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WIRTSCHAFT+MARKT Gerechtigkeit geht anders (Vorschau)

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A 40799 ■ ISSN 0863-5323 ■ 23. Jahrgang ■ April 2012 ■ Preis: EURO 3,50

Wirtschaft&Markt

Wirtschaft&Markt

DAS OSTDEUTSCHE WIRTSCHAFTSMAGAZIN

EXTRA

INNOVATION

FACHKRÄFTE

Meyers goldene Regeln

TRIEBKRÄFTE

Auftakt für Länderreports

MARKTKRÄFTE

Expansion bei Toreschluss

SPD-Vize und Schweriner Sozialministerin Schwesig:

Gerechtigkeit geht anders


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EDITORIAL

Unheimliche Stille

Warum nur einen Bereich, wenn Sie

VIELE

faszinierend finden.

HELFRIED LIEBSCH

Chefredakteur

Liebe Leserin, lieber Leser,

nichts ist so fein gesponnen, alles kommt

ans Licht der Sonnen. Jetzt schien es eine

vom Bundesinnenministerium in Auftrag

gegebene Ostdeutschland-Studie zu

treffen. Sechs Institute sagen darin voraus,

dass es den neuen Ländern auf

absehbare Zeit nicht gelingen wird, das

»mittlere Leistungsniveau« der alten Länder

zu erreichen. Kaum Firmenzentralen

im Osten, kaum Forschung und Entwicklung,

kaum Steueraufkommen, kaum

Wirkungen der Förderung. Die Forscher

empfehlen, wenn auch nicht ganz

schlüssig, faktisch einen Abschied von

den Aufbau-Ost-Hilfen. Deshalb, so der

mediale Aufschrei, habe die Bundesregierung

das Papier verheimlicht.

Wen kümmert es da, dass der sachsenanhaltische

Ministerpräsident Haseloff

behauptet, die Studie »ist seit langem bekannt

und enthält absolut nichts Neues«.

Nun, sie fand sich tatsächlich schon im

September 2011 in der Schriftenreihe des

Instituts für Wirtschaftsforschung Halle.

Schlagzeilen machte sie nicht. Und seit

das Papier mit den jetzt gewissermaßen

unheimlichen Zahlen auf den Internet-

Seiten des Innenministeriums steht,

ruht es wieder sanft. Schade.

Unheimlich still ist es auch um die vor

einem Jahr verkündete Energiewende geworden,

sieht man mal von Protesten gegen

die Kürzung der Solarförderung ab.

Die Wende scheint an Energie verloren

zu haben. Der Winter ist vorbei, die

schier unvermeidlichen Blackouts sind

ausgeblieben. Einer der selbsternannten

Wende-Motoren, Bundesumweltminister

Norbert Röttgen, kehrt seinem Amt erst

einmal den Rücken und dröhnt im nordrhein-westfälischen

Wahlkampf.

In den neuen Ländern drohen der Vorsprung

bei erneuerbaren Energien und

der zügige Netzausbau von einer Chance

für den Mittelstand zu einem unkalkulierbaren

Risiko zu werden. Da ist es den

Unternehmerverbänden und den Industrie-

und Handelskammern Ost nur zu

danken, dass sie mit einem Energieforum

am 10. und 11. Mai in Leipzig (S. 21)

aus der ostdeutschen Interessenlage

heraus Krach schlagen wollen.

Musik wird laut Busch oft störend empfunden,

dieweil sie mit Geräusch verbunden.

Wir nehmen das in Kauf, wenn wir

versuchen, mit den »Länderreports Innovation«

(S. 14) für ein wenig Begleitmusik

bei den wirtschaftlichen Bemühungen

Ost zu sorgen. Die Korrespondenzen sind

mit einem Blick rückwärts und zwei

zuversichtlichen Blicken nach vorn geschrieben.

Aber ohne jenen politischen

Optimismus, der lediglich auf einem

Mangel an Informationen beruht.

Herzlichst

Ihr

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INHALT

WIRTSCHAFT & MARKT

im April 2012

SPECIAL BERICHT SERIE

SEITE 22

SEITE 28 SEITE 42

BÜRGSCHAFTSBANKEN IM OSTEN:

Hilfe auch in außergewöhnlichen Fällen

LOGISTIK IN MITTELDEUTSCHLAND:

Auch Wasserwege sollen ausgebaut werden

TORESCHLUSS IM ERZGEBIRGE:

Sicherheitstechniker expandieren weltweit

Editorial

Aktuell

3

6

Unheimliche Stille

Interview, Nachrichten, Pro und Contra, Impressum

Gespräch

Serie

TITEL

10

14

42

MANUELA SCHWESIG (SPD), Sozialministerin in Mecklenburg-Vorpommern, über

wirtschaftliche Vernunft, soziale Gerechtigkeit und den Fachkräftemangel

LÄNDERREPORT INNOVATION: Mecklenburg-Vorpommern

MARKEN-MACHER-MÄRKTE: Zabag Anlagentechnik GmbH: Sicherheit bei Toreschluss

Fotos: V. Kühne, H. Lachmann, A. Simon

Bericht

Interview

Special

Analyse

Sonderveröffentlichung

W&M-Service

Verbands-News

W&M-Automobil

Porträt

Ständige Rubriken

W&M-Privat

Kolumnen

20

21

22

24

41

50

52

26

28

32

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37

44

56

58

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60

62

64

36

66

LIEFERANTENTAG MECKLENBURG-VORPOMMERN: Partner um die Ecke

FORUM OST: Wende ohne Energie?

LOGISTIK IN MITTELDEUTSCHLAND: Tempo ist Trumpf

CEBIT-NACHLESE: Suche leicht gemacht – Ideen für das Internet

ENERGIEEINSPARUNG: Gewinnbringender Röhrenwechsel

HIGHTECH-METALLE SELTENE ERDEN: Ressourcen-Monopoly

DEUTSCHE ROHSTOFF AG: Sachsens Schatz

TILLMANN STENGER, Vorstand der ILB: Neues Programm für kleine Firmen

UNTERNEHMENSFINANZIERUNG/-FÖRDERUNG: Bürgschaftsbanken als Partner

FINANZMÄRKTE 2012: Sichere Zuflucht

NACHFOLGE IN FAMILIENBETRIEBEN: Rechtzeitige Übergabe

WIRTSCHAFTSPARTNER POLEN: Innovative grüne Technologien

Recht, Geld, Versicherung

BBIK-AKTUELL: Stelen der Moderne

NEUFAHRZEUG IM TEST: Volkswagen CC

ARGENTA SCHOKOLADENMANUFAKTUR GMBH: Kreativer Gaumen

UV-AKTUELL: GeAT AG, Erfurt: Fachkräfte-Meyers goldene Regeln

UV-AKTUELL: Nachrichten aus den Unternehmerverbänden

Bücherbord, Leute & Leute, Leserbriefe

HEINER FLASSBECK: Die Zukunft der Schulden

KLAUS VON DOHNANYI: Ostdeutschland braucht mehr Mut

Inhalt

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 5


AKTUELL

Fotos: DPA/Zentralbild (1), Archiv

INTERVIEW

STEFAN PAPIROW,

Vorsitzender

des Verbandes

Deutscher

Bürgschaftsbanken

e. V. (VDB)

Basel III schreckt nicht

W&M: Herr Papirow, seit über 60

Jahren gibt es in Deutschland Bürgschaftsbanken.

2011 erhielten kleine

und mittelgroße Unternehmen

durch sie Bürgschaften und Garantien

von 1,2 Milliarden Euro. Wie lief

das Geschäft im Osten?

PAPIROW: Unserer vorläufigen

Übersicht zufolge haben die

Bürgschaftsbanken hier etwa

1.900 Bürgschaften und Garantien

in Höhe von 329 Millionen

Euro zugesagt.

W&M: Daraus resultiert welches

Kredit- und Beteiligungsvolumen?

PAPIROW: Rund 424 Millionen

Euro. Deutlich mehr als 2010.

W&M: Die Nachfrage folgt also dem

Konjunkturaufschwung?

PAPIROW: Das lässt sich bejahen.

Beinahe jede zweite Bürgschaft

oder Garantie wird von

Existenzgründern oder Unternehmensnachfolgern

in Anspruch

genommen.

W&M: Wie funktioniert das?

PAPIROW: Für kapitalschwache

Betriebe sind Ausfallbürgschaften,

Garantien oder stille Beteiligungen

oft die einzige Chance,

mit ihren Geschäftsideen voranzukommen.

Wo die Hausbank

ihre Taschen zuhält, setzen

Bürgschaftsbanken und Beteiligungsgesellschaften

an.

W&M: Mit welcher Strategie?

PAPIROW: Sie bieten den Hausbanken

vor Ort offensiv ihre Leistungen

an, nutzen örtliche Kontakte

und gewerbliche Maßnahmen,

um Kredite zu realisieren.

W&M: Und wie reagiert der VDB als

Interessenvertreter der 17 deutschen

Bürgschaftsbanken auf Basel III?

PAPIROW: Unser Credo heißt: An

fehlenden Sicherheiten wegen

mehr Eigenkapitalforderungen

soll kein KMU-Kredit scheitern.

Schon gar nicht im Osten.

Interview: Peter Jacobs

Siehe auch Seiten 26 bis 31

Städteranking

Leipzig unter den Top Ten

Das Financial-Times-Group-Ranking für 2012/13

zählt Leipzig zu den Aufsteigerstädten Europas.

Sonneberger Loks

TRADITIONSMARKEN

Pionier Konstruktion – so sperrig

bewarben die Sonneberger

Modelleisenbahner vor 60 Jahren

ihre ersten Dampfloks und

H0-Gleise für den Spieltisch zu

Hause. Unter der daraus abgeleiteten

Abkürzung PIKO entwickelten

sie aber bald eine

Spitzenmarke für den internationalen

Spielzeugmarkt. Am

1. Mai 2012 jährt sich zum

20. Mal der Tag, an dem der

vom Aus bedrohte ehemalige

VEB PIKO Sonneberg in die

PIKO Spielwaren GmbH umgewandelt

wurde. Grund zum

Feiern gibt es in jedem Fall:

PIKO zählt heute weltweit

rund 500 Mitarbeiter, darunter

auch einige Dutzend in China.

I

n drei Kategorien weist

die aktuelle Studie »European

Cities & Regions of

the Future 2012/2013« der

Messestadt Leipzig Spitzenpositionen

unter den zukunftsfähigsten

Städten Europas zu.

Leipzigs erfolgreiche Ansiedlungsstrategie

wird mit einem

zweiten Platz in der Kategorie

großer Städte und mit

Platz fünf innerhalb der Kategorie

als erfolgreichster Aufsteiger

der letzten zwei Jahre

bewertet. Bereits 2008/09 erreichte

Leipzig nach London,

Flandern und Paris Platz vier

unter den attraktivsten Städten

und Regionen für ausländische

Direktinvestitionen.

Rügener Käse

Jede Nacht rollen zwei Milchtanklastzüge

durch die Dörfer

Rügens und sammeln ein, was

die Inselbauern für die Käseproduktion

in Bergen ermolken

haben: 115.000 bis 118.000

Liter Kuhmilch

– Rohstoff

für

den »Rügener

Badejungen«.

Cremig-fest und weniger

streng als das französische

Urbild, hat es der Insulaner

zum meistverkauften Camembert

auf dem deutschen Käsemarkt

gebracht. Produziert

wird er seit den 50er Jahren

nach einem Rezept, das ein

Umsiedler aus Hinterpommern

mitgebracht hatte: »Stolper

Jungchen«. Inzwischen hilft der

gute Name Rügens bei der

Verbreitung auch im Westen.

ARBEITSLOSENQUOTEN

3,11 Millionen Männer und Frauen waren im Februar 2012

von Arbeitslosigkeit betroffen – der niedrigste Stand seit 1991.

Zahlenangaben Ost in Prozent (in Klammern: Februar 2011)

Mecklenburg-Vorp.: 14,1 (14,8)

Berlin: 13,2 (14,0)

Sachsen-Anhalt: 12,8 (13,0)

Brandenburg: 11,5 (12,2)

Sachsen: 11,1 (12,4)

Thüringen: 9,7 (10,4)

Deutschland insgesamt: 7,4 (7,6)

DER TREND in den neuen Ländern scheint sich etwas günstiger zu

gestalten als im deutschen Durchschnitt. Von einer Angleichung der

Arbeitslosenquoten West und Ost kann aber noch keine Rede sein.

AUS DEN LÄNDERN

Sachsen

Seit dem Start im Jahr 2010 wurden

vom Freistaat Sachsen 2.770

Weiterbildungsschecks mit einem

Zuschussvolumen von insgesamt

8,3 Millionen Euro ausgereicht.

Die bisher insgesamt vorgesehenen

13 Millionen Euro sollen nunmehr

aus Landes- und EU-Mitteln auf

18 Millionen aufgestockt werden.

Thüringen

Zum 5. Internationalen Kongress

Bauhaus.SOLAR 2012 in Erfurt im

November dieses Jahres wurde

zum dritten Mal europaweit der mit

15.000 Euro dotierte Bauhaus.-

SOLAR AWARD ausgelobt. Zu den

Stiftern gehören SolarInput e.V.

und Solarvalley Mitteldeutschland.

Gefördert werden mit diesem

Nachwuchswettbewerb herausragende

Architektur- und Designprojekte,

die einen innovativen

Umgang mit erneuerbaren Energien

unter Einbeziehung der Photovoltaik

ermöglichen und neue visionäre

Ideen für ressourcenschonende

Technologien enthalten.

Brandenburg

In Südbrandenburg soll eine

Energie-Universität Lausitz entstehen.

Dafür werden die forschungsorientierten

Studiengänge der

Brandenburgischen Technischen

Universität Cottbus (BTU) und die

praxisnahen Studiengänge der

Fachhochschule Senftenberg unter

einem Dach zusammengefasst.

Die IHK Cottbus bietet eine neue

Lehrstellenbörse an. Die Internet-

Plattform ist ein gemeinsames

bundesweites Projekt der Industrieund

Handelskammern. Mehr als

21.000 Lehrstellen in 449 Berufen

sind derzeit online im Angebot.

www.ihk-lehrstellenboerse.

Mecklenburg-

Vorpommern

Für die Investitionsförderung im

Rahmen der Gemeinschaftsaufgabe

GRW stehen in Mecklenburg-

Vorpommern für 2012 fast

131 Milionen Euro zur Verfügung.

Aus dem Europäischen Fonds für

regionale Entwicklung (EFRE)

können 93 Millionen Euro in das

Bundesland fließen.

Seit 1990 sind in Mecklenburg-Vorpommern

20 Technologiezentren

entstanden. Derzeit sind an diesen

Standorten 470 Unternehmen mit

mehr als 3.000 Beschäftigten tätig.

670 der während der letzten zehn

Jahre in den Technologiezentren

gegründeten Unternehmen haben

sich aus den Zentren gelöst und

eigene Betriebsstätten eröffnet.

6 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


AKTUELL

WIRTSCHAFTSBILD

DES MONATS

BRIEF AUS BRÜSSEL

Von THOMAS HÄNDEL,

Europaabgeordneter

Die Linke

Crash aufgeschoben

»Erfolgsmeldungen« allerorten:

Griechenland sei gerettet, mit

Schuldenschnitt, 130 Milliarden

Euro Hilfskredit und dem

verordneten Sparprogramm

das Gröbste überwunden. Doch

der Schein trügt.

3.000 JAHRE GESCHICHTE begleiten den Bau der Nordeuropäischen Erdgasleitung (NEL) von Lubmin

nach Niedersachsen. Bevor die Bagger zugreifen, sind die Archäologen mit ihren Detektoren unterwegs.

Manchmal müssen die Rohrverleger warten, damit Fundstätten nicht beschädigt werden. Wirtschaftsinteressen

kollidieren mit der Denkmalpflege. So wie hier nahe Parchim bei der Freilegung eines Brunnens

aus der Zeit der Völkerwanderung. Vom Trassenterritorium Mecklenburg-Vorpommerns wurden bereits

mehr als 300.000 Objekte früherer menschlicher Besiedlung abgesammelt. Das verteuert die Baukosten,

erhellt aber unser Geschichtsbild. Kommende Generationen dürften es den Trassenbauern danken.

KONJUNKTUR-BAROMETER

Gebremste Kauflust im Osten

Bloß keine Illusionen: Der leichte Anstieg der

Kaufbereitschaft ostdeutscher Bürger lässt

keine Konjunkturimpulse erwarten. Steigende

Einkommen haben das Kaufverhalten nur

regional beeinflusst. Insgesamt gesehen hat

sich die Kaufkraft im Osten wegen der anziehenden

Preise in den ersten drei Monaten des

Jahres 2012 sogar rückentwickelt.

Das ist, was die Konjunkturprognosen betrifft,

ziemlich problematisch. Denn der Export

schafft keinen Ausgleich. Er spielt in der Wirtschaft

des Ostens eine wesentlich geringere

Rolle als im Westen. Der Außenbeitrag (Export

minus Import) trug 2011 nur knapp 0,4 Prozentpunkte

zum BIP-Wachstum bei.

Bremsend für Konjunkturimpulse durch Kauflust

wirkt sich im Osten auch die Arbeitslosenquote

aus. Sie liegt immer noch doppelt

so hoch wie in den alten Bundesländern. Im

vergangenen Jahr stieg die Zahl der Erwerbstätigen

nur um 0,3 Prozent. 2012 wird die

Von DR. HERBERT BERTEIT

Arbeitslosenquote in Ostdeutschland wohl

auf gleichem Niveau verharren, während der

Niedriglohnsektor weiter zunimmt. Das fördert

keine Kaufkraft.

Und die Rentner? Ihr Bevölkerungsanteil im

Osten liegt um ein Fünftel höher als im Westen.

Sie beziehen meist nur die staatliche

Altersversorgung. In den alten Bundesländern

wird die Altersversorgung zu einem großen Teil

von Lebensversicherung, Beamtenpensionen

und Betriebsrenten mitgetragen. Laut Statistischem

Bundesamt betrug das monatliche

Bruttoeinkommen eines westdeutschen

Rentnerhaushalts 2011 rund 2.800 Euro,

im Osten dagegen nur rund 1.950 Euro.

Die angekündigte Rentenerhöhung bringt keine

nennenswerte Annäherung. Zwei Jahrzehnte

nach der Wiedervereinigung bleiben wir auch

in diesem Bereich von einer Gleichstellung

noch weit entfernt. Der Binnennachfrage ist

das nicht förderlich.

Selbst bei nur 120 Prozent Verschuldung

kann Griechenland

die Zinszahlungen nur dann

leisten, wenn die Wirtschaft

wieder auf einen Wachstumspfad

kommt. Das Sparpaket

wirkt prozyklisch. Der Crash ist

höchstens aufgeschoben. Die

Wirtschaft wird weiter abgewürgt,

eine neue Drehung der

Abwärtsspirale angefügt. Und

Spanien, Italien, Portugal,

Irland sind längst nicht aus der

Schusslinie. Der Widerstand der

Menschen gegen weitere Sparorgien

zwingt Irland, die Zustimmung

zum Fiskalpakt an

ein Referendum zu knüpfen.

Spanien muss den Sparkurs

mangels Rückhalt in der Bevölkerung

gleich ganz verweigern.

Der exportierte Sparwahn zeigt

erste Schleifspuren in der deutschen

Konjunktur. Forderungen

von wichtigen Ökonomen nach

Investitionen und Abkehr vom

europäischen Sozialkahlschlag

verhallen in Ignoranz. Aufwachen

ist angesagt. Nach bald

möglichen Regierungswechseln

in Frankreich und anderen Ländern

auch hierzulande. Der

unsägliche Fiskalpakt ist noch

zu stoppen. Bekommt er aber

die Zweidrittel-Mehreit im Bundestag

– also mit SPD und Grünen,

sehe ich schwarz für die

wirtschaftliche Entwicklung

und viele Arbeitsplätze.

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 7


AKTUELL

Fotos: DPA/Zentralbild (5), VerBio, privat

KURZ NOTIERT

INNOVATION

Forschender

Mittelstand

Mit einem Kongress in

Berlin hat Ende März

der VIU das 20. Jubiläum

seiner Gründung gewürdigt.

Als Partner von Parlamenten,

Ministerien, Verbänden und

Kammern widmet sich der

Verband Innovativer Unternehmen

(VIU) mehr als 3.000

forschenden kleinen und

mittleren Betrieben in den

Bundesländern Ost und versteht

sich zugleich als Interessenvertreter

des forschenden

Mittelstands in ganz Deutschland.

Wichtige Programme

des Bundeswirtschaftsministeriums

wie das Zentrale Innovationsprogramm

Mittelstand

und INNO-KOM Ost tragen die

Handschrift des VIU. Der VIU

wurde 1992 als Ost-Zweckbündnis

ins Leben gerufen,

nachdem im Einigungsvertrag

Existenz und Zukunft der

Industrieforschung aus den

ehemaligen Kombinaten und

Großbetrieben der DDR mit

ihren fast 90.000 Beschäftigten

ignoriert worden waren.

INTERNET

Mit Glasfaser

zügig im Netz

Die Landesregierung von

Brandenburg hat ein

Projekt für schnelleren Zugang

ins Internet gestartet.

Das Entwicklungskonzept

»Brandenburg – Glasfaser

2020« soll die Versorgung des

Landes mit schnellem Internet

zügig verbessern. Es sieht

unter anderem vor, Glasfaserkabel

zugleich mit Gasleitungen

zu verlegen. So kann eine

schnellere Anbindung dünn

besiedelter Räume an das

Breitband-Internet erreicht

werden. Die Kosten für einen

nahezu flächendeckenden

Ausbau bis 2020 werden auf

150 Millionen Euro geschätzt.

FOSSILE ENERGIE

Erdöl am Bodden

NACHRICHTEN AUS DEN REGIONEN

Das in Vorpommern bohrende deutschkanadische

Unternehmen CEP erwartet

an drei Fundplätzen eine Fördermenge

von zirka 18 Millionen Tonnen Erdöl.

Mit Hilfe der so genannten 3D-Vibrationstechnik

werden derzeit verschiedene Gebiete

am Saaler Bodden,

wo schon zu

DDR-Zeiten Erdöl

vermutet wurde,

erneut überprüft.

Anstelle

der Geophysiker

sind jetzt Elektroniker

tätig, die

Druckwellen bis

in 3.000 Meter

Tiefe aussenden

und Ergebnisse

anschließend per

Computer auswerten.

An dem

Bohrplatz Saal bei Ribnitz-Damgarten (Foto)

im Landkreis Vorpommern-Rügen ist die

Firma Central European Petroleum in über

2.500 Metern Tiefe bereits fündig geworden.

MANAGER : TÜFTLER : ERFINDER

Ein Maschinenbauer, der

die Architekturszene eroberte

CHRISTOPH RABE, (54) KERSTIN ZIMMERMANN, (53)

Geschäftsführer der Bauconzept

Planungsgesellschaft GmbH

in Hohenstein-Ernstthal (Sachsen),

hat den Gründerpreis 2012

der KfW-Bankengruppe und der

Zeitschrift SUPERillu in der Kategorie

Marktführer erhalten. Der

Preis ist mit 5.000 Euro dotiert.

Dem einstigen Maschinenbauer und heutigen Chef des

größten nach 1990 in Deutschland gegründeten

Architektur- und Ingenieurbüros bescheinigt die Jury

eine einzigartige Mischung von »Enthusiasmus und

Kunstverstand«. Rabes Projekte sind längst legendär,

in Deutschland und vielerorts preisgekrönt. Mit seinem

von einst drei auf heute 112 Architekten und Planer

angewachsenen Mitarbeiterstab entwarf er unter

anderem das Uhrenmuseum in Glashütte und die

Centrum Galerie in Dresden, projektierte die Rekonstruktion

des Jugendstil-Schwimmbades in Zwickau

und erwarb für die Gestaltung der neuen Radrennbahn

Andreasried in Erfurt den Architekturpreis des Internationalen

Olympischen Komitees (IOC). Aus seinem

Ingenieurberuf übertrug er eine wichtige Erkenntnis in

das Architekturgeschäft: »Die Präzision des Maschinenbaus

lässt sich in Segmenten dem Bau zuordnen.«

ERNEUERBARE ENERGIE

Biogas aus Stroh

Die Leipziger VERBIO AG hat am Standort

Zörbig eine weltweit bisher einmalige

Anlage zur Erzeugung von Biogas aus Stroh

in Betrieb genommen.

Seit 2010 produziert das Unternehmen Biogas

an diesem Standort. Mit der Verarbeitung von

Stroh zu Biogas geht das Unternehmen den

nächsten Schritt zur energetischen Nutzung

von agrarischen Restprodukten, die nicht in

Zusammenhang mit der Nahrungsmittelkette

stehen. Für die Anlage wurde VERBIO von der

Deutschen Energieagentur mit dem Innovationspreis

als »weltweit erste großtechnische

Biogas-Raffinerie« ausgezeichnet.

Eine Parfümsammlerin, die

sich ein Privatmuseum aufbaute

ist passionierte Sammlerin von

Parfümflaschen. Sie hat sich

auf ihrem Dachboden in Radebeul

bei Dresden ein von Duftliebhabern

geschätztes Privatmuseum

eingerichtet. Die

Radebeulerin fand zu ihrem

Hobby, als sie vor 15 Jahren an

der Auflösung einer Drogerie teilnahm. In ihren

eigenen Vitrinen hütet sie mehr als 1.000 Flakons von

etwa 100 verschiedenen Marken und damit gleichsam

ein Kapitel Industriegeschichte der DDR. Beim Hauptproduzenten,

dem Chemischen Kombinat Miltitz bei

Leipzig, hatte man einst den Ehrgeiz, bekannte

westliche Düfte zu kopieren, doch es fehlte an ätherischen

Ölen. Weithin vergessen ist, dass es zu DDR-

Zeiten auch mindestens 70 Kleinhersteller von

Parfüms gab, die eher eine Art Kellerbetrieb führten.

Spektakulärster Besitz der Sammlerin ist ein Kasten

»Schwarzer Samt« von Florena. Der gelangte auf dem

Umweg über den Westen zu ihr. Er gehörte einst

Hildegard Knef, die ihn an ihre Putzfrau weitergab.

Zimmermann erwarb die Florena-Kreation von einem

Zwischenhändler und hütet sie wie einen kostbaren

Schatz: »Daran lasse ich Besucher nicht mal riechen.«

8 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


AKTUELL

MESSETERMINE

Mai 2012

03.05., Schwerin

nordjob Schwerin. Messe

für Ausbildung+Studium

05.05., Senftenberg

Bildungsmesse

Westlausitz

08.05., Erfurt

Rapid.Tech

09.05., Leipzig

LVFM Versicherungsund

Fondmesse

23.05., Berlin

IT-Profits

29.05., Dresden

Zeitarbeitsmesse

IMPRESSUM

Wirtschaft & Markt

Das ostdeutsche Wirtschaftsmagazin

Magazin der Interessengemeinschaft

der Unternehmerverbände

Ostdeutschlands und Berlin

Redaktionsanschrift:

Zimmerstraße 55, 10117 Berlin

Tel.: (030) 27 89 45-0, Fax: -23,

E-Mail: wumberlin@t-online.de

Internet: www.wirtschaftundmarkt.de

Herausgeber:

Klaus George

george@wirtschaftundmarkt.de

Chefredakteur:

Helfried Liebsch,

Tel.: (030) 27 89 45-0

liebsch@wirtschaftundmarkt.de

Stellvertretender Chefredakteur:

Thomas Schwandt

Tel.: (030) 27 89 45-0

schwandt@wirtschaftundmarkt.de

Redaktion:

Peter Jacobs, Hans Pfeifer,

Matthias Salm, Siegfried Schröder,

Steffen Uhlmann

Tel.: (030) 27 89 45-14

Verlagsassistenz:

Sten Seliger

Tel.: (030) 27 89 45-11

Gestaltung:

Ralf Puschmann

Tel.: (030) 27 89 45-13

Titelfoto: Cornelius Kettler

Druck: Möller Druck Berlin

Autoren dieser Ausgabe:

Thomas Bencard, Peter Jacobs,

Matthias Kasper, Hannelore Koard

Vertrieb und Anzeigenverwaltung:

Tel.: (0331) 201 66-20

vertrieb@wirtschaftundmarkt.de

Verlag:

W&M Verlagsgesellschaft mbH

Parkstraße 2, 14469 Potsdam

Tel.: (0331) 201 66-20, Fax: -99

Geschäftsführender Gesellschafter:

Michael Schulze

schulze@wirtschaftundmarkt.de

ISSN 086 353 23 Erscheint monatlich.

Die Zeitschrift Wirtschaft&Markt ist das

Magazin der Interessengemeinschaft der

ostdeutschen Unternehmerverbände und

Berlin. Die Mitglieder der Verbände erhalten

die Zeitschrift im Rahmen ihrer

Mitgliedschaft. Einzelpreis: 3,50 EURO;

Jahresabonnement Inland 30,00 Euro

inkl. 7% Mwst.; Ausland 37,00 Euro inkl.

Porto. Sonderpreis für Studenten:

(Nachweis) jährlich 20,00 EURO. Das

Jahresabonnement gilt zunächst für ein

Jahr (10 Ausgaben). Danch besteht die

Möglichkeit, das Abonnement jederzeit zu

kündigen.Namentlich gekennzeichnete

Beiträge müssen nicht mit der Meinung

der Redaktion übereinstimmen. Für unverlangt

eingesandte Manuskripte und Fotos

übernehmen wir keine Haftung. Nachdruck

nur mit Genehmigung des Verlages.

PRO

& CONTRA

BÄRBEL HÖHN,

stellvertretende Vorsitzende

der Bundestagsfraktion

von Bündnis 90/Die Grünen

Scheitert

die Energiewende?

Vor einem Jahr beschloss die Bundesregierung die

Energiewende. Jetzt stagniert das Jahrhundertprojekt.

Fährt Schwarz-Gelb die Energiewende an die Wand?

Ein Jahr nach Fukushima

JA

und der Abschaltung der

acht ältesten deutschen Atomkraftwerke

hat die Energiewende

ihren ersten Härtetest

bestanden. Die schrillen Warnungen

der Atomlobby entpuppten

sich als Panikmache.

Deutschland hat auch 2011

wieder mehr Strom erzeugt als

verbraucht. Wind, Sonne und

Bioenergie sprangen für die

stillgelegten Atommeiler ein.

Selbst in klirrender Winterkälte

blieb die Stromversorgung

stabil. Und an der Börse liegen

die Strompreise heute niedriger

als im von der Atomkraft

abhängigen Frankreich. Trotzdem

ist das Gelingen der Energiewende

nicht ausgemacht.

Die Bundesregierung ist im

Begriff, die gute Ausgangslage

in Deutschland zu verspielen

und will den Ausbau der Solarenergie

brutal abbremsen.

Zehntausende Beschäftigte

müssen um ihre Jobs fürchten.

Der Netzausbau kommt nicht

voran. Ihren Klimafonds hat die

Bundesregierung um fast die

Hälfte gekürzt. Das heißt:

Weniger Geld für Energieforschung,

Elektroautos und erneuerbare

Wärmeenergie. Es

scheint, dass die Bundesregierung

die Energiewende gar

nicht zum Erfolg führen will.

Wenn Rösler, Röttgen & Merkel

so weitermachen, könnte das

Projekt doch noch scheitern.

MICHAEL KAUCH,

umweltpolitischer Sprecher

der FDP-Fraktion

im Deutschen Bundestag

NEIN

Die Energiewende

ist auf einem guten

Weg. Union und FDP steigen

nicht nur schneller aus der

Kernkraft aus. Wir haben auch

sieben Gesetze durchgesetzt,

um in ein neues Energiezeitalter

einzusteigen. Unsere

Politik wirkt: Nie zuvor war der

Anteil erneuerbarer Energien

so hoch wie 2011, nie zuvor

der Energieverbrauch so

niedrig. Noch auf längere Zeit

brauchen wir zum Ausgleich

der schwankenden Windkraft

konventionelle Kraftwerke.

Deshalb fördern wir hocheffiziente

Kraftwerke. Vor allem

aber brauchen wir neue Netze.

Mit der Bundesnetzagentur

und frühzeitigem Dialog mit

den Betroffenen beschleunigen

wir die Planungen für neue

Trassen. Mit der Kürzung der

Solarförderung sorgen wir

dafür, dass der Strompreisanstieg

moderat bleibt. Zudem

sorgt die Bundesregierung

erstmals durch Marktanreize

für eine der Nachfrage gerechte

Stromeinspeisung aus

erneuerbaren Energien. Die

Gebäudesanierung wird mit

1,5 Miliarden Euro pro Jahr

finanziert. Und wer energetisch

in sein Haus investiert,

soll dies steuerlich geltend

machen können. SPD und

Grüne sollten im Bundesrat

ihre Blockade gegen dieses

sinnvolle Projekt aufgeben.

INVESTITIONEN

Siemens setzt auf BER

Der Technologiekonzern Siemens

errichtet in Ludwigsfelde bis 2014 ein

neues Brenner-Testzentrum für Gasturbinen.

Für die Standortwahl erwies

sich die Nähe des künftigen Flughafens

Berlin Brandenburg BER als

mitentscheidend.

Nestlé baut in Schwerin

Der Schweizer Nahrungsmittelkonzern

Nestlé, weltweit führend in der

Branche, baut in Schwerin ein Werk

für Kaffeemaschinen-Kapseln, das

vorrangig den deutschen, den skandinavischen

und osteuropäischen

Markt beliefern soll. Dafür werden

rund 220 Millionen Euro investiert.

Die Landesregierung hat 50 Millionen

Euro Fördergeld in Aussicht gestellt.

Durch die Großinvestition entstehen

450 neue Arbeitsplätze.

Dritter Sachsen-VW

In Zwickau hat die Volkswagen Sachsen

GmbH einen neuen Karosseriebau

in Betrieb genommen (Foto).

Ab 2013 wird dort neben Golf und

Passat auch der Golf Variant gebaut.

VW Sachsen strebt an dem westsächsischen

Standort ein Produktionsziel

von mehr als 300.000 Pkw

pro Jahr an.

Thüringer Sonnenstrom

In Thüringen sind zurzeit rund 5.000

Beschäftigte im Bereich der Solarbranche

tätig. Von den 80 Produktionsunternehmen

agieren acht

weltweit. Die seit 1990 getätigten

Investitionen von mehr als einer

Milliarde Euro wurden von dem Freistaat

mit 161,3 Millionen Euro bezuschusst.

Ab 2020 soll Solarstrom

19,8 Prozent des gesamten Thüringer

Energieverbrauchs decken.

Gezähmte Oder

Im Oderbruch wird ein automatisiertes

System für Wassermanagement

installiert. Damit können künftig die

36 Schöpfwerke und etwa 300 Stauanlagen

gesteuert und flexibler den

veränderten Grund- und Oberflächenwasserständen

angepasst werden.

Auf diese Weise sollen sich Schäden

durch extreme Witterungsbedingungen

weitestgehend minimieren

lassen. Die Landesregierung hat

für das Projekt 2,3 Millionen Euro zur

Verfügung gestellt.

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 9


GESPRÄCH

Manuela Schwesig, Stellvertretende SPD-Vorsitzende und Ministerin für Arbeit,

Gleichstellung und Soziales in Mecklenburg-Vorpommern, über wirtschaftliche

Vernunft, soziale Gerechtigkeit, auskömmliche Entgelte und den Fachkräftemangel

»Merkel redet nur vom Mindest

Fotos: C. Kettler

W&M: Frau Schwesig, die Bundes-SPD hat

auf ihrer jüngsten Klausurtagung die Frage

nach sozialer Gerechtigkeit auf den Wahlkampfschild

für 2013 gehoben. Was ist ungerecht

in Deutschland – und somit auch in

Mecklenburg-Vorpommern?

MANUELA SCHWESIG: Ungerecht ist,

dass viele Menschen in ihrem Job fleißig

arbeiten, aber nicht von den Billiglöhnen

leben können. Wir setzen uns daher für

einen flächendeckenden gesetzlichen

Mindestlohn von mindestens 8,50 Euro

ein. Ungerecht ist, dass viele Frauen in

Deutschland keine Chance haben, sich

am Arbeitsleben zu beteiligen. Weil es an

guten Bildungs- und Betreuungseinrichtungen

fehlt. Insbesondere im Westen

mangelt es an Kitas und Ganztagsschulen.

Ungerecht ist auch, dass immer

mehr Menschen die medizinische Versorgung

als Zweiklassen-Medizin erleben

und der Bundesgesundheitsminister

jetzt auch bei der Pflege in ein Zweiklassensystem

steuert.

W&M: Der Ruf nach höheren Löhnen klingt

nach Stimmenfang im Wahlkampf. Wollen

Sie die Tarifautonomie in Frage stellen?

MANUELA SCHWESIG: Im Gegenteil, sie

ist wichtig und richtig. Uns geht es nicht

um einen Eingriff in diese Autonomie,

sondern um eine Lohnuntergrenze. Sie

soll sicherstellen, dass jemand, der arbeitet,

davon leben kann und später eine

Rente erhält, mit der er nicht in Altersarmut

stürzt. Es gibt im Nordosten übrigens

viele Unternehmer, die einen Mindestlohn

unterstützen. So der Präsident

des Unternehmerverbandes in Vorpommern,

Gerold Jürgens. Für Unternehmer,

die sich um ordentliche Löhne bemühen,

besteht die Gefahr, wegen Lohndumpings

nicht mehr mithalten zu können.

W&M: Andere regionale Unternehmerverbände,

auch in Ihrem Land, sehen das anders.

Hat sich nicht die Vereinigung der Unternehmensverbände

Mecklenburg-Vorpommern

sehr entschieden gegen einen einheitlichen

Mindestlohn ausgesprochen?

MANUELA SCHWESIG: Das mag sein, es

gibt unbestritten verschiedene Positionen.

Schon regional, in Greifswald andere

als in Schwerin. Das unterstreicht

doch aber nur die Notwendigkeit, in diesem

Streit Flagge zu zeigen.

W&M: Flagge zeigen gegen die Unternehmer?

MANUELA SCHWESIG: Noch einmal –

nicht gegen, sondern für diejenigen, die

Deutschland erfolgreich durch die Krise

getragen haben. Das haben Arbeitnehmer

und Arbeitgeber gemeinsam geschafft.

Klar, dass in Zeiten wirtschaftlichen

Aufschwungs auch beide Partner

davon profitieren müssen. Deshalb unterstützt

die SPD die Interessen der Arbeitnehmer.

Das ist kein Eingriff in die

Autonomie, sondern Rückenstärkung.

W&M: Im Land regieren Sie mit der CDU, die

sich gern als Wirtschaftspartei darstellt. Ein

Streit auch in der Koalition? Bundesweit tut

sich in Sachen Mindestlohn wenig.

MANUELA SCHWESIG: In Schwerin gibt

es darüber keinen Streit, weil sich die

SPD mit der Notwendigkeit eines Mindestlohnes

durchgesetzt hat. Auch die

CDU im Land spricht sich für den Mindestlohn

aus. Die Landesregierung hat

im Februar im Bundesrat eine Mindestlohn-Initiative

mehrerer Länder unterstützt.

Überdies kann es nicht sein, dass

die Steuerzahler jährlich mit sieben Milliarden

Euro die Billiglöhne subventionieren,

weil Menschen von diesen nicht

leben können. Ich bin überzeugt von

Leistungsgerechtigkeit. Jeder muss das

leisten, was er leisten kann. Aber Arbeit

muss sich lohnen.

W&M: Wie wollen Sie Kritikern den Mindestlohn

vermitteln?

MANUELA SCHWESIG: Ein gewichtiges

Argument ist der Fachkräftemangel. Er

ist die größte Herausforderung für die

Unternehmen in nächster Zeit. Es gibt

keine Branche, die ohne Menschen auskommt.

Technik ist ersetzbar, aber nicht

die Menschen. Vor Jahren hatte Mecklenburg-Vorpommern

jährlich 30.000 Schulabgänger,

jetzt sind es 10.000. Um diese

streiten sich die Unternehmen. Über die

Lohnfrage wird sich künftig entscheiden,

ob ein Unternehmen Fachkräfte hat

oder nicht. Es ist eine Überlebensfrage

für die Betriebe geworden. Und es ist eine

ordnungspolitische Frage. Die Summe

von sieben Milliarden Euro für die so genannten

Aufstocker bräuchten wir dringend,

um in Bildung zu investieren und

damit in potenzielle Fachkräfte.

W&M: Wissen Sie, was in Ihrem Land an

Niedriglöhnen wirklich gezahlt wird?

MANUELA SCHWESIG: Es gibt Branchen,

etwa im Handwerk, da werden zwar tariflich

vereinbarte Mindestlöhne gezahlt.

Doch diese liegen weit unter den geforderten

gesetzlichen 8,50 Euro Mindestlohn.

In Mecklenburg-Vorpommern bewegt

mich in dieser Frage eine Branche

besonders, die Tourismuswirtschaft. Sie

boomt und wird über eine verringerte

Mehrwertsteuer extra subventioniert.

Aber es gibt ein Lohnniveau, das nicht

auskömmlich ist. Deshalb herrscht dort

unter anderem auch Fachkräftemangel.

W&M: Die Leute laufen einfach weg, arbeiten

lieber in Call-Centern, wo mehr gezahlt wird

und es geregelte Arbeitszeiten gibt.

MANUELA SCHWESIG: Sie sagen es.

W&M: Die SPD kämpft für höhere Löhne und

soziale Gerechtigkeit, will aber keinen Lagerwahlkampf

mehr. Die Speerspitze richtet sich

nicht mehr gegen Kanzlerin Merkel, sondern

allgemein gegen den Neoliberalismus. Worauf

darf man da gespannt sein?

MANUELA SCHWESIG: Unsere politische

Kritik richtet sich nicht gegen die Person

Merkel, sondern gegen ihre Politik, die

Politik der Bundesregierung. Die ist davon

geprägt, dass der Lohn der Arbeit

nicht bei den Leuten ankommt. In der sozialen

Marktwirtschaft muss Leistung

bezahlt werden mit anständigem Lohn.

W&M: Entschuldigung – laufen Sie da nicht

bei Frau Merkel offene Türen ein?

MANUELA SCHWESIG: Bei einer Lohnuntergrenze

gab es vor nicht allzu langer

Zeit sehr unterschiedliche Auffassungen,

ob dieses Instrument richtig ist. Derweil

10 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


lohn«

wächst die Unterstützung bis in die Bundesregierung

hinein. Aber: Frau Merkel

redet nur vom Mindestlohn, ohne wirklich

etwas zu machen. Da wird mit Erwartungen

von Menschen gespielt. 1,4

Millionen Menschen müssen in Deutschland

aufstocken …

W&M: Ihr Parteikollege Steinmeier sieht die

Wirtschaftspolitik der SPD als eine Art grüne

Industriepolitik. Die richtet sich weniger an

kleine Betriebe und das Handwerk. Wie sieht

das Angebot der SPD an den Mittelstand aus?

MANUELA SCHWESIG: Die Wirtschaft

lebt von kleinen und mittleren Betrieben,

gerade hier. Ich sehe eine ganz neue

Herausforderung. Wir müssen unsere Sozialsysteme

neu denken. Wie können wir

Selbstständige in der Kreativwirtschaft

zum Beispiel besser absichern? Wer etwas

leistet und bereit ist, ein Risiko einzugehen,

der darf am Ende nicht bestraft

werden, der muss eine Grundabsicherung

haben. Wir brauchen eine Bürgerversicherung,

in der es nicht mehr entscheidend

ist, in welchem Arbeits- und

Rechtsverhältnis man ist, sondern dass

man arbeitet. Da ist die SPD schon weiter.

W&M: Reden wir über eine andere von Ihnen

angesprochenen Gerechtigkeitslücke – Stichwort

Pflege. Was bringt Sie da auf die Palme?

MANUELA SCHWESIG: Mich beunruhigt

außerordentlich das Auseinanderdriften

der Gesellschaft, eben auch bei Medizin

und Pflege. Die Menschen spüren diese

»Arbeit ist eine Frage

sozialer Teilhabe.

EIN KLASSENKAMPF

zwischen Sozialem

und Wirtschaft passt nicht.«

Zweiteilung. Bei der Pflege will Minister

Daniel Bahr eine private Zusatzversicherung

einführen. Das werden sich aktuelle

Pflegefachkräfte zum Beispiel nicht

leisten können. Sie beziehen im Übrigen

im Osten weniger Mindestlohn als im

Westen. Das ist ein weiteres Argument

für einen flächendeckenden Mindestlohn.

Differenzierung in Ost und West

produziert Ungerechtigkeit. Die Pflegefachkräfte,

die sich heute nicht zusätzlich

versichern können, werden später

keinen Anspruch auf gute Pflege haben.

Das ist das System Merkel und Bahr.

W&M: Und Ihr Vorschlag?

MANUELA SCHWESIG: Wir brauchen eine

Bürgerversicherung, in die jeder nach

seiner Leistungsfähigkeit einzahlt. Das

ist eine Frage der sozialen Gerechtigkeit.

