„Praktika von Hochschulabsolventen“ - Kooperationsstelle ...

kooperationsstelle.uni.oldenburg.de

„Praktika von Hochschulabsolventen“ - Kooperationsstelle ...

„Praktika von Hochschulabsolventen“

Eine Studie der DGB-Jugend mit Unterstützung der

Hans-Böckler-Stiftung

Februar 2006

Autoren: Björn Böhning, Silvia Helbig, Jessica Heyser


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung...........................................................................................3

2. Fragestellung.....................................................................................4

3. Einführung in das Themenfeld.........................................................5

3.1 Was ist ein Praktikum?................................................................................... 6

4. Empirischer Teil ................................................................................7

4.1 Quantitative Ergebnisse................................................................................. 7

4.1.1 Allgemeine Merkmale der Teilnehmer................................................................... 7

4.1.2 Anzahl der Praktika............................................................................................... 8

4.1.3 Vergütung der Praktika ......................................................................................... 9

4.1.4 Finanzierung des Lebensunterhaltes während der Praktika.................................. 9

4.1.5 Erfahrungen während der Praktika.......................................................................10

4.2 Zusammenfassung der quantitativen Ergebnisse ..................................... 11

4.3 Qualitative Ergebnisse ................................................................................. 11

4.3.1 Praktika nach dem Hochschulabschluss..............................................................12

4.3.2 Praktikum und kein Ende? ...................................................................................13

4.3.3 Praktikum oder reguläres Arbeitsverhältnis?........................................................14

5. Auswertung der Ergebnisse...........................................................16

6. Fazit..................................................................................................18

7. Literatur ...........................................................................................20

8. Anhang.............................................................................................21

A) Interviews........................................................................................................ 21

1) Interview mit Bettina Deckart, Career Service FU Berlin...........................................21

2) Interview mit Karl Heinz Minks, HIS Hannover..........................................................25

3) Interview mit Bettina Richter, „Fairwork“ ...................................................................35

4) Interview mit Praktikantin..........................................................................................43

5) Interview mit Praktikaanbieter, PR-Agentur ..............................................................49

6) Interview mit Praktikaanbieter, Kommunikationsagentur...........................................54

B) Fragebögen..................................................................................................... 59

1) Quantitativer Fragebogen.........................................................................................59

2) Standardisierter Interviewleitfaden............................................................................63

C) Codeliste und Ausprägungen ....................................................................... 65

2


1. Einleitung

In der letzten Zeit häufen sich die Berichte, in denen von „Praktikakarrieren“ und Schwierigkeiten

beim Berufseinstieg von Hochschulabsolventen 1 gesprochen wird. Demnach erhalten

junge Menschen, die von der Hochschule kommen, keine feste Anstellung, sondern durchlaufen

eine bis zu mehreren Jahren dauernde „Übergangszeit“, die mit einer Vielzahl von

Gelegenheitsjobs, Zeit- und Werkverträgen oder Formen der Selbständigkeit überbrückt

wird.

Während junge Menschen mit einem niedrigem oder gar keinem Bildungsabschluss bereits

seit langem von fehlenden beruflichen Perspektiven betroffen sind, haben nun angesichts

der sich zuspitzenden Lage auf dem Arbeitsmarkt vermehrt auch junge Menschen mit einem

höheren oder sehr hohen Bildungsabschluss Schwierigkeiten beim Einstieg ins Berufsleben.

So betrug die Arbeitslosenquote von hoch Qualifizierten (Hochschulabschluss) im Jahr 2002

4,5 Prozent und lag damit im oberen europäischen Drittel 2 . Diese rein quantitative Zahl sagt

allerdings wenig über das tatsächliche Ausmaß an entstandardisierten Erwerbsbiografien

von Hochschulabsolventen aus. Schon seit längerer Zeit verlaufen die Übergänge aus dem

Studium in das Berufsleben nicht mehr ohne Schwierigkeiten. Neben der Sucharbeitslosigkeit

lassen sich eine ganze Zahl von weiteren Existenz- und Erwerbsformen feststellen, in

denen die Zeit zwischen Studium und Berufsleben überbrückt werden (Briedis/ Minks, 2004:

57). In bestimmten Branchen kann von einem gesicherten Berufseinstieg im klassischen

Sinne nicht mehr gesprochen werden, stattdessen bilden sich „Patch-Work-Biografien“ heraus,

in denen Phasen der Erwerbstätigkeit immer wieder mit Phasen der Arbeitssuche

durchsetzt sind.

Von besonderem öffentlichem Interesse sind die „Praktikakarrieren“ von Hochschulabsolventen.

„Spiegel Online“ konstatiert: „In der vagen Hoffnung auf eine feste Stelle hangeln sich

junge Akademiker von Praktikum zu Praktikum.“ 3 Die FAZ berichtet: „Ein abgeschlossenes

Hochschulstudium ist kein Garant mehr für einen problemlosen Einstieg ins Erwerbsleben.“ 4

Spiegel Online schreibt: „Der Einstieg nach dem Examen ist für Hochschulabsolventen vieler

Fächer extrem schwierig. So versuchen sie, die Zeit sinnvoll zu überbrücken und hangeln

sich von einem Praktikum zum nächsten. Oft sind die Praktika niedrig oder gar nicht bezahlt,

obwohl die Praktikanten wie volle Arbeitskräfte eingesetzt werden.“ 5 Die Zeit schreibt: „Je

mehr arbeitslose junge Akademiker es jedoch gibt, desto lieber stellen die Unternehmen

Praktikanten ein, die für wenig Geld professionelle Arbeiten verrichten. So ist zwischen Ausbildung

und Beruf eine häufig mehrere Jahre währende Dauerpraktikantenschaft getreten.

Die Wissenschaft hat diesen Jahren bereits einen Namen gegeben: die floundering period.

Eine Phase, in der man zappelt wie eine Flunder.“ 6

Nach diesen Berichten absolvieren immer mehr Hochschulabsolventen nicht nur ein Praktikum,

sondern eine Fülle von Praktika hintereinander. Man spricht hier von „Praktikaschleifen“,

wovon immer mehr Studierende aus immer zahlreicheren Fachrichtungen betroffen

seien.

1 Aus Gründen der Lesbarkeit wird im Text die männliche Form verwendet. Männer und Frauen sind gleichermaßen

gemeint.

2 Quelle: OECD Employment Outlook (2004: Tabelle D).

3 In: Spiegel Online, Danke schön, auf Wiedersehen,

www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,316895,00.html, letzter Zugriff: 7.September 2005.

4 Frankfurter Allgemeine Hochschulanzeiger, Hochschulabsolventen auf Sparflamme, www.faz.net, letzter Zugriff:

29.11.2004.

5 In: Spiegel Online, Ausbildung statt Ausbeutung von Absolventen,

www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,323246,00.html, letzter Zugriff: 15.10.2004.

6 Matthias Storz, Generation Praktikum. In: Die Zeit, 14/ 2005,

http://zeus.zeit.de/text/2005/14/Titel_2fPraktikant_14, letzter Zugriff: 12.11.2005.

3


In dieser Hinsicht können Praktika zwischen Studium und Beruf als klassische Form eines

Übergangsarbeitsmarktes 7 skizziert werden. Dieser Übergangsarbeitsmarkt zeichnet sich

durch ein hohes Qualifikationsniveau, flexibelste Arbeitszeiten und hohe Mobilität, niedrige

Entlohnung und geringe Sozialstandards sowie eine spezifische Form der Prekarität zwischen

Hoffung auf Anstellung und enttäuschenden „Warteschleifen“ aus. Der Ergebnisspiegel

des Hochschulinformationssystems kommt schon 2002 zu dem Schluss: „Die Beschäftigungskrise

in der ersten Hälfte der 90er Jahre zwang Ingenieure, Mathematiker, Natur- und

Geisteswissenschaftler außergewöhnlich häufig, für eine längere Übergangsperiode mit

meist unterqualifizierten Jobs vorlieb zu nehmen“ (HIS, 2002: 249).

Das arbeitgebernahe wissenschaftliche Institut der deutschen Wirtschaft konstatiert: „Prekäre

Arbeitsverhältnisse haben bei Jungakademikern in den letzten Jahren stark zugenommen,

auch wenn sie auf dem Arbeitsmarkt bessere Chancen haben als andere Bevölkerungsgruppen“

(Konegen-Grenier, 2004).

Der Berufseinstieg von Akademikern ist Inhalt zahlreicher wissenschaftlicher Absolventenbefragungen.

Die letzte Absolventenbefragung des HIS 8 hat das Thema Praktikum jedoch nur

am Rande behandelt. Die soziale Lage derjenigen, die sich in so genannten „Praktikakarrieren“

befinden, ist noch weitgehend unerforscht. Deshalb liegen zu diesem Phänomen bisher

jenseits von Erfahrungsberichten keine belastbaren Daten vor. Die DGB-Jugend hat deshalb

diese Studie erstellt, um dieses Phänomen offen zu legen und näher zu untersuchen. Die

Studie bedient sich dabei quantitativer wie qualitativer Verfahren und konzentriert sich im

Rahmen der Berufseinstiegsphase auf die Situation von Praktikanten, welche ein Universitätsstudium

9 bereits abgeschlossen haben.

2. Fragestellung

Dieser Arbeit liegt die Fragestellung zu Grunde, ob Hochschulabsolventen in zunehmend

häufigerem Umfang ein oder mehrere Praktika nach dem Abschluss absolvieren, ohne eine

Festanstellung zu bekommen. Es wird also die Frage nach der Existenz und dem quantitativen

Ausmaß des Phänomens der so genannten „Praktikakarrieren“ oder „Praktikaschleifen“

gefragt.

Daran schließt sich die Frage an, ob es während der Berufseinstiegsphase von Hochschulabsolventen

im Rahmen der Praktika zu Ausbeutungstendenzen durch Unternehmen kommt

und welche Folgen diese haben. Diesbezüglich kommt die Perspektive von Praktikaanbietern

ebenso wie die Betroffenenperspektive zur Sprache. Des weiteren werden Experten aus

der Wissenschaft und Institutionen, welche mit dem Berufseinstieg von Hochschulabsolventen

befasst sind, in die Untersuchung einbezogen.

Als prekäre Beschäftigung in Form eines Praktikums wird hier eine Beschäftigungsform von

Hochschulabsolventen bezeichnet, die sich durch folgende Kriterien auszeichnet:

• Das Praktikum ist un- oder unterbezahlt.

• Das Ausüben regulärer Tätigkeiten steht im Vordergrund.

Im empirischen Teil werden die Ergebnisse einer quantitativen nicht-repräsentativen Befragung

aufbereitet und im Hinblick auf die Arbeitshypothese ausgewertet.

7 Zur Theorie der Übergangsarbeitsmärkte siehe Schmid, Günther (2002), Wege in eine neue Vollbeschäftigung,

Frankfurt sowie ders. (2004), Soziales Risikomanagement durch Übergangsarbeitsmärkte, Berlin.

8 Vgl. Hochschulinformationssystem GmbH (HIS), Ergebnisspiegel 2002.

9 Im qualitativen Teil wurden ausschließlich Absolventen mit Universitätsabschluss befragt, im quantitativen Teil

ist der Anteil der Fachhochschulabsolventen vernachlässigbar.

4


Anschließend werden die Ergebnisse einer qualitativen Befragung präsentiert. Die Studie

bedient sich dabei der Methode der standardisierten Fragebogen-Interviews mit ausgewählten

Expertinnen und Experten. Als Experten im Rahmen dieser Untersuchung gelten Praktikanten

und ehemalige Praktikanten, welche bereits einen Hochschulabschluss haben, Praktikaanbieter

wie auch Wissenschaftler bzw. Institutionen, welche mit dem Berufseinstieg von

Hochschulabsolventen befasst sind.

In einem Fazit werden die Ergebnisse der Studie zusammengefasst und die Hypothese ü-

berprüft.

Diese Studie ist als explorative Studie angelegt. Sie dient der Erfassung des Untersuchungsfeldes

und der Vorarbeit für eine ausführliche Analyse der oben genannten Fragestellung.

Die Studie kann deshalb nicht den Anspruch erheben, die Situation der jährlich ca. 200.000

Hochschulabsolventen valide zu beschreiben. Wohl will sie aber weitergehenden Forschungsbedarf

für eine umfassendere Studie anzeigen.

3. Einführung in das Themenfeld

Jährlich erwerben ca. 200.000 junge Menschen einen Hochschulabschluss. Es sind dies ca.

130.000 Universitätsdiploma (auch Magister, BA/MA) und ca. 70.000 Fachhochschuldiploma.

10 Die Einstiegswege in den Beruf für Hochschulabsolventen verlaufen heute nicht mehr

„gradlinig“ sondern hochgradig ausdifferenziert. Das HIS unterscheidet sechs verschiedene

Übergangsprofile vom Studium in den Beruf: 11

• Reguläre Erwerbstätigkeit: Selbständige und nichtselbständige Erwerbsarbeit im

Anschluss an das Studium

• Übergangsjobs: kurzzeitige Überbrückung von Wartezeiten durch meist minderqualifizierte

Tätigkeiten meist in der Phase der Stellensuche

• Werk- und Honorararbeiten

• Zweite Phase der Ausbildung wie z.B. in Form eines Referendariats

• Weitere akademische Qualifizierungen: z.B. Promotion, Aufbaustudiengänge

• Arbeitslosigkeit

Den größten Block macht dabei die „reguläre Erwerbstätigkeit“ aus, der gut 50% der Universitätsabsolventen

(ein Jahr nach dem Ende des Studiums) nachgehen. Diese Zahlen sagen

jedoch wenig über die Erwerbssituation der Absolventen aus, da ebenfalls Formen potentiell

prekärer Beschäftigung wie z.B. (Schein-)Selbstständigkeit oder Praktika unter die Rubrik

„reguläre Erwerbstätigkeit“ fallen können.

Praktika sind demnach in dieser Klassifikation nicht erfasst bzw. können verschiedenen Ü-

bergangsprofilen zugeordnet werden. Die Betroffenen sehen und/oder melden sich meist

nicht arbeitslos, haben aber auch keine reguläre, existenzsichernde Beschäftigung. Werden

die Praktikanten durch die Bundesagentur für Arbeit gefördert, gibt es ebenfalls keine Zuordnung

innerhalb der Übergangsprofile des HIS, da die Praktikanten aus der Arbeitslosenstatistik

herausfallen, ihr Arbeitsverhältnis jedoch nicht als regulär bezeichnet werden kann. Es

zeigt sich also deutlich, dass sich postgraduelle Praktikanten in einer sowohl rechtlichen als

auch sozialen Grauzone befinden.

Der Anteil von Absolventen, die nach dem Hochschulstudium eine unbefristete Vollzeitstelle

antreten, ist jedoch geringer und liegt bei 42% (Jahrgang 2001, ein Jahr nach dem Ende des

Studiums). Diese Gruppe kommt damit für den Untersuchungsgegenstand nicht in Frage.

10 Bundesministerium für Bildung und Forschung (Hrsg.), Grund und Strukturdaten 2001/ 2002.

11 Vgl. im Folgenden: HIS-Ergebnisspiegel 2002.

5


Insgesamt ist allerdings festzustellen, dass der Anteil von Hochschulabsolventen, die nach

dem Studium ein sog. „Normalarbeitsverhältnis“ (unbefristet, Vollzeit) antreten, seit Jahren

abnimmt. So hat sich die Zahl der Angestellten in unbefristeter Vollzeittätigkeit vom Prüfungsjahrgang

1989 bis zum Prüfungsjahrgang 1997 um 13 Prozent reduziert. Dies ist als

klares Indiz dafür zu werten, dass sich die Form des Berufseinstiegs diversifiziert, und sich

die Perspektiven von Hochschulabsolventen auf eine unbefristete Vollzeitanstellung zunehmend

minimieren. Es lassen sich sogar chronische Übergangsprobleme für einzelne Studiengänge

und Wissenschaftsbereiche beobachten (Beywl, 2002: 2). Dies gilt insbesondere

für die Ingenieurberufe, aber auch die Sozial- und Geisteswissenschaften.

Einschränkend ist zu betonen, dass trotz dieser Entwicklungen die Gruppe der Akademiker

weiterhin am Arbeitsmarkt privilegiert ist. Ihre Chancen auf eine Erwerbstätigkeit sind höher,

die Gefahr der Arbeitslosigkeit ist deutlich niedriger (Reinberg/Schreyer, 2003: 4). Dies

schließt sie von der Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt, den Strukturveränderungen in der

Erwerbslandschaft und der zunehmenden Prekarisierung von Arbeitsstellen allerdings nicht

aus.

Die Phase der Arbeitssuche zwischen Studium und Berufseinstieg wird auch als Sucharbeitslosigkeit

skizziert. „Damit ist der Suchprozess angesprochen, mit dem Arbeitskräfte die

für sie passenden Arbeitsplätze finden“ (Mankiw, 2001: 634). Es ist davon auszugehen, dass

eine sechs Monate oder auch länger dauernde Arbeitssuche bei Hochschulabsolventen heute

eher die Regel, denn die Ausnahme ist. 12 Zu diesem Such- und Warteprozess gehören

auch die hier untersuchten postgraduellen Praktika.

3.1 Was ist ein Praktikum?

Die klassische Form eines Praktikums hat den Erwerb beruflicher Kenntnisse und die berufliche

Orientierung zum Ziel. So ist es seitens des Gesetzgebers (Berufsbildungsgesetz § 26)

festgeschrieben. In diesem Verständnis dienen Praktika einer wichtigen Orientierungsleistung

für den Einstieg in das Berufsleben.

Ein Praktikum ist also eine Ausbildung in einem Betrieb und bildet einen Teil oder eine Vorstufe

zu einer anderweitig zu absolvierenden Ausbildung. 13 Laut einem Urteil des Bundesarbeitsgerichtes

steht das Lernen im Vordergrund und darf nicht von der jeweiligen Arbeitsleistung

des Praktikanten überlagert werden. Ein Praktikum grenzt sich von einem regulären

Arbeitsverhältnis dadurch ab, dass der Praktikant nicht in die tägliche Verrichtung der Arbeit

fest eingeplant ist, sondern zusätzlich im Betrieb mitläuft (6 AZR 564/01 BAG vom

13.03.2003). Wenn die Arbeitsleistung gegenüber dem Erwerb beruflicher Erkenntnisse ü-

berwiegt, hat der Praktikant Anspruch auf vollen Lohn (§138 II Bürgerliches Gesetzbuch).

Bei Praktika von Akademikern ist eine Unterscheidung zwischen Praktika während des Studiums

und solchen, die erst nach einem Abschluss absolviert werden, wichtig. Denn die

Praktika von Studierenden entsprechen mutmaßlich der Definition eines Praktikums wie o-

ben dargelegt. Sie dienen der Ergänzung von Lerninhalten des Studiums und dem Erwerb

erster beruflicher Erfahrungen.

Was allerdings bereits als prekäre Beschäftigung in Form eines Praktikums beschrieben

wurde, grenzt sich von der Definition laut BBiG ab. Statt der Ergänzung von Lerninhalten

haben Praktika hier die Funktion der Überbrückung von Wartezeiten. Diese „prekären Praktika“

werden zum Zwecke des Berufseinstiegs als nicht bezahlte oder unterbezahlte Arbeit

geleistet. Für den Hochschulabsolventen überwiegt hier der Arbeits- gegenüber dem Lernanteil.

Als Beispiele für solche „Praktika“ könnten Langzeitpraktika (länger als drei Monate) o-

12 Hochschulteam der Agentur für Arbeit in der Universität Bielefeld (2004): Wege zum Arbeitsplatz, Bielefeld.

13 Gabler Wirtschaftslexikon, 13. Auflage (1993), S. 2625.

6


der auch Praktika als Ersatz für reguläre sozialversicherungspflichtige Beschäftigung gelten,

welche Vollzeitarbeitsplätze vorübergehend oder dauerhaft kompensieren.

Diese „Praktika“ sind jedoch im juristischen Sinne kein Praktikum. Es handelt sich bei diesen

„Praktikanten“ um normale Arbeitnehmer mit den üblichen Arbeitnehmerrechten, denen auch

eine angemessene Entlohnung zusteht.

4. Empirischer Teil

4.1 Quantitative Ergebnisse

Im Rahmen der vorliegenden Studie wurden Hochschulabsolventen gebeten, mithilfe eines

kurzen Fragebogens (s. Anlage) über ihre Erfahrungen mit Praktika während und nach ihrem

Studium Auskunft zu geben. Der Fragebogen wurde im Internet bundesweit von Hochschulabsolventen

ausgefüllt.

Die Befragung wurde im Zeitraum von Anfang Juli bis Ende September 2005 durchgeführt.

Insgesamt konnten 89 beantwortete Fragebögen in die Auswertung einfließen.

Die Ergebnisse dieser Befragung werden im Folgenden vorgestellt. Aufgrund der geringen

Fallzahlen können diese allerdings ausdrücklich nur als vorläufig und eher explorativ im Sinne

der gegebenen Fragestellung betrachtet werden. Sie sollen also bewusst als beschreibende

Daten der persönlichen Situation von Hochschulabsolventen verstanden werden.

4.1.1 Allgemeine Merkmale der Teilnehmer

Es fiel auf, dass sich deutlich mehr Frauen an der Befragung beteiligt haben als Männer:

70% der Befragten waren Frauen, nur 30% waren Männer. Zum Zeitpunkt der Befragung

betrug das durchschnittliche Alter der Befragten 28,3 Jahre (Median: 28 Jahre); zum Zeitpunkt

ihres Studienabschlusses waren die Befragten durchschnittlich 26,5 Jahre alt (Median:

26 Jahre).

Absolventen aus wirtschafts- und gesellschaftswissenschaftlichen Studiengängen beteiligten

sich am häufigsten an der Befragung. Bezogen auf den Fachbereich, in dem die Befragten

ihren Studienabschluss erlangt haben, ergibt sich folgendes Bild:

Teilnahme nach Fachbereichen

Rechtswissenschaften

3

Fachbereich

Geisteswissenschaften

Sozial- und

Wirtschaftswissenschaften

Humanwissenschaften

2

31

46

Naturwissenschaften

6

95,5% der Befragten erreichten den Zugang zur Hochschule durch das Abitur, nur 4,5% haben

ihre Hochschulzugangsberechtigung über den Zweiten Bildungsweg erlangt.

7


4.1.2 Anzahl der Praktika

Die Ergebnisse zeigen, dass der überwiegende Teil der Befragten insgesamt eine Vielzahl

von Praktika absolviert. Die Spanne der absolvierten Praktika verteilt sich gleichmäßig zwischen

einer und sechs Praktikastellen. Nur ein verschwindend geringer Teil der Befragten

gibt an, kein Praktikum absolviert zu haben.

Anzahl aller Praktika

mehr als 6

13

5 bis 6

23

3 bis 4

26

1 bis 2

25

keins

2

Darüber hinaus wurde nach der Anzahl der absolvierten Praktika nach dem Abschluss gefragt.

Die Situation stellt sich dann erwartungsgemäß etwas verändert dar: Nach dem Studium

haben bis zum Zeitpunkt der Befragung 12 Absolventen (13,5%) kein Praktikum mehr

absolviert. Allerdings geben 43 Befragte (48,3%) an, bereits zwei oder mehr Praktikumsstellen

nach dem Studium angenommen zu haben. Die Ergebnisse der Befragung zeigen, dass

auch nach dem Abschluss ihres Studiums die Mehrzahl der Absolventen Praktikastellen angenommen

haben.

Anzahl der Praktika nach Studienabschluss

mehr als 4

1

4

3

3

8

2

31

1

34

keins

12

39 Befragte (43,8%) gaben an, mittlerweile eine Anstellung gefunden zu haben; mit 50 Befragten

(56,2%) ist aber die Mehrheit noch immer auf der Suche nach einem Arbeitsplatz; für

diesen Personenkreis ist es also nicht ausgeschlossen, dass sich weitere Praktikastellen

anschließen.

8


4.1.3 Vergütung der Praktika

Die nachfolgenden Ergebnisse beziehen sich auf die Praktika, die nach dem Studium absolviert

wurden.

Waren die Praktika vergütet?

nie

14

manchmal

38

häufig

15

immer

22

In Bezug auf die Vergütung der Praktika gaben die Befragten in der Mehrheit an, dass die

Stellen nur manchmal oder nie vergütet wurden.

Wenn eine Vergütung für die Praktika gezahlt wird, liegt sie zumeist im unteren Hundert-

Euro-Bereich. 23 Befragte (25,8%) gaben an, keine Vergütung erhalten zu haben; 16 Befragte

(18%) erhielten bis zu 150 Euro. 25 Absolventen (28,1%) berichteten von Vergütungen

von bis zu 300 Euro monatlich; eben so viele Befragte konnten eine darüber liegende monatliche

Vergütung erzielen.

4.1.4 Finanzierung des Lebensunterhaltes während der Praktika

Lebensunterhalt während der Praktika

Sonstiges

Sozialleistungen

Nebentätigkeit

Praktikumsentgelt

Ersparnisse

Eltern

0 10 20 30 40 50 60

Während der Praktika wählen die Befragten unterschiedliche Wege, ihren Lebensunterhalt

zu finanzieren, da das Praktikantenentgelt – wie oben ermittelt – den finanziellen Bedarf

nicht deckt. Zum größten Teil decken die Befragten ihren Finanzbedarf durch die Unterstüt-

9


zung der Eltern, gefolgt vom Verbrauch von Ersparnissen und zum selben Anteil durch die

Vergütungen für die Praktika. Nebentätigkeiten spielen trotz der Arbeitsbelastungen im Praktikum

eine deutlich wichtigere Rolle als Sozialleistungen und sonstige Finanzierungsmöglichkeiten

(Stipendien, Unterstützung durch die Lebenspartnerin oder den Lebenspartner u.ä.).

Es zeigt sich also, dass Praktikanten auch nach dem Studium in einem finanziellen Abhängigkeitsverhältnis

verbleiben. Außerdem wird ein weiterer Aspekt deutlich: Schlecht vergütete

Praktika können sich offenbar fast nur Absolventen „leisten“, die ihren Lebensunterhalt

aus familiären Quellen decken.

4.1.5 Erfahrungen während der Praktika

Negative Erfahrungen

geringe Einblicke

Vorgesetzte

keine spätere

Anstellung

Langeweile

Arbeitsdruck

Überstunden

keine Entlohnung

trotz Vollzeit

reg. Tätigkeiten

0 10 20 30 40 50

Über die Hälfte der Befragten (53%) gibt an, reguläre Tätigkeiten ausgeübt zu haben. 40,4 %

klagen darüber, trotz Vollzeitarbeit, keinen Lohn erhalten zu haben. Etwa ein Drittel der Praktikanten

hatten unter Arbeitsdruck und Überstunden zu leiden. Dennoch waren die Praktika

für 76,4 % eine interessante Erfahrung. 49,4 % empfanden ihr Praktikum als Ausbeutung.

Den Schwerpunkt meines Praktikums bildeten...

Langeweile

Frust

Stress

anstrengend

Spaß

Bestätigung

Ausbeutung

interessante Erfahrungen

0 20 40 60 80

10


4.2 Zusammenfassung der quantitativen Ergebnisse

Die explorativen quantitativen Ergebnisse lassen darauf schließen, dass Praktika – auch

nach dem Hochschulabschluss – mittlerweile einen zentralen Stellenwert im Lebenslauf von

Akademikern bilden.

Es ist bemerkenswert, dass 56,2% der Befragten zur Zeit der Befragung noch keinen Berufseinstieg

gefunden haben, obwohl der Studienabschluss durchschnittlich bereits zwei Jahre

zurücklag. Dies könnte auf eine krisenhafte Situation beim Berufseinstieg hinweisen. Hier

ist eine Korrelation mit der Gruppe festzustellen, welche nach dem Studium ein oder mehr

Praktika absolviert hat. Dies lässt darauf schließen, dass Praktika Phasen der Arbeitslosigkeit

während der Berufeinstiegsphase überbrücken.

Außerdem wird deutlich, dass von „Praktikakarrieren“ eher allgemein bildende Studiengänge

– wie Geistes-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften – betroffen scheinen, die weniger zu

einem klaren Berufsprofil führen. Jedoch ist die aktuelle Situation auf dem Arbeitsmarkt sicherlich

auch ein wichtiger Faktor.

Auch wenn Praktika für die Mehrheit der Absolventen eine interessante Erfahrung waren,

dominieren insgesamt negative Aspekte der Praktika. Diese sind insbesondere die mangelnde

Vergütung in Verbindung mit der Übernahme von regulären Tätigkeiten, Stress und Überstunden.

Bei der Mehrheit der geleisteten Praktika kann man demnach von prekären Praktika

sprechen.

Man könnte daraus schließen, dass Praktika wichtige und interessante Erfahrungen des Arbeitsalltags

vermitteln, gleichzeitig aber auch Stress und Frust eine große Rolle spielen. Offensichtlich

wird die Einbindung in einen Arbeitsprozess und die Resonanz auf die Arbeitsleistung

als etwas Positives erlebt; dies wird jedoch von negativen Erfahrungen des Arbeitsalltages

begleitet, welche im Verbund mit einem geringem arbeitsrechtlichen Status, keiner

bis geringer Entlohnung und dem Platz am unteren Ende der betrieblichen Hierarchie zu einer

prekären Lage der Absolventen führt. 14

4.3 Qualitative Ergebnisse

Den Kern des zweiten Teils dieser Studie bilden Experteninterviews. Als Experten gelten hier

Wissenschaftler, Vermittlungsagenturen, Praktikanten und Praktikaanbieter. Als Erhebungsinstrument

wurde das Verfahren eines standardisierten Leitfadeninterviews gewählt (s. Anhang).

Das Hochschulinformationssystem (HIS) ist seit Jahren mit der Befragung von Hochschulabsolventen

durch das Bundesbildungsministerium beauftragt. Auch wenn in den bisherigen

Studien noch nicht ausreichend nach Praktika von Hochschulabsolventen geforscht wurde,

zählt der zuständige Wissenschaftler zu den Experten für den Bereich Übergang Hochschule/Arbeitsmarkt.

Mit dem Career Service der Freien Universität Berlin wurde eine Institution zur Befragung

ausgewählt, deren Aufgabe es ist, Absolventen beim Berufseinstieg zu unterstützen.

Die Bereitschaft von Unternehmen, sich zum Themenfeld zu äußern, war trotz angebotener

Anonymisierung gering. Insgesamt 19 Absagen oder fehlende Rückmeldungen dokumentieren

die mangelnde Auskunftsbereitschaft der Praktikaanbieter. Trotzdem kommen zur Prü-

14 Dieses „Wechselspiel“ ist Soziologen auch aus den neuen Arbeitsverhältnissen und –bedingungen der IT-

Industrie bekannt (vgl. Glißmann/ Peters, 2001).

11


fung der Hypothesen mit einem Unternehmen der PR-Branche und einer Kommunikationsagentur

zwei Praktikaanbieter zu Wort.

Mit der Initiative „Fairwork“ wurde eine Art selbstverwaltete Interessensorganisation von

Praktikanten in die Untersuchung einbezogen. Eine weitere betroffene Hochschulabsolventin

erreichten die Autoren durch eine zufällige Auswahl unter Betroffenen, die sich zwischen Mai

und September 2005 über die Praktikaberatung www.students-at-work.de an die DGB-

Jugend gewandt hatten.

Die Auswertung der Interviews erfolgte durch eine Codierung und Aufschlüsselung der einzelnen

Frageaspekte. Dabei wurden einzelnen zu erfragenden Merkmalen Codes zugewiesen,

die anschließend zur Beantwortung der Fragestellung ausgewertet wurden. Codes und

Ausprägungen sind im Anhang dokumentiert.

4.3.1 Praktika nach dem Hochschulabschluss

Die Ergebnisse der Befragung weisen darauf hin, dass Praktika von Hochschulabsolventen

zugenommen haben. Nicht nur die Betroffenen berichten von diesen Fällen, auch die Experten

und die Praktikaanbieter sind sich in dieser Hinsicht einig.

Der Betroffenenkreis lässt sich nach Auswertung der Interviews eingrenzen. So scheinen

insbesondere diejenigen Hochschulabsolventen betroffen zu sein, die mit ihrer Hochschulausbildung

keine klare Berufsperspektive erwerben. Dies sind vor allem die Bereiche der

Sozial- und Politikwissenschaften, der Kommunikations- und Literaturwissenschaften sowie

der Geisteswissenschaften. Allerdings lässt sich auch bei Architekten und Wirtschaftswissenschaftlern

eine Tendenz erkennen (Vgl. Interview Minks).

„Spannend sind ja zunächst einmal die Bedingungen der Fachrichtungen, die eigentlich immer

schon schwierige, komplizierte berufliche Eingangsstrukturen hatten, und das sind eben

Geistes- und Sozialwissenschaftler, das sind seit langem, seit vielen Jahren, Architekten,

und, wir können das noch nicht so ganz fest verifizieren, aber wir haben starke Indizien dafür,

dass erstmals auch Wirtschaftswissenschaftler größere Probleme haben, in den Beruf zu

kommen und dort auch, und das können wir in gewisser Weise auch belegen, Praktika als

erste Phasen beruflicher Erfahrung eine nicht völlig untergeordnete Rolle spielen“ (Minks, Z.

79-86).

Aus der Sicht der Praktikaanbieter erfüllen Praktika folgende Zwecke:

• Praktika sind demnach gesellschaftspolitisch erwünscht. Die Sicht der Praktikaanbieter

ist von dem starken Willen geleitet, mit dem Angebot von Praktika einen

gemeinwohlorientierten Zusatznutzen (Bildung, Erfahrungsweitergabe, Arbeitsmarktförderung)

zu schaffen (Vgl. Interview PR-Agentur).

• Praktika sind Rekrutierungsverfahren. Praktika erfüllen den Zweck der Beobachtung

und Erprobung des Praktikanten im Arbeitsumfeld. Dies ist nach einhelliger

Meinung der befragten Praktikaanbieter unabhängig davon, ob eine spätere Anstellung

des Praktikanten erwogen wird oder nicht (Vgl. Interview PR-Agentur).

