Der Klimawandel - KlimaMORO

klimamoro.de

Der Klimawandel - KlimaMORO

Raumentwicklungsstrategien zum Klimawandel


Raumentwicklungsstrategien zum Klimawandel

Dokumentation der Fachtagung am 30. Oktober 2007 im Umweltforum Berlin

Impressum

Herausgeber:

Bundesministerium für Verkehr, Bau und

Stadtentwicklung (BMVBS), Invalidenstraße

44, 10115 Berlin

www.bmvbs.bund.de

Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung

(BBR), Deichmanns Aue 31-37, 53179 Bonn

www.bbr.bund.de

Projektleitung:

Bundesministerium für Verkehr, Bau

und Stadtentwicklung

Gina Siegel, Christian Pech

Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung

Dr. Fabian Dosch, Lars Porsche

Dokumentation:

Andrea Hartz und Sascha Saad

Planungsgruppe agl

Großherzog-Friedrich-Straße 47

66111 Saarbrücken

www.agl-online.de

Vorbereitung und Durchführung:

Planungsgruppe agl,

Andrea Hartz und Sascha Saad

www.agl-online.de

Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung,

Dr. Manfred Stock und Dr. Jürgen Kropp

www.pik-potsdam.de

Büro für Angewandte Geografie,

Prof. Dr. Jürgen Aring

www.bfag-aring.de

Bonn / Berlin November 2007


Raumentwicklungsstrategien zum Klimawandel

Der Klimawandel – ein brisantes Thema für Politik, Raumplanung und Forschung

Hanno Osenberg, Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung 7

Raumordnung als Teil einer nationalen Anpassungsstrategie an den Klimawandel

MDirig Manfred Sinz, Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung 9

Auf dem Weg zu einer nationalen Anpassungsstrategie an den Klimawandel

Almut Nagel, Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit 15

Klimaszenarien und Klimafolgen | Dr. Paul Becker, Deutscher Wetterdienst 17

Klimawandel: Verwundbarkeit, Bewältigung von Folgen und Anpassung

Dr. Jürgen Kropp, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung 21

In der Diskussion: Potenzielle Auswirkungen des Klimawandels

auf die räumlichen Fachpolitiken 27

Parallele Workshops: Raumentwicklungsstrategien 33

Workshop 1 – Fallbeispiel: Klimawandel und Flussgebietsplanung:

Fallstudie Fränkische Saale | Johann Weber, Bayerisches Landesamt für Umwelt 35

Workshop 2 – Fallbeispiel: Auswirkungen des Klimawandels auf Raumentwicklung

und Wirtschaft (Interreg III B-Projekt ClimChAlp) | Margit Hiller, Bayerisches

Staatsministerium für Wirtschaft, Infrastruktur, Verkehr und Technologie 37

Inhalt

Workshop 3 – Fallbeispiel: Integrierte Anpassungsstrategien – Aktivitäten in

Oberösterreich, Österreich und bei AMICA-Partnern | Andreas Drack, Klimabeauftragter,

Land Oberösterreich 39

Ergebnisse

Ergebnisse der Diskussion in den Workshops 41

Kritische Reflexion und Ausblick 43

Bildnachweis 45


Wie verändern der Klimawandel und seine Folgen

die Rahmenbedingungen für eine nachhaltige Raumentwicklung?

Leitbild 3 der Bundesraumordnung: Ressourcen bewahren, Kulturlandschaften gestalten

© BBR 2006, verändert


Der Klimawandel, mögliche Klimafolgen, Strategien

zur Begrenzung des Klimawandels und

zur Anpassung an die Klimafolgen in Deutschland

und in Europa stehen weit oben auf der

politischen Agenda. Aktuelle Extremwetterund

Witterungsereignisse verleihen dem

Thema in den Medien und im Bewusstsein der

Bevölkerung Nachdruck. Die Hochwasserereignisse

der letzten 10 Jahre haben gezeigt, dass

die Funktionsfähigkeit zentraler Infrastrukturen

und Nutzungen gefährdet sein kann.

Der Handlungsdruck betrifft nicht nur Fachpolitiken

wie den Hochwasserschutz oder die

Landwirtschaft, sondern unmittelbar auch die

Raumplanung, da viele Raumnutzungen und

-strukturen von den Folgen des Klimawandels

betroffen sein werden. Raumplanung

kann sowohl zum Klimaschutz (Mitigation)

beitragen, beispielsweise über die Förderung

CO 2

-mindernder Raumstrukturen, als auch

die Folgen des Klimawandels durch Klimaanpassung

(Adaption) mindern. Anpassung

bedeutet im Wesentlichen das Management

der Klimafolgen für Mensch und Umwelt etwa

durch mehr Retentionsräume für den Hochwasserschutz.

Dem akuten Handlungsauftrag zu Folgenbewältigung

und Vorsorge stehen jedoch erhebliche

Unsicherheiten in Bezug auf belastbare

und regionalisierte Datengrundlagen zum

Klimawandel und seinen Folgen gegenüber.

Deshalb ist ein intensiver Dialog zwischen

Klimaforschung, Raumwissenschaften

und Raumplanung dringend erforderlich.

Diese Auseinandersetzung eröffnet der

Raumordnung die Chance, die eigene Position

und mögliche Beiträge zu Klimaschutz und

Anpassungsstrategien zu definieren sowie

gleichzeitig bestehende Planungsinstrumente

zu schärfen bzw. Planungsinnovationen voranzutreiben.

Den Dialog intensivieren

Die Fachtagung „Raumentwicklungsstrategien

zum Klimawandel“ war eine

wichtige Plattform für diesen Dialog. Sie

diente in erster Linie dem Informations- und

Erfahrungsaustausch zur weiteren Klärung der

Aufgaben der Raumordnung bzw. Raumentwicklung

sowie zur Vorbereitung von Modellvorhaben

der Raumordnung (MORO) ab 2009.

Dabei lag der Fokus auf Minderungs- und

Anpassungsstrategien an den Klimawandel im

regionalen Kontext.

Die Veranstaltung richtete sich vor allem an

Klimafachleute und Raumplaner/-innen auf

Länder-, regionaler wie stadtregionaler Ebene.

Über 90 Teilnehmer/-innen diskutierten im

Umweltforum Berlin – lebhaft und kontrovers.

Der Vormittag war der Informationsvermittlung

zum Stand der Forschung sowie den

potenziellen räumlichen Auswirkungen des

Klimawandels gewidmet. Am Nachmittag

erörterten die Teilnehmer/-innen Rolle und

Aufgabe der Raumplanung,

mögliche

Ansätze für Raumentwicklungsstrategien,

aber auch offene

Fragen und kontroverse

Aspekte.

Das breite Spektrum der anwesenden Experten/-innen

sowie die offene und frühzeitige

Debatte im Vorfeld der geplanten Forschungsvorhaben

auf Bundesebene konnten für die

Raumplanung relevante Fragen und Aspekte

zum Klimawandel fokussieren und waren

außerordentlich hilfreich für die weitere Arbeit

im Rahmen der Modellvorhaben der Raumordnung

(MORO). •

Der Klimawandel – ein brisantes Thema

für Politik, Raumplanung und Forschung

Hanno Osenberg

Bundesministerium für Verkehr,

Bau und Stadtentwicklung


Der Klimawandel und die regulatorischen

wie die marktwirtschaftlichen Reaktionen

darauf werden weit reichende Folgen für alle

mit sich bringen. Einige sind unvermeidbar,

andere lassen sich durch geeignete Maßnahmen

vielleicht verhindern oder zumindest

abschwächen. Deutschland erarbeitet hierzu

eine Nationale Anpassungsstrategie, die bis

Ende 2008 vom Bundeskabinett verabschiedet

werden soll.

Die Fachtagung und auch die nachfolgenden,

mit dem Klimawandel befassten Modellvorhaben

der Raumordnung widmen sich der

Raumrelevanz des Klimawandels und den

Beiträgen der Raum- und Stadtentwicklungspolitik

zu Klimaschutz und Klimaanpassung.

Im Rahmen der Tagung standen Anpassungsstrategien

(Adaptation) im Vordergrund. Die

Aushandlung des notwendigen Maßes

an Sicherheit und die Erarbeitung von

Strategien zur Erreichung dieser Sicherheit,

sollten und können nicht nur im

Rahmen der Fachpolitiken erfolgen; hier

sind Raumplanung und Raumentwicklung

in besonderem Maß gefordert! Risiken und

Vulnerabilität, d.h. regionale Verletzlichkeiten,

müssen stärker als bisher Eingang in die Raumentwicklungspolitik

finden.

Raumplanung kann darüber hinaus ihren spezifischen

Beitrag zum Klimaschutz (Mitigation)

leisten. So ist die Gewinnung regenerativer

Energien – sei es Windenergie oder der Anbau

nachwachsender Rohstoffe – auf geeignete

Standorte und eine entsprechende Flächenvorsorge

angewiesen. Konflikte mit konkurrierenden

Nutzungen und mit den Belangen

des Natur- und Landschaftsschutzes müssen

frühzeitig berücksichtigt und einer tragfähigen

Lösung zugeführt werden. Die Verknüpfung

neuer, klimaverträglicher landwirtschaftlicher

Anbaumethoden mit der nachhaltigen

links: Deichbruch an der Mulde 2002

© M. Zebisch, TUB/PIK 2002

Entwicklung von Kulturlandschaften ist ein

Thema, das vor dem Hintergrund des Klimawandels

an Bedeutung gewinnt und durch

modellhafte Lösungsansätze vorangetrieben

werden sollte. Dies wird zum Beispiel im

aktuellen Grünbuch der EU zur Anpassung an

den Klimawandel in Europa gefordert. Auch

eine CO 2

-mindernde Raum- und Siedlungsentwicklung

trägt zum Klimaschutz bei, indem

wir unsere Flächennutzungen und Städte

energetisch effizient weiterentwickeln.

Raumrelevanz des Klimawandels –

Erkenntnisse und Einsichten

Spätestens seit

dem vierten Sachstandsbericht

des

International Panel

on Climate Change

(IPCC) besteht kein

Zweifel mehr, dass

die CO 2

-Konzentration in der Erdatmosphäre

sich auf Grund menschlicher Aktivitäten

erhöht hat und weiter erhöht, und dass dies

durch den so genannten Treibhauseffekt zu

einer fortschreitenden Erhöhung der Erdtemperatur

führt.

Der Klimawandel ist kein Problem, das

erst spätere Generationen betreffen wird.

Er findet vielmehr schon heute statt. Man

hat berechnet, dass sich die heutige CO 2

-Konzentration

in der Erdatmosphäre gegenüber

dem Jahr 1750 um mehr als 30 % erhöht

hat. Der Klimawandel schreitet offensichtlich

schneller voran, als noch vor einiger Zeit prognostiziert

wurde. Einzelne Folgen sind bereits

heute weltweit unübersehbar:

• Gletscher und Polareis schmelzen in

beängstigendem Tempo. Böden werden

durch das Auftauen von Permafrost instabil;

das Risiko für Felsabstürze in Gebirgen

steigt.

Raumordnung als Teil einer nationalen

Anpassungsstrategie an den Klimawandel

• In den gletscher- und schneegespeisten

Flüssen nimmt der Oberflächenabfluss zu;

das Frühlingshochwasser erfolgt früher.

• Generell setzt das Frühjahr frühzeitiger ein.

Die Verbreitungsgebiete von Flora und Fauna

verschieben sich polwärts; Störungen in

der Nahrungskette können die Folge sein.

• Die Landwirtschaft reagiert mit früherer

Aussaat von Getreide; die Wälder sind von

einem veränderten Störungsregime durch

Feuer und Schädlinge betroffen.

• Hitzewellen führen zu erhöhter Sterblichkeit.

Das Infektionspotenzial durch

krankheitsübertragende Insekten verändert

sich, und in einigen nördlichen Regionen

wachsen die allergenen Pollenbelastungen.

• In den tieferen Lagen der Gebirge wird der

Wintertourismus nachteilig beeinflusst.

MDirig Manfred Sinz

Bundesministerium für Verkehr,

Bau und Stadtentwicklung


10

Key vulnerabilities of European systems and sectors to climate change during the 21st century for the main biogeographic

regions of Europe (EEA, 2004a): TU: Tundra, pale turquoise. BO: Boreal, dark blue. AT: Atlantic, light blue. CE: Central, green;

includes the Pannonian Region. MT: Mountains, purple. ME: Mediterranean, orange; includes the Black Sea region. ST: Steppe,

cream. SLR: sea-level rise. NAO: North Atlantic Oscillation; © IPCC 2007


Die europäischen Regionen werden in

ganz unterschiedlicher Weise durch den

Klimawandel betroffen sein. Nordeuropa

profitiert einerseits von geringerem Heizenergiebedarf

und steigenden Ernteerträgen, muss

andererseits aber mit verstärktem winterlichem

Hochwasser und anwachsender Bodeninstabilität

rechnen. In Mittel- und Osteuropa wird

abnehmender Sommerniederschlag zu häufigeren

Mangelsituationen führen. Hitzewellen

beeinträchtigen die Gesundheit ebenso wie

das Wachstum der Wälder. Besonders heftig

wird der Klimawandel Südeuropa treffen und

die bereits heute verbreiteten Probleme mit

Trockenheit, Hitzewellen und Starkregen noch

weiter verstärken. Ernteerträge sind massiv

beeinträchtigt.

In Küstengebieten werden winterliche

Sturmfluten häufiger auftreten und erreichen

einen größeren Schadensumfang. Die damit

verbundene Küstenerosion wird beschleunigt.

Regionen in Flusslage müssen sich auf die

Zunahme der Häufigkeit und Intensität von

Hochwasserereignissen einstellen. Die Abwägung

zwischen den wirtschaftlichen Entwicklungsinteressen

und den ökologischen Risiken

ist gerade in Gebieten mit starkem Siedlungsdruck

nicht leicht. Die Überschwemmungen

der letzten Jahre haben jedoch gezeigt, mit

welch immensen wirtschaftlichen Schäden

eine unsachgemäße Siedlungsentwicklung in

hochwassergefährdeten Gebieten verbunden

sein kann.

Auf der anderen Seite ist in unseren Flusssystemen

mit stärkeren und längeren Niedrigwasserperioden

zu rechnen, da sich der

Jahresniederschlag ungleichmäßiger verteilen

wird und längere sommerliche Trockenperioden

zu erwarten sind. Im Einzugsbereich von

Gletscherregionen kommt hinzu, dass mit

deren Rückgang die Speicherfähigkeit für die

winterlichen Niederschläge schwindet und das

sommerliche Schmelzwasser abnimmt. Daraus

resultiert ein gesteigerter Bedarf an Flächen

zur Wasserspeicherung für den jahreszeitlichen

Abflussausgleich, um die Schiffbarkeit

der Flüsse aufrecht zu erhalten und die sommerlichen

Ausfallzeiten durch Niedrigwasser

zu begrenzen.

Agglomerationsräume reagieren auf Grund

der Dichte ihrer Bebauung und der Intensität

der wirtschaftlichen Tätigkeit auf spezifische

Auswirkungen des Klimawandels besonders

sensibel. Das betrifft z.B. das Ausmaß und die

Folgen hochsommerlicher Hitzeperioden. Die

Städte heizen sich durch die Absorptions- und

Speicherfähigkeit ihrer Bausubstanz und die

eigene siedlungsbedingte Wärmeproduktion

wesentlich stärker auf als ihr Umland. Die

gesundheitlichen Risiken, insbesondere auch

durch die fehlende nächtliche Abkühlung,

sind deshalb wesentlich höher als in ländlichen

Gebieten.

Was müssen wir wissen?

Informationsbeschaffung – Fakten

Politik neigt unter medialem Handlungsdruck

immer stärker dazu, Antworten zu geben, bevor

die Fragestellungen hinreichend präzisiert

sind und bevor Informationsdefizite behoben

sind. Die erforderlichen Anpassungen an

die Klimaveränderungen finden jedoch

nur dann die notwendige Akzeptanz in

der Gesellschaft, wenn sie durch transparente

und belastbare Informationen zum

Klimawandel und seinen regionalen Folgen

untermauert werden können. Unser

Ziel muss es deshalb sein, verlässliche Informationen

einzuholen. Wichtige Datengrundlagen

werden u.a. vom Deutschen Wetterdienst

bereitgehalten, der zum Geschäftsbereich des

BMVBS gehört. Staatlich finanzierte Klimaforschung

hat in Deutschland eine lange

Tradition.