W&M: Die SPD ist die Initiatorin der umstrittenen

Rente mit 67. Geht es aber nicht vielmehr

um Arbeit bis 67, aber differenziert?

MANUELA SCHWESIG: Es gibt bestimmte

Berufe, wo sogar Arbeit bis 65 schwer vorstellbar

ist, zum Beispiel im Pflegebereich.

Es sind geeignete Übergänge zu

gestalten. Rente mit 67 ist solange unrealistisch,

wie nicht über die Hälfte der Arbeitnehmer

mit 65 noch in Arbeit sind.

Ein Vorschlag der SPD ist es, die Erwerbsminderungsrente

besserzustellen. So

können Arbeitnehmer aus gesundheitlichen

Gründen ausscheiden ohne große

Abschläge. Vor Armut im Alter haben die

Menschen die meiste Angst.

W&M: Ein anderer wesentlicher Punkt in dieser

Debatte ist aber – und darauf zielte unsere

Frage –, genügend Arbeitsplätze für ältere

Arbeitnehmer bereitzustellen. Welcher politischen

Impulse bedarf es?

MANUELA SCHWESIG: Wichtig ist es, die

Fachkräfte zu sichern und die Leistungsfähigkeit

lange zu erhalten. Da gewinnt

betriebliches Gesundheitsmanagement

enorm an Bedeutung. Mein Ministerium

hat mit der Wirtschaft besprochen, wie

wir gemeinsam Unternehmen beraten

können, wie Gesundheitsförderung im

Arbeitsalltag funktioniert. Konzepte für

große Konzerne greifen aber im Osten

nicht. 90 Prozent unserer Betriebe haben

weniger als 20 Beschäftigte. Da gilt es, in

den Firmen die speziellen Probleme zu

erkennen und individuell zu helfen.

W&M: Was tun Sie selbst?

MANUELA SCHWESIG: Mein Ministerium

legt dafür ein Projekt auf mit einem Volumen

von einer Million Euro. Berater gehen

in die Betriebe, die in der Regel nicht

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 11


MANUELA SCHWESIG mit W&M-Redakteuren Helfried Liebsch (l.) und Thomas Schwandt.

das Personal und das Know-how für die

Lösung solcher Probleme besitzen.

W&M: Was passiert mit älteren, arbeitsfähigen

Menschen, die länger ohne Job sind?

MANUELA SCHWESIG: In Firmen gibt es

weiterhin große Vorurteile gegenüber

dieser Gruppe von Arbeitnehmern. Das

Alter ist ein Problem, obwohl den Unternehmen

Leute fehlen. Da muss unbedingt

ein Umdenken einsetzen.

W&M: Aber verstehen Sie nicht Unternehmer,

wenn sie lieber jüngere Fachkräfte einstellen

statt älterer Arbeitnehmer, die nur noch kurze

Zeit bis zur Rente zur Verfügung stehen?

MANUELA SCHWESIG: Die Unternehmer

können es sich nicht mehr aussuchen.

Und wir können die Leute nicht backen.

Wir können nur dafür sorgen, dass die

jungen Leute möglichst ausbildungsreif

die Schule verlassen. Die Unternehmer

sind gefragt. Es führt kein Weg daran vorbei,

bei älteren Arbeitslosen genau hinzusehen,

was können diese, welche Qualifikationen

besitzen sie. Nachweislich

profitieren Betriebe von den Erfahrungen

älterer Mitarbeiter. Um diese für Arbeitgeber

interessant zu machen, kann

der Schwerpunkt in der Arbeitsvermittlung

nicht mehr Qualifikation per Gießkanne

sein. Maßgeschneiderte Angebote

sind gefragt. Das funktionert aber nur

gemeinsam mit den Unternehmern.

W&M: Auch bei jüngeren Menschen ist das

Arbeitskräftepotenzial nicht ausgereizt. Gehört

nicht die Schulabbrecherquote im Nordosten

zu den höchsten in Deutschland?

MANUELA SCHWESIG: Wir setzen hier

unter anderem mit Produktionsschulen

an. Über produktive Arbeit in Betrieben

sollen junge Menschen erleben, dass sie

was können, dass es gut ist, einen Schulabschluss

nachzuholen. Weder im Land,

noch in ganz Deutschland können wir

uns junge Leute ohne Schul- bzw. Berufsabschluss

leisten. Mein Ziel ist es, dass

alle jungen Menschen einen Schulabschluss

und eine Ausbildung haben.

W&M: Sie betonen leisten?

MANUELA SCHWESIG: Ja, leisten. Soziale

Gerechtigkeit und wirtschaftliche Vernunft

treffen hier zusammen. Die Gesellschaft

kann leistungsfähige Menschen

nicht bis ins hohe Lebensalter alimentieren,

diese Potenziale ungenutzt lassen.

W&M: Wirtschaftsminister Harry Glawe

(CDU) hält es für möglich, die Zahl der Arbeitlosen

im Land bis zum Ende der Legislatur

von jetzt über 100.000 auf 70.000 zu senken.

Was ist Ihre Zielvorgabe?

ZUR

PERSON

Shootingstar der SPD

Richtig aufgefallen ist Manuela Schwesig

(37) zum ersten Mal 2007, als

Schwerin bundesweit in die Schlagzeilen

geriet. Die fünfjährige Lea-Sophie war

einen qualvollen Hungertod gestorben.

Als Vorsitzende der SPD-Fraktion in der

Stadtvertretung forderte Schwesig damals

vehement, diesen Fall von Kindesvernachlässigung

rückhaltlos aufzuklären.

Ihr Auftreten imponierte nicht nur

den Genossen der engeren Umgebung.

Die diplomierte Finanzwirtin ließ auch

die Vorstände von Landes- und Bundes-

SPD aufhorchen. Schwesig wurde ins

Aufstiegsprogramm aufgenommen, die

erste Stufe gezündet. Diese katapultierte

sie im Oktober 2008 an die Spitze

des Ministeriums für Soziales und Gesundheit

in Mecklenburg-Vorpommern.

Nur ein Jahr später erreichte der Shootingstar

die Bundesumlaufbahn, wurde

Partei-Vize. Vor der Bundestagswahl

2009 holte Kanzlerkandidat Steinmeier

sie in sein Team. Schwesig, geboren in

Seelow (Brandenburg) und Mutter eines

Sohnes, wechselte 2000 von Frankfurt

(Oder) nach Schwerin. Sie schätzt die

Ausgeglichenheit der Norddeutschen,

umso mehr, als es ihr nach eigener Aussage

schon mal passiert, bei der Arbeit

»durch die Decke zu gehen«.

MANUELA SCHWESIG: Ich sehe es ebenso

optimistisch. Spannend wird sein, haben

wir weniger, weil die Leute in Rente gehen?

Oder weil mehr sozialversicherungspflichtige

Arbeitsplätze zur Verfügung

stehen? Was nicht passieren darf:

Die Zahl der Langzeitarbeitslosen stagniert,

aber die der offenen Stellen steigt.

Wenn wir es nicht schaffen, genug Leute

zu vermitteln, wird es gefährlich. Spricht

sich das herum, werden sich keine Firmen

mehr ansiedeln. Ziel muss es sein,

den realen Fachkräftebedarf zu decken.

W&M: Was heißt das für Ihre Arbeitsmarktpolitik

konkret?

MANUELA SCHWESIG: Gemeinsam mit

der Bundesarbeitsagentur haben wir

Schwerpunkte gesetzt. So wollen wir

verstärkt Alleinerziehende in den ersten

Arbeitsmarkt vermitteln.

W&M: In der Arbeitslosenstatistik bewegt

sich oben viel, unten beim Sockel der Langzeitarbeitslosen

wenig. Schreiben Sie die ab?

MANUELA SCHWESIG: Nein! Bei Langzeitarbeitslosen

mit Vermittlungshemmnissen

streben wir mit den Betrieben individuelle

Lösungen an. Arbeit ist eine Frage

sozialer Teilhabe. Ein Klassenkampf zwischen

Sozialem und Wirtschaft passt

nicht, beides verträgt sich unheimlich

gut, wenn von den Menschen her gedacht

wird. Die Wirtschaft braucht sie.

W&M: Kommen wir noch einmal auf den

Anfang zurück. Unlängst hat SPD-Chef Gabriel

angemerkt, auch eine Kanzlerkandidatin

sei nicht ausgeschlossen. Wer könnte die erste

SPD-Spitzenkandidatin werden?

MANUELA SCHWESIG: Das verrate ich Ihnen

nicht.

W&M: Wäre es nichts für Sie?

MANUELA SCHWESIG: Nein. Ich bin Arbeitsministerin

in Mecklenburg-Vorpommern,

das macht mir Spaß. Ich freue

mich, dass ich auch auf Bundesebene

Themen bewegen kann. Ich finde überhaupt,

in kleinen Bundesländern wie

hier in Ostdeutschland müssen wir den

Anspruch haben mitzumischen.

W&M: Wie müssen wir uns den Bundestagswahlkampf

2013 in MV vorstellen: Am Vormittag

Friede, Freude, Eierkuchen mit der

CDU im Kabinett, am Nachmittag Wahlkampf

gegen die Union?

MANUELA SCHWESIG: In der großen Koalition

haben wir erreicht, dass die CDU

bei Themen, die wir als Sozialdemokraten

für richtig halten, mitmacht.

W&M: Ist das ein Beitrag zur Marginalisierung

der CDU?

MANUELA SCHWESIG: Nein. wir haben

mit unseren Themen die Wähler überzeugt,

und das musste der Koalitionspartner

akzeptieren.

W&M: Frau Ministerin, wir bedanken uns für

das Gespräch.

&

12 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


Copyright by

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SERIE

Für das Land betrachtet ist Mecklenburg-Vorpommern

in den letzten

zwei Jahren ausgerechnet an seiner

schwächsten Flanke stark in die Offensive

gekommen. Das Exportvolumen der

Wirtschaft wuchs von 2009 bis 2011 jährlich

um 20 Prozent und belief sich im

vergangenen Jahr auf 7,2 Milliarden Euro.

Das bedeutet ein Plus von 1,2 Milliarden

Euro gegenüber 2010.

Fast die Hälfte des Auslandsumsatzes

entfiel auf das verarbeitende Gewerbe.

Laut Wirtschaftsministerium in Schwerin

waren dies 3,2 Milliarden Euro. Besonders

bemerkenswert: Der vorwiegend

auf dem internationalen Markt agierende

Schiffbau, und deshalb früher eine

feste Größe in der Exportbilanz, fiel als

solche zuletzt aus. Die Werften im Land

kämpfen noch immer mit den Folgen der

schweren Finanz- und Wirtschaftskrise,

der Umsatz schrumpfte 2011 um 7,1 Prozent.

Andere Branchen wie Automotive,

Maschinenbau und auch Nahrungsgüter

sprangen in die Bresche.

Auf dem Cover ihrer aktuellen Studie

der 100-Top-Unternehmen in Mecklenburg-Vorpommern

hat die Nord/LB einen

Fingerzeig auf den sich vollziehenden Paradigmenwechsel

in der Wirtschaft des

Landes gegeben. Windräder zieren das

Titelblatt der Studie von 2011 statt traditionelle

Impressionen aus Schiffbau oder

der Hafenwirtschaft. Im Ranking der umsatzstärksten

Unternehmen, die 2010 jeweils

mehr als 50 Millionen Euro erwirtschafteten,

verdrängte hinter der führenden

Ernährungsbranche der Maschinenbau

den Schiffbau auf den dritten Rang.

Das veränderte Kräfteverhältnis spiegelt

sich in den Top-Ten der 100 führenden

Unternehmen. Mit dem Rostocker

Windkraftanlagenbauer Nordex SE auf

Platz fünf und Hydraulik Nord Parchim

auf Platz zehn schafften es zwei Nicht-

Schiffbaubetriebe des verarbeitenden Gewerbes

in die oberste Ranking-Etage. Mit

den P+S-Werften behauptet sich auf Platz

acht lediglich noch ein klassischer

Schiffbaubetrieb. Mit 2.500 Beschäftigten

bei Nordex, fast 2.000 bei den P+S-

Werften und rund 1.500 bei Hydraulik

Nord entfällt gut ein Fünftel der insgesamt

27.100 Beschäftigten in den Top-

Ten-Unternehmen auf diese drei, die ein

Umsatzvolumen von 1,5 Milliarden Euro

auf sich vereinen. »Das verarbeitende Gewerbe

erhöht den Anteil an der Wirtschaftsleistung,

die Struktur verbreitert

sich«, stellt dazu Harry Glawe (CDU),

Wirtschaftsminister in MV, fest. Laut Statistik-Amt

wurden im Land von den 299

verarbeitenden Betrieben mit über 50 Beschäftigten

2011 insgesamt 11,1 Milliarden

Euro umgesetzt - plus 10,6 Prozent.

Fotos: T. Schwandt; privat

REPORT

MECKLENBURG–VORPOMMERN

Innovationsoffensive

Lückenschluss 2020

Die Wirtschaft zwischen Rügen und Müritz verlässt traditionelle

Pfade. Das verarbeitende Gewerbe gewinnt mit mehr Forschung

und Entwicklung weit über die Landesgrenzen hinaus an Gewicht.

Charakteristisch für das verarbeitende

Gewerbe in MV ist es, dass in den zurückliegenden

zwei Jahrzehnten etliche

Produktionsstätten entstanden sind, deren

Hauptzentralen zumeist jenseits der

Elbe zu finden sind. Neben Industriebetrieben

wie dem Hafenkranbauer Liebherr

und dem Großröhren-Hersteller

EEW in Rostock sind dies unter anderem

Firmen im Automotive-Bereich (TRW Airbag

Systems; Webasto) und der Luftfahrtindustrie

(Flamm AG).

Überdurchschnittlich stark vertreten

in der Verarbeitung ist die Ernährungsbranche.

Namhafte Unternehmen wie

Oetker, Pfanni und Kamps haben den

agrarisch geprägten Nordosten für sich

entdeckt und sich besonders in Westmecklenburg

angesiedelt. Der Nahrungsmittel-Konzern

Nestlé hat sich jetzt eingereiht.

Kürzlich gab der Branchenprimus

bekannt, bis Ende 2013 in Schwerin

ein Werk zur Produktion von Kaffeekapseln

zu bauen. 220 Millionen Euro werden

investiert, 450 Jobs entstehen. Die

Ernährungswirtschaft im Land hat dato

15.000 Beschäftigte und bringt es auf einen

Umsatz von 3,7 Milliarden Euro.

Diese »importierte« Wertschöpfung

kann aber nur bedingt dazu beitragen,

bis zum Jahr 2020 eine sich selbst tragende

Wirtschaft zu etablieren. Mecklenburg-Vorpommern

wird dieses Ziel nur

erreichen können, wenn sich nachhaltige

mittelständische Strukturen aus sich

selbst heraus entwickeln und festigen.

Die Top-100 in Mecklenburg-Vorpommern

belegen, dass der Nordosten auf

diesem Weg bereits ein gutes Stück vorangekommen

ist.

14 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


SERIE

Mit AIDA Cruises steht auf Platz eins

eine Reederei, deren Stunde Null Mitte

der 90er Jahre in Rostock schlug. Mit der

Kreierung des Clubschiff-Konzepts erschloss

das Unternehmen einen völlig

neuen Markt in der Kreuzschifffahrt. Maritime

Pauschalreisen erfreuen sich eines

wachsenden Zuspruchs. Nach Angaben

des Deutschen ReiseVerbandes (DRV)

buchten 2011 rund 1,4 Millionen Passagiere

in Deutschland eine Hochsee-

Kreuzfahrt. Gegenüber 2010 ist das ein

Plus von 13,8 Prozent. AIDA Cruises hat

mit einer Flotte von derzeit acht Clubschiffen

daran großen Anteil und steuert

weiter auf Wachstumskurs. 5.100 Mitarbeiter

zählt AIDA mit Sitz im Rostocker

Stadthafen. Mit dem geplanten Ausbau

der Flotte bis 2016 auf zwölf Schiffe »wer-

FAKTEN

Mecklenburg-Vorpommern

Einwohner: 1,64 Millionen

Unternehmen: 53.800 kleine und

mittlere Betriebe (2009)

Exporte: 7,2 Milliarden Euro (2011)

BIP: 35,8 Mrd. Euro (2010)

(Quelle: Statistisches Amt Mecklenburg-Vorpommern)

den wir die 9.000-Marke knacken«, blickt

Steffi Harder, Direktorin für Personalentwicklung

bei der Reederei, voraus.

Zu den unternehmerischen Erfolgsgeschichten,

die ihren Ursprung in MV

haben, gehören in Rostock die Medizintechnikfirma

DOT GmbH mit heute 250

Beschäftigten sowie die Planungsgesellschaft

Inros Lackner AG mit mehr als 200

Mitarbeitern. Beim führenden Software-

Haus des Landes, der SIV.AG in Roggentin,

sind 258 Menschen in Arbeit und der

Fertighaus-Hersteller Scanhaus in Marlow

beschäftigt 267 Leute.

Allen diesen Unternehmen ist eigen,

dass sie mit einer Produktidee an den

Start gingen und diese zur Marktreife

führten. Diesen Prozess will die Wirtschaftspolitik

im Land mit intensiver

Förderung der Verbundforschung forcieren.

»Seit 2007 sind 113 Millionen Euro in

Innovationsprojekte von Wissenschaft

und Wirtschaft ausgereicht worden«,

sagt Stefan Rudolph, Staatssekretär im

Wirtschaftsministerium. Kleinere und

mittlere Betriebe, denen für Forschung

und Entwicklung häufig Mittel und Kapazitäten

fehlen, »sollen so Zugang zu

wissenschaftlichen Einrichtungen erhalten,

um schneller und auf höchstem wissenschaftlich-technischen

Niveau zu innovativen

Produkten zu kommen«. Nur

mit solchen gelingt es, sich im internationalen

Wettbewerb durchzusetzen.

Mit zwei Universitäten in Rostock und

Greifswald und weiteren Hochschulen in

Wismar, Stralsund und Neubrandenburg

verfügt das Land über nicht wenig wissenschaftliches

Potenzial. Und befindet

sich doch erst am Anfang einer langen

Aufholjagd, wie die Anzahl der Patentanmeldungen

in den Bundesländern verdeutlicht.

Wurden 2010 zum Beispiel in

Bayern über 13.000 Innovationen aus der

Industrie und den Universitäten zum Patent

angemeldet, lag diese Zahl in MV

unter 180. Im ostdeutschen Vergleich

führt Sachsen mit 1.250 Anmeldungen.

Rudolph sieht in der Verbundforschung

den entscheidenden Wachstumsmotor

für die Wirtschaft. »Wir brauchen

mehr Wachstum«, nur so gerät das Land

in die Lage, die Leistungsbilanz aus eigener

Kraft ausgeglichen gestalten zu können.

Aktuell existiere immer noch eine

Wertschöpfungslücke von 3,5 Milliarden

Euro, die MV lediglich mit Transferleistungen

zu schließen vermag. Im Jahr

2004 betrug dieses Defizit sechs Milliarden

Euro. »Das letzte Stück des Weges

wird aber das schwierigste«, mahnt Rudolph,

denn die Milliarden-Zuweisungen

vom Bund und der Europäischen Union

werden bis zum Ende des Jahrzehnts degressiv

»auf Null abgeschmolzen«. &

KOLUMNE

THOMAS

SCHWANDT,

stellvertretender

Chefredakteur und

W&M-Korrespondent

in Mecklenburg-

Vorpommern

Küste und Könner

Behielte der 1898 verblichene Reichskanzler

Otto von Bismarck recht, dann lebt es sich

in Mecklenburg-Vorpommern im krisengerüttelten

Heute trotz täglicher Welt- oder

wenigstens Europa-Untergangsszenarien

sehr entspannt. Der Eiserne Kanzler wollte

bekanntlich im Endstadium der Welt nach

Mecklenburg gehen, »denn dort geht sie

50 Jahre später unter«.

Entspannt leben lässt es sich im Land zwischen

Mecklenburger Bucht und Stettiner

Haff auch ohne Bismarcks Verspätungstheorie.

Im norddeutschen Tourismusland

Nr. eins bedarf es nur kurzer Wege, um

nach der Arbeit in reizvoller Landschaft

und am Meer zu landen. Schiffegucken liebe

ich als waschechter Jung’ von der Küste

immer noch. Auch wenn die Werften nicht

mehr so viele Schiffe wie in besseren Tagen

bauen. Das Durchhalte- und noch stärker

das Umstellungsvermögen der Werftarbeiter

hat mich in den letzten 20 Jahren sehr

beeindruckt. Nach dem Zusammenbruch

des DDR-Schiffbaus haben sie einen unvergleichlichen

Strukturwandel gemeistert.

Eine einschlägige Erfahrung, die geholfen

haben mag, in der jüngsten Krise den

Schiffbau nicht einfach auf Grund zu setzen.

Die Werften haben das Ruder herumgeworfen,

steuern jetzt mit Spezialschiffund

Offshore-Projekten stringent auf Innovations-Kurs.

Dieser ist in allen Branchen

der einzige, wirklich Erfolg versprechende

in dem strukturschwachen Flächenland.

Am Anfang steht die Idee. Daran mangelte

es im Land nie. Hier flog in den 30er Jahren

das erste Düsenstrahlflugzeug der Welt,

hier stehen der Schleudersitz, die künstliche

Leber und last but not least der Strandkorb

ganz oben auf der Liste weltbekannter

Erfindungen aus Meck-Pomm.

Das Spannendste aber sind die Menschen,

die in den Betrieben daran mitwirken, dieses

Land täglich neu zu erfinden. Die ihre

Ideen vor Ort verwirklichen und die Entwicklung

vorantreiben wollen. Weil sie an

dieses Land glauben. Da bin ich bei ihnen.

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 15


SERIE

TOP 100 Unternehmen in Mecklenburg-Vorpommern

Von AIDA bis Alternative Energien – Beschäftigung

Rang Unternehmen Branche Mitarbeiter

(2010)

Umsatz

(in Mio. Euro)

Sitz

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

11

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

40

41

42

43

44

45

46

47

48

49

50

AIDA Cruises

Deutsche Bahn AG (K) **

Universitätsklinikum Rostock AöR

Deutsche Post DHL (K)

Nordex SE (K)

Scandlines GmbH (K)

Damp Holding AG (K)

P+S WERFTEN GmbH

OHG NETTO Supermarkt GmbH & Co.

Hydraulik Nord GmbH Parchim (K)

Braun Gruppe (K)

RIEMSER Arzneimittel AG (K)

Telegate AG

MediClin Mecklenburg-Vorpommern (K)

Unser Heimatbäcker GmbH

Bildungszentrum Nordost K.-D. Schnoor

Reederei F. Laeisz GmbH

E.ON e.dis AG

KMG Kliniken plc (K)

coop eG

Energiewerke Nord GmbH

Dussmann Service Deutschland GmbH

De Mäkelbörger Backwaren GmbH

Liebherr-MCCtec Rostock GmbH

Eisengießerei Torgelow GmbH

Egger Holzwerkstoffe GmbH & Co. KG

SYKES Enterprises B.V. & Co. KG

Stadtwerke Schwerin GmbH (K)

Stadtbäckerei Junge GmbH

OstseeSparkasse Rostock

Webasto Neubrandenburg GmbH

Dr. Oetker Tiefkühlprodukte GmbH

optimal media GmbH

RSAG Rostocker Straßenbahn AG

Sparkasse Vorpommern

WSN Sicherheit und Service GmbH (K)

TRW Airbag Systems GmbH

Franziska Stolle GmbH & Co. Brenz KG

WEMAG AG (K)

WEMAG AG

Stadtwerke Rostock AG

Bodden-Kliniken Ribnitz-Damgarten GmbH

Fruchtquell Getränke GmbH & Co. KG

Sparkasse Mecklenburg-Schwerin

HANSA-Milch Mecklenburg-Holstein eG (K)

Travel Charme Hotels & Resorts

ml&s manufacturing GmbH & Co. KG

Unternehmensgruppe Graal-Müritz (K)

AKG Reha-Zentrum GmbH & Co. KG

Stadtwerke Stralsund GmbH (K)

WIRO Wohnen in Rostock GmbH (K)

Piepenbrock Dienstleistungen Gruppe (K)

Rügen Fisch Gruppe (K)

Kreuzfahrten

Verkehrsgewerbe

Gesundheitswesen

Logistik

Windenergieanlagen

Fährreederei

Gesundheitswesen

Schiffbau

Einzelhandel

Maschinenbau, Elektronik

Mischkonzern (Pharma, Food)

Chemische Industrie

Dienstleistungen (Call-Center)

Gesundheitswesen

Ernährungsgewerbe

Bildungswesen

See- und Küstenschifffahrt

Energieversorgung

Gesundheitswesen

Einzelhandel

Abbau/Entsorgung

Dienstleistungen

Ernährungsgewerbe

Maritime Krantechnik

Metallindustrie

Holzbearbeitung

Dienstleistungen (Call-Center)

Energie- und Wasserversorg.

Ernährungsgewerbe

Finanzdienstleistungen

Metallindustrie

Ernährungsgewerbe

Medienindustrie

Personenbeförderung

Finanzdienstleistungen

Dienstleistungen

Automobilzulieferer

Ernährungsgewerbe

Energieversorgung

Energieversorgung

Energieversorgung

Gesundheitswesen

Ernährungsgewerbe

Finanzdienstleistungen

Ernährungsgewerbe

Gastgewerbe

Elektroindustrie

Gesundheitswesen

Gesundheitswesen

Energie- und Wasserversorg.

Wohnungswesen

Dienstleistungen

Ernährungsgewerbe

5.100

4.143

3.100

3.000

2.504

2.200

2.029

1.977

1.600

1.494

1.300

600

1.300

1.280

1.250

1.200

1.188

1.122

942

916

912

910

900

860

744

740

727

721

692

684

670

656

650

625

621

590

582

565

529

347

521

510

501

482

476

470

460

450

245

442

439

436

430

(-)

(-)

265,0

(-)

972,0

569,0

182,2

406,5

1.129,7

100,5

250,0

110,0

124,6

110,3

49,0

22,4

(-)

(-)

61,0

247,5

286,4

24,7

54,0

203,9

100,0

300,0

(-)

182,8

41,7

(-)

273,3

(-)

85,0

31,8

(-)

17,1

226,6

166,0

644,1

500,2

219,3

32,7

101,5

(-)

331,5

38,7

110,6

25,7

16,1

108,0

194,4

12,0

110,1

Rostock

Schwerin

Rostock

Neubrandenburg

Rostock

Rostock

Stralsund

Stralsund

Stavenhagen

Parchim

Greifswald

Insel Riems

Neubrandenburg

Waren/Müritz

Pasewalk

Demmin

Rostock

Demmin

Güstrow

Güstrow

Lubmin

Rostock

Neubrandenburg

Rostock

Torgelow

Wismar

Pasewalk

Schwerin

Elmenhorst

Rostock

Neubrandenburg

Wittenburg

Röbel

Rostock

Greifswald

Neubrandenburg

Laage

Brenz

Schwerin

Schwerin

Rostock

Ribnitz-Damgarten

Dodow

Schwerin

Upahl

Ostseebad Binz

Greifswald

Graal-Müritz

Graal-Müritz

Stralsund

Rostock

Neubrandenburg

Sassnitz

** (K) = Konzernangabe

(-) = Keine Angabe

Im Januar 2012 veröffentlichte die NORD/LB ihre aktuelle Studie zur Beschäftigungslage in Mecklenburg-

Vorpommern. Im Mittelpunkt dieser Betrachtung steht das Ranking »Die 100 größten Unternehmen in

16 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


REPORT

MECKLENBURG–VORPOMMERN

SERIE

durch Tradition und Innovation

Rang Unternehmen Branche Mitarbeiter

(2010)

51

52

53

54

55

56

57

58

59

59

61

62

63

64

65

66

67

68

68

70

71

72

73

74

75

76

77

78

79

80

81

82

82

84

85

85

87

88

89

90

91

92

92

94

95

96

97

98

99

100

Durtrack GmbH

DBDialog Telefonservice GmbH

EURAWASSER Nord GmbH

Seetel Hotel Gruppe (K)

Wachdienst in Mecklbg. GmbH & Co. KG

Hanse Yachts AG

Siemens AG

Palmberg Büroeinrichtungen GmbH

Neubrandenburger Stadtw. GmbH (K)

Sky Deutschland Service Center GmbH

Datenverarbeitungszentrum MV GmbH

Stadtwerke Greifswald GmbH (K)

Gegenbauer Holding SA & Co. KG

Hair-Cosmetic-Team GmbH

Gummi Bear Süßwaren GmbH & Co. KG

Sana-Krankenhaus Rügen GmbH

Backhus Backwaren GmbH & Co. KG

Simeonsbetriebe Nord GmbH

Sparkasse Neubrandenburg-Demmin

Perry & Knorr Parchim GmbH

MEDIAN Kliniken GmbH & Co. KG (K)

arcona HOTELS & RESORTS

IBRo Funk und Marketing GmbH

Autohaus Kittner Gruppe (K)

Commerzbank AG

Ilim Nordic Timber GmbH

ALBA Nord GmbH

Grand Hotel Heiligendamm

Hotel Arkona - Dr. Hutter e.K.

Seehafen Rostock Umschlags-GmbH (K)

Neubrandenburger Wohnungs-GmbH

ScanHaus Marlow GmbH (K)

Sparkasse Mecklenburg-Nordwest

YARA GmbH & Co. KG

SIV AG

MAPLAN GmbH

BAU-REIN Rostock GmbH

Darguner Brauerei GmbH

DOT GmbH (K)

NORD/LB Girozentrale

Hauptgenossenschaft Nord AG

Unternehmensgr. F. Schultz Nachfolger

IBR – Reinigungsgesellschaft mbH

Industrie- und Büroreinigungs-GmbH

Boizenburger Fliesenf. GmbH & Co. KG

Fastphone Telemarketing GmbH

Dienstleistungs-GmbH in Vorpommern

HSE-Haustechnik GmbH

INROS-LACKNER AG

HTG Hoch- u. Tiefbau Gadebusch GmbH

Betonerzeugnisse

Dienstleistungen (Call-Center)

Wasserversorgung

Gastgewerbe

Dienstleistungen

Schiffbau

Elektroindustrie

Herstellung von Möbeln

Energie- und Wasserversorg.

Dienstleistungen (Call-Center)

EDV

Energie- und Wasserversorg.

Dienstleistungen

Friseur

Ernährungsgewerbe

Gesundheitswesen

Ernährungsgewerbe

Arbeitskleidung

Finanzdienstleistungen

Dienstleistungen

Gesundheitswesen

Gastgewerbe, Hotellerie

Dienstleistungen (Call-Center)

Einzelhandel

Finanzdienstleistungen

Holzbearbeitung

Abfallentsorgung

Gastgewerbe

Gastgewerbe

Frachtumschlag und Lagerei

Wohnungswesen

Baugewerbe

Finanzdienstleistungen

Chemische Industrie

Dienstleistungen

Maschinenbau

Dienstleistungen

Ernährungsgewerbe

Medizintechnik

Finanzdienstleistungen

Agrarhandel

Kraftfahrzeugbranche

Dienstleistungen

Dienstleistungen )

Baugewerbe

Dienstleistungen (Call-Center)

Dienstleistungen

Baugewerbe, Haustechnik

Dienstleistungen

Baugewerbe

430

428

424

420

405

401

400

395

392

392

368

365

363

349

344

335

332

324

324

300

299

294

292

290

288

287

286

284

280

274

271

267

267

262

258

258

257

254

250

248

242

231

231

230

226

223

211

207

204

200

Umsatz

(in Mio. Euro)

78,0

(-)

66,7

25,8

(-)

65,0

55,0

60,2

147,4

11,4

43,1

73,5

7,0

7,5

76,3

(-)

14,4

13,8

(-)

(-)

25,1

14,2

(-)

95,7

(-)

76,9

32,2

13,4

23,1

28,2

60,6

42,1

(-)

307,0

26,9

22,8

4,7

106,2

(-)

(-)

271,1

43,6

8,4

8,4

23,9

4,8

7,6

17,9

16,1

37,7

Sitz

Möllenhagen

Schwerin

Rostock

Seebad Ahlbeck

Rostock

Greifswald

Rostock

Schönberg

Neubrandenburg

Schwerin

Schwerin

Greifswald

Schwerin

Schwerin

Boizenburg

Bergen auf Rügen

Güstrow

Rostock

Neubrandenburg

Parchim

Heiligendamm

Rostock

Roggentin

Rostock

Rostock

Wismar

Schwerin

Bad Doberan-Heiligend.

Ostseebad Binz

Rostock

Neubrandenburg

Marlow

Wismar

Poppendorf

Roggentin

Schwerin

Rostock

Dargun

Rostock

Schwerin

Neubrandenburg

Rostock

Sassnitz

Sassnitz

Boizenburg

Pasewalk

Lubmin

Gadebusch

Rostock

Gadebusch

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von: NORD/LB Regionalwirtschaft, Friedrichswall 10, 30159 Hannover

Mecklenburg-Vorpommern«, welches W&M mit freundlicher Genehmigung zur Verfügung gestellt wurde.

Die genannten Unternehmensdaten resultieren aus dem Geschäftsjahr 2010.

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 17


SERIE

INTERVIEW

HARRY GLAWE,

Minister für

Wirtschaft, Bau

und Tourismus

in Mecklenburg-

Vorpommern

REPORT

MECKLENBURG–VORPOMMERN

Fotos: T. Schwandt; Artoss; MWBT

Fit mit Verbundforschung

W&M: Herr Minister, Innovationen sind

ein entscheidender Wettbewerbsvorteil.

Wie ist es um das Potenzial von Forschung

und Entwicklung in MV bestellt?

GLAWE: Innovationen und innovative

Produkte gibt es viele bei uns im Land.

Neuartige Blutgefäßstützen kommen

aus Rostock, in Stralsund werden Rotorblätter

neuen Typs für Windturbinen

entwickelt und in Neubrandenburg

wird an einer umweltfreundlichen

Hochtemperatur-Brennstoffzelle geforscht.

Potenzial ist da, es gibt aber

noch viel zu tun. Wir haben daher die

Verbundforschung – Kooperationen von

Hochschulen und Unternehmen – eingeführt.

Forschung und Entwicklung

sind ein Kraftakt für die meist kleinen

Firmen in Mecklenburg-Vorpommern.

W&M: Das Wirtschaftsministerium forciert

besonders die Verbundforschung. Warum?

GLAWE: Viele Firmen werden erst über

diese Förderung in die Lage versetzt,

sich mit Forschung und Entwicklung zu

befassen und die Potenziale der Wissenschaft

unseres Landes zu nutzen. Die

Hochschulen orientieren sich in der Forschung

mehr und mehr an Erfordernissen,

die von den Unternehmen vorgegeben

sind. Vor fünf Jahren sind wir mit

der Verbundforschung gestartet. Inzwischen

setzt jede Hochschule im Land

Projekte in der Verbundforschung um.

258 solcher Projekte sind bisher mit

einem Volumen von 72,1 Millionen Euro

gefördert worden. Das ist ein großer Erfolg.

Verbundforschung ist ein Schwerpunkt

unserer Technologiepolitik.

W&M: Auf welchen Wirtschaftsfeldern hat

MV die größten Chancen, zum Innovationstreiber

zu avancieren?

GLAWE: Zukunftschancen sehen wir vor

allem in den wachstumsstarken Bereichen

Energie, Ernährung, Gesundheit,

Informations- und Kommunikationstechnologien,

Maschinenbau und

Elektrotechnik sowie Mobilität. Zukunft

im Land entsteht, wenn wir es schaffen,

an den globalen Wachstumsmärkten zu

partizipieren und diesen Prozess im Einklang

von Wirtschaft, Wissenschaft und

Politik zu gestalten.

Strukturwandel im Schiffbau

Maritime Moderne

Werften und Zulieferbetriebe an der Ostseeküste nutzen das junge

Geschäftsfeld der Erneuerbaren Energien als Chance zum Wandel.

Besonders im Fokus stehen Spezialschiffe und Offshore-Projekte.

Im Vergleich mit dem märchenhaften

Schweriner Schloss ist die Offshore-

Konverterplattform »BorWin beta«

ein schmuckloser Stahlkoloss. In der

Höhe aber wird die Umrichterstation in

Zukunft das Wahrzeichen der Landeshauptstadt

übertreffen. Im Baudock von

Nordic Yards in Warnemünde beeindruckt

die Größe. An den Seiten bleibt

kaum Luft zwischen Plattform und Dockwänden.

Die Warnemünder Schiffbauer

sind in der Stahlverarbeitung seit Jahrzehnten

Meister ihres Fachs. Doch derzeit

fügen sie tonnenschwere Stahlelemente

nicht mehr zu Schiffen. »BorWin

beta«, ab Ende 2012 in der Nordsee im

Test, ist ein weithin sichtbarer Beleg für

eine neue Ära in der maritimen Industrie

in Mecklenburg-Vorpommern.

Die Krise von 2008/09 erwischte die

Werften im Land mit voller Wucht. Aufträge

brachen weg, über 1.500 Jobs gingen

verloren, Banken zogen sich aus der

Schiffsfinanzierung zurück. Ohne das

Engagement der staatlichen KfW IPEX-

Bank gäbe es heute nicht einmal mehr

die Chance zum Wandel. Diese aber haben

die Werften in Stralsund und Wolgast

(P+S) und Wismar und Warnemünde

(Nordic Yards) entschlossen angepackt.

Weg vom wenig gewinnträchtigen und

krisenanfälligen Containerschiffbau hin

zu werthaltigen Spezialprojekten.

Die Energiewende im vorigen Jahr hat

den Werften ein neues Geschäftsfeld

eröffnet. Für Offhore-Windparks wird

maritim-technologisches Know-how benötigt.

Von der Konstruktion über Trans-

port und Montage bis hin zu Fragen von

Sicherheit und Service auf dem Meer.

Nordic Yards hat von Siemens bereits den

dritten Auftrag zum Bau einer Offshore-

Konverterplattform erhalten. Werfteigner

Vitaly Yusufov sagte hierzu: »Damit

stärken wir unsere Position im Markt für

innovative Offshore-Lösungen signifikant

und zeigen klar unsere Entwicklung

hin zu einer Spezialwerft.«

Auch am Strelasund wird konsequent

der Spezialisierungskurs gefahren. Im

Mai werden auf der Volkswerft Stralsund

zwei Fährschiffe für die Scandlines-

Reederei getauft. Für eine asiatische Reederei

soll noch 2012 ein Offshore-Spezialschiff

fertiggebaut werden. Werften-Chef

Dieter Brammertz sieht auf diesem

Markt »erhebliches Potenzial«. Nach seiner

Aussage bearbeitet der Schiffbaubetrieb

derzeit mögliche Projekte im Wertvolumen

von drei Milliarden Euro.

Viele der über 250 maritimen Zulieferer

im Land haben ebenso auf die Krise

reagiert und ihre Leistungsangebote unter

anderem auf den Offshore-Markt zugeschnitten.

Für kleine und mittlere Betriebe,

die bisher bei Onshore-Energieprojekten

im Geschäft waren, ergeben

sich neue Absatzchancen. Die Kavelstorfer

Firma H+F Industrie Data zum Beispiel

lieferte bisher Automatisierungs-

Technik für Solar- und Windkraftanlagen.

Nach Aussage von Olaf Schulz,

Vertriebsleiter bei H+F, sondiert das Unternehmen

derzeit Möglichkeiten, künftig

auch bei Offshore-Projekten unter anderem

mit Nordic Yards zu kooperieren.

18 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


Artoss GmbH

Nanotechnologie in der Medizin

Rostocker Unternehmen liefert Biomaterial für Knochenaufbau

TOP-PRODUKT: Mit NanoBone lässt sich

Knochensubstanz schnell wieder aufbauen.

lapatit (HA), das dem körpereigenen im

Knochen sehr ähnelt, ist dabei in eine

hochporöse Kieselgelmatrix eingebettet.

Innerhalb der ersten zwei Wochen wird

aus der Kieselgelmatrix während des Matrixwechsels

eine organische Matrix. Ein

großer Vorzug dieses Nanotech-Verfahrens

gegenüber bisher am Markt etablierter

Knochenersatz-Produkten ist es, dass

das synthetische HA-Granulat im Verlauf

der Knochenneubildung im Körper komplett

wieder abgebaut wird, ohne Rückstände

zu hinterlassen.

Bisher wurde NanoBone erfolgreich

vor allem zur Remodellierung von Knochen

in der Dentalmedizin eingesetzt.

Mehr als 100.000 Behandlungen weltweit

belegen die klinische Praxistauglichkeit.

In einem weiteren Entwicklungsschritt

sind die 16 Mitarbeiter der Artoss GmbH

Das Rostocker Unternehmen Artoss

GmbH leistet Aufbauarbeit im

wahrsten Sinne des Wortes. Mit

dem neuartigen synthetischen Knochenaufbaumaterial

NanoBone. Die beiden

Rostocker Physiker Prof. Thomas Kerber

und Dr. Walter Gerike hatten sich im

Jahr 2003 entschlossen, das an der Universität

Rostock initiierte und begonnene

NanoBone-Projekt auszugründen und

gemeinsam zu einem marktreifen Produkt

zu entwickeln.

Kernidee der biomedizinischen Innovation

ist es, die künstliche Regeneration

von Knochen an den natürlichen Prozessen

im menschlichen Körper anzulehnen.

Die neue Knochenersatz-Technologie

NanoBone basiert auf verschwindend

kleinen Nanostrukturen, was die Knochenneubildung

fördert und forciert.

Das eingesetzte nanokristalline Hydroxyim

Technologiezentrum Warnemünde

seit Herbst vergangenen Jahres dabei,

neue Produktvarianten auf den Markt zu

bringen. »NanoBone eignet sich auch für

den Knochenaufbau in der Orthopädie«,

sagt Geschäftsführer Gerike. Er sieht im

Knochenersatz bei größeren Schäden

beispielsweise an der Wirbelsäule oder

im Hüftbereich des Menschen »weltweit

einen Milliardenmarkt«. Artoss möchte

daran in Zukunft kräftig partizipieren.

Um als junges mittelständisches Unternehmen

diese Herausforderung stemmen

zu können, baut die Artoss GmbH

weiterhin auf die Unterstützung der

Bürgschaftsbank Mecklenburg-Vorpommern.

»Die Bürgschaftsbank begleitet unsere

Firma bereits seit der Gründung«,

blickt Gerike auf die bisherige erfolgreiche

Kooperation zurück. Als stiller Kapitalgeber

ermögliche das in Schwerin ansässige

Geldinstitut die notwendigen Investitionen,

um die angestrebten globalen

Marktanteile erobern zu können.

»Je größer diese werden, um so mehr

Geld muss in die Hand genommen werden«,

sinniert Gerike. Und fügt lächelnd

hinzu: »No risk, no fun.« Auch habe die

vom Wirtschaftsministerium Mecklenburg-Vorpommern

seit gut fünf Jahren

intensiv geförderte Verbundforschung

im Land zusätzliche Möglichkeiten geschaffen,

die Entwicklung des Rostocker

Unternehmens und weiterer innovativer

Produkte voranzutreiben.

Die Artoss GmbH arbeitet inzwischen

europaweit mit mehr als 20 Universitäten

und Forschungseinrichtungen im Inund

Ausland zusammen, unter anderem

in der Schweiz mit den Universitäten in

Genf, Zürich und Bern. »Dies ist in der

Medizin elementar«, begründet Artoss-

Geschäftsführer Gerike die breite Zusammenarbeit.

Nur auf Basis solcher engen

internationalen Kooperationen lassen

sich ganz neue Produktanwendungen

entwickeln, kann auf die spezifischen Bedürfnisse

der Kunden in den verschiedenen

Regionen reagiert werden. Und es

hilft entscheidend, das Knochenaufbaumaterial

NanoBone in der medizinischen

Welt bekannt zu machen. »Der weltbeste

Knochenersatz nutzt aus unternehmerischer

Sicht wenig, wenn niemand da

draußen davon weiß«, so Gerike. &

Texte zum Report Mecklenburg-Vorpommern:

Thomas Schwandt


BERICHT

LOHNEND: Besucher in der Rostocker Stadthalle

beim 10. Lieferantentag 2011.

Lieferantentag Mecklenburg-Vorpommern

Partner um die Ecke

Mit einer eigenen jährlichen Messe für Einkäufer und

Logistiker in Rostock bietet die mittelständische Wirtschaft im

Norden ihren Unternehmen ein Podium zur Präsentation.

Der Lieferantentag Mecklenburg-

Vorpommern hat im Kalender

von Firmenchefs seit über zehn

Jahren einen festen Platz. Aus gutem

Grund: So eine Vielzahl regionaler Kontaktmöglichkeiten

zwischen Vertrieb auf

der einen und Einkauf auf der anderen

Seite an einem Tag, an einem Ort gibt es

sonst nirgendwo. »Das Prinzip ist einfach«,

sagt Peter Friedrichs, einer der Regisseure

des Lieferantentages in Rostock.

»Es ist wie vor der Ehe. Einen Partner findet

nur, wer nicht daheim herumsitzt«.

Friedrichs gehört als Vorsitzender der

Regionalgruppe MV des Bundesverbandes

Materialwirtschaft (BME) zum zwölfnikation

einerseits zwischen den Ausstellungsmachern

und andererseits zwischen

den Teilnehmern. Das präsentierte

vielfältige Produktspektrum reicht

von A wie Allesreiniger bis Z wie Zurrgurte.

Gezeigt werden außerdem Dienstleistungen

wie Laserschneiden oder Werkzeugschärfen.

Die Ausstellerzahl ist seit Jahren konstant

hoch. »Gerne würden sich noch

mehr Unternehmen beteiligen, aber es

fehlt an Platz. Für den diesjährigen Lieferantentag

am 28. März war die Rostocker

Stadthalle schon Ende Januar des Jahres

ausgebucht«, resümiert Friedrichs. Derzeit

wird mit der Messe- und Stadthallengesellschaft

über einen Umzug der Veranstaltung

in die größere Halle der Hansemesse

in Rostock-Schmarl verhandelt.

Friedrichs: »Das wäre ein großer Schritt.

Aber wir müssen das genau durchrechnen.

Schließlich stemmen wir die aufwendige

Veranstaltung ehrenamtlich

und tragen das wirtschaftliche Risiko.«

Der Lieferantentag war vor elf Jahren

von Mittelständlern in MV aus der Taufe

gehoben worden. Friedrichs hatte in seiner

Zeit als Unternehmer oft die Erfahrung

gemacht, dass die Angebote von Firmen

»um die Ecke« nicht genügend bekannt

sind in den jeweiligen Branchen.

»Viele Einkäufer kennen zwar ihre Lieferanten

für Standardteile, haben aber

häufig Probleme, für Bemusterung oder

Nullserie den richtigen Praxispartner zu

finden. Weil es sich oft um kleinere Firmen

handelt, die in der Regel nicht auf

größeren Messen anzutreffen sind, wissen

die suchenden Einkäufer selten etwas

von deren Existenz.« Die Idee für den

regionalen Lieferantentag war geboren.

Die Handwerkskammer Ostmecklenburg-Vorpommern

und die IHK zu Rostock

sind seit Jahren institutionelle Partner

der Veranstaltung. 2012 waren erstmals

alle drei Wirtschaftskammern des

Landes mit im Boot. »Dieses breite Engagement

unterstützt das Anliegen, den

Lieferantentag bekannter und populärer

zu machen«, so Christine Grünewald,

IHK-Geschäftsführerin in Rostock.

Zum Rahmenprogramm zählen auch

Fachvorträge. Beispielsweise zum Thema

Gestaltung von Einkaufskooperationen.

Dieses Thema hält BME-Regionalchef

Friedrichs für besonders relevant im Nordosten.

»Die Wirtschaft bei uns ist geprägt

von kleinen Firmen ohne Einkaufsabteilungen,

wie sie Konzerne haben. Kooperationen

auf diesem Gebiet können

daher sehr kostensparend sein.«

Lenart Schenk

&

Informieren,

Vernetzen, Initiieren, Vermarkten

Innovationsstandort mit Meerblick: BioCon Valley® bündelt die

Kräfte von Life Science bis Gesundheitswirtschaft in Mecklenburg-

Vorpommern.

Wir unterstützen Sie bei Ihren Aktivitäten am Wissenschafts- und

Wirtschaftsstandort im „hohen Norden“.

Sprechen Sie uns an!

köpfigen Team, das den Lieferantentag

alljährlich und ehrenamtlich organisiert.

Darin liegt auch begründet, warum

der finanzielle Aufwand für die einzelnen

Teilnehmer durchaus überschaubar

bleibt. Ein weiterer Vorteil ist die ungezwungene

und fachorientierte Kommuwww.bcv.org

info@bcv.org


BERICHT

Vor hochkarätigem forum in Leipzig

Wende ohne Energie?

Um nicht zu den Verlierern der Energiewende zu werden, planen

die Unternehmerverbände und IHK der neuen Bundesänder für den

10. und 11. Mai in Leipzig das erste ostdeutsche Energieforum.

Als sich jüngst Bundeswirtschaftsminister

Philipp Rösler (FDP) mit

den Spitzen der Unternehmerverbände

Ostdeutschlands und Berlins traf,

stieß eine seiner Bitten auf Unverständnis.

Es ging um das Gesetz zur energetischen

Gebäudesanierung. Man will

energetische Maßnahmen an Wohngebäuden

steuerlich begünstigen. Rösler

ermunterte die Unternehmer, nochmals

mit den Ministerpräsidenten über die

Gebäudesanierung zu sprechen. Denn

die neuen Länder lehnen das Gesetz ab.

Eben hier fuhr ihm der sächsischen

Verbands-Vize Mathias Reuschel in die

Parade. Der Leipziger Architekt sieht das

Vorhaben als Wachstumsschub für die alten

Länder. Im Osten sei bereits nach

dem energetischen Standard saniert worden.

Diese Modernisierungen wäre dann

auch in die Beleihungsfähigkeit der Gebäude

eingepreist worden. Der Bestand

Ost bilde im Grunde einen anderen

Markt als die »energetisch jungfräulichen

Gebäude« im Westen, so Reuschel.

OSTLÄNDER BESONDERS BELASTET

Die Unternehmerverbände fragen sich

zu einem, wie viel Energiewende der hiesige

Mittelstand verträgt, und zum anderen,

ob der der Bundesregierung die Energie

zur Wende abhanden gekommen

ist. Nach Beobachtung von Sachsens UV-

Präsident Hartmut Bunsen lasten die Folgen

des abrupten Richtungswechsels in

besonderem Maße auf den Firmen zwischen

Ostsee und Vogtland. Vor diesem

Hintergrund bereiten die ostdeutschen

Verbände jetzt ein eigenes Ostdeutsches

Energieforum vor. Es findet am 10./11.

Mai in Leipzig statt und wird von Bunsen

als »Denkfabrik und Kontaktplattform

mit hochkarätiger Besetzung« angekündigt.

Philipp Rösler ist Schirmherr. Zugesagt

haben auch EU-Energiekommissar

Günther Oettinger, Ex-Bundesumweltminister

Prof. Dr. Klaus Töpfer und Vattenfall-Chef

Tuomo J. Hatakka.

NETZAUSBAU WIRD SCHWERPUNKT

Im Mittelpunkt der Debatten dürfte der

zu forcierende Netzausbau stehen, um

den maßgeblich ostdeutschen Ökostrom

zu den Hauptabnehmern im Süden und

Westen der Republik zu transportieren.

Gerade dies stelle die neuen Länder »vor

eine extreme Bewährungsprobe«, so Bunsen.

Sein Brandenburger Amtskollege

Eberhard Walter moniert zudem, dass

der Bund in Sachen Energiewende noch

nicht seine Hausaufgaben gemacht hat.

Unklar sei vor allem, wer die Kosten für

die 4.300 Kilometer Netzleitungen trägt,

die deutschlandweit neu entstehen müssen.

Nach bisheriger Lesart wären das

jene Regionen, in denen die grüne Energie

erzeugt wird – doch damit trügen vor

allem die Ostländer die Hauptlast des

Netzausbaus, während die Nutzer in

Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen

die großen Gewinner

seien. Diese Schieflage lässt sich schon

jetzt beobachten, etwa im bundesweiten

Strompreise-Atlas: München kommt mit

Gelb, Köln mit Grün, Nürnberg sogar mit

Dunkelgrün davon – während der Osten

rot sieht. Hier ist der Saft aus der Steckdose

am teuersten. Da aber der Strompreis

ein Standortfaktor ist, wächst das

Ungleichgewicht zwischen West und Ost.

Auch Thüringens Wirtschaftsminister

Matthias Machnig (SPD) fordert deshalb

nun statt einer regionalen eine »bundesweite

Umlage für Netzentgelte«. Denn

die Kosten, die für den Netzausbau, für

die Steuerung der Verteilung und die

Einspeisevergütung – selbst bei Windflaute

– anfallen, werden ausschließlich

auf die Stromkunden im jeweiligen Netz-

IN LEIPZIG DABEI: EU-Kommissar Oettinger

und Ex Bundesumweltminister Töpfer.

gebiet umgelegt. Und da im Osten die

größten Anlagen stehen, führt dies

zwangsläufig zu einer regionalen Abwälzung

der eigentlich gesamtdeutschen

Mehrbelastungen, letztlich also zur

Wettbewerbsverzerrung. In den neuen

Ländern sind allein 42 Prozent der gesamten

Windkraftleistung Deutschlands

installiert – gut das Doppelte dessen, was

sie selbst verbrauchen. Damit lägen die

Energiekosten 20 Prozent über denen im

Westen, so Bunsen. Er fordert darum »ein

Energiekonzept, das die besonderen Verhältnisse

im Osten berücksichtigt«.

Hierzu suchen die Verbände in Leipzig

einen »Dialog zwischen Politik, Wirtschaft

und Wissenschaft« über die Auswirkungen

der Energiewende. Dass der

Osten dabei weiß Gott nicht am Katzentisch

sitzt, resultiert für Bunsen schon

aus den nüchternen Fakten: Ohne die

neuen Länder mit ihren hohen Ökostromressourcen

sowie angesichts der

Tatsache, »dass hier die grundlastfähige

Braunkohle zur Verfügung stehe, kann

die Energiewende nicht gelingen«, gibt

er zu bedenken.

Harald Lachmann

www.ostdeutsches-energieforum.de &

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 21


BERICHT

Fotos: V. Kühne (3), Hermes GmbH

Koopkurrenz in internationalen

Luftverkehrsallianzen« – das ist das

Lieblingsthema von Frank Himpel,

Professor an der Hochschule Anhalt

in Bernburg. Der Logistiker grinst. »Das

aus Kooperation und Konkurrenz zusammengesetzte

Wort beschreibt eine Zusammenarbeit

von Unternehmen, die im

Wettbewerb zueinander stehen.« Sagt

der Professor und doziert dann über Allianzen,

die Hochschule und das Institut

Logistik in Bernburg. Beide Häuser stehen

nicht in Koopkurrenz zueinander,

sie bilden eine noch junge Allianz.

Frank Himpel gründete 2011 das Institut

für Logistik, unterzeichnete im Februar

einen Kooperationsvertrag mit der

Hochschule Anhalt. Und befasst sich nun

mit 14 Studenten damit, wie Verkehrsund

Warenströme funktionieren, wie

man sie optimieren kann. »Abseits von

politischem Kalkül entwickeln wir Ideen

für die Branche.« Da geht es auch um

Luftverkehrsallianzen. Ein Beispiel ist

gleich vor der Haustür: Die Deutsche-

Post-Tochter DHL Express und Lufthansa

Cargo sind mit Aerologics auf dem

Flughafen Leipzig/Halle eine einzigartige

Partnerschaft eingegangen, um die

Frachtlogistik zu optimieren.

Das Studienbild Master Logistik und

Luftverkehrsmanagement zu etablieren,

ist das erklärte Institutsziel. Neben Vorlesungen

stehen Projekte sowie Planspiele

und Simulationskonzepte im Fokus.

Zum Beispiel der Ameisen-Algorithmus:

Eine Methode, die auf der Beobachtung

der Ameisen bei der Futtersuche basiert

und die Ordnung in den äußerlich chaotisch

anmutenden Bewegungen der Insekten

beschreibt. Studenten analysieren

auf dieser Grundlage Verkehrsströme in

St. Petersburg, andere versuchen, die

Containerlogistik im chinesischen Hochseehafen

Ningbo zu optimieren. Die DB

Schenker betreut im An-Institut Studenten

mit Abschlussarbeiten im Luftverkehrsbereich.

1,2 MILLIONEN KARTONS IM REGAL

Ein Zukunftsthema in Sachsen-Anhalt,

so Himpel, sei nachhaltige Logistik. Klimawandel,

CO 2 -Emissionen, Kraftstoffverbrauch

und steigende Energiekosten

würden zu Überlegungen anregen, welche

Vor- und Nachteile es hat, beispielsweise

Blumen aus Afrika einzufliegen,

ob es Alternativen gibt. Aber auch kleine

praktische Dinge interessieren: In der

Hochschulmensa steht man immer eine

geschlagene Stunde nach Bier an. Warum

geht das nicht schneller? Himpel und

seine Studiosis untersuchten, wie die »Logistik«

optimal zu steuern wäre. Und?

Der Professor lächelnd: »Theoretisch ist

Logistik in Mitteldeutschland

Tempo ist Trumpf

Sachsen-Anhalt etabliert sich als Logistik-Drehscheibe in Europa.

W&M besuchte zwei Güterumschlagszentren: Hermes-Versandhaus

Haldensleben und Wasserstraßenkreuz Magdeburg.

das Problem gelöst, aber die Umsetzung

in die Praxis erweist sich als schwierig.«

Durchorganisiert bis auf den Punkt ist

dagegen schon alles in Haldensleben. Jedenfalls

dort, wo die Hermes Fulfilment

GmbH ein Großteil des Distanzhandels

der Muttergesellschaft Otto Group und

externer Kunden logistisch abwickelt.

Susanna Wieghardt arbeitet im Besucherservice.

»Mit einer Nutzfläche, die 26

Fußballfeldern entspricht, zählt das Versandzentrum

zu den größten in Europa.«

Im Eilgang geht es durch das Hermes-

Reich: »Täglich werden bis zu 40.000 Kartons

mit Waren aus aller Welt geliefert.«

Das meiste kommt als Seefracht, wird

in Hamburg oder Rotterdam auf Laster

verladen. Besonders eilige Produkte gelangen

auf dem Luftweg nach Frankfurt/

Main oder Leipzig/Halle und dann auf

den Autobahnen in die Börde. Hermes

Haldensleben, ein wichtiger Kunde für

DHL Express und Lufthansa Cargo, wird

täglich vom Airport Leipzig/Halle mit

Waren beliefert. Bis zu zehn Prozent

macht die Luftfracht bei Hermes aus.

Im Haldenslebener Lager sind in riesigen

Regalen 1,2 Millionen Kartons verstaut.

»Aneinandergereiht würden sie

eine 600 Kilometer lange Strecke ergeben.

Die Lagerhaltung ist chaotisch«, sagt

Frau Wieghardt. Bitte? »Nein, das heißt,

die Waren werden IT-gesteuert keinem

festen Lagerplatz zugewiesen, sondern

dort abgelegt, wo gerade etwas frei ist.«

Bis zu 300.000 Sendungen werden täglich

in dem Lager bewegt.

Auf der Überholspur ist Hermes hier

mit dem »weltweit größten automatischen

Retourenlager«, 2011 eingeweiht.

Mit einer Kapazität von einer Million Artikeln,

die in Spezialwannen lagern. An

30 Arbeitsplätzen auf zwei Ebenen werden

in Spitzenzeiten bis zu 15.000 Artikel

pro Stunde in den Versandprozess eingeschleust.

Der Clou: Es funktioniert mit

erheblich weniger Energie als sonst üblich.

Und alles im rasanten Tempo.

22 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


BERICHT

GÜTER ÜBERS WASSER: Der Hafen in Magdeburg schlägt jährlich über zwei Millionen Tonnen um.

Rasant entwickelte sich auch der Standort.

Betriebsleiter Thomas Herrlich liefert

stichpunktartig die Chronologie zu

Hermes Haldensleben: 1994 in Betrieb

genommen, vier Mal erweitert. 2011 Abschluss

des letzten Bauabschnitts – mit

einem 30.000 Quadratmeter großen Reservelager

im Gewerbegebiet Südhafen,

drei Kilometer vom Stammgelände entfernt.

360 neue Mitarbeiter wurden eingestellt.

»3.000 sind es insgesamt in Haldensleben.

Damit sind wir einer der

größten Arbeitgeber in Sachsen-Anhalt,

das Gros Frauen.«

Otto Group hat bisher über 470 Millionen

Euro in Haldensleben investiert. Betriebsleiter

Herrlich begründet: »In Sachsen-Anhalt

stimmt alles. Die günstige

Lage. Die Anbindung an die Autobahn.

Die Verkehrsstruktur. Die Hilfe von Kommune

und Land; die Leute sind kooperativ,

um alles schnell umzusetzen.«

Tempo ist Trumpf. Der neue Südhafen

in Haldensleben ist in nur zehn Monaten

entstanden: vom Rapsfeld zum modernen

Logistikzentrum mit einer Lagerfläche

von 35.000 Quadratmeter.

AUSBAU DER WASSERWEGE

Die Logistikbranche boomt, und damit

wachsen die Herausforderungen. Der

sich gut entwickelnde Wirtschaftsraum

Mitteldeutschland ist neben der Straße

und Schiene auf die Wasserstraße angewiesen.

Mit 600 Kilometern schiffbarer

Binnenwasserstraße, 18 Häfen und Umschlagstellen,

11.000 Kilometern Straßennetz,

darunter vier Autobahnen in Nord-

Süd- und Ost-West-Richtung, und einem

dichten Eisenbahnnetz ist Sachsen-Anhalt

gut aufgestellt. Dabei gewinnt die

multimodale Verkehrsanbindung zunehmend

an Bedeutung für die Region.

Klaus Klang, Staatssekretär im Magdeburger

Verkehrsministerium, macht sich

HAUSHOCH: Regallager von Hermes

für die Bundeswasserstraßen in ganz Ostdeutschland

stark. Die Hinterlandhäfen

werden für die großen Seehäfen wie

Hamburg existenziell. Denn mittel- oder

langfristig werde es ein Umdenken geben

wegen steigender Umweltbelastung

und Kraftstoffpreise.

Der Ausbau der Wasserstraßen ist eines

der heiß umstrittenen Themen zwischen

Ländern und dem Bund. Bundesverkehrsminister

Peter Ramsauer (CSU)

will einen Paradigmenwechsel in der Verkehrspolitik.

Künftig soll nur noch Geld

in stark befahrene Wasserstraßen fließen.

Für die neuen Bundesländer, aber

auch den gesamten deutschen Norden

hätte das dramatische Folgen. Zumal der

Mittellandkanal noch gar nicht zu Ende

ausgebaut ist und die derzeitigen Verkehrszahlen

daher nicht auf die Zukunft

hochgerechnet werden können.

Das müsse die Bundesregierung bei

ihren Infrastrukturplanungen berücksichtigen,

lautet die Forderung zur Ertüchtigung

der Elbe und des Magdeburger

Hafens für die Hinterlandanbindung

des Hamburger Hafens.

Binnenhäfen wie Magdeburg könnten

auf der Elbe wichtige Güterumschlagszentren

werden. Das würde eine stärkere

Industrie- und Gewerbeansiedlung nach

sich ziehen und zusätzliche Arbeitsplätze

schaffen. Und schließlich gehe es

nicht nur um Container, sondern auch

um hochwertige, sperrige und Schwerlastgüter

wie Flügel von Windkraftanlagen,

die nicht über die Straße transportiert

werden könnten, so Klang.

ROTORENFERTIGUNG NAH AM FLUSS

Das sieht Ulf Möbius, Außenbezirksleiter

Niegripp des Wasser- und Schifffahrtsamtes

Magdeburg, genauso. Und weist

auf Reserven beim Güterverkehr hin. An

die 2,3 Millionen Tonnen Waren werden

im Jahr im Magdeburger Hafen umgeschlagen.

Über 2.700 Gütertransportschiffe

mit insgesamt 13.850 Containern

passierten 2011 das Stadtgebiet Magdeburg.

Die Wasserstraße nutzen im Hafengebiet

ansässige Unternehmen wie

Deutschlands größter Windkraftanlagenbauer

Enercon. Die Firma fertigt in

unmittelbarer Nähe seine Rotoranlagen

und Betonelemente für den Turmbau.

Derweil rüstet sich Magdeburg als

Tiefwasserhafen: Seit dem Jahr 2006 wird

eine Niedrigwasserschleuse gebaut. Das

Becken ist schon befahrbar, das Pumpwerk

wird noch errichtet. Bei Bedarf

kann dann die Schleuse den direkten Zugang

von der Elbe in den Verbindungskanal

zum Hafen und Mittellandkanal abschotten.

Ist die Schleuse dicht, wird im

Hafen auch bei Niedrigwasserstand der

Elbe eine konstante Wassertiefe von vier

Metern gewährleistet. So können Binnenschiffe

den Hafen vom Mittellandkanal

aus ganzjährig ansteuern.

Dana Micke

&

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 23


BERICHT

Foto: Robert Knauf

CeBIT-Nachlese

Suche leicht gemacht –

Ideen für das Internet

Auf der Computermesse glänzten einige Aussteller mit innovativen

Konzepten. Wirtschaft & Markt stellt einige Highlights vor.

Semantic Web, frei übersetzt »verstehendes

Web«, ist eine Idee von

Tim Berners-Lee, dem Erfinder des

World Wide Web. Sie soll den Computer

befähigen, Daten nicht nur zu lesen,

sondern auch zu verstehen. Mit dem Semantic

Product Server (SPS), einem Forschungsobjekt

der Otto-von-Guericke-

Universität Magdeburg, können Produkte

anhand ihrer Merkmale gesucht und

gefunden werden. »Marinierte gelbe

Karotten ohne Zucker mit einem Schuss

Tabasco«, lautet die Suche – und die Maschine

reagiert. Für Diplom-Informatiker

Robert Neumann stellt »die semantische

Produktsuche alles bisher Dagewesene in

den Schatten.«

Die Suche ist besonders auch in Videoarchiven

Herausforderung. In einem verbesserten

Verfahren zeigt das HPI – Hasso-Plattner-Institut

aus Potsdam, wie der

Benutzer möglichst einfach auf die

wachsenden Informationsmengen zugreifen

kann. Dem Nutzer wird die Möglichkeit

geboten, ein großes Videoarchiv

zu entdecken und zu erkunden. Während

klassische Suchmaschinen auf konkrete

Suchanfragen Treffer liefern, bietet

die explorative Suche des Semantic

Media Explorers auch Unterstützung,

wenn bereits die Formulierung einer präzisen

Suchanfrage schwerfällt.

Eine neuartige Lösung für die Suche

von Videos und Filmen zeigt auch Professor

Dr. Maximilian Eibl von der Technischen

Universität Chemnitz mit dem

Projekt AMPOPA. »Damit finden wir aus

beliebigen audiovisuellen Medien zum

Beispiel Objekte und Personen und können

auch Texte erkennen. Aus den Tonspuren

werden Sprache und Informationen

zum Sprecher extrahiert«. AMPORA

bedeutet Automated Moving Picture Annotator

und kann aus Medien wie Video,

Audio oder Standbild Daten auslesen.

Ein ganz anderes Feld beackert der

Schüler-Institut SITI e. V.: Autorennen.

Das in Havelberg ansässige Institut weckt

durch eine zweispurige Rennbahn Aufmerksamkeit,

auf deren 20 Meter langen

ARCHIVIERUNG LEICHT GEMACHT: Medieninformatiker der TU Chemnitz testen die

automatische Identifizierung (Projekt AMPOPA) von Objekten und Personen in Videofilmen.

Spur sind die beiden Wagen bis zu 60

km/h schnell. »Unsere Miniflitzer schaffen

die Strecke in ein bis zwei Sekunden«,

sagt Maximilian Thiel. Die Formel-future-Miniautorennen,

vom Schüler-Institut

entwickelt, betreibt Rennwagen, die sich

durch Spoiler, Radsätze und Bodenfreiheit

aerodynamisch konfigurieren lassen.

Die Teile werden in einer eigenen

Schüler-Gießerei gefertigt.

Die Hand als Objekt ist ein neuer Ansatzpunkt

der IT. Prothesen sollen den

Funktionsumfang ersetzen, doch erfüllen

vorhandene Exemplare nur einen geringen

Teil der nötigen Funktionen einer

künstlichen Hand. Das will das Neurohand-Projekt

der Universität Leipzig mit

der Fakultät der Computerwissenschaft

und Mathematik jetzt ändern. »Die filigrane

künstliche Hand entspricht der

Anatomie der menschlichen Hand und

ermöglicht ein weitestgehend natürliches

Bewegungsspektrum«, sagt Professor

Dr. Martin Bogdan. Ein selbstorganisierendes,

künstliches neuronales Netz

verarbeitet diese Signale und setzt sie in

Steuersignale für eine biologisch inspirierte

künstliche Hand um.

Ein anderes Gebiet hat die Cuculus

GmbH im Visier: Smart Metering. Das

Unternehmen aus Ilmenau hat mit der

ZONOS Plattform für Smart Metering

eine Multi-Spartenlösung (Strom, Wasser,

Gas, Heizung) aufgebaut und kann

mit Produkten verschiedener Hersteller,

auch im Parallelbetrieb, umgehen. Das

Unternehmen hat kürzlich den Preis für

ein erfolgreiches Jungunternehmen in

Thüringen bekommen.

Mit »3D-Geo-Stripping« stellt die Martin-Luther-Universität

Halle-Wittenberg

schließlich ein interaktives Verfahren

zur Darstellung von geologischen Gegebenheiten

vor. Das erstmals im Fachgebiet

angewandte Verfahren hat die

Arbeitsgruppe der Hydro- und Umweltgeologie

entwickelt und verknüpft das

jeweilige Bild der Erdoberfläche mit einem

3D-Modell des geologischen Untergrunds

im entsprechenden Aufnahmewinkel.

»Die interaktive Nutzung des

Betrachters ermöglicht ein gestuftes Freilegen

und Entdecken des in 3D modellierten

geologischen Untergrunds einfach

nur durch die Bewegung des Mauszeigers«,

erklärt Professor Dr. Peter

Wycisk, Leiter der Arbeitsgruppe. Auf der

Internet-Plattform www.3d-geology.de

zeigen die Bildbeispiele faszinierende

Möglichkeiten der wissenschaftlichen Informationsvermittlung

über horizontale

und vertikale Schnitte, eine abgedeckte

und herausgestanzte Erdoberfläche oder

ein geologisches Untergrundrelief.

Dr. Manfred Buchner

&

24 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


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INTERVIEW

Tillmann Stenger, Mitglied des Vorstandes der Investitionsbank des Landes

Brandenburg (ILB) über die Exzellenzregion, abnehmende Fördermittel und neue

Wege, um Unternehmen bei Innovationen und Wachstum weiter zu unterstützen

»Neues Programm für kleine Firmen«

Foto: ILB

W&M: Herr Stenger, über die Förderung der

neuen Länder wird heftig diskutiert. Klar ist,

dass die Fördermittel zurückgehen. Wie wird

sich das auf die Wirtschaft im Osten und speziell

in Brandenburg auswirken?

STENGER: In der kommenden Förderperiode

2014 bis 2020 wird Brandenburg

in der Tat weniger EU-Mittel bekommen.

Der Grund dafür ist eigentlich positiv,

denn das hat etwas mit der guten wirtschaftlichen

Entwicklung unseres Landes

zu tun. Und auch die Bundeszuweisungen

im Rahmen des Solidarpaktes

werden zurückgehen. Als Konsequenz

werden Zuschüsse an Bedeutung verlieren

müssen, sie werden durch zinsgünstige

Darlehensprogramme ersetzt. So

haben wir aus Eigenmitteln die Produktreihe

Brandenburg-Kredit aufgelegt.

W&M: Sind Sie bei der Vergabe von Fördermitteln

kritischer geworden?

STENGER: Heute überlegen wir genau, in

welchen Bereichen Förderung noch notwendig

und sinnvoll ist und welche

Bereiche der private Kapital- und Bankensektor

übernehmen kann. Wir konzentrieren

uns zum Beispiel auf die

Neuansiedlungen von Unternehmen und

eine Basisförderung im Bereich kleiner

und mittlerer Unternehmen.

W&M: Wie fällt Ihre Bilanz nach gut 20 Jahren

Förderung aus?

STENGER: In den vergangenen 20 Jahren

wurden hierzulande sehr gute Arbeitsaber

auch Lebensbedingungen geschaffen.

Wir haben eine exzellente Infrastruktur

in der Metropolregion Berlin-

Brandenburg. Jüngstes Beispiel ist der

neue Flughafen BER. Wirtschaftsnah arbeitende

Hochschulen, eine breit aufgestellte

Forschungslandschaft, klug entwickelte

Gewerbegebiete und natürlich

höchst wettbewerbsfähige Unternehmen

in unseren Branchenclustern gehören

ebenso zu den Vorteilen unseres Landes.

Viele Technologiezentren sorgen darüber

hinaus für den Wissenstransfer.

W&M: Welchen Anteil hat die ILB daran?

STENGER: Die Investitionsbank des Landes

Brandenburg hat diese positive Entwicklung

mit zahlreichen Partnern in

Wirtschaft, Politik und Verwaltung von

Anbeginn begleitet: Seit 1990 haben wir

in Brandenburg mit einer Förderung von

31 Milliarden Euro Investitionen in Höhe

von 66 Milliarden Euro angeschoben. Allein

in der Wirtschaft wurden fast 40 Milliarden

Euro investiert und 135.000 neue

Arbeitsplätze geschaffen.

W&M: Wird das auch außerhalb so wahrgenommen?

STENGER: Ja. Brandenburg wurde 2011

erneut Sieger im bundesweiten Dynamik-Ranking

der Initiative neue soziale

Marktwirtschaft. Auf europäischer Ebene

wurden wir im vergangenen Jahr als

»Europäische Unternehmerregion« ausgezeichnet

und 2011 von der EU-Kommission

als »Exzellenz-Region« geehrt.

W&M: Unternehmen brauchen Planungssicherheit

und Unterstützung bei Finanzierungen.

Wie sorgen Sie trotz abnehmender Fördermittel

dafür?

STENGER: Angesichts knapper werdender

Landesmittel streben wir an, im Bereich

der gewerblichen Förderung in der

neuen EU-Förderperiode 2014–2020 stärker

auf Darlehen anstelle von Zuschüssen

zu setzen. Außerdem beabsichtigen

wir, die nationale Kofinanzierung für die

EU-Mittel, die bisher vom Land aus dem

Haushalt getragen wurde, durch Mittel

der ILB zu ersetzen. Wir können uns vorstellen,

in der neuen Programmperiode

für die gewerbliche Wirtschaft revolvierende

Fonds in einem Umfang von rund

300 Millionen Euro aufzulegen, die dem

Land dann langfristig für die Wirtschaftsförderung

zur Verfügung stehen.

ZUR

PERSON

Von Anfang an dabei

Tillmann Stenger begann seine berufliche

Laufbahn als Volkswirt bei der WestLB,

wechselte 1988 zur Investitionsbank NRW,

um dann 1991 den Aufbau der ILB in Potsdam

zu organisieren. 1992 übernahm er

die Leitung des Vorstandsstabes, 1994

die Leitung des Kredit- und Beteiligungsgeschäftes

und 1996 die Leitung der Abteilung

Öffentliche Kunden. Von 2008 bis

2010 war Stenger als Bereichsleiter Unternehmenssteuerung

für Strategie, Personal,

Kommunikation, Programmbetreuung

und -finanzierung sowie Recht verantwortlich.

Seit Januar 2011 ist Tillmann Stenger

Mitglied des Vorstandes der Investitionsbank

des Landes Brandenburg (ILB).

W&M: Das Förderprogramm Gemeinschaftsaufgabe

zur Verbesserung der regionalen

Wirtschaftsstruktur, kurz GRW-G ist zum

Jahresende 2011 ausgelaufen. Nach dem – etwas

ungewöhnlichen – Motto »aus eins mach

zwei« gibt es nun zwei neue Programme als

Nachfolger. Was ist neu?

STENGER: Kleine Unternehmen mit

nicht mehr als 49 Beschäftigten und

einem Investitionsvolumen bis 1,5 Millionen

Euro erhalten über das vereinfachte

»Wachstumsprogramm für kleine Unternehmen«

auch künftig unabhängig von

Branche und Zuordnung zu einem Cluster

die für ihre Region zulässigen Höchstfördersätze

von 40 oder 50 Prozent. Bei

Investitionen ab 1,5 Millionen Euro der

mittleren und großen Unternehmen

werden wir stärker auf die wettbewerbsfähigsten

Branchen und Cluster setzen.

Das geförderte Unternehmen muss Clusterbereichen

zugeordnet sein. Der zu erreichende

Fördersatz hängt ausschließlich

davon ab, welche Struktureffekte erfüllt

werden, also Beschäftigungseffekte,

Innovationspotenzial, Lohngerechtigkeit

sowie Energieeffizienz.

W&M: Welche Vorteile gibt es für Unternehmen?

Und welche Nachteile?

STENGER: Günstigere Bedingungen wurden

für kleine Unternehmen bis 49 Mitarbeiter

und einem Investitionsvolumen

bis 1,5 Millionen Euro geschaffen. Bei

mittleren und großen Unternehmen

achten wir stärker als bisher auf Struktureffekte:

Wenn ein zu hoher Einsatz

von Leiharbeitern erfolgt, ist eine Förderung

ausgeschlossen. Die Anerkennung

von förderfähigen Kosten wird abgesenkt,

wenn bei Erweiterungsinvestitionen

nicht genügend Dauerarbeitsplätze

geschaffen werden. Für sogenannte

strukturbestimmende Vorhaben mit

einem Investitionsvolumen von mehr

als 25 Millionen Euro und mehr als 50

neuen Arbeitsplätzen bestehen Ausnahmemöglichkeiten.

W&M: Welche Laufzeit hat das Angebot?

STENGER: Es gilt bis Ende 2013 und für

alle bisher nicht entschiedenen Fälle.

W&M: Wie reagiert die Wirtschaft?

STENGER: Von den kleinen Unternehmen

erfahren wir bei den Verbesserungen

positive Reaktionen. Natürlich werden

die Veränderungen nicht bei allen

26 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


INTERVIEW

auf positive Resonanz stoßen, manches

Unternehmen hat lieber einen Zuschuss

als ein Darlehen. Aber letztlich kommt

es auch hier auf die Ausgestaltung an.

Für viele Investitionen kann durch ein

anteiliges GRW-G Nachrangdarlehen,

dem Brandenburg-Kredit Mezzanine

oder dem Brandenburg-Kredit für den

Mittelstand eine wirksame Erhöhung der

öffentlichen Mittel und auch der Eigenkapitalausstattung

über unsere Produktpalette

erreicht werden.

W&M: Vor kurzem hat die ILB die Förderzahlen

für 2011 vorgestellt. Wie viele Vorhaben

wurden begleitet? Welche Rolle spielen

die Sonderbedingungen der Jahre des Konjunkturpaketes

II?

»Zuschüsse verlieren

an Bedeutung, sie werden durch

ZINSGÜNSTIGE DARLEHEN

ersetzt.«

STENGER: Zunächst einmal: Die ILB ist

als Bank gewachsen, konnte das Ergebnis

erneut steigern und hat ihr sichtbares

Eigenkapital aus eigener Kraft gestärkt.

Die Bank hat 2011 über 1,14 Milliarden

Euro für rund 4.300 Vorhaben zugesagt.

Das Zusagevolumen liegt – bereinigt um

die Sondereffekte der Mittelausreichung

aus dem Konjunkturpaket II und der

Flughafenfinanzierung – auf hohem Niveau.

Im Zehn-Jahres-Vergleich 2001 bis

2011 liegt dieses Volumen auf dem

Durchschnittswert von 1,17 Mrd. Euro.

W&M: Großen Wert legten Sie darauf, dass

über die Hälfte der Zusagen für Kredite und

Zuschüsse im vergangenen Jahr auf Eigenprodukte

der ILB entfallen sind.

STENGER: 57 Prozent beziehungsweise

653 Millionen Euro des Zusagevolumens

entfallen 2011 auf Eigenprodukte der ILB.

Diese Entwicklung verstärkt sich Jahr

für Jahr bei Stückzahl sowie Volumen.

Die ILB trägt damit zur Entlastung des

Haushalts bei und erhöht den Spielraum

für künftige Förderungen.

W&M: Wie funktioniert das denn konkret?

STENGER: Als Förderinstitut bieten wir

besonders zinsgünstige Darlehensprogramme

an, zum Beispiel im Rahmen

der Brandenburg-Kredit Familie. Die

Zinssubvention hierfür bekommen wir

nicht aus einem öffentlichen Haushalt,

sondern erwirtschaften diese selbst. In

den letzten Jahren haben wir aus eigenen

Erträgen, die wir auf den Geld- und

Kapitalmärkten erwirtschaftet haben,

einen sogenannten ILB-Förderfonds aufgelegt,

aus dem wir unsere Darlehen subventionieren.

Insgesamt haben wir bisher

über 37 Millionen Euro eingezahlt.

Weitere 10 Millionen Euro werden wir

voraussichtlich in diesem Jahr zuführen.

W&M: Mangelnde Eigenkapitalausstattung

ist die Achillesferse bei den meisten Unternehmen

Ost. Kann die ILB hier trotz knapper

werdender Mittel unterstützen?

STENGER: Öffentliche Fonds zur Eigenkapitalausstattung

sind notwendig, da

private Kapitalgeber im Venture Capital-

Bereich in Ostdeutschland und im Frühphasenbereich

sowie in der vorwiegend

kleinteiligen Struktur zurückhaltend

agieren. Die Nachfrage bestätigt unser

Engagement: Die ILB-Eigenkapitalfonds,

der BFB Wachstumsfonds Brandenburg

und der BFB Frühphasenfonds Brandenburg,

zeigen eine sehr gute Resonanz.

Wir verzeichnen Anfragen im dreistelligen

Bereich. Aktuell arbeiten wir an der

Konzeption neuer Beteiligungsfonds, für

die wir EU-Mittel einwerben wollen, die

in den kommenden Jahren ausgereicht

werden. Insgesamt wollen wir ein Volumen

von 50 bis 100 Millionen Euro erreichen.

Auch die Etablierung von Fonds

ohne EU-Mittel als Refinanzierungsquelle

ist Bestandteil unseres Planungsprozesses.

W&M: Kann sich die brandenburgische Wirtschaft

bei ihrer Bewältigung auf die ILB als

starke und zuverlässige Partnerin verlassen?

STENGER: Die ILB begleitet den Aufbau

des Landes seit 20 Jahren mit der Förderung

und Finanzierung. Gemeinsam mit

unseren Partnern haben wir so eine

Wirtschaftsstruktur entwickelt, die ein

gutes Fundament für die Zukunft darstellt.

Die Investitionsbank wird das Land

auch künftig bei der Entwicklung der regionalen

Wirtschaft unterstützen. Dazu

gehört insbesondere die Förderung der

Branchencluster und des Innovationspotenzials,

aber auch die Mitwirkung beim

Wechsel von Zuschüssen hin zu innovativeren

Finanzierungen Dabei setzen wir

vor allem auf zinsgünstige Darlehensprogramme

und Eigenkapital stärkende

Instrumente für kleine und mittlere Unternehmen.

Fragen: Ulrich Conrad

&

PROGRAMME

Angebote der ILB

ZUSCHÜSSE

GRW – Gemeinschaftsaufgabe zur Förderung

der gewerblichen Wirtschaft

Wichtigstes Förderprogramm für die

regionale Wirtschaft. Kleine Unternehmen

mit nicht mehr als 49 Beschäftigten und

einem Investitionsvolumen bis 1,5 Mio. Euro

erhalten auch künftig unabhängig von Branche

und der Zuordnung zu einem Cluster, die

für ihre Region geltende Höchstförderung

von 40 oder 50 Prozent.

RENplus

Richtlinie zur Förderung des Einsatzes

Erneuerbarer Energien, von Maßnahmen

zur Erhöhung der Energieeffizienz und der

Versorgungssicherheit.

Forschung und Entwicklung – Richtlinie für

kleine und mittlere Unternehmen (KMU)

Verbesserung der Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit

durch Entwicklung neuer

Verfahren und Produkte.

Impulsprogramm zur Förderung von Netzwerken

in den Regionen Brandenburgs

Für Netzwerke, die sich überwiegend aus

Unternehmen der Branchenkompetenzfelder

zusammensetzen.

DARLEHEN

Brandenburg-Kredit für den Mittelstand

Langfristige Finanzierung von

Investitionen und Betriebsmitteln.

Brandenburg-Kredit Ländlicher Raum

Brandenburg-Kredit Mikro

Langfristige Finanzierung von Investitionen

und Betriebsmitteln (nur bei Ablehnung

durch die Hausbank) für kleine Unternehmen

und freiberuflich Tätige bis drei Jahre nach

Geschäftsaufnahme.

ILB Wachstumsprogramm

Koopdarlehen für Mittelstand

Langfristige anteilige Finanzierung von

Investitionen in Form eines Innenkonsortiums

gemeinsam mit der Hausbank.

EIGENKAPITAL

BFB Wachstumsfonds Brandenbg. (BFB II)

Für technologieorientierte KMU in Brandenburg

in der Früh- und Wachstumsphase.

BFB Frühphasenfonds Brandenburg

Beteiligungen bis zu einer Million Euro in

jungen, innovativen Unternehmen in der

Seed- und Start-up-Phase.

BK Mezzanine

KMU-Nachrangdarlehen bis zu zwei Millionen

Euro.

Hasso-Plattner-Ventures II

Junge Unternehmen der IT- und

Clean-Tech-Branche.

Information und Beratung

ILB-Kundencenter, Tel.: (03 31) 660 22 11

E-Mail: kundencenter@ilb.de

Internet: www.ilb.de

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 27


SPECIAL

Fotos: PictureDisk, Simon, privat (2)

Für viele Unternehmen sind Ausfallbürgschaften,

Garantien oder stille

Beteiligungen oft die einzige Möglichkeit,

ihre wirtschaftlichen Vorhaben

zu realisieren. Dort, wo die Hausbank

ihre Grenzen sieht, setzen Bürgschaftsbanken

und Beteiligungsgesellschaften

an. Ausreichende Rentabilität, Bonität,

ein tragfähiges Konzept und gute Zukunftsaussichten

auf dem Markt sind jedoch

auch hier gefragt. Denn gefördert

werden nur funktionierende Unternehmen.

Insbesondere die jüngste Finanz- und

Wirtschaftskrise verdeutlichte die Rolle

der insgesamt 17 in Deutschland existierenden

Bürgschaftsbanken und Beteiligungsgarantiegesellschaften

der Länder

sowie der 14 Mittelständischen Beteiligungsgesellschaften.

Ihr Part auf dem

Markt der Finanzierungsmöglichkeiten

spiegelte sich in einer außergewöhnlich

hohen Bürgschaftsnachfrage wider. Mit

dem Konjunkturaufschwung im vergangenen

Jahr normalisierte sich diese

Nachfrage, die mittelständischen Unternehmen

zeigten sich stabiler im operativen

Geschäft und in ihrer Entwicklung.

Bürgschaftsbanken

Hilfe bei zu dünner

Kapitaldecke

Unternehmerisches Handeln erfordert Kapital. Die Finanzierung

von Existenzgründungen oder Wachstum wird von den Hausbanken

allein nicht gedeckt. Da kommen die Bürgschaftsbanken ins Spiel.

NACHFRAGE UNGEBROCHEN

Die Bürgschaftsnachfrage verharrt jedoch

auch nach der Krise auf hohem Niveau.

Nach vorläufigen Zahlen des Verbands

Deutscher Bürgschaftsbanken e.V.

(BDU) erhielten kleine und mittelgroße

Unternehmen im Jahr 2011 Bürgschaften

und Garantien von insgesamt rund 1,2

Milliarden Euro. Das ermöglichte ein

Kredit- und Beteiligungsvolumen von

knapp 1,7 Milliarden Euro. 7.300 Unternehmen

konnten so ihre Marktposition

sichern oder ausbauen und nicht zuletzt

in Arbeitsplätze investieren.

Dr. Stefan Papirow, Vorsitzender des

BDU, erklärt dazu: »Auf diese Weise war

die Finanzierung insbesondere kleiner

Unternehmen gesichert, häufig allerdings

nur zu höheren Preisen und mit

mehr Absicherung.« Die ist durch Bürgschaftsbanken

vielfältig. Wachstumsund

Investitionsfinanzierungen werden

ebenso nachgefragt wie Leasingfinanzierungen

und Betriebsmittel, die klassische

Kontokorrentfinanzierung.

Fast jede zweite Bürgschaft oder Garantie

nehmen Existenzgründer und Unternehmensnachfolger

in Anspruch. Allein

im vergangenen Jahr konnten über

3.000 Unternehmen mit einem verbürgten

Kredit- und Beteiligungsvolumen von

rund 500 Millionen unterstützt werden.

574 Beteiligungsfinanzierungen für

kleine und mittlere Unternehmen zum

Beispiel ermöglichten, die Liquidität zu

erhöhen und die wirtschaftliche Eigenkapitalquote

zu steigern. Dadurch konnten

diese mit Hilfe der Mittelständischen

Beteiligungsgesellschaften ihre Bilanzrelation

verbessern.

Auf das Spannungsfeld von Chancen

und Risiko verweist Dr. Thomas Drews,

Geschäftsführer der Bürgschaftsbank

Mecklenburg-Vorpommern: »Die Chancen

relativieren sich zumeist, wenn Existenzgründer

an den Start gehen mit wenig

oder gar keinem Eigenkapital.« Derartige

Fehler am Anfang potenzieren

sich in aller Regel in der Wachstumsphase

der Firma. Jungunternehmer sollten

sich trotz und gerade wegen der Möglichkeiten

an Unterstützung gründlich darüber

Gedanken machen, wie sie ihre Firma

finanzieren, wie sie die Finanzierung

gestalten können. Ziel der Bürgschaftsbank

sei es, so Drews, in den ersten drei

Jahren das Risiko des Scheitern möglichst

zu minimieren. Bewährt habe sich

hierbei auch die Begleitung von in Unternehmensfragen

erfahrenen Mentoren.

Sicherheiten sind auch zukünftig gefragt,

denn die mittelständischen Unternehmer

in Deutschland blicken optimistisch

in die Zukunft. Das KfW-ifo-Mittelstandsbarometer

belegt einen Anstieg

der Geschäftserwartungen in kleinen

und mittleren Firmen im Februar 2012.

Mit der verstärkten Finanzmarktregulierung

und Basel III erwarten Experten

neue Herausforderungen für die Kreditinstitute,

die auch die Kreditversorgung

des Mittelstands zu beeinträchtigen drohen.

Zwar werde die Kreditfinanzierung

auch künftig eine wichtige Rolle spielen,

prognostizieren Fachleute, doch steige

die Bedeutung von alternativen Finanzierungsmöglichkeiten.

Es zeichnet sich also ab, dass der Förderauftrag

der Bürgschaftsbanken, in jeweiligen

Projekten besondere Risiken zu

übernehmen, in Zukunft noch aktueller

wird.

&

28 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


FIRMENBEISPIEL 1

Qualität täglich gebacken

Die Bäckerei-Kette Exner im brandenburgischen Beelitz ist seit Jahren

auf Expansionskurs. Im harten Wettbwerb besteht das Unternehmen durch

hohe Qualität, top-qualifizierte Mitarbeiter und langjährige Kreditpartner.

SECHS RICHTIGE

FÜR DIE

UNTERNEHMENS-

FINANZIERUNG

Er war schon auf dem Weg in die Schweiz

und nach Frankreich: Als Tobias Exner

seinen Gesellenbrief in der Hand hielt,

lockte ihn die weite Welt. Doch es kam

anders. Sein Vater erkrankte an einer

Mehlstaub-Allergie und der Sohn wurde

in der Bäckerei im brandenburgischen

Beelitz gebraucht. Seither lebt der

Bäckermeister auf der Überholspur.

HILFE BEIM EIGENKAPITAL

Exner ist Unternehmer und Wirbelwind,

strategischer Planer und Macher. Nur so

konnte er den Familienbetrieb, den sein

Vater 1976 als Pächter übernahm, erfolgreich

durch stürmische Wendezeiten

und rasantes Wachstum steuern. Dabei

Bürgschaftsbank Brandenburg. Die war

vom Konzept überzeugt und stellte den

Kontakt zur Berliner Volksbank her, mit

der er immer noch zusammen arbeitet.

Das neue Firmengebäude wurde gebaut.

»Ohne die Bürgschaftsbank gäbe es

heute die Erfolgsgeschichte der Bäckerei

Exner nicht« ist der Unternehmer überzeugt.

Die sprang auch ein, als Exner mit

33 Jahren ohne Eigenkapital die Bäckerei

von seinem Vater übernahm. Dr. Milos

Stefanovic, Sprecher der Geschäftsführung

der Bürgschaftsbank Brandenburg

erklärt: »Wir verstehen uns als Teil

des Mittelstands und setzen auf eine

enge Zusammenarbeit mit der Hausbank

und dem Unternehmer«.

Klassik

bis 1,25 Mio. Euro

gewerbliche Kredite

aller Art

Landesbürgschaftsprogramm

für den

Mittelstand

bis 2 Mio. Euro

gewerbliche Kredite

ANSPRUCH: Tobias Exner setzt auf hohe

Produkt- und Servicequalität im Geschäft.

strebten Exner und sein Vater, mit dem

er die Bäckerei bis 2008 gemeinsam führte,

gar kein Wachstum an. Doch 1995

platzte die Backstube aus allen Nähten

und eine neue Produktionsstätte musste

her. Die Hausbank sendete positive Signale,

zögerte schließlich, forderte höhere

Umsatzzahlen und damit den Ausbau

des Filialnetzes. Als die Zeit drängte, kam

plötzlich eine Absage.

»Für mich war das wie ein Schlag«, erinnert

sich Exner. Er wandte sich an die

EXZELLENTE AUSBILDUNG

Über zehn Millionen Euro investierte das

Unternehmen in den letzten fünfzehn

Jahren. Heute hat die Bäckerei Exner

rund 300 Mitarbeiter und vierzig Filialen.

Im März wurde in Wannsee Nummer

41 eingeweiht. »Eine Investition bedingt

die nächste« so Tobias Exner. Denn die

Bäckerei werfe nicht ausreichend Gewinn

ab. Dort, wo die Fläche es erlaubt,

entsteht ein Café. Das bringt Umsatz.

Doch überproportional steigende Kosten

für Personal, Rohstoffe und Energie belasten

den Gewinn. »Also müssen wir produktiver

werden« so der 36-Jährige.

Er sieht den zukünftigen wirtschaftlichen

Erfolg in der Verbesserung von Logistik,

Verwaltung und Produktion. Zudem

legt der Unternehmer Wert auf Qualitätsführerschaft

und exzellente Ausund

Fortbildung seiner Mitarbeiter. Nach

neun Monaten Umbau entstand für rund

eine Million Euro im Oktober 2011 ein

weiteres Gebäude für Produktion und

Verwaltung. Ausgestattet mit einer kompletten

Ladeneinrichtung werden die

Mitarbeiter in Warenpräsentation, Bedienung

der Steinbacköfen und Kaffeezubereitung

geschult. Für den Betriebswirt

des Bäckerhandwerks eine wichtige Voraussetzung,

um seinen Anspruch an Produkt-

und Servicequalität zu erfüllen.

Viel Zeit für die Schweiz und Frankreich

hat Tobias Exner immer noch

nicht. Aber vielleicht holt er sich die

Welt mit einem Aupair ins Haus. Denn

Expansion ist auch in der vierköpfigen

Familie angesagt. Die soll noch um zwei

Kinder wachsen.

Bürgschaft ohne

Bank (BoB)

bis 400.000 Euro, Antragstellung

direkt bei

Bürgschaftsbank,

Bürgschaftsurkunde

bleibt zwei Monate

gültig.

Handwerkersofortkredit

bis 100.000 Euro, stark

vereinfachtes Verfahren,

Unterstützung durch

Betriebsberater der

Kammern, Kreditentscheidung

innerhalb

von 5-10 Werktagen

Unternehmersofortkredit

bis 100.000 Euro, stark

vereinfachtes Verfahren,

Unterstützung durch

Betriebsberater der

Kammern, Kreditentscheidung

innerhalb

von 5-10 Werktagen

KapitalPLUS

Bürgschaft und Beteiligung

aus einer Hand,

stufenweise, auch in

kleinen Tranchen,

schnelle Bearbeitung

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 29


FIRMENBEISPIEL 2

Kalkuliertes Risiko im Fassadenbau

Die S+T Fassaden GmbH aus Tessin bei Rostock hat mit dem gigantischen

Metalldach der Ferrari World in Abu Dhabi ihr Meisterstück geliefert.

Mut zum Risiko ist eines der Erfolgsgeheimnisse der Fassaden-Spezialisten.

Ihren Ursprung hat die S+T Fassaden

GmbH in Kiel (Schleswig-Holstein), wo sie

1991 gegründet worden ist. Seit 2004 leitet

Bernd Schröter den Betrieb, in den er

1993 eintrat und der seit mehreren Jahren

seinen Hauptsitz in dem Städtchen

Tessin in Mecklenburg-Vorpommern hat.

Im Grunde ist das Unternehmen regional

verankert. Die meisten Aufträge

werden in Deutschland abgewickelt. Objekte

wie eine Gesamtschule in Porta

Westfalica, ein Straßenbahn- und Betriebshof

in Potsdam oder die Justizvollzugsanstalt

Sehnde tragen die Handschrift

der Tessiner Spezialisten.

Doch 2009 erregte die Firma mit einem

spektakulären Projekt weit über die bundesdeutschen

Grenzen hinaus große Aufmerksamkeit.

»Die Ferrari World Abu

Dhabi ist für uns ein bedeutendes Referenzprojekt«

erklärt Schröter. »Wir hatten

Glück und verfügten aufgrund der

Komplexität der Freiformfläche über ein

wirkungsvolles Alleinstellungsmerkmal.

So konnten wir für das gigantische Dachprojekt

einen guten Preis erzielen«.

CHANCE BEHERZT GENUTZT

Dennoch war der Schritt in das Elf-Millionen-Projekt

ein Risiko für das Unternehmen

mit 45 Mitarbeitern, das im vergangenen

Jahr 13,6 Millionen Euro Umsatz

erwirtschaftete. Risiko ist für Schröter

die eine Seite einer Medaille, Chance die

andere. Die muss ein erfolgreicher Unternehmer

erkennen und ergreifen. Entscheidend

für den 43-Jährigen ist jedoch,

dass die wirtschaftlichen Risiken verifizierbar

und durch Eigenkapital gedeckt

sind. »Alles andere ist Harakiri« ist er sich

sicher. Zusätzlich legt Schröter Wert auf

eine gesunde Streuung der Aufträge. Nur

auf ein oder zwei spektakuläre Großprojekte

zu setzen, sei viel zu riskant.

KNOW-HOW SICHERT POSITION

Kernkompetenz des mittelständischen

Betriebes sind hochwertige Aluminium-

Fassaden, -Dächer und -Fenster. S+T Fassaden

ist eines der wenigen spezialisierten

Unternehmen für die gesamte Außenhaut

von Gebäuden. Das erfordert qualifizierte

Fachkräfte und Innovationen.

Beispielsweise das patentierte Thermokopplungselement

für Dach- und Fassadensysteme.

Eine stille Beteiligung der

Mittelständischen Beteiligungsgesellschaft

Mecklenburg-Vorpommern mbH

(MBMV) in Höhe von 300.000 Euro sicherte

2006 das Kapital für die Entwicklung

und Markteinführung. »Unternehmerische

Wege erfordern häufig einen besonderen

Finanzbedarf, der nicht immer allein

von der Hausbank gedeckt werden

kann« erklärt MBMV-Geschäftsführer Dr.

Thomas Drews. Voraussetzung sei, dass

Vorhaben wirtschaftlich sinnvoll sind.

Ökonomisch sinnvoll war für die S+T Fassaden

kürzlich auch eine Ausfallbürgschaft

der Bürgschaftsbank MV.

RISIKOBEWUSST: Bernd Schröter, Chef der S+T Fassaden GmbH.

30 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


SIE HABEN

DIE IDEE

...wir sichern

mit Bürgschaften für Kredite Ihre

wirtschaftliche Entwicklung.

Speziell Existenzgründern sichern

wir den Start mit dem Programm

„Bürgschaft ohne Bank“ (kurz

BoB).

AUSDAUERND: Yadegar Asisi managt erfolgreich Langzeitprojekte.

FIRMENBEISPIEL 3

Im Panorama der Wirtschaftlichkeit

Künstler Yadegar Asisi ist erfolgreich mit Panoramen, die Traumwelten

erstehen lassen. Jahrelange Vorbereitung und finanzielle Absicherung

der Kunstprojekte erfordern unternehmerisches Denken und Handeln.

...wir stärken

die Eigenkapitalbasis Ihres

Unternehmens mit Hilfe von Garantien

für Beteiligungen der

Mittelständischen Beteiligungsgesellschaft

(MBG).

...wir motivieren

Mitarbeiter mit Garantien für

Arbeitnehmerbeteiligungen bei

ihrem Engagement im eigenen

Unternehmen.

Musik erklingt, die Nacht legt sich über

das antike Pergamon und ein Fest beginnt.

Der Besucher wird ein Teil der Szenerie

und spürt, wie ihn die Atmosphäre

gefangen nimmt. Ein Traum? Nein, seit

September 2011 im Ehrenhof des Berliner

Pergamon Museums zu erleben.

Mit seinen Panoramen ermöglicht Yadegar

Asisi eine neue emotionale Form

des Erlebens, Staunens und der Sehkultur.

Der in Wien geborene Sohn persischer

Emigranten ist seit jeher fasziniert

von »Zauberbildern«. Diese brachte er

mit Buntstiften auf Papier. Panoramen,

die ihre Blütezeit im 19. Jahrhundert erlebten,

sind für den Künstler und Architekt,

das optimale Kunstmedium. Hier

kann der 57-Jährige seine Leidenschaft

für Architektur und Malerei miteinander

verbinden. In Leipzig und Dresden betreibt

er jeweils eigene »Panometer«.

SPANNENDE IMPULSE

Von der Idee bis zur Eröffnung vergehen

drei bis fünf Jahre. Durchschnittlich kostet

ein Projekt eine Million Euro, bei Pergamon

waren es dreieinhalb Millionen.

Eine Summe, die Asisi mit seiner 2005

gegründeten GmbH zumeist vorfinanzieren

muss. Für das Panorama im Pergamon

Museum legte der Professor für

Freie Darstellung im Fachbereich Architektur

die betriebswirtschaftlichen Daten

der letzten sieben Jahre vor. »Als Unternehmer

bin ich bei den hohen Investi-

tionskosten und Zeitvorläufen auf zügige

Entscheidungen angewiesen«, sagt

Asisi. Um Planungssicherheit zu erhalten,

sei ein schnelles Nein genauso wertvoll

wie eine Zusage. Oft dauert es länger.

Dann heißt es: durchhalten. »Wenn ich

nicht für meine Ideen brennen würde,

könnte ich das nicht«, sagt Asisi. Für das

Panorama im Pergamon erhielt der

Künstler Unterstützung von der Bürgschaftsbank

Berlin. »Berlin ist eine lebendige

und kreative Stadt. Mit unserem Engagement

tragen wir dazu bei, in dem

wir Unternehmern wie Yadegar Asisi die

Möglichkeit bieten, Neues zu wagen und

damit der Stadt spannende Impulse zu

verleihen«, so Waltraud Wolf, Geschäftsführerin

der Bürgschaftsbank in Berlin.

KÜNSTLER UND UNTERNEHMER

Mit seinem 45-köpfigen Team muss der

Geschäftsführer der Asisi GmbH alles allein

übernehmen: Von der Konzeption

über die Akquise von Finanzmitteln bis

zur Vermarktung. »Ich fühle mich nicht

als Unternehmer, muss jedoch unternehmerisch

denken und handeln.« Und der

Künstler ergänzt: »Dabei hilft mir das

strukturierte Denken des Architekten.«

Mittlerweile sorgen die zwei Panometer

in Dresden und Leipzig für einen regelmäßigen

Cash Flow und Liquidität.

Texte zum Special »Bürgschaftsbanken«:

Sabine Dörr

...wir sprechen mittelständisch

Berlin braucht eine pulsierende Wirtschaft.

Ideen mutiger Existenzgründer unterstützen wir

ebenso wie das Wachstum etablierter Unternehmen.

Dabei stehen wir allen Branchen offen: kleinen

Handwerksbetrieben ebenso wie mittelständischen

Unternehmen.

Unsere Gesellschafter sind die IHK und die

Handwerkskammer, Wirtschaftsverbände sowie

Kredit- und Versicherungsunternehmen.

Mitglied im

Verband deutscher

Bürgschaftsbanken

BBB BÜRGSCHAFTSBANK

zu Berlin-Brandenburg GmbH

Schillstraße 9

10785 Berlin

Telefon 030/311 004-0

Telefax 030/311 004-55

info@buergschaftsbank-berlin.de

www.buergschaftsbank-berlin.de


ANALYSE

Wohin mit dem Geld? Wer wissen

will, welche Immobilieninvestments

lohnend sind, muss

nur schauen, wo die Reichen dieser Welt

ihr Geld anlegen. Die UHNWIs – das sind

Ultra high net worth individuals, also die

Ultrareichen – investieren durchschnittlich

35 Prozent ihres Vermögens in

Grundstücke und Gebäude – vornehmlich

in London, New York oder Monaco,

neuerdings auch in den asiatischen

Boomtowns. Doch Luxuswohnungen in

London sind längst zu teuer, Apartments

in Shanghai oder Mumbai ebenso und

in Monaco ist der Platz knapp. Was den

deutschen Markt betrifft, so stehen vor

allem westdeutsche Metropolen im Süden

und Südwesten hoch in der Gunst

der auf Wohnimmobilien fixierten Anleger.

Doch hier »frisst Gier Hirn«, da gilt

das Gesetz der Lemminge und die Losung

»So viel Geld kann nicht irren«.

Denn in München, Stuttgart oder Frankfurt

am Main werden die höchsten Mieten

und Eigentumspreise erzielt. Preise

und Mieten steigen wegen der hohen

Nachfrage weiter, die Renditen gehen indes

zurück.

Finanzmärkte 2012

Sichere

Zuflucht

Volatile Börsen, magere

Anleihezinsen, grassierende

Staatsverschuldung und

das Gespenst der Inflation

am Firmament: Anlegern

wird die Flucht in die Sachwerte

empfohlen. An vorderster

Stelle stehen Immobilien.

Doch beim »Betongold« glänzt

auch nicht alles.

DAS GUTE LIEGT SO NAH

Also Finger weg von der Eigentumswohnung

im Münchener Nobelwohnort Bogenhausen.

Wie wär’s stattdessen mit

Dresden, Leipzig, Erfurt oder Jena? Die

meisten Anleger werden das für abwegig

halten, völlig zu Unrecht. Das Mietsteigerungspotenzial

in Potsdam, Jena, Erfurt,

Dresden, Weimar und Leipzig war in

jüngster Zeit ähnlich hoch wie in westdeutschen

Städten, stellte der Immobilieninvestor

und Immobiliendienstleister

Patrizia Immobilien AG fest. Mit einem

gravierenden Unterschied: Die Preise

sind in den ostdeutschen Städten deutlich

niedriger und damit die Renditen

höher. Und das Leerstandsrisiko spielt

dort auch kaum noch eine Rolle. Ganz

im Gegenteil: Bis zum Jahr 2025 – so die

Prognose von Patrizia – ist der Bedarf

hoch. In Dresden liegt er bei rund 40.500

Wohnungen, in Leipzig bei 37.500, in

Potsdam bei knapp 16.000, in Erfurt bei

15.000 und in Jena bei gut 8.000 Wohnungen.

»Ostdeutsche Städte bieten somit

interessante Investmentchancen für

Wohnimmobilien«, ist man bei Patrizia

überzeugt.

Wenn es um Immobilieninvestments

geht, steht meist der »Klassiker«, die Büroimmobilie,

im Zentrum der Aufmerksamkeit.

Das ist auch gegenwärtig nicht

falsch. Ungeachtet von Krisengipfeln und

Euro-Hysterie herrscht auf den deutschen

Büromärkten überwiegend gute

Laune. Sowohl bei Büro- wie bei Einzelhandelsimmobilien

greifen Investoren

zu. Der deutsche Immobilieninvestmentmarkt

legte 2011 um rund 22 Prozent zu

und dieses Niveau könnte auch 2012 gehalten

werden, prognostizieren die Researcher

von Jones, Lang, LaSalle (JLL). Im

Mittelpunkt stehen Core-Immobilien,

also Objekte in besten Lagen, mit hoher

Qualität und Mietern bester Bonität auf

der Basis lang laufender Verträge. Weil

die Banken mit der Finanzierung knausern,

ist es die Stunde der eigenkapitalstarken

Investoren, spekulative Objekte –

erst bauen, dann Mieter suchen – gibt es

kaum noch. Weil die Nachfrage nach

Prime- und Core-Immobilien weiter das

Angebot übersteigt, sind die Preise hoch

und die Renditen schmal.

BESSERE AUSSICHTEN FÜR FONDS

Private Anleger tätigen Immobilieninvestments

meist über Fonds. Einige Offene

Immobilienfonds waren in den vergangenen

zwei Jahren in die Bredouille

geraten und mussten die Rücknahme

von Anteilsscheinen zeitweise einstellen,

mehrere Fonds werden sogar abgewickelt.

Künftig werden private Anleger

vor solchen Malaisen besser geschützt –

allerdings greifen die neuen Regeln erst

ab 2013. Neu- und Bestandskunden

müssen eine Kündigungsfrist von zwölf

Monaten einhalten, bevor sie ihre

Fondsanteile zurückgeben können. Darüber

hinaus müssen Neukunden ihre

Fondsanteile zukünftig mindestens 24

Monate im Depot halten. Für Kleinanleger

gilt ab 2013 eine Öffnungsklausel,

die es ihnen erlaubt, halbjährlich Fondsanteile

im Wert von bis zu 30.000 Euro

zurückzugeben. Das bedeutet, dass Privatanleger

zukünftig jährlich bis zu

60.000 Euro ihres Fondsvermögens »flüssig«

machen können.

Eine weitere Möglichkeit, in Immobilien

zu investieren, stellen Beteiligungen

dar. Besonders aussichtsreich sind Projektentwicklungsfonds.

Dabei kauft der

Initiator Bestandsobjekte oder Grundstücke,

baut oder saniert und verkauft

die Wohnungen vorab. Renditen zwischen

acht und zwölf Prozent – bezogen

auf den Fonds – sind möglich. Was Anleger

neben Geld benötigen, ist Vertrauen

in die Seriosität und das Know-how des

Investors. Insgesamt werden die Bedingungen

für Beteiligungen besser. Die Zeit

der windigen Steuersparmodelle ist vorbei

und die Branche ändert gerade ihr

Image. Aus dem »grauen« Kapitalmarkt

soll – nicht zuletzt dank strengerer Aufsicht

und besserer Qualifikation der Berater

– ein »weißer« werden. Trotzdem:

Prospekte, Anlageobjekte und Seriosität

des Investors genau prüfen, denn blindes

Vertrauen führt meist zu Verlusten.

EIGENTUM MACHT AUCH REICH

Wer kein Eigenheim will, hat eine andere

Option, die gerade en Vogue ist: Ferienimmobilien.

In den südlichen EU-

Krisenstaaten stehen jetzt zahlreiche

Schnäppchen zum Verkauf. In Griechenland

fielen die Preise um bis zu 30 Prozent,

in Spanien um bis zu 50 Prozent, so

Schätzungen der Deutschen Schutzvereinigung

Auslandimmobilien e. V.

Doch auf der Suche nach Geldanlagen

in Ferienimmobilien setzen interessierte

Anleger, anders als vor 15 Jahren, nicht

mehr vorrangig aufs Ausland. Eine aktuelle

Marktstudie im Auftrag des Ferienhausvermittlers

HomeAway und des

Immobilienmaklers Engel & Völkers zu

privaten Ferienimmobilien 2011 weist

eine eindeutige Präferenz für die heimischen

Gestade aus. »Vor allem Objekte an

der deutschen Nord- und Ostseeküste sowie

auf den Ostsseeinseln erfreuen sich

steigenden Beliebtheit«, so das Ergebnis

der Studie. Die Gründe liegen auf der

Hand: Urlaub in Deutschland boomt, der

Markt ist – im Unterschied zu Spanien,

Portugal oder Griechenland – sicher,

Ferienhausbesitzer können die Immobilien

gleichzeitig als Kapitalanlage und –

bei Vermietung – als zusätzliche Einkommensquelle

nutzen und die Wertentwicklung

ist zumeist positiv.

Hans Pfeifer

&

32 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


Milchschokolade

Erfinder: Gottfried Heinrich Jordan

und August Friedrich Timaeus

Deutschland, Dresden, 1839

FürSievorOrtinMitteldeutschland:

in Chemnitz, Dresden, Erfurt, Halle,

Leipzig und Magdeburg.

Passende Zutaten. Made in Germany.

Für den Mittelstand in Mitteldeutschland.

Aus einer genialen Idee und den richtigen Zutaten entstand in Dresden

einst die erste Milchschokolade. Für die richtigen Zutaten bei ganzheitlichen

Finanzlösungen sorgt die Sachsen Bank. Als Unternehmen

der LBBW-Gruppe bieten wir speziell dem Mittelstand in unserer Region

das umfassende Leistungsspektrum eines erfahrenen, flexiblen Finanzdienstleisters,

verbunden mit der individuellen Kundenbetreuung

einer eigenständig agierenden Regionalbank. Weitere Informationen

unter www.sachsenbank.de

Ein Unternehmen der LBBW-Gruppe


ANALYSE

Unternehmen, übertrug ihnen Firmenanteile.

Dass diese teils kreditfinanziert

sind und sich nicht zuletzt dadurch neue

Investitionen stemmen lassen, rührt indes

nicht aus der Spezifika ostdeutscher

Mittelständler, die nach 1990 oft recht

kapitalschwach starteten.

Laut der Studie »Generationswechsel

im Mittelstand«, die das Mannheimer

Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung

(ZEW) mit dem Institut für Mittelstandsforschung

der Uni Mannheim

2011 vorlegte, nutzen zwar vier Fünftel

der 2,6 Millionen eigentümergeführten

mittelständischen Betriebe in Deutschland

Umsatzerlöse zur Finanzierung ihrer

Geschäftstätigkeit. Doch der Anteil

von Gewinnen am Gesamtvolumen der

Firmenfinanzierung liegt bei nur 46 Prozent.

Fast gleichauf rangieren, wie die

Studie zeigt, Bankdarlehen (43 Prozent),

während nur gut ein Viertel (27 Prozent)

aus eigenen Rücklagen stammt. Weitere

20 Prozent sind Beteiligungskapital.

Gerade bei Firmenübergaben schlägt

sich diese vergleichsweise geringe Eigenkapitaldecke

in Familienbetrieben deutlich

nieder. Wie das von der in Leipzig

ansässigen Sachsen Bank in Auftrag gegebene

Dossier zeigt – es beleuchtet

deutschlandweit alle Firmenübergaben

in Familienbetrieben zwischen 2002 und

2008 –, stehen die meisten internen

Übernehmer vor teils erheblichen finanziellen

Herausforderungen. Über die

Hälfte (56 Prozent) der Nachfolger erwarb

die Unternehmensanteile durch

Kauf und/oder Beteiligung. Knapp ein

Drittel der Firmen wurde verschenkt. Elf

Prozent wechselten per Erbschaft den

Eigentümer.

Nachfolge in Familienbetrieben

Rechtzeitige Übergabe

Jährlich stehen in Deutschland 71.000 inhabergeführte Betriebe vor

der Nachfolgefrage. Diese wird in drei von fünf Fällen familienintern

geklärt. Eine Studie zeigt, die neuen Chefs benötigen beim Start

oft eine Fremdfinanzierung. Familienbetriebe werden indes weniger

vererbt oder verschenkt, sondern an den Nachwuchs verkauft.

Es ist ein gleitender Übergang, den

Martin Bergmann (Foto: M.) angeschoben

hat, um sein Lebenswerk

peu à peu seinen Söhnen zu übertragen.

Viel Kraft, unternehmerische Findigkeit

und erhebliches Geld flossen in die Familienfirma,

seit der heute 61-Jährige den

Betrieb nach der deutschen Einheit reprivatisierte.

Mittlerweile ist es eine weltweite

Topadresse für dezentrale Kläranlagen.

Da weitere Branchen hinzukamen,

gibt es seit 2007 die Bergmann AG.

Hier sind auch die Söhne Martin jr.

(38, re.) und Lars (34) – der eine Bauingenieur,

der andere Kaufmann – mit im

Boot. Sie führen jeweils schon eines der

Tochterunternehmen und rückten auch

in den Vorstand auf, wo der Senior vorerst

noch der Chef ist. Doch aus dem operativen

Geschäft hat er sich inzwischen

zurückgezogen. Auch sonst hätten beide

Söhne längst »ihre Entscheidungs- und

Verantwortungsbereiche, in die ich ihnen

nicht mehr reinrede«, erzählt er.

Nicht zuletzt beteiligte Martin Bergmann

sen. die Jungen auch finanziell am

FRÜHZEITIGE ÜBERGABEREGELUNG

Gut 80 Prozent jener »Firmenerben«, die

selbst Geld auftreiben mussten, benötigten

hierzu Fremdmittel. Die kamen

dann zu 64 Prozent von der Hausbank

und zu einem offenbar recht großen Teil

auch von externen Beteiligungsgebern.

Exakte Zahlen zu jenen »stillen« Teilhabern,

die oft nach einigen Jahren wieder

ausgezahlt waren, nennt die Studie indes

nicht. In 37 Prozent der Fälle konnten

auch Fördertöpfe angezapft werden.

Sofern der Nachfolger aus der eigenen

Familie oder der Firma kommt, bürgt der

Alteigentümer jedoch zumeist für die

Hypothek. Oft gewährt er auch Ratenzahlungen

auf den Kaufbetrag. Doch

auch bei Erbschaften oder Schenkungen

traten immer wieder Finanzierungsprobleme

auf, da dann Erbschaft- bzw.

Schenkungsteuer entrichtet werden

musste und gegebenenfalls weitere Erben

auszuzahlen waren.

Die Studie zeigt, dass bei einer Schenkung

– im Gegensatz zur Erbschaft – die

Eigentumsanteile häufig bereits frühzeitig

übertragen werden. Denn bei einem

solchen Stabwechsel zu Lebzeiten des

»Patriarchen« lassen sich teils hohe Freibeträge

nutzen. Ist auch noch dessen

Frau Miteigentümerin, verdoppeln sich

jene steuerbegünstigten Freiräume, die

alle zehn Jahr neu angesetzt werden können,

quasi noch. So zahlten nur zehn Prozent

der befragten Jungunternehmer, in

deren Familien solch ein langfristiges

Übergabemanagement praktiziert wurde,

überhaupt noch Erbschaft- oder

Schenkungsteuer auf die übernommenen

Firmenanteile. Mithin sei es ratsam,

eine Übergabe strategisch zu planen, raten

die Verfasser.

ALTEIGENTÜMER WEITER IM BOOT

Zugleich zeigt die Analyse, dass bei

43 Prozent der 8.600 Familienbetriebe,

die im Untersuchungszeitraum weitergereicht

wurden, die Übergabe von Eigentum

und Geschäftsführung nicht im sel-

34 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


ANALYSE

ben Jahr erfolgte. Offenkundig handelt

es sich wie auch bei der Bergmann AG

um einen längerfristigen Prozess, bei

dem der Patriarch auch finanziell an

Deck bleibt. Häufig spielen Alteigentümer

somit selbst dann weiter eine

wichtige Rolle, wenn sie nicht mehr an

der Geschäftsführung beteiligt sind. In

etwa zwei Dritteln aller Fälle war der

Alteigentümer noch bis acht Jahre nach

Firmenübergabe weiter im Unternehmen

aktiv. Allerdings sinken zumeist

seine Anteile in dem Maße, wie die Geschäftsführungsübergabe

zurückliegt.

15 Prozent der aktiven Alteigentümer

hielten zudem noch Anteile, ohne Führungsfunktionen

im Unternehmen

wahrzunehmen.

BEIRAT IN DER FÜHRUNGSETAGE

Eine Ausnahme bilden externe Übergaben.

Sie machen im Durchschnitt ein

Fünftel aller Fälle in mittelständischen

Familienunternehmen aus. Ein weiteres

Fünftel entfällt auf Neubesitzer, die zwar

nicht zur Familie gehören, aber bereits

teils langjährig in der Firma tätig waren.

Vor allem jene externen Neubesitzer

übernehmen nicht nur wesentlich

schneller mit der Geschäftsführung

auch sofort alles Eigentum, sie verzichten

auch weitaus häufiger (42 Prozent)

auf ein weiteres Engagement des Vorgängers.

Grundsätzlich, so zeigt die Studie,

ist in solchen Fällen die Zusammenarbeit

von Alt- und Neu-Chef wesentlich

problematischer.

Bei familieninternen Stabwechseln

scheint man da eher zum Konsens gezwungen.

Allerdings würden Probleme

eher verharmlost, während sie ein externer

Nachfolger konsequenter benenne.

Die Studie bilanziert, dass auch gemischte

Lösungen gut funktionieren

können. So steht der Stuttgarter Olymp

GmbH, die die Familie Herzog über vier

Generationen vom kleinen Handwerksbetrieb

zum europäischen Marktführer

für die Ausstattung von Frisiersalons

puschte, sowohl ein familieninterner als

auch ein externer Geschäftsführer vor.

Zur Unterstützung seines Sohnes Marc

Herzog gründete der Senior überdies vor

der Übergabe einen Beirat in der Unternehmensführung,

der die Abhängigkeit

der 350-Mitarbeiter-Gruppe »von der Familie

auf das für das Unternehmen Positive

reduzieren« soll. Dazu wird das Gremium,

in dem auch noch der Vater sitzt,

von einem familienfremden Manager geführt.

Und offenbar mit Erfolg: Ende des

Jahres 2008 übernahm die Stuttgarter

Firma ihren größten Konkurrenten.

Kritisch wird es in dem Dossier dagegen

gesehen, wenn potenzielle Firmennachfolger

nicht frühzeitig den angestammten

Geschäftspartnern vorgestellt

werden, etwa Bankern, Steuerberatern

und Wirtschaftsprüfern. Dies sei vor allem

in kleineren Firmen zu oft der Fall.

Der Kronprinz oder die Kronprinzessin

sollte stattdessen schon möglichst zeitig

als Beisitzer fungieren, um dann nach

und nach in eine aktive Rolle und damit

in die finanzielle Verantwortung hineinzuwachsen.

Dies steigert nach Expertenmeinung

auch deren Akzeptanz nach

außen. Denn gerade zwischen der Hausbank

und dem Unternehmer bestehe »oft

ein besonderes Vertrauensverhältnis«,

das sich auch bei der Abwicklung auszahle,

bestätigt in diesem Zusammenhang

Peter Kröger, Bereichsleiter Unternehmenskunden

der Sachsen Bank.

Laut der Mannheimer Studie zeichnen

sich die meisten Übergaben durch einen

erfolgreichen Due-Diligence-Prozess

aus. Vor allem familieninternen Nachfolgern

bleiben so oft böse Überraschungen

erspart. Beispielsweise trat nur bei gut

jeder zehnten Übergabe später ein »unerwarteter

Finanzierungsbedarf« auf. Eher

betraf dies dann externe Nachfolger, für

die die betriebswirtschaftliche Prüfung

der Firma vor der Übernahme naturgemäß

deutlich schwerer ist.

Aus diesem Kreis von Unternehmern

klagte denn auch nahezu jeder Fünfte

über einen sich plötzlich auftuenden

zusätzlichen Finanzierungsbedarf, um

zum Beispiel Erneuerungs- bzw. Erweiterungsinvestitionen

bestreiten zu können,

die für das erfolgreiche Fortbestehen

der Firma unverzichtbar sind.

FLEXIBLE FINANZIERUNGSMODELLE

Doch auch in diesem Fall weiß die Hausbank

womöglich Abhilfe, wie ein Beispiel

aus Sachsen zeigt. Teil eines langfristigen

Finanzierungsplanes für einen

Dresdener Schleifkörperhersteller war

eine Mietkauf-Lösung für den Erwerb

neuer Maschinen. Diese »sehr flexible

und nachhaltige« Finanzierungslösung

schone die Liquidität des Betriebes und

biete der Bank zugleich eine Sicherheit

in Form der Technik, betonte der Geschäftsführer.

Das halte ihm finanziell

den Rücken frei für zwei neu entwickelte

Patentlösungen, für die es zwar Fördergelder

gebe – jedoch nur bei eigener Ko-

Finanzierung.

Harald Lachmann

&

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 35


KOLUMNE

AUS GENFER SICHT

Die Zukunft

der Schulden

Von HEINER FLASSBECK, Genf

Internet: www.flassbeck.com

zung gibt, dann würden sich am nächsten

Tag auch im Saarland jede Menge

Professoren und Lehrer der Physik empören.

Politiker, die solches Zeug verzapften,

seien strohdoof, weil sie immer noch

nicht begriffen hätten, dass es einen zigmal

bewiesenen Satz der Thermodynamik

gibt, der unbestreitbar zeigt, dass

Energie nur umgewandelt, nicht aber

vernichtet werden kann.

Die Ökonomen können – oder wollen

– aber offensichtlich nicht wahrhaben,

was ebenso unbestreitbar ist, nämlich

die Tatsache, dass Menschen nur sparen

können, wenn andere sich verschulden.

Wer das sagt, nimmt der Verschuldung

sofort das Bedrohliche, weil es ja nur

noch um die Frage geht, wer sich verschuldet,

nicht um die Frage, ob sich

überhaupt einer verschuldet. Auch würde

man den Bürgern verdeutlichen, dass

es keinen Sinn macht, jeden Tag über die

Verschuldung herzuziehen, wenn man

selbst dazu über eigenes Sparen beiträgt.

Mit einer konsequenten Kritik der Verschuldungskritik

könnten sich die Ökonomen

eine große Reputation erwerben,

als eine Wissenschaft, die in der Lage ist,

primitive Vorurteile zu korrigieren und

komplexe Zusammenhänge zu erklären.

Aber die Ökonomen wollen offenbar

keinen wichtigen wissenschaftlichen

Satz aufstellen, der öffentliche Vorurteile

korrigiert. Anders ist ihr Verhalten

Als ich kurz vor der Landtagswahl am

25. März im Saarland durch dieses

Bundesland gefahren bin, war

ich nicht wenig überrascht ob der Slogans

der Parteien. Die CDU macht auf

mit der Aussage ihrer Spitzenkandidatin

»Ich will Zukunft ohne Schulden«. Die

SPD hält hart dagegen, dass sie für einen

neuen Politikstil sei. Wohlgemerkt:

Nicht für eine neue Politik. Offensichtlich

haben sich beide Parteien längst auf

die Zukunft ohne Schulden geeinigt, was

ja auch die explizite Festlegung der saarländischen

SPD auf die konsequente Umsetzung

der Schuldenbremse nahelegt.

Die sie als Abwehrargument gegen eine

rot-rote Koalition nutzte.

Zukunft ohne Schulden. Man hätte

stattdessen auch schreiben können »Zukunft

ohne Investitionen«. Denn wenn es

keine Schulden gibt, gibt es auch keine

Ersparnisse, und wenn es keine Ersparnisse

gibt, gibt es keine Investitionen,

weil ja dann alles aufgegessen oder sonst

wie verbraucht wird. Das also ist es, was

die CDU den Kindern hinterlassen will:

Eine Welt, in der nicht investiert werden

kann, weil ja niemand Schulden machen

will. Weil Schulden tabu sind, heißt das,

können wir die Welt nicht mehr für unsere

Kinder lebenswerter machen. Die

Welt muss exakt bleiben, wie sie jetzt ist.

Man fragt sich, ob die Menschen, die

über einen solchen Slogan entscheiden,

es wirklich nicht besser wissen. Oder ob

sie so infam sind, den Menschen einen

solchen unsinnigen Slogan unterzujubeln,

da sie genau wissen, dass das am

Stammtisch gut ankommt. Aber was

richten sie damit an? Was ist mit den

Kindern, die zur Schule fahren, den Slogan

lesen und in ihrem kindlichen Urteil

sagen, jawohl, das müssen die Politiker

jetzt endlich einmal machen, wir wollen

eine schuldenfreie Zukunft.

Andererseits wird es auch im Saarland

Menschen geben, die sehr gut verstehen,

welcher Unsinn da als politische Strategie

verkauft wird und wie das Volk entweder

zugrunde regiert oder zugrunde

belogen wird. Wie kann man verantworten,

all das für ein paar Stimmen zu riskieren,

die Verirrung der einen und die

Frustration der anderen?

Ich frage mich aber auch, warum

nicht mehr Ökonomen auf die Barrikaden

gehen. Würden die Politiker hinschreiben,

wir wollen in Zukunft die Energie,

die wir haben, so effizient verbrauchen,

dass nichts mehr davon übrig

bleibt, weil es dann keine Luftverschmutnicht

zu deuten. Sie würden damit ja

auch gegen das beliebte Vorurteil argumentieren,

dass der Staat und seine Verschuldung

die Wurzel allen Übels ist.

Wenn es gegen solche Vorurteile geht, ist

der Mut der Ökonomen schnell ganz

klein und die Wissenschaftlichkeit wird

ruckzuck vergessen. So etwas würde ja

wie Keynesianismus klingen, der doch

für alle Übel der Welt verantwortlich gemacht

werden muss. Oder, noch schlimmer,

man müsste die Frage beantworten,

wer sich verschulden soll, wenn der Staat

sich in Zukunft nicht mehr verschuldet,

weil die allseits beliebte Schuldenbremse

für den öffentlichen Sektor wirkt.

Ja, dann müsste man sagen, man fände

es doch ganz schön, wenn sich die

Ausländer weiter verschulden würden,

weil die Deutschen so viel sparen. Dumm

ist nur, dass wir den meisten der verschuldeten

Ausländer momentan verklickern,

sie seien pleite – weswegen sich

das mit der weiteren Verschuldung nicht

so gut macht. Oder man müsste sagen,

die deutschen Unternehmen könnten

sich mal wieder verschulden und investieren,

statt ebenso wie die privaten

Haushalte zu sparen.

Dann müsste man aber auch die Frage

beantworten, wie die im Geld schwimmenden

deutschen Unternehmen dazu

bewegt werden können, sich für mehr Investitionen

zu verschulden. Unausweichlich

wäre die Frage, ob nicht die Steuern

für die Unternehmen wieder erhöht werden

oder die Unternehmen endlich mal

wieder anständige Löhne bezahlen sollten.

In diesem Fall hätten sie zwar weniger

Gewinne, aber wohl viel mehr Anreize

zu investieren, weil die Nachfrage ja

steigen würde. Oder, aber das ist vollends

des Teufels, man müsste sagen, die Deutschen

sollten mal weniger sparen, weil

man niemanden findet, der diese Ersparnisse

investiert. Aber was ist dann mit

der Rente, die doch nur gesichert werden

kann, wenn die Leute mehr sparen?

Das sind alles keine erbaulichen Themen

und vor allem keine, mit denen

man sich als Ökonom beliebt machen

würde. Das lässt man mal lieber und beklagt

lauthals die hohe Verschuldung

und fordert gleichzeitig die Menschen

zum Sparen auf, um die Zukunft sicherer

zu machen. Darüber kann man schöne

Vorträge bei Versicherungen halten

für Honorare, die einem beunruhigende

Gedanken an die eigene Zukunft nehmen.

Soll das dumme Volk doch weiter

denken, Schulden seien gefährlich. &

Foto: Torsten George

36

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


WIRTSCHAFTSPARTNER POLEN

Innovative »Grüne Technologien«

Kräftiger Wind aus Polen

Foto: Enercon

Polnische Unternehmen entdecken immer mehr Green-Tech als eine Chance für wirtschaftlichen Erfolg.

Die polnische Regierung fördert diese Entwicklung mit speziellen Wettbewerben und Programmen.

Das Thema »Grüne Technologien«

spielt in der polnischen Wirtschaft

zunehmend eine gewichtigere

Rolle. Zumal sich die Überzeugung

durchsetzt, dass Green-Tech neben dem

Umweltschutz auch einen wirtschaftlich

lukrativen Markt verheißt. Das Ministerium

für Umwelt in Polen unterstützt

diesen Trend. Seit drei Jahren veranstaltet

das Ministerium den Wettbewerb

»GreenEvo«. Er soll dazubeitragen, die

Entwicklung und Verbreitung von »Grünen

Technologien« in der polnischen

Wirtschaft zu beschleunigen.

In dem Wettbewerb um die konkurrenzfähigsten

und innovativsten Technologien

stellen polnische Unternehmen

ihre neuen technologischen und umweltfreundlichen

Lösungen vor. Unter

anderen in den Bereichen Saubere Kohletechnologien,

Energiesparsamkeit, Erneuerbare

Energien und Abfalllagerung.

Wie sehr sich mit innovativen Lösungen

auf dem Gebiet »Grüne Technologien«

auch neue Exportchancen für die

polnischen Unternehmen ergeben, zeigt

sich zum Beispiel am Omnibushersteller

Solaris Bus & Coach aus Poznan (Posen).

Das vor 15 Jahren gegründete Unternehmen

hat sich mit seinen umweltschonenden

Oberleitungs-, Hybrid- und Elektrobussen

längst einen Namen auch auf

dem hart umkämpften deutschen Markt

gemacht und hier einige Aufträge an

Land ziehen können.

Jüngstes Beispiel: Die in der Kooperationsgemeinschaft

Mittlerer Niederrhein

zusammengeschlossenen fünf Verkehrsunternehmen

haben sich im Rahmen

der Beschaffung 2012 zum dritten Mal

in Folge für Modelle von Solaris entschieden.

Die Lieferung umfasst 44 komfortable

Niederflur-Linienbusse der Urbino-

Familie von Solaris.

Zur Erzielung von Synergien schreiben

die Verkehrsunternehmen der nordrhein-westfälischen

Städte Mönchengladbach,

Krefeld, Neuss und Viersen sowie

des Kreises Heinsberg im Rahmen einer

Beschaffungsgemeinschaft die Lieferung

neuer Linienbusse gemeinsam aus. In

der diesjährigen Ausschreibung unterbreitete

Solaris das beste Angebot und

wurde damit als Lieferant für alle Fahrzeuge

ausgewählt.

Die Lieferung wird 24 Niederflurbusse

»Urbino 12« in Standardlänge sowie 20

Gelenkbusse »Urbino 18« umfassen. Solaris

konnte im Jahr 2010 erstmals 17 Busse

an mehrere Partner der Kooperationsgemeinschaft

Mittlerer Niederrhein liefern.

2011 entschieden sich bereits alle

fünf Unternehmen für Solaris und bestellten

zusammen 27 Urbino-Fahrzeuge.

Zudem lieferte Solaris im Rahmen separater

Bestellungen neun diesel-elektrische

Hybridbusse an beteiligte Verkehrsbetriebe.

Inklusive der in diesem Jahr

erwarteten Fahrzeuge werden damit fast

100 Solaris-Busse am Mittleren Niederrhein

unterwegs sein. Auf den folgenden

Seiten finden Sie einen ausführlichen Bericht

über die Erfolgsgeschichte des Busherstellers

Solaris aus Poznan.

Mit der breiten Einführung und Nutzung

von Green-Tech verbindet die polnische

Regierung auch das Ziel, die Klimaschutzvorgaben

der Europäischen Union

zu erreichen. So soll der Anteil Erneuerbarer

Energien an der Energieerzeugung

im Land von aktuell zirka fünf Prozent

auf 15 Prozent bis zum Jahr 2020 erhöht

werden. Ein wesentliches Element hierbei

ist neben dem Ausbau des Windkraft-

Sektors auch die gezielte Förderung des

Anbaus von Biomasse und die Stromerzeugung

aus Biogas. Dazu hat die Regierung

das Programm »Innovative Energien

– Energie aus der Landwirtschaft«

gestartet. Mehr dazu auf Seite 40.

Weitere Informationen finden Sie

unter www.greenevo.gov.pl

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 37


WIRTSCHAFTSPARTNER POLEN

E-MOBILITÄT

Flotten-Versuch

In Polen ist eines der europaweit

größten Projekte zur Einführung von

Elektromobilen gestartet worden.

Fotos: Solaris (2); Impact, Poldanor (2)

In Sachen Elektromobilität führt in Polen

kein Weg vorbei an der Firma EVC-

GROUP.EU. Sie verfügt über ein Fachservice-Netz,

das sich mit der Anpassung

von E-Antrieben in herkömmlichen Autos

mit Verbrennungsmotor beschäftigt.

Die Gesellschaft kann dieses Jahr über

1.000 Elektroautos liefern. Die Produktionskapazität

wird verdoppelt. Partner

der EVC-GROUP ist die Firma Green

Capital City sp. z o.o. Sie realisiert das

Projekt der kommerziellen Einführung

einer E-Autoflotte, das rund 2.000 Kraftfahrzeuge

umfasst. Es ist das größte

Projekt der Elektromobilität in Polen

und eines der größten in Europa.

Alle Fahrzeuge, die Green Capital City

bestellt, sind mit dem Telematiksystem

ausgestattet, das den Zugang zu allen

technischen Parametern der E-Antriebssysteme

via Internet sicherstellt. Im ersten

Halbjahr der Projektpraxis werden

die Messdaten der Autos erfasst, die in

DREIRAD: E-Mobil Re-Volt aus Polen.

dieser Zeit mehr als 1,5 Millionen Fahrkilometer

zurücklegen werden.

Die E-Autos mit dem Elektroantrieb von

EVC-GROUP.EU erzielen mit einer Batterieladung

eine durchschnittliche

Reichweite von mehr als 150 Kilometern.

Bei der Ladung durch Anschluss an

230V-Steckdosen wurde gar eine Tagesreichweite

von über 250 Kilometern erreicht.

Die E-Autos haben die gleiche

Funktionalität wie Autos, die mit Verbrennungsmotor

fahren. Der Großteil

der technischen Lösungen ist in Polen

entworfen worden. Ein Beispiel ist die

Lösung, beim Umrüsten auf Elektroantrieb

das Originalgetriebe und andere

Teile des Antriebssystems aus dem konventionellen

Auto zu verwenden.

Solaris Bus & Coach

Erfolg mit Öko-Bussen

In Poznan produziert ein Trendsetter der europäischen Busbranche.

Das Unternehmen Solaris setzt auf Innovationen zur E-Mobilität

mit Oberleitungsbussen, Hybridbussen und neuen Elektrobussen.

Solaris Bus & Coach aus Poznan (Posen)

ist einer der führenden europäischen

Bushersteller mit einer

Präsenz in 24 Ländern. Die beispiellose

Solaris-Erfolgsgeschichte begann dabei

erst vor 15 Jahren. Am 22. März 1996 verließ

der erste Bus die Werkshallen in

Bolechowo bei Posen und markierte damit

den ersten Schritt in der Vision der

Unternehmensgründer Krzysztof und

Solange Olszewski.

Die Umwelt und die urbane Lebensqualität

profitieren ganz besonders von

der konsequenten Ausrichtung auf zukunftsfähige

Elektromobilität. Schon

seit 2001 fahren Solaris-Oberleitungs-

Busse auf Europas Straßen, heute ist Solaris

europaweit Trolleybus-Marktführer.

Im vergangenen Jahr konnte der 500. Bus

vom Typ »Solaris Trollino« an seinen Betreiber

übergeben werden. Er fährt auf

leisen Reifen im polnischen Lublin.

Im Jahr 2006 präsentierte sich Solaris

als Trendsetter und bot als erster europäischer

Bushersteller einen Stadtbus

an, der mit serienmäßiger Hybridtechnologie

ausgestattet ist. Ganz der Unternehmensphilosophie

folgend diktiert Solaris

seinen Kunden auch beim Hybridbus keine

unpassenden Lösungen, sondern bietet

mit dem größten Angebot diesel-elektrischer

Antriebskonzepte für jeden Einsatzzweck

den passenden Hybridbus an.

Das Spektrum reicht vom »Urbino 12 Hybrid«

in Standardlänge, dessen Komponenten

komplett im Fahrzeug untergebracht

sind und damit keine aufwendigen

Dacharbeitsstände in Werkstätten

benötigen, bis zum Gelenkbus »Urbino

18 Hybrid«. In der Ausführung mit seriellem

Hybridsystem verfügt dieser mit

Batterien und Supercaps über gleich

zwei Energiespeicher sowie einen Plugin-Anschluss

zur stationären Ladung und

nutzt damit soviel elektrische Energie

wie möglich.

Die umfangreichen Erfahrungen im

Bau und Betrieb von Oberleitungsbussen

und Hybridbussen sind auch in vollem

Umfang in die Entwicklung des ersten

Solaris-Elektrobusses eingeflossen. Der

»Solaris Urbino electric« eröffnet neue

38 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


WIRTSCHAFTSPARTNER POLEN

NACHRICHTEN

UMWELTSCHONEND: Innovationsstarker Trolleybus (l.) bzw. Elektrobus von Solaris.

Möglichkeiten für den emissionsfreien

Nahverkehr von morgen.

»Der Diesel ist tot – lang lebe die Elektrizität!«

Was Solaris-Gründer Krzysztof

Olszewski bereits zur Vorstellung des

ersten Solaris-Hybridbusses vor sechs Jahren

sagte, gilt heute erst recht für den

Elektrobus »Solaris Urbino electric«.

Emissionsfrei, leise und unabhängig von

steigenden Dieselpreisen – der »Solaris

Urbino electric« garantiert eine nachhaltige

zukunftsfähige Mobilität.

DAS

UNTERNEHMEN

In 24 Ländern präsent

Solaris Bus & Coach ist ein polnischer

Omnibushersteller mit Firmensitz nahe

Posen, zentral gelegen zwischen den

europäischen Hauptstädten Warschau

und Berlin. Solaris zählt zu den führenden

Herstellern der europäischen

Omnibusbranche und bietet eine breite

Palette an modernen Stadtbussen,

Überlandbussen, Oberleitungsbussen

und Bussen für spezielle Einsatzzwecke.

Seit Produktionsbeginn vor gut 15 Jahren

haben über 8.000 Busse dieses

Werk verlassen. Der Export von Solaris-

Bussen begann im Jahr 2000 und trägt

heute wesentlich zum Wachstum des

Unternehmens bei. Mittlerweile verkehren

Solaris-Busse in 24 Ländern.

Deutschland ist der größte Exportmarkt

des polnischen Herstellers.

Mit bis zu 100 Kilometern Reichweite

und einer Ladezeit von nur vier Stunden

bietet der neue »Solaris Urbino electric«

flexible Einsatzmöglichkeiten im Personennahverkehr.

Seine Basis ist der bewährte

Midibus »Alpino 8,9 LE«. Durch

die konsequente Umsetzung des Low-Entry-Konzepts

bietet der Solaris-Elektrobus

trotz seiner bescheidenen Dimensionen

von nur 8,9 Meter Länge und 2,4 Meter

Breite viele Sitzplätze – ausstattungsabhängig

sind bis zu 29 feste Sitze sowie

zwei Klappsitze möglich. Niederflurige

Einstiege sorgen für barrierefreien und

bequemen Zugang, für Kinderwagen und

Rollstuhlfahrer steht eine Mehrzweckfläche

gegenüber der zweiten Tür zur

Verfügung.

Den Antrieb des »Solaris Urbino electric«

liefert der Solaris-Systempartner

Vossloh Kiepe. Das deutsche Unternehmen

nutzte seine jahrzehntelange Kompetenz

als Spezialist für elektrische Traktionsausrüstungen

auch für den »Solaris

Urbino electric«. Dieser beschleunigt

sanft und stufenlos auf im Stadtverkehr

übliche 50 km/h.

Solaris-Vorstandsvorsitzende Solange

Olszewska kommentiert: »Dieser Elektrobus

ist eine echte Revolution im öffentlichen

Nahverkehr und ein großer Schritt

zu neuen Einsatzmöglichkeiten für elektrische

Fahrzeuge. Wir bieten mit dem

Solaris Urbino electric einen Bus, der unsere

Städte durch Lärmminderung und

Emissionsfreiheit lebenswerter macht.«

WIRTSCHAFTSZONE

Deutsche Firmen

Seit Dezember 2011 sind in Kostrzycko-

Slubicka drei Ansiedlungen deutscher

Unternehmen genehmigt worden.

In der Sonderwirtschaftszone Kostrzycko-

Slubicka wird das deutsche Unternehmen

Stenqvist Poland GmbH einen Papierverpackungen

produzierenden Betrieb in

Kostrzyn an der Oder bauen. Das Unternehmen

wird über 80 neue Arbeitsplätze

schaffen. Die Investitionen werden sich

auf mindestens 16 Millionen PLN (poln.

Zloty) belaufen. Die Investition soll im

Dezember 2012 abgeschlossen sein.

Klaus Borne, ein Hersteller von Polstermöbeln

aus Barlinek, wird eine Möbelfabrik

in Gorzów Wielkopolski bauen,

in die er bis Ende 2015 mindestens

67,5 Millionen PLN investieren will. Er

hat vor, wenigstens 50 Mitarbeiter einzustellen.

Guri Vital, ein Produzent aus

der Pharmaindustrie, wird Nahrungsergänzungsmittel

in einem neuen Werk in

Kostrzyn herstellen. Das Fünf-Millionen-

PLN-Projekt, wird bis Ende 2013 realisiert

werden. Der Investor plant wenigstens

zwölf Arbeitsplätze zu schaffen.

ÖKO-STROM

Berichtigungsfaktor

Für eine differenziertere Förderung von

Erneuerbaren Energien werden in Polen

alle drei Jahre die Bedingungen geprüft.

Die polnische Regierung hat vorgesehen,

bei der Förderung von Öko-Strom einen

so genannten »Berichtigungsfaktor“ für

erneuerbare Energiequellen einzuführen.

Der »Berichtigungsfaktor« wird alle drei

Jahre durch den Wirtschaftsminister des

Landes bestimmt werden und soll für

die jeweilige erneuerbare Energiequelle

fünf Jahre lang gelten. Durch diesen

Korrekturfaktor soll es eine differenzierte

Förderung je nach Energiequelle geben.

Bei der Bestimmung des »Berichtigungsfaktors«

durch den Wirtschaftsminister

sollen Kriterien wie technischer Fortschritt,

die Analyse der Produktionskosten

für die Energie in der jeweiligen

Quelle sowie die nationale Energiepolitik

berücksichtigt finden.

Eingeführt wird außerdem ein Mindestförderzeitraum

von 15 Jahren. Damit soll

das Investitionsrisiko reduziert werden,

das sowohl in finanzieller als auch in

gesellschaftlicher Hinsicht nicht unerheblich

ist, wie von staatlicher Seite dieser

administrative Schritt der Regierung

begründet wird.

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 39


WIRTSCHAFTSPARTNER POLEN

NACHRICHTEN

Biogas in Polen

Gezielte Förderung

Staatliche Unterstüzung bietet

beste Chancen für Investitionen in

landwirtschaftliche Biogasanlagen.

Zur Erreichung der Klimaziele der

Europäischen Union beabsichtigt die

polnische Regierung, den Anteil der Erneuerbaren

Energien an der Energieerzeugung

von aktuell etwa fünf Prozent

auf 15 Prozent bis 2020 zu erhöhen. Bis

2030 liegt die Zielmarke bei 30 Prozent.

Den größten Anteil bei Erneuerbaren

Energien hat derzeit in Polen die Windkraft,

die sich seit Jahren rasant entwickelt

hat. Aktuell setzt Polens Regierung

in den Gesetzesvorgaben und

Förderrichtlinien auf die Entwicklung

MODERN: Biogasanlage von Poldanor SA.

dezentraler Energieversorgung und

eröffnet so neue Chancen für Biomasse

und -gas aus agrarischer Erzeugung.

In Polen sind 18,5 Millionen Hektar Land

landwirtschaftlich genutzt, das sind

1,5 Millionen mehr als in Deutschland.

Damit sind die benötigten Rohstoffe

zum Betrieb von Biogasanlagen in Polen

ausreichend vorhanden. Das Biomassepotenzial

ermöglicht die Erzeugung

von fünf Milliarden Kubikmeter Biogas.

Dabei ist kalkuliert, dass vor allem

Agrar-Nebenprodukte sowie Reststoffe

aus Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie

verwendet werden. Zudem

sollen Pflanzen (inkl. Energiepflanzen)

angebaut werden, die als Substrat in den

Biogasanlagen dienen sollen.

Erneuerbare Energien

Gesetz auf drei Säulen

Der Verkauf von Zertifikaten fördert auf Polens Energiemarkt die

Produktion von Öko-Strom. Die Regeln dafür wurden überarbeitet.

Anlässlich der Teilnahme Polens

als Partnerland der BioGasWorld

Messe 2012 hat die Abteilung für

Handel und Investitionen der Botschaft

der Republik Polen in Deutschland zusammen

mit der Rechtskanzlei von Zanthier

& Schulz eine neue Broschüre über

die rechtlichen Rahmenbedingungen für

Investoren auf dem polnischen Biogasmarkt

herausgegeben. In der Broschüre

werden auch Bestimmungen des Entwurfes

des erneuerbaren Energiegesetzes

vom Dezember 2011 in Kürze dargestellt.

Anders als in Deutschland wird die

Produktion von Energie aus erneuerbaren

Energiequellen (EE) in Polen nicht

durch eine gesetzlich festgelegte Einspeisevergütung,

sondern durch ein System

des Verkaufs von Zertifikaten geregelt.

Den Kaufpreis müssen die polnischen

Energieversorgungsunternehmen (EVU)

durch eine gesetzlich festgelegte Pflicht

zum Erwerb der Zertifikate bezahlen.

Nach der Gesetzesnovelle von 2010,

deren Regelungen teilweise erst zum

01.01.2011 in Kraft getreten sind, können

bei der Produktion von Biogas oder elektrischer

Energie aus Biogas grundsätzlich

zwei Arten von Zertifikaten generiert

und verkauft werden: die grünen

Zertifikate und die braunen Zertifikate.

Beide Zertifikate werden nur gewährt,

wenn der Strom aus einer erneuerbaren

Energiequelle hergestellt wird. Wird Biogas

in einer hocheffektiven Kraft-Wärme-

Kopplungs-Anlage verbrannt, können

die EE-Produzenten zusätzlich Zertifikate

für die Produktion von Energie unter

Einsparung von Primärenergie – wegen

erhöhter Energieeffizienz – erhalten. Das

sind die gelben und violetten Zertifikate.

Aus dem derzeitigen polnischen Energiegesetz

von 1997 soll nach den Plänen

der Regierung das sogenannte Energieregulierungspaket

entstehen, bestehend

aus dem Energiegesetz, dem Gasgesetz

und dem Erneuerbare-Energien-Gesetz.

Durch diese Änderung sollen die derzeitigen

Vorschriften des Energiegesetzes

geordnet, vereinfacht, verbessert und an

die Bestimmungen des EU-Rechts angepasst

werden. Im Dezember 2011 wurden

die drei Gesetzesentwürfe vom Wirtschaftministerium

veröffentlicht. Demgemäß

soll das Energieregulierungspaket

am 1. Juli 2012 (und teilweise am 1. Januar

2015) in Kraft treten. Aus den Bestimmungen

des Entwurfes zu den

Förderungsmechanismen für erneuerbare

Energiequellen geht hervor, dass

das Zertifikatsystem aufrechterhalten

werden soll und es somit auch künftig

keine feste Einspeisevergütung wie in

Deutschland geben wird. Das System soll

aber eine ähnliche Sicherheit wie Einspeisetarife

gewähren.

HERAUSGEBER

Botschaft der Republik Polen

Abteilung für Handel und Investitionen

Leipziger Platz 2, 10117 Berlin

Projektleiter: Jan Masalski, Botschaftsrat

Tel.: +49 (30) 20 62 26 70

info@wirtschaft-polen.de

www.berlin.trade.gov.pl

BIOGASANLAGE: Die polnische Firma Poldanor SA produziert Öko-Strom.

40 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


BERICHT

Energieeinsparung

Gewinnbringender

Röhrenwechsel

Vom 15. bis 20. April findet in Frankfurt am Main die weltgrößte

Messe für Licht und Gebäudetechnik light+building statt.

Schwerpunkt ist die Energieeffizienz. Da ist noch viel drin, denn die

meisten Unternehmen verpassen immer noch Energiesparchancen.

Rund 500 Millionen defekte Leuchtstoffröhren

werden in Europa und

in den USA jedes Jahr ausgewechselt

– in Lagerhalle, in Produktionsgebäuden

und Werkstätten, in Büros, in Geschäften

und Einkaufszentren, in Hotels

oder auf Bahnhöfen. Wer die alte Röhre

nur durch eine neue ersetzt – und das ist

die Regel – schmeißt gewissermaßen das

Geld zum Fenster raus. Denn längst gibt

es Alternativen in Gestalt der LED Tube,

der Röhre, die mit Licht emittierenden

Dioden bestückt ist. LED Tubes sind zwar

teurer als herkömmliche Leuchtstoffröhren,

dafür haben sie aber entscheidende

Vorteile.

BEISPIELRECHNUNG

Einsatz von LED Tubes in einem Gewerbebetrieb

ZERTIFIZIERTER HERSTELLER

Ulrike Scheerer, Geschäftsführerin der

ONTOPx LED GmbH: »LED-Leuchtmittel

geben bereits beim Einschalten die volle

Leuchtmenge ab, enthalten – anders als

die meisten Energiesparlampen – kein

giftiges Quecksilber, strahlen in angenehmeren

Lichttönen und leben deutlich

länger bei äußerst geringem Leuchtkraftverlust.

Und sie sparen im Vergleich

zu herkömmlichen Leuchtstoffröhren

bis zu 70 Prozent Energie.« Das mittelständische

Unternehmen ONTOPx aus

Eppstein im Taunus hat als erster Hersteller

von LED-Leuchtmitteln sowohl die

Zertifizierung durch den Technischen

Überwachung-Verein als auch durch den

Verband der Elektrotechnik, Elektronik,

Informationstechnik erreicht.

Vorhandene Leuchtstoffröhren können problemlos gegen LED Tubes

ausgetauscht werden. Die Investition amortisiert sich innerhalb sehr

kurzer Zeit durch Energieeinsparungen und geringeren Wartungskosten:

Alte Leuchtstoffröhren* Ersatz durch LED Tubes**

Anzahl der Röhren 100 Tubes 100 Tubes

Einsatzzeit 300 Tage/Jahr, 12 h/Tag 300 Tage/Jahr, 12 h/Tag

Stromverbrauch 24.480 kWh/Jahr 8.280 kWh/Jahr

Kosten 3.672 Euro/Jahr 1.242 Euro/Jahr

CO 2 -Ersparnis

9,9 t/Jahr

Amortisationszeit

20 Monate

* T8, 1.500 mm, Stromverbrauch: 68 W/h, Strompreis: 0,15 Euro/kWh, Kosten je Röhre (inkl. Austausch):

10 Euro/Jahr, Lebensdauer: 714 Tage/Röhre;

** T8, 1.500 mm, Stromverbrauch: 23 W/h, Strompreis: 0,15 Euro/kWh, Kosten je Röhre: 49,95 Euro,

Lebensdauer: 3.571 Tage/Röhre;

Quelle: ONTOPx LED GmbH, LightDec® Tubes

TUBES PASSEN IN ALTE FASSUNGEN

LED-Leuchtmittel gibt es aber nicht nur

als Röhren, sondern auch als Spots,

Decken- und Flächenstrahler, Panele und

Straßenleuchten. Sie spielen ihre Vorteile

am ehesten bei langen Brenndauern

aus. Im Bereich der mittelständischen

Unternehmen sind beispielsweise Tankstellen,

Einzelhändler mit langen Öffnungszeiten,

Produktionsbetriebe, Werkstätten

und Hotels geradezu prädestinierte

Einsatzorte.

Wer die Leuchtstoffröhren gegen LED

Tubes austauscht, muss nicht gleich die

ganze Lampe wechseln, denn die Tubes

passen in die vorhandenen Fassungen.

Auf die bei Leuchtstoffröhren unabdingbaren

Vorschaltgeräte kann auch verzichtet

werden, was die LED Tube an

Elektronik benötig, ist in die Röhre bereits

integriert. Trotz der höheren Anschaffungskosten

amortisieren sich LED

Tubes wegen der deutliche niedrigeren

Strom- und Wartungskosten und der längeren

Lebensdauer oft schon nach kurzer

Zeit (siehe Beispielrechnung).

ANGENEHME FARBEN UND STÄRKEN

Warum viele Unternehmen beim Ersatz

von Leuchtstoffröhren auf die Kosteneinsparung

verzichten, erklärt ONTOPx-

Geschäftsführerin Scheerer mit der

Macht der Gewohnheit sowie mit immer

noch vorhandenen Vorurteilen gegenüber

LED-Leuchtmitteln. Doch mit den

lichtschwachen Funzeln der ersten Generation

haben die heutigen Produkte

nichts mehr zu tun. Unternehmen, die

auf LED-Leuchtmittel umgerüstet haben,

loben das gleichmäßige und flimmerfreie

Licht, das in von den Mitarbeitern

als angenehm empfundenen Farben und

Stärken strahlt.

Den zügigen Einsatz von LED Tubes

behindert aber auch die Marktmacht der

großen Leuchtmittel- und Leuchten-

ULRIKE

SCHERER,

Geschäftsführerin

der ONTOPx

LED GmbH.

hersteller, die am weiteren Absatz ihrer

etablierten Produkte interessiert sind, ist

Ulrike Scheerer überzeugt.

Natürlich hat die Sache auch eine Umwelt-

und Klimawirkung. Wo Energie eingespart

wird, sinkt auch die Freisetzung

des Klimakillers CO 2 . In Deutschland

werden 15 Prozent des verbrauchten

Stroms für Beleuchtung eingesetzt. Den

größten Anteil daran hat die Beleuchtung

in Industrie, Gewerbe, Handel und

Dienstleistungseinrichtungen.

Würden ineffiziente Lampen und

Leuchten durch solche höherer Effizienz

ersetzt und bessere Steuerungen eingesetzt

werden, könnte im Jahre 2015 allein

durch wirtschaftliche Maßnahmen

der Stromverbrauch um rund 16 Terawattstunden

niedriger sein, so das Umweltbundesamt.

Wer in seinem Betrieb

demnächst alte Leuchtstoffröhren durch

LED Tubes ersetzen lässt, spart nicht

nur Betriebskosten, sondern verbessert

die Ökobilanz des Unternehmens ganz

erheblich.

Peter Kanne

&

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 41


SERIE

M arken

acher

ärkte

Zabag Anlagentechnik GmbH

Sicherheit bei

Toreschluss

Firmengründer Michael Simon

hat mit Ideen und einem starken Team

die Zabag Anlagentechnik GmbH

im erzgebirgischen Grünhainichen

zu einem Top-Hersteller für Pforten

und Umzäunungen gemacht. Sie

genügen höchsten Sicherheitsanforderungen.

Das sächsische Unternehmen

expandiert seit Jahren kontinuierlich.

Königshäuser, Botschaften und

Betreiber von Kernkraftwerken zählen

zu der Schar internationaler Kunden.

Fotos: H. Lachmann

42 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


MANGELWARE LEHRLINGE

Verstärkt wurde in letzter Zeit auch die

Niederlassung, die die Ostdeutschen im

westfälischen Paderborn unterhalten.

Hier hatte Zabag 2007 einen Mitbewerber

gekauft. »Ossis übernehmen Wessis,

die nun den Service für Ossis machen«,

schmunzelt Simon ein wenig über den

Deal, der ihm und seinem Mitgesellschafter

Rico Heinrich da gelungen war.

Mittlerweile beschäftigt Zabag 99 Mitarbeiter.

»Längst sollten es über hundert

sein«, ärgert sich Simon. »Doch finde mal

einer heutzutage gutes Personal.« Im ingenieurtechnischen

wie im handwerklichen

Bereich – etwa Schweißer und Elektriker

– fehle es an geeigneten Leuten.

Lehrlinge seien rar im Erzgebirge, vor

allem solche, die nicht mit Mathe und

Physik auf Kriegsfuß stünden. Fünf hätte

er im letzten Herbst gern genommen,

nur für einen entschied er sich.

Dennoch schwört der bodenständige

Unternehmer, der sich seit kurzem sogar

»Botschafter des Erzgebirges« nennen

darf, auf die Berge wie auf seine Truppe.

Sie hätten einen guten Stamm an Facharbeitern,

auch dank der Industrie, die hier

einst angesiedelt war – dkk Scharfen-

K

ann ein Eisentor, und sei es noch

so fest aus edlem Stahl verschweißt,

einen mittelschweren Lkw aufhalten,

wenn der mit gut 40 Sachen darauf

zu donnert? »Es muss halten!«, versichert

Michael Simon. Zumindest wenn es das

Siegel von Zabag am Pfosten kleben habe.

»Wie wir das gemacht haben?« Der 53-

jährige schaut zufrieden: »Wir integrierten

in die Toranlage ein Stahlseil, das die

tonnenschweren Aufprallkräfte dann in

den Boden ableitet.« Konkret ging es

um die Dubliner Niederlassung des Softwaregiganten

Microsoft.

Tore sind Simons Element. Dabei fasst

dieses Wort eigentlich viel zu kurz angesichts

der raffinierten Zugangsanlagen,

Drehkreuze und Schrankensysteme, die

er mit seinem Team plant, projektiert

und fertigt. Die Konstruktionen aus

Grünhainichen schützen heute Botschaften,

internationale Flughäfen, Atomkraftwerke,

Gefängnisse und forensische

Anstalten. Wahlweise bestücken die

Sachsen die Hightech-Pforten auch mit

elektronischen Schleusen, Lichtschranken

oder Einrichtungen, die das Kennzeichen

jedes passierenden Fahrzeuges

erfassen. In Zeiten von weltweitem Terror

lasse sich praktisch jeder noch so unbescheidene

Sicherheitswunsch erfüllen,

versichert Simon. Größte Herausforderung

sei bisher eine Atomwiederaufbereitungsanlage

in Bayern gewesen.

US-BOTSCHAFT UND ANDERE KUNDEN

Nahezu jede ihrer Anlagen ist ein Unikat.

»Bei uns gibt es nichts von der Stange,

wir arbeiten auftragsbezogen«, sagt der

Maschinenbauingenieur, der längst auch

Profi für Lasertechnik und IT-Finessen

ist. »Unsere Stärke besteht darin, dass wir

sehr individuell arbeiten können.« Darum

bezögen die Kunden sie bereits früh

in die Planung ein; dann seien sie bis zur

Endmontage vor Ort unverzichtbar.

Kunden hat Zabag weltweit, von England

bis Indien, von Skandinavien bis

Afrika. In Schweden und Finnland umfriedeten

sie zuletzt vier Kernkraftwerke,

in Stockholm die US-Botschaft, in Delhi

die der Bundesrepublik, am Frankfurter

Airport das Terminal 3. Voriges Jahr ließ

sich sogar das saudische Königshaus im

Erzgebirge zwei Teleskop-Schiebetore

maßschneidern. Zabag arbeitet für Siemens,

Daimler, Bosch. »Alles überaus kritische

Kunden«, sinniert Simon respektvoll.

Wenn dort mal ein Defekt in der

Zugangssicherung auftrete, müsse man

in vier, fünf Stunden vor Ort sein, bei Gefängnissen

sogar nach drei.

Simon hat das Unternehmen von Null

aufgebaut. Das Firmenkürzel Zabag steht

heute für Zugangsanlagenbau. Einst lei-

tete sich das von Zaunbau Grünhainichen

ab. Michael Simon begann seine

Karriere ähnlich wie Bill Gates: In einer

Garage fertigte er mit zwei Partnern Zäune

für Eigenheime und Sportplätze. Vorher

waren sie in der ostdeutschen Motorradschmiede

MZ Zschopau tätig. Doch

als die Entlassung drohte, suchten sie

ihr Heil in der Selbstständigkeit. 1990

war das. Seither geht es steil bergauf.

»Zäune machen wir seit 1999 nicht

mehr«, berichtet Simon, der Hauptgeschäftsführer.

Dass sie tief im Erzgebirge,

quasi »hinter den sieben Bergen« liegen,

wie er es lächelnd nennt, sieht er dabei

als Vorteil. So haben sie sich »unbeobachtet

von der Konkurrenz« entwickeln können.

Sie bauten neu, erweiterten mehrfach

das Werk, investierten Millionen.

Heute sind sie eine Top-Adresse im verschwiegenen

Metier. »Wir spielen in einer

Liga, wo man empfohlen wird, wo

SCHRANKEN-SPEZI: Zabag-Chef Michael

Simon verkauft Spezialtechnik weltweit.

Kunden auf einen zukommen«, so der

Manager, der sich auch ein passables

Englisch zugelegt hat. Vor allem der Auslandsmarkt

wachse extrem: »Im Januar

haben wir nur für Schweden gearbeitet,

den Februar über für die Schweiz.«

2011 wuchs der Auftragseingang um

60 Prozent gegenüber dem Vorjahr, womit

zwangsläufig auch die Wartezeiten

für die Kunden zunahmen. Simon stellte

letztes Jahr zehn neue Leute ein, setzte

sieben Millionen Euro um. Bisher wurden

die Aufträge auf einer gut 4.000 Quadratmeter

großen Fläche realisiert, nahe

dem Wasserwerk in Grünhainichen.

Doch mittlerweile reichen diese Kapazitäten

weder vorn noch hinten. So eröffnete

vor gut einem Jahr im osterzgebirgischen

Rechenberg-Bienenmühle

eine zweite Produktionsstätte. Zabag

übernahm hier mehrere Produktionshallen

sowie einen umfangreichen Maschinenpark

von der einstigen Niederlassung

eines amerikanischen Unternehmens,

das Baugruppen für Bagger produziert

hatte. Nunmehr entstehen auch hier

SERIE

Schiebe- und Standardtore aus Stahl, Aluminium

und Edelstahl. Mithin konnte

das sächsische Unternehmen seine Fertigungsmöglichkeiten

vor allem in den

Bereichen Metall- und Blechbearbeitung

erweitern. Überdies verfüge die Firma in

Rechenberg-Bienenmühle nun auch über

Platz, sehr große Toranlagen zu fertigen,

freut sich Simon. Daneben will der Firmenchef

zudem eine Lohnfertigung für

andere Firmen aufnehmen.

stein oder der Spinnereimaschinenbau

in Flöha. Seit 1995 bildete Zabag gut 25

Lehrlinge aus.

Auch Simons Tochter und Sohn arbeiten

bereits im Unternehmen. Aber nicht

gleich im Management. »Sie sollen selbst

erfahren, wie schwer der Mond ist«, beschreibt

es der Vater. Es hätte ihn gestört,

wenn sie gleich oben eingestiegen wären,

ohne sich bei der altgedienten Belegschaft

erste Sporen erarbeitet zu haben.

Das Bild mit dem Mond kommt dabei

nicht von ungefähr. Nachdem Michael Simon

früher ein leidenschaftlicher Karnevalist

war, legt er nunmehr eine tiefe

philosophische Ader in sich frei. Ja, es sei

schon irgendwie auch die Suche nach

dem Sinn des Lebens, räumt er ein. Er

macht sich Gedanken, was die Welt in

ihrem Innersten zusammenhält, wofür

es zu streiten, wofür es zu leiden lohnt.

Und er wirkt, als sei er hierbei ziemlich

im Reinen mit sich.

Harald Lachmann

&

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 43


W&M-SERVICE

DAS

THEMA

GRÜNDER

Staat reduziert

Zuschüsse

Der Gründungszuschuss fördert

Arbeitslose beim Start

in die Selbständigkeit. Doch

nun gibt es weniger Geld.

Es ist eine Gesetzmäßigkeit:

Verharrt die Arbeitslosigkeit

auf hohem Niveau, versucht der

Staat Arbeitslose mit Zuschüssen

aller Art und Lobpreisungen

von Eigeninitiative und Unternehmergeist

in die Selbständigkeit

zu locken. Brummt die

Wirtschaft hingegen, werden

die Förderprogramme radikal

zusammengestrichen. Dann sollen

Arbeitslose gefälligst die

freien Stellen in der Wirtschaft

abdecken. So geschah es auch

zu Beginn dieses Jahres. Statt

1,9 Milliarden Euro stehen nun

nur noch eine Milliarde Euro an

Haushaltsmitteln zur Verfügung.

Die wichtigsten Änderungen

benennt Dr. Andreas Lutz,

Fachautor des Ratgebers »Gründungszuschuss

und Einstiegsgeld«

(Linde Verlag, 4. akt. Auflage

2011, 216 Seiten, 19,90

Euro): »Man muss den Gründungszuschuss

zwei Monate

früher beantragen. Die Grundförderung

(Arbeitslosengeld I

plus 300 Euro) fließt sechs statt

bisher neun Monate. Zudem bekommt

nicht mehr jeder den

Zuschuss: Die Vergabe erfolgt

nach Ermessen im Rahmen der

deutlich gekürzten Budgets.

Man muss sich also mehr Mühe

bei der Antragstellung geben

als bisher.« Aus der Sicht des

Gründungsexperten Lutz ein

Ärgernis, denn Experten haben

dem Förderinstrument

hinsichtlich seiner Effizienz eigentlich

ein gutes Zeugnis ausgestellt.

Lutz: »Weniger als zehn

Prozent der Geförderten

werden wieder arbeitslos, rund

70 Prozent bleiben hauptberuflich

selbständig.« Und die

Gehälter, betont Lutz, liegen einige

Jahre nach der Förderung

im Durschschnitt deutlich über

dem Verdienst anderer ehemals

Arbeitsloser.

MOBBING

Mehr als nur

ein Streit

Nicht jeder Zwist im Unternehmen

erfüllt den Tatbestand

des Mobbings, so

ein aktuelles Urteil.

Um einen solchen Streit als

Mobbing zu qualifizieren,

muss es zu gezielten Beleidigungen,

Einschüchterungsversuchen

oder Erniedrigungen

kommen. Länger andauernder

Zwist erfüllt nicht

automatisch die Voraussetzungen

für das so genannte

Mobbing im Unternehmen.

Dazu gehöre die Schaffung

eines feindlichen Umfeldes,

so das Landesarbeitsgericht

Hamm in einem Urteil (Az. 11

Sa 722/10).

Geklagt hatte ein Oberarzt

gegen seinen früheren Chef.

Von diesem fühlte er sich schikaniert

und wollte Einkommenseinbußen

aufgrund

einer notwendig gewordenen

ärztlichen Behandlung ausgeglichen

sehen.

Die Richter jedoch waren

überzeugt, dass der Beklagte

die Grenzen eines sozial- und

rechtsadäquaten Verhaltens

in typischen beruflichen Konfliktsituationen

nicht überschritten

habe.

IM UNTERNEHMEN

HOTEL

Aufzug in die

Katastrophe

Eine fehlerhaft programmierte

Aufzugsanlage verursachte

bei drei Hotelgästen

schwere Verletzungen.

Ein Generalunternehmer war

mit dem Umbau eines historischen

Gebäudes zu einem Hotel

beauftragt. Er ließ durch

einen Subunternehmer eine

Aufzugsanlage einbauen.

2006 trat ein Schaden auf, bei

dem aus den Rohrleitungen

der Fernwärmeanlage im Untergeschoss

massiv Heißwasser

austrat. Der Wasserdampf

löste Brandalarm aus. Darauf

fuhr der Aufzug automatisch

ins Erdgeschoss und blieb

dort mit offener Tür stehen.

Drei Hotelgäste stiegen ein.

Statt ins Obergeschoss fuhr

der Aufzug wegen eines erneuten

Alarms aber ins Untergeschoss.

Dort öffnete sich die

Tür und das eindringende

Heißwasser fügte den Hotelgästen

schwere Verbrennungen

zu. Dafür haftet nun der

Generalunternehmer. Seine

Werkleistung sei mangelhaft,

weil die Aufzugssteuerung

nicht fachgerecht programmiert

war (OLG Hamm, Az. I-

21 U 167/10).

VERKEHRSZENTRALREGISTER

Fast neun Millionen Sünder

Verkehrsminister Peter Ramsauer will die Verkehrssünderkartei

reformieren. Ein Vorhaben, dass eine große Zahl der Bundesbürger

betrifft. Immerhin haben fast neun Millionen Autofahrer

Punkte in Flensburg gesammelt.

Im VZR registrierte Personen am 1. Januar 2011 8.995.000

Im Jahr 2010 registrierte Zuwiderhandlungen

Straftaten 273.000

Ordnungswidrigkeiten 4.383.000

Drogenverstöße 175.000

Unfallflucht 36.000

Quelle: Kraftfahrt-Bundesamt

URTEIL AKTUELL

Der Fall und DIE FOLGEN

Haftung für

Geldautomaten

DER FALL: Ein Kunde erhielt

eine Kreditkarte. Für diese

war der Höchstbetrag für

Bargeldauszahlungen auf 1.000

Euro pro Tag begrenzt. Einen

Verlust der Karte musste der

Kunde unverzüglich melden.

Bis zum Eingang dieser Verlustmeldung

sollte er nur bis zu einem

Höchstbetrag von 50 Euro

haften. Nun kam es von seinem

Konto zu sechs Abhebungen zu

je 500 Euro, wobei die persönliche

Identifikationsnummer

(PIN) verwendet wurde. Der Beklagte

widersprach den Abbuchungen

und kündigte den

Kreditkartenvertrag. Die Bank

hingegen verlangte den Abbuchungsbetrag

zurück und

argumentierte, der Beklagte

habe die Geheimhaltungspflicht

seiner PIN verletzt.

DAS URTEIL: Zunächst bekam

die Bank in zwei Instanzen

Recht. Sie beriefen sich auf

die Rechtsprechung des BGH,

wonach bei einer Verwendung

der Originalkarte der Beweis

des ersten Anscheins dafür

spreche, dass der Kunde seine

Sorgfaltspflichten vernachlässigt

habe. Der BGH (Az. XI ZR

370/10) stellte aber nun klar,

dies gelte nur bei der Verwendung

der Orginalkarte, nicht

bei einer von Betrügern erstellten

Kartenkopie. Im übrigen

gelte die Haftungsbegrenzung

für den Kunden auf 50 Euro

auch bei schuldhafter Verletzung

seiner Sorgfaltspflichten.

Außerdem sei die maximale

Abhebungsgrenze von 1.000

Euro einzuhalten gewesen.

DIE FOLGEN: Die Banken

müssen nun beweisen, dass die

Orginalkarte eingesetzt wurde.

Dies dürfte schwer fallen. Kunden

werden einwenden, ihre

Karte sei gestohlen und die

Daten für eine Kopie ausgelesen

worden. Außerdem müssen

Banken dafür sorgen, dass

Abhebungsgrenzen in jedem

Fall eingehalten werden.

44 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


W&M-SERVICE

URLAUB

Alkohol sorgt

für Ärger

Eigener Alkohol an Bord

eines Kreuzfahrtschiffes

wird von den Reedereien

nicht gern gesehen.

Ein Reisender wollte zwei Flaschen

Whiskey mit an Bord eines

Kreuzfahrtschiffs nehmen.

Doch die Reederei lehnte ab.

Schließlich gäbe es ja auch

eine Bordbar. Als er sich weigerte,

die Flaschen abzugeben,

wurde er des Schiffes verwiesen.

Das Amtsgericht Frankfurt

(Az. 385 C 2455/10) zeigte dafür

kein Verständnis. Unter anderem

musste die Reederei Schadenersatz

für die entgangenen

Urlaubsfreuden und die Erstattung

der Kosten für den Rückflug

leisten. Der Verweis wäre

nur dann gerechtfertigt gewesen,

wenn das Verhalten des

Mannes Auswirkungen auf

Schiff, Besatzung oder Passagiere

gehabt hätte. Doch eine

solche Gefahr gehe von zwei

Flaschen Whiskey nicht aus

und der Mann sei auch nicht

angetrunken gewesen.

DIE MEINUNG DES EXPERTEN

Rund neun Millionen Deutsche teilen ein

gemeinsames Schicksal: Ihre Verkehrssünden

sind im so genannten Verkehrszentralregister

erfasst. Bei 52 Millionen Führerscheininhabern

ein hoher Anteil. Frauen – so die Zahlen, die für

2010 veröffentlicht wurden – sind davon weit

weniger betroffen. Lediglich 22 Prozent der

registrierten Sünder sind weiblichen Geschlechts.

Insgesamt wurden 47 Millionen

Punkte angehäuft. 5.000 Fahrverbote werden

pro Jahr ausgesprochen. Künftig werden es

jährlich 500 Führerscheinentzüge mehr sein,

prognostiziert das Bundesverkehrsministerium,

das die Flensburger Kartei grundlegend

reformieren will. Statt des bisher differenzierten

Systems von einem bis sieben Punkten gibt

es künftig nur noch einen Punkt für schwere

RECHT IM ALLTAG

FREIZEIT

Augen auf

beim Dauerlauf

Erst von einem Schwan attackiert,

dann über ein Erdloch

gestolpert – ein Jogger

wurde vom Pech verfolgt.

Zumindest für den Sturz wollte

er die Gemeinde haftbar machen.

Doch auch hier hatte er,

in Ahnlehnung an die alte Fußballerweisheit,

»erst kein

Glück und dann kam auch

noch Pech dazu«. Der Jogger

war auf dem Moseluferweg gelaufen.

Dort musste er einem

wild gewordenen Schwan ausweichen.

Dabei stolperte er am

Rand des Weges über ein Loch

im Asphalt. Die Unebenheit

hielt er der Gemeinde als Verletzung

des Verkehrssicherungspflicht

vor. Doch das OLG

Koblenz (Az. 5 U 196/11) ließ

ihn anders als die Vorinstanz

abblitzen. Unebenheiten seien

bei einem Uferweg immer einzukalkulieren.

Auch wenn er

vor einem brünftigen Schwan

fliehen müsse, habe der Jogger

den Zustand des Weges im

Auge zu behalten.

Künftig jährlich 500 Fahrverbote mehr

AUTOKAUF

Vorführwagen

kann neu sein

Auch bei Vorführwagen

kann eine Verpflichtung zur

Angabe des Spritverbrauchs

in der Werbung bestehen.

In der Werbung für Neuwagen

müssen laut Pkw-Energieverbrauchskennzeichnungsverordnung

Angaben zum Kraftstoffverbrauch

des angebotenen

Fahrzeugs gemacht werden.

Gilt dies auch für einen

Vorführwagen, der bereits 500

Kilometer gefahren war? Der

BGH (Az. I ZR 190/10) entschied:

»Bietet ein Händler ein

Fahrzeug mit einer geringen

Kilometerleistung (bis 1.000

Kilometer) an, ist davon auszugehen,

dass er dieses Fahrzeugs

zum Zwecke des Weiterverkaufs

erworben hat. Damit

habe der Vorführwagen Neuwageneigenschaften,

wie sie in

der auf EU-Recht basierenden

Verordnung definiert sind. Erst

bei höherer Laufleistung ist

davon auszugehen, dass der

Wagen auch der Eigennutzung

des Händlers diene.

Von MATTHIAS SALM,

Wirtschaftsjournalist, Berlin

und zwei Punkte für sehr schwere Verstöße.

Führerscheinentzug droht schon bei acht statt

bisher 18 Punkten. Nicht sicherheitsrelevante

Verstöße wie das unerlaubte Einfahren in Umweltzonen

sollen künftig nicht mehr erfasst

werden. Ein Punkteabbau durch Nachschulungen

entfällt, dafür verjähren die Punkte nun.

Das leidige Weiterleben des angehäuften Punktebestands

bei neuen Verstößen wird abgeschafft

– dies ist die vermutlich beste Nachricht.

Die Kritik, dass unterschiedliche

Verkehrsverstöße nun gleich bewertet werden,

kontert das Bundesverkehrsministerium mit

einschlägigen Studien, denen zufolge die Anzahl

der Eintragungen der beste Indikator für

ein erhöhtes Verkehrsrisiko seien, nicht die

Zahl der Punkte oder die Art der Verstöße.


Recht KOMPAKT

GASTRONOMIE

Besser aufpassen

Heißer Kaffee auf der Hose – in

anderen Teilen der Erde gibt es in

solchen Fällen vor Gericht reichlich

Schadenersatz.

In Deutschland gilt hingegen meist

die Devise: selber aufpassen. So

auch im Fall einer Kundin, die am

Drive-in eines Fast-Food-Restaurants

einen Kaffee orderte. Der landete

brühheiß auf ihren Beinen. Schmerzensgeld

gab es dennoch nicht. Die

Richter am LG München I (Az. 30 S

3668/ 11) befanden, dass die

Kundin auch bei einem vom Mitarbeiter

unsachgemäß aufgebrachten

Plastikdeckel auf dem Pappbecher

für die Abwendung von Gefahren in

erster Linie eigenverantwortlich sei.

STREIKBRECHER

Ohne Erlaubnis

Für den Einsatz von Streikbrechern

muss der Arbeitgeber keine Erlaubnis

vom Betriebsrat des betroffenen

Betriebs einholen.

Dies wäre nach Ansicht des Bundesarbeitsgerichts

(Az. 1 ABR 2/10) eine

ernsthafte Beeinträchtigung der Arbeitskampffreiheit.

Eine rechtzeitige

Information des Betriebsrates muss

allerdings erfolgen.

VERSETZUNG

Unerwünschter Flirt

Ein Bankmitarbeiter stellte einer

Kundin nach. Den Missbrauch der

Kundendaten sankitionierte die

Bank mit einer Versetzung.

Dafür bekam die Bank allerdings vor

dem Landesarbeitsgericht Rheinland-

Pfalz (Az. 10 Sa 329/11) einen Rüffel.

Der Mitarbeiter hatte sich aus

den Kundendaten die Handynummer

einer Kundin besorgt und dieser per

SMS Avancen gemacht. Es war nicht

der erste Versuch des verheirateten

Mannes, mit der Kundin anzubandeln.

Die fühlte sich allerdings von

dem liebestollen Bankberater belästigt

und beschwerte sich bei der

Bank, die den Mitarbeiter umgehend

zwangsversetzte. Die Versetzung traf

den Mitarbeiter auch finanziell, da die

neue Stelle mit gut 300 Euro weniger

dotiert war. Zu drastisch sei die Reaktion

ausgefallen, urteilten die Richter.

Erst hätte eine Abmahnung erfolgen

müssen. Der Missbrauch der Kundendaten

zur privaten Kontaktaufnahme

stellte aus der Sicht der Arbeitsrichter

kein besonders schweres Fehlverhalten

dar.

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 45


W&M-SERVICE

DAS

THEMA

INTERVIEW

ZUKUNFTSTRENDS

Umweltkosten

werden steigen

Zehn große Zukunftstrends

werden das Wachstum aller

Unternehmen weltweit beeinflussen,

meldet KPMG.

Als die relevanten Faktoren in

den nächsten 20 Jahren identifiziert

die Unternehmensberatung:

Klimawandel, Energie

und Treibstoff, materielle

Ressourcenknappheit, Wasserknappheit,

Bevölkerungswachstum,

Wohlstand, Urbanisierung,

Ernährungssicherheit,

Verfall der Ökosysteme

sowie Entwaldung.

In Summe müssten sich Unternehmen

vor allem auf steigende

Umweltkosten einstellen,

resümiert die Studie. Ressourcenknappheit,

Klimawandel

und das Wachstum in den

Schwellenländern übten auf

Länder und Gesellschaft einen

immer größeren Druck aus.

Die Folgen seien steigende

Kosten für die Wirtschaft.

Nach Angaben von KPMG-Geschäftsführer

Peter Ertl sind

die externen Umweltkosten in

elf Hauptindustriesektoren

seit 2002 um 50 Prozent gestiegen.

Nur: In Geschäftsberichten

tauchten die Kosten meist

nicht auf, weil sie oft monetär

nicht zuzuordnen seien. Müssten

Industriefirmen die Umweltkosten

mit einbeziehen,

verringerte sich ihr Gewinn

auf Basis 2010 im Durchschnitt

und in US-Dollar um 41 Cent.

Auf eine entsprechende Berichtspflicht

sollten sich Unternehmen

nach KPMG-Meinung

jedoch einstellen.

Chance der Entwicklung sei:

Wer ein strategisches Nachhaltigkeitsmanagement

betreibe,

erarbeite sich einen Wettbewerbsvorteil.

In Deutschland

dokumentieren mittlerweile

73 Prozent der Dax-und MDax-

Unternehmen ihre Bemühungen

um Nachhaltigkeit mit

einem eigenen Bericht. Mehr

zur Studie der KPMG unter:

www.kpmg.com

AUTOMOBIL

Technologien

als Motor

Der internationale Automobilmarkt

soll 2012 um

vier Prozent wachsen.

Das wird nicht einfach.

Schon jetzt machen deutsche

Automarken 20 Prozent der

weltweit verkauften Fahrzeuge

aus, so der Verband der Automobilindustrie

(VDA). Nachdem

deutsche Autobauer am

Jahresanfang schon die Millionen-Marke

beim Absatz in

den USA geknackt hätten, erwartet

VDA-Präsident Matthias

Wissmann für das laufende

Jahr auf dem US-Markt

weiteres Wachstum – weltweit

sogar vier Prozent. Allerdings

werde das »ein sehr hartes

Arbeitsjahr«. Mehr als 20

Milliarden Euro habe die Automobilindustrie

in den letzten

Jahren in Forschung und

Entwicklung investiert. Das

zahle sich jetzt aus. Davon

profitieren auch die Zulieferer:

Die Analysten der equinet

Bank raten zum Kauf der Kabelspezialisten

Leoni (WKN

540 888) mit einem Kursziel

von 41 Euro. Die Nürnberger

meldeten starke Q4-Zahlen.

AKTIENMARKT

MASCHINENBAU

Positiver Blick

in die Zukunft

Die Maschinenbauer haben

von einem starken

Jahr 2011 profitiert und

genießen gute Aussichten.

Mit bis zu fünf Prozent

Wachstum rechnet der Verband

Deutscher Maschinenund

Anlagenbau (VDMA)

2012. Vor allem im Bereich

Bau- und Baustoffmaschinenbauer,

Holzverarbeitungsmaschinen,

Kunststoff- und

Gummimaschinen sowie

Werkzeugmaschinen seien

die Hersteller optimistisch.

Im vergangenen Jahr boomte

die deutsche Maschinenbau-

Branche geradezu und legte

um satte zehn Prozent zu. Als

stabile Abnehmer deutscher

Maschinen hätten sich Länder

wie China, Russland oder Brasilien

erwiesen. Mit »kaufen«

empfehlen die Experten von

Close Brother Seydler den General-Standard-Wert

von

M.A.X. Automation (WKN 658

090). Der Konzern sei auf Umwelttechnik

und Industrieautomation

fokussiert und sehe

dort nach eigenen Angaben

noch Wachstumspotenzial.

DAX BÖRSENSTARS

+

WKN 519000 BMW + 26,20%

WKN 716460 SAP + 24,51%

WKN A1EWWW Adidas + 23,59%

WKN 766403 Volkswagen + 22,31%

WKN 648300 Linde + 20,84%

BMW: Der Autobauer legte im Jahr 2011 das beste Ergebnis seiner Unternehmensgeschichte

hin. Zudem wollen die Münchner den Rekordkurs in diesem Jahr halten

Kurs-Performance 1 Jahr; Schluss: 12.03.2012

DAX BÖRSENFLOPS


WKN 803200 Commerzbank - 61,31%

WKN 725750 Metro - 44,80%

WKN 823212 Deutsche Lufthansa - 34,28%

WKN KSAG88 K+S - 33,47%

WKN 750000 ThyssenKrupp - 31,04%

Commerzbank: Die jüngste Kapitalerhöhung konnte dem Papier keinen weiteren

Schwung geben. Nach der Januar-Kursrally scheinen Anleger zunächst noch abzuwarten.

Kurs-Performance 1 Jahr; Schluss: 12.03.2012

Quelle: W&M, ohne Gewähr

HANS JOACHIM

REINKE

Vorstandsvors.

Union Investment

zur Finanztransaktionssteuer

Privatanleger zahlen

W&M: Herr Reinke, warum wehrt

sich die Fondsbranche gegen eine

Finanztransaktionssteuer?

REINKE: Wir lehnen die FTT

nicht grundsätzlich ab. Doch

wenn auch Investmentfonds

belastet würden, träfe es vor

allem private Vorsorgesparer.

Die Zeche sollen also diejenigen

zahlen, die nun wirklich

nicht die Verursacher der

Finanzkrise sind und sowieso

schon über Rettungsschirme

zur Kasse gebeten werden.

Fondssparer würden zudem

gleich mehrfach besteuert:

Beim Kauf und Verkauf von Anteilsscheinen

und bei Transaktionen

innerhalb des Fonds.

W&M: Wie stark würde die private

Rente leiden?

REINKE: Wenn sich das Konzept

der EU-Kommission

durchsetzt, erhalten private

Fonds-Sparer, zum Beispiel bei

einer Riester-Rente, eine signifikant

niedrigere Rentenzahlung.

Bei einem Vertrag mit

40 Jahren Laufzeit und 100 Euro

monatlicher Sparleistung

drückt die Steuer die Auszahlung

im Alter um mehr als

14.000 Euro.

W&M: Wird die Finanzindustrie

auch zur Kasse gebeten?

REINKE: Finanzhäuser würden

durch die FTT keinen nennenswerten

Beitrag zur Bewältigung

der Finanzkrise leisten

müssen. Betroffen wäre für sie

nur der Eigenhandel. Denn die

Besteuerung der Kundengelder

dürften sie an die Kunden weiterreichen.

W&M: Wann kommt die FTT?

REINKE: Geplant ist aktuell

Anfang 2014. Allerdings werden

derzeit unterschiedliche

Konzepte diskutiert. Da Steuerangelegenheiten

in der EU im

Einstimmigkeitsprinzip entschieden

werden müssen, wird

eine Einigung der Staaten

noch dauern.

46 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


W&M-SERVICE

Foto: BHW Bausparkasse

WARBURG

Nebenwerte

nach vorn

Ein von Warburg Invest aufgelegter

neuer Fonds will

die Ertragschancen deutscher

Nebenwerte nutzen.

Laut Anbieter setze der »Warburg

– D – Fonds Small&Mid-

Caps Deutschland« auf die

ertrags- und eigenkapitalstärksten

Small- und Mid-Caps

Deutschlands. Sie verzeichneten

nicht nur eine höhere Rendite

gegenüber Large-Caps,

sondern sie böten auch mehr

Investitionsmöglichkeiten,

weil Nebenwerte den größten

Teil deutscher börsennotierter

Unternehmen stellen. Ein hoher

Spezialisierungsgrad sowie

eine langfristige Unternehmensstrategie

sorgten zudem

häufig für eine führende

Marktstellung. Das Produkt

verfolgt laut Warburg Invest

einen Bottom-Up-Ansatz und

verzichtet auf eine Gewichtung

der Aktien nach Sektor

oder Benchmark.

WKN: A0LGSG

GELD & ANLAGE

DEKA

Nachhaltigkeit

steht im Fokus

Die Deka-Bank hat drei

Fonds aufgelegt, die Nachhaltigkeit

und Rendite miteinander

vereinen sollen.

Die neue Produktreihe »Deka-

Nachhaltigkeit« enthält

nach Anbieterangaben drei

Ausführungen: einen Aktienfonds,

einen Rentenfonds sowie

einen Mischfonds. Die

Fondsstrategie verbinde dabei

Nachhaltigkeits- mit klassischen

Anlagekriterien. Nachhaltigkeit

aber entscheidet die

Auswahl: So würden Unternehmen

ausgeschlossen, die gegen

definierte Nachhaltigkeitskriterien

verstoßen. Aus den

verbliebenen Papieren wähle

das Management die besten

ihrer Klasse aus. Damit werde

der Fonds Anlegern gerecht,

die verstärkten Wert auf eine

nachhaltige Lebensweise

legen.

WKN: Nachh. Aktien: DK1A47

WKN Nachh. Renten: DK1A48

WKN Nachh. Balance: DK1A49

FIDELITY

Langfristige

Dividende

Die Investmentgesellschaft

Fidelity setzt auf einen

neuen Dividendenfonds

mit Inflationsschutz.

Investieren will der »Global

Dividend Fund« nach Aussage

des Anbieters in Unternehmen

mit soliden Geschäftsmodellen

und langfristigen Dividendenzahlungen.

Mit den aktuell

niedrigen Zinsen und der

positiven Entwicklung von

Dividendenfonds gegenüber

Anleihenfonds könne der

Anleger von einem regelmäßigen

Einkommen profitieren.

Das Fondsmanagement setze

auf gesunde Bilanzen, günstige

Bewertungen sowie geringe

Schwanken gegenüber dem

Markt. Ohne Länder- oder

Branchen-Benchmark investiere

der Fonds in 50 Unternehmen

weltweit.

WKN: (Monatl. Ausschütt.):

A1JSY2; WKN (vierteljährl. Ausschütt.):

A1JSY0 - WKN (Thes.):

A1JSY4


Geld KOMPAKT

MITTELSTAND

Mut statt Krise

Der deutsche Mittelstand trotzt

laut Ernst & Young dem Krisengerede.

Ein Viertel der Befragten

will zusätzlich Personal einstellen.

Das aktuelle Mittelstandsbarometer

der Beratungsgesellschaft verzeichnet

bei fast jedem dritten Mittelständler

eine steigende Investitionsbereitschaft.

42 Prozent der

Unternehmen sehen sich besser

aufgestellt als 2008. Sorgen macht

sich etwa die Hälfte der Befragten

über die hohen Energie- und Rohstoffpreise,

gefolgt von Fachkräftemangel

und Schuldenkrise.

IMMOBILIEN

Attraktive Alternative

DIE MEINUNG DES EXPERTEN

Asiens Blue Chips: Kurschancen bei überschaubarem Risiko

Wegen der Schuldenkrise in Europa soll die

Wirtschaft in der Euro-Zone laut Internationalem

Währungsfonds im Jahr 2012 um 0,5 Prozent

schrumpfen. Für das deutsche Bruttoinlandsprodukt

sehen die Experten einen Zuwachs

von 0,3 Prozent. Das sind bescheidene

Aussichten für den Aktienmarkt. Deutlich besser

sehen dagegen die Prognosen für den asiatischen

Wirtschaftsraum aus. Zuwachsraten

von über acht Prozent in China und sieben Prozent

in Indien lassen steigende Kurse an den

lokalen Aktienmärkten erhoffen. Hinzu kommt,

dass die Bewertungen der asiatischen Dividendentitel

nach der Korrektur im Vorjahr wieder

auf ein günstiges Niveau zurückgefallen sind.

So liegt das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis

der Top-Werte Asiens zwischen zehn

und elf. Das Kurs-Buchwert-Verhältnis beträgt

Von GERD RÜCKEL,

CEFA-Wertpapieranalyst, Frankfurt/M.

im Durchschnitt moderate 1,5. Was kann also

schief gehen, wenn die Aktien attraktiv bewertet

sind? Die größte Gefahr geht von Europa

aus. Eine Verschlechterung der Konjunktur hier

würde die ausfuhrorientierten asiatischen

Märkte treffen – allen voran China. Dazu kommen

hausgemachte Probleme. Indien kämpft

derzeit mit einem Doppeldefizit in Haushalt und

Leistungsbilanz. Dennoch: Wer mit etwas Spannung

im Depot leben kann, der investiert einen

Teil seines frei verfügbaren Vermögens in einen

Aktienfonds mit Anlageschwerpunkt auf asiatischen

Standardwerten. Zur Eingrenzung des

Währungsrisikos ist darauf zu achten, dass der

Fonds nicht in US-Dollar, sondern in Euro notiert.

Ausnahme: Wegen der düsteren Aussichten

für Japans Wirtschaft sollte die Region vom

Fondsmanagement noch gemieden werden.

BETONGOLD im Aufwärtstrend

Die Deutsche Bank hält Immobilien

aktuell für attraktiver als Staatsanleihen.

Das Finanzhaus rät Privatanlegern

zu dieser Assetklasse.

Insbesondere gilt dieser Rat des

Bankhauses zum Schutz vor Kursschwankungen.

Immobilien ermöglichten

eine Risikostreuung und bei

sorgfältiger Auswahl eine nachhaltig

positive Rendite. Deutschland zähle

zu den bevorzugten Märkten im Immobiliensektor,

so Chef-Anlagestratege

Ulrich Stephan.

UNTERNEHMEN

Starke Marken

Für neun von zehn befragten

deutschen Unternehmen trägt

die Marke zum Erfolg bei,

meldet PricewaterhouseCoopers.

Rund die Hälfte der Unternehmen

schätzt den Anteil des Markenwerts

am Unternehmenswert auf 50 Prozent,

ermittelte eine Studie von

PricewaterhouseCoopers in Kooperation

mit Uni Hamburg, Markenverband

und GfK bei 500 Unternehmen.

Schon knapp ein Drittel der

Befragten ermittelt den Wert ihrer

Marke anhand monetärer Bewertungsmodelle

und quantifiziert

nicht-monetäre Größen wie Image,

Bekanntheit und Loyalität.

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12

47


W&M-SERVICE

DAS THEMA

ALTERSVORSORGE

Zwangvorsorge

für Selbständige

Selbständige sollen nach dem

Willen der Bundesregierung

mehr vorsorgen und zwar

obligatorisch.

Es geht um knapp 3,5 Millionen

Selbständige, die nicht über ein

Versorgungswerk in der gesetzlichen

Rentenversicherung abgesichert

sind. Unter denen sind

besonders viele Kleinstunternehmer,

die sich die Altersvorsorge

sparen, weil sie kein ausreichendes

Einkommen haben.

Während die Bundesarbeitsministerin

Ursula von der Leyen

die Selbständigen in der gesetzlichen

Rentenversicherung am

besten aufgehoben sieht, plädieren

CSU und FDP für eine

Wahlfreiheit zwischen gesetzlicher

Rentenversicherung und

privater Rente.

Die Wahlfreiheit wirft die Frage

nach der Art der Absicherung

auf. Weil die Riester-Rente Selbständigen

versperrt ist, bliebe

nur die Rürup-Rente oder die

ungeförderte private Rentenversicherung.

Die Rürup-Rente

erweist sich indes als wenig

tauglich und das nicht nur wegen

der bescheidenen Renditen.

Lohnend für Selbständige wird

die Rürup-Rente erst, wenn die

eingezahlten Beiträge steuerlich

geltend gemacht werden können.

Das dürfte bei den wirklich

bedürftigen Selbständigen nur

in sehr geringem Umfang der

Fall sein.

Abgesehen davon können Rürup-Renten

wie auch Privatrenten

zum Verlustgeschäft

werden. Bei konventionellen

Tarifen ist die Garantie gering,

bei fondsgebundenen Policen

ohne Garantie sind Verluste

nicht auszuschließen und bei

Fondspolicen mit Beitragsgarantie

sind die Garantien so

teuer, dass zu Rentenbeginn

bei vielen Verträgen auch nicht

mehr übrig ist als die eingezahlten

Beiträge. Nach Abzug

der Inflation bleibt das ein

Minusgeschäft.

TRANSPORT

Hilfe für den

Mittelstand

IM UNTERNEHMEN

Mit »CargoEasy« bietet die

Helvetia Versicherung ein

einfach zu handhabendes

Produkt für Mittelständler.

Wie wichtig der Abschluss einer

Warentransport-Versicherung

gerade für mittlere und

kleine Unternehmen ist, zeigt

die Fülle der Schäden. Die

Haftung der Spediteure ist begrenzt.

Für kleinere Unternehmen

bis zu einem Umsatz

von fünf Millionen Euro kann

ein einziger Schaden schon

existenzbedrohend werden.

Für diese Zielgruppe gibt es

ab sofort die »Helvetia CargoEasy«.

Der Tarif wurde speziell

für kleinere Firmen entwickelt,

die allgemeine Handelsgüter

(zum Beispiel

Baustoffe, Möbel, Textilien)

national oder international

beziehen und versenden, und

denen daran gelegen ist, dass

diese Güter die Gefahren der

Beförderung und damit verbundene

Lagerungen gut

überstehen. Als umfassender

Allgefahren-Schutz schützt

CargoEasy vor allen Gefahren,

denen die Güter während der

Versicherungsdauer ausgesetzt

sind.

GESUNDHEIT

Zusatzschutz

vom Chef

Betriebliche Krankenzusatzversicherungen

(bKV)

sind der neueste Trend der

Versicherungswirtschaft.

In jüngster Zeit sind gleich

mehrere Unternehmen mit

betrieblichen Krankenzusatzversicherungen

auf den

Markt gekommen. Die Versicherer

bauen darauf, dass die

Unternehmen im Wettbewerb

um qualifizierte Arbeitskräfte

zusätzliche soziale Leistungen

bieten möchten. Zugleich

sind diese Versicherungen oft

mit einem Gesundheitsmanagement

gekoppelt, was dazu

beitragen kann, den Krankenstand

im Unternehmen zu

senken. Wenn der Arbeitgeber

die Kosten für die betriebliche

Krankenzusatzversicherung

seiner Mitarbeiter übernimmt,

wirkt das für diese

viel nachhaltiger als eine Gehaltserhöhung.

Für den Arbeitgeber

lohnt sich die bKV,

denn nach einem Urteil des

BFH zählen die Beiträge zu

den Sachbezügen. Bis zu einer

Höhe von 44 Euro pro Monat

bleiben sie steuer- und sozialabgabefrei.

Höhere Beiträge

können versteuert werden.

VERSICHERUNGSBETRUG

Für viele nur ein Kavaliersdelikt

»Es ist in meinen Augen ein Kavaliersdelikt, wenn man die

Versicherung einmal mehr bezahlen lässt, als unbedingt nötig

wäre.« Diese These bejahten in einer Umfrage:

Geschlecht

männlich

weiblich

Quelle: GfK Marktforschung

21 %

22 %

Region

Norddeutschl.

Ostdeutschl.

Süddeutschl.

Westdeutschl.

17 %

24 %

26 %

18 %

PENSIONSZUSAGEN

Trügerische

Sicherheit

Pensionszusagen für Geschäftsführer

müssen regelmäßig

überprüft werden. Eine

Aufgabe für Experten.

Viel zu selten werden aber Versicherungsfachleute

einbezogen.

Zu diesem Ergebnis kommt eine

Untersuchung des Hamburger Industrieversicherungsmaklers

Gossler,

Gobert & Wolters. Für die

Studie »Unternehmerversorgung

2012« wurden 98 Firmen befragt.

Etwa 70 Prozent der Unternehmen

lassen ihre Verträge regelmäßig

überprüfen. Von den befragten

Unternehmen beteiligen

jedoch nur 13 Prozent ihre Versicherungsexperten

an der Überprüfung.

Steuerberater und Wirtschaftsprüfer

sind jedoch bei jedem

zweiten Unternehmen an

den Überprüfungen beteiligt. Das

kann allerdings zur Falle werden.

Denn Gegenstand der Überprüfung

sollte nicht nur die Erfüllung

der rechtlichen und steuerlichen

Rahmenbedingungen sein,

sondern auch die Frage, ob die gebildeten

Rücklagen für eine spätere

Versorgung der Geschäftsführer

auch wirklich ausreichen. Ist

dies nicht der Fall, kann es zu Liquiditätsengpässen

kommen.

Ein weiteres Problemfeld stellt

die Kongruenz von Versorgungsverpflichtungen

und Finanzierung

dar. Dabei spielen die realitätsnahe

Berücksichtigung biometrischer

Risiken, die

Übereinstimmung von Endalter

und Leistungsbeginn, Versicherungsdauer

und Dynamikregelungen

eine große Rolle.

Besonders akut ist die Deckung

der Leistungszusagen durch adäquate

Finanzierungsprodukte.

Besonders bei den mit Versicherungen

abgedeckten Zusagen

können sich Unterdeckungen ergeben,

weil sich aufgrund der

allgemeinen Zinsentwicklung

und der sinkenden Überschüsse

die Kapitalstöcke nicht in der

anfangs prognostizierten Weise

entwickelt haben. Weitere regelmäßig

zu überprüfende Merkmale

stellen der Studie zufolge

die Dynamisierung der Leistungen

und der Insolvenzschutz dar.

48 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


W&M-SERVICE

Foto: Picture Disk

GEBÄUDE

Police für die

Photovoltaik

Solaranlagen am Eigenheim

schützt jetzt eine neue

Police der Inter Allgemeine

Versicherung.

Den Solarmodulen auf dem

Eigenheimdach drohen viele

Gefahren. Das fängt bei Montagefehlern

an und endet beim

Schneedruck. Reparaturen

oder Ersatz können teuer werden.

Die Inter Allgemeine

Versicherung bietet Versicherungsschutz

für auf dem

Gebäudedach befestigte oder

in den Baukörper integrierte

netzgekoppelte Photovoltaik-

Anlagen auf Ein- und Zweifamilienhäusern.

Bedingungen: Die Anlage

muss von einem Fachbetrieb

installiert und abgenommen

worden sein und der Hauseigentümer

muss die Anlage

selbst betreiben und nutzen.

Im Ernstfall ersetzt die Versicherung

den Neuwert der

Anlage sowie Bezugs- und

Installationskosten.

DIE MEINUNG DES EXPERTEN

Abschied von den Garantien

Ein Klassiker ist tot: Die deutsche Kapitallebensversicherung.

Für das Neugeschäft

taugt der einstige Vertriebsrenner kaum noch.

Seitdem die garantierte Verzinsung mit dem

Jahreswechsel 2011/12 von ohnehin schon

mageren 2,25 auf 1,75 Prozent gesunken ist

und die Versicherer bei Kapitalmarktzinsen von

einem Prozent kaum mehr Überschüsse erwirtschaften,

ist die Luft raus. Noch ärger kommt

es ab 2013, wenn die neuen Eigenkapitalrichtlinien

der Europäischen Union gelten werden.

Die Lebensversicherung nach deutschem Vorbild

ist dann endgültig passé, denn solche dauerhaften

Garantien kosten die Unternehmen

jede Menge Geld, das sie mit Eigenkapital unterlegen

müssten. Wer vorsorgen will, muss

also umdenken. Die Verbraucher werden sich

aber daran gewöhnen müssen, dass künftig

PRIVAT

REISERÜCKTRITT

Storno für den

Parkplatz

Auch das Risiko eines vorab

bezahlten Parkplatzes am

Flughafen bei Reiserücktritt

lässt sich versichern.

Für das neue Produkt kooperiert

die HanseMerkur Reiseversicherung

AG mit der AP-

COA Parking Holdings GmbH.

Die Kosten für den Versicherungsschutz

sind nach Angaben

der HanseMerkur gering:

Drei Euro kostet der Stornoschutz

für Parkgebühren von

bis zu 100 Euro, neun Euro für

Parkplatzgebühren von bis zu

250 Euro. Voraussetzung für

die Erstattung der Parkplatzgebühr

ist der Eintritt des

Versicherungsfalles in der

Reiserücktrittsversicherung

der HanseMerkur. Die versicherten

Ereignisse sind u. a.:

unerwartete schwere Erkrankung,

Tod, schwere Unfallverletzung,

Schwangerschaft,

Impfunverträglichkeit, Verlust

des Arbeitsplatzes oder Aufnahme

einer Arbeit.

ALTERSVORSORGE

Rente und

Pflege vereint

Bei der VorteilsRente der

Nürnberger steigt die

lebenslange Altersrente bei

Pflegebedürftigkeit.

Die Anhebung fällt umso

größer aus, je früher die Pflegebedürftigkeit

eintritt. Inklusive

Überschussrente kann

im Pflegefall nahezu eine Verdoppelung

der monatlichen

Zahlungen erreicht werden.

Die VorteilsRente kann auch

im Rahmen der betrieblichen

Altersversorgung (bAV) als

Direktversicherung oder Unterstützungskasse

genutzt werden.

Bei der Direktversicherung

sind – nach Paragraf 3 Nr.

63 EStG – Beiträge bis zu 224

Euro im Monat (vier Prozent

der Beitragsbemessungsgrenze

GRV West) steuer- und sozialabgabenfrei.

Dadurch haben

Arbeitnehmer die Möglichkeit,

sich schon mit einem sehr

günstigen Nettoaufwand eine

erhöhte Altersrente im Pflegefall

zu sichern.

Von HANS PFEIFER,

Versicherungsjournalist, Berlin

viel weniger garantiert ist. So werden die Versicherer

Verträge anbieten, bei denen die Garantie

erst zu Rentenbeginn wirksam wird. Vorbei

dürfte es auch mit laufenden Überschussbeteiligungen

sein. Schlussüberschüsse erhält

jedoch nur, wer den Vertrag bis zum Ende

durchhält. Da sind Verluste programmiert. Vieles

spricht jedoch dafür, die Vorsorge von der

Versicherung zu trennen. Das erfordert aber

eine steuerliche Gleichbehandlung von Fondssparplänen

und Versicherungssparen. Noch

wird das Fondssparen diskriminiert. Denn die

Erträge einer Kapitallebensversicherung werden

nur zur Hälfte besteuert. Verbraucher kaufen

deshalb Fondssparpläne im Versicherungsmantel,

als Fondspolicen. Das ist unnötig teuer.

Es wäre höchste Zeit, das letzte Steuerprivileg

der Lebensversicherung zu streichen.

➔Assekuranz KOMPAKT

ALTERSVORSORGE

Gemeinsam planlos

70 Prozent der Paare entscheiden

bei langfristigen Geldanlagen und

Altersvorsorge gemeinsam, doch

selten koordiniert.

Das ist das Ergebnis einer Studie

im Auftrag des Deutschen Instituts

für Altersvorsorge. Dabei stehen

die Paare unter erheblichem Druck.

Denn durch die Finanzkrise sind sie

verunsicherter denn je. Das Ergebnis

sind oft schlecht geplante Vorsorgeaktivitäten.

VORSORGE: Schwierige Planung

RENTE MIT 67

Lücken schließen

Seit Jahresbeginn gilt das Altersgrenzenanpassungsgesetz,

das Rentenalter

steigt schrittweise

von 65 auf 67 Jahre.

Das erfordert neue Vorsorgeaktivitäten.

Wer vorher in Rente gehen

möchte, muss dauerhaft Abschläge

von 0,3 Prozent pro Monat einkalkulieren.

Dieser Ausfall kann mit

einer Zeitrente überbrückt werden.

OLDTIMER

Preiswerte Policen

Automobile Oldtimer erfreuen

sich wachsender Beliebtheit und

die Zahl der historischen Fahrzeuge

wächst rasant.

Es muss nicht immer ein Mercedes

300 SL Flügeltürer sein, der mit einer

Versicherungssumme von rund einer

halben Million Euro zu Buche schlägt.

Auch unter ehemaligen Massenprodukten

sind Exemplare mit Potenzial

wie beispielsweise der 2 CV.

Die Zahl der Fahrzeuge mit historischem

H-Kennzeichen ist in den vergangenen

fünf Jahren um 37 Prozent

gewachsen. Immer mehr Versicherer

bieten preiswerte Policen.

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 49


BERICHT

Hightech-Metalle Seltene Erden

Ressourcen-Monopoly

Auf dem globalen Rohstoffmarkt ist ein Wettrennen um Seltene Erden entbrannt. China mit den größten

Lagerstätten diktiert die Spielregeln und verknappt die Ausfuhren. Engpässe und hohe Preise drohen.

Neodym, Dysprosium, Yttrium –

Zungenbrechernamen, die nach

Science-Fiction klingen und bis

vor kurzem nur Experten geläufig waren.

Die einen bringen Energiesparlampen

zum Leuchten, die anderen sind

hochmagnetisch. Inzwischen ist die Rohstoffgruppe

der »Seltenen Erden« in aller

Munde, weil China, das 97 Prozent davon

fördert, den Export drosselt und so die

Preise hochschnellen. Peking erwägt gar,

die Ausfuhr einiger Seltener Erden ab

dem Jahr 2015 zu stoppen.

Der Kampf um die wertvollen Naturressourcen

in China wird mit harten

Bandagen geführt. Die Industrieländer

pochen auf fairen Zugang. Die Europäische

Union, die USA und Japan brachten

den Fall am 13. März in Genf vor die Welthandelsorganisation

(WTO) und setzten

dadurch ein bei Handelsstreitigkeiten

übliches mehrstufiges Schlichtungsver-

fahren in Gang. Peking kritisiert die Klage

in scharfer Form. Die Entscheidung

könne die Handelsbeziehungen schädigen

und »nach hinten losgehen«, so die

Staatsagentur Xinhua.

In den Industrienationen schrillen die

Alarmglocken. In einer Umfrage des

Deutschen Industrie- und Handelskammertages

bezeichnet die Hälfte der befragten

Firmen ihre Rohstoffversorgung

als kritisch. Der Bundesverband der

Deutschen Industrie gründete jetzt eine

»Allianz zur Rohstoffsicherung«. Ein privatwirtschaftliches

und gewinnorientiertes

Unternehmen, das sich im Interesse

der Gesellschafter – darunter Bayer,

BASF, BMW, Daimler und ThyssenKrupp

– weltweit an Rohstoffexplorationsvorhaben

beteiligt.

duziert, vor allem Braunkohle und Erdgas;

zugleich aber mussten natürliche

Ressourcen für mehr als 109 Milliarden

Euro importiert werden, so die Deutsche

Rohstoffagentur in einem aktuellen Bericht.

Die Bundesregierung hat mit der

»Rohstoffstrategie« eine übergeordnete

Marschroute vorgegeben: Rohstoffpartnerschaften

mit ressourcenreichen Ländern.

Den Anfang machten die Mongolei

und Kasachstan, bestens ausgestattet mit

Seltenen Erden. Rohstoffe für Know-how.

Bei den Seltenen Erden handelt es

sich um metallische chemische Elemente

(siehe Infokasten), ohne die sich kaum

noch ein modernes Industrieprodukt

herstellen lässt. Windturbinenbauer

brauchen Neodym für die Generatorenfertigung.

Autozulieferer nutzen Lanthan

für die Herstellung von Katalysatoren.

Die Optische Industrie setzt Ceroxid

als Poliermittel ein. Kein iPod, kein Elektromotor,

kein modernes Waffensystem

funktioniert ohne Seltene Erden.

»Sie sind überall drin«, betont Prof.

Frank Edelmann, Lehrstuhl für Anorganische

Chemie an der Otto-von-Guericke-

Universität Magdeburg. Der 57-Jährige

und seine Mitarbeiter beschäftigen sich

seit 20 Jahren mit der metallorganischen

Chemie der Seltenen Erden. Dabei geht

es vor allem um die Grundlagenforschung,

die Erschließung neuer Verbindungsklassen

und Molekülstrukturen.

HOCHLEISTUNGSFÄHIGE MAGNETE

Apropos Windturbinen. Die sind auf

Hightech-Magnete angewiesen, viel stärker

und langlebiger als konventionelle

Magnete – trotzdem erheblich leichter.

Fotos: Harald Lachmann, Sven Wied

ROHSTOFFE FÜR KNOW-HOW

Fünf von sechs Explorationen (Erkundungen)

scheitern. Das Risiko soll auf viele

Schultern verteilt werden. Bis zu einer

Milliarde Euro will die Allianz in Schürfrechte,

Förderfirmen und Beteiligungen

aufbringen. China beabsichtigt, etwa

50 Milliarden Dollar bis 2015 allein in

Afrika in Rohstoffe, vor allem in Seltene

Erden, zu investieren.

Die deutsche Wirtschaft ist auf Rohstoffe

angewiesen. 2010 wurden Rohstoffe

im Wert von 17,7 Milliarden Euro pro-

HIGHTECH-TAFEL: Seltene Erden sind überall drin.

50 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


BERICHT

Frank Edelmann erklärt: »Ein Magnet besteht

normalerweise aus Eisen. Doch mit

der Zeit entlädt er sich und lässt in der

Leistung nach. Kombiniert man aber das

Eisen mit Neodym – in einer großen

Windturbine können davon 260 Kilo enthalten

sein – und Bor, entmagnetisiert

sich der Magnet praktisch nicht mehr. So

können besonders leistungsstarke und

langlebige Magnete gebaut werden.«

Übrigens wird bereits heute nahezu jede

zweite Windkraftanlage in China errichtet,

so das Freiburger Öko-Institut.

Bittere Ironie: Nachhaltiges Wirtschaften,

grüne Technologien erfordern

Ressourcen wie Seltene Erden, die nur in

endlichen Mengen vorhanden sind, beim

Abbau zu Umweltbelastungen führen

und sich auf der Welt ungleich verteilen.

Nur Staaten, die sich den Zugang zu den

wichtigen Rohstoffen sichern, können

im 21. Jahrhundert boomen.

KOSTSPIELIGER ABBAU

Die Seltenen Erden wurden gegen Ende

des 18. Jahrhunderts erstmals in Form

oxidierter Mineralien entdeckt. Allerdings

konnte man mit dem Fund nichts

anfangen. Damals brauchte die Welt diese

Elemente nicht. Die Mineralien sind

meist pulverförmig und fühlen sich erdig

an. In Wirklichkeit sind es 17 Metalle.

Der Name »Seltene Erden« führt also in

die Irre. Besonders selten sind sie nicht,

nur in der Natur fein verteilt. Das seltenste

stabile Seltene-Erden-Metall Thulium

kommt 200-mal häufiger vor als Gold.

»Die Seltenen Erden lassen sich oft in

der Erdkruste finden, allerdings nur selten

in hohen Konzentrationen, oft auch

versteckt in anderen Erzen. Die Metalle

treten im Boden als Mineralien immer

gemischt auf; sie lassen sich aufgrund ihrer

ähnlichen Eigenschaften nur schwer

trennen. Zudem enthalten die Lagerstätten

oft Uran und Thorium, so dass bei

der Aufbereitung radioaktive Rückstände

anfallen. Entsprechende Sicherheitsstandards

sind nötig, die aber machen

den Abbau noch kostspieliger. Tatsächlich

selten sind Vorkommen, wo sich der

Abbau auch wirklich lohnt«, erklärt

Frank Edelmann.

BEDARF STEIGT RAPIDE

Im Jahr 2015 wird die Industrie weltweit

voraussichtlich rund 185.000 Tonnen Seltene

Erden verbrauchen, das sind 50 Prozent

mehr als 2010. Wenn China seine

üppigen Reserven, die für die moderne

Technologie essenziell geworden sind,

sparsamer verkauft, dann muss sich die

übrige Welt schleunigst wieder um ihre

eigenen Lagerstätten kümmern. Die gibt

es durchaus.

ERDEN-KENNER: Prof. Frank Edelmann.

In China schlummern ein Drittel der

Vorräte, in den USA 13 Prozent. In den

GUS-Staaten, in der Mongolei, Australien

und Kanada gibt es auch beträchtliche

Vorkommen. Bis vor über 20 Jahren waren

die USA in der Förderung Seltener Erden

weltweit führend – vor allem Dank

des Bergwerks Mountain Pass in der kalifornischen

Mojave-Wüste, das im Jahr

2000 dicht gemacht wurde. Der US-Bergbaukonzern

Molycorp aktiviert die Mine

wieder. 2013 könnte es soweit sein.

CHINA DE FACTO MONOPOLIST

Als vor Jahren Mineralien und Metalle zu

Niedrigpreisen gehandelt wurden, trennten

sich viele Konzerne von ihren Bergbautöchtern.

Das Geschäft war zu

schmutzig, zu unlukrativ. China hat sein

Millionenheer billiger Arbeitskräften genutzt,

auf Kosten von Arbeitsschutz und

Umweltstandards konkurrenzlos günstig

FAKTEN

Metalle besonderen Typs

Seltene Erden sind Hightech-Metalle.

14 Elemente der Seltenen Erden zählen

im Periodensystem zur Gruppe der

Lanthanoide, drei gehören zur Scandiumgruppe,

insgesamt gibt es also

17 Seltene Erden. Die Metalle eignen

sich wegen ihrer elektrischen, magnetischen,

chemischen und optischen

Eigenschaften für viele technische

Anwendungen. Ob Apple, Sony, Volkswagen

oder BMW – sie alle müssen die

begehrten Rohstoffe in China kaufen.

Brisanz hat der Kampf um die Seltenen

Erden, weil sie auch für das Militär

wichtig sind: zur Anwendung kommen

sie bei Motoren für Kampfjets, Raketenabwehrsysteme

und Nachtsichtgeräte.

den Abbau vorangetrieben. Mit dem de

facto Monopol hat Peking ein Instrument

in der Hand, um Weltmarktführer

im Hochtechnologiesektor zu werden.

»China benötigt immer mehr dieser

Metalle für die eigene Volkswirtschaft.

Da gibt es schon einen Wettbewerb um

die Materialien.« Die Preise hätten sich

inzwischen teilweise verzehn-, verzwanzigfacht,

so Matthias Buchert. Der Forscher

vom Ökoinstitut Darmstadt untersuchte

mit Wissenschaftlern der TU

Clausthal, der Daimler AG und der Materialtechnologie-Gruppe

Umicore die Bedeutung

Seltener Erden für die Elektromobilität.

Fazit: Vor allem Dysprosium

ist knapp. Steigt die Nachfrage wie prognostiziert,

wird 2030 nur ein Fünftel

des Bedarfs gedeckt. Jetzt wird nach neuen

Rohstofflagerstätten gesucht.

ENGPÄSSE DROHEN

Das Gros der Projekte, meinen Experten,

wird jedoch auf der Strecke bleiben, weil

diese nicht profitabel sind. Bis zu einer

Milliarde Euro muss investiert werden,

um eine Mine zu erschließen. Dabei vergehen

von der ersten Erkundung bis zur

Produktion zehn, 15 Jahre. Es wird also

dauern, bis die nötigen Kapazitäten geschaffen

sind – bis dahin drohen ernsthafte

Engpässe.

Vielversprechende Projekte gibt es in

Australien und den USA, die aber wurden

bisher kaum ausgebeutet. Mitteleuropas

einziges Explorationsprojekt für

Seltene Erden befindet sich im sächsischen

Storkwitz bei Leipzig. Aufgespürt

wurden sie schon in den Siebzigern von

DDR-Bohrtrupps. Der Arbeiter- und Bauern-Staat

hatte nach Uran gesucht und

am Überraschungsfund wenig Interesse.

Unter Ackerland lagern an die 38.000

Tonnen mit einem Metallwert von mehr

als 1,5 Milliarden US-Dollar. Auch unter

Einhaltung westlicher Umweltstandards

verspricht das einen ordentlichen Gewinn.

Kein Riesenprojekt, mehr eine Notfallversorgung.

Die Heidelberger Deutsche

Rohstoff AG, die sich 2007 die Erkundungsrechte

an dem Vorkommen

sicherte, hat im Januar die Firma »Seltenerden

Storkwitz« gegründet, mit 2,2 Millionen

Euro Grundkapital.

Nach jahrelanger Vorarbeit will sie

nun Ernst mit der Ausbeutung machen.

Ende März/Anfang April beginnen die

Probebohrungen in 700 Meter Tiefe. Mit

den Ergebnissen will die Firma dann weiteres

Geld von Investoren einsammeln.

Denn nur wenn Storkwitz nach einem

international anerkannten Rohstoffstandard

bewertet ist, öffnen Risikokapitalgeber

die Brieftasche.

Dana Micke

&

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 51


BERICHT

Michael Conrad hat den Platz an

der Sonne. Doch er merkt es gerade

nicht. Zum einen pfeift der

Wind trotz erster März-Wärme noch immer

gehörig an der Spitze der Bohrlafette,

die er soeben geentert hat. Zum

anderen muss er sich konzentrieren: Mit

einer langen Zange hantiert er an der

Winde des Seilkernbohrgerätes.

Geschafft! Er klettert herab. Es kann

weitergehen. Bohrmeister Norman Henkel

wirft das Aggregat wieder an. Conrad

und Norman Lange, der dritte im Trupp,

wissen nun ohne viele Worte, was sie zu

tun haben am Rohrgestänge. Jeder Griff

sitzt unter ihren Handschuhen.

»Die Zeit drängt«, ruft Henkel aus seinem

Führerstand herüber. »231 Meter

tief sind wir bisher, morgen wollen wir

möglichst 250 Meter weit im Berg sein.«

Ja, sicher, das sei drin, wiederholt er auf

Nachfrage. Der Gottesberg erweise sich

bisher als ein sehr dankbares Gestein

zum Bohren: fast nur Granit sowie halt

Greisen, also jene körnigen, grauen

Quarz- und Glimmerschichten, in denen

das Zinn lagert. 15 bis 20 Meter schaffen

sie unter diesen Bedingungen am Tag.

Wobei die Tage von dem Bohrtrupp

aus Thüringen derzeit voll ausgelastet

werden. Im Dreischicht-Betrieb rücken

sie dem Fels zuleibe – fünf Wochen am

Deutsche Rohstoff AG

Sachsens Schatz

Im Erzgebirge wird wieder nach wertvollen Rohstoffen geschürft.

Extrem gestiegene Marktpreise machen einen Abbau rentabel.

Die Deutsche Rohstoff AG aus Heidelberg investiert drei Millionen

Euro in Bohrtests auf der Suche nach Zinn. Prognosen aus der DDR

deuten auf ein großes Vorkommen im sächsischen Gottesberg hin.

Fotos: Harald Lachmann

ERKUNDER: Wochenlanges Bohren am

Gottesberg im Dreischichtbetrieb.

Stück, sieben Tage die Woche und seit

Ende Februar auch rund um die Uhr. Nur

in der eisigen Phase vor wenigen Wochen,

als das Quecksilber teils weit unter

20 Grad in den Keller rutschte, hatten sie

pausieren müssen. »Ab zehn Grad minus

friert das Spülmittel für die Bohrkrone

ein«, erläutert Henkel, während er Knöpfe

drückt, Hebel bedient und behutsam

mit zwei Joysticks manövriert.

Er weiß halt, wie sehr der Mann an

den Steuerhebeln im wahrsten Wortsinn

den Bohrerfolg in der Hand hat. Unaufhörlich

kontrolliert er Andruck, Drehmoment,

Spüldruck, Spülungsrate und

Bohrfortschritt. Selbst kleinste Unregelmäßigkeiten

entgehen ihm nicht. Man

merkt, er ist Profi mit internationalen

Erfahrungen. Im Herbst vergangenen

Jahres bohrte sein Trupp in Sibirien – am

weltgrößten Trinkwasserbrunnen für die

Stadt Chabarowsk.

Sehr gleichmäßig frisst sich die mit

Kunstdiamanten besetzte Bohrkrone in

den Berg. Die Arbeitsbühne, auf der Conrad

und Lange hantieren, vibriert nur

wenig. Auch die Geräuschkulisse, die das

blaue Bohrgerät erzeugt, hat nicht den

Dezibel-Pegel eines Presslufthammers.

Es klingt eher wie ein Lkw im Standlauf.

Nur hin und wieder, wenn Gestängeteile

aneinander schlagen, scheppert es.

Das sei auch gut so, befindet Dr. Jörg

Reichert. Er winkt den Männern von der

Brunnenbau Conrad GmbH aus Bad Langensalza

zu. »Wir bohren hier ja praktisch

schon im Vorgarten des nächstgelegenen

Grundstücks«, sagt der Chefgeologe

der Deutschen Rohstoff AG (DRAG).

Das Unternehmen schürft derzeit auch

im erzgebirgischen Geyer nach Zinnvorkommen.

In Kürze, so hofft er, werden

sie in Storkwitz bei Delitzsch auf Seltene

Erden stoßen. All dies geschehe im öffentlichen

Raum. »Da sind wir schon

sehr auf das Wohlwollen der Anrainer

angewiesen«, berichtet Reichert, der

auch Chef der neu gegründeten Sachsenzinn

GmbH ist.

Aber anders, als sie es bei anderen Explorationsunternehmen

vielfach erlebten,

treffen die Erkunder im Erzgebirge

und Vogtland durchweg auf Verständnis.

Schon in der Bürgerversammlung, zu der

die Einwohner des 100-Seelen-Dorfes

Gottesberg geladen waren, »gab es kaum

eine kritische Frage«, erinnert sich Reichert.

Die Leute hier lebten halt seit Generationen

mit dem Bergbau, fast jeder

habe einen Knappen oder Steiger in der

Familie, schmunzelt er geradezu dankbar:

»Hier passt einfach alles.«

Ein Blick unter die Arbeitsbühne

zeigt: Der Bohrer schneidet den Erzkörper

im Granit nicht senkrecht an, sondern

um 30 Grad aus dem Lot versetzt.

Den Winkel hat der Chefgeologe dem

Trupp vorgegeben. Er orientierte sich bei

den Planungen für den optimalen Bohr-

52 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


BERICHT

verlauf an einem Lagerstättenmodell,

das schon drei Jahrzehnte alt ist. Denn

im Grunde betreiben sie hier nur Bestätigungsbohrungen

für die Erkundungen

zu DDR-Zeiten, erzählt er: »Die Lagerstätte

vor Ort und in Geyer sind bereits sehr

solide erkundet.«

Warum dann erneut Bohrungen? Reichert,

von Haus aus Ostdeutscher, grient

ein wenig. Zum einen traue wohl mancher

Geldgeber aus dem asiatisch-australischen

Raum, die heute den Investorenpool

für diese Exploration bilden,

nicht recht den Befunden aus alten planwirtschaftlichen

Zeiten. Zum anderen

habe man seinerzeit auch noch mit anderer

Technologie und kleinerem Gerät

gebohrt. Die 101 Millimeter starken Bohrkerne,

die Henkels Mannschaft nun heraufholt,

seien halt aussagefähiger als die

60er Kerne von damals. Und für die Tin

International Ltd. in Brisbane, die die

DRAG für die avisierte Schatzhebung in

Sachsen bereits gegründet hat, zählten

nur Erzgehalt-Analysen auf Basis des internationalen

JORC-Standards.

Reichert verfeinerte das alte Modell

und legte die Bohrtiefen fest. Unterm

Gottesberg rückt der Bohrtrupp an drei

verschiedenen Stellen exakt 400 Meter

weit dem Fels ins Mark. Der Geologe

weiß, dass ein späterer Aufschluss in diesen

Teufen finanziell herausfordert.

Doch er hält es für lohnend. Die Zinnpartikel

im Erz wären hier sehr groß: »Sie

eignen sich damit ausgezeichnet für die

Weiterverarbeitung«, sagt er, während er

zur Arbeitsbühne hinaufsteigt. Gleich

rechts neben der Treppe liegen flache

Kästen mit runden Gesteinsproben. Es

sind die Bohrkerne, die in den letzten

Stunden gezogen wurden.

HOHER ZINNGEHALT IM ERZ

Der Geologe nimmt einen Bohrkern in

die Hand und nickt bestätigend. »Hier,

diese feinkörnigen Partien«, weist er auf

graue Stellen im Material, »das ist Greisen-Erz.

Darin ist das Zinn enthalten.« Behutsam

streicht er über die Oberfläche

des rund ein Meter langen Stücks. Beim

Gottesberger Vorkommen wird von einem

Zinngehalt zwischen 0,24 und 0,3

Prozent ausgegangen, so Reichert. Mithin

ließen sich aus einer Tonne Erz bis

zu drei Kilo Zinn auslösen. Beachtlich,

wenn man hört, dass es bei Gold oft

kaum ein Gramm je Tonne ist.

Ein neuer Bohrkern kommt ans Tageslicht.

Für die Männer das Zeichen: Sie

sind einen Meter tiefer eingedrungen.

»Meter für Meter Bohrfortschritt ein weiterer

Kern – damit schaffen wir letztlich

eine lückenlose Dokumentation, was die

Stärke der Erzzone betrifft«, ergänzt

Michael Conrad, auch ein alter Haudegen

im geologischen Metier.

Mit Überraschungen müsse man im

Bergbau freilich immer rechnen, erzählen

die drei. Gerade jenes schräge Anbohren

des Vorkommens sei nicht ohne.

Zwar verspreche es eine höhere Aussagekraft

zur Mächtigkeit der einzelnen

Schichten. Doch es erleichtere nicht

eben das Bohren. »Die horizontalen Zugkräfte

wirken ganz anders«, erlebt es

Henkel Tag für Tag neu. Und ein Bohrloch

sei selbst im Granit nicht so starr,

wie man meinen könne: »Es geht durch

verschiedene Schichten, weichere und

härtere. Da driftet der Bohrer schnell

mal weg. «

Bis zu Ostern dieses Jahres sollen alle

Bohrungen in Gottesberg beendet sein.

»Zeit ist hier richtig Geld«, weiß Geologe

Reichert. Doch er scheint guter Dinge –

LEXIKON

Zinnland Sachsen

Das Bergwerk Altenberg im sächsischen

Osterzgebirge produzierte mit einigen

Unterbrechungen von 1440 bis 1991

Zinn und war bei seiner Schließung die

letzte aktive Zinnmine in Europa. Danach

rechnete sich die Förderung unter

Tage nicht mehr. Erst mit dem Anstieg

von Rohstoffbedarf und Weltmarktpreisen

wuchs wieder das Interesse. Ab

2006 ließ Sachsen deshalb 139 Bergbaureviere

hinsichtlich Qualität und

Quantität der Vorkommen, vor allem

von Zink, Kupfer, Wolfram, Fluss- und

Schwerspat sowie Zinn, neu bewerten.

Die beiden Lagerstätten Gottesberg und

Geyer, in denen die Sachsenzinn GmbH

in Chemnitz – eine Tochter der Deutsche

Rohstoff AG – Bestätigungsbohrungen

durchführt, enthalten zusammen

180.000 Tonnen Zinn.

JORC-Standard

Als Maßstab für international verbindliche

Aussagen zur Verfügbarkeit von

Rohstoffen (Reserven und Ressourcen)

gilt heute der australische JORC-Standard

(Joint Ore Reserves Committee).

Anhand dieser Zahlen können Anleger

die Abbaugesellschaften untereinander

vergleichen sowie zukünftige Chancen

und Risiken einer Investition besser

abwägen. Der JORC Code ist definiert

und für jede Gesellschaft bindend.

Nach anfänglichen Differenzen schlossen

sich in den 1990er Jahren auch

Südafrika, Großbritannien, Kanada und

die USA dem australischen Standard

an. Er ist damit auch für die Erzvorkommen

in Sachsen bindend.

nicht nur, dass sie dies schaffen, sondern

auch, was das Ergebnis der Erkundungen

betrifft. Er schließt nicht mehr aus, dass

sie die bisherigen Prognosen gar noch

nach oben korrigieren.

Schon jetzt wird unter dem 800 Meter

hohen Gottesberg das womöglich größte

Zinnvorkommen der Welt vermutet –

120.000 Tonnen des auf dem Rohstoffmarkt

stark gefragten Wertmetalls. Nach

BOHRKERN: Dr. Jörg Reichert erhofft sich

aus den Proben Rückschlüsse auf Zinnerz.

dem gegenwärtigen Marktpreisniveau

sind das rund 2,7 Milliarden Euro.

Auch Anja Ehser teilt die Zuversicht

ihres Chefs. Bei ihr in einer Industriebrache

am Rande der Chemnitzer City landen

alle Bohrkerne. Ihr Part wie auch der

ihrer Kollegin Sandy Bülow besteht darin,

die zuvor in Viertel aufgesägten Bohrproben

optisch zu sichten und danach zu

loggen, wie es Geologen nennen.

Zur Linken ihr Laptop, vor sich das

Bohrschema aus DDR-Zeiten und in der

Rechten ein so genanntes Niton-Gerät,

mit dem sich zügig der Metallgehalt im

Bohrkern scannen lässt: Was dem Laien

im ersten Moment etwas monoton erscheint,

erlebt die junge Leipzigerin

auch als ein kleines Abenteuer. Denn

jede Probe sei halt anders, ein Unikat,

sagt sie. Mithin weiß sie eher als jeder andere,

wie viel Zinn da zuweilen im Stein

schlummert. »Zuweilen ein ganzes Prozent«,

verrät sie.

Letzten Aufschluss würden dann aber

weitere Analysen in Schweden und Kanada

geben, ergänzt Dr. Jörg Reichert. Erst

wenn diese Ergebnisse vorliegen, können

verbindliche Aussagen nach JORC-Standard

vorgenommen werden: »Ich gehe

mal davon aus, dass wir es im Sommer

dieses Jahres genau wissen.«

Harald Lachmann

&

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 53


NACHRICHTEN

Fotos: H.-W. Oertel

pitcom GmbH Plauen

Einsatz bei Bombardier

Eine Logistik-Innovation aus dem Vogtland ist jetzt bei einem

ersten Großunternehmen im Einsatz. In Görlitz hilft sie, die

Produktion von Schienenfahrzeugen rationeller zu gestalten.

Der Hersteller von Schienenfahrzeugen

Bombardier Transportation

nutzt am Standort Görlitz als

erstes Großunternehmen eine sächsiche

Logistikinnovation. Im Vorfeld wurden

über 6.000 bewegliche Arbeitsmittel wie

Leitern, Schweißgeräte und Bohrmaschinen

mit RFID-Tags ausgestattet. Die Informationen

darauf – so Inventur- und Prüfergebnisse

– werden wie ein Barcode mit

einem pitcom-Handy ausgelesen und an

eine Datenbank übermittelt.

Als Entwickler innovativer Geschäftsprozesslösungen

hat die in Plauen ansässige

pitcom GmbH eine Software entwickelt,

die NFC-fähige Mobiltelefone

mit dem RFID-Standard »verheiratet«.

Handelsübliche Handys mit spezieller

Software-Konfiguration eröffnen beim

mobilen Controlling jetzt auch über die

Bau- und Sicherheitsbranche hinaus kostensparende

Perspektiven auch bei Inventurprozessen.

Die »magicguard24« genannte

Innovation zur mobilen Datenerfassung

in Echtzeit wurde am Jahresende

mit dem Vodafone Enterprise Innovation

Award 2011 ausgezeichnet.

Bombardier Transportation in Görlitz,

mit annähernd 1.200 Beschäftigten auf

dem weiträumigen, 339 Hektar großen

Gelände vor allem als Hersteller von Doppelstockzügen

bekannt, nutzt die Mehrwerthandys

inzwischen für die Inventarisierung

mobiler Grundmittel. Wurde

beispielsweise ein Schweißgerät, Hebezeug

oder Druckgefäß turnusgemäß auf

seine Zuverlässigkeit hin überprüft, hält

der Wartungsmechaniker nur sein Handy

an den RFID-Tag. Sofort werden die

Echtzeitsignale des Prüfers in eine Datenbank

eingespeist. Das System regeneriert

automatisch den nächsten Prüftermin

und signalisiert diesen mit »Vorwarnzeit«.

Für Wolfgang Ernst, bei

Bombardier in Görlitz verantwortlich für

Maschinen und Medien, »optimiert die

Kommunikations-Innovation die logistischen

Abläufe enorm.« Zudem entstehe

eine manipulationssichere Datenbasis.

Für sein System hat pitcom (www.pitcom.de)

ein Konzept für Businesskunden

entwickelt. Es fügt die Netzinfrastruktur

von Vodafone mit den sogenannten Unkaputtbar-Handys

des US-Herstellers

SONIM und der eigenen Softwarelösung

zusammen. So lassen sich mobile Informationsprozesse

optimieren. Die Bandbreite

reicht von der Erfassung von Arbeitszeiten,

Tätigkeitsmerkmalen und

Ereignissen bis zu Geo-Koordinaten.

Außerdem unterstützt das System die

»flexible Personaldisposition«, den Zugriff

von Teamleitern auf Dienstpläne

und Aufgaben der Mitarbeiter.

&

NACHRICHT

HANNOVER MESSE

Brandenburger

und Berliner dabei

Umweltschutz-Technologien wachsen

mit der Informationstechnik zusammen –

ein Trend, der auf der Hannover Messe

vom 23. bis 27. April im Mittelpunkt

steht.

Der Veranstalter, die Deutsche Messe AG,

hat dafür den Begriff »greentelligence«

kreiert, ein Kompositum aus »green und

intelligence«. Das Partnerland China

präsentiert seine intelligenten Lösungen

für die Nachhaltigkeit. Der Premierminister

der Volksrepublik China Wen Jiabao

wird am 22. April 2012 mit Bundeskanzlerin

Angela Merkel die Messe eröffnen.

Die zentralen Themen der Hannover

Messe sind die Industrieautomation

und IT, Energie- und Umwelttechnologien,

Industrielle Zulieferung, Produktionstechnologien

und Dienstleistungen

sowie Forschung und Entwicklung.

Wie in den Vorjahren ist die Region Berlin-

Brandenburg mit mehreren Gemeinschaftsständen

auf der Messe vertreten,

die von den Industrie- und Handelskammern

und den Wirtschaftsfördereinrichtungen

der Länder organisiert werden.

Erstmalig dabei sind die Stände »Clean

Technologies« (Halle 26, Stand D08) und

»Elektromobilität« (Halle 25). Weitere

Gemeinschaftsstände haben die Themen

»Automation« (Halle 9, Stand A36), »Energie«

(Halle 13, Stand C40), »Forschungsmarkt«

(Halle 2, Stand C31) und »Zulieferindustrie«

(Halle 5, Stand B16).

Manfred Ronzheimer

EINFACHER, SCHNELLER, SICHERER: Der Anwendung der Innovation aus Plauen bei dem Görlitzer Schienenfahrzeughersteller.

54 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


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BBIK-AKTUELL

MEINUNG

BBIKaktuell

Brandenburgische Ingenieurkammer

Körperschaft des öffentlichen Rechts

AKTUELLE

NACHRICHTEN

Fotos: Archiv, BBIK

Von WIELAND SOMMER,

Präsident der BBIK

Wichtiges Ehrenamt

In diesen Wochen wählen die Mitglieder

der Brandenburgischen Ingenieurkammer

zum fünften Mal ihr

Parlament – die Delegierten für die

Vertreterversammlung. Die Wahl

stellt die Weichen, mit welchen Persönlichkeiten

sich die BBIK im gesellschaftlichen

Leben des Landes

positioniert und den Berufsstand

der überwiegend freiberuflich tätigen,

planenden und selbständigen

Ingenieurinnen und Ingenieuren

präsentiert, unterstützt und voranbringt.

Die Mitglieder der 5.Legislatur

werden die Entwicklung des

Berufsstandes durch die von ihnen

geprägte Berufspolitik unmittelbar

bestimmen. Sie nehmen in der

öffentlichen Diskussion mit der

Vertretung des Berufsstandes entscheidenden

Einfluss auf die wirtschaftlichen

und berufspolitischen

Rahmenbedingungen der Berufsausübung.

Ein Ehrenamt mit herausragender

Bedeutung!

Positive Ergebnisse prägten die

4.Legislaturperiode: Mit der Novellierung

des Brandenburgischen Ingenieurgesetzes

wurde die Pflichtmitgliedschaft

für bauvorlageberechtigte

Ingenieure im Gesetz verankert.

Die Zusammenarbeit mit

den Berliner Kammern wurde per

Vereinbarung festgeschrieben. Im

Prüfungsausschuss für Prüfsachverständige

der BBIK legen seit 2011

Ingenieure und Architekten aus Berlin

die Prüfungen für energetische

Gebäudeplanung ab, um die amtliche

Anerkennung zu erlangen. Mit

zwei Baukulturpreisverleihungen

und der Veranstaltungsreihe »Ingenieure

treffen Schule« machte die

BBIK in der Öffentlichkeit auf die

Tätigkeit des Berufsstandes aufmerksam.

Unsere regionalen Mitgliederversammlungen

stehen für

die Mitgliedernähe der BBIK. Die

neue Vertreterversammlung wird

die positiven Erfahrungen der bisherigen

vier Legislaturen fortführen

und neue Impulse geben. Nehmen

Sie als BBIK-Mitglied Ihr verbrieftes

Wahlrecht wahr. Noch besser:

Stellen Sie sich zur Kandidatur für

ein Ehrenamt zur Verfügung.

AUSSCHREIBUNG

Strikte

Trennung

Die Kopplung der Auftragsvergabe

nach VOB und von

Prüfsachverständigenleistungen

ist unzulässig.

Sie widerspricht dem Bauordnungsrecht.

Bei der Prüfung

der sicherheitstechnischen

Gebäudeausrüstung dürfen

nur Prüfsachverständige tätig

werden, die nicht selbst an

den betreffenden Vorhaben

planend oder bauausführend

tätig waren beziehungsweise

keinem Unternehmen angehören,

welches planend oder

bauausführend am Vorhaben

beteiligt war (Paragrafen 3

Absatz 2 und 4 BbgPrüfSV).

Das schließt eine Ausschreibung

der Prüfsachverständigenleistungen

im Rahmen

von Ausschreibungen gemäß

VOB/A aus. Gemäß Paragraf 5

Absatz 1 der Brandenburgischen

Sicherheitstechnischen

Gebäudeausrüstungs-Prüfverordnung

(BbgSGPrüfV) hat

der Bauherr oder der Betreiber

selbst die Prüfung durch

den Prüfsachverständigen zu

veranlassen. Darauf verweist

das Ministerium für Infrastruktur

und Landwirtschaft.

Dort waren Hinweise eingegangen,

dass bei öffentlichen

Bauvorhaben die Prüfsachverständigenleistung

als Bestandteil

der Leistungsverzeichnisse

ausgeschrieben

wurden.

Änderungen vorbehalten

NORMENPORTAL

Exklusiv für

Mitglieder

Als Service können BBIK-

Mitglieder DIN-Normendokumente

des Beuth Verlags

vergünstigt abrufen.

Grundlage dieses exklusiven

Angebots für Mitglieder der

Ingenieurkammern ist eine

Rahmenvereinbarung, die die

Bundesingenieurkammer

mit dem Verlag zum online-

Bezug von DIN-Normendokumenten

abgeschlossen hat.

Das Normenportal (www.normenportal-ingenieure.de)

ist

rund um die Uhr an 365 Tagen

im Jahr zugänglich.

Die Normen können nicht

nur am Bildschirm gelesen,

sondern auch ausgedruckt

werden.

Für dieses exklusive Angebot

wurden aus mehreren

tausend DIN-Normen und

technischen Regeln, die derzeit

im Bauwesen gültig sind,

in Zusammenarbeit mit den

Ingenieurkammern der Länder

rund 500 am häufigsten

abgerufene DIN-Normendokumente

ausgewählt.

Zusätzlich zu diesem Grundpaket

können die Eurocodes

(www.eurocode-online.de),

deren bauaufsichtliche Einführung

für den 1. Juli 2012

vorgesehen ist, sowie die Texte

der Vergabe- und Vertragsordnung

(VOB) für Bauleistungen

zu Sonderkonditionen

bezogen werden.

KALENDER

WETTBEWERB

Attraktive

Preise

Unter dem Motto »Ingenieure

treffen Schule«

ruft die BBIK Schüler

und Studenten zu einem

Fotowettbewerb auf.

Die Ausschreibung vom

1. April bis 31. Oktober

2012 gilt in zwei Alterskategorien,

von 14 bis 18

und von 19 bis 25 Jahre.

Gesucht werden lebendige

und authentische Bilder mit

besonderem Blick für herausragende

ingenieurtechnische

Leistungen. Den Bestplatzierten

winken attraktive

Preise, darunter ein Stuntworkshop

für zwei Personen

im Filmpark

Babelsberg/Potsdam, ein

Auto für ein Wochenende

vom Autohaus Babelsberg,

eine Übernachtung im NH

Hotel Dresden, außerdem

Eintrittskarten und Gutscheine

für Freizeit-, Kulturund

Sportveranstaltungen.

Schirmherrinnen des Wettbewerbs

sind die Ministerinnen

für Wissenschaft, Forschung

und Kultur, Prof. Dr.-

Ing. Dr. Sabine Kunst, und

für Bildung, Jugend und

Sport, Dr. Martina Münch.

Einsendeschluss ist der

31. Oktober 2012 (Eingang

in der BBIK). Die Preisverleihung

findet im IV. Quartal

2012 statt. Die Wettbewerbsarbeiten

werden danach

an verschiedenen

Orten im Land Brandenburg

ausgestellt.

Informationen:

www.ingenieure-treffenschule.de

25.04.2012 Neuruppin Regionale Mitgliederversammlung der Regionen Prignitz, Ostprignitz-Ruppin

und Oberhavel

23.05.2012 Hangelsberg Regionale Mitgliederversammlung der Regionen Frankfurt (Oder), Oder-Spree

und Märkisch-Oderland

15.06.2012 Potsdam 17. Brandenburgischer Ingenieurkammertag

56 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


BBIK-AKTUELL

Fotos: Ullner

BDVI

20 Jahre in

Brandenburg

Das 20-jährige Jubiläum

des Berufsstandes in

Brandenburg würdigte der

BDVI mit einem Festakt.

Der Bund der Öffentlich bestellten

Vermessungsingenieure

zählt im Lande derzeit

rund 150 freiberuflich tätige

Vermessungsingenieure. Als

verdienter Berufskollege wurde

auf dem Festakt Kammermitglied

Dipl.-Ing. Peter Hartmann

für sein ehrenamtliches

Engagement im Verband

auf Landes- und Bundesebene

mit der silbernen Ehrennadel

des BDVI geehrt. Er ist seit

acht Jahren aktives Vorstandsmitglied

der BDVI-Landesgruppe

Brandenburg und

auch BBIK-Mitglied. Die Grußworte

der Landesregierung

überbrachte Infrastrukturminister

Jörg Vogelsänger. Die

Festansprache hielt Minister

a. D. Reinhold Dellmann.

BAUZUSTAND

Schlechte

Straßen

Viele Bundes- und Landesstraßen

im Land Brandenburg

sind in einem

mangelhaften Zustand.

Schon vor dem Winter

2010/2011 wiesen 56 Prozent

der Landesstraßen eine Bauzustandsnote

von schlechter

als 3,5 auf. Bei 26 Prozent

der Landesstraßen war die

Zustandsnote von 4,5 bereits

überschritten. Ab einem solchen

Wert müssen in der Regel

Erhaltungsmaßnahmen

oder Verkehrsbeschränkungen

eingeleitet werden. Das

ergibt sich aus der Antwort

des Ministers für Infrastruktur

und Landwirtschaft auf

eine kleine Anfrage des Abgeordneten

Rainer Genilke

(CDU). Zudem gibt es in Brandenburg

über 700 Brückenbauwerke,

die eine durchschnittliche

Nutzungsdauer

von 70–80 Jahren aufweisen.

Architektur

THEMA

Stelen aus Edelstahl machen

auf herausragende

Bauten der »Moderne«

der Jahre 1919 bis 1933 aufmerksam.

Mit dieser gemeinsamen

Aktion wollen die Ingenieurkammer

und die

Architektenkammer in Brandenburg

das Bewusstsein für

die Vielfalt und Bandbreite

sowie für die hohe Qualität

des Bauschaffens schärfen.

Die Stelen informieren mit

Inschriften und Bildern über

legendäre Bauobjekte. Bisher

stehen 13 Stelen, etwa vor der

Zollbausiedlung Memelland

in Brandenburg/Havel, vor der

Grundschule Erich-Kästner in

Frankfurt (Oder) sowie vor

dem Regattahaus und dem

dazugehörigen Musikpavillon

AKTUELL

Stelen der Moderne

Ein Fotowettbewerb, Stelen aus Edelstahl und

eine Ausstellung. Die BBIK würdigt die Qualität

des Bauschaffens im Land Brandenburg.

DIE STELEN erläutern herausragende Bauwerke.

in Potsdam. Für weitere Stelen

werden noch Sponsoren gesucht.

TURM UND WOHNHÄUSER

Herausragende architektonische

und ingenieurtechnische

Leistungen der Gegegenwart

würdigt eine Ausstellung mit

über 50 Wettbewerbsarbeiten,

die vom 2. bis 17. April in den

Bahnhofspassagen Potsdam

gezeigt wird. Präsentiert werden

die im Rahmen des

Brandenburgischen Baukulturpreises

2011 eingereichten

Entwürfe. Sie zeigen, wie

Architekten und Ingenieure

generationengerecht planen

und bauen und neue konstruktive

und technische Systeme

mit hoher Funktiona-

KURZ

NOTIERT

BAURECHT

Digitale Fassung

Auf Basis des Europarechtsanpassungsgesetzes

Erneuerbare

Energien (EAG EE, BGBl I 2011,

S. 619) erfolgte eine Änderung

von Paragraf 3 Abs. 1 Nr. 6 des

Hochbaustatistikgesetzes (HBau-

StatG). Deshalb wurde mit Wirkung

ab 1. Januar 2012 die Baugenehmigungsstatistik

um Abfragen

zu den Merkmalen »Art der

Warmwasserbereitung und hier

für vorgesehene Energie«, »Anlagen

zur Lüftung«, »Anlagen zur

Kühlung« sowie »Art der Erfüllung

des Erneuerbare-Energien-Wärmegesetzes«

erweitert. Der Erhebungsbogen

für Baugenehmigung/

Baufertigstellung wurde dementsprechend

inhaltlich geändert

bzw. erweitert. Für Baugenehmigungen,

die dem Amt für Statistik

Berlin-Brandenburg seit dem Erhebungsmonat

Januar 2012 gemeldet

werden, sind nur noch neue

Erhebungsbögen für die Bearbeitung

geeignet. Redaktionell

überarbeitet wurde auch der Erhebungsbogen

für Bauabgang.

Informationen: Amt für Statistik

Berlin-Brandenburg, Tel.: (03 31)

81 73 – 17 77; http://www.statistik-bw.de/baut/html/index.htm)

lität und Energieeffizienz entwickeln.

Zu sehen sind in der

Ausstellung u. a. der sanierte

Wasserturm in Finow, Institutsbauten

in Potsdam, ein saniertes

und umgenutztes

Denkmal in Eisenhüttenstadt,

Freianlagen und Brücken sowie

Wohnhäuser. Unter dem

Titel »Baukultur vor Ort« wird

die Ausstellung auch in weiteren

Städten in Brandenburg

gezeigt werden.

ADRESSE

Brandenburgische Ingenieurkammer

Schlaatzweg 1, 14473 Potsdam

Tel.: (03 31) 743 18 0, Fax: 743 18 30

E-Mail: info@bbik.de

Internet: www.bbik.de

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 57


Foto: Volkswagen

AUTOMOBIL

Gut vier Jahre nach dem

Debüt legt der edelste

Vertreter der Passat-

Baureihe seinen bisherigen

Modellnamen ab und tritt

nur noch als VW CC auf. Die

Abkürzung CC steht »Comfort

Coupe« und macht bei Design,

Technik und Ausstattung

dem Namen alle Ehre.

Die neue Optik mit stark verchromtem

Kühlergrill rückt

den CC näher an den noblen

großen Bruder Phaeton. Die

Motorhaube wirkt mächtiger.

Der gesamte Bereich der Front

wurde überarbeitet, bekam

schärfere Linien und – gemäß

der Marken-Optik – mehr Elemente

verpasst, die in die

Breite ziehen. Der CC wird als

Viersitzer ausgeliefert mit gut

konturierten Sportsitzen vorn

und ebenfalls ausgeprägten

Einzelsitzen hinten.

Das komplette Ambiente

wirkt edler und hochwertiger

und lässt sich mit unterschiedlichen

Materialien und

Farben dem persönlichen

Geschmack ebenso anpassen

wie dem Geldbeutel. Das neue

viersitzige Gestühl bietet den

hinten Sitzenden mehr Kopfraum,

für Sitzriesen aber leider

immer noch nicht genug.

Die lassen sich vielleicht mit

VolkswagenCC

Comfort Coupe veredelt

Die Wolfsburger Autobauer haben dem Modell CC

ein markantes Facelifting verpasst. Auch innen

glänzt die Limousine mit passablen Neuerungen.

dem größeren Knieraum trösten.

Viel Aufmerksamkeit hat

VW den Fahrgeräuschen gewidmet.

Ein neuer Unterboden,

mehr Dämmmaterial

und akustisch optimierte

Scheiben an der Front und an

den Seiten sorgen für ein an-

genehm niedriges Innengeräuschniveau.

Im Optionspaket

finden sich viele Assistenzsysteme,

wie sie sonst nur

in der Oberklasse zu Hause

sind. Als erster Volkswagen erhält

der CC eine Kombina-tion

aus dem Spurwechselassistenten

und dem Spurhalteassistenten.

Das System warnt vor

Autos im toten Winkel oder

beim Verlassen der Spur, und

die Lenkung hält dagegen,

wenn die Spur nicht frei ist

oder der Fahrer unbeabsichtigt

seine Spur verlässt.

Beim Antrieb geht der CC

mit wahlweise drei leistungsstarken

Benzinern (160 bis

300 PS) und zwei Dieseln (140

und 170 PS) zur Sache. Hinzu

gesellt sich ein Blue-TDI-Motor

mit ebenfalls 140 PS, der

bereits die erst ab Herbst geltenden

strengen Grenzwerte

der Euro-6-Norm erfüllt und

sich mit 4,7 Litern auf 100 km

begnügt. Ein echter Sparmeister

seiner Klasse.

Auf den ersten Blick wirkt

der CC nicht wie ein Schnäppchen:

die Preise starten bei

31.800 Euro für den 1.8 TSI

(160 PS). Also doch ein Design-

Zuschlag gegenüber dem normalen

Passat? Unterm Strich

nicht, denn für den CC gibt es

keine Ausstattungslinien, für

die Käufer anderer VW-Modelle

extra zur Kasse gebeten

werden. Fazit: Die vielen praktischen

Assistenzsysteme und

das hohe Komfortniveau machen

den CC zum idealen Geschäfts-

und Reisefahrzeug.

Hans Jürgen Götz

Autopflege

Frühjahrsputz im Fuhrpark

Nach dem Winter steht für Firmenautos eine Runderneuerung auf dem Wartungsprogramm.

W&M gibt Tipps, wie die Spuren widriger Wetterwochen wirkungsvoll beseitigt werden.

WINTERDRECK WEGWASCHEN

Gegen den Schmutz und das

Salz des Winters empfiehlt sich

ein Durchgang in der Waschanlage

mit Vor- und Unterbodenwäsche.

Wichtig: Türeinstiege

mit mildem Reinigungsmittel,

viel Wasser und weichem

Schwamm von Hand säubern.

Motor mit starkem Strahl

abspritzen. Bei Benutzung

eines Dampfstrahlers auf Elektrik

und Elektronik achten.

KRATZER BESEITIGEN

Nach der Außenreinigung Lack

und Kunststoffflächen konrollieren.

Hochwertige Lackpolitu-

ren entfernen feine Kratzer effizient.

In schlimmeren Fällen

helfen Kratzer-Polituren. Gehen

Kratzer bis auf die Grundierung

des Lacks, größere

Folgeschäden durch professionelle

Reparatur vermeiden.

FELGEN GRÜNDLICH REINIGEN

Bei der Frühjahrswäsche verdienen

Alufelgen besonderes

Augenmerk. Mit säurefreiem

Felgenreiniger vorsprühen, damit

sich hartnäckiger Bremsstaub

wirklich gut lösen kann.

Eine spezielle Felgenversiegelung

zum Schluss erleichtert

die nächste Reinigung.

FÜR DURCHBLICK SORGEN

Auf Autoscheiben bildet sich

mit der Zeit an der Innenseite

ein feiner Schmutzschleier,

der bei ungünstigen Gegenlichtverhältnissen,

etwa bei

heller Sonne, zu extremer

Sichtbeeinträchtigung führen

kann. Mit Glasreiniger sorgen

Sie für klare Verhältnisse. Feine

Kratzer im Glas sind mit

Scheibenpolitur entfernbar.

GUMMIS PRÜFEN

Die Scheibenwischer prüfen.

Sie dürfen nicht schmieren.

Reinigen Sie die Gummis. Bilden

sich danach beim Wischen

immer noch Schlieren oder

Streifen, müssen die Wischerblätter

ausgetauscht werden.

Erneuern sie das Wischwasser

und steigen auf Scheibenreiniger

für den Sommer um.

INNENRAUM SÄUBERN

Polster und Fußmatten gründlich

absaugen. Mikrofasertücher

eignen sich für nahezu

alle Oberflächen wie Armaturentafel

und Verkleidungen. In

hartnäckigen Fällen Kunststoffpflegemittel

verwenden.

Und bitte nicht vergessen:

Kofferraum entrümpeln!

Hans Jürgen Götz

&

58

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


PORTRÄT

Fotos: U. Toelle/Super Illu

Argenta Schokoladenmanufaktur GmbH

Kreativer Gaumen

Der Weißenfelser Unternehmer Wolfgang Dietrich lässt sich vom

Geschmack und Kaufverhalten der Kunden inspirieren und hat

eine traditionsreiche Schokoladenmarke zu neuem Leben erweckt.

Das Büro des Chefs der Argenta

Schokoladenmanufaktur GmbH

befindet sich an ungewöhnlichem

Ort. Vom Wintergarten seines

Hauses in Weißenfels aus führt Wolfgang

Dietrich sein Unternehmen. Im Kellerbereich

des Hauses sind weitere Büros

für acht Mitarbeiter untergebracht. Fast

entschuldigend erklärt Ehefrau Ursula:

»Dies war alles mal anders geplant, aber

es ist im Laufe der Jahre so gewachsen.«

Die Produktionsstätte mit Verkaufsladen

befindet sich dagegen am Rande

der Stadt, in der Naumburger Straße.

Täglich verlassen bis zu 28 Lkw das

Weißenfelser Werksgelände, beladen mit

Schokoladenartikeln. 50 Sorten werden

derzeit produziert. Darunter Verkaufshits

wie »Brockensplitter«, die »Feinen

Tröpfchen« und »Nougattütchen«. Die

diesjährige Osterproduktion ist gelaufen.

Dietrich ist Schokoladen-Fachmann.

Auf dem Esstisch in seinem Büro stehen

Tüten, Schachteln und Päckchen. Hier

wird genascht. »Erstens muss man ständig

die eigene Produktqualität überprüfen.

Zweitens werden Neuentwicklungen

immer wieder verkostet. Und drittens

muss ich auch wissen, was die Konkurrenz

so macht«, sagt der 61-Jährige.

Bei all der beruflichen Nascherei ist

der gebürtige Merseburger rank und

schlank geblieben. Ein sportlicher Typ,

gekleidet in legeren schwarzen Jeans, kariertem

Oberhemd und dicker Strickjacke.

Nichts mit Geschäftsanzug und

Krawatte. »Ich habe den typischen Geschmack

eines Otto Normalverbrauchers«,

sagt Dietrich. Trendige Geschmackskreationen

wie Schokolade mit

Chili mag er nicht. Die Firma konzentriert

sich auf das, was seit jeher den

ostdeutschen Naschkatzen geschmeckt

hat. Da wird verfeinert und verbessert.

Oder anders beschrieben: Was dem Chef

schmeckt, das wird produziert.

Dietrich brütet unentwegt neue Projekte

aus, auch im Gespräch hält es ihn

nicht lange auf seinem Stuhl. Unruhig

läuft er hin und her. Selbst neben seinem

Bett lägen immer Stift und Block, erklärt

Ehefrau Ursula, um Einfälle und Gedanken

schnell notieren zu können. Einen

aktuellen kreativen Einfall hat er jüngst

auf der Süßwarenmesse in Köln präsentiert:

ein »Dip-Ei«. Einen Oster-Kalenderkranz

hatte er ebenfalls im Gepäck. »Wir

sind damit einzigartig in Europa, weil

verpackungstechnisch nur wir diesen

Kranz fertigen.« Für die innovativen Produkte

wird im eigenen Haus getüftelt. Im

Sommer dieses Jahres kommt seine

»Dschungelsafari« für Kinder auf den

Markt. Eine Nougat-PuffreisTafel ist in

Arbeit. Neu sind auch die pastellfarbenen

Schaumtiere. Sein »Weihnachtswilli«

war im zurückliegenden Weihnachtsgeschäft

deutschlandweit ein Renner.

Der Argenta-Chef ist nicht in der Branche

groß geworden. Er studierte weder

Lebensmitteltechnologie noch Lebensmittelchemie.

Von Hause aus ist er Mathematiker.

Zu DDR-Zeiten programmierte

er Werkzeugmaschinensysteme.

Dafür hat er einst den Nationalpreis für

Wissenschaft und Technik erhalten.

»Darauf bin ich immer noch stolz.«

Von seinem kreativen Geist hat auch

Ehefrau Ursula beruflich profitiert. Als

PRALINEN PRALL: Der Argenta-Chef

Wolfgang Dietrich und Ehefrau Ursula.

sie sich mit dem Gedanken trug, im

Wohnhaus der Familie ein Eiscafé aufzumachen,

baute Ehemann Dietrich ihr die

erste Eismaschine. Das Gerät hat längst

ausgedient. Das Eiscafé existiert noch.

Mit der Wende kam für Wolfgang

Dietrich das Ende seiner Programmierer-

Tätigkeit. Aber eine neue Idee war schon

geboren. Er gründete eine Handelsagentur

und verkaufte Ernährungsprodukte

der Marken Kathi, Dr. Quendt, Halloren,

Viba, Wurzener Nahrungsmittel oder

Zetti. »Das war eine Zeit, in der ich

enorm viel gelernt habe.«

So beobachtete er nicht nur stetig den

Süßwarenmarkt, sondern auch das

Kaufverhalten von Kunden und die Verkaufsstrategie

der Discounter. »Auffallend

ist, wie sehr sie auf regionale Produkte

setzen und diese stark bewerben«,

resümiert Dietrich. Und es fiel ihm auf,

das in klassischen Hersteller-Ländern der

Süßwarenbranche wie Sachsen-Anhalt

und Sachsen nach 1990 etliche Marken

verschwanden, die bis dahin in einem

guten Ruf gestanden hatten wie »Elbflorenz«

aus Dresden und »Argenta« aus

Wernigerode.

2002 kaufte Dietrich die Marke »Argenta«.

Seit 2004 werden die Argenta-Produkte

nicht mehr im Harz, sondern im

anhaltinischen Weißenfels in der Schokoladenmanufaktur

produziert. 13 Millionen

Euro investierte der Unternehmer.

Die Stadt unterstützte das Vorhaben,

das Land Sachsen-Anhalt half, auch

EU- Fördergelder flossen. Für den beruflichen

Seiteneinsteiger arbeiten mittlerweile

70 Leute und erwirtschaften bis zu

16 Millionen Euro Umsatz pro Jahr.

Momentan wird die Schokoladenmanufaktur

um ein Drittel in der Fläche erweitert.

»Wir benötigen mehr Lagerkapazitäten,

wollen die Pralinenproduktion

erhöhen und freie Kapazitäten für neue

Produktlinien haben.«

Für seinen Mut und sein Engagement

erhielt der Weißenfelser 2009 den Unternehmerpreis

des Ostdeutschen Sparkassenverbandes.

»Wenn ich vorab gewusst

hätte, was da auf mich zukommt, dann

hätte ich diesen Job gar nicht erst gemacht,«

bekennt der Geehrte im Rückblick

auf die Anfänge. Er habe ja nicht

mal gewusst, wie viel Geld man braucht.

Und wie viel Verantwortung es zu schultern

gilt. Urlaub oder Freizeit kennt Dietrich

seit Jahren nicht. Für’s Hobby – er

sammelt leidenschaftlich Uhren – bleibt

keine freie Minute. Doch wenn er mal

nicht eine neue Schokoladenidee ausspinnt,

gönnt er sich einen entspannten

Blick vom Wintergarten aus auf seine Galerie

von 70 Zeitmessern.

Daniela Sell

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 59


UV-AKTUELL

Zeitarbeitsfirma bester Arbeitgeber in Thüringen

Fachkräfte-Meyers goldene Regeln

Bundesweit tobt ein Streit um die Leiharbeit. Gewerkschafter warnen vor Missbrauch. Unternehmer

schwören auf sie. Dazu passt eine Nachricht: Die größte einheimische Personaldienstleisterin

Thüringens, die GeAT AG, wurde unlängst als eine der besten Firmen Deutschlands ausgezeichnet.

Ende Januar dieses Jahres,

tief im Westen,

im Duisburger Landschaftspark-Nord.

Die Industriekulisse

beeindruckt, Tatort-Legende

Götz George alias

Horst Schimanski könnte jeden

Moment um die Ecke biegen.

Im Rampenlicht der Jahresveranstaltung

2012 des

Benchmarkingprojekts »Top

Job« stehen die besten mittelständischen

Arbeitgeber

Deutschlands. Ex-Bundeswirtschaftsminister

Wolfgang

Clement zeichnet sie aus.

Im vergangenen Jahr hat

die Universität St. Gallen das

Personalmanagement von

bundesweit 147 Unternehmen

untersucht und deren 34.000

Mitarbeiter interviewt. Zu den

besten Firmen und Institutionen

gehört die Gesellschaft

für Arbeitnehmerüberlassung

Thüringen, die Erfurter GeAT

AG. Bereits zum zweiten Mal.

In diesem Jahr landete das

Zeitarbeit-Unternehmen auf

Platz vier der Top 100 Arbeitgeber

Deutschlands.

Ausgerechnet eine Firma

aus dem Freistaat Thüringen!

Matthias Machnig, dort Landesminister

für Wirtschaft,

Arbeit und Technologie, hatte

im vergangenen Jahr bundesweit

Schlagzeilen gemacht.

Mit einer Initiative gegen den

Missbrauch von – Zeitarbeit.

Firmen mit einem hohen

Leiharbeiteranteil erhalten

im Freistaat nur noch eingeschränkt

Fördermittel oder

gar keine. Die Begründung:

Die Zeitarbeiter bekämen bedeutend

weniger Entgelt als

Stammkräfte (s. W&M 3/2012).

Helmut Meyer, der ebenso

visionäre wie umtriebige

Gründer und Vorstandssprecher

der GeAT, hält im Gespräch

mit W&M diesen

Machnig-Vorstoß nicht für erwähnenswert.

Er ist längst zu

anderen Ufern unterwegs.

Fachkräftemangel, equal-pay

oder Mindestlohn sind seine

Stichworte. Er würdigt indes

die Bemühungen des Ministers

um Unternehmensansiedlungen,

überhaupt die

Nähe der Landesregierung

zur Wirtschaft. Da sieht Meyer

viel Licht: »Wir profitieren

von den Ansiedlungen.«

Es versteht sich, dass der

GeAT-Inhaber ein Herold in eigener

Sache ist. Für ihn ist die

Zeitarbeit ein integrativer

Bestandteil modernen, flexiblen

Wirtschaftens. Ein kaum

zu überschätzender Wettbewerbsvorteil.

Kein Jobkiller,

sondern ein Weg aus der Arbeitslosigkeit

– für viele Menschen

die schier einzige reale

Chance, wieder in Lohn und

Brot zu kommen. Nach Einschätzung

von Gesamtmetall-

Präsident Martin Kannegiesser

sichert Zeitarbeit gar ein

Fünftel der Arbeitsplätze in

der deutschen Metall- und

Elektroindustrie. Mit der

GeAT, die mit annähernd

1.700 Beschäftigten größte

einheimische Anbieterin von

Personaldienstleistungen in

Thüringen ist, sieht sich Meyer

auch als ein Zukunftssicherer

des Landes.

WER KOMMT, DER BLEIBT

Zumal der unweit von Koblenz

Gebürtige hier sesshaft

geworden ist. Angefangen hat

er hier am 15. November 1990

– als Beamter im Beitrittsgebiet.

Ursprünglich abgeordnet

für ein paar Tage, sind es

Jahrzehnte geworden. Das

wichtigste an der neuen Heimat

sei, dass er hier tolle

Teams gefunden habe, sagt

der ehemalige Leiter eines

Arbeitsamtes. 1995 gehörte er

zu den GeAT-Gründern im

Rahmen eines Management

buy-outs, der Übernahme

einer Fördergesellschaft des

Landes. Das Kapital stammte

auch aus dem Verkauf seines

Häuschens im Rheinischen.

Von den Mitarbeitern der ersten

Stunde sind die meisten

noch dabei. »Wer die Probezeit

übersteht und den Arbeitsvertrag

unterschreibt,

der bleibt«, erklärt er.

Stichwort Mindestlohn. Seit

Anfang Januar 2012 wird in

der Branche ein Mindestlohn

gezahlt – jetzt 7,01 Euro die

Stunde im Osten und 7,89

Euro im Westen, ab Anfang

November werden es dann

7,50 Euro Ost und 8,19 Euro

West sein. Meyer hält das für

einen »Meilenstein in der Geschichte

und einen Erfolg für

die Zukunft der Zeitarbeit«.

Was er nicht erzählt: Er

gehört zu den Vätern dieser

von den Tarifpartnern vor der

gesetzlichen Festlegung ausgehandelten

Lohnuntergrenze.

Der GeAT-Durchschnitts-

EINGESPIELTES TEAM: Friedrich W. Schmitz, Gudrun Wegner und Helmut Meyer (v.l.n.r.).

60 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


UV-AKTUELL

Fotos: Torsten George

lohn liegt bei 8,37 Euro die

Stunde. »Ich hätte nicht Hunderte

von Leuten an Bord«, so

Meyer, »wenn draußen mehr

bezahlt würde.«

Thüringen ist ein mittelständisch

geprägtes Land.

Meyer selbst versteht sich als

Mittelständler, als Familienunternehmer

und als Partner

des Mittelstands. Keine zehn

seiner Kunden haben mehr

als 20 Beschäftigte. Und zu

den GeAT-Prinzipien gehört,

höchstens fünf Prozent der

eigenen Belegschaft an jeweils

einen Kunden zu verleihen.

Das sichert die Arbeitsplätze

und schützt vor Risiken.

Wie Meyer überhaupt auf

Nachhaltigkeit schwört. Zu

seinen goldenen Regeln zählen:

»Liquidität vor Expansion,

Rentabilität vor Umsatz,

Zukunftssicherung vor Aktienwertsteigerung.«

PUNKTGENAU: Gezielte Qualifizierung an der GeAT-Akademie.

BRATWURST STATT PAELLA

Zeitarbeit gilt nicht von ungefähr

als Seismograph des Arbeitsmarktes.

Und Helmut

Meyer wäre kein erfolgreicher

Mittelständler, wenn er auf

Veränderungen nicht unternehmerisch

reagierte. Stichwort

Fachkräftemangel. Mit

der bereits 2004 gegründeten

und im Juni 2011 neu formierten

GeAT Akademie bietet die

Gesellschaft fachspezifische

Qualifizierungs- und Weiterbildungsmaßnahmen

an.

Akademie-Chefin Gudrun

Wegner spricht nicht nur pro

domo, wenn sie die Vorzüge

einer punktgenauen Vorbereitung

der Arbeitnehmer auf

ihren künftigen Job preist.

»Eine Qualifizierung ins

Blaue hinein gibt es nicht

mehr. Jedenfalls nicht bei

uns«, sagt sie und verweist

auf eine Übernahmegarantie

nach den Lehrgängen.

Der Thüringerin, die aus

der Nähe von Bad Berka

stammt, kommt ihre langjährige

Vernetzung im Lande zugute

– nicht nur mit Firmen,

sondern auch mit Bildungseinrichtungen

und anderen

Institutionen. Darauf schwört

die ehemalige Leiterin der

Niederlassung Erfurt. So

könnten die Akademie-Strukturen

schlank gehalten werden

und die praktische Ausbildung

werde ohnehin am

besten bei dem jeweiligen

GeAT-Kunden absolviert. Ein

halbes Hundert dieser Kunden

hat die Firma gegenwärtig,

die sich in 14 Niederlassungen

und drei Regionalbüros

gliedert.

Gudrun Wegners Plädoyer

für Netzwerke bekräftigt Friedrich

W. Schmitz. Er ist neben

Hartmut Meyer Geschäftsführer

der Meyer Fachkräfte

FAKTEN

Die Gesellschaft für Arbeitnehmerüberlassung

Thüringen

AG blickt auf 23.450

Einstellungen von Arbeitssuchenden

von 1995 bis

Ende 2011 und auf 10.086

Integrationen in dauerhafte

Beschäftigungen am ersten

Arbeitsmarkt im Land zurück.

Damit ist fast jeder zweite

Leiharbeiter unterdessen

fest angestellt worden.

Die Zahl der Zeitarbeiter

nimmt überall in Deutschland

zu. Nach einer aktuellen

Studie wird der Markt für

Leiharbeit in diesem Jahr erneut

um elf Prozent wachsen

– nach 19 Prozent im Jahr

2011. Damit würde erstmals

die jahresdurchschnittliche

Anzahl von über einer Millionen

Zeitarbeitern im Jahr

2012 überschritten. 2011

waren es noch 982.000.

In den vergangenen zehn

Jahren hat sich die Zahl der

Leiharbeiter verdreifacht.

GmbH, einer weiteren Firma

der Gesellschaft für Personaldienstleistungen.

Der Name

ist Programm – eine Reaktion

auf den veränderten Markt

und zugleich Notwendigkeit

einer Grenzüberschreitung.

Denn mit der im November

2009 gegründeten Fachkräfte-

Firma wagte sich Meyer nach

Sachsen-Anhalt und da stört

die Festlegung auf »Thüringen«

im Firmennamen. Seit

September vergangenen Jahres

gibt es zudem Niederlassungen

in Sangerhausen und

Wolfen. Auf ein Büro in Köln

sollen jeweils eins in Regensburg

und Bayreuth folgen.

Nach den Visionen und Plänen

des geschäftsführenden

Gesellschafters Helmut Meyer

agiert das Fachkräfte-Unternehmen

künftig sogar europaweit.

Der Anfang ist gemacht

– mit der Fachowcy Firmy

Meyer Sp. z o.o in Jawor

(Polen). Auch Schmitz denkt

längst daran, Fachkräfte beispielsweise

in Spanien zu akquirieren.

»Bei einer Jugendarbeitslosigkeit

von fast 50

Prozent dort, überlegt vielleicht

dieser oder jene, ihr

Glück hierzulande zu suchen«,

überlegt er laut. »Und

womöglich findet diese oder

jener, dass die Bratwurst besser

schmeckt als eine Paella.«

Mit Schmitz’ Neigung zu

Netzwerken hat es noch eine

besondere Bewandtnis. Der in

Wuppertal geborene Betriebswirt,

der zuvor als selbstständiger

Immobilienberater tätig

war, sich selbst aber mehr als

Teamarbeiter bezeichnet, bekleidet

eine ehrenamtliche

Funktion. Er ist Vorstandsmitglied

im Thüringer UV und

schon deshalb an Informations-

und Erfahrungsaustausch

interessiert.

EQUAL PAY, ABER RICHTIG

Die derzeitigen Tarifverhandlungen

in der Metall- und

Elektroindustrie im Nordosten

sind Mitte März abgebrochen

worden. Der neuralgische

Punkt ist der Umgang

mit der Zeitarbeit. Dabei geht

es um die alte Gewerkschaftsforderung

nach »gleichem

Lohn für gleiche Arbeit« – auf

Neudeutsch um equal pay,

um gleiche Bezahlung – und

es geht um Mitbestimmung

über den Einsatz der Leiharbeiter

durch die Betriebsräte.

Helmut Meyer ist langjähriges

MINISTER ÜBERZEUGT: Meyer

im Dialog mit Ressortchef Rösler.

Mitglied der Tarifkommission

von Gewerkschaften und der

iGZ, dem interressenverband

Deutscher Zeitarbeitsunternehmen.

Er ist für »equal pay,

aber vernünftig«.

Natürlich könne ein Leiharbeiter

nicht so bezahlt werden

wie eine Stammkraft, die

zehn Jahre oder länger den

Job macht. Andererseits müsse

es eine Befristung der Leiharbeit

geben, eine Übernahme,

wenn jemand schon geraume

Zeit den Arbeitsplatz

ausfüllt. Aber Meyer sieht viel

Bewegung in der Diskussion

zwischen Unternehmern und

Gewerkschaftern. Er traut

sich sogar ein Voraussage gegenüber

W&M zu: »Gehen Sie

mal davon aus, dass das Thema

equal pay bis zur Bundestagswahl

2013 abgeräumt ist.«

Helfried Liebsch

&

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 61


UV-AKTUELL

GESCHÄFTSSTELLEN

der Unternehmerverbände

Unternehmerverband Berlin e.V.

Präsident: Armin Pempe

Hauptgeschäftsführer: Andreas Jonderko

Geschäftsstelle:

Ingrid Wachter (Sekretariat)

Frankfurter Alllee 202, 10365 Berlin

Tel.: (030) 981 85 00, 981 85 01

Fax: (030) 982 72 39

E-Mail: mail@uv-berlin.de

Unternehmerverband Brandenburg e.V.

Präsident: Eberhard Walter

Hauptgeschäftsstelle Cottbus:

Roland Kleint

Schillerstraße 71, 03046 Cottbus

Tel.: (03 55) 226 58, Fax: 226 59

E-Mail: uv-brandenburg-cbs@t-online.de

Bezirksgeschäftsstelle Potsdam:

Bezirksgeschäftsführer: Hans-D. Metge

Hegelallee 35, 14467 Potsdam

Tel.: (03 31) 81 03 06

Fax: (03 31) 817 08 35

Geschäftsstelle Frankfurt (Oder):

Geschäftsführer: Detlef Rennspieß

Perleberger Str. 2, 15234 Frankfurt (O.)

Tel.: (03 35) 400 74 56

Mobil: (01 73) 633 34 67

Unternehmerverband Rostock und

Umgebung e.V.

Präsident: Frank Haacker

Geschäftsführerin: Manuela Balan

Geschäftsstelle:

Wilhelm-Külz-Platz 4, 18055 Rostock

Tel.: (03 81) 242 58 -0, 242 58 -11

Fax: 242 58 18

Regionalbüro Güstrow:

Am Augraben 2, 18273 Güstrow

Tel.: (038 43) 23 61 12, Fax: 23 61 17

Unternehmerverband Norddeutschland

Mecklenburg-Schwerin e.V.

Präsident: Rolf Paukstat

Hauptgeschäftsführer: Wolfgang Schröder

Geschäftsstelle:

Brunnenstraße 32, 19053 Schwerin

Tel.: (03 85) 56 93 33, Fax: 56 85 01

Unternehmerverband Thüringen e.V.

Präsident: Peter Baum

Geschäftsstelle:

IHK Erfurt

Arnstädter Str. 34, 99099 Erfurt

Tel.: (03 681) 42 00 50, Fax: 42 00 60

Unternehmerverband Vorpommern e.V.

Präsident: Gerold Jürgens

Leiter d. Geschäftsst.: Wolfgang Kastirr

Geschäftsstelle:

Am Koppelberg 10, 17489 Greifswald

Tel.: (038 34) 83 58 23, Fax: 83 58 25

Unternehmerverband Sachsen e.V.

Präsident: Hartmut Bunsen

Vizepräs.: Dr. W. Zill, Dr. M. Reuschel,

U. Hintzen

Geschäftsführer: Rüdiger Lorch

www.uv-sachsen.org

Geschäftsstelle Chemnitz:

Leiterin: Gabriele Hofmann-Hunger

Marianne-Brandt-Str. 4, 09112 Chemnitz

Tel.: (03 71) 49 51 29 12, Fax: -16

E-Mail: chemnitz@uv-sachsen.org

Geschäftsstelle Dresden:

Repräsentant: Klaus-Dieter Lindeck

Antonstraße 37, 01097 Dresden

Tel.: (03 51) 899 64 67, Fax 899 67 49

E-Mail: dresden@uv-sachsen.org

Geschäftsstelle Leipzig:

Leiterin: Silvia Müller

Riesaer Straße 72 – 74, 04328 Leipzig

Tel.: (03 41) 257 91-20, Fax: -80

E-Mail: leipzig@uv-sachsen.org

Unternehmerverband Sachsen-Anhalt e.V.

Präsident: Jürgen Sperlich

Geschäftsstelle Halle/Saale

Berliner Str. 130, 06258 Schkopau

Tel.: (0345) 78 23 09 24

Fax: (0345) 78 23 467

UV Sachsen

Hilfe für Menschen mit Behinderungen

Unternehmen suchen Arbeitskräfte, Menschen mit Behinderungen suchen

einen Arbeitsplatz. In Südwestsachsen bietet der Unternehmerverband für

das Problem eine Lösung, indem er auf die Firmen zugeht.

Die Sorgen vieler Unternehmer

sind verständlich,

wenn es um Beschäftigung

von Menschen

mit Behinderungen geht:

Sind das wirklich Qualifizierte?

Arbeitnehmer mit Behinderungen

verursachen mehr

Kosten und wenn sie sich als

ungeeignet erweisen, wird

man sie nicht wieder los.

SERVICE AUS EINER HAND

So lauten die gängigsten Bedenken

und Vorurteile. Sie

treffen aber in den seltensten

Fällen zu, weiß Wolfgang Degner,

geschäftsführender Vorstand

des Sozialen Förderwerks

e.V. in Chemnitz.

»Meistens denken wir beim

Stichwort Behinderung an

Rollstuhlfahrer, das ist aber

nur ein kleiner Teil der Menschen

mit Behinderungen.«

Richtig hingegen sei, dass viele

Menschen mit Behinderungen

über gute und sehr gute

Qualifizierungen verfügen

und vielseitig einsetzbar sind.

Beispielsweise der Verkäufer

mit Diabetes oder eine Ingenieurin

mit überstandener

Krebserkrankung, der blinde

EDV-Fachmann oder der gehörlose

Zeichner.

Vielfach sind diese Menschen

hoch motiviert und

möchten entsprechend ihrer

Qualifikation und nach ihren

Fähigkeiten eingesetzt werden.

Wenn sie bei der Arbeitsagentur

als arbeitssuchend

gemeldet sind, heißt das aber

noch lange nicht, dass sie einen

passenden Job finden.

Dafür gibt es eine Reihe von

Ursachen. Zum Beispiel wird

zu wenig auf Arbeitgeber zugegangen

und nach ihren

konkreten Bedarf gefragt. »Es

muss gelingen, die Unternehmen

für die Beschäftigung

von Menschen mit Behinderungen

zu sensibilisieren«,

sagt Gabriele Hofmann-Hunger,

Leiterin der der Repräsentanz

Südwestsachsen des

Unternehmerverbandes. »Förderungen

für behinderte Arbeitnehmer

gibt es viele», ergänzt

Wolfgang Degner, »Info-

Broschüren und Flyer für

Arbeitgeber oder der Verweis

auf gesetzliche Regelungen allein

reichen aber nicht«. Der

GABRIELE HOFMANN-HUNGER, Leiterin der Repräsentanz Südwestsachsen

des UV Sachsen e.V., und Dr. Wolfgang Degner, Geschäftsführender

Vorstand Soziales Förderwerk e.V., haben gemeinsam das

»support«-Netzwerk für sächsische KMU auf die Beine gestellt.

Arbeits- und Fachkräftemangel

führt auch nicht automatisch

dazu, dass sich die Beschäftigungschancen

für diese

Menschen verbesserten.

SERVICE AUS EINER HAND

Aus dieser Erkenntnis heraus

hat der UV Sachsen gemeinsam

mit dem Sozialen Förderwerke

e. V. vor zwei Jahren das

Projekt »support« initiiert. Es

handelt sich um ein Dienstleistungsnetzwerk

für sächsische

kleine und mittelständische

Unternehmen, das allen

Leistungen rund um die Beschäftigung

schwerbehinderter,

behinderter und von

Behinderung bedrohter Menschen

aus einer Hand anbietet.

Finanziert wird das Projekt

aus Mitteln der betrieblichen

Ausgleichsabgabe, also

durch Geld, das Betriebe mit

20 und mehr Beschäftigten

zahlen müssen, wenn sie die

Vorgaben zur Beschäftigung

Behinderter nicht oder nicht

vollständig erfüllen.

»Dieser unternehmenszentrierte

Ansatz ist das Neue«,

sagt Gabriele Hofmann-Hunger.

Außer in Chemnitz gibt

es ähnliche Projekte nur noch

in Nordrhein-Westfalen und

in Schleswig-Holstein. Es habe

sich gezeigt, dass die meisten

KMU durchaus aufgeschlossen

sind. In großen Unternehmen

gibt es Personalabteilungen

und vielfach auch Erfahrungen

mit dem Einsatz von

behinderten Arbeitnehmern.

Darauf können KMU meistens

nicht zurückgreifen. Deshalb

ist »support« auch mehr als

nur das Zusammenführen

von behinderten Menschen

mit Arbeitskräfte suchenden

Unternehmern. »Das funktioniert

nur, wenn die Unternehmer

alle Dienstleistungen aus

einer Hand erhalten«, weiß

Gabriele Hofmann-Hunger.

62 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


UV-AKTUELL

Fotos: UV Brandenburg

»Support« sucht Arbeitnehmer

entsprechend den Anforderungen

der Unternehmen,

berät Firmen zur behindertengerechten

Ausstattung von

Arbeits- und Ausbildungsplätzen,

klärt Förderungsmöglichkeiten

zu Zuschüssen,

berät Arbeitgeber im Umgang

mit behinderten Menschen,

entwickelt Strategien zur

Konfliktbewältigung im Arbeitsbereich.

Bisher wurden

rund 2.800 Unternehmen in

Südwestsachsen kontaktiert.

Der Erstkontakt per Telefon

erfolgt übrigens durch Menschen,

die beim Berufsbildungswerk

für Blinde und

Sehgeschädigte als Call-

Agents ausgebildet werden. In

den gut zwei Jahren, die »support«

tätig ist, wurden 180

Stellen für behinderte Menschen

akquiriert, darunter 49

Ausbildungsplätze.

SERVICE AUS EINER HAND

Es gehe aber nicht nur um die

Anzahl der Vermittlungen,

betont Wolfgang Degner, sondern

um die Gewinnung der

Unternehmen. Untersuchungen

zu Folge sind KMU besonders

geeignet für die dauerhafte

Eingliederung von Menschen

mit Behinderungen.

Stimmen die Bedingungen,

passen Unternehmen und

Arbeitskraft zusammen, ergeben

sich nicht selten langfristige

Beschäftigungsverhältnisse.

»Wenn jemand einen

Behinderten nur wegen der

Förderung einstellt, funktioniert

das nicht; wenn es aber

funktioniert, dann ist die Förderung

richtig und wichtig«,

betont Wolfgang Degner. Fördermittel

fließen z. B. als Eingliederungszuschüsse,

für die

Ausgestaltung des Arbeitsplatzes

oder für die personenspezifische

Ausrüstung.

»Support« ist das erste Projekt

der Allianz Arbeit und

Behinderung in Sachsen. Der

UV Sachsen gehört zu den

Gründungsmitgliedern. Über

die eigene Klientel hinaus ist

der UV bestrebt, die Dienste

von »support« auch anderen

Verbänden anzubieten, was

auch schon erfolgreich war.

&

Hans Pfeifer

NACHRICHTEN

VOLLER SAAL: Jahresempfang im Haus am Brandenburger Tor.

UV Brandenburg

Vom Autohaus zur Festung

Innere Sicherheit als Thema des Jahresempfangs,

der zusammen mit der LBB in Berlin stattfand

Am Ende platzte Reinhard

Schulze der Kragen.

Es hielt den Chef des

Cottbuser Autohauses Schulze

nicht mehr auf seinem

Stuhl: »Wissen Sie eigentlich,

dass wir die Autohäuser im

Land inzwischen zu Festungen

ausgebaut haben? Warum

nutzen Sie die Möglichkeiten

moderner Informationstechnik

nicht besser, um

die Verbrecher zu jagen?«

Staatssekretär Bernd Krömer,

der seinen Chef, den Berliner

Innensenator Frank Henkel,

an diesem Abend vertrat,

schaute ein bisschen zerknirscht

drein, als er mit diesen

Fragen bestürmt wurde –

und räumte Handlungsbedarf

ein. Zuvor hatte er auf dem

Jahresempfang des Verbandsbezirks

Potsdam-Berlin des

brandenburgischen Unternehmerverbands

eine allenfalls

durchwachsene Bilanz

des Kampfes gegen die Kriminalität

in Berlin gezogen.

Seine Tour d’horizon reichte

dabei vom Rechtsextremismus,

über brennende Autos

bis hin zu Verkehrsdelikten.

Eingangs hatte er geklagt,

dass in Berlin in den letzten

Jahren über 4.000 Polizeibeamtenstellen

abgebaut wurden.

250 neue Stellen hat jetzt

der neue Senat geschaffen.

Das sei gut so, denn in Berlin

ist 2011 die Zahl der Einrüche

z. B. um ein Viertel gestiegen.

Bei der Veranstaltung am

8. März in Kooperation mit

dem Forum Mittelstand der

Landesbank Berlin AG (LBB),

eröffnet von Heino Henke,

LBB, und Dr. Burkhard Greiff,

UV-Präsidiumsmitglied, war

kein Stuhl im Liebermann-

Haus am Brandenburger Tor

leergeblieben. Am Ende blieb

dagegen offen, wie konkret

die Polizei das von Reinhard

Schulze geschilderte Problem

angeht. Der Leiter des Arbeitskreises

Mittelstandspolitik

des Unternehmerverbandes

Brandenburg war übrigens

bei dem Forum in der Hauptstadt

nicht an der falschen

Stelle. Die Spur vieler Autodiebstähle

in Brandenburg

führt nach Osteuropa. Und

nach Berlin.

Helfried Liebsch

UV ROSTOCK

Kooperation

im Norden

Die Unternehmerverbände

von Mecklenburg-Schwerin,

Rostock und Umgebung

sowie Vorpommern hatten

im Herbst 2011 eine engere

Kooperation vereinbart.

In diesem Sinne schalteten

die Präsidenten Rolf Paukstat,

Frank Haacker und Gerold

Jürgens am 9. März ihren gemeinsamen

Internet-Auftritt

frei. Das Portal ist unter der

Adresse www.unternehmerverbaende-mv.com

erreichbar

und vereinigt die Auftritte aller

drei Verbände. Das Zusammengehen

bietet viele Vorteile.

Die Dienstleistungen der drei

Verbände kommen nun allen

Mitgliedern zugute.

+ TERMINE+

TERMINE

UV Brandenburg

1. Juni, 10 bis 13 Uhr: Jahresmitgliederversammlung

des

UV Brandenburg in Cottbus

UV Sachsen

26. April, 13 Uhr: Ordentliche

Jahreshauptversammlung 2012

des UV Sachsen, Günnewig

Hotel Chemnitzer Hof, Theaterplatz

4, 09111 Chemnitz.

UV Rostock und

Umgebung

18. April, 10 bis 15 Uhr: Unternehmertag

»Innovationsmotor

Mittelstand – Innovationen aus

Mecklenburg-Vorpommern«,

Hotel Neptun, Seestraße 19,

18119 Rostock-Warnemünde.

20. April, 20 Uhr: Unternehmerball

Rostock, Hotel Neptun,

Seestraße 19, 18119 Rostock-

Warnemünde.

UV Berlin

17. April, 18.30 Uhr: Unternehmerstammtisch

zum Thema

»Notfallmanagement für

Unternehmen und Unternehmer«,

Kooperationspartner

Bernstorff & Kollegen / Hölscher-Winkler,

Schillstraße 9,

10785 Berlin.

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 63


W&M-PRIVAT

CHINA

Überholen

ohne Einholen

Chinas Wirtschaftsmetropole

Shanghai belegt in der PISA-

Studie Platz eins. Das Erfolgsprinzip

wurde von einem

Mann entwickelt, der seit

2.500 Jahren tot ist: Konfuzius.

Er predigte Lernen und

Disziplin – genau das, womit

sich die Chinesen im globalen

Wettbewerb an die Spitze

katapultieren werden. In einem

weitausholenden Report

betrachten Spiegel-TV-Chefredakteur

Aust und ein langjähriger

China-Korrespondent

das spannende Experiment

vom Überholen ohne

einzuholen aus der Nahsicht

– ein unentbehrlicher Reiseführer

für Leute, die in China

Geschäfte machen wollen.

Stefan Aust/Adrian

Geiges, Mit Konfuzius

zur Weltmacht,

Quadriga Verlag,

288 Seiten,

19,99 EUR

Begreifen eines

Wunders

Zu verstehen ist China für

Europäer eigentlich nicht.

Jedenfalls nicht für Gelegenheitsreisende.

Landolf

Scherzer versucht es trotzdem.

Sein Erfolgsbuch »Immer

geradeaus. Zu Fuß durch

Europas Osten« mag ihn dazu

ermutigt haben. Nun hat er

bei Leuten recherchiert, die

am Yangtse leben. Was ist

für Sie ein guter Tag, was ein

schlechter? Wie sehen Sie

die Zukunft? Am Ende fühlt

man sich tatsächlich ein

bisschen chinesisch.

Landolf Scherzer,

Madame Zhou und

der Fahrradfriseur,

Aufbau Verlag,

304 Seiten mit

Abbildungen,

19,99 EUR

BÜCHERBORD

Energiegeschichte

Frühzeit an der Trasse

Den russischen Gas-Segen, der die europäischen

Energiebilanzen stabilisiert, verdanken wir nicht

nur der Ostseepipeline. Es begann schon 1969.

Eine TV-Sequenz vom

8. November 2011 hat

sich dem beunruhigten

deutschen Energieverbraucher

tief eingeprägt: Bundeskanzlerin

Merkel und der russische

Präsident Medwedjew

drehen in Lubmin am Greifswalder

Bodden das große Rad,

welches ein Ventil darstellen

soll, das den Weg für sibirisches

Erdgas aus der Ostseepipeline

in das mitteleuropäische

Verbundnetz freigibt.

Die Attrappe wackelt ein bisschen,

aber der Staatsakt gelingt.

Den deutschen Fernsehzuschauer

durchströmt das

wärmende Gefühl, dass in

weniger als sechs Jahren ein

wirtschaftliches Jahrhundertprojekt

gelungen sei.

Keiner der Laudatoren, die

an diesem Tag Danksprüche

austauschen, nimmt Bezug

auf den eigentlichen Anfang

dieser strategischen wirtschaftlichen

Partnerschaft.

Das liegt schon 42 Jahre zurück.

Ein Bundeswirtschaftsminister

namens Karl Schiller,

heute zu Unrecht fast vergessen,

und der sowjetische

Außenhandelsminister Patolitschew

plauderten 1969 auf

der Hannover-Messe über Erdgas.

Ein elektrisierendes Thema

angesichts der heraufziehenden

Ölkrise. Schon im

Februar 1970 unterschrieben

beide einen Vertrag über Gaslieferungen

aus der Sowjetunion

gegen Röhren für den

Pipelinebau aus Deutschland.

Ein politisch riskanter

Deal, der viel heißen Streit

auslöste in der Zeit des Kalten

Krieges. Die Sowjetunion war

angewiesen auf Technik aus

dem Westen und wirtschaftlichen

Beistand ihrer östlichen

Bruderländer. Die DDR

zumindest ging nicht ungern

ein auf das Tauschgeschäft

von Bauleistungen gegen

künftige Gaslieferungen. Obgleich

die Kosten kaum absehbar

waren und sich am Ende,

Berechnungen des Bonner Energieministeriums

zufolge,

auf mehr als sieben Milliarden

Mark beliefen.

Wie auch immer: 25.000

zumeist junge Deutsche aus

der DDR waren damals dabei,

als in den russischen Weiten

1.750 Kilometer Gasspipelines

verlegt wurden. Mit Enthusiasmus

und für gutes Geld.

Die Partei- und Staatsführung

hatte das Projekt zum »Zentralen

Jugendobjekt« ausgerufen

und mit sozialistischem

Pathos versehen: Drushba,

Freundschaft! So der Name

der ersten Trasse durch die

Ukraine.

Drei Beteiligte – ein Fotograf,

ein »Kulturnik« und ein

Baufacharbeiter erinnern sich

jetzt in einem lebensprallen

Buch an diese harte Zeit in

brennender Steppensonne

und sibirischer Kälte. Durchaus

stolz, dabei gewesen zu

sein, als die deutsch-russische

Erdgaspartnerschaft begann.

Peter Jacobs

HAJO OBUCHOFF/LUTZ WABNITZ/

FRANK MICHAEL WAGNER

Die Trasse. Ein Jahrhundertbau

in Bildern und Geschichten

Das Neue Berlin, 176 Seiten,

200 Abbildungen im Duoton-Druck

FINANZMÄRKTE

Gehebelt

und gerebelt

Es geht um Tausende Milliarden

Euro. Aber woher

kommen sie und wohin verschwinden

sie ? Finanzkrisen

bleiben ein Dauerbrenner

für die Politik. Da wird

munter von »den Märkten«

schwadroniert, die man nicht

verärgern dürfe. Da wird an

den Börsen »gehebelt« und

der kleine Anleger und

Steuerzahler wird gerebelt.

Ein welterfahrener Hamburger

Wirtschaftsjournalist

zeigt auf, wer die Krise schürt

und dann kräftig absahnt.

In seinem Buch geht es um

die Macht des Finanzkapitals,

das die Politik vor sich hertreibt.

Und er bietet eine

Denkalternative an zum profitablen

Irrsinn: Nachdenken

über einen »demokratischen

Markt«.

Hermannus

Pfeiffer, Der

profitable Irrsinn,

Ch. Links Verlag ,

256 Seiten,

16,90 EUR

BESTSELLER

Wirtschaftsbuch

1. Walter Issacson: Steve Jobs.

Bertelsmann (24,99 EUR)

2. Martin Wehrle: Ich arbeite

in einem Irrenhaus

Econ (14,99 EUR)

3. Dirk Müller: Crashkurs

Droemer (19,99 EUR)

4. Ulrich Wickert: Redet Geld,

schweigt die Welt. Hoffmann und

Campe (19,99 EUR)

5. Joachim Käppner: Berthold

Beitz. Die Biographie

Berlin Verlag (19,90 EUR)

6. Michale Lewis: Boomerang.

Campus Verlag (24,99 EUR)

7. Norbert F. Pötzl: Beitz.

Heyne (22,99 EUR)

8. Joseph Vogl: Das Gespenst des

Kapitals. – diaphanes (14,90 EUR)

9. Carmine Gallo: Überzeugen wie

Steve Jobs. Ariston (18,99 EUR)

10. Sahra Wagenknecht: Freiheit

statt Kapitalismus

Eichborn (19,99 EUR)

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W&M-PRIVAT

LEUTE & LEUTE

LESERPOST

N

eulich steckte hinter

dem Scheibenwischer

meines Autos ein Zettel,

mit dem mir jemand unter

der Überschrift »Pargferboot!!!«

die folgende Botschaft

übermittelte: »Wenn sie sich

mit ihre schrotkiste nich verbissen,

haben sie morgen einen

platten.«

Analphabet müsste man

sein! Oder meinetwegen Analfabet.

Die Rechtschreibung

des Großen Unbekannten ist

in einem ganz wichtigen

Punkt den Fachleuten vom

Rat für deutsche Rechtschreibung

weit voraus. Sie leistet

im Computerzeitalter, was die

Experten mit ihrer Schreibreform

nicht leisteten – die

überfällige Kleinschreibung

der Substantive.

Ich kenne einen, der arbeitet

auf dem Bau. Für den ist

Orthographie (Ortographie,

Orthografie oder Ortografie?)

sowieso bloß Kokolores. Auf

seiner Baustelle, sagt er, komme

die Großschreibung ebenso

zu ihrem Recht wie die

Kleinschreibung, das AR-

BEITSTEMPO werde immer

größer, der arbeitsschutz dagegen

immer kleiner geschrieben.

Zur Erinnerung: 1996 wurde

die »Reform« in Deutschland

eingeführt. Seitdem ist

sie unzählige Male korrigiert

und geändert, also reformiert

Karrikatur und Zeichnung: Rainer Schwalme

Vorerst

gescheitert

Ernst Röhl wäre lieber

Analphabet

worden, und zwar mit dem

Ergebnis, dass heutzutage

überhaupt keiner mehr richtig

durchsieht. Das Legasthenikerchaos

triumphiert.

Von dem Willen getragen,

eine Rechtschreibung zu

schaffen, die auch Linkshändern

behagt, platzierten die

Reformer jede Menge Schelmenstreiche:

das Pappplakat,

die Nulllösung, den Tollpatsch

mit dem Doppel-L, das

Känguru ohne H, den Grisli

ohne Doppel-Z und ohne Ypsilon,

den Seeelefanten mit vier

bis fünf E, die neue ß-Regel

nicht zu vergessen, nach der

die Scheiße Scheiße bleibt,

bloß aus dem Stuß ist Stuss

geworden. Und längst hat sich

herumgesprochen, dass es bei

der Schreibreform weniger

um Rechtschreibung ging, als

um den Kampf zweier Giganten,

um den maximalen Ertrag

beim Vermarkten erstens

des neuen Dudens vom Dudenverlag

und zweitens des

neuen Wahrig von Bertelsmann.

Inzwischen schreibt jeder,

wie er mag. Das Werk der

Freistilreformer ist in die Geschichte

eingegangen als Dudenzauber

mit beschränkter

Hoffnung, und die Regeln, die

alle naselang erneuert werden,

sind den Deutschen inzwischen

herzlich egal. Dieses

Egal-Gefühl haben die Experten

erfolgreich nicht nur auf

PISA-Schüler übertragen, sondern

auch auf Deutschlehrer,

in deren Adern einst rote Tinte

floss. Eine berühmte Autorität

immerhin fand auch

lobende Worte. »Die Rechtschreibreform«,

scherzte Loriot,

»ist völlig in Ordnung,

wenn man weder schreiben

noch lesen kann.«

Prof. Dr. h. c. mult. Hans

Zehetmair, Vorsitzender des

Rates für deutsche Rechtschreibung,

aber bekennt zerknirscht:

»Die deutsche Rechtschreibung

ist in verheerendem

Zustand.« Er beklagt,

dass heutzutage jeder fünfte

Fünfzehnjährige als Analphabet

gelten müsse.

Das Pikante: Zehetmair ist

einer der Hauptverantwortlichen

für die Schlechtschreibreform.

&

Editorial

Heft 03-2012

Dass heutzutage das Durchschnittsalter

von Ingenieuren

bei 50 Jahren liegt, ist nicht zu

beklagen. Wenn in Aussicht

steht, dass wir bald erst mit 67

in die Rente kommen, könnte

sich das ja noch erhöhen. Zu

kritisieren ist, dass es in den

großen Firmen kaum Ausbildungskonzepte

gibt, die unsereinen

vor einer Entwertung

seiner Berufserfahrung bewahren

und uns helfen, noch über

die nächsten Jahre zu kommen.

Die 35.000 Euro Abgangsprämie

von Siemens zum Beispiel

wären da besser angelegt.

Gunter Kratzsch, per E-Mail

Solarindustrie

Heft 03-2012

Zu befürchten ist, das bei

einem Abtritt der Akteure

First Solar und Oder Sun der

Vorhang über dem Trauerspiel

Solarstadt Frankfurt (Oder)

endgültig fällt. Hätte die Landesregierung

die Fördermittel

in Projekte gesteckt, die den

Brandenburgern die Braunkohlezumutungen

erträglicher

machen, wäre das energiepolitisch

besser gewesen.

Hinterher ist man eben klüger.

Heike Wirth, Spremberg

Frachtdrehkreuz

Heft 03-2012

Man muss den Entscheidern

ein großes Kompliment machen,

die in den neunziger Jahren

den Ausbau des Flughafens

Leipzig/Halle weit genug entfernt

von beiden Stadtgebieten

vorantrieben. Die DHL mit

ihrem Nachtflugbedarf hätte

sich sonst niemals dort ansiedeln

können. Man denke nur

an den Ärger der Berliner mit

ihren Flugrouten, wenn in

Schönefeld der Großflughafen

in Betrieb geht. Wäre man hier

nicht so kurzsichtig gewesen

und hätte sich für das 30 Kilometer

entfernte Sperenberg

entschieden, käme jetzt mehr

Freude auf.

Dr. Clemens Sudermann, Mahlow

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 65


KOLUMNE

Ostdeutschland braucht mehr Mut

Ganz zu Beginn, als der Aufbau Ost

noch ein Abenteuer war, da wussten

wir, wie es gehen könnte: Man

müsste nur der kraftvollen Initiative lange

unterdrückter Menschen genug Raum

geben, Platz schaffen. Planungshindernisse

waren aus dem Weg zu räumen:

Steuerpräferenzen zu gewähren; im Westen

längst lästige bürokratische Hürden

zu vermeiden: Kurz, der politisch gewonnenen

Freiheit sollte ein hohes Maß an

wirtschaftlicher Freiheit folgen. Und die

Hoffnung war, dass es so – in entgegengesetzter

Richtung wie einst in den USA

– heißen könnte: Young man go East!

Es gibt viele Gründe, warum es so

nicht kam: Es gab Widerstände im Westen

gegen allzu viele Vorteile für die

»neuen« Länder; wirklich wirksame

Steuervorteile wurden deswegen nicht

gewährt. Westdeutsche Regelsysteme

wanderten aber mit westdeutscher Beamtenschaft

nach Osten; bald sah es in

den Behörden aus wie im Westen – nur

ohne dessen Steuerkraft!

Statt einer Aufholjagd durch mehr

Freiheit gab es Ausgleich durch mehr

Geld. Der Aufbau Ost wurde mit Transferzahlungen

finanziert; meist mit erhöhten

Schulden, aber auch durch Entbehrungen

im Westen. Die Infrastruktur

vieler westdeutscher Städte und Landschaften

legt Zeugnis davon ab. 1,5 Billionen

Euro – rund 1.500 Milliarden! – hat

das Projekt bis heute gekostet und der

Transfer West nach Ost beträgt wohl

noch immer zwischen 60 Milliarden und

70 Milliarden Euro pro Jahr.

Ob das Geld immer gut ausgegeben

wurde, mag man bestreiten. Aber es waren

die ostdeutschen Ministerpräsidenten

– auch solche, die aus Westdeutschland

kamen – die immer wieder auf

einer Förderpolitik nach dem Prinzip

Gießkanne bestanden.

Schließlich, etwa um das Jahr 2000,

machten sich einige von uns auf, um

eine letzte »Kurskorrektur« des Aufbaus

Ost zu erzwingen: Statt der Gießkanne

wollten wir eine konzentrierte Förderung

von Wachstumskernen und eine

industriepolitisch gezielte Forschungsförderung.

Nachdem in den 90er Jahren

ein solcher Ansatz von einer egoistischen

Front landespolitischer Gefälligkeitspolitik

erstickt wurde, und schon zu Beginn

der Wiedervereinigung eine radikale,

marktpolitische Förderung blockiert

worden war, blieb aus unserer Sicht nur

ZUR SACHE

Betrachtung

zur wirtschaftlichen Lage

Von Dr. Klaus von Dohnanyi

dieser Weg übrig. Aber Edgar Most und

ich, die beiden Vorsitzenden der Arbeitsgruppe

»Kurskorrektur Aufbau Ost«, hatten

ein mit vielen Fachleuten einstimmig

erarbeitetes Konzept kaum vorgelegt,

da schallte uns schon entgegen:

»Planwirtschaft« oder »Rückfall in alte

Zeiten« und so weiter. Dabei hatten doch

unsere Gegenüber, die Bundesminister

Manfred Stolpe und Wolfgang Clement,

strategisch selber nichts zu bieten.

So stehen wir heute, wo wir stehen:

Resignation greift um sich; der Abstand

zwischen Ost und West in Deutschland

gilt als verfestigt; einzuholen sei der Westen

nicht mehr, so heißt es.

Ich kann mich mit einer solchen Haltung

nicht abfinden. Angesichts der anstehenden

Debatte über die Zukunft des

Länderfinanzausgleichs wird jedoch die

Lücke nicht mehr mit finanzieller Förderpolitik

zu schließen sein. Der aktuelle

Bericht des Bundesministeriums des

Innern »Wirtschaftlicher Stand und Perspektiven

für Ostdeutschland« enthält

zwar wieder eine Vielzahl guter Ratschläge,

aber er könnte, wie so viele seiner

Vorläufer, im Aktenständer verstauben.

Was also ist zu tun? Wenn es schon auf

der Ebene einer bundesweiten Förderpolitik

für einen grundsätzlichen Wandel

des noch immer nicht vollendeten Projekts

»Aufbau Ost« nur geringe Aussichten

gibt, dann sollten die ostdeutschen

Länder doch wenigstens selbst versuchen,

Vorreiter für einen neuen Ansatz

zu werden. Und der kann – wenn es denn

mehr Geld nicht geben kann und wird –

nur lauten: Lasst uns mehr Initiative

durch mehr Freiheit gewinnen!

Betrachtet man nämlich unseren

noch immer sehr unvollkommenen Föderalismus

im internationalen Vergleich,

dann zeigt sich, dass Länder und

Kommunen bei uns auch heute noch

nicht soviel politischen Spielraum haben,

wie etwa die Staaten der USA, wie

die Kantone der Schweiz, wie Provinzen

in Kanada oder Australien. Überall gibt

es dort zum Beispiel regionale Unterschiede

bei den Einkommensteuersätzen,

größere Spannen bei Grundsteuern

oder auch erhebliche Varianten im öffentlichen

Dienstrecht. Bei uns haben

sich aber gerade die ostdeutschen Politiker

immer wieder gegen Zu- und Abschläge

bei den Einkommensteuern gewehrt,

angeblich weil dann die »reichen«

Länder weitere Standortvorteile gewinnen

könnten.

Mit soviel Ängstlichkeit, soviel Gleichheitsstreben,

so wenig Selbstvertrauen

werden wir die Lücke zwischen Ost und

West nie schließen können. Solange sich

die ostdeutschen Politiker im Finanzausgleich

in eine Liga der »Nehmerländer«

einspannen lassen, so lange wird auch

der Abstand West-Ost fortbestehen. Nur

wer sich mehr politische Freiheit erobert,

nur der kann die Ost-Nachteile

noch einmal überwinden. Angst und

Gleichmacherei sind Wachstumsbremsen;

ohne Risikobereitschaft kann man

den Stärkeren niemals einholen.

Wenn David die Schleuder weggelegt

hätte, um sich mit einer Truppe

schwacher Faustkämpfer zu verbinden –

Goliath hätte ihn einfach zermalmt.

Nur Mut, Fantasie, die Lust auf Freiheit

und auf Eigenverantwortung sind die

Fähigkeiten, mit denen ostdeutsche Politiker

die anstehende Runde des Länderfinanzausgleichs

erfolgreich bestehen

könnten. Mehr Geld ist nicht mehr

die Antwort – mehr Freiheit wäre sie

aber sehr wohl.

&

66 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12

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