Faszinierender Superorganismus Honigbiene: der „Bien“

kleingarten.bund.de

Faszinierender Superorganismus Honigbiene: der „Bien“

Faszinierender Superorganismus Honigbiene: der „Bien“

Wissenswertes über Biologie, Lebensgrundlagen, Bestäubung, Bedrohungen

Auch in

Deutschland

brauchen die

Bauern die kleinen

Tiere: 85 %

der Erträge in

Pflanzen- und

Obstbau hängen

davon ab,

dass die Honigbienen

ihren

Bestäuber-Job

erledigen. In

Deutschland

gibt es rund

87.000 Imker,

die allermeisten

von ihnen

betreiben die

Imkerei jedoch

als Hobby.

(Quelle: Deutscher

Imkerbund)

Die faszinierende Biologie der Honigbienen

überrascht jeden Betrachter

dieses kleinen sozialen Organismus.

Das Bienenvolk ist eine

Dauergemeinschaft von Tausenden

kurzlebigen, nicht fortpflanzungsfähigen

Weibchen, den Arbeiterinnen,

einer langlebigen Königin und

in den Frühjahrs- und Sommermonaten

mehreren hundert Männchen,

den Drohnen.

Das Bienenvolk ist hoch sozial organisiert

und wird von Biologen als

ein Superorganismus betrachtet:

• gemeinsames Nest,

• gemeinsame Brutpflege,

• reproduktive Arbeitsteilung (Eiablage

durch die Königin, Brutpflege

durch die Arbeiterinnen),

• Generationen überlappen sich.

Dieser Superorganismus wird in

Fachkreisen auch als „Bien“ bezeichnet.

„Home, sweet Home“

Witterungsgeschützte Höhlungen

sind die natürlichen Behausungen

für Bienenvölker. In dieser Höhlung

legen die Bienen aus körpereigenem

Wachs produzierte Waben an,

die senkrecht in der Höhlung hängen.

Die Waben bestehen aus sechseckigen

Zellen, die für die Aufzucht von

Brut oder für die Lagerung von Vorräten

(Honig und Pollen) genutzt

werden. Die Temperatur im Brutnestbereich

wird relativ konstant

bei 33–36 °C gehalten.

Komplettes Volk überwintert

Im Gegensatz zu Hummeln und

Wespen überwintert bei den Honigbienen

nicht nur die Königin, sondern

das gesamte Volk. Sommerbienen

haben eine Lebenserwartung

von ca. 35 Tagen, Winterbienen von

ca. 200 Tagen. Drohnen können ca.

drei Monate alt werden, während

die Königin eine Lebenserwartung

von bis zu fünf Jahren hat.

Die langlebigen Winterbienen überleben

normalerweise den Winter.

Im beginnenden Frühjahr erfüllen

sie die diversen Aufgaben wie eine

Sommerbiene und sterben im Lau-

Der Schein trügt: Hier herrscht kein Chaos, vielmehr verständigen sich die Bienen eines Volkes mit Hilfe von

Duftsubstanzen und Tanzsprache untereinander. Zudem sorgt klare Arbeitsteilung für Ordnung.

Fotos (3): von der Ohe

DER FACHBERATER · MAI 2013

7


Goldfarben glänzt der in die Waben eingelagerte Honig. Anschließend werden die Waben mit einer Schutzschicht

aus Wachs verdeckelt.

fe des Frühjahrs allmählich ab, während

die neuen Generationen von

Sommerbienen schlüpfen.

Bei guter Versorgungslage erhöht

sich im Frühjahr kontinuierlich der

Anteil Brut und somit zeitlich versetzt

auch der Anteil der erwachsenen

Bienen.

Grob dargestellt hat ein Bienenvolk

am Ende eines Winters ca. 10.000

Arbeiterinnen, auf dem Gipfel der

Bienensaison im Juni/Juli sind es

bis zu 40.000 Sommerbienen, und

zum Herbst sinkt der Anteil auf ca.

10.000 bis 15.000 Winterbienen

ab.

Klare Arbeitsteilung ist angesagt

Neben den besonderen Aufgaben,

die den Geschlechtstieren Königin

und Drohnen zukommt, durchlaufen

die Arbeiterinnen mehrere Aufgabenbereiche

in ihrem kurzen Leben.

Hauptaufgaben sind nacheinander

Putzen, Brutpflege, Bauen,

Wächterdienst, Futterverarbeitung

und Sammeln. Für jede Aufgabe

sind besondere Drüsen aktiv.

