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WIRTSCHAFT+MARKT Mit Augenmaß geplant (Vorschau)

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A 40799 ■ ISSN 0863-5323 ■ 22. Jahrgang ■ Oktober 2011 ■ Preis: EURO 3,50

Wirtschaft&Markt

Wirtschaft&Markt

DAS OSTDEUTSCHE WIRTSCHAFTSMAGAZIN

DURCHBLICK

Gründer-Analyse

EINSICHT

Bildung zuerst

AUSSCHAU

Zukunft Ost

Finanzminister Helmuth Markov, Brandenburg:

Mit Augenmaß geplant


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EDITORIAL

Bangemachen gilt nicht

HELFRIED LIEBSCH

Chefredakteur

Liebe Leserin, lieber Leser,

womöglich sitzen Sie zuweilen vor dem

Fernseher und vermögen Ihren Augen

und Ohren nicht zu trauen. Länderpleiten

sind in Rede, Obama zieht mit einer

Buffett-Steuer in den Wahlkampf und

Piraten entern das Berliner Abgeordnetenhaus.

Oh Zeiten, oh Sitten! Die Wendungen

werden schroffer und jäher.

Auch als vor wenigen Wochen in Leipzig

vier Ministerpräsidenten – alle gebürtige

Ostdeutsche – zusammensaßen und

in die Zukunft der neuen Länder blickten

(S. 19), war Verblüffung angesagt. Mit

Verweis auf Strukturwandel, Bevölkerungsschwund

und Haushaltskonsolidierung

wurde eine kühne These vertreten:

Der Osten hat die künftige Entwicklung

des Westens schon hinter sich.

Der thüringischen Landesmutter

Christine Lieberknecht ging gegen den

Strich, dass den Ostdeutschen Unselbstständigkeit

vorgeworfen wird, ihnen es

an Initiative und Gründermut mangele.

Ihr Brandenburger Kollege Matthias Platzeck

sah sich schon als Berater für darbende

Kommunen West und Sachsens

Regierungschef Stanislaw Tillich verwies

auf vielerorts modernere Betriebe Ost.

Befeuert wurde die Debatte von der

Nachricht im August, dass »Capital« Leipzig,

Dresden und Jena zu den zehn wirtschaftsstärksten

deutschen Städten

zählt. Zuvor schon war Brandenburg wieder

zum dynamischsten Bundesland erkoren

worden. Und im Bildungsranking

siegten Sachsen und Thüringen. Wetterleuchten

der 20-jährigen Transformation

und Vorboten von Veränderungen.

Mahnende Stimmen, dass die neuen

Länder in allen wichtigen Kennziffern

dem Westen hinterherhinken, oder

Prognosen wie die von Ulrich Blum,

scheidenden IWH-Präsident, dass Ostdeutschland

nie über 90 Prozent des

Westniveaus hinauskommen werde, haben

keine Konjunktur. Gesundschrumpfen

und Wolfsansiedlung waren gestern.

Egal wie nachhaltig diese Stimmungsaufhellung

sein mag, der Osten hat entdeckt,

dass Bangemachen nicht gilt, dass

übersehen wird, wer sich kleinmacht.

Die neue Zukunftsgewissheit gründet

sich auf die Lernfähigkeit der Leute. Auf

ihre Veränderungsbereitschaft, ihren Unternehmungsgeist.

Wenn es zudem um

aktuelle Themen geht, wie die Vereinbarkeit

von Familie und Beruf, da sind die

neuen Länder mit ihrer besseren Kinderbetreuung

tatsächlich im Vorteil.

Und ein kleiner Trost angesichts jäher

Wendungen – the time ist out of joint,

die Zeit ist aus den Fugen, nörgelte ein

gewisser Shakespeare schon im »Hamlet«.

Vor mehr als 400 Jahren.

Herzlichst


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INHALT

WIRTSCHAFT & MARKT

im Oktober 2011

REPORT BETRACHTUNG SERIE

SEITE 26 SEITE 34

SEITE 14

MOTOREN-MONTAGE:

Chemnitzer VW-Werk wächst dynamisch.

MILLIARDEN-AUSBAU:

Energiewende wird im Osten teurer.

MARKEN, MACHER, MÄRKTE:

Görlitzer HIV-Fahnder liegen vorn.

Editorial

Aktuell

3

6

Bangemachen gilt nicht

Interview, Nachrichten, Pro und Contra, Impressum

Wirtschaft und Politik

TITEL

10

DR. HELMUTH MARKOV, stellvertretender Ministerpräsident und Finanzminister des

Landes Brandenburg, zu Auszeichnungen aus Brüssel, verstärkten Sparbemühungen

in Potsdam und Forderungen an Berlin in Sachen Euro-Krise

Serie

14

MARKEN-MACHER-MÄRKTE Partec GmbH: Diagnose-Technik zum kleinen Preis

Bericht

19

22

ILLUSTRES GIPFELTREFFEN IN LEIPZIG: Schöne Aussichten

BRAUMANUFAKTUR FORSTHAUS TEMPLIN: Bier braucht Heimat

Fotos: Harald Lachmann (3)

Interview

Report

Special

Betrachtung

W&M-Service

Verbands-News

Ständige Rubriken

Porträt

W&M Privat

Kolumnen

22

26

30

34

36

42

44

46

48

49

28

50

REINER RABE, Geschäftsführender Gesellschafter der ZAL Zentrum für Ausbildung

Ludwigsfelde GmbH, über Fachkräftemangel, ältere Arbeitnehmer, individuelle Lernangebote

und eine engere Verzahnung von Wirtschaft und Bildungsbranche

VW-MOTORENWERK: Innovation im Montageprozess

EXISTENZGRÜNDUNG Innovationsstandort Neue Bundesländer: Offen für Neues,

kreativ und unternehmerisch

AUSBAU DER STROMNETZE: Der Osten sieht rot

Steuern, Recht, Versicherungen

BBIK AKTUELL: Ingenieurkammertag – Siegt immer nur der Billigste?

VBIW: Antriebstechnik – Der Wankelmotor lebt

UV-Aktuell: Nachrichten aus den Unternehmerverbänden

HOTELIER-LEGENDE PRANTNER: RIMC auf Erfolgskurs

Leute & Leute

HEINER FLASSBECK: Austerität als einzige Lösung?

KLAUS VON DOHNANYI: Stringente Fiskalunion

Inhalt

WIRTSCHAFT & MARKT 10/11 5


AKTUELL

Fotos: DPA/Zentralbild (1), Archiv

INTERVIEW

PROF. DR. MANFRED

BORNMANN,

Bereichsleiter

Projekte bei der

RKW Sachsen GmbH

Clean ist Trumpf

W&M: Herr Bornmann, für den 17.

Oktober hat die Cleantech Initiative

Ostdeutschland zu ihrem ersten CIO

Campus an die Hochschule Magdeburg-Stendal

eingeladen. Was ist der

Denkansatz?

BORNMANN:

Der Begriff CIO

steht für ein umweltverträgliches,

energieeffizientes und Ressourcen

schonendes Wirtschaften

in allen Bereichen. Ostdeutschland

besitzt enorme

Potenziale im Bereich der sogenannten

sauberen Technologien.

Cleantech will Wissenschaft und

Wirtschaft enger miteinander

verknüpfen.

W&M: Und wer ist die Zielgruppe?

BORNMANN: Die Aktivitäten der

Entwickler, Hersteller und Anwender

innovativer Produkte

branchen- und länderübergreifend

zu bündeln, darauf zielt die

Cleantech Initiative Ostdeutschland

ab.

W&M: Und auf eine raschere Vermarktung

neuester Forschungsergebnisse?

BORNMANN: Genau das. Außerdem

geht es um eine engere,

schlagkräftigere Zusammenarbeit

bei der Gewinnung und Entwicklung

von Fachkräften.

W&M: Wer sind die Organisatoren?

BORNMANN: Ins Leben gerufen

wurde CIO vom Bundesinnenministerium.

Mit dem Management

wurden wir von der RKW

Sachsen GmbH betraut.

W&M: Sie hatten gute Referenzen?

BORNMANN: Seit 1990 unterstützt

unser Beratungs- und

Dienstleistungsunternehmen

mittelständische Firmen. Im

Rahmen der Mittelstandsförderung

des sächsischen Wirtschaftsministeriums

agieren wir

als Qualitätssicherer. Deutschlandweit

bieten wir ein breites

Spektrum zukunftsorientierter

Beratungsdienstleistungen an.

Konjunktur-Barometer

Potsdam in der Spitze

Westbrandenburger IHK-Bezirk landet beim Wirtschaftswachstum

bundesweit auf Platz zwei.

Kultbrause Vita

TRADITIONSMARKEN

Aus den Tiefen des Thüringer

Waldes quillt seit 1956 ein

kaffeebraunes Erfrischungsgetränk

namens Vita Cola auf

den Ostmarkt: Gebirgswasser,

versetzt nach Geheimrezept

mit Colanuss, Vanille, Zimtöl

Koffein und Zitrone, heutzutage

abgefüllt in Plastikflaschen, die

ihre ursprüngliche Form kaum

geändert haben. 20 Millionen

Euro hat die Schmalkaldener

Waldquell GmbH 2006 in eine

neue Abfüllanlage investiert

und ist in Thüringen Marktführer

geblieben. In den neuen Ländern

reicht es hinter Coca Cola

immer noch für Platz zwei.

BRUTTOWERTSCHÖPFUNG

Anteil der Bruttowertschöpfung verschiedener Wirtschaftsbereiche

an der Bruttowertschöpfung des Jahres 2010 (in Prozent)

■ neue Länder ■ alte Länder

Landwirtschaft

Produz. Gewerbe

Verarb. Gewerbe

Baugewerbe

Handel, Gastgew.

Öff. u. priv. Dienstl.

Aus den aktuellen Daten

der volkswirtschaftlichen

Gesamtrechnung

geht hervor, dass in den Jahren

1996 bis 2009 die regionale

Wirtschaft in Westbrandenburg

43,3 Prozent zugelegt

hat und damit über dem brandenburgischen

Durchschnitt

von 35,9 Prozent liegt. Als

wachstumsstärkste Landkreise

gelten Oberhavel (68,4)

und Teltow-Fläming (65,0).

Schlusslichter sind Potsdam-

Mittelmark (18) und die Stadt

Brandenburg (24,7).

Elektro-Schwalben

Mit der Zeit gehen – das

wollten die Suhler Mopedproduzenten

schon immer.

Und so haben sie den Nachfolger

des einst so beliebten

Zweiradfahrzeugs Schwalbe

jetzt mit einem kraftvollen

Elektromotor ausgestattet.

Unverkennbar die Anleihen

beim historischen Design –

bis zu den Speichenfelgen.

Im Frühjahr 2012 soll das

neue Suhler e-Gefährt auf

den Marktstart rollen, die

große Schwalbe (85 km/h)

zum Preis von 5.800 Euro,

die kleine (45 km/h) zu

4.700 Euro.

0 8 16 24 32

DER OSTEN HOLT AUF im Baugewerbe, bei den Dienstleistern und

in der Land- und Forstwirtschaft. Auffallend dagegen ist ein weiteres

Zurückbleiben im Verarbeitenden Gewerbe.

AUS DEN LÄNDERN

Mecklenburg-

Vorpommern

Die Tourismuswirtschaft Mecklenburg-Vorpommerns

rechnet

für 2011 mit einem Umsatz von

mehr als fünf Milliarden Euro. Das

Land hat 2010 mit 27,7 Millionen

Übernachtungen das zweitbeste

Ergebnis seit 1990 erzielt und gilt

als das beliebteste innerdeutsche

Reiseziel für Familien. Mehr als

1,1 Millionen Familienreisen führten

in den Nordosten.

Sachsen

Das BMW Werk Leipzig verfügt

zurzeit über das das beste und

schlankeste Produktionssystem

in der europäischen Automobilindustrie.

Zu diesem Ergebnis

kommt die Fachjury der »Automotive

Lean Production Award &

Study« in ihrer europaweiten

Studie, die jährlich von der Unternehmensberatung

Agamus Consult

zusammen mit der Zeitschrift

Automobil Produktion erstellt wird.

In Dresden soll ein neues Forschungszentrum

für Luft- und

Raumfahrt aufgebaut werden.

Das Deutsche Zentrum für Luftund

Raumfahrt (DLR) will an

diesem Standort vorrangig in

den Bereichen Solartechnik,

Leichtbau und Energietechnik

tätig sein.

Die Europäische Union hat den

über das Bundesverkehrsministerium

eingereichten Antrag zur

Unterstützung des Baus des

City-Tunnels in Leipzig genehmigt.

Demnach werden weitere 77 Millionen

Euro durch den EFRE getragen.

Thüringen

Thüringen bewirbt sich als Modellregion

bei dem Bundesprogramm

Elektromobilität. Die thüringische

Automobil- und Zulieferindustrie mit

ihren mehr als 450 Unternehmen

gehört zu den Schwerpunktbranchen

des Freistaats. In diesen

Bereichen sind 46.000 Personen

tätig. Das entspricht etwa einem

Fünftel aller thüringischen Industriearbeitsplätze.

Brandenburg

Die ZukunftsAgentur Brandenburg

(ZAB) hat erheblich zum neuen

innovativen Profil von Ostbrandenburg

beigetragen. Seit ihrer Gründung

in der Oderregion mit den

Landkreisen Märkisch-Oderland

und Oder-Spree sowie Frankfurt (O.)

wurden 67 Ansiedlungs- und

275 Technologieprojekte begleitet.

Dabei entstanden insgesamt

4.386 neue Arbeitsplätze.

6 WIRTSCHAFT & MARKT 10/11


AKTUELL

WIRTSCHAFTSBILD

DES MONATS

BRIEF AUS BRÜSSEL

Von THOMAS HÄNDEL,

Europaabgeordneter

Die Linke

Für eine Solidarunion

Die Welt erlebt die tiefste

Finanz- und Wirtschaftskrise

seit Jahren. Wann kann diese

überwunden werden?

DIE TRASSE WÄCHST: Mit Hochdruck werden die Rohre für die Nordeuropäische Erdgasleitung (NEL)

verlegt. Sie führt über 240 Kilometer durch Mecklenburg-Vorpommern und weitere 200 Kilometer durch

Niedersachsen zum Speicher Rehden bei Bremen. OPAL, die Anbindungsleitung von Lubmin nach Süden, ist

bereits fertig. Die Zeit drängt. Russlands Ministerpräsident Wladimir Putin und Altkanzler Gerhard Schröder

haben Anfang September in Wyborg, wo künftig jährlich 55 Milliarden Kubikmeter russisches Erdgas

in die Ostseepipeline eingespeist werden, den Gashahn schon mal aufgedreht. Vorerst zu Testzwecken.

KONJUNKTUR-BAROMETER

Den Regionen beistehen

Innovationen haben erheblichen Einfluss auf

die Wirtschafts- und Beschäftigungsentwicklung

einer Region. Wo solche Impulse ausbleiben,

steht die Zeit still.

Nicht wenige ostdeutsche Regionen verzeichnen

wegen ihrer Strukturschwächen Defizite

bei der Entwicklung von Innovationsaktivitäten.

Fördermittel vom Bundeswirtschaftsministerium

und den Landesregierungen sollen dem

abhelfen. Die Innovationspolitik von Bund und

Ländern betrachtet diesbezügliche Prozesse

ganzheitlich und hält für jede Etappe des Prozesses

geeignete Unterstützungsmaßnahmen

bereit. In den letzten Jahren standen dafür

mehr als 500 Millionen Euro pro Jahr zur Verfügung.

Das trug vor allem in Berlin und seinem

Umland, in mehreren Regionen Sachsens

und Thüringens und im Südosten von Sachsen-

Anhalt zu anspruchsvollem wirtschaftlichem

Wachstum und zu stabiler Wettbewerbsfähigkeit

von Unternehmen bei.

Von DR. HERBERT BERTEIT

Noch aber mangelt es in vielen Regionen an

Wirtschafts- und Forschungspotenzialen und

geeigneten Fachkräften. Vor allem dort, wo

die industrielle Tradition fehlt. Im Süden von

Mecklenburg-Vorpommern und im Norden von

Brandenburg und Sachsen-Anhalt finden kaum

industrielle Innovationsaktivitäten statt. Viele

Unternehmen haben keine eigene Forschung

und halten zu wenig Kontakte untereinander

und zu Forschungseinrichtungen. Die Folge

davon ist, dass diese Regionen die niedrigsten

Wachstumsraten und die höchsten Arbeitslosenzahlen

in den neuen Bundesländern aufweisen.

Also gilt: Trotz schmaler werdender Haushaltskassen

sollte die Politik die Förderung von FuEund

Innovationsaktivitäten in Ostdeutschland

auf gleichem finanziellem Niveau und in

gleicher technologischer Breite auch in den

kommenden Jahren fortsetzen. Die Regionen

werden es ihr danken.

Millionen Menschen sind von

der Finanzkrise und der damit

einhergehenden Wirtschaftskrise

betroffen. Ursache dafür

ist eine Politik, die der Mehrheit

der Menschen schadet und nur

wenigen nützt. Die Umverteilung

von unten nach oben, die

fehlende Vermögensteuer und

die mehrfache Senkung der

Spitzensätze in der Einkommensteuer

beschleunigten die Konzentration

des Reichtums in den

Händen weniger. Die Deregulierung

der Finanzmärkte durch

die neoliberalen Parteien gehört

zu den Brandbeschleunigern.

Die entstehenden Milliarden-

Verluste werden jetzt den

Steuerzahlern aufgebürdet. Die

Regierung kann noch so große

Rettungsschirme für Banken

und Anleger spannen, solange

den Spekulationen kein Riegel

vorgeschoben wird, wird Europa

weiter durch die Krise taumeln.

Mit einer Finanztransaktionssteuer

müssen solche Spekulationen

massiv erschwert und

mit einer Vermögensabgabe der

Reichtum wieder zurück verteilt

werden. Die europäische

Integration muss endlich vertieft,

der Währungs- muss eine

Wirtschafts, Fiskal- und Sozialunion

hinzugefügt werden. Wir

brauchen eine politische Union,

eine solidarische Union, in der

nicht Menschen und Regionen

gegeneinander stehen, sondern

im Miteinander ein gutes Auskommen

haben.

WIRTSCHAFT & MARKT 10/11 7


AKTUELL

Fotos: DPA/Zentralbild (5), privat,

EINSPRUCH

LANDTAGSNEUBAU

Beispiel BBI

Im W&M-Heft 9/11 berichteten

wir über die Arbeiten

am Landtagsneubau Potsdam.

Dazu erreichte uns

eine Ergänzung von der Auftragsvergabestelle.

Wir

zitieren:

»Leider fehlt ein maßgeblicher

Punkt: Auf gemeinsames Betreiben

der Handwerkskammer

Potsdam und der Auftragsberatungsstelle

Brandenburg

e. V. (Abst) wurde im Juli 2010

eine Kooperationsvereinbarung

zwischen der Handwerkskammer

Potsdam und der BAM

Deutschland AG getroffen, wonach

sich die BAM im Rahmen

der Einzelgewerkeausschreibungen

von der Abst leistungsfähige

und -bereite Unternehmen

aus der Region zubenennen

lässt. Solche Unternehmen

sind bei der Abst in deren

Bieterverzeichnissen gelistet.

(...) Seitens der Abst wird nicht

nachgehalten, wie viele bzw.

welche der zubenannten Firmen

tatsächlich zur Angebotsabgabe

aufgefordert wurden

bzw. gar einen Auftrag erhalten

haben. Immerhin stellt das

vereinbarte Verfahren einen

Baustein zur verbesserten

Berücksichtigung des regionalen

Mittelstands dar. Unklar

ist, weswegen das Finanzministerium

bei seiner Ausschreibung

des PPP-Projektes nicht

die gleiche Strategie verfolgt

hat wie beim Flughafenneubau

BER: Hier sind die nach

öffentlicher Ausschreibung

bezuschlagten Generalunterbzw.

-übernehmer schon

vertraglich verpflichtet, sich

im sog. BBI-Bieterverzeichnis

(...) bei den Einzelgewerkevergaben

Unternehmen zubenennen

zu lassen. (...) Ca. 70 Prozent

der Aufträge blieben in

der Region. Eine solche Vorgehensweise

wäre auch beim

Landtagsneubau möglich gewesen,

die Abst hätte hierfür

bereit gestanden. Allein: Eine

solche Vorgehensweise wurde

nicht implementiert.

Anja Theurer, Geschäftsführerin

NACHRICHTEN AUS DEN REGIONEN

ROHSTOFFE

Klondike in der Lausitz

Mit schweren Rüttelfahrzeugen und fast

11.000 Erdmikrofonen wurden in der

Lausitz Daten für ein dreidimensionales

Abbild der Kupfererzlager gesammelt.

Damit will die Firma Kupferschiefer Lausitz

genauere Erkenntnisse über die Zusammensetzung

der

Erzvorräte

erlangen. Im

Tiefengestein

der Lausitz

zwischen

Spremberg

und dem

sächsischen

Ort Schleife

werden neben

zwei Millionen

Tonnen

Kupfer auch

15 Tonnen

Gold, 3000

Tonnen Silber sowie Spezialmetalle wie

Platin und Lithium vermutet. Allein für das

Lausitzer Gold ließen sich nach derzeitigem

Preisstand eine halbe Milliarde Euro erlösen.

MANAGER : TÜFTLER : ERFINDER

Ein Eispulver-Fabrikant, der

auf den Pudding haut

GUNTER PÖHLE, (42) MICHAEL KURZWELLY, (48)

Geschäftsführer der Oberlausitzer

Komet Gerolf Pöhle & Co

GmbH, hält seine ursprünglich

auf Eispulver und Nudeln spezialisierte

Firma heute mit dem

Zukauf der einst ostbekannten

Puddingmarke Rotplombe in

Schwung. Die Oberlausitzer

Teigwarenfabrik hatte in den 60er Jahren Bekanntheit

mit der Erfindung des ersten Speiseeispulvers in der

DDR für den Privatmarkt erlangt – einer Idee, die Pöhles

Mutter aus einem Westpaket bezogen hatte. 1989

verkauften die ostsächsischen Nahrungsmittelhersteller

2000 Tonnen Eispulver, dann litten sie ein Jahrzehnt

lang an der hereinbrechenden Westkonkurrenz. Bis

Seniorchef Gerolf Pöhle erkannte, dass nostalgische

Namen wieder Zugkraft haben und er die Rezepte und

den Rechtstitel auf die einst in Erfurt ansässige Marke

Rotplombe erwarb. Seitdem ging es für Komet mit

Götterspeise und Desertsoßen wieder steil aufwärts.

Die Großpostwitzer haben vier Millionen Euro investiert,

beschäftigen 30 Mitarbeiter und liefern 70 Produkte.

Der Juniorchef und Manager Gunter Pöhle erklärt den

Erfolg lautmalerisch. »Rotplombe«, so sagt er, »schlug

ein wie eine Bombe.«

SCHIENENVERKEHR

Durchbruch für ICE

Am Rehbergtunnel, dem vorletzten der 14

Tunnel auf der Thüringer Seite für die ICE-

Neubaustrecke Erfurt-Nürnberg, haben die

Bautrupps den Durchschlag erzielt (Foto).

Kurz zuvor war bereits der Durchschlag für den

1015 Meter langen Masserbergtunnel erfolgt.

Damit tritt der Bau dieses 1996 begonnenen

und längere Zeit unterbrochenen Verkehrsprojekts

in die entscheidende zweite Phase ein.

Der Schienenstrang durch den Rehbergtunnel

wird eine Länge von 608 Metern aufweisen. Die

Hochgeschwindigkeitsstrecke soll ab Dezember

2017 sowohl vom ICE als auch von Güterzügen

im Mischbetrieb befahren werden.

Ein Kunstmaler, der eine

Kunststadt geschaffen hat

Lehrbeauftragter an der

Europa-Universität Viadrina in

Frankfurt (Oder), hat eine neue

Stadt erfunden. Ein Name

war leicht zur Hand: Slubfurt,

montiert aus Silben zweier

Städtenamen. Acht Lebensjahre

im polnischen Poznan

und zwei in Frankfurt (O.) hatten den aus Darmstadt

zugewanderten Maler 1999 zu einem groß angelegten

Projekt für die deutsch-polnische Annäherung im

Stadtraum Frankfurt/Slubice inspiriert. Es sei doch,

so Kurzwellys Idee, dem EU-Zeitalter angemessen,

diese beiden sich gegenüber liegenden Städte an der

Oder zusammenzudenken, um die Qualitäten beider

Kulturen und Erfahrungen miteinander zu verknüpfen

und so ein neues europäisches Identifikationsfeld zu

schaffen. Die Verwalter des Registers Europäischer

Städtenamen (RES) fanden das bemerkenswert,

spendierten eine eigene Postleitzahl und trugen

Slubfurt ein als jüngste Stadt Europas.

Bei Touristen, die heute per Bus an Kurzwellys multikultureller

Stadtführung teilnehmen, bemerkt der

Guide entzückt: »Die bekommen manchmal gar nicht

mit, dass es sich noch um zwei Städte handelt.«

8 WIRTSCHAFT & MARKT 10/11


AKTUELL

TERMINE

Oktober

05.10., Frankfurt/Main

EnergieEffizienz

16.10., Chemnitz

Modellbahnbörse

18.10., Berlin

Deutscher

Maschinenbaugipfel

19.10., Leipzig

Fachmesse für Gebäudeund

Elektrotechnik,

Klima und Automation

20.10., Potsdam

OSTPRO. Größte

Verkaufsmese für

Ostprodukte

IMPRESSUM

Wirtschaft & Markt

Das ostdeutsche Wirtschaftsmagazin

Magazin der Interessengemeinschaft der

Unternehmerverbände Ostdeutschlands

und Berlin

Redaktionsanschrift:

Zimmerstraße 55, 10117 Berlin

Tel.: (030) 27 89 45-0, Fax: -23,

E-Mail: wumberlin@t-online.de

Internet: www.wirtschaftundmarkt.de

Herausgeber:

Klaus George

george@wirtschaftundmarkt.de

Chefredakteur:

Helfried Liebsch,

Tel.: (030) 27 89 45-0

liebsch@wirtschaftundmarkt.de

Stellvertretender Chefredakteur:

Thomas Schwandt,

Tel.: (030) 27 89 45-0

schwandt@wirtschaftundmarkt.de

Redaktion:

Peter Jacobs, Hans Pfeifer,

Matthias Salm, Siegfried Schröder,

Thomas Schwandt, Steffen Uhlmann

Tel.: (030) 27 89 45-14

Redaktionsassistenz:

Ulrike Borrmann

Tel.: (030) 27 89 45-13

Redaktionssekretariat:

Margit Eschment,

eschment@wirtschaftundmarkt.de

Gestaltung:

Ralf Puschmann, Jens Wolfram

Tel.: (030) 27 89 45-13

Titelfoto: Torsten George

Druck: Möller Druck Berlin

Autoren dieser Ausgabe:

Thomas Bencard, Peter Jacobs,

Matthias Kasper, Hannelore Koard

Vertrieb und Anzeigenverwaltung:

Margit Eschment;

Tel.: (0331) 201 66-20

vertrieb@wirtschaftundmarkt.de

Verlag:

W&M Verlagsgesellschaft mbH

Parkstraße 2, 14469 Potsdam

Tel.: (0331) 201 66 -20, Fax: -99

Geschäftsführender Gesellschafter:

Michael Schulze

schulze@wirtschaftundmarkt.de

ISSN 086 353 23 Erscheint monatlich.

Die Zeitschrift Wirtschaft&Markt ist das

Magazin der Interessengemeinschaft der

ostdeutschen Unternehmerverbände und

Berlin. Die Mitglieder der Verbände erhalten

die Zeitschrift im Rahmen ihrer

Mitgliedschaft. Einzelpreis: 3,50 EURO;

Jahresabonnement Inland 30,00 Euro

inkl. 7% Mwst.; Ausland 37,00 Euro inkl.

Porto. Sonderpreis für Studenten:

(Nachweis) jährlich 20,00 EURO. Das

Jahresabonnement gilt zunächst für ein

Jahr (10 Ausgaben). Danch besteht die

Möglichkeit, das Abonnement jederzeit zu

kündigen.Namentlich gekennzeichnete

Beiträge müssen nicht mit der Meinung

der Redaktion übereinstimmen. Für unverlangt

eingesandte Manuskripte und Fotos

übernehmen wir keine Haftung. Nachdruck

nur mit Genehmigung des Verlages.

PRO

& CONTRA

Soll die Bundesregierung

die Rentenbeiträge senken?

Die Wirtschaft drängt auf einen niedrigeren Rentenbeitrag

– von 19,9 auf 19,6 Prozent schon im nächsten

Jahr. Für die Gewerkschaften genau der falsche Weg.

HOLGER SCHWANNECKE,

Generalsekretär des

Zentralverbandes

des Deutschen Handwerks

Die Alterssicherung in

JA

Deutschland befindet

sich auf einem positiven Pfad.

Die gesetzliche Rente bleibt

finanzierbar, wenn es nicht zu

weiteren Leistungsausweitungen

kommt und die Altersgrenze

wie vorgesehen angehoben

wird. Riester macht

private Vorsorge für alle attraktiv.

Dazu kommt immer mehr

betriebliche Altersvorsorge.

Der Rentendialog in Vorbereitung

von weiteren Reformen

kann einen Beitrag zur weiteren

Stabilisierung des Rentensystems

leisten. Die Eingriffe in

den vergangenen Jahren zugunsten

der aktuellen Rentnergeneration

haben die jährlichen

Ausgaben der Rentenversicherung

um zehn Milliarden Euro

erhöht. Beitragssenkungen

sind seit langem überfällig, sie

müssen jetzt Vorrang haben.

Die Zahl der Beschäftigten ist

infolge der guten Konjunktur

gewachsen und damit stiegen

auch die Beitragszahlungen.

Die Nachhaltigkeitsrücklage

der Rentenversicherung

erreicht Anfang 2012 wieder

das Niveau von 1,5 Monatsausgaben.

Das Gesetz schreibt

vor, dass dann der Beitrag

gesenkt werden muss – nach

derzeitigen Schätzungen von

19,9 auf 19,6 Prozent. Das

entlastet den Faktor Arbeit,

und ist somit ein Beitrag zu

nachhaltigem Wachstum.

FRANK BSIRSKE,

Vorsitzender

der Gewerkschaft Verdi

NEIN

„Eines ist sicher:

die Rente!“ Seit der

damalige Bundesarbeitsminister

Blüm den werbewirksamen

Slogan plakatieren ließ, sah

sich das gesetzliche Rentensystem

Diffamierungskampagnen

durch die Befürworter

einer rein privaten Altersvorsorge

ausgesetzt. Doch

deren düstere Rhetorik hat

sich als falsch erwiesen.

Schlimmer noch: Wer sich auf

die kapitalgedeckte Alterssicherung

verließ, musste

erleben, wie an der Börse

über Nacht große Vermögen

klein gemacht worden sind.

Dagegen hat die umlagefinanzierte

gesetzliche Rente ihre

Krisenfestigkeit bewiesen;

nun muss sie armutsfest gemacht

werden. Dazu muss

der Automatismus außer Kraft

gesetzt werden, der dafür

sorgt, dass der Rentenbeitrag

gesenkt werden muss, wenn

die Rücklagen der Rentenkassen

1,5 Monatsausgaben

übersteigen. Damit kalkulieren

die Arbeitgeber. Um der Altersarmut

wirksam zu begegnen,

müssen ein gesetzlicher Mindestlohn

von 8,50 Euro und

gleiche Bezahlung von Leiharbeitern

und Stammbelegschaften

eingeführt werden.

Angesichts dieser überfälligen

Hausaufgaben wäre eine

Senkung der Rentenbeiträge

verantwortungslos.

INVESTITIONEN

Jenoptik expandiert

Der Optoelektronik-Konzern Jenoptik

strebt nach Ausweitung in den

Bereichen Lasertechnik, Optik und

Verkehrssicherheit. Derzeit laufen

forciert Gespräche über mehrere

Akquisitionsobjekte. Langfristig wird

eine Verdoppelung des Jahresumsatzes

von rund 500 Millionen

auf eine Milliarde Euro angestrebt.

Stapelplatz Leipzig

Einer der größten Logistikkonzerne

der Welt, Kühne + Nagel, will in

Leipzig ein 45.000 Quadratmeter

großes Hochregallager bauen. Das

50-Millionen-Objekt könnte 250 neue

Jobs bringen.

1,5 Milliarden von der EU

In der aktuellen Förderperiode 2007

bis 2013 stehen für Brandenburg

rund 1,5 Milliarden Euro aus dem

Europäischen Fonds für regionale

Entwicklung (EFRE) zur Verfügung.

Davon wurde bereits etwa eine

Milliarde Euro für rund 3.500 Projekte

zugesagt, nahezu 550 Millionen Euro

sind bereits ausgezahlt.

Liebherr-Akademie

Die Firma Liebherr MCCtec hat in

Rostock eine Akademie zur beruflichen

Qualifizierung von Mitarbeitern

und Fachkräften eröffnet, um dem zu

erwartenden Facharbeitermangel

wirksam zu begegnen. Das Unternehmen

produziert seit 2005 in

Rostock maritime Krane und Anlagen

und beschäftigt inzwischen mehr als

1.000 Mitarbeiter. Gebaut werden

Hafenmobilkrane, Containerstapler

und Schiffskrane, darunter der

weltgrößten Offshorekran, der bis

zu 1.750 Tonnen Last heben kann.

Daimler in Thüringen

Die Daimler AG will in Thüringen

mit einem Investitionsaufwand von

90 Millionen Euro eine neue Fabrik

für Auto-Motorenteile bauen. In der

ersten Ausbauphase werden 80 neue

Arbeitsplätze entstehen.

Buskeramik für New York

Die Firma Clean Diesel Ceramics

(CDC) in Großröhrsdorf (Sachsen)

rüstet rund 1.400 New Yorker Schulbusse

mit hochmodernen Rußpartikelfiltern

aus. Der Auftrag hat einen

Wert von 14 Millionen Euro.

WIRTSCHAFT & MARKT 10/11 9


GESPRÄCH

Dr. Helmuth Markov, stellvertretender Ministerpräsident und Finanzminister

des Landes Brandenburg, zu Auszeichnungen aus Brüssel, verstärkten

Sparbemühungen in Potsdam und Forderungen an Berlin in Sachen Euro-Krise

»Börsensteuer immer dringlicher«

Fotos: Torsten George

W&M: Herr Minister, im brandenburgischen

Landtag wird seit Wochen heftig über den

Haushalt 2012 gestritten. Die Opposition –

namentlich die CDU – wirft der Regierung

vor, an falscher Stelle kürzen zu wollen. So bei

Wissenschaft und Bildung. Spart das Land

an seiner Zukunft?

HELMUTH MARKOV: Umgekehrt wird ein

Schuh daraus. Die rot-rote Regierung

spart, damit das Land eine Zukunft hat.

Wir müssen die rund 700 Millionen Euro

Zinsen, die jährlich für die Schulden zu

zahlen sind, senken. Daher beschränken

wir im nächsten Jahr die Nettokreditaufnahme

auf 270 Millionen Euro und

machen ab 2014 überhaupt keine neuen

Schulden mehr. Trotzdem stellen wir

zum Beispiel 2.000 neue Lehrerinnen

und Lehrer bis 2015 ein. Bildung bleibt

prioritär.

W&M: Wer prioritär ist, wird bei einer Haushaltskonsolidierung

vergleichsweise weniger

stark zur Kasse gebeten?

HELMUTH MARKOV: Ja, das lässt sich jedoch

nicht an den absoluten Zahlen festmachen,

denn die Haushalte der Ressorts

unterscheiden sich nach Struktur und

Größe. Manche haben hohe Personalkosten,

aber keine Fördermittel. Andere

wieder Fördermittel, da Zahlungen aus

Brüssel und Berlin in den Haushalt eingehen,

aber weniger Investitionen. Deshalb

hinken formale Sparvergleiche.

W&M: Laut Haushaltsentwurf stehen den

Hochschulen 24 Millionen Euro weniger zur

Verfügung. Kein Pappenstiel. Gefährdet das

den Wissenschaftsstandort?

HELMUTH MARKOV: Der Hochschulpakt

ist im vergangenen Jahr ausgelaufen, es

standen ohnehin Verhandlungen an. Die

Hochschulen sind gut finanziert, wir

haben eine vielfältige Landschaft und

investieren enorm. Das kann man sich

überall im Lande anschauen. Trotzdem

finde ich es wichtig, dass man evaluiert,

wie Hochschulen ihre Budgets nutzen,

und man sich fragt, ob man in der Hochschullandschaft

bestimmte Synergien

verstärken kann.

W&M: Noch einmal zur Bildung, da klagen

gerade die freien Schulen. Regiert da der Rotstift?

HELMUTH MARKOV: Ach was, selbstverständlich

hat auch der Bildungsbereich

einen bestimmten Anteil an der Haushaltskonsolidierung

zu bringen. Aber es

gibt in absoluten Zahlen sogar ein Plus

bei den Ausgaben. Das gilt auch für die

freien Schulen. In diesem Schuljahr gibt

es noch gar keine Kürzungen, sondern

einen Anstieg. Auch in den Folgejahren

ist der Betrag höher als 2011, allerdings

nicht so hoch wie ursprünglich geplant

war. Wir gehen insgesamt mit Augenmaß

vor. 2011 flossen zusätzlich 70 Millionen

Euro in die Bildung – keine Einmalausgabe,

sondern das finanzieren

»Ein Finanzminister hat nicht

wie ein Betriebswirtschaftler,

sondern wie ein

VOLKSWIRTSCHAFTLER

zu denken und zu handeln.«

wir fort. Alle politischen Projekte, die im

Koalitionsvertrag festgeschrieben sind,

werden finanziert.

W&M: Zum Beispiel?

HELMUTH MARKOV: Beim »Netzwerk Gesunde

Kinder« wird nicht gekürzt, bei

»Tolerantes Brandenburg« nicht, bei Musikschulen

nicht. Insgesamt nicht bei der

Kultur- und Sportförderung. Kultur und

Sport sind für ein Flächenland ungemein

wichtig. Sie stehen für ein lebenswertes

Brandenburg.

W&M: Aber wo und wie sparen Sie dann?

HELMUTH MARKOV: Wenn zum Beispiel

in einer Behörde bestimmte Mittel über

Jahre nicht ausgegeben worden sind,

dann ist es wahrscheinlich, dass dort zu

viel Geld vorgesehen war. Personalkosten

berechnen sich nach den Stellen. Und sie

sind eben nicht alle immer über das

ganze Jahr besetzt. Womöglich gehen

Menschen eher als vorgesehen in Rente.

In vergangenen Jahren hatten wir am

Ende dann Rücklagen, in diesem Jahr

planen wir sie von Anfang an als Einsparungen

ein. Oder: Über Jahre hat Potsdam

laut Hauptstadtvertrag Geld zugewiesen

bekommen und sich prächtig

entwickelt. Dieser ist ausgelaufen und

dabei soll es bleiben.

W&M: Gerade der beabsichtigte Personalabbau

ist auf Widerstand in Ihrer eigenen

Partei gestoßen. Zurecht?

HELMUTH MARKOV: Im Koalitionsvertrag

steht, dass sich die Anzahl der Beschäftigten

im öffentlichen Dienst bis 2019

von 50.000 auf 40.000 minimieren wird.

Wir entlassen niemanden, aber wir ersetzen

auch nicht jeden. Bestimmte Funktionen

oder Aufgaben haben sich verändert

beziehungsweise minimiert, weswegen

weniger Personal notwendig ist.

Wenn sich zum Beispiel die Aufgaben

der Ämter zur Regelung offener Vermögensfragen

drastisch minimiert haben,

ist ein kompletter Ersatz nicht nötig.

Wenn sich die Anzahl der Bevölkerung in

diesem Zeitraum um etwa zehn Prozent

minimiert, ist der Bedarf für öffentliche

Dienstleistungen auch geringer. Wenn

wir keinen Beschäftigten ersetzen würden,

lägen wir 2019 bei rund 36.000 Beschäftigten.

Deswegen bildet Rot-Rot wieder

aus, wir verjüngen und bieten attraktive

Arbeitsplätze.

W&M: Es hat doch in diesem Jahr Mehreinnahmen

gegeben – zum Beispiel aus der höheren

Grunderwerbssteuer –, warum werden

die nicht zur Schuldentilgung genutzt?

HELMUTH MARKOV: Wir haben mit dem

Haushalt 2011 beschlossen, wofür wir

Geld ausgeben und wofür nicht. Mit Augenmaß.

Und wir haben beschlossen, wie

hoch die Nettokreditaufnahme maximal

sein darf, um die Deckungslücken zu

schließen. Wenn dann im Lauf des Jahres

die Einnahmen höher als geplant sind,

dann brauchen wir automatisch weniger

Kredite aufzunehmen. Das hat zwar mit

Schuldentilgung wenig zu tun, lässt aber

die Verschuldung geringer anwachsen.

10 WIRTSCHAFT & MARKT 10/11


W&M: Sind denn für das Land die Einnahmen

eine nebulöse Größe?

HELMUTH MARKOV: Nur zum Verständnis

– in der Steuerschätzung Mai 2010

wurde dem Land von den Finanzexperten

ein Minus von 80 Millionen Euro vorausgesagt,

in der Novemberschätzung

ein Plus von 180 Millionen. Mit dieser

Volatilität muss ein Minister leben. Wir

hatten für 2010 die Genehmigung, 650

Millionen Euro Kredite aufzunehmen

und 100 Millionen aus den Rücklagen,

von den 750 Millionen haben wir aber

nur 350 Millionen gebraucht.

W&M: Welche Ziele stehen für dieses Jahr?

HELMUTH MARKOV: 2011 müssen wir 417

Millionen Deckungslücke schließen, indem

wir 270 Millionen weniger ausgeben

und 147 Millionen mehr einnehmen. Wir

haben zum Beispiel die Grunderwerbssteuer

erhöht. Nach Meinung der Opposition

schien das Abendland unterzugehen.

Mittlerweile haben fast alle Bundesländer

die Steuer auf fünf Prozent

angehoben.

W&M: Die Bürger spüren Sparpolitik eher an

Löchern in der Straße – können Sie da Entwarnung

geben?

HELMUTH MARKOV: An der Sanierung

und Instandsetzung wird nicht gespart,

man kann aber umschichten und überlegen,

ob jeder geplante Straßenneubau

wirklich notwendig ist. Es haben sich

über die Jahre manche Dinge anders entwickelt,

der eine oder andere Neubau ist

überflüssig. Die Zuwachsraten können

niedriger sein, weil wir schon viel investiert

haben!

W&M: Ist denn die Brandenburger Wirtschaft

wirklich in der Lage, die vorgesehene

Verringerung der Investitionsquote, die 2011

bei 17 Prozent liegt und 2012 auf 15 Prozent

zurückgeht, zu verkraften?

HELMUTH MARKOV: Brandenburg ist

beim jüngsten Ranking der Länder zum

zweiten Mal als dynamischste Region

hervorgegangen. Offenbar zahlt sich aus,

dass eine gute Infrastruktur geschaffen

wurde, Unternehmen sich angesiedelt

haben, die Wirtschaft sich insgesamt gut

entwickelt hat. Der Rückgang der Investitionsquote

hat auch mit dem Auslaufen

des Konjunkturpaketes II zu tun. Ich kritisiere

die Bundesregierung sonst sehr

häufig, aber dieses Programm war sinnvoll,

es hat den Handwerkern und Kleinunternehmen

in den Regionen Aufträge

beschert. In Bayern und Baden-Württemberg

liegen die Investitionsquoten bei

zehn Prozent. Beiden Ländern droht meines

Wissens nicht das baldige Ende ihrer

Existenz. Je besser man sich entwickelt

hat, desto geringer kann die Investitionsquote

auch sein.

W&M: Muss auch Ihr Amtskollege, Wirtschaftsminister

Ralf Christoffers, sparen?

HELMUTH MARKOV: Selbstverständlich.

Die Wirtschaftsförderung muss auf revolvierende

Fonds umgebaut werden,

nachdem sie sich 20 Jahre vorwiegend

auf verlorene Zuschüsse beschränkte.

Wir geben langfristige und günstige Darlehen.

Das wird gut angenommen. Und

es fließt etwas zurück.

W&M: Zur aktuellen Kritik an der Bundesregierung

– Sie haben Ende August, als Sie

den Entwurf des Haushaltsplanes 2012 in die

Parlamentsberatungen eingebracht haben,

von Berlin ein deutlich aktiveres Handeln auf

europäischer Ebene gefordert. Was haben

denn der Spreewald oder die Prignitz mit der

Börse zu tun?

HELMUTH MARKOV: Die instabile Lage an

den internationalen Finanzmärkten und

die damit verbundenen wirtschaftlichen

Risiken können natürlich auch Brandenburg

empfindlich treffen, falls zum

Beispiel Steuereinnahmen bei einer möglichen

konjunkturellen Eintrübung ausbleiben.

Daher die Forderung an die Bundesregierung.

Wer den Finanzmärkten

nur zusieht, nur die Symptome versucht

zu beheben und nicht Ursachen beseitigt,

wird eine Krise nach der anderen

erleben.

W&M: Was ist aus Ihrer Sicht dringend geboten?

HELMUTH MARKOV: Eine deutlich stärkere

Regulierungen dieser Märkte, klarere

und striktere Spielregeln für den Finanzsektor.

Neue Finanzprodukte bedürfen

einer Zulassung durch einen Finanz-TÜV.

Zudem sind die Verursacher der Krise

zur Kasse zu bitten – mit einer Bankenabgabe.

Immer dringlicher wird eine

WIRTSCHAFT & MARKT 10/11 11


GESPRÄCH

HELMUTH MARKOV im Gespräch mit den W&M-

Redakteuren Ulrike Borrmann und Helfried Liebsch.

schen Sand gesetzt wurden. Ist das

Geschichte?

HELMUTH MARKOV: Ja, dafür

sprechen alle Kennziffern,

dafür sprechen Wirtschaftswachstum

und sinkende Arbeitslosenzahlen.

In den letzten

Jahren sind die richtigen

Schwerpunkte gesetzt worden,

um das Land zukunftssicher

zu machen. Die »Leitsterne«

2008 und 2010, die »Europäische

Exzellenz-Region« und

andere Auszeichnungen zeigen,

dass Brandenburg inzwischen

überregionale Bedeutung

als Land der erneuerbaren

Energien gewonnen hat.

Schon heute liegt beispielsweise

der Anteil regenerativer Energien

an der Verstromung bei 57 Prozent. Vom

rascheren Atomausstieg erwarten wir

uns weitere Arbeitsplätze.

W&M: Bleiben wir noch bei der Energiepolitik.

Bürgerinitiativen im Land streiten gegen

die CO 2 -Speicherung, im Bundesrat liegt ein

Gesetzentwurf, der den Ländern freistellt, ob

sie Kohlendioxid auf ihrem Territorium verpressen.

Einige haben schon abgewinkt. Läuft

das auf eine Lex Brandenburg hinaus?

HELMUTH MARKOV: Wenn andere Bun-

ZUR

PERSON

Bekannt aus Brüssel

Markov, Dr. Helmuth Markov? W&M-

Leserinnen und -Lesern dürfte der Name

vertraut sein. Der heutige brandenburgische

Finanzminister hat bis 2009 mit

seinem »Brief aus Brüssel« an dem Wirtschaftsmagazin

mitgearbeitet. Da war

er noch linker Europaparlamentarier.

Für die Kolumne prädestinierte ihn zugleich

seine Vergangenheit als Industrieforscher

und Unternehmer.

Der wortgewandte und hartnäckige,

unkonventionelle und zugleich pragmatische

Politiker hat es in seinen Regierungsjahren

rasch geschafft, das mediale

Feuer auf sich zu ziehen. Zumal

sich die Sünden der jüngeren Brandenburger

Vergangenheit – dubiose Grundstücksveräußerungen,

Firmenpleiten

und ähnliches – bis heute finanziell und

juristisch bemerkbar machen.

Der weitgereiste Endfünfziger, der

»eigentlich schon immer Brunnen in

Afrika bohren« wollte und entsprechende

Projekte auf den Weg gebracht hat, ist

seit 2007 auch Direktor des Zentrums

für internationalen Dialog und Zusammenarbeit

der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Ein Ehrenamt.

Er ist verheiratet, hat drei Kinder und

wohnt in Bötzow (Landkreis Oberhavel).

Finanztransaktionssteuer. Von den Einnahmen

aus einer solchen Börsensteuer

und der steigenden Stabilität an den Finanzmärkten

würde auch das Land Brandenburg

profitieren.

W&M: Sie haben sich sowohl für Eurobonds

ausgesprochen, als auch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts

zu den Finanzhilfen

für EU-Staaten begrüßt, wie geht denn das

zusammen?

HELMUTH MARKOV: Da sehe ich keinen

Widerspruch. Eurobonds liegen im langfristigen

Interesse der Steuerzahlerinnen

und Steuerzahler zwischen Rhein und

Oder. Denn immer neue Sparpakete

führen zu Sozialabbau und wirtschaftlichem

Niedergang in den hoch verschuldeten

Ländern, das kann für das Exportland

Deutschland sehr teuer werden.

Und es ist ein Erfolg für das Parlament

als Gesetzgeber, dass die Karlsruher

Richter deutlich gemacht haben, dass es

vorbei an den gewählten Volksvertreterinnen

und -vertretern keine zentralen

Haushaltsentscheidungen geben kann.

Über Ausgaben und Einnahmen zu entscheiden

bleibt das Königsrecht eines

Parlamentes.

W&M: Zurück an die Havel. Agiert ein roter

Finanzminister anders als ein schwarzer Ressortchef?

HELMUTH MARKOV: Ein Finanzminister,

egal welcher Couleur, ist Mitglied einer

Regierung. Dieser liegt – so es keine absolute

Mehrheit einer Partei gibt – ein

Koalitionsvertrag zugrunde. Der wird

realisiert. Und wenn da steht, dass wir

eine bessere vorschulische Erziehung

wollen und deshalb 1.000 Erzieherinnen

und Erzieher mehr einstellen, kostet das

35 Millionen Euro jährlich. Wahrscheinlich

würde eine Koalition mit der CDU

andere Schwerpunkte setzen.

W&M: Wenn noch vor wenigen Jahren die

Rede auf Brandenburg kam, dann war man

schnell bei Großprojekten, die in den märkidesländer

sich der Speicherung entziehen,

dann geht die Kohlendioxidabscheidung

und -verpressung in Brandenburg

eben auch nicht. Punkt. Der Koalitionsvertrag

spricht da eine ganz deutliche

Sprache.

W&M: Was wird dann aus den Tagebauen

und Kraftwerken?

HELMUTH MARKOV: Ich bin kein Prophet,

aber die Braunkohle-Verstromung wird

zurückgehen oder es wird eine andere

Möglichkeit gefunden, die Schadstoffe

zu minimieren. Aber Braunkohle lässt

sich auch anders nutzen, stofflich verwerten.

W&M: Sie kommen ja mit zehnjährigen

parlamentarischen Erfahrungen aus dem

Europaparlament, was ist denn in Potsdam

anders als in Brüssel oder Strasbourg?

HELMUTH MARKOV: Im EU-Parlament

wird fraktionsübergreifend erst einmal

das Verbindende, der kleinste politische

Nenner gesucht. Das vermisse ich. Es ist

ja hier mit dem Brandenburger Weg einmal

versucht worden. Aber dies ist leider

lange her.

W&M: Macht angesichts dessen das Regieren

überhaupt noch Spaß?

HELMUTH MARKOV: Man hat in der

Opposition auch Gestaltungsmöglichkeiten,

aber in der Regierung mehr Möglichkeiten,

den politischen Willen – niedergeschrieben

in der Koalitionsvereinbarung

– auch durchzusetzen. Wir haben

einen sehr guten Vertrag geschlossen

und an dessen Umsetzung mitzuwirken

macht Freude. Natürlich gibt es auch

Auseinandersetzungen in verschiedenen

Politikfeldern, die nicht ausgesprochen

spaßgeprägt sind.

W&M: Gehen wir noch einen Schritt zurück –

Sie sind nach der Wende als Unternehmer

gestartet. Behindern diese Erfahrungen Sie

als Minister oder sind sie von Nutzen?

HELMUTH MARKOV: Mir wird ja gelegentlich

vorgeworfen, wie ein Unternehmer

zu agieren. Ein Finanzminister hat nicht

wie ein Betriebswirtschaftler, sondern

wie ein Volkswirtschaftler zu denken

und zu handeln. Und er muss auf Interessenausgleich

bedacht sein. Richtig ist,

dass mir mein unternehmerisches Wissen

häufig nützt.

W&M: Was ist der für Sie entscheidende Unterschied?

HELMUTH MARKOV: Es geht für einen Finanzminister

nicht um Gewinnmaximierung,

sondern um gesellschaftlichen

Zusammenhalt und darum, das Land insgesamt

nach vorn zu bringen. Es gibt im

wirklichen Leben eben Dinge – von Kultur

oder Sport war ja schon die Rede –,

die im besten Sinne des Wortes unbezahlbar

sind.

W&M: Vielen Dank für das Gespräch.

12 WIRTSCHAFT & MARKT 10/11


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SERIE

M arken

acher

ärkte

Partec GmbH

Diagnose-

Technik zum

kleinen Preis

Als der Münsteraner Firmengründer

Prof. Wolfgang Göhde die Partec GmbH

auch im sächsischen Görlitz ansiedelte,

setzte er dort auf das Fachkräftereservoir

für moderne CNC-Technik.

Diese ist Basis für die Produktion hocheffektiver

Analysegeräte. Partec ist

Weltmarktführer in der HIV-Immunstatus-Diagnostik.

Die selbst entwickelte

mobile und preisgünstige Technologie

kann an jedem Ort der Welt eingesetzt

werden. Millionen Aids-Patienten

in den ärmeren Ländern bekommen

damit Zugang zu regelmäßigen Tests.

14 WIRTSCHAFT & MARKT 10/11


SERIE

FIRMENURSPRUNG IN MÜNSTER

Dabei war das Unternehmen, das seine

Wurzeln im westfälischen Münster hat,

anfangs mehr oder minder ein Nebenstrang

in den vielfältigen Aktivitäten seines

Vaters Wolfgang Göhde. Der mittlerweile

emeritierte Professor für Strahlenbiologie

an der Uni Münster hatte bereits

Ende der 1960er Jahre das erste Durchflusszytometer

entwickelt. Als er damit

begann, die Geräte in einem Schuppen

zusammenzulöten, gab es Junior Roland

noch nicht. Doch später half dieser bereits

als 14-Jähriger, Leiterplatten zu bestücken.

Zwei Jahre später vertraute ihm

der Vater bereits Teile der Buchhaltung

an, mit 19 übertrug er ihm das Controlling

im kleinen Familienunternehmen.

Heute gelte die fluoreszenzbasierte

Durchflusszytometrie weltweit als Standardmethode

für die automatisierte

Blutzell- und Krebszellanalyse, sagt Roland

Göhde nicht ohne Stolz. Wichtiger

ist ihm aber, dass Partec später – schon

maßgeblich unter seiner Leitung – mit

dem Produkt CyFlow eine Diagnostiklösung

kreierte, die stark auf die Bedingungen

der Dritten Welt zugeschnitten ist.

»Also schlechte Infrastruktur, mangelhafte

Stromversorgung, Hitze, hohe Luftfeuchtigkeit«,

zählt er auf. So habe man,

als Vater und Sohn ihr neues Analysesystem

auf der Welt-Aids-Konferenz 2002

in Barcelona vorstellten, »viel Aufsehen

erregt«. Die Nachfrage wäre seither

enorm. »Es war der Start zu einem sehr

dynamischen Wachstum des Unternehmens«,

so Roland Göhde. Jährlich würden

um die 400 Systeme verkauft, die pro

Jahr für über drei Millionen Partec-CD4-

Tests eingesetzt werden. »Wir sind im Bereich

der HIV-Immunstatusdiagnostik

Weltmarktführer.« Weltweit fänden momentan

– die Technik aller Hersteller eingerechnet

– 7,4 Millionen Tests statt.

Für die Innovation des Unternehmens,

das im Jahr 2000 von Münster

nach Görlitz gewechselt war, sprechen

vor allem zwei Faktoren: jene infrastruk-

Sachsens Biotechnologiefirmen kamen

nicht nur gut durch die Krise,

sie legten in diesen beiden Jahren

sogar zu. Der Sektor sei im Freistaat seit

2008 um weitere sechs Prozent auf nun

mehr als 2000 Beschäftigte gewachsen,

berichtet Roland Göhde, der Chef des

Branchenvereins Biosaxony e. V. Für die

nächsten Monate erwartet er noch eine

»weitaus dynamischere Steigerung der

Beschäftigtenzahlen«.

Göhde muss sich für solche Prognosen

nur im eigenen Unternehmen umschauen

– der Partec GmbH in Görlitz. Diese

wächst seit Jahren beständig, investiert

regelmäßig, vermeldet immer neue

Kundenanfragen aus aller Welt. Erst zu

Beginn dieses Jahres hatte man einen

Rekordauftragseingang von mehr als 1,5

Millionen Euro vermelden können. Für

diese Summe liefert Partec mehrere hunderttausend

Patiententests vor allem an

internationale Hilfsorganisationen. Das

im Jahr 2000 gegründete Biotechnologieunternehmen

ist maßgeblich auf portable,

robuste und kostengünstige Diagnostik-Lösungen

im Kampf gegen HIV/Aids,

Tuberkulose und Malaria in der Dritten

Welt spezialisiert.

LASERSTRAHL ZÄHLT ZELLEN

Wie Göhde berichtet, entwickelt und fertigt

Partec sowohl die Geräte als auch die

hierfür benötigten Reagenzien selbst. Dabei

handelt es sich beispielsweise um

Durchflusszytometer. In diese Apparaturen,

die kaum größer als ein Schuhkarton

sind und deshalb in jeden Jeep, ja

selbst einen großen Rucksack passen,

werde vor Ort neben den Testreagenzien

ein Röhrchen mit Patientenblut geschoben.

Per Laserstrahl lasse sich nun die

Zahl bestimmter Zellen im roten Lebenssaft

erkennen und zählen, erläutert der

Geschäftsführer.

»Die Anzahl der definierten Zellen

sagt uns schließlich, wie weit die Krankheit

fortgeschritten ist«, so Göhde. Denn

etwa bei HIV-Infizierten lasse sich anhand

der Dichte so genannter CD4-Zellen

im Blut in Minutenschnelle darauf

schließen, in welchem Stadium sich die

Krankheit befindet und welche konkrete

Therapieform anzuraten ist. Wie der

Enddreißiger erklärt, beruht das Prinzip

der Untersuchung darauf, dass eine Zelle

– so auch jene CD4-Lymphozyten, in denen

sich der HI-Virus einnistet – verwertbare

optische Signale aussendet, wenn

ein Laserstrahl sie passiert. Dieses Verfahren

nenne sich fluoreszenzbasierte

Durchflusszytometrie. »Mit der Technik

können pro Minute bis zu 100.000 Zellen

gleichzeitig auf 16 Parameter analysiert

werden«, versichert er.

Mittlerweile erfolgten mit Diagnosegeräten

von Partec allein bei HIV/Aids-Infizierten

weltweit 2,5 Millionen Tests pro

Jahr. In über 1.000 Labors und Krankenhäusern

in mehr als hundert Ländern sei

ihre Technik heute erfolgreich im Einsatz,

berichtet der junge Geschäftsführer.

Dass es sich hierbei zumeist um

Regionen der Dritten Welt handelt, liegt

für ihn auf der Hand: »Hier leben über

95 Prozent der weltweit 33 Millionen

HIV-Infizierten.« Zugleich habe es aber

gerade hier noch vor wenigen Jahren an

solch kostengünstigen Hightech-Lösungen

gefehlt, wie sie Partec anbietet.

WIRTSCHAFT & MARKT 10/11 15


SERIE

ALLES AUS EINER HAND Neben den Analysegeräten liefert Partec auch die dazu gehörigen Reagenzien.

Fotos: H. Lachmann

lung und Fertigung der portablen Durchflusszytometer

beträchtlich«, erinnert

sich Göhde. Die Familie investierte mittlerweile

rund sieben Millionen Euro in

Görlitz, beschäftigt hier heute knapp

90 Mitarbeiter – in Münster waren es nur

um die 30. Erst vor wenigen Monaten war

eine neue 1.000 Quadratmeter große Halle

für die CNC-Zerspanungstechnik eingeweiht

worden. Die Chemieproduktion,

die 30 Prozent des Umsatzes ausmacht,

fasste Partec mittlerweile in der neuen

Spinn-off-Firma Saxonia BioCell GmbH

zusammen.

GÖRLITZER TRADITION IN FEINOPTIK

Auf Görlitz sei man gestoßen, weil es

hier eine langjährige Tradition in der

Feinoptik gebe, ist vom Senior, Professor

Wolfgang Göhde, zu erfahren: »Wir fanden

hier das Fachkräftereservoir für die

neue CNC-Technik.« Nötig sei das geworden,

weil Partec Münster mit dem Ausbau

seiner Biotechnologiesparte ab Ende

der 1990er seine Aktivitäten auf diesem

Feld signifikant erweitern wollte. »Wir

mussten die Produktionskapazität deutlich

vergrößern, wollten auch die Produktionstiefe

erhöhen. Auf der Suche

nach einem Standort für jene feinmechanische

und feinoptische Produktion

stießen wir auf Görlitz«, so Wolfgang

Göhde, der heute als wissenschaftlicher

Direktor im Unternehmen agiert.

Ökonomisch, juristisch wie auch in

Bezug auf Applikationen seien beide

Schwesterfirmen jedoch klar getrennte

Betriebe, betont Sohn Roland. »Wir haben

in Görlitz eine eigene Produktentwicklung,

einen eigenen Vertrieb, ma-

turunabhängige und robuste Kompaktheit

der Technik sowie sehr geringe Anwendungskosten.

»Diese lassen sich von

zuvor 160 Euro pro Jahr und Patient auf

nunmehr acht Euro senken, also um den

Faktor 20«, informiert Göhde.

Musste man da nicht gegen das Vorurteil

ankämpfen, was so günstig sei, könne

nicht funktionieren? Der Unternehmer

nickt: »Sicher, das gab es«, räumt er

ein. »Doch wir haben durch gute, harte

Arbeit vor Ort und den Aufbau lokaler

Strukturen in den Ländern gezeigt, dass

unsere Technik sehr erfolgreich implizierbar

ist.« Ihr moderater Preis basiere

auf der kompakten Bauweise und auch

darauf, dass die Reagenzien weitaus

günstiger, aber in mindestens derselben

Qualität wie bei konventionellen Tests

angeboten werden könnten. »Außerdem

sind wir als einzige in der Lage, die chemischen

Prüfmittel ohne Kühlkette –

also ein durchgängig kontrolliertes Temperaturregime

– in abgelegene tropische

Gebiete zu bringen«, betont er. Dazu würden

die Antikörper in den Teströhrchen

eingetrocknet, so dass es keiner Kühltasche

noch -schränke vor Ort bedürfe.

Anfangs wirkte das aus dem Münsterland

nach Ostsachsen gewechselte Unternehmen

wie eine verlängerte Werkbank

des Westens. Denn in Görlitz entstanden

– damals noch unter dem Namen Cytecs

GmbH – nur Komponenten für Münster.

Diese festen Aufträge ermöglichten der

Neugründung allerdings auch einen

luxuriösen Start: Man schrieb stets

schwarze Zahlen. »Aber schon ab 2001 erweiterte

sich das eigenständige Aktivitätsfeld

in Sachsen durch die Entwickchen

hier den kompletten Bereich Essential

Healthcare, im Wesentlichen also die

Diagnostik für HIV/Aids, Malaria und Tuberkulose«,

berichtet er. Erst hier in Görlitz

habe man die Technik dafür – wie die

CyFlow-Analysegeräte – kontinuierlich

weiterentwickelt. Zudem sei an der

Neiße die Reagenzien-Produktion aufgebaut

worden. Überdies organisiere man

von hier auch den After Sales Service,

den technischen sowie den Applikationssupport.

Und der Markt für die Görlitzer Produkte

ist weiter riesig. Lediglich 1,7 Millionen

jener 33 Millionen Infizierten

werden allein bei HIV derzeit überhaupt

behandelt. Partec will und muss also weiter

wachsen. »Wir ziehen dabei einen

Großteil unserer Motivation daraus, dass

unser unternehmerisches Handeln einen

humanen Effekt hat«, sagt Göhde. Zugleich

weiß er, dass man mit den herkömmlichen

hohen Preisen nie den heutigen

Umsatz von jährlich mehr als

zehn Millionen Euro erreicht hätte. Im

zurückliegenden halben Jahrzehnt hatte

er sich verdoppelt.

Dennoch sei der Markt stark umkämpft

und jede Ausschreibung, jede

Platzierung wichtig, um strategische

Vorteile zu erzielen, berichtet der Unternehmer.

In solch einer Nische mit wenigen

Mitbewerbern ringe man mit sehr

harten Bandagen. »Das hat uns schon unter

Druck gesetzt«, räumt er ein. Seit die

Technologie 1968 entwickelt wurde, kristallisierten

sich übrigens nur drei große

Hersteller der kompletten Technik heraus

– neben Partec noch zwei US-Konzerne.

»Doch unsere Technik erweist sich

16 WIRTSCHAFT & MARKT 10/11


SERIE

PRODUKTION IN GÖRLITZ Geschäftsführer Roland Göhde (r.) und Vater Prof. Wolfgang Göhde setzen auf hohe Fertigungstiefe.

auch unter schwierigen Bedingungen als

sehr zuverlässig. Außerdem ist es eine

Performancefrage. Es nützt der beste

Preis nicht, wenn dann alles unter den

Bedingungen vor Ort nicht funktioniert«,

betont er. Partner aus den Einsatzländern

ihrer Apparaturen würden übrigens

zuvor in Görlitz geschult.

Natürlich wird in Görlitz auch weiter

geforscht. »Wir verbessern ständig unsere

Systeme, nicht nur bei HIV«, so Göhde.

Erfolgreich sei auch ihre Schnelldiagnostik

bei Malaria. »Kombiniert mit unserem

portablen und batteriebetriebenen

Durchlicht- und Fluoreszenzmikroskop

CyScope kann diese nun außerhalb

großer Städte erfolgen.« Das in Görlitz

kreierte Mikroskop ist eine Weltneuheit.

Inzwischen wurde es auch für die Tuberkulose-Diagnostik

weiter entwickelt.

Zum zehnjährigen Firmenjubiläum

am Standort Görlitz stellte Partec GmbH

letztes Jahr überdies ein neuartiges Produkt

für die DNA-Analyse vor – den Cy-

Fox. Hierbei handele es sich um ein erstmalig

verfügbares voll integriertes Gerät

für die Gelelektrophorese samt den erforderlichen

Testreagenzien, so der Geschäftsführer.

Die Gelelektrophorese

zähle zu den am meisten verwendeten

Labormethoden in der Medizin – hier vor

allem bei der Diagnose von Infektionskrankheiten

– aber auch in der Mikrobiologie,

bei industriellen Anwendungen

und in der Pflanzenforschung. Dank dieser

neuen molekularbiologischen Innovation

von Partec könnten bis zu fünf

Einzelgeräte für die Gelelektrophorese

komplett durch ein einzelnes Kompaktsystem

ersetzt werden.

Beeindruckend ist übrigens auch die

extreme Fertigungstiefe bei Partec in

Görlitz. Selbst die Lasermodule für die

Durchflusszytometer stellt man selbst

her und ebenso die Elektronik, die Software,

die Fluidik. Für Roland Göhde ist

dies »das Geheimnis unseres Erfolgs«. Es

mache unabhängig von Zulieferern und

zugleich ziemlich resistent gegen Mitbewerber

und deren Konzepte.

Harald Lachmann

&

Neue Netze für neue Energie

Wir betreiben das Höchstspannungsnetz für mehr als 18 Millionen Menschen im Norden

und Osten Deutschlands. Wir meinen es ernst mit unserer gesellschaftlichen Verantwortung,

Stromautobahnen gemäß den Klimazielen Deutschlands und Europas zu entwickeln.

Dafür sind folgende politische Weichen zu stellen :

– Für den notwendigen Netzausbau benötigen wir stabile

Investitionsbedingungen, beschleunigte Verfahren sowie eine

politisch gestützte Informations- und Dialogoffensive.

Mehr unter :

www.50hertz-transmission.net

– Der rechtliche und regulatorische Rahmen muss dafür

sorgen, dass die Kosten der Integration der erneuerbaren

Energien deutschlandweit fair verteilt und Anreize für die

enormen Investitionen gesetzt werden.


BERICHT

Illustres Gipfeltreffen in Leipzig

Schöne Aussichten

Fotos: MDR

Ein Bundesminister und vier Ministerpräsidenten, Existenzgründerinnen wie Anne Trautwein, die

Kleider aus neuartigem Strickstoff vorstellte (Foto), namhafte Wissenschaftler und Spitzenmanager –

bei der Diskussionsveranstaltung »Zukunft im Osten« Ende August in Leipzig fehlte es nicht

an Prominenz. Gelegentlich aber an nüchterner Analyse beim Gipfel der schönen Aussichten.

Eingeladen hatten die Industrieund

Handelskammer (IHK) zu Leipzig,

die Leipziger Messe GmbH und

der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR). Gekommen

waren an die 300 Gäste in das

Studio 3 der Media City Leipzig, aus dem

sonst die Riverboat-Talkshow gesendet

wird. Was Wunder, dass der Auftakt zur

Diskussionsveranstaltung »Zukunft im

Osten« mit Gesprächsrunden, Einspielern

und Präsentationen zu einem illustren

Gipfeltreffen ostdeutscher Politiker,

Ökonomen und Unternehmer wurde.

Schon zu Beginn hatte MDR-Intendant

Prof. Dr. Udo Reiter beschieden, dass »die

Transformation ein riesiger Erfolg« war,

wenn man sich auch davor hüten müsse,

»den Osten schönzureden und ihn isoliert

zu betrachten«.

OSTEN NICHT ZU ÜBERSEHEN

Das blieb ein frommer Wunsch. Denn

weder Philipp Rösler (FDP), Bundesminister

für Wirtschaft und Technologie, noch

der Ministerpräsident Brandenburgs

Matthias Platzeck (SPD), die Regierungschefs

von Sachsen-Anhalt Reiner Haseloff

und von Sachsen Stanislaw Tillich so-

wie die Ministerpräsidentin Thüringens

Christine Lieberknecht (alle CDU) waren

zu einer kritischen Analyse bereit. So

lobte der Bundeswirtschaftsminister die

rasante Entwicklung der neuen Länder

in den vergangenen 20 Jahren. »Wer sich

klein macht, muss sich nicht wundern,

wenn er übersehen wird«, so Rösler. »Die

neuen Bundesländer brauchen sich

nicht zu verstecken. Heute sind Unternehmen

aus den Branchen Informationsund

Kommunikationstechnik, dem Automotive-Bereich,

der Medizintechnik,

dem Maschinen- und Anlagenbau, der

Mess-, Steuer- und Regelungstechnik, der

Elektrotechnik-Elektronik und der

Ernährungswirtschaft leistungsstark.

Wer wirtschaftlich stark ist, kann auch

auf eigenen Beinen stehen – muss es aber

auch«, sagte Rösler mit Blick auf das Auslaufen

des Solidarpaktes im Jahr 2019.

Er hob die guten Kinderbetreuungsmöglichkeiten

im Osten und die Spitzenplätze,

die Sachsen und Thüringen in

Bildungsrankings einfahren, hervor. Außerdem

sei der Osten Spitze, was die Zahl

der Unternehmen anginge, die sich mit

erneuerbaren Energien beschäftigten –

einem bundesweit drängenden Thema.

Überhaupt sehen sich die ostdeutschen

Länder in entscheidenden Zukunftsfragen

vielfach besser vorbereitet als die

alten Länder. Bei der Bewältigung des

demografischen Wandels sind sie aus

Sicht ihrer Ministerpräsidenten sogar

weiter als andere deutsche Regionen.

»Schrumpfende Städte, gesundheitliche

Versorgung, Nahverkehr, Schulschließungen

– da sind wir doch schon durch«,

sagte Brandenburgs Regierungschef.

»Was in Europa als große Herausforderung

avisiert wird, haben wir in Teilen

schon gemeistert.«

TRANSFORMATION VORBILDLICH

Auch bei Zukunftstechnologien wie erneuerbaren

Energien oder alternativen

Antrieben für Autos stehe der Osten vielfach

besser da als der Westen. Blendende

Aussichten also für die Hauptstadtregion

Berlin-Brandenburg. Er begrüße inzwischen

Delegationen aus Westdeutschland,

die sich über die Transformationsprozesse

im Osten erkundigen wollten,

sagte Platzeck. »Wir hatten letztens eine

Delegation in Schwedt, die sehen wollte:

WIRTSCHAFT & MARKT 10/11 19


BERICHT

Was macht eine Stadt, die von 50.000 Einwohnern

auf 30.000 runter ist – und sich

wieder gefunden hat?»

Einhellig führten die Regierungschefs

jedoch Klage über bundesweite Vorurteile,

denen sie auch mehr als 20 Jahre

nach der Wende allenthalben begegnen.

Laut Reiner Haseloff hat jedes der ostdeutschen

Länder eine erstaunliche Entwicklung

genommen, überall sind industrielle

Leuchttürme entstanden. Dennoch

würde man, wenn Begriffe wie

Ostdeutschland und Zukunft gemeinsam

im Internet gegoogelt werden, seitenweise

auf negative Prognosen stoßen.

Daher betonte er auch die Aufgabe der

ostdeutschen Medien, die Entwicklungen

in den neuen Bundesländern intensiv

zu begleiten und die Akteure adäquat

darzustellen.

Schon Leipzigs Oberbürgermeister

Burkhard Jung hatte in seinem Grußwort

gesagt, dass die ostdeutsche Aufgeschlossenheit

gegenüber Neuem und ihr

Unternehmertum beispielhaft seien,

»aber das wird außerhalb der fünf neuen

Länder zu wenig wahrgenommen«.

MUT ZUR SELBSTSTÄNDIGKEIT

Besonders hartnäckig halte sich das Klischee,

die Ostdeutschen litten an einem

Mangel an Selbstständigkeit, sagte Christine

Lieberknecht, weil sie in einem vormundschaftlichen

Staat aufgewachsen

seien. »Das stimmt einfach nicht. Wir haben

kein Mentalitätsproblem.« Dies zu

behaupten, sei ignorant. Viele ostdeutsche

Unternehmer, die sich 1990/91 quasi

aus dem Nichts heraus eine Existenz

aufgebaut hätten und inzwischen teilweise

Hunderte Mitarbeiter beschäftigten,

hätten sowohl Mut zur Selbstständigkeit

als auch unternehmerisches Talent

bewiesen. »Die Menschen zwischen

Ostsee und Thüringer Wald sind oftmals

aufgeschlossener, pragmatischer und

selbstständiger als im Westen«, so das Urteil

der Thüringer Regierungschefin.

Dahinter wollte Stanislaw Tillich, Ministerpräsident

des anderen ostdeutschen

Freistaats, nicht zurückgehen.

»Auch Westdeutschland muss sich bewegen,

wenn es wettbewerbsfähig bleiben

will«, forderte er. Es dürfe auch nicht vergessen

werden, dass nach dem Zweiten

Weltkrieg Zehntausende von Unternehmern

vor den Sowjets nach Westdeutschland

geflüchtet sind. Dieser Substanzverlust

sei nicht innerhalb von 20 Jahren

aufzuholen. Auch er betonte die mangelnde

Wahrnehmung der ostdeutschen

Leistungen, merkte aber zugleich listig

an: »Manchmal ist es nicht schlecht, unterschätzt

zu werden.«

Platzeck schließlich forderte für ganz

DIE RUNDE: Haseloff, Lieberknecht, Tillich, Platzeck. MDR-Chefredakteur Kenntemich (M.).

Deutschland mehr Aufgeschlossenheit

gegenüber neuen Technologien und Industrien.

Gerade in der Energiepolitik

stehe das Land vor gewaltigen Veränderungen,

das müsse den Menschen klar

sein, dass man dies auch »fühlen, riechen,

sehen und hören« werde, sagte er.

Ohne diese Bereitschaft sei der Industriestandort

Deutschland gefährdet. Politik

müsse den Mut haben, den Bürgern auch

zu widersprechen, wenn sie weder Atom,

Kohle, Gas oder Windräder wollten. Es

dürfe nicht soweit kommen, dass gerade

im Osten mühsam aufgebaute Industrien

gefährdet würden, nur weil Energie

nicht mehr bezahlbar sei.

Ein energisches Wort, das dankbar

aufgenommen wurde in der Diskussionsrunde

»Saubere Sonne – schmutzige Kohle«.

Im Kern ging es dabei um die Vereinbarkeit

der Energiewende mit den Wünschen

der Bürger. Stephan Kohler von der

Deutschen Energie-Agentur verlangte,

die Bürger müssten mehr an der Energiewende

beteiligt werden. Zugleich wies er

darauf hin, dass die Wende ein anstrengender

und schmerzhafter Prozess ist.

Das sei vielen aber noch nicht klar. Es

könne nicht sein, dass sich alle einig

sind, aus der Atomkraft aussteigen zu

wollen, aber sich jeder quer stellt, wenn

in seiner Nähe Windräder, Biogasanlagen

oder Stromleitungen entstehen sollen.

So sei die Wende nicht zu packen.

VORBILDROLLE DEUTSCHLANDS

Der Vorstandschef der VNG Verbundnetz

Gas AG, Karsten Heuchert, sah das ähnlich.

Er warnte davor, dass zu viel Regulierung

und Widerstände aus der Bevölkerung

zu einer regelrechten Investitionslähmung

führen könnten. Dennoch

sei der Weg, der in Deutschland eingeschlagen

wurde, richtig und vorbildhaft.

Viele Länder würden auf Deutschland

schauen und denken, »wenn die Deutschen

das nicht schaffen, dann schaffen

wir das auch nicht«.

FACHKRÄFTEBEDARF VERSCHLAFEN

In einer dritten und der wohl strittigsten

Runde ging es um den Innovations- und

Fachkräftebedarf. Da prallten die schönen

Aussichten Ost auf die Wirklichkeit

vor Ort und verdüsterten sich spürbar.

Vor allem die seit Mai dieses Jahres geltende

allgemeine Arbeitnehmerfreizügigkeit

wurde kontrovers diskutiert.

Leipzigs IHK-Chef Wolfgang Topf platzte

mit Blick auf die Bundesregierung regelrecht

der Kragen. Er bemängelte vor allem,

dass die Liberalisierung des Arbeitsmarktes

deutlich zu spät kommt: »Innovation

geht nur mit guten Ingenieuren

und mit gut ausgebildeten Facharbeitern

– aber wer soll jetzt hier noch an die Tür

klopfen?« Der ostdeutsche Arbeitsmarkt

sei 20 Jahre lang abgeschottet gewesen.

Ähnlich äußerte sich Grünen-Vize

Fritz Kuhn, der forderte, dass die großen

Parteien endlich einsehen müssten, dass

sie mit der Reduzierung der Hürden für

ausländische Arbeitskräfte keine Stimmen

verlieren würden. Weiter forderte

Kuhn, auch ältere, bereits ausgebildete

Arbeitnehmer besser weiterzubilden.

Joachim Ragnitz vom Münchner ifo-

Institut sah die Entwicklung hoch problematisch.

Er sagte, die Zahl der verfügbaren

Arbeitskräfte in Ostdeutschland

werde bis 2020 um ein Drittel sinken.

Dieser Aderlass sei weder durch Ausbildung,

noch durch ausländische Fachkräfte

aufzuhalten. Unternehmer müssten

sich darauf einstellen, künftig mit

weniger Arbeitskräften Gewinne zu er-

20 WIRTSCHAFT & MARKT 10/11


BERICHT

zielen. Aus dem ihm vorliegenden Statistiken

gehe auch nicht hervor, dass im

Osten die Risikobereitschaft und die Neigung

zu Unternehmertum höher sei als

im Westen. Das weit größere Problem sei,

dass Hunderte von Unternehmen aufgeben

müssen, da sich kein Nachfolger finden

lasse. Schlechte Aussichten also.

In diese Runde schaltete sich Claus

Weibrecht, Geschäftsführer der Iron-

Shark GmbH Jena ein, deren mobile App

»DeepView« im Juni 2011 mit dem

IQ Innovationspreis Mitteldeutschland

ausgezeichnet wurde. Er forderte, die

Rahmenbedingungen für Gründungen

zu verbessern. Bei technologieorientierten

Gründungen sei der Finanzbedarf

hoch, Risikokapital fehle. Desgleichen

ein Netz, falls die Gründung schief gehe.

Dem stimmte Bodo Ramelow, Fraktionsvorsitzender

der Linken im Thüringer

Landtag, zu. »Gründungszentren bilden,

Begleitung organisieren, eine Gründerbank

initiieren.« Ihn störe auch, dass

Dutzende von Förderprogrammen von

verschiedenen Behörden und Institutionen

existieren. In diesem Förderdschungel

könne »man sich mit seinen Anträgen

nur verheddern«. Er empfahl: Ein Antrag,

eine Stelle, eine Entscheidung –

damit könne der Osten punkten.

FORUM KÜNFTIG JÄHRLICH?

Vorbild sei hierfür die US-amerikanische

»Small Business Administration«. Die Gesetzgebung

müsse kleinste und kleine

Betriebe unterstützen. Aber nicht in der

Weise, wie in Deutschland geschehen,

»wo Ich-AG gegründet wurden, um so die

Arbeitsmarktzahlen zu manipulieren.«

Von einer Existenzgründungskultur, in

der die Menschen wirklich unterstützt

werden, damit sie die ersten drei schwierigen

Jahre überstehen und nicht bei der

Schuldnerberatung landen, sei Deutschland

weit entfernt. Gute Aussichten für

eine Änderung sieht der Linken-Politiker

allerdings eher im Osten, weil hier die

Strukturen weniger zementiert sind.

Am Ende sagte Tagesschau-Chefsprecher

Jan Hofer, der die Veranstaltung moderiert

hatte, auf Wiedersehen – und

meinte das wortwörtlich. Nach dem Auftakt-Forum

soll der Wirtschafts- und

Innovationskongress künftig jährlich

stattfinden, als ein »Davos des Ostens«.

Auch dazu hatte der scheidende MDR-Intendant

Reiter schon zu Beginn postuliert,

dass nicht Gesundschrumpfen, sondern

Wachstum der Weg sei, um die Lebensverhältnisse

in ganz Deutschland

anzugleichen. Für diese Debatte brauche

es einen geistigen Ort – gute Aussichten

zumindest für Leipzig.

Hans Hansen

&

ZUKUNFT IM OSTEN

Ideen, die sich auszahlen

Mit einer Reihe von Projekten und Produkten präsentierten sich

bei der Veranstaltung »Zukunft im Osten« Forscher und Unternehmer.

Hier ein Überblick.

Freiberg: Alternative

Kohlenutzung

Dr.-Ing. Heiner Gutte, Projektleiter am

Deutschen EnergieRohstoff-Zentrum der

TU Bergakademie Freiberg, Jahrgang

1970, studierte an der TU Freiberg in der

Studienrichtung »Nichteisenmetallurgie

und Reinststoffe«. Der Wissenschaftler

arbeitete an verschiedenen Büchern

sowie Erfindungen mit.

Das DER entwickelt Rohstoffnutzungskonzepte

für das Nach-Erdölzeitalter. In

Zukunft wird die Kohle vor allem als Ausgangsstoff

für Chemieprodukte genutzt.

So sollen wertvolle Grundstoffe aus der

Kohle gewonnen werden, um daraus

Kunststoffe, Kraftstoffe, Düngemittel

oder Kunstfasern herzustellen, die derzeit

noch auf Erdölbasis produziert werden.

Im DER wird die gesamte Innovationskette

im Bereich der Energierohstoff-

Forschung von den Grundlagen bis zur

Kommerzialisierung abgedeckt. Bei der

Forschung arbeiten wir mit zwölf Partnern

wie Vattenfall, RWE und Chemieanlagenbau

Chemnitz zusammen. Das DER hat

die Vision, ein führendes Zentrum für

Forschung und Entwicklung im Bereich

der stofflich-energetischen Nutzung von

Kohle und Biomasse zu werden.

Jena: Intelligente

Bilderkennung

Claus Weibrecht, Geschäftsführer der

IronShark GmbH Jena, 1986 geboren,

gründete als 16-Jähriger das Einzelunternehmen

IronShark und wurde so zum

jüngsten Unternehmer Thüringens. Noch

bevor er das Abitur als Jahrgangsbester

ablegte, begann er 2004 das Studium

zum Diplom-Informatiker. Sein Unterneh-

IRONSHARK-CHEF Claus Weibrecht.

men beschäftigt 24 Mitarbeiter. Die

Hauptgeschäftsfelder sind E-Commerce,

mobile App-Entwicklung und Multimedia.

Die App »DeepView« wurde 2011 mit dem

IQ Innovationspreis Mitteldeutschland

ausgezeichnet:

Wir haben die Anwendung »DeepView« für

mobile Endgeräte (Smartphones & Tablet-

PCs) entwickelt. Die Anwendung verbindet

Printmedien mit der multimedialen

Vielfalt des Internets. »DeepView« installieren,

das gewünschte Motiv fotografieren

und das Bild wird automatisch mit

einer Bilddatenbank abgeglichen. Konnte

das Motiv zugeordnet werden, erhält der

Nutzer die in der Datenbank hinterlegten

Informationen auf sein mobiles Endgerät.

So können Printanzeigen mit zusätzlichen

Inhalten ergänzt werden – etwa Webseiten,

Audio- oder Video-Dateien –, um

das beworbene Produkt umfassender

darzustellen oder direkt zu verkaufen.

Die mobile Applikation wird bereits von

Anwendern in über 40 Ländern genutzt.

Halle: Innovative

Textilverarbeitung

Anne Trautwein, geboren 1981, studierte

Mode- und Schmuckdesign an der

Hochschule für Kunst und Design Burg

Giebichenstein in Halle/Saale und an der

Escuela de las Artes in Valencia/Spanien.

2008/09 arbeitete sie als Designer beim

Sportartikelhersteller Adidas.

Im Juni gründete sie ein Dienstleistungsunternehmen,

in dem sie als Diplom-

Designerin gestalterische Gesamtkonzepte

u. a. aus technischen Textilien entwickelt.

Ihre Entwicklung eines Strickstoffs

aus Geotextil ist mehrfach prämiert

und die Grundlage einer zweiten Unternehmensgründung,

geplant im Oktober

2011: Anne Trautwein strickt aus dünnen

Kunststoffstreifen moderne Sport- und

Freizeitkleidung. Ausgangsmaterial ist der

Membranstoff »Tyvek«, der seit Ende der

60er-Jahre als Dämmmaterial im Hausbau

seinen Einsatz findet. Die Membran

wird industriell in dünne Streifen geschnitten

und dann mit einer Maschine verstrickt.

Das Ergebnis sind sogenannte

Tyvek-Stricks. Sie sind hygienisch, weil

bis 90 Grad waschbar, atmungsaktiv, wasserabweisend,

hautfreundlich und sehr

leicht. Wegen dieser Eigenschaften kamen

Anfragen aus der Modebranche und

dem medizinischen Bereich. Die Idee zur

Verarbeitung dieses Materials zu Strickkleidung

hatte sie bei ihrer Diplomarbeit.

WIRTSCHAFT & MARKT 10/11 21


BERICHT

Fotos: H. Richter

Wenn Wasser das wichtigste Lebensmittel

aller Menschen ist,

dann ist Bier – wenigstens für

uns Deutschen – mit das leckerste. Besonders

süffiger Hopfensaft reift seit 2003 in

der Braumanufaktur Forsthaus Templin

am Ostufer des Templiner Sees – der einzigen

Bio-Brauerei Brandenburgs und

Berlins. Das Geschäft läuft so gut, dass

sich die Geschäftsführer und Braumeister

Thomas Köhler und Jörg Kirchhoff

entschlossen haben, in diesem Jahr die

für Bio-Reife besonders wichtigen Lagerkapazitäten

auf 80.000 Liter zu verdoppeln.

Eine Investition, die sich die Jungunternehmer

gründlich überlegt haben.

»Wenn man weiß, was man macht und

ordentlich plant, kann man das Risiko in

Grenzen halten«, ist Köhler überzeugt

und illustriert das am eigenen Objekt.

Nachdem beide Chefs vor der Wende

in Potsdam das Brauer- und Mälzer-Handwerk

erlernt und studiert hatten, zog es

sie erst einmal in den Westen. Dort erprobten

sie in unterschiedlichen kleinen

aber auch in Großbrauereien ihr Wissen

in der Praxis. 2002 trafen die Freunde in

heimatlichen Gefilden wieder aufeinander.

Und stellten fest, dass sie einer gleichen

Vision nachhingen: Dem Traum

von einer eigenen kleinen Brauerei. Für

viele Außenstehende ein Hauch von

Schnaps- oder Bieridee, schließlich hatte

sich der Markt der Hopfensafterzeuger

weitgehend geordnet, hatten die großen

Brauereien ihre Claims abgesteckt.

Gemäß der Braumeister-Weisheit »Bier

braucht Heimat!« machten sie sich dennoch

auf die Suche nach der Idee und

dem Standort.

WETTERABHÄNGIGE GASTRONOMIE

Letzterer war relativ schnell gefunden:

Das altehrwürdige Ausflugslokal Forsthaus

Templin, das seit 1834 die verschiedendsten

gastronomischen Nutzungen

erfahren hatte und seit 1997 zum Verdruss

der Badegäste und Wanderer im

tiefen Dornröschenschlaf verharrte. Da

lag erst einmal der Gedanke am Wiederbeleben

der Gastronomie nahe. »Aber

Ausflugs-Gastronomie lässt sich nicht

unbeschränkt steigern und ist ausgesprochen

wetterabhängig. Allerdings war das

Areal so interessant, dass wir im Plan B

uns auch vorstellen konnten, mit unseren

Familien schließlich hier zu wohnen«,

resümiert Köhler die Überlegung.

Dabei kamen ihnen ihre praktischen

Erfahrungen zu Gute: Beide hatten in

Westdeutschland bereits Gasthausbrauereien

aufgebaut und geleitet. Ihre Rechnung:

Um allein durch den Eigenbedarf

zu überleben, muss ein solches Haus im

Jahr mindestens 800 Hektoliter Bier er-

Braumanufaktur Forsthaus Templin

Bier braucht Heimat

Mit der einzigen Bio-Brauerei Brandenburgs haben sich die Braumeister

Thomas Köhler und Jörg Kirchhoff einen Traum erfüllt.

Sie setzen mit ihrem Konzept konsequent auf die regionale Schiene.

zeugen und verkaufen. Die dazu erforderliche

Investition bewegt sich in der

Höhe von 500.000 Euro.

Ein zusätzliches Plus waren die allgemein

erwachende Bio-Affinität und das

Wissen um die regionale Bier-Tradition.

Bio bedeutet beim Bier: naturbelassen,

unfiltriert und mit Rohstoffen aus

ökologischem Anbau hergestellt. Heute

baut ein brandenburgischer Bauer speziell

für die »Biermanufaktur« einheimische

Bio-Braugerste an. Der ökologisch

erzeugte Hopfen stammt von einem

bayerischen Bioland-Bauern.

Doch die eigentliche Herausforderung

für den besonderen Anspruch liegt in

der Brautechnologie. »Bio« heißt in der

Brauerei vor allem »mehr Zeit«, erklärt

Köhler. So darf das aus dem kochenden

Sud extrahierte Getränk nicht technisch

herunter gekühlt werden. Auch muss es

länger in den Tanks reifen. Bis zu sechs

Wochen stehen die »normalen« Sorten

auf der Hefe, bis zu zwei Monaten die

Starkbiere. Köhler: »Dieser Prozess wird

in Großbrauereien technisch beschleu-

nigt. Für uns ist deshalb die Kapazität an

Lagertanks das entscheidende Nadelöhr.

Deshalb investieren wir 2011 insbesondere

in diesem Bereich«.

Damit erreiche die Gasthausbrauerei

nun die angepeilte Obergrenze von 5.000

Hektolitern pro Jahr. Und um seinem Gesprächspartner

mathematische Peinlichkeiten

zu ersparen, fügt er grinsend hinzu:

»Ein Hektoliter sind 100 Liter.«

Unter den strengen Auflagen des deutschen

Reinheitsgebotes bestehen die naturbelassenen,

unfiltrierten Bierspezialitäten

des Hauses zu 90 Prozent aus Wasser,

das die Bekanntschaft ausschließlich

mit Hopfen, Malz und Hitze macht. Heraus

kommen solch edle Getränke wie das

legendäre »Potsdamer Stange«, nach einem

über 200 Jahre alten regionalen Rezept

– der absolute Renner des kleinen

Unternehmens (siehe Kasten).

Angesichts des sinkenden allgemeinen

Bierkonsums sehen die Potsdamer Kleinbrauer

in diversen regionalen Spezialbieren

eine derzeit stark prosperierende Nische.

Und diese lasse sich halt nur mit ge-

22 WIRTSCHAFT & MARKT 10/11


BERICHT

Interview

RUARIDH M. ATKINS (27)

aus Melbourne lernt

in Templin Bier brauen

diegener Erfahrung, einer gehörigen Portion

Handarbeit und ebenso viel Leidenschaft

ausfüllen. Das seien alles potenzielle

Vorteile von Kleinbrauereien, ist

Köhler überzeugt.

Jedes Jahr haben die Manufaktur-Brauer

ihren Ausstoß um etwa 500 Hektoliter

erhöht. Längst schenken sie ihre drei

ganzjährigen und zwei saisonalen Sorten

nicht mehr allein im eigenen Lokal aus.

Dank der 2010 installierten Abfüllanlage

für Bügelverschlussflaschen beliefern sie

nun regelmäßig die Bio-Supermärkte in

Berlin und Brandenburg, eine Lkw-Ladung

rollt gen Magdeburg, und auch an

der Ostsee kann man mit etwas Glück

eine Flasche des raren Hopfensaftes ergattern.

Für die Investitionen in Tanks und Hallen

haben die Bierbrauer auch auf Fördermittel

zurück gegriffen. Die Abfüllanlage

für Bügelflaschen ist sehr spezifisch

und teuer. »Alle Flaschen mit der Hand

zu verschließen, überstieg bei der hohen

Nachfrage letztlich unsere Möglichkeiten«,

blickt Braumeister Köhler zurück.

»Deshalb haben wir eine gebrauchte Anlage

gekauft. Die schafft 3.000 Flaschen

in der Stunde. Wir nehmen sie pro Woche

ein bis zweimal in Betrieb. Trotzdem

zahlt sich die Investition aus«.

Wenn es auch nicht den Bilderbuchsommer

in diesem Jahr gab, so schauen

die Potsdamer Bio-Brauer überaus optimistisch

in die Zukunft. Schließlich befinden

sie sich in der komfortablen Lage,

dass sie gar keine neuen Großabnehmer

BRAUPROZESS:

Braumeister Thomas

Köhler (o. r.) gibt

dem kochenden Sud

Hopfendolden zu.

Und füllt eine Jumbo-

Flasche ab (u. r.).

mehr unter Vertrag nehmen können, da

die Nachfrage höher ist als die Kapazität

der Produktion.

So können sich Kirchhoff und Köhler

auch der Ausbildung des Brauer- und

Mälzer-Nachwuchses widmen (siehe Interview).

Mit fünf Lehrlingen sind sie gar

der zweitgrößte Ausbildungsbetrieb in

ihrer Zunft in Brandenburg. Dass die

Lehrlinge – die auf einer Warteliste des

nächsten freien Platzes harren – durchweg

motiviert sind, liegt für die beiden

Braumeister auf der Hand: »Fast alle weisen

bereits eine abgeschlossene Berufsausbildung

vor und haben auf anderen

Wegen ihre Leidenschaft zum Bierbrauen

entdeckt. Viele auch über unsere

mehrtägigen Brauseminare.«

Heinz Richter

POTSDAMER STANGE

Teil des Soldatenlohns

Das obergärige Schankbier »Potsdamer

Stange« geht zurück auf die Zeit des

preußischen Soldatenkönigs Friedrich

Wilhelm I. (1688-1740). Auch der »Alte

Fritz« (1712-1786) als sein Nachfolger

gab dieses Bier als Teil des Soldatenlohns

aus. Da die Spezialität in hohen

stangenförmigen Gläsern ausgeschenkt

wurde, bürgerte sich der Name »Potsdamer

Stange« ein. Nach über 50 Jahren

Abwesenheit erfuhr das süffige Bier

in der Braumanufaktur einen Neustart –

natürlich in der namensgebenden stangenartigen

Glasform.

Australier im Glück

W&M: Herr Atkins, Sie haben in Ihrer Heimat

bereits Psychologie und Germanistik

studiert. Wie kommt man da auf die Idee,

aufs Brauereihandwerk umzusatteln?

ATKINS: Auslöser war mein Schüleraustausch

1999 in Deutschland. In Franken

bin ich auf den Biergeschmack gekommen.

Zehn Jahre später war ich extra

zur Hopfenernte in die Hallertau gekommen.

Die Vielfalt und die Qualität

der Biere in Deutschland haben mich

geprägt. Deshalb beschäftigte ich mich

als Student in meiner Wohnung mehr

mit Bierbrauversuchen als mit dem Studium.

Und dann ist mir immer wieder

ein Satz durch den Kopf gegangen: Finde

den Job, der dir gefällt, und du

brauchst nie wieder arbeiten! – Ehrlich:

Ich habe noch nie einen unzufriedenen

Bierbrauer gesehen.

W&M: Weshalb gehen Sie nicht in einer australischen

Brauerei in die Lehre?

ATKINS: In Australien wird der Markt

zu 85 Prozent von zwei Großbrauereien

beherrscht. Die industrielle Brauerei,

wo man nur noch Knöpfchen drücken

muss, hat mich nie gereizt. Die wenigen

Privatbrauereien sind zu klein, um

Lehrlinge auszubilden. In Deutschland

herrscht eine andere Bier-Kultur. Das

Deutsche Reinheitsgebot als ältestes

noch geltendes Lebensmittelgesetz

spricht für sich. In Australien wird Qualität

gewünscht, in Deutschland wird

sie erwartet.

W&M: Weshalb lassen Sie sich gerade in dieser

kleinen Brauerei ausbilden?

ATKINS: Weil ich hier alles von der Pike

auf lerne. Im 1. Lehrjahr sind wir von

der Braumanufaktur die Einzigen in

der Lehrklasse, die von Anfang an praktisch

ins Braugeschehen einbezogen

sind. Meister und Gesellen geben ihr

Wissen gern an uns Lehrlinge weiter.

W&M: Mit Diplomen in der Tasche können

Sie die Lehrausbildung binnen zwei Jahren

absolvieren. Wie groß ist das Heimweh?

ATKINS: Die Freude über die Ausbildung

ist stärker als Heimweh. Denn ich

erfülle mir einen Traum. Ich kann mir

sogar vorstellen, noch ein Studium zum

Braumeister in Deutschland zu absolvieren.

Dann bin ich bestens gerüstet,

das beste Bier Australiens zu brauen.

Interview: Heinz Richter

&

WIRTSCHAFT & MARKT 10/11 23


INTERVIEW

Reiner Rabe, geschäftsführender Gesellschafter der ZAL Zentrum für Ausbildung

Ludwigsfelde GmbH, über Fachkräftemangel, ältere Arbeitnehmer, individuelle

Lernangebote und eine engere Verzahnung von Wirtschaft und Bildungsbranche

»Bildung ist die einzige Lösung«

Fotos: U. Conrad

W&M: Der Fachkräftemangel ist eine Realität

in Deutschland, auch in den neuen Ländern

suchen viele Unternehmen vergeblich. Tausende

Ausbildungsplätze bleiben unbesetzt. Fachleute

halten Weiterbildung für den einzigen

Weg aus diesem Dilemma. Ist das so?

RABE: Ja. Eindeutig.

W&M: Warum?

RABE: Die Unternehmen brauchen nicht

einfach Fachkräfte, sondern qualifizierte

und motivierte Arbeitskräfte. 20 Jahre

nach der Wiedervereinigung haben wir

im Osten eine Überalterung. Damals

wurden die jungen Leute entlassen, viele

sind in die alten Länder gegangen. Wenn

die Älteren jetzt ausscheiden, ist der

Nachwuchs einfach nicht da. Es bleibt

nur die Chance, die Lücke durch gezielte,

wirtschaftsnahe Weiterbildung zu

schließen, und das in allen Bereichen,

öffentlich und privat finanziert.

W&M: Die Arbeitslosigkeit sinkt auch im

Osten, kann Weiterbildung hier noch etwas

bewirken?

RABE: Wir haben nicht 2,9 Millionen Arbeitslose,

sondern über 5 Millionen.

W&M: Wie kommen Sie darauf?

RABE: 1,2 bis 1,5 Millionen Menschen fallen

aus der Statistik. Ein Teil ist zum

Stichtag krank oder in Urlaub. Wer kein

Hartz-IV-Geld erhält, wird nicht gezählt.

Wer sich in einer Weiterbildungsmaßnahme,

in einer ABM oder einem Ein-

Euro-Job befindet, ebenfalls nicht.

Außerdem gibt es bis zu 1,5 Millionen so

genannte Aufstocker.

W&M: Welche Chancen haben Langzeitarbeitslose

überhaupt?

RABE: Mindestens 50 Prozent sind für

den ersten Arbeitsmarkt fit zu machen.

Bei den Schulabgängern ist die Situation

ähnlich prekär – die Zahlen halbieren

sich. Und von diesem Potenzial ist wiederum

nur die Hälfte fachlich und sozial

in der Lage, eine Ausbildung aufzunehmen.

Neben der gezielten fachlichen

Weiterbildung ist unbedingt persönliches

Coaching nötig.

W&M: Macht das auch ZAL?

RABE: Wir müssen das machen. Wir gehen

auf die Leute zu, allerdings kommen

wir schwer an sie heran.

W&M: Wie ist das lösbar?

RABE: Unser Ausgangspunkt ist immer

das Unternehmen, das Personal sucht.

Für die Produktion des Sprinters von

Mercedes-Benz in Ludwigsfelde und Düsseldorf

haben wir zum Beispiel über

1.000 Fachkräfte qualifiziert. Über die

Jahre gibt es eine Zusammenarbeit mit

580 Unternehmen, darunter Großunternehmen

wie Mercedes-Benz, MTU Maintenance,

BMW in Leipzig, Thyssen, Hornbach

oder Obi, aber auch sehr viele Mittelständler.

Wichtig ist, nicht nur den

fachlichen Bedarf zu sehen, sondern

ganz konkrete Lösungen für die jeweilige

Situation zu finden.

W&M: Können Sie ein Beispiel nennen?

RABE: In Baruth verarbeitet die Klenk AG

Holz, es gibt ein Sägewerk, Faserplattenproduktion

und Laminatherstellung.

Das Unternehmen wollte Lehrlinge einstellen,

aber von den Bewerbern kam von

den Leistungen her niemand in Frage.

Ich habe dem Geschäftsführer vorgeschlagen,

mit uns gemeinsam in die Ausbildung

zu gehen und dafür 16 Kandida-

ZUR

PERSON

Hopp des Frauen-Fußballs

Reiner Rabe, 72, wird in Fußballkreisen

schon mal als der »Hopp des Frauen-

Fußballs« bezeichnet. Als Hauptsponsor

des 1. FFC Turbine Potsdam ärgert

er sich über die vergeigte Frauen-Fußball-WM.

Mit dem Logo auf den Trikots

haben die »Turbinen« jedoch das ZAL

Zentrum für Ausbildung Ludwigsfelde

weithin bekannt gemacht. Der Sport

hat es dem Ingenieur und früheren

Gewerkschafter aus dem Autowerk

Ludwigsfelde angetan: Die Trainingsgeräte

für die erfolgreichen Bob-

Anschieber Kevin Kuske und Carsten

Embach wurden durch ZAL gebaut.

1990 hatte Rabe den Bildungsbetrieb

gegründet. Heute hat dieser über 100

Mitarbeiter, rund 1.500 Teilnehmer befinden

sich durchschnittlich in Kursen.

Neben der Weiterbildung gehören auch

eine Zeitarbeitsfirma und ein Handwerkerhof

zu dem Familienunternehmen.

ten auszuwählen. Die hätten sonst keine

Chance gehabt. Seit August läuft die Ausbildung

bei uns und bei der Klenk AG.

W&M: Wie wird dies finanziert?

RABE: Zur Hälfte aus dem Landesprogramm

»Arbeit für Brandenburg«, zur

Hälfte durch das Unternehmen. Dieses

Geld ist sinnvoll angelegt, denn die Alternative

wären unbesetzte Lehrstellen,

kein Nachwuchs auf der einen Seite und

chancenlose Jugendliche auf der anderen.

Und die Unternehmen müssen

etwas tun, sie müssen sich einen Dienstleister

suchen, der sie hier unterstützt.

HIGHTECH Faserplattenproduktion und

Laminatherstellung der Klenk AG in Baruth.

W&M: Wie verbreitet ist diese Einsicht? Es

scheint eher über die schlechten Voraussetzungen

der Bewerber geklagt zu werden.

RABE: Das ist unterschiedlich. Kleine Unternehmen

in den neuen Ländern tun

sich besonders schwer, dabei brauchen

gerade sie Unterstützung auf dem Markt

der Schulabgänger gegenüber den Großen.

Allerdings erleben wir im Moment

so etwas wie eine kleine Bildungskrise.

W&M: Inwiefern?

RABE: Die Bundesagentur fährt die Mittel

für geförderte Weiterbildung zurück.

Das halte ich für unverantwortlich in der

jetzigen Situation. Außerdem handelt es

sich um Geld, das die Versicherten in der

Arbeitslosenversicherung aufbringen.

Als führendes Unternehmen der wirtschaftsnahen,

hochwertigen gewerblichtechnischen

Weiterbildung in Berlin-

Brandenburg haben wir heute ein Viertel

der Teilnehmerzahlen von 2009.

24 WIRTSCHAFT & MARKT 10/11


INTERVIEW

»Wir brauchen die

Jugendlichen, aber die

GRÖSSTE RESERVE

sind die über 40-Jährigen.«

W&M: Liegt das denn an den Job-Centern?

RABE: Wir arbeiten mit einigen Job-Centern

gut zusammen, mit anderen klappt

es weniger gut. Wenn wir seit Jahresanfang

ganze zwei Teilnehmer für einen

Elektronikerlehrgang bekommen haben,

bei 20.000 Arbeitslosen im Einzugsbereich,

dann kann etwas nicht stimmen.

Wir allein bieten diese hochwertige

Ausbildung an. Anstatt Arbeitslose in allgemeine

Projekte zu stecken, sollte zielgerichtete

Weiterbildung oder Umschulung

erfolgen. Aber auch in der Wirtschaft

wird an Bildung gespart.

W&M: Wie passt das zum beklagten Fachkräftemangel?

RABE: Während der Wirtschaftskrise haben

viele Unternehmen ihre Mitarbeiter

qualifizieren lassen. Durch die Kurzarbeiterregelung

war das extrem kostengünstig,

die Bildungsetats wurden zurückgefahren.

Jetzt ist die Krise zwar

vorbei – wir hoffen, dass keine neue

kommt –, aber bei den Ausgaben für Bildung

wird weiterhin extrem gespart. Es

wird zwei, drei Jahre dauern, bis sich das

wieder normalisiert.

W&M: Wie stellen Sie sich darauf ein?

RABE: Wir warten nicht ab, sondern vertiefen

unsere Zusammenarbeit mit den

Unternehmen.

W&M: Wie geschieht das konkret?

RABE: In 20 Jahren haben wir acht Standorte

in Wirtschaftszentren aufgebaut.

Wir haben in modernste Technik investiert,

an denen Elektroniker oder CNC-

Techniker ausgebildet werden. Kein

Bildungsanbieter in der Region hat eine

solche Technikausstattung. ZAL unterhält

Niederlassungen in Potsdam, Wil-

dau und Düsseldorf. Vergangenes Jahr

sind wir aus Berlin-Steglitz auf das

WISTA-Gelände in Berlin-Adlershof gezogen,

ins Umfeld von Hightech-Unternehmen

mit speziellen Anforderungen

an hoch qualifizierte Arbeitskräfte.

W&M: Sie sind auch in der Biotechnologie-

Branche unterwegs?

RABE: Am 17. Oktober eröffnen wir im

Biotechnologiepark Luckenwalde unser

neues Bildungszentrum, mehr als eine

Million Euro wurden hier investiert. Ausdrücklich:

ohne Förderung. In Luckenwalde

bilden wir seit 2008 Chemie- und

Biologie-Laboranten aus.

W&M: Warum hat ZAL eine eigene Job-Börse?

RABE: Wir betreiben ein eigenes Informationszentrum

Jobs & Bildung, in dem

Firmen die Stellen melden, die nicht bei

der Arbeitsagentur zu finden sind. Die

Hälfte der Jobangebote werden den Arbeitsagenturen

nicht genannt, weil Unternehmen

die Erfahrung gemacht haben,

dass sie hier keine geeigneten Bewerber

finden.

W&M: Die OECD hat Deutschland aktuell

wieder bescheinigt, nicht genügend für akademischen

Nachwuchs zu tun.

RABE: Die Unis sind voll, aber wir haben

zu wenig Elite. Wenn an den Gymnasien

die Naturwissenschaften abgewählt werden,

braut sich langfristig das nächste

Fachkräfteproblem zusammen. Mit der

Universität Potsdam und dem Wissenschaftspark

Potsdam-Golm wird ZAL

künftig Personalentwicklung anbieten,

um Qualifizierung in Spezialberufen mit

anerkanntem Abschluss zu ermöglichen.

In vielen innovativen Unternehmen gibt

es dafür Bedarf, und dieser wird steigen.

W&M: Wie werden Ältere fit für den Arbeitsmarkt

gemacht?

RABE: Wir brauchen die Jugendlichen,

aber die größte Reserve sind die über 40-

Jährigen. Nicht die 60-jährigen Menschen,

wer das sagt, kennt die Wirtschaft

nicht. Die technische Weiterentwicklung

in allen Branchen geht so rasant voran,

dass es ohne regelmäßige Qualifizierung

nicht mehr funktioniert. Das betrifft

nicht nur die IT-Branche.

W&M: Reicht die öffentliche Aufmerksamkeit

für Weiterbildung?

RABE: Alle reden über Fachkräftemangel,

kaum zehn Prozent tun etwas. Wir

müssen aber handeln, und das jetzt.

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WIRTSCHAFT & MARKT 10/11 25


BERICHT

VW-Motorenwerk

Innovation im Montageprozess

Im Motorenwerk Chemnitz werden seit Jahren die aktuellen Motorengenerationen des Volkswagen-

Konzerns in die Großserie überführt. Deutschlands Fabrik des Jahres 2009 hat sich im Konzernverbund

einen hervorragenden Ruf als zuverlässiger Produktionspartner und Qualitätsgarant erworben.

Die Volkswagen Sachsen GmbH

steuert 2011 gleich mehrere Rekorde

an. Das Werk Zwickau, in

dem Golf und Passat und künftig auch

der Golf Variant gefertigt werden, könnten

erstmals 300.000 Fahrzeuge in einem

Jahr verlassen. Im ersten Halbjahr waren

es bereits zum ersten Mal 160.000 Autos.

Für die Dresdner Phaeton-Manufaktur

von VW werden 9.000 Karosserien produziert,

nachdem man 2010 mit 7.500 Stück

eine neue Bestmarke erreicht hatte. Und

auch der Dritte im VW-Bunde, das Motorenwerk

in Chemnitz, erreicht neue

Spitzenwerte: Bis Jahresende 2011 sollen

hier 380.000 Motoren und 450.000 Ausgleichswellenmodule

vom Band rollen.

Überdies investiert der Automobilkonzern

aus Wolfsburg in diesem Jahr laut

Hans-Joachim Rothenpieler, Geschäftsführer

Technik sowie Sprecher der Geschäftsführung

bei VW Sachsen, 300 Millionen

Euro in Zwickau und Chemnitz.

Insgesamt fließen seit 2010 bis 2015

rund 1,5 Milliarden Euro in die sächsischen

Konzernstandorte.

Das Chemnitzer Werk steht dabei

zuweilen zu Unrecht im Schatten von

Zwickau und Dresden. Immerhin produzieren

hier 1.100 Mitarbeiter auf einer

Fläche von 213.000 Quadratmetern Tag

für Tag 3.000 bis 3.400 Motoren sowie

4.000 Ausgleichswellengetriebe.

und den Trabant 1.1 (ab 1990) hergestellt

worden. Nachdem mit der Wende beiden

Fahrzeugtypen keine Marktchance mehr

beschieden war, errichtete der Wolfsburger

Konzern statt eines modernen Auto-

Montagewerkes ein nagelneues Komponentenwerk.

Bedient werden heute von

Chemnitz aus in erster Linie die VW-Werke

in Zwickau und im slowakischen Bratislava

sowie die Manufaktur in Dresden.

Mit Sicherheit hat Volkswagen sein

Engagement in Westsachsen nie bereut.

So war das Chemnitzer Motorenwerk erst

im vergangenen Jahr als Deutschlands

»Fabrik des Jahres« geehrt worden. Ausgelobt

wird die Auszeichnung durch die

Unternehmensberatung A.T. Kearney sowie

die Fachzeitschrift »Produktion«. Die

Chemnitzer siegten dabei in der Katego-

rie »Hervorragendes Innovationsmanagement«.

Werkleiter Heinrich Nottbohm

und Betriebsratschef René Utoff nahmen

die Urkunde stellvertretend für die gesamte

Belegschaft in Ludwigsburg entgegen.

Überzeugt hatte man die Jury vor

allem mit einer in Chemnitz kreierten

Weltneuheit – dem so genannten »Monolithischen

Haubenmodul mit integrierter

Nockenwelle in der Zylinderkopfhaube«.

Für dessen Montage war vor Ort von

den Ingenieuren eigens ein spezielles

Verfahren ertüftelt worden.

Diese neuartige Kombination von Produkt-

und gleichzeitiger Prozessinnovation

nutze das Prinzip des modularen

Aufbaus und führe durch Reibleistungsminimierung

nachhaltig zur Verringerung

des Kraftstoffverbrauchs, so Prof.

Fotos: H. Lachmann

VIELFALT IN DER LEISTUNG

Produziert werden hier Drei- und Vierzylinder-Ottomotoren

mit 1,2 bis 1,6 Litern

Hubraum, die von Fachleuten sowie

kenntnisreichen Laien mit den Kürzeln

MPI, TSI, CNG klassifiziert werden. Hinzu

kommen Vierzylinder-Dieselmotoren

mit zwei Litern Hubraum und halt Ausgleichswellengetriebe,

Pleuel und Kurbelwellen.

Einer Ausgleichswelle kommt

im Fahrzeug die Aufgabe zu, die freien

Massenkräfte, die in einem Hubkolbenmotor

walten, so zu reduzieren oder zu

beseitigen, dass Betriebsgeräusche und

Vibrationen kaum spürbar sind.

Noch in den letzten beiden DDR-Jahren

waren in dem Betrieb – damals noch

unter dem Etikett VEB IFA-Kombinat

Karl-Marx-Stadt – in Lizenz VW-Viertaktmotoren

für den Wartburg 1.3 (ab 1988)

TOP-FABRIK: Im Chemnitzer Werk werden neue VW-Motoren in die Großserie überführt.

26 WIRTSCHAFT & MARKT 10/11


BERICHT

Werner Neubauer, Mitglied des Markenvorstands

Volkswagen. Für ihn unterstreicht

der Konzern mit der Innovation

Made in Chemnitz seine »Technologieführerschaft

bei effizienten Verbrennungsmotoren«.

Die Sachsen hätten ein

Paradebeispiel für erfolgreiches Innovationsmanagement

abgeliefert.

Mithin legte die Volkswagen Sachsen

GmbH schon frühzeitig den Fokus auf innovative

Technologien und Fertigungsprozesse.

»Durchgängiges Innovationsmanagement

gehörte von Anfang an zur

progressiven Unternehmenskultur«, ist

sich Geschäftsführer Dr. Frank Löschmann

sicher. Und gerade das Motorenwerk

nehme schon seit zehn Jahren eine

Vorreiterrolle bei der Einführung von

Produkt- und Prozessinnovationen ein.

Oft geschehe dies auch gemeinsam mit

regionalen Partnern aus der Wissenschaft

sowie der Aggregatentwicklung.

Beginnend mit den FSI-Motoren wurden

übrigens mittlerweile alle neuen

Motorengenerationen von Volkswagen in

Chemnitz in die Großserie überführt.

Folglich hatten die Westsachsen anno

2000 auch den Zuschlag als Exklusiv-Lieferant

für die neu entwickelten FSI- und

2005 für die sparsamen TSI-Motoren er-

halten. Beide bilden inzwischen die tragende

Säule im Produktspektrum des

sächsischen Standorts.

2007 startete das Werk Chemnitz als

erster Konzernstandort mit der Produktion

von Turbodieselaggregaten mit

CommonRail-Technologie. Ein Jahr später

lief dann die Serienproduktion des

EcoFuel-Motors an. Des weltweit ersten

Erdgasantriebs mit effizienter Twincharge-Technologie.

Im März dieses Jahres durfte die Belegschaft

dann auf ein besonderes Jubiläum

anstoßen: Sie lieferte den zehnmillionsten

Volkswagen-Motor aus. Es war ein

1,4 Liter TSI Motor mit einer Leistung

von 132 kW (180 PS). Konzernvorstand

Dr. Michael Macht zeigte sich zu diesem

Anlass »beeindruckt von der hohen Fachkompetenz

der Chemnitzer Belegschaft«.

Diese Mannschaft werde im gesamten

Volkswagen-Verbund für »ihre Zuverlässigkeit

und Anlaufkompetenz geschätzt«,

betonte er.

Für Prof. Neubauer ist es nur konsequent,

dass auch die nächste Generation

der 4-Zylinder-Otto-Motoren von VW ab

dem kommenden Jahr zuerst in Chemnitz

gebaut wird. Für die sächsische

Stadt bedeute dies zugleich eine nachhaltige

Standort- sowie Beschäftigungssicherung.

Mittlerweile habe sich seine

Fabrik »von einer ehemals verlängerten

Werkbank zu einem modernen Aggregate-Werk

für Motoren und Motorenkomponenten

entwickelt«, ist sich auch

Werkleiter Nottbohm sicher.

Und damit dies so bleibt, investierte

Volkswagen allein 2010 rund 65 Millionen

Euro im Chemnitzer Werk. In diesem

Jahr kommen weitere 45 Millionen

Euro hinzu. Die Schwerpunkte dieses

Investments liegen laut Nottbohm auf

neuen Fertigungsanlagen für Kurbelwellen,

einem neuen Zylinderkopfhaubenmodul

sowie einer neuen Montagelinie.

BELEGSCHAFT IST ERFOLGSGARANT

Auch der Betriebsratschef klatscht bei so

viel Lob und Zukunftsaussichten Beifall:

»Die Quelle unseres Erfolges ist unsere

großartige Mannschaft«, so Utoff. »Darüber

hinaus haben wir uns für gute und

stabile tarifvertragliche Rahmenbedingungen

stark gemacht, die Flexibilität

und Produktivität gleichermaßen ermöglichen.«

Jene Flexibilität gilt maßgeblich als

Schlüssel zum Erfolg. Denn als etwa 2009

nach einer krisenbedingten Delle die

Nachfrage nach Golf- und TSI-Motoren

wieder sprunghaft zugelegt hatte, fand

sich die sächsische Belegschaft zu mehr

als 50 Zusatzschichten ein. Erst dadurch

war es dem Konzern letztlich gelungen,

für das Gesamtjahr noch ein recht gutes

Gesamtergebnis zu erreichen.

Vor diesem Hintergrund setzte VW

Sachsen dann auch entgegen dem vorherrschenden

Trend in den Krisenjahren

weiter auf die Ausbildung junger Menschen.

2009 wurden mit 99 Azubis so viele

junge Menschen eingestellt, wie nie

zuvor. Diesen Weg wolle man weiter fortsetzen

und »in Ausbildung investieren«,

kündigte Geschäftsführer Löschmann

an. Anders werde man nicht in der Lage

sein, »die Herausforderungen, die sich

mit zukünftigen Fahrzeugantrieben und

den elektronischen Steuerungen ergeben,

nachhaltig zu meistern und Beschäftigung

in Sachsen zu halten«.

Unlängst kündigte die Unternehmensleitung

von VW Sachsen die baldige Einstellung

neuer Mitarbeiter an. Sie sollen

aus den Reihen der Leiharbeiter kommen,

die schon in den Werken tätig sind.

Im März waren bereits 200 Leiharbeiter

übernommen worden. Insgesamt arbeiten

in den sächsischen VW-Standorten

Zwickau, Chemnitz und Dresden inklusive

der Auszubildenden und der Mitarbeiter

der Bildungsinstitute gegenwärtig

rund 10.000 Menschen.

Harald Lachmann

&

WIRTSCHAFT & MARKT 10/11 27


KOLUMNE

Heute muss ich einen Brief an den

deutschen Finanzminister schreiben,

der in einer Stellungnahme

zur europäischen Krise provokante Thesen

vertreten hat:

Sehr geehrter Herr Schäuble, mit großem

Interesse habe ich Ihre Stellungnahme

zur Überwindung der Eurokrise

durch die Konsolidierung der Staatshaushalte

in Europa in der »Financial Times«

gelesen. Es hat dazu ja vor allem in

englischsprachigen Zeitungen schon viel

und heftige Kritik gegeben, die ich nicht

wiederholen will. Ich weiß nicht, wer Sie

beraten hat, aber ich möchte Ihnen doch

noch einmal vor Augen führen, welche

Ideen dahinterstehen, weil ich unsicher

bin, ob der- oder diejenige Ihnen die Implikationen

Ihrer Aussagen in ausreichender

Offenheit erklärt hat.

Gegen die Warnung, staatliche Spardiktate

ließen den Einbruch der gesamtwirtschaftlichen

Nachfrage in ohnehin

geschwächten Volkswirtschaften eskalieren,

geben Sie zu bedenken, dass ein

kurzfristiger Einbruch beim Konsum

mittelfristig dadurch ausgeglichen werde,

dass die Sparpolitik das Vertrauen

von Investoren und Konsumenten erhöht

und die Arbeitslosigkeit senkt. Sie bauen

also darauf, dass die Wirtschaft in der

mittleren Frist, auf einen stabilisierenden

Faktor zurückgreift, der nichts mit

der desolaten Lage in Gegenwart und

nächster Zukunft zu tun hat.

Was sollte das sein? Sie wissen genau

wie ich, dass die mittlere Frist eine Fiktion

ist, die sich aus vielen kurzen Fristen

zusammensetzt. Hätten beispielsweise

die Unternehmen tatsächlich ein

relativ sicheres über die kurze Frist hinausgehendes

Wissen, auf dessen Basis sie

investierten, würden wir derzeit nicht

die Schwankungen sehen, die wir Konjunktur

nennen. Das kann man leicht an

dem nur sechs (!) Monate im Voraus die

Geschäftserwartungen abfragenden ifo-

Geschäftsklima-Index sehen, der wie das

Fähnlein im Wind die Unsicherheit der

Privatwirtschaft widerspiegelt.

Selbst wenn viele Investoren in ihren

politischen Stellungnahmen staatliches

Sparen gutheißen, haben sie doch keine

andere Möglichkeit, als ihre Entscheidungen

nach den konkreten Signalen

auszurichten, die sie von ihren Märkten

erhalten. Wer heroisch gegen den Markt

investiert, wird bald sein blaues Wunder

erleben. Wie der globale Investitionseinbruch

in der Krise von 2008 klar zeigte,

haben daran auch 30 Jahre Angebotspoli-

AUS GENFER SICHT

Austerität

als einzige Lösung?

Von HEINER FLASSBECK, Genf

Internet: www.flassbeck.com

tik und eine extrem gute Gewinnsituation

der Unternehmen nichts geändert.

Gerade weil die Privaten sich nicht

über die kurze Frist hinwegsetzen können,

kommt der Politik eine Stabilisierungsaufgabe

zu, die sie nicht an die

Wirtschaft zurückgeben kann. Daher

sind gesamtwirtschaftlich betrachtet

Sparen und Stabilisieren in einem konjunkturell

unsicheren Umfeld ein Widerspruch

in sich. Für die gesamtwirtschaftliche

Stabilisierung kann nur der Staat

zuständig sein, niemals die Privatwirtschaft,

weil es in Unternehmen rational

ist, in unsicherer Zeit zu sparen und kein

Risiko einzugehen. Da das gesamtwirtschaftlich

zu einer sich selbst treibenden

Abwärtsspirale führt, muss der Staat einspringen

und über die kurze Frist hinweghelfen,

indem er sich verschuldet.

Warum, werden Sie vielleicht fragen,

hat das früher besser funktioniert, warum

waren konjunkturelle Schwächephasen

nie so gefährlich wie heute? Entscheidend

ist, dass früher die Zukunftserwartungen

der Konsumenten viel

stabiler waren. Das lag daran, dass die

Abschwünge vor 30 bis 50 Jahren kurz

und die Aufschwünge lang anhaltend

waren, dank einer Lohnpolitik, die kontinuierlich

die gesamte Produktivität in

die Lohneinkommen schleuste, statt der

Ideologie zu folgen, Produktivität könnne

für Beschäftigung reserviert werden.

Weil weltweit der normale Arbeitnehmer

erwarten konnte, dass nach dem Abschwung

sein Einkommen schnell wieder

steigen wird, hat er sein Konsumverhalten

nicht fundamental geändert.

Damit ist Schluss. Die USA erleben, dass

ihr Aufschwung nach nur zwei Jahren zu

versanden droht, denn zum ersten Mal

seit Menschengedenken steigen die Einkommen

der Arbeitnehmer in einem

Aufschwung nicht. Die Folge ist auch für

die Gesamtwirtschaft Stillstand, obwohl

die Unternehmen in Gewinnen schwimmen,

weil sie fast den gesamten vom

Staat durch höhere Defizite initiierten

Zuwachs des Einkommens in den letzten

beiden Jahren für sich in Anspruch genommen

haben. In Japan kann man seit

zwei Jahrzehnten eine Wirtschaft studieren,

der ihre positive Dynamik abhandengekommen

ist, weil die privaten

Haushalte endgültig mit der Vorstellung

abgeschlossen haben, sie würden noch

einmal teilhaben können an einem dynamischen

Aufschwung der Wirtschaft.

Das mit Abstand beste Beispiel aber ist

Deutschland. Der hiesige Durchschnittskonsument

weiß kaum noch, wie man

mehr konsumiert; er muss seit zehn Jahren

mit dem »zufrieden« sein, was er hat,

weil sein Einkommen in dieser Zeit nicht

gestiegen ist. Die hoch gelobte Flexibilisierung

des Arbeitsmarktes, Rekordgewinne

und Steuersenkung für Unternehmen,

der Anstieg der Beschäftigung, der

Rückgang der gemessenen Arbeitslosigkeit

und Exportboom – haben diese dazu

geführt, dass die Unternehmen mehr investieren

und die Schwäche anderer Bereiche

ausgleichen oder dass die Konsumenten

Geld ausgeben, das sie nicht haben,

weil sie optimistisch in die Zukunft

schauen? Fehlanzeige. Die Investitionen

sind in der Krise stark eingebrochen und

haben sich danach wenig erholt. 2011

sind sie noch weit vom Niveau 2008 entfernt,

das bereits sehr niedrig war.

Wo soll die Dynamik einer Weltwirtschaft

herkommen, in der, wie Sie meinen,

auch noch der private Konsum und

der Staatsverbrauch reduziert werden

müssen? Für die USA, Japan und Europa

zusammen macht der Bruttoexport an

der gesamten Produktion nur zehn Prozent

aus, der Konsum aber über 80 Prozent.

Wo soll da ein Konsumeinbruch

aufgefangen werden? Bricht die Weltwirtschaft

jetzt ein und gerät in die japanische

Spirale von Stagnation und Deflation,

werden wir Generationen nach uns

ein schlimmes Erbe hinterlassen. &

Foto: Torsten George

28

WIRTSCHAFT & MARKT 10/11


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Innovationsstandort Neue Bundesländer

Offen für Neues,

kreativ und unternehmerisch

Die Wichtigkeit von Innovationen für die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen und ganzen

Volkswirtschaften ist unstrittig. Aber wie steht es um den Innovationsstandort Ostdeutschland,

um die Gründungskultur? Um Antworten hat W&M Professor Dr. Andreas Pinkwart, Rektor

und Inhaber des Stiftungsfonds Deutsche Bank Lehrstuhls für Innovationsmanagement und

Entrepreneurship der Handelshochschule Leipzig (HHL) gebeten.

Fotos: HHL

Wer heute das Stichwort »Innovation«

googelt, der bringt es auf

fast elf Millionen Treffer. Ein

wichtiger, gleichwohl inflationär gebrauchter

Begriff. Was bedeutet er? Innovationen

(lat.: Neuerung, Erneuerung)

basieren auf neuen Ideen für Produkte,

Verfahren oder Dienstleistungen. Aber es

sind mehr als Erfindungen. Innovationen

bedeuten, dass die neuen Ideen auch

am Markt durchgesetzt werden. Das ist

das Entscheidende. Joseph Schumpeter,

der den Begriff in die Wirtschaftswissenschaft

eingeführt hat, versteht unter Innovation

eine »kreative Zerstörung« vorhandener

und die Etablierung neuer

Märkte. Mit der Marktdurchdringung einer

Innovation durch Imitatoren beginnt

der »Countdown« für die nächste Innovation,

die diese wieder ablöst. Wir sind

Zeugen schneller und gravierender, revolutionärer

Veränderungen. So bei den Informationstechnologien.

Noch vor wenigen

Jahrzehnten prägten Elektroschreibmaschinen

die Büros, es folgten Personal

Computer, Drucker, dann Laptop und

heute sind Tablet PC der Renner.

Innovationen basieren auf Forschung

und Entwicklung (FuE) in Unternehmen,

Hochschulen und Forschungseinrichtungen.

Im Allgemeinen beobachten wir den

Zusammenhang: Je größer ein Unternehmen,

desto mehr Ressourcen fließen in

den Bereich FuE. Die Erfindungen entstehen

geplant oder ungeplant, bekannt

dafür sind die Post-it-Klebezettel (3M),

oder das Propylen (Max-Planck-Institut

für Kohlenforschung). Ihre Umsetzung

am Markt erfordert unternehmerischen

Weitblick, Kreativität und den unbändigen

Willen zum Erfolg.

Für Volkswirtschaften sind Innovationen

das Alpha und Omega. Innovative

Unternehmen sind die erfolgreicheren.

Sie sind in aller Regel ertragreicher, krisenfester

und haben das größere Wachstumspotenzial.

Und für dauerhaftes

Wirtschaftswachstum ist langfristiger

technischer Fortschritt bedeutend, wie

Robert M. Solow, sagt. Wachstumspolitik

kann folglich auf lange Sicht nur erfolgreich

sein, wenn sie den technischen

Fortschritt begünstigt.

RISIKEN UND CHANCEN

Neuerungen werden von klugen Köpfen

in Unternehmen oder durch innovative

Unternehmensgründer möglich gemacht

– sie werden nicht von der Politik

geschaffen. Sie kann allerdings die Rahmenbedingungen

erheblich beeinflussen.

Im besten Fall Innovationen begünstigen,

im schlimmsten Fall sogar verhindern.

Die Rolle des Staates in der

Innovationspolitik hat Otto Graf Lambsdorff

einmal so umschrieben: »Wer ein

Schwimmbad betritt, der kann erwarten,

dass er ein Becken vorfindet, warmes

Wasser und einen Bademeister. Aber

schwimmen muss er selbst. Die meisten

Badegäste können und wollen das auch.«

Erfolg lässt sich messen an der Innovatorenquote:

Am Anteil der Unternehmen,

die innerhalb eines definierten

Zeitraums ein neues oder deutlich verbessertes

Produkt auf den Markt gebracht

haben, an der Patentintensität

von Unternehmen, Hochschulen, Forschungseinrichtungen

und Einzelpersonen

und daraus entstehenden Lizenzerlösen,

an der Gründungsquote oder am

Exportanteil FuE-intensiver Produkte

und Dienstleistungen.

Selbstverständlich können Volkswirtschaften

Innovationen begünstigen. So

durch starke Bildung – sie ist das beste

Fundament –, die sich in Investitionen in

Schulen und Hochschulen messen lässt,

oder durch den jeweiligen Bevölkerungsanteil

mit Abschluss der Sekundarstufe II

und mit Hochschulabschluss, insbesondere

in den MINT-Fächern. Weiter durch

starke Forschung und Entwicklung, die

sich in staatlichen Ausgaben in Forschungszentren

und Hochschulen wie

auch in direkter Förderung forschender

Unternehmen und in FuE-Ausgaben von

Unternehmen beziffern lässt. Schließlich

kommt es auf eine starke Innovationskultur

an. Sie spiegelt sich in der Gründungsneigung,

Risikofreudigkeit und Offenheit

gegenüber Neuem.

Eine Innovations-Analyse Ostdeutschland

offenbart Stärken und Schwächen.

Zu den Stärken gehören das Bildungssystem,

öffentliche FuE-Ausgaben, Erfolge

bei Clusterbildung, eine gute Infrastruktur,

Lebens- und Arbeitsbedingungen

und eine hohe Wachstumsdynamik.

Zugleich sind eine Reihe von Schwächen

nicht zu übersehen. Dazu gehören vergleichsweise

geringe private FuE-Ausgaben,

eine Unternehmensstruktur, in der

Großunternehmen die Ausnahme sind.

Auch deshalb liegen in der Vernetzung

von Wissenschaft und Wirtschaft noch

Reserven. Die Risikokapitalausstattung

ist schwach und Binnenwanderung

schwächt das Arbeitskräftepotenzial.

Diese Stärken und Schwächen spiegeln

sich auch in den aktuellen Daten. Unübersehbar

ist, dass bei den Veränderungen

in den Existenzgründungen von

2009 zu 2010: Die fünf ostdeutschen Länder

haben einen negativen Saldo, der nur

von positiven Entwicklungen in Berlin

kompensiert wird. Eine zweite Auskunft

gibt die Patentstatistik. Auch sie signalisiert

Handlungsbedarf. Natürlich haben

die Ergebnisse auch damit zu tun, dass

sich die FuE-Kapazitäten nahe dem

Hauptsitz großer Unternehmen befinden.

85 Prozent der privaten Ausgaben

kommen von Großunternehmen und

nur 15 Prozent von den KMU.

30 WIRTSCHAFT & MARKT 10/11


SPECIAL

NEUER REKTOR DER HANDELSHOCHSCHULE LEIPZIG: Prof. Dr. Andreas Pinkwart.

Und es gibt eine dritte Statistik, die aufschlussreich

ist – die Patentzahlen der

Universitäten in Deutschland. Hier ein

Auszug aus dem bundesweiten RWI-Ranking

der patentintensivsten Hochschulen

1997–2005:

– Platz 1: TU Dresden

– Platz 2: Universität Jena

– Platz 6: TU Ilmenau

– Platz 8: Humboldt-Universität Berlin

– Platz 9: Universität Leipzig

– Platz 11: Otto-von-Guericke-

Universität Magdeburg

– Platz 14: Universität Halle

– Platz 17: TU Berlin

– Platz 18: Universität Rostock

Unter den Top 10 deutscher Universitäten

liegen fünf ostdeutsche: Dresden

Jena, Ilmenau, Berlin und Leipzig. Universitäten

und Hochschulen Ostdeutschlands

mit ihren Forschungseinrichtungen

ersetzen faktisch, was DAX-Konzerne

Westdeutschlands mit ihren FuE-Einrichtungen

leisten. Gerade dem Mittelstand

Ost ist da nur zu empfehlen, dass er dieses

Potenzial besser nutzt, um die strukturellen

Nachteile in den Unternehmensgrößen

zu kompensieren.

Hinzu kommt eine zweite Chance:

Innovative Unternehmensgründungen

können innerhalb eines kurzen Zeitraums

von vielleicht zehn oder zwanzig

Jahren zu Leuchttürmen, zu Weltkonzernen

wachsen – wie SAP, um nur ein Beispiel

zu nennen. Es braucht heute nicht

mehr Unternehmensgeschichten wie die

von Siemens.

Der demografische Wandel in Europa

und Deutschland insgesamt trifft auch

und insbesondere Ostdeutschland. Risiken

bestehen darin, dass sich der Wettbewerb

um die besten Köpfe verschärft

und der Druck auf die öffentlichen Haushalte

zunimmt, zumal die Schuldenbremse

die Spielräume einengt. Gleichzeitig

eröffnen sich Chancen, wenn die

Qualität bei Bildung, Verkehr, Freizeit

und Wohnraum erhöht wird.

Ähnlich verhält es sich bei der Veränderung

der EU-Förderungskulisse ab

2013 und dem Auslaufen des Solidarpaktes

II bis 2020. Auf der einen Seite wird

sich die öffentliche Innovationsförderung

verschlechtern, auf der anderen

Seite ergibt sich die Chance, die Wettbewerbsfähigkeit

aus eigener Kraft weiter

zu steigern.

Globalisierung und technischer Fortschritt

führen zu immer kürzeren Innovationszyklen

und einem schnelleren

Umbau des Firmenbestandes – das ist

auch für Ostdeutschland eine entscheidende

Herausforderung.

IMPULSE FÜR HEUTE UND MORGEN

Der demografischen Entwicklung muss

mit einer qualitativen Wachstumsstrategie

begegnet werden. Dazu gibt es keine

vernünftige Alternative. Es kann nur

darum gehen, die Stärken im Bereich

Bildung, Wissenschaft und Forschung

gezielt auszubauen, die Infrastruktur behutsam

anzupassen und Wachstumskerne

gezielt zu fördern. Innovationen

brauchen ein dynamisches Umfeld und

EXISTENZGRÜNDUNGEN

Berlin holt mächtig auf

Veränderungen bei Existenzgründungen (absolut) 1010 ggü. 2009

PATENTANMELDUNGEN

Mecklenburg-Vorpommern ist Schlusslicht

Patentanmeldungen beim DPMA 2008 je 100.000 Einwohner

Baden-Württemb.

Bayern

Berlin

Brandenburg

Bremen

Hamburg

Hessen

Mecklenburg-Vorp.

Niedersachsen

Nordrhein-Westf.

Rheinland-Pfalz

Saarland

Sachsen

Sachsen-Anhalt

Schleswig-Holst.

Thüringen

-1.000 0 +1.000 +2.000 +3.000

Baden-Württemb.

Bayern

Hamburg

Hessen

Nordrhein-Westf.

Niedersachsen

Rheinland-Pfalz

Saarland

Thüringen

Berlin

Sachsen

Bremen

Schleswig-Holst.

Sachsen-Anhalt

Brandenburg

Mecklenburg-Vorp.

0 25 50 75 100 125 150

WIRTSCHAFT & MARKT 10/11 31


eine kritische Masse an klugen und kreativen

Köpfen.

Eine noch wichtigere Rolle können

und müssen Hochschulen als Inkubatoren

für Unternehmensgründungen spielen,

insbesondere Technische Hochschulen

und Business Schools. Sie sollten als

Innovationsquelle für den Mittelstand

durch neue Formen des Technologietransfers

besser genutzt werden. Dies

wäre ganz wichtig, um die Innovationsneigung

der KMU zu erhöhen.

Desgleichen wichtig bleibt es, bereits

bestehende Cluster zu stärken, neue

Cluster und Netzwerke auszubauen.

Denn nur mit gebündelten Kräften können

KMU in Ostdeutschland den Wettbewerb

um Forschungsmittel, Investitionen

und Arbeitskräfte auf Augenhöhe

mit Großunternehmen führen. Das betrifft

auch den Zugang zu Fördermitteln.

So können KMU spezielle Förderung des

Bundeswirtschaftsministeriums nutzen:

Innovationsgutscheine, Industrielle Gemeinschaftsforschung

und Zentrales Innovationsprogramm

Mittelstand.

Immer dringlicher wird, das Risikokapitalangebot

für innovative Unternehmen

zu verbessern. Sie müssen die Chance

bekommen, rasch zu wachsen, global

agieren zu können. Unternehmen anderer

Länder – vornehmlich in Asien –

bekommen diese Wachstumsspritze und

»the winner takes it all«, er macht das Geschäft.

In Nordrhein-Westfalen ist dafür

ein regionaler Seed-Fonds in Kombination

mit einem High-Tech-Gründungsfonds

gebildet worden. Das war sehr erfolgreich

und das kann man den neuen

Ländern nur empfehlen.

Es ist auch höchste Zeit für eine Strategie

zur Umkehrung der Binnenwanderung.

Nachhaltig gefördert und ergänzt

zu werden verdient die Kampagne »Studieren

in Fernost«. So durch duale

Studiengänge, gezielte Nutzung des

Deutschlandstipendiums und vorausschauende

Alumni-Strategie. Unbedingt

an der Zeit ist es zudem, demografiebedingte

Standortvorteile gegenüber

westdeutschen Ballungszentren wirksamer

auszuspielen. Gerade jetzt bei den

doppelten Abiturienten-Jahrgängen besteht

die große Chance, Studenten aus

den alten Ländern mit offenen Armen zu

empfangen, sie zu begleiten und ihnen

Chancen für den unternehmerischen Berufsstart

in Ostdeutschland zu bieten.

Auch lässt sich bis zur Stunde keine

Strategie für eine qualitative Zuwanderung

ausländischer Fachkräfte, Unternehmensgründer

und Nachwuchswissenschaftler

erkennen. Dazu würde eine

Erleichterung der Zuwanderungsbedingungen

– wie in einer Bundesratsinitiative

Sachsens gefordert – beitragen. Es

wird auch kein Weg daran vorbeiführen,

die Internationalisierung der Hochschulen

zu verstärken, den Anteil internationaler

Studierender und Wissenschaftler

zu erhöhen.

Alles in allem aber ist der Ausblick für

den Innovationsstandort Ost positiv. Der

gelungene Transformationsprozess der

letzten 20 Jahre ist eine von den Menschen

in den neuen Ländern geschriebene

Erfolgsstory. Es ist die Offenheit gegenüber

Neuem, die Kreativität und der

unternehmerische Mut der Menschen,

der diesen Erfolg möglich gemacht hat.

Es ist zugleich der Nährboden für die

Innovationskraft von Morgen.

&

GRÜNDERLAND

2. Aktionswoche im November

DEUTSCHLAND

Teil der »Global Entrepreneurship Week« – 400 Partner in Internetportal registriert

Das Bundesministerium für Wirtschaft und

Technologie führt vom 14. bis 20. November

2011 zum zweiten Mal die Gründerwoche

Deutschland durch. Die Aktionswoche ist eine

zentrale Maßnahme der Initiative »Gründerland

Deutschland« und Teil der »Global Entrepreneurship

Week«, die in über 100 Ländern

weltweit stattfindet. Im Mittelpunkt der Aktionswoche

stehen die Themen Gründen und

unternehmerische Selbstständigkeit.

Im letzten Jahr haben sich an diesem Event

rund zehn Millionen Menschen aus 100 Ländern

an 40.000 Veranstaltungen beteiligt.

Auch in diesem Jahr können wieder Jugendliche

und junge Erwachsene, die sich für die

Gründung eines Start-ups interessieren, spannende

Angebote nutzen – ob Ideenworkshops,

Chats, Beratungsangebote oder Events zum

gegenseitigen Kennenlernen.

Der Bundesminister für Wirtschaft und Technologie,

Dr. Philipp Rösler: »Gründerinnen und

Gründer halten unsere Wirtschaft in Schwung

und sorgen für Innovationen. Wir wollen Schülerinnen

und Schülern, Studierenden und

Auszubildenden frühzeitig mehr unternehmerisches

Wissen vermitteln und sie für den Weg

in die Selbstständigkeit ermuntern. Ich freue

mich über die vielen Partner, die im Rahmen

der Gründerwoche Deutschland ihr Engagement

zugesagt haben.«

Bereits jetzt sind über 400 Partner im Internetportal

www.gruenderwoche.de registriert,

darunter Kammern und Wirtschaftsfördereinrichtungen,

Schulen und Hochschulen, Bildungszentren

und Unternehmen. Die Partner

bieten Informationen, Beratungsangebote

und Wettbewerbe zu den Themen Gründen

und unternehmerische Selbstständigkeit.

32 WIRTSCHAFT & MARKT 10/11


Anzeige

INTERVIEW

FRANK BEHREND,

ULF ALTMANN,












BEHREND:









ALTMANN:










BEHREND:








ALTMANN:














DAS KOMMUNALE ENERGIENETZ DER ZUKUNFT:




BEHREND:









ALTMANN:










BEHREND:








ALTMANN:















BEHREND:







INFORMATIONEN

Die NBB Netzgesellschaft Berlin-Brandenburg

mbH & Co. KG ist Betreiberin eines der größten

örtlichen Gasverteilnetze in Berlin und Brandenburg

und Betriebsführerin von Strom-,

Erdgas-, Wasser-, Abwasser-, Fernwärme- sowie

Kabelnetzen.

Seit ihrer Gründung im Jahr 2006 ist die NBB

bundesweit eine der größten spartenübergreifenden

Energienetzbetreiberinnen in der

örtlichen Endverteilung. Das Unternehmen mit

Sitz in Berlin-Mitte beschäftigt 380 Mitarbeiter.

Mehr zur NBB und ihren Angeboten erfahren Sie

unter www.nbb-netzgesellschaft.de.


BETRACHTUNG

Fotos: H. Lachmann

führt dies gewissermaßen zu einer regionalen

Abwälzung der Mehrbelastungen,

letztlich also zu einer Wettbewerbsverzerrung.

Die Strombezieher zwischen

Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen

baden damit den größten Teil der grünen

Energiewende aus. 42 Prozent der

gesamten Windkraftleistung Deutschlands

sind hier installiert – das Doppelte

dessen, was der Osten verbrauchen kann.

Das Ergebnis ist auf dem bundesweiten

farbigen Strompreis-Atlas abzulesen:

München kommt mit Gelb, Köln mit

Grün, Nürnberg sogar mit Dunkelgrün

davon – während der Osten rot sieht.

Hier ist der Saft aus der Steckdose am

teuersten. Da der Strompreis zunehmend

zum Standortfaktor wird, verändert sich

das Ungleichgewicht zwischen West und

Ost stärker zu Lasten der neuen Länder.

Thüringens Wirtschaftsminister Matthias

Machnig (SPD) fordert deshalb statt

einer regionalen eine »bundesweite Umlage

für Netzentgelte«. Gerade Thüringen

als wichtiges Ökostrom-Transitland für

die großen Verbrauchszentren in Bayern

und Baden-Württemberg sieht er überproportional

durch den Bau neuer

Stromtrassen betroffen. Es könne aber

nicht sein, so Machnig, dass die Netzbetreiber

diese Kosten einseitig auf die

Kunden vor Ort statt auf die Endabneh-

In diesen Wochen ist wieder Flugzeit

für die envia Netzservice GmbH. Denn

alljährlich im Herbst und Frühjahr

chartert das Energieunternehmen, das

Stromtrassen in vier ostdeutschen Bundesländern

betreut, einen Helikopter,

um den Zustand des weiten Netzgebietes

von oben zu inspizieren. Für mehr als

16.000 Kilometer überirdische 110-Kilovolt-Trassen

sind die Männer zuständig,

die in Kabelsketal bei Halle ihren Hauptsitz

haben. Denn als Netzdienstleister

hat ihr Unternehmen den Hut auf für

Bau, Instandhaltung und Betriebsführung

von Stromnetzen und Netzanlagen

ihrer Kunden.

Zweimal im Jahr befliegen sie je rund

eine Woche lang von morgens bis abends

das komplette Leitungsnetz, sind sie auf

Schadenssuche. Verursacht werden diese

durch sprießende Bäume, Niederschläge,

Vogelnester oder Winterkälte. Sind sie

nicht gründlich, kann das schwere Folgen

haben für alles Leben, was unter den

spannungsgeladenen Trassen geschieht.

Auch solche Maßnahmen erhöhen die

Kosten für die Betreiber der Energienetze,

zu denen in großen Teilen von

Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg

und Thüringen die envia Mitteldeutsche

Energie AG (enviaM) gehört – die Mutter

der envia Netzservice GmbH. Mit der

eingeleiteten Energiewende – weg vom

Atomstrom, hin zu Erneuerbaren Energien

– kommen auf die Netzbetreiber

nun zusätzliche Millioneninvestitionen

zu. Vor allem im Osten der Republik

schlägt das teuer zu Buche. Rund eine

Milliarde Euro muss etwa enviaM im

kommenden Jahrzehnt in den Netzausbau

seines Einzugsgebietes stecken.

Dabei lägen in Ostdeutschland »die

Netzentgelte deutlich über denen in den

alten Ländern«, so enviaM-Vorstandschef

Carl-Ernst Giesting. Für die Zukunft erwartet

er, dass sich diese Diskrepanz zwischen

Ost und West weiter erhöht.

KRASSE SCHIEFLAGEN

Der Grund dafür resultiert aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetzt

(EEG). Dies

gesteht allen »Ökostromern« eine ungehinderte

Einleitung ihrer selbst produzierten

Sonnen-, Wind- oder Biomasseenergie

in die öffentlichen Netze zu.

Doch diese geraten so an ihre Belastungsgrenzen

bzw. müssen erweitert

werden. Das EEG erzeugt hierbei krasse

Schieflagen. Die Kosten, die für den Netzausbau,

für die Steuerung der Verteilung,

die Einspeisevergütung – selbst bei

Windflaute – anfallen, werden ausschließlich

auf die Stromkunden im

jeweiligen Netzgebiet umgelegt. Da aber

im Osten die größten Anlagen stehen,

Ausbau der Stromnetze

Der Osten sieht rot

Für die Energiewende müssen die Leitungsnetze ausgebaut werden.

Die zusätzlichen Kosten sollen Regionalversorger und die Kunden

vor Ort tragen. Der Osten hat bereits die höchsten Strompreise.

mer umlegen. »Wir brauchen eine faire

Verteilung der Kosten«, fordert er.

Zugleich rügt Machnig, dass der Netzbetreiber

50Hertz Transmission, dem die

Trassen in Ostdeutschland gehören, etwa

doppelt so hohe Netzentgelte wie die Betreiber

im Westen erhebt. Laut Erfurter

Wirtschaftsministerium zahlt ein größeres

Industrieunternehmen in Thüringen

momentan 1,08 Cent für die Kilowattstunde,

während Netzbetreiber EnBW in

Baden-Württemberg weniger als die Hälfte

abkassiert: 0,49 Cent. Diese Differenz

könne sich bei stromintensiven Unternehmen

leicht zu einem zweistelligen

Millionenbetrag auswachsen.

Thüringen will das Thema Netzentgelte

nun im Bundesrat zur Sprache bringen.

Gemeinsam mit weiteren ostdeutschen

Ländern startete Thüringen eine

entsprechende Initiative, um die Netzentgelte

bundesweit zu vereinheitlichen.

»Wir brauchen eine neue Infrastruktur,

sonst wird das mit der Energiewende

nichts«, sagt Machnig. Im Gegenzug realisiere

Thüringen bis 2012/13 eine Strombrücke

gen Süden, wolle massiv in die

Stromspeicherung investieren, mit dem

Bau neuer Pumpspeicheranlagen.

Auch in den anderen ostdeutschen

Ländern sowie den hier tätigen Energiedienstleistern

lässt man sich nicht lum-

34 WIRTSCHAFT & MARKT 10/11


BETRACHTUNG

pen. Allein enviaM muss bis 2022 eine

Milliarde Euro in den Netzausbau sowie

die zugehörige Infrastruktur investieren.

Eine Einbahnstraße wie noch vor zwei

Jahrzehnten, als vor allem Strom vom

Kraftwerk zum Verbraucher zu transportieren

war, ist das deutsche Stromnetz

nicht mehr. Heute muss es auch in der

Gegenrichtung durchlässig sein. »Mit der

Einspeisung erneuerbarer Energie ist die

Waage zwischen Erzeugung und Verbrauch

nicht mehr automatisch gegeben«,

sagte dazu Dirk Hollmach, Chef der

Netzführung bei enviaM. Vor allem die

gesetzlich festgeschriebene Vorfahrt für

grünen Strom erzwinge »intelligente

Netze und Menschen, die sie steuern, regeln

und überwachen«.

Deshalb steckte enviaM – eine Tochter

des RWE-Konzerns – bereits 4,5 Millionen

Euro in den Ausbau seiner Schaltleitungszentrale

in Taucha bei Leipzig.

»Hier schlägt das technische Herz des

Stromnetzes der enviaM-Gruppe«, so

Giesting. 54 Mitarbeiter überwachen an

365 Tagen im Jahr, 24 Stunden am Tag

die 77.000 Leitungskilometer des Nieder-,

Mittel- und Hochspannungsnetzes des

ostdeutschen Regionalversorgers. Drei

Millionen Menschen werden versorgt.

»Vom Versorgungs- zum Entsorgungsnetz«,

heißt mittlerweile etwas lakonisch

die Devise in Taucha. Denn Großes

kommt auf die Netzscouts zu. Derzeit

sind bereits an erneuerbaren Stromquellen

4.000 Megawatt (MW) Leistung im

Gebiet der enviaM installiert, doch fasst

man alle avisierten Neuinvestitionen der

nächsten Jahre zusammen, könnte sich

dies auf 10.000 MW erhöhen. »Das stelle

das Netzmanagement vor gewaltige Aufgaben«,

weiß Giesting.

Längst hat die Leitstelle gelernt, den

Ökostrom möglichst problemlos durch

die Stromtrassen zu lotsen. Allein in

Sachsen-Anhalt beträt der Anteil Erneuerbarer

Energien an der Gesamterzeugung

66 Prozent, in Ostdeutschland sind

es 39 Prozent. Dennoch verlange der weitere

Zubau von Solar- und Windkraftwerken

ein »noch flexibleres Netz«, so

Giesting. Mit weiteren 4.500 Kilometern

an Höchstspannungsleitungen rechnet

Adolf Schweer, der Technische Geschäftsführer

von Verteilnetz und Netzservice

SCHALTLEITUNGSZENTRALE in Taucha.

bei enviaM, um die grüne Energie von

Ost nach West und Süd zu schicken.

Knapp die Hälfte davon soll in Sachsen

verlegt werden, was auch den Bau zusätzlicher

Umspannwerke nötig macht.

Auch in anderen ostdeutschen Regionen

wird angesichts der Energiewende

längst geklotzt, statt zu kleckern. So

auch bei der E.ON edis AG, die im brandenburgischen

Fürstenwalde ihren Sitz

hat. Das Unternehmen, das auch in

Mecklenburg-Vorpommern agiert, zählt

zu den größten Energiedienstleistern in

Deutschland – und was Ökostrom betrifft

gar zu den Vorreitern bundesweit.

Bereits 2010 betrug der Anteil grünen

Stroms im E.ON edis-Netz 51 Prozent des

gesamten Netzabsatzes. 2015 erwarten

die Brandenburger sogar, dass im rechnerischen

Durchschnitt über das Jahr der

komplette Netzabsatz aus grünen Energiequellen

kommt. Mitte 2011 hatten im

Einzugsbereich regenerative Energieerzeugungsanlagen

eine Gesamtanschlussleistung

von 4.200 MW. Mittlerweile sind

für Brandenburg weitere Anlagen mit

einer Leistung von 5.050 MW und für

Mecklenburg-Vorpommern von 3.650

MW beantragt bzw. in Planung.

E.ON edis investierte 2010 bereits 118

Millionen Euro in den Netzausbau. Für

die Aufnahme der EEG-Strommengen

waren fünf neue Einspeise-Umspannwerke

an das 110-kV-Netz angeschlossen worden.

Damit konnte Ende 2010 nun schon

in 85 Umspannwerken grüner Strom

fließen. Für 2011 finden Investitionen

auf einem ähnlich hohen Niveau statt.

Intensiv plant auch die NBB Netzgesellschaft

Berlin-Brandenburg mbH in

Berlin. Der Spezialist für Gas-, Fernwärme-,

Wasser- und Stromnetze war 2006

als erste entflochtene örtliche Verteilnetzbetreiberin

Deutschlands an den

Start gegangen. Derweil ist die Firma

auch Betriebsführer großer Stromnetze

in der Region. Die NBB betreibt zudem

Stromnetze im Auftrag verschiedener

kommunaler Unternehmen, darunter

der Stadtwerke in Forst, Oranienburg,

Belzig, Zehdenick sowie der Havelländischen

Stadtwerke in Werder. Überall entstehen

Solardächer, Windräder oder

Biokraftwerke auf märkischem Grund –

eine gewaltige Herausforderung für NBB.

Harald Lachmann

&

STROM, GAS UND ENERGIENAHE DIENSTLEISTUNGEN FÜR DIE PROFIS:

„KOSTEN MINIMIEREN. EFFIZIENZ MAXIMIEREN.

DAS NENNE ICH GUTES GESCHÄFT.“

Wir möchten Sie dabei unterstützen, dass Ihr Geschäft noch besser läuft. Zum Beispiel

mit günstigen, planbaren Energiekosten und preisstabilen Lieferverträgen oder mit

maßgeschneiderten Lösungen für den effizienten Energieeinsatz. Hört sich nach Arbeit

an? Die können Sie gern uns überlassen. Weitere Informationen unter 0800 0 522222

oder www.enviaM.de.

WIRTSCHAFT & MARKT 10/11 35


W&M-SERVICE

AKTUELL

PKW-MAUT

Ramsauers

Dauerbrenner

Die bayerischen Christsozialen

lassen nicht locker. Immer

wieder bringt die CSU

eine Pkw-Maut in die Debatte.

Ziel der bayerischen Regierungspartei

und des Berliner Bundesverkehrsministers

Peter

Ramsauer ist es, dass Autofahrer

aus dem Ausland künftig den

Erhalt und den Bau des deutschen

Autobahnnetzes mitfinanzieren.

Deren Anteil am

Straßenverkehr liegt allerdings

nur bei acht Prozent. Die deutschen

Autofahrer sollen nicht

zusätzlich belastet werden. Bis

zum Oktober will die CSU Modelle

erarbeiten, wie die zusätzliche

Belastung durch die Maut

durch eine mögliche Entlastung

bei der Kfz- oder Mineralölsteuer

kompensiert werden kann. Die

Mehreinnahmen sollen in den

Ausbau von Straßen, in den

Lärmschutz und in mehr Verkehrssicherheit

fließen. Viele

Freunde bei den Koalitionspartnern

CDU und FDP konnte

Ramsauer für diese Pläne bisher

nicht gewinnnen. Die FDP-Haushaltsexpertin

Claudia Winterstein

etwa entgegnet, dass Autofahrer

mit 53 Milliarden Euro

über verschiedene Steuern bereits

jetzt erheblich zum Haushalt

beitragen würden. Davon

fließen aber nur 17 Milliarden

ins Straßennetz. Der ADAC hält

Ramsauers Vorstoß für ein verspätetes

Ber-liner Sommerlochthema

und schenkt den Beteuerungen

des Ministers wenig

Glauben. Weder dass es bei angestrebten

Mehreinnahmen wirklich

zu einer Entlastung der Autofahrer

an anderer Stelle

kommt, noch dass die Einnahmen

aus der Pkw-Maut vollumfänglich

in den Straßenbau

fließen würden.

Da eine streckenbezogene Maut

einen zu hohen Investitionsaufwand

erfordere, liefen die

Pläne auf das Modell Vignette

hinaus, dass Viel- und Wenigfahrer

gleichermaßen träfe und

IM

STEUERBERATER

Mit dem Beruf

unvereinbar

Das Mitglied des Vorstands

einer Bank darf nicht als

Steuerberater bestellt werden,

urteilte der BFH.

Ein ehemaliger Steuerberater,

der inzwischen Mitglied des

Vorstands einer Genossenschaftsbank

geworden war,

hatte seine Wiederbestellung

als Steuerberater beantragt.

Die Steuerberaterkammer

lehnte ab.

Auch der BFH (Az. VII R 47/

10) entschied, dass ein Mitglied

des Vorstands einer

Bank nicht als Steuerberater

bestellt werden darf, weil die

Vorstandstätigkeit mit dem

Beruf des Steuerberaters unvereinbar

sei.

Nach dem Steuerberatungsgesetz

gelte diese Unvereinbarkeit

insbesondere für

eine gewerbliche Tätigkeit. Interessenskonflikte,

etwa ein

Steuerberatermandat bei einem

Kunden, der gleichzeitig

auch Kunde der Genossenschaftsbank

sei, können nicht

ausgeschlossen werden. Die

Voraussetzungen für eine

nach dem Gesetz mögliche

Ausnahme seien deshalb

nicht gegeben.

UNTERNEHMEN

STEUERKONZEPT

SPD will stärker zur Kasse bitten

IMBISS

Die Bratwurst

und der Fiskus

Müssen Bratwürste und

Pommes Frites zu sieben

Prozent oder 19 Prozent

versteuert werden?

Die Abgrenzung zwischen Essenslieferungen

(Steuersatz

sieben Prozent) und Restaurationsleistungen

(Steuersatz 19

Prozent) sorgt immer wieder

für Ärger.

Jetzt hat der BFH entschieden:

Danach liegt eine dem

ermäßigten Steuersatz unterliegende

Essenslieferung vor,

wenn nur einfach zubereitete

Speisen (wie z. B. Bratwürste

oder Pommes Frites) abgegeben

werden und für den Verzehr

dieser Speisen lediglich

behelfsmäßige Vorrichtungen

(wie beispielsweise Theken

oder Ablagebretter bei Imbissständen)

vorhanden sind. Des

Weiteren wenn die Speisen

nur im Stehen eingenommen

werden können (BFH, Az. V R

35/08).

Sobald der Betreiber dem

Kunden zusätzliches Mobiliar

wie Tische mit Sitzgelegenheiten

zur Verfügung stellt,

führen auch die Imbissspeisen

zum Restaurationsumsatz.

Geht es nach dem Steuerkonzept der SPD, sollen Gutverdienende

wieder mehr Steuern zahlen. Ab Einkünften von 100.000 Euro soll

der Steuersatz auf 49 Prozent steigen. Dies gilt auch für Personengesellschaften.

Entsprechend verärgert reagiert der Mittelstand.

SPD-Konzept – Besteuerung Personenunternehmen

Spitzensteuersatz: 49 Prozent

Bisher: 42 Prozent

Solidaritätszuschlag: 2,8 Prozent

Bisher: 2,3 Prozent

Gewerbest.: 1,7 Prozent (durchschn. Hebesatz) Bisher: 1,7 Prozent

Kirchensteuer: 2,2 Prozent

Bisher: 1,9 Prozent

Quelle: BDI

STEUERN SPAREN

W&M-Tipp für die PRAXIS

Wenn Studenten oder

Schüler jobben gehen

Viele Studenten und Schüler

nutzen die Ferien, um ihre Kassen

aufzubessern. Doch es drohen

steuerliche Fallstricke.

Der Deutsche Steuerberaterverband

gibt deshalb folgende Empfehlungen:

Bei der Einkommensteuer

gibt es keine Besonderheiten zu

beachten. Dem Arbeitgeber muss

grundsätzlich eine Lohnsteuerkarte

ausgehändigt werden. Bei der Berechnung

der Lohnsteuer gilt die

Fiktion, dass der Arbeitnehmer im

ganzen Jahr die Vergütung in Höhe

des Studentenjobs erhält. Die damit

meist zu viel gezahlte Steuer

erstattet das Finanzamt nach Abgabe

der Jahressteuererklärung.

Keine Lohnsteuerkarte benötigen

zum Beispiel Minijobber, die monatlich

bis zu 400 Euro hinzuverdienen.

Das Gleiche gilt für »kurzfristig

Beschäftigte«. Diese dürfen allerdings

nicht länger als an 18 zusammenhängenden

Tagen arbeiten und

dabei nicht mehr als einen durchschnittlichen

Arbeitslohn von 62

Euro pro Tag beziehunsweise zwölf

Euro pro Stunde erhalten. In beiden

Fällen führt der Arbeitgeber pauschal

Einkommensteuer an den Fiskus

ab. Eine weitere Erleichterung

gilt auch für Aushilfen in der Landund

Forstwirtschaft. Auszubildende,

die als Selbständige beispielsweise

auf Provisionsbasis ohne geregelte

Arbeitszeiten tätig sind, müssen

sich um ihre Besteuerung eigenständig

bemühen.

Die Sozialversicherung erweist sich

bei kurzfristigen Beschäftigungen

großzügiger als der Fiskus. Sofern

die Tätigkeit nicht länger als zwei

Monate oder insgesamt 50 Arbeitstage

andauert, fallen keine Beiträge

zur Rentenversicherung oder Krankenversicherung

an – und zwar

ohne Verdienstgrenzen. Verschiedene

kurze Beschäftigungen werden

jedoch hinsichtlich der Tage zusammengerechnet.

Bei den geringfügigen

Beschäftigungen (Minijobber)

führt der Arbeitgeber pauschale

Beiträge zur Sozialversicherung ab.

W&M-TIPP

Der Deutsche Steuerberaterverband

rät, die jährliche Freigrenze

von 8.004 Euro zu beachten, bis zu

der die Kinder die Einnahmen aufbessern

können, ohne das Kindergeld

oder den Kinderfreibetrag zu

verlieren. Hierzu genügt nach der

Rechtsprechung schon das Überschreiten

von nur einem Euro! Ab

dem Jahr 2012 soll diese Grenze

entfallen.

36 WIRTSCHAFT & MARKT 10/11


W&M-SERVICE

STIFTUNGEN

Gutes tun und

Steuern sparen

Immer mehr Bürger engagieren

sich für gemeinnützige

Zwecke: Sie spenden

und gründen Stiftungen.

Der Bundesverband Deutscher

Banken weist darauf hin: Wer

eine Stiftung gründet oder einer

Stiftung spendet, kann die

Zuwendungen steuerlich geltend

machen. So können Spenden

an gemeinnützige Stiftungen

bis zur Höhe von 20 Prozent

des Gesamtbetrags der

Einkünfte des Steuerpflichtigen

als Sonderausgaben vom

zu versteuernden Einkommen

abgezogen werden. Wird die

Grenze überschritten, ist eine

Berücksichtigung in den Folgejahren

möglich. Darüber

hinaus können Zustiftungen,

das heißt Spenden in den Vermögensstock

gemeinnütziger

Stiftungen, im Jahr der Zuwendung

und den folgenden neun

Jahren bis zu einem Höchstbetrag

von eine Million Euro als

Sonderausgaben steuerlich

geltend gemacht werden.

DIE MEINUNG DES EXPERTEN

PRIVAT

HOCHBEGABTE

Genies von der

Steuer absetzen

Aufwendungen für den

Schulbesuch eines hochbegabten

Kindes können steuerlich

abziehbar sein.

Dies gilt dann, wenn der Schulbesuch

medizinisch angezeigt

ist, so ein Urteil des Bundesfinanzhofs

(Az. VI R 37/10). Im

Streitfall ging es um ein Kind,

bei dem ein Intelligenzquotient

von 133 festgestellt worden

war. Aufgrund von Verhaltensauffälligkeiten

empfahl sowohl

der Allgemeine Sozialdienst

als auch die Hausärztin

des Kindes den Besuch einer

Hochbegabtenschule in Schottland.

Da eine solche Schule für

seine Altersgruppe in Deutschland

nicht verfügbar war, sei

die Unterbringung in Schottland

therapeutisch notwendig,

um der Fehlentwicklung des

Kindes entgegen zu wirken

und eine bleibende seelische

und soziale Schädigung zu verhindern.

Ein nachträglich hinzugezogener

Amtsarzt bestätigte

die Diagnose.

Von KARL-HEINZ BADURA

Wirtschaftsjournalist und Finanzrichter,

Nörvenich

Schweiz-Konten – pragmatische Prüfung lohnt

KINDER

Teure Fahrt

zur Schule

Ein Vater fuhr seine Kinder

regelmäßig zur Schule und

wollte die Kosten steuerlich

absetzen.

Aus dienstlichen Gründen hatte

der Mann einen Wohnsitz

ohne Anbindungen an das öffentliche

Nahverkehrsnetz. Die

Kinder wurden mit dem Auto

zur Schule gebracht. Dafür

machte der Kläger einen Betrag

von 1.560 Euro zunächst als

außergewöhnliche Belastung

geltend. Berechnet hatte er die

Entfernung bis zur nächstgelegenen

Bushaltestelle. Das

Finanzamt lehnte ab: Die Aufwendungen

seien durch das gezahlte

Kindergeld abgegolten.

Über die Kindergeldbeträge

hinausgehende Aufwendungen

seien Kosten der privaten

Lebensführung. Dem stimmte

das FG Rheinland-Pfalz zu (Az.

2 K 1885/10). Bei den Kosten

der Schulausbildung handele

es sich um zum gewöhnlichen

Lebensunterhalt zählende Aufwendungen.

Die Bundesrepublik und die Schweiz haben

sich über die künftige flächendeckende Besteuerung

der deutschen Bankkunden im Alpenland

geeinigt. Schweizerische Kapitalerträge und

-veräußerungsgewinne von Bundesbürgern, die

im Inland leben, sollen künftig zum heimischen

Abgeltungsteuertarif in Höhe von 25 Prozent

zuzüglich Solidaritätszuschlag besteuert werden.

Im Gegenzug würde sich die BRD mit ihren

Auskunftsersuchen auf maximal 999 Anfragen

pro Jahr im Nachbarland beschränken. Was von

Kritikern als Privilegierung hartnäckiger Steuerflüchtlinge

kritisiert wird, ist nach Ansicht des

Deutschen Steuerberaterverbandes eine pragmatische

Lösung, da sie eine effektive Bereinigung

bisheriger Steuersünden bewirkt. Indes

ist das Abkommen noch nicht ratifiziert. Betroffene

sollten daher dem Rat versierter Wirtschaftsprüfer

folgen und sich vorrechnen lassen,

ob nicht doch eine Selbstanzeige als mögliche

Lösung angebrachter sein könnte. Nach

Berechnungen der Spezialisten könnte eine

solche Selbstanzeige durchaus finanzielle Vorteile

haben. Dies sogar dann, wenn die Beratungskosten

mit eingerechnet werden. Bei

einer beispielhaften Größenordnung von einem

Depot von einer Million Euro, das innerhalb

der letzten zehn Jahre mit 2,0 Prozent in der

Schweiz verzinst wurde, würden sich bei einer

Selbstanzeige Gesamtkosten von etwas über

170.000 Euro ergeben. Die pauschale Nachversteuerung

in Höhe von 25 Prozent würde dagegen

bei 250.000 Euro liegen. Die Selbstanzeige

wäre somit fast 80.000 Euro günstiger.

➔Steuern KOMPAKT

STEUERBERATER

Ohne Befugnis

Ausländische Steuerberatungsgesellschaften

benötigen eine Berufshaftpflichtversicherung

für eine

Tätigkeit in Deutschland.

Dies entschied der Bundesfinanzhof

(Az. II R 6/10) und untersagte einer in

Großbritannien registrierten Steuerberatungsgesellschaft

mit Niederlassungen

in Belgien und den Niederlanden

die geschäftsmäßige Hilfe in

Steuersachen für Steuerpflichtige in

der Bundesrepublik Deutschland, solange

sie nicht über eine Berufshaftpflichtversicherung

oder einen anderen

individuellen oder kollektiven

Schutz in Bezug auf die Berufshaftpflicht

verfüge.

KREDITVERTRAG

Entgelt bei Abschluss

Der BFH hatte über die steuerliche

Abzugsfähigkeit eines einmalig gezahlten

Bearbeitungsentgelts für ein

betriebliches Darlehen zu urteilen.

Ein sofortiger Abzug ist demnach

möglich, wenn der Darlehensnehmer

das gezahlte Entgelt nicht zurückverlangen

könnte, falls der Darlehensvertrag

vorzeitig beendet wird. Anders ist

es aber, wenn die besagte vorzeitige

Vertragsbeendigung ganz unwahrscheinlich

ist, z.B. weil vereinbart

wurde, dass der Darlehensvertrag nur

aus wichtigem Grund gekündigt werden

kann. Dann hat der Darlehensnehmer

das Bearbeitungsentgelt mithilfe

aktiver Rechnungsabgrenzungsposten

auf die gesamte Laufzeit des

Darlehens zu verteilen und kann es

nur in jährlichen Teilbeträgen steuermindernd

absetzen.

Im entschiedenen Fall (Az. I R 7/10)

ging es um ein öffentlich gefördertes

Darlehen, das ein Unternehmen zur

Finanzierung eines Möbelhauses aufgenommen

hatte.

GOLFSPORT

Fiskus spielt nicht mit

Ein Sportartikel-Händler kann den

Mitgliedsbeitrag für einen Golfclub

auch nicht anteilig als Betriebsausgabe

geltend machen.

Eine KG, die einen Sportartikel-Großhandel

betrieb, zahlte die Beiträge für

die Mitgliedschaft ihres Kommanditisten

im Golfclub und behandelte sie

als Betriebsausgaben. Das FG Köln

(Az. 10 K 3761/08): Die Ausübung

einer Trendsportart wie Golf betreffe

in erheblichem Umfang die private

Lebensführung des Kommanditisten.

Die Revision wurde zugelassen.

WIRTSCHAFT & MARKT 10/11 37


W&M-SERVICE

DAS

THEMA

INTERVIEW

RATINGS

Noten, die die

Welt bewegen

Ratingagenturen wird vorgeworfen,

Verursacher der

Finanzkrise zu sein. Ihren

Urteilen wird aber gefolgt.

Was genau ist ein Rating? Es ist

eine Messlatte für Geldgeber

und benotet die Kreditwürdigkeit

eines Schuldners. Die drei

großen Ratingagenturen

heißen Standard & Poor’s

(S&P), Moody’s sowie Fitch. Die

ING-Diba weist darauf hin, dass

Unternehmensanleihen trotz

gleicher Note eine höhere Kreditausfallquote

aufweisen können

als Staatsanleihen. Hintergrund

sind Skandal-Pleiten

von Firmen wie Enron. Beispiel

S&P: Auf Sicht von fünf Jahren

hatten Unternehmensanleihen

bei der mit »BBB« bezeichneten

untersten Stufe für Investmentqualität

eine Quote von

über vier Prozent Kreditausfällen.

Anders Staatsanleihen: Bei

Papieren mit mindestens Note

»BBB« gab es laut S&P-Statistik

auf Fünfjahressicht keinen

Ausfall.

Ratingnoten im Überblick

(nach Standard & Poor’s)

AAA

Beste Bonität,

geringstes Insolvenzrisiko

AA+/AA /AA- Sehr gute Bonität,

sehr geringes

Insolvenzrisiko

A+/A/A- Gute Bonität,

geringes

Insolvenzrisiko

BBB+/BBB/BBB- Stark befriedigende

Bonität,

geringes bis

mittleres Insolvenzrisiko

BB+/BB/BB- Befriedigende

Bonität, mittleres

B+/B/B-

Insolvenzrisiko

Ausreichende

Bonität, höheres

Insolvenzrisiko

CCC+ u.schlechter Kaum ausreichende

bis ungenügende

Bonität, hohes

bis sehr hohes

Insolvenzrisiko

bzw. bereits

insolvent

Quelle: DABbank

FILM+MEDIEN

Der Boom der

Unterhaltung

Die Medien- und Entertainment-Branche

wächst bis

2015 um fast sechs Prozent

jährlich.

So jedenfalls die Prognose des

Wirtschaftsprüfungs- und Beratungshauses

PwC. Demnach

sind die Gesamt-Erlöse, inklusive

Werbeeinnahmen, 2010

weltweit um 4,6 Prozent auf

rund eine Billion Euro gestiegen.

Bis 2015 sollen die Erlöse

um jährlich 5,7 Prozent und

in Deutschland um 3,4 Prozent

auf mehr als 72 Milliarden

Euro wachsen.

Wachstumstreiber seien

vor allem die Digitalisierung

sowie die mobile Mediennutzung.

Besonders vielversprechend

ist das globale Filmgeschäft

durch 3D-Filme und

neue Multiplex-Kinos.

Die Analysten von Close

Brothers Seydler empfehlen

das Papier von Constantin Medien

aus dem SDax zum Kauf

(WKN 914 720). Die Experten

der Citigroup legen Anlegern

dagegen die ProSiebenSat1

Media-Aktie ans Herz (WKN

777 117).

AKTIENMARKT

IT-BRANCHE

Strahlende

Aussichten

Fast 75 Prozent der Hightech-Firmen,

vor allem die

IT-Dienstleister, erwarten

ein Umsatzplus für 2011.

Die Gesellschaft für Konsumforschung

(GfK) rechnet für

die IT-Branche mit einem

Wachstum bis knapp zehn

Prozent im laufenden sowie

im nächsten Jahr. Auch der

Branchenverband für Informationswirtschaft,

Telekommunikation

und neue Medien

berichtet von positiver Stimmung

bei den Hightech-Firmen.

Gerade das Thema

Cloud Computing werde für

Geschäfts- und Privatkunden

interessanter. Dabei können

Nutzer von überall auf Inhalte

auf einem Server im Netz zugreifen.

Davon profitieren vor

allem IT-Dienstleister, die ein

Umsatzplus von 55 Prozent

auf 3,5 Milliarden Euro erwarten.

Der Cloud-Markt soll bis

2015 sogar auf 13 Milliarden

Euro anwachsen. Die Bank für

Investments und Wertpapiere

(biw) hat die Aktie des IT-Komplettanbieters

»All for One

Midmarket« auf Kauf gesetzt.

DAX BÖRSENSTARS

+

WKN 623100 Infineon + 32,95%

WKN 578560 Fresenius + 22,70%

WKN 766403 Volkswagen VZ + 16,43%

WKN 519000 BMW + 10,16%

WKN 578580 Fresenius Medical Care + 09,61%

Infineon: Der bayerische Halbleiterkonzern konnte im letzten Quartal eine 75-prozentige

Umsatzsteigerung binnen Jahresfrist vorweisen und ist auch für das kommende Jahr

optimistisch. Kurs-Performance 1 Jahr; Schluss: 12.09.2011

DAX BÖRSENFLOPS


WKN 803200 Commerzbank - 69,54%

WKN 703712 RWE -59,29%

WKN 514000 Deutsche Bank - 50,70%

WKN ENAG99 E.ON - 44,64%

WKN 725750 Metro - 37,49%

Commerzbank: Der deutschen Nummer zwei im Bankensektor setzten wie anderen

Instituten auch die griechische Staatsverschuldung und die europaweiten Finanzsorgen

weiter zu. Kurs-Performance 1 Jahr; Schluss: 12.09.2011

Quelle: W&M, ohne Gewähr

DR. ULRICH

STEPHAN

Chef-Anlagestratege

der

Deutschen Bank

Keine Inflationsangst

W&M: Herr Dr. Stephan, viele Anleger

befürchten eine steigende Inflation.

Mit Recht?

STEPHAN: Die Inflationsangst

entspringt der Sorge, dass die

Euro-Länder versuchen könnten,

über eine Geldentwertung

ihre Schulden zu verringern.

In absehbarer Zeit halte ich das

aber für unrealistisch. Auch

ein verlangsamtes globales

Wirtschaftswachstum spräche

gegen eine höhere Inflation.

W&M: Warum sind die Preise

dann zuletzt stärker gestiegen?

STEPHAN: Ein großer Teil der

Preissteigerungen seit 2010

ging auf weltweit höhere Kosten

für Rohstoffe und Lebensmittel

zurück. Wenn die Weltwirtschaft

einen Gang zurückschaltet,

sollten auch die Energiepreise

langsamer steigen.

W&M: Welche Inflationsraten erwarten

Sie konkret?

STEPHAN: Im Euroraum dürfte

die Inflation 2011 bei 2,7 Prozent

liegen und sich 2012 auf

2,0 Prozent abschwächen. Damit

haben wir praktisch Preisstabilität.

Für Deutschland

erwarte ich eine ähnliche Entwicklung,

mit 2,1 Prozent Inflation

in diesem und 1,5 Prozent

im nächsten Jahr.

W&M: Und außerhalb Europas?

STEPHAN: Weltweit prognostiziert

die Deutsche Bank einen

Anstieg der Verbraucherpreise

von 4,4 Prozent 2011 und 3,7

Prozent im kommenden Jahr.

W&M: Worin jetzt investieren?

STEPHAN: Bei mäßig steigenden

Preisen sind Aktien führender

Unternehmen aus den

USA, Europa und Asien interessant.

Doch mit kräftigen Kursschwankungen

muss weiter

gerechnet werden. Ich empfehle

konservative Dividendenwerte,

z. B. aus Kern- und

Nordeuropa, Zertifikate mit

Risikopuffer oder Wandelanleihen.

Auch Immobilien sind

eine Überlegung wert.

38 WIRTSCHAFT & MARKT 10/11


W&M-SERVICE

Fotos: privat

GOLD

Keine kleine

Stückelungen

Verunsicherungen durch

die Staatsschulden- und

Eurokrise stärken die

Nachfrage nach Gold.

Anlagegold kann in Deutschland

mehrwertsteuerfrei erworben

werden. Hierzu gehören

die handelsüblichen Goldbarren

sowie Goldmünzen, die

nach 1800 geprägt wurden, gesetzliche

Zahlungsmittel sind

oder waren und deren Marktpreis

sich im Wesentlichen

nach ihrem Goldgehalt bestimmt,

erklärt der Bundesverband

deutscher Banken. Eine

Liste des Bundesfinanzministeriums

mit gängigen Goldmünzen,

die zum Anlagegold

zählen, ist im Internet abrufbar.

Wichtig zu wissen: Wer

möglichst viel Gold für sein

Geld erhalten möchte, sollte

keine kleinen Stückelungen

kaufen. Denn für kleine Barren

und kleine Münzen sind die

Herstellungskosten und damit

die Preise höher.

DIE MEINUNG DES EXPERTEN

Anleger müssen einen »Doppel-Whopper« verdauen

Die Angst treibt Anleger um, dass sie durch

Schuldenkrise und schwächelnde Weltkonjunktur

bald ganz alt aussehen könnten. Einen

»Doppel-Whopper« müssten Investoren derzeit

verdauen, drückt es Christian Jasperneite von

M. M. Warburg aus. Auf der Anleiheseite verteuere

die Schuldenkrise Staatsanleihen liquider

und damit interessanter Anbieter, auf der

Aktienseite zeigten viele Frühindikatoren einen

Parallelschwung vieler Volkswirtschaften talwärts.

Sicher ist: Die Wechseldusche zwischen

Angst und Gier bleibt uns bei der Geldanlage

erhalten. Wer gut schlafen möchte, sollte zu

altbewährten Rezepten zurückkehren: Nicht

alles auf eine Karte setzen, sondern auf eine

gesunde Mischung aus kurzfristigem Geld, Aktien,

Anleihen, Metallen sowie Immobilien achten.

Derzeit ist sicherlich empfehlenswert, den

GELD & ANLAGE

BVI

Kostenfrei

schlichten

Eine Schlichtungsstelle hat

der Bundesverband Investment

und Asset Management

eingerichtet.

Bei Streitigkeiten um Investmentfonds

und Dienstleistungen

von Kapitalanlagegesellschaften

können sich Privatanleger

künftig kostenfrei an

BVI-Schlichter wenden. Mit der

Maßnahme trägt der BVI laut

Hauptgeschäftsführer Thomas

Richter aktiv zum Verbraucherschutz

bei. Ziel sei, den

Nutzen der Investmentbranche

für die Gesellschaft stärker zu

kommunizieren. Die Ombudsstelle

soll Beschwerden im

Zusammenhang mit dem

Investmentgesetz bearbeiten.

Teilnehmen können BVI-

Mitglieder, aber auch andere

Gesellschaften. Zum Einsatz

bringt der BVI zwei Juristen:

Gerd Nobbe und Wolfgang

Arenhövel sind erfahrene

Richter. www.ombudsstelleinvestmentfonds.de

Von GERD RÜCKEL,

CEFA-Wertpapieranalyst, Frankfurt/M.

DEKA-BANK

Sparkassen:

Sicher ist sicher

Die Sparkassen-Tochter Dekabank

bietet einen neuen

Garantiefonds, den »Euro-

Garant Strategie« an.

Idee: Beim »EuroGarant Strategie«

soll das Risiko durch tägliche

Steuerung der Aktienquote

reduziert werden. Dazu ist

das Produkt an den »Euro

Stoxx 50 Risk Control« gekoppelt.

Dessen Schwankungshäufigkeit

ist abgefedert, weil der

Index je nach Marktlage die Investitionsquote

erhöht oder

verringert. So sollen Anleger

bei reduziertem Verlustrisiko

an der Wertentwicklung des

Euro-Aktienmarktes partizipieren.

Garantiert sind am Ende

der ersten sechsjährigen Anlageperiode

103,50 Euro je Anteil.

Nach sechs Jahren wird die

Höhe der Kapitalgarantie neu

festgelegt. Wer eher verkauft,

verwirkt die Kapitalgarantie.

WKN: LU0656616918

Ausgabeaufschlag: 3,50 %

Laufende Kosten: 1,02 % p.J.

Großteil der liquiden Mittel am Geldmarkt zu

parken. Gold dürfte ausgereizt sein. Bei Aktien

gehen erste Mutige schon wieder auf Schnäppchenjagd.

So kann es lohnen, sich auf Unternehmen

zu konzentrieren, die schon über viele

Jahre solide Umsätze und Gewinne, eine robuste

Eigenkapitalquote sowie eine zufriedenstellende

Dividendenrendite vorweisen können

– aber aktuell im Kurs gedrückt sind. Bei Anleihen

gibt es für spekulativ gestimmte Anleger

Signale, dass Rentenfonds-Manager vermehrt

Chancen außerhalb von Euro und Dollar suchen.

Denn in manchem Schwellenland ist die

Staatsverschuldung niedriger als in Industrieländern

bei gleichzeitig besseren Wachstumsaussichten.

Ganz einfach ist es bei Immobilien:

Lage, Lage, Lage – wenn die stimmt, sieht man

in dieser Assetklasse am ehesten nicht alt aus.


Geld KOMPAKT

DIHK

Gutes Export-Klima

Laut Prognose des Deutschen

Industrie- und Handelskammertags

(DIHK) legen die deutschen

Exporte in diesem Jahr zu.

In seiner neuen Erhebung zur Weltkonjunktur

geht der DIHK von einem

moderaten Wachstum der Weltwirtschaft

aus – trotz der jüngsten Verunsicherungen

an den Finanzmärkten.

Für den deutschen Export wird

eine Rekordentwicklung gesehen:

Das Exportwachstum betrage elf

Prozent im laufenden Jahr sowie

neun Prozent in 2012 und werde

den Wert aus dem Spitzenjahr

2008 knacken. Der jährliche Bericht

enthält Prognosen zu Export- und

Importzahlen sowie Aussichten in

80 Ländern.

BANKING

Überweisung 2.0

Fast 76 Prozent der Bankkunden

nutzen häufig den Computer für

Bankgeschäfte. 23 Prozent

banken schon per Smartphone.

Eine von der Initiative D21 veröffentlichte

Studie ergab weiter,

dass noch mehr als 60 Prozent häufig

eine Filiale in Anspruch nehmen.

Nutzer von mobilen Flach-Computern

(Tablets) griffen oft noch

auf PC und Laptop oder auch auf

das Smartphone zurück.

Nutzung (Angaben in Prozent)

häufig selten

Filiale m. Kontakt 46,3 40,6

Filiale o. Kontakt 60,4 24,2

Telefon-Banking 14,2 29,4

PC/Laptop 75,7 4,8

Smartphone 12,1 10,9

Handy 9,3 9,3

SPAREN

Jugend spart

Junge Menschen sparen laut

einer aktuellen Umfrage der

Deutschen Bank fleißiger als der

deutsche Durchschnitt.

Die Umfrage nennt eine aktuelle

Sparquote von 22 Prozent der unter

14- bis 25-Jährigen – ein Plus von

14 Prozent zum Vorjahr. Damit

schneiden die Jungen deutlich besser

ab als der Durchschnitt der

deutschen Privathaushalte (2010:

11,4 Prozent). Beim Sparen nutzen

sie mehrere Formen: 65 Prozent der

Befragten setzen auf Spareinlagen,

40 Prozent aufs Tagesgeldkonto

und ein Viertel hat einen Bausparvertrag.

WIRTSCHAFT & MARKT 10/11

39


W&M-SERVICE

Fotos: Tourismusverband Bbg., Archiv

DAS THEMA

PRIVATE VORSORGE

Deutschland

liegt weit hinten

Deutschland rangiert bei der

privaten Absicherung im Vergleich

zu anderen westlichen

Industriestaaten weit hinten.

Dies ergibt sich aus der aktuellen

Statistik der Versicherungswirtschaft.

Schlechter ist das

Niveau der privaten Absicherung

nur in Spanien und Österreich.

Zwar hat sich das Prämienniveau

seit 1995 um gut 80

Prozent erhöht. Aber auch das

ist nur Mittelmaß. Im gleichen

Zeitraum verdreifachten sich

die Beiträge beispielsweise in

Belgien und in Großbritannien.

Weil alle westlichen Industrieländer

vor ähnlichen demografischen

Herausforderungen

stehen, muss der Anteil der

privaten Vorsorge unvermeidlich

steigen. Die Statistik zeigt,

dass dies – gemessen am Beitrag

– in Deutschland im Vergleich

zu den westeuropäischen Nachbarn

nur unzureichend gelingt.

Noch immer vertraut die Mehrzahl

der Deutschen auf die Rente

vom Staat. 88 Prozent der

Gesamteinkünfte der Rentner in

Deutschland stammen daher

aus der gesetzlichen Rentenversicherung.

Das Vertrauen

in die gesetzliche Rente ist in

jüngster Vergangenheit sogar

wieder angestiegen, wie Umfragen

belegen. Die ideale Form der

Altersvorsorge besteht für rund

sieben von zehn Befragten

weiterhin aus der staatlichen

Rente für Arbeiter, Angestellte

beziehungsweise der Beamtenpension.

Wenn die Beiträge

vergleichsweise niedrig sind,

muss auch das Absicherungsniveau

mau sein. Mit einer durchschnittlichen

Versicherungssumme

im Bestand von rund

32.000 Euro für alle Lebensversicherungsarten

beziehungsweise

von rund 21.000 Euro für Kapital-

und Rentenversicherungen

einschließlich Pensionskassen

kann von einer ausreichenden

privaten Vorsorge mit

Versicherungen keine Rede sein.

AUSFALL

Der Betrieb

steht still

Zurich versichert Betriebsunterbrechungen

ohne

vorausgegangenen versicherten

Sachschaden.

Die Betriebsunterbrechungsversicherung

ist normalerweise

an ein versichertes Schadenereignis

gebunden: Feuer,

Sturm, Wasser oder Maschinenbruch.

Mit der neuen Supply

Chain Insurance (SCI) hat

die Zurich Versicherung erstmals

eine Risikolösung entwickelt,

die eine Allgefahrendeckung

für Ertragsausfälle

als Folge externer Ereignisse

wie beispielsweise Naturkatastrophen,

Streik oder

behördliche Verfügungen darstellt.

Für das individuelle

Deckungskonzept bewerten

Risk-Ingenieure von Zurich

oder von Zurich lizensierte Industrieversicherungsmakler

gemeinsam mit dem Unternehmen

die Lieferketten und

das entsprechende Risiko.

Untersuchungen von Zurich

aus dem Jahr 2009 zeigen,

dass 72 Prozent der Unternehmen

im Verlauf von

zwölf Monaten von mindestens

einer Lieferkettenstörung

betroffen waren.

IM UNTERNEHMEN

KLEINBETRIEBE

Schutz für

Bäcker & Co.

Mit dem Versicherungsschutz

für kleine Unternehmen

liegt die Helvetia

Versicherung im Trend.

»Business Smart & Easy« heißt

die Versicherungslösung für

Kleingewerbebetriebe wie

Bäckereien oder Blumenläden.

Sie kombiniert die Versicherungen

für den Betriebsinhalt

wie Einrichtungen und

Waren mit der betrieblichen

Haftpflichtversicherung in einer

Police. In der Sachversicherung

sind maximal

100.000 Euro versicherbar, in

der Haftpflicht bis zu drei

Millionen für Personen-, Sachund

Vermögensschäden. Für

Apotheken und Tierärzte gilt

ein ähnliches Prinzip (»Business

Pharma« und »Business

Vetero«). Die Helvetia hat

gleichzeitig die beiden existenten

Policen für Landwirte

und Hotel- und Gastronomiebetriebe

verbessert. Grundbaustein

der Business-Versicherungen

ist jeweils die

Sachpolice, Haftpflicht – inklusive

Umweltschadenhaftpflicht

–, Ertragsausfall und

technische Versicherungen

können hinzugefügt werden.

LEBENSVERSICHERUNG

Deutschland unter den Schlusslichtern

Pro-Kopf-Prämie Lebensversicherung in US-Dollar (2010)

Schweiz 3.667

Japan 3.473

Großbritannien 3.436

Schweden 3.141

Frankreich 2.938

USA 1.632

Niederlande 1.512

Deutschland 1.402

Österreich 1.195

Spanien 752

VERSICHERUNGEN

Betrug als

Volkssport

Die Versicherer haben dem

Versicherungsbetrug den

Kampf angesagt, besonders bei

Laptops und Smartphones.

Versicherungsbetrug ist in allen

Schichten der Gesellschaft verbreitet.

Jeder Fünfte sieht darin

nur ein Kavaliersdelikt. Folgen

und Sanktionen des Betrugs werden

von vielen unterschätzt. Am

meisten betroffen: die private

Haftpflicht- und die Hausratversicherung.

Vierzig Prozent der

Bürger glauben, in diesen beiden

Sparten eine Versicherung verhältnismäßig

leicht betrügen zu

können. Dies zeigt eine aktuelle

Studie der GfK Finanzmarktforschung

im Auftrag des Gesamtverbandes

der Deutschen Versicherungswirtschaft

(GDV).

In den meisten Fällen wird der

wahre Schadensverlauf anders

dargestellt, wenn der Versicherungsschutz

für den tatsächlichen

Hergang nicht gegeben

wäre.

Jeder Zehnte, der Geld von seiner

Versicherung will, hat den Schaden

frei erfunden oder setzt diesen

zu hoch an, so eine Faustformel

der Branche. Jeder sechste

Versicherungsbetrüger holt sich

gar in einschlägigen Internetforen

Tipps, um seine Versicherung

zu betrügen.

Die Wahrscheinlichkeit, bei einem

Betrugsversuch vom Versicherer

ertappt zu werden, ist gestiegen.

Derzeit werden insbesondere

Schadenmeldungen bei

Elektronik – Laptops, Smartphones

und Flachbildschirmen – von

den Versicherungsunternehmen

eingehend geprüft. In einer Sonderuntersuchung

zeigten sich

45 Prozent der eingereichten

Schäden als nicht begründet:

bei 36 Prozent der gemeldeten

Laptopschäden konnte eine

Betrugsabsicht nachgewiesen

werden. Grenzen in der Schadenshöhe,

unterhalb derer potenzielle

Betrüger keine Plausibilitätsprüfungen

zu erwarten haben,

gibt es bei vielen Versicherern

nicht mehr. Sie prüfen jede

Schadenmeldung unabhängig

von ihrer Höhe.

40 WIRTSCHAFT & MARKT 10/11


BBIK-AKTUELL

MEINUNG

BBIKaktuell

Brandenburgische Ingenieurkammer

Körperschaft des öffentlichen Rechts

AKTUELLE

NACHRICHTEN

Fotos: Archiv, BBIK, YTONG

Von WIELAND SOMMER,

Präsident der BBIK

Qualität kostet!

Bauaufgaben werden immer komplexer.

Das stellt Auftraggeber wie

Auftragnehmer bei der Vorbereitung

von Vergabeverfahren vor eine

große Verantwortung. Sie dabei im

Sinne der RPW 2008 zu beraten und

begleiten, darin sehen wir als BBIK

eine Hauptaufgabe. Mit Sorge betrachten

wir, dass viel zu häufig

nicht allein qualitative Kriterien,

sondern zunehmend der Preis bei

Vergaben eine entscheidende Rolle

spielt. Dafür tragen beide Seiten

eine Verantwortung. Vergabeverfahren

sind keine Einbahnstraße! Aus

unserer Sicht ergeben sich daraus

wichtige Forderungen: Öffentliche

Auftraggeber sind bei Vergabeverfahren

verpflichtet, die sachgerechte,

objektive und nichtdiskriminierende

Behandlung der Bewerber in

transparenten Verfahrensschritten

zu gewährleisten. Sie müssen vorrangig

eine sach- und qualitätsgerechte

Leistungserfüllung mit nachhaltiger

Lösung fordern. Dafür ist

ein angemessenes Honorar zu gewähren.

Dessen Höhe darf bei der

Auswahlentscheidung für schöpferische

Ingenieur- und Architektenleistungen

nicht das Primat haben:

Leistungs- statt Preiswettbewerb

bei Vergaben!

Nur so haben auch kleine Büros im

Land Brandenburg die Chance, am

öffentlichen Auftragswesen qualifiziert

teilzunehmen, wie es das künftige

Vergabegesetz des Landes vorsieht.

Eine solide und sachgerechte

Vergabepraxis setzt einerseits die

Qualifizierung der Mitarbeiter der

Vergabestellen nach landesweit geltenden

Standards voraus. Gleichermaßen

erfordert sie Fachkunde,

Erfahrung und Zuverlässigkeit,

finanzielle und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit

und persönliche

Integrität der Auftragnehmer. BBIK-

Mitglieder sind verpflichtet, sich

ständig und nachweislich weiter-

#zubilden. Wir fordern, dass sich

Ingenieure aller Fachrichtungen am

Preisrecht nach HOAI 2009 orientieren

und Dumping-Angebote für die

Erbringung ihrer Leistungen im

eigenen Interesse unterlassen!

BGH-URTEIL

Unwirksame

Klausel

Der BGH hält die klassische

Aufrechnungsklausel in

Architektenverträgen für

unwirksam.

Die von einem Architekten in

den AGB seines Architektenvertrags

verwendete Klausel

»eine Aufrechnung gegen

den Honoraranspruch ist nur

mit einer unbestrittenen oder

rechtskräftig festgestellten

Forderung zulässig« ist unwirksam.

Das hat der BGH mit

Urteil vom 7. April 2011 entgegen

einer vielfach in der Rechtsprechung

der Oberlandesgerichte

vertretenen Auffassung

(zum Beispiel OLG Hamm,

BauR 2004, 1643, 1645) festgestellt.

Sie benachteilige nach

Auffassung des BGH den Vertragspartner

des Architekten

entgegen den Geboten von

Treu und Glauben unangemessen.

Der Besteller würde durch

das Verbot der Aufrechnung in

einem Abrechnungsverhältnis

eines Werkvertrags gezwungen,

eine mangelhafte oder

unfertige Leistung in vollem

Umfang zu vergüten, obwohl

ihm Gegenansprüche in Höhe

der Mängelbeseitigungs- oder

Fertigstellungskosten zustehen.

Fazit: Alle Planungsbüros

sind gut beraten, Aufrechnungsklauseln

in ihren

Architektenverträgen (bzw. in

den AVB zu den Verträgen) auf

die neue Rechtsprechung abzustimmen.

Der »Wirtschaftsdienst

Ingenieure & Architekten«

wird dazu entsprechende

Vorschläge unterbreiten.

STELLENPORTAL

Jobs, Praktika

und Büros

Auf ihrer Homepage bietet

die Brandenburgische Ingenieurkammer

ein Stellenportal

an.

Unter der Webadresse www.

bbik.de/service/jobspraktika

können Unternehmen offene

Stellen für Fachkräfte des

Ingenieurwesens anbieten. Ingenieure,

die sich beruflich

neu orientieren möchten oder

einen Job im Ingenieurbereich

suchen, können ihre Bewerbungsunterlagen

veröffentlichen

lassen. Auch Anzeigen

für eine Büroübernahme

können hier veröffentlicht

werden.

Studenten und Schüler finden

auf dem BBIK- Stellenportal

eine Praktikumsbörse, in der

Ingenieurbüros des Landes

Brandenburg regelmäßig

Praktikumsplätze im Ingenieurbereich

anbieten. Die

Honorierung erfolgt in den

Büros wie bei einem Betriebsstipendium.

VERZEICHNIS

Hilfe bei

Listeneintrag

BBIK-Mitglieder können

als anerkannte Tragwerksplaner

auch in anderen

Bundesländern arbeiten.

Die BBIK bietet ihren Mitgliedern

die Vermittlung zur

Eintragung bei der Ingenieurkammer

Sachsen an. Nach

einem Prüfverfahren vor dem

dortigen Eintragungsausschuss

erfolgt über die BBIK

die Übergabe einer Urkunde.

Der Nachweis des Eintrags

in das Verzeichnis der anerkannten

Tragwerksplaner

bei einer Ingenieurkammer

ist sowohl mit dieser Urkunde

als auch mit einem

entsprechenden Vermerk

im Ingenieurausweis der

BBIK möglich.

KALENDER

21.10.2011 11. Sachverständigentag, Potsdam

26.10.2011 Mitgliederversammlung Regionen Frankfurt/O., Oder-Spree, Märkisch-Oderl., Hangelsberg

11.11.2011 Satzungs- & Rechtsausschuss, Potsdam

21.11.2011 Sachverständigenausschuss, Potsdam

24.11.2011 Honorar- und Vertragsausschuss, Potsdam

25.11.2011 35. Vorstandssitzung + 17. Sitzung der 4. Vertreterversammlung, Potsdam

05.12.2011 Ausschuss Öffentlichkeitsarbeit, Potsdam

07.12.2011 Sitzung Ausschuss Berufsrecht/Berufsethik, Potsdam

Änderungen vorbehalten

JOBANGEBOTE online suchen.

42 WIRTSCHAFT & MARKT 10/11


BBIK-AKTUELL

THEMA AKTUELL

KURZ

NOTIERT

Ingenieurkammertag

Siegt immer nur der Billigste?

Regelungen des Vergaberechts und Probleme bei Vergabeverfahren

waren das zentrale Thema auf dem 16. Ingenieurkammertag der

Brandenburgischen Ingenieurkammer.

Die Prinzipien sind unbestritten:

Chancengleichheit,

Transparenz und Wirtschaftlichkeit

sollen die wesentlichen

Merkmale im Wettbewerbs-

und Vergabeverfahren

sein, die es von allen Marktteilnehmern

zu beachten gilt.

Ein umfassender Wettbewerb

soll in allen Phasen kostengünstig

sein und die Stärkung

der Wirtschaft sicherstellen.

Aufträge sollen nur an geeignete

Unternehmen vergeben

werden, deren Leistungsfähigkeit,

Fachkunde und Zuverlässigkeit

im Vergabeverfahren

nachgewiesen sind.

Ziel der Regelungen des

Vergaberechts ist ein wirtschaftlicher

Einkauf von Leistungen,

der durch Wettbewerb

sichergestellt werden

soll. Wie aber sieht die Wirklichkeit

der alltäglichen Vergabeverfahren

aus?

Auf dem 16. Ingenieurkammertag

der Brandenburgischen

Ingenieurkammer wurden

diese Fragen angesprochen

und wichtige Schlüsselmaßnahmen

und Kriterien

ebenso wie Probleme bei Vergabeverfahren

dargestellt.

Häufig werden Aufträge an

den billigsten Bieter vergeben,

hob Anja Theurer,

Rechtsanwältin der Auftragsberatungsstelle

Brandenburg,

eines der wichtigsten Vergabeprobleme

hervor. Das gelte

selbst dann, wenn im Anwendungsbereich

der HOAI-Preisvorschriften

nur marginale

Unterschiede im Angebotspreis

bestehen.

Welche Wirkung, wurde in

der Diskussion immer wieder

gefragt, hat diese Praxis? Ist

diese Art der Vergabe nicht

volkswirtschaftlich tödlich?

Sollte nicht das qualitativ

hochwertigste Angebot dem

billigsten vorgezogen werden?

Die »Geiz ist Geil-Mentalität«

müsse endlich beendet

werden, um die Gesellschaft

in eine gesunde und nachhaltige

Entwicklung zu lenken.

Ein interessantes Modell zum

Vergabeverfahren, das in der

Schweiz angewendet wird,

stellte Prof. Axel Clemens

Rahn vor, Chef des gleichnamigen

Ingenieurbüros. Die

Schweizer legen das altbewährte

Motto »Zeit ist Geld«

zugrunde: Wer zu wenig Geld

bekommt, könne sich nicht

ausreichend Zeit nehmen!

Daher ist bei Vergabeentscheidungen

der mittlere

Preis das Maß aller Dinge. Er

bietet die höchste Wahrscheinlichkeit,

dass die angebotene

Leistung im Hinblick

auf Umfang und Qualität der

Erwartung des Bauherrn entspricht.

Diese Praxis berücksichtigt

eine Alltagserfahrung: Der

billigste Anbieter macht nur

das Nötigste und hat kein Interesse,

sein Bestes zu geben,

weil er dafür zu wenig Zeit

hat. Als logische Folge steigt

die Schadensgefahr. Unterschreitet

ein Anbieter deut-

VERGABEPRAXIS: Qualität nicht vernachlässigen.

lich den Mittelpreis, raten Experten

dem Auftraggeber sehr

gründlich zu überprüfen:

Wurde meine Erwartung als

Bauherr vollständig erfasst?

Sind Lücken im Leistungsbild

vorhanden, über die sich teure

Nachträge generieren lassen?

Wurde aus wirtschaftlicher

Not ein Dumpingangebot

erstellt, weil der Anbieter

das Projekt als Referenzprojekt

unbedingt haben will?

Die Probleme bei »Wettbewerb

und Vergabe« hat der

16. Ingenieurkammertag

nochmals verdeutlicht, lösen

konnte er sie nicht. Daher

wurde eine Resolution verabschiedet,

die sowohl Auftraggeber

wie Auftragnehmer bei

der Vorbereitung und Durchführung

von Vergabeverfahren

im Sinne der Richtlinie

für Planungswettbewerbe

2008 beratend unterstützen

soll. Die Resolution ist im Juli

an Entscheidungsträger im

Landesparlament sowie der

Landesregierung versandt

worden und ist auf der Internetseite

der BBIK www.bbik.de

zum Download veröffentlicht.

Informationen, Erfahrungen

und Meinungen: Tel.: (03 31)

743 18-0; E-Mail: info@bbik.de.

SACHVERSTÄNDIGER

Öffentlich bestellt

Dipl.-Ing. (FH) Andreas Broxtermann

ist zum Sachverständigen öffentlich

bestellt und vereidigt worden.

Broxtermann (41) war nach seinem

Hochschulabschluss 2004 im April

2005 der erste Absolvent, der in die

Liste der Anwärter für eine Mitgliedschaft

bei der BBIK aufgenommen

wurde. Nach zweijähriger Tätigkeit als

Ingenieur wurde der Potsdamer im

April 2007 freiwilliges Mitglied bei der

Brandenburgischen Ingenieurkammer.

Er leitet seit 2010 sein eigenes

Ingenieurbüro in Potsdam. Die öffentliche

Bestellung und Vereidigung für

Bauwerksabdichtungen nahm Anfang

September der Präsident der Brandenburgischen

Ingenieurkammer,

Dipl.-Wirtsch. Dipl.-Ing. (FH) Wieland

Sommer, vor.

INFO-BROSCHÜRE

Nachhaltig Bauen

Ökobilanzen und Umweltproduktdeklarationen

im Bauwesen waren

Thema einer aktuellen Fachtagung.

Als Gemeinschaftsprojekt haben die

BBIK, die Baukammer Berlin und das

Ministerium für Infrastruktur und

Landwirtschaft des Landes Brandenburg

eine 24-seitige Informationsbroschüre

zu diesem Thema herausgegeben.

Download: www.bbik.de.

LÄRMSCHUTZ

Wachsende Gefahr

Berufsbedingte Einschränkungen

des Hörvermögens stehen an erster

Stelle aller Berufserkrankungen.

Der bauliche Lärmschutz wird für Eigentümer

von Immobilien, für Bauherren,

Planungsbüros, Tragwerksplaner,

Statiker und Bauunternehmen immer

wichtiger. Die BBIK wird deshalb im

kommenden Jahr neue Schulungsangebote

für den Lärmschutz durchführen.

Die Schulz Baubedarf/Projektmanagement

GmbH bietet gemeinsame

Schulungsmaßnahmen mit Herstellern

von Lärmschutzsystemen an.

Stephan Thude (BBIK-Mitglied)

ADRESSE

Brandenburgische Ingenieurkammer

Schlaatzweg 1, 14473 Potsdam

Tel.: (03 31) 743 18 0, Fax: 743 18 30

E-Mail: info@bbik.de

Internet: www.bbik.de

WIRTSCHAFT & MARKT 10/11 43


INGENIEUR-NACHRICHTEN

Fotos: Archiv

KOMMENTAR

Von DR. NORBERT MERTZSCH,

Vorsitzender des VBIW e.V.

Stromspeicher gesucht

Eine verstärkte Nutzung von Windund

Solarstrom ist nur sinnvoll,

wenn geeignete Speichermöglichkeiten

für diesen Strom vorhanden

sind. Favoriten sind bisher Pumpspeicherkraftwerke.

Es gibt aber nur

wenige geeignete Standorte. Unter

Mitgliedern des VBIW ist auch die

Nutzung ehemaliger Bergwerke in

der Diskussion. Unser Arbeitskreis

Umweltschutz/Erneuerbare Energien

forscht nach weiteren Möglichkeiten

der Speicherung von Strom

im großen Maßstab. Für Brandenburg

aussichtsreich erscheint die

Nutzung des vorhandenen Erdgasnetzes

als Stromspeicher. Überschüssige

Windenergie könnte zur

Elektrolyse von Wasser eingesetzt

werden. Der entstehende Wasserstoff

wird mit Kohlenstoffdioxid in

Methan umgesetzt, das ins Erdgasnetz

eingespeist werden kann. Damit

würde Kohlenstoffdioxid zumindest

teilweise als Rohstoff genutzt.

Der Vorschlag ist nicht ohne Probleme:

Die Technologie muss die benötigten

Dimensionen erreichen.

Eine kontinuierliche Reaktionsführung

ist wegen der wechselnden Intensität

von Wind und Sonne nicht

möglich. Kohlenstoffdioxid könnte

aus kontinuierlich laufenden Prozessen

wie der Roheisenerzeugung,

aus Zementwerken oder aus Biogasanlagen

abgezweigt werden.

Nach Meinung des Arbeitskreises

sollte die Politik Förderprogramme

für die Nutzung von synthetischem

Methan auflegen.

Für ein anderes Projekt sind die Fördermittel

vom Land Brandenburg

schon bewilligt: Die Möglichkeit,

Batterien von Elektroautos als

Stromspeicher zu nutzen, erforscht

gegenwärtig die Brandenburgische

Technische Universität in Zusammenarbeit

mit den Unternehmen

Vattenfall und German E-Cars im

Projekt eSolCar.

DAS

Antriebstechnik

Für welche Einsatzzwecke

werden Wankelmotoren

noch entwickelt

und gebaut? Welche

konstruktiven Besonderheiten

erfordert der Einsatz verschiedener

Kraftstoffe? Ist ein

Einsatz als Range-Extender

oder in seriellen Hybridantrieben

geplant? Fragen über

Fragen, die AK-Mitglieder den

Experten stellten.

Beantwortet wurden sie

von Geschäftsführer Prof. Dr.

Dr. h.c. Ernst Sigmund, der

gleichzeitig Lehrstuhlinhaber

für Theoretische Physik an

der BTU ist. Ihm assistierte

Dipl.-Ing. Matthias Mann, der

mit einem Vortrag in das Thema

einführte.

Prof. Sigmund würzte die

Diskussion mit interessanten

Episoden der Wankel-Geschichte.

Der NSU-Spider war

einst das weltweit erste Serienfahrzeug

mit Wankelmotor.

Er wurde von 1964 bis

THEMA

Der Wankelmotor lebt

In der Wankel Super Tec GmbH (WST) in Cottbus

erforschte der AK Verkehrswesen Entwicklungsstand

und Einsatzchancen des Wankelmotors.

1967 in 2.375 Exemplaren gefertigt

und war Vorläufer des

NSU Ro-80. Dieser wurde von

1967 bis 1977 in nur 37.406

Exemplaren produziert und

blieb in Deutschland ohne

Nachfolger. Heute wird nur

noch der Mazda RX-8 gebaut,

ein Wankel-Sportcoupé, das

hauptsächlich in Japan verkauft

wird.

Welche Vorteile hat der

Wankel-Motor? Er ist absolut

erschütterungsfrei, weil er

keine Unwucht hat, die Abtriebswelle

kommt aus der

Mitte des Aggregats. Er hat

ein größeres Leistungs-Masseverhältnis,

weil er ohne Ventile,

Nockenwelle, Stößel und

Kipphebel auskommt und mit

höheren Drehzahlen betrieben

werden kann. Er ist vielstofffähig

und spart Platz, ein

wichtiger Aspekt für Luftfahrt

und auch künftige Automobil-Anwendungen.

Zu den

Nachteilen zählt ein ungün-

stiges Verhältnis zwischen

Oberfläche und Brennraumvolumen.

Prof. Sigmund umriss die

heutigen Anwendungsfälle

von Wankelmotoren: Luftfahrt,

Drohnen-Antriebe; Antriebe

von Generatoren und

Blockheizkraftwerke (BHKW);

Druckerhöhungsstationen in

Erdgasleitungen; Sport- und

Rennboote. Und neuerdings

als Range-Extender für Elektro-Fahrzeuge.

Der Range-

Extender lädt die Batterie

während der Fahrt nach, sobald

ihre Ladung verbraucht

ist. Er wirkt nicht direkt auf

die Räder, sondern treibt nur

den Generator an. Fahrzeuge

mit Otto-Hubkolbenmotor als

Range-Extender stehen kurz

vor der Serieneinführung. An

Mikro-Gasturbinen und Wankelmotoren

als Platz sparenden

Range-Extender-Varianten

wird geforscht.

Die WST ist in erster Linie

ein Entwicklungsbetrieb,

baut aber auch selbst Wankelmotoren

und entwickelt Wankel-Motoren

zu größerer Wirtschaftlichkeit.

Sie stellte von

Benzin auf Dieselkraftstoff

und auch auf Vielstofffähigkeit

um. Sie führte zudem die

Hochdruckeinspritzung und

die Schichtladung beim Wankelmotor

ein. Viele der bisherigen

Nachteile des Kreiskolbenmotors

konnten so überwunden

werden.

Vergleiche der Motorkonzepte

hinken, wenn man einen

in 125 Jahren ständig vervollkommneten

Hubkolbenmotor

mit einem jüngeren,

erst 50 Jahre alten Motor vergleicht,

der nur in relativ

geringen Stückzahlen produziert

wurde.

Rudolf Miethig dankte abschließend

den Gastgebern,

stellte den VBIW vor und überreichte

das neueste Leistungsangebot

des VBIW.

Rudolf Miethig (VBIW,

Leiter AK Verkehrswesen)

44 WIRTSCHAFT & MARKT 10/11


INGENIEUR-NACHRICHTEN

AKTUELL

Fotos: Behrend (EKO), Herrmann

HOCHSCHULEN

Besuch der FH

Brandenburg

Seine erweiterte Vorstandssitzung

hielt der VBIW dieses

Jahr an der Fachhochschule

Brandenburg ab.

Empfangen wurde die VBIW-

Delegation vom Dekan des

Fachbereichs Technik, Prof.

Dr.-Ing. Bernhard Hoier, und

Dipl.-Phys. Norbert Lutz, der

als Verbindungsmann zum Ingenieurverein

fungiert. Als Leiter

der Technologie- und Innovationsberatungsstelle

an der

FHB erklärte er den Brandenburger

Innovationsgutschein,

der bis zu 100 Prozent Förderung

für kleine und mittlere

Unternehmen ermöglicht.

Diese Fördermöglichkeit

empfiehlt auch der VBIW seinen

Mitgliedern, insbesondere

Erfindern (www.iq-brandenburg.de).

Der VBIW bot der

Hochschule an, für Studenten

Führungen durch Brandenburger

Betriebe zu organisieren.

KINDERUNI

Herbstsemester

hat begonnen

KINDERUNIVERSITÄT : Zwei

Vorlesungen mit VBIW-Experten.

senhüttenstadt Schüler und

Schülerinnen von sieben bis

zwölf Jahren herzlich ein. Jeder

Teilnehmer der Kinderuniversität

erhält einen Studentenausweis,

der nach der Vorlesung

abgestempelt wird.

Die Vorlesungen finden in der

Schule für Gesundheitsberufe

in der Poststraße 41 statt –

Beginn: 16 Uhr.

KOMMUNE

Sinkende

Einnahmen

Eisenhüttenstadts Bürgermeisterin

Dagmar Püschel

diskutierte mit dem VBIW

Haushaltsprobleme.

Eisenhüttenstadt leidet seit

Jahren unter einer prekären

Haushaltslage. Im IPS-Technologiezentrum

erläuterte die

Bürgermeisterin Details des

Kommunalhaushalts. Der neue

Haushaltsentwurf weise ein

Defizit von etwa 14 Millionen

Euro auf, das kaum durch

Einsparungen auszugleichen

sei. Sie habe kein Ausgaben-,

sondern ein Einnahmeproblem,

weil die Gewerbesteuer

stark gesunken sei.

Zuvor hatte Püschel mit dem

Vorstand des Ortsvereins gemeinsame

Projekte diskutiert

und ihren Willen zur Zusammenarbeit

mit dem VBIW bekräftigt.

Der Fachbereichsleiter

für Stadtentwicklung,

Dipl.-Ing. Frank-Uwe Gerlach

(56), gab seinen Antrag auf

Aufnahme in den VBIW ab

und erklärte, dass er sich für

die Verbindung mit dem Ingenieurverein

einsetzen werde.

Begrüßt und vorgestellt wurde

auch ein weiteres neues Mitglied,

Dr. Jörg Mernitz (50) von

ArcelorMittal. Er beschäftigt

sich unter anderem mit der

Senkung der CO 2 -Emission des

Hochofen-Verfahrens.

Jutta Scheer (VBIW)

VORTRAG

Besucherrekord

im Ortsverein

Die Einladung des Ortsvereins

Eisenhüttenstadt zu

einem Vortrag nahmen

132 Teilnehmer an.

Das Vortragsthema »Weltfinanzkrise

– Wie sicher ist unser

Geld noch?« und das Gespräch

mit Dr. Edgar Most, letz-

Hochwasser und Biotechnologie

lauten Themen im

Herbstsemester der Kinderuni

Eisenhüttenstadt.

Im Herbstsemester gibt es

wieder zwei Vorlesungen mit

direkter VBIW-Beteiligung.

Schiffbauingenieur Günter

Wosch (VBIW) beantwortet

die Frage »Warum gibt es

Hochwasser?«. Eine weitere

Vorlesung fragt »Biotechnologie

– was ist das?« (28.11.11).

Außerdem lädt auch das fahrbare

BIOTechnikum auf seiner

Tour durch Deutschland in Eiter

Vizepräsident der Staatsbank

der DDR und späteres

Mitglied der Geschäftsleitung

der Deutschen Bank, erwiesen

sich als Besuchermagneten.

RV NORDWEST

Sterne über

dem Nil

Einen Vortrag zur ägyptischen

Astronomie hielt

Prof. Dieter B. Herrmann

in Rheinsberg.

Der Präsident der Leibniz--

Sozietät der Wissenschaften

zu Berlin e. V. und frühere Moderator

der Fernsehsendung

»AHA« stellte interessante

astronomische Bezüge in antiken

Tempeln und Grabstätten

dar. Die Veranstaltung war ein

Erfolg der Zusammenarbeit

des VBIW mit der Leibniz-

Sozietät sowie des Ziels des

VBIW-Regionalvereins Nordwestbrandenburg,

mehr

Mitglieder und Gäste in sein

Arbeitsprogramm einzubeziehen.

Dr. Norbert Mertzsch (Vorsitzender

VBIW und Leiter Regionalverein

Nordwestbrandenburg)

KDT-GESCHICHTE

Verband im

Rückblick

Bis zu 290.000 Wissenschaftler,

Ingenieure, Ökonomen

und Neuerer waren KDT-Mitglieder,

so ein neues Buch.

Die Dokumentation »Kammer

der Technik« von Dr. oec. Günter

Fischhold vermittelt einen

Überblick über die vereinsspezifische

Arbeit mit Beispielen

aus dem Bezirks- beziehungsweise

Regionalverband Karl-

Marx-Stadt/Chemnitz und dem

Fachverband Maschinenbau.

Wissenschaftlich-technische

Leistungen sind an Beispielen

der technologischen Entwicklung

der Metall verarbeitenden

Industrie dargestellt.

Verlag BoD; 284 Seiten; 27,90 Euro;

ADRESSE

VORTRAG:

Prof. Herrmann

zu Gast in

Rheinsberg.

Verein Brandenburgischer

Ingenieure und Wirtschaftler e.V.

Landesgeschäftsstelle Frankfurt (O.)

Fürstenwalder Str. 46

15234 Frankfurt (Oder)

Tel.: (0335) 869 21 51

E-Mail: buero.vbiw@online.de

Internet: www.vbiw-ev.de

WIRTSCHAFT & MARKT 10/11 45


UV-AKTUELL

GESCHÄFTSSTELLEN

der Unternehmerverbände

Unternehmerverband Berlin e.V.