• Praktika sind ein betriebswirtschaftliches Kalkül. Beim Angebot von Praktikanten

spielen betriebswirtschaftliche Überlegungen eine nicht unwichtige Rolle. Anbieter

schätzen die Arbeitskraft von Hochschulabsolventen und deren willige leistungsadäquate

Einbringung in den Betriebsablauf und das Betriebsergebnis. Dies wird

insbesondere im Vergleich zu den (geringen) Kosten eines Praktikumplatzes betont

(vgl. Interview PR-Agentur und Interview Kommunikationsagentur).

Die Betroffenen sehen die Funktion der Praktika offenbar vor allem als zeitliche Überbrückung

und als Arbeitsvermittlung (vgl. Interview Praktikantin und Interview Fairwork). So be-

12


ichtet die Betroffene: „Nach meinem Studium habe ich nicht gleich sofort, aber relativ kurz

darauf einige Praktika gemacht, weil ich irgendwo beruflich einsteigen wollte“ (Praktikantin,

Z. 7-8). „[B]ei Absolventen nimmt es halt immer weiter zu, das ist ja wirklich so, dass den

Einstieg sofort fast niemand mehr hinbekommt und um eben die Zeit zu überbrücken, macht

man halt Praktika“ (Fairwork, Z. 26 ff.).

Auch die Expertin des Career Service verweist darauf, dass Hochschulabsolventen das

Praktikum vor allem als Chance des Berufseinstiegs, weniger als Verbesserung oder Maximierung

von Lerninhalten ansehen.

4.3.2 Praktikum und kein Ende?

Die Interviews lassen keine deutliche Aussage über Praktikakarrieren als Massenphänomen

zu. Diese Aussage können nur repräsentative Zahlen leisten, die bisher noch nicht vorliegen.

Allerdings berichten die Betroffenen ebenso wie die Praktikaanbieter und die Experten von

einer zunehmenden Tendenz solcher Praktikakarrieren. Die Berufseinstiegsphase wird offenbar

für die Betroffenen immer prekärer. „Man muss wirklich sagen, dass es nicht den Ü-

bergang von Hochschulabsolventen gibt, sondern dass sich das in vieler Hinsicht ausdifferenziert

nach ganz verschiedenen Gesichtspunkten“ (Minks, Z. 18ff.). „Aber nach dem Studium,

da muss man halt sagen, ist ein Praktikum, denke ich, immer ein Zeichen für eine krisenhafte

Situation“ (Minks, Z. 218ff.).

Im Anschluss an diese Einschätzung, dass ein Praktikum nach dem Studium bereits auf eine

berufliche Krise hindeutet, werden in dieser Arbeit solcherlei Biografien von Hochschulabsolventen

als „Praktikakarrieren“ bezeichnet, in denen zwei oder mehr Praktika nach dem Studium

absolviert werden, ohne dass ein Einstieg in ein festes Arbeitsverhältnis oder eine

Form der Selbständigkeit gelungen ist. Nach unserer Stichprobe wären 48% der Absolventen

von Praktikakarrieren nach dieser Definition betroffen. In diesen Fällen kann man von einer

individuellen Krise bzw. von Ausbeutung seitens der Unternehmen ausgehen. Denn junge

Menschen mit Hochschulabschluss und weiteren Praktika sind bereits sehr gut qualifiziert.

„Nur wir sehen halt häufig, dass ein Praktikum aus Not angenommen wird und da finden wir

dann teilweise schon Verhältnisse, die man als Ausbeutungsverhältnisse ansehen kann, wo

es darum geht, Lückenfüller einzustellen, das ganze als Praktikum zu drapieren, wo es im

Grunde genommen nur darum geht, einen gerade irgendwo nicht vorhandenen Kollegen zu

ersetzen und dann diese Leute mit Routinearbeiten zu belegen. So etwas gibt es, und das

macht natürlich keinen Sinn“ (Minks, Z. 268ff.).

Die prekäre Situation beim Berufseinstieg bleibt nicht folgenlos für das eigene Selbstwertgefühl.

Die Praktikanten sehen sich und ihre Qualifikation entwertet. Das belegen Aussagen

wie „man sollte als Absolvent überhaupt kein Praktikum mehr machen müssen, weil man

seinen Abschluss hat, und damit ist die Ausbildungsphase beendet. Wir sind hier in Deutschland,

da ist das Hochschulstudium angeblich elitemäßig, wir sind hier die am besten ausgebildeten

Leute“ (Fairwork, Z. 60ff.) oder „man spricht auf der einen Seite immer von der Elite,

die studiert hat, auf der anderen Seite wird verlangt, dass man für Null Euro arbeiten soll“

(Fairwork, Z. 457ff.).

Dies bleibt für das psychische Empfinden der Betroffenen nicht folgenlos. „Das [ein oder

mehrere Praktika nach dem Abschluss zu absolvieren] ist ja auch irgendwie die Zwickmühle,

in der man da ist, also man sieht da eigentlich eine Situation, die man dann auch vor allem

jetzt, je länger das geht, umso mehr kritisch betrachtet, und man hat es aber trotzdem irgendwie

halt gemacht“ (Praktikantin, Z. 283ff.). „Und wie man das bewältigt? Also ich muss

auch sagen, ich habe auch sehr stark mit Depressionen zu kämpfen und bewältige das teilweise

nicht so gut“ (Praktikantin, Z. 214ff.). Die psychische Belastung durch die Situation

zieht offenbar eine langwierige Phase von Verunsicherung, Selbstzweifel und Minderwertigkeitskomplexen

nach sich.

13


Ob die Phase zwischen Studium und Beruf sich verlängert, dazu erhalten wir unterschiedliche

Aussagen. Während der Experte vom HIS diese Frage verneint und auf die seit langem

existierenden Übergangsprofile zwischen Studium und Beruf (Werkverträge, Selbständigkeit

etc.) verweist, berichtet die Expertin vom Career Service in Übereinstimmung mit den Betroffenen

von einer ausgedehnteren Berufseinstiegsphase. „Ich habe [...] gesagt, dass sich diese

Phase ausgeweitet hat. Früher sagte man so wie ein Viertel- oder ein halbes Jahr und

jetzt ist es eher so ein halbes bis ein Jahr“ (Deckart, 163ff.). 15

Die Expertin weist darauf hin, dass das Phänomen der Praktikakarrieren einen regionalen

Bezug hat. In mittleren und kleineren Universitätsstädten scheinen diese Probleme kaum

bekannt. „Das ist übrigens auch bundesweit sehr unterschiedlich, ich weiß zum Beispiel aus

Münster, die haben dort nicht so ein Problem. Die steigen dort meist direkt in den Beruf nach

einer Bewerbungsphase ein. Da kann man schon sehen, das ist auch regional unterschiedlich

und man muss es in der Gesamtschau sehen“ (Deckart, Z. 84ff.).

4.3.3 Praktikum oder reguläres Arbeitsverhältnis?

Zur Beantwortung der Frage, ob postgraduierte Praktikanten reguläre Arbeit ersetzen, geben

die Ausprägungen in den Bereichen der Entlohnung sowie die Sicht der Praktikaanbieter z.B.

hinsichtlich der Abgrenzung von Praktika zu sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung

entscheidende Hinweise.

Alle Befragten betonen die Rolle von Praktika als wichtige Stütze der beruflichen Orientierung.

Dabei wird insbesondere auf den Aspekt der Arbeitserfahrung verwiesen, die nicht zuletzt

bei vielen Arbeitgebern für eine Anstellung vorausgesetzt wird (siehe die Interviews mit

Praktikaanbietern). Dabei ist es meist unerheblich, ob diese Arbeitserfahrung im Rahmen

eines Praktikums nach dem Abschluss oder aber durch Berufserfahrung (studentische Hilfsjobs,

studienbezogene Praktika, Auslandsaufenthalte etc.) während des Studiums erworben

wird.

Die Expertin vom Career Service betont: „Wichtig ist aber, dass man Arbeitserfahrung hat,

dass man weiß, wie Arbeit funktioniert. [...] Und das muss nicht immer [mit einem] Praktikum

sein! Also die Leute sind immer sehr stark auf das Praktikum fixiert, das ist nicht richtig“

(Deckart, Z. 198f.) Absolventen sind demnach eine besonders leicht als Praktikanten zu rekrutierende

Zielgruppe für die Unternehmen.

Dabei steht für die Praktikanten die Notwendigkeit, über die Praktika Kontakte zu knüpfen,

die für eine spätere Erwerbsarbeit nützlich sein könnten im Vordergrund. „Aber wenn es wirklich

so wäre, dass man da Kontakte knüpfen kann und eine reelle Chance hat, dort einzusteigen,

dann finde ich es schon förderlich“ (Faiwork, Z. 203ff.). Der Vermittlungsaspekt von

Praktika schein ein herausgehobenes Motiv für die Annahme von Praktika zu sein (siehe

auch: Schnitzer u.a., 2001: 300ff.).

Wie unsere Befragung zeigt, führt dies nicht selten dazu, dass sich manche Unternehmen

diese Situation zu Nutze machen. So ist es nicht zuletzt die Bereitschaft der Hochschulabsolventen

zu Praktika, welche von den Praktikaanbietern laut Aussage des Experten geschätzt

wird. „Solche Praktika sind eine gute Möglichkeit für die Betriebe, auch zu selektieren,

einfach zu sagen, jetzt gucken wir uns die einfach mal an, wie die sich anstellen, kostet

uns ja nicht viel oder gar nichts manchmal, und wenn da wirklich dann so Highlights darunter

sind, dann werden die durchaus genommen (Minks, Z. 206ff.).

15 Dem widersprechen die Ergebnisse der Stichprobe wonach lediglich 44% der Befragten zwei Jahre nach dem

Studium den Berufseinstieg geschafft haben.

14


Praktikaanbieter gehen mit dieser Tendenz äußerst offen um. „Allerdings weiß ich aus Kontakten

mit Kollegen, dass in der Werbebranche die Praxis mit Praktikanten eine andere ist.

Die werden nicht selten ausgebeutet und in Ersatz für vollwertige Arbeitskräfte eingesetzt.

[...] Ja, und wenn die Leute dann Praktika gemacht haben und [man] ihnen zum Teil in Aussicht

stellt, dass sie eine Anstellung bekämen, wenn sie es nur gut machen, dann entsteht ja

auch ein wahnsinniger Druck auf die Praktikanten selbst. Im Nachhinein sind sie häufig

trotzdem nur Spielball, weil die Verantwortlichen entscheiden, wie sie wollen“ (PR-Agentur,

190ff.). Auch der Befragte der Kommunikationsagentur sieht die Probleme der Praktikanten:

„Die Praktikanten berichten schon, dass es keinen Berufseinstieg gibt. Die hängen in den

Schleifen von Agentur zu Agentur oder von Wahlkampf zu Wahlkampf und sind halt nur froh,

dass sie keine Löcher in ihrem Lebenslauf haben“ (Kommunikationsagentur, Z. 135ff.). Auf

die Frage hin, ob man bei den eigenen Beschäftigungspraktiken von Ausbeutungsverhältnissen

sprechen könne, antwortet er: „Ja, na klar. Bis zu einem bestimmten Maß, ja. Wir wollen,

dass die Leute hier den ganzen Tag da sind. Wir können es nicht voll ausfinanzieren mit einem

kompletten Job. Und verlangen, dass sie hier auch entsprechend was leisten“ (Kommunikationsagentur,

Z. 248ff.).

Die Abgrenzung zwischen Praktikum und einer normalen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung

ist laut der Praktikaanbieter schwer zu treffen. Praktikanten steuern eindeutig

einen Anteil zum Betriebsergebnis auch in Form von eigenen Produkten bei (PR-Agentur, Z.

95) und sind innerhalb der Betriebsabläufe nicht selten unersetzlich; dennoch verbleiben sie

in dem Status des Praktikanten: „Bei uns sind die Praktikanten komplett eingebunden. Die

Grenze verschwimmt“ (Kommunikationsagentur, Z. 72). Auch der Experte betont, dass Praktikanten

„auch produktiv“ sein sollen. „Sie sollen ja nicht nur hospitieren, sondern sie sollen

auch etwas zu Wege bringen während des Praktikums“ (Minks, Z. 280ff.).

Laut der Praktikaanbieter wird in den meisten Fällen eine Entlohnung gezahlt. 16 Die Befragung

der Praktikaanbieter lässt klar darauf schließen, dass die Entlohnung keinesfalls leistungsbezogen

noch qualifikationsbezogen zu nennen ist und dem wirklichen Beitrag der

Praktikanten zum Betriebsergebnis nicht annähernd entspricht. Eine Entlohnung von Praktika

nach dem Studienabschluss im unteren Hundert-Euro-Bereich wird als gängig angegeben,

ebenso wie ein Arbeitsvertrag und ein Praktikumszeugnis.

Aus der Sicht der Praktikanten ist die fehlende Entlohnung nicht akzeptabel, obwohl Erfahrungs-

und Erkenntnisgewinn als gewinnbringend betont werden. „Trotzdem sehe ich es als

problematisch an, dass, selbst wenn da die Notwendigkeit besteht, an allen möglichen Enden

zu sparen, irgendwie ein bisschen symbolisches Gehalt könnte man den Leuten trotzdem

bezahlen“ (Praktikantin, Z. 59ff.).

Aufgrund keiner oder geringer Entlohnung wird der Lebensunterhalt meist durch Ersparnisse

oder die fortlaufende Unterstützung durch die Eltern sichergestellt. Die Abhängigkeit vom

Elternhaus wird somit in die Phase des Berufseinstiegs verlängert. Inwiefern Absolventen,

die über keine finanziellen Rücklagen verfügen, über Praktika einen qualifikationsangemessenen

Berufseinstieg probieren, müsste über eine weiterführende Studie untersucht werden.

Als besonders negativ wird aus der Sicht der Betroffenen wahrgenommen, dass nach einem

Praktikum die Aussicht auf eine feste Anstellung nicht zwangsläufig verbessert ist. Eine Vielzahl

von Praktika kann sogar die Chancen bei potenziellen Arbeitgebern reduzieren. Nach

Aussage der Praktikanten werden absolvierte Praktika im Lebenslauf sogar verschwiegen,

um nicht den Eindruck zu erzeugen, schwer vermittelbar zu sein.

16 40,4 % der Befragten geben dagegen an, trotz Vollzeitarbeit keine Entlohnung erhalten zu haben.

15


5. Auswertung der Ergebnisse

Diese Arbeit befasste sich mit der Fragestellung, ob das Phänomen „prekärer Praktikakarrieren“

von Hochschulabsolventen existent ist und welches Ausmaß dieses Phänomen auf dem

Arbeitsmarkt hat.

Die explorative Studie ist als Voruntersuchung für weitergehende Arbeiten angelegt. Sie ist

nicht repräsentativ und kann lediglich einen Einblick in das Themenfeld eröffnen. Durch die

Mischung aus qualitativen und quantitativen Befragungen ergibt sich jedoch erstmalig ein

Bild des in den Medien umfassend diskutierten Problems der „Generation Praktikum“. 17

Im Zuge der Entwicklung der Arbeitsgesellschaft, der Entgrenzung von Arbeit sowie der

strukturellen Veränderung der Lebensläufe nimmt die Zahl derer, die nach dem Studium ohne

feste Anstellung sind, stetig zu. Die Entstandardisierung von Erwerbsbiografien gerade

auch im Segment der Hochqualifizierten ist auf dem Vormarsch. (Schober, 2001: 21) Atypische

und prekäre Beschäftigung, Übergangsjobs und Phasen der Selbständigkeit nehmen

für Hochschulabsolventen mittlerweile eine wichtige Rolle ein (HIS/Heine, 2002: 247ff.).

Verknüpft man die vorangegangenen Aussagen und betrachtet das Verhältnis von sozialversicherungspflichtigen

Vollzeitjobs zu geringfügiger Beschäftigung und Selbständigkeit in den

letzten Jahren, zeichnet sich folgendes Bild:

Der Bestand an Vollzeit beschäftigten Arbeitnehmern ist zwischen 1991 und 2004 um ein

Fünftel gesunken. Ca. 6 Millionen Personen sind aus dieser Gruppe ausgeschieden, so dass

sich der Gesamtumfang von ehemals 29,5 Millionen Vollzeitbeschäftigten auf 23,75 Millionen

verringerte. Die Anzahl der Geringfügig- und/oder Teilzeitbeschäftigten hat sich seit Anfang

der neunziger Jahre von 5,5 Millionen auf heute knapp 11 Millionen nahezu verdoppelt. Nicht

jede Teilzeitarbeit fällt unter prekäre Beschäftigung, allerdings ist zu vermuten, dass dabei

sozialversicherungspflichtige in geringfügige Beschäftigungsverhältnisse (z.B. Mini-Jobs oder

Praktika) umgewandelt wurden. Ein nicht geringer Teil dieser Arbeitnehmer 18 dürfte eine sozialversicherungspflichtige

Vollzeitbeschäftigung vorziehen. An Bedeutung gewonnen hat

auch die (Schein-) Selbständigkeit, die auf 11 % (=4,25 Millionen Erwerbstätige) angewachsen

ist. Anfang der neunziger Jahre hatte der Anteil noch bei 9 % gelegen. 19

Die Annahme, dass in den vergangenen Jahren sozialversicherungspflichtige Vollzeitjobs

zunehmend auch durch „Praktika“ ersetzt wurden liegt demnach nahe. Ob dies tatsächlich

fast die Hälfte aller Graduierten-Praktika betrifft, wie unsere Stichprobe (s. quantitativer Teil)

ergeben hat, kann auch hier nur durch eine repräsentative Folge-Studie be- oder widerlegt

werden.

Offensichtlich hat die Krise auf dem Arbeitsmarkt die Akademiker erreicht. Obwohl diese

Gruppe nach wir vor deutlich bessere Job-Chancen als niedriger Qualifizierte hat, verläuft

der Einstieg vom Studium in den Beruf nicht mehr ohne Unterbrechungen. Die Berufseinstiegsphase

(Phase zwischen Studium und Vollzeiterwerbsarbeit) wird mit einer Vielzahl von

befristeter Beschäftigung, Übergangsjobs, Honorar- und Werkverträgen oder Formen der

Selbständigkeit überbrückt. Noch umstritten ist, ob sich diese Phase ausgedehnt hat. Unsere

Ergebnisse legen diesen Schluss nahe.

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass Praktika von Hochschulabsolventen keine Seltenheit

mehr sind und in ihrer Zahl zum Teil wohl massiv zunehmen. Nach dem Studium sind Praktika

ein durchaus fester Bestandteil der postgraduellen Berufseinstiegsphase. Auch neuere

17 Matthias Storz, Generation Praktikum. In: Die Zeit, 14/ 2005,

http://zeus.zeit.de/text/2005/14/Titel_2fPraktikant_14, letzter Zugriff: 12.11.2005.

18 Mitte 2004 arbeiteten nach den amtlichen Angaben 4 ¾ Millionen Erwerbstätige ausschließlich in solchen Beschäftigungsverhältnissen.

19 Vgl. Deutsche Bundesbank, Monatsbericht Juli 2005, S. 16.

16


wissenschaftliche Erkenntnisse in Bezug auf Bachelor-Absolventen weisen auf die Zunahme

dieser Entwicklung im Laufe des ersten Jahres nach dem Studienabschluss hin. 20 Dies trifft

allerdings nicht für alle Fachrichtungen zu.

Unsere Ergebnisse legen den Schluss nahe, dass vor allem diejenigen Absolventen betroffen

sind, welchen durch das Hochschulstudium kein klarer Berufsweg vorgezeichnet ist. Das

gilt insbesondere für die Geistes- und Sozialwissenschaften. Aber auch Architektur und in

zunehmenden Maße auch die Wirtschaftswissenschaften scheinen betroffen. An der quantitativen

Befragung nahmen überdurchschnittlich (70%) Frauen bzw. Absolventen aus den

Sozial- und Geisteswissenschaften teil. Über die Gründe, weshalb viel mehr Frauen als

Männer an der Befragung teilgenommen haben, lässt sich an dieser Stelle nur spekulieren.

Eine weitergehende Studie müsste diesen Trend tiefer gehend untersuchen. Das gilt auch

für die, nach Aussage der Expertin, regionalen Unterschiede in Bezug auf die Inanspruchnahme

postgradueller Praktika, welche demnach ein insbesondere in Großstädten existentes

Phänomen wären.

Grundsätzlich lässt sich erkennen, dass mehr als ein Praktikum nach dem Hochschulabschluss

bereits ein Anzeichen einer berufsbiografischen Krise ist. Erst recht sind somit Praktikakarrieren

ohne Aussicht auf eine reguläre Erwerbstätigkeit ein Zeichen für den Zustand

einer prekär gewordenen Berufseinstiegsphase eines Teils der Hochschulabsolventen.

Mit der geringen Entlohnung wird die Abhängigkeit von den Eltern 21 und damit die Jugendbzw.

Studienphase in die Zeit des Berufseinstiegs verlängert. Familienplanungen geraten

dabei in den Hintergrund. Die Betroffenen selbst empfinden ihre Lage als empfindliche Verletzung

ihrer Würde. Jene, die sich in einer prekären Berufseinstiegsphase befinden, klagen

über soziale aber auch psychische Probleme.

Der Nutzen eines Praktikums ist unwidersprochen. Deutlich wird hier allerdings, dass der

Lerneffekt mit wachsender Berufserfahrung deutlich nachlässt. Weitere Praktika dienen weniger

der beruflichen Orientierung als vielmehr der Überbrückung der Phase zwischen Studium

und Beruf bzw. zur Vermeidung von Phasen der Arbeitslosigkeit. Demnach dienen nach

dieser Studie postgraduelle Praktika kaum mehr der beruflichen Orientierung. Damit sind sie

keine Praktika im Sinne des Urteils des Bundearbeitsgerichtes, sondern „prekäre Praktika“,

die wegen der erhofften Vermittlungsfunktion in den regulären Arbeitsmarkt in Kauf genommen

werden.

Für die Praktikaanbieter sind postgraduelle Praktikanten zum großen Teil unersetzliche

Hilfskräfte, welche zum Betriebsergebnis beitragen, höchsten Leistungseinsatz zeigen und

den Betriebsablauf sicherstellen. Genau dies wird an den Praktikanten geschätzt. Und sie

sind nicht nur hochproduktiv, eigenständig, leistungsfähig und billig, sondern bringen auch

neue Ideen in die Firmen, auf welche diese gerade im wissensintensiven Beratungs- und

Kommunikationsbereich angewiesen sind. Man könnte die postgraduellen Praktikanten als

„Schmiermittel“ des Betriebsablaufs bezeichnen, ohne die die Arbeitsabläufe ins Stottern

geraten würden. Hier sind prekäre Ausbeutungsphänomene erkennbar. Die Unternehmen

selbst bestreiten dies meist nicht.

Wir konnten sehen, dass Praktika zunehmend als Ersatz für reguläre Beschäftigungsverhältnisse

fungieren. Folgt man der Rechtssprechung des Bundesarbeitsgerichts sind diese Praktika

im engeren Sinne als reguläres Arbeitsverhältnis zu bezeichnen. Diese Studie legt daher

20 Minks, Karl-Heinz/ Briedis, Kolja (2005): Der Bachelor als Sprungbrett? Ergebnisse der ersten bundesweiten

Befragung von Bachelorabsolventinnen und Bachelorabsolventen. Teil II: Der Verbleib nach dem Bachelorstuium,

Kurzinformation des Hochschulinformationssystems (HIS) A4/ 20005, Hannover.

21 Entgegen der Stichprobenergebnisse, wonach nur ein geringer Teil der Absolventen Praktika mit Sozialleistungen

finanziert, zeigen die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit, dass 11.000 Absolventen

im September 2005 unmittelbar nach ihrem Abschluss ALG II beantragt haben, möglicherweise auch zur Finanzierung

des Lebensunterhalts während eines Praktikums.

17


den Schluss nahe, dass zunehmend reguläre Tätigkeiten durch Praktikanten substituiert

werden. Praktikanten laufen also nicht mehr nur im Betrieb mit, sondern befinden sich in einer

prekären Beschäftigung im Graubereich zwischen Lernen und Arbeiten. Die Praktikanten

arbeiten Vollzeit mit hohem Arbeitsdruck und Überstunden. Sie übernehmen offensichtlich

Tätigkeiten von regulär Beschäftigten aber erhalten keinen oder geringen Lohn. „Prekäre

Praktika“ entstehen also aus unmittelbarem betriebswirtschaftlichem Kalkül der Unternehmen.

Der Einsatz von Praktikanten als regulär Tätige ist zu einer zweifelhaften Norm in bestimmten

Unternehmens- und Beschäftigungsbereichen geworden.

6. Fazit

Diese Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die Berufseinstiegsphase von Hochschulabsolventen

bestimmter Zielgruppen zunehmend sozial unsicher und prekär wird. Die Zunahme

von Praktika und der Durchlauf von Praktikakarrieren sind dabei – neben anderen – ein besonders

hervorstechendes Phänomen dieser prekären Berufseinstiegsphase.

Anhand der Ergebnisse lassen sich folgende Aussagen treffen:

• Die Anzahl der nach dem Studium absolvierten Praktika nimmt nach Ansicht der Experten

zu.

• Davon sind auch zunehmend Studiengänge betroffen, die bisher einen problemlosen

Übergang in den Arbeitsmarkt garantiert haben, wie z.B. Wirtschaftswissenschaften.

• Über die Hälfte der Praktikanten gibt an, hauptsächlich reguläre Tätigkeiten ausgeübt

zu haben.

• Die Entlohnung der Praktikanten steht in einem eklatanten Missverhältnis zur geleisteten

Arbeit. Diese Form von Praktika ist prekär und Teil eines unregulierten Niedriglohnsektors.

• Die meisten Praktika von Hochschulabsolventen dienen der Arbeitsvermittlung, weniger

der beruflichen Orientierung. Dies widerspricht dem Zweck eines Praktikums laut

der Definition des Bundesarbeitsgerichts und des Berufsbildungsgesetzes, wonach

bei einem Praktikum der Erwerb beruflicher Kenntnisse im Vordergrund stehen muss.

• Die Praktikaanbieter planen die Praktikanten im Betriebsablauf fest ein. Sie profitieren,

nach eigener Aussage, enorm von den motivierten, kreativen, kostengünstigen

und vollzeitarbeitenden Mitarbeitern.

• Mehr als ein Drittel der Praktikanten klagt über Arbeitsdruck und Überstunden. Fast

die Hälfte bezeichnet ihr Praktikum als „Ausbeutung“.

• Den Praktikaanbietern fällt es allerdings leicht, Praktikanten auch unter Hochschulabsolventen

zu rekrutieren, da diese aufgrund der schlechten Arbeitsmarktsituation,

sehr schnell bereit sind, Praktika zu machen. Nach Aussagen der Experten lässt sich

eine gewisse Fixierung auf Praktika feststellen, während weitere Lern- und Erwerbsformen

weniger in Betracht gezogen werden.

• Das hat zur Folge, dass sich ein regelrechter Praktikantenarbeitsmarkt entwickelt hat,

durch den reguläre Jobs verdrängt werden.

18


• Die psychische Belastung der Praktikanten ist enorm. Die prekäre Arbeitssituation

zieht offenbar eine langwierige Phase von Verunsicherung, Selbstzweifeln und Minderwertigkeitskomplexen

nach sich.

Eine weitere Studie müsste klären wie viele Absolventen welche Anzahl von Praktika machen,

weshalb überdurchschnittlich viele Frauen von Praktikakarrieren betroffen scheinen,

inwiefern das Problem regional auftritt, welche Branchen konkret betroffen sind und inwiefern

Praktikakarrieren sich negativ auf die individuelle und familiäre Lebensplanung auswirken.

Diese Studie unterstreicht, dass wir es mittlerweile auch unter den Hochschulabsolventen mit

einer „geprellten Generation“ (P. Bourdieu) zu tun haben. Unsere Auswertungen belegen,

dass formal hohe Bildung sowie sozioökonomische Unsicherheit und berufliche Prekarität

eine seltsame Symbiose eingehen. Franz Schultheis verdeutlicht im Fazit der Studie „Gesellschaft

mit begrenzter Haftung“: Die Betroffenen „leiden doppelt an dieser Situation: einerseits

an ihrer materiellen Dimension, andererseits an der Diskrepanz zwischen Verheißung und

Anspruch hier und dem tatsächlich erreichten Status dort“ (Schultheis, 2005: 579). 22

Trotzdem die heutigen Generationen von Hochschulabsolventen mit deutlich besserem Bildungskapital

ausgestattet sind, sind die Bildungsabschlüsse bei weitem nicht mehr so viel

„wert“ und der Berufseinstieg immer schwieriger und ausdifferenzierter. Die Prekarisierung

der Berufseinstiegsphase von Hochschulabsolventen sollte weitere, auch politische Beachtung

finden.

22 Michael Vester bezeichnet solche Bildungsstatus deshalb auch als „entwerte Produktivkraft“ (Vester, 2005: 31).

19


7. Literatur

Beywl, Wolfgang (2002): Nutzenerwartung wichtiger Zielgruppen an eine universitäre Transferagentur

für Qualifizierung, Köln

Briedis, Kolja/ Minks, Karl-Heinz (2004): Zwischen Hochschule und Arbeitsmarkt. Eine Befragung

der Hochschulabsolventinnen und Hochschulabsolventen des Prüfungsjahrgangs

2001, Hannover

Glißmann, Wilfried/ Peters, Klaus (2001): Mehr Druck durch mehr Freiheit. Die neue Autonomie

der Arbeit und ihre paradoxen Folgen, Hamburg

HIS/ Heine, Christoph (Hrsg.) (2002): HIS Ergebnisspiegel 2002, Hannover

Hochschulinformationssystem (HIS) (2002): Ergebnisspiegel 2002, Hannover

Mankiw, Gregory N. (2001): Grundzüge der Volkswirtschaftslehre, Stuttgart

Reinberg, Alexander/ Schreyer, Franziska (2003): Studieren lohnt sich auch in Zukunft. In:

IAB Kurzbericht, Nr. 20 / 17.11.2003, Nürnberg

Schmid, Günther (2004): Soziales Risikomanagement durch Übergangsarbeitsmärkte, Berlin

Schmid, Günther (2002), Wege in eine neue Vollbeschäftigung, Frankfurt a.M.

Schnitzer, K./ Isserstedt, W./ Middenhoff, E. (2001): Die wirtschaftliche und soziale Lage der

Studierenden in der Bundesrepublik Deutschland 2000, 16. Sozialerhebung des deutschen

Studentenwerkes, durchgeführt durch Hochschulinformationssystem (HIS), Bonn

Schober, Karen (2001): Berufsorientierung im Wandel – Vorbereitung auf eine veränderte

Arbeitswelt. In: Wissenschaftliche Begleitung des Programms „Schule – Wirtschaft/ Arbeitsleben

(Hrsg.): „Schule – Wirtschaft/ Arbeitsleben“. Dokumentation 2. Fachtagung

Bielefeld 30.-31.05.2001. SWA-Materialien Nir. 7, Bielefeld, 7-38

Schultheis, Franz (2005): Gesellschaft ohne Eigenschaften. In: Schultheis, Franz/ Schulz,

Kristina (Hg.): Gesellschaft mit begrenzter Haftung, Konstanz, 547-565

Vester, Michael (2005): Der Wohlfahrtsstaat in der Krise. Die Politik der Zumutungen und der

Eigensinn der Alltagsmenschen. In: Schultheis, Franz/ Schulz, Kristina (Hg.): Gesellschaft

mit begrenzter Haftung, Konstanz, 21-36

20


8. Anhang

A) Interviews

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

40

41

42

43

44

45

46

47

48

49

50

51

52

53

54

55

1) Interview mit Bettina Deckart, Career Service FU Berlin

Interviewer:

Frau Deckart, Sie sind tätig beim Career Service der FU Berlin. In welchem Rahmen beschäftigen sie

sich überhaupt mit Praktika und PraktikantInnen. Wie ist der Zusammenhang zum Themenfeld?

Deckart:

Wir beraten die Studierenden im Bereich des Studienabschlusses, wir fragen nach dem Studienablauf,

welche Ziele mit dem Studium verbunden werden und beraten, welche beruflichen Möglichkeiten

vorhanden sind. Und wir vermitteln auch Praktikumstellen und erläutern in welchen Bereichen Praktika

möglich sind, ob es sinnvoll für den- oder diejenige ist und was das ausmacht. Wir geben also Hinweise

und Hilfestellungen bei der beruflichen Orientierung. Das ist eigentlich die Hauptsache.

I.: Sie kümmern sich also auch um Studierende, die einen Abschluss haben und dann in den Beruf

einsteigen wollen?

D.:

Ja, grundsätzlich ist es so, dass unser Angebot allen Studierenden und Absolventen der Freien Universität

offen steht. Wir haben im Grunde auch wie die Hochschulteams ein sehr breit gefächertes

Angebot. Wir haben das Berufsorientierungsangebot in unserem Informationszentrum und bieten dort

individuelle Beratungen an. Wir bieten auch Unterstützung bei der Findung von Stellenangeboten oder

Praktikumstellen. Zu dem Thema Praktikum kann ich noch sagen, wir beraten auch zum Thema Auslandspraktikum.

Wenn Leute ins Ausland gehen wollen und es gibt da ja auch EU-Initiativen, da können

wir auch Hilfestellungen leisten.

I.: Bei Hochschulabsolventen in der Zeit zwischen Studium und Beruf ist es ja meist so, dass ein direkter

Einstieg seltener wird, obwohl nach wie vor der größte Teil direkt einen Berufseinstieg findet. Welche

Bedeutung haben Praktika nach dem Abschluss des Hochschulstudium? Und nimmt die Inanspruchnahme

unter Umständen zu?

D.:

Ich würde schon sagen, ich mache den Job jetzt seit 2003, dass sich die Zahl derer, die nach dem

Studium ein Praktikum anstreben gewachsen ist. Es gibt immer mehr, die mit dem Wunsch in die Beratung

kommen, dass man ihnen hilft ein Praktikum zu suchen oder auch zu finden. Also das ist auf

jeden Fall häufiger geworden. Ich würde sogar so sagen, dass viele Leute kommen und sagen: „Ich

bin jetzt fertig mit dem Studium und jetzt will ich mich für ein Praktikum bewerben.“ Das liegt wohl

daran, dass der Gedanke dahin geht, dass man das nun macht nach dem Studium, im Anschluss.

