschen mit der höchsten Weisheit besteht darin, dass er

gleichgültig gegenüber den Vergnügen der Welt ist, da bei ihm alle subtilen

Neigungen aufgehört haben. Solange diese Neigungen stark sind, gibt es

Bindung; sobald sie aufgehört haben, ist die Befreiung da. Der ist wahrhaftig

ein befreiter Weiser, der von Natur aus nicht von den Sinnesvergnügen beherrscht

und nicht durch Ruhm oder andere Wünsche nach Belohnung angespornt

wird. Und ich bitte darum, dass der Weise Vāsi«Âha Rāma so unterweisen

möge, dass er sich in dieser Weisheit verankert und auch wir inspiriert

werden. Gewiss wird diese Unterweisung zur größten Weisheit und zur

besten aller Schriften werden, da sie von einem erleuchteten Weisen dem

qualifizierten, leidenschaftslosen Schüler erteilt wird.

VASIåèHA sagte:

Gewiss werde ich deiner Bitte nachkommen. Und, oh Rāma, ich werde dir

nun die Weisheit darlegen, dir mir vom göttlichen Schöpfer Brahmā selbst

kundgetan worden ist.

RùMA sagte:

Heiliger Herr, bitte teile mir zuvor mit: Weshalb wurde Vedavyāsa als nicht

befreit angesehen, während sein Sohn Śuka dagegen als befreiter Weiser

betrachtet wurde?

VASIåèHA sagte:

Oh Rāma, zahllos sind die Universen, die ins Leben gerufen und aufgelöst

worden sind. In der Tat, sogar die zahllosen Universen, die in diesem Moment

existieren, können unmöglich erfasst werden. Im eigenen Herzen jedoch kann

all dies unverzüglich realisiert werden, denn diese Universen sind die Schöpfung

der Wünsche, die im Herzen auftauchen wie Luftschlösser. Der Mensch

beschwört diese Welt in seinem Herzen herauf. Während er lebt, verstärkt er

diese Illusion. Wenn er stirbt, beschwört er eine neue, jenseitige Welt herauf

und erfährt dann diese. So erscheinen also Welten innerhalb von Welten, wie

die Blätter, die den Stamm einer Bananenpflanze bilden. Weder die Welt der

Materie noch die Art und Weise der Entstehung sind wahrhaft wirklich – und

doch empfinden die Lebenden und die Toten sie als real. Die Unwissenheit

über diese Wahrheit erhält die Erscheinungen am Leben.

Oh Rāma – in diesem kosmischen Ozean der Existenz tauchen hier und dort

Lebewesen auf, die gleich manchen anderen sind, und wiederum tauchen

solche auf, die sich von anderen unterscheiden. Der genannte Vedavyāsa ist

der Dreiundzwanzigste in diesem Strom der Schöpfung. Er und andere Weise

39


erlangen wieder und wieder die Verkörperung und Entkörperung. Manche

sind gleich oder verschieden von den anderen. In seiner augenblicklichen

Verkörperung ist Vedavyāsa jedoch ein befreiter Weiser. Diese befreiten Weisen

werden ebenfalls zahllose Male verkörpert und stellen Beziehungen mit

anderen her. Manchmal sind sie den anderen gleich, und dann wiederum sind

sie in ihrem Wissen, ihrem Verhalten usw. unterschiedlich.

* * *

Eigenbemühung

VASIåèHA fuhr fort:

Oh Rāma, so wie Wasser stets Wasser ist, unabhängig davon, ob es Wellen

darauf gibt oder nicht, so ist auch die Weisheit des befreiten Weisen, wie auch

immer sein äußeres Erscheinungsbild sein mag, stets dieselbe. Der Unterschied

liegt allein in den Augen des unwissenden Beobachters.

Daher, oh Rāma, höre, was ich dir jetzt zu sagen haben, denn diese Unterweisung

wird ganz gewiss die Dunkelheit der Unwissenheit vertreiben.

In dieser Welt wird jedweder Gewinn durch nichts anderes als durch Eigenbemühung

erworben. Wo der Misserfolg auftritt, dort hat es mit Sicherheit

einen Mangel an Bemühung gegeben. Dies sollte gänzlich klar sein. Was

man jedoch gemeinhin als „Schicksal“ (das im Text verwendete Wort für

„Schicksal“ lautet „daivam“, was auch „Gott“ bedeutet) bezeichnet, ist rein

fiktiv und nirgends erwiesen.

Eigenbemühung, Rāma, ist diejenige mentale, verbale und physische Tätigkeit,

die in Übereinstimmung mit den Anweisungen einer heiligen, in den

Schriften wohl bewanderten Person ist. Nur aufgrund von Bemühungen dieser

Art wurde Indra zum König des Himmels und Brahmā zum Schöpfer, und

auch die anderen Gottheiten erlangten nur nach ihrem Verdienst ihren Platz.

Die Eigenbemühung besteht aus zwei Arten - die Bemühungen aus vergangenen

Geburten und die aus der jetzigen Geburt. Die letztere arbeitet der

vorherigen entgegen. „Schicksal” ist nichts anderes als die Eigenbemühung

aus einer vergangenen Verkörperung. Zwischen diesen beiden gibt es in der

jetzigen Verkörperung einen andauernden Konflikt. Dabei triumphiert derjenige

Anteil, der sich als der stärkere erweist.

Die Eigenbemühung, die nicht in Übereinstimmung mit den Schriften ist,

wird durch Täuschung angetrieben. Wenn es ein Hindernis bei der Verwirklichung

der Eigenbemühung gibt, sollte man untersuchen, ob eine auf Täuschung

beruhende Tätigkeit vorliegt und diese Täuschung dann unverzüglich

beseitigen. Es gibt keine größere Macht als die rechte Handlung in der gegenwärtigen

Situation. Daher sollte man stets seine Zuflucht zur Eigenbemü-

II:4, 5

40


hung nehmen, seine Zähne zusammenbeißen und das Böse durch Gutes und

das Schicksal durch Bemühung in der Gegenwart überwinden.

Der faule Mensch ist schlimmer als ein Esel. Niemals sollte man der Faulheit

nachgeben, sondern stets nach der Erlangung der Befreiung trachten, denn

das Leben verebbt von Moment zu Moment. Niemals sollte man sich in den

Sinnesvergnügen suhlen, wie sich der Wurm im Eiter wälzt.

Wer sagt: „Mein Schicksal hat mich genötigt, dies zu tun“, ist ohne Verstand

und die Göttin Fortuna verlässt ihn. Erwirb stattdessen Weisheit durch Eigenbemühung

und erkenne, dass diese Eigenbemühung zu ihrem eigenen

Erfolg führt, nämlich zur direkten Verwirklichung der Wahrheit.

Wenn es diese schreckliche Quelle des Bösen auf dieser Erde, die Faulheit,

nicht gäbe, würde es dann noch Analphabeten oder Arme geben? Nur an der

Faulheit liegt es, dass Menschen das Leben von Tieren führen müssen, im

Elend und in der Armut.

VùLMýKI sagte:

Inzwischen war es Zeit für die Abendgebete und die Versammlung löste

sich für diesen Tag auf.

VASIåèHA begann die Unterweisung des zweiten Tages:

Wie die Bemühung, so das Ergebnis, oh Rāma – dies ist die Bedeutung von

Eigenbemühung. Außerdem ist dies auch als „Schicksal“ (göttlicher Wille)

bekannt. Wenn die Menschen vom Leiden betroffen sind, dann klagen sie: „oh

weh, welche Tragödie“ oder „oh weh, seht euch nur mein trauriges Los an“,

was in beiden Fällen dasselbe bedeutet. Was man Schicksal oder göttlichen

Willen nennt, ist nichts anderes als die Tätigkeit oder Eigenbemühung der

Vergangenheit. Jedoch ist die Gegenwart unendlich mächtiger als die Vergangenheit.

Es sind in der Tat nur die Narren, die zufrieden mit den Früchten

ihrer vergangenen Bemühungen sind (die sie als das Ergebnis des göttlichen

Willens betrachten) und nicht nach der Eigenbemühung in der Gegenwart

streben.

Wenn du bemerkst, dass die gegenwärtige Eigenbemühung manchmal

durch das Schicksal (oder den göttlichen Willen) durchkreuzt wird, dann

solltest du verstehen, dass die Eigenbemühung noch zu schwach ist. Ein

schwacher und stumpfsinniger Mensch sieht die Hand der Vorsehung, sobald

er sich einem starken und mächtigen Gegner gegenüber sieht, und unterliegt

ihm.

Gelegentlich geschieht es, dass jemand ohne die geringste Eigenbemühung

einen großen Gewinn erlangt. So erwählte beispielsweise der Staatselefant

(in Übereinstimmung mit einer historischen Gepflogenheit) einen Bettler

zum Herrscher des Landes, dessen König unerwartet verstarb, ohne einen

Erben zu hinterlassen. Und dies ist gewiss weder ein Zufall noch irgendeine

Art von göttlicher Vorsehung, sondern nichts als die Frucht der Eigenbemühung

des Bettlers in seiner vergangenen Geburt.

II:6

41


II:7, 8

Manchmal geschieht es, dass die Bemühungen eines Bauern durch einen

Hagelsturm zunichte gemacht werden. Ganz sicher waren hier die Kräfte des

Hagelsturms größer als die Bemühungen des Bauern, und dieser Bauer sollte

nun größere Anstrengungen unternehmen, um eine Wiederholung zu vermeiden.

Er sollte über den unvermeidbaren Verlust nicht klagen. Wenn solches

Klagen gerechtfertigt wäre, dann müsste man auch täglich über den

unvermeidlichen Tod klagen! Der Weise sollte von Natur aus stets wissen,

was durch Eigenbemühung erreicht werden kann und was nicht. Es ist jedoch

nichts als Unwissenheit, all dies einer äußeren Macht zuzuschreiben und

Dinge zu sagen wie: „Gott schickt mich in die Hölle oder in den Himmel“ oder

„eine fremde Kraft hat mich veranlasst, dies zu tun“ usw. Von solchen unwissenden

Personen sollte man sich fernhalten.

Man sollte sich selbst von Zuneigungen und Abneigungen befreien, sich um

die rechte Eigenbemühung kümmern und die höchste Wahrheit erlangen,

indem man versteht, dass Eigenbemühung nur ein anderer Name für göttlichen

Willen ist. Wir lehnen lediglich den Fatalisten ab. Nur das ist Eigenbemühung,

was dem rechten Verständnis entspringt, welches sich im eigenen

Herzen manifestiert und das Ergebnis der Lehren aus den Schriften und der

Führung durch die Heiligen ist.

VASIåèHA fuhr fort:

Oh Rāma, jeder sollte mit einem Körper frei von Krankheit und einem Gemüt

frei von Verwirrung nach der Selbsterkenntnis streben, damit er nicht

wiedergeboren wird. Eigenbemühung dieser Art hat eine dreifache Wurzel

und daher auch eine dreifache Frucht – nämlich ein inneres Erwachen der

Intelligenz, eine Entscheidung im Gemüt und die physische Tätigkeit.

Eigenbemühung basiert auf diesen dreien – die Kenntnis der Schriften, die

Anweisungen der Lehrer und die eigene Bemühung. Das Schicksal (oder

göttliche Fügung) hat hier keinerlei Zutritt. Wer also nach Erlösung verlangt,

sollte durch andauernde Bemühung das unreine Gemüt hinlenken zur reinen

Bemühung – dies ist die Essenz aller Schriften. Die Heiligen heben unermüdlich

dies hervor: Beschreite mit Ausdauer und Hartnäckigkeit den Pfad, der

zum ewigen Guten führt. Und der weise Sucher weiß: Die Frucht meiner

Anstrengungen wird allein von der Stärke meiner Eigenbemühung abhängen,

und weder das Schicksal noch ein Gott können es anders befehlen. In der Tat

ist es diese Eigenbemühung, die allein für alles verantwortlich ist, was der

Mensch hier zu erlangen vermag. Aber sobald er im Missgeschick versunken

ist, kommen die Leute und behaupten, um ihn zu trösten, dass er nur das

Opfer des Schicksals sei. Eines dürfte offensichtlich sein: Um in die Fremde zu

gehen, muss man eine Reise unternehmen, und um den Hunger zu befriedigen,

nimmt man Nahrung zu sich – gewiss geschieht dies nicht aufgrund eines

Schicksals. Noch niemand hat hierfür ein Schicksal als Ursache beobachtet,

aber sehr wohl hat schon jeder erfahren, wie eine Handlung (gut oder böse)

zu einem Ergebnis (gut oder böse) geführt hat. Daher sollte man schon in der

Kindheit stets danach streben, das Gute (das Heil) im Menschen zu fördern,

42


indem man auf intelligente Weise die Schriften studiert und anwendet, und

indem man die Gesellschaft der Heiligen sucht und die rechte Eigenbemühung

unternimmt.

Das Schicksal oder die göttliche Bestimmung sind nur Konventionen, aufgrund

derer man als Wahrheit betrachtet, was nur durch wiederholte Behauptung

als wahr erklärt worden ist. Wenn der Gott oder das Schicksal

wahrhaftig für all dieses in der Welt verantwortlich sein sollte, welchen Sinn

hätte dann noch irgendeine Handlung (wie baden, sprechen oder geben)?

Und weshalb sollte man dann überhaupt noch irgendjemandem eine Unterweisung

zukommen lassen? Nein – in dieser Welt ist alles, ausgenommen ein

Leichnam, aktiv. Und alle Aktivität erzielt ihr angemessenes Ergebnis. Nirgendwo

hat jemand jemals das Schicksal oder die göttliche Verfügung gesehen.

Zu ihrer eigenen Befriedigung benutzen die Leute Ausdrücke wie „ich wurde

vom Schicksal oder der göttlichen Vorsehung gezwungen, dies oder das zu

tun“, aber dies ist nicht die Wahrheit. Wenn beispielsweise ein Astrologe

einem jungen Mann vorhersagt, dass er ein großer Gelehrter werde, wird

dann dieser junge Mann ein Gelehrter, ohne studiert zu haben? Nein. Weshalb

also an göttliche Fügung glauben? Rāma, dieser Weise Viśvāmitra wurde ein

Brahma-ã«i nur durch Eigenbemühung – alle von uns haben die Selbsterkenntnis

ausschließlich durch Eigenbemühung erworben. Weise daher den

Fatalismus zurück und verpflichte dich der Eigenbemühung.

RùMA fragte:

Herr, du bist gewiss der Kenner der Wahrheit. Bitte, sage mir, was die Leute

eigentlich mit Gott, Schicksal oder daivaæ meinen.

VASIåèHA erwiderte:

Die Früchte der Eigenbemühungen, welche man als gute und schlechte Resultate

vergangener Handlungen erfährt, wird von den Leuten Schicksal oder

daivaæ genannt. Die Leute betrachten außerdem auch das als Schicksal oder

daivaæ, was die gute oder schlechte Natur dieser Ergebnisse ausmacht. Wenn

du beispielsweise wahrnimmst, wie „diese Pflanze aus diesem Samen hervorkeimt“,

dann wird dies als ein Akt des erwähnten daivaæ betrachtet. Meine

Wahrnehmung besteht jedoch darin, dass das Schicksal nichts anderes als das

Ergebnis der eigenen Tätigkeit ist.

Im Gemüt des Menschen liegen zahllose latente Neigungen verborgen. Es

sind diese Neigungen, die die verschiedenen Tätigkeiten physischer, verbaler

und mentaler Art entstehen lassen. Gewiss befinden sich die eigenen Tätigkeiten

stets in strikter Übereinstimmung mit diesen Neigungen, denn anders

kann es gar nicht sein. Eine Tätigkeit geschieht auf die folgende Weise: Die

Tätigkeit ist nicht verschieden von den am stärksten ausgeprägten latenten

Neigungen, und diese Neigungen wiederum sind nicht verschieden vom Gemüt,

während der Mensch nicht verschieden vom Gemüt ist! Letztlich kann

man nicht eindeutig bestimmen, ob Kategorien wie das Gemüt, die latenten

II:9

43


Neigungen, Tätigkeit oder Schicksal (daivaæ) wirklich oder unwirklich sind.

Die Weisen erwähnen sie daher stets nur im symbolischen Sinne.

RùMA fragte dann:

Heiliger Herr, wenn die latenten Neigungen aus der früheren Geburt mein

Handeln in der Gegenwart bestimmen, wie kann es denn dann eine Handlungsfreiheit

geben?

VASIåèHA sagte:

Rāma, alle aus den früheren Geburten mitgebrachten Neigungen bestehen

aus zwei Arten – reinen und unreinen. Die reinen führen zur Befreiung, und

die unreinen bringen einen in Schwierigkeiten. Ganz gewiss bist du Bewusstsein

selbst – nicht leblose, tote Materie. Du bist daher durch keine andere

Tätigkeit als nur diejenige angetrieben, die du aus eigenem Willen unternimmst.

Daher hast du die völlige Freiheit, der Stärkung der reinen Neigungen

den Vorzug zu geben gegenüber den unreinen. Die unreinen müssen

dabei schrittweise aufgegeben und das Gemüt stetig aber behutsam, damit

keine heftigen Reaktionen entstehen, von ihnen abgewendet werden. Stärke

die guten Neigungen, indem du sie wieder und wieder durch entsprechende,

wiederholte Handlung ermunterst. Auf diese Weise werden die unreinen

Neigungen außer Gebrauch kommen und schwächer werden. Schon bald

wirst du dich guter Neigungen und Taten erfreuen können. Wenn du dann die

Macht der bösartigen Neigungen endgültig überwunden hast, so musst du

anschließend auch noch die guten Neigungen aufgeben. Dann wirst du die

höchste Wahrheit durch die Intelligenz erfahren, die den guten Neigungen

entspringt.

VASIåèHA fuhr fort:

Die kosmische Ordnung, auf die sich die Menschen mit Namen wie Schicksal,

daivaæ oder niyati beziehen, und die sicherstellt, dass jede Bemühung

mit ihrer angemessenen Frucht belohnt wird, gründet auf der allgegenwärtigen

und allmächtigen Allwissenheit (die als Brahman bezeichnet wird). Halte

daher durch Eigenbemühung die Sinne und das Gemüt im Zaum, und lausche

ruhig und mit großer Aufmerksamkeit dem, was ich dir sagen werde.

Diese Erzählung handelt von der Befreiung. Indem du ihr zusammen mit

den anderen hier versammelten Suchern lauschst, wirst du dieses Höchste

Sein erkennen, in dem es weder Leid noch Zerstörung gibt. Enthüllt wurde

dies mir in einem früheren Leben vom Schöpfer Brahmā selbst.

Rāma, die allgegenwärtige Allwissenheit oder das kosmische Sein leuchtet

auf ewig in allen Lebewesen. Sobald in diesem kosmischen Sein eine Schwingung

entsteht, wird Gott Vi«ïu geboren; so wie eine Welle auf der Oberfläche

des Ozeans erscheint, wenn diese aufgerührt wird. Aus diesem Vi«ïu wird

dann Brahmā, der Schöpfer, geboren. Brahmā beginnt sodann, all die zahllosen

Formen des Belebten und Unbelebten, der fühlenden und nichtfühlenden

Wesen des Universums zu erschaffen. Und das Universum ist wieder so, wie

es vor der kosmischen Auflösung war.

II:10

44


II:11

Der Schöpfer sah, dass alle Lebewesen im Universum Krankheit und Tod,

Schmerz und Freude, unterworfen waren. In seinem Herzen entstand großes

Mitgefühl und er suchte nach einem Weg, der die lebenden Wesen aus all dem

herauszuführen vermochte. Daraufhin rief er Pilgerorte und edle Tugenden

wie Askese, Wohltätigkeit, Wahrhaftigkeit und rechtes Betragen ins Leben.

Jedoch erwiesen sich diese als unzureichend, denn sie konnten dem Leiden

der Menschen nur zeitweise Erleichterung verschaffen und keinerlei endgültige

Befreiung vom Kummer gewähren.

Nachdem er hierüber nachgesonnen hatte, erschuf der Schöpfer mich. Er

zog mich zu sich und legte die Wolke der Unwissenheit auf mein Herz. Sofort

vergaß ich meine wahre Natur und meine Identität. Ich fühlte mich elend. Ich

flehte den Schöpfer Brahmā, meinen eigenen Vater, an, mir den Ausweg aus

dieser Misere zu zeigen. Versunken im Elend war ich unfähig und unwillig,

irgend etwas zu tun – ich blieb träge und müßig.

Als Erwiderung meines Gebets enthüllte mir mein Vater das wahre Wissen,

das unverzüglich den Schleier der Unwissenheit, den er selbst über mich

ausgebreitet hatte,lüftete. Daraufhin sprach der Schöpfer zu mir: „Mein Sohn,

ich verhüllte das Wissen und ich enthüllte es wieder, so dass du seine Herrlichkeit

erfahren mögest, denn nur so kannst du die Qualen der unwissenden

Wesen verstehen und ihnen beistehen.“ Ausgestattet mit dieser Erkenntnis,

Rāma, bin ich hierher gekommen, und ich werde hier sein bis zum Ende der

Schöpfung.

VASIåèHA fuhr fort:

In jedem neuen Zeitalter erschafft der Schöpfer aus freien Stücken verschiedene

Weise wie mich, um der spirituellen Erleuchtung aller zu dienen.

Und zur Aufrechterhaltung der gerechten Ordnung der täglichen Pflichten

aller erschafft Brahmā darüber hinaus die Könige, die gerecht und weise über

Teile der Erde herrschen. Diese Könige werden jedoch schon bald durch die

Lust nach Macht und Vergnügen verdorben, und Interessenskonflikte führen

zu Kriegen, welche in Trauer und Reue enden. Um ihre Unwissenheit zu beseitigen,

pflegen die Weisen sie in der spirituellen Weisheit zu unterrichten.

In den alten Zeiten, oh Rāma, empfingen die Könige diese Weisheit und

schätzten sie auch. Aus diesem Grunde war dieselbe als Rāja-Vidyā, die königliche

Wissenschaft, bekannt.

In deinem Herzen ist die höchste Form der Leidenschaftslosigkeit erwacht,

geboren aus Unterscheidung, oh Rāma, und diese ist der Leidenschaftslosigkeit,

die aus zufälligen Umständen oder großem Ekel entstanden ist, überlegen.

Eine Leidenschaftslosigkeit dieser Art ist gewiss nur der Gnade Gottes zu

verdanken. Es ist diese Gnade, die mit der Reife des Unterscheidungsvermögens

in genau dem Moment zusammentrifft, wenn im Herzen die Leidenschaftslosigkeit

entsteht.

Solange nicht die höchste Wahrheit im Herzen dämmert, bleibt der Mensch

in diesem Rad von Geburt und Tod gefangen. Höre nun bitte meiner Darlegung

dieser Weisheit mit aufmerksamem Gemüt zu.

45


Diese Weisheit zerstört den Wald der Unwissenheit. Solange man in diesem

Wald umherstreift, erfährt man nichts als Verwirrung und endlos erscheinendes

Leiden. Daher sollte man zu einem erleuchteten Lehrer gehen und

durch richtige Fragen mit der richtigen Haltung die Lehre ans Licht befördern.

Dann wird sie zu einem integralen Teil des eigenen Seins werden. Der

Dummkopf stellt respektlos bedeutungslose Fragen, und der größte Narr ist,

der die Weisheit des Weisen achtlos fortwirft. Gewiss ist derjenige nicht als

Weiser zu bezeichnen, der die müßigen Fragen eines närrischen Fragestellers

beantwortet.

Oh Rāma – du bist wohl der Beste unter den Suchern, denn du hast gründlich

über die Wahrheit nachgedacht und bist von der höchsten Form der

Leidenschaftslosigkeit inspiriert. Und ich bin sicher, dass das, was ich dir nun

mitteilen werde, seinen festen Platz in deinem Herzen erlangen wird. Mit

Entschiedenheit sollte man darum kämpfen, der Weisheit ihren Thron im

eigenen Herzen zu errichten, denn das Gemüt ist unruhig wie ein Affe. Und

man sollte auch die Gesellschaft von Unweisen meiden.

Rāma, über den Einlass ins Reich der Freiheit (Mok«a) wachen vier Torwächter.

Es sind dies die Selbstbeherrschung, der Geist der Selbsterforschung,

die Zufriedenheit und die gute Gesellschaft. Der weise Suchende

sollte sich eifrig um die Freundschaft aller dieser Torwächter oder zumindest

um die von einem bemühen.

VASIåèHA fuhr fort:

Mit einem reinen Herzen und einem aufgeschlossenen Verstand, frei von

der Wolke der Zweifel und der Ruhelosigkeit des Gemüts, lausche der Darlegung

der Natur und der Mittel der Befreiung, oh Rāma. Denn solange das

Höchste Sein nicht verwirklicht ist, werden die furchtbaren Schrecken von

Tod und Geburt nicht enden. Wenn diese tödliche Schlange, die als die Unwissenheit

des Lebens bezeichnet wird, nicht hier und jetzt überwältigt wird,

wird endloses Leiden nicht nur in diesem, sondern auch in zahllosen Leben

danach entstehen. Ignorieren kann man dieses Leiden nicht, aber man kann

es mit den Mitteln der Weisheit, die ich dir nun mitteile, überwinden.

Oh Rāma, wenn du einmal diese Qual der Wiedergeburt (saæsāra) überwunden

hast, dann wirst du auf dieser Erde wie ein Gott leben, wie Brahmā

oder Vi«ïu! Denn wenn die Täuschung gegangen und die Wahrheit mit den

Mitteln der Erforschung der eigenen, wahren Natur verwirklicht worden ist,

wenn das Gemüt befriedet ist und das Herz sich in die höchste Wahrheit

aufschwingt, wenn alle störenden Gedankenwellen im Verstand sich gelegt

haben und ein ununterbrochener Strom von Frieden herrscht und das Herz

voll von der Seligkeit des Absoluten ist, wenn somit die Wahrheit im eigenen

Herzen geschaut worden ist – dann wird diese Welt wahrlich die Heimstatt

der Freude.

Eine solche Person hat nichts zu gewinnen und nichts zu verlieren. Sie ist

unbefleckt von den Makeln des Lebens, unberührt von seinen Sorgen. Weder

II:12, 13

46


tritt diese Person in die Existenz noch verlässt sie diese, obwohl sie dies in

den Augen der Zuschauer zu tun scheint. Auch religiöse Vorschriften sind für

sie unnötig geworden. Sie ist nicht mehr von vergangenen Neigungen betroffen,

da diese ihre Antriebskraft verloren haben. Das Gemüt dieser Person hat

seine Ruhelosigkeit verloren; es ruht in der Seligkeit, die seine eigentliche

Natur ist. Solche Seligkeit ist nur durch die Selbsterkenntnis erreichbar und

mit keinem anderen Mittel. Daher sollte man sich konstant der Selbsterkenntnis

verpflichten – dies allein ist die Pflicht des Menschen.

Derjenige, der die heiligen Schriften und die heiligen Männer missachtet,

wird niemals Selbsterkenntnis erlangen. Eine solche Dummheit Art ist weitaus

schädlicher als sämtliche Krankheiten, denen man auf dieser Welt ausgesetzt

ist. Daher sollte man demütig dieser Schrift lauschen, die den Zuhörer

zur Selbsterkenntnis führen wird. Wer diese Schrift empfängt, der wird nie

wieder in das finstere Loch der Unwissenheit fallen. Oh Rāma, wenn du dich

vom Kummer des saæsāra (des Lebenszyklus) befreien willst, dann empfange

die heilsamen Unterweisungen von einem Weisen wie mir und sei frei.

VASIåèHA fuhr fort:

Um diesen ungeheuren Ozean von saæsāra (des Lebenszyklus) zu überqueren,

sollte man Zuflucht zu dem nehmen, was ewiglich und wandellos ist. Nur

der ist der Beste unter den Menschen, oh Rāma, dessen Gemüt im Ewigen

wohnt und der daher vollkommen selbstbeherrscht und im Frieden ist. Er

vermag zu sehen, wie sich Freude und Schmerz gegenseitig jagen und aufheben,

und nur in dieser Weisheit sind Selbstbeherrschung und Frieden zu

finden. Wer dies nicht zu erkennen vermag, schläft in einem brennenden

Haus.

Wer auch immer diese Weisheit des Ewigen hier zu erlangen versteht, wird

befreit vom saæsāra und nicht wieder in Unwissenheit geboren. Man mag

nun zweifeln, ob eine solche wandellose Wahrheit tatsächlich existiert. Sollte

dies nicht der Fall sein, dann wäre es gut, über die Natur des Lebens nachzudenken.

Denn nach dem Ewigen zu suchen, mildert die Schmerzen des Lebens,

die durch seine fortwährende Wechselhaftigkeit erzeugt werden. Sollte

diese Wahrheit jedoch tatsächlich existieren, dann wird man durch ihre Erkenntnis

frei.

Das Ewige wird nicht durch Gottesdienst und Rituale, durch Pilgerreisen

oder Wohlstand erlangt. Es wird nur durch die Eroberung des Gemüts, durch

die Kultivierung der Weisheit erlangt. Daher sollte wahrhaftig jeder – ob

Götter, Halbgötter oder Menschen – beständig (beim Gehen, Stehen und sogar

im Fallen) nach der Eroberung des Gemüts und der Selbstbeherrschung

trachten, die die Früchte der Weisheit sind.

Sobald das Gemüt im Frieden, rein, still, frei von Täuschung oder Wahn, klar

und frei vom Verlangen ist, wünscht es nichts mehr und weist nichts zurück.

Darin besteht die Selbstbeherrschung oder die Eroberung des Gemüts – einer

der vier Torwächter der Befreiung, die ich früher erwähnt habe.

47


II:14

Aus der Selbstbeherrschung fließt alles Gute und Verheißungsvolle. Selbstbeherrschung

zerstreut alles Böse. Kein Gewinn, kein Vergnügen in dieser

Welt oder im Himmel ist vergleichbar mit der Wonne der Selbstbeherrschung.

Die Freude, die man in der Gegenwart des Selbstbeherrschten empfindet,

ist unvergleichlich. Von allen wird ihm spontan Vertrauen entgegengebracht.

Niemand hasst ihn, nicht einmal Dämonen und Kobolde.

Selbstbeherrschung, oh Rāma, ist das beste Hilfsmittel gegen alle physischen

und mentalen Beschwerden. Mit Selbstbeherrschung schmeckt sogar

die Nahrung, die du isst, besser, andernfalls ist sie nur bitter. Wer den Harnisch

der Selbstbeherrschung trägt, wird vom Kummer nicht getroffen.

Wer beim Hören, Berühren, Sehen, Riechen und Schmecken dessen, was als

erfreulich und unerfreulich angesehen wird, weder erfreut noch unerfreut ist

– dieser ist wahrhaftig selbstbeherrscht. Wer alle Wesen mit demselben

Gleichmut betrachtet und die Empfindungen von Freude und Schmerz unter

Kontrolle gebracht hat – dieser ist wahrhaftig selbstbeherrscht. Wer, obwohl

er unter der Menge lebt, völlig unbeeinflusst von dieser ist und weder freudige

Erregung noch Abscheu verspürt, wie im Tiefschlaf – dieser ist wahrhaftig

selbstbeherrscht.

VASIåèHA fuhr fort:

Die Selbsterforschung (der zweite Torwächter der Befreiung) sollte von einem

Gemüt unternommen werden, das durch ein intensives Studium der

Schriften gereinigt ist. Die Selbsterforschung sollte ununterbrochen stattfinden.

Durch diese Erforschung wird das Gemüt kühn und fähig, das Höchste zu

realisieren. Daher ist die Erforschung allein das Heilmittel für die langandauernde

Krankheit namens saæsāra.

Der weise Mann betrachtet Stärke, Klugheit, Tüchtigkeit und richtiges Handeln

als Früchte der Selbsterforschung. Tatsächlich sind Königtum, Wohlstand,

Genuss und schlussendlich die Befreiung alles Früchte der Selbsterforschung.

Der Geist der Selbsterforschung schützt vor Unheil, das den gedankenlosen

Narren überfällt. Wenn das Gemüt durch die Abwesenheit der

Selbsterforschung stumpf geworden ist, dann verwandeln sich sogar die

Strahlen des Mondlichts in tödliche Waffen und die kindische Einbildungskraft

beschwört in jeder dunklen Ecke einen Kobold herauf. Daher ist der

nicht forschende Narr wahrhaftig ein Lagerhaus für Sorgen. Es ist die Abwesenheit

der Selbsterforschung, die Handlungen herbeizieht, die einem selbst

und anderen schaden und die Ursache zahlloser psychosomatischer Beschwerden

ist. Daher sollte man die Gesellschaft von gedankenlosen Leuten

meiden.

Diejenigen, in denen der Geist der Selbsterforschung stets wach ist, erleuchten

die Welt und alle, die mit ihnen in Berührung kommen. Sie vertreiben die

Gespenster, die der unwissende Verstand erschafft, und durchschauen die

Falschheit der Sinnesvergnügen und ihrer Objekte. Oh Rāma, im Licht der

Selbsterforschung kann die Verwirklichung der ewigen und wandellosen

48


Wirklichkeit geschehen, und dies ist das Höchste. In ihrer Gesellschaft verlangt

man weder nach etwas noch weist man irgendetwas zurück. Ein solcher

Mensch ist frei von Täuschung und Anhaftung; weder ist er untätig noch

ertrinkt er in Betriebsamkeit; er lebt und wirkt in dieser Welt, und am Ende

seiner natürlichen Lebenszeit erlangt er den segensreichen Zustand der

vollkommenen Freiheit.

Das Auge der spirituellen Selbsterforschung erblindet auch nicht inmitten

intensiver Tätigkeit. Wer dieses Auge nicht besitzt, ist wahrhaftig zu bedauern.

Es ist besser, als Frosch im Schlamm, als Wurm im Mist, als Schlange in

einem Loch geboren zu werden, als dieses Auge vermissen zu müssen. Worin

besteht die Selbsterforschung? Wer ständig diese Fragen stellt: „Wer bin ich?

Wie konnte dieses Übel von saæsāra (des Lebenszyklus) entstehen?“ betreibt

echte Selbsterforschung. Die Erkenntnis der Wahrheit entsteht durch diese

Erforschung, und aus der Erkenntnis entsteht die Stille im eigenen Sein. Und

daraus erwächst wiederum der höchste Friede, der jedes Verstehen übersteigt

und das Ende allen Kummers bedeutet.

(Vichara oder Selbst-Erforschung ist weder Argumentieren noch Analysieren,

sondern der direkte Blick in sich selbst.)

VASIåèHA fuhr fort:

Ein weiterer Torwächter der Befreiung ist die Zufriedenheit. Wer einmal in

großen Zügen den Nektar der Zufriedenheit genossen hat, verlangt nicht

mehr nach Sinnesvergnügen. Keine Freude in dieser Welt ist so süß wie die

Zufriedenheit, die alle Sünden vernichtet.

Worin besteht Zufriedenheit? In der Zurückweisung allen Verlangens nach

dem, was gesucht werden muss, und in der Zufriedenheit mit dem, was ungesucht

kommt, ohne erfreut oder nicht erfreut davon zu sein – darin besteht

die Zufriedenheit. Solange man nicht zufrieden ist im Selbst, ist man dem

Kummer ausgeliefert. Mit dem Wachsen der Zufriedenheit erblüht die Reinheit

des Herzens. Dem zufriedenen Menschen, der nichts besitzt, gehört die

Welt.

SatsaÇga (Gemeinschaft mit weisen, heiligen und erleuchteten Personen)

ist ein weiterer Torwächter zur Befreiung. SatsaÇga erweitert die Intelligenz,

zerstört die Unwissenheit und beseitigt die psychologische Unruhe. SatsaÇga

sollte niemals vernachlässigt werden – wie hoch auch immer die Kosten, wie

groß auch immer die Schwierigkeiten und wie viele Hindernisse auch immer

im Wege stehen mögen. SatsaÇga allein ist für den Menschen ein Licht auf

dem Weg des Lebens. SatsaÇga ist allen anderen Formen religiöser Praktiken

wie Wohltätigkeit, Askese, Pilgerreisen und religiösen Riten überlegen.

Unter allen Umständen sollte man alle einem zur Verfügung stehenden Mittel

nutzen, um den Heiligen, die die Wahrheit verwirklicht und in deren Herzen

die Finsternis der Unwissenheit vertrieben ist, zu dienen und sie zu lieben.

Wer dagegen diese Heiligen mit Missachtung behandelt, lädt mit Sicherheit

großes Leiden in sein Haus ein.

II:15, 16

49


II:17

Diese vier – Zufriedenheit, satsaÇga (Gemeinschaft mit Heiligen), der Geist

der Selbsterforschung und Selbstbeherrschung sind die vier sichersten Mittel,

mit deren Hilfe diejenigen, die im Ozean dieses saæsāra (des Lebenszyklus)

zu ertrinken drohen, gerettet werden. Die Zufriedenheit ist der größte Gewinn.

SatsaÇga ist der beste Begleiter zum endgültigen Ziel. Der Geist der

Selbsterforschung ist in sich selbst die größte Weisheit. Und Selbstbeherrschung

bedeutet höchstes Glück. Falls du nicht in der Lage sein solltest, alle

diese vier zu praktizieren, dann praktiziere wenigstens eine davon, denn

durch die eifrige Praxis einer dieser Eigenschaften werden sich die anderen

ebenfalls einfinden. Dann wird dich die höchste Weisheit ohne dein eigenes

Zutun aufsuchen. Solange du nicht den wilden Elefanten deines Gemüts mit

Hilfe dieser edlen Qualitäten bezähmst, kannst du keinerlei Fortschritt hin

zum Höchsten machen; auch dann nicht, falls du ein Gott oder ein Halbgott

werden solltest. Du wärest dann nicht besser dran als ein Baum. Daher, oh

Rāma, strebe unter allen Umständen danach, diese vier edlen Qualitäten zu

kultivieren.

VASIåèHA sagte:

Wer mit den Qualitäten ausgestattet ist, die ich bis hierhin aufgezählt habe,

ist geeignet zu erfahren, was ich als nächstes darzulegen habe. Du bist in der

Tat eine solche qualifizierte Person, oh Rāma. Nur derjenige wünscht diese

Dinge zu hören, der reif für die Befreiung ist. Diese Enthüllung der Wahrheit

führt einen jedoch sogar dann zur Befreiung, wenn man gar nicht den

Wunsch danach hat – auf dieselbe Weise, wie ein Licht die Augen sogar einer

schlafenden Person zu erleuchten vermag. So wie die Furcht aufgrund des

Missverständnisses, dass ein Seil eine Schlange sei, verschwindet, sobald die

Wahrheit erkannt wird, so befreit das Studium dieser Schrift den Menschen

vom Leid, das aus saæsāra geboren wird.

Diese Schrift besteht aus 32000 Versen. Der erste Abschnitt ist unter dem

Namen Vairāgya Prakaraïam (das Kapitel über Leidenschaftslosigkeit) bekannt.

Es unterweist über die Erkenntnis der wahren Natur des Lebens in

dieser Welt. Sein sorgfältiges Studium reinigt das Herz. Dieser Abschnitt

besteht aus 1500 Versen.

Der nächste Abschnitt ist bekannt als Mumuk«u Vyavahāra Prakaraïaæ

(betreffend das Verhalten eines Suchers nach der Befreiung) und besteht aus

1000 Versen. Darin werden die Qualifikationen eines Suchers beschrieben.

Danach kommt Utpatti Prakaraïaæ (der Abschnitt über die Weltentstehung),

der aus 7000 Versen besteht. In ihm finden sich viele inspirierende

Geschichten, die die großartige Wahrheit illustrieren helfen, die darin besteht:

Aufgrund des Wechselspiels der falschen Ideen des „dies“ und „Ich“

erscheint dieses Universum, welches tatsächlich niemals erschaffen wurde.

Der nächste Abschnitt ist Sthiti Prakaraïaæ (Abschnitt über die Existenz),

der aus 3000 Versen besteht. Wiederum mit Unterstützung durch Erzählun-

50


gen wird die Wahrheit betreffend die Existenz dieser Welt dargelegt und ihre

Grundlage enthüllt.

Danach kommt Upasanti Prakaraïaæ (der Abschnitt über das Aufhören),

der aus 5000 Versen besteht. Durch das Studium dieses Abschnitts findet die

irrige Wahrnehmung dieser Welt ihr Ende und hinterlässt nur noch eine

geringfügige Spur der Unwissenheit.

Zuletzt kommt das Nirvāna Prakaraïaæ (der Abschnitt über die Befreiung),

der aus 14500 Versen besteht. Das Studium und Verstehen dieses Abschnitts

zerstört die grundlegende Unwissenheit eines Menschen. Wenn so alle Täuschungen

und Halluzinationen aufgehört haben, entsteht die vollkommene

Freiheit. Obwohl noch im physischen Körper weilend, lebt der Mensch dann

so, als wäre er von ihm frei; er ist frei von allem Verlangen und allen Wünschen,

Anhaftungen und Abneigungen. Er ist befreit von saæsāra (dem Lebenszyklus).

Hier und jetzt ist er frei vom Dämon mit dem Namen „Ich-Sinn“.

Er ist eins mit dem Unendlichen.

VASIåèHA fuhr fort:

Wer auch immer die Samen der Erkenntnis dieser Schrift aussäht, wird die

Frucht der Verwirklichung der Wahrheit ernten. Eine Darlegung der Wahrheit,

auch wenn sie menschlichen Ursprungs ist, sollte stets angenommen

werden. Andernfalls sollte die Unwahrheit sogar dann zurückgewiesen werden,

wenn sie angeblich göttlicher Offenbarung entstammt. Die Worte sogar

eines kleinen Jungen sollten akzeptiert werden, wenn es Worte der Weisheit

sind. Andernfalls müssen sie wie Strohhalme beiseite geworfen werden, auch

wenn sie von Brahmā dem Schöpfer selbst stammen sollten.

Wer immer der Darlegung dieser Schrift lauscht und darüber nachdenkt,

wird sich unergründlicher Weisheit, fester Überzeugung und unbeirrbarer

Ruhe des Geistes erfreuen. Schon bald wird er ein befreiter Weiser sein, dessen

Glanz unbeschreiblich ist.

Der Weise mit der Vision des Unendlichen sieht in der einen ungeteilten

Intelligenz zahllose Universen erscheinen, denn er hat die Zauberei von Māyā

oder die kosmische Illusion erkannt. Er sieht das Unendliche in jedem Atom

und ist daher unbeeindruckt vom Aufstieg und Zerfall der Gedanken und

Ideen der Schöpfung. Daher ist er stets mit allem zufrieden, was ungesucht zu

ihm kommt und weist es nicht zurück. Auch läuft er nicht hinter dem her, was

ihm weggenommen wird, da er um nichts trauert.

Diese Schrift ist leicht zu verstehen, da sie reichlich mit inspirierenden Erzählungen

ausgeschmückt ist. Wer diese Schrift studiert und über ihre Aussagen

nachsinnt, braucht keinerlei Askesepraktiken, Meditation oder Wiederholung

von Mantras zu unternehmen, denn was könnte großartiger sein als

die Befreiung, die durch das Studium dieser Schrift gewährt wird?

Wer diese Schrift studiert und ihre Lehren versteht, wird nicht länger durch

die Welterscheinung getäuscht. Wer einmal erkannt hat, dass jene tödliche

Schlange nichts als ein lebensechtes Gemälde ist, der fürchtet sich nicht län-

II:18

51


ger vor ihr. Wenn die Welterscheinung als bloße Erscheinung erkannt wird,

dann ruft sie weder Freude noch Leid hervor. Es ist in der Tat bedauerlich,

dass die Menschen immer noch nach Sinnesvergnügen suchen, die nichts als

großen Kummer hervorbringen, obwohl eine Schrift wie diese hier vorliegt.

Oh Rāma – eine Wahrheit, die erläutert, aber noch nicht persönlich erfahren

wurde, kann nur mit Hilfe einer Veranschaulichung erfasst werden. Solche

Veranschaulichungen werden daher in dieser Schrift mit einem bestimmten

Zweck und einer begrenzten Absicht verwendet. Sie dürfen weder wortwörtlich

verstanden noch in ihrer Bedeutung über diese Absicht hinaus erweitert

werden. Wenn die Schrift in diesem Sinne studiert wird, erscheint die Welt

wie ein Traumbild. Eben dies ist der Zweck und die Absicht der Verbildlichungen.

Möge daher niemand aufgrund eines entstellenden Verstandes die

in dieser Schrift enthaltenen Veranschaulichungen missverstehen.

VASIåèHA fuhr fort:

Eine Parabel hat nur den Zweck, den Zuhörer hin zur Wahrheit zu führen.

Die Erkenntnis der Wahrheit ist so lebenswichtig, dass alle irgendwie vernünftigen

Methoden gerechtfertigt sind, auch wenn die Parabeln rein fiktiv

sind. Die Parabel selbst ist auf die mit ihrer Hilfe veranschaulichte Wahrheit

nur teilweise anwendbar, und es ist nur dieser Teil, der erfasst werden sollte.

Den Rest sollte man ignorieren. Das Studium und das Verstehen der Schrift

mit Hilfe der Verbildlichungen und eines qualifizierten Lehrers sind nur so

lange erforderlich, bis man die Wahrheit verwirklicht hat.

Es sei noch einmal gesagt, dass ein Studium dieser Art bis zur Erkenntnis

der Wahrheit fortgesetzt werden sollte – man sollte nicht vor dem Erlangen

der Erleuchtung damit aufhören. Eine mangelhafte Kenntnis der Schrift ergibt

nur größere Verwirrung. Die Nichterkenntnis der Existenz des höchsten

Friedens im eigenen Herzen und der Glaube an eine Wirklichkeit eingebildeter

Dinge sind beide aus mangelhaftem Wissen geboren und das Ergebnis

einer verdrehten Denkweise.

So wie der Ozean der Grund aller Wellen ist, so ist allein die direkte Erfahrung

der Grund aller Beweise, nämlich die unmittelbare Erfahrung der Wahrheit,

so wie sie ist. Die Basis ist die erfahrende und verstehende Intelligenz,

die selbst zum Erfahrenden, zum Akt des Erfahrens und zur Erfahrung wird.

Das Erfahren allein ist die Wirklichkeit. Im Zustand des Nicht-Verstehens

jedoch scheint dieses Erfahren ein Subjekt zu haben (den Erfahrenden).

Weisheit, die aus dem Geist der Selbsterforschung geboren ist, zerstreut

dieses Nicht-Verstehen – so kann schließlich die ungeteilte Intelligenz in

ihrem eigenen Licht erstrahlen. Auf dieser Stufe wird sogar der Geist der

Selbsterforschung überflüssig und löst sich von selbst auf.

So wie der Luft die Bewegung eigentümlich ist, so ist die Manifestation (in

der Form des subtilen wahrnehmenden Gemüts und der wahrgenommenen

groben Objekte) dieser erfahrenden Intelligenz eigentümlich. Der wahrnehmende

Verstand denkt aufgrund der Unwissenheit: „Ich bin dieses oder jenes

52


Objekt“, und er wird es dann auch. Das Objekt wird stets nur im Subjekt erfahren

und nirgendwo sonst!

Oh Rāma, bis zu dem Zeitpunkt, an dem diese Weisheit direkt in dir auftaucht,

nimm wiederholt deine Zuflucht zu dem Wissen, welches von den

großen Lehrern übermittelt wird. Wenn du dieses Wissen von großen Lehrern

empfängst, dann wird dein Betragen das ihrige widerspiegeln, und wenn

du auf diese Weise ihre einzigartigen Qualitäten übernimmst, dann wird sich

auch die Weisheit in dir entfalten. Die Weisheit und das Nacheifern der edlen

Tugenden der Heiligen gedeihen aneinander!

* * *

53


Teil III: Über die Weltentstehung

ùKùŚA — Raum oder Dimension

Im Text tauchen drei wichtige Wörter auf, nämlich cidākāśa, cittākāśa und

bhÆtākāśa. Wörtlich bedeutet ākāśha unendlicher Raum bzw. Äther. Daher

bedeutet cidākāśa Raum des Bewusstseins, cittākāśa Raum des menschlichen

Geistes oder Gemüts (mind-space) und bhÆtākāśa Raum der Elemente. Diese

drei Konzepte wurden von Bhagavān Rāmaïa Mahar«i wunderbar erklärt:

„Es heißt, dass cidākāśa selbst ātma svarÆpa (die Form von ātmā, Seele) sei,

und dass wir dies nur mit Hilfe des Gemüts (mind) sehen können. Wie können

wir es aber sehen, wenn das Gemüt aufgehört hat?” fragte jemand.

Bhagavān erwiderte: „Wenn man den Himmel als bildliches Beispiel nimmt,

dann kann man ihn als dreierlei betrachten, nämlich cidākāśa, cittākāśa und

bhÆtākāśa. Der natürliche Zustand wäre cidākāśa, und das Ich-Empfinden,

welches aus cidākāśa entsteht, wäre cittākāśa. Wenn dieses cittākāśa sich

ausdehnt und die Gestalt aller bhÆtas (Elemente) annimmt, dann ist dies alles

bhÆtākāśa. Wenn dann das cittākāśa, das Bewusstsein des Selbst (‚Ich’), nicht

das cidākāśa, sondern das bhÆtākāśa wahrnimmt, dann spricht man von

mano ākāśha (Raum des menschlichen Geistes oder Gemüts; mano = mind),

und wenn es mano ākāśha hinter sich lässt und das cidākāśa wahrnimmt,

dann nennt man dies cinmaya (reines Bewusstsein). Mit dem Aufhören des

Gemüts ist gemeint, dass die Idee der Vielfalt der Objekte verschwindet und

die Idee der Einheit aller Objekte erscheint. Wenn dies geschieht, dann erscheint

alles als natürlich.“

Eine bessere Übersetzung für den Begriff ākāśha wäre vielleicht „Dimension“.

Ein und dasselbe unendliche Bewusstsein ist als cidākāśa, cittākāśa und

bhÆtākāśa bekannt je nach dem spirituellen, mentalen (konzeptionellen) und

physischen Gesichtspunkt, von dem aus es betrachtet wird.

* * *

54


VASIåèHA fuhr fort:

Nun werde ich dir die Weltentstehung und ihr Geheimnis erläutern. Die Hörigkeit

dauert so lange, wie man das wahrgenommene Objekt als wirklich

ansieht. Sobald dieser Gedanke fallen gelassen wird, verschwindet auch die

Bindung. Hier in dieser Welt wächst und stirbt nur das, was zuvor erschaffen

wurde, und es geht dann entweder in den Himmel oder in die Hölle und es

wird befreit.

Während der kosmischen Auflösung wird die gesamte objektive Schöpfung

in das unendliche Sein zurückgenommen, welches von den Weisen ùtmā,

Brahman oder Wahrheit usw. genannt wird, um das Gespräch und den Meinungsaustausch

darüber zu erleichtern. Dieses selbige unendliche Sein

(Selbst) ersinnt in sich die Dualität von sich selbst und etwas anderem. Daraus

entsteht das Gemüt, wie eine Welle auf dem stillen Ozean erscheint, der

aufgewühlt wird. Denke jedoch stets daran, dass die Eigenschaften und die

Natur des Geschaffenen sowie die Potentialität der Schöpfung dem Schöpfer

selbst innewohnen; so wie ein goldenes Schmuckstück nichts anderes als

Gold ist (obwohl Gold auch ohne das Schmuckstück existieren kann, so kann

doch das Schmuckstück selbst nicht ohne das Gold oder ein anderes Metall

existieren). Das Gemüt ist nicht verschieden (hat selbst keinerlei unabhängige

Existenz) vom unendlichen Selbst.

Ebenso wie eine Luftspiegelung täuschend echt als ein Fluss voll Wasser

erscheinen kann, so erscheint diese Welt als gänzlich real. Solange man an

dem Gedanken der Wirklichkeit von „du“ und „ich“ festhält, gibt es keine

Befreiung. Der Gedanke der Wirklichkeit der Existenz verschwindet nicht

dadurch, dass man diese bloß verwirft oder verbal verneint – im Gegenteil,

eine solche Ablehnung wird zu einer Quelle weiterer Verwirrung.

Rāma, wenn die Welt tatsächlich wirklich wäre, dann gäbe es keinerlei Möglichkeit

ihres Aufhörens, denn es gilt das unveränderliche Gesetz, dass das

Unwirkliche nicht wirklich ist und das Wirkliche nicht aufhört zu sein. Askese,

Meditation und andere ähnliche Praktiken können daher weder ihr Aufhören

verursachen noch die Erleuchtung herbeiführen. Solange die Wahrnehmung

der Welt andauert, so lange ist sogar die Kontemplation (samādhi), in

der es keinerlei Gedankenbewegung (nirvikalpa) gibt, unmöglich. Und auch

wenn dies möglich sein sollte, so würde doch nach der Rückkehr aus dieser

Kontemplation die Welt mit all ihrem Kummer sogleich wieder im Gemüt

erscheinen. Es ist die Bewegung der Gedanken, die die Wahrnehmung erschaffener

Objekte hervorruft.

So wie die Essenz in allen Dingen existiert wie das Öl im Sesamsamen oder

der Duft in den Blumen, so existiert die Fähigkeit der objektiven Wahrnehmung

im Wahrnehmenden. So wie die Traumobjekte nur dem Träumer erscheinen,

so werden die Objekte der Wahrnehmung vom Wahrnehmenden

erfahren. Ebenso wie der aus der Saat hervorgegangene Keimling zur vorbestimmten

Zeit erscheint, so manifestiert sich diese Potentialität als Idee oder

Vorstellung der Schöpfung.

III:1

55


VASIåèHA fuhr fort:

Es gibt einen heiligen Mann namens ùkāśaja (wörtl. „geboren aus leerem

Raum“). Er befindet sich in ständiger Meditation und bewegt in seinem Herzen

die Wohlfahrt aller Wesen. Er hatte schon eine lange Zeit gelebt, als ihn

eines Tages der Tod zu verschlingen suchte. Als der Tod sich ihm näherte,

hatte er jedoch mit einem grimmigen Feuer zu kämpfen, das den heiligen

Mann schützte. Aber auch nachdem der Tod dieses abgewehrt hatte, konnte

er ihn immer noch nicht berühren. Verblüfft durch diese unerwartete und

außergewöhnliche Begebenheit wandte sich der Tod an Gott Yama als den

Gebieter über die Schicksale der Sterblichen und fragte ihn: „Bitte, Herr, teile

mit mir, weshalb es mir unmöglich ist, ihn zu ergreifen.“

Yama erwiderte: „In Wahrheit ist es so, oh Tod, dass du niemanden wirklich

tötest! Der Tod wird in Wirklichkeit durch das Karma der Person (die Frucht

der eigenen Handlungen) herbeigeführt. Versuche daher zu entdecken, was

das entsprechende, verhängnisvolle Karma dieses Mannes ist.“

Jedoch auf dieselbe Weise, wie man nicht das Woher und Wohin des Sohnes

einer unfruchtbaren Frau finden kann, so konnte auch der Tod nirgendwo in

der Welt das Karma dieses heiligen Mannes entdecken. Er ging zu Yama und

berichtete ihm dies.

Yama sagte: „Oh Tod, dieser heilige Mann namens ùkāśaja wurde aus leerem

Raum geboren und hat überhaupt kein Karma. Er ist so rein wie der

Raum. Daher hat er keinerlei Karma hervorgerufen, das dir helfen könnte, ihn

zu ergreifen oder zu verzehren. So wie der Sohn einer unfruchtbaren Frau

wurde auch dieser heilige Mann nicht geboren. Weil er keinerlei Karma aus

‚früheren Geburten’ hat, besitzt er auch kein Gemüt. Er hat daher keinerlei

mentale Tätigkeit verursacht, die ihn in deine Reichweite bringen könnte. Er

ist tatsächlich nichts anderes als eine Masse reinen Geistes. Als lebendes

Wesen erscheint er nur in deinen Augen – in ihm selbst gibt es keinerlei Gedanken,

die ein Karma entstehen lassen könnten. Bewusstsein wird im Bewusstsein

reflektiert, und es ist diese Reflektion, die dann an ihre eigene

Unabhängigkeit glaubt! Es ist jedoch ein falscher Glaube, eine Annahme, die

auf Unwirklichkeit beruht. Der heilige Mann kennt diese Wahrheit.

So wie Flüssigkeit auf natürliche Weise im Wasser und Leere im Raum vorkommt,

so lebt dieser heilige Mann im Höchsten Geist. Er ist selbst eine

unverursachte Manifestation, und daher wird er auch als „selbst-erschaffen“

bezeichnet. Wer die närrische Vorstellung ‚Ich bin dieser Körper, der aus Erde

besteht' unterhält, verwickelt sich selbst in die Materie. Einen solchen Menschen

kannst du leicht überwältigen. Da dieser heilige Mann jedoch keine

solche Vorstellung hat (und deshalb wahrhaftig körperlos ist), befindet er

sich außerhalb deiner Reichweite.

Dieser heilige Mann wurde niemals geboren. Er ist reines Bewusstsein, das

stets unverändert ist. Im unendlichen Sein taucht zu Beginn jeder Epoche

eine Schwingung auf, die aus der latenten Unwissenheit entsteht. Diese mani-

III:2

56


festiert sich dann als die verschiedenen Wesen – wie in einem kosmischen

Traum. Unberührt davon, verbleibt dieser heilige Mann stets reines Bewusstsein.”

VASIåèHA sagte: Im Schöpfer gibt es weder einen Seher noch ein Objekt der

Wahrnehmung. Doch er wird auch als ‚selbst-erschaffen’ bezeichnet. Er erstrahlt

im kosmischen Bewusstsein wie das Bild im Geist eines Künstlers.

VASIåèHA fuhr fort:

Im Schöpfer gibt es keinerlei Erinnerung an die Vergangenheit, weil er keinerlei

vorhergegangenes Karma in sich trägt. Er besitzt nicht einmal einen

physischen Körper, denn das Ungeborene besteht nur aus spiritueller Substanz.

Sterbliche Wesen haben zwei Körper – nämlich den physischen und

den spirituellen. Der ungeborene Schöpfer jedoch hat nur den spirituellen, da

die Ursache, die den physischen entstehen lässt, nicht in ihm existiert.

Selbst nicht erschaffen, ist er der Erschaffer aller Wesen. Gewiss ist das Geschaffene

(wie das Schmuckstück) stets von derselben Substanz wie das, aus

dem es erschaffen wurde (Gold). Wie der Gedanke des Schöpfers die Ursache

dieser mannigfaltigen Schöpfung ist und der Schöpfer selbst keinen physischen

Körper hat, so ist wahrhaftig auch diese Welt von der Natur des Gedankens

– ohne jede Materialität.

Ein Pulsieren entstand im Schöpfer, und sein Gedanke breitete sich als das

Universum aus. Diese Bewegung brachte den subtilen Körper (bestehend aus

reinem Geist) aller Lebewesen hervor. Nur aus Gedanken bestehend, sind all

diese Wesen nur scheinbar, obgleich sie alle fühlen, dass sie wirklich sind.

Und diese Scheinhaftigkeit, die als wirklich empfunden wird, erzeugt realistische

Ergebnisse oder Konsequenzen, so wie sexuelles Vergnügen in einem

Traum. Vergleichbar damit scheint auch der Schöpfer (der heilige Mann in

der Geschichte) einen Körper zu haben, obwohl er überhaupt keinen hat.

