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WIRTSCHAFT+MARKT Gerechtigkeit geht anders (Vorschau)

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A 40799 ■ ISSN 0863-5323 ■ 23. Jahrgang ■ April 2012 ■ Preis: EURO 3,50<br />

Wirtschaft&Markt<br />

Wirtschaft&Markt<br />

DAS OSTDEUTSCHE WIRTSCHAFTSMAGAZIN<br />

EXTRA<br />

INNOVATION<br />

FACHKRÄFTE<br />

Meyers goldene Regeln<br />

TRIEBKRÄFTE<br />

Auftakt für Länderreports<br />

MARKTKRÄFTE<br />

Expansion bei Toreschluss<br />

SPD-Vize und Schweriner Sozialministerin Schwesig:<br />

<strong>Gerechtigkeit</strong> <strong>geht</strong> <strong>anders</strong>


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EDITORIAL<br />

Unheimliche Stille<br />

Warum nur einen Bereich, wenn Sie<br />

VIELE<br />

faszinierend finden.<br />

HELFRIED LIEBSCH<br />

Chefredakteur<br />

Liebe Leserin, lieber Leser,<br />

nichts ist so fein gesponnen, alles kommt<br />

ans Licht der Sonnen. Jetzt schien es eine<br />

vom Bundesinnenministerium in Auftrag<br />

gegebene Ostdeutschland-Studie zu<br />

treffen. Sechs Institute sagen darin voraus,<br />

dass es den neuen Ländern auf<br />

absehbare Zeit nicht gelingen wird, das<br />

»mittlere Leistungsniveau« der alten Länder<br />

zu erreichen. Kaum Firmenzentralen<br />

im Osten, kaum Forschung und Entwicklung,<br />

kaum Steueraufkommen, kaum<br />

Wirkungen der Förderung. Die Forscher<br />

empfehlen, wenn auch nicht ganz<br />

schlüssig, faktisch einen Abschied von<br />

den Aufbau-Ost-Hilfen. Deshalb, so der<br />

mediale Aufschrei, habe die Bundesregierung<br />

das Papier verheimlicht.<br />

Wen kümmert es da, dass der sachsenanhaltische<br />

Ministerpräsident Haseloff<br />

behauptet, die Studie »ist seit langem bekannt<br />

und enthält absolut nichts Neues«.<br />

Nun, sie fand sich tatsächlich schon im<br />

September 2011 in der Schriftenreihe des<br />

Instituts für Wirtschaftsforschung Halle.<br />

Schlagzeilen machte sie nicht. Und seit<br />

das Papier mit den jetzt gewissermaßen<br />

unheimlichen Zahlen auf den Internet-<br />

Seiten des Innenministeriums steht,<br />

ruht es wieder sanft. Schade.<br />

Unheimlich still ist es auch um die vor<br />

einem Jahr verkündete Energiewende geworden,<br />

sieht man mal von Protesten gegen<br />

die Kürzung der Solarförderung ab.<br />

Die Wende scheint an Energie verloren<br />

zu haben. Der Winter ist vorbei, die<br />

schier unvermeidlichen Blackouts sind<br />

ausgeblieben. Einer der selbsternannten<br />

Wende-Motoren, Bundesumweltminister<br />

Norbert Röttgen, kehrt seinem Amt erst<br />

einmal den Rücken und dröhnt im nordrhein-westfälischen<br />

Wahlkampf.<br />

In den neuen Ländern drohen der Vorsprung<br />

bei erneuerbaren Energien und<br />

der zügige Netzausbau von einer Chance<br />

für den Mittelstand zu einem unkalkulierbaren<br />

Risiko zu werden. Da ist es den<br />

Unternehmerverbänden und den Industrie-<br />

und Handelskammern Ost nur zu<br />

danken, dass sie mit einem Energieforum<br />

am 10. und 11. Mai in Leipzig (S. 21)<br />

aus der ostdeutschen Interessenlage<br />

heraus Krach schlagen wollen.<br />

Musik wird laut Busch oft störend empfunden,<br />

dieweil sie mit Geräusch verbunden.<br />

Wir nehmen das in Kauf, wenn wir<br />

versuchen, mit den »Länderreports Innovation«<br />

(S. 14) für ein wenig Begleitmusik<br />

bei den wirtschaftlichen Bemühungen<br />

Ost zu sorgen. Die Korrespondenzen sind<br />

mit einem Blick rückwärts und zwei<br />

zuversichtlichen Blicken nach vorn geschrieben.<br />

Aber ohne jenen politischen<br />

Optimismus, der lediglich auf einem<br />

Mangel an Informationen beruht.<br />

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INHALT<br />

WIRTSCHAFT & MARKT<br />

im April 2012<br />

SPECIAL BERICHT SERIE<br />

SEITE 22<br />

SEITE 28 SEITE 42<br />

BÜRGSCHAFTSBANKEN IM OSTEN:<br />

Hilfe auch in außergewöhnlichen Fällen<br />

LOGISTIK IN MITTELDEUTSCHLAND:<br />

Auch Wasserwege sollen ausgebaut werden<br />

TORESCHLUSS IM ERZGEBIRGE:<br />

Sicherheitstechniker expandieren weltweit<br />

Editorial<br />

Aktuell<br />

3<br />

6<br />

Unheimliche Stille<br />

Interview, Nachrichten, Pro und Contra, Impressum<br />

Gespräch<br />

Serie<br />

TITEL<br />

10<br />

14<br />

42<br />

MANUELA SCHWESIG (SPD), Sozialministerin in Mecklenburg-Vorpommern, über<br />

wirtschaftliche Vernunft, soziale <strong>Gerechtigkeit</strong> und den Fachkräftemangel<br />

LÄNDERREPORT INNOVATION: Mecklenburg-Vorpommern<br />

MARKEN-MACHER-MÄRKTE: Zabag Anlagentechnik GmbH: Sicherheit bei Toreschluss<br />

Fotos: V. Kühne, H. Lachmann, A. Simon<br />

Bericht<br />

Interview<br />

Special<br />

Analyse<br />

Sonderveröffentlichung<br />

W&M-Service<br />

Verbands-News<br />

W&M-Automobil<br />

Porträt<br />

Ständige Rubriken<br />

W&M-Privat<br />

Kolumnen<br />

20<br />

21<br />

22<br />

24<br />

41<br />

50<br />

52<br />

26<br />

28<br />

32<br />

34<br />

37<br />

44<br />

56<br />

58<br />

59<br />

60<br />

62<br />

64<br />

36<br />

66<br />

LIEFERANTENTAG MECKLENBURG-VORPOMMERN: Partner um die Ecke<br />

FORUM OST: Wende ohne Energie?<br />

LOGISTIK IN MITTELDEUTSCHLAND: Tempo ist Trumpf<br />

CEBIT-NACHLESE: Suche leicht gemacht – Ideen für das Internet<br />

ENERGIEEINSPARUNG: Gewinnbringender Röhrenwechsel<br />

HIGHTECH-METALLE SELTENE ERDEN: Ressourcen-Monopoly<br />

DEUTSCHE ROHSTOFF AG: Sachsens Schatz<br />

TILLMANN STENGER, Vorstand der ILB: Neues Programm für kleine Firmen<br />

UNTERNEHMENSFINANZIERUNG/-FÖRDERUNG: Bürgschaftsbanken als Partner<br />

FINANZMÄRKTE 2012: Sichere Zuflucht<br />

NACHFOLGE IN FAMILIENBETRIEBEN: Rechtzeitige Übergabe<br />

WIRTSCHAFTSPARTNER POLEN: Innovative grüne Technologien<br />

Recht, Geld, Versicherung<br />

BBIK-AKTUELL: Stelen der Moderne<br />

NEUFAHRZEUG IM TEST: Volkswagen CC<br />

ARGENTA SCHOKOLADENMANUFAKTUR GMBH: Kreativer Gaumen<br />

UV-AKTUELL: GeAT AG, Erfurt: Fachkräfte-Meyers goldene Regeln<br />

UV-AKTUELL: Nachrichten aus den Unternehmerverbänden<br />

Bücherbord, Leute & Leute, Leserbriefe<br />

HEINER FLASSBECK: Die Zukunft der Schulden<br />

KLAUS VON DOHNANYI: Ostdeutschland braucht mehr Mut<br />

Inhalt<br />

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 5


AKTUELL<br />

Fotos: DPA/Zentralbild (1), Archiv<br />

INTERVIEW<br />

STEFAN PAPIROW,<br />

Vorsitzender<br />

des Verbandes<br />

Deutscher<br />

Bürgschaftsbanken<br />

e. V. (VDB)<br />

Basel III schreckt nicht<br />

W&M: Herr Papirow, seit über 60<br />

Jahren gibt es in Deutschland Bürgschaftsbanken.<br />

2011 erhielten kleine<br />

und mittelgroße Unternehmen<br />

durch sie Bürgschaften und Garantien<br />

von 1,2 Milliarden Euro. Wie lief<br />

das Geschäft im Osten?<br />

PAPIROW: Unserer vorläufigen<br />

Übersicht zufolge haben die<br />

Bürgschaftsbanken hier etwa<br />

1.900 Bürgschaften und Garantien<br />

in Höhe von 329 Millionen<br />

Euro zugesagt.<br />

W&M: Daraus resultiert welches<br />

Kredit- und Beteiligungsvolumen?<br />

PAPIROW: Rund 424 Millionen<br />

Euro. Deutlich mehr als 2010.<br />

W&M: Die Nachfrage folgt also dem<br />

Konjunkturaufschwung?<br />

PAPIROW: Das lässt sich bejahen.<br />

Beinahe jede zweite Bürgschaft<br />

oder Garantie wird von<br />

Existenzgründern oder Unternehmensnachfolgern<br />

in Anspruch<br />

genommen.<br />

W&M: Wie funktioniert das?<br />

PAPIROW: Für kapitalschwache<br />

Betriebe sind Ausfallbürgschaften,<br />

Garantien oder stille Beteiligungen<br />

oft die einzige Chance,<br />

mit ihren Geschäftsideen voranzukommen.<br />

Wo die Hausbank<br />

ihre Taschen zuhält, setzen<br />

Bürgschaftsbanken und Beteiligungsgesellschaften<br />

an.<br />

W&M: Mit welcher Strategie?<br />

PAPIROW: Sie bieten den Hausbanken<br />

vor Ort offensiv ihre Leistungen<br />

an, nutzen örtliche Kontakte<br />

und gewerbliche Maßnahmen,<br />

um Kredite zu realisieren.<br />

W&M: Und wie reagiert der VDB als<br />

Interessenvertreter der 17 deutschen<br />

Bürgschaftsbanken auf Basel III?<br />

PAPIROW: Unser Credo heißt: An<br />

fehlenden Sicherheiten wegen<br />

mehr Eigenkapitalforderungen<br />

soll kein KMU-Kredit scheitern.<br />

Schon gar nicht im Osten.<br />

Interview: Peter Jacobs<br />

Siehe auch Seiten 26 bis 31<br />

Städteranking<br />

Leipzig unter den Top Ten<br />

Das Financial-Times-Group-Ranking für 2012/13<br />

zählt Leipzig zu den Aufsteigerstädten Europas.<br />

Sonneberger Loks<br />

TRADITIONSMARKEN<br />

Pionier Konstruktion – so sperrig<br />

bewarben die Sonneberger<br />

Modelleisenbahner vor 60 Jahren<br />

ihre ersten Dampfloks und<br />

H0-Gleise für den Spieltisch zu<br />

Hause. Unter der daraus abgeleiteten<br />

Abkürzung PIKO entwickelten<br />

sie aber bald eine<br />

Spitzenmarke für den internationalen<br />

Spielzeugmarkt. Am<br />

1. Mai 2012 jährt sich zum<br />

20. Mal der Tag, an dem der<br />

vom Aus bedrohte ehemalige<br />

VEB PIKO Sonneberg in die<br />

PIKO Spielwaren GmbH umgewandelt<br />

wurde. Grund zum<br />

Feiern gibt es in jedem Fall:<br />

PIKO zählt heute weltweit<br />

rund 500 Mitarbeiter, darunter<br />

auch einige Dutzend in China.<br />

I<br />

n drei Kategorien weist<br />

die aktuelle Studie »European<br />

Cities & Regions of<br />

the Future 2012/2013« der<br />

Messestadt Leipzig Spitzenpositionen<br />

unter den zukunftsfähigsten<br />

Städten Europas zu.<br />

Leipzigs erfolgreiche Ansiedlungsstrategie<br />

wird mit einem<br />

zweiten Platz in der Kategorie<br />

großer Städte und mit<br />

Platz fünf innerhalb der Kategorie<br />

als erfolgreichster Aufsteiger<br />

der letzten zwei Jahre<br />

bewertet. Bereits 2008/09 erreichte<br />

Leipzig nach London,<br />

Flandern und Paris Platz vier<br />

unter den attraktivsten Städten<br />

und Regionen für ausländische<br />

Direktinvestitionen.<br />

Rügener Käse<br />

Jede Nacht rollen zwei Milchtanklastzüge<br />

durch die Dörfer<br />

Rügens und sammeln ein, was<br />

die Inselbauern für die Käseproduktion<br />

in Bergen ermolken<br />

haben: 115.000 bis 118.000<br />

Liter Kuhmilch<br />

– Rohstoff<br />

für<br />

den »Rügener<br />

Badejungen«.<br />

Cremig-fest und weniger<br />

streng als das französische<br />

Urbild, hat es der Insulaner<br />

zum meistverkauften Camembert<br />

auf dem deutschen Käsemarkt<br />

gebracht. Produziert<br />

wird er seit den 50er Jahren<br />

nach einem Rezept, das ein<br />

Umsiedler aus Hinterpommern<br />

mitgebracht hatte: »Stolper<br />

Jungchen«. Inzwischen hilft der<br />

gute Name Rügens bei der<br />

Verbreitung auch im Westen.<br />

ARBEITSLOSENQUOTEN<br />

3,11 Millionen Männer und Frauen waren im Februar 2012<br />

von Arbeitslosigkeit betroffen – der niedrigste Stand seit 1991.<br />

Zahlenangaben Ost in Prozent (in Klammern: Februar 2011)<br />

Mecklenburg-Vorp.: 14,1 (14,8)<br />

Berlin: 13,2 (14,0)<br />

Sachsen-Anhalt: 12,8 (13,0)<br />

Brandenburg: 11,5 (12,2)<br />

Sachsen: 11,1 (12,4)<br />

Thüringen: 9,7 (10,4)<br />

Deutschland insgesamt: 7,4 (7,6)<br />

DER TREND in den neuen Ländern scheint sich etwas günstiger zu<br />

gestalten als im deutschen Durchschnitt. Von einer Angleichung der<br />

Arbeitslosenquoten West und Ost kann aber noch keine Rede sein.<br />

AUS DEN LÄNDERN<br />

Sachsen<br />

Seit dem Start im Jahr 2010 wurden<br />

vom Freistaat Sachsen 2.770<br />

Weiterbildungsschecks mit einem<br />

Zuschussvolumen von insgesamt<br />

8,3 Millionen Euro ausgereicht.<br />

Die bisher insgesamt vorgesehenen<br />

13 Millionen Euro sollen nunmehr<br />

aus Landes- und EU-Mitteln auf<br />

18 Millionen aufgestockt werden.<br />

Thüringen<br />

Zum 5. Internationalen Kongress<br />

Bauhaus.SOLAR 2012 in Erfurt im<br />

November dieses Jahres wurde<br />

zum dritten Mal europaweit der mit<br />

15.000 Euro dotierte Bauhaus.-<br />

SOLAR AWARD ausgelobt. Zu den<br />

Stiftern gehören SolarInput e.V.<br />

und Solarvalley Mitteldeutschland.<br />

Gefördert werden mit diesem<br />

Nachwuchswettbewerb herausragende<br />

Architektur- und Designprojekte,<br />

die einen innovativen<br />

Umgang mit erneuerbaren Energien<br />

unter Einbeziehung der Photovoltaik<br />

ermöglichen und neue visionäre<br />

Ideen für ressourcenschonende<br />

Technologien enthalten.<br />

Brandenburg<br />

In Südbrandenburg soll eine<br />

Energie-Universität Lausitz entstehen.<br />

Dafür werden die forschungsorientierten<br />

Studiengänge der<br />

Brandenburgischen Technischen<br />

Universität Cottbus (BTU) und die<br />

praxisnahen Studiengänge der<br />

Fachhochschule Senftenberg unter<br />

einem Dach zusammengefasst.<br />

Die IHK Cottbus bietet eine neue<br />

Lehrstellenbörse an. Die Internet-<br />

Plattform ist ein gemeinsames<br />

bundesweites Projekt der Industrieund<br />

Handelskammern. Mehr als<br />

21.000 Lehrstellen in 449 Berufen<br />

sind derzeit online im Angebot.<br />

www.ihk-lehrstellenboerse.<br />

Mecklenburg-<br />

Vorpommern<br />

Für die Investitionsförderung im<br />

Rahmen der Gemeinschaftsaufgabe<br />

GRW stehen in Mecklenburg-<br />

Vorpommern für 2012 fast<br />

131 Milionen Euro zur Verfügung.<br />

Aus dem Europäischen Fonds für<br />

regionale Entwicklung (EFRE)<br />

können 93 Millionen Euro in das<br />

Bundesland fließen.<br />

Seit 1990 sind in Mecklenburg-Vorpommern<br />

20 Technologiezentren<br />

entstanden. Derzeit sind an diesen<br />

Standorten 470 Unternehmen mit<br />

mehr als 3.000 Beschäftigten tätig.<br />

670 der während der letzten zehn<br />

Jahre in den Technologiezentren<br />

gegründeten Unternehmen haben<br />

sich aus den Zentren gelöst und<br />

eigene Betriebsstätten eröffnet.<br />

6 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


AKTUELL<br />

WIRTSCHAFTSBILD<br />

DES MONATS<br />

BRIEF AUS BRÜSSEL<br />

Von THOMAS HÄNDEL,<br />

Europaabgeordneter<br />

Die Linke<br />

Crash aufgeschoben<br />

»Erfolgsmeldungen« allerorten:<br />

Griechenland sei gerettet, mit<br />

Schuldenschnitt, 130 Milliarden<br />

Euro Hilfskredit und dem<br />

verordneten Sparprogramm<br />

das Gröbste überwunden. Doch<br />

der Schein trügt.<br />

3.000 JAHRE GESCHICHTE begleiten den Bau der Nordeuropäischen Erdgasleitung (NEL) von Lubmin<br />

nach Niedersachsen. Bevor die Bagger zugreifen, sind die Archäologen mit ihren Detektoren unterwegs.<br />

Manchmal müssen die Rohrverleger warten, damit Fundstätten nicht beschädigt werden. Wirtschaftsinteressen<br />

kollidieren mit der Denkmalpflege. So wie hier nahe Parchim bei der Freilegung eines Brunnens<br />

aus der Zeit der Völkerwanderung. Vom Trassenterritorium Mecklenburg-Vorpommerns wurden bereits<br />

mehr als 300.000 Objekte früherer menschlicher Besiedlung abgesammelt. Das verteuert die Baukosten,<br />

erhellt aber unser Geschichtsbild. Kommende Generationen dürften es den Trassenbauern danken.<br />

KONJUNKTUR-BAROMETER<br />

Gebremste Kauflust im Osten<br />

Bloß keine Illusionen: Der leichte Anstieg der<br />

Kaufbereitschaft ostdeutscher Bürger lässt<br />

keine Konjunkturimpulse erwarten. Steigende<br />

Einkommen haben das Kaufverhalten nur<br />

regional beeinflusst. Insgesamt gesehen hat<br />

sich die Kaufkraft im Osten wegen der anziehenden<br />

Preise in den ersten drei Monaten des<br />

Jahres 2012 sogar rückentwickelt.<br />

Das ist, was die Konjunkturprognosen betrifft,<br />

ziemlich problematisch. Denn der Export<br />

schafft keinen Ausgleich. Er spielt in der Wirtschaft<br />

des Ostens eine wesentlich geringere<br />

Rolle als im Westen. Der Außenbeitrag (Export<br />

minus Import) trug 2011 nur knapp 0,4 Prozentpunkte<br />

zum BIP-Wachstum bei.<br />

Bremsend für Konjunkturimpulse durch Kauflust<br />

wirkt sich im Osten auch die Arbeitslosenquote<br />

aus. Sie liegt immer noch doppelt<br />

so hoch wie in den alten Bundesländern. Im<br />

vergangenen Jahr stieg die Zahl der Erwerbstätigen<br />

nur um 0,3 Prozent. 2012 wird die<br />

Von DR. HERBERT BERTEIT<br />

Arbeitslosenquote in Ostdeutschland wohl<br />

auf gleichem Niveau verharren, während der<br />

Niedriglohnsektor weiter zunimmt. Das fördert<br />

keine Kaufkraft.<br />

Und die Rentner? Ihr Bevölkerungsanteil im<br />

Osten liegt um ein Fünftel höher als im Westen.<br />

Sie beziehen meist nur die staatliche<br />

Altersversorgung. In den alten Bundesländern<br />

wird die Altersversorgung zu einem großen Teil<br />

von Lebensversicherung, Beamtenpensionen<br />

und Betriebsrenten mitgetragen. Laut Statistischem<br />

Bundesamt betrug das monatliche<br />

Bruttoeinkommen eines westdeutschen<br />

Rentnerhaushalts 2011 rund 2.800 Euro,<br />

im Osten dagegen nur rund 1.950 Euro.<br />

Die angekündigte Rentenerhöhung bringt keine<br />

nennenswerte Annäherung. Zwei Jahrzehnte<br />

nach der Wiedervereinigung bleiben wir auch<br />

in diesem Bereich von einer Gleichstellung<br />

noch weit entfernt. Der Binnennachfrage ist<br />

das nicht förderlich.<br />

Selbst bei nur 120 Prozent Verschuldung<br />

kann Griechenland<br />

die Zinszahlungen nur dann<br />

leisten, wenn die Wirtschaft<br />

wieder auf einen Wachstumspfad<br />

kommt. Das Sparpaket<br />

wirkt prozyklisch. Der Crash ist<br />

höchstens aufgeschoben. Die<br />

Wirtschaft wird weiter abgewürgt,<br />

eine neue Drehung der<br />

Abwärtsspirale angefügt. Und<br />

Spanien, Italien, Portugal,<br />

Irland sind längst nicht aus der<br />

Schusslinie. Der Widerstand der<br />

Menschen gegen weitere Sparorgien<br />

zwingt Irland, die Zustimmung<br />

zum Fiskalpakt an<br />

ein Referendum zu knüpfen.<br />

Spanien muss den Sparkurs<br />

mangels Rückhalt in der Bevölkerung<br />

gleich ganz verweigern.<br />

Der exportierte Sparwahn zeigt<br />

erste Schleifspuren in der deutschen<br />

Konjunktur. Forderungen<br />

von wichtigen Ökonomen nach<br />

Investitionen und Abkehr vom<br />

europäischen Sozialkahlschlag<br />

verhallen in Ignoranz. Aufwachen<br />

ist angesagt. Nach bald<br />

möglichen Regierungswechseln<br />

in Frankreich und anderen Ländern<br />

auch hierzulande. Der<br />

unsägliche Fiskalpakt ist noch<br />

zu stoppen. Bekommt er aber<br />

die Zweidrittel-Mehreit im Bundestag<br />

– also mit SPD und Grünen,<br />

sehe ich schwarz für die<br />

wirtschaftliche Entwicklung<br />

und viele Arbeitsplätze.<br />

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 7


AKTUELL<br />

Fotos: DPA/Zentralbild (5), VerBio, privat<br />

KURZ NOTIERT<br />

INNOVATION<br />

Forschender<br />

Mittelstand<br />

Mit einem Kongress in<br />

Berlin hat Ende März<br />

der VIU das 20. Jubiläum<br />

seiner Gründung gewürdigt.<br />

Als Partner von Parlamenten,<br />

Ministerien, Verbänden und<br />

Kammern widmet sich der<br />

Verband Innovativer Unternehmen<br />

(VIU) mehr als 3.000<br />

forschenden kleinen und<br />

mittleren Betrieben in den<br />

Bundesländern Ost und versteht<br />

sich zugleich als Interessenvertreter<br />

des forschenden<br />

Mittelstands in ganz Deutschland.<br />

Wichtige Programme<br />

des Bundeswirtschaftsministeriums<br />

wie das Zentrale Innovationsprogramm<br />

Mittelstand<br />

und INNO-KOM Ost tragen die<br />

Handschrift des VIU. Der VIU<br />

wurde 1992 als Ost-Zweckbündnis<br />

ins Leben gerufen,<br />

nachdem im Einigungsvertrag<br />

Existenz und Zukunft der<br />

Industrieforschung aus den<br />

ehemaligen Kombinaten und<br />

Großbetrieben der DDR mit<br />

ihren fast 90.000 Beschäftigten<br />

ignoriert worden waren.<br />

INTERNET<br />

Mit Glasfaser<br />

zügig im Netz<br />

Die Landesregierung von<br />

Brandenburg hat ein<br />

Projekt für schnelleren Zugang<br />

ins Internet gestartet.<br />

Das Entwicklungskonzept<br />

»Brandenburg – Glasfaser<br />

2020« soll die Versorgung des<br />

Landes mit schnellem Internet<br />

zügig verbessern. Es sieht<br />

unter anderem vor, Glasfaserkabel<br />

zugleich mit Gasleitungen<br />

zu verlegen. So kann eine<br />

schnellere Anbindung dünn<br />

besiedelter Räume an das<br />

Breitband-Internet erreicht<br />

werden. Die Kosten für einen<br />

nahezu flächendeckenden<br />

Ausbau bis 2020 werden auf<br />

150 Millionen Euro geschätzt.<br />

FOSSILE ENERGIE<br />

Erdöl am Bodden<br />

NACHRICHTEN AUS DEN REGIONEN<br />

Das in Vorpommern bohrende deutschkanadische<br />

Unternehmen CEP erwartet<br />

an drei Fundplätzen eine Fördermenge<br />

von zirka 18 Millionen Tonnen Erdöl.<br />

Mit Hilfe der so genannten 3D-Vibrationstechnik<br />

werden derzeit verschiedene Gebiete<br />

am Saaler Bodden,<br />

wo schon zu<br />

DDR-Zeiten Erdöl<br />

vermutet wurde,<br />

erneut überprüft.<br />

Anstelle<br />

der Geophysiker<br />

sind jetzt Elektroniker<br />

tätig, die<br />

Druckwellen bis<br />

in 3.000 Meter<br />

Tiefe aussenden<br />

und Ergebnisse<br />

anschließend per<br />

Computer auswerten.<br />

An dem<br />

Bohrplatz Saal bei Ribnitz-Damgarten (Foto)<br />

im Landkreis Vorpommern-Rügen ist die<br />

Firma Central European Petroleum in über<br />

2.500 Metern Tiefe bereits fündig geworden.<br />

MANAGER : TÜFTLER : ERFINDER<br />

Ein Maschinenbauer, der<br />

die Architekturszene eroberte<br />

CHRISTOPH RABE, (54) KERSTIN ZIMMERMANN, (53)<br />

Geschäftsführer der Bauconzept<br />

Planungsgesellschaft GmbH<br />

in Hohenstein-Ernstthal (Sachsen),<br />

hat den Gründerpreis 2012<br />

der KfW-Bankengruppe und der<br />

Zeitschrift SUPERillu in der Kategorie<br />

Marktführer erhalten. Der<br />

Preis ist mit 5.000 Euro dotiert.<br />

Dem einstigen Maschinenbauer und heutigen Chef des<br />

größten nach 1990 in Deutschland gegründeten<br />

Architektur- und Ingenieurbüros bescheinigt die Jury<br />

eine einzigartige Mischung von »Enthusiasmus und<br />

Kunstverstand«. Rabes Projekte sind längst legendär,<br />

in Deutschland und vielerorts preisgekrönt. Mit seinem<br />

von einst drei auf heute 112 Architekten und Planer<br />

angewachsenen Mitarbeiterstab entwarf er unter<br />

anderem das Uhrenmuseum in Glashütte und die<br />

Centrum Galerie in Dresden, projektierte die Rekonstruktion<br />

des Jugendstil-Schwimmbades in Zwickau<br />

und erwarb für die Gestaltung der neuen Radrennbahn<br />

Andreasried in Erfurt den Architekturpreis des Internationalen<br />

Olympischen Komitees (IOC). Aus seinem<br />

Ingenieurberuf übertrug er eine wichtige Erkenntnis in<br />

das Architekturgeschäft: »Die Präzision des Maschinenbaus<br />

lässt sich in Segmenten dem Bau zuordnen.«<br />

ERNEUERBARE ENERGIE<br />

Biogas aus Stroh<br />

Die Leipziger VERBIO AG hat am Standort<br />

Zörbig eine weltweit bisher einmalige<br />

Anlage zur Erzeugung von Biogas aus Stroh<br />

in Betrieb genommen.<br />

Seit 2010 produziert das Unternehmen Biogas<br />

an diesem Standort. Mit der Verarbeitung von<br />

Stroh zu Biogas <strong>geht</strong> das Unternehmen den<br />

nächsten Schritt zur energetischen Nutzung<br />

von agrarischen Restprodukten, die nicht in<br />

Zusammenhang mit der Nahrungsmittelkette<br />

stehen. Für die Anlage wurde VERBIO von der<br />

Deutschen Energieagentur mit dem Innovationspreis<br />

als »weltweit erste großtechnische<br />

Biogas-Raffinerie« ausgezeichnet.<br />

Eine Parfümsammlerin, die<br />

sich ein Privatmuseum aufbaute<br />

ist passionierte Sammlerin von<br />

Parfümflaschen. Sie hat sich<br />

auf ihrem Dachboden in Radebeul<br />

bei Dresden ein von Duftliebhabern<br />

geschätztes Privatmuseum<br />

eingerichtet. Die<br />

Radebeulerin fand zu ihrem<br />

Hobby, als sie vor 15 Jahren an<br />

der Auflösung einer Drogerie teilnahm. In ihren<br />

eigenen Vitrinen hütet sie mehr als 1.000 Flakons von<br />

etwa 100 verschiedenen Marken und damit gleichsam<br />

ein Kapitel Industriegeschichte der DDR. Beim Hauptproduzenten,<br />

dem Chemischen Kombinat Miltitz bei<br />

Leipzig, hatte man einst den Ehrgeiz, bekannte<br />

westliche Düfte zu kopieren, doch es fehlte an ätherischen<br />

Ölen. Weithin vergessen ist, dass es zu DDR-<br />

Zeiten auch mindestens 70 Kleinhersteller von<br />

Parfüms gab, die eher eine Art Kellerbetrieb führten.<br />

Spektakulärster Besitz der Sammlerin ist ein Kasten<br />

»Schwarzer Samt« von Florena. Der gelangte auf dem<br />

Umweg über den Westen zu ihr. Er gehörte einst<br />

Hildegard Knef, die ihn an ihre Putzfrau weitergab.<br />

Zimmermann erwarb die Florena-Kreation von einem<br />

Zwischenhändler und hütet sie wie einen kostbaren<br />

Schatz: »Daran lasse ich Besucher nicht mal riechen.«<br />

8 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


AKTUELL<br />

MESSETERMINE<br />

Mai 2012<br />

03.05., Schwerin<br />

nordjob Schwerin. Messe<br />

für Ausbildung+Studium<br />

05.05., Senftenberg<br />

Bildungsmesse<br />

Westlausitz<br />

08.05., Erfurt<br />

Rapid.Tech<br />

09.05., Leipzig<br />

LVFM Versicherungsund<br />

Fondmesse<br />

23.05., Berlin<br />

IT-Profits<br />

29.05., Dresden<br />

Zeitarbeitsmesse<br />

IMPRESSUM<br />

Wirtschaft & Markt<br />

Das ostdeutsche Wirtschaftsmagazin<br />

Magazin der Interessengemeinschaft<br />

der Unternehmerverbände<br />

Ostdeutschlands und Berlin<br />

Redaktionsanschrift:<br />

Zimmerstraße 55, 10117 Berlin<br />

Tel.: (030) 27 89 45-0, Fax: -23,<br />

E-Mail: wumberlin@t-online.de<br />

Internet: www.wirtschaftundmarkt.de<br />

Herausgeber:<br />

Klaus George<br />

george@wirtschaftundmarkt.de<br />

Chefredakteur:<br />

Helfried Liebsch,<br />

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Stellvertretender Chefredakteur:<br />

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Redaktion:<br />

Peter Jacobs, Hans Pfeifer,<br />

Matthias Salm, Siegfried Schröder,<br />

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Verlagsassistenz:<br />

Sten Seliger<br />

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Gestaltung:<br />

Ralf Puschmann<br />

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Titelfoto: Cornelius Kettler<br />

Druck: Möller Druck Berlin<br />

Autoren dieser Ausgabe:<br />

Thomas Bencard, Peter Jacobs,<br />

Matthias Kasper, Hannelore Koard<br />

Vertrieb und Anzeigenverwaltung:<br />

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Verlag:<br />

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Geschäftsführender Gesellschafter:<br />

Michael Schulze<br />

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ISSN 086 353 23 Erscheint monatlich.<br />

Die Zeitschrift Wirtschaft&Markt ist das<br />

Magazin der Interessengemeinschaft der<br />

ostdeutschen Unternehmerverbände und<br />

Berlin. Die Mitglieder der Verbände erhalten<br />

die Zeitschrift im Rahmen ihrer<br />

Mitgliedschaft. Einzelpreis: 3,50 EURO;<br />

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Porto. Sonderpreis für Studenten:<br />

(Nachweis) jährlich 20,00 EURO. Das<br />

Jahresabonnement gilt zunächst für ein<br />

Jahr (10 Ausgaben). Danch besteht die<br />

Möglichkeit, das Abonnement jederzeit zu<br />

kündigen.Namentlich gekennzeichnete<br />

Beiträge müssen nicht mit der Meinung<br />

der Redaktion übereinstimmen. Für unverlangt<br />

eingesandte Manuskripte und Fotos<br />

übernehmen wir keine Haftung. Nachdruck<br />

nur mit Genehmigung des Verlages.<br />

PRO<br />

& CONTRA<br />

BÄRBEL HÖHN,<br />

stellvertretende Vorsitzende<br />

der Bundestagsfraktion<br />

von Bündnis 90/Die Grünen<br />

Scheitert<br />

die Energiewende?<br />

Vor einem Jahr beschloss die Bundesregierung die<br />

Energiewende. Jetzt stagniert das Jahrhundertprojekt.<br />

Fährt Schwarz-Gelb die Energiewende an die Wand?<br />

Ein Jahr nach Fukushima<br />

JA<br />

und der Abschaltung der<br />

acht ältesten deutschen Atomkraftwerke<br />

hat die Energiewende<br />

ihren ersten Härtetest<br />

bestanden. Die schrillen Warnungen<br />

der Atomlobby entpuppten<br />

sich als Panikmache.<br />

Deutschland hat auch 2011<br />

wieder mehr Strom erzeugt als<br />

verbraucht. Wind, Sonne und<br />

Bioenergie sprangen für die<br />

stillgelegten Atommeiler ein.<br />

Selbst in klirrender Winterkälte<br />

blieb die Stromversorgung<br />

stabil. Und an der Börse liegen<br />

die Strompreise heute niedriger<br />

als im von der Atomkraft<br />

abhängigen Frankreich. Trotzdem<br />

ist das Gelingen der Energiewende<br />

nicht ausgemacht.<br />

Die Bundesregierung ist im<br />

Begriff, die gute Ausgangslage<br />

in Deutschland zu verspielen<br />

und will den Ausbau der Solarenergie<br />

brutal abbremsen.<br />

Zehntausende Beschäftigte<br />

müssen um ihre Jobs fürchten.<br />

Der Netzausbau kommt nicht<br />

voran. Ihren Klimafonds hat die<br />

Bundesregierung um fast die<br />

Hälfte gekürzt. Das heißt:<br />

Weniger Geld für Energieforschung,<br />

Elektroautos und erneuerbare<br />

Wärmeenergie. Es<br />

scheint, dass die Bundesregierung<br />

die Energiewende gar<br />

nicht zum Erfolg führen will.<br />

Wenn Rösler, Röttgen & Merkel<br />

so weitermachen, könnte das<br />

Projekt doch noch scheitern.<br />

MICHAEL KAUCH,<br />

umweltpolitischer Sprecher<br />

der FDP-Fraktion<br />

im Deutschen Bundestag<br />

NEIN<br />

Die Energiewende<br />

ist auf einem guten<br />

Weg. Union und FDP steigen<br />

nicht nur schneller aus der<br />

Kernkraft aus. Wir haben auch<br />

sieben Gesetze durchgesetzt,<br />

um in ein neues Energiezeitalter<br />

einzusteigen. Unsere<br />

Politik wirkt: Nie zuvor war der<br />

Anteil erneuerbarer Energien<br />

so hoch wie 2011, nie zuvor<br />

der Energieverbrauch so<br />

niedrig. Noch auf längere Zeit<br />

brauchen wir zum Ausgleich<br />

der schwankenden Windkraft<br />

konventionelle Kraftwerke.<br />

Deshalb fördern wir hocheffiziente<br />

Kraftwerke. Vor allem<br />

aber brauchen wir neue Netze.<br />

Mit der Bundesnetzagentur<br />

und frühzeitigem Dialog mit<br />

den Betroffenen beschleunigen<br />

wir die Planungen für neue<br />

Trassen. Mit der Kürzung der<br />

Solarförderung sorgen wir<br />

dafür, dass der Strompreisanstieg<br />

moderat bleibt. Zudem<br />

sorgt die Bundesregierung<br />

erstmals durch Marktanreize<br />

für eine der Nachfrage gerechte<br />

Stromeinspeisung aus<br />

erneuerbaren Energien. Die<br />

Gebäudesanierung wird mit<br />

1,5 Miliarden Euro pro Jahr<br />

finanziert. Und wer energetisch<br />

in sein Haus investiert,<br />

soll dies steuerlich geltend<br />

machen können. SPD und<br />

Grüne sollten im Bundesrat<br />

ihre Blockade gegen dieses<br />

sinnvolle Projekt aufgeben.<br />

INVESTITIONEN<br />

Siemens setzt auf BER<br />

Der Technologiekonzern Siemens<br />

errichtet in Ludwigsfelde bis 2014 ein<br />

neues Brenner-Testzentrum für Gasturbinen.<br />

Für die Standortwahl erwies<br />

sich die Nähe des künftigen Flughafens<br />

Berlin Brandenburg BER als<br />

mitentscheidend.<br />

Nestlé baut in Schwerin<br />

Der Schweizer Nahrungsmittelkonzern<br />

Nestlé, weltweit führend in der<br />

Branche, baut in Schwerin ein Werk<br />

für Kaffeemaschinen-Kapseln, das<br />

vorrangig den deutschen, den skandinavischen<br />

und osteuropäischen<br />

Markt beliefern soll. Dafür werden<br />

rund 220 Millionen Euro investiert.<br />

Die Landesregierung hat 50 Millionen<br />

Euro Fördergeld in Aussicht gestellt.<br />

Durch die Großinvestition entstehen<br />

450 neue Arbeitsplätze.<br />

Dritter Sachsen-VW<br />

In Zwickau hat die Volkswagen Sachsen<br />

GmbH einen neuen Karosseriebau<br />

in Betrieb genommen (Foto).<br />

Ab 2013 wird dort neben Golf und<br />

Passat auch der Golf Variant gebaut.<br />

VW Sachsen strebt an dem westsächsischen<br />

Standort ein Produktionsziel<br />

von mehr als 300.000 Pkw<br />

pro Jahr an.<br />

Thüringer Sonnenstrom<br />

In Thüringen sind zurzeit rund 5.000<br />

Beschäftigte im Bereich der Solarbranche<br />

tätig. Von den 80 Produktionsunternehmen<br />

agieren acht<br />

weltweit. Die seit 1990 getätigten<br />

Investitionen von mehr als einer<br />

Milliarde Euro wurden von dem Freistaat<br />

mit 161,3 Millionen Euro bezuschusst.<br />

Ab 2020 soll Solarstrom<br />

19,8 Prozent des gesamten Thüringer<br />

Energieverbrauchs decken.<br />

Gezähmte Oder<br />

Im Oderbruch wird ein automatisiertes<br />

System für Wassermanagement<br />

installiert. Damit können künftig die<br />

36 Schöpfwerke und etwa 300 Stauanlagen<br />

gesteuert und flexibler den<br />

veränderten Grund- und Oberflächenwasserständen<br />

angepasst werden.<br />

Auf diese Weise sollen sich Schäden<br />

durch extreme Witterungsbedingungen<br />

weitestgehend minimieren<br />

lassen. Die Landesregierung hat<br />

für das Projekt 2,3 Millionen Euro zur<br />

Verfügung gestellt.<br />

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 9


GESPRÄCH<br />

Manuela Schwesig, Stellvertretende SPD-Vorsitzende und Ministerin für Arbeit,<br />

Gleichstellung und Soziales in Mecklenburg-Vorpommern, über wirtschaftliche<br />

Vernunft, soziale <strong>Gerechtigkeit</strong>, auskömmliche Entgelte und den Fachkräftemangel<br />

»Merkel redet nur vom Mindest<br />

Fotos: C. Kettler<br />

W&M: Frau Schwesig, die Bundes-SPD hat<br />

auf ihrer jüngsten Klausurtagung die Frage<br />

nach sozialer <strong>Gerechtigkeit</strong> auf den Wahlkampfschild<br />

für 2013 gehoben. Was ist ungerecht<br />

in Deutschland – und somit auch in<br />

Mecklenburg-Vorpommern?<br />

MANUELA SCHWESIG: Ungerecht ist,<br />

dass viele Menschen in ihrem Job fleißig<br />

arbeiten, aber nicht von den Billiglöhnen<br />

leben können. Wir setzen uns daher für<br />

einen flächendeckenden gesetzlichen<br />

Mindestlohn von mindestens 8,50 Euro<br />

ein. Ungerecht ist, dass viele Frauen in<br />

Deutschland keine Chance haben, sich<br />

am Arbeitsleben zu beteiligen. Weil es an<br />

guten Bildungs- und Betreuungseinrichtungen<br />

fehlt. Insbesondere im Westen<br />

mangelt es an Kitas und Ganztagsschulen.<br />

Ungerecht ist auch, dass immer<br />

mehr Menschen die medizinische Versorgung<br />

als Zweiklassen-Medizin erleben<br />

und der Bundesgesundheitsminister<br />

jetzt auch bei der Pflege in ein Zweiklassensystem<br />

steuert.<br />

W&M: Der Ruf nach höheren Löhnen klingt<br />

nach Stimmenfang im Wahlkampf. Wollen<br />

Sie die Tarifautonomie in Frage stellen?<br />

MANUELA SCHWESIG: Im Gegenteil, sie<br />

ist wichtig und richtig. Uns <strong>geht</strong> es nicht<br />

um einen Eingriff in diese Autonomie,<br />

sondern um eine Lohnuntergrenze. Sie<br />

soll sicherstellen, dass jemand, der arbeitet,<br />

davon leben kann und später eine<br />

Rente erhält, mit der er nicht in Altersarmut<br />

stürzt. Es gibt im Nordosten übrigens<br />

viele Unternehmer, die einen Mindestlohn<br />

unterstützen. So der Präsident<br />

des Unternehmerverbandes in Vorpommern,<br />

Gerold Jürgens. Für Unternehmer,<br />

die sich um ordentliche Löhne bemühen,<br />

besteht die Gefahr, wegen Lohndumpings<br />

nicht mehr mithalten zu können.<br />

W&M: Andere regionale Unternehmerverbände,<br />

auch in Ihrem Land, sehen das <strong>anders</strong>.<br />

Hat sich nicht die Vereinigung der Unternehmensverbände<br />

Mecklenburg-Vorpommern<br />

sehr entschieden gegen einen einheitlichen<br />

Mindestlohn ausgesprochen?<br />

MANUELA SCHWESIG: Das mag sein, es<br />

gibt unbestritten verschiedene Positionen.<br />

Schon regional, in Greifswald andere<br />

als in Schwerin. Das unterstreicht<br />

doch aber nur die Notwendigkeit, in diesem<br />

Streit Flagge zu zeigen.<br />

W&M: Flagge zeigen gegen die Unternehmer?<br />

MANUELA SCHWESIG: Noch einmal –<br />

nicht gegen, sondern für diejenigen, die<br />

Deutschland erfolgreich durch die Krise<br />

getragen haben. Das haben Arbeitnehmer<br />

und Arbeitgeber gemeinsam geschafft.<br />

Klar, dass in Zeiten wirtschaftlichen<br />

Aufschwungs auch beide Partner<br />

davon profitieren müssen. Deshalb unterstützt<br />

die SPD die Interessen der Arbeitnehmer.<br />

Das ist kein Eingriff in die<br />

Autonomie, sondern Rückenstärkung.<br />

W&M: Im Land regieren Sie mit der CDU, die<br />

sich gern als Wirtschaftspartei darstellt. Ein<br />

Streit auch in der Koalition? Bundesweit tut<br />

sich in Sachen Mindestlohn wenig.<br />

MANUELA SCHWESIG: In Schwerin gibt<br />

es darüber keinen Streit, weil sich die<br />

SPD mit der Notwendigkeit eines Mindestlohnes<br />

durchgesetzt hat. Auch die<br />

CDU im Land spricht sich für den Mindestlohn<br />

aus. Die Landesregierung hat<br />

im Februar im Bundesrat eine Mindestlohn-Initiative<br />

mehrerer Länder unterstützt.<br />

Überdies kann es nicht sein, dass<br />

die Steuerzahler jährlich mit sieben Milliarden<br />

Euro die Billiglöhne subventionieren,<br />

weil Menschen von diesen nicht<br />

leben können. Ich bin überzeugt von<br />

Leistungsgerechtigkeit. Jeder muss das<br />

leisten, was er leisten kann. Aber Arbeit<br />

muss sich lohnen.<br />

W&M: Wie wollen Sie Kritikern den Mindestlohn<br />

vermitteln?<br />

MANUELA SCHWESIG: Ein gewichtiges<br />

Argument ist der Fachkräftemangel. Er<br />

ist die größte Herausforderung für die<br />

Unternehmen in nächster Zeit. Es gibt<br />

keine Branche, die ohne Menschen auskommt.<br />

Technik ist ersetzbar, aber nicht<br />

die Menschen. Vor Jahren hatte Mecklenburg-Vorpommern<br />

jährlich 30.000 Schulabgänger,<br />

jetzt sind es 10.000. Um diese<br />

streiten sich die Unternehmen. Über die<br />

Lohnfrage wird sich künftig entscheiden,<br />

ob ein Unternehmen Fachkräfte hat<br />

oder nicht. Es ist eine Überlebensfrage<br />

für die Betriebe geworden. Und es ist eine<br />

ordnungspolitische Frage. Die Summe<br />

von sieben Milliarden Euro für die so genannten<br />

Aufstocker bräuchten wir dringend,<br />

um in Bildung zu investieren und<br />

damit in potenzielle Fachkräfte.<br />

W&M: Wissen Sie, was in Ihrem Land an<br />

Niedriglöhnen wirklich gezahlt wird?<br />

MANUELA SCHWESIG: Es gibt Branchen,<br />

etwa im Handwerk, da werden zwar tariflich<br />

vereinbarte Mindestlöhne gezahlt.<br />

Doch diese liegen weit unter den geforderten<br />

gesetzlichen 8,50 Euro Mindestlohn.<br />

In Mecklenburg-Vorpommern bewegt<br />

mich in dieser Frage eine Branche<br />

besonders, die Tourismuswirtschaft. Sie<br />

boomt und wird über eine verringerte<br />

Mehrwertsteuer extra subventioniert.<br />

Aber es gibt ein Lohnniveau, das nicht<br />

auskömmlich ist. Deshalb herrscht dort<br />

unter anderem auch Fachkräftemangel.<br />

W&M: Die Leute laufen einfach weg, arbeiten<br />

lieber in Call-Centern, wo mehr gezahlt wird<br />

und es geregelte Arbeitszeiten gibt.<br />

MANUELA SCHWESIG: Sie sagen es.<br />

W&M: Die SPD kämpft für höhere Löhne und<br />

soziale <strong>Gerechtigkeit</strong>, will aber keinen Lagerwahlkampf<br />

mehr. Die Speerspitze richtet sich<br />

nicht mehr gegen Kanzlerin Merkel, sondern<br />

allgemein gegen den Neoliberalismus. Worauf<br />

darf man da gespannt sein?<br />

MANUELA SCHWESIG: Unsere politische<br />

Kritik richtet sich nicht gegen die Person<br />

Merkel, sondern gegen ihre Politik, die<br />

Politik der Bundesregierung. Die ist davon<br />

geprägt, dass der Lohn der Arbeit<br />

nicht bei den Leuten ankommt. In der sozialen<br />

Marktwirtschaft muss Leistung<br />

bezahlt werden mit anständigem Lohn.<br />

W&M: Entschuldigung – laufen Sie da nicht<br />

bei Frau Merkel offene Türen ein?<br />

MANUELA SCHWESIG: Bei einer Lohnuntergrenze<br />

gab es vor nicht allzu langer<br />

Zeit sehr unterschiedliche Auffassungen,<br />

ob dieses Instrument richtig ist. Derweil<br />

10 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


lohn«<br />

wächst die Unterstützung bis in die Bundesregierung<br />

hinein. Aber: Frau Merkel<br />

redet nur vom Mindestlohn, ohne wirklich<br />

etwas zu machen. Da wird mit Erwartungen<br />

von Menschen gespielt. 1,4<br />

Millionen Menschen müssen in Deutschland<br />

aufstocken …<br />

W&M: Ihr Parteikollege Steinmeier sieht die<br />

Wirtschaftspolitik der SPD als eine Art grüne<br />

Industriepolitik. Die richtet sich weniger an<br />

kleine Betriebe und das Handwerk. Wie sieht<br />

das Angebot der SPD an den Mittelstand aus?<br />

MANUELA SCHWESIG: Die Wirtschaft<br />

lebt von kleinen und mittleren Betrieben,<br />

gerade hier. Ich sehe eine ganz neue<br />

Herausforderung. Wir müssen unsere Sozialsysteme<br />

neu denken. Wie können wir<br />

Selbstständige in der Kreativwirtschaft<br />

zum Beispiel besser absichern? Wer etwas<br />

leistet und bereit ist, ein Risiko einzugehen,<br />

der darf am Ende nicht bestraft<br />

werden, der muss eine Grundabsicherung<br />

haben. Wir brauchen eine Bürgerversicherung,<br />

in der es nicht mehr entscheidend<br />

ist, in welchem Arbeits- und<br />

Rechtsverhältnis man ist, sondern dass<br />

man arbeitet. Da ist die SPD schon weiter.<br />

W&M: Reden wir über eine andere von Ihnen<br />

angesprochenen <strong>Gerechtigkeit</strong>slücke – Stichwort<br />

Pflege. Was bringt Sie da auf die Palme?<br />

MANUELA SCHWESIG: Mich beunruhigt<br />

außerordentlich das Auseinanderdriften<br />

der Gesellschaft, eben auch bei Medizin<br />

und Pflege. Die Menschen spüren diese<br />

»Arbeit ist eine Frage<br />

sozialer Teilhabe.<br />

EIN KLASSENKAMPF<br />

zwischen Sozialem<br />

und Wirtschaft passt nicht.«<br />

Zweiteilung. Bei der Pflege will Minister<br />

Daniel Bahr eine private Zusatzversicherung<br />

einführen. Das werden sich aktuelle<br />

Pflegefachkräfte zum Beispiel nicht<br />

leisten können. Sie beziehen im Übrigen<br />

im Osten weniger Mindestlohn als im<br />

Westen. Das ist ein weiteres Argument<br />

für einen flächendeckenden Mindestlohn.<br />

Differenzierung in Ost und West<br />

produziert Ungerechtigkeit. Die Pflegefachkräfte,<br />

die sich heute nicht zusätzlich<br />

versichern können, werden später<br />

keinen Anspruch auf gute Pflege haben.<br />

Das ist das System Merkel und Bahr.<br />

W&M: Und Ihr Vorschlag?<br />

MANUELA SCHWESIG: Wir brauchen eine<br />

Bürgerversicherung, in die jeder nach<br />

seiner Leistungsfähigkeit einzahlt. Das<br />

ist eine Frage der sozialen <strong>Gerechtigkeit</strong>.<br />

W&M: Die SPD ist die Initiatorin der umstrittenen<br />

Rente mit 67. Geht es aber nicht vielmehr<br />

um Arbeit bis 67, aber differenziert?<br />

MANUELA SCHWESIG: Es gibt bestimmte<br />

Berufe, wo sogar Arbeit bis 65 schwer vorstellbar<br />

ist, zum Beispiel im Pflegebereich.<br />

Es sind geeignete Übergänge zu<br />

gestalten. Rente mit 67 ist solange unrealistisch,<br />

wie nicht über die Hälfte der Arbeitnehmer<br />

mit 65 noch in Arbeit sind.<br />

Ein Vorschlag der SPD ist es, die Erwerbsminderungsrente<br />

besserzustellen. So<br />

können Arbeitnehmer aus gesundheitlichen<br />

Gründen ausscheiden ohne große<br />

Abschläge. Vor Armut im Alter haben die<br />

Menschen die meiste Angst.<br />

W&M: Ein anderer wesentlicher Punkt in dieser<br />

Debatte ist aber – und darauf zielte unsere<br />

Frage –, genügend Arbeitsplätze für ältere<br />

Arbeitnehmer bereitzustellen. Welcher politischen<br />

Impulse bedarf es?<br />

MANUELA SCHWESIG: Wichtig ist es, die<br />

Fachkräfte zu sichern und die Leistungsfähigkeit<br />

lange zu erhalten. Da gewinnt<br />

betriebliches Gesundheitsmanagement<br />

enorm an Bedeutung. Mein Ministerium<br />

hat mit der Wirtschaft besprochen, wie<br />

wir gemeinsam Unternehmen beraten<br />

können, wie Gesundheitsförderung im<br />

Arbeitsalltag funktioniert. Konzepte für<br />

große Konzerne greifen aber im Osten<br />

nicht. 90 Prozent unserer Betriebe haben<br />

weniger als 20 Beschäftigte. Da gilt es, in<br />

den Firmen die speziellen Probleme zu<br />

erkennen und individuell zu helfen.<br />

W&M: Was tun Sie selbst?<br />

MANUELA SCHWESIG: Mein Ministerium<br />

legt dafür ein Projekt auf mit einem Volumen<br />

von einer Million Euro. Berater gehen<br />

in die Betriebe, die in der Regel nicht<br />

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 11


MANUELA SCHWESIG mit W&M-Redakteuren Helfried Liebsch (l.) und Thomas Schwandt.<br />