Unsere Beratung geht dann in die Richtung zu sagen, ist das eigentlich für sie oder ihn sinnvoll?

Wenn die dann sagen, als Germanistin oder als Historiker, ich möchte etwas mit Personal machen. Es

ist kein Praktikum in diesem Bereich absolviert worden während des Studiums und dann ist es ja eh

schon einmal fraglich, ob so ein Einstieg direkt gelingen kann. Man sollte ja schon ein bisschen Einblick

haben. Wenn dann der Wunsch wirklich so stark ist, oder man gucken will, will ich das denn wirklich,

dann kann man auch Praktikum machen. Das ist aber wirklich vom Einzelfall abhängig. Ich würde

aber niemals ein Praktikum regelmäßig anraten.

I.: Fördert denn ein solches Praktikum nach dem Studium den Berufseinstieg? Wie sind da die Erfahrungswerte?

D.:

Also das Problem ist so ein bisschen.. Sie haben gerade schon gemerkt, dass viele kommen und sagen,

das mit dem Praktika dann so und so. Wir haben da jetzt wirklich nicht den repräsentativen Ü-

berblick, wo wir sagen könnten 10 Prozent machen das oder 90 Prozent oder so. Ob es jetzt den Berufseinstieg

fördert? Wir sagen auf jeden Fall, dass die Studierenden während des Studiums ein Praktikum

machen sollen, damit sie selber auch herausfinden, ob das ein Beruf wäre. Nach dem Studium

muss man nach dem Ziel fragen. Man kann sagen: ja, Kontakte knüpfen, Chancen ausloten usw. Das

21


56

57

58

59

60

61

62

63

64

65

66

67

68

69

70

71

72

73

74

75

76

77

78

79

80

81

82

83

84

85

86

87

88

89

90

91

92

93

94

95

96

97

98

99

100

101

102

103

104

105

106

107

108

109

110

111

112

113

114

115

116

117

machen aber auch nicht alle, weil unter Studierenden immer noch verbreitet ist, „Vitamin B“ das ist so

„baba“. Dass man das irgendwie auch nicht nutzen darf. Es gibt auch so Richtungen, wo das besonders

verankert ist diese Idee und andere, die es eher machen würden. Das ist eine Schwierigkeit. Und

was meine Rückmeldung von Studierenden, die nach dem Abschluss Praktika gemacht haben, sind –

sofern ich überhaupt welche kriege – ist es eher nicht die Regel, dass man über diese Kontakte und

diese Praktika dann wirklich auch ein Berufseinstieg gefunden wird.

I.: Sie haben von besonderen Fachrichtungen gesprochen. Studierende aus welchen Fachrichtungen

laufen bei Ihnen schwerpunktmäßig auf? Und gibt es da Fachrichtungen, in denen besonders häufig

Praktika nach dem Studium angestrebt werden?

D.:

Career Services sind eigentlich so entstanden, dass das so berufsorientierende Programme für Geistes-

und Sozialwissenschaftler waren, auch bundesweit. Wir sind aber offen für alle Fachrichtungen.

Nur Juristen oder zum Beispiel BWL`ler haben meist sehr gute Vorstellungen davon, was sie einmal

werden wollen bzw. werden können. Als Mathematiker oder Biologe ist es halt relativ vorgezeichnet.

Insofern ist unser Beratungsschwerpunkt ganz klar bei Geistes- und Sozialwissenschaftlern. Diese

haben eben nicht genau vorgefertigte Berufe, in die sie gehen können. Das sind dann aber auch diejenigen,

die häufig ein Praktikum nach dem Studium anstreben, aus dieser Orientierungssituation

heraus, in der sie sich befinden.

I.: Wie lange sollte denn ein Praktikum dauern aus ihrer Sicht? Könnten Sie vielleicht einmal ein „gutes“

Praktikum charakterisieren?

D.:

Das ist eine gute Frage. Wir empfehlen Praktika nicht unter zwei Monaten Dauer.. Das ist ja auch was

gerade in dieser Debatte um „Generation Praktikum“ eine Rolle spielt, Praktika, die ein halbes Jahr

oder länger dauern sind eigentlich schon kleine Arbeitsverhältnisse. Vor allen Dingen weil diese Menschen

ja häufig auch kein Geld dafür kriegen. Das ist übrigens auch bundesweit sehr unterschiedlich,

ich weiß zum Beispiel aus Münster, die haben dort nicht so ein Problem. Die steigen dort meist direkt

in den Beruf nach einer Bewerbungsphase ein. Da kann man schon sehen, das ist auch regional unterschiedlich

und man muss es in der Gesamtschau sehen. Wenn jetzt jemand ein halbjähriges Praktikum

macht und er kriegt 800 Euro im Monat, dann denke ich mir, das ist gut bezahlt, sogar über Sozialhilfesatz.

Man muss dazu aber auch noch sagen, dass der Sachverhalt worüber wir hier sprechen...

Also Bachelor-Studierende an der FU, die haben ja alle ein Pflichtpraktikum, das dauert aber

nur so sechs Wochen oder drei Wochen. Das ist natürlich schwierig da wirklich einen Einblick in einen

späteren Beruf zu bekommen. Was jetzt eigentlich ein gutes Praktikum ist? Das ist schon so a), dass

man angeleitet wird und eingearbeitet wird und während der Tätigkeiten auch gut betreut und angeleitet

wird, wie man es richtig macht oder wie es in dem Betrieb gemacht wird. Damit da auch so eine

Reflexion in diesem Betreuungsverhalten ist. Ein Feedback ist ganz wichtig. Es ist natürlich kein Ausbildungsverhältnis

aber natürlich hat mal als Praktikumgeber so ein bisschen eine Ausbildungsfunktion.

Das wäre das eine. Es hat natürlich so jeder seine persönlichen Ziele, warum man ein Praktikum

macht. Vor diesem Hintergrund muss jeder noch mal für sich persönlich bewerten, was eigentlich

sinnvoll und „gut“ ist. „Gut“ und qualitativ hochwertig würde ich immer an dem Lerneffekt festmachen,

den man da raus zieht.

I.: Sie hatten bereits die Debatte um „Generation Praktikum“ angesprochen. Wie sind denn die Erfahrungen

mit Praktikumanbietern und gibt es aus ihrer Sicht wirklich solcherlei Ausbeutungsverhältnisse?

Sind diese Phänomene existent oder ist das vielleicht medial hoch geschrieben?

D.:

Ich glaube, dass es diese Phänomene auch wirklich gibt. Ich glaube allerdings auch, dass es vielleicht

nicht nur Ausbeuter sind, sondern dass die Studierenden auch jede Menge in Kauf nehmen. Aufgrund

der Arbeitsmarktlage. Die Studierenden arbeiten halt einfach für einen „Appel und ein Ei“ als Absolventen

oder haben so Einstiegsgehälter von 800 Euro brutto, die einfach weil der Arbeitsmarkt klamm

ist, auch akzeptiert werden. Eben weil man die Hoffnung hat, wenn man sich nun noch mal ein bisschen

abrackert, bei irgendeinem Arbeitgeber, dass der dann doch endlich sieht, dass man doch der

„Top-Mann“ oder die „Top-Frau“ für den Job ist. Ich denke, dass ist schon so eine beiderseitige Geschichte.

Ich denke oft auch, die Studierenden müssten eigentlich mehr fordern. Wenn zum Beispiel

jemand zu mir in die Beratung kommt und sagt: „Ja, ich mache da jetzt so ein Praktikum oder ich will

das jetzt!“ Dann reden wir immer über das Geld. Ich habe auch viel mehr Frauen als Männer in der

Beratung. Und Frauen reden selten gerne über das Geld. Oft ist es, wenn die dann noch mal in die

22


118

119

120

121

122

123

124

125

126

127

128

129

130

131

132

133

134

135

136

137

138

139

140

141

142

143

144

145

146

147

148

149

150

151

152

153

154

155

156

157

158

159

160

161

162

163

164

165

166

167

168

169

170

171

172

173

174

175

176

177

178

179

Beratung kommen, dass sie froh darüber sind. Ich hatte zum Beispiel einmal eine studentische Hilfskraft,

die hat in einem Forschungsbetrieb gearbeitet und hat dann ihren Abschluss gemacht. Sie sollte

dann dort ihre Diplomarbeit in einen Aufsatz umarbeiten. Ich frage: „Und verdienen Sie was?“ Sie

verneinte dies, worauf ich sie los geschickt habe, mit dem Auftrag, diese 800 Euro, die sie zum Leben

für zwei Monate brauchte, aus den Rippen zu leiern. Das war auch kein Problem, hat sie berichtet. Sie

hätten sie sogar eingestellt, wenn sie eine Stelle gehabt hätten. Man muss doch auch mal sagen,

hallo, meine Arbeitskraft ist auch was wert! Man ist ausgebildet, kann die Tätigkeit machen, und das

muss dann doch auch bezahlt werden.

I.: Kann man denn überhaupt eine Abgrenzung treffen zwischen dem „Erfahrung sammeln und dem

Lernen“ während des Praktikums und dem, was normale sozialversicherungspflichtige Beschäftigung

ist?

D.:

Die Studierenden, mit denen wir zu tun haben, die machen ja nicht nur ein Praktikum. Sondern die

machen durchaus drei oder vier oder fünf. Je nachdem, wo sie noch mal reinschauen oder Erfahrungen

sammeln wollen. Klar, zum Beispiel Praktika in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, wenn da

jemand ist, der schon mehrere Praktika absolviert hat, der schreibt dann eben auch mal eine Pressemitteilung,

die in der Zeitung abgedruckt wird. Das ist dann schon eine Tätigkeit, auch wenn der Chef

noch mal drüber guckt. Das tut er in jedem ganz normalen Arbeitsverhältnis aber auch. Erfahrungen

sammelt man also nicht nur im Rahmen eines Praktikums sondern auch so jeden Tag. Insofern finde

ich diese Abgrenzung sicherlich schwierig. Aber als Berufsanfänger weiß man natürlich weniger, als

wenn man denselben Job schon Jahre macht. Das sollte eigentlich klar sein.

I.: Sie haben gesagt, dass die Absolventen bis ein Jahr nach dem Studienabschluss hierher kommen

können, gibt es Leute, die nach mehreren Praktika hintereinander hierher kommen oder kommt das

selten vor?

D.:

Die haben doch alle mehrere Praktika?!

I.: Also, ich meine jetzt mehrere Praktika nach dem Studium.

D.:

Wir haben ja dieses offene Angebot, wo die dann halt sitzen und Stellenanzeigen sichten und nach

Möglichkeiten, Alternativen suchen. Wir haben einmal die Woche geöffnet und es ist auch immer ganz

gut besucht. Ich habe aber nicht immer so den direkten Kontakt. Es kann schon sein, dass Leute mit

mehreren Praktika nach dem Studium kommen. In meiner Beratung ist das aber nicht so. Was ich

weiß, von Leuten, die mehrere Praktika machen und dann vielleicht , mal so einen zehn-Stunden-Job

abstauben, die kenne ich eher aus dem privaten Bereich.

I.: Was sind ihre Erfahrungswerte: Die Berufseinstiegsphase von Hochschulabsolventen hat die sich

eher ausgedehnt oder ist die gleich geblieben?

D.:

Ich habe genau darüber auch mal mit dem Hochschulteam diskutiert und auch gesagt, dass sich diese

Phase ausgeweitet hat. Früher sagte man so wie ein Viertel- oder ein halbes Jahr und jetzt ist es eher

so ein halbes bis ein Jahr. Das müsste man aber noch mal verifizieren. Dadurch, dass wir nur punktuellen

Kontakt haben...

I.: Ist denn ein Praktikum grundsätzlich förderlich für den Berufseinstieg? Würden Sie grundsätzlich zu

einem Praktikum nach dem Studium raten?

D.:

Ich würde immer grundsätzlich zu einem Berufseinstieg raten. Das Ganze hat aber natürlich eine politische

Dimension. Wenn die Studierenden nun sagen würden: „Wir nehmen kein Praktikum an, weil

wir wollen ja bezahlt werden für den Job.“ Wenn die sich dann langsam die Haare raufen und keinen

Weg finden, dann ist das schwierig. Ich versuche dann aufzuzeigen, was es so an Möglichkeiten gibt

an Geld zu kommen: Zum Beispiel Werkverträge. Was den Lebenslauf angeht, so macht ja auch keinen

Sinn, alle Praktika darin aufzuführen, sondern die spezifischen Kenntnisse, die man für den Bewerbungsjob

braucht. Für einen Job in einer Pressestelle muss man nicht jedes Jugendworkcamp in

Estland aufführen.

23


180

181

182

183

184

185

186

187

188

189

190

191

192

193

194

195

196

197

198

199

200

201

202

203

204

205

206

207

208

209

210

211

212

213

214

215

216

217

218

219

220

221

222

223

224

225

226

227

228

229

230

231

232

233

I.: Welche Erfahrungen machen Sie mit Akademikern und deren Sicht auf ihre Arbeitsmarktlage? Hat

deren Sicht einen Zusammenhang mit dem Wunsch, Praktika zu absolvieren?

D.:

Warum sonst sollte man ein unbezahltes oder schlecht bezahltes Praktikum machen? Es ist ja nicht

so, dass sie ihre Freizeit ohne Beruf verlängern wollen. Wir vermitteln aber auch keine Kontakte zu

Praktikumanbietern, sondern vermitteln lediglich. Wir haben eine Praktikumbörse beim Career Service.

Da haben wir nur Kontakt mit Firmen, die regelmäßig bei uns inserieren. Das sind meist große

Unternehmen wie Daimler Chrysler. Da muss man sagen, dass diese Unternehmen in der Regel auch

ordentlich bezahlen.

I.: Ist ein Praktikum grundsätzlich notwendig zum Berufseinstieg?

D.:

Vielleicht nicht unbedingt ein Praktikum. Wichtig ist aber, dass man Arbeitserfahrung hat, dass man

weiß, wie Arbeit funktioniert. Also, wie ist es eigentlich, wenn ich da morgens hin und um fünf wieder

nach Hause. Wie man sich mit Kollegen auseinandersetzt. Das sind schon Erfahrungen, die wichtig

sind. Es ist grundsätzlich auch von großem Nutzen... Und das muss nicht immer ein Praktikum sein!

Also die Leute sind immer sehr stark auf das Praktikum fixiert, das ist nicht richtig. Ich würde zum

Beispiel immer eher dazu raten, sich einen anständigen Nebenjob zu suchen. Also diese Frau da aus

dem Forschungsinstitut, die wird inhaltlich überhaupt keine Probleme haben, sich gesamtbundesweit

oder auch international in diesem Bereich zu bewerben. Diese Einblicke sind sehr wertvoll. Und trotzdem

hat sie dafür ja ein ganz normales Hilfskraft-Gehalt bekommen. Oder man kann auch als „Werksstudent“

arbeiten. Das sind manchmal Begriffe, die bei den Studierenden überhaupt nicht verankert

sind. Das ist schon komisch, denn es geht doch noch so viel außer einem Praktikum.

I.: Können ein oder mehrere Praktika nach dem Studium auch eine Sackgasse sein?

D.:

Das kommt darauf an. Es ist nicht so, dass mehrere Praktika grundsätzlich honoriert werden. Nach

dem Motto, „Je mehr Praktika desto besser“. Denn andererseits, wenn das alles seperate Sachen

sind, ich würde auch als Arbeitgeber nach der Situation der Leute fragen. Da würde man sich auch

irgendwann mal fragen, wieso kommt der eigentlich?

I.: Gibt es bei der Suche und der Inanspruchnahme von Praktika geschlechtsspezifische Unterschiede?

D.:

Zu uns kommen wesentlich mehr Frauen in die Beratung. Dies liegt einfach auch daran, dass Frauen

Beratungssituationen gegenüber aufgeschlossener sind. Insofern ergibt sich diese Frage, weil wir

deutlich weniger Männer übrigens in allen Beratungsstellen zu beraten haben.

I.: Haben Sie noch eine persönliche Anmerkung zum Thema? Etwas, das wir noch nicht berücksichtigt

haben?

D.:

Ich denke schon, dass sich in den Köpfen der Absolventen, im Selbstbewusstsein, im Auftreten etwas

ändern muss. In einem „Zeit-Artikel“ hieß es: Wir müssen alle auf einmal sagen, wir arbeiten nicht

mehr ohne Geld. Das darf es doch eigentlich nur in ganz kleinen Ausnahmefällen geben, wo wirklich

null Erfahrungen vorliegen.

I.:

Frau Deckart, vielen Dank für das Gespräch

24


1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

40

41

42

43

44

45

46

47

48

49

50

51

52

53

54

55

56

57

58

59

60

2) Interview mit Karl Heinz Minks, HIS Hannover

Eine ganz kurze Einstiegsfrage: Sie sind als Wissenschaftler im HIS (?) tätig, wie sieht Ihr Tätigkeitsfeld

aus und welchen Zugang haben Sie zu diesem Thema „Berufseinstieg“, Phase zwischen Studium

und Beruf?

Ja, der Berufseinstieg ist eigentlich das Zentrum dessen, was wir betreiben, wir machen ja Hochschulabsolventen-Befragungen,

und zwar turnusmäßig befragen wir jeden vierten Jahrgang bundesweit

repräsentativ, und zwar alle Fachrichtungen, alle Abschlussarten mit ganz wenigen Ausnahmen,

die wir nicht einbezogen haben bisher, das sind die Verwaltungsfachhochschulen, das sind die Bundeswehrhochschulen

und das sind die Fernuniversitäten. Aber ansonsten alles das, was eben sozusagen

im Rahmen der HRK als Hochschule anerkannt ist.

Wir reden ja über Praktika und über die Phase zwischen Studium und Beruf – wie sind denn Ihre Erkenntnisse

in Bezug darauf, was mit Studierenden passiert, die von der Hochschule kommen –

mal so über den Daumen gepeilt?

Ja, da muss man ganz schön viele Daumen haben, weil das doch sehr differenziert ist. Man muss

wirklich sagen, dass es nicht den Übergang von Hochschulabsolventen gibt, sondern das es sich in

vieler Hinsicht ausdifferenziert nach ganz verschiedenen Gesichtspunkten. Einmal natürlich nach

fachlichen Gesichtspunkten, die sehr stark dann eben auch mit den branchenspezifischen Beschäftigungsverhältnissen

und Arbeitsmarktchancen zu tun haben. Es hat teilweise geschlechtsspezifische

Aspekte. Wir wissen und stellen in Untersuchungen immer wieder fest, dass in bestimmten Bereichen

Frauen größere Probleme haben. Es gibt natürlich auch, das wäre schlimm, wenn es nicht so wäre,

auch Einflüsse bei der Leistungsfähigkeit, wie immer gerechtfertigt die jeweilige „Messung“ der Leistung

ist, also was sagt ein Diplomzeugnis aus über die Fähigkeit, sich im Beruf zu bewähren, da kann

man sicherlich manchen Zweifel haben. Aber wenn man das jetzt mal unter dem Gesichtspunkt des

Übergangs allgemein sieht, dann kann man sagen, dass wir in einigen Fachrichtungen eine starke

Konjunkturabhängigkeit haben. Das betrifft insbesondere die Ingenieurwissenschaften, andere Fachrichtungen

waren bisher von der Konjunktur nicht so stark berührt. Das hat etwas damit zu tun, dass

andere Fachrichtungen entweder gar nicht so sehr auf die private Wirtschaft, das heißt auf konjunkturelle

Schwankungen, reagieren, weil sie andere Beschäftigungsfelder haben. Aber es hat auch damit

etwas zu tun, Beispiel Wirtschaftswissenschaften, dass Wirtschaftswissenschaftler selbst, wenn die

Konjunktur nicht gut ist, auf Grund ihrer sehr breiten Ausbildung alle möglichen Wege finden. Das hat

nicht nur etwas mit der Ausbildung zu tun, sondern auch etwas mit der Zielorientierung von Wirtschaftswissenschaftlern,

deren eigentliche intrinsische Motivation ist der wirtschaftliche Erfolg, und da

geht es nicht wie bei Maschinenbauern darum, dass sie gerne bei VW in Fahrzeugkonstruktion oder –

entwicklung arbeiten, sondern dass sie gut Geld verdienen und Karriere machen. Das kann man natürlich

an ganz verschiedenen Stellen der Gesellschaft, und wenn es bei den Banken oder Versicherungen

schlecht aussieht, dann gibt es immer noch eine ganze Reihe anderer Möglichkeiten. Wenn es

aber in der Automobilindustrie oder bei Siemens schlecht aussieht, dann sieht es, also bei Siemens

zum Beispiel, für Elektrotechniker dann schon sehr trübe aus. Siemens dominiert schon sehr stark

den deutschen Arbeitsmarkt für Elektrotechnik.

So haben wir eben auf Grund der Breite des Spektrums, das die Leute abdecken können, für das

gesamte Beschäftigungssystem unterschiedliche Chancen, prekären Verhältnissen aus dem Weg zu

gehen.

Und es ist ja so, ich glaube, eines ihrer Ergebnisse ist, das 50 % der Hochschulabsolventen direkt in

einen Beruf eintreten.

Ja, diese Zahl sagt nicht allzu viel aus. Wir müssen ja sehen, dass wir bei den Hochschulabsolventen

zunächst einmal für einen ganz großen Teil Zweitausbildungsphasen haben, also Referendariate, also

alle Staatsexamen-Studiengänge, Lehramt, Jura, Medizin, Pharmazie, Lebensmittelchemie und was

da alles dranhängt, die machen ja ohnehin obligatorisch erst mal eine zweite Ausbildungsphase, bei

Medizinern ändert sich die Situation jetzt, das AIP fällt ja weg, die kommen dann in die fachärztliche

Weiterbildung direkt nach dem Studium, was man durchaus als reguläre Erwerbstätigkeit ansehen

kann und das tun wir auch, sie werden ja auch regulär bezahlt. Also diese Zahl 50 % sagt nicht allzu

viel. Man muss sich in die Fächer begeben, um zu sehen, dass wir in einigen Fächern also schon

nach einem halben Jahr eine Sättigung haben. Informatik, Wirtschaftsingenieurwesen, da haben wir

spätestens nach einem Jahr, da geht es schon fast in Richtung Vollbeschäftigung, fast in Richtung

25


61

62

63

64

65

66

67

68

69

70

71

72

73

74

75

76

77

78

79

80

81

82

83

84

85

86

87

88

89

90

91

92

93

94

95

96

97

98

99

100

101

102

103

104

105

106

107

108

109

110

111

112

113

114

115

116

117

118

119

120

121

122

100 %, aber auch natürlich konjunkturabhängig und in anderen Fachrichtungen, speziell in den Geistes-

und Sozialwissenschaften, da sieht es anders aus. Da sind eben diese „regulären Erwerbstätigkeiten“,

wie wir sie nennen, also darunter fassen wir reguläre abhängige Erwerbstätigkeiten abzüglich

Übergangsjobs und Werkverträge und dergleichen, und manifeste Selbstständigkeit. Wobei Selbstständigkeit

wir auch unterscheiden von diesen oft prekären Werkvertragssituationen und da haben wir

bei den Geisteswissenschaftlern eigentlich traditionell eben eine sehr holprige Übergangssituation,

einen sehr steinigen Weg, eine sehr langsame Etablierung, berufliche Etablierung, das zieht sich über

Jahre hin. Man kann es also vergleichen mit einer Geraden, die sich über 3 Jahre und länger hinzieht

und die langsam nur eine ganz flache Steigung hat, während bei den auf Privatwirtschaft orientierten

Studiengängen die, wenn sie in guten Konjunkturphasen in den Beruf kommen, das ganze eher eine

Hyperbel ist, das heißt, das nähert sich dann so ein Grenzwert an, der so zwischen 80 und 100 %

schwankt, je nach Konjunktur. Manchmal auch ein bischen tiefer, wenn es besonders schlecht ist.

Spannend sind ja zunächst einmal die Bedingungen der Fachrichtungen, die eigentlich immer schon

schwierige, komplizierte berufliche Eingangsstrukturen hatten, und das sind eben Geistes- und Sozialwissenschaftler,

das sind seit langem, seit vielen Jahren, Architekten, und, wir können das noch

nicht so ganz fest verifizieren, aber wir haben starke Indizien dafür, dass erstmals auch Wirtschaftswissenschaftler

größere Probleme haben, in den Beruf zu kommen und dort auch, und das können wir

in gewisser Weise auch belegen, Praktika als erste Phasen beruflicher Erfahrung eine nicht völlig

untergeordnete Rolle spielen.

Hat sich denn diese Phase bei den Betroffenen, diese Phase des Berufseinstiegs, verlängert in den

letzten 10-15 Jahren?

Nein. Man muss sagen, wir haben seit Ende der 80er Jahre ist es ja mit unseren Beschäftigungsverhältnissen

sehr durcheinander gegangen. Wir hatten früher immer, was die Privatwirtschaft betrifft,

sehr regelmäßige, also fast exakt voraussagbare Zyklen, also bei den Ingenieurwissenschaften kann

man das sehr schön sehen, das war ein 7-Jahres-Rhythmus immer, der Konjunktur und zeitversetzt

hatten wir auch entsprechend dann die Arbeitslosigkeit oder sagen wir mal die Übergangsprobleme,

die gehen ja nicht immer gleich in Arbeitslosigkeit ein, und auch zeitversetzt dann immer wieder die

Probleme, dass die Leute sich dem Ingenieurstudium verweigert haben, weil eben dieser Typus, den

das Ingenieurstudium anzieht, eben sehr materiell orientiert ist, und wenn die Berufsaussichten

schlecht sind, dann verweigern sie sich dem und gehen anderswo hin, wo die Berufsaussichten vermeintlich

oder wirklich besser sind.

Beim Thema Praktikum waren wir schon – sie sagten im Vorgespräch, das ist nicht die einzige Form

der Überbrückungsmöglichkeit – welche anderen Formen sind denkbar oder welche kommen aus

ihrer Erfahrung heraus in Betracht?

Also, eine relativ häufige Form des Übergangs sind Jobs, Übergangsjobs, die graduell sehr unterschiedlich

nah am Studienfach liegen können, die können auch schon von der Adäquatheit her eine

gewisse Qualität haben, aber sind eben doch noch nicht der eigentliche Berufseinstieg, das heißt, es

noch nicht die wirkliche eigentliche Stelle, die man traditionell als das Normalarbeitsverhältnis begreift,

wo man auch eben impliziert, dass diese Stelle in gewisser Weise auch adäquat ist hinsichtlich des

Niveaus und der Position und auch der fachlichen Nähe zum Studium. Da gibt es also ein ganzes

Spektrum von Übergangsjobs, also von völlig inadäquat, fachfremd – ich sag mal „Pizzabringdienst“ –

bis hin zu recht fachnahen Dingen, die aber auch noch Übergangsjobs sind, z.B. die Übergangs-HiWi-

Jobs an Unis, wo die Leute noch überbrücken, während ihrer Suchphase auch noch mal gebraucht

werden vom Professor, das geht dann teilweise auch in Werkverträge über, wenn keine Stellen da

sind, und solche Dinge sind also schon relativ häufig und spiegeln eigentlich besser als die Arbeitslosigkeit

die Probleme der Leute beim Übergang. Die Arbeitslosigkeit ist etwas, was Hochschulabsolventen

in der Regel in der Lage sind zu vermeiden, selbst unter schwierigen Bedingungen. Es sei

denn, es gibt einen guten Grund, arbeitslos zu sein, nämlich dann, wenn es noch Ansprüche aus der

Arbeitslosenversicherung aus früheren Erwerbstätigkeiten gibt. Dann ist es natürlich unter Umständen

aus rein ökonomischen Überlebensgründen sinnvoll, zum Arbeitsamt zu gehen und zu sagen „Ich bin

arbeitslos“ oder „Ich habe noch Ansprüche, ich kriege von euch noch Arbeitslosengeld, so ein halbes

oder dreiviertel Jahr oder ganzes Jahr“, dann ist es sinnvoll, aber es ist natürlich nicht bei jedem, der

arbeitslos wird, dieses Kalkül und es gibt halt tatsächlich dann auch echte Arbeitslosigkeit, aber, wie

gesagt, in der Regel können Hochschulabsolventen Arbeitslosigkeit vermeiden, weil sie ja von der

Hierarchie der Berufe alle Optionen haben, vom unqualifizierten Übergangsjob bis zum HiWi-

Überbrückungsjob noch an der Uni. Und dann gibt es natürlich noch andere Ausweichmöglichkeiten,

es gibt die Ausweichmöglichkeit der Selbstständigkeit, wir haben es bei Juristen zum Beispiel – ein

interessanten Phänomen – dass viele Juristen ja nicht die Noten mitbringen aus dem Staatsexamen,

26


123

124

125

126

127

128

129

130

131

132

133

134

135

136

137

138

139

140

141

142

143

144

145

146

147

148

149

150

151

152

153

154

155

156

157

158

159

160

161

162

163

164

165

166

167

168

169

170

171

172

173

174

175

176

177

178

179

180

181

182

183

um hinterher im Staatsdienst oder als Richter oder Staatsanwalt tätig werden zu können, das können

ja nur Leute, die relativ gut abschneiden im Examen, und das ist eben eine kleine Minderheit nur, und

die anderen sind darauf angewiesen, anderweitig berufstätig zu werden, und mancher träumt natürlich

von einer Rechtsanwaltskanzlei und Notariat, all den schönen Geldquellen, die sich damit eröffnen,

aber das ist natürlich oft auch ein Wunschtraum, der nicht in Erfüllung geht, weil heute der Markt für

Juristen zu ist.

Nun haben wir das umgekehrte Phänomen, dass wir oft Leute in einer Rechtsanwaltspraxis haben,

die aber im Grunde genommen als steuerliche Abschreibungspraxis nur fungiert, und sie sollte gleichzeitig

oder spätestens ein halbes Jahr, nachdem sie gemerkt haben, sie bekommen einfach keine

Klienten, weil der Markt dicht ist, sich dann irgendwo bei einer Firma in der Rechtsabteilung oder in

einer Versicherung, Schadensfallsachbearbeitung, dann doch niederlassen, aber ihre Kanzlei aufrecht

erhalten. Das heißt also, die prekäre Situation ist dort, wo eigentlich die angemessene Tätigkeit sitzen

würde, nämlich wo man sagen würde, ein Jurist wird Rechtsanwalt, da hat man auf einmal eine fachlich

hohe Adäquatheit, aber eine völlig prekäre Situation, weil die Leute kein Geld verdienen in diesen

Jobs, es sei denn, sie haben die Möglichkeit, in eine gut funktionierende Kanzlei einzusteigen. Mittlerweile

gibt es ja diese Kanzleien weltweit und überregional, es gibt kaum noch einen Briefbogen eines

Rechtsanwaltsbüros, wo nicht mindestens 3 – 4 Städte draufstehen. Wenn man dort eine Chance hat

einzusteigen, dann hat man natürlich gute Chancen, auch dann irgendwann einmal als Rechtsanwalt

sich seinen eigenen Kundenkreis aufzubauen.

Aber das sind also im Grunde genommen absurde Situationen, dass die prekäre Situation genau da

ist, wo die Adäquatheit eigentlich am ehesten gegeben ist.

Insofern spielt ja dieser Übergangszeitraum auch in gewisser Form in der Veränderung von so etwas

wie Normalarbeitsverhältnis, Veränderung der Erwerbslandschaft insgesamt, nieder, wenn ich das

richtig sehe.

Wir konnten seit den 80er Jahren beobachten, dass beim Übergang aus dem Studium in Erwerbstätigkeit,

oder in welche Formen der Existenz auch immer, das Normalarbeitsverhältnis abgenommen

hat, kontinuierlich. Dass das also auch in der privaten Wirtschaft nicht mehr gilt, das Normalverhältnis,

sondern – ich will nicht sagen, die Ausnahme – aber es ist, irgendwie pari - pari. Also die Hälfte wird

noch in eine unbefristete Vollzeitstelle einmünden und die andere Hälfte eben zunächst einmal nicht,

wobei die Betonung auf „zunächst einmal“ liegt, denn wir stellen auch fest, dass im Zuge der beruflichen

Entwicklung, wir beobachten das Ganze ja im Längsschnitt, in der Vergangenheit zumindest in

aller Regel eine Stabilisierung einsetzt, auch dort, wo man am Anfang unsichere Arbeitsverhältnisse

hat, Teilzeitbeschäftigungen hat und eben entsprechende Kombinationen, also befristete Teilzeit oder

befristete Vollzeit, jedenfalls unsichere Verhältnisse gehen dann doch in einem Zeitraum von 5 Jahren

dann doch meistens in gesicherte Arbeitsverhältnisse über. Ich spreche da von der Vergangenheit,

das muss man auch, wenn man sich die Daten ansieht, die wir haben. Unsere letzte reguläre Befragung

war das Prüfungsjahr 2001, dann haben wir 2002, 2003 gefragt, und da stellen wir sogar fest,

dass erstmals Normalarbeitsverhältnisse seit den 80er Jahren wieder zugelegt haben, nicht viel, aber

etwas. Das heißt, der Trend – wir haben das damals so beschrieben, dass wir gesagt haben, wir können

noch nicht garantieren, dass es eine Trendwende ist – aber wir sehen zumindest, dass für diesen

Jahrgang die Bedingungen auf den Arbeitsmärkten so sind, dass dieses stetige Abnehmen über die

Jahre seit Mitte der 80er Jahre eben, so wie wir es beobachten konnten, zunächst einmal gestoppt ist.