Auch der Schöpfer ist zweifacher Natur, nämlich Bewusstsein und Denken.

Bewusstsein ist rein, Denken ist der Täuschung unterworfen. Auf diese Weise

scheint er zu sein. Er ist die Intelligenz, die das gesamte Universum aufrechterhält.

Jeder Gedanke, der in dieser Intelligenz auftaucht, lässt eine Form

entstehen. Obgleich alle diese Formen aus reinem Geist sind, kristallisieren

sie aufgrund des Selbstvergessens und der Vorstellung von physischen Formen

zu physischen Formen – so wie gestaltlose Kobolde aufgrund der getäuschten

Wahrnehmung eine Gestalt zu haben scheinen.

Der Schöpfer selbst jedoch ist dieser Täuschung nicht unterworfen. Denn er

verbleibt stets in seiner spirituellen, nicht materiellen Natur. Der Schöpfer ist

spirituell, weshalb auch seine Schöpfung in ihrer Essenz spirituell ist. Diese

Schöpfung ist unverursacht. Folglich ist sie in ihrer Essenz rein spirituell, wie

das Höchste Sein, Brahman, selbst. Die Materialität der Welt ist wie das Luftschloss

– eine illusionäre Projektion des eigenen Gemüts – eine Einbildung.

Der Schöpfer ist das Gemüt, und das Gemüt oder reine Intelligenz sind sein

Körper. Dem Gemüt ist das Denken eingeboren. Das Objekt der Wahrneh-

57

III:4


mung ist wiederum dem Wahrnehmenden eingeboren. Wer hat jemals einen

Unterschied zwischen den beiden feststellen können?

VùLMýKI sagte:

An diesem Punkt der Unterweisung beschleunigte die Sonne ihren Lauf in

Richtung der Berge im Westen, als wäre sie begierig, über die Worte des

Weisen zu meditieren und andere Teile der Erde zu erleuchten. Die Versammlung

löste sich für die Abendgebete auf. Am nächsten Morgen kamen alle

Mitglieder des Hofes wieder wie zuvor zusammen.

RùMA fragte:

Oh heiliger Weiser! Bitte unterrichte mich darüber, was das Gemüt in

Wahrheit ist.

VASIåèHA erwiderte:

So wie leeres, lebloses Nichts als Raum bekannt ist, so ist auch das Gemüt

ein leeres Nichts. Ob das Gemüt nun wirklich oder unwirklich ist – es ist stets

das, was in den Objekten der Wahrnehmung gesehen wird. Rāma, Denken ist

Gemüt – es gibt keinen Unterschied zwischen den beiden. Das Selbst, eingekleidet

in den spirituellen Körper, wird als Gemüt gekannt. Dieses ist es, welches

dann den materiellen oder physischen Körper in die Existenz treten

lässt. Unwissenheit saæsāra (der Lebenszyklus), Denken, Bindung, Unreinheit,

Finsternis und Trägheit oder Fühllosigkeit sind alles Synonyme. Gemüt

ist nichts als Erfahrung – es ist selbst nichts anderes als das Wahrgenommene.

Dieses gesamte Universum ist auf ewig nicht verschieden vom Bewusstsein,

das in jedem Atom wohnt, wie das Schmuckstück nicht verschieden vom Gold

ist. So wie das Schmuckstück potentiell im Gold existiert, so existiert das

Objekt im Subjekt. Sobald jedoch dieser Gedanke des Objekts entschieden

zurückgewiesen und vom Subjekt entfernt wird, existiert allein nur noch

Bewusstsein ohne den geringsten Anschein von Objektivität. Wenn dies erkannt

wird, hören alle diese Übel wie Anziehung und Abstoßung, Liebe und

Hass, im eigenen Herzen auf; wie auch die falschen Wahrnehmungen der

Welt, des Du, des Ich usw. Sogar die Neigung zur Objektivierung hört auf, und

dies bedeutet die Freiheit.

RùMA fragte:

Heiliger Herr, wenn das Objekt der Wahrnehmung wirklich wäre, dann

könnte es nicht aufhören zu sein. Obwohl es aber unwirklich ist, vermögen

wir es nicht als unwirklich zu erkennen. Wie können wir dieses Problem

überwinden?

VASIåèHA erwiderte:

Oh Rāma, es gibt die Heiligen, die dieses Problem überwunden haben! Externe

Objekte wie Raum usw. und psychologische Faktoren wie „Ich“ usw.

existieren nur als Namen. In Wirklichkeit existieren weder das objektive

Universum noch das wahrnehmende Selbst; weder die Wahrnehmung als

58


solche noch das Nichts. Stets ist als Einziges nur das kosmische Bewusstsein

(cit). In diesem ist es das Gemüt, welches die Vielfalt, die verschiedenen Tätigkeiten

und Erfahrungen, die Idee von Bindung und den Wunsch nach Befreiung

heraufbeschwört.

Rāma fragte:

Oh heiliger Weiser! Worin besteht der Ursprung dieses Gemüts, und wie

konnte es entstehen? Bitte sei so gut, mich in dieser Frage zu erleuchten.

VASIåèHA erwiderte:

Nach der kosmischen Auflösung und noch vor dem Aufdämmern der nächsten

Epoche befand sich das gesamte Universum in vollkommenem Gleichgewicht.

Es existierte nur der Höchste Herr, der Ewige, Ungeborene, Selbsterstrahlende,

der das Universum ist und allmächtig. Er befindet sich jenseits

jeder Vorstellung und Beschreibung. Obgleich er unter verschiedenen Namen

wie ùtmā usw. bekannt ist, sind alle diese doch nur Gesichtspunkte und nicht

die eigentliche Wahrheit. Er ist – und doch wird er von der Welt nicht erkannt;

er befindet sich auch im Körper – und ist doch wie weit entfernt. Aus

ihm gehen zahllose Gottheiten wie Vi«ïu hervor, so wie zahllose Strahlen aus

der Sonne hervorgehen. Aus ihm kommen endlose Welten – so wie Wellen an

der Oberfläche des Ozeans entstehen.

Er ist die kosmische Intelligenz, in die die unzählbaren Objekte der Wahrnehmung

eintreten. Er ist das Licht, in dem das Selbst und die Welt erstrahlen.

Er befiehlt die Eigentümlichkeit der Natur aller erschaffenen Dinge. In

Ihm erscheint und verschwindet die Welt – wie eine Luftspiegelung wieder

und wieder erscheint und wieder und wieder verschwindet. Seine Gestalt

(die Welt) verschwindet, aber sein Selbst ist wandellos. Er wohnt in allem. Er

ist verborgen und doch überströmend gegenwärtig. Durch Seine bloße Gegenwart

sind diese anscheinend leblose materielle Welt und ihre Bewohner

unaufhörlich tätig. Wegen Seiner allgegenwärtigen, allmächtigen Allwissenheit

materialisieren sich alle seine Gedanken.

Dieses Höchste Selbst, oh Rāma, kann durch kein anderes Mittel als durch

die Weisheit erkannt werden – nicht einmal durch die Ausübung religiöser

Praktiken. Dieses Selbst ist weder nah noch fern; es ist weder unerreichbar

noch weit weg – es ist das, was in einem selbst als Seligkeit auftaucht, und es

wird daher nur in einem selbst erkannt.

Askese oder Buße, Wohltätigkeit und die Einhaltung religiöser Gelübde führen

nicht zur Verwirklichung des Höchsten Herrn – nur die Gemeinschaft mit

Heiligen und das Studium der wahren Schriften können hier helfen, denn sie

zerstreuen die Unwissenheit und Täuschung. Sogar wenn man davon überzeugt

ist, dass nur dieses Selbst wirklich ist, geht man auf dem Pfad der Befreiung

jenseits von Kummer.

Askese oder Buße sind nichts als selbst zugefügter Schmerz. Was für einen

Wert hat eine aus dem Reichtum entstandene Wohltätigkeit, der aus dem

Betrug an anderen gewonnen wurde? Aus solcher Wohltätigkeit können nur

III:5, 6

59


III:7

die entsprechenden Früchte entstehen! Religiöse Pflichtbefolgung steigert

nur die Eitelkeit. Gegen die Unkenntnis des Höchsten Herrn hilft nur eine

einzige Arznei – die entschiedene und feste Zurückweisung aller Sinnesvergnügen.

RùMA fragte:

Wo wohnt dieser Höchste Herr, und wie kann ich ihn erreichen?

VASIåèHA erwiderte:

Er, der als der Herr gesehen wird, ist nicht sehr weit entfernt – Er ist die

Intelligenz, die im Körper wohnt. Er ist das Universum, obgleich das Universum

nicht Er ist. Er ist das reine Bewusstsein.

RùMA bemerkte:

Sogar ein kleiner Junge sagt, dass der Herr Intelligenz sei. Weshalb sollte

man dies also in Form einer besonderen Unterweisung betonen?

VASIåèHA erwiderte:

Nun, jemand, der das objektive Universum als reine Intelligenz erkennt,

weiß noch gar nichts. Fühlend ist das Universum, und fühlend ist auch die

Seele (jīva). Das Fühlende erschafft das Kennbare und verwickelt sich selbst

in den Kummer. Sobald es ein Aufhören des Kennbaren gibt und der Strom

des Gewahrseins auf das nicht Kennbare (reine Intelligenz) gerichtet wird,

entsteht die Erfüllung – und so geht man über Kummer und Sorge hinaus.

Ohne dieses Aufhören des Kennbaren kann man sein Gewahrsein nicht erfolgreich

vom Kennbaren abwenden. Die bloße Erkenntnis der Verwicklung

des jīva in dieses saæsāra ist nutzlos. Wird jedoch der Höchste Herr erkannt,

dann kommt der Kummer an sein Ende.

RùMA fragte:

Heiliger Herr, bitte beschreibe uns den Höchsten Herrn.

VASIåèHA erwiderte:

Die kosmische Intelligenz, in der das Universum sozusagen aufhört zu sein,

ist der Höchste Herr. In Ihm scheint die Subjekt-Objekt-Beziehung als solche

aufgehört zu haben. Er ist das Nichts oder die Leere, in der das Universum

scheinbar existiert. In Ihm steht sogar das kosmische Bewusstsein still wie

ein Berg.

RùMA fragte erneut:

Wie können wir diesen Herrn erkennen und die Unwirklichkeit dieses Universums

verstehen, welches wir bisher als wirklich betrachtet haben?

VASIåèHA antwortete: Der Herr kann nur dann erkannt werden, wenn man

fest im Verstehen der Unwirklichkeit des Universums verankert ist, wie auch

die Bläue des Himmels als unwirklich verstanden wird. Dualität setzt Einheit

voraus und Nicht-Dualität legt Dualität nahe. Der Höchste Herr wird nur dann

erkannt, wenn die Welt als gänzlich inexistent erkannt wird.

60


RùMA fragte:

Heiliger Herr, mit welcher Methode wird dies erkannt, und was muss ich

wissen, damit das Kennbare an ein Ende gelangt?

VASIåèHA erwiderte:

Die falsche Vorstellung, dass diese Welt wirklich sei, hat sich tief verwurzelt

aufgrund der andauernden Gewohnheit falschen Denkens. Jedoch kann sie

beseitigt werden, indem du Zuflucht zur Gemeinschaft mit Heiligen und zum

Studium der heiligen Schriften nimmst. Von allen Schriften ist dieses

Mahārāmāyaïaæ hier das Beste. Was hier gefunden wird, wird auch woanders

gefunden, und was hier nicht gefunden wird, findet man auch sonst

nirgends. Wer daher nicht diese, sondern eine andere Schrift studieren möchte,

kann dies zu tun – dagegen gibt es keinerlei Einwände.

Sobald die falsche Vorstellung aufgegeben und die Wahrheit erkannt wird,

wird man von ihr in einem so großen Ausmaße erfüllt, dass man nur noch

daran denken, davon sprechen und sich nur noch an ihr erfreuen und anderen

davon mitteilen möchte. Solche Menschen werden manchmal auch

Jīvanmuktas oder auch Videhamuktas genannt.

RùMA fragte:

Hoher Herr, worin bestehen die Eigenschaften der Jīvanmuktas (im Leben

befreit) und Videhamuktas (nach dem Tode befreit, körperlos befreit)?

VASIåèHA erwiderte:

Wer, obwohl er scheinbar ein normales Leben führt, die gesamte Welt als

eine Leerheit empfindet, ist ein Jīvanmukta. Obwohl er wach ist, erfreut er

sich der Stille des Tiefschlafs; er ist völlig unbeeinflusst von Freude und

Schmerz. Er ist wach im Tiefschlaf, aber er ist niemals wach für diese Welt.

Seine Weisheit ist unbewölkt von latenten Neigungen. Er scheint wie andere

Zu-, Abneigungen und Furcht unterworfen zu sein, aber in Wahrheit ist er so

frei wie der Raum. Er ist frei vom Ich-Sinn und vom Wollen. Seine Intelligenz

klammert sich weder an Tätigkeit noch an Untätigkeit. Niemand fürchtet ihn

– er fürchtet niemanden. Wenn dann sein Körper nach der vorgesehenen Zeit

aufgegeben wird, wird er zum Videhamukta.

Der Videhamukta ist und ist nicht; er ist weder ‚Ich’ noch ‚ein Anderer’. Er

ist die Sonne, die scheint, Vi«ïu, der alle beschützt, Rudra, der alles zerstört,

Brahmā, der erschafft. Er ist Raum, Erde, Wasser und Feuer. Er ist in Wahrheit

kosmisches Bewusstsein – das, was die eigentliche Essenz aller Wesen ist.

Alles, was es in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft geben mag – all

dieses ist er und er allein.

RùMA fragte erneut:

Hoher Herr, meine Wahrnehmung ist unklar. Wie kann ich diesen Zustand

erlangen, den du angedeutet hast?

VASIåèHA erwiderte:

III:8, 9

61


Was man als Befreiung bezeichnet, oh Rāma, ist in Wahrheit das absolute

Selbst, welches allein ist. Was man hier als ‚Ich‘, ‚Du’ usw., wahrnimmt, scheint

nur zu existieren; tatsächlich wurde es niemals erschaffen. Wie können wir

sagen, dass Brahman zu all diesen Welten geworden sei?

Oh Rāma, in Schmuckstücken sehe ich nichts als Gold, in Wellen sehe ich

nichts als Wasser, in Luft sehe ich nichts als Bewegung, im Raum sehe ich nur

Leere, in der Luftspiegelung sehe ich nur Hitze und nichts anderes. Und ebenso

sehe ich stets nur Brahman, das Absolute – nicht aber die Welten.

Der Gedanke der ‚Welten’ ist nichts als anfangslose Unwissenheit. Durch die

Erforschung der Wahrheit jedoch verschwindet sie schließlich. Es hört nur

das auf, was in die Existenz getreten ist. Diese Welt ist niemals wirklich in die

Existenz getreten, erscheint aber weiterhin. Die Darlegung dieser Wahrheit

ist in diesem Kapitel über die Weltentstehung enthalten.

Als die kosmische Auflösung stattfand, verschwand alles, was zuvor erschienen

war. Das Unendliche allein verblieb. Und dieses war weder Leerheit

noch Form, weder das Sehen noch das Gesehene. Niemand vermag zu sagen,

ob es gewesen oder nicht gewesen ist. Es hat keine Ohren, keine Augen, keine

Zunge – und doch hört, sieht und schmeckt es. Es ist unverursacht und

unerschaffen. Es ist die Ursache von allem, wie Wasser die Ursache von Wellen

ist. Dieses unendliche und ewigliche Licht ist in den Herzen aller und in

seinem Licht erstrahlen die drei Welten wie eine Luftspiegelung.

Wenn das Unendliche zu vibrieren beginnt, scheinen all diese Welten aufzutauchen;

wenn es aufhört zu vibrieren, dann scheinen alle Welten unterzugehen.

Wenn eine brennende Fackel im Kreise herumgewirbelt wird, dann

erscheint ein Feuerkreis; wenn sie stillgehalten wird, verschwindet der Feuerkreis.

Vibrierend oder nicht vibrierend – Es ist stets dasselbe überall und

zu allen Zeiten. Wer dies nicht erkennt, ist der Täuschung unterworfen; wird

es dagegen erkannt, dann hören alle Ängste auf.

Aus Ihm kommt die Zeit – aus Ihm stammt die Wahrnehmung des wahrnehmbaren

Objekts. Tätigkeit, Gestalt, Geschmack, Geruch, Klang, Berührung

und Denken – alles was du weißt, ist nur Es allein. Und Es ist das, wodurch du

all dieses kennst! Es lebt im Seher, im Sehen und im Gesehenen als das eigentliche

Sehen – wenn du dieses kennst, dann erkennst du dein Selbst.

RùMA sagte:

Heiliger Herr, wie kann man vom Ihm sagen, es sei nicht leer, es könne nicht

beleuchtet werden, und es sei nicht dunkel (unerkennbar)? Du verwirrst

mich mit solchen widersprüchlichen Aussagen!

VASIåèHA erwiderte:

Rāma, du stellst unreife Fragen. Ich werde dich jedoch über die korrekte

Bedeutung aufklären.

So wie das nicht herausgehauene Bildnis auf ewig im Stein enthalten ist, so

ist auch diese Welt, ob sie nun als wirklich oder unwirklich betrachtet wird,

III:10

62


im Absoluten enthalten, das daher kein bloßes Nichts ist. So wie man von

einem ruhigen Ozean nicht sagen kann, dass da keinerlei Wellen seien, so ist

auch das Absolute nicht ohne Welt. Selbstverständlich haben diese Verbildlichungen

nur eine begrenzte Anwendbarkeit – sie sollten in dieser Hinsicht

nicht übertrieben werden.

In Wahrheit ist es jedoch so, dass diese Welt weder aus dem Absoluten auftaucht

noch wieder darin verschwindet. Nur das Absolute existiert jetzt und

für immer. Wenn man es sich als ein Nichts vorstellt, dann ist dies wegen der

Empfindung, dass es kein Nichts ist; wenn man es sich als Nicht-Nichts vorstellt,

dann ist dies wegen des Empfindens, dass es ein Nichts ist.

Das Absolute ist immateriell. Daher können es materielle Quellen wie das

Sonnenlicht nicht beleuchten. Jedoch ist es selbst-strahlend und aus diesem

Grunde weder leblos noch dunkel. Dieses Absolute kann von etwas anderem

nicht erkannt oder erfahren werden – nur das Absolute vermag sich selbst zu

erkennen.

Der unendliche Bewusstseinsraum ist sogar reiner als der eigentliche unendliche

Raum, und die Welt ist so, wie das Unendliche ist. Jedoch – wer noch

nie Pfeffer gekostet hat, kennt seinen Geschmack nicht. Ebenso kann niemand

Bewusstsein im Unendlichen in Abwesenheit von Objektivität erfahren. Selbst

dieses Bewusstsein erscheint daher als träge oder leblos – und so wird auch

die Welt erfahren. So wie im berührbaren Ozean berührbare Wellen gesehen

werden, so existiert im formlosen Brahman die Welt ohne Form. Aus dem

Unendlichen entsteht das Unendliche und existiert in diesem als das Unendliche.

Daher wurde die Welt niemals wirklich erschaffen, weil sie dasselbe ist

wie das, aus dem sie auftaucht.

Wenn der Vorstellung des (persönlichen) Selbst der Brennstoff der Ideen

aus dem Gemüt entzogen wird, dann ist das, was ist, das Unendliche. Was

weder schläft noch leblos ist, ist das Unendliche. Es geschieht wegen dieses

Unendlichen, dass Erkenntnis, Erkenner und Erkanntes als Eines existieren –

in Abwesenheit des Verstandes.

RùMA sagte:

Hoher Herr, wohin geht während der kosmischen Auflösung diese Welt, die

wir jetzt so leibhaftig sehen?

VASIåèHA erwiderte:

Von woher kommt der Sohn einer unfruchtbaren Frau, und wohin geht er?

Der Sohn einer unfruchtbaren Frau existiert nicht – niemals. Ebenso existiert

auch diese Welt nicht – niemals. Diese Analogie verblüfft dich nur deshalb,

weil du die Existenz der Welt für bare Münze nimmst.

Bedenke folgendes: Gibt es eine Wesenheit „Schmuckstück“ in einem goldenen

Schmuckstück? Ist es nicht tatsächlich einfach nur Gold? Gibt es so etwas

wie ein Ding namens Himmel unabhängig von der Leerheit? Ebenso gibt es

kein „Ding” namens „Welt“ unabhängig von Brahman, dem Absoluten. Gerade

63


III:12

so wie die Kälte untrennbar vom Eis ist, so ist das, was man Welt nennt, untrennbar

von Brahman.

Wasser in der Fata Morgana tritt weder in die Existenz noch aus dieser heraus.

Ebenso ist es mit dieser Welt, die weder aus dem Absoluten kommt noch

irgendwo anders hin verschwindet. Die Erschaffung der Welt hat keine Ursache

und daher auch keinen Anfang. Sie existiert nicht einmal jetzt – wie könnte

sie dann zerstört werden?

Wenn du zugibst, dass die Welt nicht aus Brahman heraus erschaffen worden

ist, aber bestätigst, dass sie eine Erscheinung ist, die auf der Wirklichkeit

Brahmans gründet, dann ist ihre Inexistenz in der Tat erwiesen, und nur

Brahman allein existiert. Es ist wie in einem Traum: Im Zustand der Unwissenheit

erscheint die Intelligenz in uns als zahllose Traumobjekte, die wiederum

nichts anderes als diese Intelligenz sind. Auf dieselbe Weise tritt in dem,

was als Anfang der Schöpfung bekannt ist, eine derartige Erscheinung hervor.

Jedoch ist sie nicht unabhängig von Brahman – sie existiert nicht getrennt von

ihm, und daher existiert sie nicht.

RùMA sagte:

Heiliger Herr, wenn dies so ist, wie kommt es dann, dass diese Welt so wirklich

erscheint? Solange der Wahrnehmende ist, existiert auch das Wahrgenommene

und umgekehrt, und nur wenn diese beiden enden, dann gibt es

die Befreiung. Ein klarer Spiegel reflektiert die ganze Zeit über etwas. Auf

dieselbe Weise wird diese Welt im Seher wieder und wieder auftauchen.

Wenn jedoch die Nicht-Existenz der Welt erkannt wird, dann hört der Seher

auf zu sein. Eine solche Erkenntnis ist allerdings nur schwer zu erlangen!

VASIåèHA erwiderte:

Rāma, ich werde deine Zweifel mit Hilfe einer Parabel zerstreuen. Danach

wirst du die Nicht-Existenz der Welt verstehen und in dieser Welt ein erleuchtetes

Leben führen.

VASIåèHA sagte:

Oh Rāma, ich werde dir nun erzählen, wie diese Schöpfung in dem einen

reinen, ungeteilten kosmischen Sein erschienen ist, so wie Träume im Bewusstsein

der schlafenden Person auftauchen.

Dieses Universum ist in Wirklichkeit das ewiglich strahlende, unendliche

Bewusstsein. Es erzeugt in sich selbst das Kennbare (welches zu dem wird,

was man das Existierende nennt) zusammen mit einer Vorstellung von dessen

Form (die Raum ist) und der Selbsterforschung. Auf diese Weise tritt

unendlicher Raum ins Sein. Wenn dann nach einer beträchtlichen Zeit das

Bewusstsein der Schöpfung im unendlichen Sein stärker wird, taucht darin

der zukünftige jīva auf (die lebendige kosmische Seele, die auch

Hiraïyagarbha genannt wird). Das Unendliche gibt nun seinen höchsten

Zustand auf und begrenzt sich selbst in der Gestalt des jīva. Jedoch – Brahman

verbleibt selbst jetzt als das Unendliche – Es verwandelt sich in keiner Weise

in all diese Formen.

64


Im Raum manifestiert sich von selbst der Klang. Dann tritt als nächstes der

Ich-Sinn ins Sein, der von entscheidender Wichtigkeit für die weitere Schöpfung

des Universums ist, und zur selben Zeit auch der Faktor, der als Zeit

bekannt ist. All dies geschieht nur durch den Schöpfungsgedanken des kosmischen

Seins, nicht aber etwa durch wirkliche Transformationen des Unendlichen.

Durch den Schöpfungsgedanken wird dann die Luft erschaffen. Auch die

Veden treten auf diese Weise ins Sein. Das Bewusstsein, welches von all diesen

Dingen umgeben ist, wird jīva genannt, welcher all die verschiedenen

Elemente in dieser Welt entstehen lässt.

Es gibt vierzehn Ebenen der Existenz, jede mit ihrer eigenen Art von Bewohnern.

Und alle diese Manifestationen entstehen aus dem Schöpfungsgedanken.

So werden auch die Lichtquellen wie die Sonne usw. unverzüglich

erschaffen, sobald dieses Bewusstsein denkt „Ich bin Licht“. Auf ähnliche

Weise entstehen Wasser und Erde.

Alle diese fundamentalen Elemente wirken aufeinander als Erfahrender

und Erfahrung. Diese gesamte Welt trat ins Sein wie die Wellen auf der Oberfläche

des Ozeans. Und all dies ist so wirkungsvoll miteinander verflochten

und vermischt, dass es nicht vor der nächsten kosmischen Auflösung voneinander

getrennt werden kann. Alle diese materiellen Erscheinungsformen

verändern sich unaufhörlich, während die zugrundeliegende Wirklichkeit

unverändert bleibt. Weil sie alle vom Bewusstsein durchzogen sind, werden

sie unverzüglich zu grober physischer Substanz, obgleich sie nichts anderes

als Bewusstsein sind, das sich niemals auf irgendeine Weise verändert hat.

VASIåèHA fuhr fort:

Im Höchsten Sein existiert die Vibration, die Gleichgewicht und Ungleichgewicht

ist. Wegen dieser erscheinen da Raum, Licht und Trägheit, obgleich

diese niemals wirklich erschaffen werden. Da all dies im Bewusstsein geschieht,

besitzen sie die Eigenschaft des Kennbaren. Zur selben Zeit entsteht

auch der Kenner. Es ist die innewohnende Macht des Bewusstseins, alle Dinge

zu erleuchten; daher ist es der kosmische Kenner. Dieses Bewusstsein wird

für sich selbst zum Kennbaren und Kenner. Sobald diese Beziehung auftaucht,

erscheint im Bewusstsein auch der Gedanke „Ich bin der jīva, die lebendige

Seele“.

Durch weitere Identifikation mit dem Kennbaren entstehen im reinen Bewusstsein

der Gedanke des Ich und schließlich die Fähigkeit der Unterscheidung

oder der rationalisierende Verstand. Danach entstehen das Gemüt und

die Wurzelelemente. Diese Wurzelelemente verbinden sich wieder und wieder,

um die Welten zu gestalten. Spontan und durch wohlgeordnete Abläufe

erscheinen und verschwinden alle diese zahllosen Formen wieder und wieder,

so wie Städte im Traum kommen und gehen. Keine von ihnen benötigt

irgendeine instrumentale oder materielle Ursache wie Erde, Wasser oder

Feuer. Denn die essenzielle Natur von all diesem ist Bewusstsein, und es ist

III:13

65


dieses Bewusstsein, welches scheinbar alle diese Dinge erschafft; wie jemand

Städte in einem Traum erschafft. All das ist nichts als reines Bewusstsein.

Die fünf Elemente sind die Samen, aus denen diese Welt als der Baum entsteht,

während das ewige Bewusstsein der Samen der Elemente ist. Wie der

Same, so ist die Frucht (der Baum). Daher ist die Welt nichts anderes als

Brahman, das Absolute.

Auf diese Weise ist das Universum im kosmischen Raum durch kosmisches

Bewusstsein mit den ihm innewohnenden unendlichen Kräften heraufbeschworen

worden – es ist nicht real und wurde niemals wirklich erschaffen.

Obgleich alle diese Elemente sich miteinander vermischen und die scheinbare

Materialität in der Welt geschaffen haben, ist all dies in Wahrheit nur eine

bloße Erscheinung, wie die Formen, die man im Äther sieht. Sie verdanken

ihre Realität ihrer Grundlage, dem kosmischen Bewusstsein, welches als

einziges wirklich ist.

Verfalle nicht in die Vorstellung, dass die Welt der fünf Elemente die Schöpfung

dieser Elemente sei. Betrachte die fünf Elemente selbst als Manifestation

der dem absoluten Bewusstsein innewohnenden Kräfte. Man kann sagen,

dass die Elemente wie Erde usw. wie Traumobjekte im Bewusstsein erscheinen,

oder dass sie bloße Erscheinungen sind, die aufgrund von Unwissenheit

dem kosmischen Bewusstsein überlagert werden. So ist die Sichtweise oder

die Wahrnehmung der Heiligen.

VASIåèHA fuhr fort:

Rāma, ich werde dir nun mitteilen, wie der jīva (lebendige Seele) in diesen

Körper eingegangen ist.

Der jīva hatte den Gedanken: „Von Natur und Gestalt her bin ich atomisch

(getrennt)“. Und so wurde er in seiner Natur atomisch. Jedoch wurde er nur

scheinbar so, und zwar aufgrund seiner falschen Vorstellung. So wie jemand

träumt, er sei tot und habe einen neuen Körper bekommen, so beginnt dieser

jīva, der in Wahrheit über einen extrem subtilen Körper reinen Bewusstseins

verfügt, sich nun selbst mit dem Groben zu identifizieren und daraufhin

selbst von grober Natur zu werden.

So wie ein Berg in einem Spiegel erscheint und so wahrgenommen wird, als

befände er sich im Spiegel, so reflektiert der jīva die externen Objekte und

Tätigkeiten. Schon bald beginnt er dann zu denken, dass sie alle innerhalb

von ihm selbst seien und er der Täter der Tätigkeiten und der Erfahrende der

Erfahrungen sei.

Wenn der jīva zu sehen wünscht, werden im groben Körper die Augen gebildet.

Ebenso geschieht es mit der Haut (dem Berührungssinn), den Ohren,

der Zunge, der Nase und den Organen, die alle als Ergebnis eines entsprechenden

im jīva auftauchenden Wunsches entstehen. Auf diese Weise im

Körper wohnend, stellt sich nun der jīva, der den extrem subtilen Körper des

Bewusstseins besitzt, unterschiedliche physische und psychologische Erfah-

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ungen vor. Auf diese Weise, durch Verbleiben im Unwirklichen, das aber als

real erscheint, gerät Brahman, das nun als jīva erscheint, in Verwirrung.

Dasselbe Brahman, welches sich nun selbst als den endlichen jīva betrachtet

und mit einem physischen Körper ausgestattet zu sein scheint, versteht

die externe Welt nun aufgrund des Schleiers der Unwissenheit als aus Materie

bestehend. Jemand hält sich für Brahmā, und jemand anderes denkt, er sei

irgendetwas anderes. Auf diese Weise stellt sich auch der jīva als dies oder

das vor und bindet sich so selbst an die Illusion der Welterscheinung.

Jedoch ist all dies nichts als reine Einbildung oder Denken. Sogar in diesem

Augenblick existiert nichts Geschaffenes – es existiert nur der reine, unendliche

Raum. Brahmā der Schöpfer konnte die Welt nicht so erschaffen, wie sie

vor der kosmischen Auflösung war, weil Brahmā die letztliche Befreiung

erlangt hat. Nur kosmisches Bewusstsein allein existiert jetzt und für immer –

in ihm sind keine Welten, keine erschaffenen Wesen. Dieses in sich selbst

reflektierte Bewusstsein erscheint als die Schöpfung. So wie der unwirkliche

Albtraum scheinbar reale Ergebnisse erzeugt, so lässt auch diese Welt im

Zustand der Unwissenheit das Gefühl der Echtheit entstehen. Sobald die

wahre Weisheit entsteht, verflüchtigt sich diese Unwirklichkeit.

VASIåèHA fuhr fort:

Wie ich dir bereits erklärt habe, oh Rāma, wurde diese aus dem Ich-Sinn

und den unzähligen Objekten der Erfahrung bestehende Welt niemals erschaffen

und existiert daher nicht als solche; was existiert, ist allein Brahman,

die Absolute Existenz. So wie Wellen auf der stillen Oberfläche des Ozeans

erscheinen, sobald dieser aufgewühlt wird, ebenso manifestiert sich die jīva-

Natur in demselben Moment, da das Absolute sozusagen ‚denkt’, dass es ein

jīva sei. So wie eine schlafende Person in sich selbst anscheinend zahllose

Kreaturen erschafft, ohne dabei jemals ihre einzigartige und alleinige Wirklichkeit

aufzugeben, so lässt das Absolute durch den bloßen Gedanken oder

Willen all diese zahllosen Kreaturen ins Dasein treten, ohne dadurch den

geringsten Wandel oder eine Verkleinerung seiner selbst zu erfahren.

Die kosmische Gestalt (VirāÂ) dieses kosmischen Bewusstseins ist selbstverständlich

von der Natur reinen Bewusstseins und wird nicht durch die

grobe Materialität verunreinigt. Die kosmische Gestalt bestehend aus reinem

Bewusstsein kann verglichen werden mit einem ewig dauernden Traum in

einer schlafenden Person, in dem Paläste und andere Wesen existieren.

Sogar der Schöpfer Brahmā ist innerhalb dieses kosmischen Bewusstseins

nichts als ein bloßer Gedanke, denn das Bewusstsein, welches seine eigenen

Gedankenformen innerhalb seiner selbst reflektiert, ist stets dieser scheinbare

Seher und das Gesehene, was reine Einbildung ist. Alles dieses existiert nur

als Name; auch die Vielfalt besteht nur im Namen. So wie das kosmische Sein

im kosmischen Bewusstsein als eine kosmische Gedankenform auftaucht, so

tauchen aus den Gedanken dieser kosmischen Gedankenform weitere auf – so

wie eine Lampe an einer anderen entzündet wird. Jedoch sind sie alle nicht

III:14

67


verschieden von diesem einen kosmischen Sein, aus dessen Gedankenschwingung

sie allesamt entstanden sind.

Brahman allein ist das kosmische Sein (VirāÂ), und das kosmische Sein ist

diese gesamte Schöpfung, zusammen mit dem jīva und all den Elementen, aus

denen diese Schöpfung besteht.

RùMA fragte:

Hoher Herr, gibt es nur einen kosmischen jīva oder mehrere jīvas? Oder gibt

es vielleicht eine riesige Ansammlung von jīvas?

VASIåèHA antwortete:

Rāma, da sind weder ein einziger jīva noch viele oder gar ein Konglomerat

von jīvas. „Jīva“ ist nichts als ein Name! Was existiert, ist einzig und allein

immer nur Brahman. Da er allmächtig ist, materialisieren sich seine Gedankenformen.

Das Eine erscheint nur aufgrund der Unwissenheit als Vieles. Wir

werden durch diese Unwissenheit nicht getäuscht, da sie durch Erforschung

verschwindet, wie die Finsternis schwindet, sobald das Licht gebracht wird,

um sie anzuschauen. Brahman ist die kosmische (Mahājīva) Seele und die

Millionen von jīvas. Nichts anderes ist da.

VASIåèHA fuhr fort:

Durch das Wahrnehmen von etwas Kennbarem wird das Bewusstsein zum

jīva (der lebendigen Seele) und verwickelt sich scheinbar in den Lebenszyklus

(saæsāra). Sobald diese falsche Vorstellung von etwas Kennbarem getrennt

vom Kenner (Bewusstsein) aufhört, erlangt es sein Gleichgewicht

wieder.

Auf eine wohlgeordnete, aber manchmal auch auf ungeordnete Art und

Weise wird der eine Mahājīva zum individuellen jīva, der von der vorherigen

Generation das Empfinden der Dualität und Individualität ererbt.

Die mysteriöse Kraft des Bewusstseins, welches auf eine unerklärliche und

rätselhafte Weise diese unendliche Vielfalt von Namen und Formen (Körper)

hervorbringt, wird als Ich-Sinn bezeichnet. Dasselbe Bewusstsein wird, sobald

es zu schmecken oder sich selbst zu erfahren wünscht, zum kennbaren

Universum. Nur unreife Menschen sehen darin eine wirklich stattfindende

Transformation oder betrachten es als eine irreführende Erscheinung, denn

hier gibt es nichts anderes als Bewusstsein.

Der Ozean ist Wasser, die Wellen sind Wasser, und wenn diese Wellen auf

der Oberfläche des Ozeans spielen, dann entstehen Kräuselwellen (ebenfalls

Wasser). Ebenso ist es mit dem Universum. So wie der Ozean die „Individualität“

der einzelnen Wellen wahrnehmen könnte, so sieht auch das Bewusstsein

die Individuen als unabhängig – auf diese Weise wird der Ich-Sinn geboren

(die „Ich-heit“). All dies ist nur das wunderbare Spiel der mysteriösen Kräfte

des Bewusstseins – dies allein wird Universum genannt.

Sobald der Ich-Sinn in die Existenz tritt, stellt sich dieser (der nicht verschieden

vom Bewusstsein ist) die Ideen der mannigfaltigen Elemente vor,

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die dieses Universum ausmachen, und diese tauchen dann auch auf. In der

Einheit entsteht so die Vielfalt. Oh Rāma, gib alle diese falschen Vorstellungen

von „ich” und „du” auf, indem du sogar die Idee eines jīva und seiner Ursache

aufgibst. Wenn alle diese Dinge verschwunden sind, wirst du die Wahrheit

erkennen, die sich in der Mitte zwischen dem Wirklichen und dem Unwirklichen

befindet. Wenn alle diese „Wolken“ zerstreut sind, leuchtet das Eine

Unteilbare Ganze, das niemals aufgehört hat zu leuchten. Wir können nicht

wissen, was wirklich oder was falsch ist!

Dieses Bewusstsein ist nicht erfassbar – sobald es wünscht, erkannt zu

werden, wird es als das Universum erkannt. Gemüt, Intellekt, Ich-Sinn, die

fünf Grundelemente und die Welt – all diese unzähligen Namen und Formen

sind nichts als Bewusstsein. Ein Mensch, sein Leben und seine Taten sind

ununterscheidbar – sie sind die statischen und bewegten Manifestationen

desselben Faktors. Der Jīva, das Gemüt und alles andere sind nichts als

Schwingungen im Bewusstsein.

VASIåèHA fuhr fort:

Dieses Bewusstsein ist in der Tat, was hier und jetzt existiert, und es weiß:

„Ich kann weder verletzt noch verbrannt, weder genässt noch getrocknet

werden – Ich bin ewiglich, allgegenwärtig, wandellos und unbeweglich.“ Dies

ist die Wahrheit. Die Menschen lieben es zu argumentieren und andere zu

verwirren; sie sind in der Tat alle verwirrt. Wir jedoch, oh Rāma, sind jenseits

jeder Verwirrung. Wandel im Wandellosen wird nur von den unwissenden

und irregeführten Leuten wahrgenommen. In der Sicht der Weisen jedoch,

die Selbsterkenntnis erlangt haben, findet im Bewusstseins niemals auch nur

der kleinste Wandel statt.

Oh Rāma, es ist nur das Bewusstsein selbst, welches sich als Raum ausgebreitet

hat, ohne in sich den kleinsten Wandel zu erfahren. Danach erscheint

das Bewusstsein als der Wind, der die Eigenschaft der Bewegung besitzt. Und

auf dieselbe Weise erscheint das Bewusstsein als Feuer, Wasser und Erde mit

ihren Mineralien, und ebenso als die Körper der lebenden Wesen.

Sobald die Idee eines im Außen liegenden Kennbaren beseitigt ist, taucht

die Selbsterkenntnis auf, aber wenn in ihm die Idee der Trägheit (Materiellen)

oder Unwissenheit auftaucht, so ist der Zustand des Tiefschlafs über es

gekommen. Weil daher alle Zeit Bewusstsein allein existiert, kann man sagen,

dass Raum existiert und nicht existiert, dass die Welt existiert und doch nicht

existiert.

So wie die Hitze zum Feuer gehört, die Weiße zum Innern der Muschel, die

Festigkeit zum Berg, das Fließen zum Wasser, die Süße zum Zuckerrohr, die

Butter zur Milch, die Kühle zum Eis, die Strahlkraft zum Glanz, das Öl zum

Senfsamen, das Strömen zum Fluss, die Süße zum Honig, das Schmuckstück

zum Gold und der Duft zur Blume, so gehört das Universum zum Bewusstsein.

Die Welt existiert, weil es Bewusstsein gibt; und die Welt ist der Körper

des Bewusstseins. Da gibt es keinerlei Teilung, Unterschied oder Unterscheidung.

Daher kann das Universum als gleichzeitig real und irreal angesehen

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werden: Real, weil es die Realität des Bewusstseins hat, welches seine eigene

Realität ist, und irreal, weil das Universum als Universum nicht unabhängig

vom Bewusstsein existiert. Dieses Bewusstsein ist unteilbar und hat keinerlei

Teile oder Glieder. In ihm existieren weder der Ozean, die Erde noch die Flüsse

usw. als solche, sondern nur als Bewusstsein, denn im Bewusstsein gibt es

keinerlei Teile oder Glieder.

Wegen der Irrealität des Universums usw. darf man aber nicht behaupten,

dass seine Ursache, d. h. das Bewusstsein, selbst irreal sei. Eine derartige

Aussage wäre nur Worte ohne Sinn, weil sie im Gegensatz zu unserer Erfahrung

steht, und die Existenz des Bewusstseins kann nicht geleugnet werden.

(An diesem Punkt der Unterweisung brach der Abend herein und die Versammlung

löste sich auf.)

* * *

Die Geschichte von Līlā

VASIåèHA fuhr fort:

Oh Rāma, so wie wir im Wachzustand erkennen, dass die Traumobjekte

nicht materiell sind, obschon sie im Traum als solide erscheinen, so erscheint

diese Welt als solide und materiell, während sie in Wirklichkeit reines Bewusstsein

ist. In einer Luftspiegelung gibt es weder „zeitlich begrenztes“ noch

„subtiles“ Wasser. Auf dieselbe Weise existiert in keiner Weise eine reale Welt,

sondern stets nur reines Bewusstsein. Nur falsches Wissen klammert sich an

den Gedanken einer Welt. In Wirklichkeit gibt es keinen Unterschied zwischen

den Wörtern „Welt“, „Brahman oder das Unendliche“ und „Selbst“. Die

Welt ist so wahr in Beziehung zu Brahman wie die Traumstadt wahr ist in

Beziehung zum Wachbewusstsein. Folglich sind „Welt“ und „kosmisches

Bewusstsein“ Synonyme.

Um dies alles kristallklar zu machen, oh Rāma, werde ich dir nun die Geschichte

von Mandapa erzählen; bitte höre aufmerksam zu.

Es gab einmal, oh Rāma, auf der Erde einen König namens Padma. In jeder

Hinsicht war er vollkommen. Durch sein Auftreten und sein Betragen erhöhte

er den Ruhm seiner Dynastie. Er hielt die religiöse Überlieferung in Ehren, so

wie der Ozean das Dasein des Ufers respektiert. Er unterwarf seine Feinde, so

wie die Sonne die Finsternis vernichtet. Und wie Feuer Stroh zu Asche verbrennt,

so zerstörte er das Böse in der Gesellschaft. Heilige suchten bei ihm

Zuflucht, so wie die Götter Zuflucht in den Himmeln suchen. Er war die Heimstatt

der Tugend. Er ließ seine Feinde erzittern auf dem Schlachtfeld, so wie

ein Windstoß eine Kletterpflanze zerzaust. Er war außerordentlich gelehrt

III:15

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III:16

und ein Meister der Künste. Es gab nichts, was er nicht erreichen konnte, wie

es auch für Gott Nārāyana keine Unmöglichkeit gibt.

Dieser König hatte eine Gemahlin namens Līlā. Sie war eine vollkommene

Frau und sehr schön. Tatsächlich erschien sie wie die auf der Erde geborene

Göttin Lak«mī (die Gemahlin Nārāyanas). Ihre Rede war sanft, ihr Schritt

bedachtsam und anmutig und ihr Lächeln wie die Strahlen des Mondlichts.

Sie war makellos. Sie war so süß wie Honig. Ihre Arme waren weich und zart.

Ihr Körper war rein und klar wie die Wasser des heiligen Flusses GaÇgā. So

wie eine Berührung des heiligen GaÇgā Seligkeit hervorbringt, so erfuhr, wer

sie berührte, die Seligkeit. Sie war ihrem Gemahl Padma vollkommen ergeben

und wusste, wie sie ihm dienen und ihn erfreuen konnte.

Sie war eins mit dem König und teilte Freuden und Leiden mit ihm. Tatsächlich

war sie wie das Alter Ego von Padma, mit einer Ausnahme: Wenn der

König verärgert war, dann zeigte sie nur Furcht.

VASIåèHA fuhr fort:

König Padma und die Königin Līlā lebten ein ideales Leben. Sie erfreuten

sich ihres Lebens in jeder möglichen und rechtschaffenen Hinsicht. Sie waren

jung und jugendlich wie Götter, und ihre Liebe füreinander war rein und

stark, ohne eine Falschheit oder Künstlichkeit.

Eines Tages dachte die Königin Līlā: „Dieser edelste König, der mein Gemahl

ist, ist mir teurer als mein eigenes Leben. Was kann ich tun, damit er und ich

für immer leben mögen, um die Freuden des Lebens zu genießen? Ich werde

unverzüglich mit Askeseübungen beginnen, die von den Heiligen empfohlen

werden, um diesen Wunsch zu erfüllen.“ So holte sie den Rat der Heiligen ein.

Die Heiligen sagten zu ihr: „Oh Königin, Askese oder Buße, die Wiederholung

von Mantras und ein Leben der Selbstbeschränkung wird dir sicher alles

gewähren, was jemand in dieser Welt erlangen kann, jedoch ist die Unsterblichkeit

des Körpers in dieser Welt nicht möglich.“

Die Königin dachte über diesen Rat nach und entschied: „Falls ich noch vor

meinem Gemahl sterben sollte, dann sollte ich die Selbsterkenntnis erlangen

und frei vom Leiden werden. Falls er mich jedoch vorher verlassen sollte,

dann werde ich mich jetzt bemühen, die Gunst von den Göttern zu erlangen,

dass sein jīva niemals diesen Palast verlässt. Und so werde ich glücklich in

dem Wissen leben, dass er auf immer mit mir ist.“

Nachdem sie zu diesem Entschluss gekommen war, begann Līlā damit, die

Gnade der Göttin Sarasvatī zu erlangen, ohne ihr Vorhaben mit ihrem Gemahl

zu besprechen. Einmal in drei Nächten pflegte sie zu essen, nachdem sie

hingebungsvoll Gott, die Heiligen, den Lehrer, die Gelehrten und die Weisen

verehrt hatte. Sie war gänzlich davon überzeugt, dass diese Bußübungen

erfolgreich sein würden, und die Überzeugung verstärkte ihre Hingabe an

ihre Übungen. Obgleich sie ihre Absicht dem König nicht enthüllt hatte, ließ

sie es an ihrem Dienst gegenüber ihrem Ehemann nicht im Kleinsten fehlen.

Nach einhundert dieser drei-nächtigen Verehrungsübungen erschien die

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Göttin Sarasvatī vor ihr und gewährte ihr die Wünsche ihrer Wahl. Līlā bat:

„Oh Göttliche Mutter, gewähre mit zwei Wünsche: 1. wenn mein Gemahl seinen

Körper verlässt, dann möge sein jīva im Palast bleiben, und 2. mögest du

immer dann erscheinen, wenn ich dich darum bitte.“ Sarasvatī gewährte

beide Wünsche und verschwand.

Die Zeit verging unerbittlich. König Padma wurde auf dem Schlachtfeld tödlich

verwundet und starb im Palast. Die Königin Līlā war untröstlich in ihrem

Kummer. Während sie in tiefe Trauer versunken war, sprach eine himmlische

Stimme zu ihr.

DIE HIMMLISCHE STIMME VON SARASVATĪ sagte:

Mein Kind, bedecke den toten Körper des Königs mit Blumen, denn so wird

er nicht zerfallen. Er wird dann den Palast nicht verlassen.

(Līlā tat so. Doch fühlte sie sich nicht befriedigt. Es ging ihr wie dem reichen

Mann, der betrogen wurde und nun ein Leben voller Armut führt. Sie rief die

Göttin Sarasvatī an, die erschien und sagte:)

Mein Kind, weshalb trauerst du? Kummer ist eine Illusion, wie Wasser in

der Luftspiegelung.

(Līlā fragte sie: Bitte, sage mir, wo mein Gemahl ist.)

Oh Līlā, es gibt drei Arten von Raum – den Raum des Gemüts, den physischen

Raum und den unendlichen Raum des Bewusstseins. Von diesen ist der

unendliche Raum des Bewusstseins der subtilste. Mit Hilfe intensiver Meditation

über diesen unendlichen Raum des Bewusstseins kannst du die Gegenwart

von jemandem (wie deinem Gemahl), dessen Körper dieser unendliche

Raum ist, sehen und erfahren, auch wenn du ihn hier nicht sehen kannst. Das

ist der unendliche Raum, der in der Mitte existiert, wenn die begrenzte Intelligenz

von einem Ort zum anderen reist, denn er ist unendlich. Sobald du alle

Gedanken aufgegeben hast, wirst du hier und jetzt die Verwirklichung der

Einheit von allem erlangen. Normalerweise vermag dies nur derjenige zu

erfahren, der zuvor die absolute Inexistenz des Universums erkannt hat. Dir

jedoch gebe ich diese Erfahrung aus meiner Gnade heraus.

VASIåèHA fuhr fort:

Līlā begann zu meditieren. Unverzüglich trat sie in den höchsten Zustand

des Bewusstseins ein, der frei von allen Störungen war (nirvikalpa). Sie befand

sich nun im unendlichen Raum des Bewusstseins. Dort sah sie aufs Neue

den König auf einem Thron, umgeben von vielen Königen, die ihm huldigten,

von vielen Weisen und heiligen Männern, die die Veden sangen, und von

vielen Frauen und bewaffneten Kriegern. Sie sah alle, jedoch sie sahen sie

nicht, da die eigenen Gedankenformen nur für einen selbst, jedoch nicht für

andere sichtbar sind. Sie sah, dass der König einen jugendlichen Körper besaß.

Außerdem bemerkte sie an seinem Hof viele Mitglieder des Hofes von

König Padma. Sie fragte sich: Wie kann dies sein? Alle diese sind also auch tot!

III:17

72


III:18

Durch die Gnade der Göttin Sarasvatī gelangte Līlā wieder in ihren Palast

und fand ihre Dienerinnen schlafend. Sie weckte sie und bat sie, unverzüglich

die Mitglieder des königlichen Hofes zu versammeln. Boten wurden rasch

ausgesandt, um alle herbei zu holen. Schon bald war der königliche Hof von

König Padma bevölkert mit Ministern, Weisen, Bediensteten, Verwandten und

Freunden. Wie sie alle sah, freute Līlā sich.

VASIåèHA fuhr fort:

Als sie nun alle Mitglieder des königlichen Hofes sah, war Līlā verwirrt. Sie

dachte: „Wie seltsam! Denn alle diese Leute scheinen an zwei Orten gleichzeitig

zu existieren – an dem Ort, den ich in meiner Meditation gesehen habe,

und hier direkt vor mir. So wie ein Berg in einem Spiegel und außerhalb gesehen

wird, so scheint diese Schöpfung sowohl innerhalb wie außerhalb des

Bewusstseins zu existieren. Aber welche von diesen ist nun wirklich und

welche bloße Reflektion? Ich muss dies Sarasvatī fragen“. Sie huldigte erneut

Sarasvatī und sah sie schon bald vor ihr erscheinen.

LĪLù fragte:

Sei gnädig, oh Gottheit, und sage mir dieses: Das, worin diese Welt reflektiert

wird, ist von höchster Reinheit und ungeteilt, und es ist nicht das Objekt

des Wissens. Diese Welt existiert sowohl innerhalb als ihre Reflektion als

auch außerhalb als feste Materie. Was davon ist nun wirklich und was die

Reflektion?

SARASVATĪ fragte:

Sage mir zuvor: Was nennst du wirklich und was unwirklich?

LĪLù erwiderte:

Dass ich hier bin und du vor mir bist, dies erachte ich als wirklich. Jene Region,

wo ich mein Gemahl jetzt ist, erachte ich als unwirklich.

SARASVATĪ sagte:

Wie kann Unwirkliches die Wirkung des Wirklichen sein? Die Wirkung ist

die Ursache – einen essenziellen Unterschied gibt es nicht. Wie im Fall eines

Gefäßes, der das Wasser zu halten vermag, was seine Ursache (der Ton) aber

nicht kann, so ist dieser Unterschied den zusammenwirkenden Ursachen

zuzuschreiben. Was war die materielle Ursache der Geburt deines Gemahls?

Denn nur materielle Wirkungen können von materiellen Ursachen erzeugt

werden.

Wenn du daher keine direkte Ursache für eine Wirkung finden kannst, dann

existierte die Ursache gewiss in der Erinnerung aus der Vergangenheit. Erinnerung

ist wie Raum – leer. Alle Schöpfung hier ist die Wirkung dieser Leerheit,

und folglich ist auch die Schöpfung selbst leer. So wie die Geburt deines

Gemahls das illusionäre Produkt der Erinnerung ist, so sehe ich all dieses als

das illusorische und unwirkliche Produkt der Einbildungskraft.

Ich werde dir nun eine Geschichte erzählen, die die traumartige Natur dieser

Schöpfung verdeutlicht. Im reinen Bewusstsein, in einer Ecke im Gemüt

73


III:19,20

des Schöpfers, gab es einmal einen verfallenen Schrein mit einer blauen Kuppel.

In ihm waren vierzehn Zimmer, die die vierzehn Welten darstellten. Die

drei Teile des (unendlichen) Raumes waren durch Löcher darin repräsentiert.

Die Sonne war das Licht. Es gab darin kleine Ameisenhaufen (die Städte),

kleine Erdhaufen (Berge) und kleine Wasserbecken (die Ozeane). Dies war

die Schöpfung, das Universum. In einer sehr kleinen Ecke darin lebte ein

heiliger Mann mit seiner Frau und seinen Kindern. Er war gesund und kräftig

und frei von Furcht. Er ging auf rechtschaffene Weise seinen religiösen und

sozialen Pflichten nach.

SARASVATĪ fuhr fort:

Dieser heilige Mann war bekannt als Vāsi«Âha, und seine Frau war

Arundhatī (jedoch handelt es sich hier um andere Personen als der Vāsi«Âha

und die Arundhatī von legendärer Berühmtheit). Eines Tages, als der heilige

Mann auf dem Gipfel eines Berges saß, bemerkte er am Fuße des Berges eine

farbenfrohe Prozession, der ein König auf einem prächtigen Elefanten vorausritt,

begleitet von seiner Armee und anderem königlichen Gefolge. Während

er dies betrachtete, entstand im Herzen des heiligen Mannes ein Wunsch:

„Das Leben eines Königs ist wahrhaftig reich und voll an Freuden und Glanz.

Wann werde ich einen solchen königlichen Elefanten reiten und von einer

Armee begleitet werden? “

Der heilige Mann wurde alt und der Tod ergriff ihn. Seine Frau, die ihn zeitlebens

verehrt hatte, betete zu mir und bat um dieselbe Gunst, die auch du dir

erbeten hast: Dass der Geist ihres Ehemanns niemals ihr Haus verlassen

möge. Ich gewährte ihr diese Gunst.

Obwohl der heilige Mann ein himmlisches Wesen war, wurde er nun aufgrund

seines festen Wunsches ein mächtiger König und regierte ein großes

Reich, das wie der Himmel auf Erden war. Von seinen Widersachern wurde er

gefürchtet, gegenüber den Frauen war er wie der Gott der Liebe, er war fest

und unnachgiebig wie ein Berg gegenüber Verführungen, er war in seinem

Innern wie ein reiner Spiegel der Schriften, er war der Wunscherfüller aller in

Not Geratenen und der Ruheort für alle Heiligen; mit einem Wort – er war

wahrhaftig der Vollmond der Rechtschaffenheit. (Arundhatī hatte inzwischen

ebenfalls ihren Körper aufgegeben und war wieder mit ihrem Ehemann vereint.)

Dies geschah vor acht Tagen.

Līlā, es ist eben derselbe heilige Mann, der jetzt dein Gemahl ist, der König.

Und du bist die nämliche Arundhatī, die seine Frau war. Aufgrund von Unwissenheit

und Täuschung scheint all dies im unendlichen Bewusstsein zu geschehen

– du kannst es als wahr oder falsch betrachten.

LĪLù fragte:

Oh Gottheit, all dieses kommt mir seltsam und unglaublich vor. Es ist, als

würde man sagen, dass ein riesiger Elefant im Innern eines Senfsamens gefesselt

ist, oder dass in einem Atom ein Moskito mit einem Löwen kämpft,

oder dass da ein Berg in einer Lotos-Schote sei.

74


SARASVATĪ sagte: Mein Kind, ich äußere keine Falschheit, sondern sage die

Wahrheit. Es klingt unglaubwürdig, aber dieses Königreich erscheint nur

aufgrund seines Wunsches nach einem Königreich in der Hütte des heiligen

Mannes. Die Erinnerung an die Vergangenheit ist verborgen – und ihr beide

seid aufs Neue auferstanden. Tod ist nur das Erwachen aus einem Traum.

Eine Geburt, die aus einem Wunsch entsteht, ist nicht wirklicher als der

Wunsch selbst – wie Wasser in einer Luftspiegelung!

SARASVATĪ fuhr fort:

Līlā, dein Haus, du selbst, ich und all dies hier ist reines Bewusstsein und

nichts anderes. Dein Haus war auch in dem Haus des heiligen Mannes

Vāsi«Âha enthalten. Im Raum seines jīva existierten die Flüsse, die Berge und

alles andere. Sogar nach der „Erschaffung“ von all diesem im Haus des heiligen

Mannes blieb dieses wie zuvor. In der Tat befinden sich in jedem Atom

Welten innerhalb von Welten.

LĪLù fragte:

Oh Gottheit, du sagtest, dass der heilige Mann vor gerade acht Tagen gestorben

sei, und doch haben mein Gemahl und ich eine lange Zeit gelebt. Wie

kannst du diese Diskrepanz erklären?

SARASVATĪ sagte:

Oh Līlā, so wie Raum keinerlei festes Maß hat, so hat auch die Zeit kein festes

Maß. So wie die Welt und ihre Entstehung bloße Erscheinungen sind, so

sind ein Moment und eine Epoche rein imaginär – nicht real. Im Moment

eines Augenzwinkerns erlebt der jīva die Illusion des Todes, vergisst, was

davor geschehen ist, und denkt innerhalb des unendlichen Bewusstseins „Ich

bin dies“ und „Ich bin dessen Sohn, bin so und so alt“ usw. Es gibt keinen

substanziellen Unterschied zwischen den Erfahrungen dieser Welt und denen

in einer anderen – alle sind nur Gedankenformen im unendlichen Bewusstsein.

Sie sind wie zwei Wellen im selben Ozean. Da diese Welten niemals

erschaffen worden sind, werden sie auch niemals aufhören zu sein – so lautet

das Gesetz. Ihre wahre Natur ist Bewusstsein.