Im Gespräch mit den Klimaforschern beschäftigen

uns u.a. folgende Fragen:

• Wie wird sich der Klimawandel im Bereich

der Land- und Forstwirtschaft auswirken

(speziell im Nordosten Deutschlands)?

• Gibt es regionale Prognosen, die die

Temperaturänderungen und eventuell auch

Wind- und Niederschlagsveränderungen in

einem Konsenskorridor abbilden?

• Wie und mit welchen Auswirkungen

werden sich die zu erwartenden Klimaänderungen

im Alpengebiet aber auch

in Küstenzonen darstellen (z.B. Veränderungen

der Küstenlinie bei Anstieg der

Temperatur)?

• Welche Aussagen lassen sich heute schon

über die zukünftige Häufigkeit und Intensität

von Niedrigwasser und Hochwasser in

den Flusssystemen machen?

• Gibt es eine wissenschaftlich begründete

Auswahl der Ergebnisse von Klimaszenarien,

die den Klimawandel in der regionalen

und lokalen Dimension abbilden können?

• Wie wird die technische Infrastruktur vom

Klimawandel betroffen, etwa Schienenverkehrswege

an Flüssen?

• Wie wird sich das Klima in den Metropolregionen

und Kernstädten (Wärmebelastung,

Belüftung etc.) ändern?

• Welche Auswirkungen wird der Klimawandel

im Hinblick auf die Nutzung der

alternativen Energien (Wind- u. Solarenergie)

haben?

11


12

© BBR 2007 auf der Basis der ESPON-Projekte 1.3.1; 4.3.1


Klimaprognosen sind noch mit großen Unsicherheiten

behaftet, die umso größer werden,

je stärker die regionale Differenzierung

wird. Die einschlägigen Forschungsinstitute

gehen deshalb dazu über, die Ergebnisse von

regionalen Klimamodellen zu so genannten

„Ensembles“ zusammenzuführen und damit

einen Prognosekorridor abzustecken. Die

räumliche Planung ist dadurch mit der

Notwendigkeit konfrontiert, mit erheblichen

Prognoseunsicherheiten umzugehen

und sich eine größere Flexibilität zu

sichern, um auf neue Erkenntnisse und

Entwicklungen reagieren zu können. Die

rechtlichen Planungsinstrumente sind bisher

auf solche Risikobandbreiten wenig

eingestellt.

Bisherige Aktivitäten des Bundesministeriums

für Verkehr, Bau und

Stadtentwicklung (BMVBS) und des

Bundesamtes für Bauwesen und

Raumordnung (BBR)

Das Bundesministerium für Verkehr, Bau und

Stadtentwicklung (BMVBS) und das Bundesamtes

für Bauwesen und Raumordnung (BBR)

sind über die gesamte Bandbreite der jeweiligen

Aufgabenfelder mit den Auswirkungen

des Klimawandels betroffen, beispielsweise in

den Bereichen

• Gebäude- und Anlagentechnik (Stichwort:

erneuerbare Energien)

• Stadt- und Regionalplanung (Stichwort:

Freihaltung von Frischluftschneisen)

• Wärmedämmungen an Gebäuden

(Stichwort: Bundesbauten)

• Hochwasserschutz an Wasserstraßen

(Stichwort: Bemessungshöhe von Deichen)

• Sicherung wichtiger Infrastrukturen (Stichwort:

Sicherung von Bahnstrecken nach

Starkregenereignissen)

Darüber hinaus beschäftigen sich BMVBS und

BBR zunehmend mit den komplexen Folgen

des Klimawandels und integrativen Raumentwicklungsstrategien

im Rahmen der gemeinsamen

Verantwortung von Städten und

Regionen jenseits administrativer Grenzen.

Wir haben durch Forschung und Modellvorhaben

CO 2

-sparende Stadt- und Siedlungsstrukturen

forciert; im Bauwesen haben wir gegen

erhebliche Widerstände das CO 2

-Gebäudesanierungsprogramm

und die Energieausweise

vorangetrieben. Raumordnerische Maßnahmen

und Strategien zum vorbeugenden Hochwasserschutz

wurden seit Ende der 1990er

Jahre entwickelt und bundesweit politisch

abgestimmt (MKRO, Flusskonferenzen, etc.).

Beim Klimaschutz haben wir in zahlreichen

städtebaulichen Projekten Maßnahmen zur

Steigerung der Energieeffizienz und Energieeinsparung

entwickelt. Und: Wir unterstützen

transnationale Projekte zum Hochwasserschutz

wie auch Projekte zum Klimawandel,

etwa das Interreg IIIB-Projekt ClimChAlp im

Alpenraum.

Was sind die nächsten Schritte?

Ab dem Jahr 2009 sollen Modellvorhaben zu

„Raumentwicklungsstrategien zum Klimawandel

(MORO) durchgeführt werden. Ziel ist,

neben Schutz- und Minderungsmaßnahmen,

vor allem Anpassungsstrategien der Raumordnung

an die raumrelevanten Auswirkungen

des Klimawandels zu entwickeln und regional

umzusetzen.

Die Modellvorhaben werden mit einer Vorstudie

vorbereitet und ressortübergreifend

erörtert. Die Fachveranstaltung diente, den

Teilnehmern/-innen einen Überblick über das

Themenfeld zu verschaffen und mögliche

Handlungsfelder und integrierte Aufgabenbereiche

zu identifizieren. •

13


Übersicht möglicher Handlungsfelder der Anpassungsstrategie (nicht abgeschlossene Liste)

Bereich

Gesundheit

Landwirtschaft (incl. Fischereiwirtschaft)

Forstwirtschaft

Wasserwirtschaft / Hochwasserschutz /

Küstenschutz

Naturschutz / Biodiversität

Verkehr / Verkehrsinfrastruktur

Tourismus

Finanzwirtschaft

Energiewirtschaft (Erzeugung, Transport,

Versorgung)

Städtebau und Stadtplanung; Raumplanung

Bauwesen / Gebäudetechnik

Architektur/Gebäudeplanung

Katastrophen- und Bevölkerungsschutz

Internationale Zusammenarbeit zur Klimaschutz

und Anpassung an Klimafolgen;

Entwicklungszusammenarbeit

Forschung

Beispiele für mögliche Wirkungen des Klimawandels

Durch Hitzewellen, Stürme, Überschwemmungen, Lawinen oder Erdrutsche verursachte

Erkrankungen und Verletzungen sowie veränderte Verbreitungsgebiete vektorübertragener

Krankheiten (wie z. B. FSME, Borreliose)

Beeinträchtigung von Erträgen insbesondere in trockenen Gebieten O- u. SW-Deutschlands

sowie abnehmende Ertragssicherheit durch erhöhte Klimavariabilität, Veränderung

der Fischbestände

Erhöhte Anfälligkeit nicht standortgerechter Wälder insbes. in O- u. SW-Deutschland sowie

erhöhte Waldbrandgefahr und zunehmender Druck durch Schädlinge und Wetterextreme

Häufigeres Niedrigwasser (Sommer), sinkende Grundwasserspiegel insbes. in Ost-Deutschland,

Versorgungsunsicherheit, steigende Gefahr von Hochwasser (Winter/Frühjahr), Meeresspiegelanstieg,

erhöhtes Risiko von Sturmfluten auch in Kombination mit gleichzeitigem

Binnenhochwasser

Gefährdung der Artenvielfalt insbes. in Feuchtgebieten und Gebirgsregionen, Veränderung

der Artenzusammensetzung

Beeinträchtigung des Flugverkehr durch veränderte Strömungsverhältnisse sowie der Binnenschifffahrt

durch häufigere Hoch- und Niedrigwässer, Hitzeeinwirkungen auf Verkehrsinfrastrukturen,

Beschädigung der Schwarzdecken

Abnahme der Schneesicherheit in Gebirgsregionen sowie zunehmender Hitzestress in

südlichen Destinationen, mögliche Verbesserung nördlicher Standorte

Höhere direkte Kosten in Haftungsfällen für Versicherer und Rückversicherer sowie indirekte

Kursabhängigkeiten

Beeinträchtigung der Kühlleistung von Kraftwerken durch Hoch- und Niedrigwasser sowie

der Stromnetze durch Eislasten, Starkwind und -regen

Überwärmung und mangelnde Durchlüftung von Innenstädten sowie zu gering bemessene

Kanalisationsanlagen; Raumnutzungseinschränkungen und -optionen unter sich

ändernden Rahmenbedingungen

Stärkere Hitzebelastung in Innenräumen durch mangelnden Strahlungsschutz von Gebäuden

u. höhere Lufttemperaturen

Planungsprozesse (u.a. Gebäudeausrichtung, Verschattung, Vermeidung von Wärmelasten)

optimieren; Prüfung und Anpassung der technischen Regeln (Sonnenschutz, Wärmeschutz,

Windlasten, Regenwasser, etc.)

Planung und Vorsorge im Hinblick auf höhere Wahrscheinlichkeit von Extremereignissen

Deutscher Beitrag zum „Nairobi Arbeitsprogramm zu Klimafolgen, Anfälligkeit und Anpassung“

(NWP) sowie Unterstützung der Entwicklung und Umsetzung von Anpassungsstrategien;

Finanzierung von Projekten zur Verbesserung von Anpassungskapazitäten

Klimafolgen, Anpassungstechnologien, sozio-ökonomische Aspekte

14


Angesichts des dringenden Handlungsbedarfs

hat die Bundesregierung 2005 beschlossen,

bis 2008 eine nationale Strategie zur Anpassung

an den Klimawandel zu entwickeln, um

Risiken für die Bevölkerung, volkswirtschaftlichen

Schäden und sozialen Auswirkungen

vorzubeugen. Das Bundesministerium für

Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit

betreut diesen Prozess federführend.

Mandat und Ziel einer Deutschen

Strategie zu Klimafolgen und Anpassung

Auf der 12. Vertragsstaatenkonferenz der

Klimarahmenkonvention im November 2006

verabschiedeten die Vertragsparteien das

„Nairobi Arbeitsprogramm zu Klimafolgen,

Anfälligkeit und Anpassung“ (NWP), das dazu

beitragen soll regionale Auswirkungen der

Klimaänderung zu identifizieren, Wissensdefizite

zu erkennen und technische Lösungen für

Anpassungsmaßnahmen zu entwickeln.

Auch innerhalb der Fortschreibung des Europäischen

Klimaänderungsprogramms (ECCP

II) spielen nationale Informationen zu regionalen

klimarelevanten Risiken und möglichen

Anpassungsstrategien eine wesentliche Rolle.

Die Kommission veröffentlichte im Juni 2007

ein Grünbuch zur Anpassung, in dem erste

Leitlinien zur künftigen Entwicklung und

Umsetzung von Maßnahmen auf europäischer

Ebene beschrieben sind. Um die Weiterentwicklung

dieses Rahmendokuments in ein

europäisches Weißbuch zur Anpassung von

deutscher Seite aktiv mit gestalten zu können,

sind solide nationale Informationen zu

regionalen Klimaänderungen, Anfälligkeiten,

Anpassungsnotwendigkeiten wie auch Anpassungsoptionen

erforderlich.

Mit dem Beschluss der Sonder-Umweltministerkonferenz

vom März 2007 haben die Länder

die Notwendigkeit einer entsprechenden

nationalen und abgestimmten regionalen

Strategie betont und der Bundesregierung

Unterstützung bei der Entwicklung eines

nationalen Konzeptes zur Anpassung an den

Klimawandel zugesagt.

Die nationale Strategie zur Anpassung

an den Klimawandel hat zur Aufgabe,

den Risiken für die Bevölkerung, volkswirtschaftlichen

Schäden und sozialen

Auswirkungen vorzubeugen und wird

in zwei Phasen erarbeitet: Einer Evaluierung

(bis Herbst 2007) des gegenwärtig

verfügbaren Wissens zu Risiken und möglichen

Auswirkungen bedingt durch den

Klimawandel sowie der Identifizierung von

Wissenslücken und Forschungsbedarfen wird

die eigentliche Strategieentwicklung mit der

Beschreibung von Maßnahmenoptionen und

einer Prioritätensetzung (bis Herbst 2008)

folgen. Die Strategie soll im Herbst 2008 dem

Bundeskabinett mit Bericht vorgelegt werden.

Die Kabinettsbefassung wird einen wichtigen

Schritt in einem iterativen Prozess der deutschen

Anpassungsstrategie an die Folgen des

Klimawandels darstellen.

Stand der Arbeiten

Zur Erarbeitung einer abgestimmten Anpassungsstrategie

wurde im September 2007

eine Ressort-Arbeitsgruppe des Bundes sowie

eine Bund – Länder Arbeitsgruppe ‚Klimafolgen

und Anpassung’ eingerichtet. Im Frühsommer

des Jahres wurde des Weiteren eine

Bestandsaufnahme

in den Bundesressorts,

den Ländern

und einer Auswahl

von Verbänden

angestoßen, die

auf der Basis des

verfügbaren Wissens

• allgemeine Informationen zu Klimaänderungen,

Klimafolgen, Anfälligkeit und

Anpassung, Wissenslücken und sektorübergreifende

Wirkungen von Maßnahmen

(wie Chancen für Innovation und Beschäftigung)

sowie

• spezifische Informationen aus Forschungs-,

Entwicklungs- und Anwendungsprojekten

über einen Fragebogen, erfassen und bewerten

wird. Dabei sind v.a. die voraussichtlich

im besonderen Maße vom Klimawandel

betroffenen und in der Übersicht aufgeführten

Handlungsfelder angesprochen.

Im Rahmen der Erarbeitung tragen die jeweils

zuständigen Ressorts Verantwortung dafür,

die in ihrem Zuständigkeitsbereich vorhandenen

Informationen verfügbar zu machen.

Die Länder haben in vielen Bereichen die

Zuständigkeit für Politikgestaltung und ihre

Umsetzung und können deshalb aktiv in Bereichen

wie beispielsweise der Raumordnung

und Landesplanung, in Wasserwirtschaft und

Naturschutz Anpassungsmaßnahmen umsetzen.

Einige Länder wie Hessen, Baden-Württemberg,

Thüringen, Nordrhein-Westfalen,

Sachsen und Bayern haben bereits regionale

Klimafolgen identifiziert und arbeiten an

Strategien für eine Anpassung an diese Klimafolgen.

Die Abschlusskonferenz der Evaluierungsphase

sowie die durch das Kompetenzzentrum für

Klimafolgen und Anpassung des Umweltbundesamts

organisierten jährlichen nationalen

Workshops (zuletzt am 6. / 7. November 2007

Auf dem Weg zu einer nationalen

Anpassungsstrategie an den Klimawandel

zum Thema ‚Anpassung an Klimaänderung

in Deutschland’) ermöglichen eine breite

Beteiligung der für die verschiedenen Handlungsfelder

verantwortlichen Stellen wie auch

anderer Interessensvertreter. •

Almut Nagel

Bundesministerium für Umwelt,

Naturschutz und Reaktorsicherheit

15


unten: Warme Weihnacht: der Dezember 2006

Die Karte zeigt, wie stark im Dezember die regionale Durchschnittstemperatur

abwich vom Dezember-Mittelwert der Jahre 1977 bis 2006. Nur in

einem winzigen Gebiet bei Mittenwald war es 2006 nicht milder als sonst. In

weiten Teilen Süddeutschlands wurde es bis zu 2 Grad wärmer, der Norden

lag sogar mehr als 4 Grad über dem langjährigen Mittel.

© Deutscher Wetterdienst 2007

rechts: Verwendung von Szenarienfamilien zur Abschätzung

der zukünftigen Konzentration an Treibhausgasen

und Aerosolteilchen auf Basis der sozioökonomischen und

technischen Entwicklung der Gesellschaft.

© Deutscher Wetterdienst 2007

unten: Lufttemperatur: Je nach Entwicklung der anthropogenen

Emissionen ergeben sich verschiedene Temperaturverläufe.