Das Leben in dieser gut organisierten

Sozialgemeinschaft mit klarer

Arbeitsteilung ist nur durch intensive

Kommunikation möglich:

Das Sammelgebiet

eines Bienenvolkes

erstreckt

sich auf

annähernd

50 km². Es ist

damit etwa so

groß wie das

Gebiet einer

Großstadt wie

Köln. Die Bienenhalter

in

Deutschland

haben zusammen

rund

750.000 Bienenvölker,

in

Berlin sind es

schätzungsweise

4000 Völker.

(Quelle: Berliner

Imkerverband)

• Die Bienen verständigen sich untereinander

insbesondere durch

Duftsubstanzen (Pheromone).

• Die Tanzsprache dient der Übermittlung

von Informationen über

die Lage von Trachtquellen und

neuen Behausungen (Schwarm).

• Sammelbienen können weitere

Bienen durch ihre Tanzsprache

für die Sammeltätigkeit rekrutieren.

Drohnen, die Männchen im Bienenvolk,

entstammen unbefruchteten

Eiern und werden in der Regel nur

zwischen März und Juli aufgezogen.

Die großen Drohnen sind etwa

14 Tage nach dem Schlüpfen geschlechtsreif

und halten an

Drohnensammelplätzen Ausschau

nach Königinnen.

Hat eine Drohne das Glück, eine

Königin im Flug zu begatten, ist das

ihr Ende, denn durch die Paarung

werden die Geschlechtsorgane herausgerissen,

die Drohne stirbt. Für

die übrigen Drohnen wird es spätestens

im Sommer „ernst“, denn

dann vertreiben die Arbeiterinnen

die Drohnen aus dem Volk, und damit

ist ihr Tod besiegelt.

Eine Königin entstammt wie die Arbeiterinnen

einem befruchteten Ei.

Sie entwickelt sich allerdings in einer

besonderen Zelle, der sogenannten

„Weiselzelle“, die ihr ausreichend

Platz bietet.

Zudem erhält sie von den Ammenbienen

bis zu zehnmal mehr Gelée

Royale, den protein-, fett- und zuckerreichen

Weiselfuttersaft, als

gleichalte Arbeiterinnen-Larven, wodurch

sie sich rasant entwickelt.

Etwa sieben bis zehn Tage nach

dem Schlüpfen bricht die Königin

zum Hochzeitsflug auf. Dabei verpaart

sie sich mit bis zu 30 Drohnen

und empfängt dabei um die

600.000 Samenzellen, die sie in einem

speziellen Organ einlagert.

Kurz nach der Rückkehr ins Volk beginnt

sie mit der Eiablage, wobei

die Königin bis zu 2000 Eier legen

kann – täglich!

Lebensnotwendig:

Pollen und Nektar

Honigbienen benötigen als Nahrungsgrundlage

Pollen und Nektar.

Sie werden durch Blütenduft und

-farbe angelockt und mit Nektar und

Pollen für die Bestäubungsleistung

belohnt.

Beim Sammeln bleiben Pollen im

Haarkleid der Bienen haften und

können beim Besuch der nächsten

Blüten auf deren Narbe übertragen

werden.

Honigbienen sind blütenstetig:

Während eines Flugs und auch bei

nachfolgenden Flügen bleiben Bienen

einer Pflanzenart treu. Wegen

dieser Blütenstetigkeit und wegen

der hohen Anzahl an Sammelbienen

sind Honigbienen aus ökologischer

und ökonomischer Sicht sehr

wichtige Bestäuber von blühenden

Wild- und Kulturpflanzen.

Je nach Kultur bedeutet das Ergebnis

des gezielten Bestäubungseinsatzes

mit Bienenvölkern nicht nur

einen höheren Ertrag, sondern auch

eine höhere Fruchtqualität (z.B. höhere

Anzahl an Samenkörnern,

gleichmäßigere Fruchtausbildung

und Reifung der Früchte).

Der relativ einfache Einsatz von Bienenvölkern

bei Kulturpflanzen im

8 DER FACHBERATER · MAI 2013


Freiland sichert auch bei Pflanzen

mit einer sehr kurzen Empfänglichkeitszeit

der Narben gute Erträge.

Bienenverluste können viele

Ursachen haben

Nicht jedes Bienenvolk überlebt den

Winter, aber im vergangenen Jahrzehnt

gab es vermehrt dramatische

Winterverluste in Europa und auch

anderen Teilen der Welt. Die wesentliche

Ursache für Überwinterungsverluste

an Bienenvölkern in

Deutschland ist die Varroose, eine

Parasitenerkrankung durch die Varroamilbe,

die zum Zusammenbruch

eines ganzen Volkes führen kann

(mehr Informationen zur Varroose

siehe Seite 37).

Von diesen Überwinterungsverlusten

ist der Verlust an Bienen während

der Bienensaison zu unterscheiden.