So wie es in einem Traum in kurzer Zeit Geburt, Tod und Beziehungen gibt,

und wie dem Liebhaber eine einzige Nacht ohne seine Geliebte wie eine Epoche

vorkommt, so denkt der jīva an erfahrene und nicht-erfahrene Objekte in

der Zeit eines Augenzwinkerns. Und unverzüglich danach stellt er sich diese

Dinge (die Welt) als wirklich vor. Sogar diejenigen Dinge, die er weder erfahren

noch gesehen hat, zeigen sich vor seinen Augen wie in einem Traum.

Diese Welt und ihre Entstehung besteht aus nichts als Erinnerung und

Traum. Entfernungen und Zeitmaße wie ein Moment oder ein Zeitalter sind

nichts als Halluzinationen. Dies ist die eine Art des Wissens, nämlich diejenige

der Erinnerung. Es gibt noch eine andere, die sich nicht auf die Erinnerung

an vergangene Erfahrungen gründet. Sie besteht in der zufälligen Begegnung

eines Atoms und des Bewusstseins, die dann auf ihre eigene Art Wirkungen

hervorruft.

III:20, 21

75


Die Befreiung besteht im Realisieren der totalen Nicht-Existenz des Universums

als solches. Dies ist zu unterscheiden von einer bloßen Leugnung des

Egos und des Universums! Das letztere ist nur Halbwissen. Die Befreiung

besteht darin zu realisieren, dass all dies reines Bewusstsein ist.

LĪLù fragte:

Oh Gottheit, wie war ohne vorhergegangene Halluzination die Erschaffung

des heiligen Mannes und seiner Frau möglich?

SARASVATĪ sagte:

Dies geschah aufgrund der Gedankenform von Brahmā, dem Schöpfer. Er

selbst trägt keinerlei verborgene Gedankenformen (Erinnerungen) in sich, da

vor der Weltentstehung die Auflösung stattfand, und zu diesem Zeitpunkt

erlangte der Schöpfer die Befreiung. Zu Beginn dieser Epoche hat dann irgendjemand

den Platz des Schöpfers eingenommen und gedacht „Ich bin der

neue Schöpfer“, wobei dies auf reinem Zufall beruht, ebenso wie wenn eine

Krähe sich auf einer Palme niederlässt und im selben Augenblick eine Kokosnuss

herunterfällt – obgleich diese beiden Ereignisse gänzlich unabhängig

voneinander geschehen. Vergiss aber nie, dass obwohl all dies anscheinend

stattfindet, es keinerlei Schöpfung gibt! Das Eine unendliche Bewusstsein

allein ist Gedankenform oder Erfahrung – eine Beziehung zwischen Ursache

und Wirkung gibt es nicht. Begriffe wie „Ursache“ und „Wirkung“ sind daher

nur Worte, keine Tatsachen. Das unendliche Bewusstsein ist für immer im

unendlichen Bewusstsein.

LĪLù sagte:

Oh Göttin, deine Worte sind wahrhaftig erleuchtend. Aber weil ich Worte

wie diese noch nie gehört habe, ist meine Weisheit noch nicht gut gegründet.

Ich möchte daher gern das frühere Haus des heiligen Vāsi«Âha sehen.

SARASVATĪ sagte:

Oh Līlā, gib nun diese deine Gestalt auf und erlange die reine spirituelle

Einsicht. Denn nur Brahman selbst kann wirklich Brahman sehen oder erkennen.

Mein Körper besteht aus reinem Licht, aus reinem Bewusstsein. Dein

Körper jedoch nicht. Du vermagst mit diesem Körper nicht einmal die Orte

deiner eigenen Einbildungskraft zu erreichen. Wie kannst du dann mit ihm

die Gebiete der Einbildungskraft eines anderen betreten? Wenn du jedoch

den Körper aus Licht erwirbst, dann wirst du auf der Stelle das Haus des

heiligen Mannes sehen können. Sage zu dir selbst: „Ich werde nun meinen

Körper hier und jetzt verlassen und einen Körper aus Licht annehmen. Mit

dem Körper werde ich dann wie der Duft des Weihrauchs das Haus des heiligen

Mannes betreten.“ So wie sich Wasser mit Wasser vermischt, so wirst du

eins mit dem Feld des Bewusstseins werden.

Durch beständige Praxis dieser Meditation wird sogar dein Körper mehr

und mehr zu reinem Bewusstsein und von großer Subtilität werden. Ich sehe

sogar meinen Körper als Bewusstsein. Du aber nicht, weil du diese Welt der

Materie wahrnimmst, so wie ein unwissender Mensch einen Edelstein für

76


einen Kiesel hält. Diese Unwissenheit entsteht aus sich selbst heraus, wird

jedoch durch Weisheit und Erforschung vertrieben. Tatsache ist, dass sogar

diese Unwissenheit als solche überhaupt nicht existiert! Weder Weisheitslosigkeit

noch Unwissenheit, weder Bindung noch Befreiung existieren wirklich.

Es gibt stets nur das eine reine Bewusstsein.

SARASVATĪ sagte:

Teure Līlā, im Traum erscheint der Traumkörper als wirklich. Jedoch sobald

der Traum verlassen und das Erwachen zur Wirklichkeit geschieht, verschwindet

die scheinbare Realität des Körpers. Ebenso wie sich der physische

Körper, der durch die Erinnerung und die latenten Neigungen aufrechterhalten

wird, als unwirklich erweist, wenn diese als unwirklich erkannt werden.

Am Ende des Traums wirst du dir deines physischen Körpers bewusst, und

am Ende dieser Neigungen wirst du dir deines geistigen Körpers bewusst.

Wenn der Traum endet, folgt der Tiefschlaf. Wenn die Samen des Denkens

absterben, bist du befreit. In der Befreiung existieren die Samen des Denkens

nicht mehr. Wenn von dem Weisen gesagt wird, dass er lebe und denke wie

andere, dann erscheint dies nur so – so wie ein verbranntes Kleid, das auf

dem Boden liegt. Jedoch ist dies nicht dasselbe wie Tiefschlaf oder Unbewusstheit,

in denen die Samen des Denkens verborgen schlummern.

Durch beständige Praxis (abhyāsa) wird der Ich-Sinn zum Schweigen gebracht.

Dann wirst du auf natürliche Weise in deinem Bewusstsein ruhen,

während das wahrgenommene Universum sich dem Punkt nähert, an dem es

gänzlich verschwindet. Was ist es, was man Praxis nennt?

Nur noch an das denken, davon sprechen, mit anderen sich darüber unterhalten

und äußerste Hingabe an dieses Eine allein – dies wird von den Weisen

abhyāsa oder Praxis genannt. Wenn der eigene Verstand mit Schönheit und

Seligkeit angefüllt ist, wenn die eigene Sichtweise weit und die Leidenschaft

nach sinnlichem Vergnügen in einem abwesend ist – dies nennt man Praxis.

Wer fest in der Überzeugung verwurzelt ist, dass dieses Universum niemals

wirklich erschaffen wurde und daher als solches nicht existiert, und wenn

Gedanken wie „dies ist die Welt, dies bin ich“ überhaupt nicht mehr auftauchen

– das ist abhyāsa oder Praxis. Dann geschieht es, dass Anziehung und

Abstoßung nicht mehr auftreten. Die Überwindung der Anziehung und Abstoßung

durch Willenskraft ist dagegen Askese, nicht aber Weisheit.

(An diesem Punkt der Unterweisung brach der Abend herein und der Hof

zerstreute sich.) Am nächsten Morgen versammelte sich der Hof aufs Neue

und Vāsi«Âha fuhr mit seinen Ausführungen fort.

VASIåèHA fuhr fort:

Oh Rāma, Sarasvatī und Königin Līlā saßen nun beide in tiefer Meditation

oder nirvikalpa samādhi. Sie erhoben sich über das Körperbewusstsein. Da

sie alle Vorstellungen über die Welt hinter sich gelassen hatten, verschwand

diese vollständig aus ihrem Bewusstsein. Auf diese Weise bewegten sie sich

frei in ihrem Weisheitskörper umher. Obwohl es so aussah, als hätten sie sich

III:22,23

77


Millionen von Meilen im Raum bewegt, saßen sie immer noch still in demselben

„Raum“ – sie befanden sich jedoch auf einer anderen Ebene des Bewusstseins.

VASIåèHA fuhr fort:

Hand in Hand stiegen Sarasvatī und Līlā langsam in die fernsten Räume des

Äthers auf. Dieser Raum war von immenser Reinheit und vollkommen leer.

Sie ruhten auf dem Berg Meru, der Achse der Erde. Sie schauten zahllose

fesselnde Dinge, als sie sich weiter weg von der Umlaufbahn des Mondes

bewegten. Sie durchstreiften riesige Wolkengebilde im Raum. Sie betraten

den unendlichen Raum – den Schoß und die Quelle unzähliger Wesen in unzähligen

Welten.

Sie sahen die sieben großen Berge des Kosmos, die wie das Feuer der Endzeit

strahlten; sie sahen die goldenen Ebenen nahe des Berges Meru, und sie

sahen die dichtesten Finsternisse. Sie sahen die siddhas (Wesen mit übernatürlichen

Kräften); sie sahen die Mengen und Abermengen Dämonen, Kobolde

und anderer Geister; sie sahen die Raumfahrzeuge kommen und irgendwo

hinfliegen; sie sahen die himmlischen Nymphen singen und tanzen; sie sahen

eine Vielfalt von Vögeln und Tieren; sie sahen die Engel und Götter; sie sahen

große Yogis mit ihren glückverheißenden Eigenschaften; sie sahen den

Wohnort des Schöpfers, den Wohnort von Śiva und anderen. Durch alle diese

Regionen wanderten sie wie zwei Moskitos.

(Anmerkung: Die Beschreibung wird im Originaltext graphisch in allen Einzelheiten

dargestellt.)

Kurz gefasst – sie sahen all das, was sich im Gemüt von Sarasvatī befand,

und was Sarasvatī der Königin Līlā zeigen wollte. Es war wie der Lotos des

Herzens, mit den Blütenblättern als den Himmelsrichtungen, der Unterwelt

als dem Schlamm, in dem er gedieh, und mit der göttlichen Schlange als seine

Wurzel, die ihn hielt.

In diesem Lotos sahen sie, was JaæbÆdvīpa genannt wird, und in dem es

sehr viele Länder und Kontinente gibt. Umschlossen wird dies von einem

salzigen Ozean. Jenseits davon befindet sich Śākadvīpa, umgeben von einem

Ozean aus Milch. Wieder jenseits davon liegt Kuśadvīpa mit einem Ozean aus

saurem Rahm. Dann folgen Krauñcadvīpa und ein Ozean aus Ghee (geklärte

Butter). Dann folgt Śālmalīdvīpa, umgeben von einem Ozean aus Wein. Dann

kommt Gomedadvīpa, umgeben von einem Ozean aus süßem Zuckerrohrsaft.

Dann gibt es noch Pu«karadvīpa – umgeben aus einem Ozean aus süßem

Wasser. Schließlich gibt es dort ein kosmisches Loch. Und jenseits davon

befindet sich der Berg Lokāloka im strahlenden Glanz. Noch weiter jenseits

davon ist der endlose Wald usw. Ganz zum Schluss kommt unendlicher Raum

– schiere Leere.

(Anmerkung: Vergleiche dies mit der Beschreibung im Bhāgavataæ.)

III:25, 25

78


III:26

Als sie so all die Ozeane, Berge, die Beschützer dieses Universums, das Königreich

der Götter, den Himmel und das Innerste der Erde gesehen hatten,

sah Līlā schließlich ihr eigenes Haus.

VASIåèHA fuhr fort:

Oh Rāma, die beiden Damen betraten nun das Haus den heiligen Mannes.

Dort befand sich die ganze Familie in Trauer. Wegen dieser Trauer atmete das

Haus selbst eine tief bedrückende Atmosphäre. Durch die Praxis des Yoga der

reinen Weisheit hatte Līlā die Fähigkeit erworben, mit deren Hilfe ihre Gedanken

sich unverzüglich materialisierten. Sie wünschte sich, dass „Diese,

meine Verwandten, mich und Sarasvatī als ganz gewöhnliche Frauen sehen

möchten“. So erschienen sie vor der trauernden Familie. Doch beide Frauen

waren von übernatürlichem Glanz, der die düstere Atmosphäre vertrieb.

Der älteste Sohn des verstorbenen heiligen Paares begrüßte die beiden

Damen und hielt sie für zwei Engel des Waldes! Er sagte zu ihnen: „Oh ihr

Engel des Waldes, gewiss seid ihr hierher gekommen, um uns von unserer

Trauer zu befreien. Denn dies ist ja die Natur der Gottheiten – dass sie stets

bemüht sind, den Kummer anderer zu beseitigen.“

Die zwei Damen fragten den jungen Mann: „Sage uns, was die Ursache dieses

Schmerzes ist, der alle Menschen hier überfallen zu haben scheint.“

Der Sohn des heiligen Paares erwiderte: „Oh ihr hohen Damen, in diesem

Haus hier lebten ein frommer Mann und seine ihm ergebene Frau, die beide

ein Leben der Rechtschaffenheit führten. Vor kurzem gaben sie ihre Kinder

und Enkel, ihr Haus und ihr Vieh auf und stiegen in den Himmel hinauf. Aus

diesem Grunde erscheint uns Verbliebenen nun diese ganze Welt leer und

trostlos. Schaut, oh ihr hohen Damen – sogar die Vögel weinen wegen der

Abgeschiedenen, und die Götter weinen vor Kummer (Tränenregen!). Die

Bäume vergießen jeden Morgen Tränen (die Tautropfen). Nachdem sie diese

Erde verlassen haben, sind meine Eltern gewiss in die Welt der Unsterblichen

eingegangen.“

Als sie dieses vernahm, legte Līlā ihre Hand auf den Kopf des jungen Mannes.

Und unverzüglich war er von seinem Kummer befreit. Als die anderen

dies sahen, verschwand ihr Kummer ebenfalls.

RùMA fragte:

Oh Heiliger, wie kam es, dass Līlā ihrem eigenen Sohn nicht als dessen Mutter

erschien?

VASIåèHA erwiderte: Rāma, wer die Unwirklichkeit der materiellen Substanzen

realisiert hat, sieht überall nur das eine, ungeteilte Bewusstsein. Ein

Träumer sieht diese Welt nicht; ein Mann in tiefem Koma sieht vielleicht

sogar die andere Welt. Līlā hatte die Wahrheit verwirklicht. Wer die Wahrheit

erkannt hat, dass Brahman, das Selbst usw. nur das eine, unendliche Bewusstsein

sind – wie kann es für ihn noch Sohn, Freund oder Ehefrau geben?

Sogar das Auflegen ihrer Hand auf den Kopf des jungen Mannes war ein spontaner

Ausdruck der Gnade Brahmans.

79


VASIåèHA fuhr fort:

Nachdem sie so die Familie des verschiedenen heiligen Mannes gesegnet

hatten, verschwanden die beiden Damen. Die getrösteten Mitglieder der

Familie kehrten in ihre Häuser zurück. Līlā wandte sich mit einer Frage an

Sarasvatī. Natürlich waren dabei ihre beiden Körper weder aus Materie wie

Erde noch in einem psychosomatischen Zustand wie dem Lebensatem. Es war

so, als würden zwei Traumobjekte miteinander sprechen. Līlā fragte also

Sarasvatī: „Wie kam es, dass uns meine Familie dort sehen konnten, aber

nicht so mein Gemahl, der ein Königreich regierte, als wir ihn besuchten?“

Sarasvatī erwiderte: „Weil du da noch an deiner Idee ‚Ich bin Līlā‘ festhieltest,

während du jetzt dieses Körperbewusstsein überwunden hast. Solange das

Bewusstsein der Dualität nicht völlig verschwunden ist, kannst du im unendlichen

Bewusstsein nicht agieren. Du vermagst es dann nicht einmal zu verstehen;

so wie jemand, der in der Sonne steht, die Kühle im Schatten eines

Baumes nicht kennt. Wenn du jetzt aber zu deinem Gemahl gehst, dann wirst

du mit ihm so verkehren können wie zuvor.”

LĪLù sagte:

Oh Gottheit! Es geschah hier, dass mein Gemahl der heilige Mann war und

ich seine Frau, und hier wiederum geschah es, dass ich seine Königin wurde.

Er starb hier und ebenfalls hier regiert er jetzt! Bitte, sage mir, wo ich ihn

treffen kann.

SARASVATĪ sagte:

Līlā, du und dein Gemahl, ihr seid durch viele Verkörperungen gewandert,

von denen du nun drei kennst. In dieser Verkörperung ist der König zutiefst

in die Falle der Weltlichkeit geraten und denkt: „Ich bin der Gebieter, ich bin

stark, ich bin glücklich usw.“ Obwohl vom spirituellen Gesichtspunkt aus das

gesamte Universum hier und jetzt erfahren wird, werden die unterschiedlichen

Ebenen vom physischen Gesichtspunkt aus durch Millionen von Meilen

getrennt. Im unendlichen Bewusstsein, in jedem seiner Atome, kommen und

gehen die Universen wie Staubkörnchen in einem Sonnenstrahl, der durch ein

Loch im Dach scheint. Sie kommen und gehen wie kleine Wellen auf dem

Ozean.

LĪLù erinnerte sich: Oh Gottheit! Seit ich als eine Reflektion im unendlichen

Bewusstsein erschienen bin, habe ich 800 Geburten erlebt. Jetzt vermag ich

es zu sehen. Ich war eine Nymphe, ein lasterhaftes Menschenweib, eine

Schlange, eine Stammesangehörige im Wald, und aufgrund böser Taten wurde

ich zu einer Kletterpflanze. Dann wurde ich durch den Umgang mit Weisen

die Tochter eines Weisen; schließlich wurde ich ein König, der böse Taten

beging, und so wurde ich zu einem Moskito, einer Biene, einem Hirsch, einem

Fisch. Dann wieder war ich ein himmlisches Wesen und danach eine Schildkröte,

ein Schwan und wieder ein Moskito. Ich war auch einmal eine himmlische

Nymphe, der andere himmlische Wesen (Männer) zu Füßen fielen. So

III:27

80


III:28

wie die Waagschalen sich in einem beständigen Auf und Ab befinden, so war

auch ich im Auf und Ab des Lebenszyklus, des saæsāra, gefangen.

RùMA fragte:

Heiliger Herr, wie war es möglich, dass die beiden Damen zu den entfernten

Galaxien des Universums reisen konnten, und wie überwanden sie die zahlreichen

Hindernisse auf diesem Weg?

VASIåèHA erwiderte:

Oh Rāma, wo ist das Universum, wo sind die Galaxien, und wo sind die Hindernisse?

Die beiden Damen blieben stets in den innersten Gemächern der

Königin. Dort geschah es, dass der heilige Mann Vāsi«Âha als König Vidūratha

regierte; er war es, der zuvor der König Padma war. All dies geschah im reinen,

unendlichen Raum – es gibt kein Universum, keine Entfernungen, keine

Hindernisse.

Während sie miteinander plauderten, verließen die beiden Damen das

Zimmer und bewegten sich hin zu einem Dorf auf einem Berg. Die Schönheit

und der Glanz dieses Berges sind unbeschreiblich. Alle Häuser waren bedeckt

mit Blumen, die beständig von den Bäumen fielen. Junge Frauen schliefen in

ihren Räumen auf Betten aus Wolken. Erleuchtet wurden die Häuser durch

Blitze.

Aufgrund ihrer intensiven Praxis des Yogas der Weisheit hatte Līlā die volle

Kenntnis der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erlangt. Sie erinnerte

sich an die Vergangenheit und sprach zu Sarasvatī: „Oh Gottheit, vor einiger

Zeit war ich eine alte Frau und lebte hier. Ich führte in jeder Hinsicht ein gutes

Leben, aber ich hatte nie die Erforschung des Selbst (‚Wer bin ich, was ist

diese Welt?’) praktiziert. Mein Gemahl war ebenfalls gut, rechtschaffen und

ein gebildeter Mann, aber auch seine innere Weisheit war nicht erweckt. Wir

waren Vorbilder des rechtschaffenen Lebens und durch unser Beispiel lehrten

wir andere, wie sie leben sollten.“ Nachdem sie dies gesagt hatte, zeigte

Līlā Sarasvatī ihren früheren Wohnort und fuhr fort: „Sieh, dies ist mein Lieblings-Kalb.

Es hat seit meiner Abwesenheit nicht einmal mehr Gras gefressen

und in den vergangenen acht Tagen nur geweint. Hier hat mein Gemahl die

Welt regiert. Wegen seines starken Willens, und weil er fest entschlossen war,

schon bald ein großer König zu werden, wurde er wahrhaftig in der kurzen

Zeit von acht Tagen zu einem Kaiser, obwohl der Zeitraum viel, viel länger zu

sein schien. So wie sich Luft unsichtbar im Raum bewegt, so lebt mein Gemahl

unsichtbar im Raum dieses Hauses. Hier, in einem Raum von der Größe

eines Daumens, erdachten wir uns, dass das Königreich meines Gemahls

Millionen von Quadratmeilen umfassen würde. Oh Gottheit, gewiss sind sowohl

mein Gemahl als auch ich reines Bewusstsein. Und doch sieht es aufgrund

der mysteriösen, illusorischen Macht von Māyā so aus, als würde das

Königreich meines Gemahls hunderte von Bergen enthalten und umfassen.

Wahrhaftig ist dies wunderbar. Ich möchte in die Hauptstadt gehen, in der

81


III:29, 30

mein Gemahl regiert. Komm, lass uns dorthin gehen! Denn für die Strebsamen

ist nichts unmöglich.“

VASIåèHA fuhr fort:

Zusammen mit Sarasvatī erhob sich Līlā in den Himmel. Sie kamen in die

Region des Polarsterns, jenseits der Reiche der Weisen von Vollkommenheit,

und sogar jenseits der Reiche der Götter, von Brahmā (dem Schöpfer), und

der Reiche von Śiva, den Manen (Vorfahren) und der Befreiten. Von dort aus

sah Līlā, wie sogar die Sonne und der Mond weit, weit unterhalb von ihr lagen

und kaum noch sichtbar waren. Sarasvatī sagte zu Līlā, „Teure, du bist nun

jenseits von wahrhaftig allem gegangen und am Anfang der Schöpfung angelangt.

Alles, was du bisher gesehen hast, sind nur einige wenige Teilchen, die

von hier aus verstreut worden sind.“ Schnell hatten sie diesen Gipfel erreicht,

denn der Wille derer wird unerbittlich, deren Bewusstsein rein und unverhüllt

ist.

Dort sah Līlā, dass diese Schöpfung eingehüllt war in Schichten von Wasser,

Feuer, Luft und Raum, und dass jenseits reines Bewusstsein war. Dieses

Höchste Unendliche Bewusstsein ist rein, friedlich, frei von Täuschung und

selig in seinem eigenen Glanz. Darin sah Līlā die zahllosen Schöpfungen

schweben und treiben wie Staubpartikel in einem Lichtstrahl. Die Gedankenprojektionen

der jīvas, die diese Universen bewohnten, gaben diesen ihre

Gestalt und Natur. Wegen der wahren Natur dieses unendlichen Bewusstseins

tauchten alle diese wieder und wieder auf und verschwanden, bis sie durch

ihre eigene Gedankenkraft schließlich in einen Zustand der Stille zurückkehrten.

All dies war wie das spontane Spiel eines Kindes.

RùMA fragte:

Was meinen die Menschen mit „oberhalb“, „unterhalb“ und ähnlichem,

wenn doch nur das Unendliche die Wahrheit ist?

VASIåèHA erwiderte:

Oh Rāma, es ist wie bei den winzigen Ameisen, die über den runden Fels

krabbeln – alles, was sich unter ihren Füßchen befindet, ist für sie immer

„unterhalb“, und alles, was sich über ihrem Rücken befindet, ist für sie „oberhalb“.

Auf dieselbe Weise reden die Menschen über diese Richtungen.

Unter all diesen zahllosen Universen, oh Rāma, gibt es welche, in denen es

nur Pflanzen gibt. In anderen wiederum sind Brahmā, Vi«ïu, Rudra und andere

die herrschenden Gottheiten, und wieder andere enthalten überhaupt

nichts. In einigen gibt es nur Tiere und Vögel, in anderen nur einen Ozean.

Dann wieder gibt es solche mit solidem Gestein. In weiteren sind nur Würmer

enthalten, und wiederum andere sind von dichter Finsternis durchdrungen.

Manche sind von Göttern bewohnt, und manche sind unaufhörlich beleuchtet.

Manche scheinen der Auflösung entgegenzugehen, und andere scheinen im

Raum zu fallen und ihrer Zerstörung entgegenzugehen. Da Bewusstsein überall

für immer existiert, geht auch die Entstehung dieser Universen und deren

Auflösung für immer weiter. All dies wird von einer mysteriösen, allgegen-

III:31, 40

82


wärtigen Macht zusammengehalten. Rāma, alles existiert in dem einen unendlichen

Bewusstsein; alles entsteht daraus; Es allein ist alles.

VASIåèHA fuhr fort:

Nachdem sie all dies gesehen hatte, erblickte Līlā das innerste Gemach des

Palastes, in dem der Leichnam des Königs unter einem Haufen von Blumen

lag. Da entstand in ihr der intensive Wunsch, das jenseitige Leben ihres Gemahls

zu erschauen. In einem Augenblick überflog sie den Gipfel des Universums

und betrat das Reich, in dem ihr Gemahl nun regierte.

Zur selben Zeit begann ein mächtiger König, der über die Sindhu-Region

herrschte, das Königreich ihres Gemahls zu belagern. Als die beiden Damen

im Raum oberhalb des Schlachtfeldes waren, begegneten sie zahllosen himmlischen

Wesen, die sich dort versammelt hatten, um die Schlacht und die

Taten der großen Helden zu verfolgen.

RùMA fragte:

Oh Heiliger, bitte sage mir: Wer ist ein Held unter den Kriegern, und wer ist

ein Ungeheuer oder ein Kriegsverbrecher?

VASIåèHA erwiderte:

Oh Rāma, wer eine Schlacht ficht, die sich in Übereinstimmung mit den Bestimmungen

der Schriften befindet, wie etwa bei einem rechtschaffenen

König von untadeligem Betragen, der ist ein Held, ob er nun in der Schlacht

fällt oder siegreich ist. Wer dagegen für einen ungerechten Monarchen

kämpft, wer die Menschen quält und ihre Körper verstümmelt, der ist ein

Ungeheuer oder ein Verbrecher und wandert in die Hölle, auch dann, wenn er

kämpfend in der Schlacht fällt. Wer für den Schutz der Kühe, der Heiligen, der

Freunde kämpft oder ihnen Zuflucht gewährt, der ist eine Zierde des Himmels.

Wer aber für einen König kämpft, derzu seinem Vergnügen die Menschen

quält, der geht in die Hölle (ob er nun ein König oder nur ein Grundbesitzer

ist). Nur der Held, der in der Schlacht fällt, geht in den Himmel. Diejenigen,

die unrechtmäßig kämpfen, gehen nicht in den Himmel; auch dann nicht,

wenn sie in der Schlacht fallen.

Oh Rāma, immer noch im Himmel stehend, sah Līlā, wie die zwei großen

Armeen sich einander näherten, um sich in die Schlacht zu stürzen. (An dieser

Stelle folgt eine graphische Darstellung der Schlachtbereitschaft der Armeen

und der verschiedenen Formationen der Bataillone als auch der

Grimmigkeit der Schlacht sowie der schrecklichen Szene der Zerstörung, die

darauf folgte. Alle diese Dinge wurden in dieser Übersetzung beiseite gelassen.)

Als der Abend hereinbrach, hielt Līlā's Gemahl eine Versammlung mit seinen

Ministern ab, der die Ereignisse des Morgens betraf. Danach ging er zu

Bett.

83


Die beiden Damen verließen den Platz, von dem aus sie die grimmige

Schlacht beobachtet hatten, und schwebten wie ein Lufthauch davon. Sie

kamen in das Zimmer, in dem der König schlafend lag.

RùMA fragte:

Oh Heiliger, der Körper scheint so schwer und groß – wie konnte er durch

ein so winziges Loch gelangen?

VASIåèHA erwiderte:

Oh Rāma, in der Tat ist es unmöglich fürjemanden, der in der Idee verwurzelt

ist, der physische Körper zu sein, durch ein kleines Loch oder einen

schmalen Durchlass zu gelangen. Es ist die innerste Überzeugung des „Ich bin

der Körper, der in seiner Bewegung behindert ist“, die Hindernisse diese Art

erzeugt. Sobald jene Überzeugung fort ist, ist auch das Hindernis fort.

So wie Wasser stets Wasser bleibt und abwärts fließt, und wie Feuer nie

seine aufwärts aufsteigende Natur verliert, so bleibt das Bewusstsein für

immer Bewusstsein. Wer dies jedoch nicht verstanden hat, der erfährt auch

nicht die Subtilitätoder die wahre Natur der Sache. Wie das Verständnis der

Person ist, entsprechend ist ihr Gemüt, denn das Verstehen selbst ist das

Gemüt. Seine Richtung jedoch kann durch starke Bemühung geändert werden.

Normalerweise befinden sich die eigenen Tätigkeiten in Übereinstimmung

mit dem Gemüt (d. h., mit dem eigenen Verständnis einer Sache).

Wer jedoch weiß, dass dieser Körper geistiger Natur ist – wie könnte dessen

Bewegung jemals behindert werden? In Wahrheit sind alle Körper an

jedem Ort reines Bewusstsein. Nur aufgrund der Idee, die im Herzen der

Menschen entsteht, scheint es überall dieses Kommen und Gehen zu geben.

Denn dasselbe unendliche Bewusstsein ist gleichzeitig das individuelle Bewusstsein

(Gemüt) und der kosmische Raum (Materie). Daher kann der geistige

Körper jederzeit überall eintreten – er wird dahin gelenkt, wohin ihn der

Wunsch seines Herzens denkt.

Oh Rāma, jedermanns Bewusstsein hat diese Natur und Fähigkeit. In jedem

Bewusstsein gibt es eine andere Idee von der Welt. Der Tod und andere Erfahrungen

sind wie die kosmische Auflösung, die Nacht des kosmischen Bewusstseins.

Wenn dies an ein Ende gelangt, dann erwacht jeder zu seiner

eigenen mentalen Schöpfung, welche die Materialisation seiner Ideen, Wahrnehmungen

und Illusionen darstellt. So wie das kosmische Sein nach der

kosmischen Auflösung das Universum erschafft, so erschafft das Individuum

nach seinem Tod seine eigene Welt.

Aber Gottheiten wie Brahma, Vi«ïu und Śiva wie auch die heiligen Weisen

erlangen während der kosmischen Auflösung die letztliche Befreiung – ihre

Schöpfungen während des nächsten Zyklus des Universums stammen nicht

aus der Erinnerung. Im Falle aller anderen Wesen ist die neue Schöpfung

nach dem Tod in der vorhergegangenen Schöpfung durch die Eindrücke festgelegt,

die während der Lebensspanne im Gemüt aufgrund der unterschiedlichen

Erfahrungen vorhanden waren.

84


VASIåèHA fuhr fort:

Unmittelbar nach dem Tode, dem Zustand, von dem man sagen könnte, dass

man in ihm weder ist noch nicht ist, und in dem das Bewusstsein sozusagen

ein wenig die Augen öffnet, obwohl dies nicht stattzufinden scheint – dieser

Zustand wird pradhāna bzw. der materielle oder träge Zustand des Bewusstseins

genannt. Er ist ferner als die ätherisch-geistige, nicht-manifeste Natur

bekannt. Er wird daher sowohl als fühlend wie nicht-fühlend betrachtet. Er

ist das, was für die Erinnerung und ihre Abwesenheit, und daher auch für die

nächste Geburt verantwortlich ist.

Sobald diese ätherisch-geistige Natur erwacht und sich in ihrem Bewusstsein

der Ich-Sinn manifestiert, entstehen dadurch die fünf Elemente (Erde,

Wasser, Feuer, Luft und Äther), das Raum-Zeit-Kontinuum und alle weiteren

Stoffe, die für die physische Geburt und Existenz benötigt werden. Diese

kondensieren dann in ihre materiellen Gegenstücke. Während der Wach- und

Traumzustände führen sie das Empfinden des physischen Körpers herbei.

Aber all dies ist in Wirklichkeit der ätherisch-geistige Körper des jīva.

Sobald die Idee „Ich bin der Körper“ tief eingewurzelt ist, entwickelt derselbe

ätherisch-geistige Körper die physischen Eigenschaften eines Körpers

(wie z.B. die Augen usw.), wobei all dies nur wie eine Schwingung oder Bewegung

der Luft vor sich geht. Obwohl all dies als vollkommen real erscheint, ist

es doch ebenso unwirklich wie die Erfahrung von sexuellem Vergnügen in

einem Traum.

Wo auch immer man stirbt – genau dort sieht der jīva all dies geschehen. In

diesem Raum, in diesem Feld des Bewusstseins selbst, stellt er sich vor: „Dies

ist die Welt, dies bin ich”. Er glaubt, dass er geboren sei und erfährt die Welt,

die nichts als Raum ist. Er selbst, der jīva, ist ebenfalls nichts als Raum! Nun

denkt er: „Er ist mein Vater, sie ist meine Mutter, dies ist mein Besitz, ich habe

diese wunderbare Tat vollbracht; oh weh – ich habe gesündigt.“ Er phantasiert:

„Ich wurde ein kleines Kind, und jetzt bin ich ein Jugendlicher”. Und alle

diese Dinge sieht er in seinem Herzen.

Dieser Dschungel, der als Schöpfung bekannt ist, taucht im Herzen eines

jeden jīvas auf. Wo auch immer eine Person stirbt, dort sieht sie diesen

Dschungel. Auf diese Weise werden im Bewusstsein jedes einzelnen jīvas

zahllose Welten geboren, die alle wieder verschwinden; gleich wie zahllose

Brahmā's, Rudras, Vi«ïu und Sonnen wieder verschwunden sind. Auf diese

Weise hat die illusionäre Wahrnehmung der Welt schon unzählige Male stattgefunden.

Sie findet jetzt gerade statt, und sie wird auch in der Zukunft stattfinden.

Denn all dieses ist nicht verschieden von der Bewegung der Gedanken,

die wiederum nicht unabhängig vom unendlichen Bewusstsein ist. Denn

was ist in Wirklichkeit die mentale Aktivität anderes als Bewusstsein selbst?

Und dieses Bewusstsein ist die höchste Wahrheit.

VASIåèHA fuhr fort:

III:41

85


III:42

Die beiden Damen betraten das Gemach des Königs wie zwei Gottheiten –

strahlend wie zwei Monde. Durch ihre göttlichen Kräfte geschah es, dass die

Diener schliefen. Als sie sich niederließen, erwachte der König und erblickte

sie. Er verehrte ihre lotos-gleichen Füße und bestreute sie mit Blumen.

Sarasvatī wünschte, dass sein Minister Līlā mit den Vorfahren des Königs

bekannt machen möge. Durch ihren Willen erwachte der Minister.

Als Sarasvatī den König befragte, wer er sei, informierte der Minister die

Damen, dass er ein Abkömmling des großen Königs Ik«vāku sei; dass sein

Vater Nabhoratha war, der ihm, als der Sohn 10 Jahre alt war, das Königreich

anvertraut habe und selbst in den Wald gegangen sei, um dort ein spirituelles

Leben zu führen. Der Name des Königs war VidÆratha. Sarasvatī segnete

VidÆratha, indem sie ihm ihre Hand auf den Kopf legte und ihn dazu inspirierte,

sich die Einzelheiten seiner vergangenen Leben zu vergegenwärtigen.

Unmittelbar darauf erinnerte sich der König an alles und fragte Sarasvatī:

„Oh Göttin, wie kommt es, dass ich in diesem Körper für volle siebzig Jahre

gelebt zu haben scheine, obwohl ich vor kaum einem Tag gestorben bin? Und

wie kommt es, dass ich mich an alle die Dinge zu erinnern vermag, die geschehen

sind, als ich in dieser Lebensspanne jung war? “

SARASVATĪ erwiderte:

Oh König, im Moment deines Todes, genau an dem Ort, an dem du starbst,

manifestierte sich alles, was du jetzt hier siehst. All dieses hier ist, wo der

heilige Mann Vāsi«Âha lebte, nämlich im Dorf auf den Bergen. Dies hier ist

seine Welt, und in dieser Welt befindet sich die Welt des Königs Padma, und

in dieser wiederum die Welt, in der du selbst dich befindest. Indem du in ihr

lebst, denkst du: „Dies sind meine Verwandten, dies sind meine Untergebenen,

dies sind meine Minister, diese sind meine Feinde.“ Du denkst, dass du

hier regierst, dass du religiöse Riten ausübst; du denkst, dass du gegen deine

Feinde gekämpft hast und von ihnen besiegt wurdest; du denkst, dass du uns

siehst, uns verehrst und von uns die Erleuchtung empfängst; du denkst „Ich

habe allen Kummer überwunden und erfreue mich der höchsten Seligkeit, ich

werde in der Verwirklichung des Absoluten verankert bleiben.“

All dieses benötigt keinerlei Zeit, um zu geschehen, so wie während eines

Traums das Drama eines ganzen Lebens gelebt wird. In Wirklichkeit wurdest

du weder geboren noch stirbst du. Du siehst all dieses, und sozusagen siehst

du es wiederum nicht: Denn wenn all dies hier nichts anderes als das unendliche

Bewusstsein ist – wer sieht dann was? (VIDŪRATHA fragte: Dann sind

demnach diese meine Minister hier keine unabhängigen Wesen?) Für die

erleuchtete Person gibt es nur das eine unendliche Bewusstsein; es gibt keinerlei

Wahrnehmung von „Ich bin“ oder „diese hier sind“. Nachdem Vāsi«Âha

so gesprochen hatte, ging ein weiterer Tag zur Neige.

SARASVATĪ fuhr fort:

Für eine unreife und kindische Person, die überzeugt ist, dass diese Welt

realist, wird sie weiterhin real sein; so wie ein Kind, das an Geister glaubt,

86


sein ganzes Leben lang von ihnen verfolgt wird. Die Person, die angetan ist

von dem goldenen Schmuckstück, vermag nicht zu sehen, dass es einfach nur

Gold ist; wer den Glanz der Paläste, Elefanten und Städte sieht, vermag nicht

das unendliche Bewusstsein zu sehen, welches als einziges wahr ist.

Dieses Universum ist nur ein langer Traum. Der Ich-Sinn wie auch die Phantasievorstellung,

dass da noch andere seien, sind so wirklich wie Traumobjekte.

Die einzige Wirklichkeit ist das unendliche Bewusstsein, welches allgegenwärtig,

rein, still, allmächtig ist und dessen Körper und Wesen absolutes

Bewusstsein ist (und das daher kein Objekt, nicht kennbar ist). Wo auch

immer und in welcher Form sich dieses Bewusstsein manifestiert, zu dem

wird es. Ebenso, wenn der Seher sich ein menschliches Wesen einbildet, dann

tritt dieses menschliche Wesen hier auf. Da das Substrat (das unendliche

Bewusstsein) wirklich ist, erwirbt auch alles, was auf ihm gründet, dessen

Wirklichkeit, obgleich das Substrat allein wirklich ist. Dieses Universum und

alle Wesen darin sind nichts als ein langer Traum: Für mich bist du wirklich,

und für dich bin ich wirklich. Ebenso sind die anderen wirklich für dich oder

mich. Und diese relative Wirklichkeit ist wie die Wirklichkeit der Traumobjekte.

RùMA fragte:

Oh Heiliger, eine Stadt, die im Traum erscheint, fährt fort, als eine wirkliche

Stadt zu erscheinen. Ist es dies, was deine Lehre besagt?

VASIåèHA erwiderte:

So ist es, oh Rāma. Weil der Traum der Stadt usw. auf der realen Grundlage

des unendlichen Bewusstseins gründet, erscheinen diese Traumobjekte wie

wirklich. Jedoch gibt es keinen wirklichen Unterschied zwischen dem Wachund

dem Traumzustand des Bewusstseins. Was als wirklich in dem einen

erscheint, gilt als unwirklich in dem anderen. Folglich sind beide Zustände

essenziell von derselben Natur.

Daher sind die Objekte des wachen oder träumenden Bewusstseins gleichermaßen

unwirklich mit der Ausnahme des unendlichen Bewusstseins,

dem sie überlagert sind.

Nachdem Sarasvatī dem König diese Unterweisung erteilt hatte, segnete sie

ihn und sprach: „Möge alles Verheißungsvolle dich begleiten. Du hast gesehen,

was es zu sehen gibt. Lass uns nun gehen. “

VidÆratha sprach: „Schon bald, oh Göttin, werde ich fort von hier gehen, so

wie jemand im Schlaf von einem Traum in den anderen geht. Bitte gewähre,

dass meine Minister und meine jungfräuliche Tochter mit mir gehen.“

Sarasvatī gewährte ihm den Wunsch.

SARASVATĪ sagte:

Oh König, du wirst in diesem Krieg sterben und dann dein früheres Königreich

wiedererlangen. Nach deinem Tod in diesem Körper wirst du in der

früheren Stadt erneut mit deiner Tochter und deinen Ministern herrschen.

III:43

87


III:44

Wir werden nun gehen wie wir gekommen sind, und ihr alle werdet uns

entsprechend dem natürlichen Verlauf der Dinge folgen, denn schon die Natur

zeigt uns, wie die Bewegungen eines Pferdes, eines Elefanten und eines

Kamels von Natur aus unterschiedlich sind.

VASIåèHA fuhr fort:

Gerade als Sarasvatī dies zu dem König gesprochen hatte, stürzte ein königlicher

Bote herein und verkündete, dass die feindlichen Kräfte die Hauptstadt

gestürmt und mit deren Zerstörung begonnen hätten. Überall wurde Feuer

gelegt, und die ganze Stadt stand in Flammen. Die beiden Damen, der König

und seine Minister eilten zu einem Fenster, um die schreckliche Szene

zuverfolgen.

Die Plünderung der Stadt hatte begonnen, und die Plünderer liefen wild

schreiend umher. Die ganze Stadt war in dichten Rauch gehüllt. Feuer regnete

vom Himmel. (Flugabwehr-Geschosse?) Raketen beschrieben am Himmel

halbmondförmige, flammende Bogen. Schwere, felsenartige Flugkörper

(Bomben) fielen auf Häuser und zerstörten diese und die Straßen der Umgebung.

Der König und die anderen hörten die Entsetzensschreie der Bürger. Überall

waren Weinen und Klagen und die herzzerreißenden Schreie der Frauen

und Kinder zu hören. Jemand schrie: „Mein Gott, diese Frau hat ihren Vater,

ihre Mutter, ihren Bruder und ihr kleines Kind verloren. Selber ist sie mit dem

Leben davongekommen, aber diese Tragödie ihres Lebens hat ihr Herz zerrissen.“

Wieder ein anderer rief: „Geht sofort aus dem Haus, denn es wird

gleich einstürzen.“ Und ein anderer: „Seht nur, wie Bomben und Geschosse

auf alle Häuser regnen.“ Flugkörper regneten hernieder wie die Wasser vor

der kosmischen Auflösung. Alle Bäume rund um die Häuser standen in

Flammen – der gesamte Ort war verwüstet. Vom Schlachtfeld wurde etwas in

die Luft geschleudert, das aussah wie Elefanten, und warf von dort Feuerregen

auf die Stadt hinab. Überall gab es Straßenblockaden. Aus Anhänglichkeit

zögerten die Männer, die brennenden Häuser zu verlassen, in denen sie nach

ihren Frauen und Kindern suchten. Sogar die Frauen des königlichen Haushalts

wurden von marodierenden Soldaten verschleppt. Weinend und klagend,

wussten diese edlen Damen nicht, was sie tun sollten. Sie schrien: „Oh

weh, wer wird uns in dieser furchtbaren Lage helfen?“. Sie waren von Soldaten

umringt.

So ist es mit dem Glanz der Herrschaften, Königreiche und Weltreiche. (Die

Beschreibung ist erstaunlich und erinnert an moderne Kriegsführung und die

Bombardierung von Zivilisten.)

VASIåèHA fuhr fort:

In der Zwischenzeit traf die Königin ein. Die Kammerfrau kündigte sie dem

König an. Sie sagte: „Eure Majestät, alle anderen Damen dieses Harems wurden

gewaltsam vom Feind zusammengetrieben und fortgeführt. Aus diesem

schrecklichen Unglück kann uns nur Eure Majestät erretten.“

88


Der König verbeugte sich vor Sarasvatī und empfahl sich: „Ich werde nun

selbst an die Front gehen, oh Göttin, um den Feind zu schlagen. Meine Frau

wird dir hier in der Zwischenzeit aufwarten.“

Die nun erleuchtete Līlā war überrascht zu sehen, dass die Königin ein vollkommenes

Ebenbild von ihr selbst war. Līlā fragte Sarasvatī: „Oh Gottheit, wie

kann es sein, dass sie genau wie ich ist? Was ich in meiner eigenen Jugend

war, das ist sie jetzt. Worin besteht das Geheimnis dessen? Außerdem sind

auch alle diese Minister usw., die sich hier aufhalten, dieselben wie schon

früher in unserem Palast. Sind sie denn fühlend und ebenfalls erfüllt von

Bewusstsein, obwohl sie doch nur die Reflektion oder die Objekte unserer

Einbildungskraft sind?“

SARASVATĪ erwiderte:

Oh Līlā, wenn eine Vision im Innern auftaucht, so wird diese unverzüglich

erfahren. Bewusstsein (als Subjekt) wird sozusagen zum Objekt des Wissens.

Sobald im Bewusstsein das Bild der Welt auftaucht, so wird es in eben diesem

Moment zur Welt. Zeit, Raum, Dauer und Objektivität entstehen nicht aus der

Materie, denn dann wären sie materiell. Was im eigenen Bewusstsein reflektiert

wird, erstrahlt auch außerhalb.

Was man als die reale, objektive Welt betrachtet, die im Wachzustand erfahren

wird, ist nicht wirklicher als diejenige, die im Traum erfahren wird. Im

Schlaf existiert die Welt nicht, und im Wachzustand existiert der Traum nicht!

Ebenso widerspricht der Tod dem Leben: Im Leben ist der Tod nicht existent,

und im Tod ist das Leben nicht existent. Das, was die jeweilige Erfahrung

zusammenhält, ist im anderen Zustand abwesend.

Man kann nicht sagen, dass eines von beiden wirklich oder unwirklich sei,

sondern man kann lediglich feststellen, dass allein ihr Substrat wirklich ist.

Das Universum existiert in Brahman nur als ein Wort, eine Idee. Es ist weder

wirklich noch unwirklich – wie eine Schlange, die in einem Seil gesehen wird,

weder wirklich noch unwirklich ist. Mit der Existenz des jīva ist es ebenso.

Dieser jīva erfährt nur seine eigenen Wünsche. Er bildet sich ein, dass er

erfährt, was er zuvor erfahren hat, und dass andere Erfahrungen wiederum

neu seien. Manchmal sind diese ähnlich und dann wieder unähnlich. Alle

diese Erfahrungen, obgleich essenziell unwirklich, erscheinen als wirklich.

Ebenso steht es mit der Natur dieser Minister und der anderen. Auf dieselbe

Weise existiert diese Līlā hier als das Produkt der Reflektion im Bewusstsein.

Ebenso ist es mit dir, mir und allen anderen. Verstehe dies und bleibe so im

Frieden.

DIE ZWEITE LĪLù sagte zu Sarasvatī:

Oh Gottheit, ich habe Sarasvatī stets verehrt, und sie erschien mir häufig in

meinen Träumen. Du siehst genau wie sie aus, daher gehe ich davon aus, dass

du Sarasvatī bist. Ich bitte dich demütig um eine Gunst: Wenn mein Gemahl

auf dem Schlachtfeld stirbt, dann möge ich ihn begleiten, in welches Reich

auch immer er sich begeben mag; in diesem meinem eigenen Körper.

III:45, 46

89


SARASVATĪ erwiderte:

Oh teure Dame, du hast mich schon seit lange Zeit mit großer Hingabe verehrt,

daher gewähre ich dir diese Gunst.

DIE ERSTE LĪLù sprach daraufhin zu Sarasvatī:

Wahrhaftig gehen deine Worte niemals fehl; dein Wunsch wird immer

Wirklichkeit. Bitte sage mir – weshalb hast du mir nicht gewährt, mit demselben

Körper von einer Bewusstseinsebene zur anderen zu reisen?

SARASVATĪ erwiderte:

Meine liebe Līlā, in Wahrheit tue ich nichts für irgendjemanden. Jeder jīva

erntet seinen gegenwärtigen Zustand entsprechend seiner eigenen Taten. Ich

bin lediglich die Gottheit, die über den Geist jedes Wesens wacht; ich bin die

Macht seines Bewusstseins und seine Lebenskraft. Welche Form auch immer

die Energie des Lebewesens in ihm selbst annimmt – nur diese geht zu seiner

Zeit in Erfüllung. Du verlangtest nach der Befreiung, und so hast du sie erhalten.

Du magst dies als die Frucht deiner Askese oder Verehrung der Gottheit

betrachten, aber all dies kommt nur aus dem Bewusstsein, so wie die Frucht,

die vom Himmel zu fallen scheint, in Wirklichkeit vom Baume fällt.

VASIåèHA fuhr fort:

Wie sie so miteinander sprachen, bestieg VidÆratha seinen prachtvollen

Streitwagen und fuhr zum Schlachtfeld. Unglücklicherweise hatte er die Stärke

seiner Streitkräfte und die der Armee des Feindes bis zu dem Zeitpunkt,

als er dem Feind gegenüberstand, nicht klar eingeschätzt.

Beide Līlās, Sarasvatī und die Prinzessin, die den Segen von Sarasvatī empfangen

hatte, beobachteten vom Palast aus den furchtbaren Kampf.

Der Himmel war voll von den Geschossen aus beiden Armeen. Überall waren

die Schlachtrufe der Krieger zu hören. Über der gesamten Stadt lag eine

dichte Wolke aus Rauch und Staub.

Gerade als König VidÆratha in die Reihen der Feinde eindrang, ertönte ein

lautes „tut-tut“ vom intensiven Kreuzfeuer. Als die Flugkörper aufeinander

prallten, wurde es zu „khut-khut, tuk-tuk, jhun-jhun“.

DIE ZWEITE LĪLù fragte Sarasvatī:

Oh Gottheit, bitte sage mir: Wie kann es geschehen, dass mein Gemahl die

Schlacht nicht gewinnen kann, obwohl wir deinen Segen erhalten haben?

SARASVATĪ erwiderte:

Tatsächlich hat König VidÆratha mich eine beträchtliche Zeit angebetet, jedoch

hat er nicht für den Sieg in der Schlacht gebetet. Weil ich das Bewusstsein

bin, welches im Verstand aller Personen wohnt, gewähre ich der Person

das, wonach diese verlangt. Wonach auch immer jemand mich fragt – ich

gewähre diese Frucht. Es ist nur natürlich, dass Feuer Hitze abgibt. Er hat die

Befreiung verlangt, und daher wird er die Befreiung erhalten.

III:47-50

90


Andererseits hat auch der König von Sindhu mich verehrt und für den Sieg

in der Schlacht gebetet. Daher wird König VidÆratha in der Schlacht fallen, zu

euch beiden zurückkehren und dann im Laufe der entsprechenden Zeit die

Befreiung erlangen. Jener König von Sindhu dagegen wird den Krieg gewinnen

und das Land als siegreicher Monarch regieren.

VASIåèHA fuhr fort:

Wie die Frauen die Schlacht verfolgten, stieg die Sonne am östlichen Himmel

auf, als wäre sie begierig, die Schlussphase des schrecklichen Kampfes zu

bezeugen. Umgeben von je einem Tausend Soldaten kämpften beide Könige

gegeneinander. Ihre Geschosse waren von verschiedener Art und Größe.

Einige von ihnen, wennsie vom Boden aufstiegen, bestanden aus einem einzigen

Kopf, der sich dann in der Luft in Tausende vervielfältigte. Sobald er sein

Ziel traf, zerplatzte er in zehntausende Teile, buchstäblich wie ein Regenschauer.

Beide Könige waren einander in Stärke und Heldenmut ebenbürtig:

VidÆratha’s Kräfte waren ihm angeboren, während die Stärke des Feindes aus

der Gunst entstanden war, die er von Gott Nārāyana erlangt hatte. Wären sie

miteinander kämpften, beobachteten ihre Armeen sie voll Verblüffung.

An einem bestimmten Punkt der Schlacht sah es so aus, als würde

VidÆratha gewinnen, was die zweite Līlā in Hochstimmung versetzte, und sie

wies Sarasvati darauf hin. Jedoch schon im nächsten Moment erhob sich der

Feind unversehrt wieder. Jedes tödliche Wurfgeschoss beantwortete der

Gegner mit einer entsprechenden Abwehrwaffe. Jedes Geschoss, das Verzweiflung

unter den Kriegern schuf, wurde mit einem anderen beantwortet,

das ihren Mut wieder steigen ließ. Das Schlangen-Geschoss fand sein Gegenmittel.

Das Wasser-Geschoss wurde mit dem Feuer-Geschoss begegnet. Und

von beiden Königen wurde das Vi«ïu-Geschoss verwendet.

Beide Könige verloren ihre Streitwagen und setzten den Kampf stehend auf

dem Boden fort. Als Vidúratha einen neuen Wagen besteigen wollte, wurde er

vom König von Sindhu niedergeschlagen. VidÆratha's Körper wurde in den

Palast gebracht, den der nachsetzende Feind aber aufgrund von Sarasvatī's

Gegenwart nicht zu betreten vermochte.

VASIåèHA fuhr fort:

Bald nachdem König VidÆratha gefallen war, gab es äußerste Verwirrung

und Chaos in der Stadt, wie immer nach einer verlorenen Schlacht. Der König

von Sindhu kündigte seinen Sohn als den neuen Regenten an. Unter seinen

Untertanen und Ministern gab es daraufhin ein großes Frohlocken, und sie

bereiteten rasch die Krönungsfeierlichkeiten vor. Unverzüglich danach proklamierte

die neue Regierung das Kriegsrecht im neuen Staat, welches Ruhe

und Ordnung wiederherstellte.

Als VidÆratha fiel, sank die zweite Līlā bewusstlos zu Boden. Die erste Līlā

sagte zu Sarasvatī: „Oh Göttin, siehe doch, mein Gemahl gibt seinen Geist auf.“

III:51, 52

91


SARASVATĪ sagte:

Meine Liebe, dieser ganze schreckliche Krieg, all diese Zerstörung und Tode

sind so wirklich wie ein Traum, denn es gibt weder dieses Königreich noch

die Erde. All dies geschieht im Hause des heiligen Mannes namens Vāsi«Âha

auf dem Gipfel des Berges. Dieser Palast und das Schlachtfeld und alles andere

befinden sich nirgendwo anders als in den innersten Räumen deines eigenen

Palastes. Tatsächlich befindet sich darin das gesamte Universum. Denn

innerhalb des Hauses des heiligen Mannes befindet sich die Welt von König

Padma, und innerhalb des Palastes dieses Königs in jener Welt befindet sich

alles, was du hier gesehen hast. Alles ist reine Einbildung, Halluzination. Was

in Wahrheit ist, ist allein die Wirklichkeit – weder erschaffen noch zerstört.

Es ist das unendliche Bewusstsein, welches vom Unwissenden als das Universum

wahrgenommen wird.

So wie eine ganze Stadt im Träumer existiert, so existieren die drei Welten

in einem kleinen Atom. Und in diesen Welten gibt es wieder Atome, und in

jedem dieser Atome existieren wiederum drei Welten.

Die andere Līlā, die bewusstlos zu Boden gefallen war, hat inzwischen die

Welt erreicht, in der der Körper von Padma, deinem Gemahl, liegt.

LĪLù fragte:

Oh Göttin, bitte sage mir: Wie ist sie dorthin gelangt, und was sagen die

Leute dort zu ihr?

SARASVATĪ erwiderte: So wie ihr beide die eingebildeten Wahrnehmungsobjekte

des Königs seid, so sind auch der König selbst und ich nur Traumobjekte.

Wer dies weiß, gibt das Suchen nach „Objekten der Wahrnehmung“ auf.

Im unendlichen Bewusstsein haben wir uns alle gegenseitig durch unsere

Einbildungskraft erschaffen. Diese andere, jugendliche Līlā warst tatsächlich

du selbst. Sie verehrte mich und betete darum, dass sie niemals Witwe werden

möge. Daher konnte sie diesen Ort verlassen, bevor König Viduratha

starb. Liebe, ihr alle seid nichts als individualisiertes kosmisches Bewusstsein,

während ich das kosmische Bewusstsein selbst bin, welches alle diese

Dinge geschehen macht.

VASIåèHA fuhr fort:

Oh Rāma, die zweite Līlā, die von Sarasvatī die Gunst erlangt hatte, stieg in

den Himmel auf und traf dort auf ihre Tochter. Das Mädchen selbst stellte sich

Līlā vor. Und Līlā bat sie, sie zu ihrem Gemahl, dem König, zu führen. Das

Mädchen flog gemeinsam mit ihrer Mutter davon.

Als erstes durchreisten sie die Region der Wolken, danach die Region der

Lüfte. Jenseits davon durchquerten sie die Umlaufbahn der Sonne und kamen

in den strahlenden Sternenhimmel. Sie reisten noch weiter bis zu den Reichen

von Brahmā dem Schöpfer, Vi«ïu und Śiva, und schließlich gelangten sie

zum Gipfel des Universums. Es war so leicht für sie, wie es der Kälte des Eises

leicht ist, durch einen Eisbecher zu dringen, ohne ihn zu beschädigen. Natür-

III:53

92


III:54

lich erfuhr Līlā, die über einen ätherischen Körper aus materialisierten Gedanken

verfügte, all dies innerhalb von sich selbst.

Jenseits von diesem Universum durchquerte Līlā die Ozeane und andere

Elemente, die dieses Universum umhüllen, und kam schließlich ins unendliche

Bewusstsein. In diesem unendlichen Bewusstsein gab es zahllose Universen,

von denen keines um die Existenz des anderen wusste.

Līlā betrat jenes Universum, in dem der tote Körper des Königs Padma, bedeckt

von einem Haufen Blumen, lag. Sie durchquerte wieder die Regionen

der Götter (Brahmā usw.), betrat die Stadt und dann den Palast, in dem der

Körper lag. Aber, oh weh! als sie sich umsah, konnte sie nirgends ihre Tochter

sehen – sie war auf rätselhafte Weise verschwunden. Sie erkannte den König

als ihren Gemahl und dachte, dass er, nachdem er den glorreichen Tod des

Helden auf dem Schlachtfeld gestorben war, nun in den Himmel der Helden

aufgestiegen sei. Sie dachte: „Durch die Gnade von Sarasvatī habe ich physisch

diesen Ort erreicht. Ich gehöre wahrhaftig zu den gesegnetsten unter

den Menschen.“ Sie begann damit, dem Körper des Königs Luft zuzufächeln.

DIE ERSTE LĪLĀ fragte Sarasvatī: Was taten die Diener des Königs, als sie sie

erblickten?