Wir rechnen fest damit, dass danach die Situation nicht wieder nach oben geht sondern bestenfalls

sich stabilisiert aber vermutlich sogar runter geht, und wir haben schon festgestellt, dass selbst innerhalb

dieses Jahrgangs, dass die Leute, die innerhalb des Jahrgangs spät Examen gemacht haben,

schon in größere Probleme wieder gekommen sind. Also da kann man schon sehen, wer früh drin

war, hat die Konjunktur noch mitgenommen, und wer spät Examen gemacht hat innerhalb dieses

Jahrgangs, der ist in zwei große Katastrophen reingekommen. Einmal der 11.09., also dieser Anschlag

in den USA, und dann den Zusammenbruch der New Economy. Der allerdings interessanterweise

für die Informatiker, hätte man vermuten können, eine Katastrophe hätte sein müssen. In gewisser

Weise war es das auch, aber nicht in dem Sinne, dass die alle arbeitslos geworden wären,

sondern in dem Sinne, dass die einfach kleinere Brötchen backen mussten. Denn Informatiker werden

ja nicht nur in der New Economy gebraucht, sondern eigentlich heute in jedem Betrieb.

Nun ist ja sozusagen eine Phase dieser – ich würde es trotzdem berufliche Orientierung nennen oder

Berufseinstiegsphase – auch das Praktikum, da waren wir ja nun schon, eine Form dieser Sache.

Erste Frage wäre: Was ist eigentlich der Sinn und Zweck eines Praktikums, wenn man als Hochschulabsolvent

ein Praktikum macht?

27


184

185

186

187

188

189

190

191

192

193

194

195

196

197

198

199

200

201

202

203

204

205

206

207

208

209

210

211

212

213

214

215

216

217

218

219

220

221

222

223

224

225

226

227

228

229

230

231

232

233

234

235

236

237

238

239

240

241

242

243

244

245

Das ist eine gute Frage sogar, ich hätte sofort gesagt, eigentlich gehört das Praktikum ins Studium

und da sehe ich eigentlich ein Praktikum richtig platziert, und zwar möglichst früh auch, und nicht nur

eines, sondern möglichst 2 oder 3, dann schadet es auch nicht, im Gegenteil. Es gibt auch andere

Formen von beruflicher Erfahrung, es muss nicht unbedingt ein Praktikum sein. Aber wichtig ist die

berufliche Erfahrung und wichtig ist auch die pädagogisch begleitete berufliche Erfahrung, das heißt,

dass die Leute nicht einfach sich selbst überlassen sind in ihrem Praktikum, sondern dass dieses

Praktikum ein definiertes Bildungsziel hat, dass dieses Praktikum so strukturiert ist, dass deutlich erkennbar

ist, am Ende dieses Praktikums haben die Leute dies, das und das gelernt, also in unserem

modernen Sprachgebrauch „outcome-orientiert“, das heißt, es sollte definiert sein, was die Leute

durch das Praktikum gelernt haben. Und da ist schon der kritische Punkt auch für die Praktika nach

dem Studium, es ist aber auch ein kritischer Punkt für die Praktika im Studium, die sind auch nicht alle

doll. Auch da, wo sie Pflichtpraktika sind oder wo es um Praxissemester geht, auch dort vermissen wir

bzw. Absolventen, die wir ja auch über so etwas befragen, häufig eben genau diese Anleitung und

diese outcome-Orientierung, und da kommst auch nicht selten Kritik, dass sie im Grunde nur in einem

Betrieb sind und dort sich selbst überlassen sind und keine koordinierte Ausbildung stattfindet, die ja

eigentlich ein Praktikum darstellen soll. Das ist etwas, was auch schon im Studium häufig zu kritisieren

ist. Es gibt auch sehr positive Beispiele, auch gerade hier in Hannover, aber nach dem Studium,

da muss man halt dann schon sagen, ist ein Praktikum, denke ich, immer ein Zeichen für eine krisenhafte

Situation. Zwar kann es in verschiedener Hinsicht krisenhaft sein, das eine wäre, die Leute sind

nicht so, wie sie im Beruf gebraucht werden. Es ist natürlich illusorisch zu glauben, solch ein Studium

könne nahtlos beruflich verwertbar/verwendbar sein ohne weitere Erfahrungen, ohne weitere Kosten,

auf wessen Seite auch immer, es ist völlig klar. Aber es kann schon durchaus sein, dass es für die

Betriebe schwierig ist, junge Leute richtig einzusetzen und es ist natürlich auch so, solche Praktika

sind eine gute Möglichkeit für die Betriebe, auch zu selektieren, einfach zu sagen, jetzt gucken wir uns

die einfach mal an, wie die sich anstellen, kostet uns ja nicht viel oder gar nichts manchmal, und wenn

da wirklich dann so highlights darunter sind, dann werden die durchaus genommen. Dafür kann man

bis zu einem gewissen Grad auch sogar noch Verständnis haben, dass die sagen, naja, die Hochschulausbildung

ist nicht gerade sehr praxisorientiert, obwohl es in den Hochschulgesetzen verankert

ist, dass die Leute beruflich befähigt werden sollen, und wenn man das Wort „employability“ mal grob

übersetzt, dann heißt es ja „Berufsfähigkeit“, und das wird ja allenthalben beklagt, also auch von den

Absolventen selbst, und das Gegenteil von Berufsfähigkeit führt in die Rente, nämlich Berufsunfähigkeit.

Also wenn man es mal ganz schwer zuspitzt, dann gibt es also Studiengänge, und zwar nicht zu

knapp, wo ich sagen würde, die Berufsfähigkeit ist tatsächlich nur sehr beschränkt gegeben, und zwar

weniger als das, was man eigentlich aus einem Hochschulstudium erwarten darf. Auch immer unter

dem Gesichtspunkt, es sollen keine sozusagen „nahtlos kompatiblen“ Leute für die kurzfristige Anwendung

rauskommen, sondern es sollen Leute rauskommen, die auch in der Lage sind, sich beruflich,

über ein Berufsleben hindurch zu entwickeln.

Sind das die Studiengänge, die Sie vorhin genannt haben, oder sind das noch andere?

Was habe ich denn genannt?

Geistes-, Sozialwissenschaften, Architekten, Wirtschaftswissenschaften.

Also ich würde da eigentlich noch mehr Studiengänge hinzunehmen. Ganz besonders auch zum Beispiel

die Medizin, dort ist es allerdings so, dass durch das Kastenwesen, das dort eben nach wie vor

vorhanden ist, wenn man Medizinstudent ist, wenn man sich dort nicht völlig sozusagen gegen den

Habitus verhält, wenn man seine „Multiple-Choice-Klausuren“ mehr schlecht als recht, aber eben hinreichend

erfolgreich besteht, dann kann einem schon nicht mehr allzu viel passieren, es sei denn,

man ist ..?.., dann gibt es da schon ein gehöriges Maß an Mobbing gegen MedizinstudentInnen, aber

auch gegen MedizinerInnen in der Ausbildung. Das ist nicht unbedingt die Regel, aber das kommt so

oft vor, dass man schon sagen muss, das ist nicht mehr nur die seltene Ausnahme. Weil da ist Konkurrenz

im Spiel. Da sehe ich also große Mängel, was die Berufsfähigkeit betrifft und das sagen die

Mediziner auch. Das gilt für die Lehrer, das gilt für eigentlich alle Staatsexamen-Studiengänge pauschal.

Das ist ja nicht zufällig, dass der Staat sich bei diesen Studiengängen selbst herausnimmt, die

eigentliche berufliche Vorbereitung in Eigenregie in die Hand zu nehmen. Das heißt, dass ja der

Hochschule der Staat traditionell, also aus der Geschichte heraus, nie getraut hat. Das wollen die ja

selber in der Hand haben, über das Staatsexamen und das 2. und 3. Aber da fehlt es in der Tat in

mancher Hinsicht und das ist eigentlich ein antiquierter Zustand, der schleunigst aufgehoben werden

muss. Aber es gibt natürlich noch ganz andere Bereiche, wo es an Berufsfähigkeit mangelt und da

muss man halt auch fragen, wie ist das Studium organisiert, wie ist die Lehrkultur. Die Ingenieurwissenschaft

sind zumindest an den Universitäten, aber in vieler Hinsicht auch an den Fachhochschulen,

28


246

247

248

249

250

251

252

253

254

255

256

257

258

259

260

261

262

263

264

265

266

267

268

269

270

271

272

273

274

275

276

277

278

279

280

281

282

283

284

285

286

287

288

289

290

291

292

293

294

295

296

297

298

299

300

301

302

303

304

305

306

307

ein schlechtes Beispiel für Berufsfähigkeit. Da wird viel zu viel auswendig gelernt für Klausuren, ohne

Kontext, ohne Lösungskompetenz, die Technik kommt viel zu wenig vor in einem Ingenieurstudium.

Das heißt Technik in ihrer ganzen Vielfalt einer lösungsorientierten Wissenschaft, die ja auch auf Synthese,

auf Lösung hin orientiert und das kommt nicht vor. Das sind zerhackte Teilfragmente, die aber

nie zusammenkommen in dem Studium. Das ist ein großer Fehler, und das wird in Betrieben erwartet,

dass man sich integriert in eine Projektgruppe, wo man ein Projektziel hat, und in einem Jahr oder in

zwei Jahren muss eine Lösung für ein Problem her, das marktfähig ist, und dann wird es schwierig,

und dann fängt der Sozialdarvinismus an. Also, ich will es ist kein Phänomen, dass jetzt nur die Geisteswissenschaften

trifft, obwohl in den Medien ja fast immer nur die Geisteswissenschaften genannt

werden, und das werfe ich den Medien auch vor, dass sie eigentlich immer nur sich selbst angucken,

aber nicht ihre Verleger, ihre Chefredakteure, aber immer nur sagen „Um Gottes Willen, das ist alles

so schlimm“ und wenn man die Beispiele sieht, dann sind es fast immer die Medien.

Wir waren schon bei dem Thema „Ist ein Praktikum eigentlich förderlich für den Berufseinstieg?“ – Wie

lange sollte ein Praktikum, ist es sinnvoll mehrere Praktika nach der Hochschule zu machen oder

kann es unter Umständen auch irgendwann umschwenken, und dann hat man eine Biographie,

wo ein Sammelsurium von Praktika drinsteht, die nicht sinnvoll sind?

Also ein Praktikum kann dann sinnvoll sein, wenn vorab transparent ist, was am Ende des Praktikums

rauskommt. Das gilt allerdings unabhängig davon, wann und wo es stattfindet, es gilt aber umso mehr

für ein Praktikum nach dem Studium. Wenn da eine spezifische Qualifikation rauskommt und spezifische

Kompetenz, die ich ohne dieses Praktikum nicht erwerben könnte oder nur viel schwerer oder

nur durch lange Berufserfahrung, dann ist ein Praktikum durchaus sinnvoll. Nur wir sehen halt häufig,

dass ein Praktikum aus Not angenommen wird und da finden wir dann teilweise schon Verhältnisse,

die man als Ausbeutungsverhältnisse ansehen kann, wo es darum geht, Lückenfüller einzustellen, das

ganze als Praktikum zu drapieren, wo es im Grunde genommen nur darum geht, einen gerade irgendwo

nicht vorhandenen Kollegen zu ersetzen und dann diese Leute mit Routinearbeiten zu belegen.

So etwas gibt es, und das macht natürlich keinen Sinn. Und um auf die Frage nach der Dauer

des Praktikums zu antworten, also die Dauer von Praktika hängt natürlich davon ab, was ich lerne.

Wenn ich in einem Praktikum viel lernen kann, dann kann die Dauer länger sein. Es gibt, sage ich mal,

so Grenzbereiche, also unter denen man, unter einen Zeitraum, den ein Praktikum nicht unterschreiten

sollte, da sonst einfach die Lerneffekte sich nicht einstellen. Ich denke, Praktika unter zehn Wochen

sind relativ sinnlos meistens. Es gibt immer die Ausnahme, aber in der Regel sind sie sinnlos.

Die Leute müssen sich ja erst einmal orientieren, sie müssen erst einmal begreifen, worum geht es

hier überhaupt, wo bin ich hier überhaupt, und sie sollen ja auch produktiv tätig sein. Sie sollen ja nicht

nur hospitieren, sondern sie sollen ja auch etwas zu Wege bringen während des Praktikums. Und

dazu braucht man auch eine gewisse Zeit.

Die andere Frage, was die Häufigkeit von Praktika betrifft, da bin ich also ausgesprochen skeptisch,

dass es hilfreich ist, mehrere Praktika hintereinander zu schalten. Ich glaube, dass das eher kontraproduktiv

ist, einfach aus dem Grund, weil, wenn ich mich bei einer Firma bewerbe und in meinen

Bewerbungsunterlagen sind drei, vier Praktikumszeugnisse über ein ganzes Jahr verteilt von verschiedenen

Firmen, da frage ich mich als Personalmensch schon, war der so schlecht, dass den keiner

haben wollte hinterher? Also bei einem Praktikum ist es normal ... Bei zweien, da kann man noch

sagen o.k., wenn das nicht irgendwie wieder das Gleiche ist, also wenn es sich irgendwie rechtfertigen

lässt oder wenn der Bewerber das rechtfertigen kann, - ich wollte aber hier auch noch einmal reinriechen

- , dann ist das auch o.k., aber wenn es dann tatsächlich zu einer Praktikumskarriere führt, das

kann sehr stark nach hinten losgehen.

Hat sich denn aus Ihrer Sicht die Inanspruchnahme von Praktika nach dem Hochschulabschluss

erhöht, ist es gleich geblieben, haben Sie darüber Erkenntnisse, wie sich das entwickelt hat?

Wir haben, was die Entwicklung betrifft, keine sehr soliden Daten. Wir haben bei unserer letzten Absolventenbefragung

des Jahres 2001 Praktika unter eine Kategorie „Sonstiges“ gepackt. Die haben

wir nicht weiter aufgeschlüsselt, und diese sonstigen Tätigkeiten nehmen bei diesem Jahrgang keinen

sehr großen Raum ein. Das heißt, daraus schließen wir auch, dass, also wenn danach nicht wirklich

das Ganze erst explosionsartig sich verbreitet hat, dass das, was in den Medien steht, auch ein Stück

weit übertrieben ist. Aber wir rechnen schon damit und wir gehen davon aus, dass das in Teilbereichen

durchaus zunimmt, und ich schließe noch nicht einmal aus, dass die Medien mit verantwortlich

sind dafür. Weil sie halt unter den Studierenden eine wahnsinnige Verunsicherung produzieren, die

wir auch zu spüren kriegen durch Anrufe und durch Gespräche, auch von Leuten, wo man sagt,

Mensch wie kannst du nur auf die Idee kommen, ein Praktikum machen zu wollen mit deiner Ausbildung?

Wirtschaftsingenieure, die im Moment ja die Spitzenreiter sind unter den Absolventen. Und da

29


308

309

310

311

312

313

314

315

316

317

318

319

320

321

322

323

324

325

326

327

328

329

330

331

332

333

334

335

336

337

338

339

340

341

342

343

344

345

346

347

348

349

350

351

352

353

354

355

356

357

358

359

360

361

362

363

364

365

366

367

368

369

fragen wir uns schon, ob da nicht eine gut gemeinte Öffentlichkeitsarbeit, die schlecht recherchiert ist

und ohne Datenbasis, genau da hin führt, wo die Leute meinen, dass es schon ist.

Durch die Verunsicherung entwickelt sich ja auch ein Klima, denn die Firmen könnten ja Praktika anbieten

wie sie wollten, wenn die Absolventen sagen, nein, wollen wir nicht, wir sind fertig, wir sind

auch ..?.., wir haben gute Noten, ein tolles Zeugnis, wir können was, Praktikum wollen wir nicht, wir

wollen Stellen. Dann wäre das kein Thema. Und das Ganze geht ja nur, was diesen Ausbeutungsaspekt

betrifft, unter den Bedingungen, dass eine gewisse Notlage da ist, und oft ist sie gar nicht einmal

real, sondern einfach auch gesellschaftlich, klimatisch einfach produziert. Das Gefühl habe ich im

Moment in der Tat, dass wir eine Situation haben, wo durch dieses massenhafte Eintrommeln auch

die Öffentlichkeit mit diesem Phänomen die Leute erst soweit verunsichert werden, dass sie sich gar

nicht mehr trauen, sich auf eine ordentliche Stelle zu bewerben. Das ist eine gefährliche Sache.

Ja, zumal natürlich die Arbeitsmarktbedingungen auch eine Rolle spielen, oder ist es bei Akademikern

nur herbeigeredet?

Ja, natürlich. Wenn die Arbeitsmarktbedingungen glänzend wären, dann würde so eine Kampagne,

ich würde nicht sagen, dass es eine Kampagne ist, aber es ist eigentlich ein Phänomen eines Flächenbrandes,

der ja auch mit kleinem Focus beginnt, das geht natürlich nur unter Bedingungen, wo

die Arbeitsmarktsituation nicht so doll ist. Also für mich sind die Wirtschaftswissenschaftler schon ein

spannendes Phänomen, weil es ihnen bisher immer gelungen ist, egal, wie die Konjunktur war, sich

irgendwo noch reinzudrücken. Bei denen kam es ja nicht darauf an, ich will unbedingt Sportschuhe

verkaufen, bei denen kam es darauf an, wie man Geschäfte macht, egal mit was, sozusagen die Abstraktion

von Gebrauchswert. Und da sehen wir schon, dass da eine Verunsicherung da ist aufgrund

auch tatsächlich erschwerter Bedingungen und das hat auch Ursachen. Die Kreditinstitute bauen Arbeitsplätze

massiv ab, die Versicherungen bauen Arbeitsplätze massiv ab. Wir haben ja auch einen

starken Konzentrationsprozess in diesen Bereichen, auch international Konzentrationsprozesse, ich

habe noch von keiner solchen Gigantenhochzeit gehört, dass am Ende mehr Stellen herauskommen,

als vorher da waren. Es sind dann doch in aller Regel deutlich weniger, und das drückt auf den Rest

des Arbeitsmarktes. Das heißt, Wirtschaftswissenschaftler müssen sich jetzt in einem kleineren Bereich

um Arbeitsplätze einfach prügeln, und das zeigt dann eben auch schon, dass die Leute größere

Probleme haben.

Ich habe ein paar kleine Daten aus einer Befragung, die wir im letzten Jahr gemacht haben, das war

eigentlich eine Bachelor-Befragung, da haben wir die erste Bachelor-Generation befragt, und wir haben

aber eine Kontrollgruppe gefragt von traditionell Ausgebildeten, und da haben wir zum Beispiel

bei den ersten 12 Monaten nach dem Examen bei den Wirtschaftswissenschaftlern mit Universitätsdiplom

einen Anteil von Leuten, die irgendwann in diesen 12 Monaten ein Praktikum gemacht haben,

von fast 19 Prozent. Und das ist nicht wenig. Und wir haben bei den Sozial- und Politikwissenschaftlern

einen Anteil von fast 27 Prozent. Aber da würde ich sagen, das ist nicht so ungewöhnlich, weil wir

wissen ja, ich bin es ja selbst, und ich weiß ja, wie viel Glück ich hatte, dass ich auf so etwas nicht

angewiesen war. Und bei den Geisteswissenschaftlern ist allerdings relativ wenig. Erstaunlich wenig.

Also insgesamt kommen wir auf ungefähr 10 Prozent Praktika, wobei ich sagen muss, das sind keine

repräsentativen Daten, es ist eine Auswahl von Fächern. Wir haben die Fächer so ausgewählt, dass

sie mit dem Bachelor-Studiengängen, die schon waren, vergleichbar sind. Wir sehen zum Beispiel, bei

den Informatikern spielt das fast keine Rolle, 1,7 Prozent, bei den Fachhochschulabsolventen insgesamt

nicht besonders, bei den HiWis in der Tat nun etwas, knapp 7 Prozent, Informatiker FH 3 Prozent,

Ingenieure Fachhochschule 2 Prozent. Also das ist alles im grünen Bereich. Ingenieure Uni 4

Prozent, auch noch im grünen Bereich, aber bei den Wirtschaftswissenschaftlern Uni 19 Prozent, das

ist schon ein Zeichen für eine Krise. Da ist etwas, was man früher eigentlich nicht gekannt hat.

Nun könnte man ja ganz platt sagen, dass Praktikum mittlerweile zu einer Form von Vermittlungsarbeitsmarkt

ist.

Dann müssten es aber 70 oder 80 Prozent sein, nicht 19.

Gut, aber man könnte ja eine Tendenz ausmachen.

Ja, ich denke schon, dass der Konzentrationsprozess bei den Wirtschaftswissenschaftlern, also in

diesen Branchen – Kreditwesen, Versicherungswesen vor allem, auch Finanzdienstleistungen insgesamt

– dass das tatsächlich drückt auf die Berufschancen von Wirtschaftswissenschaftlern. Und dass

einfach der Rest des Marktes nicht mehr das bietet, was früher immer noch möglich war, sich irgendwie

doch noch reinzudrücken und da sehe ich durchaus schon ein Krisenphänomen. Bei den Sozialwissenschaftlern

würde ich halt eher sagen, naja, das ist halt auch teilweise bedingt durch die geringe

30


370

371

372

373

374

375

376

377

378

379

380

381

382

383

384

385

386

387

388

389

390

391

392

393

394

395

396

397

398

399

400

401

402

403

404

405

406

407

408

409

410

411

412

413

414

415

416

417

418

419

420

421

422

423

424

425

426

427

428

429

430

431

Berufsorientierung der Ausbildung. Dass die Leute eigentlich auch ganz dankbar sind auch für ein

Praktikum, weil es, glaube ich, auch durchaus bei Sozialwissenschaftlern auch ein Ausweis ist bei

einer Bewerbung. Schwierig wird es natürlich dann, wenn das Ganze in solche eine Karriere mündet.

Aber auch da habe ich mir einmal Daten rausgesucht. Wir sehen auch bei den Wirtschaftswissenschaftlern

Uni, dass die Zahl der Monate, also innerhalb dieser 12 Monate nach dem Examen, ich

habe mal ausgewertet, wie viele Monate die Leute jeweils sich in so einem Praktikum befinden, und

das Ganze bricht bei 6 Monaten ganz stark ein. Also zwischen 1 und 6 Monaten ist die ganz große

Masse, und danach sind es nur noch ganz Wenige. Also, man könnte jetzt von allen HiWis Uni, 16

Prozent knapp, haben maximal 6 Monate im Praktikum gesteckt von den 15,9 und der Rest sogar

über diese Zeit, und da könnte man sagen, in dem Bereich ist schon eine Gefahr von Praktikumskarriere

da. Da müsste man genauer hingucken, das konnte ich natürlich so auf die Schnell nicht, und wir

haben den Fragebogen ja auch nicht auf diese Frage hin getrimmt. Das werden wir in der nächsten

Absolventenbefragung machen, da werden wir das Praktikum, dazu sind wir auch aufgefordert worden,

aber da sind wir auch selber drauf gekommen, vom Ministerium, dass wir dem genauer nachgehen.

Es wäre übrigens auch eine Möglichkeit, ob man da nicht auch eine Verbindung herstellen kann

zu ihren Arbeiten, also da ein bischen tiefer einzusteigen, weil wir ja immer an die Ministerien gehalten

sind, möglichst gut verstehbare, einfache Zahlen zu produzieren, die auch ein Abgeordneter versteht,

und für diese tiefschürfenden Analysen, die wir natürlich auch gerne machen, aber da kann man sich

schon drüber unterhalten, dass man mit den Daten, weil wir dann mehr wissen, weil wir auch mehr

..?.. haben, dass man da auch ...

Wann werden die Ergebnisse so ungefähr ...?

Wir gehen Anfang 2006 in’s Feld, also im Frühjahr 2006, und Ende 2006 sollen eigentlich die ersten

Ergebnisse fertig sein.

Also, das mit den 6 Monaten, das deckt sich so ein bischen, wir haben auch einen Fragebogen

quantitativer Art gemacht, den wir über Hochschulteams und ähnliche Quellen verteilen, haben

noch nicht soviel zurück, aber es deckt sich so ein bischen mit unseren ersten Erfahrungen, dass

die ersten 1 bis 6 Monate haben relativ viele, dann entscheidet sich das meist – gibt es eine Praktikalaufbahn,

dann sind es meist mehrere, noch mehr als 2 dann, oder bricht es da ab. Also das ist

so ungefähr derzeit so ein Gefühlseindruck bei uns.

Ja, also das würde dem ungefähr auch gleich kommen, aber wie gesagt, das ist also sehr fachabhängig.

Für einige Fächer, da spielt das überhaupt keine Rolle, wo man also fast befürchten muss, wenn

also ein Informatiker ein Praktikum macht, dass da echter Nachholbedarf ist, Defizite aufarbeiten ...

denke ich mal schon, also dort, wo der Arbeitsmarkt einigermaßen stabil ist, da ist ein Praktikum normalerweise

nicht unbedingt die erste Wahl.

Können Sie etwas zu der Zielgruppe sagen, also wenn man jetzt Wirtschaftswissenschaftler

nimmt, sind das dann sozusagen die mit schlechtem Abschluss oder kann man da irgend etwas

zu sagen?

Kann ich noch nicht sagen, also ich habe das jetzt so ganz schnell noch für das Interview ausgewertet.

Man müsste dem einmal genauer nachgehen. Das wäre aber möglich mit den Daten, zu gucken,

ob die Leute, die in Praktika gehen, sich von den Leistungen oder von anderen Kriterien unterscheiden

und das wäre schon auch sehr spannend. Ich habe aber den Eindruck, dass die Lage, gerade bei

den Wirtschaftswissenschaftlern, auch wenn sie gute Examina haben und gute Referenzen, nicht

einfach ist. Wie gesagt, Arbeitslosigkeit ist nicht die erste Wahl bei den Leuten und, also ich habe ein

ganz konkretes Beispiel, nämlich mein Neffe, der eigentlich eine fast Bilderbuchlaufbahn hatte bis zu

seinem Diplom-Abschluss und einschließlich Diplom-Abschluss, der hat eine berufliche Ausbildung

gemacht, der hat damals Finanzwirt drangehängt, hat einen Preis der bayerischen Landesregierung

bekommen als einer der 3 besten Absolventen dieses Finanzwirts, das war dann ein Preis, wo ihm

drei Auslands-Praktika während des Studiums geschenkt wurden, die er dann auch wahrgenommen

hat, Südafrika und Mexiko, ich weiß nicht, wo das dritte war, Südostasien, glaube ich, er hat eine

wunderbare Diplomarbeit geschrieben, hat ein gutes Examen, und er hat auch nie ...?... Probleme.

Möglicherweise ist es ihm vielleicht auch ein bischen, auch der Erfolg, den er hatte, zu Kopf gestiegen,

und er hat vielleicht zu Anfang eine Stelle gehabt. Ich will das nicht ausschließen, und er ist am

Anfang zunächst mal fürchterlich auf den Bauch gefallen. Er hat sich beworben und beworben, er hat

natürlich ganz konkrete Vorstellungen gehabt, was er machen möchte, er hat sich spezialisiert auf

Personalwesen, und dann bekam er halt nichts und gar nichts. Und dann kam eine amerikanische

Firma daher mit den einschlägigen Arbeitsformen und Beschäftigungsverhältnissen, also keine Gren-

31


432

433

434

435

436

437

438

439

440

441

442

443

444

445

446

447

448

449

450

451

452

453

454

455

456

457

458

459

460

461

462

463

464

465

466

467

468

469

470

471

472

473

474

475

476

477

478

479

480

481

482

483

484

485

486

487

488

489

490

491

492

493

ze des Arbeitstages, keine Urlaubsregelungen, sehr schlechtes Einkommen, und das hatte schon fast

so einen Charakter. Das war zwar noch ein reguläres Arbeitsverhältnis, aber das ging schon in die

Richtung. Und er hat also gut 1 ½ Jahre gebraucht, bis er den Job gefunden hat, den dritten eigentlich

erst, wo er gesagt hat, also das ist jetzt etwas, das kann ich gut akzeptieren, damit könnte ich gut

leben.

Kann es denn überhaupt eine Abgrenzung wirklicher Art geben zwischen einem Praktikum und

einer befristeten sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung?

Die Abgrenzung ist ja die, dass das Praktikum den Arbeitgeber fast nichts kostet. Es ist ganz klar, es

sei denn, der Arbeitgeber versteht das Praktikum tatsächlich als Praktikum und sieht da auch eine

Chance und eine Verantwortung, beides, und begreift ein Praktikum so, wie ich es vorhin beschrieben

habe, als eine Art von kurzer Einführung und Ausbildung, praktischer Unterweisung zwecks Verbesserung

der Berufsfähigkeit. Wenn er das so versteht, dann ist das, dann kann das manchmal sogar mehr

sein als die schlechte berufliche Einarbeitung, die es in vielen Firmen ist, wo die Leute doch ins sehr

kalte Wasser gestoßen werden und wenig Unterstützung finden.

Also Sie würden auch schon wollen, das haben Sie vorhin gesagt, dass ein Praktikum in jedem

Falle Integration in den Arbeitsbetrieb, produktiv werden und dabei etwas lernen, weil ganz offiziell

von den Arbeitsgerichten her oder so heißt es ja, das Lernen muss im Vordergrund stehen.

Ja natürlich, das würde ich auf jeden Fall sagen. Aber das Lernen ist halt ein anderes als an der Universität

im Seminar. Das heißt, es soll eben ein praktisches Lernen sein. Also, was wir zum Beispiel

hier machen, das sind keine Praktikanten nach dem Diplom, das sind Praktikanten im Studium, die

kommen aus der Soziologie in der Regel und können im Grunde genommen kein vernünftiges

Deutsch mehr, das ist versaut. Die schreiben also nur noch ellenlange Sätze, können sich eigentlich

nicht mehr vernünftig ausdrücken. Und was wir machen mit den Praktikanten, wir sagen, wenn ihr bei

uns ein Praktikum machen wollt, nicht unter 10 Wochen, und, wir erwarten, dass ihr am Ende dieses

Praktikums ein Produkt auf dem Tisch habt, das wir verwerten können, z.B. irgendwie eine schöne

Pressemitteilung über ein kleines interessanten Thema oder möglicherweise eine kleine Monographie,

so 15 – 20 Seiten, je nachdem, wie auch die Fähigkeiten der Praktikanten sind, die also schon da

sind, aber ganz viel Wert legen wir einfach halt z.B. auf Timing, Zeitmanagement, das ist etwas, was

die Leute lernen bei uns, dass sie auf den Punkt arbeiten, nicht so vor sich hin studieren und vor sich

hin wurschteln, und dass sie lernen, sich kurz zu fassen, sich verständlich und kurz auszudrücken.

Das heißt, sie müssen das, was sie normalerweise in ihrem Studium auf 30 Seiten niederschreiben,

das muss bei uns auf 4 Seiten passen. Und das lernen die. Dann lernen sie, sich vernünftig auszudrücken.

Schwafeln wird gestrichen. Das ist sehr aufwändig, auch für mich immer, es erfordert eine sehr

hohe Beteiligung an der Arbeit und eine ständige Kontrolle, ständige Kritik. Und ich sage es denen

von Anfang an gleich, dass sie sich nicht wundern müssen, wenn sie ihre ersten Entwürfe so richtig

um die Ohren kriegen. Und die Leute sind dankbar, weil sie es an der Uni eben so nicht erleben, an

der Uni geben sie ihre Hausarbeit ab, und am Ende des Semesters bekommen sie ihren Schein, da

kommt kein inhaltliches Feedback, weder von der Form noch vom Inhalt.

So verstehe ich ein Praktikum, dass die Leute etwas für’s Praktische lernen. Und bisher haben die

Leute, die bei mir ein Praktikum gemacht haben, wenn die wissen, sie sollen ein Produkt entwickeln,

das wir weiter verwenden, dann ist das ein Riesenansporn für die Leute. Aber es gehört eben auch

die Betreuung dazu, und wenn die fehlt, dann ist es kein Praktikum, ganz einfach, das ist Ausbeutung.

Noch einmal zur Klarstellung: Dieses Phänomen Praktika-Karrieren, gibt es Erkenntnisse darüber,

ob das größer geworden ist oder ist es in der Tat eher ein Hipe, der in der „Zeit“, in der „FAZ“ und

im „HeuteJournal“ vorkommt?

Also der ...?... von der Uni München, der hat das ja in der „FAZ“ auch so geschrieben, dass er gesagt

hat, das wäre ein aufgeblähtes Ding, sinngemäß. Ich sehe das auch als etwas Aufgeblähtes an, aber

ich sehe es nicht so, dass man das deswegen nicht sehr aufmerksam verfolgen muss, weil natürlich,

ich sage ja, diese Pressebombardierung mit diesen Sachen hat ja Wirkung. Aber eine ganz andere

Wirkung, als die glauben. Nicht etwa die, dass die Unternehmen in sich gehen und sagen, um Gottes

Willen, was machen wir da für schlimme Sachen, sondern dass die eigentlich das Feld bereiten dafür,

dass es sich ausweitet. Das ist ein ganz ganz schmaler Grat, wo eine richtige und notwendige Kritik

und, wenn man so will, investigativer Journalismus sinnvoll und notwendig ist, aber was ich den Medien

schon vorwerfe, dass sie die Dinge maßlos übertreiben und vor allem, dass sie überhaupt gar

keine Zahlenbasis haben. Sie haben immer die gleichen Beispiele. Natürlich, man kennt dann, wenn

man darauf achtet, wenn ich darauf getrimmt werde, durch die Fußgängerzone von Hannover zu ge-

32


494

495

496

497

498

499

500

501

502

503

504

505

506

507

508

509

510

511

512

513

514

515

516

517

518

519

520

521

522

523

524

525

526

527

528

529

530

531

532

533

534

535

536

537

538

539

540

541

542

543

544

545

546

547

548

549

550

551

552

553

554

555

hen, darauf zu achten, wie viele Leute gehbehindert sind, dann stelle ich fest, jeder Dritte ist gehbehindert.

Aber wenn ich einfach nur nach Hause gehe durch die Fußgängerzone, stelle ich das nicht

fest.

