10. Sonntag nach Trinitatis - hier

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10. Sonntag nach Trinitatis - hier

10. Sonntag nach Trinitatis 12.08.2012 Süderhastedt

Pastor Alfred Sinn

Lieder : 147, 1 - 3; 300, 1 - 3; 248, 1 - 4 + 7; 150, 1 - 3; 425, 1 - 3; 421

Lesung: Römer 11, 25 – 32; Lukas 19, 41 - 48

Teilnehmer: Männer - 12

Frauen - 21

Kinder - 20

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Liebe Gemeinde,

wir wohnen hier auf dem Land. Kurze Wege und überschaubare Verhältnisse prägen den

Alltag. Wir freuen uns an der Weite und an den Freiheiten, die dieses Leben bietet.

Manche mögen das dörfliche Leben als eng ansehen, doch ist es nicht eher so, dass

Städter in ihrer Wohnkultur und Lebensart eingeengt sind? Wir begeben uns mal gerne

in eine Stadt, kaufen dort ein oder besichtigen Sehenswürdigkeiten, doch danach

genießen wir die Ruhe und Beschaulichkeit auf dem Land. Es gibt freilich andere, die

könnten sich nicht vorstellen, in einem Dorf zu wohnen. Beides hat Vor- und Nachteile.

Prägende gesellschaftliche Einflüsse gingen meistens von Städten aus. Doch keine Stadt

kommt ohne das Hinterland aus. Auch Städter leben von den Früchten, die auf dem Feld

wachsen.

In früheren Jahrhunderten haben Städter ihre Stadt mit einer Mauer umgeben um vor

Angreifern sicher zu sein. Dorfbewohner dagegen waren den durchziehenden feindlichen

Truppen schutzlos ausgeliefert. Bei der modernen Kriegsführung dürfte eine Stadt für

ihre Bewohner gefährlicher sein als das Dorf. Da bietet auch die Stadtmauer keinen

Schutz.

In den folgenden Gedanken wollen wir beim Bild von der Stadtmauer bleiben um das zu

verstehen, was Gott für sein Volk sein will, bzw. tut. Durch den Propheten Jesaja lässt

Gott wissen:

Jesaja 62, 6 - 12

6 O Jerusalem, ich habe Wächter über deine Mauern bestellt, die den ganzen Tag und die

ganze Nacht nicht mehr schweigen sollen. Die ihr den Herrn erinnern sollt, ohne euch Ruhe

zu gönnen,

7 lasst ihm keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufrichte und es setze zum Lobpreis auf

Erden!

8 Der Herr hat geschworen bei seiner Rechten und bei seinem starken Arm: Ich will dein

Getreide nicht mehr deinen Feinden zu essen geben noch deinen Wein, mit dem du so viel

Arbeit hattest, die Fremden trinken lassen,

9 sondern die es einsammeln, sollen’s auch essen und den Herrn rühmen, und die ihn

einbringen, sollen ihn trinken in den Vorhöfen meines Heiligtums.

10 Gehet ein, gehet ein durch die Tore! Bereitet dem Volk den Weg! Machet Bahn, machet

Bahn, räumt die Steine hinweg! Richtet ein Zeichen auf für die Völker!

11 Siehe, der Herr lässt es hören bis an die Enden der Erde: Sagt der Tochter Zion: Siehe,

dein Heil kommt! Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm

her!

12 Man wird sie nennen »Heiliges Volk«, »Erlöste des Herrn«, und dich wird man nennen

»Gesuchte« und »Nicht mehr verlassene Stadt«.


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10.Son.n.Trin., 12.08.2012

Über viele Jahrhunderte sicherte die Mauer einer Stadt das Überleben der Bevölkerung.

Mit dem Bau der Mauer um eine Stadt aber war es noch nicht getan. Zusätzlich mussten

Menschen Wache halten, damit die Mauer nicht überwunden wird. Nachts war das

noch wichtiger als bei Tag. Bis vor einigen Jahrzehnten gab es sogar in den Dörfern

Nachtwächter. Dabei ging es weniger um die Abwehr einer militärischen Bedrohung als

um Warnung vor Feuer oder um Diebe abzuschrecken.

„O Jerusalem, ich habe Wächter über deine Mauern bestellt“. Mit der Nennung dieser Stadt

verdeutlicht Gott seine Fürsorge für sein Volk. Nicht nur will er Jerusalem mit einer

Mauer schützen, sondern auch Wächter auf die Mauer stellen. Jerusalem ist der Inbegriff

für das Volk Gottes. Das ist sowohl dem AT als auch dem NT zu entnehmen. Das Volk

Gottes und der Glaube sind angefeindet. Es gibt Bedrohung von außen und von innen.

Verfolgung, üble Nachrede, Gehässigkeit, aber auch Verlockung, Versuchung,

Anfechtung, falsche Lehre und Lieblosigkeit erschweren das Festhalten am Glauben.

Diejenigen, die ein Amt in der Gemeinde haben, können als Wächter gesehen werden. Sie

haben die Aufgabe, die Gemeinde auf Gefahren hinzuweisen, die sowohl den Einzelnen

in seinem Glauben als auch die Gemeinschaft zerstören können. Da flammen Brände auf,

die es zu löschen gilt oder der Feind hat schon Leiter an die Mauer gelehnt um die Stadt

einzunehmen. Der Wächter hat sich am Wort Gottes in Gnade und Zuspruch, in

Warnung und Anspruch auszurichten. Sein Wächteramt nimmt er wahr aus der

Verbindung mit dem Auftraggeber.

Wenn wir als Prediger zur Buße aufrufen, die Sünde beim Namen nennen, gefällt es den

Leuten nicht; dagegen Honig um den Bart schmieren, das lassen sich die Leute gerne

gefallen. Doch bleiben wir mal bei dem Bild von der Stadt, ihrer Mauer und dem

Wächtern. Haben sich die Menschen vor Jahrhunderten beschwert, wenn der Wächter

in der Nacht rief: Alarm, Feuer! Rettet euch!? Haben sie sich beklagt: Was weckst du uns

aus dem Schlaf? Stör unsere Ruhe nicht! Nein, sie waren dankbar, denn eben das war die

Aufgabe des Wächters. Wenn es aber um die ewige Rettung geht, wird der Warnruf als

Störung empfunden. Der Hausbrand wird gesehen, das Höllenfeuer aber wird ignoriert.

Es geht aber nicht nur um Warnung, sondern auch um Verheißung. Aus der Verbindung

mit dem Herrn ergibt sich der Ausblick auf dessen Verheißung. Jesaja schreibt: „Gehet ein,

gehet ein durch die Tore! Bereitet dem Volk den Weg! Machet Bahn, machet Bahn, räumt die Steine

hinweg! Richtet ein Zeichen auf für die Völker!“ Nicht nur das Volk Gottes, sondern alle Völker

werden eingeladen: Herein in die schützenden Mauern dieser Stadt! Hier in dieser Stadt

geht es um das Heil: „Siehe, dein Heil kommt!“

Was hält die Menschen davon ab, in diese Stadt hineinzugehen? Gute Freunde,

Zerstreuung, andere Schwerpunktsetzung und manchmal sind wir es selber, die den

anderen den Zugang verbauen. Stolpersteine gibt’s genug, doch die kann man auch aus

dem Weg räumen.

Verlockend sollte bleiben die Aussicht, die mit dem Wohnen in dieser Stadt verbunden

ist. Die Jerusalemer zur Zeit des Jesaja haben erlebt, wie durch die Belagerung der Stadt

das Leben schwer wurde, es kam zu Lebensmittelknappheit, Abgaben und Teuerung

setzten dem Volk zu. Später wurde die Stadt geplündert; was man sich erarbeitet hatte,

war auf einmal weg, die Erntegaben nahm der Feind sich. Nun verheißt Gott, dass das

aufhören soll. Nicht mehr sollen die Feinde dein Getreide essen und deinen Wein


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10.Son.n.Trin., 12.08.2012

trinken. Du sollst die Früchte deiner Arbeit genießen. Wie muß denn diese Botschaft als

Trost und den Ohren geklungen haben!

Liebe Gemeinde, der 10. Sonntag nach Trinitatis ist zugleich der Israelsonntag. Seit

Jahrhunderten wird an ihm an die Zerstörung Jerusalems erinnert. Jerusalem wurde in

Laufe der Zeit schon öfters zerstört. Einschneidende Ereignisse waren die Einnahme

durch die Babylonier im 6.Jahrh. vor Chr. und im Jahre 70 nach Chr. durch die Römer.

Vom alten Tempel steht heute nur noch die Westmauer, auch Klagemauer genannt. Die

Bilder von betenden Juden an dieser Mauer sind uns bekannt.

Trotz seiner Zerstörung ist Jerusalem aber auch immer Symbol der kommenden Herrlichkeit

Gottes gewesen. Der einmal über diese Stadt ausgesprochene Name »Erlöste des

Herrn« ist nicht wieder von ihr genommen worden. Um Jerusalem wurde oft gezankt,

um diese Stadt streiten sich heute Araber und Juden, andere Völker sind in den Zwist

miteinbezogen. Nach dem Propheten Sacharja wird Jerusalem einmal zum Taumelbecher

und Laststein für die Völker werden (Kap.12). An dieser Stadt werden sich viele abreiben

und die Arme wund stemmen.

Nicht zuletzt deswegen wurde mit Jerusalem immer auch die Sehnsucht nach Frieden

verbunden. Im NT sieht Johannes den ersehnten Frieden Wirklichkeit werden und

schildert die Vollendung – wie kann es anders sein – im Bild vom himmlischen

Jerusalem, das auf die Erde herniederkommt: „Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem,

von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann... die hatte

die Herrlichkeit Gottes. Sie hatte eine große und hohe Mauer und hatte zwölf Tore. Und ich sah keinen

Tempel darin; denn der Herr, der allmächtige Gott, ist ihr Tempel, er und das Lamm. Und die Stadt

bedarf keiner Sonne noch des Mondes, dass sie ihr scheinen; denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie,

und ihre Leuchte ist das Lamm... Und die Völker werden wandeln in ihrem Licht. (Offb. 21)

Liebe Gemeinde, vollkommener kann der Friede nicht sein. An diesen Frieden müssen

wir erinnern. Der Frieden braucht seine Wächter – nicht nur in dieser Stadt, sondern in

jeder anderen auch. Wieviele Städte wurden nicht zerstört! Im 2.Weltkrieg blieb keine

größere Stadt in Deutschland verschont. Und seither wurden viele andere auf der Welt

mit Bomben und Granaten teils zu Orten gemacht, die nicht mehr bewohnbar sind:

Grosny, Beirut, Sarajevo, Bagdad, Kabul, zur Zeit geht’s heiß her in Aleppo und

Damaskus. Die alten Stadtmauern können nicht schützen. Die Bewohner brauchen

andere Mauern, andern Schutz. Das sind Gespräche auf politischer Ebene,

Friedensverhandlungen, aber auch eine Nennung derer, die den Krieg vorantreiben –

nicht selten sind das westliche Mächte.

Alle zusammen aber brauchen wir die Beziehung zu dem, der über uns allen steht; die

Erinnerung an seine Gegenwart und seine Macht. Der Prophet Jesaja schreibt: „Die ihr

den Herrn erinnern sollt, ohne euch Ruhe zu gönnen, lasst ihm keine Ruhe“. Damit wird die

Bedeutung des Gottesbezuges betont. Um des bleibenden Friedens teilhaftig zu werden,

jenes, der nicht allein für die Erdenzeit gilt, kommen wir um diese Beziehung nicht

herum.

Amen.


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10.Son.n.Trin., 12.08.2012

G e b e t

Wir beten für Jerusalem, die Stadt Gottes,

dass Frieden wohne in ihren Mauern

und Menschen Geborgenheit finden in ihren Häusern,

dass Gottes Name in ihr gepriesen werde

von allen, die an ihn glauben.

Wir beten für alle Städte dieser Welt,

die noch gezeichnet sind von Kriegen und Verfall,

dass sie zu bewohnbaren Orten werden.

Wir beten für die Städte,

die unwirtlich geworden sind durch ihre Größe,

in denen Menschen nicht mehr zu Hause sein können,

die zu Orten der Not und Verzweiflung geworden sind,

dass sie Stätten der Menschlichkeit werden.

Wir beten für unsere Kirchen und alle Gotteshäuser,

dass sie offen und gastfreundlich seien,

dass sie ein Zeichen der Hoffnung und des Heils seien

und der Menschenfreundlichkeit Gottes.

Wir beten für uns selber,

dass wir nicht aufhören, unsere Stimmen zu erheben

für Frieden und Gerechtigkeit,

dass unser Gebet kein Ende finde bis zu dem Tag,

da du, Gott, einen neuen Himmel und eine neue Erde

errichten wird.

Amen.

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