Sarasvatī erwiderte: Der König, die Diener des königlichen Haushalts und

alle anderen sind nichts als unendliches Bewusstsein. Da das Substrat davon

jedoch die Reflektion des unendlichen Bewusstseins ist, welches wirklich ist,

und da es im Ablauf der Schöpfungen der Einbildungskraft einen ordnungsgemäßen,

durch Überzeugung begründeten Sinn gibt, können sie einander

erkennen. Der Gemahl sagt: „Sie ist meine Frau“, und die Frau sagt: „Er ist

mein Mann.“

Sie vermochte nicht in ihrem eigenen physischen Körper dieses neue Reich

zu betreten, weil Licht nicht mit der Finsternis koexistieren kann. Und so

lange in einem Menschen die blinde Vorstellung der Unwissenheit herrscht,

kann keine Weisheit entstehen. Sobald die Weisheit über den eigenen ätherisch-geistigen

Körper entsteht, wird der physische Körper nicht mehr als

real gesehen. Das ist die Gunst, die ich ihr gewährt habe. Der Empfänger der

Gunst denkt: „So wie du mich durch deine Gunst denken lässt, so bin ich.“ Sie

denkt daher, dass sie den Aufenthaltsort ihres Gemahls in ihrem physischen

Körper erreicht habe. Man kann in einem Seil eine Schlange sehen, aber das

Seil kann sich nicht wie eine Schlange verhalten.

SARASVATĪ sagte:

Nur derjenige, der den Hafen der Weisheit erreicht hat, oh Līlā, kann die

ätherisch-geistigen Reiche betreten; niemand sonst. Diese Līlā besitzt diese

Weisheit nicht, und daher bildet sie sich ein, dass sie die Stadt erreicht hat, in

der ihr Gemahl wohnte.

DIE ERLEUCHTETE LĪLù erwiderte:

Es sei so, wie du sagst, oh Göttin. Aber sage mir bitte: Wie erlangen die Objekte

ihre Eigenschaften, wie das Feuer die Hitze, das Eis die Kälte und die

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Erde die Festigkeit? Auf welche Weise erschien diese Weltordnung (niyati)

ursprünglich? Wie entstanden Geburt und Tod?

SARASVATĪ sagte:

Meine Teure, während der kosmischen Auflösung verblieb, nachdem das

gesamte Universum verschwunden war, nur das unendliche friedvolle Brahman.

Dieses unendliche Wesen der Natur des Bewusstseins fühlte dann „Ich

bin“ und „Ich bin ein Atom aus Licht“. So erfährt es die Wahrheit dieser Aussage

innerhalb von sich selbst. Es stellt sich auch innerhalb von sich selbst die

Existenz der verschiedenen Geschöpfe vor. Da seine Natur reines und absolutes

Bewusstsein ist, erscheint diese eingebildete Schöpfung als wirklich,

wobei die Objekte ihre verschiedenen Eigenschaften in Übereinstimmung mit

der Idee des unendlichen Bewusstseins erhielten.

Was, wo und wie auch immer etwas während dieser ersten Schöpfung vom

unendlichen Bewusstsein ersonnen oder ihm zu Gefallen erdacht wurde – all

das ist hier und jetzt auf dieselbe ursprüngliche Weise und mit denselben

Eigenschaften verblieben und erhalten. Auf diese Weise entstand hier eine

endgültige Ordnung.

Und diese Ordnung ist dem unendlichen Bewusstsein innewohnend. Alle

diese Objekte und deren Eigenschaften waren sogar während der kosmischen

Auflösung potentiell gegenwärtig – wohin hätten sie sich auflösen können?

Und darüber hinaus – wie kann etwas nichts werden? Gold, das als Schmuckstück

erscheint, kann nicht gänzlich formlos werden.

Obwohl alle Elemente dieser Schöpfung nichts als äußerste Leere sind, so

existieren doch sämtliche Elemente mit sämtlichen Eigenschaften innerhalb

dieser Ordnung bis heute weiter; genauso, wie sie anfangs ersonnen worden

sind. All dieses ist nur von einem relativen Gesichtspunkt aus wahr, denn das

Universum wurde niemals wirklich erschaffen. Das einzige, was immer ist, ist

das unendliche Bewusstsein und nichts anderes. Es gehört zur Natur der

Erscheinung, als real zu erscheinen, obwohl sie unreal ist.

So besteht die Ordnung (niyati) des Universums, und bis heute konnte

nichts an ihr geändert werden. Das unendliche Bewusstsein selbst hat alle

diese Elemente innerhalb seiner selbst erdacht und sie innerhalb seiner

selbst erfahren. Und diese Erfahrung hat sich dann scheinbar materialisiert.

SARASVATĪ fuhr fort:

In Übereinstimmung mit der Ordnung in der allerersten Schöpfung wurden

die menschlichen Wesen mit einer Lebenspanne von ein-, zwei-, drei- oder

vierhundert Jahren ausgestattet. Die Kürze oder Länge einer Lebensspanne

hängt von der Reinheit oder Unreinheit der folgenden Faktoren ab: Dem

Land, der Zeit, der Aktivität und den verwendeten und verbrauchten Materialien.

Wer die Vorschriften der Schriften befolgt, erfreut sich der von diesen

Schriften garantierten Lebensspanne. So lebt also die Person ein kürzeres

oder längeres Leben, bis sie an ihr Ende gelangt.

94


III:55

DIE ERLEUCHTETE LĪLù sagte: Oh Göttin, erleuchte mich bitte zur Frage

des Todes: Ist er angenehm oder unangenehm, und was geschieht nach dem

Tode?

SARASVATĪ sagte: Meine Teure, es gibt drei Arten menschlicher Wesen: Der

Tor, derjenige, der Konzentration und Meditation praktiziert, und der Yogi

(der Weise). Die beiden letzten Arten des menschlichen Lebewesens geben

den Körper mit Hilfe der Praxis des Yoga der Konzentration und Meditation

auf und scheiden nur durch ihren eigenen Willen und wann es ihnen gefällt,

ab. Der Tor jedoch, der keine Konzentration und Meditation praktiziert hat

und das Opfer der Kräfte außerhalb von ihm selbst ist, erfährt beim Nahen

des Todes große Qual. Er empfindet dann ein schreckliches Brennen in sich.

Sein Atmen wird mühsam und schwer. Sein Körper verfärbt sich. Er betritt

eine tiefe Finsternis und sieht den ganzen Tag lang die Sterne. Er wird benommen

und fühlt sich schwindlig. Sein Sehvermögen ist verwirrt: Er sieht

die Erde als Raum und den Himmel als feste Erde. Er erfährt alle möglichen

Arten von Wahnvorstellungen – dass er in einen Brunnen falle, in einem Stein

eingeschlossen sei, in einem ungeheuer schnellen Fahrzeug fahre, dass er wie

Schnee dahinschmelze, dass er mit einem Seil abgeschleppt werde, dass er

wie ein Grashalm davonfliege usw. Er möchte diese Leiden ausdrücken, vermag

es jedoch nicht. Nach und nach verlieren seine Sinne ihre Kräfte, und

schließlich vermag er nicht einmal mehr zu denken. Daher versinkt er

schließlich in Unwissenheit und Ahnungslosigkeit.

DIE ERLEUCHTETE LĪLù sagte: Wie kann es sein, dass er diese Agonie und

Unwissenheit erfährt, wenn doch alle stets mit den acht Gliedern ausgestattet

sind?

SARASVATĪ erwiderte:

So ist die Ordnung, die am Anfang der Schöpfung durch das unendliche Bewusstsein

errichtet worden ist. Wenn der Lebensatem nicht mehr frei fließt,

hört das Leben der Person auf. Jedoch ist all dies nur imaginär, eingebildet.

Wie kann unendliches Bewusstsein aufhören zu sein? Der Mensch ist selbst

nichts anderes als unendliches Bewusstsein. Wer stirbt also und wann, und

zu wem gehört dieses unendliche Bewusstsein, und wie? Sogar wenn Millionen

von Körpern sterben, existiert dieses Bewusstsein ohne jede Verminderung

weiter.

DIE ERLEUCHTETE LĪLù sagte:

Bitte fahre mit deinen Ausführungen zu Geburt und Tod fort. Indem ich ihnen

zuhöre, werde ich gewiss meine Weisheit vertiefen.

SARASVATĪ sagte:

Wenn der Lebensatem zu fließen aufgehört hat, wird das Bewusstsein des

Individuums völlig passiv. Bitte denke aber daran, oh Līlā, dass Bewusstsein

stets rein, ewiglich und unendlich ist – weder entsteht es, noch hört es auf zu

sein. Auf immer ist es anwesend in den bewegten und unbewegten Kreaturen,

im Himmel, auf den Bergen und in Feuer und Luft. Wenn der Lebensatem

95


aufhört, sagt man vom Körper, dass er „tot“ oder „leblos“ sei. Der Lebensatem

kehrt zu seiner Quelle – der Luft – zurück, und das Bewusstsein verbleibt,

befreit von Erinnerungen und Neigungen, als das Selbst.

Dieses atomische, ätherisch-geistige Partikel, welches von diesen Erinnerungen

und Neigungen besessen ist, wird als der jīva bezeichnet. Er verbleibt

dort, wo sich der tote Körper befindet. Und dies bezeichnet man als „preta“

(abgeschiedene Seele). Dieser jīva gibt nun alle seine Ideen und all das, was er

bis dahin gesehen und aufgenommen hat, auf und nimmt andere Dinge wahr,

ähnlich wie im nächtlichen Traum oder beim Tagträumen.

Nach einem kurzen Absinken des Bewusstseins beginnt der jīva sich dann

einzubilden, dass er einen anderen Körper, eine andere Welt und eine weitere

Lebensspanne vor sich hat.

Oh Līlā, es gibt sechs verschiedene Arten dieser „abgeschiedenen Seelen“,

nämlich böse, schlimme und schlimmste Sünder und gute, bessere und beste

Tugendhafte. Und diese sind natürlich wieder in Untergruppen einzuteilen.

(Im Falle des schlimmsten Sünders kann der Zeitraum des Absinkens des

Bewusstseins eine beträchtliche Zeit dauern.)

Die schweren Sünder erleiden schreckliche Qualen in der Hölle und werden

sodann als zahllose Lebewesen wiedergeboren, bevor sie endlich das Ende

ihrer Seelenangst sehen. Sie können auch als Bäume für eine sehr lange Zeit

existieren.

Die mittleren unter den Sündern erleiden ebenfalls für eine beträchtliche

Zeit ein Absinken des Bewusstseins und werden sodann als Würmer oder

andere Tiere wiedergeboren.

Die leichten Sünder werden schon bald als menschliche Wesen wiedergeboren.

Der Beste unter den Rechtschaffenen steigt in den Himmel auf und erfreut

sich dort seines Lebens. Später wird er dann in einer guten und wohlhabenden

Familie auf der Erde wiedergeboren.

Der Mittlere unter den Rechtschaffenen geht in die Regionen der Himmlischen

und kehrt als Kind von Brāhmaïen usw. auf die Erde zurück.

Sogar die Rechtschaffenen unter den Abgeschiedenen müssen, nachdem sie

die himmlischen Freuden genossen haben, die Reiche der Halbgötter durchschreiten,

um die Konsequenzen der Ungerechtigkeiten zu erleiden, die sie

vielleicht begangen haben.

SARASVATĪ fuhr fort:

Alle diese abgeschiedenen Seelen erfahren im eigenen Innern die Früchte

ihrer vergangenen Handlungen. Zuerst entsteht da die Idee von „Ich bin tot“,

und dann „Ich werde von den Boten des Todesgottes davongetragen“. Der

Rechtschaffene bildet sich dann ein, dass er in den Himmel kommt, während

der gewöhnliche Sünder sich einbildet, er stünde vor dem Gerichtshof Gottes,

wo er für sein vergangenes Leben mit der Unterstützung von Citragupta (der

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verborgenen Aufzeichnung aller Taten einer Person) geprüft und beurteilt

wird.

Was immer der jīva sieht, dass erfährt der jīva. Denn in diesem leeren Raum

des unendlichen Bewusstseins gibt es nichts, was als Zeit, Tätigkeit usw.

bekannt ist. Dann bildet sich der jīva ein: „Der Gott des Todes hat mich in den

Himmel (oder die Hölle) geschickt“, und „ich habe die Freuden (oder Leiden)

des Himmels (oder der Hölle) genossen (oder erlitten)“, und „Ich bin als Tier

usw. geboren, wie es der Todesgott mir bestimmt hat“.

In diesem Moment betritt der jīva den Körper des Mannes durch die Nahrung,

die dieser isst. Er wird dann in die Frau übertragen und in diese Welt

gebracht, wo er wiederum sein Leben in Übereinstimmung mit den Früchten

seiner vergangenen Taten lebt. Dort wächst und vergeht er wie der Mond.

Aufs Neue wird er dem Altern und dem Tod unterworfen. Dies wiederholt

sich wieder und wieder, bis der jīva durch die Selbsterkenntnis Erleuchtung

erfährt.

DIE ERLEUCHTETE LĪLù fragte:

Oh Göttin, teile mir bitte mit, wie all dieses ganz zu Anfang entstanden ist.

SARASVATĪ erwiderte:

Die Berge, die Wälder, die Erde und der Himmel – all dies ist nichts als unendliches

Bewusstsein. Nur dieses allein ist das wahre Wesen von allem.

Daher vermag das reine, unendliche Bewusstsein als jede beliebige Form zu

erscheinen, in der es sich zu manifestieren wünscht. Bis heute ist es so geblieben.

Sobald der Lebensatem in die Körper eintritt und in den verschiedenen

Teilen des Körpers zu vibrieren beginnt, wird gesagt, dass die Körper

leben. Solch lebende Körper existierten bereit zu Beginn der Schöpfung.

Wenn der Lebensatem, der in die Körper eingetreten ist, nicht vibriert, dann

sind diese Körper als Bäume oder Pflanzen bekannt. Es ist in der Tat nur ein

winziger Teil des unendlichen Bewusstseins, der zur Intelligenz in diesen

Körpern wird. Wenn diese Intelligenz in die Körper eintritt, lässt sie die verschiedenen

Organe wie zum Beispiel die Augen entstehen.

Wofür auch immer dieses Bewusstsein sich selbst durch Denken hält, dessen

Gestalt nimmt es an. Dieses Selbst von allem existiert daher in allen Körpern;

mit der Eigenschaft der Bewegtheit in den bewegten und mit der der

Unbewegtheit in den unbewegten Körpern.

Daher sind alle diese Körper bis heute das, was sie immer waren.

SARASVATĪ fuhr fort:

Wenn dann diese Intelligenz, die Teil des unendlichen Bewusstseins ist, sich

selbst für einen Baum hält, dann wird sie ein Baum; oder wenn sie sich für

einen Stein hält, wird sie zum Stein; oder wenn sie Gras sein will, wird sie zu

Gras. Da ist kein Unterschied zwischen dem Fühlenden und dem Nicht-

Fühlenden, zwischen dem Trägen und dem Geistigen. In der Essenz der Substanzen

existiert überhaupt keinerlei Unterschied, denn das unendliche Be-

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wusstsein ist überall und an jedem Ort gleichermaßen gegenwärtig. Die Unterschiede

entstehen nur, weil die Intelligenz sich selbst mit unterschiedlichen

Substanzen identifiziert. Dasselbe unendliche Bewusstsein wird in

diesen unterschiedlichen Substanzen unter verschiedenen Namen gekannt.

Dieses unendliche Bewusstsein wird von der Intelligenz als Würmer, Ameisen

und Vögel gesehen. In ihm gibt es weder einen Vergleich noch einen Sinn für

Unterschiede; ebenso wie Menschen, die am Nordpol leben, nichts von den

Menschen am Südpol wissen (und sich daher nicht mit diesen vergleichen).

Jede unabhängige Substanz, die als solche von dieser Intelligenz identifiziert

werden, existiert für sich selbst, ohne sich von andern zu unterscheiden.

Ihnen Unterschiede zuzuweisen wie „fühlend“ oder „nicht-fühlend“ ist so, wie

wenn ein Frosch, der in einem Stein, und ein Frosch, der außerhalb geboren

wurde, sich selbst als fühlend oder nicht-fühlend bezeichnen würden!

Die Intelligenz, die Teil des unendlichen Bewusstseins ist, befindet sich

überall und ist selbst zu Allem geworden. Indem sie etwas Bestimmtes zu

sein wünschte, wurde sie am Anfang der Schöpfung dazu und ist bis heute so

geblieben.

Sie dachte sich selbst als endlosen Raum, sie dachte sich selbst als bewegte

Luft, sie dachte sich selbst als das Nicht-Fühlende, sie dachte sich selbst als

die fühlenden Wesen. All dies sind nur Einbildungen dieser Intelligenz. Erscheinungen

dieser Art sind nicht die Wirklichkeit, obschon sie wirklich

scheinen.

Oh Līlā, ich glaube, dass König VidÆratha nun in das Herz im Körper von

König Padma einzutreten wünscht. Er bewegt sich gerade dorthin.

DIE ERLEUCHTETE LĪLù sagte:

Oh Göttin, lass uns in dieselbe Richtung gehen.

SARASVATĪ sagte:

VidÆratha stimmt sich nun auf das Ego-Prinzip (den Ich-Sinn) im Herzen

von Padma ein und stellt sich vor, dass er in eine andere Welt reist. Lass uns

dasselbe tun, aber auf unserem eigenen Weg, denn niemand kann den Weg

eines anderen betreten!

VASIåèHA fuhr fort:

In der Zwischenzeit verließ der Lebensatem von König VidÆratha dessen

Körper, wie die Vögel einen Baum verlassen, der zu fallen beginnt. Sein Geist

stieg in astraler Form in den Raum auf. Līlā und Sarasvatī sahen dies und

folgten ihm. Nach wenigen Augenblicken, als die Periode des Bewusstseinszustandes

nach dem Tode vorüber war, wurde diese astrale Form bewusst.

Und der König phantasierte nun, dass er die dichte Form sehen könne, die die

Verwandten für die Begräbnisriten zusammengesetzt hatten.

Mit dieser reiste er südwärts und kam zum Gott des Todes, der dem König

kundtat, dass er keine sündige Taten begangen habe, weshalb er seinen Boten

III:56

98


efahl, den König unverzüglich in seinen eigenen früheren Körper (den des

Padma) eingehen zu lassen, der einbalsamiert dalag.

Sofort durchquerte der jīva des VidÆratha das Universum, in dem Padma’s

Körper lag, und gelangte zum Palast. Ganz offenbar war VidÆratha mit dem

Körper Padma’s durch den Ich-Sinn verbunden; so wie ein Mann, der in ferne

Länder reist, immer noch an den Ort gebunden ist, an dem er seinen Schatz

vergraben hat!

RùMA fragte:

Oh heiliger Herr, wenn die Verwandten eines Verstorbenen die Begräbnisriten

nicht ordnungsgemäß ausgeführt haben, wie kann dann jemand die astrale

(ätherische) Form annehmen?

VASIåèHA antwortete:

Ob die Begräbnisriten nun ordnungsgemäß ausgeführt wurden oder nicht –

sobald der Abgeschiedene davon überzeugt ist, dass sie ausgeführt wurden,

erlangt er den Vorteil der astralen Gestalt. Es ist dies die altbekannte Wahrheit:

Was immer das eigene Bewusstsein in einem Moment ist – das ist, was

man ist. Dinge (Objekte oder Substanzen) gelangen ins Sein aufgrund der

eigenen Einbildung (Gedanke oder Idee), und an den Dingen entzünden sich

dann neue Einbildungen. Gift verwandelt sich durch die eigene Einbildungskraft

(oder den festen Glauben) in Nektar. Auf dieselbe Weise wird ein unwirkliches

Objekt oder eine Substanz wirklich, wenn der entsprechende

intensive Glaube da ist. Ohne eine Ursache wird nirgendwo und zu keiner Zeit

eine Wirkung produziert, und deshalb gibt es weder Einbildungen noch Gedanken.

Folglich ist außer dem einen ursachelosen, unendlichen Bewusstsein

niemals irgendetwas entstanden oder erschaffen worden. Bleibe dieser

Wahrheit auf immer gegenwärtig.

Wenn die Begräbnisriten von den Verwandten mit dem rechten Glauben

ausgeführt worden sind, dann hilft dies dem Geist der abgeschiedenen Seele;

es sei denn, diese Seele ist ausgesprochen verwerflich gewesen.

Kehren wir nun in den Palast von König Padma zurück. Wie schon gesagt,

kamen Līlā und Sarasvatī wieder in den herrlichen Palast und in den Raum, in

dem der einbalsamierte Leichnam von König Padma aufgebahrt lag. Alle

königlichen Diener schliefen fest.

VASIåèHA fuhr fort:

Dort sahen sie neben König Padma die zweite Līlā, wie sie hingebungsvoll

den Körper des Königs fächelte. Die erste Līlā und Sarasvatī konnten sie sehen,

aber jene sah sie nicht.

RùMA fragte:

Es wurde davon gesprochen, dass die erste Līlā zeitweise ihren Körper in

der Nähe des Königs verlassen und mit Sarasvatī in einem ätherischen Körper

gereist sein, aber nun wird der Körper der ersten Līlā überhaupt nicht mehr

erwähnt.

III:57

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III:58

VASIåèHA erwiderte:

Als die erste Līlā erleuchtet wurde, gab die egoistische Einbildung ihres

ätherischen, wahren Wesens ihre Verbindung mit der groben, physischen

Form auf, die dann wie Schnee hinwegschmolz. Tatsächlich war es Līlā's aus

Unwissenheit geborene Einbildung, die die Dinge so erscheinen ließ, als hätte

sie einen physischen Körper. Es war so, wie wenn jemand träumt: „Ich bin ein

Hirsch“. Wenn er dann aufwacht und den Hirsch nicht mehr vorfindet – würde

er sich dann etwa auf die Suche nach ihm machen? Im Gemüt des Irregeführten

manifestiert sich das Unwirkliche selbst. Wenn diese Täuschung dann

zerstreut wird (wie nach der Erkenntnis, dass da ein Seil und keine Schlange

ist), dann gibt es auch nicht länger die unwissende Einbildung. Diese eingebildete

Gewissheit, dass das Unwirkliche wirklich sei, ist durch wiederholtes

Daran-Glauben tief eingewurzelt worden.

Auch ohne ihn zuvor zerstören zu müssen, kann man von einem ätherischen

Körper zum nächsten gehen; so wie man in einem Traum eine Form

nach der anderen annehmen kann, ohne die vorherige aufzugeben. Der Körper

des Yogi ist wahrhaft unsichtbar und ätherisch, obwohl er in den Augen

des unwissenden Zuschauers sichtbar zu sein scheint. Und es ist dieser durch

seine eigene Unwissenheit getäuschte Zuschauer, der denkt und sagt: „Dieser

Yogi ist nun tot.“ Denn wo ist der Körper – was existiert, und was stirbt? Was

ist, das ist; es ist nur die Illusion, die verschwindet!

RùMA fragte: Heiliger Herr, wird der physische Körper eines Yogis denn zu

einem ätherischen Körper?

VASIåèHA erwiderte:

Wie viele Male habe ich es dir schon erklärt, oh Rāma, aber noch hast du es

nicht erfasst. Es existiert immer nur der ätherische Körper, der jedoch aufgrund

von Einbildung mit dem physischen Körper verbunden zu sein scheint.

So wie ein unwissender Mensch (sich selbst für den physischen Körper haltend)

nach dem Tode und der Verbrennung des Körpers einen subtilen Körper

hat, so verfügt auch der Yogi zu Lebzeiten über einen ätherischen Körper,

wenn er erleuchtet ist.

Der physische Körper ist nur die Schöpfung der eigenen Einbildungskraft –

er ist nicht wirklich. Es gibt keinen Unterschied zwischen dem Körper und

der Unwissenheit. Zu glauben, sie seien zwei, ist saæsāra (der Lebenszyklus).

VASIåèHA fuhr fort:

In der Zwischenzeit hatte Sarasvatī VidÆratha's jīva davon abgehalten, in

den Körper des Königs Padma einzutreten.

DIE ERLEUCHTETE LĪLù fragte Sarasvatī:

Oh Göttin – wieviel Zeit ist denn bis jetzt vergangen, seit ich hier in Kontemplation

saß?

SARASVATĪ erwiderte:

100


Du Teure, seit du angefangen hast zu meditieren, ist ein Monat vergangen.

Im Verlauf der ersten fünfzehn Tage ist dein Körper aufgrund der vom

prāïāyāma erzeugten Hitze verdampft. Dann wurde er wie ein trockenes

Blatt und fiel zu Boden. Dann wurde er steif und kalt. Die Minister dachten,

du seiest aus freiem Willen gestorben und verbrannten diesen Körper. Aufgrund

deines eigenen Wunsches erscheinst du nun hier in deinem ätherischen

Körper. In dir sind jetzt weder Erinnerungen an vergangene Leben

noch Neigungen vorhanden, die aus früheren Inkarnationen stammen. Denn

wenn der Geist einmal in der Gewissheit seiner ätherischen Natur verankert

ist, wird der Körper vergessen, so wie man in der Jugend sein Leben als Fötus

vergisst. Heute ist der einunddreißigste Tag, und du bist nun hier. Komm, wir

wollen uns dieser anderen Līlā zu erkennen geben.

Als die zweite Līlā sie vor sich sah, fiel sie auf ihre Knie und betete sie an.

SARASVATĪ fragte sie: Sage uns, wie du hierher gekommen bist.

DIE ZWEITE LĪLù antwortete:

Als ich im Palast von VidÆratha ohnmächtig wurde, wusste ich eine Zeitlang

überhaupt nichts mehr. Dann sah ich, wie mein subtiler Körper in den Himmel

stieg und in einem Luftfahrzeug Platz nahm, das mich hierher brachte.

Und dann sah ich, wie VidÆratha hier in einem Garten voller Blumen schlafend

lag. Ich glaubte, dass er von der Schlacht ermüdet sei und begann ihm

zuzufächeln, ohne ihn aufzuwecken. Sarasvatī ließ nun VidÆratha's jīva unverzüglich

den Körper betreten. Der König erwachte sofort wie aus einem

Schlummer. Beide Līlā‘s verbeugten sich vor ihm. Der König fragte sodann die

erleuchtete Līlā: „Wer bist du und wer ist sie? Und von woher ist sie gekommen?“

Die erleuchtete Līlā erwiderte: „Herr, ich bin deine Gemahlin aus deiner

früheren Inkarnation und deine ständige Begleiterin, so wie das Wort und

seine Bedeutung stets beieinander sind. Diese Līlā ist deine andere Frau; sie

ist meine eigene Reflektion, die von mir zu deiner Freude erschaffen worden

ist. Und jene, die dort drüben auf einem goldenen Thron sitzt, ist die Göttin

Sarasvatī selbst. Sie befindet sich hier dank unserem guten, glücklichen Geschick.“

Als er dies hörte, setzte sich der König auf und begrüßte Sarasvatī. Sarasvatī

segnete ihn mit langen Leben, Wohlstand usw. und mit der Erleuchtung.

VASIåèHA fuhr fort:

Nachdem sie dem König den erbetenen Segen gewährt hatte, verschwand

Sarasvatī an Ort und Stelle. Der König und die Königin umarmten einander

voll Liebe. Die königlichen Diener, die beim Körper des Königs Wache hielten,

erwachten und jubelten, dass der König wieder ins Leben getreten war.

Der ganze Staat war in Feststimmung. Noch lange Zeit danach erzählten die

Menschen aus nah und fern die Geschichte, wie die Königin Līlā aus der anderen

Welt zurück kam, um dem König als Geschenk eine andere Līlā zu geben.

III:59, 60

101


Der König vernahm von der erleuchteten Līlā die Geschichte, die sich während

des vergangenen Monats abgespielt hatte. Er fuhr fort zu regieren und

erfreute sich durch die Gnade Sarasvatī’s der Segnungen der drei Welten, die

er ohne Zweifel durch seine Eigenbemühungen erlangt hatte.

Dies ist die Geschichte von Līlā, oh Rāma, die ich dir hiermit in allen Einzelheiten

berichtet habe. Die Kontemplation dieser Geschichte wird dein Gemüt

vom geringsten Glauben an die Wirklichkeit des Wahrgenommenen befreien.

Wahrhaftig – wenn doch nur das, was wahr ist (was existiert), beseitigt werden

kann – wie könnte dann das Unwirkliche beseitigt werden? Es gibt nichts

zu beseitigen, denn all dieses (die Erde usw.), was vor deinen Augen erschienen

ist, ist nichts als das unendliche Bewusstsein. Und falls irgendetwas erschaffen

worden sein sollte, dann geschah es durch dieses Bewusstsein und

innerhalb davon. Alles ist so, wie es ist – nichts wurde jemals erschaffen. Du

magst sagen, dass alles, was erscheint, die Schöpfung von Māyā sei, aber nicht

einmal Māyā selbst ist wirklich!

RùMA sagte:

Hoher Herr, was für eine großartige Vision der letzten Wahrheit hast du mir

verschafft! Aber, oh Heiliger, es gibt noch einen unstillbaren Hunger in mir

nach dem Nektar deiner erleuchtenden Worte. Bitte, erkläre mir das Mysterium

der Zeit, denn in der Geschichte von Līlā gibt es manchmal eine ganze

Lebensspanne, die in acht Tagen und dann wiederum in einem Monat durchlebt

wird. Ich bin verwirrt. Sind dies verschiedene Zeitmaße in verschiedenen

Universen?

VASIåèHA erwiderte:

Oh Rāma, was auch immer man innerhalb seines eigenen Geistes denkt,

wird von einem selbst erfahren. Sogar Nektar wird von demjenigen als Gift

erfahren, der glaubt, es sei Gift. Freunde werden zu Feinden, und Feinde werden

zu Freunden – ganz nach der inneren Einstellung. Das Objekt wird stets

genau entsprechend den eigenen inneren Gefühlen erfahren. Für die leidende

Person ist eine Nacht wie eine Ewigkeit, und eine Festnacht verfliegt wie ein

Augenblick. Im Traum ist ein Moment nicht verschieden von einer Epoche.

Für Brahmā ist die Lebensspanne eines Manu wie anderthalb Stunden, und

Brahmā's Lebensspanne ist ein Tag für Vi«ïu. Vi«ïu's Lebensspanne wiederum

ist ein Tag für Śiva. Aber für den Weisen, dessen Bewusstsein die Begrenzungen

überwunden hat, gibt es weder Tag noch Nacht.

VASIåèHA fuhr fort:

Der Yogi weiß, dass es das eigene Denken ist, welches Süßes in Bitteres und

Bitteres in Süßes, Freunde in Feinde und Feinde in Freunde verwandelt. Auf

dieselbe Weise kann man durch den Wandel des Gesichtspunkts und durch

beharrliche Praxis Geschmack am Studium der Schriften, an Japa usw. entwickeln,

auch wenn man zuvor keinerlei Interesse dafür gezeigt hat. Denn alle

diese Qualitäten befinden sich nicht in den Objekten, sondern allein im eigenen

Denken. Für den seekranken Mann dreht sich die Welt. Und so ähnlich

102


III:61

denkt der Unwissende, dass sich diese Qualitäten in den Objekten befinden.

Der Betrunkene sieht an einer freien Stelle eine Mauer, und ein nichtexistenter

Kobold tötet die verblendete Person.

Diese Welt ist nichts als die Vibration von Bewusstsein im unendlichen

Raum. Sie existiert so, wie auch der Kobold in den Augen des Unwissenden zu

existieren scheint. Alles dies ist nichts als Māyā – denn es gibt keinerlei Widerspruch

zwischen dem unendlichen Bewusstsein und der scheinbaren

Existenz des Universums. Es ist wie der wunderbare Traum einer wachenden

Person.

Oh Rāma, im Herbst werfen die Bäume ihre Blätter ab; im Frühling lässt

derselbe Baum neue Blätter sprießen, die gewiss schon zuvor im Baum vorhanden

waren. Auf dieselbe Weise existiert diese Schöpfung die ganze Zeit

über im absoluten Bewusstsein. Sie wird nicht als solche gesehen, wie auch

die Flüssigkeit, welche im Gold existiert, nicht immer offensichtlich ist. Wenn

der Schöpfer einer Epoche die Befreiung erlangt und der Schöpfer der nächsten

Epoche das neue Universum aus seiner Erinnerung heraus projiziert,

dann ist auch diese Erinnerung nichts anderes als unendliches Bewusstsein.

RùMA fragte:

Hoher Herr, wie kommt es, dass der König und auch die Untertanen dieselben

objektiven Tatsachen erfuhren?

VASIåèHA erwiderte:

Es liegt daran, dass die Intelligenz all dieser jīvas stets auf dem einen, unendlichen

Bewusstsein gründet, oh Rāma. Auch die Untertanen dachten, dass

dieser ihr König sei. Die Gedankenwellen im unendlichen Bewusstsein sind

diesem natürlich und innewohnend – sie wurden durch nichts Bestimmtes

hervorgerufen. So wie ein Diamant auf natürliche Weise funkelt, so denkt die

Intelligenz des Königs „Ich bin König VidÆratha“. Ebenso ist es mit allen Wesen

im Universum. Sobald jemandes Intelligenz in der Wahrheit über das

unendliche Bewusstsein verankert ist, erreicht er den höchsten Zustand der

Befreiung. Abhängig ist dies von der Stärke der Eigenbemühung. Der Mensch

wird in zwei verschiedene Richtungen gezogen – hin zur Verwirklichung von

Brahman dem Absoluten, und hin zum falschen Glauben an die Wirklichkeit

der Welt. Wofür einer mit all seinen Kräften kämpft – das erreicht er! Sobald

einer die Unwissenheit überwunden hat, verschwindet die irreführende

Sichtweise des Unwirklichen für immer.

RùMA fragte:

Heiliger Herr, bitte kläre mich in Kürze ein weiteres Mal auf: Wie entstand

ganz am Anfang, ohne jede Ursache, die täuschende Wahrnehmung von „Ich“

und „die Welt“?

VASIåèHA erwiderte:

So wie allen Dingen gleichermaßen die Intelligenz innewohnt, so existiert

alle Zeit hindurch überall nur das Ungeschaffene, das Selbst von allem. Zwar

103


verwenden wir den Ausdruck „alle Dinge“, jedoch ist dies nur eine Redensart,

denn es existiert stets nur das unendliche Bewusstsein bzw. Brahman. So wie

es keinen Unterschied zwischen einem Schmuckstück und Gold oder zwischen

Wellen und Wasser gibt, so gibt es keinen Unterschied zwischen dem

Universum und dem unendlichen Bewusstsein. Das letztere allein ist das

eigentliche Universum, während das Universum als solches nicht das unendliche

Bewusstsein ist; ebenso wie das Schmuckstück aus Gold gemacht ist,

aber das Gold nicht aus einem Schmuckstück. So wie wir uns auf einen Menschen

und dessen Gliedmaßen als auf ein und denselben Menschen beziehen,

so beziehen wir uns auch auf die Gegenwart des unendlichen Bewusstseins

als alle diese Wesen, worin in keiner Weise ein Unterschied impliziert ist.

In diesem unendlichen Bewusstsein gibt es eine innewohnende Nicht-

Anerkennung seiner unendlichen Natur. Diese manifestiert sich dann scheinbar

als „Ich“ und „die Welt“. So wie das fertige Bildnis im Marmorblock existiert,

auch wenn es noch nicht herausgehauen worden ist, so existiert auch

diese Idee von „Ich“ and „die Welt“ im unendlichen Bewusstsein. So wie in

einem stillen Meer die Wellen in ihrem potentiellen Zustand bereits existieren,

so existiert die Welt in ihrem potentiellen Zustand im unendlichen Bewusstsein

– eben dies wird als Schöpfung bezeichnet. Eine andere Bedeutung

hat das Wort „Schöpfung“ nicht. Im Höchsten Sein oder im unendlichen Bewusstsein

findet keinerlei Schöpfung statt – das unendliche Bewusstsein ist

in keiner Weise an der Schöpfung beteiligt. Sie stehen in keiner separaten

Beziehung zueinander.

Dieses unendliche Bewusstsein betrachtet sozusagen seinen eigenen Geist

innerhalb seines eigenen Herzens, obgleich es nicht verschieden von ihm ist,

wie auch der Wind nicht verschieden ist von seiner eigenen Bewegtheit. Im

selben Moment, in dem sich eine unwirkliche Teilung ergibt, taucht im Bewusstsein

die Vorstellung von Raum auf, und dank der Macht des Bewusstseins

wird dies zum Element Raum oder Äther. Später glaubt dieses daran,

Luft und dann Feuer zu sein. Aus dieser Idee heraus erscheinen dann Feuer

und Licht. Es entwickelt ferner die Vorstellung von Wasser mit der Eigenschaft

des Geschmacks, und wiederum hält es sich dann selbst für die Erde,

mit den Eigenschaften des Geruchs und der Festigkeit. So scheinen dann zum

Schluss Erde und Wasser sich von selbst manifestiert zu haben.

VASIåèHA fuhr fort:

Zur selben Zeit unterhält dasselbe unendliche Bewusstsein in sich selbst die

Vorstellung einer Zeiteinheit von einem Millionstel eines Augenblinzelns.

Daraus entwickelte sich die gesamte Zeitskala bis hinauf zur Epoche, die aus

mehreren Umwälzungen der vier Zeitalter besteht, was dann die Lebensspanne

einer kosmischen Schöpfung ergibt. Das unendliche Bewusstsein

selbst ist an all dem nicht beteiligt, denn es ist frei von Aufgang und Niedergang

(wie dies wesentlich für sämtliche Zeitskalen ist), und es ist frei von

Anfang, Mitte und Ende.

104


III:62, 63

Dieses unendliche Bewusstsein ist die alleinige Wirklichkeit – immer erwacht

und erleuchtet. Ebenso steht es mit der Schöpfung. Dieses unendliche

Bewusstsein ist die unerleuchtete Erscheinung dieser Schöpfung. Sogar nach

dieser Schöpfung ist es stets dasselbe. Es ist auf ewig dasselbe. Wenn einer im

Selbst und durch das Selbst realisiert, dass dieses Bewusstsein das absolute

Brahman ist, dann erfährt er es als alles – so wie die eine Lebenskraft alle

seine Glieder durchdringt.

Man kann sagen, dass diese Welterscheinung nur insofern wirklich ist, als

sie die Manifestation des Bewusstseins und eine direkte Erfahrung ist, und

dass sie unwirklich ist, wenn sie mit dem Verstand und den Sinnesorganen

erfasst wird. Wind wird in seiner Bewegtheit als wirklich erfahren und erscheint

als inexistent, wenn es keine Bewegung gibt. Auf diese Weise kann

diese Welterscheinung als wirklich und unwirklich betrachtet werden. Diese

einer Luftspiegelung ähnliche Erscheinung der drei Welten existiert als nicht

verschieden vom absoluten Brahman.

Die Schöpfung existiert in Brahman so, wie der Keimling im Samen ist, Flüssigkeit

im Wasser, Süße in der Milch und Schärfe im Pfeffer. In der Unwissenheit

jedoch erscheint sie als verschieden und unabhängig von Brahman. Es

gibt keine andere Ursache für die Existenz der Welt als die einer reinen Reflektion

im absoluten Brahman. Sobald es eine Vorstellung der Schöpfung gibt,

scheint diese auch zu sein. Wenn es dagegen durch Eigenbemühung ein Verstehen

ihrer Nicht-Entstehung gibt, dann gibt es auch keine Welt mehr.

Nichts wurde jemals irgendwo und irgendwann erschaffen, und nichts gelangt

daher jemals an ein Ende. Das absolute Brahman ist alles – höchster

Friede, ungeboren, reines Bewusstsein und ewig. In jedem Atom entstehen

Welten innerhalb von Welten. Was ist deren Ursache, und wie entstehen sie?!

Wenn man sich von den Ideen des „Ich“ und der „Welt“ abwendet, dann ist

man befreit, denn die Vorstellung von „Ich bin dies“ ist die die einzige Bindung

hier. Diejenigen, die dieses unendliche Bewusstsein als das namenlose,

formlose Substrat des Univerums erkennen, erlangen den Sieg über saæsāra

(den Lebenszklus).

RùMA fragte:

Es ist offensichtlich, dass Brahman allein existiert, oh heiliger Weiser! Aber

aus welchem Grunde existieren dann alle diese Weisen und Heiligen in dieser

Welt, als wären sie von Gott gesandt, und was überhaupt ist „Gott“?

VASIåèHA erwiderte:

Es existiert da, oh Rāma, die Macht oder Energie des unendlichen Bewusstseins,

welche alle Zeit in Bewegung ist. Diese allein ist die Wirklichkeit all

dieser unvermeidlichen zukünftigen Ereignisse, denn sie durchdringt alle

Epochen der Zeit. Durch diese Macht wird die Natur aller Objekte im Universum

bestimmt. Diese Macht (cit śakti) ist auch als Mahāsattā (die große Existenz),

Mahāciti (der große Geist), Mahāśakti (die große Macht), Mahād­«Âi

(die große Sicht), Mahākriyā (das große Tun), Mahodbhavā (das große Wer-

105


III:64, 65

den) und Mahāspandā (die große Vibration) bekannt. Es ist diese Macht, die

jedem Ding seine eigentümlichen Qualitäten verleiht. Jedoch ist diese Macht

nicht verschieden von oder unabhängig vom absoluten Brahman – sie ist so

wirklich wie ein verrückter Traum. Die Weisen machen eine verbale Unterscheidung

zwischen Brahman und dieser Macht und erklären, dass die Schöpfung

das Werk dieser Macht sei.

Die Unterscheidung bleibt jedoch rein verbal, so wie jemand vom Körper

(als Ganzes) und seinen Teilen spricht. Das unendliche Bewusstsein wird

seiner eigenen Macht bewusst, so wie jemand der Glieder seines Körpers

bewusst wird. Dieses Gewahrsein wird niyati (die Macht des Absoluten, die

der Natur gebietet) genannt. Es wird auch als daiva bzw. göttliche Fügung

bezeichnet.

Niyati hat dafür gesorgt, dass du mir diese Fragen stellst, und es ist ebenfalls

niyati, dass du entsprechend meiner Unterweisung tätig werden solltest.

Und wenn jemand sagt: „Das Göttliche wird mich ernähren“, und untätig

bleibt, dann ist dies ebenfalls das Werk von niyati. Dieses niyati kann nicht

einmal von Göttern wie Rudra übergangen werden. Weise Menschen jedoch

sollten deswegen nie die Eigenbemühung aufgeben, weil niyati nur als und

durch die Eigenbemühung funktioniert. Dieses niyati verfügt über zwei Aspekte,

nämlich menschliche und übermenschliche, wobei der erstere dort

gesehen wird, wo die Eigenbemühung Früchte trägt, und der zweite dort, wo

dies nicht der Fall ist.

Wenn jemand untätig bleibt und sich darauf verlässt, dass niyati alles für

ihn erledigt, dann wird er bald feststellen, dass das Leben schwindet, denn

Leben ist Aktivität. Er kann durch Eintritt in den höchsten überbewussten

Zustand den Atem anhalten und die Befreiung erlangen – aber eben das ist in

der Tat die allergrößte Eigenbemühung!

Allein das unendliche Bewusstsein erscheint als ein Ding an einem Ort und

als ein anderes an einem anderen Ort. Da ist keinerlei Trennung zwischen

diesem Bewusstsein und seiner Macht, wie es auch keine Trennung zwischen

Welle und Wasser, Glieder und Körper gibt. Solche Trennungen werden nur

von den Unwissenden erfahren.

RùMA fragte:

Wenn also das unendliche Bewusstsein und seine eingeborene Kraft der

Bewegung die einzige Wirklichkeit sind, wie erwirbt dann der jīva seine

scheinbare Wirklichkeit in dieser Einheit, die ohne ein Zweites ist?

VASIåèHA erwiderte:

Es ist nur im Gemüt des Unwissenden, dass dieser schreckliche Kobold namens

jīva als reflektierte Realität oder Erscheinungsform auftaucht. Niemand,

nicht einmal die Weisen selbst vermögen zu sagen, was dieses ist, denn es ist

ohne irgendwelche Anzeichen einer eigenen Natur.

Im Spiegel des unendlichen Bewusstseins werden zahllose Reflektionen

gesehen, die die Erscheinung der Welt bilden. Dies sind die jīvas. Der jīva ist

106


wie eine kleine Wellenbewegung auf der Oberfläche des Ozeans von Brahman

oder wie ein kleines Zittern der Kerzenflamme in einem windgeschützten

Raum zu verstehen. Sobald aufgrund dieser leichten Erregung die Unendlichkeit

des unendlichen Bewusstseins verschleiert wird, scheint eine Begrenzung

des Bewusstseins aufzutauchen. Auch diese wohnt diesem unendlichen

Bewusstsein inne. Und dieses begrenzte Bewusstsein ist als jīva bekannt.

So wie der Funke einer Flamme mit einer brennbaren Substanz in Kontakt

kommt und sich dann zu einer unabhängigen Flamme entzündet, so verdichtet

sich diese Begrenzung des Bewusstseins, sobald sie von den latenten

Tendenzen und Erinnerungen gespeist wird, zu dem Ich-Sinn. Dieser Ich-Sinn

ist keine feste Realität, aber der jīva betrachtet ihn als real – so wie man die

Bläue des Himmels als real betrachtet. Sobald der Ich-Sinn seine eigenen

Vorstellungen zu unterhalten beginnt, entstehen dadurch die Gedankenwellen,

das Konzept eines selbstständigen und getrennten jīva, das Gemüt, Māyā

oder die kosmische Illusion, die kosmische Natur usw.

Die Intelligenz, die alle diese Vorstellungen unterhält, beschwört dann die

natürlichen Elemente (Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum) herauf. Mit diesen

verknüpft wird dann dieselbe Intelligenz zu einem Funken aus Licht, obwohl

sie in Wahrheit das kosmische Licht ist. Schließlich verdichtet sie sich in

zahllose Formen; irgendwo wird sie zu einem Baum usw., anderswo zu einem

Vogel, wieder woanders zu einem Kobold usw., und wieder anderswo zu

Halbgöttern usw. Die allererste dieser Modifikationen wird zum Schöpfer

Brahmā und erzeugt durch Gedanke und Wille weitere. Somit ist diese Vibration

im Bewusstsein allein der jīva, karma und Gott, und dann folgt der ganze

Rest.

Die Schöpfung (des Gemüts) ist nichts als eine Erregung im Bewusstsein,

und die Welt existiert imGemüt! Sie scheint zu existieren aufgrund einer

mangelhaften Sichtweise, eines mangelhaften Verstehens. Sie ist wirklich

nicht mehr als ein langer Traum. Wird dies einmal verstanden, dann hört alle

Dualität auf, und Brahman, jīva, Gemüt, Māyā, Täter, Tätigkeit und Welt werden

als Synonyme für das eine, nicht-duale, unendliche Bewusstsein gesehen.

VASIåèHA fuhr fort:

Das Eine wurde nie zur Vielfalt, oh Rāma. Wenn viele Kerzen aneinander

angezündet werden, dann brennt dieselbe Flamme in allen Kerzen, und so

erscheint auch dieses eine Brahman als viele. Wer über die Unwirklichkeit

dieser Vielfalt kontempliert – der ist frei vom Kummer.

Der Jīva ist nichts anderes als eine Begrenzung des Bewusstseins. Sobald

diese Begrenztheit verschwunden ist, kommt der Friede; so wie für jemanden,

der Schuhe trägt, die ganze Welt mit Leder gepflastert zu sein scheint.

Was ist denn diese Welt? Nichts als eine Erscheinung; so wie eine Bananenpflanze

nur aus Blättern besteht. So wie der Alkohol einen dazu bringen kann,

im leeren Himmel alle Arten von Wahnbildern zu erblicken, so bringt das

Gemüt jemanden dazu, Vielfalt in der Einheitzu sehen. So wie ein Trunken-

III:66, 67

107


old die Bäume laufen sieht, so nimmt der Unwissende in dieser Welt Bewegung

wahr.

Wenn das Gemüt Dualität wahrnimmt, dann sind da gleichzeitig die Dualität

und ihr Gegenstück, die Einheit. Wenn das Gemüt die Wahrnehmung der

Dualität fallen lässt, dann gibt es weder Dualität noch Einheit. Wenn jemand

fest in der Identität des unendlichen Bewusstseins verankert ist, ob er nun

untätig oder intensiv tätig ist, dann ist er im Frieden mit sich selbst. Wenn er

auf diese Weise im höchsten Zustand gegründet ist, so wird dies auch als der

Zustand des Nicht-Selbst oder der Zustand der Erkenntnis der Nicht-heit

oderLeere bezeichnet.

Aufgrund der Erregung des Gemüts sieht es so aus, als würde das Bewusstsein

zum Objekt der Erkenntnis werden! Daraufhin entstehen im Gemüt

allerlei falsche Vorstellungen wie „Ich wurde geboren“ usw. Dieses Wissen ist

nicht verschieden vom Gemüt. Daher wird es als Unwissenheit oder Täuschung

bezeichnet.

Es gibt kein anderes Mittel, um sich von saæsāra oder der Welterscheinung

zu befreien als die Weisheit oder Selbsterkenntnis. Nur Erkenntnis allein ist

das Heilmittel für die falsche Wahrnehmung einer Schlange in einem Seil.

Sobald es dieses Wissen gibt, hört das Verlangen des Gemüts nach Sinnesvergnügen,

welches die Unwissenheit vertieft, auf. Daher: Wenn du solche Begierden

empfindest, dann befriedige sie einfach nicht! Worin besteht hier die

Schwierigkeit?

Solange das Gemüt Vorstellungen von Objekten unterhält, gibt es Erregung

und Bewegung im Gemüt. Haben dagegen die Objekte oder Ideen aufgehört,

dann gibt es weder Bewegung noch Gedanken im Gemüt. Sobald es da eine

Bewegung gibt, erscheint die Welt als real; hat die Bewegung aufgehört, dann

hört auch diese Welterscheinung auf. Die Bewegung der Gedanken selbst

wird jīva, Ursache und Handlung genannt. Sie ist der keimende Same der

Welterscheinung. Anschließend erfolgt die Schaffung des Körpers.

VASIåèHA fuhr fort:

Diese Bewegung der Gedanken entsteht aufgrund verschiedenster Ursachen.

Der eine wird davon in dieser Lebensspanne befreit, und ein anderer

nach Tausenden von Geburten. Sobald es diese Bewegung der Gedanken gibt,

kann man die Wahrheit nicht sehen – dann entsteht dieses Gefühl von „Ich

bin“, „Dies ist mein“ usw.

Die Welterscheinung ist der Wachzustand des Bewusstseins, der Ich-Sinn

ist der Traumzustand, die (potentiellen) Gedankenwellen sind der Zustand

des Tiefschlafs, und reines Bewusstsein ist der vierte Zustand oder die unbestrittene

Wahrheit. Jenseits dieses vierten Zustandes ist die absolute Reinheit

des Bewusstseins. Wer hier verankert ist, ist jenseits des Kummers.

Man sagt, dass die Welterscheinung als Ursache das absolute Brahman habe;

auf dieselbe Weise, wie der Himmel (Raum) die Ursache für das Wachstum

eines Baumes ist (der Himmel behindert sein Wachstum nicht und somit

108


fördert oder verursacht er es). Die Wahrheit ist jedoch, dass Brahman weder

ein aktiver noch kausaler Faktor ist – enthüllt wird dies durch die Erforschung.

So wie jemand in der festen Erde gräbt und nichts als leeren Raum

findet, je weiter er gräbt, so wird einer, der erforscht, die Wahrheit entdecken,

dass all dies nichts anderes als das unendliche Bewusstsein ist.

RùMA fragte: Bitte sage mir, wie es kommt, dass diese Schöpfung so sehr

ausgebreitet vor uns liegt?

VASIåèHA fuhr fort:

Die Vibration im unendlichen Bewusstsein ist nicht verschieden vom Bewusstsein

selbst. Von dieser Vibration wird der jīva manifest, und auf dieselbe

Weise geschieht es ausgehend vom jīva, dass das Gemüt manifest wird,

weil der jīva denkt. Das Gemüt selbst unterhält die Vorstellungder fünf Elemente

und transformiert sich dann selbst in diese Elemente hinein. Woran

auch immer das Gemüt denkt – dies allein sieht es dann. Nach all diesem

erwirbt der jīva die Sinnesorgane – die Zunge, die Augen, die Nase, den Berührungssinn

usw. Hier gibt es keinerlei kausale Verbindung zwischen dem

Gemüt und den Sinnen, aber eine Koinzidenz zwischen dem Gedanken und

der Manifestation der Sinnesorgane – so wie eine Krähe auf einem Palmbaum

sitzt und zufällig eine Frucht herunterfällt, und es nun so aussieht, als hätte

die Krähe die Frucht gelöst! Auf diese Weise tritt der erste kosmische jīva ins

Sein.

RùMA fragte: Heiliger Herr, wenn die Unwissenheit in Wahrheit als solche

nicht existiert, weshalb sollte man sich dann überhaupt um Befreiung oder

Untersuchung kümmern?

VASIåèHA erwiderte: Rāma, dieser Gedanke sollte zu seiner eigenen Zeit

auftauchen, aber nicht jetzt! Blumen blühen und Früchte reifen, wenn ihre

Zeit gekommen ist.

Der kosmische jīva spricht „OM“ und erzeugt durch puren Willen die verschiedenen

Objekte. So wie der Schöpfer Brahmā willentlich ins Leben gerufen

worden ist, so wird auch ein Wurm ins Leben gerufen. Da der Wurm jedoch

in Unreinheit gefangen ist, ist seine Tätigkeit bedeutungslos. Die Unterscheidung

ist illusorisch. In Wahrheit gibt es keine Schöpfung und daher auch

keinerlei Trennung.

* * *

Die Geschichte von KarkaÂī

III:68, 69

VASIåèHA fuhr fort:

109


In diesem Zusammenhang, oh Rāma, existiert eine alte Legende, die ich dir

jetzt erzählen werde.

Im Norden des Himālaya lebte einmal eine schreckenerregende Dämonin

namens KarkaÂī. Sie war riesig, schwarz und fürchterlich anzusehen. Diese

Dämonin konnte nie genug zu essen bekommen und war deshalb niemals

satt.

Sie dachte: „Wenn ich nur alle Menschen, die auf dem JambÆdvīpa-

Kontinent leben, als eine einzige Mahlzeit aufessen könnte, dann würde mein

Hunger verschwinden wie eine Luftspiegelung nach einem starken Regen.

Das wäre eigentlich nicht unangemessen, da angemessen ist, was das eigene

Leben erhält. Da die guten Leute von JambÆdvīpa jedoch fromm, wohltätig

und Gott ergeben sind und über gute Heilkräuterkenntnisse verfügen, wäre

es unangemessen, diese friedliebenden Leute zu quälen. Ich werde mich mit

Bußübungen begnügen, denn durch Bußübungen kann das erlangt werden,

was ansonsten äußerst schwer zu erlangen ist.“

KarkaÂī stieg sodann auf einen der schneebedeckten Gipfel und begann ihre

Bußübung, indem sie auf einem Bein stand. Sie stand fest wie eine Marmorstatue

und bemerkte nicht, wie die Tage und Monate vergingen. Im Laufe der

Zeit wurde sie so mager, dass sie wie ein in durchsichtige Haut gekleidetes

Skelett aussah. So verblieb sie eintausend Jahre lang.

Nachdem tausend Jahre vergangen waren, erschien ihr der Schöpfer

Brahmā, der über ihre Bußübung erfreut war, denn durch intensive Bußübung

kann alles erlangt werden – sogar giftige Nebel werden durch sie aufgelöst.

Sie verneigte sich im Geiste vor ihm und fragte sich, um welche Gunst

sie ihn bitten sollte. „Aber ja“, dachte sie, „ich werde darum bitten, dass ich zu

einer lebenden Stahlnadel (SÆcikā, ), einer Verkörperung von Krankheit,

werde. Mit Hilfe dieser Gunst werde ich gleichzeitig in die Herzen aller Wesen

eindringen, meinen Wunsch erfüllen und meinen Hunger befriedigen.“ Als

Brahmā zu ihr sprach: „Deine Bußübungen haben mich erfreut. Sprich einen

Wunsch nach deiner Wahl aus“, äußerte sie ihren Wunsch.

BRAHMù sagte: So sei es, du sollst dann auch Vi«Æcikā ( Cholera-Virus)

sein. Indem du eine subtile Gestalt erhältst und in ihre Herzen eindringst,

wirst du in denjenigen Qualen hervorrufen, die die falsche Nahrung essen

und unbekümmert ein falsches Leben leben. Jedoch vermag man sich davon

zu befreien, wenn man das folgende Mantra spricht:

himādrer uttare pārśve karkaÂī nāma rāk«asī

vi«Æcikābhidhānā sānāmnā 'py anyāyabādhikā

oæ hrāæ hriæ śrīæ rāæ vi«ïuśākttaye namo bhagavati

vi«ïuśaktti ehi enāæ hara hara daha daha hana hana paca paca

matha matha utsādaya utsādaya dÆre kuru kuru svāhā vi«Æcike

tvam himavantaæ gaccha gaccha jīvasāra candramaïdalam gato

110


'si svāhā

Wer ein Meister dieses Mantras ist, sollte es an seinem linken Arm tragen.

Und indem er dabei an den Mond denkt, soll er mit dieser Hand über den

Patienten streichen, der daraufhin sofort geheilt sein wird.

VASIåèHA fuhr fort:

Und sofort, oh Rāma, begann der Körper der Dämonin langsam auf die Größe

einer Nadel zu schrumpfen. Sie wurde so fein, dass man sich ihre Existenz

nicht einmal mehr vorzustellen vermochte. Sie wurde von so extrem subtiler

Gestalt wie die susumna nadi (subtile, spirituelle Nervenbahn), die die Basis

des Rückgrats mit der Krone des Hauptes verbindet. Sie war wie das von den

Buddhisten beschriebene alaya-Bewusstsein. Unverzüglich folgte ihr ihre

andere Gestalt, die als Vi«Æcikā (Cholera) bezeichnet wurde.

Obgleich sie nun extrem subtil und unsichtbar geworden war, hatte sich ihre

dämonische Mentalität nicht im geringsten verändert. Zwar hatte sie die

Gunst erhalten, die sie sich gewünscht hatte, jedoch konnte sie ihr Verlangen

nach dem Verzehr aller Wesen immer noch nicht befriedigen! Der Grund lag

darin, dass sie nur die Größe einer Nadel hatte!! Wie seltsam: Die Verblendeten

verfügen über keine Voraussicht. Die gewaltsamen Anstrengungen, die

eine selbstsüchtige Person macht, um ihre selbstsüchtigen Ziele zu erlangen,

führen am Ende zu gegenteiligen Ergebnissen; so wie eine Person ihr eigenes

Spiegelbild nicht sehen kann, wenn sie heftig atmet und keucht, weil durch

ihren Atem der Spiegel beschlagen wird.

Auf ähnliche Weise hatte die Dämonin ihren riesigen Körper aufgegeben

und war für diesen Körper gestorben, nur um ihr Bestreben zu verwirklichen,

zu einer Nadel zu werden. Sogar der Tod wird wünschenswert für eine Person,

die hinter einem selbstsüchtigen Ziel herjagt und die von einem exzessiven

Verlangen besessen ist.

Vi«Æcikā strahlte und war so subtil wie Blumenduft. Abhängig von der Lebenskraft

anderer, war sie ihrer eigenen Aufgabe ergegeben.

Mit Hilfe ihrer zweifachen Gestalt als SÆcikā und Vi«Æcikā wanderte die

Dämonin nun in der Welt umher und suchte die Menschen heim. Durch ihren

eigenen Wunsch wurde sie winzig – denn die Menschen werden das, was sie

sich intensiv wünschen. Menschen mit niedriger Gesinnung beten sogar um

Bagatellen, so wie die Dämonin darum gebetet hatte, in eine mörderische

Nadel verwandelt zu werden. Die eigene Natur kann nur sehr schwer durch

Bußübungen überwunden werden.

SÆcikā betrat die physischen Körper von Menschen, die aufgrund von früheren

Krankheiten schon hinfällig geworden waren, oder die Fettleibigkeit

entwickelt hatten, und verwandelte sich dann selbst in Vi«Æcikā (Cholera).

SÆcikā betrat sogar das Herz einer gesunden und intelligenten Person und

verdarb deren Intellekt. In manchen Fällen jedoch verließ sie diese Person

wieder, sobald diese sich mit der Hilfe eines Mantras oder mit Medizin einer

Heilbehandlung unterzog.

III:70

111


So durchstreifte die Dämonin viele Jahre lang die Erde (diese Dämonin

stellt vielleicht den Cholera-Virus dar. Der aufgezeigte Zusammenhang von

falscher Ernährung und falschen Lebensgewohnheiten ist interessant).

VASIåèHA fuhr fort:

SÆcikā verfügte über zahllose Verstecke. Unter diesen waren: Staub und

Schmutz der Erde, schmutzige Finger, Fäden im Stoff, in den Muskeln innerhalb

des Körpers eines Menschen, schmutzige, mit Staub bedeckte Haut,

unsaubere Furchen in den Handflächen und anderen Teilen des Körpers

(aufgrund von Altersschwäche), von Fliegen bedeckte Orte, in glanzlosen

Körpern, an Stellen voll von verrottenden Blättern, an Orten ohne gesundheitsfördernde

Bäume, in Leuten mit schmieriger Kleidung und mit ungesunden

Gewohnheiten, in von Waldrodungen zurückgebliebenen Baumstümpfen,

die eine Brutstätte von Fliegen sind, in Lachen von brackigem Wasser, in

verseuchtem Wasser, in offenen Abwasserabläufen, in von Durchreisenden

benutzten Herbergen und in denjenigen Städten, in denen es viele Tiere wie

Elefanten, Pferde usw. gibt.

Wenn sie SÆcikā (eine Nähnadel) war, trug sie schmutzige Kleidungsstücke,

die sie auf der Straße aufgelesen und zusammengenäht hatte. Sie wanderte

frei in den Körpern kranker Menschen umher. So wie eine während langer

Zeit vom Schneider benutzte Nähnadel ermüdet und auf den Boden fällt, um

ein Schläfchen zu machen, so wurde auch SÆcikā müde von ihrer zerstörerischen

Tätigkeit. So wie das Nähen die natürliche Funktion einer Nadel ist, so

war Grausamkeit die Natur von SÆcikā. So wie die Nadel fortwährend den

Faden verschlingt, der durch sie hindurch wandert, so fuhr SÆcikā damit fort,

ihre Opfer zu verschlingen.

In dieser Welt kann man beobachten, dass sogar gemeine und schlechte

Menschen manchmal Mitleid mit anderen empfinden, die lange Zeit in Armut

und Elend leben müssen. Auch SÆcikā sah den endlosen Faden, der durch sie

in die Kleidung (ihr eigenes karma) gewandert war. Das beunruhigte sie.

Siefühlte, dass diese düster anmutende Kleidung, die von ihr gewebt worden

war (als SÆcikā oder die Nähnadel), ihr Gesicht bedeckte und sie blind machte.

Sie fragte sich: „Wie kann ich diesen düsteren Schleier zerreißen? “ Sie (die

Nadel) wanderte durch weiche (die guten Menschen) ebenso hindurch wie

durch harte Kleidung (die schlechten Menschen), denn welche verrückte oder

böse Person unterscheidet schon zwischen dem, was gut oder schlecht ist?

Unbedroht und unbelästigt von anderen arbeitete SÆcikā weiter an Tod und

Verderben für andere. Gebunden durch ihren karma-Faden baumelt sie auf

gefährliche Weise hin und her. Als Jīva-sÆcikā bewegt sie sich in allen Wesen

als die Lebenskraft, unterstützt von prana und apana. Sie unterzieht den jīva

dem Leiden, indem sie ihm schreckliche Schmerzen bereitet (durch Gicht,

Rheumatismus), die ihn den Verstand verlieren lassen. Sie betritt den Körper

durch die Füße (wie eine Nadel) und saugt am Blut. Wie alle bösen Menschen

erfreut sie sich am Leiden anderer.

112


III:71, 72

(Als Vāsi«Âha so gesprochen hatte, ging die Sonne unter – ein weiterer Tag

war zu Ende. Die Versammlung schloss für die Abendgebete.)

VASIåèHA fuhr fort:

Nachdem sie auf diese Weise lange, lange Zeit gelebt hatte, war die

Dämonin KarkaÂī schließlich gänzlich desillusioniert. Sie bereute ihren törichten

Wunsch danach, die Menschen zu verschlingen, der ihr nichts als tausend

Jahre schmerzhafter Bußübung und die niedrige Existenzform einer Nadel

(und eines Cholera-Virus) eingebracht hatte. Nun begann sie ihr selbst herbeigeführtes

Missgeschick zu beklagen:

„Oh weh – wo ist mein Körper, riesig wie ein Berg, und was taugt diese

Form einer Nadel hier? Manchmal falle ich in den Schlamm und versinke im

Schmutz; die Leute trampeln mich nieder. Oh weh – ich bin verloren! Ich habe

keine Freunde, niemand bedauert mich. Weder habe ich eine feste Unterkunft

noch einen Körper, der dieses Namens wert ist. Ganz gewiss habe ich meinen

Verstand und meine Sinne verloren! Das Gemüt, das auf Schwierigkeiten

zusteuert, erzeugt zuerst Täuschung und Schlechtigkeit, und diese verwandeln

sich dann später in Missgeschick und Kummer. Nie bin ich frei, ich lebe

immer nur durch die Gnade anderer. Ich bin in der Hand der anderen und

muss tun, was diese mich zu tun machen. Ich suchte dem Kobold eines Wunsches

zu gefallen, um alle zu verschlingen, aber dies hat mir nur ein „Heilmittel“

in die Hand gegeben, das noch schlimmer als die eigentliche Krankheit

ist. Und so ist ein noch größerer Kobold entstanden. Ganz sicher bin ich eine

gehirnlose Närrin. Denn ich warf diesen großartigen und gigantischen Körper

fort, um freiwillig den verabscheuungswürdigen Körper eines Virus (oder

einer Nadel) zu erlangen. Wer wird mich nun aus der elenden Existenz eines

Wesens, das sogar geringer ist als ein Wurm, befreien? Nicht einmal im Herzen

eines Weisen wird das kleinste Mitgefühl für ein derart lasterhaftes Wesen

wie mich entstehen. Oh, wann werde ich wieder groß wie ein Berg sein

und das Blut großer Wesen trinken?... Ich werde wieder eine Asketin werden

und wie schon früher Bußübungen unternehmen.“

Und sofort gab KarkaÂī alle Wünsche nach dem Verschlingen lebender Wesen

auf und ging in die Himālayas, um ihre strengen Bußübungen erneut

aufzunehmen. Sie begann ihre Übungen, indem sie sich auf ein Bein stellte.

Das Feuer ihrer Buße ließ die Krone ihres Hauptes rauchen, und daraus entstand

eine andere Súcika – ein wohltuender Helfer. Ihr Schatten wurde zu

einer weiteren Súcika – einem weiteren Helfer.

Sogar die Bäume und Kletterpflanzen des Waldes bewunderten Súcika's

Buße und verstreuten ihre Pollen für sie als Nahrung. Sie jedoch nahm nichts

davon an. Sie blieb fest in ihrem Entschluss. Der Gott des Himmels sandte

dort, wo sie stand, kleine Fleischstückchen herab, aber sie berührte sie nicht

einmal. So stand sie siebentausend Jahre lang, gänzlich bewegungslos, unberührt

von Wind, Regen oder Waldbränden.

113


III:74, 75

KarkaÂī's gesamtes Wesen wurde durch diese Bußübung vollständig gereinigt.

Alle ihre sündhaften Neigungen wurden weggewaschen und sie erlangte

die höchste Weisheit. Die Kraft ihrer Buße setzte sozusagen die Himālayas in

Brand. Indra, der König des Himmels, erfuhr vom Weisen Nārada von

KarkaÂī's noch nie dagewesenem Unternehmen.

Als Antwort auf Indra’s Anfrage erzählte der WEISE NùRADA die Geschichte

von KarkaÂī:

Dieser abscheuliche Kobold KarkaÂī wurde zu einer lebendigen Nadel, eingeschlossen

in einer metallenen Nadel. Als diese drang sie in die Körper sündiger

Menschen ein und befiel deren Muskeln, Gelenke und Blut. Sie trat in

diese Körper wie der Wind ein und verursachte stechende und prickelnde

Schmerzen. In diesen Körpern, die durch unreine Nahrung wie Fleisch usw.

ernährt worden waren, rief sie die Schmerzen hervor.

Sie fuhr auch in die Körper anderer Wesen wie Aasgeier und verschlang

durch diese andere Köper. Durch die Macht ihrer Bußübungen erwarb sie die

Fähigkeit, die Herzen und Gemüter aller Wesen zu betreten und an allem

teilzuhaben, was ihr „Wirt“ tat. Was ist denn unmöglich für den, der unsichtbar

und subtil wie der Wind ist?

Da sie jedoch manchmal einige Wesen mehr als andere und manche Vergnügen

mehr als andere mochte (aufgrund ihrer unreinen Neigungen), band

sie sich an diese und wurde von ihnen überwältigt. So wanderte sie frei umher,

zog sich jedoch bei Schwierigkeiten in den Nadelkörper zurück, so wie es

unwissende Menschen in schwierigen Zeiten tun.

Und doch war sie physisch nicht zufriedengestellt. Nur ein existenzielle Gegebenheit

kann die entsprechenden existenziellen Erfahrungen machen – wie

kann ein nicht-existenter Körper Zufriedenheit erfahren? Und so, gänzlich

unzufrieden, fühlte Súcika sich elend. Um ihren früheren Körper eines gigantischen

Kobolds wiederzuerlangen, begann sie aufs neue Bußübungen auszuführen.

Sie betrat den Körper eines Geiers, der auf die Gipfel des Himālayas

flog. Dort warf der Geier die Nadel ab und flog davon.

Mit der soliden Nadel als Unterstützung begann Súcika mit ihren Bußübungen,

die bis heute andauern. Oh Indra – wenn du ihre Buße nicht unterbrichst,

wird sie die Welt allein durch die Macht dieser Übungen zerstören.

VASIåèHA fuhr fort:

Als er dies vernahm, beauftragte Indra den Wind-Gott Vāyu, den genauen

Aufenthaltsort von Súcika herauszufinden. Vāyu wehte durch sämtliche Planetensysteme

des Universums, kam schließlich in die Regionen der Erde und

des Himālayas, wo es wegen der Nähe zur Sonne keine Vegetation gab und

das gesamte Gebiet wie eine öde Wüste war.

VASIåèHA fuhr fort:

In den Himālayas sah Vāyu dann die Asketin Súcika stehen wie ein weiterer

Berggipel. Da sie überhaupt nichts mehr gegessen hatte, war sie inzwischen

III:73

114


fast völlig ausgetrocknet. Als Vāyu (der Wind) in ihren Mund eindrang, spuckte

sie ihn wieder und wieder aus. Sie hatte ihre gesamte Lebensenergie in der

Krone ihres Hauptes zusammengezogen und stand fest wie eine vollkommene

Yogini. Als er sie betrachtete, stand Vāyu staunend und vor Bewunderung

still. Er konnte nicht einmal mit ihr sprechen. Überzeugt davon, dass sie sich

den höchsten Bußübungen unterzogen hatte, kehrte Vāyu unverzüglich zurück

in den Himmel und berichtete Indra:

„Höchster Herr, im JambÆdvīpa-Kontinent vollführt SÆcikā beispiellose

Bußübungen. Nicht einmal den Wind lässt sie in ihren Mund eintreten! Um

den Hunger zu überwinden, hat sie ihren Magen in solides Metall verwandelt.

Bitte gehe sofort zu Brahmā, dem Schöpfer, um sie durch die Gewährung der

gewünschten Gunst zufriedenzustellen. Andernfalls wird die Macht ihrer

Bußübung uns alle verbrennen.“

Daraufhin wandte Indra sich an Brahmā, der als Antwort auf sein Gebet sich

dorthin begab, wo SÆcikā mit ihrer Buße beschäftigt war.

SÆcikā war in der Zwischenzeit aufgrund ihrer Buße vollkommen rein geworden.

Nur ihre beiden anderen Gestalten, nämlich ihr Schatten und das

Feuer ihrer Askese, waren die Zeugen ihrer Buße. Sogar die Luft um sie herum

und die Staubpartikel, die mit ihr in Berührung kamen, erlangten nur

durch den Kontakt mit ihr die letztliche Befreiung! Nun hatte sie tatsächlich

die direkte Erkenntnis der höchsten, unverursachten Ursache von Allem

erreicht – durch bloße Erforschung ihres eigenen Geistes. Ganz gewiss ist die

direkte Erforschung der Gedankenbewegungen im eigenen Bewusstsein der

höchste Guru oder Lehrer, oh Rāma, und niemand sonst.

Brahmā sprach zu ihr: „Frage nach einer Gunst“ (sie hörte dies nicht mit

ihren Sinnesorganen, die sie nicht mehr besaß, sondern sie nahm diese Frage

in sich selbst wahr). Als Antwort darauf begann sie, sich selbst zu erforschen:

„Ich habe die Verwirklichung des Absoluten erlangt – in mir gibt es keine

Zweifel oder Wünsche mehr. Was für einen Nutzen kann eine Gunst jetzt noch

für mich haben? Als ich ein unwissendes Mädchen war, wurde ich vom Kobold

meiner Wünsche verfolgt. Jetzt, durch Selbsterkenntnis, ist dieser Geist

von mir gegangen.“

Brahmā sagte: „Die ewige Weltordnung kann nicht ignoriert werden, oh Asketin.

Und es ist diese, die bestimmt hat, dass du deinen früheren Körper

wiedererlangen, eine lange Zeit glücklich leben und dann die Befreiung erhalten

sollst. Du sollst daher ein erleuchtetes Leben führen, nur die Schlechten

und Sündigen heimsuchen und nur wenig Schaden verursachen, und dies

auch nur, um deinen natürlichen Hunger zu stillen.“ SÆcikā akzeptierte, was

Brahmā gesagt hatte, und schon bald wuchs ihr Nadelkörper wieder zu dem

alten, bergähnlichen Körper heran.

VASIåèHA fuhr fort:

Obgleich sie ihre alte, dämonische Gestalt wiedererlangt hatte, verharrte

KarkaÂī für eine beträchtliche Zeit im überbewussten Zustand, frei von allen

III:76, 77

115


dämonischen Neigungen. Sie verblieb am selben Ort – in der Lotoshaltung der

Meditation sitzend. Nach einem Zeitraum von sechs Monaten wurde sie der

äußeren Welt und ihres Körpers wieder voll bewusst. Unverzüglich begann

sie Hunger zu spüren, denn solange der Körper existiert, ist er auch seinen

eigenen physischen Gesetzen wie Hunger und Durst unterworfen.

KarkaÂī überlegte: „Was soll ich nun essen? Wen soll ich verschlingen? Die

Vernichtung anderer Lebewesen zum Zweck der Verlängerung des eigenen

Lebens wird von den Weisen verurteilt. Da ich nun meinen Körper

aufgebenmuss, wenn ich nicht diese verbotene Nahrung zu mir nehme, dann

soll es so geschehen – ich vermag keinen Schaden darin zu erkennen. Ungesunde

Nahrung ist wie Gift. Außerdem gibt es für eine erleuchtete Person wie

mich keinen Unterschied zwischen dem physischen Leben und dem Tod.“

Als sie so überlegte, hörte sie eine Stimme aus der Luft sagen: „Oh KarkaÂī,

gehe zu den unwissenden und irregeführten Menschen und erwecke die

Weisheit in ihnen.

Für erleuchtete Wesen ist dies die einzig sinnvolle Aufgabe.

Wer deinen Bemühungen, ihn zur Wahrheit zu erwecken, nicht folgt, den

darfst du verzehren. Wenn du eine solche Person verschlingst, wirst du keine

Sünde begehen.“

Als sie dies vernahm, stand KarkaÂī auf und stieg von den Bergen herab. Sie

betrat einen dichten Wald, der von Bergstämmen und Jägern bewohnt war.

Die Nacht brach herein.

Es gab in diesem Gebiet einen König der Jäger namens Vikram. Wie es seine

Gewohnheit war, ging dieser König zusammen mit seinem Minister in die

finstere Nacht hinaus, um seine Untertanen durch die Unterwerfung von

Räubern und Dieben zu beschützen. KarkaÂī erblickte diese beiden kühnen

Männer, als sie ihre Gebete zu den Stammes-Halbgöttern des Waldes sprachen.

Als sie sie sah, überlegte KarkaÂī: „Gewiss sind diese beiden Männer hierhergekommen,

um meinen Hunger zu stillen. Sie sind unwissend und daher

eine Last für diese Erde. Unwissende Leute wie diese leiden hier und hernach

– Leiden ist die einzige Bestimmung in ihrem Leben! Der Tod ist eine willkommene

Befreiung von solchem Leiden. Vielleicht erwachen sie sogar nach

ihrem Tode und suchen die Erlösung. Aber vielleicht sind sie ja weise Männer

– und ich will keine weisen Leute töten. Denn wer sich ungetrübten Glücks,

Ruhmes und eines langen Lebens zu erfreuen wünscht, der sollte unter allen

Umständen gute Menschen würdigen und ehren, indem er ihnen all das gibt,

was sie sich wünschen. Ich werde daher die Festigkeit ihrer Weisheit überprüfen.

Sollten sie tatsächlich weise sein, dann werde ich ihnen nichts tun.

Weise und gute Menschen sind in der Tat große Wohltäter der Menschheit.“

VASIåèHA fuhr fort:

III:78

116


Nachdem sie sich so zu einer Überprüfung des Königs und seines Ministers

entschlossen hatte, stieß die Dämonin KarkaÂī einen schrillen Schrei aus und

begann zu brüllen. Dann rief sie: „He, ihr beiden kleinen Würmer, die diesen

finsteren Wald durchwandern! Wer seid ihr? Sagt es schnell, oder ich werde

euch verschlingen.“

Der König erwiderte: „Oh du Geist, wer bist du, und wo bist du? Ich höre

dich nur; lass dich doch auch sehen.“

Als die Dämonin diese kaltblütige und ruhige Frage des Königs vernommen

hatte, erkannte sie sogleich, dass diese Frage berechtigt war und machte sich

sichtbar. Der König und der Minister bekamen nun ihre schreckliche Gestalt

zu sehen. Ohne aber im Geringsten beunruhigt zu sein, sprach der Minister zu

ihr: „Oh Dämonin, weshalb bist du denn so böse? Es ist natürlich für alle

Lebewesen, nach Nahrung zu verlangen. In der Ausübung und Verfolgung der

natürlichen Lebensfunktionen muss niemand übel gesinnt sein. Sogar selbstsüchtige

Ziele werden von den Weisen durch angemessene Mittel und sinnvolles

Verhalten oder Tätigkeit erreicht, wenn sie ihren Ärger und ihre mentale

Erregung aufgegeben und Gleichmut und einen klaren Verstand gewonnen

haben. Wir haben schon Tausende solcher Insekten wie dich kennen gelernt

und sind stets auf gerechte Weise mit ihnen verfahren, denn es ist die Pflicht

eines Königs, die Schlechten zu bestrafen und die Guten zu schützen. Gib

deinen Ärger auf und erreiche dein Ziel, indem du dich der Besonnenheit

zuwendest. Darin besteht das rechte Betragen; unabhängig davon, ob man

nun seine Ziele verwirklichen kann oder nicht, sollte man stets friedfertig

bleiben. Wende dich vertrauensvoll an uns mit deinen Bedürfnissen, denn wir

haben noch niemals einen Bettler mit leeren Händen gehen lassen.“

KarkaÂī bewunderte aufs Äußerste den Mut und die Weisheit der beiden

Männer. Siesah, dass es sich bei den beiden nicht um gewöhnliche menschliche

Wesen, sondern um erleuchtete Männer handelte, da schon der Anblick

ihrer Antlitze ihr Herz mit Frieden erfüllte. Sobald zwei erleuchtete Wesen

einander treffen, verschmelzen ihre Herzen in Frieden und Seligkeit, wie sich

die Wasser zweier Bergflüsse im Zusammenfluss vermischen. Außerdem –

wer sonst als ein weiser Mann könnte angesichts des fast sicheren Todes den

Gleichmut bewahren? KarkaÂī dachte daher: „Ich will diese Gelegenheit nutzen,

um die Zweifel zu beseitigen, die sich noch in meinem Geist befinden.

Wer die Gelegenheit des Zusammenseins mit weisen Männern nicht dazu

nutzt, seine Zweifel zu klären, ist wahrhaftig ein Dummkopf. “

Auf ihre Bitte informierte der Minister sie über die Person des Königs.

KarkaÂī gab daraufhin die folgende scharfe Erwiderung: „Oh König, du

scheinst keinen sehr weisen Minister zu haben! Ein guter Minister macht den

König weise, und so wie der König ist, so werden auch seine Untertanen sein.

Die Herrschaft über das Reich und die gerechte Sichtweise entstehen aus der

königlichen Wissenschaft (der Selbsterkenntnis). Wer diese nicht beherrscht,

ist weder ein guter Minister noch ein weiser König. Wenn ihr beide keinerlei

Selbsterkenntnis besitzt, dann werde ich euch entsprechend meiner eigenen

117


III:79

Natur verschlingen müssen. Um diese Frage zuvor zu klären, werde ich euch

nun einige Fragen stellen. Ihr habt nichts anderes zu tun, als mir auf meine

Fragen die richtigen Antworten geben.

DIE DÄMONIN fragte:

Oh König, was ist dies, was eins und doch viele ist, und in dem Millionen

von Universen schwimmen wie Wellen im Ozean? Was ist reiner Raum, obgleich

es nicht als solcher erscheint? Was ist es, das ich in dir und du in mir

bist; was ist es, was sich bewegt und doch nicht bewegt, was feststeht, obwohl

es nicht feststeht; was ist es, das wie ein Felsen ist, aber bewusst ist und

wunderbare Spiele im leeren Raum spielt; was ist dies, das weder die Sonne,

noch der Mond, noch das Feuer ist und doch auf ewig scheint; was ist dieses

Atom, das so fern und doch so nah zu sein scheint; was ist dies, dass von der

Natur des Bewusstseins ist und doch nicht gekannt werden kann; was ist

dies, das alles und doch keines davon ist; was ist dies, das das Selbst von allen

ist, und doch von Unwissenheit verhüllt und erst nach vielen Leben großer

und hartnäckiger Bemühung wiedererlangt wird; was ist dies, das winzig wie

ein Atom ist und doch einen Berg in sich trägt und die drei Welten in einen

Grashalm verwandelt; was ist so klein wie ein Atom und doch unermesslich

groß; was ist dies, das ohne seine winzige Natur aufzugeben, größer als der

größte Berg ist; was ist dieses Atom, in dem das gesamte Universum wie der

Same während der kosmischen Auflösung ruht?

Was ist dies, das verantwortlich für die Funktion aller Elemente des Universums

ist, obwohl es selbst nicht im Geringsten tätig ist; wie Schmuckstücke

aus Gold gemacht sind, aus was sind Seher, Sicht und Gesehenes gemacht;

was ist es, das die dreifache Manifestation (d. h., der Seher, die Sicht und das

Gesehene) verhüllt und enthüllt und in dem die scheinbar dreifache Unterteilung

der Zeit (in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft) enthalten ist, wie

der Baum im Samen; was ist dies, das abwechselnd sich manifestiert und

wieder verschwindet, wie der Baum aus dem Samen kommt und der Samen

wiederum aus dem Baume?

Oh König, wer ist der Schöpfer dieses Universums, und durch welche Macht

existierst du und bist tätig als ein König, der seine Untertanen schützt und die

Schlechten bestraft; was ist dies, das du mit deiner eigenen gereinigten

Sichtweise erkennst, und in dem du als dieses allein ohne eine Trennung

existierst?

Oh König, beantworte mir diese Fragen, um dich selbst vom sicheren Tod zu

erretten. Vertreibe mit dem Licht deiner Weisheit diese Finsternis des Zweifels

in mir. Der ist kein weiser Mann, der nicht in der Lage ist, auf Fragen die

Wurzel der Unwissenheit und der Zweifel zu durchschneiden.

Wenn du jedoch nicht in der Lage sein solltest, diese Unwissenheit in mir zu

vertreiben und diese Fragen zu beantworten, dann wirst du heute meinen

Hunger stillen.

DER MINISTER erwiderte:

III:80

118


Gewiss werde ich deine Fragen beantworten, oh ehrenwerte Dame! Denn

alle deine Fragen beziehen sich auf das Höchste Selbst.

Das Selbst ist subtiler als der Raum, denn es hat keinen Namen und kann

nicht beschrieben werden. Weder der Verstand noch die Sinne können es

erreichen oder verstehen. Es ist reines Bewusstsein. Das gesamte Universum

existiert im Bewusstsein, welches wie ein Atom ist, so wie der Baum im Samen

existiert. Jedoch existiert das Universum als Bewusstsein und nicht als

das Universum. Dieses Bewusstsein ist, was die Erfahrung aller ist, und es ist

daher allein das Selbst von allen. Da es selbst ist, ist auch alles andere.

Das Selbst ist wie leerer Raum, aber kein Nichts, denn es ist Bewusstsein. Es

ist – jedoch kann es vom Gemüt und den Sinnen nicht erfahren werden, und

deshalb ist es gleichzeitig nicht. Obwohl das Selbst von allem, kann es selbst

von niemandem erfahren werden (wie ein Objekt der Erfahrung). Obgleich

Eines, wird es in den unendlichen Atomen des Seins reflektiert und erscheint

daher als viele. Jedoch ist diese Erscheinungsweise ebenso unwirklich, wie

das „Schmuckstück“ eine illusionäre Erscheinung des Goldes ist, welches als

einziges wirklich ist. Und doch ist das Selbst nicht unwirklich. Weder ist es

ein Nichts noch eine Leere – denn es ist das Selbst von allen; es ist sowohl das

Selbst von dem, der sagt, dass es nicht sei, und es ist das Selbst von dem, der

sagt, dass es sei! Mehr als das – seine Existenz kann indirekt erfahren werden,

wie man die Existenz von Kampfer anhand seiner Geruchs erfahren kann. Es

allein ist das Selbst von allen als Bewusstsein, und es allein ist die Substanz,

die die Welterscheinung möglich macht.

In diesem unendlichen Ozean des Bewusstseins tauchen spontan und auf

natürliche Weise die als die drei Welten bekannten Wirbel auf; so wie auf

ganz natürliche Weise Wirbel im fließenden Wasser entstehen. Weil dieses

Bewusstsein jenseits der Reichweite von Gemüt und Sinnen ist, scheint es

leer zu sein – da es jedoch durch Selbsterkenntnis erkannt werden kann, ist

es kein Nichts. Aufgrund der Unteilbarkeit von Bewusstsein bin ich du und du

bist ich – das unteilbare Bewusstsein jedoch wird niemals zu ich oder du!

Sobald die falsche Vorstellung von „du“ und „ich“ aufgegeben wird, entsteht

das Gewahrsein, dass es dich, mich und alles andere nicht gibt– vielleicht ist

Es allein alles.

Das Selbst, das Unendliche, bewegt sich nicht, obwohl es sich bewegt, und

ist für immer in jedem Atom des Seins enthalten. Weder geht das Selbst irgendwo

hin noch kommt es von irgendwo her, denn Raum und Zeit leiten ihre

Bedeutung allein vom Bewusstsein selbst ab. Wohin könnte das Selbst gehen,

wenn alles, was ist, in ihm ist? Wenn ein Krug von einer Stelle zu anderen

getragen wird, so bewegt sich der darin enthaltene Raum nicht von einer

Stelle zur anderen, denn alles ist stets nur im Raum enthalten.

DER MINISTER fuhr fort:

Das Selbst, welches reines Bewusstseins ist, scheint leblos und träge zu

sein, wenn es scheinbar mit Leblosem und Trägem in Verbindung gebracht

wird. Im unendlichen Raum lässt dieses unendliche Bewusstsein unendliche

119


III:81

Objekte erscheinen. Obgleich es so aussieht, als ob all dies geschah, ist die

durch sie hervorgerufene Wirkung doch nichts als reine Phantasie, denn

nichts ist geschehen. Folglich ist es sowohl Bewusstsein als auch Trägheit –

der Täter und der Nicht-Täter.

Die Wirklichkeit des Feuers ist dieses Selbst oder Bewusstsein, obwohl das

Selbst weder brennt noch verbrannt wird, da es die Wirklichkeit in allem ist

und unendlich. Es ist das ewige Licht, welches in der Sonne, dem Mond und

dem Feuer scheint, aber unabhängig ist. Es leuchtet sogar dann noch, wenn

jene untergegangen sind – es erleuchtet alles aus allem heraus. Es allein ist

die Intelligenz, die Bäumen, Pflanzen und Kletterpflanzen innewohnt und sie

erhält. Dieses Selbst oder unendliche Bewusstsein ist, vom gewöhnlichen

Standpunkt her gesehen, der Schöpfer, der Erhalter und der Gebieter von

allem. Und doch – von einem absoluten Standpunkt her betrachtet – hat es in

Wirklichkeit als das Selbst von allem keine dieser begrenzten Rollen.

Unabhängig von diesem Bewusstsein gibt es keine Welt – auch die Berge

sind im atomischen Selbst. In ihm entstehen Bilder eines Momentes und einer

Epoche, die wie reale Zeitabläufe erscheinen, so wie Dinge im Traum wirklich

erscheinen. Im Zeitraum eines Augenblinzelns existiert eine ganze Epoche, so

wie eine riesige Stadt in einem Spiegel erscheint. Wenn dies so ist – wie kann

man dann noch die Realität von Dualität oder Non-Dualität geltend machen?

Dieses atomische Selbst oder unendliche Bewusstsein allein ist es, welches

als ein Moment oder eine Epoche, als nah oder fern erscheint, und es gibt

nichts, was getrennt von ihm ist. Diese Aussage ist in keiner Weise widersprüchlich

in sich selbst.

Solange man das Schmuckstück als Schmuckstück sieht, wird es nicht als

Gold gesehen, aber wenn klar ist, dass „Schmuckstück“ nur ein Wort und

nicht die Wirklichkeit ist, dann wird das Gold gesehen. Auf dieselbe Weise

geschieht es, dass das Selbst nicht gesehen wird, wenn man die Welt für wirklich

hält. Wird diese Annahme jedoch aufgegeben, dann wird Bewusstsein

realisiert. Es ist das alles – folglich ist es wirklich. Es wird nicht erfahren –

daher ist es unwirklich. Was erscheint, ist nichts als die Zauberei von Māyā,

die eine Trennung im Bewusstsein erschafft – in Subjekt und Objekt. Sie ist so

wirklich wie eine geträumte Stadt. Weder wirklich noch unwirklich, ist sie

nichts als eine andauernde Täuschung. Es ist die Annahme der Getrenntheit,

die die Vielfalt erschafft, vom Schöpfer Brahmā bis hin zum winzigen Insekt.

So wie ein einziger Same alle die vielfältigen Eigenschaften des Baumes alle

Zeit in sich bewahrt, so existiert diese Vielfalt alle Zeit im Selbst, aber als

Bewusstsein.

KARKAèĪ sprach:

Ich bin hoch erfreut über die Antworten deines Ministers, oh König. Nun

würde ich gern deine Antworten vernehmen.

DER KÖNIG sprach:

120


Deine Fragen, oh edle Dame, beziehen sich auf das ewige Brahman, welches

reines Sein ist. Es wird gekannt, sobald die dreifache Modifikation von Wachen,

Träumen und Tiefschlaf aufhört und das Gemüt von allen Gedankenwellen

befreit ist. Die Ausbreitung und der Rückzug seiner Manifestation werden

allgemein als die Schöpfung und die Auflösung des Universums bezeichnet.

Dies kommt als Stille zum Ausdruck, wenn das Bekannte an sein Ende gelangt,

denn jenes ist jenseits von jedem Ausdrucks. Es ist die extrem subtile

Mitte zwischen den beiden Extremen, und diese Mitte selbst verfügt über

zwei Seiten. Alle diese Universen sind nichts als seine spielerische, aber bewusste

Projektion. Als die Vielfalt des Universums scheint es in sich selbst

geteilt zu sein, obwohl es in Wahrheit ungeteilt ist.

Wenn dieses Brahman es wünscht, entsteht der Wind, obwohl dieser Wind

selbst nichts anderes als reines Bewusstsein ist. Ähnlich dazu gibt es die

unwirkliche Projektion von etwas, das wie Klang ist, sobald es den Gedanken

an den Klang gibt. Die Wirklichkeit jedoch, die nichts als reines Bewusstsein

ist, ist weit von dem entfernt, was als Klang und als dessen Bedeutung oder

Substanz gedacht wird. Dieses höchste, subtile atomische Sein ist alles und

nichts – ich bin es, und bin es doch wiederum nicht. Es allein ist. Durch seine

Allmacht scheint all dieses zu sein.

Dieses Selbst kann auf hunderterlei Art und Weise erlangt werden. Doch

wenn es erlangt ist, dann wird in Wahrheit gar nichts erlangt! Es ist das

Höchste Selbst, doch es ist nichts. So wandert man in diesem Urwald des

saæsāra bzw. des Lebenszyklus umher, bis die Weisheit dämmert und die

Wurzel der Unwissenheit durchschneidet, welche diese Welt als real erscheinen

lässt. So wie der unwissende Mensch vom Wasser in der Fata Morgana

angezogen wird, so zieht diese Welterscheinung den unwissenden Menschen

an. Die Wahrheit aber lautet, dass es das unendliche Bewusstsein ist, welches

das Universum innerhalb von sich selbst wahrnimmt, durch die ihm eigene,

als Māyā bekannte Macht. Was innerhalb gesehen wird, erscheint auch außerhalb

– wie die Halluzinationen eines Menschen, den die Leidenschaft

rasend macht.

Obwohl das Selbst extrem subtil, atomisch und reines Bewusstsein ist, wird

das gesamte Universum gänzlich von ihm durchdrungen. Es ist dieses allgegenwärtige

Wesen, welches durch seine Gegenwart diese Welterscheinung

nach seiner Pfeife tanzen lässt. Es ist aufgrund seiner Allgegenwart, dass

dieses feiner als der hundertste Teil einer Haarspitzeist und doch zugleich

größer als das Größte.

DER KÖNIG fuhr fort:

Das Licht der Selbsterkenntnis allein erleuchtet alle Erfahrungen. Es leuchtet

durch sich selbst. Was ist das Licht, durch welches man „sieht“, wenn alle

Lichter der Welt von der Sonne abwärts verlöscht sind? Es ist stets nur dieses

innere Licht. Dieses innere Licht scheint außerhalb zu sein und die externen

Objekte zu beleuchten. Die anderen Lichtquellen sind in der Tat nicht verschieden

von der Dunkelheit der Unwissenheit und scheinen nur zu leuchten.

121


Denn obgleich es zwischen Nebel und Wolken keinen essenziellen Unterschied

gibt, beobachtet man oft, wie der Nebel Licht auszusenden scheint,

während die Wolken es dagegen zu verdunkeln scheinen. Das innere Licht des

Bewusstseins scheint auf immer innerhalb und außerhalb, Tag und Nacht.

Rätselhafterweise erleuchtet es die Wirkungen der Unwissenheit, ohne jedoch

die Finsternis der Unwissenheit zu entfernen. So wie die immer leuchtende

Sonne ihre wahre Natur mit Hilfe von Tag und Nacht enthüllt, so enthüllt

das Licht des Selbst seine wahre Natur, indem es Bewusstsein und Unwissenheit

enthüllt.

Innerhalb des atomischen Raumes des Bewusstseins existieren sämtliche

Erfahrungen, so wie in einem Tropfen Honig die subtilen Essenzen von Blumen,

Blättern und Früchten existieren. Von diesem Bewusstsein gehen sämtliche

Erfahrungen aus, denn das Erfahren ist der alleinige Erfahrende. Was

auch immer die besondere Beschreibung von Erfahrungen ist – sie sind alle

enthalten im Errahren des Bewusstseins. Tatsächlich ist dieses unendliche

Bewusstsein all dies. Alle Hände und Augen sind die seinen; obwohl es, weil

es so extrem subtil ist, keine Glieder hat. Während eines Augenblinzelns

erfährt dieses unendliche Bewusstsein innerhalb von sich selbst eine Epoche,

so wie man in einem kurzen Traum Jugend, Alter und sogar Tod erfährt. Alle

diese Objekte, die im Bewusstsein auftauchen, sind in der Tat nicht verschieden

vom Bewusstsein, so wie eine aus einem Stein herausgehauene Skulptur

nichts als Stein ist. So wie der ganze Baum mit all seinen Verzweigungen

schon im Samen enthalten ist, so ist das gesamte Universum der Vergangenheit,

Gegenwart und Zukunft im Atom des unendlichen Bewusstseins enthalten.

Obwohl das Selbst weder der Täter von Handlungen noch der Erfahrende

von Erfahrungen ist, ist es doch gleichwohl der Täter aller Handlungen und

der Erfahrende aller Erfahrungen, denn es gibt nichts von ihm getrenntes.

Innerhalb des Atoms des unendlichen Bewusstseins sind die Täterschaft und

der Erfahrende enthalten.

Die Welt jedoch wurde weder jemals wirklich erschaffen noch wird sie verschwinden.

Als unwirklich wird sie nur von einem relativen Standpunkt her

angesehen, während sie vom absoluten Standpunkt aus nicht verschieden

vom unendlichen Bewusstsein ist.

DER KÖNIG fuhr fort:

Die Weisen benützen die Begriffe „Innen“ und „Außen“ – für sie sind es nur

Worte ohne eine dazugehörige Substanz; sie dienen nur zur Belehrung der

Unwissenden. Der Seher, der selbst ungesehen bleibt, sieht sich selbst, und

der Seher wird niemals zu einem Objekt des Bewusstseins. Der Seher besteht

nur in der Sicht. Sobald die latenten psychischen Eindrücke aufgehört haben,

erlangt der Seher sein reines Wesen zurück. Sobald das externe Objekt imaginiert

wird, wird auch ein Seher erzeugt. Wenn es kein Subjekt gibt, gibt es

auch kein Objekt – es ist der Sohn, der einen Mann zum „Vater“ macht. Es ist

das Subjekt, das zum Objekt wird. Ohne ein Subjekt kann es kein Objekt geben,

so wie es auch ohne den Vater keinen Sohn geben kann. Weil das Subjekt

122


eines Bewusstsein ist, ist es auch fähig, das Objekt zu erzeugen. Es kann

dagegen nicht anders herum sein, nämlich dass das Objekt die Geburt des

Subjekts bewirkt. Der Seher allein ist wirklich, während das Objekt reine

Halluzination ist. Gold allein ist wirklich, während das Schmuckstück nur

Name und Form ist. Solange die Vorstellung des Schmuckstücks existiert, so

lange wird auch das reine Gold nicht wahrgenommen. Solange die Vorstellung

des Objekts andauert, so lange existiert auch die Trennung zwischen dem

Seher und dem Gesehenen. So wie jedoch wegen des Bewusstseins im

Schmuckstück das Gold seine „Güldenheit“ realisiert, so realisiert das Subjekt,

welches sich als Objekt manifestiert, seine Subjektivität. Eines ist die Reflektion

des anderen – eine echte Dualität besteht nicht. Der Seher sieht sich

selbst nicht, wie er das Objekt sieht; er sieht sich selbst als das Objekt, und

eben deshalb sieht er nicht – obgleich er selbst die zugrundeliegende Wirklichkeit

ist, erscheint er als unwirklich. Wenn jedoch die Selbsterkenntnis

auftaucht und das Objekt zu existieren aufhört, dann wird der Seher als die

einzige Wirklichkeit realisiert.

Das Subjekt existiert wegen des Objekts, und das Objekt selbst ist nichts als

eine Reflektion des Subjekts. Die Dualität kann nicht existieren, wenn es nicht

„eines“ gibt, und wozu dient die Idee von „Einheit“, wenn nur das Eine existiert?

Sobald daher mit den Mitteln der rechten Selbsterforschung und des

rechten Verstehens wahre Erkenntnis erlangt wird, dann bleibt nur das zurück,

was nicht in Worten ausgedrückt werden kann. Von diesem kann nicht

ausgesagt werden, dass es Eines oder Vieles ist. Weder ist es der Seher noch

das Gesehene, weder das Subjekt noch das Objekt, weder dies noch das. Weder

die Einheit noch die Vielfalt kann wirklich als die Wahrheit angesehen

werden, weil jede These die Antithese entstehen lässt. Und doch ist eines

nicht verschieden vom „anderen“, so wie die Welle nichts als Wasser ist, und

wie das Schmuckstück nichts als Gold ist. Und tatsächlich entspricht es der

Wahrheit, dass die Getrenntheit keinen Widerspruch zur Einheit darstellt!

Alle diese Spekulationen betreffend Einheit und Vielfalt dienen zu nichts

anderem als zur Überwindung des Leidens – zur Realisierung dessen, was

jenseits aller Wahrheit ist, das Höchste Selbst.

VASIåèHA fuhr fort:

Nachdem sie diesen weisen Worten des Königs gelauscht hatte, wurde

KarkaÂī still, und ihre dämonische Natur verließ sie. Sie sprach zu ihnen:

„Oh ihr weisen Männer seid beide wert, von allen verehrt und bedient zu

werden. Durch die heilige Gemeinschaft mit euch gelangte ich zum gänzlichen

Erwachen. Wer sich der Gemeinschaft mit erleuchteten Männern erfreut,

leidet nicht in dieser Welt, so wie jemand mit einer brennenden Kerze in der

Hand keinerlei Dunkelheit sieht. Bitte, sagt mir, was ich für euch tun kann.

DER KÖNIG sprach: „Oh Edle, in meiner Stadt leiden viele Menschen an

rheumatischen Herzbeschwerden. Außerdem gibt es im Land eine Cholera-

Epidemie. Um diese Vorfälle zu untersuchen und eine Abhilfe für sie zu finden,

sind mein Minister und ich heute nacht aus dem Palast hierher gekom-

III:82

123


men. Meine demütige Bitte an dich ist: Nimm nicht das Leben meiner Leute

(KarkaÂī entsprach unverzüglich dieser Bitte des Königs). Aber sage mir nun

bitte: Wie kann ich deine Güte erwidern und deinen Hunger stillen?“

KARKAèĪ erwiderte: „Ich hatte einst die Absicht, mich im Himālaya

Askeseübungen hinzugeben und den Körper zu verlassen. Jetzt jedoch habe

ich diese Idee fallengelassen. Ich werde dir etwas aus meinem früheren Leben

erzählen. Früher einmal was ich eine Dämonin von riesigen Ausmaßen. Ich

wollte Menschen verschlingen und übte deshalb Askesepraktiken aus. Vom

Schöpfer Brahmā erhielt ich eine Gunst, und als Ergebnis davon wurde ich zu

einer Nadel (und gleichzeitig zum Cholera-Virus). So brachte ich unsägliches

Elend unter die Menschen. Brahmā ließ jedoch gleichzeitig ein Mantra entstehen,

durch welches ich unter Kontrolle gebracht werden konnte. Lerne

dieses Mantra kennen, und mit seiner Hilfe können die rheumatischen Herzbeschwerden

wie die Leukämie und andere Blutkrankheiten der Menschen

beseitigt werden. Normalerweise verbreite ich die Leukämie durch die Eltern,

die sie an ihre Kinder weitergeben!“

Alle drei begaben sich ans Flussufer, wo der König von KarkaÂī das Mantra

empfing. Dieses Mantra wird wirksam durch seine Wiederholung (japa).

Der dankbare KÖNIG sagte daraufhin zu KarkaÂī: „Oh du freundliche Edle,

damit bist du zu meinem Guru und Freund geworden. Freundschaft wird von

guten Menschen geschätzt. Bitte, nimm eine angenehmere und kleinere Gestalt

an, begleite mich zu meinem Palast und sei dort mein Gast. Du brauchst

nicht länger die guten Menschen zu quälen. Zum Ausgleich werde ich dich mit

den Sündern und Dieben füttern.“

KarkaÂī stimmte zu. Sie wurde zu einer bezaubernden jungen Frau und begleitete

den König, um als sein Gast bei ihm zu leben. Dieser wiederum übergab

ihr Diebe, andere Kriminelle und die Sünder. In jeder Nacht nahm sie ihre

dämonische Form an und verschlang sie. Während des Tages war sie wieder

die bezaubernde Frau – Freund und Gast des Königs. Nach ihrem Mahl ging

sie oft für einige Jahre in samādhi, bevor sie wieder zu ihrem normalen Bewusstsein

und ihrem normalen Leben zurückkehrte.

VASIåèHA fuhr fort:

So lebt KarkaÂī heute noch und beschützt die Untertanen des Königs. Sie

war die Tochter eines Dämons, der einer Krabbe ähnelte. Es gibt viele Arten

von Dämonen von verschiedenster Farbe (weiß, schwarz, grün und rot). Sie

selber war von der schwarzen Art. Ich erzählte dir diese Geschichte, weil ich

mich an ihre Fragen und die Antworten des Königs erinnerte. Das Universum

der Vielheit entfaltet sich aus dem unendlichen Bewusstsein, so wie die Verzweigungen

des Baumes (mit seinen Blättern, Blüten, Früchten usw.) aus dem

Samen entstehen, in dem selbst keine solche Vielheit existiert.

Oh Rāma, nur indem du meinen Worten zuhörst, wirst du erleuchtet werden,

daran kann gar kein Zweifel bestehen. Erkenne, dass das Universum aus

Brahman entstanden ist und Brahman und nichts anderes ist.

III:83, 84

124


III:85

RùMA fragte: Wenn nur das Eins-Sein die Wahrheit ist, weshalb sagen wir

dann: „Dadurch erlangen wir dieses“?

VASIåèHA erwiderte:

Rāma, in den Schriften werden die Worte benützt, um die Unterweisung auf

sinnvolle Weise zu unterstützen. Ursache und Wirkung, das Selbst und der

Höchste Herr, Unterschied und Nicht-Unterschied, Erkenntnis und Unwissenheit,

Schmerz und Freude – alle diese Gegensätze wurden nur zur Unterweisung

der Unwissenden geschaffen. In sich selbst kommt ihnen keinerlei Wirklichkeit

zu. Alle diese Diskussionen und Argumentationen finden nur in und

wegen der Unwissenheit statt. Sobald es die Erkenntnis gibt, gibt es auch

keine Dualität mehr. Sobald die Wahrheit erkannt wird, hören alle Beschreibungen

auf – es verbleibt allein die Stille.

Dann wirst du realisieren, dass es nur Eines gibt – ohne Anfang, ohne Ende.

Solange jedoch Worte zur Bezeichnung einer Wahrheit verwendet werden, ist

die Dualität unvermeidbar. Diese Dualität jedoch ist nicht die Wahrheit. Alle

Getrenntheiten sind illusorisch.

Ich werde dir jetzt noch ein weiteres Beispiel geben, höre aufmerksam zu.

Mit den Mitteln der sehr kraftvollen Medizin meiner Erläuterungen wirst du

gewiss die Krankheit überwinden, die dein Gemüt befallen hat. Saæsāra

(Welterscheinung) ist nichts als das Gemüt selbst, welches von Zu- und Abneigungen

erfüllt ist. Sobald man davon frei ist, endet diese Welterscheinung.

Das Bewusstsein im Gemüt ist der Same aller Substanzen, während der träge,leblose

Aspekt des Gemüts die Ursache der illusorischen Welterscheinung

ist. Aufgrund der Allgegenwart des Bewusstseins nimmt das Gemüt die Form

des Kennbaren an und wird somit zum Samen des ganzen Universums. Das

Gemüt stellt sich wie ein Kind die Existenz dieser Welt vor. Sobald das Gemüt

erleuchtet wird, erfährt es das unendliche Bewusstsein in sich selbst. Ich

werde dir sogleich erläutern, wie diese Subjekt-Objekt-Trennung entsteht.

VASIåèHA fuhr fort:

Ich bat einmal den Schöpfer Brahmā, mir mitzuteilen, wie dieses Universum

ursprünglich entstanden sei. Daraufhin gab er mir die folgende Antwort.

BRAHMù sagte:

Mein Kind, es ist einzig und allein das Gemüt, welches all dieses entstehen

lässt. Ich werde dir mitteilen, was mir selbst zu Beginn dieser Epoche widerfahren

ist. Am Ende der vorhergegangenen Epoche gab es die kosmische

Nacht. Als ich dann am Ende dieser Nacht erwachte, sprach ich meine Morgengebete

und schaute mich um, wobei ich den Wunsch nach der Erschaffung

des Universums hegte. Ich nahm die unendliche Leere wahr, die weder erleuchtet

noch finster war.

In meinem Gemüt entstand die Absicht des Erschaffens, während ich in

meinem Herzen die subtilen Visionen zu sehen begann. In meinem Gemüt

und mit meinem Gemüt sah ich dann mehrere, anscheinend unabhängig

125


voneinander existierende Universen. In diesem sah ich außerdem meine

eigenen Gegenstücke, nämlich weitere Schöpfer. In diesen Universen sah ich

ferner verschiedene Wesen und Berge und Flüsse, Ozeane und Winde, Sonne

und himmlische Wesen und auch die Unterwelten und die Dämonen.

In allen diesen Universen sah ich ferner die Schriften und die Tugendlehren,

die das Gute und das Böse, Himmel und Hölle festlegten. Des weiteren waren

da die Schriften, die den Weg des Vergnügens und den Pfad der Befreiung

niederlegten. Und ich sah Menschen, die alle diese verschiedenen Ziele verfolgten.

Ich sah sieben Welten, sieben Kontinente und auch Ozeane und Berge, die

alle unerbittlich ihrer eigenen Auslöschung entgegengingen. Ich sah die Zeit

und ihre Einteilungen bis hin zu Tagen und Nächten. Ich sah den heiligen

Fluss GaÇgā, der die drei Welten – den Himmel, die Atmosphäre und die Erde

– miteinander verflocht.

Wie ein Schloss in der Luft erstrahlte diese Schöpfung mit all ihren Himmeln,

Erden und Ozeanen. Dies alles erblickend, war ich starr vor Staunen

und vor Verwirrung: „Wie kann es denn sein, dass ich all dies in meinem

Gemüt in dieser großartigen Leere zu erblicken vermag, obwohl ich dies alles

mit meinem physischen Augen noch nie erblickt habe?“ Ich sann eine beträchtliche

Zeit über dieses Problem nach. Schließlich dachte ich an eine der

Sonnen in einem der Sonnensysteme und bat diese, sich mir zu nähern. Ich

stellte ihr die Frage, die meine ganze Aufmerksamkeit beanspruchte.

DIE SONNE erwiderte:

Oh du Großer, als der allmächtige Schöpfer von all diesem hier bist du

wahrhaftig der Höchste Herr. Es ist nur das Gemüt, welches als all diese unaufhörliche

und endlose schöpferische Tätigkeit erscheint, die aufgrund des

Nichtwissens jemanden täuscht und ihn glauben macht, dass dies wirklich

oder unwirklich sei. Gewiss kennst du die Wahrheit, oh Hoher Herr, doch da

du mir befahlst, deine Frage zu beantworten, sage ich nun folgendes.

* * *

Die Geschichte von den Söhnen Indus (Zehn junge

Männer)

DIE SONNE sprach:

Oh Gott der Götter, nahe des heiligen Berges Kailāsa an einem Ort, der

SuvarïajaÂa genannt wird, hatten deine Söhne eine Siedlung errichtet. An

diesem Ort gab es einen heiligen Mann namens Indu, ein Abkömmling des

Weisen Kaśyapa. Er und seine Frau erfreuten sich aller Segnungen mit Aus-

III:86

126


nahme eines eigenen Kindes. Um diese letzte Segnung zu erlangen, begaben

sie sich zu Kailāsa und unternahmen beide eine strenge Bußübung, die darin

bestand, nur noch von einer winzigen Menge Wasser zu leben. Sie hatten den

Zustand von Bäumen angenommen und standen da, bewegungslos.

Lord Śiva war von ihrer Bußübung erfreut und erschien vor ihnen. Er fragte

sie, welche Gunst sie sich von ihm erhofften. Sie beteten, dass ihnen zehn edle

Söhne geboren würden, die sich Gott und der Rechtschaffenheit widmen

sollten. Lord Śiva gewährte diese Gunst.

Sehr bald danach schenkte die Frau des heiligen Mannes zehn strahlenden

und prächtigen Söhnen das Leben. Diese Jungen wuchsen zu zehn jungen

Männern heran. Bereits im Alter von sieben Jahren waren sie in sämtlichen

Schriften bewandert. Nach einer beträchtlichen Zeit gaben ihre Eltern ihre

Körper auf und wurden befreit.

Die zehn jungen Männer waren wegen des Verlustes ihrer Eltern zu Tode

betrübt. Eines Tages kamen sie zusammen und besprachen sich untereinander:

„Oh Brüder, worin besteht hier das höchste Ziel, nach dem wir streben

sollten und welches uns nicht ins Unglück führt? Ein König, ein Eroberer,

sogar Indra, der König des Himmels zu sein – all dies sind nur wertlose Ziele,

denn sogar Indra regiert den Himmel nur anderthalb Stunden der Lebenszeit

des Schöpfers. Daher ist allein das Erlangen des Schöpfer-seins das beste Ziel

für uns, denn diese Herrschaft wird eine ganze Epoche dauern.“

Die übrigen Brüder stimmten von ganzen Herzen zu. Sie sprachen zueinander:

„Nun denn – wir sollten schon baldin der Lage sein, die Brahmā-schaft zu

erlangen, die nicht von Alter und Tod betroffen ist.“

Der älteste Bruder sprach: „Bitte tut, wie ich euch sage. Von jetzt an kontemplieren

wir wie folgt: ‚Ich bin Brahmā, der auf einem voll erblühten Lotos

sitzt.“ Alle Brüder begannen daraufhin auf die folgende Weise zu meditieren:

„Ich bin Brahmā, der Schöpfer des Universums. Die Weisen und auch

Saraswati, die Göttin der Weisheit, befinden sich in ihrer persönlichen Gestalt

in mir. Der Himmel mit all seinen himmlischen Wesen befindet sich in mir.

Berge, Kontinente und Ozeane befinden sich in mir. Halbgötter und Dämonen

befinden sich in mir. Die Sonne erstrahlt in mir. Nun findet die Schöpfung

statt. Nun existiert die Schöpfung. Nun ist die Zeit für die Auflösung gekommen.

Eine Epoche ist vorüber. Nun ist die Nacht Brahmās da. Ich habe Selbsterkenntnis

erlangt und bin befreit.“

Indem sie mit ihrem ganzen Wesen so meditierten, wurden sie all das.

DIE SONNE fuhr fort:

Hoher Herr, danach standen die zehn heiligen Männer still in ihrer Kontemplation,

während sie noch tief über ihre Absicht, die Schöpfer des Universums

zu sein, meditierten. Ihre Körper verfielen, und was von ihnen noch

übrigblieb, wurde von wilden Tieren verzehrt. Jedoch blieben sie in diesem

entkörperten Zustand unverändert stehen – eine lange, lange Zeit, bis eine

Epoche vorüber war und eine schrecklich sengende Sonne zu brennen be-

III:87, 88

127


gann, und ein fürchterlicher Wolkenbruch entstand, der alles vernichtete. Die

heiligen Männer aber standen still in ihrem entkörperten Zustand – in der

festen Absicht, zu den Schöpfern des Universums zu werden.

Beim Anbruch einer neuen Schöpfung standen diese Männer immer noch

an derselben Stelle und auf dieselbe Weise mit derselben Absicht. Sie wurden

zu Schöpfern. Sie sind die zehn Schöpfer, die du gesehen hast, und auch ihre

Universen hast du gesehen. Herr, ich bin eine der Sonnen, die in diesen Universen

scheint, die von diesen Männern geschaffen worden sind.

DER SCHÖPFER fragte die Sonne:

Oh Sonne, wenn somit diese Universen von diesen zehn Schöpfern erschaffen

worden sind, worin besteht dann meine Aufgabe? Was bleibt für mich zu

tun?

DIE SONNE erwiderte:

Herr, du hast weder eigene Wünsche noch Motive. Und so gibt es für dich

überhaupt nichts zu tun. Welchen Vorteil erwartest du von der Schöpfung des

Universums? Die Schöpfung des Universums ist für dich ein reiner Zeitvertreib!

Herr, die Schöpfung entsteht aus dir, der selbst frei vom kleinsten Wunsch

oder Motiv ist – so wie die Sonne ohne jede Absicht zu scheinen in einem

Teich reflektiert wird, ohne dass das Wasser die Absicht hat, sie zu reflektieren.

So wie die Sonne ohne jede Absicht bewirkt, dass Tag und Nacht einander

ablösen, so sollst du auf die gleiche, nicht-willentliche Weise mit dem Akt

der Schöpfung beginnen. Denn was willst du durch die Aufgabe deiner natürlichen

Funktion erreichen?

Weise Männer haben keinen Wunsch, irgendetwas zu tun, und weise Männer

haben auch nicht den Wunsch, Tätigkeit aufzugeben.

Herr, mit deinem eigenen mentalen Auge siehst du dieses Universum, welches

von diesen heiligen Männern erschaffen worden ist. Mit den physischen

Augen nimmt man nur diejenigen Objekte wahr, die man im eigenen Verstand

erzeugt hat – nichts anderes. Diese Objekte, die vom Verstand erschaffen

worden sind, sind unzerstörbar. Nur diejenigen Objekte, die aus materiellen

Substanzen zusammengesetzt worden sind, lösen sich auf. Ein Mensch besteht

aus dem, was als die Wahrheit seines eigenen Seins fest in seinem Gemüt

verankert ist – dies ist er und nichts anderes.