das Personal und das Know-how für die<br />

Lösung solcher Probleme besitzen.<br />

W&M: Was passiert mit älteren, arbeitsfähigen<br />

Menschen, die länger ohne Job sind?<br />

MANUELA SCHWESIG: In Firmen gibt es<br />

weiterhin große Vorurteile gegenüber<br />

dieser Gruppe von Arbeitnehmern. Das<br />

Alter ist ein Problem, obwohl den Unternehmen<br />

Leute fehlen. Da muss unbedingt<br />

ein Umdenken einsetzen.<br />

W&M: Aber verstehen Sie nicht Unternehmer,<br />

wenn sie lieber jüngere Fachkräfte einstellen<br />

statt älterer Arbeitnehmer, die nur noch kurze<br />

Zeit bis zur Rente zur Verfügung stehen?<br />

MANUELA SCHWESIG: Die Unternehmer<br />

können es sich nicht mehr aussuchen.<br />

Und wir können die Leute nicht backen.<br />

Wir können nur dafür sorgen, dass die<br />

jungen Leute möglichst ausbildungsreif<br />

die Schule verlassen. Die Unternehmer<br />

sind gefragt. Es führt kein Weg daran vorbei,<br />

bei älteren Arbeitslosen genau hinzusehen,<br />

was können diese, welche Qualifikationen<br />

besitzen sie. Nachweislich<br />

profitieren Betriebe von den Erfahrungen<br />

älterer Mitarbeiter. Um diese für Arbeitgeber<br />

interessant zu machen, kann<br />

der Schwerpunkt in der Arbeitsvermittlung<br />

nicht mehr Qualifikation per Gießkanne<br />

sein. Maßgeschneiderte Angebote<br />

sind gefragt. Das funktionert aber nur<br />

gemeinsam mit den Unternehmern.<br />

W&M: Auch bei jüngeren Menschen ist das<br />

Arbeitskräftepotenzial nicht ausgereizt. Gehört<br />

nicht die Schulabbrecherquote im Nordosten<br />

zu den höchsten in Deutschland?<br />

MANUELA SCHWESIG: Wir setzen hier<br />

unter anderem mit Produktionsschulen<br />

an. Über produktive Arbeit in Betrieben<br />

sollen junge Menschen erleben, dass sie<br />

was können, dass es gut ist, einen Schulabschluss<br />

nachzuholen. Weder im Land,<br />

noch in ganz Deutschland können wir<br />

uns junge Leute ohne Schul- bzw. Berufsabschluss<br />

leisten. Mein Ziel ist es, dass<br />

alle jungen Menschen einen Schulabschluss<br />

und eine Ausbildung haben.<br />

W&M: Sie betonen leisten?<br />

MANUELA SCHWESIG: Ja, leisten. Soziale<br />

<strong>Gerechtigkeit</strong> und wirtschaftliche Vernunft<br />

treffen hier zusammen. Die Gesellschaft<br />

kann leistungsfähige Menschen<br />

nicht bis ins hohe Lebensalter alimentieren,<br />

diese Potenziale ungenutzt lassen.<br />

W&M: Wirtschaftsminister Harry Glawe<br />

(CDU) hält es für möglich, die Zahl der Arbeitlosen<br />

im Land bis zum Ende der Legislatur<br />

von jetzt über 100.000 auf 70.000 zu senken.<br />

Was ist Ihre Zielvorgabe?<br />

ZUR<br />

PERSON<br />

Shootingstar der SPD<br />

Richtig aufgefallen ist Manuela Schwesig<br />

(37) zum ersten Mal 2007, als<br />

Schwerin bundesweit in die Schlagzeilen<br />

geriet. Die fünfjährige Lea-Sophie war<br />

einen qualvollen Hungertod gestorben.<br />

Als Vorsitzende der SPD-Fraktion in der<br />

Stadtvertretung forderte Schwesig damals<br />

vehement, diesen Fall von Kindesvernachlässigung<br />

rückhaltlos aufzuklären.<br />

Ihr Auftreten imponierte nicht nur<br />

den Genossen der engeren Umgebung.<br />

Die diplomierte Finanzwirtin ließ auch<br />

die Vorstände von Landes- und Bundes-<br />

SPD aufhorchen. Schwesig wurde ins<br />

Aufstiegsprogramm aufgenommen, die<br />

erste Stufe gezündet. Diese katapultierte<br />

sie im Oktober 2008 an die Spitze<br />

des Ministeriums für Soziales und Gesundheit<br />

in Mecklenburg-Vorpommern.<br />

Nur ein Jahr später erreichte der Shootingstar<br />

die Bundesumlaufbahn, wurde<br />

Partei-Vize. Vor der Bundestagswahl<br />

2009 holte Kanzlerkandidat Steinmeier<br />

sie in sein Team. Schwesig, geboren in<br />

Seelow (Brandenburg) und Mutter eines<br />

Sohnes, wechselte 2000 von Frankfurt<br />

(Oder) nach Schwerin. Sie schätzt die<br />

Ausgeglichenheit der Norddeutschen,<br />

umso mehr, als es ihr nach eigener Aussage<br />

schon mal passiert, bei der Arbeit<br />

»durch die Decke zu gehen«.<br />

MANUELA SCHWESIG: Ich sehe es ebenso<br />

optimistisch. Spannend wird sein, haben<br />

wir weniger, weil die Leute in Rente gehen?<br />

Oder weil mehr sozialversicherungspflichtige<br />

Arbeitsplätze zur Verfügung<br />

stehen? Was nicht passieren darf:<br />

Die Zahl der Langzeitarbeitslosen stagniert,<br />

aber die der offenen Stellen steigt.<br />

Wenn wir es nicht schaffen, genug Leute<br />

zu vermitteln, wird es gefährlich. Spricht<br />

sich das herum, werden sich keine Firmen<br />

mehr ansiedeln. Ziel muss es sein,<br />

den realen Fachkräftebedarf zu decken.<br />

W&M: Was heißt das für Ihre Arbeitsmarktpolitik<br />

konkret?<br />

MANUELA SCHWESIG: Gemeinsam mit<br />

der Bundesarbeitsagentur haben wir<br />

Schwerpunkte gesetzt. So wollen wir<br />

verstärkt Alleinerziehende in den ersten<br />

Arbeitsmarkt vermitteln.<br />

W&M: In der Arbeitslosenstatistik bewegt<br />

sich oben viel, unten beim Sockel der Langzeitarbeitslosen<br />

wenig. Schreiben Sie die ab?<br />

MANUELA SCHWESIG: Nein! Bei Langzeitarbeitslosen<br />

mit Vermittlungshemmnissen<br />

streben wir mit den Betrieben individuelle<br />

Lösungen an. Arbeit ist eine Frage<br />

sozialer Teilhabe. Ein Klassenkampf zwischen<br />

Sozialem und Wirtschaft passt<br />

nicht, beides verträgt sich unheimlich<br />

gut, wenn von den Menschen her gedacht<br />

wird. Die Wirtschaft braucht sie.<br />

W&M: Kommen wir noch einmal auf den<br />

Anfang zurück. Unlängst hat SPD-Chef Gabriel<br />

angemerkt, auch eine Kanzlerkandidatin<br />

sei nicht ausgeschlossen. Wer könnte die erste<br />

SPD-Spitzenkandidatin werden?<br />

MANUELA SCHWESIG: Das verrate ich Ihnen<br />

nicht.<br />

W&M: Wäre es nichts für Sie?<br />

MANUELA SCHWESIG: Nein. Ich bin Arbeitsministerin<br />

in Mecklenburg-Vorpommern,<br />

das macht mir Spaß. Ich freue<br />

mich, dass ich auch auf Bundesebene<br />

Themen bewegen kann. Ich finde überhaupt,<br />

in kleinen Bundesländern wie<br />

hier in Ostdeutschland müssen wir den<br />

Anspruch haben mitzumischen.<br />

W&M: Wie müssen wir uns den Bundestagswahlkampf<br />

2013 in MV vorstellen: Am Vormittag<br />

Friede, Freude, Eierkuchen mit der<br />

CDU im Kabinett, am Nachmittag Wahlkampf<br />

gegen die Union?<br />

MANUELA SCHWESIG: In der großen Koalition<br />

haben wir erreicht, dass die CDU<br />

bei Themen, die wir als Sozialdemokraten<br />

für richtig halten, mitmacht.<br />

W&M: Ist das ein Beitrag zur Marginalisierung<br />

der CDU?<br />

MANUELA SCHWESIG: Nein. wir haben<br />

mit unseren Themen die Wähler überzeugt,<br />

und das musste der Koalitionspartner<br />

akzeptieren.<br />

W&M: Frau Ministerin, wir bedanken uns für<br />

das Gespräch.<br />

&<br />

12 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


Copyright by<br />

Je komplexer ein Projekt, desto präziser<br />

muss man zusammenarbeiten.<br />

Am besten mit uns.<br />

Corporate Finance. Bei der Finanzierung von Unternehmensübernahmen,<br />

Projekten, Leasing und anderen<br />

Steuer- oder Bilanzkonzepten im In- und Ausland<br />

sind wir der ideale Partner – für Unternehmen wie für<br />

die öffentliche Hand. Denn wir sind die Spezialisten,<br />

die gemeinsam mit Ihnen eine exakt auf Ihre Ziele abgestimmte<br />

Finanzierung erarbeiten. www.helaba.de


SERIE<br />

Für das Land betrachtet ist Mecklenburg-Vorpommern<br />

in den letzten<br />

zwei Jahren ausgerechnet an seiner<br />

schwächsten Flanke stark in die Offensive<br />

gekommen. Das Exportvolumen der<br />

Wirtschaft wuchs von 2009 bis 2011 jährlich<br />

um 20 Prozent und belief sich im<br />

vergangenen Jahr auf 7,2 Milliarden Euro.<br />

Das bedeutet ein Plus von 1,2 Milliarden<br />

Euro gegenüber 2010.<br />

Fast die Hälfte des Auslandsumsatzes<br />

entfiel auf das verarbeitende Gewerbe.<br />

Laut Wirtschaftsministerium in Schwerin<br />

waren dies 3,2 Milliarden Euro. Besonders<br />

bemerkenswert: Der vorwiegend<br />

auf dem internationalen Markt agierende<br />

Schiffbau, und deshalb früher eine<br />

feste Größe in der Exportbilanz, fiel als<br />

solche zuletzt aus. Die Werften im Land<br />

kämpfen noch immer mit den Folgen der<br />

schweren Finanz- und Wirtschaftskrise,<br />

der Umsatz schrumpfte 2011 um 7,1 Prozent.<br />

Andere Branchen wie Automotive,<br />

Maschinenbau und auch Nahrungsgüter<br />

sprangen in die Bresche.<br />

Auf dem Cover ihrer aktuellen Studie<br />

der 100-Top-Unternehmen in Mecklenburg-Vorpommern<br />

hat die Nord/LB einen<br />

Fingerzeig auf den sich vollziehenden Paradigmenwechsel<br />

in der Wirtschaft des<br />

Landes gegeben. Windräder zieren das<br />

Titelblatt der Studie von 2011 statt traditionelle<br />

Impressionen aus Schiffbau oder<br />

der Hafenwirtschaft. Im Ranking der umsatzstärksten<br />

Unternehmen, die 2010 jeweils<br />

mehr als 50 Millionen Euro erwirtschafteten,<br />

verdrängte hinter der führenden<br />

Ernährungsbranche der Maschinenbau<br />

den Schiffbau auf den dritten Rang.<br />

Das veränderte Kräfteverhältnis spiegelt<br />

sich in den Top-Ten der 100 führenden<br />

Unternehmen. Mit dem Rostocker<br />

Windkraftanlagenbauer Nordex SE auf<br />

Platz fünf und Hydraulik Nord Parchim<br />

auf Platz zehn schafften es zwei Nicht-<br />

Schiffbaubetriebe des verarbeitenden Gewerbes<br />

in die oberste Ranking-Etage. Mit<br />

den P+S-Werften behauptet sich auf Platz<br />

acht lediglich noch ein klassischer<br />

Schiffbaubetrieb. Mit 2.500 Beschäftigten<br />

bei Nordex, fast 2.000 bei den P+S-<br />

Werften und rund 1.500 bei Hydraulik<br />

Nord entfällt gut ein Fünftel der insgesamt<br />

27.100 Beschäftigten in den Top-<br />

Ten-Unternehmen auf diese drei, die ein<br />

Umsatzvolumen von 1,5 Milliarden Euro<br />

auf sich vereinen. »Das verarbeitende Gewerbe<br />

erhöht den Anteil an der Wirtschaftsleistung,<br />

die Struktur verbreitert<br />

sich«, stellt dazu Harry Glawe (CDU),<br />

Wirtschaftsminister in MV, fest. Laut Statistik-Amt<br />

wurden im Land von den 299<br />

verarbeitenden Betrieben mit über 50 Beschäftigten<br />

2011 insgesamt 11,1 Milliarden<br />

Euro umgesetzt - plus 10,6 Prozent.<br />

Fotos: T. Schwandt; privat<br />

REPORT<br />

MECKLENBURG–VORPOMMERN<br />

Innovationsoffensive<br />

Lückenschluss 2020<br />

Die Wirtschaft zwischen Rügen und Müritz verlässt traditionelle<br />

Pfade. Das verarbeitende Gewerbe gewinnt mit mehr Forschung<br />

und Entwicklung weit über die Landesgrenzen hinaus an Gewicht.<br />

Charakteristisch für das verarbeitende<br />

Gewerbe in MV ist es, dass in den zurückliegenden<br />

zwei Jahrzehnten etliche<br />

Produktionsstätten entstanden sind, deren<br />

Hauptzentralen zumeist jenseits der<br />

Elbe zu finden sind. Neben Industriebetrieben<br />

wie dem Hafenkranbauer Liebherr<br />

und dem Großröhren-Hersteller<br />

EEW in Rostock sind dies unter anderem<br />

Firmen im Automotive-Bereich (TRW Airbag<br />

Systems; Webasto) und der Luftfahrtindustrie<br />

(Flamm AG).<br />

Überdurchschnittlich stark vertreten<br />

in der Verarbeitung ist die Ernährungsbranche.<br />

Namhafte Unternehmen wie<br />

Oetker, Pfanni und Kamps haben den<br />

agrarisch geprägten Nordosten für sich<br />

entdeckt und sich besonders in Westmecklenburg<br />

angesiedelt. Der Nahrungsmittel-Konzern<br />

Nestlé hat sich jetzt eingereiht.<br />

Kürzlich gab der Branchenprimus<br />

bekannt, bis Ende 2013 in Schwerin<br />

ein Werk zur Produktion von Kaffeekapseln<br />

zu bauen. 220 Millionen Euro werden<br />

investiert, 450 Jobs entstehen. Die<br />

Ernährungswirtschaft im Land hat dato<br />

15.000 Beschäftigte und bringt es auf einen<br />

Umsatz von 3,7 Milliarden Euro.<br />

Diese »importierte« Wertschöpfung<br />

kann aber nur bedingt dazu beitragen,<br />

bis zum Jahr 2020 eine sich selbst tragende<br />

Wirtschaft zu etablieren. Mecklenburg-Vorpommern<br />

wird dieses Ziel nur<br />

erreichen können, wenn sich nachhaltige<br />

mittelständische Strukturen aus sich<br />

selbst heraus entwickeln und festigen.<br />

Die Top-100 in Mecklenburg-Vorpommern<br />

belegen, dass der Nordosten auf<br />

diesem Weg bereits ein gutes Stück vorangekommen<br />

ist.<br />

14 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


SERIE<br />

Mit AIDA Cruises steht auf Platz eins<br />

eine Reederei, deren Stunde Null Mitte<br />

der 90er Jahre in Rostock schlug. Mit der<br />

Kreierung des Clubschiff-Konzepts erschloss<br />

das Unternehmen einen völlig<br />

neuen Markt in der Kreuzschifffahrt. Maritime<br />

Pauschalreisen erfreuen sich eines<br />

wachsenden Zuspruchs. Nach Angaben<br />

des Deutschen ReiseVerbandes (DRV)<br />

buchten 2011 rund 1,4 Millionen Passagiere<br />

in Deutschland eine Hochsee-<br />

Kreuzfahrt. Gegenüber 2010 ist das ein<br />

Plus von 13,8 Prozent. AIDA Cruises hat<br />

mit einer Flotte von derzeit acht Clubschiffen<br />

daran großen Anteil und steuert<br />

weiter auf Wachstumskurs. 5.100 Mitarbeiter<br />

zählt AIDA mit Sitz im Rostocker<br />

Stadthafen. Mit dem geplanten Ausbau<br />

der Flotte bis 2016 auf zwölf Schiffe »wer-<br />

FAKTEN<br />

Mecklenburg-Vorpommern<br />

Einwohner: 1,64 Millionen<br />

Unternehmen: 53.800 kleine und<br />

mittlere Betriebe (2009)<br />

Exporte: 7,2 Milliarden Euro (2011)<br />

BIP: 35,8 Mrd. Euro (2010)<br />

(Quelle: Statistisches Amt Mecklenburg-Vorpommern)<br />

den wir die 9.000-Marke knacken«, blickt<br />

Steffi Harder, Direktorin für Personalentwicklung<br />

bei der Reederei, voraus.<br />

Zu den unternehmerischen Erfolgsgeschichten,<br />

die ihren Ursprung in MV<br />

haben, gehören in Rostock die Medizintechnikfirma<br />

DOT GmbH mit heute 250<br />

Beschäftigten sowie die Planungsgesellschaft<br />

Inros Lackner AG mit mehr als 200<br />

Mitarbeitern. Beim führenden Software-<br />

Haus des Landes, der SIV.AG in Roggentin,<br />

sind 258 Menschen in Arbeit und der<br />

Fertighaus-Hersteller Scanhaus in Marlow<br />

beschäftigt 267 Leute.<br />

Allen diesen Unternehmen ist eigen,<br />

dass sie mit einer Produktidee an den<br />

Start gingen und diese zur Marktreife<br />

führten. Diesen Prozess will die Wirtschaftspolitik<br />

im Land mit intensiver<br />

Förderung der Verbundforschung forcieren.<br />

»Seit 2007 sind 113 Millionen Euro in<br />

Innovationsprojekte von Wissenschaft<br />

und Wirtschaft ausgereicht worden«,<br />

sagt Stefan Rudolph, Staatssekretär im<br />

Wirtschaftsministerium. Kleinere und<br />

mittlere Betriebe, denen für Forschung<br />

und Entwicklung häufig Mittel und Kapazitäten<br />

fehlen, »sollen so Zugang zu<br />

wissenschaftlichen Einrichtungen erhalten,<br />

um schneller und auf höchstem wissenschaftlich-technischen<br />

Niveau zu innovativen<br />

Produkten zu kommen«. Nur<br />

mit solchen gelingt es, sich im internationalen<br />

Wettbewerb durchzusetzen.<br />

Mit zwei Universitäten in Rostock und<br />

Greifswald und weiteren Hochschulen in<br />

Wismar, Stralsund und Neubrandenburg<br />

verfügt das Land über nicht wenig wissenschaftliches<br />

Potenzial. Und befindet<br />

sich doch erst am Anfang einer langen<br />

Aufholjagd, wie die Anzahl der Patentanmeldungen<br />

in den Bundesländern verdeutlicht.<br />

Wurden 2010 zum Beispiel in<br />

Bayern über 13.000 Innovationen aus der<br />

Industrie und den Universitäten zum Patent<br />

angemeldet, lag diese Zahl in MV<br />

unter 180. Im ostdeutschen Vergleich<br />

führt Sachsen mit 1.250 Anmeldungen.<br />

Rudolph sieht in der Verbundforschung<br />

den entscheidenden Wachstumsmotor<br />

für die Wirtschaft. »Wir brauchen<br />

mehr Wachstum«, nur so gerät das Land<br />

in die Lage, die Leistungsbilanz aus eigener<br />

Kraft ausgeglichen gestalten zu können.<br />

Aktuell existiere immer noch eine<br />

Wertschöpfungslücke von 3,5 Milliarden<br />

Euro, die MV lediglich mit Transferleistungen<br />

zu schließen vermag. Im Jahr<br />

2004 betrug dieses Defizit sechs Milliarden<br />

Euro. »Das letzte Stück des Weges<br />

wird aber das schwierigste«, mahnt Rudolph,<br />

denn die Milliarden-Zuweisungen<br />

vom Bund und der Europäischen Union<br />

werden bis zum Ende des Jahrzehnts degressiv<br />

»auf Null abgeschmolzen«. &<br />

KOLUMNE<br />

THOMAS<br />

SCHWANDT,<br />

stellvertretender<br />

Chefredakteur und<br />

W&M-Korrespondent<br />

in Mecklenburg-<br />

Vorpommern<br />

Küste und Könner<br />

Behielte der 1898 verblichene Reichskanzler<br />

Otto von Bismarck recht, dann lebt es sich<br />

in Mecklenburg-Vorpommern im krisengerüttelten<br />

Heute trotz täglicher Welt- oder<br />

wenigstens Europa-Untergangsszenarien<br />

sehr entspannt. Der Eiserne Kanzler wollte<br />

bekanntlich im Endstadium der Welt nach<br />

Mecklenburg gehen, »denn dort <strong>geht</strong> sie<br />

50 Jahre später unter«.<br />

Entspannt leben lässt es sich im Land zwischen<br />

Mecklenburger Bucht und Stettiner<br />

Haff auch ohne Bismarcks Verspätungstheorie.<br />

Im norddeutschen Tourismusland<br />

Nr. eins bedarf es nur kurzer Wege, um<br />

nach der Arbeit in reizvoller Landschaft<br />

und am Meer zu landen. Schiffegucken liebe<br />

ich als waschechter Jung’ von der Küste<br />

immer noch. Auch wenn die Werften nicht<br />

mehr so viele Schiffe wie in besseren Tagen<br />

bauen. Das Durchhalte- und noch stärker<br />

das Umstellungsvermögen der Werftarbeiter<br />

hat mich in den letzten 20 Jahren sehr<br />

beeindruckt. Nach dem Zusammenbruch<br />

des DDR-Schiffbaus haben sie einen unvergleichlichen<br />

Strukturwandel gemeistert.<br />

Eine einschlägige Erfahrung, die geholfen<br />

haben mag, in der jüngsten Krise den<br />

Schiffbau nicht einfach auf Grund zu setzen.<br />

Die Werften haben das Ruder herumgeworfen,<br />

steuern jetzt mit Spezialschiffund<br />

Offshore-Projekten stringent auf Innovations-Kurs.<br />

Dieser ist in allen Branchen<br />

der einzige, wirklich Erfolg versprechende<br />

in dem strukturschwachen Flächenland.<br />

Am Anfang steht die Idee. Daran mangelte<br />

es im Land nie. Hier flog in den 30er Jahren<br />

das erste Düsenstrahlflugzeug der Welt,<br />

hier stehen der Schleudersitz, die künstliche<br />

Leber und last but not least der Strandkorb<br />

ganz oben auf der Liste weltbekannter<br />

Erfindungen aus Meck-Pomm.<br />

Das Spannendste aber sind die Menschen,<br />

die in den Betrieben daran mitwirken, dieses<br />

Land täglich neu zu erfinden. Die ihre<br />

Ideen vor Ort verwirklichen und die Entwicklung<br />

vorantreiben wollen. Weil sie an<br />

dieses Land glauben. Da bin ich bei ihnen.<br />

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 15


SERIE<br />

TOP 100 Unternehmen in Mecklenburg-Vorpommern<br />

Von AIDA bis Alternative Energien – Beschäftigung<br />

Rang Unternehmen Branche Mitarbeiter<br />

(2010)<br />

Umsatz<br />

(in Mio. Euro)<br />

Sitz<br />

1<br />

2<br />

3<br />

4<br />

5<br />

6<br />

7<br />

8<br />

9<br />

10<br />

11<br />

11<br />

13<br />

14<br />

15<br />

16<br />

17<br />

18<br />

19<br />

20<br />

21<br />

22<br />

23<br />

24<br />

25<br />

26<br />

27<br />

28<br />

29<br />

30<br />

31<br />

32<br />

33<br />

34<br />

35<br />

36<br />

37<br />

38<br />

39<br />

40<br />

41<br />

42<br />

43<br />

44<br />

45<br />

46<br />

47<br />

48<br />

49<br />

50<br />

AIDA Cruises<br />

Deutsche Bahn AG (K) **<br />

Universitätsklinikum Rostock AöR<br />

Deutsche Post DHL (K)<br />

Nordex SE (K)<br />

Scandlines GmbH (K)<br />

Damp Holding AG (K)<br />

P+S WERFTEN GmbH<br />

OHG NETTO Supermarkt GmbH & Co.<br />

Hydraulik Nord GmbH Parchim (K)<br />

Braun Gruppe (K)<br />

RIEMSER Arzneimittel AG (K)<br />

Telegate AG<br />

MediClin Mecklenburg-Vorpommern (K)<br />

Unser Heimatbäcker GmbH<br />

Bildungszentrum Nordost K.-D. Schnoor<br />

Reederei F. Laeisz GmbH<br />

E.ON e.dis AG<br />

KMG Kliniken plc (K)<br />

coop eG<br />

Energiewerke Nord GmbH<br />

Dussmann Service Deutschland GmbH<br />

De Mäkelbörger Backwaren GmbH<br />

Liebherr-MCCtec Rostock GmbH<br />

Eisengießerei Torgelow GmbH<br />

Egger Holzwerkstoffe GmbH & Co. KG<br />

SYKES Enterprises B.V. & Co. KG<br />

Stadtwerke Schwerin GmbH (K)<br />

Stadtbäckerei Junge GmbH<br />

OstseeSparkasse Rostock<br />

Webasto Neubrandenburg GmbH<br />

Dr. Oetker Tiefkühlprodukte GmbH<br />

optimal media GmbH<br />

RSAG Rostocker Straßenbahn AG<br />

Sparkasse Vorpommern<br />

WSN Sicherheit und Service GmbH (K)<br />

TRW Airbag Systems GmbH<br />

Franziska Stolle GmbH & Co. Brenz KG<br />

WEMAG AG (K)<br />

WEMAG AG<br />

Stadtwerke Rostock AG<br />

Bodden-Kliniken Ribnitz-Damgarten GmbH<br />

Fruchtquell Getränke GmbH & Co. KG<br />

Sparkasse Mecklenburg-Schwerin<br />

HANSA-Milch Mecklenburg-Holstein eG (K)<br />

Travel Charme Hotels & Resorts<br />

ml&s manufacturing GmbH & Co. KG<br />

Unternehmensgruppe Graal-Müritz (K)<br />

AKG Reha-Zentrum GmbH & Co. KG<br />

Stadtwerke Stralsund GmbH (K)<br />

WIRO Wohnen in Rostock GmbH (K)<br />

Piepenbrock Dienstleistungen Gruppe (K)<br />

Rügen Fisch Gruppe (K)<br />

Kreuzfahrten<br />

Verkehrsgewerbe<br />

Gesundheitswesen<br />

Logistik<br />

Windenergieanlagen<br />

Fährreederei<br />

Gesundheitswesen<br />

Schiffbau<br />

Einzelhandel<br />

Maschinenbau, Elektronik<br />

Mischkonzern (Pharma, Food)<br />

Chemische Industrie<br />

Dienstleistungen (Call-Center)<br />

Gesundheitswesen<br />

Ernährungsgewerbe<br />

Bildungswesen<br />

See- und Küstenschifffahrt<br />

Energieversorgung<br />

Gesundheitswesen<br />

Einzelhandel<br />

Abbau/Entsorgung<br />

Dienstleistungen<br />

Ernährungsgewerbe<br />

Maritime Krantechnik<br />

Metallindustrie<br />

Holzbearbeitung<br />

Dienstleistungen (Call-Center)<br />

Energie- und Wasserversorg.<br />

Ernährungsgewerbe<br />

Finanzdienstleistungen<br />

Metallindustrie<br />

Ernährungsgewerbe<br />

Medienindustrie<br />

Personenbeförderung<br />

Finanzdienstleistungen<br />

Dienstleistungen<br />

Automobilzulieferer<br />

Ernährungsgewerbe<br />

Energieversorgung<br />

Energieversorgung<br />

Energieversorgung<br />

Gesundheitswesen<br />

Ernährungsgewerbe<br />

Finanzdienstleistungen<br />

Ernährungsgewerbe<br />

Gastgewerbe<br />

Elektroindustrie<br />

Gesundheitswesen<br />

Gesundheitswesen<br />

Energie- und Wasserversorg.<br />

Wohnungswesen<br />

Dienstleistungen<br />

Ernährungsgewerbe<br />

5.100<br />

4.143<br />

3.100<br />

3.000<br />

2.504<br />

2.200<br />

2.029<br />

1.977<br />

1.600<br />

1.494<br />

1.300<br />

600<br />

1.300<br />

1.280<br />

1.250<br />

1.200<br />

1.188<br />

1.122<br />

942<br />

916<br />

912<br />

910<br />

900<br />

860<br />

744<br />

740<br />

727<br />

721<br />

692<br />

684<br />

670<br />

656<br />

650<br />

625<br />

621<br />

590<br />

582<br />

565<br />

529<br />

347<br />

521<br />

510<br />

501<br />

482<br />

476<br />

470<br />

460<br />

450<br />

245<br />

442<br />

439<br />

436<br />

430<br />

(-)<br />

(-)<br />

265,0<br />

(-)<br />

972,0<br />

569,0<br />

182,2<br />

406,5<br />

1.129,7<br />

100,5<br />

250,0<br />

110,0<br />

124,6<br />

110,3<br />

49,0<br />

22,4<br />

(-)<br />

(-)<br />

61,0<br />

247,5<br />

286,4<br />

24,7<br />

54,0<br />

203,9<br />

100,0<br />

300,0<br />

(-)<br />

182,8<br />

41,7<br />

(-)<br />

273,3<br />

(-)<br />

85,0<br />

31,8<br />

(-)<br />

17,1<br />

226,6<br />

166,0<br />

644,1<br />

500,2<br />

219,3<br />

32,7<br />

101,5<br />

(-)<br />

331,5<br />

38,7<br />

110,6<br />

25,7<br />

16,1<br />

108,0<br />

194,4<br />

12,0<br />

110,1<br />

Rostock<br />

Schwerin<br />

Rostock<br />

Neubrandenburg<br />

Rostock<br />

Rostock<br />

Stralsund<br />

Stralsund<br />

Stavenhagen<br />

Parchim<br />

Greifswald<br />

Insel Riems<br />

Neubrandenburg<br />

Waren/Müritz<br />

Pasewalk<br />

Demmin<br />

Rostock<br />

Demmin<br />

Güstrow<br />

Güstrow<br />

Lubmin<br />

Rostock<br />

Neubrandenburg<br />

Rostock<br />

Torgelow<br />

Wismar<br />

Pasewalk<br />

Schwerin<br />

Elmenhorst<br />

Rostock<br />

Neubrandenburg<br />

Wittenburg<br />

Röbel<br />

Rostock<br />

Greifswald<br />

Neubrandenburg<br />

Laage<br />

Brenz<br />

Schwerin<br />

Schwerin<br />

Rostock<br />

Ribnitz-Damgarten<br />

Dodow<br />

Schwerin<br />

Upahl<br />

Ostseebad Binz<br />

Greifswald<br />

Graal-Müritz<br />

Graal-Müritz<br />

Stralsund<br />

Rostock<br />

Neubrandenburg<br />

Sassnitz<br />

** (K) = Konzernangabe<br />

(-) = Keine Angabe<br />

Im Januar 2012 veröffentlichte die NORD/LB ihre aktuelle Studie zur Beschäftigungslage in Mecklenburg-<br />

Vorpommern. Im Mittelpunkt dieser Betrachtung steht das Ranking »Die 100 größten Unternehmen in<br />

16 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


REPORT<br />

MECKLENBURG–VORPOMMERN<br />

SERIE<br />

durch Tradition und Innovation<br />

Rang Unternehmen Branche Mitarbeiter<br />

(2010)<br />

51<br />

52<br />

53<br />

54<br />

55<br />

56<br />

57<br />

58<br />

59<br />

59<br />

61<br />

62<br />

63<br />

64<br />

65<br />

66<br />

67<br />

68<br />

68<br />

70<br />

71<br />

72<br />

73<br />

74<br />

75<br />

76<br />

77<br />

78<br />

79<br />

80<br />

81<br />

82<br />

82<br />

84<br />

85<br />

85<br />

87<br />

88<br />

89<br />

90<br />

91<br />

92<br />

92<br />

94<br />

95<br />

96<br />

97<br />

98<br />

99<br />

100<br />

Durtrack GmbH<br />

DBDialog Telefonservice GmbH<br />

EURAWASSER Nord GmbH<br />

Seetel Hotel Gruppe (K)<br />

Wachdienst in Mecklbg. GmbH & Co. KG<br />

Hanse Yachts AG<br />

Siemens AG<br />

Palmberg Büroeinrichtungen GmbH<br />

Neubrandenburger Stadtw. GmbH (K)<br />

Sky Deutschland Service Center GmbH<br />

Datenverarbeitungszentrum MV GmbH<br />

Stadtwerke Greifswald GmbH (K)<br />

Gegenbauer Holding SA & Co. KG<br />

Hair-Cosmetic-Team GmbH<br />

Gummi Bear Süßwaren GmbH & Co. KG<br />

Sana-Krankenhaus Rügen GmbH<br />

Backhus Backwaren GmbH & Co. KG<br />

Simeonsbetriebe Nord GmbH<br />

Sparkasse Neubrandenburg-Demmin<br />

Perry & Knorr Parchim GmbH<br />

MEDIAN Kliniken GmbH & Co. KG (K)<br />

arcona HOTELS & RESORTS<br />

IBRo Funk und Marketing GmbH<br />

Autohaus Kittner Gruppe (K)<br />

Commerzbank AG<br />

Ilim Nordic Timber GmbH<br />

ALBA Nord GmbH<br />

Grand Hotel Heiligendamm<br />

Hotel Arkona - Dr. Hutter e.K.<br />

Seehafen Rostock Umschlags-GmbH (K)<br />

Neubrandenburger Wohnungs-GmbH<br />

ScanHaus Marlow GmbH (K)<br />

Sparkasse Mecklenburg-Nordwest<br />

YARA GmbH & Co. KG<br />

SIV AG<br />

MAPLAN GmbH<br />

BAU-REIN Rostock GmbH<br />

Darguner Brauerei GmbH<br />

DOT GmbH (K)<br />

NORD/LB Girozentrale<br />

Hauptgenossenschaft Nord AG<br />

Unternehmensgr. F. Schultz Nachfolger<br />

IBR – Reinigungsgesellschaft mbH<br />

Industrie- und Büroreinigungs-GmbH<br />

Boizenburger Fliesenf. GmbH & Co. KG<br />

Fastphone Telemarketing GmbH<br />

Dienstleistungs-GmbH in Vorpommern<br />

HSE-Haustechnik GmbH<br />

INROS-LACKNER AG<br />

HTG Hoch- u. Tiefbau Gadebusch GmbH<br />

Betonerzeugnisse<br />

Dienstleistungen (Call-Center)<br />

Wasserversorgung<br />

Gastgewerbe<br />

Dienstleistungen<br />

Schiffbau<br />

Elektroindustrie<br />

Herstellung von Möbeln<br />

Energie- und Wasserversorg.<br />

Dienstleistungen (Call-Center)<br />

EDV<br />

Energie- und Wasserversorg.<br />

Dienstleistungen<br />

Friseur<br />

Ernährungsgewerbe<br />

Gesundheitswesen<br />

Ernährungsgewerbe<br />

Arbeitskleidung<br />

Finanzdienstleistungen<br />

Dienstleistungen<br />

Gesundheitswesen<br />

Gastgewerbe, Hotellerie<br />

Dienstleistungen (Call-Center)<br />

Einzelhandel<br />

Finanzdienstleistungen<br />

Holzbearbeitung<br />

Abfallentsorgung<br />

Gastgewerbe<br />

Gastgewerbe<br />

Frachtumschlag und Lagerei<br />

Wohnungswesen<br />

Baugewerbe<br />

Finanzdienstleistungen<br />

Chemische Industrie<br />

Dienstleistungen<br />

Maschinenbau<br />

Dienstleistungen<br />

Ernährungsgewerbe<br />

Medizintechnik<br />

Finanzdienstleistungen<br />

Agrarhandel<br />

Kraftfahrzeugbranche<br />

Dienstleistungen<br />

Dienstleistungen )<br />

Baugewerbe<br />

Dienstleistungen (Call-Center)<br />

Dienstleistungen<br />

Baugewerbe, Haustechnik<br />

Dienstleistungen<br />

Baugewerbe<br />

430<br />

428<br />

424<br />

420<br />

405<br />

401<br />

400<br />

395<br />

392<br />

392<br />

368<br />

365<br />

363<br />

349<br />

344<br />

335<br />

332<br />

324<br />

324<br />

300<br />

299<br />

294<br />

292<br />

290<br />

288<br />

287<br />

286<br />

284<br />

280<br />

274<br />

271<br />

267<br />

267<br />

262<br />

258<br />

258<br />

257<br />

254<br />

250<br />

248<br />

242<br />

231<br />

231<br />

230<br />

226<br />

223<br />

211<br />

207<br />

204<br />

200<br />

Umsatz<br />

(in Mio. Euro)<br />

78,0<br />

(-)<br />

66,7<br />

25,8<br />

(-)<br />

65,0<br />

55,0<br />

60,2<br />

147,4<br />

11,4<br />

43,1<br />

73,5<br />

7,0<br />

7,5<br />

76,3<br />

(-)<br />

14,4<br />

13,8<br />

(-)<br />

(-)<br />

25,1<br />

14,2<br />

(-)<br />

95,7<br />

(-)<br />

76,9<br />

32,2<br />

13,4<br />

23,1<br />

28,2<br />

60,6<br />

42,1<br />

(-)<br />

307,0<br />

26,9<br />

22,8<br />

4,7<br />

106,2<br />

(-)<br />

(-)<br />

271,1<br />

43,6<br />

8,4<br />

8,4<br />

23,9<br />

4,8<br />

7,6<br />

17,9<br />

16,1<br />

37,7<br />

Sitz<br />

Möllenhagen<br />

Schwerin<br />

Rostock<br />

Seebad Ahlbeck<br />

Rostock<br />

Greifswald<br />

Rostock<br />

Schönberg<br />

Neubrandenburg<br />

Schwerin<br />

Schwerin<br />

Greifswald<br />

Schwerin<br />

Schwerin<br />

Boizenburg<br />

Bergen auf Rügen<br />

Güstrow<br />

Rostock<br />

Neubrandenburg<br />

Parchim<br />

Heiligendamm<br />

Rostock<br />

Roggentin<br />

Rostock<br />

Rostock<br />

Wismar<br />

Schwerin<br />

Bad Doberan-Heiligend.<br />

Ostseebad Binz<br />

Rostock<br />

Neubrandenburg<br />

Marlow<br />

Wismar<br />

Poppendorf<br />

Roggentin<br />

Schwerin<br />

Rostock<br />

Dargun<br />

Rostock<br />

Schwerin<br />

Neubrandenburg<br />

Rostock<br />

Sassnitz<br />

Sassnitz<br />

Boizenburg<br />

Pasewalk<br />

Lubmin<br />

Gadebusch<br />

Rostock<br />

Gadebusch<br />

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von: NORD/LB Regionalwirtschaft, Friedrichswall 10, 30159 Hannover<br />

Mecklenburg-Vorpommern«, welches W&M mit freundlicher Genehmigung zur Verfügung gestellt wurde.<br />