© IPCC 2007 (WGI-AR4, Summary for Policymakers, Feb.

2007)

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Nach Berichten des Intergovernmental Panel

on Climate Change (IPCC) bestehen kaum

noch Zweifel, dass sich das Klima durch die

Einflussnahme des Menschen ändert. Die

Atmosphäre der Erde hat sich global zwischen

1906 und 2005 um 0,74°C erwärmt.

Dabei ist in den letzten Jahren eine deutlich

beschleunigte Entwicklung zu beobachten.

In Deutschland betrug der Anstieg

sogar 0,27°C pro Jahrzehnt. Der Temperaturanstieg

zeigte dabei erhebliche räumliche

Unterschiede. Besonders ausgeprägt ist der

Temperaturanstieg seit 1901 im Südwesten.

Für das Saarland wird eine Erwärmung um 1,2

Grad berechnet. Nach Nordosten hin fällt die

Temperaturzunahme wesentlich geringer aus

und erreichte in Mecklenburg-Vorpommern

nur noch 0,4 Grad.

Dabei war eine ganze Reihe von Rekorden

zu verzeichnen: So war z.B. der Winter

2006/2007 der wärmste Winter in Deutschland

seit 1901. Neben der Zunahme der

bodennahen Lufttemperatur wurden eine

Erwärmung der Ozeane und ein Anstieg des

Meeresspiegels beobachtet. Auch die Menge

und die Verteilung des Niederschlags haben

sich während des letzten Jahrhunderts

geändert. In Deutschland ist insgesamt eine

leichte Zunahme des Niederschlags im Jahresmittel

zu beobachten. Diese Zunahme ist im

Wesentlichen auf West- und Süddeutschland

beschränkt. In Sachsen und Brandenburg ergibt

sich eine schwach abnehmende Tendenz.

Nur in den Wintermonaten findet man in allen

Bundesländern eine Zunahme der Niederschläge.

Um Aussagen über die Auswirkungen

menschlichen Handelns auf das zukünftige

Klima der Erde machen zu können, werden

Klimamodelle und Klimaszenarien eingesetzt.

Ein Klimaszenario ist dabei die mit einem

Klimamodell für die Zukunft berechnete Klimaveränderung,

wobei die künftige Entwicklung

der für den Treibhauseffekt relevanten

Emissionen, das so genannte Emissionsszenario

(Emission von Treibhausgasen), jeweils

vorgegeben wird. Das mit dieser Methode für

eine künftige Zeitspanne berechnete Klima bezeichnet

man auch als Klimaprojektion. Man

spricht also nicht von Prognose oder Vorhersage

wie bei der Berechnung des Wetters der

nächsten Tage oder Woche, da das verwendete

Emissionsszenario hypothetisch angesetzt

wurde und zudem das Verhalten des Klimasystems

nicht hinreichend bekannt ist.

Zur Erfassung des möglichen Spektrums

der künftigen Klimaänderung werden

mehrere globale Klimaprojektionen

unter Verwendung jeweils unterschiedlicher

Emissionsszenarien wie auch unter

Verwendung verschiedener globaler

Klimamodelle durchgeführt. Als Basis für

die Klimaszenarien werden zurzeit i.d.R. die

durch das IPCC vorgelegten so genannten

SRES-Emissionsszenarien (Special Report on

Emissions Scenarios) verwendet. Sie umfassen

insgesamt vier Szenarienfamilien, die eine

Abschätzung der zukünftigen Entwicklung der

Emissionen sowie der daraus resultierenden

Konzentrationen der Treibhausgase liefern.

Dabei wird im Wesentlichen zwischen der

wirtschaftlichen und demografischen Entwicklung

sowie dem Grad der Globalisierung

differenziert.

Nach dem IPCC-Bericht 2007 ist bis zum Jahre

2100 ein Anstieg der globalen Mitteltemperatur

zwischen 1,1 und 6,4 Grad zu erwarten.

Die Bandbreite der Ergebnisse ergibt sich zum

einen durch die unterschiedlichen Emissionsszenarien

zum anderen durch die verwendeten

Modelle. Die Temperaturzunahme wird

sich nicht gleichmäßig verteilt über die Erde

darstellen. Besonders betroffen sind die Kontinente

der mittleren und nördlichen Breiten.

Für Deutschland muss nach den Prognosen

des IPCC bis 2050 u.a. mit folgenden Änderungen

gerechnet werden: Im Sommer werden

die Temperaturen um 1,5 bis 2,5°C höher

liegen als 1990. Im Winter liegt die Zunahme

zwischen 1,5 und 3 Grad. Die Niederschläge

können im Sommer um bis zu 40 Prozent

geringer ausfallen, im Winter dagegen um bis

zu 30 Prozent zunehmen. Mit diesen mittleren

Änderungen von Klimaparametern sind

auch Verschiebungen bei den statistischen

Verteilungen, zum Beispiel den Extremwerten,

verbunden. Da diese nicht zwangsläufig

linearer Natur sind, können geringe Änderungen

bei den Mittelwerten durchaus große

Auswirkungen auf die statistische Verteilung

der Extremwerte haben.

Klimaszenarien und Klimafolgen

Die Veränderung von klimatologischen Mittelund

Extremwerten hat bedeutsame Folgen

für Mensch, Wirtschaft und Ökosysteme.

Höhere Maximumtemperaturen führen zu

einer höheren Sterblichkeit älterer Menschen.

Bei längeren Trockenperioden und Hitzewellen

drohen Ernteausfälle. Mehr und intensivere

Niederschläge werden zu mehr Erosion und

Sachschäden mit zunehmenden Versicherungskosten

führen. Der Bedarf an Energie für

Heizung wird zurückgehen, der für Klimatisierung

hingegen steigen. Längere Schönwetterperioden

werden für die Freizeitindustrie

sicherlich von Vorteil sein. Zugleich werden

uns aber die Zunahme der Wasserkosten,

regionale Wasserversorgungsprobleme oder

gar Auseinandersetzungen über die Wasserverteilung

belasten.

Dr. Paul Becker

Deutscher Wetterdienst

17


WETTREG

REMO

Quelle: Jacob, Kreienkamp u.a. (Max-Planck-Institut für Meteorologie, Climate & Environment Consulting Potsdam GmbH): Regionale Klimaszenarien für Deutschland, 2006

WETTREG

REMO

links: Ist-Zustand: Jährliche Zahl der Tage mit Hitzebelastung, Ende 20. Jahrhundert

rechts: Zusätzliche Tage mit Hitzebelastung pro Jahr bis zum Ende des 21. Jahrhunderts

(Modell REMO, Szenario A1b)

© WWF Deutschland, M. Hübner, P. Klepper: Kosten des Klimawandels, 2007

Quelle:

Spekat, Enke, Kreienkamp (Climate & Environment Consulting Potsdam GmbH):

Neuentwicklung von regional hochaufgelösten Wetterlagen für Deutschland und

Bereitstellung regionaler Klimaszenarios ..., Umweltbundesamt 2007

Quelle: Max-Planck-Institut für Meteorologie, 2007

Modellvergleich: Regionale Auswirkungen des Klimawandels nach WETTREG und REMO

oben: Relative Änderung des Niederschlags für den Sommer 2051-2080 gegenüber 1961-1990. Beide Modelle

zeigen eine Abnahme der Niederschläge im Sommer bis 40%, aber deutliche Unterschiede in der räumlichen

Verteilung. © Jacob, Kreienkamp u.a. (Max-Planck-Institut für Meteorologie, Climate & Environment Consulting

Potsdam GmbH): Regionale Klimaszenarien für Deutschland, 2006

unten: Relative Änderung der Temperatur bis 2100. WETTREG: Erwärmung 1,8 bis 2,7 °C, stärkere Erwärmung

auch in Norddeutschland; REMO: Erwärmung 2,75 bis 3,75 °C, stärkste Erwärmung in Süddeutschland.

WETTREG © Spekat, Enke, Kreienkamp (Climate & Environment Consulting Potsdam GmbH): Neuentwicklung

von regional hochaufgelösten Wetterlagen für Deutschland und Bereitstellung regionaler Klimaszenarios ...,

Umweltbundesamt 2007; REMO © Max-Planck-Institut für Meteorologie, 2007

18


Die räumliche Auflösung der globalen

Modelle für die Anwendung in Wirkmodellen

und damit zur Ermittlung der

Folgen des Klimawandels reicht häufig

nicht aus. Daher werden Regionalisierungsverfahren

eingesetzt. Bei diesem so

genannten „Downscaling“ kommen sowohl

statistische als auch deterministische regionale

Klimamodelle (auch „Regionalmodelle“ genannt)

zur Anwendung. Die deterministischen

regionalen Klimamodelle simulieren die dynamischen

und thermodynamischen Vorgänge in

der Atmosphäre aufgrund der physikalischen

Gesetze, ähnlich wie Wettervorhersagemodelle.

Aufgrund der räumlichen Begrenzung

des Simulationsgebiets (Europa, Deutschland)

ist sowohl eine Verringerung der Gitterweite

(derzeit bis etwa 10 km) als auch eine Verfeinerung

der Modellphysik möglich. Solche

Modelle werden durch die Ergebnisfelder der

Globalmodelle angetrieben. Zur Gruppe dieser

deterministischen Regionalmodelle gehören

zwei in Deutschland betriebene Modelle, die

beide auf vom DWD entwickelten numerischen

Wettervorhersagemodellen basieren.

Diese sind das Modell „REMO“, welches beim

MPI-M angewandt wird und das „CLM“ (Climate

Local Model). Letzteres wird von einem

Konsortium von verschiedenen Hochschulinstituten,

der GKSS und dem DWD unter

Koordination der Brandenburgischen Technischen

Universität (BTU) Cottbus gepflegt.

Zu den statistischen Downscaling-Verfahren

gehören die Modelle „STAR“ des Potsdam-

Institut für Klimafolgenforschung (PIK) sowie

das „WETTREG-Verfahren“ von CEC. Beide

Modelle basieren auf einer Neuzusammensetzung

typisierter Witterungsabschnitte des

Ist-Klimas. Die Typisierung beruht dabei auf

unterschiedlicher Grundlage, bei „STAR“

ausschließlich auf der Basis beobachteter

regionaler Temperaturverteilungen, bei

„WETTREG“ auf der Basis einer Zuordnung

der großräumigen Wetterlage zur bodennahen

Witterung. Zur Erzeugung regionaler

Klimaprojektionen werden die Häufigkeiten

der typisierten Witterungsabschnitte aus den

globalen Klimaprojektionen abgeleitet und

mittels statistischer Beziehungen in regionale

Felder umgesetzt.

Um die Auswirkungen der Klimaänderung

auf die unterschiedlichen Lebensbereiche

quantifizieren zu können, sind so genannte

Wirkmodelle erforderlich. Ein Beispiel für ein

derartiges Wirkmodell ist das „Klima-Michel-

Modell“. Mit ihm kann unter Vorgabe der

benötigten Eingangsdaten aus den Zeitreihen

der Lufttemperatur, der Luftfeuchtigkeit, der

Windgeschwindigkeit und des Wolkenbedeckungsgrades

die Zahl der Tage mit Wärmebelastung

für den Menschen berechnet werden.

Für den Bereich der Stadt- und Umweltklimatologie

können mit dem Stadtklimamodell

„MUKLIMO_3“ die sich innerhalb der Stadtgebiete

einstellenden klimatologischen Verhältnisse

für ausgewählte Wettersituationen detailliert

simuliert werden. Unter den Vorgaben

der genannten regionalen Klimaprojektionen

und Verwendung des „Klima-Michel-Modells“

wird es damit möglich sein, Aussagen über die

in Zukunft zu erwartende Wärmebelastungsverteilung

in Städten zu treffen.

Eine Reduzierung der Unsicherheiten bei

regionalen Klimaprojektionen kann und

sollte dabei über die Zusammenführung

der unterschiedlichen Outputs der Modelle

in den Wirkmodellen erfolgen. So

kann eine Ergebnisspanne unterschiedlich

starker Wirkungen abgeleitet und v.a. der

Grad der Unsicherheit über die verschiedenen

Modelle hinweg quantifiziert

werden. Damit sind die Ergebnisse für die

Planung transparent und können besser

für die weitere Arbeit genutzt werden.

Zur künftigen Unterstützung der Regionalplaner

und der Bundesländer bei der Kartierung

klimasensibler Flächen/Gebiete können die

Klimaeignungskarten des DWD eingesetzt

werden. Mit ihnen können Durchlüftungsgrade

und vorrangig zu sichernde Freiflächen

ausgewiesen werden. Beide Größen werden

bei der zu erwartenden steigenden Wärmebelastung

eine zunehmende Rolle in der

Flächennutzungsplanung einnehmen.

Der Deutsche Wetterdienst leistet somit neben

dem Klima-Monitoring auch wichtige Beiträge

zur Klimamodellentwicklung, zur Abschätzung

der künftigen regionalen Klimaänderung,

deren Auswirkungen und zur Entwicklung von

lokalen Planungsmaßnahmen zur Milderung

der Klimafolgen. •

Deutscher Wetterdienst

Reduzierung der Unsicherheit bei regionalen Klimaprojektionen

Reduzierung der Unsicherheit bei regionalen Klimaprojektionen

Bereitstellung aller verfügbaren Klimaprojektionen

Outputs

regionaler

Klimaprojektionen

Wirkmodell

Ableitung

einer

Ergebnisspanne

und eines

gleichberechtigten

Mittels zur

Quantifizierung der

Unsicherheit

der Resultate

Fachtagung „Raumentwicklungsstrategien zum Klimawandel“ , 30.10.07 in Berlin

19


6 ° C

100 Jahre

7 - 8 ° C

5000 Jahre

atmosph. C0 Konzentration (ppm)

2

200

5

Temperaturänderung

400

350

300

250

2

0

-2

-5

-10

0

Heute

Holozän

Warmzeit

Weichsel

Eiszeit

50

Eem Warmzeit

100 150 200 250 300 350 400

Jahre vor heute (x 1000)

Abb. 1: Rekonstruktion der globalen Mitteltemperatur und der atmosphärischen

CO 2

-Konzentration für die letzten 400.000 Jahre (Vostok

Eisbohrung, Petit et al. 1999, die Eisbohrkerne des EPICA-Projektes, vgl.

Siegenthaler et al. 2005, die ca. 700.000 Jahre in die Vergangenheit

reichen, bestätigen im wesentlichen die Vostok Ergebnisse). Seit dem

Ende der Weichsel-Kaltzeit setzte vor ca. 13.000 Jahren eine langsame

Erwärmung um ca. 7°C binnen 5.000 Jahren ein. Seit ca. 12.000 Jahren

lebt die Menschheit in einer stabilen Warmzeit, dem sogenannten Holozän,

während derer die globale Mitteltemperatur nicht mehr als ±2ºC

schwankte. Dadurch verbesserten sich die Lebensbedingungen, vor allem

während mehrerer Temperaturoptima im Zeitraum 8.000-4.000 Jahre vor

heute. Zu dieser Zeit entstanden erste Hochkulturen. Die heutige atmosphärische

CO 2

-Konzentration ist die höchste seit 700.000 Jahren.

relat. Wahrscheinlk.

relat. Wahrrscheinlk.

Stabilisierung 50%

Änderung globale Mitteltemperatur

2020-2029 2090-2099

Abb. 2: Änderung der Oberflächentemperatur für die beiden Antriebsszenarien B1 und A2. Links ist ein Vergleich der

Resultate für die verwendeten Modelle dargestellt. Die Mitteltemperatur ändert sich in jedem Fall um weitere 0.8°C

(2020-2029), denn die dafür verantwortlichen Gase sind längst in die Atmosphäre entlassen. Im Fall des B1-Szenarios

(schnelle Einführung ressourceneffizienter Technologien, Stabilisierung der Weltbevölkerung auf 7 Mrd. im Jahr 2100,

Stabilisierung der CO 2

-Konzentration auf weniger als 450ppm, Nord-Süd-Gerechtigkeit) wäre es möglich, bei entsprechenden

Reduktionsverpflichtungen, die Erderwärmung auf ca. 2ºC zu beschränken. Verfolgen wir einen Weg wie im

Fall des Szenarios A2 (15 Mrd. Weltbevölkerung in 2100, regionale Lösungen, die Nord-Süd Lücke wird nicht geschlossen),

kann der Temperaturanstieg mindestens 3,5°C betragen; im schlimmsten Fall (A1) sogar bis zu 6°C. Rechts

wird ein Eindruck über die regionale Verteilung der Temperaturänderungen vermittelt. Auffällig ist, dass vor allem die

Nordhemisphäre von einem überproportionalen Temperaturanstieg betroffen sein wird.

© Abbildungen nach IPCC 2007

© Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

20


Innerhalb von 150 Jahren ist die CO 2

-Konzentration

um mehr als 35% angestiegen (Abb.

1). Bei anhaltender Emission der Treibhausgase

droht bis 2100 ein Temperaturanstieg,

der demjenigen am Ende der letzten Eiszeit

durchaus vergleichbar wäre, mit dem wesentlichen

Unterschied, dass dieser Prozess dann

in nur 100 Jahren abläuft. Analysieren wir die

vergangenen 100 Jahre, so wird eine Änderung

der klimatologischen Verhältnisse bereits

offensichtlich, d.h. wir leben bereits mitten im

Klimawandel.

Allein dieses Wissen stellt bereits neue Anforderungen

an die Raumplanung. Generell

ergeben sich für die regionale Planung zwei

zentrale Herausforderungen:

1.

2.

Wir müssen zukünftig die vorhandene Infrastruktur

sichern und robust planen, um

uns gegen die Folgen des Klimawandels

zu wappnen. Das bedeutet, wir brauchen

resiliente Raumstrukturen.

Wir müssen zu Planungsstrategien

kommen, die klimaneutral sind, um den

Wandel nicht noch weiter zu verstärken.

Spekulationen darüber, wie sich der Klimawandel

in den nächsten 100 Jahren konkret

äußert, sind aus dieser Perspektive sogar

zweitrangig. Denn was genau passieren wird,

hängt von den Entscheidungen heute ab: Die

Klimaszenarien des Intergovernmental Panel

on Climate Change (IPCC) spannen lediglich

einen Möglichkeitsraum potenzieller Entwicklungen

auf, der maßgeblich davon bestimmt

wird, wie sich die Menschheit verhält. Die

wichtigste Aufgabe ist deshalb, Problemlösungswissen

für die zu erwartenden Änderungen

bereitzustellen und allgemein verfügbar

zu machen.

Der IPCC hat in seinem letzten Bericht sehr

eindringlich darauf hingewiesen, dass für

eine Beschränkung des Klimawandels auf ein

erträgliches Maß für Mensch und Umwelt

rasche und effiziente Maßnahmen erforderlich

sind. Hierunter wird eine Größenordnung

von +2ºC seit Beginn der Industrialisierung

(Richtwert 1871) verstanden. Dieser Wert ist

auch wesentlicher Bestandteil der EU-Klimapolitik

und basiert auf der Annahme, dass sich

bis zu einem solchen Wert die Konsequenzen

eines Wandels global begrenzen lassen, ganz

unabhängig davon, dass es regionale Auswirkungen

geben

kann, die verheerende

Folgen haben können.

Die Frage ist die Realisierbarkeit

dieses Ziels

(Abb. 2). Dazu müssen

mindestens 50% der

Treibhausgasemissionen bezogen auf das Jahr

1990 reduziert werden. Berücksichtigen wir

die berechtigten Entwicklungsinteressen der

Entwicklungsländer, so bedeutet dies für die

Industrieländer durchaus eine Reduktionsrate

von 80%. Wesentliche Anteile davon müssen

bereits bis Mitte dieses Jahrhunderts erreicht

werden. Dies impliziert eine technologische

Revolution, die zu einer nachhaltigen und

Klima schonenden Energieerzeugung führen

muss. Falls wir dieses Ziel nicht erreichen,

dann wird die Frage der Anpassung in der

Zukunft umso bedeutsamer werden.

Anpassung als strategische Herausforderung

für die Raumplanung

Das grundsätzliche Konzept des IPCC zur

Bewältigung des Klimawandels und dessen

Folgen verfolgt zwei obligatorische Handlungsstränge

(Abb. 3). Planungsrelevant ist

vor allem die Anpassung, da hier naturgemäß

Raumnutzungsfunktionen angesprochen

werden. Im Zusammenhang mit der Anpassung

spielt die Vulnerabilität (Verwundbarkeit)

– und hier der Grad der Verwundbarkeit eines

„Systems“ hinsichtlich nachteiliger Effekte des

Klimawandels – eine entscheidende Rolle.

Klimawandel: Verwundbarkeit,

Bewältigung von Folgen und Anpassung

Resilienz: Kapazität eines Systems, einer

Stadt, Gemeinde, oder Gesellschaft Verlusten

oder Schäden hervorgerufen durch

ein Disaster zu widerstehen, bzw. sich

von einem Impakt zu erholen. Je höher

die Resilienz, desto geringer die Wahrscheinlichkeit

wird ein Schaden sein, bzw.

desto schneller die Erholung. Ein resilientes

System ist nicht sensitiv hinsichtlich der klimatischen

Variabilität und hat die Kapazität

sich anzupassen.

Dr. Jürgen Kropp

Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

21


Zivilisatorische

Einflüsse

Klimawandel

Nord-Rhein

Westfalen

Münster

Münster

Bielefeld

Minderung

von

Treibhausgasen

IMPAKTE

Ungebremste

Auswirkungen

Autonome

Anpassung

Rest- bzw.

Nettowirkungen

gefährlich? verwundbar?

Politische

Entscheidungen

VERWUNDBARKEIT

Düsseldorf

Köln

Geplante

Anpassung

Integrierte

Verwundbarkeit

Sehr gering

Gering

Mittel

Hoch

Sehr hoch

Kilometer

Aachen

Köln

Dortmund

Düsseldorf

Stimulus: Hitzewellen

Exponiertes System: Gesundheit

Indikatoren: Bevölkerungsdichte,

Anteil ältere Menschen

Aachen

Düsseldorf

Köln

Münster

Dortmund

Stimulus: Eisregen/Kältewellen

Exponiertes System: Arbeitsmarkt

Indikatoren: saisonale

Arbeitslosigkeit

Bielefeld

Aachen

Düsseldorf

Köln

Stimulus: Sturm

Exponiertes System: Waldwirtschaft

Indikatoren: Hangneigung,

Baumarten

Münster

Dortmund

Bielefeld

Sturm

Kyrill 2007

Verlust von

3

19 Mio. m

Holz

Abb. 3: Darstellung der zwei obligatorischen Handlungsstränge (Minderung von Treibhausgasen

und geplante Anpassung) zur Bekämpfung des Klimawandels und dessen Folgen.

Im Zusammenhang mit der geplanten Anpassung spielt das Konzept der Verwundbarkeit

gegenüber einem Klimawandel eine zentrale Rolle.

© Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

Abb. 4: Beispiel für die Abschätzung einer sektoralen Vulnerabilität (Skala von grün nach

rot) gegenüber Extremereignissen, wie Sturm oder Hitzewellen, für die Kommunen in Nord-

Rhein Westfalen gültig für das Jahr 1998 (für Details siehe Kropp et al. 2006). Die Verwundbarkeit

des Forstsektors wurde gut prognostiziert, wie der Sturm Kyrill in 2007 verdeutlicht

hat. © Kropp et al. 2006, Climatic Change

22


Die räumliche Darstellung der Vulnerabilität

kann aufzeigen, welche Regionen

gegenüber einem Klimastimulus verwundbar

sind, und macht damit deutlich,

wo Planungshandeln in Zukunft notwendig

werden könnte (Abb. 4). Denn Überschwemmungen,

Stürme, Waldbrände und

andere wetterbezogene Katastrophen verursachen

auch erhebliche ökonomische Verluste,

die bei entsprechender Anpassung verhindert

bzw. abgemildert werden könnten.

Anpassungsstrategien die auf der Basis von

Vulnerabilitätsanalysen entwickelt werden,

sollten sich durch Flexibilität auszeichnen. Das

heißt in der Planung sollte anstatt der statischen

Zuweisung von Raumfunktionen eine

dynamische Raumentwicklung mit reversiblen

Raumfunktionen und Kompensationssystemen

treten. Dadurch kann schneller und effektiver

auf potenzielle Bedrohungen reagiert werden.

Es sollte auch darüber nachgedacht werden,

Kompensationsinstrumente für in Zukunft

auftretende klimainduzierte Umweltschäden

zu entwickeln. Denn die öffentliche Hand

allein wird diese Schäden zukünftig nicht

mehr abdecken können. Hier können zudem

Anreizinstrumente unterstützen, denn in

Gemeinden und Regionen, in denen aktiv in

Anpassung investiert wird, würden zukünftig

dann geringere Prämien für die Absicherung

von Elementarschäden fällig werden.

Am Beispiel des Küstenschutzes lässt sich

aufzeigen, wie die Gesellschaft von vorausschauender

Planung profitieren kann.

Neuere Ergebnisse verdeutlichen, dass das

Problem des Meeresspiegelanstieges insgesamt

unterschätzt wird (u.a. auch im letzten

IPCC Report). Satellitenmessungen durch die

GRACE-Mission und Beobachtungen, z.B. auf

Grönland, machen klar, dass sich der Meeresspiegelanstieg

beschleunigt (vgl. WBGU

2006). Zudem reagiert der Ozean äußerst

träge im Vergleich zur Atmosphäre. Dies

bedeutet, dass das Problem zwar insgesamt

später sichtbar, aber auch noch über Jahrhunderte

existent bleiben wird. Denn ebenso wie

zwischen Temperatur und CO 2

-Konzentration

besteht auch zwischen Temperatur und

Meeresspiegelanstieg auf langen Zeitskalen

ein Gleichgewicht, welches – vermittelt über

den Temperaturanstieg – ebenfalls durch den

Menschen beeinflusst wird.

Welche Effekte eine Erwärmung haben kann,

zeigt wiederum ein Blick zurück, denn seit

dem Ende der letzten Eiszeit vor ca. 13.000

Jahren ist der Meeresspiegel allein um ca.

100m angestiegen. Berücksichtigt man die

grundlegenden Effekte (thermische Ausdehnung,

Abschmelzen von Landgletschern,

Landsenkungen an der Nordseeküste) ist bis

Ende des Jahrhunderts ein Anstieg von ca. 50

bis 75 cm oder darüber durchaus ein ernstzunehmendes

Szenario.

Wetter und Klima: Zur Einordnung des

Klimawandels ist es wichtig, die Begriffe

Klima und Wetter voneinander abzugrenzen.

Wetter ist das tagtäglich wahrnehmbare

und fühlbare Geschehen. Unter Klima

dagegen versteht man die langfristige (30

Jahre) statistische Beschreibung atmosphärischer

Größen (z. B. Temperatur, Niederschlag,

etc.), wobei eine Mitteltemperatur

eine abstrakte, nicht direkt fühlbare Größe

darstellt.

Vulnerabilität: Die Vulnerabilität ist eine

Funktion des Stimulus, seiner Größenordnung

und der Rate der Klimavariabilität,

der gegenüber dem System exponiert ist,

seiner Sensitivität (Grad der Beeinträchtigung)

und seiner adaptiven Kapazität.

Das Vulnerabilitätskonzept ist in mehreren

wissenschaftlichen Disziplinen unabhängig

voneinander entwickelt worden. Während

die Klimaforschung die eher langfristige

Dimension betrachtet und z.B. die Anpassungskapazität

mit berücksichtigt, ist in

der Disasterforschung dieser Begriff mit

der Risikoterminologie verknüpft und eher

ereignisbezogen. Dies führt in der Diskussion

oft zu Verwirrungen.

23


400

Wiederkehrrate/Schutzlevel

350

300

250

200

150

100

50

Strategie: business as usual

Deutschland

Normativer

Schutz 100 Jahre

0

2000

2005

2010

2015

2020

2025

2030

2035

2040

2045

2050

2055

2060

2065

2070

2075

2080

2085

2090

2095

2100

Jahr

Abb. 5: Links sind zwei Fälle miteinander verglichen. Die Änderung des Schutzlevels für die deutsche Küste falls der Meeresspiegel bis Ende des Jahrhunderts auf bis zu 1 m (magenta) ansteigt. Das

zweite Szenario ist ein normatives Ziel, d.h. eine politische bzw. Planungsentscheidung die Küsten gegenüber einer Sturmflut zu schützen, die alle 100 Jahre wieder auftritt – und zwar unter dem

gleichen Anstiegsszenario. Mittig ist der Nutzen dargestellt, der sich im Fall adäquater Anpassungsstrategien erzielen lässt. Insgesamt fallen in der ersten Hälfte des Jahrhundert kaum negative Kosten

(blau) an. Dies ist darin begründet, dass an der Küste bereits eine gut Deichinfrastruktur besteht, die nur entsprechend unterhalten und nachgerüstet werden muss. Dennoch sind weite Areale

Norddeutschlands potenziell verwundbar (rechts).

© Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

24


Abbildung 5 zeigt am Beispiel Deutschlands,

was eine Anpassung an eine solche Entwicklung

bedeuten würde. Zurzeit sind deutsche

Küsten gegen Sturmfluten mit Wiederkehrraten

von mehr als 350 Jahren geschützt

(Durchschnittswert). Wenn allerdings eine

Entwicklung wie oben diskutiert eintritt, dann

sinkt dieser Schutzlevel bereits im Jahre 2050

auf eine Jährlichkeit von unter 100 Jahren ab.

Abbildung 5 vergleicht zwei Fälle miteinander.

Erstens den Fall, dass vorhandene Küstenschutzbauten

nur unterhalten und keine neuen

errichtet werden (business as usual), und

zweitens ein normatives Schutzziel gegenüber

einer 100-jährlichen Sturmflut, welches für

den gesamten Zeitraum des 21. Jahrhunderts

eingehalten werden soll. Für beide Fälle

werden potenzielle Schadenskosten, Kosten

für die Anpassung, d.h. für Deichbau und

Unterhaltung, berechnet und verglichen. Das

Ergebnis zeigt, dass sich Anpassung lohnen

kann. Ökonomische Vergleichsrechnungen

dieser Art haben aber nur eingeschränkten

Nutzen für konkrete Planungen, denn im

konkreten Fall benötigt man weitere Informationen,

beispielsweise wo gegebenenfalls

die verwundbaren Regionen liegen. Dies ist

mit Hilfe von geeigneten GIS-Instrumenten

möglich (Abb. 5).

Beide Handlungsoptionen, d.h. die Minderung

und schließlich die Stabilisierung

von Treibhausgasen, sowie die Anpassung

an unvermeidliche Änderungen sind

ökonomisch sinnvoll und alternativlos.

Dies gilt vor allem unter dem Aspekt einer

sicheren Zukunfts- und Lebensperspektive

zukünftiger Generationen. Für die öffentliche

Planung kann wissenschaftliche Unterstützung

aus dem Bereich der Anpassungsforschung

durchaus von Interesse sein. Denn

es existieren zwar nationale und regionale

Anpassungspläne; diese bleiben bezogen auf

reale Probleme jedoch unkonkret. Daneben

liegen zahlreiche Impaktstudien vor, die von

unterschiedlichen Institutionen und Experten

hinsichtlich verschiedener Fragestellungen

durchgeführt wurden. Entsprechend stehen

dem Planer bzw. Entscheidungsträger häufig

nur verstreute bzw. schlecht zugängliche Daten

über lokale Auswirkungen des Klimawandels

sowie potenzielle Anpassungskonzepte

zur Verfügung. Für Akteure, die Klimarisiken

und Möglichkeiten des Umgangs damit in

ihrer jeweiligen Region identifizieren wollen,

verursacht dies erhebliche „Such-“ und „Entwicklungskosten“.

Daher würde eine offen

zugängliche Datenbank, die Anpassungskonzepte

selbst kategorisiert, konkrete Problemlösungsstrategien

beinhaltet und Maßnahmen

zur Anpassung hinsichtlich ihres Erfolges

bewerten kann, einen fundamentalen Fortschritt

darstellen. Eine solche Datenbank soll

am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

entwickelt werden und würde zudem Wissen

aus Klimaforschung und Planung sinnvoll vereinen

und damit eine wertvolle Schnittstelle

zu Entscheidungsträgern bilden. •

Weiterführende Literatur

Kropp JP, Block A, Reusswig F., et al. (2006):

Semiquantitative Assessment of Regional Climate

Vulnerability: The North-Rhine Westphalia

Study. Climatic Change 76: 265–290.

Kropp JP & Scheffran J (2007): Advanced

Methods for Risk Management and Decision

Making in Sustainability Science. Nova Science

Publishers: New York.

IPCC-SRES (2000): Special Report on Emissions

Scenarios. Intergovernmental Panel

on Climate Change Cambridge: Cambridge

University Press

IPCC (2007): Climate change 2007: The

Physical Science Basis. WG I of the Intergovernmental

Panel on Climate Change (IPCC).

Cambridge: Cambridge University Press.

Petit J.R., Jouzel J., Raynaud D., Barkov

N.I.,Barnola J.M., Basile I., Bender M., Chappellaz

J., Davis J., Delaygue G., Delmotte M.,

Kotlyakov V.M., Legrand M., Lipenkov V., Lorius

C., Pépin L., Ritz C., Saltzman E., Stievenard

M. (1999). Climate and Atmospheric History

of the Past 420,000 years from the Vostok Ice

Core, Antarctica, Nature, 399: 429-436.

Rahmstorf S & Schellnhuber HJ (2006) Der

Klimawandel, Verlag CH Beck, München

Siegenthaler U, Stocker TF, Monnin E, Lüthi D,

et al. (2005): Stable Carbon Cycle? Climate

Relationship During the Late Pleistocene.

Science 310(5752): 1313 – 1317.

WBGU (2006): The future of the oceans – to

warm, to high, to sour. German Advisory

Council on Global Change to the Federal

Government. Special Report, Berlin.

25


Prof. Dr. Wilfried Endlicher: Die Hitzewelle von 2003 hat nach offiziellen Zahlen europaweit 55.000 zusätzliche Todesopfer gefordert. Das

ist die größte Katastrophe seit der großen „Mannstränke“, seit die Deiche in Norddeutschland gebrochen sind. Wir hatten 1994 in Berlin eine

Hitzewelle – stärker als die von 2003 und mit einer zweieinhalbfachen Erhöhung der Mortalität! Die meisten Menschen leben nun in Städten,

und unsere Gesellschaft wird immer älter. Dies ist sicher ein Fokus, der der Forschung und der Modellstudien bedarf. Allerdings möchte ich das

Konzept der „kompakten Stadt“ als klimafreundlicher Stadt in Frage stellen. Bei einer „kompakten Stadt“ haben wir aufgrund der kurzen Wege

zwar Einsparungen an CO 2

-Emissionen, gleichzeitig jedoch eine hohe Hitzebelastung, insbesondere bei Hitzewellen, die in Zukunft zunehmen

werden. Möglicherweise bietet gerade eine „perforierte Stadt“ bessere Optionen der Adaption.

Dr. Achim Daschkeit: Wir tun gerne so, als hätten wir den Küstenschutz über technische Sicherungsmaßnahmen – Deiche, Sperrwerke und

ähnliches mehr – im Griff, jedenfalls bis Ende des Jahrhunderts. Allerdings gehen Projektionen des IPCC und anderer Institutionen davon aus,

dass der Meeresspiegel doch stärker steigen, die Intensität der Stürme in der zweiten Jahrhunderthälfte deutlicher zunehmen könnte. Deshalb

müssen alle Optionen des Küstenschutzes diskutiert werden, beispielsweise dass bestimmte Gebiete ganz anders oder vielleicht kleinere Regionen

gar nicht mehr genutzt werden können. Es wäre sinnvoll, die raumplanerischen Instrumentarien intensiver zu nutzen, einerseits um die

Küsten so sicher wie möglich zu machen, andererseits um die vielfältigen Nutzungsansprüche in diesen Räumen – beispielsweise Siedlungen,

Tourismus und Naturschutz – in eine Gesamtstrategie zum Küstenschutz einbetten zu können.

Dr. Karl-Heinz Rother: Für den Katastrophenschutz stehen Schutzmaßnahmen und Adaption im Vordergrund. Interessanterweise gibt es für

den Begriff der Adaption zwei Interpretationen: 1.) vorhandene Schutzstrukturen müssen nachgerüstet werden; 2.) Vulnerabilität muss reduziert

werden. Eine nachhaltige Katastrophenvorsorge sollte sich dabei vor allem der Verminderung von Vulnerabilität stellen. Hierfür wird ein umfassendes

raum- und fachübergreifendes Risikomanagement erforderlich. Darin liegt eine besondere Chance für die Raumordnung!

Dr. Bettina Matzdorf: Bei der Landwirtschaft spielen sowohl Adaption als auch Mitigation eine wichtige Rolle. Sie muss sich an frühere

Einsaattermine und trockenere Sommer anpassen. Gleichzeitig kann sie durch die erhöhte CO 2

-Konzentration in der Atmosphäre – auch wenn

das nicht überbewertet werden sollte – höhere Ernteerträge realisieren. Der „Verursacher“ Landwirtschaft muss seine Emissionen, insbesondere

Methan- und Lachgas, zurückfahren. Gleichzeitig können Landwirte durch den Einstieg in die Biomasseproduktion aktiv ökonomische Chancen

nutzen und zum Klimaschutz beitragen. Bei der Landwirtschaft ist es somit schwierig zu sagen, ob sie Verlierer oder Gewinner ist. In jedem Falle

ist sie ein sehr anpassungsfähiges System.

26


In der Diskussion: Potenzielle Auswirkungen des

Klimawandels auf die räumlichen Fachpolitiken

Die Auswirkungen des Klimawandels betreffen

alle räumlichen Fachpolitiken. Im Rahmen

der Podiumsdiskussion wurden die potenziellen

raumrelevanten Folgen des Klimawandels

näher beleuchtet:

• Stadtklima: zunehmender Hitzestress und

die Erhöhung der Mortalität, besonders in

den großen Städten. Ist die „kompakte“

oder „perforierte“ Stadt resilienter gegenüber

dem Klimawandel? Lässt sich die

Bedeutung von Freiräumen für den Klimawandel

quantifizieren?

• Küstenschutz: erfordert der Küstenschutz

über technische Sicherungsmaßnahmen

hinaus eine integrative Perspektive und

Koordination von Nutzungsansprüchen, die

die Raumplanung leisten müsste?

• Katastrophenschutz: Müssen vorhandene

Schutzstrukturen nachgerüstet werden?

Oder sollte eher die Vulnerabilität von

Raum- und Infrastrukturen vermindert werden?

Was bedeutet dies für so genannte

„kritische Infrastrukturen“?

• Landwirtschaft: Wie lässt sich die Produktion

von Biomasse mit einer multifunktionalen

Raumnutzung vereinbaren? Wie

können die Förderpolitiken integrative und

nachhaltige Raumentwicklungen (Stichwort

Gesamt-Energiebilanz) unterstützen? Wie

lassen sich Nutzungskonkurrenzen auf der

Fläche lösen?

• Anpassungsfähige Raumstrukturen:

Welche Rolle kann die Raumplanung bei

der Definition adaptiver oder resilienter

Raumstruktur übernehmen? Wie lässt sich

ein Diskurs über Risiken, auch im Bestand,

initiieren? Brauchen wir ein Risikomanagement?

Es diskutierten Dr. Bettina Matzdorf (Leibniz-

Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF)

e.V.), Dr. Achim Daschkeit (Umweltbundesamt,

KomPass), Prof. Dr. Wilfried Endlicher

(Humboldt-Universität Berlin) und Dr. Karl-

Heinz Rother (Deutsches Komitee für Katastrophenvorsorge

e.V.). Durch die Diskussion

führten Andrea Hartz (Planungsgruppe agl)

und Prof. Dr. Jürgen Aring (Büro für angewandte

Geographie).

27


Dr. Karl-Heinz Rother: In Deutschland haben wir keine ausgeprägte Risikokultur.

Hier kann die Raumordnung Aufklärung leisten. Dabei reicht es nicht

aus, sich auf den unbebauten Bereich zu beschränken, vielmehr liegen die

größten Risiken im Bestand.

Dr. Achim Daschkeit: Risikobewusstsein ist eine ganz entscheidende Größe.

Es gibt manche Regionen an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste, die seit

über 100 Jahren keinen Sturmfluten mehr ausgesetzt waren. Die Deiche wiegen

die Bewohner in Sicherheit, das Risikobewusstsein sinkt oder geht ganz verloren.

Deshalb ist es an der Zeit, einen Dialog über steigende Risiken und die Wahrnehmung

von Risiken zu initiieren.

Dr. Karl-Heinz Rother: Die Raumordnung sollte sich nicht damit begnügen, die

Welt von morgen in einem Landesentwicklungs- oder Regionalplan zu regeln,

vielmehr sollte sie sich in Richtung eines flexiblen Risikomanagements weiterentwickeln.

Hierzu gehört auch, über vorhandene Risiken zu informieren. Dieser

Anspruch geht sicherlich über die aktuellen gesetzlichen Regelungen weit

hinaus, die Raumplanung ist vermutlich auch personell nicht dafür ausgerüstet.

Nur – wenn wir uns in Zukunft besser aufstellen wollen – dann wäre das ein viel

versprechender Weg.

Dr. Bettina Matzdorf: Ein veränderter Umgang mit Risiken, auch mit individuellen

Risiken, kann durchaus bestimmte Steuerungsprobleme lösen, sei es in der

Landwirtschaft oder in hochwassergefährdeten Gebieten. Raumordnung kann

hier mit ihren Instrumentarien Akzente setzen und versuchen, andere Subventionspolitiken

zu beeinflussen.

28


Dr. Karl-Heinz Rother: Es gibt aus meiner Sicht zwei Leitbilder, die eine Gesellschaft

verfolgen kann: zum einen das tradierte Leitbild einer statisch-resistenten

Gesellschaft, zum anderen das zukunftsorientiert-nachhaltige Leitbild einer

adaptiv-resilienten Gesellschaft. Für den Hochwasserschutz bedeutet das erste

Leitbild: Wir bauen uns Deiche, und wenn diese nicht ausreichen, erhöhen wir sie.

In der Diskussion um den Hochwasserschutz wird deutlich, dass dieser Fokus auf

technische Sicherungsmaßnahmen noch sehr weit verbreitet ist, auch wenn die

Hochwasserrichtlinie als zukunftsweisendes Produkt der Europäischen Union in

eine andere Richtung zeigt. Es wäre wünschenswert, dass die Raumordnung mit

integrativen Raumentwicklungsstrategien das Leitbild einer adaptiv-resilienten

Gesellschaft offensiv unterstützt.

Dr. Jörn Birkmann (United Nations University Bonn): Was kann die Bundesraumordnung

in Bezug auf den Klimawandel leisten, und welche Vorgaben

liefert sie für die Regionalplanung? Wenn das Leitbild einer adaptiven oder resilienten

Raumstruktur umgesetzt werden soll, dann müsste auf Bundesebene definiert

werden, was dies konkret bedeutet, beispielsweise mit Blick auf so genannte

kritische Infrastrukturen wie Kraftwerke, Krankenhäuser oder Transportinfrastruktur.

Es stellt sich zudem die Frage, was andere Akteure von der Bundesraumordnung

und der Regionalplanung erwarten.

Prof. Dr. Max Welch Guerra (Bauhaus-Universität Weimar): Diese Fachtagung

und die Modellvorhaben der Raumordnung sind wichtige Initiativen,

um ein derart komplexes Thema wie den Klimawandel anzugehen und diese

Diskussion zu nutzen, um offensiv die Energie- und Ressourceneffizienz der

gesamten Volkswirtschaft zu optimieren.

Prof. Dr. Dr. Olaf Kühne (Ministerium für Umwelt des Saarlandes): Mit

Hilfe der Raumordnung lassen sich Klimaschutzziele durchaus operationalisieren,

allerdings wurde aus meiner Sicht sehr deutlich, dass hierzu eine strategische

Partnerschaft zwischen Klimaforschung und Raumplanung notwendig wird.

Dabei müssen wir den wissenschaftlichen Code der Klimaforscher in einen politischen

Code übersetzen.

Prof. Dr. Wilfried Endlicher: Die Folgen des Klimawandels werden in Deutschland

überlagert von anderen, weit reichenden gesellschaftlichen Veränderungsprozessen,

beispielsweise dem demographischen Wandel. Diese Prozesse

greifen ineinander: Eine immer älter werdende Gesellschaft ist gegenüber

zunehmender Hitzebelastungen besonders empfindlich. Daraus ergibt sich ein

enormer Handlungs- und Forschungsbedarf hinsichtlich effektiver Maßnahmen

zum Klimaschutz: Solarnutzung, passive Kühlung, klimagerechte Außenraumgestaltung,

„climate proofed“ Infrastrukturen und Verkehrssysteme sind hier nur

einige Stichworte…

Prof. Dr. Dr. Olaf Kühne (Ministerium für Umwelt des Saarlandes): In der

Auseinandersetzung um die perforierte Stadt wird klar, dass es raumrelevante Zusammenhänge

zwischen dem Klimawandel und dem demographischen Wandel

gibt. Interessant wäre eine Untersuchung der lokalklimatischen Effekte einer

Perforierung schrumpfender Städte. Es stellt sich u.a. die Frage, inwieweit

sich hierdurch Optionen für neue Ventilationsleitbahnen ergeben, um das Stadtklima

zu verbessern.

Christian Strauß (Universität Leipzig, Institut für Stadtentwicklung und

Bauwirtschaft): Die Implikationen des Klimawandels sind zwar neu, aber im

Zuge der Auseinandersetzungen mit dem demographischen Wandel wurden

durchaus integrative und kooperative Steuerungsmodelle erprobt. Hier

lassen sich sicherlich Erfahrungen aus Ostdeutschland nutzen, um diese neueren

Herausforderungen der räumlichen Strukturanpassung bewältigen zu können.

Hans Gabányi (Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt der Freien und

Hansestadt Hamburg): Es wurden bereits einige prioritäre Handlungsfelder für

Anpassungsstrategien genannt, aber meines Erachtens fehlt bislang die Freiraumplanung.

Meine These ist, dass derzeit noch der operative Nachweis fehlt, in welcher

Weise Freiräume in Abhängigkeit von der jeweiligen Ausgestaltung einen

positiven Effekt auf z.B. die Abkühlung der Stadt haben. Zwischen der aktuellen

Klimaforschung und dem, was wir in unserer Ausbildung zu Freiraumplanung

und Stadtklima gelernt haben, gibt es meines Erachtens eine Lücke. In Hamburg

wird deshalb gegenwärtig an einer Kooperation zwischen meiner Behörde, dem

Zentrum für Marine und Atmosphärische Wissenschaften und der HafenCity

Universität gearbeitet, um hierzu Erkenntnisse zu gewinnen. Im Rahmen der auf

dieser Fachtagung diskutierten Forschungsstrategien sollten die Zusammenhänge

zwischen Freiräumen und Stadtklima ein Schwerpunkt werden.

29


© Bergischer Ring e.V., Wolf Birke, aufgenommen am 9. Mai 2006, Stadt Haan, Stadtteil Gruiten; Zapfsäule www.wwf.de/uploads/pics/260_Kollage_Biofuel_Zapfsaeule.jpg

30


Dr. Bettina Matzdorf: Anpassungs- und Klimaschutz-Maßnahmen sollten im

Rahmen multifunktionaler Entwicklungsstrategien für den ländlichen

Raum gebündelt und abgestimmt werden. Hier kommt der Raumordnung eine

wichtige Rolle zu, nicht zuletzt um die Umsetzung von Energiezielen und daraus

resultierenden Nutzungskonkurrenzen sinnvoll integrieren zu können. Dieser integrative

Ansatz sollte auch innerhalb der Förderpolitiken verfolgt werden. Wenn

es uns gelänge, die Bereiche, wo subventioniert und steuernd eingegriffen wird,

im Sinne des Klimaschutzes zu optimieren, wäre das sicherlich schon ein Erfolg.