* * *

Die Geschichte von Ahalyā

III:89

DIE SONNE fuhr fort:

128


Herr, das Gemüt ist der Schöpfer der Welt – das Gemüt allein ist die höchste

Person. Was vom Gemüt getan wird, ist Tätigkeit – was vom Körper getan

wird, gilt nicht als Tätigkeit. Schau nur diese Kräfte des Gemütes – nur durch

entschlossenes Daran-Denken wurden die heiligen Männer zu Schöpfern

dieses Universums! Denkt jedoch jemand andererseits: „Ich bin ein unbedeutender

Körper“, dann wird er zu einem sterblichen Wesen. Wessen Bewusstsein

nach außen gerichtet ist, der erfährt Freuden und Schmerzen, während

andererseits der Yogi, dessen Sichtweise nach innen gewandt ist, keinerlei

Ideen von Schmerzen und Freuden hegt. Es gibt in dieser Hinsicht eine Legende,

die ich dir erzählen werde.

Im Lande Magadha gab es einen König namens Indradyumna. Ahalyā war

seine Frau. An diesem Ort befand sich außerdem ein stattlicher junger Mann

von lockeren Sitten, der Indra hieß. Eines Tages, während einer Unterhaltung,

hörte die Königin die Geschichte von der Verführung der berühmten Ahalyā

durch Indra, den König des Himmels. Als Ergebnis davon begann sie eine

große Liebe für den jungen Mann Indra zu hegen.

Ahalyā war außer sich vor Liebe zu Indra. Mit der Hilfe einer ihrer Dienerinnen

gelang es ihr, den jungen Mann zu sich kommen zu lassen. Von da an

pflegten Indra und Ahalyā einander regelmäßig in einem geheimen Haus zu

treffen und sich aneinander zu erfreuen.

Ahalyā war so vernarrt in Indra, dass sie ihn überall erblickte. Schon der

Gedanke an ihn ließ ihr Gesicht leuchten. Als ihre Liebe wuchs, wurde ihr

Verhältnisallbekannt, und so kam sie dem König zu Ohren.

Der zornige König versuchte ihre Beziehung zu zerstören und bestrafte sie

auf zahlreiche Arten: Sie wurden in eiskaltes Wasser getaucht, in siedendem

Öl gebraten, an die Beine eines Elefanten gebunden und ausgepeitscht. Indra

lachte nur und sprach zum König:

„Oh König, das gesamte Universum sehe ich als nichts anderes als meine

Geliebte. Genauso ist es mit Ahalyā. Daher berührt uns dies alles nicht. Mein

Herr, ich bin nurGemüt– das Gemüt allein ist das Individuum. Du kannst den

Körper schlagen, aber du kannst weder das Gemüt strafen noch den kleinsten

Wandel in ihm hervorrufen. Wenn das Gemüt vollständig von etwas erfüllt ist,

dann ist es gleichgültig, was mit dem Körper geschieht – es berührt das Gemüt

nicht. Das Gemüt ist unberührt von Gunsterweisen und Flüchen – so wie

ein fest gegründeter Berg nicht von den Hörnern eines kleinen Wildtieres

bewegt wird... Nicht der Körper erschafft das Gemüt, sondern das Gemüt

erschafft den Körper. Das Gemüt allein ist der Same für den Körper – wenn

der Baum stirbt, so doch nicht auch der Same; verdirbt jedoch der Same,

dann auch der Baum. Sollte aber der Körper verderben, dann kann das Gemüt

jederzeit neue Körper für sich selbst erschaffen.“DIE SONNE fuhr fort:

Oh Herr, daraufhin ging der König zum Weisen Bharata und bat ihn darum,

das widerspenstige Paar durch Verfluchen zu bestrafen. Und so sprach der

Weise einen Fluch gegen das Paar aus. Doch antwortete dieses daraufhin dem

Weisen und dem König: „Oh weh! Euer Verstehen ist nur gering! Durch diese

III:90, 92

129


unsere Verfluchung habt ihr nur die durch Bußübungen erworbenen Verdienste

vergeudet. Euer Fluch wird gewiss unsere Körper zerstören, aber wir

werden dadurch nicht den geringsten Schaden erleiden. Niemand kann das

Gemüt anderer zerstören.“ Der Fluch des Weisen zerstörte ihre Körper. Während

sie diese Körper verließen, wurden sie zusammen erst als Tiere und

dann als Vögel, und anschließend als menschliches Paar in einer heiligen

Familie wiedergeboren. Seitdem werden sie aufgrund der vollkommenen

Liebe und Hingabe füreinander als Gemahl und Gemahlin wiedergeboren.

Durch die erlesene Liebe und Hingabe dieses Paares wurden sogar die Bäume

im Wald inspiriert und berührt.

Sogar die Verfluchung des Weisen vermochte keine Veränderung im Gemüt

des Paares hervorzurufen. Ebenso, oh Herr, kannst auch du nicht in die

Schöpfung der zehn Söhne des heiligen Mannes eingreifen. Was verlierst du

dadurch, dass diese mit ihren eigenen Schöpfungen beschäftigt sind? Lass

ihnen diese mit ihrem eigenen Verstand erschaffenen Dinge! Sie können

durch dich genauso wenig zerstört werden wie eine Reflektion in einem

Kristall.

Oh Herr, erschaffe in deinem eigenen Bewusstsein die Welt deiner Vorstellung.

In Wahrheit sind das unendliche Bewusstsein, das Gemüt (das eigene

Bewusstsein) und der unendliche Raum von einer einzigen Substanz, die vom

unendlichen Bewusstsein durchdrungen wird. Daher kannst du unabhängig

von dem, was diese jungen Männer geschaffen haben, so viele Welten erschaffen,

wie du nur möchtest!

BRAHMù sprach zu Vāsi«Âha:

Nachdem ich diesen Rat der Sonne vernommen hatte, begann ich unverzüglich

damit, die Welten zu erschaffen, denn dies war der natürliche Ausdruck

meines eigenen Seins. Ich bat die Sonne darum, bei dieser Aufgabe mein

erster Partner zu sein. So wurde sie zur Sonne in der Schöpfung der jungen

Männer und die Vorfahrin der menschlichen Rasse in meiner eigenen Schöpfung.

Sie spielte ihre Doppelrolle sehr wirkungsvoll. Entsprechend meinen

Absichten brachte sie daher die Schöpfung all dieser Welten hervor. Was auch

immer im Bewusstsein auftaucht, das gelangt auch scheinbar ins Sein, verankert

sich und trägt sogar noch Früchte! Darin besteht die Macht des Gemüts.

So wie die Söhne des heiligen Mannes die Positionen als Schöpfer der Welt

aufgrund der Macht ihres Gemüts erlangten, so wurde ich auf dieselbe Weise

zum Schöpfer der Welt. Es ist das Gemüt, welches hier die Dinge geschehen

lässt. Es bringt die Erscheinung des Körpers usw. hervor. Nichts anderes ist

sich des Körpers bewusst.

DER SCHÖPFER BRAHMù sprach:

Das individualisierte Bewusstsein (Gemüt) trägt in sich selbst mannigfaltige

Möglichkeiten, so wie Gewürz den Geschmack in sich trägt. Es ist dieses Bewusstsein,

welches dann als der subtile oder ätherische Körper erscheint.

Wird dieser dann grob, dann nimmt er die Erscheinungsform des physischen

130


III:92

oder materiellen Körpers an. Dieses individualisierte Bewusstsein ist als der

jīva bzw. die individuelle Seele bekannt, so lange sich diese Möglichkeiten in

einem extrem subtilen Zustand befinden. Und sobald alle diese Tricks des jīva

aufhören, dann leuchtet er als das Höchste Sein. Weder bin ich noch ist da

irgendetwas anderes in diesem Universum – all dies ist nichts als das unendliche

Bewusstsein. So wie die Absichten der jungen Männer sich manifestierten,

so ist all dies nur Erscheinung, basierend auf dem unendlichen Bewusstsein.

Es war die Absicht der jungen Männer, die ihnen das Gefühl gab, die

Schöpfer zu sein – ebenso ist es auch mit mir.

Das reine und unendliche Bewusstsein stellt sich selbst als der jīva und das

Gemüt vor und hält sich dann für den Körper. Wenn diese traumartige Wahnvorstellung

verlängert wird, dann fühlt sich dieser lange Traum als wirklich

an! Er ist gleichzeitig wirklich und unwirklich – da er wahrgenommen wird,

erscheint er als wirklich, aber aufgrund der eingeborenen Widersprüche ist

er unwirklich. Das Gemüt ist fühlend, weil es auf dem Bewusstsein gründet.

Wird es dagegen als getrennt vom Bewusstsein gesehen, dann ist es leblos

und irregeführt. Sobald es Wahrnehmung gibt, übernimmt das Gemüt die

Rolle des Objektes der Wahrnehmung. Dies ist jedoch nicht wirklich – wenn

das Schmuckstück als Schmuckstück gesehen wird, dann wird es als solches

wahrgenommen, obwohl die Wahrheit darin besteht, dass es Gold ist.

Denn Brahman allein ist all dieses. Sogar dasjenige, was als leblos erscheint,

ist reines Bewusstsein. Jedoch wir alle, von mir selbst bis zu dem Stein, sind

undefinierbar – weder leblos noch fühlend. Es kann keine Wahrnehmung von

zwei völlig verschiedenen Dingen geben, denn Wahrnehmung ist nur dann

möglich, wenn es eine Ähnlichkeit zwischen Subjekt und Objekt gibt. Wenn

man das in Betracht zieht, was undefinierbar und dessen Existenz ungewiss

ist, dann sind Worte wie „leblos“ und „fühlend“ nur Worte ohne jede Bedeutung.

Was das Gemüt betrifft, so spricht man vom Subjekt als fühlend und

vom Objekt als leblos. So wandert der jīva, gefangen in der Täuschung, umher.

In Wahrheit ist jedoch diese Dualität selbst nichts als die Schöpfung des Gemüts

– eine Halluzination. Natürlich können wir andererseits auch nicht mit

Gewissheit sagen, ob diese Halluzination als solche überhaupt existiert. Nur

das unendliche Bewusstsein IST.

Wenn diese illusorische Trennung nicht als das erkannt wird, was sie ist,

dann entsteht daraus der irreführende Ich-Sinn. Sobald das Gemüt jedoch

seine eigene Natur zu erforschen beginnt, verschwindet diese Getrenntheit.

Dann gibt es die Verwirklichung des einen, unendlichen Bewusstseins, und so

erlangt man große Seligkeit.

VASIåèHA fragte Brahmā:

Oh Herr, wie ist es möglich, dass der Fluch des Weisen Indras Körper, aber

nicht sein Gemüt angreifen konnte? Wenn der Körper wirklich nicht verschieden

vom Gemüt ist, dann müsste der Fluch doch auch das Gemüt angreifen

können. Sei so freundlich und erkläre mir, weshalb das Gemüt nicht oder

vielleicht tatsächlich doch betroffen war!

131


DER SCHÖPFER BRAHMù sprach:

Mein Teurer, im Universum besitzt alles, von Brahmā bis zu einem Berg, einen

zweifachen Körper. Von diesen beiden ist der erste der mentale Körper,

der ruhelos ist und sich schnell bewegt. Der zweite ist der aus Fleisch gemachte

Körper, der als solcher nicht wirklich tätig ist. Von diesen beiden wird

der letztere von Verfluchungen und ebenso auch von Gunsterweisen oder

Zaubersprüchen überwältigt. Dieser Körper ist stumpf, kraftlos, schwach und

vergänglich wie ein an einem Lotosblatt hängender Wassertropfen. Er ist

gänzlich von Schicksal und Vorsehung und ähnlichen Faktoren abhängig. Das

Gemüt jedoch ist unabhängig, obwohl es abhängig zu sein scheint. Sobald

dieses Gemüt sich zuversichtlich der Eigenbemühung widmet, befindet es

sich außerhalb der Reichweite des Kummers. Wann immer es nach etwas

strebt, trifft es mit Sicherheit auch auf die Früchte seines Strebens.

Der physische Körper erreicht überhaupt nichts. Es ist der mentale Körper,

der die Ergebnisse erlangt. Sobald das Gemüt beständig in dem ruht, was rein

ist, wird es unempfindlich gegenüber den Wirkungen von Flüchen. Der Körper

mag ins Feuer oder in den Schlamm fallen, aber das Gemüt erfährt immer

nur das, worüber es kontempliert. Demonstriert wurde dies von Indra. Demonstriert

wurde es weiterhin von dem Weisen Dīrghatapā, der religiöse

Riten auszuführen wünschte und nach den Materialien dafür suchte, dabei

aber in einen toten Brunnen fiel. Er führte dann die Riten auf mentale Weise

aus und erlangte daraufhin die Frucht, die sich andernfalls aus der körperlichen

Ausübung der Riten ergeben hätte. Auch die zehn Söhne des heiligen

Mannes waren in der Lage, die Brahmā-schaft nur durch ihre mentalen Anstrengungen

zu erlangen – nicht einmal ich konnte dies verhindern.

Mentale und körperliche Krankheit wie auch Flüche oder der „böse Blick“

berühren das Gemüt, welches dem Selbst ergeben ist, so wenig wie eine Lotosblüte

einen Felsblock spalten könnte, auf den sie herabfällt. Daher sollte

man mit dem Gemüt das Gemüt dazu anhalten, den Pfad der Reinheit einzuschlagen,

und mit dem Selbst das Selbst veranlassen, den Weg der Reinheit zu

gehen. Was auch immer das Gemüt kontempliert, das materialisiert sich

unverzüglich. Durch intensive Kontemplation vermag es, in sich selbst radikale

Umwälzungen hervorzubringen und so sich von den falschen Sichtweisen

zu heilen, aufgrund derer Illusionen als Realität wahrgenommen werden. Was

immer das Gemüt macht, das erfährt es als Wahrheit. Es lässt geschehen, dass

der im Mondlicht sitzende Mann Hitze erfährt, und es lässt es geschehen, dass

ein Mann in der Sonne das Behagen der Kühle empfindet!

Darin besteht diese mysteriöse Macht des Gemüts.

VASIåèHA fuhr fort:

So wurde ich in den alten Zeiten von Brahmā, dem Schöpfer, unterrichtet,

und so habe ich es jetzt an dich weitergegeben, oh Rāma.

Da das absolute Brahman in seinem undifferenzierten Zustand alles durchdringt,

befindet sich auch alles in einem undifferenzierten Zustand. Sobald

III:93

132


III:94

sich dieses aufgrund seiner selbst verdichtet, wird das kosmische Gemüt

geboren. In diesem Gemüt entsteht sodann der Wunsch nach der Existenz der

verschiedenen Elemente in ihrem extrem subtilen Zustand. Die Gesamtheit

von all diesem ist dann die leuchtende kosmische Person, die als Brahmā der

Schöpfer bekannt ist. Daher ist dieser Schöpfer nichts anderes als das kosmische

Gemüt.

Brahmā der Schöpfer sieht alles, was er zu sehen wünscht, in seinem eigenen

Verstand, da er selbst die Natur des Bewusstseins hat. Er ist es (d. h.,

Brahmā der Schöpfer), der dieses Nichtwissen, welches das differenzierende

Prinzip des Universums darstellt, in die Existenz gerufen hat, und aufgrund

dessen man das Selbst mit dem Nicht-Selbst verwechselt. Und es ist ferner

aufgrund dieses Faktors des Nicht-Wissens, dass der Schöpfer dieses Universum

(Berge, Grashalme, Wasser usw.) als die Vielfalt der verschiedenen Kreaturen

erscheinen lässt. Aufgrund dessen erscheinen die Kreaturen, anscheinend

geboren aus atomischen Teilchen und Molekülen, obwohl dieses gesamte

Universum nichts als unendliches Bewusstsein ist.

Daher, oh Rāma, sind sämtliche Objekte und Substanzen dieses Universum

aufgetaucht in Brahman dem Absoluten; so wie Wellen sich im Ozean manifestieren.

In diesem manifestierten Universum nimmt das Gemüt Brahmās

des Schöpfers sich selbst als das Ego wahr. Auf diese Weise wird dann aus

Brahmā, dem kosmischen Gemüt, Brahmā der Schöpfer des Universums. Es

ist nur diese Macht des kosmischen Gemüts, die als die verschiedenen Kräfte

des Universums erscheint. In diesem kosmischen Gemüt manifestieren sich

selbst zahllose verschiedene Kreaturen, die dann als die verschiedenen jīvas

bezeichnet werden.

Sobald diese verschiedenen jīvas im unendlichen Raum des Bewusstseins

auftauchen, anscheinend selbst aus den Elementen zusammengesetzt, tritt in

jeden dieser Körper durch die Öffnung der Lebenskraft das Bewusstsein ein.

Dadurch wiederum wird der Same all dieser bewegten und unbewegten

Körper gebildet. So geschehen dann die individuellen Geburten, durch welche

das individuelle Wesen dann zufällig (wie bei der landenden Krähe und der

fallenden Kokosnuss) mit den verschiedenen potentiellen Kräften in Kontakt

kommt, deren Spiel wiederum das Gesetz von Ursache und Wirkung usw.

entstehen lässt. So geschieht der Aufstieg und Fall der Evolution. Von da an ist

einzig und allein der Wunsch die Ursache von allem.

Rāma, darin besteht dieser Urwald, der als die „Welterscheinung“ bekannt

ist. Wer dessen Wurzel mit der Axt der Untersuchung (Selbsterforschung)

durchtrennt, wird von ihm befreit. Einige gelangen sehr schnell zu diesem

Verstehen, andere dagegen erst nach einer sehr langen Zeit.

VASIåèHA fuhr fort:

Rāma, ich werde dir nun die Unterteilung der Wesen in die Besten, die

Schlechtesten und die Mittleren beschreiben, die am Beginn dieses Zyklus der

Erschaffung entstanden ist.

133


III:95

Die Ersten und Herausragenden unter den Geschöpfen entstehen aus der

Tugend heraus. Sie sind von Natur aus gut und den guten Taten ergegeben.

Sie erlangen die Befreiung in einigen wenigen Lebensspannen. Sie sind angefüllt

mit den Qualitäten der Reinheit und des Lichts (sattva). Dann gibt es

diejenigen, die voll von Unreinheiten sind, in denen die weltlichen Gewohnheiten

stark und vielfältig sind, und die möglicherweise die Befreiung erst

nach tausenden von Geburten erlangen. Diese sind die Geringeren unter den

Guten. Unter diesen sind diejenigen, deren Befreiung innerhalb dieses Lebenszyklus

zweifelhaft ist, denn es sind Wesen, die in dichter Finsternis leben.

Die mittleren Typen sind diejenigen, die erfüllt sind von der Qualität des

Dynamischen und des Verlangens (rājas). Solche Menschen, die so nahe an

der Befreiung sind, dass sie diese beim Verlassen dieser Welt erlangen können,

zeigen eine Mischung aus rājas und sattva. Wenn jedoch die rājasische

(das leidenschaftliche Verlangen) Neigung so stark ist, dass ihre Sublimierung

längere Zeit in Anspruch nimmt, dann sind sie gänzlich rājasisch. Ist jedoch

die rājasische Tendenz extrem stark, dann geht sie in die Finsternis (tamas)

über. Im Fall derjenigen, deren Befreiung so fernab liegt, dass sie zweifelhaft

wird, geht die Qualität von rājas in die dichte Finsternis über.

Diejenigen, die auch nach tausend Geburten immer noch unerleuchtet in

der Finsternis verweilen, werden die Wesen der Finsternis genannt (tamas).

Sie brauchen eine lange, lange Zeit, um die Befreiung zu erlangen. Sobald die

Befreiung in ihre Reichweite gelangt, wird ihr tamas mit sattva vermischt.

Wenn sie dann der Befreiung immer näher kommen, wird ihr tamas mit rājas

vermischt. Und wenn dann nach hunderten von Geburten die Befreiung noch

weitere hundert Geburten entfernt liegt, dann sind sie voll von tamas. Wenn

die Befreiung zweifelhaft ist, dann befinden sie sich in dichter Finsternis.

(Dieses Kapitel scheint nahezulegen, dass sattva, rājas und tamas in sich

selbst nicht Hindernisse zur Befreiung darstellen, sondern dass es die weiteren

Modifikationen aufgrund von falschem Denken und falschem Handeln

sind, die die Befreiung immer weiter hinausschieben. — S.V.)

Alle diese Wesen sind im absoluten Brahman entstanden, als es eine nur

ganz geringfügige Störung in dessen Gleichgewicht gab – so wie Wellen auf

der Oberfläche des Ozeans entstehen. So wie der Raum in einem Topf, der

Raum in einem Zimmer und der Raum in einem kleinen Loch integraler Bestandteil

des kosmischen Raums ist, so sind auch diese Wesen nichts als das

unendliche Wesen, in dem es keine Teile gibt. Und da sie in ihm entstanden

sind, gehen sie auch wieder in es ein. Somit scheinen alle diese Wesen durch

den Willen des unendlichen Brahman aufzutauchen und sich in ihm wieder

aufzulösen.

VASIåèHA fuhr fort:

Handlung und Täter der Handlung tauchen gleichzeitig und spontan im

höchsten Sein auf, so wie Blüte und Duft gleichzeitig auftauchen. Es geschieht

jedoch nur in den Augen der Unwissenden, dass die Schöpfung der jīvas als

134


wirklich erscheint, so wie die Unwissenden Bläue im Himmel sehen! Für den

Erleuchteten sind Aussagen wie „Jīvas sind aus Brahman entstanden“ oder

„Jīvas sind nicht aus Brahman entstanden“ gleichermaßen bedeutungslos.

Nur für den Zweck der Unterweisung wird der Dualismus hilfsweise unterstellt,

denn andernfalls ist eine Unterweisung unmöglich. Nachdem der Lehrer

herausgestellt hat, dass jīvas aus Brahman heraus entstanden sind, zeigt

er auf, dass die Wirkung nicht verschieden von der Ursache ist und deshalb

die jīvas nicht verschieden von Brahman sind. Alle diese scheinen nur aus

Brahman geboren zu sein, ebenso wie der Duft aus der Blüte geboren zu sein

scheint. Und sie gehen in das Brahman auf dieselbe Weise wieder ein, wie die

Jahreszeiten „ineinander übergehen“!

Zusammen mit jeder Spezies, die sich selbst im Universum manifestiert,

wird gleichzeitig auch ihr natürliches Verhalten geboren. Es ist nur ihre Unwissenheit

bezüglich ihrer eigenen essenziellen Natur, die zu einem Verhalten

oder einer Handlung führt, die dann zur Ursache einer Reaktion in einer

späteren Geburt wird.

RùMA sagte:

Heiliger Herr, wahrhaftig sind es die Erklärungen der Weisen, deren Gemüter

unvoreingenommen sind, die den Inhalt der Schriften bilden. Und diejenigen,

deren Herzen rein und deren Sichtweise nicht von Getrenntheit getrübt

ist, werden wahrlich als Weise bezeichnet. Die unreife Person kann nur mit

der Hilfe der Schriften und der Erkenntnis einer erleuchteten Person die

Hoffnung hegen, das Licht der Wahrheit zu erblicken. Heiliger Herr, wir sehen,

dass in dieser Welt der Same vom Baum und der Baum aus dem Samen

geboren wird. Ist es dann angemessen zu behaupten, dass ohne Samen aus

früherem karma verschiedene Wesen aus dem absoluten Brahman entstehen?

VASIåèHA erwiderte:

Wenn du aufmerksam beobachtest, oh Rāma, wirst du feststellen, dass nur

aufgrund des in die Tätigkeit involvierten Gemüts diese Handlung ihre eigene

Frucht erzeugt. Daher ist das Gemüt der Same der Handlung. Ebenso geschah

es, dass bei der Manifestierung des kosmischen Gemüts im absoluten Brahman

gleichzeitig die natürlichen Neigungen der verschiedenen Wesen und

ihre vielfältigen Verhaltensweisen geboren und dann die verkörperten Wesen

als die jīvas angesehen wurden. Zwischen Gemüt und Handlung gibt es keine

Getrenntheit. Bevor die Handlung als solche projiziert wird, taucht sie im

Gemüt auf, wobei das Gemüt selbst ihr „Körper“ ist. Daher ist die Handlung

nichts anderes als die Bewegung von Energie im Bewusstsein – sie führt

unvermeidlicherweise zu ihren eigenen Früchten. Wenn solches Handeln an

sein Ende gelangt, gelangt auch das Gemüt an sein Ende, und wenn das Gemüt

aufhört zu sein, gibt es auch kein Handeln. Dies betrifft nur den befreiten

Weisen, aber nicht andere.

VASIåèHA fuhr fort:

III:96

135


III:97

Gemüt ist nichts als Wahrnehmung – und Wahrnehmung ist Bewegung im

Bewusstsein. Der Ausdruck dieser Bewegung ist Handlung, und daraus erfolgen

die Früchte. Das Gemüt ist eine Absicht, die im allmächtigen und unendlichen

Bewusstsein auftaucht. Es (das Gemüt) steht sozusagen zwischen dem

Wirklichen und dem Unwirklichen. Es steht aber der Fähigkeit des Verstehens

nahe. Obschon nicht verschieden vom unendlichen Bewusstsein, denkt es, es

sei verschieden. Obschon nicht-tätig, hält es sich selbst für tätig. Solcher Art

ist das Gemüt, und diese seine Qualitäten sind von ihm selbst untrennbar. Auf

dieselbe Weise sind auch der jīva und das Gemüt untrennbar.

Woran auch immer das Gemüt denkt, das versuchen die Organe der Handlung

sofort zu materialisieren – folglich ist das Gemüt nichts als Handlung.

Jedoch sind Worte wie Gemüt, Intellekt, Ich-Sinn, individualisiertes Bewusstsein,

Handlung, Einbildung, Geburt und Tod, latente Neigungen, Erkenntnis,

Bemühung, Erinnerung, die Sinne, Natur, Māyā oder Illusion, Aktivität und

andere Worte dieser Art nichts als Worte ohne eine dazugehörige Realität –

die einzige Realität ist stets nur das unendliche Bewusstsein, in dem diese

Konzepte als existierend wahrgenommen werden. Alle diese Konzepte sind

aufgetaucht, als das unendliche Bewusstsein in einem Moment der Selbstvergessenheit

aufgrund einer Koinzidenz (die Krähe, die die Kokosnuss gelöst

hat) sich selbst als Objekt der Wahrnehmung erblickt hat.

Wenn dann dasselbe Bewusstsein, verdunkelt von der Unwissenheit, in einem

erregten Zustand Vielfalt wahrnimmt und Objekte zu identifizieren

beginnt, dann nennt man dies das Gemüt. Das, was fest in der Überzeugung

einer bestimmten Wahrnehmung verwurzelt ist, nennt man den Intellekt

(bzw. den Verstand). Wenn er sich selbst unwissenderweise und

närrischerweise als real existierendes, getrenntes Individuum betrachtet,

dann wird dies Ich-Sinn genannt. Wenn es die beständige Erforschung aufgibt

und sich selbst dem Spiel der zahllosen Gedanken, die kommen und gehen,

hingibt, dann wird es als das individualisierte Bewusstsein (bzw. als das Spiel

der Gedankenwellen) bezeichnet.

Während die reine Bewegung im Bewusstsein karma oder Tun ohne einen

unabhängigen Handelnden ist, so wird, sobald die Frucht dieser Handlung

verfolgt wird, dies auch als karma, aber mit einem Handelnden, bezeichnet.

Wenn das Bewusstsein in Verbindung mit etwas Gesehenem oder Ungesehenem

die Wahrnehmung „Ich habe dies schon früher gesehen“ unterhält, wird

es als Erinnerung bezeichnet. Wenn die Wirkungen vergangener Vergnügen

im Feld des Bewusstseins verbleiben, obwohl die Wirkungen selbst nicht

gesehen werden, dann wird dies als latente Neigungen (bzw. Potentialität)

bezeichnet. Wenn es der Wahrheit bewusst ist, dass die Sichtweise der

Getrenntheit das Ergebnis der Unwissenheit ist, wird es als Erkenntnis bezeichnet.

Wenn es sich andererseits in die falsche Richtung bewegt, in Richtung

vermehrter Selbstvergessenheit und tieferer Involviertheit in täuschende

Phantasien, dann wird es als Unreinheit bezeichnet. Wenn es das innewohnende

Selbst mit Sinnesempfindungen unterhält, dann wird es als die

136


Sinne (indriya) bezeichnet. Wenn es unmanifestiert im kosmischen Sein verbleibt,

wird es als Natur bezeichnet. Sobald es Verwirrung zwischen Wesen

und Erscheinungsform stiftet, wird es Māyā (Illusion) genannt. Sobald es

denkt „Ich bin gebunden“, ist da Gebundenheit; wenn es denkt „Ich bin frei“,

ist da Freiheit.

VASIåèHA fuhr fort:

Wenn das Licht des Bewusstseins von der festen Überzeugung der Existenz

des Gemüts verfinstert wird, dann ist dies in der Tat nichts als das Gemüt.

Dieses Gemüt verkörpert sich selbst als die verschiedenen Wesen – Menschen,

Götter, Halbgötter und himmlische Wesen. Dann breitet es sich selbst

als die verschiedenen Formen des Verhaltens aus, wie auch als Städte, Dörfer

usw. Wenn dies die Wahrheit ist – welchen Sinn hat es dann, alle diese äußeren

Erscheinungsformen zu erforschen? Nur das Gemüt selbst ist der sinnvolle

Forschungsgegenstand. Denn sobald wir die Natur des Gemüts erforschen,

können wir sämtliche erzeugten Objekte bzw. alle die Erscheinungsformen

als dessen Schöpfungen sehen. Nur das unendliche Bewusstsein wird nicht

durch das Gemüt erschaffen. Wenn das Gemüt tief erforscht wird, dann wird

es in sein Substrat absorbiert, und sobald es absorbiert ist, findet es die

höchste Seligkeit.

Wenn daher das Gemüt aufgelöst ist, geschieht die Befreiung und es gibt

keinerlei Wiedergeburt mehr, denn es war das Gemüt allein, welches Geburt

und Tod für wahr hielt.

(Vicāra, üblicherweise mit „Erforschen“ übersetzt, ist „unmittelbares Beobachten“.)

RùMA fragte erneut:

Bitte, oh Herr, wie konnte dies alles im reinen unendlichen Bewusstsein geschehen?

Wie war es dem Gemüt, welches anscheinend aus einer Mischung

von wirklich und unwirklich besteht, möglich, darin zu erscheinen?

VASIåèHA erwiderte:

Rāma, Raum ist dreifach, nämlich der unendliche Raum des ungeteilten

Bewusstseins, der endliche Raum des geteilten Bewusstseins und der physische

Raum, in dem die materielle Welt existiert. Der unendliche Raum des

ungeteilten Bewusstseins (cid ákasa) existiert in allem (und zwar innen wie

außen) als der reine Zeuge von dem, was real und dem, was nur scheinbar ist.

Der endliche Raum des geteilten Bewusstseins (citta ākāśa) ist das, was die

Unterteilungen der Zeit erschafft, was alle Wesen durchdringt, und was für

das Wohlergehen aller Wesen sorgt. Der physische Raum ist das, in dem

sämtliche anderen Elemente (Luft usw.) existieren. Die beiden letzteren sind

nicht unabhängig vom ersteren, dem unendlichen Raum des ungeteilten

Bewusstseins. Tatsächlich existieren die anderen überhaupt nicht, und diese

Unterteilung des Bewusstseins in drei ist rein willkürlich – sie dient lediglich

zum Zweck der Unterweisung der Unwissenden. Der Erleuchtete weiß, dass

es nur eine einzige Wirklichkeit gibt – das unendliche Bewusstsein.

137


Rāma, wenn das Bewusstsein denkt: „Ich bin intelligent“ oder „Ich bin leblos“,

dann ist dies das Gemüt. Es kommt von dieser falschen Wahrnehmung,

dass alle die sonstigen physischen und psychologischen Faktoren imaginär

erzeugt werden.

* * *

Die Geschichte vom Großen Wald

III:98

VASIåèHA fuhr fort:

Oh Rāma, was auch immer der Ursprung des Gemüts sei, und wie auch immer

es beschaffen sei – stets sollte man es in Richtung der Befreiung durch

Eigenbemühung lenken. Das reine Gemüt ist frei von latenten Neigungen und

erlangt daher die Selbsterkenntnis. Da sich das gesamte Universum im Gemüt

befindet, befindet sich die Vorstellung von Bindung und Befreiung ebenfalls

in ihm. In diesem Zusammenhang mag die folgende Geschichte interessant

sein, die ich vom Schöpfer Brahmā selbst gehört habe. Höre aufmerksam zu:

Es gab einmal einen großen Wald, ein Wald von solcher Größe, dass darin

eine Million Quadratmeilen nur wie der Raum innerhalb eines Atoms waren.

Darin gab es nur einen einzigen Menschen, mit tausenden von Armen und

Gliedern. Dieser war für immer zu Ruhe- und Rastlosigkeit verdammt. Er

hatte eine Keule in der Hand, mit der er sich selbst schlug und, erschreckt von

seinem eigenen Schlagen, voller Panik davonlief. Er fiel dann in einen toten

Brunnen. Er kletterte aus demselben heraus, schlug sich selbst wieder und

wieder, und rannte wieder panikerfüllt davon, diesmal in ein Gehölz. Er kam

dort wieder heraus, schlug sich erneut und rannte erneut im Schrecken davon,

diesmal in einen Bananenhain. Obgleich es weit und breit kein anderes

Wesen gab, vor dem er Angst hätte haben müssen, weinte und schrie er laut

vor Furcht. So rannte er und schlug sich die ganze Zeit.

Ich betrachtete dies eine Zeitlang und hielt ihn dann schließlich durch die

Kraft meines Willens einen Moment lang zurück. Ich fragte ihn: „Wer bist du?“

Jedoch war er so verzweifelt, dass er mich seinen Feind nannte, laut weinte

und dann plötzlich wieder laut auflachte. Daraufhin begann er nach und nach,

Glied für Glied, seinen Körper abzulegen.

Gleich darauf, nachdem dies geschehen war, sah ich einen anderen wie den

ersten herumlaufen, sich selbst schlagen und jammern. Als ich ihn auf ähnliche

Weise wie den ersten zurückzuhalten versuchte, beschimpfte er mich und

lief davon – ohne nach rechts oder links zu schauen. Auf diese Weise begegneten

mir mehrere dieser Personen. Einige hörten meinen Worten zu und gaben

diese Art zu leben auf – sie wurden erleuchtet. Andere wiederum ignorierten

oder verachteten mich sogar. Wieder andere weigerten sich strikt, aus ihrem

toten Brunnen zu klettern oder die dichten Gehölze zu verlassen.

138


Und so ist dieser riesige Wald, oh Rāma – niemand vermag darin einen sicheren

Ruheplatz zu finden, wie sehr er auch immer danach sucht, und wie

viel verschiedene Lebensweisen er auch ausprobieren mag. Noch heute findest

du in dieser Welt solche Leute, und auch du selbst hast dieses Leben der

Unwissenheit und Täuschung kennen gelernt. Weil du noch jung und unwissend

bist, kannst du es nicht verstehen.

VASIåèHA fuhr fort:

Oh Rāma, weder ist dieser riesige Wald weit entfernt noch befindet sich

diese verrückte Person in einem verrückten Land! Denn diese Welt selbst ist

dieser Wald. Sie ist nichts als eine große Leere – gesehen wird diese Leere

jedoch nur im Licht der Selbsterforschung. Das Licht der Selbsterforschung

ist das „Ich“ in der Geschichte. Akzeptiert wird diese Weisheit von einigen,

und von anderen zurückgewiesen, die dann weiterleiden. Diejenigen, die sie

akzeptieren, sind erleuchtet.

Die Person mit den tausenden von Armen ist das Gemüt mit seinen zahllosen

Manifestationen. Dieses Gemüt bestraft sich selbst durch seine latenten

Neigungen und wandert ruhelos in dieser Welt umher. Der tote Brunnen in

der Geschichte ist die Hölle, und der Bananenhain der Himmel. Das dichte

Gehölz aus Dornenbüschen ist das Leben des weltlichen Menschen mit seinen

zahlreichen Dornen aus Frau, Kindern, Besitz usw. die ihn die ganze Zeit über

quälen. Einmal wandert das Gemüt in die Hölle, dann wieder in den Himmel,

und schließlich in die Welt der menschlichen Wesen.

Sogar dann, wenn das Licht der Weisheit das Leben des irregeführten Gemüts

beleuchtet, weist dieses die Weisheit törichterweise zurück und sieht

sie sogar noch als seinen Feind an. Dann jammert und heult es verzweifelt.

Manchmal erfährt es ein teilweises Erwachen und weist die Vergnügen dieser

Welt ohne klares Verstehen zurück. Und diese Art der Entsagung wird dann

zu einer weiteren Quelle von Kummer. Sobald jedoch eine Entsagung aus der

Fülle des Verstehens und aus der Weisheit der tiefgründigen Erforschung des

Gemüts hervorgeht, führt sie zur höchsten Seligkeit. Ein solches Gemüt betrachtet

unter Umständen sogar seine eigenen, früheren Vorstellungen von

Vergnügen mit Verblüffung. So wie die Glieder der Person nach dem Abschneiden

wegfallen und verschwinden, so verschwinden auch die latenten

Neigungen der Person, die auf weise Art der Welt entsagt hat, aus dem Gemüt.

Sieh nur dieses Spiel der Unwissenheit! Wie es macht, dass sich der Unvorsichtige

aus eigenem, freien Willen verletzt, und wie es macht, dass man

wieder und wieder in sinnloser Panik umherrennt! Obgleich das Licht der

Selbsterkenntnis in jedem Herzen leuchtet, wandert man doch, getrieben von

den eigenen latenten Neigungen, in dieser Welt hin und her. Und das Gemüt

selbst verstärkt noch all diesen Kummer und stachelt einen an, sich dauernd

im Kreis zu drehen. Durch seine eigenen Launen und Wahnvorstellungen,

Gedanken und Hoffnungen, bindet es sich selbst. Wenn die Sorgen es heimsuchen,

wird es verzweifelt und rastlos.

III:99

139


III:100

Jemand, der die Weisheit erlangt, sie lange Zeit hindurch behütet hat und

ausdauernd der Praxis der Erforschung nachgeht, erfährt keinerlei Kummer.

Ein unkontrolliertes Gemüt ist die Quelle der Sorgen. Wird es dagegen tiefgründig

verstanden, dann verschwindet das Leid wie Nebel in der Morgensonne.

VASIåèHA fuhr fort:

Das individualisierte Bewusstsein (das Gemüt) ist im Höchsten Sein aufgetaucht,

oh Rāma – es ist gleichzeitig verschieden und nicht-verschieden vom

unendlichen Bewusstsein, so wie eine Welle verschieden und nichtverschieden

vom Ozean ist. Für den Erleuchteten gibt es nur das absolute

Brahman und sonst nichts. Für den Unerleuchteten ist das Gemüt die Quelle

des Lebenszyklus (saæsāra). Wenn wir dualistische Konzepte verwenden, oh

Rāma, so geschieht dies ausschließlich zur Erleichterung der Unterweisung,

denn die Getrenntheit ist irreal.

Das absolute Brahman ist allmächtig – es gibt nichts, was außerhalb von

ihm ist. Es ist seine eigene Kraft oder Energie, die alle Dinge durchdringt. In

den verkörperten Wesen ist es cit-śakti (die Macht des Bewusstseins oder des

Geistes). Es ist die Bewegtheit der Luft, die Festigkeit der Erde, die Leere im

Raum, und es ist die Macht des Selbstbewusstseins („Ich bin“) in den erschaffenen

Wesen. All dies ist nichts anderes als die Macht des absoluten Brahman.

Es ist die Macht der Auflösung, die Macht, die den Kummer im Beladenen und

die Hochstimmung im Freudigen verursacht, es ist die Tapferkeit des Kriegers,

es ist die Macht, die die Schöpfung hervorbringt, und dieselbe Macht

bewirkt wiederum die Auflösung des Universums.

Der jīva ist der Verbindungspunkt von Bewusstsein und Materie. Weil er

eine Widerspiegelung des absoluten Brahman ist, sagt man von ihm, dass er

in Brahman sei. Sieh das gesamte Universum wie auch das „Ich“ als das absolute

Brahman, denn das Selbst (welches Brahman ist) ist allgegenwärtig.

Wenn dieses Selbst zu denken beginnt, wird es als Gemüt bezeichnet. Es ist

nichts anderes als die Macht des absoluten Brahman, welche nicht verschieden

von Brahman ist. In diesem sind sämtliche willkürlichen Unterteilungen

in „Ich“ und „dies“ nichts als scheinbar reale Reflektionen. Die einzige Realität

des Gemüts ist Brahman allein.

Hier und da, ab und zu manifestiert diese Macht Brahmans die eine oder

andere seiner Kräfte. Jedoch alle diese Manifestationen sind nichts als die nur

scheinbar reale Reflektion der Macht Brahmans – keine reale Schöpfung.

Erschaffung, Umwandlung, Existenz und Zerstörung werden von Brahman in

Brahman hervorgebracht – all dies ist nichts als Brahman. Die Werkzeuge von

Handlung, Täter und Tat, Geburt, Tod und Existenz – all das ist nur Brahman.

Nichts anderes ist – nicht einmal in der Vorstellung. Täuschung, Verlangen,

Gier und Anhaftung sind inexistent – wie könnten sie existieren, wenn es

keine Dualität gibt? Wenn Bindung inexistent ist, dann ist es natürlich auch

die Befreiung.

140


RùMA fragte: Heiliger Herr, du sagtest, dass das Gemüt materialisiert, woran

es denkt. Nun jedoch sagst du, dass Bindung gar nicht existiere! Wie können

diese beiden Aussagen vereinbart werden?

VASIåèHA erwiderte: Oh Rāma, das Gemüt stellt sich im Zustand der Unwissenheit

die Bindung nur vor. Die Bindung existiert nur in diesem Zustand

der Unwissenheit. So wie Traumobjekte beim Erwachen des Träumers verschwinden,

so existieren in den Augen des Erleuchteten all diese als Bindung

und Befreiung bekannten Halluzinationen überhaupt nicht.

* * *

Die Geschichte von den drei inexistenten Prinzen

III:101

VASIåèHA fuhr fort:

Die folgende interessante Legende illustriert dies. Höre gut zu. Ein kleiner

Junge bat einmal sein Kindermädchen um eine Geschichte. Das Kindermädchen

erzählte ihm die folgende Geschichte, der der Junge mit großer Aufmerksamkeit

lauschte:

Es gab einmal in einer Stadt, die nicht existierte, drei Prinzen, die sehr tapfer

und glücklich waren. Zwei von ihnen waren noch nicht geboren, und der

dritte noch gar nicht gezeugt. Leider starben alle ihre Verwandten. Die Prinzen

verließen ihre Geburtsstadt, um irgendwo anders hinzugehen. Schon bald

fielen sie wegen der großen Hitze in Ohnmacht. Ihre Füße wurden von heißem

Sand verbrannt. Die Spitzen der Grashalme stachen sie. Sie erreichten

die Schatten von drei Bäumen, von denen zwei überhaupt nicht existierten,

während der dritte noch nicht einmal gepflanzt war. Nachdem sie dort einige

Zeit geruht und die Früchte dieser Bäume gegessen hatten, gingen sie weiter.

Sie erreichten die Ufer dreier Flüsse, von denen zwei trocken und der dritte

ohne Wasser war. Die Prinzen nahmen ein erfrischendes Bad und stillten

ihren Durst. Dann erreichten sie eine riesige Stadt, die gerade erbaut werden

sollte. Sie betraten sie und fanden darin drei Paläste von außerordentlicher

Schönheit. Von diesen waren zwei noch nicht gebaut, und der dritte hatte

keine Mauern. Sie betraten die Paläste und fanden drei goldene Teller vor.

Zwei davon waren entzwei gebrochen, und der dritte war pulverisiert. Sie

nahmen den einen, der pulverisiert war. Sie nahmen ferner 99 Gramm minus

100 Gramm Reis und kochten ihn. Dann luden sie drei heilige Männer als ihre

Gäste ein, von denen zwei keinen Körper und der dritte keinen Mund hatte.

Nachdem diese heiligen Männer das Essen zu sich genommen hatten, aßen

die drei Prinzen den Rest der gekochten Nahrung. So waren sie in sehr angenehmer

Stimmung. In dieser Stadt lebten sie eine lange Zeit in Frieden und

141


Freude. Mein Kind, dies ist eine besonders schöne Legende. Bitte denke immer

an sie, denn so wirst du zu einem gebildeten Mann heranwachsen.

Oh Rāma, als der kleine Junge dies hörte, war er ganz begeistert.

Was als die Schöpfung der Welt bezeichnet wird, ist nicht wirklicher als diese

Geschichte. Diese Welt ist nichts als reine Halluzination. Sie ist wahrhaftig

nicht mehr als eine bloße Idee. Im unendlichen Bewusstsein tauchte irgendwann

die Idee der Schöpfung auf – und so entstand dann diese Welt, wie sie

ist. Oh Rāma, diese Welt ist nichts als eine Idee – sämtliche Objekte des Bewusstseins

in dieser Welt sind nur eine Idee. Weise diesen Makel der Ideenbildung

von dir und sei frei von Ideen. Verbleibe fest verwurzelt in der Wahrheit

und erlange den Frieden.

VASIåèHA fuhr fort:

Nur ein Tor, aber nicht der weise Mensch, wird von seinen eigenen Ideen

irregeführt. Nur ein Tor denkt, dass das Unvergängliche vergänglich werden

kann, und so wird er getäuscht. Der Ich-Sinn ist nichts als eine Idee, die auf

der falschen Verknüpfung des Selbst mit physischen Elementen beruht. Wenn

in all diesem nur eines als das unendliche Bewusstsein existiert – wie kann

dann etwas wie der Ich-Sinn auftauchen? Tatsächlich existiert dieser Ich-Sinn

nicht anders als die Luftspiegelung in der Wüste. Gib daher, oh Rāma, deine

unvollkommene Sichtweise auf, die nicht auf Fakten basiert. Verbleibe in der

vollkommenen Sicht, die die Natur der Seligkeit hat und auf der Wahrheit

gründet.

Erforsche die Natur der Wahrheit. Gib die Falschheit auf. Du bist immer frei

– weshalb nennst du dich selbst gebunden und trauerst? Das Selbst ist unendlich

– weshalb, wie und durch wen sollte es gebunden sein? Im Selbst gibt es

keinerlei Getrenntheit, da dieses absolute Brahman alles ist, was es gibt. Was

heisst Bindung, und was heißt Befreiung? Nur im Zustand der Unwissenheit

denkst du, dass du leidest, obwohl du in Wahrheit unberührt vom Schmerz

bist. Diese Dinge existieren einfach nicht im Selbst.

Lass den Körper fallen oder erstehen oder sogar in ein anderes Universum

wandern. Ich bin nicht auf diesen Körper beschränkt – wie kann ich dann von

all diesem berührt werden? Die Beziehung zwischen dem Körper und dem

Selbst ist wie die Beziehung zwischen einer Wolke und dem Wind, wie zwischen

dem Lotos und der Biene. Sobald die Wolke aufgelöst ist, wird der

Wind eins mit dem unendlichen Raum. Wenn der Lotos verblüht, fliegt die

Biene in den Himmel hinauf und davon. Das Selbst wird nicht zerstört, wenn

der Körper vergeht. Nicht einmal das Gemüt hört auf – es vergeht erst, wenn

es im Feuer der Selbsterkenntnis verbrannt wird.

Der Tod ist nur die Verschleierung des immer gegenwärtigen Selbst durch

Zeit und Raum. Nur Toren fürchten den Tod.

Gib deine latenten Neigungen auf dieselbe Weise auf, wie ein Vogel, der in

den Himmel fliegen will, seine Eierschale durchbricht. Geboren aus der Unwissenheit,

sind diese Tendenzen schwer zu zerstören – sie geben Anlass zu

III:102

142


endlosem Kummer. Es ist nur diese unwissende, sich selbst begrenzende

Tendenz des Gemüts, die das Unendliche als das Endliche sieht. Die Erforschung

der Natur des Selbst jedoch löst diese durch Unwissenheit hervorgebrachte

selbst-begrenzende Tendenz auf wie die Sonne den Nebel auflöst.

Nur der ernsthafte Wunsch, diese Erforschung zu unternehmen, kann einen

Wandel hervorbringen. Askese und ähnliche Praktiken sind in dieser Hinsicht

nutzlos.

Wenn das Gemüt durch zunehmende Weisheit von seiner Vergangenheit

gereinigt wird, gibt es seine früheren Tendenzen auf. Das Gemüt sucht das

Selbst nur, um sich selbst darin aufzulösen. Das ist in Wahrheit die Natur des

Gemüts. Darin besteht das höchste Ziel, Rāma – strebe danach.

Als der Weise geendet hatte, ging ein weiterer Tag zur Neige.

* * *

Die Geschichte von Lavaïa

III:103,

104

VASIåèHA fuhr fort:

Durch seine eigene Manifestation im unendlichen Bewusstsein hat sich das

Gemüt aufgrund seiner eigenen Natur verzweigt und ausgebreitet. Aufgrund

seiner Natur lässt es das Lange als kurz und umgekehrt erscheinen. Es lässt

das Eigene als verschieden und umgekehrt erscheinen. Sogar ein winziges

Ding vermag es durch Berührung ins Riesenhafte zu vergrößern und sich zu

eigen zu machen. Während eines Augenblinzelns erschafft es zahllose Welten,

und während eines Augenblinzelns zerstört es sie wieder. So wie ein geschickter

Schauspieler verschiedene Rollen spielt, eine nach der anderen, so

nimmt das Gemüt verschiedene Aspekte an, einen nach dem anderen. Es lässt

das Unwirkliche als wirklich und umgekehrt erscheinen. Als Ergebnis davon

erfährt man dann Leid oder Freude. Sogar das, was ihm auf natürliche Weise

zufällt, ergreift es mit Händen und Füßen. Als Ergebnis dieses falschen Gefühls

des persönlichen Besitzes erleidet es dann die Konsequenzen.

Zeit, als die wechselnden Jahreszeiten bringt indirekt den Wandel in den

Bäumen und Pflanzen hervor. Auf dieselbe Weise lässt das Gemüt die Dinge

anders erscheinen, als sie sind, indem es seine Kräfte des Denkens und der

Ideenbildung spielen lässt. Folglich stehen alle Dinge, sogar Zeit und Raum,

unter der Kontrolle des Gemüts. In Abhängigkeit von seiner Aktivität oder

Stumpfheit, und in Abhängigkeit von der Größe (klein oder groß) des erzeugten

oder beeinflussten Objekts vermag das Gemüt alles geschehen zu lassen,

was auch immer es früher oder später geschehen lassen will – es ist fähig,

alles, was immer es auch sei, entstehen zu lassen.

143


III:105,

106

Bitte, oh Rāma, höre eine andere interessante Geschichte, die dies verdeutlicht.

In einem Land mit dem Namen Uttarāpāndava, in dessen Wäldern Weise

lebten und dessen Dörfer schön und wohlhabend waren, regierte ein König

mit Namen Lavaïa, ein Abkömmling des berühmten Herrschers Hariścandra.

Er war rechtschaffen, edel, ritterlich, wohltätig und in jeder Hinsicht ein würdiger

König. Seine Feinde waren alle besiegt – und ihre Nachfolger konnten

nicht ohne Angst an ihn denken.

Eines Tages kam dieser König zu seinen Hof und bestieg den Thron. Nachdem

seine Minister und alle anderen ihm den schuldigen Respekt erwiesen

hatten, betrat ein Zauberkünstler den Hof und grüßte ihn. Er sagte zum König:

„Ich werde dir etwas Wunderbares zeigen!“ Und schon ließ er einen

Strauß Pfauenfedern herumwirbeln. Daraufhin betrat ein Ritter den Hof, der

ein herrliches Pferd mit sich führte. Er bat den König, dieses als ein Geschenk

anzunehmen. Der Zauberkünstler forderte den König auf, das Pferd zu besteigen

und nach Lust und Laune damit in der Welt umherzureiten. Der König

betrachtete das herrliche Pferd.

Nun schloss der König die Augen und saß bewegungslos da. Die ganze Versammlung

wurde völlig still. Am Hof herrschte absolute Stille, da niemand

den Frieden des Königs zu stören wagte.

VASIåèHA fuhr fort:

Rāma, nach einiger Zeit nun öffnete der König wieder die Augen und begann,

wie vor Furcht zu zittern. Weil er zu stürzen drohte, eilten die Minister

zu ihm, um ihn zu stützen. Erschreckt von ihrem Anblick sprach der König:

„Wer seid ihr, und was tut ihr mit mir?“ Die beunruhigten Minister erwiderten

ihm: „Herr, du bist ein mächtiger König voll Weisheit, und doch konnte dich

diese Täuschung überwältigen. Was ist mit deinem Gemüt geschehen? Nur

diejenigen, die an den bedeutungslosen Objekten dieser Welt und den falschen

Beziehungen zu Frauen, Kindern usw. hängen, sind den mentalen Abirrungen

unterworfen, jedoch nicht jemand wie du – hingegeben an das Höchste.

Außerdem ist nur derjenige, der nicht die Weisheit kultiviert hat, nachteilig

von Zaubersprüchen, Drogen usw. betroffen, nicht jedoch derjenige, dessen

Gemüt voll entwickelt ist.“

Als er dies vernahm, gewann der König seine frühere Haltung zurück, obwohl

er den Zauberkünstler immer noch zitternd vor Furcht betrachtete. Er

sprach zu ihm: „Oh du Zauberer, was hast du mit mir getan? Du hast ein Netz

der Täuschung über mich geworfen. Wahrhaftig werden sogar die Weisen von

Maya’s Zauberkunststücken überwältigt – so wie ich, obgleich in diesem

Körper, innerhalb eines Augenblicks wundersame Halluzinationen erlebt

habe.“ Der König wandte sich an die Mitglieder des Hofes und begann von den

Erfahrungen der vergangenen Stunde zu berichten:

„Sobald ich diesen Zauberer sah, der diesen Strauß Pfauenfedern herumwirbelte,

schwang ich mich auf das Pferd, das vor mir stand, und erfuhr eine

144


leichte mentale Täuschung. Nun ging ich auf eine Jagdexpedition. Das Pferd

brachte mich ein eine trostlose Wüste, in der niemand lebte, nichts wuchs, wo

es kein Wasser gab und wo es bitterkalt war. Ich durchlebte große Qualen.

Dort verbrachte ich den ganzen Tag. Später ritt ich dann auf dem Pferd weiter,

durchquerte die Wüste und betrat eine andere, die weniger öde war. Ich ruhte

unter einem Baum. Das Pferd lief davon. Ich ruhte mich eine Weile aus, bis die

Sonne unterging. Voll Angst versteckte ich mich in den Büschen. Die Nacht

dauerte länger als eine Ewigkeit.

Der Tag brach an. Die Sonne ging auf. Etwas später sah ich ein dunkelhäutiges

Mädchen in schwarzen Kleidern, das einen Teller mit Essen in der Hand

trug. Ich näherte mich ihr und bettelte sie um Essen an. Ich war sehr hungrig.

Sie beachtete mich nicht – ich verfolgte sie. Schließlich sagte sie: „Ich gebe dir

Essen, wenn du mir versprichst, mich zu heiraten.“ Ich versprach es, denn das

Überleben war jetzt mein erstes und wichtigstes Ziel. Sie gab mir zu essen

und stellte mich später ihrem Vater vor, der noch schrecklicher als sie anzuschauen

war. Schon bald gelangten wir drei in das Dorf der beiden, welches

von Blut und Fleisch schwamm. Ich wurde allen als der Gemahl dieses Mädchens

vorgestellt. Ich wurde von allen mit großem Respekt behandelt. Sie

unterhielten mich mit verschiedenen, unangenehmen Geschichten, die nichts

als eine Quelle des Schmerzes waren. Dann gab es eine teuflische Zeremonie,

in deren Verlauf ich mit dem Mädchen verheiratet wurde.“

DER KÖNIG fuhrt fort:

Bald danach wurde ich ein Mitglied des primitiven Stammes. Meine Frau

gebar eine Tochter – Quelle noch weiteren Unglücks für mich. Im Laufe der

Zeit kamen noch drei weitere Kinder. So wurde ich in diesem Stamm zum

Familienvater. Ich verbrachte dort viele Jahre (zusammen mit ihm) und erlitt

die Qualen eines Familienmannes mit Frau und Kindern, die ernährt und

beschützt werden mussten. Ich schlug Feuerholz und musste oft zur Nachtzeit

unter einem Baum schlafen. Wenn es kälter wurde, suchte ich Schutz in

den Büschen, um es wärmer zu haben. Meine Hauptnahrung war Schweinefleisch.

Die Zeit schritt voran und ich wurde alt. Ich begann mit Fleisch zu handeln.

Ich brachte das Fleisch zu den Dörfern auf den Vindhya-Bergen und verkaufte

das meiste dort. Was ich nicht zu einem angemessenen Gewinn verkaufen

konnte, schnitt ich in kleine Stückchen, die ich an einem schmierigen, verschmutzen

Ort trocknete. Oft genug musste ich mit anderen im Stamm um ein

kleines Stückchen Fleisch kämpfen, wenn der Hunger mich quälte und ich

essen wollte. Mein Körper war in der Zwischenzeit schwarz wie Ruß geworden.

Auf diese Weise in sündige Tätigkeiten verstrickt, neigte sich auch mein

Gemüt mehr und mehr in Richtung der Sünde. Meine früheren guten Gedanken

und Gefühle hatten mich verlassen. Mein Herz hatte sämtliches Mitgefühl

verloren – so wie eine Schlange ihre Haut abwirft. Mit Hilfe von Netzen und

III:107,

108

145


III:109

anderen Fallen und Waffen fügte ich den Vögeln und Tieren unsägliches Leid

zu.

Nur in ein Lendentuch gekleidet, ertrug ich alle Unbilden des Wetters. So

verbrachte ich sieben Jahre. Gebunden durch die Stricke der bösen Neigungen

lebte ich wild vor Wut und schlimme Worte gebrauchend, gebadet in Unglück

und verrottete Nahrung essend. So verbrachte ich an diesem Ort eine lange,

lange Zeit. Ich trieb wie in trockenes Blatt im Wind umher, und meine einzige

Lebensaufgabe war das Essen.

Dann kam eine Dürre über das Land. Die Luft war so heiß, dass ihre Winde

Feuerzungen entsandten. Der Wald fing Feuer – und nur Asche blieb von ihm

übrig. Die Menschen starben an Hunger. Sie verfolgten Luftspiegelungen, in

dem Irrtum, da sei Wasser. Sie hielten Kiesel für Fleischbällchen und begannen

sie zu kauen.

Einige unter ihnen begann sogar Leichen zu fressen. Während sie ihren

kannibalischen Neigungen nachgingen, kauten sie sogar auf ihren Fingern

herum, die vom Blut dieser toten Körper besudelt waren. So weit war es mit

ihnen in ihrem Hungerwahn gekommen.

Was einmal ein blühender Wald war, wurde in ein riesiges Krematorium

verwandelt. Was einst ein freudeerfülltes Land war, war nun ein grauenhafter

Ort, in dem die Todesschreie der Sterbenden widerhallten.

(Hinweis: Diese beiden Kapitel sind voll von passenden graphischen Darstellungen.)

DER KÖNIG fuhrt fort:

Vom Hungertod bedroht, verließen viele Menschen das Land und wanderten

in andere Gegenden. Andere wiederum, die sehr an ihren Frauen und

Kindern hingen, kamen in diesem Land um. Viele wurden von wilden Tieren

getötet.