Die genannten Unternehmensdaten resultieren aus dem Geschäftsjahr 2010.<br />

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 17


SERIE<br />

INTERVIEW<br />

HARRY GLAWE,<br />

Minister für<br />

Wirtschaft, Bau<br />

und Tourismus<br />

in Mecklenburg-<br />

Vorpommern<br />

REPORT<br />

MECKLENBURG–VORPOMMERN<br />

Fotos: T. Schwandt; Artoss; MWBT<br />

Fit mit Verbundforschung<br />

W&M: Herr Minister, Innovationen sind<br />

ein entscheidender Wettbewerbsvorteil.<br />

Wie ist es um das Potenzial von Forschung<br />

und Entwicklung in MV bestellt?<br />

GLAWE: Innovationen und innovative<br />

Produkte gibt es viele bei uns im Land.<br />

Neuartige Blutgefäßstützen kommen<br />

aus Rostock, in Stralsund werden Rotorblätter<br />

neuen Typs für Windturbinen<br />

entwickelt und in Neubrandenburg<br />

wird an einer umweltfreundlichen<br />

Hochtemperatur-Brennstoffzelle geforscht.<br />

Potenzial ist da, es gibt aber<br />

noch viel zu tun. Wir haben daher die<br />

Verbundforschung – Kooperationen von<br />

Hochschulen und Unternehmen – eingeführt.<br />

Forschung und Entwicklung<br />

sind ein Kraftakt für die meist kleinen<br />

Firmen in Mecklenburg-Vorpommern.<br />

W&M: Das Wirtschaftsministerium forciert<br />

besonders die Verbundforschung. Warum?<br />

GLAWE: Viele Firmen werden erst über<br />

diese Förderung in die Lage versetzt,<br />

sich mit Forschung und Entwicklung zu<br />

befassen und die Potenziale der Wissenschaft<br />

unseres Landes zu nutzen. Die<br />

Hochschulen orientieren sich in der Forschung<br />

mehr und mehr an Erfordernissen,<br />

die von den Unternehmen vorgegeben<br />

sind. Vor fünf Jahren sind wir mit<br />

der Verbundforschung gestartet. Inzwischen<br />

setzt jede Hochschule im Land<br />

Projekte in der Verbundforschung um.<br />

258 solcher Projekte sind bisher mit<br />

einem Volumen von 72,1 Millionen Euro<br />

gefördert worden. Das ist ein großer Erfolg.<br />

Verbundforschung ist ein Schwerpunkt<br />

unserer Technologiepolitik.<br />

W&M: Auf welchen Wirtschaftsfeldern hat<br />

MV die größten Chancen, zum Innovationstreiber<br />

zu avancieren?<br />

GLAWE: Zukunftschancen sehen wir vor<br />

allem in den wachstumsstarken Bereichen<br />

Energie, Ernährung, Gesundheit,<br />

Informations- und Kommunikationstechnologien,<br />

Maschinenbau und<br />

Elektrotechnik sowie Mobilität. Zukunft<br />

im Land entsteht, wenn wir es schaffen,<br />

an den globalen Wachstumsmärkten zu<br />

partizipieren und diesen Prozess im Einklang<br />

von Wirtschaft, Wissenschaft und<br />

Politik zu gestalten.<br />

Strukturwandel im Schiffbau<br />

Maritime Moderne<br />

Werften und Zulieferbetriebe an der Ostseeküste nutzen das junge<br />

Geschäftsfeld der Erneuerbaren Energien als Chance zum Wandel.<br />

Besonders im Fokus stehen Spezialschiffe und Offshore-Projekte.<br />

Im Vergleich mit dem märchenhaften<br />

Schweriner Schloss ist die Offshore-<br />

Konverterplattform »BorWin beta«<br />

ein schmuckloser Stahlkoloss. In der<br />

Höhe aber wird die Umrichterstation in<br />

Zukunft das Wahrzeichen der Landeshauptstadt<br />

übertreffen. Im Baudock von<br />

Nordic Yards in Warnemünde beeindruckt<br />

die Größe. An den Seiten bleibt<br />

kaum Luft zwischen Plattform und Dockwänden.<br />

Die Warnemünder Schiffbauer<br />

sind in der Stahlverarbeitung seit Jahrzehnten<br />

Meister ihres Fachs. Doch derzeit<br />

fügen sie tonnenschwere Stahlelemente<br />

nicht mehr zu Schiffen. »BorWin<br />

beta«, ab Ende 2012 in der Nordsee im<br />

Test, ist ein weithin sichtbarer Beleg für<br />

eine neue Ära in der maritimen Industrie<br />

in Mecklenburg-Vorpommern.<br />

Die Krise von 2008/09 erwischte die<br />

Werften im Land mit voller Wucht. Aufträge<br />

brachen weg, über 1.500 Jobs gingen<br />

verloren, Banken zogen sich aus der<br />

Schiffsfinanzierung zurück. Ohne das<br />

Engagement der staatlichen KfW IPEX-<br />

Bank gäbe es heute nicht einmal mehr<br />

die Chance zum Wandel. Diese aber haben<br />

die Werften in Stralsund und Wolgast<br />

(P+S) und Wismar und Warnemünde<br />

(Nordic Yards) entschlossen angepackt.<br />

Weg vom wenig gewinnträchtigen und<br />

krisenanfälligen Containerschiffbau hin<br />

zu werthaltigen Spezialprojekten.<br />

Die Energiewende im vorigen Jahr hat<br />

den Werften ein neues Geschäftsfeld<br />

eröffnet. Für Offhore-Windparks wird<br />

maritim-technologisches Know-how benötigt.<br />

Von der Konstruktion über Trans-<br />

port und Montage bis hin zu Fragen von<br />

Sicherheit und Service auf dem Meer.<br />

Nordic Yards hat von Siemens bereits den<br />

dritten Auftrag zum Bau einer Offshore-<br />

Konverterplattform erhalten. Werfteigner<br />

Vitaly Yusufov sagte hierzu: »Damit<br />

stärken wir unsere Position im Markt für<br />

innovative Offshore-Lösungen signifikant<br />

und zeigen klar unsere Entwicklung<br />

hin zu einer Spezialwerft.«<br />

Auch am Strelasund wird konsequent<br />

der Spezialisierungskurs gefahren. Im<br />

Mai werden auf der Volkswerft Stralsund<br />

zwei Fährschiffe für die Scandlines-<br />

Reederei getauft. Für eine asiatische Reederei<br />

soll noch 2012 ein Offshore-Spezialschiff<br />

fertiggebaut werden. Werften-Chef<br />

Dieter Brammertz sieht auf diesem<br />

Markt »erhebliches Potenzial«. Nach seiner<br />

Aussage bearbeitet der Schiffbaubetrieb<br />

derzeit mögliche Projekte im Wertvolumen<br />

von drei Milliarden Euro.<br />

Viele der über 250 maritimen Zulieferer<br />

im Land haben ebenso auf die Krise<br />

reagiert und ihre Leistungsangebote unter<br />

anderem auf den Offshore-Markt zugeschnitten.<br />

Für kleine und mittlere Betriebe,<br />

die bisher bei Onshore-Energieprojekten<br />

im Geschäft waren, ergeben<br />

sich neue Absatzchancen. Die Kavelstorfer<br />

Firma H+F Industrie Data zum Beispiel<br />

lieferte bisher Automatisierungs-<br />

Technik für Solar- und Windkraftanlagen.<br />

Nach Aussage von Olaf Schulz,<br />

Vertriebsleiter bei H+F, sondiert das Unternehmen<br />

derzeit Möglichkeiten, künftig<br />

auch bei Offshore-Projekten unter anderem<br />

mit Nordic Yards zu kooperieren.<br />

18 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


Artoss GmbH<br />

Nanotechnologie in der Medizin<br />

Rostocker Unternehmen liefert Biomaterial für Knochenaufbau<br />

TOP-PRODUKT: Mit NanoBone lässt sich<br />

Knochensubstanz schnell wieder aufbauen.<br />

lapatit (HA), das dem körpereigenen im<br />

Knochen sehr ähnelt, ist dabei in eine<br />

hochporöse Kieselgelmatrix eingebettet.<br />

Innerhalb der ersten zwei Wochen wird<br />

aus der Kieselgelmatrix während des Matrixwechsels<br />

eine organische Matrix. Ein<br />

großer Vorzug dieses Nanotech-Verfahrens<br />

gegenüber bisher am Markt etablierter<br />

Knochenersatz-Produkten ist es, dass<br />

das synthetische HA-Granulat im Verlauf<br />

der Knochenneubildung im Körper komplett<br />

wieder abgebaut wird, ohne Rückstände<br />

zu hinterlassen.<br />

Bisher wurde NanoBone erfolgreich<br />

vor allem zur Remodellierung von Knochen<br />

in der Dentalmedizin eingesetzt.<br />

Mehr als 100.000 Behandlungen weltweit<br />

belegen die klinische Praxistauglichkeit.<br />

In einem weiteren Entwicklungsschritt<br />

sind die 16 Mitarbeiter der Artoss GmbH<br />

Das Rostocker Unternehmen Artoss<br />

GmbH leistet Aufbauarbeit im<br />

wahrsten Sinne des Wortes. Mit<br />

dem neuartigen synthetischen Knochenaufbaumaterial<br />

NanoBone. Die beiden<br />

Rostocker Physiker Prof. Thomas Kerber<br />

und Dr. Walter Gerike hatten sich im<br />

Jahr 2003 entschlossen, das an der Universität<br />

Rostock initiierte und begonnene<br />

NanoBone-Projekt auszugründen und<br />

gemeinsam zu einem marktreifen Produkt<br />

zu entwickeln.<br />

Kernidee der biomedizinischen Innovation<br />

ist es, die künstliche Regeneration<br />

von Knochen an den natürlichen Prozessen<br />

im menschlichen Körper anzulehnen.<br />

Die neue Knochenersatz-Technologie<br />

NanoBone basiert auf verschwindend<br />

kleinen Nanostrukturen, was die Knochenneubildung<br />

fördert und forciert.<br />

Das eingesetzte nanokristalline Hydroxyim<br />

Technologiezentrum Warnemünde<br />

seit Herbst vergangenen Jahres dabei,<br />

neue Produktvarianten auf den Markt zu<br />

bringen. »NanoBone eignet sich auch für<br />

den Knochenaufbau in der Orthopädie«,<br />

sagt Geschäftsführer Gerike. Er sieht im<br />

Knochenersatz bei größeren Schäden<br />

beispielsweise an der Wirbelsäule oder<br />

im Hüftbereich des Menschen »weltweit<br />

einen Milliardenmarkt«. Artoss möchte<br />

daran in Zukunft kräftig partizipieren.<br />

Um als junges mittelständisches Unternehmen<br />

diese Herausforderung stemmen<br />

zu können, baut die Artoss GmbH<br />

weiterhin auf die Unterstützung der<br />

Bürgschaftsbank Mecklenburg-Vorpommern.<br />

»Die Bürgschaftsbank begleitet unsere<br />

Firma bereits seit der Gründung«,<br />

blickt Gerike auf die bisherige erfolgreiche<br />

Kooperation zurück. Als stiller Kapitalgeber<br />

ermögliche das in Schwerin ansässige<br />

Geldinstitut die notwendigen Investitionen,<br />

um die angestrebten globalen<br />

Marktanteile erobern zu können.<br />

»Je größer diese werden, um so mehr<br />

Geld muss in die Hand genommen werden«,<br />

sinniert Gerike. Und fügt lächelnd<br />

hinzu: »No risk, no fun.« Auch habe die<br />

vom Wirtschaftsministerium Mecklenburg-Vorpommern<br />

seit gut fünf Jahren<br />

intensiv geförderte Verbundforschung<br />

im Land zusätzliche Möglichkeiten geschaffen,<br />

die Entwicklung des Rostocker<br />

Unternehmens und weiterer innovativer<br />

Produkte voranzutreiben.<br />

Die Artoss GmbH arbeitet inzwischen<br />

europaweit mit mehr als 20 Universitäten<br />

und Forschungseinrichtungen im Inund<br />

Ausland zusammen, unter anderem<br />

in der Schweiz mit den Universitäten in<br />

Genf, Zürich und Bern. »Dies ist in der<br />

Medizin elementar«, begründet Artoss-<br />

Geschäftsführer Gerike die breite Zusammenarbeit.<br />

Nur auf Basis solcher engen<br />

internationalen Kooperationen lassen<br />

sich ganz neue Produktanwendungen<br />

entwickeln, kann auf die spezifischen Bedürfnisse<br />

der Kunden in den verschiedenen<br />

Regionen reagiert werden. Und es<br />

hilft entscheidend, das Knochenaufbaumaterial<br />

NanoBone in der medizinischen<br />

Welt bekannt zu machen. »Der weltbeste<br />

Knochenersatz nutzt aus unternehmerischer<br />

Sicht wenig, wenn niemand da<br />

draußen davon weiß«, so Gerike. &<br />

Texte zum Report Mecklenburg-Vorpommern:<br />

Thomas Schwandt


BERICHT<br />

LOHNEND: Besucher in der Rostocker Stadthalle<br />

beim 10. Lieferantentag 2011.<br />

Lieferantentag Mecklenburg-Vorpommern<br />

Partner um die Ecke<br />

Mit einer eigenen jährlichen Messe für Einkäufer und<br />

Logistiker in Rostock bietet die mittelständische Wirtschaft im<br />

Norden ihren Unternehmen ein Podium zur Präsentation.<br />

Der Lieferantentag Mecklenburg-<br />

Vorpommern hat im Kalender<br />

von Firmenchefs seit über zehn<br />

Jahren einen festen Platz. Aus gutem<br />

Grund: So eine Vielzahl regionaler Kontaktmöglichkeiten<br />

zwischen Vertrieb auf<br />

der einen und Einkauf auf der anderen<br />

Seite an einem Tag, an einem Ort gibt es<br />

sonst nirgendwo. »Das Prinzip ist einfach«,<br />

sagt Peter Friedrichs, einer der Regisseure<br />

des Lieferantentages in Rostock.<br />

»Es ist wie vor der Ehe. Einen Partner findet<br />

nur, wer nicht daheim herumsitzt«.<br />

Friedrichs gehört als Vorsitzender der<br />

Regionalgruppe MV des Bundesverbandes<br />

Materialwirtschaft (BME) zum zwölfnikation<br />

einerseits zwischen den Ausstellungsmachern<br />

und andererseits zwischen<br />

den Teilnehmern. Das präsentierte<br />

vielfältige Produktspektrum reicht<br />

von A wie Allesreiniger bis Z wie Zurrgurte.<br />

Gezeigt werden außerdem Dienstleistungen<br />

wie Laserschneiden oder Werkzeugschärfen.<br />

Die Ausstellerzahl ist seit Jahren konstant<br />

hoch. »Gerne würden sich noch<br />

mehr Unternehmen beteiligen, aber es<br />

fehlt an Platz. Für den diesjährigen Lieferantentag<br />

am 28. März war die Rostocker<br />

Stadthalle schon Ende Januar des Jahres<br />

ausgebucht«, resümiert Friedrichs. Derzeit<br />

wird mit der Messe- und Stadthallengesellschaft<br />

über einen Umzug der Veranstaltung<br />

in die größere Halle der Hansemesse<br />

in Rostock-Schmarl verhandelt.<br />

Friedrichs: »Das wäre ein großer Schritt.<br />

Aber wir müssen das genau durchrechnen.<br />

Schließlich stemmen wir die aufwendige<br />

Veranstaltung ehrenamtlich<br />

und tragen das wirtschaftliche Risiko.«<br />

Der Lieferantentag war vor elf Jahren<br />

von Mittelständlern in MV aus der Taufe<br />

gehoben worden. Friedrichs hatte in seiner<br />

Zeit als Unternehmer oft die Erfahrung<br />

gemacht, dass die Angebote von Firmen<br />

»um die Ecke« nicht genügend bekannt<br />

sind in den jeweiligen Branchen.<br />

»Viele Einkäufer kennen zwar ihre Lieferanten<br />

für Standardteile, haben aber<br />

häufig Probleme, für Bemusterung oder<br />

Nullserie den richtigen Praxispartner zu<br />

finden. Weil es sich oft um kleinere Firmen<br />

handelt, die in der Regel nicht auf<br />

größeren Messen anzutreffen sind, wissen<br />

die suchenden Einkäufer selten etwas<br />

von deren Existenz.« Die Idee für den<br />

regionalen Lieferantentag war geboren.<br />

Die Handwerkskammer Ostmecklenburg-Vorpommern<br />

und die IHK zu Rostock<br />

sind seit Jahren institutionelle Partner<br />

der Veranstaltung. 2012 waren erstmals<br />

alle drei Wirtschaftskammern des<br />

Landes mit im Boot. »Dieses breite Engagement<br />

unterstützt das Anliegen, den<br />

Lieferantentag bekannter und populärer<br />

zu machen«, so Christine Grünewald,<br />

IHK-Geschäftsführerin in Rostock.<br />

Zum Rahmenprogramm zählen auch<br />

Fachvorträge. Beispielsweise zum Thema<br />

Gestaltung von Einkaufskooperationen.<br />

Dieses Thema hält BME-Regionalchef<br />

Friedrichs für besonders relevant im Nordosten.<br />

»Die Wirtschaft bei uns ist geprägt<br />

von kleinen Firmen ohne Einkaufsabteilungen,<br />

wie sie Konzerne haben. Kooperationen<br />

auf diesem Gebiet können<br />

daher sehr kostensparend sein.«<br />

Lenart Schenk<br />

&<br />

Informieren,<br />

Vernetzen, Initiieren, Vermarkten<br />

Innovationsstandort mit Meerblick: BioCon Valley® bündelt die<br />

Kräfte von Life Science bis Gesundheitswirtschaft in Mecklenburg-<br />

Vorpommern.<br />

Wir unterstützen Sie bei Ihren Aktivitäten am Wissenschafts- und<br />

Wirtschaftsstandort im „hohen Norden“.<br />

Sprechen Sie uns an!<br />

köpfigen Team, das den Lieferantentag<br />

alljährlich und ehrenamtlich organisiert.<br />

Darin liegt auch begründet, warum<br />

der finanzielle Aufwand für die einzelnen<br />

Teilnehmer durchaus überschaubar<br />

bleibt. Ein weiterer Vorteil ist die ungezwungene<br />

und fachorientierte Kommuwww.bcv.org<br />

info@bcv.org


BERICHT<br />

Vor hochkarätigem forum in Leipzig<br />

Wende ohne Energie?<br />

Um nicht zu den Verlierern der Energiewende zu werden, planen<br />

die Unternehmerverbände und IHK der neuen Bundesänder für den<br />

10. und 11. Mai in Leipzig das erste ostdeutsche Energieforum.<br />

Als sich jüngst Bundeswirtschaftsminister<br />

Philipp Rösler (FDP) mit<br />

den Spitzen der Unternehmerverbände<br />

Ostdeutschlands und Berlins traf,<br />

stieß eine seiner Bitten auf Unverständnis.<br />

Es ging um das Gesetz zur energetischen<br />

Gebäudesanierung. Man will<br />

energetische Maßnahmen an Wohngebäuden<br />

steuerlich begünstigen. Rösler<br />

ermunterte die Unternehmer, nochmals<br />

mit den Ministerpräsidenten über die<br />

Gebäudesanierung zu sprechen. Denn<br />

die neuen Länder lehnen das Gesetz ab.<br />

Eben hier fuhr ihm der sächsischen<br />

Verbands-Vize Mathias Reuschel in die<br />

Parade. Der Leipziger Architekt sieht das<br />

Vorhaben als Wachstumsschub für die alten<br />

Länder. Im Osten sei bereits nach<br />

dem energetischen Standard saniert worden.<br />

Diese Modernisierungen wäre dann<br />

auch in die Beleihungsfähigkeit der Gebäude<br />

eingepreist worden. Der Bestand<br />

Ost bilde im Grunde einen anderen<br />

Markt als die »energetisch jungfräulichen<br />

Gebäude« im Westen, so Reuschel.<br />

OSTLÄNDER BESONDERS BELASTET<br />

Die Unternehmerverbände fragen sich<br />

zu einem, wie viel Energiewende der hiesige<br />

Mittelstand verträgt, und zum anderen,<br />

ob der der Bundesregierung die Energie<br />

zur Wende abhanden gekommen<br />

ist. Nach Beobachtung von Sachsens UV-<br />

Präsident Hartmut Bunsen lasten die Folgen<br />

des abrupten Richtungswechsels in<br />

besonderem Maße auf den Firmen zwischen<br />

Ostsee und Vogtland. Vor diesem<br />

Hintergrund bereiten die ostdeutschen<br />

Verbände jetzt ein eigenes Ostdeutsches<br />

Energieforum vor. Es findet am 10./11.<br />

Mai in Leipzig statt und wird von Bunsen<br />

als »Denkfabrik und Kontaktplattform<br />

mit hochkarätiger Besetzung« angekündigt.<br />

Philipp Rösler ist Schirmherr. Zugesagt<br />

haben auch EU-Energiekommissar<br />

Günther Oettinger, Ex-Bundesumweltminister<br />

Prof. Dr. Klaus Töpfer und Vattenfall-Chef<br />

Tuomo J. Hatakka.<br />

NETZAUSBAU WIRD SCHWERPUNKT<br />

Im Mittelpunkt der Debatten dürfte der<br />

zu forcierende Netzausbau stehen, um<br />

den maßgeblich ostdeutschen Ökostrom<br />

zu den Hauptabnehmern im Süden und<br />

Westen der Republik zu transportieren.<br />

Gerade dies stelle die neuen Länder »vor<br />

eine extreme Bewährungsprobe«, so Bunsen.<br />

Sein Brandenburger Amtskollege<br />

Eberhard Walter moniert zudem, dass<br />

der Bund in Sachen Energiewende noch<br />

nicht seine Hausaufgaben gemacht hat.<br />

Unklar sei vor allem, wer die Kosten für<br />

die 4.300 Kilometer Netzleitungen trägt,<br />

die deutschlandweit neu entstehen müssen.<br />

Nach bisheriger Lesart wären das<br />

jene Regionen, in denen die grüne Energie<br />

erzeugt wird – doch damit trügen vor<br />

allem die Ostländer die Hauptlast des<br />

Netzausbaus, während die Nutzer in<br />

Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen<br />

die großen Gewinner<br />

seien. Diese Schieflage lässt sich schon<br />

jetzt beobachten, etwa im bundesweiten<br />

Strompreise-Atlas: München kommt mit<br />

Gelb, Köln mit Grün, Nürnberg sogar mit<br />

Dunkelgrün davon – während der Osten<br />

rot sieht. Hier ist der Saft aus der Steckdose<br />

am teuersten. Da aber der Strompreis<br />

ein Standortfaktor ist, wächst das<br />

Ungleichgewicht zwischen West und Ost.<br />

Auch Thüringens Wirtschaftsminister<br />

Matthias Machnig (SPD) fordert deshalb<br />

nun statt einer regionalen eine »bundesweite<br />

Umlage für Netzentgelte«. Denn<br />

die Kosten, die für den Netzausbau, für<br />

die Steuerung der Verteilung und die<br />

Einspeisevergütung – selbst bei Windflaute<br />

– anfallen, werden ausschließlich<br />

auf die Stromkunden im jeweiligen Netz-<br />

IN LEIPZIG DABEI: EU-Kommissar Oettinger<br />

und Ex Bundesumweltminister Töpfer.<br />

gebiet umgelegt. Und da im Osten die<br />

größten Anlagen stehen, führt dies<br />

zwangsläufig zu einer regionalen Abwälzung<br />

der eigentlich gesamtdeutschen<br />

Mehrbelastungen, letztlich also zur<br />

Wettbewerbsverzerrung. In den neuen<br />

Ländern sind allein 42 Prozent der gesamten<br />

Windkraftleistung Deutschlands<br />

installiert – gut das Doppelte dessen, was<br />

sie selbst verbrauchen. Damit lägen die<br />

Energiekosten 20 Prozent über denen im<br />

Westen, so Bunsen. Er fordert darum »ein<br />

Energiekonzept, das die besonderen Verhältnisse<br />

im Osten berücksichtigt«.<br />

Hierzu suchen die Verbände in Leipzig<br />

einen »Dialog zwischen Politik, Wirtschaft<br />

und Wissenschaft« über die Auswirkungen<br />

der Energiewende. Dass der<br />

Osten dabei weiß Gott nicht am Katzentisch<br />

sitzt, resultiert für Bunsen schon<br />

aus den nüchternen Fakten: Ohne die<br />

neuen Länder mit ihren hohen Ökostromressourcen<br />

sowie angesichts der<br />

Tatsache, »dass hier die grundlastfähige<br />

Braunkohle zur Verfügung stehe, kann<br />

die Energiewende nicht gelingen«, gibt<br />

er zu bedenken.<br />

Harald Lachmann<br />

www.ostdeutsches-energieforum.de &<br />

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 21


BERICHT<br />

Fotos: V. Kühne (3), Hermes GmbH<br />

Koopkurrenz in internationalen<br />

Luftverkehrsallianzen« – das ist das<br />

Lieblingsthema von Frank Himpel,<br />

Professor an der Hochschule Anhalt<br />

in Bernburg. Der Logistiker grinst. »Das<br />

aus Kooperation und Konkurrenz zusammengesetzte<br />

Wort beschreibt eine Zusammenarbeit<br />

von Unternehmen, die im<br />

Wettbewerb zueinander stehen.« Sagt<br />

der Professor und doziert dann über Allianzen,<br />

die Hochschule und das Institut<br />

Logistik in Bernburg. Beide Häuser stehen<br />

nicht in Koopkurrenz zueinander,<br />

sie bilden eine noch junge Allianz.<br />

Frank Himpel gründete 2011 das Institut<br />

für Logistik, unterzeichnete im Februar<br />

einen Kooperationsvertrag mit der<br />

Hochschule Anhalt. Und befasst sich nun<br />

mit 14 Studenten damit, wie Verkehrsund<br />

Warenströme funktionieren, wie<br />

man sie optimieren kann. »Abseits von<br />

politischem Kalkül entwickeln wir Ideen<br />

für die Branche.« Da <strong>geht</strong> es auch um<br />

Luftverkehrsallianzen. Ein Beispiel ist<br />

gleich vor der Haustür: Die Deutsche-<br />

Post-Tochter DHL Express und Lufthansa<br />

Cargo sind mit Aerologics auf dem<br />

Flughafen Leipzig/Halle eine einzigartige<br />

Partnerschaft eingegangen, um die<br />

Frachtlogistik zu optimieren.<br />

Das Studienbild Master Logistik und<br />

Luftverkehrsmanagement zu etablieren,<br />

ist das erklärte Institutsziel. Neben Vorlesungen<br />

stehen Projekte sowie Planspiele<br />

und Simulationskonzepte im Fokus.<br />

Zum Beispiel der Ameisen-Algorithmus:<br />

Eine Methode, die auf der Beobachtung<br />

der Ameisen bei der Futtersuche basiert<br />

und die Ordnung in den äußerlich chaotisch<br />

anmutenden Bewegungen der Insekten<br />

beschreibt. Studenten analysieren<br />

auf dieser Grundlage Verkehrsströme in<br />

St. Petersburg, andere versuchen, die<br />

Containerlogistik im chinesischen Hochseehafen<br />

Ningbo zu optimieren. Die DB<br />

Schenker betreut im An-Institut Studenten<br />

mit Abschlussarbeiten im Luftverkehrsbereich.<br />

1,2 MILLIONEN KARTONS IM REGAL<br />

Ein Zukunftsthema in Sachsen-Anhalt,<br />

so Himpel, sei nachhaltige Logistik. Klimawandel,<br />

CO 2 -Emissionen, Kraftstoffverbrauch<br />

und steigende Energiekosten<br />

würden zu Überlegungen anregen, welche<br />

Vor- und Nachteile es hat, beispielsweise<br />

Blumen aus Afrika einzufliegen,<br />

ob es Alternativen gibt. Aber auch kleine<br />

praktische Dinge interessieren: In der<br />

Hochschulmensa steht man immer eine<br />

geschlagene Stunde nach Bier an. Warum<br />

<strong>geht</strong> das nicht schneller? Himpel und<br />

seine Studiosis untersuchten, wie die »Logistik«<br />

optimal zu steuern wäre. Und?<br />

Der Professor lächelnd: »Theoretisch ist<br />

Logistik in Mitteldeutschland<br />

Tempo ist Trumpf<br />

Sachsen-Anhalt etabliert sich als Logistik-Drehscheibe in Europa.<br />

W&M besuchte zwei Güterumschlagszentren: Hermes-Versandhaus<br />

Haldensleben und Wasserstraßenkreuz Magdeburg.<br />

das Problem gelöst, aber die Umsetzung<br />

in die Praxis erweist sich als schwierig.«<br />

Durchorganisiert bis auf den Punkt ist<br />

dagegen schon alles in Haldensleben. Jedenfalls<br />

dort, wo die Hermes Fulfilment<br />

GmbH ein Großteil des Distanzhandels<br />

der Muttergesellschaft Otto Group und<br />

externer Kunden logistisch abwickelt.<br />

Susanna Wieghardt arbeitet im Besucherservice.<br />

»Mit einer Nutzfläche, die 26<br />

Fußballfeldern entspricht, zählt das Versandzentrum<br />

zu den größten in Europa.«<br />

Im Eilgang <strong>geht</strong> es durch das Hermes-<br />

Reich: »Täglich werden bis zu 40.000 Kartons<br />

mit Waren aus aller Welt geliefert.«<br />

Das meiste kommt als Seefracht, wird<br />

in Hamburg oder Rotterdam auf Laster<br />

verladen. Besonders eilige Produkte gelangen<br />

auf dem Luftweg nach Frankfurt/<br />

Main oder Leipzig/Halle und dann auf<br />

den Autobahnen in die Börde. Hermes<br />

Haldensleben, ein wichtiger Kunde für<br />

DHL Express und Lufthansa Cargo, wird<br />

täglich vom Airport Leipzig/Halle mit<br />

Waren beliefert. Bis zu zehn Prozent<br />

macht die Luftfracht bei Hermes aus.<br />

Im Haldenslebener Lager sind in riesigen<br />

Regalen 1,2 Millionen Kartons verstaut.<br />

»Aneinandergereiht würden sie<br />

eine 600 Kilometer lange Strecke ergeben.<br />

Die Lagerhaltung ist chaotisch«, sagt<br />

Frau Wieghardt. Bitte? »Nein, das heißt,<br />

die Waren werden IT-gesteuert keinem<br />

festen Lagerplatz zugewiesen, sondern<br />

dort abgelegt, wo gerade etwas frei ist.«<br />

Bis zu 300.000 Sendungen werden täglich<br />

in dem Lager bewegt.<br />

Auf der Überholspur ist Hermes hier<br />

mit dem »weltweit größten automatischen<br />

Retourenlager«, 2011 eingeweiht.<br />

Mit einer Kapazität von einer Million Artikeln,<br />

die in Spezialwannen lagern. An<br />

30 Arbeitsplätzen auf zwei Ebenen werden<br />

in Spitzenzeiten bis zu 15.000 Artikel<br />

pro Stunde in den Versandprozess eingeschleust.<br />

Der Clou: Es funktioniert mit<br />

erheblich weniger Energie als sonst üblich.<br />

Und alles im rasanten Tempo.<br />

22 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


BERICHT<br />

GÜTER ÜBERS WASSER: Der Hafen in Magdeburg schlägt jährlich über zwei Millionen Tonnen um.<br />

Rasant entwickelte sich auch der Standort.<br />

Betriebsleiter Thomas Herrlich liefert<br />

stichpunktartig die Chronologie zu<br />

Hermes Haldensleben: 1994 in Betrieb<br />

genommen, vier Mal erweitert. 2011 Abschluss<br />

des letzten Bauabschnitts – mit<br />

einem 30.000 Quadratmeter großen Reservelager<br />

im Gewerbegebiet Südhafen,<br />

drei Kilometer vom Stammgelände entfernt.<br />

360 neue Mitarbeiter wurden eingestellt.<br />

»3.000 sind es insgesamt in Haldensleben.<br />

Damit sind wir einer der<br />

größten Arbeitgeber in Sachsen-Anhalt,<br />

das Gros Frauen.«<br />

Otto Group hat bisher über 470 Millionen<br />

Euro in Haldensleben investiert. Betriebsleiter<br />

Herrlich begründet: »In Sachsen-Anhalt<br />

stimmt alles. Die günstige<br />

Lage. Die Anbindung an die Autobahn.<br />

Die Verkehrsstruktur. Die Hilfe von Kommune<br />

und Land; die Leute sind kooperativ,<br />

um alles schnell umzusetzen.«<br />

Tempo ist Trumpf. Der neue Südhafen<br />

in Haldensleben ist in nur zehn Monaten<br />

entstanden: vom Rapsfeld zum modernen<br />

Logistikzentrum mit einer Lagerfläche<br />

von 35.000 Quadratmeter.<br />

AUSBAU DER WASSERWEGE<br />

Die Logistikbranche boomt, und damit<br />

wachsen die Herausforderungen. Der<br />

sich gut entwickelnde Wirtschaftsraum<br />

Mitteldeutschland ist neben der Straße<br />

und Schiene auf die Wasserstraße angewiesen.<br />

Mit 600 Kilometern schiffbarer<br />

Binnenwasserstraße, 18 Häfen und Umschlagstellen,<br />

11.000 Kilometern Straßennetz,<br />

darunter vier Autobahnen in Nord-<br />

Süd- und Ost-West-Richtung, und einem<br />

dichten Eisenbahnnetz ist Sachsen-Anhalt<br />

gut aufgestellt. Dabei gewinnt die<br />

multimodale Verkehrsanbindung zunehmend<br />

an Bedeutung für die Region.<br />

Klaus Klang, Staatssekretär im Magdeburger<br />

Verkehrsministerium, macht sich<br />

HAUSHOCH: Regallager von Hermes<br />

für die Bundeswasserstraßen in ganz Ostdeutschland<br />

stark. Die Hinterlandhäfen<br />

werden für die großen Seehäfen wie<br />

Hamburg existenziell. Denn mittel- oder<br />

langfristig werde es ein Umdenken geben<br />

wegen steigender Umweltbelastung<br />

und Kraftstoffpreise.<br />

Der Ausbau der Wasserstraßen ist eines<br />

der heiß umstrittenen Themen zwischen<br />

Ländern und dem Bund. Bundesverkehrsminister<br />

Peter Ramsauer (CSU)<br />

will einen Paradigmenwechsel in der Verkehrspolitik.<br />

Künftig soll nur noch Geld<br />

in stark befahrene Wasserstraßen fließen.<br />

Für die neuen Bundesländer, aber<br />

auch den gesamten deutschen Norden<br />

hätte das dramatische Folgen. Zumal der<br />

Mittellandkanal noch gar nicht zu Ende<br />

ausgebaut ist und die derzeitigen Verkehrszahlen<br />

daher nicht auf die Zukunft<br />

hochgerechnet werden können.<br />

Das müsse die Bundesregierung bei<br />

ihren Infrastrukturplanungen berücksichtigen,<br />

lautet die Forderung zur Ertüchtigung<br />

der Elbe und des Magdeburger<br />

Hafens für die Hinterlandanbindung<br />

des Hamburger Hafens.<br />

Binnenhäfen wie Magdeburg könnten<br />

auf der Elbe wichtige Güterumschlagszentren<br />

werden. Das würde eine stärkere<br />

Industrie- und Gewerbeansiedlung nach<br />

sich ziehen und zusätzliche Arbeitsplätze<br />

schaffen. Und schließlich gehe es<br />

nicht nur um Container, sondern auch<br />

um hochwertige, sperrige und Schwerlastgüter<br />

wie Flügel von Windkraftanlagen,<br />

die nicht über die Straße transportiert<br />

werden könnten, so Klang.<br />

ROTORENFERTIGUNG NAH AM FLUSS<br />

Das sieht Ulf Möbius, Außenbezirksleiter<br />

Niegripp des Wasser- und Schifffahrtsamtes<br />

Magdeburg, genauso. Und weist<br />

auf Reserven beim Güterverkehr hin. An<br />

die 2,3 Millionen Tonnen Waren werden<br />

im Jahr im Magdeburger Hafen umgeschlagen.<br />

Über 2.700 Gütertransportschiffe<br />

mit insgesamt 13.850 Containern<br />

passierten 2011 das Stadtgebiet Magdeburg.<br />

Die Wasserstraße nutzen im Hafengebiet<br />

ansässige Unternehmen wie<br />

Deutschlands größter Windkraftanlagenbauer<br />

Enercon. Die Firma fertigt in<br />

unmittelbarer Nähe seine Rotoranlagen<br />

und Betonelemente für den Turmbau.<br />

Derweil rüstet sich Magdeburg als<br />

Tiefwasserhafen: Seit dem Jahr 2006 wird<br />

eine Niedrigwasserschleuse gebaut. Das<br />

Becken ist schon befahrbar, das Pumpwerk<br />

wird noch errichtet. Bei Bedarf<br />

kann dann die Schleuse den direkten Zugang<br />

von der Elbe in den Verbindungskanal<br />

zum Hafen und Mittellandkanal abschotten.<br />

Ist die Schleuse dicht, wird im<br />

Hafen auch bei Niedrigwasserstand der<br />

Elbe eine konstante Wassertiefe von vier<br />

Metern gewährleistet. So können Binnenschiffe<br />

den Hafen vom Mittellandkanal<br />

aus ganzjährig ansteuern.<br />

Dana Micke<br />

&<br />

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 23


BERICHT<br />

Foto: Robert Knauf<br />

CeBIT-Nachlese<br />

Suche leicht gemacht –<br />

Ideen für das Internet<br />

Auf der Computermesse glänzten einige Aussteller mit innovativen<br />

Konzepten. Wirtschaft & Markt stellt einige Highlights vor.<br />

Semantic Web, frei übersetzt »verstehendes<br />

Web«, ist eine Idee von<br />

Tim Berners-Lee, dem Erfinder des<br />

World Wide Web. Sie soll den Computer<br />

befähigen, Daten nicht nur zu lesen,<br />

sondern auch zu verstehen. Mit dem Semantic<br />

Product Server (SPS), einem Forschungsobjekt<br />

der Otto-von-Guericke-<br />

Universität Magdeburg, können Produkte<br />

anhand ihrer Merkmale gesucht und<br />

gefunden werden. »Marinierte gelbe<br />

Karotten ohne Zucker mit einem Schuss<br />

Tabasco«, lautet die Suche – und die Maschine<br />

reagiert. Für Diplom-Informatiker<br />

Robert Neumann stellt »die semantische<br />

Produktsuche alles bisher Dagewesene in<br />

den Schatten.«<br />

Die Suche ist besonders auch in Videoarchiven<br />

Herausforderung. In einem verbesserten<br />

Verfahren zeigt das HPI – Hasso-Plattner-Institut<br />

aus Potsdam, wie der<br />

Benutzer möglichst einfach auf die<br />

wachsenden Informationsmengen zugreifen<br />

kann. Dem Nutzer wird die Möglichkeit<br />

geboten, ein großes Videoarchiv<br />

zu entdecken und zu erkunden. Während<br />

klassische Suchmaschinen auf konkrete<br />

Suchanfragen Treffer liefern, bietet<br />

die explorative Suche des Semantic<br />

Media Explorers auch Unterstützung,<br />

wenn bereits die Formulierung einer präzisen<br />

Suchanfrage schwerfällt.<br />

Eine neuartige Lösung für die Suche<br />

von Videos und Filmen zeigt auch Professor<br />

Dr. Maximilian Eibl von der Technischen<br />

Universität Chemnitz mit dem<br />

Projekt AMPOPA. »Damit finden wir aus<br />

beliebigen audiovisuellen Medien zum<br />

Beispiel Objekte und Personen und können<br />

auch Texte erkennen. Aus den Tonspuren<br />

werden Sprache und Informationen<br />

zum Sprecher extrahiert«. AMPORA<br />

bedeutet Automated Moving Picture Annotator<br />

und kann aus Medien wie Video,<br />

Audio oder Standbild Daten auslesen.<br />

Ein ganz anderes Feld beackert der<br />

Schüler-Institut SITI e. V.: Autorennen.<br />

Das in Havelberg ansässige Institut weckt<br />

durch eine zweispurige Rennbahn Aufmerksamkeit,<br />

auf deren 20 Meter langen<br />

ARCHIVIERUNG LEICHT GEMACHT: Medieninformatiker der TU Chemnitz testen die<br />

automatische Identifizierung (Projekt AMPOPA) von Objekten und Personen in Videofilmen.<br />

Spur sind die beiden Wagen bis zu 60<br />

km/h schnell. »Unsere Miniflitzer schaffen<br />

die Strecke in ein bis zwei Sekunden«,<br />

sagt Maximilian Thiel. Die Formel-future-Miniautorennen,<br />

vom Schüler-Institut<br />

entwickelt, betreibt Rennwagen, die sich<br />

durch Spoiler, Radsätze und Bodenfreiheit<br />

aerodynamisch konfigurieren lassen.<br />

Die Teile werden in einer eigenen<br />

Schüler-Gießerei gefertigt.<br />

Die Hand als Objekt ist ein neuer Ansatzpunkt<br />

der IT. Prothesen sollen den<br />

Funktionsumfang ersetzen, doch erfüllen<br />

vorhandene Exemplare nur einen geringen<br />

Teil der nötigen Funktionen einer<br />

künstlichen Hand. Das will das Neurohand-Projekt<br />

der Universität Leipzig mit<br />

der Fakultät der Computerwissenschaft<br />

und Mathematik jetzt ändern. »Die filigrane<br />

künstliche Hand entspricht der<br />

Anatomie der menschlichen Hand und<br />

ermöglicht ein weitestgehend natürliches<br />

Bewegungsspektrum«, sagt Professor<br />

Dr. Martin Bogdan. Ein selbstorganisierendes,<br />

künstliches neuronales Netz<br />

verarbeitet diese Signale und setzt sie in<br />

Steuersignale für eine biologisch inspirierte<br />

künstliche Hand um.<br />

Ein anderes Gebiet hat die Cuculus<br />

GmbH im Visier: Smart Metering. Das<br />

Unternehmen aus Ilmenau hat mit der<br />

ZONOS Plattform für Smart Metering<br />

eine Multi-Spartenlösung (Strom, Wasser,<br />

Gas, Heizung) aufgebaut und kann<br />

mit Produkten verschiedener Hersteller,<br />

auch im Parallelbetrieb, umgehen. Das<br />

Unternehmen hat kürzlich den Preis für<br />

ein erfolgreiches Jungunternehmen in<br />

Thüringen bekommen.<br />

Mit »3D-Geo-Stripping« stellt die Martin-Luther-Universität<br />

Halle-Wittenberg<br />

schließlich ein interaktives Verfahren<br />

zur Darstellung von geologischen Gegebenheiten<br />

vor. Das erstmals im Fachgebiet<br />

angewandte Verfahren hat die<br />

Arbeitsgruppe der Hydro- und Umweltgeologie<br />

entwickelt und verknüpft das<br />

jeweilige Bild der Erdoberfläche mit einem<br />

3D-Modell des geologischen Untergrunds<br />

im entsprechenden Aufnahmewinkel.<br />

»Die interaktive Nutzung des<br />

Betrachters ermöglicht ein gestuftes Freilegen<br />

und Entdecken des in 3D modellierten<br />

geologischen Untergrunds einfach<br />

nur durch die Bewegung des Mauszeigers«,<br />

erklärt Professor Dr. Peter<br />

Wycisk, Leiter der Arbeitsgruppe. Auf der<br />

Internet-Plattform www.3d-geology.de<br />

zeigen die Bildbeispiele faszinierende<br />

Möglichkeiten der wissenschaftlichen Informationsvermittlung<br />

über horizontale<br />

und vertikale Schnitte, eine abgedeckte<br />

und herausgestanzte Erdoberfläche oder<br />

ein geologisches Untergrundrelief.<br />

Dr. Manfred Buchner<br />

&<br />

24 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


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INTERVIEW<br />

Tillmann Stenger, Mitglied des Vorstandes der Investitionsbank des Landes<br />

Brandenburg (ILB) über die Exzellenzregion, abnehmende Fördermittel und neue<br />

Wege, um Unternehmen bei Innovationen und Wachstum weiter zu unterstützen<br />

»Neues Programm für kleine Firmen«<br />

Foto: ILB<br />

W&M: Herr Stenger, über die Förderung der<br />

neuen Länder wird heftig diskutiert. Klar ist,<br />

dass die Fördermittel zurückgehen. Wie wird<br />

sich das auf die Wirtschaft im Osten und speziell<br />

in Brandenburg auswirken?<br />

STENGER: In der kommenden Förderperiode<br />

2014 bis 2020 wird Brandenburg<br />

in der Tat weniger EU-Mittel bekommen.<br />

Der Grund dafür ist eigentlich positiv,<br />

denn das hat etwas mit der guten wirtschaftlichen<br />

Entwicklung unseres Landes<br />

zu tun. Und auch die Bundeszuweisungen<br />

im Rahmen des Solidarpaktes<br />

werden zurückgehen. Als Konsequenz<br />

werden Zuschüsse an Bedeutung verlieren<br />

müssen, sie werden durch zinsgünstige<br />

Darlehensprogramme ersetzt. So<br />

haben wir aus Eigenmitteln die Produktreihe<br />

Brandenburg-Kredit aufgelegt.<br />

W&M: Sind Sie bei der Vergabe von Fördermitteln<br />

kritischer geworden?<br />

STENGER: Heute überlegen wir genau, in<br />

welchen Bereichen Förderung noch notwendig<br />

und sinnvoll ist und welche<br />

Bereiche der private Kapital- und Bankensektor<br />

übernehmen kann. Wir konzentrieren<br />

uns zum Beispiel auf die<br />

Neuansiedlungen von Unternehmen und<br />

eine Basisförderung im Bereich kleiner<br />

und mittlerer Unternehmen.<br />

W&M: Wie fällt Ihre Bilanz nach gut 20 Jahren<br />

Förderung aus?<br />

STENGER: In den vergangenen 20 Jahren<br />

wurden hierzulande sehr gute Arbeitsaber<br />

auch Lebensbedingungen geschaffen.<br />

Wir haben eine exzellente Infrastruktur<br />

in der Metropolregion Berlin-<br />

Brandenburg. Jüngstes Beispiel ist der<br />

neue Flughafen BER. Wirtschaftsnah arbeitende<br />

Hochschulen, eine breit aufgestellte<br />

Forschungslandschaft, klug entwickelte<br />

Gewerbegebiete und natürlich<br />

höchst wettbewerbsfähige Unternehmen<br />

in unseren Branchenclustern gehören<br />

ebenso zu den Vorteilen unseres Landes.<br />

Viele Technologiezentren sorgen darüber<br />

hinaus für den Wissenstransfer.<br />

W&M: Welchen Anteil hat die ILB daran?<br />

STENGER: Die Investitionsbank des Landes<br />

Brandenburg hat diese positive Entwicklung<br />

mit zahlreichen Partnern in<br />

Wirtschaft, Politik und Verwaltung von<br />

Anbeginn begleitet: Seit 1990 haben wir<br />

in Brandenburg mit einer Förderung von<br />

31 Milliarden Euro Investitionen in Höhe<br />

von 66 Milliarden Euro angeschoben. Allein<br />

in der Wirtschaft wurden fast 40 Milliarden<br />

Euro investiert und 135.000 neue<br />

Arbeitsplätze geschaffen.<br />

W&M: Wird das auch außerhalb so wahrgenommen?<br />

STENGER: Ja. Brandenburg wurde 2011<br />

erneut Sieger im bundesweiten Dynamik-Ranking<br />

der Initiative neue soziale<br />

Marktwirtschaft. Auf europäischer Ebene<br />

wurden wir im vergangenen Jahr als<br />

»Europäische Unternehmerregion« ausgezeichnet<br />

und 2011 von der EU-Kommission<br />

als »Exzellenz-Region« geehrt.<br />

W&M: Unternehmen brauchen Planungssicherheit<br />

und Unterstützung bei Finanzierungen.<br />

Wie sorgen Sie trotz abnehmender Fördermittel<br />

dafür?<br />

STENGER: Angesichts knapper werdender<br />

Landesmittel streben wir an, im Bereich<br />

der gewerblichen Förderung in der<br />

neuen EU-Förderperiode 2014–2020 stärker<br />

auf Darlehen anstelle von Zuschüssen<br />

zu setzen. Außerdem beabsichtigen<br />

wir, die nationale Kofinanzierung für die<br />

EU-Mittel, die bisher vom Land aus dem<br />

Haushalt getragen wurde, durch Mittel<br />

der ILB zu ersetzen. Wir können uns vorstellen,<br />

in der neuen Programmperiode<br />

für die gewerbliche Wirtschaft revolvierende<br />

Fonds in einem Umfang von rund<br />

300 Millionen Euro aufzulegen, die dem<br />

Land dann langfristig für die Wirtschaftsförderung<br />

zur Verfügung stehen.<br />

ZUR<br />

PERSON<br />

Von Anfang an dabei<br />

Tillmann Stenger begann seine berufliche<br />

Laufbahn als Volkswirt bei der WestLB,<br />

wechselte 1988 zur Investitionsbank NRW,<br />

um dann 1991 den Aufbau der ILB in Potsdam<br />

zu organisieren. 1992 übernahm er<br />

die Leitung des Vorstandsstabes, 1994<br />

die Leitung des Kredit- und Beteiligungsgeschäftes<br />

und 1996 die Leitung der Abteilung<br />

Öffentliche Kunden. Von 2008 bis<br />

2010 war Stenger als Bereichsleiter Unternehmenssteuerung<br />

für Strategie, Personal,<br />

Kommunikation, Programmbetreuung<br />

und -finanzierung sowie Recht verantwortlich.<br />

Seit Januar 2011 ist Tillmann Stenger<br />

Mitglied des Vorstandes der Investitionsbank<br />

des Landes Brandenburg (ILB).<br />

W&M: Das Förderprogramm Gemeinschaftsaufgabe<br />

zur Verbesserung der regionalen<br />

Wirtschaftsstruktur, kurz GRW-G ist zum<br />

Jahresende 2011 ausgelaufen. Nach dem – etwas<br />

ungewöhnlichen – Motto »aus eins mach<br />

zwei« gibt es nun zwei neue Programme als<br />

Nachfolger. Was ist neu?<br />

STENGER: Kleine Unternehmen mit<br />

nicht mehr als 49 Beschäftigten und<br />

einem Investitionsvolumen bis 1,5 Millionen<br />

Euro erhalten über das vereinfachte<br />

»Wachstumsprogramm für kleine Unternehmen«<br />

auch künftig unabhängig von<br />

Branche und Zuordnung zu einem Cluster<br />

die für ihre Region zulässigen Höchstfördersätze<br />

von 40 oder 50 Prozent. Bei<br />

Investitionen ab 1,5 Millionen Euro der<br />

mittleren und großen Unternehmen<br />

werden wir stärker auf die wettbewerbsfähigsten<br />

Branchen und Cluster setzen.<br />

Das geförderte Unternehmen muss Clusterbereichen<br />

zugeordnet sein. Der zu erreichende<br />

Fördersatz hängt ausschließlich<br />

davon ab, welche Struktureffekte erfüllt<br />

werden, also Beschäftigungseffekte,<br />

Innovationspotenzial, Lohngerechtigkeit<br />

sowie Energieeffizienz.<br />

W&M: Welche Vorteile gibt es für Unternehmen?<br />

Und welche Nachteile?<br />

STENGER: Günstigere Bedingungen wurden<br />

für kleine Unternehmen bis 49 Mitarbeiter<br />

und einem Investitionsvolumen<br />

bis 1,5 Millionen Euro geschaffen. Bei<br />

mittleren und großen Unternehmen<br />

achten wir stärker als bisher auf Struktureffekte:<br />

Wenn ein zu hoher Einsatz<br />

von Leiharbeitern erfolgt, ist eine Förderung<br />

ausgeschlossen. Die Anerkennung<br />

von förderfähigen Kosten wird abgesenkt,<br />

wenn bei Erweiterungsinvestitionen<br />

nicht genügend Dauerarbeitsplätze<br />

geschaffen werden. Für sogenannte<br />

strukturbestimmende Vorhaben mit<br />

einem Investitionsvolumen von mehr<br />

als 25 Millionen Euro und mehr als 50<br />

neuen Arbeitsplätzen bestehen Ausnahmemöglichkeiten.<br />

W&M: Welche Laufzeit hat das Angebot?<br />

STENGER: Es gilt bis Ende 2013 und für<br />

alle bisher nicht entschiedenen Fälle.<br />

W&M: Wie reagiert die Wirtschaft?<br />

STENGER: Von den kleinen Unternehmen<br />

erfahren wir bei den Verbesserungen<br />

positive Reaktionen. Natürlich werden<br />

die Veränderungen nicht bei allen<br />

26 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


INTERVIEW<br />

auf positive Resonanz stoßen, manches<br />

Unternehmen hat lieber einen Zuschuss<br />

als ein Darlehen. Aber letztlich kommt<br />

es auch hier auf die Ausgestaltung an.<br />

Für viele Investitionen kann durch ein<br />

anteiliges GRW-G Nachrangdarlehen,<br />

dem Brandenburg-Kredit Mezzanine<br />

oder dem Brandenburg-Kredit für den<br />

Mittelstand eine wirksame Erhöhung der<br />

öffentlichen Mittel und auch der Eigenkapitalausstattung<br />

über unsere Produktpalette<br />

erreicht werden.<br />

W&M: Vor kurzem hat die ILB die Förderzahlen<br />

für 2011 vorgestellt. Wie viele Vorhaben<br />

wurden begleitet? Welche Rolle spielen<br />

die Sonderbedingungen der Jahre des Konjunkturpaketes<br />

II?<br />

»Zuschüsse verlieren<br />

an Bedeutung, sie werden durch<br />

ZINSGÜNSTIGE DARLEHEN<br />

ersetzt.«<br />

STENGER: Zunächst einmal: Die ILB ist<br />

als Bank gewachsen, konnte das Ergebnis<br />

erneut steigern und hat ihr sichtbares<br />

Eigenkapital aus eigener Kraft gestärkt.<br />

Die Bank hat 2011 über 1,14 Milliarden<br />

Euro für rund 4.300 Vorhaben zugesagt.<br />

Das Zusagevolumen liegt – bereinigt um<br />

die Sondereffekte der Mittelausreichung<br />

aus dem Konjunkturpaket II und der<br />

Flughafenfinanzierung – auf hohem Niveau.<br />

Im Zehn-Jahres-Vergleich 2001 bis<br />

2011 liegt dieses Volumen auf dem<br />

Durchschnittswert von 1,17 Mrd. Euro.<br />

W&M: Großen Wert legten Sie darauf, dass<br />

über die Hälfte der Zusagen für Kredite und<br />

Zuschüsse im vergangenen Jahr auf Eigenprodukte<br />

der ILB entfallen sind.<br />

STENGER: 57 Prozent beziehungsweise<br />

653 Millionen Euro des Zusagevolumens<br />

entfallen 2011 auf Eigenprodukte der ILB.<br />

Diese Entwicklung verstärkt sich Jahr<br />

für Jahr bei Stückzahl sowie Volumen.<br />

Die ILB trägt damit zur Entlastung des<br />

Haushalts bei und erhöht den Spielraum<br />

für künftige Förderungen.<br />

W&M: Wie funktioniert das denn konkret?<br />

STENGER: Als Förderinstitut bieten wir<br />

besonders zinsgünstige Darlehensprogramme<br />

an, zum Beispiel im Rahmen<br />

der Brandenburg-Kredit Familie. Die<br />

Zinssubvention hierfür bekommen wir<br />

nicht aus einem öffentlichen Haushalt,<br />

sondern erwirtschaften diese selbst. In<br />

den letzten Jahren haben wir aus eigenen<br />

Erträgen, die wir auf den Geld- und<br />

Kapitalmärkten erwirtschaftet haben,<br />

einen sogenannten ILB-Förderfonds aufgelegt,<br />

aus dem wir unsere Darlehen subventionieren.<br />

Insgesamt haben wir bisher<br />

über 37 Millionen Euro eingezahlt.<br />

Weitere 10 Millionen Euro werden wir<br />

voraussichtlich in diesem Jahr zuführen.<br />

W&M: Mangelnde Eigenkapitalausstattung<br />

ist die Achillesferse bei den meisten Unternehmen<br />

Ost. Kann die ILB hier trotz knapper<br />

werdender Mittel unterstützen?<br />

STENGER: Öffentliche Fonds zur Eigenkapitalausstattung<br />

sind notwendig, da<br />

private Kapitalgeber im Venture Capital-<br />

Bereich in Ostdeutschland und im Frühphasenbereich<br />

sowie in der vorwiegend<br />

kleinteiligen Struktur zurückhaltend<br />

agieren. Die Nachfrage bestätigt unser<br />

Engagement: Die ILB-Eigenkapitalfonds,<br />

der BFB Wachstumsfonds Brandenburg<br />

und der BFB Frühphasenfonds Brandenburg,<br />

zeigen eine sehr gute Resonanz.<br />

Wir verzeichnen Anfragen im dreistelligen<br />

Bereich. Aktuell arbeiten wir an der<br />

Konzeption neuer Beteiligungsfonds, für<br />

die wir EU-Mittel einwerben wollen, die<br />

in den kommenden Jahren ausgereicht<br />

werden. Insgesamt wollen wir ein Volumen<br />

von 50 bis 100 Millionen Euro erreichen.<br />

Auch die Etablierung von Fonds<br />

ohne EU-Mittel als Refinanzierungsquelle<br />

ist Bestandteil unseres Planungsprozesses.<br />

W&M: Kann sich die brandenburgische Wirtschaft<br />

bei ihrer Bewältigung auf die ILB als<br />

starke und zuverlässige Partnerin verlassen?<br />

STENGER: Die ILB begleitet den Aufbau<br />

des Landes seit 20 Jahren mit der Förderung<br />

und Finanzierung. Gemeinsam mit<br />

unseren Partnern haben wir so eine<br />

Wirtschaftsstruktur entwickelt, die ein<br />

gutes Fundament für die Zukunft darstellt.<br />

Die Investitionsbank wird das Land<br />

auch künftig bei der Entwicklung der regionalen<br />

Wirtschaft unterstützen. Dazu<br />

gehört insbesondere die Förderung der<br />

Branchencluster und des Innovationspotenzials,<br />

aber auch die Mitwirkung beim<br />

Wechsel von Zuschüssen hin zu innovativeren<br />

Finanzierungen Dabei setzen wir<br />

vor allem auf zinsgünstige Darlehensprogramme<br />

und Eigenkapital stärkende<br />

Instrumente für kleine und mittlere Unternehmen.<br />

Fragen: Ulrich Conrad<br />

&<br />

PROGRAMME<br />

Angebote der ILB<br />

ZUSCHÜSSE<br />

GRW – Gemeinschaftsaufgabe zur Förderung<br />

der gewerblichen Wirtschaft<br />

Wichtigstes Förderprogramm für die<br />

regionale Wirtschaft. Kleine Unternehmen<br />

mit nicht mehr als 49 Beschäftigten und<br />

einem Investitionsvolumen bis 1,5 Mio. Euro<br />

erhalten auch künftig unabhängig von Branche<br />

und der Zuordnung zu einem Cluster, die<br />

für ihre Region geltende Höchstförderung<br />

von 40 oder 50 Prozent.<br />

RENplus<br />

Richtlinie zur Förderung des Einsatzes<br />

Erneuerbarer Energien, von Maßnahmen<br />

zur Erhöhung der Energieeffizienz und der<br />

Versorgungssicherheit.<br />

Forschung und Entwicklung – Richtlinie für<br />

kleine und mittlere Unternehmen (KMU)<br />

Verbesserung der Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit<br />

durch Entwicklung neuer<br />

Verfahren und Produkte.<br />

Impulsprogramm zur Förderung von Netzwerken<br />

in den Regionen Brandenburgs<br />

Für Netzwerke, die sich überwiegend aus<br />

Unternehmen der Branchenkompetenzfelder<br />

zusammensetzen.<br />

DARLEHEN<br />

Brandenburg-Kredit für den Mittelstand<br />

Langfristige Finanzierung von<br />

Investitionen und Betriebsmitteln.<br />

Brandenburg-Kredit Ländlicher Raum<br />

Brandenburg-Kredit Mikro<br />

Langfristige Finanzierung von Investitionen<br />

und Betriebsmitteln (nur bei Ablehnung<br />

durch die Hausbank) für kleine Unternehmen<br />

und freiberuflich Tätige bis drei Jahre nach<br />

Geschäftsaufnahme.<br />

ILB Wachstumsprogramm<br />

Koopdarlehen für Mittelstand<br />

Langfristige anteilige Finanzierung von<br />

Investitionen in Form eines Innenkonsortiums<br />

gemeinsam mit der Hausbank.<br />

EIGENKAPITAL<br />

BFB Wachstumsfonds Brandenbg. (BFB II)<br />

Für technologieorientierte KMU in Brandenburg<br />

in der Früh- und Wachstumsphase.<br />

BFB Frühphasenfonds Brandenburg<br />

Beteiligungen bis zu einer Million Euro in<br />

jungen, innovativen Unternehmen in der<br />

Seed- und Start-up-Phase.<br />

BK Mezzanine<br />

KMU-Nachrangdarlehen bis zu zwei Millionen<br />

Euro.<br />

Hasso-Plattner-Ventures II<br />

Junge Unternehmen der IT- und<br />

Clean-Tech-Branche.<br />

Information und Beratung<br />

ILB-Kundencenter, Tel.: (03 31) 660 22 11<br />

E-Mail: kundencenter@ilb.de<br />

Internet: www.ilb.de<br />

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 27


SPECIAL<br />

Fotos: PictureDisk, Simon, privat (2)<br />

Für viele Unternehmen sind Ausfallbürgschaften,<br />

Garantien oder stille<br />

Beteiligungen oft die einzige Möglichkeit,<br />

ihre wirtschaftlichen Vorhaben<br />

zu realisieren. Dort, wo die Hausbank<br />

ihre Grenzen sieht, setzen Bürgschaftsbanken<br />

und Beteiligungsgesellschaften<br />

an. Ausreichende Rentabilität, Bonität,<br />

ein tragfähiges Konzept und gute Zukunftsaussichten<br />

auf dem Markt sind jedoch<br />

auch hier gefragt. Denn gefördert<br />

werden nur funktionierende Unternehmen.<br />

Insbesondere die jüngste Finanz- und<br />

Wirtschaftskrise verdeutlichte die Rolle<br />

der insgesamt 17 in Deutschland existierenden<br />

Bürgschaftsbanken und Beteiligungsgarantiegesellschaften<br />

der Länder<br />

sowie der 14 Mittelständischen Beteiligungsgesellschaften.<br />

Ihr Part auf dem<br />

Markt der Finanzierungsmöglichkeiten<br />

spiegelte sich in einer außergewöhnlich<br />

hohen Bürgschaftsnachfrage wider. Mit<br />

dem Konjunkturaufschwung im vergangenen<br />

Jahr normalisierte sich diese<br />

Nachfrage, die mittelständischen Unternehmen<br />

zeigten sich stabiler im operativen<br />

Geschäft und in ihrer Entwicklung.<br />

Bürgschaftsbanken<br />

Hilfe bei zu dünner<br />

Kapitaldecke<br />

Unternehmerisches Handeln erfordert Kapital. Die Finanzierung<br />

von Existenzgründungen oder Wachstum wird von den Hausbanken<br />

allein nicht gedeckt. Da kommen die Bürgschaftsbanken ins Spiel.<br />

NACHFRAGE UNGEBROCHEN<br />

Die Bürgschaftsnachfrage verharrt jedoch<br />

auch nach der Krise auf hohem Niveau.<br />

Nach vorläufigen Zahlen des Verbands<br />

Deutscher Bürgschaftsbanken e.V.<br />

(BDU) erhielten kleine und mittelgroße<br />

Unternehmen im Jahr 2011 Bürgschaften<br />

und Garantien von insgesamt rund 1,2<br />

Milliarden Euro. Das ermöglichte ein<br />

Kredit- und Beteiligungsvolumen von<br />

knapp 1,7 Milliarden Euro. 7.300 Unternehmen<br />

konnten so ihre Marktposition<br />

sichern oder ausbauen und nicht zuletzt<br />

in Arbeitsplätze investieren.<br />

Dr. Stefan Papirow, Vorsitzender des<br />

BDU, erklärt dazu: »Auf diese Weise war<br />

die Finanzierung insbesondere kleiner<br />

Unternehmen gesichert, häufig allerdings<br />

nur zu höheren Preisen und mit<br />

mehr Absicherung.« Die ist durch Bürgschaftsbanken<br />

vielfältig. Wachstumsund<br />

Investitionsfinanzierungen werden<br />

ebenso nachgefragt wie Leasingfinanzierungen<br />

und Betriebsmittel, die klassische<br />

Kontokorrentfinanzierung.<br />

Fast jede zweite Bürgschaft oder Garantie<br />

nehmen Existenzgründer und Unternehmensnachfolger<br />

in Anspruch. Allein<br />

im vergangenen Jahr konnten über<br />

3.000 Unternehmen mit einem verbürgten<br />

Kredit- und Beteiligungsvolumen von<br />

rund 500 Millionen unterstützt werden.<br />

574 Beteiligungsfinanzierungen für<br />

kleine und mittlere Unternehmen zum<br />

Beispiel ermöglichten, die Liquidität zu<br />

erhöhen und die wirtschaftliche Eigenkapitalquote<br />

zu steigern. Dadurch konnten<br />

diese mit Hilfe der Mittelständischen<br />

Beteiligungsgesellschaften ihre Bilanzrelation<br />

verbessern.<br />

Auf das Spannungsfeld von Chancen<br />

und Risiko verweist Dr. Thomas Drews,<br />

Geschäftsführer der Bürgschaftsbank<br />

Mecklenburg-Vorpommern: »Die Chancen<br />

relativieren sich zumeist, wenn Existenzgründer<br />

an den Start gehen mit wenig<br />

oder gar keinem Eigenkapital.« Derartige<br />

Fehler am Anfang potenzieren<br />

sich in aller Regel in der Wachstumsphase<br />

der Firma. Jungunternehmer sollten<br />

sich trotz und gerade wegen der Möglichkeiten<br />

an Unterstützung gründlich darüber<br />

Gedanken machen, wie sie ihre Firma<br />

finanzieren, wie sie die Finanzierung<br />

gestalten können. Ziel der Bürgschaftsbank<br />

sei es, so Drews, in den ersten drei<br />

Jahren das Risiko des Scheitern möglichst<br />

zu minimieren. Bewährt habe sich<br />

hierbei auch die Begleitung von in Unternehmensfragen<br />

erfahrenen Mentoren.<br />

Sicherheiten sind auch zukünftig gefragt,<br />

denn die mittelständischen Unternehmer<br />

in Deutschland blicken optimistisch<br />

in die Zukunft. Das KfW-ifo-Mittelstandsbarometer<br />

belegt einen Anstieg<br />

der Geschäftserwartungen in kleinen<br />

und mittleren Firmen im Februar 2012.<br />

Mit der verstärkten Finanzmarktregulierung<br />

und Basel III erwarten Experten<br />

neue Herausforderungen für die Kreditinstitute,<br />

die auch die Kreditversorgung<br />

des Mittelstands zu beeinträchtigen drohen.<br />

Zwar werde die Kreditfinanzierung<br />

auch künftig eine wichtige Rolle spielen,<br />

prognostizieren Fachleute, doch steige<br />

die Bedeutung von alternativen Finanzierungsmöglichkeiten.<br />

Es zeichnet sich also ab, dass der Förderauftrag<br />

der Bürgschaftsbanken, in jeweiligen<br />

Projekten besondere Risiken zu<br />

übernehmen, in Zukunft noch aktueller<br />

wird.<br />

&<br />

28 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


FIRMENBEISPIEL 1<br />

Qualität täglich gebacken<br />

Die Bäckerei-Kette Exner im brandenburgischen Beelitz ist seit Jahren<br />

auf Expansionskurs. Im harten Wettbwerb besteht das Unternehmen durch<br />

hohe Qualität, top-qualifizierte Mitarbeiter und langjährige Kreditpartner.<br />

SECHS RICHTIGE<br />

FÜR DIE<br />

UNTERNEHMENS-<br />

FINANZIERUNG<br />

Er war schon auf dem Weg in die Schweiz<br />

und nach Frankreich: Als Tobias Exner<br />

seinen Gesellenbrief in der Hand hielt,<br />

lockte ihn die weite Welt. Doch es kam<br />

<strong>anders</strong>. Sein Vater erkrankte an einer<br />

Mehlstaub-Allergie und der Sohn wurde<br />

in der Bäckerei im brandenburgischen<br />

Beelitz gebraucht. Seither lebt der<br />

Bäckermeister auf der Überholspur.<br />

HILFE BEIM EIGENKAPITAL<br />

Exner ist Unternehmer und Wirbelwind,<br />

strategischer Planer und Macher. Nur so<br />

konnte er den Familienbetrieb, den sein<br />

Vater 1976 als Pächter übernahm, erfolgreich<br />

durch stürmische Wendezeiten<br />

und rasantes Wachstum steuern. Dabei<br />

Bürgschaftsbank Brandenburg. Die war<br />

vom Konzept überzeugt und stellte den<br />

Kontakt zur Berliner Volksbank her, mit<br />

der er immer noch zusammen arbeitet.<br />

Das neue Firmengebäude wurde gebaut.<br />

»Ohne die Bürgschaftsbank gäbe es<br />

heute die Erfolgsgeschichte der Bäckerei<br />

Exner nicht« ist der Unternehmer überzeugt.<br />

Die sprang auch ein, als Exner mit<br />

33 Jahren ohne Eigenkapital die Bäckerei<br />

von seinem Vater übernahm. Dr. Milos<br />

Stefanovic, Sprecher der Geschäftsführung<br />

der Bürgschaftsbank Brandenburg<br />

erklärt: »Wir verstehen uns als Teil<br />

des Mittelstands und setzen auf eine<br />

enge Zusammenarbeit mit der Hausbank<br />

und dem Unternehmer«.<br />

Klassik<br />

bis 1,25 Mio. Euro<br />

gewerbliche Kredite<br />

aller Art<br />

Landesbürgschaftsprogramm<br />

für den<br />

Mittelstand<br />

bis 2 Mio. Euro<br />

gewerbliche Kredite<br />

ANSPRUCH: Tobias Exner setzt auf hohe<br />

Produkt- und Servicequalität im Geschäft.<br />

strebten Exner und sein Vater, mit dem<br />

er die Bäckerei bis 2008 gemeinsam führte,<br />

gar kein Wachstum an. Doch 1995<br />

platzte die Backstube aus allen Nähten<br />

und eine neue Produktionsstätte musste<br />

her. Die Hausbank sendete positive Signale,<br />

zögerte schließlich, forderte höhere<br />

Umsatzzahlen und damit den Ausbau<br />

des Filialnetzes. Als die Zeit drängte, kam<br />

plötzlich eine Absage.<br />

»Für mich war das wie ein Schlag«, erinnert<br />

sich Exner. Er wandte sich an die<br />

EXZELLENTE AUSBILDUNG<br />

Über zehn Millionen Euro investierte das<br />

Unternehmen in den letzten fünfzehn<br />

Jahren. Heute hat die Bäckerei Exner<br />

rund 300 Mitarbeiter und vierzig Filialen.<br />

Im März wurde in Wannsee Nummer<br />

41 eingeweiht. »Eine Investition bedingt<br />

die nächste« so Tobias Exner. Denn die<br />

Bäckerei werfe nicht ausreichend Gewinn<br />

ab. Dort, wo die Fläche es erlaubt,<br />

entsteht ein Café. Das bringt Umsatz.<br />

Doch überproportional steigende Kosten<br />

für Personal, Rohstoffe und Energie belasten<br />

den Gewinn. »Also müssen wir produktiver<br />

werden« so der 36-Jährige.<br />

Er sieht den zukünftigen wirtschaftlichen<br />

Erfolg in der Verbesserung von Logistik,<br />

Verwaltung und Produktion. Zudem<br />

legt der Unternehmer Wert auf Qualitätsführerschaft<br />

und exzellente Ausund<br />

Fortbildung seiner Mitarbeiter. Nach<br />

neun Monaten Umbau entstand für rund<br />

eine Million Euro im Oktober 2011 ein<br />

weiteres Gebäude für Produktion und<br />

Verwaltung. Ausgestattet mit einer kompletten<br />

Ladeneinrichtung werden die<br />

Mitarbeiter in Warenpräsentation, Bedienung<br />

der Steinbacköfen und Kaffeezubereitung<br />

geschult. Für den Betriebswirt<br />

des Bäckerhandwerks eine wichtige Voraussetzung,<br />

um seinen Anspruch an Produkt-<br />

und Servicequalität zu erfüllen.<br />

Viel Zeit für die Schweiz und Frankreich<br />

hat Tobias Exner immer noch<br />

nicht. Aber vielleicht holt er sich die<br />

Welt mit einem Aupair ins Haus. Denn<br />

Expansion ist auch in der vierköpfigen<br />

Familie angesagt. Die soll noch um zwei<br />

Kinder wachsen.<br />

Bürgschaft ohne<br />

Bank (BoB)<br />

bis 400.000 Euro, Antragstellung<br />

direkt bei<br />

Bürgschaftsbank,<br />

Bürgschaftsurkunde<br />

bleibt zwei Monate<br />

gültig.<br />

Handwerkersofortkredit<br />

bis 100.000 Euro, stark<br />

vereinfachtes Verfahren,<br />

Unterstützung durch<br />

Betriebsberater der<br />

Kammern, Kreditentscheidung<br />

innerhalb<br />

von 5-10 Werktagen<br />

Unternehmersofortkredit<br />

bis 100.000 Euro, stark<br />

vereinfachtes Verfahren,<br />

Unterstützung durch<br />

Betriebsberater der<br />

Kammern, Kreditentscheidung<br />

innerhalb<br />

von 5-10 Werktagen<br />

KapitalPLUS<br />

Bürgschaft und Beteiligung<br />

aus einer Hand,<br />

stufenweise, auch in<br />

kleinen Tranchen,<br />

schnelle Bearbeitung<br />

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 29


FIRMENBEISPIEL 2<br />

Kalkuliertes Risiko im Fassadenbau<br />

Die S+T Fassaden GmbH aus Tessin bei Rostock hat mit dem gigantischen<br />

Metalldach der Ferrari World in Abu Dhabi ihr Meisterstück geliefert.<br />

Mut zum Risiko ist eines der Erfolgsgeheimnisse der Fassaden-Spezialisten.<br />

Ihren Ursprung hat die S+T Fassaden<br />

GmbH in Kiel (Schleswig-Holstein), wo sie<br />

1991 gegründet worden ist. Seit 2004 leitet<br />

Bernd Schröter den Betrieb, in den er<br />

1993 eintrat und der seit mehreren Jahren<br />

seinen Hauptsitz in dem Städtchen<br />

Tessin in Mecklenburg-Vorpommern hat.<br />

Im Grunde ist das Unternehmen regional<br />

verankert. Die meisten Aufträge<br />

werden in Deutschland abgewickelt. Objekte<br />

wie eine Gesamtschule in Porta<br />

Westfalica, ein Straßenbahn- und Betriebshof<br />

in Potsdam oder die Justizvollzugsanstalt<br />

Sehnde tragen die Handschrift<br />

der Tessiner Spezialisten.<br />

Doch 2009 erregte die Firma mit einem<br />

spektakulären Projekt weit über die bundesdeutschen<br />

Grenzen hinaus große Aufmerksamkeit.<br />

»Die Ferrari World Abu<br />

Dhabi ist für uns ein bedeutendes Referenzprojekt«<br />

erklärt Schröter. »Wir hatten<br />

Glück und verfügten aufgrund der<br />

Komplexität der Freiformfläche über ein<br />

wirkungsvolles Alleinstellungsmerkmal.<br />

So konnten wir für das gigantische Dachprojekt<br />

einen guten Preis erzielen«.<br />

CHANCE BEHERZT GENUTZT<br />

Dennoch war der Schritt in das Elf-Millionen-Projekt<br />

ein Risiko für das Unternehmen<br />

mit 45 Mitarbeitern, das im vergangenen<br />

Jahr 13,6 Millionen Euro Umsatz<br />

erwirtschaftete. Risiko ist für Schröter<br />

die eine Seite einer Medaille, Chance die<br />

andere. Die muss ein erfolgreicher Unternehmer<br />

erkennen und ergreifen. Entscheidend<br />

für den 43-Jährigen ist jedoch,<br />

dass die wirtschaftlichen Risiken verifizierbar<br />

und durch Eigenkapital gedeckt<br />

sind. »Alles andere ist Harakiri« ist er sich<br />

sicher. Zusätzlich legt Schröter Wert auf<br />

eine gesunde Streuung der Aufträge. Nur<br />

auf ein oder zwei spektakuläre Großprojekte<br />

zu setzen, sei viel zu riskant.<br />

KNOW-HOW SICHERT POSITION<br />

Kernkompetenz des mittelständischen<br />

Betriebes sind hochwertige Aluminium-<br />

Fassaden, -Dächer und -Fenster. S+T Fassaden<br />

ist eines der wenigen spezialisierten<br />

Unternehmen für die gesamte Außenhaut<br />

von Gebäuden. Das erfordert qualifizierte<br />

Fachkräfte und Innovationen.<br />

Beispielsweise das patentierte Thermokopplungselement<br />

für Dach- und Fassadensysteme.<br />

Eine stille Beteiligung der<br />

Mittelständischen Beteiligungsgesellschaft<br />

Mecklenburg-Vorpommern mbH<br />

(MBMV) in Höhe von 300.000 Euro sicherte<br />

2006 das Kapital für die Entwicklung<br />

und Markteinführung. »Unternehmerische<br />

Wege erfordern häufig einen besonderen<br />

Finanzbedarf, der nicht immer allein<br />

von der Hausbank gedeckt werden<br />

kann« erklärt MBMV-Geschäftsführer Dr.<br />

Thomas Drews. Voraussetzung sei, dass<br />

Vorhaben wirtschaftlich sinnvoll sind.<br />

Ökonomisch sinnvoll war für die S+T Fassaden<br />

kürzlich auch eine Ausfallbürgschaft<br />

der Bürgschaftsbank MV.<br />

RISIKOBEWUSST: Bernd Schröter, Chef der S+T Fassaden GmbH.<br />

30 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


SIE HABEN<br />

DIE IDEE<br />

...wir sichern<br />

mit Bürgschaften für Kredite Ihre<br />

wirtschaftliche Entwicklung.<br />

Speziell Existenzgründern sichern<br />

wir den Start mit dem Programm<br />

„Bürgschaft ohne Bank“ (kurz<br />

BoB).<br />

AUSDAUERND: Yadegar Asisi managt erfolgreich Langzeitprojekte.<br />

FIRMENBEISPIEL 3<br />

Im Panorama der Wirtschaftlichkeit<br />

Künstler Yadegar Asisi ist erfolgreich mit Panoramen, die Traumwelten<br />

erstehen lassen. Jahrelange Vorbereitung und finanzielle Absicherung<br />

der Kunstprojekte erfordern unternehmerisches Denken und Handeln.<br />

...wir stärken<br />

die Eigenkapitalbasis Ihres<br />

Unternehmens mit Hilfe von Garantien<br />

für Beteiligungen der<br />

Mittelständischen Beteiligungsgesellschaft<br />

(MBG).<br />

...wir motivieren<br />

Mitarbeiter mit Garantien für<br />

Arbeitnehmerbeteiligungen bei<br />

ihrem Engagement im eigenen<br />

Unternehmen.<br />

Musik erklingt, die Nacht legt sich über<br />

das antike Pergamon und ein Fest beginnt.<br />

Der Besucher wird ein Teil der Szenerie<br />

und spürt, wie ihn die Atmosphäre<br />

gefangen nimmt. Ein Traum? Nein, seit<br />

September 2011 im Ehrenhof des Berliner<br />

Pergamon Museums zu erleben.<br />

Mit seinen Panoramen ermöglicht Yadegar<br />

Asisi eine neue emotionale Form<br />

des Erlebens, Staunens und der Sehkultur.<br />

Der in Wien geborene Sohn persischer<br />

Emigranten ist seit jeher fasziniert<br />

von »Zauberbildern«. Diese brachte er<br />

mit Buntstiften auf Papier. Panoramen,<br />

die ihre Blütezeit im 19. Jahrhundert erlebten,<br />

sind für den Künstler und Architekt,<br />

das optimale Kunstmedium. Hier<br />

kann der 57-Jährige seine Leidenschaft<br />

für Architektur und Malerei miteinander<br />

verbinden. In Leipzig und Dresden betreibt<br />

er jeweils eigene »Panometer«.<br />

SPANNENDE IMPULSE<br />

Von der Idee bis zur Eröffnung vergehen<br />

drei bis fünf Jahre. Durchschnittlich kostet<br />

ein Projekt eine Million Euro, bei Pergamon<br />

waren es dreieinhalb Millionen.<br />

Eine Summe, die Asisi mit seiner 2005<br />

gegründeten GmbH zumeist vorfinanzieren<br />

muss. Für das Panorama im Pergamon<br />

Museum legte der Professor für<br />

Freie Darstellung im Fachbereich Architektur<br />

die betriebswirtschaftlichen Daten<br />

der letzten sieben Jahre vor. »Als Unternehmer<br />

bin ich bei den hohen Investi-<br />

tionskosten und Zeitvorläufen auf zügige<br />

Entscheidungen angewiesen«, sagt<br />

Asisi. Um Planungssicherheit zu erhalten,<br />

sei ein schnelles Nein genauso wertvoll<br />

wie eine Zusage. Oft dauert es länger.<br />

Dann heißt es: durchhalten. »Wenn ich<br />

nicht für meine Ideen brennen würde,<br />

könnte ich das nicht«, sagt Asisi. Für das<br />

Panorama im Pergamon erhielt der<br />

Künstler Unterstützung von der Bürgschaftsbank<br />

Berlin. »Berlin ist eine lebendige<br />

und kreative Stadt. Mit unserem Engagement<br />

tragen wir dazu bei, in dem<br />

wir Unternehmern wie Yadegar Asisi die<br />

Möglichkeit bieten, Neues zu wagen und<br />

damit der Stadt spannende Impulse zu<br />

verleihen«, so Waltraud Wolf, Geschäftsführerin<br />

der Bürgschaftsbank in Berlin.<br />

KÜNSTLER UND UNTERNEHMER<br />

Mit seinem 45-köpfigen Team muss der<br />

Geschäftsführer der Asisi GmbH alles allein<br />

übernehmen: Von der Konzeption<br />

über die Akquise von Finanzmitteln bis<br />

zur Vermarktung. »Ich fühle mich nicht<br />

als Unternehmer, muss jedoch unternehmerisch<br />

denken und handeln.« Und der<br />

Künstler ergänzt: »Dabei hilft mir das<br />

strukturierte Denken des Architekten.«<br />

Mittlerweile sorgen die zwei Panometer<br />

in Dresden und Leipzig für einen regelmäßigen<br />

Cash Flow und Liquidität.<br />

Texte zum Special »Bürgschaftsbanken«:<br />

Sabine Dörr<br />

...wir sprechen mittelständisch<br />

Berlin braucht eine pulsierende Wirtschaft.<br />

Ideen mutiger Existenzgründer unterstützen wir<br />

ebenso wie das Wachstum etablierter Unternehmen.<br />

Dabei stehen wir allen Branchen offen: kleinen<br />

Handwerksbetrieben ebenso wie mittelständischen<br />

Unternehmen.<br />

Unsere Gesellschafter sind die IHK und die<br />

Handwerkskammer, Wirtschaftsverbände sowie<br />

Kredit- und Versicherungsunternehmen.<br />

Mitglied im<br />

Verband deutscher<br />

Bürgschaftsbanken<br />

BBB BÜRGSCHAFTSBANK<br />

zu Berlin-Brandenburg GmbH<br />

Schillstraße 9<br />

10785 Berlin<br />

Telefon 030/311 004-0<br />

Telefax 030/311 004-55<br />

info@buergschaftsbank-berlin.de<br />

www.buergschaftsbank-berlin.de


ANALYSE<br />

Wohin mit dem Geld? Wer wissen<br />

will, welche Immobilieninvestments<br />

lohnend sind, muss<br />

nur schauen, wo die Reichen dieser Welt<br />

ihr Geld anlegen. Die UHNWIs – das sind<br />

Ultra high net worth individuals, also die<br />

Ultrareichen – investieren durchschnittlich<br />

35 Prozent ihres Vermögens in<br />

Grundstücke und Gebäude – vornehmlich<br />

in London, New York oder Monaco,<br />

neuerdings auch in den asiatischen<br />

Boomtowns. Doch Luxuswohnungen in<br />

London sind längst zu teuer, Apartments<br />

in Shanghai oder Mumbai ebenso und<br />

in Monaco ist der Platz knapp. Was den<br />

deutschen Markt betrifft, so stehen vor<br />

allem westdeutsche Metropolen im Süden<br />

und Südwesten hoch in der Gunst<br />

der auf Wohnimmobilien fixierten Anleger.<br />

Doch hier »frisst Gier Hirn«, da gilt<br />

das Gesetz der Lemminge und die Losung<br />

»So viel Geld kann nicht irren«.<br />

Denn in München, Stuttgart oder Frankfurt<br />

am Main werden die höchsten Mieten<br />

und Eigentumspreise erzielt. Preise<br />

und Mieten steigen wegen der hohen<br />

Nachfrage weiter, die Renditen gehen indes<br />

zurück.<br />

Finanzmärkte 2012<br />

Sichere<br />

Zuflucht<br />

Volatile Börsen, magere<br />

Anleihezinsen, grassierende<br />

Staatsverschuldung und<br />

das Gespenst der Inflation<br />

am Firmament: Anlegern<br />

wird die Flucht in die Sachwerte<br />

empfohlen. An vorderster<br />

Stelle stehen Immobilien.<br />

Doch beim »Betongold« glänzt<br />

auch nicht alles.<br />

DAS GUTE LIEGT SO NAH<br />

Also Finger weg von der Eigentumswohnung<br />

im Münchener Nobelwohnort Bogenhausen.<br />

Wie wär’s stattdessen mit<br />

Dresden, Leipzig, Erfurt oder Jena? Die<br />

meisten Anleger werden das für abwegig<br />

halten, völlig zu Unrecht. Das Mietsteigerungspotenzial<br />

in Potsdam, Jena, Erfurt,<br />

Dresden, Weimar und Leipzig war in<br />

jüngster Zeit ähnlich hoch wie in westdeutschen<br />

Städten, stellte der Immobilieninvestor<br />

und Immobiliendienstleister<br />

Patrizia Immobilien AG fest. Mit einem<br />

gravierenden Unterschied: Die Preise<br />

sind in den ostdeutschen Städten deutlich<br />

niedriger und damit die Renditen<br />

höher. Und das Leerstandsrisiko spielt<br />

dort auch kaum noch eine Rolle. Ganz<br />

im Gegenteil: Bis zum Jahr 2025 – so die<br />

Prognose von Patrizia – ist der Bedarf<br />

hoch. In Dresden liegt er bei rund 40.500<br />

Wohnungen, in Leipzig bei 37.500, in<br />

Potsdam bei knapp 16.000, in Erfurt bei<br />

15.000 und in Jena bei gut 8.000 Wohnungen.<br />

»Ostdeutsche Städte bieten somit<br />

interessante Investmentchancen für<br />

Wohnimmobilien«, ist man bei Patrizia<br />

überzeugt.<br />

Wenn es um Immobilieninvestments<br />

<strong>geht</strong>, steht meist der »Klassiker«, die Büroimmobilie,<br />

im Zentrum der Aufmerksamkeit.<br />

Das ist auch gegenwärtig nicht<br />

falsch. Ungeachtet von Krisengipfeln und<br />

Euro-Hysterie herrscht auf den deutschen<br />

Büromärkten überwiegend gute<br />

Laune. Sowohl bei Büro- wie bei Einzelhandelsimmobilien<br />

greifen Investoren<br />

zu. Der deutsche Immobilieninvestmentmarkt<br />

legte 2011 um rund 22 Prozent zu<br />

und dieses Niveau könnte auch 2012 gehalten<br />

werden, prognostizieren die Researcher<br />

von Jones, Lang, LaSalle (JLL). Im<br />

Mittelpunkt stehen Core-Immobilien,<br />

also Objekte in besten Lagen, mit hoher<br />

Qualität und Mietern bester Bonität auf<br />

der Basis lang laufender Verträge. Weil<br />

die Banken mit der Finanzierung knausern,<br />

ist es die Stunde der eigenkapitalstarken<br />

Investoren, spekulative Objekte –<br />

erst bauen, dann Mieter suchen – gibt es<br />

kaum noch. Weil die Nachfrage nach<br />

Prime- und Core-Immobilien weiter das<br />

Angebot übersteigt, sind die Preise hoch<br />

und die Renditen schmal.<br />

BESSERE AUSSICHTEN FÜR FONDS<br />

Private Anleger tätigen Immobilieninvestments<br />

meist über Fonds. Einige Offene<br />

Immobilienfonds waren in den vergangenen<br />

zwei Jahren in die Bredouille<br />

geraten und mussten die Rücknahme<br />

von Anteilsscheinen zeitweise einstellen,<br />

mehrere Fonds werden sogar abgewickelt.<br />

Künftig werden private Anleger<br />

vor solchen Malaisen besser geschützt –<br />

allerdings greifen die neuen Regeln erst<br />

ab 2013. Neu- und Bestandskunden<br />

müssen eine Kündigungsfrist von zwölf<br />

Monaten einhalten, bevor sie ihre<br />

Fondsanteile zurückgeben können. Darüber<br />

hinaus müssen Neukunden ihre<br />

Fondsanteile zukünftig mindestens 24<br />

Monate im Depot halten. Für Kleinanleger<br />

gilt ab 2013 eine Öffnungsklausel,<br />

die es ihnen erlaubt, halbjährlich Fondsanteile<br />

im Wert von bis zu 30.000 Euro<br />

zurückzugeben. Das bedeutet, dass Privatanleger<br />

zukünftig jährlich bis zu<br />

60.000 Euro ihres Fondsvermögens »flüssig«<br />

machen können.<br />

Eine weitere Möglichkeit, in Immobilien<br />

zu investieren, stellen Beteiligungen<br />

dar. Besonders aussichtsreich sind Projektentwicklungsfonds.<br />

Dabei kauft der<br />

Initiator Bestandsobjekte oder Grundstücke,<br />

baut oder saniert und verkauft<br />

die Wohnungen vorab. Renditen zwischen<br />

acht und zwölf Prozent – bezogen<br />

auf den Fonds – sind möglich. Was Anleger<br />

neben Geld benötigen, ist Vertrauen<br />

in die Seriosität und das Know-how des<br />

Investors. Insgesamt werden die Bedingungen<br />

für Beteiligungen besser. Die Zeit<br />

der windigen Steuersparmodelle ist vorbei<br />

und die Branche ändert gerade ihr<br />

Image. Aus dem »grauen« Kapitalmarkt<br />

soll – nicht zuletzt dank strengerer Aufsicht<br />

und besserer Qualifikation der Berater<br />

– ein »weißer« werden. Trotzdem:<br />

Prospekte, Anlageobjekte und Seriosität<br />

des Investors genau prüfen, denn blindes<br />

Vertrauen führt meist zu Verlusten.<br />

EIGENTUM MACHT AUCH REICH<br />

Wer kein Eigenheim will, hat eine andere<br />

Option, die gerade en Vogue ist: Ferienimmobilien.<br />

In den südlichen EU-<br />

Krisenstaaten stehen jetzt zahlreiche<br />

Schnäppchen zum Verkauf. In Griechenland<br />

fielen die Preise um bis zu 30 Prozent,<br />

in Spanien um bis zu 50 Prozent, so<br />

Schätzungen der Deutschen Schutzvereinigung<br />

Auslandimmobilien e. V.<br />

Doch auf der Suche nach Geldanlagen<br />

in Ferienimmobilien setzen interessierte<br />

Anleger, <strong>anders</strong> als vor 15 Jahren, nicht<br />

mehr vorrangig aufs Ausland. Eine aktuelle<br />

Marktstudie im Auftrag des Ferienhausvermittlers<br />

HomeAway und des<br />

Immobilienmaklers Engel & Völkers zu<br />

privaten Ferienimmobilien 2011 weist<br />

eine eindeutige Präferenz für die heimischen<br />

Gestade aus. »Vor allem Objekte an<br />

der deutschen Nord- und Ostseeküste sowie<br />

auf den Ostsseeinseln erfreuen sich<br />

steigenden Beliebtheit«, so das Ergebnis<br />

der Studie. Die Gründe liegen auf der<br />

Hand: Urlaub in Deutschland boomt, der<br />

Markt ist – im Unterschied zu Spanien,<br />

Portugal oder Griechenland – sicher,<br />

Ferienhausbesitzer können die Immobilien<br />

gleichzeitig als Kapitalanlage und –<br />

bei Vermietung – als zusätzliche Einkommensquelle<br />

nutzen und die Wertentwicklung<br />

ist zumeist positiv.<br />

Hans Pfeifer<br />

&<br />

32 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


Milchschokolade<br />

Erfinder: Gottfried Heinrich Jordan<br />

und August Friedrich Timaeus<br />

Deutschland, Dresden, 1839<br />

FürSievorOrtinMitteldeutschland:<br />

in Chemnitz, Dresden, Erfurt, Halle,<br />

Leipzig und Magdeburg.<br />

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Für den Mittelstand in Mitteldeutschland.<br />

Aus einer genialen Idee und den richtigen Zutaten entstand in Dresden<br />

einst die erste Milchschokolade. Für die richtigen Zutaten bei ganzheitlichen<br />

Finanzlösungen sorgt die Sachsen Bank. Als Unternehmen<br />

der LBBW-Gruppe bieten wir speziell dem Mittelstand in unserer Region<br />

das umfassende Leistungsspektrum eines erfahrenen, flexiblen Finanzdienstleisters,<br />

verbunden mit der individuellen Kundenbetreuung<br />

einer eigenständig agierenden Regionalbank. Weitere Informationen<br />

unter www.sachsenbank.de<br />

Ein Unternehmen der LBBW-Gruppe


ANALYSE<br />

Unternehmen, übertrug ihnen Firmenanteile.<br />

Dass diese teils kreditfinanziert<br />

sind und sich nicht zuletzt dadurch neue<br />

Investitionen stemmen lassen, rührt indes<br />

nicht aus der Spezifika ostdeutscher<br />

Mittelständler, die nach 1990 oft recht<br />

kapitalschwach starteten.<br />

Laut der Studie »Generationswechsel<br />

im Mittelstand«, die das Mannheimer<br />

Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung<br />

(ZEW) mit dem Institut für Mittelstandsforschung<br />

der Uni Mannheim<br />

2011 vorlegte, nutzen zwar vier Fünftel<br />

der 2,6 Millionen eigentümergeführten<br />

mittelständischen Betriebe in Deutschland<br />

Umsatzerlöse zur Finanzierung ihrer<br />

Geschäftstätigkeit. Doch der Anteil<br />

von Gewinnen am Gesamtvolumen der<br />

Firmenfinanzierung liegt bei nur 46 Prozent.<br />

Fast gleichauf rangieren, wie die<br />

Studie zeigt, Bankdarlehen (43 Prozent),<br />

während nur gut ein Viertel (27 Prozent)<br />

aus eigenen Rücklagen stammt. Weitere<br />

20 Prozent sind Beteiligungskapital.<br />

Gerade bei Firmenübergaben schlägt<br />

sich diese vergleichsweise geringe Eigenkapitaldecke<br />

in Familienbetrieben deutlich<br />

nieder. Wie das von der in Leipzig<br />

ansässigen Sachsen Bank in Auftrag gegebene<br />

Dossier zeigt – es beleuchtet<br />

deutschlandweit alle Firmenübergaben<br />

in Familienbetrieben zwischen 2002 und<br />

2008 –, stehen die meisten internen<br />

Übernehmer vor teils erheblichen finanziellen<br />

Herausforderungen. Über die<br />

Hälfte (56 Prozent) der Nachfolger erwarb<br />

die Unternehmensanteile durch<br />

Kauf und/oder Beteiligung. Knapp ein<br />

Drittel der Firmen wurde verschenkt. Elf<br />

Prozent wechselten per Erbschaft den<br />

Eigentümer.<br />

Nachfolge in Familienbetrieben<br />

Rechtzeitige Übergabe<br />

Jährlich stehen in Deutschland 71.000 inhabergeführte Betriebe vor<br />

der Nachfolgefrage. Diese wird in drei von fünf Fällen familienintern<br />

geklärt. Eine Studie zeigt, die neuen Chefs benötigen beim Start<br />

oft eine Fremdfinanzierung. Familienbetriebe werden indes weniger<br />

vererbt oder verschenkt, sondern an den Nachwuchs verkauft.<br />

Es ist ein gleitender Übergang, den<br />

Martin Bergmann (Foto: M.) angeschoben<br />

hat, um sein Lebenswerk<br />

peu à peu seinen Söhnen zu übertragen.<br />

Viel Kraft, unternehmerische Findigkeit<br />

und erhebliches Geld flossen in die Familienfirma,<br />

seit der heute 61-Jährige den<br />

Betrieb nach der deutschen Einheit reprivatisierte.<br />

Mittlerweile ist es eine weltweite<br />

Topadresse für dezentrale Kläranlagen.<br />

Da weitere Branchen hinzukamen,<br />

gibt es seit 2007 die Bergmann AG.<br />

Hier sind auch die Söhne Martin jr.<br />

(38, re.) und Lars (34) – der eine Bauingenieur,<br />

der andere Kaufmann – mit im<br />

Boot. Sie führen jeweils schon eines der<br />

Tochterunternehmen und rückten auch<br />

in den Vorstand auf, wo der Senior vorerst<br />

noch der Chef ist. Doch aus dem operativen<br />

Geschäft hat er sich inzwischen<br />

zurückgezogen. Auch sonst hätten beide<br />

Söhne längst »ihre Entscheidungs- und<br />

Verantwortungsbereiche, in die ich ihnen<br />

nicht mehr reinrede«, erzählt er.<br />

Nicht zuletzt beteiligte Martin Bergmann<br />

sen. die Jungen auch finanziell am<br />

FRÜHZEITIGE ÜBERGABEREGELUNG<br />

Gut 80 Prozent jener »Firmenerben«, die<br />

selbst Geld auftreiben mussten, benötigten<br />

hierzu Fremdmittel. Die kamen<br />

dann zu 64 Prozent von der Hausbank<br />

und zu einem offenbar recht großen Teil<br />

auch von externen Beteiligungsgebern.<br />

Exakte Zahlen zu jenen »stillen« Teilhabern,<br />

die oft nach einigen Jahren wieder<br />

ausgezahlt waren, nennt die Studie indes<br />

nicht. In 37 Prozent der Fälle konnten<br />

auch Fördertöpfe angezapft werden.<br />

Sofern der Nachfolger aus der eigenen<br />

Familie oder der Firma kommt, bürgt der<br />

Alteigentümer jedoch zumeist für die<br />

Hypothek. Oft gewährt er auch Ratenzahlungen<br />

auf den Kaufbetrag. Doch<br />

auch bei Erbschaften oder Schenkungen<br />

traten immer wieder Finanzierungsprobleme<br />

auf, da dann Erbschaft- bzw.<br />

Schenkungsteuer entrichtet werden<br />

musste und gegebenenfalls weitere Erben<br />

auszuzahlen waren.<br />

Die Studie zeigt, dass bei einer Schenkung<br />

– im Gegensatz zur Erbschaft – die<br />

Eigentumsanteile häufig bereits frühzeitig<br />

übertragen werden. Denn bei einem<br />

solchen Stabwechsel zu Lebzeiten des<br />

»Patriarchen« lassen sich teils hohe Freibeträge<br />

nutzen. Ist auch noch dessen<br />

Frau Miteigentümerin, verdoppeln sich<br />

jene steuerbegünstigten Freiräume, die<br />

alle zehn Jahr neu angesetzt werden können,<br />

quasi noch. So zahlten nur zehn Prozent<br />

der befragten Jungunternehmer, in<br />

deren Familien solch ein langfristiges<br />

Übergabemanagement praktiziert wurde,<br />

überhaupt noch Erbschaft- oder<br />

Schenkungsteuer auf die übernommenen<br />

Firmenanteile. Mithin sei es ratsam,<br />

eine Übergabe strategisch zu planen, raten<br />

die Verfasser.<br />

ALTEIGENTÜMER WEITER IM BOOT<br />

Zugleich zeigt die Analyse, dass bei<br />

43 Prozent der 8.600 Familienbetriebe,<br />

die im Untersuchungszeitraum weitergereicht<br />

wurden, die Übergabe von Eigentum<br />

und Geschäftsführung nicht im sel-<br />

34 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


ANALYSE<br />

ben Jahr erfolgte. Offenkundig handelt<br />

es sich wie auch bei der Bergmann AG<br />

um einen längerfristigen Prozess, bei<br />

dem der Patriarch auch finanziell an<br />

Deck bleibt. Häufig spielen Alteigentümer<br />

somit selbst dann weiter eine<br />

wichtige Rolle, wenn sie nicht mehr an<br />

der Geschäftsführung beteiligt sind. In<br />

etwa zwei Dritteln aller Fälle war der<br />

Alteigentümer noch bis acht Jahre nach<br />

Firmenübergabe weiter im Unternehmen<br />

aktiv. Allerdings sinken zumeist<br />

seine Anteile in dem Maße, wie die Geschäftsführungsübergabe<br />

zurückliegt.<br />

15 Prozent der aktiven Alteigentümer<br />

hielten zudem noch Anteile, ohne Führungsfunktionen<br />

im Unternehmen<br />

wahrzunehmen.<br />

BEIRAT IN DER FÜHRUNGSETAGE<br />

Eine Ausnahme bilden externe Übergaben.<br />

Sie machen im Durchschnitt ein<br />

Fünftel aller Fälle in mittelständischen<br />

Familienunternehmen aus. Ein weiteres<br />

Fünftel entfällt auf Neubesitzer, die zwar<br />

nicht zur Familie gehören, aber bereits<br />

teils langjährig in der Firma tätig waren.<br />

Vor allem jene externen Neubesitzer<br />

übernehmen nicht nur wesentlich<br />

schneller mit der Geschäftsführung<br />

auch sofort alles Eigentum, sie verzichten<br />

auch weitaus häufiger (42 Prozent)<br />

auf ein weiteres Engagement des Vorgängers.<br />

Grundsätzlich, so zeigt die Studie,<br />

ist in solchen Fällen die Zusammenarbeit<br />

von Alt- und Neu-Chef wesentlich<br />

problematischer.<br />

Bei familieninternen Stabwechseln<br />

scheint man da eher zum Konsens gezwungen.<br />

Allerdings würden Probleme<br />

eher verharmlost, während sie ein externer<br />

Nachfolger konsequenter benenne.<br />

Die Studie bilanziert, dass auch gemischte<br />

Lösungen gut funktionieren<br />

können. So steht der Stuttgarter Olymp<br />

GmbH, die die Familie Herzog über vier<br />

Generationen vom kleinen Handwerksbetrieb<br />

zum europäischen Marktführer<br />

für die Ausstattung von Frisiersalons<br />

puschte, sowohl ein familieninterner als<br />

auch ein externer Geschäftsführer vor.<br />

Zur Unterstützung seines Sohnes Marc<br />

Herzog gründete der Senior überdies vor<br />

der Übergabe einen Beirat in der Unternehmensführung,<br />

der die Abhängigkeit<br />

der 350-Mitarbeiter-Gruppe »von der Familie<br />

auf das für das Unternehmen Positive<br />

reduzieren« soll. Dazu wird das Gremium,<br />

in dem auch noch der Vater sitzt,<br />

von einem familienfremden Manager geführt.<br />

Und offenbar mit Erfolg: Ende des<br />

Jahres 2008 übernahm die Stuttgarter<br />

Firma ihren größten Konkurrenten.<br />

Kritisch wird es in dem Dossier dagegen<br />

gesehen, wenn potenzielle Firmennachfolger<br />

nicht frühzeitig den angestammten<br />

Geschäftspartnern vorgestellt<br />

werden, etwa Bankern, Steuerberatern<br />

und Wirtschaftsprüfern. Dies sei vor allem<br />

in kleineren Firmen zu oft der Fall.<br />

Der Kronprinz oder die Kronprinzessin<br />

sollte stattdessen schon möglichst zeitig<br />

als Beisitzer fungieren, um dann nach<br />

und nach in eine aktive Rolle und damit<br />

in die finanzielle Verantwortung hineinzuwachsen.<br />

Dies steigert nach Expertenmeinung<br />

auch deren Akzeptanz nach<br />

außen. Denn gerade zwischen der Hausbank<br />

und dem Unternehmer bestehe »oft<br />

ein besonderes Vertrauensverhältnis«,<br />

das sich auch bei der Abwicklung auszahle,<br />

bestätigt in diesem Zusammenhang<br />

Peter Kröger, Bereichsleiter Unternehmenskunden<br />

der Sachsen Bank.<br />

Laut der Mannheimer Studie zeichnen<br />

sich die meisten Übergaben durch einen<br />

erfolgreichen Due-Diligence-Prozess<br />

aus. Vor allem familieninternen Nachfolgern<br />

bleiben so oft böse Überraschungen<br />

erspart. Beispielsweise trat nur bei gut<br />

jeder zehnten Übergabe später ein »unerwarteter<br />

Finanzierungsbedarf« auf. Eher<br />

betraf dies dann externe Nachfolger, für<br />

die die betriebswirtschaftliche Prüfung<br />

der Firma vor der Übernahme naturgemäß<br />

deutlich schwerer ist.<br />

Aus diesem Kreis von Unternehmern<br />

klagte denn auch nahezu jeder Fünfte<br />

über einen sich plötzlich auftuenden<br />

zusätzlichen Finanzierungsbedarf, um<br />

zum Beispiel Erneuerungs- bzw. Erweiterungsinvestitionen<br />

bestreiten zu können,<br />

die für das erfolgreiche Fortbestehen<br />

der Firma unverzichtbar sind.<br />

FLEXIBLE FINANZIERUNGSMODELLE<br />

Doch auch in diesem Fall weiß die Hausbank<br />

womöglich Abhilfe, wie ein Beispiel<br />

aus Sachsen zeigt. Teil eines langfristigen<br />

Finanzierungsplanes für einen<br />

Dresdener Schleifkörperhersteller war<br />

eine Mietkauf-Lösung für den Erwerb<br />

neuer Maschinen. Diese »sehr flexible<br />

und nachhaltige« Finanzierungslösung<br />

schone die Liquidität des Betriebes und<br />

biete der Bank zugleich eine Sicherheit<br />

in Form der Technik, betonte der Geschäftsführer.<br />

Das halte ihm finanziell<br />

den Rücken frei für zwei neu entwickelte<br />

Patentlösungen, für die es zwar Fördergelder<br />

gebe – jedoch nur bei eigener Ko-<br />

Finanzierung.<br />

Harald Lachmann<br />

&<br />

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 35


KOLUMNE<br />

AUS GENFER SICHT<br />

Die Zukunft<br />

der Schulden<br />

Von HEINER FLASSBECK, Genf<br />

Internet: www.flassbeck.com<br />

zung gibt, dann würden sich am nächsten<br />

Tag auch im Saarland jede Menge<br />

Professoren und Lehrer der Physik empören.<br />

Politiker, die solches Zeug verzapften,<br />

seien strohdoof, weil sie immer noch<br />

nicht begriffen hätten, dass es einen zigmal<br />

bewiesenen Satz der Thermodynamik<br />

gibt, der unbestreitbar zeigt, dass<br />

Energie nur umgewandelt, nicht aber<br />

vernichtet werden kann.<br />

Die Ökonomen können – oder wollen<br />

– aber offensichtlich nicht wahrhaben,<br />

was ebenso unbestreitbar ist, nämlich<br />

die Tatsache, dass Menschen nur sparen<br />

können, wenn andere sich verschulden.<br />

Wer das sagt, nimmt der Verschuldung<br />

sofort das Bedrohliche, weil es ja nur<br />

noch um die Frage <strong>geht</strong>, wer sich verschuldet,<br />

nicht um die Frage, ob sich<br />

überhaupt einer verschuldet. Auch würde<br />

man den Bürgern verdeutlichen, dass<br />

es keinen Sinn macht, jeden Tag über die<br />

Verschuldung herzuziehen, wenn man<br />

selbst dazu über eigenes Sparen beiträgt.<br />

Mit einer konsequenten Kritik der Verschuldungskritik<br />

könnten sich die Ökonomen<br />

eine große Reputation erwerben,<br />

als eine Wissenschaft, die in der Lage ist,<br />

primitive Vorurteile zu korrigieren und<br />

komplexe Zusammenhänge zu erklären.<br />

Aber die Ökonomen wollen offenbar<br />

keinen wichtigen wissenschaftlichen<br />

Satz aufstellen, der öffentliche Vorurteile<br />

korrigiert. Anders ist ihr Verhalten<br />

Als ich kurz vor der Landtagswahl am<br />

25. März im Saarland durch dieses<br />

Bundesland gefahren bin, war<br />

ich nicht wenig überrascht ob der Slogans<br />

der Parteien. Die CDU macht auf<br />

mit der Aussage ihrer Spitzenkandidatin<br />

»Ich will Zukunft ohne Schulden«. Die<br />

SPD hält hart dagegen, dass sie für einen<br />

neuen Politikstil sei. Wohlgemerkt:<br />

Nicht für eine neue Politik. Offensichtlich<br />

haben sich beide Parteien längst auf<br />

die Zukunft ohne Schulden geeinigt, was<br />

ja auch die explizite Festlegung der saarländischen<br />

SPD auf die konsequente Umsetzung<br />

der Schuldenbremse nahelegt.<br />

Die sie als Abwehrargument gegen eine<br />

rot-rote Koalition nutzte.<br />

Zukunft ohne Schulden. Man hätte<br />

stattdessen auch schreiben können »Zukunft<br />

ohne Investitionen«. Denn wenn es<br />

keine Schulden gibt, gibt es auch keine<br />

Ersparnisse, und wenn es keine Ersparnisse<br />

gibt, gibt es keine Investitionen,<br />

weil ja dann alles aufgegessen oder sonst<br />

wie verbraucht wird. Das also ist es, was<br />

die CDU den Kindern hinterlassen will:<br />

Eine Welt, in der nicht investiert werden<br />

kann, weil ja niemand Schulden machen<br />

will. Weil Schulden tabu sind, heißt das,<br />

können wir die Welt nicht mehr für unsere<br />

Kinder lebenswerter machen. Die<br />

Welt muss exakt bleiben, wie sie jetzt ist.<br />

Man fragt sich, ob die Menschen, die<br />

über einen solchen Slogan entscheiden,<br />

es wirklich nicht besser wissen. Oder ob<br />

sie so infam sind, den Menschen einen<br />

solchen unsinnigen Slogan unterzujubeln,<br />

da sie genau wissen, dass das am<br />

Stammtisch gut ankommt. Aber was<br />

richten sie damit an? Was ist mit den<br />

Kindern, die zur Schule fahren, den Slogan<br />

lesen und in ihrem kindlichen Urteil<br />

sagen, jawohl, das müssen die Politiker<br />

jetzt endlich einmal machen, wir wollen<br />

eine schuldenfreie Zukunft.<br />

Andererseits wird es auch im Saarland<br />

Menschen geben, die sehr gut verstehen,<br />

welcher Unsinn da als politische Strategie<br />

verkauft wird und wie das Volk entweder<br />

zugrunde regiert oder zugrunde<br />

belogen wird. Wie kann man verantworten,<br />

all das für ein paar Stimmen zu riskieren,<br />

die Verirrung der einen und die<br />

Frustration der anderen?<br />

Ich frage mich aber auch, warum<br />

nicht mehr Ökonomen auf die Barrikaden<br />

gehen. Würden die Politiker hinschreiben,<br />

wir wollen in Zukunft die Energie,<br />

die wir haben, so effizient verbrauchen,<br />

dass nichts mehr davon übrig<br />

bleibt, weil es dann keine Luftverschmutnicht<br />

zu deuten. Sie würden damit ja<br />

auch gegen das beliebte Vorurteil argumentieren,<br />

dass der Staat und seine Verschuldung<br />

die Wurzel allen Übels ist.<br />

Wenn es gegen solche Vorurteile <strong>geht</strong>, ist<br />

der Mut der Ökonomen schnell ganz<br />

klein und die Wissenschaftlichkeit wird<br />

ruckzuck vergessen. So etwas würde ja<br />

wie Keynesianismus klingen, der doch<br />

für alle Übel der Welt verantwortlich gemacht<br />

werden muss. Oder, noch schlimmer,<br />

man müsste die Frage beantworten,<br />

wer sich verschulden soll, wenn der Staat<br />

sich in Zukunft nicht mehr verschuldet,<br />

weil die allseits beliebte Schuldenbremse<br />

für den öffentlichen Sektor wirkt.<br />

Ja, dann müsste man sagen, man fände<br />

es doch ganz schön, wenn sich die<br />

Ausländer weiter verschulden würden,<br />

weil die Deutschen so viel sparen. Dumm<br />

ist nur, dass wir den meisten der verschuldeten<br />

Ausländer momentan verklickern,<br />

sie seien pleite – weswegen sich<br />

das mit der weiteren Verschuldung nicht<br />

so gut macht. Oder man müsste sagen,<br />

die deutschen Unternehmen könnten<br />

sich mal wieder verschulden und investieren,<br />

statt ebenso wie die privaten<br />

Haushalte zu sparen.<br />

Dann müsste man aber auch die Frage<br />

beantworten, wie die im Geld schwimmenden<br />

deutschen Unternehmen dazu<br />

bewegt werden können, sich für mehr Investitionen<br />

zu verschulden. Unausweichlich<br />

wäre die Frage, ob nicht die Steuern<br />

für die Unternehmen wieder erhöht werden<br />

oder die Unternehmen endlich mal<br />

wieder anständige Löhne bezahlen sollten.<br />

In diesem Fall hätten sie zwar weniger<br />

Gewinne, aber wohl viel mehr Anreize<br />

zu investieren, weil die Nachfrage ja<br />

steigen würde. Oder, aber das ist vollends<br />

des Teufels, man müsste sagen, die Deutschen<br />

sollten mal weniger sparen, weil<br />

man niemanden findet, der diese Ersparnisse<br />

investiert. Aber was ist dann mit<br />

der Rente, die doch nur gesichert werden<br />

kann, wenn die Leute mehr sparen?<br />

Das sind alles keine erbaulichen Themen<br />

und vor allem keine, mit denen<br />

man sich als Ökonom beliebt machen<br />

würde. Das lässt man mal lieber und beklagt<br />

lauthals die hohe Verschuldung<br />

und fordert gleichzeitig die Menschen<br />

zum Sparen auf, um die Zukunft sicherer<br />

zu machen. Darüber kann man schöne<br />

Vorträge bei Versicherungen halten<br />

für Honorare, die einem beunruhigende<br />

Gedanken an die eigene Zukunft nehmen.<br />

Soll das dumme Volk doch weiter<br />

denken, Schulden seien gefährlich. &<br />

Foto: Torsten George<br />

36<br />

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


WIRTSCHAFTSPARTNER POLEN<br />

Innovative »Grüne Technologien«<br />

Kräftiger Wind aus Polen<br />

Foto: Enercon<br />

Polnische Unternehmen entdecken immer mehr Green-Tech als eine Chance für wirtschaftlichen Erfolg.<br />

Die polnische Regierung fördert diese Entwicklung mit speziellen Wettbewerben und Programmen.<br />

Das Thema »Grüne Technologien«<br />

spielt in der polnischen Wirtschaft<br />

zunehmend eine gewichtigere<br />

Rolle. Zumal sich die Überzeugung<br />

durchsetzt, dass Green-Tech neben dem<br />

Umweltschutz auch einen wirtschaftlich<br />

lukrativen Markt verheißt. Das Ministerium<br />

für Umwelt in Polen unterstützt<br />

diesen Trend. Seit drei Jahren veranstaltet<br />

das Ministerium den Wettbewerb<br />

»GreenEvo«. Er soll dazubeitragen, die<br />

Entwicklung und Verbreitung von »Grünen<br />

Technologien« in der polnischen<br />

Wirtschaft zu beschleunigen.<br />

In dem Wettbewerb um die konkurrenzfähigsten<br />

und innovativsten Technologien<br />

stellen polnische Unternehmen<br />

ihre neuen technologischen und umweltfreundlichen<br />

Lösungen vor. Unter<br />

anderen in den Bereichen Saubere Kohletechnologien,<br />

Energiesparsamkeit, Erneuerbare<br />

Energien und Abfalllagerung.<br />

Wie sehr sich mit innovativen Lösungen<br />

auf dem Gebiet »Grüne Technologien«<br />

auch neue Exportchancen für die<br />

polnischen Unternehmen ergeben, zeigt<br />

sich zum Beispiel am Omnibushersteller<br />

Solaris Bus & Coach aus Poznan (Posen).<br />

Das vor 15 Jahren gegründete Unternehmen<br />

hat sich mit seinen umweltschonenden<br />

Oberleitungs-, Hybrid- und Elektrobussen<br />

längst einen Namen auch auf<br />

dem hart umkämpften deutschen Markt<br />

gemacht und hier einige Aufträge an<br />

Land ziehen können.<br />

Jüngstes Beispiel: Die in der Kooperationsgemeinschaft<br />

Mittlerer Niederrhein<br />

zusammengeschlossenen fünf Verkehrsunternehmen<br />

haben sich im Rahmen<br />

der Beschaffung 2012 zum dritten Mal<br />

in Folge für Modelle von Solaris entschieden.<br />

Die Lieferung umfasst 44 komfortable<br />

Niederflur-Linienbusse der Urbino-<br />

Familie von Solaris.<br />

Zur Erzielung von Synergien schreiben<br />

die Verkehrsunternehmen der nordrhein-westfälischen<br />

Städte Mönchengladbach,<br />

Krefeld, Neuss und Viersen sowie<br />

des Kreises Heinsberg im Rahmen einer<br />

Beschaffungsgemeinschaft die Lieferung<br />

neuer Linienbusse gemeinsam aus. In<br />

der diesjährigen Ausschreibung unterbreitete<br />

Solaris das beste Angebot und<br />

wurde damit als Lieferant für alle Fahrzeuge<br />

ausgewählt.<br />

Die Lieferung wird 24 Niederflurbusse<br />

»Urbino 12« in Standardlänge sowie 20<br />

Gelenkbusse »Urbino 18« umfassen. Solaris<br />

konnte im Jahr 2010 erstmals 17 Busse<br />

an mehrere Partner der Kooperationsgemeinschaft<br />

Mittlerer Niederrhein liefern.<br />

2011 entschieden sich bereits alle<br />

fünf Unternehmen für Solaris und bestellten<br />

zusammen 27 Urbino-Fahrzeuge.<br />

Zudem lieferte Solaris im Rahmen separater<br />

Bestellungen neun diesel-elektrische<br />

Hybridbusse an beteiligte Verkehrsbetriebe.<br />

Inklusive der in diesem Jahr<br />

erwarteten Fahrzeuge werden damit fast<br />

100 Solaris-Busse am Mittleren Niederrhein<br />

unterwegs sein. Auf den folgenden<br />

Seiten finden Sie einen ausführlichen Bericht<br />

über die Erfolgsgeschichte des Busherstellers<br />

Solaris aus Poznan.<br />

Mit der breiten Einführung und Nutzung<br />

von Green-Tech verbindet die polnische<br />

Regierung auch das Ziel, die Klimaschutzvorgaben<br />

der Europäischen Union<br />

zu erreichen. So soll der Anteil Erneuerbarer<br />

Energien an der Energieerzeugung<br />

im Land von aktuell zirka fünf Prozent<br />

auf 15 Prozent bis zum Jahr 2020 erhöht<br />

werden. Ein wesentliches Element hierbei<br />

ist neben dem Ausbau des Windkraft-<br />

Sektors auch die gezielte Förderung des<br />

Anbaus von Biomasse und die Stromerzeugung<br />

aus Biogas. Dazu hat die Regierung<br />

das Programm »Innovative Energien<br />

– Energie aus der Landwirtschaft«<br />

gestartet. Mehr dazu auf Seite 40.<br />

Weitere Informationen finden Sie<br />

unter www.greenevo.gov.pl<br />

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 37


WIRTSCHAFTSPARTNER POLEN<br />

E-MOBILITÄT<br />

Flotten-Versuch<br />

In Polen ist eines der europaweit<br />

größten Projekte zur Einführung von<br />

Elektromobilen gestartet worden.<br />

Fotos: Solaris (2); Impact, Poldanor (2)<br />

In Sachen Elektromobilität führt in Polen<br />

kein Weg vorbei an der Firma EVC-<br />

GROUP.EU. Sie verfügt über ein Fachservice-Netz,<br />

das sich mit der Anpassung<br />

von E-Antrieben in herkömmlichen Autos<br />

mit Verbrennungsmotor beschäftigt.<br />

Die Gesellschaft kann dieses Jahr über<br />

1.000 Elektroautos liefern. Die Produktionskapazität<br />

wird verdoppelt. Partner<br />

der EVC-GROUP ist die Firma Green<br />

Capital City sp. z o.o. Sie realisiert das<br />

Projekt der kommerziellen Einführung<br />

einer E-Autoflotte, das rund 2.000 Kraftfahrzeuge<br />

umfasst. Es ist das größte<br />

Projekt der Elektromobilität in Polen<br />

und eines der größten in Europa.<br />

Alle Fahrzeuge, die Green Capital City<br />

bestellt, sind mit dem Telematiksystem<br />

ausgestattet, das den Zugang zu allen<br />

technischen Parametern der E-Antriebssysteme<br />

via Internet sicherstellt. Im ersten<br />

Halbjahr der Projektpraxis werden<br />

die Messdaten der Autos erfasst, die in<br />

DREIRAD: E-Mobil Re-Volt aus Polen.<br />

dieser Zeit mehr als 1,5 Millionen Fahrkilometer<br />

zurücklegen werden.<br />

Die E-Autos mit dem Elektroantrieb von<br />

EVC-GROUP.EU erzielen mit einer Batterieladung<br />

eine durchschnittliche<br />

Reichweite von mehr als 150 Kilometern.<br />

Bei der Ladung durch Anschluss an<br />

230V-Steckdosen wurde gar eine Tagesreichweite<br />

von über 250 Kilometern erreicht.<br />

Die E-Autos haben die gleiche<br />

Funktionalität wie Autos, die mit Verbrennungsmotor<br />

fahren. Der Großteil<br />

der technischen Lösungen ist in Polen<br />

entworfen worden. Ein Beispiel ist die<br />

Lösung, beim Umrüsten auf Elektroantrieb<br />

das Originalgetriebe und andere<br />

Teile des Antriebssystems aus dem konventionellen<br />

Auto zu verwenden.<br />

Solaris Bus & Coach<br />

Erfolg mit Öko-Bussen<br />

In Poznan produziert ein Trendsetter der europäischen Busbranche.<br />

Das Unternehmen Solaris setzt auf Innovationen zur E-Mobilität<br />

mit Oberleitungsbussen, Hybridbussen und neuen Elektrobussen.<br />

Solaris Bus & Coach aus Poznan (Posen)<br />

ist einer der führenden europäischen<br />

Bushersteller mit einer<br />

Präsenz in 24 Ländern. Die beispiellose<br />

Solaris-Erfolgsgeschichte begann dabei<br />

erst vor 15 Jahren. Am 22. März 1996 verließ<br />

der erste Bus die Werkshallen in<br />

Bolechowo bei Posen und markierte damit<br />

den ersten Schritt in der Vision der<br />

Unternehmensgründer Krzysztof und<br />

Solange Olszewski.<br />

Die Umwelt und die urbane Lebensqualität<br />

profitieren ganz besonders von<br />

der konsequenten Ausrichtung auf zukunftsfähige<br />

Elektromobilität. Schon<br />

seit 2001 fahren Solaris-Oberleitungs-<br />

Busse auf Europas Straßen, heute ist Solaris<br />

europaweit Trolleybus-Marktführer.<br />

Im vergangenen Jahr konnte der 500. Bus<br />

vom Typ »Solaris Trollino« an seinen Betreiber<br />

übergeben werden. Er fährt auf<br />

leisen Reifen im polnischen Lublin.<br />

Im Jahr 2006 präsentierte sich Solaris<br />

als Trendsetter und bot als erster europäischer<br />

Bushersteller einen Stadtbus<br />

an, der mit serienmäßiger Hybridtechnologie<br />

ausgestattet ist. Ganz der Unternehmensphilosophie<br />

folgend diktiert Solaris<br />

seinen Kunden auch beim Hybridbus keine<br />

unpassenden Lösungen, sondern bietet<br />

mit dem größten Angebot diesel-elektrischer<br />

Antriebskonzepte für jeden Einsatzzweck<br />

den passenden Hybridbus an.<br />

Das Spektrum reicht vom »Urbino 12 Hybrid«<br />

in Standardlänge, dessen Komponenten<br />

komplett im Fahrzeug untergebracht<br />

sind und damit keine aufwendigen<br />

Dacharbeitsstände in Werkstätten<br />

benötigen, bis zum Gelenkbus »Urbino<br />

18 Hybrid«. In der Ausführung mit seriellem<br />

Hybridsystem verfügt dieser mit<br />

Batterien und Supercaps über gleich<br />

zwei Energiespeicher sowie einen Plugin-Anschluss<br />

zur stationären Ladung und<br />

nutzt damit soviel elektrische Energie<br />

wie möglich.<br />

Die umfangreichen Erfahrungen im<br />

Bau und Betrieb von Oberleitungsbussen<br />

und Hybridbussen sind auch in vollem<br />

Umfang in die Entwicklung des ersten<br />

Solaris-Elektrobusses eingeflossen. Der<br />

»Solaris Urbino electric« eröffnet neue<br />

38 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


WIRTSCHAFTSPARTNER POLEN<br />

NACHRICHTEN<br />

UMWELTSCHONEND: Innovationsstarker Trolleybus (l.) bzw. Elektrobus von Solaris.<br />

Möglichkeiten für den emissionsfreien<br />

Nahverkehr von morgen.<br />

»Der Diesel ist tot – lang lebe die Elektrizität!«<br />

Was Solaris-Gründer Krzysztof<br />

Olszewski bereits zur Vorstellung des<br />

ersten Solaris-Hybridbusses vor sechs Jahren<br />

sagte, gilt heute erst recht für den<br />

Elektrobus »Solaris Urbino electric«.<br />

Emissionsfrei, leise und unabhängig von<br />

steigenden Dieselpreisen – der »Solaris<br />

Urbino electric« garantiert eine nachhaltige<br />

zukunftsfähige Mobilität.<br />

DAS<br />

UNTERNEHMEN<br />

In 24 Ländern präsent<br />

Solaris Bus & Coach ist ein polnischer<br />

Omnibushersteller mit Firmensitz nahe<br />

Posen, zentral gelegen zwischen den<br />

europäischen Hauptstädten Warschau<br />

und Berlin. Solaris zählt zu den führenden<br />

Herstellern der europäischen<br />

Omnibusbranche und bietet eine breite<br />

Palette an modernen Stadtbussen,<br />

Überlandbussen, Oberleitungsbussen<br />

und Bussen für spezielle Einsatzzwecke.<br />

Seit Produktionsbeginn vor gut 15 Jahren<br />

haben über 8.000 Busse dieses<br />

Werk verlassen. Der Export von Solaris-<br />

Bussen begann im Jahr 2000 und trägt<br />

heute wesentlich zum Wachstum des<br />

Unternehmens bei. Mittlerweile verkehren<br />

Solaris-Busse in 24 Ländern.<br />

Deutschland ist der größte Exportmarkt<br />

des polnischen Herstellers.<br />

Mit bis zu 100 Kilometern Reichweite<br />

und einer Ladezeit von nur vier Stunden<br />

bietet der neue »Solaris Urbino electric«<br />

flexible Einsatzmöglichkeiten im Personennahverkehr.<br />

Seine Basis ist der bewährte<br />

Midibus »Alpino 8,9 LE«. Durch<br />

die konsequente Umsetzung des Low-Entry-Konzepts<br />

bietet der Solaris-Elektrobus<br />

trotz seiner bescheidenen Dimensionen<br />

von nur 8,9 Meter Länge und 2,4 Meter<br />

Breite viele Sitzplätze – ausstattungsabhängig<br />

sind bis zu 29 feste Sitze sowie<br />

zwei Klappsitze möglich. Niederflurige<br />

Einstiege sorgen für barrierefreien und<br />

bequemen Zugang, für Kinderwagen und<br />

Rollstuhlfahrer steht eine Mehrzweckfläche<br />

gegenüber der zweiten Tür zur<br />

Verfügung.<br />

Den Antrieb des »Solaris Urbino electric«<br />

liefert der Solaris-Systempartner<br />

Vossloh Kiepe. Das deutsche Unternehmen<br />

nutzte seine jahrzehntelange Kompetenz<br />

als Spezialist für elektrische Traktionsausrüstungen<br />

auch für den »Solaris<br />

Urbino electric«. Dieser beschleunigt<br />

sanft und stufenlos auf im Stadtverkehr<br />

übliche 50 km/h.<br />

Solaris-Vorstandsvorsitzende Solange<br />

Olszewska kommentiert: »Dieser Elektrobus<br />

ist eine echte Revolution im öffentlichen<br />

Nahverkehr und ein großer Schritt<br />

zu neuen Einsatzmöglichkeiten für elektrische<br />

Fahrzeuge. Wir bieten mit dem<br />

Solaris Urbino electric einen Bus, der unsere<br />

Städte durch Lärmminderung und<br />

Emissionsfreiheit lebenswerter macht.«<br />

WIRTSCHAFTSZONE<br />

Deutsche Firmen<br />

Seit Dezember 2011 sind in Kostrzycko-<br />

Slubicka drei Ansiedlungen deutscher<br />

Unternehmen genehmigt worden.<br />

In der Sonderwirtschaftszone Kostrzycko-<br />

Slubicka wird das deutsche Unternehmen<br />

Stenqvist Poland GmbH einen Papierverpackungen<br />

produzierenden Betrieb in<br />

Kostrzyn an der Oder bauen. Das Unternehmen<br />

wird über 80 neue Arbeitsplätze<br />

schaffen. Die Investitionen werden sich<br />

auf mindestens 16 Millionen PLN (poln.<br />

Zloty) belaufen. Die Investition soll im<br />

Dezember 2012 abgeschlossen sein.<br />

Klaus Borne, ein Hersteller von Polstermöbeln<br />

aus Barlinek, wird eine Möbelfabrik<br />

in Gorzów Wielkopolski bauen,<br />

in die er bis Ende 2015 mindestens<br />

67,5 Millionen PLN investieren will. Er<br />

hat vor, wenigstens 50 Mitarbeiter einzustellen.<br />

Guri Vital, ein Produzent aus<br />

der Pharmaindustrie, wird Nahrungsergänzungsmittel<br />

in einem neuen Werk in<br />

Kostrzyn herstellen. Das Fünf-Millionen-<br />

PLN-Projekt, wird bis Ende 2013 realisiert<br />

werden. Der Investor plant wenigstens<br />

zwölf Arbeitsplätze zu schaffen.<br />

ÖKO-STROM<br />

Berichtigungsfaktor<br />

Für eine differenziertere Förderung von<br />

Erneuerbaren Energien werden in Polen<br />

alle drei Jahre die Bedingungen geprüft.<br />

Die polnische Regierung hat vorgesehen,<br />

bei der Förderung von Öko-Strom einen<br />

so genannten »Berichtigungsfaktor“ für<br />

erneuerbare Energiequellen einzuführen.<br />

Der »Berichtigungsfaktor« wird alle drei<br />

Jahre durch den Wirtschaftsminister des<br />

Landes bestimmt werden und soll für<br />

die jeweilige erneuerbare Energiequelle<br />

fünf Jahre lang gelten. Durch diesen<br />

Korrekturfaktor soll es eine differenzierte<br />

Förderung je nach Energiequelle geben.<br />

Bei der Bestimmung des »Berichtigungsfaktors«<br />

durch den Wirtschaftsminister<br />

sollen Kriterien wie technischer Fortschritt,<br />

die Analyse der Produktionskosten<br />

für die Energie in der jeweiligen<br />

Quelle sowie die nationale Energiepolitik<br />

berücksichtigt finden.<br />

Eingeführt wird außerdem ein Mindestförderzeitraum<br />

von 15 Jahren. Damit soll<br />

das Investitionsrisiko reduziert werden,<br />

das sowohl in finanzieller als auch in<br />

gesellschaftlicher Hinsicht nicht unerheblich<br />

ist, wie von staatlicher Seite dieser<br />

administrative Schritt der Regierung<br />

begründet wird.<br />

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 39


WIRTSCHAFTSPARTNER POLEN<br />

NACHRICHTEN<br />

Biogas in Polen<br />

Gezielte Förderung<br />

Staatliche Unterstüzung bietet<br />

beste Chancen für Investitionen in<br />

landwirtschaftliche Biogasanlagen.<br />

Zur Erreichung der Klimaziele der<br />

Europäischen Union beabsichtigt die<br />

polnische Regierung, den Anteil der Erneuerbaren<br />

Energien an der Energieerzeugung<br />

von aktuell etwa fünf Prozent<br />

auf 15 Prozent bis 2020 zu erhöhen. Bis<br />

2030 liegt die Zielmarke bei 30 Prozent.<br />

Den größten Anteil bei Erneuerbaren<br />

Energien hat derzeit in Polen die Windkraft,<br />

die sich seit Jahren rasant entwickelt<br />

hat. Aktuell setzt Polens Regierung<br />

in den Gesetzesvorgaben und<br />

Förderrichtlinien auf die Entwicklung<br />

MODERN: Biogasanlage von Poldanor SA.<br />

dezentraler Energieversorgung und<br />

eröffnet so neue Chancen für Biomasse<br />

und -gas aus agrarischer Erzeugung.<br />

In Polen sind 18,5 Millionen Hektar Land<br />

landwirtschaftlich genutzt, das sind<br />

1,5 Millionen mehr als in Deutschland.<br />

Damit sind die benötigten Rohstoffe<br />

zum Betrieb von Biogasanlagen in Polen<br />

ausreichend vorhanden. Das Biomassepotenzial<br />

ermöglicht die Erzeugung<br />

von fünf Milliarden Kubikmeter Biogas.<br />

Dabei ist kalkuliert, dass vor allem<br />

Agrar-Nebenprodukte sowie Reststoffe<br />

aus Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie<br />

verwendet werden. Zudem<br />

sollen Pflanzen (inkl. Energiepflanzen)<br />

angebaut werden, die als Substrat in den<br />

Biogasanlagen dienen sollen.<br />

Erneuerbare Energien<br />

Gesetz auf drei Säulen<br />

Der Verkauf von Zertifikaten fördert auf Polens Energiemarkt die<br />

Produktion von Öko-Strom. Die Regeln dafür wurden überarbeitet.<br />

Anlässlich der Teilnahme Polens<br />

als Partnerland der BioGasWorld<br />

Messe 2012 hat die Abteilung für<br />

Handel und Investitionen der Botschaft<br />

der Republik Polen in Deutschland zusammen<br />

mit der Rechtskanzlei von Zanthier<br />

& Schulz eine neue Broschüre über<br />

die rechtlichen Rahmenbedingungen für<br />

Investoren auf dem polnischen Biogasmarkt<br />

herausgegeben. In der Broschüre<br />

werden auch Bestimmungen des Entwurfes<br />

des erneuerbaren Energiegesetzes<br />

vom Dezember 2011 in Kürze dargestellt.<br />

Anders als in Deutschland wird die<br />

Produktion von Energie aus erneuerbaren<br />

Energiequellen (EE) in Polen nicht<br />

durch eine gesetzlich festgelegte Einspeisevergütung,<br />

sondern durch ein System<br />

des Verkaufs von Zertifikaten geregelt.<br />

Den Kaufpreis müssen die polnischen<br />

Energieversorgungsunternehmen (EVU)<br />

durch eine gesetzlich festgelegte Pflicht<br />

zum Erwerb der Zertifikate bezahlen.<br />

Nach der Gesetzesnovelle von 2010,<br />

deren Regelungen teilweise erst zum<br />

01.01.2011 in Kraft getreten sind, können<br />

bei der Produktion von Biogas oder elektrischer<br />

Energie aus Biogas grundsätzlich<br />

zwei Arten von Zertifikaten generiert<br />

und verkauft werden: die grünen<br />

Zertifikate und die braunen Zertifikate.<br />

Beide Zertifikate werden nur gewährt,<br />

wenn der Strom aus einer erneuerbaren<br />

Energiequelle hergestellt wird. Wird Biogas<br />

in einer hocheffektiven Kraft-Wärme-<br />

Kopplungs-Anlage verbrannt, können<br />

die EE-Produzenten zusätzlich Zertifikate<br />

für die Produktion von Energie unter<br />

Einsparung von Primärenergie – wegen<br />

erhöhter Energieeffizienz – erhalten. Das<br />

sind die gelben und violetten Zertifikate.<br />

Aus dem derzeitigen polnischen Energiegesetz<br />

von 1997 soll nach den Plänen<br />

der Regierung das sogenannte Energieregulierungspaket<br />

entstehen, bestehend<br />

aus dem Energiegesetz, dem Gasgesetz<br />

und dem Erneuerbare-Energien-Gesetz.<br />

Durch diese Änderung sollen die derzeitigen<br />

Vorschriften des Energiegesetzes<br />

geordnet, vereinfacht, verbessert und an<br />

die Bestimmungen des EU-Rechts angepasst<br />

werden. Im Dezember 2011 wurden<br />

die drei Gesetzesentwürfe vom Wirtschaftministerium<br />

veröffentlicht. Demgemäß<br />

soll das Energieregulierungspaket<br />

am 1. Juli 2012 (und teilweise am 1. Januar<br />

2015) in Kraft treten. Aus den Bestimmungen<br />

des Entwurfes zu den<br />

Förderungsmechanismen für erneuerbare<br />

Energiequellen <strong>geht</strong> hervor, dass<br />

das Zertifikatsystem aufrechterhalten<br />

werden soll und es somit auch künftig<br />

keine feste Einspeisevergütung wie in<br />

Deutschland geben wird. Das System soll<br />

aber eine ähnliche Sicherheit wie Einspeisetarife<br />

gewähren.<br />

HERAUSGEBER<br />

Botschaft der Republik Polen<br />

Abteilung für Handel und Investitionen<br />

Leipziger Platz 2, 10117 Berlin<br />

Projektleiter: Jan Masalski, Botschaftsrat<br />

Tel.: +49 (30) 20 62 26 70<br />

info@wirtschaft-polen.de<br />

www.berlin.trade.gov.pl<br />

BIOGASANLAGE: Die polnische Firma Poldanor SA produziert Öko-Strom.<br />

40 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


BERICHT<br />

Energieeinsparung<br />

Gewinnbringender<br />

Röhrenwechsel<br />

Vom 15. bis 20. April findet in Frankfurt am Main die weltgrößte<br />

Messe für Licht und Gebäudetechnik light+building statt.<br />

Schwerpunkt ist die Energieeffizienz. Da ist noch viel drin, denn die<br />

meisten Unternehmen verpassen immer noch Energiesparchancen.<br />

Rund 500 Millionen defekte Leuchtstoffröhren<br />

werden in Europa und<br />

in den USA jedes Jahr ausgewechselt<br />

– in Lagerhalle, in Produktionsgebäuden<br />

und Werkstätten, in Büros, in Geschäften<br />

und Einkaufszentren, in Hotels<br />

oder auf Bahnhöfen. Wer die alte Röhre<br />

nur durch eine neue ersetzt – und das ist<br />

die Regel – schmeißt gewissermaßen das<br />

Geld zum Fenster raus. Denn längst gibt<br />

es Alternativen in Gestalt der LED Tube,<br />

der Röhre, die mit Licht emittierenden<br />

Dioden bestückt ist. LED Tubes sind zwar<br />

teurer als herkömmliche Leuchtstoffröhren,<br />

dafür haben sie aber entscheidende<br />

Vorteile.<br />

BEISPIELRECHNUNG<br />

Einsatz von LED Tubes in einem Gewerbebetrieb<br />

ZERTIFIZIERTER HERSTELLER<br />

Ulrike Scheerer, Geschäftsführerin der<br />

ONTOPx LED GmbH: »LED-Leuchtmittel<br />

geben bereits beim Einschalten die volle<br />

Leuchtmenge ab, enthalten – <strong>anders</strong> als<br />

die meisten Energiesparlampen – kein<br />

giftiges Quecksilber, strahlen in angenehmeren<br />

Lichttönen und leben deutlich<br />

länger bei äußerst geringem Leuchtkraftverlust.<br />

Und sie sparen im Vergleich<br />

zu herkömmlichen Leuchtstoffröhren<br />

bis zu 70 Prozent Energie.« Das mittelständische<br />

Unternehmen ONTOPx aus<br />

Eppstein im Taunus hat als erster Hersteller<br />

von LED-Leuchtmitteln sowohl die<br />

Zertifizierung durch den Technischen<br />

Überwachung-Verein als auch durch den<br />

Verband der Elektrotechnik, Elektronik,<br />

Informationstechnik erreicht.<br />

Vorhandene Leuchtstoffröhren können problemlos gegen LED Tubes<br />

ausgetauscht werden. Die Investition amortisiert sich innerhalb sehr<br />

kurzer Zeit durch Energieeinsparungen und geringeren Wartungskosten:<br />

Alte Leuchtstoffröhren* Ersatz durch LED Tubes**<br />

Anzahl der Röhren 100 Tubes 100 Tubes<br />

Einsatzzeit 300 Tage/Jahr, 12 h/Tag 300 Tage/Jahr, 12 h/Tag<br />

Stromverbrauch 24.480 kWh/Jahr 8.280 kWh/Jahr<br />

Kosten 3.672 Euro/Jahr 1.242 Euro/Jahr<br />

CO 2 -Ersparnis<br />

9,9 t/Jahr<br />

Amortisationszeit<br />

20 Monate<br />

* T8, 1.500 mm, Stromverbrauch: 68 W/h, Strompreis: 0,15 Euro/kWh, Kosten je Röhre (inkl. Austausch):<br />

10 Euro/Jahr, Lebensdauer: 714 Tage/Röhre;<br />

** T8, 1.500 mm, Stromverbrauch: 23 W/h, Strompreis: 0,15 Euro/kWh, Kosten je Röhre: 49,95 Euro,<br />

Lebensdauer: 3.571 Tage/Röhre;<br />

Quelle: ONTOPx LED GmbH, LightDec® Tubes<br />

TUBES PASSEN IN ALTE FASSUNGEN<br />

LED-Leuchtmittel gibt es aber nicht nur<br />

als Röhren, sondern auch als Spots,<br />

Decken- und Flächenstrahler, Panele und<br />

Straßenleuchten. Sie spielen ihre Vorteile<br />

am ehesten bei langen Brenndauern<br />

aus. Im Bereich der mittelständischen<br />

Unternehmen sind beispielsweise Tankstellen,<br />

Einzelhändler mit langen Öffnungszeiten,<br />

Produktionsbetriebe, Werkstätten<br />

und Hotels geradezu prädestinierte<br />

Einsatzorte.<br />

Wer die Leuchtstoffröhren gegen LED<br />

Tubes austauscht, muss nicht gleich die<br />

ganze Lampe wechseln, denn die Tubes<br />

passen in die vorhandenen Fassungen.<br />

Auf die bei Leuchtstoffröhren unabdingbaren<br />

Vorschaltgeräte kann auch verzichtet<br />

werden, was die LED Tube an<br />

Elektronik benötig, ist in die Röhre bereits<br />

integriert. Trotz der höheren Anschaffungskosten<br />

amortisieren sich LED<br />

Tubes wegen der deutliche niedrigeren<br />

Strom- und Wartungskosten und der längeren<br />

Lebensdauer oft schon nach kurzer<br />

Zeit (siehe Beispielrechnung).<br />

ANGENEHME FARBEN UND STÄRKEN<br />

Warum viele Unternehmen beim Ersatz<br />

von Leuchtstoffröhren auf die Kosteneinsparung<br />

verzichten, erklärt ONTOPx-<br />

Geschäftsführerin Scheerer mit der<br />

Macht der Gewohnheit sowie mit immer<br />

noch vorhandenen Vorurteilen gegenüber<br />

LED-Leuchtmitteln. Doch mit den<br />

lichtschwachen Funzeln der ersten Generation<br />

haben die heutigen Produkte<br />

nichts mehr zu tun. Unternehmen, die<br />

auf LED-Leuchtmittel umgerüstet haben,<br />

loben das gleichmäßige und flimmerfreie<br />

Licht, das in von den Mitarbeitern<br />

als angenehm empfundenen Farben und<br />

Stärken strahlt.<br />

Den zügigen Einsatz von LED Tubes<br />

behindert aber auch die Marktmacht der<br />

großen Leuchtmittel- und Leuchten-<br />

ULRIKE<br />

SCHERER,<br />

Geschäftsführerin<br />

der ONTOPx<br />

LED GmbH.<br />

hersteller, die am weiteren Absatz ihrer<br />

etablierten Produkte interessiert sind, ist<br />

Ulrike Scheerer überzeugt.<br />

Natürlich hat die Sache auch eine Umwelt-<br />

und Klimawirkung. Wo Energie eingespart<br />

wird, sinkt auch die Freisetzung<br />

des Klimakillers CO 2 . In Deutschland<br />

werden 15 Prozent des verbrauchten<br />

Stroms für Beleuchtung eingesetzt. Den<br />

größten Anteil daran hat die Beleuchtung<br />

in Industrie, Gewerbe, Handel und<br />

Dienstleistungseinrichtungen.<br />

Würden ineffiziente Lampen und<br />

Leuchten durch solche höherer Effizienz<br />

ersetzt und bessere Steuerungen eingesetzt<br />

werden, könnte im Jahre 2015 allein<br />

durch wirtschaftliche Maßnahmen<br />

der Stromverbrauch um rund 16 Terawattstunden<br />

niedriger sein, so das Umweltbundesamt.<br />

Wer in seinem Betrieb<br />

demnächst alte Leuchtstoffröhren durch<br />

LED Tubes ersetzen lässt, spart nicht<br />

nur Betriebskosten, sondern verbessert<br />

die Ökobilanz des Unternehmens ganz<br />

erheblich.<br />

Peter Kanne<br />

&<br />

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 41


SERIE<br />

M arken<br />

acher<br />

ärkte<br />

Zabag Anlagentechnik GmbH<br />

Sicherheit bei<br />

Toreschluss<br />

Firmengründer Michael Simon<br />

hat mit Ideen und einem starken Team<br />

die Zabag Anlagentechnik GmbH<br />

im erzgebirgischen Grünhainichen<br />

zu einem Top-Hersteller für Pforten<br />

und Umzäunungen gemacht. Sie<br />

genügen höchsten Sicherheitsanforderungen.<br />

Das sächsische Unternehmen<br />

expandiert seit Jahren kontinuierlich.<br />

Königshäuser, Botschaften und<br />

Betreiber von Kernkraftwerken zählen<br />

zu der Schar internationaler Kunden.<br />

Fotos: H. Lachmann<br />

42 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


MANGELWARE LEHRLINGE<br />

Verstärkt wurde in letzter Zeit auch die<br />

Niederlassung, die die Ostdeutschen im<br />

westfälischen Paderborn unterhalten.<br />

Hier hatte Zabag 2007 einen Mitbewerber<br />

gekauft. »Ossis übernehmen Wessis,<br />

die nun den Service für Ossis machen«,<br />

schmunzelt Simon ein wenig über den<br />

Deal, der ihm und seinem Mitgesellschafter<br />

Rico Heinrich da gelungen war.<br />

Mittlerweile beschäftigt Zabag 99 Mitarbeiter.<br />

»Längst sollten es über hundert<br />

sein«, ärgert sich Simon. »Doch finde mal<br />

einer heutzutage gutes Personal.« Im ingenieurtechnischen<br />

wie im handwerklichen<br />

Bereich – etwa Schweißer und Elektriker<br />

– fehle es an geeigneten Leuten.<br />

Lehrlinge seien rar im Erzgebirge, vor<br />

allem solche, die nicht mit Mathe und<br />

Physik auf Kriegsfuß stünden. Fünf hätte<br />

er im letzten Herbst gern genommen,<br />

nur für einen entschied er sich.<br />

Dennoch schwört der bodenständige<br />

Unternehmer, der sich seit kurzem sogar<br />

»Botschafter des Erzgebirges« nennen<br />

darf, auf die Berge wie auf seine Truppe.<br />

Sie hätten einen guten Stamm an Facharbeitern,<br />

auch dank der Industrie, die hier<br />

einst angesiedelt war – dkk Scharfen-<br />

K<br />

ann ein Eisentor, und sei es noch<br />

so fest aus edlem Stahl verschweißt,<br />

einen mittelschweren Lkw aufhalten,<br />

wenn der mit gut 40 Sachen darauf<br />

zu donnert? »Es muss halten!«, versichert<br />

Michael Simon. Zumindest wenn es das<br />

Siegel von Zabag am Pfosten kleben habe.<br />

»Wie wir das gemacht haben?« Der 53-<br />

jährige schaut zufrieden: »Wir integrierten<br />

in die Toranlage ein Stahlseil, das die<br />

tonnenschweren Aufprallkräfte dann in<br />

den Boden ableitet.« Konkret ging es<br />

um die Dubliner Niederlassung des Softwaregiganten<br />

Microsoft.<br />

Tore sind Simons Element. Dabei fasst<br />

dieses Wort eigentlich viel zu kurz angesichts<br />

der raffinierten Zugangsanlagen,<br />

Drehkreuze und Schrankensysteme, die<br />

er mit seinem Team plant, projektiert<br />

und fertigt. Die Konstruktionen aus<br />

Grünhainichen schützen heute Botschaften,<br />

internationale Flughäfen, Atomkraftwerke,<br />

Gefängnisse und forensische<br />

Anstalten. Wahlweise bestücken die<br />

Sachsen die Hightech-Pforten auch mit<br />

elektronischen Schleusen, Lichtschranken<br />

oder Einrichtungen, die das Kennzeichen<br />

jedes passierenden Fahrzeuges<br />

erfassen. In Zeiten von weltweitem Terror<br />

lasse sich praktisch jeder noch so unbescheidene<br />

Sicherheitswunsch erfüllen,<br />

versichert Simon. Größte Herausforderung<br />

sei bisher eine Atomwiederaufbereitungsanlage<br />

in Bayern gewesen.<br />

US-BOTSCHAFT UND ANDERE KUNDEN<br />

Nahezu jede ihrer Anlagen ist ein Unikat.<br />

»Bei uns gibt es nichts von der Stange,<br />

wir arbeiten auftragsbezogen«, sagt der<br />

Maschinenbauingenieur, der längst auch<br />

Profi für Lasertechnik und IT-Finessen<br />

ist. »Unsere Stärke besteht darin, dass wir<br />

sehr individuell arbeiten können.« Darum<br />

bezögen die Kunden sie bereits früh<br />

in die Planung ein; dann seien sie bis zur<br />

Endmontage vor Ort unverzichtbar.<br />

Kunden hat Zabag weltweit, von England<br />

bis Indien, von Skandinavien bis<br />

Afrika. In Schweden und Finnland umfriedeten<br />

sie zuletzt vier Kernkraftwerke,<br />

in Stockholm die US-Botschaft, in Delhi<br />

die der Bundesrepublik, am Frankfurter<br />

Airport das Terminal 3. Voriges Jahr ließ<br />

sich sogar das saudische Königshaus im<br />

Erzgebirge zwei Teleskop-Schiebetore<br />

maßschneidern. Zabag arbeitet für Siemens,<br />

Daimler, Bosch. »Alles überaus kritische<br />

Kunden«, sinniert Simon respektvoll.<br />

Wenn dort mal ein Defekt in der<br />

Zugangssicherung auftrete, müsse man<br />

in vier, fünf Stunden vor Ort sein, bei Gefängnissen<br />

sogar nach drei.<br />

Simon hat das Unternehmen von Null<br />

aufgebaut. Das Firmenkürzel Zabag steht<br />

heute für Zugangsanlagenbau. Einst lei-<br />

tete sich das von Zaunbau Grünhainichen<br />

ab. Michael Simon begann seine<br />

Karriere ähnlich wie Bill Gates: In einer<br />

Garage fertigte er mit zwei Partnern Zäune<br />

für Eigenheime und Sportplätze. Vorher<br />

waren sie in der ostdeutschen Motorradschmiede<br />

MZ Zschopau tätig. Doch<br />

als die Entlassung drohte, suchten sie<br />

ihr Heil in der Selbstständigkeit. 1990<br />

war das. Seither <strong>geht</strong> es steil bergauf.<br />

»Zäune machen wir seit 1999 nicht<br />

mehr«, berichtet Simon, der Hauptgeschäftsführer.<br />

Dass sie tief im Erzgebirge,<br />

quasi »hinter den sieben Bergen« liegen,<br />

wie er es lächelnd nennt, sieht er dabei<br />

als Vorteil. So haben sie sich »unbeobachtet<br />

von der Konkurrenz« entwickeln können.<br />

Sie bauten neu, erweiterten mehrfach<br />

das Werk, investierten Millionen.<br />

Heute sind sie eine Top-Adresse im verschwiegenen<br />

Metier. »Wir spielen in einer<br />

Liga, wo man empfohlen wird, wo<br />

SCHRANKEN-SPEZI: Zabag-Chef Michael<br />

Simon verkauft Spezialtechnik weltweit.<br />

Kunden auf einen zukommen«, so der<br />

Manager, der sich auch ein passables<br />

Englisch zugelegt hat. Vor allem der Auslandsmarkt<br />

wachse extrem: »Im Januar<br />

haben wir nur für Schweden gearbeitet,<br />

den Februar über für die Schweiz.«<br />

2011 wuchs der Auftragseingang um<br />

60 Prozent gegenüber dem Vorjahr, womit<br />

zwangsläufig auch die Wartezeiten<br />

für die Kunden zunahmen. Simon stellte<br />

letztes Jahr zehn neue Leute ein, setzte<br />

sieben Millionen Euro um. Bisher wurden<br />

die Aufträge auf einer gut 4.000 Quadratmeter<br />

großen Fläche realisiert, nahe<br />

dem Wasserwerk in Grünhainichen.<br />

Doch mittlerweile reichen diese Kapazitäten<br />

weder vorn noch hinten. So eröffnete<br />

vor gut einem Jahr im osterzgebirgischen<br />

Rechenberg-Bienenmühle<br />

eine zweite Produktionsstätte. Zabag<br />

übernahm hier mehrere Produktionshallen<br />

sowie einen umfangreichen Maschinenpark<br />

von der einstigen Niederlassung<br />

eines amerikanischen Unternehmens,<br />

das Baugruppen für Bagger produziert<br />

hatte. Nunmehr entstehen auch hier<br />

SERIE<br />

Schiebe- und Standardtore aus Stahl, Aluminium<br />

und Edelstahl. Mithin konnte<br />

das sächsische Unternehmen seine Fertigungsmöglichkeiten<br />

vor allem in den<br />

Bereichen Metall- und Blechbearbeitung<br />

erweitern. Überdies verfüge die Firma in<br />

Rechenberg-Bienenmühle nun auch über<br />

Platz, sehr große Toranlagen zu fertigen,<br />

freut sich Simon. Daneben will der Firmenchef<br />

zudem eine Lohnfertigung für<br />

andere Firmen aufnehmen.<br />

stein oder der Spinnereimaschinenbau<br />

in Flöha. Seit 1995 bildete Zabag gut 25<br />

Lehrlinge aus.<br />

Auch Simons Tochter und Sohn arbeiten<br />

bereits im Unternehmen. Aber nicht<br />

gleich im Management. »Sie sollen selbst<br />

erfahren, wie schwer der Mond ist«, beschreibt<br />

es der Vater. Es hätte ihn gestört,<br />

wenn sie gleich oben eingestiegen wären,<br />

ohne sich bei der altgedienten Belegschaft<br />

erste Sporen erarbeitet zu haben.<br />

Das Bild mit dem Mond kommt dabei<br />

nicht von ungefähr. Nachdem Michael Simon<br />

früher ein leidenschaftlicher Karnevalist<br />

war, legt er nunmehr eine tiefe<br />

philosophische Ader in sich frei. Ja, es sei<br />

schon irgendwie auch die Suche nach<br />

dem Sinn des Lebens, räumt er ein. Er<br />

macht sich Gedanken, was die Welt in<br />

ihrem Innersten zusammenhält, wofür<br />

es zu streiten, wofür es zu leiden lohnt.<br />

Und er wirkt, als sei er hierbei ziemlich<br />

im Reinen mit sich.<br />

Harald Lachmann<br />

&<br />

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 43


W&M-SERVICE<br />

DAS<br />

THEMA<br />

GRÜNDER<br />

Staat reduziert<br />

Zuschüsse<br />

Der Gründungszuschuss fördert<br />

Arbeitslose beim Start<br />

in die Selbständigkeit. Doch<br />

nun gibt es weniger Geld.<br />

Es ist eine Gesetzmäßigkeit:<br />

Verharrt die Arbeitslosigkeit<br />

auf hohem Niveau, versucht der<br />

Staat Arbeitslose mit Zuschüssen<br />

aller Art und Lobpreisungen<br />

von Eigeninitiative und Unternehmergeist<br />

in die Selbständigkeit<br />

zu locken. Brummt die<br />

Wirtschaft hingegen, werden<br />

die Förderprogramme radikal<br />

zusammengestrichen. Dann sollen<br />

Arbeitslose gefälligst die<br />

freien Stellen in der Wirtschaft<br />

abdecken. So geschah es auch<br />

zu Beginn dieses Jahres. Statt<br />

1,9 Milliarden Euro stehen nun<br />

nur noch eine Milliarde Euro an<br />

Haushaltsmitteln zur Verfügung.<br />

Die wichtigsten Änderungen<br />

benennt Dr. Andreas Lutz,<br />

Fachautor des Ratgebers »Gründungszuschuss<br />

und Einstiegsgeld«<br />

(Linde Verlag, 4. akt. Auflage<br />

2011, 216 Seiten, 19,90<br />

Euro): »Man muss den Gründungszuschuss<br />

zwei Monate<br />

früher beantragen. Die Grundförderung<br />

(Arbeitslosengeld I<br />

plus 300 Euro) fließt sechs statt<br />

bisher neun Monate. Zudem bekommt<br />

nicht mehr jeder den<br />

Zuschuss: Die Vergabe erfolgt<br />

nach Ermessen im Rahmen der<br />

deutlich gekürzten Budgets.<br />

Man muss sich also mehr Mühe<br />

bei der Antragstellung geben<br />

als bisher.« Aus der Sicht des<br />

Gründungsexperten Lutz ein<br />

Ärgernis, denn Experten haben<br />

dem Förderinstrument<br />

hinsichtlich seiner Effizienz eigentlich<br />

ein gutes Zeugnis ausgestellt.<br />

Lutz: »Weniger als zehn<br />

Prozent der Geförderten<br />

werden wieder arbeitslos, rund<br />

70 Prozent bleiben hauptberuflich<br />

selbständig.« Und die<br />

Gehälter, betont Lutz, liegen einige<br />

Jahre nach der Förderung<br />

im Durschschnitt deutlich über<br />

dem Verdienst anderer ehemals<br />

Arbeitsloser.<br />

MOBBING<br />

Mehr als nur<br />

ein Streit<br />

Nicht jeder Zwist im Unternehmen<br />

erfüllt den Tatbestand<br />

des Mobbings, so<br />

ein aktuelles Urteil.<br />

Um einen solchen Streit als<br />

Mobbing zu qualifizieren,<br />

muss es zu gezielten Beleidigungen,<br />

Einschüchterungsversuchen<br />

oder Erniedrigungen<br />

kommen. Länger andauernder<br />

Zwist erfüllt nicht<br />

automatisch die Voraussetzungen<br />

für das so genannte<br />

Mobbing im Unternehmen.<br />

Dazu gehöre die Schaffung<br />

eines feindlichen Umfeldes,<br />

so das Landesarbeitsgericht<br />

Hamm in einem Urteil (Az. 11<br />

Sa 722/10).<br />

Geklagt hatte ein Oberarzt<br />

gegen seinen früheren Chef.<br />

Von diesem fühlte er sich schikaniert<br />

und wollte Einkommenseinbußen<br />

aufgrund<br />

einer notwendig gewordenen<br />

ärztlichen Behandlung ausgeglichen<br />

sehen.<br />

Die Richter jedoch waren<br />

überzeugt, dass der Beklagte<br />

die Grenzen eines sozial- und<br />

rechtsadäquaten Verhaltens<br />

in typischen beruflichen Konfliktsituationen<br />

nicht überschritten<br />

habe.<br />

IM UNTERNEHMEN<br />

HOTEL<br />

Aufzug in die<br />

Katastrophe<br />

Eine fehlerhaft programmierte<br />

Aufzugsanlage verursachte<br />

bei drei Hotelgästen<br />

schwere Verletzungen.<br />

Ein Generalunternehmer war<br />

mit dem Umbau eines historischen<br />

Gebäudes zu einem Hotel<br />

beauftragt. Er ließ durch<br />

einen Subunternehmer eine<br />

Aufzugsanlage einbauen.<br />

2006 trat ein Schaden auf, bei<br />

dem aus den Rohrleitungen<br />

der Fernwärmeanlage im Untergeschoss<br />

massiv Heißwasser<br />

austrat. Der Wasserdampf<br />

löste Brandalarm aus. Darauf<br />

fuhr der Aufzug automatisch<br />

ins Erdgeschoss und blieb<br />

dort mit offener Tür stehen.<br />

Drei Hotelgäste stiegen ein.<br />

Statt ins Obergeschoss fuhr<br />

der Aufzug wegen eines erneuten<br />

Alarms aber ins Untergeschoss.<br />

Dort öffnete sich die<br />

Tür und das eindringende<br />

Heißwasser fügte den Hotelgästen<br />

schwere Verbrennungen<br />

zu. Dafür haftet nun der<br />

Generalunternehmer. Seine<br />

Werkleistung sei mangelhaft,<br />

weil die Aufzugssteuerung<br />

nicht fachgerecht programmiert<br />

war (OLG Hamm, Az. I-<br />

21 U 167/10).<br />

VERKEHRSZENTRALREGISTER<br />

Fast neun Millionen Sünder<br />

Verkehrsminister Peter Ramsauer will die Verkehrssünderkartei<br />

reformieren. Ein Vorhaben, dass eine große Zahl der Bundesbürger<br />

betrifft. Immerhin haben fast neun Millionen Autofahrer<br />

Punkte in Flensburg gesammelt.<br />

Im VZR registrierte Personen am 1. Januar 2011 8.995.000<br />

Im Jahr 2010 registrierte Zuwiderhandlungen<br />

Straftaten 273.000<br />

Ordnungswidrigkeiten 4.383.000<br />

Drogenverstöße 175.000<br />

Unfallflucht 36.000<br />

Quelle: Kraftfahrt-Bundesamt<br />

URTEIL AKTUELL<br />

Der Fall und DIE FOLGEN<br />

Haftung für<br />

Geldautomaten<br />

DER FALL: Ein Kunde erhielt<br />

eine Kreditkarte. Für diese<br />

war der Höchstbetrag für<br />

Bargeldauszahlungen auf 1.000<br />

Euro pro Tag begrenzt. Einen<br />

Verlust der Karte musste der<br />

Kunde unverzüglich melden.<br />

Bis zum Eingang dieser Verlustmeldung<br />

sollte er nur bis zu einem<br />

Höchstbetrag von 50 Euro<br />

haften. Nun kam es von seinem<br />

Konto zu sechs Abhebungen zu<br />

je 500 Euro, wobei die persönliche<br />

Identifikationsnummer<br />

(PIN) verwendet wurde. Der Beklagte<br />

widersprach den Abbuchungen<br />

und kündigte den<br />

Kreditkartenvertrag. Die Bank<br />

hingegen verlangte den Abbuchungsbetrag<br />

zurück und<br />

argumentierte, der Beklagte<br />

habe die Geheimhaltungspflicht<br />

seiner PIN verletzt.<br />

DAS URTEIL: Zunächst bekam<br />

die Bank in zwei Instanzen<br />

Recht. Sie beriefen sich auf<br />

die Rechtsprechung des BGH,<br />

wonach bei einer Verwendung<br />

der Originalkarte der Beweis<br />

des ersten Anscheins dafür<br />

spreche, dass der Kunde seine<br />

Sorgfaltspflichten vernachlässigt<br />

habe. Der BGH (Az. XI ZR<br />

370/10) stellte aber nun klar,<br />

dies gelte nur bei der Verwendung<br />

der Orginalkarte, nicht<br />

bei einer von Betrügern erstellten<br />

Kartenkopie. Im übrigen<br />

gelte die Haftungsbegrenzung<br />

für den Kunden auf 50 Euro<br />

auch bei schuldhafter Verletzung<br />

seiner Sorgfaltspflichten.<br />

Außerdem sei die maximale<br />

Abhebungsgrenze von 1.000<br />

Euro einzuhalten gewesen.<br />

DIE FOLGEN: Die Banken<br />

müssen nun beweisen, dass die<br />

Orginalkarte eingesetzt wurde.<br />

Dies dürfte schwer fallen. Kunden<br />

werden einwenden, ihre<br />

Karte sei gestohlen und die<br />

Daten für eine Kopie ausgelesen<br />

worden. Außerdem müssen<br />

Banken dafür sorgen, dass<br />

Abhebungsgrenzen in jedem<br />

Fall eingehalten werden.<br />

44 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


W&M-SERVICE<br />

URLAUB<br />

Alkohol sorgt<br />

für Ärger<br />

Eigener Alkohol an Bord<br />

eines Kreuzfahrtschiffes<br />

wird von den Reedereien<br />

nicht gern gesehen.<br />

Ein Reisender wollte zwei Flaschen<br />

Whiskey mit an Bord eines<br />

Kreuzfahrtschiffs nehmen.<br />

Doch die Reederei lehnte ab.<br />

Schließlich gäbe es ja auch<br />

eine Bordbar. Als er sich weigerte,<br />

die Flaschen abzugeben,<br />

wurde er des Schiffes verwiesen.<br />

Das Amtsgericht Frankfurt<br />

(Az. 385 C 2455/10) zeigte dafür<br />

kein Verständnis. Unter anderem<br />

musste die Reederei Schadenersatz<br />

für die entgangenen<br />

Urlaubsfreuden und die Erstattung<br />

der Kosten für den Rückflug<br />

leisten. Der Verweis wäre<br />

nur dann gerechtfertigt gewesen,<br />

wenn das Verhalten des<br />

Mannes Auswirkungen auf<br />

Schiff, Besatzung oder Passagiere<br />

gehabt hätte. Doch eine<br />

solche Gefahr gehe von zwei<br />

Flaschen Whiskey nicht aus<br />

und der Mann sei auch nicht<br />

angetrunken gewesen.<br />

DIE MEINUNG DES EXPERTEN<br />

Rund neun Millionen Deutsche teilen ein<br />

gemeinsames Schicksal: Ihre Verkehrssünden<br />

sind im so genannten Verkehrszentralregister<br />

erfasst. Bei 52 Millionen Führerscheininhabern<br />

ein hoher Anteil. Frauen – so die Zahlen, die für<br />

2010 veröffentlicht wurden – sind davon weit<br />

weniger betroffen. Lediglich 22 Prozent der<br />

registrierten Sünder sind weiblichen Geschlechts.<br />

Insgesamt wurden 47 Millionen<br />

Punkte angehäuft. 5.000 Fahrverbote werden<br />

pro Jahr ausgesprochen. Künftig werden es<br />

jährlich 500 Führerscheinentzüge mehr sein,<br />

prognostiziert das Bundesverkehrsministerium,<br />

das die Flensburger Kartei grundlegend<br />

reformieren will. Statt des bisher differenzierten<br />

Systems von einem bis sieben Punkten gibt<br />

es künftig nur noch einen Punkt für schwere<br />

RECHT IM ALLTAG<br />

FREIZEIT<br />

Augen auf<br />

beim Dauerlauf<br />

Erst von einem Schwan attackiert,<br />

dann über ein Erdloch<br />

gestolpert – ein Jogger<br />

wurde vom Pech verfolgt.<br />

Zumindest für den Sturz wollte<br />

er die Gemeinde haftbar machen.<br />

Doch auch hier hatte er,<br />

in Ahnlehnung an die alte Fußballerweisheit,<br />

»erst kein<br />

Glück und dann kam auch<br />

noch Pech dazu«. Der Jogger<br />

war auf dem Moseluferweg gelaufen.<br />

Dort musste er einem<br />

wild gewordenen Schwan ausweichen.<br />

Dabei stolperte er am<br />

Rand des Weges über ein Loch<br />

im Asphalt. Die Unebenheit<br />

hielt er der Gemeinde als Verletzung<br />

des Verkehrssicherungspflicht<br />

vor. Doch das OLG<br />

Koblenz (Az. 5 U 196/11) ließ<br />

ihn <strong>anders</strong> als die Vorinstanz<br />

abblitzen. Unebenheiten seien<br />

bei einem Uferweg immer einzukalkulieren.<br />

Auch wenn er<br />

vor einem brünftigen Schwan<br />

fliehen müsse, habe der Jogger<br />

den Zustand des Weges im<br />

Auge zu behalten.<br />

Künftig jährlich 500 Fahrverbote mehr<br />

AUTOKAUF<br />

Vorführwagen<br />

kann neu sein<br />

Auch bei Vorführwagen<br />

kann eine Verpflichtung zur<br />

Angabe des Spritverbrauchs<br />

in der Werbung bestehen.<br />

In der Werbung für Neuwagen<br />

müssen laut Pkw-Energieverbrauchskennzeichnungsverordnung<br />

Angaben zum Kraftstoffverbrauch<br />

des angebotenen<br />

Fahrzeugs gemacht werden.<br />

Gilt dies auch für einen<br />

Vorführwagen, der bereits 500<br />

Kilometer gefahren war? Der<br />

BGH (Az. I ZR 190/10) entschied:<br />

»Bietet ein Händler ein<br />

Fahrzeug mit einer geringen<br />

Kilometerleistung (bis 1.000<br />

Kilometer) an, ist davon auszugehen,<br />

dass er dieses Fahrzeugs<br />

zum Zwecke des Weiterverkaufs<br />

erworben hat. Damit<br />

habe der Vorführwagen Neuwageneigenschaften,<br />

wie sie in<br />

der auf EU-Recht basierenden<br />

Verordnung definiert sind. Erst<br />

bei höherer Laufleistung ist<br />

davon auszugehen, dass der<br />

Wagen auch der Eigennutzung<br />

des Händlers diene.<br />

Von MATTHIAS SALM,<br />

Wirtschaftsjournalist, Berlin<br />

und zwei Punkte für sehr schwere Verstöße.<br />

Führerscheinentzug droht schon bei acht statt<br />

bisher 18 Punkten. Nicht sicherheitsrelevante<br />

Verstöße wie das unerlaubte Einfahren in Umweltzonen<br />

sollen künftig nicht mehr erfasst<br />

werden. Ein Punkteabbau durch Nachschulungen<br />

entfällt, dafür verjähren die Punkte nun.<br />

Das leidige Weiterleben des angehäuften Punktebestands<br />

bei neuen Verstößen wird abgeschafft<br />

– dies ist die vermutlich beste Nachricht.<br />

Die Kritik, dass unterschiedliche<br />

Verkehrsverstöße nun gleich bewertet werden,<br />

kontert das Bundesverkehrsministerium mit<br />

einschlägigen Studien, denen zufolge die Anzahl<br />

der Eintragungen der beste Indikator für<br />

ein erhöhtes Verkehrsrisiko seien, nicht die<br />

Zahl der Punkte oder die Art der Verstöße.<br />

➔<br />

Recht KOMPAKT<br />

GASTRONOMIE<br />

Besser aufpassen<br />

Heißer Kaffee auf der Hose – in<br />

anderen Teilen der Erde gibt es in<br />

solchen Fällen vor Gericht reichlich<br />

Schadenersatz.<br />

In Deutschland gilt hingegen meist<br />

die Devise: selber aufpassen. So<br />

auch im Fall einer Kundin, die am<br />

Drive-in eines Fast-Food-Restaurants<br />

einen Kaffee orderte. Der landete<br />

brühheiß auf ihren Beinen. Schmerzensgeld<br />

gab es dennoch nicht. Die<br />

Richter am LG München I (Az. 30 S<br />

3668/ 11) befanden, dass die<br />

Kundin auch bei einem vom Mitarbeiter<br />

unsachgemäß aufgebrachten<br />

Plastikdeckel auf dem Pappbecher<br />

für die Abwendung von Gefahren in<br />

erster Linie eigenverantwortlich sei.<br />

STREIKBRECHER<br />

Ohne Erlaubnis<br />

Für den Einsatz von Streikbrechern<br />

muss der Arbeitgeber keine Erlaubnis<br />

vom Betriebsrat des betroffenen<br />

Betriebs einholen.<br />

Dies wäre nach Ansicht des Bundesarbeitsgerichts<br />

(Az. 1 ABR 2/10) eine<br />

ernsthafte Beeinträchtigung der Arbeitskampffreiheit.<br />

Eine rechtzeitige<br />

Information des Betriebsrates muss<br />

allerdings erfolgen.<br />

VERSETZUNG<br />

Unerwünschter Flirt<br />

Ein Bankmitarbeiter stellte einer<br />

Kundin nach. Den Missbrauch der<br />

Kundendaten sankitionierte die<br />

Bank mit einer Versetzung.<br />

Dafür bekam die Bank allerdings vor<br />

dem Landesarbeitsgericht Rheinland-<br />

Pfalz (Az. 10 Sa 329/11) einen Rüffel.<br />

Der Mitarbeiter hatte sich aus<br />

den Kundendaten die Handynummer<br />

einer Kundin besorgt und dieser per<br />

SMS Avancen gemacht. Es war nicht<br />

der erste Versuch des verheirateten<br />

Mannes, mit der Kundin anzubandeln.<br />

Die fühlte sich allerdings von<br />

dem liebestollen Bankberater belästigt<br />

und beschwerte sich bei der<br />

Bank, die den Mitarbeiter umgehend<br />

zwangsversetzte. Die Versetzung traf<br />

den Mitarbeiter auch finanziell, da die<br />

neue Stelle mit gut 300 Euro weniger<br />

dotiert war. Zu drastisch sei die Reaktion<br />

ausgefallen, urteilten die Richter.<br />

Erst hätte eine Abmahnung erfolgen<br />

müssen. Der Missbrauch der Kundendaten<br />

zur privaten Kontaktaufnahme<br />

stellte aus der Sicht der Arbeitsrichter<br />

kein besonders schweres Fehlverhalten<br />

dar.<br />

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 45


W&M-SERVICE<br />

DAS<br />

THEMA<br />

INTERVIEW<br />

ZUKUNFTSTRENDS<br />

Umweltkosten<br />

werden steigen<br />

Zehn große Zukunftstrends<br />

werden das Wachstum aller<br />

Unternehmen weltweit beeinflussen,<br />

meldet KPMG.<br />

Als die relevanten Faktoren in<br />

den nächsten 20 Jahren identifiziert<br />

die Unternehmensberatung:<br />

Klimawandel, Energie<br />

und Treibstoff, materielle<br />

Ressourcenknappheit, Wasserknappheit,<br />

Bevölkerungswachstum,<br />

Wohlstand, Urbanisierung,<br />

Ernährungssicherheit,<br />

Verfall der Ökosysteme<br />

sowie Entwaldung.<br />

In Summe müssten sich Unternehmen<br />

vor allem auf steigende<br />

Umweltkosten einstellen,<br />

resümiert die Studie. Ressourcenknappheit,<br />

Klimawandel<br />

und das Wachstum in den<br />

Schwellenländern übten auf<br />

Länder und Gesellschaft einen<br />

immer größeren Druck aus.<br />

Die Folgen seien steigende<br />

Kosten für die Wirtschaft.<br />

Nach Angaben von KPMG-Geschäftsführer<br />

Peter Ertl sind<br />

die externen Umweltkosten in<br />

elf Hauptindustriesektoren<br />

seit 2002 um 50 Prozent gestiegen.<br />

Nur: In Geschäftsberichten<br />

tauchten die Kosten meist<br />

nicht auf, weil sie oft monetär<br />

nicht zuzuordnen seien. Müssten<br />

Industriefirmen die Umweltkosten<br />

mit einbeziehen,<br />

verringerte sich ihr Gewinn<br />

auf Basis 2010 im Durchschnitt<br />

und in US-Dollar um 41 Cent.<br />

Auf eine entsprechende Berichtspflicht<br />

sollten sich Unternehmen<br />

nach KPMG-Meinung<br />

jedoch einstellen.<br />

Chance der Entwicklung sei:<br />

Wer ein strategisches Nachhaltigkeitsmanagement<br />

betreibe,<br />

erarbeite sich einen Wettbewerbsvorteil.<br />

In Deutschland<br />

dokumentieren mittlerweile<br />

73 Prozent der Dax-und MDax-<br />

Unternehmen ihre Bemühungen<br />

um Nachhaltigkeit mit<br />

einem eigenen Bericht. Mehr<br />

zur Studie der KPMG unter:<br />

www.kpmg.com<br />

AUTOMOBIL<br />

Technologien<br />

als Motor<br />

Der internationale Automobilmarkt<br />

soll 2012 um<br />

vier Prozent wachsen.<br />

Das wird nicht einfach.<br />

Schon jetzt machen deutsche<br />

Automarken 20 Prozent der<br />

weltweit verkauften Fahrzeuge<br />

aus, so der Verband der Automobilindustrie<br />

(VDA). Nachdem<br />

deutsche Autobauer am<br />

Jahresanfang schon die Millionen-Marke<br />

beim Absatz in<br />

den USA geknackt hätten, erwartet<br />

VDA-Präsident Matthias<br />

Wissmann für das laufende<br />

Jahr auf dem US-Markt<br />

weiteres Wachstum – weltweit<br />

sogar vier Prozent. Allerdings<br />

werde das »ein sehr hartes<br />

Arbeitsjahr«. Mehr als 20<br />

Milliarden Euro habe die Automobilindustrie<br />

in den letzten<br />

Jahren in Forschung und<br />

Entwicklung investiert. Das<br />

zahle sich jetzt aus. Davon<br />

profitieren auch die Zulieferer:<br />

Die Analysten der equinet<br />

Bank raten zum Kauf der Kabelspezialisten<br />

Leoni (WKN<br />

540 888) mit einem Kursziel<br />

von 41 Euro. Die Nürnberger<br />

meldeten starke Q4-Zahlen.<br />

AKTIENMARKT<br />

MASCHINENBAU<br />

Positiver Blick<br />

in die Zukunft<br />

Die Maschinenbauer haben<br />

von einem starken<br />

Jahr 2011 profitiert und<br />

genießen gute Aussichten.<br />

Mit bis zu fünf Prozent<br />

Wachstum rechnet der Verband<br />

Deutscher Maschinenund<br />

Anlagenbau (VDMA)<br />

2012. Vor allem im Bereich<br />

Bau- und Baustoffmaschinenbauer,<br />

Holzverarbeitungsmaschinen,<br />

Kunststoff- und<br />

Gummimaschinen sowie<br />

Werkzeugmaschinen seien<br />

die Hersteller optimistisch.<br />

Im vergangenen Jahr boomte<br />

die deutsche Maschinenbau-<br />

Branche geradezu und legte<br />

um satte zehn Prozent zu. Als<br />

stabile Abnehmer deutscher<br />

Maschinen hätten sich Länder<br />

wie China, Russland oder Brasilien<br />

erwiesen. Mit »kaufen«<br />

empfehlen die Experten von<br />

Close Brother Seydler den General-Standard-Wert<br />

von<br />

M.A.X. Automation (WKN 658<br />

090). Der Konzern sei auf Umwelttechnik<br />

und Industrieautomation<br />

fokussiert und sehe<br />

dort nach eigenen Angaben<br />

noch Wachstumspotenzial.<br />

DAX BÖRSENSTARS<br />

+<br />

WKN 519000 BMW + 26,20%<br />

WKN 716460 SAP + 24,51%<br />

WKN A1EWWW Adidas + 23,59%<br />

WKN 766403 Volkswagen + 22,31%<br />

WKN 648300 Linde + 20,84%<br />

BMW: Der Autobauer legte im Jahr 2011 das beste Ergebnis seiner Unternehmensgeschichte<br />

hin. Zudem wollen die Münchner den Rekordkurs in diesem Jahr halten<br />

Kurs-Performance 1 Jahr; Schluss: 12.03.2012<br />

DAX BÖRSENFLOPS<br />

–<br />

WKN 803200 Commerzbank - 61,31%<br />

WKN 725750 Metro - 44,80%<br />

WKN 823212 Deutsche Lufthansa - 34,28%<br />

WKN KSAG88 K+S - 33,47%<br />

WKN 750000 ThyssenKrupp - 31,04%<br />

Commerzbank: Die jüngste Kapitalerhöhung konnte dem Papier keinen weiteren<br />

Schwung geben. Nach der Januar-Kursrally scheinen Anleger zunächst noch abzuwarten.<br />

Kurs-Performance 1 Jahr; Schluss: 12.03.2012<br />

Quelle: W&M, ohne Gewähr<br />

HANS JOACHIM<br />

REINKE<br />

Vorstandsvors.<br />

Union Investment<br />

zur Finanztransaktionssteuer<br />

Privatanleger zahlen<br />

W&M: Herr Reinke, warum wehrt<br />

sich die Fondsbranche gegen eine<br />

Finanztransaktionssteuer?<br />

REINKE: Wir lehnen die FTT<br />

nicht grundsätzlich ab. Doch<br />

wenn auch Investmentfonds<br />

belastet würden, träfe es vor<br />

allem private Vorsorgesparer.<br />

Die Zeche sollen also diejenigen<br />

zahlen, die nun wirklich<br />

nicht die Verursacher der<br />

Finanzkrise sind und sowieso<br />

schon über Rettungsschirme<br />

zur Kasse gebeten werden.<br />

Fondssparer würden zudem<br />

gleich mehrfach besteuert:<br />

Beim Kauf und Verkauf von Anteilsscheinen<br />

und bei Transaktionen<br />

innerhalb des Fonds.<br />

W&M: Wie stark würde die private<br />

Rente leiden?<br />

REINKE: Wenn sich das Konzept<br />

der EU-Kommission<br />

durchsetzt, erhalten private<br />

Fonds-Sparer, zum Beispiel bei<br />

einer Riester-Rente, eine signifikant<br />

niedrigere Rentenzahlung.<br />

Bei einem Vertrag mit<br />

40 Jahren Laufzeit und 100 Euro<br />

monatlicher Sparleistung<br />

drückt die Steuer die Auszahlung<br />

im Alter um mehr als<br />

14.000 Euro.<br />

W&M: Wird die Finanzindustrie<br />

auch zur Kasse gebeten?<br />

REINKE: Finanzhäuser würden<br />

durch die FTT keinen nennenswerten<br />

Beitrag zur Bewältigung<br />

der Finanzkrise leisten<br />

müssen. Betroffen wäre für sie<br />

nur der Eigenhandel. Denn die<br />

Besteuerung der Kundengelder<br />

dürften sie an die Kunden weiterreichen.<br />

W&M: Wann kommt die FTT?<br />

REINKE: Geplant ist aktuell<br />

Anfang 2014. Allerdings werden<br />

derzeit unterschiedliche<br />

Konzepte diskutiert. Da Steuerangelegenheiten<br />

in der EU im<br />

Einstimmigkeitsprinzip entschieden<br />

werden müssen, wird<br />

eine Einigung der Staaten<br />

noch dauern.<br />

46 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


W&M-SERVICE<br />

Foto: BHW Bausparkasse<br />

WARBURG<br />

Nebenwerte<br />

nach vorn<br />

Ein von Warburg Invest aufgelegter<br />

neuer Fonds will<br />

die Ertragschancen deutscher<br />

Nebenwerte nutzen.<br />

Laut Anbieter setze der »Warburg<br />

– D – Fonds Small&Mid-<br />

Caps Deutschland« auf die<br />

ertrags- und eigenkapitalstärksten<br />

Small- und Mid-Caps<br />

Deutschlands. Sie verzeichneten<br />

nicht nur eine höhere Rendite<br />

gegenüber Large-Caps,<br />

sondern sie böten auch mehr<br />

Investitionsmöglichkeiten,<br />

weil Nebenwerte den größten<br />

Teil deutscher börsennotierter<br />

Unternehmen stellen. Ein hoher<br />

Spezialisierungsgrad sowie<br />

eine langfristige Unternehmensstrategie<br />

sorgten zudem<br />

häufig für eine führende<br />

Marktstellung. Das Produkt<br />

verfolgt laut Warburg Invest<br />

einen Bottom-Up-Ansatz und<br />

verzichtet auf eine Gewichtung<br />

der Aktien nach Sektor<br />

oder Benchmark.<br />

WKN: A0LGSG<br />

GELD & ANLAGE<br />

DEKA<br />

Nachhaltigkeit<br />

steht im Fokus<br />

Die Deka-Bank hat drei<br />

Fonds aufgelegt, die Nachhaltigkeit<br />

und Rendite miteinander<br />

vereinen sollen.<br />

Die neue Produktreihe »Deka-<br />

Nachhaltigkeit« enthält<br />

nach Anbieterangaben drei<br />

Ausführungen: einen Aktienfonds,<br />

einen Rentenfonds sowie<br />

einen Mischfonds. Die<br />

Fondsstrategie verbinde dabei<br />

Nachhaltigkeits- mit klassischen<br />

Anlagekriterien. Nachhaltigkeit<br />

aber entscheidet die<br />

Auswahl: So würden Unternehmen<br />

ausgeschlossen, die gegen<br />

definierte Nachhaltigkeitskriterien<br />

verstoßen. Aus den<br />

verbliebenen Papieren wähle<br />

das Management die besten<br />

ihrer Klasse aus. Damit werde<br />

der Fonds Anlegern gerecht,<br />

die verstärkten Wert auf eine<br />

nachhaltige Lebensweise<br />

legen.<br />

WKN: Nachh. Aktien: DK1A47<br />

WKN Nachh. Renten: DK1A48<br />

WKN Nachh. Balance: DK1A49<br />

FIDELITY<br />

Langfristige<br />

Dividende<br />

Die Investmentgesellschaft<br />

Fidelity setzt auf einen<br />

neuen Dividendenfonds<br />

mit Inflationsschutz.<br />

Investieren will der »Global<br />

Dividend Fund« nach Aussage<br />

des Anbieters in Unternehmen<br />

mit soliden Geschäftsmodellen<br />

und langfristigen Dividendenzahlungen.<br />

Mit den aktuell<br />

niedrigen Zinsen und der<br />

positiven Entwicklung von<br />

Dividendenfonds gegenüber<br />

Anleihenfonds könne der<br />

Anleger von einem regelmäßigen<br />

Einkommen profitieren.<br />

Das Fondsmanagement setze<br />

auf gesunde Bilanzen, günstige<br />

Bewertungen sowie geringe<br />

Schwanken gegenüber dem<br />

Markt. Ohne Länder- oder<br />

Branchen-Benchmark investiere<br />

der Fonds in 50 Unternehmen<br />

weltweit.<br />

WKN: (Monatl. Ausschütt.):<br />

A1JSY2; WKN (vierteljährl. Ausschütt.):<br />

A1JSY0 - WKN (Thes.):<br />

A1JSY4<br />

➔<br />

Geld KOMPAKT<br />

MITTELSTAND<br />

Mut statt Krise<br />

Der deutsche Mittelstand trotzt<br />

laut Ernst & Young dem Krisengerede.<br />

Ein Viertel der Befragten<br />

will zusätzlich Personal einstellen.<br />

Das aktuelle Mittelstandsbarometer<br />

der Beratungsgesellschaft verzeichnet<br />

bei fast jedem dritten Mittelständler<br />

eine steigende Investitionsbereitschaft.<br />

42 Prozent der<br />

Unternehmen sehen sich besser<br />

aufgestellt als 2008. Sorgen macht<br />

sich etwa die Hälfte der Befragten<br />

über die hohen Energie- und Rohstoffpreise,<br />

gefolgt von Fachkräftemangel<br />

und Schuldenkrise.<br />

IMMOBILIEN<br />

Attraktive Alternative<br />

DIE MEINUNG DES EXPERTEN<br />

Asiens Blue Chips: Kurschancen bei überschaubarem Risiko<br />

Wegen der Schuldenkrise in Europa soll die<br />

Wirtschaft in der Euro-Zone laut Internationalem<br />

Währungsfonds im Jahr 2012 um 0,5 Prozent<br />

schrumpfen. Für das deutsche Bruttoinlandsprodukt<br />

sehen die Experten einen Zuwachs<br />

von 0,3 Prozent. Das sind bescheidene<br />

Aussichten für den Aktienmarkt. Deutlich besser<br />

sehen dagegen die Prognosen für den asiatischen<br />

Wirtschaftsraum aus. Zuwachsraten<br />

von über acht Prozent in China und sieben Prozent<br />

in Indien lassen steigende Kurse an den<br />

lokalen Aktienmärkten erhoffen. Hinzu kommt,<br />

dass die Bewertungen der asiatischen Dividendentitel<br />

nach der Korrektur im Vorjahr wieder<br />

auf ein günstiges Niveau zurückgefallen sind.<br />

So liegt das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis<br />

der Top-Werte Asiens zwischen zehn<br />

und elf. Das Kurs-Buchwert-Verhältnis beträgt<br />

Von GERD RÜCKEL,<br />

CEFA-Wertpapieranalyst, Frankfurt/M.<br />

im Durchschnitt moderate 1,5. Was kann also<br />

schief gehen, wenn die Aktien attraktiv bewertet<br />

sind? Die größte Gefahr <strong>geht</strong> von Europa<br />

aus. Eine Verschlechterung der Konjunktur hier<br />

würde die ausfuhrorientierten asiatischen<br />

Märkte treffen – allen voran China. Dazu kommen<br />

hausgemachte Probleme. Indien kämpft<br />

derzeit mit einem Doppeldefizit in Haushalt und<br />

Leistungsbilanz. Dennoch: Wer mit etwas Spannung<br />

im Depot leben kann, der investiert einen<br />

Teil seines frei verfügbaren Vermögens in einen<br />

Aktienfonds mit Anlageschwerpunkt auf asiatischen<br />

Standardwerten. Zur Eingrenzung des<br />

Währungsrisikos ist darauf zu achten, dass der<br />

Fonds nicht in US-Dollar, sondern in Euro notiert.<br />

Ausnahme: Wegen der düsteren Aussichten<br />

für Japans Wirtschaft sollte die Region vom<br />

Fondsmanagement noch gemieden werden.<br />

BETONGOLD im Aufwärtstrend<br />

Die Deutsche Bank hält Immobilien<br />

aktuell für attraktiver als Staatsanleihen.<br />

Das Finanzhaus rät Privatanlegern<br />

zu dieser Assetklasse.<br />

Insbesondere gilt dieser Rat des<br />

Bankhauses zum Schutz vor Kursschwankungen.<br />

Immobilien ermöglichten<br />

eine Risikostreuung und bei<br />

sorgfältiger Auswahl eine nachhaltig<br />

positive Rendite. Deutschland zähle<br />

zu den bevorzugten Märkten im Immobiliensektor,<br />

so Chef-Anlagestratege<br />

Ulrich Stephan.<br />

UNTERNEHMEN<br />

Starke Marken<br />

Für neun von zehn befragten<br />

deutschen Unternehmen trägt<br />

die Marke zum Erfolg bei,<br />

meldet PricewaterhouseCoopers.<br />

Rund die Hälfte der Unternehmen<br />

schätzt den Anteil des Markenwerts<br />

am Unternehmenswert auf 50 Prozent,<br />

ermittelte eine Studie von<br />

PricewaterhouseCoopers in Kooperation<br />

mit Uni Hamburg, Markenverband<br />

und GfK bei 500 Unternehmen.<br />

Schon knapp ein Drittel der<br />

Befragten ermittelt den Wert ihrer<br />

Marke anhand monetärer Bewertungsmodelle<br />

und quantifiziert<br />

nicht-monetäre Größen wie Image,<br />

Bekanntheit und Loyalität.<br />

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12<br />

47


W&M-SERVICE<br />

DAS THEMA<br />

ALTERSVORSORGE<br />

Zwangvorsorge<br />

für Selbständige<br />

Selbständige sollen nach dem<br />

Willen der Bundesregierung<br />

mehr vorsorgen und zwar<br />

obligatorisch.<br />

Es <strong>geht</strong> um knapp 3,5 Millionen<br />

Selbständige, die nicht über ein<br />

Versorgungswerk in der gesetzlichen<br />

Rentenversicherung abgesichert<br />

sind. Unter denen sind<br />

besonders viele Kleinstunternehmer,<br />

die sich die Altersvorsorge<br />

sparen, weil sie kein ausreichendes<br />

Einkommen haben.<br />

Während die Bundesarbeitsministerin<br />

Ursula von der Leyen<br />

die Selbständigen in der gesetzlichen<br />

Rentenversicherung am<br />

besten aufgehoben sieht, plädieren<br />

CSU und FDP für eine<br />

Wahlfreiheit zwischen gesetzlicher<br />

Rentenversicherung und<br />

privater Rente.<br />

Die Wahlfreiheit wirft die Frage<br />

nach der Art der Absicherung<br />

auf. Weil die Riester-Rente Selbständigen<br />

versperrt ist, bliebe<br />

nur die Rürup-Rente oder die<br />

ungeförderte private Rentenversicherung.<br />

Die Rürup-Rente<br />

erweist sich indes als wenig<br />

tauglich und das nicht nur wegen<br />

der bescheidenen Renditen.<br />

Lohnend für Selbständige wird<br />

die Rürup-Rente erst, wenn die<br />

eingezahlten Beiträge steuerlich<br />

geltend gemacht werden können.<br />

Das dürfte bei den wirklich<br />

bedürftigen Selbständigen nur<br />

in sehr geringem Umfang der<br />

Fall sein.<br />

Abgesehen davon können Rürup-Renten<br />

wie auch Privatrenten<br />

zum Verlustgeschäft<br />

werden. Bei konventionellen<br />

Tarifen ist die Garantie gering,<br />

bei fondsgebundenen Policen<br />

ohne Garantie sind Verluste<br />

nicht auszuschließen und bei<br />

Fondspolicen mit Beitragsgarantie<br />

sind die Garantien so<br />

teuer, dass zu Rentenbeginn<br />

bei vielen Verträgen auch nicht<br />

mehr übrig ist als die eingezahlten<br />

Beiträge. Nach Abzug<br />

der Inflation bleibt das ein<br />

Minusgeschäft.<br />

TRANSPORT<br />

Hilfe für den<br />

Mittelstand<br />

IM UNTERNEHMEN<br />

Mit »CargoEasy« bietet die<br />

Helvetia Versicherung ein<br />

einfach zu handhabendes<br />

Produkt für Mittelständler.<br />

Wie wichtig der Abschluss einer<br />

Warentransport-Versicherung<br />

gerade für mittlere und<br />

kleine Unternehmen ist, zeigt<br />

die Fülle der Schäden. Die<br />

Haftung der Spediteure ist begrenzt.<br />

Für kleinere Unternehmen<br />

bis zu einem Umsatz<br />

von fünf Millionen Euro kann<br />

ein einziger Schaden schon<br />

existenzbedrohend werden.<br />

Für diese Zielgruppe gibt es<br />

ab sofort die »Helvetia CargoEasy«.<br />

Der Tarif wurde speziell<br />

für kleinere Firmen entwickelt,<br />

die allgemeine Handelsgüter<br />

(zum Beispiel<br />

Baustoffe, Möbel, Textilien)<br />

national oder international<br />

beziehen und versenden, und<br />

denen daran gelegen ist, dass<br />

diese Güter die Gefahren der<br />

Beförderung und damit verbundene<br />

Lagerungen gut<br />

überstehen. Als umfassender<br />

Allgefahren-Schutz schützt<br />

CargoEasy vor allen Gefahren,<br />

denen die Güter während der<br />

Versicherungsdauer ausgesetzt<br />

sind.<br />

GESUNDHEIT<br />

Zusatzschutz<br />

vom Chef<br />

Betriebliche Krankenzusatzversicherungen<br />

(bKV)<br />

sind der neueste Trend der<br />

Versicherungswirtschaft.<br />

In jüngster Zeit sind gleich<br />

mehrere Unternehmen mit<br />

betrieblichen Krankenzusatzversicherungen<br />

auf den<br />

Markt gekommen. Die Versicherer<br />

bauen darauf, dass die<br />

Unternehmen im Wettbewerb<br />

um qualifizierte Arbeitskräfte<br />

zusätzliche soziale Leistungen<br />

bieten möchten. Zugleich<br />

sind diese Versicherungen oft<br />

mit einem Gesundheitsmanagement<br />

gekoppelt, was dazu<br />

beitragen kann, den Krankenstand<br />

im Unternehmen zu<br />

senken. Wenn der Arbeitgeber<br />

die Kosten für die betriebliche<br />

Krankenzusatzversicherung<br />

seiner Mitarbeiter übernimmt,<br />

wirkt das für diese<br />

viel nachhaltiger als eine Gehaltserhöhung.<br />

Für den Arbeitgeber<br />

lohnt sich die bKV,<br />

denn nach einem Urteil des<br />

BFH zählen die Beiträge zu<br />

den Sachbezügen. Bis zu einer<br />

Höhe von 44 Euro pro Monat<br />

bleiben sie steuer- und sozialabgabefrei.<br />

Höhere Beiträge<br />

können versteuert werden.<br />

VERSICHERUNGSBETRUG<br />

Für viele nur ein Kavaliersdelikt<br />

»Es ist in meinen Augen ein Kavaliersdelikt, wenn man die<br />

Versicherung einmal mehr bezahlen lässt, als unbedingt nötig<br />

wäre.« Diese These bejahten in einer Umfrage:<br />

Geschlecht<br />

männlich<br />

weiblich<br />

Quelle: GfK Marktforschung<br />

21 %<br />

22 %<br />

Region<br />

Norddeutschl.<br />

Ostdeutschl.<br />

Süddeutschl.<br />

Westdeutschl.<br />

17 %<br />

24 %<br />

26 %<br />

18 %<br />

PENSIONSZUSAGEN<br />

Trügerische<br />

Sicherheit<br />

Pensionszusagen für Geschäftsführer<br />

müssen regelmäßig<br />

überprüft werden. Eine<br />

Aufgabe für Experten.<br />

Viel zu selten werden aber Versicherungsfachleute<br />

einbezogen.<br />

Zu diesem Ergebnis kommt eine<br />

Untersuchung des Hamburger Industrieversicherungsmaklers<br />

Gossler,<br />

Gobert & Wolters. Für die<br />

Studie »Unternehmerversorgung<br />

2012« wurden 98 Firmen befragt.<br />

Etwa 70 Prozent der Unternehmen<br />

lassen ihre Verträge regelmäßig<br />

überprüfen. Von den befragten<br />

Unternehmen beteiligen<br />

jedoch nur 13 Prozent ihre Versicherungsexperten<br />

an der Überprüfung.<br />

Steuerberater und Wirtschaftsprüfer<br />

sind jedoch bei jedem<br />

zweiten Unternehmen an<br />

den Überprüfungen beteiligt. Das<br />

kann allerdings zur Falle werden.<br />

Denn Gegenstand der Überprüfung<br />

sollte nicht nur die Erfüllung<br />

der rechtlichen und steuerlichen<br />

Rahmenbedingungen sein,<br />

sondern auch die Frage, ob die gebildeten<br />

Rücklagen für eine spätere<br />

Versorgung der Geschäftsführer<br />

auch wirklich ausreichen. Ist<br />

dies nicht der Fall, kann es zu Liquiditätsengpässen<br />

kommen.<br />

Ein weiteres Problemfeld stellt<br />

die Kongruenz von Versorgungsverpflichtungen<br />

und Finanzierung<br />

dar. Dabei spielen die realitätsnahe<br />

Berücksichtigung biometrischer<br />

Risiken, die<br />

Übereinstimmung von Endalter<br />

und Leistungsbeginn, Versicherungsdauer<br />

und Dynamikregelungen<br />

eine große Rolle.<br />

Besonders akut ist die Deckung<br />

der Leistungszusagen durch adäquate<br />

Finanzierungsprodukte.<br />

Besonders bei den mit Versicherungen<br />

abgedeckten Zusagen<br />

können sich Unterdeckungen ergeben,<br />

weil sich aufgrund der<br />

allgemeinen Zinsentwicklung<br />

und der sinkenden Überschüsse<br />

die Kapitalstöcke nicht in der<br />

anfangs prognostizierten Weise<br />

entwickelt haben. Weitere regelmäßig<br />

zu überprüfende Merkmale<br />

stellen der Studie zufolge<br />

die Dynamisierung der Leistungen<br />

und der Insolvenzschutz dar.<br />

48 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


W&M-SERVICE<br />

Foto: Picture Disk<br />

GEBÄUDE<br />

Police für die<br />

Photovoltaik<br />

Solaranlagen am Eigenheim<br />

schützt jetzt eine neue<br />

Police der Inter Allgemeine<br />

Versicherung.<br />

Den Solarmodulen auf dem<br />

Eigenheimdach drohen viele<br />

Gefahren. Das fängt bei Montagefehlern<br />

an und endet beim<br />

Schneedruck. Reparaturen<br />

oder Ersatz können teuer werden.<br />

Die Inter Allgemeine<br />

Versicherung bietet Versicherungsschutz<br />

für auf dem<br />

Gebäudedach befestigte oder<br />

in den Baukörper integrierte<br />

netzgekoppelte Photovoltaik-<br />

Anlagen auf Ein- und Zweifamilienhäusern.<br />

Bedingungen: Die Anlage<br />

muss von einem Fachbetrieb<br />

installiert und abgenommen<br />

worden sein und der Hauseigentümer<br />

muss die Anlage<br />

selbst betreiben und nutzen.<br />

Im Ernstfall ersetzt die Versicherung<br />

den Neuwert der<br />

Anlage sowie Bezugs- und<br />

Installationskosten.<br />

DIE MEINUNG DES EXPERTEN<br />

Abschied von den Garantien<br />

Ein Klassiker ist tot: Die deutsche Kapitallebensversicherung.<br />

Für das Neugeschäft<br />

taugt der einstige Vertriebsrenner kaum noch.<br />

Seitdem die garantierte Verzinsung mit dem<br />

Jahreswechsel 2011/12 von ohnehin schon<br />

mageren 2,25 auf 1,75 Prozent gesunken ist<br />

und die Versicherer bei Kapitalmarktzinsen von<br />

einem Prozent kaum mehr Überschüsse erwirtschaften,<br />

ist die Luft raus. Noch ärger kommt<br />

es ab 2013, wenn die neuen Eigenkapitalrichtlinien<br />

der Europäischen Union gelten werden.<br />

Die Lebensversicherung nach deutschem Vorbild<br />

ist dann endgültig passé, denn solche dauerhaften<br />

Garantien kosten die Unternehmen<br />

jede Menge Geld, das sie mit Eigenkapital unterlegen<br />

müssten. Wer vorsorgen will, muss<br />

also umdenken. Die Verbraucher werden sich<br />

aber daran gewöhnen müssen, dass künftig<br />

PRIVAT<br />

REISERÜCKTRITT<br />

Storno für den<br />

Parkplatz<br />

Auch das Risiko eines vorab<br />

bezahlten Parkplatzes am<br />

Flughafen bei Reiserücktritt<br />

lässt sich versichern.<br />

Für das neue Produkt kooperiert<br />

die HanseMerkur Reiseversicherung<br />

AG mit der AP-<br />

COA Parking Holdings GmbH.<br />

Die Kosten für den Versicherungsschutz<br />

sind nach Angaben<br />

der HanseMerkur gering:<br />

Drei Euro kostet der Stornoschutz<br />

für Parkgebühren von<br />

bis zu 100 Euro, neun Euro für<br />

Parkplatzgebühren von bis zu<br />

250 Euro. Voraussetzung für<br />

die Erstattung der Parkplatzgebühr<br />

ist der Eintritt des<br />

Versicherungsfalles in der<br />

Reiserücktrittsversicherung<br />

der HanseMerkur. Die versicherten<br />

Ereignisse sind u. a.:<br />

unerwartete schwere Erkrankung,<br />

Tod, schwere Unfallverletzung,<br />

Schwangerschaft,<br />

Impfunverträglichkeit, Verlust<br />

des Arbeitsplatzes oder Aufnahme<br />

einer Arbeit.<br />

ALTERSVORSORGE<br />

Rente und<br />

Pflege vereint<br />

Bei der VorteilsRente der<br />

Nürnberger steigt die<br />

lebenslange Altersrente bei<br />

Pflegebedürftigkeit.<br />

Die Anhebung fällt umso<br />

größer aus, je früher die Pflegebedürftigkeit<br />

eintritt. Inklusive<br />

Überschussrente kann<br />

im Pflegefall nahezu eine Verdoppelung<br />

der monatlichen<br />

Zahlungen erreicht werden.<br />

Die VorteilsRente kann auch<br />

im Rahmen der betrieblichen<br />

Altersversorgung (bAV) als<br />

Direktversicherung oder Unterstützungskasse<br />

genutzt werden.<br />

Bei der Direktversicherung<br />

sind – nach Paragraf 3 Nr.<br />

63 EStG – Beiträge bis zu 224<br />

Euro im Monat (vier Prozent<br />

der Beitragsbemessungsgrenze<br />

GRV West) steuer- und sozialabgabenfrei.<br />

Dadurch haben<br />

Arbeitnehmer die Möglichkeit,<br />

sich schon mit einem sehr<br />

günstigen Nettoaufwand eine<br />

erhöhte Altersrente im Pflegefall<br />

zu sichern.<br />

Von HANS PFEIFER,<br />

Versicherungsjournalist, Berlin<br />

viel weniger garantiert ist. So werden die Versicherer<br />

Verträge anbieten, bei denen die Garantie<br />

erst zu Rentenbeginn wirksam wird. Vorbei<br />

dürfte es auch mit laufenden Überschussbeteiligungen<br />

sein. Schlussüberschüsse erhält<br />

jedoch nur, wer den Vertrag bis zum Ende<br />

durchhält. Da sind Verluste programmiert. Vieles<br />

spricht jedoch dafür, die Vorsorge von der<br />

Versicherung zu trennen. Das erfordert aber<br />

eine steuerliche Gleichbehandlung von Fondssparplänen<br />

und Versicherungssparen. Noch<br />

wird das Fondssparen diskriminiert. Denn die<br />

Erträge einer Kapitallebensversicherung werden<br />

nur zur Hälfte besteuert. Verbraucher kaufen<br />

deshalb Fondssparpläne im Versicherungsmantel,<br />

als Fondspolicen. Das ist unnötig teuer.<br />

Es wäre höchste Zeit, das letzte Steuerprivileg<br />

der Lebensversicherung zu streichen.<br />

➔Assekuranz KOMPAKT<br />

ALTERSVORSORGE<br />

Gemeinsam planlos<br />

70 Prozent der Paare entscheiden<br />

bei langfristigen Geldanlagen und<br />

Altersvorsorge gemeinsam, doch<br />

selten koordiniert.<br />

Das ist das Ergebnis einer Studie<br />

im Auftrag des Deutschen Instituts<br />

für Altersvorsorge. Dabei stehen<br />

die Paare unter erheblichem Druck.<br />

Denn durch die Finanzkrise sind sie<br />

verunsicherter denn je. Das Ergebnis<br />

sind oft schlecht geplante Vorsorgeaktivitäten.<br />

VORSORGE: Schwierige Planung<br />

RENTE MIT 67<br />

Lücken schließen<br />

Seit Jahresbeginn gilt das Altersgrenzenanpassungsgesetz,<br />

das Rentenalter<br />

steigt schrittweise<br />

von 65 auf 67 Jahre.<br />

Das erfordert neue Vorsorgeaktivitäten.<br />

Wer vorher in Rente gehen<br />

möchte, muss dauerhaft Abschläge<br />

von 0,3 Prozent pro Monat einkalkulieren.<br />

Dieser Ausfall kann mit<br />

einer Zeitrente überbrückt werden.<br />

OLDTIMER<br />

Preiswerte Policen<br />

Automobile Oldtimer erfreuen<br />

sich wachsender Beliebtheit und<br />

die Zahl der historischen Fahrzeuge<br />

wächst rasant.<br />

Es muss nicht immer ein Mercedes<br />

300 SL Flügeltürer sein, der mit einer<br />

Versicherungssumme von rund einer<br />

halben Million Euro zu Buche schlägt.<br />

Auch unter ehemaligen Massenprodukten<br />

sind Exemplare mit Potenzial<br />

wie beispielsweise der 2 CV.<br />

Die Zahl der Fahrzeuge mit historischem<br />

H-Kennzeichen ist in den vergangenen<br />

fünf Jahren um 37 Prozent<br />

gewachsen. Immer mehr Versicherer<br />

bieten preiswerte Policen.<br />

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 49


BERICHT<br />

Hightech-Metalle Seltene Erden<br />

Ressourcen-Monopoly<br />

Auf dem globalen Rohstoffmarkt ist ein Wettrennen um Seltene Erden entbrannt. China mit den größten<br />

Lagerstätten diktiert die Spielregeln und verknappt die Ausfuhren. Engpässe und hohe Preise drohen.<br />

Neodym, Dysprosium, Yttrium –<br />

Zungenbrechernamen, die nach<br />

Science-Fiction klingen und bis<br />

vor kurzem nur Experten geläufig waren.<br />

Die einen bringen Energiesparlampen<br />

zum Leuchten, die anderen sind<br />

hochmagnetisch. Inzwischen ist die Rohstoffgruppe<br />

der »Seltenen Erden« in aller<br />

Munde, weil China, das 97 Prozent davon<br />

fördert, den Export drosselt und so die<br />

Preise hochschnellen. Peking erwägt gar,<br />

die Ausfuhr einiger Seltener Erden ab<br />

dem Jahr 2015 zu stoppen.<br />

Der Kampf um die wertvollen Naturressourcen<br />

in China wird mit harten<br />

Bandagen geführt. Die Industrieländer<br />

pochen auf fairen Zugang. Die Europäische<br />

Union, die USA und Japan brachten<br />

den Fall am 13. März in Genf vor die Welthandelsorganisation<br />

(WTO) und setzten<br />

dadurch ein bei Handelsstreitigkeiten<br />

übliches mehrstufiges Schlichtungsver-<br />

fahren in Gang. Peking kritisiert die Klage<br />

in scharfer Form. Die Entscheidung<br />

könne die Handelsbeziehungen schädigen<br />

und »nach hinten losgehen«, so die<br />

Staatsagentur Xinhua.<br />

In den Industrienationen schrillen die<br />

Alarmglocken. In einer Umfrage des<br />

Deutschen Industrie- und Handelskammertages<br />

bezeichnet die Hälfte der befragten<br />

Firmen ihre Rohstoffversorgung<br />

als kritisch. Der Bundesverband der<br />

Deutschen Industrie gründete jetzt eine<br />

»Allianz zur Rohstoffsicherung«. Ein privatwirtschaftliches<br />

und gewinnorientiertes<br />

Unternehmen, das sich im Interesse<br />

der Gesellschafter – darunter Bayer,<br />

BASF, BMW, Daimler und ThyssenKrupp<br />

– weltweit an Rohstoffexplorationsvorhaben<br />

beteiligt.<br />

duziert, vor allem Braunkohle und Erdgas;<br />

zugleich aber mussten natürliche<br />

Ressourcen für mehr als 109 Milliarden<br />

Euro importiert werden, so die Deutsche<br />

Rohstoffagentur in einem aktuellen Bericht.<br />

Die Bundesregierung hat mit der<br />

»Rohstoffstrategie« eine übergeordnete<br />

Marschroute vorgegeben: Rohstoffpartnerschaften<br />

mit ressourcenreichen Ländern.<br />

Den Anfang machten die Mongolei<br />

und Kasachstan, bestens ausgestattet mit<br />

Seltenen Erden. Rohstoffe für Know-how.<br />

Bei den Seltenen Erden handelt es<br />

sich um metallische chemische Elemente<br />

(siehe Infokasten), ohne die sich kaum<br />

noch ein modernes Industrieprodukt<br />

herstellen lässt. Windturbinenbauer<br />

brauchen Neodym für die Generatorenfertigung.<br />

Autozulieferer nutzen Lanthan<br />

für die Herstellung von Katalysatoren.<br />

Die Optische Industrie setzt Ceroxid<br />

als Poliermittel ein. Kein iPod, kein Elektromotor,<br />

kein modernes Waffensystem<br />

funktioniert ohne Seltene Erden.<br />

»Sie sind überall drin«, betont Prof.<br />

Frank Edelmann, Lehrstuhl für Anorganische<br />

Chemie an der Otto-von-Guericke-<br />

Universität Magdeburg. Der 57-Jährige<br />

und seine Mitarbeiter beschäftigen sich<br />

seit 20 Jahren mit der metallorganischen<br />

Chemie der Seltenen Erden. Dabei <strong>geht</strong><br />

es vor allem um die Grundlagenforschung,<br />

die Erschließung neuer Verbindungsklassen<br />

und Molekülstrukturen.<br />

HOCHLEISTUNGSFÄHIGE MAGNETE<br />

Apropos Windturbinen. Die sind auf<br />

Hightech-Magnete angewiesen, viel stärker<br />

und langlebiger als konventionelle<br />

Magnete – trotzdem erheblich leichter.<br />

Fotos: Harald Lachmann, Sven Wied<br />

ROHSTOFFE FÜR KNOW-HOW<br />

Fünf von sechs Explorationen (Erkundungen)<br />

scheitern. Das Risiko soll auf viele<br />

Schultern verteilt werden. Bis zu einer<br />

Milliarde Euro will die Allianz in Schürfrechte,<br />

Förderfirmen und Beteiligungen<br />

aufbringen. China beabsichtigt, etwa<br />

50 Milliarden Dollar bis 2015 allein in<br />

Afrika in Rohstoffe, vor allem in Seltene<br />

Erden, zu investieren.<br />

Die deutsche Wirtschaft ist auf Rohstoffe<br />

angewiesen. 2010 wurden Rohstoffe<br />

im Wert von 17,7 Milliarden Euro pro-<br />

HIGHTECH-TAFEL: Seltene Erden sind überall drin.<br />

50 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


BERICHT<br />

Frank Edelmann erklärt: »Ein Magnet besteht<br />

normalerweise aus Eisen. Doch mit<br />

der Zeit entlädt er sich und lässt in der<br />

Leistung nach. Kombiniert man aber das<br />

Eisen mit Neodym – in einer großen<br />

Windturbine können davon 260 Kilo enthalten<br />

sein – und Bor, entmagnetisiert<br />

sich der Magnet praktisch nicht mehr. So<br />

können besonders leistungsstarke und<br />

langlebige Magnete gebaut werden.«<br />

Übrigens wird bereits heute nahezu jede<br />

zweite Windkraftanlage in China errichtet,<br />

so das Freiburger Öko-Institut.<br />

Bittere Ironie: Nachhaltiges Wirtschaften,<br />

grüne Technologien erfordern<br />

Ressourcen wie Seltene Erden, die nur in<br />

endlichen Mengen vorhanden sind, beim<br />

Abbau zu Umweltbelastungen führen<br />

und sich auf der Welt ungleich verteilen.<br />

Nur Staaten, die sich den Zugang zu den<br />

wichtigen Rohstoffen sichern, können<br />

im 21. Jahrhundert boomen.<br />

KOSTSPIELIGER ABBAU<br />

Die Seltenen Erden wurden gegen Ende<br />

des 18. Jahrhunderts erstmals in Form<br />

oxidierter Mineralien entdeckt. Allerdings<br />

konnte man mit dem Fund nichts<br />

anfangen. Damals brauchte die Welt diese<br />

Elemente nicht. Die Mineralien sind<br />

meist pulverförmig und fühlen sich erdig<br />

an. In Wirklichkeit sind es 17 Metalle.<br />

Der Name »Seltene Erden« führt also in<br />

die Irre. Besonders selten sind sie nicht,<br />

nur in der Natur fein verteilt. Das seltenste<br />

stabile Seltene-Erden-Metall Thulium<br />

kommt 200-mal häufiger vor als Gold.<br />

»Die Seltenen Erden lassen sich oft in<br />

der Erdkruste finden, allerdings nur selten<br />

in hohen Konzentrationen, oft auch<br />

versteckt in anderen Erzen. Die Metalle<br />

treten im Boden als Mineralien immer<br />

gemischt auf; sie lassen sich aufgrund ihrer<br />

ähnlichen Eigenschaften nur schwer<br />

trennen. Zudem enthalten die Lagerstätten<br />

oft Uran und Thorium, so dass bei<br />

der Aufbereitung radioaktive Rückstände<br />

anfallen. Entsprechende Sicherheitsstandards<br />

sind nötig, die aber machen<br />

den Abbau noch kostspieliger. Tatsächlich<br />

selten sind Vorkommen, wo sich der<br />

Abbau auch wirklich lohnt«, erklärt<br />

Frank Edelmann.<br />

BEDARF STEIGT RAPIDE<br />

Im Jahr 2015 wird die Industrie weltweit<br />

voraussichtlich rund 185.000 Tonnen Seltene<br />

Erden verbrauchen, das sind 50 Prozent<br />

mehr als 2010. Wenn China seine<br />

üppigen Reserven, die für die moderne<br />

Technologie essenziell geworden sind,<br />

sparsamer verkauft, dann muss sich die<br />

übrige Welt schleunigst wieder um ihre<br />

eigenen Lagerstätten kümmern. Die gibt<br />

es durchaus.<br />

ERDEN-KENNER: Prof. Frank Edelmann.<br />

In China schlummern ein Drittel der<br />

Vorräte, in den USA 13 Prozent. In den<br />

GUS-Staaten, in der Mongolei, Australien<br />

und Kanada gibt es auch beträchtliche<br />

Vorkommen. Bis vor über 20 Jahren waren<br />

die USA in der Förderung Seltener Erden<br />

weltweit führend – vor allem Dank<br />

des Bergwerks Mountain Pass in der kalifornischen<br />

Mojave-Wüste, das im Jahr<br />

2000 dicht gemacht wurde. Der US-Bergbaukonzern<br />

Molycorp aktiviert die Mine<br />

wieder. 2013 könnte es soweit sein.<br />

CHINA DE FACTO MONOPOLIST<br />

Als vor Jahren Mineralien und Metalle zu<br />

Niedrigpreisen gehandelt wurden, trennten<br />

sich viele Konzerne von ihren Bergbautöchtern.<br />

Das Geschäft war zu<br />

schmutzig, zu unlukrativ. China hat sein<br />

Millionenheer billiger Arbeitskräften genutzt,<br />

auf Kosten von Arbeitsschutz und<br />

Umweltstandards konkurrenzlos günstig<br />

FAKTEN<br />

Metalle besonderen Typs<br />

Seltene Erden sind Hightech-Metalle.<br />

14 Elemente der Seltenen Erden zählen<br />

im Periodensystem zur Gruppe der<br />

Lanthanoide, drei gehören zur Scandiumgruppe,<br />

insgesamt gibt es also<br />

17 Seltene Erden. Die Metalle eignen<br />

sich wegen ihrer elektrischen, magnetischen,<br />

chemischen und optischen<br />

Eigenschaften für viele technische<br />

Anwendungen. Ob Apple, Sony, Volkswagen<br />

oder BMW – sie alle müssen die<br />

begehrten Rohstoffe in China kaufen.<br />

Brisanz hat der Kampf um die Seltenen<br />

Erden, weil sie auch für das Militär<br />

wichtig sind: zur Anwendung kommen<br />

sie bei Motoren für Kampfjets, Raketenabwehrsysteme<br />

und Nachtsichtgeräte.<br />

den Abbau vorangetrieben. Mit dem de<br />

facto Monopol hat Peking ein Instrument<br />

in der Hand, um Weltmarktführer<br />

im Hochtechnologiesektor zu werden.<br />

»China benötigt immer mehr dieser<br />

Metalle für die eigene Volkswirtschaft.<br />

Da gibt es schon einen Wettbewerb um<br />

die Materialien.« Die Preise hätten sich<br />

inzwischen teilweise verzehn-, verzwanzigfacht,<br />

so Matthias Buchert. Der Forscher<br />

vom Ökoinstitut Darmstadt untersuchte<br />

mit Wissenschaftlern der TU<br />

Clausthal, der Daimler AG und der Materialtechnologie-Gruppe<br />

Umicore die Bedeutung<br />

Seltener Erden für die Elektromobilität.<br />

Fazit: Vor allem Dysprosium<br />

ist knapp. Steigt die Nachfrage wie prognostiziert,<br />

wird 2030 nur ein Fünftel<br />

des Bedarfs gedeckt. Jetzt wird nach neuen<br />

Rohstofflagerstätten gesucht.<br />

ENGPÄSSE DROHEN<br />

Das Gros der Projekte, meinen Experten,<br />

wird jedoch auf der Strecke bleiben, weil<br />

diese nicht profitabel sind. Bis zu einer<br />

Milliarde Euro muss investiert werden,<br />

um eine Mine zu erschließen. Dabei vergehen<br />

von der ersten Erkundung bis zur<br />

Produktion zehn, 15 Jahre. Es wird also<br />

dauern, bis die nötigen Kapazitäten geschaffen<br />

sind – bis dahin drohen ernsthafte<br />

Engpässe.<br />

Vielversprechende Projekte gibt es in<br />

Australien und den USA, die aber wurden<br />

bisher kaum ausgebeutet. Mitteleuropas<br />

einziges Explorationsprojekt für<br />

Seltene Erden befindet sich im sächsischen<br />

Storkwitz bei Leipzig. Aufgespürt<br />

wurden sie schon in den Siebzigern von<br />

DDR-Bohrtrupps. Der Arbeiter- und Bauern-Staat<br />

hatte nach Uran gesucht und<br />

am Überraschungsfund wenig Interesse.<br />

Unter Ackerland lagern an die 38.000<br />

Tonnen mit einem Metallwert von mehr<br />

als 1,5 Milliarden US-Dollar. Auch unter<br />

Einhaltung westlicher Umweltstandards<br />

verspricht das einen ordentlichen Gewinn.<br />

Kein Riesenprojekt, mehr eine Notfallversorgung.<br />

Die Heidelberger Deutsche<br />

Rohstoff AG, die sich 2007 die Erkundungsrechte<br />

an dem Vorkommen<br />

sicherte, hat im Januar die Firma »Seltenerden<br />

Storkwitz« gegründet, mit 2,2 Millionen<br />

Euro Grundkapital.<br />

Nach jahrelanger Vorarbeit will sie<br />

nun Ernst mit der Ausbeutung machen.<br />

Ende März/Anfang April beginnen die<br />

Probebohrungen in 700 Meter Tiefe. Mit<br />

den Ergebnissen will die Firma dann weiteres<br />

Geld von Investoren einsammeln.<br />

Denn nur wenn Storkwitz nach einem<br />

international anerkannten Rohstoffstandard<br />

bewertet ist, öffnen Risikokapitalgeber<br />

die Brieftasche.<br />

Dana Micke<br />

&<br />

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 51


BERICHT<br />

Michael Conrad hat den Platz an<br />

der Sonne. Doch er merkt es gerade<br />

nicht. Zum einen pfeift der<br />

Wind trotz erster März-Wärme noch immer<br />

gehörig an der Spitze der Bohrlafette,<br />

die er soeben geentert hat. Zum<br />

anderen muss er sich konzentrieren: Mit<br />

einer langen Zange hantiert er an der<br />

Winde des Seilkernbohrgerätes.<br />

Geschafft! Er klettert herab. Es kann<br />

weitergehen. Bohrmeister Norman Henkel<br />

wirft das Aggregat wieder an. Conrad<br />

und Norman Lange, der dritte im Trupp,<br />

wissen nun ohne viele Worte, was sie zu<br />

tun haben am Rohrgestänge. Jeder Griff<br />

sitzt unter ihren Handschuhen.<br />

»Die Zeit drängt«, ruft Henkel aus seinem<br />

Führerstand herüber. »231 Meter<br />

tief sind wir bisher, morgen wollen wir<br />

möglichst 250 Meter weit im Berg sein.«<br />

Ja, sicher, das sei drin, wiederholt er auf<br />

Nachfrage. Der Gottesberg erweise sich<br />

bisher als ein sehr dankbares Gestein<br />

zum Bohren: fast nur Granit sowie halt<br />

Greisen, also jene körnigen, grauen<br />

Quarz- und Glimmerschichten, in denen<br />

das Zinn lagert. 15 bis 20 Meter schaffen<br />

sie unter diesen Bedingungen am Tag.<br />

Wobei die Tage von dem Bohrtrupp<br />

aus Thüringen derzeit voll ausgelastet<br />

werden. Im Dreischicht-Betrieb rücken<br />

sie dem Fels zuleibe – fünf Wochen am<br />

Deutsche Rohstoff AG<br />

Sachsens Schatz<br />

Im Erzgebirge wird wieder nach wertvollen Rohstoffen geschürft.<br />

Extrem gestiegene Marktpreise machen einen Abbau rentabel.<br />

Die Deutsche Rohstoff AG aus Heidelberg investiert drei Millionen<br />

Euro in Bohrtests auf der Suche nach Zinn. Prognosen aus der DDR<br />

deuten auf ein großes Vorkommen im sächsischen Gottesberg hin.<br />

Fotos: Harald Lachmann<br />

ERKUNDER: Wochenlanges Bohren am<br />

Gottesberg im Dreischichtbetrieb.<br />

Stück, sieben Tage die Woche und seit<br />

Ende Februar auch rund um die Uhr. Nur<br />

in der eisigen Phase vor wenigen Wochen,<br />

als das Quecksilber teils weit unter<br />

20 Grad in den Keller rutschte, hatten sie<br />

pausieren müssen. »Ab zehn Grad minus<br />

friert das Spülmittel für die Bohrkrone<br />

ein«, erläutert Henkel, während er Knöpfe<br />

drückt, Hebel bedient und behutsam<br />

mit zwei Joysticks manövriert.<br />

Er weiß halt, wie sehr der Mann an<br />

den Steuerhebeln im wahrsten Wortsinn<br />

den Bohrerfolg in der Hand hat. Unaufhörlich<br />

kontrolliert er Andruck, Drehmoment,<br />

Spüldruck, Spülungsrate und<br />

Bohrfortschritt. Selbst kleinste Unregelmäßigkeiten<br />

entgehen ihm nicht. Man<br />

merkt, er ist Profi mit internationalen<br />

Erfahrungen. Im Herbst vergangenen<br />

Jahres bohrte sein Trupp in Sibirien – am<br />

weltgrößten Trinkwasserbrunnen für die<br />

Stadt Chabarowsk.<br />

Sehr gleichmäßig frisst sich die mit<br />

Kunstdiamanten besetzte Bohrkrone in<br />

den Berg. Die Arbeitsbühne, auf der Conrad<br />

und Lange hantieren, vibriert nur<br />

wenig. Auch die Geräuschkulisse, die das<br />

blaue Bohrgerät erzeugt, hat nicht den<br />

Dezibel-Pegel eines Presslufthammers.<br />

Es klingt eher wie ein Lkw im Standlauf.<br />

Nur hin und wieder, wenn Gestängeteile<br />

aneinander schlagen, scheppert es.<br />

Das sei auch gut so, befindet Dr. Jörg<br />

Reichert. Er winkt den Männern von der<br />

Brunnenbau Conrad GmbH aus Bad Langensalza<br />

zu. »Wir bohren hier ja praktisch<br />

schon im Vorgarten des nächstgelegenen<br />

Grundstücks«, sagt der Chefgeologe<br />

der Deutschen Rohstoff AG (DRAG).<br />

Das Unternehmen schürft derzeit auch<br />

im erzgebirgischen Geyer nach Zinnvorkommen.<br />

In Kürze, so hofft er, werden<br />

sie in Storkwitz bei Delitzsch auf Seltene<br />

Erden stoßen. All dies geschehe im öffentlichen<br />

Raum. »Da sind wir schon<br />

sehr auf das Wohlwollen der Anrainer<br />

angewiesen«, berichtet Reichert, der<br />

auch Chef der neu gegründeten Sachsenzinn<br />

GmbH ist.<br />

Aber <strong>anders</strong>, als sie es bei anderen Explorationsunternehmen<br />

vielfach erlebten,<br />

treffen die Erkunder im Erzgebirge<br />

und Vogtland durchweg auf Verständnis.<br />

Schon in der Bürgerversammlung, zu der<br />

die Einwohner des 100-Seelen-Dorfes<br />

Gottesberg geladen waren, »gab es kaum<br />

eine kritische Frage«, erinnert sich Reichert.<br />

Die Leute hier lebten halt seit Generationen<br />

mit dem Bergbau, fast jeder<br />

habe einen Knappen oder Steiger in der<br />

Familie, schmunzelt er geradezu dankbar:<br />

»Hier passt einfach alles.«<br />

Ein Blick unter die Arbeitsbühne<br />

zeigt: Der Bohrer schneidet den Erzkörper<br />

im Granit nicht senkrecht an, sondern<br />

um 30 Grad aus dem Lot versetzt.<br />

Den Winkel hat der Chefgeologe dem<br />

Trupp vorgegeben. Er orientierte sich bei<br />

den Planungen für den optimalen Bohr-<br />

52 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


BERICHT<br />

verlauf an einem Lagerstättenmodell,<br />

das schon drei Jahrzehnte alt ist. Denn<br />

im Grunde betreiben sie hier nur Bestätigungsbohrungen<br />

für die Erkundungen<br />

zu DDR-Zeiten, erzählt er: »Die Lagerstätte<br />

vor Ort und in Geyer sind bereits sehr<br />

solide erkundet.«<br />

Warum dann erneut Bohrungen? Reichert,<br />

von Haus aus Ostdeutscher, grient<br />

ein wenig. Zum einen traue wohl mancher<br />

Geldgeber aus dem asiatisch-australischen<br />

Raum, die heute den Investorenpool<br />

für diese Exploration bilden,<br />

nicht recht den Befunden aus alten planwirtschaftlichen<br />

Zeiten. Zum anderen<br />

habe man seinerzeit auch noch mit anderer<br />

Technologie und kleinerem Gerät<br />

gebohrt. Die 101 Millimeter starken Bohrkerne,<br />

die Henkels Mannschaft nun heraufholt,<br />

seien halt aussagefähiger als die<br />

60er Kerne von damals. Und für die Tin<br />

International Ltd. in Brisbane, die die<br />

DRAG für die avisierte Schatzhebung in<br />

Sachsen bereits gegründet hat, zählten<br />

nur Erzgehalt-Analysen auf Basis des internationalen<br />

JORC-Standards.<br />

Reichert verfeinerte das alte Modell<br />

und legte die Bohrtiefen fest. Unterm<br />

Gottesberg rückt der Bohrtrupp an drei<br />

verschiedenen Stellen exakt 400 Meter<br />

weit dem Fels ins Mark. Der Geologe<br />

weiß, dass ein späterer Aufschluss in diesen<br />

Teufen finanziell herausfordert.<br />

Doch er hält es für lohnend. Die Zinnpartikel<br />

im Erz wären hier sehr groß: »Sie<br />

eignen sich damit ausgezeichnet für die<br />

Weiterverarbeitung«, sagt er, während er<br />

zur Arbeitsbühne hinaufsteigt. Gleich<br />

rechts neben der Treppe liegen flache<br />

Kästen mit runden Gesteinsproben. Es<br />

sind die Bohrkerne, die in den letzten<br />

Stunden gezogen wurden.<br />

HOHER ZINNGEHALT IM ERZ<br />

Der Geologe nimmt einen Bohrkern in<br />

die Hand und nickt bestätigend. »Hier,<br />

diese feinkörnigen Partien«, weist er auf<br />

graue Stellen im Material, »das ist Greisen-Erz.<br />

Darin ist das Zinn enthalten.« Behutsam<br />

streicht er über die Oberfläche<br />

des rund ein Meter langen Stücks. Beim<br />

Gottesberger Vorkommen wird von einem<br />

Zinngehalt zwischen 0,24 und 0,3<br />

Prozent ausgegangen, so Reichert. Mithin<br />

ließen sich aus einer Tonne Erz bis<br />

zu drei Kilo Zinn auslösen. Beachtlich,<br />

wenn man hört, dass es bei Gold oft<br />

kaum ein Gramm je Tonne ist.<br />

Ein neuer Bohrkern kommt ans Tageslicht.<br />

Für die Männer das Zeichen: Sie<br />

sind einen Meter tiefer eingedrungen.<br />

»Meter für Meter Bohrfortschritt ein weiterer<br />

Kern – damit schaffen wir letztlich<br />

eine lückenlose Dokumentation, was die<br />

Stärke der Erzzone betrifft«, ergänzt<br />

Michael Conrad, auch ein alter Haudegen<br />

im geologischen Metier.<br />

Mit Überraschungen müsse man im<br />

Bergbau freilich immer rechnen, erzählen<br />

die drei. Gerade jenes schräge Anbohren<br />

des Vorkommens sei nicht ohne.<br />

Zwar verspreche es eine höhere Aussagekraft<br />

zur Mächtigkeit der einzelnen<br />

Schichten. Doch es erleichtere nicht<br />

eben das Bohren. »Die horizontalen Zugkräfte<br />

wirken ganz <strong>anders</strong>«, erlebt es<br />

Henkel Tag für Tag neu. Und ein Bohrloch<br />

sei selbst im Granit nicht so starr,<br />

wie man meinen könne: »Es <strong>geht</strong> durch<br />

verschiedene Schichten, weichere und<br />

härtere. Da driftet der Bohrer schnell<br />

mal weg. «<br />

Bis zu Ostern dieses Jahres sollen alle<br />

Bohrungen in Gottesberg beendet sein.<br />

»Zeit ist hier richtig Geld«, weiß Geologe<br />

Reichert. Doch er scheint guter Dinge –<br />

LEXIKON<br />

Zinnland Sachsen<br />

Das Bergwerk Altenberg im sächsischen<br />

Osterzgebirge produzierte mit einigen<br />

Unterbrechungen von 1440 bis 1991<br />

Zinn und war bei seiner Schließung die<br />

letzte aktive Zinnmine in Europa. Danach<br />

rechnete sich die Förderung unter<br />

Tage nicht mehr. Erst mit dem Anstieg<br />

von Rohstoffbedarf und Weltmarktpreisen<br />

wuchs wieder das Interesse. Ab<br />

2006 ließ Sachsen deshalb 139 Bergbaureviere<br />

hinsichtlich Qualität und<br />

Quantität der Vorkommen, vor allem<br />

von Zink, Kupfer, Wolfram, Fluss- und<br />

Schwerspat sowie Zinn, neu bewerten.<br />

Die beiden Lagerstätten Gottesberg und<br />

Geyer, in denen die Sachsenzinn GmbH<br />

in Chemnitz – eine Tochter der Deutsche<br />

Rohstoff AG – Bestätigungsbohrungen<br />

durchführt, enthalten zusammen<br />

180.000 Tonnen Zinn.<br />

JORC-Standard<br />

Als Maßstab für international verbindliche<br />

Aussagen zur Verfügbarkeit von<br />

Rohstoffen (Reserven und Ressourcen)<br />

gilt heute der australische JORC-Standard<br />

(Joint Ore Reserves Committee).<br />

Anhand dieser Zahlen können Anleger<br />

die Abbaugesellschaften untereinander<br />

vergleichen sowie zukünftige Chancen<br />

und Risiken einer Investition besser<br />

abwägen. Der JORC Code ist definiert<br />

und für jede Gesellschaft bindend.<br />

Nach anfänglichen Differenzen schlossen<br />

sich in den 1990er Jahren auch<br />

Südafrika, Großbritannien, Kanada und<br />

die USA dem australischen Standard<br />

an. Er ist damit auch für die Erzvorkommen<br />

in Sachsen bindend.<br />

nicht nur, dass sie dies schaffen, sondern<br />

auch, was das Ergebnis der Erkundungen<br />

betrifft. Er schließt nicht mehr aus, dass<br />

sie die bisherigen Prognosen gar noch<br />

nach oben korrigieren.<br />

Schon jetzt wird unter dem 800 Meter<br />

hohen Gottesberg das womöglich größte<br />

Zinnvorkommen der Welt vermutet –<br />

120.000 Tonnen des auf dem Rohstoffmarkt<br />

stark gefragten Wertmetalls. Nach<br />

BOHRKERN: Dr. Jörg Reichert erhofft sich<br />

aus den Proben Rückschlüsse auf Zinnerz.<br />

dem gegenwärtigen Marktpreisniveau<br />

sind das rund 2,7 Milliarden Euro.<br />

Auch Anja Ehser teilt die Zuversicht<br />

ihres Chefs. Bei ihr in einer Industriebrache<br />

am Rande der Chemnitzer City landen<br />

alle Bohrkerne. Ihr Part wie auch der<br />

ihrer Kollegin Sandy Bülow besteht darin,<br />

die zuvor in Viertel aufgesägten Bohrproben<br />

optisch zu sichten und danach zu<br />

loggen, wie es Geologen nennen.<br />

Zur Linken ihr Laptop, vor sich das<br />

Bohrschema aus DDR-Zeiten und in der<br />

Rechten ein so genanntes Niton-Gerät,<br />

mit dem sich zügig der Metallgehalt im<br />

Bohrkern scannen lässt: Was dem Laien<br />

im ersten Moment etwas monoton erscheint,<br />

erlebt die junge Leipzigerin<br />

auch als ein kleines Abenteuer. Denn<br />

jede Probe sei halt <strong>anders</strong>, ein Unikat,<br />

sagt sie. Mithin weiß sie eher als jeder andere,<br />

wie viel Zinn da zuweilen im Stein<br />

schlummert. »Zuweilen ein ganzes Prozent«,<br />

verrät sie.<br />

Letzten Aufschluss würden dann aber<br />

weitere Analysen in Schweden und Kanada<br />

geben, ergänzt Dr. Jörg Reichert. Erst<br />

wenn diese Ergebnisse vorliegen, können<br />

verbindliche Aussagen nach JORC-Standard<br />

vorgenommen werden: »Ich gehe<br />

mal davon aus, dass wir es im Sommer<br />

dieses Jahres genau wissen.«<br />

Harald Lachmann<br />

&<br />

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 53


NACHRICHTEN<br />

Fotos: H.-W. Oertel<br />

pitcom GmbH Plauen<br />

Einsatz bei Bombardier<br />

Eine Logistik-Innovation aus dem Vogtland ist jetzt bei einem<br />

ersten Großunternehmen im Einsatz. In Görlitz hilft sie, die<br />

Produktion von Schienenfahrzeugen rationeller zu gestalten.<br />

Der Hersteller von Schienenfahrzeugen<br />

Bombardier Transportation<br />

nutzt am Standort Görlitz als<br />

erstes Großunternehmen eine sächsiche<br />

Logistikinnovation. Im Vorfeld wurden<br />

über 6.000 bewegliche Arbeitsmittel wie<br />

Leitern, Schweißgeräte und Bohrmaschinen<br />

mit RFID-Tags ausgestattet. Die Informationen<br />

darauf – so Inventur- und Prüfergebnisse<br />

– werden wie ein Barcode mit<br />

einem pitcom-Handy ausgelesen und an<br />

eine Datenbank übermittelt.<br />

Als Entwickler innovativer Geschäftsprozesslösungen<br />

hat die in Plauen ansässige<br />

pitcom GmbH eine Software entwickelt,<br />

die NFC-fähige Mobiltelefone<br />

mit dem RFID-Standard »verheiratet«.<br />

Handelsübliche Handys mit spezieller<br />

Software-Konfiguration eröffnen beim<br />

mobilen Controlling jetzt auch über die<br />

Bau- und Sicherheitsbranche hinaus kostensparende<br />

Perspektiven auch bei Inventurprozessen.<br />

Die »magicguard24« genannte<br />

Innovation zur mobilen Datenerfassung<br />

in Echtzeit wurde am Jahresende<br />

mit dem Vodafone Enterprise Innovation<br />

Award 2011 ausgezeichnet.<br />

Bombardier Transportation in Görlitz,<br />

mit annähernd 1.200 Beschäftigten auf<br />

dem weiträumigen, 339 Hektar großen<br />

Gelände vor allem als Hersteller von Doppelstockzügen<br />

bekannt, nutzt die Mehrwerthandys<br />

inzwischen für die Inventarisierung<br />

mobiler Grundmittel. Wurde<br />

beispielsweise ein Schweißgerät, Hebezeug<br />

oder Druckgefäß turnusgemäß auf<br />

seine Zuverlässigkeit hin überprüft, hält<br />

der Wartungsmechaniker nur sein Handy<br />

an den RFID-Tag. Sofort werden die<br />

Echtzeitsignale des Prüfers in eine Datenbank<br />

eingespeist. Das System regeneriert<br />

automatisch den nächsten Prüftermin<br />

und signalisiert diesen mit »Vorwarnzeit«.<br />

Für Wolfgang Ernst, bei<br />

Bombardier in Görlitz verantwortlich für<br />

Maschinen und Medien, »optimiert die<br />

Kommunikations-Innovation die logistischen<br />

Abläufe enorm.« Zudem entstehe<br />

eine manipulationssichere Datenbasis.<br />

Für sein System hat pitcom (www.pitcom.de)<br />

ein Konzept für Businesskunden<br />

entwickelt. Es fügt die Netzinfrastruktur<br />

von Vodafone mit den sogenannten Unkaputtbar-Handys<br />

des US-Herstellers<br />

SONIM und der eigenen Softwarelösung<br />

zusammen. So lassen sich mobile Informationsprozesse<br />

optimieren. Die Bandbreite<br />

reicht von der Erfassung von Arbeitszeiten,<br />

Tätigkeitsmerkmalen und<br />

Ereignissen bis zu Geo-Koordinaten.<br />

Außerdem unterstützt das System die<br />

»flexible Personaldisposition«, den Zugriff<br />

von Teamleitern auf Dienstpläne<br />

und Aufgaben der Mitarbeiter.<br />

&<br />

NACHRICHT<br />

HANNOVER MESSE<br />

Brandenburger<br />

und Berliner dabei<br />

Umweltschutz-Technologien wachsen<br />

mit der Informationstechnik zusammen –<br />

ein Trend, der auf der Hannover Messe<br />

vom 23. bis 27. April im Mittelpunkt<br />

steht.<br />

Der Veranstalter, die Deutsche Messe AG,<br />

hat dafür den Begriff »greentelligence«<br />

kreiert, ein Kompositum aus »green und<br />

intelligence«. Das Partnerland China<br />

präsentiert seine intelligenten Lösungen<br />

für die Nachhaltigkeit. Der Premierminister<br />

der Volksrepublik China Wen Jiabao<br />

wird am 22. April 2012 mit Bundeskanzlerin<br />

Angela Merkel die Messe eröffnen.<br />

Die zentralen Themen der Hannover<br />

Messe sind die Industrieautomation<br />

und IT, Energie- und Umwelttechnologien,<br />

Industrielle Zulieferung, Produktionstechnologien<br />

und Dienstleistungen<br />

sowie Forschung und Entwicklung.<br />

Wie in den Vorjahren ist die Region Berlin-<br />

Brandenburg mit mehreren Gemeinschaftsständen<br />

auf der Messe vertreten,<br />

die von den Industrie- und Handelskammern<br />

und den Wirtschaftsfördereinrichtungen<br />

der Länder organisiert werden.<br />

Erstmalig dabei sind die Stände »Clean<br />

Technologies« (Halle 26, Stand D08) und<br />

»Elektromobilität« (Halle 25). Weitere<br />

Gemeinschaftsstände haben die Themen<br />

»Automation« (Halle 9, Stand A36), »Energie«<br />

(Halle 13, Stand C40), »Forschungsmarkt«<br />

(Halle 2, Stand C31) und »Zulieferindustrie«<br />

(Halle 5, Stand B16).<br />

Manfred Ronzheimer<br />

EINFACHER, SCHNELLER, SICHERER: Der Anwendung der Innovation aus Plauen bei dem Görlitzer Schienenfahrzeughersteller.<br />

54 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


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BBIK-AKTUELL<br />

MEINUNG<br />

BBIKaktuell<br />

Brandenburgische Ingenieurkammer<br />

Körperschaft des öffentlichen Rechts<br />

AKTUELLE<br />

NACHRICHTEN<br />

Fotos: Archiv, BBIK<br />

Von WIELAND SOMMER,<br />

Präsident der BBIK<br />

Wichtiges Ehrenamt<br />

In diesen Wochen wählen die Mitglieder<br />

der Brandenburgischen Ingenieurkammer<br />

zum fünften Mal ihr<br />

Parlament – die Delegierten für die<br />

Vertreterversammlung. Die Wahl<br />

stellt die Weichen, mit welchen Persönlichkeiten<br />

sich die BBIK im gesellschaftlichen<br />

Leben des Landes<br />

positioniert und den Berufsstand<br />

der überwiegend freiberuflich tätigen,<br />

planenden und selbständigen<br />

Ingenieurinnen und Ingenieuren<br />

präsentiert, unterstützt und voranbringt.<br />

Die Mitglieder der 5.Legislatur<br />

werden die Entwicklung des<br />

Berufsstandes durch die von ihnen<br />

geprägte Berufspolitik unmittelbar<br />

bestimmen. Sie nehmen in der<br />

öffentlichen Diskussion mit der<br />

Vertretung des Berufsstandes entscheidenden<br />

Einfluss auf die wirtschaftlichen<br />

und berufspolitischen<br />

Rahmenbedingungen der Berufsausübung.<br />

Ein Ehrenamt mit herausragender<br />

Bedeutung!<br />

Positive Ergebnisse prägten die<br />

4.Legislaturperiode: Mit der Novellierung<br />

des Brandenburgischen Ingenieurgesetzes<br />

wurde die Pflichtmitgliedschaft<br />

für bauvorlageberechtigte<br />

Ingenieure im Gesetz verankert.<br />

Die Zusammenarbeit mit<br />

den Berliner Kammern wurde per<br />

Vereinbarung festgeschrieben. Im<br />

Prüfungsausschuss für Prüfsachverständige<br />

der BBIK legen seit 2011<br />

Ingenieure und Architekten aus Berlin<br />

die Prüfungen für energetische<br />

Gebäudeplanung ab, um die amtliche<br />

Anerkennung zu erlangen. Mit<br />

zwei Baukulturpreisverleihungen<br />

und der Veranstaltungsreihe »Ingenieure<br />

treffen Schule« machte die<br />

BBIK in der Öffentlichkeit auf die<br />

Tätigkeit des Berufsstandes aufmerksam.<br />

Unsere regionalen Mitgliederversammlungen<br />

stehen für<br />

die Mitgliedernähe der BBIK. Die<br />

neue Vertreterversammlung wird<br />

die positiven Erfahrungen der bisherigen<br />

vier Legislaturen fortführen<br />

und neue Impulse geben. Nehmen<br />

Sie als BBIK-Mitglied Ihr verbrieftes<br />

Wahlrecht wahr. Noch besser:<br />

Stellen Sie sich zur Kandidatur für<br />

ein Ehrenamt zur Verfügung.<br />

AUSSCHREIBUNG<br />

Strikte<br />

Trennung<br />

Die Kopplung der Auftragsvergabe<br />

nach VOB und von<br />

Prüfsachverständigenleistungen<br />

ist unzulässig.<br />

Sie widerspricht dem Bauordnungsrecht.<br />

Bei der Prüfung<br />

der sicherheitstechnischen<br />

Gebäudeausrüstung dürfen<br />

nur Prüfsachverständige tätig<br />

werden, die nicht selbst an<br />

den betreffenden Vorhaben<br />

planend oder bauausführend<br />

tätig waren beziehungsweise<br />

keinem Unternehmen angehören,<br />

welches planend oder<br />

bauausführend am Vorhaben<br />

beteiligt war (Paragrafen 3<br />

Absatz 2 und 4 BbgPrüfSV).<br />

Das schließt eine Ausschreibung<br />

der Prüfsachverständigenleistungen<br />

im Rahmen<br />

von Ausschreibungen gemäß<br />

VOB/A aus. Gemäß Paragraf 5<br />

Absatz 1 der Brandenburgischen<br />

Sicherheitstechnischen<br />

Gebäudeausrüstungs-Prüfverordnung<br />

(BbgSGPrüfV) hat<br />

der Bauherr oder der Betreiber<br />

selbst die Prüfung durch<br />

den Prüfsachverständigen zu<br />

veranlassen. Darauf verweist<br />

das Ministerium für Infrastruktur<br />

und Landwirtschaft.<br />

Dort waren Hinweise eingegangen,<br />

dass bei öffentlichen<br />

Bauvorhaben die Prüfsachverständigenleistung<br />

als Bestandteil<br />

der Leistungsverzeichnisse<br />

ausgeschrieben<br />

wurden.<br />

Änderungen vorbehalten<br />

NORMENPORTAL<br />

Exklusiv für<br />

Mitglieder<br />

Als Service können BBIK-<br />

Mitglieder DIN-Normendokumente<br />

des Beuth Verlags<br />

vergünstigt abrufen.<br />

Grundlage dieses exklusiven<br />

Angebots für Mitglieder der<br />

Ingenieurkammern ist eine<br />

Rahmenvereinbarung, die die<br />

Bundesingenieurkammer<br />

mit dem Verlag zum online-<br />

Bezug von DIN-Normendokumenten<br />

abgeschlossen hat.<br />

Das Normenportal (www.normenportal-ingenieure.de)<br />

ist<br />

rund um die Uhr an 365 Tagen<br />

im Jahr zugänglich.<br />

Die Normen können nicht<br />

nur am Bildschirm gelesen,<br />

sondern auch ausgedruckt<br />

werden.<br />

Für dieses exklusive Angebot<br />

wurden aus mehreren<br />

tausend DIN-Normen und<br />

technischen Regeln, die derzeit<br />

im Bauwesen gültig sind,<br />

in Zusammenarbeit mit den<br />

Ingenieurkammern der Länder<br />

rund 500 am häufigsten<br />

abgerufene DIN-Normendokumente<br />

ausgewählt.<br />

Zusätzlich zu diesem Grundpaket<br />

können die Eurocodes<br />

(www.eurocode-online.de),<br />

deren bauaufsichtliche Einführung<br />

für den 1. Juli 2012<br />

vorgesehen ist, sowie die Texte<br />

der Vergabe- und Vertragsordnung<br />

(VOB) für Bauleistungen<br />

zu Sonderkonditionen<br />

bezogen werden.<br />

KALENDER<br />

WETTBEWERB<br />

Attraktive<br />

Preise<br />

Unter dem Motto »Ingenieure<br />

treffen Schule«<br />

ruft die BBIK Schüler<br />

und Studenten zu einem<br />

Fotowettbewerb auf.<br />

Die Ausschreibung vom<br />

1. April bis 31. Oktober<br />

2012 gilt in zwei Alterskategorien,<br />

von 14 bis 18<br />

und von 19 bis 25 Jahre.<br />

Gesucht werden lebendige<br />

und authentische Bilder mit<br />

besonderem Blick für herausragende<br />

ingenieurtechnische<br />

Leistungen. Den Bestplatzierten<br />

winken attraktive<br />

Preise, darunter ein Stuntworkshop<br />

für zwei Personen<br />

im Filmpark<br />

Babelsberg/Potsdam, ein<br />

Auto für ein Wochenende<br />

vom Autohaus Babelsberg,<br />

eine Übernachtung im NH<br />

Hotel Dresden, außerdem<br />

Eintrittskarten und Gutscheine<br />

für Freizeit-, Kulturund<br />

Sportveranstaltungen.<br />

Schirmherrinnen des Wettbewerbs<br />

sind die Ministerinnen<br />

für Wissenschaft, Forschung<br />

und Kultur, Prof. Dr.-<br />

Ing. Dr. Sabine Kunst, und<br />

für Bildung, Jugend und<br />

Sport, Dr. Martina Münch.<br />

Einsendeschluss ist der<br />

31. Oktober 2012 (Eingang<br />

in der BBIK). Die Preisverleihung<br />

findet im IV. Quartal<br />

2012 statt. Die Wettbewerbsarbeiten<br />

werden danach<br />

an verschiedenen<br />

Orten im Land Brandenburg<br />

ausgestellt.<br />

Informationen:<br />

www.ingenieure-treffenschule.de<br />

25.04.2012 Neuruppin Regionale Mitgliederversammlung der Regionen Prignitz, Ostprignitz-Ruppin<br />

und Oberhavel<br />

23.05.2012 Hangelsberg Regionale Mitgliederversammlung der Regionen Frankfurt (Oder), Oder-Spree<br />

und Märkisch-Oderland<br />

15.06.2012 Potsdam 17. Brandenburgischer Ingenieurkammertag<br />

56 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


BBIK-AKTUELL<br />

Fotos: Ullner<br />

BDVI<br />

20 Jahre in<br />

Brandenburg<br />

Das 20-jährige Jubiläum<br />

des Berufsstandes in<br />

Brandenburg würdigte der<br />

BDVI mit einem Festakt.<br />

Der Bund der Öffentlich bestellten<br />

Vermessungsingenieure<br />

zählt im Lande derzeit<br />

rund 150 freiberuflich tätige<br />

Vermessungsingenieure. Als<br />

verdienter Berufskollege wurde<br />

auf dem Festakt Kammermitglied<br />

Dipl.-Ing. Peter Hartmann<br />

für sein ehrenamtliches<br />

Engagement im Verband<br />

auf Landes- und Bundesebene<br />

mit der silbernen Ehrennadel<br />

des BDVI geehrt. Er ist seit<br />

acht Jahren aktives Vorstandsmitglied<br />

der BDVI-Landesgruppe<br />

Brandenburg und<br />

auch BBIK-Mitglied. Die Grußworte<br />

der Landesregierung<br />

überbrachte Infrastrukturminister<br />

Jörg Vogelsänger. Die<br />

Festansprache hielt Minister<br />

a. D. Reinhold Dellmann.<br />

BAUZUSTAND<br />

Schlechte<br />

Straßen<br />

Viele Bundes- und Landesstraßen<br />

im Land Brandenburg<br />

sind in einem<br />

mangelhaften Zustand.<br />

Schon vor dem Winter<br />

2010/2011 wiesen 56 Prozent<br />

der Landesstraßen eine Bauzustandsnote<br />

von schlechter<br />

als 3,5 auf. Bei 26 Prozent<br />

der Landesstraßen war die<br />

Zustandsnote von 4,5 bereits<br />

überschritten. Ab einem solchen<br />

Wert müssen in der Regel<br />

Erhaltungsmaßnahmen<br />

oder Verkehrsbeschränkungen<br />

eingeleitet werden. Das<br />

ergibt sich aus der Antwort<br />

des Ministers für Infrastruktur<br />

und Landwirtschaft auf<br />

eine kleine Anfrage des Abgeordneten<br />

Rainer Genilke<br />

(CDU). Zudem gibt es in Brandenburg<br />

über 700 Brückenbauwerke,<br />

die eine durchschnittliche<br />

Nutzungsdauer<br />

von 70–80 Jahren aufweisen.<br />

Architektur<br />

THEMA<br />

Stelen aus Edelstahl machen<br />

auf herausragende<br />

Bauten der »Moderne«<br />

der Jahre 1919 bis 1933 aufmerksam.<br />

Mit dieser gemeinsamen<br />

Aktion wollen die Ingenieurkammer<br />

und die<br />

Architektenkammer in Brandenburg<br />

das Bewusstsein für<br />

die Vielfalt und Bandbreite<br />

sowie für die hohe Qualität<br />

des Bauschaffens schärfen.<br />

Die Stelen informieren mit<br />

Inschriften und Bildern über<br />

legendäre Bauobjekte. Bisher<br />

stehen 13 Stelen, etwa vor der<br />

Zollbausiedlung Memelland<br />

in Brandenburg/Havel, vor der<br />

Grundschule Erich-Kästner in<br />

Frankfurt (Oder) sowie vor<br />

dem Regattahaus und dem<br />

dazugehörigen Musikpavillon<br />

AKTUELL<br />

Stelen der Moderne<br />

Ein Fotowettbewerb, Stelen aus Edelstahl und<br />

eine Ausstellung. Die BBIK würdigt die Qualität<br />

des Bauschaffens im Land Brandenburg.<br />

DIE STELEN erläutern herausragende Bauwerke.<br />

in Potsdam. Für weitere Stelen<br />

werden noch Sponsoren gesucht.<br />

TURM UND WOHNHÄUSER<br />

Herausragende architektonische<br />

und ingenieurtechnische<br />

Leistungen der Gegegenwart<br />

würdigt eine Ausstellung mit<br />

über 50 Wettbewerbsarbeiten,<br />

die vom 2. bis 17. April in den<br />

Bahnhofspassagen Potsdam<br />

gezeigt wird. Präsentiert werden<br />

die im Rahmen des<br />

Brandenburgischen Baukulturpreises<br />

2011 eingereichten<br />

Entwürfe. Sie zeigen, wie<br />

Architekten und Ingenieure<br />

generationengerecht planen<br />

und bauen und neue konstruktive<br />

und technische Systeme<br />

mit hoher Funktiona-<br />

KURZ<br />

NOTIERT<br />

BAURECHT<br />

Digitale Fassung<br />

Auf Basis des Europarechtsanpassungsgesetzes<br />

Erneuerbare<br />

Energien (EAG EE, BGBl I 2011,<br />

S. 619) erfolgte eine Änderung<br />

von Paragraf 3 Abs. 1 Nr. 6 des<br />

Hochbaustatistikgesetzes (HBau-<br />

StatG). Deshalb wurde mit Wirkung<br />

ab 1. Januar 2012 die Baugenehmigungsstatistik<br />

um Abfragen<br />

zu den Merkmalen »Art der<br />

Warmwasserbereitung und hier<br />

für vorgesehene Energie«, »Anlagen<br />

zur Lüftung«, »Anlagen zur<br />

Kühlung« sowie »Art der Erfüllung<br />

des Erneuerbare-Energien-Wärmegesetzes«<br />

erweitert. Der Erhebungsbogen<br />

für Baugenehmigung/<br />

Baufertigstellung wurde dementsprechend<br />

inhaltlich geändert<br />

bzw. erweitert. Für Baugenehmigungen,<br />

die dem Amt für Statistik<br />

Berlin-Brandenburg seit dem Erhebungsmonat<br />

Januar 2012 gemeldet<br />

werden, sind nur noch neue<br />

Erhebungsbögen für die Bearbeitung<br />

geeignet. Redaktionell<br />

überarbeitet wurde auch der Erhebungsbogen<br />

für Bauabgang.<br />

Informationen: Amt für Statistik<br />

Berlin-Brandenburg, Tel.: (03 31)<br />

81 73 – 17 77; http://www.statistik-bw.de/baut/html/index.htm)<br />

lität und Energieeffizienz entwickeln.<br />

Zu sehen sind in der<br />

Ausstellung u. a. der sanierte<br />

Wasserturm in Finow, Institutsbauten<br />

in Potsdam, ein saniertes<br />

und umgenutztes<br />

Denkmal in Eisenhüttenstadt,<br />

Freianlagen und Brücken sowie<br />

Wohnhäuser. Unter dem<br />

Titel »Baukultur vor Ort« wird<br />

die Ausstellung auch in weiteren<br />

Städten in Brandenburg<br />

gezeigt werden.<br />

ADRESSE<br />

Brandenburgische Ingenieurkammer<br />

Schlaatzweg 1, 14473 Potsdam<br />

Tel.: (03 31) 743 18 0, Fax: 743 18 30<br />

E-Mail: info@bbik.de<br />

Internet: www.bbik.de<br />

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 57


Foto: Volkswagen<br />

AUTOMOBIL<br />

Gut vier Jahre nach dem<br />

Debüt legt der edelste<br />

Vertreter der Passat-<br />

Baureihe seinen bisherigen<br />

Modellnamen ab und tritt<br />

nur noch als VW CC auf. Die<br />

Abkürzung CC steht »Comfort<br />

Coupe« und macht bei Design,<br />

Technik und Ausstattung<br />

dem Namen alle Ehre.<br />

Die neue Optik mit stark verchromtem<br />

Kühlergrill rückt<br />

den CC näher an den noblen<br />

großen Bruder Phaeton. Die<br />

Motorhaube wirkt mächtiger.<br />

Der gesamte Bereich der Front<br />

wurde überarbeitet, bekam<br />

schärfere Linien und – gemäß<br />

der Marken-Optik – mehr Elemente<br />

verpasst, die in die<br />

Breite ziehen. Der CC wird als<br />

Viersitzer ausgeliefert mit gut<br />

konturierten Sportsitzen vorn<br />

und ebenfalls ausgeprägten<br />

Einzelsitzen hinten.<br />

Das komplette Ambiente<br />

wirkt edler und hochwertiger<br />

und lässt sich mit unterschiedlichen<br />

Materialien und<br />

Farben dem persönlichen<br />

Geschmack ebenso anpassen<br />

wie dem Geldbeutel. Das neue<br />

viersitzige Gestühl bietet den<br />

hinten Sitzenden mehr Kopfraum,<br />

für Sitzriesen aber leider<br />

immer noch nicht genug.<br />

Die lassen sich vielleicht mit<br />

VolkswagenCC<br />

Comfort Coupe veredelt<br />

Die Wolfsburger Autobauer haben dem Modell CC<br />

ein markantes Facelifting verpasst. Auch innen<br />

glänzt die Limousine mit passablen Neuerungen.<br />

dem größeren Knieraum trösten.<br />

Viel Aufmerksamkeit hat<br />

VW den Fahrgeräuschen gewidmet.<br />

Ein neuer Unterboden,<br />

mehr Dämmmaterial<br />

und akustisch optimierte<br />

Scheiben an der Front und an<br />

den Seiten sorgen für ein an-<br />

genehm niedriges Innengeräuschniveau.<br />

Im Optionspaket<br />

finden sich viele Assistenzsysteme,<br />

wie sie sonst nur<br />

in der Oberklasse zu Hause<br />

sind. Als erster Volkswagen erhält<br />

der CC eine Kombina-tion<br />

aus dem Spurwechselassistenten<br />

und dem Spurhalteassistenten.<br />

Das System warnt vor<br />

Autos im toten Winkel oder<br />

beim Verlassen der Spur, und<br />

die Lenkung hält dagegen,<br />

wenn die Spur nicht frei ist<br />

oder der Fahrer unbeabsichtigt<br />

seine Spur verlässt.<br />

Beim Antrieb <strong>geht</strong> der CC<br />

mit wahlweise drei leistungsstarken<br />

Benzinern (160 bis<br />

300 PS) und zwei Dieseln (140<br />

und 170 PS) zur Sache. Hinzu<br />

gesellt sich ein Blue-TDI-Motor<br />

mit ebenfalls 140 PS, der<br />

bereits die erst ab Herbst geltenden<br />

strengen Grenzwerte<br />

der Euro-6-Norm erfüllt und<br />

sich mit 4,7 Litern auf 100 km<br />

begnügt. Ein echter Sparmeister<br />

seiner Klasse.<br />

Auf den ersten Blick wirkt<br />

der CC nicht wie ein Schnäppchen:<br />

die Preise starten bei<br />

31.800 Euro für den 1.8 TSI<br />

(160 PS). Also doch ein Design-<br />

Zuschlag gegenüber dem normalen<br />

Passat? Unterm Strich<br />

nicht, denn für den CC gibt es<br />

keine Ausstattungslinien, für<br />

die Käufer anderer VW-Modelle<br />

extra zur Kasse gebeten<br />

werden. Fazit: Die vielen praktischen<br />

Assistenzsysteme und<br />

das hohe Komfortniveau machen<br />

den CC zum idealen Geschäfts-<br />

und Reisefahrzeug.<br />

Hans Jürgen Götz<br />

Autopflege<br />

Frühjahrsputz im Fuhrpark<br />

Nach dem Winter steht für Firmenautos eine Runderneuerung auf dem Wartungsprogramm.<br />

W&M gibt Tipps, wie die Spuren widriger Wetterwochen wirkungsvoll beseitigt werden.<br />

WINTERDRECK WEGWASCHEN<br />

Gegen den Schmutz und das<br />

Salz des Winters empfiehlt sich<br />

ein Durchgang in der Waschanlage<br />

mit Vor- und Unterbodenwäsche.<br />

Wichtig: Türeinstiege<br />

mit mildem Reinigungsmittel,<br />

viel Wasser und weichem<br />

Schwamm von Hand säubern.<br />

Motor mit starkem Strahl<br />

abspritzen. Bei Benutzung<br />

eines Dampfstrahlers auf Elektrik<br />

und Elektronik achten.<br />

KRATZER BESEITIGEN<br />

Nach der Außenreinigung Lack<br />

und Kunststoffflächen konrollieren.<br />

Hochwertige Lackpolitu-<br />

ren entfernen feine Kratzer effizient.<br />

In schlimmeren Fällen<br />

helfen Kratzer-Polituren. Gehen<br />

Kratzer bis auf die Grundierung<br />

des Lacks, größere<br />

Folgeschäden durch professionelle<br />

Reparatur vermeiden.<br />

FELGEN GRÜNDLICH REINIGEN<br />

Bei der Frühjahrswäsche verdienen<br />

Alufelgen besonderes<br />

Augenmerk. Mit säurefreiem<br />

Felgenreiniger vorsprühen, damit<br />

sich hartnäckiger Bremsstaub<br />

wirklich gut lösen kann.<br />

Eine spezielle Felgenversiegelung<br />

zum Schluss erleichtert<br />

die nächste Reinigung.<br />

FÜR DURCHBLICK SORGEN<br />

Auf Autoscheiben bildet sich<br />

mit der Zeit an der Innenseite<br />

ein feiner Schmutzschleier,<br />

der bei ungünstigen Gegenlichtverhältnissen,<br />

etwa bei<br />

heller Sonne, zu extremer<br />

Sichtbeeinträchtigung führen<br />

kann. Mit Glasreiniger sorgen<br />

Sie für klare Verhältnisse. Feine<br />

Kratzer im Glas sind mit<br />

Scheibenpolitur entfernbar.<br />

GUMMIS PRÜFEN<br />

Die Scheibenwischer prüfen.<br />

Sie dürfen nicht schmieren.<br />

Reinigen Sie die Gummis. Bilden<br />

sich danach beim Wischen<br />

immer noch Schlieren oder<br />

Streifen, müssen die Wischerblätter<br />

ausgetauscht werden.<br />

Erneuern sie das Wischwasser<br />

und steigen auf Scheibenreiniger<br />

für den Sommer um.<br />

INNENRAUM SÄUBERN<br />

Polster und Fußmatten gründlich<br />

absaugen. Mikrofasertücher<br />

eignen sich für nahezu<br />

alle Oberflächen wie Armaturentafel<br />

und Verkleidungen. In<br />

hartnäckigen Fällen Kunststoffpflegemittel<br />

verwenden.<br />

Und bitte nicht vergessen:<br />

Kofferraum entrümpeln!<br />

Hans Jürgen Götz<br />

&<br />

58<br />

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


PORTRÄT<br />

Fotos: U. Toelle/Super Illu<br />

Argenta Schokoladenmanufaktur GmbH<br />

Kreativer Gaumen<br />

Der Weißenfelser Unternehmer Wolfgang Dietrich lässt sich vom<br />

Geschmack und Kaufverhalten der Kunden inspirieren und hat<br />

eine traditionsreiche Schokoladenmarke zu neuem Leben erweckt.<br />

Das Büro des Chefs der Argenta<br />

Schokoladenmanufaktur GmbH<br />

befindet sich an ungewöhnlichem<br />

Ort. Vom Wintergarten seines<br />

Hauses in Weißenfels aus führt Wolfgang<br />

Dietrich sein Unternehmen. Im Kellerbereich<br />

des Hauses sind weitere Büros<br />

für acht Mitarbeiter untergebracht. Fast<br />

entschuldigend erklärt Ehefrau Ursula:<br />

»Dies war alles mal <strong>anders</strong> geplant, aber<br />

es ist im Laufe der Jahre so gewachsen.«<br />

Die Produktionsstätte mit Verkaufsladen<br />

befindet sich dagegen am Rande<br />

der Stadt, in der Naumburger Straße.<br />

Täglich verlassen bis zu 28 Lkw das<br />

Weißenfelser Werksgelände, beladen mit<br />

Schokoladenartikeln. 50 Sorten werden<br />

derzeit produziert. Darunter Verkaufshits<br />

wie »Brockensplitter«, die »Feinen<br />

Tröpfchen« und »Nougattütchen«. Die<br />

diesjährige Osterproduktion ist gelaufen.<br />

Dietrich ist Schokoladen-Fachmann.<br />

Auf dem Esstisch in seinem Büro stehen<br />

Tüten, Schachteln und Päckchen. Hier<br />

wird genascht. »Erstens muss man ständig<br />

die eigene Produktqualität überprüfen.<br />

Zweitens werden Neuentwicklungen<br />

immer wieder verkostet. Und drittens<br />

muss ich auch wissen, was die Konkurrenz<br />

so macht«, sagt der 61-Jährige.<br />

Bei all der beruflichen Nascherei ist<br />

der gebürtige Merseburger rank und<br />

schlank geblieben. Ein sportlicher Typ,<br />

gekleidet in legeren schwarzen Jeans, kariertem<br />

Oberhemd und dicker Strickjacke.<br />

Nichts mit Geschäftsanzug und<br />

Krawatte. »Ich habe den typischen Geschmack<br />

eines Otto Normalverbrauchers«,<br />

sagt Dietrich. Trendige Geschmackskreationen<br />

wie Schokolade mit<br />

Chili mag er nicht. Die Firma konzentriert<br />

sich auf das, was seit jeher den<br />

ostdeutschen Naschkatzen geschmeckt<br />

hat. Da wird verfeinert und verbessert.<br />

Oder <strong>anders</strong> beschrieben: Was dem Chef<br />

schmeckt, das wird produziert.<br />

Dietrich brütet unentwegt neue Projekte<br />

aus, auch im Gespräch hält es ihn<br />

nicht lange auf seinem Stuhl. Unruhig<br />

läuft er hin und her. Selbst neben seinem<br />

Bett lägen immer Stift und Block, erklärt<br />

Ehefrau Ursula, um Einfälle und Gedanken<br />

schnell notieren zu können. Einen<br />

aktuellen kreativen Einfall hat er jüngst<br />

auf der Süßwarenmesse in Köln präsentiert:<br />

ein »Dip-Ei«. Einen Oster-Kalenderkranz<br />

hatte er ebenfalls im Gepäck. »Wir<br />

sind damit einzigartig in Europa, weil<br />

verpackungstechnisch nur wir diesen<br />

Kranz fertigen.« Für die innovativen Produkte<br />

wird im eigenen Haus getüftelt. Im<br />

Sommer dieses Jahres kommt seine<br />

»Dschungelsafari« für Kinder auf den<br />

Markt. Eine Nougat-PuffreisTafel ist in<br />

Arbeit. Neu sind auch die pastellfarbenen<br />

Schaumtiere. Sein »Weihnachtswilli«<br />

war im zurückliegenden Weihnachtsgeschäft<br />

deutschlandweit ein Renner.<br />

Der Argenta-Chef ist nicht in der Branche<br />

groß geworden. Er studierte weder<br />

Lebensmitteltechnologie noch Lebensmittelchemie.<br />

Von Hause aus ist er Mathematiker.<br />

Zu DDR-Zeiten programmierte<br />

er Werkzeugmaschinensysteme.<br />

Dafür hat er einst den Nationalpreis für<br />

Wissenschaft und Technik erhalten.<br />

»Darauf bin ich immer noch stolz.«<br />

Von seinem kreativen Geist hat auch<br />

Ehefrau Ursula beruflich profitiert. Als<br />

PRALINEN PRALL: Der Argenta-Chef<br />

Wolfgang Dietrich und Ehefrau Ursula.<br />

sie sich mit dem Gedanken trug, im<br />

Wohnhaus der Familie ein Eiscafé aufzumachen,<br />

baute Ehemann Dietrich ihr die<br />

erste Eismaschine. Das Gerät hat längst<br />

ausgedient. Das Eiscafé existiert noch.<br />

Mit der Wende kam für Wolfgang<br />

Dietrich das Ende seiner Programmierer-<br />

Tätigkeit. Aber eine neue Idee war schon<br />

geboren. Er gründete eine Handelsagentur<br />

und verkaufte Ernährungsprodukte<br />

der Marken Kathi, Dr. Quendt, Halloren,<br />

Viba, Wurzener Nahrungsmittel oder<br />

Zetti. »Das war eine Zeit, in der ich<br />

enorm viel gelernt habe.«<br />

So beobachtete er nicht nur stetig den<br />

Süßwarenmarkt, sondern auch das<br />

Kaufverhalten von Kunden und die Verkaufsstrategie<br />

der Discounter. »Auffallend<br />

ist, wie sehr sie auf regionale Produkte<br />

setzen und diese stark bewerben«,<br />

resümiert Dietrich. Und es fiel ihm auf,<br />

das in klassischen Hersteller-Ländern der<br />

Süßwarenbranche wie Sachsen-Anhalt<br />

und Sachsen nach 1990 etliche Marken<br />

verschwanden, die bis dahin in einem<br />

guten Ruf gestanden hatten wie »Elbflorenz«<br />

aus Dresden und »Argenta« aus<br />

Wernigerode.<br />

2002 kaufte Dietrich die Marke »Argenta«.<br />

Seit 2004 werden die Argenta-Produkte<br />

nicht mehr im Harz, sondern im<br />

anhaltinischen Weißenfels in der Schokoladenmanufaktur<br />

produziert. 13 Millionen<br />

Euro investierte der Unternehmer.<br />

Die Stadt unterstützte das Vorhaben,<br />

das Land Sachsen-Anhalt half, auch<br />

EU- Fördergelder flossen. Für den beruflichen<br />

Seiteneinsteiger arbeiten mittlerweile<br />

70 Leute und erwirtschaften bis zu<br />

16 Millionen Euro Umsatz pro Jahr.<br />

Momentan wird die Schokoladenmanufaktur<br />

um ein Drittel in der Fläche erweitert.<br />

»Wir benötigen mehr Lagerkapazitäten,<br />

wollen die Pralinenproduktion<br />

erhöhen und freie Kapazitäten für neue<br />

Produktlinien haben.«<br />

Für seinen Mut und sein Engagement<br />

erhielt der Weißenfelser 2009 den Unternehmerpreis<br />

des Ostdeutschen Sparkassenverbandes.<br />

»Wenn ich vorab gewusst<br />

hätte, was da auf mich zukommt, dann<br />

hätte ich diesen Job gar nicht erst gemacht,«<br />

bekennt der Geehrte im Rückblick<br />

auf die Anfänge. Er habe ja nicht<br />

mal gewusst, wie viel Geld man braucht.<br />

Und wie viel Verantwortung es zu schultern<br />

gilt. Urlaub oder Freizeit kennt Dietrich<br />

seit Jahren nicht. Für’s Hobby – er<br />

sammelt leidenschaftlich Uhren – bleibt<br />

keine freie Minute. Doch wenn er mal<br />

nicht eine neue Schokoladenidee ausspinnt,<br />

gönnt er sich einen entspannten<br />

Blick vom Wintergarten aus auf seine Galerie<br />

von 70 Zeitmessern.<br />

Daniela Sell<br />

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 59


UV-AKTUELL<br />

Zeitarbeitsfirma bester Arbeitgeber in Thüringen<br />

Fachkräfte-Meyers goldene Regeln<br />

Bundesweit tobt ein Streit um die Leiharbeit. Gewerkschafter warnen vor Missbrauch. Unternehmer<br />

schwören auf sie. Dazu passt eine Nachricht: Die größte einheimische Personaldienstleisterin<br />

Thüringens, die GeAT AG, wurde unlängst als eine der besten Firmen Deutschlands ausgezeichnet.<br />