Hier können mehrere

Ursachen zum Tragen kommen.

So kann sich z. B. bedingt durch Pollenmangel

die Empfi ndlichkeit gegenüber

Pflanzenschutzmitteln erhöhen,

denn die Pollenversorgung

ist nicht nur für die Aufgabe der Ammentätigkeit

von Bedeutung, sondern

auch Langlebigkeit, Immunsystem

und Entgiftungsmechanismen

der Bienen sind vom Pollenkonsum

abhängig.

Ein kontinuierlicher Polleneintrag

ist für das Bienenvolk notwendig.

Es gibt keine geeigneten Ersatzstoffe,

die Pollen in der Ernährung der

Bienen auch nur annäherungsweise

ersetzen könnten. Daher muss

im Bereich eines Bienenstandes

während der gesamten Bienensaison

ein ausreichendes Pollenangebot

vorhanden sein!

Ein kontinuierlicher

Polleneintrag

ist für das

Bienenvolk notwendig.

Daher

muss im Bereich

eines Bienenstandes

während der

gesamten Bienensaison

ein

ausreichendes

Pollenangebot

vorhanden

sein.

In unseren von Monokulturen beherrschten Landschaften finden sich immer weniger Nahrungsquellen für die

Honigbiene. Wen wundert es da, dass diese Phacelia-Blüte, die passend auch den Namen „Bienenfreund“ trägt,

so heiß begehrt ist.

Konfliktfeld Biene und

Pflanzenschutz

In landwirtschaftlichen und gärtnerischen

Kulturen ist der Einsatz von

chemischen Pflanzenschutzmitteln

im Rahmen von Pflanzenschutzmaßnahmen

oftmals unverzichtbar.

Bienenvölker als Bestäuber und die

Anwendung von Pflanzenschutzmitteln

sind ein Konfliktfeld.

Das Pflanzenschutzgesetz regelt den

kompletten Umgang mit Pflanzenschutzmitteln.

Basierend auf dem

Pflanzenschutzgesetz soll die Verordnung

über die Anwendung bienengefährlicher

Pflanzenschutzmittel,

die „Bienenschutzverordnung“,

Honigbienen schützen.

Für „bienengefährliche“ Pflanzenschutzmittel

gibt es erhebliche Auflagen

bei der Anwendung. Dabei ist

zu beachten, dass die Auflagen für

jeden Anwender gelten – unabhängig

von Eigentumsverhältnissen

oder Betriebsgrößen, also gleichwohl

für Landwirte, Auftragsunternehmer,

Gärtner oder Kleingärtner!

Obwohl die Bienenschutz-Verordnung

und die damit geregelte Anwendung

der Pflanzenschutzmittel

einen relativ hohen Schutz der Bienen

sichert, kann es zu Schäden an

Bienen und Bienenvölkern kommen,

nämlich wenn Auflagen seitens

der Anwender nicht befolgt

werden (bienengefährliche Pflanzenschutzmittel

werden in Blüten

gespritzt, die zulässige Aufwandmenge

wird überschritten etc.).

Akute Schädigungen durch Vergiftung

sind leicht zu erkennen: nur

noch wenige Flugbienen, tote, krabbelnde

und/oder kreiselnde Bienen

vor den Fluglöchern, abgestorbene

Bienen auf den Waben.

Zur Optimierung des Schutzes der

Honigbienen und anderer Bestäuberinsekten

wäre es wünschenswert,

wenn auch Pflanzenschutzmittel,

die als „nicht bienengefährlich“ eingestuft

sind, in blühenden Kulturen

nur außerhalb des intensiven Bienenfluges

angewendet würden.

Jeder kann etwas tun

Ob Kleingärtner oder Landwirt, jeder

hat Möglichkeiten, Honigbienen

und andere Insekten zu fördern.

Dazu gehört zum einen, für

ein reichhaltiges Angebot an Nährpflanzen

zu sorgen, die Nektar und

Pollen liefern. Zum anderen gehört

dazu, auf Pflanzenschutzmittel zu

verzichten oder zumindest die Auflagen

bezüglich der Anwendung

konsequent einzuhalten, wenn

nicht darauf verzichtet werden

kann. Zudem sollten möglichst nur

nicht bienengefährliche Pflanzenschutzmittel

verwendet werden,

und diese sollten auch nur außerhalb

des täglichen Bienenfluges

ausgebracht werden.

Dr. Werner von der Ohe,

Leiter des Instituts für Bienenkunde des

Niedersächsischen Landesamtes für

Verbraucherschutz und

Lebensmittelsicherheit, Celle

DER FACHBERATER · MAI 2013

9

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine