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WIRTSCHAFT+MARKT Denkfabrik zur Energiewende (Vorschau)

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A 40799 ■ ISSN 0863-5323 ■ 23. Jahrgang ■ Mai 2012 ■ Preis: EURO 3,50

Wirtschaft&Markt

Wirtschaft&Markt

DAS OSTDEUTSCHE WIRTSCHAFTSMAGAZIN

Köpfe des 1. Ostdeutschen Energieforums

Denkfabrik zur Energiewende

EXTRA

INNOVATIONS

REPORT

SACHSEN-ANHALT


EDITORIAL

Feuer unterm Dach

HELFRIED LIEBSCH

Chefredakteur

Liebe Leserin, lieber Leser,

wer hat’s erfunden? Die Sachsen! Oberberghauptmann

von Carlowitz am kursächsischen

Hof in Freiberg schrieb 1713,

dass nur so viel Holz geschlagen werden

sollte, wie durch Aufforstung nachwachsen

kann. Er gilt als Begründer des Prinzips

der Nachhaltigkeit. Dieser Tage ist

Leipzig zur ZukunftsWerkStadt – eine

Initiative des Forschungsministeriums

zur nachhaltigen Entwicklung von Kommunen

– erkoren worden. Und am 10.

und 11. Mai trifft sich in der Stadt alles,

was Rang und Namen in der Branche hat,

zum ersten Ostdeutschen Energieforum.

Im Jahre zwei nach Fukushima.

W&M hat in einer kleinen Umfrage

(S. 10) die Positionen von Ministern, Spitzenmanager

und Wissenschaftlern zum

Stand der Energiewende ermittelt. Die

Antworten sind nicht apodiktisch, sondern

konditioniert: Wenn Deutschland

die Wende schafft, ein Mammutprojekt,

so Vattenfall-Chef Hatakka, dann hat das

Land eine Vorreiterrolle im globalen

Wettbewerb. Falls nicht, lässt sich hinzufügen,

dann hat die Bundesrepublik der

Welt, ihrer energetischen Zukunft und

dem Klimaschutz einen Bärendienst erwiesen.

Das steht auf dem Spiel.

Angela Merkel hat vor einem Jahr ein

winziges Zeitfenster für einen Atomausstieg

genutzt. Heute fiele die Entscheidung

vielleicht anders aus. Was indes auf

den kühnen Entschluss folgte, das dürfte

mit politischem Kleinmut nur ungenügend

scharf beschrieben sein. Deutschland

ist nach rauschender Energiewendenacht

mit einem Kater aufgewacht.

Schlimmer. Aus den Solarträumen Ost

sind Traumata geworden (S. 28). Man

muss die Pleiten von First Solar, Q-Cells,

Solon, Conergy, Odersun nicht als »zweite

Deindustrialisierung« des Ostens

bezeichnen, wie das Jürgen Trittin, Fraktionschef

der Grünen im Bundestag tut,

aber sie schulterzuckend als Marktbereinigung

abzutun, ist fatal. Weder hier,

noch in China oder Südkorea sind staatliche

Hilfen bei neuen Technologien mit

Sozialismus zu verwechseln.

Wird die Wende weiter in diesem

Laisser-faire-Stil betrieben, ja, hintertrieben,

dann geht es nicht den Sonnenkönigen

an den Kragen, sondern den Kleinunternehmern

und Handwerkern, die für

Strom, Gas und Kraftstoff tiefer in die Tasche

greifen müssen. Da lodert Feuer unterm

Dach. Anders gesagt: Entweder die

Energiewende wird zur Sache des Mittelstands,

sie führt zu unternehmerischem

Gewinn statt Verlust – oder sie scheitert.

In Leipzig will sich das Energieforum als

Denkfabrik der Energiewende etablieren.

Willkommen in der ZukunftsWerkStadt.

Herzlichst


4. Messe für

GENUSS,

LEBENSART

UND AMBIENTE

SCHIRMHERRIN

Karin Genrich

Präsidentin des Handelsverbandes

Berlin-Brandenburg

ÖFFNUNGSZEITEN

3.11.: 11-20 Uhr

4.11.: 11-18 Uhr

EINTRITT

8 € (Tageskarte)

5 € (ermäßigt)

Ihr

3.-4.


Copyright by

Je komplexer ein Projekt, desto präziser

muss man zusammenarbeiten.

Am besten mit uns.

Corporate Finance. Bei der Finanzierung von Unternehmensübernahmen,

Projekten, Leasing und anderen

Steuer- oder Bilanzkonzepten im In- und Ausland

sind wir der ideale Partner – für Unternehmen wie für

die öffentliche Hand. Denn wir sind die Spezialisten,

die gemeinsam mit Ihnen eine exakt auf Ihre Ziele abgestimmte

Finanzierung erarbeiten. www.helaba.de


INHALT

WIRTSCHAFT & MARKT

im Mai 2012

BERICHT LÄNDERREPORT PORTRÄT

SEITE 20

SEITE 18 SEITE 58

VEREDLER IM ERZGEBIRGE:

Mit begehrtem Designpreis in die Welt hinaus

FRÜHAUFSTEHER IN SACHSEN-ANHALT:

Mit Innovationen weiter auf gutem Wege

UNTERNEHMER IN BERLIN:

Mit Johann Dudek fast jedes Ding drehen

Editorial

Aktuell

3

6

Feuer unterm Dach

Interview, Nachrichten, Pro und Contra, Impressum

Wirtschaft und Politik

Bericht

TITEL

10

12

18

28

44

HARTMUT BUNSEN, Präsident des UV Sachsen und Sprecher der Interessengemeinschaft der

Unternehmerverbände Ostdeutschlands und Berlins, zur Energiewende

UMFRAGE VOR ERSTEM OSTDEUTSCHEN ENERGIEFORUM: Zwölf namhafte Politiker,

Unternehmenslenker und Wissenschaftler antworten auf aktuelle W&M-Fragen

TESTA MOTARI DESIGN MANUFAKTUR: Edle Tüftelei

SOLARINDUSTRIE OST: Vom Traum zum Trauma

GROSSFLUGHAFEN BER: Geräuschvoller Start

Serie

20

LÄNDERREPORT INNOVATION: Sachsen-Anhalt

Fotos: T. George, V. Kühne, H. Lachmann

Special

Analyse

Sonderveröffentlichung

Nachrichten

Interview

W&M-Service

Verbands-News

Porträt

Ständige Rubriken

W&M-Privat

Kolumnen

30

56

34

46

35

39

42

48

54

58

62

64

40

66

NUTZFAHRZEUGE: Transporter – Schick und kräftig

CORPORATE SOCIAL RESPONSIBILITY (CSR): Ehrbare Kaufleute heute –

Engagement macht attraktiv

FINANZMÄRKTE 2012: Renminbi versus US-Dollar

SÄCHSISCHE KOMMUNEN: In Anlagefalle getappt

WIRTSCHAFTSREGION VORPOMMERN: Weitblick auf dem Sonnendeck

ZukunftsAgentur Brandenburg;

Kooperationsbörse Green Ventures

STEUERFACHMANN DR. HOLGER STEIN: »Steuervereinfachung bleibt Traum«

Steuern, Geld, Versicherungen

VBIW: Chips retten Leben

BERLINER METALL- UND MASCHINENBAUER: Dudeks Dinger am Darßer Bogen

UV-AKTUELL: Nachrichten aus den Unternehmerverbänden

Bücherbord, Leute & Leute, Leserbriefe

HEINER FLASSBECK: Das deutsche Kapital und die Krise des Euro

KLAUS VON DOHNANYI: Eine Lehre für Unbelehrbare

Inhalt

WIRTSCHAFT & MARKT 05/12 5


AKTUELL

Fotos: DPA/Zentralbild (1), Archiv

INTERVIEW

EBERHARD WALTER,

Präsident des Unternehmerverbandes

Brandenburg e. V.

Basta-Politik falsch

W&M: Herr Walter, warum halten

Sie nichts von der beabsichtigten

Zusammenlegung der Brandenburgischen

Technischen Universität

(BTU) in Cottbus und der Fachhochschule

Lausitz (FH) in Senftenberg

zu einer »Energie-Universität«?

WALTER: Energie-Universitäten

gibt es schon anderswo. Die BTU

ist unterdessen eine internationale

Marke. Jeder fünfte Student

kommt aus dem Ausland. Warum

die Uhr zurückstellen?

W&M: Sie sehen Gefahren bei der

Diskussion um die Perspektiven der

Universität – welche?

WALTER: Ich sehe verunsicherte

potenzielle Studenten, ich sehe

Unternehmer, die sich mit ihren

Forschungsthemen lieber an

andere Unis wenden. Ich sehe

die Drittmittel-Einwerbung unter

der Basta-Politik von Wissenschaftsministerin

Sabine Kunst

leiden, der Ex-Präsidentin der

Universität Potsdam.

W&M: Sie rückt nicht von ihrem Entschluss

der Zusammenlegung ab?

WALTER: Sie reagiert auf den heftigen

Gegenwind und hat zwar

jetzt mit Thomas Grünwald, Vizepräsident

der Universität Potsdam,

einen ihrer Vertrauten als

Beauftragten in die Lausitz geschickt.

Sie will Workshops und

Foren, aber sie rückt offenbar

nicht ab.

W&M: Was fordern Sie?

WALTER: Der Streit zwischen der

BTU und der Wissenschaftsministerin

spitzt sich zu. Ich

bleibe bei meiner Forderung

nach einem Moderator, der von

allen Seiten akzeptiert wird. Ich

will ein ergebnisoffenes, öffentliches

Nachdenken über die Profilierung

der Einrichtungen und

über Kooperationen – ein transparentes

Verfahren, das nicht

unter Einsparungsdruck steht.

(siehe auch S. 63)

Elektromobilität

Modellregionen festgelegt

Der Bund fördert Verbund Berlin/Brandenburg

als eines der vier »Schaufenster Elektromobilität«.

Auf Empfehlung einer 13-

köpfigen Fachjury hat

die Bundesregierung

die Region Berlin/Brandenburg

in das Förderprogramm

»Schaufenster Elektromobilität«

aufgenommen. Für die

vier ausgewählten deutschen

Modellregionen stehen bis

zum Jahr 2015 insgesamt 180

MIFA smart

TRADITIONSMARKEN

Deutschlands Radfahrergilde

wird auf E-Rädern in die Zukunft

rollen. Das prophezeien die

Marketingstrategen der Mitteldeutschen

Fahrradwerke AG

in Sangerhausen. Der inzwischen

absatzstärkste deutsche

Fahrradproduzent hat jetzt

den Berliner E-Bike-Hersteller

GRACE GmbH & Co KG zugekauft.

Für den Sommerurlaub

2012 bieten die Sangerhausener

schon mal ein anspruchsvolles

MIFA smart ebike an. Der

Traditionsname erweist sich als

verkaufsfördernd. MIFA-Zweiräder

gibt es seit 1907. Zu DDR-

Zeiten produzierte man knapp

eine halbe Million pro Jahr.

Millionen Euro abrufbereit.

Es gab dafür 23 Bewerber. Den

Zuschlag erhielten großangelegte

Demonstrations- und

Pilotvorhaben, wo die innovativsten

Elemente der Elektromobilität

wichtige industriepolitische

Impulse setzen

können und auch international

Vorzeigecharakter haben.

Fisch vom Feinsten

Lachs und Heilbutt kalt geräuchert

sowie Stremellachs

aus der Heißräucherei – das

sind die Spitzenprodukte aus

der neuen Produktionsanlage

von Rügen Fisch in Bentwisch

bei Rostock. Rügen Fisch

vertreibt auch Zweitmarken,

u. a. Rügenkrone, Cap Arkona

und Fisch Vital. Deutschlands

führender Fischverarbeiter

hat seinen Hauptsitz in

Sassnitz, wo die Firma 1949

als VEB gegründet worden ist.

Seit 2007 firmiert Rügen Fisch

als Aktiengesellschaft mit

weitere Fabriken in Lübeck,

Cuxhaven und im litauischen

Kretinga.

Siehe auch Seite 38

ZWANGSVERSTEIGERUNGEN

Sachsen im Osten vorn

Rund 50.000 Immobilienobjekte sind in Deutschland während

des Jahres 2011 zwangsversteigert worden.

Zahlenangaben: insgesamt pro 100.000 Einw.

Mecklenburg-Vorpommern: 1.239 73

Sachsen-Anhalt: 3.140 129

Brandenburg: 2.201 86

Sachsen: 4.918 116

Thüringen: 2,314 101

Deutschland insgesamt: 50.000 61

SPITZENREITER IN DEN NEUEN BUNDESLÄNDERN ist Sachsen.

Gemessen an der Einwohnerzahl führt Sachsen-Anhalt. Am wenigsten

betroffen in beiden Kategorien ist Mecklenburg-Vorpommern.

AUS DEN LÄNDERN

Thüringen

Fördermittel in Höhe von 65 Millionen

Euro sind bisher aus der

Gemeinschaftsaufgabe Verbesserung

der regionalen Wirtschaftsstrukturen

(GRW) in Thüringen

vergeben worden. Davon profitierten

19 Unternehmen, die

insgesamt 288 Millionen Euro

investieren und 1.062 neue

Arbeitsplätze schaffen wollen.

Wichtige Kriterien für die Aufnahme

in die Förderliste sind das Angebot

guter Einkommen und vernünftiger

Arbeitsbedingungen sowie

Forschungsintensität, Energieeffizienz

und Exportanteile.

3,6 Millionen Touristen haben im

vergangenen Jahr Thüringen besucht.

Laut einer Umfrage der

Industrie- und Handelskammer

Südthüringen wollen 74 Prozent

der Thüringer Hoteliers in den

kommenden Monaten massiv in

ihre Gasthäuser investieren.

Sachsen

Der Freistaat Sachsen fördert Investitionen

in sogenannte Denkmalimmobilien

mit Steuervorteilen von

neun Prozent für die ersten acht

Jahre und mit sieben Prozent in der

folgenden Zeit. Auf der Angebotsliste

stehen Objekte mit erstklassigem

Standort, solider Bausubstanz

und individuellen Besonderheiten.

Für Denkmal-Lofts und die Sanierung

von Altbauwohnungen werden

dem Investor viele gestalterischen

Freiheiten eingeräumt.

Mecklenburg-

Vorpommern

624 Forschungs- und Entwicklungsprojekte

und technologieorientierte

Netzwerke in Mecklenburg-Vorpommern

sind seit 2007 aus dem

Europäischen Sozialfonds (ESF)

und dem Europäischen Fonds für

regionale Entwicklung (EFRE) gefördert

worden. Die bisher abgerufene

Summe beträgt 113 Millionen

Euro. Insgesamt stehen dem

Bundesland bis zum Jahr 2013

aus den beiden EU-Fonds 155 Millionen

Euro zur Verfügung.

Brandenburg

Passgenaue Vermittlung heißt ein

Projekt der IHK Cottbus, mit dem

auf die Halbierung der Schulabgängerzahlen

in Südbrandenburg

reagiert wird. Ausbildungsbetriebe

und Bewerber werden individuell

beraten und entsprechend den

Fähigkeiten und Bedürfnissen

beider Seiten zusammengeführt.

Die IHK unterstützt Betriebe beim

Erstellen von Anforderungsprofilen,

beim Marketing ihrer Angebote oder

bei der Bewerberauswahl.

6 WIRTSCHAFT & MARKT 05/12


AKTUELL

WIRTSCHAFTSBILD

DES MONATS

BRIEF AUS BRÜSSEL

Von THOMAS HÄNDEL,

Europaabgeordneter

Die Linke

Griechenland und wir

Für Europas Zukunft sieht es

düster aus, falls Griechenland

nicht wieder auf die Beine

kommt. Die EU steht nicht nur

wirtschaftlich, sondern auch

sozial in der Pflicht.

EINER DER BELIEBTESTEN SUPERMÄRKTE des Brandenburger Einkaufspublikums befindet sich

jenseits der deutschen Staatsgrenze. In Slubice, der polnischen Nachbarstadt von Frankfurt (Oder), floriert

ein merkantiles Schmuckstück. Es ist untergebracht in einer riesigen Halle, größer als ein Fußballfeld,

feuerfest konstruiert aus Metall und Glas und belegt mit 425 Ständen polnischer Einzelhändler. Vor fünf

Jahren war der polnische Markt am Ostufer der Oder abgebrannt. Mit einem Kostenaufwand von 14 Millionen

Euro ist ein neuer entstanden. Zurzeit boomt der Einkaufstourismus wie nie zuvor. Nicht nur wegen

billiger Zigaretten, polnischem Biogemüse und schickem Kunsthandwerk. An den polnischen Tankstellen

gibt es Markenbenzin aus der Raffinerie Schwedt bis zu einem Fünftel preisgünstiger als in Deutschland.

KONJUNKTUR-BAROMETER

Keine Steuereinnahmen, kein Aufschwung

Woran der Fiskus im Osten krankt, weiß man

längst: Der wirtschaftliche Angleichungsprozess

kommt nicht voran. Kleinteilige Industriestruktur,

zu wenig wirtschaftsinterne FuE-

Potenziale, schwache Einbindung der ostdeutschen

Unternehmen in internationale Märkte

befördern keinen Aufschwung Ost. Von den

500 größten deutschen Unternehmen haben

lediglich sieben ihren Sitz in den neuen Bundesländern.

Konzernzentralen fehlen gänzlich.

Die Folge: Wegen solcher Defizite welken alle

Hoffnungen auf ein größeres Steueraufkommen

in den ostdeutschen Ländern. Selbst ein

Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung

können sie ihre Haushaltsausgaben erst zu

einem Drittel aus eigenen Steuereinnahmen

finanzieren.

Die Statistik des Bundesfinanzministeriums

weist dieses Gefälle gnadenlos aus: Nur 34,4

Prozent Steuerdeckungsquote im Jahr 2011

für Ostdeutschland, aber 80,7 Prozent für die

Von DR. HERBERT BERTEIT

westdeutschen Flächenländer. Gemildert wird

das für den Osten durch den Länderfinanzausgleich,

den Solidarpakt II und Unterstützung

durch die EU. Vom Länderfinanzausgleich

erhalten die ostdeutschen Länder 38 Prozent.

Ohne das wären die neuen Bundesländer

kaum lebensfähig.

Angesichts dieser Situation erweist sich das

Drängen von Geberländern wie Baden-Württemberg

nach Korrektur des Länderfinanzausgleiches

und die Forderung einiger Bürgermeister

im Ruhrgebiet für eine Beendigung

des Solidarpakts als kontraproduktiv. Stattdessen

sollte die Politik über die Aufstockung

des Solidarpaktes II und die Auflegung eines

Solidarpaktes III diskutieren. Wenn in den

Kommunen mehr investiert werden könnte,

würden zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen,

die Kaufkraft steigen und damit dann auch

das Steueraufkommen. So könnte konjunkturelles

Wachstum angekurbelt werden.

Am 6. Mai wird in Griechenland

gewählt. Drei linke Parteien

können auf bis zu 40 Prozent

der Stimmen hoffen. Sie lehnen

die unsoziale Sparpolitik ab

und fordern die Beteiligung der

Verursacher der Krise an den

Kosten. Vor dem Hintergrund

der wachsenden Arbeitslosigkeit,

derzeit bei 25 und unter

jungen Menschen bis zu 50 Prozent,

scheint dies die einzig vernünftige

Haltung zu sein. Denn

mit dem von einer Troika aus

IWF, EU und Weltbank durchgedrückten

Sparprogramm wird

die Wirtschaft dauerhaft abgewürgt.

Nur eine vernünftige

Investitionspolitik, Reform des

Steuersystems und Eintreibung

von Steuerschulden sowie dem

Verzicht auf einen Militärhaushalt,

der gemessen am BIP dreimal

größer ist als derjenige der

Bundesrepublik, lässt sich die

griechische Wirtschaft wieder

auf die Beine bringen, und die

Menschen in dem Land an der

Ägäis bekommen wieder eine

Chance. Das erfordert Hilfestellung

aus der EU, gebunden an

sozialen Fortschritt und die

Schaffung von Arbeitsplätzen.

Anderenfalls bewirkt der Niedergang

Griechenlands den

Niedergang der EU. Dann würden

auch die deutsche Wirtschaft

und die deutschen Arbeitnehmer/innen

betroffen sein.

Das gilt es zu verhindern.

WIRTSCHAFT & MARKT 05/12 7


AKTUELL

KURZ NOTIERT

NACHRICHTEN AUS DEN REGIONEN

KOMMUNEN

Erfurter

Erklärung

Die Kommunen in Deutschland

sollen bessere Bedingungen

für ihre wirtschaftliche

Betätigung erhalten.

Das wird in einer Erklärung

gefordert, die auf der Kommunalwirtschaftskonferenz

in

Erfurt vorgestellt wurde. Thüringens

Wirtschaftsminister

Matthias Machnig, ver.di-Chef

Frank Bsirske und der Hauptgeschäftsführer

des Verbands

der Kommunalen Unternehmen,

Hans-Joachim Reck, werben

darin für fairen Zugang

der Kommunen und Stadtwerke

zu Energie- und Dienstleistungsmärkten

und dafür,

dass diese dort auch Gewinne

machen dürfen. Das betreffe

die Daseinsvorsorge, Energieversorgung,

Abfallwirtschaft,

Wasserversorgung und Nahverkehr.

Das Gemeinderecht

muss modernisiert werden.

VERKEHR

A 72 wächst zügig

Dem Land Sachsen stehen für Bauprojekte

an Bundesstraßen und Autobahnen

in diesem Jahr Finanzmittel in Höhe von

rund 250 Millionen Euro zur Verfügung.

Priorität hat die Fertigstellung der Autobahn

A 72 von Rochlitz bis Borna. Damit wird eine

weitere Lücke der

dringend benötigten

Autobahnverbindung

zwischen Leipzig

und Chemnitz

geschlossen.

Die Freigabe der

gesamten Strecke

soll im Jahr 2015

erfolgen. An

den Kosten von

insgesamt 550

Millionen Euro

ist der Freistaat

mit 51,1 Millionen Euro beteiligt. Sachsen

verfügt bereits über ein dichtes Straßennetz

von insgesamt 13.595 Kilometern Länge für

den überörtlichen Verkehr.

KLIMASCHUTZ

Moore gedeihen wieder

Das Wirtschaftsministerium Mecklenburg-

Vorpommerns hat sogenannte MoorFutures

auf den freiwilligen CO 2 -Emmissionsmarkt

gebracht, um den Klimaschutz zu fördern.

Trocken gelegte Moore emittieren erhebliche

Mengen an Treibhausgasen, da deren Torf mineralisiert

und als Kohlendioxid freigesetzt wird.

Mit der Wiedervernässung der Moore reduzieren

sich die Emissionen. Mit MoorFutures sollen

die Bemühungen um eine Wiedervernässung

der Moore in MV finanziert werden. Bereits über

8.000 MoorFutures zu je 35 Euro wurden verkauft.

Mit 50.000 Euro erwarb der regionale

Energieversorger WEMAG den größten Anteil.

Fotos: DPA/Zentralbild (3), privat

BRAUNKOHLE

Ländergipfel

mit Oettinger

Für eine sichere Energieversorgung

bleibt die

heimische Braunkohle

noch lange unverzichtbar.

Darauf verständigten sich

die Länder Brandenburg,

Sachsen und Sachsen-Anhalt

auf einem Energiegipfel in

Leuna mit EU-Kommissar Günther

Oettinger. Zudem gebe

es große Perspektiven für die

Braunkohle als Grundstoff für

die chemische Industrie. Dafür

würden neue Technologien

entwickelt. Aktuell trägt die

Braunkohle mit 50 Prozent zur

Grundlaststromerzeugung in

Deutschland bei. Die Vorkommen

in den drei Ost-Ländern

gelten als ausreichend für die

nächsten 100 Jahre.

Siehe »Report Sachsen-Anhalt«

Seiten 24 und 25

MANAGER : TÜFTLER : ERFINDER

Eine Betriebskrankenschwester,

die eine Pflegefirma gründete

MONIKA KOMAR,

gelernte Krankenschwester,

blickt auf ein mehr als 15-

jähriges erfolgreiches Wirken als

Firmenchefin zurück. Im April

1995 gründete sie im erzgebirgischen

Schmiedeberg mit zwei

Teilzeitkräften das Unternehmen

»Schwester Monikas Pflege- und

Betreuungsdienst«. Heute dirigiert sie die Tätigkeit von

mehr als 70 im häuslichen Pflegedienst ausgebildeten

Mitarbeitern, darunter sieben Azubis, die rund um die

Uhr im Kreis Sächsische Schweiz/Osterzgebirge unterwegs

sind. Das Leistungsangebot der Pflegefirma

reicht von Lebensmittelversorgung und Behördengängen

über medizinische Pflege und Beratung pflegender

Angehöriger bis zum Verleih von Rollstühlen und

Badliftern und zu Ausfahrten und betreutem Urlaub.

Die frühere Betriebskrankenschwester hat dafür ein

umfangreiches Investitionsprogramm aufgelegt. Allein

ihr Fuhrpark umfasst 28 Fahrzeuge. Derzeit werden

etwa 180 pflegebedürftige und behinderte Bürger

zeitlich befristet betreut. Der älteste ist ein 100-jähriger

ehemaliger Gießereiarbeiter, das jüngste ein mit

Fehlbildungen geborenes Baby von einem halben Jahr.

Das Credo der Unternehmerin: »Pflege ist Vertrauen.«

Ein USA-Rückkehrer, der im

Maschinenbau erfolgreich ist

HANS J. NAUMANN,

Geschäftsführender Gesellschafter

der Chemnitzer Niles-

Simmons-Hegenscheidt-GmbH

und Honorarprofessor der

TU Chemnitz, hat wesentlichen

Anteil, dass der Maschinenbau

wieder zweitwichtigster Industriezweig

Mitteldeutschlands

ist – nach der Automobilzulieferindustrie. Unternehmerischen

Erfolg erzielte der in Sachsen geborene

und 1960 in die USA ausgewanderte Maschinenbauingenieur

schon als Chef der Simmons Machine

Tool Corp., dem einzigen Eisenbahnhersteller in Nordamerika,

sowie als Leiter der Hegenscheidt GmbH

in Erkelenz im Rheinland. Im Herbst 1991 übernahm

er von der Treuhand den ehemaligen VEB Großdrehmaschinenbau

»8. Mai« in Chemnitz. Als Spezialmaschinenhersteller

und Turnkey-Produzent setzt die

NSH-Gruppe vor allem auf problemlösende Innovationen,

verkürzte Prozessketten und Reduzierung des

Energieverbrauchs. In seinem 52. Berufsjahr stehend,

hat Naumann das laufende Geschäft inzwischen zwar

seinem Sohn John anvertraut, pflegt aber unvermindert

die Unternehmensstrategie. Aufhören ist für ihn

kein Thema: »Man ist nur so alt, wie man sich fühlt.«

8 WIRTSCHAFT & MARKT 05/12


AKTUELL

MESSETERMINE

Mai 2012

03.05., Schwerin

nordjob. Fachmesse für

Ausbildung und Studium

05.05., Senftenberg

Bildungsmesse

Westlausitz

08.05., Erfurt

Rapid.Tech

09.05., Leipzig

LVFM Versicherungsund

Fondmesse

23.05., Berlin

IT-Profits

29.05., Dresden

Zeitarbeitsmesse

IMPRESSUM

Wirtschaft & Markt

Das ostdeutsche Wirtschaftsmagazin

Magazin der Interessengemeinschaft

der Unternehmerverbände

Ostdeutschlands und Berlin

Redaktionsanschrift:

Zimmerstraße 55, 10117 Berlin

Tel.: (030) 27 89 45-0, Fax: -23,

E-Mail: wumberlin@t-online.de

Internet: www.wirtschaftundmarkt.de

www.facebook.com/wirtschaftundmarkt

Herausgeber:

Klaus George

george-klaus@t-online.de

Chefredakteur:

Helfried Liebsch,

liebsch@wirtschaftundmarkt.de

Stellvertretender Chefredakteur:

Thomas Schwandt

schwandt@wirtschaftundmarkt.de

Redaktion:

Peter Jacobs, Hans Pfeifer,

Matthias Salm, Siegfried Schröder,

Steffen Uhlmann

Redaktionsassistenz:

Sten Seliger

seliger@wirtschaftundmarkt.de

Gestaltung:

Ralf Puschmann

Titelfoto: Archiv W&M

Druck: Möller Druck Berlin

Autoren dieser Ausgabe:

Thomas Bencard, Matthias Kasper,

Hannelore Koard, Harald Lachmann,

Dana Micke

Vertrieb und Anzeigenverwaltung:

Tel.: (0331) 201 66-20

vertrieb@wirtschaftundmarkt.de

Verlag:

W&M Verlagsgesellschaft mbH

Parkstraße 2, 14469 Potsdam

Tel.: (0331) 201 66-20, Fax: -99

Geschäftsführender Gesellschafter:

Michael Schulze

schulze@wirtschaftundmarkt.de

ISSN 086 353 23 Erscheint monatlich.

Die Zeitschrift Wirtschaft&Markt ist das

Magazin der Interessengemeinschaft der

ostdeutschen Unternehmerverbände und

Berlin. Die Mitglieder der Verbände erhalten

die Zeitschrift im Rahmen ihrer

Mitgliedschaft. Einzelpreis: 3,50 EURO;

Jahresabonnement Inland 30,00 Euro

inkl. 7% Mwst.; Ausland 37,00 Euro inkl.

Porto. Sonderpreis für Studenten:

(Nachweis) jährlich 20,00 EURO. Das

Jahresabonnement gilt zunächst für ein

Jahr (10 Ausgaben). Danch besteht die

Möglichkeit, das Abonnement jederzeit zu

kündigen.Namentlich gekennzeichnete

Beiträge müssen nicht mit der Meinung der

Redaktion übereinstimmen. Für unverlangt

eingesandte Manuskripte und Fotos

übernehmen wir keine Haftung. Nachdruck

nur mit Genehmigung des Verlages.

PRO

& CONTRA

Gleiche Bezahlung

per Gesetz durchsetzen?

Bei den Löhnen sind Frauen noch immer benachteiligt.

Für die Gewerkschaft ein Unrecht, für

die Arbeitgeber eine fragwürdige Behauptung.

CHRISTIANE BENNER,

Geschäftsführendes

Vorstandsmitglied der

Industriegewerkschaft Metall

Chancengleichheit und

JA

der Grundsatz gleiches

Geld für gleiche Arbeit sind

ein hohes Gut. Deshalb sind

wir alle dafür verantwortlich,

die Arbeitswelt möglichst fair

zu gestalten, jeder auf seinem

Gebiet. Die IG Metall macht

das: Wir überprüfen unsere

Tarifverträge auf potenziell

diskriminierende Elemente,

regen Entgeltvergleiche in den

Unternehmen an und beraten

Betriebsräte über Vereinbarkeit

und Gleichstellung. Und die

Arbeitgeber? Sie rechnen sich

ihren Beitrag zur Entgeltlücke

schön: Frauen wählten schlechter

bezahlte Berufe, nähmen

»Auszeiten« für die Familie,

verhandelten schlechter als

Männer; das Steuersystem

setze falsche Anreize, es fehlten

Kinderbetreuungsplätze

etc. Stimmt alles. Aber was hat

das mit der Forderung gleiches

Geld für gleiche Arbeit zu tun?

Entgeltgerechtigkeit ist ein

wichtiges Prinzip für die Anerkennung

von Leistung und

da gilt: Jeder ungerechtfertigte

Euro Unterschied zählt! Mit

dem Entgeltrahmentarifvertrag

haben IG Metall und Arbeitgeber

die Grundlage für eine

diskriminierungsfreie Bezahlung

geschaffen. Würde in der

Metall- und Elektroindustrie

nach Tarifvertrag eingruppiert,

könnte sich die Entgeltlücke

deutlich verringern.

GABRIELE SONS,

Hauptgeschäftsführerin

des Arbeitergeberverbands

Gesamtmetall

NEIN

Frauen verdienen

23 Prozent weniger

als Männer! Oder? Diese

Statistik ist von renommierten

Statistik-Professoren gerade

zur »Unstatistik des Monats«

gewählt worden. Zu Recht.

Denn es werden nicht ein

Mann und eine Frau desselben

Unternehmens mit derselben

Tätigkeit verglichen. Stellt

man diese nebeneinander,

verringert sich die Lohnlücke

auf acht bis 13 Prozent. Das

ist immer noch zu hoch, aber

erheblich weniger skandalös.

Die Lücke entsteht vor allem

dadurch, dass Frauen häufiger

als Männer Auszeiten nehmen

wollen oder müssen. In dieser

Zeit machen Gleichrangige

Karriere- und Gehaltsfortschritte.

Hier muss angesetzt

werden: mit dem Ausbau der

Betreuungsmöglichkeiten für

Kinder. Und wir brauchen mehr

flexible Arbeitszeiten und

Teilzeitmodelle. Sicherlich

gibt es noch Vorgesetzte, die

Frauen und vor allem Müttern

weniger zutrauen als Männern.

Indessen neigen selbst

hervorragend ausgebildete

Frauen dazu, ihr Licht unter

den Scheffel zu stellen. Es

gibt also viel zu tun. Doch

wer nach einem Gesetz ruft,

will nicht das Problem lösen,

sondern sich aus eigener

Verantwortung stehlen und

billig Beifall einheimsen.

INVESTITIONEN

Stütze für Infineon

Das Land Sachsen subventioniert

den Chip-Konzern Infineon mit 3,5

Millionen Euro, damit er wieder die

Hallen seiner pleite gegangenen

Tochter Qimonda nutzt. Infineon will

in der leerstehenden Fabrik 250 neue

Arbeitsplätze einrichten und in den

vorhandenen Reinräumen künftig

Leistungshalbleiter herstellen. Dafür

sollen 250 Millionen Euro investiert

werden. Bei Qimonda in Dresden sind

4.000 Arbeitsstellen weggefallen.

Daimler in Arnstadt

Der Automobilbauer Daimler errichtet

in diesem Jahr für rund 90 Millionen

Euro eine neue Fertigungsstätte für

Pkw-Motorenkomponenten im thüringischen

Arnstadt. Mit der ersten

Ausbaustufe werden 80 Arbeitsplätze

geschaffen. In dem neuen Werk sollen

hochwertige Zylinderlaufbahnen

mit einer speziellen Technologie des

Lichtbogen-Draht-Spritzens serienmäßig

beschichtet werden

DLH baut aus

Das Luftfrachtunternehmen DHL hat

sein Vorfeld auf dem Flughafen

Leipzig/Halle erweitert, so dass

nunmehr 60 statt bisher 52 Flugzeuge

pro Nacht be- und entladen

werden können. Derzeit werden

bereits 1.500 Tonnen Fracht pro

Nacht umgeschlagen. Das sind

200.000 Sendungen. Dafür sind

2.900 Mitarbeiter tätig.

Gotha-Ost komplett

In zwölfjähriger Bautätigkeit wurde

das 240 Hektar große Industriegebiet

Gotha-Ost vollständig modernisiert.

Das Land Thüringen bezuschusste

die Neuerschließung mit 13 Millionen

Euro aus Mitteln der Gemeinschaftsaufgabe

Regionale Wirtschaftsentwicklung

(GRW). Auf einer Fläche

von 160 Hektar haben sich 130 Unternehmen

angesiedelt, die schon mehr

als 2.500 Arbeitsplätze anbieten.

Pellets für Polen

Der französische Energieriese EdF hat

über seine Trading-Tochter das Holzkontor

und Pelletierwerk Schwedt

gekauft. Pro Jahr sollen 120.000

Tonnen Presskörper hergestellt werden,

mit denen EdF seine Biomasse-

Kraftwerke in Polen und Großbritannien

befeuert will.

WIRTSCHAFT & MARKT 05/12 9


ENERGIEFORUM

OST

Hartmut Bunsen, Präsident des Unternehmerverbandes Sachsen und Sprecher der

Interessengemeinschaft der Unternehmerverbände Ostdeutschlands und Berlins,

zur Energiewende und zu ihren praktischen Auswirkungen auf die neuen Länder

»Nur mit dem Mittelstand!“

Über die Energiewende wird

heftig gestritten. Nun haben die

Interessengemeinschaft der

Unternehmerverbände

Ostdeutschlands und Berlins

sowie die entsprechenden Landesarbeitsgemeinschaften

der

Industrie- und Handelskammern

zum ersten Ostdeutschen

Energieforum für den 10. und

11. Mai nach Leipzig eingeladen.

Ihre Teilnahme zugesagt haben

Spitzenpolitiker, Firmenchefs,

Wissenschaftler.

So EU-Energiekommissar

Günther Oettinger (Foto), der

dieser Tage eine Agenda 2020 für

bezahlbaren Strom eingeklagt

hat. Notwendig seien eine moderne

Infrastruktur und Speicherkapazitäten:

Deutschland habe

für 100 Tage Öl, 30 Tage Gas

und nur für 24 Minuten Strom

vorrätig. W&M hat im Vorfeld

des Energiegipfels Minister,

Manager und Kammerchefs

nach ihrer Wende-Sicht gefragt.

Zuerst Hartmut Bunsen,

Präsident des Unternehmerverbandes

Sachsen und Sprecher

der Interessengemeinschaft.

W&M: Herr Bunsen, warum halten Sie das

Treffen in Leipzig jetzt für so dringlich?

BUNSEN: Es wird bei der Energie viel geredet,

aber oftmals wie die Katze um den

heißen Brei geschlichen. Wir wollen mit

dem Forum erreichen, dass klar gesagt

wird, wo wir wirklich stehen – auch wo

der Zug schon abgefahren ist – was bis

2020 geschafft werden muss und welche

Einzelschritte jetzt unbedingt notwendig

sind. Die Energiewende wird nur

etwas mit dem ostdeutschen Mittelstand.

Sie darf nicht zu dessen Lasten

gehen.

W&M: Sie warnen?

BUNSEN: Ja, die Wende ist beschlossene

Sache, sie muss aber wettbewerbsfreundlich

gestaltet werden, sonst bleibt sie

eine übereilte Kehrtwende mit unabsehbaren

Folgen für die Realwirtschaft und

läuft letztlich auf eine Schwächung besonders

der kleinen und mittelgroßen

Unternehmen hinaus.

W&M: Wieso?

BUNSEN: Schon heute haben Unternehmen,

Bürgerinnen und Bürger in Ostdeutschland

fast 20 Prozent höhere Energiekosten

zu tragen als im Westen. Das

muss sich ändern, damit Wettbewerbsnachteile

ausgeglichen werden können

und sich die Kaufkraft erhöht.

W&M: Worauf sind die Kostenunterschiede

zurückzuführen?

BUNSEN: Auf die Investitionen für die

Strom- und Gasnetze nach der Wiedervereinigung.

Zudem wirkt sich die geringe

Bevölkerungsdichte negativ aus –

die alten Länder liegen bei 391 Personen/

Quadratkilometer, die neuen bei 149 Personen/Quadratkilometer.

Das betrifft

auch die Wasserkosten. Und da sind noch

die Altschulden. Bürgermeister sitzen

auf verwaisten Wohnungen, aber sie zahlen

noch fiktive Kredite aus DDR-Zeiten

ab. Wenn jetzt noch die Netzausbaukosten

überproportional hinzukommen,

dann läuft das auf eine dramatische

Wettbewerbsverzerrung hinaus.

W&M: Bürgerinitiativen und Grüne bezweifeln,

dass die Netze so stark ausgebaut werden

müssen – Sie auch?

BUNSEN: Nein, heute produziert Ostdeutschland

in Spitzenzeiten schon

dreimal so viel Ökostrom, wie es selbst

benötigt. Insgesamt müssten bei starkem

Wind innerhalb kürzester Zeit zwölf

Gigawatt verbraucht werden, hier sind es

nur vier Gigawatt und über die Netze

können nur fünf Gigawatt abtransportiert

werden. Der Netzausbau ist dringlich,

aber an den Kosten müssen diejenigen

beteiligt werden, die vom Ökostrom

aus den nordöstlichen Ländern profitieren

– also die südwestlichen Länder.

W&M: Adressat Ihrer Forderungen sind also

die Bundesländer Bayern, Baden-Württemberg

oder Nordrhein-Westfalen?

BUNSEN: Unser Hauptadressat ist die

Bundesregierung. Sie muss sich für einen

Kurs einsetzen, der das Wachstum

stärkt und gleichzeitig das hohe Sicherheitsbedürfnis

der Deutschen berücksichtigt.

Das geht nur mit pragmatischer

Politik, ohne Hysterie und Aktionismus.

Sie hat den Atomausstieg beschlossen –

als nationalen Alleingang. Aber wir brauchen

am Industriestandort Deutschland

Versorgungssicherheit zu wettbewerbsfähigen

Preisen.

W&M: Sie sehen die Grundlast gefährdet?

BUNSEN: Sie lässt sich beim Stand der

Technik, beim Fehlen von Speichermöglichkeiten

in großen Dimensionen, letztlich

nur mit fossilen Kraftwerken sichern.

Wir brauchen konkurrenzfähige

Versorger, die ihren öffentlichen Auftrag

erfüllen können. Was wir nicht brauchen

ist der Import von Atomstrom aus

Frankreich, Belgien oder Tschechien.

W&M: Experten sind sich einig, dass der rasche

Netzausbau zum Flaschenhals der Energiewende

wird. In Deutschland müssten 4.000

Kilometer neue Trassen gebaut werden, um

Strom aus Wind, Solar oder Biomasse transportieren

zu können. Im letzten Jahrfünft

sind jährlich nur 18 Kilometer entstanden ...

BUNSEN: Natürlich muss ein Beschleunigungsgesetz

her, das den Namen auch

verdient. Da liegt der Hase im Pfeffer.

Man hat den Eindruck, dass in Deutschland

alle gegen alles sind, gegen Atommeiler

ohnehin, aber auch gegen Kohleund

Gaskraftwerke, neue Stromtrassen,

Verschandelung der Landschaft mit

Windmühlen, Pumpspeicherwerke.

Offenbar fällt es der Bundesregierung

schwer, unpopuläre Entscheidungen zu

treffen. Gerade jetzt vor den Landtags-

10 WIRTSCHAFT & MARKT 05/12


ENERGIEFORUM

OST

GRUSSWORT

Von Dr. Philipp Rösler

Bundesminister

für Wirtschaft

und Technologie,

Schirmherr des

Ostdeutschen

Energieforums

Fotos: T. George (2), EU-Kommission

»Wir brauchen am Industriestandort Deutschland

VERSORGUNSSICHERHEIT

zu wettbewerbsfähigen Preisen.«

wahlen in Nordrhein-Westfalen im Mai

und erst recht vor den Bundestagswahlen

im nächsten Jahr.

W&M: Sie haben sich den EU-Energiekommissar

Günther Oettinger eingeladen. Warum?

BUNSEN: Die Antworten auf Fukushima

sind in Europa unterschiedlich ausgefallen.

Ich habe dieser Tage den tschechischen

Präsident Vaclav Klaus erlebt, der

nichts von grüner Energie hält, aber das

umstrittene Atomkraftwerk Temelin mit

Staatshilfe erweitern will. Deutschland

hat alte und kleine Reaktoren vom Netz

genommen, aber in Europa laufen 130

Kernkraftwerke weiter. Zur Rettung des

Euro bürgen wir mit Milliarden, andere

Länder weigern sich aber, in der Energiefrage

mit uns an einem Strang zu ziehen.

Sie sichern sich Wettbewerbsvorteile.

W&M: Sie plädieren für eine europäische

Lösung in Sachen Energie?

BUNSEN: Günther Oettinger hat angekündigt,

zumindest die Förderung von

alternativen Energien jetzt europäisch

synchronisieren zu wollen. Das wäre ein

Anfang. Mir geht es vor allem um die

Wettbewerbsfähigkeit der mittelständischen

Wirtschaft. Wir müssen dafür sorgen,

dass unsere Mittelständler, die stärker

in den globalen Markt gehen, gleiche

Chancen haben. Auch wenn wir der Vorreiter

der Energiewende sind. Für die

großen Energieverbraucher gibt es schon

Ausnahmeregelungen, die kleinen Unternehmen

gucken in die Röhre. Sicher

geht es um Klimaschutz und um neue

Energie für die Welt, aber auch um das

Überleben der Unternehmen.

W&M: Sie werden nicht umhin kommen,

Energie zu sparen, energieeffizienter zu

bauen und zu produzieren. Wie engagiert

sich da Ihre Interessengemeinschaft?

BUNSEN: Wir sehen als Unternehmer in

der Energiewende nicht nur die Risiken,

sondern vor allem die Chancen für uns,

etwa bei den Themen Elektromobilität,

Intelligente Netze und Energieeffizienz.

Mich nerven aber die Sonntagsreden.

Wenn ich als Unternehmer in eine neue

Maschine oder Anlage investiere, um

Strom zu sparen, aber die Energiepreise

schier unaufhaltsam steigen – schauen

sie sich nur die Tankstellentafeln an –

dann habe ich nichts gekonnt. Falls ich

überhaupt einen Kredit bekomme bei

der Eigenkapitalschwäche der ostdeutschen

Unternehmen.

W&M: Wäre nicht gerade die energetische

Gebäudesanierung, auf die von der Bundesregierung

energisch gedrängt wird, faktisch

ein Konjunkturprogramm?

BUNSEN: Nichts gegen Niedrigenergie-

Häuser oder hohe energetische Standards

bei Neubauten. Aber hier ist nach

1990 schon viel passiert. Deshalb können

viele Hausbesitzer keine neuen Kredite

aufnehmen, denn die Modernisierung ist

in die Beleihungsfähigkeit der Gebäude

eingepreist.

W&M: Kommen wir noch auf den Anfang

zurück – auf das Leipziger Forum. Auf welche

Hauptforderung sollte es sich verständigen?

BUNSEN: Wir sehen uns als Denkfabrik,

in der sich Mittelstand, Energiewirtschaft,

Politik und Wissenschaft austauschen.

Über die Landesgrenzen hinaus

sollen Lösungsansätze zur Umsetzung

der Energiewende mit Blick auf eine

sichere Zukunft erarbeitet werden. Wir

wollen ein Energiekonzept, das die Verhältnisse

im Osten, die Interessen der

mittelständischen Unternehmen berücksichtigt.

Fragen: Helfried Liebsch

&

Große Herausforderung

In der Energiepolitik stehen wir vor

großen Herausforderungen: Erneuerbare

Energien sollen bis Mitte des Jahrhunderts

den Hauptanteil unserer

Energieversorgung bereitstellen, ohne

dass dabei die Bezahlbarkeit und Versorgungssicherheit

auf der Strecke

bleiben. Dafür müssen die heutigen Infrastrukturen

in den nächsten Jahren

Schritt für Schritt umgebaut werden.

Das ist ein Prozess mit großen Herausforderungen,

aber auch mit großen

Chancen – gerade für die ostdeutschen

Bundesländer.

Wir arbeiten mit Hochdruck an den

notwendigen Rahmenbedingungen.

An erster Stelle steht dabei der Netzausbau

auf allen Ebenen. Klar ist auch:

Der Ausbau der Erneuerbaren Energien

muss effizienter erfolgen als in der

Vergangenheit. Dafür stellen wir gerade

die Weichen. Dringend notwendig bleiben

Investitionen in neue konventionelle

Kraftwerke, um die schwankende

Stromerzeugung aus Erneuerbaren

Energien auszugleichen. Zugleich

erhöhen wir die Anstrengungen auf

dem Gebiet von Energieforschung und

Energieeffizienz. Ich bin überzeugt:

Der beste Weg sind hier kluge Anreize

und flexible Vorgaben. Dafür werde

ich mich weiter engagiert einsetzen.

Der Umbau der Energieversorgung ist

ein Generationenprojekt. Umso wichtiger

ist es, sich dabei immer wieder

auf klare ordnungspolitische Rahmenbedingungen

zu besinnen: Aufgabe des

Staates ist es in erster Linie, verlässliche

Rahmenbedingungen zu schaffen.

Der beste Investor ist dagegen die

Wirtschaft. Ihre Innovationskraft und ihr

Mut zu Investitionen sind das Rückgrat

der Energiewende.