Ende Januar dieses Jahres,<br />

tief im Westen,<br />

im Duisburger Landschaftspark-Nord.<br />

Die Industriekulisse<br />

beeindruckt, Tatort-Legende<br />

Götz George alias<br />

Horst Schimanski könnte jeden<br />

Moment um die Ecke biegen.<br />

Im Rampenlicht der Jahresveranstaltung<br />

2012 des<br />

Benchmarkingprojekts »Top<br />

Job« stehen die besten mittelständischen<br />

Arbeitgeber<br />

Deutschlands. Ex-Bundeswirtschaftsminister<br />

Wolfgang<br />

Clement zeichnet sie aus.<br />

Im vergangenen Jahr hat<br />

die Universität St. Gallen das<br />

Personalmanagement von<br />

bundesweit 147 Unternehmen<br />

untersucht und deren 34.000<br />

Mitarbeiter interviewt. Zu den<br />

besten Firmen und Institutionen<br />

gehört die Gesellschaft<br />

für Arbeitnehmerüberlassung<br />

Thüringen, die Erfurter GeAT<br />

AG. Bereits zum zweiten Mal.<br />

In diesem Jahr landete das<br />

Zeitarbeit-Unternehmen auf<br />

Platz vier der Top 100 Arbeitgeber<br />

Deutschlands.<br />

Ausgerechnet eine Firma<br />

aus dem Freistaat Thüringen!<br />

Matthias Machnig, dort Landesminister<br />

für Wirtschaft,<br />

Arbeit und Technologie, hatte<br />

im vergangenen Jahr bundesweit<br />

Schlagzeilen gemacht.<br />

Mit einer Initiative gegen den<br />

Missbrauch von – Zeitarbeit.<br />

Firmen mit einem hohen<br />

Leiharbeiteranteil erhalten<br />

im Freistaat nur noch eingeschränkt<br />

Fördermittel oder<br />

gar keine. Die Begründung:<br />

Die Zeitarbeiter bekämen bedeutend<br />

weniger Entgelt als<br />

Stammkräfte (s. W&M 3/2012).<br />

Helmut Meyer, der ebenso<br />

visionäre wie umtriebige<br />

Gründer und Vorstandssprecher<br />

der GeAT, hält im Gespräch<br />

mit W&M diesen<br />

Machnig-Vorstoß nicht für erwähnenswert.<br />

Er ist längst zu<br />

anderen Ufern unterwegs.<br />

Fachkräftemangel, equal-pay<br />

oder Mindestlohn sind seine<br />

Stichworte. Er würdigt indes<br />

die Bemühungen des Ministers<br />

um Unternehmensansiedlungen,<br />

überhaupt die<br />

Nähe der Landesregierung<br />

zur Wirtschaft. Da sieht Meyer<br />

viel Licht: »Wir profitieren<br />

von den Ansiedlungen.«<br />

Es versteht sich, dass der<br />

GeAT-Inhaber ein Herold in eigener<br />

Sache ist. Für ihn ist die<br />

Zeitarbeit ein integrativer<br />

Bestandteil modernen, flexiblen<br />

Wirtschaftens. Ein kaum<br />

zu überschätzender Wettbewerbsvorteil.<br />

Kein Jobkiller,<br />

sondern ein Weg aus der Arbeitslosigkeit<br />

– für viele Menschen<br />

die schier einzige reale<br />

Chance, wieder in Lohn und<br />

Brot zu kommen. Nach Einschätzung<br />

von Gesamtmetall-<br />

Präsident Martin Kannegiesser<br />

sichert Zeitarbeit gar ein<br />

Fünftel der Arbeitsplätze in<br />

der deutschen Metall- und<br />

Elektroindustrie. Mit der<br />

GeAT, die mit annähernd<br />

1.700 Beschäftigten größte<br />

einheimische Anbieterin von<br />

Personaldienstleistungen in<br />

Thüringen ist, sieht sich Meyer<br />

auch als ein Zukunftssicherer<br />

des Landes.<br />

WER KOMMT, DER BLEIBT<br />

Zumal der unweit von Koblenz<br />

Gebürtige hier sesshaft<br />

geworden ist. Angefangen hat<br />

er hier am 15. November 1990<br />

– als Beamter im Beitrittsgebiet.<br />

Ursprünglich abgeordnet<br />

für ein paar Tage, sind es<br />

Jahrzehnte geworden. Das<br />

wichtigste an der neuen Heimat<br />

sei, dass er hier tolle<br />

Teams gefunden habe, sagt<br />

der ehemalige Leiter eines<br />

Arbeitsamtes. 1995 gehörte er<br />

zu den GeAT-Gründern im<br />

Rahmen eines Management<br />

buy-outs, der Übernahme<br />

einer Fördergesellschaft des<br />

Landes. Das Kapital stammte<br />

auch aus dem Verkauf seines<br />

Häuschens im Rheinischen.<br />

Von den Mitarbeitern der ersten<br />

Stunde sind die meisten<br />

noch dabei. »Wer die Probezeit<br />

übersteht und den Arbeitsvertrag<br />

unterschreibt,<br />

der bleibt«, erklärt er.<br />

Stichwort Mindestlohn. Seit<br />

Anfang Januar 2012 wird in<br />

der Branche ein Mindestlohn<br />

gezahlt – jetzt 7,01 Euro die<br />

Stunde im Osten und 7,89<br />

Euro im Westen, ab Anfang<br />

November werden es dann<br />

7,50 Euro Ost und 8,19 Euro<br />

West sein. Meyer hält das für<br />

einen »Meilenstein in der Geschichte<br />

und einen Erfolg für<br />

die Zukunft der Zeitarbeit«.<br />

Was er nicht erzählt: Er<br />

gehört zu den Vätern dieser<br />

von den Tarifpartnern vor der<br />

gesetzlichen Festlegung ausgehandelten<br />

Lohnuntergrenze.<br />

Der GeAT-Durchschnitts-<br />

EINGESPIELTES TEAM: Friedrich W. Schmitz, Gudrun Wegner und Helmut Meyer (v.l.n.r.).<br />

60 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


UV-AKTUELL<br />

Fotos: Torsten George<br />

lohn liegt bei 8,37 Euro die<br />

Stunde. »Ich hätte nicht Hunderte<br />

von Leuten an Bord«, so<br />

Meyer, »wenn draußen mehr<br />

bezahlt würde.«<br />

Thüringen ist ein mittelständisch<br />

geprägtes Land.<br />

Meyer selbst versteht sich als<br />

Mittelständler, als Familienunternehmer<br />

und als Partner<br />

des Mittelstands. Keine zehn<br />

seiner Kunden haben mehr<br />

als 20 Beschäftigte. Und zu<br />

den GeAT-Prinzipien gehört,<br />

höchstens fünf Prozent der<br />

eigenen Belegschaft an jeweils<br />

einen Kunden zu verleihen.<br />

Das sichert die Arbeitsplätze<br />

und schützt vor Risiken.<br />

Wie Meyer überhaupt auf<br />

Nachhaltigkeit schwört. Zu<br />

seinen goldenen Regeln zählen:<br />

»Liquidität vor Expansion,<br />

Rentabilität vor Umsatz,<br />

Zukunftssicherung vor Aktienwertsteigerung.«<br />

PUNKTGENAU: Gezielte Qualifizierung an der GeAT-Akademie.<br />

BRATWURST STATT PAELLA<br />

Zeitarbeit gilt nicht von ungefähr<br />

als Seismograph des Arbeitsmarktes.<br />

Und Helmut<br />

Meyer wäre kein erfolgreicher<br />

Mittelständler, wenn er auf<br />

Veränderungen nicht unternehmerisch<br />

reagierte. Stichwort<br />

Fachkräftemangel. Mit<br />

der bereits 2004 gegründeten<br />

und im Juni 2011 neu formierten<br />

GeAT Akademie bietet die<br />

Gesellschaft fachspezifische<br />

Qualifizierungs- und Weiterbildungsmaßnahmen<br />

an.<br />

Akademie-Chefin Gudrun<br />

Wegner spricht nicht nur pro<br />

domo, wenn sie die Vorzüge<br />

einer punktgenauen Vorbereitung<br />

der Arbeitnehmer auf<br />

ihren künftigen Job preist.<br />

»Eine Qualifizierung ins<br />

Blaue hinein gibt es nicht<br />

mehr. Jedenfalls nicht bei<br />

uns«, sagt sie und verweist<br />

auf eine Übernahmegarantie<br />

nach den Lehrgängen.<br />

Der Thüringerin, die aus<br />

der Nähe von Bad Berka<br />

stammt, kommt ihre langjährige<br />

Vernetzung im Lande zugute<br />

– nicht nur mit Firmen,<br />

sondern auch mit Bildungseinrichtungen<br />

und anderen<br />

Institutionen. Darauf schwört<br />

die ehemalige Leiterin der<br />

Niederlassung Erfurt. So<br />

könnten die Akademie-Strukturen<br />

schlank gehalten werden<br />

und die praktische Ausbildung<br />

werde ohnehin am<br />

besten bei dem jeweiligen<br />

GeAT-Kunden absolviert. Ein<br />

halbes Hundert dieser Kunden<br />

hat die Firma gegenwärtig,<br />

die sich in 14 Niederlassungen<br />

und drei Regionalbüros<br />

gliedert.<br />

Gudrun Wegners Plädoyer<br />

für Netzwerke bekräftigt Friedrich<br />

W. Schmitz. Er ist neben<br />

Hartmut Meyer Geschäftsführer<br />

der Meyer Fachkräfte<br />

FAKTEN<br />

Die Gesellschaft für Arbeitnehmerüberlassung<br />

Thüringen<br />

AG blickt auf 23.450<br />

Einstellungen von Arbeitssuchenden<br />

von 1995 bis<br />

Ende 2011 und auf 10.086<br />

Integrationen in dauerhafte<br />

Beschäftigungen am ersten<br />

Arbeitsmarkt im Land zurück.<br />

Damit ist fast jeder zweite<br />

Leiharbeiter unterdessen<br />

fest angestellt worden.<br />

Die Zahl der Zeitarbeiter<br />

nimmt überall in Deutschland<br />

zu. Nach einer aktuellen<br />

Studie wird der Markt für<br />

Leiharbeit in diesem Jahr erneut<br />

um elf Prozent wachsen<br />

– nach 19 Prozent im Jahr<br />

2011. Damit würde erstmals<br />

die jahresdurchschnittliche<br />

Anzahl von über einer Millionen<br />

Zeitarbeitern im Jahr<br />

2012 überschritten. 2011<br />

waren es noch 982.000.<br />

In den vergangenen zehn<br />

Jahren hat sich die Zahl der<br />

Leiharbeiter verdreifacht.<br />

GmbH, einer weiteren Firma<br />

der Gesellschaft für Personaldienstleistungen.<br />

Der Name<br />

ist Programm – eine Reaktion<br />

auf den veränderten Markt<br />

und zugleich Notwendigkeit<br />

einer Grenzüberschreitung.<br />

Denn mit der im November<br />

2009 gegründeten Fachkräfte-<br />

Firma wagte sich Meyer nach<br />

Sachsen-Anhalt und da stört<br />

die Festlegung auf »Thüringen«<br />

im Firmennamen. Seit<br />

September vergangenen Jahres<br />

gibt es zudem Niederlassungen<br />

in Sangerhausen und<br />

Wolfen. Auf ein Büro in Köln<br />

sollen jeweils eins in Regensburg<br />

und Bayreuth folgen.<br />

Nach den Visionen und Plänen<br />

des geschäftsführenden<br />

Gesellschafters Helmut Meyer<br />

agiert das Fachkräfte-Unternehmen<br />

künftig sogar europaweit.<br />

Der Anfang ist gemacht<br />

– mit der Fachowcy Firmy<br />

Meyer Sp. z o.o in Jawor<br />

(Polen). Auch Schmitz denkt<br />

längst daran, Fachkräfte beispielsweise<br />

in Spanien zu akquirieren.<br />

»Bei einer Jugendarbeitslosigkeit<br />

von fast 50<br />

Prozent dort, überlegt vielleicht<br />

dieser oder jene, ihr<br />

Glück hierzulande zu suchen«,<br />

überlegt er laut. »Und<br />

womöglich findet diese oder<br />

jener, dass die Bratwurst besser<br />

schmeckt als eine Paella.«<br />

Mit Schmitz’ Neigung zu<br />

Netzwerken hat es noch eine<br />

besondere Bewandtnis. Der in<br />

Wuppertal geborene Betriebswirt,<br />

der zuvor als selbstständiger<br />

Immobilienberater tätig<br />

war, sich selbst aber mehr als<br />

Teamarbeiter bezeichnet, bekleidet<br />

eine ehrenamtliche<br />

Funktion. Er ist Vorstandsmitglied<br />

im Thüringer UV und<br />

schon deshalb an Informations-<br />

und Erfahrungsaustausch<br />

interessiert.<br />

EQUAL PAY, ABER RICHTIG<br />

Die derzeitigen Tarifverhandlungen<br />

in der Metall- und<br />

Elektroindustrie im Nordosten<br />

sind Mitte März abgebrochen<br />

worden. Der neuralgische<br />

Punkt ist der Umgang<br />

mit der Zeitarbeit. Dabei <strong>geht</strong><br />

es um die alte Gewerkschaftsforderung<br />

nach »gleichem<br />

Lohn für gleiche Arbeit« – auf<br />

Neudeutsch um equal pay,<br />

um gleiche Bezahlung – und<br />

es <strong>geht</strong> um Mitbestimmung<br />

über den Einsatz der Leiharbeiter<br />

durch die Betriebsräte.<br />

Helmut Meyer ist langjähriges<br />

MINISTER ÜBERZEUGT: Meyer<br />

im Dialog mit Ressortchef Rösler.<br />

Mitglied der Tarifkommission<br />

von Gewerkschaften und der<br />

iGZ, dem interressenverband<br />

Deutscher Zeitarbeitsunternehmen.<br />

Er ist für »equal pay,<br />

aber vernünftig«.<br />

Natürlich könne ein Leiharbeiter<br />

nicht so bezahlt werden<br />

wie eine Stammkraft, die<br />

zehn Jahre oder länger den<br />

Job macht. Andererseits müsse<br />

es eine Befristung der Leiharbeit<br />

geben, eine Übernahme,<br />

wenn jemand schon geraume<br />

Zeit den Arbeitsplatz<br />

ausfüllt. Aber Meyer sieht viel<br />

Bewegung in der Diskussion<br />

zwischen Unternehmern und<br />

Gewerkschaftern. Er traut<br />

sich sogar ein Voraussage gegenüber<br />

W&M zu: »Gehen Sie<br />

mal davon aus, dass das Thema<br />

equal pay bis zur Bundestagswahl<br />

2013 abgeräumt ist.«<br />

Helfried Liebsch<br />

&<br />

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 61


UV-AKTUELL<br />

GESCHÄFTSSTELLEN<br />

der Unternehmerverbände<br />

Unternehmerverband Berlin e.V.<br />

Präsident: Armin Pempe<br />

Hauptgeschäftsführer: Andreas Jonderko<br />

Geschäftsstelle:<br />

Ingrid Wachter (Sekretariat)<br />

Frankfurter Alllee 202, 10365 Berlin<br />

Tel.: (030) 981 85 00, 981 85 01<br />

Fax: (030) 982 72 39<br />

E-Mail: mail@uv-berlin.de<br />

Unternehmerverband Brandenburg e.V.<br />

Präsident: Eberhard Walter<br />

Hauptgeschäftsstelle Cottbus:<br />

Roland Kleint<br />

Schillerstraße 71, 03046 Cottbus<br />

Tel.: (03 55) 226 58, Fax: 226 59<br />

E-Mail: uv-brandenburg-cbs@t-online.de<br />

Bezirksgeschäftsstelle Potsdam:<br />

Bezirksgeschäftsführer: Hans-D. Metge<br />

Hegelallee 35, 14467 Potsdam<br />

Tel.: (03 31) 81 03 06<br />

Fax: (03 31) 817 08 35<br />

Geschäftsstelle Frankfurt (Oder):<br />

Geschäftsführer: Detlef Rennspieß<br />

Perleberger Str. 2, 15234 Frankfurt (O.)<br />

Tel.: (03 35) 400 74 56<br />

Mobil: (01 73) 633 34 67<br />

Unternehmerverband Rostock und<br />

Umgebung e.V.<br />

Präsident: Frank Haacker<br />

Geschäftsführerin: Manuela Balan<br />

Geschäftsstelle:<br />

Wilhelm-Külz-Platz 4, 18055 Rostock<br />

Tel.: (03 81) 242 58 -0, 242 58 -11<br />

Fax: 242 58 18<br />

Regionalbüro Güstrow:<br />

Am Augraben 2, 18273 Güstrow<br />

Tel.: (038 43) 23 61 12, Fax: 23 61 17<br />

Unternehmerverband Norddeutschland<br />

Mecklenburg-Schwerin e.V.<br />

Präsident: Rolf Paukstat<br />

Hauptgeschäftsführer: Wolfgang Schröder<br />

Geschäftsstelle:<br />

Brunnenstraße 32, 19053 Schwerin<br />

Tel.: (03 85) 56 93 33, Fax: 56 85 01<br />

Unternehmerverband Thüringen e.V.<br />

Präsident: Peter Baum<br />

Geschäftsstelle:<br />

IHK Erfurt<br />

Arnstädter Str. 34, 99099 Erfurt<br />

Tel.: (03 681) 42 00 50, Fax: 42 00 60<br />

Unternehmerverband Vorpommern e.V.<br />

Präsident: Gerold Jürgens<br />

Leiter d. Geschäftsst.: Wolfgang Kastirr<br />

Geschäftsstelle:<br />

Am Koppelberg 10, 17489 Greifswald<br />

Tel.: (038 34) 83 58 23, Fax: 83 58 25<br />

Unternehmerverband Sachsen e.V.<br />

Präsident: Hartmut Bunsen<br />

Vizepräs.: Dr. W. Zill, Dr. M. Reuschel,<br />

U. Hintzen<br />

Geschäftsführer: Rüdiger Lorch<br />

www.uv-sachsen.org<br />

Geschäftsstelle Chemnitz:<br />

Leiterin: Gabriele Hofmann-Hunger<br />

Marianne-Brandt-Str. 4, 09112 Chemnitz<br />

Tel.: (03 71) 49 51 29 12, Fax: -16<br />

E-Mail: chemnitz@uv-sachsen.org<br />

Geschäftsstelle Dresden:<br />

Repräsentant: Klaus-Dieter Lindeck<br />

Antonstraße 37, 01097 Dresden<br />

Tel.: (03 51) 899 64 67, Fax 899 67 49<br />

E-Mail: dresden@uv-sachsen.org<br />

Geschäftsstelle Leipzig:<br />

Leiterin: Silvia Müller<br />

Riesaer Straße 72 – 74, 04328 Leipzig<br />

Tel.: (03 41) 257 91-20, Fax: -80<br />

E-Mail: leipzig@uv-sachsen.org<br />

Unternehmerverband Sachsen-Anhalt e.V.<br />

Präsident: Jürgen Sperlich<br />

Geschäftsstelle Halle/Saale<br />

Berliner Str. 130, 06258 Schkopau<br />

Tel.: (0345) 78 23 09 24<br />

Fax: (0345) 78 23 467<br />

UV Sachsen<br />

Hilfe für Menschen mit Behinderungen<br />

Unternehmen suchen Arbeitskräfte, Menschen mit Behinderungen suchen<br />

einen Arbeitsplatz. In Südwestsachsen bietet der Unternehmerverband für<br />

das Problem eine Lösung, indem er auf die Firmen zu<strong>geht</strong>.<br />

Die Sorgen vieler Unternehmer<br />

sind verständlich,<br />

wenn es um Beschäftigung<br />

von Menschen<br />

mit Behinderungen <strong>geht</strong>:<br />

Sind das wirklich Qualifizierte?<br />

Arbeitnehmer mit Behinderungen<br />

verursachen mehr<br />

Kosten und wenn sie sich als<br />

ungeeignet erweisen, wird<br />

man sie nicht wieder los.<br />

SERVICE AUS EINER HAND<br />

So lauten die gängigsten Bedenken<br />

und Vorurteile. Sie<br />

treffen aber in den seltensten<br />

Fällen zu, weiß Wolfgang Degner,<br />

geschäftsführender Vorstand<br />

des Sozialen Förderwerks<br />

e.V. in Chemnitz.<br />

»Meistens denken wir beim<br />

Stichwort Behinderung an<br />

Rollstuhlfahrer, das ist aber<br />

nur ein kleiner Teil der Menschen<br />

mit Behinderungen.«<br />

Richtig hingegen sei, dass viele<br />

Menschen mit Behinderungen<br />

über gute und sehr gute<br />

Qualifizierungen verfügen<br />

und vielseitig einsetzbar sind.<br />

Beispielsweise der Verkäufer<br />

mit Diabetes oder eine Ingenieurin<br />

mit überstandener<br />

Krebserkrankung, der blinde<br />

EDV-Fachmann oder der gehörlose<br />

Zeichner.<br />

Vielfach sind diese Menschen<br />

hoch motiviert und<br />

möchten entsprechend ihrer<br />

Qualifikation und nach ihren<br />

Fähigkeiten eingesetzt werden.<br />

Wenn sie bei der Arbeitsagentur<br />

als arbeitssuchend<br />

gemeldet sind, heißt das aber<br />

noch lange nicht, dass sie einen<br />

passenden Job finden.<br />

Dafür gibt es eine Reihe von<br />

Ursachen. Zum Beispiel wird<br />

zu wenig auf Arbeitgeber zugegangen<br />

und nach ihren<br />

konkreten Bedarf gefragt. »Es<br />

muss gelingen, die Unternehmen<br />

für die Beschäftigung<br />

von Menschen mit Behinderungen<br />

zu sensibilisieren«,<br />

sagt Gabriele Hofmann-Hunger,<br />

Leiterin der der Repräsentanz<br />

Südwestsachsen des<br />

Unternehmerverbandes. »Förderungen<br />

für behinderte Arbeitnehmer<br />

gibt es viele», ergänzt<br />

Wolfgang Degner, »Info-<br />

Broschüren und Flyer für<br />

Arbeitgeber oder der Verweis<br />

auf gesetzliche Regelungen allein<br />

reichen aber nicht«. Der<br />

GABRIELE HOFMANN-HUNGER, Leiterin der Repräsentanz Südwestsachsen<br />

des UV Sachsen e.V., und Dr. Wolfgang Degner, Geschäftsführender<br />

Vorstand Soziales Förderwerk e.V., haben gemeinsam das<br />

»support«-Netzwerk für sächsische KMU auf die Beine gestellt.<br />

Arbeits- und Fachkräftemangel<br />

führt auch nicht automatisch<br />

dazu, dass sich die Beschäftigungschancen<br />

für diese<br />

Menschen verbesserten.<br />

SERVICE AUS EINER HAND<br />

Aus dieser Erkenntnis heraus<br />

hat der UV Sachsen gemeinsam<br />

mit dem Sozialen Förderwerke<br />

e. V. vor zwei Jahren das<br />

Projekt »support« initiiert. Es<br />

handelt sich um ein Dienstleistungsnetzwerk<br />

für sächsische<br />

kleine und mittelständische<br />

Unternehmen, das allen<br />

Leistungen rund um die Beschäftigung<br />

schwerbehinderter,<br />

behinderter und von<br />

Behinderung bedrohter Menschen<br />

aus einer Hand anbietet.<br />

Finanziert wird das Projekt<br />

aus Mitteln der betrieblichen<br />

Ausgleichsabgabe, also<br />

durch Geld, das Betriebe mit<br />

20 und mehr Beschäftigten<br />

zahlen müssen, wenn sie die<br />

Vorgaben zur Beschäftigung<br />

Behinderter nicht oder nicht<br />

vollständig erfüllen.<br />

»Dieser unternehmenszentrierte<br />

Ansatz ist das Neue«,<br />

sagt Gabriele Hofmann-Hunger.<br />

Außer in Chemnitz gibt<br />

es ähnliche Projekte nur noch<br />

in Nordrhein-Westfalen und<br />

in Schleswig-Holstein. Es habe<br />

sich gezeigt, dass die meisten<br />

KMU durchaus aufgeschlossen<br />

sind. In großen Unternehmen<br />

gibt es Personalabteilungen<br />

und vielfach auch Erfahrungen<br />

mit dem Einsatz von<br />

behinderten Arbeitnehmern.<br />

Darauf können KMU meistens<br />

nicht zurückgreifen. Deshalb<br />

ist »support« auch mehr als<br />

nur das Zusammenführen<br />

von behinderten Menschen<br />

mit Arbeitskräfte suchenden<br />

Unternehmern. »Das funktioniert<br />

nur, wenn die Unternehmer<br />

alle Dienstleistungen aus<br />

einer Hand erhalten«, weiß<br />

Gabriele Hofmann-Hunger.<br />

62 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


UV-AKTUELL<br />

Fotos: UV Brandenburg<br />

»Support« sucht Arbeitnehmer<br />

entsprechend den Anforderungen<br />

der Unternehmen,<br />

berät Firmen zur behindertengerechten<br />

Ausstattung von<br />

Arbeits- und Ausbildungsplätzen,<br />

klärt Förderungsmöglichkeiten<br />

zu Zuschüssen,<br />

berät Arbeitgeber im Umgang<br />

mit behinderten Menschen,<br />

entwickelt Strategien zur<br />

Konfliktbewältigung im Arbeitsbereich.<br />

Bisher wurden<br />

rund 2.800 Unternehmen in<br />

Südwestsachsen kontaktiert.<br />

Der Erstkontakt per Telefon<br />

erfolgt übrigens durch Menschen,<br />

die beim Berufsbildungswerk<br />

für Blinde und<br />

Sehgeschädigte als Call-<br />

Agents ausgebildet werden. In<br />

den gut zwei Jahren, die »support«<br />

tätig ist, wurden 180<br />

Stellen für behinderte Menschen<br />

akquiriert, darunter 49<br />

Ausbildungsplätze.<br />

SERVICE AUS EINER HAND<br />

Es gehe aber nicht nur um die<br />

Anzahl der Vermittlungen,<br />

betont Wolfgang Degner, sondern<br />

um die Gewinnung der<br />

Unternehmen. Untersuchungen<br />

zu Folge sind KMU besonders<br />

geeignet für die dauerhafte<br />

Eingliederung von Menschen<br />

mit Behinderungen.<br />

Stimmen die Bedingungen,<br />

passen Unternehmen und<br />

Arbeitskraft zusammen, ergeben<br />

sich nicht selten langfristige<br />

Beschäftigungsverhältnisse.<br />

»Wenn jemand einen<br />

Behinderten nur wegen der<br />

Förderung einstellt, funktioniert<br />

das nicht; wenn es aber<br />

funktioniert, dann ist die Förderung<br />

richtig und wichtig«,<br />

betont Wolfgang Degner. Fördermittel<br />

fließen z. B. als Eingliederungszuschüsse,<br />

für die<br />

Ausgestaltung des Arbeitsplatzes<br />

oder für die personenspezifische<br />

Ausrüstung.<br />

»Support« ist das erste Projekt<br />

der Allianz Arbeit und<br />

Behinderung in Sachsen. Der<br />

UV Sachsen gehört zu den<br />

Gründungsmitgliedern. Über<br />

die eigene Klientel hinaus ist<br />

der UV bestrebt, die Dienste<br />

von »support« auch anderen<br />

Verbänden anzubieten, was<br />

auch schon erfolgreich war.<br />

&<br />

Hans Pfeifer<br />

NACHRICHTEN<br />

VOLLER SAAL: Jahresempfang im Haus am Brandenburger Tor.<br />

UV Brandenburg<br />

Vom Autohaus zur Festung<br />

Innere Sicherheit als Thema des Jahresempfangs,<br />

der zusammen mit der LBB in Berlin stattfand<br />

Am Ende platzte Reinhard<br />

Schulze der Kragen.<br />

Es hielt den Chef des<br />

Cottbuser Autohauses Schulze<br />

nicht mehr auf seinem<br />

Stuhl: »Wissen Sie eigentlich,<br />

dass wir die Autohäuser im<br />

Land inzwischen zu Festungen<br />

ausgebaut haben? Warum<br />

nutzen Sie die Möglichkeiten<br />

moderner Informationstechnik<br />

nicht besser, um<br />

die Verbrecher zu jagen?«<br />

Staatssekretär Bernd Krömer,<br />

der seinen Chef, den Berliner<br />

Innensenator Frank Henkel,<br />

an diesem Abend vertrat,<br />

schaute ein bisschen zerknirscht<br />

drein, als er mit diesen<br />

Fragen bestürmt wurde –<br />

und räumte Handlungsbedarf<br />

ein. Zuvor hatte er auf dem<br />

Jahresempfang des Verbandsbezirks<br />

Potsdam-Berlin des<br />

brandenburgischen Unternehmerverbands<br />

eine allenfalls<br />

durchwachsene Bilanz<br />

des Kampfes gegen die Kriminalität<br />

in Berlin gezogen.<br />

Seine Tour d’horizon reichte<br />

dabei vom Rechtsextremismus,<br />

über brennende Autos<br />

bis hin zu Verkehrsdelikten.<br />

Eingangs hatte er geklagt,<br />

dass in Berlin in den letzten<br />

Jahren über 4.000 Polizeibeamtenstellen<br />

abgebaut wurden.<br />

250 neue Stellen hat jetzt<br />

der neue Senat geschaffen.<br />

Das sei gut so, denn in Berlin<br />

ist 2011 die Zahl der Einrüche<br />

z. B. um ein Viertel gestiegen.<br />

Bei der Veranstaltung am<br />

8. März in Kooperation mit<br />

dem Forum Mittelstand der<br />

Landesbank Berlin AG (LBB),<br />

eröffnet von Heino Henke,<br />

LBB, und Dr. Burkhard Greiff,<br />

UV-Präsidiumsmitglied, war<br />

kein Stuhl im Liebermann-<br />

Haus am Brandenburger Tor<br />

leergeblieben. Am Ende blieb<br />

dagegen offen, wie konkret<br />

die Polizei das von Reinhard<br />

Schulze geschilderte Problem<br />

an<strong>geht</strong>. Der Leiter des Arbeitskreises<br />

Mittelstandspolitik<br />

des Unternehmerverbandes<br />

Brandenburg war übrigens<br />

bei dem Forum in der Hauptstadt<br />

nicht an der falschen<br />

Stelle. Die Spur vieler Autodiebstähle<br />

in Brandenburg<br />

führt nach Osteuropa. Und<br />

nach Berlin.<br />

Helfried Liebsch<br />

UV ROSTOCK<br />

Kooperation<br />

im Norden<br />

Die Unternehmerverbände<br />

von Mecklenburg-Schwerin,<br />

Rostock und Umgebung<br />

sowie Vorpommern hatten<br />

im Herbst 2011 eine engere<br />

Kooperation vereinbart.<br />

In diesem Sinne schalteten<br />

die Präsidenten Rolf Paukstat,<br />

Frank Haacker und Gerold<br />

Jürgens am 9. März ihren gemeinsamen<br />

Internet-Auftritt<br />

frei. Das Portal ist unter der<br />

Adresse www.unternehmerverbaende-mv.com<br />

erreichbar<br />

und vereinigt die Auftritte aller<br />

drei Verbände. Das Zusammengehen<br />

bietet viele Vorteile.<br />

Die Dienstleistungen der drei<br />

Verbände kommen nun allen<br />

Mitgliedern zugute.<br />

+ TERMINE+<br />

TERMINE<br />

UV Brandenburg<br />

1. Juni, 10 bis 13 Uhr: Jahresmitgliederversammlung<br />

des<br />

UV Brandenburg in Cottbus<br />

UV Sachsen<br />

26. April, 13 Uhr: Ordentliche<br />

Jahreshauptversammlung 2012<br />

des UV Sachsen, Günnewig<br />

Hotel Chemnitzer Hof, Theaterplatz<br />

4, 09111 Chemnitz.<br />

UV Rostock und<br />

Umgebung<br />

18. April, 10 bis 15 Uhr: Unternehmertag<br />

»Innovationsmotor<br />

Mittelstand – Innovationen aus<br />

Mecklenburg-Vorpommern«,<br />

Hotel Neptun, Seestraße 19,<br />

18119 Rostock-Warnemünde.<br />

20. April, 20 Uhr: Unternehmerball<br />

Rostock, Hotel Neptun,<br />

Seestraße 19, 18119 Rostock-<br />

Warnemünde.<br />

UV Berlin<br />

17. April, 18.30 Uhr: Unternehmerstammtisch<br />

zum Thema<br />

»Notfallmanagement für<br />

Unternehmen und Unternehmer«,<br />

Kooperationspartner<br />

Bernstorff & Kollegen / Hölscher-Winkler,<br />

Schillstraße 9,<br />

10785 Berlin.<br />

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 63


W&M-PRIVAT<br />

CHINA<br />

Überholen<br />

ohne Einholen<br />

Chinas Wirtschaftsmetropole<br />

Shanghai belegt in der PISA-<br />

Studie Platz eins. Das Erfolgsprinzip<br />

wurde von einem<br />

Mann entwickelt, der seit<br />

2.500 Jahren tot ist: Konfuzius.<br />

Er predigte Lernen und<br />

Disziplin – genau das, womit<br />

sich die Chinesen im globalen<br />

Wettbewerb an die Spitze<br />

katapultieren werden. In einem<br />

weitausholenden Report<br />

betrachten Spiegel-TV-Chefredakteur<br />

Aust und ein langjähriger<br />

China-Korrespondent<br />

das spannende Experiment<br />

vom Überholen ohne<br />

einzuholen aus der Nahsicht<br />

– ein unentbehrlicher Reiseführer<br />

für Leute, die in China<br />

Geschäfte machen wollen.<br />

Stefan Aust/Adrian<br />

Geiges, Mit Konfuzius<br />

zur Weltmacht,<br />

Quadriga Verlag,<br />

288 Seiten,<br />

19,99 EUR<br />

Begreifen eines<br />

Wunders<br />

Zu verstehen ist China für<br />

Europäer eigentlich nicht.<br />

Jedenfalls nicht für Gelegenheitsreisende.<br />

Landolf<br />

Scherzer versucht es trotzdem.<br />

Sein Erfolgsbuch »Immer<br />

geradeaus. Zu Fuß durch<br />

Europas Osten« mag ihn dazu<br />

ermutigt haben. Nun hat er<br />

bei Leuten recherchiert, die<br />

am Yangtse leben. Was ist<br />

für Sie ein guter Tag, was ein<br />

schlechter? Wie sehen Sie<br />

die Zukunft? Am Ende fühlt<br />

man sich tatsächlich ein<br />

bisschen chinesisch.<br />

Landolf Scherzer,<br />

Madame Zhou und<br />

der Fahrradfriseur,<br />

Aufbau Verlag,<br />

304 Seiten mit<br />

Abbildungen,<br />

19,99 EUR<br />

BÜCHERBORD<br />

Energiegeschichte<br />

Frühzeit an der Trasse<br />

Den russischen Gas-Segen, der die europäischen<br />

Energiebilanzen stabilisiert, verdanken wir nicht<br />

nur der Ostseepipeline. Es begann schon 1969.<br />

Eine TV-Sequenz vom<br />

8. November 2011 hat<br />

sich dem beunruhigten<br />

deutschen Energieverbraucher<br />

tief eingeprägt: Bundeskanzlerin<br />

Merkel und der russische<br />

Präsident Medwedjew<br />

drehen in Lubmin am Greifswalder<br />

Bodden das große Rad,<br />

welches ein Ventil darstellen<br />

soll, das den Weg für sibirisches<br />

Erdgas aus der Ostseepipeline<br />

in das mitteleuropäische<br />

Verbundnetz freigibt.<br />

Die Attrappe wackelt ein bisschen,<br />

aber der Staatsakt gelingt.<br />

Den deutschen Fernsehzuschauer<br />

durchströmt das<br />

wärmende Gefühl, dass in<br />

weniger als sechs Jahren ein<br />

wirtschaftliches Jahrhundertprojekt<br />

gelungen sei.<br />

Keiner der Laudatoren, die<br />

an diesem Tag Danksprüche<br />

austauschen, nimmt Bezug<br />

auf den eigentlichen Anfang<br />

dieser strategischen wirtschaftlichen<br />

Partnerschaft.<br />

Das liegt schon 42 Jahre zurück.<br />

Ein Bundeswirtschaftsminister<br />

namens Karl Schiller,<br />

heute zu Unrecht fast vergessen,<br />

und der sowjetische<br />

Außenhandelsminister Patolitschew<br />

plauderten 1969 auf<br />

der Hannover-Messe über Erdgas.<br />

Ein elektrisierendes Thema<br />

angesichts der heraufziehenden<br />

Ölkrise. Schon im<br />

Februar 1970 unterschrieben<br />

beide einen Vertrag über Gaslieferungen<br />

aus der Sowjetunion<br />

gegen Röhren für den<br />

Pipelinebau aus Deutschland.<br />

Ein politisch riskanter<br />

Deal, der viel heißen Streit<br />

auslöste in der Zeit des Kalten<br />

Krieges. Die Sowjetunion war<br />

angewiesen auf Technik aus<br />

dem Westen und wirtschaftlichen<br />

Beistand ihrer östlichen<br />

Bruderländer. Die DDR<br />

zumindest ging nicht ungern<br />

ein auf das Tauschgeschäft<br />

von Bauleistungen gegen<br />

künftige Gaslieferungen. Obgleich<br />

die Kosten kaum absehbar<br />

waren und sich am Ende,<br />

Berechnungen des Bonner Energieministeriums<br />

zufolge,<br />

auf mehr als sieben Milliarden<br />

Mark beliefen.<br />

Wie auch immer: 25.000<br />

zumeist junge Deutsche aus<br />

der DDR waren damals dabei,<br />

als in den russischen Weiten<br />

1.750 Kilometer Gasspipelines<br />

verlegt wurden. Mit Enthusiasmus<br />

und für gutes Geld.<br />

Die Partei- und Staatsführung<br />

hatte das Projekt zum »Zentralen<br />

Jugendobjekt« ausgerufen<br />

und mit sozialistischem<br />

Pathos versehen: Drushba,<br />

Freundschaft! So der Name<br />

der ersten Trasse durch die<br />

Ukraine.<br />

Drei Beteiligte – ein Fotograf,<br />

ein »Kulturnik« und ein<br />

Baufacharbeiter erinnern sich<br />

jetzt in einem lebensprallen<br />

Buch an diese harte Zeit in<br />

brennender Steppensonne<br />

und sibirischer Kälte. Durchaus<br />

stolz, dabei gewesen zu<br />

sein, als die deutsch-russische<br />

Erdgaspartnerschaft begann.<br />

Peter Jacobs<br />

HAJO OBUCHOFF/LUTZ WABNITZ/<br />

FRANK MICHAEL WAGNER<br />

Die Trasse. Ein Jahrhundertbau<br />

in Bildern und Geschichten<br />

Das Neue Berlin, 176 Seiten,<br />

200 Abbildungen im Duoton-Druck<br />

FINANZMÄRKTE<br />

Gehebelt<br />

und gerebelt<br />

Es <strong>geht</strong> um Tausende Milliarden<br />

Euro. Aber woher<br />

kommen sie und wohin verschwinden<br />

sie ? Finanzkrisen<br />

bleiben ein Dauerbrenner<br />

für die Politik. Da wird<br />

munter von »den Märkten«<br />

schwadroniert, die man nicht<br />

verärgern dürfe. Da wird an<br />

den Börsen »gehebelt« und<br />

der kleine Anleger und<br />

Steuerzahler wird gerebelt.<br />

Ein welterfahrener Hamburger<br />

Wirtschaftsjournalist<br />

zeigt auf, wer die Krise schürt<br />

und dann kräftig absahnt.<br />

In seinem Buch <strong>geht</strong> es um<br />

die Macht des Finanzkapitals,<br />

das die Politik vor sich hertreibt.<br />

Und er bietet eine<br />

Denkalternative an zum profitablen<br />

Irrsinn: Nachdenken<br />

über einen »demokratischen<br />

Markt«.<br />

Hermannus<br />

Pfeiffer, Der<br />

profitable Irrsinn,<br />

Ch. Links Verlag ,<br />

256 Seiten,<br />

16,90 EUR<br />

BESTSELLER<br />

Wirtschaftsbuch<br />

1. Walter Issacson: Steve Jobs.<br />

Bertelsmann (24,99 EUR)<br />

2. Martin Wehrle: Ich arbeite<br />

in einem Irrenhaus<br />

Econ (14,99 EUR)<br />

3. Dirk Müller: Crashkurs<br />

Droemer (19,99 EUR)<br />

4. Ulrich Wickert: Redet Geld,<br />

schweigt die Welt. Hoffmann und<br />

Campe (19,99 EUR)<br />

5. Joachim Käppner: Berthold<br />

Beitz. Die Biographie<br />

Berlin Verlag (19,90 EUR)<br />

6. Michale Lewis: Boomerang.<br />

Campus Verlag (24,99 EUR)<br />

7. Norbert F. Pötzl: Beitz.<br />

Heyne (22,99 EUR)<br />

8. Joseph Vogl: Das Gespenst des<br />

Kapitals. – diaphanes (14,90 EUR)<br />

9. Carmine Gallo: Überzeugen wie<br />

Steve Jobs. Ariston (18,99 EUR)<br />

10. Sahra Wagenknecht: Freiheit<br />

statt Kapitalismus<br />

Eichborn (19,99 EUR)<br />

64 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12


W&M-PRIVAT<br />

LEUTE & LEUTE<br />

LESERPOST<br />

N<br />

eulich steckte hinter<br />

dem Scheibenwischer<br />

meines Autos ein Zettel,<br />

mit dem mir jemand unter<br />

der Überschrift »Pargferboot!!!«<br />

die folgende Botschaft<br />

übermittelte: »Wenn sie sich<br />

mit ihre schrotkiste nich verbissen,<br />

haben sie morgen einen<br />

platten.«<br />

Analphabet müsste man<br />

sein! Oder meinetwegen Analfabet.<br />

Die Rechtschreibung<br />

des Großen Unbekannten ist<br />

in einem ganz wichtigen<br />

Punkt den Fachleuten vom<br />

Rat für deutsche Rechtschreibung<br />

weit voraus. Sie leistet<br />

im Computerzeitalter, was die<br />

Experten mit ihrer Schreibreform<br />

nicht leisteten – die<br />

überfällige Kleinschreibung<br />

der Substantive.<br />

Ich kenne einen, der arbeitet<br />

auf dem Bau. Für den ist<br />

Orthographie (Ortographie,<br />

Orthografie oder Ortografie?)<br />

sowieso bloß Kokolores. Auf<br />

seiner Baustelle, sagt er, komme<br />

die Großschreibung ebenso<br />

zu ihrem Recht wie die<br />

Kleinschreibung, das AR-<br />

BEITSTEMPO werde immer<br />

größer, der arbeitsschutz dagegen<br />

immer kleiner geschrieben.<br />

Zur Erinnerung: 1996 wurde<br />

die »Reform« in Deutschland<br />

eingeführt. Seitdem ist<br />

sie unzählige Male korrigiert<br />

und geändert, also reformiert<br />

Karrikatur und Zeichnung: Rainer Schwalme<br />

Vorerst<br />

gescheitert<br />

Ernst Röhl wäre lieber<br />

Analphabet<br />

worden, und zwar mit dem<br />

Ergebnis, dass heutzutage<br />

überhaupt keiner mehr richtig<br />

durchsieht. Das Legasthenikerchaos<br />

triumphiert.<br />

Von dem Willen getragen,<br />

eine Rechtschreibung zu<br />

schaffen, die auch Linkshändern<br />

behagt, platzierten die<br />

Reformer jede Menge Schelmenstreiche:<br />

das Pappplakat,<br />

die Nulllösung, den Tollpatsch<br />

mit dem Doppel-L, das<br />

Känguru ohne H, den Grisli<br />

ohne Doppel-Z und ohne Ypsilon,<br />

den Seeelefanten mit vier<br />

bis fünf E, die neue ß-Regel<br />

nicht zu vergessen, nach der<br />

die Scheiße Scheiße bleibt,<br />

bloß aus dem Stuß ist Stuss<br />

geworden. Und längst hat sich<br />

herumgesprochen, dass es bei<br />

der Schreibreform weniger<br />

um Rechtschreibung ging, als<br />

um den Kampf zweier Giganten,<br />

um den maximalen Ertrag<br />

beim Vermarkten erstens<br />

des neuen Dudens vom Dudenverlag<br />

und zweitens des<br />

neuen Wahrig von Bertelsmann.<br />

Inzwischen schreibt jeder,<br />

wie er mag. Das Werk der<br />

Freistilreformer ist in die Geschichte<br />

eingegangen als Dudenzauber<br />

mit beschränkter<br />

Hoffnung, und die Regeln, die<br />

alle naselang erneuert werden,<br />

sind den Deutschen inzwischen<br />

herzlich egal. Dieses<br />

Egal-Gefühl haben die Experten<br />

erfolgreich nicht nur auf<br />

PISA-Schüler übertragen, sondern<br />

auch auf Deutschlehrer,<br />

in deren Adern einst rote Tinte<br />

floss. Eine berühmte Autorität<br />

immerhin fand auch<br />

lobende Worte. »Die Rechtschreibreform«,<br />

scherzte Loriot,<br />

»ist völlig in Ordnung,<br />

wenn man weder schreiben<br />

noch lesen kann.«<br />

Prof. Dr. h. c. mult. Hans<br />

Zehetmair, Vorsitzender des<br />

Rates für deutsche Rechtschreibung,<br />

aber bekennt zerknirscht:<br />

»Die deutsche Rechtschreibung<br />

ist in verheerendem<br />

Zustand.« Er beklagt,<br />

dass heutzutage jeder fünfte<br />

Fünfzehnjährige als Analphabet<br />

gelten müsse.<br />

Das Pikante: Zehetmair ist<br />

einer der Hauptverantwortlichen<br />

für die Schlechtschreibreform.<br />

&<br />

Editorial<br />

Heft 03-2012<br />

Dass heutzutage das Durchschnittsalter<br />

von Ingenieuren<br />

bei 50 Jahren liegt, ist nicht zu<br />

beklagen. Wenn in Aussicht<br />

steht, dass wir bald erst mit 67<br />

in die Rente kommen, könnte<br />

sich das ja noch erhöhen. Zu<br />

kritisieren ist, dass es in den<br />

großen Firmen kaum Ausbildungskonzepte<br />

gibt, die unsereinen<br />

vor einer Entwertung<br />

seiner Berufserfahrung bewahren<br />

und uns helfen, noch über<br />

die nächsten Jahre zu kommen.<br />

Die 35.000 Euro Abgangsprämie<br />

von Siemens zum Beispiel<br />

wären da besser angelegt.<br />

Gunter Kratzsch, per E-Mail<br />

Solarindustrie<br />

Heft 03-2012<br />

Zu befürchten ist, das bei<br />

einem Abtritt der Akteure<br />

First Solar und Oder Sun der<br />

Vorhang über dem Trauerspiel<br />

Solarstadt Frankfurt (Oder)<br />

endgültig fällt. Hätte die Landesregierung<br />

die Fördermittel<br />

in Projekte gesteckt, die den<br />

Brandenburgern die Braunkohlezumutungen<br />

erträglicher<br />

machen, wäre das energiepolitisch<br />

besser gewesen.<br />

Hinterher ist man eben klüger.<br />

Heike Wirth, Spremberg<br />

Frachtdrehkreuz<br />

Heft 03-2012<br />

Man muss den Entscheidern<br />

ein großes Kompliment machen,<br />

die in den neunziger Jahren<br />

den Ausbau des Flughafens<br />

Leipzig/Halle weit genug entfernt<br />

von beiden Stadtgebieten<br />

vorantrieben. Die DHL mit<br />

ihrem Nachtflugbedarf hätte<br />

sich sonst niemals dort ansiedeln<br />

können. Man denke nur<br />

an den Ärger der Berliner mit<br />

ihren Flugrouten, wenn in<br />

Schönefeld der Großflughafen<br />

in Betrieb <strong>geht</strong>. Wäre man hier<br />

nicht so kurzsichtig gewesen<br />

und hätte sich für das 30 Kilometer<br />

entfernte Sperenberg<br />

entschieden, käme jetzt mehr<br />

Freude auf.<br />

Dr. Clemens Sudermann, Mahlow<br />

WIRTSCHAFT & MARKT 04/12 65


KOLUMNE<br />

Ostdeutschland braucht mehr Mut<br />

Ganz zu Beginn, als der Aufbau Ost<br />

noch ein Abenteuer war, da wussten<br />

wir, wie es gehen könnte: Man<br />

müsste nur der kraftvollen Initiative lange<br />

unterdrückter Menschen genug Raum<br />

geben, Platz schaffen. Planungshindernisse<br />

waren aus dem Weg zu räumen:<br />

Steuerpräferenzen zu gewähren; im Westen<br />

längst lästige bürokratische Hürden<br />

zu vermeiden: Kurz, der politisch gewonnenen<br />

Freiheit sollte ein hohes Maß an<br />

wirtschaftlicher Freiheit folgen. Und die<br />

Hoffnung war, dass es so – in entgegengesetzter<br />

Richtung wie einst in den USA<br />

– heißen könnte: Young man go East!<br />

Es gibt viele Gründe, warum es so<br />

nicht kam: Es gab Widerstände im Westen<br />

gegen allzu viele Vorteile für die<br />

»neuen« Länder; wirklich wirksame<br />

Steuervorteile wurden deswegen nicht<br />

gewährt. Westdeutsche Regelsysteme<br />

wanderten aber mit westdeutscher Beamtenschaft<br />

nach Osten; bald sah es in<br />

den Behörden aus wie im Westen – nur<br />

ohne dessen Steuerkraft!<br />

Statt einer Aufholjagd durch mehr<br />

Freiheit gab es Ausgleich durch mehr<br />

Geld. Der Aufbau Ost wurde mit Transferzahlungen<br />

finanziert; meist mit erhöhten<br />

Schulden, aber auch durch Entbehrungen<br />

im Westen. Die Infrastruktur<br />

vieler westdeutscher Städte und Landschaften<br />

legt Zeugnis davon ab. 1,5 Billionen<br />

Euro – rund 1.500 Milliarden! – hat<br />

das Projekt bis heute gekostet und der<br />

Transfer West nach Ost beträgt wohl<br />

noch immer zwischen 60 Milliarden und<br />

70 Milliarden Euro pro Jahr.<br />

Ob das Geld immer gut ausgegeben<br />

wurde, mag man bestreiten. Aber es waren<br />

die ostdeutschen Ministerpräsidenten<br />

– auch solche, die aus Westdeutschland<br />

kamen – die immer wieder auf<br />

einer Förderpolitik nach dem Prinzip<br />

Gießkanne bestanden.<br />

Schließlich, etwa um das Jahr 2000,<br />

machten sich einige von uns auf, um<br />

eine letzte »Kurskorrektur« des Aufbaus<br />

Ost zu erzwingen: Statt der Gießkanne<br />

wollten wir eine konzentrierte Förderung<br />

von Wachstumskernen und eine<br />

industriepolitisch gezielte Forschungsförderung.<br />

Nachdem in den 90er Jahren<br />

ein solcher Ansatz von einer egoistischen<br />

Front landespolitischer Gefälligkeitspolitik<br />

erstickt wurde, und schon zu Beginn<br />

der Wiedervereinigung eine radikale,<br />

marktpolitische Förderung blockiert<br />

worden war, blieb aus unserer Sicht nur<br />

ZUR SACHE<br />

Betrachtung<br />

zur wirtschaftlichen Lage<br />

Von Dr. Klaus von Dohnanyi<br />

dieser Weg übrig. Aber Edgar Most und<br />

ich, die beiden Vorsitzenden der Arbeitsgruppe<br />

»Kurskorrektur Aufbau Ost«, hatten<br />

ein mit vielen Fachleuten einstimmig<br />

erarbeitetes Konzept kaum vorgelegt,<br />

da schallte uns schon entgegen:<br />

»Planwirtschaft« oder »Rückfall in alte<br />

Zeiten« und so weiter. Dabei hatten doch<br />

unsere Gegenüber, die Bundesminister<br />

Manfred Stolpe und Wolfgang Clement,<br />

strategisch selber nichts zu bieten.<br />

So stehen wir heute, wo wir stehen:<br />

Resignation greift um sich; der Abstand<br />

zwischen Ost und West in Deutschland<br />

gilt als verfestigt; einzuholen sei der Westen<br />

nicht mehr, so heißt es.<br />

Ich kann mich mit einer solchen Haltung<br />

nicht abfinden. Angesichts der anstehenden<br />

Debatte über die Zukunft des<br />

Länderfinanzausgleichs wird jedoch die<br />

Lücke nicht mehr mit finanzieller Förderpolitik<br />

zu schließen sein. Der aktuelle<br />

Bericht des Bundesministeriums des<br />

Innern »Wirtschaftlicher Stand und Perspektiven<br />

für Ostdeutschland« enthält<br />

zwar wieder eine Vielzahl guter Ratschläge,<br />

aber er könnte, wie so viele seiner<br />

Vorläufer, im Aktenständer verstauben.<br />

Was also ist zu tun? Wenn es schon auf<br />

der Ebene einer bundesweiten Förderpolitik<br />

für einen grundsätzlichen Wandel<br />

des noch immer nicht vollendeten Projekts<br />

»Aufbau Ost« nur geringe Aussichten<br />

gibt, dann sollten die ostdeutschen<br />

Länder doch wenigstens selbst versuchen,<br />

Vorreiter für einen neuen Ansatz<br />

zu werden. Und der kann – wenn es denn<br />

mehr Geld nicht geben kann und wird –<br />

nur lauten: Lasst uns mehr Initiative<br />

durch mehr Freiheit gewinnen!<br />

Betrachtet man nämlich unseren<br />

noch immer sehr unvollkommenen Föderalismus<br />

im internationalen Vergleich,<br />

dann zeigt sich, dass Länder und<br />

Kommunen bei uns auch heute noch<br />

nicht soviel politischen Spielraum haben,<br />

wie etwa die Staaten der USA, wie<br />

die Kantone der Schweiz, wie Provinzen<br />

in Kanada oder Australien. Überall gibt<br />

es dort zum Beispiel regionale Unterschiede<br />

bei den Einkommensteuersätzen,<br />

größere Spannen bei Grundsteuern<br />

oder auch erhebliche Varianten im öffentlichen<br />

Dienstrecht. Bei uns haben<br />

sich aber gerade die ostdeutschen Politiker<br />

immer wieder gegen Zu- und Abschläge<br />

bei den Einkommensteuern gewehrt,<br />

angeblich weil dann die »reichen«<br />

Länder weitere Standortvorteile gewinnen<br />

könnten.<br />

Mit soviel Ängstlichkeit, soviel Gleichheitsstreben,<br />

so wenig Selbstvertrauen<br />

werden wir die Lücke zwischen Ost und<br />

West nie schließen können. Solange sich<br />

die ostdeutschen Politiker im Finanzausgleich<br />

in eine Liga der »Nehmerländer«<br />

einspannen lassen, so lange wird auch<br />

der Abstand West-Ost fortbestehen. Nur<br />

wer sich mehr politische Freiheit erobert,<br />

nur der kann die Ost-Nachteile<br />

noch einmal überwinden. Angst und<br />

Gleichmacherei sind Wachstumsbremsen;<br />

ohne Risikobereitschaft kann man<br />

den Stärkeren niemals einholen.<br />

Wenn David die Schleuder weggelegt<br />

hätte, um sich mit einer Truppe<br />

schwacher Faustkämpfer zu verbinden –<br />

Goliath hätte ihn einfach zermalmt.<br />

Nur Mut, Fantasie, die Lust auf Freiheit<br />

und auf Eigenverantwortung sind die<br />

Fähigkeiten, mit denen ostdeutsche Politiker<br />

die anstehende Runde des Länderfinanzausgleichs<br />

erfolgreich bestehen<br />

könnten. Mehr Geld ist nicht mehr<br />

die Antwort – mehr Freiheit wäre sie<br />

aber sehr wohl.<br />

&<br />

66 WIRTSCHAFT & MARKT 04/12