Bittere Kräuter - Kneippbund

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Bittere Kräuter - Kneippbund

Bittere

Kräuter

als Lebenselixiere

Alle Fotos: © Zwander

Herzgespann

Bittere Arzneien sind die wirksamsten“

sagt der Volksmund und die Einnahme

eines bitteren Tees ist wohl der Inbegriff

einer wirksamen Krankheitsbehandlung –

allerdings können „bitterböse Blicke“ auch

so manche Krankheit erst erzeugen!

In der Volksheilkunde der Alpenländer

ist eine Vielzahl von Heilkräutern bekannt,

die auf Grund des Gehalts an Bitterstoffen

als Arzneipflanzen verwendet

werden. So einfach die geschmackliche

Zuordnung der Empfindung „bitter“ ist,

so schwierig ist die chemische Definition.

Es gibt kein allgemein gültiges molekulares

Merkmal, das man für den Bittergeschmack

verwenden könnte – pflanzliche

Bitterstoffe weisen ganz unterschiedliche

Strukturen auf, gemeinsam ist ihnen nur

die Interaktion mit den Geschmacksrezeptoren

für bittere Stoffe auf der Zunge

und auf dem Gaumen.

Aus der Sicht des berühmten Zitats des

russischen Evolutionsbiologen Theodosius

Dobzhansky „Nichts in der Biologie

ergibt einen Sinn, außer unter dem Blickwinkel

der Evolution“ muss es für die

Pflanzen einen evolutionsbiologisch bedingten

Sinn ergeben, Stoffwechsel-Energie

in die Produktion von Bitterstoffen zu

investieren.

Viele Pflanzen signalisieren damit eine

Giftwirkung und lösen ein Fressvermeidungsverhalten

aus. Alle Hunde- und KatzenbesitzerInnen

wissen, dass diese Tiere

bitteres Futter absolut vermeiden. Anders

schaut es bei Pflanzenfressern aus, die im

Lauf der Evolution wohl oder übel lernen

mussten, mit den Bitterstoffen in Pflanzen

umzugehen, wobei auch diese Tiere extrem

bittere Pflanzen vermeiden, was sehr

gut auf Almen mit einem Vorkommen von

großwüchsigen Enzian-Arten wie z. B.

dem Gelben Enzian und dem Punktierten

Enzian beobachtet werden kann.

Andererseits ist aber auch bekannt, dass

eine gewisse Menge an Bitterstoffen im

Futter für Pflanzenfresser ihrer Gesundheit

durchaus zuträglich ist – es gibt sogar

die Meinung, dass der Mangel an Bitterstoffpflanzen

auf überdüngten Wiesen

für den Gesundheitszustand der Pflanzen

fressenden Haustiere stark negative Wirkungen

hat.

Text: Mag. Dr. Helmut Zwander

In der Evolution des Menschen lebten

die verschiedenen Vertreter der Gattung

Homo über viele Jahrmillionen als Jäger

und Sammler, wobei durch das Sammeln

von Wurzeln und Feldfrüchten immer ein

großer Teil zur Ernährung der Gruppe

beigesteuert wurde. Erst durch die Nutzung

des Feuers und in Folge durch die

Erfindung des Bratens und des Kochens

konnten viele der bitterstoffhältigen

Pflanzen genießbar gemacht werden. Es

gibt begründete Vermutungen, dass durch

dieses Aufschließen und die Veredelung

der Pflanzennahrung erst die Basis für

die Energieversorgung des immer größer

werdenden Gehirns geschaffen wurde.

Die reflektorische Reaktion des Körpers

auf die Aufnahme von Bitterstoffen ist

die Steigerung der Tätigkeit der Verdau-

Punktierter Enzian

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07-08/2012


Heilpflanzen

ungsdrüsen. Es ist ja sinnvoll, dass unser

Körper auf ein von den Bitterstoffen ausgelöstes

Signal mit einer Zunahme an

Stoffwechselaktivität reagiert, und genau

diese Reaktion des Organismus ist auch

die erwünschte Wirkung auf die Anregung

des Appetits, der Darmperistaltik und des

Verdauungsprozesses. Zusätzlich zum Bereich

der Mundhöhle gibt es Rezeptoren

für Bitterstoffe auch im Bronchialsystem,

wo eine Aktivierung dieser Rezeptoren zu

einer Erschlaffung und damit zu einer Erweiterung

der Luftwege führt.

Die Synthese von Bitterstoffen als wirksame

ökologische Faktoren gegen das

Gefressenwerden wurde in vielen Pflanzenfamilien

entwickelt. Von arzneilicher

Bedeutung sind speziell die Bitterstoffe

der Enziangewächse, der Korbblütler

und der Lippenblütler. In der Wurzel des

Gelben Enzians mit dem Amarogentin

ist die Substanz mit dem größten Bitterwert

eines Naturstoffs vorhanden – dieser

Bitterstoff ist vom Menschen noch in

einer Verdünnung von 1 zu 58 Millionen

wahrnehmbar! Eine zweite sehr verbreitete

Heilpflanze aus der Familie der Enziangewächse

ist das Tausendguldenkraut,

das fast immer als Einzelteedroge angewendet

wird. Es ist die bekannteste Heilpflanze

aus der Hausapotheke – sie leistet

bei Völlegefühl und Verdauungsschwäche

eine schnelle und verlässliche Wirkung.

In der Familie der Korbblütler gibt es

viele Heilpflanzen, die auf Grund der

Bitterstoffe in Verwendung sind. Dazu

gehören z. B. das Benediktenkraut, die

Artischocke, der Löwenzahn und die

Schafgarbe; aus der Wegwarte, ebenfalls

eine bekannte Bitterstoffpflanze, wurden

die verschiedenen Radicchio-Varianten

herausgezüchtet, die auf Grund ihres

leichten Bittergeschmacks zu den beliebtesten

Salaten zählen. Die bekannteste

Bitterstoffdroge aus

der Familie der Korbblütler

und sogar der

Inbegriff für die „Bitterkeit

mancher Vorkommnisse“

ist der

Wermut, der zur Gattung

Artemisia zählt.

Von den 55 in Europa

heimischen Wermut-

Arten ist der Echte

Wermut (Absinth)

Gelber Enzian

Wermut

mit Abstand der bedeutendste Vertreter.

,,

Der Bitterwert des Absinthins liegt mit

1 zu 12 Millionen zwar weit unter dem

Amarogentin des Enzians, dafür sind die

Bitterstoff-Pflanzen

,,

haben für die Gesundheit

von Menschen

und Tieren eine große

Bedeutung.

Blätter viel leichter verfügbar als die Enzianwurzeln.

Neben der Verwendung als

Einzelteedroge gibt der Wermut vielen

Kräuterlikören sein typisches Aroma.

In der Familie der Lippenblütler gibt es

ebenfalls sehr viele Heilpflanzen mit Bitterstoffen.

Bekannt sind vor allem das

Herzgespann, der Salbei, der Andorn

und der Gamander. Natürlich darf zum

Schluss dieses Beitrages eine Bitterstoffpflanze

keinesfalls fehlen: der Hopfen!

Bei dieser Kultpflanze aller BierliebhaberInnen

sieht man gut, dass ein sonst eher

fades Getränke durch einen leichten bitteren

Geschmack stark an Qualität gewinnt

– die passionierten Freunde eines hopfigen

Pilseners werden das bestätigen!

Kardobenedikt

Artischockenböden

Hopfen

Schafgarbe

Radicchio

07-08/2012

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