Also, ich meine, jeder hat irgendwie Erfahrung mit sowas, mit einem Praktikum, jeder kennt irgendwie

einen und daraus wird dann ein Bild und es gibt noch etwas. Dadurch, dass dieses Thema so stark in

die Öffentlichkeit kommt, sehen sich die, die diese Praktika absolviert haben, die auch zu Recht enttäuscht

sind, bestätigt in ihrer Enttäuschung und dimensionieren jetzt ihr eigenes Schicksal als ein

gesellschaftliches Problem hoch, fangen an, sich zu organisieren, und da sie ja nun als Leute mit Abitur

und Studium ja auch meistens in der Lage sind, sich gut zu artikulieren, kommt das auch ganz

leicht in die Medien. Das gleiche Problem, meinetwegen bei Aussiedlerkindern, das würde nicht in die

Medien kommen, weil die Leute sich nicht artikulieren können, weil die Leute überhaupt nicht den

Horizont haben zu begreifen, dass das ein gesellschaftliches Problem ist, das ist ein viel größeres

gesellschaftliches Problem, was mit den Kindern passiert, als das, was mit den Hochschulabsolventen

passiert.

Vor allem, wenn sie keinen Abschluss haben.

Ja, ja, wenn sie kein Deutsch können und dann in den Ghettos leben und all diese Dinge, das sind viel

größere Probleme, weil uns das sehr viel kosten wird in Zukunft. Also nicht nur an Gefängnissen und

Polizei, sondern auch an Verlust von Potenzial, denn das sind ja meistens keine Dummköpfe, diese

Aussiedlerkinder, das sind ja teilweise sehr hochintelligente Kinder, die aber einfach auf die schiefe

Bahn geraten, weil man sie nicht fördert.

Aber letzte, oder vorletzte Frage: Wir haben ganz am Anfang von prekären Berufseinstiegformen

geredet, was ist das eigentlich für Sie, was ist eine prekäre Berufseinstiegsform? Und zum zweiten,

da würden Sie schon eine neue Tendenz sehen, oder ...?

Also, um eine Tendenz festzustellen, denke ich einmal, ist es zu früh. Denn wir müssen ja auch sehen,

wir hatten 2002/2003 die wirtschaftliche Schwierigkeit, und wir haben natürlich, und das ist klar,

das geht ja weit über dieses Problem hinaus, wir haben ein gesellschaftliches Klima, in dem Forderungen

nach Sicherheit, wo auch immer, beruflicher Sicherheit, sozialer Sicherheit, schlicht und einfach

pauschal als illusionär und antiquiert und von vorgestern dahingestellt werden. Der Gesichtspunkt

der Globalisierung, mit dem drohenden Potenzial China und Rumänien und Moldawien und was

da alles ... und das ist natürlich eine Riesengefahr, dass wir diesen Trend nicht stoppen, dass wir in

eine Situation, auf eine schiefe Bahn geraten, wo die Gesellschaft immer weiter und immer mehr

meint, sie müsse sich den Arbeitsverhältnissen in den Billiglohnländern anpassen. Und dazu gehört

natürlich dann auch „Hire and Fire“, und dazu gehört auch, dass die Leute verunsichert sind und jede

Arbeit annehmen. Und da sehe ich eine echte Gefahr drin, dass wir in eine Schieflage geraten und

auch die Hochschulabsolventen in eine Schieflage geraten. Und die große Gefahr ist ja auch, dass

Hochschulabsolventen, Angestellte, potenzielle Angestellte, sich ganz schwer organisieren lassen.

Das heißt, zu begreifen, dass das kein Naturgesetz ist, sondern dass das gesellschaftliche Kräfte

sind, das fällt gerade Akademikern sehr schwer, weil die halt sehr stark auf Leistung, auf individuelle

Leistung, auch schon vom Elternhaus, getrimmt worden sind. ..... (unverständlich)

Bei einigen, die früher überhaupt nicht ansprechbar waren auf Interessensformulierungen, wie z.B. die

Informatiker, die sich aber auch in den Betrieben immer belästigt fühlen, wenn der Vertrauensmann

von der Gewerkschaft kommt, die sagen dann, ach lass mich zufrieden, ich habe keine Zeit, so ungefähr,

das hat sich schon in einigen Ansätzen verändert, die haben teilweise schon begriffen, dass man

alleine doch ziemlich verloren ist.

Deswegen wundert uns auch diese Entwicklung, gerade bei diesen Praktika-Geschichten. Es gibt

unheimlich viele kleine Initiativen, die plötzlich aus dem Boden gestampft wurden, die Leute haben

echt Mitgliederzuwächse. Da wundert uns, weil wir uns als Gewerkschaftsjugend ja schon länger

mit diesem Thema beschäftigen, wenngleich Gewerkschaften nicht so sexy sind derzeit, aber ...

Naja, das ist das Problem der langfristigen Bindung, weil es sind kurzfristige Interessen und so gründen

sie lieber eine Bürgerinitiative. Das sind kurzfristige gemeinsam formulierte Interessen, da taucht

ein Problem auf, da wird sich zusammengeschlossen, und wenn das Problem individuell oder auch

kollektiv gelöst ist, dann läuft es wieder auseinander. Das ist ja das Phänomen, das wir überall haben,

also dass eine kontinuierliche Bindung an Berufsverbände, an Gewerkschaften, ganz ganz schwer

herzustellen ist und ich denke mal, gerade unter dem Gesichtspunkt, was ich zum Schluss sagte, mit

dieser schiefen Bahn, auf die wir geraten durch das ständige Damoklesschwert der Globalisierung

33


556

557

558

559

560

561

562

563

564

565

566

567

568

569

570

571

572

573

574

575

576

577

578

579

580

581

582

583

584

585

586

587

588

589

590

591

592

593

594

595

596

597

598

599

600

601

602

603

604

605

606

607

608

609

610

und der Billiglohnländer, ist eigentlich eine gewerkschaftliche Orientierung dringend erforderlich. Wobei

ich allerdings auch sehe, dass eine rein nationale Ausrichtung heute auf verlorenem Posten ist.

Also die Gewerkschaften haben zwar ihre europäischen Dachverbände usw., aber das ist doch noch

längst nicht richtig in der Basis angekommen. Also es gibt Teilbereiche, wir haben es ja gesehen,

damals in der Automobilindustrie, in Schweden war es, glaube ich, wo gesagt wurde, also wenn ihr

dort Ärger macht, dann kriegt ihr mit uns auch Ärger, wir lassen uns nicht gegeneinander ausspielen.

Und das ist eigentlich die einzige Chance.

... (unverständlich)

... individuelles Problem, sie begreifen das nicht als kollektives Problem, sie begreifen das vielleicht

als ein Phänomen, das zugenommen hat oder wo sie auch immer noch mehr Leute kennen, wo es

dann diese kleinen Zweckbündnisse gibt, aber die letztendliche Lösung sehen die Leute natürlich, und

das ist auch verständlich, darin, dass sie versuchen, sich individuell durchzuwurschteln. Also sie wollen

Aufmerksamkeit für das Problem, völlig zurecht, aber letztlich versucht in der Regel doch jeder

sich durchzuwurschteln und sagt, na gut, ich bin davongekommen, und in dem Moment, wo die Leute

dann raus sind aus dem Problem, ist es auch mit der Organisierung und dem Interesse an dem Thema

meist relativ schnell vorbei. Dieses Kollektivbewusstsein, das man also bei Gewerkschaftern normalerweise

erwartet, oder bei Berufsverbänden, dass man sich langfristig organisieren muss, das ist

bei Akademikern, bei Hochschulabsolventen, ausgesprochen schwer in der Behandlung, da haben

Sie wahrscheinlich mehr Erfahrung als ich.

Letzte Frage: Was kann man eigentlich tun, wenn ein Praktikum nach dem Studium zur Ausbeutung

wird, Arbeitsvertrag muss sein, Bezahlung sein, Mindestlohn ...?

Das Problem ist ja, dass man ja Praktika nicht pauschal ablehnen darf. Das heißt, es gibt sinnvolle

Praktika, und die muss man einfach unterscheiden von diesen Ausbeutungsverhältnissen und ich

denke, man kann vorbeugen. Auch da können, Berufsverbände, Gewerkschaften, auch so Zusammenschlüsse

wie z.B. die HiWiS, die Adisec, die das ja auch macht, Vorarbeit leisten. Sie können z.B.

Listen von Unternehmen führen, die gut mit den Absolventen umgehen, Stichwort „FairCompany“. Das

kann man machen und ich denke, das hat auch einen Werbe-Effekt für die Firmen und man muss

natürlich auch die Firmen beim Namen nennen, die so eine Situation missbrauchen, die die wirkliche

oder auch nur vermeintliche Not der Hochschulabsolventen missbrauchen. Letztlich ist dieses Verhalten

für diese Betriebe rufschädigend, das muss man denen auch deutlich sagen, dass sie damit ihren

Ruf schädigen als seriöser Arbeitgeber und dass sie künftig keine jungen Leute mehr kriegen ist dann

selbstverständlich, dass sie dann eben tatsächlich nur noch mit denen Vorlieb nehmen müssen, die

eben bei guten seriösen Arbeitgebern nicht ankommen. Also ich denke, man muss da schon eine

klare Position einnehmen. Es ist ja selbst so, dass die Arbeitgeberverbände dieses Phänomen durchaus

sehen, sie sehen es auch nicht so groß wie die Medien, aber sie wissen und geben zu, dass es

diese schwarzen Schafe gibt. Der Herr ..?.. hat es ja auch im Radio sehr deutlich zum Besten gegeben,

ich kenne ihn sehr gut und wir haben uns bei verschiedenen Veranstaltungen auch immer wieder

darüber auseinander gesetzt, und die wissen schon, dass es dieses Phänomen gibt, aber sie sehen

das halt auch nicht so groß, wie das die Zeitungen machen. Ich denke, das wäre eine Aufgabe auch,

wo gewerkschaftliche Studentengruppen frühzeitig die Leute präparieren, wo Aufklärung betrieben

wird. Das Ganze kann auch gleich verbunden werden mit einer Kritik an den Pflichtpraktika in Studien,

sofern welche vorgesehen sind, dass man eben dort eben vielleicht so in der Art Evaluierung von

Praktika oder von Firmen macht in Bezug auf Praktika. Das ist für uns auch eine Dienstleistung, die

wir begreifen und die wir den Leuten auch einsichtig machen, dass es Sinn macht, sich zu organisieren

und mitzuarbeiten.

Ja, viel mehr fällt mir eigentlich zu dem Thema auch nicht ein, wie man dagegen, gegen diesen Missbrauch,

vorgehen kann. Man muss halt auch schon mal, ich sage das den Medien auch ganz deutlich,

die sollten nicht immer voneinander abschreiben, sondern lieber recherchieren und sollen also nicht

Panik ausbreiten, die in der Form einfach nicht gerechtfertigt ist. Weil diese Panik einfach wirklich den

Boden bereitet. Es sind ja immer zwei Seiten, es sind ja nicht immer nur die Arbeitgeber, die da irgendwie

böse Sachen machen, sondern es ist ja auch dann das Bewusstsein der Leute, der Studierenden

und der Hochschulabsolventen über das Problem, das selber so eine Wirkung dann auch entwickelt.

34


1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

40

41

42

43

44

45

46

47

48

49

50

51

52

53

54

55

56

57

58

59

3) Interview mit Bettina Richter, „Fairwork“

Wir fangen mit der Einstiegsfrage an, und zwar: Ihr seid von dem Verein „fairwork“ und damit im

Prinzip auch betroffen in der ganzen Situation – in welchem Rahmen beschäftigt ihr euch mit dem

Thema Praktika, Praktikantenlaufbahn und wie ist euer Zugang zum Themenfeld?

Also, deshalb haben wir diesen Verein gegründet, aber ich glaube, die ganze Gründungsgeschichte

brauche ich jetzt nicht noch einmal zu erzählen. Wir haben natürlich einen sehr persönlichen Zugang

zu diesem Thema, weil wir einfach betroffen waren und auch in unseren Bekanntenkreisen sehr viele

kennen, die betroffen sind. Wir machen eigentlich alles, was in diesen Bereich fällt, also wir haben

Kontakt zu ...(unverständlich), wir haben Kontakt zur Presse, wir lesen uns Gesetze durch und gucken,

wo man da etwas machen könnte, wir sammeln Erfahrungen ...

Wir haben ja schon ein wenig angefangen mit der Entwicklung, du hast gesagt, 2002 hat sich das

ganze Phänomen erweitert. Wie ist denn aus eurer Sicht die Entwicklung von Praktika von Hochschulabsolventen

zu bewerten, also Leute, die von der Hochschule kommen, nimmt die Inanspruchnahme

eher ab oder eher zu und wenn ja, in welchen Bereichen?

Also Praktika nehmen auf jeden Fall zu.

Nur von Studierenden oder auch von Hochschulabsolventen?

Nein, wir reden eigentlich immer nur über Hochschulabsolventen, also Studenten machen sowieso

viele Praktika, und das ist auch gut so, dafür ist ein Praktikum da, dass man ein, zwei Monate irgendwo

reinschnuppert, aber bei Absolventen nimmt es halt immer weiter zu, das ist ja wirklich so, dass

den Einstieg sofort fast niemand mehr hinbekommt und um eben die Zeit zu überbrücken, macht man

halt Praktika, die bekommt man ohne Ende angeboten. Es ist überhaupt kein Problem nach unserer

Erfahrung, einen Praktikumsplatz zu finden, es ist nur ein Problem, einen Arbeitsplatz zu finden, und

übernommen wird man meistens nicht mehr, so dass man von einem Praktikum sich quasi zum

nächsten hangelt. Und das wissen wir, weil es uns selbst so ging, also mir ging es ein Jahr lang so,

und weil wir etliche Betroffene kennen und es geht jetzt auch schon so weit – wir haben z.B. Konakt

zu diesem ???ServiceNetwork der FU, und da betreut eine Dame die Absolventen und sie meint, das

Bewusstsein ist auch so schlecht bei den Leuten, die kommen zu ihr mit ihrem gerade gemachten

Abschluss und sagen „Ja, jetzt bewerbe ich mich erst einmal auf Praktika“.

Ja, das Problem, vielleicht muss man das dazu sagen, ist halt immer: In den ganzen Stellenanzeigen

steht immer: „...mindestens zwei Jahre Berufserfahrung erwünscht“. Ja, wie soll man die als Absolvent

haben, man hat einfach höchstens die Berufserfahrung in Praktika gesammelt, aber diese Praktika-

Erfahrung zählt anscheinend für die Personaler nicht. Deswegen ist man dann als Absolvent da und

sagt, soll ich mich arbeitslos melden, soll ich jobben, irgendwas machen oder soll ich das machen,

was ich immer schon machen wollte, in dem Bereich arbeiten, in dem ich gerne arbeiten möchte, wo

ich aber leider keinen Job bekomme, also mache ich dort eben noch einmal ein Praktikum. Und die

Leute, die noch Eltern haben, die sie finanzieren, die machen das dann. - Ich habe das ja auch gemacht.


Wir haben es beide gemacht. Der Berufseinstieg ist einfach sehr schwer geworden, weil es einfach

sehr viele Arbeitslose gibt, und da sind immer welche dabei, die auch studiert haben. Deshalb hat

man Probleme als Absolvent, überhaupt einen Fuß in die Tür zu kriegen, das ist einfach super viel

schwieriger geworden als früher. Weil früher, ich sage jetzt mal vor zwanzig Jahren, da hatten die

Leute nach ihrem Studienabschluss auch keine Berufserfahrung und wurden trotzdem mit offenen

Armen von den Firmen genommen und eingestellt als normale Arbeitskräfte. Und da hat keiner erst

einmal zwei Jahre irgendwelche bescheuerten Praktika gemacht. Wir sind der Meinung, dass eigentlich

die Ausbildungsphasen, in die ja Praktika reingehören, mit dem Diplom oder mit dem Magisterabschluss

abgeschlossen sind. Praktika dienen der Berufsausbildung, und das sollte eigentlich mit dem

Universitätsabschluss abgeschlossen sein.

Dient zur Berufsausbildung – was heißt das, also was sind aus eurer Sicht, wofür sind Praktika da

nach dem Studium, wie lange sollten sie dauern, welche Funktion haben sie eigentlich, wie viele

sollte man machen?

35


60

61

62

63

64

65

66

67

68

69

70

71

72

73

74

75

76

77

78

79

80

81

82

83

84

85

86

87

88

89

90

91

92

93

94

95

96

97

98

99

100

101

102

103

104

105

106

107

108

109

110

111

112

113

114

115

116

117

118

119

120

121

Ich finde, also eigentlich sind wir bei fairwork der Meinung, man sollte als Absolvent überhaupt kein

Praktikum mehr machen müssen, weil man, wie gesagt, seinen Abschluss hat, und damit ist die Ausbildungsphase

beendet. Wir sind hier in Deutschland, da ist das Hochschulstudium angeblich elitemäßig,

wir sind hier die am besten ausgebildeten Leute usw. Wenn aber halt ein Praktikum sein muss,

dann muss es halt bestimmte Grundsätze erfüllen. Dann muss es wirklich ein Praktikum sein, und

Praktikum bedeutet nicht, dass ich einen vollen Arbeitsplatz ersetze und einfach kein Geld bekomme.

Ein Praktikum bedeutet, dass mein Qualifizierungsgedanke im Vordergrund zu stehen hat, meine Weiterbildung.

Ich muss mindestens einen Praktikumsbeauftragten haben, ich muss laufend einen Ansprechpartner

haben, ich darf nicht alleine ein Team führen oder auch die volle Verantwortung vor

einem Kunden haben, das ist einfach kein Praktikumscharakter mehr. Man muss einfach bei Praktika

reinschnuppern und das muss auch bei Praktika nach dem Studium gegeben sein, warum ist es denn

sonst ein Praktikum, sonst kann es ja auch ein normaler befristeter Arbeitsvertrag sein.

Das ist eigentlich das, was wir erstmal sagen, man muss zwischen Praktika während des Studiums

und Praktika nach dem Studium unterscheiden. Wenn man nach dem Studium ein Praktikum hat,

dann ist man ja auch auf sich selbst gestellt, also man bekommt keine Förderungen mehr vom Staat,

kein Bafög mehr, im Gegenteil, man muss es selbst sogar zurückzahlen oftmals. Meistens sagen die

Eltern dann auch, mit dem Abschluss, so jetzt musst du alleine zurecht kommen. Man muss für die

Arbeit, die man macht, auch entlohnt werden. Und insofern sagen wir, dass es einen Mindestlohn

geben sollte für Praktikanten, also für Praktika nach dem Studium, das z.B. beim ALG-II-Satz liegt

(plus Wohngeld usw.), also 700,- netto, das müsste es schon sein, denn von viel weniger kann man

eigentlich fast gar nicht mehr leben. Dann sagen wir auch, es müsste eine Begrenzung der Praktikumsdauer

geben, 3 – 4 Monate. Nach 3 – 4 Monaten müsste eine Firma eigentlich wissen, ob der

Kandidat für den Job geeignet ist und er übernommen werden kann oder nicht. Ein Praktikum ist eigentlich

eine Zwischenlösung, man sollte nicht ein Jahr lang als Praktikant in einer Firma sein. Es

werden Ein-Jahres-Praktika angeboten, teilweise von Firmen, wo offensichtlich ist, dass man dort eine

Stelle ersetzt, z.B. im Übersetzungsbüro. Die Firmen gehen doch davon aus, das Leute mit Hochschulabschluss

sind gut ausgebildete Leute, die sind immer ein Gewinn, sind immer ein Mehrwert.

Und die sechs Monate nicht zu bezahlen, das ist echt Ausbeutung.

Was ist dann die Abgrenzung zu einem normalen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnis?

Also für uns ist das ganz klar, da muss der Praktikumscharakter vorhanden sein. Praktikum bedeutet

Weiterbildung, bedeutet, dass nicht die Arbeitsleistung, sondern die Qualifizierung im Vordergrund

stehen muss. Das kann durch Schulungen, durch Weiterbildungen, zumindest aber durch einen Ansprechpartner,

der sich jeden Tag Zeit nimmt – ich stelle mir Praktikum so vor, dass ich mitlaufe, dass

ich ein Team ergänze, dass ich überall wirklich mitkommen kann, reinschnuppere, zuhöre, mitschreibe,

aber nicht, dass ich irgendwie ein Team leite oder irgendwie für einen Kunden eine Kampagne

erstelle oder Texte oder was auch immer und am besten noch voll abgerechnet werde beim Kunden,

das ist einfach kein Praktikum. Ein Praktikum muss sich ja von einer Arbeitsstelle noch in irgend etwas

unterscheiden außer vom Lohn.

Sind Praktika nach der Hochschule grundsätzlich unsinnig?

Unsinnig in dem Sinne vielleicht nicht, denn es soll ja doch seltene Fälle geben, dass man durch ein

Praktikum irgendwo hineinrutscht oder Kontakte knüpfen kann, was aber nicht sehr oft passiert, glauben

wir. Dann, für manche Leute ist es bestimmt auch noch sinnvoll, wenn sie jetzt in einem Bereich

noch nie gearbeitet haben, dann mag für die Leute sinnvoll sein, wobei wir aber trotzdem nicht finden,

dass es nicht bezahlt werden sollte. Selbst wenn man den ganzen Tag nur das Telefon bedient, ist es

für das Unternehmen ein Mehrwert, und das muss bezahlt werden. Also, wir sagen ja nicht grundsätzlich

„kein Praktikum!“ – es kann sinnvoll sein, aber wir sagen: „Kein unbezahltes Praktikum!“. Weil so

schlecht kann man gar nicht sein, dass man 0 Euro wert ist. Denjenigen möchte ich gerne sehen. Ein

Azubi, der wirklich null Erfahrung hat und von der Schule kommt, kriegt ja auch im ersten Monat sofort

Geld.

Habt ihr Erfahrungswerte, in welchen Bereichen sich dieses Phänomen Praktikalaufbahn ballt?

Wir haben festgestellt, dass die Betroffenen, die sich an uns wenden, aus allen Fachbereichen kommen,

also sowohl aus geisteswissenschaftlichen als auch aus dem BWL-Fach, Juristen, Politikwissenschaften

usw. Aber es ist natürlich, denke ich mal schon, so im Bereich Öffentlichkeitsarbeit, Journalismus,

Werbung auch, Architektur und Medien ... Aber es ist schon durchaus ein fächerübergrei-

36


122

123

124

125

126

127

128

129

130

131

132

133

134

135

136

137

138

139

140

141

142

143

144

145

146

147

148

149

150

151

152

153

154

155

156

157

158

159

160

161

162

163

164

165

166

167

168

169

170

171

172

173

174

175

176

177

178

179

180

181

182

183

fendes Phänomen geworden, also früher waren es wirklich nur die Geisteswissenschaftler und die

Medien, die dadurch betroffen waren, jetzt durchweg. Ich finde, die einzigen, wo wir es nicht so oft zu

hören bekommen, sind so IT-Leute oder Mischstudiengänge, die viel IT mit drin haben, Programmierung

etc. Ansonsten sind eigentlich alle betroffen.

Woher nehmt ihr eure Erfahrungswerte? Sind das Sachen, die auf eurer Homepage auflaufen

oder persönliche Erfahrungswerte?

Beides. Wir haben ein Forum auf unserer Homepage, da kann jeder seine Erfahrungen schildern und

auch mitdiskutieren mit anderen Leuten. Wir hören es aber auch im Bekanntenkreis, wir kennen natürlich

sehr viele, die auch fertig sind und jetzt irgendein Praktikum und unbezahlte Arbeit als „Freie“ oder

so machen. Wir kriegen auch viele viele E-Mails, wo viele Leidensgeschichten drinstehen. Und wir

lesen zum Teil auch andere Foren. Wenn man sich diese Stellensuchmaschinen im Internet anschaut

und sieht, wie viele Praktika da angeboten werden – und zwar für alle Bereiche – das ist auch für

BWLer sehr krass, für Kaufleute, finde ich. Das sind auch Stellen, die vielleicht früher als Assistenz-

Stellen ausgeschrieben waren, jetzt eben als Praktikum.

Eine etwas ketzerische Frage: Könnte es unter Umständen sein, dass dieses Phänomen dadurch

so in den Medien ist, dass es erstens ein Personenkreis macht, der hoch artikulationsfähig ist, und

zweitens dadurch, dass man eher eine Nabelschau betreibt, wenn ich jetzt mal provokativ frage?

Wie gesagt, Zahlen haben wir auch nicht, wir können es also nicht stichhaltig belegen, aber allein

dass wir halt aus ganz Deutschland und aus allen Fachbereichen E-Mails bekommen zeigt eigentlich,

dass es relativ umfassend sein muss.

Wir hatten kürzlich einen Beitrag im Heute-Journal, da waren wir auch dabei, dort wurde ja auch von

der Architektenkammer jemand interviewt, und der hat es auch offen zugegeben, dass sie es natürlich

auch ausnutzen. Es gibt wenig Stellen und viele Bewerber, viele qualifizierte Bewerber und dass sie

dann natürlich sagen, ja wenn es so viele qualifizierte motivierte Leute gibt, dann nehmen wir einfach

Absolventen. Es gibt halt momentan einfach sehr viele Absolventen.

Habt ihr auch Kontakt mit Praktikanten gehabt?

Wir haben mal überlegt, ob man auf solche Anzeigen, in denen eben „Jahrespraktikum, Voraussetzung

abgeschlossenes Studium“ steht, dass man solche Firmen anruft und sie darauf anspricht. Aber

das Ding ist einfach, man kriegt nicht den Verantwortlichen ans Telefon, sondern meistens vielleicht

selber eine Praktikantin, und damit ...

Ja, ich habe schon öfters mal angerufen dort, um mal zu erfahren, wie denn der Lohn ist und wenn es

dann heißt, ein Jahrespraktikum, monatlich 300,- , und wenn ich dann frage, wie sie es sich vorstellen,

wie ich das finanzieren soll, ich habe ein abgeschlossenes Studium, ich muss mich selbst versorgen,

dann heißt es eben, dann weichen sie aus, dann sagen sie „Ja bei uns ist das immer so, wir können

leider nicht mehr zahlen“ und dann hört man eben auch oft „Ja Sie können sich ja an das Arbeitsamt

wenden“. Das ist ja eben das, was wir nicht richtig finden. Warum soll das Arbeitsamt und

damit die Gesellschaft dafür zahlen, dass ich 40 Stunden die Woche bei einer Firma arbeite? Das ist

einfach nicht richtig.

Also daran zeigt es sich ja, wo kommen denn die ganzen Leute her und da werden einfach gerne

Absolventen genommen, denn Studenten haben nun mal eigentlich nicht sechs Monate oder 12 Monate

am Stück, die wollen ja ihr Studium weitermachen. Da gibt es nicht so eine große Auswahl, da

kann man zur Bahn gehen, zu ...?..., wo ich gemacht hab, gehen...

Zum Beispiel auch im Filmbereich, also ich habe mal in einer Filmproduktionsfirma gearbeitet, da waren

von 13,14 Leuten 8 Praktikanten, eine Volontärin und eine Auszubildende. Also, die ganze Firma

bestand aus Praktikanten. Daimler-Chrysler hat Praktikanten, alle haben noch Praktikanten.

Habt ihr Erfahrungswerte damit, ob Praktika reguläre Beschäftigungsverhältnisse ersetzen?

Was heißt Erfahrungswerte? Wir wissen es ja, wir haben ja selbst Praktika gemacht. Und das waren

auch normale Jobs. Da hieß es bei mir z.B. am Anfang auch „Machen Sie es mal 6 Monate, vielleicht

können wir Sie danach einstellen..“ usw. Am Ende hieß es dann auch nur, sie könnten das Praktikum

verlängern, aber so eine richtige Stelle ...

Das merkt man einfach an der Arbeit schon, dass das ganz normale Jobs sind, das ist ja eigentlich

auch logisch, weil – was will man denn mit jemandem mit einem Diplom oder Magister machen, den

kann man nicht einfach abstellen zum Kaffe kochen oder kopieren, das wäre ja verschenkte Ressource.

37


184

185

186

187

188

189

190

191

192

193

194

195

196

197

198

199

200

201

202

203

204

205

206

207

208

209

210

211

212

213

214

215

216

217

218

219

220

221

222

223

224

225

226

227

228

229

230

231

232

233

234

235

236

237

238

239

240

241

242

243

244

245

Habt ihr in eurer eigenen Erfahrung auch Erfahrung mit der Arbeitsagentur oder entsprechenden

Vermittlungen?

Also ich war bei der Arbeitsagentur arbeitssuchend gemeldet und die haben mir nicht geholfen, die

haben mir nicht eine Stelle gesagt, wo ich mich hätte bewerben können. Das einzige, das mir dort

erklärt wurde, ist wie ich mir diese Bewerbung setzen lassen kann.

Ansonsten dass sie mir geholfen hätten, etwas zu finden – nicht. Die haben mich eigentlich eher noch

demotiviert und meinten, für BWLer würde es jetzt sehr schlecht aussehen usw. Und dann habe ich

nach einer Weiterbildung gefragt, da gab es aber auch nichts. Das Problem ist auch, dass man als

Absolvent ja nie eingezahlt hat und da sind die ja auch nicht sehr interessiert, einem irgendwie zu

helfen. Vor allem, man ist ja nicht arbeitslos, sondern nur arbeitssuchend, also auch nicht in dieser

Statistik, wo sie einen rausbekommen wollen, und deshalb ist das Engagement gering.

Ist aus eurer Sicht ein Praktikum förderlich für einen Berufseinstieg oder ist das eine Chimäre?

Nein, förderlich finde ich es eigentlich nicht mehr, muss ich sagen. Also ich finde es insoweit förderlich,

wenn man sagt, es dauert höchstens 2 – 3 Monate, um quasi einen Einstieg in den Job zu finden,

und es ist förderlich, wenn man wirklich die Chance auf eine Übernahme hat und nicht nur, so die

meisten Firmen sagen das ja nur, damit man eine Motivation hat, dann dort auch zu arbeiten. Aber

wenn es wirklich so wäre, dass man da Kontakte knüpfen kann und eine reelle Chance hat, dort einzusteigen,

dann finde ich es schon förderlich. Aber so ist es leider nicht, vielleicht in zwanzig Prozent

der Fälle. Es gibt immer positive und negative Fälle. Es gibt auch Leute, die uns von positiven Praktika

erzählt haben, die dann auch wirklich auch dort einsteigen konnten – aber nur wenige.

Jetzt haben wir auch wieder von jemandem gehört, dem wurde bis zwei Tage vor Ende seines Praktikums

versichert, er würde einen Job kriegen, der hat es wirklich geglaubt, und dann hieß es am letzten

Tag, nein doch nicht. Was da mit den Leuten gemacht wird, mit den Hoffnungen, das ist wirklich

übel.

Ich habe in der Pressestelle gearbeitet in einem Theater. Da ging es auf eine große Premiere – es war

ein privat finanziertes Theater – und mein Praktikum hätte im Januar geendet und im April war die

Premiere. Die heiße Zeit wäre Februar, März, April gewesen. Und man sagte mir eben, meine Chefin,

das war nur eine einzige in der Pressestelle und ich, sie sagte, sie kann es nicht alleine, das geht

einfach nicht, und sie glaubt schon, dass eine Stelle geschaffen werden muss und es wäre natürlich

ich, weil ich ja schon ein halbes Jahr dabei bin und mit ihr gut zurecht komme, aber sie kann es mir

nicht versprechen. Also sie hat mir nie etwas zugesichert, aber der kleine Hoffnungsschimmer war da,

und dann war es aber doch wieder so, dass ich dann „gegangen wurde“ und der nächste Praktikant

kam. Den musste ich dann noch einarbeiten.

Und was wir auch feststellen, die Erfahrung hatte ich auch, dass viele Unternehmen so eine Art Vorpraktikum,

also Vorprobezeit verlangen. Das musste ich einmal machen, also erst ein Praktikum und

dann wird dann doch noch einmal, also ausgeschrieben ist ein normaler Job, aber verlangt wird erst

mal, ein, zwei, drei Monate umsonst zu arbeiten und dann wird noch einmal geguckt, kriegen sie jetzt

wirklich den Job oder nicht und dann hat man aber noch einmal normale Probezeit. Und die erste Zeit

vielleicht auch sogar noch unbezahlt. Das geht eigentlich auch nicht. Es ist klar, jeder muss eingearbeitet

werden, man ist nicht perfekt am Anfang, man kennt die Abläufe nicht, aber das müssen Arbeitgeber

halt hinnehmen, das ist die normale Einarbeitung. Das ist in jedem Job so.

Sogar würdet ihr explizit sagen, ein Praktikum ist auf keinen Fall ein Bindeglied zwischen Hochschule

und Beruf?

Nein, selten, aber den Satz würde ich so nicht unterschreiben.

Es wäre ja schön, wenn es so wäre, aber das ist es halt leider nicht.

Sind aus eurer Sicht Praktikanten bzw. - angesichts der Lage auf dem Arbeitsmarkt - junge Menschen,

die als Akademiker von der Hochschule kommen, erpressbar?

Ja, total natürlich! Und wie lässt man sich erpressen! Man verkauft sich ja absolut unter Wert. Also

wann hat man denn vorher schon mal für 200 – 300 Euro im Monat gearbeitet. Hätte mir jemand so

einen Nebenjob angeboten, hätte ich gesagt „Hallo – natürlich nicht“. Also da hat man ja in den Studentenjobs

mehr verdient.

Da hat uns auch eine geschrieben im Forum, wie wünschte, sie wäre wieder Studentin.

Habt ihr Erfahrungen, wie lange die Berufseinstiegsphase nach der Hochschule ist?

38


246

247

248

249

250

251

252

253

254

255

256

257

258

259

260

261

262

263

264

265

266

267

268

269

270

271

272

273

274

275

276

277

278

279

280

281

282

283

284

285

286

287

288

289

290

291

292

293

294

295

296

297

298

299

300

301

302

303

304

305

306

307

Ich habe das Gefühl, dass es da noch einmal einen Unterschied zwischen Geisteswissenschaftlern

und BWLern gibt. Dass BWLer so nach einem Jahr mehr oder weniger den „Fuß drin“ haben, wobei

es, wie bei mir, dann auch gerne mal so Trainees oder sind, also auch wirklich noch nicht das Optimum.

Ich glaube, bei den Geisteswissenschaftlern ist es dann doch noch schwieriger.

Hat sich diese Phase verlängert?

Na ich glaube nicht, dass man früher ein Jahr, also ich dachte, wenn ich mit BWL fertig bin, dann bewerbe

ich mich mal zwei Monate lang und dann werde ich bestimmt 10 Jobs zur Auswahl haben oder

so...

Also früher glaube ich, hatte man vielleicht so zwei Monate, also einfach das ganze Organisatorische

und so und dann hatte man einen Job. Aber ein Jahr ist schon ...

120 Bewerbungen habe ich geschrieben.

Habt ihr Erkenntnisse darüber, wie sich nun die Absolventen finanzieren?

Also, der Großteil wird durch die Eltern finanziert, manche jobben neben dem Praktikum. Dann gibt es

diese Förderungen durch das Arbeitsamt, was aber, glaube ich, mittlerweile zurückgefahren wurde.

Da hat man 500 – 600 Euro bekommen.

Und der Großteil dieser Praktika ist nicht bezahlt, oder?

Null oder gerne so zwischen 300 und 500 Euro, zwischen null und 300 Euro würde ich eher sagen.

Könnte es nicht sein, dass diese neue Form des Berufseinstiegs, nenne ich es jetzt mal, dass wir

angesichts der unsichereren und flexibleren Erwerbsbiografien, dass das zum Normalzustand wird

und dass das bei jungen Akademikern durchaus zur Lebensrealität wird?

Na, im Moment ist es ja schon so. Ich glaube schon, dass wir uns da ein bißchen mit abfinden müssen,

zumindest mit diesen Sachen, auch befristete Arbeitsverträge zu haben, alle zwei Jahre vielleicht

wechseln zu müssen, wobei ich dies noch nicht negativ bewerten würde, wenn es genug Jobs gibt,

wenn ich dann nach zwei Jahren etwas anderes finde, dann soll es mir recht sein. Aber ich glaube,

solange sich die Arbeitsmarktsituation nicht entspannt und es sieht jetzt, würde ich sagen, in den

nächsten fünf Jahren nicht so aus, werden wir uns damit abfinden müssen. Deshalb sind wird ja dafür,

wenn halt Praktika, dann wenigstens fair. Also gewisse Mindeststandards müssen dann trotzdem gelten

und deshalb stellen wir uns auch durchaus eine gesetzliche Lösung vor.

Also ich würde es allerdings auch, wenn wir jetzt über die Phase berufliche Orientierung reden, ich

meine, das muss man sich vorstellen, man kommt ja von der Uni, man hat noch nicht so wirklich

richtig gearbeitet, deswegen ergreift man doch erst mal jede Chance, die man hat und man hat

natürlich auch Spaß bei der Arbeit. Ist es unter Umständen so, dass vor allem die Praktikanten

fragen, ob es Spaß macht, erstmals zu arbeiten, die Kenntnisse auszutesten oder wo ist sozusagen

der Overkill zur Ausbeutung und zu dem, was ... also wo ist da die Abgrenzung zu treffen?

Also, Arbeit kann auf jeden Fall Spaß machen, es ist auch wunderbar, wenn es so ist, aber sie macht

auch bezahlt Spaß, da sehe ich keinen Gegensatz.

Das ist auch ein psychisches Problem, wenn man in einer Firma voll arbeitet, 40 Stunden die Woche,

mit Überstunden, und man bekommt kein Geld, und daneben sitzt jemand, der macht das Gleiche ...

das ist wie bei den 1-Euro-Jobbern, der macht das Gleiche und kriegt dann dafür 2000 Euro. Und

dann geht die Motivation ziemlich schnell flöten. Tja und dann, wenn man auch mal vergleicht, der

kleine Cousin macht eine Lehre und kriegt mehr Geld als man selbst, man ist jetzt fast 30 und hat

Diplom. So etwas ist natürlich demotivierend, man kommt sich verarscht und ausgebeutet vor. Früh

aufstehen muss man jeden Tag und es macht ja keinen Spaß, schon gar nicht, wenn man überhaupt

kein Geld bekommt.

Bei mir war es so, dass mir die Arbeit schon immer Spaß gemacht hat, aber nach 2 – 3 Monaten habe

ich dann immer gedacht, ich kann das hier jetzt super gut. Ich glaube, das liegt dann auch an der

Dauer. Man sieht das auch gar nicht ein, warum soll man denn seine Arbeitskraft verschenken?

Was habt ihr gemacht, individuell, meine ich, ihr habt euch gewehrt?

Ja wir haben es versucht. Oder wir versuchen es immer noch.

39


308

309

310

311

312

313

314

315

316

317

318

319

320

321

322

323

324

325

326

327

328

329

330

331

332

333

334

335

336

337

338

339

340

341

342

343

344

345

346

347

348

349

350

351

352

353

354

355

356

357

358

359

360

361

362

363

364

365

366

367

368

Wir haben schon mal einen Erfolg, den ersten Erfolg, dass das Thema überhaupt einmal publik wurde.

.... in unserem Verein gab es das ja so ganz leicht mal ein bißchen in den Medien umherrgeschwirrt,

aber ein so richtig öffentliches Thema war es ja vorher nicht. Jetzt waren wir in fast allen Fernsehsendungen,

in den großen Tageszeitungen, in Radiosendern, also ich glaube, das ist unser erster Erfolg

schon mal.

Wir versuchen halt, wirklich etwas zu verändern, auch die Hochschulabsolventen dazu zu motivieren,

Praktikum anzunehmen, sondern wirklich zu schauen, bringt mir das etwas und dann auch abzubrechen,

wenn man merkt, dass man da nur ausgenutzt wird. Und auch anders aufzutreten, wollen wir

den Absolventen klar machen. Man muss einfach auch so auftreten – ich habe Diplom, ich bin etwas

wert. Ich bin nicht mehr 20 und habe noch nie gearbeitet. Und man muss ja auch wirklich nicht jedes

Praktikum kommentarlos annehmen, man kann ja auch durchaus mal mutig sein und nachfragen –

wäre es möglich, 500 Euro zu bekommen? Das ist immer noch für ein Unternehmen ein Lacher und

absolut nicht unverschämt und zuviel verlangt und das verstehen Unternehmen auch zum Teil. Wenn

die an einem interessiert sind, und das kann man ja klar darlegen, wovon soll ich denn leben, dann

wird man da nicht sofort vor die Tür geschmissen, und selbst wenn, Praktika findet man sowieso ...

Ja, das ist eben das, was wir glauben, dass diese ganze Praktikumsmaschinerie so eine Art Teufelskreis

ist. Die Absolventen sind ja in gewisser Weise auch ein bißchen selber Schuld, wenn ... Wenn

ich jetzt sage, ich nehme das Praktikum nicht an, das ist mir zu wenig Geld, dann sagt der Arbeitgeber,

ja dann nehme ich einen der anderen 300 Bewerber. Wenn es dann aber keiner von den 300

Bewerbern machen würde, und der Arbeitgeber dann 6, 7 Monate sucht, dann muss er einfach eine

Stelle schaffen.

Aber ihr individuell habt euch jetzt nicht gewehrt, außer gekündigt oder rechtlich oder ähnliches?

Na, ich hab doch mal geklagt, gegen die Caritas. Da musste ich halt auch so einen Monat umsonst

arbeiten, da war eine normale Stelle ausgeschrieben, die wollten mich dann haben und dann hieß es

aber auf einmal, der erste Monat müsste halt umsonst sein. Also, das fand ich schon sehr merkwürdig,

weil halt auch Berufsanfänger aufgefordert waren, sich zu bewerben usw. und das stand alles in

der Ausschreibung drin vom Praktikum. Dann habe ich es aber halt natürlich gemacht, weil ich ja dann

den Job brauchte und habe auch meinen Praktikumsvertrag unterschrieben, dass ich halt kein Geld

bekomme, aber dann wie immer gleich festgestellt, ja vom 1., 2. Tag an voll Arbeitsstelle ersetzen.

Meine Vorgängerin war nicht da, ich hatte keinen Praktikumsbeauftragten, keinen Ansprechpartner,

musste mich alleine durchwurschteln und hab halt alles eigentlich gemacht. Ich wurde dann sogar

übernommen und hab das gleiche gemacht im ersten Monat wie in den Folgemonaten und habe

dann, als ich einen anderen Job gefunden hatte, dort gekündigt und habe dann geklagt. ...... (unverständlich)

Aber ich hatte da keine Unterstützung, ich habe mich selber vertreten. Ich fand’s aber cool, weil es

war das erste Mal, dass die überhaupt einem Praktikanten etwas zahlen mussten und hatten eben

auch Stress dadurch.

Also ich würde es auch jedem nur empfehlen, wenn mal also wirklich eine Stelle ersetzt, es sich also

definitiv nicht um ein Praktikum handelt.

Was ist für euch, oder was berichten euch auch andere, die Folge solcher Praktikalaufbahn, also

jetzt mal individuell gesehen für Lebensplanung, nicht nur psychologisch gedacht, sondern insgesamt

– hat das irgendwelche Folgen überhaupt oder hat es keine?

Also ich glaube, es schiebt sich alles nach hinten. In Deutschland ist man ja als Absolvent immer

schon etwas älter, ich meine gut, ich war 25, also noch relativ jung. Dann überlegt man sich natürlich

schon eine Familienplanung usw. Also wenn ich jetzt – ich bin jetzt seit 2 Jahren fertig, wenn ich jetzt

seit 2 Jahren einen richtig guten Job hätte, dann würde ich jetzt auch mal dran denken, vielleicht

schon mal Nachwuchs in die Welt zu setzen, aber so, wenn ich noch nicht einmal weiß, wie ich mich

selber finanzieren soll, wie soll ich denn dann noch Rente vorsorgen und noch für meinen Nachwuchs

sorgen können?

Also, ich glaube, solche Gedanken wie Familienplanung und diese ganzen Dinge, die sind erst einmal

beiseite geschoben. Und da sind auch viele traurig drüber, also, dass sie mit 30 immer noch in der

WG leben und nicht was sie sich vielleicht mit Diplom und 30 vorgestellt haben, dass sie auch keine

Familie planen können. Und das kann man halt nicht, wenn man für 500 Euro im Monat und nur für 6

Monate und dann weiß man eh nicht, was danach kommt. Aber das ist auch ein Problem bei den ganzen

befristeten normalen Verträgen, wobei da muss man auch irgendwann auch sagen, gut, Pech,

aber was soll ich machen, aber die Sicherheit ist eben schon weg. Das ist ja ganz anders als das bei

unserer Elterngeneration war.

40


369

370

371

372

373

374

375

376

377

378

379

380

381

382

383

384

385

386

387

388

389

390

391

392

393

394

395

396

397

398

399

400

401

402

403

404

405

406

407

408

409

410

411

412

413

414

415

416

417

418

419

420

421

422

423

424

425

426

427

428

429

Und Auswirkungen hat es ja auch insofern, dass sich die Praktika so ansammeln und das wird ja jetzt

angeblich auch schon schlecht im Lebenslauf bewertet. Wenn man also zeigt, dass man noch nie

übernommen wurde ... und das finde ich einfach so richtig fies. Also es einfach nicht mehr Fakt, das

liegt nicht an den Leuten.

Noch ganz kurz: Deshalb diese Debatte, die ja öffentlich geführt wird, warum Frauen immer weniger

Kinder kriegen, und vor allem Akademikerinnen – finde ich total verlogen, weil es ist einfach ganz klar

– unsere Chancen auf dem Arbeitsmarkt gerade so beschissen sind. Und wie soll man denn, wenn

man gerade mal einen Job hat, der vielleicht für 2 Jahre befristet ist, dann kriegt man bestimmt nicht

gleich als erstes ein Kind, denn dann wird er garantiert nicht verlängert. Also ich denke, es ist ganz

klar, woran das liegt, deshalb ist diese Debatte verlogen.

Nochmal zurück, warum man Praktika macht. Gibt es denn aus eurer Sicht bei den Aussichten,

der Lage auf dem Arbeitsmarkt und auch noch eine Anstellung noch einen Grund, ein Praktikum

zu machen?

Also, die Arbeit, die man da macht, die würde man ja gerne machen, aber die würde man natürlich

lieber bezahlt bekommen.

Ja, das ist ja auch so, also vielleicht gibt es ja auch Leute, die wirklich im Studium eigene praktische

Erfahrungen gesammelt haben. Diese Leute sollten so etwas natürlich machen, aber ich kenne eigentlich

niemanden, der während des Studiums mehrere Praktika gemacht hat oder gejobbt hat als

studentische Hilfskraft.

Die Leute, die jetzt in den Personalabteilungen sitzen und von uns verlangen, hier 10.000 Praktika

hintereinander zu machen, die haben vor 20, 30 Jahren haben die ja angefangen, die haben nie ein

Praktikum gemacht, die hatten auch keine Praxiserfahrung, das war völlig normal. Und das ist jetzt

halt wirklich nur durch die schlechte Arbeitsmarktlage so, dass man da so erpressbar ist.

Und auf der Podiumsdiskussion, da meinten die ja dann auch so, dass ja 250 Euro für einen Absolventen

schon gerechtfertigt sind, denn der hat ja noch keine Erfahrungen. Aber dann denke ich mir

auch so, man bringt ja schon Erfahrung mit, was hat man in der Uni gelernt – man kann sich schnell in

fremde Themen einarbeiten, man hat Berufserfahrung durch Praktika gesammelt oder vielleicht sogar

durch eine Lehre vor dem Studium, da gibt es genug, die schon einmal im Beruf standen und danach

dann eben studiert haben, und denen kann man nicht sagen, sie hätten keine Erfahrung.

Diese Argumente suggerieren ja sozusagen, die Hochschule wäre ein erwerbsfreier Raum und

würde völlig fernab der Erwerbsgesellschaft irgendwo sein. Stimmt das oder gibt es auch sozusagen

Anforderungen an das Hochschulsystem, die dieses Argument entkräften könnten?

Also wir hatten keine Pflichtpraktika, das wird jetzt aber bei diesen Bachelor-Sachen immer mehr gefordert,

dass man ein Pflichtpraktikum machen muss, aber ich kenne keinen Studenten, allein schon –

nicht jeder bekommt Bafög, nicht jeder wird durch die Eltern unterstützt, also viele müssen irgendwie

für ihren Lebensunterhalt aufkommen, und dann arbeiten die halt als studentische Hilfskraft in irgendeiner

Firma mit, also ich kenne eigentlich keinen Studenten, der noch nie einen Fuß in irgendeiner

Firma hatte, sei es als Praktikant oder studentische Hilfskraft, das ist doch lächerlich mit 25 oder so.

Und die Fachhochschulen die haben ja sowieso ihr Pflichtpraktikum, vier Monate. Also da passt es ja

auch überhaupt nicht.

Abschließend: Wie würdet ihr ein gutes Praktikum charakterisieren, was sollte im Vordergrund

stehen?

Wenn es wirklich ein Praktikum ist, ein gutes Praktikum, sollte meine Qualifizierung im Vordergrund

stehen, es sollte der Firma wichtig sein, dass ich etwas lerne, dass ich mich weiterbilde, dass ich vielleicht

neue Computerprogramm kennen lerne, die ich vorher nicht bedienen konnte. Natürlich will ich

auch interessante Dinge bearbeiten können, ich will nicht immer nur daneben sitzen, dafür bin ich

dann zu alt und habe zu viele Qualifikationen, aber es muss halt wirklich so sein, dass ich auch als

Praktikant gesehen werde und nicht als Vollmitarbeit in verantwortungsvoller Mitarbeit, denn dann ist

es einfach kein Praktikum. Außerdem sollte es immer bezahlt sein mit ungefähr 700 Euro, damit man

sich wenigstens finanzieren kann, es sollte nicht zu lange dauern, 3 Monate finden wir eigentlich optimal,

weil danach kennt dich die Firma, kann deine Arbeit einschätzen und wenn sie zufrieden sind,

dann sollen sie einen in eine normale Stelle übernehmen.

Und was wichtig ist, dass eben auch gesetzliche Regelungen eingehalten werden, weil in diesem

BBiG gibt es einen Paragraphen, in dem steht, dass Leute in anderen Arbeitsverhältnissen, also Praktikanten,

Volontäre usw., dass für die das Arbeitsgesetz genauso gilt wie für einen normalen Ange-

41


430

431

432

433

434

435

436

437

438

439

440

441

442

443

444

445

446

447

448

449

450

451

452

453

454

455

456

457

458

459

460

461

462

463

464

465

466

467

468

469

470

stellten. Überstundenregelungen, Urlaubsregelungen, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Arbeitszeitregelungen,

diese ganzen Dinge müssen einfach für den Praktikanten auch gelten.

Dann sollten nicht so Geschichten passieren wie bei mir, wo ich mich ärgere, dass ich damals nicht

direkt gekündigt habe, als mein Großvater gestorben ist und ich dann, um auf die Beerdigung fahren

zu können, einen Urlaubstag nehmen musste. Dabei habe ich dann Null Eure verdient, habe 45 Stunden

die Woche gearbeitet, obwohl 40 Stunden im Vertrag stehen, diese Überstunden wurden niemals

ausgeglichen, es gab sogar eine Klausel im Vertrag „Überstunden sind mit dem Arbeitsgehalt abgegolten“.

Das ist auch nicht erlaubt, denn Überstunden dürfen nur Leute in leitenden Funktionen nicht

ausgezahlt bekommen. Da ist man einfach zu naiv.

Zum Beispiel die eine, die bei uns angerufen hat, die macht gerade ein Praktikum und hat jetzt Aussicht

auf einen richtigen Job und will jetzt zu einem Vorstellungsgespräch, ob sie jetzt einfach hingehen

darf, ob sie dafür frei bekommt, solche Dinge, das sind einfach ....

Oder Kündigungsfristen, eine hatte nicht mal ein Vertrag in ihrem Praktikum, hatte auch kein Geld

bekommen, hätte dann auch die Chance gehabt, einen anderen Job anzunehmen, da hat ihr der

Praktikumsbetrieb eingeredet, sie hätte 4 Wochen Kündigungsfrist, und wenn sie klage ...

Aber gut, die Leute sind wirklich anscheinend auch etwas blauäugig, die glauben das immer, deshalb

finde ich den Aufklärungsaspekt auch sehr wichtig, die Leute über ihre Rechte auch aufzuklären.

Ich fänd es gut, wenn ihr wirklich mal Zahlen und Statistiken ermittelt, weil man kriegt immer gesagt,

seid ihr denn sicher, dass es solch einen Umfang hat - wir können es nicht belegen, aber wir kriegen

eben diese ganzen E-Mails und wir sehen, das sind 1000 Firmenpraktikanten.

Eins vielleicht noch, was uns auch oft vorgeworfen wird, dass eben ja die Unternehmen nicht einfach

jemanden einstellen können – dafür gibt es ja die Probezeit. Das war schon immer so, Unternehmen

mussten immer jemanden einstellen, wo sie nicht wussten, wie er ist, das ist halt das Risiko und dafür

gibt es die Probezeit, wie gesagt. Man kommt sich irgendwie so vor, man kommt von der Uni und man

könnte nix...

Ich finde, ein Studium ist in Deutschland im Moment einfach gar nichts mehr wert, man wird behandelt

wie ein Arsch ... Man spricht auf der einen Seite immer von der Elite, die studiert hat, auf der anderen

Seite wird verlangt, dass man für Null Euro arbeiten soll... Also ein Studium kann man sich in Deutschland

im Moment echt schenken. Weil man steht absolut nicht besser da als die Azubis nach ihren

Ausbildungen. Nach einer Ausbildung ist es für die Leute ja auch schwer, einen Arbeitsplatz zu finden.

Aber wir haben so das Gefühl, entweder die finden halt einen Arbeitsplatz oder sie finden keinen. Aber

es gibt nicht diese komische Zwischenform des unbezahlten Arbeitens. Einem Maurer wird nicht gesagt

„Jetzt bauen Sie erstmal 4 Monate umsonst, ziehen sie mal ein paar Mauern hoch und dann gucken

wir mal“. Also das gibt’s doch gar nicht. Das lassen nur die Akademiker mit sich machen. Ja weil

die wahrscheinlich auch zu stolz sind, sich arbeitslos zu melden. Weil es ihnen ja auch nichts bringt,

sich arbeitslos zu melden, denn sie kriegen ja keine Unterstützung. Dieses arbeitslos melden macht

wirklich keinen Sinn, weil es macht viel mehr Sinn, ich bleibe eingeschrieben, dann kriege ich wenigstens

.... relativ günstig und kann mich bei der Krankenkasse noch günstiger versichern. Wenn ich mich

arbeitslos melde, habe ich ja gar nichts, ich kriege kein Geld und habe die ganzen Vergünstigungen

nicht mehr, deshalb macht das keiner hier. Deshalb sind diese Statistiken auch nicht aussagekräftig

42


1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

40

41

42

43

44

45

46

47

48

49

50

51

52

53

54

55

56

57

58

59

60

4) Interview mit Praktikantin

Welche Berührungspunkte hast du mit diesem Thema, hast du Erfahrungen mit Praktika gemacht

und wenn ja, welche?

Ja, ich habe einige gemacht. Nach meinem Studium habe ich nicht gleich sofort, aber relativ kurz darauf,

einige Praktika gemacht, weil ich irgendwo beruflich einsteigen wollte, wo ich vorher noch nicht so

wahnsinnig viel gemacht hatte. Das heißt, ich habe zwei unbezahlte Vollzeit-Praktika gemacht, eines

war sechs Wochen, bei der Zitty, das andere waren sogar drei Monate bei einer Rundfunkproduktionsfirma.

In der Situation, als ich die Praktika gemacht habe, habe ich mich nicht in dem Sinne ausgebeutet

gefühlt, insofern als die Arbeitsbedingungen eigentlich fair waren und dem angemessen, was ich

erwartet hatte und es hat mir zumindest in dem einen Fall auch einen Einstieg ermöglicht oder einen

Teileinstieg, nämlich bei der Zitty, in dem anderen Fall nicht so, aber trotzdem würde ich sagen, also

gerade diese drei Monate Praktikum ist einfach zu lang, das haben auch die Leute dort selbst gesehen,

mit denen ich zusammengearbeitet habe.

Du hast einen Hochschulabschluss?

Ja. Ich habe das auch alles nach meinem Hochschulabschluss gemacht. Ich habe dann auch noch ein

Praktikum gemacht, das war allerdings bezahlt, wenn auch nicht besonders gut, beim Kulturradio.

Eigentlich habe ich auch sogar noch ein viertes Praktikum gemacht, beim Uni-Radio, das war direkt

nach meinem Studium, nur da habe ich, das war kein Praktikum, da habe ich so zwei bis drei Tage

pro Woche etwas gemacht und nebenbei noch gearbeitet.

Hast du mittlerweile einen Job?

Nein, ich habe verschiedene freie Mitarbeiten.

Das heißt sozusagen, du hast zwischendurch noch nicht sozialversicherungspflichtig gearbeitet?

Nein, habe ich nicht. Ich hatte halt einen Studentenjob während meines Studiums, also die letzten 2

Jahre während meines Studiums und da habe ich ein halbes Jahr nach meinem Studium immer noch

gearbeitet, auch immer noch auf Studentenbasis, also ich habe mich wieder eingeschrieben usw.,

sozusagen offiziell war das eigentlich eine Vollzeitstelle irgendwann oder zwischendurch auch schon

mal, während ich noch studiert habe, aber inoffiziell lief das eben unter „studentische Hilfskraft“ sozusagen.

Nur in dem Bereich wollte ich halt nicht voll beruflich einsteigen, hätte ich dort machen können,

aber ...

Warst du denn in den Praktika komplett in den Betriebsablauf eingebunden, also die Frage zielt so

ein bisschen in die Richtung, war es eine sinnvolle Erfahrung, und es war mir eigentlich auch egal

mit dem Geld, oder hast du schon das Gefühl gehabt, ich bin komplett eingebunden und bin eigentlich

sozusagen eine Vollzeitkraft?

Nein, das hatte ich am ehesten bei dieser Rundfunkproduktionsfirma, war aber in dem Fall aber eigentlich

insgesamt nicht so. Ich habe alles eigentlich hauptsächlich mit dem Ziel gemacht, also es war

mir auch klar, dass es in dem Bereich keine festen Jobs gibt, sondern es war eigentlich eher mit der

Perspektive, eine freie Mitarbeit da vielleicht irgendwo machen zu können.

War das sozusagen Sinn und Zweck deiner Praktika-Tätigkeit?

So in etwa, ja.

Also sozusagen Berufseinstiegs...

Ja, also dazu muss man halt auch sagen, dass das eben auch so ein Problem speziell im Medienbereich

ist, also dadurch, dass es eben extrem wenig, also vor allem im engeren journalistischen Feld,

Festanstellungen gibt, ist man halt, wenn man sich auf diesen Bereich einlässt, weiß man schon von

vornherein, dass so etwas dort irgendwie nicht möglich ist, und trotzdem sehe ich es als problematisch

an, dass, selbst wenn da die Notwendigkeit besteht, an allen möglichen Enden zu sparen, ir-

43


61

62

63

64

65

66

67

68

69

70

71

72

73

74

75

76

77

78

79

80

81

82

83

84

85

86

87

88

89

90

91

92

93

94

95

96

97

98

99

100

101

102

103

104

105

106

107

108

109

110

111

112

113

114

115

116

117

118

119

120

121

122

gendwie ein bisschen symbolisches Geld könnte man den Leuten trotzdem bezahlen. Also zum Beispiel

bei der Zitty ist es halt auch so, dass man auch seine Artikel nicht bezahlt bekommt, solange

man als Praktikant dort arbeitet, was die Redakteure auch eigentlich total daneben finden, aber die

Geschäftsführung hat das halt immer so...

Wo würdest du denn die Abgrenzung zu einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung sehen,

zwischen dem, was du gemacht hast, und dem, was die Mitarbeiter, die dort fest angestellt

sind, gemacht haben?

Ich habe halt eigentlich, wenn ich jetzt noch einmal das Beispiel Zitty nehme, dann habe ich dort während

meines Praktikums auch nicht so viele andere Sachen gemacht, als die, die ich jetzt mache,

nämlich Artikel schreiben, also ich habe vielleicht noch ein paar andere Sachen gemacht. Der Unterschied

zu dem Redakteur, der dort fest arbeitet, ist in dem Fall natürlich, dass der Redakteur die Verantwortung

hat und die habe ich in dem Fall nicht, aber die hat auch ein freier Autor nicht, der da Artikel

abliefert. Insofern ist also dieser Bereich vielleicht ein bisschen problematisch. Ich glaube, das sind

auch viele Bereiche, in denen man halt mit den Kategorien von sozialversicherungspflichtiger Vollzeitarbeit

und nicht sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung teilweise nicht mehr richtig operieren

kann.

Wie war das Verhältnis in den Betrieben zwischen Praktikanten, waren da viele Praktikanten oder

waren es mehr Leute, die Vollzeit arbeiten?

Also bei den meisten Praktika, also bei der Zitty und beim Kulturradio war es so, dass ich die einzige

Praktikantin war, wobei sie jetzt bei der Zitty auch immer zwei parallel haben, also insofern hatte man

als Praktikant die volle Aufmerksamkeit. Bei dieser Rundfunkproduktionsfirma war es ein bisschen

anders, sie hatten immer gleichzeitig drei Praktikanten und eben nur zwei feste Redakteure. Da muss

ich schon sagen, dass es da so ein bisschen in die Richtung ging, klar die Redakteure hätten diese

Sendungen, die da vorbereitet wurden, die hätten es natürlich alles irgendwie schneller gemacht als

die Praktikanten usw., aber trotzdem haben da die Praktikanten einen erheblichen Teil der Arbeit gemacht,

würde ich doch sagen. Obwohl das Klima da angenehm war und man sich da irgendwie wohl

gefühlt hat, würde ich trotzdem sagen, dass es einfach so in dem Verhältnis, sagen wir mal, nach

maximal zwei Monaten, hätte man da auch die Abläufe durchschaut, und dieser dritte Monat zum

Beispiel, hätte man auch als Praktikant, würde ich auch im Nachhinein sagen, hätte ich dann auch

irgendwann sagen können natürlich, ich mach das jetzt nicht mehr weiter, aber andererseits war es

halt irgendwie auch, irgendwie war die Situation halt auch gerade so, dass man sich auch relativ wohl

gefühlt hat usw.

Wie ist deine Erfahrung auch mit den Arbeitgebern gewesen, also du hast jetzt gesagt, es war für

dich eine Chance, in den Beruf einzusteigen, und in dem Bereich ist es auch einfach so, dass man

dann da rein rutscht, hat das dazu geführt, dass vom Arbeitgeber eine Perspektive darüber auch

aufgemacht wurde, gab es Versprechungen oder ist es das einfach sozusagen der allgemeine

Schein der Medienwelt, die so etwas suggeriert?

Naja, also ich glaube nicht, dass das so ein Schein der Medienwelt ist, weil ich sehr viele Geschichten

von anderen Leuten gehört habe, bei denen es so gewesen ist. Also in den Bereichen ist es nicht so

gewesen, weil da einfach, also da wurden Perspektiven auf freie Mitarbeiten irgendwie eröffnet, aber

auf Festanstellung nicht, war auch klar. Wobei man da halt auch sagen muss, dass man eben in diesen

Bereichen, man hat ja mit seinen, wenn du so willst, Arbeitgebern, im engeren Sinne nie wirklich

etwas zu tun, sondern eben mit den Redakteuren, die da auch angestellt sind und die meistens einen

mindestens genauso kritischen Blick auf die ganzen Sachen haben, die man selber ...

Wie ist aus deiner Erfahrung - du hast gesagt, du hast unterschiedliche Zeiträume Praktika auch

gemacht, so für die Erkenntnis im Betrieb und auch eine Selbstbestätigung zu wissen auch einen

Lernprozess abzuschließen – wie lange sollte so ein Praktikum aus deiner Sicht dauern?

Ich glaube, je nach Betrieb, denke ich mal, das zwei Monate oft eigentlich ausreichen. Wenn es halt

darum geht, im Praktikum ein Arbeitsfeld oder wie auch immer kennen zu lernen, also Praktika, die

man halt nach dem Studium macht, die haben ja eigentlich noch nicht mal so richtig diese ....? .... also

meine Praktika haben teilweise auch nicht dazu gedient, dass ich da noch irgendwie großartig viel ...

Also ich frage dich einfach mal auf den Kopf zu: Es wird ja nun vielfach in den Medien davon berichtet,

dass solche Praktika-Laufbahnen Ausbeutung nach sich ziehen und unbezahlte Arbeit für

44


123

124

125

126

127

128

129

130

131

132

133

134

135

136

137

138

139

140

141

142

143

144

145

146

147

148

149

150

151

152

153

154

155

156

157

158

159

160

161

162

163

164

165

166

167

168

169

170

171

172

173

174

175

176

177

178

179

180

181

182

183

184

viel Arbeit beinhalten, hast du die Erfahrung auch gemacht oder ist das aus deiner Sicht eher eine

Chimäre und ist das sozusagen ein Einzelfall, der mal vorkommt – hast du die Erfahrung gemacht

oder nicht?

Ich persönlich würde sagen, dass ich sie so extrem nicht gemacht habe, aber ich glaube halt auch,

dass da lange Zeit, also ich selbst bin wahrscheinlich auch damals noch nicht so sensibilisiert darauf

gewesen, weil einfach, also ich glaube nicht, dass das Ganze eine Chimäre ist sozusagen, weil, also

es hat sich irgendwie aus dieser Arbeitsmarktlage irgendwie immer so weiter dahin entwickelt, dass

dieses Prinzip der Praktika immer weiter Überhand nimmt, das sehe ich schon so, und das ist ja eigentlich

auch nicht wirklich normal, dass man nach seinem Studium irgendwie dann, also dass einem

auch irgendwo schon suggeriert wird, dass man nach seinem Studium eigentlich erstmal noch nichts

kann sozusagen, sondern irgendwie noch Praktika machen muss usw. Ich meine, wenn das so die

Sicht ist, dann müsste man halt sagen, o.k. dann muss man für solche Studiengänge wie Geisteswissenschaften

oder so Pflichtpraktika während des Studiums schaffen.

Also du würdest schon sagen, dass es da eine Entwicklung gab, nach dem Hochschulabschluss

sozusagen, dass die Einstiegsfrage eine andere geworden ist und ausdifferenziert worden ist und

insofern ist ein Praktikum bzw. mehrere Praktika ein Phänomen einer solchen Entwicklung sind?

Wie meinst du das jetzt?

Na, dass sozusagen insgesamt nicht die Erwerbsläufe ausdifferenzieren und damit man sowie

nicht direkt von der Uni in den Job reinkommt, sondern ganz unterschiedliche Karrierewege stattfinden,

oder ist das jetzt zu viel interpretiert?

Ja, die finden schon statt, aber das ist nicht unbedingt, aber das finde ich nicht besonders positiv.

Warum nicht?

Weil es einfach eine ziemlich große Unsicherheit schafft, in der einem auch nicht wirklich jemand weiterhelfen

kann, weil einfach, das ist so, diese Ausdifferenzierung, für die gibt es irgendwie eigentlich

auch noch keine wirklichen Möglichkeiten, einem da irgendwo Hilfestellungen zu geben oder wie auch

immer, also man fühlt sich da ziemlich allein gelassen. Also ich mich auch, und ich meine, wenn man

jetzt so verschiedene Mitarbeiten hier und da macht, dann ist man irgendwann auch, man dreht total

durch, man muss irgendwie eigentlich ganz viele verschiedene Sachen irgendwie im Kopf haben, man

hat drei verschiedene Arbeitsplätze oder wie auch immer, und müsste eigentlich auch noch viel mehr

machen, um sich irgendwie über Wasser halten zu können, und ...

Wie meistert man so eine große Unsicherheit, wie meistert man das finanziell – auf der einen Seite

– auf der anderen Seite ist es natürlich auch, man will ja irgendwie einen Berufseinstieg finden,

ja wie meistert man dies?

Bei mir ist das ja auch längst noch nicht abgeschlossen, also ich meine, irgendwie mache ich zwar so

einige Sachen, aber ich kann davon, finanziell war es bei mir so, dass ich mir halt während meines

Studiums und dann eben in der Zeit danach, bei dem Job, den ich damals hatte, Geld angespart habe,

was ich dann auch erst einmal in der Zeit, als ich Praktika gemacht habe, verwendet habe. Jetzt

bin ich irgendwie auf einem Level, wo ich mich mit meinen freien Mitarbeiten so halbwegs über Wasser

halten kann bzw. auf einem ziemlich niedrigen Niveau, ohne großartig für etwas anderes Geld

auszugeben als Miete und Essen und mal etwas Trinken gehen oder so. Wobei ich auch sagen muss,

es geht auch nur deswegen so, weil der öffentlich-rechtliche Rundfunk eine ganz gute Zahlungsmoral

hat, wobei ich da jetzt auch mittlerweile mitkriege, dass die anscheinend sich auch immer weiter, klar

also da wird auch sehr viel gespart insgesamt, bisher haben die Praktikanten da zumindest Geld bekommen,

angeblich soll das jetzt auch gestrichen werden... Aber jedenfalls kann man als freier Mitarbeiter,

sagen wir mal so, man wird einigermaßen angemessen bezahlt.

Hast du drei oder vier Praktika gemacht?

Wenn du so willst, drei einhalb.

Uns interessiert natürlich auch, sind überhaupt Praktika förderlich für einen Berufseinstieg? Wenn

du dich woanders bewirbst, gibst du dann alle Praktika an, die du gemacht hast, oder wie gehst du

da vor?

45


185

186

187

188

189

190

191

192

193

194

195

196

197

198

199

200

201

202

203

204

205

206

207

208

209

210

211

212

213

214

215

216

217

218

219

220

221

222

223

224

225

226

227

228

229

230

231

232

233

234

235

236

237

238

239

240

241

242

243

244

245

246

Bisher, wenn ich mich beworben habe, dann habe ich sie angegeben. Ich habe auch noch nicht so

wahnsinnig viele Bewerbungen geschrieben, einfach auch deswegen, weil es irgendwie so gut wie

keine bzw. nur sehr wenige Stellen gibt, für die ich überhaupt irgendwie mich bewerben kann und/oder

will. Ich habe sie dann angegeben, aber ich habe bisher auch immer nur Absagen bekommen.

Unsere Frage war auch noch, wie sind Praktika für den Berufseinstieg förderlich?

Also, Praktika dienen hauptsächlich dazu, Kontakte zu knüpfen.

Würdest du das zentral oder eher die Lernleistung als zentral bewerten?

Also bei mir war das eher zentral, die Kontakte.

Nun ist natürlich die Berufseinstiegsphase – wie lange bist du jetzt, wann bist du fertig geworden?

Vor über zwei Jahren schon.

Genau, es ist also schon zwei Jahre her – das verzögert natürlich auch Lebensplanung in gewisser

Weise. Was hättest du gemacht, angenommen, du hättest direkt einen Berufseinstieg gefunden,

sozusagen sind Lebensplanungen, sei es eine Weiterbildung, weiteres Studium wie auch

immer, Kinderplanung unter Umständen – sind die verschoben worden oder hat das überhaupt

keine Auswirkung gehabt, du sagst, du bist jetzt in dem Punkt drin, und das ist auch o.k., und man

versucht sich jetzt durchzuschlagen?

Naja, Kinder habe ich nicht geplant, will ich auch nicht wirklich. Weiterbildung usw. wäre irgendwie

schon ganz schön, ist aber auch eine Frage, also die Weiterbildungsmöglichkeiten, die etwas bringen

würden oder von denen ich mir erwarten würde, dass sie mir etwas nützen würden, die wären einfach

auch zu teuer und irgendwie ein Aufbaustudium oder so etwas, das habe ich zumindest nach meinen

Studium erst einmal beschlossen, dass ...?... Und wie man das bewältigt, also ich muss auch sagen,

ich habe auch sehr stark mit Depressionen zu kämpfen und bewältige das teilweise auch nicht so gut.

Würdest du sagen, du hast diesen Weg so gewählt und das ist jetzt eine Phase, wo man auch von

Unsicherheit geprägt ist, aber es ist auch eine Zwischenphase und du hast Spaß daran, das kann

ja durchaus sein, oder würdest du es eher als etwas Negatives wahrnehmen oder wie würdest du

es sozusagen bezeichnen, auch die vielen Praktika und die entsprechende Arbeit, die du ja schon

abgeleistet hast und die Arbeitsleistung dazu?

Also wie meinst du jetzt das bewerten?

Nimmst du es als negativ wahr, dass du so viele Praktika gemacht hast und ist das für dich o.k.,

das ist das Leben und dann ist alles gut?

Naja, eine Zeit lang war das so, dass ich versucht habe das so zu sehen, mittlerweile tue ich das nicht

mehr eigentlich.

Ich meine, das ist abhängig von der Menge dieser Zeit.

Ja, das auch. Mittlerweile würde ich sagen, dass ich einiges anders machen würde, also einige von

den Praktika würde ich jetzt auch nicht mehr machen, speziell diese Rundfunkproduktionsfirma, weil

da hätte man sich schon gut denken können vorher, dass man da auch nicht in freier Mitarbeit etwas

würde machen können und das waren einfach drei Monate – obwohl es irgendwie nett war - ...

Im Freundeskreis, kommt es da häufiger vor?

Dass Leute Praktika machen? Ja – doch, kommt häufiger vor, also diejenigen, die nicht probieren und

... haben wahrscheinlich in zwei Jahren die gleiche Situation.

Du hast gesagt, du hast das Geld erspart vorher – kannst du aus deinem Freundeskreis, deinem

Bekanntenkreis berichten oder vielleicht auch von dir selbst noch, wie halten die anderen Leute

sich über Wasser, hast du noch staatliche Gelder, Geld von den Eltern, wo auch immer her?

46


247

248

249

250

251

252

253

254

255

256

257

258

259

260

261

262

263

264

265

266

267

268

269

270

271

272

273

274

275

276

277

278

279

280

281

282

283

284

285

286

287

288

289

290

291

292

293

294

295

296

297

298

299

300

301

302

303

304

305

306

307

Ich hätte theoretisch die Möglichkeit, Geld von meinen Eltern zu bekommen. Es wäre da, ich habe es

bisher nicht in Anspruch genommen. Ich weiß halt nicht so genau, wie lange ich mich noch oder ob es

irgendwann besser geht, das kann ich im Moment nicht sehen. Andere Leute, naja, verschiedenste

Mittel. Viele haben irgendwie vorher gejobbt und dann Praktika gemacht, oder haben jetzt auch mittlerweile

drei verschiedene Jobs, wovon dann auch mindestens zwei nicht so wahnsinnig toll sind.

Oder die Leute, die promovieren, die bekommen natürlich dann ihre Stipendien.

Würdest du sagen, dass die Lage auf dem Arbeitsmarkt der Grund dieser Geschichte ist oder ist

das in deinem Medienbereich einfach so und dass sozusagen die Zukunft ..?.., oder gibt es einen

bestimmten Druck durch die Lage auf dem Arbeitsmarkt, sich in solche Praktika zu orientieren?

Oder es geht auch um Abgrenzung dazu, dass du von der Universität so wenig mitbekommen

hast, dass ohne ein Praktikum oder mehrere Praktika so gar nicht wüsstest, wohin?

Ich glaube halt, dass die Universität, das stimmt schon, dass ich glaube, dass man da jetzt nicht eben

wirklich viel mitbekommt, was sich auch ein bisschen vielleicht auch ändert jetzt inzwischen, es gibt ja

auch immer mehr ...?.... Trotzdem, speziell das geisteswissenschaftliche Studium ist einfach kein berufsvorbereitendes

Studium in dem Sinne mit dem, glaube ich, dass man halt auf so einer Basis man

sich auch irgendwie in verschiedene Arbeitsverhältnisse einarbeiten kann. Also zum Beispiel der Job,

den ich vorher gemacht habe und wo ich ja auch theoretisch hätte Vollzeit arbeiten können, das war

eine Vermittlung für Studium im Ausland, das war jetzt kein Problem, sich da als Geisteswissenschaftler

reinzuarbeiten oder so. Es ist eben die Frage, für welche Berufsfelder es überhaupt irgendwie eine

gezielte Ausbildung gibt, also das wird ja auch immer weniger eigentlich.

Du hast ja auch Arbeitsergebnisse abgeleistet – fühltest du dich da entsprechend honoriert, weil

Geld hast du ja nicht bekommen, also sozusagen, fühltest du dich auch akzeptiert im Arbeitsumfeld

oder warst du der kleine Kopierer, oder wie ist das gelaufen?

Nein, man hat schon für das, was man abgeliefert hat, irgendwie Anerkennung oder Lob bekommen,

aber man war natürlich nicht gleichwertig mit dem Leuten, die da fest arbeiten, sondern es war schon

eher das Gefühl, dass man dort abliefert und ein bisschen schon noch ..?..

Wie würdest du denn ein gutes Praktikum charakterisieren, also sozusagen das Leitbild, das Idealbild?

Das sollte eigentlich nicht unbedingt nach dem Studium stattfinden, sondern vorher, ich meine, ich

habe es natürlich auch gemacht, insofern kann man mir jetzt halt auch vorwerfen, dass ich mich darauf

eingelassen habe, das sehe ich ja auch so, aber das ist ja auch irgendwie die Zwickmühle, in der

man da ist, also man sieht da eigentlich eine Situation, die man dann auch vor allem jetzt, je länger

das geht, umso mehr kritisch betrachtet, und man hat es aber trotzdem irgendwie halt gemacht... Also

jedenfalls sollte es eigentlich während des Studiums stattfinden, man sollte, egal, wie viel oder wenig

man macht, man sollte wenigstens ein bisschen bezahlt bekommen, also komplett unbezahlte Praktika

sind eigentlich nicht in Ordnung. Man sollte, etwas abstrakt gesprochen, einen Einblick bekommen

in die Struktur von dem Unternehmen oder der Firma oder der Stelle, wo man arbeitet, und in die Abläufe

so gut wie möglich integriert werden, obwohl das halt, ist klar, wenn man dort nur zwei Monate

ist, dann kann auch nicht wirklich integriert werden und man sollte Dinge vermittelt bekommen, es

sollte einem etwas beigebracht werden, das ist bei meinen Praktika auch nicht unbedingt der Fall gewesen,

einfach weil man auch oft das Gefühl hat, das da nicht die Zeit dafür ist, was glaube ich auch

bei den wenigsten Praktika, zumindest die ich, von denen ich gehört oder erlebt habe, wirklich der Fall

ist. Ja, so ungefähr, und vor allem, wie gesagt, denke ich nicht unbedingt, dass ...

Also würde ich sagen, die Praktika, wenn, dann sollen sie im Studium laufen, sozusagen, der Praxisbezug

soll im Studium passieren?

Ja.

Hast du noch etwas zu sagen?

Ja, es ist zur Zeit, also ihr habt das jetzt relativ stark auf Praktika usw. zugeschnitten, aber ich glaube

halt, dass dieses Problem auch noch viel weiter geht, also eben auch noch sich auf freie Mitarbeiten

oder überhaupt Selbstständigkeit usw. ausweitet, und ich sehe da halt irgendwie gerade für selbstständige

Leute oder Leute, die eben nicht nur selbstständig sind in einem Bereich, sondern diverse

47


308

309

310

311

312

313

314

315

316

317

318

319

320

321

322

323

324

325

326

verschiedene Sachen machen, dass das halt ein Phänomen ist, wo irgendwie noch nicht irgendwas

da ist, also Unterstützung weder in finanzieller noch in anderer Hinsicht ...

Hast du den Erfahrungen, wie lange überhaupt so eine Berufseinstiegsphase dauert?

Naja, teilweise habe ich das Gefühl, das dauert, also von meinen Freunden ist eigentlich noch keiner

in einem festen Beruf angekommen, und irgendwie habe ich so ein bisschen die Zweifel, ob das überhaupt

passiert. Also es liegt natürlich auch daran, dass eine Reihe von meinem Freunden noch promovieren.

Also Praktikum ist da nur ein Phänomen, Randphänomen, Massenphänomen, wie ist deine Einstellung

dazu?

Also ich glaube, dass das schon irgendwie ziemlich, naja ich glaube, das ist nicht ein Randphänomen,

sondern schon ein ziemlich wichtiges. Es ist also eines von vielen verschiedenen, nur ich glaube irgendwie

auch doch eines, ....

Das ist auch ein wichtiger Hinweis, weil das auch die Erkenntnis aus anderen Interviews ist, also

klar diese Praktika, aber insgesamt ist diese Berufseinstiegsphase prekär.

48


1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

40

41

42

43

44

45

46

47

48

49

50

51

52

53

54

55

56

57

58

59

60

5) Interview mit Praktikaanbieter, PR-Agentur

Interviewer:

Zu den Rahmenbedingungen: Wie viele PraktikantInnen haben sie, wie sieht die Vergütung aus, welcher

Art von Arbeitverhältnis begründet ihre Tätigkeit?

Agentur:

Zurzeit haben wir vier Praktikanten, wollen aber immer fünf haben. Wir zahlen Praktikanten 325 Euro

pro Monat.

Interviewer: Was haben diese für Arbeitszeiten?

Agentur:

Sie haben normale Arbeitszeiten wie die anderen Beschäftigten auch. Das bedeutet bei uns von 9 bis

19 Uhr. Leider ist es durch die Kundengeschäfte so, dass viele feste Mitarbeiter immer länger bleiben.

Allerdings achten wir bei Praktikanten sehr darauf, dass sie rechtzeitig nach Hause gehen. Es kann

aber durchaus mal ein bisschen später werden, aber wir geben uns Mühe, dass alle Praktikanten wirklich

um 19 Uhr das Büro verlassen.

I: Erhalten die Praktikanten Praktikumszeugnisse?

A:

Ja es gibt Praktikumszeugnisse. Die erstelle ich in Absprache mit den Projektleitern, die für die Praktikanten

verantwortlich sind und wo die Praktikanten in Teilprojekten mitgearbeitet haben. Dann setzen

wir uns zusammen und die erstellen meist einen Tätigkeitsbericht. Ich fülle dann in Absprache mit den

Projektleitern das gesamte Zeugnis aus. Gerade auch der allgemeine Bewertungsteil nach „Führung“,

„Verhalten“ usw. das machen wir dann immer zusammen.

I: Wie verhält sich das mit der Länge des Praktikums?

A:

Minimum sind drei Monate. Wenn es einmal Bewerber gibt, die ein offizielles Praktikum für sechs Monate

machen müssen oder auch fünf, dann sagen wir von vornherein: Wir bieten euch erst mal drei

Monate an. Wir schreiben aber in den Praktikumvertrag, den auch jeder Praktikant bei uns bekommt,

rein, dass wir uns nach vier Wochen noch mal zusammensetzen und dann über die endgültige Praktikumzeit

entscheiden. Das hat zwei Vorteile: Der ein ist: Der Praktikant kann selber gucken, gefällt mir

das überhaupt in der Agentur, ist es das, was ich mir vorgestellt habe oder nicht? Und zum anderen

können wir aber auch gucken. Ist derjenige so gut, wie wir uns das erhoffen. Zum Glück haben wir da

immer ein gutes Händchen gehabt. Wir haben derzeit zwei Praktikanten, die sechs Monate bei uns

sind.

I.: Sie haben von einem Praktikumvertrag gesprochen. Was ist darin geregelt?

A.:

Die Praktikumverträge sind wie die für die festen Mitarbeiter. Wir machen keine Unterschiede bei

Praktikanten zu feste Mitarbeitern. Zum Beispiel was Vertraulichkeit angeht, die Nutzung der Ausstattung

angeht. Da wird die Arbeitszeit geregelt, die Vergütung, usw.usf, weil wir der Meinung sind, dass

ein Praktikum nur dann wirklich etwas bringt, wenn sich Praktikanten als Teil des Teams fühlen. Das

bedeutet vom ersten Tag an erfahren Praktikanten auch alles von internen Sachen. Wie viel verdienen

wir mit den Kunden, was ist hier problematisch, was muss bei bestimmten Projekten einfach beachtet

werden, oder was darf ich auch draußen erzählen?

I.: Wie viele Praktikanten haben Sie aus dem Bereich der Hochschulabsolventen?

A.:

Wir schalten regelmäßig Anzeigen im Internet, dass wir Praktikanten suchen. Da ist bei uns auch aufgeführt,

was wir erwarten, was die mitbringen sollten. Wir suchen eigentlich immer Studenten, die ihr

Grundstudium hinter sich haben. Ausnahmen bestätigen die Regel. Eine Dame, die hier gerade ist,

fängt grad erst ihr Studium an. Die ist 19. Sie hat sich beworben und ist über Beziehungen hierher

49


61

62

63

64

65

66

67

68

69

70

71

72

73

74

75

76

77

78

79

80

81

82

83

84

85

86

87

88

89

90

91

92

93

94

95

96

97

98

99

100

101

102

103

104

105

106

107

108

109

110

111

112

113

114

115

116

117

118

119

120

121

122

gekommen. Wir haben gesagt, wir schauen sie uns an und die hat sich wirklich super behauptet. Genauso

haben wir auch manchmal Praktikanten, die auch fertig sind mit dem Studium, aber es ist eher

die Ausnahme.

I.: Was versprechen sie sich von Praktikanten? Welche Tätigkeiten übernehmen diese und welchen

Nutzen haben diese für das Unternehmen?

A.:

Wir versprechen uns von Ihnen, dass sie in dem Projekten.. Ich muss anders anfangen. Wir haben

eine Teamstruktur mit vier Projektleitern und darunter einen Pool von weiteren Mitarbeitern. Vom Berater

bis zum Praktikanten, die werden auf die einzelnen Kundenprojekte eingesetzt. Wir versprechen

uns von den Praktikanten, dass sie als Teil des Teams zum einen die Projektleitungen bei den administrativen

Sachen, z.B. Recherchen, Aufbereitungen, Präsentationen usw., unterstützen. Zum Anderen

wenn wir Projekte haben, die über eine längere Zeit laufen, und wir wissen, da passt es auch thematisch

sehr gut zusammen, dann begleiten die Praktikanten das Projekt am Anfang bis zum Ende

mit. Sie machen da nicht so die typischen Praktikantentätigkeiten, sondern auch wirklich ein bisschen

mehr. Beispiel: Wir haben dieses Jahr für einen Kunden ein Projekt gemacht und haben drei Monate

vorher einen Praktikanten, der Politik studiert, hat die Diplomarbeit über dieses Thema geschrieben.

Das war übrigens auch einer, der fertig war mit dem Studium. Da haben wir gesagt, das passt ja super

und so haben wir ihm gleich einen vier-Monatsvertrag gegeben. Der war von der Grundkonzeption

inklusive Medienarbeit, Sponsoren akquirieren, der war selbst bei den Projektsitzungen mit dem Kunden

dabei und hat als Ansprechpartner vor Ort gedient. Er hat bis zur Auswertung und zur Zusammenstellung

der Dokumentation das komplette Projekt begleitet. Man kann sagen wie ein normaler

Mitarbeiter auf Voluntärsebene.

Wir versprechen uns aber hauptsächlich die Zuarbeit der Projektleitung und Unterstützung der anderen

Mitarbeiter.

I.: Sie tragen aber in den jedem Falle auch zum Betriebsergebnis bei?

A.: Ja.

I.: Wo würden Sie denn dann die Abgrenzung zu einem normalen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnis

ziehen?

A.:

Wirklich schwere Frage. Es kommt darauf an, wie die Praktikanten selbst sind. Das sagen wir den

Praktikanten auch in der Bewerbungssituation schon. Die fangen hier an, werden hier eingeführt, lernen

die Agentur und die Arbeit kennen und danach werden sie mit den ersten Aufträgen versorgt oder

beglückt, wie immer man das ausdrücken möchte. Und dann gucken die Projektleiter auch, wie viel

kann ich demjenigen geben. Wir führen genauestens Statistik darüber, wie gut die Leute auch wirklich

sind. Man merkt es dann, der eine ist williger, der andere ist wirklich auch kompetenter, der andere

kann halt ein bisschen weniger. Dementsprechend werden dann die Aufträge auch schwieriger im

inhaltlichen Grad. Die, die bei uns ein gutes Praktikum gemacht haben, denen sagen wir es auch

gleich und schreiben es auch ins Zeugnis, wir würden uns sehr freuen, wenn sie eines Tages sich bei

uns als fester Mitarbeiter bewerben. Wir haben gerade jetzt im Juno einen Praktikanten eingestellt als

festen Mitarbeiter, der im letzten Sommer also 2004 noch Praktikant war.

I.: Die Rekrutierung findet einfach per Bewerbungsverfahren statt oder existiert ein Rekrutierungsverfahren?

A.:

Meistens kommt ein Anschreiben und ein kurzer Lebenslauf, manchmal auch eine ganze Mappe. Das

bearbeite ich, und ich bewerte die Einsendungen auch. Da kommen alle relevanten Daten rein, von

dem Studienfach bis zur gewünschten Praktikumzeit. Wenn der Bewerber geeignet ist, laden wir ihn

ein. Dann gibt es einen Vorstellungstermin. Bei dem Vorstellungstermin ist es ein einfaches Interview,

wie man es aus Vorstellungsterminen kennt, von 45 Minuten. Anschließend kriegen Praktikanten eine

kleine Aufgabe, wie alle Bewerber. Wir haben dann ein altes Projekt zusammengedampft auf die wichtigsten

Dinge und stellen dazu zwei/ drei kleine Fragen. Dafür haben die Bewerber dreißig Minuten

Zeit und müssen dann richtig was zu Papier bringen, kriegen einen Rechner und so. Wir erwarten

dann kein fertiges Kommunikationskonzept, sondern wollen einfach sehen, wie ihr euch dieser Problematik

nähert. So sehen wir, was für ein PR-Verständnis die Praktikanten haben.

50


123

124

125

126

127

128

129

130

131

132

133

134

135

136

137

138

139

140

141

142

143

144

145

146

147

148

149

150

151

152

153

154

155

156

157

158

159

160

161

162

163

164

165

166

167

168

169

170

171

172

173

174

175

176

177

178

179

180

181

182

183

I.: Wie sind Ihre Erfahrungen bei den Bewerbungen? Bewerben sich viele Hochschulabsolventen?

Gibt es vielleicht sogar eine Entwicklungstendenzen, dass sich mehr Absolventen bewerben?

A.:

Am Semesterbeginn haben wir viele Bewerbungen. Das sind im Monat circa zehn Bewerbungen. Es

ist auch ein immer gleichbleibenden Anteil von Hochschulabsolventen, es ist die Ausnahme. Insgesamt

ist der Anteil bei den Bewerbungen mit fertigem Studium bei zehn bis fünfzehn Prozent.

I.: Es wurde schon angesprochen, dass die Praktikanten ganz regulär in den Betriebsablauf eingebunden

sind. Was ist aus Ihrer Sicht der Output für die Praktikanten?

A.:

Ich führe am Ende immer ein Feedback-Gespräch. Da sagen eigentlich alle durchweg das gleiche: Sie

haben alle eine Eindruck gewonnen von der PR-Branche, wenn sie nicht schon vorher ein anderes

Praktikum in der PR-Branche gemacht haben. Das kommt häufiger vor. Sie wissen absolut wie wir

funktionieren und wie wir Projekte angehen und sie äußern oft, dass sie für bestimmte Problemstellungen

erst mal die Augen geöffnet wurden. Häufig weiß man ja gar nicht, was da alles kommunikativ

dahintersteckt. Das ist für die meisten sehr interessant. Außerdem gewinnen sie Wissen aus dem

Medien- und PR-Bereich, die meisten haben es schon und können es vertiefen. Es geht um Medienansprache,

wie verhalte ich mich etc. Sie üben oft Pressemitteilungen zu schreiben oder Kunden anzusprechen.

Ein Großteil der Tätigkeiten sind Internet-Recherchen und Papier-Recherchen und dann

das entwickeln und erstellen von Grundlagenpapieren. Die Projektleiter nehmen sich dann wirklich die

Zeit, obwohl es manchmal weh tut, und besprechen es mit dem Praktikanten. Und sagen, pass auf,

der Text ist in sich nicht schlüssig, das ergibt keinen sinn, weil usw. Sie lernen also auf jeden Fall zu

texten in dieser Zeit und kriegen ein allgemeines Verständnis darüber, wie ein Projekt wirklich aufgezogen

werden muss.

I.: Gibt es auch aus Ihrer Sicht „negative“ Erfahrungen mit Praktikanten? Mit negativ sind sowohl inhaltlich

als auch vom Verhalten oder de Rückmeldung her. Und zweitens habt ihr auch den Eindruck,

dass Praktikanten Zeit überbrücken wollen auch nach dem Studium?

A.:

Ich habe da immer wieder das gleiche feedback. Ist ein Praktikant auf einem Projekt eingesetzt. Bei

diesem Beispiel von eben, der hat an einem einzigen Projekt gearbeitet. Der hat mir in seinem feedback-Gespräch

gesagt, das war alles super, ich wollte das ja auch, trotzdem hätte ich gerne noch

etwas anderes kennengelernt und in andere Sachen reingeschnuppert. Gestern hatte ich noch ein

feedback-Gespräch, von einer Praktikantin, die auch sehr gut war, und die hat mir gesagt, ich habe

hier viel gemacht, da viel gemacht, trotzdem hätte ich gerne so ein Teilprojekt von vorne bis hinten

begleitet. Man sieht, egal wie es läuft, genau das andere hätte ich als sehr positiv gesehen.

Schwierigkeiten oder Probleme haben wir selten. Durch unser Auswahlverfahren sieben wir schon

sehr. Insgesamt ist das Niveau unser Praktikanten sehr hoch. Ich kann mich eigentlich nur an zwei

Fälle mit Problemen erinnern. Der eine war im disziplinarischen Bereich, er kam andauernd zu spät

oder gar nicht. Und das andere war eine Dame, die schon dachte, sie wäre Bundeskanzlerin. Daraufhin

hat sie überhaupt keine Kritik angenommen, das war nicht gut.

I.: Das klingt nach einer sehr professionellen Rekrutierung. Erfüllt denn das Praktikum bei Ihnen eine

Art von Arbeitsvermittlung und Beschäftigtensuche?

A.:

Ja, absolut. Wir haben eine richtige Datenbank ehemaliger Praktikanten, wo wir hervorragende Praktikanten

hineinschreiben. Dort werden Name, Studienfachrichtung und vor allem Studierende vermerkt.

Wir nehmen auch die Diplomarbeit auf. Da versuchen wir dann diese Praktikanten langfristig zu binden.

Wollt ihr nicht die Diplomarbeit in Zusammenarbeit mit uns verfassen? Und so weiter. Wir wissen

dann auch genau, wann die Betreffenden ausscheiden und dann melden wir uns auch mal. Wie sieht

es aus? Willst du nicht mal bei uns versuchen?

I.: Jetzt haben Sie wahrscheinlich auch Erfahrungen mit anderen Praktikaanbietern in eurer Branche.

Existieren da Erfahrungswerte über die Praxis anderer Unternehmen in der PR-Branche?

A.:

51


184

185

186

187

188

189

190

191

192

193

194

195

196

197

198

199

200

201

202

203

204

205

206

207

208

209

210

211

212

213

214

215

216

217

218

219

220

221

222

223

224

225

226

227

228

229

230

231

232

233

234

235

236

237

238

239

240

241

242

243

244

Direkt aus der PR-Branche ist mir nicht viel bekannt. Allerdings weiß ich aus Kontakten mit Kollegen,

dass in der Werbebranche die Praxis mit Praktikanten eine andere ist. Die werden nicht selten ausgebeutet

und in Ersatz für vollwertige Arbeitskräfte eingesetzt. Das weiß ich auch von größeren Agenturen

aus Erzählungen. Bei uns wäre das kaum möglich, aber da gibt es nicht selten Praktika, die auf

neun oder zwölf Monate angelegt sind. Wo dann eben nach dem Studium auch Leute ausgenutzt

werden. Und auch das Gehalt ist ein Witz, was da gezahlt wird. Unser Gehalt für Praktikanten ist sicher

auch nicht das höchste, aber ich glaube es liegt irgendwo im Mittelmaß. Ja, und wenn die Leute

dann Praktikum gemacht haben und ihnen zum Teil in Aussicht stellt, dass sie eine Anstellung bekämen,

wenn sie es nur gut machen, dann entsteht ja auch ein wahnsinniger Druck auf die Praktikanten

selbst. Im Nachhinein sind sie häufig trotzdem nur Spielball, weil die Verantwortlichen entscheiden,

wie sie wollen. Das gibt es, bei uns aber nicht. Wir sagen jedem Praktikanten, ein Praktikum ist bei

uns nie eine Zusicherung, dass es einen Job gibt. Wir machen lediglich ein Abschlussbericht, wo wir

sagen, was wir uns vorstellen können, oder wir sagen auch, mit Ihnen können uns nichts vorstellen,

sie passen nicht zu uns.

I.: Nehmen Sie Praktikanten aus allen Fachrichtungen, oder gibt es bestimmte Fachrichtungen, die sie

gerne oder lieber in Anspruch nehmen?

A.:

Wir nehmen nicht aus allen Fachrichtungen. Einen Bauingenieur kann ich mir hier nicht vorstellen. In

der Bewerbung ist schon geschrieben, dass wir wert auf Kommunikations-, Geisteswissenschaften

und Wirtschaft setzen. Da sind auch die meisten Bewerbungen. Insofern ist der Kreis sehr eingegrenzt,

und es gibt kaum andere Bereiche.

I.: Wie ist in den einzelnen Projekten das Verhältnis zwischen Praktikanten und Mitarbeitern?

A.:

Wir sind derzeit 34 Leute in der Agentur. Davon sind regulär fünf Praktikanten. Wir denken, dass das

das richtiger Mittel ist. Das heißt wir haben pro Projektleiter einen Praktikanten und zusätzlich ca. fünf/

sechs feste Mitarbeiter. Mehr macht aus unserer Sicht auch für die Arbeitsabläufe keinen Sinn.

I.: Nun haben Sie gesagt, die Praktikanten sind in einzelnen Projekte eingebunden. Was wäre eigentlich,

wenn Sie gar keine Praktikanten nehmen könntet oder dürftet? Wer würde diese Arbeit verrichten?

A.: Man müsste sich das ausmalen, was dann passieren würde. Ich denke zunächst würden die vorhandenen

Mitarbeiter die Arbeiten auffangen müssen. Auf lange Sicht müsste man sich sicherlich

Gedanken machen, ob man nicht noch vier Leute auf Mini-Job-Basis dazu holt. Oder man sagt einfach,

wir brauchen zwei feste Mitarbeiter mehr. Das wäre aber natürlich schade für die Praktikanten.

I.: Um mir ein Bild von der Situation der Praktikanten zu machen, brauche ich auch eine kleine Übersicht

über die Arbeitssituation in der Agentur. Haben sie feste Mitarbeiter, was heißt dann fest, und

welche Arbeitsituationen haben die Beschäftigten zu absolvieren?

A.:

Wir haben derzeit zwei Geschäftsführer, dazu ein Backoffice und einen Systemadminstrator. Wir haben

vier Projektleiter, ca. sechs Berater und zehn Junioren, drei Redakteure und derzeit vier Voluntäre.

Reguläre Arbeitszeit gibt es kaum, Kernarbeitszeit ist von 9-19 Uhr. Aber Es kann auch zu Arbeiten

am Wochenende kommen. Die Praktikanten haben allerdings den unglaublichen Vorteil, dass sie die

einzigen sind, denen Wochenendarbeit abgegolten wird durch Freistellung. Die festen Mitarbeiter unterschreiben

in ihrem Arbeitsvertrag, dass jegliche Überstunden, Nachtstunden und Wochenendstunden

mit der Vergütung abgegolten sind.

I.: Kommt es auch vor, dass die Praktika, die ja bei Ihnen regulär drei Monate dauern, auch verlängert

werden?

A.:

Wir machen definitiv Schluss nach sechs Monaten. Wir haben jetzt einen Fall, einer Frau, die schreibt

nur noch ihre Diplomarbeit und kriegt nun erst mal einen Assistenzvertrag. Dazu muss man allerdings

sagen, dass sie so gut ist, dass wir sie langfristig halten wollen. Sie kriegt deshalb auch gutes Gehalt.

Manchmal kommt es aber auch vor, dass wir Praktikanten nach drei oder spätestens sechs Monaten

52


245

246

247

248

249

250

251

252

253

254

255

256

257

258

259

260

261

262

263

264

265

266

267

268

269

270

271

272

273

274

275

276

auf Honorarbasis stundenweise behalten. Wenn es Sinn macht, zum Beispiel, wenn sie das Projekt

schon kennen und wo man sagt: die sind jetzt so drin, die sollen das Projekt noch beenden.

I.: Waren unter den Hochschulabsolventen bei Ihnen auch Arbeitslose?

A.:

Nein. Auch nicht bei den Bewerbern. Meistens befinden sich diese Leute bereits in irgendeinem Praktikum

oder sind eine Art freelancer in einem befristeten Vertrag und bewerben sich dann aus dieser

Situation heraus. Die sind dann aber auch so jung, dass durch unterschiedlichste Dinge eine solche

Zeit überbrückt wird, seien es Sprachschulen oder irgendwelche Kurse.

I.: Was schätzt ihr an Praktikanten? Was ist eigentlich der Wert von Praktikanten für ihr Unternehmen?

A.:

Der Wert ist das absolute Interesse an der Branche. Wir merken spätestens im Gespräch, ob dieses

Interesse existent ist oder ob eine Vorstellung von der Branche da ist. Wichtig ist auch die Wissbegierigkeit,

was dazu zu lernen und sich dementsprechend einzubringen. Auch da gibt es Unterschiede,

aber der Großteil unserer Praktikanten, die klotzen richtig ran und wollen, wollen, wollen. Darüber

hinaus sind sie eine Art Reserve für den Projektleiter, weil er immer noch weiß, wenn Zuarbeiten anfallen,

hat er da immer seinen Praktikanten, der die Arbeit macht. Kopieren tun unsere Praktikanten

natürlich auch. Das machen alle anderen aber auch. Außer natürlich, wenn es zu viel ist, dann muss

der Praktikant ran. Das ist aber nicht die Regel.

I.: Was lernen die Praktikanten bei Ihnen?

A.:

Eigenständige Arbeit. Projektsteuerung lernen sie kennen und wie Kommunikationsberatung funktioniert.