Dr. Jürgen Kropp (Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung): Bei der

Diskussion um Flächenkonkurrenzen im Rahmen der Energiepflanzenproduktion

müssen wir auch Phänomene wie den Import von Palmöl berücksichtigen.

Das heißt, wir müssen die CO 2

-Bilanz von Palmöl, das um die ganze

Welt transportiert wird und dessen Produktion zum Abholzen der Tropenwälder

beiträgt, einbeziehen, um auf der Fläche wirklich über Nutzungskonkurrenzen

entscheiden zu können, sonst laufen Förder-, Subventions- und Raumordnungspolitiken

möglicherweise in eine ganz falsche Richtung.

Ulrich Tasch (Innenministerium Schleswig-Holstein, Landesplanung): Was

noch gar nicht berücksichtigt wurde, ist die Frage, in welchem rechtlichen Rahmen

wir uns bewegen, wenn wir den Klimaschutzaspekt für die Raumplanung

weiter in den Vordergrund rücken wollen. Nehmen Sie das Beispiel Landwirtschaft

und landwirtschaftliche Anbauflächen: Baue ich nachwachsende Rohstoffe

oder Nahrungsmittel an? Bisher ist die Landwirtschaft baugesetzlich privilegiert

und entzieht sich raumordnerischer Steuerung. Die Landwirte orientieren sich

beim Anbau im Wesentlichen an Marktmechanismen. Soll die Raumordnung hier

zukünftig steuernd eingreifen?

Können und sollen die Kommunen z.B. über das BauGB noch stärker in die

Pflicht genommen werden, Klima schonende Bauleitplanung zu betreiben? Dies

wäre meines Erachtens eine wichtige Basis für die Landes- und Regionalplanung,

um entsprechende Ziele so in die Raumordnungspläne aufzunehmen, dass sie

auf kommunaler Seite auch operationalisierbar sind. Hier müssen Verknüpfungen

hergestellt werden, damit Ziele der Raumordnung nicht ins Leere laufen.

Prof. Dr. Gerd Tetzlaff (Universität Leipzig, Institut für Meteorologie,

DKKV): Vor dem Hintergrund der Zunahme und den Auswirkungen von Extremereignissen

ist es eine vordringliche Aufgabe, die Bevölkerung zu schützen. Damit

Katastrophenschutz effektiv funktionieren kann, müssen insbesondere Informationen

zu Vulnerabilitäten und „Hot Spots“ räumlicher Auswirkungen bereit

und zur Verfügung gestellt werden. Dazu besteht sicherlich noch erheblicher

Forschungsbedarf.

Dr. Achim Daschkeit: Die Veranstaltung ist sehr wichtig, um Rolle und Aufgabe

der Bundesraumordnung zu klären, allerdings lässt sich wohl nicht erwarten, mit

einfachen Antworten und einem „Instrumentenkasten“ nach Hause gehen zu

können. Wir sollten zudem die Kompetenzen anderer Fachressorts nutzen,

um einen Rahmen für überregionale, regionale und kommunale Aktivitäten zu

Klimaschutz und Klimaanpassung zu definieren. Das Bundesministerium für

Umwelt und das Umweltbundesamt arbeiten gemeinsam in diese Richtung. Es

geht auch darum, Kenntnislücken, beispielsweise hinsichtlich der regionalisierten

Klimafolgen, zu schließen.

Manfred Sinz (Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung):

Wir passen das Raumordnungsgesetz und vor allem das Baugesetzbuch

ständig an, um diese Nutzungskonflikte gesellschaftsverträglich zu lösen. Dass

hierbei nicht immer der gewünschte Erfolg erzielt wird, liegt in erster Linie daran,

dass die Nutzungssysteme im Wesentlichen von den Märkten geregelt werden.

Der Markt ist der große Integrator, nicht die Planung. Die Frage, ob Palmöl

angebaut, hierher transportiert und verbrannt wird, ist zunächst einmal eine

Frage, die der Markt regelt. Alle Regulative, die wir als Planer anwenden, haben

Risiken und Nebenwirkungen, häufig auch unerwünschte Nebenwirkungen. Die

Rolle der Raumordnung und Regionalplanung ist deshalb immer mit der Frage

verknüpft, wie viel unter dem Verweis auf das Allgemeinwohl geregelt werden

soll, ohne eine unerwünschte Nebenwirkung zu provozieren. Ein typisches Beispiel

sind technische Sicherungsmaßnahmen in Gefahrenzonen, die oftmals dazu

führen, dass das Risikobewusstsein sinkt und damit auch die Bereitschaft der

Betroffenen, Eigenverantwortung zu übernehmen. Hier eine sinnvolle Balance zu

erreichen, ist äußerst kompliziert.

Prof. Dr. Wilfried Endlicher: Wir müssen von guten Beispielen lernen; deshalb

wäre ein Datenpool hier außerordentlich hilfreich. Viele Städte und Regionen haben

bereits Erfahrungen zu Mitigation und Adaptation gesammelt und könnten

hierzu Beiträge leisten. Europa hat hier auch eine Vorbildfunktion für andere

Regionen und Städte auf der Welt.

31


Parallele Workshops: Raumentwicklungsstrategien

Workshop 1: Flussraummanagement

und Küstenschutz

Moderation: Andrea Hartz

(Planungsgruppe agl)

Ergebnisbericht: Dr. Gerhard Overbeck

(Akademie für Raumforschung und Landesplanung)

Fallbeispiel: Johann Weber vom Bayerischen

Landesamt für Umwelt berichtete über die

Ergebnisse der Fallstudie zur Fränkischen Saale

im Rahmen des Interreg IIIB-Projektes ESPACE

(Europe Spatial Planning: Adapting to Climate

Events).

Workshop 2: Anpassungsstrategien

für die Freiraumnutzungen

Moderation: Prof. Dr. Jürgen Aring

(Büro für Angewandte Geografie)

Ergebnisbericht: Prof. Dr. Dr. Olaf Kühne

(Ministerium für Umwelt des Saarlandes)

Fallbeispiel: Margit Hiller vom Bayerischen

Staatsministerium für Wirtschaft, Infrastruktur,

Verkehr und Technologie leitete das Thema

mit einem Ergebnisbericht zu „Klimawandel,

Auswirkungen und Anpassungsstrategien im

Alpenraum“ als Arbeitspaket des Interreg III

B-Projekt ClimChAlp ein.

Workshop 3: Integrierte Anpassungsstrategien

für Stadt und Region

Moderation: Dr. Stefan Köhler

(Regionalverband Bodensee-Oberschwaben)

Ergebnisbericht: Dr. Ivo Gerhards

(Regierungspräsidium Gießen)

Fallbeispiel: Andreas Drack, Klimabeauftragter

des Landes Oberösterreich, gab einen Überblick

zu integrierten Anpassungsstrategien in

Oberösterreich und Österreich sowie bei den

Partnern des Interreg IIIC-Projektes AMICA

(Adaptation and Mitigation – an Integrated

Climate Policy Approach).

Am Nachmittag vertieften die Teilnehmer/-innen

im Rahmen von drei parallelen Workshops

die Frage nach der Rolle und den Aufgaben

der Raum- und Regionalplanung. Die Workshops

wurden jeweils mit einem Impulsreferat

eröffnet. Die Ergebnisse wurden dem Plenum

präsentiert und nochmals aus Sicht der

Klimaforschung und der Raumwissenschaften

kommentiert.

Kritische Reflexion: Dr. Manfred Stock (Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung) und Dr. Mark Fleischhauer (Universität Dortmund)

Fazit: Hanno Osenberg (Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung)

33


Abschätzung der Schadenserhöhung

eines 100-jährlichen Hochwassers

durch den Klimawandel (Ist-Zustand

verglichen mit 2021-2050)

Geschätzte Schäden eines 100-jährlichen

Hochwassers (Ist-Zustand)

> 1 Mio. EUR

0,2-1 Mio. EUR

< 0,2 Mio. EUR

Vorsaussichtlicher Anstieg

des Schadens um

> 100 %

50 - 100 %

20 - 50 %

< 20 %

Klimabedingte Änderung der Schäden bei einem HQ 100

© Bayerisches Landesamt für Umwelt, Ref. 81

Auswirkungen auf Überschwemmungsflächen und -tiefen: physische Betroffenheit

© Ing. Büro Hydrotec, Aachen

ESPACE-Projektpartner

© Hamshire County Council Winchester, GB (HCC)

34


Im Rahmen des Interreg IIIB-Projekts „ESPACE

– European Spatial Planning: Adapting to

Climate Events“ (www.espace-project.org)

kooperierten Partner aus Großbritannien, den

Niederlanden, Belgien und Deutschland. Ziel

war es, die Bevölkerung für den Klimawandel

und die Notwendigkeit von Anpassungsmaßnahmen

zu sensibilisieren sowie Raumplanungsstrategien

zur Adaptation im Rahmen

wasserwirtschaftlicher Kontexte zu erarbeiten.

Aus den insgesamt 14 Handlungsempfehlungen

des Abschlussberichts lassen sich drei

Hauptaspekte herausgreifen:

1.

2.

3.

Die Anpassung an den Klimawandel muss

ein Kernziel einer zukunftsorientierten

Raumplanung sein.

Der Klimawandel fordert eine über die

Lebenszeit einer Maßnahme hinausgehende

langfristige Betrachtung; der

bayerische Ansatz hierzu ist eine „flexible

No Regret-Strategie“. Dies bedeutet, es

werden Konzeptionen und Maßnahmen

angestrebt, die künftig eventuell notwendige

weitere Anpassungen möglichst

problemlos zulassen.

Die Einbindung von Anpassungsmaßnahmen

in die Raumplanung erfordert

die Kombination von „Change-Management“

(Bewusstseinswandel) und

„Risk-Management“ (Umgang mit sich

ändernden Risiken).

Das bayerische Teilprojekt bezog sich auf die

Flussgebietsplanung an der Fränkischen Saale

im Einzugsgebiet des Mains (www.klimaprojekt-espace.bayern.de).

Grundlage für die

Abschätzung des Klimawandels im Einzugsgebiet

des Mains war zunächst die Analyse

langjähriger klimatologischer Messungen sowie

die Betrachtung der regionalisierten Ergebnisse

von Klimamodellen. Die langjährigen statistischen

Daten (1931-2000) zeigen eine Zunahme

der durchschnittlichen Temperatur um 1°C

im Winterhalbjahr, eine Zunahme der mittleren

Niederschlagsmengen sowie der Starkniederschläge

längerer Andauer (um bis zu 30%).

Die regionalisierten Klimamodelle basierten

auf dem globalen Modell ECHAM 4; das

Szenario B2 des dritten IPCC-Berichts bildete

die Grundlage für die regionalisierten Modelle

im KLIWA-Projekt, dessen Daten für ESPACE

genutzt wurden. Als Mischform der Szenarien

A2 und B1 geht dieses von einer moderaten

Wirtschaftsentwicklung mit mittleren Treibhausgasemissionen

aus. Die Regionalisierung

selbst wurde in KLIWA anhand von statischen

und dynamischen Verfahren getestet.

Aufgrund der erhaltenen Bandbreiten der

Ergebnisse, die nach verschiedenen fachlichen

Kriterien wie z.B. Modellierungsgüte bewertet

wurden, hat man sich schließlich für das „Meteo-Research-Modell“

entschieden. Für die

Periode 2021-2050 könnte daher die durchschnittliche

Temperatur im Winterhalbjahr um

2°C gegenüber dem Vergleichszeitraum 1971-

2000 steigen, im Sommerhalbjahr um etwa

1,3°C. Die Niederschläge könnten um bis zu

35% im Winter zunehmen,

im Sommer um bis zu 20%

sinken. Vermehrte Dürregefahr

im Sommer steht somit

einer verstärkten Hochwassergefahr

im Winterhalbjahr

gegenüber.

Für das ESPACE-Projekt

an der Fränkischen Saale

wurde seitens des Wasserwirtschaftsamts Bad

Kissingen die Verbesserung des Hochwasserschutzes

vor dem Hintergrund des Klimawandels

überprüft. Zur Quantifizierung der

wasserwirtschaftlichen Folgen des Klimawandels

wurden die Ergebnisse der beschriebenen

Temperatur- und Niederschlagsentwicklung

mit Wasserhaushaltsmodellen gekoppelt.

Für das Einzugsgebiet der Fränkischen Saale

wurden dann mit Hilfe hydraulischer Berechnungen

die Abflussmengen und die daraus

resultierenden Hochwasserstände berechnet.

Statistisch wurde zudem berechnet, wie

hoch die Wasserstände bei unterschiedlichen

Jährlichkeiten ausfallen. So sind im Zeitraum

2021 bis 2050 am Pegel Bad Kissingen die

Abflüsse beim 2-jährlichen Hochwasser um

40% gegenüber den Abflüssen von 1971 bis

2000 erhöht. Der Abfluss von 100 m 3 /s erhöht

sich damit auf 140m 3 /s. Bei den extremeren

Ereignissen fällt die Zunahme immer geringer

aus: Beim 10-jährlichen Hochwasser beträgt

die Zunahme noch 30%, beim 50-jährlichen

noch 20% und beim 100-jährlichen 15%.

Der konkrete Wasserspiegel vor Ort ist dabei

von vielen Faktoren abhängig. Beim 100-

jährlichen Hochwasser im Zeitraum 2021 bis

2050 steigt z.B. für die Stadt Hammelburg

der maximale Wasserstand um bis zu 30 cm

gegenüber dem 100-jährlichen Ereignis heute

an. Welche Flächen bei welchen Hochwasserereignissen

überflutet werden, wurde für

die Fränkische Saale ebenfalls berechnet und

auf 274 Karten dargestellt. Diese Kartengrundlagen

bilden die Basis, um die Schäden,

die durch die Hochwässer entstehen können,

Workshop 1 – Fallbeispiel

Klimawandel und Flussgebietsplanung:

Fallstudie Fränkische Saale

besser abzuschätzen. Die ökonomischen

Schäden werden dabei v.a. anhand der Wasserspiegellagen

und der davon abhängigen

Einstaubereiche ermittelt.

Sowohl die großen als auch die häufigen

kleineren Hochwasserereignisse werden

künftig häufiger auftreten und damit zu mehr

ökonomischen Schäden als bislang führen. Die

Kosten der Schäden können dabei aufgrund

der erhöhten Abflussmengen und Wasserspiegellagen

bei einem 100-jährlichen Hochwasser

in Einzelfällen überproportional zunehmen. Dabei

sind nicht nur die Siedlungsgebiete und die

Infrastruktur betroffen. Durch die häufigeren

kleinen Hochwässer werden auch andere Nutzungen

wie die Landwirtschaft mit vermehrten

ökonomischen Schäden rechnen müssen.

Aus den Simulationen der Hochwasserereignisse

lassen sich mehrere Handlungsoptionen

ableiten, welche in die Anpassungsstrategie

zum Hochwasserschutz integriert werden

sollen:

• Über einen 15%-Zuschlag auf das bisherige

HQ 100 bei der Bemessung neuer

technischer Hochwasserschutzanlagen

kann die Sicherheit gegenüber zukünftigen

Niederschlagsereignissen erhöht werden.

• Über Kosten-Nutzen-Betrachtungen kann

abgeleitet werden, welche technischen und

finanziellen Vorsorge- und Schadensvermeidungsmaßnahmen

wirtschaftlich sind.

Sie bilden eine wichtige Entscheidungsgrundlage

für Planungen des technischen

Hochwasserschutzes.