Präsident: Armin Pempe

Hauptgeschäftsführer: Andreas Jonderko

Geschäftsstelle:

Ingrid Wachter (Sekretariat)

Frankfurter Alllee 202, 10365 Berlin

Tel.: (030) 981 85 00, 981 85 01

Fax: (030) 982 72 39

E-Mail: mail@uv-berlin.de

Unternehmerverband Brandenburg e.V.

Präsident: Eberhard Walter

Hauptgeschäftsstelle Cottbus:

Roland Kleint

Schillerstraße 71, 03046 Cottbus

Tel.: (03 55) 226 58, Fax: 226 59

E-Mail: uv-brandenburg-cbs@t-online.de

Bezirksgeschäftsstelle Potsdam:

Bezirksgeschäftsführer: Hans-D. Metge

Hegelallee 35, 14467 Potsdam

Tel.: (03 31) 81 03 06

Fax: (03 31) 817 08 35

Geschäftsstelle Frankfurt (Oder):

Geschäftsführer: Detlef Rennspieß

Perleberger Str. 2, 15234 Frankfurt (O.)

Tel.: (03 35) 400 74 56

Mobil: (01 73) 633 34 67

Unternehmerverband Rostock und

Umgebung e.V.

Präsident: Frank Haacker

Geschäftsführerin: Manuela Balan

Geschäftsstelle:

Wilhelm-Külz-Platz 4, 18055 Rostock

Tel.: (03 81) 242 58 -0, 242 58 -11

Fax: 242 58 18

Regionalbüro Güstrow:

Am Augraben 2, 18273 Güstrow

Tel.: (038 43) 23 61 12, Fax: 23 61 17

Unternehmerverband Norddeutschland

Mecklenburg-Schwerin e.V.

Präsident: Rolf Paukstat

Hauptgeschäftsführer: Wolfgang Schröder

Geschäftsstelle:

Brunnenstraße 32, 19053 Schwerin

Tel.: (03 85) 56 93 33, Fax: 56 85 01

Unternehmerverband Thüringen e.V.

Präsident: Peter Baum

Geschäftsstelle:

IHK Erfurt

Arnstädter Str. 34, 99099 Erfurt

Tel.: (03 681) 42 00 50, Fax: 42 00 60

Unternehmerverband Vorpommern e.V.

Präsident: Gerold Jürgens

Leiter d. Geschäftsst.: Wolfgang Kastirr

Geschäftsstelle:

Am Koppelberg 10, 17489 Greifswald

Tel.: (038 34) 83 58 23, Fax: 83 58 25

Unternehmerverband Sachsen e.V.

Präsident: Hartmut Bunsen

Vizepräs.: Dr. W. Zill, Dr. M. Reuschel,

U. Hintzen

Geschäftsführer: Rüdiger Lorch

www.uv-sachsen.org

Geschäftsstelle Chemnitz:

Leiterin: Gabriele Hofmann-Hunger

Neefestraße 88, 09116 Chemnitz

Tel.: (03 71) 49 51 29 12, Fax: -16

E-Mail: chemnitz@uv-sachsen.org

Geschäftsstelle Dresden:

Repräsentant: Klaus-Dieter Lindeck

Antonstraße 37, 01097 Dresden

Tel.: (03 51) 899 64 67, Fax 899 67 49

E-Mail: dresden@uv-sachsen.org

Geschäftsstelle Leipzig:

Leiterin: Silvia Müller

Riesaer Straße 72 – 74, 04328 Leipzig

Tel.: (03 41) 257 91-20, Fax: -80

E-Mail: leipzig@uv-sachsen.org

Unternehmerverband Sachsen-Anhalt e.V.

Präsident: Jürgen Sperlich

Geschäftsstelle Halle/Saale

Berliner Str. 130, 06258 Schkopau

Tel.: (0345) 78 23 09 24

Fax: (0345) 78 23 467

UV Thüringen

Energie in alten Mauern auf der Spur

Zu einem Vortrag an besonderem Ort hatte der Unternehmerverband

Thüringen im Sommer nach Erfurt geladen. Das Alte Heizwerk wird aufwendig

saniert. Mit diesem Musterbeispiel vor Augen diskutierten die

Mitglieder mit Fachleuten über die Energieeffizienzstrategie des Freistaates.

staat hat das Ziel ausgemacht,

die Entwicklung des zukunftsorientierten

Marktes

für energieeffiziente Technologien

und Produkte langfristig

zu fördern. Für dieses Engagement

wurden verschiedene

Bausteine entwickelt. Mit

der »Richtlinie zur Förderung

der Energieeffizienz in klei-

EXPERTE: Prof. Dieter Sell.

Als die Theorie folgte, hatten

die zahlreich erschienenen

Unternehmer schon zu sehen

bekommen, wie es in der Praxis

funktionieren kann. Auf

Einladung des Unternehmerverbandes

Thüringen waren

sie im Juli dieses Jahres in das

Alte Heizwerk in Erfurt-Brühl

gekommen, um sich anzusehen,

wie energetische Gebäudesanierung

Bewahrung alter

Gebäude unter einen Hut gebracht

werden können.

Das bedeutendste Baudenkmal

der Erfurter Industriegeschichte

wird demnächst

vom Eigentümer, der Landesentwicklungsgesellschaft

(LEG) Thüringen, aufwendig

saniert. Es dient schon heute

als Ort für Kultur- und Informationsveranstaltungen.

Unter dem Eindruck dieser

architektonischen Leistung

stellte Prof. Dr. Dieter Sell, Leiter

der Thüringer Green-Tech-

Agentur (ThEGA), nach einem

Rundgang durch das Heizwerk

die Energieeffizienzstrategie

des Landes vor. Der Freinen

und mittelständischen

Unternehmen (KMU)« wurde

ein Programm erarbeitet, das

die Identifizierung der Energiepotenziale

in den Betrieben

unterstützt und die Maßnahmen

zur Steigerung der

Effizienz vorantreiben soll.

Die ThEGA ist zudem Koordinator

des »EnergieEffizienz-

Netzwerkes Thüringen«, das

durch das Bundesumweltministerium

gefördert wird.

14 Thüringer Unternehmen

profitieren hier von einer

individuellen Erstberatung

und dem praxisorientierten

Erfahrungsaustausch bei

neun Energie-Stammtischen.

Auf den Expertenvorträgen

können sich die Firmen zu

relevanten Technologiethemen

informieren, ein jährliches

Monitoring dokumentiert

die Ergebnisse des Netzwerks.

Zu den Angeboten an

die kleinen und mittleren Firmen,

ihre Möglichkeiten zur

Energie- und Ressourceneinsparung

auszuloten, gehört

auch die Thüringer Energieeffizienz

Offensive (ThEO).

Prof. Sell erläuterte den geplanten

Aufbau einer Fachberaterdatenbank.

Er betonte,

dass Einzelfirmen, aber auch

Unternehmensverbünde an

der Offensive teilnehmen

können.

&

46 WIRTSCHAFT & MARKT 10/11


UV-AKTUELL

Fotos: UV Schwerin, Marco Schmidt, privat

UV BRANDENBURG

Mogelpackung

Verfassung

Der Unternehmerverband

Brandenburg hat sich in

einer gemeinsamen Erklärung

mit dem Bundesverband

Mittelständischer

Wirtschaft (BVMW) gegen

das Gesetz zur Stärkung

der kommunalen Daseinsvorsorge

gewandt.

»Wer glaubt, die kommunalen

Haushalte mit einer Mogelpackung

auf dem Rücken

des Mittelstandes sanieren zu

können, der wird seinen Irrtum

spätestens bei sinkenden

Steuereinnahmen und wachsenden

Sozialkosten bemerken«,

erklärten Roland Kleint,

Hauptgeschäftsführer des

UV Brandenburg, und Wolfgang

Wenzke, Regionalgeschäftsführer

des BVMW in

Südbrandenburg, im September

in Cottbus.

Mit dem Gesetz sollen nach

dem Willen der rot-roten Landesregierung

in Brandenburg

die Möglichkeiten für eine

wirtschaftliche Betätigung

von Kommunen ausgeweitet

werden. Damit würden die

Grenzen zwischen berechtigter

kommunaler Daseinsvorsorge

und ungebremster

Wirtschaftstätigkeit aufgelöst

und die mittelständischen

Unternehmen im Land

unmittelbar gefährdet, so

Kleint. »Die Daseinsvorsorge

ist das, worum es in diesem

Gesetz gerade nicht geht« kritisiert

der Cottbusser Hauptgeschäftsführer

weiter. Den

Bürgern drohten bei Umsetzung

des Gesetzes mehr Kosten

sowie der Verlust von Arbeits-

und Ausbildungsplätzen.

Die Verbände forderten

die Landtagsabgeordneten

auf, die Regierungsvorlage

abzulehnen. Eine Gesetzesnovellierung

müsse für

kommunale Betriebe das Subsidaritätsprinzip

zu Grunde

legen, auf dem Territorialprinzip

beharren und an

der Genehmigungspflicht

von kommunalen Firmenneugründungen

festhalten.

UV Mecklenburg

Gemeinsam stärker

Die drei Unternehmerverbände in Mecklenburg-

Vorpommern kooperieren künftig umfassend und

landesweit. Das wurde jetzt vereinbart.

Sie wollen zukünftig bei überregionalen

Themen mit einer

Stimme sprechen und so den

Mitgliedsunternehmen noch

stärker Gehör verschaffen.

»Wir bleiben vor Ort verwurzelt,

aber artikulieren unsere

wirtschaftspolitischen Erwartungen

landes- und bundesweit«,

so fasste Rolf Paukstatt,

Präsident des UV Norddeutschland

Mecklenburg-

Schwerin, die Anfang September

in Schwerin unterzeichnete

Vereinbarung zusammen.

Paukstatt und die Präsidenten

Gerold Jürgens (UV Vorpommern)

und Frank Haacker

(UV Rostock) verabschiedeten

einen sieben Punkte umfassenden

Kooperationsvertrag,

in dem sich die Verbandsspitzen

auf einen kontinuierlichen

Austausch verständigt

haben. Dazu werden sich die

Präsidien mindestens zweimal

im Jahr zu gemeinsamen

Beratungen treffen. Im Interesse

der landesweit über 1.500

Mitgliedsunternehmen werden

die Verbände zu überregional

relevanten Themen

zukünftig gemeinsame Erklärungen

abgeben.

Die Sprecherrolle nimmt

bis auf weiteres der Schweriner

Präsident Paukstatt ein.

Jürgens betonte, dass damit

dem Bestreben genüge getan

werden soll, gegenüber der

Landesregierung mit einer

Stimme zu sprechen.

Mit der Unterzeichnung

der Vereinbarung öffnen die

drei Verbände ihre einzeln

oder gemeinsam organisierten

Veranstaltungen für alle

Mitglieder. Um die Koordination

der landesweiten Termine

übersichtlich und effektiv

vornehmen zu können, wird

über eine Ausschreibung eine

gemeinsame Internetseite gestaltet.

Um die eigenen Positionen

und Vorhaben auch

bundesweit zu stärken wird

noch in diesem Jahr eine ostdeutschlandweite

Großveranstaltung

mit Politikern der

Bundesregierung und Abgeordneten

des Deutschen Bundestages

in Berlin stattfinden.

Paukstatt sieht in der Vereinbarung

keine Kampfansage

gegenüber anderen Vereinigungen

oder Kammern im

Land. Die neue Qualität der

Zusammenarbeit sei eine logische

Konsequenz aus den veränderten

Rahmenbedingungen

und den zukünftigen Erwartungen

der mittelständischen

Unternehmen in Mecklenburg-Vorpommern.

PRÄSIDENTEN-TROIKA Gerold Jürgens, Frank Haacker und

Rolf Paukstatt (v. l.) unterzeichneten den Kooperationsvertrag.

UV ROSTOCK

Chancen

für das Land

Der Markt für Offshore-

Windkraftanlagen bietet

weltweit großes Potenzial

für die wirtschaftliche Entwicklung

von innovativen

Unternehmen. UV-Mitglied

GICON stellte auf dem

Hanse Sail Business Forum

2011 in Rostock seine

neueste Entwicklung vor.

Die Offshore-Windkraft ist

eine tragende Säule für die

Umsetzung der Energiewende

in Deutschland. Bis 2020

sollen 10.000–15.000 Megawatt

(MW) Offshore-Windkraftanlagen

installiert werden.

Das entspricht einem

Investitionsvolumen von

rund 30 bis 50 Milliarden

Euro. Bis 2030 soll eine installierte

Kapazität von 25.000

MW erreicht werden.

Die Umsetzung ist eine

gewaltige finanzielle und

technische Herausforderung.

Zum einen müssen Windkraftanlagen

in mehr als 30

Metern Tiefe wirtschaftlich

errichtet werden können,

zum anderen müssen Probleme,

wie Lärm beim Rammen

der Fundamente und die starke

Abhängigkeit vom Wetter

beherrscht werden. Eine

mögliche Alternative sind so

genannte schwimmende

Fundamente. Das UV-Mitgliedsunternehmen

GICON

entwickelt mit einem Konsortium

innovativer Firmen und

Hochschulen eine spezielle

Form einer schwimmenden

Gründung, das GICON-SOF.

Das Fundament wird unter

der Wasseroberfläche über

Stahlseile am Meeresboden

verspannt und ist durch den

ständigen Auftrieb stabil.

Die Anlage kann komplett an

Land montiert werden. Die

Fundament-Fachwerkskonstruktion

ermöglicht eine

standardisierte Fertigung.

Was für die Werftstandorte

und die mittelständischen

Zulieferer in MV Chancen bietet,

von der Innovation wirtschaftlich

zu profitieren.

WIRTSCHAFT & MARKT 10/11 47


PORTRÄT

Fotos: K. George, Fairmont Hotels

Hotelier-Legende Prantner

RIMC auf Erfolgskurs

Gert Prantner gründete 1990 eine der weltweit führenden Hotelbetriebs-

und Beratungsgesellschaften, die inzwischen zu den Top 50

der umsatzstärksten Hotel-Gesellschaften in Deutschland zählt.

Auf die Begegnung mit Gert Prantner,

dem Gründer der RIMC International

Hotel Management und

Consulting GmbH, war ich sehr gespannt.

Der Grandseigneur der internationalen

Hotellerie residiert am Neuer

Wall in Hamburg, dem Hauptsitz der Gesellschaft.

Von hier managt der »Hanseat

aus Tirol« seit 20 Jahren – seit 2006 gemeinsam

mit seinem Partner Marek N.

Riegger – eine der weltweit führenden

Hotelbetriebs- und Beratungsgesellschaften,

die mittlerweile zu den Top 50

der umsatzstärksten Hotel-Gesellschaften

auf dem deutschen Markt zählt.

Derzeit betreibt die Gesellschaft über

30 Hotels in Deutschland, Österreich und

der Schweiz. Mit dem Ziel, durch Franchise-Verträge

mit global agierenden

Konzernen wie Choice, Accor, Rezidor,

Best Western und Starwood namenlosen

Hotels zu einem international bekannten

Namen zu verhelfen und damit ihren

Marktwert für Investoren zu steigern.

Zum RIMC-Portfolio gehören inzwischen

auch vier Hotels in Sachsen und Brandenburg

– das Quality Hotel Country

Park Brehna bei Leipzig, das Quality

Hotel Plaza Dresden, das Amedia Hotel

Zwickau sowie das Radisson Blu Hotel

Cottbus. Der Name RIMC als stiller Be-

treiber bleibt dabei stets im Hintergrund.

Das Erfolgsrezept der Gesellschaft beschreibt

Gert Prantner so: »Der Wert eines

Hotels beruht auf dem Ruf seines Namens,

auf der Qualität der Mannschaft

und auf der Leidenschaft, mit der sich

das Unternehmen und das Management

einbringen.« Mit dieser gelebten Philosophie

hat es Prantner im Verlauf seiner

beispielhaften Berufskarriere geschafft,

sich in der internationalen Fachwelt einen

Namen zu machen und sich großer

Wertschätzung zu erfreuen.

Der Name Prantner ist untrennbar

mit dem Aufstieg der Hamburger Luxusherberge

»Vier Jahreszeiten« in den 80er

Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu

TOP-ADRESSE: Hamburgs Vier Jahreszeiten

einem der weltbesten Hotels verbunden.

Als langjähriger geschäftsführender Direktor

dieses Traditionshauses an der

Binnenalster schaffte es Prantner innerhalb

weniger Jahre, das feine, aber Mitte

der Siebziger doch ein wenig angestaubte

Traditionshotel der Familie Haerlin

mit perfektem Service und familiärer Atmosphäre

für den Vergleich mit den besten

Herbergen der Welt fit zu machen.

Als Krönung seines Schaffens gelang es

Prantner, im Wendejahr 1989 die Hamburger

Hotel-Legende »Vier Jahreszeiten«

als Nummer zwei hinter dem »Oriental«

in Bankok zu platzieren. Unmittelbar danach

endete die 92-jährige Ära der Hamburger

Hotel-Familie Haerlin. Die einstige

Bastion hanseatischer Tradition ging

für 215 Millionen D-Mark an den japanischen

Bauunternehmer Hiroyoshi Aokie.

Eine bittere Erfahrung auch für den

Direktor des berühmten weißen Hauses

an der Binnenalster, der im Verlauf seines

Berufslebens vom Schulabbrecher im

Südtiroler Brixen und Pagen im Meraner

Hotel Bristol zu einem der prominentesten

Hoteldirektoren Deutschlands aufgestiegen

war. Aber zugleich tat sich für

Prantner die Tür für eine zweite Karriere

als Berater auf, sein erworbenes Knowhow

in anderen Hotels zu verwerten.

Inzwischen blickt der einstige Direktor

des Hamburger »Vier Jahreszeiten«

auf eine zweite Erfolgsgeschichte als

Unternehmer zurück. Wie viele andere

»stille Betreiber« hat auch die RIMC unter

seiner Führung in zwanzig Jahren die

Fähigkeit erlangt, Häuser zu übernehmen

und für kurze oder lange Zeit zu

führen. Allerdings geht es der Hamburger

Kette dabei um mehr als ein Interimsmanagement.

Vielmehr ist die RIMC bestrebt,

mit Hilfe von Global-Playern à la

Choice weiter zu wachsen. Nicht mit Filetstücken

an Top-Standorten, sondern

mit Individualhotels oder Häusern, die

große Gesellschaften nicht mehr betreiben

wollen. Die von der RIMC geführten

Hotels in Leipzig, Dresden, Zwickau und

Cottbus sind dafür typische Beispiele

maßgeschneiderter Hotelkonzepte und

erfolgreichen Betreibens durch erfahrene

Fachleute.

Prantner, inzwischen ein rüstiger

Siebziger, der längst Anspruch auf seinen

verdienten Ruhestand hätte, denkt

nicht ans Aufhören. Im Gegenteil. Er ist

fest entschlossen, die 20-jährige Erfolgsgeschichte

seines Unternehmens mit ambitionierten

Expansionsplänen in den

nächsten Jahren weiter zu begleiten.

»Denn mit zuviel freier Zeit«, gesteht der

RIMC-Chef zum Abschied, »könne er leider

noch immer wenig anfangen«.

Klaus George

&

48 WIRTSCHAFT & MARKT 10/11


W&M-PRIVAT

LEUTE & LEUTE

BÜCHERBORD

Partner Polen

Karrikatur und Zeichnung: Rainer Schwalme

Das Fernsehen Ist mir

verleidet. Ich guck da

bloß noch Kochsendungen.

Im Radio hör ich nur

noch Werbung. Und meine

Zeitung hab ich abbestellt.

Warum? Weil die Welt so

voll ist von bösen Nachrichten,

die unablässig Furcht

und Schrecken verbreiten. All

diese Schreckensmeldungen

schaffen es mühelos auf Seite

Eins der Zeitungen: Schiffsuntergänge,

Flugzeugabstürze,

Bombenangriffe, Erdbeben

und Tsunamis. Ist unsere

Welt denn wirklich so

schlecht?! Oder entsteht dieser

Eindruck vielleicht nur

durch unausgewogene Berichterstattung?

Wie lange

können wir unseren Depressionen

noch widerstehen?

Die Rettung bringt unser

Freund, der Computer. Neuerdings

gibt’s die Internetseite

www.positiv-magazin.de, die

wir der Journalistin Gertrud

W. aus Königstein im Taunus

verdanken. In ihrem Online-

Magazin sind Katastrophen

und Unglücke nicht nur unerwünscht,

sondern regelrecht

verboten. Stattdessen finden

wir Harmonie spendende

Meldungen wie etwa die folgenden:

Nivea feiert hundert

Jahre Hautpflege. Oder: Erderwärmung,

mal positiv gesehen.

Um die Welt nachhaltig

zu verbessern, pickt sich die

Alles schön

und gut

Ernst Röhl streitet

wider das Böse

Herausgeberin aus der Presse

täglich anheimelnde Meldungen

heraus, die all jene Menschen

aufheitern sollen, die

den Wirklichkeitsverlust

nicht fürchten. »Denn«, sagt

sie, »es gibt doch so viel Wunderschönes

in der Welt.«

Diese Welt gehört den Optimisten,

darum klicken täglich

fast tausend Menschen

die Seite mit den liebenswerten

Nachrichten an, und Gertrud

W. freut sich von Herzen

über begeisterte Leserbriefe.

In einem Berliner Unternehmen,

sagt sie, gehöre es für

die Belegschaft schon zum

Pflichtprogramm, den Arbeitstag

mit der Lektüre ihres

Positiv-Magazins zu beginnen.

Höchste Zeit, dass die deutschen

Medien nachziehen.

Ich hätte da auch ein paar

Vorschläge. Zum Beispiel: Positive

Dopingproben bei der

Tour de France! Mond bleibt

Allgemeingut: Der Mond gehört

niemandem und darf bis

auf weiteres weder vermakelt

noch verkauft werden. Oder

auch: Wer auf dem Arbeitsmarkt

nicht mehr willkommen

ist, kann sich im Supermarkt

immer noch als Verbraucher

nützlich machen.

Und künftig keine News

mehr wie diese: Durch Misswirtschaft

des Finanzministers

entstand den Deutschen

ein Verlust von 100 Milliarden

Euro. Besser: Dem Finanzminister

gelang es, einen Verlust

von 100 Milliarden Euro zu

erwirtschaften. Falsch: Die

Wahlbeteiligung sank auf 37

Prozent, also unter den Prozentwert

des Nordhäuser

Doppelkorns. Richtig: Wahlbeteiligung

erreichte mehr

als 37 Prozent, die Demokratie

ist mit einem blauen Auge

davongekommen. Wir brauchen

positive Infos wie die

Luft zum Atmen. Darum nennen

wir das Unkraut besser

Spontanvegetation, und die

Steuerhinterziehung bezeichnen

wir besser als Unregelmäßigkeiten.

Die Parole für die neue

Kampagne verdanken wir

übrigens Wilhelm Busch:

»Das Gute, dieser Satz steht

fest, ist stets das Böse, das

man lässt.«

&

»Warum Polen? Ihr Investitionsführer«

– so der Titel

eines neuen Ratgeber von

der Abteilung für Handel und

Investitionen der polnischen

Botschaft und KPMG.

Deutschland ist für Polen

der mit Abstand größte Wirtschaftspartner

und Polen

inzwischen für Deutschland

der wichtigste Markt in Mittelund

Osteuropa. Die gegenseitigen

Handelsumsätze stiegen

seit 1990 ständig. Die polnische

Volkswirtschaft erwies

sich als weitgehend resistent

gegenüber den negativen Folgen

der weltweiten Rezession.

Als einziges Land der EU konnte

Polen 2009 ein Wirtschaftswachstum

von 1,8 Prozent

aufweisen. Deutsche Unternehmen

finden

in Polen

attraktive

Angebote

vor, die

ihnen neue

Perspektiven

eröffnen.

Mit seinen

knapp 40

Millionen Einwohnern, gut ausgebildeten

Arbeitskräften,

einem stabilen Rechtssystem

und den umfangreichen Fördermitteln

bietet Polen gute

Voraussetzungen für erfolgreiche

Investitionen. Viele

deutsche Unternehmer haben

den Investitionsstandort Polen

schon erfolgreich für sich entdeckt.

Die in diesem Ratgeber

enthaltenen Informationen sollen

deutschen Unternehmern

den Wirtschaftsstandort Polen

näher bringen und Entscheidungshilfe

für ein Engagement

im Nachbarland bieten.

»Warum Polen?

Ihr Investitionsführer«

kostenlos mit Hilfe

des folgenden

Codes anfordern:

WIRTSCHAFT & MARKT 10/11 49


KOLUMNE

Stringente Fiskalunion

Die Weltwirtschaft wird in diesen

Tagen maßgeblich durch zwei

Entwicklungen bedroht: Durch

die zähe Arbeitslosigkeit in den hoch verschuldeten

USA und durch eine gefährliche

Überschuldung einiger Euro-Staaten.

Die Folgen der großen Krise von

2007/08 sind längst nicht überwunden.

Die Menschen sind beunruhigt und

ungeduldig. Sie fragen: Warum kommt

Europa hier nicht weiter? Warum müssen

wir Deutsche den Griechen mit ihren

Schulden helfen? Viele zeigen eine nostalgische

Sehnsucht nach einer früheren

Zeit; nach DM und Nationalstaat. Nicht

nur in Deutschland.

Die Europäische Union (EU) wurde unter

völlig anderen ökonomischen und sozialen

Bedingungen gegründet. Es ist daher

völlig sinnlos, sich heute, in einer so

grundsätzlich veränderten Welt, auf Einzelheiten

der Absichten der Gründungsväter

zu berufen und sich »alte Zeiten«

zurückzuwünschen. Den Wandel der globalisierten

Welt, der einem menschheitlichen

Evolutionsprozess folgt (den wir

wohl kaum »gestalten« können), haben

diese »Väter« weder vorausgesehen, noch

konnten sie Rezepte für die heutige Zeit

formulieren. Den wirtschaftlichen und

gesellschaftlichen Wandel müssen wir

aber akzeptieren und wir können ihm

nur mit neuen Ideen begegnen.

Diese Ideen werden für die einzelnen

EU-Mitgliedstaaten zwangsläufig sehr

unterschiedlich sein müssen. Struktur

und Gesellschaft der einzelnen EU-Staaten

sind sehr verschieden. Diese Unterschiede

waren und sind aber zugleich

ein unentbehrlicher Teil der besonderen

Stärke Europas; nicht Einheitlichkeit,

sondern Vielfalt; nicht Gleichheit, sondern

die nationalen Unterschiede waren

stets die Quelle europäischer Kreativität

und weltweiter Dominanz.

Die Einführung des Euro hatte diese

Tatsache aber nur unzureichend berücksichtigt.

Man vertraute auf die Maastricht-Regeln

und auf relativ lose Sanktionen

im Falle ihrer Verletzung. Die diffusen

Machtverhältnisse innerhalb von

EU und Euro-Zone ließen Grauzonen

und dann Ausnahmeregelungen zu. So

entstand die heutige Lage. Die Krise deckte

dann die Schwächen einzelner Mitgliedstaaten

brutal auf.

Um die europäische Vielfalt zu bewahren

und doch gemeinsam zu handeln,

muss sich die EU zwar in »Geschlossen-

ZUR SACHE

Betrachtung

zur wirtschaftlichen Lage

Von Dr. Klaus von Dohnanyi

heit« organisieren, aber »Geschlossenheit«

ist nicht dasselbe wie »Einheitlichkeit«

in Einzelheiten der Politik.

Ein aktueller Beweis: Wo wäre heute

die EU, wenn Deutschland nicht zu Beginn

des vergangenen Jahrzehnts die wirkungsvollen

Arbeitsmarktreformen beschlossen

und realisiert hätte? Auf Vorlagen

aus Europa hätten wir lange warten

können! Nationale Entscheidungen bleiben

daher die Voraussetzung europäischen

Fortschritts und damit auch der

demokratischen Legitimität der EU.

Globalisierung schafft ökonomisch

große Räume. Aber von den Bürgern

wird ein vertrauensvoll-demokratisches

Fundament in kleineren Räumen erwartet.

Die Tendenz zur kleinen Einheit ist

auch ökonomisch logisch. Diese ermöglicht

pragmatischeres Reagieren auf sich

rasch ändernde Wettbewerbsverhältnisse

der offenen Welt. Die hier eher erkennbare

demokratische Verantwortung

stabilisiert Europas Gesellschaften wirksamer

als jedes europäische Parlament.

Auch aus diesen Gründen sollte es auf

absehbare Zeit keine umfassende gemeinsame

»Wirtschaftsregierung« geben.

Denn die historisch über viele Jahrzehnte

gewachsenen Strukturen der einzelnen

Mitgliedstaaten gehören oft so

eng zusammen, sind so eng miteinander

verflochten, dass punktuelle europäische

Eingriffe immer wieder auf den

begründeten Widerstand einzelner Mitgliedstaaten

stoßen müssen. Am Ende

führt ein zentralistisches Europa nur zu

mehr europäischem Vertrauensverlust.

Auch eine umfassend zuständige »Wirtschaftsregierung«

für die Euro-Zone wäre

daher ein fataler Fehler. Trotzdem müssen

gemeinsam Steuerungsinstrumente

für die Euro-Zone gefunden werden. Diese

sollten sich aber wirkungsvoll zunächst

ausschließlich auf währungsrelevante

Instrumente beschränken.

Die deutsche Entwicklung (Lohnzurückhaltung

seit 2000) zeigt, dass es weiter

viele nationale Handlungsmöglichkeiten

gibt; dass statt der früher praktizierten

»äußeren Abwertung« durch die

Wechselkurse heute zum Beispiel noch

ein Weg der »inneren Abwertung« besteht:

die schrittweise Anpassung des nationalen

Lohnniveaus an internationale

Wettbewerbsbedingungen. Ein Maßstab

muss dabei immer auch die Wettbewerbslage

auf den Weltmärkten sein.

Alle Länder hätten das tun können –

und müssen! Die Erkenntnis zeigt, die

anfällige Flanke heute schwächelnder

Euro-Mitgliedstaaten waren weniger ihre

Wirtschaftsstrukturen, es war eine demokratisch-politische

Schwäche der jeweiligen

Regierungen. Diese haben aus

national erkennbaren wirtschaftlichen

Leistungslücken (Wo hakt es im Land?)

nicht die notwendigen Schlüsse gezogen.

Da es in der Euro-Zone flexible Wechselkurse

nicht geben kann und eine umfassende

Wirtschaftsregierung die Euro-

Zone heute sprengen müsste (und sollte!),

kann die institutionelle Antwort

innerhalb der Euro-Zone jetzt nur in einer

stringenten und sanktionsbewehrten

Überwachung der Schuldenentwicklung

in den Mitgliedstaaten liegen. Diese »Fiskalunion«

ist offenbar auch das Konzept

von Bundesbankpräsident Weidmann

und der niederländischen Regierung.

Nur ein zwingendes Konzept gemeinsamer

Fiskalpolitik kann langfristiges

Vertrauen auf den Märkten herstellen. Es

muss und sollte bald kommen! &

50 WIRTSCHAFT & MARKT 10/11


SCHIRMHERRSCHAFT:

Minister für Wirtschaft und Europaangelegenheiten

des Landes Brandenburg,

Ralf Christoffers

Ministerin für Wissenschaft, Forschung und

Kultur des Landes Brandenburg, Prof. Dr.-

Ing. Dr. Sabine Kunst

www.art-brandenburg.de

Gefördert mit Mitteln des

Ministeriums für Wirtschaft und Europaangelegenheiten

und des Ministeriums für Wissenschaft,

Forschung und Kultur des Landes Brandenburg.

Gefördert mit Mitteln des

Landkreises Dahme-Spreewald

Gefördert mit Mitteln des

Landkreises Potsdam-Mittelmark

VERANSTALTER

METROPOLISHALLE

P O T S D A M

Brandenburgischer Verband

Bildender Künstlerinnen und

Künstler e. V.

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