Das Ostdeutsche Energieforum bietet

eine Plattform für alle, die sich in

diesem Sinne mit einbringen wollen.

Ich wünsche Veranstaltern und Teilnehmern

viel Erfolg. Nutzen Sie das

Forum als Grundlage für energiereiche

Wachstumsideen, neue Geschäftskontakte

und einen spannenden fachlichen

Austausch.

WIRTSCHAFT & MARKT 05/12 11


ENERGIEFORUM

OST

W&M-Umfrage vor dem Gipfeltreffen in Leipzig

EXKLUSIV

CHEFS DER BRANCHE ANTWORTEN

Energiewende – was tut jetzt not?

Im Vorfeld des Energiegipfels hat W&M Politiker, Manager und Wissenschaftler gefragt:

1. Worin bestehen für Sie die größten Chancen und höchsten Risiken der Energiewende?

2. Welche besonderen Herausforderungen sehen Sie dabei für die neuen Bundesländer?

3. Was halten Sie jetzt für das dringlichste Gebot in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft?

Auf den folgenden Seiten die – redaktionell leicht gekürzten – Antworten der namhaften Akteure.

KLAUS AHA

Präsident der

IHK Cottbus

Preise wirtschaftlich

kaum darstellbar

1. Die Energiewende beinhaltet zwei

sich ergänzende Komponenten. Die eine

ist die Energieeinsparung und Steigerung

der Effizienz der Energienutzung.

Bedenkt man, dass z. B. gut 40 Prozent

der genutzten Energie für Wohn- und Geschäftshäuser

aufgewandt wird und dort

wiederum rund Dreiviertel für die Beheizung

dieser Gebäude, existiert hier ein

außergewöhnlich großes Feld zur Verbesserung

der Energieeffizienz. Häuser mit

minimalem Energieverbrauch sind bereits

heute verfügbar und es ergeben sich

erhebliche Einsparpotenziale. Auch im

Bestand gibt es umfangreiche Möglichkeiten,

die Energie effizienter zu nutzen.

Dies ist ein attraktives Geschäftsfeld

für kleinere und mittlere Unternehmen.

Der zweite Teil zielt auf einen Ausbau

der regenerativen Stromerzeugung, verbunden

mit den Schwierigkeiten der volatilen

Stromerzeugung aus Wind und

Sonne. Bedenkt man, dass etwa 45 Prozent

des Stromverbrauchs industriell

genutzt wird und die technologisch anspruchsvollen

Produktionsprozesse hohe

Anforderungen an die Qualität und Stabilität

der Stromversorgung stellen, verbergen

sich hier Risiken für die Wettbewerbsfähigkeit

unserer Industrie. Es ist

deshalb erforderlich zu fragen, ob der

Strom problemlos von den industriellen

Kunden genutzt werden kann. Die in der

Öffentlichkeit weit vertretene Einschätzung

ist, dass die ergänzende Stromproduktion

neben Wind und Solar durch

den Einsatz von Erdgas sicherzustellen

ist. Allerdings zeigen die Preise an den

Strom- und Erdgasmärkten, dass dies

wirtschaftlich kaum darstellbar ist. Eine

besondere Bedeutung hat daher der Einsatz

der Braunkohle, die die Stromerzeugung

unter den gegebenen Umständen

wettbewerbsfähig sicherstellen kann

und mit ihren großen Anlagen zudem

in der Lage ist, der Stromversorgung die

nötige Stabilität zu verleihen.

2. Die neuen Länder erzielen einen erheblichen

Stromüberschuss mit den

Wind- und Solaranlagen. Die Herausforderung

besteht darin, die Lieferung dieses

Stromüberschusses in die industriellen

Ballungszentren in Bayern und

Baden-Württemberg sicherzustellen und

dort die industrielle Produktion abzusichern.

Hierzu ist der weitere Ausbau

des Übertragungsnetzes unerlässlich,

z. B. von Erfurt nach Franken.

3. Von besonderer Bedeutung für Politik,

Wirtschaft und Gesellschaft ist der Aufbau

verlässlicher Rahmenbedingungen

für die Investoren in allen Bereichen der

Energiewirtschaft. Dazu zählen auch Regelungen,

die einen weiteren Ausbau der

Stromnetze absichern, ohne die Rechte

von Bürgern unbillig zu beeinträchtigen.

DR. FRANK BÜCHNER

Geschäftsleiter

Siemens Deutschland –

Region Ost

Riesige Chancen für

die Exportwirtschaft

1. Die Ernte aus einigen erneuerbaren

Energiequellen wie Wind- und Sonnenkraft

ist schwer plan- und steuerbar. Zur

Absicherung gegen Versorgungsrisiken

sind Energiespeicher oder konventionelle

Kraftwerke nötig. Speicher benötigen

Entwicklungszeit, Bauprojekte für Kraftwerke

erfahren oft lokalen Widerstand.

Für den Transport von Erneuerbarer Energie

ist ein massiver Ausbau des Höchstspannungsnetzes

sowohl auf nationaler

als auch internationaler Ebene nötig.

Wichtig ist, dass die Wende bezahlbar

bleibt, indem zum Beispiel alle sinnvollen

Potenziale für Effizienzsteigerungen

im System gehoben werden. Wenn wir

diese Herausforderungen mit Hilfe eines

koordinierten und flexiblen Masterplans

bewältigen, ergeben sich riesige Chancen

für die deutsche Exportwirtschaft. Hier

entwickelte Lösungen werden weltweit

nachgefragt werden.

2. Die neuen Länder starten unter guten

Voraussetzungen in die Energiewende,

weil das dortige Energiesystem nach der

Wiedervereinigung bereits modernisiert

worden ist. Die größten Herausforderungen

liegen hier im notwendigen Netzausbau

zum Transport der Erneuerbaren.

Zudem steht die heimische Solarindustrie

derzeit stark unter Zugzwang, die

Kosten schnell zu reduzieren und Innovationen

in den Markt einzuführen.

3. Bei der Erstellung des Masterplans für

die Energiewende ist vor allem die Politik

gefragt. Aber auch Energieversorger,

Netzbetreiber, Technik- und Baukonzerne,

Kabelhersteller und andere Industriezweige

wie die Informationstechnik müssen

ihren Beitrag leisten. Wichtig ist die

verstärkte Einbindung und Unterstützung

sowohl der Politik als auch der Wissenschaft.

Daneben muss aber letztlich

auch die Bevölkerung zur Energiewende

beitragen. Wir alle brauchen deshalb ein

Bewusstsein dafür, dass eine erfolgreiche

Energiewende zwar den Beitrag jedes

Einzelnen erfordert, zugleich aber nur

mit Plan und nicht von heute auf morgen

funktionieren kann. Nationale oder

gar regionale Insellösungen reichen

nicht, wir brauchen internationale Kooperation.

Wenn dieses Bewusstsein

wächst und mit Engagement implementiert

wird, dann kann die Energiewende

zu einem großen Erfolg werden.

12 WIRTSCHAFT & MARKT 05/12


ENERGIEFORUM

OST

BERND DUBBERSTEIN

Vorstandsvorsitzender

der E.ON edis AG

Wie eine Operation

am offenen Herzen

1. Die Vorstellung, die Energieversorgung

mit den hohen Ansprüchen an die

Versorgungsqualität weitestgehend aus

natürlichen Quellen wie Wind und Sonne

zu realisieren, ist faszinierend. Die

Stromversorgung ist davon gekennzeichnet,

dass neue Wind- und Solarstromkraftwerke

an die Netze angeschlossen

werden. Diese Anlagen produzieren aber

zunehmend nicht dort ihren Strom, wo

er gebraucht wird und oft nicht zum

richtigen Zeitpunkt. Das macht einen

Umbau des Stromversorgungssystems erforderlich,

den wir im Moment nicht mit

der notwendigen Geschwindigkeit realisieren.

Daraus entsteht eine immer

größere Gefahr, dass das ganze deutsche

Stromversorgungssystem oder Teile davon

in einen instabilen Zustand geraten.

2. Ein überdurchschnittlich hoher Anteil

der Erzeugungsanlagen nach dem

EEG steht in den neuen Ländern und

wird wohl auch künftig hier errichtet. So

liegt der Anteil von »grünem Strom« im

Netzgebiet der E.ON edis AG bereits bei

rund 60 Prozent, gemessen an unserem

gesamten Netzabsatz. Die Leistung der

EEG-Erzeugungskapazität in unserem

Netz wurde 2011 auf rund 5.000 Megawatt

erhöht. Unsere Netzhöchstlast, also

der Moment mit dem höchsten Gesamtverbrauch,

lag bei 2.300 Megawatt. Bereits

geplant bzw. beantragt sind EEG-Erzeugungsanlagen

mit über 10.000 Megawatt

Leistung in unserem Netz. Diese

riesigen Kapazitäten anzuschließen, den

Strom sicher aufzunehmen und zu den

entfernten Verbrauchszentren abzuleiten

stellt eine riesige Herausforderung

dar. Zumal die Verbräuche wegen der geringen

Industriedichte Ost weit unter

dem Durchschnitt West liegen.

3. Wenn dieses große Ziel erreicht werden

soll, dann geht es nur gemeinsam.

Politik, Wirtschaft und Gesellschaft müssen

sich dafür mit ganzer Kraft und

koordiniert einsetzen. Nur so kann es

gelingen, den gewaltigen Umbauprozess

des äußerst komplexen Gesamtsystems

zu bewältigen – bei laufendem Vollbetrieb

und ohne Gefährdung der Gesamtfunktion

der Energieversorgung unseres

Landes und der europäischen Nachbarn.

Es ist wie eine Operation am offenen

Herzen, denn sichere Energielieferungen

sind wie der Pulsschlag unseres hochindustrialisierten

Landes. Er darf nicht

zum Stillstand kommen.

DR. FERDINAND

DUDENHÖFFER

Professor an der Universität

Duisburg-Essen und

deutschlandweit anerkannter

Automobilexperte

Was Chefsache der

Kanzlerin sein muss

1. Deutschland kann sich bei erfolgreicher

Energiewende mit Innovationen international

zum Exportland für Energietechnik

entwickeln. Das wäre eine gute

Unsere Energie

verbindet.

Die VNG-Gruppe ist ein starker Innovationspartner ihrer

Kunden. Als ostdeutsches Unternehmen mit 50-jähriger

Erfahrung sind wir regional verbunden und international

aufgestellt. Mit dieser Expertise, unserem Erdgas,

Infrastruktur und innovativer Technologie leisten wir mit

unseren Partnern schon heute einen entscheidenden

Beitrag für ein nachhaltiges Energiesystem.

VNG – Verbundnetz Gas Aktiengesellschaft | Braunstraße 7 | 04347 Leipzig | Telefon + 49 341 443-0 | Fax + 49 341 443-1500 | info@vng.de | www.vng.de

WIRTSCHAFT & MARKT 05/12 13


ENERGIEFORUM

OST

Sache für unser Land und würde langfristig

Arbeitsplätze und Wertschöpfung

für Deutschland schaffen. Leider Gottes

überwiegen aber die Risiken. Die Bundesregierung

hat alles andere als einen erfolgreichen

Masterplan in der Tasche.

Hinter der Umsetzung und den Zeitplänen

stehen zu viele Fragezeichen.

Nicht belastbare Zeitpläne, fehlender

Ausbau des Stromnetzes, Netzstabilität,

die dazu führt, dass Windräder zwangsabgeschaltet

werden, fehlende Konzeption

beim Ökostromausbau und natürlich

die Energiepreise sind bei der von der

Bundeskanzlerin hektisch ausgerufenen

Energiewende unberechenbar. Es sieht so

aus, als wäre ein nach Fukushima zusammengestricktes

Wahlprogramm dafür

verantwortlich, dass Deutschland die

»Energiewende« teuer bezahlen muss.

2. Man muss die Schieflagen bei den Solarherstellern,

die ja stärker in den neuen

Ländern vertreten sind, auffangen.

Zweitens ist für sie der Energiepreis eine

wichtige strategische Variable. Die Möglichkeiten,

mit den Osteuropäern zusammenzuarbeiten

und dort preiswert »einzukaufen«

sollten genutzt werden.

3. Die Kanzlerin sollte sich mehr Zeit für

Deutschlandthemen nehmen, wie die

Energieversorgung, weniger Zeit für

Griechenland und sogenannte Eurorettungs-Gipfel.

Die Zukunftsthemen leiden

darunter, in weniger bedeutende

Ministerien, wie etwa das Umweltministerium,

delegiert zu werden. Das dringendste

Gebot ist Zukunftspolitik, weder

die Betreuungsgelddebatte noch die

Pendlerpauschale. Innovationspolitik

und Energiepolitik sollten Chefsache

werden, davon hängt unsere Zukunft ab.

DR. JOACHIM GEISLER

Vorsitzender der

Geschäftsführung der

Mitteldeutschen Braunkohlengesellschaft

(MIBRAG)

Nicht auf die lange

Bank schieben

1. Investitionen in moderne Kraftwerkskapazitäten,

den Netzausbau und in

Speichertechnologien dürfen nicht auf

die lange Bank geschoben werden. Dazu

gehören ein klarer politischer Fahrplan,

der potenziellen Investoren Planungssicherheit

gibt, und Ehrlichkeit, was die

von allen zu tragenden Kosten betrifft.

Stromkosten müssen bezahlbar bleiben

und dürfen die Wettbewerbsfähigkeit

der Industrie nicht gefährden.

2. Die neuen Länder spielen als Mitgestalter

der Energiewende durchaus vorne

mit. Die Erneuerung von Kraftwerkskapazitäten

und der Netzausbau werden

uns allerdings noch intensiv beschäftigen.

Und wir müssen die Bedenken der

traditionell energieintensiven Industrien

ernst nehmen. Denn sicherer und

bezahlbarer Strom ist nun einmal der

Motor für die Wirtschaftskraft in unserer

Region. Die moderne Braunkohleverstromung

wird deshalb ein wichtiger

Partner der Energiewende bleiben.

3. Die Debatten zeigen, dass sich Politik

und Wirtschaft anders auf den Bürger

einlassen und dass sie einen neuen Kommunikationsstil

pflegen müssen. Menschen

sind nicht länger bereit, Entscheidungen

von oben nach unten zu akzeptieren.

Bürger fordern heute besonders

bei großen Infrastrukturprojekten mehr

Beteiligung und Transparenz. Das bedeutet,

die betroffenen gesellschaftlichen

Gruppen umfassend und frühzeitig

in ihre Planungen einzubeziehen.

MANFRED GREIS

Generalbevollmächtigter

der Viessmann Werke

Wärmemarkt hat

die Schlüsselrolle

1. Deutschland ist immer darauf angewiesen

gewesen, den Nachteil seiner Rohstoffarmut

durch technologische Kompetenz

und innovative Lösungen auszugleichen.

Viele deutsche Unternehmen sind

heute bei der Ressourceneffizienz und

bei der Nutzung Erneuerbarer Energien

Vorreiter. Das Nachhaltigkeitsmodell

Deutschland kann zum Exportschlager

in der ganzen Welt werden. 95 Prozent

der Unternehmen hier sind Familienunternehmen.

Ihnen geht es auch darum,

erfolgreich über den nächsten Generationswechsel

zu kommen. Damit sind sie

per se Vorreiter der Nachhaltigkeit.

2. Auch in den neuen Ländern sind nach

der Wende moderne Betriebe entstanden,

die über den neuesten Stand der

Technik verfügen. Beispiele dafür sind

die Automobilhersteller BMW und Porsche

mit ihren Produktionswerken in

Leipzig, die Leuchtturmcharakter für die

gesamte Branche haben. Die Viessmann

Group fertigt ihre Großkessel an einem

Standort in Brandenburg. Von dort wird

diese hocheffiziente und qualitativ hochwertige

Heiztechnik für gewerbliche und

industrielle Anwendungen in die ganze

Welt exportiert. Ein Problem für die

neuen Länder ist die demografische

Entwicklung, die durch Abwanderung

verschärft wird. Ganze Landstriche drohen

auszubluten. Die Konzentration der

Wirtschaft auf einzelne Technologiefelder,

so die Fotovoltaikbranche, kann

zu Problemen führen. Durch die Abhängigkeit

der Unternehmen von der politisch

gelenkten Förderung sind nach der

– inhaltlich gerechtfertigten, aber in der

Umsetzung missglückten – Kappung der

Fördermittel Arbeitsplätze in Gefahr.

3. Die Energiewende war notwendig.

Eine Schlüsselrolle kommt dabei dem

Wärmemarkt zu, der mit 40 Prozent Anteil

der größte Energieverbraucher ist.

Und das Effizienzpotenzial ist gewaltig.

Nicht einmal 20 Prozent der deutschen

Heizungsanlagen sind auf dem Stand

der Technik. Es herrscht ein Modernisierungsstau,

der dringend aufgelöst

werden muss. Die technischen Lösungen

sind vorhanden. Es gibt kein technisches,

sondern ein Umsetzungsproblem.

TUOMO J. HATAKKA

Vorstandsvorsitzender

der Vattenfall Europe AG

Eine Aufgabe für

Generationen

1. Die wesentlichen Elemente der Energiewende

– Vorrang des Ausbaus der Erneuerbaren

Energien, Klimaschutz und

die Steigerung der Energieeffizienz –

sind nicht erst seit 2011 bekannt. Auch

Vattenfall hat davor schon begonnen, seinen

Erzeugungsmix umzubauen, hin zu

einer langfristig CO 2 -neutralen Erzeugung

von Strom und Wärme. Wir kennen

die Aufgaben und Herausforderungen

der Energiewende aus unserem Unternehmensalltag

und wissen, dass sie

kein Selbstläufer wird. Sie ist ein gewaltiges

Infrastrukturprojekt, das bis 2020 zusätzliche

Investitionen in Höhe von mindestens

200 Milliarden Euro erfordert –

Investitionen in neue regenerative Energiekapazitäten

ebenso wie in Netzausbau,

Speicher und Reservekapazitäten.

Wenn dieses Mammutprojekt gelingt

14 WIRTSCHAFT & MARKT 05/12


ENERGIEFORUM

OST

und die deutsche Volkswirtschaft es

schafft, ihre Energieerzeugung kosteneffizient

auf CO 2 -Neutralität umzustellen

ohne die Versorgungssicherheit zu gefährden,

hat sie die Vorreiterrolle im globalen

Wettbewerb.

2. In den neuen Ländern bündeln sich

die Herausforderungen: Netzausbau, Systemintegration

der Erneuerbare Energien

und kosteneffiziente CO 2 -Minderung

bei gleichzeitigem Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit

der Wirtschaft. Die

Braunkohle wird wegen des vorgezogenen

Ausstiegs aus der Kernenergie eine

tragende Rolle spielen. Sie wird als Partner

der Erneuerbaren Energien ein Herzstück

der Energiewende sein.

3. Das Anliegen der Energiewirtschaft –

stabile Rahmenbedingungen, um die

langfristigen Großinvestitionen tätigen

zu können – ist nicht neu, aber wichtiger

denn je! Die Wende ist eine Generationenaufgabe,

die sich nicht mit kurzfristigen

und plötzlichen politischen Interventionen

verträgt. Darüber hinaus brauchen

wir eine Harmonisierung der

energie- und klimapolitischen Instrumente

– auch eine europäische Aufgabe

– und deren konsequente Ausrichtung

auf das Leitmotiv der Kosteneffizienz.

KLAUS OLBRICHT

Präsident der

IHK Magdeburg

Größte Gefahr durch

einen Black-out

1. Gelingt die Energiewende, wird

Deutschland seine Weltmarktführerschaft

bei Erneuerbaren Energien ausbauen.

Die größten Risiken sehe ich gegenwärtig

in der latenten Gefahr eines

Black-outs und in zu stark steigenden

Strompreisen. Beides kann die Konkurrenzfähigkeit

der Wirtschaft schwächen.

Es besteht die Gefahr, dass energieintensive

Industrien aus Deutschland abwandern.

Erst Ende März standen wir kurz

vor einem solchen Black-out. Ursache

war vermutlich das Zusammentreffen

eines großen Windkraft-Aufkommens

mit dem Ausfall des Umspannwerkes

Helmstedt und der ungeplanten Abschaltung

des Atomkraftwerks Brokdorf. Lang-

fristig dürften neben dem schleppenden

Netzausbau das Fehlen von Speicherkapazitäten

und -konzepten die größten

Schwachstellen der Energiewende sein.

Am ehesten kommt dafür die Erzeugung

und Speicherung von Methan aus überschüssigem

Strom infrage. Diese Technologie

ist jedoch bei einem Wirkungsgrad

von maximal 35 Prozent teuer und aufwendig.

2. Für die neuen Länder bietet die Energiewende

durch die verstärkte Nutzung

der Braunkohle und den Ausbau der erneuerbaren

Energien eine Steigerung ihrer

Industrieproduktion. Die erzeugte

Energie muss jedoch zu den großen Verbrauchszentren

im Süden Deutschlands

transportiert werden. Die Kosten für den

Betrieb und Ausbau der Stromnetze werden

gegenwärtig auf die regionalen

Strompreise umgelegt und führen dazu,

dass Ostdeutschland die mit Abstand

höchsten Netznutzungsentgelte aufweist

– Tendenz steigend. Da dies die Wettbewerbsfähigkeit

der ostdeutschen Unternehmen

stark beeinträchtigt, setzen sich

die ostdeutschen IHK für die Einführung

einer bundesweiten Umlage der von den

Erneuerbaren Energien verursachten

Netzausbaukosten ein, wie beim An-

Zukunft braucht Sicherheit

Aus Verantwortung für unsere Region.

Foto: Rainer Weisflog

ENERGIE FÜR MITTELDEUTSCHLAND

Mit seinem starken industriellen Kern ist Mitteldeutschland auf eine verlässliche Energieversorgung rund um die

Uhr angewiesen. Unsere Braunkohletagebaue und Kohlekraftwerke liefern sichere Energie zu vertretbaren

Preisen. Wir investieren in erneuerbare Energien und fördern die Erforschung der Kohlechemie.

So stärken wir der Region den Rücken und schaffen zukunftsfähige Arbeitsplätze.

www.mibrag.de

WIRTSCHAFT & MARKT 05/12 15


ENERGIEFORUM

OST

schluss von Offshore-Windparks gesetzlich

vorgeschrieben.

3. Die Fäden der Einzelmaßnahmen

beim Gemeinschaftswerk Energiewende

sollten bei einem Projektmanager zusammenlaufen.

So kann in der Regierung,

zwischen den Bundesbehörden,

zwischen Bund, Ländern und Kommunen

sowie im Dialog mit Wirtschaft und

Gesellschaft geklärt werden, was wann

wo wie passieren muss. Planwirtschaftliche

Instrumente wie das EEG müssen

modifiziert, mit den anderen EU-Ländern

harmonisiert und stärker marktwirtschaftlich

ausgerichtet werden.

Neue planwirtschaftliche Effizienzvorschriften

oder, wie in der EU diskutiert,

eine starre Einsparquote von 1,5 Prozent

pro Jahr sind entbehrlich. Wichtiger ist

es, die energie- und klimapolitischen

Instrumente aufeinander abzustimmen.

Heute ist der Emissionshandel das wirksamste

Klimaschutz-Instrument, zu dem

die anderen klima- bzw. energiepolitischen

Instrumente meist redundant

wirken. Das gehört auf den Prüfstand.

THOMAS PRAUSSE

Vorsitzender der

Geschäftsführung der

Stadtwerke Leipzig

Wir wissen nicht,

was die Politik will

1. Der Ausstieg aus der Kernenergie war

richtig, aber er ist noch keine Energiewende.

Es gibt kein Konzept für die Energieversorgung

der Zukunft. Man kann

den Begriff »Erneuerbare Energien«

nicht als Zauberformel verwenden, er ist

konkret mit Inhalten zu füllen. Das fehlt.

2. Im Osten wurden in den vergangenen

20 Jahren Milliarden in umweltfreundliche

Erzeugungsanlagen und den Netzausbau

investiert. Das muss sich rechnen.

Wir wollen sicher sein, dass wir eine

neue Anlage wenigstens 20 Jahre betreiben

können. Der Staat muss Planungssicherheit

herstellen. Wir wissen nicht,

was die Politik will. Es gibt keine Strategie

für die Erzeugung. Wie soll der Windstrom

von der Nordsee bis in die süddeutschen

Verbraucherzentren transportiert

werden, wenn pro Jahr nur 40 Kilometer

neue Trassen für Übertragungsleitungen

fertig werden? Wird die Kraft-Wärme-

Kopplung endlich so gefördert, wie es

sinnvoll wäre? Wird schnell und kostengünstig

eine dezentrale und lastnahe

Erzeugung auf die Beine gestellt? Stichwort

Blockheizkraftwerke. Nichts geklärt,

nichts geregelt. Ich fürchte eine

Hängepartie bis zur Bundestagswahl.

3. Die Stadtwerke Leipzig wollen innerhalb

eines überschaubaren Zeitraumes

ihre Stromerzeugung verdoppeln. Andere

haben ähnliche Pläne. Die Verteilnetzgesellschaften

müssen in die Lage kommen,

überschüssigen Strom, etwa aus

Blockheizkraftwerken, in die Übertragungsnetze

einzuspeisen. Wir brauchen

schnell regelbare neue Gaskraftwerke.

Das kostet Geld – das müssen die Bürger

wissen und die Politiker müssen sich

trauen, es ihnen zu sagen.

PETER REITZ

Vorstandsvorsitzender

der European Energy

Exchange AG (eex)

Für Investitionen

Akzeptanz dringlich

1. In erster Linie ist nicht die eingeschlagene

Richtung neu, sondern das Tempo.

Deutschland hat sicherlich die Chance,

eine Vorreiterrolle und möglicherweise

auch eine Führungsrolle auf dem Gebiet

der Erneuerbaren Energien – zumindest

in Europa – einzunehmen. Um diese Rolle

erfolgreich auszufüllen, sollte es

Deutschland aber vermeiden, auf lange

Sicht einen Sonderweg zu gehen, sondern

vielmehr seine Nachbarn mit in die

Überlegungen einbeziehen. Ein nationaler

Energieprotektionismus würde

die Errungenschaften der Energiemarktliberalisierung

der letzten zehn Jahre infrage

stellen.

Vor diesem Hintergrund plädiere ich

auch dafür, dass in der momentanen

Diskussion über europäische Preiszonen

nicht das Augenmaß verloren geht. Errungenschaften

wie die einheitliche

deutsch-österreichische Preiszone sollten

nicht infrage gestellt werden. Vielmehr

sollten wir, ganz im Zeichen eines

einheitlichen europäischen Binnenmarktes

für Strom, auf bestehenden

Preiszonen aufbauen und diese weiter

zusammenführen, so wie das schon

heute in Marktkopplungsprojekten erfolgreich

praktiziert wird.

2. Die Herausforderungen sind nicht auf

einzelne Regionen begrenzt, sondern betreffen

alle Menschen. Folglich wird die

Energiewende nur gelingen, wenn es

eine breite Akzeptanz für die notwendigen

Investitionen in neue Infrastruktur

gibt. Ich sehe durchaus das Potenzial,

dass sich einzelne Regionen – so auch in

den neuen Ländern – als Technologiestandort

behaupten oder entwickeln. Die

aktuelle Entwicklung in der deutschen

Solarbranche macht deutlich, dass es

Deutschland sicherlich schwer hat, in

Bereichen der Massenproduktion mit

Anbietern aus Asien erfolgreich zu konkurrieren.

Andererseits führt der Wettbewerbsdruck

aber zu einem stärkeren

Fokus auf Forschung und Entwicklung.

Wenn es den Unternehmen aus dem

Erneuerbaren-Sektor gelingt, neue Innovationen

zu entwickeln, dann werden sie

nicht nur einen Beitrag zur erfolgreichen

Energiewende leisten, sondern

auch wirtschaftlichen Erfolg haben.

3. Es sollte jedem bewusst werden, dass

es sich hier um ein Generationenprojekt

handelt. Wir haben gerade mal ein gutes

Jahr seit den Ereignissen in Fukushima

hinter uns, aber es gibt schon erste Stimmen,

die vom Scheitern der Energiewende

sprechen. Für eine seriöse Bestandsaufnahme

scheint es mir noch zu früh.

BORIS SCHUCHT

Vorsitzender der

Geschäftsführung der

50Hertz Transmission

Kürzere Verfahren,

frühe Beteiligung

1. Die Energiewende ist ein industriegeschichtliches

Projekt. Gelingt der Paradigmenwechsel,

besteht die große Chance,

eine Vorreiterrolle auch für andere

Länder zu spielen. Die Schwierigkeiten

liegen vor allem darin, dass mit großer

Geschwindigkeit ein über Jahrzehnte

gewachsenes Versorgungssystem fundamental

verändert wird. Wir müssen also

die technischen und wirtschaftlichen Risiken,

insbesondere für die Versorgungssicherheit,

sehr genau im Auge behalten

und darauf achten, dass der rechtliche

und regulatorische Rahmen so gesetzt

wird, dass dieses Mammutprojekt bei

Wahrung der Systemstabilität auch zum

Erfolg geführt werden kann.

2. Als Netzbetreiber, der für die neuen

Bundesländer inklusive Berlin plus Hamburg

zuständig ist, wissen wir sehr gut,

wie stark hier die Erneuerbaren Energien

bereits vertreten sind. Allein 41 Pro-

16 WIRTSCHAFT & MARKT 05/12


ENERGIEFORUM

OST

zent der deutschlandweiten Windkraftkapazität

ist zwischen Ostsee und Thüringer

Wald installiert. 2011 wurde im

Netzgebiet von 50Hertz schon 28 Prozent

des Stroms aus regenerativen Quellen

erzeugt. Da aber der Stromverbrauch im

Osten bei nur 20 Prozent des deutschlandweiten

Stromverbrauchs stagniert,

müssen mehr Transportkapazitäten geschaffen

werden, um die Energie von

Nordost nach Südwest zu bringen – also

dorthin, wo sie gebraucht wird. Dies bedeutet

vor allem mehr Netzausbau.

3. Wichtig ist, dass wir koordiniert vorgehen

und das komplexe Gesamtsystem

im Auge behalten. Und da wir in einem

europäischen Verbundsystem leben, gilt

dieser Fokus nicht nur innerhalb

Deutschlands, sondern auch mit Blick

auf unsere europäischen Nachbarn. Was

den Netzausbau betrifft, brauchen wir

in erster Linie kürzere Genehmigungsverfahren

und eine frühzeitigere Beteiligung

der Bürger, um mehr Akzeptanz zu

schaffen. Wenn sich das wachsende zeitliche

Auseinanderdriften zwischen rascher

Genehmigung von Erzeugungsanlagen

und schleppendem Netzausbau

weiter fortsetzt, wird die Energiewende

kaum realisierbar sein.

STANISLAW TILLICH

Ministerpräsident des

Freistaates Sachsen

Negative Folgen

in Kauf zu nehmen

1. Chancen sehe ich in der verstärkten

Anwendung »heimischer« Energieträger

und der Erneuerbaren Energien. Das verringert

die Abhängigkeit von Energieimporten.

Um die Energiewende bewältigen

zu können, sind zudem innovative

Energieerzeuger-, Umwandlungs- und

Speichertechnologien nötig. Diese zu

entwickeln, bietet auch ein ausgezeichnetes

Potenzial für die sächsische Wirtschaft.

Risiken bestehen in der Gefahr,

dass energieintensive Industriezweige sowie

Unternehmen der Energiewirtschaft

abwandern oder nicht mehr investieren,

weil die Energiekosten hier zu hoch sind.

Der Ausbau der Erneuerbaren Energien

ohne den entsprechenden Ausbau der

Netze und Speicher gefährdet unsere Versorgungssicherheit.

Zudem ist nicht jede

alternative Energie überall sinnvoll zu

erzeugen. So ist z. B. die Küste ein geeigneterer

Standort für die Erzeugung von

Windenergie als das Binnenland.

2. Eine besondere Herausforderung ist

es, Wettbewerbsnachteile für die ostdeutsche

Industrie abzubauen, die den hohen

Energiepreisen geschuldet sind. Auch

die Wertschöpfung aus der Braunkohle

muss bis zur Vollendung der »Energie-

Evolution« erhalten bleiben. Sie ist bezahlbar,

in ausreichenden Mengen verfügbar

und bleibt so ein verlässlicher

Partner der Erneuerbaren Energien.

3. Wir brauchen eine Debatte, bei der

die Ziele, Chancen und Risiken der Energiewende

ideologiefrei thematisiert werden.

Die Wende ist mit zeitlichem Augenmaß

zu gestalten. Von Schnellschüssen

oder einer staatlichen Überregulierung

kann ich dabei nur abraten. Wir müssen

uns klar werden: Wenn wir die Wende

wirklich wollen, haben wir auch die negativen

Folgen in Kauf zu nehmen. Das

beginnt mit dem Ausbau des Stromnetzes

und hört beim Ausbau der Windenergie

noch nicht auf. Dennoch ist der einmal

beschrittene Weg alternativlos. &

Energie ist …

… Regionalität.

Leipzig und die Leipziger liegen uns sehr am

Herzen. Lebensqualität und Wirtschaftskraft stärken,

Leipzig voranbringen – dafür arbeiten wir:

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WIRTSCHAFT & MARKT 05/12 17


BERICHT

Es begann mit extravaganten PC-Gehäusen.

Martin Fenzl, von Haus aus

Elektriker und Schreiner, wollte

etwas Besonderes kreieren. Etwas, das

beides vereint – das Technische mit dem

Gestalterischen. Schon immer dachte er

auch an besondere Kunden. So fuhr er

mutig zur Computerschau CeBIT und

präsentierte sich selbst auf einer Messe

in Dubai. Und in der Tat erregte der Jungspund

mit dem gewinnenden Lächeln

schnell Aufsehen bei den Superreichen,

nicht nur vom Golf. »Es verkaufte sich

durchaus«, erinnert er sich.

Doch was er erlöste, ging meist wieder

drauf für den exklusiven Vertrieb der exklusiven

Gehäuse, für die er sich sogar

einen exklusiven Namen erdacht hatte:

Testa Motari. »Im Lateinischen heißt das

so viel wie: erneuerte Schale oder Hülle«,

verrät er. Den Namen behielt er bei, die

Ausrichtung der kleinen Firma justierte

er jedoch neu. Statt eigene Produkte zu

entwickeln, wollte er fremde Erzeugnisse

optisch raffiniert veredeln.

Fotos: H. Lachmann (1), Testa Motari

GOLD UND PERLMUTT HAUCHDÜNN

Alsbald verblendete Fenzl Kaffeeautomaten

einer Schweizer Nobelmarke, deren

Manager er kennengelernt hatte, mit

höchst ausgefallenen Oberflächen – und

sorgte so für Furore. »Da kamen dann

15 Schichten Klavierlack übereinander«,

erinnert er sich. Er vergoldete die Tasten

von Notebooks für Ölscheichs, ohne dass

sich das Edelmetall abgriff. Er überzog

teure Schreibgeräte – fast schon unbezahlbar

– zusätzlich und hauchdünn mit

Gold, Edelholz, Perlmutt oder Horn.

Mit der Zeit suchte nicht nur Fenzl

nach neuen Kunden und neuen Herausforderungen,

man suchte auch nach

ihm. Die bayrische Marke »Cherry« etwa,

ein Premiumhersteller für Tastaturen,

wollte fortan nicht nur technologisch,

sondern auch im Design Maßstäbe setzen.

Dazu fahndeten die Bayern nach

einem Partner und schienen schließlich

so beglückt über die Ideen in »Makkassar

Ebenholz« oder »Satin Nussbaum«, dass

sie die ganze Sondermodellreihe nach

den Erzgebirglern benannten: Strait

Exclusive Testa Motari Edition! Keyboard

für Keyboard ein Unikat in Anmutung

und Maserung. Unlängst gab es dafür

den internationalen Designerpreis »red

dot award«.

Martin Fenzl sieht darin vor allem

eine Art freundliches Entgegenkommen.

Denn gewöhnlich bestünden seine Auftraggeber

schon auf strengste Anonymität,

erzählt der 30-Jährige. Bei der

Klientel, die im erzgebirgischen Johanngeorgenstadt

iPhones, Brillen, Leuchten,

Multimediasteuergeräte, Konsolen oder

Testa Motari Design Manufaktur

Edle Tüftelei

Der sächsische Jungunternehmer Martin Fenzl gründete 2005

im erzgebirgischen Johanngeorgenstadt die Testa Motari Design

Manufaktur. Beseelt und fasziniert von der Idee, hochwertige

Gebrauchsgegenstände noch höher zu veredeln. Er traf damit den

Nerv und Geschmack zahlungskräftiger Kunden in aller Welt.

18 WIRTSCHAFT & MARKT 05/12


BERICHT

Schaltknäufe für Luxuskarossen stylen

lässt, handele es sich »durchweg um Marken

im hochwertigen Segment«. Die hätten

ihre eigenen Regeln.

So weiß denn auch keiner von den

gutbetuchten Kunden dieser Welt, dass

die findigen Veredler recht abgelegen

hinter den sächsischen Bergen tüfteln.

Und keinen interessiert sicher, wie Fenzl

und sein Team es anstellen, Holztäfelchen

mit Kautschukadern zu durchwirken,

gewölbte Oberflächen mit platinähnlichem

Rhodium zu überziehen oder

Metall und Holz in einem Guss zu spritzen.

Es spielt keine Rolle, dass sie manchmal

eine Woche lang nur für eine bestimmte

Klebeverbindung experimentieren,

ihre Oberflächen teils aufwendigen

Schlag-, Temperatur-, Chemikalien- oder

»Handtaschen«-Tests unterziehen oder

im Labor Tropenklima wie auch arktische

Kälte simulieren.

WELTWEIT KONKURRENZLOS

Doch hier ist der zweifache Vater in

seinem Element. Sein Ehrgeiz besteht

darin, vom Designentwurf über das Ersinnen

neuer Materialien und Technologien

bis zu Prototypenfertigung und

Oberflächenfinish alles aus einer Hand

zu bieten. Je nach Kundenwunsch werden

Holz, Blattmetalle, Damaszener

Stahl, feinstes Leder, Glas, Keramik und

Mineralien verarbeitet. Gerade experimentieren

Fenzl und Co. an offenporigem

Holz, dessen Öffnungen mit Goldstaub

versetzt werden. Und manches

Material kannte die Welt noch gar nicht,

bevor man loslegte – »weißes Karbon«

beispielsweise.

Eine Fahrzeugedelschmiede wollte partout

das Cockpit einiger Limousinen mit

hellster Kohlefaser verkleidet haben. Von

Natur aus ist das Steinkohleprodukt Karbon

schwarz, doch Testa Motari fand

einen Weg, es mit einer Keramikfaser zu

ersetzen, die auch wirklich gedeckt weiß

leuchtet.

Kamen die Auftraggeber anfangs mit

konkreten Ansinnen, mit eigenen Materialvorgaben

und Gestaltungsideen nach

Sachsen, so läuft es heute immer häufiger

andersherum. »Sie fragen uns, ob wir

nicht eine ausgefallene Idee für spektakuläre

Oberflächen ihrer Produkte haben

– und wir haben dann auch eine.«,

schmunzelt Fenzl. Allerdings fügt er etwas

verstohlen hinzu: »Manchmal sage

ich etwas zu, ohne immer schon zu wissen,

ob es klappt. Aber ich weiß, irgendwie

kriegen wir es hin.«

Bei vielen Kompetenzen sieht Fenzl

seine Firma bereits weltweit ohne

Konkurrenz. Er nennt beispielsweise die

selbst kreierte Technologie, Furniere

EXPERIMENTIERFREUDIG: Martin Fenzl (r.)

tüftelt mit seinem Team gern und viel.

dreidimensional zu verkleben. »Damit

lassen sich noch winzigste Radien furnieren,

etwa in Schiffen oder bei Fahrzeuginterieur«,

erzählt er. Diese hohe Präzision

selbst bei grazilsten Dingen nutze

man dann auch bei Zehntelmillimeter

dünnem Parkett, mit dem man Fahrzeug-Armaturen

überzieht. »Dies alles

noch kombiniert mit Sensoren, mit mechanischen

Komponenten und Licht – so

entstehen einzigartige Innovationen«,

sinniert Fenzl selbstbewusst wie überraschend

uneitel.

Das wohl aparteste Produkt, das die

sächische Manufaktur derzeit mit luxuriösen

Gehäusen aufwertet, sind Uhrenbeweger.

Anzugmenschen, die zu jeder

Robe eine passgenaue Automatikuhr tragen,

brauchen solch ein mechanisches

Vehikel, das ihnen die zahlreichen eigenen

Zeitmesser auch dann betriebsbereit

hält, wenn sie diese eine Weile nicht tragen.

»Ich denke, hier gibt es einen großen

Markt zu erschließen«, sagt Fenzl.

Dabei kann solch ein Teil locker um die

5.000 Euro kosten.

Mithin wächst die Firma beständig,

wird gerade eine neue Fertigungshalle

geplant. Stets ist der junge Chef weiter

auf der Suche nach ungewöhnlichen

Partnern, treiben ihn Visionen um, geht

er mit verrückten Ideen schwanger. So

möchte er sich noch stärker für das

lukrative Geschäft mit Aircraft Interior

empfehlen und die Kontakte ins Metier

luxuriöser Schiffsausstattungen ausbauen.

Für den Automobilbereich, der in

jüngster Zeit spürbar zulegte, gründete

er erst Anfang März eine zweite Firma:

ein Joint Venture mit einem ebenfalls

hochkreativen technischen Partner im

Metier der Luxuslimousinen.

Nahezu jährlich verdoppeln sich auch

Mitarbeiterzahl und Umsatz von Testa

Motari. Die Erlöse kletterten bereits in

den siebenstelligen Bereich. Und auch

die 20 Leute, auf die das einstige Dreierteam

inzwischen angewachsen ist, sind

schon wieder zu wenig. Dringend sucht

Fenzl neue Mitarbeiter. Doch wie seine

Innovationen müssen auch diese hohen

Ansprüchen genügen. Er braucht Handwerker

und Techniker »mit Hang zum

Perfektionismus und ästhetischem Feeling«,

quasi Qualitätsjunkies, denen Arbeit

mehr bedeutet als Geldverdienst.

Dass sie sich gut aufgehoben fühlen in

der jungen Truppe, in der kaum einer

älter als 40 ist, glaubt Fenzl schon. Der

Chef sei eben sehr teamorientiert, weiß

Vertriebs- und Projektmanagerin Claudia

Weißbach, die fast von Beginn an dabei

ist. Jedes Jahr organisiere die ganze

Mannschaft zum Beispiel gemeinsame

Sommerfeste. »Außerdem nehmen wir

stets alle am regionalen Firmenlauf teil,

bei dem sich dann auch keiner drücken

darf«, lacht sie.

Das Vorbild hierfür liefert Martin

Fenzl selbst: Er joggt leidenschaftlich,

fährt Rad und Ski, spielt Squash und

würde auch sicher einen Marathon absolvieren

– sofern ihm zuvor die Zeit für

das nötige Training bliebe. Aber immerhin:

Es reicht zumindest für einen Halbmarathon.

Harald Lachmann

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WIRTSCHAFT & MARKT 05/12 19


SERIE

Fotos: V. Kühne, privat

Der erste Farbfilm der Welt – in

Wolfen hergestellt. Die Kautschuksynthes

– erstmals in Buna

gelungen. Die ersten synthetischen Kraftstoffe

– in Leuna produziert. Das erste

Ganzmetall-Flugzeug der Welt – in Dessau

gebaut. Die Herstellung von Hartguss

– in Magdeburg erfunden. Sachsen-

Anhalt ist ein junges Land mit einer langen

industriellen Tradition. Technische

Innovationen sowie die günstige Lage im

Herzen Europas führten dazu, dass sich

in dieser Region zu Beginn des 20. Jahrhunderts

ein Zentrum des industriellen

Fortschritts herausbildete.

Und heute? Steht Sachsen-Anhalt besser

da, als es angesichts der Ausgangslage

in der Wendezeit zu erwarten war. Das

Land musste den Wegfall der maroden

Chemiewerke verkraften, des Schwermaschinen-

und Waggonbaus – und das

Aus für zehntausende Arbeitsplätze. Mit

Sachsen-Anhalt, das vom Landesmarketing

als Land der Frühaufsteher gepriesen

wird, geht es längst wieder aufwärts,

auch wenn das nicht immer so ankommt.

Warum eigentlich?

Eine Fondsgesellschaft hat einmal mit

dem Slogan geworben: »Geld entsteht

im Kopf.« Das kann man so sehen. Kluge

Köpfe generieren neue Erkenntnisse, die

von pfiffigen Geschäftsleuten in neue

Verfahren und Produkte umgesetzt werden.

Die daraus resultierenden Gewinne

können wiederum in die Produktion von

Wissen fließen, direkt in die industrielle

Forschung oder über Steuern und die

öffentlichen Haushalte in Universitäten

und Forschungsinstitutionen, in denen

dann neues Wissen entsteht. Ein perfekter

Kreislauf, wenn Wissenschaft und

Wirtschaft eng kooperieren. Das aber

stellt Sachsen-Anhalt mit seiner kleinteiligen

Wirtschaftsstruktur vor riesige

Herausforderungen.

ZU WENIG FORSCHUNGSAUSGABEN

Die Förderlandschaft wird radikal umgestaltet.

Die vielen Milliarden Euro, die

die öffentliche Hand in die Infrastruktur

gepumpt hat, haben die Ost-West-Kluft

in der Wertschöpfung pro Kopf seit 1991

zwar deutlich verringert, doch bleibt ein

Niveauunterschied von bis zu 25 Prozent.

Den zu überwinden, ist schier unmöglich.

Wie auch in den anderen ostdeutschen

Bundesländern festzustellen ist,

hat von den Top 100 der größten Unternehmen

in Sachsen-Anhalt kaum eines

seinen Hauptsitz in der hiesigen Region.

Das spiegelt sich auch in den Forschungskapazitäten

wider: In Westdeutschland

werden dafür 1,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts

ausgegeben, im Osten

lediglich 0,9 Prozent.

Netzwerke bündeln Kräfte. Acht Cluster

in Mitteldeutschland agieren erfolgreich

in den leistungsstarken Branchen

Ernährungswirtschaft, Automotive, Chemie/Kunststoffe,

Biotechnologie, Informationstechnologie,

Solar, Opto- und

Mikroelektronik. Das Problem: »Wir sind

nicht innovativ, wertschöpfungsstark

und produktiv genug«, so Wirtschaftsministerin

Birgitta Wolff. Die Firmen im

Land investieren in Forschung und Entwicklung

pro Einwohner und Jahr nur

70 Euro, in Thüringen sind es 200 Euro,

in Baden-Württemberg 1.100 Euro.

Dem gegenüber steht ein überdimensionierter

öffentlicher Wissenschaftssektor,

den die Ministerin verteidigt. Über

ein Fünftel des Landesetats werde für

Forschung, Bildung und Wissenschaft

ausgegeben und damit eine Innovationslücke

geschlossen. Wolff will die kleinteilige

Wirtschaft mit den Hochschulen

und Unis besser verzahnen, das hier ausgebildete

Potenzial mehr nutzen.

REPORT

SACHSEN-ANHALT

Innovationsoffensive

Im Wissenskreislauf

Das Land zwischen Börde und Harz ist Hort von Erfindungen mit

Weltniveau. In der Tradition suchen Wirtschaft und Wissenschaft

den Schulterschluss, erschließen sich Firmen neue Marktchancen.

Ein aktuelles Beispiel dafür gibt es im

regionalen Automobil-Zuliefererverbund

Mahreg, dem rund 250 Unternehmen

mit knapp 20.000 Mitarbeitern angehören:

Sachsen-Anhalt hat in das Institut

für Kompetenz in Automobilität (Ikam)

in Magdeburg 34,5 Millionen Euro für

die Entwicklung zukunftsfähiger Technologien

investiert, einschließlich eines

neuen Forschungslaborgebäudes, das

Mitte März dieses Jahres auf dem Campus

der Magdeburger Otto-von-Guericke-

Universität eingeweiht wurde. Es geht

um Leichtbauweise bei Autos, Elektroantriebe

und neue Fertigungstechnologien.

Unternehmen können Forschungsaufträge

erteilen, Dienstleistungen nutzen

und sich fachlich begleiten lassen. Eine

exemplarische Schnittstelle zwischen

Wissenschaft und Wirtschaft.

Forschung fördert Innovation. Ideen

sind der Rohstoff der Zukunft. Manchmal

werden auch Märchen wahr. Seit

März dieses Jahres macht nicht mehr nur

20 WIRTSCHAFT & MARKT 05/12


SERIE

Rumpelstilzchen Stroh zu Gold, sondern

auch der Biosprit-Hersteller Verbio –

Platz 14 der Top 100. In Zörbig nahm die

Firma die weltweit erste Anlage in Betrieb,

die Stroh in Biomethan umwandelt,

das nach seiner Einspeisung ins Erdgasnetz

schließlich gutes Geld einbringt.

»Damit bieten wir heute schon die Lösung,

die von Politik und Öffentlichkeit

für die Biokraftstoffproduktion der Zukunft

gefordert wird – kein Einsatz von

Nahrungsmittelrohstoffen, keine Verdrängung

landwirtschaftlicher Flächen,

eine hohe CO 2 -Effizienz und das ohne

Mehrkosten für den Verbraucher«, sagt

Verbio-Vorstandschef Claus Sauter.

FAKTEN

Sachsen-Anhalt

Einwohner: 2,35 Millionen

Unternehmen: 669 Industriebetriebe

Exporte: 4,54 Mrd. Euro

BIP (nominal): 52,2 Mrd. Euro (2010)

Veränderung

ggü.Vorjahr: + 3,4 Prozent

(Quelle: Statistisches Amt Sachsen-Anhalt)

VIEL VERWERTBARES STROH

Für das neue Verfahren steht Verbio ein

großes Potenzial an agrarischen Reststoffen

zur Verfügung. Allein die Menge

Stroh, die jährlich in Deutschland bisher

ungenutzt bleibt, beläuft sich auf bis zu

13 Millionen Tonnen. Die Energiemenge

daraus entspricht dem Bedarf von vier

Millionen Pkw pro Jahr. Verbio hat in die

Pilotanlage 2,5 Millionen Euro investiert.

»Wir haben fünf Jahre an dem Projekt geforscht«,

resümiert Sauter. »Wir beliefern

vor allem Erdgas-Tankstellen.«

Das Biomethan sei nicht subventioniert

und werde zu Erdgas-Preisen verkauft.

Bis 2014 will die börsennotierte

Firma eine Großanlage errichten.

Sachsen-Anhalt mausert sich allen

Unkenrufen zum Trotz langsam, aber

stetig zu einem innovativen Wirtschaftsstandort.

Arno Brandt, Leiter der Nord/

LB-Regionalwirtschaft, stellt ein positives

Zeugnis aus: »Vor allem die Industrie ist

Beschäftigungstreiber und wirtschaftlicher

Motor.« Dagegen gebe es weiter

große Schwächen im breiten Dienstleistungssektor.

Nur 14 Prozent der Beschäftigten

der 100 größten Unternehmen arbeiteten

in dieser Branche und erzielten

beim Umsatz nur einen Anteil von gerade

mal 2,6 Prozent – eben auch deshalb,

weil der Hauptsitz der kapitalkräftigen

Unternehmen nicht im Land ist.

Ein Kritikpunkt, der immer wieder zu

hören ist. Auch von Manfred Maas, Sprecher

der Geschäftsleitung der Investitionsbank

Sachsen-Anhalt (IB). Die außerhalb

des Landes angesiedelten Stammhäuser

der Unternehmen würden oft Ingenieurbüros,

Architekten oder Steuerberater

»mitbringen«. Hier müsse ein

Umdenken beginnen, fordert Maas. Es

sollten alle Möglichkeiten genutzt werden,

die besonders einheimische Dienstleister

in den Fokus potenter Auftraggeber

rücken. »Mehr als drei Viertel der

umsatzstärksten Unternehmen sind unsere

Kunden, deren Entwicklung wir

zumeist über Jahre begleitet haben.

Nachhaltige Förderung zahlt sich aus.

Effektive Wirtschaftsförderung gehört

zu unseren Kernaufgaben«, betont Maas.

Die Wirtschaft erlebte 2011 einen Aufschwung.

»Das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts

von preisbereinigt 2,8

Prozent belegt, dass das Land auf Kurs

ist«, sagt Ministerin Wolff. Das verarbeitende

Gewerbe wuchs 2011 im Vergleich

zum Vorjahr kräftig und lag teils deutlich

über dem Bundesschnitt. Der Industrieumsatz

stieg um 13 Prozent, bei den

Exporten erreichte das Plus sogar 14,3

Prozent. Das Baugewerbe steigerte den

Umsatz landesweit um 5,2 Prozent. Die

Beschäftigung nahm um 3,9 Prozent zu.

Das reale Wachstum liege allerdings

nicht ganz auf dem Niveau der westlichen

Bundesländer, wendet Wolff ein.

Und wie stehen die Zeichen für 2012?

Sachsen-Anhalts Wirtschaft wird in diesem

Jahr an Dynamik verlieren. Nach der

erfolgreichen Entwicklung 2011, in der

einige Branchen wieder Vorkrisenniveau

erreichten, blicken Experten nicht mehr

so optimistisch in die Zukunft. Die europäische

Schuldenkrise wird auch ihre

Spuren in Sachsen-Anhalt hinterlassen.

SCHWIERIGE FINANZIERUNG

»In vielen Betrieben ist die Kapitaldecke

aufgrund der anhaltend schwachen Gewinnsituation

ein großes Thema. Die

Finanzierung von Investitionen, ob über

Eigen- oder Fremdkapital, stellt sich

oftmals schwierig dar. »Diese Finanzierungshemmnisse,

insbesondere kleinerer

und mittlerer Unternehmen, sollen

durch verschiedene Förderansätze entschärft

werden«, sagt IB-Sprecher Maas.

Die von Land und Investitionsbank entwickelten

Kreditinstrumente seien passend

ausgestaltet. Wichtiger Aspekt sei

die Nachrangigkeit. »Wir rechnen mit

einer auf bisherigem Niveau bleibenden

Investitionstätigkeit, mit unterschiedlicher

Ausprägung in den Branchen. Dies

nicht zuletzt aufgrund der aktuellen

Konjunkturumfragen im Land, wonach

die ostdeutschen Betriebe in Bezug auf

die geplante Investitionstätigkeit weniger

zurückhaltend sind als erwartet.« &

KOLUMNE

DANA MICKE,

Länder-

Korrespondentin

von W&M

in Sachsen-Anhalt

Liebeserklärung

Da, wo heute Sachsen-Anhalt draufsteht,

ist in Wirklichkeit ein Bördianer, ein Harzer,

ein Altmärker, ein »Machteburjer«, ein

Hallenser drin. Zum Land gehören die weiten

Ebenen der Altmark, die Weinbaustädtchen

zwischen lieblichen Hügeln, die dunklen

Höhenzüge des Harzes, die fetten Äcker

der Magdeburger Börde und die unzerstörten

Stromlandschaften der Elbe. Sorgfältig

restaurierte Städte: Wittenberg, Quedlinburg,

Salzwedel, Halberstadt, Stendal,

Naumburg, Tangermünde. Herzland deutscher

Geschichte, in dem Kaiser Otto der

Große, Reformer Luther, Musiker Händel,

Bauhaus-Gropius den Zeitgeist prägten.

Sachsen-Anhalt speist seine Identität aus

einer großen Vergangenheit. Doch es ist so

gegensätzlich, dass es EIN Sachsen-Anhalt

eigentlich gar nicht gibt. Dieses Bindestrichland,

in dem mehr zusammenwachsen

muss als anderswo. Die kleinen und

großen Erfolge aber machen selbstbewusst.

Die Liebe hier geht gleichfalls durch den

Magen: Rotkäppchenn-Sekt, Salzwedeler

Baumkuchen, Burger Knäcke, Hallenser

Halloren, Halberstädter Würstchen sind

Marken. Jürgen Sparwasser, Stefan Kretzschmar

und Tokio Hotel sowieso.

Nichtsdestotrotz sind die Baustellen immens.

Die Löhne sind vielerorts im Land

noch zu niedrig. Die Abwanderung guter

Fachkräfte hält an. Und die monetären

Spielräume werden noch enger. Ist das Glas

hier nun halbleer oder halbvoll? Als ich

noch in der Bundeshauptstadt lebte, war

das Sachsen-Anhalt-Glas halbleer. Der Liebe

wegen bin ich 2006 aufs Land gezogen.

Vom Moloch Berlin in die Pampa, nach

Teutschenthal bei Halle. Im Herzen bleibe

ich Berlinerin mit herb-herziger Sprachfärbung.

»Ich schreibe aber in Hoch-deutsch«,

sage ich immer und ernte ein Lächeln.

Für mich ist das Glas längst halbvoll. Denjenigen,

die Sachsen-Anhalt ständig madig

machen, sage ich: Otto von Guerickes

Halbkugeln halten zusammen – auch das,

was nicht Vakuum ist.

WIRTSCHAFT & MARKT 05/12 21


SERIE

TOP 100 Unternehmen in Sachsen-Anhalt

Verarbeitendes Gewerbe dominiert vor Verkehrs-

Rang Unternehmen Branche Mitarbeiter

(2010)

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Deutsche Bahn AG (K)

Dow Gruppe Deutschland (K)

Deutsche Post DHL (K)

EDEKA Märkte

Stadtwerke Halle GmbH (K)

Hallesche Wasser u. Stadtwirt. GmbH

Q-Cells SE (K)

MIBRAG Mitteldeut. Braunkohl.-GmbH (K)

K+S Kali GmbH

Mitteldeut. Druck- und Verlagshaus GmbH

Hermes Fulfilment GmbH

walter services Holding GmbH

GP Günter Papenburg AG (K)

GP Verkehrswegebau GmbH

Salutas Pharma GmbH

Sovello AG

regiocom GmbH

Mitteldeut. Erfrischungsgetr. GmbH (K)

B. & C. Tönnies Gruppe (K)

B. & C. Tönnies Zerlegebetrieb GmbH

Magdebg. Förderanlagen u. Baum. GmbH

MKM Mansfeld. Kupfer u. Messing GmbH

AKT Altmärker Kunststoff-Technik GmbH

IFA Gruppe (K)

Bosch Com. Center Magdeburg GmbH

Saalesparkasse

Ilsenburger Grobblech GmbH (K)

Gegenbauer Holding SA & Co. KG

Umwelttechnik & Wasserbau GmbH

HAVAG Hallesche Verkehrs AG

buw Customer Care Operat. Halle GmbH

Klemme AG

Woodward Governor Germ. GmbH

Die private Arbeitsvermittlung GmbH

MEDIAN Kliniken (K)

IDT Biologika GmbH

Städtische Werke Magdeburg GmbH (K)

Magdeburger Verkehrsbetr. GmbH (MVB)

VERBIO Vereinigte BioEnergie AG

SKW Stickstoffwerke Piesteritz GmbH

Finsterwalder Transport u. Logistik GmbH

TOTAL Raffinerie Mitteldeutschland GmbH

POLI-FILM Verwaltungs GmbH (K)

InfraLeuna Gruppe (K)

Georgsmarienhütte GmbH (K)

Novelis Deutschland GmbH

ThyssenKrupp P. Ilsenbg. GmbH

Industriemontagen Merseburg GmbH (K)

envia Mitteldeutsche Energie AG

GISA GmbH

Zellstoff Stendal GmbH (K)

Nemak Wernigerode GmbH

Verkehrsgewerbe

Chemische Industrie

Mail, Express, Logistik

Einzelhandel

Energie- u. Wasserversorgung

Energie- u. Wasserv., Abfall

Fotovoltaik

Braunkohlenbergbau

Kalibergbau

Verlagsgewerbe

Logistik

Dienstleistungen (Call Center)

Baugewerbe

Baugewerbe

Chemische Industrie

Fotovoltaik

IT-Dienstleistungen

Ernährungsgewerbe

Ernährungsgewerbe

Ernährungsgewerbe

Maschinen- und Anlagenbau

Metallindustrie

Kunststoffverarbeitung

Automobilzulieferung

Dienstleistungen (Call Center)

Kreditgewerbe

Metallindustrie

Dienstleist. (Gebäude)

Baugewerbe

Personenbeförderung

Dienstleistungen (Call Center)

Ernährungsgewerbe

Engineering, Maschinenbau

Dienstleistungen

Gesundheitswesen

Chemische Industrie

Energie- u. Wasserversorgung

Personenbeförderung

Biokraftstoffe

Chemische Industrie

Transport und Logistik

Mineralölverarbeitung

Kunststoffverarbeitung

Energie- u. Wasserversorgung

Eisen- und Stahlerzeugung

Metallindustrie

Automobilzulieferung

Anlagenbau, Baugewerbe

Energieversorgung

IT-Dienstleistungen

Herstellung von Zellstoffen

Gießerei

7.915

5.404

5.100

4.152

2.565

735

2.379

2.156

2.140

1.981

1.800

1.620

1.609

345

1.307

1.295

1.200

1.194

1.125

912

1.100

1.060

990

966

863

849

809

804

803

799

795

793

793

779

771

768

755

747

743

741

731

667

660

650

640

639

630

620

603

487

602

575

Umsatz

(in Mio. Euro)

(-)

4.637,0

(-)

2.224,1

554,6

111,0

1.354,2

387,1

(-)

112,8

(-)

50,5

344,6

66,0

877,6

207,9

52,3

405,8

766,0

756,1

224,2

1.046,1

105,4

337,4

35,1

(-)

534,7

15,8

93,6

36,6

18,2

114,8

173,0

16,1

53,7

109,8

410,8

27,8

520,6

509,7

64,0

5.743,0

374,0

309,0

238,7

598,2

157,0

53,8

(-)

70,2

414,6

87,2

Sitz

Magdeburg

Schkopau

Halle (Saale)

Magdeburg

Halle (Saale)

Halle (Saale)

Bitterfeld-Wolfen

Zeitz

Zielitz

Halle (Saale)

Haldensleben

Halle (Saale)

Halle (Saale)

Halle (Saale)

Barleben

Bitterfeld Wolfen

Magdeburg

Weißenfels

Weißenfels

Weißenfels

Magdeburg

Hettstedt

Gardelegen

Haldensleben

Magdeburg

Halle (Saale)

Ilsenburg

Halle (Saale)

Blankenburg

Halle (Saale)

Halle (Saale)

Lutherstadt Eisleben

Aken (Elbe)

Magdeburg

Flechtingen

Dessau-Roßlau

Magdeburg

Magdeburg

Zörbig

Lutherstadt Wittenberg

Halle (Saale)

Leuna

Weißandt-Gölzau

Leuna

Burg

Stadt Seeland

Ilsenburg

Merseburg

Halle (Saale)

Halle (Saale)

Arneburg

Wernigerode

**(K) = Konzernangabe

(-) = Keine Angabe

Im Dezember 2011 veröffentlichte die NORD/LB ihre aktuelle Studie zur Beschäftigungslage in Sachsen-

Anhalt. Im Mittelpunkt dieser Betrachtung steht das Ranking »Die 100 größten Unternehmen in Sachsen-

22 WIRTSCHAFT & MARKT 05/12


SERIE

und Dienstleistungssektor

REPORT

SACHSEN-ANHALT

Rang Unternehmen Branche Mitarbeiter

(2010)

49

50

52

53

54

56

57

58

59

60

61

63

64

65

66

67

68

70

71

72

73

74

75

76

77

78

79

80

81

82

83

84

85

86

88

89

90

91

91

93

94

95

97

98

Marseille-Kliniken AG

VEM Motors GmbH

Asklepios Kliniken Weißenfels-H. GmbH

Harzsparkasse

EVH GmbH

BIS Industrietechnik Ost GmbH

Weber Rohrleitungsbau GmbH & Co. KG

Salzlandsparkasse

Sparkasse Burgenlandkreis

Rotkäppchen Sektkellereien GmbH (K)

Lieblang Dienstleistungen GmbH

Stendaler Landbäckerei GmbH

Bayer Bitterfeld GmbH

MIFA Mitteldeutsche Fahrradwerke AG

KSB AG

Domo Caproleuna GmbH (K)

Trimet Aluminium AG

ROMONTA Gruppe (K)

Herrmann & Tallig Objektdienste GmbH

GETEC Energie Holding GmbH (K)

ESCO Europ. Salt GmbH & Co. KG

Stadtsparkasse Magdeburg

Rothenseer Rotorblattfertigung GmbH

E.ON Avacon AG

igepa Papiergroßhandel GmbH

reinEX Dienstleistungen GmbH

STRABAG AG

BIS Rohrleitungsbau GmbH

ThyssenKrupp Steer Tec GmbH

Altmärker Fleisch- u. Wurstwaren GmbH

NORD/LB Landesbank Sachsen-Anhalt

MIDEWA Wasserversorgungs-GmbH

Dessauer Versorg.- u. Verk.-GmbH (K)

Werkzeugmaschinenfabrik Zerbst GmbH

Sana Ohre-Klinikum GmbH

MDR

SIG Combibloc GmbH

Burger Küchenmöbel GmbH

Schiess GmbH

SKET GmbH

Kreissparkasse Börde

MITGAS GmbH

Westfälische Drahtindustrie GmbH

Milk-Snack Produktions GmbH

Lielje Gruppe (K)

Schunk Sintermetalltechnik GmbH

Linde AG Geschäftsbereich Linde Gas

WIESENHOF-Geflügel Möckern GmbH

Serum Werk Bernburg AG

Felswerke GmbH Goslar

S & G Automobil-GmbH

Emig GmbH & Co. KG

Gesundheitswesen

Maschinenbau

Gesundheitswesen

Kreditgewerbe

Energieversorgung

Anlagenbau, Instandhaltung

Baugewerbe

Kreditgewerbe

Kreditgewerbe

Ernährungsgewerbe

Dienstleistungen (Gebäude)

Ernährungsgewerbe

Chemische Industrie

Fahrradbau

Maschinenbau

Chemische Industrie

Metallindustrie

Energie, Bergbau

Dienstleistungen

Energiedienstleistungen

Salzbergbau

Kreditgewerbe

Maschinen- und Anlagenbau

Energieversorgung

Großhandel

Dienstleistungen (Gebäude)

Bauindustrie

Rohrleitungsbau

Automobilzulieferung

Ernährungsgewerbe

Kreditgewerbe

Wasserversorgung

Energie- u. Wasserversorgung

Maschinenbau (Werkzeuge)

Gesundheitswesen

Rundfunk, Fernsehen

Verpackungsindustrie

Möbelindustrie

Maschinenbau

Maschinenbau

Kreditgewerbe

Energieversorgung

Metallindustrie

Ernährungsgewerbe

Gesundheitswesen

Metallindustrie

Chemische Industrie

Ernährungsgewerbe

Chemische Industrie

Baustoffe

Kfz-Handel und -reparatur

Ernährungsgewerbe

556

550

550

548

547

541

541

539

534

531

527

511

491

491

475

465

464

456

442

436

436

429

422

419

415

406

404

401

400

399

397

393

390

382

381

380

373

371

371

365

364

352

346

346

342

340

331

331

328

323

323

323

Umsatz

(in Mio. Euro)

31,8

70,0

49,3

(-)

418,0

68,8

43,6

(-)

(-)

819,7

10,2

18,6

460,0

76,5

124,1

560,0

102,7

54,3

6,7

452,4

(-)

(-)

41,3

(-)

221,4

13,0

60,6

57,1

69,0

31,4

(-)

47,8

126,2

80,8

34,5

(-)

318,6

119,8

43,5

13,5

(-)

640,1

114,9

85,4

23,7

62,0

62,2

141,5

62,1

116,6

61,5

127,7

Sitz

Halle (Saale)

Wernigerode

Weißenfels

Wernigerode

Halle (Saale)

Leuna

Merseburg

Staßfurt

Zeitz

Freyburg

Braunsbedra

Stendal

Bitterfeld-Wolfen

Sangerhausen

Halle (Saale)

Leuna

Harzgerode

Seegeb. Mansfelder L.

Halle (Saale)

Magdeburg

Bernburg

Magdeburg

Magdeburg

Oschersleben

Queis

Magdeburg

Magdeburg

Bitterfeld Wolfen

Schönebeck

Stendal

Magdeburg

Merseburg

Dessau

Zerbst

Haldensleben

Magdeburg

Lutherstadt Wittenberg

Burg

Aschersleben

Magdeburg

Oschersleben

Kabelsketal

Rothenburg/Saale

Tangermünde

Bad Kösen

Thale

Leuna

Möckern

Bernburg

Elbingerode

Petersberg

Calvörde

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von: NORD/LB Regionalwirtschaft, Friedrichswall 10, 30159 Hannover

Anhalt«, welches W&M mit freundlicher Genehmigung zur Verfügung gestellt wurde. Die genannten

Unternehmensdaten resultieren aus dem Geschäftsjahr 2010.

WIRTSCHAFT & MARKT 05/12 23


SERIE

INTERVIEW

REINER HASELOFF,

Ministerpräsident

von Sachsen-Anhalt

Fotos: Lanxess, Archiv

Ja zur Braunkohle

W&M: Herr Ministerpräsident, die ostdeutschen

Kohleländer Sachsen-Anhalt, Sachsen

und Brandenburg wollen der Braunkohle ein

Comeback bescheren. Trotz Energiewende?

HASELOFF: Wegen der Energiewende!

Schon heute ist Braunkohle mit einem

Anteil von 30,8 Prozent der zweitwichtigste

Stromlieferant in Mitteldeutschland,

gleich hinter den Erneuerbaren

Energien mit 36,2 Prozent. Die Kosten

der Energiewende können mit der Abschaltung

aller deutschen Atomkraftwerke

bis 2022 nur erträglich gestaltet

werden, wenn in den nächsten Jahrzehnten

im Energiemix die subventionsfreie

Braunkohle mit einbezogen wird.

W&M: Konkret heißt das?

HASELOFF: Im Unterschied zu Erneuerbaren

Energien ist die Braunkohle rund

um die Uhr verfügbar. Sie macht uns

unabhängiger! Versorgungsengpässe,

die es in diesem Winter bei der Gasversorgung

gab, zeigen, wie wertvoll unsere

Braunkohle ist. Sie ist billiger! Bezahlbare

Energie ist die Basis für unseren

Wohlstand. Im Gegensatz zu Erdöl und

Erdgas, die knapper und teurer werden,

wird die Braunkohle vergleichsweise

preiswert produziert. Sie wird sauberer!

Zu DDR-Zeiten wurde alles verfeuert.

Seit 1990 wurden die durch Braunkohle

verursachten CO 2 -Emissionen Dank neuer

Technik fast halbiert. Nun wird sie

mit einem geringen Schwefelgehalt abgebaut.

Der Wirkungsgrad der verfeuerten

Kohle stieg von 30 auf 43 Prozent.

W&M: Was wollen Sie mit dem Projekt

»Innovative Braunkohlen Integration in

Mitteldeutschland – ibi – Stoffliche Nutzung

der Braunkohle« erreichen?

HASELOFF: Ziel ist die stärkere Nutzung

der Braunkohle als Rohstoff der chemischen

Industrie, so zur Herstellung von

Paraffinen oder Synthesegas. Rohstoffe

müssten nicht mehr in dem Maße wie

bisher importiert werden. Wir könnten

bis 20 Prozent über Braunkohle abdecken.

So verstehe ich die Entwicklung

eines Braunkohlen-Chemieparks in

Leuna bis 2020 als strategische Vision,

die auf die Forschungs- und Industriepolitik

für Mitteldeutschland ausstrahlt.

Traditionsreiche

Vergangenheit,

massiver Absturz, hohe Arbeitslosigkeit,

verheerende Umweltsünden,

weltweit einmaliger Strukturwandel. Zu

DDR-Zeiten haben verschlissene Chemiekombinate

dafür gesorgt, dass die Region

als eine der größten Dreckschleudern

verschrien war. Nach der Wende entstanden

Chemieparks, die Experten heute als

Vorzeigebeispiele der Erneuerung in

Europa preisen. Die Branche in Sachsen-

Anhalt trotzt den Herausforderungen,

behauptet sich. In diesem Jahr werden

viele Invest-Vorhaben auf den Weg oder

zum Abschluss gebracht.

CHEMIEPARK BITTERFELD-WOLFEN: 2011

sind auf dem 1.200 Hektar großen Areal

zehn Projekte umgesetzt oder begonnen

worden, so von Bayer und Lanxess. Dahinter

standen Investitionen in dreistelliger

Millionenhöhe. »Diese Entwicklung

wird sich auch 2012 fortsetzen«, sagt der

Geschäftsführer der P-D Chemiepark Bitterfeld

Wolfen GmbH, Matthias Gabriel.

Bislang flossen 500 Millionen Euro in

Straßen, Schienen, Rohrleitungen und in

die Altlastensanierung. Erst kürzlich ver-

REPORT

SACHSEN-ANHALT

Chemie-Industrie

Top-Firmen investieren

Die Chemiebranche behauptet sich. Unter den Industriebereichen

in Sachsen-Anhalt nimmt sie mit 14 Prozent am Gesamtumsatz

und neun Prozent an den Beschäftigtenzahlen vordere Plätze ein.

schwand mit der alten Schwefelsäurefabrik

eine der letzten Ruinen. Etwa

12.000 Mitarbeiter sind in den rund 360

Unternehmen beschäftigt. Ein Standort

mit funktionierender Verbundstruktur

und Synergieeffekten. Dennoch: Der hohe

Konkurrenzdruck aus China, massiver

Preisverfall in der Branche und Förderkürzungen

bedrohen die Existenz der

bei Thalheim konzentrierten Photovoltaik-Industrie.

LEUNA: Investitionen sollen zahlreiche

neue Arbeitsplätze bringen, zum Beispiel

beim Faserproduzenten Domo oder bei

der Firma Leuna-Harze. Der Geschäftsführer

der Standortgesellschaft Infra-

Leuna, Andreas Hiltermann, sieht die

Entwicklung positiv, »weil ansässige Unternehmen

sowie Neuansiedler Investitionsvorhaben

derzeit realisieren oder

angekündigt haben«. Der mit 1.300 Hektar

größte deutsche Chemiestandort hat

eine Rosskur hinter sich, ist wie Phönix

aus der Asche gestiegen. Wo marode Anlagen

standen, finden sich heute mehr

als 100 moderne Betriebe namhafter Investoren

mit insgesamt 9.000 Beschäftig-

24 WIRTSCHAFT & MARKT 05/12


SERIE

ten. Seit der Wende wurden in Leuna

sechs Milliarden Euro investiert. 120 Millionen

Euro kostete allein die neue

Entschwefelungsanlage der TOTAL Raffinerie

Mitteldeutschland GmbH – mit 5,7

Milliarden Euro Umsatz die Nummer

eins beim Top-100-Ranking der größten

Unternehmen Sachsen-Anhalts 2011.

DOW: Auf Platz zwei dieser Hitliste ist die

Dow Olefinverbund GmbH mit ihren

Werken in Schkopau, Teutschenthal,

Leuna und dem sächsischen Böhlen –

Umsatz zirka 4,6 Milliarden Euro. Das

Unternehmen hat inzwischen 1.900 Beschäftigte.

Seit 1998 betreibt der Olefinverbund

den ValuePark in Schkopau, 150

Hektar groß. Dort haben sich 20 nationale

und internationale Unternehmen angesiedelt

und über 1.000 Arbeitsplätze

geschaffen. Synergien für die Partner ergeben

sich aus der Integration des Materialflusses,

Schnelligkeit über die Lieferkette

in bereits bestehenden Infra- und

Logistikstrukturen, durch Verringerung

von Anlagen- und Betriebskapital und gemeinsam

genutzte Service-Funktionen.

Einen Schritt voraus sein will man mit

dem neuen Modultechnologiezentrum

des Fraunhofer-Centers für Silizium-Pho-

tovoltaik CSP auf dem ValuePark-Gelände.

Das »ist strategisch so ausgerichtet,

dass wir Solarmodul-, Geräte- und Materialherstellern

mit kompletten Forschungsdienstleistungen

schnelle und

flexible Lösungen anbieten können«, so

CSP-Leiter Prof. Jörg Bagdahn.

ZEITZ: In diesem Jahr soll mit dem Bau

eines zirka 130 Millionen Euro teuren

Gas- und Dampfkraftwerks begonnen

werden. Zudem wird ein Teil einer Bioraffinerie

fertig, die Investition beläuft

sich auf 13 Millionen Euro. Avisiert ist

der Bau einer Anlage zur Kunststoffaufbereitung.

Kosten 15 Millionen Euro.

Wolfgang Bauer, Geschäftsführer der

Infra-Zeitz Servicegesellschaft, erwartet

mit den geplanten Ansiedlungen ca. 100

Jobs. Im Burgenlandkreis gibt es 50 Firmen

mit 1.200 Beschäftigten.

PIESTERITZ: Etwa 60 Einzelvorhaben stehen

auf dem Gelände der SKW Stickstoffwerke

Piesteritz GmbH im Landkreis Wittenberg

mit einem Investitionsumfang

von 31 Millionen Euro an, so ein Unternehmenssprecher.

Die Firma mit 820

Mitarbeitern produziert jährlivh 4,8 Millionen

Tonnen Ammoniak und Harnstoff,

der in der Landwirtschaft als Dünger

verwendet wird. Die Stickstoffwerke

rangieren auf Platz 15 der Top 100 Sachsen-Anhalts.

Sie sind das Flaggschiff im

Agro-Chemischen Park mit 30 Firmen

und 1.500 Beschäftigten. Ein Erfolg ist die

Gründung des Agrochemischen Instituts

Piesteritz auf Initiative der Stickstoffwerke.

Das An-Institut der Martin-Luther-Uni

Halle-Wittenberg sorgt für eine nachhaltige

Stärkung der Innovationskraft.

FAZIT: »Die Chemieindustrie nimmt unter

den Industriebereichen des Landes

mit 14 Prozent am Gesamtumsatz und

neun Prozent an den Beschäftigtenzahlen

vordere Plätze ein«, sagt Wirtschaftsministerin

Birgitta Wolff. Die Investitionen

zeigten, dass es Entwicklungschancen

gebe. In der »klassischen« Chemie,

aber auch auf neuen Feldern wie der

chemisch-stofflichen Verwertung von

Biomasse oder Braunkohle. Nächstes

größeres Projekt ist bis 2020 die Entwicklung

eines Braunkohlen-Chemieparks in

Leuna, um die stoffliche Verwertung von

Braunkohle voranzutreiben.

Texte zum Report Sachsen-Anhalt:

Dana Micke

&

Die schlechte Nachricht:

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Und nun die gute

Nachricht:

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WIRTSCHAFT & MARKT 05/12 25


SERIE

Foto: Energieforum

Der Solarhersteller Q-Cells – das ist

eine unglaubliche Firmengeschichte.

Der helle Wahnsinn,

weil sich die Geldvermehrung hyperschnell

vollzog und die Geldvernichtung

gleich darauf noch rasanter: 1999 Start

in Thalheim, eingemeindet in Bitterfeld-

Wolfen. Die rot-grüne Bundesregierung

ist gerade ein Jahr im Amt, da gründen

vier Berliner Ingenieure, »schillernde«

Persönlichkeiten, das Unternehmen: Holger

Feist, Paul Grunow, Reiner Lemoine

und der Brite Anton Milner.

Es ist die Zeit des Aufbruchs der Solarbranche

in Deutschland. 2000 wird das

Erneuerbare-Energien-Gesetz verabschiedet

und damit der Grundstein für die

Milliardenförderung grünen Stroms gelegt.

In rekordverdächtigem Tempo montieren

die Deutschen Solaranlagen auf

ihre Dächer. Gestartet mit 19 Mitarbeitern,

hat das Unternehmen bald 3.000.

2005 erfolgt der Gang an die Börse. Da ist

das Unternehmen Ende 2007 elf Milliarden

Euro wert! Gilt als Kandidat für den

Dax – das erste potenzielle Dax-Unternehmen

aus Ostdeutschland. Die Aktie

kostet 80 Euro. 2008 wird Q-Cells als weltgrößter

Solarzellenproduzent gefeiert.

REPORT

SACHSEN-ANHALT

Solarbranche in der Krise

Quo vadis Q-Cells?

Preisverfall, Billigkonkurrenz und Förderkürzung: Deutschlands

Solarindustrie im Umbruch. Ex-Branchenprimus Q-Cells im sachsenanhaltinischen

Thalheim will aus der Insolvenz neu durchstarten.

Danach der Sturzflug. Im März 2010

tritt Anton Milner als Vorstandschef zurück,

übernimmt damit die Verantwortung

für das katastrophale Geschäftsjahr

2009. Auf den Posten beruft der Aufsichtsrat

im August Nedim Cen. Der Konzern

erholt sich 2010, erreicht 1,35 Milliarden

Euro Umsatz, verdient unterm

Strich 18,9 Millionen Euro. 2011 rutscht

Q-Cells wieder in die roten Zahlen, der

Verlust ist nun mit 846 Millionen Euro

fast so hoch wie der Umsatz. Der Vorstand

will mit einem drastischen Finanzund

Schuldenschnitt sanieren. Die Besitzer

von Anleihen über mehrere 100

Millionen Euro sollen zu den größten

Eigentümern des Konzerns werden.

Doch einige Gläubiger verlangen Bargeld,

zusammen nicht mal zehn Millionen

Euro. Entmutigt von einem Gerichtsurteil

in einem ähnlichen Fall des mittlerweile

insolventen Holzverarbeiters

Pfleiderer stellt Q-Cells im Frühjahr 2012

einen Insolvenzantrag.

Betroffen sind von den weltweit 2.200

Mitarbeitern 1.300, die Tochterfirma Solibro

mit 400 Jobs ist gleich um die Ecke.

Die Insolvenz hat Synergieeffekte, denn

Q-Cells in Thalheim nahe der A 9 Berlin-

München ist der Kern eines der größten

Solarstandorte Europas, »Solar Valley« –

mit insgesamt 3.500 Beschäftigten. Eine

Region bangt. Untergang oder Chance

auf Neuanfang? Das ist die Frage im

»Sonnental«. Einst dreckiges Braunkohlegebiet,

ziert es nun moderne Bauten aus

viel Glas und grauem Beton, kilometerlange

Straßen und streng bewachte

Zugänge zu den Werkshallen. Noch sind

Lieferfahrzeuge bei Tempo 30 unterwegs.

Ein Aufschrei geht indes durch die Nation.

Vor Q-Cells sind mit Solar Millennium,

Solon und Solarhybrid binnen

weniger Monate drei Solarkonzerne in

die Pleite geschlittert. Eine Debatte um

Schuldzuweisungen ist entbrannt: Preisverfall,

Billigkonkurrenz, Förderkürzungen,

Erneuerbare-Energien-Gesetz, Missmanagement.

Der Niedergang der deutschen

Solarindustrie legt ein unsinniges

Förderungssystem bloß, das ein paar Aktionäre

reich gemacht und eine ganze

Branche zerstört hat. Auf Kosten der

Stromkonsumenten.

In Deutschland werden Sonnen- und

anderer Ökostrom vorwiegend über völlig

überzogene Einspeisetarife in den

Markt gedrückt. Wer in das Fördersystem

hineinkommt, kann den gesamten so erzeugten

Strom 20 Jahre zu garantierten,

auch nach den jüngsten Kürzungen noch

weit über den Marktpreisen liegenden

Tarifen ins Netz einspeisen. Er ist eine

Art privilegierter Unternehmer, der eine

garantierte Rendite kassiert, während

ihm das unternehmerische Risiko per

Ökostromzuschlag von den Konsumenten

abgenommen wird.

SUBVENTION STATT INNOVATION

Ein absehbares Desaster, das sich nicht

auf die Kürzung der staatlichen Solarförderung

reduzieren lässt. Ja, die Art der

Kappung ärgert, kommt zu plötzlich,

doch die deutschen Solarkonzerne haben

sich in den vergangenen Jahren

zu sehr auf den milliardenschweren Beihilfen

ausgeruht: Subvention statt Innovation.

Ohne Neuentwicklungen und

Schutzwälle vor Chinas Dumpingpreisen

sind deutsche Solarproduzenten auf

dem Weltmarkt chancenlos. Die staatlich

gepamperte chinesische Solarindustrie

ist enteilt – unterstützt von deutschen

Stromkunden, die die billigen Anlagen

aus China bevorzugen und via

Erneuerbare-Energien-Gesetz deren Hersteller

mitfinanzieren. Absurd.

Der entscheidende Wendepunkt war

das Jahr 2008. Bis dahin erwies sich das

Solargeschäft als paradiesisch: mehr

Nachfrage als Angebot. Asien hat nachgerüstet.

Q-Cells hat zu spät erkannt, wie

sich der Markt entwickeln wird. Die Thal-

26 WIRTSCHAFT & MARKT 05/12


SERIE

heimer Produktionslinien erwiesen sich

bei der schnellen Entwicklung der Technologie

als zu teuer. Die Firma bezog

über langfristige Lieferverträge Silizium

zu überhöhten Preisen, dagegen zahlten

die Modulbauer immer weniger für die

Zellen. Erst im Sommer 2011 begann

Q-Cells, größere Teile seiner Produktion

nach Malaysia zu verlagern.

Schließlich verzettelte sich das Unternehmen

nach Expertenmeinung auch in

den verschiedenen Zell-Technologien. So

gründete Q-Cells Tochtergesellschaften,

von denen einige die klassische Silizium-

Technologie verfolgten, andere wiederum,

wie Calyxo oder Sontor, im technologisch

völlig anderen Bereich der Dünnschicht-Zellen

aktiv wurden.

Doch die Krise hat nicht nur den Branchenprimus

erwischt. Die Solarindustrie

muss Stärken ausloten: Technologien

entwickeln, Systeme anbieten. Sonnenstrom

ist derzeit nur zeitlich begrenzt

verfügbar, funktionierende marktfähige

Speichertechniken sind noch nicht am

Markt. Bei der Effizienz von Zellen erzielen

Forscher hierzulande immer wieder

Weltrekorde. Viel zu selten entstehen

daraus Produkte, die einheimischen Firmen

einen Wettbewerbsvorteil schaffen.

Sachsen-Anhalt setzt auf die wirtschaftsnahe

Solarforschung. Das Knowhow

ist da, gebündelt in Halle: Das

Fraunhofer-Institut für Werkstoffmechanik

IWM hat sich auf die Optimierung

und Bewertung von Silizium-Prozesstechnologien

und Modulintegration

spezialisiert. Das Fraunhofer ISE, Europas

größtes Solarforschungsinstitut, bietet

seine Kompetenzen in der Materialherstellung,

Solarzellen- und Modulentwicklung

an. Das Fraunhofer-Center für

Silizium-Photovoltaik CSP erhält einen

Neubau auf dem Weinberg Campus, bis

Mitte 2013 entsteht ein Zentrum für angewandte

Forschung in den Bereichen

Kristallisationstechnologien, Solarwafer

und Solarmodulprüfung.

GEFASSTE STIMMUNG

Was wird nun aus Q-Cells in Sachsen-Anhalt?

Mit dem Insolvenzantrag, so Ministerpräsident

Reiner Haseloff, sei bei Q-

Cells eine neue Lage entstanden, nun

könne eine Zukunftslösung für das Unternehmen

entwickelt werden. »Bisher

haben wir aus jeder großen Insolvenz

eine Fortsetzungslösung entwickelt.« Mit

Rechtsanwalt Henning Schorisch als

dem vorläufig bestellten Insolvenzverwalter

sei er in intensivem Kontakt. Er

wolle die Rolle des Landes als Gläubiger

nutzen, damit möglichst viele Jobs in der

Region erhalten blieben, sagt er. Sachsen-

Anhalt ist durch die staatliche Förderung,

die immer mit bestimmten Fristen

verbunden ist, Gläubiger des Konzerns.

Rechtsanwalt Henning Schorisch aus

Halle gilt als sehr erfahren und umsichtig.

Mit dem Management arbeitet er an

einem Plan zur Fortführung des Unternehmens.

Die Wege zu einer Sanierung

würden ausgelotet. Es gebe nun eine

Reihe von Möglichkeiten, die ohne eine

Insolvenz nicht zur Verfügung stünden.

Diese werden nach Möglichkeit eingesetzt.

»Wichtig ist dabei, dass die Lieferanten

und Mitarbeiter bei der Stange

bleiben«, so ein Sprecher von Schorisch.

Es werde alles unternommen, um die

Geschäfte fortzuführen und sich ein genaues

Bild von der Situation der Firma

zu machen. Nedim Cen bleibt Vorstandsvorsitzender

von Q-Cells. Alle Organe der

Gesellschaft arbeiten weiter. Löhne und

Gehälter sind bis Juni gesichert.

Betriebsratsvorsitzender Uwe Schmorl

schildert die Stimmung unter der Belegschaft

als »beeindruckend gefasst«. Die

Mitarbeiter würden abwarten.

&

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Purestock/Getty Images

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INTEGRATION | STÄRKE | ERFOLG

WIRTSCHAFT & MARKT 05/12 27


BERICHT

Illustration: R. Puschmann

Solarindustrie Ost

Vom Traum zum Trauma

First Solar, Q-Cells, Solon, Conergy, Odersun – ostdeutsche Solarfabriken machen reihenweise dicht,

sind angeschlagen oder schon pleite – Ostdeutschland, das sich mit dem Einzug der Solarindustrie

eine neue industrielle Basis schaffen wollte, droht eine große Hoffnung zu zerplatzen.

Mit Sonnentänzern aus Hawaii

und frischen Mettbrötchen ließ

Martin Patzelt (CDU) am 28.

April 2007 um 5:39 Uhr dem Sonnenaufgang

am Oderufer huldigen. Der damalige

Oberbürgermeister von Frankfurt

(Oder) hatte auch allen Grund dazu.

Schließlich nahmen wenige Monate später

am südlichen Stadtrand drei Solarfabriken

ihren vollen Betrieb auf und die

Zahlen dazu waren beeindruckend. Mehr

als 1.500 Menschen sollten hier in einem

ersten Bauabschnitt Arbeit finden und es

sollte mindestens eine halbe Milliarde

Euro investiert werden.

Unerhörte Nachrichten für eine Stadt,

die zu jener Zeit vor allem durch das

gescheiterte brandenburgische Vorzeigeprojekt

Chipfabrik von sich reden gemacht

hatte. Patzelt sah mit dem Einzug

der Solar-Modulhersteller endlich die

Chance, die depressive Stimmung unter

seinen Bürgern zu überwinden und

Frankfurt (Oder) wieder eine Zukunft zu

geben »Die Sonne ist die verlässlichste

Kraft. Deshalb glaube ich an die Solarindustrie

in unserer Stadt.«

5000 JOBS AKUT GEFÄHRDET

Vier Jahre später sieht die selbsternannte

Solarstadt im Osten Brandenburgs keine

Sonne mehr. Dienstag den 17. April,

Schlag 13 Uhr, redete Burghard von Westerholt

vor seiner Belegschaft Klartext.

Der Geschäftsführer von First Solar kündigte

an, dass sich der US-Konzern im

Herbst komplett aus Europa und damit

auch aus Deutschland zurückziehen werde.

Beim zweitgrößten Arbeitgeber in

Frankfurt (Oder), der in der Stadt zwei

Fabriken mit über 1.200 Beschäftigten

betreibt, gehen damit die Lichter aus. Zudem

müssen weitere 300 Arbeitskräfte

bei Zulieferern um ihren Job bangen. Das

aber ist nur ein Teil der bitteren Nachrichten

aus der Solarstadt. Odersun, die

kleinste der drei Solarfirmen mit 260 Beschäftigten

am Standort, meldete schon

im März Insolvenz an. Und der schon lange

schwer angeschlagene Solarhersteller

Conergy hat seine Belegschaft bereits auf

310 Personen halbiert. Noch läuft dort

die Bindungsfrist für die Fördergelder,

die Conergy erhalten hat – in Rede stehen

70 Millionen Euro. Peter Ernsdorf,

Regionalchef der IG Metall Ostbrandenburg,

befürchtet, dass sich das Hamburger

Solarunternehmen nach Ablauf dieser

Frist von der Modulherstellung gänzlich

verabschieden wird. Und damit

würden die einstigen Gebäude der Frankfurter

Chipfabrik, in die Conergy eingezogen

war, zum zweiten Mal zur Industrieruine

verkommen.

FINANZHILFEN IN CHINA

Frankfurt (Oder) ist kein Einzelfall.

In Bitterfeld-Wolfen, dem ostdeutschen

Solar-Valley, hat der einstige weltweite

Branchenführer Q-Cells ebenfalls Insolvenz

angemeldet und kämpft jetzt ums

nackte Überleben (siehe Seite 24). Schon

zuvor war in Berlin der Solarstar Solon in

die Pleite gefahren. Erst durch den Einstieg

arabischer Investoren konnte das

Unternehmen vor dem endgültigen Aus

gerettet werden. Andere Solarfirmen im

Süden und Nordosten Ostdeutschlands

schreiben herbe Verluste. Nur ist das

schon kein typisches ostdeutsches Problem

mehr. Fast überall auf der Welt

verlieren Solarfirmen jetzt Geld und Zukunft.

Der globale Konkurrenzkampf sei

»mörderisch« und müsse bald ein Ende

haben, warnt Frank Asbeck, Chef des

größten deutschen Solarkonzerns Solarworld,

der auch im sächsischen Freiberg

einen Produktionsstandort hat.

Und doch ist der Osten besonders betroffen.

Nirgendwo anders wurden soviel

Solarfabriken gebaut wie hier. Angelockt

von Millionensubventionen, sollten sie

eine neue industrielle Basis in den neuen

Ländern schaffen. Wenn schon der Anschluss

an die traditionellen Industriezweige

(old economy) des Westens nicht

wirklich gelinge, so die politischen Überlegung,

dann sollte der Osten zumindest

von dem profitieren, was manche Experten

als dritte industrielle Revolution

preisen: die Abkehr von den fossilen

Energieträgern. So wuchs – im übertragenen

Sinne – im Osten die Hoffnung auf

Licht. Jetzt aber, so scheint es, ist man

davon wieder Lichtjahre entfernt.

Vielleicht sogar schlimmer noch.

Zwar sind von den etwa 75.000 Arbeitsplätzen

in der ostdeutschen Solarindustrie

derzeit »erst« 5.000 Jobs akut bedroht.

Nicht wenige Experten aber sind

sich einig, dass »perspektivisch« der gesamte

Industriezweig zur Disposition

steht. Die Bundestagsabgeordnete Iris

Gleicke (SPD) warnt vor einer »Zerstörung

des Standorts Ost«. Brandenburgs

Wirtschaftsminister Ralf Christoffers

(Linke) sieht die Solarstadt Frankfurt

(Oder) wieder auf dem Stand von vor

zehn Jahren. Christoffers und nicht nur

er werfen der Bundesregierung vor,

durch eine verfehlte Förderpolitik im

Bereich Erneuerbarer Energien mühsam

erworbenes technologisches Know-how

aufs Spiel zu setzen. Wirksame Industrie-

28 WIRTSCHAFT & MARKT 05/12


BERICHT

politik, so der Tenor, finde in Deutschland

nicht mehr statt.

Die Krise hat viele Gründe. Jahrelang

profitierten Investoren und Solarfirmen

von einer hohen Förderung für den

Solarstrom. Zudem erhielten sie Millionen

aus vielen anderen Töpfen: aus Programmen

für regenerative Energien der

Staatsbank KfW, Programmen von Ländern

und Kommunen, aus der Exportinitiative

Erneuerbare Energien. Ebenso

wurden von der öffentlichen Hand Bürgschaften

übernommen, um zinsgünstig

finanzieren zu können. Das hatte positive

wie negative Folgen. Zwar erhöhte

sich der Anteil von Solarstrom hierzulande

bis heute nur auf vier Prozent. Zugleich

aber entstand ein Massenmarkt

für die junge Solarindustrie. Der aber hat

– und das ist die negative Seite der Förderung

– die Unternehmen in ihrem vermeintlichen

Paradies träge gemacht.

KÜRZUNGEN EINZIGER AUSWEG?

Statt den erzielten Gewinn zwecks neuer

Produkte und effizienterer Herstellungsverfahren

konsequent in Forschung und

Entwicklung zu investieren, steckten die

Unternehmen ihr dazugewonnenes Kapital

vor allem in den Ausbau ihrer billigen

Massenproduktion, um so den subventionierten

Absatz in die Höhe zu treiben.

Als dann mit wachsenden Stückzahlen

die Preise sanken, als mit immer

mehr neuen Anbietern auch der internationale

Wettbewerb in Gang kam, waren

viele deutsche Firmen schlecht dafür

konditioniert. Vor allem China, wo der

Staat die Solarindustrie mit massiven Finanzhilfen

und einer aggressiven Export-

Politik stützt, trat auf den Plan. Atemberaubend

erfolgreich: Inzwischen werden

nirgends auf der Welt so viele Solarmodule

gefertigt wie in China. Und viele

der chinesischen Billigmodule landen

auf deutschen Dächern und Freiflächen.

Von fairen Wettbewerb könne keine

Rede mehr sein, klagen die deutschen

Solarhersteller angesichts der schier

übermächtigen Billigkonkurrenz aus

China. Strafverschärfend für die Deutschen

kommt hinzu, dass ihnen der chinesische

Boom als Stromverbraucher

teuer zu stehen kommt. Um das Tor zum

Zeitalter der Erneuerbaren Energien aufzustoßen,

hat die Politik nicht nur die

Firmen gefördert, sondern auch die Abnahme

des im Vergleich zu fossilen Energieträgern

noch teuren Solarstroms mit

Hilfe des EEG-Gesetzes über Jahrzehnte

hinaus garantiert. Die dabei entstehenden

Kosten muss nun der Stromverbraucher

tragen – das sind schon jetzt über

die kommenden 20 Jahre hinweg mehr

als 100 Milliarden Euro.

Angesichts solcher Summen und des

zum Teil künstlich erzeugten Solarbooms

will die Regierung seit zwei Jahren

gegensteuern. Nur fällt ihr dazu

nichts Besseres ein als immer neue Kürzungen.

Dabei hätte sie ohne Not schon

vor Jahren umsteuern können: Statt die

Ansiedlung und den Solarstrom zu finanzieren,

hätte sie die Firmen mit Finanzhilfen

anspornen müssen, ihre Forschung

und Entwicklung zu forcieren,

um mit neuen Produkten und neuen

Herstellungsverfahren wettbewerbsfähig

zu bleiben. Stattdessen aber zieht die

Politik einfallslos den Stecker.

ZUSTIMMUNG IM BUNDESRAT FRAGLICH

Die Folge: Für die ostdeutsche Solarindustrie

geht es jetzt ans »Eingemachte«,

wie Sachsen-Anhalts Ministerpräsident

Reiner Haseloff (CDU) betont. »Wir

müssen jetzt vermeiden, dass das Ganze

wie ein Kartenhaus zusammenfällt.«

Sachsen-Anhalt und Thüringen drohen

darum, die schon im Bundestag gebilligte

weitere Kürzung der Solarförderung

um bis zu 40 Prozent im Bundesrat

abzulehnen und den Vermittlungsausschuss

anzurufen.

»Wir brauchen noch Zeit, fünf bis

sechs Jahre, dann sind wir mit dem Solarstrom

nicht mehr teurer als die konventionellen

Stromerzeuger«, so Peter Frey,

Geschäftsführer der Solar Valley GmbH,

einem Netzwerk der mitteldeutschen

Solarindustrie. Auch die Solarindustrie

selbst werde dann ohne staatliche Hilfen

konkurrenz- und auf Dauer lebensfähig

sein. Freys Szenario dazu: Erhöhung der

Exportquote von 60 auf 80 Prozent durch

leistungsfähigere Produkte und neue

Verfahren. Dabei komme es darauf an,

nicht nur in mehr Forschung und Entwicklung

zu investieren, sondern auch

in komplette Systemlösungen. Die Zukunft

in Deutschland, so Frey, liege nicht

in Großanlagen, sondern in dezentralen

hocheffizienten Insellösungen, wo der

Transport des Solarstroms entfällt.

KRITIK AN UNSTETER POLITIK

Auch Thoralf Schapke, Chef des Netzwerkes

Solarregion Berlin-Brandenburg,

ist überzeugt, dass die Firmen mit einer

»durchdachten Systemintegration« verlorenen

Boden wieder gut machen können.

Darum müsse vor allem die Erforschung

und der Ausbau neuer Geschäftsfelder

wie Speichertechnologien künftig

gefördert werden. Schapke sieht in der

Unstetigkeit der Politik eine Ursache

dafür, dass nun mehr und mehr Investoren

sich vom deutschen Markt zurückziehen.

»Sie haben in Deutschland einfach

keine Planungssicherheit mehr.«

In der ostdeutschen Branche, und

nicht nur dort, kreist jetzt die Frage: Wer

stirbt als nächster? In Frankfurt (Oder)

aber will sich Martin Wilke, Patzelts

Nachfolger im Amt, mit solch einer Frage

nicht beschäftigen. »Der Rückzug von

First Solar ist gewiss ein harter Schlag für

unsere gesamte Stadt und auch für das

Land«, sagt Wilke und gibt sich dennoch

zuversichtlich. Schließlich habe die

Stadt bereits in der Vergangenheit andere

schwierige Situationen gemeistert.

»Wir sind«, so der OB, »daraus immer wieder

gestärkt hervorgegangen.«

Der vermeintliche Solarboom in

Frankfurt (Oder) hatte die Ostbrandenburgische

Region laut Londoner Finanzzeitschrift

fDi unter die 25 zukunftsträchtigsten

Regionen in Europa gebracht.

Spätestens mit dem Aus von First

Solar ist es damit erst einmal vorbei.

Damals am Oderufer zu Patzelts Zeiten

tanzten die Künstler aus Hawaii bei Sonnenaufgang

den polynesischen Weg zur

Heilung und Harmonie. OB Wilke könnte

die Tänzer wieder gut gebrauchen.

Steffen Uhlmann

&

WIRTSCHAFT & MARKT 05/12 29


SPECIAL

ALLROUNDER: FIAT Ducato

SCHICK: Ford Tourneo

Fotos: Hersteller

W

ährend die Hersteller schwerer

Nutzfahrzeuge seit Monaten

den Rückwärtsgang eingelegt haben,

geben die Anbieter von Transportern

kräftig Gas. Bei Handwerksbetrieben,

Lieferanten und Dienstleistern erfreuen

sich die praktischen Lastenesel

fürs Gewerbe großer Beliebtheit. Im städtischen

Verteiler- und Lieferverkehr kommen

verstärkt Transporter mit sparsamen

Dieselmotoren und umweltfreundlichen

Antrieben zum Einsatz. In- und

ausländische Hersteller der leichten

Nutzfahrzeuge warten mit interessanten

und innovativen Neuheiten auf.

CITROËN STÄRKT DEN JUMPY

Mit 163 PS und 340 Newtonmeter (Nm)

Drehmoment trumpft die brandneue

Euro-5-Topmotorisierung im Citroën

Jumpy HDi 165 auf. Dazu gehört, der

Vierzylinder erfüllt die Abgasnorm Euro

5. Derart gerüstet, zielt Citroën vor allem

auf die Eiligen im Gewerbe. Die können

sich zudem über ein Cockpit mit ausreichend

Ablagen freuen. Der Bedienturm

in der Mitte des Armaturenbretts sorgt

dafür, dass Radio, Lüftung und die kleine

Ablage darin vom Fahrerplatz aus gut

zu erreichen sind. Das gilt auch für den

ergonomisch günstig positionierten Joystick-Schalthebel

des Sechsgang-Getriebes.

Serienmäßig verfügt der Jumpy als

Kastenwagen über eine Beifahrer-Doppelsitzbank.

Nach außen signalisiert der

Franzose britisches Understatement.

Der Jumpy war zuvor schon mit 120 PS

ordentlich motorisiert. Der Leistungssprung

von 44 PS und das um 40 Newtonmeter

höhere Drehmoment sind aber

Transporter

Schick und kräftig

Transporter gelten als die Lastenesel des kleinen Gewerbes.

Die Nutzfahrzeughersteller bieten eine große Typenvielfalt.

W&M-Autor Hans-Jürgen Götz hat sich am Markt umgesehen.

deutlich spürbar. Auch bei voller Beladung

ist der Jumper in seinem Element.

Die Höchstgeschwindigkeit liegt laut

Citroën bei 170 km/h und auch der Verbrauch

kann sich sehen lassen: An die

sieben Liter pro 100 Kilometer werden

durch die Einspritzdüsen gesprüht. Beim

CO 2 -Ausstoß bleibt er mit einem Wert

von 179 Gramm pro Kilometer deutlich

unter der 200-Gramm-Marke. Mit einem

Grundpreis von 25.900 Euro liegt der

Jumpy HDi 165 als Kastenwagen L2H1

um 2.350 Euro über dem HDi 120.

VW CADDY MIT ELEKTROANTRIEB

Ein neues Kapitel beim Elektroantrieb

schlägt Volkwagen mit dem Kleintransporter

Caddy Blue-E-Motion auf. In Berlin

ist er bereits in den Praxisversuch gestartet

und stellt seine Vorzüge unter Beweis:

abgasfrei, flüsterleise und sehr schnell.

E-Motoren haben konzeptbedingt vollen

Schub vom Start weg. Mit max. 115 kW

und 270 Nm Drehmoment hängt der

E-Caddy konventionelle Transporter mühelos

ab. Antrieb und Batterien kommen

aus hauseigener Fabrikation.

Der Unterboden des E-Caddy Maxi bietet

Platz für einen großen Satz Lithium-

Ionenbatterien in einer Wanne: In 96

Zellmodulen sind 288 prismatische Zellen

versammelt. Macht zusammen eine

respektable Kapazität von 26 kWh.

Unter der Motorhaube ruht der zylinderförmige

Synchronmotor. Über ihm

thront ein mächtiges Ladegerät. Die

Steckdose des E-Caddy verbirgt sich hinter

der Tankklappe. Der Zündschlüssel

zündet hier nichts, kein Starter wummert.

Nur der elektromechanische Schalter

klackt hörbar, dann summt der Motor

dezent. Anstelle des Drehzahlmessers

gibt eine Ladeanzeige Auskunft über den

Betriebszustand. Die klassische Tankuhr

im Tacho ist auch hier in Funktion, nur

ist sie durch einen Stecker gekennzeichnet

und meldet die verbleibende Stromkapazität.

An die Stelle der Anzeige für

die Kühlmitteltemperatur tritt ein Hinweis

auf die verbleibende Reichweite.

Über eine Taste in der Mittelkonsole

kann der Fahrer zwischen drei unterschiedlichen

Fahrprogrammen wechseln.

Er hat die Wahl zwischen Sparen

und Spurten: »Normal« steht für eine

Höchstgeschwindigkeit von 115 km/h,

30 WIRTSCHAFT & MARKT 05/12


SPECIAL

BELLA FIGURA: Opel Combo

DAUERBRENNER: VW Caddy

»Komfort plus« erlaubt 135 Sachen, »Range

plus« ein Tempo von 105 km/h. Im Mittel

hat der E-Caddy knapp 100 Kilometer

Reichweite.

FORD BRINGT NEUEN TOURNEO

Noch 2012 kommt Ford mit dem neuen

Tourneo Custom auf den Markt. Er soll einen

»Vorgeschmack« auf eine Generation

neuer leichter Ford-Nutzfahrzeuge geben.

Zu den augenfälligen äußeren Merkmalen

des neuen Transporters gehören

eine zum Heck hin steil ansteigende

Fensterlinie, ein breiter, trapezförmiger

Kühlergrill und ausgestellte Radläufe. Innen

setzt er auf Pkw-ähnlichen Komfort

mit einer neu gestalteten Mittelkonsole.

Den Tourneo Custom wird es mit kurzem

oder langem Radstand geben. Den

Antrieb übernimmt der 2,2-Liter-TDCI

von Ford in drei Leistungsvarianten: mit

100 PS (max. Drehmoment: 310 Nm), mit

125 PS (350 Nm) sowie mit 155 PS und

385 Nm. Alle Varianten entsprechen der

Euro-5-Abgasnorm. Für die 125-PS-Variante

gibt Ford den Verbrauch mit 6,9 Litern

pro 100 Kilometer an.

Neben zahlreichen Assistenzsystemen

soll es im Tourneo auf Wunsch auch das

sprachgesteuerte Kommunikations- und

Entertainmentsystem SYNC geben. Teil

davon ist ein Notfall-Assistent, der nach

einem Unfall automatisch Rettungskräfte

ruft und dabei die genaue Position des

Fahrzeugs mitteilt.

DACIA STARTET MIT HOCHDACH-KOMBI

Mitte des Jahres bringt die rumänische

Renault-Tochter Dacia einen eigenen

Hochdachkombi namens »Dokker« auf

den Markt. Damit bekommt der Renault

Kangoo einen direkten Mitbewerber, der

mit weniger als 9.000 Euro deutlich

günstiger ist. Mit einer Länge von 4,35

Metern liegt der Dokker zwischen den

beiden Versionen des Kangoo (4,21 Meter)

und Grand Kangoo (4,59 Meter) und

ist kürzer als der neue Dacia-Van Lodgy.

Zwei Schiebetüren und eine asymmetrisch

geteilte Hecktür sollen das Beladen

für Gewerbetreibende einfach gestalten.

Neben einer Handwerker-Version

mit viel Stauraum soll aber auch ein Siebensitzer

offeriert werden. Als Antrieb

werden die schon bekannten Motoren

aus dem Konzernregal genommen. Die

1,5-Liter-Selbstzünder leisten 90 PS und

110 PS. Die 1,6-Liter-Benziner kommen

auf 62, 85 und 115 PS.

VW ERWEITERT AMAROK-PALETTE

Mit neuen Versionen stellt VW Nutzfahrzeuge

das Modellprogramm des bisher

nur mit einer Doppelkabine erhältlichen

Pick-up breiter auf. Vor allem auf die

Einzelkabine haben gewerbliche Käufer

gewartet, die ihren Pick-up als Arbeitstier

nutzen und eine größere Ladefläche

brauchen. Die wächst nun um 65 Zentimeter

auf 2,20 Meter Länge beziehungsweise

3,57 Quadratmeter Fläche, was

locker für zwei Euro-Paletten reicht. Es

bleiben sogar noch 60 Zentimeter für anderes

Ladegut übrig.

Das Fahrgefühl im Amorak kommt

nicht nur wegen der hohen Sitzposition

dem eines kommoden SUV sehr nahe.

Selbst allzu flott angegangene Kurven

treiben dem Fahrer nicht so schnell

Schweiß auf die Stirn. Ohne mit dem

Heck zu schieben oder die Kabine stärker

zu neigen, zieht der Offroader seine

Bahn. Dabei verteilt ein Torsen-Differenzial

die Antriebskräfte variabel zwischen

Vorder- und Hinterachse, im Normalbetrieb

im Verhältnis 40:60. Der hoch-

wertige Innenraum, das Pkw-ähnliche

Cockpit, ein in Höhe und Reichweite verstellbares

Lenkrad oder Kopf-/Thorax-Airbags

zeigen zudem, dass Pick-ups längst

mehr sein sollen als Schwerarbeiter.

Wobei der Amarok durchaus für Ausflüge

in schweres Gelände taugt. Dank Offroad-ABS,

elektronische Bergabfahrhilfe

und mechanischen Hinterachssperren

meistert der Amorak problemlos steilste

Wege.

Special

OPEL COMBO STECKT IM FIAT-KLEID

Der neue Opel Combo kommt im Kleid

des Fiat Doblò daher. Dass diese Kooperation

mit den Italienern der Baureihe gut

tut, zeigt der 135 PS starke Combo 2.0

CDTI. Optisch stellt der neue Lieferwagen

seinen Vorgänger auf Basis des Opel

Corsa in den Schatten. Deutlich stimmigere

Proportionen, die großen Klarglasleuchten

und vor allem die bulligen Ausbuchtungen

der Radkästen lassen die

Nähe zum Nutzfahrzeug ziemlich deutlich

verschwinden.

Für innen gilt das nur bedingt. Zwar

gibt der bequeme Einstieg auf akzeptable

Sitze schon mal Pluspunkte. Das

optische Erlebnis ist dagegen nur etwas

für Leute, die Funktion stets vor Anmut

wählen. Harter Kunststoff dominiert, ist

dafür aber passgenau verarbeitet und in

pflegeleichtem Schwarz. Viel zu probieren

gibt es nicht. Die Bedienungseinrichtungen

sind übersichtlich, erklären sich

von selbst. Das Lenkrad wirkt angesichts

der enormen Kopffreiheit sehr klein,

dient aber begriffsgemäß vorwiegend

der Lenkung und nicht der Fahrzeugbedienung

– dank weniger Knöpfchen oder

Rädchen. Alles in allem ein stimmiger

und handlicher Liefer-Kombi für Cityund

Überlandtouren gleichermaßen.

WIRTSCHAFT & MARKT 05/12 31


SPECIAL

Transporter-Leasing:

Nutzwert ist entscheidend

Angebotsvergleiche zahlen sich in vielfacher Weise meistens aus

NOBEL: Citroën Jumpy

FIAT DUCATO MACHT AUF ERDGAS

Umweltfreundlich und zugleich leistungsstark

ist der Fiat Ducato Natural

Power unterwegs. Denn der Italo-Transporter

bringt Fahrer und Ladung weiter

als andere: Das erdgasbetriebene Nutzfahrzeug

hat eine Reichweite von über

400 km im Gasbetrieb und einen zusätzlichen

Benzintank für weitere 100 km –

inklusive freier Fahrt in allen deutschen

Umweltzonen. Größtmögliche Sicherheit

garantiert die Unterfluranordnung

der Gasflaschen unter dem Fahrzeugboden

– bei voller Ausnutzung des Laderaums

von bis zu 15 Kubikmetern. Mit

niedrigsten Abgas- und Geräuschemissionen

schont sein Dreiliter-Turbomotor

darüber hinaus nicht nur die Umwelt,

sondern dank stark reduzierter Kraftstoffkosten

auch das Portemonnaie des

gewerblichen Besitzers.

NISSANS NV400 BIETET FLÄCHE

Mit dem neuen NV400 mischt Nissan

nach längerer Pause wieder in der Klasse

der großen Transporter mit. Wahlweise

mit Front- oder Heckantrieb gibt sich der

Japaner vielseitiger denn je. Mit Gesamtgewichten

von 2,8 bis 4,5 Tonnen steht

der mittelschwere Transporter als Kastenwagen,

Kombi und Pritschenwagen

mit Nutzflächen zwischen acht und 17

Quadratmetern zur Wahl. Hinzu kommen

diverse Varianten einschließlich

Kipp- und Kühlaufbauten. Neu ist der von

Partner Renault entwickelte 2,3-Liter-

Turbodiesel, den es in drei Leistungsstufen

mit 100, 125 und 146 PS gibt. Der

Vierzylinder mit Partikelfilter ist nach

Euro 5 eingestuft.

Beim 3,5-Tonner hält das 146-PS-Triebwerk

den Transporter spielend in Trab.

Der Frontantrieb hat im Fahrbetrieb keine

Einflüsse auf die Lenkung. Trotz des

langen Radstandes ist der NV400 dank

guter Rundumsicht ein sehr handliches

Fahrzeug. Weiteres Plus: die perfekte

Geräuschdämmung des Motors. &

Während beim Pkw-Leasing das Markenimage

die Hauptrolle spielt, dreht sich

bei der Auswahl des optimalen Transporters

alles um den Nutzwert. Hilfreich für

die richtige Beschaffungsentscheidung

ist es daher, vorab ein Einsatzprofil mit

genauem Bedarf zu erstellen. Damit aus

der Vielzahl der Transporter-Angebote

auch das passende gewählt wird, ist fachliche

Beratung notwendig.

Für die optimale wirtschaftliche Lösung

kann bereits ein Wechsel auf Importmarken

mit den gleichen Leistungen

helfen und spürbare Kosteneinsparungen

bringen. Markenunabhängige Gesellschaften

tun sich in der Beratung oft

leichter als Herstellergesellschaften, da

sie neutral die Kundenbelange präferieren

und weniger eine Hausmarke.

Günstig ist es auch, wenn Innenausbauten

von einem Fahrzeug ins nächste

übernommen werden können. Regale

großer Hersteller wie Bott oder Sortimo

eignen sich in der Regel für Karosserien

verschiedener Transportertypen. Das Leasing

kann passend gestaltet werden.

Die Schadenbewertung am Ende des

Leasingvertrags erfordert Flexibilität. Die

Transporter unterliegen völlig anderen

Nutzungsbedingungen als Pkw. Spezielle

Transporterkriterien sind Schrammen,

Kratzer oder Verformungen in der Innenverkleidung

des Laderaums, Abrieb auf

der Ladekante oder Schrammen und

Kratzer auf dem Ladeboden. Sie gelten

als normale Abnutzung.

VORTEILE BEIM LEASING

Sie tätigen Investitionen, ohne Eigenkapitaleinsatz

und schonen Ihren Kreditrahmen.

Sie vermeiden äußere Einflussnahmen

und bewahren sich Ihre unternehmerische

Bewegungsfreiheit, da Sie

Ihre Liquidität behalten. Dies ist nicht

der Fall, wenn Sie über eine Bank leasen

oder finanzieren. Dort wird der Kreditrahmen

um jeden Finanzierungsbetrag

geschmälert. »Fremd-Leasen« kann daher

sehr nützlich sein – es schont auf jeden

Fall die Linien bei der Hausbank! Leasing

lohnt sich vor allem auch steuerlich.

FEST KALKULIERBARE KOSTEN

Die Leasing-Raten sind über den Vertragszeitraum,

auch bei steigenden Zinsen,

unveränderbar. Damit haben Sie die

Möglichkeit einer langfristigen Planung

auf fester Kostenbasis.

KOSTEN-NUTZEN-EFFEKT

Ein anzuschaffendes Wirtschaftsgut sollte

einen Ertrag erwirtschaften, der mindestens

seine Anschaffungskosten abdeckt.

Durch Leasing erreichen Sie das,

denn ein geleaster Transporter erfüllt

diese Anforderung in geradezu idealer

Weise. Monat für Monat erwirtschaftet

er die Leasingrate und den kalkulierten

Überschuss. Er finanziert sich somit laufend

selbst und erspart Ihnen jede finanzielle

Vorleistung.

STEUERERSPARNIS

Die Leasing-Rate ist in der Regel steuerlich

voll absetzbar. Dadurch kann es für

ertragsstarke Unternehmen sehr sinnvoll

sein, durch kurze Vertragslaufzeiten und

niedrige Restwerte auf hohe Leasing-Raten

zu kommen. Da die Leasingraten in

der Regel voll als steuerlicher Aufwand

gewertet werden, kann derjenige Teil der

Leasingraten, der die normalen Absetzungen

für Abnutzungen übersteigt, aus

ersparter Steuer finanziert werden.

VERTRAGSABWICKLUNG

Die Laufzeit eines Leasingvertrages darf

sich gemäß der Leasing-Erlasse nur zwischen

40 bis 90 Prozent der Abschreibungsdauer

bewegen. Wenn diese wie

bei Fahrzeugen zum Beispiel 72 Monate

beträgt, ergibt sich daraus eine mögliche

Laufzeit für den Leasingvertrag von 29

bis 64 Monaten.

Den Kauf des Fahrzeugs leiten Sie in

die Wege. Sie können also mit dem Lieferanten

Ihrer Wahl völlig frei verhandeln.

Entsprechend können Sie sich Rabatte

und andere Zugeständnisse ausbedingen,

die Ihnen dann durch Leasing nicht

mehr verloren gehen.

Für die Abwicklung eines Vertrages

benötigt die Leasingfirma eine Firmenund

eine Bankauskunft. Bei höheren

Anschaffungswerten kann es erforderlich

sein, dass Einblick in die wirtschaftlichen

Verhältnisse (Bilanz etc.) genommen

werden muss. Bei natürlichen Personen

ist zusätzlich eine Schufa- und

Selbstauskunft erforderlich.

Die Unterhaltung des geleasten Fahrzeugs,

also die Kosten für den Betrieb,

zum Beispiel für Wartung, Steuern und

Versicherung, obliegt Ihnen.

Beim Fahrzeugleasing wird der Leasingnehmer

in aller Regel als Halter in

den Kfz-Brief eingetragen.

32 WIRTSCHAFT & MARKT 05/12


MIETTRANSPORTER

Kostengünstige Alternative

Mietfahrzeuge büßen auch in wirtschaftlich

guten Zeiten nichts an Attraktivität

ein. Unternehmen müssen sich nicht

langfristig an einen Fuhrpark binden und

Spezialfahrzeuge können je nach Auftrag

kurzfristig zugebucht werden. Service-

Leistungen wie Wartung und Reparatur

machen Vermietangebote zusätzlich

interessant.

2011 war für Vermietgesellschaften ein

starkes Jahr. Doch auch in den ersten

Monaten des Jahres 2012 melden die

Unternehmen eine hohe Mietauslastung.

Die Konkurrenz ist groß und der Bedarf

an Fahrzeugen branchenspezifisch sehr

unterschiedlich. Besonders im Bau-,

Liefer- und Entsorgungsgewerbe besteht

nach wie vor eine große Nachfrage. Dabei

stehen kurz- bis mittelfristige Vermietungen

hoch im Kurs. Die Mietdauer beträgt

meist zwischen drei bis zwölf Monaten.

Neben Kurzzeitvermietungen sind zunehmend

flexible Vermietmodelle gefragt.

Dies bestätigt auch Mercedes-Benz Charterway.

Das Berliner Unternehmen bietet

deshalb ein spezielles Modell für Transporter

an, bei der eine kurzfristige Kündigung

ohne eine Vorfälligkeitszahlung möglich

ist. Der Unternehmer zahlt eine Pool-

Miete und hat so je nach Auftrag Zugriff

auf modernste Fahrzeuge mit dem vollen

Serviceumfang einer Langzeitmiete.

Der Service ist dabei ein wichtiger, mietentscheidender

Faktor. Die Vorteile liegen

auf der Hand, denn Zusatzleistungen

wie Reparaturen, Wartung, Versicherung,

Steuern und Reifenservice verringern

den Verwaltungsaufwand.

Durch das immer dichter werdende Netzwerk

an Stützpunkten und Vertragspartnern

nimmt das Leistungsangebot weiter

zu. Für den Fall, dass der Fahrer technische

Unterstützung benötigt, bieten

mehrere Vermietgesellschaften einen

24-Stunden-Pannen-Notruf. Hierzu gehört

im Schadensfall in der Regel ein Ersatzfahrzeug,

Reifen- und Pannenservices

sowie ein Hol- und Bringservice für die

angemieteten Fahrzeuge.

Neben dem Service-Angebot und flexiblen

Mietmodellen nimmt auch die Nachfrage

nach umweltfreundlichen und wirtschaftlichen

Fahrzeugen zu. Einzelne Vermieter

bieten deshalb Euro 5- und Euro 6-Fahrzeuge

an. Alternative Antriebe jedoch sind

bislang noch kein Thema. Nur Mercedes

bietet neben einem Hybrid-Atego auch

einen Sprinter-Fuhrpark mit bivalenten

Motoren an. Zur Auswahl stehen Erdgas-

Benzin- oder Flüssiggas-Benzin-Antriebe.


ANALYSE

Eine »neue Liebe zum Dollar« wollte

das »Handelsblatt« unlängst entdeckt

haben, nachdem der Euro

schwächelt. Die Argumente der Fans von

Anlagen jenseits des großen Teichs sind

nicht neu: Der riesige Binnenmarkt, der

die US-Wirtschaft bislang immer wieder

aufgerichtet hat, die Funktion der US-

Währung als Grundlage für die Preisbildung

bei Öl und anderen Rohstoffen

sowie die positive demografische Entwicklung

der US-Bevölkerung.

Doch das ist Schnee von gestern und

der liegt – bildlich gesprochen – auch

noch ziemlich hoch. Denn die USA

stecken bis über den Hals in Schulden

und machen kaum Anstalten, das zu

ändern. Im unverwüstlichen amerikanischen

Optimismus setzt der derzeitige

US-Präsident – wie fast alle seine Vorgänger

– darauf, dass die USA aus dem Schuldensumpf

herauswachsen werden. Das

hat in der jüngeren Geschichte nur einmal

richtig geklappt und zwar nach dem

Zweiten Weltkrieg, als eine kraftvolle US-

Industrie die ruinierten Länder Europas

aufpäppelte und dabei prächtig verdiente.

Heute ist die US-Industrie weder kraftvoll

noch benötigen die Wachstumsstars

von heute die Hilfe der USA.

RISKANTES PFLASTER USA

Der Blick auf die US-Wirtschaft durch die

Euro-Brille offenbart, dass die ehemalige

führende Wirtschaftsmacht des Westens

heute zu den schweren Problemfällen

gehören würde, wäre sie Mitglied des

Euro-Clubs. Mit einem weiteren Defizit

im laufenden Jahr von fünf bis sechs Prozent

beträgt die Staatsschuldenquote

mehr als 110 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Der nächste Präsident wird

ums Sparen nicht herum kommen. Bisher

sichert die US-Notenbank mit milliardenschweren

Stützungskäufen die Liquidität

der Geschäftsbanken und kauft

Staatsanleihen. Das macht die Europäische

Zentralbank ähnlich. Das schwächt

die Währungen, den Dollar ebenso wie

den Euro.

Frank Laufenburg von der SEB Asset

Management AG rät deshalb apodiktisch:

»Hände weg von US-Staatsanleihen«. Die

Schulden der US-Bundesstaaten würden

bislang von den Ratingagenturen nicht

in die Gesamtverschuldung der USA

eingerechnet. Bei Pleiten wichtiger Bundesstaaten

– beispielsweise im hoch

verschuldeten Kalifornien – müssten die

USA ähnliche Stützungsmaßnahmen

wie die Europäische Union gegenüber

Griechenland ergreifen. Würden die

Schulden der amerikanischen Gebietskörperschaften

– wie bei Bonitätsprüfungen

von Euro-Staaten üblich – in den

Finanzmärkte 2012

Renminbi

versus

US-Dollar

Die Krise des Euro zeigt:

Bei Währungen sollten Anleger

diversifizieren. Üblicherweise

wird immer der Dollar als

Alternative gepriesen. Das

kann jedoch ins Auge gehen,

denn viel besser als die europäischen

Pleitestaaten stehen

die USA auch nicht da.

PROGNOSE

China weit vorn

BIP-Prognose (in Mrd. US-Dollar)

China

USA

Indien

EU-5

Brasilien

Russland

Großbrit.

Japan

Frankreich

Deutschland

0 40.000 80.000

Quelle: Goldman Sachs

Gesamtschuldenstand eingerechnet, kämen

die USA ungefähr auf die Bonität

Portugals. Doch während bei portugiesischen

Staatsanleihen das Risiko mit

einem Renditeaufschlag eingepreist

wird, ist dies bei US-Papieren nicht der

Fall. »US-Staatsanleihen bieten Anlegern

weder Rendite noch Sicherheit und

schon gar keinen Rettungsschirm«, urteilt

der SEB-Analyst.

Wenn es der Dollar nicht ist und der

Euro auch nicht, in welche Währungsnester

sollen Anleger also die Eier legen?

Die Antwort ist verblüffend und für viele

Anleger gewöhnungsbedürftig. Doch

viele Unternehmen und Kapitalanlagegesellschaften

machen es vor und investieren

in Staats- und Firmenanleihen, die

im chinesischen Renminbi notieren.

Wenngleich China Kapitalverkehrskontrollen

aufrecht erhält, gab es in den letzten

Jahren eine ganze Reihe Öffnungsschritte

am Kapitalmarkt.

In der Summe stellen diese einen

deutlichen Fortschritt dar und sind

nicht zuletzt auch zum Nutzen internationaler

Anleger. Hintergrund der Liberalisierungsschritte

ist der Versuch Pekings,

den Renminbi mittelfristig als

internationale Reservewährung zu etablieren.

Die Dominanz des US-Dollar an

den Devisenmärkten sowie die Abhängigkeit

Chinas vom Greenback sollen gebrochen

werden.

WELT VERÄNDERT SICH RASANT

Ausländische Banken haben die Möglichkeit,

Einlagen in Renminbi entgegenzunehmen,

ausländische Unternehmen

können Renminbi-Anleihen begeben. Sie

tun das auch, denn hinter dem Engagement

steckt nicht nur das Vertrauen in

die anhaltenden Wachstumschancen der

chinesischen Wirtschaft, sondern auch

die Hoffnung, von der von den Märkten

als unausweichlich empfundenden Aufwertung

der chinesischen Währung profitieren

zu können. Denn sowohl im Vergleich

zum Dollar als auch zum Euro gilt

die Währung mit dem Konterfei des ehemals

großen Vorsitzenden Mao Tse-tung

immer noch als unterbewertet.

Für deutsche Anleger haben große

Kapitalanlagegesellschaften wie etwa Allianz

Global Investors die Möglichkeit geschaffen,

sich über Investmentfonds an

den chinesischen Währungschancen zu

beteiligen. Das streut das Risiko zuverlässig,

ohne die Chancen zu drücken.

Wer diese Alternative konsequent zu

Ende denkt, landet nicht nur beim chinesischen

Renminbi, sondern auch beim

brasilianischen Real und bei der indischen

Rupie. In beiden Ländern boomt

die Wirtschaft, wächst die Bevölkerung,

konsumiert der Mittelstand und ist die

Verschuldungssituation im Vergleich zu

den USA und den Euro-Ländern immer

noch harmlos. Glaubt man den Auguren

von Goldman Sachs Asset Management,

wird die Welt schon in ein paar Jahrzehnten

völlig anders aussehen als heute.

China, der dann mit Abstand größten

Volkswirtschaft, werden die USA, Indien,

Japan, Brasilien, Mexiko und Russland

auf den Plätzen folgen. Deutschland

wird dann ungefähr um Rang zehn herum

dümpeln, die anderen EU-Länder –

mit Ausnahme Frankreichs – rangieren

noch weiter hinten (siehe Grafik).

Hans Pfeifer

&

34 WIRTSCHAFT & MARKT 05/12


SONDERVERÖFFENTLICHUNG VORPOMMERN

Fotos: WFG Vorpommern/T. Grundner (2), Seehafen Stralsund, EWN, Landleben, T. Schwandt, Archiv (3)

Wirtschaftsregion Vorpommern

Weitblick auf dem Sonnendeck

Die benachbarten Landkreise Vorpommern-Rügen und Vorpommern-Greifswald einen viele

Gemeinsamkeiten und Chancen im Spannungsfeld von Urlaubsparadies und Unternehmertum.

W

ie auf eine Perlenschnur gezogen

umspannen die Ostseeinseln

Usedom und Rügen sowie

die Halbinsel Fischland-Darß-Zingst die

nordostdeutsche Region Vorpommern.

Die Eilande gehören bundesweit zu den

beliebtesten Urlaubszielen. Endlose Küsten

und einmalige Landschaften sind das

natürliche Kapital der regionalen Tourismusbranche

– und die Aussicht auf viel

Sonne. Mit durchschnittlich über 2.000

Sonnenstunden pro Jahr ist Vorpommern

»Deutschlands Sonnendeck«, nirgendwo

lässt sich Klärchen öfter blicken.

Aber auch die einheimische gewerbliche

Wirtschaft profitiert vom Geschenk des

Himmels: beispielsweise die Korbwerk

Heringsdorf GmbH. In den 85 Jahren seit

Gründung verließen insgesamt 250.000

Strandkörbe die Manufaktur auf Usedom.

Das legendäre handgefertigte Möbelstück

für den Strand versinnbildlicht

den wirtschaftlichen Charakter Vorpommerns

im Spannungsbogen zwischen

Urlaubsparadies und Unternehmertum.

Vornehmlich die 1.700 Kilometer Ostsee-

und Boddenküste, die wasserseitig

die benachbarten Landkreise Vorpommern-Rügen

und Vorpommern-Greifswald

begrenzen, sind »nicht nur für den

Tourismus, sondern auch für die gewollte

nachhaltige industrielle Entwicklung

eine hervorragende Voraussetzung«, befindet

Ralf Drescher, Landrat von Vorpommern-Rügen.

Die aktuelle Struktur

des Landkreises, auf den allein 1.000 Kilometer

Küstenlinie entfallen, mehr als in

jedem anderen Landkreis in Deutschland,

war erst 2011 mit der Gebietsreform

in Mecklenburg-Vorpommern gebildet

worden. Ebenso die Struktur des südlicheren

Vorpommern-Greifswald.

KREIS-CHEFS: B. Syrbe (l.) und R. Drescher.

In der Küstenregion sind es die Häfen,

die als Infrastruktur-Kerne große Anziehung

auf die Logistikbranche und das

verarbeitende Gewerbe ausüben. Laut

Wirtschaftsfördergesellschaft Vorpommern

(WFG) bilden die Häfen Sassnitz-

Mukran, Stralsund, Greifswald-Ladebow,

Vierow, Lubmin, Wolgast, Ueckermünde,

Anklam und Jarmen das wirtschaftliche

Rückgrat Vorpommerns.

Den Bau des Hafens Sassnitz-Mukran

Mitte der 1980er Jahre bezeichnet Landrat

Drescher denn auch als »ein großzügiges

Infrastrukturgeschenk«. Jährlich

werden an der Ostküste Rügens mehr als

fünf Millionen Tonnen Güter umgeschlagen,

bestehen Fährverkehre nach Skandinavien,

Russland und ins Baltikum. Auf

diese Ostseeanrainer ist auch der Hafen

Stralsund fokussiert. Dort gehen pro Jahr

rund eine Million Tonnen Güter über die

Kaikanten. Die kleineren Häfen zwischen

Greifswald und Ueckermünde ergänzen

das maritime Service- und Dienstleistungsangebot.

»Unsere Region ist über

die Häfen mit dem gesamten Ostseeraum

vernetzt«, betont Landrätin Barbara Syrbe.

Holz werde nach Schweden verschifft,

»die Gießereien in Ueckermünde

und Torgelow werden mit Roheisen sowie

Straßenbau und Landwirtschaft mit

Baumaterial sowie Dünger versorgt«.

Beide Kommunalpolitiker verweisen

auf die stetig verbesserte Verkehrsinfrastruktur.

Die Häfen sind auf dem Wasser

sowie auf Straße und Schiene gut zu erreichen.

»Das ist ein großer Standortvorteil«,

sagt Drescher. Syrbe ergänzt: »Die

Region liegt längst nicht mehr am Rande

der Bundesrepublik, sondern an den Autobahn-Achsen

Stettin-Berlin und Stettin-

Hamburg und damit zentral im Nordosten

des europäischen Wirtschaftsrau-

WIRTSCHAFT & MARKT 05/12 35


SONDERVERÖFFENTLICHUNG

VORPOMMERN

INTERVIEW

UWE SEINWILL,

Vorsitzender

des Vorstandes

der Sparkasse

Vorpommern

Stärken regional fördern

W&M: Herr Seinwill, die Sparkasse Vorpommern

ist Hauptgesellschafter der WFG

Wirtschaftsfördergesellschaft Vorpommern

mbH. Warum dieses Engagement?

SEINWILL: Uns ist daran gelegen, auch

außerhalb eigener und anderer etablierter

Förderungsstrukturen die regionale

Wirtschaft zu unterstützen. Die WFG

agiert kreis- und städteübergreifend. Sie

vertritt die Region auf Messen, versucht,

das Interesse von Investoren zu wecken.

Zudem erfüllt sie eine entscheidende

Aufgabe: Als Ansprechpartner für Behörden-

und Grundstücksfragen hilft sie,

den Weg für Ansiedlungen zu ebnen.

W&M: Worauf liegt der Fokus in der wirtschaftlichen

Entwicklung von Vorpommern?

SEINWILL: Die Struktur der Region ist

geprägt durch den Tourismus und die

Landwirtschaft. Hinzu kommen die

wirtschaftlichen Potenziale der Hochschulen

in Greifswald und Stralsund. In

der strategischen Ausrichtung kommt es

darauf an, die vorhandene wirtschaftliche

Basis zu pflegen und zu stärken.

W&M: Die Klientel der Sparkassen sind kleine

und mittlere Betriebe. Welche Branchen

haben das größte Wachstumspotenzial?

SEINWILL: Die Sparkasse Vorpommern

hat rund 1,2 Milliarden Euro an Krediten

ausgereicht. In der ausgeglichenen

Branchenstruktur dominieren der Tourismus,

Hotellerie und Gastronomie,

Grundstücks- und Wohnungswesen sowie

Handwerks- und kleine Industriebetriebe.

Hier besitzt Vorpommern seine

größten wirtschaftlichen Stärken, die es

zu unterstützen gilt.

W&M: Viele nach 1990 eröffnete Hotels haben

Erneuerungsbedarf. Wie sehr beflügelt

das die Investitionsbereitschaft?

SEINWILL: Den großen Investitionsknall

in der Branche gibt es nicht. Viele Betriebe

haben peu à peu Gebäudeausstattung

und Technik erneuert. Auch wurden Erweiterungsinvestitionen,

etwa im Wellness-Bereich,

getätigt. Das nötige Kapital

ist erwirtschaftet und zurückgelegt worden.

Besteht mal größerer Finanzbedarf,

stehen wir als Ansprechpartner bereit.

WEITES FELD: Der Fährhafen Sassnitz liegt logistisch günstig an der Ostküste Rügens.

mes.« Das mache die Häfen zu attraktiven

maritimen Gewerbestandorten.

Allein der Fährhafen Sassnitz verfügt

über ein Areal von 350 Hektar. Die vorteilhafte

Lage des östlichsten Tiefwasserhafens

Deutschlands nutzt unter anderem

der Fischverarbeiter Euro-Baltic. Errichtet

wurde hier auch das Eupec-Werk

zur Ummantelung von Rohrsegmenten

für die Ostseepipeline. In Stralsund bilden

Unternehmen wie OstseeStrahl, spezialisiert

auf Oberflächenbehandlung,

und der Schrott-Recycler Scholz AG ein

Metall-Cluster an der Kaikante.

Zum guten Teil prägt auch die Ansiedlung

von metallverarbeitenden Firmen

im küstennahen Hinterland heutzutage

das wirtschaftliche Bild in Vorpommern.

In Groß Lüdershagen bei Stralsund fertigt

die Ferrum Technik GmbH Konstruktionen

für Leichtbauhallen. Die Produktion

startete Mitte 2010. Bundesweit im

Geschäft ist die Ueckermünder Firma

Metall- und Stahlbau Boldt, die Brandschutzelemente

und -verglasungen aus

Stahl und Aluminium herstellt. Boldt investiert

zurzeit 320.000 Euro in den Neubau

einer weiteren Produktionshalle am

Standort unweit des Stettiner Haffs.

Aktuell auf der Suche nach einem

neuen Firmenstandort in der Region ist

die Prolupin GmbH. Das junge Nahrungsmittel-Unternehmen

aus Neubrandenburg

expandiert und »braucht eine vernünftige

Produktionsstätte«, begründet

Geschäftsführerin Katrin Petersen. Prolupin

bedient mit innovativen Erzeugnissen

auf Basis der Blauen Süßlupine

eine Marktnische. Milchfreies Lupinesse-

Eis ist vor allem für Menschen bestimmt,

die an Laktoseintoleranz leiden. Eine

erste Handelskette hat die spezielle Eis-

creme schon ins Sortiment genommen.

Im Herbst 2012 soll Produktionsstart an

neuer Stelle sein. Wo? Das ist laut Petersen

noch nicht entschieden. Favorisiert

ist neben Stralsund und Greifswald die

Kleinstadt Grimmen. »Die Kommune

liegt günstig an der Autobahn A20 und

die bisherige Unterstützung vor Ort ist

vorbildlich.« Ein wichtiger Aspekt sei das

Gefühl, »sehr willkommen zu sein«, unterstreicht

Katrin Petersen. Mindestens

genauso wie der Umstand, dass Lupinen

in Vorpommern bestens gedeihen.

Jahrzehntelang war der Schiffbau in

Stralsund und Wolgast das industrielle

Aushängeschild Vorpommerns. Die Krise

2008/09 zwang dazu umzusteuern. Die

unter dem Dach P+S-Werften fusionierten

Standorte setzen auf Spezialschiffbau.

Auf der Stralsunder Volkswerft werden

zurzeit zwei Fähren für die Reederei

Scandlines gebaut. Zukunftsträchtig ist

die Offshore-Industrie. Nach der Energiewende

in Deutschland versuchen die

P+S-Werften mit Offshore-Projekten verstärkt,

an diesem Markt zu partizipieren.

Ähnlich wie mit dem Verbund der

Werften eröffnen sich mit der Bildung

der Großkreise Vorpommern-Rügen und

Vorpommern-Greifswald neue Chancen

und Möglichkeiten enger Zusammenarbeit

auf kommunalpolitischer Ebene.

Der Regionale Planungsverband und die

Wirtschaftsfördergesellschaft Vorpommern

stehen bereits dafür. Doch Landrätin

Syrbe spannt den Bogen schon mal

weiter: »Durch die unmittelbare Nachbarschaft

zur polnischen Großstadt

Szczecin und dem daraus erwachsenen

Spannungsfeld zur Hansestadt Greifswald

sollten sich zukünftig ökonomische

Synergieeffekte generieren lassen.«

36 WIRTSCHAFT & MARKT 05/12


SONDERVERÖFFENTLICHUNG VORPOMMERN

Energiewirtschaft

Knotenpunkt von Pipelines und Produktion

Die Energiewerke Nord GmbH hat den ehemaligen KKW-Standort Lubmin bei Greifswald

zu einem modernen und attraktiven Energie- und Technologiestandort weiterentwickelt.

W

o Energie ist, da lass’ dich

ruhig nieder. In Abwandlung

einer Textzeile des deutschen

Dichters Johann Gottfried Seume (1763–

1810) könnte in Lubmin ein Hohelied gesungen

werden. Auf dem weiten Gelände

des einstigen Kernkraftwerks Lubmin am

Greifswalder Boden gelang der Wandel

vom Atomstrom-Erzeuger zum Energieknotenpunkt

bei gleichzeitiger Neubestimmung

zum Industriestandort.

Als »Stilllegungs- und Entsorgungsunternehmen

des Bundes«, so Jürgen

Ramthun, Geschäftsführer der Energiewerke

Nord GmbH (EWN), habe es EWN

geschafft, aus der Abschaltung und dem

Rückbau des Lubminer KKW für sich eine

neue Entwicklungsperspektive zu generieren.

Längst gilt EWN als gute Adresse,

wenn es im In- und Ausland gilt, Atomreaktoren

sicherheitsrelevant abzubauen.

Der erste Großauftrag startete 2003

im russischen Murmansk. In einem bilateralen

Projekt wurde vor Ort ein Zwischenlager

für stillgelegte und demontierte

Atom-U-Boote gebaut. Das Projekt

wird mit dem Bau eines Entsorgungszentrums

für radioaktive Stoffe fortgesetzt.

Die geografisch günstige Lage des

EWN-Standortes an der Küste im östlichen

Vorpommern ist mit ausschlaggebend

gewesen, dass die neue Ostsee-

Gaspipeline, beginnend im russischen

Vyborg, in Lubmin endet. Im November

2011 ist der erste von zwei je 1.224 Kilometer

langen, parallel verlaufenden Leitungssträngen

in Betrieb gegangen. Das

in Lubmin anlandende russische Erdgas

wird über die neue OPAL-Trasse bis in die

Tschechische Republik weitergeleitet.

Über die noch im Bau befindliche Pipeline

NEL strömt künftig ein Teil des sibirischen

Erdgases weiter gen Westeuropa.

Im Herbst 2012 soll der zweite Strang

der Ostsee-Pipeline in Betrieb gehen. Die

Betreiberfirma Nord Stream kündigte

kürzlich an, über fünf Millionen Euro in

Lubmin in einen über zwei Hektar

großen Lagerkomplex für Zubehör und

Ersatz-Rohrsegmente zu investieren.

Die Entwicklung zum transeuropäischen

Gasknotenpunkt in Vorpommern

weckt auch Interesse zum Bau von Gaskraftwerken

in Lubmin. Entsprechende

Pläne verfolgt der Energieversorger

EnBW, der bereits ein Grundstück erwor-

ben und ein Genehmigungsverfahren für

ein solches Kraftwerk auf den Weg gebracht

hat. »Eine Investitionsentscheidung

ist aber noch nicht gefallen«, sagt

EWN-Geschäftsführer Ramthun. »Unter

den gegenwärtigen Rahmenbedingungen

des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes

lässt sich ein wirtschaftlicher Betrieb

nicht darstellen.« Gaskraftwerke würden

vorrangig als Reserve in Spitzenlast-Zeiten

benötigt, wären aber damit zu wenig

ausgelastet. EWN entwickelt ein eigenes

Gaskraftwerk-Projekt, das »an einen Interessenten

verkauft werden soll«.

Das einstige KKW-Gelände ist auch als

Anlandestation für eine andere Art von

Energie geeignet. Öko-Strom von Offshore-Windparks,

die in der Ostsee östlich

von Rügen geplant sind, soll in Lubmin

laut Ramthun ins Netz eingespeist werden.

Die Infrastruktur ist aus den Tagen

des KKW vorhanden. Es existiert eine

Hochspannungsschaltanlage, die heute

von 50Hertz Transmission betrieben

wird. Der EWN-Manager hofft, dass aktuelle

Projektverzögerungen in Deutschland

nur von kurzzeitiger Dauer sind.

INFOS

Service aus einer Hand

Zentrale Anlaufstelle in Vorpommern

für Investoren ist die Wirtschaftsfördergesellschaft

Vorpommern mbH.

www.invest-in-vorpommern.de

Wirtschaftsfördergesellschaft

Vorpommern mbH

Brandteichstraße 20

D-17489 Greifswald

Telefon +49 (0) 3834 550 605

Telefax +49 (0) 3834 550 551

E-Mail info@invest-in-vorpommern.de

Neben der Energie sind es vor allem

die seeseitige Anbindung und das zirka

120 Hektar große Industrie- und Gewerbefeld,

die Lubmin zu einem Magneten

für Investoren machen. Die Entwicklung

des Standortes begann im Jahr 1998. Das

Gelände sei gemeinsam mit den Standortgemeinden

neu überplant worden.

Es wurden Voraussetzungen geschaffen,

branchenfremde Firmen anzusiedeln,

blickt Ramthun zurück.

Kernstück dieser Strategie ist das riesige,

rund einen Kilometer lange Maschi-

RIESEN-ROHRE: EEW fertigt in Lubmin.

nenhaus, das ursprünglich für acht KKW-

Blöcke vorgesehen war. Heute fertigt in

einem Hallenteil der Kranhersteller Liebherr

übergroße Ausleger für Schiffskrane,

die über die Kaikante im neuen Industriehafenbecken

verschifft werden. Die

Firma Erndtebrücker Eisenwerke (EEW)

produziert in Lubmin bis zu 90 Meter

lange Rohre, die als Fundamentsegmente

für Offshore-Windkraftanlagen dienen.

Die dänische Firma Bladt und der

Lubminer Korrosionsschutz haben sich

vor Ort angesiedelt, um diese Rohre mit

Ausrüstungselementen zu komplettieren

bzw. zu konservieren.

»Mit den Jahren haben sich auch etliche

kleinere Firmen aus der Region angesiedelt,

zumeist Bau- und Montagebetriebe«,

ergänzt der EWN-Geschäftsführer.

Die neuen Firmen am Standort

beschäftigen inzwischen mehr als 1.100

Mitarbeiter. Weitere Ansiedlungen im

Bereich Verfahrenstechnik stehen nach

Angaben von Ramthun bevor, auch dank

der guten Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsfördergesellschaft

Vorpommern.

WIRTSCHAFT & MARKT 05/12 37


SONDERVERÖFFENTLICHUNG

VORPOMMERN

Nahrungsgüterwirtschaft

Badejunge und Büchsenfisch

Zwei Marktführer in Deutschland kommen von der Insel Rügen

»Die beiden zurückliegenden Jahre waren

unsere besten in Umsatz, Erlös und

Mengen«, schwärmt Werkleiter Wolfgang

Lüth. Das Top-Produkt aus der Molkerei

Bergen auf Rügen, der Camembert

»Rügener Badejunge«, verkauft sich wie

geschnitten Brot. Er ist die Nummer eins

in Deutschland. Mit einem Marktanteil

von 14 Prozent. Davon entfallen drei Prozent

auf die relativ neue »Bio-Schiene«,

wie Lüth sagt. Mit der Jahresmenge von

400 Tonnen ist die Molkerei größter Bio-

Käsehersteller in Mecklenburg-Vorpommern.

In der Camembert-Produktion erwartet

der gebürtige Rüganer Lüth für

dieses Jahr ein Volumen »von über 3.500

Tonnen«. In der aktuellen Erfolgsspur

»konnten wir die Marktführerschaft in

Deutschland weiter ausbauen«.

Im Jahr 2011 wurde in die Verpackung

investiert, und 2013 will der zum Konzern

Deutsches Milchkontor (DMK) gehörende

Betrieb weiteres Geld in ein neues

Verpackungskonzept und in die Kartonierung

stecken. Dabei werde am ovalen

Format des Camemberts von Rügen festgehalten,

verrät der Molkerei-Chef. Das

ist ein Alleinstellungsmerkmal. Als einziger

deutscher Camembert-Hersteller

bringen die Bergener den Käse in ovalem

Format (150 Gramm) auf den Markt. Nur

das 250-Gramm-Stück ist rund.

Seit sechs Jahrzehnten kommt der

»Rügener Badejunge« aus Bergen. Bevor

nach der Wende der Camembert seinen

Siegeszug in ganz Deutschland antreten

konnte, erlebte der Käsehersteller zum

INSEL-CAMEMBERT: »Rügener Badejunge«

Teil turbulente Zeiten. Er flüchtete sich

wie andere einstige DDR-Firmen zunächst

in billige Massenproduktion.

Das änderte sich, als der Peter Jülich

Markenvertrieb aus Dortmund Mitte der

90er Jahre die Rechte an dem »Rügener

Badejungen« erwarb und die Marke

schützen ließ. Schnell wurde das gesamtdeutsche

Potenzial der Marke ersichtlich.

»Im Osten erinnerten sich die Leute

des Badejungen und im Westen half der

gute Ruf Rügens, den Camembert bekannt

zu machen.« Doch Lüth sieht den

entscheidenden Schritt zur Nummer

eins in einem strategischen Kurswechsel.

»Raus aus der Preis-Einstiegsstufe, hin zu

einem wertigen Qualitätsprodukt.«

Eine weitere Nummer eins auf dem

Lebensmittelmarkt in Deutschland hat

seinen Stammsitz auf der Insel Rügen. In

der Hafenstadt Sassnitz produziert die

Rügen Fisch AG ein breites Sortiment an

Fischkonserven. Mit der Übernahme der

Konkurrenzfirma Hawesta aus Lübeck

stieg das Unternehmen 2009 zum Marktführer

in der Branche auf. In Sassnitz,

wo seit Mitte des vorigen Jahrhunderts

Fischkonserven produziert werden, wandern

vor allem hochwertige Filets von

Hering, Makrele, Lachs und Sardine in

die »Fischbüchse«.

Regionalmarketing

Pavillon kulinarischer Genüsse

Pommersches Landleben e. V. wirbt für einheimische Produkte

Kulinarische Genüsse gehören zu den

nachhaltigsten Urlaubseindrücken. Sie

sind charakteristisch für ganze Landstriche.

»Produkte aus unserer Region

werden von den Touristen stark nachgefragt«,

weiß Jörg Kubiak. Spätestens seit

Spätsommer 2010. Da hatte die Erzeugergemeinschaft

Pommersches Landleben

e. V. inmitten des Seebades Heringsdorf

auf Usedom in einer Verkaufsaktion

einheimische Produkte offeriert. Obstbrände,

Fruchtaufstriche, Wurstwaren.

Die Resonanz war riesig und ein Fingerzeig

auf das »erhebliche Vermarktungspotenzial«,

resümiert Kubiak, der als

Netzwerkmanager die Geschicke des Vereins

Pommersches Landleben dirigiert.

In Eggesin im Landkreis Vorpommern-

Greifswald ansässig, zählt der im März

2009 gegründete Verein heute 20 Mitglieder.

Gewachsen ist die Idee einer engen

Kooperation aus einem Modellvorhaben

des Bundes, das damals im alten Landkreis

Uecker-Randow gestartet worden

war. »Kleine Hersteller und touristische

Anbieter tun sich allein schwer in der

Vermarktung«, begründet Kubiak den

Schritt, über den Verein eine »gemeinsame

regionale Vermarktungsplattform»

zu schaffen. In den Urlaubskerngebieten

auf Usedom und entlang der Ostseeküste

habe sich gezeigt, »dass es den Gästen bisher

nicht einfach gemacht wurde, in der

Region hergestellte Produkte zu finden«.

Zwei Qualitätsmerkmale sind für das

Regionalmarketing und die Käufer ausschlaggebend.

Die Produkte entstehen in

Handarbeit, und es werden überwiegend

BAUERNMARKT: Leckeres aus der Region.

regionale Zutaten verwendet. Liköre und

Edelbrände aus der Gutsbrennerei Zinzow,

Fruchtaufstriche aus der Original

Bauernmarkt Manufaktur in Ferdinandshof

zählen ebenso zu den pommerschen

Gaumenfreuden wie Natursauerteig-Brot

der Bäckerei Reichau in Grambin und

Fleischwaren der Gourmet Manufaktur

in Gut Klepelshagen. Mit gemeinsamen

Auftritten auf der »Grünen Woche« in

Berlin und auf regionalen Messen werben

die Hersteller für ihre Produkte, verkaufen

diese auf heimischen Märkten.

Die Zusammenarbeit reicht über die

Kreisgrenzen hinaus. So gebe es enge

Kontakte zum Rügen Produkte e. V. sowie

zu Vermarktungsvereinen in der Mecklenburgischen

Seenplatte. Info-Veranstaltungen

des Vereins würden genutzt, um

»Innovationen anzustoßen«, sagt Kubiak.

Jüngster Vermarktungs-Coup ist ein

eigener Pavillon mit 42 Quadratmeter

Verkaufsfläche und »von moderner zeitloser

Architektur«. Er ist so konstruiert,

dass er leicht auf- und abgebaut und damit

flexibel eingesetzt werden kann. In

den Kaiserbädern Usedoms soll er künftig

Urlaubern die kulinarischen Genüsse

Vorpommerns nahe bringen.

Texte dieser W&M-Sonderveröffentlichung:

Thomas Schwandt

&

38 WIRTSCHAFT & MARKT 05/12


NACHRICHTEN

ZukunftsAgentur Brandenburg

Hafen Wittenberge ein »stiller Star«

Nach der wirtschaftlichen Erholung in den letzten zwei Jahren

brechen bei der Suche nach Investoren schwierigere Zeiten an.

Brandenburgs Wirtschaftsminister Ralf

Christoffers (Linke) geht von einem nur

noch minimalen Wirtschaftswachstum

für 2012 aus, wie er kürzlich bei der

Jahresbilanz der brandenburgischen ZukunftsAgentur

(ZAB) bekanntgab.

War 2011 noch eine Steigerung der

brandenburgischen Wirtschaftsleistung

um drei Prozent zu verzeichnen, so wird

der Wert im laufenden Jahr bei einem

Prozent liegen, wenn überhaupt. Prognosen

würden in diesen Zeiten oft eine nur

kurze Dauer haben, sagte Christoffers.

Gleichzeitig greife inzwischen die strategische

Neuausrichtung der Förderpolitik.

In Zukunft werde erstens weniger

Geld zur Verfügung stehen und zweitens

setze das Land mehr auf günstige Darlehen

statt auf Zuschüsse, die Begünstigte

nicht zurückzahlen müssten. »Es wird

künftig schwieriger, die Höchstfördersätze

zu bekommen«, so der Minister.

Die Zahl der von der ZAB betreuten

Ansiedlungs- und Erweiterungsprojekte

war 2010/11 von 112 auf 83 gefallen. Jedoch

hätte sich der Arbeitsplatzeffekt

nicht vermindert, gab ZAB-Geschäftsführungssprecher

Steffen Kammradt bekannt.

In beiden Jahren seien ca. 2.300

Jobs neu geschaffen oder gesichert worden.

Allerdings räumte er ein, dass es

sich zum Teil um Bekundungen der

betreuten Firmen gehandelt habe.

Der Löwenanteil der ZAB-betreuten

Ansiedlungen entfiel auch im Vorjahr

auf den Speckgürtel um Berlin. Vorn dabei

vor allem Potsdam sowie die Kreise

Potsdam-Mittelmark (38 Ansiedlungen)

und Havelland. Der Bereich Logistik und

die Kommunikationswirtschaft hätten

die größten Kunden gestellt.

Das regionale Ungleichgewicht erklärte

Kammradt u. a. damit, dass Investoren

von ihren künftigen Standorten exakte

Vorstellungen haben, und es sei die Aufgabe

der ZAB, Angebote zu unterbreiten,

die dem möglichst nahekommen. Als

»stille Stars« bezeichnete er die Städte

Forst und Wittenberge. Letztere ist vor allem

wegen des modernen Hafens gefragt.

Kooperationsbörse Green Ventures

Belgien ist Partnerland 2012

Das Potsdamer internationale Unternehmertreffen für Energieund

Umwelttechnik findet vom 13. bis 15. Juni zum 15. Mal statt.

Aus Leidenschaft

Full Service bedeutet für uns, Sie auf

dem Weg zum fertigen Erzeugnis zu

begleiten und Ihnen an der richtigen

Stelle unsere Kernkompetenzen zur

Seite zu stellen.

• Professionelle Lithografie,

• hochwertiger Satz,

• eine mit modernster Technologie

ausgestattete Druckvorstufe,

• hochqualitativer Bogenoffsetdruck

nach neuesten Industrie- und

Umweltstandards,

• variantenreiche Veredelungs- und

Finishingleistungen.

Das größte internationale Unternehmertreffen

für Energie- und Umwelttechnik

in Deutschland Green Ventures findet in

Potsdam vom 13. bis 15. Juni 2012 bereits

zum 15. Mal statt. Insgesamt über 3.900

nationale und internationale Firmen aus

103 Staaten haben in den vergangenen

Jahren an der Brandenburger Veranstaltung

teilgenommen. Das Event ist mit

seinem Konzept im In- und Ausland erfolgreich,

denn bereits mehrmals wurden

die Green Ventures auch außerhalb

Deutschlands durchgeführt: in China, in

Italien und 2011 in Brasilien auf der dort

größten Umweltmesse FIMAI. Seit Gründung

1998 hat sich die Veranstaltung stetig

vergrößert und nimmt heute einen

festen Platz im Bereich grüne Technik

ein – ein Brandenburger Erfolgsmodell.

Die diesjährige Kooperationsbörse in

Potsdam, die sich an Unternehmen aus

den Bereichen Boden, Wasser, Luft, Energie,

Bauen, Recycling und regenerative

Materialien richtet, wird neben den Einzelgesprächen

der Firmen und einer Exkursion

auch eine Venture Capital Börse

im Programm haben. Hier können die

Teilnehmer ihre aussichtsreichen Projekte

präsentieren und auf Investoren treffen.

Darüber hinaus präsentiert sich das

Treffen mit neuer Internetplattform zur

stärkeren Vernetzung der Teilnehmer.

Partnerland 2012 wird Belgien sein –

ein interessanter Markt für Anbieter von

Energietechnologien. Internationale Firmen

und Institutionen aus der ganzen

Welt werden erwartet, ebenso hochrangige

Politiker. Anhand eines Katalogs, in

dem sich alle teilnehmenden Firmen

präsentieren, können Gesprächspartner,

mit denen ein Treffen gewünscht wird,

vorab ausgewählt werden. Der Veranstalter,

die IHK Potsdam, stellt dann individuelle

Terminpläne zusammen.

GS Druck und Medien GmbH

Gerlachstraße 10 · 14480 Potsdam

tel. 0331.600 50 50 · fax: 0331.600 51 92

mail: info@gsdruck.net

www.gsdruck.net


KOLUMNE

Es gibt Argumente, die einfach

nicht totzukriegen sind, auch

wenn sie von den Fakten hundertmal

widerlegt werden. So wird seit Beginn

der Eurokrise von einigen Beobachtern

die These vertreten, es seien Kapitalströme

aus dem Norden gewesen, die in

den südeuropäischen Ländern einen

Boom entfacht hätten, einen Bauboom

vor allem, der die ungesunde Entwicklung

dort begründet und in der Folge

hohe Lohn- und Preissteigerungen nach

sich gezogen habe, wodurch die Wettbewerbsfähigkeit

geschwächt worden wäre.

Vor allem Hans-Werner Sinn hat sich mit

dieser These hervorgetan.

Hergeleitet wird diese »Analyse« einfach

aus der Tatsache, dass Überschüsse

in der Leistungsbilanz eines Landes immer

genau dem Nettokapitalexport entsprechen

und dieser als die »Ersparnis«

eines Landes interpretiert wird. Der Zusammenhang

beschreibt aber eine Identität;

derjenige, der mehr importiert als

exportiert, muss die Differenz durch Kredite

ausgleichen. Nichts ist dabei gesagt

über Kausalität, also die Frage, welche

Bewegung die jeweils andere hervorruft.

Kausale Fragen übergeht der moderne

Ökonom aber gerne und behauptet, die

Kapitalströme seien dominant. Ökonomie,

sagt er, sei im Kern die Lehre von

den Entscheidungen der privaten Haushalte

und die wichtigste Entscheidung,

die ein Haushalt treffe, sei nun mal die

Entscheidung über Sparen und Investieren.

Wollten in einem Land die Haushalte

aber mehr sparen, als im Inland investiert

werde, müssten sie ihr Kapital exportieren.

Daraus entstünden Leistungsbilanzüberschüsse

bei den Sparern und

Defizite bei den Investoren. Das ist eine

seltsame Theorie, die viele Fragen nicht

beantwortet. Warum werden die Sparer

von den Kapitalmärkten gut und die Investoren

schlecht behandelt? Wieso ist

so viel deutsches Spargeld in Bauprojekte

geflossen, die auf Dauer nicht rentabel

waren? Ich will das nicht vertiefen.

Es gibt ein viel einfacheres Gegenargument:

Wenn es in der Vergangenheit

tatsächlich so gewesen wäre, dann müssten

doch spätestens nach Ausbruch der

Krise alle deutschen Sparer ihre Taschen

zugenäht haben, weil sie nun ja wissen,

dass den anderen EWU-Ländern nicht

zu trauen ist. Also müssten auch die Leistungsbilanzüberschüsse

und Defizite

verschwunden sein, denn ohne Kapitalexport

gibt es keinen positiven Saldo der

Exporte über die Importe.

AUS GENFER SICHT

Das deutsche Kapital

und die Krise des Euro

Von HEINER FLASSBECK, Genf

Internet: www.flassbeck.com

Mit der Leistungsbilanz für das vergangene

Jahr gibt es nun die Überraschung:

Auch 2011 haben die deutschen

»Sparer«, in der Lesart von Herrn Sinn,

über 80 Milliarden Euro ihrer Ersparnisse

in die Euroländer gegeben und damit

deren Leistungsbilanzdefizite finanziert.

Das ist kaum weniger als in den Vorjahren

(2009: 84 Milliarden; 2010: 87)

Da fragt man sich, ob der deutsche

Sparer bei Trost ist, wenn er mitten in

der Krise in fast gleicher Höhe wie vor

der Krise den Konsum in Ländern wie

Spanien und Italien finanziert, wo die Investitionstätigkeit

derweil zusammengebrochen

ist, und die offenkundig wenig

kreditwürdig sind. Weil er das nicht für

möglich hielt, hat Herr Sinn schon 2010

vorhergesagt, das Modell mit den deutschen

Sparüberschüssen sei nun zu Ende

und die Sparer in Deutschland würden

sich von nun an dem Heimatmarkt widmen

und in die boomende Binnenkonjunktur

investieren. Das war falsch. Eine

lahmende Binnennachfrage, ein Exportboom

und Sparüberschüsse waren auch

2011 Kernelemente der Wirtschaft.

Herr Sinn hat aber seinen Irrtum

klammheimlich zum Anlass genommen,

eine neue These aus dem Hut zu zaubern,

die erklären soll, wieso trotz sich

verschärfender Krise die Finanzierung

der Defizitländer lustig weitergeht. Er

hat die sogenannten TARGET-Salden der

Europäischen Zentralbank (EZB) entdeckt,

die hohe Forderungen Deutschlands

und hohe Verbindlichkeiten der

Südländer zeigen, und daraus gefolgert,

es gebe direkt eine Zentralbankfinanzierung

der Salden und indirekt eine Finanzierung

durch den deutschen Steuerzahler,

weil die Forderungen irgendwann

einmal eingelöst werden müssten.

Das ist schon deswegen eine lustige

Wende, weil jetzt das Argument mit den

dominanten Kapitalströmen nicht mehr

stimmen kann. Denn, dass die Zentralbanken

wie früher die Sparer in Vorleistung

treten und dadurch die deutschen

Exportüberschüsse möglich machen, ist

ja nicht besonders einleuchtend. Die nationalen

Zentralbanken im EZB-System

finanzieren Transaktionen erst an zweiter

oder dritter Stelle. Wenn eine spanische

Bank im Auftrag eines Kunden den

Kauf eines deutschen Automobils finanziert,

begründet das eine Forderung zugunsten

Deutschlands. Refinanziert sich

die spanische Bank bei der spanischen

Zentralbank, die sich bei der EZB refinanziert,

wird im Eurosystem eine Verbindlichkeit

zu Lasten der spanischen Zentralbank

aufgeschrieben, für die deutsche

Bundesbank eine Forderung. Das

ist sinnvoll, denn für das europäische

Bankensystem insgesamt entsteht durch

diese Transaktion per Saldo weder eine

Verbindlichkeit noch eine Forderung.

Das ist in einer Währungsunion auch

vollkommen unproblematisch, weil die

nächste Aktion, sagen wir der Kauf einer

Immobilie eines Deutschen in Spanien,

die Salden bei den Zentralbanken wieder

ausgleicht. Das System hat jedenfalls

zunächst nichts mit der Entscheidung,

zu Sparen oder zu Investieren, zu tun

und würde die Sinnsche These klar

widerlegen, wenn es ein allein aus Güterkäufen

abgeleitetes System wäre.

TARGET hat aber auch mit der Entscheidung,

zu Sparen, zu tun. Wenn den

spanischen Banken die Sparer davonlaufen

und diese, sagen wir, ihr Kapital in

Deutschland anlegen, müssen die spanischen

Banken vermehrt ihre normalen

Transaktionen durch die EZB finanzieren

lassen, während die deutschen Banken

fast kein EZB-Geld mehr brauchen,

weil ihre Konten voll mit spanischem

Geld sind. Wieder entstehen TARGET-Salden.

Das aber ist der Todesstoß für die

These von den dominanten Kapitalmärkten,

denn ums Investieren geht es gar

nicht mehr. Doch das kann ich erst im

nächsten Heft erklären.

&

Foto: Torsten George

40

WIRTSCHAFT & MARKT 05/12


KOLUMNE

Es gibt Argumente, die einfach

nicht totzukriegen sind, auch

wenn sie von den Fakten hundertmal

widerlegt werden. So wird seit Beginn

der Eurokrise von einigen Beobachtern

die These vertreten, es seien Kapitalströme

aus dem Norden gewesen, die in

den südeuropäischen Ländern einen

Boom entfacht hätten, einen Bauboom

vor allem, der die ungesunde Entwicklung

dort begründet und in der Folge

hohe Lohn- und Preissteigerungen nach

sich gezogen habe, wodurch die Wettbewerbsfähigkeit

geschwächt worden wäre.

Vor allem Hans-Werner Sinn hat sich mit

dieser These hervorgetan.

Hergeleitet wird diese »Analyse« einfach

aus der Tatsache, dass Überschüsse

in der Leistungsbilanz eines Landes immer

genau dem Nettokapitalexport entsprechen

und dieser als die »Ersparnis«

eines Landes interpretiert wird. Der Zusammenhang

beschreibt aber eine Identität;

derjenige, der mehr importiert als

exportiert, muss die Differenz durch Kredite

ausgleichen. Nichts ist dabei gesagt

über Kausalität, also die Frage, welche

Bewegung die jeweils andere hervorruft.

Kausale Fragen übergeht der moderne

Ökonom aber gerne und behauptet, die

Kapitalströme seien dominant. Ökonomie,

sagt er, sei im Kern die Lehre von

den Entscheidungen der privaten Haushalte

und die wichtigste Entscheidung,

die ein Haushalt treffe, sei nun mal die

Entscheidung über Sparen und Investieren.

Wollten in einem Land die Haushalte

aber mehr sparen, als im Inland investiert

werde, müssten sie ihr Kapital exportieren.

Daraus entstünden Leistungsbilanzüberschüsse

bei den Sparern und

Defizite bei den Investoren. Das ist eine

seltsame Theorie, die viele Fragen nicht

beantwortet. Warum werden die Sparer

von den Kapitalmärkten gut und die Investoren

schlecht behandelt? Wieso ist

so viel deutsches Spargeld in Bauprojekte

geflossen, die auf Dauer nicht rentabel

waren? Ich will das nicht vertiefen.

Es gibt ein viel einfacheres Gegenargument:

Wenn es in der Vergangenheit

tatsächlich so gewesen wäre, dann müssten

doch spätestens nach Ausbruch der

Krise alle deutschen Sparer ihre Taschen

zugenäht haben, weil sie nun ja wissen,

dass den anderen EWU-Ländern nicht

zu trauen ist. Also müssten auch die Leistungsbilanzüberschüsse

und Defizite

verschwunden sein, denn ohne Kapitalexport

gibt es keinen positiven Saldo der

Exporte über die Importe.

AUS GENFER SICHT

Das deutsche Kapital

und die Krise des Euro

Von HEINER FLASSBECK, Genf

Internet: www.flassbeck.com

Mit der Leistungsbilanz für das vergangene

Jahr gibt es nun die Überraschung:

Auch 2011 haben die deutschen

»Sparer«, in der Lesart von Herrn Sinn,

über 80 Milliarden Euro ihrer Ersparnisse

in die Euroländer gegeben und damit

deren Leistungsbilanzdefizite finanziert.

Das ist kaum weniger als in den Vorjahren

(2009: 84 Milliarden; 2010: 87)

Da fragt man sich, ob der deutsche

Sparer bei Trost ist, wenn er mitten in

der Krise in fast gleicher Höhe wie vor

der Krise den Konsum in Ländern wie

Spanien und Italien finanziert, wo die Investitionstätigkeit

derweil zusammengebrochen

ist, und die offenkundig wenig

kreditwürdig sind. Weil er das nicht für

möglich hielt, hat Herr Sinn schon 2010

vorhergesagt, das Modell mit den deutschen

Sparüberschüssen sei nun zu Ende

und die Sparer in Deutschland würden

sich von nun an dem Heimatmarkt widmen

und in die boomende Binnenkonjunktur

investieren. Das war falsch. Eine

lahmende Binnennachfrage, ein Exportboom

und Sparüberschüsse waren auch

2011 Kernelemente der Wirtschaft.

Herr Sinn hat aber seinen Irrtum

klammheimlich zum Anlass genommen,

eine neue These aus dem Hut zu zaubern,

die erklären soll, wieso trotz sich

verschärfender Krise die Finanzierung

der Defizitländer lustig weitergeht. Er

hat die sogenannten TARGET-Salden der

Europäischen Zentralbank (EZB) entdeckt,

die hohe Forderungen Deutschlands

und hohe Verbindlichkeiten der

Südländer zeigen, und daraus gefolgert,

es gebe direkt eine Zentralbankfinanzierung

der Salden und indirekt eine Finanzierung

durch den deutschen Steuerzahler,

weil die Forderungen irgendwann

einmal eingelöst werden müssten.

Das ist schon deswegen eine lustige

Wende, weil jetzt das Argument mit den

dominanten Kapitalströmen nicht mehr

stimmen kann. Denn, dass die Zentralbanken

wie früher die Sparer in Vorleistung

treten und dadurch die deutschen

Exportüberschüsse möglich machen, ist

ja nicht besonders einleuchtend. Die nationalen

Zentralbanken im EZB-System

finanzieren Transaktionen erst an zweiter

oder dritter Stelle. Wenn eine spanische

Bank im Auftrag eines Kunden den

Kauf eines deutschen Automobils finanziert,

begründet das eine Forderung zugunsten

Deutschlands. Refinanziert sich

die spanische Bank bei der spanischen

Zentralbank, die sich bei der EZB refinanziert,

wird im Eurosystem eine Verbindlichkeit

zu Lasten der spanischen Zentralbank

aufgeschrieben, für die deutsche

Bundesbank eine Forderung. Das

ist sinnvoll, denn für das europäische

Bankensystem insgesamt entsteht durch

diese Transaktion per Saldo weder eine

Verbindlichkeit noch eine Forderung.

Das ist in einer Währungsunion auch

vollkommen unproblematisch, weil die

nächste Aktion, sagen wir der Kauf einer

Immobilie eines Deutschen in Spanien,

die Salden bei den Zentralbanken wieder

ausgleicht. Das System hat jedenfalls

zunächst nichts mit der Entscheidung,

zu Sparen oder zu Investieren, zu tun

und würde die Sinnsche These klar

widerlegen, wenn es ein allein aus Güterkäufen

abgeleitetes System wäre.

TARGET hat aber auch mit der Entscheidung,

zu Sparen, zu tun. Wenn den

spanischen Banken die Sparer davonlaufen

und diese, sagen wir, ihr Kapital in

Deutschland anlegen, müssen die spanischen

Banken vermehrt ihre normalen

Transaktionen durch die EZB finanzieren

lassen, während die deutschen Banken

fast kein EZB-Geld mehr brauchen,

weil ihre Konten voll mit spanischem

Geld sind. Wieder entstehen TARGET-Salden.

Das aber ist der Todesstoß für die

These von den dominanten Kapitalmärkten,

denn ums Investieren geht es gar

nicht mehr. Doch das kann ich erst im

nächsten Heft erklären.

&

Foto: Torsten George

40

WIRTSCHAFT & MARKT 05/12


INTERVIEW

Dr. Holger Stein, Präsident der Steuerberaterkammer Mecklenburg-Vorpommern

und Präsidiumsmitglied der Bundessteuerberaterkammer zu Sozialsystemen, hohen

Abgabenlasten und die Unmöglichkeit der Steuererklärung auf dem Bierdeckel

»Steuervereinfachung bleibt Traum«

Foto: Steuerberaterkammer MV

W&M: Herr Stein, wird es irgendwann die

Steuererklärung auf dem Bierdeckel geben?

STEIN: Nein, das wird nicht möglich

sein. Das sage ich nicht nur als Nichtbiertrinker.

Das System der Besteuerung in

der Bundesrepublik Deutschland ist historisch

gewachsen. Im Dezember 1919

wurde mit der Reichsabgabenordnung

erstmals ein Mantelgesetz beschlossen,

das die einzelnen Steuerregelungen im

Deutschen Reich zusammenfasste. Einheitliche

Regelungen und die Einführung

einer Finanzgerichtsbarkeit waren

notwendig geworden, weil der Staat nach

dem Ersten Weltkrieg dringend Geld benötigte.

Damals verständigte man sich

darauf: Steuern sind finanzielle Leistungen

ohne Gegenleistungen. Sie werden

erhoben als wesentlicher Bestandteil zur

Finanzierung des Staates und des Gemeinwesens.

W&M: Und was macht die Sache denn so

kompliziert?

STEIN: Es ergeben sich zwei Aufgaben,

die sich diametral gegenüberstehen.

Zum einen braucht der Staat Geld, um

all seinen Verpflichtungen nachkommen

zu können. Zum anderen unternimmt

er – über die Epochen hinweg –

den Versuch, ein gerechtes System zur

Steuererhebung zu etablieren. Heute soll

sich der Bürger entsprechend seiner Leistungsfähigkeit

an der Abgabenlast beteiligen.

Dabei bleiben lobbyistische und

parteipolitische Einflüsse nicht ohne

Auswirkungen. Steuergerechtigkeit zu

schaffen, wird zum ständigen Prozess.

W&M: Der Bürger hat das Gefühl, immer

stärker zur Kasse gebeten zu werden. Dabei

nahm der Staat 2011 so viel ein wie nie zuvor.

Gleichzeitig wächst der Schuldenberg. Was

läuft falsch?

STEIN: Die Ausgaben des Staates spielen

in der öffentlichen Betrachtung eine zu

geringe Rolle. Doch wie in einem Unternehmen

sind auch auf staatlicher Ebene

regelmäßig Einnahmen und Ausgaben

gegenüberzustellen. In Deutschland werden

die wachsenden Einnahmen von den

ausufernden Ausgaben aufgebraucht.

Das Gefühl trügt den Bürger nicht, er

wird wie der Unternehmer stärker an der

Finanzierung öffentlicher Lasten beteiligt.

Durch die internationale Finanzund

Wirtschaftskrise seit dem Jahr 2008

wird dieser Prozess weiter angeheizt. Es

wird immer wichtiger, sich die staatliche

Ausgabenseite anzuschauen, um dort

Einsparungen vorzunehmen. Kein Staat

kann es sich leisten, auf Kosten künftiger

Generationen zu leben.

W&M: Steigend sind auch die Aufwendungen

für die Sozialsysteme. Der Staat hat 2005 ein

Gesetz beschlossen, das Sozialbeiträge steuerlich

begünstigt. Entlastet das die Bürger?

STEIN: Die Aufwendungen für die Sozialsysteme

sind hoch. Zusammen mit den

Steuern der Bürger und Unternehmen

»Es ist ein ständiger Prozess,

STEUERGERECHTIGKEIT

schaffen zu wollen.«

machen sie jährlich zirka eine Billion

Euro aus, das sind 12.000 Euro pro Kopf.

Die demografische Entwicklung der

letzten Jahrzehnte hat dazu geführt, dass

der Generationenpakt der 50er und

60er Jahre heute nicht mehr aufgeht. Es

fehlen die jungen Menschen, die die

Leistungen für die älteren Bürger in den

Sozialsystemen erwirtschaften. Deshalb

hat die Politik 2005 eine Trendwende

beschlossen. Durch das Alterseinkünftegesetz

wird schrittweise bis 2040 zur

nachgelagerten Besteuerung und zur

Steuerfreistellung der Altersvorsorgeaufwendungen

übergegangen. Nun werden

zunehmend die Einkünfte im Renten-

alter besteuert, und die Sozialbeiträge

im Arbeitsalter sind steuerbegünstigt.

Doch damit wird das finanzielle Defizit

nicht aufgefangen. Und der gewünschte

Effekt, dass junge Menschen mit den

Steuereinsparungen für das Alter vorsorgen,

hat sich auch nicht eingestellt.

W&M: Steuerberater setzen sich für den

Rechtsfrieden ein, der zwischen dem Steuerbürger

und dem Staat hergestellt werden

muss. Wie schwierig ist der Job?

STEIN: Der Steuerberater steckt im Konflikt.

Er ist Organ der Steuerrechtspflege

und hat mit seinem Mandanten gemeinsam

darauf zu achten, dass die steuerlichen

Konsequenzen und finanziellen Gestaltungsspielräume

beispielsweise zur

Unternehmensentwicklung auf der Basis

geltenden Rechts genutzt werden. Der

Steuerberater ist verpflichtet, die Steuergesetze

einzuhalten, aber zugleich die

einseitigen Interessen des Mandanten

durchzusetzen. Er hat den Mandanten

davor zu schützen, den Zaun oder die

bildliche Schranke zur Gesetzesverletzung

zu überschreiten. Per Gesetz ist er

verpflichtet, den berechtigten Steueranspruch

des Staates umzusetzen. Der

Steuerberater muss aber auch an den

Zaun herantreten und nicht schon vorher

umdrehen. Er hat die Interessen seines

Mandanten bestmöglich zu vertreten

und ihn vor der Finanzgerichtsbarkeit zu

verteidigen. Der Steuerberater trägt mit

seiner Arbeit dazu bei, dass das Steuersystem

funktioniert und sorgt durch die

fachkompetente und sichere Berechnung

von Umsatz- und Lohnsteuern für

die laufende Liquidität des Staates.

W&M: Nahezu jährlich werden von Seiten des

Staates Vereinfachungen des Steuerrechts angekündigt.

Wie steht es um diese Reformen?

STEIN: Das Steuerrecht ist permanenten

Veränderungen ausgesetzt durch ständig

neue Gesetze. Planbarkeit und Belastbarkeit

der Abgabenstruktur stoßen immer

stärker an Grenzen. Leider müssen wir

schon Veränderungen zur Kenntnis nehmen,

bevor manche Gesetze überhaupt

in Kraft getreten sind. Die Gesetze entstehen

in Eile oder unter politischem

Druck, so dass ihre Machbarkeit und Umsetzbarkeit

nicht ausgereift sind. Den erhofften

Effekt der Vereinfachung brachten

die meisten Veränderungen nicht.

42 WIRTSCHAFT & MARKT 05/12


INTERVIEW

Ich träume seit 21 Jahren den Steuervereinfachungs-Traum.

Ich gehe nicht mehr

davon aus, dass er während meiner beruflichen

Laufbahn noch wahr wird.

W&M: Was halten Sie von der Steuererklärung

alle zwei Jahre?

STEIN: Aufschieben vereinfacht nichts.

Es werden nur die Arbeitsvorgänge geparkt.

Mit dem veränderten Zeitpunkt

der Abgabe bleibt der Aufwand der gleiche.

Zur Veranschaulichung: Wenn ein

Gärtner alle zwei Jahre seine Pflanzen

pflegt, hat er mehr zu tun – mit Jäten,

Beschneiden, Düngen. Im übrigen sieht

auch die Finanzverwaltung keine positive

Effekte oder gar eine Vereinfachung

durch die zweijährige Erklärung. Es ist

eine populistische Idee der Politik.

W&M: Oder holt sich der Staat für zwei Jahre

einen Kredit beim Bürger?

STEIN: Aber nur, wenn der Bürger es versäumt,

auf eine schnelle Auszahlung zu

viel gezahlter Steuern zu achten. Er hat

auch die Möglichkeit, einen Lohnsteuerermäßigungsantrag

zu stellen.

W&M: Welche Reformen strebt die Bundessteuerberaterkammer

an?

STEIN: Steuerpolitisch mischt sich die

Bundessteuerberaterkammer als öffentliche

Körperschaft nicht ein. Unser An-

liegen besteht darin, der Steuerberaterschaft

gesetzgeberische Klarheit zu geben.

Neue Gesetze müssen machbar und

praktikabel sein. Steuerberater, die für

die Mandanten auf gesetzlicher Grundlage

arbeiten, müssen zu jeder Zeit Entscheidungen

treffen können. So hat die

Bundessteuerberaterkammer allein im

Jahr 2011 eine lange Liste von Vorschlägen

zur Ausgestaltung der Gesetze unterbreitet.

Etwa ein Viertel fand im Gesetzgebungsverfahren

Berücksichtigung.

W&M: Die Papierlohnsteuerkarte ist passé,

die elektronische umstritten. Warum?

STEIN: Der Start der elektronischen

Lohnsteuerkarte musste auf den 1. Januar

2013 verschoben werden, weil es bundesweit

unerwartet technische Probleme

gab. Doch der Staat hat ein großes Interesse

am E-Steuerfestsetzungsverfahren,

weil er Ressourcen rationeller einsetzen

und auch Doppelerfassungen vermeiden

will. Aus der Sicht der Berater ist das

elektronische Verfahren bislang sehr einseitig

zugunsten des Staates ausgestaltet

worden. Derzeit arbeiten wir gemeinsam

intensiv daran, das Verfahren zu verbessern.

Der Steuerbürger muss ebenfalls

von elektronischer Datenerfassung und

-übertragung profitieren. Bescheide der

Finanzämter sollten auch elektronisch

erfolgen und abgeprüft werden können,

um schneller Rechtssicherheit zu haben.

W&M: Mecklenburg-Vorpommern hat ein

Bürgerkonzept, das die Zusammenarbeit zwischen

Bürger und Finanzverwaltung regelt.

Hat sich das Konzept bewährt?

STEIN: Die Finanzverwaltung im Land

stand vor Jahren in der Kritik, weil sie es

an Fingerspitzengefühl gegenüber dem

Steuerbürger vermissen ließ. Zu häufig

musste die Finanzgerichtsbarkeit wegen

Bagatelldelikten angerufen werden. Das

hat sich mit dem Bürgerkonzept der Finanzverwaltung

verändert, für das sich

auch der Berufsstand der Steuerberater

stark engagierte. Eine bundesweite Umfrage

und Informationen von IHK und

Handwerkskammer von 2011 sehen die

Zusammenarbeit auf gutem Weg. Für

Sommer 2012 ist geplant, eine überarbeitete

Fassung des Konzeptes in Kraft

zu setzen, die qualitätssteigernd wirken

soll. Die Kommunikation zwischen

Steuerbeamten und -bürgern ist zu intensivieren,

um strittige Sachverhalte möglichst

im Vorfeld zu klären und nicht

eskalieren zu lassen. Der Steuerbürger

darf nicht kriminalisiert werden.

Interview: Anette Pröber

&

Neue Netze für neue Energie

Das Übertragungsnetz ist der Schlüssel, um die

Energiewende in Deutschland erfolgreich zu gestalten.

Wir bei 50Hertz sind Vorreiter bei der Integration der

erneuerbaren Energien. Wir betreiben das Höchstspannungsnetz

für mehr als 18 Millionen Menschen

im Norden und Osten Deutschlands. Wir meinen es

ernst mit unserer gesellschaftlichen Verantwortung,

Stromautobahnen gemäß den Klimazielen Deutschlands

und Europas zu entwickeln.

Dafür sind folgende politische Weichen zu stellen:

– Für den notwendigen Netzausbau benötigen wir

stabile Investitionsbedingungen, beschleunigte

Verfahren sowie eine politisch gestützte Informations-

und Dialogoffensive.

– Der rechtliche und regulatorische Rahmen muss

dafür sorgen, dass die enormen Investitionen in

den Netzausbau getätigt werden können und gleichzeitig

Investitionshemmnisse abgebaut werden.

Mehr unter www.50hertz.com


BERICHT

Foto: Günter Wicker/Flughafen Berlin-Brandenburg

Das Angenehme kommt zum

Schluss. Wenige Wochen vor Inbetriebnahme

des neuen Hauptstadt-Flughafens

BER »Willy Brandt« ist

der Prozess der Personaleinstellung in

vollem Gange. Drei Monate vor dem

heißen Start sind noch rund 2.000 Stellen

am neuen Großflughafen unbesetzt.

Das breite Spektrum, das die Jobmesse

im zurückliegenden März für 7.000 Interessierte

offerierte, reichte von hochqualifizierten

Tätigkeiten bis zu einfachen

Beschäftigungen: Flugbegleiter, Check-

In-Mitarbeiter, Angestellte der Gepäckund

Bodenabfertigung, aber auch Dreher,

Fräser, Maschinenbediener, Informatiker

und Ingenieure werden gesucht.

Gelockt wird mit unbefristeten Arbeitsstellen.

Gefordert sind die Bereitschaft

zu Schichtarbeit, interkulturelle

Kompetenz, Weltoffenheit und in vielen

Fällen fließendes Englisch. Spezielle Voraussetzungen

für einen Job auf einem

Flughafen sind ein einwandfreies polizeiliches

Führungszeugnis und das Bestehen

einer Sicherheitsüberprüfung.

Zusammen mit den Arbeitsplätzen in

den Umfeld-Ansiedlungen sollen einmal

40.000 Menschen am BER tätig sein. Es

sind indes nicht alles neue Stellen, weil

das Personal der »alten« Berliner Airports

Tegel und Schönefeld zum BER wechselt.

EINIGUNG IM TAXI-STREIT?

Es gibt auch andere guten Nachrichten:

Für ein sich abzeichnendes »Nadelöhr«

kann Wochen vor dem Tag der Wahrheit

Entwarnung gegeben werden: Das Eisenbahnbundesamt

gab grünes Licht für

den Einsatz von 17 sogenannten Talent-

2-Zügen, die den Flughafen mit Berlin

verbinden sollen. Wegen technischer

Schwierigkeiten beim Produzenten Bombardier

in Hennigsdorf war es zu Lieferverzögerungen

gekommen, die Züge

standen kurz nach Fertigstellung monatelang

auf einem Abstellgleis.

Ein Problem ist die nach wie vor fehlende

»Dresdner Bahn« die einen schnellen

Anschluss der Brandenburger im

Süden, vor allem der Cottbuser, ermöglichen

würde. Brandenburg gibt Berlin

die Schuld für dieses Manko, weil die Planungen

dort nicht vorangetrieben würden.

So existiert auf absehbare Zeit für

Cottbus nur die langsame Regionalbahn-

Anbindung an den Flughafen BER.

Kurz vor Ultimo wird auch im Taxi-

Streit eine Lösung gesucht. Die Berliner

Stadtgrenze ist für dieses Gewerbe eine

Art Mauer, hinter der sich die Brandenburger

und die Berliner verschanzt haben.

Nun sollen Berliner Taxifahrer zu

Berliner Tarifen Passagiere nach dem

neuen Flughafen bringen können, der

Großflughafen BER

Geräuschvoller Start

Am 3. Juni nimmt der Flughafen BER in Schönefeld den Betrieb auf.

Die Begleitmusik zur Premiere des Airports ist sehr vieltönig.

auf brandenburgischem Territorium

liegt. Fahrgäste zahlen beim Einstig ins

Taxi am Flughafen einen Aufschlag von

1,50 Euro. »Im Gegenzug« dürfen Taxifahrer

aus dem Landkreis Dahme-Spreewald

künftig in Berlin Fahrgäste mitnehmen.

Da scheint aber, wie der Berliner

Taxifahrer-Streik vom 23. April zeigte,

das letzte Wort noch nicht gesprochen

zu sein.

Relativ zögerlich füllen sich die Gewerbegebiete

nahe des Flughafens. Brandenburgs

Wirtschaftsminister Ralf Christoffers

(Linke) zeigte sich zuversichtlich,

dass der eigentliche Zustrom, der von

Dienstleistern nämlich, nach der Eröffnung

des Airports am 3. Juni in Gang

kommen werde. 19 der insgesamt 34 Gewerbegebiete

wurden jenseits der Berliner

Stadtgrenze eingerichtet.

Bei der Entwicklung des Flughafenumfeldes

konzentrieren sich die Wirtschaftsfördergesellschaften

von Berlin

und Brandenburg laut Christoffers auf

die Akquisition von Dienstleistern für

den Flughafenbetrieb sowie affinen Instandhaltungsunternehmen.

Für reine

Industriefirmen stünden in Niederlehme

20 Hektar und in Ludwigsfelde noch

15 Hektar Fläche zur Verfügung. Der

Sprecher des Vorstands der Zukunfts-

Agentur Brandenburg (ZAB) Steffen

Kammradt sagte, dass ein solches Projekt

»alles andere als ein Selbstläufer« sei. Es

müsse »um jeden gerungen« werden.

Für den Flächenverbrauch des BER

von über 1.000 Hektar (2.000 Fußballfelder)

sind die Ausgleichsmaßnahmen auf

den Weg gebracht. Ein Großteil soll auf

den Bereich der Zülowniederung entfallen.

Mit mehreren Hundert Flächeneigentümern

wurde das Gespräch gesucht.

Dabei gehe es um die Nutzung eine 2.600

Hektar großen Geländes. Die Flughafen-

Bauherren müssen insgesamt 34,3 Millionen

Euro als Ersatzzahlungen für

unwiederbringliche Naturverluste an

den Naturschutzfonds überweisen.

FLUGLÄRM WEITER STRITTIG

Keine befriedigende Einigung wurde bis

dato im Fluglärmstreit erzielt. Daran änderte

auch nichts, dass rund 100 Tage vor

Betriebsstart seitens des Bundesverkehrsministeriums

mitgeteilt wurde, dass die

Anflughöhe verändert wurde und 50 Kilometer

von Schönefeld entfernt 1.800

Meter statt 1.200 Meter betragen soll.

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer

(CDU) nannte die vom Bundesamt für

44 WIRTSCHAFT & MARKT 05/12


Flugsicherung Ende Januar festgesetzten

Fluglinien »nicht in Beton gegossen«.

Kritisch reagierte der Sprecher der

Deutschen Flugsicherung Axel Raab. Er

warnte, dass mit diesen Vorgaben zumindest

in Spitzenzeiten Kapazitätsprobleme

zu erwarten seien. Weil Maschinen

früher zur Landung ansetzen müssten,

wären Potsdam, Berlin und die Region

Teltow durch diese Regelung von größerem

Fluglärm betroffen. Ohnehin sei weniger

die Landung als vielmehr der Start

von Flugzeugen ein Lärmproblem, weil

beim Start der meiste Lärm entstehe.

SCHADENERSATZ GEFORDERT

Mehrfach, bis in die jüngste Vergangenheit

hinein, wurde eine Entschädigungszahlung

für die Lärmopfer ins Spiel

gebracht. Seitens der SPD wurde vor anderthalb

Jahren vorgeschlagen, die Anwohner

quasi am Gewinn zu beteiligen.

Die brandenburgische CDU-Fraktion hatte

vor einigen Wochen in einem parlamentarischen

Antrag verlangt, dass die

Flughafengesellschaft eine Lärmrente

für Anwohner zahlen solle, die unverschuldet

nicht fristgerecht in den Genuss

der ihnen zustehenden Schallschutzmaßnahmen

kommen.

Die Grünen forderten in ihrem gesonderten

Antrag, ein »angemessenes Schadenersatzgeld«

vom Zeitpunkt der Inbetriebnahme

bis zur konkreten Umsetzung

der Schallschutzmaßnahmen. Im

Verlauf einer Anhörung vor dem Verkehrsausschuss

des Potsdamer Landtags

bezeichneten die Flughafen-Vertreter die

Zahlung einer Lärmrente für Anwohner

des neuen Großflughafens BER Schönefeld

als grundlos. Wer einen berechtigten

Antrag gestellt habe, dem werden bis

zur Eröffnung am 3. Juni die vorgesehenen

Auslagen erstattet, womit die Auflagen

der Genehmigungsbehörde erfüllt

seien, versicherte Flughafen-Chef Rainer

Schwarz bei dieser Gelegenheit.

Bei 13.500 eingegangenen diesbezüglichen

Anträgen seien bis auf 350 alle bearbeitet

worden, merkte Schwarz dazu

an. Die übrigen Einwohner hätten keine

Anträge gestellt, so dass die Flughafengesellschaft

in ihren Fällen auch nicht

wirksam werden könne. Der Planfeststellungsbeschluss

verpflichte die Anwohner

zur Mitwirkung.

Lärmgegner Otwin Baier (Gemeinde

Blankenfelde-Mahlow) erklärte die Zurückhaltung

vieler Menschen bei der Antragstellung

mit dem Passus im Antragsformular,

dass mit dem Akzeptieren der

Bedingungen auf weitere Ansprüche und

Kostenerstattungen verzichtet werden

solle. Wenn sich Schönefeld zu einem internationalen

Luftdrehkreuz entwickeln

solle, dann dürfe man die Anwohner

nicht mit dem Problem des Lärms allein

lassen.

Für Verunsicherung sorgte die brandenburgische

CDU, als sie sich im August

2011 vom Standort Schönefeld distanzierte

und später auch den Gedanken ins

Spiel brachte, irgendwo in Brandenburg

einen weiteren Flughafen für den Fall zu

bauen, dass BER an seine Kapazitätsgrenzen

stoßen sollte. Fraktionschefin Saskia

Ludwig verkündete, mit Blick auf die bekannt

gewordenen Auswirkungen hätte

»wohl niemand« diesen Standort in Berlinnähe

gewählt. Sollte eine Erweiterung

des Airports zur Debatte stehen, müsse

auch ein Wechsel des Standortes in die

Überlegungen einbezogen werden. Einst

hatte das Raumordnungsverfahren

Schönefeld als den eindeutig am wenigsten

geeigneten Standort bezeichnet und

Sperenberg oder Jüterbog den Vorzug

gegeben. Doch dagegen sperrten sich

CDU und FDP, und auch die Berliner Grünen

begehrten auf. Sie wollten in Sperenberg

eine Naturschutzzone erhalten und

traten für den Bau in Schönefeld ein.

UMZUG IN EINER NACHT

Mit Verständnislosigkeit reagierte FDP-

Fraktionschef Andreas Büttner in Potsdam

auf die neuen Töne aus der CDU.

Beim Großflughafen handle es sich um

einen wirtschaftlichen Impulsgeber für

die gesamte Region. »Es gibt gute Gründe,

die Position nicht zu ändern. Es geht

um Planungssicherheit. Und um die Frage,

ob Politik verlässlich ist oder nicht«.

So begleiten gemischte Gefühle die

Startphase des 2,5-Milliarden-Projektes

Anfang Juni. Vier Jahre lang haben insgesamt

5.000 Bauleute den modernsten Airport

Europas aus dem Boden gestampft.

Eine technische und logistische Großleistung

wird auch die Inbetriebnahme.

Dann sollen am bislang größten Berliner

Flughafen in Tegel die Lichter für immer

ausgehen. Und gleichzeitig werden sie

am neuen Großflughafen BER in Schönefeld

erstrahlen.

Tatsächlich erwarten die Flughafenplaner

die Nacht der Nächte. Diese gewaltige

Premiere muss ohne Generalprobe

über die Bühnen gehen. Nicht, dass nicht

bestimmte Prozesse im Vorfeld geübt

worden wären – es fanden noch während

der Bauarbeiten lange Durchläufe mit

Komparsen statt, mit Autos, die Flugzeuge

darstellten, und mit Einzelpersonen,

die Menschenschlangen simulierten. Die

Premiere für den neuen Großflughafen

wird aber stattfinden mit Passagieren,

Angestellten, Piloten, die in ihrer großen

Mehrheit vorher nicht geprobt haben.

Matthias Krauß

&

WIRTSCHAFT & MARKT 05/12 45


ANALYSE

Sächsische Kommunen

In Anlagefalle getappt

Undurchsichtige und hochriskante Zinsgeschäfte sollten im

Freistaat Sachsen auf Geheiß der Landesregierung die Kassen

der Kommunen füllen. Jetzt aber drohen Millionenverluste.

Für mich ist das Teufelszeug, im

schlimmsten Falle müssen wir

4,5 Millionen Euro berappen«, sagt

Landrat Volker Uhlig vom Landkreis Mittelsachsen.

»Wir haben ein Drachenei im

Nest«, barmt der Bürgermeister der

kleinen Oberlausitzer Gemeinde Großpostwitz.

»Wir sind einfach nur über den

Tisch gezogen geworden.« Auch Astrid

Hamann, Kämmerin in Dippoldiswalde,

empfindet das so: »Die Bank hätte uns

dieses Produkt aufgrund seines spekulativen

Charakters gar nicht erst anbieten

dürfen.«

Ein kollektiver Aufschrei erhebt sich

im Freistaat Sachsen. Mindestens 40

sächsische Städte und Landkreise, aber

auch kommunale Betriebe und Zweckverbände

haben sich auf hochriskante

Zins- und Kreditgeschäfte eingelassen.

Sie sollten ihnen weitere Schulden ersparen

und sogar neue Einnahmequellen

eröffnen. »Moderne Zinsoptimierung«

hieß dazu das Schlagwort. Doch was den

sächsischen Kommunalen und Kämmerern

als wundersame Geldvermehrung

daherkam, entpuppt sich nun als schnöde

Zockerei mit anvertrauten Steuergeldern.

Denn die hochriskanten Zinsgeschäfte

drohen zu platzen und – wenn es

ganz schlecht ausgeht – die betroffenen

Kommunen in die Pleite zu treiben.

Die sächsische Landesregierung in

Dresden hat nun die Notbremse gezogen

und den Städten und Gemeinden spekulative

Zinswetten verboten. Das Innenministerium

hat dazu dem Landtag den

Entwurf eines Gesetzes vorgelegt, das ein

generelles Spekulationsverbot für kommunale

Finanzgeschäfte in der Gemeindeordnung

festschreibt. Schon zuvor hatte

die Landesregierung allen betroffenen

Städten und Kreisen empfohlen, Schadenersatzansprüche

gegenüber Banken

zu prüfen und auch vor Gericht auszutragen

– Ausgang bislang offen.

»Verbote und Klagen – gut und schön«,

sagt Flöhas Oberbürgermeister Friedrich

Schlosser (CDU) achselzuckend. »Letztlich

bleibt alles an uns hängen.« Schlosser

fühlt sich von der Landesregierung allein

gelassen. Dabei steht sie aus seiner

Sicht in der Pflicht. »Ende der neunziger

Jahre hat man die sächsischen Kommunen

aufgefordert, nach modernen Finanzierungsmethoden

wie Derivate-Geschäften

zu greifen, um die Haushaltskasse

aufzubessern«, sagt er. »Genau das haben

wir gemacht und sind in die Anlagefalle

getappt.« Dabei sah sich Schlosser anfangs

auf der sicheren Seite. Die von der

Kreissparkasse Flöha vermittelten und

mit der inzwischen in der Landesbank

Baden-Württemberg (LBBW) aufgegangenen

Sachsen LB abgeschlossenen Zinsswapgeschäfte

bereiteten der Stadt viel

Freude. »Wir haben mit den Zinsspargeschäften

zunächst knapp 400.000 Euro

gutgemacht«, sagt der Bürgermeister.

»Wir hatten keinen Grund, den Landesbankern

zu misstrauen.«

TOXISCHE DERIVATE

Dabei hätten die Kommunalen allen

Grund dafür gehabt. Die Chance, anfänglich

Zinslasten zu vermindern, wird bei

solchen Finanzprodukten durch die

Übernahme von erheblichen Risiken in

der Zukunft erkauft – allerdings einseitig

zu Lasten der Kommunen, während

das Risiko der Bank überschaubar bleibt.

Wolf-Dieter Ihle von der SAM Sachsen

Asset Management GmbH in Leipzig, die

für Kommunen die komplizierten Geschäfte

analysiert und sie jetzt auch

berät, sieht das nüchtern: »Die Bank hat

die Gewinnchance, die Kommune trägt

das Risiko.« Das aber hätten die Banker

bei den Verkaufsverhandlungen gern

unter den Tisch fallen lassen. Stattdessen

sei man den Kommunen mit immer undurchsichtigeren

Finanzkonstruktionen

wie etwa CMS-Memory-Swaps oder CMS-

Spread-Sammler-Swaps gekommen. »Das

aber sind ausgemacht toxische Derivate,

von denen die Kommunen die Finger lassen

müssen und die ihnen auch gar nicht

angeboten werden dürften.«

Flöha hat die Finger davon nicht gelassen

und steht nun vor dem Abgrund.

Statt Zinsersparnisse zu registrieren

muss die Stadt jetzt draufzahlen. Wenn

es schlecht geht, muss sie bis zum Auslaufen

des mit der LBBW abgeschlossenen

CMS Memory Zinsswapgeschäfts im

Jahre 2024 über 50 Millionen Euro an die

Bank zahlen. Bei der sofortigen Auflösung

wären knapp 30 Millionen Euro fällig.

»Wir sind schon bei fünf Millionen

Euro tot«, bekennt Schlosser, der sich von

der Bank über den Tisch gezogen fühlt.

»Wir sind einfach nicht dezidiert über

die enormen Risiken der Wetten aufgeklärt

worden. Und das auch noch von

einer Landesbank.«

Der Oberbürgermeister lässt nun von

einer Anwaltskanzlei prüfen, ob eine Klage

gegen das Kreditinstitut erfolgreich

sein könnte. Seit im vergangenen Jahr

der Bundesgerichthof die Deutsche Bank

zur Zahlung von 541.000 Euro Schadenersatz

an ein mittelständisches Unternehmen

verurteilte, weil die Deutsche-

Bank-Vertriebler beim Verkauf eines Zins-

Produkts die Risiken der Bank »bewusst

zu Lasten des Anlegers« verlagert hätten,

setzen in vielen sächsischen Kommunen

die Stadtoberen auf das »Prinzip Hoffnung«.

Zumal die Landesregierung nun

Druck macht.

Das sächsische Innenministerium empfiehlt

den Städten und Gemeinden »dringend«,

ihre alten Swap-Geschäfte prüfen

46 WIRTSCHAFT & MARKT 05/12


ANALYSE

Foto: PictureDisk; Montage: R. Puschmann

zu lassen und wenn möglich den Klageweg

einzuschlagen.

Leichter gesagt als getan. Für die

Prüfung der Geschäfte und den Gang vor

Gericht kommen auf die Kommunen

deftige Kosten zu – mithin werden für

Gutachten und für darauf spezialisierte

Anwälte schnell sechsstellige Summen

fällig. Landrat Uhlig hat den Klageweg

dennoch gewählt und die LBBW bereits

im Juli 2011 verklagt. Mit der Klage will

er die Nichtigkeit eines Zinsoptimierungsgeschäfts

namens »Constant-Maturity-Memory-Swap«

erreichen, das noch

sein Vorgänger Andreas Schramm (CDU)

2006 abgeschlossen hatte.

Schramm hatte in jenem Jahr bei der

Sachsen LB ein Darlehen über 2,5 Millionen

Euro aufgenommen. In der Hoffnung

auf Reduzierung der daraus resultierenden

Kosten ließ sich das damalige

Mitglied des Verwaltungsrates der Sachsen

LB von Bankkollegen das riskante

Zinsswapgeschäft aufschwatzen. Diese

risikoreiche Wette schien für den Landkreis

aufzugehen. Man sparte im ersten

Jahr über 100.000 Euro Zinsen ein. Doch

in der Wirtschaftskrise ging die Wette

nicht mehr auf. Die Kreditkosten explodierten,

woraufhin Schramms Nachfolger

die Notbremse für den nach der

Kreisgebietsreform neu gebildeten Landkreis

Mittelsachsen zog. Schließlich drohen

Verluste bis zu 4,5 Millionen Euro.

Anfang März dieses Jahres sollte der

Prozess »Landkreis Mittelsachsen gegen

Landesbank Baden-Württemberg« am

Stuttgarter Landgericht eröffnet werden.

Doch der Richter wurde krank und der

erste Prozess eines sächsischen Landkreises

wegen eines strittigen Swap-Geschäfts

wurde auf Ende Juni verschoben.

Aber auch der Freistaat selbst bleibt

aktiv. Neben dem Verbot von spekulativen

Zinsgeschäften will Sachsen nun

auch gegen leichtgläubige oder waghalsige

Kämmerer vorgehen. Dabei steht

der Vorwurf der Untreue im Raum. Die

Staatsanwaltschaft Dresden ermittelt bereits

gegen Markus Mütsch, den Kämmerer

von Riesa. Mütsch versuchte zu Hochzeiten

am Finanzmarkt mehr als 30

Swaps zu managen und trieb damit die

Stadt in immer neue Risiken. Aktuell

liegt der Marktwert der noch vorhandenen

acht Zinsgeschäfte bei minus 22 Millionen

Euro – mehr als das Doppelte, was

Riesas Kämmerer in diesem Jahr an Gewerbesteuereinnahmen

eingeplant hat.

SACHSEN LB AM RAND DES RUINS

Mehr als 200 Swap-Geschäfte mit einem

Volumen von über einer halben Milliarde

Euro hat der sächsische Landesrechnungshof

bei 40 betroffenen Kommunen

und Landkreisen ausgemacht. Ein Teil

der Geschäfte läuft noch gut, der andere

umso schlechter. Ein Gemisch aus Empörung

und Larmoyanz macht sich unter

den sächsischen Kommunalen breit. Larmoyanz,

weil man sich auf Geheiß der

Landesregierung undurchsichtigen Geschäften

geöffnet hat und nun die Zeche

bezahlen muss. Empörung, weil es die

eigene Landesbank (Sachsen LB) war, die

ihnen diese spekulativen Zinsgeschäfte

angedreht hat, welche ihnen jetzt auf die

Füße fallen. Die Sachsen LB aber ist selbst

durch aberwitzige Derivat-Geschäfte zwischenzeitlich

an den Rand des Ruins geraten.

2008 wurde sie nach einer bisweilen

abenteuerlichen Rettungsaktion von

der Landesbank Baden-Württemberg geschluckt.

So steht nun die LBBW im Fokus der

Kritik. Alexander Braun, Pressesprecher

des LBBW-Konzerns in Leipzig, weist alle

Kritik der Kommunen zurück. Bei den

Verträgen ohne Zinshöchstgrenze seien

die Kunden über das unbegrenzte Risiko

aufgeklärt sowie anlagegerecht durch

die damalige Sachsen LB beraten worden,

betont Braun. »Die Kommunen haben

dann die Aufsichtsbehörden über den

Abschluss der Geschäfte ausführlich informiert.«

Braun sieht keine Schuld bei

FAKTEN

Was ist ein Swap?

Ein Swap (englisch für Austausch) ist

eine Vereinbarung zwischen zwei Vertragspartnern,

zukünftig, zu einem bestimmten

Zeitpunkt, Zahlungsverpflichtungen

auszutauschen. Eine weit

verbreitete Form der Swap-Verträge

sind Zinsswaps. Diese Geschäfte dienen

grundsätzlich der Absicherung

gegen Zinsrisiken. Daneben aber sind

von den Banken auch von bestehenden

Darlehen losgelöste eigenständige

Spekulationsgeschäfte kreiert worden.

Die Finanzinstitute haben sie vor allem

Kommunen angeboten – bis heute.

Bei diesen Geschäften wird von den

kommunalen Anlegern auf eine bestimmte

Zinsentwicklung, oft auf eine

steilere Zinskurve, spekuliert. Tritt diese

Zinserhöhungskurve nicht ein, drohen

den Anlegern drastische Verluste.

Was ist ein Zinsderivat?

Bei Zinsderivaten handelt es sich im

Grundsatz um eine Wette. Gewettet

wird auf die Zinsentwicklung. Der Käufer

eines Zinsderivates spekuliert also

auf einen längerfristigen Zinswert. Sein

Ziel ist es, sich damit einen finanziellen

Vorteil zu verschaffen. Dabei kann er

sich, je nach Art des Derivates, einen

höheren Guthabenzins verschaffen

oder sich eines Teils seiner Kreditlast

entledigen. Das Problem dabei: Mit

Vertragsabschluss verpflichtet er sich

gleichzeitig dazu, als Gegenleistung für

die besseren Konditionen eine Gebühr

an die Bank zu zahlen, die sich an der

tatsächlichen Zinsentwicklung orientiert.

Weichen nun Vorhersage und

reale Entwicklung deutlich voneinander

ab, wird das Zinsderivat zum Verlustgeschäft

für den Kunden, da er in jedem

Fall die finanziellen Lasten zu tragen hat.

der Bank, sichert aber zu: »Unser Haus

steht mit den betroffenen Kommunen in

Kontakt – in der Absicht, gemeinsam

Lösungen zu finden.«

Wie diese »Lösungen« aussehen könnten,

vermag derzeit keiner zu sagen. So

hängt das Damoklesschwert über den

kommunalen Wettteilnehmern. SAM-

Manager Ihle sieht die Zukunft düster.

Dem Freistaat drohten jetzt überall »kleine

Griechenlands«. Nur seien die sächsischen

Kommunen deutlich schlechter

dran, sagt er. »Die Griechen haben wenigstens

das Geld ausgegeben, was jetzt

fehlt – Flöha, Riesa und Co. dagegen haben

nur Kosten und nichts konsumiert.«

Steffen Uhlmann

&

WIRTSCHAFT & MARKT 05/12 47


W&M-SERVICE

AKTUELL

STUDIUM

Schwere Defizite

im Vollzug

Der BFH hat entschieden,

dass Fahrten zu einer vollzeitig

besuchten Bildungsstätte

in voller Höhe absetzbar sind.

In zwei Urteilen (Az.VI R 42/11,

VI R 44/10) legten die Richter

fest, dass solche Fahrten zwischen

der Wohnung und der

Bildungseinrichtung in voller

Höhe wie Dienstreisen und

nicht nur beschränkt in Höhe

der Entfernungspauschale als

Werbungkosten abgezogen werden

können.

Nach Paragraf 9 Abs. 1 Satz 3 Nr.

4 EStG, verweist der BFH in einer

Mitteilung zu dem Urteil, sind

Aufwendungen für die Wege

zwischen Wohnung und regelmäßiger

Arbeitsstätte nur

beschränkt, nämlich in Höhe

der Entfernungspauschale von

derzeit 0,30 Euro je Entfernungskilometer,

als Werbungskosten

abziehbar. Als regelmäßige

Arbeitsstätte hat der BFH

bislang auch Bildungseinrichtungen

angesehen, wenn

diese über einen längeren Zeitraum

zum Zwecke eines Vollzeitunterrichts

aufgesucht werden.

Fahrtkosten im Rahmen einer

Ausbildung waren deshalb nur

beschränkt abzugsfähig. An dieser

Sichtweise hält der BFH

nicht länger fest. Auch wenn die

Aus- oder Fortbildung die volle

Arbeitszeit des Steuerpflichtigen

in Anspruch nimmt und

sich über einen längeren

Zeitraum erstreckt, ist eine Bildungsmaßnahme

regelmäßig

vorübergehend angelegt.

Deshalb hat der BFH die Fahrtkosten

einer Studentin zur

Hochschule (Uni) im Rahmen

eines Zweitstudiums als vorweggenommene

Werbungskosten

zum Abzug zugelassen. In einem

zweiten Verfahren hat der BFH

die Aufwendungen eines Zeitsoldaten

für Fahrten zur Ausbildungsstätte

im Rahmen einer

vollzeitigen Berufsförderungsmaßnahme

ebenfalls in tatsächlicher

Höhe anerkannt.

IM

STEUERDATEN

Elektronische

Abgabe Pflicht

Die Verpflichtung zur elektronischen

Übermittlung

der Umsatzsteuer-Voranmeldung

ist rechtens.

Der BFH (Az. XI R 33/09) hat

entschieden, dass die Verpflichtung

des Unternehmers,

Umsatzsteuer-Voranmeldungen

dem Finanzamt

elektronisch zu übermitteln,

verfassungsgemäß ist. Die Verpfichtung

besteht seit 2005.

Auf Antrag kann das Finanzamt

zur Vermeidung unbilliger

Härten darauf verzichten.

In diesem Fall muss eine

Papiererklärung eingereicht

werden. Dies kann geschehen,

wenn die elektronische Übermittlung

wirtschaftlich oder

persönlich unzumutbar ist,

etwa wegen mangelnder technischer

Voraussetzungen oder

wenn der Unternehmer persönlich

nicht oder nur eingeschränkt

in der Lage ist,

die Datenfernübertragung zu

nutzen. Der BFH befand, diese

Regelung berücksichtige die

Belange der Steuerpflichtigen

in ausreichendem Maße und

wies den Antrag einer GmbH

& Co. KG ab.

UNTERNEHMEN

WINDKRAFT

Anlagen als

eigene Einheit

BUNDESFINANZHOF

Windkraftanlagen stellen

jeweils eigenständige,

zusammengesetzte Wirtschaftsgüter

dar.

Der Eigentümer eines Grundstücks,

das aus zehn Teilflächen

besteht, hatte auf jeder

Teilfläche eine von einem

Dritten betriebene Windkraftanlage

errichtet. Zwischen

den Teilflächen befanden sich

land- und forstwirtschaftliche

Flächen. Das Finanzamt bewertete

die mit den einzelnen

Windkraftanlagen bebauten

Teilflächen als eine einzige

wirtschaftliche Einheit. Anders

der BFH (Az. II R 25/10):

Die Teilflächen seine wegen

der fehlenden räumlichen

Verbindung gesonderte wirtschaftliche

Einheiten. Sie

könnten weder durch den

Nutzungsvertrag noch durch

die Windkraftanlagen zu einer

wirtschaftlichen Einheit

zusammengefasst werden.

Die Windkraftanlagen sind

eigenständige, zusammengesetzte

Wirtschaftsgüter. Die

Verkabelung zwischen ihnen

seien für die Bewertung unerheblich.

Durchschnittliche Verfahrensdauer acht Monate

Die durchschnittliche Verfahrensdauer sämtlicher Verfahren vor

dem Bundesfinanzhof (BFH) liegt bei acht Monaten. Revisionen hat

der BFH im Jahr 2011 in durchschnittlich 17 Monaten (gegenüber

noch 18 Monaten im Vorjahr) erledigt. Insgesamt haben sich 2011

die Zahl der vom BFH entschiedenen Streitfälle (3.004) und die

Neueingänge (3.000) die Waage gehalten.

Erfolgsquoten (Angaben in Prozent) 2011 2010

Zu Gunsten der Steuerpflichtigen

getroffene Entscheidungen insgesamt: 20,5 20,2

Revisionen 42,9 42,6

Nichtzulassungsbeschwerden 15 16,4

Quelle: Bundesfinanzhof

STEUERN SPAREN

W&M-Tipp für die PRAXIS

Schonfrist im

Steuerstreit

Flattert ein Steuerbescheid mit

einer Steuernachzahlung ins Haus,

gilt der Grundsatz: Erst zahlen,

dann streiten.

Das Finanzgericht Münster weist

darauf hin, dass das Gesetz vorschreibt,

dass auch Steuern, über

die ein Steuerpflichtiger und das

Finanzamt im Rahmen eines Einspruchs-

oder Klageverfahrens

streiten, zunächst zu zahlen sind.

Helfen, so das Finanzgericht weiter,

kann ein Antrag auf Aussetzung der

Vollziehung – denn bestehen ernsthafte

Zweifel daran, dass die der

Nachzahlung zugrunde liegende

Steuerfestsetzung rechtmäßig ist,

kann deren Vollziehung ausgesetzt

werden. Die Steuern müssen dann

bis zur abschließenden Klärung der

Streitfragen nicht gezahlt werden.

Hat der Steuerpflichtige auch in der

Hauptsache Erfolg und ändert das

Finanzamt den streitigen Bescheid

freiwillig oder aufgrund einer gerichtlichen

Entscheidung, so erfolgt

die Aussetzung der Zahlung sogar

zinslos; andernfalls ist der zunächst

nicht gezahlte Betrag zu verzinsen

(0,5 Prozent pro Monat).

Neben der vorläufigen Befreiung

von der Zahlungspflicht streitiger

Steuern kann ein gerichtliches Aussetzungsverfahren

aber auch deshalb

hilfreich sein, weil die Beteiligten

eine rechtliche Einschätzung

des Gerichtes zu der zwischen

ihnen streitigen Frage erhalten können.

Das Aussetzungsverfahren

kann daher ein schneller und günstiger

Wegweiser für die Beteiligten

sein, und zwar auch dann, wenn es

um grundsätzliche oder existentielle

Fragen geht. So hat das Finanzgericht

Münster zum Beispiel entschieden,

dass die Steuerpflicht

von Erstattungszinsen rechtlich

zweifelhaft ist und die Vollziehung

eines entsprechenden Bescheides

ausgesetzt (Az. 2 V 913/11 E).

Der BFH hat diese Entscheidung

inzwischen bestätigt (AZ. VIII B

190/11).

W&M-TIPP

Wenn der Steuerpflichtige Einspruch

gegen einen Steuerbescheid

eingelegt hat, kann die Finanzbehörde

die Vollziehung des Bescheids

aussetzen mit der Folge, dass der

Steuerpflichtige den Steuerbetrag

(zunächst) nicht zahlen muss. Die

Vollziehung wird in der Regel bis

einen Monat nach Ergehen der

Einspruchsentscheidung oder der

anderweitigen Erledigung des Einspruchsverfahrens

ausgesetzt.

48 WIRTSCHAFT & MARKT 05/12


W&M-SERVICE

ELEKTROSMOG

Abschirmen

absetzbar

Die Kosten für die Abschirmung

einer Wohnung vor

Hochfrequenzimmissionen

sind steuerlich absetzbar.

Dies entschied das Finanzgericht

Köln (Az. 10 K 290/11).

Die Klägerin hatte bei ihrer

Steuererklärung Aufwendungen

in Höhe von 17.075 Euro

für die Anbringung einer

Hochfrequenzabschirmung

zum Schutz ihrer Eigentumswohnung

vor Radio-, Fernsehund

Mobilfunkwellen geltend

gemacht. Das Finanzamt

lehnte die Berücksichtigung

dieser Kosten als außergewöhnliche

Belastungen ab, da

kein amtsärztliches Gutachten

über die Notwendigkeit einer

solchen Maßnahme vorgelegt

worden sei. Doch den Richtern

reichte ein ärztliches Privatgutachten

über die ausgeprägte

Elektrosensibilität der

Klägerin und ein Gutachten

über stark auffällige Hochfrequenzimmissionen

im Rohbau

der Eigentumswohnung aus.

DIE MEINUNG DES EXPERTEN

Keine Ruhe an der Steuerfront

PRIVAT

GELDGESCHENKE

Großzügiger

Ehemann

Ein Mann hatte seiner Ehefrau

in Abständen drei Millionen

Euro geschenkt. Da

wollte auch der Fiskus ran.

Die vom Finanzamt erhobene

Schenkungsteuer segnete der

Bundesfinanzhof (Az. II R 3) ab.

Der Gatte hatte in mehreren

Einzelzahlungen insgesamt

drei Millionen Euro auf ein Gemeinschafskonto

überwiesen.

Die Hälfte der Zahlungen

bewertete das Finanzamt als

Schenkung und besteuerte sie.

Die Ehefrau klagte vergeblich.

Dem Urteil der obersten

Steuerrichter zufolge können

allzu freigebige Zuwendungen

eines Partners auf ein Gemeinschaftskonto

der Schenkungsteuer

unterliegen, wenn der

andere Ehepartner frei über

die Hälfte der Einzahlungen

verfügen und sich damit ein

eigenes Vermögen schaffen

kann. Ob dies im vorligenden

Fall so geschehen ist, müssen

die Finanzbehörden natürlich

nachweisen können.

KINDERGELD

Frist von vier

Monaten

Von KARL-HEINZ BADURA

Wirtschaftsjournalist und Finanzrichter,

Nörvenich

Die Übergangszeit zwischen

Schule und Wehr- oder

Zivildienst darf vier Monate

nicht überschreiten.

Der Pflichtdienst bei der Bundeswehr

oder im Zivildienst ist

Geschichte. Der Gesetzgeber

hat die gesetzliche Wehrpflicht

und auch den verpflichtenden

Zivildienst mit Wirkung zum

1. Juli 2011 ausgesetzt. Die Gerichte

müssen sich dennoch

weiter auch mit der Frage des

Kindergeldbezugs in der Zeit

zwischen Schule und Pflichtdienst

in zurückliegenden Jahren

beschäftigen. So entschied

der BFH (Az. III R 5/07, III R 41/

07) aktuell in einem Fall aus

2007, dass Eltern für ein Kind,

das nach Beendigung seiner

Schulzeit länger als vier Monate

auf den Beginn des gesetzlichen

Wehr- oder Zivildienst

wartet, während dieser Übergangszeit

kein Kindergeld erhalten.

Der Gesetzeswortlaut

setze diesbezüglich eine klare

Frist von vier Monaten.

Lange hat es gedauert, bis der Finanzminister

die Auflagen der Verfassungsrichter in einem

neuen Erbschaftsteuergesetz umgesetzt hat.

Gut zwei Jahre danach hat das Bundesministerium

der Finanzen (BMF) ein Gutachten des

Wissenschaftlichen Beirats analysiert, welches

sich mit den Wirkungen der Erbschaftsteuer auf

die Unternehmensfortführung befasst. Es

kommt zu dem Ergebnis, dass die Vergünstigung

des Unternehmensvermögens »ökonomische

Effizienzverluste« verursacht. Der Beirat

empfiehlt die Aufhebung der speziellen Verschonungsregeln

im Unternehmensbereich,

eine Absenkung der Steuersätze sowie die Einführung

eines Rechts auf Steuerstundung beim

Übergang von Unternehmensvermögen. Insgesamt

wird die Verbreiterung der Bemessungsgrundlage

mit niedrigeren Steuersätzen empfohlen.

Auf den Punkt gebracht: Mit dem Erbschaftsteuerreformgesetz,

nach dem sich die

Bewertungen von Vermögensgegenständen am

Verkehrswert orientieren, sei durch weitgehende

Verschonungsregeln faktisch eine Abschaffung

der Erbschaftsteuer erfolgt. Dies könnte

nun nochmal zur Diskussion gestellt werden.

Der Ansatz dabei: Im internationalen Vergleich

seien Verschonungsregeln für Unternehmensvermögen

nicht unbedingt die Regel. Dies zeige

der Vergleich mit der Schweiz, den USA, Großbritannien

und Frankreich. So gebe es zwar in

Frankreich noch Entlastungsvorgaben, in den

USA indes nur die Möglichkeit einer Steuerstundung.

– Man darf auf die Konsequenzen

des Gesetzgebers gespannt sein

➔Steuern KOMPAKT

FUSSBALL

Kicken als Gewerbe

Ein Nationalspieler muss auf

Werbeeinnahmen im Rahmen der

Vermarktung der Nationalmannschaft

Gewerbesteuer zahlen.

Ein Bundesligaspieler war laut Vertrag

mit seinem Club verpflichtet, auf Verlangen

auch für die Nationalmannschaft

zu spielen. Daneben hatte er

sich verpflichtet, an Werbeaktionen

des DFB teilzunehmen. Hierfür erhielt

er einen Anteil an den Werbeeinnahmen.

Der Spieler vertrat die Auffassung,

die Werbeeinnahmen seien Teil

des von seinem Verein bezogenen

Arbeitslohns. Demgegenüber sah das

Finanzamt die Einnahmen als gewerblich

an. Mit der Folge, dass neben

der Einkommensteuer noch Gewerbesteuer

zu entrichten war. Dies hat der

BFH (Az. X R 14/10) bestätigt.

WERTPAPIERE

Verluste im Ausland

Verluste aus privaten Veräußerungsgeschäften

in Frankreich

können nicht hierzulande mit

Gewinnen verrechnet werden.

Das hat das Finanzgericht Düsseldorf

(Az. 13 K 1501/10 F) entschieden.

Die Kläger wohnten von 2001 bis

2004 in Frankreich. Sie erlitten dort

bei Wertpapiergeschäften Verluste.

Die Verluste konnten nach französischem

Recht vorgetragen und mit

Gewinnen aus Wertpapiergeschäften

späterer Jahre verrechnet werden.

Ende des Jahres 2004 zogen die Kläger

nach Deutschland zurück. Sie erzielten

2005 einen Gewinn aus privaten

Veräußerungsgeschäften und

wollten diesen mit den in Frankreich

erlittenen Verlusten verrechnen. Dies

lehnte das Finanzamt zurecht ab.

LOHNSTEUER

Irrtum vom Amt

Erstattet das Finanzamt zu viel

Lohnsteuer, muss es den Überschussbetrag

innerhalb von

fünf Jahren zurückfordern.

Danach erlischt der Anspruch.

Dies hat der BFH entschieden (Az.

2011 II R 27/10). Im vorliegenden

Fall hatte das Finanzamt einem

Steuerpflichtigen im Saarland anstatt

rund 400 Euro, mehr als 85.000 Euro

Lohnsteuern zurückerstattet. Der

Mann ließ sich nichts anmerken und

das Finanzamt wurde erst nach acht

Jahren auf seinen Fehler aufmerksam.

Zu spät – wie nun die obersten

Finanzrichter meinten, die ihr Urteil

im Sinne der Rechtssicherheit fällten.

WIRTSCHAFT & MARKT 05/12 49


W&M-SERVICE

DAS

THEMA

INTERVIEW

Fotos: Archiv

DIVIDENDEN

Ausschüttung

lohnt sich

Bedeuten hohe Ausschüttungen

gleichzeitig weniger

Investitionen und damit

weniger Wachstum?

Im Gegenteil – zu diesem Ergebnis

kommen die Experten

von Allianz Global Investors.

Mehr als 27 Milliarden Euro

werden bis Ende Mai alleine

die 30 Dax-Firmen ausschütten,

meldet die Deutsche Bank.

Fast zwei Drittel dieser Unternehmen

erhöhen ihre Ausschüttung

gegenüber dem Vorjahr,

nur ein einziger Dax-Wert

zahlt 2012 keine Dividende.

Eine höhere Ausschüttung zeige

ganz grundsätzlich, analysiert

jetzt Allianz Global Investors

(AGI), dass das Management

eines Unternehmens an

einen künftigen Gewinn glaube.

Außerdem könne die höhere

Dividende auf effizienteres

Wirtschaften hindeuten, da

sich Unternehmen dann

fremdfinanzieren müssten.

Folge: Hohe Kosten für die Kapitalbeschaffung,

aber auch

eine sorgfältigere Auswahl der

Investitionsprojekte. Behielten

die Unternehmen Gewinne

ein, könnten sie aus fehlendem

wirtschaftlichen Zwang

zu mehr Ineffizienz neigen.

Damit sinkt auch ihre Profitabilität,

so die AGI-Experten.

Für Anleger bedeutet das laut

Anlagestratege Stefan Hofrichter:

Die Ausschüttungsquote

ist ein Vorlaufindikator für die

zukünftige Performance von

Unternehmen. Je höher die

Ausschüttungsquote, desto

höhere Gewinne könne der Investor

erwarten. Die Strategie,

die auf relativ hohe Dividendenzahlungen

setze, sei deshalb

eine defensive Wachstumsstrategie.

Weltweit ist die

Ausschüttungsquote in den

letzten fünf Jahren laut AGI

von 35 auf 38 Prozent gestiegen.

Für die nächsten fünf Jahre

erwarten die Experten ein

mäßiges Gewinnwachstum.

ENERGIE

Absatz hoch –

Preise auch

Steigende Preise, wachsender

Energieverbrauch und

steigende Effizienz – Energiewerte

sind attraktiv.

Das US-amerikanische Energie-Institut

(EIA) hat herausgefunden,

dass der weltweite

Energiekonsum sich bis zum

Jahr 2035 mehr als verdoppeln

wird. Vor allem in den

Schwellenländern, die nicht

zur Organisation für wirtschaftliche

Zusammenarbeit

und Entwicklung (OECD) gehören,

erwarten die Experten

einen Anstieg des Energieverbrauchs

um 85 Prozent aufgrund

eines starken Wirtschaftswachstums.

Für die

OECD-Länder hingegen erwarten

die EIA-Analysten einen

Anstieg von 18 Prozent.

Sowohl Experten von Sarasin

Research als auch die Analysten

von Independent Research

raten zum Kauf der Aktie

des spanischen Gas- und

Ölriesen Repsol (WKN 876

845). Das Papier habe Chancen,

nach Kursverlusten Anfang

des Jahres Anschluss an

den Gesamtmarkt zu kriegen.

AKTIENMARKT

BEST AGER

50 Plus – kein

bisschen müde

Menschen im Alter von

mehr als 50 Jahren tragen

zu 45 Prozent zur Gesamtkaufkraft

des Landes bei.

Davon profitieren die ersten

Unternehmen aus der Reiseund

Gesundheitsbranche. Die

Gruppe der »Best Ager« soll

weiter wachsen. Bis 2020 erwartet

das Bundesamt für Statistik

einen Anstieg der Altersgruppe

50 Plus auf 47 Prozent

der Gesamtbevölkerung. Viele

Unternehmen stellen sich auf

diese Kunden ein.

So wird die Reisebranche

schon heute zu 40 Prozent

von älteren Kunden getragen.

Auch Leistungen rund um das

Thema Gesundheit fragt die

wachsende Gruppe der Best

Ager verstärkt nach.

Die Aktie des Gesundheitskonzerns

Fresenius (WKN 578

560) ist für die Analysten der

Nord LB deshalb ein klarer

Kauf. Eine Kaufempfehlung

geben die Experten von Commerzbank

Corporates & Markets

auch für das Papier des

Reiseveranstalters TUI (WKN

TUA G00).

DAX BÖRSENSTARS

+

WKN A1EWWW Adidas + 27,24%

WKN 659990 Merck + 26,24%

WKN 604843 Henkel + 19,34%

WKN 716460 SAP + 13,26%

WKN 648300 Linde + 11,71%

Adidas: Der Sportartikelhersteller will sein Produktportfolio verschlanken und Rabatte

einführen. Durch die Fußball-Europameisterschaft erwartet der Konzern auch dieses Jahr

satte Gewinne. Kurs-Performance 1 Jahr; Schluss: 10.04.2012

DAX BÖRSENFLOPS


WKN 803200 Commerzbank - 60,80%

WKN 725750 Metro - 46,85%

WKN 750000 ThyssenKrupp - 42,52%

WKN 823212 Deutsche Lufthansa - 32,24%

WKN KSAG88 K+S - 31,50%

Commerzbank: Mit 3,5 Milliarden Euro Verlust wird die Eurohypo abgewickelt, aus der

Seefrachtbranche drohen Kreditausfälle und Hoffnungen auf Fortschritte in der

Restrukturierung wurden enttäuscht. Kurs-Performance 1 Jahr; Schluss: 10.04.2012

Quelle: W&M, ohne Gewähr

MARTIN DECOT

von Close

Brother Seydler

über Solarwerte

Schwieriges Jahr

W&M: Die Solarförderung wird

gekappt: Ist das das Aus für viele

Solarwerte?

DECOT: Ich gehe davon aus,

dass sich Solaranlagen in Deutschland

auch nach den Kürzungen

2012 noch rechnen

werden. Für die deutschen

Zell- und Modulhersteller ist

vielmehr die billigere Konkurrenz

aus China das Problem.

Wegen den weltweiten Überkapazitäten

würde auch ein

unverändert starker Anlagenzubau

wenig nützen – der

Preisdruck durch die Asiaten

würde dennoch belasten. Insbesondere

kleinere Anbieter

werden aus dem Markt verschwinden.

Überleben werden

vor allem die asiatischen

Kostenführer sowie Großkonzerne,

die über einen

langen Atem verfügen.

W&M: Wann lohnt sich ein Investment

noch?

DECOT: Die Entwicklung der

Förderung in den internationalen

Märkten ist schwer vorhersehbar.

Längerfristig werden

die Überlebenden der Marktkonsolidierung

wieder bessere

Marktverhältnisse vorfinden.

W&M: Gibt es Licht am Ende des

Tunnels der Regulierung?

DECOT: Die sogenannte Netzparität

von Solarstrom allein

reicht nicht, um die Subventionierung

einstellen zu können.

Da preiswerte Speichertechnologien

noch fehlen, ist eine Regulierung

bis auf weiteres unumgänglich.

W&M: Welche Werte empfehlen

Sie aktuell?

DECOT: 2012 wird für Solaraktien

ein schwieriges Jahr.

Am besten gefiel mir die mit

ihren Flat-Panel-Produktionsanlagen

stärker diversifizierte

Manz AG, deren Aktie aber

noch zu teuer erscheint. Auch

der Wechselrichterhersteller

SMA wird sich wohl behaupten

können.

50 WIRTSCHAFT & MARKT 05/12


W&M-SERVICE

GELD & ANLAGE


Geld KOMPAKT

SAL. OPPENHEIM

Mittelfristiger

Multimix

Die Gesellschaft Oppenheim

Fonds Trust setzt mit einem

Mischfonds auf breite Streuung

in Assets und Märkten.

Die Anlagepolitik des »SOP

MultiAssetAllokation R« basiert

laut Anbieter auf einem

Absolute-Return-Konzept,

durch welches mittel- bis langfristig

eine positive Rendite

erwirtschaftet werden soll.

Der Fonds investiert in unterschiedliche

Anlageklassen und

indirekt in verschiedenste globale

Märkte, darunter Aktien-,

Renten-, Geld- und Rohstoffmärkte.

Das Portfolio besteht

hauptsächlich aus Exchange

Traded Products (ETP) und

Derivaten und soll je nach

Ergebnis der monatlichen

quantitativen Analyse entsprechend

angepasst werden.

So könnten Investoren in allen

Marktsituationen profitieren.

Die breite Streuung soll

Risiken entgegenwirken.

WKN: A1JRTJ

DIE MEINUNG DES EXPERTEN

BVI

Riester bleibt

ein Renner

Eigengenutzte Immobilie – Altersvorsorge mit Inflationsschutz

Zur Kapitalanlage gehört eine vernünftige Risikostreuung.

Demnach soll das verfügbare

Vermögen zu je einem Drittel in festverzinsliche

Wertpapiere, Aktien und Immobilien angelegt

werden. In den ersten beiden Asset-Klassen

gibt es weniger riskante Möglichkeiten wie

deutsche und europäische Standardaktien

oder Bundeswertpapiere mit erstklassiger Bonität.

Schwieriger ist es in der Asset-Klasse Immobilien,

mit überschaubarem Risiko in Betongold

zu investieren. Die Idee, eine ursprünglich

langfristige Immobilien-Anlage im Rahmen von

offenen Fonds, in kleinen Stückelungen, kurzfristig

handelbar zu machen, hat in jüngster

Zeit viel Charme verloren. Im Zuge der Lehman-

Pleite 2008 kamen selbst Immobilienfonds von

namhaften Anbietern ins Trudeln. Weil viele

Anleger aus Angst vor Verlusten ihre Papiere

Die Riester-Eigenheimrente

hat mit 775.000 Verträgen

die entsprechenden Banksparpläne

überholt.

Nach Angaben des Bundesverbands

Investment Management

(BVI) überstieg die im

Jahr 2008 eingeführte Eigenheim-Rente

im vergangenen

Jahr mit 775.000 Verträgen

erstmals die Zahl der Riester-

Banksparpläne (750.000).

• Per Ende 2011 wurden insgesamt

15,4 Millionen Riester-

Verträge gezählt, ein Zuwachs

zum Vorjahr von rund 6,7 Prozent.

• Der Anteil der Fondssparpläne

an Riester-Verträgen

liegt mit rund drei Millionen

insgesamt bei 19,2 Prozent

(plus 4,9 Prozent zum Vorjahr).

• Die Fondsbranche verwaltete

Ende 2011 Riester-Verträge

im Volumen von 8,3 Milliarden

Euro. Das ist eine Steigerung

zum Vorjahr um eine Milliarde

Euro oder 12,7 Prozent.

Von GERD RÜCKEL,

CEFA-Wertpapieranalyst, Frankfurt/M.

DB PLATINIUM

Neuer Fonds:

No risk, no fun

Eine Tochter der Deutschen

Bank, DB Platinum Advisors,

hat einen neuen Indexfonds

aufgelegt, der es in sich hat.

Das passiv gemanagte Produkt

hat die höchste Stufe im Risikound

Ertragsprofil. Der »DB

Platinum IV CROCI US R1C-E«

bildet die Performance eines

Deutsche Bank Index ab, den

CROCI US Index. Dieser besteht

aus Aktien von 40 der 251

größten US-Unternehmen aus

dem S&P 500-Index mit den

niedrigsten positiven wirtschaftlichen

Bewertungen. Basis

der Indexberechnung sei

die Gesamtrendite. Die Erträge,

die in einem eigenen Researchverfahren

ermittelt werden,

sollen thesauriert werden.

Effekte von Wechselkursschwankungen

sind laut Gesellschaft

teilweise reduziert.

Nur risikofreudige Investoren

könnten mit dem Fonds höhere

Ertragschancen nutzen.

WKN: A1JTP4

veräußern wollten, reichte die vorhandene Liquidität

der Fonds nicht aus, die Rücknahme

von Anteilen musste ausgesetzt werden. Denn

im Gegensatz zum Aktienfonds, der kurzfristig

Papiere an der Börse veräußern kann, um Anteile

zurückzuzahlen, ist der Immobilienverkauf

ein langer Prozess. In der Folge mussten die

Vermögen vieler Fonds eingefroren werden.

Einigen droht die Abwicklung. Welcher Schaden

den Anlegern entstehen wird, ist noch offen.

Doch auch im Immobiliensektor gibt es eine

Alternative: Die eigengenutzte Immobilie ist

eine gute Altersvorsorge, schützt vor Inflation

und bietet je nach Lage und Zustand Wertsteigerungspotenzial.

Zudem sind die Baufinanzierungen

recht günstig. Wem der erforderliche

Eigenkapitalanteil fehlt, dem empfiehlt sich

eine Ansparphase über einen Bausparvertrag.

BÖRSEN-ANLEIHE

Gute Chancen

Wegen aktuell sinkender

Renditen bei Staatsanleihen

mögen Investoren ihr Geld

Unternehmen anvertrauen.

Die Deutsche Börse meldet drei

Emissionen im Entry Standard,

bei denen wegen großer Nachfrage

die Zeichnungsfrist schon vorzeitig

beendet wurde – Scholz AG (150

Millioneb Euro Volumen), Singulus

Technologies AG (60 Millionen

Euro), Golfino AG (12 Millionen

Euro).

Laut Wirtschaftsprüfer PwC ist

das Volumen von Bond-Emissionen

im ersten Quartal insgesamt um

83 Prozent zum Vorquartal gewachsen

– auf 124 Milliarden Euro.

IMMOBILIEN

Historisch niedrig

Die Finanzierung einer Immobilie

bleibt im 2. Quartal 2012 historisch

niedrig und damit attraktiv,

meint die Deutsche Bank.

Im Jahr 2011 lag der durchschnittliche

effektive Jahreszins deutscher

Banken für Darlehen (Zinsbindung

fünf bis zehn Jahre) bei 3,9 Prozent,

so die Experten der Deutschen

Bank.

Eine Erhöhung des Leitzinses

durch die Europäische Zentralbank

vom aktuellen Rekordtief von 1,0

Prozent sei mit Blick auf die zögerliche

konjunkturelle Verbesserung

und die leicht sinkenden Inflationsraten

unwahrscheinlich.

SPEKULATION

Gefährliche Wetten

Die ING-Diba warnt vor hochspekulativen

Differenzkontrakten.

Anleger könnten hohe Verluste

erleiden.

Bei diesen »CDF« (Contract for Difference)

genannten Papieren spekulieren

Anleger ohne feste Laufzeit,

aber mit festem Hebel-Multiplikator

auf steigende oder fallende Notierungen.

Ein Beispiel: Ein Anleger wettet bei

einem Hebel von 20 auf einen höheren

Kurs einer Aktien, Anleihe oder

eines Index. Das Papier steigt um

zwei Prozent, der Anleger vervielfacht

seinen Gewinn um 40 Prozent.

Allerdings gilt das auch im

negativen Fall zu Lasten des Anlegers

– ein Verlust von 40 Prozent.

Im schlimmsten Fall, so ING-Diba,

muss der Anleger noch Geld aus

seinem Vermögen nachschießen.

WIRTSCHAFT & MARKT 05/12

51


W&M-SERVICE

DAS THEMA

RENTENREFORM

Zuschussrente

vom Staat

Ab 2013 können gesetzliche

Renten unter bestimmten

Bedingungen bis auf 850 Euro

aufgestockt werden.

Die neue Zuschussrente begünstigt

gesetzlich Rentenversicherte

mit geringem Einkommen.

Wer 40 Versicherungsjahre sowie

30 Beitragsjahre aus Beschäftigung,

Kindererziehung

oder Pflege nachweist, kann mit

der Zuschussrente seine originäre

Rente aufstocken. Liegen die

Voraussetzungen vor, wird die

Bewertung der Pflichtbeitragszeiten

ab 1992 bis auf maximal

einen Entgeltpunkt pro Jahr

verdoppelt. Renten aus einer

zusätzlichen Alterversorgung –

das heißt aus einer Betriebsrente,

Riester- oder Basisrente –

stehen über die Zuschussrente

hinaus voll zur Verfügung. Für

Rentenansprüche, die ab 2019

entstehen, sind fünf Jahre an

zusätzlicher Altersvorsorge erforderlich,

um die Zuschussrente

zu erhalten. Ab 2019 steigen

die Anforderungen an den

zeitlichen Umfang der zusätzlichen

Altervorsorge stetig auf

35 Jahre bis 2049. Für Rentenansprüche,

die ab 2023 entstehen,

erhöht sich die Anzahl der

erforderlichen Versicherungsjahre

auf 45, in denen 35 Beitragsjahre

aus Beschäftigung,

Kindererziehung oder Pflege

vorhanden sein müssen. Der

Gesetzgeber rechnet damit, dass

die Anzahl der Zuschussrentenberechtigten

von derzeit 52.000

bis zum Jahr 2030 auf etwa

1,4 Millionen ansteigen wird.

Verändert wurde mit der jüngsten

Rentenreform auch die Zurechnungszeit

bei der Erwerbsminderungsrente.

Sie steigt

stufenweise von heute 60 Jahre

auf 62 Jahre. Auch die Art der

Berechnung des bisherigen

Einkommens ändert sich. Haben

die letzten vier Jahre vor der

Erwerbsminderung die Bewertung

negativ beeinflusst, fallen

sie aus der Berechnung heraus.

AUSLAND

Schutz auf

Geschäftsreise

Allianz Global Assistance

bietet Beratung für Unternehmen

mit Mitarbeitern

im Auslandseinsatz an.

Neben der Absicherung der

Krankheitsrisiken über einen

Gruppenversicherungsvertrag

können auf Wunsch weitere

Unterstützungsleistungen

aus den Bereichen Medizin

und Sicherheit vereinbart

werden. Dazu gehört beispielsweise

die telemedizinische

Beratung von Auslandsmitarbeitern.

Damit können

die Betroffenen zunächst telefonisch

eine kompetente medizinische

Meinung einholen

und – falls notwendig – an einen

geeigneten Arzt im Gastland

vermittelt werden. Das

Angebot Global Medical Services

umfasst außerdem individuelle

Standortanalysen und-

Vorschläge zur Standortoptimierung

in medizinischer

und logistischer Hinsicht, damit

Firmen für ihre Mitarbeiter

auch an entlegenen Standorten

eine geeignete medizinische

Versorgung für ihre

Mitarbeiter bieten können.

IM UNTERNEHMEN

Mehr als 2,3 Milliarden Euro gezahlt

GESUNDHEIT

Überschaubar

und günstig

Die Württembergische

Krankenversicherung AG

offeriert ein Angebot

für kleine Unternehmen.

Die Württembergische Krankenversicherung

AG hat eine

betriebliche Krankenzusatzversicherung

auf den Markt

gebracht. Damit können Arbeitgeber

ihren Mitarbeitern

eine besondere Sozialleistung

bieten. Bis zu einem Monatsbetrag

von 44 Euro pro Mitarbeiter

sind solche Verträge

steuer- und sozialversicherungsfrei.

Bei der Württembergischen

können durch Zusatzversicherungspakete

Versorgungslücken

in der gesetzlichen

Krankenversicherung

geschlossen werden. Das Unternehmen

verzichtet auf die

Gesundheitsprüfung bei Firmen

mit fünf bis zehn Mitarbeitern,

wenn mindestens

fünf Mitarbeiter versichert

werden. Es gelten einheitliche

Unisex-Tarife in drei Altersstufen.

Das macht den Verwaltungs-

und Kostenaufwand

überschau- und kalkulierbar.

RECHTSSCHUTZVERSICHERER

Die Rechtsschutzversicherer leisteten 2010 mehr als 2,3 Milliarden

Euro unter anderem für Rechtsanwalts-, Gerichts- und Sachverständigenkosten.

Nur 2009 wurde mehr gezahlt. (in Mrd. Euro)

2,5

2,0

1,5

1,0

0,5

0

Quelle: GDV

2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010

SPIONAGE

Die Gefährdung

nimmt zu

Knapp drei Viertel der deutschen

Unternehmen sehen

Wirtschaftsspionage als

ernst zu nehmendes Risiko.

Das ist das Ergebnis einer Studie

des Beratungsinstituts Steria

Mummert Consulting und des

IMWF Instituts. Vor allem Telekommunikations-,

Medien- und

IT-Unternehmen sehen sich als

Objekte der Ausforschung. Dort

betrachten sich 95 Prozent der

Unternehmen als Betroffene.

35 Prozent der Verantwortlichen

in diesen Branchen können über

konkrete Verdachtsfälle beziehungsweise

aufgedeckte Fälle von

Wirtschaftsspionage berichten.

Auch 81 Prozent der Transportund

Logistik-Unternehmen sehen

sich mit dem Risiko konfrontiert.

Mehr als die Hälfte der gefährdeten

Unternehmen hat Tochtergesellschaften,

freie Vertriebsmitarbeiter

oder Partner im Ausland.

Insbesondere Russland und China

stehen häufig im Verdacht, sich

Wirtschaftsgeheimnisse aus

dem Ausland aneignen zu wollen.

Aber auch bei Firmen mit Auslandsvertretungen

gibt es vermehrt

Fälle oder Verdachtsfälle

von Spionage. Dies ist übrigens

auch der Fall, wenn die Mitarbeiter

im Ausland aus Deutschland

stammen.

Allerdings besagen die Erfahrungen

auch, dass Wirtschaftsspionage

in signifikantem

Ausmaß auch innerhalb der

deutschen Grenzen stattfindet.

Die Gefährdungslage sollte stärker

im Rahmen von Risikoanalysen

und Sicherheitskonzepten

berücksichtigt werden, empfehlen

Experten.

Dazu gehören auch Versicherungslösungen,

wie beispielsweise

die Vertrauensschadenversicherung.

Sie kann zwar

keinen Verlust von Betriebsgeheimnissen

verhindern, jedoch

die finanziellen Einbußen und

Schäden mindern.

Denn ein Drittel der Unternehmen

gibt an, dass der Schaden,

der durch solche Delikte hervorgerufen

wird, existenzgefährdend

sein kann.

52 WIRTSCHAFT & MARKT 05/12


W&M-SERVICE

KRAFTFAHRZEUGE

Schutz für den

Fahrzeugfahrer

Neuerdings preisen Versicherer

die Fahrerschutzversicherung

an. Sinn ergibt

sie vor allem bei Oldtimern.

Verschuldet ein Autofahrer

einen Schaden, haben die Geschädigten

– einschließlich

der Insassen – Anspruch auf

Schadenersatz aus der Haftpflichtversicherung.

Der

Fahrer selbst aber nicht. In

diese Lücke springt die Fahrerschutzversicherung.

Sie übernimmt

die Kosten bei Verdienstausfällen

oder deckt

Lücken, die die Krankenversicherung

nicht bezahlt.

Damit leistet sie etwas, was die

private Unfallversicherung

nicht oder nicht in vollem Umfang

abdeckt, denn die zahlt

vor allem nur bei bleibenden

Körperschäden. Besonders

empfohlen wird die Fahrerschutzversicherung

Fahrern

von Oldtimern, deren Fahrzeuge

nicht über moderne Sicherheitsausrüstungen

verfügen.

DIE MEINUNG DES EXPERTEN

Der Rudi Assauer-Effekt

PRIVAT

PFLEGE

Lukrativ

für Junge

Die Ideal Lebensversicherung

bietet eine Pflegerentenversicherung

für

Kunden unter 50 Jahren an.

Der »superia PflegeSchutz« enthält

eine Absicherung für den

Pflegefall ab Pflegestufe III. Optional

kann auch die Absicherung

in den Pflegestufen I und

II vereinbart werden, wobei die

Rentenhöhe frei wählbar ist.

Der Beitrag kann auch als Kombination

aus Einmalbeitrag

und laufendem Beitrag gezahlt

werden, während der Laufzeit

sind zusätzliche Einmaleinzahlungen

möglich. Zudem ist

es möglich, während der Laufzeit

bis zu 75 Prozent des Kapitals

zu entnehmen, sofern der

Vertrag gegen Einmalbeitrag

oder mit einem kombinierten

Beitrag abgeschlossen worden

ist. Bemerkenswert sind die

günstigen Beiträge. So kosten

250 Euro Pflegerente einen 48-

jährigen Mann lediglich fünf

Euro Monatsbeitrag.

UNFALL

Umfassender

Schutzbrief

Die ARAG offeriert eine

Unfallversicherung mit

vielen neuen, auch unfallunabhängigen

Leistungen.

Bei einem Unfall zählt nicht

nur das Geld aus der Unfallversicherung,

sondern auch

die Unterstützung, etwa bei

der Betreuung von Kindern.

Der ARAG Unfallschutz 2012

enthält neben klassischen

Pflegeleistungen auch neue

umfangreiche Familien-

Hilfsleistungen wie Kinderfahrdienste

und -betreuung,

Rooming-in und Nachhilfe sowie

kleine hausmeisterliche

Tätigkeiten. Neu ist auch die

Zusatzhilfe bei schweren

Krebserkrankungen. Die Versicherung

zahlt bereits bei

der Erstdiagnose bestimmter

Krebsarten. Darüber hinaus ist

der Unfall-Schutzbrief jetzt

auch solo, also ohne Unfallversicherung,

abschließbar.

Für Unfallopfer gibt es zudem

einen Opfer-Rechtsschutz.

Von HANS PFEIFER,

Versicherungsjournalist, Berlin

Nicht nur Ex-Fußballmanager Rudi Assauer weiß

nicht mehr so recht, was er genau tut, sondern

mit ihm geht es rund 1,3 Millionen Deutschen

so. In jüngster Zeit rückt deshalb die Demenz

in den Blickpunkt der Versicherungen. Wer bezahlt

Schäden, die Demenzerkrankte verursachen?

Die Allianz hat es klar ausgesprochen:

Die Haftpflichtversicherung zahlt nicht. Denn

schuldhaftes Handeln des Versicherten kann

man einem Demenzkranken nicht unterstellen.

Weitere Frage: Muss man den Eintritt der

Demenzerkrankung der Versicherung melden?

Dazu herrscht in der Assekuranz selbst mittelschwere

Verwirrung. »Erkrankt eine versicherte

Person an Demenz, ändert sich am Versicherungsschutz

nichts«, behauptet der Gesamtverband

der Deutschen Versicherungswirtschaft

GDV. Wer sich darauf verlässt, ist verlassen.

Denn entscheidend ist, ob der Erkrankte

deliktfähig ist. Der GDV sagt, auch für deliktunfähige

Demenzkranke sei die private Haftpflichtversicherung

wichtig. Wenn sie schon

nicht zahlt, wehrt sie zumindest auf eigene

Kosten die Schadenersatzansprüche der

Geschädigten ab. Das wird die Angehörigen

freuen, nicht aber die Geschädigten. Kleinlaut

offeriert die Assekuranz eine scheinbare

Lösung: Wolle man Zahlungen an die durch

Demenzkranke Geschädigten erreichen, »kann

ein Gespräch mit dem Versicherer sinnvoll sein,

um eine zusätzliche Deckungskomponente zu

vereinbaren«. Einen Anspruch darauf gibt es

jedoch nicht, vielmehr werden die meisten Versicherer

nach der Mitteilung der Demenz wohl

die Verträge kündigen. Mehr Klarheit der Versicherungswirtschaft

wäre wünschenswert.

Foto: Julia Krziwanek

➔Assekuranz KOMPAKT

HUNDEHALTER

Hund ohne Leine

Wer seinen Hund nicht unter

Kontrolle hat, darf ihn bei

Spaziergängen nicht von der Leine

lassen, so ein aktuelles Urteil.

Dies ist die Konsequenz eines

Urteils des Oberlandesgerichts

Frankfurt/Main (Az. 2 Ss 362/10).

Dabei hatte eine Hundehalterin

nicht verhindern können, dass sich

ihre frei laufenden Boxer in einen

angeleinten Hund verbissen und

dessen Besitzerin verletzten.

GROSSE HUNDE: Immer anleinen.

UNFALL

Viel zu gleichgültig

47 Prozent der Bundesbürger

haben keine Unfallversicherung.

Besonders niedrig ist der Unfallschutz

bei jungen Menschen.

Das hat eine Befragung der Gesellschaft

für Konsumforschung (GfK)

im Auftrag der Gothaer Versicherung

ergeben. Danach kennen weitere

30 Prozent ihre Invaliditätssumme

nicht oder haben lediglich eine Summe

bis 50.000 Euro vereinbart. Der

Anteil der Befragten unter 30, die das

Unfallrisiko nicht abgesichert haben,

ist mit über 61 Prozent sehr hoch –

bei Lehrlingen und Auszubildenden

sind es sogar mehr als 70 Prozent.

KRAFTFAHRZEUGE

Gegen eigenen Willen

Autofahrer müssen es hinnehmen,

dass ihre Kfz-Haftpflichtversicherung

einen Unfallschaden auch gegen

ihren Willen bezahlt.

Denn die Versicherung habe ein

Ermessen, ob sie einen Schaden

regulieren oder sich auf das Risiko

eines Prozesses einlassen wolle, entschied

das Amtsgericht Wiesbaden

(Az. 30 C 478/11). Eine Ausnahme

gelte allenfalls, wenn offenkundig

sei, dass die vom Unfallgegner

geltend gemachten Forderungen

unbegründet seien.

WIRTSCHAFT & MARKT 05/12 53


INGENIEUR-NACHRICHTEN

Fotos: Archiv, CTIF/B. Poland

KOMMENTAR

Von DR. NORBERT MERTZSCH,

Vorsitzender des VBIW e.V.

Die Energiewende

Die Energiewende war das Hauptthema

der Jahreshauptversammlung

des VBIW bei unserem Korporativmitglied

IHP Frankfurt (Oder).

Energie ohne CO 2 -Ausstoß herzustellen,

zu speichern und zum Verbraucher

weiterzuleiten – das sind

aktuelle Herausforderungen an die

Ingenieurarbeit. Die beste Antwort:

Die erzeugte Energie gar nicht mehr

weiterleiten. In der Lausitz wird

demonstriert, wie Bürgerinnen und

Bürger die Energieversorgung selbst

in die Hand nehmen. Hier wird in

dezentrale Anlagen zur Herstellung

Erneuerbarer Energien investiert.

Solargenossenschaften bieten

jedem Bürger die Möglichkeit, sich

an der Energiewende zu beteiligen.

Mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz

ist Deutschland bisher gut gefahren.

Ende 2011 wurde ein Anteil

des regenerativen Stroms von 20

Prozent erreicht. Die Abnahme des

Stroms und die Vergütung sind garantiert.

Selbst wer den Strom von

seinem Dach selbst verbrauchte,

erhält eine Vergütung! Das bewirkte

einen Schub beim Ausbau der Solarenergie.

Die Debatte um eine Rückführung

der Einspeisevergütungen

hatte zunächst die Investitionen gehemmt.

Der VBIW erkennt die Notwendigkeit

einer Rückführung der

Vergütungen an, setzt sich aber für

Planungssicherheit für mindestens

zehn bis zwanzig Jahre ein. Wenn

Bürger investieren sollen, muss es

sich rechnen, so das Fazit der Diskussion

mit der Solargenossenschaft

Lausitz. Neben dem Netzausbau

sollten die Anstrengungen jetzt

auf zwei weitere Schwerpunkte gelenkt

werden: Erstens den Neubau

von Gaskraftwerken und zweitens

von Blockheizkraftwerken (BHKW)

mit Kraft-Wärme-Kopplung, die

einen Wirkungsgrad von 80 bis 90

Prozent realisiert. Derzeitiger Anteil

in Deutschland: nur 16 Prozent.

Sensortechnik

DAS

Die Ziele und den Stand

der Forschung zur Erfassung

von Vital- und

Umgebungsparametern von

Patienten erklärte Dr. Steffen

Ortmann während der VBIW-

Jahreshauptversammlung im

IHP Leibniz-Institut für Innovative

Mikroelektronik in

Frankfurt (Oder), einem Korporativmitglied

des VBIW. Mit

der Fernüberwachung der

Vitaldaten soll das Leben von

Patienten, die etwa unter erhöhtem

Blutdruck leiden,

Schlaganfall-gefährdet sind

oder Diabetes haben, sicherer

und komfortabler werden.

Auch die Rehabilitation kann

damit unterstützt werden.

Grundlage dieser telemedizinischen

Anwendungen sind

drahtlose Sensornetze, für die

am IHP Single Chips entwickelt

wurden, die mehrere

Funktionen integrieren.

Der Hintergrund: 17,5 Millionen

Menschen sterben

THEMA

Chips retten Leben

Neue drahtlose Sensornetze etwa für den Einsatz

bei Feuerwehren oder in der Medizin waren

ein Thema der VBIW-Jahreshauptversammlung.

jährlich weltweit an den Folgen

kardiovaskulärer Erkrankungen.

Etwa zwei Millionen

Menschen in Europa erleiden

pro Jahr einen Schlaganfall.

Diese Zahlen könnten verringert

werden, wenn die Vitalparameter

gefährdeter Patienten,

z. B. Puls, Blutdruck oder

EKG, kontinuierlich überwacht

würden. Das würde

auch ihre Lebensqualität wesentlich

verbessern.

Die neue Biomedizintechnik

kann die bisher üblichen

drahtgebundenen Geräte

durch sehr viel komfortablere

mobile drahtlose Sensornetze

zur Erhebung von Vitaldaten

der Patienten in ihrem gewohnten

Wohn- und Lebensumfeld

ersetzen. Ferndiagnosen

in einem telemedizinischen

Zentrum etwa an der

Charité in Berlin werden so

möglich. Zusätzlich können

Sensoren integriert werden,

die z. B. die Beschleunigung

als Indiz für einen möglichen

Sturz oder die Positionierung

innen oder außen überwachen

und bei gefährlichen Ereignissen

Alarm auslösen.

Eine andere Einsatzmöglichkeit

ist die Überwachung

von Menschen unter gefährlichen

Umgebungsbedingungen,

wie Feuerwehrmännern

im Einsatz, wovon sich VBIW-

Mitglieder schon bei einem

Besuch der Landesfeuerwehr-

Schule in Eisenhüttenstadt

überzeugt hatten. Dort wurde

die Notwendigkeit drahtloser

Überwachungstechniken demonstriert.

Bei Feuerwehr-

Einsätzen können leicht Extremsituationen

entstehen.

Diese von außen zu überwachen,

um im Notfall gefährdete

Kameraden zu retten, ist

eines der Ziele der Forschungen

am IHP. Das Notfallsystem

für die Feuerwehr besteht aus

sechs Sensorknoten im Anzug

des Feuermanns, die verschiedene

Parameter überwachen.

Als eine weitere Entwicklung

des IHP führte Dr. Ortmann

einen Glucose-Sensor

für die Blutzucker-Überwachung

vor. Der Chip wird mit

einem minimal-invasiven Verfahren

außerhalb des Körpers

angebracht, nur ein 10 x 0,8

Millimeter großer Stachel,

ähnlich einer Reißzwecke,

dringt in den Körper ein, der

Messkopf verbleibt außen auf

der Haut.

Die Forscher am IHP verfolgen

noch eine weitere Idee:

Sie wollen Hilfestellung für

das Trainieren von Bewegungen

geben, beispielsweise

nach einem Schlaganfall. Typisch

für einen wieder zu erlernenden

Bewegungsablauf

ist das Ergreifen und Zum-

Mund-führen einer Kaffeetasse.

Das vom IHP entwickelte

System erfasst die Bewegungen

des Patienten und wie oft

und in welcher Qualität sie

ausgeführt werden, so Dr. Ortmann

in seinem Vortrag.

54 WIRTSCHAFT & MARKT 05/12


INGENIEUR-NACHRICHTEN

AKTUELL

Foto: Geller (VBIW)

MITGLIEDER

Topmanager

im VBIW

Der langjährige EKO-Generaldirektor

Professor Dr.

Karl Döring ist dem VBIW

als Mitglied beigetreten.

Professor Döring war von 1985

bis 1995 Generaldirektor des

VEB Bandstahlkombinats sowie

Vorstandsvorsitzender der

EKO Stahl AG und bis zum Jahr

2000 dort Geschäftsführer

WILLKOMMEN: Professor Dr.

Karl Döring und Jutta Scheer.

Technik. Vielen Eisenhüttenstädtern

gilt er bis heute als

Retter des Stahlstandorts.

Häufig hat er als Redner oder

Organisator an Veranstaltungen

des VBIW teilgenommen.

Jetzt wurden Professor Döring

(Jahrgang 1937) und seine Gattin

Dipl.-Ing. Swetlana Döring

als neue Mitglieder in den

VBIW aufgenommen.

EXKURSION I

BHKW-Energie

für Kliniken

Mitglieder des Regionalvereins

Nordwestbrandenburg

besuchten das Pro Energy-

Blockheizkraftwerk.

Die Kraft-Wärme-Kälte-Kopplungsanlage

erzeugt Strom

und Wärmeenergie für die

Ruppiner Kliniken sowie auch

Kaltwasser für das Kältenetz

der Gesundheitseinrichtungen.

Darüber hinaus sichert

sie das Notstromsystem. Herzstück

des BHKW ist ein mit

Erdgas betriebener Gasmotor.

Der elektrische Wirkungsgrad

der Anlage beträgt 43,7 Prozent.

Der Gesamtwirkungsgrad

erreicht durch die Nutzung

der Abwärme 80 bis

90 Prozent. Nur bei extremer

Witterung beziehen die Kliniken

zusätzlich Wärme aus

dem Fernwärmenetz der

Stadtwerke Neuruppin.

EXKURSION II

Biologisch

abbaubar

Mitglieder des VBIW-

Regionalvereins besuchten

das Ruppiner Papier- und

Folienwerk.

Das Brandenburger Unternehmen

produziert Papierservietten,

Folienartikel und Folien.

Die Auszeichnung mit dem

Brandenburger Zukunftspreis

verdiente es für seine biologisch

abbaubaren und vollständig

kompostierbaren

Kunststoff-Tragetaschen.

Nur wasserbasierte Druckfarben

werden im Tissue- und

Foliendruck verwendet. Diese

sind lebensmittelecht und

schwermetallfrei. Mit dieser

technologischen Lösung werden

hohe Umweltstandards

erfüllt. Mit seinen umweltfreundlichen

Produkten überzeugte

der Betrieb große Handelsketten.

Die Ingenieure des VBIW zeigten

sich vor allem von den

hohen Umwelt- und Qualitätsstandards

des Unternehmens

beeindruckt.

EXKURSION III

Eigenstrom

in der Lausitz

Wie Bürger Strom erzeugen,

erfuhren VBIW-Mitglieder

in der Solargenossenschaft

Lausitz.

Der Vorsitzende der Solargenossenschaft

Lausitz e. G.,

Dipl.-Bauingenieur Matthias

Bärmann, begrüßte Ingenieure

aus dem VBIW-Ortsverein

Eisenhüttenstadt und dem

Verein Erneuerbare Energien

Eisenhüttenstadt (EEE).

Die Gubener Genossenschaft

errichtet und betreibt Solarstromanlagen

auf gepachteten

Dächern. Sie speist den Strom

in das Netz ein und erhält die

garantierte Vergütung vom

Netzbetreiber. Der so erzielte

Gewinn wird gemäß Beschluss

der Mitgliederversammlung

ausgeschüttet beziehungsweise

in neue Projekte investiert.

Anteile an der Genossenschaft

kann jede natürliche oder

juristische Person, also Bürger,

Firmen und andere Körperschaften,

erwerben. Über 150,

meist persönliche Mitglieder

hat die Genossenschaft.

Wegen der nun sinkenden

Einspeisungsvergütung ist es

jetzt günstiger, wenn sich die

Genossenschaft bemüht, den

Eigenverbrauch in Schulen,

Krankenhäusern oder Werkstätten

anzukurbeln.

In der anschließenden und

rege geführten Diskussion

während der VBIW-Veranstaltung

kamen die Teilnehmer

zu dem Schluss, dass trotz

sinkender Subventionierung

von Solarstromanlagen eine

Investition sich besonders für

Immobilien-Besitzer weiter

lohnt, sofern diese den Großteil

des Solarstroms selbst

verbrauchen.

INGENIEURBERUF

Kein Mangel

an Ingenieuren

Die VDI-Warnung vor einem

dramatischen Ingenieursmangel

halten Wirtschaftsforscher

für übertrieben.

Der Arbeitsmarktexperte des

Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung

(DIW) in Berlin,

Karl Brenke, legte zum

Beweis eine neue Studie vor.

Danach gäbe es keinen Beleg

für die Darstellung des Vereins

Deutscher Ingenieure (VDI),

dass schon heute ein jährlicher

Bedarf von 40.000 Ingenieuren

bestehe, nur um Ruheständler

zu ersetzen. Der Studie zufolge

würden in den kommenden

Jahren nur rund 20.000 Ingenieure

jährlich in Rente gehen.

Im Durchschnitt seien Ingenieure

sogar jünger als andere

Akademiker, obwohl das

Durchschnittsalter im Berufsstand

in den vergangenen

zehn Jahren etwas gestiegen

sei. Laut Mikrozensus aus dem

Jahr 2008 und Daten der Bundesagentur

für Arbeit lag das

Durchschnittsalter der rund

750.000 Ingenieure in Deutschland

im Erhebungsjahr bei

43,3 Jahren und könne deshalb

bei realistischer Betrachtung

bis heute nicht auf 50 bis 51

Jahre gestiegen sein. Laut DIW-

Fachmann Brenke drohe angesichts

der hohen Zahl von Ingenieurstudenten

sogar eher ein

Überangebot an Ingenieuren.

ADRESSE

Verein Brandenburgischer

Ingenieure und Wirtschaftler e.V.

Landesgeschäftsstelle Frankfurt (O.)

Fürstenwalder Str. 46

15234 Frankfurt (Oder)

Tel.: (0335) 869 21 51

E-Mail: buero.vbiw@online.de

Internet: www.vbiw-ev.de

WIRTSCHAFT & MARKT 05/12 55


SPECIAL

K

urz nach Beginn der Auftaktveranstaltung

zum Mittelstands-

Förderprogramm des Arbeitsministeriums

am 20. April im Haus der

Deutschen Wirtschaft in Berlin tauchte

Thomas Mann auf. Der Unternehmensgründer

Johann Buddenbrook gibt ja in

dessen großen Gesellschaftsroman den

Wahlspruch der Kaufleute kund: »Mein

Sohn, sey mit Lust bey den Geschäften

am Tage, aber mache nur solche, daß wir

bey Nacht ruhig schlafen können«.

Gerd Hoofe, Staatssekretär im Bundesministerium

für Arbeit und Soziales

(BMAS), der die Veranstaltung zum Start

des Förderprogramms »Gesellschaftliche

Verantwortung im Mittelstand« eröffnete,

zitierte nicht von ungefähr aus den

»Buddenbrooks«. Das Leitbild des Ehrbaren

Kaufmanns gibt es nachweislich in

Europa seit dem 12. Jahrhundert, seine

Anfänge finden sich im mittelalterlichen

Italien – und eben im norddeutschen

Städtebund der Hanse.

Es beschreibt einen Teilnehmer am

Wirtschaftsleben, der sich verantwortlich

sieht für sein Unternehmen, die Gesellschaft

und die Umwelt. Ein solcher

Unternehmer stützt sein Verhalten auf

Tugenden, die auf langfristigen geschäftlichen

Erfolg zielen. Er wirtschaftet, um

einen heute gängigen Begriff zu gebrauchen,

nachhaltig. Und ein ruhiges Gewissen

soll ja tatsächlich ein sanftes Ruhekissen

sein. Nicht nur im Lübeck Thomas

Manns.

Warum also gibt dann das BMAS Millionen

für ein Förderprogramm aus, das

kleine und mittlere Firmen bei verantwortlicher

Unternehmensführung

unterstützen soll? Ist der gute alte Ehrbare

Kaufmann in Vergessenheit geraten?

Haben sich die Zeiten so gewandelt, dass

es eines neuen Impulses bedarf?

Arbeitsministerium startet CSR-Programm

Ehrbare Kaufleute heute

Ist das, was unter Corporate Social Responsibility (CSR) als neu

daherkommt, ein alter Hut? Möglich. Beim Auftakt zum Förderprogramm

»Gesellschaftliche Verantwortung im Mittelstand« war viel

von einem guten Bekannten die Rede – dem Ehrbaren Kaufmann.

Dazu gehöre, junge Menschen zu fördern

und das Potenzial älterer Menschen

zu nutzen. Fast 95 Prozent aller mittelständischen

Unternehmen in Deutschland

übernehmen heute freiwillig Verantwortung

für soziale und ökologische

Belange. Das hat das Institut für Mittelstandsforschung

(IfM) Bonn bereits vor

zwei Jahren ermittelt. Das entspricht

auch der Erwartungshaltung der Menschen

im Lande. Auf die Frage, was für sie

ein »idealer Unternehmer« sei, antworteten

92 Prozent der Befragten, dass er offen

und ehrlich gegenüber der Belegschaft

sein soll. 90 Prozent – Mehrfachantworten

waren möglich – sagten, er

möge verantwortlich gegenüber der

Gesellschaft und Umwelt agieren.

Tatsächlich, das zog sich wie ein roter

Faden durch die Veranstaltung, ist heute

bei der übergroßen Mehrheit der Unternehmen

im Lande an der Tagesordnung,

was CSR ausmacht: Vorausschauend zu

wirtschaften, fair mit Beschäftigten

umzugehen, Verantwortung für Gesellschaft

und Umwelt zu übernehmen. Zumal

sich das für Unternehmen wiederum

auszahlt (Statement, S. 57)

Gleichwohl, so das IfM weiter, verfügen

nur fünf Prozent der Unternehmen

im Lande über eine CSR-Strategie. Was

Wunder – Betriebe mit mehr als 250 Beschäftigten

machen nur ein Prozent

der Unternehmen im Lande aus. 71 Prozent

der deutschen Unternehmen sind

Kleinstbetriebe mit weniger als zehn Beschäftigten,

die Mehrheit von ihnen hat

wiederum weniger als fünf (!) Beschäftigte.

In diesen Unternehmen dürfte

schlicht keine Zeit sein, sich mit CSR-

Konzepten zu befassen. Zumal, wie eine

Nachhaltigkeitsanalyse in sächsischen

Betrieben ergab, der Geschäftsführer

oder der Eigentümer in fast 90 Prozent

der Fälle als der Treiber für entsprechende

Maßnahmen im Unternehmen gilt.

KLEINE UNTERNEHMEN IM FOKUS

Hier setzt das neue Förderprogramm an:

Es will bundesweit für ein passgenaues

Angebot an Qualifizierungsmaßnahmen

sorgen, damit kleine und mittlere Unternehmen

Konzepte für eine verantwortliche

Unternehmensführung in ihren Betrieben

einführen können. Im Rahmen

der geförderten Projekte be-

Fotos: PictureDisk, BMWi

GEWINN UND VERANTWORTUNG

Nun, für das vermeintliche Ableben

besagten Kaufmanns hatten auf der Berliner

Veranstaltung weder Hoofe oder Dr.

Achim Dercks, stellvertretender Hauptgeschäftsführer

des Deutschen Industrieund

Handelskammertag, noch Karl-

Sebastian Schulte, Geschäftsführer des

Zentralverbandes des Deutschen Handwerks,

irgendeinen Anhaltspunkt. Im Gegenteil.

Die gute Tradition lebt im deutschen

Mittelstand, auch als »achtbarer

Handwerker«, wie Schulte sagte. Gewinn

und gesellschaftliche Verantwortung

gehören hier zusammen. »Für Familienunternehmen

ist verantwortliches Handeln

im Unternehmen, gegenüber der

Belegschaft und der Umwelt, gegenüber

dem Gemeinwesen tagtägliches Selbstverständnis«,

schätzte Hoofe ein.

56 WIRTSCHAFT & MARKT 05/12


SPECIAL

teiligen sich mehr als 2.000 mittelständische

Unternehmen an dem Programm

und nutzen die Möglichkeit zur Qualifizierung

und Beratung bei CSR-Themen.

Dafür stellt das Bundesministerium

35,6 Millionen Euro mit Hilfe des Europäischen

Sozialfonds zur Verfügung. Es

erhofft sich kräftige Impulse.

Verwunderlich ist indes die Verteilung

der Projekte und damit der Mittel.

In den neuen Bundesländern ist nur

Sachsen-Anhalt mit vier Projekten ordentlich

bedacht worden, Mecklenburg-

Vorpommern, Brandenburg, Sachsen

und Thüringen mit jeweils zwei Projekten

fallen dagegen ab. Demgegenüber

stehen Nordrhein-Westfalen mit 22 oder

Baden-Württemberg mit zehn Projekten

– aber nur vier in Bayern. Wirklich seltsam.

Denn, so Gerd Hoofe und Dr. Achim

Dercks, der eigentliche Anstoß, CSR stärker

in den Fokus zu nehmen, dürfte in

Entwicklungen liegen, die allenthalben

Wirkung zeigen. So vor allem in der Globalisierung,

im demografischen Wandel,

bei Veränderungen in der Arbeitswelt,

zunehmender Ressourcenverknappung

und Innovationen wie dem Internet. Das

soziale und ökologische Bewusstsein

scheint geschärft. Kunden wollen wissen,

ob Produkte in Kinderarbeit oder

zu Lasten der Natur hergestellt wurden,

Partner wollen wissen, ob sie bei den Zulieferungen

ökologische oder soziale

Risiken befürchten müssen. Bei der Einbindung

in internationale Lieferketten

stöhnen deutsche Exporteure zwar über

immer umfangreichere Fragebogen, sie

wissen aber: Wer im Geschäft bleiben

will, kommt an CSR nicht vorbei.

Das ist des Pudels Kern. Der größte

Druck auf die Implementierung von CSR-

Konzepten in das Kerngeschäft der Unternehmen

dürfte ökonomischer Natur

sein – wenn sich das auch schwer beziffern

lässt. Aber eine Firma mit schlechtem

Ruf dürfte es zum Beispiel schwer

haben, Facharbeiternachwuchs zu finden.

Die größten Fortschritte sind zu

konstatieren bei der Vereinbarkeit von

Familie und Beruf, beim betrieblichen

Gesundheitsschutz.

Davon jedoch, CSR als Allheilmittel,

als Instrument zur Rettung der Welt zu

betrachten, rieten die Veranstalter unisono

ab. Auch der Weg zum Mainstream

scheint noch weit. Zu der Auftaktveranstaltung

ins Berliner Haus der Wirtschaft

waren geschätzt 250 Leute gekommen

– Berater, Mitarbeiter von Behörden,

Verbänden und Nichtregierungsorganisationen.

Aber nur eine Handvoll Unternehmer.

Lars Hellas

&

STATEMENT

Der Mittelstand ist das Herz der deutschen

Wirtschaft. Mehr als die Hälfte

der Nettowertschöpfung wird von kleinen

und mittleren Unternehmen (KMU)

erwirtschaftet. Vier von fünf jungen

Menschen werden von mittelständischen

Unternehmen ausgebildet. Bereits heute

engagieren sich rund 60 Prozent der Mittelständler

für gesellschaftliche Belange.

Doch vielfach ist in der Öffentlichkeit

noch nicht angekommen, wie sehr Unternehmen

gesellschaftliche Verantwortung

wahrnehmen. Die Ursache dafür ist einfach:

Viele KMU machen ihr Engagement

noch zu wenig in der Öffentlichkeit

bekannt. Dabei bietet zum Beispiel fast

jeder zweite mittelständische Betrieb

der Belegschaft die Möglichkeit, für ehrenamtliche

Tätigkeiten zeitweise von

der Arbeit freigestellt zu werden, ohne

Gehaltseinbußen fürchten zu müssen.

Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die

sich beispielsweise bei der freiwilligen

Feuerwehr oder beim Katastrophenschutzdienst

engagieren, können für

ihre Einsätze freinehmen.

Und manche Mittelständler unterstützen

das freiwillige Engagement ihrer

Belegschaft, indem diese an einzelnen

Tagen oder über Wochen in Einrichtungen

wie Kindergärten, Jugendzentren

oder Seniorenheimen für die Gesellschaft

wertvolle Projekte mitgestalten

können.

Es lohnt sich für den Mittelstand, in die

Stärkung des freiwilligen Engagements

zu investieren: Fachkräfte suchen nicht

nur einen attraktiven Arbeitsplatz,

sondern auch eine lebenswerte Region.

KMU können mit der Förderung des freiwilligen

Engagements ihrer Mitarbeiter

beides positiv beeinflussen. Durch das

Engagement in örtlichen Vereinigungen

werden soziale Strukturen gestärkt.

Der Aufbau eines Kindergartens z. B.

verbessert die Lebensqualität für Kinder

und Familien. Das macht die Region

attraktiv für Fachkräfte von außerhalb.

Und es verbindet die Mitarbeiter mit

ihrem Arbeitgeber: Ehrenamtliches Engagement

steigert die Zufriedenheit, es

stärkt den Teamgeist und es motiviert.

Indem der Mittelstand das Engagement

der Mitarbeiter fördert, stärkt er auch

ERNST BURGBACHER,

Parlamentarischer Staatssekretär im

Bundeswirtschaftsministerium und

Mittelstandsbeauftragter der Bundesregierung

Engagement macht attraktiv

die Beziehung zwischen dem Unternehmen

und der Öffentlichkeit – und damit

mit potenziellen Geschäftspartnern und

Kunden. Verbundenheit der Menschen

der Region mit dem Betrieb gibt dem Mittelstand

den Rückhalt für nachhaltigen

Geschäftserfolg.

Gesellschaftliche Verantwortung gehört

zu einem der Grundelemente der sozialen

Marktwirtschaft. Darum hat die Bundesregierung

den »Aktionsplan CSR« ins

Leben gerufen; sein Ziel ist die Förderung

des freiwilligen bürgerschaftlichen Engagements

insbesondere in kleinen und

mittleren Unternehmen. Die Bundesregierung

setzt damit bewusst darauf,

dem Mittelstand Anreize und Hilfen bei

der Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung

zu geben. Das Prinzip der

Freiwilligkeit bleibt dabei die Kernidee.

Denn Unternehmen brauchen die notwendigen

Freiräume, um ihre Ideen in

soziales Engagement umsetzen zu können.

Nur wenn sie sich freiwillig für die

Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung

entscheiden können, bleibt ihr

Engagement authentisch.

Deshalb spricht sich die Bundesregierung

auch dagegen aus, gesetzliche Berichtspflichten

über das Engagement der

Unternehmen für die Gesellschaft und

ihre Mitarbeiter einzuführen, wie dies

die EU-Kommission plant. Ein solcher Ansatz,

der Unternehmen vorschreibt, ihr

soziales Engagement offenzulegen, würde

nicht nur zusätzliche bürokratische

Lasten bedeuten; er steht auch im Widerspruch

zur Kernidee der Freiwilligkeit.

Erfolg bedeutet Zusammenarbeiten,

sagte Henry Ford. Mit diesem Leitgedanken

ist der Mittelstand schon weit gekommen.

Die Verantwortung für die Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter, die das

Unternehmen und unsere Gesellschaft

formen, haben den Mittelstand zum stabilen

Element in unserer Volkswirtschaft

gemacht. Doch die zu bewältigenden

gesellschaftlichen Herausforderungen

werden größer. Erfolg in der Zukunft

erfordert engere Zusammenarbeit. Eben

darum gilt es, das freiwillige Engagement

weiter zu stärken. Besonders im

Mittelstand – dem Herz der deutschen

Wirtschaft.

WIRTSCHAFT & MARKT 05/12 57


PORTRÄT

Es ist zu schön, um wahr zu sein:

Johann Dudek, knapp 67 Jahre alt,

krönt mit diesem MEDU STEPP-

RAD sein Lebenswerk, er schafft sich zusammen

mit seinem Partner Norbert

Mennig ein Denkmal als Erfinder und

Konstrukteur. Das dreirädrige Gefährt

kann nach einem Unfall oder Schlaganfall

wirklich zum Gefährten werden. Es

vermag zum Beispiel zur Kräftigung der

Beinmuskulatur oder zur Wiedererlangung

von motorischen Fertigkeiten beizutragen.

Das Umsteigen vom Rollstuhl

aufs Rad ist einfach. Man schiebt sich an

das hinten offene Dreirad heran, rutscht

auf den niedrigen Sattel und fährt ihn

hoch. Nun lässt sich das Rad schon mit

ganz sachtem Druck bewegen. Dudeks

Ding, bundesweit eingesetzt zur Rehabilitation,

wird auch geschäftlich zum

großen Erfolg. Es rollt prächtig!

Stopp, hier kollidiert die Vorstellung

mit der ökonomischen Realität. Das Rad

fährt sich zwar mühelos, es ist standfest,

zuverlässig, TÜV-geprüft, für den

Straßenverkehr zugelassen, auf Gesundheitsmessen

ein Renner – aber geschäftlich

läuft wenig. 2009 bekommt Dudek

für das Rad eine Goldmedaille auf der

iENA in Nürnberg, der internationalen

Leitmesse für Ideen, Erfindungen und

neue Produkte, eine goldene Nase hat er

sich damit noch nicht verdient.

Zwar sind inzwischen mehr als ein

Dutzend der Räder produziert, an Reha-

Zentren verliehen oder verkauft, es gibt

auch erste Bestellungen, aber schon um

den Preis von jetzt 3.500 Euro zu

drücken, bedürfte es höherer Stückzahlen.

Das Hauptproblem: Die Kassen zahlen

zwar für Rollstühle oder Gehhilfen

zu, scheuen sich aber, für das MEDU (Metallbau

Dudek) einen Beitrag zu leisten.

Also, aus der Traum?

Fotos: Torsten George (3), privat

PROBLEMLÖSER IN PANKOW

Dieser Schluss will nicht zu dem findigen,

kraftsprühenden und umtriebigen

Firmeninhaber passen, einem jener Menschen,

die immer auf dem Weg sind und

nie ankommen. Scheinbar. In diesem

Sommer will er mit seiner Frau Regina

und Freunden an die Ostsee radeln, dabei

ist eben der schöne Radweg Berlin-

Usedom das Ziel, nicht die Insel. Sport,

früher am Volleyballnetz, heute im Fitness-Studio

oder im Sattel, sich bewegen,

das hält ihn fit. Und: Etwas zu unternehmen,

hält ihn ganz offenbar jung.

Johann Dudeks Handwerksbetrieb

zählt zu den kleinen und mittleren

Unternehmen, die heute das Gewerbegebiet

am Darßer Bogen in der seit 2001 zu

Berlin-Pankow gehörenden Stadtrandsiedlung

Malchow ausmachen. Vor zwölf

Berliner Unternehmer mit Weitblick

Dudeks Dinger

am Darßer Bogen

»Wir drehen für Sie fast jedes Ding«, verkündet die Firmenwerbung.

Und der Maschinen- und Metallbauunternehmer

Johann Dudek in Berlin-Pankow hält eindeutig, was er doppeldeutig

verspricht. Für W&M-Fotograf Torsten George drehte

er eine Runde mit seinem ziemlich neuen Ding – einem Stepprad.

58 WIRTSCHAFT & MARKT 05/12


PORTRÄT

WERKSTATT – GESTERN UND HEUTE: Vor dem Start 1986 in Berlin-Weißensee und dieser Tage in der Firma am Darßer Bogen.

Jahren ist er hier in das neue, in rekordverdächtiger

Zeit geschaffene Fabrikgebäude

eingezogen. Ein Quantensprung.

Helle Fertigungsräume auf 750 Quadratmeter

Hallenfläche, hochmoderne CNCgesteuerte

Maschinen, folglich immer

mehr Kopfwerk als Handwerk.

Heute sind wieder 36 Stammarbeiter

in Lohn und Brot. Sie drehen und fräsen,

biegen, schneiden und stanzen, bohren

und schweißen nicht nur fast jedes Ding,

sondern stehen für Dudeks Grundsatz

»Von der ersten Idee bis zum fertigen Produkt«.

Gemeinsam mit Partnern und den

Kunden wird hier vom einfachen Bauteil

bis zur kompletten Maschine, vom Sonderscharnier

bis zum Roboter alles hergestellt.

»Knifflige Sachen sind uns die

liebsten«, sagt der Meister.

DAS GLÜCK DES TÜFTLERS

In Dudeks Welt geht es tatsächlich nicht

um Stückzahlen. Seit er 1986 in der Gustav-Adolf-Straße

in Berlin-Weißensee angefangen

hat, versteht er sich als Problemlöser.

Das schier geflügelte Wort

»Wenn du was brauchst, dann geh zu Dudek,

der baut dir das« ist ihm Ehre genug.

Jemandem zu helfen, nicht aufzugeben,

am Ende eine Lösung zu präsentieren,

die richtig gut und zuverlässig funktioniert,

das macht den Tüftler Dudek aus –

und wohl auch glücklich.

Er kann die Oma nicht fortschicken,

der ein Splint am Rollator weggebrochen

ist. Sein Schwiegersohn und Unternehmens-Nachfolger

Henrik Weber muss so

manches Mal mit Blick auf die Ökonomie

den Kopf schütteln. Sich als Maschinenund

Metallbauunternehmen zu behaupten,

das ist schwierig genug. Zwei Millionen

Umsatz im Jahr wollen erst einmal

geschafft sein. Zwar verdient die Firma

heute wieder gutes Geld, aber die Wirtschafts-

und Finanzkrise von 2009 hat ihr

stark zu schaffen gemacht. Fast ein Drittel

der Leute mussten entlassen werden.

Eine schwere Stunde für sie, für den Familienbetrieb

und für Johann Dudek

ganz persönlich. Noch eine.

AUF DER FLUCHT GEBOREN

Wer den Firmenchef verstehen will, der

muss eine Zeitreise machen. Der Krieg

war gerade acht Tage vorbei, als Dudek

auf der Flucht aus dem Tschechischen

geboren wurde. Sie endete in der Niederlausitz,

in der Stadt Peitz, heute bekannt

durch ihre Karpfen und dem Strom aus

dem Braunkohlekraftwerk Jänschwalde,

einem Stadtteil. Johann kommt in ein

Kinderheim und lernt, sich durchzusetzen

und sich zu verbünden, anders kann

man sich im Kreis der Jungen nicht behaupten.

Nach der Schule gibt es nur die

Wahl, entweder in die Landwirtschaft zu

gehen oder auf den Bau. Er lernt Betonfacharbeiter

und in der »Gesellschaft für

Sport und Technik« das Autofahren. 1969

heiratet er, zwei Jahre später kommt

seine Tochter Kathrin zur Welt.

Er bringt es auf 20 Jahre als Fahrlehrer

beim VEB Taxi, aber damit verdient er

sich nur die Brötchen. Seine Leidenschaft

gehört der Technik. Dudek macht,

was geschätzt jeder Zweite in der DDR

freiwillig oder unfreiwillig machte: Er

schraubt und feilt, sägt und hämmert.

Vor allem bastelt er an alten Autos

herum. Er motzt einen Oldtimer mit

Holzkarosserie wieder auf. Noch heute

glänzen seine Augen, wenn er von seinem

DKW F 7 erzählt.

Und er erwirbt mal eben so den

Schweißerpass, wird sogar Maschinenbaumeister.

1986 leitet ein Bandscheibenvorfall

mit halbjährigem Krankenhausaufenthalt

seine persönliche Wende

ein. Raus aus dem volkseigenen Autositz,

rein in die handwerkliche Selbstständig-

keit. Die Gewerbeanmeldung geht für

DDR-Verhältnisse relativ schnell. Schon

nach einem Jahr darf er Maschinen bauen

und Werkzeuge schleifen. »Honecker

war dem Gedanken verfallen, das Handwerk

zu fördern«, erinnert sich Dudek.

Die Werkstatt, die er in Berlin-Weißensee

übernimmt, in der Gustav-Adolf-Straße,

mutet von außen wie eine Ruine und von

innen wie ein Technik-Museum an. Auf

dem Hof türmt sich die zerspante Hinterlassenschaft

von Jahrzehnten. Keine Toilette,

dafür eine Schaufel zum Vergraben,

kein fließendes Wasser, dafür eine

Regentonne. Der Zutritt zur Werkstatt

war streng verboten.

Special

»SCHLEICHWERBUNG« IM ZDF

Mit Feuereifer machen sich die Dudeks

ans privateigentümliche Auf- und Umbauwerk.

Die Mangelwirtschaft verschafft

ihnen Aufträge über Aufträge.

Beispielsweise bricht in den siebziger,

achtziger Jahren in der DDR die Drechslerei

aus. Jeder dreht sich in Heimarbeit

seine Vasen, Blumenständer, Leuchter.

Die Staatliche Plankommission verschläft

wie üblich den Trend, aber Dudek

produziert Tag und Nacht Spindeln und

Muttern für die Heimwerkerbänke. Und

bis zur Wende alles, was es nicht gibt, zumal

es davon besonders viel gibt. Immerhin

kann er drei Mitarbeiter einstellen,

es klopfen sogar Materialwirtschaftler

aus volkseigenen Betrieben an seine Tür.

Und Dudek weiß noch genau, was er

am 9. November, 23 Uhr gemacht hat. Er

ist mit seiner Frau und dem Trabi zur

Bornholmer Straße gefahren und hat

dann zusammen mit 20.000 anderen Berlinern

ab 23.30 Uhr den Grenzübergang

passiert. Minutiös erinnert er sich an den

lauten Druck auf die Mauer, an den Ruf

»Macht das Tor auf«, an die Angst, die

Aufregung – und den dann im doppelten

WIRTSCHAFT & MARKT 05/12 59


PORTRÄT

Sinne grenzenlosen Jubel. Der verebbt jedoch

im Alltag. Über die nervenaufreibenden

Wochen und Monate der Verhandlungen

mit der Treuhand über das

gepachtete Grundstück, juristische Spitzfindigkeiten,

Vorverkaufsrechte für die

350 Quadratmeter Hinterhof samt Ruine

geht er schnell hinweg.

Aber er ist heute noch empört über die

näselnde Arroganz des Treuhand-Mitarbeiters,

der ihn vor Wahl stellte, entweder

eine horrende Summe für die Werkstatt

auf den Tisch zu legen oder zu riskieren,

dass das Grundstück für eine

symbolische Mark an einen altbundesdeutschen

Unternehmer geht.

KEIN ANGST VOR KÖNIGSTHRONEN

Johann Dudek beißt in den sauren Apfel.

Und das Glück scheint ihm hold zu sein.

Vertreter von Werkzeugmaschinen-Herstellern

geben sich die Klinke in die

Hand. Er entgeht aber der Versuchung

eines scheinbar günstigen Angebots

»Made in Germany« – bei einem Defekt

muss aber der Monteur aus Süddeutschland

eingeflogen werden – und entscheidet

sich für einen japanischen Hersteller,

der einen Vor-Ort-Service binnen Stunden

gewährleistet. Für Mori Seiki. »Ein

Glücksgriff«, bestätigt Dudek. Und es ist

sein Aufbruch in die Programmierung,

die Computersteuerung, das digitale

Zeitalter. Er kann’s nicht lassen, sich

selbst mit der Maschinensprache zu befassen,

statt das einem geschulten Mitarbeiter

zu überlassen. Als der ihm in

den frühen neunziger Jahren eines

Abends versicherte, man könne halt ein

Programm nicht so einfach beschleunigen,

begrüßte ihn sein Chef am nächsten

Morgen an der nun doppelt so schnell

laufenden CNC-Maschine.

Die neue Zeit kommt für den Handwerksbetrieb

etwas holprig daher. Einerseits

beschert sie einen Boom, alle wollen

zum Beispiel Sicherheitstüren und anderen

Diebstahlschutz, andererseits fehlen

nun die alten Industriekunden, mögliche

neue aus den westlichen Teilen Berlins

wissen noch nichts von Dudek. Er

kommt in Zahlungsschwierigkeiten. Das

ZDF macht daraus einen Filmbeitrag –

und am nächsten Tag glühen in der Gustav-Adolf-Straße

die Telefondrähte.

Dudeks heutiger Ruf, das Unmögliche

möglich zu machen, ist hart und ehrlich

erarbeitet. An die zehn Dreh- und Fräsmaschinen

von Mori Seiki bilden das

Rückgrat der Zerspanung. »Zu uns kommen

Kunden, die Ideen und Vorstellungen

haben, aber diese nicht umsetzen

können. Denen helfen wir mit der passenden

Konstruktion, mit Musterteilen

bis hin zu fertigen Komponenten oder

LAUFRAD, vorgeführt von Hartmut Hempel.

einer kompletten Maschine. Die typische

Losgröße liegt bei eins bis zehn Teilen.

Klar, für gute Kundschaft produzieren

wir auch 3.000 oder 5.000 Stück, aber das

sind bisher eher Ausnahmen.«

Ist ein Auftrag dringend, muss er vordringlich

behandelt werden – das ist Firmenphilosophie.

Wenn in einem Altenheim

eine Aufzuganlage kaputt geht,

nimmt man bei Dudek notfalls einen anderen

Auftrag von der Maschine. Mittlerweile

kommen viele Aufzugsfirmen aus

dem Berliner Umfeld, weil sie wissen,

dass sie prompt bedient werden.

Obwohl Dudek, angesprochen auf das

Schlagwort CSR – »Corporate Social Responsibility«

– die Schultern zuckt,

spricht seine Unternehmensführung für

AUF EINEN

BLICK

In der Produktvitrine des Betriebes

finden sich Beispiele für die »Geht nicht,

gibt’s nicht«-Philosophie Dudeks. So

eine rekonstruierte Welle für eine

Bootsspillanlage von 1903 oder diebstahlsichere

Spezialmuttern für die

Installation von Solarpanelen. Fotozeugnisse

des Wirkens finden sich an der

Wand des kleinen Chef-Büros. So stammen

die Edelstahl-Treppengeländer und

Handläufe der Kanadischen Botschaft in

Berlin aus seiner Werkstatt. Bilder von

Regalsystemen und Displays für Kaufhäuser

hängen hier, zudem von einer

Fräsmaschine, die für den Dentalbereich

konzipiert ist, um Gebisse und Inlays

herzustellen. Eigenes Know-how steckt

auch in einem Roboter, der das Innenleben

von Lüftungskanälen erkundet.

soziale Verantwortung und Nachhaltigkeit.

Ende 2006 erhält sein Unternehmen

aus den Händen des damaligen Arbeitsministers

Franz Müntefering die Auszeichnung

»Unternehmen mit Weitblick«. Er bekommt

sie nicht nur wegen seines wirtschaftlichen

und sozialen Engagements

im Umfeld der Firma oder weil er jährlich

zwei bis drei Lehrlinge ausbildet und so

den Fachkräftenachwuchs für seine Firma

sichert, sondern gerade für die Einstellung

auch etwas betagterer Mitarbeiter.

63 Unternehmen bundesweit waren es

Ende 2006, die im Bundesprogramm

»50plus –Beschäftigungspakte für Ältere

in den Regionen« geehrt wurden.

Erfolgreich war der Maschinenbaumeister

auch beim »Großen Preis des Mittelstandes«

der Oskar-Patzelt-Stiftung. Bewertet

werden da verschiedene Faktoren – die

Gesamtentwicklung des Unternehmens,

die Schaffung bzw. Sicherung von Arbeitsund

Ausbildungsplätzen, Modernisierung

und Innovation, das Engagement in der

Region, Service und Kundennähe sowie

das Marketing. Der Pankower Betrieb

schaffte es 2008, bei über 3.000 vorgeschlagenen

Unternehmen unter die knapp

40 Finalisten zu kommen.

WIDER DEN STACHEL GELÖCKT

Es gibt indes neben dem Techniker und

Unternehmer noch einen weiteren Dudek.

Den Mitbegründer des Unternehmerverbandes

Berlin – Mitglied seit 1989 –, der

es nicht schafft, ein Blatt vor den Mund

zu nehmen. Irgendwann ist es in jeder Veranstaltung

soweit, dass das Präsidiumsmitglied

des hauptstädtischen Unternehmerverbandes

das Wort nimmt und vom

Leder zieht. Gegen die wuchernde Bürokratie.

Gegen die EU, die Regierung, Banken.

Wer immer als prominenter Gast eingeladen

ist, auf Dudeks Demut vor Königsthronen

kann er nicht bauen.

Zuverlässig bauen lässt sich indes auf

seine Hartnäckigkeit: Unterdessen hat

sich zu dem Stepprad ein MEDU-LAUFRAD

gesellt, eine Art Roller für Erwachsene mit

Sitz und Einkaufskorb. Es hat für Rehabilitanden

gegenüber einem herkömmlichen

Fahrrad einige entscheidende Vorteile.

Man kann damit auf Fußwegen fahren,

Schrittgeschwindigkeit ist kein Problem,

und es mühelos in der Straßenbahn oder

im Bus mitführen. Es ist nur zwölf Kilo

schwer und kostet um die 300 Euro.

Wer Stepp- oder Laufrad selbst ausprobieren

möchte, der kann das auch vom

16. bis 18. Mai in Leipzig. Auf der internationalen

Fachmesse »Ortopädie+Reha-

Technik«. Oder man prüft Dudeks Dinger

– das ist ausdrücklich eine herzliche Einladung

– direkt am Darßer Bogen.

Helfried Liebsch

&

60 WIRTSCHAFT & MARKT 05/12


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Der Osten aus erster Hand

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UV-AKTUELL

GESCHÄFTSSTELLEN

der Unternehmerverbände

Unternehmerverband Berlin e.V.

Präsident: Armin Pempe

Hauptgeschäftsführer: Andreas Jonderko

Geschäftsstelle:

Ingrid Wachter (Sekretariat)

Frankfurter Alllee 202, 10365 Berlin

Tel.: (030) 981 85 00, 981 85 01

Fax: (030) 982 72 39

E-Mail: mail@uv-berlin.de

Unternehmerverband Brandenburg e.V.

Präsident: Eberhard Walter

Hauptgeschäftsstelle Cottbus:

Roland Kleint

Schillerstraße 71, 03046 Cottbus

Tel.: (03 55) 226 58, Fax: 226 59

E-Mail: uv-brandenburg-cbs@t-online.de

Bezirksgeschäftsstelle Potsdam:

Bezirksgeschäftsführer: Hans-D. Metge

Hegelallee 35, 14467 Potsdam

Tel.: (03 31) 81 03 06

Fax: (03 31) 817 08 35

Geschäftsstelle Frankfurt (Oder):

Geschäftsführer: Detlef Rennspieß

Perleberger Str. 2, 15234 Frankfurt (O.)

Tel.: (03 35) 400 74 56

Mobil: (01 73) 633 34 67

Unternehmerverband Rostock und

Umgebung e.V.

Präsident: Frank Haacker

Geschäftsführerin: Manuela Balan

Geschäftsstelle:

Wilhelm-Külz-Platz 4, 18055 Rostock

Tel.: (03 81) 242 58 -0, 242 58 -11

Fax: 242 58 18

Regionalbüro Güstrow:

Am Augraben 2, 18273 Güstrow

Tel.: (038 43) 23 61 12, Fax: 23 61 17

Unternehmerverband Norddeutschland

Mecklenburg-Schwerin e.V.

Präsident: Rolf Paukstat

Hauptgeschäftsführer: Wolfgang Schröder

Geschäftsstelle:

Brunnenstraße 32, 19053 Schwerin

Tel.: (03 85) 56 93 33, Fax: 56 85 01

Unternehmerverband Thüringen e.V.

Präsident: Peter Baum

Geschäftsstelle:

IHK Erfurt

Arnstädter Str. 34, 99099 Erfurt

Tel.: (03 681) 42 00 50, Fax: 42 00 60

Unternehmerverband Vorpommern e.V.

Präsident: Gerold Jürgens

Leiter d. Geschäftsst.: Wolfgang Kastirr

Geschäftsstelle:

Am Koppelberg 10, 17489 Greifswald

Tel.: (038 34) 83 58 23, Fax: 83 58 25

Unternehmerverband Sachsen e.V.

Präsident: Hartmut Bunsen

Vizepräs.: Dr. W. Zill, Dr. M. Reuschel,

U. Hintzen

Geschäftsführer: Rüdiger Lorch

www.uv-sachsen.org

Geschäftsstelle Chemnitz:

Leiterin: Gabriele Hofmann-Hunger

Marianne-Brandt-Str. 4, 09112 Chemnitz

Tel.: (03 71) 49 51 29 12, Fax: -16

E-Mail: chemnitz@uv-sachsen.org

Geschäftsstelle Dresden:

Repräsentant: Klaus-Dieter Lindeck

Antonstraße 37, 01097 Dresden

Tel.: (03 51) 899 64 67, Fax 899 67 49

E-Mail: dresden@uv-sachsen.org

Geschäftsstelle Leipzig:

Leiterin: Silvia Müller

Riesaer Straße 72 – 74, 04328 Leipzig

Tel.: (03 41) 257 91-20, Fax: -80

E-Mail: leipzig@uv-sachsen.org

Unternehmerverband Sachsen-Anhalt e.V.

Präsident: Jürgen Sperlich

Geschäftsstelle Halle/Saale

Berliner Str. 130, 06258 Schkopau

Tel.: (0345) 78 23 09 24

Fax: (0345) 78 23 467

UV Rostock

Motor braucht Starthilfe

Der 20. Unternehmertag in der Hansestadt Rostock widmete sich

dem Forschungs- und Entwicklungpotenzial in mittelständischen Betrieben.

fehlt es an neuen Produkten,

bleiben bessere Löhne und

Gehälter aus und werden

nicht genügend attraktive Arbeitsplätze

geschaffen, um

die Menschen im Lande zu

halten. Die kleinteilige Unternehmensstruktur

sei durchaus

eine der Ursachen für den

Abstand des Landes zur Spitze

in Deutschland. Der Minister

ließ jedoch keinen Zweifel

daran, dass diese Situation zu

ändern sei. Er bekannte sich

zu einer intensiven Förderpo-

litik der Landesregierung für

FuE im Allgemeinen und für

die Verbindung von Wissenschaft

und Mittelstand im Besonderen.

Die Landesregierung

habe klare Prioritäten,

erklärte Glawe: Medizintechnik,

alternative Energien,

Nahrungsmittelindustrie, Hafenwirtschaft,

Gesundheitswirtschaft

und Infrastruktur.

624 Forschungs- und Entwicklungsprojekte

würden gegenwärtig

gefördert.

Dass gezielte Förderung zu

nachhaltigen Erfolgen führen

kann, konnte auch der Oberbürgermeister

der Hansestadt

Rostock, Roland Methling, belegen.

In der Stadt wurden in

den vergangenen sieben Jah-

Es ist inzwischen eine

üble Mär, dass in Mecklenburg

alles, selbst der

Weltuntergang, 50 Jahre später

kommt als anderswo, wie

Otto von Bismarck einst behauptet

haben soll. Mecklenburg-Vorpommern

holt auf,

in der Wirtschaft, bei der Entschuldung

der Haushalte und

in der Wissenschaft. Doch das

reicht noch nicht. Der diesjährige

Unternehmertag war

den »Stärken aus Mecklenburg-Vorpommern

– Innovationsmotor

Mittelstand« gewidmet.

Hinter diesem positiven

Motto stand allerdings die

bange Frage: Ist der Mittelstand

im Land möglicherweise

zu kleinteilig strukturiert,

um bei Forschung und Entwicklung

(FuE) mithalten zu

können? Und wenn ja, wie

kann man das ändern?

Der Minister für Wirtschaft,

Bau und Tourismus in

Mecklenburg-Vorpommern,

Harry Glawe, bestätigte den

Befund. Die teilweise sehr guten

Forschungsergebnisse, die

die Hoch- und Fachschulen

des Landes vorlegen, bleiben

wirkungslos, wenn sie nicht

im Land selbst umgesetzt werden

können. Und ohne dies

MUTMACHER: Der Unternehmertag ermutigte zu Innovationen.

ren fast 8.000 neue sozialversicherungspflichtige

Arbeitsplätze

geschaffen, die Innovationskraft

der ansässigen Untenehmen

wuchs und mit ihr

wieder die Zahl der Einwohner.

Erst unlängst ist Rostock

in einem bundesweiten Wettbewerb

als »Stadt der jungen

Forscher« ausgezeichnet worden,

für ein Projekt über regenerative

Energien.

Kleinteiliger Mittelstand

und Spitzenprodukte müssen

kein Widerspruch sein,

machte auch Oliver Som vom

Fraunhofer-Institut für System-

und Innovationsforschung

ISI in Karlsruhe den

Unternehmern Mut. Die Verengung

der betrieblichen Innovationsfähigkeit

auf die

reine FuE-Intensität greife zu

kurz. So zeigten Studien, dass

41 Prozent aller innovativen

Unternehmen – das sind Firmen,

die erfolgreich ein neues

Produkt oder einen neuen

Prozess einführten – keine

eigene FuE durchführen.

Erstaunlicherweise fänden

sich keine Unterschiede zwischen

FuE-intensiven undnicht-FuE-intensiven

Unternehmen

in Bezug auf die wirtschaftliche

Leistungs- und

Wettbewerbsfähigkeit.

Innovation hat es in KMU

schwer. Es mangele den Unternehmen

nicht an Ideen, in

der Praxis seien diese aber wenig

strukturiert, würden im

Alltagsgeschäft schnell untergehen

und seien meist auf

wenige Köpfe konzentriert.

Die Folge: Top-Produktideen

versanden, werden nicht

konsequent verfolgt. Doch das

Problem sei lösbar.

Der Mittelstand ist auch in

MV tauglich als Innovationsmotor

und wird dort dringend

gebraucht, lautete das

Fazit. Er selbst braucht aber

mehr Starthilfe.

Hans Pfeifer

62 WIRTSCHAFT & MARKT 05/12


UV-AKTUELL

Fotos: H. Pfeifer

UV Brandenburg

Fachkräftegewinnung im Fokus

Der traditionelle Technologietag in Teltow befasste sich in diesem Jahr

mit Employer Branding – Arbeitgeber profilieren sich als Marke.

Das Pentahotel in Teltow,

Schauplatz des

traditionellen, vom Unternehmerverband

Brandenburg

e. V. und der Wirtschaftsund

Mittelstandsvereinigung

der CDU (MIT) veranstalteten

Technologietages, platzte am

23. März aus allen Nähten.

Mit 37 Ausstellern und 150 angemeldeten

Besuchern wurde

ein neuer Rekord aufgestellt.

Dabei ging es in diesem Jahr

gar nicht um Technologie im

engeren Sinne, sondern um

ein Thema, auf das vor zehn

Jahren zumindest in Ostdeutschland

kaum ein Arbeitgeber

einen Gedanken verschwendet

hätte: Arbeitgebermarketing.

Wie können sich Arbeitgeber

als unverwechselbare

Marke profilieren? Wie verhalten

sich Produkt- und Arbeitgebermarke

zueinander?

Wie wirkt eine starke Marke

auf die Arbeitnehmer? Diese

und ähnliche Fragen waren

Gegenstand von Fachvorträgen

und Arbeitskreisen.

KAMPF UM TALENTE

Der tiefere Sinn von Employer

Branding ist natürlich nicht

die Pflege der Egos von Unternehmern

und Chefs, sondern

die Gewinnung von qualifizierten

Arbeitskräften. Seitdem

die Beschäftigungsquoten

steigen, die Arbeitslosigkeit

sinkt und aus Leerstellennot

Ausbildungsplatzüberangebot

wurde, befinden

sich die Unternehmen in einem

Wettbewerb um talentierte

Auszubildende, qualifizierte

Fachkräfte und engagierte

Führungskräfte.

Immer öfter können Arbeitnehmer

zwischen verschiedenen

Angeboten wählen.

Wer als Arbeitgeber besonders

attraktiv ist, hat die

Nase im Rennen um die begehrten

Beschäftigten vorn.

KRITISCH: Präsident Walter.

national bekannten Markennamen

und auch die Arbeitgebermarken

ohne Not.

Hermann Kühnapfel, Landeschef

MIT Mittelstands- und

Wirtschaftsvereinigung der

CDU Brandenburg, mahnte

die Unternehmen, »sich stärker

als attraktive Arbeitgeber

zu positionieren«. Mit der

Schaltung von Jobanzeigen

sei kein qualifizierter Arbeitnehmer

mehr zu gewinnen.

Hans-Dietrich Metge, Bezirksgeschäftsführer

der UV-Geschäftsstelle

Potsdam, die den

»TechnologieTagTeltow« traditionell

organisiert, mahnte:

»Es genügt nicht mehr, als Un-

»Die Arbeitgebermarke signalisiert

das Image des Unternehmens

als Arbeitgeber und

stellt für sich genommen einen

erheblichen Wert dar«,

betonte Eberhard Walter, Präsident

des Unternehmerverbandes

Brandenburg, bei der

Eröffnung der Veranstaltung.

Er hatte auch ein treffendes

Beispiel dafür parat, wie man

es nicht machen darf: Die von

der Wissenschaftsministerin

des Landes Sabine Kunst losgetretene

Diskussion zur Auflösung

der Fachhochschule

Lausitz und der Brandenburgischen

Technischen Universität

Cottbus und zur Neugründung

einer Energie-Universität

zerstöre die interternehmen

in der Region präsent

zu sein, sondern die

Unternehmen müssen aktiv

etwas dafür tun, dass Arbeitnehmer

und Azubis die Firma

als attraktiv wahrnehmen,

dort tätig sein möchten.«

EXTREME LANDFLUCHT

Brandenburger Unternehmer

müssen sich besonders viel

einfallen lassen. Denn die

Lage ist prekär. Von den 7.000

Hoch- und Fachschulabsolventen

in Brandenburg und

27.000 in Berlin finden nur

38 Prozent eine Beschäftigung

in der Region, rechnete

die ZukunftsAgentur Brandenburg

vor. Bundesweit fänden

im Durchschnitt 65 Prozent

der Absolventen eine

erste Anstellung im Umfeld

ihrer Ausbildungsstätte.

Erneut wurde Kritik an der

schulischen Ausbildung und

Bildungsqualität der Schulabgänger

geübt. Mehr als zehn

Prozent der Schulabgänger

sind nicht ausbildungsfähig,

monierte Kühnapfel. Es fehle

der Schulterschluss zwischen

Schule und Wirtschaft. Aber

auch die Firmen hätten sich

bis dato zu wenig bemüht.

Viele Firmen müssten sich

von hierarchischen Führungspraktiken

verabschieden und

sich stärker teamorientiert

organisieren. Der UV Brandenburg

unterhält seit vielen

Jahren einen speziellen Arbeitskreis

Schule-Wirtschaft,

aber dessen Arbeit trägt erst

ganz allmählich Früchte, wie

Metge versicherte. Nicht zu

leugnende Probleme sind

Schulen, die werbende Einflüsse

von Unternehmen

fürchten, Lehrer mit geringen

Kenntnissen über die unternehmerischen

Potenziale der

Region sowie Unternehmer,

die den Aufwand scheuen

oder den Nutzen verkennen.

Hans Pfeifer

&

NACHRICHTEN

UV ROSTOCK

Benzinpreise

ins Internet

Der Unternehmerverband

Rostock und Umgebung

plädiert für mehr Transparenz

bei Kraftstoffpreisen.

Der Unternehmerverband

Rostock und Umgebung e. V.

begrüßt den Vorstoß der Politik,

durch eine globale Preisdatenbank

mehr Transparenz

zu schaffen. »Wichtig ist, dass

die Regelungen so ausgelegt

werden, dass am Ende nicht

der kleine Tankstellenbetreiber

der Leidtragende ist«, fordert

Manuela Balan,Geschäftsführerin

des Unternehmerverbandes,

die Politik zu Umsicht

auf. »Ein Internetportal, in

dem alle Anbieter ihre Preise

sichtbar machen, kann von

großem Nutzen sein.«

UV MECKLENBURG

Unternehmer

des Jahres

Der Ludwigsluster Autohausinhaber

Wolfgang-

Reiner Hildesheim ist der

Unternehmer 2011.

Auf dem Wirtschaftsball von

UV, der IHK zu Schwerin und

der Handwerkskammer wurde

zum 19. Mal der Unternehmerpreis

verliehen. Hildesheim ist

PREIS: Wirtschaftsminister

Harry Glawe (l.) gratuliert.

seit 1986 selbstständig. Mit

Audi und VW fand er Partner

zum weiteren Ausbau seiner

Firma. Heute beschäftigt

Hildesheim 40 Mitarbeiter.

WIRTSCHAFT & MARKT 05/12 63


W&M-PRIVAT

SOMMERLEKTÜRE

Juwelen im

Hinterland

»Egal ob Schloss, Guthaus

oder Herrenhaus – sie wollen

vom Betrachter nur eins: Bewunderung.«

Der Mann, den

diese Erkenntnis im Angesicht

der adliger Architekturhinterlassenschaften

in

Mecklenburg-Vorpommern

überkam, hat daraus ein

glanzvolles Buch gemacht.

Etwa 1.500 solcher Juwelen

gibt es in dem norddeutschen

Bundesland. 150 davon porträtiert

der langjährige Direktor

des Kulturhistorischen

Museums Rostock in einem

glanzvollen Text/Bildband –

ein exzellenter Ausflugsführer

für Ostseegäste, die ihren

Urlaub nicht nur am Strand

verbringen wollen.

Wolf Karge, Schlösser

und Herrenhäuser

in Mecklenburg,

Hinstorff Verlag ,

264 Seiten, ca. 240

Abb., 24,95 EUR

María und

das Mammut

Vor der Reise auf den Geschmack

kommen, und nach

der Reise die Erinnerungen

auskosten – eine solche

Chance bietet das Erlebnisbuch

des Leipziger Soziologen,

Volkswirts und Journalisten

Harald Schmidt. Mit

María, einer fiktiven Spanierin,

tourt er von den Urmenschenhöhlen

an der

Biskayaküste über den Jakobsweg

von Galicien bis zu den

Olivengehöften in Andalusien,

Kaffee mit Olive in Madrid

trinkend und Serrano in

Salamanca verkostend. Spanien

geht auch nachhaltig.

Harald Schmidt,

Das Mammut mit dem

roten Punkt, Projekte-

Verlag Cornelius,

286 Seiten, 14,50 EUR

BÜCHERBORD

Verlage

Kreativ am Moritzplatz

Neue Ideen braucht das Buchgewerbe. Der Aufbau

Verlag wirkt jetzt aus einem Kreativzentrum.

In aller Regel residieren

Verlage gern allein. Oder

sie teilen sich das Haus

mit artfremden Bürogemeinschaften.

Der Aufbau-Verlag

handhabt das jetzt anders.

Fast ein Jahr ist es her, seit am

Berliner Moritzplatz ein Musentempel

von ganz eigener

Betriebsamkeit seine Pforten

öffnete: das Aufbau Haus am

Moritzplatz. Mehr als 50 Mieter

sorgen dort für vielfältigen

Kulturbetrieb, darunter

Galeristen, Buchhändler, Textilkünstler,

Tapetenmacher,

Grafiker, Fotoateliers, Tanzstudios

und ein Theater. »Eine

einmalige Verbindung von

Handel und Dienstleistungen

für kreativ Arbeitende mit

zahlreichen Existenzgründern«,

so der Geschäftsführer

Matthias Koch, »ein Haus für

innovative Kulturproduzenten

und Kulturaustausch, ein

Haus mit sozialen Projekten

wie einem Kindergarten auf

dem Dach und einem Integrationsangebot

für arbeitslose

junge Menschen.«

Koch hatte 2008 den insolventen

Aufbau-Verlag gekauft.

Anders als der lärmfreudige

Vorgänger Bernd F. Lunkewitz,

der im Rechtsstreit mit

dem Bundesfinanzministerium

schon mal drohte, den

Verlag »an die Wand zu fahren«,

setzte der neue Inhaber

in aller Stille darauf eine

strukturelle Neuorientierung

in der sich wandelnden Verlagslandschaft.

So reifte das

unternehmerische Konzept

für ein Kunst- und Kreativhaus

als Heimstatt für den

Aufbau-Verlag mit eigener

Strahlkraft inmitten der

Hauptstadt-Kulturszene.

Auf kunsthistorischem Terrain,

wo einst die Klavierbauer

der Firma Bechstein

weltberühmte Pianos fertigten,

erhebt sich nun ein Kreativkaufhaus.

20 Millionen Euro

haben die Investoren Matthias

und Inge Koch dafür aus

ihrem privaten Vermögen aufgebracht.

Frühzeitig holten

sie Planet Modulor mit ins

Boot, einen Verbund von kleineren

Unternehmen aus Handel,

Handwerk, Kunst und

Kultur für den Vertrieb von

Künstlerbedarf. So gedieh eines

ihrer zahlreichen Modelle,

mit dem sie zeigen wollen,

»wie man vielleicht anders

wirtschaften und anders leben

kann«.

Peter Jacobs

KREATIVTEMPEL: Der Aufbau-Verlag mit neuem Konzept in Berlin.

AUFBAU-VERLAG

Der Verlag

Der Aufbau-Verlag war der bedeutendste

Verlag in der DDR.

Gegründet im August 1945,

editierte er vor allem deutsche

Autoren, die in der Nazizeit nicht

erscheinen konnten, ausländische

Autoren, Klassiker, Kinderbücher

und historische Arbeiten.

Bis 1989 erschienen mehr als

4.500 Titel. Im Zuge der Privatisierung

übernahm der Immobilienunternehmer

Bernd F. Lunkewitz

den Verlag. Er beendete

2008 sein Engagement, die Geschäftsleitung

stellte Insolvenzantrag.

Mit Zustimmung von Lunkewitz

wurden der Geschäftsbetrieb

und die Vermögenswerte

zum Verkauf ausgeschrieben.

Den Zuschlag erhielt der Kaufmann

Matthias Koch.

Der Verleger

Matthias Koch, geboren 1943

in Dresden, war viele Jahre im

Ruhrgebiet Gymnasial- und Gesamtschullehrer.

Der ehemalige

Teilhaber an einem Familienunternehmen

investiert und verwaltet

als Geschäftsführer das Vermögen

von privaten Investoren.

Neben Verlagen (Aufbau Verlagsgruppe;

Andere Bibliothek) erwarb

er im Jahr 2009 zusammen

mit Partnern das Grundstück

des heutigen Aufbau Hauses am

Moritzplatz in Berlin.

BESTSELLER

Wirtschaftsbuch

1. Spencer Johnson: Die Mäuse-

Strategie für Manager. Ariston

(14,90 EUR)

2. Reinhard K. Sprenger: Vertrauen

führt. Campus (24,90 EUR)

3. Günter Ogger: Die Ego AG

Bertelsmann (22,90 EUR)

4. Hans-Olaf Henkel: Die Ethik des

Erfolgs. Econ (22,00 EUR)

5. Stephen C. Lundin u.a.: Fish!

Ueberreuther Wirtschaft

(12,90 EUR)

6. Rüdiger Jungbluth: Die Quandts.

Campus. (24,90 EUR)

7. Dieter Brandes: Einfach

Managen. Ueberreuter

Wirtschaft (14,90 EUR)

8. Stephen C. Lundin u.a: Noch

mehr Fish. Ueberreuter

Wirtschaft. (12,90 EUR)

9. Bodo Schäfer: Endlich mehr

verdienen. Hoffmann & Campe

(18,99 EUR)

10.Judith Mair: Schluss mit lustig!

Eichborn (16,90 EUR)

64 WIRTSCHAFT & MARKT 05/12


W&M-PRIVAT

LEUTE & LEUTE

LESERPOST

W

itze machen wär’

nicht schwer, wenn

nicht die Pointe wär’.

Eine schlichte Wahrheit. Und

eine hohe Hürde für Fernsehmoderatoren.

Erst 2011 war

Harald Schmidt zu SAT1 zurückgekehrt

und hatte seine

Karriere als TV-Scherzkeks

bis zum Ruhestand durchgeplant.

Er halte sich für den

»größten Entertainer der Gegenwart«,

sagte er, und werde

»seinen Late-Night-Platz nun

nie mehr verlassen.«

Doch auch beim Fernsehen

kommt es erstens anders und

zweitens, als man denkt. Der

Sender nämlich erklärte, die

Harald-Schmidt-Show werde

am 3. Mai »in die Sommerpause«

gehen, und man habe sich

nach intensiven Gesprächen

darauf verständigt, dass dieser

Tag zugleich »das Finale

der Sendung« sein solle. Im

Klartext: ein Rausschmiss erster

Klasse. Kess verbreitete Dirty

Harry das Gegenteil: »Ich

habe meinen Sender rausgeschmissen.«

Bei dieser Gelegenheit

veräppelte er nebenbei

auch gleich noch ZDF-neo

als »Sender für arbeitslose

Spätpubertierende«.

Seine Quoten allerdings

unterbieten sogar mieseste

FDP-Wahlergebnisse. Das ermunterte

Roger Schawinski,

einen früheren SAT1-Chef, zu

böser Nachrede. Harald

Karrikatur und Zeichnung: Rainer Schwalme

»Der schon

wieder!«

Woran Ernst Röhl den

Fernsehhumor erkennt

Schmidt sei »der übelste Zyniker«,

hämte er, der sei »geldgeil,

parasitär und unverfroren«.

Allerdings fragten sich

auch viele Zuschauer: Nanu,

gibt’s denn diese Harald-

Schmidt-Show immer noch?!

Nur selten bleibt Fernsehhumoristen

der Überdruss

des Publikums erspart. Je

öfter die TV-Spaßvögel rausgucken,

desto größer die Gefahr,

dass sie zur Belästigung

werden: Ach nee, nicht der

schon wieder! So erging es

Johannes B. Kerner, dem

smarten Dahin- und Daherredner,

der seine Performance

mit einem Maximum an Minimum

bestritt. Oliver Pocher

hätte sich gern als Unterhaltungskünstler

präsentiert,

doch keiner hörte ihm zu.

Auch Dieter Bohlen (»Deine

Art zu singen klingt wie ein

Darmverschluss!«) geht dem

Publikum auf die Nerven. Die

Dampfplauderer gönnen sich

und uns keine Pause. Zwei ratlose

Zuschauer: Ist das nun

der Jörg Pilawa mit Kai Pflaume

bei Beckmann oder die

Anne Will mit Maybrit Illner

bei Maischberger? – Nee, das

ist Plasberg bei 3 nach 9 zum

Thema »Was wird aus Carmen

Nebel?«

Auch für dünne Witze

zahlt das Fernsehen dicke

Honorare. Darum war Gottschalks

Rücktritt ein schwerer

Schlag – nicht für die Zuschauer,

sondern für den

Künstler selbst. Und alles fragte

sich: Wer wird Tommys

Nachfolger? Wir kennen die

Lösung: Nun will der Lanz uns

grüßen. Derweil muss Gottschalk

schon den nächsten

Schlag verkraften. Bei der

ARD flimmert »Gottschalk

live« am 7. Juni zum letzten

Mal über den Bildschirm.

Wer guckt, der guckt auf

eigene Gefahr. Wer nicht

guckt, muss nicht erleben,

wie halbseidene Talkmaster

ihren geistigen Dünnschiss

versenden. Gottschalk über

Schmidt: »Lieber Harald, ich

spiele diese Woche zwar bloß

vor Testpublikum, habe aber

mehr Zuschauer als du …«

Den deutschen Fernsehhumor

erkennt man daran, dass

es ihn nicht gibt.

&

Editorial / Dohnanyi

Heft 04-2012

Gutes Editorial und ein Aufreger

zugleich! Ja, die Stille ist

vielfältig in der Gesellschaft.

Deshalb kann ich der Überschrift

auf der letzten Seite

(»Der Osten braucht Mut») nur

zustimmen. Mut müssen auch

die Arbeitnehmer an den Tag

legen und den Mund aufmachen.

Sie haben zu DDR-Zeiten

gelernt den Mund zu halten,

um nicht aufzufallen, dies

setzt sich jetzt fort in einer

Form, die kontraproduktiv ist.

Wegen der hohen Arbeitslosigkeit

im Osten und der Angst

vor dem Verlust der Existenz

wird widerwillig geschwiegen.

Somit gibt es keine Innovation

von unten, keine Kreativität,

Vorwärts-Entwicklung – also

Stagnation auf ganzer Ebene.

Klaus von Dohnanyi hat das

sehr verständlich erklärt.

Mir persönlich fallen dazu

folgende Punkte ein:

Standort Ostdeutschland den

westdeutschen Wirtschaftsinteressen

schön angepasst

nach der Wende, erhaltenswerte

Industrie kaputt gemacht,

Konkurrenz ausgeschaltet.

Zwar staatliche Förderung und

Solidarpakt, aber gleichzeitig

keine Neuansiedelung großer

Firmen und Konzernen, keine

Wertschöpfung, somit auch

keine Steuern am Standort Ost.

Dafür Förderung im Gießkannenprinzip

ohne nennenswerten

Erfolg. Nicht mal das mittlere

Niveau der westlichen

Wirtschaft wird erreicht.

Nun soll die Förderung eingestellt

werden mit der Begründung,

der Osten sei an seinen

Miseren selber Schuld, er

mache nichts daraus, jetzt

seien erst einmal die verarmten

Kommunen im Westen

dran. Richtig wäre der Grundsatz,

die Fördergelder dorthin

zu lenken, wo sie am nötigsten

gebraucht werden. Da spielt

Ost oder West keine Rolle –

auch im Hinblick auf den

sozialen Frieden im Land.

Beate Müller, Leipzig

WIRTSCHAFT & MARKT 05/12 65


KOLUMNE

Eine Lehre für Unbelehrbare

ZUR SACHE

Betrachtung

zur wirtschaftlichen Lage

Von Dr. Klaus von Dohnanyi

gleichheit und Armut? Diese Einwände

sind töricht und unwissend: Denn jedermann

kann doch täglich erleben, dass

auch die freien, marktwirtschaftlich-

»kapitalistischen« Demokratien bemüht

sind, ihren Freiheiten eine gerechte

Ordnung zu geben. Dass dies immer unvollkommen

bleiben und ständig von

Neuem versucht werden muss, das bleibt

unsere mühsame, demokratische Erfahrung.

Aber, dass wir dennoch mit der

Freiheit beginnen müssen, dass es nicht

reichen kann, in stringenter Ordnung

ein wenig Freiheit zu schaffen, das wissen

wir doch inzwischen auch: Beispiel

nicht nur die DDR.

Stasi und Mauer, GPU und sibirische

Gulags – das waren doch nicht die ursprünglichen

Absichten der Revolutionäre,

sondern die Ergebnisse der von

ihnen selbst geschaffenen Zwänge. Wer

den Menschen eine Ordnung von Meinungen

und Verhalten aufzwingen will,

der muss am Ende die Menschen stets

einsperren. Von den französischen Jakobinern

über die Petersburger Bolschewisten

bis zur DDR, zu Kuba oder Nordko-

Vor einigen Wochen zeigte das

deutsche Fernsehen eine Dokumentation

über die letzten Tage

Erich Honeckers in Macht, Ohnmacht

und Exil. Die traurige Geschichte eines

Mannes, der nicht verstehen konnte,

nichts einsehen wollte und bis zu seinem

Tod gegenüber den Wirklichkeiten dieser

Welt unbelehrbar blieb. Ganz wie

seine Frau Margot, die im Fernsehinterview

trotz ihres hohen Alters ebenso

eindrucksvoll präsent wie unbeugsam

erschien. Was diese Frau einst politisch

lebte – ideologisch, linientreu und

machtentschlossen – das war sie jetzt in

ihrem chilenischen Exil noch immer: Gesicht

und Körper von Zeit und Erfahrung

gezeichnet. Die Überzeugungen aber leider

nicht.

Frau Honecker hat Nachfolger und

Nachfolgerinnen in der deutschen Linken.

Das Erstaunlichste an diesen Unbelehrbaren

sind die Widersprüche, die

sie leben, aber nicht wahrnehmen. In

einem kurzen Nebensatz erwähnt Frau

Honecker zum Beispiel, sie sei jetzt in

einem »kapitalistischen« Land. Aber sie

fragt sich offenbar nicht, warum sie

nicht lieber nach Nordkorea oder Kuba

umsiedelt, wo man den »Mauerbau«

doch heute noch praktiziert, den sie im

»Kapitalismus« offenbar so schmerzlich

vermisst? Wie kam es denn auch, dass

nach dem Fall der Mauer die Berliner

Genossen sie nicht aufnehmen wollten

(kaum beschämt gestanden sie dies in

der Sendung)? Und, dass dann ein vom

harten DDR-Regime diskriminierter Pfarrer

es war, der dem Ehepaar seine eigene

Wohnung öffnete? Für den nachdenklichen

Zeitgenossen bleiben solche Widersprüche

der Unbelehrbaren unerklärlich:

Frau Honecker wünscht sich die

DDR zurück – etwa einschließlich der

Repressalien gegen den Pastor, ihren

großzügigen Gastgeber?

Das Problem dieser linken Träumer

ist, dass sie die Unteilbarkeit der Freiheit

und die unausweichlichen Konsequenzen

jeder ideologischen Meinungsdiktatur

nicht verstanden haben. Die Engländer

haben ein schönes Sprichwort: »You

can’t have your cake and eat it too« –

oder: Du kannst keine Freiheit haben

und sie zugleich unterdrücken.

Selbstverständlich höre ich sofort den

üblichen Einwand: Freiheit wofür? Für

kapitalistische Ausbeutung? Für Kinderarbeit

und Finanzspekulanten? Für Unrea.

Und wer den Menschen die Freiheiten

grundsätzlich belässt, der muss stets

um die Einhegung dieser Freiheiten, um

Grenzen und menschenwürdige Bedingungen

der Freiheit bemüht bleiben.

Vor ein paar Monaten veröffentlichte

die kluge Sahra Wagenknecht ein Buch

unter dem törichten Titel »Freiheit statt

Kapitalismus«. Auch sie – ebenso wie

übrigens Oskar Lafontaine – hat bis heute

nicht begriffen, dass »Kapitalismus«

die unvermeidliche Kehrseite von Freiheit

ist. Denn, wer kann mir eine freie

Gesellschaft zeigen, in der nicht – von

Schweden bis Chile, von den USA bis zur

Türkei – grundsätzliche Freiheit (in verschiedener

Ausformung, gewiss!) zu

grundsätzlicher Wirtschaftsfreiheit

(ebenso in verschiedener Ausformung)

geführt habe? Dort, allerdings, wo man

diese Freiheit nicht nur menschlich ordnet,

sondern grundsätzlich beschneidet,

dort folgt zunächst der wirtschaftliche,

darauf der soziale, und schließlich der

politisch-legitimatorische Abstieg – und

damit auch der Zwang zum »Mauerbau«.

Das Missverständnis der Linken ist,

dass es in Freiheit einen »Sozialismus«

nur als Variante des »Kapitalismus« geben

kann. Dass ein »demokratischer Sozialismus«

immer nur ein sozial geordneter

»Kapitalismus« sein kann. Denn wer

in dieser global bewirtschafteten Welt

die eigene Ordnung ganz anders als die

Ordnung der Nachbarn gestalten will,

der braucht am Ende Zölle, braucht Kapitalkontrollen,

dichte Grenzen und

schließlich – gegenüber einer unzufrieden

gewordenen Bevölkerung – auch

Mauern. Diese aber halten im Zeitalter

von Fernsehen, Mobiltelefon, Internet

und Facebook nur immer kürzer.

Ich möchte Frau Honecker, Frau Wagenknecht

oder dem Rest der deutschen

Linken ihre guten Absichten nicht bestreiten.

Aber »gut« ist eben oft das Gegenteil

von »gut gemeint«. Der demokratische,

freie und – Gott sei Dank –

»kapitalistische« Staat darf in seiner

schwierigsten Aufgabe allerdings nicht

länger so zögerlich sein wie heute: Die

globalisierte Welt bedarf globalisierter

sozialer Ordnungselemente und die Politik

bedarf klarer Worte, um den Menschen

zu erklären, in welchen realen

Umständen und mit welchen realen

Möglichkeiten wir in dieser – wiederum

Gott sei Dank – freien Welt leben werden,

wenn wir frei bleiben wollen. &

66 WIRTSCHAFT & MARKT 05/12