Johann Weber

Bayerisches Landesamt für Umwelt

Daneben dienen die Daten als wertvolle

Informationsgrundlage zur Sensibilisierung der

betroffenen Akteure. Dies beeinflusst die wasserwirtschaftlichen

Planungen, die Siedlungsund

Verkehrsentwicklung sowie die sonstigen

Nutzungen der von Überflutung und Retentionsmaßnahmen

betroffenen Flächen. Es

sollen auch die Grenzen staatlichen Handelns

aufgezeigt werden, um eine verstärkte private

Eigenvorsorge zu initiieren, da es keinen

absoluten Schutz gibt und die Unsicherheiten

durch den Klimawandel zunehmen werden. •

35


Siedlungse

Schlammla

Hochwass

© Thomas Probst, Alpenforschungsinstitut GmbH

Überschwemmungsgebiet

FFH-Gebiet

Landschaftsschutzgebiet

Waldfunktionen

Bodenschutz

Lawinenschutz

Siedlungsentwicklung

Hochwasser

Schlammlawinen

36

Vulnerabilität in einem fiktiven Hochalpendorf

Siedlungsentwicklung

© Thomas Probst, Alpenforschungsinstitut GmbH

Hochwasser


Das Interreg IIIB-Projekt

„ClimChAlp“ (www.climchalp.org)

als strategisches

Projekt untersucht die

Auswirkungen des Klimawandels

im Alpenraum und will

Adaptationsstrategien zum

Umgang mit den zu erwartenden

Klimafolgen aufzeigen. Das zweijährige

Projekt wird bis März 2008 federführend vom

Bayerischen Staatsministerium für Umwelt,

Gesundheit und Verbraucherschutz unter

Beteiligung von 22 Projektpartnern aus allen

Alpenländern durchgeführt.

Das Gesamtprojekt umfasst neben organisatorischen

vier thematische Arbeitspakete: Im

Arbeitspaket fünf stehen die Art der Klimaänderung

im Alpenraum und die sich hieraus

ergebenden Naturgefahren im Mittelpunkt. Die

Erarbeitung von regionalen Klimaszenarien soll

eine Datengrundlage für die Untersuchungen

in den anderen Arbeitspaketen bieten sowie

die Informationsbasis für die weitere Arbeit der

politisch-administrativen Ebene verbessern (z.

B. Auswirkungen auf die Hochwasserentwicklung

auf der Basis hydrologischer Modelle). Das

Arbeitspaket 6 beschäftigt sich mit Monitoring,

Vorbeugung und Management spezifischer

Auswirkungen des Klimawandels auf den

Naturraum, mit den Schwerpunkten Permafrostböden,

Hangmonitoring und Geschiebemanagement.

Das Arbeitspaket 7 betrachtet die Auswirkungen

des Klimawandels auf die Raumentwicklung

und die Wirtschaft. Das Arbeitspaket 8

„Flexible Response Network“ widmet sich den

Reaktionsmöglichkeiten auf Naturgefahren im

Alpenraum. Innerhalb verschiedener Modellregionen

werden unterschiedliche Reaktionsstrategien

auf verschiedene Naturgefahren

erprobt. Der Dialog über die Naturgefahren

und die damit verbundenen Risiken für die

einzelnen (Wirtschafts-)Bereiche wird initiiert

sowie Handlungsempfehlungen differenziert

für unterschiedliche Anforderungen erarbeitet.

Workshop 2 – Fallbeispiel

Auswirkungen des Klimawandels auf Raumentwicklung

und Wirtschaft (Interreg III B-Projekt ClimChAlp)

An der Bearbeitung des Arbeitspakets 7 – die

Auswirkungen der Klimawandels auf die

Raumentwicklung und Wirtschaft – beteiligen

sich acht Projektpartner aus sechs Ländern. In

Modellregionen in Frankreich, der Schweiz,

Deutschland (Landkreis Berchtesgadener Land),

Österreich, Slowenien und Italien werden die

Folgen des Klimawandels für die Bereiche

Naturgefahren, Siedlungsentwicklung und Verkehr,

Tourismus, Land-, Forst- und Wasserwirtschaft

sowie die gesamträumliche Entwicklung

analysiert. Darauf aufbauend werden Strategien

erarbeitet, wie die Modellregionen auf

die Veränderungen reagieren können, um eine

nachhaltige Raum- und Wirtschaftsentwicklung

zu gewährleisten. Als letzter Schritt soll eine

Synthese der Ergebnisse erfolgen, die auch

Transfermöglichkeiten auf andere Modellregionen

berücksichtigt und Empfehlungen für ein

change management im gesamten Alpenraum

ausspricht.

Zunächst wurde eine Bestandsaufnahme zu

den Auswirkungen des Klimawandels auf die

Raumentwicklung und Schlüsselfaktoren der

Wirtschaft vorgenommen. Zukunftsszenarien

mit Zielhorizont 2030/2050 wurden entworfen,

um sowohl positive wie negative Folgen

zu identifizieren und Reaktionsmöglichkeiten

mit den Partnern vor Ort auf Ebene der

Landkreise und Kommunen aufzuzeigen. Die

nachfolgenden Darstellungen stellen vorläufige

Ergebnisse (preliminary results) der einzelnen

Modellregionsstudien dar, die durch die Partner

des Arbeitspaketes 7 übermittelt wurden.

Für die Auswirkungen des Klimawandels auf

die Raumentwicklung zeichnet sich ab, dass

die Herausforderungen in der Zunahme der

Eintrittswahrscheinlichkeit von Naturgefahren

und größeren Schadenspotenzialen liegen

werden. Daneben verringern sich die ökonomischen

Bodenwerte. Schließlich kommt es zu

einer Verschärfung von Nutzungskonflikten,

etwa zwischen Siedlungsentwicklung und

Hochwasserschutz oder Landwirtschaft und

(Flächen-)Management im Kontext von Naturgefahren.

Als mögliche Reaktionsmöglichkeiten

werden zunächst die Verbreitung „Guter

Beispiele“ für Anpassungsstrategien, eine verbesserte

Koordination zwischen Raumplanung

und Risikovorsorge wie auch die steigende

Bedeutung der Raumplanung im Bereich der

„Schlichtung“ von Nutzungskonflikten identifiziert.

In der Landwirtschaft werden sich die Folgen

des Klimawandels regional unterschiedlich

auswirken. Extremwetterereignisse, Hitzewellen

und Dürren werden die Ernteergebnisse beeinträchtigen

und die Schadensanfälligkeit gegenüber

Krankheiten erhöhen. Aber auch positive

Wirkungen wie etwa die Verlängerung der

Vegetationsperiode verändern die Anbaubedingungen

und Anbauprodukte, z.B. Umwidmung

von Grasland in Ackerland und Flächen

für Wein- und Obstanbau in nördlicheren

Regionen. Reaktionsmöglichkeiten liegen u.a.

in der Änderung von Anbaumethoden, der

Diversifizierung der Einkommensalternativen

für Landwirte und der Anpassung der Agrarpolitiken

auf EU- bis zur regionalen Ebene.

Die Forstwirtschaft wird ebenfalls durch die

vermehrten Naturgefahren wie Sturmereignisse

mit Windbruchgefahr, Lawinengefahr,

etc. beeinträchtigt. Wie in der Landwirtschaft

sind die erhöhte Anfälligkeit gegenüber

Margit Hiller

Bayerisches Staatsministerium für Wirtschaft,

Infrastruktur, Verkehr und Technologie

Krankheiten wie Borkenkäferbefall und die

damit verbundenen ökonomischen Schäden

sowie ein potenzieller Verlust an biologischer

Vielfalt von Bedeutung. Wasserknappheit und

Verdrängung von Arten werden sich auf die

Erträge der Forstwirtschaft auswirken. Als

Reaktionsmöglichkeiten werden bislang der

standortgerechte Waldumbau, klimaangepasstes

Forstmanagement sowie ökonomische

Finanzausgleichsmechanismen angeführt.

Im Tourismus werden Herausforderungen in

der verkürzten Winter- und verlängerten Sommer-,

Frühjahrs- und Herbstsaison gesehen.

Kürzere Winter mit teilweisem Schneemangel

können gerade in niedrig gelegenen Destinationen

zu Problemen für den Skitourismus führen

und sich hemmend auf Investitionen in der

Wintersportinfrastruktur auswirken. Chancen

bieten sich dagegen für den Sommertourismus.

Alpine Destinationen werden angesichts der

steigenden Temperaturen in Südeuropa an

Bedeutung gewinnen. Kleinräumig können hier

große Unterschiede im Hinblick auf den ökonomischen

Impakt auftreten, da nicht alle Orte

gleicher Maßen von den Wirkungen betroffen

sind. Reaktionsoptionen liegen in der Neupositionierung

einzelner Orte und Betrieb im

Tourismusgeschäft. Dies kann verbunden sein

mit einer Änderung der Angebotspalette,

Alternativangeboten, einer Abkehr vom

Schwerpunkt Skisport im Winter. Ökonomische

Anpassungsmaßnahmen etwa in Form von Saisonzeitenverlängerungen

durch Kunstschnee

stehen hier ökologischen Strategien sowie dem

Klimaschutz (CO 2

-Vermeidung) entgegen. •

37


© Kosina/Land Oberösterreich

38


Oberösterreich ist bereits seit vielen Jahren im

Klimaschutz engagiert. Als Meilensteine werden

u.a. der Beitritt zum Klimabündnis 1991

gesehen, die Einführung eines Klimaschutzbeauftragten

im Jahr 2000, die Entwicklung

einer nationalen Klimaschutzstrategie 2002,

das oberösterreichische Klimaforschungsprogramm,

die Einbeziehung von Nichtregierungsorganisationen

in der Plattform „Klimarettung“

(www.klimarettung.at) sowie 2007

der Beginn zur Erarbeitung einer nationalen

Anpassungsstrategie.

Das Hochwasser in Oberösterreich im Jahr

2002 mit einem ökonomischen Schaden

von 1,1 Mrd. EUR wurde dabei als Chance

genutzt, Politik und Bevölkerung für den

Klimawandel und seine Folgen zu sensibilisieren

und systematisch Anpassungsmaßnahmen

zu erarbeiten. Hierzu wurden

sechs Arbeitsgruppen zu den Themen

„Katastrophenmanagement“, „Absiedelung“,

„Schutzwasserbau“, „Raumordnung,

Baurecht und Umwelt“ sowie „Klimaschutz“

gebildet. Im Zusammenhang

mit dem Katastrophenschutz wurden die

Zuständigkeiten neu geregelt und über finanzielle

Entschädigungen auch die Hilfe von in

Betrieben freigestellten Mitarbeitern angeregt.

Beispiele für die erfolgreiche Arbeit sind:

• Nicht in allen hochwassergefährdeten

Bereichen können Siedlungen vollständig

rückgebaut werden. In einem häufig betroffenen

Gebiet nahe der Donau wurden

aber sämtliche Gebäude abgesiedelt.

Dadurch konnte der geplante Hochwasserdamm

auf ein geringeres und billigeres

Schutzniveau dimensioniert werden.

237 Häuser wurden abgerissen und die

Besitzer durch Bund und Land mit 80%

des Zeitwerts sowie der Abbruchkosten

entschädigt. Absiedlung spielt auch durch

mediale Berichte eine wichtige Rolle in der

Bewusstseinsbildung zu den Risiken von

Naturgefahren.

Der Finanzierungsschlüssel innerhalb

von Gemeindeverbänden im Kontext des

technischen Hochwasserschutzes erfolgt

über die erwarteten Schutzwirkungen des

Gesamtmaßnahmenplans. Die Veranschaulichung

mit Hilfe von Karten über unterschiedliche

Gefahrenzonen wird sowohl für

die Planung als auch für die Sensibilisierung

der Bevölkerung (Internet) genutzt. Schließlich

werden Vorwarnsysteme installiert, um

die Bevölkerung im Hochwasserfall frühzeitig

zu informieren.

Workshop 3 – Fallbeispiel

Integrierte Anpassungsstrategien – Aktivitäten in

Oberösterreich, Österreich und bei AMICA-Partnern

• Neben der Überprüfung von Flächenwidmungen

im Zusammenhang mit Naturgefahren

war im Entwurf der Bauordnungsnovelle

vorgesehen, beim HQ 30 keinen

Neu-, Zu- und Umbau mehr vorzunehmen.

Im Bereich des HQ 100 sollte nur hochwassersicher

unter Berücksichtigung der

Nachbargrundstücke gebaut werden. Die

tatsächliche Regelung schreibt die hochwassersichere

Bauweise in beiden Bereichen

vor. Weitere Regelungen betreffen die

Hochwassersicherheit von Ölheizungen.

In einigen Fachpolitiken wurden gleichfalls

offensiv Anpassungsstrategien erarbeitet, beispielsweise

in der Waldwirtschaft (gemischte

Wälder, Verjüngung), der Landwirtschaft (Versicherungen,

Grünland) und der Wasserversorgung

(Diversifikation von Quellen, geringerer

Anteil von Hausbrunnen). Andere Fachpolitiken

zeigen sich dagegen eher zurückhaltend

wie der Tourismus, die Energieversorgung,

Verkehr und Gesundheit.

Die Erfahrungen zeigen, dass

• Anpassung auf lokaler Ebene einfacher

argumentierbar ist.

• Anpassung dann leicht fällt, wenn Maßnahmen

mit bisherigen Strategien kompatibel

sind. Katastrophen können als „Chance“

genutzt werden, aber man sollte stets

die „Vergessenskurve“ beachten.

• integrierte Koordinierung stets abhängig

ist von freier Kapazität und persönlichem

Engagement!

Österreich ist zudem Partner im Interreg IIIC-

Projekt „AMICA Adaptation and Mitigation

– an Integrated Climate Policy Approach“

(www.amica-climate.net). In diesem Kooperationsprojekt

entwickelten zwölf Partner

aus Deutschland, Frankreich, Italien, den

Niederlanden und Österreich Strategien zum

Klimaschutz und Adaptionstools auf kommunaler

Ebene. Die vorgestellten Themen

konzentrierten sich auf den Hochwasserschutz

und den Umgang mit Hitzewellen in Städten.

Am Beispiel Venedig wurde ein Frühwarnsystem

zur Tidenbewegung vorgestellt, das auch

die Wege als Lebensadern im Hochwasserfall

in das Konzept integriert.

Als Reaktion auf die knapp 15.000 Hitzetoten

in Frankreich im Sommer 2003 wurde dort

ein nationaler Hitzewellenplan entworfen,

der sowohl auf die bessere medizinische

Versorgung insbesondere der alten Menschen

Bezug nimmt, als auch auf die Bereitstellung

„gekühlter Räume und Plätze“.

Am Beispiel Energieversorgung zeigt das

AMICA-Projekt, wie Klimaschutz und CO 2

-

Einsparung mit Adaptation verbunden werden

kann. Extremwetterereignisse wie Stürme oder

Hochwasser sowie sommerliche Dürren können

die zentrale Energieversorgung infolge

von Schäden an der Infrastruktur oder Mangel

an Kühlwasser bei der Stromerzeugung beeinträchtigen.

Eine dezentrale Energieversorgung

dagegen könnte hier Versorgungslücken decken

helfen – bei gleichzeitigem Ersatz fossiler

Brennstoffe durch regenerative Energien.

Andreas Drack

Klimabeauftragter, Land Oberösterreich

Die CO 2

-neutrale Energieversorgung kann

somit zur Anpassung an Klimawandelfolgen

beitragen. Am Beispiel bautechnischer Maßnahmen

an Gebäuden wurde der Effekt der

Energieeinsparung (und damit ein verminderter

CO 2

Ausstoß) durch Wärmeisolierung

beschrieben. Gleichzeitig hilft diese Isolierung,

verbunden mit Maßnahmen zum außen

liegenden Sonnenschutz und Dachbegrünung,

zur Kühlung von Gebäuden. Die Beispiele zur

Umsetzung dieser Prinzipen stammen aus

Stuttgart und den Niederlanden.

Schlussendlich zeigt die Diskussion um

Schneekanonen im Wintertourismus, dass

Mitigation und Adaption zu Zielkonkurrenzen

in der Raumentwicklung führen können. •

39


Dr. Gerhard Overbeck (Akademie für Raumforschung und Landesplanung)

In der Diskussion um den Hochwasser- und Küstenschutz wurde deutlich, dass durch das Aufrüsten technischer Sicherungsmaßnahmen

oftmals das Erfahrungswissen zu Risiken und das Gefühl für die Vulnerabilität verloren geht. Es besteht die Gefahr, dass

Nutzungen in Risikozonen nachrücken, weil man sich sicher fühlt, und damit das Schadenspotenzial noch steigt. Wichtig wäre, in

Risikozonen auf ein breiteres Portfolio von Maßnahmen zu setzen oder dieses zumindest auszuloten: Welche Alternativen gibt es zum

rein baulich-technischen Schutz? In Kosten-Nutzen-Analysen sollten deshalb nicht nur technische Schutzmaßnahmen sondern

auch alternative Möglichkeiten wie Nutzungszonierungen oder auch -aufgabe einbezogen werden. In diesem Kontext könnten

präventive Maßnahmen im Rahmen von Kompensation und Lastenausgleich belohnt und damit gefördert werden.

Prof. Dr. Dr. Olaf Kühne (Ministerium für Umwelt des Saarlandes)

Von besonderer Bedeutung ist, dass der Klimawandel aus raumordnerischer Perspektive nicht isoliert betrachtet, sondern mit anderen gesellschaftlichen

Veränderungsprozessen, beispielsweise dem ökonomischen Wandel mit einem veränderten Zugriff auf Rohstoffe oder dem demographischen

Wandel, rückkoppelt werden sollte. Eine zentrale Herausforderung für die Raumordnung ist die Ermittlung von „Hot Spots“

neuer Nutzungskonkurrenzen. Die räumlichen Festlegungen sollten dabei den Prognoseunsicherheiten Rechnung tragen und Fehlertoleranzen

aufweisen: Es geht eher um flexible Zonierungen – Stichwort: „verändern“ – anstelle starrer Grenzziehungen. Grundlage für die Ermittlung von

Risikozonen, Nutzungskonkurrenzen wie auch von Anpassungsstrategien sind regionale Klimaprognosen, die bundesweit koordiniert werden

sollten, damit wir in den Ländern von einer einheitlichen Datenbasis ausgehen. Wichtig ist auch, dass wir aus den Erfahrungen anderer lernen

können, weshalb die Einrichtung einer Plattform für Good-Practice-Lösungen begrüßt wird.

Dr. Ivo Gerhards (Regierungspräsidium Gießen)

Wir können feststellen, dass nach Extremereignissen die „Vergessenskurve“ einsetzt. Nach kurzer Zeit sind Risiken und Schäden wieder

aus dem Blickwinkel der Öffentlichkeit verschwunden, und vorgesehene Maßnahmen werden in der Umsetzung sehr stark zurück genommen.

Deshalb ist das Schaffen von Problembewusstsein unabdingbar; hier zeigen sich durchaus Parallelen zum demographischen

Wandel. Ein wesentlicher Punkt ist zudem die Bildung von Verantwortungsgemeinschaften und Netzwerken: Die Strategien zu

Mitigation und Adaption setzen auf verschiedenen räumlichen und fachlichen Ebenen an; Bund, Länder, Regionen und Kommunen

müssen zusammen arbeiten; die Fachpolitiken müssen einbezogen werden, ebenso die Wirtschaft, Banken, Versicherungen und andere

gesellschaftliche Gruppen. Raumordnerische Instrumente müssten auch zur Qualität von Raumnutzungen Aussagen machen; gleichzeitig

könnte die Raumplanung im Sinne einer Regionalentwicklung tätig werden und Schnittstellen zum Regionalmanagement bzw. der konkreten

Umsetzungsebene aufzeigen. Wichtig ist es, dem Eindruck entgegenzuwirken, dass die Raumplanung im Zusammenhang mit dem

Klimawandel nur eine Rolle als restriktiv wirkende Verhinderungsplanung spielt; insofern sollten durch den Klimawandel sich bietende,

positive Entwicklungsmöglichkeiten aufgezeigt werden, die durch die Raumplanung vorbereitend gesteuert werden können.

40


Ergebnisse der Diskussion in den Workshops

Die „Top Ten“ der Ergebnispräsentation:

1

2

3

4

5

Es wurde angeregt, die erforderlichen Datengrundlagen

zum Klimawandel, wie beispielsweise regionalisierte Klimaund

Wirkmodelle, bundesweit zu koordinieren und eine

Plattform für Good-Practice-Lösungen zu installieren.

Gefahrenzonen und „Hot Spots“ der raumrelevanten

Klimafolgen und Nutzungskonkurrenzen müssen räumlich

hinreichend konkret identifiziert werden. Der Vulnerabilitätsaspekt

muss hierzu stärker als bisher in die Planungspraxis

integriert werden. Dies setzt eine Diskussion um

Gefährdung und Wertigkeit von Schutzgütern voraus.

Eine zentrale Aufgabe der Raumplanung besteht darin, Leitbilder

und Anforderungen für „resiliente“ Raumstrukturen

zu formulieren. Darunter sind Raumstrukturen zu verstehen,

die auf Schädigungen und Extremereignisse robust

und flexibel reagieren. Dieser Aspekt kommt insbesondere

in den Stadt- und Metropolregionen zum Tragen, da sich

hier sowohl Bevölkerung als auch kritische Infrastrukturen

konzentrieren – mit steigender Tendenz.

Anstatt einer Fokussierung auf technische Sicherungsmaßnahmen

stehen integrierte Anpassungsstrategien, flexible

Maßnahmen-Portfolios, No Regret-Strategien und umfassende

Kosten-Nutzen-Analysen alternativer Maßnahmen im

Vordergrund.

Anpassungsstrategien sollten mit Modellen ökonomischer

Steuerung (Kompensationsmaßnahmen, Lastenausgleich)

und mit sektoralen Förderpolitiken gekoppelt werden. Es

wäre sinnvoll, präventive Maßnahmen anzurechnen und

hinsichtlich Mitigation und Adaption „gut aufgestellte“

Städte und Regionen zu belohnen.

6

7

8

9

10

Die Auswirkungen des Klimawandels müssen in die bestehenden

Instrumente der Raumplanung integriert werden.

Neue Instrumente wie „Climate proofing“ oder „Vorranggebiete

für den Klimaschutz“ wurden begrüßt, allerdings

bestehen v.a. beim „Climate proofing“ Bedenken hinsichtlich

einer Formalisierung.

Eine Flexibilisierung von Raumplanung ist unabdingbar, um

mit Unsicherheiten umgehen zu können, beispielsweise

durch den Einsatz von Szenariotechniken, durch Zonierungen

anstelle starrer Grenzziehungen oder die Einbindung

in begleitende Governance-Prozesse.

Risikokommunikation und -wahrnehmung, risk governance

und Risikomanagement, strategische Partnerschaften und

Verantwortungsgemeinschaften sind wesentliche Handlungsansätze

zur Bewältigung der komplexen Herausforderung

des Klimawandels.

Eine Rückkopplung des Klimawandels und seiner Folgen mit

anderen Prozessen des gesellschaftlichen Wandels wie beispielsweise

dem demographischen Wandel ist notwendig.

Eine gesellschaftliche Debatte um das notwendige Maß an

Sicherheit und den Wert von Schutzgütern, um individuelle

Risiken und Eigenverantwortung sowie den möglicherweise

erforderlichen Rückzug von Bebauung und Funktionen aus

Risikogebieten muss den normativen Rahmen für raumplanerisches

Handeln setzen.

Die Ergebnisse der Workshops wurden dem

Plenum von Dr. Gerhard Overbeck (Akademie

für Raumforschung und Landesplanung), Prof.

Dr. Dr. Olaf Kühne (Ministerium für Umwelt

des Saarlandes) und Dr. Ivo Gerhards (Regierungspräsidium

Gießen) präsentiert.

41


Dr. Manfred Stock (Potsdam-Institut

für Klimafolgenforschung)

Die Veranstaltung ist ein wichtiger Schritt in

die richtige Richtung. Wir sind aber erst am

Anfang; die Herausforderungen des Klimawandels

sind immens und erfordern Innovationen

in allen Bereichen.

In erster Linie müssen wir auch eine Werteund

Leitbilddebatte führen: Welche Werte

sind der Gesellschaft wichtig? Welches Leitbild

dient als Handlungsrahmen für Klimaschutzund

Anpassungsstrategien? Sind wir diesen

Herausforderungen gewachsen?

Kritische Reflexion

Wenn Hans-Joachim Schellenhuber sagt,

wir müssen unsere Städte neu erfinden,

dann gilt dies insbesondere mit Blick auf

deren Infrastrukturausstattung. Hier sind

Innovationen gefragt. Das gilt auch für neue

Infrastrukturen wie beispielsweise Pipelines für

CO 2

, wenn wir dieses in die Erde verpressen

wollen, Pipelines für Biogas oder neue Trassen

für europaweite Hochspannungsversorgungsnetze.

Ein flexiblerer Umgang mit Risiken ist ebenso

notwendig wie die Berücksichtigung von

Marktstrategien und Marktmechanismen im

Rahmen von Raumentwicklungsstrategien.

Gleichzeitig müssen wir das Risikobewusstsein

aller Beteiligten schärfen.

Dr. Mark Fleischhauer

(Universität Dortmund)

In allen drei Workshops ist deutlich geworden,

dass ein Bedarf besteht, das raumplanerische

Instrumentarium im Sinne

des Klimaschutzes und notwendiger

Anpassungsstrategien besser zu nutzen

bzw. auszubauen. Am Beispiel des Bestandsschutzes

wird deutlich, dass der Raumplanung

und ihrem formellen Instrumentarium

teilweise enge Grenzen gesetzt sind, soll das

Ziel einer resilienten Raumstruktur realisiert

werden. Anpassungsstrategien im Bestand lassen

sich mit planerischen Mitteln nur bedingt

umsetzen. Wir müssen uns auch die Frage

stellen, wie das formelle Instrumentarium der

Raumplanung den Prognoseunsicherheiten

der Klima- und Wirkmodelle begegnet.

Im Zusammenhang mit neuen Planungsansätzen

– Stichwort „risk governance“ – kann

die Raumplanung eine wichtige Funktion

übernehmen – sei es durch Moderation von

Prozessen oder durch das Einbringen ihrer

Kernkompetenzen, also der Lösung von räumlichen

Nutzungskonflikten.

Szenarien und Leitbilder spielen eine wichtige

Rolle im Anpassungsprozess. Hier sollte die

Raumplanung ihre Kompetenzen nutzen und

beispielsweise Szenarien für die Frage öffnen,

was möglich wäre, wenn Anpassung nicht

mehr geht und ein Rückzug aus bestimmten

Bereichen sinnvoll wäre. Leitbilder können unter

dem Aspekt der Resilienz weiterentwickelt

werden. Schließlich könnte die Forderung

nach einer „climate proofed“ Planung auf

eine „change proofed“ Planung ausgeweitet

werden, die auf raumstrukturelle

Auswirkungen aller gesellschaftlichen

Veränderungsprozesse robust und flexibel

reagieren kann.

42


Kritische Reflexion und Ausblick

Hanno Osenberg

(Bundesministerium für Verkehr, Bau

und Stadtentwicklung)

Wenn das Ziel dieser Veranstaltung war, den

Aufgabenzettel der Raumordnung und die Fokussierung

zukünftiger Forschungsfragen für

die Modellvorhaben der Raumordnung zum

Thema Klimawandel reichlich zu füllen, dann

haben wir dies sicherlich erreicht.

Ich sehe für die Raumordnung einen Schwerpunkt

in der Informationsbereitstellung und

-vermittlung, um die Wirkungen des Klimawandels

sektoral und räumlich differenziert

transparent zu machen und auf dieser Basis

Handlungsspielräume der öffentlichen Hand

und die Notwendigkeit der Eigenverantwortung

auszuloten. Für die Entscheidungsfindung

spielen belastbare Grundlagen,

verfügbare „Gute Beispiele“, aber auch eine

konsequente Einbindung des Vulnerabilitäskonzepts

sowie von Kosten-Nutzen-Analysen

für alternative Klimaschutz- und Anpassungsstrategien

eine Schlüsselrolle. Gleichzeitig

müssen wir lernen, mit Prognosenunsicherheiten

umzugehen, diese offen zu

legen und mit Risikobandbreiten und

Risikozonen zu arbeiten.

Eine zentrale Aufgabe der Raumordnung ist

die Integrations- und Steuerungsfunktion, um

Ziel- und Flächenkonkurrenzen im Rahmen

einer Integration verschiedener Interessen und

sektoraler Sichtweisen bewältigen zu können.

Raumordnung ist jedoch kein Solist, sondern

ist in ihrer Moderationsrolle immer auf die

Arbeit, Motivation und Innovationsfreudigkeit

vieler Akteure angewiesen. Governance-Prozesse

im Sinne von risk-governance gewinnen

hier an Bedeutung, um Synergien nutzen und

abgestimmte Strategien flexibel umsetzen zu

können.

Raumordnung hat einen begrenzten

Handlungsspielraum. Dennoch kann sie

mit der Entwicklung von Leitbildern für

resiliente (anpassungsfähige, belastbare)

Raumstrukturen eine Vorreiterrolle und

Vorbildfunktion übernehmen.

Den Dialog festigen

Die Veranstaltung zeigte, dass der sektorübergreifende

Dialog und Austausch zwischen

Raumplanung und Klimaforschung wertvoll

ist. Dieser Dialog sollte zum integralen

Bestandteil des Forschungsprozesses gemacht

werden, um die begonnene, sehr

viel versprechende Diskussion weiterzuführen.

Viele Aspekte und offene Fragen

zur Entwicklung adäquater Raumentwicklungsstrategien

zum Klimawandel wurden

angesprochen; die Ergebnisse werden in den

weiteren Forschungsprozess einfließen.

Dr. Manfred Stock (Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung)

und Dr. Mark Fleischhauer

(Universität Dortmund) kommentierten die

Diskussion. Hanno Osenberg (Bundesministerium

für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung)

zog das Fazit des Tages.

43


Die Herausgeber haben versucht, alle Inhaber von Urheberrechten

zu kontaktieren. Bei eventuellen Versäumnissen bitten wir, Kontakt

mit den Herausgebern aufzunehmen. Alle Rechte verbleiben bei

den Autoren.

Veranstaltungsfotos: BMVBS, BBR und Planungsgruppe agl

Titelbild: Einzelelemente: Deutscher Wetterdienst; Gestaltung:

Planungsgruppe agl | Seite 6: BBR 2006; verändert | Seite 8: M.

Zebisch, TUB/PIK 2002 | Seite 10: IPCC 2007 | Seite 12: BBR 2007

auf der Basis der ESPON-Projekte 1.3.1; 4.3.1 | Seite 16: links und

rechts oben: Deutscher Wetterdienst 2007; rechts unten: IPCC

2007 (WGI-AR4, Summary for Policymakers, Feb. 2007) | Seite

18: links oben: Jacob, Kreienkamp u.a. (Max-Planck-Institut für

Meteorologie, Climate & Environment Consulting Potsdam GmbH):

Regionale Klimaszenarien für Deutschland, 2006; unten: WETTREG:

Spekat, Enke, Kreienkamp (Climate & Environment Consulting

Potsdam GmbH): Neuentwicklung von regional hochaufgelösten

Wetterlagen für Deutschland und Bereitstellung regionaler Klimaszenarios

..., Umweltbundesamt 2007; REMO: Max-Planck-Institut

für Meteorologie, 2007; rechts: WWF Deutschland, M. Hübner,

P. Klepper: Kosten des Klimawandels, 2007 | Seite 19: Dr. Paul

Becker | Seite 20: Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung; rechte

Abbildung nach IPCC 2007 | Seite 22: links: Potsdam-Institut für

Klimafolgenforschung; rechts: Kropp et al. 2006, Climatic Change

| Seite 24: Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung | Seite 30:

Bergischer Ring e.V., Wolf Birke, aufgenommen am 9. Mai 2006,

Stadt Haan, Stadtteil Gruiten; Zapfsäule www.wwf.de/uploads/

pics/260_Kollage_Biofuel_Zapfsaeule.jpg | Seite 34: links oben: Ing.

Büro Hydrotec, Aachen; rechts oben: Bayerisches Landesamt für

Umwelt, Ref. 81; rechts unten: Hamshire County Council Winchester,

GB (HCC) | Seite 36: Thomas Probst, Alpenforschungsinstitut

GmbH | Seite 38: Kosina/Land Oberösterreich.

Bildnachweis

45


Dokumentation der Fachtagung am 30. Oktober 2007 im Umweltforum Berlin

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