Auch ich verließ zusammen mit meiner Frau und den Kindern das Land. An

der Grenze des Landes lockte mich der kühle Schatten eines Baumes. Ich legte

die kleinen Kinder, die ich auf den Schultern trug, nieder, und ruhte unter

diesem Baum eine lange Zeit aus.

Das jüngste meiner Kinder war noch ganz klein und unschuldig und war

mir daher am liebsten. Mit Tränen in den Augen verlangte es nach Essen.

Obwohl ich ihm schon gesagt hatte, dass es kein Fleisch mehr zu essen gab,

bestand es in seiner kindlichen Unschuld auf seinem Verlangen, unfähig, den

Hunger zu ertragen. Verzweifelt sagte ich ihm: „Nun gut, dann iss eben mein

Fleisch!“ Das unschuldige Kind sagte ohne nachzudenken: „Dann gib es mir.“

Ich war von Liebe und Mitleid bewegt. Ich sah, wie das Kind nicht länger die

Schmerzen des Hungers zu ertragen vermochte. Daher beschloss ich, dass der

beste Weg, all dieses Elend zu beenden, die Beendigung meines Lebens sei.

Mit in der Nähe zusammengesuchtem Holz errichtete ich einen Scheiterhaufen.

Und als ich dann den Scheiterhaufen bestieg, schauderte ich – und in

146


III:110

demselben Moment befand ich mich an diesem Hof – begrüßt und umjubelt

von euch allen.“

(Als der König diese Worte gesprochen hatte, verschwand der Zauberkünstler.)

Die MINISTER sprachen:

O König, dies kann kein Zauberkünstler gewesen sein, weil er nicht an einer

Belohnung, an Geld, interessiert gewesen ist. Ganz sicher war dies ein göttliches

Wesen, das dir und uns allen die Macht der kosmischen Illusion zeigen

wollte. Aus all dem ist klar geworden, dass diese Welterscheinung nichts

anderes als das Spiel des Gemüts ist –das Gemüt selbst ist das Spielzeug des

allmächtigen, unendlichen Seins. Dieses Gemüt ist fähig, sogar einen Mann

von großer Weisheit an der Nase herumzuführen. Wo ist der König, der in

allen Wissensgebieten bewandert war, und wo ist diese so verblüffende Illusion?

Ganz gewiss ist dies nicht der Trick eines Taschenspielers – denn ein Zauberer

arbeitet für materiellen Gewinn. Es war nichts als die Macht der Illusion.

Daher verschwand der Zauberer, ohne eine Belohnung zu verlangen.

VASIåèHA sprach:

Rāma, ich selbst befand mich zu jener Zeit an diesem Hof und weiß daher

alles aus erster Hand. Auf diese Weise vermag das Gemüt die wahre Natur des

Selbst zu verhüllen und eine illusorische Realität mit zahlreichen Bäumen,

Blumen und Früchten zu erschaffen. Zerstöre diese Illusion mit Hilfe der

Weisheit und ruhe im Frieden.

VASIåèHA fuhr fort:

Ganz zu Beginn entstand eine Trennung im Höchsten Sein bzw. unendlichen

Bewusstsein, und das Unendliche wurde scheinbar gleichzeitig zum Beobachter

und Beobachteten. Als dieser Beobachter das Beobachtete zu begreifen

und zu verstehen versuchte, gab es eine Vermischung (von Realität und Erscheinung)

oder eine Verwirrung. Aufgrund dieser Verwirrung entstand im

unendlichen Bewusstsein das Konzept der Endlichkeit.

Das endliche Gemüt erschafft sodann in sich zahllose Ideen, die es schwächen

und verschleiern und die Sorgen herbeischaffen, die dann vom Gemüt

wiederum stark vergrößert werden. Diese Ideen und Erfahrungen hinterlassen

Spuren im Gemüt. Sie bilden die Eindrücke oder die konditionierten

Tendenzen, die zum allergrößten Teil latent oder schlafend sind. Wenn das

Gemüt es jedoch schafft, sie wieder loszuwerden, verschwinden die Schleier

wie Nebel im Sonnenaufgang – und damit auch all diese Sorgen. Bis dahin

spielt das Gemüt mit all diesen– wie kleine Kinder mit Küken spielen und sie

quälen.

Das unreine Gemüt sieht dort ein Gespenst, wo nur ein Pfahl ist. Es vergiftet

die Beziehungen unter den Menschen, indem es Verdächtigungen unter

Freunden sät und Feinde aus ihnen macht – so wie ein Betrunkener glaubt,

147


dass sich die Welt um ihn dreht. Ein zerquältes Gemüt verwandelt Nahrung in

Gift und verursacht Krankheit und Tod.

Das unreine (mit Tendenzen beladene) Gemüt ist die Ursache der Täuschungen

(der Manien und Phobien). Man soll danach streben, sie zu entwurzeln

und abzutun. Was ist denn der Mensch anderes als das Gemüt? Der Körper

selbst ist leblos und fühlt nichts. Man kann aber nicht sagen, dass das

Gemüt leblos sei, obschon man andererseits auch nicht behaupten könnte, es

sei fühlend. Was vom Gemüt getan wird, ist Tätigkeit – was vom Gemüt aufgegeben

wird, ist Entsagung.

Das Gemüt ist diese ganze Welt; das Gemüt ist die Atmosphäre, das Gemüt

ist der Himmel, das Gemüt ist die Erde, das Gemüt ist der Wind, und das

Gemüt ist wahrhaftig groß. Nur derjenige, dessen Gemüt töricht ist, wird ein

Tor genannt. Wenn der Körper jedoch die Vernunft verliert (wie z. B. im Tode),

dann sagt man vom Körper nicht, dass er töricht sei!

Das Gemüt sieht – so bilden sich die Augen. Das Gemüt hört– so entstehen

die Ohren. Und so ist es auch mit den anderen Sinnen – es ist das Gemüt, das

sie erschafft.

Das Gemüt entscheidet darüber, was süß oder sauer ist, wer Freund oder

Feind ist. Das Gemüt entscheidet über die Dauer der Zeit, denn der König

Lavaïa erfuhr in weniger als einer Stunde eine ganze Lebenszeit. Das Gemüt

befindet darüber, was Himmel und Hölle ist. Wenn daher dieses Gemüt gemeistert

wird, dann ist alles, einschließlich der Sinne, gemeistert.

VASIåèHA fuhr fort:

Was ist wohl mysteriöser, Rāma, als dieses Gemüt, welches fähig ist, das allgegenwärtige,

reine, ewigliche und unendliche Bewusstsein zu verdunkeln

und dich dazu bringt, dich selbst mit diesem leblosen physischen Körper zu

identifizieren? Das Gemüt selbst erscheint wie Wind im bewegten Element,

wie Glanz im Glänzenden, wie Festigkeit in der Erde und Leere im Raum.

Wenn das Gemüt abwesend ist, wird der Geschmack des gegessenen Essens

nicht wirklich erfahren. Wenn das Gemüt abwesend ist, sieht man nicht einmal

das, was sich direkt vor einem befindet. Die Sinne sind aus dem Gemüt

entstanden und nicht anders herum.

Nur Narren halten Körper und Gemüt für völlig verschieden – tatsächlich

sind sie nicht verschieden, sie sind nichts anderes als das Gemüt. Wir verneigen

uns vor den Weisen, die diese Wahrheit wahrhaftig verwirklicht haben!

Der Weise, der dies verwirklicht hat, kommt nicht aus der Ruhe, auch wenn

sein Körper von einer Frau umarmt wird. Für ihn ist dies, als ob ein Stück

Holz mit dem Körper in Kontakt kommen würde. Auch wenn seine Arme

abgeschnitten werden, erfährt er dies nicht als wirklich. Er ist fähig, sämtliches

Leid in Seligkeit zu verwandeln.

Wenn das Gemüt abwesend ist, selbst bei einer sehr interessanten Geschichte,

dann hörst du überhaupt nichts.

148


III:111

So wie ein Schauspieler sich die Charaktere von verschiedenen Persönlichkeiten

vorzustellen vermag, so ist das Gemüt in der Lage, verschiedene Bewusstseinszustände

wie Wachen oder Träumen zu erschaffen. Wie rätselhaft

ist doch das Gemüt, welches den König Lavaïa fühlen ließ, dass er ein primitiver

Stammesangehöriger sei! Das Gemüt erfährt, was es sich selbst konstruiert.

Das Gemüt ist nichts anderes als das, was durch Denken zusammengesetzt

wird. Wisse dies, und dann handle, wie es dir gefällt.

Es ist in der Tat das Gemüt, das aufgrund von ständigem Denken glaubt,

dass es geboren sei und dann stürbe. Und obwohl es keinerlei Form hat,

denkt es, dass es ein jīva mit einem Körper usw. sei. Nur aufgrund der Gedanken

nimmt es eine Nationalität an und erfreut oder erleidet Vergnügen oder

Schmerzen. All dieses ist im Gemüt enthalten wie Öl in einem Samen.

Wer seinem Gemüt nicht erlaubt, in den Objekten des Vergnügens umherzuwandern,

ist in der Lage, es zu meistern. So wie jemand, der an einen Pfeiler

gefesselt ist, sich nicht bewegen kann, so entfernt sich das Gemüt des

edlen Mannes nicht von der Wirklichkeit – dieser allein ist ein menschliches

Wesen; alle anderen sind nur Würmer. Er erlangt das Höchste Sein durch

beständige Meditation.

VASIåèHA fuhr fort:

Der Sieg über diesen als Gemüt bekannten Kobold wird erlangt, wenn man

durch Eigenbemühung die Selbsterkenntnis erlangt und das Verlangen nach

dem aufgibt, was sich das Gemüt als sein Vergnügen wünscht. Erreicht werden

kann dies auf einfache Weise ohne alle Bemühung (so leicht, wie man die

Aufmerksamkeit eines Kindes ablenken kann) durch die Kultivierung der

richtigen Einstellung. Schande über den, der unfähig ist, sein Verlangen aufzugeben,

denn das ist das einzige Mittel zum Erreichen des wahrhaftig Guten.

Durch intensive Eigenbemühung ist es möglich, über das Gemüt zu triumphieren.

Und dann wird das individualisierte Bewusstsein ohne die kleinste

Mühe in das unendliche Bewusstsein absorbiert, sobald seine Individualität

gebrochen ist. Dies ist einfach und wird sehr schnell erreicht. Wer dazu nicht

fähig ist, ist in der Tat ein Geier in menschlicher Gestalt.

Einen anderen Weg zur Erlösung des Menschen als den der Kontrolle des

Gemüts, womit die entschlossene Aufgabe des Verlangens gemeint ist, gibt es

nicht. Fasse den festen Entschluss, dieses Gemüt sozusagen zu töten, was

ohne Zweifel leicht erreicht werden kann. Wenn einer das Verlangen des

Gemüts nicht aufgegeben hat, dann sind sämtliche Anweisungen der Lehrer,

das Studium der Schriften, die Rezitation von Mantras usw. so wertlos wie

Stroh! Nur wenn einer die Wurzel des Gemüts mit der Waffe des Nicht-

Konzeptualisierens durchtrennt, kann er das absolute Brahman erlangen,

welches allgegenwärtiger höchster Friede ist. Die Konzeptualisierung oder

Einbildung ist die Quelle von Irrtum und Leid; und man kann sie leicht durch

Selbsterkenntnis los werden. Wenn man sie los geworden ist, dann ist da

großer Friede. Weshalb finden die Menschen dies so schwierig?

149


III:112

Gib deinen blinden Glauben auf an das Schicksal oder die Götter, der von

verrückten und dummen Menschen geschaffen worden ist. Mache durch

Eigenbemühung und Selbsterkenntnis das Gemüt gemütlos. Lass das unendliche

Bewusstsein sozusagen dieses endliche Gemüt verschlucken, und dann

gehe jenseits von allem. Sobald dein Geist mit dem Höchsten vereint ist, halte

an dem Selbst fest, welches unvergänglich ist.

Sobald das Gemüt einmal durch vollständige Ruhe erobert worden ist, wirst

du sogar die Eroberung der drei Welten als wertlos befinden. Hierfür ist

keinerlei Studium der Schriften oder ein Niederfallen und Wiederaufstehen

nötig – nur Selbsterkenntnis wird benötigt. Weshalb hältst du dies für

schwierig? Wenn jemand dies schwierig findet – wie kann er dann in dieser

Welt leben ohne Selbsterkenntnis?

Wer die todlose Natur des Selbst kennt, fürchtet sich nicht vor dem Tod.

Auch ist er nicht berührt durch die Trennung von Freunden und Verwandten.

Die Gefühle „Dies bin ich" und "Dies ist mein" sind das Gemüt – sobald sie

nicht mehr da sind, hört das Gemüt auf zu sein. Dann wird man furchtlos.

Waffen wie Schwerter erzeugen Furcht – diese Waffe (Weisheit) jedoch, die

den Ich-Sinn zerstört, erzeugt Furchtlosigkeit.

VASIåèHA fuhr fort:

Auf welches Objekt das Gemüt auch immer den Strom seiner Energien richtet

– darin sieht es die Erfüllung all seines Verlangens. Die Ursache dieser

Bewegung in eine bestimmte Richtung ist nicht offensichtlich. Wie die Wellen

auf dem Ozean erscheint solch intensive Bewegung einmal hier und dann

dort, sie entsteht und vergeht. Wie Kühle jedoch untrennbar vom Eis ist, so ist

diese rastlose Bewegung untrennbar vom Gemüt.

RùMA fragte:

Wie aber, heiliger Herr, kann diese ruhelose Bewegung des Gemüts mit

Kraftaufwand zurückgehalten werden, ohne dadurch noch größere Rastlosigkeit

auszulösen?

VASIåèHA sprach:

Ganz gewiss gibt es kein Gemüt ohne Rastlosigkeit, denn Rastlosigkeit ist

die eigentliche Natur des Gemüts. Es ist das Werk dieser Rastlosigkeit des

Gemüts, welches auf dem unendlichen Bewusstsein gründet, das als diese

Welt erscheint, oh Rāma – eben darin besteht die Macht des Gemüts. Wird

das Gemüt jedoch seiner Rastlosigkeit beraubt, dann bezeichnet man es als

ein totes Gemüt, und dies ist nichts anderes als Entsagung (tapas) und gleichzeitig

die wahrheitsgemäße Bestätigung der Schriften und die Befreiung.

Wenn das Gemüt auf diese Weise im unendlichen Bewusstsein absorbiert

ist, dann herrscht höchster Friede. Ist das Gemüt jedoch in Gedanken involviert,

dann ist da großes Leid. Die Ruhelosigkeit des Gemüts selbst nennt man

Unwissenheit oder Finsternis. Sie ist der Wohnort der Tendenzen, der Neigungen

und der Konditionierung. Zerstöre dies durch die Erforschung und

150


III:113

durch die feste Entscheidung, nicht an die Objekte der Sinnesvergnügen zu

denken.

Oh Rāma, das Gemüt schwingt ständig wie ein Pendel zwischen der Realität

und der Erscheinungswelt hin und her, zwischen Bewusstheit und Trägheit.

Sobald das Gemüt die trägen Objekte eine Zeitlang betrachtet hat, übernimmt

es selbst die Eigenschaften dieser Trägheit. Wenn sich dasselbe Gemüt dagegen

der Erforschung und Weisheit hingibt, schüttelt es dadurch alle Konditionierung

ab und kehrt zu seinem ursprünglichen Zustand als reines Bewusstsein

zurück. Das Gemüt nimmt die Gestalt des Dinges an, über welches es

nachsinnt – ob dieses nun natürlich oder durch Kultivierung entstanden sei.

Kontempliere daher mit Entschlossenheit den Zustand jenseits des Leides,

frei von allen Zweifeln. Das Gemüt ist fähig, sich selbst zu beherrschen. Einen

anderen Weg gibt es in der Tat nicht.

Die Weisen beseitigen die Manifestationen der latenten Tendenzen oder

Konditionierungen (die nichts als das Gemüt sind) aus ihrem Gemüt, wann

und wo sie auftauchen, und so wird die Unwissenheit beseitigt. Zerstöre als

erstes die mentale Konditionierung durch Aufgeben der Begierden, und dann

entferne aus deinem Gemüt sogar die Konzepte von Bindung und Befreiung.

Sei vollkommen frei von jeglicher Konditionierung.

VASIåèHA fuhr fort:

Die psychologischen Neigungen (bzw. die mentale Disponiertheit oder

Konditionierung) sind unwirklich und erscheinen doch im Gemüt. Sie kann

daher mit der Wahrnehmung zweier Monde verglichen werden, wie sie bei

einer fehlsichtigen Person auftritt. Diese Neigung sollte folglich als schiere

Täuschung verworfen werden. Das Produkt der Unwissenheit ist nur für die

unwissende Person wirklich – für den Weisen ist dies nur eine verbale Ausdrucksweise

(als würde man vom Sohn einer unfruchtbaren Frau sprechen).

Verbleibe nicht länger in der Unwissenheit, oh Rāma, sondern strebe danach,

weise zu sein, indem du die mentale Konditionierung verwirfst, so wie du die

Idee eines zweiten Mondes verwirfst.

Du bist nicht der Täter irgendeiner Tätigkeit hier, oh Rāma – weshalb gehst

du dann von einer Täterschaft aus? Wenn Eines allein existiert – wer tut dann

was und wie? Werde auch nicht inaktiv, denn für was sollte die Untätigkeit

gut sein? Was getan werden muss, muss getan werden. Ruhe im Selbst. Wenn

du unberührt von allen diesen Tätigkeiten bleibst, dann bist du wahrhaftig

der Nicht-Täter, auch wenn du sämtliche für dich natürlichen Dinge tust. Du

wirst jedoch zum Täter, sobald du nichts tust und dann dieser Nicht-

Täterschaft anhängst, indem du glaubst, nichts zu tun! Wenn doch diese ganze

Welt wie ein Taschenspielertrick ist – was muss dann aufgegeben und was

gesucht werden?

Der Same dieser Welterscheinung ist die Unwissenheit. Wenn diese nicht

als das gesehen wird, was sie ist, dann erhält sie das Siegel der Wahrheit! Die

Macht, die diese Welterscheinung erschafft und sie in Bewegung hält wie der

Töpfer seine Töpferscheibe, ist die psychologische Tendenz (oder die mentale

151


Konditionierung). Wie ein Bambus ist sie leer und ohne jede Substanz. Wie

die Wellen im Ozean stirbt sie nicht einmal dann, wenn sie zerteilt wird. Sie

kann nicht erfasst werden. Sie ist subtil und flüchtig, aber sie hat die Kraft

eines Schwertes. Obwohl sie in ihrer eigenen Widerspiegelung als ihre Wirkung

wahrgenommen wird, ist sie bei der Suche nach der Wahrheit nicht von

Nutzen. Wegen dieser Konditionierung werden in den Objekten dieser Schöpfung

Unterschiede gesehen.

Obwohl man diese Konditionierung nicht irgendwo festlegen kann, wird sie

doch überall gesehen. Sie ist keine Manifestation der Vernunft, aber weil sie

auf der Intelligenz basiert, hat sie den Anschein von Intelligenz. Obgleich sie

sich stets verändert, erzeugt sie in einem die Illusion der Dauerhaftigkeit.

Aufgrund ihrer Nähe zum unendlichen Bewusstsein erscheint sie als tätig.

Wenn dieses unendliche Bewusstsein realisiert wird, dann gelangt sie (die

Konditionierung) an ihr Ende.

Diese mentale Konditionierung stirbt, wenn sie nicht weiter durch die Anhaftung

an Objekte genährt wird. Sie verbleibt jedoch auch in der Abwesenheit

dieser Anhaftung als Potentialität bestehen.

VASIåèHA fuhr fort:

Diese Unwissenheit oder mentale Konditionierung wird vom Menschen ohne

Anstrengung erworben und übernommen und scheint Vergnügen zu fördern.

In Wahrheit jedoch bereitet sie Leiden. Die Illusion des Vergnügens

entsteht nur durch die völlige Verdunkelung der Selbsterkenntnis. So liess sie

König Lavaïa einen Zeitraum von weniger als einer Stunde wie mehrere

Jahre erleben.

Diese Unwissenheit oder mentale Konditionierung ist machtlos, irgend etwas

zu tun, und doch scheint sie äußerst aktiv zu sein – auf dieselbe Weise,

wie ein Spiegel das Licht einer Lampe reflektiert. So wie ein lebensechtes

Bildnis einer Frau niemals die Pflichten einer lebendigen Frau übernehmen

kann, so ist auch diese Unwissenheit oder mentale Konditionierung unfähig,

selber zu funktionieren, obschon es aussieht, als wäre sie dazu fähig. Den

Weisen vermag sie nicht zu täuschen, sehr wohl aber den Dummen zu überwältigen

– so einfach, wie eine Luftspiegelung ein Tier, aber nicht einen intelligenten

Menschen, zu täuschen vermag.

Diese Unwissenheit oder mentale Konditionierung besitzt nur eine momentane

Existenz. Weil sie jedoch fortwährend tätig zu sein scheint, erweckt sie

wie ein Fluss den Anschein von Dauerhaftigkeit. Weil sie die Realität zu verdunkeln

vermag, erscheint sie als real. Wenn du sie aber zu begreifen versuchst,

entdeckst du, dass sie nichts ist. Und doch erlangt sie aufgrund dieser

Eigenschaften in der Welterscheinung eine Stärke und Überzeugungskraft so,

wie eine einzelne Faser durch Eindrehen in ein Seil große Festigkeit erlangt.

Es sieht so aus, als würde diese Konditionierung wachsen – aber tatsächlich

geschieht dies nicht. Denn wenn du nach ihr zu greifen versuchst, verschwindet

sie wie die Spitze einer Flamme. Und doch – so wie der farblose Himmel

152


lau erscheint, so hat auch diese Konditionierung den Anschein einer wirklichen

Existenz! Sie entsteht wie der zweite Mond beim Fehlsichtigen und

existiert wie die Traumobjekte. Sie erzeugt Verwirrung, so wie sich für Menschen,

die in einem Boot fahren, das Ufer zu bewegen scheint. Sobald sie aktiv

wird, erzeugt sie die Täuschung des langen, langen Traums der Welterscheinung.

Sie pervertiert die Freundschaften und Erfahrungen. Es ist diese Unwissenheit

oder mentale Konditionierung, die verantwortlich ist für die

Schaffung und Wahrnehmung der Dualität, für die Getrenntheit und die nachfolgende

Verwirrung der Wahrnehmung und Erfahrung.

Sobald diese Unwissenheit oder mentale Konditionierung gemeistert ist,

indem man sich ihrer Irrealität bewusst wird, hört das Gemüt auf zu sein – so

wie der Fluss austrocknet, wenn das Wasser aufhört zu fließen.

RùMA fragte:

Andererseits, heiliger Herr, scheint der in einer Luftspiegelung wahrgenommene

Fluss kein Ende zu haben. Wie erstaunlich ist es doch, dass diese

Unwissenheit die ganze Welt hat erblinden lassen! Diese Unwissenheit oder

mentale Konditionierung gedeiht durch die Zwillingskräfte von Verlangen

und Hass. Bitte sage mir, wie kann ich sicherstellen, dass diese Unwissenheit

oder mentale Konditionierung überhaupt nicht mehr auftaucht!

Und heiliger Herr, teile mir bitte außerdem mit, auf welche Weise diese

schreckliche Finsternis der Unwissenheit verschwindet.

VASIåèHA sprach:

Oh Rāma, so wie die Dunkelheit beim Auftauchen des Lichts verschwindet,

so verschwindet die Unwissenheit, sobald du dich dem Licht des Selbst zuwendest.

So lange es kein natürliches Verlangen nach Selbsterkenntnis gibt, so lange

beschwört diese Unwissenheit oder mentale Konditionierung den endlosen

Strom der Welterscheinung herauf.

So wie ein Schatten verschwindet, wenn er das Licht zu sehen wünscht, so

wird diese Unwissenheit vernichtet, wenn man sich der Selbsterkenntnis

zuwendet. Rāma, das Verlangen selbst ist diese Unwissenheit oder mentale

Konditionierung, und die Beendigung des Verlangens ist die Befreiung Dies

geschieht, wenn es keinerlei Bewegung von Gedanken mehr im Gemüt gibt.

RùMA fragte:

Oh Weiser, du sagtest, dass da Selbsterkenntnis sei, sobald die Unwissenheit

aufhört zu sein. Was ist das Selbst (ātman)?

VASIåèHA erwiderte:

Oh Rāma, von Brahmā dem Schöpfer bis hinunter zum Grashalm ist all dies

nichts anderes als das Selbst – die Unwissenheit ist nichts als eine inexistente

Irrealität. Es gibt hier kein zweites Ding, das man das Gemüt nennen könnte.

In diesem Selbst treibt dieser Schleier der Verdunkelung herum (der auch das

Selbst ist) und erzeugt die Gegenüberstellung von Subjekt und Objekt. Es ist

III:114

153


das unendliche Bewusstsein selbst, welches dann als das Gemüt bezeichnet

wird. Dieser Schleier ist nur eine Idee, eine Absicht oder ein Gedanke in eben

diesem unendlichen Bewusstsein. Das Gemüt ist aus dieser Idee oder diesem

Gedanken heraus entstanden, und es muss auf dieselbe Weise mit der Unterstützung

einer Idee oder eines Gedankens auch wieder verschwinden; d. h.,

durch die Beendigung der Idee oder des Gedankens.

Die feste Überzeugung „Ich bin nicht das absolute Brahman“ bindet das

Gemüt, und es wird befreit durch die ebenso feste Überzeugung, dass „alles

ist das absolute Brahman“. Die Ideen und Gedanken sind Bindung und ihr

Ende ist die Befreiung. Sei daher vollkommen frei von ihnen und tue, was

immer spontan zu tun ist.

So wie die Gedanken oder Ideen die Bläue im Himmel „sehen“, so sieht dieses

Gemüt die Welt als real an. Da ist aber keinerlei Bläue im Himmel – es ist

nur das Unvermögen des Sehsinns, über eine bestimmte Grenze hinaus zu

sehen, die als Bläue erscheint. Auf dieselbe Weise ist es nur die Begrenztheit

des Denkens, die diese Welterscheinung wahrnimmt. Diese Welterscheinung

ist eine Täuschung, oh Rāma –ich rate dir, keinen einzigen Gedanken daran

jemals wieder im Gemüt entstehen zu lassen.

Indem man denkt „Ich bin verloren“, entsteht das Leid, und indem man

denkt „Ich bin erwacht“, geht man in Richtung der Seligkeit.

VASIåèHA fuhr fort:

Wenn das Gemüt kontinuierlich irreführenden oder unsinnigen Ideen

nachhängt, wird es getäuscht, und wenn das Gemüt kontinuierlich über erleuchtete

und hochherzige Ideen nachsinnt, dann wird es erleuchtet. Sobald

der Gedanke der Unwissenheit fest im Gemüt aufrechterhalten wird, ist auch

die Unwissenheit fest verankert. Wird jedoch das Selbst erkannt, dann wird

diese Unwissenheit aufgelöst. Und darüber hinaus – was immer das Gemüt zu

erlangen versucht, danach streben die Sinne mit all ihrer Kraft.

Wer folglich sein Gemüt nicht auf solchen Gedanken und Ideen ausruhen

lässt, aber stets danach strebt, des Selbst bewusst zu bleiben, der erfreut sich

des Friedens. Das, was nicht am Anfang war, existiert auch jetzt nicht! Das,

was war und folglich auch jetzt ist, ist das absolute Brahman. Die Kontemplation

darüber verleiht Frieden, denn Brahman ist Friede. Man sollte nicht

irgend etwas anderes als dies zu irgendwelcher Zeit in irgendwelcher Art

irgendwo kontemplieren. Man sollte jede Hoffnung auf Vergnügen mit der

größten, einem selbst möglichen, Strenge entwurzeln und sich dazu aller zur

Verfügung stehenden Geisteskraft bedienen.

Es ist nur die Unwissenheit, die die Ursache von Altern und Tod ist. Hoffnungen

und Anhaftungen verbreiten und verzweigen sich nur aufgrund der

mentalen Konditionierung, die nichts als Unwissenheit ist. Diese Verbreitung

und Verzweigung nimmt die Gestalt von Ideen wie „Dies ist mein Besitz“,

„Dies sind meine Söhne“ usw. an. Wo kann es denn in diesem physischen

Körper etwas geben, was man „Ich“ nennen könnte? In Wahrheit, oh Rāma,

154


III:115

haben „Ich“, „mein“ usw. überhaupt keine Existenz –das Selbst allein ist allezeit

die einzige Wahrheit.

Nur im Zustand der Unwissenheit geschieht es, dass man eine Schlange in

einem Seil erblickt – nicht im erleuchteten Zustand. Auf dieselbe Weise existiert

in der erleuchteten Sicht nur das unendliche Bewusstsein und nichts

sonst. Oh Rāma, werde kein unwissender Mensch – werde ein Weiser! Zerstöre

die mentale Konditionierung, die diese Welterscheinung entstehen lässt.

Weshalb betrachtest du wie der unwissende Mensch diesen Körper als dein

Selbst und fühlst dich dann elend? Auch wenn Körper und Selbst gemeinsam

zu existieren scheinen, sind sie nicht untrennbar, denn wenn der Körper

stirbt, stirbt das Selbst nicht.

Ist es nicht ein großes Wunder, oh Rāma, dass die Menschen die Wahrheit

vergessen, dass nur das absolute Brahman ist, und anstelle dessen von der

Existenz des Unwirklichen und der nicht-existenten Unwissenheit überzeugt

sind? Rāma, lass die närrische Idee der Existenz der Unwissenheit nicht in dir

Wurzeln schlagen, denn wenn das Bewusstsein einmal davon verseucht ist,

dann lädt dies endloses Leiden ein. Obwohl unwirklich, kann dies ganz reales

Leiden verursachen! Es geschieht aufgrund der Unwissenheit, dass die Illusionen

wie in einer Luftspiegelung existieren, und dass man verschiedene

Wahnbilder und Halluzinationen wahrzunehmen glaubt (als würde man in

der Luft oder im Raum fliegen) und Himmel und Hölle erfährt. Gib daher, oh

Rāma, die mentale Konditionierung, die allein verantwortlich für die Wahrnehmung

der Dualität ist, auf und verbleibe völlig unkonditioniert. Dann

wirst du eine unvergleichliche Überlegenheit über alles erlangen!

Nach einigen Minuten tiefer Kontemplation sprach RùMA:

Heiliger Weiser! Es scheint in der Tat unglaublich, dass diese nicht-existente

Unwissenheit solche Illusionen hervorzubringen vermag, aufgrund derer

man diese nicht-existierende Welt für völlig real hält. Bitte kläre mich weiter

darüber auf, wie dies möglich ist. Und teile mir bitte auch mit, weshalb der

König Lavaïa allen Arten von Leiden unterworfen war. Bitte unterrichte mich

darüber, wer oder was dies ist, das all diese Leiden erfährt.

VASIåèHA erwiderte:

Oh Rāma, es stimmt nicht wirklich, dass das Bewusstsein in irgendeiner

Weise mit diesem Körper in Verbindung steht. Der Körper wird vom Bewusstsein

nur phantasiert – wie in einem Traum. Sobald das Bewusstsein

sozusagen sich durch seine eigenen Kräfte selbst begrenzt und sich für einen

jīva hält, dann verwickelt sich dieser jīva, ausgestattet mit seiner Energie der

Rastlosigkeit, in diese Welterscheinung.

Das verkörperte Wesen, welches die Früchte vergangener Handlungen erleidet

oder sich ihrer erfreut und welches in die verschiedensten Körper

schlüpft, wird als Ich-Sinn, Gemüt und auch jīva bezeichnet. Weder der Körper

noch das erleuchtete Wesen ist irgendeinem Leiden unterworfen – es ist

nur das unwissende Gemüt, welches leidet. Es geschieht nur im Zustand der

155


Unwissenheit (der wie Schlaf ist), dass das Gemüt die Welterscheinung erträumt,

nicht aber, wenn es erwacht oder erleuchtet ist. Daher wird das verkörperte

Wesen, welches dem Leiden unterworfen ist, verschiedentlich das

Gemüt, Unwissenheit, jīva und mentale Konditionierung oder auch individualisiertes

Bewusstsein genannt.

Der Körper ist nicht-fühlend und kann daher weder Freude oder Schmerz

erfahren. Die Unwissenheit lässt die Achtlosigkeit und die Unklugheit entstehen

– folglich ist es die Unwissenheit allein, die Freude und Schmerz erfährt.

Es ist in der Tat das Gemüt allein, welches geboren wird, klagt, tötet, umher

wandert, andere missbraucht usw., jedoch nicht der Körper. In allen diesen

Erfahrungen von Glücklichsein und Unglücklichsein wie auch in allen Halluzinationen

und Imaginationen ist es allein das Gemüt, das alles tut, und es ist

wiederum das Gemüt, welches all dieses erfährt; denn das Gemüt ist der

Mensch.

Ich werde dir jetzt den Grund der Leiden von König Lavaïa erzählen.

Lavaïa war ein Abkömmling von Hariścandra. Lavaïa dachte bei sich: „Mein

Großvater verrichtete ein großes religiöses Ritual und wurde ein großer

Mann. Auch ich sollte daher ein solches Ritual ausführen.“ Er beschaffte sich

die für die religiösen Riten erforderlichen Materialien und Priester und führte

alle Riten mental aus (ein ganzes Jahr lang).

Da er erfolgreich die religiösen Riten rein mental ausgeführt hatte, erwarb

er dadurch auch deren Früchte. Oh Rāma, darin kannst du erkennen, wie das

Gemüt allein der Täter aller Handlungen und daher auch der Erfahrende von

allem Unglück und Glück ist. Führe daher dein Gemüt auf den Pfad der Erlösung,

Rāma.

VASIåèHA fuhr fort:

Ich selbst war Zeuge der Szene am Hof von Lavaïa, und als sie wissen wollten,

wer dieser Zauberkünstler war, der plötzlich verschwand, da erkannte

ich seine Identität mit Hilfe meiner subtilen Sehkräfte. Ich stellte fest, dass er

ein Bote der Götter war. Es ist Tradition, dass Indra jedem, der sich diesen

religiösen Riten hingibt, die Lavaïa mental ausführte, allerhand von Qualen

sendet, um seine Stärke zu testen. Als Ergebnis davon erlebte er diese Halluzinationen.

Der Ritus wurde von seinem Gemüt ausgeführt, und diese Halluzinationen

wurden ebenfalls von seinem Gemüt erfahren.

Sobald dasselbe Gemüt gründlich gereinigt ist, wirst du alle von ihm erschaffenen

Dualitäten und alle Vielfalt loswerden.

Rāma, ich habe dir bereits von dem Prozess der zyklischen Schöpfung (nach

der letzten kosmischen Auflösung) erzählt und wie man zu der falschen Vorstellung

von „Ich“ und „mein“ kommt. Ausgestattet mit Weisheit sollte jeder,

der nach und nach die sieben Stufen der Yoga-Vervollkommnung erklimmt,

von jenen Vorstellungen befreit sein.

RùMA fragte:

III:116,

117

156


III:118

Heiliger Herr, worin bestehen die sieben Stufen, auf die du dich beziehst?

VASIåèHA erwiderte:

Oh Rāma, es gibt sieben absteigende Stufen der Unwissenheit und sieben

aufsteigende Stufen der Weisheit. Diese werde ich dir nun beschreiben. In der

Selbsterkenntnis verankert zu sein ist Befreiung. Sobald dies gestört wird,

tauchen der Ich-Sinn und die Bindung auf. Der Zustand der Selbsterkenntnis

besteht darin, dass es keinerlei mentale Erregung gibt – weder Zerstreutheit

noch Stumpfheit des Gemüts, weder ein Ich-Sinn noch eine Wahrnehmung

der Vielfalt.

Die Täuschung, die diese Selbsterkenntnis verdunkelt, ist siebenfach – es

sind der Samenzustand des Wachens, des Wachzustands, des großen Wachzustands,

des wachen Traums, des Traums, des traumartigen Wachzustandes

und des Schlafs. Im reinen Bewusstsein, wenn das Gemüt und der jīva nur als

Namen existieren, herrscht der Samenzustand des Wachzustandes.

Sobald die Vorstellungen von „Ich“ und „dies“ auftauchen, wird dies der

Wachzustand genannt. Wenn diese Vorstellungen durch die Erinnerungen aus

früheren Inkarnationen verstärkt werden, dann ist dies der große Wachzustand.

Wenn das Gemüt vollständig seiner eigenen Phantasien bewusst und

von diesen erfüllt ist, dann ist dies der wache Traum. Die falschen Vorstellungen

während des Schlafs, die trotzdem als real erscheinen, sind die Träume.

Im traumartigen Wachzustand erinnert man sich an die vergangenen Erfahrungen

so, als wären sie in diesem Moment real. Wenn diese zugunsten einer

völlig trägen Dumpfheit aufgegeben werden, ist dies Schlaf. Diese sieben

Stufen besitzen alle ihre eigenen zahllosen Unterteilungen.

VASIåèHA fuhr fort:

Ich werde dir jetzt, oh Rāma, die sieben Stufen oder Zustände der Weisheit

beschreiben. Wenn du diese kennst, wirst du nicht länger in der Täuschung

befangen sein. Die erste ist der reine Wunsch oder die reine Absicht, die Erforschung

ist die zweite, die dritte ist, wenn das Gemüt subtil wird, die Verankerung

in der Wahrheit ist die vierte, die völlige Freiheit von Anhaftung oder

Bindung ist die fünfte, die sechste ist das Aufhören der Objektivität und die

siebente ist jenseits von all diesen.

„Weshalb benehme ich mich immer noch wie ein Narr? Ich sollte die Schriften

studieren und die Heiligen aufsuchen, die die Leidenschaftslosigkeit kultiviert

haben“ – darin besteht der Wunsch dieses ersten Zustands. Daraufhin

befasst man sich mit der Praxis der Erforschung (direkte Beobachtung). Mit

all diesem entsteht dann die Nicht-Anhaftung und das Gemüt wird subtil und

transparent – darin besteht der dritte Zustand. Wenn diese drei praktiziert

werden, entsteht im Sucher eine natürliches Abwenden von den Sinnesvergnügen,

und es taucht ein natürliches Verweilen in der Wahrheit auf – darin

besteht der vierte Zustand.

Wenn alle diese intelligent praktiziert werden, entsteht eine totale Nicht-

Anhaftung und zur selben Zeit eine Überzeugung von der Natur der Wahrheit

157


III:119

– darin besteht der fünfte Zustand. Dann erfreut man sich seines eigenen

Selbst. Die Wahrnehmung von Dualität und Vielfalt sowohl innerhalb wie

außerhalb (von einem selbst) hört auf, und die Bemühungen, die man durch

die Inspiration durch andere unternommen hat, tragen als Ergebnis ihre

Frucht in der Form der direkten spirituellen Erfahrung.

Danach gibt es keine weiteren Bemühungen mehr, keine Getrenntheit, keine

Verschiedenheit. Die Selbsterkenntnis ist spontan, natürlich und ununterbrochen

– darin besteht der siebente, transzendentale Zustand. Dies ist der Zustand

desjenigen, der in diesem Leben befreit ist. Darüber hinaus liegt noch

der Zustand desjenigen, der sogar den Körper transzendiert hat (der Zustand

des turīyātīta).

Rāma, alle Großen, die diese sieben Stufen der Weisheit erklommen haben,

sind Heilige. Sie sind befreit und fallen niemals mehr in den Sumpf von

Glücklichsein und Unglücklichsein. Vielleicht arbeiten sie und sind tätig –

vielleicht auch nicht. Sie erfreuen sich am Selbst und bedürfen nicht anderer,

um glücklich zu sein.

Der höchste Zustand des Bewusstseins kann von allen, sogar von Tieren

und primitiven Menschen, erlangt werden; von denen mit einem Körper und

von entkörperten Wesen, denn er beinhaltet nichts als das Auftauchen der

Weisheit.

Diejenigen, die die höchsten Ebenen des Bewusstseins erreicht haben, sind

wahrhaftig große Menschen. Sie sind bewundernswert. Sogar ein Kaiser ist

im Vergleich mit ihnen nur wie ein Grashalm, denn jene sind hier und jetzt

befreit.

VASIåèHA fuhr fort:

Das Selbst stellt sich unwissenderweise eine egoische Existenz vor; auf dieselbe

Weise, wie wenn das Gold seine Goldheit vergessen hätte und denken

würde, es sei ein Ring – und dann weint und jammert: „Oh weh! Ich habe

meine Goldheit verloren!“

RùMA fragte:

Heiliger Herr, wie konnten diese Unwissenheit und der Ich-Sinn im Selbst

entstehen?

VASIåèHA sprach:

Rāma, man sollte stets nur Fragen stellen, die das Wirkliche betreffen –

nicht das Unwirkliche. Weder die goldlose „Ringheit“ noch der begrenzte Ich-

Sinn existieren in Wahrheit. Wenn der Goldschmied den Ring verkauft, wiegt

er dazu das Gold aus, weil der Ring Gold ist. Wenn man über die Existenz der

„Ringheit“ im Ring oder über die endliche Form im unendlichen Bewusstsein

diskutieren möchte, dann muss man dies mit dem Sohn der unfruchtbaren

Frau vergleichen. Die Existenz des Unwirklichen ist unwirklich – sie entsteht

in der Unwissenheit und verschwindet nach dem Erforschen. In der Unwissenheit

sieht man im Perlmutter Silber – jedoch kann dieses Silber nicht

158


einen einzigen Augenblick lang wirklich sein! Solange die Wahrheit nicht

erkannt wird, dass es sich nur um Perlmutter handelt, dauert die Unwissenheit

an. So wie man nicht aus Sand Öl gewinnen, und wie man vom Ring stets

nichts als Gold erhält, so gibt es hier in diesem Universum nicht zwei Dinge –

das eine, unendliche Bewusstsein leuchtet in allen Namen und Formen.

So ist in der Tat die Natur dieser völligen Unwissenheit, dieser Täuschung

und dieses ganzen Weltvorgangs – ohne reale Existenz gibt es da diese illusorische

Vorstellung des Ich-Sinns. Dieser Ich-Sinn existiert im unendlichen

Selbst nicht. Im unendlichen Selbst gibt es keinen Schöpfer, keine Welten,

keinen Himmel, keine Menschen, keine Dämonen, keine Körper, keine Elemente,

keine Zeit, keine Existenz oder Zerstörung, kein „du“, kein „Ich“, kein

Selbst, kein „dies“, weder Wahrheit noch Falschheit, keine Wahrnehmung von

Vielfalt, keine Kontemplation und keine Freuden. Was als einziges ist und als

das Universum bezeichnet wird, ist dieser Höchste Friede. Da ist kein Beginn,

keine Mitte und kein Ende – alles ist alles zu allen Zeiten und jenseits von

Verstehen und Sprache. Schöpfung gibt es nicht. Das Unendliche hat zu keinem

Zeitpunkt seine Unendlichkeit aufgegeben. Jenes ist niemals zu diesem

geworden. Es ist wie der Ozean, jedoch ohne dessen Bewegung. Selbstleuchtend

wie die Sonne ist es, jedoch ohne Tätigkeit. In der Unwissenheit wird das

Höchste Sein als das Objekt, die Welt, gesehen. So wie Raum im unendlichen

Raum existiert und eins mit Raum ist, ebenso ist, was als die Schöpfung erscheint,

Brahman existierend in Brahman als Brahman. Die Vorstellungen von

fern und nah, von Vielfalt, von hier und dort, sind so gültig, wie die Entfernung

zwischen zwei Objekten in einem Spiegel, in dem eine ganze Stadt widerspiegelt

wird.

VASIåèHA fuhr fort:

Am Tag nach dieser halluzinatorischen Erfahrung dachte König Lavaïa: „Ich

sollte nun selbst zu diesen Plätzen gehen, die ich meiner Vision erblickt habe

– vielleicht existieren sie wirklich!“ Unverzüglich rückte er mit seinem Gefolge

aus und begab sich in südliche Richtung. Schon bald begegnete er den

Schauplätzen seiner Visionen und den verschiedenen Leuten, die er dort

kennen gelernt hatte. Er traf tatsächlich dieselben Leute, die er während

seines Lebens als Stammesangehöriger kannte. Er sah sogar seine eigenen,

notleidenden Kinder.

Er erblickte da eine alte Frau, die jammerte und klagte in tiefster Verzweiflung:

„Oh mein geliebter Ehemann – wohin bist du gegangen, und weshalb

hast du uns alle hier zurückgelassen? Ich habe meine schöne Tochter verloren,

die das außerordentliche Glück hatte, einen edlen König als Ehegemahl

zu erhalten. Wohin sind sie alle gegangen? Oh weh! Alle habe ich verloren!“

Der König ging zu ihr, tröstete sie und erfuhr von ihr, dass sie in der Tat die

Mutter seiner Stammesgemahlin war! Aus Mitgefühl gab er ihnen genug

Mittel, um ihre Bedürfnisse zu befriedigenund um ihnen aus der schrecklichen

Dürre herauszuhelfen, die den gesamten Landstrich verwüstet hatte,

III:120,

121

159


wie er am vorigen Tage gesehen hatte. Er blieb einige Zeitlang unter ihnen

und kehrte dann in seinen Palast zurück.

Am nächsten Morgen bat mich der König, dieses Mysterium zu erklären. Mit

meiner Antwort zeigte er sich schließlich völlig zufrieden. Oh Rāma, darin

besteht die Macht der Unwissenheit – sie ist fähig, eine totale Verwirrung

zwischen dem Realen und dem Irrealen zu schaffen.

RùMA fragte:

Oh Weiser, wahrhaftig bereitet dies Kopfzerbrechen! Wie kann das, was in

einem Traum oder einer Halluzination erblickt wurde, denn auch in der Realität

des Wachzustandes erfahren werden?

VASIåèHA antwortete:

Aber oh Rāma, all dies ist Unwissenheit! Die Vorstellungen von fern und

nah, eines Moments und der Ewigkeit, sind nichts als Halluzinationen. Denn

in der Unwissenheit erscheint das Reale als irreal und das Irreale als real. Das

individualisierte Bewusstsein nimmt wahr, was es sich als seine Wahrnehmungen

ausdenkt – aufgrund seiner Konditionierung. Aufgrund der Unwissenheit

entsteht in demselben Moment, in dem die Vorstellung des Ich-Sinns

auftaucht, auch die Täuschung eines Anfangs, einer Mitte und eines Endes.

Wer sich dadurch täuschen lässt, stellt sich vor, dass er ein Tier sei und macht

dessen Erfahrungen. All dies geschieht aufgrund der zufälligen Koinzidenz –

wie die Krähe, die eine Kokospalme anfliegt, sich auf dieser niedersetzt und

im selben Moment eine Frucht hinunterfällt, als ob die Krähe sie gelöst hätte.

Aber die Krähe tat es überhaupt nicht! Auf ähnliche Weise erscheint durch

puren Zufall und in der Unwissenheit das Irreale als real.

VASIåèHA fuhr fort:

In seinem hypnotisierten Zustand vermochte König Lavaïa, reflektiert in

seinem eigenen Bewusstsein, die Heirat eines Prinzen mit einer Stammesangehörigen

zu erblicken, und er erfuhr dies ganz real, als wäre ihm dies wahrhaftig

geschehen. Ein Mann vergisst, was er früher einmal in seinem Leben

getan, auch wenn er viel Zeit und Energie für diese Handlung aufgebracht hat.

Und so denkt er nun, dass er das, was er damals tat, niemals getan hat. Solche

Diskrepanzen in der Erinnerung werden sehr häufig festgestellt.

So wie man manchmal von einem vergangenen Vorfall so träumt, als würde

er gerade jetzt geschehen, so erfuhr Lavaïa in seiner Vision die vergangenen

mit dem Stamm in Verbindung stehenden Vorfälle. Es ist auch möglich, dass

die Leute in den Wäldern der Vindhya-Huegel in ihren eigenen Gemütern

dieselben Visionen erfahren haben, die im Bewusstsein des Lavaïa aufgetaucht

sind. Es ist ferner möglich, dass Lavaïa und die Stammesleute in ihren

eigenen Gemütern jeweils alles das erfahren haben, was auch die anderen

erfahren haben. Halluzinationen dieser Art werden zur Realität, wenn sie von

vielen erfahren werden – so wie eine Behauptung, die von vielen Menschen

geglaubt wird, für wahr gehalten wird. Sobald diese in das eigene Leben

integriert werden, erwerben sie ihren eigenen Anschein der Realität. Denn

160


schließlich – was ist denn die Wahrheit betreffend die Dinge in dieser Welt

anderes als die Art und Weise, wie sie im eigenen Bewusstsein erfahren werden?

Die Unwissenheit ist keine reale Gegebenheit, ebenso wenig wie Öl im Sand

eine reale Gegebenheit ist. Die Unwissenheit und das Selbst können keinerlei

Beziehung miteinander haben, denn es kann eine Beziehung stets nur zwischen

denselben oder ähnlichen Gegebenheiten stattfinden, was sich aus

jedermanns Erfahrung ergibt. Daher ist es allein aufgrund des unendlichen

Bewusstseins, dass alles im Universum kennbar wird. Es ist aber nicht so, als

würde das Subjekt das Objekt beleuchten, welches keine eigene Leuchtkraft

besitzt, sondern es ist so, dass alles selbstleuchtend ist, weil alles nur Bewusstsein

ist – keine wahrnehmende Intelligenz wird benötigt. Es geschieht

durch die Tätigkeit des Bewusstseins, welches seiner selbst bewusst wird,

dass Intelligenz sich selbst manifestiert – es ist nicht so, dass das Bewusstsein

ein lebloses Objekt wahrnimmt.

Es ist nicht korrekt zu sagen, dass es in diesem Universum eine Vermischung

des Leblosen und des Fühlenden gibt, weil sich diese überhaupt nicht

verbinden können. Es geschieht nur deshalb, weil alle Dinge voll Bewusstheit

sind. Wenn dieses Bewusstsein sich selbst erfasst, dann gibt es Wissen.

Man könnte eine Beziehung zwischen einem Baum und einem Stein sehen,

obgleich beide als leblos erscheinen. Jedoch existiert diese Beziehung nur

aufgrund ihrer grundlegenden Bestandteile, die einem bestimmten Wandel

unterworfen worden sind, um einerseits als Baum und andererseits als Stein

zu erscheinen. Dies kann man auch beim Geschmackssinn feststellen – die

Geschmacksnerven der Zunge reagieren auf den Geschmack im Essen usw.

aufgrund der Ähnlichkeit im Aufbau der Substanzen.

VASIåèHA fuhr fort:

Alle Beziehung ist daher die Realisation der schon zuvor existierenden Einheit.

Die vermeintliche Beziehung wird nur deshalb gesehen, weil es zuvor

die falsche und täuschende Annahme einer Getrenntheit in Subjekt und Objekt

gegeben hat. Wahr ist, dass es nur Ein Alles gibt – das unendliche Bewusstsein.

Daher, oh Rāma, realisiere dieses Universum als das unendliche

Bewusstsein. Es ist angefüllt mit den Zaubereien der Macht dieses Bewusstseins

– und doch ist niemals etwas geschehen, denn die Fülle kann nicht mit

mehr angefüllt werden. Es ist nur in dem Sinne angefüllt, wie ein Raum, der

mit einer eingebildeten Stadt gefüllt ist.

Nur wenn das Gold vergessen wird, sieht man da ein Schmuckstück. Das

Schmuckstück ist die illusorische Erscheinung des Goldes – gleich wie die

illusorischen Vorstellungen einer Nation oder der Welt und auch der Wiedergeburten.

Sobald die falsche Vorstellung des Schmuckstücks zurückgewiesen

wird, wird die Wahrheit des Goldes erkannt, und wenn die falsche Vorstellung

der Subjekt-Objekt-Beziehung zurückgewiesen wird, gibt es keinerlei Unwissenheit,

welche Getrenntheiten erschafft. Das Denken allein erschafft alle

diese Getrenntheiten und Illusionen. Wenn es aufhört, hört auch die Schöp-

161


fung auf. Dann erkennst du, dass alle Wellen nur den einen Ozean bilden, dass

Puppen aus Holz sind, Töpfe aus Lehm, und dass diese drei Welten das absolute

Brahman sind.

In der Mitte zwischen dem Gesehenen und der Sicht gibt es eine Beziehung,

die als der Seher bezeichnet wird. Sobald diese Getrenntheit zwischen dem

Seher, der Sicht und dem Gesehenen aufgegeben wird, ist da das Höchste.

Wenn das Gemüt von einem Land in das andere reist, dann befindet sich

dazwischen nichts als die kosmische Intelligenz. Sei dieses für immer. Deine

wahre Natur ist verschieden vom begrenzten wachen, träumenden und schlafenden

Bewusstsein – sie ist ewiglich, unkennbar, nicht leblos. Verbleibe

immer als dieses. Entferne die Stumpfheit und sei verankert in der Wahrheit

deines Herzens. Verbleibe sodann, unabhängig davon, ob du intensiv tätig

oder in Kontemplation bist, als dieses allein – ohne Verlangen, Hass und ohne

dich in das Körperbewusstsein zu verwickeln. So wie du dich nicht um die

Angelegenheiten eines zukünftigen Dorfes kümmerst, so lass dich nicht in die

Stimmungen deines Gemüts verwickeln, sondern sei in der Wahrheit verankert.

Betrachte das Gemüt wie einen Fremden oder ein Stück Holz oder einen

Stein. Im unendlichen Bewusstsein gibt es kein Gemüt. Was von diesem nichtexistenten

Gemüt getan wird, ist irreal. Sei verankert in dieser Erkenntnis.

Die Wahrheit ist, dass dieses Gemüt überhaupt nicht existiert – und wenn

es je existiert hat, dann ist es jetzt tot. Und doch sieht dieses tote Gemüt alles

dieses, was folglich nichts als falsche Wahrnehmung ist. Sei fest in dieser

Erkenntnis verankert. Derjenige, der von diesem Gemüt regiert wird, welches

völlig inexistent ist, ist wirklich geisteskrank und glaubt, dass vom Mond ein

Donnerblitz herabfährt! Weise daher den Glauben an die Wirklichkeit des

Gemüts gänzlich von dir und widme dich dem rechtem Denken und der Meditation.

Ich habe diese Wahrheit betreffend das Gemüt über eine sehr lange

Zeit hindurch erforscht, oh Rāma, und habe es nirgends gefunden – nur das

unendliche Bewusstsein existiert.

VASIåèHA fuhr fort:

Dieser anscheinend endlose Strom der Unwissenheit kann nur mit Hilfe der

stetigen Gesellschaft der Heiligen überquert werden. Daraus entsteht die

Weisheit und man erkennt, was wert ist zu suchen und was man vermeiden

sollte. Schließlich entsteht daraus der reine Wunsch nach der Erlangung der

Befreiung. Dies führt zur ernsthaften Erforschung. Schließlich wird das Gemüt

subtil, weil die Erforschung die mentale Konditionierung ausdünnt. Als

Ergebnis des Aufsteigens der reinen Weisheit bewegt sich das eigene Bewusstsein

in der Wirklichkeit. Dann verschwindet die mentale Konditionierung

und es gibt die Nicht-Anhaftung. Die Bindung an Handlungen und ihre

Früchte hört auf. Die eigene Sicht wird fest in der Wahrheit verwurzelt und

die Wahrnehmung des Unwirklichen geschwächt. Obwohl er in dieser Welt

lebt und tätig ist, erfüllt derjenige, der über diese unkonditionierte Sicht

verfügt, seine Arbeiten als ob er schlafend wäre – ohne an die Welt und ihre

Vergnügen zu denken. Nachdem er einige Jahre so gelebt hat, wird er voll-

III:122

162


ständig befreit und geht jenseits all dieser Zustände – er ist, noch lebend,

befreit.

Ein solch befreiter Weiser ist nicht entzückt über das, was er gewinnt, noch

trauert er um das, was er nicht hat. Oh Rāma, auch in dir wurde die Konditionierung

des Gemüts geschwächt – strebe danach, die Wahrheit zu erfassen.

Mit der Erkenntnis des Selbst, welches unendliches Bewusstsein ist, wirst du

jenseits von Trauer, Täuschung, Geburt und Tod, Glück und Unglück gehen.

Das Selbst ist eins und ungeteilt, und so hast du keine Verwandten und daher

auch keine Sorgen, die aus diesen falschen Beziehungen entstehen. Das Selbst

ist eins und ungeteilt, und so gibt es nichts mehr zu wünschen oder zu erreichen.

Dieses Selbst ist keinerlei Wandel unterworfen und stirbt niemals –

wenn der Topf zerbrochen ist, wird doch der Raum darin nicht zerbrochen.

Sobald die mentale Konditionierung überwunden und das Gemüt vollkommen

still geworden ist, gelangt diese Täuschung, die den Unwissenden irreführt,

an ihr Ende. Es geschieht nur aufgrund dieser nicht klar verstandenen

Illusion (Māyā), dass sie diese gewaltige Täuschung zu erschaffen vermag.

Wird sie dagegen klar verstanden, dann wird sie als das Unendliche selbst

gesehen und die Quelle des Glücks und der Verwirklichung des absoluten

Brahman. Es ist nur wegen der spirituellen Unterweisung, dass man vom

Selbst, Brahman usw. spricht. In Wahrheit gibt es nur Eines. Es ist reines

Bewusstsein – kein verkörpertes Wesen. Es ist – ob man es nun kennt oder

nicht, ob man verkörpert oder ohne Körper ist. All dieses Unglücklichsein, das

du in dieser Welt siehst, gehört zum Körper. Das Selbst, welches von den

Sinnen nicht erfasst werden kann, ist jenseits des Kummers. Im Selbst ist

keinerlei Wunsch – die Welt erscheint in ihm ohne einen Wunsch oder eine

Absicht. Oh Rāma, durch meine Unterweisung ist nun die falsche Vorstellung

von der Schöpfung und ihrer Existenz zerstreut worden. Dein Bewusstsein ist

rein geworden – frei von aller Dualität.

* * *

163


Teil IV: Über die Existenz

VASIåèHA fuhr fort:

Oh Rāma, nach der Darlegung der wahren Natur der Weltentstehung werde

ich nun die Darlegung der wahren Natur der Fortdauer dieser Welterscheinung

behandeln. Es gibt die Existenz der Welt als Objekt der Wahrnehmung

nur so lange, wie die Illusion dieser Welterscheinung andauert. Tatsächlich ist

sie so wirklich wie die Traumerscheinung, denn sie ist das Ergebnis von

nichts, was aus nichts heraus von niemandem und mit nichts entstanden ist.

Diese Welterscheinung wird nur wie ein Tagtraum erfahren – sie ist essenziell

unwirklich. Sie ist eine Malerei in der Leere – wie die Farben des Regenbogens.

Sie ist wie ein in die Ferne reichender Dunst – wenn du ihn zu ergreifen

versuchst, ist da nichts. Einige Philosophen betrachten sie als leblose

Substanz oder Leere, oder wie ein Aggregat von Atomen.

RùMA fragte:

Es wurde zuvor gesagt, dass dieses Universum in einem Samenzustand im

Höchsten Sein verbleibt und sich dann in der nächsten Weltepoche erneut

manifestiert. Wie kann dies sein, und werden diejenigen, die diese Sichtweise

vertreten, als Erleuchtete oder Unwissende angesehen?

VASIåèHA fuhr fort:

Diejenigen, die sagen, dass dieses Universum nach der kosmischen Auflösung

in einem Samenzustand existiert, haben den festen Glauben an die Realität

dieses Universums! Dies ist reine Unwissenheit, oh Rāma. Es handelt sich

dabei um eine völlig verkehrte Sicht, die sowohl den Lehrer als auch den

Zuhörer irreführt. Der Same einer Pflanze enthält den zukünftigen Baum.

Dies ist möglich, weil sowohl der Same als auch der Keimling materielle Objekte

sind, die von den Sinnen und dem Verstand wahrgenommen werden

können. Jedoch wie könnte, was sich jenseits der Reichweite von Verstand

und Sinnen befindet, der Same der Welten sein?

Wie kann in dem, was subtiler als Raum selber ist, der Same des Universums

existieren? Wenn dies so ist – wie kann dann das Universum aus dem

Höchsten Sein entspringen?

Wie kann etwas in nichts existieren? Und wenn es da etwas namens „Universum“

gibt – wie ist es möglich, dass es nicht gesehen wird? Wie kann ein

Baum im leeren Raum eines Topfes entstehen? Wie können wohl zwei gegensätzliche

Dinge (Brahman und das Universum) gemeinsam existieren? Kann

denn in der Sonne Dunkelheit sein? Es ist angemessen zu sagen, dass der

Baum im Samen existiert, weil beide ihre entsprechenden Formen besitzen.

Aber von dem, was ohne jede Form ist (Brahman), kann nicht angemessen

behauptet werden, dass in diesem diese kosmische Form der Welt existiert.

Es ist folglich reine Torheit zu unterstellen, dass es zwischen Brahman und

der Welt eine kausale Beziehung gibt. Die Wahrheit ist, dass Brahman allein

IV:1

164


IV:2,3

existiert und das, was als die Welt erscheint, nur das ist (Brahman) und nichts

anderes.

VASIåèHA fuhr fort:

Rāma, wenn das Universum im absoluten Brahman während der kosmischen

Auflösung in einem Samenzustand existieren würde, dann würde es für

seine Manifestation nach der Auflösung einer zusammenwirkenden Ursache

bedürfen. Anzunehmen, dass das manifestierte Universum ohne eine solche

zusammenwirkende Ursache existieren könnte, käme der Annahme gleich,

dass eine unfruchtbare Frau eine Tochter haben kann. Daher muss als die

fundamentale Ursache die eigentliche Natur des Höchsten Seins selbst gesehen

werden, welche es auch während der Periode nach der Auflösung dieser

Weltschöpfung beibehält. Zwischen dem Höchsten Sein und dem Universum

existiert keinerlei Ursache-Wirkung-Beziehung.

Im unendlichen Bewusstsein (cid ākāśa) erscheinen Millionen von Universen

wie Staubpartikel in einem Lichtstrahl, der durch ein Loch im Dach in ein

Zimmer fällt. Aber wie diese Staubpartikel draußen im vollen Sonnenlicht

nicht gesehen werden, so wird auch diese Welt im höchsten, nicht-dualen

Bewusstsein nicht gesehen. Dies ist so, weil diese Universen nicht verschieden

vom unendlichen Bewusstsein sind – so wie die eigene Natur nicht verschieden

von einem selbst ist.

Am Ende der kosmischen Auflösung taucht der Schöpfer des Universums

auf, der nichts anderes als ein Gedanke aus der Erinnerung ist. Die Gedanken,

die aus dieser Erinnerung entstehen, bilden diese Welterscheinung, die nicht

realer als ein schöner Traum ist: denn die Erinnerung, aus der diese Gedanken

entsprungen sind, hat selbst keinerlei reale Basis. Alle Gottheiten des

vorherigen Weltzyklus (wie der Schöpfer Brahmā u.a.) haben ganz gewiss die

Befreiung erlangt. Wenn es niemanden gibt, der sich erinnert – wie könnte

dann die Erinnerung existieren?

Folglich erscheint diese Erinnerung, die im Bewusstsein auftaucht (ob aufgrund

früherer Erfahrungen oder anderweitig) als die Welt. Diese spontane

Welterscheinung im unendlichen Bewusstsein wird als spontane Schöpfung

bezeichnet. Diese Welterscheinung nahm eine gewisse ätherische Gestalt an,

die man die kosmische Person nennt.

In einem winzigen Atom scheinen alle drei Welten mit allen ihren Bestandteilen

wie Raum, Zeit, Handlung, Substanz und Tag und Nacht zu existieren. In

diesen Welten gibt es wiederum weitere Atome, in denen es dieselben Welterscheinungen

gibt – so wie es das noch nicht herausgehauene Bildnis in

einem Marmorblock gibt, und wie dieses Bildnis in sich selbst weitere Bildnisse

enthält und so weiter ad infinitum. Das ist der Grund, oh Rāma, weshalb

diese Vision sowohl in den Augen der Erleuchteten und der Unwissenden

nicht verschwindet. Für den Erleuchteten ist dies immer nur Brahman, während

es für den Unwissenden immer nur die Welt ist! In der gänzlichen Leere

siehst du das, was man als „Entfernung” bezeichnet, wie du im unendlichen

165


Bewusstsein das siehst, was man als „Schöpfung“ bezeichnet. Die Schöpfung

ist nur ein Wort ohne die damit im Zusammenhang stehende Realität.

* * *

Die Geschichte von Śukra

VASIåèHA fuhr fort:

Oh Rāma, der einzige Weg zur Überquerung dieses ungeheuren Ozeans der

Welterscheinung besteht in der erfolgreichen Beherrschung der Sinne. Keine

andere Bemühung kann erfolgreich sein. Wer mit der Weisheit ausgerüstet

ist, wie sie durch das Studium der Schriften und die Gemeinschaft mit Weisen

vermittelt wird, und wer seine Sinne unter Kontrolle hat, der realisiert die

absolute Nicht-Existenz sämtlicher Objekte der Wahrnehmung.

Rāma, es ist nur das Gemüt, das als all dies erscheint. Sobald es geheilt ist,

ist gleichzeitig diese Idee der Welterscheinung geheilt. Es ist nur dieses Gemüt,

das durch seine Fähigkeit des Denkens das heraufbeschwört, was man

den Körper nennt – wo das Gemüt nicht tätig ist, wird auch der Körper nicht

gesehen! Folglich ist die Behandlung dieser psychologischen Krankheit, die

als Wahrnehmung von Objekten bezeichnet wird, die beste Behandlung, die

man in dieser Welt erlangen kann. Das Gemüt erzeugt die Täuschung, das

Gemüt produziert die Ideen von Geburt und Tod – und als Ergebnis seiner

eigenen Gedankentätigkeit wird es dann gebunden und schließlich befreit.

RùMA fragte:

Oh heiliger Weiser, bitte sage mir: Wie kann dieses riesige Universum im

Gemüt existieren?

VASIåèHA erwiderte:

Oh Rāma, es ist wie mit den Universen, die von den zehn brāhmaïa-Söhnen

erzeugt wurden. Und außerdem ist es wie bei den Halluzinationen, unter

denen König Lavaïa gelitten hatte. Es gibt dafür eine weitere Erläuterung. Sie

besteht in der Geschichte des Weisen Śukra, die ich dir nun erzählen werde.

Vor langer Zeit übte der Weise Bh­gu auf dem Gipfel eines Berges sehr intensive

Bußübungen aus. Sein Sohn Śukra war zu dieser Zeit noch ein junger

Mann. Während der Vater bewegungslos in Meditation saß, sorgte der junge

Sohn für die Bedürfnisse des Vaters. Eines Tages erblickte dieser junge Mann

am Himmel eine herrliche fliegende Nymphe. Als er sie sah, war sein Gemüt

tief aufgewühlt von Verlangen nach ihr, und ebenso erging es der Nymphe, als

sie den strahlenden jungen Śukra sah.

Gänzlich von seinem Verlangen nach dieser Nymphe überwältigt, schloss

Śukra seine Augen und folgte ihr (mental). So erreichte er den Himmel. Dort

IV:4,

5, 6

166


sah er die herrlichen himmlischen Wesen, die Götter und ihre Gemahlinnen,

die himmlischen Elefanten und Pferde. Er sah den Schöpfer Brahmā persönlich

und alle die anderen Gottheiten, die dieses Universum regieren. Er sah

weiterhin die siddhas (die vollkommenen Wesen). Er hörte himmlische Musik.

Er besuchte die himmlischen Gärten. Schließlich sah er auch noch Indra,

den König des Himmels, wie er in all seiner Majestät dort saß und von unzähligen

himmlischen Nymphen umgeben war, die ihm aufwarteten. Er grüßte

Indra. Auch Indra grüßte ihn und stieg von seinem Thron herab, um den

jungen Weisen Śukra zu grüßen. Er bat ihn, für lange Zeit im Himmel zu bleiben.

Śukra war damit einverstanden.

VASIåèHA fuhr fort:

Śukra hatte seine frühere Identität völlig vergessen. Nachdem er einige Zeit

am Hofe Indras verbracht hatte, durchzog Śukra den Himmel und entdeckte

schon bald den Aufenthaltsort der Nymphe, die er gesehen hatte. Als sie

einander sahen, wurden sie wiederum von gegenseitigem Verlangen überwältigt,

denn die Wunscherfüllung gehört zu den besonderen Eigenschaften des

Himmels.

Śukra wünschte, dass die Dunkelheit der Nacht eintreten und den Lustgarten

umhüllen möge, damit er dort die Nymphe treffen könne. Daraufhin wurde

es dunkel. Śukra betrat dann den wunderschönen Pavillon in diesem Garten,

und die Nymphe folgte ihm dorthin. Sie flehte ihn an: „Du Großartiger, ich

werde von dem Wunsch nach dir verzehrt. Nur die Stumpfsinnigen verlachen

die Liebe, nicht die Weisen. Sogar die Herrschaft über die drei Welten ist

nichts im Vergleich mit der Freude, die die Gesellschaft des Geliebten bereitet.

Daher bitte ich dich – gewähre mir einen Platz in deinem Herzen.“ Nachdem

sie so gesprochen hatte, sank sie an seine Brust.

Śukra verbrachte eine sehr lange Zeit mit dieser Nymphe und zusammen

zogen sie nach Lust und Laune durch den Himmel. Er lebte mit dieser Nymphe

für einen Zeitraum von acht Weltzeitaltern.

Nach dieser Zeit, als ob seine Verdienste erschöpft waren, fiel Śukra zusammen

mit der Nymphe aus dem Himmel. Ihre subtilen Körper fielen auf die

Erde und wurden zu Tautropfen, die in Getreidehalme eingingen. Diese wiederum

wurden von einem heiligen brāhmaïa verzehrt, und von ihm empfing

dessen Frau seine Samenessenz. Śukra wurde ihr Sohn. Er wuchs bei ihnen

auf. Die Nymphe wurde zu einem Reh, und Śukra erhielt von ihr ein menschliches

Kind. Er entwickelte eine große Zuneigung zu seinem Sohn. Die durch

seinen Sohn entstehenden Sorgen und Ängste ließen Śukra altern, und so

starb er, immer noch nach Vergnügen verlangend.

Aufgrund dessen wurde Śukra in seiner nächsten Geburt zum Regenten eines

Königreiches. In dieser Verkörperung starb er, nachdem er den Wunsch

nach einem Leben der Enthaltsamkeit und Heiligkeit entwickelt hatte. In

seiner nächsten Geburt wurde er dann zu einem heiligen Mann.

IV:7,

5, 6

167


IV:10

Nachdem er von einer Verkörperung zur nächsten gewandert und alle möglichen

Arten von Schicksalen ausgelebt hatte, praktizierte Śukra schließlich,

beharrlich am Ufer eines Flusses stehend, sehr intensive Bußübungen.

So verbrachte Śukra eine lange Zeit – vor seinem Vater sitzend und in Kontemplation

versunken. Sein Körper war ausgezehrt. Währenddessen erzeugte

der ruhelose Verstand eine Vielzahl aufeinanderfolgender Bilder von Lebensspannen

- Geburt und Tod, Aufstieg in den Himmel und Abstieg zur Erde und

das friedvolle Leben eines Einsiedlers. Er war so vertieft in sie, dass er sie als

die Wahrheit betrachtete. Der Körper wurde zu Haut und Knochen, denn er

war sämtlichen Unbilden des Wetters schutzlos ausgesetzt. Schon sein Anblick

war entsetzlich. Und doch wurde er nicht von fleischfressenden, wilden

Tieren verzehrt, denn er saß direkt vor dem Weisen Bh­gu, der in tiefe Meditation

versunken war, und Śukra selbst hatte den Körper durch die Praxis des

Yoga mit großer psychischer Kraft ausgestattet.

VASIåèHA fuhr fort:

Nach einhundert himmlischen Jahren der Kontemplation stand der Weise

Bh­gu von seinem Sitz auf. Er sah seinen Sohn Śukra nicht vor sich, sondern

nur den ausgetrockneten Körper. Der Körper sah abscheulich aus, denn in der

Zwischenzeit war er zu einer Wohnstätte von Würmern geworden, die in

seinen Augenhöhlen lebten und sich sehr schnell vermehrten. Tief bestürzt

über das, was er sah, und ohne wirklich über den natürlichen Lauf der Dinge

nachzudenken, war Bh­gu erfüllt von Zorn und verfluchte die Zeit dafür, diesen

unzeitgemäßen Tod seines Sohnes verursacht zu haben.

Die ZEIT (bzw. der Tod) erschien unverzüglich in physischer Gestalt vor

dem Weisen. Die ZEIT hielt in der einen Hand ein Schwert und in der anderen

eine Schlinge. Sie hatte eine undurchdringliche Rüstung. Sie besaß sechs

Arme und sechs Gesichter. Sie war umgeben von einer großen Anzahl von

Dienern und Boten. Die ZEIT strahlte mit den Flammen der Vernichtung, die

von ihrem Körper ausgingen, und von den Waffen, die sie in Händen hielt.

Ruhig und mit fester Stimme wandte sich die ZEIT an Bh­gu:

Oh Weiser, wie kommt es, dass ein Großer wie du ein solch unwürdiges Betragen

in Erwägung gezogen hat? Weise Männer sind niemals zornig – auch

nicht, wenn sie beleidigt werden. Du hast jedoch das Gleichgewicht deines

Gemüts verloren, obwohl niemand dich beleidigt hat! In Wirklichkeit bist du

eine verehrungswürdige Person, und ich gehöre zu denjenigen, die sich stets

an die vorgeschriebenen Verhaltensweisen halten. Und aus diesem Grunde

grüße ich dich, nicht jedoch aus einem anderen Grund.

Vertue nicht deine Verdienste durch die nutzlose Zurschaustellung deiner

Macht zu verfluchen! Wisse, dass ich sogar von den Feuern der kosmischen

Auflösung unberührt bleibe Wie kindisch ist angesichts dessen deine Hoffnung,

mich mit deinem Fluch zu beseitigen!

Ich bin die Zeit. Ich habe nicht nur zahllose Wesen getötet, sondern sogar

die Götter, die dieses Universum regieren. Du Heiliger, ich bin der Essende

168


und du bist unsere Nahrung. So ist es durch die Natur bestimmt. Diese Beziehung

beruht nicht auf wechselseitiger Ab- oder Zuneigung. Aufgrund ihrer

wahren Natur flammt das Feuer himmelaufwärts und die Wasser fließen

abwärts. Ebenso sucht die Nahrung den Essenden und die erschaffenen Dinge

suchen ihr Ende. So wurde es vom Herrn festgelegt: Im Selbst von allen

wohnt das Selbst als es selbst. In der reinen Sichtweise gibt es weder einen

Täter noch einen Genießenden, während dagegen die unreine Sichtweise, die

stets die Getrenntheit wahrnimmt, diese Getrenntheit als Wirklichkeit wahrzunehmen

glaubt.

Du dagegen bist in der Tat ein Kenner der Wahrheit, und du weißt, dass es

weder eine Täterschaft noch eine Nicht-Täterschaft gibt. Die Wesen kommen

und gehen wie die Blüten der Bäume – ihre Verursachung beruht auf nichts

anderem als Mutmaßung. All dieses ist der Zeit zuzuschreiben. Man kann dies

als real oder irreal ansehen. Denn wenn die Oberfläche eines Sees aufgewühlt

wird, dann scheint auch der Mond sich aufgrund seiner Widerspiegelung zu

bewegen. Man kann dies gleichzeitig als wahr und falsch betrachten.

Die ZEIT fuhr fort:

Ergib dich nicht dem Zorn, oh Weiser, denn das wäre der sichere Weg in

das Unheil. Was sein soll, das wird auch sein. Erkenne diese Wahrheit. Wir

sind nicht durch persönliche Eitelkeit angetrieben – wir erfüllen auf natürliche

Weise unsere natürlichen Funktionen. Das ist in der Tat die Natur der

Weisen. Was getan werden muss, muss von den Weisen hier getan werden,

die egolos und ohne jeden Ich-Sinn wie im tiefen Schlaf verbleiben: dagegen

sollst du dich nicht vergehen.

Wo sind deine Weisheit, deine Größe und deine moralische Kraft geblieben?

Oh Weiser, weshalb handelst du wie ein Narr, obwohl du den Pfad des Segens

kennst? Gewiss doch ist dir bekannt, dass die reife Frucht zu Boden fällt –

weshalb also ignorierst du dies und willst mich verfluchen?

Und ganz gewiss ist dir bekannt, dass jeder über zwei Körper verfügt, nämlich

über den physischen und den mentalen. Der physische Körper ist leblos

und geht seiner Zerstörung entgegen. Das Gemüt ist endlich, aber zur

Geordnetheit fähig. Jedoch ist dieses Gemüt in dir jetzt in einem ungeordneten

Zustand! Das Gemüt bringt den Körper dazu, nach seiner Pfeife zu tanzen

und verursacht unablässig Veränderungen in ihm – wie das Kind, welches mit

Lehm spielt. Handlungen sind immer nur mentale Handlungen. Die Gedanken

verursachen Bindung, während der reine Zustand des Gemüts Befreiung

bedeutet. Es ist das Gemüt, das den Körper mit all seinen Gliedern erschafft.

Das Gemüt bildet gleichzeitig die belebten und leblosen Wesenheiten. Diese

ganze unendliche Vielfalt besteht aus nichts anderem als dem Gemüt. Das

Gemüt mit seiner Funktion der Entschlossenheit wird Intellekt genannt. In

seiner Funktion der Identifiziertheit wird es als der Ich-Sinn bezeichnet. Der

physische Körper besteht nur aus physischer Materie, während das Gemüt

ihn jedoch als seinen eigenen betrachtet. Wendet sich das Gemüt dagegen der

169


Wahrheit zu, gibt es seine Identifikation mit dem Körper auf und erlangt das

Höchste.

Oh Weiser, während du in Kontemplation versunken warst, ging dein Sohn

in seiner Fantasie zu weit, weit entfernten Orten. Er ließ diesen Körper, der

als „der Sohn von Bh­gu“ betrachtet wurde, zurück und stieg in den Himmel

auf. Dort erfreute er sich der himmlischen Nymphen. Im Laufe der Zeit, als

seine Verdienste aufgrund der genossenen Freuden erschöpft waren, fiel er

wie eine reife Frucht zusammen mit der Nymphe auf die Erde zurück. Seinen

himmlischen Körper musste er zurücklassen. Er fiel auf die Erde, um dort mit

einem physischen Körper wiedergeboren zu werden. Hier auf der Erde hatte

er eine Reihe von Geburten zu durchleben. So wurde er nacheinander zu

einem brāhmaïa-Knaben, einem König, einem Fischer, einem Schwan, wiederum

zu einem König, einem großen Yogi mit psychischen Kräften, einem

himmlischen Halbgott, dem Sohn eines Weisen, wieder zu einem König und

wiederum zum Sohn eines Weisen. Aufgrund schlechter Taten wurde er danach

zu einem Jäger, einem König, und schließlich zu Würmern und Pflanzen,

zu einem Esel, einem Bambus, einem Reh in China, einer Schlange, einem

Vogel, und wiederum zu einem Halbgott. Jetzt ist er erneut zum Sohn eines

brāhmaïa namens Vasudeva geworden. Er ist gut bewandert in den Schriften

und ist gegenwärtig mit Bußübungen am Ufer des heiligen Flusses Samañga

beschäftigt.

VASIåèHA fuhr fort:

Ermutigt von Yama (der Zeit) erschaute der Weise Bh­gu daraufhin mit dem

Auge der Weisheit das Leben seines Sohnes. In einem Augenblick sah er in

seinem Intellekt den gesamten Ablauf der Wiederverkörperungen seines

Sohnes. Von Staunen über das ergriffen, was er da gesehen hatte, kam er

zurück in seinen Körper.

Nun vollständig frei von aller Anhaftung an seinen Sohn, sagte BHãGU:

Hoher Herr, du bist in der Tat der Kenner der Vergangenheit, Gegenwart

und Zukunft, während wir hier nur wenig von all dem begreifen. Diese Welterscheinung,

die unwirklich ist und doch als wirklich erscheint, täuscht sogar

die heroischen Männer der Weisheit. Gewiss befindet sich all dies innerhalb

von dir selbst. Nur du kennst die wahre Gestalt dieses Phantoms, welches von

den Einbildungen des Verstandes geschaffen wurde.

Dieser mein Sohn ist nicht tot – jedoch geriet ich in Erregung, weil ich ihn

für tot hielt. Ich dachte, dass mein Sohn von mir genommen wurde, noch

bevor seine Zeit gekommen war. Hoher Herr, obwohl wir den Verlauf der

irdischen Ereignisse verstehen, werden wir zu Freude und Schmerz bewegt,

von dem, was wir als ein glückliches oder ein unglückliches Geschick betrachten.

In dieser Welt bringt der Zorn den Menschen dazu zu tun, was nicht getan

werden sollte, während die Stille uns fähig macht, das zu tun, was getan werden

sollte. Solange diese Täuschung der Weltexistenz besteht, so lange ist

IV:11

170


auch die Unterscheidung zwischen der angemessenen und unangemessenen

Handlung gültig. Es ist nicht angemessen, dass wir uns von deiner natürlichen

Funktion erregen lassen, welche die Ursache des scheinbaren Todes der

Wesen ist.

Durch deine Gnade habe ich meinen Sohn wiedergesehen, und ich habe erkannt,

dass der Körper nichts anderes als das Gemüt ist. Und es ist dieses

Gemüt, welches diese Welterscheinung heraufbeschwört.

Die ZEIT sagte:

Gut gesprochen, oh Weiser! Wahr ist es, dass der Körper nur dieses Gemüt

ist. Es ist das Gemüt, welches durch reine Gedankentätigkeit den Körper

„erschafft“ – so wie der Töpfer einen Topf herstellt. Es erzeugt neue Körper

und bewirkt die Zerstörung dessen, was existiert, und all dies durch bloßen

Gedankenwunsch. Es ist ganz offensichtlich, dass im Gemüt die Fähigkeiten

der Täuschung oder Halluzination, des Träumens und des irrationalen Denkens

existieren, die all die schönen Luftschlösser erzeugen. Auf dieselbe Weise

erzeugt es in sich selbst die Erscheinung des Körpers. Der unwissende

Mensch mit einer groben physischen Sichtweise jedoch betrachtet den physischen

Körper als getrennt und unabhängig vom Gemüt.

Die drei Welten (von Wachen, Träumen und Schlafen) sind nichts als der

Ausdruck der Fähigkeiten des Gemüts, und dieser Ausdruck kann weder als

real noch irreal erachtet werden. Wenn das Gemüt, durch die Wahrnehmung

von Vielfalt konditioniert, zu „sehen“ beginnt, dann sieht es die Vielfalt.

Die ZEIT fuhr fort:

Das Gemüt verwickelt sich selbst in diese Welterscheinung, indem es zahllose

Vorstellungen (wie etwa „ich bin schwach, unglücklich, töricht “ usw.)

unterhält. Wenn dann das Verstehen auftaucht, dass all dies nur falsche Vorstellungen

des Gemüts sind – ‚Ich bin, was ich bin‘ – dann taucht der Friede

des Höchsten im Bewusstsein des Menschen auf.

Das Gemüt ist wie ein ungeheurer Ozean mit einer unendlichen Vielfalt von

Wesen darin. Auf seiner sich stets kräuselnden Oberfläche steigen und fallen

große und kleine Wellen unablässig auf und ab. Die kleine Welle denkt, dass

sie klein ist, und die große denkt, dass sie groß ist. Diejenige, die vom Wind

gebrochen wird, denkt, dass sie zerstört ist. Eine andere glaubt, dass es kalt

und wieder eine andere, dass es warm ist. Alle Wellen sind jedoch nichts als

das Wasser des Ozeans. Es ist in der Tat wahr, dass es keinerlei Wellen im

Ozean gibt, sondern dass der Ozean allein existiert. Und doch ist ebenso wahr,

dass es die Wellen gibt!

Auf dieselbe Weise existiert auch das absolute Brahman. Da es allmächtig

ist, erscheint der natürliche Ausdruck seiner unendlichen Möglichkeiten als

die unendliche Vielfalt in diesem Universum. Die Vielfalt hat keinerlei reale

Existenz außer in der eigenen Einbildungskraft. „All dies ist wahrhaftig das

absolute Brahman“ — bleibe stets in dieser Wahrheit verwurzelt. Gib alle

anderen Vorstellungen auf. So wie die Wellen nicht verschieden vom Ozean

171


IV:12, 13

sind, so sind alle diese Dinge nicht verschieden von Brahman. So wie der

Same in sich den ganzen Baum als Möglichkeit birgt, so existiert in Brahman

das gesamte Universum für alle Zeiten. So wie der vielfarbige Regenbogen im

Sonnenlicht entsteht, so wird all diese Vielfalt in dem Einen gesehen. So wie

das leblose Netz aus der lebendigen Spinne heraus entsteht, so entspringt

diese leblose Welterscheinung aus dem unendlichen Bewusstsein.

So wie die Seidenraupe sich in seinen Kokon einspinnt und selbst bindet, so

fantasiert das unendliche Sein dieses Universum und sieht sich schließlich in

diesem gefangen. So wie sich ein Elefant mühelos von dem Pfahl losreißt, an

den er gefesselt ist, so befreit sich das Selbst selbst von seiner Bindung. Denn

das Selbst ist stets nur das, wofür es sich hält. Für den Höchsten Herrn gibt es

weder Bindung noch Befreiung. Ich habe keine Ahnung, wie diese Auffassungen

von Bindung und Befreiung überhaupt entstehen konnten! Da gibt es

weder Bindung noch Befreiung – nur dieses unendliche Sein wird gesehen.

Und doch wird dieses Ewigliche durch das Vergängliche verhüllt, und dies ist

in der Tat ein großes Wunder (oder eine große Illusion).

Im Moment, wo dieses Gemüt sich im unendlichen Bewusstsein manifestiert,

entstehen auch die Vorstellungen von Vielfalt, und diese Vorstellungen

existieren im unendlichen Bewusstsein. Aufgrund dessen scheinen in diesen

Universum all diese verschiedenen Gottheiten und die zahllosen Wesen der

Schöpfung zu existieren — einige von ihnen langlebig, andere dagegen kurzlebig,

wieder andere sind anscheinend groß oder klein, und einige sind glücklich

oder unglücklich. Alle diese lebendigen Wesenheiten sind nichts als Vorstellungen

im unendlichen Bewusstsein. Manche betrachten sich selbst als

unwissend und gebunden, andere sind ohne Unwissenheit und befreit.

Die ZEIT fuhr fort:

Oh Weiser! Götter, Dämonen und menschliche Wesen sind nicht verschieden

von diesem kosmischen Ozean des Bewusstseins, der Brahman genannt

wird – dies ist die Wahrheit, alle anderen Annahmen sind falsch. Sie (die

Götter usw.) unterhalten falsche Vorstellungen (wie etwa „ich bin nicht das

Absolute“) und überlagern sich selbst mit Unreinheit und dem Empfinden

einer Entwertung. Aber auch diese sind für alle Zeit in diesem kosmischen

Ozean des Bewusstseins, obschon sie sich selbst als getrennt von Brahman

betrachten und daher irregeführt sind. Obgleich sie für immer rein sind,

überlagern sie sich mit Unreinheit, was dann der Same all ihrer Handlungen

und deren Konsequenzen ist; d. h. von Glück, Unglück, Unwissenheit und

Erleuchtung.

Von diesen Wesen sind manche rein wie Śiva und Vi«ïu, andere nur leicht

befleckt wie Menschen und Götter, manche wandeln in finsterer Täuschung

wie Bäume und Sträucher, andere sind durch Unwissenheit geblendet wie

Würmer, wieder andere bewegen sich weit weg von der Weisheit, und wieder

andere haben den Zustand von Erleuchtung und Befreiung erlangt wie

Brahmā, Vi«ïu und Śiva.

172


Sobald jemand die Weisheit erfasst, die die höchste Wahrheit betrifft, ist er

unverzüglich erlöst – auch wenn er auf die zuvor beschriebene Weise im Rad

der Unwissenheit und Täuschung kreiste.

Von diesen müssen sich weder diejenigen, die wie Bäume fest in der Täuschung

verwurzelt sind, noch diejenigen, die ihre Täuschung gänzlich zerstört

haben, mit der Erforschung der Schriften erfassen. Die Schriften wurden von

erleuchteten Wesen zur Anleitung derjenigen geschaffen, die aus dem

Schlummer der Unwissenheit erwacht sind, nachdem ihre schlechte Natur

und deren Ausdrucksformen aufgehört haben und deren Intellekt auf natürliche

Weise nach der Führung durch die Schriften verlangt.

Oh Weiser! Es ist nur das Gemüt, welches Vergnügen und Schmerzen in dieser

Welt erfährt, aber nicht der physische Körper der Lebewesen. Der physische

Körper ist nichts anderes als die Frucht der Einbildungen des Gemüts –

der physische Körper ist keine existenzielle Tatsache, die unabhängig vom

Gemüt existiert. Was auch immer dein Sohn in seinem eigenen Gemüt entstehen

lassen will, das erfährt er – wir sind dafür nicht verantwortlich. Alle

Lebewesen in dieser Welt erfahren nur diejenigen Handlungen, die aus dem

Lagerhaus ihrer eigenen Möglichkeiten und Veranlagungen hervorgehen –

niemand sonst ist verantwortlich für diese Handlungen; keine übermenschlichen

Wesen und kein Gott.

Komm, lass uns dorthin gehen, wo dein Sohn mit Bußübungen befasst ist,

nachdem er vorübergehend die Vergnügen des Himmels genossen hat.

(Nachdem er das gesagt hatte, nahm Yama (die Zeit) Bh­gu mit sich fort....

Als der Weise Vāsi«Âha geendet hatte, schloss der achte Tag und die Versammlung

löste sich auf.

VASIåèHA fuhr fort:

Oh Rāma, der Weise Bh­gu und die Gottheit, die über die Zeit regiert, wandten

sich in Richtung des Flusses SamaÇga. Als sie vom Berg Mandara herabstiegen,

sahen sie herrliche Wälder, die von vollkommenen und erleuchteten

Weisen bewohnt waren. Sie sahen mächtige Elefanten in Brunst. Sie sahen

andere vollkommene Weise, die von himmlischen Nymphen spielerisch mit

Blumen beworfen wurden. Sie sahen buddhistische (oder erleuchtete) Mönche

im Walde wandern. Dann stiegen sie in die Ebene hinab mit ihren Dörfern

und Städten. Schon sehr bald erreichten sie die Ufer des Flusses Samañga.

Dort sah der Weise Bh­gu seinen Sohn, der nun einen anderen Körper hatte

und dessen Natur ganz verschieden von seiner früheren war. Jetzt hatte er

eine friedvolle Veranlagung, und sein Gemüt war in der Stille der Erleuchtung

verankert, obgleich er tief über das Schicksal der lebendigen Wesen des Universums

nachdachte. Dieser strahlende junge Mann hatte offenbar die vollkommene

Stille des Gemüts erlangt, in welcher das Spiel der Gedanken und

Gegengedanken aufgehört hatten. Er war absolut rein, wie ein Kristall, der

nicht einmal mehr daran interessiert war, die Dinge um sich herum zu spie-

IV:14

173


IV:15

geln! Da war in seinem Verstand kein Gedanke an „dies ist zu erlangen“ oder

„dies ist zu vermeiden“.

Die ZEIT wies auf diesen jungen Mann und sagte zu Bh­gu: „Dies ist dein

Sohn“. Śukra hörte die Worte „steh auf“ und öffnete sanft die Augen. Als er die

beiden strahlenden Wesen vor sich stehen sah, begrüßte er sie und bat sie,

auf einem Stein Platz zu nehmen. Mit sanften und liebevollen Worten sagte

er: „Oh göttliche Wesen, wie gesegnet bin ich, euch beide hier bei mir zu sehen!

Durch eure bloße Anwesenheit wurden die Täuschungen meines Gemüts

zerstört; Täuschungen, die weder durch das Studium der Schriften, durch

Askesepraktiken noch durch Weisheit oder Erkenntnis zerstört werden konnten.

Nicht einmal ein Strom aus Nektar ist so segensvoll wie die Ansicht der

Heiligen. Die Erde, über die eure Füße gegangen sind, ist heilig.“

Der Weise Bh­gu sagte daraufhin zu ihm: „Besinne dich, denn du bist kein

Unwissender!“ Śukra wurde unverzüglich der Erinnerung an seine früheren

Existenzen gewahr, über die er für eine kurze Zeit mit geschlossenen Augen

nachsann.

ŚUKRA sagte:

„Siehe da, ich habe zahllose Wiederverkörperungen durchlebt und bin

durch zahllose Erfahrungen von Schmerz und Freude, Weisheit und Täuschung

gewandert. Ich war ein grausamer König, ein gieriger Händler und ein

wandernder Asket. Es gab kein Vergnügen, dass ich nicht genossen habe,

keine Handlung, die ich unterlassen habe, kein Unglück oder Glück, dem ich

nicht ausgesetzt war. Weder wünsche ich mir nun noch etwas noch trachte

ich danach, etwas zu vermeiden – die Natur soll ihren Lauf nehmen. Komm,

Vater, lass uns zum früheren Körper gehen, der jetzt ausgetrocknet ist.

VASIåèHA fuhr fort:

Schon bald gelangten sie an den Ort, an dem der Körper von Śukra, des

Sohnes von Bh­gu, in einem fortgeschrittenen Zustand der Verwesung am

Boden lag. Als er ihn sah, jammerte Śukra: „Ach, sieh‘ nur diesen Körper, der

einst sogar von den himmlischen Nymphen so bewundert und geliebt wurde,

und der jetzt die Heimstatt von Würmern und Ungeziefer ist! Dieser Körper,

der einst mit Sandelholzpaste bestrichen wurde, ist nun mit Schmutz bedeckt.

Oh du Körper! Nun nennt man dich eine Leiche, und wirklich, du jagst

mir Angst ein. Sogar die wilden Tiere fürchten sich vor deinem grausigen

Anblick. Völlig frei von Empfindungen, ist dieser Körper nun in einem Zustand

gänzlicher Freiheit von Gedanken und Ideen. Er ist nun frei vom Kobold

des Gemütes und verbleibt unberührt von allem natürlichen Unheil. Da er frei

von der Unrast des ruhelosen Affen geworden ist, den man Gemüt nennt, liegt

dieser Baum von Körper entwurzelt da. Es ist in der Tat ein glückliches Geschick,

dass ich diesen Körper sehen kann, befreit von Leiden in diesem dichten

Wald.“

174


IV:16

RùMA fragte: Heiliger Herr, du hast gesagt, dass Śukra zahllose Verkörperungen

durchlebt hat, und doch beklagt er das Schicksal dieses Körpers, der

durch Bh­gu geboren wurde. Wie ist dies möglich?

VASIåèHA erwiderte:

Rāma, der Grund liegt darin, dass alle anderen Körper nur die Halluzinationen

dieses ursprünglichen Körpers waren, der zu Śukra, dem Sohn des Weisen

Bh­gu, gehört. Bald nach Beginn der Neuschöpfung am Ende der letzten

kosmischen Auflösung wurde der jīva bzw. die lebendige Seele, die aus der

Nahrung entstand, die in den Körper des Weisen Bh­gu einging, als Śukra

geboren. Es geschah in dieser Verkörperung, dass diese Seele all die Riten

und Rituale erfuhr, die angemessen für die Geburt eines brāhmaïa-Knaben

sind.

Weshalb beklagte Śukra (jetzt Vasudeva genannt) diesen Körper? Ob einer

weise oder unwissend ist – so lange der Körper lebt, leben seine Funktionen

unverändert weiter, die seiner Natur entsprechen. Und so funktioniert dann

auch die verkörperte Person auf entsprechende Weise in dieser Welt, nämlich

mit oder ohne Anhaftung. Der Unterschied liegt in ihren mentalen Neigungen

– im Falle des Weisen wirken sie auf befreiende und im Falle des Unwissenden

auf bindende Art. So lange es den Körper gibt, so lange werden der

Schmerz schmerzhaft und das Vergnügen erfreulich sein – der Weise jedoch

ist weder an das eine noch an das andere gebunden. Sich an der Freude erfreuend

und leidend am Leiden scheinen sich die Großen nur wie Unwissende

zu verhalten, aber in Wahrheit sind sie erleuchtet. Der ist befreit, dessen

Sinnesorgane frei, aber dessen Handlungsorgane beherrscht sind. Derjenige

jedoch ist gebunden, dessen Sinnesorgane zwar zurückhaltend, aber dessen

Handlungsorgane unbeherrscht und unkontrolliert sind. Der Weise verhält

sich in Gesellschaft auf angemessene Art, obwohl er innerlich frei von allem

Anpassungszwang ist. Oh Rāma, entsage allem Verlangen und Bestreben und

tue, was getan werden muss – in der Erkenntnis, dass du auf immer das reine,

unendliche Bewusstsein bist.

VASIåèHA fuhr fort:

Als sie den jungen Asketen Vasudeva das Schicksal seines früheren Körpers

betrauern sah, griff die ZEIT (oder der Tod) ein und sprach zu Śukra:

Die ZEIT (bzw. der TOD) sagte:

Oh Sohn des Bh­gu! Gib diesen deinen Körper auf und gehe in deinen anderen

Körper ein – so wie ein König sein Königreich betritt. Mit diesem Körper

von Śukra widme dich erneut deinen Bußübungen und werde so zum spirituellen

Guru der Dämonen. Am Ende dieser Epoche wirst du dann auch diesen

Körper aufgeben, um niemals wieder eine Verkörperung zu erleben. Nachdem

sie so gesprochen hatte, verschwand die ZEIT.

Daraufhin gab Śukra den Körper Vasudevas auf, in dem er intensive Bußübungen

am Ufer des Flusses SamaÇga ausgeübt hatte, und ging erneut in den

175


verwesten Körper von Śukra ein, dem Sohn des Weisen Bh­gu. Im selben

Moment fiel der Körper Vasudevas wie ein gefällter Baum zu Boden und

wurde ein Leichnam. Der Weise Bh­gu besprengte den Körper Śukras mit

heiligem Wasser aus seinem eigenen Wassertopf und murmelte dabei heilige

Hymnen, die die Macht hatten, diesen Körper wiederzubeleben, mit Fleisch

zu bekleiden usw. Und unverzüglich wurde der Körper so strahlend und

jugendlich wie früher.

Śukra erhob sich aus seiner Meditationshaltung und, seinen Vater, den Weisen

Bh­gu, vor sich sehend, warf er sich ihm zu Füßen. Bh­gu war hocherfreut,

seinen Sohn zu sehen, wie er von den Toten auferstanden war und

umarmte ihn glückstrahlend und mit großer Herzlichkeit. Sogar der Weise

Bh­gu wurde von dem Gefühl überwältigt: „Dies ist mein Sohn“, was nur natürlich

ist, so lange es das Körperbewusstsein gibt. Beide erfreuten sich dieses

erneuten, glücklichen Zusammenseins.

Sowohl Bh­gu als auch Śukra führten dann die vorgeschriebenen Begräbnisriten

für den brāhmaïa-Knaben Vasudeva aus, denn die Männer der Weisheit

halten die sozialen Gewohnheiten und Traditionen stets in Ehren.

Beide von ihnen strahlten wie Sonne und Mond. Sie, die gewiss die spirituellen

Lehrer des ganzen Universums waren, durchwanderten die Welt. Fest

verankert in der Erkenntnis des Selbst blieben sie von allen Veränderungen

unberührt, die in der Zeit und der Umgebung stattfanden. Im Verlaufe der

Zeit wurde Śukra der Guru der Dämonen, während sein Vater Bh­gu zu einem

Weisen mit der höchsten Weisheit wurde.

Dies ist die Geschichte des Weisen Śukra, der aufgrund seiner Leidenschaft

für eine Nymphe zahllose Leben durchwanderte.

RùMA fragte:

Heiliger Herr, weshalb materialisieren sich nicht die Wünsche anderer Leute

so, wie sich der Wunsch von Śukra als Aufstieg in den Himmel usw. materialisierte?

VASIåèHA erwiderte:

Śukras Gemüt war rein, denn dies war seine erste Verkörperung. Sein Gemüt

war nicht mit den Unreinheiten früherer Verkörperungen beladen. Ein

Gemüt ist rein, in dem sich sämtliche Verlangen in einem Zustand der Stille

befinden. Was auch immer sich das reine Gemüt wünscht, das materialisiert

sich. Was im Hinblick auf Śukra geschehen ist, ist für jedermann möglich.

Die Welt existiert in jedem jīva in einem Samenzustand und wird manifest,

so wie der Baum aus dem Keimling sprießt. Die Welt wird daher fälschlicherweise

von jedem einzelnen Individuum nur phantasiert. Weder entsteht

die Welt noch vergeht sie – dies alles ist nichts als die Einbildung des irregeführten

Gemütes. Innerhalb von jedem befindet sich eine Phantasiewelt. So

wie die eigenen Träume anderen unbekannt sind, so ist die eigene Welt anderen

unbekannt. Da gibt es Kobolde, Halbgötter und Dämonen, die sämtlich die

IV:11, 17

176


IV:18

Verkörperungen der Täuschung sind. Auf dieselbe Weise sind auch wir ins

Sein getreten, oh Rāma, aus reiner Gedankenkraft heraus, und wir erachten

das Falsche als wirklich. Darin besteht in der Tat der Ursprung der Schöpfung

im unendlichen Bewusstsein. Die Materialität ist keine Tatsache, obwohl sie

in der gänzlichen Leerheit aller Dinge wahrgenommen wird. Jeder phantasiert

seine eigene Welt zusammen. Sobald diese Wahrheit einmal erkannt

wurde, gelangt diese phantasierte Welt an ihr Ende. Diese Welt existiert nur

als Erscheinung oder Einbildung und nicht deshalb, weil man diese materiellen

Substanzen, die man zu sehen glaubt, tatsächlich sieht. Das Ganze ist wie

ein langer Traum oder ein Taschenspielertrick. Es ist wie der Pfahl, an den

der Gemüts-Elefant angebunden ist.

Das Gemüt ist die Welt, die Welt ist das Gemüt – sobald eines von beiden als

unwahr erkannt wird, verschwindet beides! Wenn das Gemüt gereinigt ist,

reflektiert es die Wahrheit und die irreale Welterscheinung verschwindet.

Das Gemüt wird gereinigt durch die beständige Kontemplation der Wahrheit.

RùMA fragte:

Wie konnte diese Reihe von Geburten usw. im Gemüt von Śukra auftauchen?

VASIåèHA erwiderte:

Śukra wurde von seinem Vater Bh­gu über die Aufeinanderfolge der Geburten

unterwiesen. Es war diese Unterweisung, die Śukras Gemüt so konditioniert

hat, dass es den Inhalt dieser Unterweisung aus sich selbst heraus erweitert

hat. Nur dann, wenn das Gemüt gänzlich gereinigt von aller Konditionierung

ist, erlangt es seine äußerste Reinheit zurück. Ein solch reines Gemüt

erfährt die Befreiung.

VASIåèHA fuhr fort:

Die Vielfalt, die in dieser Schöpfung zu sehen ist, oh Rāma, hat nur den Anschein

der Vielfalt. Die Evolution oder Involution hat nur das eine, unendliche

Bewusstsein als seine Quelle und sein Ziel. Während der Evolution taucht in

dem einen, unendlichen Bewusstsein diese scheinbare Vielfalt in Übereinstimmung

mit den gegebenen Vorstellungen dieses Bewusstseins auf.

Einige dieser Vorstellungen vermischen sich miteinander und produzieren

auf diese Weise innerhalb dieser Vielfalt diese unendlichen Verschiedenheiten.

Einige wiederum vermischen sich nicht. Jedoch alle diese Vorstellungen

erscheinen tatsächlich in jedem Atom der Existenz, und alle diese Atome

existieren unabhängig voneinander. Die Gesamtheit all dessen wird das absolute

Brahman genannt.

Jedes Individuum sieht nur diejenigen Objekte, die in seinem eigenen Gemüt

verwurzelt sind. Wenn die Ideen des Gemüts keine Früchte tragen, gibt

es einen Wandel im Gemüt. Daraufhin entsteht eine Aufeinanderfolge von

Geburten, die diesen psychologischen Veränderungen Rechnung tragen. Es ist

diese psychologische Verbindung, die die Überzeugung von der Realität von

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Geburt und Tod und von der Realität des Körpers erschafft. Sobald diese

Überzeugung aufgegeben wird, hören die Verkörperungen auf.

Wenn die Wahrheit vergessen wird, dann entsteht diese Verwirrung, die

das Unwirkliche für wirklich hält. Durch die Reinigung der Lebenskräfte

(prana) und durch die Erkenntnis dessen, was jenseits dieses prana oder

Lebenskräfte liegt, erlangt man die Erkenntnis von allem, was man wissen

muss, um die Aktivitäten des Gemüts wie auch die Grundlage für die Aufeinanderfolge

von Geburten zu verstehen.

Das Selbst aller Lebewesen wandert durch drei Zustände hindurch, nämlich

Wachen, Träumen und Tiefschlaf. Diese haben nichts mit dem Körper zu tun.

(Sogar diese Aussage beruht nur auf der Annahme, dass Lebewesen in dem

einen Selbst existieren, was nicht der Wahrheit entspricht.) Der weise

Mensch, der den Zustand jenseits des Tiefschlafs erreicht, (das reine Bewusstsein)

kehrt zur Quelle zurück. Der Narr jedoch, der diesen Weg nicht

geht, wird im Lebenszyklus gefangen. Da das Bewusstsein unendlich ist, wird

man von einem Lebenszyklus zum nächsten geführt – sogar noch über den

eigentlichen Weltzyklus hinaus. Schöpfungen dieser Art sind endlos – die eine

erscheint aus der andern wie die Blätter der Bananenpflanze. Natürlich wäre

es unweise, Brahman, das Absolute, mit irgendetwas zu vergleichen.

Man sollte stets nur das erforschen, was in Wahrheit die unverursachte

Quelle aller Substanzen ist, was jenseits aller Verursachung ist. Nur dies ist

die Erforschung wert, denn es allein ist die Essenz. Weshalb sollte man das

Inessenzielle erforschen?

VASIåèHA fuhr fort:

Oh Rāma, der Baum in einem Samen wächst aus ihm heraus, nachdem er

den Samen zerstört hat; aber Brahman erschafft diese Welt, ohne sich selbst

zu zerstören. Der Baum (die Welt) erscheint auch dann, wenn der Same

(Brahman) bleibt, wie er ist.

Folglich ist es unmöglich, das unvergleichbare Brahman mit irgendetwas zu

vergleichen. Während der Baum usw. eine definierbare materielle Substanz

ist, ist Brahman ein namen- und formloses Sein.

Es ist Brahman allein, das zu dem wird, was anscheinend von einer gänzlich

andersartigen Natur ist. Von einem anderen Standpunkt aus jedoch wird

Brahman zu gar nichts, weil es ewiglich und wandellos ist.

Daher kann man nichts betreffend das Brahman postulieren – weder ist es

möglich zu sagen, dass es nicht zu all diesem geworden ist, noch ist es möglich

zu sagen, dass es zu all diesem geworden ist.

Wenn das Selbst als ein Objekt gesehen wird, wird der Seher nicht gesehen

(erkannt) – solange das objektive Universum wahrgenommen wird, erkennt

man das Selbst nicht. Sobald du nur das Wasser in der Luftspiegelung siehst,

nimmst du nicht die aufsteigende flimmernde Luft wahr. Siehst du dagegen

die heiße Luft, dann siehst du das Wasser nicht mehr! Sobald das eine wahr

wird, wird das andere unwahr.

178


Die Augen, die alle Objekte in der Welt wahrnehmen, nehmen nicht sich

selber wahr. Solange man die Wahrnehmung von Objektivität unterhält, wird

das Selbst nicht erkannt. Brahman ist so subtil und rein wie Raum. Es kann

nicht durch irgendwelche Bemühung erkannt werden. Solange man das, was

man wahrzunehmen glaubt, mit der Überzeugung betrachtet, dass es sich

hierbei um Objekte der Wahrnehmung handelt (wobei man sich selbst als den

von ihnen getrennten Seher oder das Subjekt ansieht), ist die Erkenntnis des

Brahman in der Tat weit entfernt.

Es geschieht nur, wenn die Trennung zwischen dem Seher und dem Gesehenen

aufgegeben wird, nur dann, wenn die beiden als eine Substanz „gesehen“

werden, dass die Wahrheit realisiert wird. Es gibt kein Objekt, welches

von völlig anderer Natur als das Subjekt ist. Noch weniger kann das Subjekt

(das Selbst) wie ein Objekt gesehen werden! Tatsächlich erscheint allein das

Subjekt (das Selbst) in der Sicht als das Gesehene (das Objekt) – ein anderes

Objekt der Wahrnehmung gibt es nicht. Wenn wiederum das Subjekt oder das

Selbst allein all dies ist, dann ist es weder das Subjekt noch der Seher! Innerhalb

einer solchen Sichtweise existiert keinerlei Getrenntheit.

So wie Zucker zu verschiedenen Süßigkeiten wird, ohne dabei jemals seine

natürliche Süße einzubüßen, so visualisiert sich dieses unendliche Bewusstsein

oder Brahman selbst als all diese unendliche Vielfalt, ohne sich dabei im

mindesten seiner essenziellen Natur zu entäußern. Für die Manifestation in

diesem unendlichen Bewusstsein existiert keinerlei wie auch immer geartete

Grenze.

VASIåèHA fuhr fort:

Jeder jīva erfährt in sich selbst das, was immer und wie immer es mit Hilfe

seiner eigenen Lebenskraft in ihm aufgetaucht ist. Oh Rāma, sieh mit dem

Auge deiner inneren Weisheit die Wahrheit, dass es in jedem Atom der Existenz

zahllose Welterscheinungen gibt. Im Gemüt eines jeden, im Raum selbst,

in jedem Stein, in der Flamme des Feuers und im Wasser existieren ungezählte

Welterscheinungen, so wie Öl im Sesamsamen existiert. Wenn das Gemüt

absolut rein wird, dann wird es zu reinem Bewusstsein und wird eins mit

dem unendlichen Bewusstsein.

Diese Welterscheinung ist nichts als ein langer Traum, der sich überall manifestiert,

da sie die Imagination von Brahmā dem Schöpfer und allen anderen

ist. Die Objekte, die auf diese Weise im Traum des Schöpfers geboren

wurden, wandern von Traum zu Traum, von Verkörperung zu Verkörperung.

Dadurch schaffen sie die Illusion der scheinbaren Festigkeit dieser Welterscheinung.

Diese traumartige Erscheinung erscheint während der Periode

des Traums als völlig wahr.

Innerhalb jedes Atoms sind sämtliche Arten von potentiellen Erfahrungen

enthalten, so wie in einem Samen die verschiedenen Aspekte des Baums

(Blüten, Blätter, Früchte usw.) sind. Innerhalb jedes Atoms der Existenz existiert

das unendliche Bewusstsein – folglich ist alles unteilbar. Gib daher alle

deine Vorstellungen von Vielfalt oder Einheit auf. Zeit, Raum, Handlung oder

179


IV:19

Bewegung und Materie sind nur verschiedene Aspekte des einen, unendlichen

Bewusstseins: und Bewusstsein erfährt diese in sich selbst – gleichgültig,

ob es sich um den Körper des Schöpfers Brahmā oder den eines Wurms

handelt.

Ein Atom des Bewusstseins erfährt, sobald es den voll herangereiften Zustand

eines Körpers erlangt hat, seine eigenen Anlagen und Möglichkeiten.

Jemand empfindet die vor ihm ausgebreiteten Objekte als außerhalb liegend,

weil das unendliche Bewusstsein allgegenwärtig ist. Andere wiederum nehmen

alles als inneliegend wahr, wie es sich abwechslungsweise entwickelt

und wieder zurückentwickelt. Wieder andere gehen von einer Traumerfahrung

zur nächsten, umherwandernd in dieser Welterscheinung.

Ein paar wenige jedoch erkennen, dass die in sich selbst gesehene Welterscheinung

illusorisch ist mit Ausnahme des einen, unendlichen Bewusstseins,

welches allein auf ewig wahr ist. Aufgrund dieses Bewusstseins erscheint die

Welt im jīva, und darin gibt es wiederum jīvas innerhalb von jīvas usw. – ad

infinitum. Wenn jemand diese Wahrheit erfährt, dann ist er befreit von der

Illusion. Gleichzeitig wird das Verlangen nach Sinnesvergnügen immer

schwächer. Nur dies ist der gültige Erweis der erworbenen Weisheit. Weder

ist ein gemalter Honigtopf Honig noch eine gemalte Flamme Feuer, und das

Bildnis einer Frau ist nicht die Frau. Weise Worte sind nur Worte (Unwissenheit),

solange sie nicht durch die Abwesenheit von Wünschen und Zorn bestätigt

werden.

VASIåèHA fuhr fort:

Der eigentliche Same aller jīvas, der das absolute Brahman ist, existiert

überall, und innerhalb der jīvas existieren zahllose weitere jīvas. All dies ist

deshalb, weil das gesamte Universum gänzlich vom unendlichen Bewusstsein

durchdrungen ist.

Aufgrund ihrer Erscheinungsform als jīvas nehmen sie durch ihre Kontemplation,

unabhängig davon, welcher Art diese ist, schon sehr bald die Natur des

Gegenstands der Kontemplation an. Diejenigen, die den Göttern ergeben sind,

erreichen die Götter, diejenigen, die die Halbgötter verehren, erlangen die

Halbgötter. Diejenigen, die das absolute Brahman kontemplieren, werden zu

Brahman. Man sollte daher stets zu dem Zuflucht nehmen, was nicht begrenzt,

konditioniert oder endlich ist.

Durch die Kontemplation der Gestalt der Nymphe wurde Śukra gebunden,

und als er die Reinheit seines Selbst erkannt hatte, welches unendliches Bewusstsein

ist, wurde er unverzüglich befreit.

RùMA fragte:

Heiliger Herr, bitte sage mir, was die wahre Natur der Wach- und Traumzustände

ist. Was konstituiert den Wachzustand, und wie können Traum oder

Täuschung im Wachzustand auftauchen?

VASIåèHA sprach:

180


Der Zustand, der andauert, wird der Wachzustand genannt, und derjenige,

der vergänglich ist, ist der Traumzustand. Während der Dauer des Traums

nimmt dieser die Eigenschaft des Wachzustandes an, und sobald die vergängliche

Natur des Wachzustandes realisiert wird, hat er die Eigenschaften des

Traums. Abgesehen davon sind beide gleich.

Sobald sich die Lebenskraft im Körper rührt, üben die verschiedenen Organe

des Denkens, des Sprechens und der Handlung ihre Funktionen aus. Sie

bewegen sich in Richtung ihrer Wahrnehmungsobjekte entsprechend den

illusorischen Vorstellungen, die im Gemüt vorherrschen. Diese Lebenskraft

nimmt im Selbst verschiedene Formen wahr. Weil die Natur dieser Wahrnehmungen

als dauerhaft empfunden wird, nennt man sie den Wachzustand.

Aber wenn die Lebenskraft (jīva-cetana) nicht vom Gemüt und dem Körper

abgelenkt wird, verbleibt sie friedlich innerhalb des Herzens verwurzelt. Es

gibt dann weder eine Bewegung des Bewusstseins in den Nerven des Körpers

noch aktiviert die Lebenskraft die Sinne. Das Bewusstsein jedoch, welches

sogar im Tiefschlaf wach und welches das Licht ist, das im Wachen und

Träumen scheint, ist das transzendentale Bewusstsein, turiya.

Sobald sich wieder die Samen der Unwissenheit und Täuschung regen und

ausbreiten, entsteht der allererste Gedanke – der Gedanke „Ich bin“. Dann

nimmt man innerhalb des Gemüts im Traum Gedankenformen wahr. Zu diesem

Zeitpunkt arbeiten die externen Sinnesorgane nicht, während dagegen

die inneren Sinne funktionieren und Wahrnehmungen im eigenen Innern

entstehen lassen. Dies ist der Traumzustand. Sobald die Lebenskraft die Sinnesorgane

aktiviert, beginnt wieder der Wachzustand.

VASIåèHA fuhr fort:

Ich habe die Zustände des Gemüts nur deshalb beschrieben, damit du die

Natur des Gemüts verstehen lernst – einen anderen Zweck der Unterweisung

gibt es nicht. Denn das Gemüt nimmt die Form von dem an, worüber es intensiv

kontempliert. Existenz, Nicht-Existenz, Erlangen und Entsagen – all dieses

sind nur Stimmungen im Gemüt.

RùMA fragte:

Wenn das Gemüt also all dies ist, oh Herr, wie kann es dann befleckt werden?

VASIåèHA erwiderte:

Dies ist eine schöne Frage, Rāma, aber es ist nicht der richtige Zeitpunkt

dafür. Wenn du dem, was ich dir mitgeteilt habe, zugehört hast, dann wirst du

die Antwort auf diese Frage mit der äußersten Klarheit herausfinden.

Dass das Gemüt unrein ist, ist die Erfahrung von allen, die nach der Befreiung

streben. Je nach der Art seines besonderen Gesichtspunkts beschreibt es

jeder unterschiedlich.

So wie Luft, in Kontakt mit verschiedenen Blumen kommend, deren Düfte

mit sich nimmt, so nimmt das Gemüt in Abhängigkeit von seinen verschiede-

IV:20, 21

181


IV:12

nen Vorstellungen verschiedene Stimmungen an, erschafft dann die passenden

Körper dazu und erfreut sich der Früchte seiner eigenen Vorstellungen,

sobald die entsprechenden Energien die Sinne angeregt haben. Es ist das

Gemüt, wie ich schon sagte, das den Brennstoff für das Funktionieren der

Handlungsorgane liefert. Das Gemüt ist die Handlung und die Handlung ist

das Gemüt – beide sind wie Blüte und Duft. Die Überzeugung des Gemüts

bestimmt die Handlung, und die Handlung stärkt wiederum die Überzeugung.

Das Gemüt ist überall dem dharma