I.: Vielen Dank für das Gespräch

53


1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

40

41

42

43

44

45

46

47

48

49

50

51

52

53

54

55

56

57

58

59

60

6) Interview mit Praktikaanbieter, Kommunikationsagentur

I.:

Sie sind Gesellschafter einer Kommunikationsagentur. In welchem Rahmen haben Sie einen Bezug

zu Praktika?

Agentur:

Wir haben zwar momentan keine Praktikanten, aber vor einem Jahr sehr viele Praktikanten gehabt,

weil wir uns vergrößern wollten. Wir haben zusätzliches Personal gebraucht. Wir haben das Wachstum

der Firma mit Praktikanten begonnen, die wir dann umgewandelt haben in feste Arbeitsverhältnisse.

Die Verlockung ist immer groß mit Praktikanten zu arbeiten, weil sie unter dem Strich kaum etwas

kosten. Auf der anderen Seite wollen wir Leute schon normal absichern, nicht zuletzt sind die Einarbeitungskosten

auch zu groß. Wenn wir alle vierzehn Tage jemanden neu einarbeiten müssen, sind

die Reibungsverluste sehr hoch. Wenn Praktikanten da sind, sollen die auch was machen können,

sollen auch ein Projekt eingebunden sein und nicht nur Kaffee kochen.

I.:

Welche Art von Praktikanten haben Sie hier?

Agentur:

Wir haben Hochschulabsolventen oder Leute, die kurz vor dem Ende sind. Ansonsten gucken wir

nicht unbedingt auf den Abschluss, sondern gehen nach der Qualifikation. Gerade im Technikbereich,

im Bereich von Design kommt es nicht auf den Abschluss darauf an, sondern auf die Erfahrung, die

sie haben. Wer schon länger als Grafiker tätig ist, braucht keinen Abschluss.

I.:

Was ist aus Ihrer Sicht Sinn und Zweck eines Praktikums? Sowohl für Sie als auch für den Praktikanten.

Agentur:

Wir versprechen uns von Praktikanten neue Ideen in der Firma, gerade bei Grafikern brauchst du

junge frische Leute mit Ideen. Das gilt auch für den Bereich der Programmierung, da gibt es neue

Entwicklungen. Regelmäßig neue Leute zu haben, die das Know-How reinbringen, sind für uns ganz

wichtig. Wir wollen dann auch nicht, dass sie die Botengänge machen, sondern dass sie unser Know-

How gemeinsam weiterentwickeln. Praktikanten kommen direkt nach der Ausbildung, um einen Einstieg

in die Berufswelt zu finden. Das ist ja nicht nur die Generation Praktikum, sondern auch die Generation

Zeugnisse. Das merkt man ja auch bei den Leuten, die kommen vom Zivildienst oder irgendwoher

und haben für alles irgendwelches Testat. Heute musst du eigentlich deinen Lebenslauf mit

lückenlosen Zeugnissen nachweisen, um eine Chance zu haben, irgendwo angestellt zu werden. Daher

macht es auch Sinn so ein Praktikum zu machen. Leute, die direkt aus der Ausbildung kommen,

haben keine praktischen Erfahrungen. Wir merken das selbst, wir haben einen Auszubildenden in

einer Verbundausbildung. Der hat eine Grundqualifikation bekommen, ist aber nicht im Geringsten

praxistauglich. Leute, die aus der Ausbildung kommen, haben so nicht wirklich eine Chance irgendwo

reinzurutschen. Wir wollen deshalb Leuten die Chance geben, Praxis zu lernen. Aber auch für uns ist

es halt superspannend mit jungen, neuen Leuten in Kontakt zu kommen und das Know-How auszutauschen

und unsere Erfahrungen neu zu variieren. Aber Praktikum muss dann schon mindestens ein

halbes Jahr dauern. Dann muss man auch sehen, dass man den Praktikanten etwas bezahlt, der

muss ja von etwas leben. Das ist für uns Voraussetzung. Wir arbeiten als Firma gerne mit mehreren

Leuten zusammen, haben offene Etats, und wenn wir Projekte reinkriegen, dann wissen die freien

auch wie hoch ihr Anteil sein kann.

I.:

Was zahlen Sie den Praktikanten?

Agentur:

Das ist abhängig vom Projekt. Wenn die Praktis reinkommen, dann gehen sei auf jeden Fall auf einen

Mini-Job von 400 Euro, höher geht nicht. Wenn das gut läuft kriegen sie in der Regeln zwischen 700

und 900 brutto. Das ist nicht viel, das ist weniger als wir gerne zahlen würden, mehr geht aber derzeit

nicht.


61

62

63

64

65

66

67

68

69

70

71

72

73

74

75

76

77

78

79

80

81

82

83

84

85

86

87

88

89

90

91

92

93

94

95

96

97

98

99

100

101

102

103

104

105

106

107

108

109

110

111

112

113

114

115

116

117

118

119

120

121

122

I.: Wie viele Mitarbeiter haben Sie und wie ist das Verhältnis von Mitarbeitern zu Praktikanten?

Agentur:

Momentan haben wir drei Mitarbeiter, keine Praktikanten. Wir würden jetzt wieder ein bis zwei Praktikanten

rein nehmen, so dass wir dann einen Mitarbeiterstab von drei Mitarbeitern, zwei Gesellschaftern,

den freien Mitarbeitern und dann bis zu zwei Praktikanten.

I.: Können sie ein Praktikumverhältnis zu einer normalen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung

abgrenzen?

Agentur:

Bei uns sind die Praktikanten komplett eingebunden. Die Grenze verschwimmt, auch wenn jemand ein

freier Mitarbeiter ist, Auszubildender oder Praktikant oder eben Festangestellter, das spielt bei uns

keine Rolle. Spielt in den Projekten und auch bei den internen Firmensitzungen keine Rolle. Auch die

Abstimmungsprozesse finden miteinander statt, ohne große Hierarchie. Bis auf die Gesellschafter

natürlich. Es ist klar, da hier alle auch nach außen kommunizieren, dass alle richtig involviert sein

müssen.

I.: Wie lange sollte ein Praktikum aus deiner Sicht dauern?

Agentur:

Sechs Monate, sonst brauchen wir nicht darüber zu reden. Du musst Leute einarbeiten, und sie sollen

dann ja auch noch etwas machen. Projekte haben eine bestimmte Laufzeit, wenn ich dafür jemanden

reinhole, dann kann der sich zwei bis drei Monate einarbeiten, dann muss er reinkommen. Und es

macht ja Sinn ihn von vornherein mitzunehmen bei dem Projekt. Er ist am Pitch beteiligt, bei den Kundenmeetings

beteiligt und betreut das Projekt bis zum Ende. Das ist ein langer Weg, und ich glaube

es macht Sinn, diesen Weg komplett zu begleiten.

I.: Haben Sie Erfahrungen, von Leuten, die zu Ihnen kommen, haben diese schon mehrere Praktika

absolviert? Gibt es solche Phänomene?

Agentur:

Die gibt es. Viele. Wir sind im politischen Bereich. Gerade im Bereich Politik hast du die ganzen Absolventen

im Bereich Politikwissenschaft, die sich wirklich jahrelang über Wasser halten müssen mit

Praktika. Von Wahlkampf zu Wahlkampf jetten, wie die es häufig machen, das ist Realität.

I.: Gibt es neben den Absolventen der Politikwissenschaften weitere Studienfächer, aus denen Ihnen

dies bekannt ist?

Agentur:

Wir haben Praktikanten mit kreativen Bereichen und Abschlüssen, als auch aus der Geisteswissenschaft.

In beiden Bereichen ist das ein ganz massives Problem. Wir kriegen regelmäßig unangeforderte

Bewerbungen und da siehst du ganz klar, die sind zwei Jahre Praktikanten und machen alles Mögliche

hier und da. Das Spannende ist, die machen ja auch in anderen recht großen Firmen viele spannende

Projekte. Die bringen da ja auch was mit und sind dann für lau mal eben mit drin. Die arbeiten

nicht für Geld, sondern dafür, dass sie einen Abschluss, ein Zeugnis kriegen, wo eine gute Firma drinsteht.

I.: Die Praktikanten tragen aber auch zum Betriebsergebnis bei?

Agentur:

Zum Betriebsergebnis schon, ja natürlich ganz massiv. Die machen die reguläre Arbeit, wie unsere

normalen Angestellten auch.

I.: Kann man von einer Verdrängung regulärer Arbeitsverhältnisse sprechen, oder ist das falsch?

Agentur:

Global kann man das sicher sagen. Ich kenne die Kollegen aus dem Agenturbereich, da wird sicher

ganz massiv reguläre Arbeit verdrängt. Zum anderen gibt es aber auch diesen Bereich, neue Ideen

aufzunehmen. Das ist ganz zentral, das ginge gar nicht mit Angestellten. Du musst Leute anstellen für

zwei Jahr und wieder rausnehmen, das geht nicht. Du musst einen Prozess organisieren, wie du Angestellte

und junge Absolventen sinnvoll zusammenarbeiten lässt. Du muss immer Möglichkeiten fin-

55


123

124

125

126

127

128

129

130

131

132

133

134

135

136

137

138

139

140

141

142

143

144

145

146

147

148

149

150

151

152

153

154

155

156

157

158

159

160

161

162

163

164

165

166

167

168

169

170

171

172

173

174

175

176

177

178

179

180

181

182

183

den neben den regulären Arbeitskräften, neue Leute reinzukriegen, um auch einen Querschnitt zu

arbeiten. Das haben gerade Agenturen.

I.: Sind Praktikanten für sie dann auch eine Art Nachwuchssicherung?

Agentur:

Ja, wir brauchen sie zur Rekrutierung, ganz klar.

I.: Gibt es denn eine Rekrutierung oder sind die Praktikanten einfach nur in einer Schleife? Fördert

das Praktikum den Berufseinstieg?

Agentur:

Die Praktikanten berichten schon, dass es keinen Berufseinstieg gibt. Die hängen in den Schleifen

von Agentur zu Agentur oder von Wahlkampf zu Wahlkampf und sind halt nur froh, dass sie keine

Löcher in ihrem Lebenslauf haben. Die Praktikanten haben alle Angst, dass sie mal zwei Monate nix

gemacht haben, und die machen auch lieber kostenlos etwas, Hauptsache sie kriegen ein Zeugnis,

nur die Schleife durchbrechen sie nicht. Die Jobs gibt es gerade nicht, vielleicht weil sie auch nicht die

richtigen Kontakte haben. Das ist schon eine Endlosschleife für viele Jugendliche, die dann fremdangestellt

werden, Taxifahren oder so. Die krassen Fälle sind mir nicht bekannt, aber alle Praktikanten,

die ich kenne, haben entweder schon eine lange Liste von Referenzen oder berichten von diesen

Problemen.

I.: Ist ein bereits gemachtes Praktikum oder ein gutes Praktikumzeugnis für Sie denn ein Einstellungskriterium?

Agentur:

Das spielt überhaupt keine Rolle. Wenn wir Leute mit reinnehmen, wollen wir wissen, ob sie politisch

denken, ob sie up to date sind. Sie müssen also ihr politisches Handwerk können, und sie müssen

das nachweisen an den Projekten, die sie gemacht haben. Da hilft mir kein Zeugnis, weil ich weiß ja

auch wie Zeugnisse entstehen, die schreiben die Praktikanten selbst. Das ist nichts wert. Es ist ja

schön, wenn eine große Agentur oben draufsteht, aber es ist nichts wert.

I.: Was sind die wichtigsten Dinge, die ein Praktikant hier lernt?

Agentur:

Erfahrung zum einen. Und vor allem der reale Kontakt zu Projekten. Also nicht nur studentische Projekte

zu haben, sondern auch in Verantwortung mit zu sein. Dafür also auch ein Stück Perspektive.

Wir wollen mit Leute , die wir rein nehmen auch länger zusammenarbeiten. Wenn wir ein Vierteljahr

investieren in Personen, in persönliche Kontakte, macht es für uns keinen Sinn nach einem Vierteljahr

zu sagen: Schönen Dank, sie können jetzt gehen. Wir wollen die weiter anstellen. Das ist für uns als

kleine Agentur nicht leicht, die Kosten sind einfach zu hoch. Oder wir motivieren sie, dass sie für uns

auf dem freien Markt sind. Praktikanten, die das schon länger machen sagen wir: Schau mal her, ü-

berleg dir, ob du dich nicht selbständig machst, dann helfen wir auch dabei. Wenn jemand seit Jahren

in diesen Schleifen ist, macht es keinen Sinn mehr. Dann haben wir die Erfahrung, jemanden, der uns

kennt, den wir kennen, wo wir die Bildsprache kennen, den wir dann auch wieder projektbezogen einsetzen.

Dann kann halt auch rauskommen, dass der deutlich mehr verdient als Angestellte. Wenn wir

aber keine Aufträge haben, müssen wir den nicht mehr tragen. Wir sind also schon auf Selbständige

angewiesen.

Also eine Praktikantin, die bei uns durchgelaufen ist, die schafft es nicht, sich zu bewerben. Die hat

auf Druck von den Eltern eine Ausbildung gemacht und ist jetzt Mediengestalterin. Die ist aber leider

zu schüchtern und zu passiv. Die ist jetzt halt wieder Verkäuferin. Das ist schade. Die hatte auch vorher

drei, vier andere Praktika gemacht und teilweise auch für die Werbung Autos beklebt. Da ist es

uns nicht gelungen, die zu motivieren. Aber sonst hatten wir immer Leute, die fanden wir spannend.

Denen sagen wir: Gib uns ein Zeichen, wenn du Zeit hast! Und dann können wir denen kleinere Aufträge

verschaffen.

I.: Welche Verabredungen treffen sie mit dem Praktikanten bei der Einstellung? Wird mit ihnen über

die Perspektiven in der Agentur gesprochen?

Agentur:

56


184

185

186

187

188

189

190

191

192

193

194

195

196

197

198

199

200

201

202

203

204

205

206

207

208

209

210

211

212

213

214

215

216

217

218

219

220

221

222

223

224

225

226

227

228

229

230

231

232

233

234

235

236

237

238

239

240

241

242

243

244

245

Ja, das spielt bei uns eine massive Rolle, weil wenn die einfach nur sagen, wir wollen fünf Monate ein

Praktikum machen, dann hilft uns das ja auch letztlich nichts. Wir nehmen aber auch an Verbundausbildungen

teil, die nehmen wir dann für maximal drei Monate. Aber wir versuchen in jedem Falle zu

gucken, dass wir mit den Personen auch später etwas machen können.

I.: Wie sind die arbeitsrechtlichen Bedingungen bei Praktikanten?

Agentur:

Zu Beginn wird einfach klar gesagt, du, wir schauen mal, wir haben hier erst mal ein Praktikum für

einen bestimmten Zeitraum, und wir müssen dann schauen, was sich nachher ergibt und ob das auch

passt mit denen. Wir müssen ja auch sehen, ob der überhaupt will und kann.

I.: Gibt es ein Vertragsverhältnis? Ein Praktikantenvertrag...?

Agentur:

Praktikantenvertrag, da gibt es ja zahlreiche Vorlagen. Die nehmen wir um die Grundlagen rechtlichen

Sachen gegenseitig zu klären.

I.: Sie kennen ja ihre Branche. Würden Sie sagen, dass die Arbeitsverhältnisse in anderen, vergleichbaren

Agenturen ähnlich sind? Nutzen andere Agenturen auch vermehrt Praktikanten als Arbeitskräfte?

Agentur:

Es gibt eine Reihe von Aufgaben, wo nicht das geschulte Fachpersonal gebraucht wird. Gerade im

Grafikbereich, da werden die anderen Agenturen auch gucken, dass sie Leute darüber an sich binden.

Es gibt einfach viele Arbeiten, wo viel Personal gebraucht wird. Das sind Wahlkämpfe, Veranstaltungsorganisation,

da braucht man allein für den Aufbau viele Leute. Da gibt es viele Firmen, die Praktikanten

gezielt nutzen und unterqualifiziert einsetzen. Es soll auch Firmen geben, die sich überwiegend

mit Praktikanten über Wasser halten und nur mit Praktikanten arbeiten. Das kann ich aber nicht

überprüfen, deshalb bin ich vorsichtig. Ich sehe das aber schon als ganz klaren Trend. Ganz klar im

Bereich Politik und auch im Bereich der Agenturen wird massiv mit Praktikanten gearbeitet, da nehmen

sich die Arbeitgeber nix, ob das jetzt eine Bundestagsfraktion oder eine Gewerkschaft ist. In der

Realität ist der Unterschied nicht so groß.

I.: Was ist der Antrieb für diese Praktikanten aus ihrer Sicht?

Agentur:

Überbrückung von Lebenszeit. Das ist einfach die Generation Zeugnis, die wollen Zeugnisse haben,

die wollen Lebenszeit dokumentieren können. Die haben Angst plötzlich in ALG II zu sitzen, da ist ja

auch immer eine Versagensangst. ALG II hat immer die Konnotation: du hast versagt, du hast es nicht

geschafft! Die wollen nach dem Studium nicht rumsitzen, sondern einfach immer im Arbeitsprozess

drin sein.

I.:

Haben sie Erfahrungen, wie sich diese Absolventen finanzieren?

Agentur:

Teilweise aus Ersparnissen, meist aber auch noch von den Eltern.

I.: Hat sich dieses Phänomen vieler Praktikanten und entsprechender Schleifen ausgeweitet? Welche

Erfahrungen haben Sie gemacht?

Agentur:

Es gibt schon mehr Leute, die nach einem Praktikum nachfragen. Und ich glaube die Zeit zwischen

Studium und Berufseinstieg ist länger geworden. Also es ist klar, dass man nach der Uni nicht sofort in

Festanstellung geht. Das war vielleicht vor zwanzig Jahren mal so, das ist jetzt vorbei. Praktika als

eine fast eigenständige Lebensphase nach dem Studium, das ist neu. Dass Leute zwei, drei, vier Jahre

Praktika machen, bevor sie überhaupt einen eigenen Lebensweg gemacht haben.

I.: Würden sie denn vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen von einer Ausbeutung von Praktikanten

sprechen?

57


246

247

248

249

250

251

252

253

254

255

256

257

258

259

260

261

262

263

264

265

266

267

268

269

270

271

272

273

274

275

276

277

278

279

280

281

282

283

284

285

286

287

288

289

290

291

292

293

294

Agentur:

Ja, na klar. Bis zu einem bestimmten Maß ja. Wir wollen, dass die Leute hier den ganzen Tag da sind.

Wir können es nicht voll ausfinanzieren mit einem kompletten Job. Und verlangen, dass sie hier auch

entsprechend was leisten. Und wir bieten ihnen dafür an, dass sie entsprechend was lernen und hoffen

auf eine gemeinsame Perspektive. Im ersten Schritt brauchen wir erst mal Vertrauen, und da

müssen die Praktikanten halt in Vorleistung treten.

I.: Wie würden Sie ein gutes Praktikum charakterisieren?

Agentur:

Die Länge ist ein Kriterium. Es muss klar sein, dass das ein längerer Zeitraum ist, um die Möglichkeiten

zu haben nach den eigenen Qualifikationen sich in der Firma umzuschauen und zu arbeiten. Einführung

und Betreuung ist zwingend notwendig. Dann sollte es das Leben ausfinanzieren können.

Dass der Praktikant ziemlich schnell einen vernünftigen Lohn bekommt, der die normalen Lebenserhaltungskosten

abdeckt. BAT II muss ja nicht sein, aber der Unterhalt ist finanziert. In dieser Form ist

es uns aber überhaupt nicht möglich, Praktika anzubieten.

I.: Ist ein Praktikum nach dem Studium notwendig?

Agentur:

Ja. Alle Leute, die vom Studium kommen, wenn sie nicht nebenbei etwas gemacht haben, also z.B.

immer als Freie gearbeitet haben, die kriegen ja auch schon ihr Engagement anerkannt. Leute, die nur

z.B. Politikwissenschaften studiert haben, die brauchen ein Praktikum. Die sind ja in der Regel nicht

einmal in der Lage, sich einmal kurz hinzustellen und einfach kurz einen Sachfall darzustellen. Das ist

aber keine Nachlässigkeit im Bildungssystem, sondern Hochschulen sollen wissenschaftliche Grundbildung

machen, deshalb müssen die sich ja nicht in unserem Bereich auskennen. Beim Bachelor ist

das anders, da sollten die Leute beruflich gebildet sein. Vor dem Studienabschluss.

I.: In welcher Form bekommen die Praktikanten eine Rückmeldung nach dem Praktikum?

Agentur:

Praktikanten kriegen arbeitsbegleitend ein Feedback. Gerade auch wenn sie Kunden betreuen. Wir

haben wöchentlich unsere Meetings, wo alle Leute Feedback austauschen können. Ein Abschlusszeugnis

gibt es auch.

I.: Letzte Frage noch mal zum Thema Arbeitsverhältnis. Wie sehen die Arbeitszeiten von Praktikanten

aus usw.?

Agentur:

Wir haben Kernarbeitszeiten von 10-18 Uhr. Da wird erwartet, da zu sein. Wenn Projekte länger dauern,

dauern sie länger. Da ist halt so. Dann muss im Einzelfall geguckt werden, wer hat Zeit und Möglichkeiten,

da muss man gucken, wie man das kompensieren kann. Flexibilität ist kein Problem, von

wegen früher kommen oder später gehen. Das müssen die Praktikanten auch selbst ein wenig regulieren.

Dadurch, dass wir keine feste Hierarchie haben, wollen wir gemeinsam die Projekte umsetzen.

Das kriegen wir nur gemeinsam hin oder nicht. Wir brauchen alle Hände, jedes Engagement. Es wird

aber nicht die Erwartungshaltung gemacht, die Nächte durchzuarbeiten, aber wenn die Leute permanent

um sechs die Stifte fallen lassen, auch wenn noch etwas zu tun ist, dann haben wir ein Problem.

I.: Vielen Dank für das Gespräch!

58


B) Fragebögen

1) Quantitativer Fragebogen

Fragebogen zu Praktika von Hochschulabsolventen

Bitte füllen sie möglichst jede Frage aus. Können Sie eine Frage nicht beantworten, lassen

Sie sie aus.

Sind Sie männlichen oder weiblichen Geschlechts?

Männlich .................................................................................................

Weiblich..................................................................................................

Wie alt sind Sie?

_______________________ Jahre

Wann haben Sie Ihr erstes Hochschulstudium abgeschlossen?

______________________________________

In welchem Studienbereich haben sie einen Hochschulabschluss erworben?

Naturwissenschaften ..............................................................................

Humanwissenschaften............................................................................

Sozial- und Wirtschaftswissenschaften...................................................

Ingenieursstudiengänge .........................................................................

Lehramtsstudiengänge ...........................................................................

Geisteswissenschaften...........................................................................

Rechtswissenschaften............................................................................

Wie haben Sie Zugang zur Hochschule/ FH erhalten?

Abitur......................................................................................................

Zweiter Bildungsweg...............................................................................

Weitere...................................................................................................

Wie lange waren Sie zwischen Studienabschluss und Berufseinstieg 23 erwerbslos?

_________________________ Monate

23 Als Berufseinstieg gilt die erste sozialversicherungspflichtige Beschäftigung oder eine angemeldete Selbständigkeit

(Ausnahme Praktikum). Als erwerbslos gelten hier jegliche Zeiten nach dem Studienabschluss ohne sozialversicherungspflichtige

Beschäftigung und angemeldete Selbständigkeit.


Haben Sie in dieser Zeit ein Praktikum oder mehrere Praktika absolviert?

1 .........................................................................................................

2 .........................................................................................................

3 .........................................................................................................

4 .........................................................................................................

Mehr als vier...........................................................................................

Wie viele Praktika haben Sie insgesamt (inkl. der Praktika vor/während des Studiums) absolviert?

1-2 .........................................................................................................

3-4 .........................................................................................................

5-6 .........................................................................................................

mehr.......................................................................................................

Haben Sie mittlerweile mit Hilfe Ihres Praktikums eine Anstellung gefunden?

Ja .........................................................................................................

Nein........................................................................................................

Wenn ja: Befinden Sie sich in einem sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnis

oder sind Sie selbständig tätig?

Sozialversicherungspflichtige Beschäftigung ..........................................

Selbständigkeit .......................................................................................

Die folgenden Fragen beziehen sich auf die Praktika, die Sie nach dem Studium absolviert

haben.

Wurden für die Praktika Vergütungen gezahlt?

Immer .....................................................................................................

Häufig (in der Mehrheit)..........................................................................

Manchmal...............................................................................................

Selten (in der Minderzahl).......................................................................

Nie .........................................................................................................

Weiß nicht. .............................................................................................

Höhe der Vergütung

0-50 Euro................................................................................................

51-150 Euro............................................................................................

151-300 Euro..........................................................................................

mehr.......................................................................................................

60


Wie haben Sie während der Praktikumzeit Ihren Lebensunterhalt

hauptsächlich finanziert?

Unterstützung durch die Eltern ...............................................................

Ersparnisse ............................................................................................

Nebentätigkeit (Aushilfs-Job etc.) ...........................................................

Praktikumentgelt.....................................................................................

Sozialleistungen .....................................................................................

Sonstiges................................................................................................

Welches waren Ihre wichtigsten Erfahrungen mit diesen Praktika? (bitte wichtigste angeben)

Einblicke in ein Tätigkeitsfeld..................................................................

Erfahrungen sammeln ............................................................................

Neue Kenntnisse erwerben.....................................................................

Zeit nach dem Studium überbrücken ......................................................

Spaß an der Arbeit .................................................................................

____________________________________________________ .........

Gab es auch negative Erfahrungen? Wenn ja, welche?

Schlechte Erfahrungen mit Vorgesetzten................................................

Keine Entlohnung trotz Vollzeitarbeit ......................................................

Übernahme gleicher Tätigkeiten

von regulären Beschäftigten ..................................................................

Versprechen auf spätere Anstellung nicht gehalten ................................

Geringe Einblicke in das Tätigkeitsfeld ..................................................

Überstunden...........................................................................................

Arbeitsdruck und hohe Arbeitsbelastung.................................................

Langeweile .............................................................................................

Bewerten Sie die Schwerpunkte ihrer Praktika. Welcher Aussage würden sie für die Charakterisierung

ihrer Praktika zustimmen? Mehrere Kreuze sind möglich.

Ich habe viel gelernt. ..............................................................................

Ich habe hauptsächlich für den Betrieb

als Vollzeitkraft gearbeitet. .....................................................................

Der Antrieb meines Praktikums

war die Hoffnung auf eine Anstellung. ...................................................

Ich hatte viele kreative Ideen,

die die Firma weitergebracht haben. ......................................................

Die Praktika dienten mir als Überbrückung

zwischen Studienabschluss und Berufseinstieg. ....................................

Die Praktika waren zwar viel Arbeit ohne Bezahlung,

das war mir aber egal, weil die Erfahrung

das Entscheidende ist. ...........................................................................

61


Mich hat es enttäuscht, dass ich trotz

vieler Versprechen des Praktikumbetriebs

keinen festen Job bekommen habe. .......................................................

Keine der Aussagen trifft zu. ..................................................................

Aus Ihrer Sicht: Welche Merkmale würde sie den Praktika zuschreiben?

Mehrere Kreuze sind möglich.

anstrengende Arbeit ...............................................................................

interessante Erfahrungen .......................................................................

Spaß ......................................................................................................

Langeweile .............................................................................................

Frust.......................................................................................................

Stress .....................................................................................................

Ausbeutung ............................................................................................

Bestätigung meiner Kenntnisse und Fähigkeiten ....................................

Keines von allen .....................................................................................

62


2) Standardisierter Interviewleitfaden

Qualitativer Fragebogen für Experteninterviews

In unserer Studie geht es um die Situation von Hochschulabsolventen, die eine Vielzahl

von Praktika absolvieren, ohne einen Berufseinstieg zu finden. Zum Teil befinden

sie sich währen ihrer Praktikazeit in prekärer sozialer Lage. Darüber gibt es bislang

– außer persönlichen Berichten – kaum empirische Befunde. Diese Studie soll

„Licht ins Dunkel“ bringen.

Sie sind als xx tätig/ Betroffene. In welchem Rahmen beschäftigen Sie sich mit

Praktika und/ oder Praktikanten. Wie ist Ihr Zugang zum Themenfeld?

Das Praktikum betreffend..

Wie ist aus Ihrer Sicht die Entwicklung von Praktika von Hochschulabsolventen zu

bewerten? Nimmt deren Inanspruchnahme zu oder ab?

Nehmen eher Studierende oder eher Absolventen Praktika war?

Was ist aus Ihrer Sicht Sinn und Zweck eines Praktikums?

Wo ist die Abgrenzung zu einer normalen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung

zu ziehen?

Wo würden Sie einen Trennstrich ziehen zwischen einem Praktikum, bei dem die

Arbeit im Betrieb im Vordergrund steht oder die Ausbildung und Erfahrung?

Welchen Zeitraum sollte aus Ihrer Sicht ein Praktikum beanspruchen? Wo ist die

Grenze zwischen dem Erfahrungen sammeln und dem Arbeiten für den Betrieb?

Wo ist die Grenze, an der keine zusätzlichen Erfahrungen mehr gesammelt werden,

die nicht auch bezahlt werden müssten?!

In den Medien wird vielfach von Praktika berichtet, die vor allem Ausbeutung und

unbezahlte Arbeit beinhalten. Gibt es aus Ihren Studien oder ihren Erfahrungen

Phänomene solcher Praktikalaufbahnen?

Haben Sie belastbare Daten zu diesem Phänomen?

Könnte es sein, dass dieses Phänomen medial aufgebauscht ist, aber den empirischen

Realitäten in der Breite nicht entspricht?

Ist es eingrenzbar, welche Absolventen sich in solchen Praktikalaufbahnen befinden?

Gibt es eine spezifische „Zielgruppe“?

Sind Absolventen bestimmter Fachrichtungen besonders betroffen?

Könnten Praktikanten reguläre Beschäftigungsverhältnisse ersetzen?

63


Die Situation des PraktikantInnen betreffend:

Ist ein Praktikum förderlich für den Berufseinstieg? Ab welchem Zeitpunkt und welcher

Anzahl ist es das nicht mehr?

Wie viele Praktika sind für den Berufseinstieg förderlich? Sind zu viele Praktika im

Lebenslauf hinderlich?

Wie sind Ihre Erkenntnisse? Dienen Praktika zum Berufseinstieg? Sind sie ein Bindeglied

von der Hochschule in den Beruf oder eher eine „berufsbiografische

Sackgasse“?

Hochschulabsolventen wird deutlich gemacht, dass Praktika den Berufseinstieg befördern,

ja gar die Voraussetzung dafür sind. Werden Praktikanten auch angesichts

der Lage auf dem Arbeitsmarkt dadurch nicht erpressbar? Ohne Praktikum

kein Berufseinstieg – mit Praktikum auch nicht?

Haben Sie Erkenntnisse darüber, wie sich jene Absolventen finanzieren, die nach

Studienabschluss keinen Berufseinstieg erhalten? Ist ein Großteil dieser Gruppe

abhängig von staatlichen Leistungen oder gibt es weitere Einkommensquellen?

Wie werden Praktika finanziert?

Ist das Phänomen der Praktikalaufbahnen ein Resultat der schwierigen Situation auf

dem Arbeitsmarkt und auch der ansteigenden Akademiker-Arbeitslosigkeit?

Oder spiegelt sich an diesem Phänomen nur eine neue Form der Erwerbsläufe wider,

die zur Normalität werden könnte? Sind Praktika notwendiger Teil der Phase beruflicher

Orientierung bzw. der Übergangsphase vom Studium in den Beruf?

Häufig wird bei Praktikanten davon berichtet, dass sie vor allem Spaß daran haben,

erstmalig zu arbeiten und ihre Kenntnisse auszutesten. Gleichzeitig berichten sie

von Ausbeutung und dass ihre Ergebnisse nicht hinreichen honoriert werden? Ist

diese Beschreibung als Wechselwirkung zu charakterisieren oder was verbirgt

sich dahinter?

Was ist – individuell und gesellschaftlich – die Folge solcher Praktikalaufbahnen?

Welches sind – neben der Lage auf dem Arbeitsmarkt – Gründe für junge Menschen,

mehrere Praktika zu absolvieren?

Abschließend

Wie würden Sie ein gutes Praktikum charakterisieren? Was sollte im Vordergrund

stehen?

Möchten Sie noch eine persönliche Bemerkung zu diesem Themenbereich machen?

64


C) Codeliste und Ausprägungen

Die ExpertInneninterviews wurden zur Auswertung strukturiert und codiert. Dafür

wurden Sinnzusammeneinheiten erfasst, die Aussagen verdichtet und mittels Codes

der Fragestellung zugeführt. Zur Beantwortung der Fragestellung wurden zwei Kategorien

gebildet: Mit der Erfassung von Aussagen zum Umfang des Problems von

einem oder mehreren Praktika wurde der erste Teil der Fragestellung bearbeitet und

mit der Erfassung von Aussagen zur Ausbeutung von Hochschulabsolventen wurde

der zweite Teil der Fragestellung bearbeitet. Die Codes zerlegen die Fragestellungen

in einzelne Sinnkomponenten und geben jeweils Hinweise zum Themenfeld.

Im ersten Teil wurden folgenden Codes entsprechende Ausprägungen zugeordnet:

1a) „Keine Zunahme von Praktika“

1b) „Erkenntnisse über Zunahme von Praktika“

1c) „Praktikakarriere?“

1d) „Zielgruppen“

1e) „Zielvorstellungen von Praktika/ Praktikaabsicht“

1f) „Prekarität im Berufseinstieg“

Im zweiten Teil wurden folgenden Codes entsprechende Ausprägungen zugeordnet:

2a) „Beispiele Ausbeutung“

2b) „Interesse der Unternehmen“

2c) „Lohnzahlung an Praktikanten“

2d) „Einkommenssituation Praktikanten“

2e) „Psychologische Belastung“

2f) „Arbeitsmarktlage als Antrieb“

Die Codeliste ist dieser Studie nicht beigelegt. Sie kann bei Bedarf bei den Autoren

angefordert werden.

65

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine